Wer schlägt den Löwen?
Wer schlägt den Riesen? Wer schlägt jenen oder diesen? Nur der, der sich selbst bezwingt! Walth...
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Wer schlägt den Löwen?
Wer schlägt den Riesen? Wer schlägt jenen oder diesen? Nur der, der sich selbst bezwingt! Walther von der Vogelweide
Inhaltsverzeichnis: Ein unkonventionelles Vorwort zur Neuauflage Einleitung Erster Teil: Der Psychosplit. Seine Entstehung und seine Folgen I. Prämisse: Für alle Lebewesen ist Energieerwerb eine überragend wichtige Funktion. 2. Prämisse: Die Energiequelle aller Tiere ist die organische Struktur anderer Lebewesen. 3. Prämisse: Für Energieerwerb durch Raub sind zielführende Bewegungssteuerungen nötig. 4. Prämisse: Besonderheit des Menschen - Er schafft sich zusätzliche Organe. 5. Prämisse: Der Intellekt des Menschen fördert zunächst seine Instinkte.
6. Prämisse: In seßhaften Gemeinschaften kommt es zum Energieerwerb über Tausch. 7. Prämisse: Energieerwerb über Tausch macht andere Strategien notwendig. 8. Prämisse: Durch Konditionierung wird der Nachfrager zum Schlüsselreiz für Raubverhalten. 9. Prämisse: Der Universalvermittler Geld steigert den chronischen Steuerungskonflikt. Schlußfolgerung: Durch Bewältigung des Psychosplits lassen sich Erfolg und Lebensqualität steigern. Zweiter Teil: OBS Die Überwindung des Psychosplits I. Konsequenz: Willst Du Gewinn, dann denke an den Vorteil Anderer. 2. Konsequenz. Nicht nur die ausgetretenen Wege führen zu Erfolg. 3. Konsequenz: Sei bestmöglicher Schlüssel für das richtige Schloß. 4. Konsequenz: Suche nach Schwachstellen nicht als Räuber, sondern als Problemlöser. 5. Konsequenz: Spezialisiere und diversifiziere Dein Angebot aber richtig. 6. Konsequenz: Wirst Du Problemlöser einer Zielgruppe, dann
steuert sie Deinen Erfolg. 7. Konsequenz: Gelderwerb und Gewinn sind keineswegs identisch. 8. Konsequenz: Betrachte Angestellte nicht als Produktionsmittel und Arbeitgeber nicht als Melkkuh. 9. Konsequenz: Richte Dich auf qualitatives Wachstum aus. Nachwort Anhang Anmerkungen Literaturverzeichnis
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(Originalbuchseite 7)
Ein unkonventionelles Vorwort zur Neuauflage
An der Nordküste von Curacao in Westindien erlebte ich vor Jahren einen Angriff von Haien, der mir sehr zu denken gab. Wir waren damals zu dritt, und einer meiner Kameraden harpunierte einen großen Zackenbarsch, der etwa zehn Meter unter uns in einem Korallengestrüpp versteckt war. Er riß ihn daraus hervor, und der wild um sich schlagende Fisch versuchte, in sein Versteck zurückzugelangen. Aber es nützte ihm nichts. Trotz allen Gezappels brachte ihn mein Kamerad zur Oberfläche empor. In diesem Augenblick tauchten aus der Ferne zwei Haie auf, die in höchster Geschwindigkeit direkt auf uns zukamen. Einer von uns stieß einen erschreckten Schrei ins Wasser aus. Es riß die Haie gleichsam herum. Sie jagten davon, drehten aber sofort wieder und kamen erneut auf uns zu. Jetzt schrien wir bereits im Chor, und dies verjagte sie endgültig. Ebenso schnell wie sie gekommen waren verschwanden sie in der Ferne. Was bedeutete dieses Verhalten? Wir waren damals die ersten, die freischwimmend Korallenriffe erkundeten, und hatten entgegen der Annahme, daß Haie angriffslustig seien, festgestellt, daß sie sich dem Menschen gegen(Originalbuchseite 8)
über erstaunlich scheu verhalten. Wir vermuteten deshalb, daß dieser Angriff nicht uns, sondern dem zappelnden Fisch galt. Die Haie hatten offenbar auf weite Entfernung hin die durch seine Flossenschläge bewirkten Wasserschwingungen wahrgenommen.
Diese signalisierten ihnen, daß hier ein Fisch in Not war - also eine leicht zu überwältigende Beute. Sämtlichen Tieren sind Verhaltenssteuerungen angeboren, die sie zu ihrer Beute hinführen. Bestimmte Schlüsselreize lösen bei ihnen Angriffshandlungen aus. Je nach der Beute sind diese sehr verschieden, aber in jedem Fall zeichnen sie sich durch totale Rücksichtslosigkeit aus. Käme über Mutationen eine nichtrücksichtslose Art zustande, dann könnte sich diese im Wettkampf gegen Konkurrenten kaum behaupten. Der Mensch ging aus dem Kreis der Tiere hervor, und auch uns ist dieses rücksichtslose Verhalten gegenüber anderen Lebewesen, die wir als unsere Nahrung betrachten, angeboren. In organisierten Gemeinschaften gelangte jedoch der Mensch zu einer weiteren Form des Nahrungserwerbes. Durch Produktion benötigter Güter und Dienstleistungen erwirbt er Geld - und mit diesem kann er ohne weitere Anstrengung an Nahrung gelangen. Stören nun die angeborenen Verhaltensnormen bei dieser neuen Art des Erwerbes? Hindern sie uns daran, in dieser so effektiv zu sein, wie wir es sein könnten? Und wenn es so ist, lassen sie sich unterdrücken? Das ist das Thema dieses Buches, das seit seinem ersten Erscheinen nichts von seiner Aktualität verloren hat. Im Gegenteil. Das Problem ist inzwischen noch schwieriger und brisanter geworden. Kundenorientiertes Verhalten genügt jetzt nicht mehr. Die Grenzen, welche die beschränkte Größe unseres Planeten uns setzt, machen es notwendig, die Gesamtheit der Interessen (Originalbuchseite 9)
aller übrigen Lebewesen mit in unsere altero-zentrierte Strategie einzubeziehen. Selbst jene der Haie.
Ich habe allerdings überlegt, ob das Buch nicht noch leserfreundlicher gestaltet sein sollte. Der an Wirtschaftsbelangen Interessierte muß sich hier ein halbes Buch lang mit naturwissenschaftlichen Zusammenhängen beschäftigen, ehe er zu den Schlußfolgerungen gelangt, die ihm bei seinen Erwerbsbemühungen helfen können. Aber ich habe nun doch nichts verändert. Denn es geht hier um so elementare Zusammenhänge, daß eine wirkliche Überwindung des uns gleichsam vorprogrammierten Fehlverhaltens nur gelingen kann, wenn man dessen Mechanik bis in seine ursprünglichen Wurzeln hinein versteht. Und das gleiche gilt auch für unser Verhalten der "Umwelt" - oder sagen wir besser der "Mitwelt" - gegenüber. Auch hier kann nur die so widersinnig erscheinende Ausrichtung auf fremden Vorteil zu solidem eigenen Vorteil verhelfen. Prof. Dr. Hans Hass Wien, den 26. Oktober 1998
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(Originalbuchseite 10)
Einleitung
Die in diesem Buch dargelegten Thesen lassen sich in folgenden vier Behauptungen zusammenfassen: Erstens: Vor etwa 10.000 Jahren kam es in der Entwicklung unserer Urvorfahren zu einer Störung in der Verhaltenssteuerung, die bisher nicht erkannt wurde. Sie ist bis zum heutigen Tag nicht abgeklungen, sondern wirkt sich in unserer Zeit sogar besonders stark aus. Sie führt dazu, daß erwerbstätige Menschen und Unternehmen längst nicht so erfolgreich sind, wie sie es an sich sein könnten. Sicher mehr als 80 % unter ihnen setzen ihre Fähigkeiten und Mittel nicht richtig ein. Zweitens: So verschieden menschliche Berufe auch sein mögen, und so verschieden Unternehmen - kleine, mittlere und große auch strukturiert sind: Es sind die grundsätzlich gleichen Fehler, die überall gemacht werden. Und es sind auch die grundsätzlich gleichen Gründe, warum sie gemacht werden. Drittens: Diese Fehler lassen sich vermeiden. Begreift man, was damals geschah - wie es in dieser weit zurückliegenden Zeit zu dieser inneren Störung kam, ja notwendigerweise kommen mußte, dann sind diese Fehler (Originalbuchseite 11)
zu beheben. Freilich: Es bedarf dazu einer gewissen Disziplin. Doch da es um den eigenen Vorteil geht, sind starke Motive vorhanden, sich einer solchen zu unterwerfen. Viertens: Wo dies gelingt, verbessert sich nicht nur für den
einzelnen und für Unternehmen die Chance, zu größerem Erfolg und mehr Gewinn zu gelangen, sondern es verbessert sich darüberhinaus auch die Fähigkeit, diesen Erfolg und Gewinn im Privatleben besser zu nützen. Selbst die so gravierenden Differenzen zwischen Staaten dürften durch diese Ausrichtung beeinflußt werden. Auf diese weiteren Auswirkungen soll jedoch erst am Ende des Buches kurz hingewiesen werden. Zunächst geht es darum, den erwähnten inneren Steuerungskonflikt - den ich "Psychosplit" nenne - im wirtschaftlichen Bereich, wo er seine Wurzel hat , genauer zu erfassen und seine Auswirkungen auf unsere täglichen Entscheidungen zu analysieren. Nur so läßt sich feststellen, wie eine Strategie beschaffen sein muß, die diese innere Störung abzuschwächen oder ganz zu beseitigen vermag, und so dazu verhilft, daß Berufstätige und Unternehmen - zum eigenen Vorteil und jenem der Umwelt - die ihnen zur Verfügung stehenden Fähigkeiten und Mittel optimal einsetzen. Wie es möglich ist, daß ein so wichtiger Zusammenhang bis heute unentdeckt blieb - ? In erster Linie dürfte es wohl daran liegen, daß die Tatsache unserer Abstammung aus dem Tierreich zwar schon vor mehr als 100 Jahren erkannt wurde, jedoch mehr irritiert hat als dazu anregte, daraus die Konsequenzen zu ziehen. Durch den technischen und kulturellen Fortschritt hat sich außerdem unser Leben von jenem des Urmenschen so weit (Originalbuchseite 12)
entfernt, daß man sich schwer vorstellen kann, wie damalige Vorgänge sich bis heute auswirken sollten. Obwohl sich die folgenden Darlegungen weit von den Themen entfernen, mit denen man sich üblicherweise in der Wirtschaft beschäftigt, sind zum Verständnis der Beweisführung keine besonderen Fachkenntnisse nötig. Erforderlich ist freilich etwas Geduld. Denn um zu verstehen, an welche seltsame Hürde unsere Vorfahren vor etwa 10.000 Jahren gelangten (also mehr als 2
Millionen Jahre nachdem sich die Intelligenz des Menschen entfaltet hatte und es zu dem so entscheidend wichtigen IchBewußtsein kam), ist es notwendig, sich von manchen eingefahrenen Denkgeleisen zu entfernen und sich aus einer anderen als der bisher üblichen Perspektive zu sehen. Um dies zu erleichtern, werden im ersten Buchteil die Zusammenhänge, die hier maßgebend sind, in neun Prämissen und einer sich daraus ergebenden Schlußfolgerung dargelegt. Jede der Prämissen ist somit nachprüfbar, ehe man sich der nächsten und dann der Schlußfolgerung zuwendet. Manches in meinen Ausführungen mag zunächst selbstverständlich oder nebensächlich erscheinen, doch nur über diese Aufeinanderfolge von Fakten und ihrer Bewertung läßt sich der Krebsschaden in unserem Denken aufzeigen und verständlich machen. Der zweite Teil beschäftigt sich dann mit der Frage, wie den negativen Auswirkungen des Psychosplits begegnet werden kann. In logischer Konsequenz ergeben sich neun Leitlinien für eine optimale Wirtschaftsstrategie, die gleichermaßen für Berufstätige wie auch für Unternehmen gilt. Sicher werden noch weitere hinzukommen, doch glaube ich, bereits auf die wichtigsten hinweisen zu können. (Originalbuchseite 13)
Die Forschungen, die mich zur These des Psychosplits führten, erstreckten sich über einen Zeitraum von sechs Jahren und stellen ein praktisches Ergebnis der 1970 veröffentlichten Energontheorie dar1. Auch meine früheren Forschungen in tropischen Meeren haben mir in diesem anderen Bereich in mehrfacher Weise geholfen. So führte mir die Untersuchung des Verhaltens von Haien in unmittelbarer Begegnung unter Wasser die Mechanik angeborener Raubinstinkte deutlicher vor Augen, als das Studium gefangener Tiere es vermitteln kann. Und die ungeheuere Formenvielfalt tierischer Lebenserscheinungen in den Korallenriffen machte mich auf Gesetzmäßigkeiten aufmerksam,
die in der menschlichen Wirtschaft, wie ich später feststellte, ganz ebenso relevante Wechselwirkungen und Zusammenhänge erklären2. Bei Vorträgen und Seminaren für große und mittelständige Unternehmen lernte ich bei anschließenden Diskussionen manche Argumente kennen, die einerseits die Engstirnigkeit heutiger Grundeinstellungen zeigten, andererseits aber bei Vielen auch das Bestreben, diese zu überwinden und die wirtschaftlichen Phänomene als Teilbereich der biologischen Evolution, also der Naturentfaltung zu verstehen3. Meine Vorlesungen an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Wiener Universität bestätigten mir ebenfalls das Interesse, das heute, bei der immer stärkeren Aufspaltung in Fachwissenschaften, an einem wieder zusammenführenden Begriffssystem besteht. Bei Niederschrift dieses Buches erhielt ich wertvolle Anregungen und Hinweise auf dem Gebiet der Psychologie von Prof. Dr. Bernd Spiegel in Mannheim; auf dem Gebiet der Verhaltensbiologie von Prof. Dr. Bernhard Hassenstein in Freiburg; auf dem Gebiet der Betriebs(Originalbuchseite 14)
wirtschaftslehre von Prof. Dr. Erich Leutelsberger in Wien; und auf dem Gebiet der Humanethologie von meinem langjährigen Freund und Expeditionskameraden Prof. Dr. Irenäus EiblEibesfeldt in Seewiesen. Ihnen, sowie allen anderen hier ungenannt bleibenden Helfern, danke ich herzlich. Mit Wolfgang Mewes in Frankfurt, dem Begründer der Energo-KybernetischenManagementstrategie (EKS), verbindet mich ein jahrelanger Gedankenaustausch. Die bemerkenswerten Erfolge seiner Lehrtätigkeit und die Wechselwirkungen zwischen Energontheorie und EKS-Praxis ermöglichen es mir, die Leitlinien, zu denen die Aufdeckung des Psychosplits führt, durch anschauliche Fallbeispiele untermauern zu können.
Da sich das Buch an praktisch jeden wendet, der sich im Wirtschaftsbereich um Gewinn und Erfolg bemüht, bediene ich mich einer möglichst einfachen Sprache und gebe dem wissenschaftlich interessierten Leser über Fußnoten im Anhang zusätzliche Hinweise. Das Literaturverzeichnis beschränkt sich auf Schriften, welche das Thema unmittelbar betreffen. Die Überwindung des Psychosplits stellt eine klare Zielrichtung für die weitere Evolution des Menschen dar. Sie kann - meines Erachtens - darüber entscheiden, ob der Mensch sich mit seiner laufend anwachsenden Macht schließlich selbst zerstört oder den Weg zu einer pluralistisch orientierten, friedlichen Höherentwicklung findet. Prof. Dr. Hans Hass Wien, Juni 1988
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(Originalbuchseite 305)
Anmerkungen
1. H. Hass: "Energon. Das verborgene Gemeinsame" (Molden, Wien 1970). Das Buch ist vergriffen und wurde geringfügig überarbeitet in den "Naturphilosophische Schriften". Bd. 2 und 3 (Universitas, München 1987) neu aufgelegt. - Eine Formulierung der Energontheorie in Lehrsätzen veröffentlichte ich mit H. LangeProllius 1978. Mathematische Formulierungen von Teilaspekten erarbeitete E. Siegl 1985. 2. Einen Überblick über meine Tauchtätigkeit als Meeresbiologe gibt mein Buch "Abenteuer unter Wasser. Meine Erlebnisse und Forschungen im Meer" (Herbig, München 1986). Alle früheren Bücher über meine Tauchexpeditionen (13 Titel) sind vergriffen. Gemeinsam mit I. Eibl-Eibesfeldt verfaßte ich über das Verhalten der Haie: "Der Hai - Legende eines Mörders" (Bertelsmann, München 1977). Es ist vergriffen und wurde, überarbeitet und erweitert, unter dem Titel "Wie Haie wirklich sind" neu aufgelegt (DTV, München 1986). 3. Wertvolle Anregungen erhielt ich bei Diskussionen nach Vorträgen und während Seminaren: für die Betriebsleitung von Nestlé und ihre wichtigsten Kunden; für die Kunden der Nixdorf Computer AG in den Bereichen Handel, Versicherungswesen und Kreditinstitute; für die Manager und Techniker der AlfredTewes GmbH in Frankfurt; für Leiter mittelständischer Betriebe bei HeinzGernot Nieter in Freudenstadt; für die Alfred Kärcher GmbH in Winnenden; (Originalbuchseite 306)
für die Programmierer von IBM in Wien; für die
Wirtschaftsjunioren in Freiburg; für die Kunden von Peat Marwick & Mitchell in Frankfurt, für EKS-Anhänger in Kronberg, Wien und Linz, für die Teilnehmer am Deutschen ManagerKongreß und am Deutschen Sekretärinnen-Kongreß in Frankfurt, für den Freiheitlichen Akademikerverband in Wien, sowie für weitere Studentenvereinigungen, Clubs und fachwissenschaftliche Gremien. Wesentliche Einblicke und Impulse vermittelte mir auch meine Beratungstätigkeit bei der Europäischen Bildungsgemeinschaft in Stuttgart. 4. Auch Masse ist eine Erscheinungsform von Energie. Nach dem Masse-Energie-Aequivalent von Einstein (M = E/C2) stellt jedes Gramm beliebiger Materie (Eisen, Stroh, Zellsubstanz, Sauerstoff etc.) einen Energiewert von 9 . 1016 Joule dar. 1932 gelang es C. D. Anderson erstmals Masse total in Energie zu zerstrahlen, und 1933 konnten P. M. Blackett und G. P. Occhialini erstmals Strahlungsenergie in Masse verwandeln. Nach dem heutigen Weltbild der modernen Physik gibt es im Universum nichts Bekanntes, wissenschaftlich Nachweisbares, das nicht eine Erscheinungsform von Energie wäre. 5. Eine besonders wichtige Rolle spielt im gesamten Lebensgeschehen der Informationstransfer. Beim Vorgang der Reduplikation - der Fortpflanzung - müssen entsprechende Befehle den Aufbau weiterer, artgleicher Strukturen (Protobionten, Lebewesen) bewirken. Ebenso sind für alle zielführenden Bewegungsvorgänge Befehle an ausführende Organe notwendig. Je komplexer ein Lebewesen und seine Funktionen sind, über umsomehr "Information" muß es (Originalbuchseite 307)
verfügen, die es an die Nachkommen weitergibt. Das "Genom" speichert diese Information. In diesem Sinne kann Leben als ein Prozeß, der über immer mehr Information verfügt - also als "informationserwerbender Prozeß" - angesehen werden (Lorenz).
Ohne entsprechende Energie ist jedoch kein Vorgang und somit auch keine Höherentwicklung (über welche Vorgänge auch immer) und kein Informationstransfer möglich. 6. Als Pflanzen werden hier die "autotrophen", als Tiere die "heterotrophen" Lebewesen bezeichnet. Das stimmt nicht ganz mit der heutigen systematischen Einteilung überein, da etwa die Bakterien zu den Pflanzen gezählt werden, jedoch durch Abbau von organischer Substanz Energie erwerben. Außerdem gibt es Bakterien, die aus anorganischen Verbindungen Energie gewinnen (aus Schwefelwasserstoff, Ammoniak sowie Ferro- und Ferriverbindungen). Unter "Pflanzen" werden somit alle photosynthetisierenden Lebewesen verstanden, als "Tiere" jene, die über den Abbau organischer Substanz (Oxydation oder Gärung) Energie gewinnen. 7. Die Bezeichnung "Räuber" für praktisch sämtliche Tiere ist zweifellos nicht günstig, weil sich im Sprachgebrauch eindeutig negative Wertungen mit diesem Begriff verbinden. In ganz neutraler Beurteilung beruht jedoch die Erwerbsform der Tiere auf einer gewaltsamen Aneignung "fremden Gutes" - und dafür gibt es keine andere, treffende Bezeichnung als "Raub". Daß auch Symbiosen keine Ausnahme darstellen, wird anschließend behandelt. 8. Unsere positive oder negative Einschätzung von Tieren beruht einerseits - höchst subjektiv - darauf, ob sie uns nützen oder schaden, andererseits aber auch (Originalbuchseite 308)
auf angeborenen Reaktionen, auf die Konrad Lorenz 1943 in seiner Schrift "Die angeborenen Formen möglicher Erfahrung" (Zeitschrift für Tierpsychologie 5, S. 235-409) hinwies. Wir sprechen angeborenermaßen auf "Schlüsselreize" an, worauf in der 3., 8. und 9. Prämisse ausführlich eingegangen wird. Manche, die
unsere Sympathie für Kleinkinder wecken, übertragen wir auch auf Tiere mit ähnlichen Merkmalen, die wir dann ebenfalls als "niedlich" empfinden. Andere, die uns Merkmale des gesunden menschlichen Körpers anzeigen (etwa "schlank", "kräftig", "makellose Haut"), übertragen wir ebenfalls auf Tiere mit ähnlichen Merkmalen - was etwa zur Folge hat, daß wir das Reh als "schön", das Schwein und die Kröte eher als "häßlich" empfinden. Näheres in K. Lorenz 1978 und I. Eibl-Eibesfeldt 1984. 9. Mit dem Problem "Eigennutz" und "Altruismus" hat man sich in der Biologie und, in den letzten Jahrzehnten, besonders in der Sozio-Biologie eingehend beschäftigt. In seinem Buch "Aufopferung und Eigennutz im Tierreich" (Stuttgart 1941) warnte der bekannte Zoologe 0. Heinroth den Leser vor falschen Auslegungen tierischer Handlungen und Stimmungsäußerungen, "um das rechte Verständnis für den bis fast zur Grausamkeit gesteigerten Eigennutz im Tierreich aufzubringen". Neuere Literatur: W. Wickler "Das Prinzip Eigennutz" München 1977 und J.R. Krebs und N.B. Davies "Öko-Ethologie" Parey, Berlin und Hamburg 1981. 10. Eine ausführlichere Darstellung der angeborenen Verhaltensweisen bei Tier und Mensch gab ich in: H. Hass 1987, Bd. 4. Umfassende Lehrbücher sind: I. Eibl-Eibesfeldt "Grundriß der vergleichenden Ver(Originalbuchseite 309)
haltensforschung" (Piper, München 1987) und K. Lorenz "Vergleichende Verhaltensforschung" (Springer, Wien 1978). Wenn in modernen Lehrbüchern meist nicht von Trieben sondern von "motivierenden Faktoren" oder "Antrieben" gesprochen wird, und man dort Aufzählungen der Haupttriebe des Menschen vermißt, dann liegt das daran, daß die meisten angeborenen Verhaltensweisen sich in einem hierarchischen Aufbau aus
zahlreichen Einzeltrieben zusammensetzen. Eine Übersicht über die wichtigsten Triebe beim Menschen für Praktiker in Wirtschaft und Politik gab ich in: H. Hass und H. Lange-Prollius 1978. 11. Solche Übersprungsbewegungen und Stereotypien, in unbeobachtet gefilmten Zeitrafferaufnahmen festgehalten, zeigt die Filmdokumentation: H. Hass "Wir Menschen" Progr. 12. Österreichisches Bundesinstitut für den Wissenschaftlichen Film, Wien. 12. Ein guter Beweis für diese Tatsache ist, daß manche angeborenen Instinktsteuerungen bei Geburt des Tieres noch nicht fertig und funktionsbereit sind - wie das auch bei manchen Organen, etwa den Geschlechtsorganen, der Fall ist. So glaubt man zunächst, daß Vögel das Fliegen erst erlernen müßten. Dann zog ein Zoologe (J. Grohmann) Tauben in so engen Käfigen auf, daß sie nicht mit den Flügeln schlagen konnten. Erst als die zur Kontrolle normal aufgezogenen Geschwister gut flogen, ließ er sie frei. Sie flogen dennoch vorzüglich. Die ungeschickten Versuche der Jungvögel sind somit kein Lernvorgang, über den die Kunst des Fliegens erworben wird. Sondern die für die Bewegungssteuerung zuständigen Zellstrukturen sind bloß bei Geburt des Tieres noch nicht fertig entwickelt. Erst wenn sie es sind, können (Originalbuchseite 310)
sie die angeborenen Kommandos geben. Näheres über verspätetes Heranreifen steuernder Nervenstrukturen bei: I. Eibl-Eibesfeldt 1987. 13. Die Vergrößerung des menschlichen Gehirns wurde bei unseren Affenvorfahren möglich, als diese, aufgrund klimatischer Veränderungen und Versteppung einstiger Urwaldgebiete, von der Lebensweise in Bäumen zu jener in der Savanne übergingen, was zur Fortbewegung auf den Hinterbeinen und zur Aufrichtung des
Körpers führte. So wurden die Vorderbeine frei, was den Werkzeuggebrauch ermöglichte (siehe nächste Prämisse), und das Gewicht des Kopfes wurde zunehmend von der Wirbelsäule getragen, wodurch die starken Rückenmuskeln überflüssig wurden, sich entsprechend zurückbildeten, und sich das Volumen des rückwärtigen und oberen Kopfteiles vergrößern konnte. Näheres in: H. Hass 1987, Bd. 1, S. 172f und Bd. 4, S. 112f. 14. K. R. Popper sagte treffend: "Die Hypothese stirbt an Stelle des Organismus". K. Lorenz führt das menschliche Vorstellungsvermögen auf die bei höheren Tieren entwickelte "Raum-Repräsentanz" zurück. Wenn etwa Affen von einem Ast zum anderen springen, müssen sie vorher gleichsam "theoretisch" ermitteln, ob dieser Sprung praktisch möglich ist. Aus dieser Fähigkeit könnte sich der innere Projektionsschirm unserer "Phantasie" weiterentwickelt haben. 15. Für das Thema dieses Buches, wie es beim Menschen zum Psychosplit kam und wie sich dieser überwinden läßt, ist es an sich belanglos, ob man die künstlich geschaffenen Hilfsmittel, mit denen der Mensch die Fähigkeiten seines Körpers verbessert, als "zusätzliche Organe" ansieht oder nicht. Wem eine solche Einschätzung wider den Strich geht, kann im (Originalbuchseite 311)
Folgenden die Bezeichnung "zusätzliches Organ" ohne weiteres durch "Werkzeug" oder "Hilfsmittel" ersetzen. - Andererseits gründet sich der menschliche Fortschritt auf solche Einheiten, und die funktionelle Verwandtschaft der Lebewesen mit den künstlich geschaffenen Unternehmen wird so besser deutlich, beziehungsweise leichter verständlich. 16. K. Lorenz bezeichnet den Menschen als "Spezialisten auf Unspezialisiertsein" - das ist somit das genaue Gegenteil der hier vertretenen Auffassung. Die bisherige Biologie hält sich, uralter
Tradition folgend, an das Erscheinungsbild, welches die Lebewesen unseren Sinnen bieten. Die energetische Beurteilung der Lebensentfaltung zwingt dagegen zu einer anderen Betrachtungsweise. 17. Hier wurden 13 Vorteile erwähnt, welche die zusätzlichen Organe dem Menschen bieten, und die den Weg der menschlichen Entwicklung entscheidend beeinflußt haben: Sie müssen nicht laufend mit Energie versorgt werden. Sie sind leichter reparierbar und ersetzbar. Sie können aus beliebigem Material bestehen - auch aus Metall und beliebigen Kunststoffen. Sie sind ohne Verlust auf andere übertragbar. Sie sterben nicht mit dem Tod ihres Besitzers, sind somit vererbbar. Sie sind ablegbar, belasten den Körper nicht, wenn er sie nicht benötigt. Sie sind austauschbar, gestatten vielseitige Spezialisation. Sie machen den Menschen wandlungsfähig. Sie müssen nicht selbst angefertigt werden Grundlage für die gesamte Industrie. Gemeinschaftsorgane, die der einzelne sich nicht leisten könnte, werden möglich. Luxusorgane werden möglich - Grundlage für Kultur und Kunst. Sie können ohne Genveränderungen zustandekommen - also ungleich schneller. Die An(Originalbuchseite 312)
weisungen für ihre Herstellung und Anwendung sind über die Sprache transferierbar. - Es gibt noch weitere Vorteile: fast alle Entwicklungslinien menschlicher Entfaltung lassen sich aus diesem einen, entscheidenden Fortschritt ableiten. Hier sei noch kurz auf drei weitere hingewiesen. Durch die zusätzlichen Organe wird auch die Bindung an die "Art" hinfällig: Die vom Menschen gebildeten größeren Lebensstrukturen können geradezu beliebig andere hervorbringen. Auch beliebiger Informationstransfer wird möglich: Erfindungen, die etwa in einem Unternehmen gemacht werden, können auch in ganz anderen Betriebszweigen Verwendung finden. Und über das Geld, auf das wir noch eingehen, wird eine fast unbeschränkte Machtpotenzierung
möglich - notwendige Grundlage für große Investitionen, doch leider auch für ein gigantisch anwachsendes Risiko. 18. J.B. Lamarck, der bereits im Geburtsjahr Darwins (1809) in seiner zweibändigen "Philosophie Zoologique" die Theorie der Abstammung aller Lebewesen von gemeinsamen Urvorfahren veröffentlichte (die jedoch unbeachtet blieb), glaubte - ebenso wie später auch Darwin - an die "Vererbung erworbener Eigenschaften". Nach dieser Vorstellung, welche die Entstehung der Lebewesen wesentlich leichter erklärbar werden ließe, würden individuelle Anpassungen und Verbesserungen, die ein Individuum in seiner Lebensspanne erzielt, auch auf die Nachkommen übergehen. Ein Champion im Bodybuilding würde somit Kinder ähnlicher Muskelausbildung in die Welt setzen. Trotz intensiver Experimente gelang es jedoch nie, einen Vererbungsmechanismus, der solches vermag, aufzudecken. Bei den zusätzlichen Organen wurde jedoch akkurat dieser Vorgang möglich: Nicht (Originalbuchseite 313)
nur neue, durch Lernen erworbene Verhaltensweisen können auf Nachkommen übertragen werden, sondern auch die Fähigkeit zu neuer Organbildung. 19. Vergl. Anmerkung 8. 20. Die besonders starke Ausbildung des Sexualtriebes beim Menschen dürfte, wie man heute annimmt, noch einen anderen Grund haben. Das Menschenkind benötigt eine besonders lange Betreuung ("Brutpflege"), um zu eigener Lebenstüchtigkeit zu gelangen. Dies macht entsprechend langen elterlichen Schutz notwendig, der wiederum die Bindung des ernährenden und schützenden Vaters voraussetzt. Beim Urmenschen führte das offenbar dazu, daß der Sexualtrieb neben seiner Fortpflanzungsfunktion, noch die weitere Funktion der
Partnerbindung mit übernahm. Die Frau konnte nun das ganze Jahr über den sexuellen Wünschen des Mannes entsprechen - und ihn somit fester an sich und die Familie binden. 21. Nach Hassenstein und Lorenz fallen solche allgemeine Tendenzen unter den Begriff des "Appetenzverhaltens". Beim Nahrungserwerb gehören dazu alle angeborenen Aktionen und Reaktionen, die dazu führen, nach Beute zu suchen oder sie aufzulauern, sich ihr zu nähern, sie zu überlisten, sich ihr gegenüber also möglichst zweckmäßig zu verhalten, um möglichst schnell, sicher und mit geringem Risiko zur "Endhandlung", der Einverleibung dieser Beute oder Teile von ihr, zu gelangen. 22. Wilhelm Ostwald, der Begründer der physikalischen Chemie, veröffentlichte 1909, im gleichen Jahr als ihm der Nobelpreis zuerkannt wurde, das Buch "Die energetischen Grundlagen der Kulturwissenschaft", das jedoch unbeachtet blieb. Er war der erste, der die zentrale Bedeutung der Energie für die Lebensent(Originalbuchseite 314)
wicklung erkannte und auch das Wirtschaftsgeschehen unter diesem Aspekt beurteilte. Der Mensch sei allen Lebewesen überlegen "durch die Menge der von ihm organisierten, d. h. unter seine Herrschaft gebrachten Energie". 23. Auf das Phänomen des "Sozio-Kollaps" und der Entstehung einer anonymen Gesellschaft in größeren Städten, sowie den sich daraus ergebenden Folgen sind Eibl-Eibesfeldt und ich in dem Buch "Stadt und Lebensqualität", Stuttgart 1985, näher eingegangen. 24. "AAM" ist die Abkürzung für "angeborener auslösender Mechanismus". Seine Funktion beruht darin, auf ganz bestimmte Reizkombinationen anzusprechen - eben die "Schlüsselreize" -, und dann entsprechende Erbkoordinationen auszulösen. Näheres
bei K. Lorenz 1978. 25. Befreite man die Hunde aus dem Gestell, dann zeigte sich, daß der Glockenklang nicht nur die Speichelreaktion sondern das gesamte Inventar des Beuteerwerbverhaltens, also ihre Appetenz nach Beuteerwerb auslöste. Weitere Versuche zeigten, daß sich nahezu jeder neutrale Reiz, wenn ihm eine Triebbefriedigung folgt, in einen "bedingten" Reiz verwandeln kann, wobei die Bezeichnung "bedingt" eine Abkürzung für "erfahrungsbedingt" darstellt. In diesem Sinne spricht man auch von "bedingten Reaktionen" und "bedingter Appetenz" - und nennt im Gegensatz dazu Schlüsselreize, auf die ein Tier angeborenermaßen anspricht, "unbedingte Reize" und das darauf folgende Verhalten eine "unbedingte Reaktion". 26. Wer sich über das umfangreiche Thema der Konditionierung näher informieren will, sei auf das hervorragende Buch von Bernhard Hassenstein "Instinkt, Ler(Originalbuchseite 315)
nen, Spielen, Einsicht" (Serie Piper, München 1980) verwiesen, das mit vielen Schaltbildern illustriert die wesentlichen Zusammenhänge aufzeigt. Eine Zusammenfassung gibt K. Lorenz in seiner "Vergleichenden Verhaltensforschung" 1978 ab S. 230. 27. H. Hass 1987, Bd. 2, S. 97-110. 28. Näheres in: J.B. Wolfe "Effectiveness of Token-Rewards in Chimpanzees" (Comperative Psychological Monographs 12, 1936 und Th. Kapune "Untersuchungen zur Bildung eines Wertbegriffes bei niederen Primaten" (Zeitschrift für Tierpsychologie 23, S. 324363). Als "Geld" wurden bei diesen Versuchen bunte, runde Messingmarken verwendet. Die Affen lernten, daß man für bestimmte Marken Futter bekommen konnte, für andere mit dem Pfleger spielen durfte, und mit weiteren, durch Einwerfen in einen
Schlitz der Käfigtüre, diese öffnen konnte. Wenn sie durch anstrengende Arbeit am Hebelapparat Marken verdienten und so eine benötigte Summe sparten, war ihnen dann das Eintauschen des Futters erst nach einem bestimmten Zeitraum möglich. Auch dazu erwies sich das Affenhirn fähig. Der zeitliche Abstand zwischen "Verdienen" und "Ausgeben" erworbenen Geldes konnte somit ein beträchtlicher sein. 29. Das Konzept vom "Halben Räuber" veröffentlichte ich erstmals in zwei Fortsetzungen im Eco-Journal der "Presse" (Wien) unter dem Titel "Eigentlich ein Räuber" (30.10.81) und "Tausch statt Raub" (6.11.81). 30. Die direkte Nutzbarmachung von Fremdkräften kann den Energieerwerb über Photosynthese, Raub oder Tausch nur ergänzen. Ein Ausnahmefall sind die Viren, die als extremste aller Parasiten ohne eigenen Energieerwerb auskommen. Ihre Struktur bewirkt, (Originalbuchseite 316)
daß Zellen, wenn sie ganz passiv in diese gelangen, sie vermehren. Ähnlich stellt man sich die "Urzeugung", also den Beginn des Lebensvorganges vor: In den heißen Urmeeren konnten energiereiche Moleküle in solche Kombination gelangen, daß sie in Wechselwirkung einander vervielfältigten, was einen autokatalytischen Vorgang einleitete. Ein plausibles Modell dafür, den "Hyperzyklus", entwarf der Nobelpreisträger M. Eigen. Siehe Abb. 10. 31. In der Sozio-Biologie, wo man umfangreiche Kosten-Nutzen Rechnungen für tierische Verhaltensweisen, insbesonders den Beuteerwerb durchführt, wird für optimale Raubstrategie die Bezeichnung "Optimal Foraging Strategy" verwendet. Dies veranlaßte mich aus biologischer Sicht, die Bezeichnung Optimal Bartering Strategy (OBF) für optimale Tauschstrategie zu wählen.
32. Marketing wurde bereits zu Beginn des Jahrhunderts an amerikanischen Universitäten gelehrt und dort dann in der Folge von großen Unternehmen wie General Electric, Procter & Gamble, IBM, Eastman Kodak, Caterpillar und anderen konsequent eingesetzt. Zunächst wurde diese Ausrichtung dem Funktionsbereich "Verkauf", "Absatz" oder "Vertrieb" zugeordnet, entwickelte sich dann aber allmählich zur Führungskonzeption der gesamten Unternehmen schlechthin (Abb. 11). Nach Peter Drucker ist Marketing etwas so Grundsätzliches, daß es nicht als "eine Funktion unter anderen" aufgefaßt werden kann, sondern vielmehr "die Geschäftstätigkeit von ihrem endgültigen Ergebnis her, also aus Sicht des Vorteiles für den Kunden darstellt". Wirtschaftstheoretiker sprechen in diesem Sinn vom "Primat der Marktorientierung" - doch in der Praxis setzt (Originalbuchseite 317)
sich diese Einstellung, die sich eindeutig gegen die Strategie des Halben Räubers wendet, in Großunternehmen nur gegen beträchtliche Widerstände durch. (Vgl. Anm. 36). 33. W. Mewes "Die kybernetische Managementstrategie (EKS)", Frankfurt 1972-1976. Diese Wirtschaftsstrategie wird über einen Fernlehrgang vermittelt (Mewes System, Im trierschen Hof, Frankfurt 1). - Viele der Berufstätigen und Unternehmen, die heute nach EKS arbeiten, gehören der Leistungsgemeinschaft (EKS) e. V. in Frankfurt an, die ein regelmäßig erscheinendes "Informationsblatt" herausgibt. EKS-Seminare werden von der EKS-Akademie in Obersulm bei Heilbronn ausgeschrieben. In der Schweiz sind Dr. Josef Meier in Hergiswil, in Österreich Dr. Helmut Wiesler in Wien prominente Verfechter der EKS. Auch in anderen Ländern, etwa Indien, wird bereits EKS gelehrt. Die Beziehungen zwischen Betriebswirtschaftslehre, Energontheorie und EKS untersuchte ausführlich Ch. Wurl 1987. 34. Schon 1968 schrieb Peter F. Drucker in seinem Buch "The
Age of Discontinuity" (Die Zukunft bewältigen): "Die meisten Geschäftsleute meinen, wenn sie vom ‘Marketing’ sprechen, die systematische und planvolle Organisation aller Arbeit, die erforderlich ist, um ein Produkt zu verkaufen, es dem Kunden zu liefern und dafür bezahlt zu werden. Was ein Unternehmen in einer Zeit raschen technischen Wandels braucht, ist ‘Marketing’ in anderen Bedeutungen. Zuerst brauchen wir ein ‘Marketing’, das den ganzen Betrieb vom Standpunkt seiner letzten Zielsetzung und Berechtigung aus betrachtet, d. h. vom Standpunkt des Kunden ... Das bedeutet vor allem, daß man nicht versucht, die Kunden als Abnehmer (Originalbuchseite 318)
für ‘unser Erzeugnis’ zu betrachten. So lange man an ‘unser Produkt’ denkt, denkt man immer noch in Kategorien des Verkaufens und nicht in jenen des Marketings. Ausschlaggebend sind die Gewohnheiten, die Wertvorstellungen und Erwartungen des Kunden ..." - Schon bei Wirtschaftstheoretikern viel früherer Zeit tauchte immer wieder die Einsicht eines kundenorientierten Verhaltens in der Wirtschaft auf. Aber in der Praxis fanden diese Leitlinien nur selten konsequente Anwendung. Warum -? Von der Verhaltensforschung her lautet meine Antwort darauf: Weil der Theoretiker ohne Triebdruck im "entspannten Feld" seine Thesen entwirft. Die Einsicht, der Intellekt, ist hier ungestört am Werk! In der wirtschaftlichen Praxis dagegen trifft der Anbieter auf den Schlüsselreiz "Kunde" bzw. "Geld" und der Psychosplit verweist seine Gedanken und Wertungen in andere Kanäle. 35. Bereits 1967 analysierte B. Spiegel in seiner Schrift "Der Nischen-Begriff in Ökologie und Sozialpsychologie" (G. F. M. Mitteilungen, 13. Jg., 3) die enge Verwandtschaft zwischen Konkurrenzgradienten, Umweltanpassung, Revierabgrenzung und Beherrschung einer "Nische" im Bereich der Lebewesen und der Wirtschaft. Die Vorteile eines "lückenorientierten Verhaltens" werden hier bereits an Hand eindeutiger Übereinstimmungen, von
praktischen Beispielen aus der Wirtschaft illustriert, klar dargestellt. Das für die Wettbewerbsfähigkeit herangezogene "Patrix-Matrix-Verhältnis" entspricht durchaus den Begriffen des "Anforderungs- und Leistungsprofils" sowie der in der 3. Konsequenz zu besprechenden "Schlüssel-Schloß-Relation". 36. Während sich beim Einzelmenschen eine solche (Originalbuchseite 319)
Umpolung auf das Kundeninteresse ganz plötzlich vollziehen kann, wird das nötige Umdenken offenbar immer schwieriger und langsamer, je mehr Personen bei diesem Vorgang beteiligt sind, je größer also ein Unternehmen und der Abstand zu den Kunden wird. Philip Kotler formulierte diesen Tatbestand als "Gesetz des langsamen Lernens" ("Marketing Management", Englewood Cliffs 1980, S. 11). Nur gegen beträchtliche innere Widerstände würde in den großen amerikanischen Unternehmen dem Marketing "der Eintritt in die heiligen Hallen gewährt". Auch das zeigt den Einfluß des Psychosplits und die Schwierigkeit, rationalen Überlegungen - gegenüber den Weisungen der aktivierten Raubinstinkte - zu folgen. Im Grundkonzept entspricht Marketing durchaus den Anforderungen der OBS. 37. Bei der Zitierung von Fallbeispielen aus dem EKS-Lehrgang halte ich mich an den Originaltext, den ich bloß entsprechend kürze. Im Original sind die Darstellungen vielfach durch Betrachtungen und Analysen unterbrochen. 38. H. Hass 1986, S. 78f. 39. Dieses vom „Weg abkommen“ entspricht dem vom Ph. Kottler formulierten „Gesetz vom schnellen Vergessen“ („Marketing Management“, Englewood Cliffs 1980, S. 13). Hat sich bei großen amerikanischen Unternehmen marktorientiertes Verhalten durchgesetzt, und sind sie über diese Strategie zu Erfolg gelangt,
dann zeigte sich eine deutliche Tendenz, die Richtlinien des Marketing wieder zu vergessen und auf das Produzieren, um zu verkaufen, zurückzufallen. Firmen, die sich auf langfristiges Wachstum ausgerichtet hatten und bedeutende Erfolge erzielten, verloren ihre Führungsstellen, indem (Originalbuchseite 320)
sie sich wieder auf den unmittelbaren Vorteil und schnellen Profit ausrichteten. (Vgl. Anm. 36). 40. Zitate aus H. Hass 1970, Kpt. 4 und 5 (1987, Bd. 2, Kpt. 4 und 5). 41. Siehe W. Mewes, 1972-1976, Lehreinheit 6 und 8. 42. H. Hass 1987, Bd. 1, S. 224 - 228. 43. H. Hass 1987, Bd. 1, S. 194 - 198. 44. Eibl-Eibesfeldt 1987. 45. Einen guten Überblick über die Themen, die unter dem Begriff „Selbstorganisation“ sowohl im anorganischen wie auch organischen Bereich behandelt werden, gibt Erich Jantsch „Die Selbstorganisation des Universums“, DTV, München 1986. 46. W. Mewes 1972-1976, Lehreinheit 10, S. 99 - 116. 47. Über den Begriff des „vernetzten Denkens“ siehe: F. Vester „Neuland des Denkens“, Stuttgart 1983, und „Unsere Welt - ein vernetztes System“, 3. Aufl. München 1986. 48. J. K. Galbraith „Die moderne Industriegesellschaft“, München 1968.
49. W. Mewes 1972-1976, Lehreinheit 9. 50. H. Hass: Filmserie „Wir Menschen“. Österreichisches Bundesinstitut für den wissenschaftlichen Film, Wien. 51. In der Biologie nennt man die Entfaltung des Men-schen „kulturelle Evolution“ und die Aufsplitterung in Berufstätigkeiten „Pseudospeziation“. Nach der hier vertretenen Ansicht ist die kulturelle Evolution ein integraler Bestandteil der Evolution des Lebens, und die Aufsplitterung in „Arten“ setzt sich in den Arten von Berufs- und Unternehmensausrichtungen fort. H. Hass 1987, Bd. 2 und 3. 52.V. Packard „Die Pyramidenkletterer“, Düsseldorf 1963. (Originalbuchseite 321)
53. Die japanische Einrichtung lebenslanger Einstellung in Unternehmen hat sicher wesentlich zu den wirt-schaftlichen Erfolgen dieses Landes beigetragen. Interessante Details findet der Interessierte in den Schriften von P. F. Drucker. Hinweise zum Thema Ganzheit gibt R. Mann in „Das ganzheitliche Unternehmen“, Bern, München, Wien 1988. 54. Teilhard de Chardin war einer der wenigen, welcher die gesamte Strukturbildung des Menschen, den tierischen und pflanzlichen Organen unmittelbar vergleichbar, als „vitalisierte Materie“ ansah. Siehe: H. Hass 1987, Bd. 2, S. 271-275. 55. In der Wirtschaftspraxis deckt sich die OBS deutlich mit der Idealvorstellung des Marketing, und durch die so zahlreichen Erfolge der EKS, mit deren Richtlinien sie in weiten Bereichen nahtlos übereinstimmt, wird die Berechtigung ihrer naturwissenschaftlich-evolutionären Ausrichtung noch besonders unterstrichen.
56. Zahlreiche Denker und Schriftsteller, etwa Voltaire, schätzten den Menschen als „Bestie“ ein. Schopenhauer schrieb: „Der Mensch ist im Grunde ein wildes, entsetzliches Tier. Wir kennen es bloß im Zu-stand der Bändigung und Zähmung, welche Zivilisation heißt. Dabei erschrecken uns die gelegentlichen Ausbrüche seiner Natur“. Nietzsche nannte den Menschen „das noch nicht festgestellte Tier“ - was in doppelter Hinsicht dem hier dargestellten Über-gang von einer Evolutionsstufe in eine ganz andere entspricht. 57. Auf das schwierige Thema „Glück“ ging ich aus naturwissenschaftlicher Sicht in den „Naturphilosophischen Schriften“ Bd. 4, Kp. 12 näher ein.
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(Originalbuchseite 15)
Erster Teil
Der Psychosplit Seine Entstehung und seine Folgen (Originalbuchseite 17)
1. Prämisse:
Für alle Lebewesen ist Energieerwerb eine überragend wichtige Funktion
Um in voller Tragweite zu begreifen, was vor etwa 10.000 Jahren mit unseren Urvorfahren geschah und warum sich dies bis heute auf unsere täglichen Entschlüsse auswirkt, ist es notwendig, einen ziemlich weiten Umweg zu machen und zu allererst darauf einzugehen, welche immense Bedeutung der Erwerb von Energie für alle Lebewesen - Pflanzen und Tiere, Einzeller wie Vielzeller hat. Da wir Energie mit unseren Sinnesorganen nicht unmittelbar wahrnehmen, beurteilen wir die so mannigfach gestalteten Lebewesen in erster Linie nach ihrer körperlichen Gestalt und ihrem Verhalten, nach den Organen, aus denen sich ihre Körper zusammensetzen, deren Tätigkeit und Zusammenwirken, nach ihrer Fortpflanzung und dem Heranreifen von Nachkommen: wie aus einer befruchteten Keimzelle über Zellteilung und Zelldifferenzierung ein neues Lebensindividuum heranwächst. Daß hier wesentliche Kräfte am Werk sind, sagt uns die Vernunft. Näheres über diese Kräfte, ihren Ursprung und ihre Eigenschaften ist dagegen den meisten nur unzulänglich bekannt.
Was Energie letztlich ist, kann bis heute kein Physiker sagen. Dagegen sind die Eigenschaften dieses überaus Bedeutsamen bereits eingehend erforscht und gut bekannt. Daß dieses "Etwas" auch in allen Bereichen (Originalbuchseite 18)
menschlicher Tätigkeit - besonders in der Technik, der Wirtschaft und der Politik - eine entscheidende Rolle spielt, braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden. Die Energiekrise und die Atombombe haben dies wohl jedermann deutlich gemacht. Erste, höchst erstaunliche Eigenschaft der Energie: Sie ist unzerstörbar. Sie kann weder geschaffen noch vernichtet werden. Jede Vorstellung, daß irgend ein Organ irgendeines Lebewesens Energie "erzeugen" könne, ist somit falsch. Was immer Lebewesen an Energie benötigen, muß ihnen entweder von Vorfahren mitgegeben oder dann in eigener Tätigkeit von ihnen aus Umweltquellen erworben werden. Zweite, nicht minder erstaunliche Eigenschaft der Energie: Sie präsentiert sich in sehr verschiedenen Erscheinungsformen (Abb. 1) und kann sich von jeder dieser Erscheinungsformen in jede andere verwandeln. Wie sich das praktisch abspielt, läßt sich am besten an Hand eines Beispieles zeigen: Eine der zahlreichen Erscheinungsformen von Energie ist die Gravitationskraft. Massen ziehen sich gegenseitig an. Das ist der Grund dafür, daß die Erde um die Sonne kreist, von dieser in ihre Bahn gezwungen ist, - und auch dafür, daß die Erde alle auf ihrer Oberfläche befindlichen Körper machtvoll an sich zieht: ebenso uns Menschen wie jeden Stein. Wenn Flüsse "abwärts" fließen, dann bewegen sie sich in Wahrheit so, daß sie dem Erdmittelpunkt näherkommen. Und schon stehen wir vor einem Beispiel der Energieumwandlung. Die Bewegungsenergie des Flusses ("kinetische Energie"), mit der er sich ein Bett gräbt, Erdreich und
Baumstämme mit sich reißt, ist umgewandelte Gravitationsenergie. Je steiler der Abhang, umso stärker wird seine Kraft. Errichten wir unter einem Wasserfall eine Turbine, die einen Genera(Originalbuchseite 19)
tor betreibt, dann vermögen wir die im Fluß wirksame kinetische Energie in Elektrizität - eine weitere Erscheinungsform von Energie zu verwandeln. Senden wir diese dann über Drähte in eine Fabrik und betreiben wir mit ihr dort einen elektrischen Ofen, dann verwandeln wir Elektrizität in Wärme. Als solche wird die Zitterbewegung der kleinsten Materieteilchen - der Atome und Moleküle - bezeichnet, die sich sowohl in der Luft wie auch in den umliegenden Gegenständen und Flüssigkeiten ausbreitet: sie "erwärmt". Senden wir den elektrischen Strom statt dessen in eine Glühbirne, dann verwandeln wir elektrische Energie in Lichtenergie. Betreiben wir mit dem elektrischen Strom einen Generator, dann verwandeln wir Elektrizität wieder in Bewegungsenergie. Und lassen wir den Motor etwa eine Pumpe antreiben, die Wasser in ein höher liegendes Becken hochpumpt, dann verwandeln wir kinetische Energie wieder in Gravitationsenergie, die im Becken ruhend gespeichert bleibt - wir sprechen dann von "potentieller Energie" - jedoch sofort real als "freie", arbeitsfähige Energie in Erscheinung tritt, wenn wir den Hahn des Beckens öffnen - und sich der Wasserstrahl in die "Tiefe" ergießt. Weitere, noch nicht genannte Erscheinungsformen von Energie sind etwa der Magnetismus, die Oberflächenspannung, die "chemische Energie" - jene Kräfte, die Atome zu Molekülen verbinden, und die besonders starke "Kernenergie", welche die winzigen Bestandteile der Atomkerne - die "Nucleonen", aneinander kettet. Für die Darlegung ist hier lediglich der Hinweis wichtig, daß alle
diese Erscheinungsformen von Energie, die uns höchst verschieden vorkommen, letztendlich alle ein und dasselbe sind: Ein uns unsichtbares Etwas, dem eine höchst vielseitige Macht innewohnt4. (Originalbuchseite 20)
Bei den Lebewesen, mit denen wir uns nun näher beschäftigen wollen, ist Energie von besonderer Bedeutung, weil keine ihrer mannigfachen Funktionen ohne Energie möglich ist. Wie jeder weiß, bestehen Pflanzen und Tiere aus Zellen, in denen sich außerordentlich komplexe Vorgänge abspielen. Jeder dieser Vorgänge benötigt Energie. Aus Zellen bauen sich die Organe auf, die im arbeitsteiligen System des Körpers spezialisierte Leistungen verrichten. Bei Pflanzen verrichten die Blätter eine ganz andere Funktion als die Wurzeln oder die Blüten; bei Tieren sind Sinnes- und Fortbewegungsorgane, das Nervensystem und der Verdauungstrakt höchst verschieden strukturiert. Über materielle Gebilde sehr differenzierter Ausformung wird Energie zu höchst verschiedenartigen Dienstleistungen gebracht. Sie muß bei der Fortpflanzung den Aufbau dieser Organe bewirken, dann deren Steuerung, Funktionsausübung, Kontrolle und Erhaltung. Über entsprechend strukturierte Materie wird so Energie zu außerordentlich vielseitigen Leistungen veranlaßt5. Da Energie, wie gesagt, nicht geschaffen werden kann, muß jedes Lebewesen entsprechende Mengen aus der Umwelt gewinnen und in seinen Dienst zwingen. Dies ist insofern eine primäre Funktion, weil alle übrigen Leistungen bereits Energie benötigen - also bereits erzielte Überschüsse zur Voraussetzung haben. Betrachtet man die Dinge so, dann wird aus etwas Unsichtbarem etwas entscheidend Wichtiges. Verliert ein Lebewesen die Fähigkeit, die für seine Funktionen notwendigen Energiemengen aus der Umwelt zu gewinnen und in seinen Dienst zu zwingen, dann "stirbt es": sein Leben endet. Die Organe verlieren dann ihre Bedeutung und zerfallen.
Für die Lebewesen genügt es jedoch nicht, ebenso viel (Originalbuchseite 21)
Energieformen: 1. Kinetische Energie (Bewegungsenergie, z. B. einer Kanonenkugel) Wärme (Zitterbewegung der Atome und Moleküle) 2. Gravitationsenergie (Massenanziehung, z. B. zwischen Sonne und Erde) 3. Elektromagnetische Energie: Licht Elektrizität Chemische Energie (die Bindungskräfte zwischen den Atomen, aus denen Moleküle bestehen)
Oberflächenspannung (legt etwa die Größe des Wassertropfens fest) Magnetismus u. a.
4. Kernenergie (bindet die Elementarteilchen, aus denen die Atomkerne bestehen, aneinander)
5. Ruhmassenenergie (bildet die Masse der Elementarteilchen) Abb. 1: Überblick über die wichtigsten Erscheinungsformen von Energie. Jede dieser Erscheinungsformen kann sich in jede der übrigen verwandeln. Aus historischen Gründen werden sie vielfach noch in verschiedenen Maßen gemessen. Etwa in Erg, Kalorien, Pferdekraftstunden, Meterkilopond, Wattsekunden, Elektronenvolt u. a. Heute wird als gemeinsames Maß für alle Erscheinungsformen das Joule verwendet. (Originalbuchseite 22)
Energie aus Umweltquellen zu gewinnen, als die Gesamtheit ihrer Tätigkeiten beansprucht. Eine weitere Besonderheit der Energie besteht nämlich darin, daß bei ihren Umwandlungen kaum je eine
Energieform zur Gänze in die andere übergeht. In der Regel verwandelt sich dabei ein beträchtlicher Teil in Wärme, die in die Umgebung entweicht. In der Technik spricht man in diesem Sinne vom "Wirkungsgrad" einer Energieumwandlung. So wird zum Beispiel durch den Motor des Autos die im Benzin enthaltene chemische Energie in die das Auto antreibende Bewegungsenergie umgewandelt. Hier beträgt der Wirkungsgrad 40 % - das heißt 60 % der Arbeitsfähigkeit der im Benzin enthaltenen chemischen Energie geht bei dem Vorgang verloren (entweicht als Wärme in die Umgebung) und nur 40 % wird dahin gebracht, das Auto anzutreiben. Bei der erwähnten Umwandlung von elektrischem Strom in Licht durch die Glühbirne ist der Verlust sogar noch erheblich größer. Hier beträgt der Wirkungsgrad nur 9 %. Das heißt, nur 9 % der eingesetzten Energie verwandeln sich in die andere, gewünschte Energieform - und der Verlust beträgt über 90 % ("Entropie"). Da im Körper aller Lebewesen mannigfache Energieumwandlungen stattfinden, ehe die vereinnahmte Rohenergie in den diversen Organen zur Ausübung der benötigten Spezialleistungen gebracht wird, müssen sie um ein Vielfaches mehr einnehmen als ihre mannigfachen Funktionen letztendlich beanspruchen. Auch diese, bisher nur wenig beachtete Tatsache unterstreicht die Behauptung der ersten Prämisse, daß dem Energieerwerb im Lebensgeschehen eine besondere Bedeutung zukommt. Gelingt einem Lebewesen diese zentrale Funktion nicht, dann erlischt automatisch seine Lebensfähigkeit. (Abb. 2) (Originalbuchseite 23)
Abb. 2: Energieerwerb der Lebewesen. Da keine Bewegung und somit auch keine Lebensfunktion ohne arbeitsfähige Energie möglich ist, muß jedes Lebewesen mehr Energie aus der Umwelt gewinnen und in seinen Dienst zwingen, als die Gesamtheit seiner Tätigkeiten verbraucht. Gelingt dies nicht, dann stirbt es, kann den Lebensprozeß nicht fortsetzen. Nach H. Hass 1970.
Leben ist ein Vorgang, der auf ein Zusammenspiel sehr vieler und sehr verschiedener Leistungen angewiesen ist. Voraussetzung für sie alle ist Energie. Ohne Energie gibt es keine Bewegung, keinen Prozeß, keinerlei Entwicklung, keinerlei Leistung. Auch nicht für den tausendsten Teil einer Sekunde.
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anderer Lebewesen." in "Der Hai im Management"
(Originalbuchseite 25)
2. Prämisse:
Die Energiequelle aller Tiere ist die organische Struktur anderer Lebewesen
Im Laufe des langen Entwicklungsweges der Organismen, der vor etwa 4000 Millionen Jahren in den Urmeeren seinen Anfang nahm, setzten sich zwei Formen des Energieerwerbes durch: jener der "Tiere" und jener der "Pflanzen".6 Um die tierische Erwerbsart, die uns in dieser Untersuchung besonders interessiert, richtig einzuschätzen, ist es zweckmäßig, sich zuerst mit jener der Pflanzen näher zu beschäftigen. Wie wohl jedem bekannt ist, gewinnen diese - sowohl in den Gewässern als auch an Land - die von ihnen benötigte Energie aus den in so überreichem Maß von der Sonne zu uns herüberflutenden Sonnenstrahlen. Der Vorgang dieser Dienstbarmachung der Lichtenergie durch ihre Umwandlung in chemische Bindungsenergie spielt sich in so kleinen Dimensionen ab, daß wir ihn auch unter dem stärksten Mikroskop nicht beobachten können. Trotzdem konnte die Forschung ermitteln, was da vor sich geht. Sehr vereinfacht dargestellt, werden bei diesem als "Photosynthese" bezeichneten Vorgang die Energiequanten der Lichtstrahlen dazu gezwungen, aus Atomen Moleküle aufzubauen. Die Lichtenergie verwandelt sich dabei in chemische Bindungsenergie, welche Atome des Sauerstoffs, des Wasserstoffs und des Kohlenstoffs so aneinander fesselt, daß Kohlenhydratmoleküle - meist solche der "Stärke" - entstehen. (Originalbuchseite 26)
Wie das im einzelnen geschieht, braucht uns hier nicht zu beschäftigen. Tatsache jedoch ist, daß diese Energiequanten in den besagten Molekülen wie in kleinen Käfigen eingeschlossen sind und von der Pflanze jederzeit für benötigte Dienste eingesetzt werden können, indem sie diese Moleküle wieder in ihre Bausteine zerlegt und so die "Käfige" öffnet. Sie kann dann diese "freigesetzte" Energie zum Aufbau anderer Moleküle verwenden und bildet so etwa Eiweiße, Fette oder andere Kohlenhydrate - und aus diesen
Bausteinen bildet sie dann Stiele, Blätter, Wurzeln und sonst nötige Organe. Die hochkomplexen, winzigen Betriebe, in denen die Photosynthese stattfindet, werden "Plastiden" genannt und befinden sich vorzüglich in den Blättern, die dem Sonnenlicht zugewandt werden. Alle für solchen Strukturaufbau notwendigen Stoffe werden bei den Wasserpflanzen aus dem sie umgebenden Medium bezogen; bei den Landpflanzen zum Teil aus der Luft und im übrigen aus dem Wasser, das die Wurzeln aus dem Boden saugen. Die Wassergewinnung wurde hier zum besonderen Problem. Licht steht tagsüber an Land in überreichem Maß zur Verfügung, doch die zu seiner Versklavung notwendige Apparatur verursacht einen Aufwand, der beim Konkurrenzkampf der Pflanzen untereinander darüber entscheidet, welche der Individuen und Arten sich am besten durchsetzen. Daß Wachstum und Vermehrung weitere gravierende Probleme darstellen, darf als bekannt vorausgesetzt und hier übergangen werden. Wichtig ist dagegen der Hinweis, daß auch sämtliche sonstigen von den Pflanzen aufgebauten Moleküle ebenso Energiedepots darstellen, wie jene der Stärke. In ihnen allen werden die sie bildenden Atome durch chemische Bindungskräfte also umgewandelte Sonnenenergie - zusammengehalten. (Originalbuchseite 27)
Der Energieerwerb der als "Tiere" bezeichneten Lebewesen - für uns besonders interessant, weil auch unser Körper so Energie erwirbt - ist von jenem der Pflanzen äußerst verschieden und doch auch wieder sehr ähnlich. Denn ganz ebenso wie die Pflanzen, wenn sie Energie benötigen, Moleküle wieder in ihre Teile zerlegen und so die darin enthaltene Energie freisetzen, verfahren auch die Tiere - allerdings mit dem Unterschied, daß sie dies mit Energiekäfigen besorgen, die sie nicht selbst geschaffen haben. Alle sind somit darauf ausgerichtet, Pflanzen oder anderen Tieren Stücke wegzubeißen oder diese zur Gänze zu verschlingen, um dann über den Vorgang der "Verdauung" den in der erbeuteten organischen Struktur enthaltenen Energieschatz für sich selbst zu nützen. In diesem Sinne sind alle Tiere ihrer Erwerbsform nach "Räuber". In der deutschen Sprache werden den "Pflanzenfressern" die "Raubtiere", die sich von anderen Tieren ernähren, gegenübergestellt: das erweckt einen durchaus falschen Eindruck. Zugegeben, die Pflanzen wehren sich nicht, laufen nicht davon, stoßen keine Klageschreie aus, doch ihnen geschieht, wenn sie zur "Beute" werden, akkurat das gleiche wie einem zum Teil oder zur Gänze verschlungenen Tier. Sie verlieren in einem gewaltsamen Akt Teile ihres Körpers - oder ihre Existenz. Bei den Aasfressern fällt jegliche Gegenwehr
weg - aber eben nur deshalb, weil ein totes Lebewesen zu solcher nicht mehr fähig ist. Hier zeigt sich der gewaltsame Erwerb im Verhalten gegenüber Konkurrenten, die es auf die selbe Beute abgesehen haben und mit denen um diese erbittert gekämpft wird7. Der Konkurrenzkampf ist bei den Tieren in der Regel wesentlich härter als die Auseinandersetzung mit der jeweiligen Beute. Sehr oft bekommen bei dieser Ausein(Originalbuchseite 28)
andersetzung die "Gegner" einander nie zu Gesicht - und doch entscheidet sie über Sein oder Nichtsein. Gelingt es nicht, die für den eigenen Lebensvorgang notwendige Energie zu erbeuten, dann können keine weiteren Lebensvorgänge stattfinden - dann "verhungert" das betreffende Individuum, bleibt auf der Strecke. Bei den Pflanzen ist dieser Vorgang nicht ganz so deutlich zu sehen, doch bestimmt nicht weniger grimmig. Wenn man an die vielen Samen denkt, die in der einen oder anderen Form ausgesandt werden und von denen nur die allerwenigsten "auf günstigen Boden treffen", also sich behaupten und zu einem neuen Pflanzenindividuum entwickeln können, dann wird diese rücksichtslose "Auslese" sehr deutlich. Auch benachbarte Pflanzen verhalten sich keineswegs so freundlich, wie der Anblick einer Wiese oder eines Waldes den Anschein erweckt. Über dem Boden kämpfen die Blätter und Zweige um das nötige Licht, unter dem Boden rivalisieren die Wurzeln um das für sie so überaus wichtige Wasser. Sowohl bei den Tieren als auch bei den Pflanzen sind "Monopolisten", die in bestimmten Bereichen konkurrenzlos dastehen, selten - aber es gibt sie unter den extremen Spezialisten. Doch diese vermehren sich dann schnell, so daß sehr bald auch bei ihnen der gleiche unerbittliche Konkurrenzkampf einsetzt - nicht gegenüber Individuen anderer Arten, sondern gegen Individuen der gleichen Art. Wenn ich diesen Zusammenhang hier besonders deutlich hervorstreiche, dann geschieht das deshalb, weil er im späteren Teil der Betrachtungen von besonderer Bedeutung ist. Weder kann man ein Tier, das ein anderes frißt und so schädigt oder tötet, als "böse" bezeichnen, - noch ein solches, das Pflanzen Teile abbeißt oder sie zur Gänze verschlingt. Der gesamte Lebensprozeß ist - aus (Originalbuchseite 29)
unserer menschlichen, emotionellen Betrachtungsweise her - ein außerordentlich rücksichtsloser und grausamer Prozeß: darauf wies in aller Deutlichkeit Darwin hin. Da wir uns so sehr an der Natur und ihren unzähligen Wundern erfreuen, wird diese Tatsache eher verdrängt. Schriftsteller, Dichter und Filmproduzenten wetteifern darin uns von der Natur ein Bild zu zeichnen, das mehr unseren Wünschen als der Wahrheit entspricht. Was die Tiere betrifft - mit denen wir uns nun im Besonderen beschäftigen - so sind sie alle gleicherweise Räuber, ob sie uns sympathisch sind - wie etwa das Reh, oder unsympathisch - wie etwa die Klapperschlange8. Um an die wichtigste Voraussetzung für ihr Leben und Weiterleben, für Wachstum und Vermehrung - nämlich "Energie" heranzukommen, müssen sie nach Beute suchen und diese in ihre Gewalt bringen. Das gilt ebenso für den Elefanten wie für Parasiten, die in den Körper anderer Lebewesen eindringen, dort schmarotzen, sie also schädigen und nicht selten zerstören. Ob Pflanzen oder Tiere die Beute sind, ist einerlei. Stets geht es darum, anderen die von ihnen vereinnahmte Energie zu entreißen. Daß bei diesem Vorgang auch Stoffe erworben werden benötigtes Baumaterial - ist ein zusätzlicher Vorteil. Bei den Pflanzen werden Energie und Stoffe aus verschiedenen Quellen erworben, beim tierischen Erwerb über "Raub" fällt gleich beides an. Das ist ein zusätzlicher Vorteil dieser Methode. Sehr wichtig ist indes zu wissen, daß Tiere über beträchtliche Zeiträume hinweg ohne Zufuhr von neuen Baustoffen leben können - jedoch nicht den tausendsten Teil einer Sekunde ohne Energie. Von den vereinnahmten Stoffen wird das meiste wieder abgeschieden - worauf es bei jeder Nahrungssuche, jeder Auseinandersetzung mit der Beute oder mit Konkurrenten am stärksten ankommt, ist für unser (Originalbuchseite 30)
Auge unsichtbar. Es ist jene chemische Bindungsenergie, welche die Pflanzen dem Sonnenlicht entziehen und sich dienstbar machen - und die dann, wenn ein Tier eine Pflanze frißt oder selbst einem anderen Tier zum Opfer fällt, gleichsam von Hand zu Hand geht. Man mag hier einwenden, daß es bei den Organismen doch auch Partnerschaften, Hilfestellungen und Gemeinschaftsbildungen gibt; daß also der nicht abzuleugnenden Tatsache des Raubes und des Konkurrenzkampfes auch genügend "freundliche" Akte synergetischer Art gegenüberstehen. Das stimmt wohl zweifellos - verändert jedoch am Gesamtbild, wie leicht einzusehen ist, nicht das geringste. In der Tat kam es
zur Ausbildung von "Symbiosen" - man denke etwa an den Einsiedlerkrebs, der Seerosen auf sein Schneckenhaus pflanzt. Sie sind für ihn ein zusätzlicher Schutz gegen Raubfeinde - während die Seerose so zu einer Gratis-Fortbewegung und damit in bessere Lebensbedingungen gelangt. Termiten könnten ihre Nahrung, nämlich Holz, nicht aufschließen - also die Energiekäfige nicht öffnen - wenn ihnen Einzeller und Bakterien, die in ihrem Darm leben, nicht bei diesem Geschäft helfen würden. Deren eigener Vorteil ist, so ohne Mühe mit Holz versorgt zu werden, dem sie auch für sich selbst Energie entziehen. Bei den Flechten haben sich Algen und Pilze so innig vereint, daß man sie lange für einen einheitlichen Organismus hielt. Im Wolfsrudel hilft ein Wolf dem anderen, im Ameisenstaat erinnert die Arbeitsteilung bereits an die durch menschliche Intelligenz geschaffenen Gemeinschaften. -Doch für die Beute des Einsiedlerkrebses ist der Schutz, den die Seerose ihm bietet, entschieden ein Nachteil. Für die Beute, auf die es Wölfe abgesehen haben, ist das Rudel ein weit schlimmerer Gegner als der einzelne Wolf. Und für Insektenstaaten gilt das gleiche. - Durch (Originalbuchseite 31)
solche Partnerschaften kommt es zu noch effizienteren Räubern. Das gute Zusammenwirken der Partner ist Voraussetzung für den gesteigerten Erfolg die Partnerschaft selbst jedoch bloß ein Räuber "höherer Ordnung". Selbst die Aufopferung der Eltern für ihre Jungen bei Brutpflege, die uns so sympathisch anspricht, verändert nichts am gesamten Konzept. Indem die jeweiligen Eltern ihren Jungen durch Schutz, Ernährung, Pflege etc. helfen, tun sie der Beute, auf die es diese Individuen später abgesehen haben, keineswegs einen guten Dienst. Der "Art" wird so geholfen, sich besser durchzusetzen ... jedoch zum Leidwesen von Individuen anderer Arten, die für sie Nahrungsquelle sind9. Um noch ein besonders krasses Beispiel dafür zu geben, wie wenig die Einschätzung des Normalmenschen in der Beurteilung des Lebensvorganges der tatsächlichen Situation gerecht wird , sei auf den wenig beachteten Umstand verwiesen, daß Pflanzen gar nicht existieren könnten, wenn Tiere sie nicht fräßen - und daß andererseits die Existenz der Pflanzen in ganz ebensolcher Abhängigkeit die Voraussetzung für die Existenz der Tiere ist. Für den Vorgang der Photosynthese benötigt die Pflanze Kohlendioxyd - während sie als Abfallprodukt des Vorganges Sauerstoff abscheidet. Andererseits wieder benötigen die Tiere zum Vorgang der Verdauung Sauerstoff, während sie als Abfallprodukt
Kohlendioxyd ausatmen. Das aber bedeutet, daß ohne Pflanzen der Großteil aller Tiere ersticken würde - und daß es ohne Tiere keine Lebensbasis für die durch Photosynthese Energie erwerbenden Pflanzen gäbe. Die Abstimmung zwischen der Gesamtmenge an tierischen und pflanzlichen Organismen gehört zu einem der erstaunlichsten Phänomene. Seitdem es - relativ bald nach Einsetzen des Lebens(Originalbuchseite 32)
Abb. 3: Die Dynamik der Lebensentfaltung (grob schematisiert). Nach heutigem Forschungsstand nahm der Prozeß "Leben" sehr bald nach Entstehung der heißen Urmeere, vor ca. 4000 Millionen Jahren, in seichten Zonen seinen Anfang. Zunächst wurde er von winzigen molekularen Strukturen, die zur Selbstvervielfältigung fähig waren, fortgesetzt. Indem sich die jeweils bestgeeigneten durchsetzten, kam es zur Vergrößerung und Verbesserung dieser Urlebewesen, die als ersten Höhepunkt die Einzeller hervorbrachten. Zweiter Höhepunkt war die Entstehung der Vielzeller. Die Landeroberung setzte erst vor 400 Millionen Jahren ein, der Mensch entstand vor etwa 2 Millionen Jahren. Mehr als 90% der Lebensentwicklung fand somit unter Wasser statt. Insgesamt gleicht diese Entfaltung einem sich über Jahrmilliarden hinweg in Potenz und Volumen steigerndem Strom, der über die Technik des Menschen nun noch vehement anwächst. Schwankungen im Volumen sind hier nicht berücksichtigt (Vgl. Abb. 10 u. Abb. 20). Nach H. Hass 1985. (Originalbuchseite 33)
prozesses, vor etwa 4000 Millionen Jahren, - zur Aufspaltung in die beiden Erwerbsarten kam, erwiesen sich diese beiden riesigen und so formenreichen Gruppen als aufeinander insgesamt angewiesene Partner. Neun Zehntel der Evolution des Lebens fand im Wasser statt: Erst waren es einzellige Pflanzen und Tiere, die sich den verschiedensten Lebensmöglichkeiten in den Meeren und sonstigen Gewässern anpaßten, dann, vor etwa 1800 Millionen Jahren, kam es zur Bildung der "Vielzeller", die aus immer größeren Mengen von Einzelzellen aufgebaut sind, welche sich nach Teilung nicht trennen sondern beisammenbleiben und immer größere Kolonien bilden, in denen es zu immer stärkerer Arbeitsteilung kam (Abb. 3). Auch diese Vielzeller breiteten sich zunächst bloß in den Gewässern aus - teils als Pflanzen, teils als Tiere. Erst vor etwa 400 Millionen Jahren gelang es einigen Pflanzenarten die Landeroberung einzuleiten und ihnen folgten alsbald auch Tiere. Nun wurden die Kontinente erobert - doch stets unter der Voraussetzung der besprochenen Abhängigkeit. Hier zeigt sich vielleicht am allerdeutlichsten, wie wenig wir unseren Gefühlsregungen vertrauen dürfen. Wenn ein Tier eine Pflanze frißt, dann trägt es zur Existenz der Pflanzen bei. Frißt ein Tier ein anderes Tier, dann fördert dies die (Originalbuchseite 34)
Gesamtentwicklung insofern, als die geschicktesten, fähigsten Individuen und Arten, die diesen Räubern entkommen, übrigbleiben und sich so das Bessergeeignete fortpflanzt. Für die weiteren Darlegungen sind diese Hinweise wichtig, weil sie dabei helfen, die Zusammenhänge zu sehen, wie sie sind. Es ist im Rahmen dieser zweiten Prämisse wichtig, sich an möglichst vielen Beispielen vor Augen
zu führen, daß alle Tiere auf die grundsätzlich gleiche Art Energie erwerben: über Aneignung fremder organischer Struktur und Verwertung der darin enthaltenen arbeitsfähigen Energie. Auch der Mensch gewinnt die für seinen Körper und dessen Funktionen nötige Energie auf diese Weise.
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(Originalbuchseite 35)
3. Prämisse:
Für Energieerwerb durch Raub sind zielführende Bewegungssteuerungen nötig
Wäre der Mensch - wie man lange annahm - als etwas von den übrigen Lebewesen Getrenntes, Unabhängiges in die Welt gekommen, dann würde es sich kaum lohnen, sich mit der großen Räuberbande, die wir Tiere nennen, näher zu beschäftigen. Da wir indes aus ihrem Kreis hervorgingen und der Zeitpunkt, da wir uns von ihnen lösten und sie überflügelten, nach erdgeschichtlichen Maßstäben gar nicht besonders weit zurückliegt, sind die Verhaltensstrategien, zu denen diese bunte Gemeinschaft gelangte, doch für unsere Selbsteinschätzung überaus wichtig. Als erstes ist da anzuführen, daß es bei ihnen - und schon hier gibt es Vergleichspunkte zur Situation, in der wir uns selbst befinden, - auch solche gab und noch heute gibt, die ohne besondere Anstrengung an Beute gelangen: denen sozusagen die gebratene Taube ganz von selbst ins Maul fliegt. Zum Beispiel gehören die winzigen Korallenpolypen, die in tropischen Meeren so gewaltige Bauwerke schaffen, in diesen bevorzugten Kreis. Sie sitzen am Ort fest und überlassen es den Meeresströmungen, die in jedem Wassertropfen lebenden Kleinlebewesen gratis und franko vor ihre Mundöffnung zu spülen. Berühren diese dort einen der rings um die Öffnung angeordneten Fangarme, dann schießen einzelne (Originalbuchseite 36)
Abb. 4: Der Stammbaum des Menschen (stark schematisiert). Aus Einzellern gingen vor ca. 1800 Millionen
Jahren (vgl. Abb. 3) vielzellige Lebewesen hervor: Pflanzen und Tiere. Bei den vielzelligen Tieren teilten sich nach Entstehung der Hohltiere zwei große Entwicklungsströme: die Urmünder (Protostomier) und die Zweitmünder (Deuterostomier). Bei den Zweitmündern entwickelten sich über Würmer Urchordaten und kieferlose Fische, deren Nachkommen vor ca. 350 Millionen Jahren auch an Land vordrangen und dort zu Amphibien wurden. Diese brachten dann Reptilien hervor, von denen die Säugetiere und Vögel abzweigten. Aus dem Kreis der Säugetiere ging der Mensch hervor. Nach H. Hass 1987, Bd. I. (Originalbuchseite 37)
Zellen der Fangarme giftige Pfeile ab, welche die Beute lähmen und festhalten. Sie wird dann von den Fangarmen durch die Mundöffnung in den sackartigen Darm befördert und dort verdaut. Oder anders ausgedrückt: Dort wird ihnen von der Zellgemeinschaft Korallenpolyp, der sie etwas zu nahe geraten sind, die in ihren Molekülen gespeicherte Energie entzogen, und was an Unverwertbarem übrigbleibt wird anschließend durch die Mundöffnung wieder den Meeresströmungen zurückgegeben. Aus solchen "Hohltieren", die sich auf Grund der hohen Effektivität ihrer Erwerbsform bis zum heutigen Tag erhalten haben, entwickelten sich vor etwa 1200 Millionen Jahren die ersten Würmer, die über den Boden oder durch den Sand kriechend nach Beute suchten und bei denen sich eine rückwärtige Öffnung des Darmes entwickelte, so daß sie den Mund nicht länger als After zu verwenden brauchten (Abb. 4). Aus einigen Gruppen solcher Würmer entstanden dann die ersten Fische (Urchordaten und Kieferlose), welche sich durch Flossensäume, die aus Hautfalten hervorgingen, fortbewegten. (Originalbuchseite 38)
Unter diesen Fischen, die sich weiterentwickelten und mannigfachen Lebensformen anpaßten, gelang es dann einigen - vor etwa 350 Millionen Jahren - den bereits an Land vorgedrungenen Pflanzen nachzufolgen und sich von ihnen zu ernähren. Zu dem für die Verdauung nötigen Gasaustausch eigneten sich an Land die Kiemen nicht mehr, weil sie vertrockneten: statt dessen fand dieser Gasaustausch durch blutreiche Gewebe am Gaumendach statt, welches sich einstülpte, beiderseits Säcke bildete, die sich mehr und mehr falteten ... so daß Lungen entstanden. Das klingt höchst phantastisch, läßt sich jedoch aus fossilen Resten, sowie durch den Vergleich mit heute noch lebenden Übergangsformen und durch Stadien in unserer eigenen Embryonalentwicklung einwandfrei beweisen. So entstanden aus Lungenfischen die ersten Amphibien, die sich dann dem Landleben allmählich immer besser anpaßten - ebenso wie die Pflanzen, die für sie Nahrung waren. Aus den Amphibien gingen vor 325 Millionen Jahren die Reptilien hervor, die sich bereits völlig von der Meeresheimat lösten ... aus diesen, vor etwa 240 Millionen Jahren, zuerst die Säugetiere und anschließend, etwa 40 Millionen Jahre später, die Vögel. Und aus dem Kreis der Säugetiere ging dann, vor erst 2 Millionen Jahren, der mit besonderen geistigen Fähigkeiten ausgestattete Mensch hervor: unsere Urvorfahren und damit wir selbst.
Ehe wir uns der Frage zuwenden, was uns von dieser Verwandtschaft grundsätzlich unterscheidet, ist für das Verständnis der Entstehung des Psychosplits beim Menschen wichtig, wie es die bunte Vielheit von sich fortbewegenden Tieren im einzelnen schafft, an Beute zu gelangen, diese aufzuspüren, zu verfolgen, zu überwältigen und in ihren Darm zu befördern. (Originalbuchseite 39)
Wie die vergleichende Verhaltensforschung feststellte, sind für zielführende Beutesuche nicht nur entsprechende Fortbewegungs- und Sinnesorgane sondern auch besondere Mechanismen der Bewegungssteuerung nötig: Erstens: müssen alle aktiv nach Beute suchenden Tiere in der Lage sein, aus der Vielzahl der von ihnen aufgenommenen Sinnesmeldungen jene wenigen herauszusondern, die ihnen Beute kennzeichnen. Ihr Nervensystem muß auf Grund angeborener Schaltungen auf ganz bestimmte "Schlüsselreize" ansprechen. Zweitens: müssen diese Schlüsselreize dann zielführende Beuteerwerbshandlungen auslösen. Ist eine Raupe an ein geeignetes Blatt gelangt, dann müssen ihre Körperund Freßbewegungen so koordiniert sein, daß sie an diesem entlangkriecht und Stücke von ihm abbeißt. Hat ein Raubfisch ein Beutetier entdeckt, dann müssen von seinem Gehirn aus entsprechend koordinierte Befehle an die ausführenden Organe gehen, die gezielte Jagd, Verfolgung, Überwältigung und Einverleibung bewirken. Dabei müssen die Sinnesmeldungen - Sehen, Riechen, Hören, Fühlen, Schmecken die Bewegungen laufend kontrollieren und korrigieren. Man nennt diese Gesamtleistungen, die wiederum auf angeborenen Schaltungen und Verdrahtungen beruhen, "Erbkoordinationen". Je nach der Besonderheit und dem Verhalten der Beute sind sie bei den einzelnen Tierarten sehr verschieden ausgebildet. Drittens: muß das Tier für den Beuteerwerb - ebenso wie für jede andere lebenswichtige Handlung wie etwa Feindabwehr., Paarungsverhalten und Brutpflege entsprechend motiviert sein. Trifft ein Tier längere Zeit auf keinen Schlüsselreiz, der ihm Beute anzeigt, dann müssen weitere Kommandos es dazu bringen, mit zuneh(Originalbuchseite 40)
mender Intensität nach Beute zu suchen. Diesen dritten Komplex nennt man "Trieb". Beim Beuteerwerbsverhalten nennen wir den Zustand, den er bewirkt "Hunger". Diese von innen her kommende Motivation versetzt das Tier in deutlich anwachsende Erregung und hat zur Folge, daß es in immer stärkerer körperlicher und geistiger Anspannung nach Beute sucht und sich um deren Überwältigung und Einverleibung bemüht ("Appetenz"). Ist das geglückt, dann schalten diese Kommandos ab, das Triebziel ist erreicht, der Hunger gestillt und - für so und so lange - nehmen die übrigen lebenswichtigen Funktionen das Tier wieder in Anspruch ("abschaltende Endsituation"). Die Triebe bilden gleichsam ein Parlament, in dem einmal dieser und dann wieder jener Abgeordnete sich erhebt, die Leitung übernimmt: so wird
sichergestellt, daß alle für ein Tier lebenswichtige Funktionen in geordnetem Ablauf wahrgenommen und der Lebensvorgang samt laufender Instandhaltung, Wachstum und Fortpflanzung fortgesetzt wird.10 Alle angeborenen Verhaltensweisen werden als "Instinkte" bezeichnet. Wichtig zu ihrem Verständnis ist, daß man diese Leistungen nicht als etwas Mystisches, Transzendentes, Metaphysisches auffaßt, sondern als Wirksamkeit von Steuerungseinheiten, die zwar im ungeheuer komplexen Netz des Nervensystems nicht als genau abgrenzbare Organe wahrgenommen werden können, jedoch andererseits ganz ebensolche materielle Funktionserbringer sind wie etwa Flossen oder Augen, die Leber oder das Blutgefäßsystem. Bei allen vielzelligen Organismen ist im Erbgut ihrer Keimzellen genau festgelegt, welche Organe die heranwachsende Zellgemeinschaft aufbauen muß - und dazu gehören auch die angeborenen Steuerungen, die für die Tätigkeit der übrigen Organe und ihr Zusammenspiel, jedoch auch ebenso für (Originalbuchseite 41)
das Instinktverhalten des Gesamtkörpers gegenüber der Umwelt zuständig sind. Als "Lernen" bezeichnet man die Fähigkeit, auf Grund individueller Erfahrungen die angeborenen Steuerungen abzuändern, zu ergänzen und verfeinern - oder diesen weitere hinzuzufügen. Schon bei den Einzellern sind solche Leistungen nachweisbar, bei den Vielzellern gelangten sie besonders bei den Wirbeltieren zu vielseitiger Entfaltung. Bei den besonders lernbegabten Säugetieren und Vögeln wurden viele angeborene Steuerungen wieder zurückgebildet, und den Jungen ist ein besonderer Spieltrieb angeboren - auch "Neugiertrieb" genannt - , der sie dazu aneifert, sich aktiv mit der Umwelt auseinanderzusetzen und die für sie wichtigen Verhaltenssteuerungen selbst aufzubauen. Der Vorteil dabei ist, daß diese Tiere weit weniger maschinenhaft agieren und reagieren, sondern sich den jeweiligen Umweltbedingungen so besser anpassen können. Der Nachteil ist, daß das Tier nicht lebensfertig zur Welt kommt wie das etwa bei den Insekten der Fall ist. Dies macht entsprechenden Schutz und Betreuung nötig - einen weiteren, bei den Eltern wirksamen Trieb, sich dieser Mühe zu unterziehen: den "Brutpflegetrieb". Für unsere weiteren Betrachtungen, die sich besonders auf den Nahrungserwerb bei Tier und Mensch beziehen, ist das Ansprechen auf Schlüsselreize besonders wichtig. Ein sehr einfacher, der etwa bei Haien dieses Verhalten auslöst, ist Blutgeruch. Er zeigt ihnen an, daß ein Lebewesen verletzt und somit vermindert flucht- und verteidigungsfähig ist ... stellt also für dieses Raubtier einen sicheren Wegweiser dar. Für manche Fischarten, die in Flüssen oder Seen darauf lauern, daß Insekten auf die Oberfläche fallen oder dort landen, sind die mechanischen Schwingungen, welche die Erschütterung der (Originalbuchseite 42)
Oberfläche erzeugt, Schlüsselreize, die ihr Angriffsverhalten aktivieren. Bei Fröschen und Kröten lösen optische Reize das Beuteerwerbsverhalten aus. Ein sich nicht bewegendes Insekt wird in der Regel nicht angegriffen. Bewegt es sich, dann springt die Kröte hin und schnappt zu. Wie einfach, ja primitiv die auf Schlüsselreize ansprechenden Instinktmechanismen sind, wurde durch viele Attrappenversuche festgestellt. So löst etwa beim Stichlingsmännchen in der Paarungszeit das Auftauchen eines anderen Stichlingsmännchens - also eines möglichen Rivalen - Droh- und Angriffsverhalten aus. In diesem Fall ist es ein roter Strich am Bauch des männlichen Tieres, der zum Erkennungssignal - oder genauer: eben zum "Schlüsselreiz" - wurde. Zeigt man dem Tier im Experiment eine längliche Wachswurst, die weder Augen noch Flossen noch sonstige Fischmerkmale - jedoch auf der Unterseite einen roten Strich hat, dann löst dies ganz ebensolches Droh- und Angriffsverhalten aus wie ein sich näherndes Männchen. Dreht man die Wachswurst um, so daß der rote Strich nun oben liegt, dann reagiert der Fisch nicht. Der Steuerungsmechanismus in seinem Gehirn spricht somit ganz mechanisch auf das Merkmal "länglicher Körper mit rotem Strich unten" an - von einem "Erkennen" im Sinne menschlicher Einsicht ist somit keine Rede. Da diese Mechanik beim Fehlverhalten Berufstätiger und Unternehmen, das aufgezeigt werden soll, eine besondere Rolle spielt, sei noch folgendes, oft zitiertes Beispiel erwähnt: Für den weiblichen Truthahn - die "Pute" - ist das ängstliche Piepen der Jungen ein Schlüsselreiz dafür, diese zu "hudern" - das heißt, die Flügel schützend über sie auszubreiten. Der Iltis ist dagegen ein Raubfeind, den sie bekämpft. Baut man nun in einen (Originalbuchseite 43)
ausgestopften Iltis einen Schallsender ein, der die Tonbandaufnahme des ängstlichen Piepens von Jungen aussendet, dann nimmt sie eben diesen, trotz seines Aussehens, schützend unter ihre Flügel, also "hudert" ihn. Daß solche Reaktionen alles eher als einsichtig sind und mit Intelligenz nicht das geringste zu tun haben, wird hier wohl besonders klar. Am Rande erwähnt sei, daß viele Tiere ihre Beute an mehreren Schlüsselreizen erkennen - so nehmen etwa Haie das Gezappel harpunierter Fische auf weit größere Entfernung und viel schneller wahr, als den sich wesentlich langsamer ausbreitenden Blutgeruch. Sie sind dann, aus mehreren hundert Meter Entfernung kommend, in wenigen Sekunden zur Stelle. Auch die Aufeinanderfolge verschiedener Schlüsselreize spielt vielfach eine Rolle - etwa beim Balzverhalten von Vögeln, wo geradezu ein Dialog von Schlüsselreizen stattfindet, indem etwa beim männlichen Tier eine bestimmte Bewegung A beim Weibchen die Bewegung B auslöst - die wiederum Schlüsselreiz für die Bewegung C beim Männchen ist - worauf dann die Bewegung D beim Weibchen folgt. Weit wichtiger - für unsere konkrete Betrachtung - ist der Umstand, daß bei
lernbefähigten Tieren die Nervenstrukturen, die angeborenermaßen auf Schlüsselreize ansprechen, verfeinert und so in ihrer Wirksamkeit verbessert werden können. So schnappt die junge Kröte angeborenermaßen nach jedem kleinen sich an ihr vorbeibewegenden Körper. In der Regel sind das Insekten - und so leistet ihnen dieser Schlüsselreiz einen guten Dienst. Schnappt nun die junge Kröte nach einer Wespe, die sie sticht, dann unterläßt sie es weiterhin, nach kleinen, sich an ihr vorbeibewegenden Körpern zu schnappen, wenn diese Querstreifen haben. Das Ansprechen auf Schlüsselreize wurde so mehr differenziert und (Originalbuchseite 44)
dadurch verbessert. Sehr viele Lernvorgänge beruhen auf diesem Prinzip. Von einer "bedingten Reaktion" spricht man, wenn etwa das Tier Eindrücke, die dem Nahrungserwerb vorangehen, mit diesem assoziiert - so daß das neue Merkmal bereits das Beutefangverhalten auslöst. Auf diesen Vorgang der "Konditionierung", der sehr vielen Lernvorgängen zugrundeliegt - und beim Menschen zum Psychosplit führt -, kommen wir noch ausführlich zurück. Bei den Erbkoordinationen (den durch Schlüsselreize ausgelösten Instinktbewegungen) verhält es sich ähnlich. Auch sie können durch Lernen verändert, verbessert, also in ihrer Wirksamkeit gesteigert werden. So sind vielen Vögeln die Grundbewegungen des Fliegens angeboren, doch lernen sie dann in praktischer Erfahrung, günstige Windbewegungen auszunützen und auf verschiedenartigen Unterlagen oder Objekten sicher zu landen. Wenn der erwachsene Löwe oder der erwachsene Fuchs effizienter im Beuteerwerb sind als jüngere Artgenossen, dann liegt das an der Verwertung von Erfahrungen und ist bereits eine Vorstufe zu "einsichtigem Verhalten". Beim Menschen gelangte dieses zu besonderer Ausprägung und wurde zur Grundlage von Intelligenzakten, die Tieren nicht möglich sind. Der dritte große Komplex, aus denen sich angeborenes Verhalten zusammensetzt - die "Triebe" - lassen sich durch Lernen kaum verändern. Sie treten ganz von selbst und höchst unbelehrbar in Erscheinung und sichern bei den Tieren den normalen Ablauf ihres Lebens. Der Mensch kann sie wohl zügeln, zeitweise unterdrücken oder auch willentlich verstärken (man denke etwa an den sexuellen Bereich), doch völlig beseitigen lassen sie sich nicht. Wie erst Freud beim Menschen und später Lorenz bei Tieren feststellte, können Triebe, die sich (Originalbuchseite 45)
nicht ausleben können, auch "Leerlaufhandlungen" verursachen oder "in andere Bahnen überspringen". So beobachtete Lorenz bei einem im Zimmer gehaltenen Star, daß dieser, obwohl er gut gefüttert wurde, gleichsam "halluzinierte", indem er obwohl keinerlei Insekten im Zimmer waren - in die leere Luft hochfliegend Schnappund Fangbewegungen ausführte. Sein Hunger war zwar gestillt, doch die angeborenen Bewegungsimpulse zum Erjagen fliegender Insekten waren nicht abreagiert und
machten sich so in "Leerlaufbewegungen" Luft. Wenn andererseits zwei Hähne miteinander kämpfen und Aggression und Furcht einander die Waage halten, dann beginnen die Gegner zwischendurch auf dem Boden zu picken, als suchten sie nach Körnern, obwohl dies ganz und gar nicht in die Situation paßt. Man nennt dies "Übersprungsbewegungen". Auch so macht aufgestaute Erregung sich Luft. Beim Menschen kann man in Wartesälen ähnliches beobachten, wenn ihre Ungeduld dazu führt, daß sie sich am Kopf kratzen, Nasebohren, zur Abreaktion der Erregung rauchen oder etwas essen. Man spricht dann von "Übersprungskratzen", "Übersprungsnasebohren", "Übersprungsrauchen" und "Übersprungsessen"11. Freud vertrat die wohl zutreffende Ansicht, daß bei manchen Menschen, die ihren Geschlechtstrieb nicht ausleben können, die innere Erregung sich in künstlerischer Tätigkeit "sublimieren" kann. Auch in diesem Fall aktiviert dann ein Instinkt ein durchaus anders ausgerichtetes Verhalten. Gleichsam als Gegenspieler zum Nahrungstrieb sorgt schließlich ein weiterer Instinkt dafür, daß ein Tier nicht selbst zur Beute von anderen wird. Auch hier geht es wieder darum, Raubfeinde an bestimmten Schlüsselreizen zu erkennen und darauf dann entsprechend zu rea(Originalbuchseite 46)
gieren - durch Flucht, Verstecken oder wirksame Verteidigung. Auch hier warnt ein entsprechender Trieb das Tier von innen her, sich Gefahren auszusetzen: sich etwa an Plätze vorzuwagen, wo es möglichen Angriffen schutzlos ausgeliefert ist. Daß entgegengesetzte Antriebe - wie etwa Hunger und Furcht - einander gegenseitig beeinflussen, liegt auf der Hand. Ist ein Tier in arger Nahrungsnot, dann führt es auch riskante Such- und Erwerbshandlungen aus. Ist es in erhöhte Furchtstimmung versetzt worden, dann wagt es Beuteerwerbshandlungen nicht, die es sonst ausführen würde. Bei allen Instinkten stehen somit die Triebe im Zentrum der zum Teil außerordentlich komplexen Vorgänge. Sie geben den Aktionen und Reaktionen die Richtung an, motivieren die Tiere zu den für ihren Lebensablauf notwendigen Handlungen. Das Ansprechen auf Schlüsselreize kann durch Lernen verfeinert werden, sich aber auch auf völlig andere Reize verlagern. Ebenso veränderbar sind die Erbkoordinationen, die das lernbefähigte Tier durch Erfahrung verbessert und den jeweils gegebenen Umweltbedingungen anpaßt. Auf den Unterschied zwischen Spezialisten und Universalisten - also Tieren, die auf einen ganz bestimmten Nahrungserwerb ausgerichtet sind (wie etwa die Stechmücke) und solchen, die sehr verschiedenartiger Nahrung Energie entziehen (wie etwa Wildschweine und Affen), kommen wir noch ausführlicher zurück. Wesentlich ist in diesem Abschnitt der Hinweis, daß jedes Verhalten auf Steuerungsmechanismen im Gehirn beruht, die entweder wie alle übrigen Organe durch erbbedingte Differenzierung von Zellen entstehen - oder nachträglich durch Lernvorgänge im Gehirn aufgebaut werden. Sie sind außerordentlich klein, agieren
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irgendwo im ungeheueren Netz des Nervensystems und sind auch nicht so leicht abgrenzbar wie etwa ein Knochen, das Herz oder ein Auge. Trotzdem sind es, ebenso wie diese, funktionserbringende materielle Einheiten.12
Zurück zu Inhalt von "Der Hai im Management" Weiter zu "4. Prämisse: Besonderheit des Menschen - Er schafft sich zusätzliche Organe." in "Der Hai im Management"
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4. Prämisse:
Besonderheit des Menschen Er schafft sich zusätzliche Organe
In diesem Buch soll der Mensch keinesfalls herabgesetzt, noch irgend einer Würde, die ihm innewohnt, beraubt werden. Die großen Kunstwerke, die Menschen geschaffen haben, werden in ihrer Bedeutung voll anerkannt. Die technischen Fortschritte, die uns allen Tierkollegen so eminent überlegen machen, werden voll gewürdigt. Die ethischen Werte, zu denen Menschen gelangten, werden uns in späteren Kapiteln besonders beschäftigen. Ja, letzter Zweck dieser Ausführungen ist es, das, was Glaube, Moral und ethische Wunschvorstellungen seit eh und je anstreben, einer konkreten Verwirklichung näherzubringen - freilich, auf einem anderen als dem bisher beschrittenen Weg. Die Situation des Urmenschen können wir aus fossilen Funden und durch Beobachtung von heute noch in sehr ursprünglichen Verhältnissen lebenden Splittergruppen von Naturvölkern recht genau rekonstruieren. Worin liegt die Besonderheit, die unsere Urvorfahren vor 4 bis 2 Millionen Jahren ihre Tierverwandtschaft - aus dem Kreis der Affen - überflügeln ließ? Ohne Zweifel waren die sich besonders entwickelnden geistigen Kräfte hier maßgebend. Das Gehirn vergrößerte sich, und die immer größere Vielfalt von steuernden Ganglienzellen führte zur gesteigerten Fähigkeit, die Verknüpfung von (Originalbuchseite 50)
Ursachen und Wirkungen zu überschauen, auch wenn diese räumlich und zeitlich weit voneinander getrennt waren13. Schon bei höher entwickelten Tieren, die sich durch besondere Lernfähigkeit auszeichnen, ist deutlich nachweisbar, daß sie den Zusammenhang zwischen Ursache und Wirkung verknüpfen können. Darauf beruht ja gerade die Leistungssteigerung, die über den Vorgang der "Konditionierung" zustandekommen kann. Ist etwa einem Tier angeboren, seine Beute an einem optischen Schlüsselreiz zu erkennen und lernt es dann als zusätzliches Merkmal, daß die Bewegungen des Beutetiers besondere Geräusche verursachen, oder daß solche Tiere bevorzugt bestimmte Plätze aufsuchen - etwa eine Wasserstelle, dann verknüpfen sich solche neue Erfahrungen mit dem Schlüsselreiz - und das Tier hat sozusagen neue Merkmale, durch die seine Beute sich verrät, entdeckt und nützt dies dazu aus, ihr noch effizienter nachzustellen. Wie weit solche neuen Verknüpfungen in das Bewußtsein des Tieres gelangen - oder
nur eben die ganz mechanische Reaktion entsprechend erweitern und so verbessern, läßt sich nicht nachprüfen, da wir mit Tieren nicht sprechen können. Immerhin gibt es deutliche Hinweise dafür, daß etwa hochentwickelte Säugetiere schon zu Schlußfolgerungen fähig sind, die den bewußten Denkvorgängen des Menschen bereits recht nahe kommen. Errichtet man ein längeres Gitter, auf dessen eine Seite man Körner legt, während man auf die andere Seite ein Huhn setzt, dann versucht das Huhn durch die Maschen des Zaunes hindurch an diese Körner zu gelangen und wird, wenn diese zu weit entfernt sind, seine Versuche trotzdem in immer gleicher - und nicht zum Ziel führenden Weise - fortsetzen. Macht man das gleiche Experi(Originalbuchseite 51)
ment mit einem Hund, dessen geistige Fähigkeiten erheblich größer sind, dann wird er - wenn der Fleischbrocken nicht allzu dicht hinter dem Drahtzaun liegt, und der Schlüsselreiz des Geruches somit nicht allzu übermächtig auf ihn wirkt - nach einigen vergeblichen Versuchen diese nicht mehr fortsetzen, sondern am Zaun auf und ablaufen, bis er schließlich ein Loch oder das Ende findet und so auf einem Umweg zur Beute gelangt. In diesem Fall hat der Beobachter - wie bei manchen anderen Intelligenzleistungen der höheren Tiere, die nachweislich nicht angeboren sind, - das Gefühl, daß wir uns hier bereits den menschlichen "Schlußfolgerungen" ganz gehörig nähern. Wo der entscheidende Fortschritt gegenüber dem tierischen Gehirn liegt, wurde besonders elegant durch Experimente von Wolfgang Köhler aufgezeigt, die dieser bereits 1921 mit Schimpansen ausführte und hier, obwohl sicher vielen bekannt, wegen ihrer Bedeutung noch etwas näher analysiert werden sollen. Schimpansen gehören zu den geistig höchst entwickelten Wirbeltieren. Köhler stellte seine Versuchstiere vor die Aufgabe, eine an der Decke des Käfigs für den Affen unerreichbar montierte Banane mit Hilfe eines Stockes, der aus zusammenfügbaren Teilen bestand, und mehrerer Kisten, die aufeinandergetürmt werden konnten, herunterzuangeln. Die Stockteile legte Köhler getrennt in den Käfig, ebenso postierte er die Kisten an verschiedenen Stellen. Wie sich zeigte, gelang es nur einigen Tieren, das Problem zu lösen. Köhler konnte beobachten, wie der betreffende Affe, sich um die Lösung bemühte, mit den Stöcken und Kisten hantierte - ja, wütend wurde, es aufgab - dann wieder herumspielte, bis ihm schließlich die Lösung gelang. Der andere Versuch, auf den es hier besonders an(Originalbuchseite 52)
kommt, bestand darin, einen Schimpansen vor die gleiche Aufgabe zu stellen jedoch mit dem Unterschied, daß diesmal der Käfig durch Gänge mit anderen verbunden war, und die zur Problemlösung notwendigen Einheiten in diese verstreut wurden. Bei solcher Versuchsanordnung konnte keines der Tiere die Aufgabe lösen. Warum - ? Eben offensichtlich deshalb, weil das tierische Gehirn nur dann in der Lage ist, Ursachen und Wirkungen zu überschauen, wenn diese mehr oder minder
gleichzeitig in seinem Gesichtsfeld sind. Dies aber zeigt deutlich, worin der besondere Fortschritt beim menschlichen Gehirn liegt. Bei uns entwickelte sich eine besondere Nervenstruktur, die man noch am besten mit einem inneren Projektionsschirm vergleichen kann. Wir nennen sie unser "Vorstellungsvermögen", unsere "Phantasie". Ganz ebenso wie man auf einem Projektionsschirm die verschiedensten Filme ablaufen lassen kann - so können wir durch diese, irgendwo in unserer Gehirnrinde entstandene Einheit, praktisch jede Erinnerung, die wir gespeichert, jede Erfahrung, die wir gemacht haben, mit jeder anderen vergleichen: also in Beziehung setzen. Wir können auf diese Weise "Pläne schmieden" - also probeweise Steuerungsvorgänge für mögliche Aktionen oder Reaktionen entwerfen. Und ohne auch nur einen Schritt zu tun oder die Hand zu rühren, können wir vermittels dieses Projektionsschirmes "Phantasie" auch gleich erkunden, was solche Handlungen allenfalls für Folgen haben, welche Schwierigkeiten da auftreten würden, wie diese etwa vermieden werden könnten ... kurzum: ob dieser Plan überhaupt die Ausführung lohnt oder besser unterbleiben sollte. Um es ganz präzise auszudrücken: Wir können theoretisch erkunden, wie dieses oder jenes uns beschäftigende Problem zu lösen wäre. Ein ungeheuerer Vorteil! Je reicher (Originalbuchseite 53)
man an Erfahrungen ist, umso besser kann man sich so nicht zielführende Handlungsweisen ersparen - eine ganz erhebliche Energieeinsparung -, und umso größer wird die Wahrscheinlichkeit, daß man entscheidende Fehler bereits im voraus aufdeckt und sie somit vermeidet14. Bei unseren Urvorfahren war diese besondere Fähigkeit sicher noch längst nicht so ausgebildet, wie sie es heute bei uns ist. Doch da jeder Fortschritt in dieser Richtung, der über Änderungen im Informationsspeicher unseres Erbgutes zustandekam, einen deutlichen Vorteil beim Beuteerwerbsverhalten und auch bei der eigenen Absicherung gegen Raubfeinde darstellte - einen "Selektionsvorteil", wie der Biologe sagt -, entwickelte sich dieser innere Projektionsschirm immer weiter und verbesserte die "Intelligenz". Zunächst war es vielleicht nur möglich, gewonnene Umwelteindrücke in diesem Spiel der ersten Gedanken miteinander in Verbindung zu setzen und daraus, im bescheidenen Maß Schlußfolgerungen für angestrebtes Verhalten zu ziehen. In einer völlig kontinuierlichen Entwicklung mußte es dann jedoch dazu kommen, daß auch der eigene Körper, die eigenen Handlungen mit in diese Kombinationstätigkeit aufgenommen wurden. Dieses "Ich" war ja der entscheidende Faktor, der dies oder jenes erreichen sollte und im Kombinationsspiel der Phantasie höchst selbstverständlich im Zentrum stand. Der Mensch machte sich dann in seinen Gedanken selbst zum "Objekt", sah sich in seinen Vorstellungen ebenso wie etwa Tiere, Bäume, Felsen, Flüsse - oder andere Menschen. Ich sehe deshalb in der Entstehung des Ich-Bewußtseins keinen so außerordentlichen Sprung, keine so grundsätzliche Besonderheit, wie ihr bisher von vielen, ja wohl den meisten zuerkannt wurde. Auch in der Entwicklung
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jedes Kindes kann man beobachten, wie es zunächst auf die Bewertung der Umwelt konzentriert ist, dann sich selbst als Objekt zu sehen beginnt - wird es etwa "Karli" genannt, sich dann eben auch - "Karli" nennt - und wie dann schließlich aus dem Objekt "Karli" das "Ich" wird. Wozu benützte der Mensch nun diese besondere Fähigkeit? Was tat er damit? Wenn man hier nochmals an die ersten drei Prämissen dieser Schrift denkt - erstens: an die Bedeutung des Energieerwerbs für alle Lebewesen, zweitens: an den Umstand, daß alle Tiere über Raub an Energie gelangen, und drittens: daß dafür besondere Bewegungssteuerungen notwendig sind, - dann ist aus Sicht des gesamten Evolutionsvorganges die Antwort ebenso einfach wie klar. Schon den höheren Lerntieren gelang es, das angeborene Beuteerwerbsverhalten durch Bildung von verbesserten oder neuen Steuerungsstrukturen effizienter zu gestalten. Das steigerte bereits erheblich ihre Fähigkeit, sich gegenüber der "Natürlichen Auslese" durchzusetzen. Durch solche zusätzliche Steuerungen wurden sie Konkurrenten, die mit nichts Ähnlichem aufwarten konnten, eindeutig überlegen. Nun kam noch der innere Projektionsschirm "Phantasie" dazu, der einen weiteren außerordentlichen Fortschritt bedeutete. Nicht nur verhinderte er manche nicht zielführende Aktion schon im Keim, vermied so manches sonst auftretende Risiko - sondern er eröffnete dem Menschen auch die Möglichkeit, nicht nur das Verhalten des Körpers zu verbessern - sondern auch diesen selbst. Und zwar durch die Bildung von zusätzlichen, künstlich geschaffenen Organen (Abb. 5). Nach unserem subjektiven Empfinden betrachten wir solche vom Menschen künstlich geschaffene Einheiten - etwa Waffen, Werkzeuge, Kleider und Schutzbauten - als (Originalbuchseite 55)
Abb. 5: Steigerung der Leistungskraft des menschlichen Körpers. Als erstes Lebewesen vermochte der
Mensch in zielhafter Gestaltung zusätzliche Organe zu bilden, die ihm zu Spezialfähigkeiten verhelfen. I zeigt einen berufstätigen Menschen (M) mit allen für seine Berufsausübung notwendigen zusätzlichen Einheiten, also mit seiner Berufsstruktur (B). Ob er selbst oder über Tauschakte Nahrung erwirbt: sein Energiesaldo muß positiv sein. Die eingesetzte Energie (E1) muß ein Mehr an Energieeinnahme (E2) einbringen. II: Ein Mensch kann auch Zentrum zweier (oder mehrerer) Berufsstrukturen sein. III: Übersteigen die Überschüsse die zur Lebenshaltung notwendige Energie, dann können auch Luxusstrukturen gebildet werden (L), die Energieausgaben verursachen. Manche zusätzliche Organe können in mehr als einer Berufstätigkeit (x) oder auch für Luxuszwecke (y) verwendet werden - etwa ein Auto. Näheres im Text. Nach H. Hass 1978.
etwas nicht zu unserem Körper Gehörendes, obwohl sie ohne Zweifel seine Leistungskraft und Überlebensfähigkeit steigern. Aber unterliegen wir hier nicht einer Fehleinschätzung? Ohne Zweifel bedeutet es einen wesentlichen Unterschied, daß diese zusätzlichen Einheiten nicht so wie die körperlichen Organe aus Zellen oder deren Bildungen bestehen. Das ist insofern ein Nachteil, weil die Zellen unsere körperlichen Organe Haut, Haare, Blutgefäße, (Originalbuchseite 56)
Knochen etc. - nicht nur aufbauen, sondern sie darüber hinaus auch noch laufend pflegen, kontrollieren, ja teilweise sogar erneuern. An einem fertiggestellten Speer finden keine solchen Vorgänge statt. Ebensowenig an einer Hütte oder an dem aus Tierhäuten gefertigten Tragbeutel. - Andererseits jedoch haben solche zusätzlichen Organe den eminenten Vorteil, daß sie nicht laufend mit Energie versorgt werden müssen, wie jene die aus Zellen bestehen, und somit längst keine so großen laufenden Kosten verursachen. Repariert können auch sie werden - ja, hier wird es sogar möglich, sie ohne grundsätzliche Schwierigkeit total zu ersetzen, was bei den Fingern, der Leber und den Augen durchaus nicht möglich ist. Die Zelle ist zwar ein ungeheuer vielseitiges, ja selbst-erneuerungsfähiges Baumaterial - aber auch ein sehr anspruchsvolles, dessen Fähigkeiten begrenzt sind. Viele können sich zwar von einer Funktion auf völlig andere umdifferenzieren - doch ist ihnen zum Beispiel die Bildung von Organen aus Metall, die dann in der menschlichen Entwicklung eine so entscheidende Rolle spielte, nicht möglich, weil sie die zu dessen Umformung notwendigen Temperaturen nicht ertragen. Ein weiterer Unterschied besteht darin, daß unsere Nerven nicht in diese neuen, zusätzlich geschaffenen Einheiten reichen. Unser Gehirn erhält somit auf diesem Wege keine Meldungen darüber, was sie gerade leisten, auf welche Hindernisse sie stoßen, in welche Gefahren sie geraten. Verbrennt in unserer Abwesenheit unser Haus, unser Grabstock, das uns in der Nacht erwärmende Fell, dann gelangt kein warnendes Kommando zu uns, dann verlieren wir diese zusätzlichen Organe. Andererseits jedoch können unsere Sinnesorgane dies weitgehend ausgleichen. Benützen wir etwa den Grabstock, um an genießbare Wurzelknollen zu gelangen,
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dann fühlen wir über unsere Hand genau, wenn wir auf einen Stein stoßen. Und werfen wir einen Speer, dann zeigen unsere Augen uns sehr gut, ob dieser die Beute getroffen hat oder nicht. Sehen wir einem Schneider oder einem Friseur bei seiner Tätigkeit zu, dann sehen wir, wie Hand und Nadel beziehungsweise Hand und Schere zu einer perfekt integrierten Einheit werden. Unser Nervensystem reicht zwar nicht in diese Einheiten, steuert sie aber trotzdem auf das perfekteste. Bei jedem Handwerker und in jeder Fabrik läßt sich das auf das deutlichste beobachten. Ein weiterer Nachteil von Organen, die nicht fest mit dem Körper verwachsen sind, besteht darin, daß sie leicht verloren gehen und vor allem auch leichter entwendet werden können. Gerade dieser zweite Punkt ist höchst bedeutsam. Denn diese Einheiten können ja andere Menschen, wenn diese sie rauben und in der Handhabung beherrschen, ganz ebenso für ihre Zwecke einsetzen, wie der ursprüngliche Besitzer. Beißt etwa eine Eidechse einer Libelle ihre Flügel ab, dann kann sie mit diesen Flügeln nicht fliegen. Jedes Tier kann erbeutete Substanz nur abbauen und daraus dann eigene Struktur aufbauen, doch gehen bei dieser Prozedur im Durchschnitt 90 % der Stoffe und nicht weniger an Energie verloren. Die zusätzlichen Organe können dagegen ohne jede Veränderung auch anderen dienen, also wird ihr Schutz zu einem besonderen Problem. - Andererseits jedoch haben sie den besonderen Vorteil, ablegbar zu sein und so den Körper nicht zu belasten, wenn er sie nicht benötigt. Tiere müssen alle ihre Organe ständig mit sich herumtragen. Der Mensch ist ebenfalls an seine natürlichen Organe gebunden, doch kann er Werkzeuge, Kleider oder Waffen für die Zeit des Gebrauches einsetzen und dann wieder weglegen. (Originalbuchseite 58)
Ein weiterer Vorteil: Es wurden so zusätzliche Organe möglich, die ein Tier nie hätte hervorbringen können. Eine am Arm festgewachsene Nagelschere oder Flinte hätte sich nie bilden können - nicht zuletzt auch deshalb, weil sie bei sonstigen Funktionen mehr gestört als insgesamt Vorteile eingebracht hätten. Auch eine Kutsche oder ein Bierfaß hätten nie als Teil des Körpers aus Zellen gebildet und sich gegenüber der "Natürlichen Auslese", die rücksichtslos alles nicht die eigene Fitness steigernde ausmerzt und an der Weiterentwicklung hindert, durchsetzen können. Sodann sind ablegbare Organe austauschbar. Ergreift unsere Hand ein Messer, dann sind wir auf Schneiden spezialisiert. Ergreift sie einen Hammer, dann sind wir auf Einschlagen von Nägeln spezialisiert. Betätigen die Hände eine Geige, dann sind wir auf künstlerische Lauterzeugung spezialisiert. Sieht man die Zusammenhänge so, dann erscheinen uns unsere Vorfahren, die Affen, in einem etwas freundlicheren Licht. Denn in allmählicher Anpassung an ihre Klettertätigkeit in Bäumen entstand dieses so vielfältig verwendbare Greiforgan mit opponierend wirkendem Daumen. Unser hochentwickeltes Gehirn würde uns nur wenig nützen, hätten wir diese Hände nicht weil uns dann die Voraussetzung dafür fehlen würde, was unser Geist ersinnt, in die Tat umsetzen zu können. Delphine haben ebenfalls ein sehr hoch entwickeltes
Gehirn, trotzdem könnten sie sich mit ihren starren Flossen nie einen Bleistift herstellen oder ihn benützen. Diese Argumente mögen kurios anmuten, deuten aber auf das Wesentliche hin und dürften schwer zu widerlegen sein15. Ihrem Nahrungserwerb nach gehörten unsere Urvorfahren in die große Zahl der Universalisten, die sich von sehr verschiedenartiger Beute ernähren. Ein Beispiel für (Originalbuchseite 59)
das Gegenteil - den Spezialisten, ist die Stechmücke. Sie ist mit ihrem hochentwickelten Saugbohrer und den nicht minder präzisen Bewegungssteuerungen auf eine ganz bestimmte Erwerbsform ausgerichtet. In diesem Geschäft ist sie perfekt, und kaum ein Konkurrent kann sie gefährden. Nachteil dagegen ist - und dies gilt für jeden Spezialisten: Versiegt ihre Erwerbsquelle, etwa durch Aussterben aller für Blutsaugen geeigneten Tiere, dann ist trotz Monopolstellung ihre Lebensbasis zunichte. Sie geht dann ebenfalls zugrunde. Universalisten haben wesentlich weniger präzise Steuerungen und Erwerbsinstrumente ausgebildet, und haben somit in jeder ihrer Erwerbsformen entsprechend viele Konkurrenten. Dafür sind sie Veränderungen gegenüber weit anpassungsfähiger. Versiegt eine ihrer Nahrungsquellen, dann können sie auf andere ausweichen. In Gestalt des Menschen entstand in der Evolution der erste Spezialist in vielseitiger Spezialisation! Nach wie vor blieb er Universalist, vermag jedoch - durch zusätzliche Organe - sich in jeder seiner Erwerbsformen extrem zu spezialisieren. Und keine Spezialisierung stört die anderen - eben weil die zusätzlichen Organe nicht mit dem Körper fest verbunden, sondern ablegbar sind.16 Weitere Vorteile: Zusätzliche Organe müssen vom Individuum nicht unbedingt selbst angefertigt werden. Mehrere Menschen können ihre Kräfte zur Bildung eines solchen Organes vereinen - und können es dann abwechselnd oder anteilig benützen. So wurden auch große Gemeinschaftsorgane möglich, die vielen zugute kommen - etwa Straßen und Brücken, oder die Eisenbahn, für die dann jeder bei Gebrauch einen Beitrag entrichtet; die Postorganisation, die Kanalisation, Festsäle und Oper - als Gemeinschaftsorgane für Luxus und Kunstgenuß; Schulen, Bibliotheken und vieles andere. Auch das Pro(Originalbuchseite 60)
blem des Schutzes der zusätzlichen Organe durch Diebstahl oder Raub konnte so und nur so - wirkungsvoll gelöst werden. Einige in der Gemeinschaft spezialisierten sich auf diese Aufgabe - die anderen konnten dann in Ruhe ihren diversen Betätigungen nachgehen. In zentraler und ursprünglicher Funktion ist die staatliche Organisation ein riesengroßes Gemeinschaftsorgan, das der Bürger über Steuern bezahlt und das durch Einrichtungen der Landesverteidigung den Besitz des einzelnen gegen räuberische Nachbarn abschirmt, und innerhalb des Staatsgebietes über Gesetze, Polizei und Gerichte ebensolchen Schutz gegenüber räuberischen Mitbürgern ausübt. In der Praxis übernahm diese Organisation - nicht immer zum
Vorteil der Bürger - viele weitere Funktionen. Aber jene, die sie unentbehrlich macht und deshalb konstituiert, ist der Schutz aller zusätzlichen Organe, welche die Macht des menschlichen Zellkörpers so immens steigern, jedoch - wie Siegfried durch das Lindenblatt auf dem Rücken - die Schwachstelle leichterer Entwendbarkeit haben. Während die natürlichen Organe über den Vorgang der Genveränderung nur überaus langsam zustandekommen (der Entwicklungsweg zu unserem heutigen Auge dauerte über 700 Millionen Jahre!), können zusätzliche Organe in unvergleichlich kürzerer Zeit entstehen (dies zeigt etwa das Auto, das Fernsehgerät und der Computer). Außerdem können sich innerhalb der Gemeinschaft einzelne auf ihre Herstellung spezialisieren und sie dann weit besser und auch entsprechend billiger herstellen was zur Grundlage von Gewerbe und Industrie wurde. Auch die menschliche Kultur und aller Luxus, der sich entwickelte, beruht weitgehend auf zusätzlichen Organen beziehungsweise zur Gänze, wenn man auch die für diesen Zweck geschaffenen Verhaltenssteuerungen, (Originalbuchseite 61)
die ja auch zusätzlich geschaffene Organe sind, den ablegbaren hinzuzählt. Ob Lebenskultur, Kunst, Sport, Einrichtungen des Tourismus, der Informationsübermittlung, Prachtbauten oder die Interessen einzelner fördernde Spezialgeräte... nichts von alldem hätte über Zelldifferenzierung je zustande kommen können! Und schließlich haben die zusätzlichen Organe des Menschen auch den wesentlichen Vorteil, nicht mit dem Tod ihres Besitzers zugrundezugehen, wie das bei Tieren und Pflanzen, wenn diese sterben, der Fall ist. Zusätzliche Organe können auch von Erben oder Anderen ohne sonderliche Wertminderung verwendet werden, können also weiteren "Leistungskörpern", welche die Lebensentfaltung fortsetzen, dienen. Gerade darauf beruht der Reichtum arbeitsamer Völker. Die Zellkörper kommen und vergehen, doch das zur Verfügung stehende Potential an Privat- und Gemeinschaftsgütern wächst an. So betrachtet, wird in diesem neuen Evolutionsabschnitt der Mensch zur aufbauenden und steuernden Keimzelle größerer, ja manchmal bereits die ganze Welt umspannender Lebensstrukturen, diesich über seinen Tod hinweg fortsetzen17. Neben der besonders entwickelten Intelligenz und der schon vorhandenen Greifhand war die Fähigkeit zur sprachlichen Verständigung der dritte Pfeiler des menschlichen Fortschrittes. Durch diese weitere Gehirnfunktion, die sich parallel und in enger Verbindung zur Entwicklung des Denkens und von Schlußfolgerungen entwickelte, wurde es möglich, daß jede Generation auf dem Wissensschatz der vorhergehenden aufbauen konnte. Es kam so - und dann noch weiter verbessert durch die Schrift - zur Weitergabe erworbener Fähigkeiten18. Jedes Menschenkind, das zur Welt kommt, erhält so von einer anonymen Vielheit längst verstorbe(Originalbuchseite 62)
ner Vorfahren ein geradezu ungeheueres Geschenk: das Ergebnis ihrer Erfahrungen
und Bemühungen, die Quintessenz ihrer Ideen und Fortschritte. Würden Beobachter aus dem Weltenraum die Vorgänge auf unserem Planeten beobachten und sich dafür interessieren, was sich hier im Rahmen der Lebensentwicklung zutrug, dann würden sie feststellen, daß es - als erster Schritt vor etwa 3200 Millionen Jahren zur Entwicklung winziger Einzeller kam, deren noch winzigere Organe ("Organellen") schon mannigfache Fähigkeiten hatten, so daß diese Pioniere sich in verschiedenster Anpassung in den Wasserräumen ausbreiteten. Vor etwa 1800 Millionen Jahren kam es dann - als zweiter Schritt - dahin, daß manche von ihnen Kolonien bildeten und die meisten Lebensfunktionen auf vielzellige Organe übergingen, wodurch ihre Wirksamkeit sich bedeutend steigerte. Einigen gelang es sogar auf das trockene Land vorzudringen, und in der Folge breitete sich der Lebensprozeß auch über die Kontinente aus. Die dritte Entwicklungswelle setzte erst vor nur 2 Millionen Jahren ein und war dadurch gekennzeichnet, daß eine Art an Land lebender Vielzeller zusätzliche, nicht mit dem übrigen Körper verwachsene Organe bildete, wodurch es diesen möglich wurde, sich auf geradezu beliebig viele Einzelleistungen zu spezialisieren. In buntem Wechsel setzten sie einmal dieses, dann wieder jenes der zusätzlichen Organe ein - und gelangten so zu Energieüberschüssen, mit deren Hilfe sie die verschiedensten Erwerbs- und Luxusbildungen realisierten. Ihre Verflechtungen untereinander sind kaum noch zu überschauen und verändern sich ständig. Der einzelne sucht in diesem wogenden Strom nach einer Richtung, wobei sich zur Zeit praktisch jeder gegen jeden wendet. Eine einheitliche Richtung ist noch nicht zu sehen.
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(Originalbuchseite 63)
5. Prämisse:
Der Intellekt des Menschen fördert zunächst seine Instinkte
Es ist wichtig, sich klarzumachen, daß in den ersten beiden Jahrmillionen, nachdem die menschliche Intelligenz und Sprache sich allmählich auszuwirken begannen, die angeborenen Instinktsteuerungen und die neuen, über Intelligenz erworbenen, die zur Bildung von zusätzlichen Organen und deren sinnvollem Einsatz führten, kaum kollidierten. Sie arbeiteten gleichsam in engster Kooperation Hand in Hand. Die Triebe gaben weiterhin die Richtung an, der Intellekt schuf immer bessere neue Organe und Methoden, um diesen Ausrichtungen - Beuteerwerb, Feindschutz, Paarung, Brutpflege und Gemeinschaftsbildung - zu folgen. Dies ist insofern wichtig, als man ja bisher in der Erreichung des logischen Denkens und des Ich-Bewußtseins beim Menschen das ungeheuer Neue in der Lebensentwicklung sah - die entscheidende Zäsur, die uns von den übrigen Lebewesen abtrennt. Unsere Besonderheit sah man eher in ethischen, moralischen und ästhetischen Wertungen, die auch sehr wohl in Erscheinung traten, doch über lange Strecken hinweg - soweit uns die fossilen Funde Aufschluß geben - eben nur sehr spärlich, während die triebhaften Hauptausrichtungen das Entscheidende blieben. Wenn seit der ersten Prämisse immer wieder auf die (Originalbuchseite 64)
besondere Bedeutung des Energieerwerbes hingewiesen wird,
dann wird der Grund dafür jetzt vielleicht schon besser deutlich. Denn für welche Zwecke setzten unsere Vorfahren in der zwei Millionen Jahre langen Periode, da sie als Jäger und Sammler und anschließend als ursprüngliche Pflanzer und Viehzüchter lebten, ihre Fähigkeiten im Besonderen ein? Die Antwort ist wohl eindeutig: Sie bemühten sich in erster Linie um die Verbesserung des Beuteerwerbes. Einerseits, weil dies eben Voraussetzung für alle Lebensfunktionen war - zweitens aber auch im Bestreben, sich das Leben angenehmer zu machen und somit all das zu unterstützen, was ihnen Lustgefühle verschiedener Art bereitete. Hier muß nachgeholt werden, daß sämtliche Triebe - wie der Zoologe sagt - "nach dem Lust-Unlust-Prinzip gesteuert sind". Auch in dieser Hinsicht können wir über das Innenleben der Tiere nichts aussagen, da wir uns sprachlich nicht mit ihnen verständigen können, doch daß etwa "Hunger" sich bei Tieren mit negativen Innenerlebnissen verbindet, die sie beseitigen wollen, und daß Fressen als Triebziel ihnen positive Innenerlebnisse beschert - genauso wie uns -, ist doch überaus wahrscheinlich. Beim Geschlechtstrieb zeigt sich das nicht minder deutlich, ebenso beim Trieb nach Sicherheit, beim Brutpflegetrieb - dem instinktiven Drang, die Kinder zu schützen und aufzuziehen, und ebenso wohl auch beim "Imponierverhalten" - dem Drang innerhalb von Gemeinschaften Anerkennung zu gewinnen, beziehungsweise Führungspositionen einzunehmen. Ja, im Grunde ist es technisch gar nicht denkbar, eine Motivation zu erzeugen, die sich nicht auf Belohnung und Strafe stützt - auf Gefühle unangenehmer Erregung, wenn das Triebziel nicht erreicht werden kann, und auf angenehme Gefühle, wenn dies erreicht wird. (Originalbuchseite 65)
Bei den Tieren ist dies ein Bestandteil der Instinkte, ebenso wie die angeborenen Steuerungen des Erkennens und der Bewegung. Beim Menschen, der durch seine zusätzlichen Organe den Tieren allmählich so überlegen wurde, daß er Zeit zur Muße und
kultureller Verfeinerung gewann, liegt es nahe, daß er die Bildung dieser künstlich geschaffenen Organe nicht nur so ausrichtete, daß sie möglichst effektiv waren - sondern auch so, daß sie ihm auf Grund seiner angeborenen Triebe und allmählich auch auf Grund der entstehenden Gewohnheiten und Traditionen, positive Innenerlebnisse bescherten. Der ästhetische Sinn, der zum Teil wohl aus der Bewertung des wohlgestalteten Körpers hervorwuchs und sich von den natürlichen allmählich auch auf zusätzliche Organe verlagerte, nahm Einfluß auf die Gestaltung von Kleidern, Schmuck, aber auch von Geräten und Bauten19. Die Genüsse, die das Essen und Trinken bieten kann, wurden durch entsprechende Zubereitung, Würzen und Eßkultur intensiviert. Die Freude an Geselligkeit, Gedankenaustausch, Plaudern, Flirt und an Festen begann den Ablauf des Lebens zu bestimmen. Auch die Frage nach der Bedeutung des Seins tauchte auf und das Bedürfnis nach Leitlinien für die Ordnung der Gemeinschaft. Das mag zu manchen der so zahlreichen religiösen Konzepten geführt haben, die den Zusammenhalt der Verbände förderten, auch die Bildung von Sitten und Brauchtum begünstigten - und, wenn sie erst einmal entstanden und etabliert waren, schwer gegenbeweisbar wurden. Kurz gesagt: die Grundelemente menschlicher "Kultur" nahmen bereits in dieser Periode - wie genügend Funde bestätigen ihren Anfang. Wesentlich jedoch ist, daß der technischwirtschaftliche Fortschritt für alle diese Phänomene Grundvoraussetzung war und notwendigerweise im Vordergrund blieb, - und der (Originalbuchseite 66)
besondere Umstand der vollen Harmonie zwischen angeborenem und erworbenem Verhalten, soweit es den Beuteerwerb - oder genauer: den Energieerwerb - betraf. Die Jagd- und Sammelmethoden wurden immer raffinierter. Ein ganz entscheidender Fortschritt war die Nutzbarmachung des Feuers zum Kochen und Braten der Nahrung. Und zwar nicht nur
deshalb, weil sie dann besser mundet. Der primäre und wesentliche Vorteil des Kochens und Bratens besteht darin, daß durch die Hitze die Zellwände sowohl der tierischen als auch der pflanzlichen Nahrungsmittel ihrer Widerstandskraft beraubt und die Verdauung so begünstigt wird. Der Abbau der Moleküle, deren Bindungsenergie gewonnen werden soll, wie auch der Zugang zu brauchbaren Stoffen, aus welchen sie bestehen, wird so verbessert. Die Ausbeute, welche die gewonnene Nahrung liefert, wird wesentlich größer. Auf die angestrebte Muße und die Möglichkeit, sie in mannigfacher Weise angenehm und lustspendend zu gestalten, war dies ebenfalls von Einfluß. Um zu beurteilen, inwiefern in dieser langen Periode von gut zwei Millionen Jahren die angeborenen Instinkte mit den über Intelligenz erworbenen Steuerungen kollidierten oder harmonierten, ist es notwendig, etwas genauer zu analysieren, welcher Art diese angeborenen Steuerungen überhaupt waren? Was zunächst das eigentliche Zentrum aller Instinkte betrifft - die Triebe - so sind sie, wie wohl jedem bekannt, beim Menschen nicht weniger stark ausgebildet als beim Tier. Nach Lorenz sind der Nahrungstrieb und der Geschlechtstrieb auf Grund der "menschlichen Selbstdomestikation" (womit gemeint ist, daß sich der Mensch ebenso wie seine Haustiere gegen die natürliche Auslese abschirmt) - sogar stärker als bei ihnen ausgeprägt, sie "hypertrophieren"20. Während Tiere ganz (Originalbuchseite 67)
bestimmte Perioden haben, in denen sie das Fortpflanzungsgeschäft erledigen, ist der Mensch in dieser Hinsicht das ganze Jahr hindurch aktiv und an den damit zusammenhängenden Vorgängen interessiert. Und was Essen und Trinken betrifft, so wurde es für die meisten, die es sich leisten können, eher zum Problem, nicht zu viel zu essen, als an Nahrung zu gelangen. Der Brutpflegetrieb äußert sich beim Menschen in
der Zuneigung zu den Kindern und der Bemühung sie zu erziehen. Der Trieb nach Sicherheit dürfte ebenfalls "hypertrophieren" wohl beeinflußt durch unsere Fähigkeit der Voraussicht. Unter den sozialen Trieben, die bei allen rudelbildenden Tieren eine Rolle spielen, ist beim Menschen, neben der Freude an Geselligkeit und Tendenzen der Hilfsbereitschaft das Imponierverhalten deutlich ausgeprägt: die Bedeutung der Stellung, die er in der Gemeinschaft genießt, der Führungsposition, zu der er allenfalls gelangt. Angeborene Bewegungssteuerungen sind beim Menschen weitgehend zurückgebildet - noch mehr, als bei den übrigen "höheren Lerntieren". Die Periode, da das noch nicht selbsterhaltungsfähige Kind, vom Spiel- und Neugiertrieb dazu gedrängt, in eigener Initiative und von den Eltern unterstützt, die für das weitere Leben wichtigen Steuerungsmechanismen aufbaut, ist bei uns länger als bei jedem Säugetier - was entsprechend längeren elterlichen Schutz, also längere "Brutpflege" notwendig macht. Der Säugling zeigt noch angeborene Erbkoordinationen etwa das instinktive Suchen nach der Mutterbrust, das Saugen an dieser, das er ebenfalls nicht zu lernen braucht, das Festklammern an der Mutter. Dazu kommen noch die uns angeborenen Grundbewegungen der menschlichen Mimik, Gähnen, Husten, Nießen und manches andere. Für die Fragestellung dieser Untersu(Originalbuchseite 68)
chung - wie der Mensch im Berufsleben effizienter werden kann ist von weit größerer Bedeutung, in welchem Umfang wir auf angeborene Schlüsselreize ansprechen, die unsere Entscheidungen und Handlungen beeinflussen. Also: Ob und welche angeborenen Tendenzen auf unser Erwerbsverhalten Einfluß nehmen. Einige recht triviale Reize können schnell übergangen werden: Süß zeigt uns Zucker an, und Zucker ist ein besonders leicht erschließbarer Energiespeicher. Also sprechen wir auf süßen
Geschmack positiv an - während bitterer, der manchen giftigen Stoffen eigen ist, uns abstößt. Die grüne Farbe spricht uns positiv an, weil sie Pflanzenwuchs anzeigt und somit einen für uns geeigneten Lebensraum. Rot mag uns vor Feuer warnen - das könnte mit ein Grund dafür sein, daß man bei Verkehrsampeln grün als Zeichen für "Freie Fahrt" und rot als Zeichen für "Halt!" wählte. Und auch das Geräusch plätschernden Wassers ist uns sympathisch - ein Schlüsselreiz, auf den unser Durst anspricht. Worauf es jedoch bei meiner These weit mehr ankommt, sind eher allgemeine Tendenzen, die auch in der heute sehr veränderten Situation noch durch Schlüsselreize ausgelöst werden und unser Verhalten beeinflussen. Der Mensch gehört seiner Abstammung nach zu den Universalisten - von den Zoologen respektlos "Allesfresser" genannt. Während Spezialisten auf sehr präzise Schlüsselreize mit sehr präzisen Bewegungsfolgen reagieren, ist das beim Universalisten weit weniger der Fall. Also ist eher zu untersuchen, ob es nicht generelle, sämtlichen Tieren angeborene Tendenzen gibt, die sie bei ihrem Raubgeschäft lenken, und die somit auch beim Universalisten von Bedeutung sind21. Damit kommen wir zu einem wichtigen Punkt. Meines Erachtens gibt es solche generelle, erblich fixierte Tendenzen, die auch (Originalbuchseite 69)
beim Menschen voll wirksam sind - jedoch bis heute, weil sie eher selbstverständlich, ja trivial anmuten - kaum Gegenstand besonderen Interesses und entsprechender Forschung waren. Ich behaupte, es gibt deren mindestens fünf, die uns sehr wesentlich beeinflussen. Erstens, ist wohl fast jedem Tier (Ausnahmen gibt es bei der ungeheueren Vielzahl von Arten bei nahezu jeder Funktion) die Tendenz "Nur Dein Vorteil zählt!" beim Beuteerwerb eigen. Wie sollte es bei Räubern auch anders sein? Entstünde über
Abänderungen im Erbgut eine neue Art, der eine innere Weisung im Verlauf der Beuteerwerbshandlung nahelegt: "Sei nett zu dem Blatt! Nage ihm nur ein Stückchen ab!" oder "Hab Mitleid mit dieser Gazelle, besonders wenn sie heftig schreit!", dann kann sie sich wohl gegenüber Konkurrenten kaum durchsetzen. Wie auch immer sich die Raubhandlung vollzieht: Rücksicht - im menschlich moralischen Sinn - ist dabei bestimmt nicht am Platz. Energieerwerb durch Raub von Bestandteilen anderer Lebewesen ist weder eine einfache noch ungefährliche Sache. Der Räuber muß präzise vorgehen, wenn es sich um Beute handelt, die sich wehrt, um eigene Verletzung zu vermeiden. Dazu kommt das Risiko, während der Beuteerwerbshandlung - wenn also seine ganze Konzentration diesem lebenswichtigen Vorgang gilt - selbst einem anderen Räuber zum Opfer zu fallen. Jede Rücksichtnahme ist somit bei diesem Geschäft fehl am Platz! Zweitens, fliegt nur wenigen Tieren - wie etwa dem Korallenpolypen - die gebratene Taube ganz von selbst und sogar regelmäßig vor das Maul. Deshalb, so behaupte ich, ist es wohl für beinahe jeden Räuber entscheidend wichtig, den günstigen Augenblick voll zu nützen. Um Perioden des Nahrungsmangels erfolgreich zu überstehen, legen Tiere - besonders in Gestalt von Fett - Nah(Originalbuchseite 70)
rungsreserven an. Bei manchen Arten haben sich zur optimalen Nutzung überwältigter Beute besonders erweiterungsfähige Mägen ausgebildet oder Verhaltenssteuerungen, um Beute, die zu groß ist, um augenblicklich einverleibt zu werden, irgendwo zu verstecken und sicherzustellen. Versucht man die hier vorliegende angeborene Steuerung, die auf Gewinnmaximierung hinzielt und die man auch "Gier" nennen kann, in menschlicher Terminologie in einem Ratschlag zusammenzufassen, dann lautet dieser: "Nütze den Augenblick bestmöglich! Bringe so viel des gewonnenen Raubgutes an Dich - nicht zuletzt auch deshalb, damit nicht ein
Konkurrent es Dir entreißt!" Drittens, ist es für jeden Räuber ungemein wichtig, wo immer es möglich ist, Energie zu sparen. Hier heißt die Devise: "Je präziser Deine Handlungsweise ist, umso geringer sind die Fehlausgaben und das Risiko, daß Du dabei selbst zur Beute wirst! Je schneller Du die Sache abwickelst, umso besser - auch nicht zuletzt im Hinblick auf Konkurrenten. Je größer Deine Einnahme und je geringer Deine Ausgabe, umso größer ist Dein Gewinn - Deine Chance weiterzuleben! Spare also, wo immer Du kannst!" Wie solche Instinktkommandos kodiert sind, wurde wohl kaum noch untersucht, doch daß eine solche generelle Anweisung bei den meisten Tieren nachweisbar ist, dürfte schwer zu bestreiten sein. Vögel bemühen sich, genauer nach Körnern zu picken - also zu einer geringeren Fehlerquote zu gelangen. Wo immer eine Beutefanghandlung durch neue Erfahrung und Ergänzungen der Schlüsselreize bereichert wird, verbessert sich der die Raubhandlung steuernde Mechanismus. Wo Anstrengungen, die nichts bringen, vermieden werden können, sehen wir sowohl bei der Entwicklung von angeborenem wie auch von erworbenem Verhalten eine (Originalbuchseite 71)
ausgeprägte Tendenz zur Verbesserung des Energiesaldos. Viertens, lautet ein weiteres wichtiges, bei vielen Tieren nachweisbares Instinktkommando: "Achte darauf, was Konkurrenten tun!" Sie sind die schlimmsten Rivalen, weil sie es auf die gleiche Nahrung abgesehen haben - nähert sich einer, dann ist eine entsprechende Aktion, ihn aus dem eigenen Bereich zu verjagen, wichtig. Eilen sie aus verschiedener Richtung zur selben Stelle, dann ist das meist ein Hinweis dafür, daß dort Beute entdeckt wurde - stieben sie dagegen, so schnell sie können, von einem Punkt weg, dann heißt das: "Achtung, Gefahr!" Beide Vorgänge haben, wie der Verhaltensforscher sagt, "mitreißende
Wirkung". Haben Konkurrenten Beute gesichtet und setzen sie zum Angriff an, dann nehmen sie anderen die Arbeit ab, nach solcher zu suchen - und wer schnell ist, kann noch früher am Ziel sein. Diese Tendenz ist so deutlich ausgeprägt, daß manche Tiere etwa Vögel - eine angeborene Steuerung ausgebildet haben, Konkurrenten ihre Beute abzujagen. Und selbst wenn dies nicht zur Gänze gelingt, dann besteht immer noch die gute Chance, zumindest einen Happen zu bekommen. Die Anstrengung der Verfolgung und Überwältigung mag ruhig der andere übernehmen. Ist der Kampf vorbei, dann ist es eine prächtige Sache, uneingeladen aber mit Appetit an einem sich bietenden Mahle teilzunehmen. Fünftens: Ein besonders wichtiges, bei sehr vielen Tieren fast ständig nachweisbares inneres Kommando lautet: "Sei auf der Hut! Vertraue niemandem und nichts! Selbst wenn Du den Bissen erhascht hast und es darum geht, ihn schnell zu verschlingen, wirf zumindest einen kurzen Blick nach allen Seiten!" Auch dies für die meisten Tiere typische Verhalten hat in angeborenen (Originalbuchseite 72)
Bewegungssteuerungen seinen Niederschlag gefunden. Man nennt den Vorgang "Sichern". Frißt ein Tier - ob die Beute nun Gras ist oder ein anderes Tier - dann geht reflexhaft zwischendurch ein kurzer Blick nach beiden Seiten, wobei auch das jeweilige Rückwärts geprüft wird. Nur an wenigen Orten - etwa auf den entlegenen Galapagosinseln im Pazifik - fehlt diese Furchtreaktion und der Tourist kann mit seiner Kamera bis auf einen Meter an Vögel und sonstige Tiere heran. Der Grund dafür ist: Auf diesen Inseln gibt es keine größeren Raubtiere: deshalb wurde bei jenen, die sich dort ansiedelten, der angeborene Sicherheitstrieb im Lauf der Zeit reduziert. Auch das bedeutet eine Einsparung von Bewegung und Energieeinsatz. Wo eine angeborene Tendenz sich als überflüssig erweist, bedeutet sie einen überflüssigen Aufwand, eine einzusparende Ausgabe.
Solche von innen her kommenden Ratschläge, die bei fast allen Tierarten in der einen oder anderen Weise ihre Aktionen und Reaktionen beeinflussen, sind auch für den Allesfresser wichtig, der nur noch auf bestimmte Schlüsselreize reflexhaft anspricht. Daß sie auch beim Menschen fest und tief als "angeborene Tendenzen" verankert sind, kann wohl mit Sicherheit angenommen werden. Erstens, weil sie so allgemein verbreitet sind. Zweitens, weil sie für unsere Vorfahren durchaus relevant waren. Und drittens, weil es erdgeschichtlich gesehen ziemlich lang dauert, ehe eine so generelle Weisung zurückgebildet wird, und auch dies eben nur unter ganz bestimmten Umständen - wie etwa die als fünfte Tendenz genannte Angst vor Raubfeinden auf den Galapagosinseln. Die Regel für die hier weltweit verbreitete Reaktion zeigt uns jedes Reh, das schon in mehr als 100 Meter Entfernung erschrickt, wenn wir uns nähern wollen, zeigen unzählige Tierarten, die sich bei Annähe(Originalbuchseite 73)
rung auf die eine oder andere Weise verstecken oder unsichtbar zu machen versuchen, zeigen sogar die gefürchteten Haie, wenn man auf sie zuschwimmt, was bei ihnen Furcht oder Ausweichverhalten auslöst. Während der zwei Millionen Jahre, die unsere Vorfahren Jäger und Sammler und schließlich als beginnende Pflanzer und Viehzüchter lebten, vertrugen sich diese inneren, eher allgemeinen Ratschläge mit den neugeschaffenen Steuerungen zum Nahrungserwerb mit Hilfe von zusätzlichen Hilfsmitteln auf das Allerbeste. Ob es darum ging, nach Früchten und Beeren zu suchen, Insekten aus ihren Verstecken hervorzustochern, Kaninchen aus ihren Bauten zu jagen und zu töten oder in organisierter Treibjagd Großwild den Garaus zu machen: In jedem Fall war irgendeine Rücksichtnahme auf die einmal entdeckte und gestellte Beute völlig fehl am Platz. In jedem Fall war es zweckmäßig, so viel der erbeuteten organischen Substanz zu
verwerten und sicherzustellen als möglich - also selbst zu essen., oder den Rudelgenossen zu bringen, oder einzugraben (etwa Eier oder genießbare Wurzeln) oder zu trocknen oder zu räuchern (Fleischstücke, die man dann so hoch an einem Baum festmacht, daß Bodenraubtiere nicht an sie gelangen können). In jedem Fall war es zweckmäßig, das Raubhandwerk immer noch besser zu handhaben - jede List, jede Übertölpelung war hier ein Fortschritt und Vorteil. Getarnte Fallgruben, wie es sie heute noch in Afrika gibt, um größere Tiere zu erbeuten, zeigen das ebenso deutlich, wie die auch in unseren Gegenden ausgelegten Schlingen und Fallen. Vergiftete Pfeile werden heute noch von vielen Naturvölkern verwendet. Ein auf eine bestimmte Schwachstelle des Beutetieres ausgerichteter Biß ist verschiedenen Tierarten angeboren - in ganz analoger Weise entwickelten unsere jagenden Vorfahren (Originalbuchseite 74)
sehr genaue anatomische Kenntnisse, wie man am schnellsten und einfachsten, am listigsten und mühelosesten den Widerstand einer Beute vermindern oder völlig ausschalten kann. Der dann anschließende Ackerbau und die Viehzucht erscheinen uns aus subjektiv menschlicher Sicht als etwas höchst Edles, ja sogar Naturfreundliches - unzählige Gedichte, die den Landmann und seine Ernte, Mutter Erde und was sie spendet, das Haustier und wie nett es sich verhält, besingen, beweisen dies. Wer den Mut hat, dagegen der Wahrheit ins Auge zu sehen, kann wohl nicht umhin zu konstatieren, daß der Räuber, der schon als Jäger und Sammler zum Superräuber wurde, sich bei diesen beiden Praktiken noch um ein weiteres übertrumpfte. Ackerbau bedeutet, daß alle Pflanzen, die dem Menschen nicht als Nahrung dienen, rücksichtslos "gerodet" und jedes störende "Unkraut" nach Möglichkeit vertilgt wird. Zäune und Vogelscheuchen sorgen dafür, daß nicht etwa Konkurrenten von den Früchten dieses zweifellos mit Mühe verbundenen Vorganges etwas abbekommen.
So behandelt, kann ein kleines Areal ebensoviel oder mehr Nahrung bringen als früher weite Streifzüge durch die Gegend. Noch verbessert wird der Ertrag durch Düngung und durch Zucht von besonders ergiebigen und schmackhaften Arten. So entstehen Weinstöcke und Obstbäume, die weitaus größere und süßere Früchte bringen, als für die normale Fortpflanzung - der diese Früchte ja eigentlich dienen - erforderlich wäre. Hier wird keineswegs Anklage gegen den Menschen erhoben, sondern bloß ganz nüchtern festgestellt, wie ein Räuber sich seine Raubakte immer mehr erleichtert, seinen Ertrag immer mehr vergrößert, seinen Energieerwerb immer mehr perfektioniert. Noch schlimmer ist es - wenn man in ehrlicher Beur(Originalbuchseite 75)
teilung die Dinge betrachtet - bei der Viehzucht. Die besondere geistige Leistung besteht hier darin, erbeutete Tiere nicht - wie im normalen Verlauf der Dinge üblich - zu töten, sondern am Leben zu belassen, zu füttern und zu mästen, um sie zu gegebener Zeit, ohne sonderliche Mühe und Gegenwehr, zur Verfügung zu haben. Sicher entwickelt der Bauer ein ebenso freundlichkameradschaftliches Verhalten zu seinem Vieh, das er auch hegt und pflegt, wie zu seiner, sich nach seinem Willen entwickelnden Saat. Das hindert ihn dann jedoch in keiner Weise daran, eben dieses Korn zu mähen, diese gefütterten und gemästeten Ochsen dann zu töten und zu verspeisen. Da der Mensch lange Zeit der Ansicht war - ja es weitgehend noch heute ist -, daß er als besonders Auserkorener von höherer Macht auf diesen Planeten gebracht oder hier erschaffen wurde - und die übrige Natur als beliebige Nahrungsquelle und Tummelplatz für ihn -, ist es nur zu verständlich, daß solche Einstellungen sich herausbildeten, wie ja der Mensch überhaupt sich und was er tut, gerne in einem möglichst freundlichen und günstigen Licht sieht. Aus Sicht der Evolution ist hier ein Wesen am Werk, das mit Hilfe zusätzlicher Organe sich auf geradezu jede Spezialleistung auszurichten
vermag und alles, was bis dahin an Tieren entstand, die andere vernichteten oder unter ihren Willen zwangen, um ein Tausendfaches in den Schatten stellt. Wohlgemerkt: In der Evolution ging es nie zimperlich zu, und der Lebensprozeß, wenn man ihn personifizieren darf, nahm nie darauf Einfluß, was ihn fortsetzte und was nicht. Nur weil es so viele Dichter und Denker gab, die dieses aufs äußerste perfektionierte Raubverhalten geradezu als Paradebeispiel für Moral, Ethik und Ästhetik verherrlichten, habe ich hier die andere Seite der Medaille beschrieben. In kürzeren Worten und weniger (Originalbuchseite 76)
emotionell gefaßt, läßt sich all dies in dem Satz zusammenfassen: Unter allen tierischen Organismen wurde der Mensch zum effizientesten und perfektesten Räuber. Sein Intellekt unterstützte das vom Instinkt getriebene Raubverhalten gegenüber Tieren und Pflanzen auf das trefflichste. Und nicht zu vergessen ist, daß eben dieses Verhalten sich mit nicht minderer Rücksichtslosigkeit und Effizienz auch gegen andere Menschen und Menschengruppen richtete - nicht um sie als Nahrung zu gewinnen, sondern als Sklaven; um ihnen das gezüchtete Vieh und die Äcker wegzunehmen, ihre Häuser, ihre Waffen, ihr gesamtes Gut: somit alles was wir aus evolutionärer Sicht als zusätzlich gebildete Organe zusammenfassen, die nicht an den Körper gebunden sind, und somit auch anderen ebensolche Dienste, ebensolche Macht vermitteln können. Hier deckt sich die Bezeichnung "Räuber" wieder durchaus mit dem Sprachgebrauch, während man sich beim Verhalten gegenüber der "Natur" an andere Wert- und Moralmaßstäbe gewöhnt hat. Raubkriege wurden geführt, Völker unterjocht - und bis heute setzt sich dies fort. Die zusätzlichen Organe des Menschen wurden zur Grundlage unserer Fortschritte und unserer kulturellen Entfaltung aber auch gleichzeitig zu einem mächtigen Schlüsselreiz, der trotz Gesetzgebung, einzelne und Gruppen immer wieder dazu bringt,
andere rücksichtslos zu berauben.
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(Originalbuchseite 77)
6. Prämisse:
In seßhaften Gemeinschaften kommt es zum Energieerwerb über Tausch
Wir kommen nun zu jenem Zeitpunkt vor etwa 10.000 Jahren, auf den schon eingangs hingewiesen wurde. Der Mensch wurde über Ackerbau und Viehzucht seßhaft. Größere Gemeinschaften bildeten sich: Verbände der verschiedensten Art und innerer Ausrichtung, die in der einen oder anderen Weise von Führungsgremien geleitet, also "regiert" wurden. Die zusätzlichen Organe hatte sich im Anfang dieser Entwicklung jeder selbst hergestellt, doch spezialisierten sich nun einzelne auf diese Aufgabe - was zu jedermanns Vorteil war. Sie konnten so besser, schneller, rationeller und somit auch mit weniger Energieaufwand zustandekommen - und in einem Tauschvorgang konnten sie jene, die sie benötigten, erwerben. Hier, freilich, kam es zu einem Problem: Was sollte als Gegenleistung dafür gegeben werden? In manchen Fällen traf es sich wohl, daß ein vom Hersteller benötigter Dienst für ihn akzeptabel war. Für diese Dienstleistung wurde dann das Produkt ertauscht. Ebenso konnte es auch vorkommen, daß der Abnehmer selbst andere Produkte herstellte, die wiederum der Anbieter benötigte. Nehmen wir jedoch an, das zu erwerbende Gut war ein Schwert, der andere produzierte dagegen Schuhe. Im Vergleich zum Aufwand, den das Schwert nötig machte - und jenem zur Erstellung von (Originalbuchseite 78)
Schuhen - bestand eine erhebliche Diskrepanz. Dem
Schwertschmied war nicht an so und so vielen Paaren Schuhen gelegen - er brauchte anderes, was ihm jedoch der Schuster nicht bieten konnte. Also war der Tausch offenbar nicht möglich. Dieses Beispiel mag naiv klingen - und Tauschvorgänge spielten sich zunächst ganz anders ab und verliefen auch längst nicht so frei, weil es in diesen Gemeinschaften über weite Strecken der Geschichte hinweg mannigfache Machtstrukturen und Privilegien gab, die freie Geschäfte unmöglich machten oder zumindest sehr erschwerten. Mir liegt hier daran, das Prinzip aufzuzeigen: die zugrundeliegende Problematik, die dann immer und überall, auf den verschiedensten Umwegen doch zum gleichen führte - nämlich zur Erfindung des Geldes als notwendigen Vermittler zur Überwindung der sonst stets auftretenden, im Prinzip gleichen Schwierigkeit. Nur mit Hilfe eines solchen Universalvermittlers ob er nun aus Papier oder Metall ist, ob irgendein Naturprodukt dazu verwendet wurde (etwa Kauri-Muscheln) oder irgend ein anderes Objekt: auf jeden Fall war ein solcher Vermittler nötig. Der kausale Entwicklungsvorgang der hier vorliegt, läßt sich, stark vereinfacht, so darstellen: Erstens: Zur Erweiterung der Fähigkeiten des menschlichen Körpers sind zusätzliche Organe nötig. Zweitens: Die Anfertigung solcher Objekte - ob das nun ein Schuh ist oder ein Haus, eine Steinaxt, eine Brücke oder ein Brunnen, erfordert einerseits Krafteinsatz und zum anderen entsprechende Fähigkeiten, die erlernt werden müssen: zusätzliche Steuerungen im Gehirn. Wer sich auf die Herstellung solcher Objekte spezialisiert, kann bessere Produkte liefern, kann den Vorgang rationalisieren und schneller gestalten. Er erspart jedem Nichtfachmann Mühe, Zeit und Kraftver(Originalbuchseite 79)
lust durch Fehler - ganz abgesehen davon, daß dieser bei schwieriger anzufertigenden Objekten selbst dazu gar nicht in der Lage wäre. Also besteht ein echter Bedarf nach solchen
Spezialisten. Drittens: Nur besteht eben die Schwierigkeit, dann konkret in Besitz dieser Objekte zu gelangen, dem Hersteller dafür ein Äquivalent für seine Leistung zu liefern. Um also die Voraussetzung für solche Spezialisierung zu schaffen und somit auch dafür, daß der Mensch durch verschiedenartige zusätzliche Organe seine Fähigkeiten und seine Macht steigern kann, muß ein solcher Vermittler gefunden oder geschaffen werden, gleichwohl, wie man im einzelnen dahin gelangt. Und der Vermittler muß so geartet sein, daß er zwei Voraussetzungen gerecht wird: Er muß innerhalb der Gemeinschaft allgemein anerkannt sein. Und er muß teilbar sein, sodaß sich der Gegenwert für jede Leistung gleichsam in kleine Portionen zerlegen läßt, die es dem Leistungserbringer ermöglichen, etwa mit einigen dieser Portionen Nahrung, mit weiteren benötigte Leistungen anderer zu erwerben. Viertens: Daraus folgt, daß weder Geld noch seine notwendigen Eigenschaften beliebige Erfindungen sind - sondern eine funktionelle Notwendigkeit für weiteren Fortschritt. Eine Klippe, die der Mensch überwinden mußte - so oder so. Ein Problem, bei dessen Lösung es kaum Freiheitsgrade gibt. Zu dessen Lösung es früher oder später kommen mußte - und dazu waren die geistigen Fähigkeiten des Menschen durchaus im Stande. Es geht hier letztlich um einen ganz ähnlichen Vorgang wie bei der geistigen Leistung des Hundes, im Zaun eine Lücke oder ein Ende zu finden und so sein Ziel, das Fleischstück zu erlangen. Auch bei seinen Handlungen gibt es keine Freiheitsgrade - sondern den Erfolg nur (Originalbuchseite 80)
eben über diesen Umweg. Zusätzliche Organe waren für den Menschen Voraussetzung für seinen Fortschritt und demnach ihre Herstellung überaus wichtig, und diese konnte rationell und reibungslos nur über einen Umweg vor sich gehen. Der Hersteller bekommt für seine Leistung so und soviele Portionen des
Vermittlers - und kann mit diesen dann Ergebnisse der Leistungen Anderer erwerben: Nahrung oder von ihnen angefertigte zusätzliche Organe oder spezialisierte Dienste, die sie bieten. Ist diese funktionelle Hürde erst überwunden, dann läuft alles übrige ziemlich von selbst. Die Einschätzung, wieviel jede Leistung und jedes Leistungsergebnis wert ist - wieviele Geldportionen er also für sie bekommt -, regelt sich nach "Angebot und Nachfrage". Daß der Wert des Geldes sich selbst nicht verändert, ist ein Problem, mit dem die Gemeinschaft irgendwie fertig werden muß. Wie der Interessent zum Hersteller findet, ist ein weiteres Problem, das sich über öffentliche Feilbietung (etwa Märkte) und einen weiteren Stand von Spezialisten regelt (die als Vermittler zwischen Angebot und Nachfrage vermittelnden "Händler"). Geld ist ein Tausendsassa, der sozusagen jede Leistung in jede andere verwandelbar macht, der das Ergebnis menschlicher Spezialisierung in das Ergebnis anderer menschlicher Spezialisierung transferieren läßt. Dies freilich nur unter der Voraussetzung, daß der Interessent den Wert dieser anderen Leistung selbst - im Äquivalent - zu erbringen vermag. Doch ein weiteres Plus des Geldes ist, daß man es "sparen", anhäufen - und so zu immer höherer eigener Zahlungsmacht gelangen kann. Man kann so jahrelang darauf hinarbeiten, schlußendlich einen besonders teuren Erwerb zu realisieren, eine als besonders wichtig empfundene Investition zustandezubringen. Durch die "Erfindung" Geld kam es zu einer weiteren, (Originalbuchseite 81)
entscheidenden Verbesserung im Energieerwerb. War es durch den geistigen Umweg Ackerbau und Viehzucht bereits gelungen indem man Samen nicht aß, sondern in den Boden steckte, und indem man erbeutete Tiere nicht tötete sondern behütete und pflegte und zur Produktion möglichst vieler weiterer Nachkommen anregte -, sich die langen Wanderungen durch die Gegenden zu ersparen und in einem kleinen Areal das praktisch Gleiche zu
erreichen, so kam es nun - über das Geld - dahin, daß man sich nicht mehr um Nahrung zu kümmern brauchte, wenn man sich um Nahrungserwerb bemühte. Man stellte Schuhe her - und siehe da: Sie verwandelten sich in Krautköpfe und gebratene Würste. Man verdingte sich als Gärtner - und gelangte so an Suppe, Kalbsbraten und Nachspeise. Man verhilft einem Mann in Australien zu einer Maschine, die er braucht und die in Schweden hergestellt wird, und kann dafür der Familie einen Ferienurlaub finanzieren oder der erkrankten Tante eine Operation, oder sich, wenn man der Sammelleidenschaft verfallen ist, den Erwerb einer alten, fehlgedruckten deutschen Marke leisten. Für jede irgendwo benötigte Leistung wird der Erwerb jeder anderen möglich. Das ist die "Wirtschaft", in einem einzigen Satz zusammengefaßt. Ist nun dieses merkwürdige Tauschwerkzeug "Geld" eine neue Energieform? Im physikalischen Sinn ist sie es nicht. Erstens: läßt sie sich nur in Bereichen, wo diese "Valuta" anerkannt wird, in andere Energieformen verwandeln. Zweitens: schwankt die Kaufkraft, also die Umwandlungsfähigkeit in andere Leistungsergebnisse, je nach wirtschaftlicher oder politischer Lage ganz außerordentlich. (Originalbuchseite 82)
Drittens: sinkt die dem Geld innewohnende Macht auf Null in Gegenden, wo es keine Menschen gibt - etwa in der Wüste Sahara. Kaufe ich an einem bestimmten Punkt mit Geld Nahrungsmittel (als Energiequelle für mich, die Familie und Haustiere), dann hat für diesen Transfer und diesen Augenblick Geld einen genau in chemische Spannungsenergie umrechenbaren Wert. Investiere ich Geld in eine Windmühle, die Bewegungsenergie in elektrischen Strom verwandelt, dann ist das Ergebnis, der Profit, bei diesem Vorgang - unter Berücksichtigung der Amortisation der Anlage dem technischen Wirkungsgrad einer beliebigen anderen
Energieumwandlung gleichzusetzen. Aber im Augenblick, da der letzte Mensch stirbt, wird das Energieäquivalent von Geld Null. Zu einer neuen Energiequelle wurde indessen der "Bedarfer", der "Kunde". Hat er selbst Geldüberschüsse erwirtschaftet und gelingt es mir, ihm davon einen Teil für eine Leistung, die er benötigt oder ein Produkt, das ich ihm bieten kann (letztlich auch eine Leistung) zu entziehen, dann wandert eine entsprechende Portion seines Leistungspotentials in meine Tasche - und kann sich in weiterer Folge in alle möglichen, mir dienlichen Energieformen verwandeln. Wilhelm 0stwald, der als erster die volle Bedeutung der Energie im Lebensbereich und in der Wirtschaft erkannte, nannte jedes Werkzeug und jedes Organ einen "Energietransformator"22. Das ist im Bereich der gesamten Lebensund Menschheitsentfaltung zutreffend. Denn nur über materielle Strukturen besonderer Art kann sich Energie zu den verschiedensten Spezialleistungen differenzieren - also zu solchen befähigt werden. In diesem Sinne ist auch jeder Berufstätige, jeder Betrieb, jedes Unternehmen, jeder Konzern ein "Energietransformator". Durch besondere materielle (Originalbuchseite 83)
Ausstattung - einschließlich der notwendigen Steuerungen - gelingt es diesen Leistungserbringern, Energie - die ja zunächst ganz plump und nur zu höchst primitiven Leistungen fähig ist - zu Spezialleistungen zu veranlassen, man kann wohl sagen "sublimieren". Und solche Spezialleistungen haben eben im Rahmen von Angebot und Nachfrage einen bestimmten Wert, der über Geld wieder in andere Investitionen, in andere Energietransformationen, in andere Leistungsergebnisse überführbar ist. Also ist Geld - in einem begrenzten Gebiet - ein Energieüberträger. Sein jeweiliger Energiewert ist jedoch in keiner Weise konstant, sondern richtet sich nach der Umweltsituation, nach den jeweiligen Wünschen und Fähigkeiten von Menschen, nach den Zwecken, für die es verwendet wird - und deren
Ergebnis. Werfe ich einen Geldschein zum Fenster hinaus, dann kann er über andere, die ihn finden, sich in weitere Energieformen umsetzen. Findet ihn niemand, dann nicht. Während Energie unzerstörbar ist - ist Geld zerstörbar. Seit etwa 3000 Millionen Jahren kam es zu keiner anderen irgendwie bedeutsamen Form des Energieerwerbes als jene der Pflanzen und der Tiere. Erstere fangen gleichsam herrenlos an ihnen vorbeifliegende Energie ein und zwingen sie in ihren Dienst. Die Tiere rauben sie dann den Pflanzen oder anderen Tierkollegen. Nun, plötzlich, kam eine neue, indirekte Form des Energieerwerbes in die Welt. Man entzieht sie wieder anderen Lebewesen - jedoch nicht in einem gewaltsamen, räuberischen Akt. Man gewinnt sie im Tauschweg, wobei die Sache auch wieder nur klappt, wenn die Bilanz positiv ausfällt. Wohlgemerkt, die Energiebilanz, denn die Geldbilanz ist mit dieser nicht identisch. Welche Strategie ist nun für den indirekten Weg, Energie über den Verkauf von Produkten, die benötigt wer(Originalbuchseite 84)
den, oder Leistungen, die man für andere erbringt, oder Vermittlungstätigkeit zwischen Angebot und Nachfrage zweckmäßig und zielführend? Versetzen wir uns in die Lage eines Tieres - eines Universalisten - der auf diese neue Erwerbsform umschwenkt, und nehmen wir an, dieses Tier könnte denken wie wir. Was wären seine ersten unmittelbaren Kommentare zu dieser neuen Alternative? Es würde nach einiger Überlegung wahrscheinlich folgendes zum besten geben: Erstens: "Mit dieser neuen Form des Beuteerwerbes muß man sich sicherlich erst näher beschäftigen - doch eines läßt sich trotzdem wohl gleich zu Anfang sagen. Auch hier geht es um die Ausnützung einer Schwäche bei anderen. Worauf es hier ankommt, ist Bedarf - und dies ist bereits eine Schwachstelle, bei der ich ansetzen kann. Auch als erfahrener Räuber suche ich stets
nach solchen Schwachstellen, wo ich am besten bei der Beute ansetzen kann. Will ich somit etwas verkaufen, dann werde ich auch bei dieser Erwerbsform nach Schwachstellen Ausschau halten - und daran bin ich gewohnt, das ist nicht neu." Zweitens: "Auch hier kann ich, wenn ich meine Konkurrenten im Auge behalte, manches Wichtige lernen. Ganz besonders, wo sie etwa Beute entdecken und wo ich mich als Anwärter hinzugesellen kann. Bin ich schlau, dann kann ich aus ihrem Verhalten lernen und mir selbst überflüssige Arbeit ersparen. Beim Verkauf von Waren und Leistungen kommt noch hinzu, daß dies in einer weit mehr gesitteten Umgebung stattfindet und ich - Ausnahmen mag es da auch geben - nicht mit ernsteren Verletzungen rechnen muß. Bin ich schneller, geschickter, mache ich auf den Bedarfer vielleicht auch noch einen günstigeren Eindruck, dann kann ich den einen oder anderen Konkurrenten wahrscheinlich aus (Originalbuchseite 85)
dem Rennen werfen. Ob Raub oder Verkauf: es kommt darauf an, Beute zu finden. In dem einen Fall, liegt sie in winzigen Dimensionen in der Struktur der Beute versteckt und muß dann recht mühsam erst aus Hunderttausenden von winzigen Depots freigesetzt werden. Im anderen trägt der Interessent sie in der Geldbörse oder in der Brieftasche. Dieser Vorgang hat sogar den großen Vorteil, daß ich das erworbene Geld bereits aktionsfähig erhalte und somit das, worauf es ankommt, nicht erst aus Eiweißmolekülen extrahieren muß. Und auch die vielseitige Verwendbarkeit ist kaum hoch genug zu veranschlagen. Habe ich es erst in der eigenen Tasche, dann kann ich mich in ganz außerordentlich vielfältiger Weise verbessern und zu mir wünschenswerten Vorteilen gelangen. Nur eben erbeuten muß ich es und hier sind mir die Konkurrenten einerseits im Wege, doch andererseits auch wertvolle Wegweiser. Auch da kann ich manches aus meinem gewohnten Repertoire einsetzen."
Drittens: "Eine geradezu völlige Übereinstimmung sehe ich in dem wichtigen Bereich der Rationalisierung - ob ich nun über räuberische Akte oder die Beseitigung von Problemen bei anderen zu Gewinn gelange. Daß es auch hier darauf ankommt, schnell zu sein, sagte ich schon. Nicht minder wichtig ist es aber auch bei dieser freundlichen Erwerbsform - ebenso wie beim Raub - die einzelnen Aktionen so auszurichten, daß sie präzise, also mit hoher Erfolgswahrscheinlichkeit, abgewickelt werden und zwar insgesamt so, daß dem eigenen Aufwand ein gehöriges Mehr an Gewinn gegenübersteht, also ein möglichst fetter Profit abfällt. Auch bei diesem Geschäft gibt es sicher Schwankungen: Zeiten, da es besser läuft, und dann wieder Durststrecken. Auch hier ist es sicher sehr wichtig, nicht fröhlich in den Tag hineinzuleben, sondern Vorsorge für schlechte Zeiten zu treffen, also (Originalbuchseite 86)
entsprechende Reserven anzulegen. Natürlich sind diese Reserven auch wieder genau das, was mir andere bevorzugt entreißen wollen. Ob sich da Geld besser verstecken oder sonst sicherstellen läßt, als die Anlage von Fettdepots, die meine Beweglichkeit herabsetzen, bleibt festzustellen. Jedenfalls handelt es sich aber auch hier um ein Geschäft, wo mir viele meiner bisherigen Erfahrungen zugutekommen. Auch List wird beim Absetzen eines Produktes oder einer Leistung gut eingesetzt werden können ebenso wie beim Raub. Bei Raub geht es darum, die Beute an Flucht zu hindern - bei Verkauf, soweit ich es ohne Erfahrung abschätzen kann - ist ebenfalls entscheidend wichtig, den einmal aufgespürten Interessenten möglichst festzuhalten und nicht wieder entwischen zu lassen. Sicher sind da die Methoden andere, doch weitgehend läuft es auf das Gleiche hinaus. Auch Überrumpelung, Ausnützen einer spezifischen Gestimmtheit beim Kaufinteressenten, selbst ein gewisser Druck, um ihn zu seinem Entschluß zu veranlassen, kann hier wahrscheinlich das Ergebnis fördern. Ja hier wird es sogar möglich, daß bei der Transaktion mehr herausspringt, als ursprünglich zu erwarten war - während
eine gefressene Maus eben nicht mehr Energie abwerfen kann, als in ihr enthalten ist." Viertens: "Was hier erfreulicherweise wegfällt, ist offensichtlich die Gefahr, während man auf die Erwerbsanstrengung konzentriert ist, selbst in einem Magen zu enden. Das macht diese weit zivilisiertere Erwerbsform ungemein sympathisch. Wenn ich mich an die Spielregeln halte, schützt mich die Gemeinschaft, die Rechtsordnung, der Staat. Aber irre ich mich hier nicht am Ende? Geld ist ein so ungemein vielfältiger Erfüller von Wünschen: Bringt mich da nicht jeder größere Erwerb doch in Gefahr - zwar nicht der Erwerbsakt aber dessen (Originalbuchseite 87)
Ergebnis? Daß in diesen Gemeinschaften das so eingesessene und traditionsreiche Metier des gewaltsamen Raubes völlig ausgetilgt sein sollte, kann ich mir einfach nicht vorstellen. Als Speise ist der Mensch sicher nicht die Mühe und das Risiko wert - doch all seine Werkzeuge und sonstigen Einrichtungen, sein Besitz also, und hier eben ganz besonders das so unmittelbar für eigene Zwecke einsetzbare Geld, erscheinen mir doch Grund genug dafür, daß erfolgreicher Gelderwerb auch ganz gehöriges Risiko nach sich zieht. Denke ich an die vielen Methoden, die wir Räuber entwickelt haben, dann kann ich mir sehr wohl vorstellen, daß der, welcher größere Geldmengen ansammelt, mit gehörigen Problemen rechnen muß. Kann es hier nicht sogar dazu kommen, daß gerade der freundliche Tauschweg ihm zum Verhängnis wird indem er Zielpunkt von Angeboten wird, die ihm je nach Laune im Augenblick so reizvoll erscheinen, daß er ihnen - obwohl er es schon tags darauf bereut -, einfach nicht widerstehen kann? Als Räuber gewinnt man manche psychologischen Kenntnisse: Ich könnte mir vorstellen, daß sich diese auch hier sehr effektiv einsetzen lassen." Raub und Tausch haben somit - zumindest auf den ersten Blick manches gemeinsam. Der wesentliche Unterschied bleibt aber
bestehen. Energieerwerb - um es wieder einmal hervorzuheben ist und bleibt im gesamten Lebensgeschehen und auch in der gesamten menschlichen Entfaltung notwendigerweise das zentrale Problem, Voraussetzung für jeden irgendwie erfolgenden Vorgang und für jede Entwicklung. Der ganz ungeheuere Unterschied zwischen dem Energieerwerb durch Raub und den nun in die Welt gekommenen über einen doppelten Tauschakt - indem erst für eigene Leistungen Geld eingehandelt wird und man dann mit diesem Geld - in (Originalbuchseite 88)
einem zweiten, getrennten Vorgang - an Nahrung und sonst Benötigtes gelangt, stellt eine diametrale Umpolung gegenüber praktisch sämtlichen Formen des Energieerwerbes sowohl bei den Pflanzen als auch bei den Tieren dar. Das Ziel der Anstrengung ist nunmehr nicht mehr das wirklich Benötigte, bei Tieren eben Nahrung, sondern dieser so entscheidend wichtige Erwerb wird sozusagen zu etwas Zweitrangigem, das in den Hintergrund rückt. Eine andere Ausrichtung wird maßgebend - auf total andere Objekte und total andere Probleme: nämlich auf den über Geld verfügenden und irgend einen Bedarf empfindenden Menschen. Das Verhalten ihm gegenüber wird nun zum Kriterium für Erfolg und Nichterfolg - ja, unter Umständen sogar für das Überleben. Denn wenn Not am Mann ist, kann der Mensch natürlich immer noch in der ursprünglichen Weise selbst in eigener Anstrengung nach Nahrung suchen. Aber die Veränderungen, zu denen die menschlichen Machtsteigerungen geführt haben, sind so vielfältig und so umwälzend, daß dieser ursprüngliche Weg, der bereits damals nicht einfach war, nun für manchen völlig verbarrikadiert ist. In der Überflußgesellschaft heute hochentwickelter Länder wird es zur Seltenheit, daß einzelne verhungern. Doch brechen heute Kriege aus, dann sind die Waffen bereits so vernichtend geworden, daß sie sehr wohl den Hungerstod von Millionen nach sich ziehen können. Die Machtsteigerung über den Vorgang des doppelten Tausches, auf den sich dieser gesamte Fortschritt stützt
und der den Energieerwerb über Nahrungsgewinnung gleichsam zu einem sekundären Anhängsel macht, führt so einerseits zum Besuch benachbarter, unbewohnbarer Planeten - und andererseits unter Umständen dazu, daß auf unserem Planeten die Lebensentwicklung an ein Ende gelangt.
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7. Prämisse:
Energieerwerb über Tausch macht andere Strategien notwendig
Ehe wir uns mit dieser Prämisse beschäftigen, sei an zwei Beispielen gezeigt, wie es zwischen Räubern zu Tauschakten kommt, wie diese verlaufen und wohin sie führen. Der erste Fall betrifft Partner von ungefähr ebenbürtiger Leistungskraft. Der eine will vom anderen etwas käuflich erwerben, sei es ein Objekt oder einen Dienst. Nur selten verläuft der Vorgang so, daß der eine sagt: "Das kostet so und so viel". Und der andere darauf antwortet: "OK". In der Regel ist der Verlauf so, daß die beiden über den Preis diskutieren - oder, wie man es nennt, "handeln", "feilschen". Bei diesem Vorgang werden alle Fähigkeiten des Räubers mit ins Spiel gebracht - ohne daß der eine es dem anderen ernsthaft übel nimmt. Im Gegenteil, es gibt Gegenden, etwa im Orient, wo die Partner es gar nicht anstreben, diesen Vorgang abzukürzen oder gar zu vermeiden. Es ist ein durchaus salonfähiger Kampf, der da mit geistigen Waffen ausgeführt wird und den die Partner - auch wenn sich beide im Klaren sind, daß es zum "Abschluß" kommen wird - gar nicht allzuschnell beendigt sehen wollen, ebensowenig wie eine Schachpartie. Sind schließlich die Verkaufsbedingungen festgelegt, dann sind beide zufrieden - keiner braucht sich vorzuwerfen, daß er zu eilig nachgegeben hätte. Über solche Auseinandersetzung, auch wenn sie (Originalbuchseite 90)
äußerst hart verlief, ist es schon zu mancher Freundschaft und gegenseitigen Wertschätzung gekommen. Auch Partnerschaften kamen so zustande, da jeder die Fähigkeiten des anderen an sich selbst kennenlernt. Partnerschaften, die sich dann gegen Dritte, Vierte, Fünfte richten. Die zweite Verknüpfung ist, historisch betrachtet, von größerer Bedeutung, weil sie aufzeigt, wie es über Leistungstausch zu Gemeinschaftsbildungen beliebig anwachsender Größe kommen konnte - und wohl auch sehr oft kam. Am Anfang steht hier wieder der so zentral wichtige Energiegewinn, der bei Tier und Mensch auf einem räuberischen Vorgang beruht. Manche sind dabei tüchtiger als andere - und dies führte bei den in Gruppen lebenden Urmenschen dazu, daß weniger Tüchtige sich der Leitung der Tüchtigen unterwarfen. Der Vorteil liegt bei dieser Verbindung durchaus auf beiden Seiten. Der Tüchtige braucht Helfer, um seine Fähigkeiten zu entfalten, der weniger Tüchtige ist gern bereit, sich der Führerschaft des Tüchtigen zu unterwerfen, wenn er dafür einen angemessenen Teil der Beute abbekommt. Dieser Anteil braucht gar nicht besonders groß zu sein, denn der Gewinn, den der weniger Tüchtige dabei erzielt, liegt noch in einem zweiten, für ihn besonders maßgebenden Vorteil. Er gewinnt so erhöhten
Schutz - auf den es in jener ersten Zeit und dann noch über weite Strecken hinweg nicht minder ankam. Einerseits Schutz vor den zunächst noch ins Gewicht fallenden Raubtieren - vor allem aber vor dem weit gefährlicheren Gegner: andere Menschen. Der Tüchtige, dem man sich anschloß, bedeutete nicht nur größere Chance auf Beute sondern, nicht minder wichtig, erhöhten Schutz: für sich und sein Gut, für die Familie, für die Kinder. Daß dem Führer so entstehender Raubgemeinschaften (Originalbuchseite 91)
der Löwenanteil bei der Verteilung der Beute zufiel, liegt auf der Hand - andererseits mußten seine Spießgesellen, wenn sie für ihn eine Hilfe sein sollten, auch entsprechend ausgerüstet und motiviert, also mit den Bedingungen einigermaßen zufrieden sein. Der Führer der Horde und dann eines Stammes oder eines ganzen Volkes, der "Fürst", der "Herrscher" und schließlich der "König", hatte gehörige Privilegien, besonders was seine Luxuswünsche und Machtentfaltung betraf. Gefiel ihm eine hübsche Frau, dann war wohl kaum zu verhindern, daß er nicht an das Ziel seiner Wünsche kam. Das Beste der verfügbaren Speisen und Getränke war gerade nur eben gut genug für ihn. Als die Gemeinschaften seßhaft wurden, wurden Paläste als Behausung für ihn zur Selbstverständlichkeit. Da er dann auch - höchst selbstverständlich - über Grund und Boden innerhalb seines Machtbereiches zu bestimmen hatte - und Grund und Boden die Voraussetzung für Nahrungsgewinn war -, hatte er alle besonders fest in der Hand, konnte seine wichtigsten Helfer zu Würdenträgern und Grundbesitzern machen ... woraus sich alle weiteren Charakteristika der Feudalherrschaft entwickelten. Sie führten, wie bekannt ist, dazu, daß die Gegensätze zwischen "arm" und "reich" allzu erheblich wurden, daß die in kleineren Verbänden eher patriarchalische Rechtsprechung bei Streit und Verbrechen immer willkürlicher wurde ... was schließlich zu Revolution und Volksherrschaft und Umschichtungen jeder nur denkbaren Art führte. Zum dritten Machtfaktor - nach der Fähigkeit, Sicherheit zu bieten, und der Verfügungsgewalt über Grund und Boden - wurde später, mit Anbrechen des industriellen Zeitalters, der Besitz von Kapital: von Geld, um Produktionsstätten zu errichten. Auch das führte wieder zu anwachsendem Kontrast zwischen arm (Originalbuchseite 92)
und reich, zur anwachsenden Willkür der nun herrschenden Klassen ... und dann neuer Revolution, der Marx die Richtung wies: zum Kommunismus einerseits und zu den verschiedenen Formen des Sozialismus andererseits - also in die Situation unserer Tage. - Erst also war Raub und Schutz das für Gemeinschaftsbildung maßgebende Element, später die Verfügungsgewalt über Grund und Boden und schließlich jene über Kapital, über Geld. Das in diesem Kapitel angeführte Beispiel, wie zwei ungefähr gleich Starke nach Räuberart Tausch betreiben, sich dabei näherkommen, ja schlußendlich Partner werden
können, - und die zweite Entwicklungslinie, wie Stärkere, Tüchtigere, die sich zu Führungspositionen eignen, und Schwächere, die nach Führung und Sicherheit suchen, ebenfalls in einer Partnerschaft, die auf Leistungstausch beruht, zusammenfinden, - was dann zu immer größeren Verbänden, zum Überhandnehmen von Willkür und Macht und schließlich zu entsprechenden Gegenbewegungen führt -, sollten zeigen, daß sich nach räuberischen Spielregeln durchaus Leistungstausch entwickeln kann und zwar in sehr umfangreichem Ausmaß. Wie schon gezeigt wurde, führte die rationelle Herstellung von künstlichen Organen. geradezu zwingend zur Entstehung des Geldes, von Berufsformen, Betrieben und staatlicher Schutzmacht; nun sehen wir, wie über Angliederung von Dienstleistungen weitere Ballungen entstehen. Die Strategie übernimmt in allen diesen Fällen der Räuber aus seinem Repertoire, und die Abstimmung, was bei diesen Verbindungen der eine dem anderen in Gestalt von Raubanteil und Schutz, von Rechten und Gütern oder Geld überläßt regelt sich über die jeweils vorliegenden Machtverhältnisse. Also, über das Angewiesensein der einen auf die anderen, über die Grenzen, die Ausbeutung gesetzt sind, und über (Originalbuchseite 93)
allfällige Explosionen, die bei allzu kraß überhandnehmender Rücksichtslosigkeit zu Entmachtung und Umverteilungen geführt haben. Damit aber sind die eigentlichen Möglichkeiten des Energieerwerbes über Tausch noch kaum berührt. Und damit kommen wir zum eigentlichen Thema dieser siebenten Prämisse. Worauf es nämlich bei dieser Form, an das Leistungsergebnis anderer - besonders in Gestalt von Geld - zu gelangen, ganz besonders ankommt, ist der Umstand, in welchem Maß der, welcher erwirbt, mit dem, was er erwirbt, auch zufrieden ist. Hat einer Schuhe gekauft, mit denen er besonders gut gehen kann, oder hat ein anderer einen Arzt gefunden, der ihn höchst perfekt von einem Leiden heilte, dann ist aller Grund dafür gegeben, daß beide im Falle weiteren solchen Bedarfes - also nach Schuhen oder ärztlicher Behandlung - zum betreffenden Schuster oder jeweiligen Arzt zurückkehren werden. Was sie wollen, ist guter Gegenwert für das von ihnen gezahlte Geld, und erhalten sie dies - oder übersteigt er sogar die von ihnen gehegten Erwartungen -, dann kehren sie mit Sicherheit zu dieser Bezugsquelle für benötigte Produkte oder Leistungen zurück, ja empfehlen sogar Freunden, denen sie einen Gefallen tun wollen, das gleiche zu tun. Somit ist diese Erwerbsform nicht sosehr ein einmaliges Geschäft, sondern wird immer besser, je mehr sich die Zufriedenheit des Kunden steigert. Hier aber liegt ein ganz grundsätzlicher, ja diametraler Gegensatz zum Erwerb über Raub. Während bei diesem zählt, was beim jeweiligen Akt als Gewinn abfällt, - zählt beim anderen, ob der Käufer zufrieden ist oder nicht. Kein Räuber kann erfolgreich sein, wenn er etwa auf den grotesken Gedanken kommt, seine Beute beglücken zu wollen. Rücksichtslosigkeit ist ihm gleichsam als entscheidend wichtige Taktik in diesem Gewerbe vorge(Originalbuchseite 94)
schrieben. Beim Tausch, wenn er zum Gewerbe wird, ist Rücksichtnahme das allerwichtigste Werkzeug. Hier zählt nicht der Profit, den der Augenblick bringt,
sondern der Kundenstamm, den man aufbaut, die Bande, mit denen man Interessenten an dem, was man zu bieten hat, an sich fesselt. Hier ist es sogar wichtig, die Notlage, in der sich der Interessent etwa befindet - weil sein Bedarf ein sehr dringender ist -, nicht auszunützen und den Preis für die eigene Leistung nicht entsprechend hoch emporzuschrauben. Das mag zwar einen guten Gewinn bringen, aber dieser Kunde ist dadurch nicht gewonnen, sondern wird sich wahrscheinlich beim nächsten Bedarf an Konkurrenten wenden. Wird dagegen der sich in Zwangslage befindende trotzdem zu einem angemessenen Preis bedient, dann wird er sich wahrscheinlich bei einem weiteren Bedarf dessen erinnern und diese entgegenkommende Haltung zu schätzen wissen. Er wird - wie mit einem Gummiband an diesen Leistungsanbieter gefesselt sehr wahrscheinlich zu diesem zurückkehren. - Und zwar nicht, weil dieser "gut" war, sondern weil dieser "klug" war. Dieser Unterschied wird uns später noch mehrmals beschäftigen - und führt wiederum weg von manchen gewohnten Bewertungen. Schon aus diesem ersten Beispiel geht hervor, daß es hier nicht darum geht, an Fremde Geschenke zu verteilen - sondern um eine durchaus sachliche Basis für langfristigen Erfolg. Dieser ist, um es zu wiederholen, durch Vertrauensbildung gekennzeichnet. Für den Räuber dagegen kommt Vertrauensbildung bei der Beute bestenfalls als Finte oder Kriegslist in Frage. "Gut" oder "Böse" sind Wertungen, die bei Erwerbsformen nicht relevant, nicht aktuell sind. Weder Räuber - man denke etwa an Tiere - noch über Tausch Erwerbende sind gut oder böse im Sinne ethi(Originalbuchseite 95)
scher Werteinschätzung. Gut, sachlich betrachtet, sind sie, wenn sie ihre Erwerbsart richtig betreiben. Machen sie es falsch, dann sind sie in ihrem Gewerbe schlecht. Das Kriterium "böse" ist weder hier noch dort für die Leistung relevant - sondern tritt in Erscheinung, wenn sich der Akt gegen die Sitten und Gesetze innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft wendet, was bei Raub fast immer der Fall ist, jedoch auch bei Tausch vorkommen kann. Ein weiterer Unterschied zwischen perfekter Strategie bei Raub und Tausch ergibt sich beim Bestreben zu rationalisieren, - jedoch hier nur in einem bestimmten Bereich. Denn bei beiden Erwerbsarten ist es gleichermaßen zweckmäßig und erfolgsteigernd, wenn man billiger (mit geringerem Kraftaufwand), präziser (mit höherer Wahrscheinlichkeit) und möglichst schnell an sein Ziel gelangt: beim Räuber an die Beute, beim Erwerb über den Verkauf von Produkten oder Dienstleistungen an das zu erzielende Geld. Bei beiden Erwerbsformen kommt es gleicherweise auf die bestmögliche Technik an - was hier wie dort den Erfahrenen, besser Ausgerüsteten in Vorteil bringt. In beiden Fällen ist es ebenso wichtig, daß beim Erwerbsvorgang möglichst wenig Fehler unterlaufen so daß die Quote an Mißerfolgen und verabsäumten Chancen möglichst gering ist. In beiden Fällen ist Schnelligkeit von erheblicher Bedeutung - beim Raub, weil sonst die Beute entwischt, beim Tausch, weil Kundenwünsche so schneller erfüllt werden können, was Zufriedenheit schafft, und an beiden Fronten, weil sonst Konkurrenten einem zuvorkommen. In diesen drei wichtigen Punkten besteht somit
Übereinstimmung. Aber in einem Bereich gibt es hier einen grundsätzlichen, ja diametralen Unterschied. Er äußert sich in der Behandlung von Angestellten. (Originalbuchseite 96)
Wer nach Räuberart denkt, rationalisiert auch hier, bemüht sich für möglichst geringen eigenen Aufwand ein Maximum an Leistung aus seinen Untergebenen herauszupressen. Das perfekte Verhalten beim Erwerb über Tauschakte schreibt dagegen vor, den Untergebenen, dessen Leistung man ja für Geld erwirbt, so zu behandeln, daß er zu seiner Mitarbeit möglichst motiviert ist und somit in Einklang und Zufriedenheit die ihm bestmögliche Leistung erbringt. Wir kommen auf dieses Thema noch ausführlicher zurück, wenn wir im zweiten Teil von der Kluft zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern sprechen. Auch hier geht es um Leistungstausch, um eine Symbiose, die der Psychosplit aus mehrfachen Gründen erschwert oder unterbindet. Als weitere, für alle Tiere, alle Räuber, charakteristische angeborene Tendenzen wurde genannt: die Orientierung am Konkurrenten und das eingefleischte Mißtrauen, um zu verhindern, daß man selbst im Magen eines anderen Räubers endet. Wie steht es nun damit? Sind die sich daraus ergebenden angeborenen Verhaltenssteuerungen für die neue Erwerbsform über Tauschakte ebenfalls zweckmäßig - oder ein weiterer Störfaktor? Die Orientierung am Verhalten von Konkurrenten ist zweifellos auch in der Wirtschaft von nicht unerheblicher Bedeutung. Der Konkurrent ist ja auf die gleiche Erwerbsquelle ausgerichtet und somit ein überaus gefährlicher Rivale, der im selben Erwerbsbereich tätig ist. Ihn hier in Schach zu halten, die eigenen Marktanteile zu verteidigen und ihn allenfalls aus seinen zu verdrängen, ist ebenso wichtig wie bei territorial lebenden Tieren der Kampf um den zur Ernährung nötigen Lebensraum (Abb. 6). Der Konkurrent, im gleichen "Metier" tätig, mag auch sehr wohl Erfahrungen gesam(Originalbuchseite 97)
Abb. 6: Wirtschaftliches Verhalten in einem Korallenriff. Das Bild zeigt die Reviere von vier Männchen des Riffbarsches Abudefduf leucozona (links oben). Eibl-Eibesfeldt hielt die Schwimmwege dieser territorial lebenden Fische mit dem Tauchgerät unten im Riff sitzend auf einer Schreibtafel fest. Jeder hatte sein Revier, das ihm die notwendige Nahrung bot - und verteidigte es. Kam ein Rivale an die unsichtbaren Grenzen, dann verjagte er diesen. - In der Wirtschaft ist es ähnlich: Wer ein Erwerbsgebiet erobert hat, bemüht sich, es zu verteidigen. Auch hier werden Konkurrenten bekämpft - allerdings ist hier die wichtigste Waffe die Zufriedenheit der Kunden. Also bewegen sich Gewerbetreibende und Vertreter von Unternehmen ebenso kreuz und quer, besuchen und befragen Kunden, knüpfen neue Beziehungen an, versuchen der Konkurrenz "Marktsegmente" abzujagen. Hier wie dort ist die Kontrolle über das "Erwerbsterritorium" - das beim Menschen weit größer werden kann - die Lebensbasis. Aus I. Eibl-Eibesfeldt 1987. (Originalbuchseite 98)
melt haben, von denen man lernen kann. Nicht zuletzt kann man von ihm lernen, wo er Fehler machte - und so, eigene ähnliche Fehler vermeiden und selbstentworfene Strategien revidieren. Außerdem kann er - ähnlich wie bei den Tieren - auch ein Anzeiger dafür sein, wo Bedarf an bestimmten Produkten oder Leistungen besteht. Man weiß dann somit auch, wohin man sich ungefähr zu wenden hat, wenn man in diesem Erwerbsfeld ebenfalls mitmischen will. - Andererseits aber hat diese Orientierung am Konkurrenten auch entscheidende Nachteile: Erstens, führt sie zwangsläufig dazu, daß überall, wo ein Erfolg sichtbar wird, schnell auch andere hineilen - wodurch es in diesem Bereich dann in der Folge zu Überangeboten und einem sich entsprechend verschärfendem Konkurrenzkampf
kommt. Der Mensch hat ja den immensen Vorteil, nicht an eine bestimmte Erwerbsform gekettet zu sein - wie jedes Tier - sondern sich durch den Erwerb entsprechender Fähigkeiten und durch Ergänzung des Körpers durch entsprechende zusätzliche Organe in mannigfacher Richtung spezialisieren zu können. Er kann also in sehr vielen verschiedenen Bereichen zum willkommenen und hochbezahlten Problemlöser für andere werden. Gerade jene Probleme aber, um die sich bisher nur wenige oder noch überhaupt niemand kümmert, können die "brennendsten" sein, also einen besonders günstigen Absatzmarkt darstellen. Achte ich zu sehr auf bestimmte "Konkurrenten", dann hat das zwangsläufig zur Folge, daß sich mein Geist und meine Phantasie mit höchst unfruchtbaren Ausrichtungen beschäftigt, sich gleichsam wie gebannt auf einen "Wald" ausrichtet, während es weit eher auf "Lücken im Angebot" ankommt, auf Freiräume, um die sich andere nicht kümmern, die man bislang als interessante Erwerbsquelle übersehen hat. (Originalbuchseite 99)
Was die angeborene Furcht vor Feinden betrifft, das vorsichtige Mißtrauen gegenüber allem Unbekannten, so hat dies beim Menschen einiges von seiner ursprünglichen Aktualität verloren, wird aber ebenfalls im heutigen Wirtschaftsleben zum Störfaktor. Besonders in Großstädten, wo man sich in einer völlig "anonymen Gesellschaft" befindet, weiß man oft nicht einmal, wer in der benachbarten Wohnung lebt, und liest in den Zeitungsberichten laufend von Verbrechen und von der Unberechenbarkeit des Menschen23. Das aber führt zu einem nahezu generellen Mißtrauen, das viele Kontakte unterbindet, Hemmungen gegenüber der Verwirklichung von Vorhaben verursacht, ja manche gute Idee bereits im Keim erstickt. Wir kommen auch auf dieses Phänomen noch zurück. Ergebnis: Die uns von einer langen Ahnenreihe räuberisch erwerbender Vorfahren angeborenen instinktiven Tendenzen sind keineswegs eine Hilfe oder gar Ausgangsbasis für die neue, völlig andere Form des Energieerwerbes über doppelten Tausch. Also über den Erwerb von Geld, mit dem dann Nahrung und sonstige Leistungen erworben werden können. Nun ist andererseits der Mensch ein besonders lernbefähigtes Wesen. Sollte es uns nicht ein leichtes sein, aus dem alten Erbe zu übernehmen, was für die neue Ausrichtung nützlich ist, und über Bord zu werfen, was uns nicht mehr dient -? Die Antwort darauf geben die beiden nun folgenden, die Beweisführung abschließenden Prämissen.
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(Originalbuchseite 101)
8. Prämisse:
Durch Konditionierung wird der Nachfrager zum Schlüsselreiz für Raubverhalten
Über die Bedeutung der Schlüsselreize wurde bereits gesprochen. Während die verschiedenen Triebe dem Tier die Hauptausrichtungen für sein Verhalten aufzeigen - Nahrungssuche, Feindabwehr, Fortpflanzung etc. - erkennt es an bestimmten Schlüsselreizen, wann und wo es die verschiedenen angeborenen Aktionen und Reaktionen einsetzen muß. Also was sich als Nahrung eignet, wie sich Raubfeinde und sonstige Gefahren zu erkennen geben, wo ein Geschlechtspartner ist etc. Die Gehirnleistung besteht jeweils darin, diese Reize aus der Fülle von Sinnesmeldungen auszusondern und daraufhin die für das jeweilige Triebziel richtigen Handlungsfolgen auszulösen. Wie Attrappenversuche gezeigt haben, setzen sich die Schlüsselreize aus möglichst einfachen und unmißverständlichen Merkmalen zusammen. So wie der Künstler in der Karikatur eine Person oder ein Geschehen mit einigen wenigen Strichen charakterisiert, erkennt das Tier - bzw. eine entsprechende Nervenstruktur in seinem Gehirn - an markanten, möglichst unverwechselbaren Merkmalen die für sein Verhalten wichtigen Umweltbelange. Die Wirkung der Schlüsselreize ist, wie schon dargelegt, sehr maschinenhaft, hängt jedoch in der Stärke von der jeweiligen "Gestimmtheit", in der sich ein Tier (Originalbuchseite 102)
gerade befindet, ab. Ist es sehr hungrig, dann spricht es auf Schlüsselreize, die ihm Gefahr oder einen hilfsbedürftigen Rudelgenossen anzeigen, weniger an, als dies sonst der Fall wäre. Daß dies beim Menschen ähnlich ist, dürfte kaum zu bestreiten sein. Es wurde auch bereits darauf hingewiesen, daß lernbefähigte Tiere die ihr Triebverhalten in Bewegung setzenden Schlüsselreize noch quasi verbessern können. Der im Gehirn jeweils zuständige Mechanismus - in der
Verhaltensforschung "AAM" genannt - wird durch positive oder negative Erlebnisse derart verändert, daß er neue Merkmale mitberücksichtigt, ehe er der von ihm auszulösenden Reaktion das Startsignal erteilt.24 Beim Menschen werden so im Grundkonzept angeborene und dann über Erziehung, Erfahrung, Sitte und Laune mannigfach veränderte Schlüsselreize ganz außerordentlich differenziert. Ob etwa beim Essen eine gebratene Forelle, ein Backhuhn oder eine Cremeschnitte der Auslöser ist, diese Speisen am gegebenen Ort oder zum gegebenen Zeitpunkt zu bestellen: es sind raffiniert erweiterte Schlüsselreize zur bevorzugten Auswahl von Speisen, die hier auf uns einwirken und - gemeinsam mit anderen Faktoren wie etwa Preis und Eßpartner - unsere Willensbildung bestimmen. Oder wenn ein Mädchen sich in einen bestimmten Mann verliebt - oder ein Mann in eine bestimmte Frau: So komplex die Reizkombination auch sein mag, die uns in Triebstimmung versetzt und Gewalt über uns gewinnt: nicht in unserem Herzen sondern im Gangliengeflecht unseres Gehirns hat sich ein entsprechend komplexes Schaltschema entwickelt, das lässig über unseren "freien Willen" hinweggeht und uns zu Entschlüssen veranlaßt, über die wir uns nicht selten später selbst wundern. Kommt ein großer Körper schnell auf uns zu und weichen wir erschreckt zur Seite, dann (Originalbuchseite 103)
geschieht das nicht auf Grund von Überlegungen, sondern weil eine Instinktvorschrift uns dies - nach wie vor - diktiert. Nach wie vor sind mannigfache Triebe bei uns nicht minder wirksam wie bei den uns verwandten höheren Tieren - zum Beispiel eben: der Trieb nach Nahrung, jener uns zu schützen und jener, einen Geschlechtspartner zu finden. Nach wie vor lösen bestimmte Schlüsselreize, die mannigfach modifiziert sein können, Entschlüsse bei uns aus. Nach wie vor treibt es uns zu dieser oder jener Handlung, die von "tieferen", unserem klar überschaubaren Bewußtsein völlig unzugänglichen Entscheidungsbereichen her diktiert sind und nicht selten mit unserer Einsicht und Vernunft in Konflikt kommen (Abb. 7). Innerhalb dieser äußerst komplizierten Mechanik, mit der man sich in der Psychologie sehr eingehend befaßt hat, gibt es ein weiteres die Auslösung von Handlungen beeinflussendes Phänomen, die bereits erwähnte "Konditionierung". Hier geht es darum, daß nicht nur Schlüsselreize verändert und so verbessert werden - Kennzeichen für relevante Umweltbedingungen - sondern daß andere, völlig neutrale Reize unter Umständen den gleichen Auslöseeffekt in unserem Gehirn bewirken. Reize, die öfters der Befriedigung eines Triebverhaltens vorangehen, gelangen zu
ebensolcher "Macht" wie die ursprünglichen Schlüsselreize, "assoziieren" sich mit diesen, und vermögen dann, ganz ebenso wie sie, das Grundinventar eines bestimmten Trieb- und Appetenzverhaltens in Bewegung zu setzen. Der russische Physiologe I. Pawlow, der für seine Untersuchungen der Verdauungsvorgänge bei Tieren 1904 den Nobelpreis erhielt, stellte dies gleichsam als Begleiterscheinung seiner Untersuchungen - eher zufällig fest. Er studierte die Speichelabsonderung bei Hunden, die (Originalbuchseite 104)
Abb. 7: Komponenten der Willensbildung des Menschen. Die angeborenen Triebe sind von verschiedener Bedeutung und Komplexität. Der Vergleich zwischen Nahrungstrieb und Schlaftrieb zeigt das. Weitere Haupttriebe sind: der Geschlechtstrieb, der Sicherheitstrieb, der Brutpflegetrieb, der Neugiertrieb, der Gemeinschaftstrieb und zahlreiche andere. Erworbene Triebe ("Antriebe", "Motivationen") entstehen durch Erziehung, Gewohnheiten, Religion, Ideologie - außerdem stellt jeder stärkere Wunsch einen Trieb dar, der ebenso wie die angeborenen Triebe durch eine spezifische "Appetenz" und eine "abschaltende Endsituation" ausgezeichnet ist. Der stärkste erworbene Trieb ist jener nach Geld (Siehe Abb. 9). - Mit diesen Kräften hat sich das vernünftige Planen, die "Einsicht", bei der Willensbildung auseinanderzusetzen. Nach H. Hass 1978 (abgeändert). Siehe auch Anm. 10. (Originalbuchseite 105)
automatisch einsetzt, wenn ihre Sinnesorgane ihnen bei vorhandenem Hunger
Nahrung anzeigen. Bei den Experimenten von Pawlow waren die Hunde in einem Gestell gefesselt, sodaß bei Nahrungsgabe der bei ihnen einsetzende Speichelfluß meßbar verfolgt werden konnte. Aus irgend einem Grund wurden die Experimente durch das Läuten einer Glocke eingeleitet ... und bald stellte sich heraus, daß schon der Glockenklang genügte, um den Speichelfluß zu aktivieren - auch wenn nicht, wie üblich, ein Fleischstück an das Maul des Hundes gebracht wurde. Ein total neuer Reiz, der mit der Nahrungsaufnahme nicht das geringste zu tun hatte - eben der Glockenton war zu einem Schlüsselreiz geworden, der genau die gleiche Reaktion wie der angeborene auslöste.25 Pawlows weitere Versuche - wie jene ihm folgender Forscher - zeigten dann, daß geradezu jeder beliebige Reiz, wenn er regelmäßig einem erfolgreich verlaufenden Triebverhalten vorangeht, die gleichen Auswirkungen wie der angeborene Schlüsselreiz zur Folge hat. Dieser Lernvorgang ist höchst zweckmäßig. Macht ein Tier die Erfahrung, daß es Beute - oder ein anderes Triebziel wie etwa Feindwahrnehmung oder Annäherung eines Geschlechtspartners - an irgendwelchen anderen Sinnesreizen erkennen kann, noch ehe der eigentliche Schlüsselreiz vom Gehirn registriert wird, dann verbindet sich diese neue Reizwahrnehmung mit der registrierenden Nervenmechanik derart, daß auch sie das Triebverhalten aktiviert. Da hier eine neue Wahrnehmung mit dem bestehenden sensorischen Apparat verknüpft wird, spricht man von einer "Assoziation". Das alles wird wesentlich einfacher, wenn wir uns klar machen, daß dieses Phänomen längst vor Pawlow sattsam bekannt war, nur eben nicht wissenschaftliche Neu(Originalbuchseite 106)
gier veranlaßte, sondern einfach als "Selbstverständlichkeit" angesehen wurde. Tritt eine Bäuerin mit einem Futternapf aus dem Haus und ruft "Piep! Piep!", ehe sie das Hühnerfutter ausstreut, dann dauert es nicht lange, und die Hühner haben diesen Zusammenhang begriffen - ja reagieren bereits auf den Anblick der mit dem Futternapf aus dem Haus tretenden Bäuerin ganz ebenso wie auf den Anblick der von ihnen im Garten gesuchten und entdeckten eßbaren Körner. Der neue, völlig neutrale Reiz "Piep! Piep!" läßt dann sogar Hühner, deren unmittelbarer Hunger bereits gestillt ist, die neugierig dem gesellschaftlichen Hühnergeschehen zusehen oder sich ein wenig zur Ruhe gelegt haben, wie elektrisiert auffahren und, zum Konkurrenzkampf bereit, zur Bäuerin hineilen. Selbst wenn diese vergeßlich war und sich im Napf gar
kein Futter befindet, ist die Reaktion ganz ebenso ... ganz ebenso wie die Speichelabsonderung bei den Pawlowschen Hunden, wenn die Glocke erklang und kein Fleischstück in ihr Maul gelangte26. Es wird bestimmt erstaunen, wenn hier behauptet wird, daß eine solche "Konditionierung" über ganz analoge "Assoziation" eine geradezu tragische Auswirkung hatte, die seit etwa 10.000 Jahren wirksam wurde und seither jeden betroffenen Menschen in seinem Berufsleben daran hindert, so effektiv und erfolgreich zu sein, als er es mit seinen Fähigkeiten und Mitteln sein könnte. Was die Pawlowschen Hunde oder die Bäuerin, die Hühner oder sonstige Haustiere füttert, mit dieser Tragik zu tun haben, muß nun allerdings noch etwas genauer erklärt werden. Was geschah, als der Mensch sich in seßhaften Gemeinschaften auf die Herstellung benötigter Güter oder auf die Erbringung benötigter Dienste spezialisierte? Der Vorgang des Nahrungserwerbes - und damit des so (Originalbuchseite 107)
entscheidend wichtigen Energieerwerbes - wurde so ein höchst indirekter. Statt Wild zu jagen oder Gemüse anzubauen, gelangt der Schuster an Wildbret und Gemüse - indem er Schuhe herstellt. Das mag wieder höchst selbstverständlich erscheinen, ist es aber ganz und gar nicht. Der Schuster stellt Schuhe her, verkauft sie - gewinnt also in einem Tauschvorgang so und so viel Geld -, und mit diesem gelangt er dann, in einem zweiten Tauschvorgang, an Nahrung. Zwei an sich total getrennte Vorgänge sind in diesem Fall miteinander verknüpft: Die Herstellung der Schuhe hat nicht das entfernteste mit Nahrungssuche zu tun - jede Bewegung ist anders und auch die eingesetzten Werkzeuge sind völlig verschieden. Und doch gelangt der Mann über die Schuhherstellung an Nahrung. Über einen Umweg. Die Nahrungsgewinnung wird bei diesem doppelten Tauschvorgang eher einfach: worauf es weit mehr ankommt, ist der Verkauf der Schuhe und der Geldgewinn bei diesem Vorgang. Zwei neue Faktoren treten somit bei diesem Energieerwerb in den Vordergrund. Erstens der Bedarf an Schuhen. Zweitens: der Umstand, daß der Bedarfer an Schuhen auch über entsprechend viel Geld verfügt. Daß es ihm also gelungen war, über eigene andere Leistungen von anderen Bedarfern entsprechend viel Geld zu erhalten - oder genauer: entsprechende Geldüberschüsse zu erwirtschaften. Denn nur wenn diese beiden Voraussetzungen erfüllt sind, funktioniert dieser völlig neue Erwerbsvorgang. Erste Voraussetzung ist, daß Bedarf an der eigenen
Leistung besteht. Die zweite, daß der Bedarfer auch so viel Geld zu bezahlen bereit ist, daß sich der eigene Aufwand lohnt und ein entsprechender Geldzuwachs stattfindet. In der Energontheorie erwähnte ich bereits dieses Phänomen einer durchaus neuen Form des Energieerwer(Originalbuchseite 108)
bes.27 Was ich damals noch nicht erkannte, war eine der Folgen, die sich für den Menschen aus diesem Übergang vom Jäger und Sammler zum Berufstätigen, der über einen doppelten Tauschakt Energie erwirbt, ergaben. Denn da diesem neuen Energieerwerb regelmäßig die Auseinandersetzung mit Interessenten voranging - ja hier zum Hauptproblem wurde -, wurde der Kunde zum neuen Schlüsselreiz für Nahrungserwerb, ganz ebenso wie die Glocke bei den Pawlowschen Hunden, wie das "Piep! Piep!" der Bäuerin und der Anblick ihres Erscheinens mit dem Futternapf. Das Auftauchen eines Bedarfers löste also bei dieser neuen Erwerbsart ganz automatisch die angeborenen Richtlinien für Beuteerwerbsverhalten aus ... die, wie in der letzten Prämisse ausgeführt, keineswegs für Tauscherwerb optimal sind. An die Stelle des Nahrungserwerbes trat somit die Aufgabe, Wünsche die andere hatten, zu erfüllen. Also wurde über den Vorgang der Konditionierung der Interessent, der Kunde, der "Nachfrager" und der "Arbeitgeber" zur eigentlichen Beute, der es das Wesentliche zu entreißen galt. Nämlich mehr Geld, als einem die eigene Anstrengung und der eigene Aufwand kostete. Gelang dieses "Geschäft" - dann war das zweite, nämlich das Eintauschen der benötigten Nahrung, nur eben ein in der Regel höchst einfaches Nachspiel. Auf den Gelderwerb kam es jetzt an. - Und da dem Menschen dafür keinerlei Strategien angeboren waren, sprang der Nahrungstrieb mit all seinen angeborenen Richtlinien (die sich seit mehr als einer Jahrmilliarde immer weiter verfeinert hatten) höchst automatisch in die Bresche. So wie beim Verhalten des Jägers und Sammlers die menschliche Intelligenz den instinktgesteuerten Beuteerwerb unterstützte, so unterstützte nun - und unterstützt bis heute - unser Instinkt, über Raub Beute zu erwerben, unseren (Originalbuchseite 109)
Intellekt bei seiner neuen Bemühung, über einen doppelten Tauschakt an Nahrung zu gelangen, "das Leben zu fristen". Wobei nur eben diesmal die Zusammenarbeit durchaus nicht "Hand in Hand" und harmonisch verlief. Denn während sich der Intellekt bei der Verbesserung der Raubstrategien
durchaus den Erfordernissen des angeborenen Strebens nach Beute anpaßte und diesen Vorgang so laufend verbesserte, sind die guten Ratschläge für Beuteerwerbsverhalten beim Erwerb durch Tauschakte nur teilweise hilfreich, zum weit größeren Teil jedoch antiquiert, unbrauchbar, obsolet geworden. Ja für den neuen Erwerbsvorgang sind sie hinderlich, schädlich, seine Möglichkeiten und Effizienz vermindernd. Darin liegt die besondere Tragik, die als Grundtenor in diesem Buch nicht übersehen werden sollte. Wenn der Mensch heute in der Wirtschaft die Methoden des Räubers anwendet, dann ist er nicht "böse" oder "schlecht" sondern ungeschickt. Er ist über sich selbst nicht genügend aufgeklärt. Wohl sagt manchem sein Verstand, daß in diesem Gesamttun etwas total falsch ist aber innere Stimmen, mit denen er sich identifiziert, die er als essentiellen Bestandteil seines "Ich" empfindet, führen ihn irre. Längst nutzlos gewordene Diener - in Gestalt angeborener Steuerungen - lassen sich nicht mundtot machen und fahren "im besten Bestreben" fort, gänzlich überholte, schädigende Ratschläge zu erteilen. So kommt es, daß bestimmt nicht weniger als 80% aller Erwerbstätigen, indem sie sich von diesen beeinflussen lassen, "von innen her behindert sind". So kommt es, daß der Mensch - wie Konrad Lorenz sehr richtig hervorhob -, in seinem technischen Fortschritt bereits dahin gelangte, auf dem Mond zu landen, während er in seinem "innerartlichen Verhalten" kaum vergleichbare Fort(Originalbuchseite 110)
schritte zu verbuchen hat. Hier blieb - trotz religiöser und ideologischer Mahnungen, trotz ethischer und moralischer Bemühungen jeglicher Art noch alles im Prinzip beim alten, sosehr sich der Mensch auch selbst darüber wundert. Und all das aus einem bisher unerkannten Grund, einem chronischen Dauerkonflikt, der sich automatisch mit dem Übergang von der räuberischen Erwerbsform zu jener über doppelten Tausch ergab. So wie sich Pawlows Hund daran gewöhnte, daß die Glocke für ihn Nahrungserwerb bedeutete, und, wenn er den Glockenklang hörte, zu speicheln begann, so gewöhnt sich der Mensch daran, daß der Kunde für ihn Nahrung bedeutet und dies löst seine Raubinstinkte aus. Erster Einwand: Würde der Anblick des Kunden, des Interessenten, des Bedarfers an irgendwelchen Produkten oder Dienstleistungen wirklich angeborene Raubinstinkte wecken, dann würde der Anbieter den Nachfrager doch offenbar als Nahrung betrachten und demgemäß auf ihn losgehen. Antwort: Auch Pawlows Hunde bissen nicht in die Glocke. Auch die von der Bäuerin gefütterten Hühner versuchten nicht, sie zu fressen. Es ist vielmehr
so, daß meist eine Aufeinanderfolge von Schlüsselreizen dem Tier seinen Weg weist. So werden etwa Haie durch das Gezappel in Not befindlicher Fische (die etwa von anderen angegriffen werden oder an einer Angel hängen) aus weiter Entfernung angelockt. Sie reagieren dabei nicht auf beliebige Druckschwingungen, die sich im Wasser ausbreiten, sondern nur auf solche, wie sie in Not befindliche Fische (leichte Beute also) bewirken. Kommt daraufhin der Hai so schnell er kann näher und ist das Tier verletzt, dann ist Blutgeruch ein weiterer Schlüsselreiz, der ihm (insbesonders nachts oder in trübem Wasser) zusätzlich den Weg weist. Ist er an die Beute gelangt, dann geht der Hai zur Erwerbshandlung über (Originalbuchseite 111)
und richtet sich dabei nach der jeweiligen Situation. Hat er die Beute im Maul und zeigt der Geschmack ihm an, daß sie giftig oder ungenießbar ist (solche Versuche wurden gemacht und filmisch festgehalten), dann spuckt er sie schleunigst wieder aus. Also beißt der Hai keineswegs ins Wasser, wenn er Gezappel wahrnimmt oder Blutgeruch an seine Nase gelangt. Und sieht er die Beute, dann macht er nicht die Mundbewegungen des Ausspuckens. Aber jeder der ihn anlockenden Reize erregt sein Raubverhalten, die "Appetenz" des Beuteerwerbes, aktiviert die ihm angeborenen Grundregeln für zweckmäßige Aktionen und Reaktionen. Diese sind, wie gesagt, je nach Art der Beute, besonders bei Spezialisten sehr verschieden, umfassen jedoch stets die wichtigen Anweisungen: a) Nimm keine Rücksicht auf die Beute, sondern nütze Deine Chance so ausgiebig wie Da kannst! b) Verfahre möglichst so, daß Du möglichst schnell und möglichst präzise, bei möglichst geringem eigenen Kraftaufwand, ein Maximum an Gewinn erzielst! c) Achte auf Konkurrenten, jage ihnen die Beute ab, laß sie Dir nicht selbst abjagen! d) Achte auf Feinde, damit Du nicht selbst im Magen anderer landest! Zweiter Einwand: Gut, das mag so sein. Doch wenn etwa ein Schuster einen Schuh anbietet, dann muß er diesen ja schließlich erst herstellen. Er muß also das Leder erwerben, muß die nötigen Werkzeuge handhaben, muß eine Unzahl von Dingen tun, ehe er überhaupt einen Kunden interessieren kann. All das ist doch vom Nahrungserwerb über Raubverhalten so total verschieden, daß wohl kaum anzunehmen ist, dieser erlernte Beruf würde durch angeborene tierische Instinkte irgendwie beeinflußt. Die neue Erwerbsform hat andere Regeln - das eine hat einfach mit dem anderen nichts zu tun. - Antwort: Auch dies läßt sich entkräften. Beispiels(Originalbuchseite 112)
weise durch Besuch in einem Zirkus. Da kommen etwa Elefanten, dicht aufeinander folgend in die Manege, wobei jeder mit dem Rüssel den vorangehenden am Schwanz hält. Auf ein Zeichen des Wärters (oder bei Veränderung der den Vorgang begleitenden Musik) bleiben sie dann stehen, lassen einander los ... steigen nun etwa auf im Kreis angeordnete Podeste, erheben sich dann auf ein weiteres Kommando auf die Hinterbeine ... oder drehen sich um sich selbst ... oder führen noch weit kompliziertere Kunststücke aus. All das kam über "Konditionierung" zustande. Der Mensch, der die Dressur ausführte, schuf geduldig Assoziationen - oder, wie der Psychologe sagt, eine Reihenfolge "bedingter Aktionen". Jeder der Elefanten lernte, daß er auf ein bestimmtes Zeichen in die Manege kommen muß - dann gibt es Futter. Als nächstes lernt er etwa, daß er mit einem Zweiten hereinkommen und diesen dabei mit dem Rüssel am Schwanz halten muß dann gibt es Futter - oder, wenn er es nicht tut, allenfalls Tadel und kein Futter. So wird die ganze schwierige Prozedur Stück für Stück aufgebaut. Das lockende Futter als letzter Schlüsselreiz bleibt stets die Motivation des Vorganges, und diesem Beuteerwerb werden immer mehr Handlungen, die auf immer weitere Kommandos (Schlüsselreize) zu leisten sind, vorangereiht, also "assoziiert". Auch wenn diese Dienstleistung sich aus einer Unzahl von Einzelhandlungen zusammensetzt ("operantes Lernen"), dann kann sogar das tierische Gehirn dazu gebracht werden, dies zu überschauen. Der intelligente Mensch kann dies - wenn er zum Gelderwerb benötigte Produkte herstellt oder gewünschte Leistungen erbringt - noch wesentlich besser. Über entsprechende Berufsausbildung lernt er - über Sprache und Vorzeigen gelenkt und über Lob und Tadel motiviert - wie er durch bestimmte Leistungen an Geld (Originalbuchseite 113)
gelangen kann: meist sorgen in dieser Periode die Eltern oder andere für die Ernährung. Dann beherrscht er seine Fähigkeit und kann sie zum Gelderwerb einsetzen. Er kann sich dann "sein Leben selbst verdienen". Verdient er mehr, als er für "das Fristen des nackten Lebens" (wozu auch die Bezahlung von Kleidung und einer Unterkunft gehört), benötigt, dann kann er sich auch bereits "Luxus" oder die Begründung einer Familie leisten, kann Wünschen und Trieben nachkommen und sich "das Leben angenehm gestalten". Über Erfahrung wird die eigene Fähigkeit immer größer - er lernt auf immer mehr Umweltreize sinnvoll zu reagieren ... also auf immer mehr Schlüsselreize, nach denen er seine Tätigkeit ausrichtet. Mit Nahrungserwerb hat dies alles nur indirekt zu tun - und doch leistet der dafür zuständige Trieb die primäre Motivation. Der an der Berufsleistung interessierte Nachfrager ist somit
letztlich ausschlaggebend - wie für die dressierten Elefanten der Dompteur. Er entscheidet über die letztlich vereinnahmte "Beute". Also löst er ganz automatisch - neben allen über Erfahrung erlernten Reaktionen - die angeborenen Grundeinstellungen für räuberisches Beuteerwerbsverhalten aus. Dritter Einwand: Beim unmittelbaren Tausch mag dies vielleicht stimmen. Ich stelle eine Axt her - und erhalte dafür Nahrung. Ich betätige mich in der Gemeinschaft als benötigter Wachposten und erhalte dafür von dieser Gemeinschaft Nahrung. Aber in der Wirtschaft ist es ja eben nicht so. Weder Freiberufler noch Angestellte oder Unternehmer erhalten für ihre Leistungen Nahrung. Vielmehr erhalten sie Geld. Und das können Sie nicht essen. Also hat Nahrungserwerb nicht direkt mit Berufstätigkeit zu tun. - Antwort: Unter den unzähligen Untersuchungen und Experimenten, die Psychologen und Verhaltensforscher bei Tieren und Menschen aus(Originalbuchseite 114)
führten, um die Gehirn-Mechanismen des "Lernens" zu untersuchen und besser zu begreifen, gab es auch solche mit Affen, die über Betätigung von mechanischen Vorrichtungen oder sonstige Handlungen Geld erwerben konnten - und dann sehr wohl begriffen, daß man mit solchem Geld, indem man es etwa in einen Automaten wirft, zu Nahrung gelangen kann. Dabei wurde auch festgestellt, daß Affen verschieden große oder gefärbte Geldstücke unterscheiden können, die Beurteilung ihres Wertes lernen, Geld horten, Geld stehlen, sich um Geldstücke streiten28. Selbst das Gehirn des Affen ist also im Prinzip bereits in der Lage, die hier maßgebenden Zusammenhänge zu begreifen. Freilich nur unter Anleitung. Erst dem Menschen, dem es möglich ist, Ich-bewußt Ursachen und Wirkungen zu überschauen, konnte es gelingen, für die neue Erwerbsform über doppelten Tausch - also über Gelderwerb für Güterproduktion oder Dienstleistung als erster Schritt, und Nahrungserwerb durch Geldgabe als zweiter Schritt - die notwendige Organisation zu schaffen. Beim heranwachsenden Kind kann man genau den Augenblick beobachten, da es diese Zusammenhänge und ihre Bedeutung zu begreifen beginnt. Wie auch immer die Berufstätigkeit oder die Ausrichtung von Unternehmen beschaffen sein mag: stets weckt der Interessent an zum Kauf gebotenen Gütern oder an Dienstleistungen für Bezahlung die gleiche Erregung (Appetenz) und die gleichen Maximen in der Grundeinstellung wie die Beute beim räuberischen Verhalten. Nichts zwingt den berufstätigen Menschen dazu, diesen Maximen zu folgen. Nur drängen sie sich ihm gleichsam auf. Mit weiteren Einwänden - soweit sie mir bekannt sind - werden wir uns noch
beschäftigen. Was hier über den Vorgang der Konditionierung und seine Folgen dargelegt (Originalbuchseite 115)
wird, ist an sich keinem Psychologen neu - und widerspricht auch nicht der heutigen Lehrmeinung. Neu ist bloß die Behauptung, daß dieser bis in feinste Details erforschten Mechanik der Bildung "bedingter Reflexe" und "bedingter Aktionen" in der menschlichen Entwicklung eine so schicksalhafte Bedeutung zukommt. Neu ist die Einsicht, daß es über eben diese Vorgänge zwangsläufig dazu kommen mußte - und bis zum heutigen Tag regelmäßig dazu kommt -, daß der über Tauschakte Energie erwerbende Mensch längst nicht so effizient ist, als er es an sich sein könnte. Und zwar nicht, weil etwa metaphysische, teuflische Kräfte uns daran hindern - sondern weil ein für die neue Sachlage nicht mehr kompetenter Instinkt uns ebenso wohlmeinende wie falsche Ratschläge erteilt und dadurch die Richtung unserer Gedanken an entscheidenden Punkten in unzweckmäßige, falsche, ja dramatischnachteilhafte Richtungen lenkt. Noch einem Einwand möchte ich schon hier begegnen. Er lautet: Wenn dem allem wirklich so ist und es stimmt, daß obsolent gewordene Instinktsteuerungen uns ernsthaft behindern: Warum wurden diese dann nicht rückgebildet? Schließlich wurden ja auch bei Pflanzen und Tieren Organe, die sie nicht mehr benötigen, rückgebildet -? Das stimmt zweifellos. In der gesamten Evolution kam es immer wieder vor bei Wechsel in der Erwerbsform, des Klimas, bei Verfrachtung in neue Umwelten -, daß bisher wichtige Organe oder Verhaltenssteuerungen ihre Bedeutung verloren. Ihre Rückbildung nahm jedoch meist Hunderttausende, wenn nicht Millionen Jahre in Anspruch. So wie Neubildungen oder Verbesserungen nur sehr allmählich entstanden, weil sie auf entsprechende Veränderungen im Erbgut (Mutationen) angewie(Originalbuchseite 116)
sen waren, so dauerte es meist nicht minder lang, bis überflüssig gewordene, nicht mehr leistungserbringende Einheiten eliminiert werden konnten. Bei Fischarten, die sich dem Leben in dunklen Höhlen anpaßten, wissen wir, daß die Rückbildung der nutzlos gewordenen Augen Jahrmillionen dauerte. Und die Rückbildung der Kiemen, die bei den vor 350 Millionen Jahren das Land erobernden Fische nutzlos wurden, ging bei den nachfolgenden Landwirbeltieren - den Lungenfischen, Amphibien, Reptilien, Säugetieren
und Vögeln - so langsam vor sich, daß die meisten unter ihnen (auch der Mensch) im Embryonalstadium immer noch Kiemenspalten anlegen: gleichsam als letzten Rest einer Visitenkarte der Abstammung von im Meer lebenden Urvorfahren. Der Zeitraum von bloß 10.000 Jahren konnte deshalb so überaus wichtige und festverwurzelte Steuerungen, wie jene zum Energieerwerb über Raub kaum berühren. Dazu kommt noch, daß kein zwingender Grund dafür bestand. Denn auch Erwerb über Tauschakte nach Räubermanier ist durchaus möglich und kann zu beträchtlichen Erfolgen führen ... ist bloß nicht die optimale Lösung. Wie im weiteren Verlauf gezeigt werden soll, handelt es sich hier um einen besonders kritischen Punkt in unserer Entwicklung. Zunächst arbeiteten zwei Millionen Jahre lang - Intellekt und Instinkte prächtig Hand in Hand. Dann, als es zum neuen Energieerwerb über Tauschvorgänge kam, wurden angeborene Steuerungen zum ärgsten Hemmschuh in dieser Entwicklung. Dies führte dazu, daß der Erwerb über Tauschakte mit schlechten und falschen Strategien betrieben wird ... führte zum "Halben Räuber".29 Oder genauer: Sie führte zum Menschen, der in der neuen Erwerbsform erst halb evoluiert ist, der die Fußangeln der Vergangenheit noch (Originalbuchseite 117)
nicht abgestreift hat, der zum eigenen Nachteil und zum Nachteil seiner Umwelt mit räuberischen Methoden Tauscherwerb betreibt. Dies führte zu dem als "Psychosplit" bezeichneten Steuerungskonflikt, der praktisch eine Aufspaltung in zwei sehr verschiedene Verhaltensausrichtungen bedeutet.
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(Originalbuchseite 119)
9. Prämisse:
Der Universalvermittler Geld steigert den chronischen Steuerungskonflikt
Der Lernvorgang über Konditionierung, der sich sonst überall vorteilhaft auswirkte, wurde somit für den Menschen zu einem argen Handicap - zu einem Klotz am Bein, der die Optimierung der neuen Erwerbsart behindert. Der Interessent, der Kunde, der Nachfrager, der Arbeitgeber werden durch diese ganz automatisch verlaufende innere Verknüpfung, die sich völlig unserem Bewußtsein entzieht, zum Auslöser für Instinktregungen, welche die Entscheidungen beeinflussen und so den Intellekt in seiner Tätigkeit und Entfaltung behindern. Tritt ein Interessent an der eigenen Leistung in Erscheinung, dann empfiehlt uns eine innere Weisung: Achte ja auf Deinen Vorteil! Nur auf diesen kommt es an! - während es beim erfolgreichen Erwerb über Tausch sehr wesentlich auf die Interessen und auf die Zufriedenheit anderer ankommt. Wird ein Vertrag uns angeboten, dann wispelt eine innere Stimme uns zu: Nütz die Möglichkeit optimal! Schlage möglichst günstige Bedingungen heraus! - während es weit wichtiger ist, sich auf eine für beide Seiten langfristig zufriedenstellende Regelung zu einigen. Sucht jemand nach einer neuen Stellung, dann beeinflußt ihn der gleiche innere Ratgeber, jene zu wählen, wo am meisten gezahlt wird - während eine andere, mit etwas weniger günstigen Bedingungen zu (Originalbuchseite 120)
ganz wesentlich besseren Entwicklungsmöglichkeiten führen würde. Sehen wir, daß irgendwo kräftig verdient wird, dann drängt es uns geradezu magisch dazu, dort mitzumischen - und wir übersehen so Verdienstmöglichkeiten, für die wir weit besser geeignet wären, ja wo wir in Kürze eine ergiebige Monopolstellung erlangen könnten. Auf all das kommen wir noch ausführlich zurück. Die Verlagerung des
Schlüsselreizes für Raubverhalten auf Kaufinteressierte ist jedoch bloß die eine Hälfte des Psychosplits, dessen Auswirkungen uns treffen. Dieser chronische Dauerkonflikt, der sich mit der neuen Erwerbsform wie eine Krankheit ausbreitete und heute schon praktisch jeden trifft oft am gleichen Tag mehr als einmal -, wird noch durch einen zweiten Konditionierungsvorgang verstärkt ... und damit kommen wir zum Thema der letzten Prämisse. Was nämlich für den Tauscherfolg entscheidend ist, das ist de facto gar nicht der Tauschpartner, sondern das in seinem Besitz befindliche und dann in den unseren überwechselnde Geld. Das aber führte von Anbeginn dieser Entwicklung dazu, daß über eine weitere Assoziationsbildung - also über eine weitere innere Verknüpfung von Nervenfunktionen Geld zum eigentlichen, noch stärkeren Schlüsselreiz wurde, der noch mehr als interessierte Kunden dafür sorgt, daß unsere Raubinstinkte wirksam aktiviert werden. Auch hier gibt es niemanden, den eine Schuld träfe - und man kann weder von "gut" oder "böse" sprechen. Es ist eine Begleiterscheinung der Tatsache, daß mancher Fortschritt auch mit argen Hypotheken belastet ist. Das aber ist beim Geld in besonderer Ausprägung der Fall. Ohne dieses Universalaustauschmittel wäre der gesamte menschliche Fortschritt unmöglich gewesen. Nur durch Spezialisierung auf Berufsformen und Unternehmens(Originalbuchseite 121)
ziele konnte die technische und wirtschaftliche Entfaltung stattfinden nur über diesen Vermittler, der jede Leistung in jede andere transferierbar und jedes Leistungsergebnis beliebig teilbar und mit anderen zusammenlegbar macht, verfügen wir heute über eine solche Unzahl zusätzlicher Organe, die unsere Macht so immens steigern und auch Grundlage für alle unsere Kultur und Lebensverfeinerung - also, für Luxusentfaltung, Kunst, Sport, Vergnügen und sonstige Annehmlichkeiten - sind. Ohne das für den Erwerb über Tauschakte so wichtige Werkzeug Geld wären wir noch heute kaum weiter als auf jener Entwicklungsstufe, die uns Splittergruppen unterentwickelter Völker vor Augen führen, die ohne diesen Vermittler auskommen. Sie
zeigen deutlich Ansätze zu fast jeder der Entwicklungsrichtungen, die der technisierte, industrialisierte Mensch dann einschlug - doch zu all dem war der Universalvermittler Geld einfach Voraussetzung. Ohne ihn wären die meisten Betriebsstätten und Unternehmen, die größere Investitionen erfordern, praktisch kaum möglich und das gilt ebenso für die meisten Erfindungen, Entdeckungen und Innovationen. Diesem immensen Vorteil steht nun andererseits ein nicht minder ins Gewicht fallender Nachteil gegenüber - wobei ich von der Problematik, die Geldmenge auf den Umfang der jeweiligen Leistungsgemeinschaft abzustimmen und seinen Tauschwert stabil zu halten, absehe. Solche und ähnliche Auflagen zieht praktisch jeder Fortschritt, jede Neuerung nach sich. Was sich für die Menschheit so entscheidend negativ auswirkte, ist der bedeutsame Umstand, daß über Geld nicht nur Nahrung - also Energie und Aufbaustoffe - sondern auch jedes vom Menschen geschaffene "Produkt" und jede von Menschen angebotene "Dienstleistung" ganz (Originalbuchseite 122)
ebenso käuflich erworben werden kann - sofern bloß die notwendige Menge "erwirtschaftet" und "gehortet" ist. Das nämlich bedeutet, daß durch Gelderwerb nicht nur unser Nahrungstrieb befriedigt werden kann, sondern auch praktisch jeder andere uns angeborene Trieb sowie fast alle über Kultur, Sitte und Mode entstandenen Bedürfnisse voll befriedigt oder zumindest entscheidend gefördert werden können. Um zu begreifen, was das heißt, muß man den Vorgang biologisch sehen also wieder von der üblichen Beurteilungsweise abweichen. Wie schon ausgeführt, kann über den Tausendsassa Geld nun praktisch jeder Trieb entweder direkt befriedigt oder in seinem Ablauf gefördert werden. Und ebenso läßt sich der Bedarf an jedem in der Wirtschaft angebotenen zusätzlichen Organ (Kleidung, Maschine, Bauwerk etc.) und an jeder in der Wirtschaft angebotenen Dienstleistung (ärztliche Betreuung, Theatervorstellung, Flugzeugtransport etc.) über Geld erwerben - und somit fast jeder "erworbene Wunsch" erfüllen. Das aber bedeutet schlußendlich, daß das Universaltauschmittel Geld zu einem Universal-Schlüsselreiz wurde, wie es in der vorangehenden
Evolution noch nie etwas auch nur entfernt Vergleichbares gegeben hat. Aus dieser Sicht ist Geld ein Zauberstab, der nicht nur Nahrung herbeischafft - sondern auch fast sämtliche sonstigen Bedürfnisse und Wünsche erfüllen kann. Natürlich weiß jedermann, daß man für Geld so ziemlich alles erwerben, sich so ziemlich jede Art von Wunsch erfüllen kann - und deshalb der Erwerb von Geld höchst erstrebenswert ist. Dagegen ist durchaus nicht jedermann klar, daß dies - wiederum über Konditionierung - sämtliche angeborenen und erworbenen Triebkräfte dahingehend vereint, uns auf den Erwerb von Geld zu konzentrieren. (Originalbuchseite 123)
Abb. 8: Der übernormale Schlüsselreiz. Wie Experimente zeigten, bevorzugen die Weibchen mancher Vogelarten beim Brüten ein künstliches Riesenei dem eigenen, obwohl sie darauf gar nicht Platz haben. Hier handelt es sich um eine negative Begleiterscheinung angeborenen Verhaltens - ebenso wie beim Psychosplit des Menschen und dem Phänomen des Halben Räubers. - Auch über Werbung können übernormale Schlüsselreize geboten werden, die nicht dem Nutzen des Kunden sondern vorzüglich jenen der jeweiligen Produzenten dienen. Aus H. Hass 1987, Bd. 4, nach N. Tinbergen 1951.
Bei manchen Tieren beobachtete man, daß künstlich geschaffene Schlüsselreize noch wirksamer sind, als die natürlichen. So bevorzugen etwa manche brütende Vögel, wenn man neben ihre Eier ein um ein mehrfach größeres künstliches Ei legt, dieses und turnen dann im Bestreben, es zu bebrüten, unter Vernachlässigung der eigenen darauf
herum (Abb. 8). Das ist aber dann nur eben ein Trieb, der fehlgeleitet wird - ähnlich wie bei den erworbenen Antrieben uns über Werbung anderes aufgedrängt werden kann, als wir eigentlich wünschten. Das Zaubermittel Geld ist in diesem Sinne ein "übernormaler Schlüsselreiz" von solcher Kraft, daß er die Aufmerk(Originalbuchseite 124)
samkeit geradezu hypnotisch auf sich lenkt. Und zwar zum Nachteil dessen, der Gelderwerb anstrebt. Denn für diesen Vorgang ist ja die Ausrichtung auf die Interessen des jeweiligen Kunden oder Arbeitgebers wesentlich - und gerade von solchen Gedanken lenkt die magische Anziehungskraft des Geldes ab. Um es noch einfacher zu sagen: Um im Gelderwerb erfolgreich zu sein, ist es richtig, nicht an diesen Erwerb sondern an die Probleme und Interessen des jeweiligen Nachfragers der eigenen Leistungen zu denken, sich möglichst auf diese zu konzentrieren - während das Geld es zuwege bringt, daß wir dies nicht tun. Und noch mehr. Bei angeborenen oder erworbenen Bedürfnissen gibt es in der Regel eine die Motivation "abschaltende Endsituation". Ist mein Bedürfnis am Genuß einer bestimmten Torte befriedigt, dann läßt nach so und so vielen Stücken der Impuls deutlich nach, "schaltet schließlich ab". Ist jemand sexuell erregt und erreicht er sein Triebziel, dann schaltet - zumindest für eine Weile - die triebspezifische Erregtheit ab. Wünscht er sich glühend nach Mallorca zu fahren und ist er dann dort, dann ist der Wunsch befriedigt - und wird allenfalls erst zu einem späteren Zeitpunkt wieder in ihm auftauchen. Für den Erwerb von Geld gibt es dagegen keine "abschaltende Endsituation". Denn unsere Phantasie bringt es mit sich, daß wir uns fast ständig irgend etwas wünschen, das wir noch nicht haben. Der langen Rede kurzer Sinn: Der uns so überaus hilfreiche Diener Geld wurde gleichzeitig zu einem unsere Interessen erheblich störenden Tyrann. Er verhindert, daß wir uns tauschgerecht verhalten und vermindert dadurch unsere wirtschaftliche Potenz. Dieser übermächtige Schlüsselreiz bewirkt, daß unsere Gedanken eine falsche Richtung nehmen, daß wir "egoistisch" und damit wider unsere (Originalbuchseite 125)
wirklichen Interessen handeln, daß wir, um ja noch mehr zu verdienen ... de facto weniger verdienen, als möglich wäre. Und wiederum nicht weil wir "böse" oder von "einem Dämon besessen" sind, sondern weil dieser übermächtige Schlüsselreiz uns daran hindert, unsere Fähigkeiten und Mittel zum eigenen Vorteil richtig einzusetzen. Auch sinnloses "Horten" von Geld und extremer "Geiz" haben hier ihre Wurzel. In genauer Analyse findet noch eine dritte, noch bedenklichere Konditionierung statt. Geld wird nicht nur zum Schlüsselreiz, nach dem wir bei allen auftretenden Bedürfnissen und Wünschen suchen was sich dann ganz automatisch mit der Aktivierung der Raubinstinkte verbindet. Sondern der sich so ergebende Trieb nach Geld wird gleichsam allen sonstigen Trieben vorgelagert und wird so zu einer zentralen Ausrichtung, die unbelehrbar und maschinenhaft uns behindernde Instinktmaximen in uns weckt (Abb. 9). Das ist die zweite Hälfte des Psychosplits, den ich hier darzulegen versuche. Seine Entwicklung läßt sich wie folgt zusammenfassen: Erstes Stadium: Der Mensch sucht persönlich nach Nahrung, ganz ebenso wie die verwandten Tiere. Schlüsselreize, die ihm Nahrung anzeigen, versetzen ihn in entsprechende "Appetenz", in "Erwerbsgestimmtheit", was - ebenso wie bei den Tieren - instinktive Verhaltensrichtlinien auslöst. Zweites Stadium: Der Mensch erwirbt Nahrung von einem anderen Menschen in direktem Tausch, indem er diesem eine Gegenleistung bietet. Wiederholt sich der Vorgang und wird der andere zum "Kunden", dann löst dieser bei weiteren Kontakten, wenn er sich wieder in Tauschstimmung zeigt, die gleiche Reaktion aus wie der Anblick von Beute. (Originalbuchseite 126)
Drittes Stadium: Der Nachfrager zahlt nicht mit Nahrung sondern mit Geld - für das dann Nahrung erworben werden kann. Eine zweite Konditionierung findet statt. Das Geld wird zu einem weiteren, die angeborenen Raubstrategien auslösenden Schlüsselreiz.
Viertes Stadium: Sehr bald wird in dieser Entwicklung evident, daß sich über Geld nicht nur Nahrung erwerben läßt, sondern ebenso auch Dienstleistungen anderer, sowie von anderen hergestellte und zum Kauf angebotene Güter. Das aber steigerte den Wert des Geldes noch ganz ungeheuer. Gelderwerb wurde so praktisch zum zentralen, neuerworbenen Trieb, der sich mit allen übrigen verband, ja ihnen gleichsam vorgeschaltet wurde. Am heutigen Entwicklungspunkt tritt noch ein weiterer gravierender Faktor hinzu. Die immer schnellere Dynamik des Wandels bei den Marktwünschen und Angeboten läßt es immer wichtiger werden., dem Bedarf der "Zielgruppe", für die man tätig ist, - der Nachfrager also, die an den eigenen Leistungen interessiert sind, - zu folgen. Das aber hat zur Voraussetzung, daß man schwerpunktmäßig an die Interessen und Vorteile des Tauschpartners denkt - und nicht an die eigenen. Und das gelingt nicht, wenn man, Instinktsteuerungen folgend, den unmittelbaren eigenen Vorteil zur Maxime hat und seine Gedanken darauf konzentriert, wie man die Produktion oder Dienstleistung noch rentabler machen könnte, selbst wenn sie überholt ist; wie man unzweckmäßige Produkte und Dienste doch noch durch Raubstrategie und besondere Anpreisung "an den Käufer bringt" - sie ihm also, zu seinem Nachteil und damit auch zum eigenen Nachteil aufdrängt ... statt der Entwicklung seiner Wünsche und Bedürfnisse, zu seinem Vorteil und dem eigenen, bereits einige Schritte voraus zu sein. (Originalbuchseite 127)
Abb. 9: Der übernormale Trieb: Die Ausübung fast sämtlicher dem Menschen
angeborenen Triebe wird durch Geldbesitz begünstigt. Deshalb verstärkt fast jeder - über Konditionierung und Einsicht - das Streben nach Geld. Ebenso motivieren auch die meisten, durch Erziehung, Gewohnheit, Ideologien etc. erworbenen Triebe und Wünsche den Trieb nach Geld. Er wurde zum stärksten aller erworbenen Triebe und ist den übrigen gleichsam "vorgespannt". Dadurch - und weil es für ihn keine "abschaltende Endsituation" gibt - aktiviert er kontinuierlich den Psychosplit. (Siehe Text).
Daß Gruppen durch den Psychosplit ebenso betroffen sind, wie der erwerbstätige Einzelmensch, liegt auf der Hand. Bei Unternehmen zeigt dies besonders deutlich die Überbewertung der Geldbilanz worauf wir noch zurückkommen. Bei Verbänden und Staaten zeigte es sich in der gesamten bisherigen Geschichte, die fast durchwegs durch einen rücksichtslosen Kampf um Geld und Macht gekennzeichnet ist. Raubkriege, Versklavung und Ausbeutung anderer Länder, sowie Klassenkämpfe, gehörten stets zum politischen Alltag - ebenso wie in unserer Zeit die so kraftraubende Auseinandersetzung zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern und der enorme Rüstungsaufwand der Großmächte. Bei der Bemühung um positive Handelsbilanzen ist es geradezu selbstverständlich, daß sich die Staaten auf die eigenen Vorteile konzentrieren und nicht - zum eigenen Vorteil (Originalbuchseite 128)
- auf jene von anderen. Immerhin zeigten der Marshallplan und die Entwicklungshilfe mancher Länder, die sie nicht als bloße Allmosengabe oder selbstsüchtige Marktschaffung betrieben, bereits ein Einschwenken auf tauschgerechtes Verhalten - ebenso wie die Strategie solcher Firmen, die sich auf Qualität und "Kundennähe", also auf die Interessen und den sich entwickelnden Bedarf ihrer Zielgruppen, ausrichten. Mancher Leser wird in den bisherigen Ausführungen die Erwähnung jener Formen von Energieerwerb vermißt haben, an die man gemeinhin denkt, wenn man von Energieerwerb spricht. Nämlich die Nutzbarmachung von Naturkräften: wie etwa des Windes, der Freisetzung der in Holz und Kohle enthaltenen Energie durch Verbrennen, der Energie des Rohöls, der Wasserkraft und schließlich der Atomkraft. Um die Darstellung der Auswirkungen, die der Erwerb von Nahrung über Tauschakte hatte, nicht zu komplizieren, und zusammenhängend darstellen zu können, wie dieser Vorgang
letztendlich zum Psychosplit geführt hat, ließ ich diese weitere Erwerbsform zunächst beiseite und möchte ihre Einordnung in das Gesamtschema nun nachholen. Bereits Tiere kamen dahin, Naturkräfte zu nützen. Ein Beispiel dafür nannte ich bereits: die Korallenpolypen, die sich den Energieaufwand eigener Fortbewegung dadurch ersparen, daß sie es den Meeresströmungen und der Brandung überlassen, ihnen die in jedem Wassertropfen enthaltenen Kleinlebewesen und organischen Reste direkt ans Maul zu spülen. Die Windkraft nützen manche Spinnen, indem sie auf Pflanzen oder Felsen klettern, dort einen Faden produzieren, der dem Wind genug Widerstand bietet, um sie in die Lüfte zu erheben und so manchmal über beträchtliche Strecken zu transportieren. Der grundsätzliche Unterschied zum Energieerwerb (Originalbuchseite 129)
über Nahrung besteht darin, daß so die fördernden Naturkräfte dem Tier sonst notwendige eigene Anstrengung ersparen. Während mit Nahrung aufgenommene Energie erst freigesetzt, entsprechend umgewandelt und dann über Organe - etwa Fortbewegungsorgane funktionell nutzbar gemacht werden muß, braucht der Korallenpolyp die Wasserkraft nicht zu fressen - und ebensowenig die Flugspinne die Windkraft -, sondern diese Kräfte werden ausgenützt oder über entsprechende Vorrichtungen (Flugfaden) dazu gebracht, ihnen direkt eine sonst benötigte Leistung abzunehmen. In der Energontheorie nannte ich das "Direkte Nutzbarmachung von Fremdkraft".30 Der Mensch konnte mit Hilfe seiner Intelligenz diese Möglichkeit einer zusätzlichen Nutzbarmachung von Energie, die nicht über den Weg der Nahrung aufgenommen und entsprechend umgesetzt werden muß, noch erheblich steigern. Die Nutzbarmachung des Feuers stand in der Entwicklung unserer Urvorfahren an erster Stelle - ist ebenso ein Hinweis der erwachenden Intelligenz wie die Verbesserung der Hand durch das zusätzliche Organ "Faustkeil". Eine weitere Nutzbarmachung von Fremdkraft ist jene des Windes, indem durch Mast und Segel der Wind dazu gezwungen wird, das zusätzliche Organ Boot (Organ zur Fortbewegung über Wasser) zu betreiben. Das
Fortbewegungsorgan Auto treiben wir über den Verbrennungsmotor mit der in Benzin enthaltenen Energie an. Über ein Wasserkraftwerk und Elektrizität zwingen wir die Gravitationsenergie mannigfache benötigte Funktionen für uns zu übernehmen. Wesentlich ist in jedem solchen Fall, daß Fremdkraft direkt und unmittelbar dazu gebracht wird, zusätzliche Organe zu betreiben. Bewegen wir ein Boot mit Rudern, dann ist es über Nahrung vereinnahmte Energie, die durch Umset(Originalbuchseite 130)
Abb. 10: Theorie über die Entstehung des Lebens. Manfred Eigen entwarf dieses
plausible Modell für das Einsetzen des Lebens, eines Prozesses, der sich über reduplikationsfähige Strukturen fortsetzt. In der energie-reichen "Ursuppe" der Ur-Meere konnten energiereiche Moleküle aufeinandertreffen, die zufällig einen solchen "Ring" bildeten und deren jedes die Eigenschaft hatte, die Entstehung des nächstfolgenden zu bewirken. Gliederten sich diesem Kreislauf weitere Moleküle an, welche das Geschehen förderten, dann vermehrte sich der so verbesserte und erweiterte "Hyperzyklus" bevorzugt. Aus solchen Vorstadien konnten sich dann die immer komplexeren Lebewesen entwickeln. Nach M. Eigen und P. Schuster 1977/78. (Originalbuchseite 131)
zung in Muskelkraft - durch entsprechende Tätigkeit unserer Arme und Hände - den Antrieb bewirkt. Verbessern wir das Boot durch Mast und Segel, dann bewirkt der Wind direkt die Fortbewegung des Bootes, und wir müssen mit Nahrungsenergie bloß die Segel und das Steuerruder entsprechend betätigen. Auch in dieser technischen Entwicklung arbeiteten Intellekt und Instinkt bestens Hand in Hand - bis zum heutigen Tag. Hier sind die Instinktratschläge, den eigenen Vorteil möglichst zu maximieren, durchaus zielführend. So gelangten wir letztlich dahin, durch Nutzbarmachung von Fremdkraft bis in größte Meerestiefen und in den Weltraum vorzustoßen. Nur eben beim Erwerb menschlicher Leistungen über den Weg des Tausches versagen die angeborenen Instinktsteuerungen, wenden sich aufgrund des Psychosplits gegen uns selbst. Die Dienstbarmachung von Naturkräften entspricht durchaus der Grundeinstellung des Räubers - "fällt ganz in sein Ressort". Um dagegen den Mitmenschen über Tauschakte dazu zu bringen, für einen anderen Nahrung verfügbar zu machen, für ihn zusätzliche Organe anzufertigen oder von ihm benötigte Dienstleistungen zu erbringen, eignen sich die Direktiven der angeborenen Raubstrategie nur eben beschränkt. Der übermächtige Schlüsselreiz Geld verstärkt noch diese negative Tendenz - und je mehr die Entwicklung der Wohlstandsgesellschaft und die kategorische Ausrichtung auf Genußmaximierung fortschreitet, desto mehr wird unser Denken in falsche Richtungen abgelenkt und unser Intellekt daran gehindert, im Verhalten zum Mitmenschen ebenso erfolgreich zu sein wie den übrigen Lebewesen und den Naturkräften gegenüber.
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(Originalbuchseite 133)
Schlußfolgerung:
Durch Bewältigung des Psychosplits lassen sich Erfolg und Lebensqualität steigern
Wenn in der ersten Prämisse auf die Bedeutung der Energie im gesamten Lebensgeschehen hingewiesen wurde, dann hatte dies den Grund, die materielle Seite der diesen gewaltigen Vorgang fortsetzenden Strukturen etwas in den Hintergrund treten zu lassen. Leben ist ein Bewegungsvorgang. Über die Organe der Lebewesen gelangt Energie zu sehr verschiedenen und differenzierten Leistungen. Da die Vereinnahmung und Dienstbarmachung von Energie meist zahlreiche Umwandlungen erfordert, bei denen stets Kraft verloren geht, ist allen Lebewesen gemeinsam, daß sie weit mehr "Rohenergie" aus der Umwelt gewinnen und in ihren Dienst zwingen müssen, als die einzelnen benötigten Leistungen (Funktionen) letztlich an "Nutzenergie" verbrauchen. Sie sind somit alle in besonderem Maß auf eine im Durchschnitt äußerst positive Energiebilanz angewiesen. Für die Pflanzen sind Lichtstrahlen der Sonne die Energiequelle, ihre körperliche Ausbildung zeigt deutlich die Anpassung an diese Erwerbsart. Das gleiche gilt für die Tiere, deren Erwerbsform darin besteht, andere Lebewesen oder Teile von diesen in ihre Gewalt zu bringen und die in der molekularen Struktur enthaltene chemische Bindungsenergie - umgewandelte Sonnenenergie freizusetzen und zu selbstbenötigten Funktio(Originalbuchseite 134)
nen zu veranlassen. Eine der für diese räuberische Erwerbsart
notwendigen Anpassungen sind aus Nervenzellen gebildete Strukturen, welche den Beuteerwerb steuern. Sie geben dem Tier Kommandos für diese Tätigkeit und lassen es an Schlüsselreizen seine Beute - seine Energiequelle - erkennen. Sie lösen dann entsprechende Bewegungsvorgänge des Körpers aus, um der Beute habhaft zu werden, sie zu vereinnahmen und die in ihren Molekülen enthaltene Energie sowie brauchbare Stoffe zu gewinnen. Erst gab es über 3500 Millionen Jahre Lebewesen nur im Meer und in sonstigen Gewässern, dann gelangten einige zur Fähigkeit, auch das trockene Land zu besiedeln. Weitere Leistungssteigerungen fanden statt - und schließlich, vor erst 2 Millionen Jahren, entstand auch ein Lebewesen mit besonders hoch entwickeltem Nervensystem: der Mensch. Während bis dahin alle Tiere und Pflanzen die für sie nötigen Organe aus Zellen bildeten, vermochte dieses besondere Lebewesen direkt aus Umweltmaterial zusätzliche Organe zu formen, wodurch es seine Leistungsfähigkeit in mannigfacher Weise steigern konnte. Mehr als das: Als weitere Leistung seines Gehirnes gelangte der Mensch zur Fähigkeit sprachlicher Verständigung, und konnte so die Anweisungen, wie diese zusätzlichen Organe zu bilden und zu steuern sind, an Nachkommen weitergehen. Die Ablegbarkeit der zusätzlichen Organe machte ihn zu einem Meister in vielseitiger Spezialisation. Die angeborenen Instinktsteuerungen und die über Sprache weitergegebenen erworbenen Steuerungen ergänzten sich zunächst auf das beste. Allen Haupttrieben - Nahrungserwerb, Schutz vor Raubfeinden, Fortpflanzung und Gemeinschaftsbildung - konnte mit Hilfe der zusätzlichen Organe und zusätzlichen Steuerungen (Originalbuchseite 135)
noch weit besser entsprochen werden. Das Lebewesen Mensch wurde so allen übrigen außerordentlich überlegen und
spezialisierte sich auf immer neue Tätigkeiten. Dabei entwickelte sich auch eine neue - dritte - Form des Energieerwerbes. Während Pflanzen die in Gestalt von Lichtstrahlen zu ihnen gelangende Energie gleichsam einfangen und die Tiere räuberisch Energie erbeuten, gelangte der Mensch in seßhaften Gemeinschaften dahin, Energie im Tauschweg zu erwerben. Die dafür notwendige Strategie war von der bisherigen, über Raub, nicht weniger verschieden, als jene der Tiere von jener der Pflanzen. Auch diese Neuanpassung gelang - jedoch nur zum Teil. Wie schon häufig im Verlauf der Evolution schufen Neuerungen, die wesentliche Leistungssteigerungen brachten, gleichzeitig auch neue Probleme. Ein sich bisher bewährender Mechanismus - jener der Konditionierung - bewirkte, daß die bisherigen, für Rauberwerb zweckmäßigen Leitlinien durch die neue Energiequelle "Tauschpartner" aktiviert wurden, obwohl sie sich für die neue Erwerbsart nur beschränkt eigneten. Die menschliche Intelligenz, die den technischen Fortschritt, also die Bildung von zusätzlichen Organen, so außerordentlich vorangetrieben und sich bei der Verbesserung der Erwerbsform über Raub so entscheidend bewährt hatte, wurde bei dieser neuen Aufgabe plötzlich behindert. Sie wurde durch die nicht mehr zeitgemäßen, inneren Weisungen, die den nun zielführenden Strategien teilweise diametral zuwiderliefen, gleichsam paralisiert, verwirrt und in falsche Geleise gezwungen. So entfaltete sich der Erwerb über Tauschakte nach der nicht mehr zuständigen Raubstrategie, führte auch so zu Gewinnen und Fortschritten - jedoch nicht in dem Maß, wie an sich möglich war. Durch diesen inneren Steuerungskonflikt, den (Originalbuchseite 136)
"Psychosplit", blieb die evolutive Entwicklung gleichsam stecken was nicht nur den Erwerbsbereich sondern das gesamte menschliche Zusammenleben entscheidend traf. In der auf Steigerung von Annehmlichkeit und aktive Lebensgestaltung
ausgerichteten "kulturellen Evolution" kam überall Sand ins Getriebe, weil bei jedem Zusammenwirken und Leistungstausch der auf andere Angewiesene ganz automatisch zur "Beute" im Sinne von Raubverhalten wurde. Die sozialen Triebe und Morallehren, die das Zusammenleben steuerten, reichten nicht aus, diesem stärksten aller tierischen Instinkte, dem Nahrungstrieb, paroli zu bieten. Der bei dem Tauschvorgang so äußerst nützliche Universalvermittler Geld verstärkte noch - wiederum durch die Mechanik der Konditionierung - diese negative, den menschlichen Fortschritt behindernde Tendenz. - Das ist, nochmals kurz zusammengefaßt, die Behauptung meiner Beweisführung, die nun ganz automatisch zur Frage führt: Wenn dies wirklich stimmt, was läßt sich dann tun? Ist es möglich, diese von innen her bewirkte Blockade zu beseitigen - und wie ist dabei vorzugehen? Die Lebensentwicklung, ein Phänomen, bei dem sich Energie über dafür geeignete materielle Strukturen gleichsam potenziert und in höchst sublime Leistungen auffächert, gelangte über den Menschen, nach der Entwicklung der Einzeller und der Vielzeller, in eine dritte ganz außerordentlich expandierende Entfaltungsperiode - jedoch über eine sich ergebende neue Form des Energieerwerbes sehr bald auch an eine höchst gravierende Barriere. Durch das innere Krebsgeschwür "Psychosplit" und den inzwischen erreichten technischen Fortschritt besteht die deutlich näherrückende Möglichkeit einer Selbstzerstörung nicht nur der Menschheit sondern der gesamten Lebensentfaltung. (Originalbuchseite 137)
Läßt sich der Psychosplit beeinflussen? Läßt sich dieser psychische Defekt irgendwie abbauen, neutralisieren oder ganz beseitigen? Analysieren wir etwa die Vorgänge in Ortschaften oder kleineren Städten der marktwirtschaftlich orientierten "freien" Welt, dann zeigt sich, daß dort dem Halben Räuber enge Grenzen gesetzt sind. Und zwar durch das Korrektiv einer weitgehend transparenten
Gesellschaft. Verkauft hier etwa ein Gemüsehändler schlechte Ware oder gute zu überhöhtem Preis, dann wird er nicht lange bestehen können. Die Kundschaft wird dafür sorgen. Sie wird zu einem Konkurrenten abwandern, der sich mehr tauschgerecht verhält. Ist er der Einzige im Ort, dann entsteht geradezu ein Sog zur Etablierung eines anderen, besseren. Der schlechte Anbieter wird bald von der Bildfläche verschwinden. Der Vorgang entspricht durchaus der "Natürlichen Auslese des besser Geeigneten", der bei den Pflanzen und Tieren jenen Arten den Vorzug einräumt, die besser Energie erwerben können und auch allen sonstigen für ihre Lebensform relevanten Umweltbedingungen besser angepaßt sind. Die Urgemeinschaften des Menschen waren, als sie seßhaft wurden, noch recht klein und transparent. Trotzdem wäre es falsch zu glauben, daß damals dem Psychosplit schon gleich bei seinem ersten Auftreten das Handwerk gelegt war. Wie schon an früherer Stelle angedeutet, waren zunächst Schutz vor anderen Menschengruppen und dann der Besitz von Grund und Boden wirksame Faktoren, die eine "freie Wirtschaft" im heutigen Sinne unmöglich machten. Die jeweiligen Herrscher und herrschenden Klassen steuerten Angebot und Nachfrage - kassierten den Hauptteil der von der Gemeinschaft - und innerhalb der Gemeinschaft - erzielten Gewinne. Immerhin jedoch zeigte sich wohl schon damals - wie (Originalbuchseite 138)
heute noch in überschaubaren Siedlungen der marktwirtschaftlichen Länder, daß die üblen Auswirkungen des Psychosplits überwunden werden können, indem man die nicht mehr zielführenden Steuerungen mehr oder minder gewaltsam unterdrückt. Nur die wenigsten durch solches Korrektiv der Gemeinschaft in Schach gehaltenen verhielten sich dann wirklich "kundenorientiert". Nur gelegentlich wird es wohl beim einen oder anderen zur Erkenntnis gekommen sein, daß er besser fährt, wenn
er nicht an den eigenen Vorteil sondern an jenen von anderen denkt. Dazu war der Räuber, auch traditionell, noch zu tief in ihm verankert. Immerhin zeigt schon dieser Zusammenhang, daß der Psychosplit keine unheilbare Seuche ist, sondern sehr wohl in seinen Auswirkungen gebremst werden kann. Wenn wir über eine lange Zeitspanne hinwegspringen - denn in dieser Schrift soll uns ja in erster Linie die heutige Situation und ihre bessere Bewältigung beschäftigen und nicht die so verworrene Geschichte der menschlichen Wirtschaft -, dann gelangen wir in jene Zeit, da sich die Verkehrsmittel verbesserten, da gewerblicher und technischer Fortschritt sich in immer steilerer Aufwärtsentwicklung entfalteten, und Händler die immer zahlreicheren und immer mehr leistungssteigernden Werkzeuge, Waffen und sonst dienlichen Produkte in immer weitere Gebiete verbreiteten. Dies war eine Blütezeit des Halben Räubers, der nun in vielen Bereichen mit großem Erfolg über Raubstrategien Tauschhandel betrieb. Da große Knappheit an "Gütern" und starker Bedarf an Kapital zur Erstellung größerer Produktionsstätten bestand, brachten Produktion und Handel reichen Ertrag - der allerdings durch entsprechend organisierte "Ganze Räuber" entsprechend ins Visier genommen und geplündert wurde. Immerhin hin(Originalbuchseite 139)
terließ diese Handelsaktivität trotz der damals erzielten großen Erwerbsspannen keine besonderen Tränen, denn sie brachte ja Benötigtes, Neues, Nützliches - und viel von dem so zusammengetragenen Kapital diente weiteren, für viele durchaus nützlichen Investitionen. Eine "Orientierung an den Interessen des Kunden" entwickelte sich wohl nur gelegentlich, doch de facto wurde der Fortschritt so vorangetrieben. Und nun machen wir noch einen weiteren großen Sprung in unsere Zeit einer hochindustrialisierten Entwicklung, da über Telephon,
Radio, Fernsehen und immer schnellere und bessere Verkehrsmittel die gesamte Erde - wie Marshall McLuhan so richtig sagte - wieder "zum, großen Dorf wird": wo man immer genauer weiß, was überall geschieht. Diese Entwicklung brachte eine Informationsflut mit sich, in welcher jeder einzelne und besonders der Fachwissenschaftler geradezu ertrinkt. Also sollte man meinen, daß - so wie in Schuberts schönem Lied vom Angler, der bei trübem Wasser leichter die Forelle überlistet - die Wirtschaftsräume immer intransparenter werden, was dem Halben Räuber sein Handwerk noch erleichtert. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Gerade diese Entwicklung führte zu einer Spezialisierung der weltenweiten Anbieter auf immer engere Zielgruppen - so daß die für den einzelnen immer unüberschaubarere Welt für den über Tauschakte Erwerbenden zunehmend transparenter wird. Durch Fachzeitschriften, persönliche Information, Marktforschung und nicht zuletzt durch den Computer ist man in der Wirtschaft immer besser über die internationale Angebots- und Nachfragesituation im Bilde. So tritt - ähnlich wie im kleinen Dorf - das Korrektiv der Gemeinschaft wieder in Erscheinung. Dies zeigt sich darin, daß auch weltumspannende Konzerne sich immer mehr auf Qua(Originalbuchseite 140)
lität und "Kundennähe" ausrichten und sich darum bemühen, "optimale Problemlöser" für ihre Zielgruppen zu sein. Und zwar vollzieht sich dies nicht nur eben auf Grund eines Druckes von Außen - also einer Natürlichen Auslese, die den nicht "tauschgerecht" Erwerbenden im Wettbewerb zurückfallen läßt -, sondern auch zunehmend in der wachsenden Erkenntnis, daß man, um den eigenen Gewinn zu optimieren, sich um den Gewinn anderer bemühen muß. Somit kann kein Zweifel daran bestehen, daß der Psychosplit, dieses bei jedem in der heutigen Wirtschaft Erwerbstätigen geradezu zwangsläufig auftretende Phänomen, über Einsicht in die ihn verursachenden genetischen Zusammenhänge, überwindbar ist -
was in vielen Bereichen eine Verringerung "innerer Reibung" und eine beträchtliche Effizienzsteigerung der gesamtmenschlichen Entwicklung zur Folge haben kann. Die dafür notwendige Erwerbsund Lebensausrichtung - nennen wir es "Strategie" - ist nicht, wie bei anderen wirtschaftlichen. Lehren, das Ergebnis einer bestimmten Meinung oder bestimmter Untersuchungen und Erfahrungen - sondern stützt sich auf einen konkreten, durchaus nachprüfbaren naturwissenschaftlichen Zusammenhang, aus dem sich auch die geeignete Taktik, dem Psychosplit und seinen Auswirkungen entgegenzutreten, ergibt. In der Forschung hat sich nicht selten gezeigt, daß schon die richtige Fragestellung genügt, um die Problemlösung zur Hälfte zu bewältigen. Auch hier mag das zutreffen, aber einfach ist dieses Problem bestimmt nicht. Es beginnt schon mit der Schwierigkeit, die sich mit dem Wort "Räuber" verbindet. Es bezeichnet Ausüber einer gesetzlich verfolgten Tätigkeit, die in hohem Ausmaß ablehnenswert ist während hier der Begriff im Sinne der tierischen Tätigkeit verstanden wird. Frißt (Originalbuchseite 141)
eine Ziege Grashalme, dann tun diese uns kaum besonders leid, doch aus Sicht des Energieerwerbes ist der Vorgang klipp und klar "Raub". Ein anderes Lebewesen wird zum Teil oder zur Gänze gefressen. Struktur, die Energie enthält, wird ihm - man kann es nicht anders nennen -, "geraubt". Schlägt ein Löwe eine Gazelle, die sich nach Möglichkeit wehrt und jämmerlich schreit, dann ist er - nach menschlicher Beurteilung - nicht böse oder schlecht, vernichtet aber doch Leben, ebenso wie die Ziege. Die Steuerungen, die hier wie dort den Raubvorgang lenken, sind ebensowenig "gut" oder "böse" wie die Ziege selbst oder der Löwe selbst. Ihr Verhalten ist Teil der Natur, mag in uns Mitleid für die jeweilige Beute erwecken, wird aber von sämtlichen Morallehren akzeptiert. Wenn diese Steuerungen bei unseren Urvorfahren durch Intelligenzakte noch verbessert wurden ... war dies etwa
schlecht? Sind etwa Ackerbau und Viehzucht amoralisch? Aus der dem Menschen eigenen egozentrischen Betrachtungsweise sind sie es nicht. Der Übergang vom Erwerb über Raubakte zum Erwerb über Tauschakte war dann eine Neuerung von kosmischer Dimension. Seit mehr als 3 Milliarden Jahren hatte es, von unbedeutenden Ausnahmen abgesehen, nur eben den Energieerwerb der Pflanzen über Dienstbarmachung von Lichtenergie gegeben und den Energieerwerb der Tiere über Akte, die man nur eben als "Raub" bezeichnen kann. Nun kam es zum dritten Energieerwerb großen Ausmaßes: über Tausch. Wenn nun die angeborenen Steuerungen den Vorgang erschweren, dann ist das wiederum weder "gut" noch "böse". Und das Produkt des so in die Welt kommenden Steuerungskonfliktes - der "Halbe Räuber" - unterliegt erst recht nicht diesen Kriterien. Wie aber sollte man ihn sonst nennen? In genauer Definition ist er ein Organismus, der über (Originalbuchseite 142)
Tausch Energie erwirbt, jedoch in seinem Verhalten noch von den Raubinstinkten der Vorfahren beeinflußt wird. Dies ist weder gut noch böse sondern einfach eine Tatsache. Und die Bezeichnung "halb" ist eine Vereinfachung und somit völlig ungenau. Mancher mag in seiner Praxis noch 90% Räuber sein, ein anderer nur 10%. Wesentlich ist: beide sind vom Psychosplit betroffen. Und Tatsache ist, daß beide von angeborenen Maximen beeinflußt sind, die eine Optimierung der neuen Erwerbsform beeinträchtigen. Nur darum geht es. Es geht darum, bewußt zu machen, daß wir im Erwerb über Tausch durch obsolet gewordene Instinktsteuerungen daran gehindert werden, diesen perfekt zu betreiben. Die so entstehenden Einbußen, ob 10% oder 90%, sind eine beweisbare Tatsache. Sie sind Thema dieses Buches. Wenn wir uns mit ihnen befassen, ist es somit fehl am Platz, sich ihrer zu "schämen". Nur wenn wir sie nüchtern ins Visier nehmen, um sie zu beseitigen,
können wir evolutiv vorwärtsschreiten. Nur so können wir vielleicht - Probleme aus der Welt schaffen, die in der gesamten Geschichte immer wieder auftauchten und immenses Leid und immense Einbußen verursachten. Heute werden sie - wegen Geburtensteigerung und technischem Fortschritt - besonders kritisch. Gegen die Bezeichnung "Psychosplit" kann man einwenden, daß es mit Einsetzen des menschlichen Intellekts - also bereits viel früher - zu einer doppelten Steuerung und somit zu einem "Split" kam. Fast jeder von uns erlebt täglich, daß uns angeborene Regungen mit der Vernunft kollidieren. Andererseits wurde bereits darauf hingewiesen, daß Intellekt und Instinktsteuerungen über die gesamten zwei Millionen Jahre, da unsere Vorfahren als Jäger und Sammler lebten, weitgehend (Originalbuchseite 143)
zusammenarbeiteten und somit kein grundsätzlicher Konflikt verursacht wurde. Unsere technische Entfaltung kommt eigentlich erst in unserem Jahrhundert an Grenzen, wo man sich zu fragen beginnt, ob weiterer Fortschritt - Atomreaktoren, Überschallflugzeuge, Umweltzerstörung, Wegwerfgesellschaft und ähnliches - wirklich noch als sinnvoller Fortschritt bezeichnet werden kann. Kein anderer Konflikt, so will mir scheinen, wirkt sich jedoch auch nur annähernd so global und praktisch bei jedem heranwachsenden Menschen so negativ aus, wie das, was ich in Ermangelung eines besseren Wortes als "Psychosplit" benannt habe. Ebenso wie mit der Bezeichnung "Halber Räuber" ist auch mit "Psychosplit" nichts Negatives schlechthin gemeint, sondern eine unserer Entwicklung entgegenstehende Hürde. Die zur Überwindung dieser Hürde geeignete Strategie nenne ich "OBS", als Abkürzung der englischen Bezeichnung "Optimal Bartering Strategy" und "Optimal Business Strategy" - was in glücklicher Weise den theoretischen Aspekt mit dem Praktischen
verbindet31. Auch im Deutschen eignet sich diese Bezeichnung, indem sie als Abkürzung von "Optimale Berufsstrategie" und "Optimale Betriebsstrategie" gewertet werden kann. Es handelt sich dabei keineswegs um eine fix und fertig präsentierte Wirtschaftslehre, weit eher um ein auf Höherentwicklung gerichtetes Ziel. Ich glaube zwar bereits die wichtigsten Hinweise präsentieren zu können: dies ist Gegenstand des zweiten Teiles dieser Schrift. Um den Psychosplit zu überwinden, müssen jedoch die angeborenen Raubinstinkte der Tiere noch weit genauer untersucht werden. Je genauer wir wissen, welche falschen Ratschläge sie uns geben, umso besser können wir diesen begegnen. Eine Schwierigkeit in meiner Darstellung ist auch das (Originalbuchseite 144)
Problem, die Energiequelle, die über Tauschakte erschlossen wird, unmißverständlich und anschaulich zu bezeichnen. Beim tierischen Erwerb gibt es den vorzüglichen Ausdruck "Beute" oder "Nahrung". Beim Erwerb über den Verkauf benötigter Produkte oder Dienstleistungen sind dagegen eine Reihe von abgrenzenden Bezeichnungen in Verwendung. Bei Kaufvorgängen spricht man von "Kunde", "Zielgruppe" oder "Absatzmarkt". Bei Anstellungsverhältnissen ist die Energiequelle der "Arbeitgeber", also bei Dienstleistung für ein Unternehmen eben dieses Unternehmen, bei Dienstleistungen für den Staat eben der Staat. "Bedarfer" ist eine genaue Bezeichnung, doch als Wort sehr häßlich. "Nachfrager" ist vielleicht besser, denn Bedarf wird erst dann zur Energiequelle, wenn sich mit ihm verfügbare Tauschwerte verbinden - in erster Linie Geld - sowie außerdem der Wille zu einer entsprechenden Aktion. Ich verwende diese geläufigen Bezeichnungen, wie sie eben am besten passen. Wichtig ist jedoch, stets im Auge zu behalten, daß sie sich alle letztlich auf das Gleiche beziehen. Und zwar auf eine über den Vermittler Geld erschließbare Energiequelle.
Sigmund Freud wies nach, daß schwerwiegende Erlebnisse im frühjugendlichen Alter zu einem "Trauma" führen können, das in das Unterbewußtsein verdrängt wird und so Neurosen zur Folge hat. Sehr folgerichtig zeigte er auf, daß man solche psychischen Störungen heilen kann, indem man die Ursachen des so entstandenen psychischen Dauerkonfliktes aufdeckt. Beim Psychosplit ist es anders und doch ähnlich. Hier handelt es sich nicht um ein individuelles Geschehen, das im Steuerungssystem Schädigungen verursacht, sondern um einen vor jahrtausenden in die Welt gekommenen grundsätzlichen Konflikt zwischen angeborenen In(Originalbuchseite 145)
stinktweisungen und einer neuen Form des Nahrungserwerbes, für den sie nicht entwickelt wurden. Der Psychosplit ist nicht angeboren, tritt jedoch bei jedem Menschen, der sich über Tauschvorgänge um Leistungen anderer oder Geld bemüht, über den Vorgang der Konditionierung ganz automatisch in Erscheinung. Auch hier kann eine Verminderung oder Beseitigung nur erfolgen, indem man die störenden Instinktweisungen bewußt macht und durch zielführende ersetzt. Dieser Bemühung wenden wir uns nun zu.
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(Originalbuchseite 147)
Zweiter Teil
OBS Die Überwindung des Psychosplits (Originalbuchseite 149)
1. Konsequenz:
Willst Du Gewinn, dann denke an den Vorteil Anderer
Wenden wir uns als erstes gleich jenem Bereich des Psychosplits zu, der am schwierigsten zu überwinden ist. Nirgends besteht eine größere Kluft zwischen den fehlgeleiteten Weisungen der Raubinstinkte und dem für erfolgreichen Erwerb über Tauschakte zweckmäßigen Verhalten, als in der Empfehlung, daß man, um zu Erfolg und Reichtum zu gelangen, nicht an den eigenen Vorteil, sondern an den Vorteil anderer denken soll. Dies erscheint widersinnig und abwegig. Freunden ein Geschenk zu machen oder Bedürftigen helfen zu können, vermittelt uns positive Gefühle. Ebenso natürlich und beglückend ist es, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man der Frau und den Kindern eine Freude bereiten, wie man ihr Leben verbessern kann. Sogar für das Vaterland das Leben zu lassen, war für unendlich viele in der Geschichte ein Risiko, das sie durchaus freiwillig und bewußt auf sich nahmen. Jedoch Fremden, die man nie zuvor gesehen hat - ja, vielleicht nie zu Gesicht bekommen wird -, mit beträchtlichem Einsatz von Zeit und Mühe zu Vorteilen zu verhelfen, erscheint abwegig - oder bestenfalls als schwer verständliche Laune. Andererseits jedoch beruht der Energieerwerb über Tauschakte auf eben diesem Vorgang - sofern man ihn (Originalbuchseite 150)
optimieren will. Der Schuh, den ich herstelle, und der Kunde, der ihn letztendlich kauft, haben mit Gefühlsäußerungen wenig zu tun. Und doch kommt es sehr wesentlich auf die Zufriedenheit dieses Fremden an. Er bedeutet mir kaum etwas, ist mir vielleicht sogar unsympathisch. Und doch ist er für mich überaus wichtig. Ja, er entscheidet darüber, ob ich Freunden ein Geschenk oder der Frau und den Kindern eine Freude bereiten kann. Der Psychosplit hat zur Folge, daß für den Tauscherwerb nicht mehr zuständige Instinkte uns nachdrücklich empfehlen: "Denke ja nur an Dich und Deinen Vorteil! Nur so kannst Du zu Gewinn gelangen und Deine Macht und Sicherheit vergrößern! Nur so kannst Du Dich Konkurrenten gegenüber durchsetzen!" Der in der Wirtschaft weitverbreitete Spruch "Geschäft ist Geschäft" bringt dies deutlich zum Ausdruck. In den USA gilt sogar der verstärkte Spruch: "business is business is business". In seiner umfassenden "Geschichte des Materialismus" schrieb der Philosoph und Sozialpolitiker F. A. Lange, die kaufmännischen Erfahrungen aller Zeiten hätten "unbestreitbar darauf hingewiesen, daß das Individuum nur durch rücksichtslose Verfolgung seiner eigenen Interessen zu materiellem Wohlstand gelangen kann". Und in Klammer fügte er dann hinzu: "Mag dann die Tugend auf anderem Gebiet geübt werden, soweit die Mittel es erlauben -". Trotzdem gab es bereits zu allen Zeiten Menschen, die sich "tauschgerecht", also im Sinne der OBS verhielten. Im Geschäftsleben der letzten hundert Jahre zeigten eine Reihe bedeutender Unternehmer diese Tendenz. Zum Befremden ihrer Konkurrenten senkten sie die Preise, verbesserten die Qualität ihrer Produkte, erhöhten die Löhne, verbesserten die Arbeitsbedingungen ... und ver(Originalbuchseite 151)
dienten dabei trotzdem mehr als diese. Beispiele dafür sind etwa Ford I, Duttweiler, Bosch, Batá, Benz, Siemens, Woolworth, Zeiss - um nur einige zu nennen. Es tauchten im Lauf der Geschichte auch immer wieder Lehren auf, die zumindest in Teilbereichen in die gleiche Richtung wiesen. In der Betriebswirtschaft war es das "Marketing" (Abb. 11)32. Mir ist jedoch keine bekannt, die das Problem auch nur annähernd so eingehend untersuchte und die Ergebnisse in der Praxis so erfolgreich einsetzte, wie die von Wolfgang
Mewes ab 1972 veröffentlichte Energo-KybernetischeManagementsstrategie" ("EKS"), durch die er bereits mehreren tausend Berufstätigen und Unternehmen zu beachtlichen Erfolgssteigerungen verholfen hat33. Sie setzt mich in die erfreuliche Lage, auf eine Vielzahl von praktischen Beispielen hinweisen zu können, die anschaulich zeigen, wie der Psychosplit sich auswirkt und wie ihm begegnet werden kann. Einer der zahlreichen von Mewes veröffentlichten EKS-Fälle zeigt geradezu beispielhaft, wie dem "Halben Räuber" beizukommen ist. Es geht hier um einen Kleinbetrieb, wie es deren viele Tausende gibt, in einer Situation, die heute ebenfalls nicht selten ist. Die Wäscherei Werner Kürner liegt in der Nähe einer Großstadt und steht dicht vor dem Bankrott. Die Umsätze stagnieren, die Kosten wachsen, die Arbeitsmoral läßt deutlich nach. Die Verluste werden größer, und der Betrieb ist hart daran, aufgeben zu müssen. Kürner hat einen EKS-Lehrgang absolviert und versucht nun verzweifelt, die EKS-Strategie auf seinen Fall anzuwenden. Wie soll er sich gegen die erbarmungslose Konkurrenz durchsetzen? Die Verdienste sind auf Null abgesunken, wie soll er die Angestellten bezahlen? Und wenn er das nicht kann, ist er am Ende, das weiß er. (Originalbuchseite 152)
Abb. 11: Die Entwicklung des "Marketing". Die Ausrichtung größerer Unternehmen auf die speziellen Wünsche und Probleme der Kunden vollzog sich in den USA recht allmählich. Zunächst galt "Marketing" als den Funktionen, Produktion, Finanzplanung, Personalwesen ebenbürtig. Allmählich (b-e) wurde Marketing dann zur entscheidend wichtigen Integration zwischen Unternehmen und Kundeninteresse (allerdings mehr in der Wirtschaftstheorie als in der Praxis). Nach Ph. Kotler 1980. Vergl. Anm. 32 und 34. (Originalbuchseite 153)
Die EKS sagt: "Renne nicht mit dem großen Haufen, sondern suche nach einer Bedarfslücke! Mache nicht das gleiche, was auch die anderen tun, sondern entwickle Deine eigene, notfalls engbegrenzte Spezialität! Eine enge Zielgruppe überzeugend besser zu befriedigen als die Konkurrenten, schafft größere Aufstiegschancen, als sich auf die verschiedensten Kunden zu verzetteln!" Kürner fragt sich: "Wo also ist der Kunde, den ich überoptimal befriedigen kann? Wo ist ein brennender Bedarf, der noch besser gelöst werden kann? Wo ist das Problem - ob von dem, der es hat, bewußt wahrgenommen oder nicht -, das ich für ihn entscheidend besser lösen könnte?" Kürner organisiert sein Denken, schreibt viele Möglichkeiten nieder ... überlegt, überlegt. Und am Ende stößt er auf die Bürogardinen. Viele Büros legen auf saubere Gardinen großen Wert, haben aber immer weniger Zeit, sich um solche Belange zu kümmern. Das Waschen ist teuer geworden, außerdem muß man die Gardinen abnehmen, sie zur Wäscherei bringen, dann wieder aufmontieren - eine sehr lästige Sache. Das ist zweifellos ein Problem, das sich nicht wenigen stellt. Kürner rechnet nach, was ihn der Quadratmeter Gardinenwaschen derzeit kostet und wieviel es ihn kosten würde, wenn er monatlich die dreifache Menge an Gardinen zu waschen hätte. Die Kalkulation ergibt, daß er dann um 30 % billiger liefern könnte. Voraussetzung ist natürlich, daß er tatsächlich diese größere "Stückzahl" erreicht. Die EKS hat ihn gelehrt, daß probieren besser ist als zu grübeln. Sie hat ihn gelehrt, daß man jede solche Idee am besten an einer kleinen, aber repräsentativen Teilzielgruppe erproben muß. Das kostet nicht viel: so ist das Risiko am geringsten. Kürner kommt zum Entschluß, (Originalbuchseite 154)
daß eine solche "Teil-Zielgruppe" jene Büros sind, über deren GardinenWaschaufträge der Unternehmer oder seine Frau selbst entscheiden. Diese reagieren am schnellsten, zeigen am deutlichsten die Auswirkungen eines billigen Preises. Kürner wählt für seinen Test ein günstig gelegenes Büroviertel in der nahe gelegenen Großstadt. Und als günstigsten Termin für sein Angebot wählt er eine Zeitspanne, in der schmutzige Gardinen besonders unangenehm ins Auge fallen - kurz nach Ostern. Durch Briefwerbung tritt er gezielt an diese Teil-Zielgruppe heran, offeriert ihr die Lösung ihres Gardinenproblems um 30 % unter dem üblichen Preis. Für Abholen, Abnehmen und wieder Montieren garantiert er zu sorgen. Das Ergebnis übersteigt alle Erwartungen. Es melden sich doppelt so viele, als für die kalkulierte Herabsetzung des Preises notwendig ist. Also wagt er den Kopfsprung, unterbietet die Konkurrenz. Und schon kommen ihm neue, weitere Ideen. Wie wäre es mit einem Gardinen-Waschabonnement? Den Kunden wird angeboten, daß ihre Gardinen im Abonnement automatisch gewaschen werden - und zwar schnell, auch während Feiertagen, so daß sich der Kunde um nichts mehr zu kümmern braucht. Je nach Wunsch: einmal, zweimal, dreimal oder auch viermal im Jahr. Lockvogel ist, daß das Büro ganz automatisch immer ordentlich aussieht - und eine weitere Ermäßigung um 10 Prozent. Der Vorteil, den sich Körner errechnet, ist der größere Umsatz. So kann er auch um 40 Prozent billiger arbeiten. Von diesem Gewinn kann er noch etwas abzweigen, um neue Kunden zu werben. Durch sein günstiges Angebot kann er die Büros ganzer Straßenzüge gewinnen und entsprechend rationeller arbeiten. Und noch eine wei(Originalbuchseite 155)
tere Verbesserung ist möglich. Abholen, Abnehmen, Waschen und Aufhängen ist im Zeitlohn nur ein geringer Ansporn für die Mitarbeiter. So aber könnte er sie im Leistungslohn, ja sogar vielleicht im noch günstigeren Gruppenakkord entgelten, was zu höheren Löhnen und damit auch zu einer erheblichen Steigerung der Leistung und zum Absinken der nötigen Kontrollkosten führen würde ... Die Rechnung ging auf. Ja, mehr als das. Je mehr Kürner einnahm, umso mehr senkte er die Kosten, steigerte er die Löhne. Hatte er ursprünglich mit 30%, maximal 40 % Kostendegression gerechnet, so gelangte er
letztendlich auf eine Degression