Band 33
Der Kreis der Zeit von Rainer Castor
MOEWIG
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Band 33
Der Kreis der Zeit von Rainer Castor
MOEWIG
Alle Rechte vorbehalten © by Pabel-Moewig-Verlag KG, Rastatt www.perry-rhodan.net Bearbeitung: Rainer Castor Redaktion: Sabine Kropp Titelillustration: Arndt Drechsler Vertrieb: edel entertainment GmbH, Hamburg Druck und Bindung: Ebner & Spiegel, Ulm Printed in Germany 2008 ISBN: 978-3-8118-4111-6
Prolog Das Dokument war im Jahr 2844 nach Christus mehr als 450 Jahre alt und beschrieb eine Persönlichkeit, die längst nicht mehr zu diesen Daten passen wollte. Sinclair Marout Kennon: Fachgebiet Kosmokriminalistik. Spezialist I. Klasse, unbeschränkte Vollmachten. Beschreibung der Person: Größe: 1,52 Meter, physisch schwach wie ein zehnjähriges Kind. Verwachsen. Vorgewölbte Trommelbrust, Riesenschädel mit Kindergesicht, wasserblaue, vorquellende Augen, gelichtetes, strohgelbes Haar. Abstehende Ohren, zu groß selbst für überentwickelten Schädel. Nach vorn gewölbte Stirn, Zucken linkes Augenlid. Spitzes Kinn, abstoßender Gesamteindruck. Fußgröße im Verhältnis zum Körper anomal mit Nummer 46. Ungeschickter Gang. Füße schleifen nach. Atembeschwerden bei geringsten Belastungen. Qualifikation als Spezialist nur deshalb, weil geniales Gehirn mit überragender Kombinationsfähigkeit. Psychogramm: Tief greifende Neurose. Nach Beseitigung durch Wandeldon-Methode aufgehoben, dann wiederkehrend. Ständige Selbstkritik, Verlangen nach Anerkennung und Zuneigung. Klares Erkennen der körperlichen Missstimmigkeiten, daher unüberbrückbare Minderwertigkeitskomplexe. Form der Äußerung besteht in teils unbegründetem Aufbegehren gegenüber verständnisvollen Menschen, teils in scheuer Zurückhaltung und Selbstdemütigung vor uneinsichtigen Elementen. Niemals echte Zuneigung erfahren. Als Säugling ausgesetzt, Erziehung im Dominikanerstift von Newland City, Grönland. Psychobehandlung durch wissenschaftlich gebildete Geistliche. Erfolg gut bis sehr gut; Rückfall in Selbstdemütigung nach Eintritt in USO-Akademie. Studium Anthropologie, Sonderfach galaktische Altvölker. Spezialistenausbildung unter Umgehung der üblichen Trainingsmethoden auf rein geistiger Ebene. Sonderbemerkung: Zu allen vorhandenen Komplexen kommt noch
ein Problem geschlechtlicher Natur. Es wird vermutet, dass eine nicht feststellbare Mutation vorliegt. Unbekannte Hormondrüsen wurden innerhalb des Gehirns entdeckt, jedoch nicht ausreichend identifiziert. Das war das wissenschaftlich niedergelegte Stichwortpsychogramm. Es las sich nicht gut. Dieser hervorragende Spezialist, geboren am 5. Juli 2369 nach Christus, hatte im Jahr 2396 den Kampf gegen das galaktisch organisierte Verbrechen von Lepso aufgenommen. Niemand hätte ihm die dazu erforderliche Energie und körperliche Stärke zugetraut. Aber er war niemals krank gewesen. Er hatte niemals versagt. Seinem außergewöhnlichen Gehirn waren Einsatzpläne von einmaliger Genialität entsprungen. In der Galaxis gab es nur einen Menschen, dem der Mann unumschränkte Freundschaft, Glauben und Sympathie entgegenbrachte. Es war Ronald Tekener. Sie waren Psychopartner, die von den Fachwissenschaftlern der USO nach jahrelangem Suchen zusammengeführt worden waren. Und dann war der 3. August des Jahres 2406 gekommen … … konnte ich nur hoffen, dass Tek Mittel und Wege fand, sich von mir in glaubwürdiger Form zu distanzieren. Ein Medorobot des Raumschiffs verabreichte mir eine kreislaufstabilisierende Injektion. Ich hatte dieses Boot nur einmal inspiziert. Dann hatte ich es jahrelang nicht mehr betreten, um auf keinen Fall eine Entdeckung zu riskieren. Die Impulstriebwerke liefen automatisch an. Der Robotpilot war für den Fluchtfall programmiert. Wenn jemals ein USOSpezialist über die Transmitterverbindung ankam, war ein sofortiger Notstart unerlässlich. Transmitter erzeugten Hyperwellenschocks, die sehr leicht eingepeilt werden konnten. Ich befand mich in einer trügerischen Sicherheit. Wäre ich auf einem anderen Weg zu diesem Raumschiff gekommen, hätte ich mich für lange Zeit darin verbergen und den günstigsten Augenblick für einen Start abwarten können.
Das war nun nicht mehr möglich. Die Einpeilung der Schockwelle musste zurzeit laufen. Ich schleppte mich in die Zentrale. Dort legte mir ein Roboter einen Raumanzug an. Notstarts von Lepso waren und blieben gefährlich, denn im freien Raum standen die schnellen Überwachungskreuzer des SWD. Den Sperrriegel musste ich erst einmal durchbrechen. Das Rumoren der Triebwerke steigerte sich zu einem dumpfen Donner. Die Space-Jet löste sich vom Grund des Ozeans und stieg langsam in die Höhe. Als die ersten Lichtstrahlen das trübe Wasser durchdrangen, lag ich festgeschnallt im Kontursessel hinter der Hauptkontrolle. Es ging mir allmählich besser. Die Jet stieß aus dem Wasser und nahm augenblicklich mit hohen Schubwerten Fahrt auf. Die Atmosphäre Lepsos wurde aufgerissen. Die Jet raste mit der hundertfachen Mündungsgeschwindigkeit einer altertümlichen Schiffsgranate davon. Wilde Luftturbulenzen entstanden. In ihnen vergingen vier anfliegende SWD-Gleiter – sie wurden von den ins Vakuum der Flugbahn einbrechenden Orkanböen erfasst, mitgerissen und anschließend zu Boden geschmettert. Ich bemerkte nichts mehr von den Explosionen, mein kleines Schiff flog mit unverantwortlich hoher Fahrt in den freien Raum hinaus. Lepso wurde zur Halbkugel. Das Eintauchmanöver in den Linearraum würde den Kalupschen Kompensationskonverter bis zur Maximalleistung belasten – es sollte bei viel zu geringer Anlauffahrt erfolgen, um die Jet möglichst schnell in den sicheren Schutz der Librationszone zu bringen. Als die Space-Jet soeben eine Geschwindigkeit von siebentausend Kilometern pro Sekunde erreicht hatte, eröffneten zwei schnelle Wachkreuzer des SWD das Feuer aus ihren Thermokanonen. Ich fühlte noch den harten Einschlag und die sengende Hitze, die plötzlich nach meinem Raumanzug fasste.
Glut! Sonnenhelle Glut verbrannte meinen Körper. Ich tauchte in eine Sonne, in der es nichts gab als die unerträgliche, vernichtende Hitze. Ich wollte schreien, aber ich konnte nicht, denn meine Lippen, meine Zunge, Luftröhre und Lunge verwandelten sich in Asche… Obwohl der Körper des Mannes bei der Flucht von Lepso weitgehend vernichtet wurde, überlebte er, kämpfte mit den Kräften seines besonderen Gehirns gegen den Wahnsinn an, der ihn infolge der Qualen überwältigen wollte. Er hielt durch. Am 4. August 2406, 16.42 Uhr Terrania-Standardzeit, wurde auf Tahun ein Funkspruch aufgefangen. Der verbrannte Körper wurde noch am gleichen Tag mit allen Ehren bestattet. Das, was von dem Mann erhalten geblieben war, schwamm in einem kugelförmigen, durchsichtigen Kunststoffbehälter vom doppelten Durchmesser eines menschlichen Schädels. Die BioplastFüllung stand unter einem geringen Außendruck. Das Gehirn war in seiner Gesamtheit entnommen und zusätzlich zur noch vorhandenen Hirnhaut mit einer transparenten und druckfesten Zellfolie umhüllt worden. Kleinhirn, Stammhirn, Zwischenhirn, Mittelhirn mit einem geretteten Teil des verlängerten Marks und sogar die wichtige Zirbel- und Hirnanhangdrüse fanden in den beiden Schutzhäuten ebenfalls ihren Platz. Allein die Blut führenden Schlagadern und zahllosen Nervenenden durchbrachen die unerlässlich wichtigen Häute. Die Perforationsgebiete wurden von synthetischen Gewebebuchsen abgedichtet. Sie hatten gleichzeitig die Aufgabe von organischen Reizweichen, in denen die erste Trennung ausstrahlender Gehirnimpulse vorgenommen wurde. Von den Spezialisten des Medo-Centers der USO wurde dieses Gehirn in einen perfekten Robotkörper verpflanzt – der Mann zum ersten Träger einer Vollprothese. »Ken – das ist kaum zu glauben. Du siehst großartig aus. Bist du in Ordnung?«, hatte Ronald Tekener seinen Partner bei der ersten Begegnung gefragt. »So gut wie niemals zuvor. Junge, ich könnte vor Freude schreien.
Dieser Doktor Tycho Braynzer ist ein Hexenmeister. Ich beherrsche die Vollprothese vollendeter als meinen früheren Körper. Als ich hörte, dass du zurückgekommen bist, konnte mich nichts mehr halten. Tek – ich nehme den stärksten Ertruser auf den Arm. Ich erreiche eine Sprungweite von 28,6 Metern unter einem Gravo und laufe unbegrenzt hundertfünf Kilometer schnell in der Stunde. Mein Körper besteht aus nahezu unzerstörbarem Super-AtronitalCompositum, und ich selbst bin in einer Stahlhülle verankert, die die fünffache Dicke der Körperbleche erreicht. Meine Körperverkleidung besteht aus zellstabilisiertem Biomolplast mit einem künstlichen Nervensystem, das jedoch zur Vermeidung von Schmerzen aller Art über eine Sensibilitätsschaltung verfügt. Für mich selbst brauche ich lediglich eine winzige Kreislaufpumpe mit angeschlossenem Blutplasmareiniger. Alles andere besorgt eine Mikro-Kraftstation. Ich habe dir noch tausend Details zu sagen, aber das hat Zeit …«
Sinclair Marout Kennon wusste, dass er alles eigentlich nur träumte. Er wusste auch, dass sein Gehirn in der Vollprothese auf Meggion war. Dennoch hatte er vorausgesehen und erhofft, dass ihm das Experiment mit der Traummaschine seinen alten Körper wiedergeben würde. Er entsann sich genau der Zeit, da er noch in diesem alten Körper gelebt hatte. Wie oft hatte er das verkrüppelte, monströse Gefängnis seines Intellekts damals verwünscht! Nicht nur, dass er niemals die Liebe einer Mutter kennengelernt hatte, denn er war als Baby ausgesetzt und staatlich erzogen worden, sondern es war ihm auch wegen seines abschreckend wirkenden Körpers niemals die echte Liebe einer Frau vergönnt gewesen. Von ihm selbst existierte nur noch das Gehirn – und seltsamerweise auch jene Regungen, die eigentlich mit den entsprechenden Drüsen seines verbrannten Körpers hätten
verschwinden müssen. Er war ein Neutrum, konnte die Liebe, die er empfand, nicht in die Tat umsetzen, obwohl es Versuche gegeben hatte, den Roboter »entsprechend auszustatten«. Die Folge war eine psychische Instabilität gewesen, die zeitweise in einen regelrechten Roboterhass ausartete. Niemals hatte Kennon den neuen Körper Robotkörper genannt. Er hatte es auch nicht zugelassen, dass andere diesen Körper so bezeichneten. Stattdessen hatte er beschönigend Vollprothese gesagt. Und oft hatte er sich danach gesehnt, seinen alten Körper zurückzuerhalten. So hässlich er auch gewesen war, es war ein Körper aus Fleisch und Blut gewesen, mit allen Schwächen, aber auch mit allen Vorteilen eines solchen Körpers. Die Traummaschine Zharadins, vom Ischtar-Memory programmiert und verändert, hatte ihm diesen alten Körper wieder geschenkt. Seit dem 10. Prago des Ansoor 10.498 da Ark arkonidischer Zeitrechnung lebte er nun hier, nannte sich Lebo Axton. In den Augen der Arkoniden war er ein Zayna. Diese abwertende Bezeichnung für Behinderte und Krüppel war von Zay – »Patient« bei den Arkoniden oder »Klient« bei den Aras – und Essoya abgeleitet, der nach der grünen Blätterfrucht benannten und durchaus auch als Schimpfwort verwendeten Umschreibung nichtadliger Arkoniden des einfachen Volkes. Sein Abenteuer hatte auf Arkon III begonnen, der Kriegswelt des Großen Imperiums. Inzwischen hatte er die Kristallwelt erreicht und Zug um Zug seine Position verbessert. Er erinnerte sich daran, wie wild und unbeherrscht er reagiert hatte, als er von seinem ersten »Zeit-Ausflug« in das arkonidische Reich zurückgekehrt war. Er hatte reagiert wie ein Süchtiger, der meinte, nicht mehr ohne das Gift leben zu können. Er hatte in fast hysterischer Haltung darum gekämpft, in diesen schwachen, verkrüppelten, aber lebendigen Körper zurückkehren zu können, der eben keine pure Ansammlung
von Metall und Plastik war. Allerdings wurde er sich allmählich bewusst, dass er nicht glücklicher war. Das lange Leben als Gehirn in der Vollprothese hatte ihn vergessen lassen, wie ohnmächtig er in einem Körper war, der so schwach war, dass er sich aus eigener Kraft kaum bewegen konnte. Mit aller Energie kämpfte er dagegen an, dass die alten, vernarbten Wunden wieder aufrissen, die Erinnerungen an Kindheit und Jugend und die Zeit bis zum Abschuss über Lepso. Er hatte dieses Leben gewollt – nun musste er sehen, wie er damit fertig wurde …
Arkon I, Kristallpalast: 32. Prago des Ansoor 10.498 da Ark Lebo Axton blickte in einen breiten Gang, an dessen Seiten überdimensionierte Bilder hingen; dafür hatte er kein Auge, sondern starrte auf den etwa drei Meter großen, extrem wuchtig wirkenden Kampfroboter, dessen sechs Waffenarme mit Kombistrahlwaffen bestückt waren. Alle sechs Projektionsfelder flammten bedrohlich auf. Der Roboter hatte einen ovalen Kopf mit einem breiten Quarzband, das mit mehreren optischen und etlichen anderen Sensoren versehen war. Darunter befand sich das Gitter eines Lautsprechers. »Stehenbleiben!« Axton hatte vermutet, dass ihm der vom Sonderprogramm unabhängige Roboter hier begegnen würde; es war der einzig logische Ort. Hier bildete er die letzte Sicherheitsschranke vor dem Imperator, die nur zu durchbrechen war, wenn bestechend logische Argumente ins Spiel kamen. Kelly gehorchte; Axton sah voller Anspannung über den Kopf des Roboters hinweg. »Soeben haben Aliz da Tagbor und Bure Fernstel den Saal betreten, in dem sich der Imperator befindet«, sagte der Verwachsene. »Ich habe zuverlässige Informationen darüber,
dass Tagbor ein Attentat auf Seine Erhabenheit plant.« »Interessant«, sagte der Kampfroboter mit monotoner Stimme. Die Art seiner Antwort überzeugte Axton davon, dass er über den Plan des Imperators informiert war. Es konnte gar nicht anders sein, denn sonst wäre er undurchführbar gewesen. »Dieses Attentat hat die Billigung des Imperators«, fuhr der Terraner fort, »denn der Höchstedle geht davon aus, dass die eingesetzte Waffe nicht geladen ist.« »Das ist richtig.« »Ich habe zuverlässige Informationen darüber, dass der Tai Moas dem Attentat zum Opfer fallen wird. Ich weiß, dass die Waffe geladen ist. Keon’athor Tagbor wird den Imperator in wenigen Augenblicken erschießen. Ich muss unbedingt passieren.« Axton hob die Arme, sprang von Kellys Rücken. »Ich bin unbewaffnet.« Er blickte zum Kampfroboter auf. Obwohl nur ein Augenblick verstrich, bis die Projektionsfelder erloschen, erschien es Axton, als bliebe die Zeit stehen. »Du musst den Verantwortlichen bestrafen! Du musst Bure Fernstel töten!« »Passieren«, sagte der Kampfroboter. Axton atmete auf, hastete an der Maschine vorbei. Kelly überholte ihn, und wenig später rannte auch der Kampfroboter vorbei. Die Doppeltür zum Esssalon flog auf. Die Gäste standen in kleinen Gruppen herum und plauderten miteinander. Orbanaschol III. stand unter einem violetten Baldachin, flankiert von Fernstel und einem Orbton in weißer Uniform, sprach mit dem ausgemergelt aussehenden Mann, der Haltung angenommen hatte. Als sich die Türflügel öffneten, ruckten die Köpfe der Gäste herum. Auch Orbanaschol und Fernstel sahen herüber, als Axton den Robotern folgte. Lediglich der erschöpft wirkende Orbton
reagierte nicht auf die unerwartete Störung – stattdessen zog er blitzschnell den Thermostrahler aus dem Halfter und richtete ihn auf den Imperator. »Kelly, schnell!«, brüllte Axton. Für einen Augenblick schien es, als würde der Roboter über die verbogenen Beine stolpern; seine Füße verhakten sich in der langen Schleppe einer Arkonidin, dann zerfetzten sie den Stoff. Kelly streckte sich, schnellte sich mit einem mächtigen Satz über zwei Sessel hinweg, prallte mit Aliz da Tagbor zusammen. Im gleichen Moment feuerte dieser – der gleißend helle Thermostrahl zuckte aus dem Projektor. Orbanaschol erfasste die Gefährlichkeit der Situation, wich instinktiv zur Seite aus, konnte der Glut jedoch nicht ganz entgehen. Der Strahl streifte seinen Oberarm, ließ die blaue Uniform auseinanderplatzen; verflüssigtes Synthetikmaterial fraß sich zischend ins verbrannte Fleisch. Der Imperator schrie gellend vor Schmerz, brach zusammen und wälzte sich hin und her, versuchte, sich die schwelende Kleidung vom Leib zu reißen. Lebo Axton konnte dagegen ein triumphierendes Lächeln nicht unterdrücken. Seine Schultern zuckten ein wenig, ohne dass er es wollte – das Signal für seinen Gegner: Es ging nicht anders! Bure Fernstel öffnete den Mund zu einem Schrei, wollte Orbanaschol auf das ungeheure Spiel Axtons aufmerksam machen – doch die Feuerglut, die ihm brüllend entgegenschlug, erstickte seine Worte, ehe sie über seine Lippen gekommen waren. Der Kampfroboter feuerte mit allen sechs Waffen gleichzeitig, Fernstels Körper befand sich exakt im Zielpunkt der tobenden Energie. Der verkohlte Körper wurde zurückgeschleudert, prallte gegen die Wand und stürzte zu Boden. Endlich kümmerten sich die ersten Bediensteten um den jammernden Orbanaschol, irgendjemand schüttete eine kühlende Flüssigkeit über die Brandwunde. Mehrere
Bauchaufschneider eilten aus einem Nebenraum herbei, versorgten den Imperator professionell und schnell. Lebo Axton zog sich unauffällig zurück, bis er sich mit dem Rücken gegen eine Wand lehnen konnte. Erst jetzt bemerkte er Epprik, der sich in seiner Nähe befand. Der Ingenieur wischte sich über die vor Erregung tränenden Augen. Zwei Kampfroboter erschienen und führten den absolut apathisch wirkenden Sonnenträger aus dem Saal, während die Gäste wirr durcheinanderredeten. Sie alle waren von dem Vorfall völlig überrascht. Nur langsam kehrte Ruhe ein. Orbanaschol schickte die Leibärzte weg, hatte sich inzwischen wieder vollkommen in der Gewalt. Er war durchaus kein Weichling, der sich von einer Brandwunde ausschalten ließ – seine Jagdleidenschaft hatte er schon mehrfach mit Verwundungen bezahlt. Es war der Schock, der ihn getroffen hatte: Im Bruchteil eines Augenblicks war er aus dem Triumph gerissen worden, als er hatte erkennen müssen, dass ihn Bure Fernstel getäuscht hatte. Ein Mann, dem er seit Jahren vertraut und der sich nun als Verräter erwiesen hatte. Das jedenfalls musste er annehmen. Axton winkte seinem Roboter und kletterte, als dieser vor ihm kniete, auf seinen Rücken. Er bedauerte zutiefst, dass er Orbanaschol nicht den ganzen Hintergrund und die wahren Zusammenhänge offenbaren konnte. Aber er hoffte, seinem Fernziel nun einen Schritt näher gekommen zu sein. Gun Epprik, der Günstling des Imperators, trat zu Orbanaschol. »Ich denke, ich bin Euch eine Erklärung schuldig, Höchstedler.« »Das glaube ich auch«, grollte dieser. »Bure Fernstel wollte mich vernichten. Deshalb setzte er Lebo Axton auf mich an, einen Mann, der seine hervorragenden kriminalistischen Fähigkeiten bereits mehrfach nachgewiesen hat.«
Alle Blicke richteten sich auf den Verwachsenen, der Verlegenheit heuchelte und so tat, als wolle er Kelly aus dem Saal dirigieren. »Bleiben Sie, Mann!«, befahl der Imperator ungehalten. »Weiter, ich will alles hören.« »Natürlich fand ich nicht das Geringste heraus, was gegen Gun Epprik gesprochen hätte«, sagte Axton. »Ganz im Gegenteil. Ich stieß auf zahlreiche Loyalitätsbeweise, gleichzeitig aber auch auf Informationen, die mir zeigten, dass Fernstel mich in eine Falle gelockt hatte. Er wusste, dass es gefährlich ist, gegen die Freunde und Berater Seiner Erhabenheit zu ermitteln. Er fürchtete meine Konkurrenz und wollte mich auf diese Weise ausschalten. Ich musste mich wehren. Und ich deckte den Attentatsplan auf. Thi-Laktrote Epprik half mir dabei, hat mir auch den Zugang zum Kristallpalast geöffnet.« »Warum?«, fragte der Imperator erregt. »Warum hat man mir nichts gesagt?« Epprik sagte leise: »Hättet Dir Axton geglaubt, mein Imperator, einem Mann, den Ihr nicht kennt? Einem Zayna? Hättet Ihr ihm mehr Vertrauen entgegengebracht als Fernstel?« Orbanaschols Miene glättete sich. Er wusste, dass der Leitende Ingenieur recht hatte, war aber selbstverständlich noch nicht bereit, Axton nun freundschaftlich zu begegnen. Er gab dem Verwachsenen mit einer hochmütigen Geste zu verstehen, dass er den Saal verlassen dufte. »Ich werde Ihre Dienste honorieren. Sie hören von mir.« Axton sah es in den Augen Eppriks triumphierend aufblitzen, während er den Kopf neigte und sich von Kelly hinaustragen ließ. Im Gegensatz zu Epprik empfand er Orbanaschols letzten Satz eher als Drohung, obwohl er sich sicher war, dass es in Zukunft für seine Gegner schwieriger
sein würde, gegen ihn zu intrigieren. Andererseits machte sich Axton keine Illusionen: Nun stand ihm eine Überprüfung bevor, die alles von ihm abverlangen würde. Ein Mann wie Orbanaschol verließ sich nie nur auf das Wort seines Gegenübers. Axtons Hoffnung war, dass die Ereignisse im Großen Imperium ausreichend Ablenkung bedeuten würden, sodass er sich gut aus der Affäre ziehen konnte: In wenigen Pragos nämlich würde es einen Schlag der Methans geben, dessen Ausmaß das Imperium bis in die Grundfesten erschüttern musste – denn am 2. Prago der Prikur stand die Schlacht um Trantagossa bevor. Und Axton wusste, dass sie noch verheerender ausgefallen wäre, hätte er Apprat Cokret nicht gerettet. Es schien, als würde sich der Kreis der Zeit schließen …
Aus: Zahlen, Zenturien, Ziele und Zeugnisse – aus der Arbeit des Historischen Korps der USO, Chamiel Senethi. In: Kompendium von Sekundärveröffentlichungen diverser Archive, hier: Die Methankriege – Das Trantagossa-Fiasko; Sonthrax-BonningVerlagsgruppe, Lepso, 1310 Galaktikum-Normzeit (NGZ) Trantagossa stellte gemeinsam mit den Hauptflottenstützpunkten Amozalan und Calukoma eins der Nervenzentren des Tai Ark’Tussan dar. Zwölf Planeten umkreisten die gelbe Sonne, alle mehr oder weniger komplett ausgebaut, von den äußeren Eisklumpen über den Gasriesen, der weiter innen seine Bahn zog, den innersten Planeten, der eher einem ausgeglühten Mond glich, bis zur vierten Welt Enorketron, die von zentraler Bedeutung für das System war – sie waren genau aufeinander abgestimmte Teile einer gewaltigen Kriegsmaschinerie. Rund ein Drittel der riesigen Raumflotte, die das Große Imperium im Bereich der Hauptebene der Öden Insel gegen die Maahks aufbot, wurde von Trantagossa aus dirigiert. Eineinhalb Milliarden Arkoniden lebten ständig in diesem System, hinzu kamen
die Besatzungen der Raumschiffe. 17.000 Großkampfschiffe der Wasserstoffatmer materialisierten am 2. Prago der Prikur 10.498 da Ark, wie aus dem Nichts herbeigezaubert, mitten im Trantagossa-System. Die schwarzen Walzen verloren keine Zeit, schossen sofort aus allen Rohren. Binnen Zentitontas hatten sie einen beträchtlichen Teil der Raumplattformen und übrigen Stationen so weit beschädigt, dass ihnen aus dieser Richtung kaum noch eine Gefahr drohte. Die Art, in der dieser Angriff vorgetragen wurde, verriet überdeutlich, dass sich die Maahks schon lange auf diese Gelegenheit vorbereitet und ihre Aktionen genau geplant hatten. Die Arkoniden erholten sich nur mühsam von dem ersten Schock, den ihnen die Tatsache versetzt hatte, dem Gegner plötzlich in einem der bestgehüteten Systeme des Großen Imperiums gegenüberzustehen. Niemand hatte mit einem solchen direkten Angriff gerechnet. Ausrüstung und Ausstattung der Welten des Trantagossa-Systems allein sollten nach arkonidischer Vorstellung ausreichen, um jeden Angreifer ausreichend abzuschrecken. Darüber hinaus wurde der Weltraum in weitem Umkreis so sorgfältig überwacht, dass es ein Rätsel war, wie die Maahks derart überraschend hatten auftauchen können – ein Rätsel, das bald mit hartnäckigen Gerüchten über Verrat untermalt werden sollte. Im Sektor von Trantagossa waren 30.000 arkonidische Einheiten unterschiedlichster Größe stationiert. Eigentlich hätte diese Anzahl ausreichen müssen, um bei fast doppelter Überlegenheit die Maahks sehr schnell zurückzuschlagen. Auf fatale Weise zeigten sich allerdings die Nachteile der überorganisierten Bürokratisierung und des insbesondere von Mascant Heng geschürten Misstrauens allem und jedem gegenüber: Im Trantagossa-System durfte sich kein Schiff frei bewegen, Befehle und Bestätigungen waren unbedingte Voraussetzung. Reaktionsschnelle Kommandanten, die sich ohne Zögern in den Kampf stürzen wollten, bezahlten ihr Verantwortungsbewusstsein mit dem Leben – und ihre Mannschaften starben mit ihnen. Denn
die Wachstationen und planetaren Abwehrbatterien reagierten auf Maahkraumer und Arkonidenschiffe in einem entscheidenden Punkt gleich: Was sich unplanmäßig bewegte, wurde angegriffen – unabhängig davon, ob es Freund- oder Feindkode aufwies. Wer nicht registriert war, galt als Feind und wurde vernichtet. Im Falle der Methans hatten die schweren Raumgeschütze allerdings nur bedingt Erfolg. Die Walzenschiffe verfügten über verbesserte Schutzschirme. Hinzu kam, dass die Maahks Verluste in Kauf nahmen, die jeden Admiral der arkonidischen Flotte zum sofortigen Rückzug veranlasst hätten. Die Maahks dagegen riskierten jederzeit die Vernichtung eines Raumers, sofern zwei andere dafür die betreffende Station oder einen angreifenden Kugelraumer ausschalten konnten. Noch während die arkonidische Abwehrmaschinerie durch das Fehlen konkreter und flexibel erstellter Befehle gelähmt war, gelang es den Maahks, ihre Angriffsformationen so weit abzusichern und zu festigen, dass die ersten Walzenraumer in Richtung der Planeten in Marsch gesetzt werden konnten. Und während endlich die ersten Kampfraumer mit überall registrierter Legitimation von den Landeflächen aufstiegen oder die Orbitbahnen verließen, um den bedrängten Kampfstationen zwischen den Planeten zu Hilfe zu eilen, raste die erste Angriffswelle der Wasserstoffatmer auf ebendiese Welten zu. Auch Enorketron wurde massiv attackiert. Drei Walzenraumer drangen sogar bis in die Atmosphäre vor und luden ihre »Geschenke« ab – thermonukleare Bomben, SelbstlenkMarschflugkörper, Raketen und Torpedos, die nahezu ungehindert die Oberfläche erreichten und riesige Teile der Anlagen in feurige Krater verwandelten. Die Abwehrforts des Planeten selbst reagierten auf den Nahangriff viel zu langsam, weil noch mit veralteten Zielsteuerungen ausgestattet, die aus Gründen der »wirtschaftlichen Einsparung« – sprich: Korruption und Misswirtschaft der OrbanascholAdministration einschließlich der Beteiligung von Mascant Amarkavor Heng! – nicht auf den neuesten Stand gebracht worden
waren. Dass die Altanlagen überdies durch die von den Maahks emittierte massive Störstrahlung zu einem hohen Prozentsatz ausfielen, kam in dieser Situation noch erschwerend hinzu …
1. »Wir haben ihn gefoltert.« »Dann hat er sich also geweigert, mehr als bisher zu sagen?« »Wir haben ihn verhört, aber auch jetzt konnte nicht geklärt werden, woher er wirklich kommt. Seine Vergangenheit liegt im Dunkeln. Seine Auskünfte waren ausweichend und unbefriedigend.« »Wie lange wurde er befragt?« »Sieben Pragos. Danach haben wir die Folter angesetzt. Für zwei Pragos.« »Ergebnis?« »Unbefriedigend. Die Lücken konnten nicht geschlossen werden. Er hat alle Maßnahmen unbeschadet überstanden und schließlich jede Aussage verweigert.« »Dann steht immer noch nicht fest, ob man sich wirklich auf ihn verlassen kann?« »Wahrscheinlich ist er loyal.« »Wir werden ihn mit einem Problem konfrontieren, in dem er alle Fragen beantworten muss. Leben oder Tod. Im Preyton-System soll es sich entscheiden. Zuvor schickt ihn nach Barthimore. Vielleicht genügt das schon, und unser Risiko ist geringer.« »Verstanden, Höchstedler.«
Anflug auf Barthimore: 8. Prago der Prikur 10.498 da Ark »Hast du eigentlich so etwas wie einen Schönheitssinn?« »Selbstverständlich, Schätzchen. Mein Kopf hat eine Hülle aus bestem Arkonit. Das Innere besteht aus reiner Positronik, die in eine von dem Meisterkonstrukteur Abbahat entwickelte Leichtmetallkonstruktion eingebettet ist. Mein vorheriger Gebieter verfolgte die Grundidee, durch mich die Schönheiten der Öden Insel zu ergründen. Er hat mich…« »Er hat dich in erster Linie mit einem vorlauten Mundwerk
versehen und leider auf alles verzichtet, was man als höhere Werte bezeichnen könnte«, unterbrach Lebo Axton den Roboter an seiner Seite. »Ich bin vielmehr davon überzeugt, dass du überhaupt keinen Blick für harmonische Formen und ästhetische Linienführungen hast.« Die Maschine war etwa zwei Meter groß und wirkte im Vergleich zu Axton wie ein Koloss. Auf den ersten Blick war zu erkennen, dass sie aus zahlreichen Einzelteilen unterschiedlichen Alters zusammengesetzt war. Einige Teile passten überhaupt nicht zu diesem Robotertyp. Gentleman Kelly stammte vom Schrottplatz, und das war ihm auch anzusehen. Auf dem Ovalkörper aus Arkonstahl von einem Meter Länge und rund vierzig Zentimetern Durchmesser saß ein dreißig Zentimeter langer Spiralhals. Der Kopf war kugelförmig und hatte in der Mitte ein umlaufendes Organband mit Quarzlinsen, Sprechmembran, Antennen und Geruchssensoren. Aus dem Ovalkörper entsprangen zwei Arme und zwei krumme Beine. Bügelförmige Fußstützen in Höhe der Beinansatzgelenke und Griffe auf den Schultern gestatteten es, dass Axton hinter Kellys Rücken bequem stehen, sich festhalten und über den Kopf des Roboters hinwegsehen konnte. Thi-Laktrote Gun Eppriks »Bastelstube« entstammte das Antigrav-Flugaggregat, und auch in anderer Hinsicht hatte Axton den Roboter inzwischen beträchtlich aufgerüstet. »Daraus resultiert meine Vorliebe für dich.« Axton verschlug es die Sprache. Er suchte nach Worten, griff dann aber nach einer Klappe am Ovalkörper Kellys, öffnete sie und schaltete den Roboter per Knopfdruck ab. Danach atmete er tief durch. Er war sich seiner Hässlichkeit durchaus bewusst, aber er liebte diesen verwachsenen Körper, denn es war in gewisser Weise sein eigener, zumindest entsprach er exakt dem, in dem er geboren und aufgewachsen war. Er hatte
nichts gemein mit der vollendeten Vollprothese, in der er als Gehirn mehrere Jahrhunderte lang existiert hatte. Nach wie vor fragte sich Axton, welcher Natur sein Körper tatsächlich war, und ebenso, wie es der Traummaschine möglich war, ihn zu erzeugen und aufrechtzuerhalten. Oder war er doch körperlich hier? Auf eine Weise in die Vergangenheit geschleudert und materialisiert, die über seinen Verstand ging? Atlans Vermutung, er müsse eine naturgetreue Materieprojektion sein, hatte einiges für sich. Hatte er die Folter der TGC-Verhöroffiziere nur deshalb so gut überstanden, weil eine Projektion dieser Art nicht zu zermürben war wie der Körper eines normalen Lebewesens? Lebo Axton dachte ungern an die Zeit zwischen dem 34. Prago des Ansoor und dem 6. Prago der Prikur zurück. Er hatte mit einem solchen Verhör gerechnet und sich innerlich darauf vorbereitet. Schmerzen waren für Axton nichts Ungewöhnliches. Sie waren allgegenwärtig. Sein Körper – egal ob Projektion oder nicht – war Belastungen nicht gewachsen. Musste er nur ein paar Meter weit schnell laufen, ging ihm der Atem aus, die Lungen schienen dann platzen zu wollen. Seine dünnen Beinen versagten ihren Dienst, sobald er eine Treppe mit wenigen Stufen hinaufsteigen musste, und ständig war die Versuchung da, den Gravoneutralisator am Gürtel auf noch geringere Werte zu justieren. Er gab ihr nur deshalb nicht nach, weil er genau wusste, wie verhängnisvoll das gewesen wäre. Zu schnell würde er sich an den geringen Wert gewöhnen, sodass bald der Wunsch nach weiterer Senkung aufkommen würde. Wehe aber, das Gerät fiel aus oder wurde ihm gestohlen. Axton seufzte. Leider hatte der Angriff der Maahks auf das Trantagossa-System keinen Einfluss auf den Verlauf der Verhöre gebracht. Energisch schob Axton diese Überlegungen zur Seite und trat dem Roboter kräftig gegen die krummen
Beine, setzte sich wieder in den Sessel und richtete die Blicke auf den Bildschirm. Der Planet Barthimore, vierter von zehn der gelbweißen Sonne Bar, schien paradiesisch zu sein. Er erinnerte entfernt an die Erde mit ihren weiten blauen Meeren, den üppigen Vegetationszonen und den Wüstengürteln. Nur wenige Landstriche waren wirklich erschlossen. Dennoch galt Barthimore als außerordentlich reich. Hier wurden Bodenschätze von höchstem Wert gewonnen, und Axton hatte die Adligen der Kristallwelt von den Jagdmöglichkeiten auf diesem Planeten schwärmen hören. Langsam senkte sich das kugelförmige Raumschiff auf einen trapezförmigen Kontinent südlich des Äquators hinab. An der Nordküste befand sich die Traumstadt des Adligen Arayshkat da Barthimore, die von einem der berühmtesten Künstler des Imperiums angelegt worden sein sollte. In Gedanken seufzte Axton zum wiederholten Mal über die arkonidische Aristokratie mit all ihren Feinheiten und Fallstricken. Kleine, Mittlere und Große Khasurn; 34 Adelstitel, jeder mit eigenen Gewichtungen, Privilegien und gesellschaftlichen Auswirkungen bis hin zur Form der Anrede. Einflüsse und Verbandelungen samt den damit verbundenen Emotionen, die unter Umständen über Jahrhunderte oder Jahrtausende zurückreichten. Theoretisches Wissen war das eine – nur half es wenig, wenn der Hintergrund nicht verinnerlicht war und wirklich gelebt wurde. Axton rief sich die Daten in Erinnerung: Arayshkat da Barthimore war als Nert-tiga ein »Nert-Baron Dritter Klasse«. Eine direkte Gleichsetzung mit terranischen Titeln war zwar schwer möglich, aber grob konnte er als »Groß-Baron« eingeordnet werden, der zum Kator-Khasurn gehörte, also dem Unteren Adel der »Edlen Dritter Klasse«, auch Kleiner Kelch genannt. In der ebenfalls groben Einteilung der damit verbundenen imperialen Lehnshierarchie umfasste eine
»Baronie« maximal bis zu fünf Sonnensysteme, konnte minimal aber auch auf Ländereien auf einem oder mehreren Planeten beschränkt sein. Im Fall von Nert Arayshkat umfasste der Besitz das gesamte System mit Barthimore als Hauptlehen, verbunden mit der nicht ganz korrekten, wenngleich dennoch treffenden Umschreibung Planetenfürst. Als der Raumhafen von Metrobarthimore in Sicht kam, aktivierte Axton den Roboter wieder und fragte: »Wie fühlst du dich, Kelly?« »Blendend. Meine Speicher haben sich wieder etwas erholt.« Das war absoluter Unsinn, wie er von einem Roboter eigentlich nicht zu erwarten war. Axton fragte sich erneut, von wem das Positronengehirn programmiert worden war und wer der frühere Besitzer gewesen war. Im Stillen hegte Axton den Verdacht, es könne sich um den von Kelly genannten »Meisterkonstrukteur Abbahat« gehandelt haben. Leider waren bislang diesbezüglich sämtliche Recherchen im Sand verlaufen. »Eine schöne Welt, nur zwanzig Lichtjahre vom Arkonsystem entfernt. Kein Wunder, dass Imperator Orbanaschol scharf darauf ist.« »Sei lieber still, sonst schalte ich dich doch noch für immer ab.« Das Raumschiff setzte auf. Der Bildschirm zeigte einen Gleiter, der sich von einem Raumhafengebäude her näherte. Axton gab dem Roboter einen Wink. Die Maschine kniete nieder, sodass der Verwachsene auf ihren Rücken steigen konnte. Danach nahm der Roboter die wenigen Gepäckstücke und schritt aus der Kabine. Lebo Axton war der einzige Passagier des Schiffes. Diese Tatsache allein hätte seiner Persönlichkeit dem Nert von Barthimore gegenüber ausreichend Gewicht verleihen müssen. Das war aber keineswegs der Fall, wie er merkte, als er sich dem Arkoniden in dem Gleiter näherte. Der Mann darin war offensichtlich nur
ein hoher Vertreter des Planetenfürsten, der eine mit Ehrenzeichen förmlich übersäte Uniform trug. Axton ließ sich durch sie jedoch nicht täuschen. Er musterte das Gesicht und vor allem die Augen des Mannes, und er sah Kälte und Ablehnung. Augenblicklich erkannte er, dass er mit diesem Arkoniden beträchtliche Schwierigkeiten haben würde. Axton ließ sich bis an den Gleiter tragen. Erst als er ihn erreichte, stieg der Mann aus. Ihm war anzusehen, dass er nicht einen Funken Hochachtung empfand. »Mein Name ich Peyko Baey«, sagte er. »Ich habe die Aufgabe, Sie abzuholen und Sie zum Palast zu bringen.« Axton wartete, bis Kelly den Gleiter geöffnet hatte. Dann stieg er betont schwerfällig vom Rücken des Roboters und kletterte ächzend in die Flugkabine. Missbilligend blickte er den Arkoniden an, da dieser keine Anstalten machte, die Tür wieder zu schließen, als auch Kelly im Gleiter saß. Peyko Baeys Augen blitzen auf; unwillig warf er die Tür zu. Er setzte sich hinter die Kontrollen, startete und sprach kein Wort mehr, bis sie neben dem Palast landeten. Der Stammsitz des Nert entsprach allem, was Axton bereits davon gehört und selbst in Erfahrung gebracht hatte. Er blickte an dem Gebäude nach oben, dessen Form keineswegs den arkonidischen Gepflogenheiten des Trichtertyps entsprach: Es hatte vielmehr die Form einer Kugel von fast zweihundert Metern Durchmesser und schwebte wenige Zentimeter über dem Boden frei in der Luft. Auf diese Weise konnten die wichtig erscheinenden Bereiche nach Belieben mit dem Verlauf der Sonne mitwandern. Axton stieg wiederum auf den Rücken des Roboters und ließ sich zum Nert-tiga führen.
Nert Arayshkat betrachtete den Mann, den der Imperator zu
ihm geschickt hatte, mit geweiteten Augen und begann zu lachen. »Mir ist schon manche Kuriosität begegnet, aber das ist der Gipfel. Sind Sie tatsächlich Lebo Axton, der Mann, der den unglücklichen Tod von Eid Beste untersuchen soll?« Axton ließ sich von Kellys Rücken rutschen und setzte sich in einen Sessel. »Allerdings«, sagte er abweisend. »Ich habe die Aufgabe, den Mord an Verbindungsorbton Eid Beste aufzuklären.« »Mord! Wie kann man nur so etwas sagen? Es gibt eindeutige Beweise, dass…« Er blieb vor Axton stehen und musterte ihn kopfschüttelnd. Der Baron war etwa zwei Meter groß. Das silbrig weiße Haar reichte ihm an den Seiten bis zu den Schultern, war jedoch im Nacken noch wesentlich länger, sodass es mit den Spitzen fast den Gürtel berührte. Der Planetenfürst war ein ausgesprochen schöner Mann. Sein Gesicht war gleichmäßig und gut geschnitten, aber es war nicht das einer ausgereiften Persönlichkeit. Die Augen blinzelten Axton übermütig an, und das ständige leichte Lächeln zeigte an, wie wenig Arayshkat bereit war, irgendetwas ernst zu nehmen. »Aber was sprechen wir von Beste. Reden wir doch von Ihnen, Axton… Nein, schweigen Sie. Ich will versuchen, Ihre geheimsten Gedanken zu erraten. Sie sind ein zutiefst unglücklicher Mann, der fürchterlich unter seinem missgestalteten Körper leidet. Wissen Sie was? Ich kenne einen hervorragenden Chirurgen. Er wird Ihren Buckel beseitigen, Ihre Ohren verkleinern, Ihre Füße verkürzen und Ihre Beine strecken, sodass Sie anschließend ein annehmbares Aussehen haben werden.« Er beugte sich vor, seine Augen leuchteten auf. »Die Frauen werden Sie ansehen, Axton. Sie werden Sie bewundern und nicht länger zurückweisen. Nun, was halten Sie davon?« Er trat zurück, richtete sich hoch auf und blickte auf den Verwachsenen hinab.
»Ich hätte gern etwas zu trinken«, sagte Axton kühl. Peyko Baey trat ein, als habe er die Worte gehört. Er schob eine mit Goldplatten verzierte Antigravscheibe vor sich her, die festlich gedeckt war. »Sie sehen, ich denke durchaus an Ihr leibliches Wohl, Axton. Peyko, mein Gast hat Durst. Wir wollen ihm alles geben, was er benötigt.« Die Antigravscheibe senkte sich etwas, Baey stabilisierte sie, sodass sie unverrückbar an dieser Stelle schwebte und als Tisch dienen konnte. Axton bediente sich. »Der Imperator ist ungehalten«, sagte er zwischen zwei Schlucken. »Eid Beste war sein Freund. Sein Tod hat Seine Erhabenheit schwer getroffen. Er verlangt bedingungslose Aufklärung des Falles, Auslieferung des Mörders und eine finanzielle Entschädigung in noch festzusetzender Höhe.« Nert Arayshkat da Barthimore breitete die Arme aus. »Sehen Sie sich um in meinem bescheidenen Reich. Sie werden kein Zeichen einer Schuld feststellen.« Axton sah ihn forschend an. Der Adlige begriff nicht, dass es um seinen Kopf ging. Arayshkat wirkte auf ihn wie ein großer Junge, der die Gefahr nicht sah – oder nicht sehen wollte. Er war Axton keineswegs unsympathisch. Im Gegenteil. Der Verwachsene mochte diesen Arkoniden sogar, der so offensichtlich von geradlinigem Charakter war. »Ich werde mich informieren«, sagte er. »Verlassen Sie sich darauf.« »Ruhen Sie sich ein wenig aus«, riet der Planetenfürst. »Sie sind erschöpft von der Reise. Ich erwarte Sie später zu einem Essen im Kreis meiner Freunde. Sie werden die besten Familien dieses Planeten kennenlernen.« »Hoffentlich kommen Sie nicht auf den Gedanken, mich als Partygag vorzuführen.«
Der Verwachsene kletterte auf den Rücken seines Roboters und ließ sich hinaustragen. Peyko Baey folgte ihm und führte ihn zu den für ihn vorgesehenen Räumen, zeigte ihm all die technischen Einrichtungen. Schließlich verabschiedete er sich und ging zur Tür. Dort blieb er jedoch noch einmal stehen. »Axton, ich habe das Gefühl, dass Sie wirklich glauben, mehr über den Tod von Beste herausfinden zu können, als bisher bekannt ist.« »Allerdings.« »Sie machen einen Fehler. Warum erfüllen Sie nicht die Erwartungen des Imperators?« »Und welche sind das Ihrer Meinung nach?« »Seine Erhabenheit hat Sie nur der Form halber geschickt. Irgendjemand muss sich wohl um Bestes Tod kümmern. Das bedeutet jedoch nicht, dass es auch ein neues Ergebnis der Untersuchungen geben muss. Machen Sie sich nicht lächerlich, Axton. Wenn Sie sich vernünftig verhalten, können wir Sie nach einigen Pragos wieder nach Arkon zurückschicken und uns aus formalen Gründen scharf über Sie beschweren. Wir werden behaupten, dass Sie eine zu gründliche Untersuchung durchgeführt haben. Danach werden alle Seiten zufrieden sein.« »So spricht jemand, der etwas zu verbergen hat.« »Überlegen Sie es sich. Wir sorgen dafür, dass Sie nichts zu bereuen haben.« »Sie langweilen mich, Baey.« »Seien Sie kein Narr. Sie gehen von der Voraussetzung aus, dass der Tote Orbanaschol irgendetwas bedeutet hat, gar sein Freund war und dass der Tai Moas deshalb mehr über sein Ende wissen will. Aber das ist falsch!« Peyko Baey hob seine Stimme nicht ein einziges Mal, sondern sprach ruhig und ohne emotionale Beteiligung. »Eid Beste war in Ungnade gefallen. Seine Erhabenheit hatte ihn bereits kaltgestellt.«
»Sie fangen an, mich zu belästigen. Gehen Sie jetzt!«, befahl Axton in bewusst scharfem Ton. Er beobachtete sein Gegenüber, ohne eine gefühlsmäßige Reaktion feststellen zu können. Baey blieb gelassen wie ein Roboter. Als Axton allein war, entkleidete er sich und ging in die Hygienekabine, wo er sich eine halbe Tonta mit einer Einrichtung abplagte, die für normal gewachsene Arkoniden, nicht aber für einen Mann seiner Größe gedacht war. Dennoch fühlte er sich anschließend erfrischt. Er genoss die kurze Zeit der Ruhe, in der er von niemandem gestört wurde. So konnte er noch einmal über alles nachdenken. Axton wusste noch nicht, welchen Plan er verfolgen sollte. Vorläufig musste er sich an das halten, was man ihm im Hauptquartier der arkonidischen Abwehr auf Arkon I »vorgeschlagen« hatte. Er konnte nichts anderes tun, als genau die Ereignisse herbeizuführen, die letztlich den Tod des Nert einleiten mussten. Terlot da Keithy stand auf Abruf bereit. Sollte die Entwicklung Arayshkat dann tatsächlich zum Verhängnis werden, was Axton nicht hoffte, würde er vor eine äußerst schwere Entscheidung gestellt werden. Dessen war sich Axton bewusst, aber er war sich noch nicht darüber klar, wie er damit fertig werden sollte. Selbstverständlich dachte er nicht daran, den Planetenfürsten kaltblütig umzubringen. Er war kein Mörder, sondern ein hoch qualifizierter Kosmokriminalist. Das wussten selbstverständlich auch der Imperator und die ihm Unterstellten. Dass er dennoch nach Barthimore geschickt wurde, hatte einzig und allein den Grund, weil Seine Erhabenheit der Besitz des Barons lockte, das Lehen jedoch nicht ohne Begründung »eingezogen« werden konnte. Vor uralten Traditionen und dem undurchdringlichen Geflecht der Kristalletikette musste selbst ein Diktator wie Orbanaschol III. mitunter kapitulieren. Darüber war sich Axton klar. Und
deshalb hasste er den Auftrag. Er war entschlossen, sich so aus der Affäre zu ziehen, dass er allen Seiten gerecht wurde. Bedeutete das aber wirklich, dass Arayshkat da Barthimore sterben musste? Axton war sich sicher, dass sich irgendwo in der Nähe Beobachter Orbanaschols befanden, TRC-Celistas oder gar TGC-Geheimpolizisten. Sie verfolgten das Geschehen mit argwöhnischen Augen – wie es sich für Celistas gehörte und es ihrem Namen entsprach – und würden Axton sofort zu Fall bringen, sobald er etwas unternahm, was den Interessen des Imperators zuwiderlief. TRC war das arkonidische Akronym von Tussan Ranton Celis, frei übersetzt die »Augen der Imperiums-Welten«, während TGC das von Tussan Goldan Celis war, bezogen auf die »Goldan-Augen« des aus den Heroen-Sagas überlieferten Ungeheuers – auch Goltan genannt – mit Hunderten, überaus scharfsichtigen Augen. Die Tu-Gol-Cel war die »Politische Geheimpolizei des Imperators« und unterstand Mascant Offantur. Insgeheim arbeitete Axton einzig und allein für Atlan. Sein Ziel war es, dem Kristallprinzen den Weg zur Macht zu erleichtern. Wollte er die dabei von ihm verfolgte Strategie nur schwarz-weiß sehen, konnte das nur heißen, dass alles, was Orbanaschol III. schadete, Atlan nutzen musste. Das Schicksal eines Planetenfürsten aus dem Unteren Adel spielte dabei keine Rolle. Axton überlegte angestrengt. Sein Gedächtnis funktionierte ausgezeichnet, aber es hatte Erinnerungen aus mehreren Jahrhunderten Leben und Erleben zu bewältigen. Das Spezialgebiet des Kosmokriminalisten, das er mit besonderer Leidenschaft studiert hatte, war die Geschichte der galaktischen Altvölker gewesen. Hier hatte er sich außerordentliche Erkenntnisse angeeignet, die ihn nun befähigten, sich im Großen Imperium Arkons zu bewegen, ohne ständig aufzufallen.
Nur weil er so viel über die alten Arkoniden wusste, hatte er es überhaupt gewagt, sich von der Traummaschine in die Vergangenheit projizieren zu lassen. Er war sich der Gefahren durchaus bewusst gewesen. Durch die geringste Unaufmerksamkeit konnte er Atlan den Weg in die Zukunft verbauen – sofern er nicht auf die Trägheit der Zeit hoffte und damit darauf, dass es kein Zeitparadoxon geben konnte. Und das war es, was ihn jetzt quälte. Ihm war, als habe er den Namen Arayshkat schon einmal gehört, aber er konnte ihn nicht unterbringen. Immer wieder fragte er sich, ob ein Mann namens Arayshkat eine bestimmte Rolle im Leben des jungen Atlan gespielt hatte. War das tatsächlich der Fall gewesen, konnte er sich hier nur die Finger verbrennen. Sollte dieser Nert beispielsweise irgendwann einmal Atlans Leben gerettet haben, würde Atlans Leben dadurch vernichtet werden, dass Arayshkat vorzeitig starb. Je länger Axton versuchte, in seinen Erinnerungen zu graben, desto unruhiger wurde er. Schließlich glaubte er, nicht einen einzigen Schritt tun zu dürfen, ohne ihn sorgfältig abgewogen zu haben. Er trat aus der Hygienekabine und zog sich an. »Ist uns der Name Arayshkat da Barthimore schon vorher einmal begegnet?« »Nein«, antwortete Kelly. »Ist das sicher?« Der Roboter antwortete nicht, weil er offensichtlich eine erneute Bestätigung für überflüssig hielt. Dennoch stieg Axtons Unsicherheit noch mehr. Als er den Raum verlassen wollte, kniete Kelly nieder, doch Axton versetzte ihm einen leichten Tritt. »Ich verzichte auf deine Begleitung. Glaubst du, ich will mir auch noch den Appetit durch dich verderben lassen?« »Hoffentlich findest du einen ähnlich geistvollen Gesprächspartner wie mich, Schätzchen.« »Das wird nahezu unmöglich sein.«
Axton ließ die Tür zufallen und ging mit schleifenden Schritten auf den nächsten Antigravschacht zu. Als er den Schacht verließ, trat ihm ein Diener entgegen, der eine prachtvolle Phantasieuniform trug. Axton konnte sich ein spöttisches Lächeln nicht verkneifen, verzichtete jedoch auf eine Bemerkung, die den Mann hätte kränken können. Er wusste nicht, ob er nicht noch einmal auf gerade diesen Arkoniden angewiesen sein würde. Ein zweiter, in gleicher Weise ausstaffierter Diener erschien mit einer silbrigen Antigravplatte, die wenige Zentimeter über dem Boden schwebte. Er verneigte sich übertrieben tief. »Würden Sie bitte aufsteigen, Lebo Axton?« Axton stutzte nur einen Augenblick, dann durchschaute er das Spiel. Sein Herzschlag beschleunigte sich, und er spürte, wie ihm heiß wurde. Der Nert hatte die ungeheure Gefahr, in der er schwebte, tatsächlich nicht begriffen. Damit erfuhren die Ereignisse bereits vorzeitig eine dramatische Beschleunigung, die Axton durchaus nicht behagte. Noch immer wusste er nicht, wie er den Namen Arayshkat da Barthimore in die altarkonidische Geschichte einordnen sollte. Leitete er das Ende Atlans ein, wenn er die Herausforderung annahm? Seine Gedanken überschlugen sich förmlich. Er musste sich blitzschnell entscheiden und dabei alle Faktoren gegeneinander abwägen. Eventuelle Beobachter Orbanaschols durften nicht misstrauisch werden. Seine Aufgabe war es, Arayshkat in eine Sackgasse zu locken, aus der es keinen Ausweg mehr gab. Kam ihm der Planetenfürst dabei nun so weit entgegen, musste er darauf eingehen. Entschlossen trat Axton auf die Silberplatte. Sie stieg bis etwa Hüfthöhe auf, als einer der Diener die entsprechenden Funkimpulse mit einem Handgerät gab. Dann glitt sie zwischen den Männern auf eine breite Tür zu. Diese öffnete sich langsam und gab den Blick frei in einen festlich
beleuchteten und dekorierten Saal, in dem etwa vierzig Frauen und Männer an einer gedeckten Tafel saßen. Aus versteckt angebrachten Lautsprechern ertönten Klänge aus dem gegenwärtig so beliebten Arkonlied, dessen Disharmonien auf terranische Ohren zermürbend wirkten. Die Augen der Gäste wandten sich Lebo Axton zu, der sich keineswegs gedemütigt fühlte, weil man ihn auf einem silbernen Tablett präsentierte. Er lächelte und deutete eine Verbeugung an, die einige der Damen zu einem schrillen Gelächter veranlasste. »Ich darf Ihnen vorstellen«, rief der Nert. »Der Kriminalistenfürst Lebo Axton, Gesandter des Imperators.« Die Diener geleiteten den Verwachsenen bis zum letzten noch freien Platz am Ende der Tafel und ließen ihn herab, sodass er sich setzen konnte. Auf den Tellern vor den Gästen lagen gebratene Fleischstücke und verschiedene Obstsorten von exotischen Planeten. In kostbar geschliffenen Gläsern funkelte eine rote Flüssigkeit, die einen verführerischen Duft verbreitete. Vor Axton lag dagegen eine grüne Blätterfrucht, die einem terranischen Kohlkopf recht ähnlich sah – eine Essoya, das Symbol der armen und bedeutungslosen Arkoniden. Und das Glas vor Axton enthielt nur klares Wasser. Eine junge Frau, die neben Arayshkat gesessen hatte, sprang auf. In ihren Augen standen Tränen der Erregung und Empörung. Sie eilte zu Lebo Axton. »Bitte«, sagte sie mit halb erstickter Stimme und griff nach seinem Arm. »Bitte, entschuldigen Sie. Ich habe nicht gewusst, was hier gespielt wird. Mein Mann hat…« »Aysha!«, rief Arayshkat da Barthimore zornig. Axton blickte die junge Frau lächelnd an. Er fand, dass sie außerordentlich schön war. Allerdings störte ihn, dass sie, ähnlich wie die anderen Frauen am Tisch, mehr ent- statt
bekleidet war. Aber das entsprach einem neuen Modetrend. Sogar das markante Crysalgira-Grün war allenthalben zu entdecken. Axton erinnerte sich: Crysalgira aus dem Khasurn der Quertamagins war noch jung, knapp neunzehn Jahre alt. Hätte nicht schon die vollendete Figur der hochgewachsenen, schlanken Frau genügt, ihr die Aufmerksamkeit des Hofes zu sichern, wäre sie zweifellos durch ihr überschäumendes Temperament aufgefallen. Wer den Hauptteil an Crysalgiras Kleidung gefertigt hatte, war bei Hof erbittert diskutiert worden. Den wichtigsten Bestandteil lieferte zweifellos die makellose Figur der jungen Frau. Dauerhafte Klebestreifen, vollkommen mit der Hautfarbe abgestimmt, hielten etliche glitzernde Edelsteine an ihrem Körper unverrückbar fest. Der eigentliche Trick lag im Innenleben der erlesenen Steine. Mikrotechniker hatten Höhlungen hineingeschnitten und winzige Fesselfeldprojektoren eingebaut. Diese sorgten für den einwandfreien Sitz des eigentlichen Gewandes aus zerbotischer Seide, Gramm für Gramm ein Vermögen wert. Hätte jemand den technischen Aufwand, die Materialkosten und den Einfallsreichtum der an dieser Kleidung beteiligten Personen zusammengefasst, hätte von dem Betrag ein halber Kolonialplanet gekauft werden können. Es entsprach dem Lebensstil einer Quertamagin, den immensen Kostenaufwand nur mit einem Achselzucken abzutun. Crysalgiras raffinierter Entwurf hatte Aufsehen erregt und sie zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten am Hofe gemacht. »Schon gut«, sagte Axton. »Ich verstehe Sie, aber ich kann nicht anders.« Er schob ihre Hand zurück und stellte sich auf den Stuhl, da er kaum über die Tischkante hätte sehen können, wäre er von ihm herabgestiegen. Einige der Arkonidinnen kicherten albern; die Männer grinsten Axton unverhohlen an. »Nert, Sie haben mir deutlich gezeigt, was Sie von mir halten. Sie warten auf meine Reaktion. Nun, ich will Sie nicht
enttäuschen und Ihnen allen das Vergnügen nicht schmälern. Deshalb fordere ich Sie zum Duell. Ich verlange Genugtuung.« Die Wirkung seiner Worte überraschte selbst ihn. Die Frauen und Männer am Tisch brachen in schallendes Gelächter aus. Arayshkat ließ das Glas fallen; er krümmte sich vor Lachen. Ebenso wenig wie die anderen konnte er sich vorstellen, dass ein verkrüppelter Mann wie Axton gegen ihn kämpfen wollte. »Ich denke, Sie werden mir die Wahl der Waffen überlassen?«, fragte Axton. »Selbstverständlich.« Aysha und Axton blickten sich an. Die Frau des Planetenfürsten war die Einzige, die nicht lachte. Aus ihren Augen schlug ihm vielmehr das nackte Entsetzen entgegen. »Nun, Nert-tiga«, sagte Axton. »Dann wähle ich das rituelle Mannaxschwert.« Das Gelächter steigerte sich zum Orkan, denn der Verwachsene hatte einen Zweihänder gewählt, mit dem nur äußerst starke Männer kämpfen konnten. Als es wieder ruhiger wurde, fügte er hinzu: »Selbstverständlich nach den Austragungsregeln von Spentsch!« Schlagartig wurde es still in der Runde. Der Nert erhob sich. Jegliche Farbe war aus seinem Gesicht gewichen. Seine Augen weiteten sich, der Mund blieb offen. Aysha floh schluchzend aus dem Raum. Lebo Axton gab den Dienern einen Wink, stieg auf die Silberplatte und befahl mit scharfen Worten, ihn zum Antigravschacht zu bringen. Sie gehorchten wortlos. Barthimore: 9. Prago der Prikur 10.498 da Ark Als Lebo Axton die Hyperfunkstation des Kugelpalastes betrat, blickten ihn die beiden hier tätigen Orbtonen fast furchtsam an. Axton ließ sich von Kelly tragen und reichte ihnen eine beschriftete Folie. »Setzen Sie diesen Funkspruch zur Kristallwelt ab.«
Einer der Offiziere nahm die Folie entgegen, las sie kurz durch und nickte. »Sie rufen einen Stellvertreter?« Axton antwortete nicht. Befremdet wandte sich der Orbton ab, schaltete die Geräte ein, justierte auf die Relaisverbindung zum Arkonsystem und strahlte den Hyperfunkspruch ab. Es dauerte nicht lange, bis die Bestätigung einlief. »Darf ich fragen, wer es ist?«, fragte der zweite Offizier. Axton behandelte ihn weniger unfreundlich als seinen Kollegen. »Sie dürfen«, entgegnete er. »Er heißt Terlot da Keithy.« »Arkons Götter…« Axton raunte Kelly einen Befehl zu. Der Roboter trug ihn hinaus auf den Gang. In einem Antigravschacht schwebten sie nach oben, bis sie die Etage erreichten, in der Eid Beste gewohnt hatte. Nur einige Diener hielten sich hier auf. Sie führten den Verwachsenen augenblicklich in das Zimmer, in dem der Tote gefunden worden war. Axton schickte sie hinaus, weil er allein sein wollte. Auf dem Boden war eine rote Markierung zu sehen, die Bestes Haltung nachzeichnete. Auf einem Tisch stand ein Aufzeichnungsgerät. Axton schaltete es ein. Der Bildschirm zeigte das Untersuchungsprotokoll, das ein Orbton des Barons angefertigt hatte. Danach schien Eid Beste einem Unglücksfall zum Opfer gefallen zu sein. Er hatte versucht, in seinem Zimmer Primitivwaffen zu reparieren, hatte dabei aber übersehen, dass eine Pfeilspitze vergiftet gewesen war. Er hatte sich die Haut geritzt und war an einer Herzmuskellähmung gestorben. Der Bericht war sorgfältig abgefasst. Dennoch stieß Axton auf einige winzige Fehler, die einem Kosmokriminalisten mit seiner Erfahrung nicht entgehen konnten. So wurde beispielsweise überhaupt nicht erwähnt, nach welcher Zeit die Wirkung des Giftes eintrat. Das aber war ein außerordentlich wichtiger Faktor, da Beste bei den örtlichen Gegebenheiten bei
einer allmählich einsetzenden Wirkung genügend Zeit gehabt hätte, Alarm zu schlagen. Das aber hatte er nachweislich nicht getan. Axton ließ den Bericht durchlaufen und konzentrierte sich danach ganz auf die Analyse des Labors. Auch hierin waren nur einige ungenaue Hinweise auf die Wirkungsweise des Giftes enthalten. Das waren nicht die einzigen Fehler, die Axton auffielen. Weitere weniger deutliche Spuren einer ungenauen Bearbeitung oder gar einer bewussten Verfälschung des Berichts waren ebenfalls vorhanden. Sie bestärkten Axton in der Überzeugung, dass Eid Beste tatsächlich ermordet worden war. Damit stand fest, dass Arayshkat da Barthimore einen schweren Fehler gemacht hatte, als er versuchte, den Tod des Verbindungsmanns als Unglücksfall hinzustellen. Bewusst oder nicht bewusst, war nicht entscheidend. Wichtig war allein, dass nicht genau genug recherchiert worden war. Arayshkat unterschätzte die Habgier und Rücksichtslosigkeit Orbanaschols erheblich, während er sich gleichzeitig allzu sicher fühlte. Er glaubte, zwanzig Lichtjahre vom Arkonsystem entfernt würde er von den Intrigen am Hof nicht tangiert. Er meinte, hier ein Leben von allen Problemen isoliert führen zu können. Das aber war ein Irrtum. Eid Bestes Tod hatte ihn in die Schusslinie gebracht. Wäre Axton nicht gewesen, hätte Orbanaschol einen anderen geschickt. Diesem wäre es vielleicht nicht gelungen, dem Nert einen Mord nachzuweisen, aber auch er hätte den Planetenfürsten in eine tödliche Falle locken können. Arayshkat war schon so gut wie tot, hatte sein Leben selbst verspielt. Vor diesem Hintergrund erschien sein Einfluss auf Atlan eher unwahrscheinlich. Sollte sich Axton an einen Mann namens Arayshkat erinnern, musste das ein anderer sein. Nun, da Axton eine Spur gefunden hatte, nahm er sie energisch auf. Er gab sich nicht mit dem Bericht zufrieden, den
er vorgefunden hatte, sondern ließ sich die Primitivwaffen bringen, durch die der Verbindungsmann gestorben war. In dem Labor des Planetenfürsten führte Axton selbst eine Reihe von Analysen durch und testete anschließend das Gift an mehreren Versuchstieren – zuletzt gar am Herzen eines Tieres, das von seinem biologischen Aufbau her den Arkoniden am ähnlichsten war. Das Ergebnis war eindeutig. Das Gift war zwar tödlich, aber erst nach etwa einer Dezitonta, wobei sich die ersten Anzeichen allerdings bereits nach zwei Zentitontas einstellten. Eid Beste hätte genügend Zeit gehabt, sich das Gegenmittel zu verschaffen, hätte man ihn nicht daran gehindert. Axton rief den Nert zu sich. Dieser ließ sich jedoch verleugnen. An seiner Stelle erschien Peyko Baey im Labor. Er sah so kalt und unnahbar aus wie immer, sodass Axton fast versucht war, in ihm einen Roboter mit biologischer Hülle zu sehen. »Ich habe mich entschlossen, etwas Ungewöhnliches zu tun«, eröffnete der Verwachsene das Gespräch. »Ganz gegen meine sonstige Gewohnheit und ohne eine konkrete Spur des Täters zu haben, gebe ich Ihnen hiermit bekannt, dass Eid Beste ermordet wurde.« »Das ist doch nicht Ihr Ernst?« Baeys Augen wurden feucht – das erste Anzeichen einer Gefühlsreaktion. »Es ist mein voller Ernst. Ich habe eindeutige Beweise, die keinen Zweifel mehr lassen. Sie können sich darauf verlassen, dass ich den Täter entlarven werde, es sei denn, man versucht, mich vorher ebenfalls zu ermorden. Ein plötzlicher Tod meinerseits würde allerdings einen umso stärkeren Verdacht erregen, dass hier etwas vertuscht werden soll.« »Axton, was halten Sie von uns? Ein Mord ist ein absolut ungewöhnliches Ereignis auf Barthimore. Seit Jahrhunderten…«
»Unterrichten Sie Nert Arayshkat«, unterbrach Axton. »Und sagen Sie ihm, dass es wenig Sinn hat, sich vor mir zu verstecken.« Mit einer knappen Geste gab er dem Berater des Planetenfürsten zu verstehen, dass die Unterredung beendet war.
Nun hatte er sich endgültig Respekt verschafft. Das wurde besonders dadurch deutlich, dass Arayshkat da Barthimore zu ihm kam. Der Planetenfürst gab sich ausgelassen und überlegen, so als sei überhaupt nichts vorgefallen, doch Axton durchschaute das Gehabe und fragte schroff: »Was wollen Sie?« Der Baron setzte sich ihm gegenüber in einen Sessel. »Das wollte ich Sie eigentlich fragen.« »Das habe ich Ihnen doch erklärt. Ich will Bestes Mörder.« »Wirklich?« »Wie oft soll ich Ihnen das noch sagen?« Arayshkat stand wieder auf und ging in dem Zimmer auf und ab. Plötzlich sah er ernst und sorgenvoll aus; alles Jungenhafte fiel von ihm ab. »Axton, ich bin ein reicher Mann. Ich möchte Ihnen…« »Das interessiert mich nicht. Glauben Sie nur nicht, mich bestechen zu können.« Der Planetenfürst blieb stehen, rang sichtlich mit sich. »Sehen Sie, Axton, mein Benehmen tut mir aufrichtig leid. Ich möchte mich dafür entschuldigen. Es war abscheulich, was ich Ihnen angetan habe.« »Ich glaube Ihnen sogar, dass Sie es aufrichtig meinen. Aber ich sehe keine Möglichkeit mehr, die Entwicklung aufzuhalten. Es ist zu spät.« »Sie bestehen auf dem Duell?«
»Allerdings.« Damit schien der Baron nicht gerechnet zu haben. Er verfiel sichtlich, seine Augen wurden stumpf. »Sie werden mir keine Chance lassen.« Der Verwachsene antwortete nicht, bis sich der Arkonide langsam in den Sessel sinken ließ und die Hände vor das Gesicht legte. »Sie lieben das Leben, Arayshkat. Sie haben überhaupt noch nicht begriffen, dass das Leben auch Schattenseiten hat. Die Öde Insel ist groß – überall gibt es unbesiedelte Planeten, auf denen Sie unbehelligt leben könnten…« »Sie wissen, dass ich das nicht kann.« »Warum nicht?« »Die Ehre verbietet es mir.« »Dann bereiten Sie sich auf Ihren Tod vor«, sagte Axton brutal und gab seinem Gegenüber zu verstehen, dass er allein sein wollte. Der Planetenfürst verstand. Niedergeschlagen ging er hinaus. Axton blieb nicht lange allein mit seinem Roboter, der stumm in einer Ecke des Raums verharrte. Für den Besucher war nicht erkennbar gewesen, ob er aktiviert war oder nicht. Auch Aysha, die junge Frau des Planetenfürsten, konnte es nicht feststellen, als sie wenig später eintrat. Sie warf der Maschine einen irritierten Blick zu, fühlte sich von ihrer Anwesenheit offensichtlich gestört. Axton aber tat, als merke er nichts. Er ging der Arkonidin einige Schritte entgegen und begrüßte sie. »Was führt Sie zu mir?« »Das wissen Sie.« »Sie wollen das Duell verhindern?« Sie griff nach Axtons Händen und blickte ihn beschwörend an. »Sie werden darauf verzichten, nicht wahr?« »Warum sollte ich?« »Weil ich meinen Mann liebe.«
Er lächelte über dieses Argument und schüttelte den Kopf. »Aysha, es tut mir wirklich leid, aber ich habe nicht die Macht, das Duell jetzt noch zu unterbinden. Es ist zu spät. Ich habe meinen Stellvertreter schon bestellt; die Beleidigung gilt also auch für ihn, und er wird niemals darauf verzichten, sich Genugtuung zu verschaffen. Sie kennen doch die Regeln von Spentsch.« Sie verhielt sich ähnlich wie zuvor ihr Mann, sprang auf, eilte einige Schritte hin und her und blieb dann am Fenster stehen, sah auf den Park hinaus. Schließlich drehte sie sich um; ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Ich könnte Ihnen sagen, wer der Mörder von Eid Beste ist. Würden Sie dann…?« »Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich finde ohnehin heraus, wer Beste getötet hat, selbst wenn Sie mir nicht helfen.« Sie tupfte die Tränen mit einem Tuch aus den Augenwinkeln. »Ich glaube, jetzt verstehe ich. Sie sind gar nicht nach Barthimore gekommen, weil Sie den Mörder von Beste finden wollen, denn dann hätten Sie mein Angebot angenommen. Orbanaschol, dieser Gork, hat Sie geschickt, weil Sie meinen Mann vernichten sollen!« Als Axton darauf nichts erwiderte, wurde sie noch um eine Nuance blasser. »Es stimmt also! Sie haben die Beleidigung provoziert. Sie wollten von Anfang an nichts anderes als das Duell. Sie wollten…« »Jetzt ist aber genug, Erlauchte«, sagte Axton scharf. »Sie gehen zu weit. In Ihrer Angst um Ihren Mann denken Sie nicht mehr klar und werden ungerecht. Schon bei unserer ersten Begegnung hat mich Ihr Mann maßlos gedemütigt und beleidigt. Er war es, der so handelte. Es war seine Entscheidung.« »Ich hasse Sie!« »Und Orbanaschol.« »Ihn noch mehr!«, entfuhr es ihr, ehe sie sich erschrocken die
Hand vor den Mund schlug. »Und Ihr Mann auch«, ergänzte der Verwachsene. »Jetzt sehe ich klar. Eid Beste, der Verbindungsmann des Imperators, hat herausgefunden, dass Arayshkat ein Gegner Seiner Erhabenheit ist. Ich vermute sogar, dass sich diese Gegnerschaft nicht nur in gelegentlichen Meinungsäußerungen zeigt…« »Seien Sie still!« »Warum? War es nicht so, dass Ihr Mann von Beste überrascht und entlarvt wurde? Fühlte sich Ihr Mann durch ihn bedroht? Ließ er ihn deshalb umbringen?« »Sie sind ja verrückt.« »Eid Beste hantierte mit Waffen, von denen er das Gift entfernt hatte. Er wusste nicht, dass es nachträglich wieder angebracht worden war. Als er sich verletzt hatte und die beginnende Lähmung spürte, rief er um Hilfe – aber niemand kam. Man hat gewartet, bis er tot war, und danach das Zimmer so präpariert, dass alles nach einem Unglücksfall aussah. War es nicht so, Aysha?« Die Arkonidin zitterte vor Angst, schüttelte den Kopf. »Nein, Axton, so war es nicht.« »Sie meinen, dazu passt nicht, dass Arayshkat so sorglos und übermütig war? Sie meinen, er hätte sich fürchten müssen, als ich als Beauftragter Orbanaschols kam, um den Fall zu untersuchen? Keineswegs. Ich glaube nämlich, dass er sich seiner Sache so sicher war, dass er eine Aufdeckung der Wahrheit für unmöglich hielt. Nun, er hat sich getäuscht.« Die junge Frau tat ihm leid, aber er war noch nicht bereit, sie aus ihrer Angst zu befreien. Er hatte nur Vermutungen ausgesprochen und dabei sorgfältig auf ihre Reaktionen geachtet. Axton wusste nun, dass er der Wahrheit nahe war. Allerdings beunruhigte ihn, dass Arayshkat ein Gegner Orbanaschols war und offensichtlich etwas getan haben
musste, was dem Imperator schaden konnte. »Sie sind hart und grausam, Lebo Axton.« »Ich suche einen Mörder. Weiter nichts. Finden Sie, dass ein Mörder ungestraft davonkommen sollte?« Aysha antwortete nicht, sondern eilte aus dem Raum. Axton folgte ihr kurz darauf auf Kellys Rücken, ließ sich zu den Räumen Eid Bestes tragen und nahm hier die Spur auf, die er entdeckt hatte. Er vertiefte sich in die Aufzeichnungen des Agenten des Imperators. Dabei war er sich klar darüber, dass die Gehilfen des Planetenfürsten alles beseitigt hatten, was Arayshkat da Barthimore belasten konnte, doch das bedeutete für einen Mann wie Sinclair Marout Kennon alias Lebo Axton wenig. Ein Mann mit seinem ungewöhnlichen Können und seiner außerordentlichen Erfahrung als USO-Spezialist und Kosmokriminalist war von den in diesen Dingen praktisch unerfahrenen Männern des Planetenfürsten nicht zu täuschen. Da er wusste, worum es ging, entdeckte er die Lücken in den Aufzeichnungen und konnte aus ihnen die richtigen Schlüsse ziehen. Die Helfer Arayshkats hatten nicht bemerkt, dass sich wichtige Hinweise und versteckte Andeutungen durch den gesamten Bericht zogen. Aus ihnen ließ sich ein mosaikartiges Bild zusammensetzen. Gegen Mittag wusste Axton, wo er mit der Suche fortfahren musste. Die Bewohner des Palastes mieden ihn und gingen ihm aus dem Weg, wo sie nur konnten. Er sah weder Nert Arayshkat noch Aysha, und als er versuchte, sie über einen Diener zu erreichen, ließen sie sich verleugnen. Dann geriet Axton jedoch an einen Punkt, an dem er nicht weiterkam. Arayshkat war ein Gegner Orbanaschols III. – daran zweifelte er nicht mehr. Das bedeutete aber nicht zwangsläufig, dass er ein Freund und Befürworter Atlans war, obwohl Axton glaubte, einige Hinweise dafür entdeckt zu haben. Eid Beste hatte klare Beweise gegen den Baron gefunden. Sie mussten
noch vorhanden sein. Axton vermutete, dass sie in der Mediathek des Palastes zu finden waren. Er stellte eine Visifonverbindung zu Baey her. Der Berater des Planetenfürsten hatte sich in der Gewalt und sah kalt und finster aus. »Ich möchte die Mediathek besichtigen«, sagte Axton. »Führen Sie mich sofort dorthin.« »Sie gehört zum privaten Bereich des Palastes. Niemand hat dort Zugang.« »Sie ist Bestandteil meiner Untersuchung. Wollen Sie, dass in meinem Bericht vermerkt wird, dass aufgrund Ihrer Ablehnung Arayshkat als der Hauptverdächtige angesehen wird?« »Warten Sie, ich melde mich.« Baey schaltete ab. Axton wartete jedoch nicht, stieg auf den Rücken des Roboters und ließ sich zur Mediathek tragen. Aus Aufzeichnungen, die er unter der Hinterlassenschaft Bestes gefunden hatte, wusste er, wo sie war. Er kam gerade rechtzeitig, sodass er sehen konnte, dass Arayshkat einige Speicherkristalle aus dem Archiv entfernen wollte. Der Planetenfürst fuhr erschrocken herum, als er hörte, wie sich die Tür öffnete. »Ah, Erhabener«, sagte Axton. »Zu Ihnen wollte ich gerade.« Der Mann saß in der Falle. Er wusste es und gab allen Widerstand auf. »Treten Sie ein.« »Wollen Sie mir nicht zeigen, was die Datenspeicher enthalten?« »Nein. Dazu bin ich nicht verpflichtet.« Axton spürte, dass der Arkonide am Ende war. Er schloss die Tür und streckte die Hand aus. In diesem Augenblick blinkte das Rufzeichen am Visifon. Der Arkonide schaltete es ein, war offensichtlich froh über die Störung. Doch die Nachricht, die ihm Baey übermittelte, war niederschmetternd: »Der Stellvertreter des Krüppels ist eingetroffen.«
Lebo Axton stand so, dass ihn die Aufnahmeoptik nicht erfasste. Bevor Baey noch mehr sagen konnte, rief Arayshkat da Barthimore hastig: »Lebo Axton ist hier!« Der Terraner ließ sich von Kelly in den Aufnahmebereich tragen. »Wir möchten Terlot da Keithy sehen. Sorgen Sie dafür, dass die entsprechenden Aufnahmen übertragen werden.« Baey antwortete nicht, zog sich eilig zurück und schaltete um. Axton und Arayshkat konnten den Raumhafen sehen. Das eben gelandete Schiff wurde herangezoomt. Einige Zentitontas verstrichen, bis sich die Bodenschleuse öffnete. Ein riesiger Arkonide erschien. Der Planetenfürst stöhnte auf, als er ihn sah. Terlot da Keithy war auf den ersten Blick als Arenakämpfer zu erkennen, sein kantiges Gesicht von Narben übersät. Er trug das Haar kurz, sodass es ihn beim Kampf nicht behindern konnte. Am Gürtel hingen beiderseits schwere Energiestrahler. »Der Mann kommt mir bekannt vor«, murmelte Nert Arayshkat und zeigte auf Fächer, die Speicher- und Datenkristalle enthielten. »Das ist kein Wunder«, sagte Axton. »Nach den Austragungsgesetzen von Spentsch darf ich mir einen Stellvertreter aussuchen, der das Duell für mich austrägt. Es ist doch wohl selbstverständlich, dass ich einen Mann wähle, der alle Aussichten hat, den Kampf zu gewinnen. Terlot gilt als der beste Mannaxkämpfer des Imperiums. Er hat noch nie einen Kampf verloren.« Das Gesicht des Kämpfers füllte inzwischen die Bildfläche. Arayshkat da Barthimore wich unwillkürlich etwas zurück. Aus den Augen des Arenakämpfers schlug ihm eine furchterregende Kälte entgegen. »Ich habe keine Chance, Axton.« Wenige Tastenberührungen genügten, um eine gespeicherte
Sequenz auszuwählen, die sofort auf dem Bildschirm erschien. Terlot erschien im Bild. Dieses Mal sah Axton ihn bei einem wilden Schwertkampf. Die Szene war nur kurz, denn der Mann tötete seinen Gegner rasch. Unmittelbar darauf aber blendete die Aufzeichnung um zu einem Kommentator, der zunächst einige belanglose Worte sagte, dann aber erklärte: »Wieder einmal stieß Terlot da Keithy auf einen Gegner, der geschwächt erschien. Eine Untersuchung wird zeigen, was hier wirklich geschehen ist. Hartnäckig halten sich die Gerüchte, die besagen, dass er die Kampfstätten schon vorher präpariert, sodass es sein Gegner nicht nur mit ihm, sondern auch mit allerlei verborgenen Fallen zu tun hat.« Damit endete der Film. Arayshkat blickte Axton erregt an. »Jetzt verstehe ich. Was Sie planen, ist kein echtes Duell, sondern Mord. Und ich soll das Opfer sein.« Axton streckte seine Hand aus. »Zeigen Sie mir die Daten, vielleicht kann ich dann noch etwas für Sie tun.« »Das glaube ich nicht.« »Wenn Sie es nicht tun, gibt es wirklich keine Chance mehr für Sie. Sie haben selbst festgestellt, dass Sie in einer Falle sitzen, aus der es keinen Ausweg mehr gibt. Da hilft es Ihnen auch nicht mehr, wenn Sie die Speicherkristalle vor mir verbergen oder gar vernichten.« Der Planetenfürst gab endgültig auf, schob Axton die kleinen Kristalle zu. Dieser reichte sie an Kelly weiter, der sie nacheinander in das Positronikterminal schob. Axton verfolgte die Filme mit höchster Konzentration, aber er konnte absolut nichts Verdächtiges feststellen. Da er aber merkte, dass Nert Arayshkat ihn ständig beobachtete, und er wusste, dass die Filme belastendes Material enthielten, ließ er sich seine Enttäuschung nicht anmerken, sondern setzte ein leichtes Lächeln auf. Die Filme zeigten nur, wie der Planetenfürst einige Männer am Raumhafen empfing, wie er sich mit ihnen
unterhielt und wie er ihnen schließlich mehrere Kisten übergab, die mit farbigen Symbolen versehen waren. Axton konnte damit auf Anhieb nichts anfangen. Als die letzten Bilder erloschen, wandte er sich dem Baron zu. Dieser blickte ihn voller Spannung an. »So ist das also«, sagte Axton und beobachtete den Arkoniden nicht weniger scharf als dieser ihn. »So etwas Ähnliches habe ich mir gedacht.« Er hatte sich absolut in der Gewalt, während Arayshkat um sein Leben zitterte. Der Arkonide konnte nicht wissen, wie wenig der Terraner wirklich von dieser Zeit wusste. So intensiv er sich auch mit der Geschichte des arkonidischen Imperiums auseinandergesetzt hatte – er konnte nicht alle Gesichter der vielen Arkoniden kennen, die in dieser Zeit eine Rolle gespielt hatten. Selbst wenn sie alle gespeichert und überliefert worden wären, beschränkte sich das Wissen der besten Hypnoschulungen dennoch auf die wirklich überragenden Persönlichkeiten, während die anderen bestenfalls am Rande auftauchten, wenn überhaupt. Axton ging aber von der Voraussetzung aus, dass sich unter den Männern, die er im Film gesehen hatte, jemand befunden haben musste, der Orbanaschol den Kampf angesagt und sich vielleicht für Atlan ausgesprochen hatte. Arayshkat schwieg eine geraume Weile, während Axton ihn ständig ansah. Dann hielt der Arkonide dem Blick nicht mehr stand und wandte sich ab. »Was wollen Sie noch? Sie wissen jetzt, dass ich mit Weshtrozin, Pouktra und dem Bärtigen Wentho verhandelt habe. Na und?« Er sprang auf. »Ja, ich gebe zu, dass ich Orbanaschol verabscheue und dass ich ihn lieber heute als morgen vernichten würde. Ich gestehe, dass ich versucht habe, Kristallprinz Atlan finanzielle Mittel zukommen zu lassen. Es ist nicht gelungen. Weshtrozin und seine Freunde starben im Feuer der Methans. Das ist das
Einzige, was ich bereue.« Lebo Axton war so erregt, dass ihm für einige Zeit die Stimme versagte, dann aber fragte er heiser: »Sie wissen, wo sich Atlan befindet?« »Ich weiß, wo er für einige Pragos war. Jetzt ist es zu spät. Die Verbindung, die ich zu haben glaubte, ist wieder abgerissen. Aber selbst wenn ich es wüsste, wo Atlan ist, würde ich es Ihnen bestimmt nicht verraten.« Lebo Axton wusste nicht, was er sagen sollte. Da war es ihm endlich gelungen, jemanden zu finden, der ihm Hinweise auf Atlans Aufenthaltsort geben konnte, der Atlan wirklich wirksame Hilfe leisten konnte, und ausgerechnet diesen Mann hatte er in eine Falle gelockt, aus der es kein Entkommen mehr geben konnte.
»Sind Sie sicher, dass uns hier niemand hören kann?«, fragte Axton. »Natürlich. Absolut sicher. Warum fragen Sie?« Der Verwachsene antwortete nicht, sondern überlegte fieberhaft, was er tun konnte. Er wollte den Planetenfürsten unter diesen Umständen auf keinen Fall opfern. Arayshkat aber verstand ihn falsch, konnte sich nicht vorstellen, dass sich das Blatt für ihn noch einmal wenden könnte. Dennoch versuchte er, etwas für seine Rettung zu tun. »Ich sage Ihnen, wer Eid Beste getötet hat und warum.« »Das will ich gar nicht wissen.« »Ich werde es Ihnen dennoch sagen. Es war Peyko Baey. Er hat es getan, weil Beste entdeckt hat, dass ich ein Freund Atlans bin. Er wollte mich retten.« »Und Sie lassen ihn fallen, weil Sie glauben, dass für Sie alles verloren ist«, sagte Axton verächtlich. »Vermutlich kann sich Atlan ebenso wenig auf Sie verlassen wie Baey.«
Der Baron wurde noch bleicher. Mit tränenfeuchten Augen blickte er Axton an. »Sie reden, als täte es Ihnen leid, dass ich den Namen des Mörders genannt habe.« »Richtig.« Nert Arayshkat war fassungslos. »Wie soll ich das alles verstehen? Was haben Sie vor?« »Nun, ich will Ihnen die Wahrheit sagen: Ich bemühe mich, an den Hof Orbanaschols zu kommen. Ich strebe an, ein einflussreicher Mitarbeiter im Geheimdienst des Imperators zu werden. Noch aber genieße ich nicht das nötige Vertrauen. Ich soll beweisen, dass ich loyal bin. Deshalb habe ich den Auftrag erhalten, Sie zu vernichten. Orbanaschol hat ein Auge auf diese Welt geworfen und will sie unbedingt haben. Zweifellos gab es einige kleinere Vorfälle, sodass Sie ihm ohnehin ein Dorn im Auge sind. Deshalb müssen Sie weg. Das ist alles.« »Dann hätten Sie auf jeden Fall versucht, ein Duell herbeizuführen, selbst wenn ich mich anders verhalten hätte?« »So ist es. Sie waren bereits so gut wie tot, als ich meinen Fuß auf den Boden dieser Welt setzte.« Der Planetenfürst senkte den Kopf und schwieg. Lebo Axton wartete eine Weile. Als Arayshkat auch dann noch nichts gesagt hatte, fragte er: »Wollen Sie denn nicht kämpfen?« »Wie denn? Gegen einen Arenakämpfer wie Terlot da Keithy? Unmöglich.« »Warum?« »Weil die Arena mit Fallen gepflastert sein wird.« »Noch sind Sie hier der Herrscher. Sie können den Mannaxkämpfer daran hindern, Ihnen Fallen zu stellen. Sie könnten selbst welche aufbauen.« »Das sagen Sie mir?« »Das sage ich Ihnen, weil es Ihre einzige Chance ist, diese Angelegenheit zu überleben. Töten Sie Ihren Gegner, haben Sie einen Aufschub erreicht. Vielleicht können Sie später
Orbanaschol beweisen, dass Sie für ihn von großem Wert sind. Aber das wird Ihre Aufgabe sein.« Arayshkat sah Axton an, als sehe er ihn zum ersten Mal. »Warum tun Sie das?«, fragte er verwirrt. »Erst wollen Sie mich töten, und jetzt wollen Sie mich retten? Warum das?« »Als ich kam, wusste ich noch nicht, dass Sie ein Freund Atlans sind. Das ist alles.« Axton gab Kelly einen Wink und ließ sich hinaustragen. In der Tür wandte er sich noch einmal um. »Wo ist die Arena?« Der Planetenfürst sagte es ihm.
2. Aus: Biographie Atlans – Anhang: Fragmente, Anmerkungen, Marginalien (in vielen Bereichen noch lückenhaft); Professor Dr. hist. Dr. phil. Cyr Abaelard Aescunnar; Gäa, ProvconFaust, 3565 n.Chr. Neben dem staatlichen Gewaltmonopol hatte es bei den Arkoniden von jeher die Möglichkeit der individuellen Auseinandersetzung gegeben – in Arenen ebenso wie beim Duell oder Tjost –, deren Einzelheiten im Verlauf der Jahrtausende ritualisiert wurden. Formen der Duell-Forderung, Wahl der Waffen, Teilnahme von Sekundanten und Schiedsrichtern, genau festgelegte Verhaltensweisen, von Ablehnung oder der Bestimmung von Stellvertretern – alles das umfassten die Kodexformeln gemäß Spentsch und Mannax. Kein Ehrenmann arkonidischer Abstammung zog es in Zweifel, sogar Essoya akzeptierten es als Ausdruck einer Auseinandersetzung, in die sich der Staat nicht einzumischen hatte, weder auf imperialer noch auf lokaler Ebene, Gewaltmonopol hin oder her. Manche Kämpfe gewannen vor diesem Hintergrund mitunter die Qualität eines Gottesurteils, und auch das war von allen ohne Wenn und Aber akzeptiert. Es gehörte zu Arkon und dem Großen Imperium wie die KAYMUURTES, die Drei Welten oder Thantur-Lok.
Barthimore: 9. Prago der Prikur 10.498 da Ark Die Kampfstätte lag in einer gepflegten Parklandschaft und wurde zu einem kleinen Teil von einem See begrenzt, in dem sich gefährlich aussehende Echsen bewegten. An der anderen Seite konnten undurchdringliche Energiezäune erreichtet werden, wie Axton an verborgenen Prallfeldprojektoren erkannte. Die Zuschauer fanden auf zahlreichen Tribünen Platz, die zwischen blühenden Baumgruppen aufragten. Von
dort hatten sie einen hervorragenden Blick auf das Geschehen. Als Axton beschloss, sich von Kelly zu einer Tribüne tragen zu lassen, entdeckte er Terlot da Keithy. Der riesige Arkonide stand zwischen zwei Bäumen, trug ein braunes Gewand und hob sich kaum von der Umgebung ab. Aus zusammengekniffenen Augen betrachtete er die Arena, die mit feinem rotem Sand ausgelegt war. Der Mann bückte sich zu einem Koffer, der neben ihm auf dem Boden stand. In diesem Augenblick bauten sich die Energiezäune bis zu einer Höhe von vier Metern auf. Der Arkonide zuckte zusammen; damit schien er nicht gerechnet zu haben. »Hin zu ihm!«, befahl Axton. Der Arkonide fuhr blitzschnell herum, als er die Schritte des Roboters vernahm. Seine rechte Hand glitt zum Energiestrahler am Gürtel und zog ihn so schnell, dass Axton die Bewegung kaum verfolgen konnte. »In jeder Phase der Kämpfer«, sagte Lebo Axton lächelnd. »Ich begrüße Sie, Erhabener.« Der Arkonide schob die Waffe zurück und nickte gelassen, deutete dann auf den Energiezaun und fragte: »Wer hat das veranlasst?« »Ich weiß es nicht. Vermutlich Arayshkat.« »Ich muss die Arena betreten, bevor wir kämpfen.« »Das wird Ihr Gegner nicht zulassen.« Der Arkonide wurde nachdenklich. Dass er keine anderen Fragen stellte, verriet Axton, dass man ihn auf Arkon I sorgfältig instruiert hatte. »Na schön«, sagte der Kämpfer schließlich. »Dann machen wir es anders. Wann soll der Kampf stattfinden?« »Heute Abend.« Terlot da Keithy bückte sich erneut und öffnete den Koffer. Darin lagen eine Pistole mit einem auffallend dicken Lauf und einige Geschosse, die mit unterschiedlichen Farben
gekennzeichnet waren. Der Arkonide nahm einige davon, lud die Pistole, richtete sie auf die Arena und feuerte sie ab. Das erste Projektil glitt lautlos über den Energiezaun hinweg und bohrte sich in den Sand der Arena, ohne eine Spur zu hinterlassen. Auch die anderen Geschosse wurden so über den Zaun befördert. Axton, der den Mann aufmerksam beobachtete, stellte fest, dass Terlot sie nach einem ganz bestimmten System verteilte, sodass er sie später wiederfinden konnte, obwohl keine Zeichen im Sand zu sehen waren. Und Axton war sich sicher, dass er wiederum behalten würde, wo der Kämpfer seine Fallen aufgebaut hatte. Überdies hatte Kelly alles aufgezeichnet und gespeichert.
»Ich habe mehrere Räume für Sie im Palast reservieren lassen«, sagte Axton, als Terlot seine Vorbereitungen abgeschlossen hatte. »Wenn Sie wollen, können Sie dort etwas essen und trinken.« Der Kämpfer nahm ein mit Federn, langhaarigem Pelz, seltsamen Gebilden und Symbolen verziertes Etwas aus dem Koffer, stülpte es sich über den Kopf und setzte sich auf den Boden, den Blick starr auf die Arena gerichtet. »Ich bleibe hier«, sagte er mit energischer Stimme. »Ich nehme nichts zu mir, und ich lasse den Kampfplatz nicht aus den Augen, bis alles vorbei ist.« Diese kompromisslos vorsichtige Haltung wurde für Axton ein Problem, denn nun konnten er und Arayshkat keine Vorbereitungen mehr treffen. »Wir sehen uns später«, sagte Axton, versetzte dem Roboter einen Fausthieb auf den Schädel und gab diesem damit zu verstehen, dass er zum Palast zurückkehren wollte. Mittlerweile kamen von dorther einige adlige Frauen und Männer, blieben in einiger Entfernung stehen und betrachteten
den Arenakämpfer mit gewisser Furcht. Sie alle wussten, dass dieser Mann von Duell zu Duell zog und vom Töten lebte. »Wir sitzen in der Falle«, sagte Axton, als er sicher war, dass ihn niemand hören konnte. »Für Arayshkat ist es zu spät, die Arena zu präparieren. Außerdem müssen wir etwas tun, um Terlot in Misskredit zu bringen. Sollte tatsächlich ein Wunder geschehen, müssen wir Orbanaschol gegenüber begründen, weshalb Arayshkat überlebt hat und nicht von uns erledigt wurde.« »Unmöglich«, erwiderte der Roboter. »Ich sehe keine ausreichende Wahrscheinlichkeit für einen Plan, Nert Arayshkat zu retten.« »Du bist zu dumm, überhaupt einen Plan zu fassen. Da du das nicht kannst, kannst du die Erfolgsaussichten eines Plans auch nicht beurteilen. Logisch?« »Logisch.« »Also akzeptierst du, dass du dumm bist?« »Das nicht, aber ich tue alles, um dich psychologisch aufzubauen.« Axton packte den Roboterkopf und versuchte, ihn zu drehen, aber es gelang ihm nicht. Hilflos rutschten seine schwachen Hände an dem glatten Arkonstahl ab. »Ich bringe dich um«, rief er stöhnend. »Ich vernichte dich Schraube für Schraube.« »Ich habe keine einzige Schraube.« »Du verstehst eben keine bildliche Sprache. Du bist strohdumm.« »Ich wundere mich sehr über gewisse Ausdrücke, Schätzchen. Sie haben keine Entsprechung im Satron.« »Kümmere dich nicht um meine Sprache, sondern hilf mir.« Sie hatten den Palast erreicht. Kelly blieb stehen. »Eine Idee, Kelly«, seufzte der Verwachsene. »Ich brauche eine Idee. Wo kann ich ansetzen?«
»Vielleicht bei der Frage, ob die Mediathek wirklich abhörsicher ist?« »Wie meinst du das?« Der Roboter antwortete, aber der Terraner hörte ihn nicht mehr. Seine Gedanken überschlugen sich förmlich. Er trieb die Maschine in den Kugelpalast, weil ihm siedend heiß geworden war. War das Gespräch mit Arayshkat abgehört und aufgezeichnet worden, war er ebenfalls verloren. Ungehindert betraten sie die Mediathek. Axton begann sofort mit der Untersuchung. Seine Erfahrung half ihm, jene Stellen aufzufinden, die infrage kamen. Eine halbe Tonta lang schien es so, als sei alles in Ordnung. Dann aber stieß Axton auf eine winzige Linse und ein nicht weniger kleines Mikrofon. Schlagartig war ihm klar, dass sich irgendwo im Palast eine Aufzeichnung befand. Er löste die Kamera aus der Wand und stellte fest, dass sie mit einem haarfeinen Kabel verbunden war. Das erleichterte die Arbeit. Nahezu aussichtslos wäre seine Position gewesen, hätte die Kamera die Aufzeichnungen per Funk weitergegeben. Da das allerdings leichter anzumessen gewesen wäre, hatten die Überwacher darauf verzichtet. So justierte Axton die im Ovalkörper eingebauten Geräte auf das Kabel und überließ Kelly die Suche. Der Roboter peilte sich ein und folgte dem Kabel: Es führte zum Boden, von dort zu einer dreidimensionalen Projektion einer Planetenlandschaft und von da aus durch die Wand neben der Tür. Axton machte sich darauf gefasst, den halben Palast durchqueren zu müssen. Doch schon nach wenigen Metern verschwand das Kabel in einem kleineren Raum, der als Archiv gekennzeichnet war. Axton ließ den Roboter als Wache vor der Tür zurück, als es ihm nicht gelang, sie zu öffnen. Zu Fuß machte er sich auf die Suche nach dem Planetenfürsten; er fand ihn in seinen Privatgemächern, wo er sich einen Lehrfilm über Schwertkämpfe ansah.
»Ich muss Sie stören, Erhabener«, sagte Axton. »Sie müssen mir einen bestimmten Raum öffnen.« Mit knappen Worten erklärte er, was er entdeckt hatte. Arayshkat, der ohnehin schon blass war, wurde noch um eine Nuance bleicher. »Allmählich begreife ich, dass ich mich wirklich wie ein Narr benommen habe. Ich bildete mir ein, hier von Orbanaschol unbehelligt leben zu können, und dabei stand ich schon lange auf seiner Abschussliste.« Er begleitete Axton zu dem Archivraum, öffnete ihn und ließ den Verwachsenen eintreten. Der Roboter entdeckte das Aufzeichnungsgerät nach wenigen Augenblicken. Es war aktiviert. »Vielleicht haben wir Glück«, sagte Axton. »Es sieht so aus, als habe sich der Spitzel des Imperators die Aufzeichnung noch nicht angesehen.« »Ist das nicht egal?« »Ganz und gar nicht. Wer hat Zugang zu diesem Raum?« »Nur zwei Männer. Kahush und Ouzhan. Bedienstete.« »Könnte sich sonst jemand eine Kodekarte besorgt oder sonst wie Zugriff verschafft haben?« »Natürlich. Aber das wäre sinnlos. Die beiden sind außer mir die Einzigen, die diesen Raum betreten, weil ich mir die dort archivierten Datenkristalle bringen lasse. Es gibt keinen Direktzugriff per Terminal der Mediathek. Ein anderer hätte daher das Aufzeichnungsgerät anderswo versteckt, aber nicht hier.« »Gut, gehen wir davon aus, dass diese beiden die Spitzel sind. Schicken Sie sie irgendwohin, möglichst weit weg. Ich brauche zwei Tontas.« »Was haben Sie vor?« »Ich werde die Aufzeichnung manipulieren. Danach wird sich das Gespräch so anhören, als hätten wir genau das Gegenteil gesagt. Ich werde Sie als leidenschaftlichen
Befürworter Orbanaschols erscheinen lassen.« »Das geht?« »Ich kann es. Und jetzt beeilen Sie sich.« Als er allein war, stürzte sich Axton auf die Arbeit, die äußerste Konzentration erforderte. Glücklicherweise konnte ihm die Positronik Kellys eine Menge abnehmen und ihm die Organisation der Manipulation überlassen. Der Terraner hatte solche Verfälschungen von Aufzeichnungen im Rahmen der USO-Tätigkeit bereits vieltausendfach vorgenommen. Dort hatte er allerdings den Vorteil gehabt, dass ihm fast immer eine perfekte Bearbeitungsmaschinerie zur Verfügung stand. Hier aber musste alles mühsam »von Hand« erledigt werden. Das erforderte Zeit. Es galt nicht nur, die Lippenbewegungen so umzuschneiden, dass sinnvolle Worte dabei herauskamen, Axton musste auch insgesamt einen völlig neuen und akzeptablen Dialog entwickeln. Ganz zu schweigen davon, dass die komplette Kodierung zu überarbeiten war. Als Arayshkat da Barthimore nach zwei Tontas zurückkehrte, lehnte sich Axton erschöpft zurück. »Ich denke, wir haben es geschafft.« »Was hilft das schon – gegen Terlot da Keithy habe ich keine Chance.« »Vielleicht doch.« »Wie denn, Axton? Sagen Sie mir, wie ich gegen diesen Kämpfer bestehen soll.« »Bleiben Sie ruhig, Mann. Mithilfe meines Roboters werde ich herausfinden, wie er seine Fallen aktivieren will. Ich vermute, dass es mit Funkbefehlen geschehen soll.« »Das glaube ich nicht. Wie sollte er das machen?« »Beispielsweise dadurch, dass er ein paar versteckte Knöpfe am Griff seines Schwertes betätigt.« »Dann glauben Sie, dass ich…« »Ich muss erst die Frequenz herausfinden. Dazu ist leider
notwendig, dass Terlot einige Fallen aktiviert. Das Risiko müssen Sie eingehen. Sie müssen es schaffen, allein aus ihnen herauszukommen. Später werde ich die Fallen einschalten, sobald sich Terlot über ihnen befindet.« Er blickte den Planetenfürsten an, der nicht an seine Chance glaubte. Er hatte Angst vor dem Kampf. »Wir spielen jetzt den Film ab.« »Sind Sie verrückt? In einer halben Tonta beginnt der Kampf. Und Sie wollen, dass ich mir die manipulierte Aufzeichnung betrachte?« »Ich bestehe darauf.« »Warum?« »Weil ich will, dass Sie sich über die Chance klar sind, die Sie haben, wenn Sie den Kampf überleben.« Axton aktivierte die Aufzeichnung. Nert Arayshkat verfolgte staunend ein Gespräch, an dem er selbst teilgenommen hatte, in dem jedoch kaum noch ein Satz so war, wie er ihn von sich gegeben hatte. »Hätte ich es nicht mit eigenen Augen gesehen, würde ich es nicht glauben.« Er schien wieder ein wenig Hoffnung geschöpft zu haben. Der Verwachsene richtete alles so wieder her, wie es gewesen war, sodass die Spitzel das Imperators keine Veränderung feststellen konnten. Dann begaben sich die Männer zum Ausgang des Palastes und sahen zur Arena. Dort hatte sich eine große Menge versammelt – Freunde, Verwandte, Bekannte, Bedienstete und Militärs umgaben die Kampfstätte. Die Frau des Planetenfürsten eilte zu ihrem Mann und umschlang ihn; dann erst merkte sie, dass Axton mit seinem Roboter nur wenige Meter entfernt stand, und blickte ihm hasserfüllt entgegen. »Verschwinden Sie!« »Beruhige dich, Aysha«, sagte der Arkonide leise. »Es ist alles anders, als du glaubst. Axton will mir helfen.« »Und das glaubst du?«
»Allerdings!« Mit knappen Worten erklärte er ihr, was vorgefallen war, aber sie war nicht so leicht zu überzeugen. Der Hass in ihren Augen erlosch nicht. »Atlans Freund oder nicht – er war es schließlich, der dich in diese Situation gebracht hat.« Sie drehte dem Verwachsenen den Rücken zu. »Ich muss zu Terlot. Entschuldigen Sie mich.« Axton trieb den Roboter an. Bei der Arena verstummten die Gespräche, als die Zuschauer Axton, Aysha und Arayshkat sahen. Der Verwachsene stieg neben Terlot von dem Roboter. Der Kämpfer saß noch immer an seinem Platz und rührte sich nicht. Mit beiden Händen hielt er das Schwert – und verdeckte dabei den Griff so, dass Axton keine Schaltvorrichtungen entdecken konnte. »Alles klar?« »Selbstverständlich. Der Kampf wird leicht sein.« »Ich will nicht, dass er allzu schnell vorüber ist.« Die Lippen des Arkoniden verzogen sich. »Soll ich mit ihm etwas spielen?« »Es soll zumindest nach einem Kampf aussehen, nicht nach einem brutalen Abschlachten.« »Ich kämpfe immer und gebe den Zuschauern, was sie wollen. Es wird so aussehen, als habe Arayshkat eine Chance.« »Gut.« Axton stieg wieder auf den Roboter und ließ sich bis an den Energiezaun herantragen. Ein Pfiff ertönte. Axton drehte sich um. Arayshkat hatte Terlot erreicht und blieb neben ihm stehen. Der Kämpfer erhob sich würdevoll, beachtete den Planetenfürsten jedoch nicht. Unter den Bäumen trat ein Mann vor, der von Kopf bis Fuß in flammend rote Gewänder gekleidet war. Er trug einen breitkrempigen Hut mit einer großen Feder und hielt in den Händen das für Arayshkat vorgesehene Schwert. Langsam schritt er auf Axton und den
Roboter zu, eine Strukturlücke öffnete sich im Prallfeldzaun. Axton stieg von Kellys Rücken und ging neben dem Mannaxmeister bis zum Mittelpunkt der Arena. Unter den Bäumen war es absolut still geworden. Der Rotgekleidete stieß das Schwert in den Sand. »Du bist beleidigt worden, Lebo Axton«, rief er. »Nach den Gesetzen des Mannax hast du das Recht, Genugtuung zu verlangen. Bestehst du darauf?« »Ich bestehe darauf.« Der Verwachsene musste steil nach oben sehen, um dem Laktrote ins Gesicht blicken zu können. »Du hast das Recht, dich durch einen anderen vertreten zu lassen, wenn du dich zu schwach für einen Kampf fühlst. Willst du dein Recht in Anspruch nehmen?« »Ich will.« »So benenne deinen Vertreter.« »Es ist Terlot da Keithy.« Ein Raunen ging durch die Menge, als der Benannte mit gemessenen Schritten die Arena betrat und neben den beiden Männern stehen blieb. Nun kam auch Arayshkat da Barthimore und erhielt vom Mannaxmeister das Schwert. »Der Kampf soll erst zu Ende sein, wenn einer der beiden Kämpfer tot ist.« Der Rotgekleidete setzte sich auf den Boden, Axton ließ sich neben ihm nieder. Er blickte zu Kelly hinüber, der außerhalb des Energiezauns stand. Nun hing alles von dem Roboter ab. Gelang es ihm, rechtzeitig das Geheimnis der Fallen zu enträtseln, war Arayshkat mit etwas Glück zu retten.
Terlot da Keithy hob das Schwert und drehte es so, dass es das Sonnenlicht reflektierte. Blendende Blitze glitten über das Publikum. Arayshkat blickte Axton an; er hatte Angst, war
bleich, seine Augen tränten. Eine Böe spielte in seinem Haar. Der Mannaxmeister nahm eine grüne Feder aus dem linken Ärmel und blies sie in die Luft. Eine Böe erfasste sie und trieb sie hoch über die Köpfe der beiden Kämpfer. Terlot behielt Arayshkat im Auge, während dieser die Feder beobachtete. Sie verharrte in einer Höhe von drei Metern still in der Luft und fiel dann taumelnd zu Boden. Kurz bevor sie den Sand berührte, wurde sie erneut hochgewirbelt, dann sank sie langsam herab. Kaum war sie zur Ruhe gekommen, stürzte sich Terlot mit einem wilden Schrei auf den Planetenfürsten. Dieser hatte gerade noch Zeit, sein Schwert hochzureißen und zur Seite zu springen. Dennoch war er nicht schnell genug. Die Klinge des Kämpfers strich dicht an seinem Kopf vorbei und trennte ein Haarbüschel ab. Erst in diesem Moment schien dem Baron bewusst zu werden, wie scharf die Waffe seines Gegners war und was es bedeutete, wenn er von ihr getroffen wurde. Er wich zurück, die Augen geweitet. Terlot hob die abgeschnittenen Haare mit der Schwertspitze auf und schleuderte sie in die Luft. »Das war knapp«, sagte er. »Es hätte auch die Halsschlagader sein können.« Langsam richtete er das Schwert auf seinen Gegner, der ihn mit gespreizten Beinen erwartete und seine Waffe schützend vor den Oberkörper hielt. Die Klingen prallten zusammen, und Lebo Axton verfolgte entsetzt, dass Arayshkat unter der Wucht des Hiebes in die Knie ging. Der Planetenfürst wollte sich nach hinten werfen, aber seine Bewegungen waren so schwerfällig und träge, als klebe er mit den Füßen am Boden. Das tat er tatsächlich! Er war in die erste der Fallen seines Gegners gestolpert. Axton konnte nur ahnen, wie hoch die künstlichen Gravitationswerte waren, die nun an dem Mann zerrten. Arayshkat kam nicht frei, stürzte rückwärts zu Boden, und Terlot war mit zwei schnellen Schritten über ihm. Verächtlich lächelnd blickte er auf den Planetenfürsten hinab,
hob sein Schwert. In diesem Moment, als die Zuschauer erschreckt von ihren Plätzen aufsprangen und das Ende erwarteten, klang ein dumpfes Rollen über das Land. Terlot zögerte, blickte zum blassblauen Himmel hinauf, von dem sich ein kugelförmiges Raumschiff senkte. Innerhalb weniger Augenblicke näherte es sich der Kampfstätte so weit, dass die klaffenden Einschussöffnungen in der Kugelhülle deutlich zu erkennen waren. Dieses Schiff hatte einen Kampf mit einem offensichtlich überlegenen Gegner nur knapp überstanden. Es verzögerte mit grell flammenden Abstrahldüsen und senkte sich dann langsam auf den Raumhafen herab. »Wollen Sie, dass der Kampf unterbrochen wird, Lebo Axton?«, fragte der Mannaxmeister. »Ich lehne eine Unterbrechung ab!«, schrie Terlot. Unterdessen wälzte sich Arayshkat überraschend schnell unter dem Kämpfer hervor, rollte sich ab und hielt das Schwert schützend über sich, als Terlot wütend zuschlug. Über seinem Kopf trafen die Klingen aufeinander. Bevor Terlot ein zweites Mal ausholen konnte, rettete sich der Planetenfürst durch eine erneute Flucht. Der Stellvertreter Axtons wartete, bis er auf den Beinen war, dann folgte er ihm langsam. Dabei fintete er mehrmals, griff aber nicht wirklich an, sondern trieb Arayshkat in die nächste Falle. Axton konnte es klar erkennen, biss sich auf die Lippen und unterdrückte nur mit Mühe einen Warnruf. Der Nert war jedoch auf der Hut. Kaum spürte er den Sog der Gravofalle, warf er sich auch schon zur Seite. Zwar stürzte er zu Boden, rettete sich jedoch vor Terlot, indem er weiterrollte. Dicht neben ihm bohrte sich das Schwert in den Sand, als der Kämpfer es plötzlich wie einen Speer schleuderte. Arayshkat sprang geschmeidig auf, seine Klinge wirbelte durch die Luft. Er versuchte, die gegnerische Waffe am Handgriff zu treffen, verfehlte sie
jedoch, als Terlot ihr einen Fußtritt versetzte. Sie kippte zur Seite, Arayshkats Schwert pfiff über sie hinweg. Terlot lachte höhnisch auf, als der Planetenfürst vom Schwung des eigenen Schlages herumgerissen wurde und über die eigenen Füße stolperte. Der Vertreter Axtons nahm sein Schwert in aller Ruhe auf und wartete, bis sein Gegner wieder sicher auf den Füßen stand. »Du hättest mich angreifen sollen«, sagte er herablassend. »Dann hättest du vielleicht eine Chance gehabt.«
Nert Arayshkat wich rückwärtsgehend aus, weil er ahnte, dass ihn Terlot erneut in eine Falle treiben wollte, und versuchte, zur Seite auszuweichen. Doch Terlot attackierte ihn heftig, sodass ihm keine andere Wahl blieb, als sich auf der Linie zurückzuziehen, die zu dem nächsten im Sand verborgenen Geschoss führte. Der Baron richtete unwillkürlich seine Blicke auf die Hände Terlots, und er sah, dass sie sich bewegten, als sie einen Schalter drückten. Im gleichen Augenblick stieg ihm süßlicher Geruch in die Nase. Seine Blicke verschleierten sich, alle Kraft schien aus seinen Beinen zu weichen. Mit dem letzten Rest seines klaren Verstandes flüchtete er weiter, spürte den zarten Windstoß, der ihm saubere Luft verschaffte. Er sah die Waffe Terlots aufblitzen und hob instinktiv das Schwert. Terlot schlug mit beachtlicher Wucht auf ihn ein. Arayshkat erkannte voller Schrecken, dass es seinem Gegner jederzeit möglich gewesen wäre, seine Deckung zu durchbrechen. Darauf aber legte er es noch nicht an. Immer wieder schlug Terlot so zu, dass sich die Schwerter klirrend trafen, und jedes Mal ging ein Ruck durch den Körper Arayshkats. Es kostete ihn seine ganze Kraft, diesen Angriffen zu widerstehen. Allmählich schwand die Betäubung; er konnte klarer sehen und denken, gleichzeitig wurde ihm voll
und ganz bewusst, in welchem Ausmaß Terlot mit ihm spielte. Er hätte ihn längst töten können. Verzweifelt blickte er zu Axton. Wie lange brauchte der Roboter denn noch, die Frequenz herauszufinden, auf der die heimtückischen Fallen aktiviert wurden? Terlot lächelte boshaft. »Nun, hast du es überstanden?«, fragte er leise. »Wie wär’s mit der nächsten Dosis? Es wird deine letzte sein.« Arayshkat erschrak. Für einen Moment passte er nicht auf, übersah den Ansatz der nächsten Attacke. Das Schwert Terlots wirbelte durch die Luft, traf seine Klinge und schmetterte sie ihm aus den Händen. Sie flog mehrere Meter weit zur Seite und fiel flach in den Sand. Der Planetenfürst wollte ihr nachlaufen, doch Terlot sprang ihm in den Weg. »Nicht doch«, sagte er drohend. »Du hast deine Chancen verspielt.« Arayshkat wich zurück. Seine Hoffnung, dass der Mannaxmeister eingreifen würde, erfüllte sich nicht. Terlot hob das Schwert zum letzten, alles entscheidenden Schlag. Der Planetenfürst fühlte, dass er erneut in eine Gravofalle geraten war. Die im Boden verborgene Maschinerie fesselte ihn förmlich. Er ließ sich in die Hocke sinken, griff in den Sand und schleuderte diesen Terlot mit der linken Hand ins Gesicht. Mit der rechten fasste er das Geschoss, wühlte es aus dem Sand und schleuderte es zur Seite. Es erschien ihm schwerer als seine Waffe, die er verloren hatte. Doch als es etwa eine Körperlänge entfernt war, wich die erhöhte Gravitation. Terlot wich vor ihm zurück, ließ das Schwert sinken und versuchte, sich den Sand aus den Augen zu reiben. Dennoch erkannte er, dass Arayshkat zu seinem Schwert lief, wollte sich ihm in den Weg stellen, war jedoch nicht schnell genug. Der Planetenfürst rammte ihm die Schulter in die Seite und stieß ihn zurück. Dann bückte er sich und riss seine Waffe hoch. Terlot war kampferfahren genug, sich seinem Gegner nun
nicht zu stellen. Als der Planetenfürst mit wuchtigen Schlägen auf ihn eindrang, beschränkte er sich lediglich auf die Verteidigung. Dadurch gewann er Zeit, und es reichte ihm, sich die Augen zu säubern. Arayshkat verzweifelte fast, als ihm bewusst wurde, dass er die einzige Chance in diesem Kampf, die sich ihm geboten hatte, nicht hatte nutzen können. Als der Vertreter Axtons zu einem Angriff ansetzen wollte, schien alles vorbei zu sein. Doch gerade in diesem Augenblick wurden Terlots Bewegungen schwerfälliger. Er schien keine Kraft mehr zu haben, seinen Zweihänder zu heben. Verblüfft blickte er nach unten. »Was…«, begann er stöhnend und blickte Arayshkat hasserfüllt an. Der Planetenfürst begriff. Endlich hatte Axtons Roboter eingegriffen, Terlot war in eine seiner eigenen Fallen gelaufen. Die Gewichte waren plötzlich anders verteilt. Instinktiv warf sich der Nert nach vorn, sein Schwert fuhr hoch. Terlot versuchte zu spät, eine Abwehr aufzubauen. Seine Klinge konnte den Kopf nicht mehr schützen – der Planetenfürst traf seinen Gegner am Halsansatz. Terlot schrie gellend auf und stürzte zu Boden. Der Mannaxmeister schnellte sich hoch und rannte zu den beiden Kämpfern, trieb Arayshkat mit energischen Gesten zurück. Dann beugte er sich über Terlot da Keithy und untersuchte ihn. Schon nach wenigen Augenblicken richtete er sich wieder auf, breitete die Arme aus und rief: »Der Kampf ist beendet.« Das bedeutete, dass Terlot da Keithy tot war. Arayshkat vernahm das Lärmen der Zuschauer nur aus weiter Ferne. Er sah Lebo Axton auf sich zukommen und reichte ihm die Hand. Das Schwert fiel zu Boden. »Bei allen Göttern Arkons«, sagte er mit heiserer Stimme. »Ich hatte bereits mit meinem Leben abgeschlossen.«
Axton zog sich von dem Mann zurück, Kelly kam ihm bereits entgegen, kniete nieder und ließ ihn aufsteigen. Die Zuschauer strömten von allen Seiten heran. Axton sah, dass Aysha ihrem Mann um die Hals fiel. »Zum Raumhafen, Kelly!«, befahl er. »Ich muss wissen, was mit dem Raumschiff passiert ist.« Ein Orbton der Raumhafenkontrolle befand sich in einer heftigen Auseinandersetzung mit dem Kommandanten des gelandeten Raumers, als Axton vor der Hauptschleuse eintraf. »Beenden Sie Ihren Streit!« »Wer ist dieser… Krüppel?« »Ein Agent des Imperators!«, antwortete Axton und zeigte seine Marke. Das genügte. »Entschuldigen Sie.« Der Kommandant erbleichte. »Das konnte ich nicht ahnen. Ich wollte Sie nicht…« »Schon gut«, unterbrach Axton und stützte sich mit den Armen auf Kellys Schultern. »Berichten Sie, was vorgefallen ist. Weshalb die Notlandung?« »Wir kommen aus dem benachbarten Preyton-System. Protem wurde von Methans überfallen!« Axton blickte den Standortoffizier an; er wusste, dass Protem nur 4,8 Lichtjahre entfernt war. »Davon haben wir hier nichts erfahren? Methans in Thantur-Lok?« »Nichts. Das war der Grund unserer Auseinandersetzung.« »Mein Name ist Quaa«, sagte der Kommandant. »Mein Schiff gehörte zu den auf Protem stationierten Wacheinheiten. Der Überfall kam wie aus dem Nichts. Die Maahks stießen blitzschnell zu, zerschlugen unsere Abwehr und landeten beim geheimen Positronikzentrum nahe Kandoran.« »Weiter. Was geschah dann?« »Die Methans haben angeblich Offiziere und Ingenieure entführt. Zudem scheint es ihnen nach den letzten Informationen, die wir auffangen konnten, sogar gelungen
sein, wenigstens einen der Grundbausätze zu stehlen.« »Welcherart Grundbausätze?« »Sie gehören zum Robotsystem, das auf Arkon Drei entsteht.« Axton erschrak. Hatte der Orbton die Wahrheit gesagt, war den Methans eine Beute von außerordentlichem Wert in die Hände gefallen. Sollte es ihnen gelingen, aus diesem Element Daten und Informationen zu entschlüsseln, gelangten sie zwangsläufig in den Besitz unschätzbarer militärischer Geheimnisse. Diese konnten unter Umständen kriegsentscheidend sein. Zumindest aber musste das arkonidische Imperium kurzfristig mit beträchtlichen Rückschlägen und zahlreichen Opfern im Krieg gegen die Maahks rechnen. Nach dem Trantagossa-Desaster wäre das eine Katastrophe gewesen. Wie dreist die Methans inzwischen waren, bewies der Angriff im Herzen des Imperiums. »Wie war das möglich?«, fragte Axton. »Sie sprachen von einem geheimen Positronikzentrum.« »Nur wenige Offiziere und Ingenieure wussten davon, was wirklich dort gebaut wird.« »Also Verrat?« »Ich fürchte, ja.« »Danke«, sagte Axton. »Ich nehme an, Kommandant Quaa, dass Sie und Ihre Leute vorläufig auf Barthimore bleiben können. Ich werde mit dem Nert sprechen; eine ausführliche Befragung folgt natürlich noch.« Der Roboter nahm Axtons Worte als Befehl, drehte sich um und marschierte davon.
Axton hatte Mühe, zu Arayshkat vorzudringen. Er fand ihn schließlich im Kreis seiner Freunde in einem prunkvoll eingerichteten Saal. Bedienstete fuhren auf goldenen und
silbernen Antigravplatten Getränke und Speisen in beängstigender Menge auf. Der Planetenfürst stand sichtlich unter dem Einfluss berauschender Substanzen. »Kommen Sie, Axton!«, brüllte er lachend. »Wir feiern das Fest unseres Lebens. Bald kommen auch die Frauen. Bis dahin trinken Sie mit mir.« »Ich muss Sie dringend sprechen. Allein!« »Unsinn. Ich habe den Kampf gewonnen! Die Beleidigung ist vom Tisch. Jetzt sind wir Freunde. Oder nicht?« »Ich erwarte Sie nebenan«, erwiderte Axton kühl und wandte sich ab. Peyko Baey trat neben Arayshkat und sagte eindringlich: »Gehen Sie, Nert. Gehen Sie, bitte. Machen Sie nicht schon wieder einen Fehler.« Also folgte Arayshkat Axton und dem Roboter. Er blickte den Verwachsenen unwillig an, als sich die Tür geschlossen hatte. »Was soll das, Axton? Wollen Sie mir die Freude an meinem Sieg verderben?« Mit knappen Worten berichtete Axton, was auf Protem vorgefallen war. »Was interessiert das mich?« Axton starrte ihn fassungslos an und stieg von dem Roboter. Seine Miene wurde eisig, als er sich in einen Sessel setzte und dem Baron befahl, sich ebenfalls zu setzen. Nur zögernd gehorchte dieser. »Ihr Leben hängt an einem seidenen Faden«, sagte Axton. »Noch sind Sie nicht gerettet.« »Was wollen Sie denn?« Arayshkat lachte übermütig auf. »Terlot ist tot. Damit ist alles erledigt.« Er schien bereits vergessen zu haben, was er erlebt hatte. Angesichts seiner Naivität war Axton fast versucht, sich die Haare zu raufen. Begriff dieser Narr denn überhaupt nichts? »Sofern Sie Orbanaschol nicht auf der Stelle beweisen, dass
Sie ein wertvoller Mitstreiter sind, wird er keinen Grund haben, Sie zu schonen. Ganz zu schweigen davon, dass Protem von Methans angegriffen wurde. Methans! Verstanden?« »Was wollen Sie damit sagen?« Der Nert begriff in seinem Rausch immer noch nicht, stand auf und ging zur Tür. Offenbar dachte er nicht daran, sich noch länger von seinen Gästen und dem Vergnügen zurückhalten zu lassen. »Ich verlasse Barthimore«, sagte Axton. »Es steht Ihnen frei, mich zu begleiten. Kommen Sie mit, beweisen Sie Orbanaschol Ihre Treue. Und, nebenbei, auch und vor allem Ihre Loyalität zum Imperium. Mann, es war ein Methanangriff im Herzen von Thantur-Lok! Bleiben Sie hier, dann, dann…« »Was, dann?« »Dann unterschreiben Sie endgültig Ihr eigenes Todesurteil!« Das Lächeln des Planetenfürsten erlosch. Er wischte sich über die plötzlich feuchte Stirn. »Das ist doch nicht Ihr Ernst?« Axton stieg wieder auf den Rücken des Roboters. »Ihre Gäste wären sicher sehr überrascht, bliebe ich nach dem Ausgang des Duells noch länger hier. Ich verlasse Barthimore, nachdem ich meinen Bericht abgefasst habe. Es steht Ihnen frei, mich zu begleiten.« Kelly erreichte ebenfalls die Tür. Axton war verärgert, weil er spürte, dass Arayshkat da Barthimore wieder zu seiner leichtfertigen Haltung zurückgekehrt war, die ihm beinahe zum Verhängnis geworden war. Und für diesen Mann hatte er Kopf und Kragen riskiert! Wie Orbanaschol III. sich verhalten würde, war noch völlig offen. Es war durchaus möglich, dass er ihn – Axton – nach dieser Wende auf Barthimore fallen lassen würde. Dann waren alle bisherigen Bemühungen umsonst gewesen. Alles, was er sich mühsam und unter beträchtlichen Gefahren aufgebaut hatte. Aus diesem Grund konnte und wollte er keine Rücksicht mehr auf den Nert
nehmen. Auch wenn dieser bereit war, beträchtliche Summen für den Kristallprinzen und dessen Kampf um die Macht aufzuwenden, konnte er ihn nicht länger stützen. »Warten Sie, Axton!«, rief der Planetenfürst, als der Verwachsene den Raum verlassen hatte. Doch dieser ließ den Roboter weitergehen. Arayshkat fluchte, griff sich ein Glas von einer vorüberschwebenden Antigravplatte und trank es in einem Zug leer.
3. Aus: Biographie Atlans – Anhang: Fragmente, Anmerkungen, Marginalien (in vielen Bereichen noch lückenhaft); Professor Dr. hist. Dr. phil. Cyr Abaelard Aescunnar; Gäa, ProvconFaust, 3565 n.Chr. Geheim- und Nachrichtendienste im Großen Imperium: Die arkonidische Sicht, das »Celis« von »Augen« als Synonym für Geheimdienst zu verwenden – sei es bei Tussan Goldan Celis, abgekürzt TGC, den »Goldan-Augen des Imperiums« oder beim Tussan Ranton Celis, abgekürzt TRC, den »Augen der ImperiumsWelten« – traf den Kern der Angelegenheit mit bemerkenswerter Genauigkeit. Vergleichbares betraf andere Umschreibungen wie Cel’Zarakh als »Augen in der Dunkelheit« oder »Augen auf das Geheime« im Sinne von »Aufklärung« sowie unter dem Aspekt von Nachrichtendiensten beim Ksol’Zarakh im Sinne von »Nachricht/Information in der Dunkelheit«, wobei das ursprüngliche Zarakh – wörtlich »Dunkelheit, Finsternis, fehlendes Tageslicht«, aber auch »Nachtseite (eines Planeten)« – in der arkonidischen Frühzeit als Umschreibung für »Auflösung, Begräbnis, Sarg« oder als poetische Umschreibung für »Tod« verwendet wurde, im weiteren Sinne allerdings ebenso für »geheim, Geheimnis« oder »rätselhaft« stand. Passend dazu war das TRC-Emblem ein meergrüner Yilld, ein häufig verwendetes arkonidisches Heraldik-Symbol nach einem ausgestorbenen Riesenreptil; halb Schlange, halb Drache, windet es sich in einer goldenen Blitzaureole und reckt den dreieckigen Kopf dem stilisierten Auge entgegen. Schwarze Konturen begrenzen das weiße Feld rings um das ebenfalls schwarze Zentrum von Iris und Pupille. Geheimdienstplaketten als Ausweise bestehen aus ZalosMetall; die Marken mit den eingravierten Arkonwelten sind von einem außen gezackten Kreisring umgeben und verfügen über integrierte Chips mit den Individualschwingungen des jeweiligen
Trägers. Wer überdies tiefer in den Wust der unterschiedlichen Organisationen und Kompetenzen einstieg, erkannte schnell, dass im Großen Imperium von dem Geheimdienst gar nicht gesprochen werden konnte, obwohl natürlich die TRC-Celistas des Innen- und Sicherheitsministeriums eine wichtige Rolle spielten. Es gab darüber hinaus weitere machtvolle »Dienste«, die ebenso bekannt wie gefürchtet waren – wie beispielsweise die TGC von Ka’Mascantis Offantur Ta-Metzat, die Kralasenen des Blinden Sofgart oder jene des Gos’Laktrote des Berlen Than, der schon von Amts wegen in die vielfältigen Sicherheits- und Abwehrmaßnahmen eingebunden war, zum Schutz des Imperators durch die Kristallgarde, im weiteren Umfeld durch die damit verbundene militärische Komponente einschließlich der der Thek-Laktran-Admiräle des Flottenzentralkommandos von Arkon III sowie seiner diversen Geheimdienste und ihrer Aktivitäten. Die Tu-Gol-Cel als »Politische Geheimpolizei des Imperators« wurde 2476 da Ark (17.504 vor Christus) durch Imperator Zakhagrim V. gegründet; erster Geheimdienstchef war Sonnenträger Jakonak. Im Laufe der Jahrtausende gab es viele Änderungen, Umbenennungen, Umgruppierungen und Kompetenzverschiebungen. Stets verfügte die TGC über eine eigene Raumflotte von Kriegs- und getarnten Einsatzschiffen. Hauptsitz der TGC war Arkon III. Die jeweils höchsten TGC-Vertreter eines Planeten wurden auch Erster Goltan (Goltan-moas) genannt. Insgesamt ließen sich grob die Bereiche Außenaufklärung (Cidag-Cel’Zarakh, abgekürzt CCZ), Innenaufklärung (Addag-Cel’Zarakh, abgekürzt ACZ), Militärische Abschirmung oder Abwehr (Gor-Cel’Zarakh, abgekürzt GCZ bzw. Urunlad-Cel’Zarakh, abgekürzt UCZ) und Geheimpolizei (Cel’Zarakh-Addag’gos, abgekürzt CZAG) unterscheiden, und als fünftes Element kamen die besonderen Einsatzgruppen der Gokanii für Sabotage, Zersetzung, Infiltration, Terror und
dergleichen hinzu. Ein vorangestelltes Tussan bezog sich auf die imperiale Ebene, ein vorangestellter Sektor-, System- oder Planetenname jeweils auf das bezeichnete Gebiet – Tussan AddagCel’Zarakh also auf die Innenaufklärung des Großen Imperiums, Ark Cel’Zarakh-Addag’gos auf die Geheimpolizei des Arkonsystems. Auf Arkon I wie im übrigen Arkonsystem und auch im Tai Ark’Tussan insgesamt wetteiferten die diversen Dienste und Organisationen erbittert miteinander, dachten aber im Konkurrenzkampf um die Gunst des Imperators selten oder gar nicht daran, zusammenzuarbeiten. Hinzukam, dass sämtliche mächtigen Khasurn des Adels eigene Dienste unterhielten, sodass unter dem Strich ein wahrhaft byzantinisches Geflecht der Zuständigkeiten, Kompetenzen, Seilschaften, Loyalitäten und wie auch immer zu bezeichnenden Beziehungen entstand – und es ständig dazu kam, dass die eine Seite nicht wusste, was die andere tat…
An Bord eines Leka-Diskus, Flug nach Protein: 9. Prago der Prikur 10.498 da Ark Arayshkat strampelte mit den Beinen, schlug mit den Armen um sich und begann gleichzeitig laut zu schreien. Doch das half ihm alles nichts. Kelly drückte ihm den rechten Fuß kräftig in den Rücken und zwang ihn so, auf dem Boden liegen zu bleiben. Der Planetenfürst konnte sich nicht einmal auf den Rücken drehen. Ächzend und schnaubend blickte er über die Schulter zurück, konnte jedoch kaum etwas erkennen, weil ihm das Wasser mit eiskalten Strahlen ins Gesicht schoss. Immerhin wurde er sich darüber klar, dass es ein Roboter mit verbeultem Äußeren, krummen Beinen und einer unförmigen Gestalt auf dem Rücken war, der ihn quälte. »Lebo Axton!«, brüllte er außer sich vor Zorn. »Dafür lasse ich Sie exekutieren!«
»Wie vornehm«, kommentierte Kelly mit quietschender Stimme. »Der Gebieter bestraft sich selbst. Er lässt ausführen, was er selbst nicht schafft. Ich kann das Wasser noch etwas kälter stellen, Schätzchen. Wäre das in deinem Sinn?« »Ich überlege gerade, ob wir zur Abwechslung nicht einmal kochendes Wasser nehmen sollten«, erwiderte Axton so laut, dass ihn der Baron hören konnte. »Unterstehen Sie sich«, kreischte der Arkonide. »Ich lasse Ihnen die Haut bei lebendigem Leib abziehen.« »Diesem zweifelhaften Vergnügen sind Sie derzeit näher als ich. Lass es gut sein, Kelly.« »Schade. Es ist mir selten vergönnt, eine Intelligenz minderen Ranges auf diese Weise pflegen zu dürfen.« Arayshkat schoss vom Boden hoch, kaum dass sich der Roboter von ihm zurückgezogen hatte. Vollkommen unbekleidet und vor Wasser triefend stand er vor Axton. »Sagte diese Metallbestie Intelligenz minderen Ranges?« »Allerdings. Ihr Verhalten erlaubt einem rein sachlich denkenden Positronengehirn nicht, Sie höher einzustufen. Ich bin geneigt, mich dieser Beurteilung anzuschließen.« Der Arkonide stellte sich in der Hygienekabine unter den Heißluftstrom und ließ sich trocknen. »Wo bin ich?« »An Bord eines Leka-Diskus, den ich akquiriert habe.« Arayshkat bückte sich und nahm seine auf dem Boden verteilten Kleidungsstücke auf und zog sich rasch an. »Und wie komme ich hierher?« »Oh, das war ganz einfach. Sie waren total betrunken, als ich mich erneut um ein Gespräch mit Ihnen bemühte. Ihre Frau bezeichnete Sie als bewusstlos. Ich konnte sie davon überzeugen, dass ein kurzer Raumflug für Sie unbedingt notwendig sei.« »Sie haben sie erpresst!« Der Nert schwankte ein wenig und zeigte Axton, dass er keineswegs nüchtern war. Er blickte sich
um, eilte zu einem Interkom und schaltete das Gerät ein. Das Bild der Zentrale unter der Transparenzkuppel entstand im Projektionsfeld. Niemand hielt sich dort auf. »Wir sind allein an Bord«, sagte Axton bedächtig. »Das Schiff wird derzeit vom Autopiloten gesteuert.« »Wohin?« »Nach Protem im Preyton-System. Ich habe eine entsprechende Nachricht zur Kristallwelt abgesetzt.« »Was für eine Nachricht?« »Ich habe der mir vorgesetzten Dienststelle gemeldet, dass Sie darauf bestanden haben, den Hintergründen des Maahkangriffs nachzugehen. Immerhin scheint Verrat im Spiel zu sein.« »Ich soll…?« Der Arkonide sank in einen Sessel. Stöhnend strich er sich das Haar aus Stirn. »Axton, was, bei allen Göttern, haben Sie mit mir vor?« Der Verwachsene antwortete nicht, sondern verließ die Kabine und schwebte im Antigravschacht zur Zentrale hinauf. Er saß im Sessel des Kommandanten und bereitete den Sprung durch den Hyperraum vor, als ihm Arayshkat nach einer Weile folgte. Der Arkonide entnahm einem Fach einige Medikamente und schluckte sie, ehe er sich auf den Platz des Funkoffiziers setzte, eine Weile mit leeren Augen vor sich hin starrte und endlich stöhnend die Hände vors Gesicht schlug. »Wären Sie mir doch nur niemals begegnet.« »Dann wäre ein anderer nach Barthimore gekommen und hätte den Auftrag durchgeführt«, sagte Kelly. Der Arkonide richtete sich auf. »Was erlaubt sich diese Maschine, mir etwas Derartiges zu sagen?« »Ich pflege nur Feststellungen zu treffen, Schätzchen.« Arayshkat da Barthimore zuckte zusammen. Diese Worte waren für einen Mann seines Ranges eine ungeheuerliche Respektlosigkeit; Roboter hatten Arkoniden mit Gebieter
anzusprechen. Lebo Axton lachte laut auf, während er gleichzeitig die Transition einleitete. Das und der augenblicklich einsetzende Entzerrungsschmerz verhinderten einen Wutausbruch des Arkoniden. Nach der Rematerialisation krümmte er sich ächzend im Sessel. »Das Medikament«, sagte er mühsam. »Ich hätte es nicht nehmen dürfen.« Lebo Axton beachtete ihn nicht. Seine Aufmerksamkeit richtete sich auf das Sonnensystem, in das sie jetzt einflogen. Der dritte von sechs Planeten der gelben Sonne war Protem, jene Welt, die von den Maahks überfallen worden war. Durch die Panzerplastkuppel war nur wenig zu erkennen. Wesentlich näher war der jupiterähnliche Wrappa am Systemrand, eine Welt von beträchtlicher Größe. Nert Arayshkat richtete sich auf und blickte unsicher auf die Instrumente. Auf einem Bildschirm blinkte in unregelmäßigen Abständen ein Signal. »Da ist etwas.« Axton sah auf. »Was?« »Ich weiß es nicht.« »Wir empfangen Funkimpulse«, sagte Kelly. »Sind Sie kein ausgebildeter Raumfahrer?«, fragte Axton. Der Nert schüttelte den Kopf. »Aufgrund der Privilegien meiner Familie bin ich vom Kriegsdienst befreit. Ich war nie Orbton. Ich habe meine Leute. Warum sollte ich selbst ein Raumschiff steuern, wenn ich Hunderte Uniformierte dafür bezahle, mir gewisse Aufgaben abzunehmen?« Wieder einmal schlug der hochmütige Adelige durch, der glaubte, es sich leisten zu können, weit über den Dingen zu stehen. Er stand auf und trat demonstrativ vom Funkleitstand zurück, um Axton oder Kelly die Arbeit zu überlassen, mit der er sich nicht befassen wollte. Der Terraner ging mit unmerklichem Lächeln darüber hinweg und überprüfte rasch
die Anzeigen. »In der Tat Funkimpulse«, sagte er. »Sie kommen von der Riesenwelt.« »Was bedeuten sie?« »Keine bekannte Kodierung. Ich glaube, da unten ist nur jemand, der auf sich aufmerksam machen will.« »Warum sendet er dann nicht normal mit Bild und Ton, sodass man ihn verstehen kann?« »Weil ihm dazu vermutlich die Ausrüstung fehlt. Ich denke, dass er nur noch ein ganz primitives Gerät hat.« »Also jemand, der in Not geraten ist?« »Das ist zu vermuten.« »Dann müssen wir ihm helfen.« »Das hatte ich vor.« »Vielleicht sind es jene Männer, die von Protem entführt wurden?« »Nicht so voreilig. Es könnte auch ein Maahk sein, der verunglückt ist.« »Dann werden wir ihm nicht helfen.« Axton schwieg. Er hielt es nicht für nötig, auf die Worte es Arkoniden einzugehen, sondern würde seine Entscheidungen ohnehin so treffen, wie er es für richtig hielt. Entschlossen steuerte er den Diskusraumer an den Gasriesen heran, nachdem er die Ortungsinstrumente so geschaltet hatte, dass sie ihm sämtliche Informationen auf den Pilotenplatz überspielten. Ein Wink genügte überdies, Kelly zum Funkleitstand zu dirigieren. Axton wusste, dass die Maschine alles mit absoluter Zuverlässigkeit überwachen würde. Die Funkimpulse kamen weiterhin in unregelmäßigen Abständen. Kelly ließ sie von der Hauptpositronik analysieren; als das Raumschiff die obersten Atmosphäreschichten erreichte, stand jedoch fest, dass die Impulse tatsächlich ohne Inhalt waren. Sie stellten nicht mehr dar als Anwesenheitssignale, die der
Funkpeilung dienten. Axton verzögerte stark, als eine Reihe von Warnsignalen aufleuchtete. Erschreckt merkte er, dass er mit zu hoher Geschwindigkeit anflog. Unwillkürlich war er von den Werten ausgegangen, die er als USO-Spezialist bei ähnlichen Landemanövern zugrunde gelegt hatte. Dies war aber keine hochwertige Space-Jet des 29. Jahrhunderts, sondern ein Raumer arkonidischer Produktion aus der Zeit von Atlans Jugend. Vor allem die Schutzschirme waren von deutlich geringerer Leistung. Das Raumschiff erzitterte, als Axton Gegenschub gab. Besorgt blickte der Arkonide zu ihm herüber. Arayshkat spürte, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte, doch Axton konnte seinen Fehler korrigieren, bevor es wirklich gefährlich wurde. Der Diskus passierte ausgedehnte braune Wolkenbänke, sank dann mit hoher Verzögerung tiefer. »Legen Sie einen Schutzanzug an!«, befahl Axton. Der Arkonide kam dieser Aufforderung auffallend rasch nach, hatte offensichtlich wenig Vertrauen in die Flugkünste des Verwachsenen. Der Terraner flog nach den Daten der Instrumente, eine direkte Sicht bestand nicht mehr. Dichte Gasmassen umflossen den Diskus und seine lohenden Prallschirme. Dann klärte sich plötzlich die Sicht von einem Augenblick zum nächsten. Axton blickte auf eine bizarre Landschaft, die durch schroffe Felsund Eisgebilde, eigentümliche Seen und Flüsse charakterisiert war. »Dort unten«, rief Arayshkat. Bevor Axton mehr als einen verwaschenen Fleck erkennen konnte, trieb die Leka in eine Wolkenfront. Aus den tief hängenden Schwaden stürzten bräunlich gelbe Flüssigkeitsmassen, sodass sich der Verwachsene wieder im reinen Instrumentenflug herantasten musste. Er verringerte
weiter die Geschwindigkeit und lenkte das Raumschiff tiefer, bis die ersten Bergspitzen direkt voraus auftauchten. Er zog den Diskus sanft darüber hinweg. »Massetastung«, meldete Kelly. Axton hatte es bereits gesehen und sich entsprechend eingepeilt. Als der Ammoniakregen lichter wurde, stiegen Methandämpfe vom Boden auf. In ihnen schienen sich ungefüge Gestalten zu bewegen, die sich dem Diskus drohend entgegenreckten. Eisblöcke wirbelten aus dem Dunst hervor, als versuche ein primitiver Gegner, das Schiff damit zu treffen. Selbst für einen so erfahrenen Mann wie Sinclair Marout Kennon war diese Entwicklung neu. Er war häufig auf Welten wie diesen gewesen, aber so etwas hatte er noch nicht erlebt. Er ließ den Diskus schließlich nur noch leicht vorantreiben, bis ein metallischer Körper aus dem Dunst tauchte. Ein Eisblock prallte mit großer Wucht gegen die Unterseite des Prallfelds. »Axton, wollen Sie wirklich hier bleiben?«, fragte Arayshkat. »Das ist doch eine Falle.« Der Verwachsene deutete auf das Gebilde, das halb unter Eis gegraben lag und kaum noch als arkonidisches Raumschiff zu identifizieren war. »Da draußen liegt eine Leka; sie ist offensichtlich abgestürzt. Dort befinden sich Arkoniden. Wollen Sie sie umkommen lassen?« »Wer sagt, dass es Arkoniden sind? Ich behaupte, dass es diese verfluchten Methans sind, die nur darauf warten, dass wir zu ihnen kommen. Sie werden uns umbringen.« »Kelly wird Sie begleiten.« Der Arkonide blickte Axton kopfschüttelnd an. »Ach ja? Und das bestimmen Sie so einfach?« Er dachte zweifellos nicht daran, den Befehl auszuführen. Axton lächelte drohend und nickte. »Allerdings. Ich kann das Schiff nämlich nicht verlassen, weil es an Bord keinen geeigneten Raumanzug für mich gibt. Außerdem sind Sie
nicht in der Lage, dieses Schiff zu fliegen. Sie könnten diesen Planeten nicht wieder verlassen, ginge ich nach draußen und käme nicht wieder zurück. Wenn Sie zudem Orbanaschol beweisen wollen, dass Sie zu den Leuten gehören, auf die er zählen kann, sollten Sie keine Zeit mehr verlieren. Der Sender schweigt. Man wartet dort drüben auf Sie.« Der Nert fluchte. Seine Miene ließ erkennen, dass er keine freundschaftlichen Gefühle mehr für Axton hegte. Auf Barthimore war alles anders gewesen. Dort hatte er den Rückhalt seiner Untertanen und Bediensteten gehabt, die ihm alle Aufgaben abnahmen, mit denen er selbst nichts zu tun haben wollte. Hier konnte er sich dagegen von niemandem vertreten lassen. »Also gut«, sagte er einlenkend. »Ich gehe. Danach werden sich unsere Wege aber trennen.« »Wie Sie meinen.« Mit einem Laut des Unwillens verließ der Planetenfürst die Zentrale. Er blickte nur kurz auf, als er merkte, dass sich ihm der Roboter anschloss. Er brauchte diesen Begleiter, der ihm im Notfall zur Seite stand, und das wusste er. Axton wartete. Durch die Panzerplastkuppel konnte er nichts mehr sehen. Sie war von Ammoniakeis bedeckt. Die Außenobjektive waren zwar noch frei, boten allerdings wegen der Dämpfe und Nebel nur ein verschwommenes Bild. Immerhin konnte der Terraner erkennen, dass der havarierte Raumer äußerlich stark beschädigt war. Es sah tatsächlich so aus, als sei er hier abgestürzt oder zumindest hart notgelandet. Dennoch war nicht ausgeschlossen, dass die Maahks eine Falle gestellt hatten. Vor dem Terraner leuchtete ein grünes Licht auf. Es zeigte an, dass der Arkonide und der Roboter die Bodenschleuse passiert hatten. Wenig später erschien die unförmige Gestalt des Arkoniden, der sich in dem schweren Schutzanzug abmühen musste, auf den Bildschirmen. Der Roboter folgte ihm; hier und da setzte sich auf seinem
Metallkörper Eis ab. Wieder schien es so, als würde der Diskus von ungefügen Gestalten angegriffen. Unwillkürlich legte Axton seine Hand auf die Feuertasten des Bordgeschützes. Dann jedoch sah er, dass sich lediglich ein Eisklotz vor dem Schiff aufbaute. In wenigen Augenblicken erreichte er eine Höhe von fünf Metern, schmolz dann aber unter dem Einfluss des nächsten Windstoßes wieder zusammen. Gleich darauf setzte ein Eisregen ein, der eine undurchdringlich scheinende Wand vor den Kameras aufbaute, sodass der Verwachsene nicht mehr erkennen konnte, was draußen geschah. Ungeduldig wartete er darauf, dass Arayshkat und Kelly zurückkehrten. Doch die Zentitontas verstrichen, ohne dass sich drüben beim Wrack etwas änderte. Der Arkonide nahm offenbar bewusst keinen Funkkontakt auf; Axton verzichtete ebenfalls darauf. Er sagte sich, dass sich der Planetenfürst schon melden würde, falls es kritisch werden sollte. Auf jeden Fall war von Kelly ein Signal zu erwarten, sofern der Roboter etwas Wichtiges mitzuteilen hatte. Nach einer halben Tonta tauchten die beiden schließlich auf. Sie mussten sich durch einen hüfthohen Ammoniaksee kämpfen, der inzwischen entstanden war. Schwerfällig bewegten sie sich voran, obwohl die hohe Gravitation von den technischen Einrichtungen ihrer Ausrüstung neutralisiert wurde. Zwei Personen begleiteten die beiden. Axton setzte unwillkürlich voraus, dass es Arkoniden waren. Umso überraschter war er, als die Geretteten zusammen mit dem Planetenfürsten und Kelly in der Zentrale erschienen. Es waren Eskaphonen. Axton war so überrascht, dass ihm zunächst die Worte der Begrüßung fehlten. Nicht ein einziges Mal hatte er bis zu diesem Augenblick daran gedacht, dass er diesen Intelligenzwesen begegnen könnte. Die Konfrontation mit
ihnen machte ihm schlagartig und mit einer bisher nicht erlebten Intensität klar, wo und vor allem wann er sich befand. Mithilfe der Traummaschine war er durch die Jahrtausende in die Vergangenheit versetzt worden. Er stammte aus einer Zeit, in der es kein machtvolles Tai Ark’Tussan mehr gab. Das Solare Imperium der Terraner war an seine Stelle getreten, und in vielerlei Hinsicht war das Wissen um die Vergangenheit lückenhaft. Über die Eskaphonen wusste man im 29. Jahrhundert kaum noch etwas. Es waren nur wenige Berichte vorhanden, die mehr an Sagen erinnerten als an historisch korrekte Überlieferungen. »Das sind die Flottenoffiziere Quarphon Kap und Ieraphoton Soph«, sagte Arayshkat. »Sonst befand sich niemand an Bord des Wracks.« Die beiden Eskaphonen blickten Axton nicht weniger verwirrt an als dieser sie. »Was ist das für ein Trauerspiel? Seit wann lässt man Kreaturen wie diese leben? Selbst im Reich der von Degeneration bedrohten Arkoniden pflegt man meines Wissens nach konsequent zu sein, sollte sich Mutter Natur einmal irren.« »Seien Sie still, Kap«, sagte Nert Arayshkat mit bebender Stimme. »Sie wissen nicht, mit wem Sie es zu tun haben. Dieser Mann ist ein Beauftragter des Imperators. Ich kann Ihnen nur raten…« »Ich verzichte«, unterbrach Kap schroff. »Derart verunstaltete Kreaturen nötigen mir keinen Respekt ab.« »Das ist auch nicht notwendig«, sagte Axton ruhig. Er lächelte sogar ein wenig und zeigte damit, dass ihn die Worte des Eskaphonen nicht verletzt hatten. Er war es mittlerweile gewohnt, dass man mehr auf unwichtige Äußerlichkeiten als auf die Persönlichkeit achtete. »Tatsache ist allerdings, dass ich der Kommandant dieses Schiffes bin. Sie haben nur die Alternative, sich meinem Befehl zu beugen oder das Schiff
wieder zu verlassen. Entscheiden Sie sich.« »Das darf doch nicht wahr sein«, sagte Soph mit einem verächtlichen Seitenblick auf den Nert. »Seit wann lässt sich ein adeliger Arkonide das Kommando von so einem…« »Es reicht!«, sagte Axton scharf. Die beiden Eskaphonen setzten sich. Ihnen war anzusehen, dass sie mit sich kämpften. Der anerzogene Widerwille gegen Missgestaltete war außerordentlich. Sie schienen damit nicht fertig zu werden. »Im Wrack ist noch Sauerstoff für eine Tonta«, sagte Kap. Er sprach den Planetenfürsten direkt an und tat, als sei Axton überhaupt nicht da. »Sie wissen, was das bedeutet.« »Das spielt für Lebo Axton keine Rolle. Ich habe lernen müssen, dass es gefährlich ist, sich ihm zu widersetzen.« Der Verwachsene beobachtete die beiden Eskaphonen. Sie waren Umweltangepasste, die aus einem Kolonialvolk der Arkoniden hervorgegangen waren. Auffallend waren ihre tiefgrüne Hautfarbe und die seltsam geformten Schädel. Das Gesicht wirkte unter der mächtig aufsteigenden Stirn zusammengequetscht und kindlich klein und machte nur etwa zehn Prozent der vorderen Schädelhälfte aus. Die schwarzen, knopfartigen Augen lagen tief in den Höhlen und konnten durch mehrere voreinander gefaltete Lider geschützt werden. Die Nase war nur im Ansatz erkennbar, ihre Spitze reichte allerdings bis an die Oberlippe des breiten Mundes heran. Über den Augen wölbten sich Doppelbögen aus nadelfeinen Dornen, die bei Kap eine Länge von etwa drei Zentimetern erreichten. Bei Soph waren sie etwas kürzer. Wesentlich stumpfere Dornen bedeckten einen Teil an der oberen Rundung des Schädels; sie erweckten den Eindruck, als seien die Eskaphonen in ihrer biologischen Entwicklung von pflanzlichem Leben beeinflusst worden. Axton erinnerte sich daran, dass die Eskaphonen einen hohen Anteil eines
chlorophyllähnlichen Stoffes im Blut gehabt haben sollen. Dieser ermöglichte es ihnen, auf einer Welt zu überleben, auf der eine Pflanzenintelligenz existierte. Im gleichen Augenblick, als in dem Terraner der Wunsch erwachte, diese Welt kennenzulernen, erkannte er, dass es ihm nicht möglich sein würde, sie zu besuchen. Er hatte nicht gewusst, wie sehr diese Wesen von ihren Vorurteilen geprägt wurden. »Wir starten«, eröffnete er den Geretteten. »Ich warte auf Ihre Entscheidung.« Kap drehte sich schwerfällig um. Er war etwa zwei Meter groß und außerordentlich muskulös. Axton schätzte, das er etwa 150 Kilogramm unter Standardgravitatuion wog. Das Material des Kampfanzugs spannte sich über den mächtigen Schultern. »Wir gehorchen lediglich der Notlage.« »Das genügt mir.« Lebo Axton drückte einige Tasten. Der Diskus sprengte das Eis ab und stieg steil auf. Schon nach wenigen hundert Metern geriet er in einen plötzlich aufkommenden Sturm. Doch jetzt ließ sich Axton nicht mehr beirren. Er beschleunigte mit den unter diesen Umständen gerade noch vertretbaren Werten und zog das Raumschiff steil hoch. Es gewann rasch an Höhe, durchstieß die geschlossene Wolkendecke und erreichte mühelos den freien Raum. Axton ging jedoch nicht auf einen Kurs, der ihn direkt zum dritten Planeten des Preyton-Systems führen musste, sondern schwenkte in eine Orbitbahn um Wrappa ein. Nachdem der Autopilot die Kontrolle übernommen hatte, wandte sich der Verwachsene den beiden Eskaphonen zu. »Es wird Zeit, dass Sie erklären, wie Sie in diese Notlage geraten sind.« »Ich habe bereits alles erfahren, was wir wissen müssen«, antwortete der Adelige, bevor Kap oder Soph etwas sagen konnten. »Das meinen Sie, Nert«, erwiderte Axton. »Ich will es
dennoch von ihnen selbst hören.« Er blickte die beiden an. Zögernd begann Kap zu sprechen: »Wir sind auf Protem stationiert. Der Planet wurde von Methans überfallen. Wir haben versucht, eine Walze zu verfolgen, da sie in die Atmosphäre von Wrappa eingeflogen war. Aber das war nur ein Täuschungsmanöver, mit dem die Methans uns in die Falle locken wollten. Wir sind darauf hereingefallen und wurden abgeschossen. Das ist alles.« »Die Maahks haben sich nicht mehr um Sie gekümmert?« »Nein. Sie haben Wrappa gleich wieder verlassen. Wir wissen nicht, wo sie geblieben sind.« »Wie groß war das Maahkschiff?« »Ein Schwerer Kreuzer, Seehund-Klasse.« Axton kannte diese Schiffe, die mit rund vierzig Prozent ein Großteil der Maahkschiffe bestimmten – Walzen von 350 Metern Länge und 70 Metern Durchmesser. »Ein bisschen viel Aufwand für einen kleinen Diskusraumer, nicht wahr?« »Was wollen Sie damit sagen?« »Ihre Funkanlage wurde zerstört?« »Vollkommen«, antwortete Soph unwillig. »Wir konnten nur den Notsender zusammenbauen, durch den Sie auf uns aufmerksam wurden. Aber weshalb fragen Sie das alles?« »Ich habe meine Gründe.« »Sie sollten sich lieber darum kümmern, ImperatorenBeauftragter, wer für den Überfall der Maahks und den Massenmord auf Protem verantwortlich ist«, sagte Kap aggressiv. »Sollte ich das?« »Durchaus.« »Warum?« »Weil Protem verraten wurde.« »Verräter gibt es in jedem Krieg.« »Aber nicht solche! Der Mann, der Protem auf dem
Gewissen hat, heißt Atlan! Er soll angeblich der Sohn des früheren Imperators sein.« »Atlan?« Axtons Stimme war heiser. Ihm gelang es nicht, seine maßlose Überraschung und sein Entsetzen vor den beiden Eskaphonen zu verbergen. »Atlan«, bekräftigte Kap. »Er hat uns an die Methans verraten!«
Axton wollte nicht glauben, was er gehört hatte. Ein Mann wie Atlan war kein Verräter. Sicher, er kämpfte um sein Recht, machte seinen Thronanspruch geltend und befand sich in seinem Kampf gegen Orbanaschol III. in ständiger Lebensgefahr. Aber er war Arkonide und stand loyal zum Großen Imperium; niemals würde er mit den Maahks auf diese Weise zusammenarbeiten und sein eigenes Volk verraten. Das passte nicht zu Atlan. »Sie sind überrascht?«, forschte Soph argwöhnisch. Axton zuckte zusammen. Er wurde sich bewusst, wie gefährlich die Situation war. Offiziell war er ein Beauftragter der Imperators. Er hatte loyal zu diesem zu stehen, nicht zu seinem Todfeind Atlan. Wurde dieser des Verrats bezichtigt, hatte er daran nicht zu zweifeln. »Allerdings«, antwortete Axton. »Atlan ist mir verhasst. Er ist ein gefährlicher Feind des Höchstedlen. Aber ich hätte nicht von ihm erwartet, dass er in seinem Machtkampf zu so abscheulichen Mitteln greifen würde. Was soll aus dem Imperium werden, wenn die Arkoniden sich gegenseitig vor die Impulskanonen der Methans zerren?« Er schüttelte den Kopf. »Wie ist das passiert? Was hat Atlan genau getan?« »Er hat Verhandlungsbereitschaft vorgetäuscht. Er erschien mit einem Raumer im System und wandte sich über Bildfunk an die auf Protem stationierten Einheiten. Er behauptete, er
habe eine dringende Nachricht für den Imperator. Diese sei in einem Datenkristall gespeichert, er wolle ihn übergeben. Er erklärte, das Material könne kriegsentscheidend sein. Daraufhin startete ein Schwerer Kreuzer. Er wurde von Atlans Schiff empfangen und vernichtet. Das war der Grund, weshalb acht von den noch anwesenden zehn Kampfeinheiten des Systemschutzes starteten, um Atlans Schlachtkreuzer anzugreifen. Atlan aber zog sich zurück, lockte die Raumer von Protem fort und machte das System angreifbar für die Methans.« »Nur zehn Systemschutzeinheiten?« »Es sind mehr, doch sie verfolgten bereits Piraten. Möglich, dass diese mit Atlan zusammenarbeiten. Ein perfider Plan, um den Angriff der Maahks zu ermöglichen. Diese konnten nun über den Planeten herfallen, ohne auf den geringsten Widerstand zu treffen. Die beiden dort verbliebenen Raumer wurde bereits beim ersten Anflug zerstört.« Soph schwieg verbittert. »Das ist allerdings eindeutig«, sagte Axton. »Atlan wurde identifiziert?« »Zweifelsfrei. Er war es, niemand sonst.« »Was geschah dann?« »Das wissen wir nicht. Wir gehörten zu den auf Protem verbliebenen Einheiten, wurden allerdings vor der Attacke ausgeschleust. Wir haben uns dann auf die Verfolgung konzentriert. Unsere Absicht war, die Schlupfwinkel der Methans aufzuspüren, um einen späteren Gegenschlag zu ermöglichen.« »Haben Sie die Unterredung mit Atlan verfolgt?« »Ich habe die übermittelten Bilder gesehen.« »Beschreiben Sie Atlan.« Die beiden Eskaphonen blickten Axton überrascht an. Axtons Verhalten machte sie unsicher, da sie nicht wussten,
welche Absichten er verfolgte. Soph begann jedoch nach kurzem Zögern mit seiner Schilderung. Und er zeichnete das Bild eines Mannes, den Axton aus nächster Nähe kannte. Soph sprach von Atlan. Dabei erschien es Axton vollkommen ausgeschlossen, dass Atlan einen derartigen Verrat verübt haben konnte. Er konnte sich nur schwer vorstellen, dass überhaupt ein Arkonide eine Siedlungswelt des Großen Imperiums im Herzen des Imperiums den verhassten Methans preisgeben würde – allerdings wusste er, dass es im Verlauf der Methankriege mehr als einen Verräter gegeben hatte. Mehr noch aber wog Axtons Kenntnis darüber, dass Atlan so kurz nach der Schlacht um Trantagossa gar nicht im Bereich des Kugelsternhaufens Thantur-Lok gewesen sein konnte. Jemand anders musste also unter seinem Namen handeln. Wer aber kam dafür infrage? Es konnte eigentlich nur jemand sein, der den echten Atlan und sein Vorhaben diskreditieren wollte. Axton war ratlos, wischte sich mit beiden Händen über das Gesicht und stöhnte leise. Seine Gedanken überschlugen sich. Er wusste, dass irgendwo in dieser Geschichte ein Fehler war. Irgendetwas stimmte nicht. Aber was? »Ich brauche ein wenig Ruhe«, sagte er. »Kap, bringen Sie die Leka auf Kurs Protem. Machen Sie nur Meldung, wenn wir den Planeten erreicht haben.« Axton ging davon aus, dass für den Flug bis Protem nur die Impulstriebwerke eingesetzt wurden; Transitionen innerhalb von Sonnensystemen waren verboten und bestenfalls absoluten Notlagen vorbehalten. »Bemerkenswert«, sagte Kap zynisch. »Ein Kommandant, der mal rasch eine Pause machen muss. Bricht Ihr jämmerlicher Körper unter einer etwas erhöhten Belastung bereits zusammen? Ich könnte Ihnen vielleicht…« Lebo Axton gingen die Nerven durch; für einen Moment verlor er die Kontrolle über sich. »Halten Sie den Mund!«, schrie er mit hochrotem Gesicht. »Sie haben wahrhaftig keinen
Grund, sich überlegen zu fühlen, denn Sie und Ihr Volk sind Fehlentwicklungen der Natur, die unweigerlich zum Untergang verdammt sind!« Kap und Soph sprangen wie von der Feder geschnellt auf. »Was sagen Sie da? Sie wagen es, uns Missgeburten zu nennen?« Mit erhobenen Fäusten kam Kap auf Axton zu. Doch dieser hatte sich bereits wieder in der Gewalt. »Es tut mir leid«, sagte er. »Es war nicht meine Absicht…« Kap packte ihn an der Brust und hob ihn mühelos aus dem Kommandantensessel. »Wenn Sie schon derartige Beleidigungen aussprechen…« »Haben Sie den Verstand verloren?«, fragte Arayshkat entsetzt. »Lassen Sie Axton sofort los!« Plötzlich hielt er einen Strahler in der Hand und zielte auf Kap. Dieser ließ Axton in den Sessel fallen. »Er soll erklären, was er gemeint hat. Ich lasse mich nicht eine Fehlentwicklung der Natur schimpfen!« »Also gut«, sagte Axton kalt. »Wenn Sie es unbedingt wissen wollen, werde ich meine Worte begründen. Hoffentlich sind Sie dann für alle Zeiten kuriert.« »Reden Sie.« »Sie haben die außerordentliche Fähigkeit, Ihre eigenen Fluchtinstinkte zu blockieren. Und wenn Sie in Gruppen zusammenarbeiten, auch die anderer Lebewesen.« »Das ist richtig, woher wissen Sie…?« »Des Imperators Augen wissen alles!« »Und was wäre daran so schlimm?«, fragte der Nert. Axton seufzte. »Die beiden natürlichen Regungen eines jeden Lebewesens bei Gefahr sind Kampf oder Flucht. Um das eigene Leben zu erhalten, stellt es sich entweder dem Gegner, oder es sucht sein Heil im Rückzug. Die Entscheidung darüber, was geschehen soll, hängt von der Situation ab und
selbstverständlich auch von der jeweiligen Persönlichkeit. Der eine ist mutig, der andere feige. Die Reaktion auf eine Gefahrensituation bewirkt die Ausschüttung eines Hormons der Nebennierenrinde, die wiederum von einer Hirndrüse gesteuert wird. Eskaphonen ist es möglich, die Wirkung des Nebennierenrindenhormons abzublocken, sodass dieses keine Wirkung erzielen kann.« »Ja und?«, fragte der Planetenfürst, der noch immer nicht verstand, worauf Axton hinauswollte. »Im Kampf können die Eskaphonen bei sich selbst diese Hormonwirkung verhindern. Sie schalten damit ihren Selbsterhaltungstrieb aus, sodass sie sogar dann noch weiterkämpfen, wenn sie längst eingesehen haben, dass sie nicht überleben können.« Axton glitt aus dem Sessel, zeigte mit ausgestrecktem Arm auf Kap. »Das war auch der Grund dafür, dass diese beiden Männer dem Raumschiff der Methans blind gefolgt sind. Sie wussten, dass sie keine Chance hatten, wirklich etwas herauszufinden. Aber sie flogen dennoch hinter dem hundertfach überlegenen Schiff her, und sie bildeten sich auch noch etwas darauf ein. Dabei gibt es Möglichkeiten, einen etwa vorhandenen Stützpunkt auch aus sicherer Entfernung aufzuspüren. Entweder haben Kap und Soph diese Dummheit begangen, weil sie ihren Fluchtinstinkt blockiert haben – oder die ganze Geschichte ist ein ausgemachter Schwindel.« »Axton, Sie vergessen sich.« Kap und Soph fuhren wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Kap war es, der dieses Mal seinen Strahler zog und auf Axton richtete. »Jetzt reicht es.« »Ich bin noch nicht fertig, mein Lieber«, sagte Axton unbeeindruckt. »Der Fluchtinstinkt könnte das Volk der Eskaphonen vielleicht retten. Sie aber sind fest davon überzeugt, dass die Blockierung dieses Instinkts eine
außerordentlich positive Fähigkeit ist. Das wird der Untergang sein: Eines Tages werden die Methans den Heimatplaneten Ihres Volkes angreifen. Und kein Eskaphone wird entkommen! Sie alle werden kämpfen bis zum bitteren Ende, ohne zu begreifen, dass sie durch eine rechtzeitige Flucht wenigstens die Existenz ihres Volks an sich erhalten könnten.« »Das ist eine ungeheuerliche Anschuldigung«, entgegnete Soph. »Zu keinem Zeitpunkt werden sich alle Eskaphonen auf Eskaphon aufhalten.« »Das ist richtig. Die Männer dienen auf den Schiffen der Flotte. Aber die Frauen verlassen den Planeten nie!« Die beiden Umweltangepassten verfärbten sich. Plötzlich begriffen sie, dass Lebo Axton keine leeren Worte aussprach. Nach einer Weile sagte Kap: »Sie sind nicht der Erste, der so etwas prophezeit hat.« Axton ging zum Antigravschacht, gab Kelly einen Wink. Der Roboter folgte. »Warten Sie«, rief Soph. »Das alles ist kein Grund, uns Fehlentwicklung der Natur zu nennen.« »Was sind Sie denn anderes? Meinen Sie, nur rein äußerliche Missbildungen zählen?« Axton sah, dass der Schock tief saß. Fast bereute er, so weit gegangen zu sein. Auf der anderen Seite wusste er, dass die beiden Eskaphonen wahrscheinlich niemandem mehr mit Verachtung begegnen würden, der so stiefmütterlich von der Natur behandelt worden war wie er. »Der Mann ist ein Genie«, flüsterte Arayshkat. Sicherlich dachte er nicht, dass Axton diese Worte hören würde. Weder er noch die beiden Eskaphonen konnten wissen, dass Axton das Ende dieses Volkes wirklich kannte. In der Zeit, aus der Axton stammte, gab es keine Eskaphonen mehr. Dieses Volk war ihm nur bei seinem Studium der altgalaktischen Völker begegnet. Und aus den überaus lückenhaften Berichten war er auch über das Ende informiert. Der Planet würde tatsächlich
irgendwann in den kommenden Jahrhunderten völlig überraschend von Maahks angegriffen werden, und kein Eskaphone würde überleben. Die Gründe dafür hatte er genannt. Als sie allein in der Kabine waren, wandte sich der Verwachsene an den Roboter: »Am liebsten würde ich dir gegen die Schienbeine treten!« »Warum?« »Weil ich wütend bin und mich verflucht gern an irgendjemandem austoben möchte. Was mich stört, ist, dass es dir Paradebeispiel eines misslungenen Roboters noch nicht einmal etwas ausmacht.« »Das ist richtig«, antwortete Kelly sachlich. »Ich möchte dich auf eine Beobachtung aufmerksam machen, Schätzchen.« »Lass hören.« »Im Wrack war noch Sauerstoff für wenigstens drei Pragos vorhanden.« »Woher weißt du das?« »Ich habe die Instrumentenanzeige gesehen, Arayshkat hat nicht darauf geachtet.« Axton richtete sich verblüfft auf. »Dann haben die beiden also gelogen? Warum sollten sie?« »Darauf habe ich keine Antwort.« Axton sank wieder zurück. Ächzend streckte er die schmerzenden Beine aus und schloss die Augen. Er überlegte fieberhaft, weil er ohnehin spürte, dass irgendetwas an der Bergung der beiden Eskaphonen nicht stimmte. Es gelang ihm nicht, sich ausreichend zu konzentrieren. Die Gedanken purzelten durcheinander. Müdigkeit überfiel ihn – und er gab sich einer wohligen Entspannung hin.
4. »Terlot da Keithy ist tot.« »Verrat?« »Das war nicht festzustellen. Arayshkat da Barthimore lebt. Und es scheint, dass es ihm gut geht.« »Damit wird ein neuer Plan notwendig.« »Es liegen andere Informationen vor.« »Das ändert nichts.« »Sie widersprechen den alten Berichten.« »Demnach ist der Nert doch loyal? Oder hat er unseren Mann getäuscht?« »Man hat mir gesagt, dass er nicht zu täuschen sei.« »Dann müssen wir die neuen Informationen als richtig anerkennen.« »Abwarten. Die wirkliche Probe steht noch bevor. Dann wird sich zeigen, ob tatsächlich jemand dieses Duell überlebt.«
An Bord des Leka-Diskus: 9. Prago der Prikur 10.498 da Ark Axton erwachte, als ihn Kelly an der Schulter berührte. »Wir sind da.« Er fühlte sich gerädert. Noch halbwegs benommen, richtete er sich auf und benötigte eine ganze Weile, bis er begriffen hatte, wo er sich überhaupt befand. Axtons Beine schmerzten; er massierte sie, ohne dabei den geringsten Erfolg zu erzielen. Beunruhigt fragte er sich, ob er krank wurde. Es war durchaus möglich, dass er sich mit unbekannten Keimen infiziert hatte. Führten die Eskaphonen vielleicht Erreger mit sich, die er nicht vertrug, während sie für Arkoniden vollkommen unschädlich waren? Konnte er – als Projektionskörper der Traummaschine – überhaupt krank werden? Nun, Schmerzen
gab es jedenfalls. Und Verwundungen wohl auch. Axton stieg aus dem Bett und stöhnte gepeinigt auf. Er wäre zu Boden gestürzt, hätte nicht der Roboter zugegriffen und ihn gestützt. Doch darüber freute er sich keineswegs. Im Gegenteil. Er wurde sich seiner ganzen Hilflosigkeit bewusst, und sein hysterischer Hass gegen alle Roboter brach durch. Mit wütenden Faustschlägen, die allerdings selbst ein Kind nicht hätten beeindrucken können, drang er auf Kelly ein. »Verschwinde aus meinen Augen, du Wrack!«, schrie Axton. »Los, raus mit dir!« Der Roboter gehorchte augenblicklich. »He, wo willst du hin?« »Raus.« »Warum?« Axtons Zorn war ebenso schnell verraucht, wie er gekommen war. »Weil du es mir befohlen hast, Gebieter.« »Du gehorchst mir? Du verdammte Bestie tust auch noch so, als wärst du in der Lage, Befehle zu begreifen und zu befolgen?« »Ich wurde entsprechend programmiert, Schätzchen. Ich kann Befehle, die mir erteilt werden, gar nicht ignorieren.« »Lügner! Ich hatte dir verboten, mich Schätzchen zu nennen. Weshalb hörst du also nicht auf, mich Schätzchen zu nennen?« »Wenn du es gern möchtest, Schätzchen, werden meine Membranen nie mehr diese Töne produzieren.« Ächzend ließ sich Axton wieder aufs Bett sinken. »Sag das noch einmal. Wie war das mit den Membranen?« »Ich habe den Eindruck, Herzchen, dass du mich ganz gut verstanden hast.« Axton schleuderte einen Stiefel nach Kelly. Der Roboter wich nicht aus – hatte überdies vermutlich sofort berechnet, dass der Absatz nur einen gut geschützten Bereich des Kopfes treffen würde. »Ich geb’s auf«, sagte der Verwachsene stöhnend. »Aber das verspreche ich dir, Freundchen – ich
werde mit aller Energie nach dem Mann suchen, der dich konstruiert und programmiert hat. Und wenn ich ihn gefunden habe, werde ich ihm mit Freuden den Hals umdrehen.« Er wartete einige Augenblicke auf eine Antwort, doch als Kelly nichts sagte, brüllte er: »Meinen Stiefel! « »Ich befinde mich in einem Befehlskonflikt«, sagte der Roboter. »Soll ich nun nach draußen gehen, dich Schätzchen nennen oder deinen Stiefel holen?« »Gib mir den Stiefel. Und beeil dich.« Kelly bückte sich, nahm den Stiefel und brachte ihn ans Bett. Wenig später trug der Roboter den Terraner auf seinem Rücken zur Zentrale. Kap pilotierte die Leka – der Diskus glitt bereits durch die oberen Luftschichten von Protem. »Was ist das?«, fragte Axton und deutete auf die Ortungsschirme, die von hellen Reflexen geradezu übersät waren. »Einheiten der Imperiumsflotte.«
Axton wechselte einen raschen Blick mit Nert Arayshkat, der sichtlich beunruhigt war. Diese Begegnung kam zu früh. Der Planetenfürst von Barthimore brauchte noch einen handfesten Beweis für seine Loyalität gegenüber Orbanaschol III. Noch konnte er ihn nicht erbringen, und damit konnte auch Axton noch nicht genügend rechtfertigen, dass er den Arkoniden ins Preyton-System mitgenommen hatte, statt für seine »Ausschaltung« zu sorgen. »Nehmen Sie Verbindung mit dem Oberbefehlshaber der Flotte auf!«, befahl Axton. »Beeilen Sie sich, Soph!« »Das habe ich bereits getan. Wir haben die Anweisung erhalten, in der Nähe der zerstörten Stadt Drohten zu landen. Dort erwartet uns ein Verbindungsmann. Man wusste, dass Sie an Bord sind, Axton.«
Axton hatte ein flaues Gefühl in der Magengegend. Irgendetwas stimmte nicht. Die mühsam geknüpften Fäden schienen seinen Fingern zu entrinnen. War es ein Fehler gewesen, Arayshkat zu schützen? Hätte er ihn kaltblütig umbringen sollen, so, wie man es von ihm verlangt hatte? Die Beweise seiner Parteinahme für Atlan waren eindeutig, Arayshkat ein Gegner Orbanaschols. Hatte es sich wirklich gelohnt, ihn zu retten? Wurde er nun nicht zu einer Gefahr, weil er nicht die ausgereifte Persönlichkeit hatte, die für eine echte Zusammenarbeit unabdingbar war? »Ich muss Sie sprechen«, sagte er zu dem Arkoniden. »Kommen Sie mit nach unten. Sie, Kap, führen den Befehl der Flotte aus. Sobald wir gelandet sind, können Sie das Schiff verlassen und gehen, wohin Sie wollen. Ich brauche Sie nicht mehr.« Die beiden Eskaphonen taten, als hätten sie seine Worte nicht gehört. Axton und Arayshkat schwebten im Antigravschacht nach unten. Kelly folgte ihnen, blieb dann aber vor der Kabine des Verwachsenen stehen, sodass niemand das Gespräch belauschen konnte. »Was ist vorgefallen?«, fragte Axton, als er mit dem Planetenfürsten allein war. »Nichts von Bedeutung. Kap hat versucht, den Kommandeur der Flotte zu sprechen, holte sich aber eine Abfuhr. Er konnte seinen Bericht also lediglich bei einem Orbton mittleren Rangs abgeben. Niemand schien sich besonders dafür zu interessieren. Es ist also davon auszugehen, dass sie bereits wussten, was Atlan getan hat.« »Dann glauben Sie daran, dass es Atlan war?« Der Nert runzelte die Stirn. »Muss ich das nicht?« »Das lässt sich schwer beantworten.« Axton wiegte den Kopf. »Ich kenne Atlan, und ich weiß, dass er niemals einen solchen Verrat begehen würde. Es muss eine Intrige
Orbanaschols sein.« »Das verstehe ich nicht.« »Könnte es nicht sein, dass man lediglich versucht, Atlan diesen Verrat in die Schuhe zu schieben? Rufmord ist ein bewährtes Mittel. Man würde ihn psychologisch vernichten, könnte man glaubhaft machen, dass er ein derartiges Verbrechen begangen hat. Jener Teil der Öffentlichkeit, der möglicherweise mit dem Sohn Gonozals des Siebten sympathisiert, würde sich von ihm abwenden. Und damit hätte Orbanaschol seine Macht noch mehr gefestigt.« »Sie haben recht, Axton. So muss es sein.« »Dennoch steckt noch mehr hinter dieser ganzen Geschichte. Ich habe vorhin einen Blick auf Protem werfen können. Die Zeichen der Zerstörung sind eindeutig. Am massiven Angriff gibt es keinen Zweifel. Die planetare Abwehr muss also geschwächt worden sein – und zwar genau zu dem Zeitpunkt, als die Maahks eintrafen.« »Ich habe genau auf das geachtet, was die beiden Eskaphonen gesagt haben, aber mir ist nichts aufgefallen.« »Wir müssen abwarten. Viel schlimmer ist, dass die Flotte bereits hier ist. Ich werde einen vernünftigen Grund finden müssen, dass Sie noch leben.« »Sie haben doch einen Bericht eingereicht.« »Meine Argumente genügen vermutlich nicht. Sie sind in Gefahr, Arayshkat.« Der Arkonide nahm sich ein Erfrischungsgetränk aus dem Automaten und trank es in einem Zug. Er schüttelte den Kopf, ein jungenhaftes Lächeln glitt über seine Lippen. »Sie sind ein Pessimist. Ich teile Ihre Sorgen nicht. Wir haben dem Imperator Beweise meiner Loyalität geliefert. Was will man mehr?« »Ihren Planeten!« Nert Arayshkat schürzte verächtlich die Lippen. »So einfach
ist das nun auch wieder nicht«, erwiderte er leichthin. »Wir sollten wieder nach oben gehen.« Er sah die Unterredung als beendet an. Offensichtlich war er nicht bereit, die Sorgen Axtons zu teilen. Schweigend ging der Verwachsene an ihm vorbei. Als er die Zentrale erreichte, setzte das Diskusschiff in der Nähe eines vollkommen zerstörten Raumhafengebäudes auf. Die Trümmer von zwei Frachtraumern, die nur wenige hundert Meter entfernt waren, qualmten noch. Kap und Soph standen auf und verabschiedeten sich mit knappen Gesten. Axton hielt sie nicht auf. Als Arayshkat in der Zentrale erschien, landete ein kleiner Kugelraumer, der die Flottensymbole trug. Axton setzte sich und wartete. Ein Gleiter näherte sich der Leka, drei hochgewachsene Orbtonen stiegen aus und erschienen kurz darauf in der Zentrale. »Hallo«, sagte Arayshkat leichthin. »Es ist ein beruhigendes Gefühl, die Flotte in der Nähe zu wissen.« Die Offiziere beachteten ihn nicht. Ihre Aufmerksamkeit richtete sich allein auf Axton, der in seinem Sessel sitzen blieb. »Nehmen Sie Platz, meine Herren.« »Wir sind überrascht, Sie hier anzutreffen«, sagte einer der Uniformierten. Er war der Älteste der drei Männer. Seine Haut war mit kreisförmigen Narben übersät, sein dünnlippiger Mund und die Augen ließen erkennen, dass er von unbeugsamer Härte sein konnte. »Sie kennen meinen Auftrag?« »Allerdings.« »Nun, ich habe bereits berichtet, dass Arayshkat da Barthimore offenbar einer Intrige zum Opfer gefallen ist. Ich habe herausgefunden, dass er kein Gegner des Imperators, sondern absolut loyal ist. Er war es, der von mir verlangte, dass wir sofort ins Preyton-System fliegen, als er von dem
Überfall der Maahks hörte.« »Wir sprechen später noch darüber, Axton. Zunächst geht es um diesen Atlan, den angeblichen Sohn Gonozals des Siebten.« »Ich halte es für absolut ausgeschlossen, dass er einen Verrat dieser Art verübt haben soll«, sagte Axton scharf. Die Orbtonen lachten. Ihre Heiterkeit verblüffte den Kosmokriminalisten. »Die Beweise sind eindeutig. Es gibt überhaupt keinen Zweifel, dass der mutmaßliche Kristallprinz dieses Verbrechen begangen hat.« »Sie haben mehr Informationen als ich.« »Das ist richtig. Wir wissen zum Beispiel, dass sich Atlan hier auf dem Planeten aufhalten muss.« Axton richtete sich elektrisiert auf. Nur mühsam beherrschte er sich. »Das ist doch unmöglich. Es heißt, dass Atlan die Wachschiffe von Protem fortgelockt und damit den Weg für die Methans frei gemacht hat. Wie kann er dann hier sein?« »Er hat selbstverständlich versucht, den Wacheinheiten zu entkommen. Jeder andere hätte sich so weit wie möglich entfernt. Er aber glaubte offenbar, dass wir ihn hier auf Protem am wenigsten vermuten würden. Daher kehrte er zurück und suchte ein Versteck im System. Dabei wurde er geortet und angegriffen. Nach den uns vorliegenden Meldungen ist er über Protem abgestürzt. Das Wrack wurde bereits gefunden. Atlan muss aber vorher ausgestiegen und irgendwo gelandet sein.« Lebo Axton kombinierte und reagierte blitzschnell. Jetzt zeigte sich wieder, dass er ein hervorragender Psychologe und Kriminologe war. »Dann müssen wir ihn finden und erledigen. Ich denke, Sie werden meine Hilfe nicht ablehnen?« »Ganz und gar nicht. Wenn Sie und Arayshkat sich an der Jagd auf Atlan beteiligen wollen, sind Sie uns willkommen.
Wir machen Sie jedoch darauf aufmerksam, dass wir ihn lebend wollen. Er darf nur im äußersten Notfall getötet werden. Seine Erhabenheit will diesen Verräter vor Gericht stellen.« »Ich verspreche Ihnen, dass ich dem Henker nicht vorgreifen werde«, sagte Axton. »Und Sie, Arayshkat, werden Atlan ebenfalls nicht töten.« »Selbstverständlich nicht«, antwortete der Planetenfürst mit unbewegter Miene. »Aber ich werde mich für das Amt des Henkers bewerben.« Das war etwas zu dick aufgetragen. Axton sah es in den Augen der Orbtonen flackern. Ihr Misstrauen erhielt neuen Auftrieb. Diese Männer glaubten nicht daran, dass ausgerechnet Arayshkat da Barthimore so handeln würde. Sie standen auf und verabschiedeten sich mit einem gewissen Respekt von Axton, wohingegen sie Arayshkat kaum beachteten. »Gehen Sie zum Raumhafengebäude«, sagte Axton, als er mit dem Arkoniden allein war. »Ich habe dort einige Männer gesehen. Versuchen Sie, so viele Informationen wie möglich aus ihnen herauszuholen. Ich überlege mir unterdessen, wie wir am besten vorgehen können.« Arayshkat eilte wortlos davon. Axton aber blieb tief in Gedanken versunken zurück. Er hatte das Gefühl, endgültig in einer Sackgasse gelandet zu sein. Leider konnte er nicht völlig ausschließen, dass sich der echte Atlan auf Protem befand, obwohl die Wahrscheinlichkeit dafür extrem gering war. Vertraute er den Informationen, die er vor seinem Abenteuer mit der Traummaschine erhalten hatte, konnte es eigentlich nicht Atlan sein, der in dieses Geschehen verwickelt war. Dennoch fühlte sich Axton wie gelähmt. Er wusste nicht, was er tun sollte. Mehr denn je kam er zu der Überzeugung, in ein perfides
Intrigenspiel Orbanaschols verwickelt zu sein. Noch wusste der Kosmokriminalist nicht, ob er alle Komponenten als solche erkannt hatte. Sicher war er allerdings, dass der Imperator gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe zu schlagen versuchte. Arayshkat war in diesem Geflecht eher eine untergeordnete Figur. Axton selbst war dagegen schon wichtiger. Er wusste, dass er Orbanaschol seine Loyalität und Zuverlässigkeit beweisen musste. Dem verhassten Atlan einen Verrat anzuhängen, um ihn in den Augen der Öffentlichkeit zu diskreditieren, passte ebenfalls zu Orbanaschol. Die Frage war, wie weit der Imperator bei der Umsetzung eines solchen Plans gehen würde. Gar so weit, einen »Maahkangriff« auf eine Welt im Herzen des Großen Imperiums zu inszenieren? Denn genau auf diese Annahme lief es letztlich hinaus. Oder steckte noch viel mehr dahinter?
Der Nert kehrte zurück. »Stellen Sie sich vor«, rief er erregt. »Ich habe tatsächlich neue Informationen erhalten.« Der Terraner schrak aus seinen Grübeleien auf. »Erzählen Sie«, murmelte er zerstreut. »Was gibt es?« »Man wollte mir zuerst nichts verraten und verlangte Berechtigungsbescheinigungen und anderen bürokratischen Kram.« Axton unterbrach unwirsch: »Ich will keine Darstellung Ihrer persönlichen Tüchtigkeit und Ihrer Überredungskünste hören, sondern das Ergebnis Ihrer Bemühungen.« »Wie reden Sie mit mir?« »So, wie man mit einem Mann reden muss, der das Ziel aus seinen Augen verloren hat. Begreifen Sie denn immer noch nicht, worum es hier geht? Wir können es uns nicht leisten, Zeit zu vergeuden.« »Das müssen Sie mir erklären. Sie glauben doch nicht
wirklich daran, dass Atlan hier ist?« »Später. Was gibt es Neues?« Arayshkat räusperte sich. »Es gab in der Tat, wie die Eskaphonen sagten, eine dritte Flotte, als die Maahks angriffen. Die Piraten konnten einwandfrei identifiziert werden. Sie wurden vom Gros der Wachflotte verfolgt. Niemand rechnete damit, dass Maahks kommen würden. In der Gesamtschau passen sie allerdings ins Bild; auf diese Weise wurde der Systemschutz geschwächt. Die Verfolgung Atlans führte zur weiteren Blöße – und machte die Bahn frei für die Maahks.« »Wurden die Piraten gestellt?« »Nein, sie konnten entkommen und sind spurlos verschwunden.« »Würde in der Tat passen…« Axton überlegte kurz und fuhr dann fort: »Die Frage ist allerdings, auf wen diese Ablenkungsaktion zurückgeht. Denn sie greift nur in Verbindung mit der Aktion Atlans und des Angriffs der Methans. Voraussetzung wäre überdies eine beachtliche logistische Koordination – und ausrechnet da soll es dem Kristallprinzen nicht möglich gewesen sein, zu entkommen, sodass er nun auf Protem festsitzt? Das stinkt, mein Lieber.« »Die Alternative…« Arayshkats Augen weiteten sich; er sprach nicht aus, was ihm in diesen Augenblicken durch den Kopf schoss. »Hinzu kommt die Information, die das Fluchtschiff nach Barthimore brachte: die angeblich gezielte Landung der Methans beim geheimen Positronikzentrum. Entführung von Offizieren und Ingenieuren sowie der Diebstahl eines Grundbausatzes für die Taion-KSOL auf Arkon Drei. Da arbeitet jemand in ganz großem Stil, um alles Atlan in die Schuhe zu schieben. Unabhängig davon, ob es der echte Atlan oder nur ein vorgeschobener Doppelgänger im Auftrag
Orbanaschols ist – wir müssen verhindern, dass er in Gefangenschaft gerät oder von Orbanaschols Schergen abgeknallt wird. Nur so lässt sich die Intrige aufdecken. Arayshkat, Sie müssen mir helfen. Oder wollen Sie noch immer so schnell wie möglich nach Barthimore zurück?« »Nein, nicht unter diesen Umständen.« »Dann haben wir uns verstanden.« Lebo Axton entwickelte nun eine geradezu fieberhafte Aktivität. Er musste diesen »Atlan« als Erster finden. Sollte es sich, entgegen allen ihm zur Verfügung stehenden Informationen, doch um den echten Kristallprinzen handeln, musste er ihm helfen. Handelte es sich um einen falschen, musste er zu Auftraggebern und Hintermännern befragt werden. So oder so war es wichtig, ihn vor Orbanaschol zu erwischen. Alles Weitere ergab sich dann. Axton war sich darüber klar, dass er ein hohes Risiko einging. Aber nur so ließen sich seine Ziele erreichen – Atlan zu helfen, indem er sich als loyaler Mitarbeiter möglichst in direkter Umgebung des Imperators etablierte. Axton beobachtete Arayshkat, der sich mit Schiffsbeständen ausrüstete. Der Arkonide legte eine neue Kombination an, die nicht so auffällig und prunkvoll war wie die, die er bislang trug, und mehr auf Kampf und Tarnung ausgelegt war. Dazu wählte er kräftige Stiefel und eine leichte Waffe für kurze Distanzen; einen Narkosestrahler legte er zusätzlich zur Seite, aber damit ging er auf eine kaum merkliche Weise anders um als mit dem tödlich wirkenden Thermostrahler. Axton stutzte. Er hatte den Arkoniden in verschiedenen Situationen kennengelernt und dabei den Eindruck gewonnen, dass er oberflächlich und nicht besonders zuverlässig war. Nun fragte er sich, ob er es wirklich wagen durfte, diesen Mann in einen gefährlichen Einsatz mitzunehmen. Axton erkannte, dass er unter dem Druck der Ereignisse unter
Umständen einen Fehler gemacht hatte. Er hatte Arayshkat zu weit in das Geschehen einbezogen. Es wäre besser gewesen, ihn im Diskus zu lassen und die Jagd auf »Atlan« allein zu unternehmen. »Hören Sie, Arayshkat«, sagte er zögernd. »Ich habe mir etwas überlegt.« Der Arkonide kam zu ihm, wirkte wie umgewandelt. Hochmütig und selbstsicher blickte er auf Axton. »Es bleibt bei meinem Entschluss«, sagte er mit einer Stimme, die erkennen ließ, dass er sich allen Argumenten verschließen würde. »Fürchten Sie nicht, dass ich versagen könnte. Ich bin ein Freund Atlans und werde ihm helfen. So oder so.« »Na schön«, antwortete Axton, nun ebenfalls in einem Ton, der keinen Zweifel aufkommen ließ. »Dann sollten Sie auch wissen, dass mir das Leben Atlans höher steht als das Ihre. Sollte ich mich zwischen ihm und Ihnen entscheiden müssen, stehe ich konsequent auf der Seite des Kristallprinzen.« »Und ich werde ebenso handeln.« »Dann verstehen wir uns ja.« Der Arkonide drehte sich um und legte seine Ausrüstung an. Axton wusste, dass Arayshkat ihn genau verstanden hatte – und sich gerade deswegen ein Abgrund zwischen ihnen aufgetan hatte, der sich so leicht nicht mehr wieder schließen würde. Axton bedauerte das, aber er beschloss, sich nur auf sich selbst zu verlassen.
Die Funk- und Ortungsstation des Raumhafens war zwar weitgehend zerstört worden, die vor dem Angriff aufgezeichneten Beobachtungen und Messdaten waren aber noch erhalten. Der ranghöchste Offizier überspielte die Daten. Aus ihnen ging hervor, auf welcher Flugbahn das Raumschiff »Atlans« abgestürzt war. Axton ließ von der Positronik eine
Karte Protems anfertigen, auf der der Korridor eingetragen war, in dem Atlan und die Männer, die ihn vermutlich begleitet hatten, abgesprungen sein konnten. Als die Berechnungen abgeschlossen waren, richtete sich Arayshkat auf und pfiff leise durch die Zähne. »Das könnte viele Pragos dauern, bis Atlan gefunden wird.« »Durchaus.« Axton reagierte gleichmütig. Er umrandete das Gebiet, das zu durchsuchen war, mit einem roten Stift. Es war etwa fünftausend Kilometer lang und vierhundert Kilometer breit. »Man kann es auch anders formulieren. Seine Chancen, nicht entdeckt zu werden, sind beträchtlich. Und das ist gut.« Die Positronik hatte in Farbabstufungen Zonen unterschiedlicher Wahrscheinlichkeit markiert. Danach war die Wahrscheinlichkeit, dass sich Atlan am Beginn oder am Ende des Absturzbereichs befand, gleich klein, während sie von den beiden Enden her zur Mitte hin gleichmäßig anstieg. Aus dem Flottenfunk war zu erfahren, dass inzwischen bereits hundertfünfzig Gleiter und Leka-Disken mit Spezialgeräten aufgebrochen waren. »Sie haben einen uneinholbaren Vorsprung«, murmelte Arayshkat. »Das glaube ich nicht«, entgegnete der Kosmokriminalist. »Ich bin vielmehr der Ansicht, dass die Positronik – und die offiziellen Suchtruppen arbeiten zweifellos mit gleichem Material – einen grundlegenden Fehler gemacht hat. Sie hat rein mathematisch kalkuliert, nicht psychologisch.« »Das müssen Sie mir erklären.« »Das ist doch wirklich einfach«, sagte Kelly mit quietschender Stimme. Er trat unaufgefordert zu den beiden Männern und legte seine Metallhand auf die Karte. »Darf ich die Zonen der Wahrscheinlichkeit neu einzeichnen, die du meinst?« »Du darfst«, sagte Axton und schmunzelte. Er sah das
versteinerte Gesicht des Arkoniden, der den heimlichen Wink bemerkt hatte, den Axton Kelly gegeben hatte. Der Roboter ergriff einen gelben Stift und markierte damit den oberen und unteren Abschnitt des Absturzkorridors. »Atlan wird versuchen, aus dem Kerngebiet herauszukommen; entweder nach Norden oder nach Süden. Ist es so, Schätzchen?« Dabei blickte er Arayshkat an, der prompt feuchte Augen vor Empörung bekam. »Wenn diese Maschine nicht sofort verschwindet, zerstrahle ich sie.« Kelly kniete sich hin und ließ Axton auf den Rücken steigen. »Das wäre sehr unklug«, sagte der Roboter. Seine Stimme wurde mit jeder Silbe dunkler, bis die Standardeinstellung der Lautsprecher erreicht war. »Sollte ich den Weg allen Schrotts antreten, müsstest du meinen Gebieter tragen. Doch ich wage zu bezweifeln, dass du mit einem solchen Kerlchen auf dem Rücken so gut aussehen würdest wie ich.« »Dieser… dieser Blechhaufen ist ein Ungeheuer! Ich verlange, dass Sie ihn ausschalten, Axton. Er wird unser Verhängnis sein.« »Einverstanden. Aber nur, wenn Sie mich dann tragen.« Der Planetenfürst wandte sich daraufhin wortlos ab und verließ die Zentrale.
Als Axton im Laderaum der Leka eintraf, hatte Arayshkat bereits den Gleiter vorbereitet. Er packte noch einige Vorräte ein, da sie nicht wussten, wie lange die Suche tatsächlich dauern würde. »Das habe ich schon lange nicht mehr gemacht.« Eine Verwendung des Diskusraumers selbst hatten die Männer verworfen, um möglichst unauffällig agieren zu können. Axton sagte, ohne auf Arayshkats Bemerkung einzugehen: »Können wir starten?«
»Wir können.« Der Arkonide setzte sich hinter die Steuerung und blickte unwillig auf Kelly, als dieser mit den Füßen gegen die Türinnenseite stieß. Aber er beschwerte sich nicht über diese Ungeschicklichkeit, bei der einige Schrammen entstanden. Er zuckte allerdings deutlich zusammen, als der Roboter die Tür schloss und dabei offensichtlich etwas zu heftig vorging: Sie sprang wieder auf, sodass er sie erneut zuschlagen musste. »Arkatadische Produktion?«, fragte Axton. »Allerdings«, antwortete der Arkonide. »Bis auf einige Kleinigkeiten absolut zuverlässig.« »Sie sollten auf Arkon Zwei kaufen. Ich habe erfahren, dass Seine Erhabenheit geschäftliche Anteile der arkonidischen Gleiterproduktion hat. Es stimmt ihn unfreundlich, wenn hochgestellte Persönlichkeiten des Imperiums die Konkurrenz bevorzugen.« »Mir scheint, ich habe eine ganze Reihe von Fehlern gemacht«, sagte Arayshkat und startete. Der Gleiter schwebte durch die offene Schleuse auf das Landefeld hinaus und gewann schnell an Höhe. Arayshkat beschleunigte voll, zog die Maschine über die zerstörten Raumhafengebäude hinweg und lenkte sie nach Osten. Mit jedem zurückgelegten Kilometer wurde das wahre Ausmaß der Zerstörungen deutlicher. Die »Maahks« hatten erbarmungslos zugeschlagen – und Axton kamen fast Zweifel, ob seine grundsätzlichen Überlegungen richtig waren. Hatte es sich womöglich doch um einen echten Angriff gehandelt – unabhängig davon, dass es für die Opfer keinen Unterschied machte? Gab es gar eine »dritte Partei«, die mit einem Atlan-Doppelgänger arbeitete? Nein, alles deutete Axtons Meinung nach auf eine skrupellose Planung Orbanaschols hin, der im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen ging, um seine Ziele zu erreichen. Von der Stadt Drohten, die ehemals zu dem Raumhafen gehört hatte, war so
gut wie nichts mehr vorhanden. Aus der Asche ragten hier und da zerschmolzene Reste von Gebäuden. Sofern die Stadt nicht rechtzeitig evakuiert worden war – womit Axton nicht rechnete –, hatte es allein hier Millionen Tote gegeben! Diese Katastrophe offiziell Atlan anzuhängen musste den Kristallprinzen für alle Zeiten vernichten. Selbst bei einer Anerkennung seines Thronanspruchs hätte er keine Chance gehabt – ein solcher Massenmord diskreditierte ihn in jeder Hinsicht. Und genau das war es, was in Axton schließlich alle Zweifel beseitigte und seinen Hass auf Orbanaschol noch intensivierte. Arayshkat flog über eine flache Hügelkette, folgte dann einem allmählich ansteigenden Bergrücken und überquerte schließlich ein Gebirge, dessen Gipfel bis zu etwa siebentausend Meter aufragten. Axton hörte unterdessen die Flottenfrequenzen ab und schaltete auch auf die offiziellen Informationskanäle Protems. Irgendwann erschien auf dem Bildschirm ein Steckbrief. Der Mann auf dem Bild glich dem Atlan, den Axton kannte; er war lediglich etwa zwanzig Jahre jünger. Unter dem Bild gab es eine Beschreibung. Der Name Atlans war in großen, auffälligen Buchstaben ausgeführt. Zwar war eine außerordentlich hohe Belohnung auf ihn ausgesetzt, doch damit verband sich die strikte Bedingung, ihn lebend abzuliefern. Axton stutzte. Warum wurde diese Bedingung derart betont?
In einer Kleinstadt am Rand der Wahrscheinlichkeitszone fanden die Männer tatsächlich eine Spur. Männer, die einer Person Nahrungsmittel verkauft hatten, die der auf dem Steckbrief entsprach, hatten sich gemeldet. Sie versicherten, dass sie Atlan nicht geholfen hätten, wäre ihnen die Fahndung bereits bekannt gewesen. Doch zu diesem Zeitpunkt war sie
noch nicht verbreitet worden. Längst hatten die offiziellen Suchkommandos die Spur aufgenommen, bislang jedoch nichts erreicht. »Er ist seit Tontas weg«, sagte der Bürgermeister. Er überragte die anderen Männer deutlich. Ein dichter Bart zierte sein Kinn. Das schlohweiße Haar fiel ihm bis zu den Hüften. Ein violettes Insekt, das Axton an eine irdische Gottesanbeterin erinnerte, aber mindestens doppelt so groß war, bewegte sich träge im Haar des Arkoniden und zirpte leise. »In welche Richtung ist er geflogen?«, wollte Axton wissen. Der Bürgermeister zeigte nach Nordwesten. »Er hat sich also einen Gleiter gekauft und ist mit den acht Männern verschwunden, die ihn begleitet haben«, fasste Axton zusammen. »Alle neun waren mit Kombistrahlern bewaffnet. Was befindet sich im Nordwesten? Eine Stadt?« »Eine Großstadt. Kandoran. Eine der wenigen, die unbeschadet den Angriff überstanden haben.« »Verfolger?« »Mindestens dreißig Gleiter. Weitere werden sich bald anschließen. Wir haben die Meldung an die Behörden etwas verzögert; unsere Stadt könnte die Belohnung gut gebrauchen, Sie verstehen?« Axton unterdrückte ein Seufzen. In seinem Hinterkopf fühlte er ein leichtes Pochen, das allmählich kräftiger und schmerzhafter wurde. Für einige Augenblicke flimmerte es vor seinen Augen, sodass er kaum etwas sehen konnte. Er klammerte sich an die Haltegriffe des Roboters, da er fürchtete, herabzufallen. »Vielen Dank«, sagte er mühsam. »Wir fliegen weiter. Zum Gleiter, Kelly. Rasch.« Er hob grüßend die Hand, ließ sich zurücktragen und fühlte sich erst wieder besser, als er in den Polstern saß. Seine Blicke klärten sich. Er legte die Hände auf den Hinterkopf, in dem
das schmerzhafte Pochen nachließ. Beunruhigt fragte er sich, was in ihm vorging. »Ist etwas nicht in Ordnung, Axton?« »Alles klar. Starten Sie, Arayshkat. Wir wollen keine Zeit verlieren, Kurs Nordwest.« Der Arkonide lenkte die Maschine steil in die Höhe und brachte sie dann auf Nordwestkurs. Hin und wieder blickte er zu dem Verwachsenen, der zusammengesunken neben ihm saß. Das Gesicht Axtons war vor Schmerz verzerrt, und die Hände, die er sich an den Hinterkopf presste, zitterten. »Mit Ihnen stimmt etwas nicht. Ich bringe Sie zu einem Bauchaufschneider.« »Das ist nicht nötig.« Axton richtete sich ächzend auf, sein Gesicht entspannte sich. »Jetzt scheint es vorbei zu sein.« Er schluckte einige Tabletten aus der Bordapotheke. Die Wirkung setzte schnell ein. Axton versuchte, sich ausschließlich auf die Umgebung und die Jagd zu konzentrieren, aber es gelang nicht ganz. Sie flogen über eine Landschaft, die von eigenartigem Reiz war. Zwischen niedrigen Hügeln und vereinzelten Felskuppeln lagen zahllose Seen von unterschiedlicher Größe. Ihre Ufer waren von teils grünen, teils flammend roten Bäumen gesäumt. Im flachen Wasser stakten unzählige Vögel, die an Flamingos erinnerten. »Arayshkat, fliegen Sie nach Westen«, sagte Axton. »Ich glaube nicht, dass sich Atlan in der Großstadt verstecken will. Er wird sich zunächst irgendwo auf dem freien Land einen Unterschlupf suchen.« »Das ist eine Vermutung?« »Keine Diskussion. Gehen Sie auf Westkurs!« Der Arkonide befolgte den Befehl. Er sah nicht, dass die Augen des Mannes neben ihm für einige Augenblicke glasig wurden. Axton kämpfte wieder mit den Schmerzen in seinem Kopf, überwand sie diesmal aber schneller. Er wunderte sich
darüber, dass er sich dessen so sicher war, dass seine Anordnung stimmte. Er spürte förmlich, dass er eine Art Kontakt mit der Atlan-Gruppe aufgenommen hatte, so als könne er sie aus der Ferne sehen. Irgendwo weit voraus schien ein Punkt zu sein, den er ansteuern musste, der einzig und allein als Ziel infrage kam. Axton wehrte sich nicht gegen dieses Gefühl, da er nicht ausschließen konnte, dass es auf eine paranormale Impression zurückging. Das Bild der Landschaft änderte sich. Unter dem Gleiter dehnten sich endlos scheinende Wälder. Die Bäume standen dicht an dicht, sodass der Boden nicht zu sehen war. Arayshkat deutete nach unten. »Sollten sie sich dort verstecken und alle Energiequellen desaktivieren, werden wir sie nicht so leicht entdecken.« »Irrtum. Sie müssten sich schon von sämtlicher Technik und allem Ausrüstungsmaterial trennen, um nicht geortet zu werden.« Axton wies auf die Anzeigen der Instrumente. Masse- und Energietaster arbeiteten ebenso wie die rein passiven Orter für normal- und hyperphysikalische Emissionen. »Auf lange Sicht haben sie keine Chance – es sei denn, dass sie ein Raumschiff auftreiben, mit dem sie ihre Flucht fortsetzen können. Wo aber sollte hier so etwas sein?« »Vielleicht dort drüben?« Der Nert zeigte auf einen schwach glänzenden Punkt, der sich südwestlich befand und etwa zwanzig Kilometer entfernt war. Der Arkonide änderte den Kurs, ohne Axtons Anweisung abzuwarten. Gleichzeitig beschleunigte er, flog aber immer noch in einer Höhe von etwa dreihundert Metern. »Gehen Sie tiefer«, sagte Axton. »Man braucht uns nicht früher zu sehen als unbedingt nötig.« Arayshkat ließ die Maschine so weit absinken, dass sie nur noch knapp über den Baumwipfeln flog. Ein Verband von sieben Diskusraumern zog hoch über ihnen hinweg – Kurs
Nordwest. Allmählich konnte Axton erkennen, welches Ziel Arayshkat anflog. Drei Türme erhoben sich aus dem Grün der Wälder; sie schienen aus Metall gefertigt oder damit verkleidet zu sein. Daneben befand sich eine Kuppel. Axton wies den Arkoniden auf eine Bodenrinne hin, in der sie sich weniger auffällig annähern konnten. Der Baron lenkte den Gleiter hinein und drosselte die Geschwindigkeit. Fortan schwebten sie im Sichtschutz der Bäume an die Türme heran, auf denen seltsam verkrümmte Gebilde befestigt waren. »Eine Ruine?« Sie erreichten das Ende der Rinne. Hier standen die Bäume so licht, dass sie unter den Kronen fliegen konnten. Auf diese Weise kamen sie bis an das Ufer eines Sees heran. Die vermeintliche Ruine stand auf einer kleinen Insel und war nur mit einem Boot oder einem Gleiter zu erreichen. Arayshkat stoppte die Maschine hinter einigen Büschen. Axton richtete die Bordoptik auf den in der Tat halb verfallenen Bau und justierte den Zoom. Auf dem Bildschirm wurden Einzelheiten sichtbar, die mit bloßem Augen nicht erkennbar waren. Ein kaum hörbares Summen zeigte Axton an, dass Kelly ebenfalls seine optischen Sensoren auf die Ruine ausrichtete. »Da ist etwas«, sagte der Roboter nach einer Weile. »Ich sehe nichts.« Arayshkat beugte sich über den Bildschirm, während Axton den Blickwinkel allmählich veränderte, sodass die Kamera nach und nach das gesamte Gebäude erfasste. Es schien tatsächlich aus Stahl errichtet worden zu sein. Die drei Türme waren durch Röhren mit der Kuppel verbunden, hatten nur wenige Fenster. Von dort aus konnte ein Beobachter weit über das Land sehen. »Wo?« »Im rechten Turm am obersten Fenster«, sagte Kelly. Axton richtete die Kamera auf die angegebene Stelle und sah gerade noch, wie eine Gestalt nach hinten verschwand. »Du
hast recht. Da war jemand.« »Ich habe immer recht. Das unterscheidet mich ja von dir. Deshalb frage ich mich manchmal, wer von uns beiden das höhere Geschöpf ist. Ich bin zu der Überzeugung gekommen, dass ich…« »Sei still. Deine Schwatzhaftigkeit deutet auf alles andere als ein hohes Niveau hin.« »Du hast den falschen Begriff gewählt. Schwatzhaftigkeit und Beredsamkeit sind zwei völlig verschiedene…« »Still!« »Aber nur unter Protest, Schätzchen.« Axton seufzte. »Da drüben ist jemand. Es könnte der Gesuchte mit seinen Männern sein. Wir müssen hinüber.« »So offen? Das schaffen wir nie. Die schießen uns ab, bevor wir nahe genug heran sind, um mit ihnen zu sprechen.« »Es geht nicht anders. Natürlich könnten wir auch versuchen, Funkkontakt aufzunehmen, aber davon halte ich nicht viel. Damit würden wir nur die Suchtrupps anlocken. Und genau das müssen wir vermeiden. Wir müssen mit aller Ruhe mit diesem… hm, Atlan reden. Also müssen wir zur Insel und sozusagen mit erhobenen Händen auf ihn zugehen.« »Das ist gefährlich. Was sollen wir tun, wenn sie auf uns das Feuer eröffnen?« »Das werden sie nicht tun, denn diese Emissionen werden sofort angemessen. Sollte es aber dennoch dazu kommen, dürfen Sie in keinem Fall zurückschießen. Wir werden uns trennen.« »Der Roboter kann fliegen?« »Er hat ein Antigravtriebwerk.« »Ich bin in jeder Hinsicht überragend«, sagte Kelly. »Auf deine äußerliche Erscheinung trifft das ausnahmsweise zu«, sagte Axton gehässig. »Du bist der hässlichste Roboter, der mir je begegnet ist. Nun raus aus den Polstern.« Der
Roboter stieg aus und blieb neben dem Gleiter stehen. »Sie nähern sich der Insel auf direktem Kurs. Ich fliege mit Kelly weiter nach Westen. In einer Dezitonta stoßen wir gleichzeitig vor. Und denken Sie daran: nicht schießen!« »Ich habe nicht die Absicht. Sie können sich auf mich verlassen.« Axton winkte Kelly und kletterte auf seinen Rücken. Lautlos stieg der Roboter in die Luft und flog davon. Er blieb unter den Bäumen und bewegte sich geschickt voran, sodass er von der Ruine aus nicht zu sehen war. Als die vereinbarte Zeit verstrichen war, hatte er ungefähr den Punkt erreicht, den sich Axton zum Ziel gesetzt hatte. »Los!« Kelly brach unter den Bäumen hervor. Bis zu diesem Augenblick hatte er sich aufrecht bewegt, nun aber ließ er sich nach vorn kippen, sodass Axton auf seinem Rücken lag. Er jagte flach über die Wasserfläche auf die drei Türme und die Kuppel zu. In der Ferne konnte Axton den Gleiter sehen, der sich ebenfalls der Ruine näherte. Der Arkonide flog jedoch nur langsam und zögernd. Doch darauf achtete Axton kaum. Nach einem Warnton Kellys blickte er voller Entsetzen nach Süden: Von dort näherte sich ein Verband von etwa zwanzig Diskusschiffen. Die Insel mit den Ruinen lag genau auf ihrem Kurs. »Schneller!«, schrie Axton. Er wollte die Ruine auf jeden Fall erreichen, bevor der Leka-Verband da war. So hoffte er, sich noch rechtzeitig vor ihnen verstecken zu können, obwohl vermutlich die Streuemissionen des Gleiters und von Kellys Antigrav längst angemessen worden waren. Jeder Schuss aus einer Energiewaffe würde ein weiteres verräterisches Signal sein, ebenso ein Funkspruch. Aus diesem Grund verzichtete Axton auch darauf, Verbindung zu Arayshkat aufzunehmen. Kelly erreichte die ersten Bäume der Insel. Zum gleichen Zeitpunkt kam der Gleiter bei einem der Türme in rund
hundert Metern Entfernung an. Der Roboter jagte an der von Rost bedeckten Metallwand der Kuppel entlang. Erst jetzt sah Axton, dass in ihr ein großes Loch klaffte. Bisher war es von Bäumen und einem Felsen verdeckt gewesen. Auf diese Öffnung steuerte Arayshkat genau zu. Zwischen den Trümmern einiger Maschinen tauchten mehrere Männer auf. Unter ihnen befand sich ein athletisch gebauter, weißhaariger Arkonide, der unzweifelhaft das Aussehen Atlans hatte. Das war der Gesuchte, wenngleich – dessen war sich Axton sicher – keineswegs der echte Atlan. Einer der Männer hielt einen schweren Thermostrahler in der Armbeuge. Er schoss auf den Gleiter. Der Thermoblitz zuckte aus dem Abstrahldorn und strich über die Kabine hinweg. Der Planetenfürst von Barthimore zog die Maschine zur Seite. Wieder fiel ein Schuss. Dieses Mal hatte »Atlan« gefeuert, und er traf. Im Heck des Gleiters explodierte etwas. Die Maschine geriet aus dem Kurs, prallte gegen die Kuppel und durchstieß sie an einer Stelle, an der sie offensichtlich vollkommen durchgerostet war. Der Bug war verkeilt; Arayshkat kletterte durch die geplatzte Frontabdeckung. In der Hand hielt er den Thermostrahler. »Nicht!«, schrie Axton, doch seine Stimme war heiser und krächzend. Die Erregung übermannte ihn, seine Warnung kam zu spät. Arayshkat zielte und schoss, doch der Weißhaarige warf sich mit unglaublicher Reaktionsschnelligkeit zur Seite – und schoss sofort zurück. Er traf. Der Blitz hüllte den Nert ein. Seine Kombination schien aufzuglühen. Für Augenblicke sah es so aus, als werde der Mann von einem hautengen Energieschirm umgeben, doch das täuschte. Er brach zusammen. Axton sah die Brandwunde, die seine Brust verunstaltete, und er wusste, dass der Planetenfürst tot war. Er selbst fühlte sich wie gelähmt. In diesem Augenblick sah
der Weißhaarige zu ihm herüber; ein Blickkontakt ohne jegliche Emotion. Der Mann gestikulierte knapp und zog sich mit seinen Männern in die Kuppel zurück. Axton blickte nach oben. Die Diskusraumer schwebten nun direkt über der Ruine und würden nicht mehr weichen, bis die Besatzungen wussten, was hier genau geschah. Die Formation dehnte sich etwas, bis die Raumer einen großen Kreis bildeten, dessen Mittelpunkt die Kuppel und die drei Türme waren. Gleichzeitig senkten sich einige der Leka-Disken herab. »Landen!«, befahl Axton. Er wartete, bis der Roboter seine Füße auf den Boden gesetzt hatte, dann zog er den Thermostrahler. Die entsicherte und schussbereite Waffe legte er auf die Schulter Kellys. »Langsam voran.« Der Roboter setzte sich in Bewegung, nutzte die Deckung der Bäume und der vereinzelten Felsen aus. Axton bemerkte zufrieden, dass sich die Maschine äußerst geschickt verhielt. Wieder einmal fragte er sich, wem die ursprüngliche Positronik gehört haben mochte. Er wäre nicht verwundert gewesen, hätte sich herausgestellt, dass Kelly ursprünglich für eine ganze Reihe illegaler Dinge eingesetzt worden war, bis er auf dem Schrottplatz landete. Als Axton Arayshkat sah, stoppte Kelly. Der Planetenfürst lag in verkrümmter Haltung am Boden. Sein Gesicht war verzerrt, noch im Tod war es von Angst und Panik gezeichnet. Jetzt bereute Axton, dass er den Nert an der Aktion beteiligt hatte. War es wirklich der einzige Weg gewesen, ihn vor einem neuen Todeskommando Orbanaschols zu bewahren? Geholfen hatte es jedenfalls nichts, im Gegenteil. Axton blickte in die Öffnung der Kuppel, konnte aber kaum etwas erkennen. Schrott und Gerümpel lagen im Dämmer und Dunkel. »Atlan« und seine Männer konnten überall sein und ihn aus sicherer Deckung heraus abschießen. Weshalb sollte er ein Risiko eingehen? Das dort drüben war ganz bestimmt
nicht der echte Atlan. Also…? Unschlüssig blickte Axton zu den Diskusschiffen. Dort tat sich noch nichts. Bald jedoch würden Landungstruppen abgesetzt werden. Axton wischte sich die feucht werdenden Hände an den Oberschenkeln ab. Seine Gedanken rasten. Er zwang sich zu höchster Konzentration und ging blitzschnell noch einmal alle Fakten durch. Die Ereignisse rollten vor seinen Augen ab; er glaubte, die Stimme jedes Einzelnen nochmals zu hören. Mit unglaublicher Kälte kam er zu dem Schluss, dass sich das Problem Arayshkat von selbst erledigt hatte. Er war keine Gefahr mehr, Orbanaschols Befehl war erfüllt. Axton atmete tief durch, seine Hand krallte sich um den Haltebügel. »Weiter, Kelly!«, befahl er. »Wir steigen auf und schleichen uns durch eins der Fenster in den Bau. Los, worauf wartest du?« Während sie in die Höhe schwebten, antwortete die Maschine: »Darauf, dass du dich vielleicht anders entscheidest.« »Ich würde vorsichtig sein. Sieh dich lieber um. Schau dir an, was aus all dem schönen Metall geworden ist. Wenn ich will, sorge ich dafür, dass du dich ebenfalls bei vollem Bewusstsein in wunderschönen Rost verwandelst.« »Ich kann nicht rosten.« »Das glaubst du. Ich weiß es besser. In dieser Hinsicht hast du falsche Informationen gespeichert. Sieh dich also vor.« »Ich muss darüber nachdenken.« »Aber leise, wenn ich bitten darf.« Der Roboter hatte ein Fenster in einem der Türme erreicht. Glassplitter lagen auf dem Boden. Der Roboter schwebte in einen mit Gerümpel gefüllten Raum und scheuchte einen Vogelschwarm auf. Kreischend und flatternd entwichen die Tiere durch das Fenster. Axton hörte, dass sich unter ihnen etwas bewegte. Der Terraner dirigierte Kelly zu einer Tür, die
halb offen stand. Mühelos schob Kelly sie zur Seite. Er schaltete seinen Scheinwerfer an und beleuchtete damit eine Treppe, die nach unten führte. »Fliegen!«, befahl Axton. »Lautlos bewegen! Und das Licht aus! Du kannst dich mit deinen Sensoren orientieren.« Der Roboter gehorchte. Axton schloss die Augen, um sich schneller an die Dunkelheit zu gewöhnen. Er fühlte, dass Kelly den Flug nach unten begann. Die Maschine orientierte sich mit ihren Nachtsichtgeräten mühelos. Nach kurzer Zeit kamen sie an eine Stelle, an der die Metallwand aufgebrochen war. Axton sah hinaus und entdeckte, dass aus den Diskusraumern Bodenkampftruppen und Roboter regneten. Die Zeit lief ab. Jetzt kam es nur noch darauf an, wer die verbleibenden Zentitontas besser nutzte. Kelly bewegte sich weiter. Unter ihnen fiel quietschend eine Tür zu. Sie schloss nicht völlig, eine Lichtbahn blieb sichtbar. »Vorsicht«, flüsterte Axton, als sie sich näherten. »Noch nicht öffnen.« Er richtete sich auf und beugte sich vor. Behutsam stemmte er seine Hände gegen die Wand und spähte durch den Türspalt. Der Atlan-Doppelgänger stand zusammen mit einem untersetzten Mann zwischen zwei beschädigten Maschinen, deren ursprüngliche Funktion nicht mehr zu erkennen war. Beide Männer hielten ihre Strahlwaffen schussbereit, blickten aber nicht zur Tür, sondern in eine andere Richtung. Sie machten einen ruhigen und konzentrierten Eindruck. Schräg über ihnen musste sich eine Öffnung in der Kuppel befinden; von dort fiel genügend Licht ein, sodass sie gut zu erkennen waren. »Achtung«, flüsterte Axton. »Kannst du die Tür mit einem Schwung öffnen?« »Ja«, antwortete Kelly und übte einen vorsichtigen Druck auf die Tür aus.
»Dann los.« Kelly warf sich kraftvoll nach vorn. Axton klammerte sich an die Haltebügel, um nicht herunterzufallen. Krachend flog die Stahltür auf. Der Roboter stürmte auf die beiden Männer zu, die offensichtlich vollkommen überrascht wurden, obwohl sie damit hatten rechnen müssen, auch aus dem Turm angegriffen zu werden. »Atlan« reagierte am schnellsten, sprang zur Seite und geriet dadurch in die Deckung eines Maschinenwracks. Der andere Arkonide riss seine Waffe hoch und feuerte überhastet. Axton duckte sich unwillkürlich, doch der Strahl zuckte hoch über ihn hinweg und schlug in die Metallkuppel. Axton erwiderte das Feuer, traf. Der Thermostrahl durchbohrte die Brust des Mannes und schleuderte ihn zu Boden. In diesem Augenblick verlor der Verwachsene den Halt, da sich Kelly zur Seite beugte, um einem Schuss »Atlans« auszuweichen. Der Terraner stürzte mit einem Aufschrei zu Boden, versuchte, sich über die Schulter abzurollen, was ihm in seiner perfekten Vollprothese auch sicherlich mühelos gelungen wäre. So aber kam er hart und schmerzhaft auf, die Waffe entfiel seiner Hand. Er warf sich rasch nach vorn, packte sie und rollte sich bemerkenswert geschickt in Deckung, während Kelly mit einem Riesensatz hinter einer Maschine verschwand. Aus der Ferne erklang der stampfende Schritt vorrückender Soldaten und Roboter, die ebenfalls zum Sturm auf die Kuppel ansetzten. Vereinzelt fielen Schüsse. Der Atlan-Doppelgänger sprang auf und rannte geduckt auf eine Tür zu. »Stehen bleiben!«, rief Axton. Als der Weißhaarige weiterlief, hob Axton den Thermostrahler und schoss. Der nadelfeine Strahl raste fauchend an »Atlans« Kopf vorbei und zwang diesen, erneut in Deckung zu gehen. »Wir wollen ihn lebend!«, schrie einer der Orbtonen. »Stellen Sie das Feuer ein!«
Der Weißhaarige stürmte aus seiner Deckung, hob den Thermostrahler und zielte auf Axton. Dieser erkannte die Gefahr rechtzeitig und flüchtete zur Seite. Keinen Augenblick zu früh. Ein Thermostrahl schlug in die Trümmer der Maschine ein und verwandelte sie in ein Chaos aus Funken sprühendem und verflüssigtem Metall. Axton schrie gellend auf, als ihn ein Tropfen am Arm traf. Mit der Waffe streifte er ihn ab, ohne die Verletzung verhindern zu können. Tränen schossen ihm in die Augen. Er sah den Atlan-Doppelgänger verschwommen auftauchen, riss den Strahler hoch und schoss. Dessen Umgebung schien plötzlich nur noch aus einer Hitzeflut zu bestehen. Sie trieb ihn hoch und zwang ihn zur Flucht. Axton hörte die lauten Stimmen der Offiziere, rückwärts schreitend beobachtete er den Weißhaarigen, der mit geweiteten Augen noch immer an der gleichen Stelle stand, beide Hände gegen den Bauch gepresst. Für einige Augenblicke hielt er sich noch auf den Beinen, dann drehte er sich halb und stürzte tot zu Boden. »Sie haben ihn erschossen!«, rief ein Orbton in maßlosem Zorn. »Was sollte ich tun?«, keuchte Axton. »Ich wollte ihn ebenfalls lebend, aber er trieb mich in die Enge. Mir blieb gar nichts anderes übrig.« Kelly kam heran, doch Axton gab ihm kein Zeichen, sich niederzuknien. Der Verwachsene wischte sich mit dem Handrücken über die Augen und blickte sich um. Wo er eben noch allein gewesen war, wimmelte es nun von Soldaten und Robotern. Ein Bauchaufschneider kniete schon neben der Leiche, zog den linken Arm, der über dem Bauch lag, zur Seite und entblößte die Einschusswunde. Axton ging zu ihm. Mit hängenden Schultern blieb er stehen, dann sank er langsam auf die Knie. »Ich wollte es wirklich nicht«, sagte er stöhnend. Langsam
ließ er eine Hand über das Gesicht des Toten gleiten und drückte ihm die Augen zu. »Sie werden erhebliche Schwierigkeiten bekommen. Sie haben den gesuchten Kristallprinzen getötet.« »Der Mann war ein Verräter.« »Imperator Orbanaschol wollte ihn lebend.« Axton krümmte seine Finger, griff ins Haar des Toten. Bevor der Bauchaufschneider oder einer der Offiziere überhaupt begriff, was Axton beabsichtigte, riss er mit aller Kraft daran. Mit einem Ruck löste sich die Maske vom Gesicht. Zum Vorschein kam das eines Mannes, der nur eine entfernte Ähnlichkeit mit Atlan hatte. Ein unmerkliches Lächeln umspielte Axtons Lippen. Er hatte nichts anderes erwartet. Orbanaschols Ziel war es, den Mann zu beseitigen, der ihm als Einziger wirklich gefährlich werden konnte. Er wollte den Kristallprinzen töten, seit Jahren gab es einen entsprechenden Befehl an alle Offiziellen. Der jetzige Versuch, Atlan moralisch zu vernichten, indem er ihn eines ungeheuren Verrats und Massenmords bezichtigte, hatte nur funktioniert, weil Orbanaschol wusste, dass sich der echte Atlan keinesfalls in der Nähe befand. Überdies musste der Doppelgänger lebend gefangen werden, um in einem Schauprozess angeklagt zu werden. Zweifellos hätten sich dann Mittel und Wege gefunden, dass es vor einer Enttarnung zur Ausschaltung kam; »auf der Flucht erschossen« oder so… Ein toter Doppelgänger, überdies als solcher entlarvt, war zum jetzigen Zeitpunkt dagegen wertlos – zumal der echte Atlan ja weiterhin auf freiem Fuß war und aktiv werden konnte, möglicherweise sogar den Spieß umdrehte und nun Orbanaschol beschuldigte. Die Propagandamaschinerie Seiner Erhabenheit würde dann sogar alles daransetzen müssen, möglicherweise auf den Imperator selbst zurückfallende Verdachtsmomente zu entkräften. So einfach vertuschen ließ
sich die Angelegenheit nicht, denn dazu hatte der »MaahkÜberfall« auf Protem eigentlich zu viel Aufsehen erregt. Axton konnte ein Lächeln kaum unterdrücken. Es sah ganz danach aus, als hätte sich das Blatt zum Guten gewendet. Der Wermutstropfen war dabei allerdings, dass Arayshkat tot war.
Protem: 14. Prago der Prikur 10.498 da Ark Die weitere Untersuchung vor Ort hatte sich als durchaus problematisch erwiesen. Nach dem Tod des Doppelgängers hatten die verbliebenen Begleiter Giftkapseln geschluckt und sich einem Verhör wirkungsvoll entzogen. Dass ihre Identitäten nicht nachzuweisen, die Gendaten in keinem Archiv gespeichert waren und überdies alle Männer an einer tödlichen Krankheit gelitten hatten, die sie spätestens in wenigen Votanii getötet hätte, warf ein bezeichnendes Bild auf die Angelegenheit. Eine Beteiligung des echten Atlan ließ sich aus den Ermittlungen ebenso wenig ableiten wie Axtons Vermutung beweisen, dass Orbanaschol höchstpersönlich hinter den Ereignissen steckte. Die Indizien verdichteten sich zwar zu einem deutlichen Bild, doch es blieben Vermutungen. In anderer Hinsicht brachten die Nachforschungen des Kosmokriminalisten dagegen Klarheit. Die Stadt Kandoran war zwar ein leistungsfähiges Positronikzentrum mit vielen Fabriken und Fertigungsstätten, doch eine geheime Station, die Bausätze für die Taion-KSOL von Arkon III lieferte, gab es auf Protem keineswegs. Die örtlichen Celistas hätten darüber informiert sein müssen – und sie versicherten glaubhaft, nichts dergleichen zu wissen. Auch sie hatten allerdings von den erst vor Kurzem in Umlauf gebrachten Gerüchten gehört, ohne jedoch die Quelle zu finden. Lebo Axton machte sich darauf seinen eigenen Reim und fand, dass die gezielte Falschinformation ganz gut ins Bild passte. Auffallend war
beispielsweise, dass ausgerechnet Kandoran mit seinen Fabriken von den Methans verschont geblieben war. Angeblich hatten die bodengebundenen Abwehrstellungen sie vertrieben. Axton war sich sicher, dass er mehr auf Protem wohl nicht mehr herausfinden konnte. Es wurde Zeit, ins Arkonsystem zurückzukehren.
»Jetzt hab ich es!«, rief der Verwachsene, nachdem er eine ganze Weile gegrübelt hatte. Das Raumschiff würde erst in eineinhalb Tontas starten. »Was hast du, Schätzchen?« »Schon seit unserer Ankunft grübele ich, was sich mit dem Planeten Protem verbindet. Ich wusste, dass ich den Namen schon in einem besonderen Zusammenhang gehört habe.« »Ja und? Was ist daran so aufregend?« »Stimmt es nicht, dass Protem golden schimmernde Druckfolien auf bestimmte Postsachen klebt?« »Das mag sein. Davon verstehe ich nichts. Ist das wichtig?« »Ja!« Mit beachtlicher Hast ließ sich Axton zum nächstgelegenen Zustellungsgebäude tragen. Wenig später blieb er vor einem Schaukasten stehen, in dem die verschiedenen Goldfolien des Planeten ausgestellt waren. Es waren mehr als fünfzig verschiedene, in allen Größen und von unvergleichbarer Reinheit. Auch die gezackte Protem war dabei. »Was ist los?«, fragte Kelly. »Weshalb drehst du durch, nur weil es hier ein paar gewöhnliche Briefmarken gibt?« »Gewöhnliche Briefmarken? Du ahnst nicht, was es bedeutet. Hier siehst du die größten Kostbarkeiten, die…« Er stöhnte leise und schüttelte den Kopf. »Aber das kannst du ja nicht wissen. Davon hast du keine Ahnung. Ich sage dir, dass diese Folien einmal zu den begehrtesten Kostbarkeiten der
Galaxis gehören werden. Ich habe gesehen, wie Männer dafür…« Er brach erneut ab, ging wie in Trance zu einem Automaten, steckte ein paar Münzen hinein und zog mehrere Serien Goldfolien. Geradezu andächtig schob er sie in die Innentasche seiner Jacke. Innerlich schwankte er zwischen Glück und Ärger. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht ein einziges Mal daran gedacht, dass er bei seinem Ausflug in die Vergangenheit des Großen Imperiums solcherart Kostbarkeiten begegnen würde. Und die gezackte Protem gehörte zu den kostbarsten Kostbarkeiten. In der Zeit, aus der er kam, wurden die klassischen Goldfolien von Protem, von denen es nur noch insgesamt fünf erhaltene Exemplare in der Milchstraße gab, zu Preisen gehandelt, für die man auch ein Großraumschiff kaufen konnte. Axton wusste, dass er irreal handelte. Niemals würde er eine der Folien mit in die Gegenwart zurücknehmen können. Hier und jetzt waren sie dagegen alles andere als eine Kostbarkeit, sondern ein Gebrauchsgegenstand. Dennoch hatte er nicht widerstehen können.
5. »Axton hat den Plan zunichte gemacht.« »Die Einsatztruppen hätten schneller sein müssen.« »Was geschieht mit dem Zayna?« »Dem Bericht nach hatte er in der Tat keine andere Möglichkeit. Er hat nicht versucht, mit dem Doppelgänger Kontakt aufzunehmen, sondern entschlossen angegriffen und damit bewiesen, dass er ein Feind Atlans ist. Ein Mann mit seinen Fähigkeiten ist für uns von höchstem Wert. Ich will, dass er im Geheimdienst aufsteigt und mit wichtigen Aufgaben betraut wird. Befördert ihn zum Cel’Orbton der Innenaufklärung des Arkonsystems.« »Wie Ihr befehlt, Euer Erhabenheit.« »Nach einiger Zeit wird es selbstverständlich angebracht sein, ihn erneut zu prüfen. Stellt ihm entsprechende Fallen, in denen er sich verfangen muss, sollte er nicht wirklich loyal sein.« »Ich werde alles veranlassen.« »Er hat den Doppelgänger getötet. Eines Tages wird er uns zum echten Atlan führen. Dieser wird dann selbstverständlich keine Chance haben. Unser Befehl bleibt bestehen: Atlan ist auf der Stelle zu töten, bringt mir seinen Kopf!« »Ich werde noch einmal eine entsprechende Weisung herausgeben lassen, Euer Erhabenheit.«
Arkon I: 18. Prago der Prikur 10.498 da Ark »Sie sind an der Reihe«, sagte Lebo Axton. »Ich weiß, das brauchen Sie mir nicht zu sagen«, entgegnete Habelt Mankha nervös. Axton blickte mit der Ruhe eines Mannes, der nichts zu verlieren hatte, auf ihn hinab. Er stand auf den Haltebügeln Kellys und stützte sich mit dem Ellenbogen auf den Kopf der Maschine. Die Männer befanden sich in einem
kuppelförmigen Raum, saßen einander an einem Tisch gegenüber. Vor ihnen befanden sich jeweils drei Reihen beleuchteter Berührungssensoren. Über ihnen schimmerten wabenförmige Felder, die insgesamt sechs große Kreise bildeten. Der äußerste Kreis bestand aus zwanzig Waben, der innerste aus vier. Habelt berührte eine Taste und blickte nach oben. Eine Wabe wechselte von ruhigem Grün zu einem flammenden Rot. Der Archivar des »Amts für Fremdvölkerbelehrung« fluchte unbeherrscht. »Sie haben unverschämtes Glück.« »Das ist manchmal so«, antwortete der Verwachsene. Rasch berührte er eine der Tasten. Eine Wabe über ihm wurde weiß. »Sie haben schon wieder gewonnen.« Habelt Mankha schob einen ansehnlichen Betrag zu Axton. Dieser legte die Lochmünzen zu einem Stapel, den er auf einem Nebentisch errichtet hatte. Dann wartete er darauf, dass der Arkonide das nächste Spiel begann. Der äußere Kreis zeigte nur noch rote und weiße Farben; in der nächsten Phase des Spiels standen noch sechzehn Felder zur Auswahl. Das bedeutete acht Chancen, Geld zu verdienen, und achtmal das Risiko, Geld zu verlieren. Viel Geld. »Wer ist dran?« »Sie.« Der Arkonide wischte sich mit einem Tuch Schweiß aus dem Gesicht. Er war korpulent und schien keinen Augenblick still auf dem Fleck sitzen zu können. Das graue Haar fiel ihm unordentlich bis auf die Schultern. Mankha war ein Mann, der seiner Spielleidenschaft wegen bekannt war. Diese gedachte Lebo Axton für sich zu nutzen. Es war ihm nicht schwergefallen, den Archivar zu einem Spiel zu überreden. In voller Absicht hatte er ihn beim vorangegangenen Stuwo gewinnen lassen, aber nur, um ihn in der resultierenden übermütigen Stimmung zum verbotenen Ennmit verführen zu
können. Das Spiel war einfach. Es gab immer nur zwei Möglichkeiten, aber das Risiko stieg von Runde zu Runde. Ebenso der Einsatz, sodass dabei Vermögen von beträchtlichem Wert verspielt werden konnten. Mankha drückte eine Taste. Und verlor. Axton gewann. So blieb es in der gesamten Runde. Es war reiner Zufall, und dennoch spielten die Nerven eine wichtige Rolle. Der Arkonide wurde von Zug zu Zug nervöser und unsicherer, während Axton kalt und fast unbeteiligt blieb. Der Terraner verfolgte einen Plan, und er trieb ihn mit eiserner Disziplin voran. In der dritten Runde erzielte der Arkonide einige Gewinne, schöpfte neue Hoffnung. Als dann aber die vorletzte Phase kam, musste er seinem Kontrahenten das letzte Bargeld hinüberschieben, über das er noch verfügte. Jetzt blieben nur noch vier Möglichkeiten. Die Männer sahen sich an. Mankha war bleich geworden, zeigte Axton seine Handflächen. »Sie haben mich erledigt«, sagte er mit heiserer Stimme. »Das Spiel ist noch nicht zu Ende.« »Was wollen Sie denn noch?« »Ich möchte, dass die Regeln eingehalten werden.« Der Arkonide fuhr zurück. Seine Lippen zitterten, die Augen füllten sich mit Tränen. »Wir haben ausgemacht, dass wir um Geld spielen, Axton.« »So ist es. Aber es gehört zu den Regeln, dass ein Einsatz gemacht werden muss. Wenn kein Geld mehr da ist, müssen Sie etwas anderes anbieten.« »Mein Vermögen?« »Ich bin nicht interessiert.« »Was wollen Sie von mir, Axton?« »Nichts, überhaupt nichts. Mich interessiert nur der Nervenkitzel, verstehen Sie? Deshalb spiele ich. Tun Sie es nicht aus einem ähnlichen Motiv?« »Sie haben recht. Was verlangen Sie?«
»Was schlagen Sie vor?« »Ich… kann nicht.« »Mich interessiert nur der höchste Einsatz, Mankha. Und ich lasse nicht zu, dass wir dieses Spiel beenden, bevor die letzte Runde abgeschlossen ist.« »Sie wollen… mein Leben?« »Sie wissen, dass es üblich ist. Wer sich auf Ennmit einlässt, sollte seine Einsätze so einteilen, dass er auch die Letzten Vier übersteht. Oder er sollte von vornherein wissen, dass es zum Schluss nur noch einen Einsatz gibt.« Mankha musterte ihn mit verengten Augen. Sein Atem ging schnell und laut. Schweißtropfen rannen ihm von der Stirn in die Augen. Sie vermischten sich mit den Tränen. Er trocknete sie mit dem Tuch. »Was setzen Sie dagegen?« Axton wartete absichtlich. Er beobachtete den Arkoniden, der es offensichtlich bereute, sich auf dieses gefährliche Spiel eingelassen zu haben. »In der ersten Runde biete ich alles, was ich heute gewonnen habe. In der zweiten Runde… Leben gegen Leben.« »Sie sind wahnsinnig.« »Wenn Sie es so sehen, können wir ja Schluss machen.« Mankha packte Axtons Arm, um zu verhindern, dass er sich vom Tisch entfernte. Kelly schob ihn aber mit sanfter Gewalt zurück. »Gehen Sie nicht, bitte. Ich… bin einverstanden.« Er setzte sich wieder. »Wie lange muss ich hier noch knien?«, fragte Kelly. »Allmählich tun mir die Knie weh.« »Sei still.« »Muss der Blechkasten jetzt reden?«, schrie Mankha. »Und dazu noch diesen Unsinn? Hat man je gehört, dass einem Roboter die Gelenke wehtun, weil er auf dem Boden hockt?«
Der Verwachsene grinste. Mankha beruhigte sich wieder, streckte zögernd seine Hand nach den letzten vier Tasten aus und berührte dann eine. Die Wabe über ihm verfärbte sich, wurde weiß. Der Arkonide atmete hörbar auf. »Und jetzt Sie.« Der Terraner machte seinen Zug, ohne hinzusehen. Mankha stöhnte entsetzt auf, als die Wabe weiß wurde. Das bedeutete, dass keiner gewonnen oder verloren hatte. Das Spiel ging weiter. Die erste Runde war vergessen. In der nächsten aber musste die Entscheidung fallen, in ihr konnte es nur einen Sieger und einen Verlierer geben. Habelt Mankha stützte die Ellenbogen auf die Tischkante und vergrub das Gesicht in den Händen. »Ich habe Verständnis dafür, dass Sie um Ihr Leben zittern«, sagte Axton. »Dennoch sollten Sie mich nicht länger als notwendig warten lassen.« »Sie haben überhaupt keine Angst«, stellte der Arkonide verwundert fest. Die Ruhe seines Gegenübers zermürbte ihn. Der Verwachsene fürchtete sich in der Tat nicht. Er wusste selbst nicht, woran das lag. Das Risiko war für ihn nicht geringer als für den Archivar. Und doch war alles für ihn anders. Sinclair Marout Kennon war als Projektion der Traummaschine hierher versetzt worden. Konnte eine materielle Projektion überhaupt sterben? Sicher, andere waren gestorben – der Tod ihrer Projektion hatte auch das Ende ihres echten Körpers in der Traummaschine bedeutet. Irgendwie fühlte Axton sich aber deutlicher sicherer. In seiner Herkunftszeit stand er unter strenger medizinischer Überwachung – war nur ein Gehirn im mechanischen Körper der Vollprothese. Was sollte ihm da schon geschehen? Und selbst wenn. Er hatte Jahrhunderte gelebt… Andererseits – seit seiner Rückkehr zur Kristallwelt am 15. Prago der Prikur war er Cel’Orbton der Tu-Ra-Cel, Sektion Ark Addag-Cel’Zarakh, angeblich auf direkte Anweisung Seiner
Erhabenheit. Im Trichterbau des »Amts für Fremdvölkerbelehrung« war ihm von Cel’Athor Washul Oraxy ziemlich formlos – kein Wunder, bei ihm als Zayna – die Geheimdienstplakette aus Zalos-Metall ausgehändigt worden, verbunden mit der Einstufung als Geheimnisträger Dritter Klasse. Axton erinnerte sich, dass der Mann ihm erstmals am 23. Prago des Ansoor nach der Ausschaltung von On-tharg Dirgok auf Arkon III begegnet war, damals noch, ohne seinen Namen zu erfahren. Axtons oberster Vorgesetzter war der Ka’Celis-moas, der nach dem »sonderbaren Unfalltod« des Vorgängers seit dem 1. Prago der Prikur 10.498 da Ark Quertan Merantor hieß – zuvor der Polizeipräsident von Arkon I und als Katorthan’athor-moas oder »Komiteepräsident« einer der »Hüter der Ordnung, der Moral und guten Sitten« eingesetzt. Insgesamt gab es zwölf Hohe Inspekteure in der Rangfolge Erster bis Zwölfter – Ka’Celis-moas bis Ka’Celis-berlen –, die alle Mitglieder des Tai Than waren, jedoch nur der Erste Ka’Celis auch Mitglied des Berlen Than im Ministerrang und Chef des Gon’thek Breheb’cooi-Faehgo, das traditionell engstens mit den Celista-Geheimdiensten zusammenarbeitete und zeitweise »inquisitorische Züge« annahm. Da es ohnehin durchaus vorkam, dass der Ka’Celis-moas gleichzeitig auch Chef eines Geheim- oder Nachrichtendienstes war, verwunderte es Axton nicht, dass Merantor nun auch offiziell diese Position innehatte. Schon zuvor war er ein mächtiger Mann gewesen – wenngleich nicht von Adel –, nun hatte seine Karriere einen beträchtlichen Schub erhalten. Als Cel’Mascant hatte der Geheimdienst-Befehlshaber der Sektion Innenaufklärung den Rang eines Admirals und fortan unter Nutzung seiner Vollmachten sogar das Recht, Urteile zu fällen und vollstrecken zu lassen. Axton ging davon aus, dass diese Macht dem Mann mehr bedeutete als jeder noch so pompöse
Adelstitel. Dass sich der Verwachsene nun gerade an Archivar Mankha »heranmachte«, hatte durchaus seinen besonderen Grund – er wollte unbedingt die eigene Akte einsehen. »Habelt Mankha – wollen Sie das Spiel abbrechen?« »Nein.« Der Arkonide richtete sich auf, sein Gesicht verzerrte sich. Er streckte die Hand nach den beiden letzten Tasten aus, bewegte sie einige Male hin und her, bis er sich endlich entschied. Kaum hatte er die gewählte Taste berührt, leuchtete es über ihm auf. Rot! Er sank in sich zusammen, hatte verloren. Er hatte sein Leben verspielt. Nach dem Ehrenkodex der Arkoniden dieser Zeit hatte er nun drei Zeugen zu berufen, die anwesend sein mussten, wenn er sich tötete. Das war notwendig, damit Axton nicht in den Verdacht geriet, einen Mord begangen zu haben. Zur Kontrolle betätigte Axton seine letzte Taste. Die Wabe wurde weiß, er hatte gewonnen. Mehrere Zentitontas blieb Mankha mit gesenktem Kopf in seinem Sessel sitzen. Als er den Kopf schließlich hob, sah er aus wie ein Mann, der mit seinem Leben abgeschlossen hatte. »Werden Sie mir erlauben«, begann er zögernd, »noch einmal mit meiner Frau und den Kindern zu sprechen?« »Es entspricht nicht der Tradition.« »Sie bestehen darauf, dass ich mich sofort töte? Was haben Sie davon, Axton? Warum?« »Ich verstehe Sie nicht, Mankha. Sie waren es doch, der dieses Spiel vorgeschlagen hat. Ich habe Ihnen auseinandergesetzt, dass Sie Ihr Leben riskieren, wenn Sie mit Ihrem Geld nicht richtig umgehen. Sie hatten genügend Möglichkeiten, dieses Ende zu vermeiden. Ihre Spielleidenschaft hat Sie vernichtet. Nicht ich. Wollen Sie mich jetzt um den Gewinn betrügen?« Der Arkonide wurde noch um eine Nuance blasser.
»Natürlich nicht«, erwiderte er flüsternd. »Ich weiß jedoch nicht, ob ich es allein schaffe.« Der Verwachsene ließ wiederum einige Zentitontas verstreichen. Als der feiste Archivar auch dann noch schwieg, sagte er: »Vielleicht können wir uns arrangieren?« »Wie meinen Sie das?« Er blickte Axton voller Hoffnung an. »Ich habe ein kleines Problem. Vielleicht können Sie mir helfen, es zu lösen. Wenn Sie es tun, vergesse ich das Spiel und seinen Ausgang.« Mankha beugte sich vor, seine Lippen bebten. »Ich tue alles, was Sie verlangen.« Der Terraner lächelte begütigend. »Ich habe nicht vor, Sie in Schwierigkeiten zu bringen. Es geht auch nicht um irgendetwas Ungesetzliches.« »Was ist es?« »Ich möchte nur einmal einen Blick in meine Akte werfen.« Habelt Mankha war so überrascht, dass er keine Worte fand. »Das ist zwar verboten«, sagte er schließlich erleichtert. »Aber in meinen Augen nicht einmal ein Vergehen. Ich werde Ihnen mit Vergnügen Zugang zum Archiv verschaffen. Kommen Sie morgen zu mir, zur Mittagszeit werde ich allein sein. Dann können Sie eine Tonta lang ungestört die Daten einsehen. Sie dürfen nur nichts verändern.« »Das ist selbstverständlich.« »Das ist wirklich alles, was Sie verlangen?« »Das ist alles. Niemand sonst darf es erfahren. Sie werden also schweigen.« »Ich muss schweigen. Glauben Sie, ich will mich selbst in Schwierigkeiten bringen? Oder mich doch noch selbst umbringen?« Er stand auf und streckte Axton die Hand entgegen. »Ich vergesse Ihnen nicht, wie großzügig Sie zu mir waren.«
Lebo Axton merkte sofort, dass sich etwas geändert hatte, als er am nächsten Prago das Archiv des »Amts für Fremdvölkerbelehrung« betrat. Etliche Etagen höher hatte der Verwachsene sein Büro. Habelt Mankha blickte ihn mit flackernden Augen an. Seine Haltung und seine Ausdrucksweise ließen erkennen, dass er sich fürchtete. Axton begriff. Der Archivar hatte seine Akte gelesen und dabei etwas entdeckt, was er vorher nicht gewusst hatte. »Die Zeit ist günstig«, sagte er unterwürfig. »Kommen Sie, Axton.« Er eilte seinem Besucher eilfertig voraus. Axton veranlasste den Roboter, nicht gar zu schnell zu gehen. Er war unruhig, weil er sich noch nicht darüber klar war, ob Mankha ein doppeltes Spiel trieb oder nicht. Unwillkürlich atmete er auf, als sich die Tür hinter ihm schloss und sie das eigentliche Archiv betraten. Es war ein lang gestreckter Raum, der auf der einen Seite Datenträgereinschübe und auf der anderen eine Computerbank enthielt. Habelt Mankha aktivierte ein Terminal und überreichte Axton eine Zugangskarte. »Sie berechtigt Sie zum Auslesen der gewünschten Informationen. Und nur dazu.« »Danke«, sagte der Verwachsene. Mankha begriff, dass Axton allein sein wollte, und zog sich zurück, nachdem er sich zweimal devot verbeugt hatte. Nun wusste Axton endgültig, dass er von dem Archivar keine Falschheiten zu erwarten hatte. Er verdankte ihm sein Leben. Nun hatte er herausgefunden, dass er sich auf ein Spiel mit einem wichtigen Mann des Geheimdienstes eingelassen hatte, und diese Tatsache hatte ihm offenbar den letzten Rest seines Selbstbewusstseins geraubt. Die Zugangskarte lieferte den ersten Datensatz. Axton, Lebo. Cel’Orbton. Wegen erfolgreicher kriminalistischer Arbeit der Innenaufklärung des Arkonsystems zugeteilt. TRC-Einstufung:
Zarakh’ianta-tiga. Dann folgten ein Datum und eine Kodenummer. Axton ließ sich von Kelly absetzen, nahm im Sessel Platz und tippte den Kode ein. Er musste wissen, was die vorgesetzten Stellen von ihm hielten und ob es ihm gelungen war, das Misstrauen zu durchbrechen. Er konnte niemandem seine tatsächliche Herkunft erklären – zum einen hätte man ihm nicht geglaubt, zum anderen hätte er damit offenbart, dass er ein Feind Orbanaschols war. Der Computer warf eine beschriftete Folie aus – Erste Auskunft. Damit hatte Axton gerechnet. Sollte nun jemand Informationen über ihn anfordern, würde er erfahren, dass das bereits ein anderer vor ihm getan hatte. Das durfte natürlich nicht geschehen. Für einen USO-Spezialisten wie Sinclair Marout Kennon war das jedoch kein Problem. Er öffnete den Computer und ließ Kelly einige Sonderschaltungen vornehmen. Das positronische Zählwerk sprang zurück auf null, die Spur war gelöscht. Axton ging die Daten seiner Akte durch und erkannte, dass man unter dem Strich von seinem kriminalistischen Arbeiten ziemlich angetan war. Jeder einzelne Fall, den er gelöst hatte, war aufgeführt und bewertet. In einer abschließenden Notiz wurde aber auch ausgesagt, dass die Prüfungsphase noch nicht völlig abgeschlossen war; ein Rest von Misstrauen blieb. Gelegentliche weitere Prüfungen waren vorgesehen. Sie sollten aber erst nach einiger Zeit erfolgen. Diese Anweisung stammte vom Imperator persönlich und datierte auf den 10. Prago der Prikur, also nach Abschluss der Ereignisse auf Protem. Axton lächelte nur. Zu gegebener Zeit würde er nochmals hierherkommen und die Angaben etwas frisieren, um zumindest auf diesem Weg weitere Prüfungen zu verhindern. Er blickte sich suchend um. Noch dachte er nicht daran, das Archiv zu verlassen, hatte insgesamt fast eine Tonta Zeit. »Kelly«, sagte er. »Du wirst deine Augen jetzt besonders
weit aufsperren.« »Ich bin nicht in der Lage, meine Linsen zu vergrößern. Das solltest du eigentlich wissen, Schätzchen.« »Davon war nicht die Rede, du Ausgeburt der Hässlichkeit. Ich verlange Aufmerksamkeit von dir, mehr nicht.« »Das sagtest aber, dass ich…« »Sei nicht unverschämt. Ich benutzte eine Redewendung, die jedes einigermaßen intelligente Geschöpf begreift. Du schaffst so etwas natürlich nicht. Also, du Wrack, ich will, dass du auf alles achtest, was mit Orbanaschol persönlich, Positronik und der auf Arkon Drei entstehenden Taion-KSOL zu tun hat, verstanden?« Mit der Zugangsbefugnis als Cel’Orbton loggte sich Axton ins Gesamtverzeichnis des Archivs ein und startete einen ersten Durchlauf. Von der eigenen Akte abgesehen hatte Axton aufgrund seiner TRC-Einstufung Zugang zu einem Gros der gespeicherten Datensätze. Normalerweise erfolgte der Zugriff direkt vom Terminal im Büro aus, ein persönliches Erscheinen im Archiv selbst war nicht nötig. Axton war sich aber sicher, dass es hier beim Direktzugriff durchaus interessante Dateien gab, die bei der Fernabfrage unzugänglich oder gesperrt waren – aus welchen Gründen im Einzelnen auch immer. Er überließ es Kelly, die dahinscrollenden Daten zu sichten. Das erste Halt erklang beim Namen Ritikka Awyrett. Ein Tastendruck genügte, um die entsprechende Zugangskarte zu erhalten, die den ersten Datensatz lieferte. Awyrett, Ritikka. Positronikingenieur. Zuständig Kontrolle Taion-KSOL Arkon III. Axton tippte die Kodeziffern ein und hielt kurz darauf eine Folie in der Hand, die mit Neunzehnte Auskunft beschriftet war. Bei so zahlreichen Anfragen war nicht zu befürchten, dass eine weitere auffallen würde. Axton verzichtete deshalb auf eine Korrektur des Zählwerks. Er steckte die Folie ein. Schon der
erste Blick auf die Daten zeigte, dass er einen Volltreffer gelandet hatte. Kelly speicherte sämtliche Informationen, die der Bildschirm anzeigte, dann ging die Suche weiter. Zwölfmal stoppte der Roboter den Listenabruf, ohne Axton jedoch in ähnlicher Weise zufrieden zu stellen. Dann aber hielt der Terraner die Zugangskarte eines Mannes namens Oraw da Perthan in Händen. Er war der Lehnsträger des Planeten Waahke, eines Produktionsstandorts von hervorragenden Antigravaggregaten aller Größen. Der Mann war ein »DomGraf Erster Klasse«. Auffallend war der Querverweis: Oraw da Perthan zeigt kein Entgegenkommen für die Kaufinteressen von O. III. Das war die entscheidende Notiz. Als Axton die eigentlichen Daten begutachten wollte, kam Habelt Mankha ins Archiv. »Es wird Zeit«, rief er nervös. »Sie müssen abbrechen.« »In Ordnung.« Axton stieg auf den Rücken des Roboters, nachdem er seine Zugriffe gelöscht und den Zugang ausgeschaltet hatte. »Ich weiß alles, was ich wissen wollte. Mankha, ich bin Ihnen zu tiefem Dank verpflichtet.« »Sie beschämen mich.« Auf dem Rücken Kellys verließ er das Archiv, nachdem er sich überzeugt hatte, dass er alle Spuren seiner Tätigkeit beseitigt hatte. Kelly brachte ihn zum Gleiter und flog ihn in seine Wohnung in einem modernen, aber eher kleinen Trichtergebäude am Rand des lang gestreckten Jorain-Sees, knapp zweihundert Kilometer südlich des Hügels der Weisen. Der Trichter schwang nahezu sockellos bis in eine Höhe von etwa fünfzig Metern auf und erreichte oben vergleichbaren Durchmesser. Zur Jorain-Gruppe gehörten insgesamt 24 ähnliche Gebäude. Axtons Wohnung in halber Trichterhöhe bestand aus einem geräumigen Salon, einem Schlafraum, einem Hygieneraum und einer Essnische – alles in allem rund
hundert Quadratmeter. Hinzu kam der Ausgang zur bewachsenen Terrasse mit Blick auf das Trichterinnere. Erst hier machte er sich an eine eingehende Prüfung seiner Beute, indem er den Roboter die gespeicherten Daten auf die Kleinpositronik überspielen ließ. Axton merkte schon bald, dass er zweimal Glück gehabt hatte. Ritikka Awyrett war ein Mann, der als Günstling Orbanaschols bezeichnet wurde. Mit besonderem Wohlwollen war vermerkt, dass er alles hasste, was mit dem Namen Gonozal zu tun hatte. Daraus konnte Axton schließen, dass der Mann auch Atlan in seine Abneigung einbezog. Tatsächlich folgte am Ende der Beurteilungen eine Notiz, die darauf hinwies. Awyrett sollte an der Jagd auf Atlan beteiligt werden. Die ihm dabei zur Verfügung stehenden Mittel waren beträchtlich, denn er kontrollierte alle wesentlichen Bauteile der auf Arkon III entstehenden Riesenpositronik, aus der in der Zukunft einmal der größte Machtfaktor der Milchstraße entstehen sollte. Damit verbunden waren auch die Prüfungen aller für die Taion-KSOL vorgesehenen Programmierungen. Der Trend war klar erkennbar. Orbanaschol wollte seine Macht mithilfe der Positronik festigen und sich so eine nahezu unangreifbare Position verschaffen. Denn noch konnte die Kriegsmaschinerie nicht durch einen Knopfdruck aktiviert werden; noch benötigte der Diktator unzählige Frauen und Männer, die seine Befehle kritiklos ausführten. Orbanaschols Ziel war dagegen eine in wesentlichen Bereichen durchgesetzte Vollautomatisierung und Robotisierung, auf die allein er als Imperator Zugriff hatte. Bis dahin war er aber auf die Arkoniden angewiesen. Diese waren allerdings auch die gefährlichsten Feinde Atlans, denn sie stellten sich ihm bei seinem Weg zur Macht in den Weg. Und ohne sie konnte sich Orbanaschol nicht auf dem Thron Arkons halten. Gelang es also, einige aus den Reihen des
Imperators zu entfernen, musste sich dadurch automatisch Atlans Position verbessern. Als Axton die Akte durchgesehen hatte, wandte er sich an Kelly. »Fällt dir etwas auf?« »Es wird an keiner Stelle gesagt, weshalb Awyrett die Gonozal so sehr hasst.« »Das ist es«, bestätigte Axton. »Das muss ich herausfinden.«
»Sie haben den Verstand verloren! Anders ist wohl nicht zu erklären, was Sie gesagt haben. Warum bringen Sie sich nicht gleich um?« »Warum sollte ich?« »Weil das einfacher wäre.« Axton blickte Avrael Arrkonta nachdenklich an. Er spürte, dass der Mann wirklich meinte, was er gesagt hatte. Er hatte ihn aufgesucht und ihm schonungslos eröffnet, was er plante. »Verstehen Sie doch«, fuhr Arrkonta nach einer Weile fort, in der sie schweigend ihren Gedanken nachgehangen hatten. »Ich muss doch etwas von dieser Sache wissen. Ich produziere positronische Bauteile für die Riesenpositronik. Glauben Sie, ich hätte nicht ebenfalls schon daran gedacht, gewisse Programmierungen einzuschmuggeln, die Orbanaschol schaden und Atlan irgendwann einmal entscheidend helfen können? Oft genug habe ich davon geträumt, aber es gibt keine Möglichkeit. Die Kontrollen sind zu scharf und werden zudem von absolut zuverlässigen Maschinen und Personen durchgeführt, sodass überhaupt nichts durchkommen kann, was gegen den Imperator gerichtet wäre. Schlagen Sie sich diese Idee aus dem Kopf, Mann.« Sinclair Marout Kennon, der sich von der Traummaschine über die Jahrtausende in die Vergangenheit hatte versetzten lassen, richtete seine Blicke in den Innenhof. Er befand sich in
der Luxuswohnung Arrkontas. Sie gehörte zu einem 500-Meter-Trichtergebäude, das mit elf weiteren die aufgelockerte Franc-Kelchsiedlung bildete, rund dreißig Kilometer südöstlich des Hügels der Weisen. Es gab Kunstschätze von erlesenem Wert. Etliche Gegenstände wiesen darauf hin, dass der Mann auf vielen Planeten gewesen war oder dort sogar Ländereien hatte. Avrael Arrkonta war als Nert-moas ein »Nert-Baron Erster Klasse«. Auf der linken Brustseite des schlichten weißen Anzugs sah Axton die gelbe Sonnenscheibe mit zwölfzackigem statt nur glattem Rand, überdeckt vom Symbol eines Vulkanträgers. Arrkonta war nicht nur ein »NertVulkanträger Erster Klasse« – ein Nert-Zhymthek’ianta-moas –, sondern auch als hochdekorierter Orbton im Rang eines Has’athor als Admiral Vierter Klasse zu Recht ein Einsonnenträger. Er galt als Stratege von überragender Bedeutung. Ihm waren Siege in mehreren Schlachten mit den Methans zu verdanken. Ihm gehörte unter anderem ein Unternehmen, das Positroniken und positronische Module herstellte. Auftraggeber war ausschließlich das Imperium, da er wesentliche Teile für das Projekt auf Arkon III lieferte. Als sie sich kennengelernt hatten, hatte Arrkonta Axton als Feind eingestuft und versucht, ihn ermorden zu lassen. Erst danach waren die Masken gefallen, und beide hatten sich als Feinde Orbanaschols und Freunde Atlans zu erkennen gegeben. Axton hatte den Nert aufgesucht, weil dieser sich mit dem Kontrollsystem auskannte. »Ich glaube nicht, dass es keine Möglichkeit gibt«, sagte der Verwachsene. Er saß in einem Sessel, der auf unsichtbaren Antigravfeldern schwebte. Kelly stand schweigend hinter ihm und zeichnete jedes Wort auf, das gewechselt wurde. Diese Maßnahme hatte Axton eingeleitet, nachdem der Roboter von Thi-Laktrote Epprik in verschiedener Weise »nachgerüstet«
worden war. Sie hatte sich schon mehrfach bewährt. Mehr als einmal förderte eine nachträgliche Begutachtung Dinge zutage, die ihm zuvor entgangen waren. »Axton«, sagte Arrkonta beschwörend. »Gehen Sie dieses Risiko nicht ein. Sie dürfen im Arkonsystem alles angreifen, nur nicht dieses Sicherheitssystem. Glauben Sie denn, Orbanaschol wüsste nicht, dass sich gerade hier ein Hebel ansetzen lässt, mit dem man das Bollwerk der Macht zum Einsturz bringen kann?« »Das ist mir klar«, entgegnete er gelassen. »Orbanaschol wäre ein Narr, würde er in dieser Hinsicht leichtsinnig handeln. Und er ist kein Narr, sondern der gefährlichste Mann im Imperium.« »Er ist schlau, berechnend, eiskalt und unvorstellbar brutal. Er hat sich den Thron erkämpft und verteidigt ihn seither mit allen Mitteln für sich und seine Nachkommen. Er denkt nicht nur an sich und das Heute, sondern plant für die nächsten Jahrhunderte und Jahrtausende. Und das ist das Entscheidende. Er weiß, was auf dem Spiel steht. Gelingt es nämlich nicht, ihn jetzt zu entmachten, wird es unmöglich sein, die ihm nachfolgenden Imperatoren seiner Dynastie zu stürzen. Gerade deshalb reagiert er auf die geringsten Zeichen einer Gefahr mit unerbittlicher Härte. Deshalb habe ich Sie gewarnt.« Ein feines Lächeln umspielte Axtons Lippen. »Lerne ich Sie als Träumer kennen?« »Als Träumer? Ich bitte Sie. Ich bin Realist.« Axton schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sein. Wären Sie Realist, mein Lieber, wären Sie nicht für Atlan und gegen Orbanaschol. Haben Sie eben nicht gesagt, dass der Diktator zurzeit noch Schwächen hat, die wir ausnutzen können? Und haben Sie mir nicht gleichzeitig zu verstehen gegeben, dass es unmöglich ist, ihn da zu packen, wo er am empfindlichsten
ist?« »Ich verstehe nicht. Selbstverständlich muss man jetzt etwas gegen ihn tun, soll es nicht zu spät sein. Deshalb braucht man doch nicht unbedingt bei der Riesenpositronik anzusetzen.« »Doch, gerade da. Und man muss. Man kann gar nicht anders, weil nämlich alle anderen Maßnahmen letztlich fruchtlos bleiben werden, sollte hinter ihm erst einmal ein Machtgebilde wie das der voll entwickelten Positronik stehen.« Arrkonta sprang auf, ging zur Fensterfront und stützte sich mit den Händen gegen die Scheibe. Als er schließlich zum Tisch zurückkehrte, sah er niedergeschlagen aus. »Wenn es so ist, Axton, gibt es nichts, womit das Kontrollsystem zu durchbrechen wäre.« »Es muss etwas geben, denn es sind und bleiben lebende Personen mit allen Stärken und Schwächen, die das System bestimmen. Ritikka Awyrett ist eine davon.« Arrkonta lachte erbittert auf. »Er ist gerade der Mann, der am zuverlässigsten von allen ist. Er würde sich eher umbringen lassen, als eine Unregelmäßigkeit zu ermöglichen. An ihm kommt keiner vorbei.« »Weshalb hasst er alles, was mit den Gonozals zu tun hat?« »Das weiß ich nicht.« »Man müsste es herausfinden.« »Wozu? Was versprechen Sie sich davon?« »Hass hat immer eine Ursache. Nicht selten ist er in einer Schwäche begründet. Hass entsteht nicht aus dem Nichts.« »Wie meinen Sie das?« Der Arkonide füllte das Glas auf, das vor dem Verwachsenen stand. »Wenn jemand einen anderen abgrundtief hasst, dann fast immer deshalb, weil der andere ihn beleidigt hat. Ich habe es oft genug an mir selbst erlebt, als ich noch nicht gelernt hatte, mit meinem verkrüppelten Körper zu leben. Machte sich
jemand über mich lustig, konnte ich mich derart in Hassgefühle hineinsteigern, dass ich kaum noch klar denken konnte. Das aber lag nur daran, weil ich wusste, dass dieser Jemand im Grunde recht hatte.« »Jetzt begreife ich, was Sie sagen wollen. Sie glauben also, dass auch Awyrett eine Schwäche hat, die seinerzeit von Imperator Gonozal aufgedeckt wurde?« »Das vermute ich, und ich muss herausfinden, was vorgefallen ist.« »Das ist so gut wie unmöglich.« »So gut wie – das bedeutet, dass es nicht ganz unmöglich ist.« Arrkonta seufzte resignierend. »Sie geben wohl nie auf, wie? Um alles über Awyrett zu erfahren, werden Sie sich Zugang zu Orbanaschols Geheimarchiv verschaffen müssen. An anderer Stelle wird es wohl schwerlich noch Hinweise geben. Und das Geheimarchiv wird noch besser bewacht als der nahe Kristallpalast selbst. Erklären Sie Seiner Erhabenheit, was Sie in seinem Archiv wollen, dann kommen Sie vielleicht an diesen Teil von Awyretts Akte heran.« Lebo Axton lächelte. Er hatte gewusst, dass es eine Chance geben würde. Lange genug hatte er im Dienst der USO gestanden und Erfahrungen sammeln können. Er hatte kein wirklich perfektes Sicherungssystem kennengelernt. Lücken gab es überall. Man musste nur hartnäckig sein, dann ließen sie sich aufspüren. Und hatte man sie gefunden, ergab sich auch eine Möglichkeit, das System zu durchbrechen. »Wo befindet sich dieses Archiv genau?« »Sie wollen…?« Arrkonta verdrehte die Augen. »Gut, ich sage Ihnen, was ich weiß. Mein Unternehmen hat einige der positronischen Sicherungssysteme geliefert. Daher kenne ich die Anlage bis zu einem gewissen Grad ganz gut. Sobald ich alles geschildert habe, werden Sie aber den Gedanken
aufgeben, dort einbrechen zu wollen.« Die Männer blickten sich an, und jeder erriet den Gedanken des anderen. Avrael Arrkonta begriff, dass er Axton nicht von seinem einmal gefassten Entschluss abbringen konnte, und der Terraner erkannte, dass der Arkonide ihm dennoch bedingungslos helfen würde. »Also gut, Axton, hören Sie zu…«
Arkon I: 20. Prago der Prikur 10.498 da Ark Der Gleiter näherte sich dem Hügel der Weisen, dem Regierungszentrum des Großen Imperiums, das inmitten einer künstlich angelegten Berglandschaft auf einem Hochplateau errichtet war. Unübersehbar breiteten sich hier, einem überdimensionierten Blumenbeet vergleichbar, Hunderte strahlend weißer Kelchbauten aus, die, auf stielförmigen Fundamenten errichtet, ihre Trichteröffnungen dem Himmel entgegenreckten. Der Kristallpalast wurde von zahlreichen Scheinwerfern angestrahlt – eine Stadt für sich! Mitunter auch Gos’Teaultokan genannt, war der Gos’Khasurn ein Trichterbau von tausend Metern Höhe und einem oberen Durchmesser von fünfzehnhundert Metern, der sich von einem fünfhundert Meter durchmessenden Zylindersockel erhob. Die gesamte Außenstruktur funkelte als einziges Juwel – künstlich kristallisierter Kohlenstoff, sprich Diamant. In der äußeren Form war der Kristallpalast auf Befehl von Imperator Zakhagrim III. ab 2455 da Ark entstanden, was dem Jahr 17.528 vor Christus entsprach. Dunkelheit gab es keine im Herzen des Kugelsternhaufens – auch am Himmel funkelte und gleißte es. Doch der Kristallpalast war nicht das Ziel Axtons, sondern ein deutlich kleinerer Trichterbau, der einige Kilometer entfernt aufragte. Bis vor knapp einem Arkonjahr hatte sich Orbanaschols
Geheimarchiv an anderer Stelle befunden; zwar ebenfalls in der Nähe, aber am Rand des Hügels des Weisen. Aus Gründen, die Arrkonta nicht bekannt waren, hatte der Imperator dann auf einer Verlegung bestanden und neue Sicherheitseinrichtungen in Auftrag gegeben. Axton dagegen kannte Atlans Bericht – von der Traummaschine versetzt, hatten er und Chapat in Orbanaschols Archiv einzudringen versucht. Zweifellos ausreichend Grund für den Imperator, es an einen anderen Ort zu verlegen. Inzwischen hatte Axton auch weitere Nachforschungen angestellt und, von einem tiefgreifenden Frösteln begleitet, herausgefunden, dass damals ein Atlan-Doppelgänger von sich reden gemacht hatte. Selbst in den Archiven der Celistas war zwar nur wenig Konkretes zu finden gewesen, doch das plötzliche Verschwinden zweier gesuchter Personen hatte doch für einiges Aufsehen gesorgt. Es bestand demnach kein Zweifel mehr daran, dass Atlan und Chapat tatsächlich mit ihren Projektionskörpern in der Vergangenheit materialisiert waren – es sei denn, alles hier war Bestandteil einer perfekten Illusion, die nicht nur Axton und seine Umgebung umfasste, sondern dann natürlich auch die Erlebnisse Atlans und Chapats beinhaltete. Mitunter befielen den Kosmokriminalisten Zweifel, doch sie verschwanden stets recht schnell. Letztlich war er davon überzeugt, wirklich hier zu sein. »Stopp!«, befahl der Verwachsene, als sich der Gleiter direkt über dem Gebäude befand. Er öffnete die Seitentür. Es war vollkommen windstill. Eine dichte Wolkendecke zog vor einen Teil der Sterne. »Soll ich warten?«, fragte Kelly. »Du verschwindest. Erst wenn ich das Signal gebe, holst du mich. Ohne Gleiter. Verstanden?« »Natürlich. Du warst ja laut genug, Schätzchen.« »Gut. Und nun hilf mir.«
Der Roboter beugte sich zu dem Terraner und half ihm, ein sorgfältig geschnürtes Bündel umzuschnallen. Darin verbarg sich ein Gleitschirm. Diese primitive Möglichkeit hatte sich als einzige erwiesen, um unbemerkt das Gebäude zu erreichen – und das auch nur, weil Axton samt Gleiter und »Anhang« die Berechtigung hatte, sich im Bereich des Hügels der Weisen aufzuhalten und somit bereits eine wichtige Sicherheitsbarriere überwunden war. Beim Kristallpalast selbst wäre nicht einmal das möglich gewesen. An den Einsatz eines Antigravaggregats war nicht zu denken. Hätte er auf dem Rücken Kellys oder gar per Gleiter versucht, sich dem Gebäude zu nähern, wäre er sofort angemessen und entdeckt worden. Tarnanzug und Infrarotabschirmung waren auch jetzt notwendig, um per Gleitschirm auf das Dach des kleinen Trichters zu gelangen. Axton überprüfte nochmals seine Ausrüstung. Ein letztes Zögern. Plötzlich war er sich nicht mehr ganz sicher, dass der Gleitschirm auch funktionierte. Axton hatte ihn von Kelly berechnen und anfertigen lassen. Aber das war Theorie. Zur Sicherheit und für den äußersten Notfall trug er ein ausgeschaltetes und gesondert abgeschirmtes Antigravgerät am Gürtel. Sollte der Gleitschirm versagen, würde er selbstverständlich sofort entdeckt werden. Und dann war alles, was er sich bislang aufgebaut hatte, zerstört. Denn wie hätte er seine nächtliche Aktion erklären sollen? »Bis bald, du Monstrum«, sagte er über die Schulter hinweg und ließ sich nach vorn fallen. Er stürzte in die Tiefe, zerrte an der Reißleine. Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis sich der Schirm mit einem Ruck öffnete. Die Riemen schnitten Axton ins Fleisch, sodass er unwillkürlich aufstöhnte. Er pendelte hin und her, für Augenblicke wusste er nicht, wo er war. Erst als er den düsteren Kreis unter sich entdeckte, kehrte die Orientierung zurück – es war der Dachgarten des kleinen
Trichters, in dem sich Orbanaschols Geheimarchiv befand. Axton drohte daran vorbeizugleiten. Seine Hände krallten sich an die Schnüre; er fiel schneller und prallte nur zwei Meter vom Rand des Daches auf den Boden. Vergeblich versuchte er, sich mit den Armen abzufangen. Sie waren viel zu schwach – der Einsatz des Mikrogravoneutralisators war wegen der Ortungsgefahr natürlich ebenfalls nicht möglich. So schlug er hart auf und verlor augenblicklich das Bewusstsein.
Als Axton wieder zu sich kam, wusste er zunächst nicht, wo er war. Unsicher tastete er umher. Als er die Schnüre in den Fingern fühlte, erinnerte er sich. Er konnte von Glück sagen, dass sich keine Böe im Schirm gefangen und ihn vom Dach gezerrt hatte. Ächzend richtete er sich auf. Sein verkrümmter Rücken schmerzte, sodass er bereits fürchtete, sich etwas gebrochen zu haben. Doch er konnte Arme und Beine bewegen. Offensichtlich hatte er sich nur Prellungen zugezogen. Mühsam zog er die Schnüre ein, faltete den Gleitschirm sorgfältig zusammen und packte das Bündel neu, das er nach dem Abschnallen unter einem Busch versteckte. Dann verwischte er alle Spuren, die er hinterlassen hatte. Axton blickte auf die Uhranzeige seines Armbandgeräts. Beunruhigt stellte er fest, dass er vier Zentitontas mehr als geplant benötigt hatte. Diesen Verlust musste er wieder aufholen, denn jede Zentitonta war kostbar. Als er zum Mittelpunkt des Daches ging, versuchte er schneller als normal zu laufen. Doch schon nach wenigen Schritten blieb ihm die Luft weg, stechende Schmerzen rasten durch die Brust. Sein verwachsener Körper war einfach nicht in der Lage, viel zu leisten. Er konnte die Füße kaum hoch genug heben, um Schleifgeräusche zu vermeiden. Schließlich sah Axton ein, dass er sich nur langsam bewegen durfte. Auf diese Weise gelang
es ihm, unbemerkt bis an den Aufbau heranzukommen, in dem ein Wachposten vor einigen automatischen Sicherheitsgeräten saß. Der Mann zeigte jedoch nur wenig Interesse für die ihm übertragene Aufgabe, die schließlich nur eine Zusatzfunktion war und die positronische Überwachung ergänzte. Er hatte einen tragbaren Trividempfänger mitgebracht und verfolgte irgendeine Show. Unter diesen Umständen war es nicht überraschend, dass er den lautlos heranschwebenden Axton nicht bemerkt hatte – unabhängig davon, dass dieser ortungstechnisch abgeschirmt und auch rein optisch dank Tarnanzug mit Chamäleonbeschichtung nicht zu erkennen gewesen war. Axton schlich an dem Aufbau vorbei und verschwand hinter einigen blühenden Büschen. An einem Springbrunnen kniete er nieder, holte aus der Abschirmtasche ein Messer, das eine Desintegratorklinge projizieren konnte, und führte das Materie auflösende Energiefeld über den Boden. Ein haarfeiner Riss entstand. Eingesetzt werden konnte diese Waffe nur, weil sich in geringer Distanz Versorgungs- und Energieleitungen des Gebäudes befanden, deren Eigenemissionen die des Desintegrators überdeckten. Schon nach kurzer Zeit konnte Axton eine quadratische Platte herausheben und zur Seite legen. Darunter befand sich eine dickere Schicht eines Plastikbetongemischs. Auch dieses ließ sich mit dem Spezialmesser aus dem Fundus des Geheimdienstes leicht zerstören. Axton schnitt jedoch keine Platte heraus, weil diese viel zu schwer für ihn gewesen wäre, sondern verwandelte die Masse mit kräftigen Seitwärtsbewegungen des Desintegratorfelds in Ultrafeinstaub. Nur Augenblicke vergingen, bis sich ein Loch gebildet hatte, durch das er einsteigen konnte. Zwischen den Versorgungsleitungen war gerade so viel Platz, dass Axton seinen Körper hineinschieben konnte.
Mühsam kroch er vorwärts. Als er schließlich schweißüberströmt und völlig atemlos an einen senkrecht nach unten führenden Schacht kam, stellte er befriedigt fest, dass er zwei Zentitontas weniger benötigt hatte. Er gönnte sich keine Pause, sondern schob sich behutsam weiter. Die Rohre und Kabel waren glatt und boten wenig Halt. Trotz Spezialbeschichtung der Handschuhe rutschte er mehrmals ab, konnte sich aber an Zwischenverstrebungen und Halterungen immer wieder abfangen. Dabei dachte er voller Sorge daran, dass er diesen Weg auch in umgekehrter Richtung nehmen musste. Er wusste noch nicht, ob er es wirklich schaffen konnte, diesen Schacht nach oben zu steigen. Dennoch gab er nicht auf. An einem rot markierten Feld verharrte er schließlich. Er befand sich nun dreißig Meter unter dem Dachgarten auf gleicher Höhe mit dem Geheimarchiv. Mit einem Blick auf die Uhr überzeugte er sich davon, dass er sich innerhalb der Zeitplanung befand. Dann setzte er wiederum das Desintegratormesser an, peinlich darauf achtend, die ihm von Arrkonta beschriebenen Linien nicht zu überschreiten, hinter denen sich positronische Taster befanden, die bei der geringsten Berührung Alarm auslösten. Axton benötigte eine Dezitonta, dann erst konnte er ein ovales Stück aus der Wand ziehen. Der Schweiß rann ihm in die Augen, seine Arme zitterten. Er glaubte, das Gewicht nicht mehr halten zu können. Die Zähne zusammengepresst, wuchtete er die Platte schließlich herum und setzte sie auf seitlichen Rohrverstrebungen ab. Danach musste Axton eine Pause von mehreren Zentitontas einlegen, um sich zu erholen; sie war aber entsprechend einkalkuliert. Axton leuchtete durch das Loch in einen kleinen Raum. Auf einem Arbeitstisch lagen S