Neal Davenport, Earl Warren, Gay D. Carson & Ernst Vlcek
Das Kind der Hexe Dorian Hunter Klassiker Band 11
ZAUBERMOND...
104 downloads
1339 Views
1MB Size
Report
This content was uploaded by our users and we assume good faith they have the permission to share this book. If you own the copyright to this book and it is wrongfully on our website, we offer a simple DMCA procedure to remove your content from our site. Start by pressing the button below!
Report copyright / DMCA form
Neal Davenport, Earl Warren, Gay D. Carson & Ernst Vlcek
Das Kind der Hexe Dorian Hunter Klassiker Band 11
ZAUBERMOND VERLAG
DAS BUCH Dorian hat endlich Gewissheit erhalten. Seine Gefährtin, die junge Hexe Coco Zamis, befindet sich nicht aus freien Stücken bei Olivaro, dem neuen, selbst ernannten Fürsten der Finsternis – im Gegenteil, sie erwartet ein Kind des Dämonenkillers, das sie mit allen Mitteln vor der Schwarzen Familie schützen will. Was plant Olivaro, der Coco für die Schande, die sie ihm durch die Offenbarung der Schwangerschaft bereitete, bestrafen will? Wie lange noch wird sie vor ihm in Sicherheit sein? In seiner Verzweiflung lässt Dorian sich auf ein geradezu wahnsinniges Experiment ein. Ein Körpertausch, auf magischer Ebene vollzogen, gibt ihm die Möglichkeit, sich Olivaro unerkannt in der Gestalt eines anderen Mannes zu nähern. Doch just als er sich am Ziel glaubt und der Fürst der Finsternis greifbar nahe scheint, muss Hunter erkennen, dass das Spiel noch lange nicht gewonnen ist. Der Mann, dessen Körper er wählte, ist vom Schicksal gezeichnet. Sein Leib ist der eines Werwolfs – eines Monsters, das zum Sterben verurteilt ist …
Was bisher geschah … Der ehemalige Reporter Dorian Hunter hat sein Leben dem Kampf gegen die Schwarze Familie der Dämonen verschrieben, seit seine Frau Lilian durch eine Begegnung mit ihnen den Verstand verlor. Seine Gegner leben als ehrbare Bürger über den gesamten Erdball verteilt. Nur vereinzelt gelingt es Dorian, ihnen die Maske herunterzureißen. Unterstützung in seinem Kampf erhält er durch den englischen Secret Service, den er von der Wichtigkeit seiner Mission überzeugen konnte. Der Service gründete die Inquisitionsabteilung, deren Leiter Trevor Sullivan seitdem auch Dorians Vorgesetzter im Kampf gegen die Dämonen ist. Ihr Hauptquartier ist die Jugendstilvilla in der Londoner Baring Road, die durch Dämonenbanner gegen einen Angriff der Schwarzen Familie gesichert ist. Bald kommt Hunter seiner eigentlichen Bestimmung auf die Spur: In einem früheren Leben schloss er als französischer Baron Nicolas de Conde einen Pakt mit dem Teufel, der ihm daraufhin die Unsterblichkeit gewährte. Um seine Sünden zu büßen, verfasste de Conde den »Hexenhammer« – jenes Buch, das im 16. Jahrhundert zur Grundlage für die Hexenverfolgung wurde. Doch der Inquisition fielen meist Unschuldige zum Opfer; die Dämonen, auf die de Conde es abgesehen hatte, blieben ungeschoren. Der Pakt galt, und als de Conde selbst der Ketzerei angeklagt und verbrannt wurde, ging seine Seele in den nächsten Körper über. So ging es fort bis in die Gegenwart. Dorian Hunter begreift, dass er die Wiedergeburt de Condes ist. Es ist seine Aufgabe, den Dämonen nachzustellen und sie zu vernichten. Vielleicht ist dieser angeborene Dämonenhass der Grund dafür, dass er sich nicht an die Vorgaben des Secret Service hält. Er jagt die Dämonen auf eigene Faust, und als die Erfolge ausbleiben, gerät der
»Observator Inquisitor« Trevor Sullivan unter Druck. Die Abteilung wird aufgelöst. Hunters engste Gefährten lassen sich durch die Rückschläge nicht schocken: Da wäre zunächst die junge Hexe Coco Zamis, die früher selbst ein Mitglied der Schwarzen Familie war, bis sie wegen ihrer Liebe zu Dorian den Großteil ihrer magischen Fähigkeiten verlor. Weiterhin der Hermaphrodit Phillip, der weder Mann noch Frau, weder Mensch noch Dämon ist und dessen hellseherische Fähigkeiten ihn zu einem lebenden Orakel machen – sowie der Puppenmann Don Chapman, der als Agent für den Service arbeitete, bis er von einem dämonischen Puppenmacher auf Zwergengröße geschrumpft wurde. Hunter gelingt es, seine dämonischen Brüder zu töten und Asmodi, das Oberhaupt der Schwarzen Familie, zu vernichten. Doch mit Olivaro steht schon ein Nachfolger bereit. Zwar ist seine Position innerhalb der Familie nicht unumstritten, aber das lässt ihn im Kampf gegen Dorian nur umso gewissenloser agieren. Der neuste Schachzug Olivaros bringt Hunter an den Rand der endgültigen Niederlage. Der Dämonenkiller muss tatenlos zusehen, wie seine Gefährtin Coco Zamis die Seiten wechselt und sich dem selbst ernannten Fürsten der Finsternis anschließt. Ist Cocos dämonisches Erbe für den Sinneswandel verantwortlich, oder verfolgt die junge Hexe einen Plan, den selbst Dorian nicht durchschaut? Die Antwort erhält er in Griechenland, wo er Zeuge einer Schwarzen Messe wird. Coco Zamis soll Olivaro den Teufelseid schwören. Stattdessen aber gesteht sie ihm ihre Schwangerschaft, und Vater des Kindes – ist der Dämonenkiller! Dorian ist erleichtert, sich in Coco nicht getäuscht zu haben. Von jetzt an kennt er nur noch ein Ziel: Die Mutter seines ungeborenen Kindes aus den Klauen der Dämonen zu retten …
Vorwort Liebe Leserin, lieber Leser, vor Ihnen liegt der elfte Dorian Hunter-Band und mit dem titelgebenden Roman »Das Kind der Hexe« zugleich der 50. Roman der Serie und der Abschluss eines Zyklus. Die Hexe Coco Zamis, die sich von Dorian Hunter abgewandt hat, um sich dem Fürsten der Finsternis anzuschließen, traf diese Entscheidung, um Dorian Hunter und seine Gefährten zu schützen – und ebenso das Kind, das in ihr heranreifte! Hunter, der nichts von ihrer Schwangerschaft ahnte, wurden während einer Schwarzen Messe in Griechenland die Augen geöffnet. Jetzt kämpft er mit aller Macht darum, Coco aus den Klauen Olivaros zu befreien … Auch wir, die Autoren, Redakteure und weiteren Mitarbeiter, die an der Buchausgabe von Dorian Hunter ihren Anteil haben, müssen kämpfen. Lange hat der Verlag die gestiegenen Kosten im Herstellungs- und Druckbereich nicht an den Leser weitergegeben. Dies geht jetzt nicht mehr, weshalb der Preis pro Band ab sofort auf 17,95 Euro angehoben werden muss. Wir bedauern diese Erhöhung, aber sie war leider unausweichlich. Im Gegenzug werden wir uns bemühen, als kleinen Ausgleich möglichst stets fünf statt wie bisher oft nur vier Romane pro Band zusammenzufassen – natürlich auch weiterhin immer unter der Maßgabe der inhaltlichen Geschlossenheit. Die Preiserhöhung ist eine Möglichkeit, den Verlag zu entlasten. Die andere ist ein Abonnement, zum Beispiel direkt über die Homepagewww.DorianHunter.de oder per Post oder Fax an den ZaubermondVerlag, Oelkinghauser Straße 7, 58.332 Schwelm, Fax-Nr. 0 23 36 I 99 07 73. Jedes Abonnement bedeutet einen zufriedenen Kunden und ist deshalb die höchste Form von Wertschätzung, den diese Buchausgabe erfahren kann. Wir freuen uns immer wieder über ein solches Feedback, wie auch über Lesermeinungen im Forum unterwww.DorianHunter.de, und hoffen, dass Sie uns auch weiterhin die Treue halten werden. Unterhaltsames Gruseln wünscht Dario Vandis
Erstes Buch
Der Schaten des Werwolfs von Neal Davenport
Panik stieg in ihm hoch. Er konnte sich an nichts mehr erinnern, er hatte alles vergessen, sogar seinen Namen. Die Straßenbeleuchtung brannte. Ein roter doppelstöckiger Autobus fuhr an ihm vorbei. Rasch blickte er sich um. Ich bin in London, stellte er fest. Der Autobus und die Wagen fuhren auf der linken Straßenseite. Auf einem Haus konnte er den Straßennamen lesen: Baring Road, S. E. 12. Die Baring Road war ihm unbekannt, er wusste aber, dass er sich im Südosten Londons befand, in einem Stadtteil, in dem er nie zuvor gewesen war. Er starrte seine rechte Hand an. Lange, schlanke Finger; der Handrücken war gebräunt und mit dunklen Haaren bedeckt. Er umklammerte einen Schlüsselbund; einen der Schlüssel hielt er zwischen Zeigefinger und Daumen. Sein Blick wanderte weiter und fiel auf ein gewaltiges schmiedeeisernes Tor, das mit scheußlichen abstoßenden Mustern verziert war. Unwillkürlich trat er einen Schritt zurück. Hinter dem Tor lag ein gepflegter Garten, und er sah eine Villa. Jugendstil, stellte er fest und wunderte sich, woher sein Wissen stammte. Kein Grund zur Aufregung, versuchte er sich zu beruhigen. In wenigen Augenblicken werde ich mich wieder erinnern können. Ich werde wissen, wer ich bin und was ich hier will. Nochmals blickte er sich um. Kein Mensch war auf der Straße, nur gelegentlich raste ein Auto vorbei. Mühsam unterdrückte er das Zittern seiner Hände, hob dann den linken Arm und sah, dass er eine Lederjacke trug. Er schob den Ärmel zurück. Die Rolex zeigte an, dass es zehn Minuten nach neun war. Er wartete einige Minuten, schloss die Augen und dachte angestrengt nach, doch seine Erinnerung kehrte nicht zurück. Er griff in die Außentaschen der Jacke und fand eine angebrochene Packung Players und ein Feuerzeug. Schritte näherten sich. Er wandte den Kopf nach rechts. Es war ein verwachsener Zwerg, der rasch näher kam. Nie zuvor hatte er etwas
Ähnliches gesehen. Das unheimliche Geschöpf blieb vor ihm stehen. Es trug einen braunen Anzug. Der linke Arm war winzig klein und wirkte wie eine Geschwulst, die sich unter dem Ärmel abzeichnete. Dafür war der rechte Arm fast zwei Meter lang und dünn wie eine Liane. Die Beine waren unterschiedlich lang. Das Gesicht war abstoßend hässlich, mit Geschwüren und eitrigen Beulen übersät. »Endlich erreiche ich dich, Dorian«, sagte der Zwerg mit schriller Stimme. »Sie kennen mich?« Der Zwerg lachte bösartig. »Du willst dich wohl nicht mehr an mich erinnern, Bruder, was?« »Ich soll Ihr Bruder sein?« »Stell dich nicht dumm, Hunter!«, knurrte der Zwerg. »Ich will, dass du mich tötest.« »Wie nannten Sie mich?« »Jetzt reicht mir diese Komödie!«, schrie der Zwerg. »Du bist Dorian Hunter, und ich bin Jerome Hewitt.« Der Mann presste die Lippen zusammen. Der Zwerg kannte ihn. Er nannte ihn Dorian Hunter, doch dieser Name rief keine Erinnerung in ihm hervor. »Ich kann mich nicht entsinnen«, sagte er schwach. »Ich habe mein Gedächtnis verloren.« Hewitt musterte ihn aufmerksam. »Ich glaube dir kein Wort, Hunter.« »Es ist aber so. Ich habe die Erinnerung an alles verloren.« »Töte mich endlich! Erlöse mich von meinen Schmerzen!« Der muss verrückt sein, dachte der Mann. Ich habe ihn noch nie zuvor gesehen, und er will, dass ich ihn töte. Der Freak versuchte, ihn zu packen. Der Mann schüttelte den dünnen Arm ab und näherte sich langsam dem Tor. Er steckte den Schlüssel ins Schlüsselloch. Er passte. Seine Vermutung war richtig gewesen. Er sperrte das Tor auf, drückte einen der Flügel auf, trat in den Garten und wandte den Kopf um. Hewitt verfolgte ihn nicht. Er blieb draußen stehen, hüpfte wie ein Verrückter auf und ab und beschimpfte Dorian. Ich heiße also Dorian Hunter, dachte der Mann. Und wie es aussieht,
wohne ich hier. Die wilden Verwünschungsschreie des Freaks wurden leiser. Der Mann ging rascher, blieb vor der Haustür stehen, griff nach der Klinke und drückte sie nieder. Die Tür war versperrt. Zögernd blickte er den Schlüsselbund an, steckte ihn in die Jackentasche und drückte auf den Klingelknopf. Es dauerte mehr als eine Minute, bis die Haustür geöffnet wurde. Eine ältere Frau, an die Sechzig, stand vor ihm und musterte ihn missbilligend. Sie trug ein altmodisches Kleid, und das graue Haar hatte sie aufgesteckt. »Sie haben wohl den Schlüssel vergessen, Mr. Hunter?« »Wer sind Sie?« »Haben Sie den Verstand verloren, Mr. Hunter?«, fragte die Frau spöttisch. »Ich kenne Sie nicht.« »Aber ich bin doch Martha Pickford!« Der Mann schüttelte den Kopf. Hinter der Frau tauchte ein Mann auf. »Hallo, Dorian!«, sagte er. Er wirkte bullig, und sein Gesicht hatte brutale Züge. »Soll ich Sie kennen?«, fragte der Mann. »Na klar. Ich bin Marvin Cohen.« Auch dieser Name sagte ihm nichts. Die Alte trat einen Schritt zur Seite. Der Mann ging an ihr vorbei und blickte sich um. Die Diele rief keine Erinnerung bei ihm hervor. Seine Hoffnung, dass sein Gedächtnis zurückkehren würde, hatte sich nicht erfüllt. Tiefe Verzweiflung stieg in ihm hoch. Der Mann, der sich als Marvin Cohen vorgestellt hatte, baute sich vor ihm auf. »Was hat das alles zu bedeuten, Dorian?« Er hob verzweifelt die Schultern. »Ich weiß es nicht«, sagte er tonlos. »Ich kann mich an nichts mehr erinnern. Sie behaupten, dass ich Dorian Hunter sei, doch dieser Name sagt mir überhaupt nichts. Ich kenne Sie und die Frau nicht.« »Sieh mal in den Spiegel, Dorian!«, sagte Cohen. »Vielleicht hilft dir das weiter.« Er folgte zögernd. Vor einem hohen Spiegel blieb er stehen und
beugte sich vor. Er war groß, mindestens ein Meter neunzig, schlank und hatte eine sportliche Figur. Sein Haar war mittellang und schwarz. Das Gesicht mit den stechenden, grünen Augen war dunkelbraun. Die Oberlippe zierte ein dichter Schnurrbart, dessen Spitzen nach unten gezwirbelt waren. »Kannst du dich jetzt erinnern, Dorian?« »Nein«, sagte Hunter heiser. »Es kommt mir so vor, als würde ich mich das erste Mal sehen.« Cohen fuhr sich nachdenklich mit der Zunge über die Lippen. Er führte den Mann, der wie Dorian aussah, in ein großes Wohnzimmer. Auf einem Stuhl saß ein älterer Mann, der langsam aufstand. Er sah durchschnittlich aus. Das einzig Auffallende an ihm war, dass die rechte Gesichtshälfte wesentlich heller als die linke zu sein schien. »Dorian behauptet, dass er sein Gedächtnis verloren hat«, erklärte Cohen. »Sie soll ich wohl auch kennen?«, fragte der Mann mit Dorians Gestalt. »Ja, ich bin Trevor Sullivan.« »Nie gehört.« »Setzen Sie sich, Dorian!«, sagte Sullivan. Er setzte sich auf eine Couch und schüttelte den Kopf. »Ich verstehe das einfach nicht«, sagte er. »Ich soll Sie alle kennen, doch ich kenne niemanden.« Sullivan nickte. »Holen Sie bitte Phillip, Miss Pickford!« Die Alte nickte und ging rasch aus dem Zimmer. »Wer ist Phillip?« »Sagt Ihnen der Name Lilian etwas?« Er schüttelte den Kopf. »Das ist Ihre Frau«, sagte Sullivan. »Sie haben noch eine Wohnung, Dorian. In der Abraham Road. Ein Reihenhaus, in dem Sie mit Lilian wohnen.« »Ich kann mich nicht erinnern«, wiederholte er und stützte den Kopf zwischen seine Hände. »Es ist furchtbar.« Sullivan und Cohen wechselten einen Blick.
»Ob die Schwarze Familie dahinter steckt?«, fragte Cohen leise. »Schwarze Familie?«, wiederholte er verwundert. »Er kann sich tatsächlich an nichts erinnern«, stellte Trevor Sullivan fest. »Das kann ziemlich böse werden.« »Dorian hat sich doch mit der Dämonengruppe verbündet, die Olivaro feindlich gegenübersteht«, sagte Cohen. »Vielleicht war das eine Falle«, meinte Sullivan. »Ich verstehe nicht ein Wort«, sagte der Mann in Dorians Gestalt. »Sie sprechen von Dämonen und Olivaro. Was hat das alles zu bedeuten?« »Später«, sagte Sullivan. Die Tür wurde langsam geöffnet, und Phillip trat mit geschlossenen Lidern ins Zimmer. Er schien in Trance zu sein. Der Mann stand überrascht auf. Phillips Haut war fast durchscheinend. Blondgelocktes Haar fiel über die schmalen Schultern. Er blieb vor Dorian stehen und öffnete die Augen. Sie waren goldfarben und schimmerten geheimnisvoll. Phillip lächelte. »Hallo, Dorian!«, sagte er. Der Mann nickte schwach. Aus den Augenwinkeln sah er eine Bewegung und wandte den Kopf um. Ich muss träumen, dachte er, als sein Blick auf eine dreißig Zentimeter große Gestalt fiel. Sie war normal gekleidet und wirkte trotz der Kleinheit überaus männlich. Das dunkle Haar des Puppenmannes war mit Silberfäden durchzogen. »Wer ist das?«, fragte er und zeigte auf den Puppenmann. »Don Chapman«, sagte Cohen. »Ich träume«, sagte er und ließ sich auf die Couch fallen. Er fürchtete, verrückt zu werden, schloss die Augen und kniff sich in die rechte Hand. Deutlich spürte er den Schmerz und riss die Augen auf. Die Versammlung der seltsamen Gestalten verschwand nicht. Das geheimnisvolle Wesen mit dem blondgelockten Haar lächelte freundlich, drehte sich um und ging langsam aus dem Zimmer. »Phillip zeigte keine Reaktion«, sagte Cohen nachdenklich. »Ich bin verrückt«, flüsterte der Mann. »Keine Bange!«, tröstete Cohen ihn. »Wir bekommen dich schon
wieder hin. Du wirst dich bald an alles erinnern.« »Das hoffe ich sehr«, sagte er.
Fred Archer war fünfunddreißig Jahre alt und seit vier Jahren beim Detektivunternehmen Observer angestellt. Er war ein mittelgroßer Mann, der ein wenig zum Dicksein neigte. Sein Gesicht war rosig, das rotblonde Haar kurz geschnitten und der Blick seiner blauen Augen aufmerksam. Die Villa stand inmitten eines großzügig angelegten Gartens und wirkte streng und modern. Vor der Haustür erwartete ihn ein hochnäsiger Butler. »Madame erwartet Sie bereits«, sagte der Butler, öffnete die Tür und ließ Archer ins Haus eintreten. »Sie gestatten, dass ich vorgehe, Sir?« Archer nickte. Der Butler führte ihn einen breiten Gang entlang, blieb vor einer Tür stehen und klopfte leise an. Dann öffnete er die Tür und verbeugte sich leicht. Der Privatdetektiv trat in ein langgestrecktes Zimmer. In der linken Längswand war ein gewaltiges Fenster eingelassen, durch das man in den Garten blicken konnte. Die rechte Wand wurde von kostbaren Gobelins und Gemälden bedeckt. Das Zimmer war im Empirestil eingerichtet. »Guten Tag«, sagte Archer förmlich. »Fred Archer vom Observer.« Auf einem der Stühle saß eine dicke Frau, die ein himmelblaues Seidenkleid trug, das sich über der gewaltigen Brust spannte. Ihr Alter war schwer zu schätzen; wahrscheinlich war sie Ende Dreißig. »Setzen Sie sich, Mr. Archer!«, sagte die Frau ungeduldig. »Ich bin Mrs. Chasen.« Archer deutete eine Verbeugung an und setzte sich der Frau gegenüber. Ihr Gesicht mochte irgendwann einmal hübsch gewesen sein. Jetzt war es aufgedunsen und mit einer dichten Make-upSchicht bedeckt. Bei jeder ihrer Bewegungen schwabbelte das Doppelkinn. Das dunkelbraune Haar fiel glatt auf ihre breiten Schultern. »Ihre Agentur wurde mir von Sir William empfohlen«, sagte Carol Chasen und musterte den Detektiv durchdringend. »Es geht um
meinen Mann.« Archer unterdrückte einen Seufzer. Wieder mal eine eifersüchtige Frau, die Angst hatte, dass sich ihr Mann in fremden Betten herumtrieb. »Ich verstehe.« »Sie verstehen gar nichts«, brummte Carol Chasen. »Ich kann Ihre Gedanken erraten, aber Sie irren sich. Mein Mann war mir bis jetzt treu, aber seit einer Woche erscheint er mir völlig verändert. Möglicherweise steckt eine andere Frau dahinter, aber das kann ich mir bei Ron einfach nicht denken. Ich möchte wissen, wie es möglich ist, dass sich ein Mann innerhalb von wenigen Tagen grundlegend ändert. Und das sollen Sie für mich herausbekommen.« »Erklären Sie mir, bitte …« »Lassen Sie mich erzählen«, sagte Carol Chasen scharf. »Mein Mann war bis vor einer Woche ein Pantoffelheld. Er kam jeden Abend pünktlich um neunzehn Uhr nach Hause, nahm vor dem Abendessen einen Drink, war freundlich und zuvorkommend zu mir. Nach dem Essen spielten wir Karten oder eine Partie Schach. Gelegentlich hatten wir auch Gäste, aber das war in den vergangenen Jahren immer seltener vorgekommen. Meist blieben wir zu Hause. Seit einer Woche ist mein Mann nun verändert. Er ist geistesabwesend, antwortet nicht auf meine Fragen, ja, er brüllte mich sogar an, dass ich ihn in Ruhe lassen sollte. So etwas war bisher einfach undenkbar. Ron hat nie seine Stimme erhoben. Einmal – das war vor zwei Tagen – als ich ihn wieder etwas fragte, stand er auf und schlug mir über den Mund, dann zog er sich in sein Arbeitszimmer zurück. Ich kann mir nicht erklären, was in ihn gefahren ist. Er ist ein anderer Mann geworden.« »Vielleicht hat er berufliche Sorgen, Mrs. Chasen?« »Nein«, sagte Carol entschieden. »Er ist erfolgreich und kann sich kaum vor Aufträgen retten. Mein Mann ist Architekt, ein ganz hervorragender. Aber vielleicht hat es doch etwas mit seinem Beruf zu tun. Er erhielt vor einer Woche den Auftrag, Pläne für ein Großprojekt auszuarbeiten.« »Worum geht es bei diesem Projekt?« »Das ist ja so seltsam, Mr. Archer. Er zeigte mir einige Skizzen. Sie
waren fantastisch, stellten ein Gebäude dar, das so gigantisch wie der Turm zu Babel aussah. Auf meine Frage, wo dieses Gebäude gebaut werden sollte, gab mir mein Mann keine Antwort. Und seither ist er wie ausgewechselt.« »Wissen Sie, wer der Auftraggeber ist?« »Eine Familie Lorrimer«, sagte sie. »Ich kenne sie nicht, habe nie zuvor etwas von ihnen gehört.« »Kam Ihr Mann in den vergangenen Tagen später nach Hause?« »Ja«, sagte Carol. »Zweimal. Einmal kam er nach zweiundzwanzig Uhr, das zweite Mal weit nach Mitternacht. Als ich ihn fragte, wo er gewesen sei, antwortete er nicht. Er ignorierte mich einfach.« »Wirkte er da verändert?« »Das kann man wohl sagen«, stellte Carol Chasen spitz fest. »Er wirkte betrunken. Seine Augen waren glasig. Seine Bewegungen unsicher. Er schloss sich in seinem Schlafzimmer ein, und ich hörte, wie er lange Zeit auf und ab ging. Ich mache mir Sorgen. Und da er sich weigert, auf meine Fragen zu antworten, beschloss ich, mich an Sie zu wenden. Ich will wissen, was mit Ron los ist. Irgendetwas hat ihn verändert.« »Wo hat Ihr Mann sein Büro?« »In der Regent Street. Hier haben Sie ein Foto meines Mannes. Es wurde vor einem halben Jahr aufgenommen.« Archer griff nach dem Foto. Es zeigte einen unscheinbaren Mann, der gezwungen lächelte. Er war klein und schlank. Sein Gesicht mit den weit auseinanderstehenden Augen wirkte ungesund. Das helle Haar war kurz geschnitten und links gescheitelt. »Mein Mann ist sechsundvierzig Jahre alt«, sagte Carol Chasen. »Ich will, dass Sie ihn beobachten.«
Trevor Sullivan und Don Chapman hatten sich in Hunters Arbeitszimmer zurückgezogen, während Marvin Cohen bei Hunter im Wohnzimmer geblieben war. »Dorian kann sich tatsächlich an nichts erinnern«, stellte Don Chapman fest.
Trevor Sullivan nickte unbehaglich. »Irgendjemand hat ihm das Gedächtnis geraubt. Aber wer?« »Olivaro«, sagte der Puppenmann. »Ich weiß es nicht«, sagte Sullivan. »Und ich weiß auch nicht, was wir unternehmen sollen.« »Vielleicht kann ein Arzt helfen.« »Daran dachte ich auch schon, aber der hilft uns sicher nicht weiter, da Dorians Gedächtnisverlust auf magische Art verursacht wurde.« »Wahrscheinlich haben Sie Recht, Trevor«, sagte der Puppenmann nachdenklich. »Aber irgendwie müssen wir Dorian helfen.« »Ich sehe im Augenblick keine Möglichkeit«, meinte Sullivan und strich sich übers Kinn. »Wir können nur hoffen, dass es sich um einen vorübergehenden Zustand handelt.« »Dorian war schon in den vergangenen Tagen geistesabwesend«, sagte Chapman. »Seit seiner Rückkehr aus Mexiko wirkte er anders. Ob der Pakt mit den Dämonenfamilien eine Rolle spielt?« »Möglich. Unsere Vermutungen helfen uns jedoch nicht weiter. Wir …« Sie hörten das Anschlagen des Türgongs. »Das wird Parker sein«, sagte Chapman. »Er kündigte für heute seine Ankunft an.« Sullivan nickte und stand auf. Der Puppenmann kroch rasch von seinem Stuhl und folgte Sullivan, der die Tür offen hielt. Miss Pickford hatte die Haustür geöffnet, und Jeff Parker trat, gefolgt von seiner Freundin Sacheen, in die Diele. »Einen schönen Abend allerseits!«, sagte Jeff Parker fröhlich. Er war Ende der Dreißig, gab sich aber betont jugendlich. Sein gebräuntes Jungengesicht mit dem blonden Haarschopf war zu einem breiten Grinsen verzogen, das langsam erstarb, als er in Trevor Sullivans ernstes Gesicht blickte. »Was macht ihr denn alle für Leichenbittermienen? Ist wer gestorben?« Sullivan schüttelte den Kopf. »Das nicht«, sagte er und senkte seine Stimme. »Dorian hat das
Gedächtnis verloren.« »So etwas gibt es nur in Filmen und Romanen«, sagte Parker grimmig. »Es ist aber so.« »Hm«, brummte Parker. »Seit wann hat er sein Gedächtnis verloren?« »Seit ein paar Stunden«, schaltete sich Martha Pickford ein. »Vormittags war er für eine Stunde hier. Da war er noch ganz normal. Er kam mir nur verschlossener als sonst vor. Irgendwie geistesabwesend.« »Ist er hier?«, fragte Parker. »Im Wohnzimmer«, sagte Don Chapman. »Ich werde ihn mir mal ansehen«, sagte Parker. »Komm mit, Sacheen!« Parkers Freundin war eine auffallend junge Frau. Sie war groß und schlank und hatte breite Hüften und große Brüste, die sich unter der enganliegenden Bluse deutlich abzeichneten. Das blauschwarze Haar fiel in zwei dicken Zöpfen über ihre Schultern und reichte fast bis zu den Hüften. Das Indianerblut in ihren Adern ließ sich nicht verleugnen und gab ihrem Gesicht einen aparten Reiz. Sie bewegte sich geschmeidig wie eine Raubkatze. Parker blieb in der Tür stehen. Marvin hob grüßend den rechten Arm, und Parker nickte ihm flüchtig zu. Er kniff die Augen zusammen und studierte Dorian, der ihn interessiert ansah. »Hallo, Dorian!«, sagte Parker und kam langsam näher. Ihm fiel nichts Absonderliches an seinem Freund auf. »Wer ist das?«, fragte der Mann mit Dorians Aussehen und wandte sich an Cohen. »Dein alter Freund Jeff Parker«, antwortete Cohen. »Das Mädchen ist Sacheen. Seine Freundin.« Parker blieb vor Dorian stehen. »Du hast also tatsächlich dein Gedächtnis verloren«, stellte er missmutig fest. »Erinnere dich an unsere Abenteuer mit den Inkas, Dorian! An Machu Picchu!« »Ich kann mich einfach an nichts erinnern«, sagte der Mann, und sein Gesicht bekam einen gequälten Ausdruck. »Cohen versucht
schon seit mehr als einer Stunde vergebens, mein Erinnerungsvermögen zu wecken. Er hat mir schauerliche Geschichten erzählt. Darin wimmelt es von Dämonen, Hexen und Vampiren. Mir kommt das alles so unwirklich vor.« Parker setzte sich und schüttelte den Kopf. »Du hast also dein Gedächtnis verloren«, wiederholte er nachdenklich. »Beschränkt sich dein Gedächtnisverlust nur auf deine persönlichen Erinnerungen, oder …?« Der Mann beugte sich vor. »Ich weiß, dass ich in London bin«, sagte er. »Ich kann mich an geschichtliche Daten erinnern und weiß ganz genau, was in den vergangenen Wochen in der Welt vorgegangen ist. Aber ich habe keinerlei Erinnerung an mein Leben. Und das macht mich fast wahnsinnig.« »Das kann ich mir vorstellen«, sagte Parker und lehnte sich zurück. »Wir haben uns einige Zeit nicht gesehen. Ich hoffte, dass du mit mir nach Frankfurt kommen würdest. Ich nahm Kontakt mit den okkultistischen Freimaurern auf.« Dorian hob bedauernd die Schultern. »Das sagt mir alles nichts.« Parker seufzte. »Ist Dorian noch mit Lilian zusammen?« »Ja«, sagte Cohen und sah dabei ziemlich verlegen drein. »Was ist mit Machu Picchu?« »Sie ist tot«, schaltete sich Sullivan ein. »Selbstmord. Sie wollte nicht mehr weiterleben.« »Das tut mir Leid«, sagte Sacheen. »Sie war ein nettes Mädchen.« »Das aber nicht in unsere Zeit passte«, meinte Parker. »Habt ihr schon einen Arzt geholt, der Dorian …« »Nein«, unterbrach ihn Sullivan. »Wir versprechen uns nichts davon.« »Sie tippen wohl darauf, dass Dorians Gedächtnisverlust von den Dämonen hervorgerufen wurde? Möglich, aber es muss nicht sein. Ich kenne da einen Spezialisten. Mit dem werde ich mich morgen in Verbindung setzen. Er soll Dorian untersuchen. Wir müssen jede Chance ergreifen, um ihm zu helfen. Bearbeitet er irgendeinen Fall, bei dem er mit einem Dämon zusammengetroffen sein könnte?«
»Dorian kam vor ein paar Tagen aus Mexiko zurück«, sagte Sullivan. »Er verbündete sich mit einer Dämonengruppe, die Olivaro nicht als Herrn der Schwarzen Familie akzeptieren will. Und noch eines stellte sich heraus: Coco ist weiterhin auf Dorians Seite. Sie bekommt ein Kind von ihm.« »Was?«, fragte Parker überrascht. »Ich erzähle Ihnen später alles genauer«, meinte Sullivan. »Weiß Lilian davon?« »Nein«, sagte Cohen rasch. »Wir hielten es für besser, ihr nichts zu sagen.« »Ist Lilian noch immer so schreckhaft?« »Nein«, antwortete Cohen. »Sie ist ganz normal.« Der Mann, der Dorian sein sollte, hatte verständnislos zugehört. Die Gespräche kamen ihm völlig wirr vor. Die erwähnten Ereignisse und Namen riefen in ihm keine Erinnerung hervor.
Fred Archer saß zusammen mit seinem Kollegen John Wood in einem unauffälligen beigen Morris. Archer hatte versucht, zu Ronald Chasen vorzudringen, doch er war nicht vorgelassen worden. Er hatte ein Spezialabhörgerät in Chasens Arbeitszimmer platzieren wollen. Schließlich hatte er Carol Chasen angerufen, die sich bereit erklärt hatte, diese Aufgabe für ihn zu erledigen. Sie hatte von Archer das daumengroße, flache Spezialgerät bekommen. Ihre Aufgabe war ziemlich einfach. Sie brauchte es nur an der Unterseite des Schreibtisches ihres Mannes zu befestigen. Deutlich hörten Archer und Wood die Stimmen. Wood regulierte die Lautstärke. »Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass ich nicht will, dass du mich im Büro besuchst, Carol«, hörten sie eine helle Männerstimme. »Das weiß ich«, antwortete Carol Chasen. »Aber ich muss mit dir sprechen, Ron.« »Ich habe keine Zeit«, brummte ihr Mann. »Ich arbeite an einem wichtigen Auftrag.« »Du bist so verändert in letzter Zeit. Kann ich dir helfen?«
»Ja«, fauchte Ronald Chasen. »Geh und lass mich allein!« »Ist das alles, was du mir zu sagen hast, Ron?« »Ja, das ist alles.« Die Stimme des Mannes klang jetzt eisig. »Kommst du heute nach Hause?« »Das weiß ich noch nicht. Bitte geh, Carol!« Sesselrücken war zu hören, dann Schritte und das Öffnen einer Tür, wieder Schritte, das Läuten des Telefons. »Chasen«, meldete sich der Architekt. »Sie hat es geschafft.« Wood war zufrieden. »Es ist Carol Chasen gelungen, die Wanze zu befestigen.« »Sei still!«, zischte Archer. »Ich habe einige Pläne vorbereitet, Miss Lorrimer«, sagte Chasen. »Ich hoffe, dass sie Ihnen gefallen werden.« Chasen sagte einige Sekunden nichts, dann: »Ja, ich verstehe, ich werde heute zu Ihnen kommen. Um neunzehn Uhr. Ja, ich habe verstanden.« Wieder herrschte einige Sekunden Schweigen. »Auf Wiedersehen, Miss Lorrimer!«, sagte Chasen abschließend. »Ja, ich werde pünktlich sein. Um neunzehn Uhr.« »Das mit der Wanze war eine gute Idee«, sagte John Wood zufrieden. Er war ein breitschultriger, gut aussehender Fünfundzwanzigjähriger. Archer nickte und legte die Stirn in Falten. »Du wartest hier, John!«, sagte er. »Nimm alle Gespräche Chasens auf Band auf! Ich sehe mir mal das Haus der Lorrimers an.« Archer stieg aus dem Morris und ging in die New Bond Street, in der er seinen Mini geparkt hatte. Er klemmte sich hinters Steuer und fuhr los. Die Lorrimers besaßen ein Haus am Stadtrand von London, in der Nähe des Richmond Parks. Die Adresse hatte er von Carol Chasen bekommen. Der Verkehr wurde erst etwas schwächer, als Archer Kensington erreicht hatte. Nun kam er rasch vorwärts. In den vier Jahren – seit er für das Detektivbüro Observer arbeitete – hatte er unzählige Fälle zu bearbeiten gehabt. Der Observer war ein
ziemlich großes Unternehmen, spezialisiert auf Scheidungsfälle, Versicherungsbetrügereien und Überwachungen. In den vergangenen zwei Jahren war das modernste Ausrüstungsmaterial angeschafft worden – Abhörgeräte und raffinierte Fotoapparate. Carol Chasen hatte den Auftrag gegeben, ihren Mann nicht aus den Augen zu lassen – und diesen Wunsch würde ihr Archer erfüllen. In seiner Praxis war er mehr als hundertmal mit eifersüchtigen Frauen und Männern konfrontiert worden, und er war ziemlich sicher, das auch hier eine andere Frau hinter dem veränderten Verhalten Ronald Chasens steckte. Archer seufzte. Immer das Gleiche, dachte er. Da heiratet ein junger aufstrebender Mann eine Frau. Anfangs geht alles gut, bis der junge Mann Erfolg hat. Die Frau lässt sich in den meisten Fällen gehen, vernachlässigt ihr Äußeres, nörgelt an ihrem Mann herum, der sich das eine Zeitlang gefallen lässt und dann genug von ihr hat. Die Frau geht ihm auf die Nerven. Er überlegt und sucht sich eine andere, was für einen erfolgreichen Mann ziemlich einfach ist. Archer fuhr nach Roehampton. Er blieb kurz stehen, holte den Stadtplan hervor, studierte ihn, warf ihn zurück ins Handschuhfach und fuhr weiter. Nach wenigen Minuten erreichte er den Kingston By-Pass, eine gut ausgebaute Schnellstraße. Kurz vor dem Coombe Golf Hill Course bog er in die Robin Hood Road ein und verlangsamte das Tempo. Ringsum waren Wiesen und kleine Wälder zu sehen. Dazwischen standen hübsche Villen. Als er das Haus der Lorrimers sah, bremste er ab und ließ den Wagen ausrollen. Die Villa stand mehr als fünfhundert Meter von der Straße entfernt. Ein schmaler Weg schlängelte sich zum Haus, von dem nur das Dach hinter den hohen, mit Efeu bewachsenen Mauern zu sehen war. Archer blieb einige Minuten sitzen. Nur ein Kombiwagen kam an ihm vorbei; der Fahrer interessierte sich nicht für ihn. Der Privatdetektiv stieg aus, steckte einen Feldstecher ein und schlenderte langsam zum Haus. Das schwere Eisentor war geschlossen und die Mauer fast drei Meter hoch. Rechts befand sich eine steil
abfallende Wiese, links wuchsen in etwa hundert Meter Entfernung einige uralte Eichen. Archer überlegte einige Sekunden. Er wollte einen Platz finden, von dem aus er das Haus beobachten konnte. Die Wiese schied aus. Er wandte sich nach links und ging rund um die Mauer. Hinter dem Haus entdeckte er noch eine Wiese. Da bleiben nur die Eichen als Beobachtungspunkt, dachte Archer. Er ging zu den Bäumen und suchte sich einen knorrigen Baum aus. Geschickt packte er einen herabhängenden Ast, hangelte sich hoch, blieb auf einem starken Ast stehen, lehnte sich gegen den Baumstamm und brummte zufrieden. Deutlich konnte er das Haus sehen. Es war ein zweistöckiger grauer Bau, mindestens zweihundert Jahre alt. Die tiefstehende Sonne funkelte in den geschlossenen Fensterscheiben. Vor dem Haus standen zwei Fahrzeuge – ein Porsche und ein Rolls Royce. Kein Mensch war zu sehen. Der Garten wirkte sehr gepflegt, überall wuchsen Sträucher und Blumen. Hinter dem Haus lag ein kleiner Teich. Archer holte das Fernglas hervor und betrachtete das Haus genauer. Neben dem Eingangstor befand sich eine gewaltige Terrasse, die mit einer riesigen Sonnenplane überdacht war. Er beobachtete das Haus einige Minuten, doch nichts rührte sich. Nach einer halben Stunde kroch er von der Eiche herunter und ging zur Mauer. Er suchte nach einer Stelle, um hinaufklettern zu können, doch er fand nichts Passendes. Er schob den Efeu zur Seite, berührte die Mauer und zuckte zurück. Es war ihm, als hätte er einen leichten elektrischen Schlag bekommen. Er probierte es nochmals. Diesmal ließ er seine Hand länger auf der Mauer liegen. Und wieder bekam er einen Schlag. Er kniff die Lippen zusammen und trat einen Schritt zurück. Dann ging er kopfschüttelnd zu seinem Wagen, griff nach dem Telefon und setzte sich mit John Wood in Verbindung. »Bei mir gibt es nichts Neues«, sagte Wood. »Chasen ist noch immer im Büro. Er hat seiner Sekretärin Anweisung gegeben, dass er nicht gestört werden will.«
»Sobald er sein Büro verlässt, verfolgst du ihn, John«, sagte Archer. »Ich bleibe einstweilen im Wagen, suche mir aber eine andere Stelle, wo ich ihn unauffälliger hinstellen kann.« Archer fand einen herrlichen Parkplatz hinter einigen Büschen. Von der Straße aus war er nicht zu sehen. Er aß zwei Sandwichs, trank eine Dose Bier und wartete. Kurz nach halb sieben Uhr meldete sich John Wood bei ihm. Chasen war in seinen Jaguar gestiegen und fuhr in Richtung Kensington. Von seinem Standpunkt aus hatte Archer einen guten Blick auf das Eisentor. Einige Minuten vor sieben Uhr tauchte ein cremefarbener Cadillac auf, der vor dem Tor hielt, das Sekunden später geöffnet wurde. Der Cadillac fuhr in den Garten, und hinter ihm schlossen sich die schweren Türflügel. In Minutenabständen trafen weitere Autos ein, darunter auch Chasen mit seinem silberfarbenen Jaguar. Insgesamt waren es fünf Wagen, die in den Garten der Lorrimers fuhren. Archer notierte die Wagennummern. Das Autotelefon läutete, und Archer hob den Hörer ab. »Ich stehe in der Robin Hood Road«, meldete sich John Wood. »Ist Chasen an dir vorbeigekommen?« »Ja«, antwortete Archer. »Komm zu mir, John! Und vergiss die Ausrüstung nicht!« »Was soll ich alles mitnehmen?« Archer zählte es auf. Zehn Minuten später erschien Wood. Er grinste und trug zwei Koffer. »Wir werden uns bei der Beobachtung des Hauses abwechseln«, sagte Archer. »Es gibt nur eine Stelle, von der aus wir das Haus unbemerkt beobachten können. Bei den Bäumen.« Wood nickte und folgte Archer, der vorausging. Unter der Eiche blieb er stehen und sah zu, wie Wood seine Geräte auspackte. »Ich steige mal hoch«, sagte Archer und kletterte auf den Baum, während Wood sich weiter mit seinen Empfangsgeräten beschäftigte. Wood war in die Garage gegangen, in der Chasen seinen Wagen
abgestellt hatte, und es war ihm gelungen, ein leistungsstarkes Gerät einzubauen. Archer schätzte die Entfernung von Chasens Jaguar bis zur Veranda, wo sich einige Leute aufhielten, ab. Es waren kaum fünfzig Meter. Wood hockte unter dem Baum und hatte sich Kopfhörer über die Ohren gestülpt. Er hantierte einige Minuten an seinen Geräten herum, setzte dann die Kopfhörer ab und sah zu Archer hinauf. »Es klappt tadellos«, sagte Wood. »Ich kann die Gespräche mithören.« »Lass das Tonband laufen, John!«, rief Archer hinunter. »Wenn du was Interessantes hörst, dann gib mir Bescheid! Ich beobachte das Haus weiter.« »Gut«, sagte Wood und setzte sich. Er stopfte sich einen Kaugummi in den Mund und hörte zu. Archer drehte an der Feineinstellung des Fernglases und sah sich der Reihe nach die Leute auf der Terrasse an, die in Gruppen herumstanden. Nach kurzem Suchen entdeckte er Ronald Chasen. Er hielt in der rechten Hand ein Glas. Seine Bewegungen wirkten seltsam verkrampft. Er bewegte den rechten Arm ruckweise. Sein Gesicht war bleich und das braune, leicht gewellte Haar streng nach hinten gekämmt. Sein brauner Anzug saß wie angegossen. Neben ihm stand ein junges Mädchen, das ein offenherzig ausgeschnittenes, giftgrünes Abendkleid trug. Das tizianrote Haar war zu einem kunstvollen Turm frisiert, in dem Perlen funkelten. Selten zuvor hatte Archer ein derart ausdrucksvolles Gesicht gesehen. Es war nicht schön, dazu waren die Augen zu ungleichmäßig; sie waren schräg gestellt und von einem schillernden Blau, das kalt wie das Eis eines Gletschers wirkte; die Nase war zu klein für das längliche Gesicht, dazu noch leicht aufgeworfen; die buschigen Brauen waren über der Nasenwurzel zusammengewachsen, und der Mund war ein kreisrunder, großer Fleck. Aber das alles fügte sich zu einem faszinierenden Ganzen zusammen. Archer konnte einige Minuten seinen Blick nicht von dem Gesicht losreißen. Dann blickte er wieder Ronald Chasen an, der neben dem jungen Mädchen unscheinbar und blass erschien.
Rasch sah er zu den anderen Leuten. Insgesamt waren es zwölf. Einen der Männer kannte er. Es war Robert Adam, ein bekannter Architekt, über den in letzter Zeit ziemlich viel geschrieben worden war, da er einige aufsehenerregende Bauten entworfen hatte. Die anderen Leute hatte Archer nie zuvor gesehen. Wood setzte die Köpfhörer ab. »Scheint eine ganz normale Party zu sein, Fred«, sagte er. »Sie unterhalten sich über Architektur und Kunst. Dabei ist immer wieder von besonders beachtlichen Bauwerken die Rede. Für mich ist das unverständlich, da ich von Architektur keinerlei Ahnung habe.« »Ich will zuhören«, sagte Archer. »Klettere mit den Kopfhörern hoch!« »Ich weiß nicht, ob das Kabel reichen wird«, sagte Wood. »Dann nimm ein Verlängerungskabel!«, knurrte Archer ungehalten. »Und bring mir den Fotoapparat mit! Den mit der Infraroteinrichtung!« »Ich komme«, sagte Wood. Fünf Minuten später hatte Archer den Fotoapparat um den Hals hängen und die Kopfhörer übergestülpt. Es dauerte einige Zeit, bis sich Archer an das Stimmengewirr gewöhnt hatte, das aus den Hörern drang, und er Einzelheiten verstehen konnte. Er hatte ein gutes Stimmengedächtnis und konnte Chasens Stimme herausfinden. »Wo soll dieses Gebäude errichtet werden?«, hörte er Chasen fragen. »Das werden Sie später erfahren«, sagte eine Frauenstimme, die tief und rauchig klang. »Aber es ist wichtig, Miss Lorrimer.« Der ungeduldige Ton in Chasens Stimme war nicht zu überhören. Die Rothaarige ist also Miss Lorrimer, stellte Archer fest. »Sie haben die Entwürfe mitgebracht, Mr. Chasen?«, fragte Miss Lorrimer. »Ja«, sagte Chasen. »Ich habe sie im Auto.« Der Privatdetektiv setzte das Fernglas ab und hob die Kamera. Mit dem Teleobjektiv schoss er einige Fotos von Chasen und der jungen Frau. Dann hörte er den Gesprächen weiterhin zu. Nach einer halb-
en Stunde wusste er mehr. Fünf Architekten waren eingeladen worden, die alle den Auftrag bekommen hatten, ungewöhnliche Bauwerke zu entwerfen. Die anderen Personen gehörten zur Familie Lorrimer. Als sich die Gesellschaft um einen hübsch gedeckten Tisch setzte und zwei junge Frauen Speisen servierten, nahm Archer die Kopfhörer ab und ließ das Fernglas sinken. Er kletterte vom Baum herunter. »Ich gehe was essen, John«, sagte er. »Lass das Band weiterlaufen! Ich fürchte, dass wir hier nur unsere Zeit verschwenden. Das scheint eine ganz normale Zusammenkunft zu sein, halb geschäftlich, halb privat. Ich bin in einer Stunde zurück.« Archer war schon nach fünfzig Minuten zurück. Er hatte in einem kleinen Restaurant rasch gegessen. Als er wieder auf die Eiche kletterte, wurde es langsam dunkel. Einige Minuten hörte er wieder den Gesprächen zu; sie waren völlig belanglos. Die Gesellschaft aß noch immer. Archer rauchte eine Zigarette, setzte sich so bequem wie möglich auf einen Ast und blickte alle fünf Minuten durchs Glas. Auf der Terrasse brannten einige Kerzen. Der Himmel war wolkenlos, und der Vollmond stand hoch. Es war eine schwüle Julinacht, völlig windstill. Hier vergeude ich nur meine Zeit, dachte Fred Archer. Lustlos hob er das Fernglas. Dann beugte er sich vor und atmete rascher. Nach einer Weile setzte er das Glas ab, schüttelte den Kopf und kniff die Augen zusammen. Er griff nach den Kopfhörern, die er auf einen Ast gelegt hatte, und schob sie über die Ohren. Lautes Keuchen war zu hören. Wieder hob er das Glas. Er glaubte seinen Augen nicht trauen zu können. Und dann hörte er das Schreien. Es klang überlaut in den Kopfhörern. Er ließ das Fernglas sinken und griff mit zitternden Fingern nach der Infrarotkamera. In seiner Laufbahn als Privatdetektiv hatte er ja schon einiges gesehen. Er hatte Fotos von wilden Partys geschossen, die in Orgien ausgeartet waren.
Aber noch nie zuvor hatte er gesehen, dass sich völlig normale Menschen in unheimliche Geschöpfe verwandelten, die man höchstens in einem Horrorfilm zu Gesicht bekam. Archer schüttelte seine Überraschung ab und konzentrierte sich ganz aufs Fotografieren. Miss Lorrimer – er wusste jetzt bereits aus den mitgehörten Gesprächen, dass sie Elvira hieß – verwandelte sich langsam. Die buschigen Brauen in ihrem Gesicht wurden immer dichter. Die Perlen fielen aus ihrem kunstvoll aufgebauten Frisurenturm, und das lange Haar fiel locker auf ihre nackten Schultern. Haare wuchsen aus ihrer Stirn und verschmolzen mit dem Haupthaar. Ihre Augen änderten sich, wurden rund und schimmerten glutrot. Sekunden später war das Gesicht mit einem dichten, rötlich schimmernden Pelz bedeckt. Der Mund wurde zu einem geifernden Maul, das sich rasch öffnete und schloss und dabei gewaltige Zähne entblößte. Die junge Frau riss sich mit einem Ruck das giftgrüne Kleid vom Leib. Für einen Augenblick waren lange Beine zu sehen, schlanke Arme und feste, große Brüste; dann schien die Gestalt des Mädchens durchscheinend zu werden, die Arme und Beine verkürzten sich. Als ihr Körper wieder deutlich zu erkennen war, war er nur noch entfernt menschenähnlich – er war mit einem dicken Pelz bedeckt. Aber nicht nur Elvira Lorrimer hatte sich verwandelt, auch die anderen durchliefen eine Metamorphose und wurden zu abscheulichen Bestien. Lediglich fünf Männer wurden von der Verwandlung nicht betroffen. Sie saßen bewegungslos auf ihren Plätzen – darunter auch Ronald Chasen – und nahmen von den unheimlichen Geschehnissen nichts wahr. Sie schienen in Trance zu sein. Sieben Wolfsgestalten umtanzten die fünf Männer. Dabei stießen sie klagende Schreie aus. Eine hüpfte auf allen vieren auf und ab, andere streckten verlangend die Arme nach den Fünf aus. Archer begann zu zittern. Die Laute klangen jetzt sinnlich, lockend. Er riss sich die Kopfhörer von den Ohren und legte einen neuen Film in die Kamera. In die fünf Männer kam Bewegung. Zuerst hoben sie die Arme, dann bewegten sich die Finger ruckartig. Die Kerzen auf den Tischen erloschen; nur der hochstehende Voll-
mond erhellte die Szene. Ronald Chasen stand schwankend auf. Durch die Infrarotbrille konnte Fred Archer alles ganz genau sehen. Immer wieder fotografierte er. Chasen stützte sich mit einer Hand auf der Tischplatte auf, die sich langsam zur Seite neigte. Einige Gläser rutschten runter und zerschellten auf dem Terrassenboden. Eine der unheimlichen Wolfsgestalten näherte sich Chasen. Es war Elvira Lorrimer, die ihre prankenartigen Hände auf seine Schultern legte und sich an seinen Rücken schmiegte. Aus den Kopfhörern, die Archer über einen Ast geworfen hatte, drang dumpfes Röcheln, in das sich heisere Lustschreie mischten. Das kann es alles gar nicht geben, dachte der Privatdetektiv. Er spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Einige der Wolfsmenschen griffen nach den fünf Männern, die noch immer wie in Trance waren. Sie trieben sie auf die schmale Tür zu, die ins Haus führte. Einer nach dem anderen verschwand. Schließlich waren nur noch Ronald Chasen und Elvira Lorrimer zu sehen. Archer bedauerte, dass er kein Gewehr bei sich hatte. Er konnte nicht eingreifen … ihm blieb nichts anderes übrig, als die unfassbaren Vorgänge zu fotografieren. Das Wolfswesen, in das sich Elvira Lorrimer verwandelt hatte, umtänzelte Ronald Chasen, gab ihm einen Stoß in den Rücken und drängte ihn zur Tür, die weit offen stand. Chasen verschwand in der Dunkelheit des Hauses, und das Wolfsmädchen folgte ihm. Archer setzte die Kamera ab und griff nach den Kopfhörern. Es blieb still, aber nur wenige Sekunden, dann hörte er einen schrecklichen Schrei. So schrie nur ein Mensch in höchster Todesangst. Der Schrei erstarb, und alles blieb ruhig. Archer wischte sich den Schweiß von der Stirn und schloss die Augen. Er war ziemlich sicher, dass er Ronald Chasen nicht mehr lebend sehen würde. Nach einigen Minuten hatte er sich etwas von seinem Schock erholt und begann die Ereignisse zu verarbeiten. Verdammt noch mal, jetzt gerade musste Wood nicht da sein! Er fragte sich, was er unternehmen konnte. Viel war es nicht … Er konnte nur abwarten. Allein – oder auch zusammen mit seinem Kollegen – konnte er nicht viel gegen die sieben reißenden Bestien un-
ternehmen. Er schüttelte den Kopf. Wenn er es nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, würde er es nicht glauben. Werwölfe! Es gab tatsächlich Menschen, die sich in Wolfsmenschen verwandeln konnten. Die Tonbandaufnahmen und Fotos würden es beweisen. Er lauschte immer wieder nach verdächtigen Geräuschen, doch kein Laut drang aus den Kopfhörern. Es war unnatürlich still. Kein Licht war hinter den Fenstern des Hauses zu sehen. Nach einer halben Stunde hörte er schwere Schritte. »Ich bin's, Fred!«, vernahm er John Woods Stimme. »War was los?« »Das kann man wohl sagen«, meinte Archer leise. »Erzähle!« »Du würdest mir doch kein Wort glauben.« Archer beobachtete das Haus weiter. Er musste zehn Minuten warten, dann kam ein Paar auf die Terrasse. Es zündete die Kerzen an und setzte sich, so als wäre nichts geschehen. Sie sahen jetzt wie ganz normale Menschen aus, waren korrekt gekleidet … dabei hatte Archer deutlich gesehen, wie sie sich vor mehr als einer Stunde in Wolfsmenschen verwandelt hatten. Habe ich mir das alles nur eingebildet?, fragte er sich. Immer mehr Leute kamen auf die Terrasse, darunter auch Elvira Lorrimer, die wieder ihr giftgrünes Kleid trug. Das geht nicht mit rechten Dingen zu, stellte Archer fest. Er hatte ganz deutlich gesehen, wie Elvira aus ihrem Kleid geschlüpft war und es auf der Terrasse zurückgelassen hatte. Doch jetzt saß sie lächelnd an einem Tisch und trug das gleiche Kleid. Von den fünf Gästen war nichts zu sehen, stellte Archer fest. Doch einige Minuten später traten die fünf Männer auf die Terrasse. Sie setzten sich an die Tische und taten, als wäre nichts Außergewöhnliches geschehen. Lachen drang aus den Kopfhörern. Die Zwölf unterhielten sich recht vergnügt. Archer musterte Ronald Chasen. Sein Gesicht war vielleicht eine Spur bleicher, aber das konnte auch täuschen. Er wirkte geistesabwesend und war schweigsam.
Entweder habe ich mir das alles nur eingebildet, sagte sich Archer, oder ich habe geträumt oder bin verrückt. Kopfschüttelnd hantelte er von der Eiche hinunter und blieb vor John Wood stehen. »Was hast du so Außergewöhnliches gesehen, Fred?« Archer brummte ungehalten. »Nichts«, sagte er. Er wollte sich Gewissheit verschaffen und die Filme entwickeln und sich die Tonbänder anhören. »Ich fahre ins Büro, John«, sagte Archer. »Du beobachtest das Haus weiter. Ruf mich jede Stunde im Büro an.« »Und was soll ich tun, wenn Chasen das Haus verlässt?« »Dann verfolgst du ihn und gibst mir sofort Bescheid! Verstanden?« »Verstanden.« Archer nahm die bespielten Tonbänder und die zwei Filme, die er geschossen hatte, an sich. Spätestens in zwei Stunden würde er wissen, ob er sich geirrt hatte, oder …
Der Mann, der Dorian heißen sollte, hatte versucht, alles Gehörte zu einem verständlichen Ganzen zusammenzufügen, doch es gelang ihm nicht. Er kam sich wie ein Künstler vor, dem man einige Mosaiksteine hingeworfen hatte, aus denen er ein Bild formen sollte. Zu viele Informationen hatte er erhalten, die für ihn keinen Sinn ergaben. Er saß neben Marvin Cohen im Rover. Es war weit nach Mitternacht. Die Straßen waren leer. Er hatte das Fenster herunter gekurbelt und saß mit halbgeschlossenen Augen auf dem Beifahrersitz. Cohen hatte das Radio angedreht. Leise Musik war zu hören. Das Brummen des Motors und die Musik schläferten ihn ein. Er schreckte hoch, als Cohen vor einem Haus bremste. »Wir sind da«, sagte Cohen. Er blickte sich flüchtig um. Die Straße war ihm unbekannt. Kleine, einstöckige Häuser, die sich wie ein Ei dem anderen glichen. Aber
das war in London kein ungewohnter Anblick. Cohen stieg aus. Der Mann, der Dorian genannt wurde, kurbelte das Fenster hoch. Er zögerte, dann öffnete er die Tür und folgte Cohen. In einigen Fenstern des Hauses brannte noch Licht. Abraham Road, las er auf einem Straßenschild. Das Haus weckte keinerlei Erinnerung in ihm. Marvin Cohen läutete. Sekunden später wurde die Tür geöffnet, und eine junge Frau war zu sehen. Er blieb neben Cohen stehen und musterte die Frau. Sie wirkte zerbrechlich wie eine Porzellanfigur. Der Eindruck wurde noch durch ihre bleiche Haut und das zarte Puppengesicht, das von blondem Haar eingerahmt war, unterstrichen. Eine hübsche Frau, stellte er fest. Wirkt ein wenig steril, verkrampft und unecht. »Erinnerst du dich an mich, Rian?«, fragte sie. Er schüttelte den Kopf. Ihre blassblauen Augen sahen ihn verwirrt an. Er wusste, dass es Lilian sein musste, die nach den Worten der anderen seine Frau war. Seiner Meinung nach hatte er diese Frau jedoch nie zuvor gesehen. Leider war er auf die Behauptungen anderer Menschen angewiesen und konnte einfach nicht feststellen, ob sie die Wahrheit sprachen. Er glaubte noch immer zu träumen, gefangen zu sein in einer irrealen Welt. »Kommt herein!«, sagte Lilian tonlos. Cohen hatte sie angerufen und schonend darauf vorbereitet, dass der Dämonenkiller sein Gedächtnis verloren hatte. Der Mann, der Dorian sein sollte, blickte sich in Diele und Wohnzimmer um, doch nichts rief eine Erinnerung in ihm hervor. Teilnahmslos setzte er sich auf eine Couch. Nochmals sah er Lilian an, dann Cohen. Die beiden verbindet etwas, dachte er. Wie sie sich ansehen! Wie Menschen, die sich mögen. Auch ihre Bewegungen und Gesten verrieten es. »Morgen gehen wir mit Dorian zu einem Arzt«, sagte Cohen, und Lilian nickte. »Ich bin müde«, sagte der Mann, der Dorian sein sollte. »Ich möchte schlafen. Ich fühle mich wie gerädert.«
»Ich zeige dir dein Zimmer«, erwiderte Lilian. Er war froh, dass er sein eigenes Zimmer hatte. Lilian wartete, bis er sich gewaschen hatte und in das Zimmer gegangen war. Sie ließ die Tür einen Spalt offen und kehrte leise ins Wohnzimmer zurück. Cohen stand auf und nahm sie in die Arme. Er küsste sie sanft auf die Stirn und die Wangen. Als er sie auf die Lippen küssen wollte, wandte Lilian den Kopf ab und schob Marvin zur Seite. »Nicht jetzt«, sagte sie fast unhörbar und setzte sich. Cohen blieb vor ihr stehen. »Hast du mit Dorian gesprochen?«, fragte Lilian. Cohen schüttelte den Kopf. »Ich hatte keine Gelegenheit«, sagte er. »Gestern wollte ich mich mit ihm über die Scheidung unterhalten, doch er war plötzlich verschwunden. Und heute tauchte er nach neun Uhr auf und konnte sich an nichts mehr erinnern.« Lilian nickte. »Ich versuchte auch mit ihm zu sprechen, noch heute, bevor er ging. Ich fragte ihn, wie er sich unser Zusammenleben in Zukunft vorstelle, doch er antwortete nicht darauf. Er war völlig geistesabwesend. Ich schrie ihn an, doch auch darauf reagierte er nicht. Unsere Ehe ist kaputt, Dorian, sagte ich. Unser Zusammenleben ist sinnlos geworden. Er hörte mir zu, doch ich hatte den Eindruck, er würde mich nicht verstehen. Es schien mir, als würde er einer anderen, unsichtbaren Stimme lauschen. Er nickte immer wieder mit dem Kopf, sein Gesicht war angespannt, Schweiß rann über seine Stirn. Ich hatte direkt Angst vor ihm. Ich lasse mich scheiden, brüllte ich ihm zu. Er antwortete wieder nicht und ging in die Diele. Ich packte ihn am Arm, wollte ihn zurückhalten, wollte endlich eine Aussprache herbeiführen, doch es war zwecklos. Er schüttelte meine Hand ab, verließ das Haus, stieg in den Wagen und fuhr los.« Cohen schwieg einige Sekunden, dann setzte er sich neben Lilian auf die Couch. »Er war schon seit seiner Rückkehr aus Mexiko seltsam.« »Das stimmt«, bestätigte Lilian. »Jetzt frage ich mich, ob mein Vorschlag mit der Scheidung etwas mit seinem Gedächtnisverlust zu tun hat. Vielleicht bekam er einen Schock.«
Cohen lächelte schwach. »Das glaube ich nicht. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Dorian genau weiß, was zwischen uns ist. Bestimmt hat er gegen eine Scheidung nichts einzuwenden.« »Aber weshalb verhielt er sich dann so seltsam?« »Das würden wir alle gern wissen«, meinte Cohen. »Wir müssen herausfinden, was die Ursache für den Gedächtnisverlust ist.« »Und so lange muss ich wohl noch bei ihm bleiben«, sagte Lilian bitter. »Es wird wohl nichts anderes möglich sein.« »Ich will mit dir zusammen sein, Marvin.« »Mir geht es nicht anders«, erwiderte Cohen leise. Er legte einen Arm um Lilians Schultern und zog sie an sich. Diesmal hatte sie nichts dagegen, dass er sie auf den Mund küsste. Ganz im Gegenteil. Sie drängte sich ihm verlangend entgegen. Seine Hände strichen über ihren Körper, doch nach einigen Minuten löste sie sich schweratmend aus seinen Armen. Ihr voller Busen hob und senkte sich rascher. »Das ist jetzt nicht der richtige Ort und nicht der richtige Zeitpunkt«, sagte sie, stand auf und strich sich den Rock glatt. Cohen fuhr sich über die Lippen und nickte. Mühsam unterdrückte er sein Verlangen. »Ich übernachte hier«, sagte er. »Wir haben beschlossen, dass immer jemand von uns bei Dorian bleibt.« »Du kannst im Gästezimmer schlafen, Marvin.« »Danke, Lilian. Ich schlafe lieber hier.« »Gute Nacht«, sagte sie und trat aus dem Zimmer. Cohen sah ihr mit zusammengepressten Lippen nach. Er hatte ungeduldig Hunters Rückkehr aus Mexiko erwartet, da er mit dem Dämonenkiller wegen Lilian sprechen wollte. Und nachdem er erfahren hatte, dass Coco noch immer zu Dorian stand, ja, dass sie sogar ein Kind vom Dämonenkiller erwartete, hatte er gewusst, dass Dorian nichts gegen eine Scheidung von seiner Frau, die für ihn nur eine Last darstellte und mit der er sich in keiner Weise verstand, haben würde. Aber zu dieser Aussprache war es leider nicht gekommen, und jetzt hatte Dorian sein Gedächtnis verloren.
Nun habe ich so lange auf Lilian gewartet, dachte Cohen, da kommt es auf ein paar Tage auch nicht mehr an. Doch alles in ihm gierte nach dieser Frau. Er brauchte sie nur zu sehen und sein Herz schlug schneller. Er schlüpfte aus seiner Jacke, warf sie über einen Stuhl und ging langsam auf und ab. Im Haus war es ruhig. Er öffnete eines der Fenster, steckte sich eine Zigarette an und starrte in den Garten. Als er Schritte hörte, zuckte er zusammen, huschte zu seiner Jacke, riss die Pistole heraus und stürzte in die Diele, ließ die Waffe aber wieder sinken. Dorian kam langsam die Stufen herunter. Sein Gesicht war leer, die Augen waren weit aufgerissen. »Was ist, Dorian?«, fragte Cohen leise. Dorian blieb auf der letzten Stufe stehen und wandte langsam den Kopf. Er sah Cohen verwirrt an. »Ich bin nicht Dorian Hunter«, sagte er. »Mein Name ist Ronald Chasen.« »Wie war das?« »Ich habe meine Erinnerung teilweise zurückbekommen«, sagte der Mann. »Das ist nicht mein richtiger Körper. Es hört sich verrückt an, aber ich bin Ronald Chasen, bin Architekt und wohne in der Windmill Lane. Mein Büro habe ich in der Regent Street.« Cohens Kinnlade klappte herunter. »Ich bin seit zwanzig Jahren verheiratet«, sagte Ronald Chasen, dessen Geist sich offensichtlich in Dorian Hunters Körper befand. »Der Name meiner Frau ist Carol.« Cohens Gedanken wirbelten durcheinander. Ronald Chasens Geist befand sich also in Dorian Hunters Körper. Befand sich nun Dorian Hunters Geist in Ronald Chasens Körper? Und wenn ja, wodurch war dieser Tausch bewerkstelligt worden? Wahrscheinlich durch Magie. Doch wer konnte ein Interesse daran haben, einen solchen Persönlichkeitstausch vorzunehmen? »Darauf brauche ich einen Schluck«, sagte Cohen und trat ins Wohnzimmer. »Ich rufe meine Frau an«, sagte Ronald Chasen. »Das kommt nicht in Frage«, erwiderte Cohen. »Setz … Setzen Sie
sich!« Ronald Chasen gehorchte. »Wollen Sie auch einen Schluck?« Chasen schüttelte den Kopf. »Nein, danke. Ich fühle mich ziemlich seltsam. Ich kann mich an mein Leben als Ronald Chasen erinnern, recht deutlich, aber ich erinnere mich auch an verschiedene Erlebnisse, die ich als Dorian Hunter hatte. Doch irgendetwas in mir weigert sich, die Erinnerungen von Hunter zu akzeptieren. Das ist alles so verwirrend. Ich kann es nicht in Worte fassen. In meinem Kopf geht es wie in einem Tollhaus zu. Alles verwischt sich, verbindet sich zu einem durcheinanderwirbelnden Gedankenchaos.« Cohen trank einen kräftigen Schluck aus der Flasche. Er war froh, dass Hunter wieder alkoholische Getränke im Haus hatte. Dann stellte er die Flasche ab und baute sich vor Ronald Chasen auf. »Für mich bist du – sind Sie noch immer Dorian Hunter. Sie selbst haben behauptet, dass Sie Erinnerungen an Hunters Leben haben. Es wäre also denkbar, dass Ihnen jemand die Erinnerungen von Ronald Chasen eingepflanzt hat, zu einem Zweck, den wir noch nicht kennen. Versuchen Sie sich zu erinnern!« Ronald Chasen schloss die Augen und dachte angestrengt nach. »Die Erinnerung an Ronald Chasens Leben ist intensiver«, sagte er und öffnete die Augen wieder. »Ich will Carol anrufen. Ich will wissen, was mit meinem Körper geschehen ist. Verstehen Sie mich doch! Ich muss wissen, ob Ronald Chasen noch lebt. Vielleicht ist mein Körper tot, und mein Geist … Sie verstehen … Seelenwanderung.« Cohen nickte langsam. Das wäre auch eine Möglichhit, dachte er. Vielleicht war Ronald Chasen gestorben, und durch magische Kräfte wurde sein Geist in den Körper Hunters versetzt. Cohen wusste nur zu genau, dass es Seelenwanderung gab. Hunter selbst hatte unzählige Leben gelebt, war immer und immer wiedergeboren worden. »Ein Versuch kann nicht schaden«, sagte er und griff nach dem Telefon. »Was soll ich sagen, wenn sich Carol meldet, Dor … Verdammt!«, fluchte er. »Ich weiß ja nicht einmal, wie ich Sie jetzt ansprechen soll. Ich würde vorschlagen, wir bleiben bei Dorian. Ein-
verstanden?« ›Dorian Chasen‹ nickte. »Einverstanden. Ich erinnere mich nur recht undeutlich an die letzten Tage. Das ist seltsam, denn an alles was vorher war, kann ich mich genau erinnern. Ich weiß sogar noch, welches Kleid meine Frau zu ihrer Hochzeit getragen hat. Es war … unwichtig. Aber in der vergangenen Woche beschäftigte ich mich intensiv mit einem seltsamen Projekt. Ach ja, jetzt kann ich mich erinnern. Ich bekam von einer Familie Lorrimer einen merkwürdigen Auftrag. Ich sollte die Pläne für ein Bauwerk ausarbeiten, das so gewaltig und genial sein sollte, dass es alles bisher Geschaffene übertraf. Ich durfte meiner Phantasie freien Lauf lassen. Ich bekam einen gewaltigen Vorschuss und traf mich zwei Mal mit einem jungen Mädchen. Sie war ungewöhnlich attraktiv. Sie hieß Elvira Lorrimer.« Dorian schloss die Augen wieder. »Hm, ich telefonierte sogar noch heute mit ihr. Doch an das Gespräch selbst kann ich mich nicht mehr erinnern.« Cohen hatte interessiert zugehört. »Vielleicht gebe ich mich als ein Mitglied der Familie Lorrimer aus.« »Das wäre eine Möglichkeit. Ich lernte nur Elvira kennen. Aber davon weiß ja meine Frau nichts. Sagen Sie ganz einfach, dass Tony Lorrimer spricht.« Cohen hob den Hörer ab und wählte Ronald Chasens Nummer. Er blickte flüchtig auf die Uhr. Es war kurz nach zwei Uhr. Erst nach dem sechsten Läuten wurde der Hörer abgehoben, und eine schrille Frauenstimme sagte gereizt: »Hallo?« »Guten Abend«, meldete sich Cohen. »Ich würde gern mit Mr. Chasen sprechen.« »Wer spricht?« »Mein Name ist Tony Lorrimer«, sagte Cohen. Tiefes Atmen war zu hören. »Mein Mann ist nicht zu Hause«, sagte Carol Chasen. »Wissen Sie, wo ich ihn erreichen kann?« »Nein! Das müssen Sie doch wissen, Mr. Lorrimer. Mein Mann war bei Ihnen eingeladen.« »Das muss ein Irrtum sein«, sagte Cohen rasch.
»Reden Sie keinen Unsinn!«, zischte Carol wütend. »Ich weiß, dass mein Mann bei der Familie Lorrimer eingeladen war. Ich bekam einen Ber … Ist er nicht mehr bei Ihnen?« »Da muss ein Irrtum vorliegen«, sagte Cohen. »Möglicherweise wurde Ihr Mann von meiner Schwester eingeladen. Aber davon weiß ich nichts. Ich werde mich an sie wenden. Entschuldigen Sie die Störung, Mrs. Chasen.« »Warten Sie, Mr. Lorr …« Cohen legte auf. »Ronald Chasen ist bei den Lorrimers. Haben Sie die Nummer?« Chasen nickte. Cohen wählte die Nummer. Als sich nach dem zwanzigsten Läuten noch immer niemand gemeldet hatte, legte er wieder auf. »Ich will wissen, was mit meinem richtigen Körper geschehen ist«, schrie er hysterisch. »Das würde ich auch gern wissen«, meinte Cohen, »aber es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als bis morgen zu warten.« Für Cohen gab es am nächsten Tag keinen Zweifel mehr: Es stimmte, dass sich Ronald Chasens Geist in Hunters Körper befand. Er hatte sich bis zum Morgengrauen mit Chasen unterhalten. An Schlaf war nicht zu denken gewesen. Trevor Sullivan traf kurz nach sieben Uhr in der Abraham Road ein. Sie saßen im Wohnzimmer. Cohen hatte Tee aufgebrüht. »Was schlagen Sie vor, Trevor?«, fragte Cohen, nachdem er dem ehemaligen O.I. Bericht erstattet hatte. Sullivan schwieg einige Minuten. »Wir sind nur auf Vermutungen angewiesen«, sagte er leise. »Ich schlage Folgendes vor: Zu keinem Menschen ein Wort davon, dass in Hunters Körper jemand anderes steckt.« Cohen und Chasen nickten. »Das Vordringlichste für uns ist im Augenblick, Ronald Chasens wirklichen Körper zu finden. Wir müssen Gewissheit haben … Alles andere wird sich dann finden.« »Setzen wir uns doch einfach mit meiner Frau in Verbindung«, sagte Chasen. »Das wollte ich eben vorschlagen«, meinte Sullivan. »Es ist nicht
auszuschließen, dass Hunter in Ihrem Körper bei ihr auftaucht.« »Ich grübelte die ganze Zeit darüber nach, wer ein Interesse an dem Persönlichkeitstausch haben könnte«, sagte Cohen jetzt. »Ob da dieses seltsame Projekt der Lorrimers eine Rolle spielt?« Sullivan hob die Schultern. »Das wird sich alles herausstellen. Zuerst einmal fahren wir zu Carol Chasen. Wir müssen aber Lilian Bescheid geben, dass wir fortfahren. Gehen Sie bitte zu ihr, Marvin!« Fünf Minuten später kam Cohen zurück. Sein Gesicht sah eingefallen aus, und die Augen waren rot gerändert. »Fahren wir los«, sagte er. Kurz darauf klemmte er sich hinters Lenkrad und startete den Wagen. Ronald Chasen saß neben ihm, Sullivan hatte im Fond des Wagens Platz genommen. »Sie sind Dorian Hunter, Chasen!«, sagte Cohen eindringlich. »Denken Sie daran! Sie dürfen sich Ihrer Frau gegenüber auf keinen Fall verraten. Haben Sie verstanden?« Chasen nickte. »Ich werde daran denken. Aber unter welchem Vorwand wollen Sie mit meiner Frau sprechen?« »Das ist recht einfach.« Cohen grinste. »Ich bin für solche Fälle ausgerüstet. Ich habe noch immer meinen Secret-Service-Ausweis, der zwar ungültig ist, aber das kann Ihre Frau ja nicht wissen.« »Dennoch wird sie stutzig werden. Aus welchem Grund soll sich der Geheimdienst für mich interessieren?« »Machen Sie sich keine Sorgen! Das bekomme ich schon hin.« Cohen fuhr am Greenford Friedhof vorbei und bog in die Windmill Lane ein. Vor Ronald Chasens Haus blieb er stehen. Sie stiegen aus, und Cohen drückte auf den Klingelknopf. Eine halbe Minute später meldete sich eine tiefe Männerstimme. »Das ist mein Butler Charles«, flüsterte Chasen. »Ich möchte zu Mrs. Chasen«, sagte Cohen. »Wen darf ich melden, Sir?« »Mein Name ist Marvin Cohen. Sagen Sie Mrs. Chasen, dass es um ihren Mann geht.« »Einen Augenblick!«, brummte der Butler.
Zwei Minuten später meldete er sich wieder. Der Türsummer ertönte, und Cohen drückte gegen die Tür. Er betrat das Grundstück, und Chasen und Sullivan folgten ihm. Der Butler stand vor dem Haus. Für einen Augenblick sah er verwundert drein, als er drei Männer sah. Cohen blieb vor dem Butler stehen. »Ist Mr. Chasen zu Hause?« »Nein, Sir. Madame bittet Sie, sich einige Minuten zu gedulden. Sie hat Besuch.« »Ich muss sofort mit ihr sprechen«, sagte Cohen energisch. »Das ist leider …« »Sehen Sie sich das an!« Er hielt dem Butler seinen Secret-ServiceAusweis vor die Nase. »Das ist etwas anderes, Sir. Warten Sie bitte!« Er verschwand ins Haus. Eine halbe Minute später trat Mrs. Chasen in den Garten. Sie war ungeschminkt, das Haar zerrauft, und sie trug ein einfaches Leinenkleid. »Geheimdienst?«, fragte sie mit schriller Stimme. Cohen nickte und reichte ihr seinen Ausweis. Sie studierte ihn kurz und gab ihn Cohen zurück. »Was wollen Sie von mir, Mr. Cohen?« »Es geht um Ihren Mann, Ma'am. Er hat den Auftrag für ein Projekt übernommen, an dem wir interessiert sind. Wo können wir Mr. Chasen erreichen?« Sie strich sich über das schwabbelige Kinn und fixierte Cohen, dann blickte sie flüchtig die beiden anderen an. »Kommen Sie herein! Es trifft sich ganz gut, dass Sie gekommen sind. Ich habe Besuch. Fred Archer – ein Privatdetektiv. Er ist vor wenigen Minuten gekommen, um mir Bericht zu erstatten.« Mrs. Chasen trat ins Haus, und sie folgten ihr. »Wozu benötigen Sie einen Privatdetektiv?«, wollte Cohen wissen. »Mein Mann verhielt sich in letzter Zeit seltsam, und deshalb beschloss ich, ihn beschatten zu lassen.« Sie öffnete eine Tür, die in einen langgestreckten Raum führte. Bei ihrem Eintritt stand ein mittelgroßer Mann auf, der ziemlich übernächtigt aussah.
»Das ist Fred Archer«, stellte Carol den Privatdetektiv vor, der den Hereinkommenden zunickte. »Sie beobachteten also Ronald Chasen, Mr. Archer. Dann müssen Sie auch wissen, wo er sich im Augenblick befindet«, sagte Cohen, nachdem sie sich gesetzt hatten. »Das weiß ich. Er ist im Haus der Lorrimers in der Robin Hood Road.« »Bekamen Sie sonst irgendetwas heraus, Mr. Archer?« »Das kann man wohl sagen. In den vier Jahren, seit ich beim Observer beschäftigt bin, ist mir so ein Fall noch nie untergekommen. Um es ehrlich zu sagen, ich weiß nicht, was ich davon halten soll. Es ist alles zu unglaublich, und ich kann kaum Beweise vorlegen.« Archer fuhr sich über die Lippen und starrte Cohen an. »Glauben Sie an Werwölfe, Mr. Cohen?« »Was hat diese Frage zu bedeuten?«, schaltete sich Sullivan ein. Archer seufzte. »Auch auf die Gefahr hin, dass Sie mich für verrückt halten, werde ich es Ihnen erzählen.« Der Privatdetektiv lehnte sich zurück und gab einen ausführlichen Überblick der gestrigen Ereignisse. Als er berichtete, wie sich die Leute in Werwölfe verwandelt hatten, wechselten Cohen und Sullivan einen bedeutungsvollen Blick. »Ich fuhr also mit den Filmen und den Tonbändern ins Büro«, schloss Archer, »und entwickelte die Fotos sofort.« »Dann haben Sie ja Beweise für Ihre unglaublichen Behauptungen«, schnaubte Carol Chasen. Ronald Chasen hatte sich weit vorgebeugt und mit großen Augen zugehört. Archer lächelte gequält. »Das ist es ja – ich hab leider keine Beweise.« »Ich verstehe nicht«, sagte Carol Chasen. »Sie sagten doch, dass Sie die Fotos …« Archer hob die Hände. »Ja, die Fotos ließen sich durchaus entwickeln. Ihr Mann und die vier anderen Gäste der Lorrimers sind drauf deutlich zu sehen. Doch die Gastgeber sind nirgendwo abgebildet.«
Der Detektiv öffnete eine Mappe und legte einen Stoß Fotos auf den Tisch. Carol Chasen und die anderen sahen sich die Bilder an. Eindeutig war Ronald Chasen zu erkennen. Er war auf fast jedem Foto abgebildet. Einige der Aufnahmen zeigten nur einen Tisch auf einer Terrasse. Carol warf die Fotos auf den Tisch. »Und was ist mit den Tonbändern?« »Das gleiche«, sagte Archer. »Nur die Stimmen ihres Mannes und der vier anderen Männer sind zu hören. Darf ich mal das Tonband laufen lassen?« Carol nickte. Archer schaltete das Gerät ein und drückte auf die Wiedergabetaste. »Wo soll dieses Gebäude errichtet werden?«, war deutlich Ronald Chasens Stimme zu vernehmen. Dann blieb es still, und nach einigen Sekunden war wieder Chasens Stimme zu hören. »Aber es ist wichtig, Miss Lorrimer!« Wieder Stille. »Ja, ich habe sie im Auto.« Archer stoppte das Band. »So geht es die ganze Zeit weiter. Die Stimme Ihres Mannes ist deutlich zu hören, doch die seiner Gesprächspartner nicht. Ich verstehe das einfach nicht.« Carol Chasen lehnte sich zurück und schüttelte immer wieder den Kopf. Ronald Chasen starrte seine Frau an. Die Hände hatte er verkrampft. Am liebsten hätte er gesagt: Hier bin ich, Carol! Ich bin hier! Doch er schwieg. Er wollte seine Frau nicht noch mehr verwirren. »Was taten Sie, nachdem Sie die Fotos entwickelt hatten, Mr. Archer?«, wollte Cohen wissen. »Ich packte die Fotos und die Bänder in meinen Wagen, fuhr zu meinem Kollegen, löste ihn ab und beobachtete weiterhin das Haus. Es war dunkel. Die Autos der Gäste standen noch im Garten. Kurz nach sieben Uhr löste mich John Wood wieder ab. Als ich losfuhr, war noch alles ruhig. Ich wollte unbedingt zu Mrs. Chasen, um Ihr Bericht zu erstatten.« Cohen stand auf. »Wir fahren zum Haus der Lorrimers«, sagte er. »Versuchen Sie Ihren Kollegen zu erreichen! Wir melden uns später
wieder bei Ihnen, Mrs. Chasen.« »Aber was hat das alles zu bedeuten?«, fragte sie völlig verwirrt. »Ich verstehe das alles nicht.« »Uns geht es nicht besser«, sagte Cohen knapp. Ronald Chasen zögerte, doch Cohen trieb ihn zur Eile an. Fred Archer versuchte seinen Kollegen über das Autotelefon zu erreichen, aber John Wood meldete sich nicht. Marvin Cohen folgte Archers Mini. »Diese Lorrimers sind eine Dämonenfamilie«, stellte Cohen fest. »Es fragt sich nur, ob sie Olivaro friedlich oder feindlich gegenüberstehen.« »Das interessiert mich im Augenblick recht wenig«, sagte Ronald Chasen. »Ich will zurück in meinen eigenen Körper. Sie können sich gar nicht vorstellen, was ich mitgemacht habe, als ich den Bericht des Detektivs hörte. Aus der Erinnerung, die ich von Hunter habe, weiß ich, dass es Werwölfe gibt.« Cohen und Sullivan schwiegen. Beide waren überzeugt davon, dass sich Dorian Hunters Geist im Körper von Ronald Chasen befand. Und sie hatten Angst, dass Chasens Körper etwas geschah und damit auch Hunters Geist sterben könnte. Archer fuhr wie ein Wahnsinniger, und Cohen hatte einige Mühe, dem spritzigen Mini zu folgen. Sie rasten die Robin Hood Road entlang, und plötzlich bremste Archer ab und bog in einen schmalen Weg ein. Einige Meter vor dem Eisentor blieb der Mini stehen. Archer sprang aus dem Wagen und rannte zu einer Baumgruppe. Cohen stoppte ebenfalls und folgte dem Detektiv zu Fuß. Nach hundert Metern sah er hinter einigen Büschen einen gut versteckten beigen Morris. »John!«, rief Archer, doch er bekam keine Antwort. »Verflucht noch mal, wo steckst du, John?« Cohen blieb neben Archer stehen und blickte sich um. Dann teilte er das Gebüsch, ging langsam weiter und suchte den Boden ab. Nach einem Dutzend Schritten hielt er inne. »Da liegt jemand, Archer«, sagte er und ging um eine Eiche herum.
Ein breitschultriger Mann lag auf dem Bauch. Eine Hand hatte sich in den Boden verkrallt. Archer kam rasch näher. »Das ist John Wood«, sagte er und kniete nieder. Zusammen mit Cohen drehte er Wood auf den Rücken. »Er atmet«, sagte Cohen. »Er ist nur bewusstlos. Versuchen Sie ihn aufzuwecken! Ich steige mal auf einen Baum.« Archer nickte, und Cohen kletterte gewandt auf eine Eiche und blickte zum Haus hinüber. Grimmig presste er die Lippen zusammen. »Es ist kein Mensch zu sehen, Archer«, rief er dem Detektiv zu. »Und alle Autos sind verschwunden.« »Mist!«, knurrte Archer, der sich noch immer bemühte, John Wood aufzuwecken. Cohen sprang zu Boden und blieb neben dem Bewusstlosen stehen. »Was schlagen Sie nun vor?«, fragte Archer. »Wir dringen ins Haus ein. Aber vorher würde ich gern von Ihrem Kollegen hören, was geschehen ist.« Nach einigen Minuten bewegte sich John Wood. Dann setzte er sich langsam auf, öffnete die Augen und stöhnte. »Ich muss mir den rechten Arm gebrochen haben.« Er schüttelte mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf. »Was ist passiert, John?«, wollte Archer wissen. »Wenn ich das nur wüsste. Mensch, tut der Arm vielleicht weh! Ich muss vom Baum heruntergefallen sein.« »Erzählen Sie endlich!«, sagte Cohen ungeduldig. »Ich saß auf diesem Baum und beobachtete das Haus: Eine halbe Stunde, nachdem du fort warst, Fred, trat ein Mann vor das Haus. Er kniete nieder und vollführte äußerst seltsame Handbewegungen. Mit einem Stab malte er irgendetwas in den Kies. Plötzlich wurde mir schwarz vor den Augen. Ich klammerte mich an einem Ast fest und spürte, dass ich ohnmächtig wurde. Ich kämpfte vergebens dagegen an. Das ist alles, was ich sagen kann.« »Das ist nicht viel«, sagte Archer.
»Tut mir Leid«, sagte Wood zerknirscht. »Ich weiß nicht, wieso ich ohnmächtig wurde. Es war so, als würde sich etwas gegen mein Hirn pressen.« »Los!«, sagte Cohen. »Wir dringen ins Haus ein.« »Das wird nicht so einfach sein«, sagte Archer. »Ich versuchte die Mauer zu überklettern und bekam einen elektrischen Schlag.« »Wir werden sehen«, sagte Cohen. Sullivan und Chasen kamen heran und wurden von Fred Archer mit wenigen Worten über die Geschehnisse informiert. Zusammen gingen die Männer zum Eisentor, wo Cohen vergeblich nach einer Klingel suchte. Er klopfte gegen das Metall und zuckte zurück, als er einen heftigen elektrischen Schlag bekam. »Magie«, sagte er erschrocken. Seit er mit dem Dämonenkiller zusammen arbeitete, hatte er sich eine Reihe magischer Kenntnisse angeeignet. Er holte ein seltsam geformtes Amulett aus der Jackentasche, wickelte die Kette um sein rechtes Handgelenk, trat dicht ans Tor, überkreuzte zwei Finger und versetzte das Amulett in kreisende Bewegungen. Es kam dem Eisentor immer näher. Zuerst schimmerte es silbern, doch nach einigen Sekunden veränderte es die Farbe und begann rot zu glühen. Es prallte drei Mal gegen das Tor, doch Cohen bekam diesmal keinen elektrischen Schlag. Zufrieden trat er einen Schritt zurück. »Was haben Sie gemacht?«, fragte Archer verwundert. Cohen winkte ungeduldig ab. »Das erkläre ich Ihnen später. Helfen Sie mir! Ich will über die Mauer klettern.« Cohen stieg auf Archers Schultern, wurde dabei von Sullivan und Chasen gestützt und an den Ellbogen hochgehoben. Wieder bewegte Cohen das Amulett. Er stützte sich mit der linken Hand auf dem Mauerdach auf und stieß sich dann von Archers Schultern ab. Cohen landete auf dem Mauerdach, bekam einen fürchterlichen elektrischen Schlag, stieß einen Schrei aus und ließ sich einfach in den Garten fallen, geschickt wie eine Katze. Seine Hände zitterten leicht. Er wartete einige Minuten. Im Haus und im Garten rührte sich nichts. »Alles in Ordnung, Cohen?«, hörte er Sullivans Stimme.
»Alles in Ordnung«, antwortete er. Er musterte das Tor und bewegte wieder das Amulett, das jedoch nicht ganz die Wirkung der magischen Falle aufheben konnte. Als er das Tor öffnete, bekam er erneut einen so gewaltigen Schlag, dass er einige Meter zur Seite geschleudert wurde. Er schüttelte den Kopf und stand auf. Archer, Sullivan und Chasen traten in den Garten. Cohen ließ das Amulett nicht los. In die Linke nahm er die Spezialpistole, die mit geweihten Silberkugeln geladen war. Er fürchtete, dass im Garten weitere magischen Fallen verborgen waren, doch er stieß auf keine. Mühelos erreichte er das Haus. Die Eingangstür war nicht verschlossen. Er öffnete die Tür und trat ein. Vor ihm lag ein gewaltiger Raum. Boden und Wände bestanden aus Marmor. Die Halle war bis auf einige Stühle leer. Rechts und links führten kunstvoll verzierte Treppen in die Obergeschosse. »Wir bleiben beisammen«, sagte Cohen zu den anderen. Der Reihe nach öffnete er die Türen in der Halle, doch alle Zimmer waren leer. »Wir sind zu spät gekommen«, sagte er bitter. »Da ist wer!«, schrie Archer plötzlich. Er hatte eine Zimmertür geöffnet, und Cohen lief zu ihm. Zwei junge Mädchen saßen vor einem Tisch. Die Hände hatten sie auf der Tischplatte liegen. Ihre Gesichter waren leer und die Augen geschlossen. »Sie sehen aus, als wären sie in Trance«, sagte Archer. »Die beiden habe ich schon gestern gesehen. Sie servierten das Essen und die Getränke.« Cohen nickte und ging auf die jungen Frauen zu. Er blieb vor dem Tisch stehen und hob die rechte Hand. Das Amulett bewegte sich leicht, und die Lider der Frauen fingen zu flattern an. »Beide sind magisch beeinflusst«, stellte Cohen fest. »Sie nehmen das alles so gelassen hin, Cohen«, sagte Archer misstrauisch. »Sie wissen mehr, als …« »Tut mir Leid, Archer«, unterbrach ihn Cohen, »es ist besser, wenn ich Ihnen nicht alles sage. Seien Sie so freundlich und gehen Sie bitte
aus dem Zimmer! Ich werde versuchen, die Mädchen aufzuwecken.« Archer warf ihm einen misstrauischen Blick zu. »Sehen Sie in den anderen Zimmern nach, Archer!«, rief ihm Cohen nach. »Ich bin zwar ziemlich sicher, dass die Lorrimers das Haus verlassen haben, aber vielleicht entdecken Sie irgendwelche interessanten Spuren.« Archer schloss die Tür, und Cohen starrte die jungen Frauen an. Er konzentrierte sich auf die Jüngere. Sie konnte kaum älter als achtzehn sein. Ein hübsches schwarzhaariges Mädchen. Er beugte sich vor und versetzte das Amulett in kreisende Bewegungen. Die Lider der jungen Frau flatterten stärker, und die Finger verkrallten sich in der Tischplatte. Als das Amulett gegen ihre Wange prallte, stieß die junge Frau einen lauten Schrei aus. Cohen drückte das Amulett gegen die Stirn der Schwarzhaarigen. Sie hob ihre Hände, gab einen gurgelnden Laut von sich und sackte in sich zusammen. Cohen sprang um den Tisch herum, fing die junge Frau auf und legte sie sanft auf den Boden. Dann kniete er nieder und drückte immer wieder das silberne Amulett auf ihre Stirn. Sie warf den Kopf hin und her, hob abwehrend die Hände, versuchte der Wirkung des Silbers zu entgehen, doch Cohen ließ nicht locker. Die ersten Erfolge bestärkten ihn in seinem Tun. Es dauerte mehr als eine halbe Stunde, bis die junge Frau nicht mehr auf das Amulett reagierte. Sie lag bewegungslos auf dem Rücken, und ihre volle Brust hob und senkte sich regelmäßig. Er wartete einige Minuten, dann rüttelte er an den Schultern der Bewusstlosen. Sie brummte unwillig, doch Cohen war sich sicher, dass es ihm gelungen war, den magischen Bann von ihr zu nehmen. Immer wieder schüttelte er sie, und endlich schlug sie die Augen auf und sah ihn verwundert an. »Wer sind Sie?«, fragte sie überrascht und setzte sich auf. »Und wo bin ich?« Ihre Augen weiteten sich plötzlich. Sie warf Cohen einen ängstlichen Blick zu. »Gehören Sie auch zu ihnen?« »Zu wem?« »Zu den Lorrimers.«
»Nein«, sagte Cohen und lächelte. »Sie brauchen keine Angst zu haben. Sie sind in Sicherheit. Nichts kann Ihnen geschehen.« »Ich kann es nicht glauben«, hauchte sie. »Es war alles so entsetzlich. Ich sah, wie sie sich verwandelten, in unheimliche Bestien. Und dann …« Sie senkte den Blick. Ihre Brust hob und senkte sich rascher. »Beruhigen Sie sich«, sagte Cohen sanft. »Wo sind die Lorrimers?« »Fort«, sagte die junge Frau. »Sie sind heute fortgefahren.« »Wohin?« »Ich weiß es nicht genau. Ich hörte irgendetwas von der Südsee. Sie wollten heute hinfliegen.« »Können Sie sich an den gestrigen Abend erinnern?« Sie nickte. »Was geschah da?« »Die Lorrimers hatten Besuch. Fünf Männer. Ann und ich«, sie zeigte auf die junge Frau, die noch immer im magischen Einflussbereich stand, »mussten servieren. Dann verwandelten sich die Lorrimers in Bestien und zogen sich mit ihren Opfern zurück. Danach feierten sie weiter. Heute servierten wir ihnen noch ein Frühstück. Dann fuhren sie alle los – zum Flughafen. Uns ließen sie zurück. Wir mussten uns in dieses Zimmer setzen, und plötzlich konnte ich mich nicht mehr bewegen.« Cohen nickte, öffnete die Tür zur Halle und rief Sullivan zu sich. Er erzählte ihm, was er von der jungen Frau erfahren hatte. Sullivan ging zum Wagen. Obwohl er nicht mehr beim Secret Service arbeitete, hatte er doch einige Beziehungen. Er wollte herausbekommen, ob die Lorrimers tatsächlich abgeflogen waren. Archer und Chasen traten indessen zu Cohen ins Zimmer. »Ich war im ersten und im zweiten Stock«, erzählte Archer, »und versuchte die Türen zu öffnen, doch es gelang mir nicht. Ich wollte eine aufbrechen, doch auch das war nicht möglich.« »So etwas Ähnliches hatte ich erwartet«, sagte Cohen und wandte sich an die junge Frau. »Wie ist Ihr Name?« »Ruth Mason.« »Seit wann waren Sie bei den Lorrimers beschäftigt?«
»Ich meldete mich vor vier Wochen auf eine Anzeige hin. Ich zog hierher, und dann verlor ich meinen Willen. Ich kämpfte dagegen an, doch ich musste den Lorrimers gehorchen. Vor allem Elvira.« »Und Ann?« »Sie wurde gleichzeitig mit mir aufgenommen.« Für Cohen war alles klar. Die Lorrimers waren eine Sippe der Schwarzen Familie, die sich aus dem Staub gemacht hatte. Sullivan kam ins Zimmer und blickte Cohen missmutig an. »Wir sind zu spät dran«, sagte er. »Vor mehr als zwei Stunden flog eine Maschine ab. Eine Privatmaschine. Zwölf Leute gingen an Bord: Die Lorrimers und ihre fünf Gäste, darunter auch Ronald Chasen.« Chasen stürzte auf Sullivan zu. »Wohin fliegen sie?« »Als Ziel wurde Honolulu angegeben.« »Ich will meinen Körper zurückhaben!«, brüllte Chasen. »Die Maschine muss umkehren. Ich will …« Cohen packte Chasen an den Schultern und schlug ihm mit der rechten Hand über den Mund. »Kein Wort mehr!«, schrie er. Chasen presste die Lippen zusammen und nickte. »Was geht hier eigentlich vor?«, fragte Archer. »Was hat das alles zu bedeuten?« »Tut mir Leid, Archer«, sagte Sullivan, »darüber dürfen wir Ihnen keine Auskunft geben. Gehen Sie zum Wagen und rufen Sie Mrs. Chasen an. Sagen Sie ihr, dass ihr Mann nach Hawaii unterwegs ist!« Archer blickte Sullivan böse an. Seine Kiefer malmten. Er schlug sich wütend mit der rechten Hand auf den Oberschenkel und stapfte aus dem Zimmer. »Reiß dich zusammen, Dorian!«, sagte Cohen. »Ich bin nicht Dorian. Ich bin Ronald Chasen. Ich halte das alles einfach nicht mehr aus. Ich will …« »Um Himmels Willen, Trevor, bringen Sie ihn hinaus! Und nehmen Sie Ruth mit! Ich will versuchen, ob ich den magischen Bann von Ann nehmen kann.«
Sullivan führte Chasen aus dem Zimmer, der hemmungslos wie ein kleines Kind weinte. Cohen konnte sich gut vorstellen, was in ihm vorging. Sein Geist steckte in einem fremden Körper, und rings um ihn geschahen Dinge, die für ihn einfach unfassbar waren. Cohen wartete, bis er mit Ann allein war, dann konzentrierte er sich und versuchte den Bann aufzuheben, was ihm nach einer Stunde intensivster Bemühungen schließlich auch gelang. Er war restlos groggy, als die junge Frau wieder sie selbst war. Er unterhielt sich einige Zeit mit ihr, erfuhr aber nichts Neues. So wie Ruth war sie gezwungen worden, für die Lorrimers zu arbeiten. Und wenn die Sippe Besuch hatte, mussten die jungen Frauen den Gästen in jeder Hinsicht zu Diensten sein. Er ließ sich von Ann den gestrigen Abend noch einmal schildern, doch auch sie konnte ihm nicht weiterhelfen. Zusammen mit Ann trat er in die Eingangshalle. »Ich habe Mrs. Chasen angerufen«, sagte Archer, der von einem Stuhl aufstand. »Sie bekam ein Telegramm von ihrem Mann. Es waren nur ein paar Zeilen. Er schrieb, dass sie sich keine Sorgen machen sollte, er müsste geschäftlich nach Hawaii und würde sich wieder bei ihr melden. Chasen teilte ihr außerdem mit, wo sein Wagen steht.« »So etwas habe ich erwartet«, sagte Cohen wütend. »Sie haben doch die Autokennzeichen der anderen Gäste notiert?« »Ja.« »Ich wette mit Ihnen, dass die Ehefrauen der anderen Männer ähnlich lautende Nachrichten bekommen haben.« Und Cohen hatte sich nicht geirrt. Wie sich herausstellte, waren die Männer erfolgreich und verheiratet. Für ihre Frauen war die Abreise völlig überraschend gekommen. Drei Tage später bekamen die fünf Frauen Expresskarten von ihren Männern. Alle Ansichtskarten zeigten das gleiche Motiv, alle waren in Honolulu aufgegeben worden.
Ich lag auf dem Rücken und starrte die Decke an. Langsam kehrte meine Erinnerung zurück. Mühsam setzte ich mich auf.
Das Innere des Rundhauses war spartanisch eingerichtet. Es bestand nur aus einem einzigen Raum, der durch Mattenvorhänge abgeteilt war. Von draußen hörte ich Stimmen, verstand aber nicht, was gesprochen wurde. Ich stand auf und bewegte meine Glieder. Der Körper, in dem ich mich befand, war mir fremd. Ich wusste, dass ich im Körper von Ronald Chasen steckte. Anfangs war alles sehr verwirrend gewesen. Ich hatte die Erinnerung an mein Leben als Dorian Hunter, doch auch die Erinnerung an Ronald Chasens Leben. Mittels schwarzer Magie war ein Persönlichkeitstausch vorgenommen worden. An die Ereignisse der vergangenen Tage konnte ich mich bedauerlicherweise nur sehr lückenhaft erinnern. Ronald Chasen hatte sich im Haus der Lorrimers aufgehalten. Und von einem Augenblick zum anderen hatte ich mich in seinem Körper wiedergefunden. Ich hatte neben Elvira Lorrimer auf der Terrasse gestanden und mit ihr über alle möglichen Dinge geplaudert. Zu diesem Zeitpunkt war aber Ronald Chasens Persönlichkeit noch dominierend gewesen. Wir hatten gespeist, und dann war ich in Trance gefallen. Die weiteren Ereignisse waren verwischt, undeutlich und nicht wirklich fassbar. Irgendetwas war im Haus der Lorrimers geschehen. Ich erinnerte mich daran, mich mit Elvira in einem Zimmer befunden zu haben. Völlige Dunkelheit war um uns gewesen. Seufzen und Stöhnen hatte das Haus erfüllt. Sie war verändert gewesen, doch so sehr ich mich auch bemühte, mir die Einzelheiten ins Gedächtnis zu rufen, es gelang mir einfach nicht; alles lag hinter einem Nebelschleier. Es musste aber etwas Wichtiges gewesen sein; wichtig für mich und das, was ich vorhatte. Ich setzte mich wieder nieder und dachte weiter nach. Am nächsten Morgen hatten wir das Haus der Lorrimers verlassen. Ich hatte ein Telegramm an Ronald Chasens Frau aufgegeben, war in den Jaguar gestiegen und zum Flughafen gefahren, wo mich
bereits Elvira erwartet hatte. Wir waren in ein Flugzeug gestiegen – die Lorrimer-Sippe und die vier Architekten, die ich alle als Ronald Chasen gut kannte. Dann klaffte wieder eine Gedächtnislücke. Undeutlich konnte ich mich erinnern, dass wir in Honolulu gewesen waren, in einem prunkvollen Haus außerhalb der Stadt. Ich hatte eine Karte an Carol Chasen geschrieben. Das Haus hatten wir nicht verlassen dürfen. Und dann war unsere Reise weitergegangen, mit einem Schiff, ja, daran konnte ich mich erinnern. Meistens hatte ich geschlafen; nur zu den Mahlzeiten war ich aufgestanden. Irgendwann stoppte die Jacht, und wir wurden mit Booten zu einem kleinen Atoll gebracht. Das war gestern Nachmittag gewesen. Ich trat aus dem Haus und blieb stehen. Ein wolkenloser, tiefblauer Himmel spannte sich über dem Atoll. Überall standen Kokospalmen. Ich sah die weißen Gischtkronen, die träge auf das Atoll zurollten. Im Schatten der Palmen saßen Männer. Einige davon waren mir persönlich bekannt … als Ronald Chasen hatte ich mit ihnen zu tun gehabt – es waren bekannte Architekten. Und dann erinnerte ich mich an den Auftrag, den Chasen von Elvira Lorrimer erhalten hatte. Er sollte Pläne für ein Bauwerk entwerfen. Ich zögerte, zur Gruppe zu gehen, und blieb im Schatten des Rundhauses stehen. Es würde einige Zeit dauern, bis ich mich daran gewöhnt hatte, auch Ronald Chasens Gedanken und Erinnerungen zu besitzen. Immer wieder überlagerten Chasens Gedanken die meinen. Ich war aus Mexiko zurückgekommen. Dort hatte ich einen Teilsieg im Kampf gegen Olivaro errungen. Coco! Der Gedanke an sie ließ mich die Fäuste ballen. Ich atmete schwer und versuchte, mich weiter zu erinnern. Ich hatte mich mit Dämonen verbündet, die Olivaro feindlich gegenüberstanden. Sie hatten mir einen unglaublichen Plan unterbreitet, phantastisch und gefährlich, doch schließlich hatte ich eingewilligt. Aber so sehr ich auch grübelte, mir fiel nicht ein, was meine
Aufgabe dabei war. Hatte es etwas mit meinem Persönlichkeitstausch zu tun? Unwillig schüttelte ich den Kopf und schlenderte zu den Architekten, die unter den Palmen lagen. Die meisten von ihnen trugen Badehosen und dösten vor sich hin. Ich setzte mich zu Edwin Behrens, den ich von einigen Tagungen her recht gut kannte. Behrens hob den Kopf und blickte mich an. Sein Gesicht sah angespannt aus. Die Lippen waren zusammengepresst, und seine Augen funkelten unheimlich. »Wie geht's, Edwin?«, fragte ich ihn. Er starrte mich an, wandte den Kopf und drehte ihn zur Seite. »Hast du die Sprache verloren, Ed?« »Lass mich in Ruhe!«, knurrte er. »Ich muss nachdenken.« Ich schlüpfte aus meiner Jacke, knöpfte das Hemd auf, legte das Kleidungsstück zusammen, benutzte es als Kopfkissen und studierte die anderen. Es waren etwa dreißig Männer, von denen die meisten angestrengt nachzudenken schienen. Ich versuchte mich zu entspannen, doch es wollte mir nicht gelingen. Eine seltene Unruhe war in mir. Einige Minuten lang blieb ich liegen, dann stand ich wieder auf. Hinter mir befanden sich sechs Rundhäuser mit den typischen Kegeldächern. Sie standen auf Pfählen. Ich ging an den Häusern vorbei und blieb stehen. In etwa zweihundert Metern Entfernung sah ich ein gewaltiges Haus, das etwa hundert Meter lang und zwanzig Meter hoch war. Ein Einheimischer kam mir entgegen. Er war hochgewachsen, das schwarze Haar war kurz geschnitten. Seine Haut war hellbraun, sein Gesicht wies einige Tätowierungen auf. Er war nackt, bis auf einen Schurz aus Bast, stellte sich breitbeinig vor mich hin und deutete auf das große Haus. »Mitkommen!«, befahl er in schlechtem Englisch. »Du und die anderen.« Er zeigte auf die Architekten, dann wieder auf das Haus. Niemand reagierte. Der Eingeborene verzog unwillig das Gesicht.
»Mitkommen!«, brüllte er den Architekten zu. »Sofort!« Einige erhoben sich träge, doch die meisten blieben ruhig liegen, was den Einheimischen immer mehr in Wut brachte. Er hüpfte von einem Bein auf das andere und brüllte immer lauter. Schließlich stand auch der letzte der Männer auf. Wir folgten dem Einheimischen. Dabei beobachtete ich die anderen Männer. Alle machten einen verträumten Eindruck, so als würden sie an schöne Erlebnisse denken. Wir betraten das große Haus, und ich sah mich aufmerksam um. Das Innere bestand nur aus einem Raum. Es waren keinerlei Nägel oder Dübel zum Bau verwendet worden, die Bauteile waren nur mit Lianen und Kokosschnüren zusammengebunden. In einem Halbkreis standen primitive Hocker, die um einen Tisch aufgestellt waren, der auf einem Podium stand. »Setzen!«, schrie der Einheimische. »Alle setzen!« Widerspruchslos setzten sich alle. Ich wählte einen Stuhl in der hintersten Reihe, nahe dem Eingang. Es schien mir, als sei ich der Einzige, der normal denken und handeln konnte. Die Männer stierten ins Leere. Ich musste mich ihnen anpassen, durfte nicht auffallen. Der Einheimische ging aus dem Haus. Niemand sah ihm nach. Keiner sprach ein Wort. Alle warteten geduldig, während meine Unruhe immer mehr wuchs. Ich hörte Schritte, wagte aber nicht, den Kopf umzuwenden. Die Schritte verstummten. Ich starrte geradeaus und versuchte aus den Augenwinkeln zu sehen, wer das Haus betreten hatte, doch es gelang mir nicht. Nach einer Minute waren wieder die Schritte zu hören, die rasch näher kamen. Eine Gestalt trat in mein Gesichtsfeld, und ich musste mich eisern beherrschen, sonst hätte ich mich verraten. Olivaro ging an mir vorbei! Er stellte sich hinter den Tisch und warf uns einen flüchtigen Blick zu. Dann setzte er sich langsam. Er sah aus wie an dem Tag, da ich ihn das erste Mal gesehen hatte. Olivaro war ein mittelgroßer, recht passabel aussehender Mann. Das Gesicht war schmal, die braunen Augen standen weit auseinander. Das Haar war kurz geschnitten, die Schläfen waren angegraut, und
seine Haut war dunkelbraun gebrannt. Er trug einen weißen Leinenanzug, der wie angegossen saß. Vor sich breitete er einen Stoß Blaupausen und Pläne aus, die er langsam glättete. Nur das Rascheln der Papiere war zu hören. Die Architekten bewegten sich noch immer nicht. Am liebsten wäre ich aufgesprungen und auf Olivaro losgegangen, doch die Vernunft sagte mir, dass dies nicht viel Sinn gehabt hätte. Er durfte auf keinen Fall merken, dass ich, Dorian Hunter, mich im Körper von Ronald Chasen befand. Meine Zeit würde noch kommen. Olivaro legte die Pläne zur Seite und wandte den Kopf der Tür zu. Schritte näherten sich. Und dann sah ich Coco. Sie kam mir noch schöner vor, als ich sie in Erinnerung hatte. Ihr schwarzes Haar floss über die Schultern. Das Gesicht mit den großen, grünen Augen wirkte entspannt, gelöst. Sie trug ein hauchdünnes, fließendes Kleid, das ihre festen Brüste betonte und die leichte Wölbung ihres Bauches zu verstecken suchte. Ich war erleichtert. Coco trug noch immer mein Kind unter dem Herzen. Sie setzte sich neben Olivaro, der uns wieder musterte. Für einen Augenblick starrte er auch mich an, doch sein Blick wanderte sofort weiter. »Sieh sie dir an!«, sagte Olivaro spöttisch. »Hier sind die besten Architekten der Welt versammelt, aber ihre Entwürfe befriedigen mich in keiner Weise.« Er beugte sich leicht vor und bewegte die Hände. Leben kam in die regungslosen Gestalten. Sie bewegten sich, schüttelten verwundert die Köpfe und stierten Olivaro an. »Guten Tag, meine Herrschaften«, sagte Olivaro. »Sie alle erhielten durch Mittelsmänner den Auftrag, ein gewaltiges Bauwerk zu entwerfen. Sie sollten Ihrer Phantasie freien Lauf lassen, versuchen, etwas Neuartiges zu schaffen. Aber unter den Plänen fand ich nichts Neues.« »Wer sind Sie?«, fragte Enrique de Egas. Er war klein, sein Haar schlohweiß. »Mein Name ist Olivaro«, sagte der selbsternannte Herr der Finsternis laut.
»Sie sind also der Auftraggeber?«, fragte ein anderer Architekt. »Richtig«, stellte Olivaro fest. »Ich studierte Ihre Entwürfe ganz genau, meine Herren. Einige von Ihnen machten es sich besonders leicht. Ich will aber etwas völlig Neues und nicht eine Kopie der Pyramiden. Einer aus Ihrer Mitte hatte die Frechheit, mir den Turm zu Babel unterjubeln zu wollen. Dabei zeichnete er dreist von Bruegels berühmtem Gemälde ab. Ich will keine Kopien. Haben wir uns verstanden, meine Herren?« Jan van der Heyden stand rasch auf. Er war ein bulliger Architekt, dessen Bauten Weltgeltung erreicht hatten. »Wir sind alle Ihrem Ruf gefolgt, Mr. Olivaro«, sagte er laut. »Ich kann mich zwar nicht erinnern, wie ich hierher gekommen bin, aber das ist im Augenblick auch nicht wichtig. Um es ehrlich zu sagen, ich wollte Ihren Auftrag ablehnen, aber irgendetwas trieb mich dazu, mich damit zu beschäftigen. Was es war, kann ich nicht sagen. Das versprochene Honorar war es aber auf keinen Fall. Ich überlegte und ließ meiner Phantasie freien Lauf, doch ich merkte schnell, dass ich weitere Informationen benötigte. So einen unpräzisen Auftrag hatte ich nie zuvor erhalten. Ich soll das gewaltigste Bauwerk entwerfen, das die Welt je gesehen hat, aber ich weiß nicht einmal, welchen Zweck es erfüllen soll, wie groß es werden darf, wo es gebaut werden soll.« Olivaro lächelte. »Ich wollte Sie in Ihrer Phantasie nicht einengen, meine Herren. Ich war gespannt, was sich die besten Architekten einfallen lassen würden. Aber die Ergebnisse sind recht dürftig. Keiner der Vorschläge entspricht auch nur im Entferntesten meinen Erwartungen.« »Dann geben Sie uns endlich nähere Informationen, Mr. Olivaro!«, brüllte Carimo Fangago wütend. »Die bekommen Sie«, versprach Olivaro. Ich hatte dem Gespräch nur mit halbem Ohr zugehört. Immer wieder ging mein Blick zu Coco, die gelangweilt ins Leere starrte. »Wann?« Fangago ließ nicht locker. »Wenn Sie zu den Häusern zurückkehren, finden Sie alles vor, was Sie benötigen. Ich würde vorschlagen, sehen Sie sich einmal die Un-
terlagen an. Besprechen Sie alles untereinander! Vielleicht kommt bei einer Teamarbeit mehr heraus. Sie können gehen, meine Herren.« Alle standen auf. Die Männer wirkten noch immer recht seltsam auf mich. Jeder Zweifel war ausgeschlossen. Sie standen im Einflussbereich der Dämonen. Ich wunderte mich, dass es mir nicht auch so ging. Ich passte meine Bewegungen den anderen an, als wir uns zu den Häusern begaben. Alle stürzten sich auf die Unterlagen. Auch ich nahm sie zur Hand. Das Gebäude sollte auf dem Atoll errichtet werden, auf dem wir uns befanden. Es war etwa fünf Kilometer lang, zwei Kilometer breit und von einigen Lagunen durchsetzt. Ich legte den Plan zur Seite und schüttelte den Kopf. Weshalb wollte Olivaro hier ein Bauwerk errichten? Und welchem Zweck sollte es dienen? Das hatte er nämlich bis jetzt noch nicht gesagt. Ich musterte meine Kollegen, die die kümmerlichen Unterlagen studierten, hörte ihren erregten Diskussionen aber kaum zu, sondern versuchte mich zu erinnern. Der Schlüssel musste bei meinem Treffen mit den Oppositionsdämonen zu finden sein. Es war kein Zufall, dass ich mich im Körper Ronald Chasens befand. Die Dämonen mussten gewusst haben, was Olivaro plante. Meine Aufgabe war klar. Ich musste Olivaro töten. Aber das würde alles andere als leicht sein. Ich musste mir etwas einfallen lassen.
»Hast du dir diese Nieten angesehen?«, fragte Olivaro, als die Architekten das Versammlungshaus verlassen hatten. »Sie interessieren mich nicht«, erwiderte Coco. »Das sollten sie aber«, brummte Olivaro. »Immerhin sollen sie das Bauwerk entwerfen, das ich dir schenken will. Doch ich fürchte, dass sie nichts Besonderes zustande bringen werden. Sie denken in zu engstirnigen Bahnen. Wenn ich da an Männer wie Michelangelo oder Leonardo da Vinci denke!« Olivaro runzelte die Stirn, dann grinste er. »Wenn diese Architekten nichts Außergewöhnliches
schaffen, dann mache ich ganz einfach eine Totenbeschwörung. Ich erwecke Michelangelo.« »Du hast verrückte Ideen«, sagte Coco. Olivaro lachte. »Es wäre nicht einmal so schwierig. Aber warten wir erst einmal die Ergebnisse ab.« Er stand auf, als Elvira Lorrimer und Te-Ivi-o-Atea das Versammlungshaus betraten. Te-Ivi-o-Atea, der Göttervogel, war eine eindrucksvolle Erscheinung. Er war über einen Meter achtzig groß und trug einen Vogelfedermantel, wie ihn die Häuptlinge der Maori tragen und der aus den haarähnlichen Federn des Kiwi gefertigt war. Sein schmales Gesicht war über und über mit Narben bedeckt und sah abstoßend hässlich aus. Der Dämon stammte von der heiligen Insel Raiatea im Tahiti-Archipel. Seine Macht reichte über ganz Polynesien. Er verneigte sich leicht vor Coco, dann vor Olivaro und setzte sich. Elvira Lorrimer hatte ihr rotes Haar zu einem Rossschweif zusammengebunden. Sie trug ein einfaches Baumwollkleid, das ihre gute Figur vorteilhaft zur Geltung brachte. Sie setzte sich neben Coco an den Tisch. »Mit Enrique Castillo haben wir einen wertvollen Verbündeten verloren«, stellte Olivaro fest. »Allerdings«, sagte Elvira. »Wie kam es zu seinem Tod?« »Das weiß ich nicht genau«, sagte Olivaro vorsichtig. »Irgendjemand fand seinen Körper, als er wehrlos war, und tötete ihn.« »Und du hast keine Ahnung, wer dafür verantwortlich ist?« »Keine«, sagte Olivaro. »Ich nehme aber an, dass dahinter die Sippen der Familien stehen, die sich gegen mich gestellt haben. Ich werde herausbekommen, wer an Castillos Tod schuld ist.« Coco wusste, dass der Dämonenkiller Enrique Castillo getötet hatte, doch sie hütete sich, den Mund aufzumachen. Es war ziemlich schwierig gewesen, Olivaro zu täuschen. Der Fürst der Finsternis hatte Coco nach Mexiko gebracht. Dort hatte sie das werdende Leben in ihrem Leib verlieren sollen, doch Dorian hatte das vereitelt: Es war ihm jedoch nicht gelungen, Coco zu befreien. Jetzt war sie wieder an Olivaros Seite, der sie nicht
aus den Augen ließ. Sie wusste nicht, was er Teuflisches plante – er weihte sie nicht mehr in seine Pläne ein, er war misstrauisch geworden. »Wir müssen vorsichtig sein«, sagte Te-Ivi-o-Atea. »Wir wissen nicht, was die feindlichen Sippen planen. Hier sind wir sicher. Hier können sie uns nicht erreichen.« »Wir müssen Castillos Tod rächen«, sagte Elvira heftig. »Unternimm etwas, Olivaro!« »Keine Sorge! Ich habe schon einiges unternommen. Meine Feinde werden sich noch wundern.« Elvira kniff die Augen zusammen. »Ich glaube, du vergeudest deine Zeit, Olivaro. Wir erfüllten deinen Wunsch und brachten dir die bedeutendsten Architekten der Welt. Aber findest du nicht, dass es im Augenblick wichtigere Dinge gibt, als ein Bauwerk zu errichten? Noch dazu für …« Sie warf Coco einen Blick zu, der alles andere als freundlich war. »Die fünf Architekten, die aus England kamen, sind von uns zu willenlosen Dämonendienern gemacht worden. Nur einer tanzt aus der Reihe. Dieser Ronald Chasen. Ich glaube, ich werde ihn mir einmal vornehmen müssen. Er reagiert nicht so wie die anderen.« »Tu, was du willst, Elvira. Der Bau hat mit meinen anderen Plänen etwas zu tun. Aber das werde ich dir später erklären«, sagte Olivaro ungeduldig. »Ist bei dir alles klar, Te-Ivi-o-Atea?« Der Dämon nickte. »Ich kann dir so viele Helfer zur Verfügung stellen, wie du nur willst. Es sind Eingeborene der verschiedensten Inseln. Ich werde noch heute einige rufen lassen, damit deine Architekten etwas Abwechslung haben.« »Das wird wohl notwendig sein«, sagte Olivaro. »Sonst können wir sie kaum auf die Dauer beherrschen. Sie müssen ihren Trieben folgen.« »Ich werde alles Notwendige veranlassen.« Te-Ivi-o-Atea erhob sich langsam, verbeugte sich kurz und verließ gemessenen Schrittes das Haus. »Wie lange wirst du hier bleiben, Elvira?«, fragte Olivaro. »Einige Tage – bis mich meine Familie abholt. Sie ist nach Hawaii
gefahren.« Sie verabschiedete sich, um schwimmen zu gehen. Olivaro sah ihr nach, dann verdüsterte sich sein Gesicht. Vor den anderen hatte er sich optimistisch gegeben, doch innerlich dachte er anders. Es lief nicht alles nach Wunsch. Die gegnerischen Dämonenfamilien erwiesen sich als ernsthafte Widersacher. Olivaro war froh, dass sich der Großteil der Sippen neutral verhielt: Sie warteten in aller Ruhe ab, wer aus der Auseinandersetzung als Sieger hervorgehen würde. Er sah Coco an. Auch sie war ein Problem, mit dem er nicht fertig wurde, und das ärgerte ihn gewaltig. Wer war sie schon, dass sie ihm Widerstand entgegensetzte? Aber er wusste, dass Coco schon immer als schwieriger Fall innerhalb der Schwarzen Familie gegolten hatte. In ihrer Jugend hatte sie sich sogar Asmodi verweigert. Und nun war Enrique Castillo, der Coco das Ungeborene aus dem Leib hätte reißen sollen, gescheitert – der Plan war sogar in einem völligen Fiasko geendet, da Castillo getötet worden war. »Das Böse wird siegen«, sagte Olivaro. Das hoffe ich nicht, dachte Coco. Ich werde alles daransetzen, um Olivaros Pläne zu vereiteln. Darum muss ich versuchen, sein Vertrauen wiederzugewinnen. Ich muss Begeisterung heucheln. Und sie wusste, dass dies bei Olivaro nicht leicht sein würde. Er war ein erfahrener Dämon. »Es wird siegen«, sagte Coco und lächelte strahlend, obzwar ihr alles andere als zum Lächeln zumute war. »Ich werde dir einen Palast errichten lassen, wie ihn die Welt nie zuvor gesehen hat«, schwärmte Olivaro. »Ich freue mich darauf«, heuchelte Coco Begeisterung. »Aber da ist vorher noch etwas zu erledigen«, sagte Olivaro hart. »Ich weiß«, sagte Coco. »Ich will endlich den Beweis für deine Treue«, sagte er und zeigte auf ihren Bauch. »Die Frucht des Dämonenkillers muss verschwinden.« »Nein«, sagte Coco. »Ich will das Kind austragen.« Olivaro erstarrte. »Ich will, dass es stirbt!«
»Das wird es auch.« »Wie meinst du das?« »Das kannst du dir nicht denken?« Cocos Augen glühten. »Ich werde das Kind zur Welt bringen.« »Das kommt nicht in Frage!«, schrie Olivaro wutschnaubend. »Ich werde das Kind während eines noch nie da gewesenen Rituals töten, es dir als Opfer darbringen. Ist das nicht ein genügender Beweis für meine Treue zu dir? Ich opfere dir mein eigenes Kind.« Olivaro setzte sich und blickte sie durchdringend an. »Die Idee ist nicht übel. Ich werde mir das noch überlegen. Vielleicht könnte man die Geburt beschleunigen.« Er lachte schallend, und sein Gesicht veränderte sich zu einer teuflischen Fratze. »Das Kind des Dämonenkillers als Grundstein für den Palast, den ich dir bauen will. Wirklich keine schlechte Idee.« Er lachte erneut, dann wurde seine Miene wieder ernst. Wenigstens habe ich ihn für eine Zeitlang hingehalten, dachte Coco erleichtert. Irgendwann ergibt sich vielleicht die Möglichkeit, Olivaro zu entfliehen. Und mein Kind opfere ich auf keinen Fall, da sterbe ich lieber.
Es wurde rasch dunkel. Meine Kollegen unterhielten sich noch immer über das gewaltige Bauwerk, das sie planen sollten. Die Meinungen prallten wild aufeinander. Soweit ich es beurteilen konnte, war bis jetzt noch kein vernünftiger Plan herausgekommen. Mir war keine andere Wahl geblieben, ich musste mich an der Unterhaltung beteiligen und auch meine Meinung vortragen, was mir dank des Wissens, das ich von Ronald Chasen besaß, ziemlich leicht fiel. Meine Kollegen waren alle fasziniert von dem Gedanken, ein Bauwerk zu entwerfen, das alles bisher Dagewesene übertreffen sollte. Nicht einmal während des Essens verstummten die Diskussionen. Einige Eingeborene servierten uns Koele Palao, einen Brei aus Bataten und Kokosmilch. Die Unruhe, die den ganzen Tag schon in mir gewesen war, wurde immer stärker. Ich fühlte ein seltsames Kribbeln im Rücken und in
den Beinen, das sich immer stärker bemerkbar machte. Und dann waren da noch die quälenden Gedanken an Coco, die so nahe war, doch der ich nicht sagen durfte, wer ich wirklich war. Verzweifelt versuchte ich eine Möglichkeit zu finden, Olivaro zu töten. Die Architekten waren keine Hilfe für mich – sie standen noch immer im Bann Olivaros. Ich war ganz allein auf mich gestellt. Das Kribbeln wurde stärker. Es schmerzte jetzt fast. Aber es ging nicht nur mir so. Einige der Architekten atmeten rascher, und ihre Glieder krümmten sich. Ein paar wälzten sich vor den Hütten auf dem Boden und wimmerten leise vor sich hin. Ich konnte nicht mehr ruhig sitzen, sprang hoch und lief auf und ab. Irgendetwas stimmte nicht mit Chasens Körper. Meine Bewegungen wurden ruckartig. Schweiß brach mir aus, und ich spürte, wie Fieberschauer meine Hände zittern ließen. Ich warf mich zu Boden und stöhnte. Für einige Minuten blieb ich auf dem Bauch liegen und schloss die Augen, da sich alles vor mir zu drehen schien. Mir wurde übel. Nach einigen Minuten fühlte ich mich besser. Eine Gier war in mir, die ich nicht erklären konnte. Mein Körper bebte, und Speichel tropfte über meine Lippen, rann über das Kinn. Ich wischte ihn fort. Dann kam der Schmerz, plötzlich und ohne Vorwarnung. Ich stieß einen schrillen Schrei aus und riss die Arme hoch. Meine Hände hatten sich verändert. Sie waren zu Klauen geworden und mit einem dichten braunen Pelz bedeckt. Für einige Sekunden konnte ich keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ich sprang wie verrückt hin und her und riss mir dabei die Kleider vom Leib. Meiner Umgebung schenkte ich keine Beachtung. Ich schien plötzlich alles durch eine Nebelwand zu sehen. Ich rannte los, stieß mir den Kopf, achtete aber nicht darauf. Ich raste an den Häusern vorbei, schrie wie verrückt, fuchtelte mit den Armen in der Luft herum, stolperte, fiel nieder, rappelte mich auf und raste weiter. Irgendwann blieb ich unter einer Gruppe Kokospalmen stehen. Die Schmerzen waren verschwunden, und ich konnte wieder normal sehen.
Vor mir erstreckte sich eine kleine Lagune. Der Mond stand hoch am Himmel und das Wasser schimmerte dunkel und geheimnisvoll. Zögernd kam ich näher und blickte in das Spiegelbild, das mir das Wasser zeigte. Meine Vermutung hatte mich nicht getäuscht. Ich hatte mich in einen Wolfsmenschen verwandelt. Ein abscheuliches Geschöpf. Der Körper war mit einem dichten, dunklen Pelz bewachsen – ich hatte lange Arme und Beine, und die Finger- und Fußnägel hatten sich zu Krallen umgebildet. Ich beugte mich vor. Mein Gesicht war noch menschenähnlich. Die Nase war normal, die Augen mehr oder minder auch. Das Maul sah affenartig aus, und deutlich waren die langen Ohren an meinem Kopf zu sehen. Ronald Chasens Körper war mir schon unangenehm genug gewesen, doch als Wolfsmensch fühlte ich mich noch unbehaglicher. Ich hatte Hunger. Entsetzlichen Hunger, der wie ein Schwert in meinen Eingeweiden wühlte. Und ich wusste, wonach es mir gelüstete. Nach Fleisch und nach Blut: Ich wollte meine Zähne in die Kehle eines Menschen schlagen. Meine Hände krallten sich zusammen. Ich kämpfte gegen die Gier meines unmenschlichen Körpers an, riss den Mund auf und stieß einen Schrei aus, der so schaurig klang, dass ich zusammenzuckte. Ich musste gegen den Zwang ankämpfen. Ich durfte mich nicht von meinem Verlangen hinreißen lassen. Ich ging gebückt um die Lagune herum. Einmal blieb ich stehen, als ich aus der Ferne laute Schreie hörte, in die sich das heisere Gebell einiger Werwölfe mischte. Und langsam kehrte meine Erinnerung zurück. Ich erinnerte mich an das Gespräch, das ich mit den Oppositionsdämonen geführt hatte.
Ich war seit zwei Tagen in London. Es war mir gelungen, Coco zu retten, doch ich hatte sie nicht befreien können. Olivaro war mir zuvorgekommen. Ich hoffte, dass es meiner Lebensgefährtin aus eigener Kraft gelingen würde, sich von Olivaro zu lösen. Und meine ganze Hoffnung setzte ich auf die Dämonengruppe, mit der ich mich verbündet hatte. Ich war sicher, dass sie sich mit
mir in Verbindung setzen würde. Und ich täuschte mich nicht. Es war nach Mitternacht. Lilian war schon schlafen gegangen, und ich saß im Wohnzimmer, trank einen Whiskey und rauchte eine Zigarette, als es mir schien, dass mich eine Stimme rief. Das Rufen wurde drängender. Ich stand auf, hörte das Aufheulen eines Motorrads, verließ das Wohnzimmer und trat vor das Haus. »Sie erwarteten wohl meinen Besuch, Hunter?«, fragte Demur Alkahest, den ich in letzter Zeit schon einige Male getroffen hatte. Er gehörte den Oppositionsdämonen an. Ich nickte und sperrte die Tür ab. Wie üblich war Alkahest ganz in Leder gekleidet. Die dunkle Motorradbrille und eine enganliegende, schwarze Haube ließen nicht viel von seinem Gesicht sehen. »Steigen Sie auf, Hunter!«, sagte Alkahest, und sein schmaler Mund verzerrte sich zu einem höhnischen Grinsen. »Wohin bringen Sie mich?« »Warum so neugierig? Sie werden doch keine Angst haben, oder?« Ich antwortete nicht, setzte mich hinter ihm auf die schwere Maschine und saß kaum, als er auch schon losfuhr. Besorgt klammerte ich mich an ihm fest. Ich war ja selbst kein sehr langsamer Fahrer, aber was Alkahest aufführte, war abnormal. Die Maschine heulte auf, und ich glaubte zu fliegen. Die Fahrt dauerte nicht einmal eine Viertelstunde, aber mir kam sie wie eine Ewigkeit vor. Der Dämonenrocker bog in eine kleine Gasse ein, drosselte die Maschine und fuhr auf ein Tor zu, das langsam hochgezogen wurde. Er brauste in den Hof und blieb vor einer niedrigen Holztür stehen. Ich stieg erleichtert ab. Das Tor schloss sich, und ich blickte Alkahest an. »Sie werden schon sehnsüchtigst erwartet, Hunter«, sagte er und zeigte auf die Tür. Ich drückte die Klinke nieder und trat in einen schmalen, matt erleuchteten Gang. Modrige Luft schlug mir entgegen, und mit jedem Schritt spürte ich die Ausstrahlung der Dämonen stärker. Der Gang
war etwa zwanzig Meter lang, die Mauern waren unverputzt. Mein Unbehagen wuchs. In Darkpool hatte ich die Oppositionsdämonen das erste Mal getroffen, doch damals hatte ich ihren Vorschlag zu einer Zusammenarbeit rundweg abgelehnt … Damals hatte ich noch nicht gewusst, dass Coco noch immer auf meiner Seite stand – das hatte ich erst viel später erfahren. Und dieses Wissen sowie die Tatsache, dass Coco von mir ein Kind erwartete, hatte mich zum Umdenken gezwungen. Ich nahm den Kampf gegen Olivaro auf. Und mir war jedes Mittel Recht. Ich kannte nur ein Ziel. Ich musste Coco befreien. Und dazu war es notwendig, dass ich Olivaro tötete. Es war eine schwerwiegende Entscheidung gewesen, die ich nach langem Überlegen gefällt hatte, denn es war ein Risiko, sich mit Dämonen zu verbünden – doch ich ging es ein. Das zweite Mal hatte ich die Oppositionsdämonen vor meinem Flug nach Mexiko getroffen und mich bei einer unheimlichen Zeremonie mit ihnen verbündet. Sie hatten von mir verlangt, dass ich meinen letzten noch lebenden Bruder, den Freak Jerome Hewitt, töte, doch ich hatte mich strikt geweigert. Durch die Dämonen hatte ich erfahren, was Olivaro mit Coco vor hatte, und ich hatte seinen Plan vereiteln können. Im Augenblick wusste ich nicht, was Olivaro gegen Coco plante, ja, ich wusste nicht einmal, wo sie sich befand. Ich konnte ihr nicht helfen. Der Gedanke an meine Hilflosigkeit trieb mich fast in den Wahnsinn. Vor einer Tür blieb ich stehen. Ein leises Knacken war zu hören, dann schwang die Tür nach innen auf. Ein dunkler Raum lag vor mir. Ich trat über die Türschwelle und blieb stehen. Die Luft wurde heiß, und ein Krachen war zu hören. Aus dem Nichts erschien eine brennende Kerze, die durch die Luft schwebte und auf einem Tisch stehen blieb. Im schwachen Lichtschimmer sah ich fünf gesichtslose Gestalten, die hinter einem schwarzen Tisch saßen. »Es freut uns, dass Sie Ihr Abenteuer in Mexiko gut überstanden haben, Hunter«, sagte eine tiefklingende Stimme, die ich schon zwei Mal gehört hatte. Bei unserer ersten Begegnung hatte der Dämon
verlangt, dass ich ihn Smith oder Miller nennen sollte. »Viel Erfolg hatten Sie nicht. Aber immerhin konnten Sie Olivaros Plan vereiteln und diesen widerlichen Castillo töten. Damit ist einer von Olivaros Anhängern beseitigt. Aber um die geht es uns nicht. Wir wollen Olivaro.« »Was glauben Sie, was ich will?« Meine Augen hatten sich an das trübe Licht gewöhnt, und ich trat zwei Schritte vor. Die fünf Dämonen trugen schwarze Umhänge. Ihre Gesichter waren weiße, verwaschene Flecke. Sie wollten nicht, dass ich sie erkannte, was nur zu verständlich war, mir aber natürlich nicht gefiel. Doch ich hatte ihre Bedingungen akzeptieren müssen – sonst wäre eine Zusammenarbeit nicht möglich gewesen. »Wir haben eine Möglichkeit gefunden, Sie zu Olivaro zu bringen, ohne dass er etwas davon merkt«, sagte einer der Dämonen. Ich blickte ihn interessiert an. »Und die ist?« »Setzen Sie sich, Hunter! Sie brauchen keine Angst zu haben. Wir tun Ihnen nichts.« »Ich habe keine Angst«, sagte ich grimmig und setzte mich auf den bequemen Stuhl, der plötzlich hinter mir aufgetaucht war. »Sie wissen also, wo Olivaro steckt. Wissen Sie auch, wo sich Coco befindet?« »Ja, das wissen wir. Wir haben einen hübschen Plan entwickelt, wie wir Olivaro töten können. Er ist ein wenig kompliziert, und wie wir Sie kennen, werden Sie ablehnen.« »Lassen Sie erst einmal hören«, sagte ich und lehnte mich zurück. Ich steckte mir eine Zigarette an und inhalierte den Rauch tief. »Olivaro befindet sich auf einem kleinen Atoll in der Südsee«, sagte einer der Dämonen. »Es ist unmöglich, das Atoll unbemerkt zu betreten. Olivaro würde es sofort bemerken.« »Und wie soll ich dann …« »Seien Sie nicht immer so ungeduldig!«, unterbrach mich ein anderer Dämon. »Alles der Reihe nach. Zu Ihrer Information: Coco befindet sich bei Olivaro. Wie es ihr geht, das können wir Ihnen bedauerlicherweise nicht sagen, da wir nicht wissen, was auf dem Atoll vor sich geht. Aber wir erfuhren etwas anderes, das ein be-
zeichnendes Licht auf Olivaro wirft. Er ist ein wenig größenwahnsinnig geworden und muss unglaublich an Coco hängen.« Ich beugte mich ungeduldig vor, und der Dämon hob besänftigend beide Hände. »Bewahren Sie Ruhe, Hunter!«, sagte er. »Olivaro will für Coco ein Bauwerk errichten lassen, einen gewaltigen Palast. Völlig verrückte Idee – wie wir alle finden. Durch Mittelsmänner beauftragt er im Augenblick die bekanntesten Architekten der Welt, dass sie Entwürfe vorlegen sollen. Es war reiner Zufall, dass wir davon erfuhren. Unter anderem wurden auch fünf Engländer beauftragt. Wir wissen, dass diese fünf Architekten in einigen Tagen auf Olivaros Atoll gebracht werden sollen. Und darauf fußt unser Plan. Wir suchten uns einen der Fünf aus: Ronald Chasen, ein Mann mit einem besonders labilen Charakter. Er ist für unsere Zwecke wie geschaffen.« Ich drückte die Zigarette aus. »Ich verstehe noch immer nicht, wie Sie mich auf das Atoll bringen wollen.« »Das liegt doch auf der Hand, Hunter«, brummte der Dämon. »Sie enttäuschen mich.« »Sie denken doch nicht an einen Persönlichkeitsaustausch?« »Sie haben es erraten.« »Tut mir Leid.« Ich erhob mich. »Das ist mir zu gefährlich.« »Ich sagte Ihnen ja, dass Sie unseren Plan erst einmal ablehnen würden. Setzen Sie sich wieder, und hören Sie weiter zu!« Ich setzte mich. Das war Wahnsinn, was sie planten, dachte ich. Der reinste Wahnsinn. Ich wusste, dass es möglich ist, mittels Magie den Geist einer Person auf eine andere zu übertragen, aber dazu sind langwierige Vorbereitungen notwendig. Es kommt nicht selten vor, dass dabei die Person, die in den Körper eines anderen schlüpft, wahnsinnig wird. »Es ist die einzige Möglichkeit für Sie und für uns, an Olivaro heranzukommen«, sagte der Dämon. »Wir suchten nach einem anderen Weg, doch es gibt keinen. Wie gesagt, kein Unbefugter kann die Insel betreten. Aber wenn Ihr Geist im Körper Ronald Chasens steckt, dann haben wir eine gute Chance. Sie wären in Olivaros Nähe und könnten ihn zur Strecke bringen.«
»Ich habe doch keine Ahnung von Chasens Leben.« »Das bereitet keine Schwierigkeit. Wir können Ihnen seine Erinnerung lassen. Sie wissen dann alles, was Chasen weiß.« »Hm«, sagte ich. »Und was geschieht in der Zwischenzeit mit meinem Körper?« »Auf den passen wir auf. Sobald sich Ihr Geist im Körper Ronald Chasens befindet und Sie auf dem Atoll sind, können Sie sich mittels einiger einfacher Beschwörungen mit uns in Verbindung setzen. Wenn Sie das geschickt machen, kommen wir Ihnen zu Hilfe. Sie fungieren praktisch als Sender und Empfänger gleichzeitig. Olivaro fühlt sich auf dem Atoll sicher. Nur auf diesem Weg können Sie – und letztlich auch wir – hingelangen. Und das dürfte Olivaros endgültiges Ende sein.« Der Plan hatte etwas für sich, das musste ich zugeben, doch das Risiko, das ich dabei einging, war einfach zu groß. »Es gibt für Sie keine andere Möglichkeit, Hunter. Olivaro hat nicht die Absicht, das Atoll zu verlassen. Dort ist er unangreifbar. Zu seinen Verbündeten gehört ein mächtiger Dämon, den man als den Herrscher der Südsee bezeichnen kann. Sein Name ist Te-Ivi-oAtea. Für uns alle ist es eher unverständlich, dass er sich Olivaro angeschlossen hat, aber er tat es. Und wir können in diesem Gebiet nichts unternehmen, was er nicht sofort bemerken würde. Denken Sie an Coco! Olivaro wird sie nicht mehr aus den Augen lassen. Und denken Sie an Ihr ungeborenes Kind! Olivaro wird alles daransetzen, damit Coco es verliert.« »Daran denke ich die ganze Zeit«, sagte ich. »Aber Ihr Plan ist verrückt. Es wäre Wahnsinn für mich, ihm zuzustimmen.« Die Dämonen schwiegen. Die Kerze brannte heller. »Ich werde es mir überlegen«, sagte ich schließlich. Ich schob den Stuhl zurück und drehte mich um. »Wir setzen uns morgen mit Ihnen in Verbindung, Hunter. Bis dahin wollen wir Ihre Entscheidung wissen. Überlegen Sie es sich gut! Es ist die einzige Möglichkeit, Coco zu befreien.« Ich ging aus dem dunklen Raum und fühlte mich wie betäubt. Rasch trat ich in den Hof, beachtete Alkahests Bemerkungen nicht,
schwang mich hinter ihm aufs Motorrad und ließ mich nach Hause fahren. An Schlaf war nicht zu denken. Ich setzte mich ins Wohnzimmer, nahm einen Block und Filzschreiber und malte Figuren; dabei überlegte ich. Im Morgengrauen stand mein Entschluss fest. Ich würde mitmachen; ich würde einwilligen. Die Dämonen hatten Recht, es war meine einzige Chance, Coco zu retten. Jeder Tag, der verging, verschärfte die Situation. Lilian und meinen Gefährten sagte ich nichts von meiner Zusammenkunft mit den Dämonen. Gegen Abend läutete das Telefon, und ich hob ab. »Wie ist Ihre Entscheidung, Hunter?« »Ich mache mit.« »Gut«, sagte die tiefe Stimme. »Alkahest holt Sie morgen nach Mitternacht ab.« Ich starrte den Hörer einige Sekunden lang an, dann legte ich auf. Alkahest holte mich wie vereinbart ab. Den ganzen Tag war ich spazieren gewesen. Ich wusste, dass Lilian und Cohen mit mir sprechen wollten, doch ich wich ihnen aus. Mein Verhältnis zu Lilian war nichtssagend geworden – ich hatte mich nie mit ihr verstanden … und jetzt schon gar nicht mehr. Sie war eine Fremde für mich, und ich hatte mich in den vergangenen Wochen oft gefragt, was mich wohl vor Jahren bewogen hatte, sie zu heiraten. Sie war so gar nicht der Typ Frau, den ich mochte. Der Dämonenrocker führte mich in das Haus, in dem ich tags zuvor gewesen war. Wieder waren die fünf gesichtslosen Dämonen versammelt. So wie am Tag zuvor saßen sie hinter dem Tisch. Doch sie waren nicht allein. Ihnen gegenüber saß ein Mann, den ich nie zuvor gesehen hatte. »Das ist Ronald Chasen«, sagte einer der Dämonen. Ich blieb neben Chasen stehen und sah ihn mir genau an. Was ich zu sehen bekam, gefiel mir nicht besonders. Er war ein unscheinbarer Mann, einer jener schwächlichen Typen, die ich noch nie hatte leiden können. Die Vorstellung, dass sich mein Ich in diesem Körper
befinden sollte, wollte mir überhaupt nicht gefallen. »Setzen Sie sich neben Chasen, Hunter!«, verlangte der Anführer der Dämonen. Ich gehorchte. »Nehmen Sie seine linke Hand!« Wieder folgte ich. Chasens Hand fühlte sich kühl an. Einer der Dämonen ging um den Tisch herum und blieb vor mir stehen. Er trug einen bodenlangen, schwarzen Umhang, der mit seltsamen Symbolen verziert war. Mit einem Griff stülpte er sich eine Kapuze über den Kopf, die keine Augenschlitze aufwies. Zwei Dämonen trugen ein Dreibein herbei, stellten es hinter Chasen und mir auf, schürten die Kohlen an und warfen Kräuter ins helllodernde Feuer. Ein betäubender Duft breitete sich im halbdunklen Zimmer aus. Sie warfen noch mehr Kräuter ins Feuer. Dicke, grünliche Schwaden durchzogen den Raum. Der Dämon mit der Kapuze murmelte vor sich hin, holte aus einer Tasche ein Stück Kreide und zog einen Kreis um Chasen und mich. Danach malte er das Stigma des Teufels Baal neben den Kreis. Die Rauchschwaden wurden immer dichter, und der Geruch wurde so intensiv, dass ich niesen musste. Der Kapuzenmann hob beide Hände, und seine Beschwörungen wurden lauter. Einige Worte verstand ich, doch nach wenigen Minuten erlahmte meine Konzentrationsfähigkeit. Ich schloss die Augen und wurde schläfrig. Die Stimme des Dämons lullte mich ein. Ich wollte nur eines. Schlafen. Irgendwann musste ich eingenickt sein, doch plötzlich zuckte ich zusammen. Ich spürte fremde Gedanken, undeutlich und verwirrend. Dann sah ich Bilder. Ein Haus, zuerst weit entfernt, dann kam es rasch näher, danach eine dicke Frau mit einem schwabbeligen Kinn und einer keifenden Stimme. Die Regent Street war zu sehen, ein sechsstöckiges Haus, Stufen, ein Aufzug, eine lächelnde Blondine, die einen zu engen Pulli trug, ein Büro mit einem riesigen Schreibtisch … Computer, Pläne, Schriftstücke … Die Bilder wechselten immer rascher. Gesichter tauchten auf, die ich nicht kannte. Dann wurde es schwarz vor meinen Augen. Etwas explodierte,
und ich spürte wieder fremde Gedanken, diesmal deutlicher. Gesichter waren zu sehen, die ich nun erkannte. Die dicke Frau, das war Carol, meine Ehefrau, die Blondine war Mona, meine Chefsekretärin, der bärtige Mann, das war Ellister McMauglin, für den ich ein Hochhaus entwerfen sollte, und die sinnliche Frau mit dem tizianroten Haar, das war Elvira Lorrimer, die wollte, dass ich ein gewaltiges Bauwerk schuf, ein Bauwerk, wie es die Welt noch nie zuvor gesehen hatte. Ein Jaguar. Das war mein Wagen. Ich konnte deutlich Chasens Gedanken lesen, und es gelang mir, in seinen Körper zu schlüpfen. Es war ein kurzer erbitterter Kampf mit Chasens Ich, aus dem ich als Sieger hervorging. Unsere Gedanken verschmolzen, und ich konnte seinem Körper meinen Willen aufzwingen. Ich stand auf und bewegte mich innerhalb des magischen Kreises. Anfangs waren meine Bewegungen sehr ungelenk, doch nach einigen Minuten hatte ich mich an meinen neuen Körper gewöhnt. Ich blieb stehen und glotzte meinen richtigen Körper an. Da hockte Dorian Hunter, der Dämonenkiller, zusammengesunken auf einem Stuhl. Ich streckte meine Hand aus und berührte Hunters Schulter, hob sie höher und strich über die Stirn. »Es ist unglaublich«, sagte ich. Zum ersten Mal hörte ich Chasens Stimme, die mir wie sein Äußeres nicht gefiel. Ich lauschte Chasens Gedanken, und die gefielen mir noch weniger. Er war ein durchaus begabter Mann, aber ein Schwächling, ein Mann, der seiner Frau hilflos ausgeliefert war. Ein Pantoffelheld, wie er im Buche stand. Langsam setzte ich mich nieder und versuchte mich an Chasens Körper zu gewöhnen. Ich hatte Kreuzschmerzen, aber aus Chasens Gedanken erfuhr ich, dass er die seit einigen Jahren hatte. Er sollte Sport treiben, doch seine Arbeit fraß ihn förmlich auf … er hatte zu nichts Zeit. Er war ein Mensch, der nur für seine Arbeit lebte – und für seine Frau. Seinen Gedanken entnahm ich, dass sie einmal recht hübsch gewesen war, aber ich zog mich rasch zurück, als er an das erste intime Zusammensein dachte, das war mir einfach peinlich. »Es funktioniert«, sagte ich zum Kapuzenmann.
»Dann hören wir mit dem Versuch auf«, sagte er. Ich nickte, schloss die Augen, hörte seine Beschwörungen und versank in tiefen Schlaf. Als ich erwachte, fand ich mich in meinem Bett in der Abraham Road wieder. In den nächsten zwei Tagen stellten die Oppositionsdämonen einige Versuche mit mir an. Mehrmals am Tag führten sie einen Persönlichkeitsaustausch durch. Es war ein eigenartiges Gefühl für mich. Ich sah mir etwas im Fernsehen an, und plötzlich befand ich mich in Chasens Körper, saß in seinem Büro und studierte irgendwelche Pläne oder unterhielt mich mit Leuten, die ich als Dorian Hunter nie zuvor gesehen hatte. Die Dämonen verboten mir, dass ich meinen Gefährten etwas von unserem verrückten Plan erzählte. Sie versprachen mir, meinen richtigen Körper zu schützen. Nachdem die Versuche so erfolgreich verlaufen waren, sah ich voll Optimismus in die Zukunft. Und dann war es so weit. Ronald Chasen bekam die Einladung zu einer Party im Haus der Lorrimers. Von den Dämonen wusste ich, dass die Familie Lorrimer zu den mit Olivaro verbündeten Sippen gehörte. Alle fünf eingeladenen Architekten sollten in die Südsee verschleppt werden. Irgendwann gegen Abend würde der Persönlichkeitsaustausch stattfinden. Ich beschloss, in die Jugendstilvilla zu fahren, nahm mir ein Taxi und ließ mich in der Baring Road absetzen. Ich griff nach meinen Schlüsseln und trat auf das schmiedeeiserne Tor zu. Bevor ich noch aufsperren konnte, befand ich mich in Ronald Chasens Körper. Aber irgendetwas stimmte nicht. Ronald Chasens Ich war zu dominierend, was bei den vergangenen Versuchen niemals in diesem Ausmaß der Fall gewesen war. Ich stand neben Elvira Lorrimer, die vom Wechsel der Persönlichkeiten nichts mitbekommen hatte. Ich hatte mich mit ihr unterhalten, völlig unverbindliches Zeug, und wir hatten uns niedergesetzt, an einen hübsch gedeckten Tisch. Zwei junge Mädchen hatten das Essen serviert. Es hatte ausgezeichnet geschmeckt, und danach war ich in Trance gefallen. Und zu diesem Zeitpunkt war unser hübscher Plan schon zunichte gemacht worden. Wir hatten die Lorrimers und Olivaro unterschätzt. Sie begnügten sich nicht damit, die Architek-
ten einfach auf das Atoll zu bringen. Nein, sie machten sie zu ihren Dienern, zu ihren Sklaven. Jetzt waren mir auch die Ereignisse in der Villa der Lorrimers wieder bewusst. Sie hatten sich in Werwölfe verwandelt. Elvira hatte mir einen Stoß in den Rücken gegeben und mich ins dunkle Haus getrieben. Ich hatte Stöhnen gehört, eine krallenartige Hand hatte sich in meinen Rücken gebohrt und mich in ein Zimmer gedrängt. Ich war gestürzt und hatte einen pelzigen Körper gespürt, der sich schwer auf mich legte. Raubtiergeruch hing in der Luft, und das Malmen von Zähnen war zu hören. Irgendetwas zerrte an meiner Jacke. Ich richtete mich auf. Die Jacke fiel zu Boden. Mein Hemd folgte. Scharfe Krallen fuhren über meine Brust. Mein Gürtel wurde geöffnet, die Hose rutschte herunter. Nackt, zitternd vor Verlangen nach etwas, das ich nicht kannte, hatte ich mich zurückgelegt. Die Augen hatte ich geschlossen. Meine Hände verkrallten sich in einen festen Körper. Er fühlte sich wie ein Schäferhund an. Es fauchte in meinem Ohr. Eine raue Zunge strich über mein Gesicht. Mein Körper bäumte sich auf, und ich spürte die spitzen, scharfen Zähne, die sich in meine rechte Schulter bohrten und immer fester zubissen. Ich hörte mich stöhnen, während ich mich verlangend hin und her wälzte. Die scharfen Zähne verbissen sich nun in meiner Brust. Ich spürte, wie mein Blut aus der Wunde drang und die feuchte Zunge es gierig leckte. Die Zeit schien stillzustehen. Die Zähne bissen immer wieder zu, in meine Schenkel, Arme und in den Nacken. Ich keuchte und stöhnte. Es war herrlich, unbeschreiblich herrlich. Alles verwischte sich, wurde unreal. Ich verschmolz mit dem harten Körper in meinen Armen. Weißer Atem strich über meine Wangen, und wohlige Schauer ließen meinen Körper erzittern. Dann schlief ich ein. Ich wusste nicht, wie lange ich geschlafen hatte. Ich fühlte mich beschwingt wie nie zuvor in meinem Leben. In der Dunkelheit griff ich nach meinen Kleidern und zog mich an. Ich stieg die Stufen hinunter, trat auf die Terrasse und setzte mich zu Elvira Lorrimer an den Tisch. Ich glaubte noch immer zu schweben und wollte nicht sprechen. Mir genügte Elviras Nähe.
Irgendwann gingen wir ins Haus. Ich schlief mit Elvira. Sie schmiegte sich an mich, und ich fühlte mich zufrieden und entspannt. An den Persönlichkeitstausch konnte ich mich nicht erinnern. Und dann fuhren wir nach Honolulu und schließlich zu diesem Atoll. Und in dieser Zeit konnte sich das schwarze Blut richtig in meinem Körper entfalten. Ronald Chasen war zu einem Werwolf geworden. Damit hatten die Oppositionsdämonen nicht gerechnet … und ich schon gar nicht.
Die Gier nach Menschenfleisch wurde übermächtig. Ich musste einen Menschen reißen. Es blieb mir keine andere Wahl. Ich musste töten. Ich stieß einen heiseren Schrei aus, hockte mich nieder und winselte den hochstehenden Mond an. Für einen Augenblick erinnerte ich mich an die Beschwörungsformeln, die nötig waren, um mit den Dämonen Kontakt aufzunehmen, doch ich brachte kein Wort hervor. Mein Maul formte nur unverständliche Laute. Alles in mir sträubte sich gegen die Beschwörung. Das unheimliche Blut in mir war zu stark. Und daran scheiterte unser Plan, der sonst sicherlich geklappt hätte. Ich war allein auf mich gestellt. Mit der Hilfe der Oppositionsdämonen konnte ich nicht rechnen, da ich sie nicht rufen konnte. Aber nicht genug damit, musste ich auch noch gegen das Locken meines unmenschlichen Körpers ankämpfen. Mir wurde übel. Alles in mir gierte nach Fleisch, nach Menschenfleisch. Der Zwang trieb mich weiter. Ich stand zwischen den Palmen und duckte den Kopf. Von überall her waren wilde, durchdringende Schreie zu hören. Ich lief zu den Häusern zurück, vorbei an einem kleinen einstöckigen Haus, ließ das Versammlungshaus hinter mir und erreichte schließlich die Kegeldachhäuser. Alle Architekten hatten sich in Monster verwandelt, die wie wahnsinnig umher liefen und sich gegenseitig bedrohten. Der hochstehende Mond tauchte die Szenerie in silbernes Licht. Eine der Schauergestalten schlug mit ihren Tatzen nach mir, und
ich sprang zur Seite. Der Großteil der Architekten hatte sich in werwolfartige Geschöpfe verwandelt, einige hatten – so wie ich – noch entfernt ein menschliches Aussehen, während die anderen sich in geifernde Bestien verwandelt hatten. Etliche liefen auf allen vieren umher. Sie hatten sich in tiger- und pantherähnliche Monstren verwandelt. Ein paar Vampirwesen waren auch darunter, hohlwangige Geschöpfe mit fast durchsichtiger Haut und langen, spitzen Zähnen und blutunterlaufenen Augen. Die Unruhe unter den Albtraumgeschöpfen wuchs. Sie sprangen sich gegenseitig an, wälzten sich im Sand, und das Schreien wurde immer lauter. Plötzlich war ein leiser Gesang zu hören, und die Unruhe unter den Dämonengeschöpfen legte sich. Ich spürte, wie auch ich langsam ruhiger wurde, doch die Gier war noch immer da. Der Gesang wurde lauter, einschmeichelnder. Die Bestien ließen voneinander ab und liefen zum Strand. Ich schloss mich ihnen an und sah die Boote. Der lockende Gesang, der aus dem Nichts zu kommen schien, klang drängender. Ich lief den Strand entlang und stieß ein tief aus der Kehle kommendes Brummen aus. Es waren etwa sechs Boote. Eines legte an. Zwei Männer und drei junge Frauen sprangen heraus, wateten durch das Wasser und blieben am Strand stehen. Ich rannte auf sie zu, doch ich kam zu spät. Drei tigerartige Bestien waren schneller. Die fünf Einheimischen standen reglos wie Statuen da, doch plötzlich kam Bewegung in sie. Sie brüllten vor Angst und rannten in Richtung der Häuser, von den drei Bestien verfolgt. Eines der Monster packte eine Frau, warf sie zu Boden und schlug mit der rechten Vorderpranke zu. Die Frau bäumte sich auf, das Monster verbiss sich hemmungslos in ihrem Körper. Ich schlich näher, die Bestie wandte sich mir zu, richtete sich drohend auf und hob die Vordertatzen. Sie fauchte wütend und ging auf mich los. Ich wich zurück und sah aus einiger Entfernung zu, wie das Biest das Blut der Toten aufleckte. Mein Magen krampfte sich vor Verlangen zusammen. Dann konnte ich für einen Augenblick normal denken, wandte mich ab und kämpfte gegen die Begierde an.
Immer mehr Boote legten an. Und immer das gleiche Bild. Die Einheimischen waren anfangs wie gelähmt, dann fiel die Erstarrung von ihnen ab. Sie schrien vor Entsetzen, als sie die Monster sahen, und versuchten, zu fliehen. Innerhalb weniger Minuten war der Strand vom Blut rot gefärbt. Überall lagen Tote herum. Das Schreien der Opfer hallte schaurig in meinen Ohren. Ich zitterte am ganzen Leib vor Verlangen. Noch konnte ich mich beherrschen, doch wie lange noch? Ich zog mich zurück und versuchte, die Todesschreie der Menschen und das gierige Schmatzen der Monster zu ignorieren. Ein Wolfsmensch lief an mir vorbei. Er verfolgte ein junges Mädchen – ihr langes, schwarzes Haar wehte hinter ihr her. Der Wolfsmensch erreichte sie. Eine Tatze verkrallte sich in ihrem Haar. Er riss sie an sich, und seine Zähne schnappten zu. Ich darf meiner Gier nicht nachgeben, dachte ich verzweifelt. Doch von Minute zu Minute fiel mir die Enthaltsamkeit schwerer.
Olivaro stand zusammen mit Coco und Elvira Lorrimer vor einem der Fenster im ersten Stock des kleinen Hauses, das sich neben dem Versammlungshaus befand, und blickte zum Strand hinüber. »Sie sind unruhig«, sagte er. »Sie gieren nach Menschenfleisch.« »Hoffentlich kommen die Opfer bald«, sagte Elvira, »sonst zerreißen sie sich noch gegenseitig.« »Keine Angst.« Olivaro grinste. »Te-Ivi-o-Atea hat noch immer seine Versprechen gehalten. Da! Hört ihr das Singen?« Der Gesang wurde immer lauter, und die ersten Boote legten an. Olivaros Gesicht verzerrte sich. Er beugte sich genüsslich vor und sah vergnügt zu, wie sich die Bestien auf die wehrlosen Einheimischen stürzten. Elvira konnte sich kaum beherrschen. Der Anblick war einfach zu viel für sie. Olivaro bemerkte Elviras Unruhe. »Nur zu! Du kannst dich ruhig an dem Spaß beteiligen. Es sind genügend Opfer da.« Elvira starrte den Mond an, und eine geheimnisvolle Kraft schien
auf sie überzuspringen. Sie riss sich das Kleid vom Leib. Ihre Gestalt wurde für einen Augenblick durchscheinend, dann hatte sie sich verwandelt. Für sie als echte Werwölfin war es möglich, die Verwandlung innerhalb von Sekunden durchzuführen. Coco warf ihr einen verächtlichen Blick zu. Elvira öffnete das geifernde Maul und rannte die Stufen hinunter. Olivaro sah ihr grinsend nach. Er beugte sich aus dem Fenster. Augenblicke später lief Elvira auf den Strand zu. Olivaro legte einen Arm um Cocos Hüften und zog sie an sich. Coco war die Berührung des Dämons widerlich, doch sie durfte sich nichts von ihrem Ekel anmerken lassen. »Ein hübscher Anblick. So eine Abwechslung tut gut.« Er kicherte, als er die Todesschreie der unschuldigen Menschen hörte. Coco wandte den Kopf ab. Schon als Kind hatte sie nichts für die grausamen Sitten innerhalb der Schwarzen Familie übrig gehabt – und jetzt noch weniger. »Gefällt es dir nicht, Coco?« »Du weißt genau, wie ich darüber denke. Ich finde es abstoßend.« Olivaro seufzte. »Ich finde es amüsant. Sieh, jetzt hat Elvira ein Opfer erwischt!« »Ich will es nicht sehen«, sagte Coco gereizt. Olivaro lachte. »Unglaublich, mit welcher Gier Elvira das Blut aus der Kehle ihres Opfers trinkt.« Wieder war ein Todesschrei zu hören, und Coco zuckte zusammen. In diesem Augenblick hasste sie Olivaro wie nie zuvor. Seine Hand an ihrer Hüfte schien aus Feuer zu bestehen. Sie trat einen Schritt zur Seite und atmete heftig. Verstohlen beobachtete sie Olivaro, der sich mit beiden Händen auf das Fensterbrett aufstützte und zum Strand blickte. Sein Gesicht war vor Genuss verzerrt. Coco hatte Olivaro gründlich unterschätzt. Sie hatte geglaubt, dass er über solche Schauspiele erhaben wäre, doch das stimmte nicht. Ihn ergötzte das Wüten der Scheusale sichtlich, und er weidete sich an der Angst der Menschen. »Ich gehe schlafen.« »Bleib noch!«, sagte Olivaro, ohne den Blick von der schauerlichen Szene abzuwenden. »Ich will noch einiges mit dir besprechen,
Coco.« »Kann das nicht bis morgen warten?« Er sah sie flüchtig an und schaute wieder aus dem Fenster. »Ich dachte über deinen Vorschlag nach. Ich finde ihn gut. Wir werden eine Frühgeburt herbeiführen, und sobald die Architekten mir die Pläne für den Bau geliefert haben, werden wir das Kind opfern, es in das Fundament einbauen. Die Idee ist großartig. Sie könnte von mir stammen.« »Es freut mich, dass sie dir gefällt«, sagte Coco, und ihre Stimme vibrierte. »Geh nur ruhig schlafen.« »Gute Nacht.« Coco hatte ein eigenes Zimmer am Ende des Ganges im ersten Stock. Sie schob den Vorhang zur Seite und trat ein. Es war hell. Der Mond war deutlich in der Fensteröffnung zu sehen. Coco blieb einen Augenblick stehen. Sie ballte die Hände zu Fäusten und ließ den Kopf auf die Brust sinken. Mit Mühe unterdrückte sie ein Schluchzen. Ich halte es einfach nicht mehr aus, dachte sie. Langsam trat sie ans Bett, setzte sich, schlüpfte aus ihrem Kleid und warf es über einen Stuhl. Noch immer war das Wüten der Bestien zu hören. Coco zündete sich mit zitternden Fingern eine Zigarette an. Es war ihr gelungen, Olivaro hinzuhalten, zumindest so lange, bis die Architekten die Pläne lieferten, doch dann konnte sie ihn nicht mehr vertrösten. Er würde das Ungeborene unter ihrem Herzen töten. Das musste sie unbedingt verhindern. Aber sie wusste, dass es für sie keine Möglichkeit gab, dieses kleine Atoll zu verlassen … und gegen Olivaro konnte sie nichts ausrichten. Ihre magischen Kräfte waren wieder schwächer geworden. Sie drückte die Zigarette aus. Neben ihrem Bett stand ein Dreifuß. Sie entzündete ein magisches Feuer, das den Raum in ein gespenstisches Licht tauchte. Die Dämpfe legten sich schwer auf ihre Lungen. Der aromatische Duft machte sie schläfrig und beruhigte ihre Nerven. Sie legte sich auf den Rücken, atmete tief ein und aus, spürte, wie sie langsam ruhig, wie alles bedeutungslos wurde. Die Anspannung fiel von ihr ab.
Einen Augenblick lang dachte sie an Dorian Hunter, fragte sich, wo er wohl stecken mochte und ob er eine Möglichkeit finden würde, ihr zu helfen. Mit diesem Gedanken schlief sie ein.
Ich hatte mich von den Bestien abgesondert. So rasch ich konnte, rannte ich von den Häusern fort. Minutenlang hörte ich noch immer das Brüllen und Schreien, dann klang es leiser, und schließlich verstummte es. Ich warf mich zu Boden und wälzte mich hin und her. Es war mir gelungen, gegen meine Werwolfgier anzukämpfen, doch ich glaubte, wahnsinnig zu werden. Ich wusste nicht, wie lange ich mich von Krämpfen geschüttelt herumwarf. Irgendwann stand ich wieder auf. Das Verlangen war noch immer da. War es möglich, dass ich in meiner Werwolfgestalt Olivaro etwas anhaben konnte? Bedauernd schüttelte ich den Kopf. Diese Möglichkeit schied aus. Olivaro hätte mich mit einer Handbewegung ausgeschaltet. Ich kam an einigen Toten vorbei und warf mich auf den Boden. Für einige Sekunden war das schwarze Blut in meinen Adern stärker. Ich leckte das eingetrocknete Blut auf. Das hätte ich nicht tun sollen. Es verstärkte meine Gier. Ich lief los. Jetzt war nichts mehr von Dorian Hunter in mir. Die blutgierige Bestie dominierte. Verzweifelt suchte ich nach einem Opfer. Aber um mich herum war alles still. Ich erreichte die Hütten. Von den Bestien war nichts mehr zu sehen. Vor dem Versammlungshaus blieb ich stehen. Langsam trat ich ein und blähte die Nasenflügel. Kein Mensch war hier. Ich rannte aus dem Gebäude und blieb wieder stehen. Aus einem kleinen Haus drang aromatischer Duft. Rauchschwaden zogen aus einer Öffnung im ersten Stock. Der Duft machte mich fast verrückt. Ich rannte auf das Haus zu. Es war ziemlich einfach, hinaufzuklettern. Mit meinen scharfen Krallen hakte ich mich in den Holzstämmen fest und hantelte mich hoch. Nach wenigen Sekunden hatte ich die Fensteröffnung erreicht. Ich steckte den Kopf hinein. Eine junge Frau lag auf dem Rücken. Sie trug ein tiefausgeschnitte-
nes, rotes Nachthemd, das ihre Brüste nur halb bedeckte. Ich griff nach den Verzierungen oberhalb der Öffnung, hielt mich mit der linken Pranke fest und setzte das rechte Bein auf das Fensterbrett. Geräuschlos sprang ich in den Raum. Die Frau bewegte sich und setzte sich auf. Es war Coco, in deren Zimmer ich eingedrungen war! Für einen Augenblick war ich wie gelähmt. Und diesen Augenblick nutzte sie. Sie sprang aus dem Bett und griff nach einem Dolch, der auf einem kleinen Tischchen lag. In meinem Inneren herrschte völlige Verwirrung. Der Duft, die Gier nach Menschenfleisch und dazu meine Gedanken als Dorian Hunter, der sich seiner Gefährtin gegenübersah … Coco hob den Dolch. Er war aus Silber. Das Mondlicht spiegelte sich in der Klinge, und die Kraft des Silbers veränderte mich. Ich prallte zurück, und Haarbüschel fielen mir aus. Coco kam langsam auf mich zu. Ich öffnete den Mund und gab einen krächzenden Laut von mir. Coco hob eine Hand und wollte zustechen. »Nicht!«, rief ich. »Ich bin es, Dorian!« Sie senkte den Dolch und starrte mich misstrauisch an. »Du musst mir glauben, Coco«, beschwor ich sie. Meine Stimme war fast unverständlich. »Das ist nicht möglich.« »Es ist aber so. Ich kann es beweisen.« »Ich höre zu«, sagte sie, ohne den Dolch zu senken. Ich kämpfte noch immer gegen die Gier an, sie einfach anzuspringen und ihr die Kehle zu zerfetzen. »Erinnere dich an unser Zusammensein in Wien!«, bat ich. »Als wir die Hochzeit mit Behemoth verhinderten.« Cocos Augen blickten mich interessiert an. »Erzähle weiter!« »Wir blieben noch einen Tag in Wien«, fuhr ich fort. »Wir hatten ein Zimmer im Imperial – Nummer 245. Wir waren essen und gingen kurz nach zehn Uhr auf unser Zimmer. Du trugst einen schwarzen Hosenanzug. Das Haar hattest du aufgesteckt.« »Das kann fast jeder wissen. Was geschah dann?«
Ich erzählte es ihr. Es waren Einzelheiten, die nur ihr und mir bekannt waren. Ich merkte an ihrem Gesichtsausdruck, dass sie mir glaubte, doch sie sagte nichts. »Ich bin nicht als Dorian Hunter auf diesem Atoll«, sagte ich abschließend. »Ich kam als Ronald Chasen hierher. Einer der Architekten, die für Olivaro den Palast bauen sollen. Du musst mir glauben!« Coco wandte den Kopf nach rechts, so als würde sie etwas hören. Sie wandte sich ab. Der Dolch wurde von ihrem Körper verdeckt. Meine Werwolfnatur siegte. Ich kämpfte dagegen an, doch das Verlangen war stärker. Ich hob meine Pranken und sprang los. Dabei fauchte ich und packte Coco an den Schultern. Der Dolch fiel zu Boden, und ich schnappte nach ihrem Nacken.
Eine Woche war seit dem Verschwinden Dorians vergangen. Im Wohnzimmer in der Jugendstilvilla hatten sich Cohen, Parker, Sullivan und Ronald Chasen versammelt. Für Chasen waren die vergangenen Tage ein nicht enden wollender Albtraum gewesen. Geistig gesehen war er ein Wrack. Meist saß er teilnahmslos herum und hing seinen trüben Gedanken nach. Mit Dorians Körper konnte er sich einfach nicht abfinden und mit dem Leben, das er führen sollte, schon gar nicht. Vor Lilian spielte er seine Rolle als Dorian Hunter weiter, doch er sah sie kaum, dafür sorgten schon Cohen und Sullivan, die nicht wollten, dass Lilian erfuhr, dass ein Persönlichkeitstausch stattgefunden hatte. »Wir sind keinen Schritt weitergekommen«, sagte Cohen wütend. »Immerhin wissen wir, dass die Lorrimers nach Honolulu geflogen sind«, meinte Parker. »Aber dann verwischen sich die Spuren«, entgegnete Sullivan ungeduldig. »Uns ist bekannt, dass sie in einem Haus außerhalb Honolulus gewesen sind. Das hat der Privatdetektiv feststellen können, den Parker beauftragt hat. Und wir wissen, dass die Lorrimers mit einer Jacht losgefahren sind und sich die fünf Architekten an Bord befanden. Aber wir wissen nicht, wohin die Jacht gefahren ist. Sie ist
nirgends aufgetaucht.« »Wir sollten nach Hawaii fliegen«, schlug Parker vor. »Vielleicht finden wir dort mehr heraus.« »Das glaube ich nicht, Jeff«, meinte Sullivan. »Es ist sinnlos. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu warten. Vielleicht meldet sich Dorian.« »Ziemlich unwahrscheinlich«, brummte Cohen. »Wir wissen, dass die Lorrimers Werwölfe sind. Hunter wurde sicherlich infiziert und ist jetzt selbst ein Werwolf. Er steht ganz im Einfluss der Dämonen. Wahrscheinlich ist er völlig hilflos. In der Südsee gibt es Tausende von Inseln. Auf irgendeiner wird er sich befinden. Aber auf welcher? Wir haben keinen Anhaltspunkt. Doch wir müssen bald etwas herausfinden, sonst sehe ich für Chasen schwarz. Er schnappt uns noch über.« Ronald Chasen saß mit geschlossenen Augen da. Er zollte der Unterhaltung keinerlei Aufmerksamkeit. Seit zwei Tagen spielte er mit dem Gedanken, Selbstmord zu begehen, doch dazu fehlte ihm noch der Mut. »Wir dürfen ihn nicht einen Augenblick aus den Augen lassen«, sagte Parker leise. »Mir tut Ronald Chasen Leid«, sagte Sullivan. »Ein anderer Mann hätte sich vielleicht mit der Situation abgefunden, aber er ist zu schwach, zu labil. Er ist durch nichts abzulenken. Was wir nicht alles …« Sullivan hob den Kopf, als Martha Pickford ins Zimmer trat. »Phillip benimmt sich ziemlich seltsam, Mr. Sullivan«, sagte sie. »Vielleicht sehen Sie sich ihn einmal an.« »Was macht er?« »Er hat sich aus der Bibliothek einen Atlas geholt«, berichtete Miss Pickford. »Und vor allem eine Karte starrt er ständig an.« »Welche?«, fragte Parker. »Die Südsee.« »Vielleicht will uns Phillip einen Hinweis geben«, meinte Cohen. »Das hoffe ich«, sagte Sullivan. »Darauf warte ich, seit Dorian verschwunden ist. Wo ist er jetzt?«
»In seinem Zimmer.« »Sie bleiben hier, Marvin!«, sagte Sullivan. »Lassen Sie Chasen nicht aus den Augen!« Cohen nickte und blickte Chasen an, der nichts von der gespannten Erwartung aller merkte. Sullivan und Parker gingen in Phillips Zimmer. Der Hermaphrodit lag auf dem Bauch. Vor ihm befand sich der Britannica-World-Atlas. Er hatte ihn aufgeschlagen und stierte mit weit aufgerissenen Augen eine Karte an. In der rechten Hand hielt er einen Kugelschreiber. Sullivan kam leise näher. Er blieb neben Phillip stehen und beugte sich vor. Phillip hatte die Seiten 67 und 68 aufgeschlagen. Ozeanien. Sullivan und Parker sagten nichts. Sie beobachteten den Hermaphroditen, der weiterhin die Karte studierte. Einige Minuten konzentrierte sich Phillip. Er schloss die Augen, und sein hübsches Gesicht bekam einen schmerzverzerrten Ausdruck. Dann bewegte er langsam die rechte Hand, riss die Augen weit auf und beugte sich tief über die Karte. »Dorian«, sagte er. »Dorian.« Seine Hand näherte sich der Karte. Blitzschnell malte er mit dem Kugelschreiber ein kleines Kreuz auf die Karte. Dann ließ er den Kugelschreiber fallen und stand auf. Er hatte einen Punkt zwischen Samoa und Tonga gekennzeichnet.
»Dorian befindet sich in der Gegend, die Phillip markiert hat. Wir fliegen hin«, meinte Parker. »Nicht so hastig!«, sagte Sullivan. »Ich fliege hin«, erwiderte Parker stur. »Phillip ist ein wandelndes Orakel, seine Tipps waren immer hilfreich. Manchmal drückt er sich umständlich aus, aber diesmal hat er sich eindeutig festgelegt. Ich fürchte, dass sich Dorian in großer Gefahr befindet. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Kommen Sie nun mit oder nicht?« »Ich komme mit.« Parker grinste. »Wen nehmen wir noch mit?«
Sullivan überlegte kurz. »Cohen – und natürlich Chasen.« »Ich verständige meinen Piloten. Ein Glück, dass ich meine Maschine nach London beordert habe.« Parker ging aus dem Zimmer, und Sullivan versuchte, einige Male mit Phillip zu sprechen. Der Hermaphrodit schwieg aber beharrlich. Nach einiger Zeit gab Sullivan seine Bemühungen auf. Alles recht gut und schön, dachte er. Phillip hat uns einen Hinweis darauf gegeben, wo sich Dorian befindet, aber in diesem Gebiet gibt es unzählige kleine Inseln und Atolle. Es würde schwierig sein, Dorian zu finden. Aber es war besser, in der Region zu suchen, als tatenlos in London zu warten. Als Sullivan ins Wohnzimmer trat, legte Parker gerade den Hörer auf. »In drei Stunden können wir starten«, sagte er, lächelnd fügte er hinzu: »Es hat eben seine Vorteile, wenn man Millionär ist und eine eigene DC-9 besitzt.« »Haben Sie gehört, Ronald: Wir fliegen in die Südsee«, sagte Sullivan. Sie hatten sich in den vergangenen Tagen angewöhnt, Ronald Chasen mit seinem richtigen Namen anzusprechen. »Was tun wir dort?« »Wir wissen, wo sich Hunter aufhält.« »Ich will nicht fort.« Chasen sprang auf. »Ich will hier bleiben. Ich halte das alles nicht mehr aus. Ich habe genug. Ich gehe zu Carol und werde ihr …« »Nichts wirst du«, drohte Cohen. Mit Chasens Frau hatte es einige Schwierigkeiten gegeben. Sie hatte unbedingt die Polizei einschalten wollen. Auch Fred Archer hatte mehr wissen wollen, doch es war Cohen gelungen, ihm einige plausible Erklärungen aufzutischen. Außerdem half ihm immer der Hinweis, dass dies eine Angelegenheit für den Geheimdienst war. Das hatte letztlich dann auch Carol Chasen davon abgehalten, zur Polizei zu gehen. »Sie kommen mit, Ron«, sagte Sullivan. »Das ist doch Ihre Chance. Sobald wir Hunter haben, können Sie wieder in Ihren eigenen Kör-
per zurück.« Chasen nickte zögernd, dann lächelte er schwach. »Hoffentlich haben Sie Recht, Trevor.« »Kopf hoch, Ronald!«, sagte Parker. Er war froh, dass sie endlich etwas unternehmen konnten. Das nutzlose Warten war nicht nach seinem Geschmack gewesen. Er war ein Mann der Tat. Parker, Sullivan und Chasen fuhren zum Flughafen, während sich Marvin Cohen zu Lilian begab. Es war ihm unangenehm, dass er sie allein lassen musste. Als er ihr vorschlug, in der Zwischenzeit in die Jugendstilvilla zu ziehen, lehnte sie ab. Sie bettelte Cohen an zu bleiben – doch er konnte nicht anders. Er musste sie allein lassen. Cohen war ziemlich gereizt, als er den Flughafen erreichte. Der Abschied von Lilian hatte ihn mitgenommen, und es ärgerte ihn, dass noch immer keine klaren Fronten geschaffen waren. Eine halbe Stunde später bekamen sie die Starterlaubnis, und die schneeweiße DC-9 hob ab. Das Innere der Maschine war verschwenderisch eingerichtet. Sie saßen im großen Passagierraum, der mit einem Dutzend bequemer Lederstühle ausgestattet war. Parker rieb sich vergnügt die Hände, trat zur Bar und mixte einige Drinks. »Wie stellen Sie sich die Suche vor, Jeff?« Sullivan nippte an seinem Getränk. »Zuerst fliegen wir nach Hawaii. Dort mieten wir ein Wasserflugzeug und suchen die Gegend ab, die Phillip uns gezeigt hat.« »Das kommt mir wie die berühmte Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen vor«, knurrte Cohen. »Sie sind ein hoffnungsloser Pessimist, Marvin«, sagte Parker. »Warten wir es ab«, erwiderte Cohen.
Coco Zamis hatte sich eisern beherrschen müssen, um ihre Freude nicht zu verraten. Sie glaubte nun, dass sich Dorian tatsächlich im Körper des Wolfsmenschen befand. Die Einzelheiten, die er berichtete, konnte nur er wissen. Aber für einen Augenblick erwachte ihr Misstrauen: Es wäre denkbar gewesen, dass Dorian irgendjeman-
dem diese Dinge unter Hypnose verraten hatte. Diese Überlegung spukte in Cocos Hirn herum, während sie dem Wolfsmenschen zuhörte. Und dann vernahm sie das Geräusch draußen vor dem Zimmer, und sie spürte, dass es Olivaro war, der dort lauschte. Sie wandte sich ab und überlegte, was sie tun sollte. Da bekam sie einen Stoß in den Rücken. Scharfe Krallen vergruben sich in ihren Schultern, und ein Fauchen war zu hören. Der Dolch entfiel ihrer Hand, und sie taumelte zur Wand. In diesem Augenblick wurde der Vorhang zurückgeschlagen, und Olivaro trat ins Zimmer. Hinter ihm war Elvira Lorrimer zu sehen, die mit vor Wut blitzenden Augen hereinstürmte. Als sie den Wolfsmenschen erkannte, handelte sie augenblicklich. Sie verwandelte sich in einen Werwolf und sprang wie eine Furie auf Dorian Hunter zu. »Nicht!«, schrie Olivaro mit überschnappender Stimme, doch es war zu spät. Die Werwölfin hatte sich in Hunters Kehle verbissen. Ihre starken Zähne malmten. Hunters Wolfskörper durchlief ein Zittern. Blut drang aus seiner zerfetzten Kehle und tropfte auf seine Brust. Olivaro vollführte mit den Händen einige blitzschnelle Bewegungen, und die Werwölfin wurde zu Boden gerissen. Hunter fiel auf die Knie, die Vorderpranken presste er gegen den Hals, aus dem das Blut spritzte. Seine Augen wurden glasig, dann brach er langsam, wie in Zeitlupe, zusammen. »Schade«, sagte Coco. »Ich hätte ihn gern selbst getötet. Eine Opferung in Rabaul auf Neu-Britannien wäre das Richtige gewesen.« Sie blieb vor dem sterbenden Werwolf stehen. Sie ließ sich nichts von ihrer Erregung anmerken. Ein letztes Zittern durchlief den Körper der Kreatur, dann bewegte sie sich nicht mehr. Die langen Arme und Beine verwandelten sich, die Haare fielen aus, und Sekunden später lag Ronald Chasens Körper vor Coco. Elvira stand schwankend auf. Sie verwandelte sich wieder in einen Menschen. »Das wirst du mir büßen, Elvira«, sagte Olivaro mit eiskalter Stimme. »Nicht genug damit, dass du mir den Dämonenkiller herschmuggelst, was schon schlimm genug ist, nein, du lässt dich auch noch hinreißen und tötest ihn. Was hast du dir dabei eigentlich ge-
dacht?« Die rothaarige Frau schwieg, sie zitterte vor Angst. »Auf solche Verbündete wie dich kann ich verzichten.« »Aber ich wusste doch nicht, dass sich Hunter im Körper von Ronald Chasen …« »Das war eben dein Fehler.« »Aber wie hätte ich ahnen können, dass …« »Dafür gibt es keine Entschuldigung. Du wirst deine verdiente Strafe bekommen. Ich wäre gnädiger gestimmt gewesen, wenn du ihn nicht getötet hättest. Dann hätte ich wenigstens in Erfahrung bringen können, wer hinter dem Persönlichkeitstausch steckt. Aber so habe ich nur einen Toten, mit dem ich nichts anfangen kann.« »Gnade!«, wimmerte Elvira. »Ich war so wütend, dass es Hunter gelungen war, sich in den Körper Chasens zu schwindeln, dass ich einfach durchdrehte. Ich konnte nicht anders. Ich musste ihn …« »Das war dein Fehler«, wiederholte Olivaro kalt. »Der letzte, den du in deinem Leben begangen hast.« Elvira wusste, dass sie verloren war. Als sie sich Olivaro angeschlossen hatte, wurde sie durch magische Bande an ihn gefesselt. Sie war ihm völlig ausgeliefert. Trotzdem wollte sie einen Versuch unternehmen. Kampflos würde sie sich nicht töten lassen. Sie verwandelte sich wieder in eine Werwölfin und sprang Olivaro an. Er blieb ruhig stehen, hob beide Hände, und seine Augen schienen zu glühen. Er ballte die Hände, und seine Lippen verzogen sich. Elvira schien gegen eine unsichtbare Wand zu prallen. Sie winselte, krachte zu Boden und konnte sich nicht mehr bewegen. Olivaro starrte sie mitleidlos an. »Verflucht sollst du samt deiner Sippe sein! Die Geschöpfe, die deine Familie geschaffen haben, werden dich töten. Geh hinaus! Geh zu den Hütten und finde dort den Tod!« Die Werwölfin wurde durchscheinend und nahm wieder menschliche Gestalt an. Sie stand auf und bewegte sich wie eine Marionette. Die Augen hatte sie geschlossen. Langsam ging sie an Olivaro vorbei, der ihr keine Beachtung schenkte. Er blickte aus dem Fenster, murmelte einige unverständliche Worte und beugte sich vor.
Elvira kam ins Freie und blieb vor dem Haus stehen. Heiseres Brüllen war zu hören. Aus einem der Häuser stürmten vier Wolfsmenschen hervor. Sie umringten Elvira, und Olivaro sah gleichgültig zu, wie die Kreaturen auf sie losgingen. Sie stieß einen schrillen Schrei aus. Olivaro wandte sich ab und blickte Coco lauernd an. »Nun zu dir.« Coco zuckte zusammen, als Elviras Todesschrei zu hören war. »So geht es allen Verrätern«, sagte Olivaro. »Ich habe dich nicht verraten«, sagte Coco. »Da bin ich mir nicht so sicher.« »Was willst du damit sagen?« »Ich verfolgte dein Gespräch mit Hunter.« »Ich wollte ihn gefangen nehmen.« »Das glaube ich nicht.« »Du hast doch selbst gesehen, dass er auf mich losgegangen ist. Ich wollte ihn nicht töten, nicht in diesem Augenblick, sondern erst später. Ich ahnte ja nicht, dass du alles …« »Bist du sicher, dass es tatsächlich Hunter gewesen ist?«, unterbrach sie Olivaro ungeduldig. »Das bin ich nicht. Das, was er mir erzählte, konnte nur er gewusst haben – aber vielleicht ist es jemandem gelungen, Hunter dieses Wissen zu entlocken. Möglicherweise hatte Chasen den Auftrag erhalten, mich zu töten. Vielleicht sollte er sich mein Vertrauen erschleichen, um mich leichter umbringen zu können.« »Das wäre eine Möglichkeit.« Olivaro nickte. Seine Wut war etwas verraucht. Aus dem Gespräch mit Coco und Chasen hatte er nicht viel entnehmen können. Aber er war ziemlich sicher, dass tatsächlich ein Persönlichkeitstausch stattgefunden hatte. Coco hatte sich während des Gespräches recht reserviert gezeigt. »Wir sprechen morgen darüber.« Olivaro verließ das Zimmer, ohne Coco eines weiteren Blickes zu würdigen. Sie atmete erleichtert auf und setzte sich. Als ihr Blick auf den Toten fiel, wandte sie den Kopf und schloss die Augen. Und plötzlich hatte sie Angst, Angst um Dorian. Wenn er sich tatsächlich in Ronald Chasens Körper befunden hatte, was war mit seinem Geist ge-
schehen? War er zurück in seinen eigenen Körper gelangt oder war … Sie schlug die Hände vors Gesicht. Sie konnte nur hoffen, dass Dorian in seinen eigenen Körper zurückgekehrt war. Coco versuchte sich zu erinnern, was sie alles über einen magischen Persönlichkeitstausch wusste. Damit hatte sie sich in ihrer Jugend eine Zeitlang recht intensiv beschäftigt. Ein Persönlichkeitstausch war immer gefährlich. Zu viel konnte dabei geschehen. Und eine Voraussetzung musste erfüllt sein: Die beiden Personen mussten sich ziemlich nahe sein, wenn eine von ihnen starb, sonst … Sie verkrampfte die Hände. Wenn sich Dorians Körper nicht in einem Umkreis von etwa hundert Kilometern befunden hatte, könnte das Schreckliche geschehen sein …
Ich hatte nicht anders gekonnt. Ich musste Coco anspringen. Ich musste meinen Hunger stillen. Ich wurde nur von meinen Werwolfinstinkten beherrscht. Es war mir egal gewesen, in welchem Verhältnis ich zu Coco stand. Aber ich kam nicht dazu, meine scharfen Zähne in ihren Nacken zu schlagen. Ich sah eine Bewegung. Olivaro trat ins Zimmer, und hinter ihm tauchte Elvira Lorrimer auf. Bevor ich noch reagieren konnte, hatte sich Elvira verwandelt. Sie sprang mich an. Ich hörte Olivaro etwas schreien, dann schnappten die scharfen Zähne zu und zerrissen meine Kehle. Ich wollte die Werwölfin abwehren, doch es gelang mir nicht. Ein entsetzlicher Schmerz durchraste mich. Ich fiel zu Boden und spürte, wie das Leben aus meinem Körper entwich. Undeutlich vernahm ich Cocos Stimme, die seltsam schrill klang: »Eine Opferung in Rabaul auf Neu-Britannien wäre das …« Dann wurde es dunkel um mich, und irgendwann starb ich. Als nächstes hörte ich Motorengebrumm und Stimmen. »Wir vergeuden nur unsere Zeit«, hörte ich eine Stimme, die mir bekannt vorkam. Ich war doch gestorben, dachte ich, doch ich konnte meine Hände bewegen. Ich riss die Augen auf. Es dauerte einige Zeit, bis mir bewusst wurde, wo ich mich be-
fand. Ich war an Bord eines Flugzeugs, das dicht über dem Meer flog. Die Sonne ging eben auf. Vor mir saß Marvin Cohen, der mit einem Fernglas die Wasseroberfläche absuchte. Dann sah ich Jeff Parker und Trevor Sullivan. Ich atmete tief durch, hob meine Hände und sah sie an. Es waren Dorian Hunters Hände. Ich war in meinen eigenen Körper zurückgekehrt. Dann dachte ich an Ronald Chasen und presste die Lippen zusammen. Ich fühlte mich an seinem Tod schuldig. Ohne den Persönlichkeitstausch wäre er noch am Leben. Aber er war nicht mehr er selbst gewesen. Er war ein Werwolf geworden und hätte früher oder später getötet werden müssen. Und dafür, dass er zu einem Werwolf geworden war, trug ich keine Verantwortung; daran war die Sippe der Lorrimers schuld. »Ich verstehe Sie nicht, Jeff«, sagte Sullivan. »Es war doch sinnlos. Ich sage Ihnen …« »Einen Augenblick!«, sagte ich laut, und die Drei starrten mich verwundert an. »Was ist, Ron?«, fragte Parker. »Ich bin nicht Ron. Ich bin Dorian Hunter. Ich bin in meinen Körper zurückgekehrt.« Parker starrte mich mit offenem Mund an. »Mach den Mund zu, Jeff!«, sagte ich grinsend. »Und sag dem Piloten, dass er sich schleunigst aus diesem Gebiet entfernen soll! Wo befinden wir uns überhaupt?« »Zwischen Samoa und Tonga«, antwortete Parker. »Sag mal, bist du jetzt tatsächlich der richtige Dorian Hunter?« »Ja«, bestätigte ich. »Und was ist mit Ronald Chasen?«, fragte Cohen. »Er ist tot«, sagte ich leise. »Die Familie Lorrimer verwandelte ihn in einen Werwolf, und als er starb, kehrte mein Ich in meinen Körper zurück. Ich erzähle euch später alles genau. Aber ich wundere mich, dass ihr hier seid.« »Phillip gab uns einen Hinweis«, erklärte Sullivan. »Das war meine Rettung.« »Hast du Coco gesehen?«, wollte Cohen wissen. »Ja. Sie und Olivaro. Und ich habe einen Hinweis bekommen, kurz
bevor ich starb. Ich hoffe, dass ich sie richtig verstanden habe. Wir müssen nach Rabaul.« »Und wo liegt das?«, fragte Parker. »Auf Neu-Britannien.« »Und wo hast du als Ronald Chasen gesteckt?« »Auf einem kleinen Atoll. Es muss irgendwo hier in der Gegend sein, aber wo genau, das weiß ich nicht.« »Wie wär's, wenn wir es suchen würden?« Parker hob fragend die Brauen. »Das ist völlig sinnlos«, erwiderte ich. »Ich bin sicher, dass es vom Flugzeug aus nicht zu sehen ist. Dafür hat Olivaro schon gesorgt. Und er würde uns bemerken. Das wäre unser Ende. Wir müssen möglichst rasch nach Rabaul fliegen.« Parker gab dem Piloten einige Anweisungen. Dann musste ich ihnen meine Geschichte erzählen. Anschließend bekam ich ihren Bericht. Der Plan der Oppositionsdämonen war gescheitert, und ich konnte glücklich sein, dass ich am Leben war. Es war jedoch ein Versuch gewesen, der Erfolg versprochen hatte. Voller Sorge dachte ich an Coco und hoffte, dass ich ihren Hinweis mit Rabaul richtig verstanden hatte.
Zweites Buch
Panik von Earl Warren
Olivaro blickte finster über das Meer. Der Dämon, der als Magus VII. zum Herrscher der Schwarzen Familie und zum Fürsten der Finsternis aufgestiegen war, hatte Sorgen. Deshalb spazierte er über die Klippen am Moray Firth. Er hatte den Mantelkragen hochgeschlagen. Sturm und Regen peitschten sein Gesicht. Das Wetter passte zu seiner gegenwärtigen Stimmung. Weshalb hatten viele Dämonenfamilien immer noch Ressentiments gegen ihn? Weshalb würdigten sie seine Verdienste nicht gebührend? Hatte er nicht mehr Macht, als je ein Dämon vor ihm? Olivaro hatte jahrhundertelang gewartet und sich vorbereitet, ehe er die Macht übernahm. Geschickt hatte er seinen Vorgänger, Asmodi II. mit Hilfe Dorian Hunters, den er als Werkzeug benutzte, aus dem Weg geräumt. Doch immer noch gab es Schwierigkeiten. Vielleicht habe ich mich in den vergangenen Jahrhunderten zu ruhig verhalten, dachte Olivaro. Die Mitglieder der Schwarzen Familie fürchten mich nicht genügend, sehen in mir immer noch den Gemäßigten. Oh, diese Narren! Ich habe die Macht und die Kraft, diesen ganzen Planeten in Stücke zu reißen. Ich kann allen Zweiflern Schrecken bereiten, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellen. Ich werde dafür sorgen, dass mein Name wie ein glühendes Menetekel in ihre kümmerlichen Gehirne eingebrannt wird, damit sie mich endlich als den Größten und Schrecklichsten anerkennen, ehren und fürchten. Mich, Magus VII. Fürst der Finsternis. Olivaro ging weiter. Der Sturmwind umheulte die einsame Gestalt in dem schwarzen Mantel mit dem blutroten Innenfutter. Sie munkeln, ich hätte nicht das Charisma eines Führers, sinnierte Olivaro weiter. Wohlan, sie sollen mein Charisma spüren und sich ihm beugen oder sterben. Denn mein Charisma ist das Böse. Der Sturm heulte, die Brandung toste, und die Gischt spritzte hinauf bis zu dem einsamen Wanderer auf den Klippen. Vielleicht liegt es daran, dass ich Dorian Hunter bisher noch nicht habe
zur Strecke bringen können. Er hat der Schwarzen Familie schon viel Schaden zugefügt und muss endlich sterben. Ach, ich wünschte, ich könnte ihm ein Messer in den Bauch stoßen, ihm mit einem Donnerkeil den Schädel spalten oder einfach ein paar Killer anheuern. Aber als Dämon und Fürst der Finsternis bin ich den Gesetzen der Schwarzen Familie unterworfen und muss mich an ihre Regeln halten. Dorian Hunter muss durch meine Magie sterben, und es muss ein Tod sein, der einem Feind des Fürsten der Finsternis würdig ist. Ich glaube, Coco Zamis fühlt sich noch immer zu ihm hingezogen. Was hat dieser Kerl nur, was ich nicht habe, was auch die schwarze Magie mir nicht verleihen kann? Ist es, weil Dorian Hunter ein echter Mann ist, tapfer und im Grunde seines Wesens gut? Pah! Ich spucke den ätzenden Schleim des Höllenhundes Zerberus darauf. Ich bin der Fürst der Finsternis, und es wäre ein Unding, wenn ich nicht Coco Zamis' Zuneigung gewinnen könnte. Sie hat Dorian Hunter einmal geliebt, aber kann denn Liebe stärker sein als all meine dämonische Kraft und die geballte Macht des Bösen? Wenn es so wäre, dann stünden wir Dämonen letzten Endes auf verlorenem Posten. Olivaro schaute in die tobende Brandung unter sich. Ärgerlich riss er sich nach einer Weile von seinen Gedanken los. Was brachte es, zu philosophieren und zu grübeln? Praktische Maßnahmen mussten ergriffen werden. Er beschloss, den Dämonenkiller zu vernichten und Coco Zamis auf die Probe zu stellen. Jetzt wollte er es genau wissen. Wenn Coco sich für ihn, den Fürsten der Finsternis, entschied, dann würde er ihr sein dämonisches Reich zu Füßen legen. Wenn sie aber Dorian Hunter wählte, dann sollte sie elendig umkommen, mitsamt ihrem ungeborenen Kind. »Ja!«, rief Olivaro in den tobenden Sturm, der ihm die Worte von den Lippen riss, »ich werde Tangaroa wecken. Mein schrecklichstes Geschöpf soll alle meine Feinde und Gegner mit Furcht und Schrecken erfüllen. Tangaroa – gegen den selbst der mörderische Moloch nur ein harmloses Haustierchen war.« Begeistert von seinem Plan, machte sich der Fürst der Finsternis sofort auf, ihn zu verwirklichen.
Das amerikanisch-japanische Gemeinschaftsunternehmen faszinierte die Öffentlichkeit. Immer wieder tauchten Meldungen in der Presse auf, und regelmäßig wurden im Fernsehen Filme und Dokumentationen gezeigt, Observator beschäftigte sich mit den tiefsten Meerestiefen. Der 11.022 Meter tiefe Marianengraben sollte erforscht werden. Zwar hatte Jacques Piccard zusammen mit dem amerikanischen Marineleutnant Don Walsh bereits am 25. Januar 1960 in seinem Tauchboot Trieste eine Tiefe von 10.910 Metern erreicht, aber er hatte nicht die Möglichkeiten gehabt, die den Leitern des Projekts Observator zur Verfügung standen. Und damals hatten nicht Millionen zu Hause im bequemen Fernsehsessel die Pionierleistung miterleben können. Die Projektleiter waren Professor Dr. Benjamin Jefferson vom Marineforschungsinstitut in Portland, Maine, und Professor Takahama Yakumotu von der Kaiserlichen Universität in Tokio. Beide waren Ozeanologen. Jefferson hatte sich auf die Flora der Tiefsee spezialisiert, Yakumotu auf die Fauna. Für das Projekt Observator standen zur Verfügung. Ein Forschungsschiff von 18.000 Bruttoregistertonnen, ein Schwergut-Frachtschiff, das speziell für die Belange des Tauchbootes Challenger hergerichtet worden war, das Tauchboot, zwei Kleinunterseeboote sowie die volle Unterstützung der amerikanischen und japanischen Marine. Ein Team von dreißig Spezialisten und sechshundert Helfern der amerikanischen und japanischen Marine arbeiteten für Observator. Am 31. Juli tauchte Challenger wieder auf den Grund des Marianengrabens, und zwar an der tiefsten Stelle, beim Witjas-Tief. An Bord des Forschungsschiffes und an Bord des Frachtschiffes konnte man auf den Monitoren sehen, was die beiden Spezialkameras des Tauchbootes aufnahmen. Über Funk stand die fünfköpfige Besatzung des Tauchbootes mit den beiden Schiffen in Kontakt. Der japanische Marineleutnant Hirogawa Toki hatte an Bord der Challenger das Kommando. Seine Stellvertreterin war die Ozeanologin Dr. Susan Allison. Drei weitere Wissenschaftler befanden sich an Bord. Das Tauchen auf eine Tiefe von elftausend Metern nahm mehrere
Stunden in Anspruch. Der Druck musste immer wieder reguliert werden, um die gefürchtete Caissonkrankheit zu vermeiden. Um elf Uhr hörte Professor Jefferson, ein schmaler, sehniger Mann von fünfundvierzig Jahren und mit angegrauten Schläfen, Leutnant Tokis Routinemeldung. »Hier Challenger, Leutnant Toki«, tönte es gut verständlich aus dem Übertragungslautsprecher des Funkgeräts. »Haben eine Tiefe von zehntausendfünfhundert Metern erreicht. Druckkompensation ist vorgenommen. Wassertemperatur minus 0,5 Grad, Außendruck 1.430 atü. Keine besonderen Vorkommnisse.« Er leierte eine Liste von technischen Daten herunter, die er von den Instrumenten ablas. »Wir gehen auf die endgültige Tauchtiefe. Kommen!« »Verstanden. Wir erwarten Ihre nächste Meldung. Ende«, sagte Professor Jefferson. Er wandte sich seinem japanischen Kollegen Yakumotu zu, der hinter ihn getreten war. »Verdammt wortkarg, dieser Bursche.« Yakumotu lächelte. »Was soll er sagen? Zu romantischen Betrachtungen besteht kein Anlass.« Das stimmte. Auf den Monitoren war nur milchiges Grau zu sehen. Starke Scheinwerfer des Tauchbootes leuchteten die Umgebung aus, doch in einer Tiefe von mehr als zehntausend Metern gab es längst kein Licht mehr und kaum noch pflanzliches und tierisches Leben. Knochenplattfische und Garnelen existierten noch und niedere Lebewesen wie Schwämme und Stachelhäuter, Tiefseevertreter der Seegurke und Seeigel. »Mich würde interessieren, worum es sich bei diesem Riesenei auf dem Meeresgrund handelt«, sagte Professor Yakumotu nachdenklich. »Gestern, als das Gebilde beim letzten Tauchversuch entdeckt wurde, war die Zeit zu knapp, es zu untersuchen.« »Dafür haben wir ihm heute das gesamte Tagesprogramm gewidmet«, antwortete Professor Jefferson. »Ich nehme an, dass es sich um eine Gesteinsformation handelt. Aber vielleicht ist es auch das Ei eines Riesenkraken, und er kommt ab und zu vorbei, um es auszubrüten.« Yakumotu war einige Augenblicke verdutzt, dann erkannte er,
dass der gutaussehende sportliche Amerikaner Spaß gemacht hatte. Er lachte. »Der Größe nach zu urteilen, müsste es sich eher um ein Ei des Filmmonsters Godzilla handeln.« Die beiden Männer unterhielten sich über das Tauchboot. Challanger bestand aus einem bootsförmigen Unterwasserkörper von fünfzehn Metern Länge und einem Durchmesser von dreieinhalb Metern. Es wog fünfzehn Tonnen und fasste hunderttausend Liter Tragbenzin – denn wie ein gasgefüllter Stratosphärenballon sich durch die Luft bewegte, so sollte das Tauchboot unter Wasser operieren – das Benzin, leichter als Wasser, ermöglichte das. Um die nötige Tauchtiefe zu erhalten, wurden Tauchtanks geflutet. Außerdem dienten Pakete von Eisenschrott als Ballast. Der Eisenschrott wurde zum Teil bei Erreichen der Tauchtiefe und später beim Aufsteigen durch Klappen abgeworfen. An dem Schwimmkörper hing eine Passagierkapsel aus Edelstahl mit Druckfenstern aus Plexiglas, eingebauten Scheinwerfern und Videokameras. Um zwölf Uhr fünfzehn meldete Challenger, dass die endgültige Tauchtiefe erreicht sei. 10.960 Meter. Das Tauchboot schwebte etwas über dem gigantischen Riesenei. Die Techniker an Bord des Forschungsschiffes errechneten die Maße: »Das Ei – oder was immer es auch sein mag – ist fünfzehn Meter lang und hat einen Durchmesser von neun Metern.« Jefferson pfiff durch die Zähne. »Ein ganz schöner Brocken.« Die Umrisse waren auf den Monitoren nur verschwommen zu erkennen. Man konnte die Konturen ausmachen und sehen, dass das eiförmige Gebilde halb im Schlamm versunken war oder aus diesem hervorwuchs. Die Scheinwerfer der Challenger strahlten es an. »Es sieht tatsächlich wie ein riesiges Ei aus«, meldete sich Leutnant Toki über Sprechfunk. »Wir werden jetzt mit Spezialwerkzeugen ein Loch hineinbohren und Materialproben entnehmen.« »Gut.« Der elektrische Antrieb brachte das Tauchboot ganz nahe an das Riesenei heran. Aus einer Luke wurde ein Bohrer ausgefahren. Plötzlich meldete sich Leutnant Tokis Stimme über Funk, ganz im Gegensatz zu sonst aufgeregt und hektisch.
»Hier Challenger. Das Ding bekommt Sprünge.« »Es handelt sich wohl um ein leicht zerbrechliches Material«, sagte Professor Yakumotu ins Funkmikrofon. »Es hält die Bohrung nicht aus.« »Aber der Bohrer hat es überhaupt noch nicht angerührt!« Jetzt konnte man es auch auf den Monitoren erkennen. In der Zentrale des Unternehmens schauten alle wie gebannt zu. Große Sprünge durchzogen das Riesenei, ein Stück bröckelte ab, und eine Öffnung entstand. Man konnte aber nicht erkennen, was sich darin befand. »In diesem Ei lebt etwas!«, rief eine Stimme aus dem Hintergrund. »Es schlüpft aus.« Jefferson drehte sich um. Außer ihm waren noch dreißig Männer in der Zentrale, um die verschiedenen Instrumente zu überwachen. »Wer hat das gesagt? So ein Blödsinn! Das Ganze spielt sich in elftausend Metern Tiefe ab. Abgesehen davon, dass es so große bebrütete Eier überhaupt nicht gibt. Vielleicht ist es ein Meeresbeben, das diese ovale Formation zerfallen lässt.« Er wandte sich über Funk an Leutnant Toki. »Zeigt euer Seismograph etwas an?« »Nein. Keine Anzeichen eines Bebens. Es werden immer mehr Sprünge. Die Öffnung vergrößert sich. Jetzt sehen wir durchs Fenster, dass sich in dem Ei etwas bewegt. Großer Gott, auf was sind wir da gestoßen?« »Halten Sie größeren Abstand! Gehen Sie auf dreißig Meter Distanz und warten Sie ab!« Zu den andern gewandt sagte Jefferson: »Jetzt fangen die da unten auch schon an, Gespenster zu sehen.« Auf den Monitoren war jetzt so gut wie gar nichts mehr zu erkennen. Ausgerechnet in diesem Augenblick gab es eine Bildstörung. »Berichten Sie, Leutnant Toki!«, forderte Jefferson über Funk. »Die Bildübertragung ist gestört!« »Es ist grässlich«, gellte es aus den Übertragungslautsprechern. »Das Ei bricht auf. Ja, es ist nichts anderes als ein gigantisches Ei, und etwas steckt darin, schlüpft aus. Ich sehe einen Tentakel nach uns greifen. In unseren Köpfen raunt und singt etwas. Jemand flüstert uns etwas zu. Ja, jetzt höre ich es ganz deutlich.« Eine kurze
Pause folgte. Dann schrie der Leutnant auf: »Tangaroa! Tangaroa erwacht! Wehe uns allen! Wehe der ganzen Welt!« Gebrüll folgte, Angstschreie einer Frauenstimme. Das Bild auf dem Monitor wurde nun schärfer. Man sah, dass das Ei geborsten war. Das Wasser wurde durcheinandergewirbelt, und dann schwankte plötzlich alles. Aufgewirbelter Schlamm verdeckte die Sicht. Ein riesiger Tentakel war noch zu erkennen, dann nichts mehr. »Tangaroa hat das Boot gepackt und schüttelt es!«, schrie Toki aus dem Übertragungslautsprecher. »Mein Gott, es knackt in allen Verstrebungen und Wänden! SOS! SOS! Rettet unsere Seelen! Die Passagierkapsel wird vom Bootskörper abgerissen. Ein Leck! Ein Leck! Elfhundert Atmosphären Wasserdruck und …« Ein Krachen und Bersten war zu hören, dann kein Laut mehr. Auch die Monitore zeigten nichts. Bleich sahen die Männer in der Zentrale sich an. »War das wirklich ein Lebewesen, ein Ungeheuer, das die Challenger vernichtet und fünf Menschen getötet hat?« Jefferson hielt noch immer das Mikrofon in der Hand. »Ich kann es nicht glauben. Es ist unmöglich.« »Tiefenrausch«, sagte Professor Yakumotu. »Plötzlicher Wahn oder Halluzinationen. Wir werden vielleicht nie erfahren, was sich da unten wirklich abgespielt hat.« »Was wollen Sie denn noch, Sie verbohrter Hohlkopf?«, schrie ein junger Techniker. »Ein Exklusivinterview mit Tangaroa? Sie haben doch gehört, was passiert ist.« »Halten Sie den Mund!«, rief Jefferson scharf. »Der Mann ist abzulösen«, sagte er zum befehlshabenden Offizier. Und leise fügte er hinzu: »Wir müssen sofort das Marineoberkommando verständigen. Vielleicht kann man mit leistungsfähigen Ortungsgeräten etwas feststellen.«
Rabaul, einer der Hauptorte des Bismarckarchipels, ist ein malerisches Nest mit 17.000 Einwohnern. Es gibt einen Hafen, einen Luft-
waffenstützpunkt, Hotels, Kinos und ein paar Bars. Dorian Hunter, Jeff Parker, Trevor Sullivan und Marvin Cohen landeten am 1. August mit einer klapprigen DC 8 auf dem Flughafen von Rabaul. Jeff Parkers Privatflugzeug war wegen eines technischen Defekts in der Hauptstadt von Neuguinea zurückgeblieben. Der bullige Marvin Cohen sah sich um, als er die Gangway herunterkam, und musterte die Regenwälder an den Berghängen im Innern der Insel. »Hier sind wir am Arsch der Welt«, sagte er inbrünstig. »Ich möchte wissen, wie ein Dämon sich hierher verirren kann und was er hier wollen soll.« »In der Abgelegenheit gedeiht das Dämonische ebenso gut wie in der Anonymität der Großstädte«, dozierte Trevor Sullivan. Er schätzte Cohens derbe Redeweise nicht. »Wir werden sehen«, sagte Dorian. Hier in Rabaul sollte Cocos Hinweis entsprechend Olivaros dämonischer Plan in die Tat umgesetzt werden. Die Passkontrolle wurde von einem gähnenden Polynesier mit Schweißflecken unter den Achseln sehr lasch gehandhabt. Er empfahl Dorian das Hotel Otto von Bismarck. Bis 1919 war das Bismarckarchipel eine deutsche Kolonie gewesen, und das machte sich bei manchen Dingen noch bemerkbar. Die vier Männer mussten ihr Reisegepäck selbst schleppen. Es gab zwar einen Gepäckträger, aber der schlief friedlich auf der Bank in der heißen Abfertigungshalle, vier leere Flaschen australischen Bieres neben sich auf dem Boden. Draußen war es heiß, aber eine Brise sorgte für etwas Frische. Überall gab es Kokospalmen, wuchsen Büsche und Blüten. Rabaul glich einem riesigen Park. Ein Taxi hielt vor der Abfertigungsbaracke, ein uraltes Vehikel, verbeult, zerschrammt und nur noch mit drei Kotflügeln versehen, aber bunt bemalt. Die Scheinwerfer bildeten die Pupillen zweier großer stilisierter Augen. »Also fahren wir zu diesem Hotel«, sagte Jeff Parker. »Ich brauche erst einmal einen anständigen Drink und eine Dusche.« »Wir nehmen besser einen Bungalow«, entschied Dorian. »In ei-
nem Hotel sind wir zu sehr unter Beobachtung.« Den Anderen war es Recht. Sie verstauten ihr Gepäck und stiegen ein. Dorian handelte mit dem Taxifahrer, einem ungeheuer beleibten Melanesier, der kaum noch hinters Lenkrad passte, das Fahrtziel aus. Es stellte sich heraus, dass Moaloka – so hieß der Taxifahrer – mit der halben Stadt verwandt, verschwistert und verschwägert war und von den übrigen auch jeden kannte. Er brachte Dorian und seine Gefährten zu Mama Wahia, einer Cousine soundsovielten Grades. Sie besaß einen Bungalow am Osthang des Berges, mit einer herrlichen Aussicht auf den Ozean. Ein australischer Major war erst vierzehn Tage zuvor mit seiner Familie ausgezogen. Mama Wahia, nicht minder umfangreich wie Moaloka, aber mit ihren strahlenden Augen immer noch schön, fuhr gleich mit zum Bungalow. Trevor Sullivan und Jeff Parker warteten in Mama Wahias Hotel, denn neben den beiden melanesischen Schwergewichtlern und dem Gepäck passten sie nicht auch noch in den Autoveteranen. Dorian schaute während der Fahrt auf das schöne, an der See träumende Städtchen. Es gab im Zentrum ein paar moderne Geschäfte und Häuser, auch Bauten im Kolonialstil, ansonsten kleine Häuschen, Bungalows, Hütten und Baracken. Die Melanesier hatten nicht den Ehrgeiz, imponierende Bauwerke zu errichten, ihnen genügte es, in dieser schönen Umgebung leben zu können. Hier gab es keine Hektik, Stress war unbekannt. Etwas von Dorians innerer Anspannung löste sich. Er hatte auf einmal ein Auge für die Farben, die hier strahlender und intensiver waren als an anderen Orten, roch die Düfte, die durch die geöffneten Fenster ins Taxi wehten. Und er betrachtete die Menschen und stellte fest, dass sie schön waren. Besonders die jüngeren Frauen mit ihren buntbedruckten Pareas hatten einen exotischen Reiz. Der Bungalow war in Ordnung. Dorian handelte mit Mama Wahia einen annehmbaren Preis aus, zahlbar in australischen oder US-Dollars. Sie sagte etwas in ihrer Muttersprache, einem der vielen Dialekte, die in der Inselwelt der Südsee gesprochen wurden. »Mama Wahia wünscht Ihnen Glück und einen angenehmen Aufenthalt auf der Insel«, übersetzte Moaloka. »Und Sie sagt, dass Sie
ihr gefallen.« »Oh – danke.« »Wenn Mama Wahia zwanzig Jahre jünger wäre, hätte Sie ihnen die Gastfreundschaft ihres Hauses und ihres Bettes umsonst angeboten, aber jetzt …« Mama Wahia kicherte wie ein Teenager und stieß den Taxifahrer mit dem Ellbogen in die Rippen. »Kommen Sie ruhig zu mir, wenn Sie irgendetwas brauchen oder wissen wollen«, sagte sie zu Dorian. Moaloka und Mama Wahia verließen den Bungalow. Marvin Cohen durchstöberte den Kühlschrank nach etwas Trinkbarem. »Sie gefallen mir, Mr. Hunter«, spottete er und wollte sich ausschütten vor Lachen. »Holzkopf!«, sagte Dorian. »Wer scharwenzelt denn um verheiratete Frauen herum, während ihr Mann in irgendeiner Weltecke die Dämonen bekämpft?« Cohen verstummte sofort. Dorian spielte auf das Verhältnis an, das sich zwischen seiner Frau Lilian und Marvin Cohen entwickelt hatte. Bei der zarten Lilian wurde der sonst so kaltschnäuzige und brutale Cohen zum rücksichtsvollen Kavalier. Er hatte Lilian sogar schon Rosen geschenkt, und er fluchte in ihrer Gegenwart ganz selten. »Weißt du, Dorian, darüber wollte ich schon lange mit dir sprechen«, sagte Cohen nach einer Weile. »Lilian und ich – es ist schwer zu erklären, weißt du, besonders für einen Mann wie mich.« »Sprich dich nur aus, Marvin«, sagte Dorian und steckte sich eine Zigarette an. Diese Aussprache war schon lange fällig, und jetzt war die Gelegenheit günstig. Aber es sollte nicht dazu kommen. Dorian hörte einen seltsamen Laut draußen vor dem Bungalow, ein brummendes Schwirren. Er gab Marvin Cohen einen Wink. Der öffnete seinen Reisekoffer und entnahm ihm eine großkalibrige Coltpistole. Dorian vergewisserte sich indes, ob er die geweihte Gemme eingesteckt hatte. Dann verließen die beiden den Bungalow durch den Hinterausgang.
Im Garten stand eine blühende Hecke. Dorian und Marvin Cohen zwängten sich durch die Hecke und sahen drei Männer. Zwei waren jüngere Melanesier, der Dritte ein hochgewachsener, kräftiger Mann mit einer sich nach oben zuspitzenden Ritualmaske vor dem Gesicht. Sie endete in einer turmartigen Spitze. Er hielt in der Linken einen Totenschädel und in der Rechten zwei gekreuzte, schwarz bemalte Knochen. Hinter der Maske glühten fanatische Augen. Die jungen Melanesier schwangen Schwirrhölzer: geschnitzte, seltsam geformte Holzstücke, die sie an einer Schnur um den Kopf kreisen ließen. Sie erzeugten einen brummenden, schwirrenden Laut, der an- und abschwoll und in dem man eine Stimme aus dem Jenseits vermuten konnte. »Was treibt ihr hier?«, donnerte Marvin Cohen. »Was hat das zu bedeuten?« Dorian hielt dem Mann mit der Maske die gnostische Gemme vors Gesicht, doch der zeigte keine Reaktion. Die beiden Melanesier ließen die Schwirrhölzer sinken. »Ich grüße dich, Tohunga«, sagte der Mann mit der Maske mit hohler Stimme. »Du bist der Auserwählte, der geopfert werden soll. Das heilige Holz hat es mir gesagt.« »Wie kommt ihr hierher?«, fragte Dorian. Der Maskierte sprach ein recht gutes Englisch, wenn er auch die Vokale übermäßig betonte. »Man hat es mir gesagt«, antwortete der Mann. »Die Dukduk erfahren alles, was auf der Gazellenhalbinsel vorgeht.« Die Gazellenhalbinsel, das war das Nordende Neu-Britanniens, auf dem sich Rabaul befand. Dorian, der gute Grundkenntnisse hatte, was Magie und Geheimbünde anging, wusste, dass die Dukduk eine geheime Vereinigung waren, auf dem Bismarckarchipel beheimatet. »Ob der Dukduk oder sonst ein Duk«, sagte Marvin Cohen, der nichts davon wusste, »wenn du etwas im Schilde führst, wirst du es bereuen, du Maskengeier. Nimm zuerst mal die Maske ab, wenn du mit uns redest!« Die jungen Männer murmelten erregt in einem Inseldialekt.
Der Dukduk wich zurück und hielt die Hand mit den gekreuzten Knochen schützend vor die Maske. »Das darfst du nicht von mir verlangen! Nicht ich bin es, der alles bestimmt hat.« »So, wer denn sonst?« Auf ein Zeichen des Dukduk begannen die beiden jungen Männer wieder die Schwirrhölzer zu schwingen. Es summte und brummte, und dann sprach eine deutlich vernehmbare Stimme: »Te-Ivi-o-Atea, der Herr der Südsee, grüßt dich, Dorian Hunter.« Die Schwirrhölzer verstummten wieder. Marvin Cohen sprang vor und riss dem Dukduk die Maske vom Gesicht. Er prallte mit einem Aufschrei zurück, denn er sah ein Gesicht ohne Nase und Ohren, mit einer lippenlosen, klaffenden Höhle als Mund. Das Gesicht war mit scheußlichen Geschwüren bedeckt – es war von der Lepra zerfressen. Die beiden Melanesier flüchteten. Der Aussätzige verneigte sich vor Dorian. »Wir sehen uns wieder, Tohunga.« Er schritt durch den strahlenden Sonnenschein. Weder Dorian noch Marvin Cohen mochten den Aussätzigen anfassen und aufhalten. Sie ließen ihn gehen. »Du musst deine Hände desinfizieren, Marvin«, sagte Dorian. »Wer einen Leprakranken anfasst, kann selbst die Krankheit bekommen.«
Bei dem Forschungsschiff und dem Schwergut-Frachtschiff des Projekts Observator hatte sich ein in der Nähe operierender leichter Kreuzer der US-Pazifikflotte eingefunden. Der Kreuzerkommandant stand Professor Jeffersons Meldung ebenso skeptisch gegenüber wie das amerikanische und japanische Marineoberkommando. Mit Echolot und Radar machte sich das Navigationsteam daran, das Witjas-Tief an der Stelle zu erforschen, wo das Tauchboot versunken war. Die Öffentlichkeit horchte auf, forderte Informationen. Nachdem zuerst jede Phase des Unternehmens live übertragen worden war, erregte die plötzliche Zurückhaltung, die mit einer Nachrichtensperre zu vergleichen war, natürlich Verdacht. Man speku-
lierte, ob es Sabotage oder ein Seebeben gewesen war. Manche sprachen von plötzlich ausgebrochenem Wahnsinn eines Besatzungsmitglieds der Challenger, andere glaubten an einen Riesenkraken, der das Tauchboot angegriffen hatte. Echolot und Radargeräte des Kreuzers zeigten sich als nicht leistungsstark genug, um genaue Daten aus elftausend Metern Tiefe zu liefern. Die Professoren Jefferson und Yakumotu waren an Bord des Kreuzers gegangen. »Was glauben Sie denn, überhaupt entdecken zu können?«, fragte der Kommandant Jefferson und Yakumotu. »Ich weiß es nicht«, antwortete Jefferson. »Aber wir müssen unbedingt herausfinden, was auf dem Meeresgrund passiert ist.« Der Kreuzerkommandant hatte sich die Aufzeichnungen angesehen, aber er war nicht so beeindruckt wie die Leute, die es unmittelbar miterlebt hatten. Schulterzuckend ließ er den Kontakt mit dem Funkraum herstellen. »Meldung an die amerikanische und japanische Admiralität«, ordnete er an. »Wir brauchen leistungsstärkere Schiffseinheiten, um das Ende von Challenger aufzuklären.« Er gab den genauen Text der Funkmeldung durch. Es erfolgten zwei Rückfragen, dann meldeten die Admiralitäten kurz hintereinander, dass zwei schwere Kreuzer, ein Schlachtschiff sowie das Atom-U-Boot Endeavor Kurs auf das Witjas-Tief nehmen würden. Die schweren Kreuzer und das Schlachtschiff Samurai entsendeten die Japaner, die Endeavor gehörte zur 7. US-Flotte, die im Pazifik stationiert war. Gleichzeitig mit diesen Schiffen nahmen ein russisches Atom-UBoot und ein chinesisches Frachtmotorschiff Kurs auf das Witjas-Tief. Auch die Briten waren mit von der Partie und entsendeten ein Torpedo-Schnellboot, dessen Kommandant ganz offiziell seine Hilfe anbot. Um zwölf Uhr achtunddreißig war das letzte Lebenszeichen von Challenger vernommen worden, um einundzwanzig Uhr achtundvierzig erschien die Endeavor am Ort des Geschehens. Das Atom-UBoot tauchte auf viertausend Meter, die optimale Tiefe, die es aufsu-
chen konnte. Mit Echolot und Tiefenradar suchte die Endeavor den Grund des Witjas-Tiefs ab. Um null Uhr dreißig wurde Professor Jefferson an Bord des Forschungsschiffes geweckt. Commander Irving, der Kommandant des Atom-Unterseebootes, verlangte ihn zu sprechen. Verschlafen suchte Jefferson den Funkraum auf, und gleich darauf hörte er die Stimme des Mannes, der sich viertausend Meter unter ihm befand. »Etwas bewegt sich an der Stelle, wo Challenger verloren ging«, meldete Commander Irving. »Wir können nicht genau ausmachen, was es ist, aber unseren Messergebnissen nach muss es etwa zwanzig Meter groß sein.« »Hm. Bleiben Sie am Ball, Commander! Wenn das Ding, was immer es auch ist, sich entfernt, dann müssen wir es verfolgen.« »Auf jeden Fall, Professor. Werden Sie die Öffentlichkeit bereits informieren?« »Worüber? Erst einmal müssen wir abwarten, was weiter passiert.« Die Nacht über geschah nichts. Am Morgen um neun Uhr zehn hörte der Professor die Meldung, dass das Ding vom Grund heraufstieg. Die Überreste der Challenger hatte man nicht entdecken können. »Sie müssen auf alles gefasst sein, Commander Irving«, warnte Professor Jefferson ihn über Funk. »Auch auf einen Angriff auf ihr Boot.« Er hörte ein amüsiertes Lachen. »Was dieses Ding auch sein mag und was immer es auch vorhat, mit der Endeavor legt es sich besser nicht an. Ich kann noch immer nicht an ein Tiefseemonster glauben, Professor, aber wenn es eines gibt, dann versichere ich Ihnen, dass es gegen die moderne Waffentechnik nicht mehr Chancen hat als eine Schneeflocke in der Hölle. Ende.« »Ende«, sagte Jefferson mechanisch und hängte das Funkmikrophon in die Halterung. Endlos langsam verging die Zeit. In regelmäßigen Abständen meldete die Endeavor die Bewegungen des Dings. Man hatte ihm noch
keinen Namen gegeben. Im Gehirn des Professors spukte der Name Tangaroa herum, den Hirogawa Toki in der letzten Minute seines Lebens genannt hatte, aber er wollte die Sache nicht unnötig dramatisieren. Wer oder was sollte der Besatzung des Tauchbootes wohl den Namen des Monsters übermittelt haben, das sie tötete? Falls es überhaupt ein Monster gewesen war. Immer noch gab es alle möglichen anderen Erklärungen. Das Ding, das die Endeavor per Echolot anpeilte und auf ihren Radarschirmen hatte, konnte ein Fischschwarm oder eine Substanz sein, die sich vom Meeresgrund gelöst hatte.
Das Ding stieg aus dem Witjas-Tief auf und umkreiste die Endeavor ein paar Mal in gebührender Entfernung. Commander Francis Irving versuchte näher heranzukommen, aber das Ding wich dem Unterseeboot aus. Es stieg weiter auf, bis es sich nur noch fünfhundert Meter unter der Meeresoberfläche befand. Hier im trüben Dämmerlicht verharrte es eine Weile, als müsste es sich orientieren. Inzwischen war es längst vom Bordradar des Forschungsschiffes und der anderen Schiffe erfasst und mit den Echoloten angepeilt. Das Ding ließ die Endeavor nicht an sich herankommen. Das Forschungsschiff erhielt immer mehr Anfragen über Funk. Die Presse wollte wissen, was sich da beim Marianengraben abspielte. Doch im Einverständnis mit den Admiralitätsoberkommandos schwiegen die Professoren Jefferson und Yakumotu hartnäckig. Aber das nutzte nicht viel. Funksprüche zwischen dem Forschungsschiff und der Endeavor sowie den schweren Kreuzern und dem Schlachtschiff Samurai waren abgehört worden. Bald rasten Sensationsmeldungen durch die Medien, tauchten Sonderberichte in den Morgenblättern auf. Professor Jefferson entschloss sich endlich, etwas Einschneidendes zu unternehmen. Er wendete sich über Funk an die Kommandanten aller Schiffe – nur nicht an den des russischen Atom-U-Boots, das sich in gebührender Entfernung hielt, und den des chinesischen Frachtmotorschiffes, das angeblich einen Maschinenschaden hatte und in Sichtweite der anderen Schiffe auf den Wellen schaukelte. »Wir müssen Klarheit über dieses Ding gewinnen«, sagte Jeffer-
son. »Und es gibt nur einen Weg. Dem Projekt Observator stehen zwei Klein-U-Boote zur Verfügung. Wir brauchen Freiwillige, die sich darin dem Ding nähern, es sich ansehen und es fotografieren.« »Sie wissen doch, was mit dem Tauchboot Challenger passiert ist«, sagte der britische Torpedo-Schnellboot-Kommandant. »Soll nun auch noch das Leben von Freiwilligen aufs Spiel gesetzt werden?« »Die gesamten Besatzungen unserer drei Schiffe stehen als Freiwillige zur Verfügung«, meldete der Kommandant des japanischen Schlachtschiffes Samurai sofort. Commander Francis Irving hatte einen anderen Vorschlag. »Den Heldenmut der japanischen Marineleute in Ehren«, bemerkte er trocken, »aber ich weiß eine weit bessere Lösung. An Bord der Endeavor befindet sich ein Zwei-Mann-U-Boot vom Typ Deep Star, das einen Torpedo und panzerbrechende Unterwasserraketen abschießen kann. Damit sollten wir dem Ding zuleibe rücken. Der Deep Star ist kein wehrloses Forschungsfahrzeug. Und Freiwillige finde ich an Bord auch genügend.« Alle waren mit dieser Lösung einverstanden. Die Endeavor, die sich in fünfhundert Metern Tiefe befand, schleuste aus einer Luke das Klein-U-Boot aus, besetzt mit Leutnant Adlai Harris und Obermaat John S. Duncan. Der gelbe Deep Star, einer schwimmenden Untertasse ähnlich, bewegte sich mit Hilfe von Wasserstrahldüsen. Harris und Duncan waren angeschnallt, ähnlich Piloten im Cockpit eines Flugzeugs. Jenseits der Druckfenster tat sich die Unterwasserwunderwelt vor ihnen auf. Ein Schwarm glotzäugiger, fast runder Fische mit rötlichem Rücken schwamm um die Deep Star herum. Ein dreißig Zentimeter langer Viperfisch schoss herbei und jagte die Glotzaugen. Plötzlich verschwanden all die Fische. Auch ein viereinhalb Meter langer Riemenfisch flüchtete. Ein gigantischer Schatten tauchte auf. »Achtung!«, rief Duncan. »Das ist das Ding!« Es war es nicht – er stellte es fest, als er gerade über Funk Meldung machen wollte. Der Schatten entpuppte sich als eine Riesenkrake mit Fangarmen von achtzehn Metern Länge und einer Ansatzdicke von neunzig Zentimetern. Die Saugnäpfe daran waren so groß wie
Suppenteller, die Augen hatten einen Durchmesser von einem halben Meter. Ein solcher Krake konnte sogar mit einem Blauwal den Kampf aufnehmen. »Hallo, wen haben wir denn da?« Leutnant Harris freute sich. Er war ein ebenso humorvoller wie unerschrockener Mann. »Sieh mal, John! Er schwimmt genau in die Richtung, in die wir auch wollen. Wenn wir Glück haben …« John S. Duncan verstand. »Du meinst, das Ding und die Riesenkrake machen sich gegenseitig den Garaus?« »Warum denn nicht? Groß genug ist unser Freund mit den langen Armen, um dem Ding nicht aus dem Weg zu gehen.« Adlai Harris schaltete das Funkgerät ein und machte Meldung. Er folgte dem Riesenkraken. In der Dämmerung der Tiefe sahen die beiden Männer vor dem Kraken einen Schatten auftauchen. Der Krake zögerte, schwamm dann entschlossen weiter, den Kopf voran, die acht Arme nachziehend. Er näherte sich rasch dem Schatten, und dann schoss ihm dieser entgegen. Harris und Duncan sahen ganz kurz zwei Tentakel und etwas, das wie eine riesige Klauenhand mit Schwimmflossen zwischen den Fingern aussah. Der Krake warf die Fangarme nach vorn. Dann wurde es stockfinster auf dem Kampfschauplatz. Er hatte seine Tintenflüssigkeit entleert. Leutnant Harris hatte das Funkmikrofon in die Kopfhalterung eingehängt. Er wandte sich an Professor Jefferson: »Das Ding kämpft mit dem Kraken. Es handelt sich tatsächlich um ein Tiefseemonster.« Die Deep Star hatte sich der Tintenwolke bis auf vierzig Meter genähert. Etwas Gewaltiges schoss aus der Wolke. Ein mehr als zwanzig Meter großes Ungeheuer! Es kam rasend schnell näher, Harris und Duncan sahen etwas Hellblaues und Rotes und einen runden Kopf mit einem klaffenden, zahnbewehrten Maul und riesigen Augen. »Zum Teufel, was ist das?«, rief Duncan fassungslos. »Dieses Ding hat den Kraken erledigt«, erwiderte Harris. Und dann war es heran und packte das Klein-U-Boot. Ungeheure Kräfte packten die Deep Star. Harris und Duncan sahen, wie eine
mächtige Zahnreihe gegen das Fenster drückte. Es entstanden winzige Sprünge, die sich rasch vergrößerten. Harris brüllte vor Entsetzen. Die Unterwasserraketen hatte er längst zum Abschuss klargemacht. Jetzt drückte er die Feuerknöpfe. Die Raketen zischten aus den Rohren. Plötzlich spürten die beiden Männer, wie es in ihren Ohren dröhnte. Ein Wort manifestierte sich in ihren Gehirnen, ein Begriff, der sie erschauern ließ: TANGAROA! »Commander!«, brüllte Harris ins Mikrofon. »Commander, es hat uns! Dieses Ding vernichtet das U-Boot. Wir haben es mit mindestens zwei Raketen erwischt, aber das hilft uns nichts mehr. SOS! SOS! SOS! Wir …« Das Druckfenster barst. Das Wasser kam und erstickte, was Leutnant Harris noch hatte sagen wollen. Tangaroa zerquetschte das UBoot wie eine Konservenbüchse – das Ungeheuer zerriss die Deep Star … Harris und Duncan waren verloren. Commander Francis Irving hatte die Geschehnisse fassungslos mitverfolgt: »Jetzt werde ich diesem Monster mit Raketen den Garaus machen. Meine Männer sollen nicht umsonst gestorben sein.« Das Monster ließ etwas in die Tiefe trudeln – das völlig deformierte Wrack des Deep Star. Die beiden Leichen waren nicht mehr an Bord. Commander Francis Irving entschloss sich, nachdem er wieder kühler denken konnte, keine Unterwasserraketen einzusetzen. Das japanische Schlachtschiff Samurai und die drei Kreuzer sollten einen Bombenteppich auf das Ungeheuer herabsenken.
»Ich weiß nicht, was du dir hier erwartest, Dorian«, sagte Jeff Parker. »Meiner Meinung nach wäre es viel besser, mit den okkultistischen Freimaurern Kontakt aufzunehmen. Ich habe übrigens vor einigen Monaten mit dem Großmeister der Magischen Bruderschaft in Frankfurt gesprochen. Er wollte dich kennen lernen. Er behauptet, wichtige Dinge zu wissen.« »Ich gehe hier nicht weg«, sagte Dorian entschlossen. »Du kannst mit den andern nach London zurückkehren, wenn dein Flugzeug re-
pariert ist – aber ohne mich.« Die vier Männer befanden sich nun den zweiten Tag in Rabaul, und bis auf das Auftauchen des aussätzigen Dukduk war noch nichts Außergewöhnliches geschehen. Dorian wartete auf ein Zeichen oder eine Nachricht von Coco Zamis … vergebens bis jetzt. Jeff Parker sah, dass er den Freund nicht umstimmen konnte. Es war dreizehn Uhr Ortszeit auf der Gazellenhalbinsel. Draußen lag Trevor Sullivan am Swimmingpool. Marvin Cohen weilte in der Stadt, angeblich um Erkundigungen einzuziehen, in Wirklichkeit wohl, um einen Zug durch die Bars von Rabaul zu machen. Brummig ging Parker ins Nebenzimmer und schaltete das Radio ein. Als sich ein Nachrichtensprecher meldete, horchte er auf: »Das Ungeheuer, das dabei ist, aus dem Witjas-Tief heraufzusteigen, befindet sich noch zweitausend Meter unter der Meeresoberfläche. Dem amerikanischen Atom-U-Boot Endeavor ist es bisher ausgewichen, so dass keine Angaben über seine Natur gemacht werden können. Beim Witjas-Tief sind inzwischen ein Schlachtschiff, drei Kreuzer sowie ein Torpedo-Schnellboot eingetroffen.« »Dorian!«, rief Jeff Parker. »Komm einen Augenblick herüber und hör dir das an!« Dorian lauschte der Nachrichtensendung bis zum Ende. »Ein Tiefseeungeheuer …«, meinte Jeff grüblerisch. »Ob die Schwarze Familie damit zu tun hat?« Dorian hob die Schultern, nahm eine zerknautschte Packung aus der Brusttasche seines bunten Hawaiihemdes und zündete sich eine Players an. Der Blick seiner grünen Augen war jetzt nachdenklich. Wer ihn kannte, merkte ihm an, dass er Sorgen hatte. Er wusste, dass Coco schon im siebten Monat schwanger war und sich noch immer in der Gewalt Olivaros befand. Ihm war klar, dass sie Olivaro nicht unbegrenzt lange täuschen konnte – dazu war der selbsternannte Fürst der Finsternis zu schlau und gerissen. Wenn er merkte, dass Coco Dorian nach wie vor liebte, dann würde er ihr ein schreckliches Ende bereiten. Vielleicht erduldete sie sogar jetzt schon Qualen, wie nur ein Dämon sie sich ausdenken konnte. »Ich weiß nicht, ob die Schwarze Familie dahintersteckt«, beant-
wortete Dorian erst jetzt Jeff Parkers Frage. »Ich weiß nicht einmal, ob dieses angebliche Tiefseeungeheuer tatsächlich existiert oder eine Nachrichtenente ist. Es kann sich um alles mögliche handeln.« »Wenn es aber nun doch ein Ungeheuer ist?« »Dann ist es nicht meine Sache, mich darum zu kümmern. Ich habe andere Sorgen.« Das Telefon klingelte, und Jeff nahm ab. »Es ist Marvin Cohen«, sagte er. »Er will dich sprechen.« Dorian nahm Jeff den Hörer aus der Hand. »Ja?« »Hallo, alter Freund!« Der Stimme nach musste Marvin Cohen einiges getrunken haben. »Komm mal gleich zur Oaeha Bar! Ich bin hier auf einen Mann gestoßen, der behauptet, dass er einen abtrünnigen Dukduk kenne. Du wolltest doch Näheres über diesen Geheimbund herausfinden.« Das wollte Dorian, denn er war davon überzeugt, dass er über die Dukduk und Te-Ivi-o-Atea an Olivaro und Coco Zamis herankommen konnte. »Ich komme sofort, Marvin. Wo ist diese Pinte?« »Nimm dir ein Taxi! Die Oaeha Bar kennt jeder in Rabaul. Hier gibt es die hochprozentigsten Getränke, die schönsten Mädchen und die härtesten Schlägereien.« Es klang, als könnte Dorian sich auf einiges gefasst machen. Eine Viertelstunde später hielt ein Taxi vor dem weißen Bungalow. Dorian stieg aus. Einige Wolken waren am Himmel aufgezogen, Dunst verbreitete sich. Er verhüllte die Insel, nur die Gipfel der höchsten Berge waren zu erkennen. Es sah aus, als thronten sie direkt auf den Wolken. »Viel Spaß!«, wünschte der Taxifahrer, als Dorian ausstieg. Dorian trat in die dämmrige Bar. Zwei große Ventilatoren kreisten träge an der Decke. Es war eine Bar wie tausend andere auf den Inseln auch. Ein Melanesier mit nicht mehr ganz weißer Jacke stand hinter dem Tresen, ein halbes Dutzend junger Frauen mit bunten Pareos saß an den Tischen. Ein paar hatten Blumen im Haar. Die Gäste waren hauptsächlich Melanesier. Zunächst sah Dorian Marvin Cohen nirgends. Einige Nischen waren durch Flechtwände abgeteilt. Dorian schaute sich um. Die An-
wesenden waren verstummt und musterten ihn neugierig. Es roch nach Zigaretten und billigem Parfüm, nach Whiskey und Bier. Dorian fand Marvin Cohen in der mittleren Nische, zusammen mit einem Mann, der fast hinüber war. Sein Gesicht war von Wind und Sonne tabakbraun gefärbt, und er wies unzählige Falten und Runzeln auf. Der Mann prostete Dorian zu. Er trank Gin mit einem Schuss Bitter Lemon und einer Grapefruitscheibe garniert. »Das ist Jean Guillard«, sagte Marvin Cohen und schlug dem kleinen Mann auf die Schulter. »Ihm hat mal ein Schoner gehört, aber der ist lange abgesoffen. Jean behauptet, er hätte Gauguin auf Tahiti noch persönlich gekannt.« Das konnte schlecht sein, denn der berühmte Maler Gauguin war 1903 gestorben. Dorian hoffte, dass die Geschichte mit dem abtrünnigen Dukduk nicht eine ebensolche Pleite war. Er setzte sich an den Tisch und bestellte eine Cola. »Also«, sagte er auf Französisch, »ich habe wenig Zeit, Monsieur Guillard. Wo finde ich diesen Dukduk, der sich von den andern abgekehrt hat?« »Oh, offiziell gehört er immer noch dazu«, sagte Guillard mit überraschend sicherer Stimme. »Nur wenige wissen, dass er gegen den Geheimbund eingestellt ist. Wenn es mehr wüssten, hätten die Dukduk ihn sicher längst umgebracht. Diese Halunken terrorisieren in der letzten Zeit den ganzen Archipel. Seit der zweite Tubuan aufgetaucht ist, sind sie außer Rand und Band.« »Ein zweiter Tubuan?«, fragte Dorian. »Wie ist das möglich?« Dorian wusste gut Bescheid. Er hatte Mama Wahia am Vorabend angerufen und sich noch über einige Dinge informiert. Der Geheimbund der Dukduk verehrte zwei große Geister – den Tubuan und den Dukduk. Der Tubuan war weiblich und der Wichtigere von den beiden. Während der Dukduk starb und nach seinem Tod aus bestimmten Vorzeichen ein neuer Dukduk erkannt werden musste, lebte der Tubuan ewig oder wurde wiedergeboren. Ohne den Tubuan durfte der Dukduk nichts unternehmen, sich nicht einmal seinen Anhängern zeigen.
»Weiß ich es«, sagte Jean Guillard auf Dorians Frage. »Ich kümmere mich nicht um diesen Eingeborenenaberglauben. Die Insulaner vermuten doch hinter jeder Palme gleich einen bösen Geist.« »Wie heißt nun dieser Abtrünnige?« Guillard trank sein Glas aus. »Hundert australische Dollar und zwei Flaschen Gin – und ich sage es Ihnen, Monsieur.« »Könnt ihr euch nicht vernünftig in Englisch unterhalten?«, fragte Marvin Cohen. »Von diesem Froschfressergequake versteht doch kein Mensch etwas.« Cohens Augen waren wie glasige Pfützen, verschleiert von den genossenen Drinks. Aber viel merkte man ihm nicht an. Er konnte einen ordentlichen Stiefel vertragen. »Sei ruhig, Marvin! Gut, ich zahle, Guillard. Aber erst, nachdem ich mich vom Wert Ihrer Information überzeugt habe.« Sie einigten sich auf einen Vorschuss von zwanzig Dollar und eine Flasche. Dorian schrieb Jean Guillard eine kurze Notiz. Mit dem Zettel sollte der Alte am nächsten Tag zu Jeff Parker gehen; der würde auszahlen, wenn er inzwischen von Dorian nichts anderes gehört hatte. Jean Guillard beschrieb Dorian und Marvin Cohen nun, wie sie die Hütte des Dukduk finden konnten. Der Mann hieß Araui und wohnte oben am Berg, schon an der Grenze des Regenwaldes. Dorian zahlte seine und Cohens Rechnung und kaufte noch eine Packung australischer Zigaretten. Die beiden Männer verließen die Pinte, ohne sich um die Barschönen zu kümmern, die ihnen aufreizende Blicke zuwarfen. Es wurde schwül auf der Insel. Eines der kurzen, heftigen Tropengewitter braute sich zusammen. Die Regenzeit, die jeden Tag am Nachmittag eine Wasserflut brachte, war aber schon ein Vierteljahr vorbei. Dorian und Marvin Cohen stiegen in den korallenroten Toyota, den sie für die Dauer des Inselaufenthaltes gemietet hatten. Sie fuhren in die Berge.
Jean Guillard kaufte seine Flasche am Tresen und wankte aus der
Bar. Eine Viertelstunde später kam er wieder herein, völlig nüchtern, und verlangte seinen üblichen Gin mit Bitter Lemon. »Hast du nicht schon genug gehabt, Jean?«, fragte ihn der Barkeeper. »Mit dem, was du zusammen mit dem Engländer gekippt hast, könnte man ein ganzes Bataillon betrunken machen.« »Ich weiß gar nicht, wovon du redest. Ich habe heute noch keinen Tropfen getrunken.« Der Barkeeper lachte ungläubig und machte Guillard seinen Drink. Er glaubte, der alte Mann wollte ihn auf den Arm nehmen. Guillard setzte sich in die Ecke. Eine der Frauen aus der Bar kam zu ihm. »Was waren das für Männer, mit denen du dich vorhin unterhalten hast, Jean? Der Große mit dem Schnurrbart hat mir gut gefallen.« »Du willst mich wohl für dumm verkaufen, Laona«, fuhr Guillard sie an. »Ich war heute noch nicht hier! Dummes Stück! Hau ab!« Laona setzte sich fort. Jean Guillard galt als Sonderling; sie dachte nicht weiter darüber nach, was den Alten wohl dazu bewog, seine Unterhaltung mit den beiden Männern zu leugnen. Der Barkeeper überlegte noch, wie Jean Guillard es wohl anstellte, so nüchtern zu erscheinen, und wo er seine Flasche Gin gelassen hatte. Aber bald waren Jean Guillards Benehmen und die beiden Fremden vergessen.
Am Stadtrand schlurfte ein alter Mann dahin, der aufs Haar genauso aussah wie Jean Guillard. Er hielt eine Flasche in der Hand und wanderte auf einen Palmenhain zu. Hier warf er die Flasche achtlos weg. Er murmelte etwas, beschrieb einige Gesten mit den Händen und malte mit den Fingern ein magisches Symbol in die Luft. Sein Äußeres veränderte sich. Er wurde zu einem kräftigen, stumpfsinnig dreinschauenden Einheimischen mittleren Alters. »Warte, Dorian Hunter!«, sagte er halblaut. »Diesmal sollst du mir nicht entkommen. Du weißt nicht, mit wem du es zu tun hast.« Er kicherte bösartig. »Erst kurz vor deinem grässlichen Ende wirst du erkennen, wer dich getäuscht hat.« Eine weitere Beschwörung, und mit dem Krachen des ersten Don-
ners war der Melanesier verschwunden.
Es goss wie aus Kübeln. Der Weg durch den tropischen Regenwald war kaum noch zu erkennen. Der Toyota sank an manchen Stellen fast bis zu den Achsen im Schlamm ein. Die wassergefüllten Schlaglöcher stellten die Stoßdämpfer auf eine harte Probe. Die Scheibenwischer vermochten der Fluten nicht mehr Herr zu werden. Dorian fuhr mit zusammengekniffenen Augen im Schritttempo. Zu alledem war das Schiebedach des Toyota nicht ganz dicht. »Hoffentlich sind wir bald da«, knurrte Dorian. »Wenn die Karre stecken bleibt, stehen wir gut da.« Marvin Cohen grinste nur; er fand das alles lustig, das Krachen des Donners, das Zucken der Blitze, die Windstöße, den Regen. Dorian wischte über die Scheibe. Er glaubte die kleine Lichtung zu sehen, von der Jean Guillard gesprochen hatte, war sich aber nicht sicher. »Halt deinen umnebelten Schädel mal aus dem Seitenfenster, Marvin! Ist hier die Hütte dieses Araui?« »Schau doch selber nach!«, lallte Cohen. Dorian gab ihm einen derben Stoß, und brummend bequemte sich Marvin Cohen, das Seitenfenster herunterzukurbeln. Er schaute hinaus. »Da steht eine Hütte«, bemerkte er, als er seinen nassen Kopf wieder zurückzog. Dorian ließ den Wagen auf dem Weg stehen. Er traute dem Untergrund zu beiden Seiten nicht. Die Männer stiegen aus, und im Nu waren sie völlig durchnässt. Dorian schloss eilig den Wagen ab. Sie liefen zur Hütte, einem mit Palmwedeln gedeckten Bauwerk mit einem hohen, geschnitzten Giebel. Arauis Hütte war ohne einen Nagel oder ein Eisenteil errichtet worden; lediglich Rotanlianen und Kokosschnurtaue hielten alles zusammen. Die Hütte stand auf einem Steinfundament. Dorian hämmerte mit der Faust gegen die Tür, und eine dumpfe Stimme sagte drinnen im Inseldialekt etwas. »Jean Guillard schickt uns!«, rief Dorian. »Wir müssen mit dir reden, Araui.«
Der Hüttenbewohner öffnete und ließ Dorian und Marvin Cohen ein. Er war ein kräftiger, stumpf dreinblickender Melanesier mittleren Alters und trug nur einen Schurz über dem recht umfangreichen Bauch. »Ah, Guillard, der alte Trunkenbold«, sagte er. »Was hat er wieder herumerzählt?« Das Innere der Hütte bestand aus einem einzigen großen Raum, der lediglich durch Flechtmattenwände, die nicht bis zur Decke reichten, unterteilt war. »Bist du allein, Tohunga Araui?«, fragte Dorian. »Ja.« »Ich bin Dorian Hunter, jener Tohunga, den die Dukduk opfern wollen. Ich will mit dir über den Geheimbund und über ein paar andere Dinge sprechen.« Der Dukduk musterte Dorian Hunter und Marvin Cohen verschlafen und winkte ihnen dann, näher zu treten. Er brachte Handtücher, mit denen sie sich abtrocknen konnten, und zwei Tiputas, Kleidungsstücke, die dem südamerikanischen Poncho entsprachen; sie waren bunt und wiesen leuchtende Motive auf. Araui setzte seinen Gästen Schalen mit erfrischender Kokosmilch vor. Draußen ließ das Gewitter schon nach. Der Donner grollte in der Ferne. Arauis Hütte war einfach eingerichtet. Die Männer saßen auf Matten. An Nägeln in der Wand hingen einige Gebrauchsgegenstände, in der Ecke standen ein paar sehr schöne große Krüge, Muster der Keramikkünste der Insulaner. In der anderen Ecke hatten zwei spitz zulaufende und mit langen, turmartigen Spitzen versehene DukdukMasken ihren Ehrenplatz. An der Feuerstelle standen in Körben allerlei Ingredienzien, auch Kokosnusshälften, die als Tiegel dienten, und Flaschen und Schalen. Dorian wusste von Jean Guillard, wer Araui war. Ein Zauberer, der Beschwörungen durchführte, viele der zahlreichen Tabus der Südsee brechen konnte und Liebeszauber und Heilmittel verkaufte. Araui war ein Tohunga, ein Meister, aber kein bedeutender. »Du also sollst beim Kampf der Tubuan geopfert werden«, sagte
Araui nun. »Ich hätte nicht gedacht, dass du die Kühnheit besitzt, zu mir zu kommen.« »Ich hörte, du bist gegen die Dukduk eingestellt. Wenn es stimmt, was ich glaube, dann befindet sich der Geheimbund in der Gewalt von Dämonen, die ihn für ihre bösen Zwecke missbrauchen.« Dorian spielte wie zufällig mit der gnostischen Gemme, die er aus der Hosentasche genommen hatte. »Mit deiner Hilfe kann es mir vielleicht gelingen, das Treiben dieser Dämonen zu beenden.« Er ließ die Gemme, auf der eine Schlange eingraviert war, die sich selbst in den Schwanz biss, vor Arauis Gesicht pendeln. Araui betrachtete die Gemme neugierig, zeigte aber keine Reaktion. Dorian war jetzt davon überzeugt, dass sich hinter ihm kein Schwarzblütiger verbarg. »Ja, Dämonen missbrauchen die Dukduk. Ich weiß es«, sagte der Zauberer. »Einer der beiden Tubuan ist ein Dämon, und er will den andern verdrängen. Die beiden Tubuan verlangen immer wieder Opfer und Bluttaten. Es ist innerhalb des Geheimbundes zu einer Spaltung gekommen. Beim Fest der Mondsichel, das bald stattfinden wird, muss es sich entscheiden, welcher Tubuan Sieger bleibt.« Ein Gedanke drängte sich Dorian auf. Der Tubuan war weiblich, und Coco Zamis war eine Frau, eine Hexe. Konnte es sein, dass Olivaro sie zwang, die Rolle eines Tubuans zu spielen, weil er sie prüfen wollte? Oder war es ein neuer Versuch des Fürsten der Finsternis, Coco ihr Kind zu nehmen und es zu opfern? Der Gedanke lag nahe, denn sicher war es kein Zufall, dass die Dukduk sich ausgerechnet Dorian Hunter als Opfer ausgesucht hatten. »In der letzten Zeit sind viele Menschen auf den Inseln des Archipels spurlos verschwunden oder auf mysteriöse Weise umgekommen«, fuhr Araui fort. »Es ist durchgesickert, dass die Dukduk damit zu tun haben, und die Regierung erwägt schon ernsthafte Schritte. Ich habe viele Feinde und Gegner innerhalb des Bundes, und mir widerstrebt, was in der letzten Zeit dort vorgeht. Du kannst mir glauben, dass ich mich lieber heute als morgen von den Dukduk trennen würde, Tohunga Hunter, aber dann würde sicher auch ich ein Opfer des falschen Tubuans werden.«
Dorian sagte Araui, dass er den falschen Tubuan vernichten wolle. Doch er hatte Verständnis dafür, dass Araui zögerte. Der Gedanke, einen Außenstehenden mit zu den geheimen Versammlungen zu nehmen, erfüllte den Zauberer sicher mit Angst und Sorge. Die Treffen der Dukduk fanden in strenger Abgeschiedenheit statt: Eine Lichtung oder ein bestimmtes Areal des Waldes wurde mit Bastmatten verhängt und bei Todesstrafe war nicht zum Geheimbund Gehörenden der Zutritt verboten. Aber Dorian gelang es, Araui zu überzeugen: »Wenn der falsche Tubuan tot ist und sich alles beruhigt hat, hast du eine gute Gelegenheit, dich von den Dukduk zu trennen, Araui. Vielleicht willst du es dann aber gar nicht mehr, denn wenn du deine Rolle bekannt werden lässt, wird der siegreiche Tubuan dir Dank schulden, und du wirst einer der angesehensten Dukduk werden. Vielleicht wirst du nach dem Tod des Mannes, der den Dukduk-Geist verkörpert, sogar zu seinem Nachfolger bestimmt.« Araui schaute zu Boden und überlegte offensichtlich angestrengt. »Also gut. Ich will dich bei der nächsten Versammlung einschmuggeln. Unter der Dukduk-Maske kann man dich nicht erkennen. Sag mir, wo du dich aufhältst, und ich werde dir eine Nachricht zukommen lassen, wo du dich einfinden sollst.« Dorian beschrieb Araui die Lage des Bungalows. Der Dukduk sagte ihm, er erwarte Besuch und er und Marvin Cohen sollten jetzt lieber gehen. Die beiden Männer nahmen ihre Kleider, die immer noch feucht waren. Araui überließ ihnen die Tiputas, und sie verließen die Hütte. Es hatte aufgehört zu regnen. Die Luft roch würzig und frisch. Araui stand in der Tür und schaute dem davonfahrenden Toyota nach. Als der Wagen im dichten Wald verschwunden war, kehrte er in seine Hütte zurück. Ein teuflisches Gelächter schüttelte den kräftigen Körper mit dem hellbraunen Teint. Und während Araui lachte, drehte sich sein Kopf um hundertachtzig Grad. Die nun vorn liegenden Haare teilten sich, und ein Gesicht erschien, ein Gesicht, das Dorian erkannt hätte. Das wahre Gesicht des Dämons Olivaro, des
Fürsten der Finsternis. Es hatte einen grünen Stich, war knochig wie ein stilisierter Totenschädel und wirkte kalt, böse und grausam. In den Augenhöhlen wohnte unergründliche Schwärze, und die hohe Stirn wies ein V-Zeichen auf, ein V aus Knochen, wie es auf alten Abbildungen immer den Mund des Teufels bildete. Olivaro, der Dämon mit dem Januskopf, ballte die Faust und schüttelte sie drohend. »Mit einer lumpigen Gemme hat er mir beikommen wollen, mir, dem Fürsten der Finsternis! Gegen Magus VII. muss man schon andere Mittel einsetzen. Bald habe ich dich, Dorian Hunter. Und auch für Coco Zamis kommt die Zeit der letzten Prüfung. Entweder sie entscheidet sich für mich und lebt als Hexe an meiner Seite oder sie stirbt als Gefährtin des Dämonenkillers einen grässlichen Tod mitsamt ihrem Ungeborenen.«
Commander Irving gab den Befehl. Der Torpedo raste auf das Ungeheuer zu. Das japanische Schlachtschiff und die drei Kreuzer hatten die Wasserbomben bereits ausgeklinkt. Professor Jefferson und die restliche Besatzung des Forschungsschiffes beobachteten die See. Auch die Besatzungen des britischen Schnellbootes und die des Frachtschiffes spielten die Zuschauerrolle. Dumpfe Explosionen grollten unter Wasser … genau dort, wo sich das Ungeheuer befand. Die Männer auf den Brücken aller Schiffe starrten auf die Radarschirme, auch jene an Bord des russischen Atom-U-Bootes und des chinesischen Frachtmotorschiffes. Alle wussten, worum es ging, dass jetzt mit dem Blut des Tiefseemonsters das letzte Kapitel geschrieben werden sollte. Das Wasser brodelte. Das Gleichmaß des ewig wogenden Ozeans wurde unterbrochen. Die Leiber toter Fische glänzten silbern im Sonnenlicht. »Jetzt müssen der Leib des Tiefseemonsters oder wenigstens Fetzen davon an die Oberfläche kommen«, sagte Professor Yakumotu. »Schade, wir werden nie erfahren, worum es sich wirklich handelte.« Auf den Radarschirmen war der dunkle Fleck, auf den der ewig rotierende Strahl gestoßen war, plötzlich verschwunden. An Bord
der Schiffe wurden die sich im Wasser fortpflanzenden Erschütterungen und Schallwellen genau gemessen. Professor Jefferson schaute mit dem Fernglas über die wogende See, sah aber nur tote Fische, die der Druck der Unterwasserexplosionen an die Oberfläche geschleudert hatte. Ein Hubschrauber kreiste über der Stelle. Eine halbe Stunde verging, und von den Überresten des Ungeheuers war noch immer nichts wahrzunehmen. Vom Funkraum aus nahm Jefferson mit Commander Irving Kontakt auf. »Der Torpedo und die Wasserbomben müssen das Monster in kleinste Teile zerrissen haben«, sagte Irving über Sprechfunk. »Wir wissen nicht, aus welcher Substanz es bestand. Es kann Tage dauern, bis seine Überbleibsel an die Oberfläche kommen – wenn überhaupt. Vielleicht versinken die Reste auch oder dienen anderen Meerestieren als Nahrung. Wie auch immer, dieses Kapitel dürfte abgeschlossen sein.« In diesem Augenblick erhielt Professor Jefferson über die Sprechanlage eine Meldung von der Brücke: »Professor, wir haben etwas auf dem Radarschirm, das den Konturen des Tiefseemonsters entspricht. Es befindet sich fünf Seemeilen von der Explosionsstelle entfernt und bewegt sich in südöstlicher Richtung.« »Nennt die genaue Position!«, verlangte Jefferson. »Ich gebe die Daten an Commander Irving weiter.« Jefferson informierte Irving über das, was er gerade erfahren hatte. Der U-Boot-Kommandant wollte es nicht akzeptieren: »Das kann nicht unser Tiefseeungeheuer sein, Professor Jefferson. Wie sollte es ohne größere Schäden an einem meilenweit von der Explosion entfernten Ort auftauchen? Nein, nein. Das muss etwas anderes sein. Ein Blauwal vielleicht. Unser Torpedo hat voll getroffen.« »Ich verlange, dass dieses Ding verfolgt wird. Wir müssen uns Gewissheit verschaffen, ob es das Tiefseemonster ist oder nicht. Ich gebe Ihnen jetzt die Daten, Commander.« »Sie machen sich allmählich lächerlich, Professor. Die Endeavor wird diesen Ort nicht verlassen. Nur hier können wir feststellen, was mit dem Tiefseemonster geschehen ist.«
Jefferson ging zur Kommandobrücke hoch und beobachtete eine Weile den Punkt auf dem Radarschirm. Er studierte das Echogramm, die Aufzeichnung des Echolots, und ließ es sich vom Ersten Offizier erklären. Der kleine, rundliche und bebrillte Professor Yakumotu kam hinzu, und auch er beugte sich über das Echogramm und verglich es mit denen, die von dem aus der Tiefe aufsteigenden Tiefseemonster aufgezeichnet worden waren. »Ich bin kein Fachmann«, sagte er, »aber es könnte sich nach meiner Meinung um das gleiche Ding handeln.« Professor Jefferson nahm direkt von der Brücke über Sprechfunk nochmals Verbindung mit Commander Irving auf. Der Commander wollte nichts davon wissen, dem sich rasch entfernenden Ding zu folgen. Das unbekannte Unterwasserobjekt machte in der Stunde achtzehn Knoten. Der Kommandant des japanischen Schlachtschiffes hielt auch nichts davon, einem Hirngespinst nachzujagen. Commander Irving und der Schlachtschiffkommandant hatten den Oberbefehl über die Kommandanten der kleineren Schiffseinheiten. Professor Jefferson sah, dass er keine Unterstützung zu erwarten hatte. Nach einer kurzen Beratung mit dem Kapitän des Forschungsschiffes fasste er seinen Entschluss. »Wir folgen diesem Ding so lange, bis wir Gewissheit haben.« »Ich weiß nicht, ob Professor Yakumotu das billigen wird«, wandte der Kapitän ein. Jefferson winkte ab. »Ich übernehme die Verantwortung, Kapitän. Ordnen Sie volle Kraft voraus an – Kurs Südsüdost!« Das Forschungsschiff nahm Kurs auf jenes rätselhafte Ding, das auf dem Radarschirm deutlich zu erkennen und per Echolot zu orten war. Die übrigen Schiffe, einschließlich der Russen und Chinesen, blieben beim Witjas-Tief, als gelte es, dieses zu bewachen. Bis Mitternacht folgte das Forschungsschiff dem zur Inselwelt Mikronesiens strebenden Ding. Es wurde bald klar, dass jenes Objekt sich schneller zu bewegen vermochte, als man auf der Brücke des Forschungsschiffes zunächst angenommen hatte. Das Forschungsschiff machte eine Höchstgeschwindigkeit von
27,5 Knoten, doch als es an das langsamer schwimmende Ding bis auf drei Seemeilen herangekommen war, erhöhte dieses abrupt die Geschwindigkeit. Es vergrößerte die Distanz auf sechs Seemeilen und ließ dann das Forschungsschiff wieder näher herankommen. Dieses Spiel wiederholte sich ein paar Mal. Als der Kapitän des Forschungsschiffes die Geschwindigkeit versuchshalber auf zwanzig Knoten verringerte, verminderte auch das Ding im Wasser sein Tempo, so dass ein Abstand von drei Seemeilen bestehen blieb. Um drei Uhr morgens erfasste das Radar ein anderes Schiff. Roaldsen, der Kapitän des Forschungsschiffes, befahl, Kontakt mit ihm aufzunehmen. Es war ein japanischer Hecktrawler. Roaldsen ließ Jefferson wecken. »Es wird höchste Zeit, dass Sie den Kapitän des Fischtrawlers darüber informieren, was auf ihn zukommt.« »Haben Sie das denn noch nicht getan, Kapitän?« »Das ist Ihre Sache, Professor.« Jefferson überlegte, wie er es anfangen sollte. Der Kapitän des Fischtrawlers sprach kein Englisch. Der Funker musste die Rolle des Dolmetschers übernehmen. »Sie haben sicher von den Geschehnissen beim Witjas-Tief gehört, Kapitän«, begann Jefferson diplomatisch die Unterredung über Funk. »Wie Sie wissen, hat ein Meeresungeheuer ein Tauchboot vernichtet und ein Unterseeboot der US-Marine ebenfalls. Das Monster wurde von Schiffen der amerikanischen und japanischen Flotte bombardiert. Wir wissen aber nicht, ob es wirklich tot ist.« »Kommen Sie zur Sache!«, übersetzte der Funker. »Wir haben keine Zeit für Funkplaudereien.« »Seien Sie vorsichtig, Kapitän, damit Sie es nicht mit diesem Meeresungeheuer zu tun bekommen! Es ist sehr gefährlich. Besonders fatal wäre, wenn es Ihnen etwa ins Netz geriete.« Eine lange Pause, dann folgten ein paar japanische Worte, und endlich sagte der Funker: »Etwas ist uns ins Netz geraten, gerade eben. Wir melden uns später. Wir haben jetzt genug damit zu tun, unseren Fang zu retten.« »Diese Narren!«, rief Jefferson, als er feststellte, dass der Kontakt
unterbrochen war. »Sie täten gut daran, das Schleppnetz zu kappen. Wir müssen sofort zu dem Fischtrawler, Kapitän.« Das Ding war plötzlich vom Radarschirm verschwunden. Es musste sich ungeheuer schnell vorwärtsbewegt haben. Der Teufel mochte wissen, wo es steckte. Das Forschungsschiff lief mit Höchstgeschwindigkeit den Fischtrawler an. Als es bis auf zwei Seemeilen herangekommen war, meldete sich der japanische Fischdampfer wieder: »Unser Schleppnetz ist gerissen, als wir es einholen wollten. Etwas befindet sich darin. Es dröhnt und hämmert in unseren Köpfen, und jemand raunt uns etwas zu. Einen Namen. Tangaroa. Tangaroa kommt aus dem Meer, um uns alle zu verschlingen. Ich …« Der Funkkontakt brach ab. Professor Jefferson schlug in seiner Erregung Kapitän Roaldsen auf die Schulter. »Ich habe es gesagt!«, rief er. »Es ist unser Tiefseeungeheuer. Es ist Tangaroa. Und niemand hat mir glauben wollen.« »Unmöglich!«, stammelte Kapitän Roaldsen. »Wie hat es den Torpedo und die Wasserbomben überlebt?« »Das weiß der Teufel. Wir müssen sehen, dass wir den japanischen Fischern helfen können.« Das Forschungsschiff lief volle Kraft voraus. Der japanische Funker meldete sich noch einmal, mit vor Entsetzen verzerrter Stimme. »Tangaroa ist an Bord gekommen. Er zertrümmert die Aufbauten und zerbeult die Brücke wie eine rostige Konservendose. Er frisst die Männer auf. Mit klebrigen Tentakeln holt er sie in sein gefräßiges Maul.« Der Funker kreischte auf japanisch weiter. Der schreckensbleiche Professor Yakumotu übersetzte. »Es gibt keine Rettung. SOS! SOS! Wir sind alle verloren. Jetzt sehe ich eine riesige Faust mit langen Krallen gegen die Tür der Funkkabine drücken. Es kann sich nur noch um Sekunden handeln. Vernichtet dieses Ungeheuer! Sagt meiner Familie, dass ich meine Pflicht tat bis zuletzt! Jetzt gibt die Tür nach. Ich sehe blaue Krallenfinger mit roten Schwimmhäuten. Bei allen Göttern der Ahnen, solche Monster darf die Erde nicht tragen. Das ist …« Ein Todesschrei
gellte, dann kam nur noch Krachen, Knacken und Pfeifen aus dem Empfänger. Das Forschungsschiff hatte den Fischtrawler erreicht. Im Mondund Sternenschein sah man einen gigantischen Schatten auf dem schwankenden Schiff. Starke Scheinwerfer erfassten das Schiffswrack. Für einige Augenblicke erhaschte die Besatzung des Forschungsschiffes einen Blick auf einen riesigen Kopf mit Glotzaugen und funkelnden Zahnreihen, auf hin und her peitschende Tentakel und gewaltige Arme mit einem Zackenkamm an der Außenseite und einem roten Rückenkamm. Fürchterliches Gebrüll war zu hören. Dann glitt das Monster ins Wasser und war von einer Sekunde zur anderen verschwunden. Der Fischtrawler aber war nur noch ein völlig verwüstetes Wrack. Menschen waren nicht zu sehen – weder lebendig noch tot. »Wir müssen schleunigst weg von hier«, rief Kapitän Roaldsen. »Ich lege keinen Wert darauf, Tangaroa bei mir an Bord zu sehen.« »Zuerst müssen wir feststellen, ob noch Menschen am Leben sind«, sagte Jefferson. »Dann müssen die Militärs verständigt werden. Unser Schiff ist vier Mal so groß wie der Fischtrawler. An das wird sich Tangaroa nicht so schnell heranwagen.« »Das sagen Sie. Aber ich bin der Kapitän und für die Sicherheit des Schiffes verantwortlich. Ich sage, wir müssen weg von hier.« Jefferson und Roaldsen blickten einander feindlich an. Da krachte es drüben auf dem Trawler, und ein Teil der beschädigten Aufbauten flog weg. An der Leeseite war ein Leck entstanden. Das Schiff bekam schnell Schlagseite. Eine Kesselexplosion war erfolgt. Weiße Dampfschwaden wehten über das Wasser. Nichts regte sich auf dem Schiff, das bald untergehen würde. »Dieses Schiff hat das Monster auf dem Gewissen«, sagte Kapitän Roaldsen. »Wir entfernen uns von hier. Die Navy muss dieses Ungeheuer erledigen.« »Aber vergessen Sie nicht, dass Tangaroa schneller ist als wir!«, sagte Jefferson. »Wenn er uns haben will, bekommt er uns. Ich bleibe bei meiner Meinung, dass wir zu groß für ihn sind und er sich nicht an uns heranwagen wird.«
»Wie groß war das Ungeheuer, als es beim Witjas-Tief das Mini-UBoot vernichtete?« »Das wissen Sie so gut wie ich. Zwanzig Meter, vielleicht zweiundzwanzig.« »Der Schatten, den wir ins Meer gleiten sahen, maß mindestens dreißig Meter. Ich habe ein gutes Augenmaß und schätze genau. Tangaroa wächst rasend schnell, und ich möchte nicht mehr hier sein, wenn es groß genug geworden ist, um dieses Schiff anzugreifen.«
Am Tag, nachdem er Araui aufgesucht hatte, erhielt Dorian eine Nachricht. Er sollte sich um zwanzig Uhr auf dem Platz vor dem Gouverneursgebäude einfinden. Aus dem Fernsehen erfuhren Dorian und seine drei Gefährten die letzten Neuigkeiten vom ObservatorPojekt. Die Nachrichtensperre war jetzt endlich aufgehoben. Eine erstaunte Weltöffentlichkeit erfuhr, dass es auch auf dieser Erde noch Monster und Ungeheuer gab, von denen niemand etwas geahnt hatte. Im australischen Fernsehen wurden Filmaufzeichnungen des Oberservator-Teams gezeigt, allerdings ohne das Monster. »Eigentlich sind immer nur das Wasser und die Schiffe und ein paar Meter Unterwasserfilm zu sehen«, sagte Cohen, der sich im Sessel vor dem Farbfernseher lümmelte. »Ich möchte wissen, weshalb darum so viel Aufhebens gemacht wird.« Die Meldungen von der Vernichtung des Tauchboots und des Mini-U-Boots sowie der Vernichtung des Monsters durch ein Torpedo und Wasserbomben wurden mit zweifelndem Erstaunen aufgenommen. Eine so phantastische Story hätte besser in einen Film gepasst. Eine hitzige Debatte setzte ein, ob es gerechtfertig gewesen war, das Unterwassermonster zu vernichten. Viele meinten, so ging aus den Kommentaren im Rundfunk und im Fernsehen hervor, dass man das Ungeheuer hätte erhalten müssen. Niemand zweifelte daran, dass das Monster tot war. Dass das Forschungsschiff des ObservatorProjekts einen Schatten auf dem Radarschirm wahrgenommen hatte und diesem gefolgt war, wurde in den Nachrichten nicht erwähnt.
Dorian interessierte sich nur mäßig für die ganze Sache. Für ihn war alles gelaufen. Er verstand die Leute nicht, die dem Tiefseemonster nachtrauerten. Wichtiger als wissenschaftliche Interessen waren nach Dorians Meinung Menschenleben; und nachdem das Tiefseeungeheuer sechs auf dem Gewissem gehabt hatte, war es richtig gewesen, nicht länger zu zögern. Am Nachmittag erlitt Trevor Sullivan einen schweren Anfall. Nach seinem Abenteuer auf den Orkneyinseln, wo ein Dämon reichen alten Leuten durch die Lebenskräfte junger Menschen auf grässliche Weise die ewige Jugend verlieh, hatte der frühere Observator-Inquisitor ein psychisches Leiden davongetragen. So wie Leute mit Rheuma, Gicht oder Ischias Wetterveränderungen im Voraus spürten, so kündigten sich bei Trevor Sullivan dämonische Ereignisse durch schlimme Beschwerden an. Er bekam Lähmungserscheinungen, Gliederzucken und -reißen und entsetzliche Kopfschmerzen, die kein Medikament zu lindern vermochte. An diesem Tag spürte Sullivan zudem noch Stiche in der Herzgegend und im ganzen Körper. Es war so schlimm, dass Dorian einen Arzt holte. Der Arzt, ein älterer Indonesier, wollte Sullivan ins Krankenhaus einweisen, aber dagegen wehrte sich Sullivan mit aller Kraft, die er noch aufzubringen imstande war. Der Arzt verschrieb ihm einige Medikamente und ging wieder. Dorian versuchte Sullivan auf magische Weise Linderung zu verschaffen, aber weder Hypnose noch die einfachen Beschwörungen gegen Schmerzen vermochten etwas auszurichten. Jeff Parker hatte es sich nicht nehmen lassen, tagsüber den Strand aufzusuchen. Der Vierzigjährige ließ eben in keiner Lebenslage die Freuden des Daseins ganz außer Acht. Er betrieb den Kampf gegen die Dämonen aus Abenteuerlust. Parker brauchte den Nervenkitzel, den ihm die Vergnügungen des Playboylebens nicht bieten konnten. Er drängte darauf, Dorian am Abend zu begleiten, aber der Dämonenkiller lehnte ab. So blieb Jeff Parker mit Marvin Cohen und dem ächzenden Trevor Sullivan im Bungalow zurück. Dorian fuhr mit dem Toyota zum Gouverneurspalast. Er schlenderte umher und schoss mit Jeff Parkers Minox ein paar Fotos, als
sei er ein Tourist. Ein kleiner Junge lief auf ihn zu und steckte ihm einen Zettel in die Hand. Dorian las. Araui wollte ihn am Westrand der Stadt in einem Haus treffen. Eine kleine Skizze war auf den Zettel gezeichnet, und nach dieser fuhr Dorian los. Er ließ seinen Wagen auf dem Parkplatz vor dem Krankenhaus stehen, ging den Rest des Weges zu Fuß und gelangte in ein Viertel mit baufälligen, windschiefen Hütten. Aus dem Innern der Behausungen plärrten lautstark Ghettoblaster, und unzählige Hunde kläfften und balgten sich. Halbwüchsige Melanesier bildeten Gruppen auf den Straßen. Viele von ihnen trugen nur einen Lendenschurz, aber alle hatten die unvermeidliche Zigarette im Mund. Männer saßen vor den Hütten, tranken Bier und unterhielten sich. Junge Frauen flanierten zu zweit oder zu dritt vorbei, mit billigen bedruckten Kattunfähnchen in schreienden Farben oder mit den traditionellen Pareos aus schlechtem Material angetan, und die jungen Männer pfiffen hinter ihnen her. Es war eine Welt, die Dorian fremd und vertraut zugleich war. Das war ein Slum im Kleinformat am Rande von Rabaul. Hier lebten Menschen, die von der Zivilisation verdorben waren, ehe sie noch ihre positiven Seiten kennen gelernt hatten. Das Holzhaus, das Araui Dorian bezeichnet hatte, war groß und geräumig. Es war ein Bordell. Dorian merkte es, als er einige Soldaten vom Luftwaffenstützpunkt auf den Wartebänken in der Bar vorn im Erdgeschoss sah und hörte. Eine verblühte Frau kam auf den Dämonenkiller zu und zog ihn in die hinteren Räume. Hinter den Türvorhängen hörte er eindeutige Geräusche. Die Soldaten murrten, weil Dorian vorgezogen wurde. Die Melanesierin führte den Dämonenkiller in einen schmutzigen Raum mit einem Mattenlager am Boden. Eine schlampig aussehende junge Einheimische mit einem Bastschurz und Hängebrüsten wusch sich gerade in einer Waschschüssel, deren Wasser dringend hätte gewechselt werden müssen. Als Dorian sie fragend ansah, winkte die fette Frau sie hinaus und sagte mit rauer Stimme zu dem Dämonenkiller: »Araui gleich kommen.« Auch sie entschwand, Dorian setzte sich hin, steckte sich eine Zi-
garette an und lauschte dem unvermeidlichen Geplärr des Radios, das auch in diesem Haus auf Hochtouren lief. Wenig später kam Araui hereingehuscht. »Heute findet eine Versammlung statt, und ich will dich mitnehmen. Du musst aber in meiner Nähe bleiben und darfst dieses erste Mal nichts unternehmen. Das musst du mir versprechen.« Dorian versprach es, und Araui gab ihm einige Verhaltensmaßregeln. Im Wesentlichen sollte Dorian den Mund halten, das tun, was die andern auch taten, und auf keinen Fall auffallen. Schwierig war lediglich, dass Dorian den melanesischen Dialekt nicht verstand, der bei der Versammlung gesprochen wurde. Der Dämonenkiller beherrschte zwar eine Menge Sprachen, die er in diesem Leben und in seinen vorigen gelernt hatte, doch Südseeinseldialekte gehörten nicht dazu. Araui wollte Dorian in einem nahen Kokoswald treffen. Er ging und verließ das Bordell durch eine Geheimtür. Der Dämonenkiller fand Araui in dem Kokospalmenhain. Mittlerweile war die Nacht hereingebrochen, aber die Sterne standen hell und klar am Himmel und leuchteten. Die Mondsichel hing über den Palmen, und das Kreuz des Südens funkelte. Im Sternenschein sah die Insel besonders schön und romantisch aus. Es duftete nach Humus, Pflanzen und Blumen. Man konnte kaum glauben, dass ein dämonisches Schauspiel bevorstand. Araui gab Dorian wortlos eine Dukduk-Maske, und der Dämonenkiller setzte sie auf, nachdem er einen Tiputa über seine Kleider gezogen hatte. Dorians Hände waren von der Sonne braungebrannt und bei Nacht konnte man den Farbunterschied zum Teint der Melanesier nicht bemerken. Lediglich Dorians Größe – er maß immerhin einen Meter neunzig – war jetzt noch auffallend. Araui sagte ihm, er sollte sich gebückt halten. Auch der Zauberer setzte nun die hohe, spitze Maske auf, dann wanderten die beiden Männer durch den Palmenhain zum Versammlungsort am Berghang. Bald trafen sie andere Dukduk. Schweigend tauchten Gestalten mit den charakteristischen Spitzmasken aus der Dunkelheit auf und wanderten auf schmalen Pfaden durch den dichten Dschungel.
Im Regenwald wuchsen Farne und Gestrüpp dicht und ineinander verfilzt am Boden. Insekten und Moskitos summten. Das Rufen der Nachtvögel war zu hören. Größere Raubtiere gab es hier nicht und nur wenige Schlangenarten, von denen lediglich eine oder zwei giftig waren. Mit der grünen Hölle des Amazonas war der Dschungel hier nicht zu vergleichen. Nach einer Stunde anstrengenden Marsches – es ging steil bergauf – erreichten sie den Versammlungsplatz. Eine große Lichtung war mit Bastmatten verhängt. Man sah Feuerschein hindurchleuchten. Beim Eingang standen zwei Wächter mit Schnellfeuergewehren. Sie trugen ebenfalls Dukduk-Masken. Dorian murmelte wie die anderen die Losung – Moko-mokai – und trat auf den Versammlungsplatz. In der Mitte brannte ein großes Feuer, in den vier Ecken jeweils ein kleines. An die zweihundert Dukduk hatten sich bereits versammelt. Einige unmaskierte Mitglieder des Geheimbundes sorgten für die rituelle Musik. Sie ließen brummende, summende Schwirrhölzer herumwirbeln, so schnell, dass ein flirrender Kreis um ihren Kopf entstand. Flöten wurden gespielt, verschiedene Trommeln geschlagen und Rasseln geschwungen. Dorian sah Schlitz- und Maultrommeln und bemerkte einen Mann, der ein einfaches Schenkelxylophon schlug. Es war eine seltsame, exotische Musik, rhythmisch, aufpeitschend und wild – sie passte zu diesem Geheimbundtreffen. Die nackten Oberkörper der Musikanten waren schweißüberströmt … Die starren Augen verrieten, dass sie sich in Trance befanden. Dorian nahm mit Araui seinen Platz hinten an der Wand ein. Wenn er sich ein wenig reckte, konnte er die Menge gut überblicken. Die Menschen summten und wiegten die Oberkörper hin und her. Manchmal wurde aufgestampft und ein paar Mal in die Hände geklatscht: Als sich etwa vierhundert Menschen versammelt hatten, war die Versammlung vollzählig. Zum Dukduk-Bund gehörten nur Männer – Frauen durften sich bei Todesstrafe nicht auf den Versammlungen blicken lassen. Ein Dukduk trat vor – offenbar einer der Tohungas. Leidenschaftlich hielt er eine Rede, die immer wieder von Zwischenrufen, Geklatsche
und Füßetrampeln unterbrochen wurde und bei den Zuhörern Erstaunen und Besorgnis hervorrief. Dorian verstand kein Wort. Es war auch keine Gelegenheit, Araui zu fragen. Zwischen den Matten staute sich die Hitze der auf engem Raum zusammengedrängten Körper. Dorian lief unter seinen Kleidern und dem Tiputa der Schweiß über den Körper und Schweißtropfen perlten unter der vor sein Gesicht geschnallten Spitzmaske. Der Dukduk hüpfte am auflodernden Feuer umher und rief Beschwörungen und geheime Worte des Bundes. Die Schwirrhölzer brummten lauter, der Trommelklang schwoll an. Der Dukduk-Tohunga warf einige Handvoll Kräuter, die er unter seinem Tiputa hervorholte, in das Feuer. Rauch stieg auf und hüllte für Augenblicke das Feuer und seine Umgebung ein. Als er sich verzogen hatte, standen zwei Gestalten da, die zuvor noch nicht da gewesen waren. Auch sie trugen Spitzmasken, die aber breiter waren als die der Dukduk, eine kürzere Spitze aufwiesen und in einem Federbusch endeten. Die Masken saßen auf einem Gewand von Palmfächern, das den Träger umhüllte und ihn fast wie ein rundes Knäuel erscheinen ließ. »Tubuan, Tubuan!«, schrien die Dukduk und fielen nieder. Aus der Menge trat nun eine weitere Gestalt in einem Palmwedelgewand, der Dukduk-Geist. Er platzierte sich zwischen den beiden Tubuanen. Die Menge war sehr unruhig. Dorian hörte Gemurmel und aufgeregte Worte. Das Auftauchen beider Tubuane zur gleichen Zeit war ein Schock für die Dukduk. Sie erwarteten ein schlimmes und außergewöhnliches Schauspiel. Es kam auch gleich zu einem Rededuell zwischen den beiden Tubuanen. Sie umkreisten einander, und aus den Palmwedelgewändern kamen Hände hervor, die sich drohend zu Fäusten ballten und Beschwörungen vollführten. Aus dem Gewand des einen Tubuan huschte eine leuchtende Schlange und kroch rasend schnell auf den andern zu. Aber ein schwarzer Adler stieß vom Himmel herab, packte die Schlange und entschwand mit ihr in die Lüfte. Mit donnernder Stimme rief der eine Tubuan ein paar Worte, dann sprach der andere. Seine Stimme klang nicht minder drohend und unmenschlich.
Dorians Blicke huschten von einem Tubuan zum andern. Konnte sich unter einer dieser Maskeraden Coco Zamis verbergen? Viel Weibliches konnte der Dämonenkiller an diesen beiden als weiblich geltenden Geistern nicht erkennen. Der Dukduk war offensichtlich zwischen den beiden Tubuanen hin und her gerissen. Dukduk-Anhänger brachten nun Opfergaben – Früchte, Schweine und Hühner mit zusammengebundenen Beinen sowie ein gefesseltes junges Mädchen, das keinen Faden am Leib trug und an allen Gliedern zitterte. Sie legten die Gaben vor den beiden Tubuanen nieder. Die Musikinstrumente waren jetzt fast verstummt, bildeten nur noch die Untermalung. Die beiden Tubuane stritten um die Opfer. Ein Disput entbrannte. Plötzlich beschwor jeder von ihnen etwas, das Feuer flammte gewaltig auf. Eine glühende Lohe umschloss Tubuane, Dukduk und Opfer. Aber selbst die vordersten Dukduk-Anhänger spürten keine Hitze. Als die Feuerlohe zusammenfiel, waren die Tubuane und alles andere spurlos verschwunden. Lediglich der Dukduk stand noch am Feuer. Er flüchtete mit einem klagenden Schrei in die verstörte Menge und verschwand darin. Die Musikinstrumente spielten wieder lauter. Die Menge erhob sich, besorgt und verwirrt. Es wurden noch ein Sprechgesang und ein einfacher Stampftanz aufgeführt, aber Dorian merkte, dass keiner mit den Gedanken bei der Sache war. Dann verließ die Menge das Mattenviereck und verschwand in den Dschungel. Es war kurz nach zwei Uhr morgens. Ein Dukduk nach dem andern trennte sich von der Gruppe, verschwand wortlos, bis endlich Dorian und Araui allein waren. Im Palmenhain nahmen sie die Masken ab. Dorian war froh, endlich den Tiputa loszuwerden. Seine Sachen waren durchgeschwitzt. »Was hat das Erscheinen gleich zweier Tubuane zu bedeuten?« »So etwas hat es noch nie gegeben«, sagte der Dukduk. »Es ist ein schlimmes Vorzeichen. Wenn die beiden Tubuane sich treffen und bekämpfen, dann wird ein Ungeheuer kommen und die Bewohner ganzer Inseln fressen, so sagt die alte Prophezeiung, denn dann ist die ganze Schöpfung in Unordnung geraten. Bald wird es zu einem Kampf der beiden Tubuane kommen, dem alle Dukduk beiwohnen
werden. Der Sieger aus diesem Kampf wird der echte große weibliche Geist sein, das Unsterbliche, das immer war und immer sein wird.« »Was haben die Tubuane miteinander gesprochen? Ich habe nichts davon verstanden.« »Wir alle waren entsetzt, denn sie haben sich wüst beschimpft. Der eine nannte den anderen einen ekelhaften Dämon mit tatauierter Narbenfratze, den die Hölle verschlingen solle für all seine Bosheiten und Gemeinheiten. Und der andere Tubuan nannte den, der ihn so bezeichnete, eine Hexe und Hure aus fernen Ländern, die in seinem Einflussbereich nichts verloren hätte. Außerdem sei sie durch ekelhafte und verabscheuungswürdige Liebe zu einem Menschen besudelt und nicht wert, zur Schwarzen Familie zu gehören.« Dorians Herz machte einen Sprung. »Und weiter?« »Der Tubuan, der zuerst gesprochen hatte, sagte nun, der andere hätte kein Recht, ihm irgendwelche Verfehlungen aus der Vergangenheit vorzuwerfen, und er sollte sich um seinen eigenen Kram kümmern. Da gäbe es gerade genug Punkte, die nicht zu einem Dämon der Finsternis passten. Er wollte ihm schon zeigen, wer der Mächtigste ist. Bald schon. Einer von ihnen sei zuviel auf der Erde, doch nicht mehr lange.« Dorian wusste jetzt, wen er vor sich gehabt hatte. Es gab keinen Zweifel mehr. Die tatauierte Narbenfratze konnte nur der Dämon Te-Ivi-o-Atea gewesen sein, der Herr der Südsee. Und der andere Tubuan musste Coco Zamis gewesen sein. Auf sie traf alles zu, was Te-Ivi-o-Atea vorgebracht hatte. »Der Kampf der Tubuane kann die ganze Insel vernichten, mit allem, was darauf ist«, sagte Dorian zu Araui. »Ich kenne einen Zauber, der den falschen Tubuan entlarvt und seine Kräfte schwächt, so dass der Echte über ihn siegen kann. Damit wären alle gerettet.« »Kann denn ein Mensch in den Kampf der Götter eingreifen?«, fragte Araui zweifelnd. »Einer der Tubuane ist eine falsche Gottheit«, antwortete der Dämonenkiller, »ein übler Dämon, der viel zu lange schon sein Spiel treibt. Er kennt und fürchtet mich. Nicht umsonst hat er verlangt,
dass ich, der große Tohunga, geopfert werden soll.« »Du bist in großer Gefahr. Man wird dich gefangen nehmen und zu Ehren des Tubuan töten.« »Das wird nicht geschehen. Ich werde auf der Hut sein. Nicht umsonst bin ich ein Tohunga. Du musst mir nur rechtzeitig Bescheid geben und mich zum Versammlungsplatz, an dem der Kampf der beiden Tubuane stattfinden soll, führen – dann werde ich das Meine tun.« Der vermeintliche Araui nickte. Mit seinen beiden Dukduk-Masken ging er davon. Der Dämonenkiller wanderte zur Stadt, von tiefer Sorge erfüllt. Te-Ivi-o-Atea war ein gefährlicher Dämon, und sicher hatte auch Olivaro seine Hände im Spiel. Er begehrte Coco, aber wenn er Gewissheit darüber erlangte, dass sie immer noch Dorian Hunter liebte, dann würde er sie gnadenlos vernichten. Dorian fuhr zum Bungalow. Obwohl er todmüde war, dauerte es lange, bis er einschlafen konnte. Schlimme Albträume quälten ihn. An einem anderen Ort überprüfte der Fürst der Finsternis den Fortschritt seiner Pläne, und eine höllische Freude erfüllte ihn.
Professor Jefferson hatte Alarm geben lassen und mit dem Oberkommando der US-Navy Kontakt aufgenommen. Takahama Yakumotu hatte an die japanische Admiralität eine lange Funkmeldung abgesetzt. Um die Mittagszeit bereits funkte der amerikanische Flugzeugträger John F. Kennedy das Forschungsschiff an. Jefferson sprach mit dem Kommandanten, Dwight T. Forbes, Commodore der US-Navy. »Ihre Geschichte mit dem Tiefseemonster wird immer toller, Professor«, sagte Forbes. »Aber etwas muss wohl daran sein, denn wir haben einen verstümmelten Funkspruch des japanischen Trawlers aufgefangen. Geben Sie uns laufend Ihre Position durch! Wir kreuzen Ihren Kurs und werden bald ebenfalls dieses Ding auf dem Radarschirm haben.« Das Forschungsschiff pflügte seit einigen Stunden mit zwanzig Knoten Geschwindigkeit durch den Ozean. Tangaroa hatte südli-
chen Kurs eingeschlagen und befand sich in der Inselwelt Mikronesiens mit seinen Tausenden von kleinen und kleinsten Inseln. Der Funkkontakt wurde beendet. Stunde um Stunde folgte das Forschungsschiff dem Tiefseemonster. Um fünfzehn Uhr meldete sich die japanische Admiralität von Yokohama aus, wobei das japanische Schlachtschiff als Funkrelaisstation diente. Die Japaner wollten von nun an alles den Amerikanern überlassen, die im Pazifik genügend Stützpunkte und eine ganze Flotte hatten. Die Japaner beschränkten sich auf die Beobachterrolle. Um siebzehn Uhr zehn erhielt Professor Jefferson eine weitere Funkmeldung – diesmal von einem Aufklärungsflugzeug. »Hier PB-Y 17, Aufklärer des Flugzeugträgers John F. Kennedy«, tönte es aus dem Funklautsprecher. »Lieutenant Dickson. Komme jetzt bald in Sichtweite und werde versuchen, ein paar Fotos von Tangaroa zu schießen. Gebt mir seine genaue Position direkt durch!« Jefferson antwortete: »Riskieren Sie nicht zu viel, Mann! Tangaroa befindet sich nach den letzten Ortungen nur zwanzig Meter unter der Wasseroberfläche.« »Deswegen bin ich ja hier. Mal sehen, vielleicht steckt er den Kopf aus dem Wasser, wenn ich auf ihn ballere.« Der Aufklärer wurde sichtbar – ein pfeilschneller Deltaflügler. Er jagte über die Schaumkronen dahin. Der Funker forderte von der Brücke die genauen Daten über Tangaroa an und gab sie an den Aufklärer weiter. Der Aufklärer drehte einen Looping und schraubte sich in den Himmel hoch. Die Besatzung des Forschungsschiffes stand an Deck und beobachtete die Stelle, an der Tangaroa sich in etwa befinden musste. Einige Männer hatten Ferngläser, die die Runde machten. Doch noch war nicht mehr zu sehen als der blaue Himmel mit den Wolken und der wogende Ozean. Der Aufklärer stieß auf das Wasser herab und fotografierte mit den Bordkameras. Einige Männer von der Besatzung des Forschungsschiffes schrien entsetzt. Es sah so aus, als würde das Raketenflugzeug auf der Wasseroberfläche zerschellen. Doch der Pilot fing es ab und zog es wieder nach oben. Einen kurzen Feuer-
schweif aus der Düse hinter sich herziehend, verschwand es in den Wolken. Kapitän Roaldsen tupfte sich den Schweiß von der Stirn. »Entweder ist dieser Bursche ein Verrückter«, sagte er, »oder einer der besten Pilot