Carl Sagan
Contact Roman
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Meike Werner
Titel der amerikanischen Originalausgabe...
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Carl Sagan
Contact Roman
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Meike Werner
Titel der amerikanischen Originalausgabe: Contact
Ungekürzte Buchgemeinschafts-Lizenzausgabe der Bertelsmann Club GmbH, Rheda-Wiedenbrück der Bertelsmann Medien (Schweiz) AG, Zug der Buchgemeinschaft Donauland Kremayr & Scheriau, Wien und der angeschlossenen Buchgemeinschaften Copyright © 1985 by Carl Sagan Die Veröffentlichung der deutschen Übersetzung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Originalverlag Simon & Schuster, New York. Copyright © deutsche Übersetzung Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachf. München 1986 Umschlag- und Einbandgestaltung: Erich Gebhardt Druck und Bindung: Wiener Verlag, Himberg bei Wien Printed in Austria 1997 Buch-Nr. 011882
Viele Jahre schon lauschen die Radioteleskope von »Projekt Argus« ins All, um Signale fremder Intelligenzen irgendwo im Universum aufzufangen. Und dann ist plötzlich Kontakt da. Aus einer Entfernung von 26 Lichtjahren übermitteln fremde Wesen der Menschheit eine Botschaft, die ein neues Zeitalter einleiten kann – oder globales Chaos. Im Zentrum des Geschehens steht die junge Wissenschaftlerin Eleanor Arroway. Sie hat eine Schlüsselrolle bei der Entzifferung der Signale, und sie setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um den Mächtigen der Erde klarzumachen, daß dieser Kontakt keine Bedrohung, sondern die größte Chance aller Zeiten ist. Mehr und mehr verknüpft sich ihr persönliches Schicksal mit der Botschaft aus dem Weltall. Eleanor ist mit dabei, als die Menschheit den ersten zögernden Schritt in den Kosmos unternimmt, wo ungeheuerliche Erkenntnisse auf sie warten und die entscheidende Begegnung stattfindet…
Für Alexandra, die im Jahr 2000 erwachsen sein wird. Mögen wir Deiner Generation eine bessere Welt hinterlassen als jene, die wir vorfanden.
Teil I Die Botschaft
Mein Herz zittert wie ein armes Blatt. Durch meine Träume wirbeln die Planeten. Die Sterne pressen sich gegen mein Fenster. Ich kreisel in meinem Schlaf. Mein Bett ist ein warmer Planet. Marvin Mercer Fünfte Klasse der Public School 153, Harlem, New York City, N.Y. (1981)
1 Transzendente Zahlen Kleine Fliege du, deinem Sommerspiel meine achtlose Hand setzte das Ziel. Gleich ich nicht auch einer Fliege wie dir? Und gleichst nicht du einem Menschen wie mir? Denn tanze und trinke und singe ich nicht, bis ein täppischer Griff die Schwinge mir bricht? William Blake Lieder der Erfahrung »Die Fliege«, Strophe 1-3 (1795)
Menschlichem Ermessen nach konnte es kein künstlich geschaffener Körper sein: Das Ding war so groß wie eine ganze Welt. Zugleich war es allerdings so merkwürdig und kompliziert geformt, so offensichtlich auf einen komplexen Zweck hin ausgerichtet, daß es nur Ausdruck einer schöpferischen Intelligenz sein konnte. Während es in einer
polaren Umlaufbahn um den großen blauweißen Stern glitt, sah es aus wie ein riesiges, unvollkommenes Polyeder, das mit einer Kruste aus Millionen klettenförmiger Gebilde überzogen war. Die Klettenkugeln waren auf die verschiedenen Sektoren des Himmels gerichtet. Sie erfaßten alle Himmelskonstellationen. Seit Äonen erfüllte diese polyedrische Welt ihre rätselhafte Aufgabe. Sie war sehr geduldig. Sie konnte es sich leisten, ewig zu warten.
Als man sie herauszog, schrie sie kein einziges Mal. Ihre winzige Stirn war runzelig, die Augen hatte sie weit aufgerissen. Sie schaute in die hellen Lichter und auf die weißund grüngekleideten Gestalten und die Frau, die unter ihr auf dem Tisch lag. Seltsam vertraute Klänge fluteten durch den Raum. Für ein Neugeborenes hatte ihr Gesicht einen eigentümlichen Ausdruck – es mochte Verwirrung sein. Als sie zwei Jahre alt war, streckte sie immer wieder ihre Ärmchen in die Höhe und sagte dazu artig: »Papa, hoch.« Seine Freunde waren überrascht. Das kleine Mädchen war so höflich. »Das ist nicht Höflichkeit«, sagte ihr Vater zu ihnen. »Früher hat sie immer geschrien, wenn sie auf den Arm genommen werden wollte. Deshalb habe ich einmal zu ihr gesagt: Ellie, du brauchst nicht zu schreien. Sag einfach: ›Papa, hoch.‹ Kinder sind so gescheit. Stimmt’s, meine Kleine?« Jetzt war sie also richtig hoch droben, saß in schwindelnder Höhe auf den Schultern ihres Vaters und griff in sein schütteres Haar. Hier oben fühlte sie sich viel wohler und sicherer als da unten, wo sie durch einen Wald von Beinen krabbeln mußte. Da konnte man getreten werden oder gar verlorengehen. Sie packte noch fester zu.
Als sie vom Affenkäfig fortgingen und um die nächste Ecke bogen, sahen sie ein großes, geflecktes Tier mit dürren Beinen, einem langen Hals und kleinen Hörnchen auf dem Kopf. Das Tier überragte sie wie ein Turm. »Weil sein Hals so lang ist, kann das, was es sagt, nicht herauskommen«, sagte ihr Vater. Das arme, zum Schweigen verurteilte Tier tat ihr leid. Aber gleichzeitig freute sie sich, daß es so etwas gab. Solche Wunder begeisterten sie. »Versuch es, Ellie«, drängte ihre Mutter sanft. In der vertrauten Stimme schwang übermütiger Stolz. »Lies es uns vor.« Die Schwester der Mutter hatte nicht glauben wollen, daß Ellie mit drei Jahren schon lesen konnte. Die Tante war überzeugt gewesen, daß Ellie die Kindergeschichten auswendig gelernt hatte. Es war ein kühler Märztag, sie waren die State Street entlanggebummelt und zuletzt vor einem Schaufenster stehengeblieben. Hinter der Scheibe glitzerte ein burgunderroter Stein im Sonnenlicht. »Juwelier«, las Ellie langsam, und alle drei Silben waren deutlich zu hören. Schuldbewußt schlich sie ins Gästezimmer. Das alte MotorolaRadio stand auf dem Regal, genau wie sie es in Erinnerung hatte. Der Apparat war groß und schwer. Fest an die Brust gedrückt holte Ellie ihn herunter und hätte ihn dabei fast fallen lassen. Hinten auf dem Radio war zu lesen: »Achtung! Rückwand nicht entfernen.« Aber sie wußte, daß keine Gefahr bestand, wenn der Stecker nicht in der Dose war. Aufgeregt fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen, als sie die Schrauben entfernte und das Innere des Radios freilegte. Wie sie geahnt hatte, fand sie keine winzigen Orchester und Miniatursprecher, die in dem Gehäuse ein geruhsames Leben führten und nur darauf warteten, daß der Kippschalter auf »an«
geschaltet wurde. Statt dessen entdeckte sie wunderschöne Glasröhren, die Glühbirnen ähnelten. Einige sahen sogar aus wie die Kirchtürme, die sie auf Bildern in einem Buch über Moskau gesehen hatte. Die Metallstifte paßten mit ihren unteren Enden genau in die Buchsen, in die sie gesteckt waren. Sie ließ die Rückwand offen und stellte den Schalter auf »an«. Dann steckte sie den Stecker in die nächste Steckdose. Wenn sie nichts anfaßte und nirgends zu nahe dranging, dann konnte ihr doch wohl nichts passieren? Kurz darauf begannen die Röhren zwar zu glühen, aber dennoch war kein Ton zu hören. Das Radio war »kaputt« und schon vor einigen Jahren gegen ein neueres Modell ausgetauscht worden. Eine der Röhren glühte nicht. Ellie zog den Stecker aus der Steckdose und zerrte die nicht funktionierende Röhre aus ihrer Buchse. In der Röhre steckte ein viereckiges Metallblättchen, das an winzigen Drähten befestigt war. Der Strom fließt also durch die Drähte, dachte sie. Aber zuerst muß er in die Röhre kommen. Einer der Metallstifte sah verbogen aus, und mit ein bißchen Mühe konnte sie ihn wieder geradebiegen. Sie setzte die Röhre wieder ein und steckte den Stecker in die Steckdose. Sie war entzückt, als die Röhre zu glühen begann. Plötzlich zischte und brummte es. Erschrocken schaute Ellie zur geschlossenen Tür hinüber und drehte den Ton leiser. Als sie an dem Knopf drehte, auf dem »Frequenz« stand, hörte sie auf einmal eine aufgeregte Stimme, die – soweit sie etwas verstehen konnte – über eine russische Maschine sprach, die hoch droben am Himmel flog und unaufhörlich um die Erde kreiste. Unaufhörlich, dachte Ellie. Sie drehte auf der Skala weiter, um zu einem anderen Sender zu kommen. Aus Furcht, entdeckt zu werden, zog sie nach einer Weile den Stecker wieder heraus, schraubte die Rückwand wieder lose an und hievte das Radio mühsam auf seinen Platz im Regal zurück.
Als sie ein wenig außer Atem aus dem Gästezimmer kam, lief sie ihrer Mutter in die Arme und fuhr wieder erschrocken zusammen. »Alles in Ordnung, Ellie?« »Ja, Mama.« Sie machte ein gleichgültiges Gesicht, obwohl ihr Herz wie wild klopfte und ihre Hände feucht wurden. Sie setzte sich in dem kleinen Garten hinter dem Haus auf ihren Lieblingsplatz, zog die Knie ans Kinn und dachte über das Innere des Radios nach. Ob man diese Röhren wirklich alle brauchte? Was geschah, wenn man sie sie eine nach der anderen herausnahm? Ihr Vater hatte die Röhren einmal Vakuumröhren genannt. Was steckte in einer Vakuumröhre? War da wirklich keine Luft drin? Wie kamen die Musik und die Stimmen der Sprecher in das Radio hinein? Die Erwachsenen sagten immer, »durch die Luft«. Wurden Radiosendungen wirklich durch die Luft übertragen? Was passierte in dem Radioapparat, wenn man den Sender wechselte? Was war eine »Frequenz«? Warum mußte man den Stecker in die Steckdose stecken, damit es funktionierte? Konnte man eine Art Landkarte zeichnen, auf der zu sehen war, wie der Strom durch das Radio floß? Konnte man es auseinandernehmen, ohne sich dabei wehzutun? Und wie baute man es dann wieder zusammen? »Was beschäftigt dich, Ellie?« fragte ihre Mutter, die herausgekommen war, um Wäsche aufzuhängen. »Ach nichts, Mama. Ich denke einfach nur so.« Als Ellie zehn Jahre alt war, besuchte sie in den Sommerferien zwei Cousins, die sie nicht leiden konnte, in einer an einem See auf der nördlichen Halbinsel Michigans gelegenen, öden Neubausiedlung. Warum Menschen, die an einem See in Wisconsin lebten, sich fünf Stunden ins Auto setzen mußten, um zu einem See im benachbarten Michigan zu fahren, war
Ellie ein Rätsel. Zumal es nur darum ging, zwei biestige, kindische Jungen zu besuchen. Zehn und elf waren sie erst. Sie ging ihnen den ganzen Sommer aus dem Weg. In einer schwülen, mondlosen Nacht ging sie nach dem Essen allein zu dem hölzernen Landesteg hinunter. Ein Motorboot war gerade vorbei gefahren, und das Ruderboot ihres Onkels, das am Steg angebunden war, schaukelte sanft in dem vom Glanz der Sterne versilberten Wasser. In der Ferne waren Zikaden zu hören, und einmal drang kaum hörbar das Echo eines Schreies über den See; sonst war es vollkommen still. Sie sah hinauf zum funkelnden Sternenhimmel und fühlte, wie ihr Herz pochte. Ohne nach unten zu schauen, tastete sie mit der ausgestreckten Hand nach einem Fleckchen weichen Grases und ließ sich darauf nieder. Der Himmel war übersät mit Tausenden von Sternen. Die meisten funkelten unstet, doch einige leuchteten strahlend hell und gleichmäßig. Wenn man genau hinsah, konnte man sogar zarte Farben erkennen. Der helle Stern dort, schimmerte er nicht bläulich? Mit der Hand vergewisserte sie sich, daß der Boden unter ihr noch da war. Die Erde fühlte sich fest, verläßlich und beruhigend an. Vorsichtig richtete sie sich auf, sah nach beiden Seiten und am Seeufer entlang, das in weitem Bogen vor ihr ausgebreitet lag. Sie konnte das gegenüberliegende Ufer sehen. Die Erde sieht nur platt aus, dachte sie. In Wirklichkeit ist sie rund. Sie ist eine große Kugel… die sich mitten im Himmel um sich selber dreht… einmal jeden Tag. Ellie versuchte sich vorzustellen, wie die Erde mit den Millionen von Menschen herumwirbelte, die alle auf ihr klebten, verschiedene Sprachen sprachen und lustige Kleider trugen. Sie alle hingen an derselben Kugel. Ellie streckte sich wieder aus und versuchte zu spüren, wie sie herumwirbelte. Vielleicht konnte sie es ein bißchen fühlen.
Über dem Seeufer funkelte zwischen den Baumkronen ein heller Stern. Wenn sie die Augen zusammenkniff, konnte sie in dem schmalen Spalt Lichtstrahlen tanzen lassen. Kniff sie die Augenlider noch mehr zusammen, dann änderten die Strahlen gehorsam ihre Länge und Form. Bildete sie sich das nur ein, oder… Der Stern stand jetzt eindeutig über den Bäumen. Vorhin hatte er noch zwischen den Zweigen gefunkelt. Kein Zweifel, jetzt stand er höher. Das meinte man also, wenn man sagte, daß ein Stern aufging. Die Erde drehte sich in die Richtung, in der am Himmel die Sterne aufgingen. Diese Richtung wurde Osten genannt. Am anderen Ende des Himmels, hinter ihr, jenseits der Siedlung, gingen die Sterne unter. Diese Richtung hieß Westen. Einmal täglich drehte sich die Erde um sich selbst, und dieselben Sterne gingen wieder am selben Ort auf. Aber wenn sich etwas so Riesiges wie die Erde einmal täglich drehte, mußte sie sich unglaublich schnell bewegen. Alle Leute, die sie kannte, mußten mit einer unglaublichen Geschwindigkeit herumwirbeln. Sie meinte jetzt tatsächlich zu spüren, wie sich die Erde drehte – nicht nur als Vorstellung im Kopf, sondern als wirkliches Gefühl in der Magengrube. Es war, als ob man in einem Fahrstuhl nach unten fuhr. Sie streckte den Hals noch weiter nach hinten, bis nichts mehr auf der Erde in ihr Blickfeld hereinragte und sie nur noch den schwarzen Himmel und die leuchtenden Sterne sah. Ein angenehmes Schwindelgefühl überkam sie. Unwillkürlich packte sie die Grasbüschel neben sich, um sich an der Erde und am Leben festzuhalten und nicht in den Himmel zu fallen. Ihr kleiner, bebender Körper kam ihr noch winziger vor angesichts des riesigen, dunklen Himmels. Ein Schrei entfuhr ihr, bevor sie den Handrücken auf den Mund pressen konnte. So verriet sie ihren Cousins, wo sie zu finden war. Sie kamen die Böschung heruntergeklettert und auf
Ellie zugelaufen. Auf Ellies Gesicht spiegelte sich eine eigenartige Mischung aus Verlegenheit und Staunen. Gierig musterten sie Ellie. Vielleicht hatte sie sich eine Kleinigkeit zuschulden kommen lassen, von der sie Ellies Eltern berichten konnten. Das Buch war besser als der Film. Zum einen stand viel mehr drin. Und dann waren einige Bilder auch völlig anders als im Film. Beidemal allerdings trug Pinocchio – eine lebensgroße Holzpuppe, die auf wunderbare Weise zum Leben erweckt wird – einen Strick um den Hals, und seine Gelenke sahen aus wie Scharniere. Geppetto, der gerade letzte Hand an die Konstruktion Pinocchios legen will, dreht der Puppe den Rücken zu und wird im nächsten Moment mit einem wohlgezielten Tritt quer durch den Raum befördert. Im selben Augenblick kommt der Freund des Tischlers herein und fragt ihn, was er da ausgestreckt auf dem Boden mache. »Ich bringe den Ameisen das Alphabet bei«, antwortet Geppetto würdevoll. Ellie fand das sehr witzig und erzählte es gern ihren Freunden weiter. Aber jedes Mal, wenn sie es erzählte, blieb im hintersten Winkel ihres Kopfes die unausgesprochene Frage zurück: Konnte man den Ameisen wirklich das Alphabet beibringen? Und wollte man das überhaupt? Sich da unten auf den Boden legen mitten in ein Gewimmel von Hunderten von Insekten, die einem dann überall auf der Haut herumkrabbelten und einen womöglich sogar bissen? Waren Ameisen denn überhaupt so gescheit? Manchmal, wenn Ellie mitten in der Nacht aufstand und ins Badezimmer ging, traf sie dort auf ihren Vater, der, in Pyjamahosen und mit lang gestrecktem Hals, die Oberlippe in einer Art aristokratischer Herablassung unter der Rasiercreme
gekräuselt, in den Spiegel blickte. »Hallo, mein Mädchen«, sagte er dann. Sie liebte es, wenn er sie so nannte. Aber warum rasierte er sich mitten in der Nacht? Nachts merkte es doch niemand, wenn er unrasiert war. »Weil«, sagte er mit einem Lächeln, »es deine Mutter merken würde.« Erst Jahre später entdeckte sie, daß sie sein vergnügtes Lachen damals nicht ganz verstanden hatte. Ihre Eltern hatten sich geliebt. Nach der Schule war Ellie mit dem Fahrrad zu dem kleinen Park am Seeufer gefahren. Aus der Satteltasche holte sie das Handbuch für Radioamateure und Mark Twains Roman Ein Yankee aus Connecticut an König Artus’ Hof. Sie überlegte kurz und entschied sich dann für letzteres. Der Held im Buch Mark Twains hatte einen Schlag auf den Schädel bekommen und war in König Artus’ England wiedererwacht. Vielleicht war das alles für ihn nur ein Traum oder eine Sinnestäuschung. Aber vielleicht war es auch Wirklichkeit. War es möglich, in die Vergangenheit zu reisen? Mit angezogenen Knien und aufgestütztem Kinn blätterte Ellie nach ihrer Lieblingsstelle. Es war die Passage gleich am Anfang der Geschichte, in der der Held des Buches von einem Mann mitgenommen wird, der eine Ritterrüstung trägt und den er deshalb für einen aus einer Irrenanstalt der Gegend entsprungenen Verrückten hält. Als die beiden oben auf dem Bergrücken ankommen, sehen sie eine Stadt unter sich ausgebreitet: ›»Bridgeport?‹ sagte ich…« »›Camelot‹, sagte er.« Ellie starrte auf den blauen See hinaus und versuchte, sich eine Stadt vorzustellen, die sowohl das Bridgeport des neunzehnten als auch das Camelot des sechsten Jahrhunderts hätte sein können. Plötzlich hörte sie ihre Mutter, die auf sie zugelaufen kam.
»Ich habe dich überall gesucht. Warum bist du nie da, wo ich dich finden kann? O Ellie«, flüsterte die Mutter, »etwas Furchtbares ist passiert.« In der siebten Klasse nahmen sie »Pi« durch. Das war ein griechischer Buchstabe, der aussah wie die Architektur von Stonehenge in England: zwei senkrechte Pfeiler mit einem Querbalken oben drauf – n. Wenn man den Umfang eines Kreises maß und durch den Durchmesser des Kreises teilte, dann erhielt man Pi. Zu Hause nahm Ellie den Deckel eines Mayonnaiseglases, wickelte eine Schnur darum, legte dann die Schnur der Länge nach hin und maß mit einem Lineal den Kreisumfang. Dasselbe machte sie mit dem Durchmesser, und ohne zu kürzen teilte sie die eine Zahl durch die andere. Sie bekam 3,21 heraus. Das schien ja recht einfach zu sein. Am nächsten Tag erklärte der Lehrer, Mr. Weisbrod, daß p ungefähr 3,1416 betrug. Aber wenn man ganz genau sein wollte, setzten sich die Dezimalen endlos fort, ohne daß sich eine bestimmte Zahlenkombination wiederholte. Endlos, dachte Ellie. Sie hob die Hand. Das Schuljahr hatte gerade erst begonnen, und sie hatte bisher im Mathematikunterricht noch keine einzige Frage gestellt. »Woher weiß man, daß die Zahlen hinter dem Komma endlos weitergehen?« »Das ist einfach so«, erwiderte der Lehrer streng. »Aber warum? Woher weiß man das? Wie kann man denn die Zahlen hinter dem Komma ewig weiterzählen?« »Miß Arroway«, sagte er mit einem Blick auf den Klassenspiegel, »das ist eine dumme Frage. Sie vergeuden unsere Zeit.« Nie zuvor hatte jemand Ellie als dumm bezeichnet. Sie brach in Tränen aus. Billy Horstman, der neben ihr saß, streckte vorsichtig seine Hand aus und legte sie auf ihre. Sein Vater war erst vor kurzem angeklagt worden, die Kilometerzähler
der Gebrauchtwagen, die er verkaufte, zu frisieren, deshalb wußte Billy, was öffentliche Demütigung bedeutete. Ellie rannte schluchzend aus dem Klassenzimmer. Nach der Schule radelte sie zur Bibliothek des nahegelegenen College, um sich Bücher über Mathematik anzusehen. Soweit sie aus dem Gelesenen schließen konnte, war ihre Frage gar nicht so dumm gewesen. Die alten Hebräer hatten – so die Bibel – offensichtlich geglaubt, daß p exakt drei entsprach. Auch Griechen und Römer, die viel von Mathematik verstanden, hatten keine Ahnung, daß sich bei p die Zahlenstellen ewig fortsetzten, ohne sich zu wiederholen. Dieses Faktum war erst vor ungefähr 250 Jahren entdeckt worden. Wie konnte man von ihr erwarten, das zu wissen, wenn sie keine Fragen stellen durfte? Aber bei den ersten Stellen nach dem Komma hatte Mr. Weisbrod recht gehabt. Pi war nicht 3,21. Vielleicht war der Deckel des Mayonnaiseglases ein bißchen eingedrückt gewesen, so daß es kein vollkommener Kreis gewesen war. Oder sie hatte die Schnur ungenau gemessen. Aber selbst wenn sie noch viel sorgfältiger gewesen wäre, konnte man doch nicht von ihr erwarten, daß sie eine unendliche Anzahl von Dezimalstellen hinter dem Komma messen konnte. Man konnte Pi allerdings auch noch anders finden: Berechnen konnte man Pi so exakt, wie man wollte. Wenn man etwas von Infinitesimalrechnung verstand, konnte man Formeln für Pi entwickeln, mit denen man es bis auf so viele Dezimalstellen berechnen konnte, wie man Zeit darauf verwandte. In einem der Bücher standen Formeln für die Berechnung von Pi dividiert durch vier. Mit einem Teil dieser Formeln konnte Ellie überhaupt nichts anfangen. Von anderen wiederum war sie fasziniert. Eifrig probierte Ellie die Formeln aus, indem sie die Brüche im Wechsel addierte und subtrahierte. Exakt konnte man es nie berechnen, aber wenn man sehr geduldig war, kam man so nah daran heran, wie man
wollte. Es erschien Ellie wie ein Wunder, daß jeder Kreis auf der Welt mit dieser Reihe von Brüchen in Verbindung stand. Wie konnten Kreise nur wissen, daß es solche Brüche gab? Sie war entschlossen, sich die Infinitesimalrechnung beizubringen. In dem Buch stand noch etwas anderes: p wurde als »transzendente« Zahl bezeichnet. Es gab für p keine Gleichung aus gewöhnlichen Zahlen, die nicht unendlich lang war. Ellie hatte sich selbst schon etwas Algebra beigebracht und verstand deshalb, was das bedeutete. Und p war nicht die einzige transzendente Zahl. In Wirklichkeit gab es unendlich viele transzendente Zahlen, ja, sogar unendlich mehr transzendente als gewöhnliche Zahlen, selbst wenn p die einzige war, von der sie je gehört hatte. Damit war p in mehr als einer Hinsicht mit der Unendlichkeit verknüpft. Ellie hatte einen Blick auf ein Gebiet ehrfurchtgebietender Dimensionen geworfen. Versteckt zwischen all den gewöhnlichen Zahlen gab es unendlich viele transzendente Zahlen, deren Vorhandensein man niemals vermutet hätte, wenn man nicht einen tiefen Blick in die Mathematik tat. Hin und wieder tauchte eine von ihnen, wie p zum Beispiel, ganz unerwartet im alltäglichen Leben auf. Aber die meisten – unendlich viele, wie sie jetzt wußte – versteckten sich, kümmerten sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten und waren mit ziemlicher Sicherheit dem so leicht erregbaren Mr. Weisbrod völlig unbekannt. Ellie durchschaute John Staughton von Anfang an. Wie ihre Mutter auch nur hatte daran denken können, ihn zu heiraten, war ihr ein unergründliches Rätsel – was nichts damit zu tun hatte, daß ihr Vater erst zwei Jahre tot war. Zwar sah John Staughton ganz gut aus, und wenn er sich Mühe gab, konnte er auch so tun, als ob er sich etwas aus anderen Menschen machte. Aber er nützte die Menschen aus. Übers Wochenende ließ er seine Studenten kommen, damit sie im Garten des
neuen Hauses, in das sie gezogen waren, Unkraut jäteten und andere Arbeiten verrichteten. Und wenn sie gegangen waren, machte er sich über sie lustig. Ellie, die gerade auf die High School gekommen war, riet er, sich bloß ja von seinen gescheiten jungen Männern fernzuhalten. Er war ein aufgeblasener und eingebildeter Wichtigtuer. Ellie war überzeugt, daß er als Professor ihren verstorbenen Vater heimlich verachtete, weil der nur ein kleiner Ladenbesitzer gewesen war. Staughton hatte ihr ganz klar gesagt, daß es für ein Mädchen nicht in Frage komme, sich für Radios und Elektrotechnik zu interessieren, daß sie damit keinen Mann bekäme und daß es überhaupt dumm und abwegig von ihr sei, Physik verstehen zu wollen. »Anmaßend« nannte er das. Dazu fehlten ihr die Fähigkeiten. Das sei eine objektive Tatsache, mit der sie sich ebensogut abfinden könne. Er sage ihr das nur zu ihrem Besten. Sie werde ihm später noch dankbar dafür sein. Schließlich sei er Professor für Physik. Und er wisse, was dazu gehöre. Solche Moralpredigten machten Ellie wütend, obwohl sie bis zu dieser Zeit noch nie daran gedacht hatte, eine naturwissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen, auch wenn ihr Staughton das nicht glauben wollte. Er war nicht sanft, wie ihr Vater gewesen war, und hatte auch überhaupt keinen Sinn für Humor. Wenn sie jemand für Staughtons Tochter hielt, wurde sie furchtbar wütend. Weder ihre Mutter noch ihr Stiefvater schlugen ihr je vor, den Namen Staughton anzunehmen. Sie wußten, was sie darauf geantwortet hätte. Nur gelegentlich zeigte der Mann ein wenig Wärme. Zum Beispiel, als er ihr nach ihrer Mandeloperation ein wunderschönes Kaleidoskop mit ins Krankenhaus brachte. »Wann werde ich operiert?«, hatte Ellie ihn ein wenig schläfrig gefragt.
»Es ist schon alles vorbei«, hatte Staughton geantwortet. »Bald bist du wieder gesund.« Ellie fand es sehr beunruhigend, daß man ihr ganze Zeitabschnitte rauben konnte, ohne daß sie es merkte, und sie gab ihm die Schuld daran. Schon damals war ihr klar, daß das eigentlich kindisch war. Daß ihre Mutter ihn wahrhaft lieben konnte, war ihr unbegreiflich. Sicher hatte sie sich aus Einsamkeit und Schwäche wieder verheiratet. Sie brauchte einfach jemand, der sich um sie kümmerte. Ellie schwor, sich niemals in eine solche Abhängigkeit zu begeben. Ihr Vater war tot, ihre Mutter war ihr fremd geworden, und sie selbst fühlte sich verbannt in das Haus eines Tyrannen. Da war niemand mehr, der sie sein Mädchen nannte. Ellie wünschte sich nichts sehnlicher, als dem allen zu entfliehen. »›Bridgeport?‹ sagte ich.« »›Camelot‹, sagte er.«
2 Kohärentes Licht
Seit ich denken kann, verspüre ich einen so starken und heftigen Drang nach Gelehrsamkeit in mir, daß weder die Ermahnungen anderer… noch meine eigenen Überlegungen mich davon abhalten konnten, dieser natürlichen Neigung nachzugehen, die mir Gott gegeben hat. Er allein weiß den Grund; er weiß auch, wie heiß und innig ich ihn darum gebeten habe, das helle Licht des Verstehens von mir zu nehmen und nur so viel davon zu lassen, wie ich brauche, um nach seinem Gebot zu leben. Denn es gibt Menschen, die sagen, daß alles andere Übermaß sei für eine Frau. Manche sagen auch, daß es schädlich sei. Juana Ines de la Cruz, Antwort an den Bischof von Puebla (1691), der die Schriften dieser gelehrten Frau angriff, weil er sie als ihrem Geschlecht unangemessen erachtete.
Ich möchte dem Leser zu wohlwollender Überlegung eine Doktrin empfehlen, die ihm vermutlich unerhört paradox und umstürzlerisch erscheinen wird. Die fragliche Doktrin ist die folgende: Es ist nicht wünschenswert, an eine
Behauptung zu glauben, wenn kein Grund vorliegt, sie für wahr zu halten. Ich gebe natürlich zu, daß eine solche Anschauung, wenn sie Gemeingut würde, unser Zusammenleben und unser politisches System von Grund auf verwandeln würde, und die Tatsache, daß beide zur Zeit nicht zu beanstanden sind, dürfte gegen jene Doktrin sprechen. Bertrand Russell, Skepsis, I (1928)
Um die Äquatorialebene des blauweißen Sterns kreiste ein riesiger Ring aus Schutt – Felsbrocken, Eis, Metalle und organische Substanzen. An seiner Peripherie schimmerte der Ring rötlich, näher zum Stern hin bläulich. Durch eine Lücke in den Schichten dieses Ringes stürzte das gigantische Polyeder hindurch, um dann auf der anderen Seite wieder aufzutauchen. Im Bereich des Ringes befand es sich zeitweilig im Schatten der dahinrasenden Eisblöcke und Felsgebirge, fetzt aber, auf seiner Flugbahn zu einem Punkt über dem entgegengesetzten Pol des Sterns fortgetragen, glänzten die Millionen kugelförmigen Gebilde im Sonnenlicht. Ein genauer Beobachter hätte womöglich sehen können, wie eines davon seine Ausrichtung leicht korrigierte. Was niemand sehen konnte, waren die Radiowellen, die aus dem Polyeder in die Tiefen des Weltalls drangen.
Seit es Menschen auf der Erde gibt, ist ihnen der Nachthimmel Gefährte und Quelle der Inspiration zugleich gewesen. Die Sterne spendeten Trost. Sie zeigten, so glaubte man, daß das Himmelsgewölbe zum Wohle und zur Belehrung der
Menschheit geschaffen worden war. Diese rührend menschliche Auslegung wurde auf der ganzen Welt zu einer anerkannten Wahrheit. Sie fehlte in keiner Kultur. Manche Menschen fanden über den Himmel Zugang zu religiösen Gefühlen. Viele wurden angesichts der Herrlichkeit und Größe des Kosmos von Ehrfurcht und Demut ergriffen. Andere wurden von ihm zu Höhenflügen der Phantasie angeregt. Genau zu dem Zeitpunkt, als die Menschen die wahren Ausmaße des Universums entdeckten und merkten, daß selbst ihre farbigsten Phantasien angesichts der Dimensionen auch nur der Milchstraße blasse Schatten blieben, taten sie Schritte, die zur sicheren Folge hatten, daß ihre Nachkommen die Sterne überhaupt nicht mehr sehen konnten. Eine Million Jahre lang waren die Menschen aufgewachsen mit einem aus direkter sinnlicher Wahrnehmung herrührenden, sich täglich erneuernden Wissen um das Himmelsgewölbe. In den letzten Jahrtausenden hatten sie angefangen, Städte zu bauen und dorthin zu ziehen. Und in den letzten Jahrzehnten hatte ein Großteil der menschlichen Bevölkerung sein ländliches Leben aufgegeben. Mit dem Fortschritt der Technik und der Verschmutzung der Städte wurden die Nächte sternenlos. Neue Generationen wuchsen in völliger Unkenntnis des Himmels heran, der ihre Vorfahren noch gefesselt und das moderne Zeitalter der Wissenschaft und Technologie in Gang gesetzt hatte. Ohne auch nur zu bemerken, daß gerade für die Astronomie ein goldenes Zeitalter anbrach, schnitten sich die meisten Menschen vom Himmel ab. Die Isolation vom Kosmos fand erst mit dem Beginn der Erforschung des Weltraums ein Ende. Immer, wenn Ellie zur Venus hinaufsah, stellte sie sich vor, daß es dort vielleicht eine Welt gab, die der Erde glich – besiedelt von Pflanzen, Tieren und Zivilisationen, allerdings
ganz anderen Arten als auf der Erde. Kurz nach Sonnenuntergang stand Ellie am Rande der Stadt und sah zum nächtlichen Himmel auf. Immer wieder starrte sie fasziniert auf den stetig brennenden, hellen Lichtpunkt der Venus. Im Vergleich zu den Wolken direkt über ihr, die noch von der Sonne erleuchtet wurden, schien er fast gelb zu sein. Sie versuchte sich auszumalen, was dort oben vor sich ging. Dazu stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um dem Planeten näher zu sein. Manchmal konnte sie sich fast selbst davon überzeugen, daß sie etwas sah. Der gelbe Nebelschleier lichtete sich dann plötzlich und gab für einen Moment den Blick auf eine große Stadt aus Edelsteinen frei. Luftautos sausten zwischen den kristallenen Turmspitzen hindurch. Manchmal stellte sie sich vor, daß sie in eines dieser Autos hineinsehen und einen von denen dort oben erspähen konnte. Oder sie stellte sich einen jungen Bewohner der Venus vor, der zu einem Punkt hellen, blauen Lichts an seinem Himmel hinaufsah und sich Gedanken über die Bewohner der Erde machte. Der Gedanke war unwiderstehlich: Ein tropisch schwüler Planet, überquellend vor intelligenten Lebewesen, und sozusagen direkt vor der eigenen Haustür. Ellie fand sich damit ab, bestimmte Dinge rein mechanisch auswendig lernen zu müssen, obwohl sie wußte, daß das bestenfalls ein Abklatsch wirklicher Bildung war. Sie lernte gerade soviel, wie notwendig war, um ihre Kurse gut zu bestehen. Ansonsten ging sie eigenen Interessen nach. Sie richtete es so ein, daß sie ihre unterrichtsfreien Stunden während des Schultags und manchmal auch eine Stunde nach der Schule in der schuleigenen Werkstatt verbringen konnte. Es war eine schmutzige, enge Werkstatt, die zu einer Zeit eingerichtet worden war, als die Schulen noch größeren Wert auf eine berufsorientierte Ausbildung legten. Heute galt das nicht mehr als modern. »Berufsorientierte Ausbildung«
bedeutete, vor allem mit den Händen zu arbeiten. In der Werkstatt gab es Drehbänke, Bohrer und andere Maschinen, die Ellie freilich nicht benutzen durfte, ganz egal, ob sie dazu imstande war oder nicht, denn sie war ja nur »ein Mädchen«. Nur widerstrebend gestattete man ihr, eigenen Projekten in der elektrotechnischen Abteilung der Werkstatt nachzugehen. Dort baute sie erst aus Einzelteilen Radios zusammen und wandte sich dann interessanteren Dingen zu. Zunächst baute sie ein Chiffrierungsgerät. Die Konstruktion war simpel, aber sie funktionierte. Man konnte eine beliebige englischsprachige Nachricht einlesen und mit Hilfe eines einfachen Schlüssels in einen Text transformieren, der wie Kauderwelsch aussah. Einen Apparat zu bauen, der genau das Umgekehrte tat, also eine chiffrierte Nachricht entschlüsselte, wobei man die Ersetzungsregeln nicht kannte, war allerdings viel schwieriger. Einen solchen Apparat konnte man alle Ersetzungsmöglichkeiten durchlaufen lassen (A steht für B, A steht für C, A steht für D…), oder sich daran orientieren, daß im Englischen einige Buchstaben häufiger vorkamen als andere. Von der Häufigkeit der Buchstaben konnte man eine Vorstellung bekommen, wenn man sich in der Druckerei nebenan die Größe der Behälter für jede Letter anschaute. »ETAOIN SHRDLU«, sagten die Jungs in der Druckerei, und damit war ziemlich genau die Reihenfolge der zwölf am häufigsten gebrauchten Buchstaben des Englischen angegeben. Beim Dechiffrieren einer langen Nachricht stand dann der Buchstabe, der am häufigsten auftauchte, für ein E. Außerdem entdeckte Ellie, daß bestimmte Konsonanten die Tendenz hatten zusammenzugehen. Vokale dagegen verteilten sich mehr oder weniger zufällig. Das gebräuchlichste Wort mit drei Buchstaben war in der englischen Sprache »the«. Wenn innerhalb eines Wortes ein Buchstabe zwischen einem T und einem E stand, handelte es sich größter Wahrscheinlichkeit um
ein H. Wenn nicht, dann konnte man auf ein R oder einen Vokal wetten. Ellie leitete noch andere Regeln ab und verbrachte viele Stunden damit, die Häufigkeit von Buchstaben in verschiedenen Schulbüchern zu ermitteln, bevor sie entdeckte, daß solche Häufigkeitstabellen bereits zusammengestellt und veröffentlicht worden waren. Das Chiffrierungsgerät hatte sie nur zum eigenen Vergnügen gebaut. Sie verwendete es nicht, um Freunden geheime Nachrichten zu schicken. Sie wußte ja nicht einmal, mit wem sie offen über ihr Interesse für Elektronik und Geheimschriften hätte sprechen sollen. Die Jungen reagierten gereizt oder überheblich, und die Mädchen sahen sie nur hilflos mit großen Augen an. In einem fernen Land, das Vietnam hieß, kämpften Soldaten der Vereinigten Staaten. Mit jedem Monat, so schien es, wurden mehr junge Männer von der Straße und von den Farmen geholt und nach Vietnam verfrachtet. Je mehr Ellie über die Hintergründe des Krieges erfuhr und je mehr sie den öffentlichen Erklärungen führender Staatsmänner zuhörte, desto wütender wurde sie. Der Präsident und der Kongreß logen und mordeten, dachte sie, und fast alle anderen billigten es stillschweigend. Und als sie sah, daß ihr Stiefvater sich der offiziellen Meinung von vertraglichen Verpflichtungen, Dominotheorie und unverhüllter kommunistischer Aggression anschloß, wurden ihre Zweifel nur noch stärker. Sie fing an, Versammlungen und Kundgebungen im benachbarten College zu besuchen. Die Menschen, die sie dort kennenlernte, fand sie viel intelligenter, freundlicher und lebendiger als ihre unbeholfenen und farblosen Mitschüler von der High School. John Staughton warnte Ellie vor ihren neuen Bekannten, und zuletzt verbot er ihr geradeheraus, ihre Zeit mit den Studenten vom College zu verbringen. Die Studenten würden sie nie als gleichberechtigt anerkennen, sagte er. Im Gegenteil, man
werde sie ausnützen. Und sie selbst erhebe Anspruch auf eine Intellektualität, die sie nicht habe und niemals haben werde. Und die Art, wie sie sich anziehe, lasse auch immer mehr zu wünschen übrig. Armeekleidung sei unpassend für ein Mädchen und verlogen bei jemand, der vorgebe, sich gegen die amerikanische Intervention in Südostasien aufzulehnen. Ellies Mutter beteiligte sich – von ein paar gutgemeinten Ermahnungen, sich nicht zu »zanken«, abgesehen – kaum an den Auseinandersetzungen zwischen Ellie und Staughton. Aber wenn sie mit Ellie allein war, bat sie sie inständig, ihrem Stiefvater doch zu gehorchen und »nett« zu ihm zu sein. Ellie hatte jetzt den Verdacht, daß Staughton ihre Mutter nur wegen der Lebensversicherung ihres Vaters geheiratet hatte. Was hätte er sonst für einen Grund haben können? Er zeigte in keiner Weise, daß er sie liebte – und er selber war ja auch überhaupt nicht »nett« zu ihr. Eines Tages bat ihre Mutter sie ganz aufgeregt um etwas, das für sie alle wichtig sei: Sie sollte in die Sonntagsschule gehen. Als Ellies Vater, der Offenbarungsreligionen gegenüber skeptisch war, noch lebte, war nie die Rede von der Sonntagsschule gewesen. Wie hatte ihre Mutter Staughton nur heiraten können? Zum tausendsten Mal stellte sie sich diese Frage. Die Sonntagsschule, fuhr ihre Mutter fort, würde ihr helfen zu verstehen, was gut und richtig war, aber was noch viel wichtiger sei, Staughton würde merken, daß Ellie sich alle Mühe gab, mit ihm auszukommen. Aus Liebe und Mitleid für ihre Mutter fügte Ellie sich stillschweigend. Fast ein ganzes Schuljahr ging Ellie also jeden Sonntag zu einem Gesprächskreis in eine nahegelegene Kirche. Veranstaltet wurde der Unterricht von einer protestantischen Gruppierung, deren Mitglieder nicht von rücksichtslosem Missionseifer besessen waren. Die Teilnehmer waren Schüler der High School, Erwachsene, darunter vor allem Frauen
mittleren Alters, und die Lehrerin, die Frau des Pfarrers. Ellie hatte nie zuvor ernsthaft die Bibel gelesen und neigte dazu, dem vielleicht zu strengen Urteil ihres Vaters zuzustimmen, die Bibel sei »eine Mischung aus barbarischer Geschichte und Märchen«. Deshalb las sie an dem Wochenende vor der ersten Unterrichtsstunde die Teile des Alten Testaments, die ihr wichtig erschienen, und versuchte, dabei unvoreingenommen zu sein. Sie merkte sofort, daß es in den ersten zwei Kapiteln der Genesis zwei einander widersprechende Schöpfungsgeschichten gab. Außerdem konnte sie nicht verstehen, wie es Licht und Tag hatte werden können, bevor die Sonne erschaffen war, und sie hatte Schwierigkeiten, genau herauszufinden, wen Kain nun geheiratet hatte. Die Geschichten über Lot und seine Töchter, Abraham und Sarah in Ägypten, die Verlobung Dinas sowie Jakob und Esau verblüfften sie. Daß es in der wirklichen Welt Feigheit gab, daß Söhne ihren betagten Vater hinters Licht führten und betrogen, daß ein Mann feige der Verführung seiner Ehefrau durch den König zustimmte oder gar die Vergewaltigung seiner Töchter unterstützte, konnte sie sich vorstellen. Aber in dieser heiligen Schrift stand nicht ein einziges Wort des Protestes gegen solche Freveltaten. Im Gegenteil, Ellie hatte den Eindruck, daß die Verbrechen gebilligt, ja sogar gepriesen wurden. Als die Bibelstunde begann, war Ellie begierig, über diese verwirrenden Ungereimtheiten zu sprechen und Gottes Absicht, die das alles rechtfertigte, erklärt zu bekommen. Zumindest wollte sie erfahren, warum die Verbrechen von den Autoren oder dem einen göttlichen Autor des Buches nicht verurteilt wurden. In diesem Punkt wurde sie freilich enttäuscht. Die Frau des Pfarrers reagierte ausweichend auf ihre Fragen. Und in den späteren Gesprächen kam man dann auch nicht mehr auf diese Geschichten zu sprechen. Als Ellie fragte, wie die Dienerin der Tochter des Pharaos nur durch
Hinsehen feststellen konnte, daß der Säugling in den Binsen Jude war, wurde die Lehrerin puterrot und bat Ellie, nicht mehr so unziemliche Fragen zu stellen. Im selben Moment dämmerte Ellie die Antwort. Als sie zum Neuen Testament übergingen, wurde Ellies Unbehagen noch größer. Matthäus und Lukas verfolgten die Linie der Vorfahren von Jesus bis auf König David zurück. Während bei Matthäus nur achtundzwanzig Generationen zwischen Jesus und David lagen, waren es bei Lukas dreiundvierzig. Und unter den Namen der beiden Stammbäume gab es kaum gemeinsame. Wie konnten also sowohl das Matthäusevangelium als auch das Lukasevangelium das Wort Gottes sein? Ellie sah in den widersprüchlichen Ahnenreihen den offenkundigen Versuch, die Prophezeiung Jesajas im nachhinein den Fakten anzugleichen – im Chemielabor nannte man das »Daten frisieren«. Tief ergriffen war sie von der Bergpredigt, zutiefst enttäuscht aber von der Ermahnung »Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist«. Und als die Lehrerin zweimal ihrer Frage nach der Bedeutung von »Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert« auswich, brach sie vor Wut und Enttäuschung in Tränen aus. Ihrer völlig ratlosen Mutter teilte sie mit, daß sie ihr Bestes getan habe, daß aber keine zehn Pferde sie noch einmal in die Sonntagsschule brächten. Ellie lag auf ihrem Bett. Es war eine heiße Sommernacht, und im Radio sang Elvis »One night with you, that’s what I’m beggin’ for«. Die Jungen von der High School waren so schrecklich albern, und Freundschaften mit den jungen Männern vom College aufzubauen, die sie bei Vorträgen und Kundgebungen kennenlernte, war schwierig und wurde zusätzlich erschwert durch das abendliche Ausgehverbot und alle anderen Verbote ihres Stiefvaters. Insgeheim mußte sie
zugeben, daß John Staughton zumindest in einem Punkt recht hatte: Die jungen Männer dachten auch ihr gegenüber fast immer zuerst an Sex. Gleichzeitig stellte Ellie aber fest, daß sie in ihren Gefühlen viel verletzlicher waren, als sie erwartet hatte. Vielleicht hing ja das eine mit dem anderen zusammen. Ellie hatte sich schon halbwegs damit abgefunden, nicht aufs College gehen zu können. Dennoch war sie fest entschlossen, von zu Hause auszuziehen. Staughton würde ihr dafür keinen Pfennig zahlen, und die schüchternen Fürbitten ihrer Mutter blieben fruchtlos. Aber Ellie hatte bei den landesweiten Aufnahmeprüfungen fürs College außerordentlich gut abgeschnitten, und ihre Lehrer teilten ihr zu ihrer Überraschung mit, daß ihr wahrscheinlich ein paar bekannte Universitäten ein Stipendium anbieten würden. Sie hatte bei vielen Multiple-choice-Fragen einfach geraten und hielt ihre Leistung deshalb für das Ergebnis eines glücklichen Zufalls. Wenn man sehr wenig wußte, hatte sie sich ausgerechnet, aber genug, um bei den Fragen alle Antworten bis auf die zwei wahrscheinlichsten ausschließen zu können, so war bei zehn Fragen die Chance eins zu tausend, daß man alle zehn richtig löste. Bei zwanzig Fragen lagen die Chancen bei eins zu einer Million. Aber ungefähr eine Million Schüler machten den Test. Einer unter ihnen mußte also der Glückliche sein. Cambridge in Massachusetts war weit genug weg, um John Staughtons Einfluß zu entkommen, und nah genug, um die Mutter in den Ferien besuchen zu können. Für die Mutter war es nicht leicht, aber sie brauchte so wenigstens nicht ganz auf die Tochter zu verzichten, und ihr Mann wurde durch die ständigen Auseinandersetzungen nicht noch mehr verärgert. Ellie war von sich selbst überrascht, als sie Harvard dem Massachusetts Institute of Technology vorzog. Wenig später traf sie zur Orientierungswoche in Harvard ein: Eine hübsche, dunkelhaarige junge Frau mittlerer Größe mit einem schiefen
Lächeln und dem festen Vorsatz, alles zu lernen, was es zu lernen gab. Um ihren Horizont zu erweitern, belegte Ellie neben ihren Hauptinteressengebieten Mathematik, Physik und Technik noch möglichst viele andere Seminare. Aber gerade in ihren Lieblingsgebieten hatte Ellie immer wieder dasselbe Problem: Es war schwierig, mit ihren überwiegend männlichen Kommilitonen über Physik zu diskutieren oder gar zu streiten. Am Anfang ignorierten sie einfach alle Äußerungen Ellies. Nach einer kurzen Pause machten sie dann weiter, als ob sie nichts gesagt hätte. Hin und wieder nahmen sie ihre Bemerkungen auch zur Kenntnis, lobten sie sogar, beachteten sie dann aber nicht weiter. Ellie war sich ziemlich sicher, daß ihre Äußerungen nicht so dumm waren, und sie wollte nicht übergangen werden, schon gar nicht abwechselnd übergangen und dann wieder gönnerhaft angehört werden. Sie wußte, daß es zum Teil – allerdings nur zum Teil – an ihrer sanften Stimme lag. Deshalb trainierte sie sich eine professionell klingende Naturwissenschaftlerstimme an: hart, kompetent und einige Dezibel über ihrer normalen Stimmlage. Mit dieser Stimme war es natürlich wichtig, daß man recht hatte. Sie mußte ihre Auftritte gezielt auswählen. Es fiel ihr allerdings schwer, lange so zu sprechen, weil sie manchmal das Lachen kaum unterdrücken konnte. Sie fand heraus, daß kurze, scharfe Einwürfe ihr am besten lagen und meist ausreichten, die Aufmerksamkeit der anderen Studenten auf sich zu lenken, um dann eine Weile in normaler Stimmlage weiterreden zu können. In jedem Seminar begann dieser Kampf von neuem, nur damit sie in der Diskussion dann auch gehört wurde. Keiner der Jungen hatte auch nur eine Ahnung davon, welchem Problem sie gegenüberstand. Manchmal sagte ein Dozent in einer Laborübung oder einem Seminar »Meine Herren, machen wir weiter«, und wenn er dann Ellies gerunzelte Stirn bemerkte, fügte er hinzu: »Entschuldigen Sie,
Miß Arroway, aber Sie sind für mich wie ein Junge.« Das war das höchste Kompliment, zu dem die Männer fähig waren: Daß sie in ihren Augen keine typische Frau war. Ellie mußte sich immer wieder zusammenreißen, damit sie nicht ganz ihrer Kampfeslust erlag oder überhaupt zum Menschenfeind wurde. Manchmal wurde sie plötzlich nachdenklich. Ein Menschenfeind, ein »Misanthrop«, war jemand, der alle Menschen haßte, nicht nur Männer. Und natürlich gab es auch ein eigenes Wort für einen Frauenfeind: »Misogyn«. Aber die Lexikographen hatten versäumt, auch ein Wort für die Abneigung gegen Männer zu schaffen. Wahrscheinlich waren die Lexikographen fast alle selber Männer und konnten sich deshalb auch nicht vorstellen, daß es Bedarf für so ein Wort gab. Mehr als die meisten ihrer Kommilitonen war sie zu Hause durch Vorschriften und Verbote eingeengt worden. Die frisch errungene Freiheit fand sie deshalb aufregend. Zu einer Zeit, in der sich viele ihrer Altersgenossen bewußt nachlässig kleideten und so den Unterschied zwischen den Geschlechtern verwischten, bemühte sie sich um schlichte Eleganz in Kleidung und Make-up, was ihr begrenztes Budget ziemlich strapazierte. Freilich wußte sie, daß es wirkungsvollere Möglichkeiten gab, sich politisch zu äußern. Sie pflegte einige enge Freundschaften und machte sich ab und zu auch Feinde, die sie wegen ihrer Kleidung, ihrer politischen und religiösen Ansichten oder wegen des Nachdrucks, mit dem sie ihre Meinungen vertrat, nicht mochten. Ihr Sachverstand und ihre Begeisterung in den Naturwissenschaften waren in den Augen vieler durchaus intelligenter junger Frauen schwerwiegende Mängel. Nur einige wenige sahen in ihr das, was Mathematiker einen Existenzbeweis nennen, nämlich einen Beweis dafür, daß sich eine Frau tatsächlich in den Naturwissenschaften
auszeichnen konnte; und, für manche war sie sogar Vorbild für ein neues Rollenverständnis. Auf dem Höhepunkt der sexuellen Revolution nahm sie mit wachsendem Vergnügen die neuen Freiheiten für sich in Anspruch, spürte aber, daß sie auf ihre Liebhaber einschüchternd wirkte. Ihre Beziehungen dauerten meist nur ein paar Monate. Sie spürte, daß sie das nur ändern konnte, wenn sie ihre Interessen versteckte und ihre Meinungen unterdrückte. Und dagegen hatte sie sich schon in der High School entschieden gewehrt. Das Bild ihrer zu einem resignierten, nur noch auf Harmonisierung ausgerichteten Gefangenendasein verurteilten Mutter verfolgte sie. Sie fing an, auf Männer neugierig zu werden, die nichts mit dem akademischen bzw. naturwissenschaftlichen Betrieb zu tun hatten. Manche Frauen schienen völlig arglos zu sein und gaben sich den Männern hin, ohne auch nur einen Moment darüber nachzudenken. Andere wiederum begaben sich auf einen mit aller erdenklichen Kriegslist und Strategie ausgeklügelten Feldzug, in dem alle Eventualitäten und Rückzugsmöglichkeiten einkalkuliert waren, mit dem einzigen Ziel, sich zuletzt einen begehrenswerten Mann zu angeln. Schon das Wort »begehrenswert« entlarvte sie. So ein armer Tropf wurde nicht wirklich begehrt, sondern er war nur »begehrenswert« – ein lohnendes Objekt gerade auch in den Augen der anderen, für die das ganze traurige Verstellungsspiel inszeniert wurde. Die meisten Frauen lagen für Ellie irgendwo zwischen diesen Extremen. Sie versuchten, ihre Leidenschaft mit den absehbaren langfristigen Vorteilen in Einklang zu bringen. Vielleicht gab es ja ab und zu Verbindungen zwischen Liebe und Vorteil, die der Aufmerksamkeit entgingen. Aber die Vorstellung, jemand nach einem berechneten Plan zu verführen, ließ Ellie frösteln.
In Sachen Liebe wollte sie sich bedingungslos zum Element des Spontanen bekennen. Damals lernte sie Jesse kennen. Ein Bekannter hatte sie zum ersten Mal in die Kellerbar beim Kenmore Square mitgenommen. Jesse sang Bluegrass und spielte Gitarre. Die Art, wie er sang und sich bewegte, machte Ellie bewußt, was sie bisher vermißt hatte. Am nächsten Abend kam sie allein. Sie setzte sich an den Tisch neben der Bühne und sah ihm bei beiden Auftritten die ganze Zeit in die Augen. Zwei Monate später zogen sie zusammen. Nur wenn Jesse zu Auftritten nach Hartford oder Bangor mußte, fand sie noch Zeit zur Arbeit. Dann verbrachte sie den ganzen Tag mit den anderen Studenten. Mit Studenten, denen die neuesten Rechenschiebermodelle wie Trophäen am Gürtel baumelten; denen Kulihalter aus Plastik in der Brusttasche steckten; die überkorrekt und eingebildet waren, nervös lachten und jede Minute hart daran arbeiteten, Wissenschaftler zu werden. Sie waren so sehr davon in Anspruch genommen, die letzten Tiefen der Natur zu ergründen, daß sie bei all ihrem Wissen alltäglichen menschlichen Angelegenheiten fast hilflos ausgeliefert waren und dabei einen bemitleidenswerten und naiven Eindruck machten. Vielleicht forderten der Dienst an der Wissenschaft und der Konkurrenzdruck so viel Kraft, daß ihnen keine Zeit blieb, zu einer abgerundeten Persönlichkeit zu wachsen. Oder vielleicht hatten diese Studenten sich gerade wegen ihrer Unfähigkeit zu zwischenmenschlichen Kontakten Gebieten zugewandt, wo dieser Mangel nicht so auffiel. Außer für wissenschaftliche Diskussionen, fand Ellie, waren sie keine gute Gesellschaft. Aber in der Nacht war Jesse da, stürmisch und übersprudelnd, eine Naturgewalt, die von Ellies Leben Besitz ergriffen hatte. In dem Jahr, das sie zusammen verbrachten, konnte sie sich an keine Nacht erinnern, in der er vorgeschlagen hatte, schlafen zu gehen. Er verstand nichts von Mathematik und Physik, aber
die Welt, in der er lebte, sah er mit hellwachen Augen. Und eine Zeitlang konnte er Ellie dabei mitreißen. Ellie träumte davon, diese zwei Welten in Einklang zu bringen. Sie träumte von Musikern und Physikern, die in menschlich harmonischem Einverständnis zusammenlebten. Aber auf den Einladungen, die sie manchmal abends organisierte, war die Stimmung steif, und die Gäste gingen früh. Eines Tages sagte Jesse ihr, daß er sich ein Baby wünsche. Er wolle ernsthaft darangehen, eine geregelte Arbeit zu finden. Er könne sich sogar vorstellen zu heiraten. »Ein Baby?« wiederholte sie. »Aber dann muß ich ja die Universität aufgeben. Es dauert noch Jahre, bis ich fertig bin. Und wenn ich ein Kind habe, bin ich vielleicht für immer draußen.« »Das mag schon sein, aber wir hätten ein Kind. Du hättest zwar nicht mehr deine Seminare, aber dafür etwas anderes.« »Jesse, ich brauche die Seminare«, erwiderte sie. Er zuckte die Achseln, und Ellie konnte fast sehen, wie ihr gemeinsames Leben von ihm abfiel und sich in Nichts auflöste. Ihr Beziehung hielt noch ein paar Monate, aber in dem kurzen Wortwechsel war bereits alles gesagt worden. Zum Abschied küßten sie sich, dann ging er nach Kalifornien. Sie hörte seine Stimme nie wieder. Ende der 60er Jahre gelang es der Sowjetunion, Raumsonden auf der Oberfläche der Venus zu landen. Es waren die ersten Raumfahrzeuge der Menschheit, die in betriebsfähigem Zustand auf einem anderen Planeten aufsetzten. Bereits ein Jahrzehnt zuvor hatten amerikanische Radioastronomen von ihrem Standort auf der Erde aus entdeckt, daß die Venus eine Quelle intensiver Radiostrahlung war. Die verbreitetste Erklärung dafür war, daß die dichte Atmosphäre der Venus durch einen planetarischen Treibhauseffekt die Hitze festhielt. Nach dieser Theorie mußte die Planetenoberfläche stickig heiß
sein, viel zu heiß für kristallene Städte und herumspazierende Venusianer. Ellie wäre eine andere Erklärung viel lieber gewesen, sie versuchte sich deshalb vorzustellen, wie die Radiostrahlung von irgendwo anders hoch über einer klimatisch milden Oberfläche herkommen könnte, jedoch ohne Erfolg. Einige Astronomen in Harvard und am Massachusetts Institute of Technology waren der Überzeugung, daß keine der Alternativen zur Theorie von der glühendheißen Venus die intensive Radiostrahlung erklären konnte. Ellie erschien die Vorstellung eines so massiven Treibhauseffekts unwahrscheinlich und irgendwie abstoßend, als ob die Venus ein Planet wäre, der sich hemmungslos gehen ließ. Als aber die Raumsonde Venera dort landete und ein Thermometer ausfuhr, war die gemessene Temperatur so hoch, daß sie Zinn und Blei zum Schmelzen gebracht hätte. Ellie malte sich aus, wie sich die kristallenen Städte verflüssigten (obwohl es auf der Venus so heiß wiederum auch nicht war) und wie die Oberfläche von Silikattränen überflutet wurde. Sie war eine romantische Natur. Das wußte sie schon lange. Aber zugleich mußte sie die Leistungsfähigkeit der Radioastronomie bewundern. Die Astronomen hatten zu Hause gesessen, ihre Radioteleskope auf die Venus gerichtet und die Oberflächentemperatur fast genauso exakt gemessen wie dreizehn Jahre später die Venera-Sonden. Ellie war, seit sie denken konnte, von Elektrizität und Elektronik fasziniert gewesen. Jetzt war sie zum ersten Mal tief beeindruckt von der Radioastronomie. Man konnte in aller Ruhe und Sicherheit auf dem eigenen Planeten stehen und das Teleskop mit den damit verbundenen elektronischen Geräten auf ein Ziel richten. Und dann kam Leben in die Empfänger, wenn die Informationen aus anderen Welten eintrafen. Von da an besuchte Ellie oft das kleine Radioteleskop der Universität im nahegelegenen Harvard in Massachusetts, in der, Hoffnung, vielleicht eine
Einladung zu bekommen, bei den Beobachtungen und den Datenanalysen mitzuhelfen. Dann stellte das National Radio Observatory in Green Bank, West Virginia, sie für einen Sommer als bezahlte Assistentin an. Bei ihrer Ankunft dort besichtigte sie voller Begeisterung das Radioteleskop von Grote Reber, das er 1938 in seinem Garten in Wheaton in Illinois aufgebaut hatte. Jetzt sollte es daran erinnern, was ein engagierter Amateur alles zuwege bringen konnte. Reber hatte mit seiner Konstruktion die Radiostrahlung aus dem Zentrum der Galaxis nachweisen können, allerdings zu einer Zeit, als in dieser Gegend noch kein Auto gefahren und die diathermische Apparatur im Labor ein paar Häuser weiter noch nicht in Betrieb war. Das Zentrum der Galaxis war zwar viel leistungsfähiger, der mit hohen Frequenzen arbeitende Apparat aber viel näher. Die Atmosphäre ernsthafter und geduldiger Forschung am Observatorium und die gelegentliche Belohnung durch eine kleine Entdeckung sagten Ellie zu. Das Forscherteam war gerade damit beschäftigt zu messen, wie sich die Anzahl entfernter außergalaktischer Radioquellen erhöhte, wenn man tiefer in das Weltall schaute. Ellie begann darüber nachzudenken, wie man schwache Radioquellen leichter ausfindig machen könnte. Zur gegebenen Zeit machte sie in Harvard ihren Collegeabschluß, cum laude, und ging dann zur Fortsetzung ihres Studiums der Radioastronomie ans andere Ende des Landes, zum California Institute of Technology. Ein Jahr lang ging Ellie bei David Drumlin in die Lehre. Er genoß weltweit den Ruf, ein brillanter Kopf zu sein und keinen Dummkopf in seiner Umgebung leiden zu können. Im Gründe unterschied er sich freilich nicht von anderen Männern in Spitzenpositionen, die in der ständigen Angst leben, daß irgendwo irgend jemand noch intelligenter sein könnte als sie selbst. Drumlin machte Ellie mit den Kernfragen der Materie
bekannt und vermittelte ihr ein theoretisches Fundament. Obwohl es Gerüchte gab, denen zufolge Frauen ihn charmant fanden, erlebte Ellie ihn meist aggressiv und egozentrisch. Sie sei zu romantisch, sagte er oft. Das Universum sei streng nach eigenen Gesetzen geordnet. Das Ziel sei, so zu denken wie das Universum und nicht eigene romantische Vorstellungen – oder mädchenhafte Sehnsüchte, wie er einmal sagte – in das Universum zu projizieren. Alles, was nicht durch die Naturgesetze verboten ist, versicherte er Ellie – und zitierte damit einen Kollegen vom selben Institut –, sei verbindlich. Aber, fuhr er fort, fast alles sei verboten. Sie schaute ihn an, während er ihr diesen Vortrag hielt, und versuchte dabei, ihre disparaten Eindrücke von ihm zum Gesamtbild seiner Persönlichkeit zusammenzusetzen. Sie hatte einen Mann vor sich, der blendend aussah mit seinem vorzeitig ergrauten Haar, dem zynischen Lächeln, der Lesebrille auf der Nasenspitze, der Fliege, dem kantigen Kinn und einer Aussprache, in der noch Reste des näselnden Akzents der Bevölkerung von Montana zu hören waren. Drumlins Vorstellung von Geselligkeit entsprach es, die fortgeschrittenen Studenten und jüngeren Fakultätsmitglieder zu sich nach Hause zum Abendessen einzuladen (anders als Ellies Stiefvater, der sich zwar gern von Studenten hofieren ließ, es aber für völlig übertrieben hielt, sie zum Abendessen zu bitten). Drumlin zeigte dabei das extreme Bedürfnis, sich auf den Gebieten seiner eigenen Forschung zu produzieren, indem er das Gespräch ständig auf Themen lenkte, in denen er der anerkannte Fachmann war, um dann widersprechende Ansichten schnell vom Tisch zu fegen. Nach dem Abendessen mußte man oft einen Diavortrag über Dr. D. als Sporttaucher auf Cozumel, Tobago oder dem Großen Barrier-Riff über sich ergehen lassen. Meist lachte und winkte er auf den Bildern in die Kamera, auch auf den Unterwasserbildern. Manchmal war auch eine
Unterwasseransicht seiner wissenschaftlichen Mitarbeiterin Dr. Helga Bork dabei. Gegen diese letzteren Dias protestierte Drumlins Frau immer mit dem den Tatsachen entsprechenden Argument, daß die meisten Gäste sie schon bei früheren Abendessen gesehen hätten. In Wirklichkeit hatten die Gäste nicht nur diese, sondern überhaupt alle Dias schon einmal gesehen. Drumlin antwortete darauf stets mit einem Lobpreis der sportlichen Vorzüge von Dr. Bork, was die Demütigung seiner Frau noch vergrößerte. Die meisten Studenten versuchten, sich trotzdem zu amüsieren, und suchten nach Details, die bei früheren Vorführungen zwischen Steinkorallen und stachligen Seeigeln verlorengegangen waren. Einige wenige wandten sich vor Verlegenheit ab oder konzentrierten sich ganz auf die Avocadosoße auf dem Tisch. Ein anregender Nachmittag war es für die Studenten, wenn Drumlin sie zu zweit oder dritt einlud, ihn hinaus zu seinem Lieblingsfelsen in der Nähe von Pacific Palisades zu fahren. Lässig an seinen Drachen geschnallt, sprang er dort von den Klippen auf den ruhigen Ozean hinaus, der einige hundert Meter tiefer lag. Aufgabe der Studenten war es, mit dem Wagen die Küstenstraße hinunterzufahren und ihn am Fuß der Klippen abzuholen. Von oben stürzte er auf sie herab und strahlte dabei vor Vergnügen. Er forderte die Studenten auf, sich ihm anzuschließen, aber nur wenige nahmen die Einladung an. Er war im Vorteil und genoß es in vollen Zügen. Es war ein richtiges Schauspiel. Es gab Professoren, die in den Studenten den wissenschaftlichen Nachwuchs und ihre intellektuellen Fackelträger zur nächsten Forschergeneration sahen. Drumlin, das fühlte Ellie, war da ganz anderer Ansicht. Für ihn waren die älteren Studenten Gegner in einem Duell mit Revolvern. Und man konnte nie wissen, welcher von ihnen ihn vielleicht schon im nächsten Moment zum Kampf um den Titel des »schnellsten Revolvers im Westen« herausforderte. Die
Studenten mußten an ihrem Platz gehalten werden. Ellie gegenüber war er noch nie zudringlich geworden, aber früher oder später würde er es sicher versuchen. In Ellies zweitem Jahr am Institut kehrte Peter Valerian, der ein Forschungsjahr im Ausland verbracht hatte, auf den Campus zurück. Er war ein stiller, dabei wenig attraktiver Mann. Niemand hielt ihn für besonders brillant, und er selbst hätte das auch nie von sich behauptet. Dennoch hatte er in der Radioastronomie immer wieder bedeutende Erfolge zu verbuchen gehabt. Den Grund dafür sah er, wenn man ihn darauf festnagelte, darin, daß er »nie locker ließ«. In seiner wissenschaftlichen Karriere gab es einen leicht anrüchigen Punkt: Er war fasziniert von der möglichen Existenz extraterrestrischer Intelligenzen. Jedem Fakultätsmitglied wurde anscheinend sein Spleen zugestanden: Drumlin hatte das Drachenfliegen, Valerian sein Leben auf anderen Planeten, andere hatten ihre Bars mit oben ohne, fleischfressende Pflanzen und transzendentale Meditation. Valerian hatte über extraterrestrische Intelligenzen, abgekürzt ETI, schon länger und mit größerer Anstrengung und Sorgfalt als sonst irgend jemand nachgedacht, je besser Ellie ihn kennenlernte, desto deutlicher sah sie die Faszination und die romantischen Vorstellungen, die ETI in ihm weckten – und die in so krassem Gegensatz zu seinem äußerlich ereignislosen Leben standen. Das Nachdenken über extraterrestrische Intelligenzen war keine Arbeit für ihn, sondern Spiel. Seine Phantasie schwang sich dabei zu wahren Höhenflügen auf. Ellie hörte ihm begeistert zu. Es war, als beträte man ein verzaubertes Land mit Städten aus Edelsteinen. Nein, es war noch viel besser, weil am Ende all seiner Überlegungen immer der Gedanke stand, daß vielleicht doch alles wahr war und sich wirklich ereignete. Eines Tages, überlegte sie gedankenverloren,
erreicht uns vielleicht tatsächlich und nicht nur in der Phantasie eine Botschaft über eines dieser riesigen Radioteleskope. Auf der anderen Seite allerdings waren Valeriens Gedankengänge doch nicht so schön wie ein verzaubertes Land, denn wie auch Drumlin auf seinen Gebieten betonte er immer wieder, daß Spekulationen mit nüchterner physikalischer Realität konfrontiert werden müssen. Die Realität war eine Art Sieb, das die wenigen brauchbaren Spekulationen von dem massenweise produzierten Unsinn schied. Die extraterrestrischen Wesen und ihre Technologien mußten sich streng in die Naturgesetze fügen, eine Tatsache, die den Zauber vieler Spekulationen empfindlich störte. Aber was in dem Sieb hängenblieb und der kritischsten physikalischen und astronomischen Analyse standhielt, das war vielleicht wahr. Sicher konnte man natürlich nie sein. Es gab bestimmt noch Möglichkeiten, an die man nicht gedacht hatte und die vielleicht eines Tages klügere Leute als man selbst herausfinden würden. Valerian wies immer wieder darauf hin, daß die Menschen Gefangene ihrer Zeit, ihrer Kultur und ihrer biologischen Beschaffenheit seien, und wie begrenzt dementsprechend ihre Möglichkeiten seien, sich grundsätzlich andersartige Lebewesen und Zivilisationen vorzustellen. Solches Leben, das sich gesondert auf anderen Planeten entwickelt hätte, mußte dann ja völlig verschieden vom Leben auf der Erde sein. Möglicherweise gab es Lebewesen, die viel weiter entwickelt waren als wir und über unvorstellbare Technologien verfügten – davon mußte man fast sicher ausgehen – und die vielleicht sogar neue physikalische Gesetze kannten. Während sie an einer Reihe mit Stuck verzierter Bögen entlangspazierten, die an ein Gemälde De Chiricos erinnerten, erklärte Valerian, daß es hoffnungslos engstirnig sei zu glauben, alle bedeutenden physikalischen Gesetze seien bereits zu dem Zeitpunkt
entdeckt gewesen, als unsere Generation anfing, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen. Es werde ebenso eine Physik des 21. Jahrhunderts, des 22. Jahrhunderts und sogar eine des 4. Jahrtausends geben. Vielleicht waren wir lächerlich weit entfernt davon, auch nur zu erahnen, wie die Kommunikation einer ganz anders gearteten technischen Zivilisation aussah. Aber, beruhigte er sich dann immer selbst, extraterrestrische Wesen müßten eigentlich wissen, wie rückständig wir sind. Wenn wir etwas fortgeschrittener wären, dann wüßten sie bereits über uns Bescheid. Aber wir fangen gerade erst an, auf zwei Beinen zu stehen, haben letzten Mittwoch das Feuer entdeckt und sind erst gestern über die Newtonsche Mechanik, die Maxwellschen Gleichungen, Radioteleskope und Hinweise auf eine Weltformel der Physik gestolpert. Valerian war davon überzeugt, daß sie es uns nicht schwermachen würden. Sie würden versuchen, es einfach für uns zu machen, denn wenn sie mit Dummköpfen in Verbindung treten wollten, dann mußten sie diesen eben Zugeständnisse machen. Darum sah Valerian auch eine Chance auf Erfolg, sollte je eine Botschaft kommen. Sein Mangel an Brillanz war in Wirklichkeit seine Stärke. Er wußte, davon war er überzeugt, was Dummköpfe wußten. Als Thema für ihre Doktorarbeit setzte Ellie sich im Einverständnis mit der Fakultät die Aufgabe, an einer Verbesserung der empfindlichen Empfänger, die bei Radioteleskopen verwendet wurden, zu arbeiten. Dabei konnte sie ihre Kenntnisse in der Elektronik einsetzen, außerdem war sie so den vorwiegend auf theoretischem Gebiet arbeitenden Drumlin los und konnte ihre Diskussionen mit Valerian fortsetzen, jedoch ohne den ihre späteren Berufschancen gefährdenden Schritt zu tun, bei ihm über extraterrestrische
Intelligenz zu arbeiten. Das war ein zu spekulatives Gebiet für eine Dissertation. Ihr Stiefvater hatte ihre verschiedenen Unternehmungen bisher als unrealistisch und zu ehrgeizig, gelegentlich auch völlig langweilig abqualifiziert. Als er über Dritte von dem Thema ihrer Doktorarbeit hörte – Ellie sprach jetzt überhaupt nicht mehr mit ihm – tat er es als belanglos ab. Ellie arbeitete mit einem Rubinmaser. Ein Rubin besteht hauptsächlich aus fast völlig durchsichtigem Aluminium. Die rote Farbe rührt von einer Verunreinigung durch Chrom her, das dem Alumimumkristall eingelagert ist. Wenn man auf den Rubin ein starkes Magnetfeld aufprägt, dann absorbieren die Chromatome mehr Energie oder, wie die Physiker sagen, sie geraten in einen angeregten Zustand. Ellie liebte die Vorstellung von all den kleinen Atomen, die in jedem Verstärker zu fieberhafter Tätigkeit aufgerufen wurden und damit dem guten und praktischen Zweck dienten, ein schwaches Radiosignal zu verstärken. Je stärker das Magnetfeld war, desto aufgeregter bewegten sich die Atome. Man konnte den Maser auf eine bestimmte Radiofrequenz einstellen. Ellie fand einen Weg, Rubine mit Lanthanidverunreinigungen zusätzlich zu den Chromatomen herzustellen, so daß der Maser auf einen noch kleineren Frequenzbereich abgestimmt werden und damit ein noch schwächeres Signal als die bisherigen Maser aufspüren konnte. Ellies Detektor mußte in flüssiges Helium getaucht werden. Dann montierte sie ihr neues Instrument an eines der Radioteleskope des Instituts in Owens Valley und entdeckte auf völlig neuen Frequenzen, was Astronomen die Drei-GradHintergrundstrahlung nennen – die Reststrahlung im Radiospektrum von der gewaltigen Explosion, mit der das Universum seinen Anfang nahm, vom Urknall. »Also noch einmal alles von vorn«, überlegte Ellie laut. »Ich habe ein Edelgas genommen, das in der Luft vorkommt, ich
habe es verflüssigt, ein paar Verunreinigungen in einen Rubin eingelagert, einen Magneten drangemacht und das Feuer der Schöpfung entdeckt.« Verwundert schüttelte Ellie den Kopf. Jemandem, der nichts von der zugrundeliegenden Physik verstand, mußte das ganze als die reine schwarze Magie erscheinen. Wie hätte man das den besten Wissenschaftlern von vor tausend Jahren erklären sollen, die zwar Kenntnisse über Luft, Rubine und Magneten hatten, aber nichts von flüssigem Helium, stimulierter Emission und supraleitenden Flüssigkeiten wußten? Wenn sie sich recht erinnerte, hatten sie nicht einmal die leiseste Ahnung vom Radiospektrum. Oder auch nur eine Vorstellung von einem Spektrum überhaupt – außer vielleicht einer vagen Idee durch die Anschauung des Regenbogens. Sie wußten nicht, daß Licht aus Wellen besteht. Wie konnten wir dann hoffen, eine Zivilisation zu verstehen, die uns vielleicht tausend Jahre voraus war? Künstliche Rubine mußten in großen Mengen hergestellt werden, da immer nur wenige die erforderlichen Eigenschaften aufwiesen. Keiner hatte ganz die Qualität eines Edelsteins, und die meisten waren sehr klein. Aber Ellie fand Gefallen daran, ein paar der größeren Steine, die nicht verwendet werden konnten, als Schmuck zu tragen. Sie paßten ausnehmend gut zu ihrer dunklen Haar- und Gesichtsfarbe. Auch wenn solche Steine in Ringen oder Broschen sorgfältig geschliffen waren, konnte man an ihnen noch seltsame Unregelmäßigkeiten erkennen: Die merkwürdige Art beispielsweise, in der das Licht plötzlich in einem bestimmten Winkel aus dem Inneren eines Steins aufleuchtete, oder die pfirsichfarbenen Flecken im Rubinrot. Freunden gegenüber, die keine Naturwissenschaftler waren, behauptete Ellie, daß ihr Rubine gefielen, sie sich aber keine echten leisten könne. Es war fast so wie bei jenem Naturwissenschaftler, der als erster den biochemischen Vorgang der Photosynthese bei grünen
Pflanzen entdeckt hatte und danach immer eine Tannennadel oder ein Petersiliensträußchen am Revers trug. Ellies Kollegen, die sie mit zunehmendem Respekt behandelten, ließen es ihr als kleine Schrulle durchgehen. Die großen Radioteleskope der Welt sind aus demselben Grund in abgelegenen Gegenden installiert, aus dem Paul Gauguin nach Tahiti fuhr: Um gut zu funktionieren, mußten sie weit weg von jeder Zivilisation sein. Als der zivile und militärische Funkverkehr immer umfangreicher wurde, mußten die Radioteleskope versteckt werden – in einem abgelegenen Tal in Puerto Rico beispielsweise oder weit entfernt von jeder menschlichen Behausung in den endlosen Steppen New Mexicos oder Kasachstans. Und je mehr Radiostörgeräusche es gibt, desto sinnvoller erscheint es, die Teleskope überhaupt von der Erde wegzuverlegen. Wissenschaftler, die in solchen weltabgeschiedenen Sternwarten arbeiten, leben oft mit verbissenem Ernst ausschließlich ihrer Arbeit. Von ihren Frauen werden sie verlassen, und ihre Kinder ergreifen die erstbeste Gelegenheit, von zu Hause fortzukommen, aber sie selbst harren aus. In den seltensten Fällen halten sie sich für Träumer. Der ständige wissenschaftliche Mitarbeiterstab in diesen abgelegenen Observatorien besteht eher aus Männern der Praxis, aus Experten und Experimentatoren, die Antennen aufstellen und komplizierte Datenanalysen durchführen können, aber wenig über Quasare und Pulsare wissen. Auch in ihrer Kindheit haben diese Leute eigentlich nie versucht, nach den Sternen zu greifen. Meist sind sie viel zu heftig damit beschäftigt gewesen, den Vergaser des Familienautos zu reparieren. Nach ihrer Promotion nahm Ellie eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Observatorium in Arecibo an. Den riesigen Parabolspiegel von 305 Meter Durchmesser hatte man in einer karstigen Bergmulde der Gebirgsausläufer im nordwestlichen Puerto Rico errichtet. Da die Station das
größte Radioteleskop der Erde besaß, sah Ellie gespannt dem Tag entgegen, an dem sie ihren Maserdetektor einsetzen konnte, um damit möglichst viele verschiedene astronomische Objekte zu erkunden – benachbarte Planeten und Sterne, das Zentrum der Milchstraße, Pulsare und Quasare. Als vollgültiges Mitglied der Observatoriumsbelegschaft räumte man ihr beträchtliche Beobachtungszeiten ein. Der Zugang zu den großen Radioteleskopen war heiß umkämpft, da es mehr lohnende Forschungsvorhaben gab, als man unterbringen konnte. Deshalb war die reservierte Zeit am Teleskop für die dort wohnende Belegschaft eine Sondervergütung von unschätzbarem Wert. Für viele Astronomen war das der einzige Grund, warum sie sich überhaupt bereit erklärten, an diesen gottverlassenen Orten zu leben. Ellie hoffte auch, ein paar der nähergelegenen Sterne auf mögliche Signale intelligenten Ursprungs hin untersuchen zu können. Mit ihrem Detektorsystem konnte man die Radiostrahlung eines Planeten wie der Erde sogar dann noch hören, wenn er einige Lichtjahre entfernt war. Und eine höherentwickelte Gesellschaft, die mit uns in Verbindung treten wollte, würde zweifellos zu viel größeren Energieübertragungen in der Lage sein als wir. Wenn das Radarteleskop von Arecibo ein Megawatt Energie an einen bestimmten Ort im All senden konnte, dann – so malte Ellie sich aus -mußte eine Zivilisation, die der unseren nur ein wenig voraus war, schon in der Lage sein, hundert oder mehr Megawatt auszusenden. Wenn sie tatsächlich mit einem Teleskop arbeiteten, das so groß wie dieses in Arecibo war, aber vielleicht einen Hundert-Megawatt-Sender besaß, dann mußte Arecibo sie eigentlich überall in der Galaxis ausfindig machen können. Ellie dachte gründlich darüber nach und war überrascht, wie klein sich die bisherigen tatsächlichen Unternehmungen auf der Suche nach extraterrestrischen Intelligenzen ausnahmen im Vergleich zu dem, was bereits
möglich war. Die Geldmittel, die man bisher für solche Fragen bereitgestellt hatte, waren unbedeutend. Dabei hätte Ellie kaum sagen können, ob es ein wissenschaftliches Problem gab, das ihr noch wichtiger erschien. Die Anlage in Arecibo wurde von den Einheimischen »El Radar« genannt. Über ihren Zweck wußten sie wenig, aber sie garantierte mehr als hundert dringend benötigte Arbeitsplätze. Die einheimischen jungen Frauen allerdings hielt man streng getrennt von den männlichen Wissenschaftlern, von denen man zu fast jeder Tages- und Nachtzeit einige voll nervöser Energie auf dem Weg, der die muldenartige Vertiefung umgab, joggen sehen konnte. Die Aufmerksamkeit, die man Ellie deshalb bei ihrer Ankunft entgegenbrachte, war ihr zwar nicht ganz unwillkommen, störte sie allerdings schon bald in ihrer Forschungsarbeit. Die Landschaft war wunderschön. Oft schaute Ellie in der Abenddämmerung aus einem der Kontrollfenster und sah, wie sich über dem gegenüberliegenden Rand der Bergmulde Gewitterwolken zusammenzogen, genau über einem der drei riesigen Masten, an denen die Hornantennen und Ellies kürzlich installiertes Masersystem angebracht waren. An der Spitze eines jeden Mastes blinkte ein rotes Warnlicht, für den unwahrscheinlichen Fall, daß sich ein Flugzeug in diese abgelegene Gegend verirrte. Um vier Uhr früh ging Ellie auf einen Sprung hinaus, um frische Luft zu schnappen und fasziniert dem rätselhaften Chor Tausender von Fröschen zu lauschen, die es hier gab und die bei den Einheimischen in Nachahmung ihres klagenden Quakens »coquis« hießen. Einige der Wissenschaftler lebten ganz in der Nähe des Observatoriums, aber die Isolation, die noch dadurch verstärkt wurde, daß sie kein Spanisch sprachen und im Umgang mit einer anderen Kultur völlig unerfahren waren, ließ sie und ihre Frauen zunehmend vereinsamen und entfremdete sie
menschlichen Kontakten. Einige hatten sich entschlossen, in der Ramey-Air-Force-Basis zu wohnen, die sich rühmte, die einzige englischsprachige Schule der ganzen Gegend zu besitzen. Aber die anderthalbstündige Autofahrt von dort zum Observatorium unterstützte nur noch das Gefühl der Einsamkeit. Wiederholte Drohungen puertorikanischer Separatisten, die aufgrund von Fehlinformationen glaubten, daß das Observatorium einem wichtigen militärische Zweck diene, verstärkten das Gefühl unterschwelliger Hysterie und aus den Fugen geratender Lebensumstände. Einige Monate später kam Valerian zu Besuch. Offizieller Anlaß war ein Vortrag, den er halten wollte, aber Ellie wußte, daß er auch nach ihr sehen und sie psychisch etwas aufmuntern wollte. Mit ihren Forschungsarbeiten war sie sehr gut vorangekommen. Sie hatte wahrscheinlich einen neuen interstellaren Molekülwolkenkomplex entdeckt und sehr genaue Werte in der Zeitauflösung über den Pulsar im Zentrum des Crab Nebula erarbeitet. Auch hatte sie die Suche nach Signalen extraterrestrischer Intelligenzen auf einigen Dutzend nahegelegener Sterne abgeschlossen. Sie hatte dabei mit den empfindlichsten Geräten gearbeitet, die jemals zu diesem Zweck eingesetzt worden waren, jedoch ohne positive Ergebnisse. Ein oder zwei auffallende Regelmäßigkeiten waren aufgetaucht. Sie beobachtete die fraglichen Sterne nochmals, konnte aber nichts Außergewöhnliches feststellen. Schaute man nur genügend viele Sterne an, so produzierten früher oder später Störgeräusche auf der Erde oder eine Kette zufälliger Nebengeräusche eine Gesetzmäßigkeit, die einem für einen Augenblick das Herz höher schlagen ließ. Dann beruhigte man sich und überprüfte die Daten noch einmal. Wenn sich die Gesetzmäßigkeit nicht wiederholte, war alles eine Fehlanzeige gewesen. Diese Arbeitsdisziplin war für Ellie sehr wichtig, wenn sie angesichts dessen, was sie suchte,
gefühlsmäßig einigermaßen im Gleichgewicht bleiben wollte. Ellie war entschlossen, so realistisch wie möglich zu sein, jedoch ohne ihren Sinn für das Wunderbare aufzugeben, der ihr eigentlicher Antriebsmotor war. Aus ihren kargen Vorräten im gemeinschaftlich benutzten Kühlschrank hatte Ellie ein kleines Picknick fürs Mittagessen zusammengepackt, und nun saß sie mit Valerian am Rand der Talmulde, in der das Observatorium lag. In der Ferne konnte man die Arbeiter sehen, die Streifen in der Bespannung reparierten oder auswechselten. Sie trugen besondere Schneeschuhe, damit sie die Aluminiumplatten nicht einrissen und durch sie hindurch in die Tiefe stürzten. Valerian war begeistert von ihren Fortschritten. Zuerst unterhielten sie sich über den neuesten Klatsch und die letzten Erkenntnisse der Wissenschaft. Dann gingen sie zu SETI über, wie man die Suche nach extraterrestrischen Intelligenzen damals zu bezeichnen begann. »Haben Sie je darüber nachgedacht, sich ganz dieser Sache zu widmen, Ellie?« »Ich habe darüber nie viel nachgedacht. Und es ist nicht besonders realistisch, oder? Soweit ich weiß, gibt es auf der ganzen Welt keine einzige größere Anlage, die ausschließlich an SETI arbeitet.« »Nein, bis jetzt noch nicht. Aber es besteht die Möglichkeit, daß der Very Large Array um mehrere Dutzend zusätzlicher Reflektoren erweitert und dann zu einem ausschließlich der Forschung an SETI dienenden Observatorium gemacht wird. Natürlich müßte auch die konventionelle Radioastronomie dazukommen. Es wäre ein großartiges Interferometer. – Ist ja nur eine Möglichkeit. Sie ist kostspielig, und ohne handfeste politische Unterstützung geht dabei nichts. Und selbst im günstigsten Fall würde es noch Jahre dauern, bis es soweit ist. Aber man kann ja mal darüber nachdenken.«
»Peter, ich habe gerade über vierzig benachbarte Sterne untersucht, alle ungefähr vom Typ des Sonnenspektrums. Ich habe mir die 21-Zentimeter-Wasserstofflinie angeschaut, von der alle sagen, daß sie die geeignetste Trägerfrequenz ist, weil Wasserstoff das am häufigsten vorkommende Atom im Universum ist, und so weiter. Und ich habe die Beobachtung mit der höchsten Empfindlichkeit durchgeführt, die man je eingesetzt hat. Nicht das kleinste Signal habe ich gefunden. Vielleicht gibt es überhaupt niemanden da draußen. Vielleicht ist die ganze Sache nur Zeitverschwendung.« »Genauso wie das Leben auf der Venus? Sie sagen das nur, weil Sie enttäuscht sind. Die Venus ist eine Hölle. Aber sie ist nur ein Planet neben den vielen hundert Milliarden anderer Sterne der Galaxis. Sie haben davon nur eine Handvoll untersucht. Glauben Sie nicht auch, daß es etwas verfrüht ist, jetzt schon aufzugeben? Sie haben gerade ein Milliardstel des Problems bewältigt. Wahrscheinlich sogar noch viel weniger, wenn man noch andere Frequenzen einbezieht.« »Das weiß ich schon. Aber glauben Sie nicht auch, daß es solche Intelligenzen, wenn es sie gibt, überall geben muß? Wenn wirklich höherentwickelte Burschen tausend Lichtjahre von uns entfernt leben, warum sollten sie dann nicht auch bei uns hinter dem Haus einen Vertreter haben? Die Sache mit SETI könnte man ewig weitertreiben, ohne je die Überzeugung zu erlangen, zum Ende gekommen zu sein.« »Jetzt reden Sie fast wie Dave Drumlin. Was er nicht zu seinen Lebzeiten finden kann, interessiert ihn nicht. Wir haben mit SETI gerade erst angefangen. Sie wissen, wie viele Möglichkeiten es gibt. Gerade jetzt sollte man sich jede offenhalten. Jetzt sollte man optimistisch sein. In jeder anderen Epoche der Menschheitsgeschichte hätten wir uns das ganze Leben lang über dieses Problem den Kopf zerbrochen, ohne einen Schritt auf seine Lösung hin tun zu können. Unsere Zeit
gibt uns eine einmalige Chance. Zum ersten Mal kann buchstäblich jeder nach extraterrestrischen Intelligenzen suchen. Sie haben den Detektor entwickelt, mit dem man nach Zivilisationen auf Millionen anderer Sterne forschen kann. Den Erfolg kann Ihnen niemand garantieren. Aber können Sie sich eine wichtigere Aufgabe denken? Stellen Sie sich vor, sie schicken uns von da draußen Signale, und niemand auf der Erde hört sie. Das wäre ein Witz, ein schlechter Witz. Würden Sie sich nicht für unsere Zivilisation schämen, wenn wir in der Lage sein könnten, es zu hören, aber nicht die Geduld dazu aufbrächten?« Links zogen zweihundertsechsundfünfzig Bilder der linksseitigen Welt vorbei. Rechts glitten zweihundertsechsundfünfzig Bilder der rechtsseitigen Welt vorbei. Er fügte sämtliche 512 Bilder zu einer Rundumansicht seiner Umgebung zusammen. Er steckte tief in einem Wald riesiger wogender Halme, einige grün, andere von einem bleichen Gelb, und fast alle höher als er. Ohne Schwierigkeiten bahnte er sich seinen Weg, balancierte über einen schwankenden Halm, der abgeknickt war, fiel auf das weiche Kissen aus am Boden liegenden Halmen, stand unbeirrt wieder auf und setzte seine Reise fort. Er wußte, daß er auf dem richtigen Weg war. Frisch und scharf stach die Luft in seinen Lungen. Es war ihm egal, wenn er auf seinem Weg ein Hindernis erklettern mußte, das hundert oder tausend Mal größer war als er selbst. Er brauchte keine Seile und Stangen dazu, er war bereits vollständig ausgerüstet. Der Boden unmittelbar vor ihm roch nach einem Markierungsduft, der noch frisch war und von einem anderen Kundschafter seiner Sippe stammen mußte. Das bedeutete fast immer Futter. Das Futter tauchte wie aus heiterem Himmel auf. Kundschafter machten es ausfindig und markierten den Weg. Er und seine Kameraden schleppten es dann zurück. Manchmal war das
Futter ein Wesen, das so aussah wie er. Dann wieder war es nur ein unförmiger oder kristallartiger Brocken, der so groß sein konnte, daß man viele aus seiner Sippe brauchte, die ihn in gemeinsamer Anstrengung über abgeknickte Blätter nach Hause schleppten. Genußvoll schmatzend bewegte er schon im voraus den Unterkiefer. »Was mich viel mehr beschäftigt«, sagte Ellie, »ist im Gegenteil die Möglichkeit, daß sie es gar nicht erst versuchen. Sie könnten mit uns in Verbindung treten, gut, aber sie tun es nicht, weil sie sich nichts davon versprechen. Also wie…« – sie schaute auf einen Zipfel des Tischtuches, das sie über das Gras gebreitet hatten – »… wie die Ameisen. Ameisen leben in derselben Welt wie wir. Sie haben eine Menge zu tun, alles Dinge, die sie in Anspruch nehmen. Auf eine bestimmte Art wissen sie über ihre Umgebung sehr gut Bescheid. Aber wir versuchen nicht, mit ihnen in Verbindung zu treten. Deshalb glaube ich auch nicht, daß sie irgend eine Ahnung haben, daß es uns gibt.« Eine große Ameise, die unternehmungslustiger als ihre Kameraden war, hatte sich auf das Tischtuch gewagt und marschierte jetzt munter diagonal über die roten und weißen Quadrate. Ellie unterdrückte eine heftigere Reaktion und schnippte die Ameise vorsichtig zurück aufs Gras – wohin sie gehörte.
3 Weißes Rauschen
Erlauschter Klang ist süß; noch Süßeres sagt Der Stumme. John Keats Ode auf eine griechische Urne (1820)
Die grausamsten Lügen brauchen oft keine Worte. Robert Louis Stevenson Virginibus Puerisque (1881)
Schon seit Jahren wanderten die Pulse durch die unendliche Finsternis zwischen den Sternen. Hin und wieder drangen sie durch eine unförmige Wolke aus Gas und Staub, die einen kleinen Teil der Energie absorbierte. Der Rest bewegte sich in der ursprünglichen Richtung weiter. Ein schwaches gelbes Leuchten eilte ihnen voraus, das im Gegensatz zu den stetig leuchtenden Sternen des Alls immer heller wurde. Obwohl für das menschliche Auge noch immer ein Punkt, war es jetzt bereits das bei weitem hellste Objekt am schwarzen Himmel. Und dann trafen die Pulse auf einen Haufen gigantischer Schneebälle.
Eine gertenschlanke Frau Ende Dreißig betrat das Verwaltungsgebäude der Argus. Die großen, weit auseinanderstehenden Augen verliehen ihren kantigen Gesichtszügen eine gewisse Weichheit. Das lange, dunkle Haar wurde von einer Schildpattspange im Nacken lose zusammengehalten. Lässig in Strickpullover und Khakirock gekleidet, schlenderte sie den Flur im ersten Stock entlang, hielt vor einer Tür, auf der »Direktor E. Arroway« stand, und öffnete das Spezialschloß mit einem Druck ihres Daumens. Einem Beobachter wäre dabei vielleicht der Ring an ihrer rechten Hand aufgefallen, in den ungeschickt ein merkwürdig milchig-roter Stein eingesetzt war. Drinnen machte sie die Schreibtischlampe an, durchstöberte eine Schublade und kramte schließlich einen Kopfhörer heraus. An der Wand neben ihrem Schreibtisch leuchtete für einen Moment ein Zitat aus Franz Kafkas Parabeln auf: Nun haben die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen. Es ist… vielleicht denkbar, daß sich jemand vor ihrem Gesang gerettet hätte, vor ihrem Schweigen gewiß nicht. Mit einer Handbewegung löschte sie das Licht und ging im Halbdunkel zur Tür. Im Kontrollraum überzeugte sie sich mit einem Blick, daß alles in Ordnung war. Durch das Fenster konnte sie einige der 131 Radioteleskope sehen. Sie waren auf einem Gelände von über zehn Kilometer Länge in der Wüste New Mexicos verteilt und sahen wie exotische Metallblumen aus, die in den Himmel wuchsen. Es war früh am Nachmittag, und letzte Nacht war sie lange aufgeblieben. Radioastronomie konnte man freilich auch
bei Tageslicht betreiben, weil die Atmosphäre zwar das sichtbare Licht der Sonne, nicht aber Radiowellen streute. Für ein Radioteleskop, das nicht auf die Sonne gerichtet war, war der Himmel pechschwarz, von den Radioquellen abgesehen. Jenseits der Erdatmosphäre, auf der anderen Seite des Himmels, gab es ein Universum, das voll von Radiostrahlung war. Wenn man diese Radiowellen genau untersuchte, konnte man eine Menge über Planeten, Sterne und Galaxien, die Zusammensetzung der riesigen organischen Molekülwolken, die zwischen den Sternen trieben, und den Ursprung, die Entwicklung und das Schicksal des Universums erfahren. Dabei handelte es sich allerdings um natürliche Radiostrahlung – verursacht durch physikalische Prozesse, durch Elektronen, die sich spiralförmig im galaktischen Magnetfeld bewegten, interstellare Moleküle, die aufeinander stießen, oder die fernen Echos des Urknalls, dessen Strahlung von den Gammastrahlen am Anfang des Universums zu den friedlicheren, kalten Radiowellen, die jetzt den gesamten Weltraum erfüllten, rotverschoben war. In den wenigen Jahrzehnten, seit die Menschen Radioastronomie betrieben, hatte es nie ein wirkliches Signal aus den Tiefen des Weltalls gegeben, das Produkt einer außerirdischen künstlichen Intelligenz gewesen war. Falschen Alarm hatte es häufiger gegeben. So hatte man die regelmäßigen Zeitabweichungen der Radiostrahlung von Quasaren und besonders Pulsaren anfänglich voller Aufregung für eine Art außerirdisches Signal gehalten oder sogar eine Art Radioleuchtturm zu Navigationszwecken für exotische Raumschiffe, die zwischen den Sternen im Weltall kreuzten, in ihnen vermutet. Aber alles hatte sich schließlich als etwas ganz anderes entpuppt – als etwas, das vielleicht genauso exotisch war wie ein Signal von Wesen im Weltall. Quasare waren allem Anschein nach gewaltige Energiequellen, die irgend etwas mit den kompakten Schwarzen Löchern in den Zentren
der Galaxien zu tun hatten. Viele von denen, die man beobachtet hatte, reichten in ihrer Entstehung weit in die Geschichte des Universums zurück. Pulsare waren Atomkerne, die sich mit rasender Geschwindigkeit drehten und die Ausmaße einer Stadt besaßen. Es hatte noch andere geheimnisvolle Botschaften gegeben, die sich zwar als durchaus intelligent herausstellten, mit extraterrestrischen Wesen jedoch wenig zu tun hatten. Inzwischen war der Himmel trotz der flehentlichen Bitten einiger Radioastronomen mit geheimen militärischen Radarsystemen und Nachrichtensatelliten vollgestopft worden. Es gab regelrechte Banditen, die die internationalen Abkommen im Nachrichtenwesen ignorierten. Eine Regreßpflicht oder Strafen dafür gab es nicht. In einigen Fällen wollte keine Nation die Verantwortung übernehmen. Aber nie war ein eindeutig als solches identifizierbares außerirdisches Signal gekommen. Aber der Ursprung des Lebens schien jetzt so einfach zu erklären zu sein – es gab so und so viele Planetensysteme und Welten und so und so viele Milliarden Jahre der Evolution –, daß man kaum glauben konnte, daß die Galaxis nicht vor Leben und Intelligenz überquoll. Das Projekt Argus war das größte der Welt, das der Suche nach extraterrestrischer Intelligenz mit Hilfe von Radiostrahlung gewidmet war. Radiowellen bewegten sich mit Lichtgeschwindigkeit, also schneller als alles andere. Sie waren leicht zu erzeugen und leicht zu entdecken. Selbst technisch so rückständige Zivilisationen wie die der Erde mußten bei der Erforschung der physikalischen Welt frühzeitig über die Radiostrahlung stolpern. Sogar mit der zur Verfügung stehenden rudimentären Radiotechnologie – seit der Erfindung des Radioteleskops waren nur wenige Jahrzehnte vergangen – konnte man wahrscheinlich mit einer identischen Zivilisation im Zentrum der Galaxis Kontakt aufnehmen. Dabei waren allerdings so
viele Stellen am Himmel und so viele Frequenzen, auf denen eine unbekannte Zivilisation senden konnte, zu untersuchen, daß ein systematisches und langfristiges Beobachtungsprogramm erforderlich war. Argus war seit vier Jahren in Betrieb. Bisher hatte es zwar immer wieder Hoffnung und den nächsten falschen Alarm gegeben, aber keine Botschaft. »Tag, Frau Dr. Arroway.« Der Ingenieur, der sich allein in dem Raum befand, lächelte Ellie freundlich zu. Sie nickte. Die 131 Teleskope des Projekts Argus waren computergesteuert. Die Anlage tastete den Himmel selbsttätig ab. Der Computer überwachte die Teleskope auf mechanische und elektronische Pannen und verglich die Daten verschiedener Einzelteleskope. Ellie warf einen Blick auf den Frequenzanalysator, der mit einer Milliarde Kanälen ausgestattet war und mit seiner Elektronik eine ganze Wand einnahm, dann sah sie nach der optischen Anzeige des Spektrometers. Für die Astronomen und Techniker gab es nicht viel zu tun, während die Teleskope in jahrelanger Arbeit langsam den Himmel absuchten. Wenn die Teleskope etwas Interessantes entdeckten, ertönte automatisch eine Alarmanlage, die die Wissenschaftler des Projekts nötigenfalls auch aus den Betten holte. Dann entfaltete sich hektische Aktivität, bis man herausgefunden hatte, ob es sich um einen technischen Fehler oder um einen amerikanischen oder sowjetischen Flugkörper im All handelte. In Zusammenarbeit mit den Ingenieuren des Teams überlegte Ellie immer wieder, wie man die Empfindlichkeit der Geräte weiter verbessern konnte. War in der Strahlung ein bestimmtes Muster, eine Regelmäßigkeit zu erkennen? Sie stellte einige Radioteleskope für die Untersuchung exotischer astronomischer Objekte frei, die vor
kurzem von anderen Observatorien entdeckt worden waren. Sie half Mitgliedern des Teams und Wissenschaftlern, die nur als Gäste hier waren, bei ihren Projekten, die mit SETI nichts zu tun hatten. Regelmäßig flog sie nach Washington, um das Interesse ihres Geldgebers, der National Science Foundation, wachzuhalten. Beim Rotary Club in Socorro und an der Universität von New Mexico in Albuquerque hielt sie öffentliche Vorträge über Argus, und ab und zu konnte sie einen unternehmungslustigen Reporter begrüßen, der überraschend hier im hintersten Winkel New Mexicos auftauchte. Ellie mußte aufpassen, nicht der Langeweile zu erliegen. Ihre Mitarbeiter waren zwar angenehm und freundlich, aber abgesehen davon, daß es sich nicht schickte, eine enge persönliche Beziehung mit einem Untergebenen einzugehen, verspürte sie auch gar keine Neigung zu so etwas. Sie hatte einige kurze, leidenschaftliche, im Grunde genommen aber flüchtige Liebschaften mit einheimischen Männern, die nichts mit dem Projekt zu tun hatten. Auch in diesem Bereich ihres Lebens hatten sich Langeweile und Überdruß breitgemacht. Sie setzte sich an eines der Schaltpulte und stöpselte den Kopfhörer ein. Natürlich wußte sie, daß es absurd war zu glauben, daß sie, wenn sie auf einem oder zwei Kanälen mithorchte, eine Gesetzmäßigkeit entdecken würde, die der riesigen Computeranlage, die eine Milliarde Kanäle abhörte, entgangen sein könnte. Aber es gab ihr ein Gefühl von Nützlichkeit. Sie lehnte sich zurück und schloß die Augen. Ein träumerischer Ausdruck legte sich über ihr Gesicht. Sie ist wirklich sehr hübsch, erlaubte sich der Ingenieur zu denken. Ellie hörte die normalen atmosphärischen Störungen, ein stetiges Rauschen. Einmal, als sie die Region des Himmels abhorchte, in die der Stern AC + 793888 in Cassiopeia gehörte, hatte sie wiederholt gemeint, ein Singen zu hören, ohne
allerdings ganz sicher zu sein, ob ihr nicht die Einbildung einen Streich spielte. Bis zu diesem Stern als äußerstem Punkt würde Voyager 1 gelangen, der sich jetzt in der Nähe der Umlaufbahn von Neptun befand. Die Raumkapsel führte eine goldene Schallplatte mit sich, auf die Grüße, Bilder und Lieder von der Erde eingepreßt waren. Konnten außerirdische Wesen uns ihre Musik mit Lichtgeschwindigkeit senden, während wir ihnen unsere nur ein Zehntausendstel so schnell sandten? Wenn die atmosphärischen Störungen so offensichtlich strukturlos waren wie jetzt, mußte sie an Shannons berühmten Kommentar zur Informationstheorie denken, daß nämlich selbst die schönste verschlüsselte Botschaft nicht vom Rauschen zu unterscheiden war, wenn man den Code nicht kannte. Rasch drückte Ellie ein paar Tasten auf dem Pult vor sich und spielte zwei enge Frequenzbänder gegeneinander aus, in jeder Muschel des Kopfhörers eines. Nichts. Sie hörte sich die zwei Polarisationsebenen der Radiowellen an und dann den Kontrast zwischen der linearen und der zirkularen Polarisation. Man hatte die Wahl zwischen einer Milliarde Kanäle. Ein ganzes Leben lang konnte man versuchen, dem Computer zuvorzukommen, indem man mit den so jämmerlich unzureichenden menschlichen Ohren und dem Gehirn horchte und nach einem Muster suchte. Menschen, wußte Ellie, waren gut im Unterscheiden komplizierter Muster, die es tatsächlich gab, aber genauso gut konnten sie sich Muster vorstellen, wo überhaupt keine waren. Eine bestimmte Pulssequenz, eine Konfiguration atmosphärischer Störungen würde für einen kurzen Augenblick einen synkopischen Takt oder eine kurze Melodie ergeben. Sie schaltete auf zwei Radioteleskope um, die eine bereits bekannte Radioquelle in der Galaxis abhörten. Sie hörte ein Glissando über den Radiofrequenzen, das auf die Streuung der Radiowellen durch die Elektronen in dem dünnen interstellaren
Gas zwischen der Radioquelle und der Erde zurückzuführen war. Je ausgeprägter das Glissando, desto mehr Elektronen waren im Weg und desto weiter war die Quelle von der Erde entfernt. Ellie hatte das oft gemacht und konnte die Entfernung nach einmaligem Hören exakt bestimmen. Dieses Glissando hier war nach ihrer Schätzung ungefähr eintausend Lichtjahre entfernt – viel weiter weg als die nächsten Sterne, aber immer noch innerhalb unserer gigantischen Galaxis. Ellie kehrte in den Himmelsinspektionsmodus von Argus zurück. Wieder kein Muster. Sie kam sich wie ein Musiker vor, der dem Grollen eines fernen Gewitters zuhört. Kleine Regelmäßigkeiten, die sich zufällig ergeben hatten, verfolgten sie und setzten sich so nachhaltig in ihrem Gedächtnis fest, daß sie manchmal auf die Bänder eines bestimmten Beobachtungslaufes zurückgreifen mußte, um sich zu vergewissern, daß ihre Ohren nichts gehört hatten, was dem Computer entgangen war. Ihr ganzes Leben waren Träume ihre Freunde gewesen. Diese Träume waren außergewöhnlich genau, gut strukturiert und abwechslungsreich. Ellie hatte das Gesicht ihres Vaters oder die Rückwand eines alten Radioapparates wie im Film in allen Einzelheiten vor sich gesehen. Sie hatte sich immer bis in die kleinsten Einzelheiten an ihre Träume erinnern können – außer wenn sie unter extremem Druck stand wie vor ihrer mündlichen Doktorprüfung oder damals, als sie sich von Jesse getrennt hatte. Aber neuerdings tat sie sich schwer, sich die Bilder ihrer Träume in Erinnerung zu rufen. Und zu ihrer eigenen Bestürzung fing sie an, Töne zu träumen – wie Menschen, die blind geboren worden waren. In den frühen Morgenstunden erzeugte ihr Unterbewußtsein eine Melodie oder ein Liedchen, das sie nie zuvor gehört hatte. Sie wachte auf, machte mit einem akustischen Befehl das Licht auf ihrem Nachttisch an, nahm den Stift zur Hand, den sie für diesen
Zweck bereit gelegt hatte, zeichnete Notenlinien und übertrug die Musik auf Papier. Manchmal spielte sie die Musik nach einem langen Arbeitstag mit ihrer Blockflöte und versuchte, sich daran zu erinnern, ob sie sie im Ophiuchus oder im Capricornus gehört hatte. Beunruhigt gestand sie sich ein, daß das natürliche Eigenrauschen der Empfänger und Verstärker und die Geräusche der geladenen Teilchen und magnetischen Felder des kalten dünnen Gases zwischen den fernen funkelnden Sternen sie wie ein Spuk verfolgten. Immer wieder tauchte ein einzelner, hoher und spitzer Ton auf. Sie brauchte einen Augenblick, um ihn wiederzuerkennen. Er klang wie das Geräusch der Metallrolle an der Wäscheleine ihrer Mutter, die jedes Mal laut gequietscht hatte, wenn man an der Leine zog, um einen weiteren frisch gewaschenen Kittel zum Trocknen in die Sonne zu hängen. Ellie war sicher, daß sie diesen Ton in den fünfunddreißig Jahren, die seitdem vergangen waren, nicht mehr gehört hatte. Als kleines Mädchen hatte sie die Armee im Kreise marschierender Kleidungsstücke geliebt. Und wenn niemand in der Nähe war, hatte sie ihr Gesicht in den frisch getrockneten Leintüchern vergraben. Der Geruch, süß und stechend zugleich, hatte sie berauscht. War das hier womöglich ein Hauch davon? Sie erinnerte sich, wie sie lachend von den Leintüchern weggerannt war und ihre Mutter sie mit einer anmutigen Bewegung aufgefangen und in die Luft geschwungen – in den Himmel, so war es ihr vorgekommen – und dann unterm Arm davongetragen hatte wie ein kleines Bündel Wäsche, das man hübsch gefaltet in die Kommode im Elternschlafzimmer packt. »Frau Dr. Arroway? Hören Sie mich?« Der Ingenieur beugte sich über sie und sah, daß ihre Lider unruhig zuckten und sie flach atmete. Ellie blinzelte zweimal, nahm die Kopfhörer ab und lächelte ihn entschuldigend an. Manchmal mußten ihre Kollegen sehr laut sprechen, wenn sie das verstärkte
kosmische Radiorauschen übertönen wollten. Sie schrie dann zurück – bei kurzen Gesprächen hatte sie keine Lust, die Kopfhörer abzunehmen –, um die Lautstärke des Rauschens zu übertönen. Wenn sie mit ihren Gedanken ganz woanders gewesen war und dann plötzlich eine zwanglos oder gar lustig gemeinte Bemerkung machte, wirkte das auf einen Außenstehenden inmitten der Stille der weitläufigen Radiostation manchmal wie ein Teil eines hitzigen, grundlosen Streites. Aber jetzt sagte sie nur: »Tut mir leid. Ich war gerade ganz woanders.« »Dr. Drumlin ist am Telephon. Er sitzt in Jacks Büro und sagt, daß er mit Ihnen verabredet sei.« »Ach du liebe Güte, das hab ich völlig vergessen.« Drumlin war noch immer ein brillanter Kopf, aber er hatte jetzt noch mehr Spleens, die damals, als Ellie kurze Zeit bei ihm studiert hatte, noch nicht so deutlich gewesen waren. Zum Beispiel hatte er die peinliche Angewohnheit, immer, wenn er sich unbeobachtet glaubte, nachzusehen, ob er seine Hose wirklich ordentlich zugemacht hatte. Auch war er mit den Jahren immer mehr zu der Überzeugung gekommen, daß es keine extraterrestrischen Lebewesen gab oder sie zumindest zu selten und zu weit entfernt waren, um von den Menschen entdeckt zu werden. Er war nach Argus gekommen, um das wissenschaftliche Kolloquium abzuhalten, das einmal die Woche stattfand. Aber Ellie stellte fest, daß er noch aus einem anderen Grund gekommen war. Drumlin hatte einen Brief an die National Science Foundation geschrieben, in dem er darauf drängte, daß Argus seine Suche nach extraterrestrischen Intelligenzen einstellte und sich ganz der konventionellen Radioastronomie widmete. Er zog den Brief aus seiner Jackettasche und bestand darauf, daß Ellie ihn las. »Aber wir sind doch erst viereinhalb Jahre dabei. Wir haben uns noch nicht einmal ein Drittel der nördlichen Hemisphäre
angesehen. Es ist der erste Durchgang, der das Radiorauschen auf einer Milliarde Kanälen untersucht. Warum sollen wir jetzt damit aufhören?« »Es wird immer so bleiben wie jetzt, Ellie. Auch nach Jahren wird man überhaupt nichts entdeckt haben. Dann werden Sie vorschlagen, daß man eine Argus-Station für einige hundert Millionen Dollar in Australien oder Argentinien baut, um die südliche Hemisphäre abzuhorchen. Und wenn das auch nichts bringt, werden Sie davon reden, ein Paraboloid mit frei schwebender Antenne in die Erdumlaufbahn zu schicken, damit man auch Millimeterwellen empfangen kann. Es wird immer noch eine Art der Beobachtung geben, die man noch nicht ausprobiert hat. Und Sie werden immer eine Erklärung zur Hand haben, warum die extraterrestrischen Wesen gerade dort senden könnten, wo wir noch nicht hingesehen haben.« »Ach, Dave, wir haben doch schon hundertmal darüber gesprochen. Wenn wir keinen Erfolg haben, dann wissen wir zumindest, wie selten intelligente Wesen sind – zumindest intelligente Wesen, die so denken wie wir und die mit rückständigen Zivilisationen wie der unseren in Verbindung treten könnten. Und wenn wir Erfolg haben, wird es die Sensation der Astronomie. Ich kann mir keine großartigere Entdeckung vorstellen.« »Es gibt erstklassige Projekte, für die kein Teleskop zur Verfügung steht. Es gibt Forschungsarbeiten über die Evolution der Quasare, über binäre Pulsare, über die Chromosphäre benachbarter Sterne und über diese merkwürdigen interstellaren Proteine. Solche Projekte müssen warten, nur weil diese Anlage, die die beste ihrer Art auf der Welt ist, fast ausschließlich für SETI genutzt wird.« »Zu fünfundsiebzig Prozent, Dave. Fünfundzwanzig Prozent gehen an Routineversuche.«
»Sprechen Sie nicht von Routine, Ellie. Wir können bis in die Zeit der Entstehung der Galaxien und vielleicht sogar noch weiter zurückschauen. Wir können die Kerne gigantischer Molekülwolken und die Schwarzen Löcher in den Zentren der Galaxien untersuchen. Da ist eine Revolution in der Astronomie im Gange, und Sie stehen ihr im Weg.« »Dave, versuchen Sie nicht, das ganze nur auf mich zu schieben. Argus wäre niemals gebaut worden, wenn die Öffentlichkeit SETI nicht unterstützt hätte. Argus war nicht meine Idee. Sie wissen ganz genau, daß man mich zum Direktor gemacht hat, als die letzten vierzig Reflektoren noch im Bau waren. Die NSF steht geschlossen – « »Nicht ganz, und überhaupt nicht, wenn ich etwas zu sagen hätte. Das Ganze ist doch Effekthascherei und Stoff für billige UFO-Geschichten in den Comic Strips, für die die jungen Leute so anfällig sind.« Jetzt brüllte Drumlin geradezu, und Ellie fühlte den unwiderstehlichen Drang, ihm einfach das Wort abzudrehen. Es lag an der Art ihrer Arbeit und ihrer vergleichsweise hohen Stellung, daß sie immer wieder Situationen ausgesetzt war, in denen sie, von den Serviererinnen und den Stenotypistinnen einmal abgesehen, die einzige Frau unter lauter Männern war. Trotz ihrer Bemühungen würde es wohl immer zahllose männliche Wissenschaftler geben, die sich nur mit männlichen Kollegen unterhielten und Ellie in Gesprächen hartnäckig unterbrachen oder einfach ignorierten, was sie zu sagen hatte. Ab und zu gab es auch solche wie Drumlin, die geradezu eine persönliche Antipathie zeigten. Aber Drumlin behandelte sie immerhin wie viele andere Männer auch. In seinen Wutausbrüchen war er unparteiisch und suchte beide Geschlechter gleichermaßen heim. Nur ganz wenige ihrer männlichen Kollegen blieben in ihrer Gegenwart natürlich. Mit ihnen sollte sie eigentlich mehr Zeit verbringen. Mit Menschen
wie Kenneth Der Heer, dem Molekularbiologen vom SalkInstitut, der erst vor kurzem zum Wissenschaftsberater im Weißen Haus ernannt worden war. Und natürlich mit Peter Valerian. Ellie wußte, daß viele Astronomen Drumlins ablehnende Haltung Argus gegenüber teilten. Auch auf der Station hatte sich nach den ersten zwei Jahren eine gewisse Ermüdung eingeschlichen. Es gab leidenschaftliche Diskussionen bei der Essensausgabe oder während der langen, ereignislosen Stunden, in denen man vor den Apparaten auf Zeichen außerirdischer Wesen wartete. Vielleicht waren die da draußen völlig anders als die Menschen. Es war schon schwierig genug, die Gedanken der Abgeordneten in Washington zu durchschauen; wie mochten da erst die Gedanken grundsätzlich anders gearteter Wesen aussehen, die auf physikalisch anders zusammengesetzten Welten Hunderte oder Tausende von Lichtjahren entfernt lebten? Einige glaubten, daß ihre Signale überhaupt nicht im Radiospektrum, sondern im Infrarotbereich, im sichtbaren Bereich oder sonst irgendwo zwischen den Gammastrahlen übermittelt werden würden. Oder vielleicht schickten die Außerirdischen schon die ganze Zeit wie verrückt Signale, aber mit einer Technik, die wir in tausend Jahren noch nicht erfunden haben würden. Astronomen an anderen Instituten machten aufregende Entdeckungen in der Sternenwelt und den Galaxien, wenn sie Objekte untersuchten, die aufgrund welchen Mechanismus auch immer intensive Radiowellen erzeugten. Andere Astronomen veröffentlichten wissenschaftliche Abhandlungen, nahmen an Konferenzen teil und machten Karriere, weil sie ein Ziel und eine gute Nase hatten. Die Astronomen von Argus dagegen publizierten wenig. Und wenn die Einladungen zu Vorträgen für die Jahresversammlung der American Astronomical Society oder den alle drei Jahre stattfindenden
Symposien und Plenarsitzungen der International Astronomical Union verschickt wurden, wurden sie in der Regel übergangen. Deshalb hatte die Leitung von Argus nach Rücksprache mit der National Science Foundation 25 Prozent der Beobachtungszeit für Projekte reserviert, die nichts mit der Suche nach außerirdischem Leben zu tun hatten. Einige bedeutende Entdeckungen waren gemacht worden – bei extragalaktischen Objekten, die sich paradoxerweise schneller als Licht fortzubewegen schienen, bei der Oberflächentemperatur von Neptuns großem Mond Triton und bei der dunklen Materie in den äußeren Sphären benachbarter Galaxien, in der keine Sterne zu sehen waren. Die Stimmung wurde besser. Die Argus-Mannschaft hatte wenigstens ab und zu das Gefühl, wichtige Beiträge zur astronomischen Forschung zu leisten. Zwar verlängerte sich so die Zeit, die man brauchte, um den Himmel vollständig abzusuchen, aber die beruflichen Karrieren der Mitarbeiter waren abgesichert. Vielleicht hatten sie keinen Erfolg, Signale anderer intelligenter Lebewesen aufzuspüren, aber dafür entrissen sie der unerschöpflichen Natur andere Geheimnisse. Von diesen 25 Prozent abgesehen, bestand die Suche nach extraterrestrischer Intelligenz (SETI) – einige Wissenschaftler sprachen sogar optimistisch von der Kommunikation mit extraterrestrischer Intelligenz (KETI) – im wesentlichen aus ziemlich stumpfsinniger Beobachtungsroutine. Daneben hatte man einige Stunden für Astronomen von anderen Institutionen reserviert. Obwohl sich die Stimmung gebessert hatte, teilten viele Drumlins Meinung. Sehnsüchtig malten sie sich aus, wie sie die 131 Radioteleskope, ein Wunder der Technik, für ihre eigenen, ebenfalls wichtigen Programme verwenden könnten. Heute hatte Ellie Drumlin gegenüber weder mit Entgegenkommen noch mit streitbaren Argumenten Erfolg. Er war alles andere als liebenswürdiger Laune und versuchte in
seinem Kolloquium zu zeigen, daß es keine extraterrestrischen Wesen geben konnte. Wenn man es in nur wenigen tausend Jahren zu einer so hoch entwickelten Technologie gebracht hatte wie wir, was, so fragte er, mußte dann eine wirklich fortgeschrittene Spezies erst können? Wahrscheinlich konnte sie Sterne versetzen und Galaxien umbilden. Und dennoch gebe es in der gesamten Astronomie nichts, für dessen Erklärung man sich auf extraterrestrische Intelligenz anstelle natürlicher Vorgänge berufen müsse. Warum hatte Argus bis heute noch kein Signal entdeckt? Bildete man sich denn ein, daß es am ganzen Himmel nur einen Radiosender gebe? Hatte man sich schon einmal überlegt, wie viele Milliarden Sterne man bereits untersucht hatte? Das Experiment habe seinen Zweck erfüllt. Den restlichen Himmel brauche man nicht mehr zu untersuchen. Die Antwort liege auf dem Tisch: Weder im hintersten Winkel des Universums noch in der Nähe der Erde gab es Anzeichen für extraterrestrische Intelligenz. Sie existierte nicht. In der anschließenden Diskussion stellte einer der ArgusAstronomen eine Frage zur Zoohypothese, die davon ausging, daß es sehr wohl außerirdische Wesen gebe, diese sich aber nicht zu erkennen geben wollten, um vor den Menschen zu verbergen, daß im Kosmos noch andere intelligente Wesen existierten – vielleicht aus demselben Empfinden heraus, aus dem sich ein Spezialist für das Verhalten der Primaten wünschte, eine Schar Schimpansen im Busch zu beobachten, ohne selbst gesehen zu werden. Als Antwort stellte Drumlin eine Gegenfrage: War es wahrscheinlich, daß bei einer Million Zivilisationen in der Galaxis – diese Zahl kursierte in Argus – jede Zivilisation an der Praxis der Nichteinmischung festhielt, daß es keine Ausnahme, keinen Wilderer gab? Konnte man sich glaubhaft vorstellen, daß keine dieser Zivilisationen auf der Erde spionierte? »Aber auf der Erde«, antwortete Ellie,
»stehen Wilderer und Wildhüter auf der annähernd gleichen technologischen Entwicklungsstufe. Wenn der Wildhüter einen bedeutenden Vorsprung hat – sagen wir mal, mit Radar und Hubschraubern – dann sind die Wilderer erledigt.« Einige Wissenschaftler des Argus-Projektes klatschten bei dieser Bemerkung Beifall, aber Drumlin schüttelte nur den Kopf und sagte: »Auch Sie werden mir noch recht geben, Ellie. Irgendwann.« Wenn sie sich den Kopf lüften wollte, hatte Ellie es sich zur Gewohnheit gemacht, in ihrem liebevoll gepflegten Thunderbird Baujahr 1958 lange, einsame Fahrten zu unternehmen. Der Wagen hatte ein abnehmbares Verdeck und kleine runde Fenster neben den Rücksitzen, die wie Bullaugen aussahen. Er war die einzige Extravaganz, die Ellie sich leistete. Oft ließ sie das Verdeck zu Hause und raste nachts mit heruntergedrehten Fensterscheiben und wehenden schwarzen Haaren durch die Wüste. Im Lauf der Jahre hatte sie jede der ärmlichen kleinen Städte, jeden Berg, jede Bergkuppe und jede Polizeistreife der Highways im südwestlichen New Mexico kennengelernt. Nach einem nächtlichen Beobachtungslauf im Observatorium liebte sie es, mit ihrem Wagen an der Wachstation und der Schranke der Argus-Anlage vorbeizurauschen, schnell in den nächsten Gang zu schalten und in Richtung Norden davonzubrausen. In der Umgebung von Santa Fe konnte man dann über den Sangre-de-CristoBergen oft schon den zarten Schimmer der Morgendämmerung sehen. (Warum benannte eine Religion, fragte sie sich, ihre Orte nach Blut, Körper, Herz und Pankreas ihrer am höchsten verehrten Gottheit? Warum nicht nach dem Gehirn oder anderen wichtigen, aber nie dementsprechend gewürdigten Organen?) An diesem Abend fuhr sie Richtung Südosten in die Sacramento Mountains. Hatte Dave vielleicht recht? Waren
SETI und Argus nur das Hirngespinst von ein paar verschrobenen Astronomen? Stimmte es, daß das Projekt auch ohne Erfolg jahrelang weitergeführt werden würde und daß man immer neue Strategien entwickeln und sich noch ausgefallenere und teurere Instrumente ausdenken würde? Was wäre denn ein überzeugendes Zeichen dafür, daß sie gescheitert waren? Wann wäre sie bereit, aufzugeben und sich etwas Sichererem zuzuwenden, das mehr Erfolg versprach? Das Nobeyama-Observatorium in Japan hatte eben die Entdeckung von Adenosin, einem komplexen organischen Molekül und Baustein der DNS, in einer dichten Molekülwolke im All bekanntgegeben. Auch sie konnte bestimmt, wenn sie die Suche nach außerirdischen Intelligenzen aufgab, erfolgreich nach solchen mit Leben in Beziehung stehenden Molekülen im Weltall suchen. In den Bergen stoppte Ellie den Wagen, stieg aus und betrachtete den südlichen Horizont. Ganz schwach konnte sie das Sternbild des Centaurus erkennen. In ihm hatten die alten Griechen ein schimärenhaftes Wesen, halb Mensch, halb Pferd, gesehen, das Zeus weise Dinge gelehrt hatte. Aber Ellie war von der Anordnung der Sterne noch nie auch nur entfernt an einen Zentauren erinnert worden. Der Alpha Centauri, der hellste Stern der Gruppe, gefiel ihr am besten. Von allen Sternen war er mit viereinviertel Lichtjahren der Erde am nächsten. In Wirklichkeit handelte es sich bei dem hellen Gebilde um ein Dreifachsternsystem. Zwei dicht beieinanderliegende Sonnen kreisten umeinander, und eine dritte, weiter entfernt liegende, kreiste um diese beiden. Von der Erde aus erschienen die drei Sterne als ein einziger Lichtpunkt. In besonders klaren Nächten wie dieser sah sie ihn hin und wieder über Mexiko stehen. Möglicherweise gab es Planeten dort, die man nur schwer ausfindig machen konnte. Einige kreisten vielleicht ganz dicht um eine der drei Sonnen.
Eine besonders interessante Umlaufbahn von einer gewissen Stabilität wäre die Acht, die sich um die zwei inneren Sonnen legte. Wie es wohl war, auf einer Welt mit drei Sonnen am Himmel zu leben? Wahrscheinlich wäre es dort noch heißer als in New Mexico. Mit leichtem Schaudern entdeckte Ellie zu beiden Seiten des zweispurigen Highways Unmengen von Hasen. Sie hatte die Tiere früher schon gesehen, wenn sie auf ihren Fahrten bis ins westliche Texas kam. Seite an Seite saßen sie auf allen vieren am Straßenrand, doch wenn einer für einen kurzen Augenblick von den neuen Halogenscheinwerfern des Thunderbird angestrahlt wurde, stellte er sich auf die Hinterbeine, ließ die Vorderpfoten schlaff herunterhängen und bewegte sich nicht mehr. Meilenweit salutierte so eine Ehrenwache von Wüstenhasen vor ihr. Zumindest hatte sie diesen Eindruck, während sie durch die Nacht brauste. Die Tiere schauten auf, tausend rosafarbene Näschen schnupperten und zweitausend glänzende Augen leuchteten in der Nacht und starrten auf die Erscheinung, die auf sie zuraste. Vielleicht war es für sie eine Art religiöser Erfahrung, dachte Ellie. Es schienen in der Mehrzahl junge Hasen zu sein. Vielleicht hatten sie noch nie Autoscheinwerfer gesehen. Die zwei hellen Lichtstrahlen, die mit 130 km/h vorbeirasten, mußten ein verblüffender Anblick sein. Obwohl Tausende von Tieren die Straße säumten, sah Ellie nie eines, das etwa in der Mitte der Straße auf dem Markierungsstreifen gesessen hätte oder aufgescheucht im Dunkel verschwunden wäre. Auch einen toten Hasen sah sie nie. Aber warum saßen die Tiere überhaupt am Straßenrand? Vielleicht hing es mit der Temperatur des Asphalts zusammen. Oder sie waren auf Nahrungssuche in den Büschen neben der Straße und wollten vielleicht nur wissen, was die herankommenden hellen Lichter bedeuteten. Doch wie sollte man sich erklären, daß nie eines über die Straße hoppelte, um
seine Cousins auf der anderen Seite zu besuchen? Was war der Highway für die Hasen? Ein Fremdkörper inmitten ihrer Welt, unergründlich in seiner Funktion und gebaut von Wesen, die die meisten von ihnen nie zu Gesicht bekommen hatten? Aber wahrscheinlich dachten die Tiere überhaupt nicht darüber nach. Das Summen der Reifen auf dem Highway klang wie weißes Rauschen, und sie wurde sich bewußt, daß sie auch jetzt unwillkürlich auf bestimmte Gesetzmäßigkeiten achtete. Sie hatte sich angewöhnt, auf alle möglichen Quellen weißen Rauschens zu hören: Den Motor des Kühlschranks, der mitten in der Nacht ansprang; das Wasser, das in die Badewanne floß; die Waschmaschine, die in der kleinen Kammer neben der Küche die Wäsche wusch; das Donnern des Ozeans während des kurzen Ausflugs zum Sporttauchen nach Cozumel, einer Yukatan vorgelagerten Insel, den sie aus Ungeduld, wieder an die Arbeit zu kommen, vorzeitig abgebrochen hatte. Immer achtete sie auf solche Geräusche des Alltags und versuchte herauszufinden, ob es dort weniger deutlich hörbare Gesetzmäßigkeiten gab als bei dem Rauschen im interstellaren Raum. Im vergangenen August war Ellie in New York City auf einem Kongreß der URSI (die französische Abkürzung für die International Scientific Radio Union) gewesen. Die U-Bahnen seien gefährlich, hatte man sie gewarnt, aber ihr weißes Rauschen war unwiderstehlich. In dem klack-klack, klackklack der Untergrundbahn meinte sie eine wichtige Gesetzmäßigkeit zu hören. Kurz entschlossen nahm sie sich einen halben Tag frei und fuhr von der 34. Straße nach Coney Island und von dort wieder nach Manhattan. Dann fuhr sie mit einer anderen Linie bis ins hinterste Queens. In Jamaica stieg sie aus und machte sich erhitzt und außer Atem – immerhin war es ein heißer Augusttag – auf den Rückweg ins
Kongreßhotel. Manchmal, wenn sich die Untergrundbahn in eine steile Kurve legte, ging die Innenbeleuchtung aus und Ellie konnte eine gleichmäßige Abfolge blauer Lichter sehen, die draußen in einem Tempo vorbeirasten, als säße sie in einem interstellaren Raumschiff, das schneller als Licht war und durch einen Haufen junger blauer Überriesen schoß. Wenn der Zug dann auf eine gerade Strecke kam und die Lichter wieder aufflammten, war sie mit einem Schlag wieder auf der Erde mit ihren stoßenden und drängelnden Menschen, die sich an den Halteschlaufen festhielten, mit den beißenden Gerüchen, den kleinen, in Schutzkäfige eingeschlossenen Überwachungskameras, die ein Sprayer mit Farbe übersprüht hatte, mit der mehrfarbigen Übersichtskarte, auf der das gesamte U-Bahnnetz New Yorks abgebildet war, und dem hochfrequenten Kreischen der Bremsen, wenn der Zug in den nächsten Bahnhof einfuhr. Daß sie übertrieb, war Ellie klar. Aber sie hatte schon immer eine lebhafte Phantasie gehabt. Na schön, dann reagierte sie eben zwanghaft, wenn sie Rauschen hörte. Schaden richtete sie damit ja wohl keinen an. Auf jeden Fall hing es mit ihrer Arbeit zusammen. Eigentlich hätte sie sogar ihren Ausflug nach Cozumel wegen des Rauschens der Ozeanbrecher von der Einkommenssteuer absetzen müssen. Na, vielleicht wurde es bei ihr allmählich wirklich zur fixen Idee. Erschrocken hatte sie festgestellt, daß sie schon am Rockefeller Center war. Hastig war sie über die auf dem Boden verstreuten Zeitungen gestiegen und aus dem U-Bahn-Wagen gesprungen. Dabei war ihr Blick auf die Schlagzeile der News-Post gefallen: RADIO JOBURG VON GUERILLAS EROBERT. Wenn wir mit ihnen sympathisieren, sind es Freiheitskämpfer, dachte Ellie. Mögen wir sie nicht, sind es Terroristen. In dem seltenen Fall, daß wir uns keine eigene Meinung bilden können, sind es zunächst einmal nur Guerillas. Auf einem Zeitungsfetzen
daneben war das Photo eines selbstbewußten Mannes in den besten Jahren zu sehen, mit der Schlagzeile: DER UNTERGANG DER WELT: AUSZÜGE AUS DEM NEUEN BUCH VON REVEREND JO RANKINS. DIESE WOCHE EXKLUSIV IN DER NEWS-POST. Ellie hatte nur einen kurzen Blick auf die Schlagzeilen geworfen und dann versucht, sie schnell wieder zu vergessen. Durch die lärmende Menge hatte sie sich Richtung Kongreßhotel geschoben und gehofft, noch rechtzeitig zu Fujitas Vortrag über homomorphe Konstruktionspläne für Radioteleskope zu kommen. Das Summen der Reifen wurde periodisch überlagert von dumpfen Schlägen an den Nahtstellen des Straßenbelags, der von verschiedenen Straßenbaukolonnen immer wieder erneuert worden war. Und wenn Argus nun eine interstellare Botschaft empfing, die aber sehr langsam gesendet wurde – ein Informationsbit pro Stunde oder Woche oder Jahrzehnt? Was, wenn es ein solches uraltes, sehr geduldiges Murmeln einer Zivilisation gab, das nicht erkannt werden konnte, weil wir bereits nach Sekunden oder Minuten erlahmten, wenn es um das Erkennen von Gesetzmäßigkeiten ging? Angenommen, sie lebten schon Zehntausende von Jahren und spraaaaaachen seeeeeehr laaaaaangsaaam. Argus würde das niemals entschlüsseln. Konnten solch langlebige Wesen existieren? Gab es genug Zeit in der Geschichte des Universums für Wesen, die sich ganz langsam fortpflanzten und eine höhere Intelligenz entwickelten? Würde nicht der statistische Zerfall chemischer Verbindungen, der Verschleiß ihrer Körper nach dem Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik sie zwingen, sich genauso schnell fortzupflanzen, wie es die Menschen taten? Und sich mit genauso langen Lebensspannen zu begnügen wie wir? Oder wohnten sie auf einem alten, kalten Planeten, auf dem selbst molekulare Zusammenstöße in extrem langsamen
Bewegungen mit vielleicht nur einem Stoß pro Tag abliefen? Vergeblich versuchte Ellie, sich einen der gebräuchlichen Radiosender auf einem Felsen aus Methaneis vorzustellen, schwach beleuchtet von einer fernen röten Zwergsonne, während weit unten unaufhörlich die Wellen eines Ammoniakozeans an die Küste schlugen -und dabei ganz zufällig ein weißes Rauschen erzeugten, das vom dem der Brandung auf Cozumel nicht zu unterscheiden war. Ebenso war das Gegenteil möglich: Schnellsprecher, manische kleine Wesen, die sich hastig und ruckartig bewegten und eine vollständige Radiobotschaft – etwa von der Länge einiger hundert Seiten Textes – in einer Nanosekunde funkten. Wenn man ein sehr enges Frequenzband im Empfänger hatte, hörte man nur einen winzigen Frequenzbereich und die Übermittlung dauerte damit viel länger. Man würde niemals in der Lage sein, eine schnelle Modulation zu entdecken. Das war eine Konsequenz aus der Theorie der Fourierintregrale, und stand in enger Beziehung zur Heisenbergschen Unschärferelation. Wenn man beispielsweise eine Frequenz von einem Kilohertz hatte, konnte man ein Signal, das schneller als eine Millisekunde modulierte, nicht finden. Es wäre eine Art verschwommener akustischer Eindruck. Die Bandbreiten bei Argus waren schmäler als ein Hertz, deshalb mußten eventuelle Sender langsamer modulieren als ein Bit pro Sekunde, damit man sie entdecken konnte. Noch längere Modulationen, die ganze Stunden dauerten, konnten leicht entdeckt werden, vorausgesetzt, man war außergewöhnlich geduldig und obendrein willens, ein Teleskop so lange auf einen Sender zu richten. Es gab so viele Himmelsregionen und Hunderte Milliarden Sterne zu beobachten. Man konnte nicht seine gesamte Zeit nur mit einigen wenigen davon verbringen. Ellie befürchtete, daß man in der Eile, mit der man einen Gesamtüberblick über den Himmel in weniger als einem
Menschenleben gewinnen und alles am Himmel in Milliarden Frequenzen abhören wollte, die Möglichkeit rasend schnell oder unheimlich langsam sendender Wesen nicht genügend berücksichtigte. Aber sicher wußten außerirdische Wesen besser als wir, welche Frequenzmodulationen akzeptabel waren. Vielleicht hatten sie aus einer früheren Zeit Erfahrung mit interstellarer Kommunikation und neu in Erscheinung tretenden Zivilisationen. Wenn es einen Bereich für diese Pulsraten gab, den eine empfangende Zivilisation mit größter Wahrscheinlichkeit abhören konnte, dann würde die sendende Zivilisation in diesem Bereich funken. Ob sie in Mikrosekunden oder in Stunden modulierte, was machte ihr das aus? Im Verhältnis zur Erde würde sie über überlegene Techniken und gewaltige Energiequellen verfügen. Wenn sie mit uns Kontakt aufnehmen wollte, würde sie es uns einfach machen. Sie würde Signale auf verschiedenen Frequenzen schicken. Sie würde verschiedene Modulationsgeschwindigkeiten benutzen. Sie würde von unserer Rückständigkeit wissen und Mitleid haben. Aber warum hatte man noch nie ein Signal empfangen? Hatte Dave vielleicht doch recht? Gab es keine außerirdischen Zivilisationen? Lagen all die Milliarden Welten ohne Leben unfruchtbar brach? Gab es intelligente Wesen nur in dieser einen dunklen Ecke des unfaßbar weiten Universums? Ellie brachte es einfach nicht übers Herz, an diese Möglichkeit zu glauben. Sie entsprach so perfekt den menschlichen Ängsten und Sehnsüchten, den nicht bewiesenen Lehren über das Leben nach dem Tod und Pseudo-Wissenschaften wie Astrologie. Es war die moderne Inkarnation des geozentrischen Solipsismus, der Vorstellung unserer Vorfahren, daß wir das Zentrum des Universums waren. Drumlins Argumentation war schon deswegen zweifelhaft, weil wir nur zu gern bereit waren, sie zu
glauben. Also immer mit der Ruhe, dachte Ellie. Wir haben noch nicht einmal die nördliche Hemisphäre vollständig untersucht. Wenn wir in den nächsten sieben oder acht Jahren nichts hören, dann kann man sich immer noch Sorgen machen. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sind wir in der Lage, nach Bewohnern anderer Welten zu suchen. Wenn wir scheitern, haben wir die Seltenheit und Kostbarkeit des Lebens auf unserem Planeten bestätigt, eine Tatsache – wenn es eine ist –, die zu kennen sich lohnt. Und wenn wir Erfolg haben, werden wir die Geschichte der Menschheit verändern und die Fesseln unseres Provinzialismus abstreifen. Bei einem so hohen Einsatz mußte man bereit sein, ein kleines berufliches Risiko auf sich zu nehmen. Ellie riß das Steuer herum, schaltete in den höchsten Gang und raste mit quietschenden Reifen zurück zur Argus-Anlage. Die Hasen, die immer noch am Straßenrand saßen und jetzt von der Morgendämmerung in rosiges Licht getaucht wurden, reckten die Hälse.
4 Primzahlen
Gibt es denn keine Mährischen Brüder auf dem Monde, daß noch kein Missionar diesen unseren armen Heidenplaneten besucht hat, um die Zivilisationen zu zivilisieren und die Christenheit zum Christentum zu bekehren? Herman Melville Weißjacke(1850)
Schweigen allein ist groß; alles andere Schwäche. Alfred De Vigny La Mort du Loup (1864)
Das kalte, schwarze Vakuum lag hinter ihnen. Die Pulse näherten sich jetzt einem gewöhnlichen gelben Zwergstern und ergossen sich über die Welten, die um diesen Stern kreisten. Die Pulse waren an Planeten aus Wasserstoffgas vorbeigeströmt, in Monde aus Eis eingedrungen, hatten die organischen Wolken einer Welt passiert, in der sich Vorläufer von Leben regten, und waren über einen Planeten hinweggefegt, dessen Blüte bereits eine Milliarde Jahre zurücklag, jetzt schlugen sie gegen eine warme Welt, die sich blauweiß im Sternenhimmel drehte.
Diese Welt war verschwenderisch mit vielfältigem und formenreichem Leben ausgestattet. Da gab es springende Spinnen auf den eisigen Gipfeln hoher Berge und schwefelfressende Würmer in heißen Vulkanen auf dem Grund des Ozeans. Es gab Lebewesen, die nur in konzentrierter Schwefelsäure leben konnten, und andere, die von eben dieser konzentrierten Schwefelsäure vernichtet wurden, so wie es Organismen gab, die durch Sauerstoff vergiftet wurden, während andere nur überleben konnten, wenn sie Sauerstoff atmeten. Sonderbare Wesen mit ein wenig Intelligenz hatten sich neuerdings über den Planeten ausgebreitet. Sie waren auf den Grund des Ozeans und in eine Umlaufbahn von geringer Höhe um ihren Planeten vorgedrungen. Es wimmelte von ihnen in allen Winkeln und Ritzen ihrer kleinen Welt. Der Übergang von der Nacht zum Tag verschob sich, je weiter westwärts man auf dieser Welt kam, und entsprechend dieser Bewegung vollführten Millionen dieser Wesen rituelle Morgenwaschungen. Dann legten sie sich Mäntel oder Lendentücher um, tranken ein Gebräu aus Kaffeebohnen, Teeblättern oder Löwenzahn, fuhren auf Fahrrädern, mit Automobilen oder mit Ochsengespannen und dachten dazwischen immer wieder für eine kurze Zeit über Schulaufgaben, die Aussichten für die Frühjahrssaat oder das Schicksal der Welt nach. Unbemerkt drangen die ersten Pulse der Radiowellen durch die Atmosphäre und die Wolken, schlugen auf der Erde auf und wurden zu einem Teil zurück ins All
reflektiert. Immer wieder spülten die Pulse in Wellen um die sich drehende Erde und überschwemmten das ganze Sonnensystem. Nur geringe Energiemengen wurden dabei von dem System aufgefangen. Der größte Teil der Pulse strömte an ihm vorbei – und der gelbe Stern und sein System blieben hinter ihnen in der pechschwarzen Finsternis zurück.
Ein Mann betrat das Kontrollgebäude, um seine Nachtschicht anzutreten. Er trug eine Jacke, auf der über einem stilisierten Volleyball aus Filz das Wort »Marodeure« stand. Eine Gruppe von Radioastronomen kam gerade heraus, um zum Abendessen zu gehen. »Na, wie lange sucht ihr denn schon nach den kleinen grünen Männchen? Doch schon mehr als fünf Jahre, oder, Willie?« Obwohl die Neckereien nicht böse gemeint waren, spürte Wiliie die Spitze. »Gib uns doch auch einmal eine Chance, Willie«, sagte ein anderer. »Unser Quasar-Leuchtkraft-Programm sieht wirklich vielversprechend aus. Aber es wird noch ewig dauern, wenn wir nur zwei Prozent der Teleskopzeit kriegen.« »Ja, Jack, ist ja gut.« »Willie, wir schauen bis zum Ursprung des Universums zurück. Auch unser Programm hat seine Risiken – aber wenigstens wissen wir, daß es da draußen ein Universum gibt. Ihr wißt nicht einmal, ob es ein einziges grünes Männchen gibt.« »Erzählen Sie das lieber Frau Dr. Arroway. Die ist sicher glücklich, Ihre Meinung zu hören«, antwortete Willie mürrisch.
Er betrat den Kontrollraum. Mit einem Blick überflog er ein paar Dutzend Bildschirme, die die Fortschritte der Suche im Radiowellenbereich aufzeichneten. Gerade hatten sie die Untersuchung des Sternbilds Herkules abgeschlossen. Sie hatten sich das Zentrum dieses riesigen Galaxienhaufens jenseits der Milchstraße, der hundert Millionen Lichtjahre entfernt war, genau angesehen. Sie hatten M 113 untersucht, einen Kugelsternhaufen von etwa 300000 Sternen, der durch die Schwerkraft zusammengehalten wurde und sich in einer Entfernung von 26000 Lichtjahren um unsere Galaxis bewegte. Sie hatten den Ras Algethi, einen Doppelstern, und Zeta und Lambda Herculis untersucht – einige Sterne waren von der Sonne völlig verschieden, andere ähnelten ihr. Fast alle, die man mit bloßem Auge sehen konnte, waren nur wenige hundert Lichtjahre entfernt. Die Wissenschaftler hatten Hunderte kleiner Sektoren der Himmelsregion, in der Herkules lag, mit einer Milliarde verschiedener Frequenzen sorgfältig abgehorcht, aber nichts gefunden. In den Jahren davor hatten sie die Sternbilder unmittelbar westlich von Herkules abgesucht – Serpens, Corona borealis, Bootes, Canes venatici… aber auch dort hatten sie nichts gefunden. Einige der Teleskope waren noch dazu abgestellt, fehlende Daten zu Herkules zusammenzutragen. Der Rest zielte bereits stumpfsinnig auf das im Osten an Herkules angrenzende Sternbild. Für die Menschen des östlichen Mittelmeerraumes hatte es vor ein paar tausend Jahren Ähnlichkeit mit einem Saiteninstrument gehabt und war deshalb mit dem griechischen Helden Orpheus in Verbindung gebracht worden. Das Sternbild hieß Lyra oder Leier. Computergesteuert drehten sich die Teleskope, um den Sternen der Lyra von ihrem Aufgang bis zu ihrem Untergang folgen zu können. Selbsttätig speicherten die Computer die Radiophotonen, überwachten die Funktion der Teleskope und verarbeiteten die Daten in ein für
ihr menschliches Bedienungspersonal handliches Format. Willie durchquerte den Raum, vorbei an der Büchse mit Süßigkeiten, an der Kaffeemaschine, dem in Elfenrunen geschriebenen Satz Tolkiens vom Artificial Intelligence Laboratory der Universität Stanford und dem Anstecker, auf dem zu lesen war: SCHWARZE LÖCHER KANN MANN NICHT SEHEN. Er trat an das Kommandoschaltpult und nickte dem Diensthabenden vom Nachmittag freundlich zu, der gerade seine Aufzeichnungen zusammenpackte und sich für das Abendessen fertigmachte. Da die Daten übersichtlich auf dem bernsteinfarbenen Hauptbildschirm aufgelistet waren, brauchte Willie gar nicht nach den Fortschritten der letzten Stunden zu fragen. »Sie sehen, nichts Besonderes. Es gab einen deutlichen Glitch – es sah zumindest so aus – auf Kanal Neunundvierzig«, sagte der Physiker mit einer vagen Handbewegung in Richtung Fenster. »In der Anhäufung von Quasaren stieg der Energieausstoß vor ungefähr einer Stunde um das Zehn- bis Zwanzigfache. Die scheinen ja sehr gute Daten zu kriegen.« »Ja, ja, habe ich schon gehört. Die verstehen sowieso nicht…« Er verstummte, als ein Alarmlicht auf dem Pult vor ihnen aufleuchtete. Auf der Anzeige, auf der die Intensität gegen die Frequenz aufgetragen war, zeigte sich eine steile Spitze. »Schau mal an, ein monochromatisches Signal.« Auf einer anderen Anzeige, auf der die Intensität gegen die Zeit aufgetragen war, konnte man eine Serie von Pulsen sehen, die sich von links nach rechts über den Schirm bewegten und dann verschwanden. »Das sind Zahlen«, sagte Willie zögernd. »Sie geben die Wellenlänge eines Senders an.« »Wahrscheinlich eine Störung durch die Air Force. So etwas habe ich einmal mit dem AWACS-Frühwarnsystem von
Kirtland erlebt. Vielleicht will uns hier jemand auf den Arm nehmen.« Es gab vertragliche Vereinbarungen, nach denen wenigstens einige Funkfrequenzen für die Astronomie freigehalten werden sollten. Aber gerade weil diese Frequenzen störungsfrei waren, konnten die Militärs manchmal der Versuchung nicht widerstehen, sie zu benutzen. Sollte ein Weltkrieg ausbrechen, würden vielleicht die Radioastronomen als erste davon erfahren, da ihre Fenster zum Kosmos dann mit strategischen Befehlen, den Daten der Überwachungssatelliten im geostationären Orbit und der Übermittlung verschlüsselter Abschußkommandos an weit entfernte strategische Stützpunkte überflutet sein würden. Aber auch ohne den militärischen Nachrichtenverkehr mußten die Astronomen beim gleichzeitigen Abhören von einer Milliarde Frequenzen mit Unterbrechungen rechnen. Blitze, startende Autos, Direktübertragungen des Rundfunks und Fernsehens über Satelliten verursachten Störgeräusche. Aber die Computer konnten solche Signale identifizieren und ignorierten sie systematisch. Auf zweideutigere Signale hörten die Computer genauer, bis sichergestellt war, daß es sich um keinen der Datensätze handelte, die sie gespeichert hatten. Immer wieder passierte es auch, daß ein elektronisch gesteuerter Flugkörper während eines Tests vorbeiflog – manchmal mit einem als fliegende Untertasse getarnten Radarschirm. Argus entdeckte dann plötzlich unverkennbare Zeichen intelligenten Lebens. Aber jedesmal entpuppten sich solche Zeichen als Leben einer ganz bestimmten Art, intelligent bis zu einem gewissen Grad, jedoch kaum außerirdisch. Vor einigen Monaten war in 260 km Höhe eine F-29E mit einer elektronischen Abwehranlage vorbeigeflogen und hatte sämtliche 131 Teleskope in Alarmzustand versetzt. Für die nicht militärisch geschulten Augen der Astronomen hätten die komplexen Radiosignale
genausogut die Botschaft einer außerirdischen Zivilisation sein können. Aber dann hatten sie festgestellt, daß das westlichste Radioteleskop das Signal eine ganze Minute vor dem östlichsten empfangen hatte. Damit war klar gewesen, daß es sich um ein Objekt handelte, das in der Atmosphäre der Erde flog, und nicht um den Funkspruch einer geheimnisvollen Zivilisation aus den Tiefen des Alls. Auch diesmal würde es sich mit ziemlicher Sicherheit um etwas Ähnliches handeln. Die Finger ihrer rechten Hand hatte sie in die fünf genau passenden Löcher eines flachen Kästchens auf ihrem Schreibtisch gesteckt. Seit es diese Erfindung gab, sparte sie jede Woche eine halbe Stunde. Viel anfangen konnte sie mit dieser halben Stunde allerdings auch nicht. »Ich habe Mrs. Yarborough alles erzählt. Sie liegt jetzt im Bett neben mir, seit Mrs. Wertheimer gestorben ist. Ich will ja nicht mein eigenes Loblied singen, aber ich rechne mir das, was du gemacht hast, als großes Verdienst an.« »Ja, Mutter.« Ellie prüfte den Glanz ihrer Fingernägel und fand, daß sie noch eine, vielleicht auch anderthalb Minuten brauchten. »Manchmal denke ich an die Zeit zurück, als du in der vierten Klasse warst – weißt du noch? Als es in Strömen goß und du nicht zur Schule wolltest? Ich sollte dir für den nächsten Tag eine Entschuldigung schreiben. Aber ich wollte nicht. Ich habe zu dir gesagt: Ellie, habe ich gesagt, eine gute Schulbildung ist neben der Schönheit das Wichtigste auf der Welt. Schönheit hat man oder man hat sie nicht, aber für die Bildung kann man etwas tun. Geh zur Schule. Du weißt nie, was du heute versäumst. Stimmts?« »Ja, Mutter.« »Das habe ich damals gesagt.«
»Ja, ich erinnere mich, Mama.« Die Finger waren fertig, nur der Daumen hatte noch eine matte Stelle. »Dann hab ich deine Überschuhe und deinen Regenmantel geholt – eine gelbe Regenjacke, du hast darin richtig niedlich ausgesehen, klein wie du warst – und dich in die Schule gescheucht. Und war nicht das der Tag, an dem du in Mathematik bei Mr. Weisbrod eine Frage nicht beantworten konntest? Du warst so wütend, daß du zur Collegebibliothek marschiert bist und soviel darüber nachgelesen hast, bis du mehr wußtest als Mr. Weisbrod. Er war sehr beeindruckt. Das hat er mir hinterher erzählt.« »Wirklich? Das wußte ich gar nicht. Wann hast du denn mit ihm gesprochen?« »An einem Elternabend. Er hat zu mir gesagt: Ihre Tochter ist ein Hitzkopf. Sie war so wütend auf mich, daß sie gelernt hat, bis sie eine Expertin auf diesem Gebiet war. Eine Expertin, hat er gesagt. Aber das habe ich dir ganz sicher schon einmal erzählt.« Ellie legte die Füße auf eine Schreibtischschublade und lehnte sich in ihrem Drehstuhl zurück. Halt gaben ihr jetzt nur noch die Finger in der Nagellackmaschine. Den Summton spürte sie fast eher, als sie ihn hörte. Mit einem Ruck saß sie aufrecht. »Mama, ich muß aufhören.« »Ich bin mir sicher, daß ich dir die Geschichte früher schon mal erzählt habe. Aber du hörst mir ja nie zu, wenn ich dir etwas sage. Mr. Weisbrod war so ein netter Mensch. Du hast seine guten Seiten nie sehen wollen.« »Mama, ich muß jetzt wirklich aufhören. Wir haben einen Bogey aufgefangen.« »Einen Bogey? Was ist denn das?«
»Das weißt du doch, Mama. Etwas, das ein Signal sein könnte. Wir haben doch darüber geredet.« »Da haben wir es wieder, wir denken beide, daß die andere nicht zuhört. Mutter wie Tochter.« »Tschüß, Mama.« »Ich laß dich erst gehen, wenn du mir versprichst, daß du mich gleich hinterher anrufst.« »Okay, Mama. Ist versprochen.« Die ganze Unterhaltung über waren Ellie das Elend und die Einsamkeit ihrer Mutter so deutlich vor Augen gestanden, daß sie das Gespräch am liebsten gleich beendet hätte und davongelaufen wäre. Dafür schämte sie sich. Mit energischen Schritten betrat sie den Kontrollraum und ging zum zentralen Kontrollpult. »Abend, Willie. Abend, Steve. Laßt mich mal die Daten sehen. Gut. Und wo habt ihr das Amplitudendiagramm versteckt? Gut. Habt ihr die interferometrische Positionsbestimmung? Okay. Mal sehen, ob es in dem Sichtbereich einen Stern gibt. Oha, da sehen wir die Wega. Die ist ja nicht weit weg.« Sie hämmerte mit den Fingern auf eine Tastatur ein, sprach dabei jedoch weiter. »Seht mal, sie ist nur 26 Lichtjahre entfernt. Man hat sie schon einmal beobachtet, aber immer mit negativen Ergebnissen. Ich habe sie mir bei meiner ersten Untersuchung in Arecibo selbst angesehen. Wie hoch ist die absolute Intensität? Großer Gott. Das sind ein paar hundert Jansky. Das kann man praktisch mit jedem Radio empfangen. Okay. Dann haben wir also einen Bogey ganz in der Nähe der Wega. Mit einer Frequenz von etwa 9,2 Gigahertz, nicht ausgesprochen monochromatisch: Die Bandbreite beträgt einige hundert Hertz. Unsere Quelle ist linear polarisiert und sendet eine Serie von Pulsen aus, die auf zwei Amplituden beschränkt sind.«
Als Antwort auf die Befehle, die Ellie in den Computer eingegeben hatte, zeigte der Bildschirm eine Aufstellung aller Radioteleskope. »116 Teleskope haben die Pulse empfangen. Also offensichtlich keine technische Störung bei einem einzelnen Teleskop. Okay, jetzt brauchen wir verschiedene Basislängen. Bewegt sich unsere Quelle mit den Sternen? Am Ende ist es wieder nur ein ELINT-Satellit oder ein Flugzeug.« »Ich kann eine siderische Bewegung bestätigen, Frau Dr. Arroway.« »Okay, das genügt. Das Signal kommt also nicht von der Erde, und wahrscheinlich stammt es auch nicht von einem künstlichen Satelliten in einer Umlaufbahn vom Typ Molnija, obwohl wir auch das überprüfen sollten. Willie, rufen Sie bitte NORAD an und fragen Sie, ob die Leute dort einen Satelliten für wahrscheinlich halten. Wenn wir Satelliten ausschließen können, dann bleiben nur noch zwei Möglichkeiten: Entweder will man uns hereinlegen, oder jemand sendet uns endlich doch eine Botschaft. Steve, machen Sie noch einen manuellen Durchgang. Überprüfen Sie einige Teleskope – die Signalstärke ist auf jeden Fall groß genug – und schauen Sie nach, ob sich nicht doch jemand einen kleinen Scherz erlaubt hat, der uns zeigen möchte, wie falsch wir mit unserem ganzen Projekt liegen.« Einige Wissenschaftler und Ingenieure, die durch den Summer des Argus-Computers alarmiert worden waren, hatten sich um das Kommandopult versammelt. Sie konnten sich eines Lächelns nicht erwehren. Keiner von ihnen glaubte ernsthaft an eine Botschaft aus einer anderen Welt. Aber es war wie ein schulfreier Tag, eine Unterbrechung der stumpfsinnigen Routine, an die sie sich gewöhnt hatten, und in ihrem Unterbewußtsein regte sich ganz leise eine Hoffnung. »Wenn jemandem außer extraterrestrischer Intelligenz eine
andere Erklärung einfällt, soll er sie mir sagen«, wandte Ellie sich an die Wissenschaftler. »Die Wega kann es auf keinen Fall sein, Frau Dr. Arroway. Dieses System ist erst einige hundert Millionen Jahre alt. Seine Planeten sind noch in der Entstehung begriffen. Dort kann sich rein zeitlich noch kein intelligentes Leben entwickelt haben. Es muß ein Hintergrundstern sein; oder eine Galaxie.« »Aber dann müßte die Sendeenergie unwahrscheinlich groß sein«, antwortete ein Mitglied des Quasarforscherteams, der dazugekommen war, um zu sehen, was los war. »Wir müssen sofort die Eigenbewegung genau untersuchen, um festzustellen, ob sich die Radioquelle mit der Wega bewegt.« »Mit der Eigenbewegung haben Sie natürlich recht, Jack«, sagte Ellie. »Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit. Vielleicht kommen unsere Freunde gar nicht vom System der Wega. Vielleicht sind sie dort nur zu Besuch.« »Das ist schwer möglich. In dem System befinden sich große Mengen von Schutt. Es ist entweder ein erloschenes Sonnensystem oder ein Sonnensystem, das noch ganz am Anfang seiner Entwicklung steht. Wenn sie länger dortbleiben, wird ihr Raumschiff zu Kleinholz geschlagen.« »Also müssen sie gerade erst angekommen sein. Oder sie verdampfen die Meteoriten, die ihnen entgegenkommen. Oder sie machen Ausweichmanöver, wenn sich ein Stück Schutt auf Kollisionskurs befindet. Vielleicht befinden sie sich ja gar nicht auf der Ebene der Ringe, sondern in einer polaren Umlaufbahn, um dem Schutt auszuweichen. Es gibt Millionen Möglichkeiten. Aber Sie haben völlig recht, wir müssen ja gar nicht raten, ob das Sternsystem der Wega die Quelle ist. Das können wir herausfinden. Wie lang wird die Untersuchung der Eigenbewegung dauern? Überhaupt, Steve, das ist gar nicht Ihre Schicht. Sagen Sie wenigstens Consuela Bescheid, daß es mit dem Abendessen später wird.« Willie, der am Nachbarpult
telephoniert hatte, lächelte schwach: »Ich bin bei NORAD bis zu einem Major Braintree vorgedrungen. Er schwört hoch und heilig, daß sie für dieses Signal keinen Sender haben, schon gar nicht auf neun Gigahertz. Aber das erzählen sie uns jedes Mal, wenn wir anrufen. Jedenfalls sagt er, sie hätten in der Rektaszension und Deklination der Wega kein Raumschiff entdeckt.« »Und was ist mit den Schwarzen?« Zur Zeit gab es eine Menge »schwarzer« Satelliten mit geringem Abtastbereich, die dazu bestimmt waren, die Erde bis zu der Stunde, in der man sie brauchte, unentdeckt zu umkreisen. Dann würden sie als Verstärkung der Raketenaufklärung oder der Nachrichtenübermittlung im nuklearen Krieg eingesetzt werden, falls die eigentlich für diese Zwecke bestimmten militärischen Satelliten ausfielen. Hin und wieder wurde von einem der größeren astronomischen Radarsysteme ein schwarzer Satellit entdeckt. Dann wollte keine Nation sein Eigentümer sein, und es kam zu wilden Spekulationen über die Entdeckung eines extraterrestrischen Raumschiffes in der Erdumlaufbahn. Und mit der nahenden Jahrtausendwende erlebte auch der UFO-Kult eine neue Blütezeit. »Die Interferometrie schließt bereits eine Umlaufbahn vom Typ Molnija aus, Frau Dr. Arroway.« »Gut. Schauen wir uns diese Pulse genauer an. Angenommen, wir haben binäre Arithmetik vor uns – hat es jemand schon ins Dezimalsystem umgerechnet? Wie ist die Zahlenfolge? Okay, das können wir im Kopf machen… neunundfünfzig, einundsechzig, siebenundsechzig… einundsiebzig… sind das nicht alles Primzahlen?« Ein aufgeregtes Raunen ging durch den Kontrollraum. Auch Ellie schwieg einen Augenblick lang überrascht, faßte sich aber schnell wieder. Sie mußte jetzt einen klaren Kopf
behalten, denn sie wollte keinen unwissenschaftlichen und unbeherrschten Eindruck machen. »Okay, fassen wir nochmals kurz zusammen. In einfachen Worten. Passen Sie bitte auf, ob ich etwas vergessen habe. Wir haben ein äußerst starkes, nicht ausgesprochen monochromatisches Signal. Außerhalb dieses Frequenzbandes gibt es nur Rauschen. Das Signal ist linear polarisiert, als ob es von einem Radioteleskop gesendet würde. Das Signal kommt mit ungefähr neun Gigahertz und liegt damit in der Nähe des Minimums des galaktischen Hintergrundrauschens. Es ist die richtige Frequenz für jemanden, der über eine große Entfernung hinweg gehört werden will. Wir haben eine siderische Bewegung der Quelle, das heißt, sie bewegt sich, als ob sie sich im All zwischen den Sternen befindet und nicht von einem lokalen Sender kommt. NORAD behauptet, daß sie keine Satelliten entdecken können – weder eigene noch fremde –, die der Position der Quelle entsprechen würden. Die Interferometrie schließt eine Quelle in der Erdumlaufbahn auf jeden Fall aus. Steve hat inzwischen die Daten manuell überprüft. Es scheint sich nicht um ein Programm zu handeln, das ein Scherzbold in den Computer eingegeben hat. In die Himmelsregion, auf die unsere Teleskope gerichtet sind, gehört die Wega, die ein A-Null-Hauptreihen-Zwergstern ist. Sie ähnelt der Sonne, ist aber nur sechsundzwanzigtausend Lichtjahre entfernt und hat den prototypischen stellaren Schuttring. Planeten sind nicht bekannt, aber mit Sicherheit gibt es welche im Bereich der Wega, von denen wir nichts wissen. Wir machen eine Untersuchung der Eigenbewegung, um herauszufinden, ob sich die Quelle weit hinter der Wega befindet. Die Antwort bekommen wir in… in einigen Wochen, wenn wir auf unsere Möglichkeiten beschränkt bleiben, und in einigen Stunden, wenn wir eine Interferometrie mit sehr langen Basislängen machen. Und schließlich und endlich scheint das,
was gesendet wird, eine lange Sequenz von Primzahlen zu sein, also ganzen Zahlen, die nur durch sich selbst und eins teilbar sind. Es ist unwahrscheinlich, daß ein astrophysikalischer Vorgang Primzahlen erzeugt. Deshalb würde ich meinen – mit aller Vorsicht, natürlich – aber ich würde meinen, alles spricht dafür, daß wir auf einer heißen Spur sind. Aber es gibt noch ein Problem, wenn es sich hier um eine Botschaft von Wesen handelt, die sich auf einem Planeten in der Nähe der Wega entwickelt haben. Sie müßten sich sehr schnell entwickelt haben. Der Planet besteht erst seit ungefähr vierhundert Millionen Jahren. Er ist damit ein unwahrscheinlicher Ort für die nächstgelegene Zivilisation. Deshalb ist die Untersuchung der Eigenbewegung sehr wichtig. Aber ich würde auch die Möglichkeit, daß es sich um einen Scherz handelt, noch genauer überprüfen.« »Seht mal«, sagte einer der Quasarforscher, der sich bisher im Hintergrund gehalten hatte. Mit dem Kinn machte er eine Bewegung zum westlichen Horizont, wo ein zarter rosafarbener Schein die Stelle anzeigte, an der die Sonne untergegangen war. »Auch die Wega geht in ein paar Stunden unter. In Australien ist sie wahrscheinlich schon aufgegangen. Können wir nicht einfach in Sydney anrufen und die Leute dort bitten, sich das mal anzusehen, und zwar jetzt, wo wir die Wega auch noch sehen.« »Gute Idee. In Sydney ist es jetzt früher Nachmittag. Und mit Sydney haben wir eine Basislänge, die lang genug für eine Untersuchung der Eigenbewegung ist. Geben Sie mir mal den Computerausdruck aller Daten, und ich schicke sie von meinem Büro aus per Telefax nach Australien.« Bewußt gelassen verließ Ellie die Gruppe, die sich um das Schaltpult drängte, und ging in ihr Büro zurück. Sorgfältig schloß sie die Tür hinter sich. »Ich glaub, ich werd’ verrückt«, flüsterte sie.
»Ian Broderick, bitte. Hier spricht Eleanor Arroway vom Projekt Argus. Ja, es ist dringend. Danke, ich bleibe dran… Hallo, Ian? Vielleicht hat es nichts zu bedeuten, aber wir haben hier einen Bogey. Könntet ihr das für uns mal nachprüfen? Um neun Gigahertz mit einigen hundert Hertz Bandbreite. Ich gebe Ihnen jetzt die Daten mit Telefax rüber… Ihr habt eine Antenne im Spiegel, die neun Gigahertz gut empfängt? So ein Glück… Ja, die Wega liegt direkt in der Mitte des Blickfeldes. Und so, wie es aussieht, empfangen wir Pulse in Primzahlen… Wirklich? Okay, ich bleibe dran.« Ellie mußte wieder einmal daran denken, wie rückständig die astronomische Zusammenarbeit weltweit war. Ein gemeinschaftliches Datenbanksystem existierte immer noch nicht. Schon eine asynchrone Übertragung… »Hören Sie, Ian, würden Sie sich, solange sich das Teleskop dreht, einmal das Amplituden-ZeitDiagramm ansehen? Bezeichnen wir doch die Pulse mit niedriger Amplitude als Punkte und die mit hoher Amplitude als Striche. Dann kriegen wir… Ja genau, das ergibt das gleiche Bild, das wir seit einer halben Stunde sehen… Vielleicht. Es ist das Vielversprechendste in den letzten fünf Jahren, aber ich muß auch immer daran denken, wie furchtbar die Sowjets 1974 mit dem Big-Bird-Satelliten an der Nase herumgeführt worden sind. Soweit ich es mitbekommen habe, handelte es sich damals um eine amerikanische RadarHöhenmessung der Sowjetunion für die Flugbahn von Cruise Missiles… Sozusagen ein Satellit als Landvermesser. Und die Sowjets haben mit ihren Drehantennen Signale aufgefangen. Sie konnten nicht feststellen, woher aus dem All sie kamen. Alles, was sie herausfanden, war, daß sie immer um die gleiche Morgenstunde dieselbe Pulssequenz empfingen. Ihre eigenen Experten waren davon überzeugt, daß es sich nicht um militärische Funkübertragungen handelte; deshalb dachten sie natürlich, das alles sei außerirdisch… nein, wir haben eine
Satellitenübertragung bereits ausgeschlossen. Ian, können wir euch zumuten, die Signale so lange zu verfolgen, wie sie sich in eurem Bereich befinden? Über die Interferometrie mit langen Basislängen reden wir später noch. Ich versuche noch mit anderen Radioobservatorien Verbindung aufzunehmen, die gleichmäßig in geographischer Länge verteilt sind und dem Signal folgen können, bis es hier wieder auftaucht… Ich weiß allerdings nicht, ob man so einfach nach China telephonieren kann. Vielleicht sollte ich ein IAU-Telegramm schicken…. Gut. Vielen Dank, Ian.« Auf dem Flur zum Kontrollraum hielt Ellie inne – natürlich war es Ironie, den Raum Kontrollraum zu nennen; die Computer, die diese Arbeit leisteten, standen ganz woanders -und sah mit Sympathie auf die kleine Gruppe von Wissenschaftlern, die dort angeregt über die Daten diskutierte und humorvoll Mutmaßungen über die Beschaffenheit des Signals anstellte. Die Wissenschaftler waren nicht nach der Mode gekleidet und sie sahen auch nicht im herkömmlichen Sinn gut aus. Aber sie hatten etwas unwiderstehlich Anziehendes. Sie leisteten hervorragende Arbeit, und wenn es um eine neue Entdeckung ging, gingen sie ganz in ihrer Arbeit auf. Als Ellie zu ihnen trat, verstummten sie und schauten sie erwartungsvoll an. Die Zahlen wurden jetzt automatisch vom Binärsystem ins Dezimalsystem übertragen… 881, 883, 887, 907… es waren wirklich nur Primzahlen. »Willie, bringen Sie mir bitte eine Weltkarte. Und verbinden Sie mich mit Mark Auerbach in Cambridge, Massachusetts. Er müßte zu Hause sein. Geben Sie ihm diese Meldung für ein IAU-Telegramm an alle Observatorien durch, insbesondere die großen Radioobservatorien. Und lassen Sie sich die Telephonnummer von dem Observatorium in Peking geben. Und dann verbinden Sie mich mit dem Wissenschaftsberater der Präsidentin.« »Und die National Science Foundation wollen Sie übergehen?«
»Nach Auerbach verbinden Sie mich bitte mit dem Wissenschaftsberater der Präsidentin.« Ellie bildete sich ein, inmitten des lautstarken Protests der anderen einen Freudenschrei zu hören. Mit dem Fahrrad, kleinen Lieferwagen, von Postboten zu Fuß oder per Telephon wurde die Nachricht allen astronomischen Zentren der Welt zugestellt. Einige der größeren Radioobservatorien – zum Beispiel in China, Indien, der Sowjetunion oder Holland – bekamen sie per Fernschreiber. Wenn sie hereintickte, überflog sie ein Sicherheitsbeamter oder ein zufällig vorbeikommender Wissenschaftler, riß sie ab und trug das Papier ins Büro. Die Nachricht lautete: UNGEWÖHNLICHE PERIODISCHE RADIOQUELLE MIT DEN KOORDINATEN: REKTASZENSION 18h 34m, DEKLINATION PLUS 38 GRAD 41 MINUTEN, ENTDECKT VON SYSTEMATISCHER HIMMELSBEOBACHTUNGSSTATION ARGUS. FREQUENZ 9.24176684 GIGAHERTZ, BANDBREITE CIRCA 430 HERTZ. ZWEI VERSCHIEDENE AMPLITUDEN MIT CIRCA 174 UND 179 JANSKY. MIT DER AMPLITUDENMODULATION IST PRIMZAHLENSEQUENZ KODIERT. BEOBACHTUNGSSTANDORTE ÜBER DIE GANZE LÄNGE DRINGEND BENÖTIGT. BITTE UM RÜCKRUF FÜR WEITERE INFORMATIONEN ZUR KOORDINATION DER BEOBACHTUNGEN. E. ARROWAY, DIREKTORIN PROJEKT ARGUS, SOCORRO, NEW MEXICO, USA.
5 Entschlüsselungsalgorithmus
O sprich noch einmal, holder Engel! William Shakespeare Romeo und Julia
Die Gästezimmer waren bereits von den prominentesten Wissenschaftlern der SETI belegt. Als die offiziellen Delegationen aus Washington eintrafen, gab es für sie keine passende Unterbringung auf dem Argus-Gelände mehr, und man mußte sie in Motels im benachbarten Socorro einquartieren. Kenneth Der Heer, der Wissenschaftsberater der Präsidentin, war die einzige Ausnahme. Er kam einen Tag nach der Entdeckung der Zeichen auf den dringenden Anruf von Eleanor Arroway hin angereist. In den darauffolgenden Tagen kamen nacheinander die Delegierten der National Science Foundation, der NASA, des Verteidigungsministerium, des Wissenschaftsrates der Präsidentin, des Nationalen Sicherheitsrates und der Nationalen Sicherheitsbehörde. Am Abend zuvor hatten einige von ihnen am Sockel des Teleskops 101 gestanden und zum erstenmal die Wega gezeigt bekommen. Wie zum Gruß hatte deren blauweißes Licht besonders schön gefunkelt. »Ich habe sie schon früher gesehen, aber nicht gewußt, daß es die Wega ist«, hatte einer der Wissenschaftler bemerkt. Die
Wega schien heller zu sein als die anderen Sterne, aber das war auch schon alles, was sich an Besonderem sagen ließ: Sie war nur einer von den vielen tausend Sternen, die man mit bloßem Auge sehen konnte. Die Wissenschaftler waren Teilnehmer eines Forschungsseminars über die Beschaffenheit, den Ursprung und die mögliche Bedeutung der Radiopulse. Das Büro für Öffentlichkeitsarbeit des Projekts – aufgrund des weitverbreiteten Interesses an der Suche nach extraterrestrischer Intelligenz war es größer als in den meisten anderen Observatorien – hatte die Aufgabe, die weniger bedeutenden Vertreter offizieller Stellen zu informieren. Jeder Neuankömmling bekam eine umfassende persönliche Einführung. Ellie selbst mußte die ranghöheren Delegierten einweisen, die laufenden Forschungsarbeiten überwachen und auf die nur zu verständlichen, mit Nachdruck vorgetragenen kritischen Fragen ihrer Kollegen eingehen. Sie war völlig erschöpft. Seit der Entdeckung hatte sie keine einzige Nacht mehr durchschlafen können. Zunächst hatte man versucht, das Ganze geheimzuhalten. Trotz allem war man sich noch nicht absolut sicher, daß es sich um eine extraterrestrische Botschaft handelte. Eine vorzeitige oder falsche Bekanntgabe konnte in der Öffentlichkeit katastrophale Folgen haben. Und, was noch schlimmer war: Die Datenauswertung würde empfindlich gestört werden. Wenn erst die Presse auftauchte, mußte das die Arbeit der Wissenschaftler beeinträchtigen. Sowohl Washington als auch Argus hatten deshalb großes Interesse an einer Geheimhaltung. Aber die Wissenschaftler hatten bereits ihren Familien davon erzählt, das Telegramm der International Astronomical Union (IAU) war in die ganze Welt geschickt worden, und die noch in den Anfängen steckenden astronomischen
Datenbanksysteme in Europa, Nordamerika und Japan hatten sämtliche Daten der Entdeckung gespeichert. Obwohl man sich schon vorher überlegt hatte, wie man sich im Fall einer Entdeckung der Öffentlichkeit gegenüber verhalten wollte, war man auf die gegenwärtige Situation so gut wie nicht vorbereitet. Also wurde eine harmlos klingende Erklärung verfaßt und erst veröffentlicht, als es nicht mehr anders ging. Natürlich war die Sensation perfekt. Sie hatten die Medien um Geduld gebeten, waren sich aber gleichzeitig klar darüber, daß die Presseleute in Kürze scharenweise bei ihnen einfallen würden. Sie hatten versucht, die Reporter von einem Besuch des Geländes abzuschrecken, indem sie bekanntgaben, daß es sich bei den Signalen nicht um wirkliche Informationen, sondern nur um stumpfsinnig sich wiederholende Primzahlen handelte. Die Presse war ungehalten über die Verweigerung näherer Erklärungen. »Über Primzahlen kann ich nur ein paar Zeilen schreiben«, erklärte ein Reporter Ellie am Telephon. Kamerateams in Lufttaxis und gecharterten Hubschraubern glitten im Tiefflug über die Anlage und verursachten oft starke Störgeräusche, die die Teleskope allerdings sofort identifizierten. Einige Reporter lauerten den Delegierten aus Washington auf, wenn sie abends in ihre Motels zurückkehrten. Wagemutigere hatten sogar versucht, heimlich mit Jeeps oder Motorrädern, in einem Fall sogar zu Pferd in das Gelände einzudringen. Ellie sah sich gezwungen, sich nach den Preisen für einen Sicherungszaun um das Observatorium zu erkundigen. Gleich nach Der Heers Ankunft hatte Ellie ihm eine erste Version ihrer späteren Standardeinführung gegeben: Auffallend seien die Intensität des Signals, die unmittelbare Nähe der Quelle zur Wega und die Beschaffenheit der Pulse. »Ich bin vielleicht der Wissenschaftsberater der Präsidentin«, sagte er, »aber von Haus aus doch in erster Linie Biologe.
Deshalb erklären Sie mir bitte alles der Reihe nach. Soviel ich bis jetzt verstanden habe, muß die Botschaft vor sechsundzwanzig Jahren losgeschickt worden sein, wenn die Radioquelle sechsundzwanzig Lichtjahre entfernt ist. Ein paar verrückte Typen mit spitzen Ohren haben sich also in den sechziger Jahren gedacht, wir würden gerne wissen, ob die da unten auf Primzahlen stehen. Aber Primzahlen sind doch keine aufregende Sache. Nach Angeberei sieht es also nicht aus. Eher, als wollten sie uns Nachhilfeunterricht in Arithmetik erteilen. Vielleicht wollen sie uns auch nur beleidigen.« »Nein, das müssen Sie anders sehen«, erwiderte Ellie mit einem Schmunzeln. »Das alles ist nur das Vorspiel, das unsere Aufmerksamkeit erregen soll. Wir empfangen von Quasaren, Pulsaren, Radiogalaxien und so weiter die seltsamsten Pulssequenzen. Aber Primzahlen sind etwas ganz Besonderes, etwas sehr Künstliches. Nicht jede ungerade Zahl ist zum Beispiel eine Primzahl. Und daß abstrahlendes Plasma oder eine explodierende Galaxie eine so regelmäßige Reihe mathematischer Signale sendet, ist einfach undenkbar. Die Primzahlen sind zweifellos dazu da, unsere Aufmerksamkeit zu erregen.« »Aber warum?« fragte Der Heer völlig durcheinander. »Ich weiß es nicht. Wir müssen jetzt viel Geduld haben. Vielleicht verschwinden die Primzahlen bald und etwas anderes, etwas Bedeutungsvolleres tritt an ihre Stelle. Die eigentliche Botschaft. Wir müssen einfach weiter hinhören.« . Am schwersten war der Presse zu erklären, daß die Signale keinen Inhalt hatten, keine Bedeutung – daß es sich nur um die ersten paar hundert Primzahlen handelte, die immer wieder von vorne anfingen und im Binärcode dargestellt waren: 1, 2, 3, 5, 7, 11, 13, 17, 19, 23, 29, 31… Sie mußte erklären, daß die Neun keine Primzahl war, weil man sie durch drei teilen konnte (und natürlich auch durch neun und eins). Genauso die
Zehn, die durch fünf und zwei teilbar war (und durch zehn und eins). Die Elf war eine Primzahl, weil sie nur durch eins und sich selbst geteilt werden konnte. Aber warum wurden ausgerechnet Primzahlen gesendet? Sie mußte an jene verrückten Gelehrten denken, die zu keinem normalen Gespräch in der Lage waren, im Kopfrechnen aber unglaubliche Kunststücke vollbrachten – zum Beispiel konnten sie nach kurzem Nachdenken sagen, auf welchen Wochentag der erste Juni des Jahres 11977 fallen wird. Und das taten sie nicht mit einem bestimmten Ziel, sondern einfach, weil es ihnen Spaß machte und weil sie es konnten. Obwohl erst wenige Tage vergangen waren, seit sie die Botschaft empfangen hatten, fühlte sich Ellie euphorisch und zutiefst enttäuscht zugleich. Nach all den Jahren hatten sie endlich ein Signal empfangen – eine Art Signal zumindest. Aber sein Inhalt war hohl und leer. Eigentlich hatte sie sich vorgestellt, eine ganze Encyclopaedia Galactica gesendet zu bekommen. Erst in den letzten Jahrzehnten hatte man auf der Erde die Radioastronomie entwickelt. In der Galaxis um sie herum waren aber die Sterne im Durchschnitt einige Milliarden Jahre alt. Die Wahrscheinlichkeit, ein Signal von einer genauso fortgeschrittenen Zivilisation wie der der Erde zu empfangen, war verschwindend gering. Wenn die anderen auch nur ein wenig rückständiger waren als wir, würde es ihnen an den technischen Mitteln fehlen, mit uns in Verbindung zu treten. Deshalb kam das Signal höchstwahrscheinlich von einer weiter fortgeschrittenen Zivilisation. Vielleicht konnte die sogar melodienreiche Spiegelfugen schreiben: Der Kontrapunkt war dann das rückwärts geschriebene Thema. Nein, das konnte es nicht sein, entschied Ellie. Obwohl es zweifellos genial gewesen wäre und ihre Fähigkeiten bei weitem überschritten hätte, wäre es nur eine winzige Weiterführung dessen gewesen,
zu dem die Menschen fähig waren. (Bach und Mozart hatten immerhin beachtliche Versuche in der Richtung unternommen.) Ellie versuchte einen noch größeren Sprung. Sie versuchte, sich in den Kopf von jemand zu versetzen, der viel intelligenter war als sie und klüger als beispielsweise Drumlin oder Eda, der junge Physiker aus Nigeria, der den Nobelpreis bekommen hatte. Aber es funktionierte nicht. Sie konnte zwar darüber nachgrübeln, wie man den großen Fermatschen Satz oder die Goldbachsche Vermutung mit einigen wenigen Gleichungen beweisen konnte. Sie konnte sich Probleme ausmalen, die jenseits unseres Fassungsvermögens lagen und für aridere Wesen vielleicht bereits alte Hüte waren. Aber in ihre Köpfe konnte sie nicht schlüpfen, sie konnte sich nicht vorstellen, wie man dachte, wenn man viel mehr konnte als die Menschen. Natürlich. Das war keine Überraschung. Was hatte sie denn erwartet? Ebensogut konnte sie versuchen, sich eine neue Primärfarbe vorzustellen oder eine Welt, in der man einige hundert Bekannte nur aufgrund ihres individuellen Geruchs wiedererkennen konnte… Man konnte über so etwas reden, aber die Erfahrung selbst konnte man nicht machen. Zu sagen, daß jemand viel klüger war als man selbst, bedeutete ja, daß man ihn kaum noch verstehen konnte. Aber trotz alledem: Warum waren es nur Primzahlen? Die Argus-Astronomen hatten in den letzten Tagen einige Fortschritte gemacht. Die Bewegung der Wega war bekannt, man kannte ihre Geschwindigkeitskomponente. Die ArgusTeleskope, die mit den Radioobservatorien in West-Virginia und Australien zusammenarbeiteten, hatten festgestellt, daß sich die Quelle des Signals mit der Wega bewegte. Das Signal kam, soweit man es bei aller Sorgfalt messen konnte, nicht nur aus der Richtung der Wega, sondern es zeigte auch dieselben
eigentümlichen und charakteristischen Bewegungen der Wega. Wenn es sich bei der ganzen Sache nicht um einen üblen Streich handelte, befand sich die Quelle der Primzahlenpulse tatsächlich im System der Wega. Es gab auch keinen zusätzlichen Doppler-Effekt, der sich auf die Bewegung eines auf einem Planeten installierten Senders im Umkreis der Wega hätte zurückführen lassen. Die extraterrestrischen Wesen hatten die Bahnbewegung eliminiert. Vielleicht waren das ihre höflichen Umgangsformen im interstellaren Verkehr. »Es ist das Interessanteste, was ich je gehört habe. Aber mit unserer Abteilung hat es nichts zu tun«, sagte ein Abgeordneter der Forschungsabteilung des Verteidigungsministeriums, der sich anschickte, wieder nach Washington zurückzukehren. Gleich nach der Entdeckung hatte Ellie einige der Teleskope dazu abgestellt, die Wega auf anderen Frequenzbereichen abzuhören. Und tatsächlich hatten die Teleskope auf der 1420Megahertz-Wasserstoff-Linie, der 1667-Megahertz-HydroxylLinie und vielen anderen Frequenzen dasselbe Signal, dieselbe eintönige Abfolge von Primzahlen ausfindig gemacht. Im gesamten Radiospektrum plärrte die Wega mit einem elektromagnetischen Orchester Primzahlen aus. »Ich werde nicht schlau daraus«, sagte Drumlin und schob die Daumen unter den Gürtel. »Das kann uns früher doch nicht entgangen sein. Alle haben sich die Wega schon einmal angeschaut. Auch Arroway hat sie vor zehn Jahren von Arecibo aus beobachtet. Und letzten Dienstag fängt die Wega plötzlich an, Primzahlen zu senden! Warum gerade jetzt? Jetzt, nachdem Argus seit einigen Jahren das Weltall abhört?« »Vielleicht ist ihr Sender wegen Reparaturen einige Jahrhunderte lang ausgefallen«, schlug Valerian vor, »und sie haben ihn gerade wieder in Betrieb genommen. Oder vielleicht haben sie die dienstliche Vorschrift, an uns nur einmal alle Million Jahre eine Nachricht zu senden. Es gibt noch so viele
andere Planeten, auf denen vielleicht Leben existiert. Wir sind sicher nicht die einzigen Bewohner der Galaxis.« Aber Drumlin schüttelte nur völlig unbefriedigt den Kopf. Obwohl Valerian an das Gute im Menschen glaubte und nirgends Intrigen vermutete, ließ ihn der Unterton nicht los, den er aus Drumlins letzter Frage herausgehört hatte: War alles nur ein kühner und verzweifelter Versuch der Argus-Wissenschaftler, die vorzeitige Beendigung ihres Projekts zu verhindern? Valerian schüttelte den Kopf. Nein, er konnte nicht daran glauben. Als auch Der Heer noch zu ihm und Drumlin stieß, sah er sich zwei der bekanntesten Experten der SETI gegenüber, von denen jeder über den anderen schweigend den Kopf schüttelte. Zwischen den Wissenschaftlern und den Bürokraten herrschte wechselseitiges Unbehagen aufgrund fundamental entgegengesetzter Ausgangspositionen. Ein Elektroingenieur hatte es als die ständig drohende Gefahr eines Kurzschlusses bezeichnet. In den Augen der Bürokraten spekulierten die Wissenschaftler zu viel und zu leichtfertig. Für die Wissenschaftler dagegen waren die Bürokraten phantasielos und unkommunikativ. Ellie und besonders Der Heer taten ihr Bestes, die Kluft zu überbrücken, aber ihre Brücke wurde immer wieder weggeschwemmt. An diesem Abend standen überall überquellende Aschenbecher und leere Kaffeetassen herum. Salopp gekleidete Wissenschaftler, Delegierte aus Washington in leichten Anzügen und einige Offiziere bevölkerten den Kontrollraum, den Seminarraum und den kleinen Hörsaal und drängten nach Beendigung der Veranstaltungen durch die Türen nach draußen, wo die Diskussionen im Licht der Zigaretten und Sterne fortgeführt wurden. Die Stimmung war voller Kampflust. Die Anspannung der letzten Tage war deutlich zu spüren.
»Frau Dr. Arroway, darf ich vorstellen, Michael Kitz, Ressortleiter für C3 I im Verteidigungsministerium.« Der Heer stellte Kitz vor und trat selbst einen Schritt zurück. Ellie hatte den Eindruck, er wolle ihr einen Wink geben. Worauf wollte er hinaus? Sie wurde nicht schlau aus ihm. Wollte er sie zu Vernunft und Zurückhaltung mahnen? Aber hielt er sie für einen solchen Heißsporn? C3 I war eine wichtige Abteilung des Verteidigungsministeriums, der große Verantwortung zukam in einer Zeit, in der die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion wirkliche Bereitschaft zum stufenweisen Abbau ihrer strategischen Atomwaffenarsenale zeigten. Es war eine Arbeit für überlegte Männer. Kitz setzte sich in einen der zwei Sessel gegenüber von Ellies Schreibtisch, beugte sich vor und las das Kafka-Zitat. Er schien nicht beeindruckt. »Frau Dr. Arroway, lassen Sie mich gleich zur Sache kommen. Wir machen uns Gedanken darüber, ob es im Interesse der Vereinigten Staaten ist, daß diese Entdeckung allgemein bekannt wird. Wir waren nicht gerade entzückt darüber, daß Sie ein Telegramm in alle Welt geschickt haben.« »Sie meinen nach China? Nach Rußland? Nach Indien?«, fragte sie, wobei der scharfe Klang in ihrer Stimme trotz ihrer Bemühungen nicht zu überhören war. »Sie wollten die ersten 261 Primzahlen geheimhalten? Glauben Sie wirklich, Mr. Kitz, daß die extraterrestrischen Wesen nur mit den Amerikanern Kontakt aufnehmen wollen? Glauben Sie nicht auch, daß eine Botschaft von einer anderen Zivilisation der ganzen Welt gehört?« »Sie hätten uns zu Rate ziehen sollen.« »Um zu riskieren, daß das Signal verloren geht? Unseres Wissens war es durchaus möglich, daß einzigartige Dinge gesendet wurden, nachdem die Wega hier in New Mexico untergegangen war und in Peking hoch am Himmel stand.
Solche Signale sind kein einfacher Telephonanruf nach den Vereinigten Staaten. Sie sind noch nicht einmal direkt an die Erde gerichtet. Sie gelten jedem Planeten im Sonnensystem. Wir hatten nur das Glück, gerade im richtigen Moment am Hörer zu sein.« Der Heer versuchte schon wieder, ihr etwas zu bedeuten. Was wollte er ihr sagen? Daß ihm ihr einfacher Vergleich gefiel, sie sich aber wegen Kitz nicht so aufregen sollte? »Jedenfalls«, fuhr Ellie fort, »ist es jetzt zu spät. Alle wissen, daß es irgendwelche intelligenten Lebewesen im System der Wega geben muß.« »Ich bin mir nicht so sicher, daß es schon zu spät ist, Frau Dr. Arroway. Sie scheinen davon auszugehen, daß eine genauere, entschlüsselbare Botschaft noch zu erwarten sei. Dr. Der Heer hier sagte mir, daß Sie diese Primzahlen für die Vorankündigung einer Botschaft halten, mit der unsere Aufmerksamkeit erregt werden soll. Wenn es tatsächlich eine solche Botschaft geben und diese kompliziert verschlüsselt sein sollte, so daß andere Länder sie nicht sofort mitbekommen« – hier machte er eine Pause, um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen – »sollte es also zu einer solchen Botschaft kommen, so wünsche ich, daß sie geheimgehalten wird, bis wir darüber gesprochen haben.« »Wir alle haben unsere Wünsche, Mr. Kitz«, sprach Ellie zu ihrer eigenen Überraschung honigsüß weiter und ignorierte Der Heers hochgezogene Augenbrauen einfach. Kitz’ Art hatte etwas Aufreizendes, fast Provokatives. Wahrscheinlich hatte er denselben Eindruck von ihr. »Ich zum Beispiel habe den Wunsch, zu verstehen, was das Signal bedeutet, was auf der Wega vor sich geht und was wir auf der Erde davon halten sollen. Möglicherweise können die Wissenschaftler der anderen Nationen uns entscheidend dabei helfen. Vielleicht brauchen wir ihre Daten. Vielleicht brauchen wir ihren
Verstand. Ich könnte mir vorstellen, daß dieses Problem über die Kräfte eines einzelnen Landes geht.« Der Heer wirkte jetzt fast erschrocken. »Aber Frau Dr. Arroway, der Vorschlag von Minister Kitz ist doch nicht so unsinnig. Die anderen Nationen können wir ja immer noch einbeziehen. Er bittet doch nur darum, daß wir zuerst mit ihm darüber sprechen. Und das auch nur, wenn es zu einer Botschaft kommen sollte.« Seine Stimme klang beruhigend und hatte kein falsches Pathos. Ellie sah ihn nochmals scharf an. Der Heer war kein besonders gutaussehender Mann, aber er hatte ein freundliches und intelligentes Gesicht. Er trug einen blauen Anzug und ein Baumwollhemd in bunten Farben. Sein ernstes und beherrschtes Auftreten wurde durch sein warmes Lächeln gemildert. Warum unterstützte er diesen Burschen vom Ministerium? Gehörte es zu seinem Job? Oder war es tatsächlich sinnvoll, was Kitz sagte? »Man könnte es ja wenigstens in seine Überlegungen einbeziehen«, sagte Kitz mit einem Seufzer und stand auf. »Der Verteidigungsminister würde Ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit begrüßen.« Er bemühte sich um ein gewinnendes Lächeln. »Einverstanden?« »Ich muß erst darüber nachdenken«, antwortete Ellie und nahm die dargebotene Hand, als ob sie ein toter Fisch wäre. »Ich komme gleich nach, Mike«, sagte Der Heer munter. Kitz war fast schon zur Tür draußen, als ihm noch etwas einfiel. Er zog ein Dokument aus der Brusttasche, kam zurück und legte es behutsam auf ihren Schreibtisch. »Oh, fast hätte ich es vergessen«, sagte er. »Das ist eine Kopie der Hadden Decision. Die kennen Sie wahrscheinlich. Es geht um das Recht der Regierung, Material, das für die Sicherheit der Vereinigten Staaten von Bedeutung ist, mit einer Geheimhaltungsstufe zu
versehen. Auch wenn es von einem nicht zur Geheimhaltung verpflichteten Observatorium kommt.« »Sie wollen die Primzahlen mit einer Geheimhaltungsstufe versehen?« fragte Ellie, die Augen vor ungläubigem Spott weit aufgerissen. »Wir sehen uns draußen, Ken.« Als Kitz das Büro verlassen hatte, konnte Ellie sich nicht mehr zurückhalten. »Hinter was ist der her? Hinter Todesstrahlen von der Wega? Oder hinter Weltzerstörern? Worum geht es hier eigentlich wirklich?« »Er ist nur vorsichtig, Ellie. Aber ich kann verstehen, wenn Sie glauben, daß noch mehr dahintersteckt. Okay, ich will versuchen, Ihnen eine Erklärung zu geben. Also, angenommen, es gibt tatsächlich eine Botschaft – Sie wissen, was ich meine, eine Botschaft mit einem verständlichen Inhalt – und diese Botschaft ist gegen, sagen wir mal, die Moslems oder Methodisten gerichtet. Sollten wir in einem solchen Fall nicht vorsichtig mit einer öffentlichen Bekanntgabe sein, damit sich die Vereinigten Staaten kein blaues Auge holen?« »Ken, nehmen Sie mich bloß nicht auf den Arm. Dieser Mann ist ein Stellvertreter des Verteidigungsministers. Wenn die sich wegen der Moslems oder Methodisten Sorgen machen würden, dann hätten sie mir einen Stellvertreter des Außenministers geschickt. Oder so einen religiösen Fanatiker, der bei den Gebetsfrühstücken im Weißen Haus den Vorsitz führt. Sie sind doch Wissenschaftsberater der Präsidentin. Was haben Sie ihr geraten?« »Gar nichts habe ich ihr geraten. Seit ich hier bin, habe ich erst einmal kurz am Telephon mit ihr gesprochen. Und ich will offen zu Ihnen sein: Bezüglich einer Geheimhaltungsstufe hat sie mir keine Anweisungen gegeben. Meiner Meinung nach hatte Kitz für das, was er sagte, keine Rückendeckung. Ich glaube, daß er eigenmächtig handelt.« »Was ist er eigentlich von Beruf?«
»Soviel ich weiß, Rechtsanwalt. Er war Topmanager in der Elektroindustrie, bevor er zur Regierung stieß. Über C3 I weiß er wirklich Bescheid, aber damit weiß er noch lange nicht alles.« »Ken, ich vertraue Ihnen. Ich glaube nicht, daß Sie die Hadden Decision als Drohung gegen mich ausspielen«, sagte Ellie mit einem Blick auf das Dokument auf ihrem Schreibtisch. Sie hielt inne und sah ihm in die Augen. »Wissen Sie, daß Drumlin noch eine andere Botschaft in der Polarisation vermutet?« »Wie, das verstehe ich nicht.« »Vor wenigen Stunden hat Dave eine erste statistische Untersuchung der Polarisation abgeschlossen. Dabei ist ein hübscher Film herausgekommen.« Der Heer schaute sie verständnislos an. Ellie war überrascht. Arbeiteten Biologen in ihren Mikroskopen denn nicht mit polarisiertem Licht? »Wenn eine Lichtwelle auf Sie trifft – sichtbares Licht, Radiolicht, jede Art Licht –, dann schwingt sie im rechten Winkel zu Ihrer Blickrichtung. Wenn sich diese Schwingung dreht, dann spricht man von einer elliptisch polarisierten Welle. Wenn sie sich im Uhrzeigersinn dreht, bezeichnet man sie als rechtsdrehend; gegen den Uhrzeigersinn ist sie linksdrehend. Wenn man nun zwischen diesen zwei Arten der Polarisation wechselt, kann man Informationen übermitteln. Eine Polarisation nach rechts bedeutet eine Null, und eine Linkspolarisation eine Eins. Können Sie folgen? So etwas ist durchaus möglich. Wir arbeiten mit Amplitudenmodulation und Frequenzmodulation, aber unsere Zivilisation macht in stillschweigender Übereinkunft normalerweise keine Polarisationsmodulation. Das Wega-Signal sieht aber so aus, als ob es auf einer Polarisationsmodulation basiere. Wir sind gerade dabei, das zu
überprüfen. Dave hat außerdem festgestellt, daß die beiden Polarisationsarten nicht gleich oft vorkommen. Die Wellen sind häufiger rechts- als linkspolarisiert. Vielleicht steckt noch eine andere Botschaft in der Polarisation, die uns bisher entgangen ist. Deshalb traue ich Ihrem Freund auch nicht. Kitz gibt mir doch nicht ohne Anlaß einen gutgemeinten Rat. Vielleicht ahnt er, daß wir noch mehr entdecken könnten.« »Ellie, machen Sie sich nicht so viele Gedanken. Sie haben in den letzten vier Tagen kaum ein Auge zugetan. Sie mußten sich mit der Wissenschaft, der Verwaltung und der Presse auf einmal herumschlagen. Sie haben bereits eine der größten Entdeckungen unseres Jahrhunderts gemacht, und wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie vielleicht einer noch bedeutenderen auf der Spur. Ich verstehe vollkommen, daß Sie so gereizt reagiert haben. Und die Drohung, das Projekt in militärische Überlegungen einzubeziehen, war ungeschickt von Kitz. Ich kann Ihr Mißtrauen gegen ihn voll und ganz verstehen. Aber so abwegig ist es nicht, was er sagt.« »Wie genau kennen Sie ihn?« »Ich habe ihn auf einigen Konferenzen erlebt. Von wirklich kennen kann nicht die Rede sein. Ellie, was halten Sie von folgendem Vorschlag: Falls tatsächlich eine richtige Botschaft hereinkommt, soll nicht jeder gleich davon wissen.« »Gut. Helfen Sie mir, einige der Blindgänger aus Washington auf Abstand zu halten.« »Okay. Übrigens, wenn Sie dieses Dokument auf Ihrem Schreibtisch liegenlassen, wird jemand, der hier hereinkommt, die falschen Schlüsse ziehen. Wollen Sie es nicht forträumen?« »Sie werden mir also helfen?« »Solange die Situation so bleibt wie jetzt, werde ich zu Ihnen stehen. Wir werden nicht mehr gut arbeiten können, wenn die Sache mit einer Geheimhaltungsstufe versehen wird.« Mit einem Lächeln ließ Ellie sich vor ihrem kleinen Bürosafe auf
die Knie und tippte die sechsstellige Zahlenkombination ein: 314159. Sie warf einen letzten Blick auf das Dokument, auf dem in großen schwarzen Buchstaben THE UNITED STATES VS. HADDEN CYBERNETICS stand. Dann schloß sie es weg. Alles in allem waren es ungefähr dreißig Leute – die Techniker und Wissenschaftler, die zum Projekt Argus gehörten, und einige hochgestellte Regierungsbeamte, darunter in Zivil der stellvertretende Direktor der Spionageabwehr. Weiter waren Valerian, Drumlin, Kitz und Der Heer anwesend. Ellie war die einzige Frau. Man hatte eine riesige Fernsehanlage aufgebaut, die auf einen Bildschirm von zwei Quadratmetern an der gegenüberliegenden Wand gerichtet war. Während Ellie zu der Gruppe sprach, bewegten sich ihre Finger über die Tastatur vor ihr. »In den letzten Jahren haben wir uns mit Hilfe von Computern auf die Entschlüsselung eventueller Botschaften verschiedenster Art vorbereitet. Jetzt haben wir durch Dr. Drumlins Analyse herausgefunden, daß in der vorliegenden Polarisationsmodulation Information steckt, daß also, mit anderen Worten, der rasende Wechsel zwischen links und rechts eine Bedeutung hat. Es handelt sich nicht um ein zufälliges Rauschen. Stellen Sie sich vor, Sie werfen eine Münze. Natürlich erwarten Sie, daß Kopf und Zahl mit gleicher Häufigkeit oben liegen werden. Aber dann merken Sie, daß statt dessen eine Seite doppelt so oft erscheint wie die andere. Sie schließen daraus, daß die Münze nicht echt ist oder, wie in unserem Fall, daß die Polarisation nicht zufällig ist, sondern einen Inhalt… Oh, schauen Sie sich das an. Was uns der Computer gerade mitteilt, ist sogar noch viel interessanter. Die Folge von Kopf und Zahl wiederholt sich sozusagen exakt. Die Sequenz ist lang, also handelt es sich um
eine komplexe Botschaft, und die sendende Zivilisation will wahrscheinlich sicherstellen, daß wir sie richtig empfangen. Hier, sehen Sie das? Da wiederholt sich die Botschaft. Wir befinden uns jetzt in der ersten Wiederholung. Jedes Bit an Information, jeder Punkt und jeder Strich – wenn Sie es sich so vorstellen wollen – ist identisch mit dem vorherigen Datenblock. Jetzt analysieren wir die Gesamtzahl der Bits. Dabei handelt es sich um mehrere Milliarden. Aha! Sie ist das Produkt dreier Primzahlen.« Obwohl Drumlin und Valerian beide strahlten, kam es Ellie so vor, als ob sie dabei völlig verschiedene Gefühle durchlebten. »Und jetzt? Was bedeuten ein paar Primzahlen mehr?« fragte ein Besucher aus Washington. »Es könnte bedeuten, daß man uns ein Bild schickt. Sehen Sie, die Botschaft besteht aus einer großen Zahl an Bits. Nehmen wir einmal an, daß diese große Zahl das Produkt dreier kleinerer Zahlen ist, Zahlen also, die miteinander multipliziert diese Zahl ergeben. Dann haben wir drei Dimensionen in der Botschaft. Ich vermute, daß es entweder ein statisches dreidimensionales Bild in der Art eines Hologramms ist oder ein zweidimensionales Bild, das sich in der Zeit verändert, also ein Film. Nehmen wir einfach einmal an, daß es sich um einen Film handelt. Wenn es ein Hologramm ist, brauchen wir jedenfalls länger, um das zu zeigen. Für den Film haben wir einen idealen Entschlüsselungs-Algorithmus.« Auf dem Bildschirm war undeutlich ein sich bewegendes Muster aus Schwarz und Weiß zu sehen. »Willie, würden Sie bitte ein Interpolationsprogramm dazu schalten? Egal welches. Und versuchen Sie, es ungefähr neunzig Grad gegen den Uhrzeigersinn zu drehen.«
»Frau Dr. Arroway, es gibt hier offensichtlich noch einen Nebenkanal. Vielleicht ist es der Ton zum Film.« »Schalten Sie ihn ein.« Die einzige praktische Anwendung von Primzahlen, die Ellie einfiel, war ein Code, der gegenwärtig bei vielen geschäftlichen und nationalen Sicherheitsangelegenheiten Verwendung fand. Man konnte mit Primzahlen eine Botschaft verschlüsseln, die auch der Dümmste verstand; man konnte sie aber genauso gut dazu verwenden, um eine Botschaft vor intelligenteren Geistern zu verbergen. Ellie blickte forschend in die auf sie gerichteten Gesichter. Kitz sah beunruhigt aus. Vielleicht sah er schon einen fremden Eindringling vor sich, oder, noch schlimmer, den Bauplan einer Waffe, die so geheim war, daß Ellie und ihr Team sie gar nicht sehen durften. Willie blickte ernsthaft drein und mußte vor lauter Aufregung immer wieder schlucken. Ein Bild ist etwas ganz anderes als bloße Zahlen. Die Möglichkeit einer sichtbaren Botschaft weckte in den Zuschauern unbewußte Ängste und Phantasien. Nur Der Heers Gesicht strahlte eine wunderbare Gelassenheit aus. Er war jetzt nicht mehr der Funktionär und Bürokrat, der Berater der Präsidentin, sondern ganz Wissenschaftler. Das immer noch unkenntliche Bild wurde von einem tiefen, rumpelnden Glissando begleitet. Die Töne glitten das akustische Spektrum erst hinauf und dann wieder hinunter, bis sie sich etwa eine Oktave unter dem mittleren C einpendelten. Ganz allmählich konnte die Gruppe ein zarte, aber anschwellende Musik vernehmen. Das Bild drehte sich, stellte sich auf und wurde scharf. Ellie starrte auf das grobkörnige Schwarzweißbild einer massigen Tribüne, die mit einem riesigen Jugendstil-Adler geschmückt war. Die Betonkrallen des Adlers schlossen sich um…
»Ein Scherz. Jemand hat sich einen Scherz erlaubt!« Überall waren erstaunte und ungläubige Ausrufe, Gelächter und erregte Wortwechsel zu hören. »Sehen Sie? Sie haben sich hinters Licht führen lassen«, sagte Drumlin fast leutselig zu Ellie. Er grinste. »Ein raffiniert inszenierter Schabernack. Und damit haben Sie die Zeit von uns allen verschwendet.« In den Betonkrallen des Adlers konnte sie jetzt ganz deutlich ein Hakenkreuz erkennen. Die Kamera fuhr langsam an dem Adler nach oben und bekam das lächelnde Gesicht von Adolf Hitler vor die Linse, der einer zu Marschmusik singenden Menge zuwinkte. Seine Uniform ohne einen einzigen Orden vermittelte bescheidene Einfachheit. Der tiefe Bariton eines Ansagers, der kratzend, aber unverkennbar Deutsch sprach, füllte den Raum. Der Heer trat zu Ellie. »Können Sie Deutsch?« flüsterte sie ihm zu. »Was sagt er?« »Der Führer«, übersetzte er langsam, »heißt die ganze Welt willkommen im deutschen Vaterland zur Eröffnung der Olympischen Spiele 1936.«
6 Palimpsest
Wenn aber die Wächter nicht glückselig sind, wer soll es dann sonst sein? Aristoteles Politik, Zweites Buch, Kapitel 5
Als die Maschine ihre Flughöhe erreicht hatte und Albuquerque bereits mehr als hundert Meilen hinter ihnen lag, warf Ellie träge einen Blick auf das kleine weiße, mit blauen Buchstaben bedruckte Pappschild, das an ihr Flugticket geheftet war. Der Wortlaut hatte sich seit ihrem ersten Flug nicht verändert: »Dies ist kein Gepäckschein im Sinn von Artikel 4 des Warschauer Abkommens.« Warum machten sich die Fluggesellschaften bloß solche Sorgen, daß die Passagiere dieses Stück Pappe mit einem Gepäckschein des Warschauer Abkommens verwechseln könnten? Was war überhaupt ein solcher Schein? Warum hatte sie bisher noch nie einen zu Gesicht bekommen? Wo kam er her? Es mußte in der Geschichte der Luftfahrt einmal eine Katastrophe gegeben haben: Eine unachtsame Fluggesellschaft mußte vergessen haben, diese Warnung auf rechteckige Pappschilder zu drucken. Daraufhin wurde sie von zornigen Passagieren in den Bankrott getrieben, weil den Passagieren daraus ein Schaden entstanden war, daß sie ihren Gepäckschein für einen Warschauer Gepäckschein gehalten hatten. Sicher gab es
handfeste finanzielle Gründe dafür, daß auf der ganzen Welt so sorgfältig unterschieden wurde, welche Pappschilder nicht durch das Warschauer Abkommen beschrieben waren. Man stelle sich vor, dachte Ellie, daß der gesamte Text dieser Karten etwas Sinnvollem gewidmet wäre – wie beispielsweise der Geschichte der Entdeckung der Welt, oder weniger beachteten Entdeckungen der Wissenschaft, oder vielleicht sogar der Ermittlung, wie viele Meilen ein Flugzeug im Durchschnitt zurücklegte, bevor es abstürzte. Wenn sie Kitz’ Angebot, ein Militärflugzeug zu nehmen, akzeptiert hätte, wäre sie wahrscheinlich auf andere Gedanken gekommen. Aber sie hatte es sich nicht zu bequem machen wollen, zumal sie sich selbst und das Projekt nicht in Abhängigkeit von den Militärs bringen wollte. Lieber flogen Valerian und sie mit einem regulären Linienflug. Valerian waren die Augen gleich zugefallen, nachdem er es sich neben ihr bequem gemacht hatte. Sie hatten vor ihrem Abflug keine Eile gehabt und sich noch über den neuesten Stand der Datenanalyse informieren können. Sie hatten einen Linienflug nach Washington gebucht, mit dem sie rechtzeitig zur morgigen Konferenz eintreffen würden. Es blieb sogar noch Zeit, sich auszuschlafen. Ellie warf einen Blick auf den Telefax, der sicher verpackt in einer Ledertasche unter ihrem Sitz stand. Er war um einige hundert Kilobit pro Sekunde schneller als Peters altes Modell, und seine graphischen Darstellungen waren viel besser. Vielleicht brauchte sie ihn morgen, um der Präsidentin der Vereinigten Staaten anhand eines Telefax zu erklären, was Adolf Hitler auf der Wega machte. Ellie war, das mußte sie sich eingestehen, ein bißchen nervös wegen der Konferenz. Sie hatte noch nie zuvor einen Präsidenten persönlich kennengelernt. Gemessen an dem, was die zweite Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu bieten gehabt hatte, war die amtierende Präsidentin gar nicht so übel. Nicht einmal für den Friseur hatte Ellie die Zeit gereicht,
geschweige denn für die Kosmetikerin. Aber es war egal, sie ging ja nicht ins Weiße Haus, um wegen ihres Aussehens bewundert zu werden. Was ihr Stiefvater jetzt wohl dachte? Ob er sie immer noch für untauglich für die Wissenschaft hielt? Oder ihre Mutter, die jetzt an den Rollstuhl gefesselt in einem Pflegeheim lebte? Ellie hatte sie seit der Entdeckung vor mehr als einer Woche erst einmal kurz angerufen. Sie nahm sich fest vor, es morgen wieder zu tun. Zum hundertsten Mal starrte Ellie aus dem Fenster und malte sich aus, wie die Erde auf einen außerirdischen Beobachter aus einer Flughöhe von zwölf bis vierzehn Kilometern wirken mochte, vorausgesetzt, der Fremdling hatte Augen wie die Menschen. Im Mittleren Westen gab es riesige Flächen, die in verschiedene Quadrate, Rechtecke und Kreise eingeteilt waren, je nachdem, ob sie für landwirtschaftliche oder städtebauliche Zwecke gedacht waren. Dann gab es ausgedehnte Flächen im Südwesten, wo nur der gelegentliche gerade Strich einer Straße durch die Berge und Wüsten von intelligentem Leben zeugte. Waren die Welten fortgeschrittenerer Zivilisationen bis in den letzten Winkel durchkonstruiert und umgebaut? Oder war es Kennzeichen einer wirklich fortgeschrittenen Zivilisation, überhaupt keine Spuren in ihrer Umwelt zu hinterlassen? Konnten extraterrestrische Wesen nach einem kurzen Blick auf die Erde genau sagen, in welchem Stadium innerhalb der großen kosmischen Evolution intelligenter Lebewesen wir uns befanden? Was konnten sie sonst noch sagen? Aufgrund des Blaus des Himmels konnten sie die Loschmidtsche Zahl ungefähr errechnen, die angab, wie viele Moleküle sich in einem Kubikzentimeter Luft in Meereshöhe befanden. Es waren ungefähr 3 x 1019 Teilchen. Die Höhe der Wolken konnten sie ganz leicht aus der Länge ihrer Schatten auf dem Erdboden ablesen. Wenn sie wußten, daß die Wolken
kondensiertes Wasser waren, dann konnten sie den vertikalen Temperaturgradienten der Atmosphäre grob errechnen, weil die Temperatur bis zur Höhe der höchsten Wolke, die Ellie noch sehen konnte, bis auf ungefähr minus 40 Grad Celsius abfallen mußte. Die Erosion der Erdoberfläche, die Verästelungen und U-förmigen Schleifen der Flüsse, die Seen und verwitterten Vulkane, all das bezeugte den uralten Kampf der Erde mit Erosionsprozessen. Man konnte wirklich mit einem Blick sehen, daß es sich um einen alten Planeten mit einer ganz neuen Zivilisation handelte. Die meisten Planeten der Galaxis hatten wahrscheinlich ein ehrwürdiges Alter, aber keine fortgeschrittenen Technologien, vielleicht sogar nicht einmal organisches Leben. Einige wenige beherbergten vielleicht Zivilisationen, die viel älter waren als unsere. Welten mit Zivilisationen, die gerade erst dabei waren, Technologien zu entwickeln, gab es wahrscheinlich nur ganz, ganz wenige. Vielleicht war im Grunde auch dies das Einzigartige an der Erde. Als der Lunch serviert wurde, überflogen sie gerade das Delta des Mississippi. Die Landschaft unter ihnen wurde grün. Kaum zu glauben, daß sie in einem Flugzeug saßen, so ruhig flog es. Ellie sah auf Peter, der immer noch schlief. Beinahe beleidigt hatte er bei der Aussicht auf ein Mittagessen von der Fluggesellschaft abgewunken. Neben ihm, auf der anderen Seite des Gangs, lag ein kleines Baby, das kaum älter als drei Monate sein konnte, in den Armen seines Vaters. Wie wohl ein Kind so einen Flug erlebte? Da kam man plötzlich in einen großen Raum mit Sitzen, auf denen man Platz nahm. Der Raum rüttelte und schüttelte sich vier Stunden lang. Dann stand man wieder auf und ging hinaus. Und wie durch ein Wunder war man woanders. Aber auch wenn man nicht begriff, wie das Transportmittel funktionierte, war doch die Grundidee einfach
zu begreifen. Man brauchte also nicht schon als Kind die Navier-Stokesschen Gleichungen auswendig zu wissen. Es war später Nachmittag, als sie über Washington kreisten und auf die Landeerlaubnis warteten. Zwischen dem Washington Monument und dem Lincoln Memorial sah Ellie eine riesige Menschenmenge. Erst vor einer Stunde hatte sie in einem Telefax der Times gelesen, daß eine Protestkundgebung schwarzer Amerikaner gegen wirtschaftliche Benachteiligung und ungleiche Behandlung im Ausbildungssektor stattfand. Die Beschwerden waren nur zu berechtigt, dachte Ellie, und die Schwarzen waren bisher wirklich sehr geduldig gewesen. Sie fragte sich, wie die Präsidentin wohl auf die Kundgebung und die Übertragung von der Wega reagieren würde. Für morgen erwartete man zu beiden Ereignissen einen Kommentar von offizieller Seite. »Was meinen Sie mit ›sie entweichen‹ Ken?« »Ich will damit sagen, Frau Präsidentin, daß die Fernsehsignale unseren Planeten verlassen und ins Weltall entweichen.« »Und wie weit kommen sie da genau?« »Bei allem Respekt, verehrte Frau Präsidentin, aber es ist nicht ganz so einfach.« »Wie ist es dann?« »Die Signale breiten sich in Kugelwellen von der Erde aus, etwa so wie Wellen in einem Teich. Sie bewegen sich mit Lichtgeschwindigkeit, also 299792 Kilometern pro Sekunde, und pflanzen sich unendlich fort. Je besser die Empfänger sind, die andere Zivilisationen haben, aus desto größerer Entfernung können sie noch unsere TV-Signale empfangen. Sogar wir wären in der Lage, eine Fernsehübertragung von einem Planeten zu empfangen, der um den erdnächsten Stern kreist.« Einen Moment lang stand die Präsidentin da wie vom Donner gerührt und starrte durch die Glastür in den Rosengarten. Dann
drehte sie sich zu Der Heer um und sagte: »Man kann dort… alle unsere Signale empfangen?« »Jawohl.« »Also auch all den Quatsch im Fernsehen? Die Autounfälle? Sport? Pornos? Nachrichten?« »Alles, Frau Präsidentin«, antwortete Der Heer und schüttelte jetzt, wo er selbst daran dachte, betreten den Kopf. »Der Heer, verstehe ich Sie wirklich richtig? Heißt das auch, daß alle meine Pressekonferenzen, meine Berichte und meine Antrittsrede da hinausgegangen sind?« »Das sind die guten Nachrichten, Frau Präsidentin. Die schlechten sind, daß die Fernsehauftritte Ihres Vorgängers genauso hinausgingen wie die von Nixon oder der sowjetischen Führung. Und all die gemeinen Dinge, die Ihre Gegner über Sie gesagt haben. Ein sehr gemischter Segen!« »O mein Gott. Aber sprechen Sie weiter«, forderte die Präsidentin Der Heer auf. Sie hatte sich von der Glastür abgewandt und studierte scheinbar interessiert eine Marmorbüste von Thomas Paine, die erst vor kurzem aus dem Keller der Smithsonian Institution hervorgeholt worden war, wo ihr Amtsvorgänger sie hatte deponieren lassen. »Sie müssen sich das so vorstellen: Der kurze Film von der Wega wurde erstmals 1936 bei der Eröffnung der Olympischen Spiele in Berlin gesendet. Obwohl er nur in Deutschland ausgestrahlt wurde, war es die erste Fernsehübertragung auf der Erde mit einer gewissen Sendestärke. Anders als bei den anderen Radioübertragungen der dreißiger Jahre drangen diese Signale durch unsere Ionosphäre in den Weltraum. Wir versuchen gerade herauszufinden, was genau damals eigentlich gesendet wurde, aber dazu brauchen wir wahrscheinlich noch etwas Zeit. Vielleicht ist die Begrüßung durch Hitler der einzige Teil der gesamten Übertragung, den sie auf der Wega auffangen konnten. Also ist von deren Standpunkt aus Hitler
das erste Anzeichen intelligenten Lebens auf der Erde. Ich meine das nicht ironisch. Sie wissen dort ja nicht, was die Übertragung bedeutet. Sie zeichnen es nur auf und senden es an uns zurück. Als wenn sie uns sagen wollten: Hallo, wir haben euch gehört. Eigentlich eine recht freundliche Geste.« »Und Sie sind der Ansicht, daß es dann bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs keine Fernsehübertragungen mehr gab?« fragte die Präsidentin. »Nichts, was der Rede wert gewesen wäre. In England gab es eine Sendung über die Krönung Georgs VI. und noch ein paar andere kleinere Übertragungen. Die große Zeit der Fernsehübertragungen setzte erst Ende der vierziger Jahre ein. All diese Programme verließen die Erde mit Lichtgeschwindigkeit. Stellen Sie sich vor, hier ist die Erde« – Der Heer versuchte, seine Argumente mit Gesten zu veranschaulichen – »und hier eine Kugelwelle, die mit Lichtgeschwindigkeit von ihr wegläuft. Sie startet 1936 und entfernt sich immer weiter von der Erde. Früher oder später erreicht sie die nächste Zivilisation. Die ist überraschend nah, nur sechsundzwanzig Lichtjahre entfernt, auf einem Planeten der Wega. Die Bewohner dort zeichnen sie auf und schicken sie zu uns zurück. Aber es dauert nochmals sechsundzwanzig Jahre, bis die Olympischen Spiele wieder zur Erde zurückkehren. Daraus läßt sich schließen, daß die Wegianer unsere Signale schnell verstanden haben. Sie müssen damals geradezu eine fertig aufgebaute und genau eingestellte Empfängeranlage gehabt haben, die nur noch auf unsere ersten Fernsehsignale gewartet hat. Sie haben die Signale also entdeckt, aufgezeichnet und nach einer Weile an uns zurückgeschickt. Wenn sie nicht schon einmal hier gewesen sind – auf einer Beobachtungsmission vor ein paar hundert Jahren etwa – können sie nicht gewußt haben, daß wir das Fernsehen gerade erst erfunden hatten. Deshalb ist Frau Dr.
Arroway der Ansicht, daß diese Zivilisation alle benachbarten Planetensysteme überwacht, um festzustellen, ob ihre Nachbarn hochentwickelte Technologien besitzen.« »Ken, vieles von dem, was Sie sagen, ist hochinteressant. Sind Sie sicher, daß diese – wie nennen Sie sie, Wegianer? – also, daß diese Wegianer nicht verstehen, worum es in dem Fernsehprogramm ging?« »Frau Präsidentin, ganz ohne Zweifel sind die Wesen auf der Wega sehr gescheit. Das Signal von 1936 war sehr schwach. Ihre Detektoren müssen ungeheuer empfindlich sein, wenn sie es auffangen konnten. Aber ich kann mir nicht denken, daß sie seinen Inhalt verstanden haben. Wahrscheinlich sehen diese Wesen ganz anders aus als wir und haben eine andere Geschichte und auch andere Sitten. Sie können gar nicht wissen, was ein Hakenkreuz ist oder wer Adolf Hitler war.« »Ausgerechnet Adolf Hitler! Ken, das macht mich rasend. Vierzig Millionen Menschen mußten sterben, um seinen Größenwahnsinn zu besiegen. Und jetzt ist er der Star der ersten Fernsehübertragung zu einer anderen Zivilisation? Er vertritt die ganze Erde. Damit sind die kühnsten Träume dieses Verrückten wahr geworden.« Sie hielt inne und fuhr mit ruhigerer Stimme fort: »Sie wissen, daß ich schon immer der Ansicht war, daß Hitler den Hitlergruß nie richtig zustande gebracht hat. Er hat den Arm nie gerade ausgestreckt, immer hing er schief in der Luft. Das ergab dann diesen markigen Gruß mit gekrümmtem Ellbogen. Wenn jemand anders sein Heil Hitler so schlecht ausgeführt hätte, wäre er sicher an die russische Front geschickt worden.« »Aber Hitler erwiderte ja nur den Gruß der anderen. Er wünschte sich nicht selber Heil Hitler.« »O doch, das tat er«, widersprach die Präsidentin. Mit einer Geste geleitete sie Der Heer aus dem Rosenzimmer hinaus und einen Flur entlang. Plötzlich blieb sie stehen und sah ihn an.
»Was wäre gewesen, wenn die Nazis 1936 kein Fernsehen gehabt hätten?« fragte sie. »Dann hätten die Wegianer vermutlich die Krönung Georgs VI. oder eine Sendung über die Weltausstellung in New York 1939 empfangen, wenn die Sendestärke stark genug gewesen sein sollte. Oder irgendwelche Fernsehsendungen Ende der vierziger, Anfang der fünfziger Jahre. Zum Beispiel Howdy Doody, Milton Berle oder die antikommunistischen Hetzkampagnen McCarthys – alles wahrhaft erlesene Früchte intelligenten Lebens der Erde.« »Und solche Sendungen sind unsere Botschafter im Weltraum… die Abgesandten der Erde.« Nachdenklich hielt die Präsidentin einen Moment inne. »Mit seinen Botschaftern sollte man sich von der besten Seite zeigen. Und wir haben in den letzten vierzig Jahren vor allem Mist in den Weltraum geschickt. Ich würde zu gerne wissen, was die Rundfunk- und Fernsehintendanten dazu sagen würden. Und dann dieser Wahnsinnige, Hitler. Das sind also die ersten Nachrichten von der und über die Erde? Was werden sie nur von uns denken?« Als Der Heer und die Präsidentin den Kabinettsaal betraten, verstummten die dort versammelten Politiker und Wissenschaftler, und einige, die bereits saßen, machten Anstalten, sich zu erheben. Mit einer kurzen Handbewegung bedeutete die Präsidentin ihnen, sitzen zu bleiben, und begrüßte dann mit einem kurzen Händedruck den Außenminister und einen Vertreter des Verteidigungsministeriums. Dann musterte sie bedächtig den Kreis der Anwesenden. Einige erwiderten ihren Blick erwartungsvoll. Andere, die eine gewisse Verdrossenheit im Gesicht der Präsidentin entdeckten, schlugen die Augen nieder. »Ken, ist Ihre Astronomin denn nicht hier? Frau Arrowsmith? Oder Arrowroot?«
»Arroway, Frau Präsidentin. Sie und Dr. Valerian sind bereits gestern abend angekommen. Vielleicht sind sie durch den Verkehr aufgehalten worden.« »Frau Dr. Arroway hat aus ihrem Hotel angerufen, Frau Präsidentin«, meldete sich unaufgefordert ein gepflegter junger Mann zu Wort. »Sie sagte, sie bekomme gerade neue Daten per Telefax mitgeteilt, die sie gleich zur Sitzung mitbringen wolle. Wir sollten ruhig ohne sie anfangen.« Entsetzt beugte sich Michael Kitz vor und fragte ungläubig: »Man schickt diese neuen Daten über eine normale, nicht gesicherte öffentliche Telephonleitung in ein Hotelzimmer in Washington?« Der Heer antwortete so leise, daß Kitz sich noch weiter vorbeugen mußte, um ihn zu verstehen: »Mike, das Telefax ist ganz sicher zumindest mit einem der gängigen Codes verschlüsselt. Außerdem gibt es, wie Sie selbst wissen, keine Sicherheitsvorschriften in dieser Angelegenheit. Aber ich bin davon überzeugt, daß Frau Dr. Arroway zur Zusammenarbeit bereit ist, wenn es zu solchen Vorschriften kommen sollte.« »Also, lassen Sie uns jetzt anfangen«, sagte die Präsidentin. »Es handelt sich hier um ein informelles Treffen des Nationalen Sicherheitsrates und der eigens zu diesem Anlaß gebildeten Sonderkommission. Ich möchte Sie alle nachdrücklich darauf hinweisen, daß nichts, absolut nichts von dem, worüber in diesem Raum gesprochen wird, an hier nicht anwesende Personen weitergegeben werden darf. Davon ausgenommen sind natürlich der Verteidigungsminister und der Vizepräsident, die sich in Übersee befinden. Gestern hat Dr. Der Heer den meisten von Ihnen schon eine kurze Einführung über die unglaubliche Fernsehsendung von der Wega gegeben. Dr. Der Heer und andere sind der Ansicht« – die Präsidentin hielt inne und ließ ihren Blick über die Anwesenden schweifen – »daß es reiner Zufall ist, daß in der
ersten Sendung, die zur Wega gelangte, gerade Adolf Hitler die Hauptrolle spielt. Trotzdem bringt es uns in… na ja, Verlegenheit. Ich habe den Direktor des CIA gebeten, eine Einschätzung möglicher Folgen für die nationale Sicherheit auszuarbeiten. Besteht die Möglichkeit einer direkten Bedrohung von uns durch die Sender dieser Botschaft, wer auch immer sie sein mögen? Bekommen wir Schwierigkeiten, wenn eine neue Botschaft gefunkt wird, die ein anderes Land zuerst entschlüsselt? Aber zunächst einmal möchte ich Marvin fragen, ob hier irgendein Zusammenhang mit fliegenden Untertassen besteht?« Der Direktor des CIA, ein gebieterisch wirkender Mann Anfang Fünfzig, der eine Brille mit Metallfassung trug, faßte seine Ergebnisse zusammen. Nicht identifizierte fliegende Objekte, UFOs genannt, waren seit jeher eine Sorge des CIA und der Air Force. Besonders kritisch waren die fünfziger und sechziger Jahre gewesen. Man hatte gefürchtet, daß die UFOHysterie von einer feindlichen Macht ausgenützt werden könnte, Verwirrung zu stiften und Nachrichtenkanäle mit Falschmeldungen zu füllen. Bei einigen der gemeldeten Vorfälle hatte sich herausgestellt, daß Hochleistungsflugzeuge Kubas und der Sowjetunion in den amerikanischen Luftraum eingedrungen waren oder amerikanische Stützpunkte in Übersee überflogen hatten. Solches Überfliegen war eine gängige Methode, die potentielle Abwehrbereitschaft des Gegners zu testen. Die Vereinigten Staaten wiederum hatten ihrerseits beträchtlichen Anteil an ähnlichen tatsächlichen und vorgetäuschten Verstößen im sowjetischen Luftraum. Eine kubanische MiG, die 200 Meilen in das Mündungsgebiet des Mississippi eingedrungen war, bevor sie entdeckt wurde, hatte nach Ansicht der NORAD unerwünscht viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Die übliche Reaktion der Air Force war gewesen, abzustreiten, daß sich eines ihrer
Flugzeuge in der Nähe des gesichteten UFO befunden hatte, und nichts über das unbefugte Eindringen fremder Flugzeuge zu sagen, weil das die öffentliche Phantasie nur noch mehr angeregt hätte. Als Marvin zu diesem Punkt kam, schaute der Generalstabschef der Air Force sichtlich unangenehm berührt drein, sagte aber nichts. Die meisten der gemeldeten UFOs, fuhr der Direktor des CIA fort, gingen auf falsche Beobachtungen der angeblichen Zeugen zurück. Dabei gab es für sie eine völlig natürliche Erklärung. Teils handelte es sich um neuartige Versuchsflugzeuge, teils um von den Wolken reflektierte Autoscheinwerfer oder um Ballone, Vögel und luminiszierende Insekten. Auch Planeten und Sterne unter ungewöhnlichen atmosphärischen Bedingungen waren schon als UFOs gemeldet worden. Einige der Meldungen waren geradezu aus Halluzinationen hervorgegangen. Seit der Begriff »fliegende Untertasse« Ende der vierziger Jahre geprägt worden war, waren auf der ganzen Welt über eine Million UFOs gesichtet worden. Aber keine einzige Meldung gab Grund zu der Annahme, daß ein Zusammenhang mit einem außerirdischen Besuch bestand. Doch allein die Vorstellung davon weckte heftige Emotionen. Es gab eigene Vereine, Veröffentlichungen und sogar eine Reihe von Wissenschaftlern, die an dem Zusammenhang zwischen UFOs und dem Leben auf anderen Planeten festhielten. Viele der neuesten Prophezeiungen zur Jahrtausend wende sprachen von Untertassen entsteigenden außerirdischen Erlösern. Die offiziellen Nachforschungen der Air Force – eines der letzten Projekte hatte Blue Book geheißen – waren Ende der sechziger Jahre mangels verwertbarer Ergebnisse eingestellt worden, obwohl sowohl die Air Force als auch der CIA weiterhin ein gewisses Interesse daran hatten. In wissenschaftlichen Kreisen war man jedoch so sehr davon überzeugt, daß an der ganzen Sache nichts dran war, daß die NASA den Auftrag Jimmy
Carters, eine umfassende Studie über UFOs anzufertigen, ganz gegen ihre sonstigen Gewohnheiten abgelehnt hatte. »Tatsache ist«, warf ein Wissenschaftler ein, der mit dem Protokoll solcher Treffen nicht vertraut war, »daß dieses ganze UFOZeug die ernsthafte SETI-Forschung erheblich erschwert hat.« »Ja, gut«, erwiderte die Präsidentin mit einem Seufzer. »Ist jemand an diesem Tisch der Ansicht, daß ein Zusammenhang zwischen UFOs und dem Signal von der Wega besteht?« Der Heer betrachtete seine Fingernägel. Keiner sagte etwas. »Trotzdem werden wir sicher von vielen eingeschworenen UFO-Fans zu hören bekommen, daß sie es ja schon immer gesagt hätten. Marvin, bitte fahren Sie fort.« »Frau Präsidentin, 1936 übertrug ein schwaches Fernsehsignal die Eröffnungsfeierlichkeiten der Olympischen Spiele für einige wenige Fernsehempfänger in Berlin und Umgebung. Es war ein Versuch, in der Öffentlichkeit Aufsehen zu erregen. Dadurch sollte die Fortschrittlichkeit und Überlegenheit der deutschen Technologie demonstriert werden. Es gab schon vorher Fernsehübertragungen, die aber alle eine noch viel geringere Sendestärke hatten. Eigentlich waren dabei die Amerikaner die ersten. Herbert Hoover hatte als Handelsminister einen kurzen Fernsehauftritt am… 27. April 1927. Aber egal, das deutsche Signal verließ die Erde mit Lichtgeschwindigkeit und kam sechsundzwanzig Jahre später auf der Wega an. Dort – wer immer damit gemeint sein mag – entschloß man sich einige Jahre später, das Signal um ein Vielfaches verstärkt an uns zurückzusenden. Die Fähigkeit, ein so schwaches Signal zu empfangen, ist wirklich beeindruckend, und ebenso die Fähigkeit, es mit dieser Sendestärke zurückzuschicken. Natürlich stellt das unsere Sicherheit vor Probleme. Der Sicherheitsdienst würde beispielsweise gerne wissen, wie man so schwache Signale entdecken kann. Die Menschen auf der Wega, oder was sie
eben sind, sind mit Sicherheit technisch bereits weiter als wir – vielleicht nur wenige Jahrzehnte, vielleicht aber auch viel mehr. Sie haben uns keine weiteren Informationen über sich selbst zukommen lassen – außer, daß das gefunkte Signal auf einigen Frequenzen nicht den Doppler-Effekt der Bewegung ihres Planeten um die Wega zeigt. Damit haben sie uns eine zusätzliche Datenreduktion abgenommen. Sie sind… hilfsbereit. Bisher haben wir nichts empfangen, was militärisch oder sonstwie interessant gewesen wäre. Alles, was sie uns mitgeteilt haben, ist, daß sie gut in Radioastronomie sind, daß sie Primzahlen mögen und daß sie unsere erste Fernsehsendung an uns zurückfunken können. Es kann uns nicht wehtun, wenn die anderen Nationen das auch wissen. Und bedenken Sie: Auch die anderen Länder empfangen in ständiger Wiederholung denselben Drei-Minuten-Clip über Hitler. Sie haben nur noch nicht herausgefunden, wie er zu lesen ist. Wahrscheinlich werden die Russen oder die Deutschen früher oder später auch über die Polarisationsmodulation stolpern. Meiner persönlichen Meinung nach, verehrte Frau Präsidentin – ich weiß nicht, ob die Regierung mir hierin zustimmt –, sollten wir unsere Entdeckung weltweit bekanntgeben, bevor man uns der Geheimhaltung bezichtigt. Wenn die Situation im wesentlichen so bleibt, wie sie ist, ist eine solche Veröffentlichung unbedenklich. Selbst an die Freigabe des Drei-Minuten-Films wäre zu denken. Übrigens konnten wir in deutschen Archiven keine Aufzeichnung der Originalsendung finden. Wir können also nicht hundertprozentig sicher sein, daß die Wega-Leute nichts am Inhalt verändert haben, bevor sie den Film zurückschickten. Wir können zwar Hitler erkennen, und der Teil des Olympischen Stadions, den wir sehen, entspricht exakt dem von Berlin 1936. Aber ob sich Hitler in diesem
Augenblick nicht vielleicht gerade am Schnurrbart kratzte, statt zu lächeln wie in der Übertragung, können wir einfach nicht mehr feststellen.« Außer Atem trat Ellie ein, gefolgt von Valerian. Die beiden versuchten, sich unbemerkt auf die hintersten Stühle an der Wand zu verdrücken, aber Der Heer entdeckte sie und machte die Präsidentin auf sie aufmerksam. »Frau Dr. Arrow-äh-way? Ich freue mich, Sie wohlbehalten hier zu sehen. Lassen Sie mich Ihnen erst einmal meinen Glückwunsch zu dieser großartigen Entdeckung aussprechen. Einfach großartig. Hm, Marvin…« »Ich kann hier ohne weiteres abbrechen, Frau Präsidentin.« »Danke. Frau Dr. Arroway, wenn wir es richtig verstanden haben, haben Sie uns etwas Neues mitgebracht. Würden Sie uns bitte darüber berichten?« »Frau Präsidentin, entschuldigen Sie meine Verspätung, aber ich glaube, wir haben gerade einen Volltreffer gelandet. Wir haben… Es ist… Lassen Sie es mich folgendermaßen erklären: Als im Altertum, vor vielen tausend Jahren, Pergament sehr knapp war, überschrieb man einfach das alte Pergament. So kam es zu sogenannten Palimpsesten, auf denen mehrere Schriftschichten übereinanderlagen. Das Signal von der Wega ist natürlich sehr stark. Wie Sie bereits wissen, gibt es Primzahlen und, sozusagen darunter, in der Polarisationsmodulation, diese unheimliche Geschichte mit Hitler. Aber unter der Primzahlensequenz und unter der Sendung von der Olympiade haben wir gerade eine weitere, sehr komplexe Schicht entdeckt – und wir sind ziemlich sicher, daß es sich dabei um eine Botschaft an uns handelt. Soweit wir es sagen können, war sie schon die ganze Zeit über da. Aber erst jetzt haben wir sie entdeckt. Sie ist schwächer als das Ankündigungssignal, aber trotzdem hätten wir sie eigentlich schon früher entdecken müssen.«
»Und wie lautet die Botschaft?« fragte die Präsidentin. »Wir haben im Moment noch nicht die leiseste Ahnung, Frau Präsidentin. Erst heute früh nach hiesiger Zeit sind einige meiner Mitarbeiter vom Projekt Argus darüber gestolpert. Wir haben die ganze Nacht daran gearbeitet.« »Und Sie haben dafür eine öffentliche Telephonverbindung benutzt?« unterbrach Kitz. »Wir haben unsere Daten natürlich verschlüsselt.« Ellies Wangen röteten sich. Sie öffnete die Tasche mit dem Fernkopierer, ließ ihre Daten auf Klarsichtfolie ausdrucken, und warf das Ergebnis mit Hilfe eines Overheadprojektors auf eine Leinwand. »Hier sehen Sie alles, was wir bis jetzt wissen: Wir empfangen einen Informationsblock, der aus zirka eintausend Bit besteht. Dann kommt hier an dieser Stelle eine Pause, und derselbe Block wird wiederholt, Bit für Bit. Dann haben wir wieder eine Pause, und ein neuer Block fängt an, der seinerseits wiederholt wird. Wahrscheinlich soll die Wiederholung jedes Blocks die Übertragungsfehler möglichst gering halten. Es ist dem Sender anscheinend sehr wichtig, daß wir alles, was immer es sein mag, auch ganz genau empfangen. Lassen Sie uns jeden Informationsblock als eine Seite bezeichnen. Argus fängt täglich ein paar Dutzend solcher Seiten auf. Aber wir wissen nicht, wovon sie handeln. Es gibt keinen einfachen Bildcode wie bei der Sendung von der Olympiade. Es muß sich um eine tiefere und kompliziertere Botschaft handeln. Zum ersten Mal sieht es so aus, als ob diese Informationen von ihnen selbst stammen. Der einzige Anhaltspunkt, den wir bisher haben, ist, daß die Seiten wahrscheinlich numeriert sind. Am Anfang jeder Seite steht eine binär kodierte Zahl. Sehen Sie das hier? Und jedes Mal, wenn das nächste Paar identischer Seiten auftaucht, wird es mit der nächst höheren Zahl versehen. Jetzt sind wir gerade auf
Seite… 10413. Ein dickes Buch! Wenn man zurückrechnet, hat die Botschaft etwa vor drei Monaten angefangen. Wir können uns glücklich schätzen, daß wir sie so früh aufgefangen haben.« »Also habe ich doch recht gehabt, nicht wahr?« sagte Kitz und beugte sich über den Tisch zu Der Heer. »Diese Botschaft wollen Sie doch nicht an die Japaner, Chinesen oder Russen weitergeben, oder?« »Ist es schwierig, sie zu entschlüsseln?« fragte die Präsidentin über den flüsternden Kitz weg. »Wir tun unser Bestes. Es wäre wahrscheinlich hilfreich, wenn die Nationale Sicherheitsbehörde mit uns zusammenarbeiten würde. Aber ohne eine Erklärung von der Wega, ohne eine Anleitung, glaube ich nicht, daß wir große Fortschritte machen werden. Die Botschaft ist sicher nicht in Englisch, Deutsch oder sonst einer irdischen Sprache abgefaßt. Wir hoffen, daß die Botschaft, wenn sie auf Seite 20000 oder 30000 zu Ende ist, wieder von vorne anfängt, damit wir die Lücken füllen können. Vielleicht bekommen wir ja, bevor die ganze Botschaft noch einmal wiederholt wird, einen Code, eine Art Reader, mit dessen Hilfe wir sie verstehen könnten.« »Vielleicht kann ich – « »Frau Präsidentin, darf ich vorstellen: Dr. Peter Valerian vom California Institute of Technology, einer der Pioniere auf diesem Gebiet.« »Bitte fahren Sie fort, Dr. Valerian.« »Es handelt sich hier um eine Sendung, hinter der eine bestimmte Absicht steht. Die Absender wissen, daß es uns gibt. Sie haben aufgrund der aufgefangenen Fernsehsendung von 1936 auch eine Vorstellung vom Stand unserer Technologie und unserer Intelligenz. Sie würden sich nicht solche Mühe geben, wenn sie nicht wollten, daß wir ihre Botschaft verstehen. Also muß auch der Schlüssel zur Botschaft
irgendwo zu finden sein. Man muß nur alle Daten sammeln und sehr sorgfältig analysieren.« »Worum handelt es sich Ihrer Meinung nach bei der Botschaft?« »Das weiß ich leider auch nicht, Frau Präsidentin. Ich kann nur wiederholen, was Frau Dr. Arroway bereits gesagt hat. Es handelt sich um eine komplexe Botschaft. Die sendende Zivilisation muß sehr viel Wert darauf legen, daß wir die Botschaft empfangen. Vielleicht handelt es sich dabei ja nur um einen schmalen Band einer vielbändigen Encyclopaedia Galactica. Die Wega hatte einmal den dreifachen Durchmesser der Sonne und war ungefähr fünfzigmal heller. Und weil sie ihren nuklearen Brennstoff rasend schnell verbrennt, ist ihre Lebensdauer viel kürzer als die der Sonne – « »Jawohl. Vielleicht ist man auf der Wega in Not«, unterbrach ihn der Direktor des CIA. »Vielleicht fürchten sie, daß ihr Planet zerstört wird, und wollen, daß jemand von ihrer Zivilisation erfährt, bevor sie ausgelöscht werden.« »Oder«, mischte sich Kitz ein, »sie halten nach neuen Siedlungsräumen Ausschau, und die Erde sagt ihnen zu. Vielleicht ist es gar kein Zufall, daß sie uns ein Bild von Adolf Hitler geschickt haben.« »Nun aber langsam«, sagte Ellie, »es gibt viele Möglichkeiten, aber alles ist nicht möglich. So kann die sendende Zivilisation überhaupt nicht feststellen, ob wir ihre Botschaft empfangen haben, und noch viel weniger, ob wir sie entschlüsseln konnten. Wenn sie uns drohen wollen, dann brauchen wir ja nicht zu antworten. Und selbst wenn wir antworten, dauert es sechsundzwanzig Jahre, bis die Antwort ankommt, und weitere sechsundzwanzig Jahre, bevor sie uns wieder antworten können. Die Geschwindigkeit des Lichts ist schnell, aber nicht unendlich schnell. Zwischen uns und der Wega liegt eine sichere Entfernung. Und wenn uns die
Botschaft beunruhigt, dann können wir uns Jahrzehnte Zeit lassen, bis wir entscheiden, was wir damit machen. Wir brauchen jetzt noch nicht in Panik auszubrechen.« Die letzten Worte betonte sie besonders und lächelte dabei Kitz freundlich an. »Mir gefällt, was Sie sagen, Frau Dr. Arroway«, sagte die Präsidentin. »Aber es geht alles recht schnell. Viel zu schnell sogar. Und es gibt zu viele Vielleichts dabei. Ich habe noch nicht einmal eine Presseerklärung abgegeben, weder zu den Primzahlen noch zu diesem Quatsch mit Hitler. Und jetzt sollen wir schon über ein Buch nachdenken, das die anderen uns Ihrer Ansicht nach schicken. Nur weil ihr Wissenschaftler nichts von offenen Gesprächen haltet, jagen sich die Gerüchte. Phyllis, wo ist die Mappe? Hier, schauen Sie sich diese Schlagzeilen an.« Mit ausgestrecktem Arm präsentierte die Präsidentin ihnen eine Sammlung von Zeitungsausschnitten. Abgesehen von kleineren Varianten journalistischer Kunst hatten alle Schlagzeilen ungefähr den gleichen Inhalt: »Insektenäugige Monster im Fernsehen: Wissenschaftler waren dabei«, »Astronomisches Telegramm spricht von außerirdischer Intelligenz«, »Die Stimme vom Himmel« und »Überfall aus dem Weltraum?« Sie ließ die Zeitungsausschnitte auf den Tisch flattern. »Wenigstens ist von der Geschichte mit Hitler noch nichts bekannt geworden. Auf die Schlagzeile warte ich ja noch: ›Hitler nach Meinung amerikanischer Forscher gesund und wohlauf im Weltraum.‹ Und dann wird es auch noch Schlimmeres geben. Ich bin der Meinung, wir sollten unsere Konferenz hier abbrechen und später wieder zusammenkommen.« »Frau Präsidentin, dürfte ich – « Der Heer unterbrach sie zögernd und mit offensichtlichem Unbehagen. »Ich bitte Sie um Verzeihung, aber es gibt einige Probleme von
internationaler Reichweite, die meiner Ansicht nach jetzt gleich noch auf den Tisch gebracht werden sollten.« Die Präsidentin seufzte kurz, willigte aber ein. Der Heer fuhr fort: »Sie korrigieren mich bitte, wenn ich etwas Falsches sage, Frau Dr. Arroway. Gut. Die Wega geht jeden Tag über der Wüste von New Mexico auf, und dann bekommen wir einige Seiten unserer komplexen Übertragung gesendet. Worum genau es sich handelt, wissen wir noch nicht. Nach etwa acht Stunden geht die Wega unter. Ist das soweit richtig? Okay. Am nächsten Tag geht sie im Osten wieder auf, aber ein paar Seiten sind uns in der Zwischenzeit entgangen. Richtig? Dann bekommen wir also sozusagen nur die Seiten dreißig bis fünfzig und dann die Seiten achtzig bis hundert, und so weiter. So sehr wir uns auch anstrengen, immer entgeht uns eine große Menge an Information. Lücken. Selbst wenn die Botschaft wiederholt werden sollte, werden wir Lücken haben.« »Das ist vollkommen richtig.« Ellie stand auf und ging zu der großen Weltkugel an der Stirnseite des Saales. Im Weißen Haus schien noch nicht bekannt zu sein, daß die Erdachse geneigt war. Die Achse des Globus stand keck senkrecht. Zögernd gab Ellie dem Globus einen Schubs und sagte: » Die Erde dreht sich. Wenn man Lücken vermeiden will, braucht man Radioteleskope, die gleichmäßig über lange Strecken verteilt sind. Jede Nation, die nur von ihrem eigenen Territorium aus beobachtet, kann einen Teil der Botschaft empfangen und muß dann wieder aussetzen – und das vielleicht gerade dann, wenn es besonders interessant wird. Vor dem gleichen Problem stehen wir auch mit einer interplanetarischen Weltraumsonde. Wenn sie an einem Planeten vorbeikommt, sendet sie ihre Beobachtungen an die Erde zurück, aber vielleicht befinden sich die Vereinigten Staaten gerade zu diesem Zeitpunkt auf der anderen Seite. Deshalb hat die NASA für die Einrichtung von drei
Radiobeobachtungsstationen gesorgt, die in etwa gleichen Abständen auf dem Erdball verteilt sind. Sie haben in den letzten Jahrzehnten auch prima funktioniert. Aber…« Ihre Stimme verlor sich, und sie sah P. L. Garrison, den Leiter der NASA, hilfesuchend an. Er war ein dünner, blasser Mann mit freundlichen Augen. Jetzt zwinkerte er ihr zu. »Ach ja, vielen Dank. Deep Space Network heißt es, und es ist unser ganzer Stolz. Wir haben Stationen in der MojaveWüste, in Spanien und in Australien. Natürlich reichen unsere finanziellen Mittel nicht, aber mit ein wenig Unterstützung könnten wir die Anlage weiter ausbauen.« »In Spanien und Australien?« fragte die Präsidentin. »Wenn es nur wissenschaftlichen Zwecken dient«, meinte der Außenminister, »gibt es sicher keine Probleme. Aber wenn bei diesem Forschungsprogramm noch Politik mitspielt, könnte es schwierig werden.« Die Beziehungen zwischen diesen beiden Ländern und den Vereinigten Staaten waren in letzter Zeit etwas abgekühlt. »Natürlich hat die Sache eine politische Komponente«, entgegnete die Präsidentin mit scharfer Stimme. »Aber wir sind doch gar nicht an die Erdoberfläche gebunden«, warf ein General der Air Force ein. »Wir können uns doch von der Erdrotation abkoppeln. Dazu brauchen wir nur ein großes Radioteleskop in der Erdumlaufbahn.« »Gut«, sagte die Präsidentin und blickte in die Runde. »Haben wir ein Weltraumradioteleskop? Und wie lange würde es dauern, es startbereit zu machen? Wer weiß da Bescheid? Sie, Dr. Garrison?« »Leider nein, Frau Präsidentin. Die NASA hat in den vergangenen drei Haushaltsjahren jedesmal ein solches Teleskop für das Maxwell-Observatorium beantragt, aber das OMB hat es jedes Mal abgelehnt. Wir haben natürlich detaillierte Konstruktionspläne, aber es würde mindestens drei
Jahre dauern, bevor es startbereit wäre. Ich möchte auch nochmals daran erinnern, daß die Russen bis letzten Herbst ein funktionierendes Teleskop für den Millimeter- und Submillimeterwellenbereich in der Erdumlaufbahn hatten. Wir wissen nicht, warum es kaputtging. Aber es ist immer noch einfacher für sie, ein paar Kosmonauten zur Reparatur hinaufzuschicken, als für uns, von Grund auf ein neues zu bauen und zu starten.« »Damit müssen wir uns also abfinden«, sagte die Präsidentin. »Die NASA hat ein einfaches Teleskop im Weltraum, aber kein großes Radioteleskop. Hat keiner eine andere Idee? Was ist mit den Leuten von der Abwehr? Der Nationalen Sicherheitsbehörde? Niemand? Nichts?« »Ich möchte noch einmal auf unsere grundsätzlichen Probleme zurückkommen«, sagte Der Heer. »Wir haben ein starkes Signal, das auf vielen Frequenzen zu hören ist. Wenn die Wega in den Vereinigten Staaten untergeht, gibt es Radioteleskope in einem halben Dutzend anderer Länder, die das Signal empfangen können. Sie haben technisch vielleicht nicht das hohe Niveau von Argus und sind vielleicht noch nicht auf die Polarisationsmodulation gekommen. Aber wenn wir warten, bis wir ein Weltraumradioteleskop gebaut haben, verpassen wir die Botschaft vielleicht für immer. Das heißt, daß die einzige Lösung die sofortige Zusammenarbeit mit anderen Nationen ist. Oder sehen Sie das anders, Frau Dr. Arroway?« »Ich glaube nicht, daß eine einzelne Nation in der Lage ist, mit diesem Projekt allein fertigzuwerden. Wir brauchen verschiedene Länder, die über die ganze Beobachtungsstrecke rund um die Erde verteilt sind. Wir müssen auf der Stelle alle großen radioastronomischen Stationen verständigen – die großen Radioteleskope in Australien, China, Indien, der Sowjetunion, im Nahen Osten und in Westeuropa. Es wäre
unverantwortlich, Lücken zu riskieren und in Kauf zu nehmen, daß ein besonders kritischer Teil der Botschaft gerade dann gesendet wird, wenn kein Teleskop hinschaut. Und wir brauchen eine Station im östlichen Pazifik zwischen Hawaii und Australien und vielleicht auch im mittleren Atlantik.« »Wenn ich dazu etwas sagen darf«, warf der Direktor des CIA trocken ein. »Die Sowjets haben mehrere Schiffe mit Radioteleskopen an Bord, die das S- und das X-Band abhören, die Akademik Keldysch beispielsweise oder die Marschall Nedelin. Wir könnten mit ihnen Vereinbarungen treffen, daß sie ihre Schiffe im Atlantik und Pazifik stationieren und damit unsere Lücken überbrücken.« Ellie wollte antworten, aber die Präsidentin kam ihr zuvor. »Das ist alles schön und gut, Ken. Und vielleicht haben Sie ja recht. Aber ich kann nur wiederholen, was ich schon einmal gesagt habe. Das geht alles so verdammt schnell. Es gibt noch andere Dinge, um die ich mich kümmern muß. Deshalb möchte ich den Direktor des CIA und die Leute von der Sicherheitsbehörde bitten, bis morgen zu überprüfen, ob es noch andere Alternativen gibt außer der Zusammenarbeit mit anderen Ländern – besonders Ländern, die nicht unsere Verbündeten sind. Den Außenminister möchte ich bitten, in Zusammenarbeit mit den Wissenschaftlern eine Liste der Länder und Personen zu erstellen, an die man herantreten könnte, wenn wir kooperieren müssen – mit einer Einschätzung der Konsequenzen. Ob es unsere Beziehungen zu diesen Ländern belasten könnte, wenn wir sie nicht um ihre Mitarbeit bitten. Oder ob uns jemand damit erpressen könnte, daß er Daten für sich behält, die er uns versprochen hat. Vielleicht sollten wir versuchen, mehr als ein Land pro Abschnitt zur Mitarbeit zu gewinnen. Spielen Sie alle Möglichkeiten durch, und machen Sie sich über die Folgen Gedanken. Und verlieren Sie um Gottes willen kein Wort darüber.« Noch einmal sah die Präsidentin jedem einzelnen in
die Augen. »Auch Sie nicht, Frau Arroway. Wir haben schon genug Probleme.«
7 Das Äthanol in W 3
Bleibt nur übrig, es für völlig unglaubhaft zu erklären… daß nämlich die Dämonen als Zwischenträger und Dolmetscher zwischen Göttern und Menschen eine Mittelstellung einnehmen und von hier unsere Bitten zu den Göttern emportragen, von da ihre Hilfe zurückbringen sollen. Man muß vielmehr annehmen, daß es Geister sind voll Schadenfreude, gänzlich bar aller Gerechtigkeit, geschwollen von Hochmut, blaß vor Neid, listig zu betrügen… Augustinus Vom Gottesstaat, VIII, 22
Daß sich Irrlehren erheben würden, hat schon Christus vorausgesagt, doch daß die alten wieder vergehen sollen, ist uns nicht verkündet. Thomas Browne Religio Medici, I, 8 (1642)
Ellie hatte eigentlich vorgehabt, Waygay am Flughafen von Albuquerque abzuholen und ihn in ihrem Thunderbird zur Argus-Station zu fahren. Der Rest der sowjetischen Delegation sollte in den Dienstfahrzeugen des Observatoriums
transportiert werden. Sie wäre so gern in der kühlen Abendluft zum Flughafen gebraust, vielleicht wieder vorbei an einer Ehrenwache aufgerichteter Hasen. Und sie hatte sich schon auf ein langes privates Gespräch mit Waygay während der Rückfahrt gefreut. Aber die Beamten vom Allgemeinen Sicherheitsdienst hatten ihren Vorschlag abgelehnt. Die Meldüngen der Medien und der nüchterne Kommentar der Präsidentin am Ende ihrer Pressekonferenz vor zwei Wochen hatten Menschenmassen in die verlassene Wüstengegend geführt. Das konnte eine Gefahr bedeuten, hatte Ellie sich sagen lassen müssen. In Zukunft dürfe sie nur noch in Wagen der Regierung fahren und auch das nur in Begleitung einer bewaffneten Eskorte. Der kleine Konvoi fuhr jetzt so langsam und vorsichtig nach Albuquerque, daß Ellie unwillkürlich mit dem rechten Fuß auf das nicht vorhandene Gaspedal trat. Ellie freute sich auf die Zeit mit Waygay. Sie hatte ihn das letzte Mal vor drei Jahren in Moskau gesehen. Damals hatte er keine Ausreisegenehmigung für den Westen erhalten. Ob man eine Genehmigung erhielt oder nicht, hing von dem wechselnden politischen Kurs und Waygays eigenem unberechenbaren Verhalten ab. Manchmal konnte er offensichtlich seine scharfe Zunge einfach nicht im Zaum halten. Dann fühlten die Politiker sich provoziert, und er verlor seine Genehmigung. Er bekam sie wieder, wenn man für die eine oder andere wissenschaftliche Delegation keinen anderen so fähigen Mann finden konnte. Waygay bekam aus der ganzen Welt Einladungen zu Vorträgen, Seminaren, Kolloquien, Konferenzen, interdisziplinären Symposien und internationalen Kommissionen. Als Nobelpreisträger und Vollmitglied der sowjetischen Akademie der Wissenschaften konnte er sich mehr Selbstbewußtsein und Unabhängigkeit leisten als die meisten anderen. Oft ging er bis hart an die Grenze dessen, was die Parteilinie noch zugestehen konnte.
Mit vollem Namen hieß er Wassili Gregorowitsch Lunatscharski, aber in Physikerkreisen rund um den Globus kannte man ihn nur als Waygay, gebildet aus den Initialen seiner beiden Vornamen. Eigentlich war nur schwer zu verstehen, warum seine Beziehung zum sowjetischen Regime so zwiespältig war. Schließlich war er ein entfernter Verwandter von Anatoli Wassiljewitsch Lunatscharski, einem alten Bolschewisten und Kampfgenossen von Gorki, Lenin und Trotzki. Der ältere Lunatscharski war später Volkskommissar für das Bildungswesen geworden und dann sowjetischer Botschafter in Spanien bis zu seinem Tod 1933. Waygays Mutter war Jüdin. Und ihm wurde nachgesagt, daß er an der Entwicklung der sowjetischen Atomwaffen mitgearbeitet hatte, obwohl er damals noch viel zu jung gewesen war, als daß er bei der Explosion der ersten sowjetischen Wasserstoffbombe eine große Rolle hätte spielen können. Waygays Institut war personell und technisch gut ausgerüstet, und seine wissenschaftliche Produktivität war enorm, ein deutliches Zeichen, daß sich der Staatssicherheitsdienst selten einmischte. Auch wenn er nicht immer eine Ausreisegenehmigung erhielt, war er häufig bei den großen internationalen Konferenzen anwesend, darunter den »Rochester-Symposien« über Hochenergiephysik, den »Texas-Konferenzen« über relativistische Astrophysik und den inoffiziellen, aber hin und wieder wissenschaftlich einflußreichen »PugwashKonferenzen« über Wege zum Abbau internationaler Spannungen. Als Waygay in den sechziger Jahren Berkeley besuchte, war er begeistert von den respektlosen, oft obszönen oder politisch aufrührerischen Slogans, die man wie Sand am Meer als billige Anstecker kaufen konnte. Ellie dachte wehmütig an die Zeiten, in denen jeder offen über seine Probleme mit der Gesellschaft diskutiert hatte. Anstecker waren auch in der Sowjetunion sehr
beliebt und weit verbreitet, aber meist war darauf die Fußballmannschaft »Dynamo« oder eine erfolgreiche Raumkapsel zu sehen, zu der auch die erste Raumsonde zählte, die auf dem Mond gelandet war. Die Anstecker in Berkely waren ganz anders. Waygay hatte sie haufenweise gekauft, aber einen besonders gern angesteckt. Auf der fast handtellergroßen Fläche stand zu lesen: »Bete für Sex.« Waygay trug ihn sogar auf wissenschaftlichen Konferenzen. Wenn er gefragt wurde, was diesen Anstecker so anziehend mache, antwortete er: »In Ihrem Land ist er nur in einer Hinsicht anstößig. In meinem Land dagegen in zweierlei Hinsicht.« Wenn man weiter nachhakte, fügte er erklärend hinzu, daß sein berühmter bolschewistischer Verwandter ein Buch über die Stellung der Religion in der sozialistischen Gesellschaft geschrieben hatte. Seit jener Zeit hatte er mächtige Fortschritte im Englischen gemacht – weit mehr als Ellie im Russischen –, aber seine Liebe zu Ansteckern mit anstößigen Aufschriften hatte leider nachgelassen. In einer heftigen Diskussion über die jeweiligen Vorzüge der beiden politischen Systeme hatte Ellie sich einmal damit gebrüstet, daß sie die Freiheit gehabt hatte, vor dem Weißen Haus gegen die amerikanische Einmischung in Vietnam zu demonstrieren. Darauf hatte Waygay geantwortet, daß er damals ebenfalls die Freiheit gehabt hatte, vor dem Kreml gegen die amerikanische Einmischung in Vietnam zu demonstrieren. Waygay hatte nie die Müllfrachter, die mit stinkenden Abfällen und begleitet von kreischenden Möwen an der Freiheitsstatue vorbeizogen, photographieren wollen wie ein anderer sowjetischer Wissenschaftler, den Ellie spaßeshalber während einer Pause auf einer Konferenz in New York City auf der Fähre nach Staten Island begleitet hatte. Auch hatte er nie wie andere seiner Kollegen leidenschaftlich die baufälligen Wellblechhütten der armen Puertorikaner abgelichtet, wenn sie
von ihrem Luxushotel am Strand mit dem Bus einen Ausflug zum Observatorium in Arecibo gemacht hatten. Ellie hatte nie verstehen können, für wen die Bilder gemacht wurden. In ihrer Phantasie stellte sie sich eine riesige Bibliothek des KGB vor, in der ausschließlich Dokumente des Elends und der Ungerechtigkeiten und Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft gesammelt wurden. Vielleicht konnten sich ja die Funktionäre des KGB, wenn sie an ihren eigenen Mißerfolgen zu verzweifeln drohten, an den verblassenden Schnappschüssen von ihren amerikanischen Kollegen, die zeigten, daß auch in Amerika nicht alles vollkommen war, wieder aufrichten. In der Sowjetunion gab es viele glänzende Wissenschaftler, die aus unbekannten Gründen über lange Zeiträume hinweg den Ostblock nicht verlassen durften. Konstantinow zum Beispiel war bis Mitte der sechziger Jahre nie im Westen gewesen. Als er auf einer internationalen Konferenz in Warschau vor einer Batterie leerer Gläser, die mit Branntwein aus Aserbaidschan gefüllt gewesen waren, nach dem Grund gefragt wurde, antwortete er: »Weil die Burschen genau wissen, daß ich nicht mehr zurückkommen würde, wenn ich erst einmal draußen bin.« Trotzdem hatten sie ihn herausgelassen. Es war Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre gewesen, als in den wissenschaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern eine Tauwetterperiode einsetzte. Und jedes Mal war er zurückgekommen. Jetzt durfte er allerdings nicht mehr ins Ausland, und er konnte seinen Kollegen im Westen nur noch Postkarten mit Bildern von sich selbst schicken. Auf den Bildern saß er mit gekreuzten Beinen und gebeugtem Kopf einsam auf einer Himmelskugel, unter der die Schwarzschildsche Gleichung für den Radius eines Schwarzen Lochs stand. Er befand sich jetzt in einem tiefen Potentialtopf,
erklärte er Besuchern in Moskau unter Verwendung dieses physikalischen Bildes. Man würde ihn nie wieder herauslassen. Wenn Waygay nach seiner politischen Meinung gefragt wurde, antwortete er, daß es in der Sowjetunion offiziell hieß, der Ungarnaufstand von 1956 sei von Kryptofaschisten organisiert und der Prager Frühling 1968 von einer unrepräsentativen antisozialistischen Gruppe inszeniert worden. Aber, pflegte er hinzuzufügen, wenn das, was man ihm gesagt hatte, falsch sei, wenn es tatsächlich Volksaufstände gewesen seien, dann hätte sich sein Land ins Unrecht gesetzt, als es sie unterdrückte. Im Falle Afghanistans machte er sich nicht einmal die Mühe, die offiziellen Rechtfertigungen zu wiederholen. Als Ellie ihn einmal in seinem Büro besucht hatte, hatte er darauf bestanden, ihr sein Kurzwellenradio zu zeigen, auf dem über bestimmten Frequenzen sauber und ordentlich in kyrillischen Buchstaben die Namen der Städte London, Paris und Washington geschrieben waren. Voller Stolz hatte er ihr gesagt, daß er die Propaganda aller westlichen Länder hören könnte. Es gab eine Zeit, in der viele seiner Genossen der nationalen Propaganda von der gelben Gefahr erlegen waren. »Stellen Sie sich die sowjetisch-chinesische Grenze vor, jeder Meter besetzt von chinesischen Soldaten, Schulter an Schulter, ein Heer, das nur noch auf das Zeichen zum Angriff wartet.« Immer wieder bekam Ellie solche eindringlichen Schilderungen zu hören. Einmal standen sie im Büro des Institutsdirektors um den Samowar. »Wann werden die Chinesen bei ihrer gegenwärtigen Geburtenrate über die Grenze drängen?« Einige rechneten begeistert, andere machten besorgte Mienen. »Nie«, sagte einer der Rechner. William Randolph Hearst hätte sich hier zu Hause gefühlt. Nicht aber Lunatscharski. Wenn man so viele Soldaten an der Grenze stationiere, senke sich die Geburtenrate automatisch,
argumentierte er. Deshalb sei die Rechnung falsch. Er formulierte es so, als ob die falsche Rechnung Gegenstand seiner Mißbilligung sei, und ein paar merkten überhaupt nicht, was er eigentlich damit meinte. Selbst in den schlimmsten Zeiten der chinesisch-sowjetischen Spannungen ließ er sich – soweit sich Ellie erinnern konnte – niemals zu überängstlichen oder rassistischen Äußerungen hinreißen. Ellie liebte Samoware, und sie verstand, daß auch die Russen sie liebten. Lunochod, das erfolgreiche unbemannte Mondfahrzeug der Russen, das wie eine Badewanne auf Rädern aussah, war in Ellies Augen mit einem Samowar verwandt. Zusammen mit Waygay hatte sie einmal an einem strahlenden Vormittag im Juni ein Modell des Lunochod in einem riesigen Ausstellungspark außerhalb Moskaus besichtigt. Dort stand neben einem Pavillon mit Töpferwaren und Amuletten aus der Unionsrepubik Tadschikistan eine riesige Halle, die bis unters Dach mit Modellen der sowjetischen Zivilraumfahrt in Originalgröße ausgefüllt wurde: Sputnik 1, die erste Raumkapsel in der Erdumlaufbahn; Sputnik 2, die erste Raumkapsel mit einem Tier an Bord, dem Hund Laika, der im Weltraum gestorben war; Luna 2, die erste Raumsonde, die einen anderen Himmelskörper erreicht hatte; Luna 3, die erste Raumkapsel, die Bilder von der Rückseite des Mondes gemacht hatte; Venera 7, das erste Raumschiff, das unbeschadet auf einem anderen Planeten gelandet war; Wostok 1, das erste bemannte Raumschiff, das den Helden der Sowjetunion, den Kosmonauten Juri A. Gagarin, einmal um die Erde getragen hatte. Draußen vor der Halle rutschten Kinder mit wehenden blonden Haaren und flatternden roten Komsomol-Halstuchern die Seitenflossen des WostokRaketenboosters hinunter. Sie quietschten vor Vergnügen, wenn sie unten landeten. Land hieß auf russisch Semlja. Die große sowjetische Inselgruppe im Nördlichen Eismeer hieß
Novaja Semlja, Neues Land. Dort war 1961 eine 58 Megatonnen schwere Wasserstoffbombe detoniert, bis heute die größte Explosion in der Geschichte der Menschheit. Aber an jenem Frühlingstag mit seinen Eisverkäufern, den Familien, die einen Ausflug machten und jenem zahnlosen alten Mann, der Ellie und Lunatscharski angegrinst hatte, als seien sie ein Liebespaar, war das alte Land wunderschön gewesen. Während Ellies seltenen Besuchen in Moskau und Leningrad kümmerte sich fast immer Waygay um das Abendprogramm. Zu sechst oder acht gingen sie ins Bolschoi- oder KirowBallett, wofür Lunatscharski über dunkle Kanäle Karten besorgt hatte. Ellie bedankte sich bei ihren Gastgebern für den Abend, und ihre Gastgeber bedankten sich umgekehrt bei ihr, denn – so erklärten sie ihr – nur in Begleitung ausländischer Besucher kämen sie in den Genuß solcher Aufführungen. Waygay lächelte nur. Seine Frau brachte er nie mit, und Ellie lernte sie nie kennen. Sie war Ärztin, sagte er, und mit ihren Patienten verheiratet. Ellie hatte ihn einmal gefragt, was er am meisten in seinem Leben bedauere, nachdem seine Eltern nicht, wie ursprünglich geplant, nach Amerika ausgewandert waren. »Ich bedauere nur das eine«, hatte er mit seiner kratzenden Stimme gesagt, »daß meine Tochter einen Bulgaren geheiratet hat.« Einmal reservierte er für das Abendessen einen Tisch in einem kaukasischen Restaurant in Moskau. Dazu engagierte er einen professionellen »Toastmeister«, einen tamada, der Chaladse hieß. Chaladse beherrschte seine Kunst, aber Ellie sprach leider so schlecht Russisch, daß sie sich die meisten Trinksprüche übersetzen lassen mußte. Gleich zu Beginn des Abends wandte er sich an sie und sagte: »Für uns ist ein Mann, der ohne einen Toast trinkt, ein Alkoholiker.« Ein anderer, eher mäßiger Spruch endete mit den Worten: »Auf den Frieden aller Planeten.« Waygay mußte ihr erklären, daß mir im
Russischen sowohl Frieden als auch Welt oder eine selbstverwaltete Gemeinschaft bäuerlicher Haushalte bedeutete, die auf eine graue Vorzeit zurückging. Sie hatten sich darüber unterhalten, ob es auf der Welt friedlicher zugehen würde, wenn die größte politische Einheit ein Dorf wäre. »Jedes Dorf ist ein Planet«, hatte Lunatscharski mit erhobenem Glas gesagt. »Und jeder Planet ein Dorf«, hatte Ellie erwidert. Bei solchen Zusammenkünften schlug die Stimmung hohe Wellen. Aber trotz riesiger Mengen Branntwein und Wodka war nie einer ernsthaft betrunken. Meist verließen sie nach Mitternacht lärmend das Restaurant und versuchten, oft vergeblich, ein Taxi aufzutreiben. Einige Male hatte Waygay Ellie fünf, sechs Kilometer zu Fuß zurück in ihr Hotel begleitet. Er war aufmerksam, manchmal onkelhaft, tolerant in seinen politischen Urteilen und leidenschaftlich in seinen wissenschaftlichen Überzeugungen. Obwohl er unter seinen Kollegen für seine Liebesabenteuer berühmt war, gestattete er sich Ellie gegenüber nicht einmal einen Gutenachtkuß. Darüber war Ellie immer etwas unglücklich gewesen, obwohl seine Zuneigung für sie offenkundig war. Unter den sowjetischen Wissenschaftlern gab es einen größeren Anteil an Frauen als in den Vereinigten Staaten. Aber sie hatten eher untergeordnete Positionen, und die sowjetischen Wissenschaftler reagierten wie ihre amerikanischen Kollegen verwirrt auf eine hübsche Frau, die offensichtlich auch wissenschaftlich qualifiziert war und ihren Standpunkt mit Nachdruck vertrat. Einige fielen ihr ins Wort oder taten so, als verstünden sie nicht, was sie sagte. Dann beugte sich Lunatscharski vor und fragte lauter als sonst: »Was haben Sie gesagt, Frau Dr. Arroway? Ich konnte sie leider nicht ganz verstehen.« Die anderen verstummten, und Ellie konnte in Ruhe ihren Vortag über Galliumarseniddetektoren oder den
Äthanolgehalt der galaktischen Wolke W 3 beenden. Die Menge an 200%igem Alkohol allein dieser interstellaren Wolke reichte aus, um die gesamte Bevölkerung der Erde, auch wenn jeder Erwachsene ein überzeugter Alkoholiker wäre, bis an das Ende dieses Sonnensystems zu versorgen. Der tamada war von diesem Gedanken sehr angetan gewesen. In den folgenden Toasts kam es zu Spekulationen darüber, ob Äthanol für andere Lebensformen Gift war, ob Trunkenheit in der Öffentlichkeit ein Problem der gesamten Galaxis war und ob es auf einem anderen Planeten einen ebenso geschickten Toastmeister wie ihn, Trofim Sergejewitsch Chaladse, gab. Als sie am Flughafen von Albuquerque ankamen, mußten sie zu ihrer Verwunderung feststellen, daß das Linienflugzeug aus New York mit der sowjetischen Delegation an Bord bereits vor einer halben Stunde gelandet war. Ellie fand Waygay in einem Souvenirladen auf dem Flughafengelände, in dem er gerade temperamentvoll gestikulierend um den Preis eines Souvenirs feilschte. Er mußte sie aus den Augenwinkeln gesehen haben. Ohne sie anzuschauen, hob er den Finger und sagte: »Eine Sekunde, Ellie. Neunzehn fünfundneunzig?« Der Verkäufer rührte sich nicht. »Genau das gleiche Set habe ich gestern in New York für siebzehn fünfzig gesehen.« Ellie kam näher und sah zu, wie Waygay einen ganzen Satz holographischer Spielkarten ausbreitete, auf denen nackte Frauen und Männer in Posen zu sehen waren, die man heute höchstens noch geschmacklos fand, die aber die ältere Generation schockiert hätten. Der Verkäufer wollte die Karten immer wieder zusammenschieben, aber Waygay breitete sie beharrlich von neuem auf dem Ladentisch aus. »Tut mir leid, Sir«, sagte der Verkäufer, »aber ich mache die Preise nicht. Ich bin hier nur angestellt.«
»Sehen Sie, das sind die Schwächen der Planwirtschaft«, sagte Waygay zu Ellie, während er dem Verkäufer einen Zwanzig-Dollar-Schein gab. »In einem System mit wirklich freier Wirtschaft hätte ich die Karten wahrscheinlich für fünfzehn Dollar kriegen können. Vielleicht sogar für zwölf fünfundneunzig. Schauen Sie mich nicht so an, Ellie. Die sind nicht für mich. Mit den Jokern sind es ganze vierundfünfzig Karten. Damit kann ich einer Menge Leute an meinem Institut ein schönes Geschenk machen.« Ellie lachte und hakte ihn unter. »Es ist schön, Sie wieder zu sehen.« »Ein zu seltenes Vergnügen, meine Liebe.« Auf der Fahrt nach Socorro plauderten und scherzten sie in unausgesprochenem gegenseitigen Einverständnis. Valerian saß neben dem Fahrer, der einer der neuen Sicherheitsbeamten war. Peter war auch sonst nicht besonders redselig. Jetzt lehnte er sich zufrieden zurück und hörte zu. Das Gespräch streifte nur am Rande das Problem, dessentwegen die Russen gekommen waren: die dritte Schicht des Palimpsests, jene komplexe und immer noch nicht entschlüsselte Botschaft, die man gemeinsam empfangen hatte. Die US-Regierung war mehr oder weniger unfreiwillig zu dem Schluß gekommen, daß die Beteiligung der Russen unbedingt erforderlich war. Außerdem war das Signal von der Wega so stark, daß selbst kleinere Radioteleskope es entdecken konnten. Vor Jahren hatten die Sowjets in weitsichtiger Planung eine Reihe kleiner Teleskope über den gesamten eurasischen Raum verteilt, der sich über 9000 Kilometer der Erdoberfläche erstreckte. Und erst vor kurzem hatten sie ein großes Radioobservatorium in der Nähe von Samarkand fertiggestellt. Außerdem patrouillierten sowjetische Schiffe mit Beobachtungsstationen sowohl im Atlantik als auch im Pazifik.
Einige der sowjetischen Daten konnten von Observatorien in Japan, China, Indien und im Irak bestätigt werden. Alle wichtigen Radioteleskope der Welt, die die Wega im Sichtfeld hatten, hörten diesen Teil des Himmels ab. Astronomen in England, Frankreich, den Niederlanden, Schweden, Deutschland, der Tschechoslowakei, Kanada, Venezuela und Australien folgten der Wega von ihrem Aufgang bis zu ihrem Untergang, und alle zeichneten sie ein kleines Stück der Botschaft auf. In einigen Observatorien waren die Detektoren nicht empfindlich genug, um die einzelnen Pulse unterscheiden zu können. Trotzdem hörte man auch dort das verschwommene Rauschen ab. Jedes Land besaß ein kleines Mosaiksteinchen zu diesem Puzzle, weil, wie Ellie Kitz in Erinnerung gerufen hatte, die Erde sich drehte. Jedes Land versuchte, sich einen Reim auf die Pulse zu machen. Aber es war schwierig. Man wußte noch nicht einmal, ob die Botschaft in Symbolen oder Bildern geschrieben war. Es war durchaus denkbar, daß man die Botschaft erst entschlüsseln konnte, wenn sie wieder von vorn gesendet würde – wenn es überhaupt je dazu kam. Vielleicht begann sie mit einer Anleitung, wie der Code zu entschlüsseln war. Vielleicht war die Botschaft sehr lang, dachte Ellie gerade, als Waygay die Wüste mit der Taiga verglich. Es konnte hundert Jahre dauern, bis sie von neuem anfing. Und vielleicht gab es auch gar keine Anleitung. Vielleicht war die BOTSCHAFT (auf der ganzen Welt hatte man begonnen, sie mit großen Buchstaben zu schreiben) ein Intelligenztest, damit Zivilisationen, die zu dumm waren, sie zu entschlüsseln, ihren Inhalt nicht mißbrauchen konnten. Mit einem Schlag wurde Ellie bewußt, welche Demütigung es für die Menschheit wäre, wenn es ihr nicht gelang, die BOTSCHAFT zu verstehen. In dem Augenblick, als die Amerikaner und die Russen den Entschluß zur Zusammenarbeit gefaßt und den Vertrag feierlich
unterzeichnet hatten, hatten sich auch alle anderen Nationen, die Radioteleskope besaßen, der Zusammenarbeit angeschlossen. Alle Welt sprach jetzt von der BOTSCHAFT. Ein internationales Konsortium wurde gegründet. Wollte man die BOTSCHAFT entschlüsseln, war man auf die Daten und Ideen der anderen angewiesen. Die Zeitungen waren voll davon. Die wenigen kümmerlichen Fakten, die bekannt waren – die Primzahlen, die Sendung der Olympiade, die Existenz einer komplexen Botschaft –, wurden in immer neuen Variationen aufgelegt. Es gab niemanden auf der Welt, der nicht irgend etwas von der BOTSCHAFT von der Wega gehört hatte. Die religiösen Sekten, darunter neben kleinen Splittergruppen auch etablierte und eigens zu diesem Zweck gegründete Bewegungen, beschäftigten sich mit dem theologischen Gehalt der BOTSCHAFT. Für die einen kam sie von Gott, für die anderen vom Teufel. Andere hatten ihre Entscheidung noch nicht getroffen. Bedenklich war das wiedererwachte, lebhafte Interesse an Hitler und dem Naziregime. Waygay berichtete Ellie, daß er allein im Anzeigenteil der Sonntagsausgabe der New York Times Book Review acht Hakenkreuze gefunden hatte. Acht seien nichts Außergewöhnliches, erwiderte Ellie, obwohl sie wußte, daß sie übertrieb. Vor ein paar Wochen waren es nur zwei oder drei gewesen. Eine Gruppe, die sich »Weltraumarier« nannte, kam mit dem eindeutigen Beweis, daß fliegende Untertassen in Hitler-Deutschland erfunden worden seien. Neue »reinrassige« Nazis waren auf der Wega gezüchtet worden und jetzt soweit, die Dinge auf der Erde wieder in die richtigen Bahnen zu lenken. Andere betrachteten die Signale mit Abscheu und drängten die Observatorien, den Empfang einzustellen. Wieder andere hielten sie für die Verkündigung der Ankunft Christi und wollten deshalb den Bau noch größerer Radioteleskope auch im Weltraum durchsetzen. Manche warnten davor, mit
den sowjetischen Daten zu arbeiten, weil diese vielleicht arglistig gefälscht waren, obwohl sie bei Überschneidungen mit irakischen, indischen, chinesischen und japanischen Stationen mit den dort aufgefangenen Daten übereinstimmten. Wieder andere meinten, Veränderungen im politischen Klima zu spüren. Sie behaupteten, daß allein die Existenz der BOTSCHAFT, selbst wenn man sie nie entschlüsseln würde, einen stabilisierenden Einfluß auf das gespannte Verhältnis der Staaten zueinander ausübe. Da die funkende Zivilisation eindeutig fortgeschrittener war als die der Erde und sich offensichtlich – wenigstens bis vor sechsundzwanzig Jahren – nicht selbst zerstört hatte, folgerten manche, daß technologisierte Zivilisationen nicht notwendigerweise an sich selbst zugrunde gingen. In einer Welt, in der erste behutsame Schritte zum Abbau atomarer Waffen unternommen wurden, war die BOTSCHAFT für weite Teile der Bevölkerung ein Silberstreif am Horizont. Für viele war die BOTSCHAFT die beste Nachricht, die sie seit langem erhalten hatten. Jahrzehntelang hatten die jungen Menschen versucht, die Zukunft aus ihren Gedanken zu verdrängen. Jetzt schien plötzlich eine freundliche Zukunft zu winken. Diejenigen, die zu solchen optimistischen Prognosen neigten, sahen sich manchmal unangenehmerweise als Chiliasten abgestempelt. Ein Teil der Chiliasten behauptete, daß anläßlich der bevorstehenden dritten Jahrtausendwende Jesus, Buddha, Krischna oder einfach der Prophet zurückkehren würde, um ein gütiges, aber strenges Reich Gottes auf Erden zu errichten. Die Botschaft kündige die massenweise Himmelfahrt der Auserwählten an. Der bei weitem größere Teil der Chiliasten behauptete allerdings, daß die Zerstörung der Welt die unabdingbare Vorstufe für die Ankunft Christi sei, wie es ja schon in verschiedenen und teilweise widersprüchlichen alten Prophezeiungen vorhergesagt worden sei. Diese
Weltuntergangschiliasten waren über die Ansätze zu einer Weltverständigung im Raum ebenso beunruhigt wie über die Tatsache, daß die Waffenarsenale der Welt von Jahr zu Jahr kleiner wurden. Jeden Tag wurde die Aussicht geringer, daß sich das zentrale Dogma ihres Glaubens verwirklichen würde. Die anderen denkbaren Katastrophen – Überbevölkerung, Umweltverschmutzung, Erdbeben, Vulkanausbrüche, Erwärmung der Atmosphäre, Eiszeiten oder der Zusammenprall der Erde mit einem Kometen – gingen entweder zu langsam vonstatten, oder sie waren zu unwahrscheinlich, oder sie hatten nicht die erforderliche apokalyptische Dimension für ihre Religion. Die Führer der Chiliasten hatten ihren fanatischen Anhängern auf Massendemonstrationen versichert, daß Lebensversicherungen, die über eine Unfallversicherung hinausgingen, von wankelmütigem Glauben zeugten und daß der vorzeitige Kauf eines Grabes oder Vorkehrungen für das spätere Begräbnis, wenn es sich nicht um alte Menschen handelte, eine gottlose Handlung seien. In wenigen Jahren würden alle wahrhaft Gläubigen leibhaftig gen Himmel fahren und vor dem Thron Gottes stehen. Ellie wußte, daß Lunatscharskis berühmter Verwandter einer der wenigen bolschewistischen Revolutionäre mit einem wissenschaftlichen Interesse für die Weltreligionen gewesen war. Dagegen war die Aufmerksamkeit, die Waygay der weltweit wachsenden religiösen Unruhe entgegenbrachte, gedämpft. »Das wichtigste religiöse Problem in meinem Land«, sagte er, »wird sein, ob die Wegianer die Irrlehre Leo Trotzkis auch nachdrücklich genug angeprangert haben.« Je näher sie dem Argus-Gelände kamen, desto mehr parkende Autos, Campingbusse und Zelte säumten den Straßenrand. Nachts erleuchteten Lagerfeuer die einst so friedliche
Hochebene von San Augustin. Es waren durchaus nicht nur wohlhabende Leute, die am Highway campierten. Ellie beobachtete zwei junge Ehepaare. Die Männer trugen T-Shirts und alte Jeans mit Gürteln. Selbstbewußt und lässig, wie sie es von ihren älteren Schulkameraden beim Eintritt in die High School gelernt hatten, schlenderten sie am Straßenrand entlang und unterhielten sich angeregt. Der eine schob einen klapprigen Kinderwagen, in dem fröhlich ein Baby krähte. Die Frauen folgten ein paar Schritte hinter ihnen. Eine hielt ein kleines Kind an der Hand, das anscheinend gerade erst Laufen gelernt hatte, und die andere schleppte sich mit einem dicken Bauch ab, aus dem in einem oder zwei Monaten ein neues Leben das Licht dieser rätselhaften Welt erblicken würde. Sie sahen Schwärmer weltabgeschiedener Gemeinden aus der Gegend von Taos, die das Rauschmittel Psilocybin für die Kommunion benutzten, und Nonnen aus einem Kloster in der Nähe von Albuquerque, die für denselben Zweck Äthanol nahmen. Männer mit wettergegerbter Haut und vielen Falten im Gesicht, die ihr ganzes Leben unter freiem Himmel verbracht hatten, und blasse, belesene Studenten von der Universität in Tucson. Navajoindianer verkauften seidene Halstücher und Halsketten aus polierten Silberschnüren zu Wucherpreisen, einmal eine Umkehrung der bisherigen Handelsbeziehungen zwischen den weißen und den eingeborenen Amerikanern. Beurlaubte Soldaten vom Luftwaffenstützpunkt Davis-Monthan kauten heftig auf Kaugummis und Kautabak. Der elegant gekleidete, weißhaarige Mann mit dem farblich passenden Cowboyhut, der neben den Soldaten stand, war wahrscheinlich ein Viehzüchter. Hier waren die unterschiedlichsten Leute versammelt, Menschen, die sonst in Baracken, Wolkenkratzern, Lehmhütten, Studentenwohnheimen oder Wohnwagenkolonien lebten. Einige waren gekommen, weil sie
nichts Besseres zu tun hatten, andere, weil sie ihren Enkeln erzählen wollten, daß sie dabeigewesen waren. Einige hofften auf das Scheitern der Aktion, andere waren davon überzeugt, daß sie Zeugen eines Wunders werden würden. Stille Hingabe, lärmende Fröhlichkeit, mystische Verzückung und gedämpfte Erwartung lagen an diesem strahlenden Nachmittag über der Menge. Nur wenige drehten die Köpfe, um einen Blick auf die vorbeifahrenden Wagen zu werfen, die die Aufschrift der Fahrbereitschaft der amerikanischen Regierung trugen. Einige Leute aßen auf der Ladefläche ihrer Kleinlaster zu Mittag, andere standen bei den Verkaufswagen, auf denen mit großen Buchstaben SNACKMOBIL oder WELTRAUMSOUVENIRS stand. Vor den kleinen, stabilen Toilettenkabinen, für die Argus vorausblickend gesorgt hatte, standen lange Schlangen. Kinder tollten zwischen den Autos, Schlafsäcken, Decken und tragbaren Campingtischen herum. Fast nie wurden sie von den Erwachsenen gescholten – außer, wenn sie dem Highway zu nahe oder in die Nähe des Zauns am Teleskop 61 kamen, wo ein paar kahlrasierte, safrangelb gekleidete junge Leute im Kotau feierlich das heilige »Om« intonierten. Überall hingen Poster mit phantasievollen außerirdischen Wesen, einige davon kannte man aus Comics oder Filmen. Auf einem stand: »Marsmenschen auf der Erde«. Ein Mann mit goldenen Ohrringen rasierte sich unter Zuhilfenahme des Außenspiegels eines kleinen Lieferwagens, und eine schwarzhaarige Frau in einem Poncho hob eine Kaffeetasse zum Gruß, als die Eskorte vorbeibrauste. Als sie auf das neue Haupttor neben dem Teleskop 101 zufuhren, sah Ellie auf einem provisorisch errichteten Podium einen jungen Mann auf eine Menschenmenge einreden, die sich vor ihm versammelt hatte. Er trug ein T-Shirt mit einem Bild von der Erde, auf die ein Blitz niederfuhr. Andere in der Menge trugen dasselbe rätselhafte Emblem. Auf Ellies Drängen hielt der Fahrer hinter
dem Tor an. Sie kurbelte die Fensterscheibe herunter und hörte zu. Der Sprecher stand mit dem Rücken zu ihnen, so daß sie die Gesichter der Zuhörer sehen konnte. Ellie sah, daß sie von seinen Worten tief ergriffen waren. Der Redner war mitten im Satz: »… und andere sagen, daß es ein Pakt mit dem Teufel ist, daß die Wissenschaftler ihre Seelen verkauft haben. In jedem dieser Teleskope befinden sich wertvolle Edelsteine.« Er zeigte mit der Hand auf das Teleskop 101. »Das geben sogar die Wissenschaftler zu. Einige behaupten, daß das der Lohn des Teufels ist, dem die Wissenschaftler sich verkauft haben.« »Religiöse Fanatiker«, brummte Lunatscharski finster. Sehnsüchtig blickte er auf die freie Straße vor ihnen. »Noch einen Augenblick bitte«, sagte Ellie. Auf ihren Lippen spielte ein verwundertes Lächeln. »Einige Menschen, religiöse, gottesfürchtige Menschen glauben, daß diese BOTSCHAFT von Wesen aus dem Weltall stammt, von feindlichen Kreaturen, Monstern, die uns Übles wollen.« Diesen Satz schrie er und hielt dann inne, um seine Worte einwirken zu lassen. »Aber ihr alle seid angewidert von der Verderbtheit und Bestechlichkeit, von den Lastern, dem Modergeruch der Gesellschaft. Wem verdanken wir das? Der gedankenlosen, hemmungslosen und gottlosen Technologie. Ich weiß nicht, wer hier recht hat. Ich kann euch nicht sagen, was die BOTSCHAFT bedeutet oder wer sie schickt. Ich habe da meine Zweifel. Aber das werden wir noch früh genug erfahren. Was ich aber sicher weiß, ist, daß die Wissenschaftler, Politiker und Bürokraten uns etwas verheimlichen. Sie haben uns nicht alles gesagt, was sie wissen. Sie betrügen uns, wie immer. Aber schon zu lange. Bei Gott, wir haben die Lügen geschluckt, die sie uns aufgetischt haben, und sie führen uns ins Verderben.« Zu Ellies Erstaunen
ging ein zustimmendes Raunen durch die Menge. Er hat einen wunden Punkt getroffen, soviel hatte sie verstanden. »Die Wissenschaftler glauben nicht, daß wir die Kinder Gottes sind. Sie denken, wir stammen von den Affen ab. Es sind bekannte Kommunisten dabei. Wollt ihr, daß solche Leute über das Schicksal der Welt entscheiden?« Die Menge antwortete mit einem donnernden »Nein!« »Wollt ihr, daß eine Horde Ungläubiger mit Gott spricht?« »Nein«, brüllten sie wieder. »Oder mit dem Teufel? Sie verschachern unsere Zukunft an die Monster einer fremden Welt. Meine Brüder und Schwestern, über diesem Ort liegt ein Fluch.« Ellie hatte geglaubt, der Redner habe gar nicht bemerkt, daß sie angehalten hatten. Aber jetzt drehte er sich um und zeigte mit dem Finger auf die Absperrung und die wartende Eskorte. »Die sprechen nicht für uns! Die vertreten uns nicht! Sie haben nicht das Recht, in unserem Namen zu verhandeln!« Einige Leute, die an der Absperrung standen, begannen daran zu rütteln. Valerian und der Fahrer sahen sich erschrocken um. Der Motor lief noch, der Fahrer gab sofort Gas, und im nächsten Moment rasten sie in Richtung des ArgusVerwaltungsgebäudes davon. Bis dahin waren es noch einige Meilen durch die Wüste. Noch im Losfahren hörte Ellie den Redner mit lauter Stimme zu der unruhig gewordenen Menge sagen: »Das Unheil an diesem Ort wird ein Ende nehmen. Das schwöre ich euch.«
8 Zufallsnäherung
Der Theolog mag dem angenehmen Berufe folgen, die Religion zu beschreiben, wie sie vom Himmel niederstieg, im Gewande ihrer ursprünglichen Reinheit. Eine traurigere Pflicht ist dem Historiker auferlegt. Er hat die unvermeidliche Mischung von Irrtum und Verderbtheit zu entdecken, welche sie während eines langen Aufenthaltes auf Erden unter einer schwachen und entarteten Gattung von Wesen annahm. Edward Gibbon Geschichte des Verfalls und Untergangs des Römischen Reiches, XV
Ellie ging nicht nach dem Zufallsprinzip vor, sondern machte einen systematischen Durchgang durch die einzelnen Fernsehprogramme. Die Sendungen Über das Leben von Massenmördern und Die Wette gilt lagen auf benachbarten Kanälen. Dann gab es ein temperamentvolles Basketballspiel zwischen den Johnson City Wildcats und den Union-Endicott Tigers. Die jungen Spieler und Spielerinnen waren mit ganzem Einsatz dabei. Auf dem nächsten Kanal wurde man feierlich in Parsi ermahnt, die vorgeschriebenen Riten während des Ramadan einzuhalten. Daneben lag ein Kanal, auf dem abnorme Sexualpraktiken gezeigt wurden. Ellie schaltete weiter. Sie kam zu einer der ersten Sendungen für Computerspiele, einer Branche, die jetzt einen schweren Stand
hatte. Wenn man sich zu Hause mit dem eigenen Computer anschloß, wurde einem hier die Möglichkeit angeboten, in eine neue Welt des Abenteuers vorzudringen. Die heutige Sendung hieß Gilgamesch der Galaxis. Natürlich hoffte man, daß die Sendung so attraktiv war, daß die Zuschauer die entsprechende Diskette über einen der Verkaufskanäle bestellen würden. Ein elektronischer Kopierschutz verhinderte, daß man das Programm während der Sendung aufzeichnete. In Ellie stieg Ärger auf. Die meisten Videospiele waren voll von Klischees und keineswegs dafür geeignet, Heranwachsende auf eine unbekannte Zukunft vorzubereiten. Sie kam zu einem der älteren Sender, in dem ein Sprecher mit ernster und besorgter Miene zu dem noch ungeklärten Angriff eines nordvietnamesischen Torpedoboots auf zwei Zerstörer der Siebten US-Flotte im Golf von Tongking Stellung nahm und die Bitte des Präsidenten an den Kongreß zitierte, ihn zu ermächtigen, »die notwendigen Vergeltungsschritte einzuleiten«. Es war eine ihrer Lieblingssendungen, in der die Nachrichten früherer Jahre wiederholt wurden. In der zweiten Hälfte der Sendung wurden die Nachrichten dann Punkt für Punkt analysiert, Fehlinformationen festgestellt und die unverbesserliche Leichtgläubigkeit der Nachrichtenorganisationen gegenüber den oft unbestätigten und eigennützigen Angaben der Behörden kritisiert. Die Sendung wurde von einer Gesellschaft produziert, die sich REALI-TV nannte. Weitere Sendungen dieser Gesellschaft waren Promises, Promises, in der unerfüllt gebliebene Wahlversprechen auf lokaler, Bundes- und nationaler Ebene untersucht wurden, und Bamboozles and Baloney, eine Serie, in der jede Woche aufs neue der Kampf gegen verbreitete Vorurteile, Propaganda und Märchen aufgenommen wurde. Das Datum auf dem Bildschirm zeigte den 15. August 1964.
Erinnerungen an ihre Schulzeit stiegen in Ellie auf. Sie drückte auf den nächsten Knopf. Beim weiteren Durchgang durch die einzelnen Kanäle gelangte sie noch zu einem orientalischen Kochkurs, bei dem diese Woche Hibachi dran war, zu einer ausführlichen Werbung für die erste Generation von Haushaltsrobotern von Hadden Cybernetics, zu den russischen Nachrichten und den Kommentaren der sowjetischen Botschaft, zu mehreren Sendungen für Kinder, Nachrichtensendungen, dem Mathematikprogramm, das die bestechend schönen Computergraphiken des neu eingerichteten Kurses für analytische Geometrie an der Cornell-Universität vorführte, dem lokalen Wohnungs- und Immobilienkanal und einer Unmenge fürchterlicher Fortsetzungsserien. Schließlich kam sie zu den religiösen Sendern, auf denen immer noch aufgeregt und heftig über die BOTSCHAFT diskutiert wurde. Der Besuch der Gottesdienste war in ganz Amerika sprunghaft angestiegen. Ellie vermutete, daß die BOTSCHAFT eine Art Spiegel war, in dem jeder einzelne seine Überzeugungen bestätigt oder in Frage gestellt sah. Von sich gegenseitig ausschließenden apokalyptischen und eschatologischen Doktrinen wurde die BOTSCHAFT zur pauschalen Rechtfertigung der jeweiligen Lehre herangezogen. In den Ländern Peru, Algerien, Mexiko, Zimbabwe, Ekuador und bei den Hopi-Indianern wurde öffentlich darüber diskutiert, ob die Vorfahren aus dem All zurückgekehrt waren. Wer nicht dieser Meinung war, wurde als Kolonialist beschimpft. Katholiken sprachen vom außerirdischen Gnadenstaat. Protestanten diskutierten über frühere mögliche Missionen von Jesus zu benachbarten Planeten und natürlich über seine eventuelle Rückkehr zur Erde. Moslems befürchteten, daß die BOTSCHAFT gegen das Verbot von Götzenbildern verstoßen könnte. In Kuwait war ein Mann aufgetaucht, der den
Anspruch erhob, der Irnam der Schiiten zu sein. Messianischer Eifer war unter den Sossafer Chassidim ausgebrochen. In anderen jüdisch-orthodoxen Gemeinden interessierte man sich plötzlich wieder für Astruk, einen religiösen Fanatiker, der gefürchtet hatte, daß Wissen den Glauben untergrabe. Dieser Mann hatte 1305 den Rabbi von Barcelona, den führenden jüdischen Geistlichen der damaligen Zeit, dazu veranlaßt, allen jungen Männern unter fünfundzwanzig das Studium der Naturwissenschaften und der Philosophie unter Androhung der Exkommunikation zu verbieten. Ähnliche Strömungen zeigten sich auch zunehmend im Islam. In Thessalien erregte ein Philosoph mit dem verheißungsvollen Namen Nikolas Polydemos große Aufmerksamkeit mit leidenschaftlichen Reden für eine – wie er es nannte – »Wiedervereinigung« aller Religionen, Regierungen und Völker der Welt. Seine Kritiker stellten als erstes einmal das »Wieder« in Frage. UFO-Clubs organisierten rund um die Uhr Wachen beim Brooks-Luftwaffenstützpunkt in der Nähe von San Antonio, da dort angeblich die vollkommen erhaltenen Körper von vier Passagieren einer fliegenden Untertasse, die hier 1947 angeblich eine Bruchlandung gebaut hatte, in Kühlschränken schmachteten; angeblich waren die Außerirdischen einen Meter groß und hatten kleine, makellose Zähne. In Indien berichtete man von Erscheinungen Vischnus, in Japan war Amida Buddha erschienen. In Lourdes war von Hunderten von Wunderheilungen die Rede. In Tibet rief sich ein neuer Bodhisattva aus. In Australien wurde ein neuartiger, aus Neuguinea stammender Kult eingeführt, der den Nachbau primitiver Fetische in Form von Radioteleskopen predigte, die reiche außerirdische Geschenke anziehen sollten. Für die weltweite Vereinigung der Freidenker war die BOTSCHAFT die Widerlegung der Existenz Gottes. Die Mormonen erklärten sie zur zweiten Offenbarung des Engels Moroni.
Die BOTSCHAFT wurde von den verschiedensten Gruppierungen als Beweis für eine Vielzahl von Göttern, für einen Gott oder für überhaupt keinen Gott interpretiert. Chiliasmus war weitverbreitet. Einige prophezeiten das Ende der Welt für das Jahr 1999 – als kabbalistische Umkehrung des Jahres 1666, für das Sabbatai Zevi das Ende der Welt angenommen hatte. Andere wählten die Jahre 1996 oder 2033, in die vermutlich die zweitausendste Wiederkehr der Geburt und des Todes Jesu fielen. Der berühmte Kalender der alten Mayas sollte mit dem Jahr 2011 enden, in dem nach der Überlieferung dieser eigenständigen Kultur der Kosmos unterging. Das Zusammentreffen der Prophezeiung der Mayas und der christlichen Endzeitvorstellungen führte zu einer Art apokalyptischer Hysterie in Mexiko und Zentralamerika. Einige Chiliasten, die an den früheren Zeitpunkt glaubten, verschenkten ihren Reichtum an die Armen, weil Geld bald sowieso nichts mehr wert sein würde und weil sie sich für das Jüngste Gericht eine gute Ausgangsposition verschaffen wollten. Fanatismus, Angst, Hoffnung, leidenschaftliche Diskussionen, stille Gebete, ekstatische Bekehrungsszenen, beispiellose Selbstlosigkeit, engstirnige Bigotterie und eine Begeisterung für neue Ideen breiteten sich wie eine Epidemie in fiebernder Hast über den winzigen Planeten Erde aus. Ellie glaubte zu erkennen, daß aus dieser gärenden Unruhe langsam die Erkenntnis der Welt als eines Fadens in dem riesigen kosmischen Teppich aufdämmerte. Unterdessen widersetzte sich die BOTSCHAFT noch immer allen Entschlüsselungsversuchen. Auf einem jener üblen Propagandakanäle, die durch den ersten Zusatz zur amerikanischen Verfassung geschützt waren, beschuldigte ein geifernder Sprecher sie, Waygay, Der Heer und in geringerem Maß auch Peter Valerian verschiedener
Vergehen, unter anderem des Atheismus, des Kommunismus und des Egoismus, weil sie angeblich den Inhalt der BOTSCHAFT geheimhielten. Ellie wußte, daß Waygay gar kein überzeugter Kommunist war und daß Valerian einen tiefen, gefestigten und weltoffenen christlichen Glauben besaß. Wenn sie jemals das Glück haben sollte, die BOTSCHAFT zu entschlüsseln, würde sie sie diesem scheinheiligen, verlogenen Fernsehkommentator persönlich übergeben. Der Held der Sendung dagegen war David Drumlin als der Mann, der den Primzahlen und der Olympiasendung auf die Spur gekommen war. Von solchen Wissenschaftlern bräuchten wir mehr, behauptete der Sprecher. Ellie seufzte und schaltete zum nächsten Programm um. Jetzt war sie bei TABS, dem Turner American Broadcasting System angelangt. Diese Gesellschaft hatte als einzige der großen kommerziellen Sendeanstalten, die früher das Fernsehen in den Vereinigten Staaten dominiert hatten, überlebt. Die anderen waren durch Fernsehübertragungen über direktstrahlende Satelliten und ein Kabelnetz von 180 Kanälen abgelöst worden. Gerade hatte Palmer Joss einen seiner seltenen Fernsehauftritte. Wie fast alle Amerikaner erkannte Ellie sofort seine volltönende Stimme, sein leicht ungepflegtes, aber attraktives Aussehen und die schwarzen Ränder unter den Augen, die einem den Eindruck machten, daß er vor lauter Sorgen um den Rest der Welt keinen Schlaf fand. »Was hat die Wissenschaft denn wirklich für uns getan?« ereiferte er sich. »Sind wir glücklicher geworden? Ich meine damit nicht dreidimensionales Fernsehen oder Weintrauben ohne Kerne. Bestechen uns die Wissenschaftler denn nicht mit Spielzeug, mit technischen Spielereien, während sie zugleich unseren Glauben untergraben?« Er war ein Mann, dem die Welt zu kompliziert geworden war, dachte Ellie, ein Mann, der sein ganzes Leben lang versucht hatte, krasse Gegensätze miteinander in Einklang
zu bringen. Er hatte die Exzesse der religiösen Sekten verurteilt und glaubte, daß man jetzt konsequenterweise auch Evolution und Relativität bekämpfen mußte. Warum griff er nicht die Existenz des Elektrons an? Palmer Joss hatte nie eines gesehen, und in der Bibel kam Elektromagnetismus nicht vor. Warum also an Elektronen glauben? Obwohl Ellie ihn bisher noch nie über dieses Thema hatte sprechen hören, war sie sicher, daß er früher oder später auf die BOTSCHAFT kommen würde. Sie behielt recht. »Die Naturwissenschaftler behalten ihre Erkenntnisse für sich. Sie geben uns nur wenige Krumen ab, gerade soviel, daß wir stillhalten. Sie denken, daß wir zu dumm sind, sie zu verstehen. Und sie teilen uns nur die Ergebnisse mit, ohne sie zu beweisen. Sie verkünden ihre Erkenntnisse, als ob sie die Heilige Schrift und nicht Spekulationen, Theorien und Hypothesen wären – wie normale Menschen es nennen würden. Sie fragen nie danach, ob die neue Theorie genauso gut für die Menschen ist wie der Glaube, den sie zu ersetzen versucht. Sie überschätzen, was sie wissen, und unterschätzen, was wir wissen. Wenn wir sie um Erklärungen bitten, antworten sie, daß wir Jahre brauchten, bis wir ihre Theorien verstünden. Ich kenne das. Auch in der Religion gibt es Dinge, für die man Jahre braucht, um sie zu verstehen. Man kann sein ganzes Leben damit verbringen, das Wesen des allmächtigen Gottes verstehen zu wollen, ohne je ans Ziel zu gelangen. Aber es ist noch nie vorgekommen, daß Naturwissenschaftler religiöse Führer nach deren jahrelangem Studium im Dienste der Erkenntnis und des Gebetes gefragt haben. Sie denken nie ernstlich über uns nach, außer wenn sie uns irreführen und betrügen. Und jetzt behaupten sie, sie hätten eine BOTSCHAFT von der Wega empfangen. Aber ein Stern kann keine Botschaft senden. Irgend jemand schickt sie. Wer? Kommt die
BOTSCHAFT von Gott oder vom Satan? Wird es am Ende der BOTSCHAFT heißen: ›Herzliche Grüße, Gott‹… oder: ›Mit freundlichen Grüßen, der Teufel‹? Und wenn die Wissenschaftler uns berichten, was in der BOTSCHAFT steht, werden sie uns dann auch die ganze Wahrheit sagen? Oder werden sie etwas zurückhalten, weil sie der Meinung sind, daß wir es nicht verstehen, oder weil es nicht zu dem paßt, was sie glauben? Sind das nicht dieselben Leute, die uns beigebracht haben, wie wir uns selbst vernichten können? Ich sage euch, meine Freunde, die Naturwissenschaft ist zu wichtig, um sie nur den Wissenschaftlern zu überlassen. Vertreter aller Weltreligionen sollten von Anfang an bei der Entschlüsselung dabei sein. Wir müssen auch die grundlegenden Daten kennen. Sonst… wo kommen wir sonst hin? Man wird uns irgend etwas über die BOTSCHAFT erzählen. Vielleicht das, was die Wissenschaftler wirklich glauben. Vielleicht auch nicht. Wir müssen akzeptieren, was sie uns erzählen. Über bestimmte Dinge wissen die Wissenschaftler Bescheid. Aber es gibt fürwahr andere Dinge, wovon sie keine Ahnung haben. Vielleicht haben sie tatsächlich eine Botschaft von anderen Wesen des Himmels bekommen. Vielleicht auch nicht. Wie können sie sicher sein, daß die BOTSCHAFT kein Goldenes Kalb ist? Ich glaube nicht, daß sie ein Goldenes Kalb erkennen würden, wenn sie eines sähen. Diese Menschen haben die Wasserstoffbombe entwickelt. Vergib mir, Herr, daß ich ihnen dafür nicht dankbarer bin. Ich habe Gott gesehen, von Angesicht zu Angesicht. Ich bete zu Gott, ich vertraue ihm, ich liebe ihn von ganzem Herzen und von ganzer Seele. Ich glaube nicht, daß man einen festeren Glauben haben kann als ich. Kein Wissenschaftler kann so an seine Wissenschaft glauben wie ich an Gott. Sie sind bereit, ihre ›Wahrheiten‹ über Bord zu werfen, wenn eine neue Idee auftaucht. Sie sind sogar stolz darauf. Sie bilden
sich ein, daß wir Menschen bis in alle Ewigkeit mit Unwissenheit geschlagen sein werden und es nirgendwo in der Natur Gewißheit gibt. Newton hat Aristoteles gestürzt, Einstein stürzte Newton. Und morgen wird der nächste Einstein stürzen. Sobald wir die eine Theorie verstehen, tritt schon die nächste an ihre Stelle. Vielleicht wäre das ja nicht so schlimm, wenn man uns vorher gesagt hätte, daß die alten Ideen nur Hypothesen waren. Aber man sprach immer nur von Newtons Gravitationsgesetzen. Und sie heißen immer noch so. Aber wenn etwas ein Naturgesetz ist, wie kann es dann falsch sein? Wie kann es plötzlich überholt sein? Nur Gott kann Naturgesetze aufheben, nicht die Wissenschaftler. Hier liegt ihr grundsätzlicher Fehler. Wenn Albert Einstein recht hat, dann war Isaac Newton ein Amateur und Stümper. Bedenkt, auch Naturwissenschaftler sind nicht unfehlbar. Sie wollen uns unseren Glauben, unsere Überzeugungen nehmen, ohne uns dafür neue geistige Werte anzubieten. Ich habe keineswegs vor, von Gott abzulassen, nur weil ein paar Wissenschaftler ein Buch schreiben und dann behaupten, es sei eine Botschaft von der Wega. Ich will nicht die Wissenschaft anbeten. Ich will nicht gegen das Erste Gebot sündigen. Ich will nicht ein Goldenes Kalb verehren.« Bevor Palmer Joss überall zu Ruhm und Ehre gekommen war, hatte er als junger Mann auf einem Rummelplatz gearbeitet. Das war in einer Kurzbiographie in der Timesweek nachzulesen gewesen; es war kein Geheimnis. Um seinem Glück nachzuhelfen, hatte er sich eine Weltkarte besorgt und sie mit allen Details auf seinen Oberkörper tätowieren lassen. Damit ließ er sich dann auf Jahrmärkten und Rummelplätzen von Oklahoma bis Mississippi bewundern, einer der letzten einer längst vergangenen Zeit umherziehender Schausteller. In den blauen Ozeanen waren die vier Windgötter zu sehen, die mit aufgeblähten Backen West- und Nordostwinde bliesen.
Wenn er seine Brust bewegte, stürmte Boreas, der Gott des Nordwinds, über den Atlantik. Dazu deklamierte er für die verblüfften Zuschauer aus dem 6, Buch von Ovids Metamorphosen: Mir geziemt nur Gewalt: gewaltsam verjage ich düstre Wolken, gewaltsam peitsch ich das Meer, und knorrige Eichen Stürz ich… So auch, wenn ich mich stürze hinab in die Klüfte der Erde Und mit dem Rücken mich wild in die untersten Höhlungen stemme, Mach ich die Manen erbeben, und weithin zittert der Erdkreis. Feuer und Schwefel aus dem alten Rom. Wenn er mit den Händen etwas nachhalf, konnte er sogar die Kontinentalbewegung vorführen. Er drückte Westafrika gegen Südamerika, so daß sie auf dem Längengrad, der durch seinen Bauchnabel lief, wie Teile eines Puzzles zusammenpaßten. Auf Plakaten wurde er als »Geos, der Erdmann« angekündigt. Joss war sehr belesen. Da er nach der Grundschule von höherer Bildung unbelastet geblieben war, war ihm nicht gesagt worden, daß Wissenschaft und klassische Literatur sich nicht für das einfache Volk schickten. Dank seines guten Aussehens und seiner sympathisch wirkenden Haarmähne konnte er sich bei den Bibliothekaren der Städte, in denen seine Truppe Station machte, einschmeicheln. Wenn er ihnen erzählte, daß er sich weiterbilden wollte, halfen sie ihm mit Titeln von Büchern aus, die er ihrer Meinung nach lesen müsse. Gehorsam las er, wie man Freunde gewann, in Immobilien investierte und seine Bekannten einschüchterte, ohne daß sie es merkten. Aber diese Bücher befriedigten ihn
nicht. Dagegen meinte er, in der Literatur der alten Griechen und Römer und der modernen Naturwissenschaft das zu finden, was er suchte. In jeder freien Minute eilte er in die Gemeinde- oder Stadtbüchereien. Er brachte sich Geographie und Geschichte bei. Das hätte mit seinem Job zu tun, sagte er zu Elvira, dem Elefantenmädchen, die ihn eingehend darüber ausfragte, was er trieb, wenn er weg war. Sie hatte den Verdacht, daß er hinter Mädchen her war – eine Bibliothekarin in jeder Stadt, hatte sie einmal gesagt –, aber sie mußte zugeben, daß seine gelehrten Reden immer besser wurden. Vom Inhalt verstand sie zwar nichts, aber die Art des Vortrags und die Wahl seiner Worte taten ihre Wirkung. Als er eines Tages mit dem Rücken zum Publikum den Zusammenstoß Indiens mit Asien und die daraus entstehende Auffaltung des Himalayagebirges vorführte, fuhr plötzlich aus dem grauen, trockenen Himmel ein Blitzstrahl nieder und erschlug ihn. Im Südosten von Oklahoma hatte es Wirbelstürme gegeben, und überhaupt war das Wetter überall im Süden ungewöhnlich. Er merkte deutlich, wie er seinen Körper verließ, der jämmerlich zusammengekrümmt auf den mit Sägemehl bedeckten Holzplanken lag und von der kleinen Menge der Zuschauer aus sicherer Entfernung und mit einer Art heiliger Scheu betrachtet wurde, und wie er durch einen langen, schwarzen Tunnel nach oben stieg und sich langsam einem hellen Licht näherte. In dessen strahlendem Glanz konnte er immer deutlicher eine heldenhafte, ja göttliche Gestalt erkennen. Als er aufwachte, war er fast etwas enttäuscht, daß er noch lebte. Er lag auf einem Feldbett in einem bescheiden eingerichteten Schlafzimmer. Über ihn beugte sich Reverend Billy Jo Rankin, nicht der gegenwärtige Namensträger, sondern dessen Vater, ein würdiger Stellvertreter Gottes in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Im Hintergrund meinte Joss ein Dutzend verhüllter Gestalten zu erkennen, die
das Kyrieeleison sangen. Aber er war sich nicht sicher. »Werde ich leben oder sterben?« fragte der junge Mann flüsternd. »Beides, mein Junge, beides«, antwortete Reverend Rankin. Joss wurde übermannt von dem Gefühl, daß sich ihm das irdische Leben neu geoffenbart hätte. Aber auf schwer zu beschreibende Weise stand dieses Gefühl im Widerstreit mit jener beseligenden Vision, die ihm so unermeßliche Freude verkündet hatte. Zutiefst spürte er den Konflikt der beiden widerstreitenden Gefühle in seiner Brust. Manchmal kam es ihm mitten in einem Satz zu Bewußtsein und drängte nach Ausdruck durch Worte oder Taten. Nach einer Weile fand er sich damit ab, mit dem Konflikt leben zu müssen. Er war wirklich tot gewesen, erzählten ihm hinterher die, die dabeigewesen waren. Ein Arzt hätte seinen Tod festgestellt. Aber sie hätten Gebete gesprochen und Lieder zum Lobe Gottes gesungen. Sie hätten auch versucht, ihn mit Massagen wiederzubeleben. Und sie hatten ihn wieder ins Leben zurückgebracht. Er war wahrhaftig und buchstäblich wiedergeboren. Da diese Geschichte so gut zu seiner eigenen Erfahrung paßte, akzeptierte er sie mit Freuden. Obwohl er fast nie darüber sprach, war er von der großen Bedeutung seines Erlebnisses überzeugt. Er war nicht umsonst erschlagen worden. Er war nicht ohne Grund ins Leben zurückgerufen worden. Unter Anleitung seines Förderers stürzte er sich in das Studium der Heiligen Schrift. Er war tief bewegt von der Idee der Auferstehung und der Heilslehre. Am Anfang half er Reverend Rankin nur im kleinen aus, indem er hin und wieder in weiter entfernten Gebieten Predigten für ihn übernahm – besonders seit der jüngere Billy Jo Rankin dem Ruf Gottes nach Odessa, Texas, gefolgt war. Joss fand sehr bald einen eigenen Predigtstil, der weniger ermahnend als erklärend war. In einfachen Worten und vertrauten Bildern erklärte er die
Taufe, das Leben nach dem Tode, die Verbindung zwischen der christlichen Offenbarung und den Sagen des klassischen Altertums, die göttliche Weltordnung und die Übereinstimmung von Wissenschaft und Religion, wenn beide richtig verstanden wurden. Es war nicht die herkömmliche Art zu predigen, und viele nahmen Anstoß an seiner ökumenischen Einstellung. Aber aus unerklärlichen Gründen wuchs die Zahl seiner Anhänger rapide. »Du bist wiedergeboren worden, Joss«, sagte der ältere Rankin zu ihm. »Eigentlich solltest du einen neuen Namen bekommen. Aber Palmer Joss ist so ein schöner Name, daß du ein Narr wärst, ihn nicht zu behalten.« Wie Ärzte und Rechtsanwälte kritisierten auch die Religionsverkäufer selten ihre Ware gegenseitig, stellte Joss fest. Aber eines Abends besuchte er den Gottesdienst in der neuen Kreuzfahrerkirche, um den jüngeren Billy Jo Rankin predigen zu hören, der gerade siegreich aus Odessa zurückgekehrt war. Billy Jo predigte von Strafe, Belohnung und Verklärung. Aber die heutige Nacht, verkündete er der Gemeinde, sei eine heilbringende Nacht. Werkzeug des Heils war die heiligste aller Reliquien – heiliger als ein Holzsplitter vom heiligen Kreuz, sogar heiliger als der Oberschenkelknochen der heiligen Theresa von Avila, den General Franco in seinem Büro aufbewahrt hatte, um die Frommen einzuschüchtern. Was Billy Jo Rankin in der Hand hielt, war nichts Geringeres als das Fruchtwasser, das unseren Herrn schützend umgeben hatte. Die Flüssigkeit war in einem alten irdenen Gefäß sorgsam verwahrt worden, das einstmals der heiligen Anna gehört habe. Schon der kleinste Tropfen davon, versicherte Rankin, heile durch einen besonderen Akt göttlicher Gnade von allen Schmerzen. Und dieses allerheiligste Wasser war heute abend unter ihnen. Joss war entsetzt, allerdings weniger über den offensichtlichen Schwindel Rankins als über die Gläubigkeit, mit der die
Gemeindemitglieder auf ihn hereinfielen. In seinem früheren Leben war Joss oft Zeuge geworden, wie man versucht hatte, die Leute übers Ohr zu hauen. Aber das hatte mit zum Jahrmarkt gehört. Hier war es etwas ganz anderes. Es ging um Religion. In der Religion war es nicht erlaubt, die Wahrheit falsch auszulegen oder gar künstlich Wunder zu erzeugen. Er nahm sich fest vor, diesen Betrug von der Kanzel herab anzuprangern. Mit wachsendem Eifer schimpfte er gegen verderbte Formen eines bigotten Fundamentalismus, gegen die übereifrigen Herpetologen, die ihren Glauben prüften, indem sie giftige Schlangen anfaßten, da in der Bibel geschrieben stand, daß die, die ein reines Herz hatten, das Gift der Schlange nicht zu fürchten brauchten. In einer später oft zitierten Predigt nahm er Bezug auf Voltaire. Er hätte nie gedacht, sagte er, daß die Männer der Kirche so käuflich waren, daß sie jene gotteslästerlichen Zungen bestätigten, die behaupteten, Priester gebe es seit der Zeit, als zum erstenmal ein Spitzbube einen Narren getroffen hätte. Solche Irrlehren zerstörten die Religion. Mahnend hob er seinen Finger. Joss erklärte, jede Religion müsse in ihrer Lehre eine Grenze beachten, bei deren Überschreiten der Verstand ihrer Anhänger provoziert werde. Vernünftige Menschen stritten sich vielleicht darüber, wo die Grenze gezogen werden sollte, aber Religionen überschritten sie oft weit und gefährdeten sich so selbst. Die Menschen waren keine Narren. Der ältere Rankin ließ Joss am Tag vor seinem Tod, als er seine letzten Angelegenheiten ordnete, die Nachricht zukommen, er solle ihm niemals mehr unter die Augen kommen. Zu dieser Zeit begann Joss zu predigen, daß auch die Naturwissenschaften nicht alle Fragen beantworten könnten. Er fand Ungereimtheiten in der Evolutionstheorie. Erkenntnisse, die störten, Tatsachen, die nicht ins Bild paßten, würden von den
Wissenschaftlern einfach unter den Teppich gekehrt. Sie wüßten gar nicht sicher, daß die Erde 4,6 Milliarden Jahre alt ist, genausowenig wie Erzbischof Usher sicher wußte, daß sie 6000 Jahre alt war. Hatte doch niemand bei der Evolution zugesehen und die Zeit seit der Schöpfung gemessen. (»Zweihundertquadrillionen, zweihundertquadrillionenundeins…«, so malte er einmal aus, wie ein solcher Zeitnehmer geduldig die Sekunden seit dem Ursprung der Welt zählte.) Und Einsteins Relativitätstheorie war auch nicht bewiesen. Man konnte sich nicht schneller als Licht fortbewegen, hatte Einstein gesagt. Woher wußte er das? Wie nahe war er an die Lichtgeschwindigkeit herangekommen? Die Relativität war nur eine Hilfe, die Welt zu verstehen. Einstein konnte doch nicht ein für allemal festlegen, wozu die Menschen in der fernen Zukunft imstande sein mochten. Und ganz sicher konnte Einstein Gott keine Grenzen setzen. Vielleicht konnte sich Gott, wenn er wollte, schneller als Licht fortbewegen? Vielleicht konnten auch wir uns schneller als Licht fortbewegen, wenn Gott es wollte! Sowohl in der Wissenschaft als auch in der Religion gab es Übertreibungen. Ein vernünftiger Mensch ließ sich weder hier noch dort überrumpeln. Es gab viele verschiedene Interpretationen der Heiligen Schrift und viele verschiedene Interpretationen der natürlichen Welt. Beide waren von Gott geschaffen, deshalb mußten beide in Einklang miteinander stehen. Wenn es einen Widerspruch gab, dann hatten entweder der Wissenschaftler oder der Theologe oder beide zusammen ihre Aufgabe nicht richtig erfüllt. Palmer Joss verband seine unparteiische Kritik an Wissenschaft und Religion mit einer leidenschaftlichen Aufforderung zu moralischer Rechtschaffenheit, und er nahm eigene Gedanken seiner Gemeinde ernst. Bald hatte er im ganzen Land einen Namen. In Diskussionen über eine
»wissenschaftliche Schöpfungslehre« als Unterrichtsfach an den Schulen, über die ethischen Implikationen der Abtreibung und eingefrorener Embryos und über die Zulässigkeit der Gentechnik versuchte er auf seine Weise, einen vermittelnden Kurs zu steuern. So hoffte er, Wissenschaft und Religion über den Abbau gegenseitiger Vorurteile miteinander zu versöhnen. Die beiden streitenden Lager beschimpften ihn dafür, aber seine Popularität wuchs. Er wurde Vertrauensmann der Präsidenten. Teile seiner Predigten wurden als Leitartikel in den großen weltlichen Zeitungen nachgedruckt. Aber er widerstand vielen Angeboten und Lockungen, darunter auch der, eine Fernsehkirche zu gründen. Er lebte weiterhin einfach, und nur selten – außer bei Einladungen ins Weiße Haus und zu ökumenischen Kongressen – verließ er den ländlichen Süden. Abgesehen von einem durchschnittlichen Maß an Patriotismus, machte er sich zur Regel, sich nicht in die Politik einzumischen. So wurde Palmer Joss auf einem Gebiet, wo so viele Lehren von oft zweifelhafter Redlichkeit miteinander in Konkurrenz standen, der an Gelehrsamkeit und moralischer Autorität alle anderen christlichen Fundamentalisten überragende Prediger seiner Zeit. Der Heer fragte Ellie, wo sie in Ruhe zu Abend essen könnten. Er war mit dem Flugzeug zu einer Kurzbesprechung mit Waygay und der sowjetischen Delegation über die neuesten Interpretationsergebnisse gekommen. Aber es wimmelte in diesem Teil New Mexicos nur so von Reportern aus der ganzen Welt, und man hätte im Umkreis von mehr als hundert Kilometern kein Restaurant finden können, in dem man unbeobachtet und ungestört essen konnte. Deshalb kochte Ellie selbst in ihrer kleinen Wohnung, die direkt an das Gästehaus anschloß. Während des Essens hatten sie eine Menge zu besprechen; manchmal sah es so aus, als liege das Schicksal des ganzen Projekts allein in den Händen der
Präsidentin. Aber Ellie fühlte dunkel, daß die aufgeregte Erwartung, die plötzlich in ihr aufgestiegen war, bevor Ken kam, noch andere Gründe hatte. Joss gehörte nicht direkt zum offiziellen Teil ihrer Besprechung, deshalb sprachen sie erst über ihn, als sie gemeinsam das Geschirr in die Spülmaschine füllten. »Der Mann ist völlig gelähmt vor Angst«, sagte Ellie. »Und er ist engstirnig. Er befürchtet, daß die BOTSCHAFT entweder zu einer unannehmbaren Interpretation der Bibel führt oder seinen Glauben erschüttern könnte. Er hat überhaupt keine Ahnung, wie sich ein neues wissenschaftliches Paradigma in ein altes einfügt. Er will wissen, was die Naturwissenschaft in letzter Zeit an Gutem gebracht hat. Und er will die Stimme der Vernunft sein.« »Verglichen mit Weltuntergangschiliasten und Erdpatrioten ist Palmer Joss noch gemäßigt«, antwortete Der Heer. »Vielleicht hätten wir die naturwissenschaftlichen Vorgehensweisen besser erklären sollen. Darüber habe ich mir in letzter Zeit viele Gedanken gemacht. Und, Ellie, weiß man denn sicher, daß die Botschaft nicht von – « »Von Gott oder vom Teufel ist? Ken, das fragen Sie mich doch nicht im Ernst?« »Aber wie steht es mit fortgeschrittenen Wesen, die ein unseren Vorstellungen von Gut und Böse entsprechendes Verhalten kennen, sich also nach Ideen richten, die für jemand wie Joss von Gott oder vom Teufel kommen?« »Ken, wer diese Wesen im Wega-System auch immer sein mögen, ich garantiere Ihnen, daß sie das Universum nicht erschaffen haben. Und sie sind auch nicht so etwas wie der Gott des Alten Testaments. Überlegen Sie doch. Die Wega, die Sonne und alle anderen Sterne unseres Sonnensystems befinden sich irgendwo ganz am Rand einer absolut langweiligen Galaxis. Warum soll der ›Ich bin, der ich bin‹
sich hier bei uns herumtreiben? Er hat doch sicher Dringenderes zu tun.« »Ellie, wir sind nicht frei in unseren Entscheidungen. Sie wissen, daß Joss großen Einfluß besitzt. Er stand zwei Präsidenten sehr nahe und jetzt der gegenwärtigen Amtsinhaberin. Die Präsidentin ist geneigt, Konzessionen an Joss zu machen, obwohl ich nicht glaube, daß sie ihn und einige andere Prediger in den geplanten Ausschuß zur Entschlüsselung der BOTSCHAFT berufen wird, in dem Sie, Valerian und Drumlin sein werden – von Waygay und seinen Kollegen ganz zu schweigen. Ich kann mir kaum vorstellen, daß die Russen mit fundamentalistischen Geistlichen in einem Ausschuß zusammenarbeiten. Das ganze Unternehmen könnte daran scheitern. Aber vielleicht sollten wir mit Joss reden. Die Präsidentin hat mir erzählt, daß er von den Naturwissenschaften wirklich fasziniert ist. Vielleicht könnten wir ihn für uns gewinnen.« »Wir sollen Palmer Joss bekehren!« »Ich meine nicht, daß wir ihn dazu bringen sollten, einen anderen Glauben anzunehmen – nur, daß wir ihm begreiflich machen, worum es bei Argus geht, daß wir die BOTSCHAFT nicht zu beantworten brauchen, wenn wir nicht wollen, und daß für uns schon die Entfernung von der Wega ein Schutz ist.« »Ken, er glaubt ja noch nicht einmal, daß die Lichtgeschwindigkeit die größtmögliche Geschwindigkeit im Kosmos ist. Wir werden aneinander vorbeireden. Außerdem bin ich nie mit den konventionellen Religionen zurechtgekommen. Und ich verliere schnell die Geduld, wenn ich es mit ihren Ungereimtheiten und ihrer Verlogenheit zu tun bekomme. Ich bin nicht so sicher, daß eine Begegnung zwischen Joss und mir so abliefe, wie Sie es sich wünschen. Oder wie die Präsidentin es wünscht.«
»Ellie«, erwiderte er, »ich weiß nicht, auf wen ich mein Geld setzen würde. Aber ich kann mir nicht vorstellen, daß ein Zusammentreffen zwischen Ihnen und Joss die Sache noch verschlimmern könnte.« Ellie erwiderte sein Lächeln. Die Beobachtungsschiffe waren jetzt am Einsatzort, und einige kleinere, aber ausreichend starke Radioteleskope waren an Orten wie Reykjavik und Djakarta aufgestellt worden. Damit war der Empfang des Signals von der Wega über die gesamte Länge mehr als ausreichend gesichert. In Paris sollte nun eine große Konferenz des eigens für dieses Unternehmen gegründeten Weltkonsortiums stattfinden. Die Länder mit dem größten Datenanteil veranstalteten eine viertägige wissenschaftliche Vorbereitungsrunde. Diese Kurzkonferenz sollte vor allem Leute wie Der Heer, der zwischen Wissenschaftlern und Politikern vermitteln mußte, auf den neuesten Stand der Untersuchungen bringen. Zur sowjetischen Abordnung gehörten neben Lunatscharski als nominellem Leiter noch mehrere Wissenschaftler und Techniker, die ihm an Können nicht nachstanden. Unter ihnen waren Henrich Archangelski, der gerade erst zum Chef der sowjetisch geführten internationalen Weltraumbehörde Interkosmos ernannt worden war, Timotei Gotsridse als Minister der mittleren Schwerindustrie und ein Mitglied des Zentralkomitees. Man sah es Waygay an, daß er unter Druck stand. Er war wieder zum Kettenraucher geworden. Noch während er sprach, hielt er eine Zigarette zwischen Daumen und Zeigefinger. »Es stimmt ja, daß es auf der ganzen Strecke viele Überlappungen gibt. Aber trotzdem mache ich mir deswegen Sorgen. Es braucht nur der Heliumverflüssiger an Bord der Marschal Nedelin zu versagen oder der Strom in Reykjavik auszufallen, und der kontinuierliche Empfang der
BOTSCHAFT ist gefährdet. Angenommen, die BOTSCHAFT braucht zwei Jahre, bis sie wieder von vorn beginnt. Wenn wir ein Stück verpassen, müssen wir also zwei Jahre warten, um die Lücke zu füllen. Und nicht zu vergessen, wir wissen noch nicht einmal, ob die BOTSCHAFT wiederholt wird. Wenn es keine Wiederholung gibt, werden die Lücken nie geschlossen werden können. Ich meine, daß wir alle Eventualitäten in unseren Plan mit einbeziehen müssen.« »Woran denken Sie also?« fragte Der Heer. »An Notgeneratoren für jedes Observatorium des Konsortiums?« »An Notgeneratoren und an von der Hauptversorgung unabhängige Verstärker, Spektrometer, Autokorrelatoren, Plattenlaufwerke und so weiter. Und an Vorkehrungen für den schnellen Lufttransport von flüssigem Helium an abgelegene Observatorien in Notfällen.« »Sind Sie auch dieser Meinung, Ellie?« »Absolut.« »Noch etwas?« »Ich bin der Auffassung, daß wir die Wega weiterhin in einem breiten Frequenzbereich beobachten sollten. Wir sollten auch andere Himmelsregionen abhören. Vielleicht kommt der Schlüssel für unsere BOTSCHAFT gar nicht von der Wega, sondern von ganz woanders her – « »Auch ich halte Waygays Vorschlag für wichtig und kann ihn nur bekräftigen«, warf Valerian ein. »Wir sind in der ungewöhnlichen Lage, daß wir eine BOTSCHAFT empfangen, aber keinerlei Fortschritte bei ihrer Entschlüsselung machen. Wir haben überhaupt keine Erfahrungen auf diesem Gebiet, wir müssen ganz unten anfangen. Und wir wollen nicht ein oder zwei Jahre verlieren, nur weil wir eine einfache Vorsichtsmaßnahme nicht getroffen oder eine simple Messung übersehen haben. Daß die BOTSCHAFT wieder von vorn anfängt, ist ja nur eine reine Vermutung. Die BOTSCHAFT
selbst gibt uns dafür keinen Anhaltspunkt. Jede Möglichkeit, die wir jetzt verpassen, ist vielleicht für immer verpaßt. Ich stimme auch damit überein, daß wir noch viel für die Entwicklung besserer Instrumente tun müssen. Soviel wir wissen, gibt es noch eine vierte Schicht des Palimpsests.« »Auch Personalfragen müssen wir klären«, fuhr Waygay fort. »Nehmen wir einmal an, daß die Übermittlung der Botschaft nicht nur ein oder zwei Jahre dauert, sondern noch Jahrzehnte. Oder, daß es sich hier nur um den ersten Teil einer ganzen Serie von Botschaften von überallher aus dem Weltraum handelt. Es gibt auf der ganzen Welt nur ein paar hundert wirklich qualifizierte Radioastronomen. Gemessen an dem Einsatz, um den es geht, ist das sehr wenig. Die Industrieländer müssen unbedingt mehr erstklassige Radioastronomen und Radioingenieure ausbilden.« Ellie sah, daß sich Gotsridse, der bisher wenig gesagt hatte, Notizen machte. Und wieder wurde ihr deutlich, wieviel besser die Russen Englisch lesen und schreiben konnten als die Amerikaner Russisch. Um die Jahrhundertwende hatten fast alle Wissenschaftler der Welt Deutsch sprechen oder zumindest lesen können. Davor war es Französisch gewesen und davor Latein. In einem Jahrhundert würde es vielleicht wieder eine andere Wissenschaftssprache geben – vielleicht Chinesisch. Zur Zeit war es Englisch. Und alle Wissenschaftler unseres Planeten mußten sich plagen, die Feinheiten und Ausnahmen des Englischen zu erlernen. Waygay sprach weiter, während er sich mit dem Ende der alten Zigarette ein neue anzündete: »Noch etwas sollte hier zur Sprache kommen. Es ist reine Spekulation, die noch nicht einmal so plausibel ist wie der Gedanke, daß die BOTSCHAFT wieder von vorn beginnen könnte – was, wie Professor Valerian richtig betonte, ebenfalls nur eine Vermutung ist. Normalerweise würde ich eine so spekulative Idee nicht in einem so frühen Stadium erwähnen. Aber wenn
etwas an der Spekulation dran ist, dann müssen wir uns sofort noch über weitere Maßnahmen Gedanken machen. Ich würde kaum den Mut haben, von meiner Spekulation zu sprechen, wenn nicht das Akademiemitglied Archangelski zu demselben Schluß gekommen wäre. Über die Rotverschiebungen von Quasaren, die Erklärung der extrem hellen Lichtquellen, die Restmasse des Neutrino, die Physik der Quarks in Neutronensternen waren wir nicht einer Meinung… Wir hatten immer viele Meinungsverschiedenheiten. Und ich muß zugeben, daß manchmal er und manchmal ich recht hatte. So gut wie nie waren wir im spekulativen Anfangsstadium einer Idee einer Meinung. Aber dieses Mal sind wir uns einig.« »Henrich, würden Sie uns das bitte genauer erklären?« Archangelski wirkte fast belustigt. Seit Jahren war er in heißen wissenschaftlichen Diskussionen und der berühmtberüchtigten Kontroverse, wie weit man sowjetische Projekte in der Kernforschung fördern sollte, der Kontrahent Lunatscharskis. »Wir vermuten«, fuhr Waygay fort, »daß die BOTSCHAFT die Anleitung zum Bau einer Maschine ist. Wir haben natürlich keine Ahnung, wie man die BOTSCHAFT entschlüsseln könnte. Unsere Vermutung leitet sich vielmehr aus Hinweisen ab, die in der Struktur der BOTSCHAFT enthalten sind. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Hier auf Seite 15441 ist ein klarer Verweis auf eine frühere Seite, nämlich die Seite 13097, die wir glücklicherweise auch haben. Die spätere Seite wurde hier in New Mexico empfangen, die frühere an unserem Observatorium in der Nähe von Taschkent. Auf Seite 13097 findet sich ein weiterer Verweis. Aber zu diesem Zeitpunkt hatten wir noch nicht die gesamte Länge abgedeckt. Man könnte noch viele andere Beispiele für solche Rückverweise anführen. Im allgemeinen gilt, und das ist das Entscheidende, daß die Anweisungen auf späteren Seiten viel komplexer, die Anweisungen auf früheren Seiten dagegen einfacher sind. In
einem Fall wird auf einer einzigen Seite achtmal auf frühere Ausführungen verwiesen.« »Das ist allerdings kein besonders zwingendes Argument«, erwiderte Ellie. »Vielleicht handelt es sich nur um eine Reihe mathematischer Übungen, bei denen die späteren auf den früheren aufbauen. Es könnte auch ein langer Roman sein – vielleicht leben diese Menschen länger als wir und können längere Bücher lesen –, in dem bestimmte Ereignisse an Erlebnisse der Kindheit anknüpfen, oder wie man es eben auf der Wega nennt, wenn man jung ist. Oder vielleicht ist es ein religiöses Handbuch mit vielen Querverweisen.« »Und zehn Milliarden Geboten«, sagte Der Heer lachend. »Vielleicht«, sagte Lunatscharski, der durch eine Wolke von Zigarettenrauch zum Fenster hinaus auf die Teleskope starrte, die sehnsüchtig zum Himmel gerichtet waren. »Aber wenn Sie sich die Muster der Querverweise genauer ansehen, dann werden Sie wahrscheinlich auch zu dem Schluß kommen, daß es sich eher um die Anleitung zum Bau einer Maschine handelt. Gott allein weiß, was für einen Zweck die Maschine haben könnte.«
9 Das Numinose Bewunderung ist die Basis der Anbetung Thomas Carlyle Sartor Resartus (1833-34)
Das kosmische Erlebnis der Religion ist das stärkste und edelste Motiv naturwissenschaftlicher Forschung. Albert Einstein Ideas and Opinions (1954)
Sie konnte sich später noch genau daran erinnern, auf welcher ihrer vielen Reisen nach Washington sie gemerkt hatte, daß sie sich in Ken Der Heer verliebt hatte. Die Vorbereitungen für das Treffen mit Palmer Joss schienen sich endlos hinzuziehen. Joss weigerte sich, die Argus-Station zu besuchen. Die Gottlosigkeit der Wissenschaftler und nicht ihre Entschlüsselung der BOTSCHAFT interessiere ihn, sagte er jetzt. Und um den Charakter der Wissenschaftler auf die Probe zu stellen, müsse ein neutraler Boden gefunden werden. Ellie war bereit, überall hinzukommen. Ein Sonderbeauftragter der Präsidentin führte die Verhandlungen. Andere Radioastronomen kamen nicht in Frage, da die Präsidentin
wünschte, daß Palmer sich mit Ellie traf. Zugleich fieberte Ellie dem Tag entgegen, an dem sie zu der ersten Konferenz des Weltkonsortiums nach Paris fliegen würde. Bis dahin würden allerdings noch einige Wochen vergehen. Zusammen mit Waygay war sie für die Koordination des weltweiten Datenerfassungsprogramms zuständig. Die Signalerfassung war fast schon zur Routine geworden. Und während der letzten Monate hatte es keine einzige Lücke gegeben. So stellte Ellie zu ihrer eigenen Überraschung fest, daß sie plötzlich auch ein bißchen Zeit für sich selbst hatte. Sie nahm sich fest vor, ausführlich mit ihrer Mutter zu telephonieren und dabei nett und freundlich zu sein und sich durch nichts aus der Ruhe bringen zu lassen. Auf ihrem Schreibtisch hatten sich Berge von Briefen und Telegrammen angesammelt, die sie jetzt durchgehen wollte. Darunter waren nicht nur Glückwünsche und Kritik von Kollegen, sondern auch Ermahnungen religiöser Sekten, im Brustton der Überzeugung vorgetragene pseudowissenschaftliche Spekulationen und Post ihrer Fans aus der ganzen Welt. Monatelang hatte sie das Astrophysical Journal nicht mehr gelesen, obwohl sie für eine der letzten Nummern selbst einen Artikel geschrieben hatte, der sicher das Außergewöhnlichste war, was diese Zeitschrift je veröffentlicht hatte. Das Signal von der Wega war so stark, daß viele Amateure, die vom Amateurfunken die Nase voll hatten, angefangen hatten, sich ihre eigenen kleinen Radioteleskope und Empfangsgeräte zu bauen. Als man mit der Erfassung der Botschaft noch ganz am Anfang gewesen war, hatten sie einige nützliche Daten geliefert, und auch jetzt noch wurde Ellie von Amateuren belagert, die meinten, daß sie etwas herausbekommen hätten, was die Profis von SETI noch nicht wußten. Ellie fühlte sich verpflichtet, ermutigende Antwortbriefe zu schreiben. Und zu guter Letzt gab es auf der Station selber auch noch andere wichtige radioastronomische
Programme wie die Quasaruntersuchungen, die betreut werden mußten. Aber statt all diese Dinge zu erledigen, verbrachte sie fast ihre ganze Zeit mit Ken. Natürlich gehörte es zu ihren Aufgaben, den Wissenschaftsberater der Präsidentin so weit in das Projekt Argus einzuführen, wie er es wünschte. Es war sehr wichtig, daß die Präsidentin umfassend und fachkundig informiert wurde. Ellie hoffte, daß die Regierungschefs der anderen Länder genauso sorgfältig über den neuesten Stand unterrichtet wurden wie die Präsidentin der Vereinigten Staaten. Die Präsidentin, die keine naturwissenschaftliche Ausbildung hatte, war dennoch von den Naturwissenschaften fasziniert und bereit, sie nicht nur wegen ihres praktischen Nutzens, sondern auch ein wenig aus Freude am Wissen zu unterstützen. Das waren seit James Madison und John Quincy Adams nur ganz wenige der früheren amerikanischen Präsidenten gewesen. Trotzdem war es erstaunlich, wieviel Zeit Der Heer an der Station verbringen konnte. Eine Stunde oder länger widmete er täglich dem chiffrierten Informationsaustausch mit seinem Büro für Wissenschaft und Technologie im Old Executive Office Building in Washington. Den Rest der Zeit war er, soweit Ellie feststellen konnte, einfach da. Er arbeitete sich in die Geheimnisse des Computersystems ein oder besuchte einzelne Radioteleskope. Manchmal begleitete ihn ein Mitarbeiter aus Washington, meistens war er jedoch allein. Durch die offene Tür des Büros, das man ihm zugewiesen hatte, konnte sie sehen, wie er mit den Füßen auf dem Tisch einen Bericht las oder telephonierte. Er winkte ihr fröhlich zu und wandte sich dann wieder seiner Arbeit zu. Sie traf ihn im zwanglosen Gespräch mit Drumlin oder Valerian, mit jüngeren Technikern oder Sekretärinnen, die ihn öfters in Ellies Gegenwart als charmant bezeichneten. Auch an Ellie hatte Der Heer viele Fragen. Anfangs waren sie rein technischer Natur,
aber bald wurden daraus Spekulationen über alle möglichen zukünftigen Ereignisse, die sich immer ungehemmter entfalteten. Es sah fast so aus, als ob die Diskussionen über das Projekt nur ein Vorwand waren, um ein bißchen Zeit miteinander zu verbringen. Eines schönen Herbstnachmittags in Washington mußte die Präsidentin das geplante Treffen der Sonderkommission von Wissenschaftlern und Politikern wegen einer akuten Krise in Nordirland verschieben. So hatten Ellie und Der Heer, die mit dem Nachtflug von New Mexico gekommen waren, unvermutet ein paar freie Stunden. Sie beschlossen, das Vietnam Memorial zu besuchen, das Maya Ying Lin entworfen hatte, als sie noch an der Yale-Universität Architektur studiert hatte. In der bedrückenden Atmosphäre dieser an den leichtfertig vom Zaun gebrochenen Krieg erinnernden Gedenkstätte wirkte Der Heers Fröhlichkeit fehl am Platz, und wieder begann sich Ellie Gedanken über solche offensichtlichen Mängel seines Charakters zu machen. Zwei Beamte in Zivil vom Allgemeinen Sicherheitsdienst mit spezialgefertigten fleischfarbenen Hörmuscheln folgten ihnen unauffällig. Der Heer hatte soeben eine wunderschöne blaue Raupe dazu gebracht, auf einen Ast zu klettern. Sie kroch zügig voran, wobei die Bewegungen der vierzehn Beinpaare wie Wellen durch ihren schillernden Körper liefen. Am Ende des Asts hielt sie sich mit ihren fünf hinteren Segmenten fest und streckte das Vorderteil wagemutig nach allen Seiten aus, um einen neuen Stengel zu finden. Doch ohne Erfolg. Sie drehte sich geschickt um und kroch wieder zurück. Der Heer faßte den Ast jetzt am anderen Ende, so daß die Raupe, als sie an ihren Ausgangspunkt zurückkam, wieder ins Leere stieß. Wie ein Raubtier im Käfig bewegte sie sich viele Male hin und her, zuletzt, wie es Ellie schien, mit wachsender Resignation. Ellie bekam Mitleid mit dem armen Tier, auch wenn später kein
schöner Schmetterling daraus werden sollte. »Was für ein wundervolles Programm das kleine Ding im Kopf hat«, rief Der Heer aus. »Und es funktioniert immer – ein optimal programmiertes Fluchtprogramm. Und sie weiß genau, was sie tun muß, um nicht herunterzufallen. Immerhin hängt der Ast ja frei in der Luft. Das hat die Raupe in ihrer natürlichen Umgebung nie kennengelernt. Dort ist ein Ast immer mit irgend etwas verbunden. Ellie, hast du dir schon mal überlegt, was du mit diesem Programm in deinem Kopf tun würdest? Ich meine, würdest du wissen, was du tun mußt, wenn du am Ende des Asts ankommst? Oder würdest du denken, daß du bewußt einen Gedankenschritt nach dem anderen vollziehen mußt? Würdest du dich darüber wundem, wie du es fertigbringst, die vorderen zehn Füße in die Luft zu strecken und dich gleichzeitig mit den anderen achtzehn am Ast festzuhalten?« Ellie legte ihren Kopf leicht auf die Seite und sah Der Heer an. Anscheinend hatte er Schwierigkeiten, sie sich als Insekt vorzustellen. Sie versuchte, ihm in neutralem Ton zu antworten. Sie wußte ja, daß er solche Fragen aus rein beruflichem Interesse stellte. »Was willst du jetzt mit ihr machen?« »Ich setze sie wieder ins Gras. Oder was würdest du machen?« »Manche Leute würden sie töten.« »Es fällt schwer, ein Lebewesen zu töten, wenn es dir einmal sein Bewußtsein gezeigt hat«, sagte er. Er hielt den Ast mit der Raupe immer noch in der Hand. Schweigend gingen sie weiter, vorbei an 55000 Namen, die in den spiegelnden schwarzen Granit eingraviert waren. »Jede Regierung, die sich auf einen Krieg vorbereitet, malt ihre Feinde in den schrecklichsten Farben als Monster«, sagte sie. »Man will sich die Gegenseite nicht menschlich vorstellen. Wenn der Feind denken und fühlen könnte, dann würde man
vielleicht zögern, ihn zu töten. Und das Töten ist wichtig. Deshalb ist es besser, in den Feinden Monster zu sehen.« »Sieh, wie schön die Raupe ist«, antwortete Der Heer nach einem kurzen Augenblick. »Schau sie dir genau an.« Ellie tat es. Sie bezwang ihren Widerwillen und versuchte, die Raupe mit seinen Augen zu sehen. »Sieh mal, was sie tut«, fuhr er fort. »Wenn sie genauso groß wäre wie du oder ich, würde sie jeden zu Tode erschrecken. Die Raupe wäre dann ein richtiges Monster, nicht? Aber sie ist klein. Sie frißt Blätter, kümmert sich nur um ihre Sachen und verschönert die Welt ein bißchen.« Ellie ergriff seine freie Hand, und wortlos gingen sie an den Namenskolonnen vorbei, die chronologisch nach dem Todesdatum aufeinander folgten. Natürlich waren hier nur die amerikanischen Gefallenen aufgeführt. Außer in den Herzen der Angehörigen und Freunde gab es nirgendwo auf der ganzen Welt ein entsprechendes Denkmal für die zwei Millionen Menschen aus Südostasien, die ebenfalls in diesem Krieg umgekommen waren. In Amerika war die allgemeine Erklärung für das Scheitern dieses Krieges die, daß die Politiker den erfolgreichen Militärs in den Rücken gefallen wären, eine Erklärung, die stark an die Dolchstoßlegende erinnerte, die unter den deutschen Militärs nach ihrer Niederlage im Ersten Weltkrieg aufgekommen war. Der Vietnamkrieg war eine Eiterbeule im Bewußtsein der Nation, die anzustechen bisher kein Präsident gewagt hatte. (Die spätere Politik der Demokratischen Republik von Vietnam hatte diese Aufgabe keineswegs leichter gemacht.) Ellie dachte daran, wie normal es für die amerikanischen Soldaten gewesen war, ihre vietnamesischen Gegner als »Dreckschweine«, »Flachköpfe«, »Schlitzaugen« zu beschimpfen oder mit noch übleren Namen zu belegen. Mußte man nicht, ehe wir die nächste Etappe der Menschheitsgeschichte bewältigen
konnten, zuerst das Bedürfnis ausrotten, den Feind zu entmenschlichen? Im Alltag sprach Der Heer nicht wie ein Akademiker. Hätte man ihn an dem Kiosk getroffen, wo er sich seine Zeitung kaufte, wäre man nie darauf gekommen, daß er Wissenschaftler war. Er hatte seinen New Yorker Straßenakzent nie ganz abgelegt. Am Anfang hatte dieses offenkundige Mißverhältnis zwischen seiner Sprache und der Qualität seiner wissenschaftlichen Arbeit seine Kollegen belustigt. Aber wenn man seine Arbeiten und ihn selbst besser kennenlernte, dann war der Akzent nur noch ein kleiner, unbedeutender Spleen. Aber wenn Der Heer das Wort Guanosintriphosphat aussprach, dann bekam dieses harmlose Molekül plötzlich explosive Sprengkraft. Beide merkten es erst spät, daß sie sich ineinander verliebt hatten. Den anderen mußte es schon längst aufgefallen sein. Vor einigen Wochen hatte Lunatscharski, damals noch im Argus-Observatorium, wieder eine seiner gelegentlichen Tiraden über die Irrationalität der Sprache losgelassen. Diesmal war das amerikanische Englisch an der Reihe gewesen. »Ellie, warum sagt man: ›wieder denselben Fehler machen‹? Welche zusätzliche Information kommt durch ›wieder‹ dazu? Und stimmt es, daß ›abbrennen‹ und ›niederbrennen‹ dasselbe bedeuten? Wenn man ›abschrauben‹ sagen kann, warum kann man dann nicht genauso ›niederschrauben‹ sagen?« Ellie nickte müde. Schon mehr als einmal hatte sie gehört, wie er sich bei seinen sowjetischen Kollegen über die Ungereimtheiten der russischen Sprache beklagt hatte, und sie war überzeugt, daß sie auf der Konferenz in Paris die französische Version davon zu hören bekommen würde. Sie gab bereitwillig zu, daß Sprachen unglückliche
Ausdrucksweisen besäßen, die aber aus so vielen verschiedenen Quellen herrührten und sich aufgrund so vieler Sachzwänge entwickelt hätten, daß es geradezu erstaunlich wäre, wenn sie alle völlig logisch und ohne innere Widersprüche wären. Waygay hatte so viel Spaß mit seinen Klageliedern, daß sie es nicht übers Herz brachte, dagegen zu protestieren. »Aber nehmen Sie den Ausdruck ›Hals über Kopf verliebt‹«, redete er weiter. »Da stimmt es wenigstens einmal, habe ich recht? Normalerweise hat man den Kopf auf dem Hals. Aber wenn man verliebt ist, ist alles genau umgekehrt. Sie wissen doch, wie es mit dem Verlieben ist. Da sitzt der Kopf nicht mehr an seiner gewohnten Stelle, sondern man schwebt mit dem Kopf nach unten durch die Luft, wie auf den Bildern dieses französischen Malers – wie war doch sein Name?« »Er war Russe«, erwiderte Ellie. Marc Chagall hatte dem Gespräch eine Wende gegeben und war so zu ihrer Rettung geworden. Hinterher fragte sie sich, ob Waygay sie aufziehen oder einfach zu einer Antwort hatte provozieren wollen. Vielleicht hatte er nur intuitiv das wachsende Band zwischen Ellie und Der Heer erfaßt. Der Heers Zögern war zumindest teilweise verständlich. Er, der Wissenschaftsberater der Präsidentin, hatte hier in Argus eine noch nie dagewesene, äußerst heikle und unberechenbare Aufgabe zu bewältigen. Sich dabei emotional mit einer der Hauptpersonen einzulassen, war riskant. Die Präsidentin wünschte mit Sicherheit, daß sein Urteil frei von allen persönlichen Beeinflussungen blieb. Er mußte in der Lage sein, unabhängig von der Meinung Ellies zu entscheiden, welche Maßnahmen getroffen werden sollten. Sich in Ellie zu verlieben würde Der Heers Eignung für diese Aufgabe auf jeden Fall in Frage stellen.
Für Ellie war es noch schwieriger. Bevor sie die allerseits geachtete Direktorin eines großen Radioobservatoriums geworden war, hatte sie viele Beziehungen gehabt. Und wenn sie auch verliebt gewesen war und das ganz offen zugab, hatte sie der Gedanke an eine Heirat doch nie verlockt. Dunkel erinnerte sie sich an einen Vierzeiler – war er von William Butler Yeats? –, mit dem sie ihre ersten Liebhaber zu trösten versucht hatte, deren Herzen gebrochen waren, weil sie wieder einmal beschlossen hatte, daß es vorbei war: Du sagst, daß Liebe ewig sei, Sind’s Tage nur, so sei’s nicht viel – O Narrheit, gibt es Tage doch, Die mehr sind als nur ewiges Spiel. Ihr fiel ein, wie reizend John Staughton zu ihr gewesen war, als er ihrer Mutter den Hof machte, und wie schnell er sich verändert hatte, nachdem er ihr Stiefvater geworden war. Offenbar konnten sich Männer nach der Hochzeit verändern und zu Monstern werden. Ihre romantische Veranlagung machte sie verwundbar. Sie wollte nicht den gleichen Fehler machen wie ihre Mutter. Und noch tiefer saß die Angst, sich rückhaltlos zu verlieben, sich ganz jemandem anzuvertrauen, der ihr dann entrissen wurde. Oder sie einfach verließ. Wenn man sich nie richtig verliebte, entbehrte man die Liebe auch nicht. (Darüber dachte sie allerdings nie genauer nach, weil sie dunkel ahnte, daß ihre Schlußfolgerung nicht ganz stimmte.) Aber wenn sie sich nie richtig verliebte, konnte sie auch niemanden verraten. Tief in ihrem Herzen glaubte sie nämlich, daß ihre Mutter ihren schon lange verstorbenen Vater verraten hatte. Ellie vermißte ihn noch immer schmerzlich. Mit Ken schien alles ganz anders zu sein. Oder waren nur ihre Erwartungen in den letzten Jahren allmählich niedriger
geworden? Anders als andere Männer, die sie kannte, war Ken, wenn er gereizt oder gestreßt war, besonders liebenswürdig und einfühlsam. Seine Kompromißbereitschaft und Gewandtheit in wissenschaftspolitischen Fragen gehörten zu seiner Arbeit, aber darunter spürte Ellie eine andere Art von Zuverlässigkeit. Sie schätzte ihn wegen seiner Art, die Wissenschaft in sein Leben einzubeziehen, und wegen seines mutigen Eintretens für die Naturwissenschaften den Behörden und Ministerien zweier Präsidenten gegenüber. Sie wohnten jetzt, ohne viel Aufhebens davon zu machen, zusammen in Ellies kleiner Wohnung auf der Argus-Station. Wenn sie sich unterhielten, flogen ihre Gedanken wie Federbälle hin und her, und oft beendete der eine den Gedanken des anderen, noch ehe er ganz ausgesprochen war. Und Der Heer war ein zärtlicher und erfinderischer Liebhaber. Ganz besonders mochte Ellie den warmen Geruch seiner Haut. Manchmal war sie ganz verblüfft, was sie in seiner Gegenwart alles sagen und tun konnte. Sie bewunderte ihn so sehr, daß seine Liebe zu ihr ihr eigenes Selbstwertgefühl steigerte: Sie mochte sich selbst besser leiden wegen ihm. Und da es ihm genauso ging, wurden ihre Liebe und Achtung füreinander täglich stärker. Mit so vielen ihrer Freunde hatte sie sich insgeheim einsam gefühlt. Doch sobald sie mit Ken zusammen war, war dieses Gefühl wie weggeblasen. Sie konnte ihm von ihren Träumen erzählen, von bruchstückhaften Erinnerungen und Kindheitsängsten. Er hörte nicht nur interessiert zu, sondern war fasziniert. Stundenlang fragte er sie nach ihrer Kindheit aus. Seine Fragen waren immer direkt, manchmal provozierend, aber nie verletzend. Sie begann zu verstehen, warum Verliebte oft wie Kinder miteinander redeten. Es gab keinen anderen gesellschaftlich akzeptierten Zustand, in dem das Kind in ihr zum Vorschein kommen durfte. Wenn die einjährige, die fünfjährige, die zwölfjährige
und die zwanzigjährige Ellie sich alle in dem Geliebten wiederfinden konnten, dann war es vielleicht möglich, vollkommen glücklich zu sein. Die Liebe machte Ellies langer Einsamkeit ein Ende. Vielleicht konnte man die Tiefe einer Liebe daran messen, wie viele der verschiedenen Selbsts in der Beziehung aufgehoben waren. Bei ihren früheren Partnern hatte meist nur eines dieser Selbsts eine Entsprechung in dem Partner gefunden, die anderen waren verdrängt worden. Am Wochenende vor dem geplanten Treffen mit Joss lagen sie zusammen im Bett. Die späte Nachmittagssonne, die durch die Jalousien drang, zeichnete Muster auf ihre ineinander verschlungenen Körper. »In einer normalen Unterhaltung«, sagte Ellie, »kann ich über meinen Vater sprechen, ohne mehr zu spüren als… einen leichten Stich. Aber wenn ich mich ganz der Erinnerung an ihn hingebe, wenn ich mich an seinen Humor erinnere oder an seinen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, dann bricht die Fassade zusammen, und ich fange an zu heulen, weil er nicht mehr da ist.« »Es kann befreiend sein, über seine Gefühle zu sprechen«, antwortete Der Heer und strich leicht mit der Hand über ihre Schulter. »Vielleicht ist dazu die Sprache da – daß wir die Welt verstehen können, ohne völlig von ihr überwältigt zu werden.« »Wenn das so ist, dann ist die Erfindung der Sprache nicht nur ein Segen. Du weißt, Ken, daß ich alles – wirklich alles, was ich habe – darum gäbe, wenn ich meinen Vater nur für ein paar Minuten noch einmal wiederhaben könnte.« Sie stellte sich vor, wie all die lieben Papas und Mamas über den Himmel schwebten und auf einer vorüberziehenden Wolke Platz nahmen. Sicher gab es genug Platz für all die Abermilliarden von Menschen, die schon gestorben waren, seit es Menschen gab; vielleicht war es dort oben aber auch schon überfüllt.
Doch wenn der Himmel Gottes so groß war wie der Himmel der Astronomen, dann gab es mehr als genug Platz. »Man müßte doch sagen können«, sagte Ellie laut, »wie viele intelligente Wesen insgesamt in unserer Milchstraße leben. Wie viele, glaubst du, sind es? Wenn es eine Million Zivilisationen gibt, jede mit einer Milliarde Individuen, so ergibt das, hm, zehn hoch fünfzehn intelligente Wesen. Aber die meisten sind fortgeschrittener als wir, vielleicht ist ja die Vorstellung von Individuen gar nicht angemessen, das gibt es vielleicht nur auf der Erde.« »Sicher. Und dann kann man noch die galaktische Produktion an Gauloises, Chips, Volkswagen und Sony-Plattenspielern berechnen. Und dann rechnen wir das Bruttosozialprodukt unserer Galaxis aus. Und wenn wir das haben, können wir das Bruttosozialprodukt des Kosmos…« »Du machst dich nur lustig über mich«, sagte Ellie lachend und sah ihn zärtlich an. »Aber stell dir diese Zahlen mal vor. Ganz im Ernst, meine ich. All diese Planeten mit Wesen, die uns weit voraus sind. Schwindelt dir nicht allein beim Gedanken daran?« Sie wußte, was er dachte, aber sie sprach schnell weiter: »Hier, schau mal her. Das habe ich für das Treffen mit Joss gelesen.« Sie nahm einen Band ihrer alten Encyclopaedia Britannica vom Nachttisch und schlug die Seite auf, in die ein kleiner Fetzen Computerpapier als Lesezeichen eingelegt war. Sie zeigte auf einen Artikel, der über das Heilige ging. »Hier steht, daß es für Theologen eine besondere, nicht rationale – aber auch nicht irrationale – Art heiliger Scheu gibt, die sie ›numinos‹ nennen. Das Wort taucht zum ersten Mal auf bei… bei einem Rudolf Otto in einem Buch aus dem Jahr 1917 mit dem Titel Das Heilige. Otto glaubte, daß die Menschen empfänglich für das Numinose und seine Verehrung sind. Er
nannte es das mysterium tremendum. Selbst mein Latein reicht dafür noch aus. In Gegenwart des mysterium tremendum fühle sich der Mensch völlig unbedeutend. Aber wenn ich es richtig verstehe, ist damit nicht gemeint, daß der Mensch sich dabei entfremdet ist. Otto glaubt, daß das Numinose etwas ›vollkommen anderes ist und daß die menschliche Reaktion darauf grenzenloses Staunen‹ sei. Wenn religiöse Menschen so etwas meinen, wenn sie Worte wie heilige Scheu gebrauchen, dann gehöre ich zu ihnen. So ging es mir, als ich nach Signalen horchte. Dabei war es mir gar nicht so wichtig, ob tatsächlich eines kam. Ich glaube, daß jede Wissenschaft dieses Gefühl von Ehrfurcht auslöst. Ich lese dir eine Stelle vor.« Ellie stützte sich auf und begann zu lesen: In den letzten hundert Jahren haben Philosophen und Soziologen der verschiedensten Schulen vom Verschwinden des Heiligen geredet und den Tod der Religion vorhergesagt. Eine Untersuchung der Geschichte der Religionen zeigt, daß sich religiöse Formen ändern und es zu keiner Zeit Einstimmigkeit darüber gab, was Religion ist und wie sie sich äußert. Ob man… Ellie brach ab. »Oder ›ob frau‹. Auch bei religiösen Artikeln scheinen noch immer ausschließlich Männer am Werk zu sein.« Sie fuhr fort: Ob man heute von einer neuen Situation sprechen muß, die die Entwicklung eines Wertesystems erfordert, das sich radikal von dem bisherigen, aus dem Bewußtsein heiliger Scheu geborenen unterscheidet, ist eine Frage von lebenswichtiger Bedeutung. »Und weiter?« »Ich glaube, daß die institutionalisierten Religionen dem Menschen eine bestimmte Wahrnehmungsart des Numinosen vorschreiben wollen, statt ihm direkten Zugang zur Erfahrung
des Numinosen zu verschaffen – wie etwa durch ein 15Zentimeter-Teleskop. Wenn die Erfahrung des Numinosen im Mittelpunkt einer Religion steht, wer ist dann deiner Meinung nach religiöser – die Menschen, die den institutionalisierten Religionen folgen, oder die Menschen, die sich selbst die Naturwissenschaften beibringen?« »Laß mal sehen, ob ich das richtig verstanden habe«, entgegnete er. Diesen Satz hatte er von ihr übernommen. »Heute ist ein fauler Samstagnachmittag, und da liegen zwei nackt im Bett und lesen sich gegenseitig aus der Encyclopaedia Britannica vor. Dann streiten sie darüber, ob der Andromedanebel ›numinoser‹ als die Auferstehung ist. Wissen die denn überhaupt, wie man sich sonst noch zusammen vergnügen kann?«
Teil II Die Maschine
Der allmächtige Lehrer, durch Entfaltung der Prinzipien der Wissenschaft im Gebäude der Welt, hat den Menschen zum Studieren und zum Nachahmen eingeladen. Es ist, als habe er zu den Bewohnern dieser Erdkugel, die wir die unsrige nennen, gesagt: »Ich habe eine Erde gemacht für den Menschen zu seinem Wohnort, und ich habe den Sternenhimmel sichtbar gemacht, um ihn Wissenschaft und Künste zu lehren. Der Mensch kann jetzt für seine eigene Bequemlichkeit sorgen, und aus meiner Freigebigkeit an alle lernen, gegenseitig wohltuend unter sich zu sein.« Thomas Paine Zeitalter der Vernunft (1794)
10 Die Präzession der Äquinoktien
O Zeus, ist’s wahr, daß du die Welt regierst? Wie? oder ist es nur ein eitler Wahn, Daß droben ein Geschlecht von Göttern lebt? Ist’s nur der Zufall, der im Leben waltet? Euripides Hekabe
Es war alles ganz anders gekommen. Ellie hatte sich vorgestellt, daß Palmer Joss zur Argus-Station kommen würde und dann die Radioteleskope bei der Arbeit beobachten und die riesige Halle besichtigen könnte, in der die Magnetbänder und Disketten mit den Daten der vergangenen Monate aufbewahrt wurden. Er konnte einige wissenschaftliche Fragen stellen und die vielen Nullen und Einser auf einigen der Computerbögen gezeigt bekommen, auf denen die immer noch nicht verständliche BOTSCHAFT ausgedruckt wurde. Ellie hatte nicht damit gerechnet, daß sie stundenlang über Philosophie und Theologie diskutieren würden. Joss hatte sich geweigert, nach Argus zu kommen. Nicht die Magnetbänder interessierten ihn, sagte er, sondern der menschliche Charakter. Peter Valerian wäre der geeignete Gesprächspartner für ihn gewesen: bescheiden, klar im Ausdruck und von einem tiefen und gefestigten christlichen Glauben, der sein tägliches Leben bestimmte. Aber die Präsidentin war dagegen gewesen. Sie
wünschte ein Treffen im engen Kreis und hatte ausdrücklich darum gebeten, daß Ellie dabei war. Joss hatte darauf bestanden, daß das Gespräch hier in Modesto, Kalifornien, im Wissenschaftlichen Institut und Museum für Bibelforschung stattfand. Ellie sah Der Heer kurz an und schaute dann durch die Glaswand, die die Bibliothek vom Museum trennte, hinaus. Draußen stand der Gipsabguß einer Dinosaurierfußspur. Das Original aus Sandstein war am Red River gefunden worden. Neben der Spur war deutlich der Abdruck eines Menschen zu erkennen, der Sandalen getragen haben mußte. Dadurch war, so die erklärende Bildunterschrift, bewiesen, daß Mensch und Dinosaurier Zeitgenossen gewesen waren, zumindest in Texas. Die Schuhmacher des Mesozoikums waren dabei anscheinend stillschweigend inbegriffen. Die Schlußfolgerung, die in der Bildunterschrift gezogen wurde, besagte, daß die Evolutionstheorie Betrug sei. Daß Paläontologen den Stein für Betrug hielten, wurde, wie Ellie schon vor zwei Stunden bemerkt hatte, mit keinem Wort erwähnt. Die beiden Fußabdrücke waren Teil einer riesigen Ausstellung mit dem Titel »Darwins Versäumnisse«. Auf der linken Seite des Saals veranschaulichte ein Foucault-Pendel eine wissenschaftliche Behauptung, die offenbar unangefochten blieb, nämlich, daß die Erde sich drehte. Rechts davon sah Ellie eine reich ausgestattete Anlage mit Holographien von Matsushita auf der Bühne eines kleinen Theaters, von wo aus die dreidimensionalen Bilder aller bedeutenden Heiligen direkt zu den Gläubigen sprechen konnten. Noch direkter sprach zu Ellie in diesem Augenblick Reverend Billy Jo Rankin. Sie hatte erst in allerletzter Minute erfahren, daß Joss auch Rankin eingeladen hatte, und war überrascht gewesen. Zwischen den beiden hatte es ständig theologische Streitgespräche gegeben, unter anderem darüber, ob die Wiederkunft Christi nahe bevorstünde, ob das Jüngste
Gericht notwendigerweise mit dem Kommen Christi einhergehe und welche Bedeutung Wundern an Geistlichen zukäme. Vor kurzem allerdings hatten sie sich unter großem öffentlichen Aufsehen versöhnt, angeblich zum Wohle der fundamentalistischen Kirche Amerikas. Die Annäherung zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion wirkte sich offensichtlich in der ganzen Welt günstig auf Meinungsverschiedenheiten aus. Daß das Treffen gerade hier stattfand, war vielleicht ein Teil des Preises, den Joss für die Versöhnung zahlen mußte. Denn für Rankin lag nahe, die Ausstellung als sachliche Untermauerung seiner Position zu betrachten, falls es in der Diskussion um wissenschaftlich strittige Fragen gehen sollte. Sie saßen jetzt schon zwei Stunden zusammen, und noch immer redete Rankin von den Sünden der Wissenschaft und der noch nicht versäumten Möglichkeit zur Umkehr. Sein Anzug saß einwandfrei, seine Fingernägel waren frisch manikürt, und sein strahlendes Lächeln stand in merkwürdigem Gegensatz zu Joss’ zerknitterten, ausgemergelten und von tiefer Leidenschaft gezeichneten Zügen. Joss, auf dessen Gesicht ein kaum wahrzunehmendes Lächeln lag, hielt die Augen halb geschlossen und hatte den Kopf nach vorn geneigt, so daß er fast die Haltung eines Predigers einnahm. Er brauchte nicht viel zu sagen. Rankins Äußerungen unterschieden sich soweitabgesehen von seiner glatteren Vortragsweise – in nichts von Joss’ Fernsehansprachen. »Ihr Wissenschaftler seid ja so zurückhaltend«, sagte Rankin. »Ihr liebt es, euer Licht unter den Scheffel zu stellen. Wenn man nur die Titel eurer Artikel liest, kommt man nie darauf, was sich dahinter verbirgt. Einsteins erstes Werk über die Relativitätstheorie hieß ›Zur Elektrodynamik bewegter Körper‹. Von E = mc 2 auf dem Titelblatt keine Spur. ›Zur Elektrodynamik bewegter Körper‹. Das war alles.
Angenommen, Gott erschiene einer Versammlung von Wissenschaftlern, zum Beispiel auf einer dieser großen amerikanischen Konferenzen, dann würden alle etwas darüber schreiben. Vielleicht unter dem Titel: ›Über dendritoforme Verbrennungen in der Atmosphäre‹. Man würde eine Menge Gleichungen dafür aufstellen und viel über die Aussagekraft der neuen Hypothese reden, aber von Gott würde mit keinem Wort die Rede sein.« Rankin holte tief Luft. »Ihr Wissenschaftler seid zu mißtrauisch«, fuhr er fort, und aus seiner Kopfbewegung zur Seite konnte Ellie schließen, daß er mit dieser Behauptung auch Der Heer meinte. »Ihr stellt alles in Frage, oder versucht es zumindest. Nie fällt es euch ein, daß es auch Dinge gibt, die man besser in Ruhe läßt. Immer wollt ihr genau überprüfen, ob etwas, wie man so schön sagt, ›wahr‹ ist. Ihr meint damit natürlich nur empirisch wahr, wahr im Sinn von Daten, Dingen, die man sehen und anfassen kann. Für Eingebungen oder Offenbarungen ist in eurer Welt kein Platz. Schon von Anfang an schließt ihr fast alles aus, was zur Religion gehört. Ich mißtraue den Wissenschaftlern, weil die Wissenschaftler allem mißtrauen.« Gegen ihren Willen mußte Ellie zugeben, daß Rankin seine Sache gut vorgetragen hatte. Dabei war er angeblich einer der einfältigsten der gegenwärtigen Fernsehprediger. Nein, nicht er war der Dumme, korrigierte sie sich, sondern er war derjenige, der seine Gemeindemitglieder für dumm hielt. Er selbst konnte, soweit sie es beurteilen konnte, wirklich sehr geschickt sein. Sollte sie jetzt offen auf seine Argumente eingehen? Sowohl Der Heer als auch das Personal vom Museum zeichneten die Diskussion auf. Und obwohl beide Seiten sich darauf geeinigt hatten, daß die Aufzeichnungen nicht für den öffentlichen Gebrauch waren, hatte Ellie Angst, das Projekt oder die Präsidentin zu kompromittieren, wenn sie offen ihre
Meinung sagte. Aber Rankins Äußerungen wurden zunehmend unerhörter, und weder Der Heer noch Joss griffen ein. »Sie wollen vermutlich eine Antwort auf Ihre Thesen«, hörte Ellie sich sagen. »Es gibt allerdings keine ›offizielle‹ Meinung seitens der Wissenschaft zu den Problemen, die Sie aufgeworfen haben. Ich kann deshalb nicht im Namen aller Wissenschaftler, ja noch nicht einmal für die des Projekts Argus sprechen. Aber ich kann für mich eine Antwort versuchen, wenn Sie wollen.« Rankin nickte heftig mit dem Kopf und lächelte sie ermutigend an. Joss ließ keine Reaktion erkennen. Er wartete ab. »Ich möchte vorausschicken, daß ich niemanden in seinem Glauben angreife. Von mir aus können Sie jede Lehrmeinung vertreten, die sie wollen, auch wenn sie nachweislich falsch ist. Und vieles, was Sie sagen und was Reverend Joss gesagt hat – ich habe vor ein paar Wochen Ihre Rede im Fernsehen gehört – kann man nicht einfach abtun. Ich werde also keine leichte Aufgabe haben. Trotzdem will ich versuchen zu erklären, warum ich glaube, daß Sie insgesamt nicht recht haben.« Bis jetzt, ging es Ellie durch den Kopf, bin ich die Zurückhaltung in Person gewesen. »Ihnen bereitet der naturwissenschaftliche Skeptizismus Unbehagen. Aber es gibt diesen Skeptizismus, weil unsere Welt komplex ist. Sogar äußerst komplex. Nicht jede Idee ist schon bei ihrem ersten Auftauchen notwendigerweise richtig. Menschen können sich täuschen. Auch Naturwissenschaftler. Alle möglichen Doktrinen mit schrecklichen Folgen für die Gesellschaft wurden zeitweise von Wissenschaftlern unterstützt, darunter bekannten Wissenschaftlern, berühmten, erstklassigen Wissenschaftlern. Und natürlich Politikern. Und angesehenen Führern religiöser Gruppen. Die Sklaverei zum Beispiel oder der Rassismus der Nationalsozialisten. Wissenschaftler machen Fehler, Theologen machen Fehler,
jeder macht Fehler. Das ist bei uns Menschen eben so. Auch bei Ihnen heißt es doch: ›Irren ist menschlich‹. Fehler vermeiden oder zumindest die Fehlerquote verringern kann man durch kritische Prüfung. Man überprüft seine Ideen nach strengen Wahrheitskriterien. Ich glaube nicht, daß es so etwas wie eine endgültige Wahrheit gibt. Aber wenn man die verschiedensten Meinungen zu Wort kommen läßt, wenn jeder Skeptiker seine Experimente durchführen kann, um eine Behauptung zu überprüfen, dann hat die Wahrheit eine Chance. Das ist die Erfahrung der ganzen Geschichte der Wissenschaft. Es ist kein perfekter Ansatz, aber der einzige, der zu funktionieren scheint. Wenn ich mir jetzt die Religion anschaue, dann sehe ich auch dort viele widerstreitende Meinungen. Zum Beispiel glauben die Christen, daß das Universum eine begrenzte Zahl von Jahren alt ist. Aus der Ausstellung in Ihrem Museum wird deutlich, daß einige Christen und Juden und Moslems glauben, daß das Universum nur sechstausend Jahre alt ist. Die Hindus glauben dagegen – und es gibt viele Hindus auf der Welt –, daß das Universum unendlich alt ist und im Laufe seiner Geschichte immer wieder neu entsteht und von neuem zerstört wird. Aber es können doch nicht beide recht haben. Entweder hat das Universum einen Anfang oder es ist ohne einen solchen. Ihre Freunde da draußen« – Ellie deutete auf die Glastür, hinter der einige Mitarbeiter des Museums an »Darwins Versäumnissen« vorbeischlenderten – »sollten mit den Hindus diskutieren. Gott scheint den Hindus etwas anderes erzählt zu haben als ihnen. Aber sie sprechen in der Regel ja nur mit ihresgleichen.« War sie jetzt zu weit gegangen? Sie gestattete sich keine Pause. »Die Weltreligionen widersprechen sich auf allen Ebenen. Sie können nicht alle Recht haben. Was wäre, wenn keine recht hat? Die Möglichkeit zumindest besteht doch. Ihnen muß an der Wahrheit gelegen sein. Nun, um die Spreu
vom Weizen zu trennen, muß man mißtrauisch sein. Ich stehe Ihrem religiösen Glauben nicht mißtrauischer gegenüber als jeder neuen wissenschaftlichen Idee, von der ich erfahre. Aber bei meiner Arbeitsmethode heißen sie Hypothesen und nicht Eingebung oder Offenbarung.« Joss machte eine Handbewegung, aber es war Rankin, der antwortete: »Im Alten und Neuen Testament gibt es unzählige Offenbarungen und Prophezeiungen von Gott. Das Kommen des Erlösers wird in Jesaja 53, in Sacharja 14 und in der Chronik I, 17 vorhergesagt. Daß er in Bethlehem geboren würde, wird in Micha 5 prophezeit. Daß er aus dem Geschlecht Davids kommen würde, steht bei Matthäus 1 und – « »Bei Lukas. Aber das sollte Sie eigentlich in Verlegenheit bringen. Wie erfüllt sich die Prophezeiung denn? Matthäus und Lukas schreiben Jesus zwei völlig verschiedene Abstammungen zu. Und noch schlimmer, sie ziehen eine Linie von David zu Joseph und nicht von David zu Maria. Oder glauben Sie nicht an Gott als den Vater?« Rankin sprach ruhig weiter. Vielleicht hatte er sie gar nicht richtig verstanden. »… Amt und Leiden Jesu werden in Jesaja 52 und 53 und im 22. Psalm prophezeit. Daß er für dreißig Silberstücke verraten würde, steht ausdrücklich in Sacharja 11. Und wenn Sie ehrlich sind, können Sie die Erfüllung dieser Prophezeiung nicht leugnen. Und die Bibel spricht auch von unserer heutigen Zeit. Israel und die Araber, Gog und sein Land Magog, Amerika und Rußland, der Atomkrieg – das steht alles in der Bibel. Mit ein wenig Verstand kann es jeder erkennen. Dazu braucht man kein Universitätsprofessor zu sein.« »Ihre Schwierigkeit«, entgegnete Ellie, »ist mangelnde Einbildungskraft. Die Prophezeiungen sind fast alle vage, zweideutig, ungenau und offen für Betrug. Sie lassen viele verschiedene Interpretationen zu. Selbst die direkten
Prophezeiungen von ganz oben interpretieren Sie nach Belieben – wie zum Beispiel das Versprechen Jesu, daß das Reich Gottes noch zu Lebzeiten einiger seiner Zuhörer kommen würde. Und jetzt erzählen Sie mir bloß nicht, daß das Reich Gottes in mir ist. Seine Zuhörer haben ihn ganz im wörtlichen Sinne verstanden. Sie zitieren nur die Prophezeiungen, die Ihnen erfüllt zu sein scheinen, und übergehen den Rest einfach. Und man darf auch nie vergessen, was für ein Bedürfnis nach Erfüllung der Prophezeiungen es gab. Aber stellen Sie sich einmal vor, Ihr Gott, der allmächtig, allwissend und barmherzig ist, wollte den zukünftigen Generationen einen Bericht hinterlassen, der seine Existenz den, nun, entfernteren Nachkommen Mose unmißverständlich machen sollte. Das ist einfach, beinahe trivial. Einige wenige rätselhafte Sätze und das strenge Gebot, sie unverändert weiterzugeben…« Joss beugte sich fast unmerklich nach vorne. »Wie zum Beispiel…?« »Zum Beispiel Sätze wie: ›Die Sonne ist ein Stern‹. Oder: ›Der Mars ist ein rostfarbener Ort mit Wüsten und Vulkanen wie der Sinai‹. Oder: ›Ein Körper in Bewegung neigt dazu, in Bewegung zu bleiben‹. Oder, einen Moment bitte« – Ellie kritzelte einige Zahlen auf einen kleinen Block – »›Die Erde wiegt eine Million mal eine Million mal eine Million mal eine Million soviel wie ein Kind‹. Oder – mir ist aufgefallen, daß Sie beide Schwierigkeiten mit der speziellen Relativität haben, aber sie wird wirklich täglich von Teilchenbeschleunigern und kosmischen Strahlen bestätigt – also wie wäre es mit einem Satz wie: ›Es gibt keine privilegierten Bezugssysteme‹. Oder: ›Du sollst dich nicht schneller bewegen als das Licht‹. Das alles kann man vor dreitausend Jahren unmöglich gewußt haben.« »Noch mehr?« fragte Joss.
»Es gibt noch unendlich viele – mindestens einen für jedes physikalische Prinzip. Lassen Sie mich überlegen… ›In dem kleinsten Kieselstein verbergen sich Wärme und Licht‹. Oder: ›Der Weg der Erde ist wie zwei, aber der Weg des Magneten ist wie drei‹. Damit meine ich, daß der Schwerkraft ein Gesetz zugrunde liegt, das dem reziproken Wert des Abstandsquadrates proportional ist, während die Kraftwirkung eines magnetischen Dipols einem Gesetz folgt, das dem reziproken Wert des Abstandes hoch drei proportional ist. Oder in der Biologie – « sie nickte Der Heer zu, der ein Schweigegelübde abgelegt zu haben schien – »wie wäre es mit ›Zwei verschlungene Stränge sind das Geheimnis des Lebens‹?« »Da ist ein interessanter Satz«, sagte Joss. »Sie meinen doch gewiß die DNS. Aber Sie kennen als Physikerin doch sicher das Symbol der Medizin? Die Ärzte unserer Armee tragen es am Revers. Es heißt Merkurstab und wird aus zwei ineinander verschlungenen Schlangen gebildet. Es ist eine perfekte Doppelhelix. Seit alters symbolisiert sie das Bewahren von Leben. Das ist doch genau die Art von Verbindung, die Sie vorschlagen, oder?« »Eigentlich dachte ich, es sei eine Spirale und nicht eine Helix. Nun gut. Da es so viele Symbole, Prophezeiungen, Mythen und Volksglauben gibt, könnten einige durch Zufall zu einem Satz der modernen Naturwissenschaft passen. Aber sicher bin ich mir da nicht. Vielleicht haben Sie recht. Vielleicht ist der Merkurstab eine Botschaft Gottes. Natürlich ist es kein christliches Symbol oder eines der heutigen Weltreligionen. Ich nehme nicht an, daß Sie behaupten wollen, daß die Götter nur zu den alten Griechen gesprochen haben. Was ich eigentlich sagen wollte: Wenn Gott uns eine Botschaft senden wollte, so hätte er es, auch wenn die alten Schriften dabei der einzige für ihn denkbare Weg waren, besser machen
können. Und warum hätte er sich auf schriftliche Aufzeichnungen beschränken sollen? Warum kreist nicht ein riesiges Kruzifix um die Erde? Warum ist die Mondoberfläche nicht mit den Zehn Geboten übersät? Warum soll Gott sich in der Bibel so klar und eindeutig ausgedrückt haben und in der Welt so schwer zu erkennen sein?« Joss wollte zu einer Antwort ansetzen. Sein Gesicht hatte sich plötzlich erwartungsvoll belebt. Aber Ellie kam gerade richtig in Fahrt, und vielleicht fand er es unhöflich, ihr ins Wort zu fallen. »Warum hat uns Gott denn verlassen? Wenn man Ihnen glauben darf, redete er doch jeden zweiten Dienstag mit Kirchenvätern und Propheten. Er ist allmächtig, behaupten Sie, und allwissend. Dann kann es doch keine besondere Anstrengung für ihn sein, uns direkt und unzweideutig an seine Wünsche zu erinnern, wenigstens ein paar Mal in jeder Generation. Also wie kommt das? Warum kennen wir ihn nicht bis aufs I-Tüpfelchen?« »Aber wir kennen ihn!«, unterbrach Rankin und ließ sich von dem feierlichen Klang seiner Stimme mitreißen. »Er ist überall unter uns. Unsere Gebete werden erhört. In diesem Land sind Millionen von Menschen wiedergeboren worden und können Gottes herrliche Gnade bezeugen. Die Bibel spricht heute noch genauso klar zu uns wie zu Mose und Jesu Zeiten.« »Ach, hören Sie damit auf. Sie wissen genau, was ich meine. Wo sind die brennenden Büsche, die Feuersäulen, die mächtige Stimme, die vom Himmel auf uns niederdonnert: ›Ich bin, der ich bin‹? Warum sollte sich Gott auf so versteckte und vieldeutige Art und Weise offenbaren, wenn er seine Anwesenheit völlig eindeutig machen könnte?« »Aber Sie sagen doch selbst, daß Sie eine Stimme vom Himmel hören?« Joss sagte es, ohne die Stimme zu erheben, während Ellie einhielt, um Luft zu holen. Er blickte ihr direkt in die Augen.
Rankin nahm den Gedanken schnell auf. »Genau. Das wollte ich gerade sagen. Abraham und Moses hatten keine Radios oder Teleskope. Sie konnten den Allmächtigen nicht auf UKW hören. Vielleicht spricht Gott heutzutage auf andere, neue Art zu uns und eröffnet uns ein neues Verständnis. Oder vielleicht ist es nicht Gott – « »Sondern der Teufel. Das habe ich auch schon gehört. Es klingt geradezu verrückt. Vielleicht können wir das noch für einen Augenblick beiseite lassen. Vielleicht glauben Sie, daß die BOTSCHAFT die Stimme Gottes, Ihres Gottes ist. Aber wo in Ihrer Religion kommt es vor, daß ein Gebet erhört wird, indem das Gebet wiederholt und zurückgeschickt wird?« »Ich würde eine Wochenschau der Nazis nicht als Gebet bezeichnen«, warf Joss ein. »Sie sagen doch, daß man damit nur unsere Aufmerksamkeit erregen will.« »Aber warum glauben Sie denn, daß Gott ausgerechnet zu den Wissenschaftlern spricht? Warum denn nicht mit Priestern wie Ihnen?« »Gott spricht die ganze Zeit zu mir.« Deutlich hörbar hämmerte Rankin sich mit dem Zeigefinger auf die Brust. »Und zu Reverend Joss. Gott hat mir gesagt, daß eine Offenbarung bevorsteht. Und wenn das Ende der Welt naht, werden die himmlischen Freuden über uns kommen. Die Sünder werden bestraft werden und die Auserwählten zum Himmel auffahren – « »Hat er Ihnen auch gesagt, daß er diese Ankündigung im Radiospektrum machen wird? Sind Ihre Gespräche mit Gott irgendwo aufgezeichnet, damit wir nachprüfen können, ob sie tatsächlich stattgefunden haben? Oder sind wir auf Ihre bloße Behauptung angewiesen? Warum kündigt sich Gott ausgerechnet den Radioastronomen an und nicht den Männern und Frauen des geistlichen Standes? Finden Sie es nicht auch merkwürdig, daß die erste Botschaft von Gott nach
zweitausend Jahren aus Primzahlen… und aus ein paar Bildern Adolf Hitlers bei den Olympischen Spielen 1936 bestehen soll? Ihr Gott hat einen eigenartigen Humor.« »Mein Gott hat das, was ihm richtig erscheint.« Sichtlich erschrocken über die Verschärfung der Diskussion schaltete sich Der Heer ein: »Vielleicht darf ich uns alle an den Zweck unseres Zusammentreffens erinnern.« Typisch Ken, dachte Ellie, immer darauf bedacht zu beschwichtigen. Manchmal zeigte er Mut, aber eigentlich nur dann, wenn er keine Verantwortung zu übernehmen hatte. Er war ein unerschrockener Redner… aber nur privat. In wissenschaftspolitischen Angelegenheiten, zumal wenn er die Präsidentin zu vertreten hatte, zeigte er immer Entgegenkommen, sogar die Bereitschaft, mit dem Teufel selbst einen Kompromiß zu schließen. Ellie mußte innerlich lachen. Die Sprache der Theologen schien jetzt schon auf sie abzufärben. Ellie brach ihre Gedanken ab und fiel Der Heer ins Wort: »Das ist etwas anderes. Wenn das Signal von Gott kommt, warum kommt es dann von einem einzigen Stern – aus der Nähe eines besonders hellen Sterns in nicht allzuweiter Entfernung? Warum kommt es nicht von überall aus dem All wie die kosmische Hintergrundstrahlung? Da das Signal nur von einem Stern kömmt, liegt die Vermutung nahe, daß es von einer anderen Zivilisation gesendet wird. Wenn es von überall her käme, würde es nach einem Signal Ihres Gottes aussehen.« »Gott kann das Signal aus dem Spundloch des Kleinen Bären kommen lassen, wenn er will.« Rankin wurde feuerrot im Gesicht. »Entschuldigen Sie, aber Sie haben mich wirklich aufgebracht. Gott ist allmächtig.« »Alles, was Sie nicht verstehen, schreiben Sie Gott zu. Gott ist für Sie das, womit Sie alle Geheimnisse der Welt, alle Herausforderungen an unsere Intelligenz beiseitefegen. Sie
stellen einfach Ihren Verstand ab und sagen, Gott hat es getan.« »Gnädige Frau, ich bin nicht hierhergekommen, um mich beleidigen zu…« ›»Hierhergekommen‹? Ich dachte, Sie wohnen hier.« »Gnädige Frau – « Rankin wollte etwas sagen, besann sich dann aber eines Besseren. Er holte tief Luft und fuhr fort: »Dies ist ein christliches Land, und Christen wissen die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden, sie tragen die heilige Verantwortung dafür, daß das geheiligte Wort Gottes verstanden…« »Ich bin Christin, aber Sie sprechen nicht für mich. Sie sind Gefangener Ihres eigenen religiösen Wahnes. Es kommt mir vor, als lebten Sie im fünften Jahrhundert. Aber wir haben die Renaissance hinter uns, und die Aufklärung hat stattgefunden. Ist Ihnen das entgangen?« Joss und Der Heer hielt es kaum noch in ihren Sesseln. »Bitte«, bat Ken und sah Ellie eindringlich an. »Wenn wir uns nicht an unser Programm halten, weiß ich nicht, wie wir den Wunsch der Präsidentin erfüllen können.« »Aber Sie wünschten doch einen ›offenen Meinungsaustausch‹«. »Es ist kurz vor zwölf«, bemerkte Joss. »Machen wir doch eine kleine Mittagspause.« Draußen vor dem Konferenzraum lehnte Ellie sich an das Geländer, das das Foucault-Pendel umgab, und flüsterte erregt auf Der Heer ein. »Ich könnte ihn zusammenschlagen, diesen selbstsicheren Alleswisser und Oberheiligen…« »Warum, Ellie? Sind denn Unwissen und irrige Ansichten nicht schmerzlich genug?«
»Ja, wenn er nur das Maul hielte. Aber er korrumpiert Millionen.« »Liebste, genauso denkt er über dich.«
Als Ellie und Der Heer vom Mittagessen zurückkamen, merkte Ellie sofort, daß Rankin eher gedämpft wirkte, während Joss, der als erster sprach, nicht nur höflich, sondern ausnehmend freundlich war. »Frau Dr. Arroway«, begann er, »ich kann verstehen, daß Sie darauf brennen, uns Ihre Entdeckungen vorzuführen, und daß Sie nicht hierher gekommen sind, um theologische Fragen zu erörtern. Aber ich bitte Sie um noch ein wenig Geduld mit uns. Sie haben eine scharfe Zunge. Ich kann mich nicht erinnern, wann sich Bruder Rankin das letzte Mal so über Fragen des Glaubens ereifert hat. Es muß schon Jahre her sein.« Er warf einen kurzen Blick auf seinen Kollegen, der äußerlich gleichgültig auf einem gelben, linierten Block herumkritzelte und den obersten Kragenknopf aufgemacht und seine Krawatte gelockert hatte. »Ein, zwei Dinge, die Sie heute morgen gesagt haben, beschäftigen mich. Sie bezeichnen sich selbst als Christin. Darf ich Sie fragen, in welchem Sinn Sie das meinen?« »Sie wissen, daß das keine Voraussetzung meiner Arbeit war, als ich den Direktorposten des Projekts Argus annahm.« Ellie klang gelassen. »Ich bin Christin in dem Sinn, daß ich Jesus Christus als eine historische Figur bewundere. Ich halte die Bergpredigt für eines der großartigsten Dokumente der Ethik und eine der besten Reden der Geschichte. Ich glaube, daß der Satz ›Liebet eure Feinde‹ vielleicht auf lange Sicht selbst das Problem des Atomkriegs lösen könnte. Ich wünschte, Jesus würde heute leben. Ein großer Mann, ein mutiger Mann, ein Mann mit Einsichten in Wahrheiten, die nicht populär waren.
Aber ich glaube nicht, daß er Gott oder der Sohn Gottes oder etwa der Großneffe Gottes war.« »Sie wollen nicht an Gott glauben«, entgegnete Joss einfach. »Sie meinen, Sie können gleichzeitig Christin sein und nicht an Gott glauben. Lassen Sie mich ganz direkt fragen: Glauben Sie an Gott?« »Die Frage ist nicht ganz eindeutig. Wenn ich mit Nein antworte, habe ich dann gesagt, ich bin davon überzeugt, daß es Gott nicht gibt, oder sage ich, daß ich nicht sicher weiß, ob es ihn gibt? Das sind zwei verschiedene Aussagen.« »Sind sie wirklich so verschieden, Frau Dr. Arroway? Sie glauben doch an Ockhams Rasiermesser, nicht? Wenn Sie zwei verschiedene, aber gleich gute Erklärungen für dasselbe Erlebnis haben, dann entscheiden Sie sich doch für die einfachere. Die ganze Geschichte der Wissenschaft spricht Ihrer Meinung nach für dieses Vorgehen. Wenn Sie nun ernsthafte Zweifel hegen, ob es Gott gibt – soviel Zweifel, daß Sie sich nicht diesem Glauben anvertrauen wollen –, dann müssen Sie sich auch eine Welt ohne Gott vorstellen können: Eine Welt, die ohne Gott entstanden ist, eine Welt, die in ihrem Alltag keinen Gott kennt, eine Welt, in der die Menschen ohne Gott sterben. Keine göttlichen Strafen. Keine Belohnungen. Die Heiligen, die Propheten und all die Gläubigen, die jemals gelebt haben – Sie müssen glauben, daß sie alle Narren gewesen sind. Sie haben sich selbst betrogen, würden Sie wahrscheinlich sagen. Es wäre eine Welt ohne Sinn und ohne Ziel, in der wir lebten. Alles bestünde nur aus den unberechenbaren Zusammenstößen von Atomen – das stimmt doch? Einschließlich der Atome, aus denen der Mensch besteht. Für mich wäre es eine hassenswerte und unmenschliche Welt. Ich wollte nicht in ihr leben. Aber wenn Sie sich so eine Welt vorstellen können, warum schwanken Sie dann noch? Warum
halten Sie sich irgendwo zwischen den beiden Welten auf? Wenn Sie sich eine Welt ohne Gott vorstellen können, wäre es dann nicht viel einfacher, sich offen einzugestehen, daß es keinen Gott gibt? Sie verhalten sich nicht wie Ockhams Messer. Ich glaube, daß Sie inkonsequent sind. Wie kann eine überzeugte Wissenschaftlerin die Frage offenlassen, ob es einen Gott gibt, wenn sie sich eine Welt ohne Gott vorstellen kann? Müßten Sie dann nicht Atheistin sein?« »Ich dachte, Sie wollten darauf hinaus, daß Gott die einfachere Hypothese ist«, sagte Ellie, »aber Ihr Argument ist viel interessanter. Wenn es nur eine Frage innerhalb der Naturwissenschaften wäre, würde ich Ihnen zustimmen, Reverend Joss. Die Naturwissenschaft beschäftigt sich in der Hauptsache mit dem Aufstellen und Verbessern von Hypothesen. Wenn die Naturgesetze alle Tatsachen ohne übernatürliche Eingriffe erklären könnten oder auch nur so gut wie die Hypothese eines Gottes funktionieren würden, dann würde ich mich von jetzt ab als Atheistin bezeichnen. Wenn dann ein einziges Beweisstück entdeckt würde, das nicht paßte, würde ich vom Atheismus ablassen. Und wir entdecken tatsächlich immer wieder Lücken und Unstimmigkeiten in den Naturgesetzen. Aber der Grund, warum ich mich selbst nicht als Atheistin bezeichne, ist, daß es hier nicht nur um ein wissenschaftliches Problem geht. Es ist vor allem ein religiöses und ein politisches Problem. Es liegt am Versuchscharakter einer wissenschaftlichen Hypothese, daß sie sich nicht auf diese Gebiete erstrecken kann. Sie sprechen von Gott nicht als von einer Hypothese. Sie glauben, daß Sie im Alleinbesitz der Wahrheit sind, deshalb weise ich mit aller Deutlichkeit darauf hin, daß Sie ein, zwei Dinge übersehen haben. Aber wenn Sie mich fragen, dann kann ich Ihnen gern sagen: Ich kann nicht sicher sagen, ob ich recht habe oder nicht.«
»Ich dachte immer, daß ein Agnostiker ein Atheist ist, der nicht den Mut hat, sich zu seiner Überzeugung zu bekennen.« »Sie können genausogut sagen, daß ein Agnostiker eine tief religiöse Person ist, die dennoch nicht ganz vergessen hat, daß wir Menschen irren können. Wenn ich sage, daß ich Agnostikerin bin, dann meine ich damit nur, daß Gott nicht bewiesen ist. Es gibt keinen zwingenden Beweis, daß Gott existiert – zumindest Ihre Art Gott –, und es gibt keinen zwingenden Beweis, daß es ihn nicht gibt. Da mehr als die Hälfte der Menschen auf der Erde keine Juden, Christen oder Moslems sind, müßte ich eigentlich sagen, daß es keine zwingenden Argumente für Ihre Art Gott gibt. Sonst müßte die ganze Welt sich zum Christentum bekehren. Ich kann nur immer wieder sagen, wenn Ihr Gott uns wirklich von seiner Existenz hätte überzeugen wollen, dann hätte er es viel besser machen können. Sehen Sie, etwas wie die BOTSCHAFT ist nachweisbar authentisch. Sie wird überall auf der Welt empfangen. Radioteleskope in Ländern mit der verschiedensten Vergangenheit und den verschiedensten Sprachen und Religionen verfolgen das Signal. Und alle bekommen dieselben Daten von demselben Ort am Himmel auf denselben Frequenzen mit derselben Polarisationsmodulation. Moslems, Hindus, Christen und Atheisten – alle empfangen sie dieselbe Botschaft. Jeder Skeptiker kann sich ein Radioteleskop hinstellen – es muß gar nicht besonders groß sein – und diese Daten empfangen.« »Sie sind also nicht der Meinung, daß Ihre Radiobotschaft von Gott kommt?« schaltete sich Rankin ein. »Nein, auf keinen Fall. Ich glaube nur, daß die Zivilisation auf der Wega, die über weit weniger Energien verfügt, als Sie Ihrem Gott zuschreiben, sich viel klarer ausdrückt als Ihr Gott. Wenn Ihr Gott tatsächlich auf dem eher unwahrscheinlichen Weg der
mündlichen Überlieferung und der alten Schriften über die Jahrtausende zu uns sprechen wollte, dann hätte er sich so ausdrücken können, daß seine Existenz ein für alle Mal erwiesen gewesen wäre.« Ellie machte eine Pause, aber weder Joss noch Rankin sagten ein Wort. Sie versuchte, das Gespräch nochmals auf die Daten zu lenken. »Warum halten wir uns mit Urteilen nicht noch eine Weile zurück, bis wir mit der Entschlüsselung der BOTSCHAFT weiter vorangekommen sind? Möchten Sie sich vielleicht einmal einige Daten ansehen?« Beide stimmten bereitwillig zu. Aber sie konnte ihnen nur endlose Reihen von Nullen und Einsen vorführen, die weder besonders erbaulich noch anregend waren. Ausführlich erklärte sie, daß man vermutete, die einzelnen Seiten seien numeriert, und daß man hoffe, noch einen Code zur Entschlüsselung der BOTSCHAFT zu erhalten. In stillschweigender Übereinkunft erwähnten weder Ellie noch Der Heer die sowjetische Vermutung, daß es sich womöglich um den Plan für eine Maschine handelte. Die Vermutung war zu unsicher und von den Sowjets bisher auch noch nicht in der Öffentlichkeit zur Sprache gebracht worden. Abschließend beschrieb sie noch die Wega selbst – ihre Masse, Oberflächentemperatur, Farbe, Entfernung von der Erde, ihr Alter und den Ring aus rotierendem Schutt, der sie umgab und der 1983 von einem Infrarotsatelliten entdeckt worden war. »Aber gibt es außer der Tatsache, daß sie der hellste Stern am Himmel ist, noch etwas Besonderes an der Wega?« wollte Joss wissen. »Oder etwas, das auf besondere Art mit der Erde verbunden wäre?« »Hinsichtlich ihrer Eigenschaften als Stern fällt mir im Moment nichts ein. Außer vielleicht, daß die Wega vor zirka zwölftausend Jahren der Polarstern war und es auch in zirka vierzehntausend Jahren wieder sein wird.«
»Ich dachte immer, daß der Polarstern der Nordstern ist«, sagte Rankin, der immer noch auf seinen Notizblock kritzelte. »Das ist er auch für ein paar tausend Jahre, aber nicht in alle Ewigkeit. Die Erde ist wie ein sich drehender Kreisel. Ihre Rotationsachse bewegt sich langsam in einer kreisförmigen Bahn.« Ellie nahm ihren Bleistift, um die Bewegung der Erdachse vorzuführen. »Man bezeichnet das als das Vorrücken der Tagundnachtgleichen oder Präzession der Äquinoktien.« »Entdeckt von Hipparch von Nizäa«, fügte Joss hinzu, »im zweiten Jahrhundert vor Christi Geburt.« Ellie war überrascht, daß er so etwas auswendig wußte. »Genau«, erwiderte sie und fuhr fort: »Jetzt deutet die Linie vom Zentrum der Erde zum Nordpol in ihrer Verlängerung auf einen Stern, den wir Polaris nennen und der zum Sternbild des Kleinen Wagen bzw. des Kleinen Bären gehört. Auf dieses Sternbild haben Sie doch vorhin vor dem Mittagessen angespielt, Mr. Rankin. In dem Maß, in dem die Erdachse sich langsam dreht, verschiebt sich auch die Richtung, in die sie zeigt, vom Polarstern weg. Im Verlauf von 26000 Jahren beschreibt die Achse einen geschlossenen Kreis, und die Richtung, in die der Nordpol zeigt, durchwandert mehrere Sternbilder. In der Gegenwart deutet der Nordpol fast exakt auf den Polaris, exakt genug, um nützlich für die Navigation zu sein. Vor 12000 Jahren deutete er auf die Wega. Aber eine physikalische Verbindung gibt es nicht. Die Verteilung der Sterne in unserer Milchstraße hat nichts mit der Rotation der Erdachse zu tun, die um einen Winkel von dreiundzwanzigeinhalb Grad geneigt ist.« »Hm. Vor zwölftausend Jahren war es 10000 vor Christi Geburt, also die Zeit, in der unsere Zivilisation im Entstehen begriffen war. Das ist doch richtig?« fragte Joss. »Wenn Sie nicht daran glauben, daß die Erde 4004 vor Christi Geburt erschaffen wurde.«
»Nein, daran glauben wir nicht, nicht wahr, Bruder Rankin? Nur glauben wir auch nicht, daß das Alter der Erde so genau zu bestimmen ist, wie ihr Wissenschaftler es tut. In der Frage des Erdalters sind wir vielleicht das, was Sie als Agnostiker bezeichnen würden.« Sein Lächeln war wirklich überaus sympathisch. »Wenn also vor zehntausend Jahren Seeleute das Mittelmeer oder den Persischen Golf mit ihren Schiffen berühren, dann war die Wega der Stern, nach dem sie sich richteten?« »Damals herrschte noch die letzte Eiszeit. Es war also wohl noch ein bißchen zu früh für die Seefahrt. Aber die Jäger, die die Landbrücke der heutigen Bering-Straße nach Nordamerika überquerten, lebten damals. Für sie muß es ein wunderbares Geschenk gewesen sein – wie durch göttliche Vorsehung bestimmt, wenn Sie wollen –, daß ein so heller Stern genau im Norden stand. Ich bin überzeugt, daß viele Menschen diesem glücklichen Zufall ihr Leben verdanken.« »Das ist ja ungeheuer interessant.« »Die ›göttliche Vorsehung‹ habe ich nur als Metapher gebraucht. Das dürfen Sie nicht falsch verstehen.« »Ganz bestimmt nicht, liebe Frau Dr. Arroway.« Es sah so aus, als wolle Joss jetzt das Gespräch beschließen. Er wirkte nicht unzufrieden. Aber Rankin hatte noch einige Punkte auf seiner Tagesordnung. »Es erstaunt mich, daß Sie hier nicht von göttlicher Vorsehung sprechen. Mein Glaube ist so stark, daß ich keine Beweise brauche. Aber jeder neue Beweis bestärkt mich in meinem Glauben.« »Dann glaube ich, daß Sie mir heute morgen nicht richtig zugehört haben. Ihre Vorstellung von einer Art Glaubenswettkampf, den Sie überlegen gewinnen, ärgert mich. Soweit ich weiß, haben Sie Ihren Glauben nie auf die Probe gestellt. Sind Sie bereit. Ihr Leben für Ihren Glauben aufs Spiel
zu setzen? Ich bin bereit, es für meinen zu tun. Schauen Sie mal aus dem Fenster. Dort hängt ein riesiges Foucault-Pendel. Das Gewicht des Pendels dürfte um die fünfhundert Pfund wiegen. Mein Glaube sagt mir, daß die Amplitude eines frei schwingenden Pendels – egal wie weit es aus seiner senkrechten Position ausschwingt – nie größer wird. Sie kann nur kleiner werden. Ich bin bereit hinauszugehen, das Pendel bis vor mein Gesicht zu ziehen, es loszulassen und auf mich zurückschwingen zu lassen. Wenn mein Glaube falsch war, dann bekomme ich einen Schlag mit der Wucht von fünfhundert Pfund ins Gesicht. Also. Wollen Sie meinen Glauben auf die Probe stellen?« »Das ist wirklich nicht nötig. Ich glaube Ihnen«, erwiderte Joss. Rankin dagegen schien interessiert. Vermutlich malte er sich aus, wie sie hinterher vielleicht aussehen würde. »Aber wären Sie bereit«, fuhr Ellie fort, »einen Schritt näher an das Pendel heranzutreten und zu Gott zu beten, er möge den Ausschlag um genau den Schritt verkürzen? Was, wenn sich herausstellt, daß Sie sich geirrt haben, daß das, was Sie lehren, gar nicht Gottes Wille ist? Vielleicht ist es ja das Werk des Teufels? Vielleicht ist es auch nur pure menschliche Erfindung. Wie können Sie wirklich sicher sein?« »Glaube, Eingebung, Offenbarung, Ehrfurcht«, antwortete Rankin. »Beurteilen Sie nicht jeden mit dem Maßstab Ihrer eigenen beschränkten Erfahrung. Daß Sie den Herrn verleugnen, verhindert noch lange nicht, daß andere Menschen seine Herrlichkeit erkennen.« »Sehen Sie, wir alle sehnen uns nach Wundern. Das ist eine tief menschliche Eigenschaft. Wissenschaft und Religion hängen beide eng damit zusammen. Was ich sagen will, ist, daß man keine eigenen Wundergeschichten zu erfinden braucht. Man braucht nicht zu übertreiben. Es gibt genügend
Wunder und Geheimnisse in der Welt um uns. Die Natur ist viel besser im Erfinden von Geschichten als wir.« »Vielleicht sind wir alle Wanderer auf der Straße zur Wahrheit«, erwiderte Joss. Nach diesem versöhnlichen Satz unterbrach Der Heer geschickt und sprach einige Schlußworte. Förmlich verabschiedete man sich. Ellie fragte sich, ob das Ganze etwas genützt hatte. Valerian hätte sicher mehr erreicht und wäre dabei weniger provozierend gewesen. »Es war wirklich ein sehr interessanter Tag, Frau Dr. Arroway. Ich danke Ihnen.« Joss war wieder distanziert und höflich und wirkte zerstreut. Trotzdem schüttelte er ihr warm die Hand. Auf dem Weg zu ihrem von der Regierung gestellten Wagen, der draußen wartete, kamen sie an einem malerisch gestalteten Schaukasten vorbei. ›Die Expansion des Universums: Ein Irrtum‹ stand darauf, und dahinter war auf einem Schild zu lesen: ›Unser Gott lebt. Es tut uns leid um Euren.‹ Ellie flüsterte Der Heer zu: »Es tut mir leid, daß ich dir deine Arbeit erschwert habe.« »Aber nein, Ellie. Du warst großartig.« »Dieser Palmer Joss ist ein attraktiver Mann. Ich glaube nicht, daß ich ihn bekehrt habe. Aber dafür hat er mich fast bekehrt.« Natürlich sagte sie das nur im Spaß.
11 Das Weltkonsortium Die Welt ist fast ganz aufgeteilt, und was noch übrig ist, wird jetzt verteilt, erobert und kolonisiert. Man denke an die Sterne, die man des Nachts am Himmel sieht, diese unermeßlichen Welten, die wir niemals erreichen werden. Ich würde die Planeten annektieren, wenn ich könnte. Daran muß ich oft denken. Es erfüllt mich mit Trauer, sie so klar und deutlich und doch so fern vor mir zu sehen. Cecil Rhodes Letzter Wille und Testament (1902)
Von ihrem Tisch am Fenster konnte Ellie den Regen auf die Straße niederprasseln sehen. Unverdrossen eilte ein völlig durchnäßter Fußgänger mit hochgeschlagenem Kragen vorbei. Der Besitzer des Restaurants, des berühmten Theatertreffpunkts Chez Dieux, hatte die gestreifte Markise über die Austernkübel gekurbelt, die draußen auf der Straße, getrennt nach Größe und Qualität, für die Spezialität des Hauses warben. Drinnen war es warm und gemütlich. Da schönes Wetter angekündigt worden war, war Ellie ohne Regenmantel und Schirm unterwegs. Waygay, der ähnlich gut gelaunt war, schnitt gerade ein neues Thema an. »Meine Freundin Meera«, begann er, »ist Stripteasetänzerin – das ist doch das richtige Wort? Wenn Sie in Ihrem Land arbeitet, gibt sie Vorstellungen für Akademiker
auf Versammlungen und Konferenzen. Meera behauptet, wenn sie sich vor Arbeitern auszieht – auf Gewerkschaftsversammlungen zum Beispiel –, werden die ganz wild, machen anzügliche Bemerkungen und wollen auf die Bühne kommen. Zieht sie aber genau die gleiche Schau für Ärzte und Rechtsanwälte ab, bleiben die bewegungslos sitzen. Ein paar lecken sich die Lippen, sagt Meera. Da frage ich mich: Sind Rechtsanwälte normaler als Stahlarbeiter?« Daß Waygay verschiedene weibliche Bekanntschaften pflegte, war noch nie ein Geheimnis gewesen. Seine Annäherungsversuche an Frauen waren so direkt und extravagant – Ellie selbst blieb aus unerfindlichen Gründen davon ausgeschlossen, was sie gleichzeitig freute und ärgerte –, daß sie immer ohne Schwierigkeiten nein sagen konnten. Viele sagten ja. Was Waygay von Meera erzählte, überraschte Ellie allerdings doch etwas. Sie hatten den Morgen damit verbracht, in einem letzten Durchgang die Notizen und Interpretationen zu den neuesten Daten noch einmal zu vergleichen. Die weiterhin kontinuierliche Übertragung der BOTSCHAFT hatte ein neues, bedeutendes Stadium erreicht. Jetzt wurden Diagramme von der Wega gesendet, so wie für Zeitungen Bilder über Funk übertragen wurden. Jedes Bild stellte ein gerastertes Feld dar. Die Anzahl der winzigen schwarzen und weißen Punkte, aus denen das Bild bestand, war das Produkt zweier Primzahlen. Wieder spielten also Primzahlen eine Rolle bei der Übertragung. Es gab eine ganze Reihe solcher Diagramme, die aber nicht auf bestimmte Buchseiten bezogen zu sein schienen. Es sah mehr nach einem aufwendigen Bildteil aus, der dem Text folgte. Nach der Übertragung der langen Sequenz von Diagrammen ging es weiter mit dem noch immer unverständlichen Text. Aus einigen Diagrammen war klar zu ersehen, daß Waygay und Archangelski mit ihrer Vermutung
recht gehabt hatten, daß die BOTSCHAFT zumindest in Teilen Anweisungen und Konstruktionszeichnungen für den Bau einer Maschine enthielt. Vom Zweck der Maschine hatte man keine Vorstellung. In der Plenarsitzung des Weltkonsortiums, die am folgenden Tag im Elysée-Palast stattfinden würde, sollten Ellie und Waygay zum ersten Mal den Abgeordneten der anderen Mitgliedsnationen des Konsortiums über Einzelheiten berichten. Über die »Maschinen-Hypothese« waren bereits Gerüchte im Umlauf. Beim Mittagessen hatte Ellie kurz über ihre Begegnung mit Rankin und Joss berichtet. Waygay hatte aufmerksam zugehört, aber keinen Kommentar geäußert. Sie kam sich vor, als hätte sie etwas gesagt, was sich nicht gehörte, und vielleicht hatte das in Waygay die Assoziation mit Meera ausgelöst. »Sie haben also eine Freundin namens Meera, die Stripteasetänzerin ist und auf allen internationalen Showplätzen anzutreffen ist?« »Seit Wolfgang Pauli das Ausschließungsprinzip entdeckt hat, während er im Folies-Bergère saß, empfinde ich als Physiker es als meine Pflicht, so oft wie möglich nach Paris zu kommen. Für mich ist es eine Hommage an Pauli. Leider kann ich die offiziellen Stellen in meinen Land nicht davon überzeugen, daß Reisen allein aus diesem Grund genehmigt werden müssen. Ich muß daneben immer noch etwas langweilige Physik betreiben. Aber in diesen Etablissements – wo ich auch Meera kennengelernt habe – bin ich Student der Natur, der auf die Inspiration wartet.« Plötzlich änderte sich sein Tonfall von überschwenglich zu sachlich. »Meera sagt, daß die amerikanischen Akademiker männlichen Geschlechts sexuell verklemmt sind und quälende Selbstzweifel und Schuldgefühle haben.« »Tatsächlich? Und was sagt Meera über die russischen Akademiker?«
»In dieser Kategorie kennt sie nur mich. Da hat sie natürlich eine gute Meinung. Ich wäre morgen lieber mit Meera zusammen.« »Aber Sie werden auf der Versammlung des Konsortiums all Ihre Freunde treffen«, erwiderte Ellie lachend. »Das schon. Ich bin froh, daß wenigstens Sie mit dabei sind«, sagte er mürrisch. »Was bedrückt Sie, Waygay?« Er zögerte lange, bevor er antwortete, was ganz untypisch für ihn war. »Bedrücken ist vielleicht zu viel gesagt, aber zu denken gibt es mir… Was ist, wenn die BOTSCHAFT wirklich Konstruktionspläne für eine Maschine enthält? Werden wir die Maschine dann bauen? Wer wird sie bauen? Alle zusammen? Das Konsortium? Die Vereinten Nationen? Oder einige Länder um die Wette? Und wenn es wahnsinnig teuer ist, das Ding zu bauen? Wer wird es bezahlen? Und warum? Und wenn die Maschine dann nicht funktioniert? Werden alle Nationen den Bau der Maschine wirtschaftlich verkraften? Gibt es möglicherweise noch andere negative Auswirkungen?« Ohne die Flut seiner Fragen zu unterbrechen, goß Lunatscharski den letzten Wein in die Gläser. »Selbst wenn die Übertragung der Botschaft wieder von vorn anfängt und wir sie vollständig entschlüsseln können, wie gut würde die Übersetzung sein? Kennen Sie jene Äußerung von Cervantes? Er sagt, daß das Lesen einer Übersetzung der Untersuchung der Rückseite eines Gobelins entspreche. Vielleicht läßt sich die BOTSCHAFT nicht perfekt übersetzen. Dann könnten wir die Maschine auch nicht vollkommen richtig bauen. Sind wir außerdem wirklich sicher, daß wir alle Daten haben? Vielleicht gibt es noch wichtige Informationen auf anderen Frequenzen, die wir gar nicht entdeckt haben. Wissen Sie, Ellie, bisher habe ich wie selbstverständlich angenommen, man würde beim Bau dieser Maschine sehr vorsichtig und zurückhaltend ans Werk
gehen. Aber vielleicht kommt schon morgen jemand, der auf den sofortigen Bau drängt – vorausgesetzt natürlich, wir bekämen den Code und könnten die BOTSCHAFT entschlüsseln. Was wird die amerikanische Delegation vorschlagen?« »Ich weiß es nicht«, antwortete Ellie langsam. Aber sie erinnerte sich, daß Der Heer sofort nach dem Empfang der Diagramme gefragt hatte, ob ein Bau der Maschine innerhalb der ökonomischen und technologischen Möglichkeiten der Menschen lag. Weder das eine noch das andere hatte sie ihm zusichern können. Ihr fiel wieder ein, wie zerstreut und nervös Ken in den letzten Wochen gewesen war. Manchmal schien er nahe daran, die Nerven zu verlieren. Natürlich war seine Verantwortung in dieser Sache -»Wohnen Dr. Der Heer und Mr. Kitz in demselben Hotel wie Sie?« »Nein, sie wohnen in der Botschaft.« Es war immer das gleiche. Aufgrund des Zustands der sowjetischen Wirtschaft und der Notwendigkeit, mit ihren begrenzten Devisen Waffen statt Konsumgüter zu kaufen, verfügten die Russen bei ihren Besuchen im Westen nur über wenig frei verfügbare Devisen. Sie mußten in zweit- oder drittklassigen Hotels oder noch billigeren Absteigen wohnen, während ihre westlichen Kollegen sich einen vergleichsweise luxuriösen Lebensstil erlauben konnten. Das war für beide Seiten immer peinlich. Die Rechnung für die relativ einfache Mahlzeit zu bezahlen, die sie zu sich genommen hatten, war für Ellie kein Problem, für Waygay aber bedeutete es trotz seiner bevorzugten Position in der Hierarchie der sowjetischen Wissenschaftler eine Belastung. Aber was wollte Waygay… »Waygay, Sie können offen mit mir reden. Was wollen Sie sagen? Befürchten Sie, daß Ken und Mike Kitz vorschnell handeln?«
»Richtig. Ich mache mir Sorgen, daß in den nächsten Tagen verfrühte Diskussionen über den Bau einer Maschine geführt werden, dessen Konsequenzen wir noch gar nicht absehen können. Die Politiker glauben, wir wüßten alles. Tatsache ist, daß wir fast nichts wissen. Solch eine Situation kann sehr gefährlich werden.« Erst jetzt wurde Ellie klar, daß Waygay sich persönlich für den Inhalt der BOTSCHAFT verantwortlich fühlte. Wenn es zu einer Katastrophe kam, hatte er Angst, daß er daran schuld sein könnte. Natürlich hatte er daneben auch weniger persönliche Motive. »Wollen Sie, daß ich mit Ken spreche?« »Wenn Sie es für richtig halten. Sie haben häufig Gelegenheit, mit ihm zu reden, nicht?« Er sagte das ganz beiläufig. »Waygay, Sie sind doch nicht eifersüchtig? Ich glaube, Sie haben meine Gefühle für Ken früher durchschaut als ich. Als Sie nach Argus zurückkamen, waren Ken und ich mehr oder weniger schon zwei Monate zusammen. Halten Sie das für falsch?« »Ach nein, Ellie. Ich bin nicht Ihr Vater und auch nicht ein eifersüchtiger Liebhaber. Ich wünsche Ihnen nur, daß Sie glücklich sind. Nur, daß es so viele unerfreuliche Möglichkeiten gibt.« Aber er erläuterte nicht näher, was er damit meinte. Sie machten sich wieder an die Interpretationsversuche der Diagramme, die über den ganzen Tisch verstreut lagen. Zur Abwechslung diskutierten sie dann auch noch ein bißchen über Politik – über die Debatte, die in Amerika über die MandelaPrinzipien zur Lösung des Rassenkonflikts in Südafrika geführt wurde, und über den sich verschärfenden Ton in den Beziehungen zwischen der Sowjetunion und der Deutschen Demokratischen Republik. Wie immer hatten Ellie und Waygay ihre Freude daran, die Außenpolitik des eigenen
Landes vor dem anderen schlecht zu machen. Das war viel interessanter, als die Außenpolitik des anderen Landes zu verurteilen, was genauso leicht möglich gewesen wäre. Als sie bei ihrem rituellen Streit darüber angelangt waren, ob sie sich die Rechnung teilen sollten, bemerkte Ellie, daß der strömende Regen in leichtes Nieseln übergegangen war. Inzwischen war die Neuigkeit der BOTSCHAFT von der Wega bis in den hintersten Winkel des Planeten Erde gedrungen. Den Menschen, die weder wußten, daß es Radioteleskope gab, noch je etwas von Primzahlen gehört hatten, erzählte man eine abenteuerliche Geschichte von einer Stimme, die von den Sternen kam, und von merkwürdigen Wesen – nicht ganz Mensch, aber auch nicht ganz Gott –, die man am Nachthimmel entdeckt hatte. Den Heimatstern dieser Wesen konnte man sehen, sogar bei Vollmond. Neben den Kommentaren mehr oder weniger verrückter Sektierer war jetzt auf der ganzen Welt das Gefühl aufgekommen, daß sich etwas Einmaliges, ja Wunderbares ereignet hatte. Aufbruchstimmung lag in der Luft, das Gefühl, daß eine neue Ära angefangen hatte. Es gab andere intelligente Wesen im Universum. Man konnte mit ihnen Verbindung aufnehmen. Wahrscheinlich waren sie älter als die Menschen und gescheiter. Sie schickten ganze Bibliotheken mit schwierigen Informationen. Auf allen Gebieten erwartete man epochemachende Offenbarungen. Die Mathematiker grübelten darüber, welche grundlegenden Entdeckungen sie versäumt haben könnten. Religiöse Führer hatten Angst, daß die wegianischen Werte, obgleich fremd, schnell Anhänger vor allem unter den ungebildeten Jugendlichen finden könnten. Die Astronomen sorgten sich, daß sie mit bestimmten Grundprinzipien über benachbarte Sterne falsch lagen. Politiker und Präsidenten waren darüber beunruhigt, daß eine
überlegene Zivilisation vielleicht ganz anderen Regierungssystemen anhing als denen, die auf der Erde gang und gäbe waren. Alles, was die Wegianer wußten, war von spezifisch menschlichen Institutionen und von der menschlichen Geschichte und Biologie völlig unbeeinflußt. Wenn nun alles, was wir für wahr hielten, ein Mißverständnis, ein Sonderfall oder ein logischer Fehlschluß gewesen war? Besorgt begannen die Fachleute, die Grundlagen ihrer Forschung neu zu überprüfen. Neben diesen auf Spezialisten beschränkten Sorgen machte sich eine Stimmung breit, die die Menschheit im Aufbruch zu Abenteuern einer neuen Dimension sah, am Wendepunkt zu einem neuen Zeitalter, dessen symbolische Bedeutung die nahende dritte Jahrtausendwende gewaltig verstärkte. Noch immer gab es politische Konflikte, von denen einige – wie das Rassenproblem in Südafrika – sehr ernst waren. Aber in vielen Teilen der Welt ließen patriotische Reden und kindisches Nationalbewußtsein merklich nach. Das Gefühl eines an die ganze Erde gerichteten Geschenks oder aber einer der ganzen Erde drohenden Gefahr ließ erstmals ein gemeinsames Selbstbewußtsein der menschlichen Rasse entstehen, dieser Milliarden kleiner Lebewesen, die über verschiedene Kontinente verteilt waren. Vielen kam es absurd vor, daß verfeindete Nationen weiterhin ihre todbringenden Konflikte auskämpften angesichts einer nichtmenschlichen Zivilisation mit unendlich größeren Fähigkeiten. Neue Hoffnung lag in der Luft. Manche Menschen hatten schon vergessen, was Hoffnung war, und verstanden sie falsch – als geistige Verwirrung oder gar Feigheit. In den Jahrzehnten nach 1945 waren die Atomwaffenarsenale der ganzen Welt stetig gewachsen. Die politischen Führungskräfte wechselten, die Waffensysteme und Strategien änderten sich, aber die Zahl der strategischen Waffen wurde nur größer. Es kam der Zeitpunkt,
wo man über 25 000 davon auf dem Planeten hatte, zehn für jede große Stadt. Neue Technologien verkürzten die Flugzeiten, ermöglichten den Erstschlag auf jedes Ziel und einen Launch-on-warning. Nur eine Gefahr wie die, die möglicherweise von der BOTSCHAFT drohte, konnte einen solchen Wahnsinn aufbrechen, dem die Regierungschefs so vieler Länder schon seit so langer Zeit huldigten. Endlich kam die Welt zur Vernunft, wenigstens in diesem Punkt, und von den Vereinigten Staaten, der Sowjetunion, Großbritannien, Frankreich und China wurde ein Abkommen unterzeichnet. Man hatte nicht vor, sämtliche Atomwaffen aus der Welt zu schaffen. Nur wenige erhofften sich ein solches Wunder von dem Abkommen. Aber die Amerikaner und Russen verpflichteten sich, ihre strategischen Waffenarsenale auf tausend Atomwaffen zu verringern. Die einzelnen Schritte wurden sorgfältig geplant, damit keine der Supermächte in einem Stadium des Abbaus deutlich im Nachteil war. Großbritannien, Frankreich und China erklärten sich bereit, mit der Reduzierung ihrer Waffenarsenale zu beginnen, wenn die Supermächte bei 3200 Raketen angekommen waren. Die Unterzeichnung des Hiroshima-Abkommens erfolgte zur Freude der ganzen Welt unter der berühmten Gedenktafel für die Opfer der ersten Stadt, die von einer Atombombe ausradiert worden war: »Ruhet in Frieden, denn es soll nie wieder geschehen«. Jeden Tag wurden gleich viele amerikanische und sowjetische atomare Sprengköpfe an ein neugeschaffenes Unternehmen abgeliefert, in dem sowohl amerikanische als auch sowjetische Ingenieure arbeiteten. Das Plutonium wurde extrahiert, in einer Liste verzeichnet, versiegelt und von einem bilateralen Team zu Kernkraftwerken transportiert, wo es zu Elektrizität verarbeitet werden sollte. Dieses Konzept, nach einem amerikanischen Admiral GaylerPlan genannt, wurde weit und breit als Erfüllung der
Forderung ›Schwerter zu Pflugscharen‹ gefeiert. Da die Nationen auch weiterhin über verheerende Vergeltungsmöglichkeiten verfügten, konnten sich selbst die Militärs schließlich damit abfinden. Auch Generäle wünschten ihren Kindern nicht den Tod, und der Atomkrieg bedeutete die Negation der traditionellen soldatischen Tugenden; zum Drücken eines Knopfes gehörte nicht viel Mut. Die Auslieferung der ersten Atomwaffen wurde live im Fernsehen übertragen und immer wieder gezeigt. Man sah weißgekleidete amerikanische und sowjetische Ingenieure, die zwei der metallenen Objekte von stumpfem Grau und der Größe einer Sitzbank hereinrollten. Sie waren mit amerikanischen und russischen Flaggen geschmückt. Millionen wurden Zeugen dieser Szene. Die Abendnachrichten berichteten regelmäßig, wie viele strategische Waffen inzwischen auf beiden Seiten vernichtet worden waren und wie viele noch abgebaut werden mußten. In gut zwei Jahrzehnten würde auch diese Nachricht die Wega erreichen. In den folgenden Jahren ging die Abrüstung ohne ernsthafte Hindernisse weiter. Zuerst waren die Paradestücke der Arsenale übergeben worden, während sich an den strategischen Grundsätzen noch kaum etwas geändert hatte. Jetzt aber spürte man allmählich die Folgen des Abbaus, und die Waffensysteme, die das Gleichgewicht am meisten gefährdet hatte, wurden ebenfalls abgebaut. Experten hatten das nicht für möglich gehalten und erklärt, so etwas sei »gegen die menschliche Natur«. Aber wie schon Samuel Johnson bemerkt hatte, führt ein Todesurteil auf wunderbare Weise zu einer letzten Konzentration der geistigen Kräfte. Im letzten halben Jahr hatte der Atomwaffenabbau auf Seiten der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion neue Erfolge erzielt. In Kürze sollten in beiden Ländern Untersuchungskommissionen des jeweils anderen Landes installiert werden, denen voller Zutritt
zu allen Waffenarsenalen gewährt werden mußte – trotz der öffentlich geäußerten Mißbilligung und Sorge der Militärs beider Nationen. Die Vereinten Nationen erwiesen sich als unerwartet erfolgreich bei der Vermittlung in internationalen Streitigkeiten. Auf diese Weise konnten die Grenzkriege im Westiran und an der chilenischargentinischen Grenze beigelegt werden. Es war sogar ein Nichtangriffspakt zwischen der Nato und dem Warschauer Pakt im Gespräch. Die Delegierten, die zu der ersten Plenarsitzung des Weltkonsortiums kamen, hatten von Anfang an einen viel herzlicheren Umgangston miteinander, als es in den letzten Jahrzehnten je der Fall gewesen war. Jede Nation, die auch nur wenige Bit der BOTSCHAFT empfing, war sowohl mit wissenschaftlichen als auch politischen Delegierten vertreten. Überraschend viele schickten auch militärische Vertreter. In einigen wenigen Fällen wurden die Delegationen sogar von den Außenministern oder Staatsoberhäuptern angeführt. Zur Abordnung Großbritanniens gehörte Viscount Boxforth, seines Zeichens Lordsiegelbewahrer – Ellie fand diesen Ehrentitel überaus komisch. An der Spitze der Delegation der UdSSR, in der der Minister für die mittlere Schwerindustrie, Gotsridse, und Archangelski eine wichtige Rolle spielten, stand B. J. Abuchimow, der Präsident der sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Die Präsidentin der Vereinigten Staaten hatte darauf bestanden, daß Der Heer der amerikanischen Delegation vorstand, obwohl auch Staatssekretär Elmo Honicutt und Michael Kitz nebst weiteren Vertretern des Verteidigungsministeriums dazugehörten. Eine große, sorgfältig ausgearbeitete Landkarte in flächentreuer Projektion veranschaulichte die Verteilung der Radioteleskope über den Planeten unter Einschluß der
sowjetischen Beobachtungsschiffe. Neugierig sah Ellie sich in dem erst vor kurzem fertiggestellten Konferenzsaal um, der direkt neben den Büroräumen und der Residenz des französischen Präsidenten lag. Obwohl der Präsident erst das zweite Jahr seiner siebenjährigen Amtszeit regierte, scheute er keine Mühe, den Erfolg des Treffens zu garantieren. Eine Vielzahl von Gesichtern, Flaggen und Landestrachten spiegelte sich in den langen, in einem Bogen aufgestellten Mahagonitischen und den mit Spiegeln verkleideten Wänden. Von den Politikern und Militärs kannte sie nur wenige, dafür aber mindestens einen Wissenschaftler oder Ingenieur aus jeder Delegation: Annunziata und Ian Broderick aus Australien, Fedirka aus der Tschechoslowakei, Braude, Crebillion und Boileau aus Frankreich, Kumar Chandrapurana und Devi Sukhavati aus Indien, Hironaga und Matsui aus Japan… Ellie fiel auf, daß viele der Delegierten, besonders aber die Japaner, eher Technologieexperten waren als Radioastronomen. Der Gedanke, daß vielleicht der Bau einer riesigen Maschine auf dieser Konferenz zur Sprache kommen könnte, hatte viele Länder veranlaßt, die Zusammensetzung ihrer Delegationen in letzter Minute noch zu verändern. Ellie kannte auch Malatesta aus Italien, Bedenbaugh, einen Physiker, der in die Politik gegangen war, Clegg und den ehrwürdigen Sir Arthur Chatos, die hinter einem Union Jack der Art, wie man ihn auf den Tischen europäischer Restaurants finden konnte, miteinander plauderten. Außerdem Jaime Ortiz aus Spanien, Prebula aus der Schweiz, worüber Ellie sich wunderte, da die Schweiz ihres Wissens bislang noch gar kein Radioteleskop besaß, Bao, der Hervorragendes im Aufbau der chinesischen Radioteleskopanlage geleistet hatte, und Wintergaden aus Schweden. Die Abordnungen aus SaudiArabien, Pakistan und dem Irak waren erstaunlich groß; und da
drüben standen natürlich die Russen. Nadja Roshdestwenskaja und Henrich Archangelski lachten gerade über irgend etwas. Ellie hielt nach Lunatscharski Ausschau und erspähte ihn schließlich bei der chinesischen Delegation. Er begrüßte gerade Yu Renqiong, den Direktor des Radioobservatoriums in Peking. Ellie erinnerte sich, daß die beiden während der Jahre chinesisch-sowjetischer Zusammenarbeit Freunde und Kollegen gewesen waren. Aber die Feindseligkeiten zwischen den beiden Staaten hatten jeden Kontakt zwischen ihnen beendet, und die chinesischen Beschränkungen der Auslandsreisen für Spitzenwissenschaftler waren fast noch schärfer als die sowjetischen. Ellie war sich bewußt, daß sie Zeugin der ersten Begegnung dieser Männer seit vielleicht einem Vierteljahrhundert war. »Wer ist der alte China-Mann, dem Waygay gerade die Hand schüttelt?« Das war Kitz’ Art, herzlich zu sein. In den letzten Tagen hatte er Ellie gegenüber schon mehrere solche Vorstöße unternommen – eine Entwicklung, der sie im stillen keine Chance gab. »Yu, der Direktor des Observatoriums in Peking.« »Ich dachte, die hassen sich wie die Pest.« »Michael«, sagte Ellie, »die Welt ist sowohl besser als auch schlechter, als Sie sich vorstellen.« »Was ›besser‹ betrifft, sind Sie mir wahrscheinlich voraus«, erwiderte er, »aber was ›schlechter‹ betrifft, können Sie mir nicht das Wasser reichen.« Nach der Begrüßung durch den Präsidenten von Frankreich (der zum Erstaunen aller blieb, um die Eröffnungsvorträge anzuhören) und der Diskussion über Verfahren und Tagesordnung durch Der Heer und Abuchimow, die gemeinsam als Vorsitzende der Konferenz fungierten, gaben Ellie und Waygay eine kurze Zusammenfassung der bisher
bekannten Daten. Sie begannen mit einer allgemeinen Einführung – allzu technische Begriffe vermieden sie mit Rücksicht auf Politiker und Militärs – in die Funktionsweise von Radioteleskopen, die Verteilung der erdnächsten Sterne im Weltall und die Geschichte der BOTSCHAFT als eines Palimpsests. Der gemeinsame Vortrag schloß mit einem Kommentar zu den erst vor kurzem empfangenen Diagrammen, die jede Delegation auf einem eigenen Monitor vor sich hatte. Ellie erklärte, wie die Polarisationsmodulation in eine Abfolge von Nullen und Einsen umgewandelt wurde, wie die Nullen und Einsen zusammen ein Bild ergaben, daß sie aber in den meisten Fällen nicht die leiseste Ahnung hatten, was das Bild bedeutete. Die einzelnen Daten setzten sich auf den Computerbildschirmen zu Bildern zusammen. Ellie sah, wie die Gesichter der Delegierten sich aufmerksam über die Bildschirme beugten, von denen sie in dem jetzt halb verdunkelten Saal weiß, bernsteinfarben und grün angestrahlt wurden. Auf den Diagrammen waren fein verästelte Netze zu erkennen, daneben plumpe, fast schon unanständige biologische Formen und ein vollkommen geformtes, regelmäßiges Dodekaeder. Eine Folge mehrerer Seiten war zu einer aus zahllosen Details bestehenden Konstruktion zusammengebaut worden, die sich langsam drehte. Zu jedem der geheimnisvollen Teile gehörte eine unverständliche Bildunterschrift. Waygay betonte noch stärker als Ellie die Ungewißheit ihrer Deutung. Trotzdem stand es auch für ihn außer Zweifel, daß die BOTSCHAFT das Handbuch für die Konstruktion einer Maschine war. Bescheiden unterließ er es, darauf hinzuweisen, daß diese Idee ursprünglich von ihm und Archangelski stammte, aber Ellie ergriff die nächste Gelegenheit, es deutlich auszusprechen.
Aus der Erfahrung der letzten Monate wußte Ellie, die schon oft über dieses Thema diskutiert hatte, daß Wissenschaftler wie Laien von einzelnen Daten der BOTSCHAFT völlig fasziniert waren, daß sie sich aber ebenso wie sie selbst mit der Frage abquälten, ob auch eine Anleitung zur Entschlüsselung der BOTSCHAFT mitgeliefert worden war. Die Reaktion dieses Publikums von, wie man meinen sollte, erfahrenen Fachleuten traf sie jedoch völlig unvorbereitet. Als sie und Waygay fertig waren, brach stürmischer Applaus los. Die sowjetischen und osteuropäischen Delegationen applaudierten unisono mit einer Frequenz von zwei bis drei Mal pro Herzschlag. Die Amerikaner und viele andere klatschten wild durcheinander wie ein Meer von weißem Rauschen. Ellie verspürte eine ihr bisher unbekannte Freude, aber trotzdem mußte sie unwillkürlich an die Unterschiede der Nationalcharaktere denken – die Amerikaner waren die Individualisten, und die Russen hatten sich zu einer kollektiven Aktion zusammengeschlossen. Ellie erinnerte sich, daß die Amerikaner auch in Massenversammlungen versuchten, möglichst Distanz zu den anderen zu wahren, während die Sowjets sich gern aneinander anlehnten. Ihr gefielen beide Arten zu applaudieren, obwohl die amerikanische hörbar dominierte. Für einen kurzen Moment erlaubte sie sich, an ihren Stiefvater zu denken. Und an ihren Vater. Nach dem Mittagessen wurden in weiteren Vorträgen Interpretationen zu der Datensammlung vorgestellt. David Drumlin hielt einen hochinteressanten Vortrag über die statistische Analyse, die er gerade mit jenen Seiten der BOTSCHAFT durchgeführt hatte, die in Beziehung zu den neuen, numerierten Diagrammen standen. Er behauptete, daß die BOTSCHAFT nicht nur Konstruktionspläne für den Bau einer Maschine enthielte, sondern auch detaillierte Beschreibungen zu Design und Herstellung einzelner Komponenten. In einigen Fällen, glaubte
er, handelte es sich um die Beschreibung völlig neuer Industriezweige, die man auf der Erde bisher nicht kannte. Auf Ellies Gesicht malte sich Staunen. Fragend sah sie Valerian an und zeigte mit dem Finger auf Drumlin: Hatte Valerian das schon gewußt? Valerian hob nur verneinend die Hände. Ellie schaute sich unter den anderen Delegierten um, aber außer Ermüdung konnte sie keine besonderen Reaktionen feststellen. Der technische Aufwand und die Notwendigkeit, früher oder später politische Entscheidungen treffen zu müssen, sorgten schon jetzt für erste Spannungen. Nach der Sitzung gratulierte sie Drumlin zu seiner Entdeckung und fragte ihn, warum sie bis jetzt nichts davon erfahren hatte. Schon im Weggehen, antwortete er: »Oh, ich hielt es nicht für wichtig genug, Sie damit zu belasten. Es war nur eine kleine Spielerei, an der ich herumgebastelt habe, als Sie weg waren, um mit diesen religiösen Fanatikern zu reden.« Wenn Drumlin ihr Doktorvater gewesen wäre, würde sie immer noch an ihrer Doktorarbeit sitzen, dachte Ellie grimmig. Er hatte sie nie wirklich akzeptiert. Sie würden nie eine unkomplizierte, kollegiale Beziehung zueinander haben. Sie seufzte. Hatte Ken von Drumlins neuen Erkenntnissen gewußt? Als einer der Präsidenten der Konferenz saß Der Heer zusammen mit seinem sowjetischen Kollegen vorn auf einem erhöhten Podium, von wo aus man die im Hufeisen angeordneten Tische der Delegierten überblicken konnte. Er war, wie schon die ganzen letzten Wochen, fast nie erreichbar. Und Drumlin war natürlich nicht verpflichtet, neugewonnene Erkenntnisse mit ihr zu diskutieren. Sie wußte, daß beide Männer in letzter Zeit sehr beschäftigt gewesen waren. Aber warum war sie in Gesprächen mit Drumlin immer entweder extrem entgegenkommend oder extrem streitlustig? Etwas in ihr spürte deutlich, daß die Möglichkeit, ihren
wissenschaftlichen Interessen nachzugehen, auch in Zukunft entscheidend von Drumlin abhängen würde. Am Vormittag des zweiten Tages wurde einem sowjetischen Delegierten das Wort erteilt. Ellie kannte ihn nicht. »Stefan Alexejewitsch Baruda«, tauchte auf dem Bildschirm vor ihr auf, »Direktor des Instituts für Friedensforschung, Mitglied der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften, Moskau, Mitglied des Zentralkomitees der KP der UdSSR«. »Na, jetzt geht es hart auf hart«, hörte Ellie Michael Kitz zu Elmo Honicutt vom Außenministerium sagen. Baruda war eine elegante Erscheinung. Er trug einen modisch geschnittenen Straßenanzug, mit Sicherheit ein Produkt des Westens, möglicherweise aus Italien. Sein Englisch war fließend und fast akzentfrei. Geboren in einer der baltischen Republiken, war er noch sehr jung dafür, daß er bereits Direktor einer so bedeutenden Organisation war, die man gegründet hatte, um die langfristigen strategischen Folgen der nuklearen Abrüstung zu untersuchen. Gleichzeitig war er ein besonders typischer Vertreter der neuen Politik der sowjetischen Führung. »Fangen wir noch einmal von Anfang an«, sagte Baruda. »Wir bekommen also eine BOTSCHAFT aus den Tiefen des Alls. Die meisten Informationen haben die Sowjetunion und die Vereinigten Staaten zusammengetragen. Wesentliche Teile haben aber auch andere Länder beigesteuert. Und alle diese Länder sind hier auf dieser Konferenz vertreten. Jede einzelne Nation – wie zum Beispiel die Sowjetunion – hätte warten können, bis sich die BOTSCHAFT mehrere Male wiederholt hat. Auch so hoffen wir ja darauf, daß sie wiederholt wird und wir die vielen fehlenden Teile ergänzen können. Aber ohne Kooperation hätte es Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte gedauert, bis wir die ganze BOTSCHAFT zusammengehabt
hätten, und wir sind doch alle ein bißchen ungeduldig. Deshalb haben wir die Daten ausgetauscht. Jede einzelne Nation – wie zum Beispiel die Sowjetunion – könnte riesige Radioteleskope mit hochempfindlichen Empfängern für den Frequenzbereich der BOTSCHAFT in die Erdumlaufbahn schicken. Die Amerikaner könnten das ebenso wie wir. Vielleicht auch die Japaner, die Franzosen oder die Europäische Weltraumbehörde. Dann könnte jede Nation für sich selbst alle Daten bekommen, weil Radioteleskope im Weltraum die Wega die ganze Zeit über anpeilen könnten. Aber man könnte das als feindselige Handlung auslegen. Und es ist kein Geheimnis, daß die Vereinigten Staaten oder die Sowjetunion in der Lage wären, solche Satelliten einfach abzuschießen. Vielleicht auch deshalb haben wir die Daten ausgetauscht. Es ist besser, zusammenzuarbeiten. Unsere Wissenschaftler wollen nicht nur die Daten, die sie angehäuft haben, austauschen, sondern auch ihre Spekulationen, ihre Vermutungen, ihre… Träume. Darin seid ihr Wissenschaftler euch alle gleich. Ich bin kein Wissenschaftler. Ich bin ein Fachmann der Regierung. Deshalb weiß ich, daß auch die Regierungen aller Nationen in vielem gleich sind. Jede Nation ist vorsichtig. Jede Nation ist mißtrauisch. Keiner von uns wird einem potentiellen Gegner einen Vorteil einräumen, wenn er es verhindern kann. Und deshalb gibt es auch zwei verschiedene Meinungen zu unserem Thema – vielleicht auch mehr, aber mindestens zwei: eine Partei, die zum Austausch aller Daten rät, und eine andere, die rät, zuerst an den eigenen Vorteil zu denken. Mitglieder der letzteren sagen, daß man mit Sicherheit davon ausgehen kann, daß die Gegenseite auch auf ihren eigenen Vorteil bedacht ist. Das ist in den meisten Ländern so. Die Wissenschaftler haben hier für die Politiker entschieden. So wurden beispielsweise fast alle Daten – ich möchte
ausdrücklich darauf hinweisen: nicht alle –, die die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion bekommen haben, ausgetauscht. Die meisten Daten der anderen Länder wurden weltweit ausgetauscht. Wir sind glücklich, diese Entscheidung getroffen zu haben.« Ellie flüsterte Kitz zu: »Meinen Sie das mit ›hart auf hart‹?« »Warten Sie ab«, flüsterte er zurück. »Aber es gibt noch andere Gefahren. Wir möchten dem Konsortium gern die eine oder andere zu bedenken geben.« Barudas Tonfall erinnerte Ellie an Waygay gestern beim Mittagessen. Was war es eigentlich, das der russischen Delegation so auf dem Herzen lag? »Wir haben gehört, daß das Akademiemitglied Lunatscharski, Dr. Arroway und einige andere Wissenschaftler der Auffassung sind, daß wir die Anleitung für den Bau einer komplizierten Maschine erhalten haben. Nehmen wir einmal an – und davon geht ja wohl jeder aus –, die BOTSCHAFT kommt zu einem Ende, fängt wieder von vorn an und wir bekommen ihren Anfang, den Code, mit dem wir die BOTSCHAFT lesen können. Vorausgesetzt, wir arbeiten auch weiterhin alle zusammen und tauschen alle Daten, Spekulationen und Träume aus. Nun schicken uns die Wesen auf der Wega diese Anweisungen nicht nur zum Spaß. Sie wollen, daß wir die Maschine bauen. Vielleicht sagen sie uns auch, was die Maschine tun soll. Vielleicht auch nicht. Aber selbst wenn sie es tun, warum sollten wir ihnen glauben? Gestatten Sie mir eine eigene Spekulation, einen eigenen Traum. Es ist kein glücklicher Traum. Was, wenn die Maschine ein Trojanisches Pferd ist? Wir bauen die Maschine für teures Geld, schalten sie an, und wie aus heiterem Himmel ergießt sich eine feindliche Armee über uns. Und wenn die Maschine den Untergang der Erde herbeiführt? Wir bauen sie, schalten sie an, und die Erde
geht in die Luft. Vielleicht halten die Wegianer auf diese Weise Zivilisationen in Schach, die gerade in den Kosmos vorstoßen. Es kostet nicht viel, sie bezahlen nur das Telegramm, und die aufstrebende Zivilisation löscht sich selbst aus. Was ich Sie gleich fragen will, läuft nur auf einen Vorschlag hinaus, auf eine Anregung für unsere Diskussion. Ich möchte es als konstruktiven Beitrag verstanden wissen. Was die möglicherweise von dieser Maschine drohende Gefahr angeht, so haben wir, die wir auf der Erde leben, alle ein gemeinsames Sicherheitsinteresse. Sicher ist meine Frage für Sie zu wenig diplomatisch formuliert. Hier ist sie: Wäre es nicht klüger, alle Daten zu verbrennen und unsere Radioteleskope zu zerstören?« Im Saal entstand Unruhe. Viele Delegationen baten gleichzeitig um das Wort. Statt dessen schien für die beiden Vorsitzenden der Konferenz das wichtigste zu sein, die Abgeordneten daran zu erinnern, daß die einzelnen Sitzungen weder auf Band noch mit Video mitgeschnitten werden durften. Auch der Presse durften keine Interviews gegeben werden. Es gab tägliche Presseerklärungen in Absprache mit den beiden Vorsitzenden und den Sprechern der einzelnen Delegationen. Sogar über die Tagesordnung der Konferenz mußte strengstes Stillschweigen gewahrt werden. Mehrere Delegierte forderten die Vorsitzenden auf, Stellungnahmen zum letzten Vortrag das Wort zu erteilen. »Wenn Baruda mit dem Trojanischen Pferd oder der Weltuntergangsmaschine recht hat «, schrie ein holländischer Abgeordneter, »ist es dann nicht unsere Pflicht, die Öffentlichkeit darüber zu informieren?« Aber das Wort war ihm nicht erteilt worden, und sein Mikrophon war nicht eingeschaltet worden. Man wandte sich anderen, drängenderen Problemen zu.
Ellie hatte schnell einen Knopf des Computerterminals vor ihr gedrückt, um möglichst weit vorn auf der Rednerliste zu stehen. Sie entdeckte, daß sie auf Platz zwei stand, nach Sukhavati und noch vor einem Delegierten aus China. Ellie kannte Devi Sukhavati kaum. Sie war eine stattliche Frau Mitte vierzig, frisierte sich europäisch und trug hochhackige Pumps und einen wunderschönen Seidensari. Früher hatte sie einmal Physik studiert, war dann aber die führende Expertin Indiens auf dem Gebiet der Molekularbiologie geworden. Jetzt lehrte sie am King’s College in Cambridge und am Tata-Institut in Bombay. Sie war eine der wenigen indischen Mitglieder der Royal Society in London und hatte angeblich auch einigen politischen Einfluß. Ellie hatte sie vor einigen Jahren auf einem internationalen Symposium in Tokio zum letztenmal gesehen, also noch bevor der Empfang der BOTSCHAFT die obligatorischen Fragezeichen der Titel der damals diskutierten wissenschaftlichen Vorträge überflüssig gemacht hatte. Ellie hatte das Gefühl einer geistigen Verwandtschaft gehabt, die nur zum Teil damit zu erklären war, daß sie beide zu den wenigen Frauen gehörten, die an wissenschaftlichen Konferenzen über extraterrestrisches Leben teilnahmen. »Das Akademiemitglied Barada hat ein wichtiges und heikles Problem aufgeworfen«, begann Devi Sukhavati, »und es wäre töricht, die Möglichkeit eines Trojanischen Pferdes sorglos vom Tisch wischen. In Anbetracht der jüngsten Geschichte ist der Gedanke naheliegend, und ich finde es erstaunlich, daß er erst jetzt angesprochen wurde. Dennoch möchte ich vor solchen Ängsten warnen. Es ist unwahrscheinlich, daß diese Wesen von einem Planeten der Wega sich technologisch auf genau demselben Niveau befinden wie wir. Selbst auf unserem Planeten entwickeln sich die einzelnen Kulturen nicht gleichmäßig. Manche entwickeln sich früher, andere später. Natürlich holen einige Kulturen zumindest technologisch auf.
Als die Hochkulturen in Indien, in China, im Irak und in Ägypten ihre Blütezeit hatten, gab es in Europa und Rußland höchstens eisenzeitliche Nomaden und in Amerika nur steinzeitliche Kulturen. In unserem Fall werden die Unterschiede der technologischen Entwicklung noch viel krasser sein. Die Außerirdischen sind uns wahrscheinlich weit voraus, mit Sicherheit mehr als hundert Jahre, vielleicht sogar einige tausend oder Millionen Jahre. Ich bitte Sie, das einmal mit dem Tempo des technischen Fortschritts der Menschen im letzten Jahrhundert in Beziehung zu setzen. Ich bin in einem kleinen Dorf im Süden Indiens aufgewachsen. Für meine Großmutter war eine mit dem Fuß angetriebene Nähmaschine noch ein Wunder der Technik. Was müssen dann Wesen können, die uns einige tausend Jahre voraus sind? Oder Millionen Jahre? Einer unserer Philosophen hat einmal gesagt: ›Die Produkte der Technik einer fortgeschrittenen außerirdischen Zivilisation könnten wir Menschen nicht von Zauberei unterscheiden‹. Wir können jene Wesen nicht bedrohen. Sie haben nichts von uns zu befürchten, und das wird noch lange so bleiben. Es ist nicht mit der Auseinandersetzung zwischen Griechen und Trojanern zu vergleichen, die sich ebenbürtig waren. Es ist kein Science-fiction-Film, in dem Wesen von verschiedenen Planeten mit denselben Waffen kämpfen. Wenn sie uns vernichten wollen, dann können sie das, ob wir ihnen dabei helfen oder – « »Aber zu welchem Preis?« rief einer der Delegierten dazwischen. »Begreifen Sie denn nicht? Das ist doch der Punkt. Baruda sagt, daß unsere Fernsehübertragungen ins All für sie das Zeichen sein könnten, daß es Zeit ist, uns zu vernichten, und daß die BOTSCHAFT vielleicht das Mittel dazu ist. Strafexpeditionen sind teuer. Die BOTSCHAFT ist billig.« Ellie konnte nicht feststellen, wer diese Bemerkung in
den Saal geschrien hatte. Es schien jemand aus der britischen Delegation zu sein. Seine Äußerung war nicht über Mikrophon verstärkt worden. Aber die Akustik in dem Konferenzsaal war so gut, daß der Rufer sehr wohl gehört worden war. Wieder versuchte Der Heer als Vorsitzender, Ordnung herzustellen. Abuchimow beugte sich vor und flüsterte einem Assistenten etwas zu. »Sie glauben, daß es eine Gefahr bedeutet, wenn man die Maschine baut«, erwiderte Sukhavati. »Ich glaube, daß es gefährlich wäre, die Maschine nicht zu bauen. Ich würde mich für unseren Planeten schämen, wenn wir der Zukunft den Rücken kehrten. Ihre Vorfahren« – sie zeigte mit dem Finger auf den Mann, der sie unterbrochen hatte – »haben keine Angst gehabt, als sie zum ersten Mal die Segel setzten, um nach Indien oder Amerika zu fahren.« Diese Konferenz steckte ja voller Überraschungen, dachte Ellie, obwohl sie bezweifelte, daß Vorbilder wie die Entdeckungsreisenden Clive und Raleigh wesentlich zur momentanen Entscheidungsfindung beitragen konnten. Vielleicht war es auch nur eine Spitze Sukhavatis gegen die Briten als die früheren Kolonialherren Indiens gewesen. Ellie wartete darauf, daß das grüne Licht auf ihrem Pult aufleuchtete, das anzeigte, daß ihr Mikrophon eingeschaltet war. »Herr Präsident.« Unversehens hatte sie diese förmliche und offizielle Anrede Der Heers gewählt, den sie in den letzten Tagen kaum gesehen hatte. Sie hatten sich für morgen nachmittag in der Pause zwischen zwei Sitzungen verabredet, und Ellie war beklommen zumute bei dem Gedanken, was sie sich zu sagen haben würden. Entschlossen verdrängte sie diesen Gedanken. Sie mußte sich jetzt konzentrieren. »Herr Präsident, ich glaube, wir können Licht in zwei der Fragen bringen – die des Trojanischen Pferdes und die der Weltuntergangsmaschine. Ich hatte eigentlich vor, das erst morgen zur Sprache zu bringen, aber es scheint jetzt
wichtig zu sein.« Ellie tippte die Codezahlen für einige ihrer Dias in den Computer ein. Der große Saal mit den Spiegelwänden wurde verdunkelt. »Dr. Lunatscharski und ich sind der Überzeugung, daß das, was Sie hier sehen, verschiedene Ansichten derselben dreidimensionalen Struktur sind. Gestern haben wir die Figur in einer vom Computer simulierten Drehung vorgeführt. Wir glauben, o