War die Moral der Nationalsozialisten doch, vielschichtiger, als wir glauben? Kann gute und nützliche Forschung aus ein...
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War die Moral der Nationalsozialisten doch, vielschichtiger, als wir glauben? Kann gute und nützliche Forschung aus einem Terrorregime kommen? Was könnte dies über die Gesundheitspolitik in unserer heutigen Gesellschaft verraten? Proctor ist der Ansicht, daß wir das Dritte Reich differenzierter betrachten müssen, als wir dies bisher taten. Aber das bedeutet auch, daß die fortschrittliche und weitblickende Gesundheitspolitik der Nationalsozialisten im Grunde derselben Ideologie entstammte wie ihre medizinischen Verbrechen. Nach der Veröffentlichung einer früheren bahnbrechenden Arbeit über die Greueltaten der Nazi-Ärzte verfaßte Proctor dieses Buch, denn er hatte Dokumente entdeckt, wonach die Nationalsozialisten die aggressivste Anti-Raucher-Kampagne in der modernen Geschichte führten. Weitere Forschungen ergaben, daß die Regierung des Dritten Reiches eine breite Palette von Maßnahmen zur Volksgesundheit beschloß, darunter gegen Asbest- und Strahlenbelastung, Pestizide und Lebensmittelfarben. Die Gesundheitsbehörden erließen strikte Vorschriften für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz und förderten bestimmte Nahrungsmittel wie Vollkornbrot und Sojabohnen. Diese praktischen Maßnahmen gingen Hand in Hand mit Gesundheitspropaganda, die zum Beispiel den Körper des Führers und dessen Lebensstil als Nichtraucher und Vegetarier zum Ideal erhob.
RO BER T N. PR OCT OR ist Professor für Wissenschaftsgeschichte an der Pennsylvania State University und ein auf dem Gebiet der NS-Medizingeschichte renommierter Historiker. Er ist »Winner of the 1999 Arthur Viseltear Prize«.
Erschienen im Jubiläumsjahr 2002 bei Klett-Cotta
ROBERT N. PROCTOR
BLITZKRIEG GEGEN DEN KREBS Gesundheit und Propaganda im Dritten Reich Aus dem Amerikanischen übersetzt von Alexandra Bröhm und Katharina Wehrli
KLETT-COTTA
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »The Nazi War on Cancer« bei Princeton University Press, Princeton, New York © 1999 Princeton University Press Für die deutsche Ausgabe © J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger GmbH, gegr. 1659, Stuttgart 2002 Fotomechanische Wiedergabe nur mit Genehmigung des Verlags Printed in Germany Umschlaggestaltung: Finken & Bumiller, Stuttgart, unter Verwendung der Abbildung 6.1 aus dem Werk Gesetzt aus der 11 Punkt Adobe Garamond von Dörlemann Satz, Lemförde Auf säure- und holzfreiem Werkdruckpapier gedruckt und gebunden von Clausen & Bosse, Leck ISBN3-608-91031-X
Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Ein Titeldatensatz für diese Publikation ist bei Der Deutschen Bibliothek erhältlich.
STEPHEN JAY GOULD, RICHARD LEWONTIN, R U T H H U B B A R D , R IC H A R D L E V I N S UND ALLEN ANDEREN VON DER »BIO 106«-A B TE I LU NG .
INHALT Prolog
...............................
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KAPITEL 1 WILHELM HUEPERS GEHEIMNIS 23 Der Intellekr triumphiert..................... 25 »Staatsfeind Nummer Eins«.................... 31 Erwin Liek und der Gedanke der Prävention......... 33 Früherkennung und Massenuntersuchungen........... 39 KAPITEL 2 DIE »GLEICHSCHALTUNG« DER DEUTSCHEN KREBSFORSCHUNG 47 Das Schicksal jüdischer Wissenschaftler ............. 48 Erfassung und medizinische Überwachung............ 53 Die Rhetorik der Krebsforschung................. 58 Die Verklärung der Natur und die Frage der steigenden Krebsraten ...................... 65 KAPITEL 3 GENETIK UND RASSENKUNDE 73 Krebs und die »Judenfrage«.................... 74 Selektion und Sterilisation.................... 84
KAPITEL 4 KREBSGEFAHR AM ARBEITSPLATZ 89 Gesundheit und Arbeit im »Reich«................ 90 Röntgenstrahlen und die Märtyrer der Strahlung.........101 Radium und Uran ........................113 Tödlicher Staub .........................122 Asbest – das Totenhemd der Könige...............128 Krebs in der chemischen Industrie................135 KAPITEL 5 DIE NATIONALSOZIALISTISCHE ERNÄHRUNG 141 Widerstand gegen ein von künstlichen Stoffen geprägtes Leben . . 145 Fleisch oder Gemüse....................... 148 Der »Führer« ißt......................... 156 Die Kampagne gegen den Alkohol................ 163 Leistungssteigernde Nahrungsmittel und Medikamente ..... 178 Nahrung zur Krebsbekämpfung ................. 185 Das Verbot von Buttergelb.................... 190 Ideologie und Realität ...................... 196 KAPITEL 6 DIE KAMPAGNE GEGEN DEN TABAK 199 Früher Widerstand........................200 Die Entdeckung des Zusammenhangs..............205 Fritz Lickint: der Arzt, den die Tabakindustrie am glühendsten haßte ........................210 Der medizinische Moralismus der Nationalsozialisten......214 Franz H. Müller: der vergessene Vater der experimentellen Epidemiologie..................220
Praktische Maßnahmen......................227 Karl Astels Wissenschaftliches Institut zur Erforschung der Tabakgefahren ........................ 236 Gesundheit über Alles ...................... 246 Reemtsmas verbotene Frucht................... 258 Der Gegenangriff der Industrie.................. 268 Die Stellung des Tabaks bricht ein................ 273 KAPITEL 7 DAS UNGEHEUERLICHE UND DAS ALLTÄGLICHE 279 Die Frage nach der Wissenschaft unter nationalsozialistischer Herrschaft.................280 Quacksalberei...........................284 Geheime Forschung für biologische Waffen............291 »Organischer« Monumentalismus.................297 Konnten die NS-Maßnahmen Krebs verhindern?.........301 Die »Nazikarte« austeilen.....................304 Ist die NS-Krebsforschung tabu?.................306 Die B-Seite des Nationalsozialismus ...............313 Anmerkungen ........................... 315 Bibliographie............................ 409 Danksagung............................ 425 Register............................... 427
PROLOG
A
m 22. Juni 1941 um halb vier Uhr morgens fielen bewaffnete deutsche Truppen entlang einer 3000 Kilometer langen Front in die Sowjetunion ein. Damit begann eine der längsten und todbringendsten Militäraktionen in der Geschichte. Innerhalb weniger Wochen wurden mehr als eine Million Sowjetrussen – Männer, Frauen und Kinder – umgebracht. Die Invasion sollte schließlich, wie einst schon der Feldzug Napoleons, im bitterkalten Winter vor Stalingrad steckenbleiben, aber nicht bevor noch weitere Millionen Menschen den Nationalsozialisten zum Opfer gefallen waren. In jenen Wochen vor dem »Fall Barbarossa« war Hitler ziemlich nervös. Joseph Goebbels, Reichsminister für »Volksaufklärung und Propaganda« im nationalsozialistischen Deutschland, schrieb am Morgen des Überfalls in sein Tagebuch, der »Führer« werde sich erst wieder beruhigen, wenn die Invasion begonnen habe und eine große Last von seinen Schultern genommen sei. Goebbels war ein enger Vertrauter Hitlers, er genoß jene für ihn kostbaren Stunden, die er unter vier Augen mit jenem Mann verbrachte, den er ein »Genie« und »den größten Befehlshaber aller Zeiten« nannte. In jenen frühen Morgenstunden vor der Dämmerung blieb der Propagandaminister lange mit seinem geliebten Führer auf, im riesengroßen Salon der Reichskanzlei gingen sie stundenlang auf und ab. Worüber unterhielten sich Hitler und Goebbels nur wenige Stunden vor jener militärischen Operation, die die slawischen Völker versklaven und für die Deutschen im entvölkerten Osten neuen »Lebensraum« schaffen sollte? Aus Goebbels’ Tagebuch geht hervor, daß die beiden Männer an Hitlers Rede arbeiteten, mit der er die Invasion verkünden würde. Sie berieten darüber, zu welchem Zeitpunkt diese Rede gesendet werden sollte – schließlich entschieden sie sich für halb sechs Uhr an jenem Morgen. Beide schimpften über den »Verrat« von Rudolf Heß, dem ehemaligen Stellvertreter und designierten Nachfolger des »Führers«, der wenige Wochen zuvor mit einem Fallschirm über Großbritannien abgesprungen war, um auf eigene Faust mit 11
Churchill ein Friedensabkommen auszuhandeln. Sie bewunderten die historische Größe der bevorstehenden Invasion, jene explosionsartige Druckwelle, die Europa vollkommen verändern und das »krebsartige Geschwür«, den Kommunismus, auslöschen sollte.1 Doch sprachen Hitler und Goebbels in jener Nacht auch noch über andere Dinge. Sie diskutierten über die politische Situation in Italien und darüber, welche Bedeutung der englische Pazifismus für die nationalsozialistische Sache habe. Und kurz bevor sie sich voneinander trennten – nur eine Stunde vor dem Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion – unterhielten sie sich über die aktuellen Fortschritte in der Krebsforschung. Dabei war von der Arbeit eines gewissen Hans Auler die Rede, Professor für Medizin in Berlin und eine der kommenden Größen in der deutschen Krebsforschung. Der genaue Wortlaut ist nicht überliefert (die Hinweise sind jedoch verläßlich genug, um einige plausible Schlüsse daraus zu ziehen), aber allein die Tatsache, daß Hitler und Goebbels überhaupt von Krebs sprachen, scheint einigermaßen erstaunlich. Woher nahmen die politischen Führer des nationalsozialistischen Deutschlands jetzt überhaupt die Zeit – Stunden vor einer großen Invasion –, über Krebs und die Krebsforschung zu diskutieren? War es einfach unbedeutendes Geplänkel, um die Spannung etwas zu lösen, oder steckte doch mehr dahinter? Was für eine Bedeutung hatte Krebs im sogenannten »Tausendjährigen Reich«, was unterschied ihn von anderen gesundheitspolitischen Obsessionen?
Die zentralen Themen dieses Buches sind der Faschismus und die Wissenschaft. Über beides glauben wir viel zu wissen, und gewiß sind uns die meisten der grauenvollen Bilder bekannt: Körper, die mit Baggern in Massengräber geschoben werden; Gold, das aus menschlichen Zähnen herausgebrochen und in Schweizer Bankfächern versteckt wird; menschliches Haar, das zur Wiederverwertung gebündelt wird; verstreute Asche; auseinandergerissene und ausgelöschte Familien. Die verquere Wissenschaft jener Zeit ist nicht weniger berüchtigt: die grauenvollen Experimente in den Lagern; die Luftwaffe, die Dutzende von Männern umbrachte, indem sie sie eisiger Kälte oder sehr niedrigem Luftdruck aussetzte; SS-Ärzte wie Josef Mengele in Auschwitz, der Menschen bei lebendigem Leib Farbe in die Au12
gen injizierte, um festzustellen, ob man braune Augen in blaue verwandeln konnte. Doch inwieweit ist bekannt, daß die Gefangenen in Dachau biodynamischen Honig produzierten oder daß nationalsozialistische Gesundheitsaktivisten die erste großangelegte Nichtraucherkampagne der Welt starteten? Wer hat schon davon gehört, daß die Nationalsozialisten eine der weltweit ambitioniertesten Kampagnen gegen den Krebs führten, in deren Verlauf sie bereits damals Beschränkungen in der Verwendung von Asbest und Rauchverbote erließen sowie krebsauslösende Pestizide und Lebensmittelfarben verboten? Wie viele von uns wissen, daß Sojabohnen auch den Beinamen »Nazi-Bohnen« trugen oder daß Bäckereibetriebe im nationalsozialistischen Deutschland per Gesetz dazu angehalten wurden, Vollkornbrot zu produzieren? Es soll hier um die Geschichte der Medizin gehen, aber auch um Gesundheitspolitik: um die Gesundheitspolitik der Nationalsozialisten, ihre Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit und die nationalsozialistischen Pläne, wie Krankheiten zu bekämpfen seien. Es wird die Rede sein von gesundheitspolitischen Konzepten, aber auch von der Gesundheit selbst. Es soll von jenen erzählt werden, die leiden mußten, und gefragt werden, in welchem Maß sie litten und wofür. Die Komplizenschaft der Wissenschaft mit dem Faschismus wird Thema sein, genauso wie die Komplexität der Wissenschaft im Faschismus. Das Buch handelt davon, wie der Faschismus verschiedene Aspekte der Wissenschaft unterdrückte – indem zum Beispiel Juden und Kommunisten ausgeschlossen wurden –, aber es soll auch darum gehen, wie die faschistischen Ideale bestimmte Forschungsrichtungen und Trends im Lebensstil förderten, die heutigen Konzepten auffällig ähneln. Bücher über den Nationalsozialismus sind fast immer darauf angelegt, zu schockieren oder zu irritieren, die bloßen Tatsachen verlangen einen solchen Umgang mit dem Thema. Was ich jedoch an Beunruhigendem aufzeigen möchte, unterscheidet sich von den meisten neueren Darstellungen zur nationalsozialistischen Medizingeschichte oder zum Holocaust. Es hat sich eine Erzählweise etabliert, in der die Medizin jener Zeit als Abfolge ständig sich steigernder Greueltaten beschrieben wird – von der Rassenhygiene, Sterilisationsprogrammen und dem Ausschluß der Juden über die Euthanasie, mißbräuchliche Experimente bis hin zur sogenannten Endlösung. Die Verwicklung der nationalsozialistischen Ärzte in jene Verbrechen ist erschrek13
kend, aber ähnlich befangen macht es uns, daß diese Ärzte und die Gesundheitsaktivisten Kampagnen starteten, die wir heutzutage als »progressiv« oder gar sozial verantwortlich betrachten würden – und daß ein Teil dieser Arbeit in direktem Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Ideologie stand. Die NS-Ernährungswissenschaftler betonten, wie wichtig es sei, Lebensmittel ohne künstliche Farbstoffe und Konservierungsmittel zu sich zu nehmen. Die nationalsozialistischen Gesundheitsaktivisten wiesen immer wieder darauf hin, wie gesund Vollkornbrot und überhaupt alle vitaminund ballaststoffreichen Nahrungsmittel seien. Viele Nationalsozialisten setzten sich für den Umweltschutz ein, viele aßen kein Fleisch. Tierarten vor dem Aussterben zu bewahren war ein genauso verbreitetes Thema wie der Schutz des einzelnen Tieres.2 Nationalsozialistische Ärzte sorgten sich wegen des häufigen Einsatzes von Medikamenten und der exzessiven Anwendung von Röntgenstrahlen, nationalsozialistische Ärzte warnten vor ungesundem Arbeitsklima und auch davor, daß die Ärzte zu ihren Patienten nicht ehrlich seien – doch dieselben Ärzte ließen zu, daß so monströse Dinge wie der Ausschluß der »rassisch Unreinen« oder der »Unwerten« geschahen. Was soll man von den Anti-Rauch-Kampagnen der Nationalsozialisten halten oder von den Gesundheitsprogrammen, die lanciert wurden, um den Krebs unter Kontrolle zu bringen? Wie sollen wir die Anstrengungen verstehen, die Nutzung von Asbest, von Röntgenstrahlen oder Radium einzuschränken – oder die Kampagne zur Sicherstellung der Lebensmittelqualität und zur »Aufrichtigkeit in der Werbung«? Waren die Nationalsozialisten etwa im Grunde anständige Menschen? War ein Teil dieser guten, anständigen Bestrebungen von nationalsozialistischen Idealen motiviert? Man kann kaum über dieses Thema schreiben, ohne auf grundlegende moralische Fragestellungen zu stoßen – Fragen wie: »Kann aus Bösem auch Gutes entstehen?«. Mir bereiten solche Fragen immer Schwierigkeiten, denn sie scheinen von einem vereinfachten Schreckensbild des Faschismus und einem hölzernen, ahistorischen Bild der Wissenschaft auszugehen. Ich möchte gleich zu Anfang klarstellen, daß es keinesfalls mein Ziel ist, jene Wissenschaftler zu feiern, denen es trotz Hindernissen gelang, ihre wissenschaftliche Arbeit während der Nazi-Ära weiterzuführen. Die Geschichtsschreibung zum Nationalsozialismus tendiert dazu, das bloße Überleben der Wissenschaft als Beweis dafür zu nehmen, daß sich der intellektuelle Geist nicht be14
herrschen läßt. Mir erscheint allerdings die Frage wichtiger, was denn Wissenschaft eigentlich ist, wenn sie unter dem Faschismus so ungehindert gedeihen konnte? Was war der Grund dafür, daß der deutsche Faschismus den Fortschritt bestimmter Bereiche der Wissenschaft förderte, und warum ist dieser Teil der Geschichte bislang aus dem historischen Gedächtnis ausgeblendet worden? Unser Bild des Faschismus ist jenes einer totalitären Ideologie: Die Rhetorik und die Werte der Nationalsozialisten scheinen jede Ritze des intellektuellen Lebens der Deutschen erfaßt zu haben. Aber dieses Bild trifft nur teilweise zu. Die Wissenschaft wurde häufig als treuer und neutraler Untergebener toleriert – auf dem politischen Auge blind, stärkte sie die wirtschaftliche und politische Macht. Zwar flogen Wissenschaftler aus vielen Bereichen den Nationalsozialisten mit wehenden Fahnen zu, aber genauso beängstigend ist der Blick auf jene unzähligen dienstbaren Forscher, die still weiterarbeiteten und sich unter ihr Deckmäntelchen der Neutralität zurückzogen. Wenn man die Dinge so betrachtet, zeichnet sich die sogenannte »gute Wissenschaft« nicht durch heroische ideologische Unschuld aus, sondern durch das blinde Versagen, nachzudenken und Widerstand zu leisten – »Unschuld in Verantwortungslosigkeit«, wie es Herbert Mehrtens treffend bezeichnete.3 Meiner Meinung nach ist es wichtig, daß Wissenschaftler dazu in der Lage sind, die Wahl ihrer Forschungsprojekte zu begründen. Es ist mir wichtig, darauf hinzuweisen, daß ich dieses Buch niemals hätte schreiben können, wenn ich nicht die abscheulichen Aspekte der medizinischen Verbrechen der Nazis in meinem ersten Buch Racial Hygiene: Medicine under the Nazis (Cambridge, Mass. 1988) behandelt hätte, das als eine Art Vorrede zum vorliegenden Buch bezeichnet werden kann. Dort habe ich aufgezeigt, daß viele der brutalsten gesundheitspolitischen Kampagnen von Ärzten ausgingen, sie nie dazu gezwungen wurden, mit dem Regime zusammenzuarbeiten, und – was die nationalsozialistische Vernichtungspolitik anging – keine Schachfiguren, sondern Pioniere waren. Ich möchte mich hier weniger mit den NS-Verbrechen beschäftigen, als mit den Taten der Gesundheitsaktivisten, die vergessen wurden, da sie mit den grauenvollen Verbrechen in Zusammenhang standen. Es geht mir nicht darum, verlorene Perlen der Weisheit vor dem Vergessen zu retten oder die 15
Vergangenheit zugunsten der Gegenwart auszubeuten, sondern vielmehr darum, jener beunruhigenden Tatsache einer »qualitativ hochstehenden Wissenschaft« unter dem Nationalsozialismus auf den Grund zu gehen: einer Wissenschaft, die wir wahrscheinlich als bahnbrechend feiern würden, wäre sie vom historischen Umfeld ihrer Entstehung abgelöst. Aber ich möchte auch alltägliche wissenschaftliche Erzeugnisse untersuchen wie Hitlers Wasserfarben,4 die nicht so offensichtlich und unauslöschlich als nationalsozialistische Produkte gelten. Verändert sich unser Blick auf die Geschichte, wenn wir erfahren, daß sich führende Nazis gegen den Tabakkonsum wandten oder nationalsozialistische Gesundheitsbeamten sich wegen des durch Asbest verursachten Lungenkrebses sorgten? Ich denke schon. Wir erfahren, daß der Nationalsozialismus ein differenzierteres Phänomen war, als wir gemeinhin annehmen, verführerischer, geschickter. Wir erfahren, daß die Grenze zwischen »ihnen« und »uns« nicht so klar gezogen werden kann, wie manche sich das gerne vorstellen. Wir müssen erfahren, daß es zwischen jener und unserer Zeit erschreckende Parallelen gibt. Und es wird uns auch klarer, warum so viele Deutsche – und vor allem deutsche Ärzte – den Nationalsozialismus willkommen hießen. Der Nationalsozialismus stand nicht ausschließlich für die angestrebte Vorherrschaft des »Nordischen« oder die Erniedrigung und Ermordung der Behinderten, und es ging nicht ausschließlich um territoriale Expansion oder um den Mord an Juden und Sinti und Roma. Diese Dinge überragten in ihrer Monstrosität alles andere, aber für manche ging es auch darum, Arbeitsplätze zu schaffen, die Straßen zu reinigen und sich langfristig um das »deutsche Erbgut« zu kümmern. All dies soll in keiner Weise entschuldigend oder rechtfertigend wirken – und würde ich glauben, daß es das täte, hätte ich dieses Buch nicht geschrieben. Der Nationalsozialismus ist der absolute Tiefpunkt der Moral und Kultur des 20. Jahrhunderts, seine Geschichte die ultimative Widerlegung von ethischem Relativismus und solipsistischem Egoismus. Daran können keine Worte etwas ändern. Was ich allerdings zu zeigen hoffe, ist die Tatsache, daß der Nationalsozialismus nuancenreich und komplex war und die Gründe, warum sich die Menschen diesem Gedankengut anschlossen, vielschichtiger und zahlreicher waren, als wir gemeinhin annehmen. Der Nationalsozialismus war nicht nur beliebt, weil die Deutschen die Juden haßten. Der Anti16
semitismus war ein zentraler Bestandteil der NS-Ideologie, aber er war nicht der einzige oder nicht einmal der Hauptgrund, warum Menschen sich dieser Bewegung anschlössen. Die Menschen sahen im Nationalsozialismus eine Verjüngungskur – im Gesundheitswesen und auch in anderen Bereichen. Sie verstanden den Nationalsozialismus als großen und radikalen chirurgischen Eingriff oder als einen Akt der Reinigung, und damit waren nicht immer nur die abscheulichen Aspekte gemeint – dies kann man auch mit dem Privileg der Rückschau sagen.
Ich habe das Thema Krebs als roten Faden meines Buches gewählt, weil Krebs den Blick auf breitere Aspekte der Kultur ermöglicht. Krebs war immer schon eine frustrierende Krankheit, einerseits wegen ihres heimtückischen Wesens und Wachstums und andererseits, weil sie sich therapeutischen Maßnahmen zäh widersetzte. In den zwanziger und dreißiger Jahren zeigen die Statistiken eine Zunahme der Krebserkrankungen, und die Herrscher des sogenannten »Tausendjährigen Reichs« wollten den Grund für diese Entwicklung herausfinden. Krebs war ein schwieriges Symbol: eine Zivilisationskrankheit, eine moderne Krankheit, ein noch nicht besiegtes Übel. Wir werden diese symbolische Bedeutung näher betrachten, insbesondere, wie die Krebsmetaphorik (Geschwüre als Juden, Juden als Geschwüre) in einem allgemeinen gesellschaftlichen Zusammenhang benutzt wurde. Der Krebs wurde zu einer Metapher für all jenes, was man in einer Gesellschaft als negativ betrachtete, und das war nicht nur in Deutschland so; man erinnere sich nur an die Worte Telford Taylors, des Anklägers in Nürnberg, der nach dem Krieg selbst vom Faschismus als »sich ausbreitendem Krebsgeschwür der Menschheit« gesprochen hat. Krebs bekommt einerseits viel Aufmerksamkeit und wird andererseits vernachlässigt. Dieser zwiespältige Umgang demonstriert die tiefen Konflikte mit der Natur dieser Krankheit und die Ratlosigkeit, wie man sich ihr stellen sollte. In den ersten beiden Kapiteln beschäftige ich mich mit dem Hintergrund der deutschen Krebskampagnen, einschließlich der außergewöhnlichen Anstrengungen, die in der Kaiserzeit und während der Weimarer Republik unternommen wurden, als die deutsche Medizin und das deutsche Gesundheitssystem weltweit beneidet wurden. Wir setzen uns mit der »Gleichschal17
tung« der deutschen Krebsinstitutionen und dem Schicksal der jüdischen Krebsforscher auseinander und behandeln das für die Nationalsozialisten so zentrale Thema der Prävention. Wir nehmen die Krebsterminologie genau unter die Lupe – beispielsweise, wie man sich zwanghaft bemühte, die Fachausdrücke aus anderen Sprachen einzudeutschen –, aber auch den Vorstoß, die Öffentlichkeit über den Wert der Früherkennung aufzuklären. Wir thematisieren die kraftstrotzende, zielgerichtete Rhetorik der nationalsozialistischen Medizin, einschließlich der Aufrufe für eine »Endlösung« verschiedener Probleme, die um 1941 erfolgten – dabei ging es beispielsweise um »Brot-« und »Tabakfragen«, um nur einige der weniger bekannten Problematisierungen zu nennen. In Kapitel 3 und 4 wenden wir uns den auf Erb- und Rassenkunde fußenden Vorstellungen über den Krebs zu, betrachten die Verfolgung der jüdischen Krebsforscher und die Pionierarbeit, die in der Aufdeckung von Krebsrisiken im Berufsleben geleistet wurde. Es mag überraschend klingen, aber bereits deutsche Krebsforscher erkannten, daß wenige Krebsarten einfach nur vererbt werden, wogegen viele (vielleicht die meisten) von schädlichen äußeren Einflüssen wie Teer, Ruß, Asbestfasern und Zigarettenrauch verursacht werden. Die radioaktive Strahlung war eine besonders gefürchtete Quelle des Übels. Doch während den »Märtyrern der Strahlung« (fast immer Wissenschaftler, selten Techniker, niemals Patienten) Denkmäler errichtet wurden, erstellte man gleichzeitig Listen zur Erfassung angeblich erbgutgeschädigter Frauen und Mädchen, um sie der Strahlung gezielt auszusetzen und Abtreibungen oder Unfruchtbarkeit auszulösen. Die Deutschen waren in den dreißiger Jahren führend in der Erforschung von Lungenkrebs, der durch Radon verursacht wurde (vor allem bei Arbeitern in Uranminen), und von Lungenkrebs, der mit Asbest im Zusammenhang stand. Man identifizierte neue Gefahren am Arbeitsplatz, allerdings geschah dies gewöhnlich im Rahmen der sogenannten »Selektionsmedizin«, was bedeutete, daß Beschäftigte sich dem Arbeitsplatz und seinen Bedingungen anpassen mußten und nicht umgekehrt. Man untersuchte die Arbeiter in großem Stil auf Frühsymptome für Lungenkrebs oder Hautkrankheiten, und es wurden Anstrengungen unternommen, um Frauen vor Krebs und den Gefahren für die Fortpflanzung zu schützen. Schließlich beutete man Zwangsarbeiter als Sklaven aus, indem man sie die schmutzigsten Arbeiten ausführen ließ. Ein Zweiklassensystem 18
bezüglich Arbeitergesundheit und Sicherheit wurde herausgebildet – dieses beinhaltete strikte Vorkehrungen für »gesunde« Bürger und gefährliche, lebensbedrohliche Belastungen für Ausländer und »Untermenschen«. Die nationalsozialistische Ernährungslehre und Gesundheitspolitik steht im Zentrum des fünften Kapitels. Dort untersuche ich, was Hitler aß, und warum er dies tat, und wie der Körper des »Führers« als Propagandawerkzeug genutzt wurde, um die Bevölkerung zu einem gesunden Lebensstil zu erziehen. Ich thematisiere das Verbot der Lebensmittelfarbe mit dem Namen »Buttergelb« und beschäftige mich mit der heftig umstrittenen Frage, ob Nahrungsbestandteile wie Fleisch, Fett und künstlicher Süßstoff Krebs erzeugen. Ich betrachte Debatten über die Vorratshaltung, in denen Repräsentanten der Armee, die Büchsenvorräte forderten, mit Verfechtern einer gesunden Ernährung zusammenstießen, die den Wert von frischem Obst und Gemüse hervorhoben. Alkohol, Kaffee und Tee und viele andere Dinge wurden zum Objekt ideologischer Kämpfe, als romantische Vorstellungen und die Bedürfnisse der Kriegszeit aufeinanderprallten. Im sechsten und längsten Kapitel des Buches ist Tabak das zentrale Thema. Diesen Blickwinkel habe ich angesichts der bemerkenswerten Tatsache gewählt, daß Nazi-Deutschland die umfassendste Nichtraucherkampagne der Welt führte und bereits in hohem Maße über die durch Tabakkonsum verursachten Krankheiten informiert war. All dies wurde bis heute kaum wahrgenommen. Die führenden Köpfe der Gesundheits- und Militärpolitik sorgten sich, der Tabak könne eine »Gefahr für die Rasse« darstellen, und Hitler setzte sich mehrmals persönlich ein, um die Gefahren zu bekämpfen. In ihrer Anti-Rauch-Kampagne betonten die Nationalsozialisten, daß die drei wichtigen faschistischen Führer Europas – Hitler, Mussolini und Franco – Nichtraucher waren, während Churchill, Stalin und Roosevelt gerne rauchten.5 Hitler war der heftigste Verfechter dieses Glaubens, er sah im Tabak »den Zorn des Roten Mannes auf den Weißen Mann, und eine Rache dafür, daß man dem Roten Mann den Alkohol gab«. Hitler deutete sogar an, der Nationalsozialismus in Deutschland hätte vielleicht niemals gesiegt, hätte er selbst nicht aufgehört zu rauchen! Gleichzeitig gelang es den deutschen Epidemiologen, gesichert und zum erstenmal überhaupt zu beweisen, daß das Rauchen eine der Hauptursachen für Lungenkrebs war. Dies und die Tatsache, daß diese Thematik bis in unsere Gegenwart von der Ge19
schichtsschreibung ausgeblendet worden ist, ist gewiß einer der erstaunlichsten Aspekte am Krieg der Nationalsozialisten gegen den Krebs. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Wissenschaft in der Kriegs- und Nachkriegszeit. Meine Hauptthese wird sein, daß die im Krieg vorherrschenden Dringlichkeiten einen großen Teil des Optimismus zerstörten, der bezüglich des Gesundheitswesens in der Anfangszeit des Nationalsozialismus vorgeherrscht hatte. Vorstöße für eine gesunde Ernährung wie das Propagieren der Vollkornnahrung und der natürlichen, pflanzlichen Medizin wurden als wirtschaftlich und daher kriegstauglich eingestuft – aber beinahe alle langfristigen gesundheitspolitischen Ziele wurden zurückgestellt (hier gilt es daraufhinzuweisen, daß der Mord an den sogenannten »rassisch Minderwertigen« nicht zurückgestellt, sondern während des gesamten Krieges unvermindert fortgesetzt wurde). In diesem Zusammenhang beschäftigen wir uns auch mit dem mysteriösen Fall des Reichsinstitutes für Krebsforschung, das im besetzten Polen in der Nähe von Posen 1942 eingerichtet wurde: Niemand weiß genau, was dort vor sich ging, aber es gibt Hinweise darauf, daß dieses Institut als Zentrum der nationalsozialistischen Forschungsprogramme zur Entwicklung biologischer Waffen diente. Damit sollte der Generalstab beschwichtigt werden, nachdem man das Atombombenprogramm hintangestellt hatte. An dieser Stelle möchte ich noch darauf hinweisen, daß sich der Aufbau des Buches an den heute als krebsauslösend betrachteten Faktoren wie Vererbung, Strahlung, Ernährung, Alkohol und Tabak etc. orientiert. Einige strenge Kollegen werden mir sicher eine etwas nachlässige Haltung vorwerfen, wonach ich die Zukunft der Vergangenheit überstülpe. Ich hoffe, meine Beweggründe dafür liegen nicht in einem uneingestandenen Wunsch, den intellektuellen Stellenwert meiner Quellen aufzublasen – Ethnologen lassen sich gerne dazu hinreißen. Meine Absicht ist vielmehr, etwas darüber aussagen zu können, was Krebs zu dieser Zeit (und später) bedeutet hat. Hat der Kampf der Nationalsozialisten gegen den Krebs die Krebsraten in Deutschland gesenkt? Waren einige Strategien wirkungsvoller als andere? In welchen Bereichen nahmen Krebsfälle während des Nationalsozialismus eher zu? Wo gelang es den Nationalsozialisten, Krebsfälle zu verhindern?
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Es gehört zur Arbeit eines Historikers, nach Mustern in Dingen zu suchen, die eng miteinander zu tun haben und sich doch widersprechen. Scheinbar abwegige Merkwürdigkeiten können der Schlüssel zu tieferen Wahrheiten sein. Aus diesem Grund konzentriere ich mich nicht auf die schrecklichen Verbrechen der Nationalsozialisten (obwohl es verschiedene geben wird, mit denen wir uns auseinandersetzen müssen), sondern auf Substanzen und Praktiken, die wir normalerweise nicht mit dem Nationalsozialismus in Verbindung bringen: Essen und Trinken, Chemikalien und Strahlung, Anstrengungen, Fabriken aufzuräumen und den deutschen Lebensstil zu entgiften. Es ist dies die weniger bekannte »B-Seite« des Nationalsozialismus – jene Seite, die für Anstrengungen gegen das Rauchen, Kampagnen für gesündere Ernährung und besseres Wasser, für ausreichende Bewegung und Präventivmedizin verantwortlich war. Ich werde den eigentlichen Nationalsozialismus als eine Art Versuch behandeln – als ein gigantisches hygienisches Experiment, mit dem eine exklusive gesundheitliche Utopie verwirklicht werden sollte. Diese gesundheitliche Utopie war eine Vision, die auch im Zusammenhang mit den bekannteren Geschehnissen, nämlich dem Genozid, stand: Asbest und Blei sollten aus der Luft und dem Wasser der deutschen Fabriken verschwinden, genauso wie die Juden von der deutschen Politik beseitigt werden sollten. Innerhalb der nationalsozialistischen Ideologie verbanden sich die Reinigung des deutschen Körpers von Umweltgiften und seine Reinigung von »rassischen Fremdkörpern«. Berechtigte und absurde Ängste wurden in der nationalsozialistischen Weltsicht übereinandergeblendet: Es gibt eine Art »homöopathische Paranoia«, die das nationalsozialistische Körperethos durchdringt, eine Angst vor winzigkleinen, aber machtvollen Fremdkörpern, die den deutschen Körper zersetzen, eine Angst, die manchmal grausam und böse ist, manchmal unheimlich zielgerichtet. Diese gegensätzliche Mischung aus Empfindsamkeiten und Krankhaftem ist gewiß einer der verwirrendsten Aspekte des Nationalsozialismus, aber ich denke, man kann daraus auch einen weiteren Schlüssel zum Verständnis des Holocausts ziehen. Historiker und Sozialwissenschaftler haben seit vielen Jahren versucht, die düsteren Phänomene des Faschismus auf den Kapitalismus, den Totalitarismus, den Militarismus, den Antisemitismus oder die »autoritäre Persönlichkeit« zu reduzieren – all diese Dinge sind zentral, je21
doch keines der Elemente kann als alleinige Erklärung dienen. Ich neige dazu, Omer Bartov recht zu geben, der meint, der Holocaust sei eine Art absurder Geschichte, die man immer nur in Teilen begreifen kann, niemals aber als Ganzes.6 Aber vielleicht kann uns dieser Ansatz, daß die Nationalsozialisten auf der Suche nach einer gesundheitlichen Utopie waren, dabei helfen, die beunruhigende Kluft zwischen den grauenvollen Verbrechen der Zeit und ihren bahnbrechenden – wenn auch abgeschnittenen und nun in Vergessenheit geratenen – Errungenschaften im Bereich des öffentlichen Gesundheitswesens zu erklären. Eine letzte Bemerkung zu einer möglichen Fehlinterpretation dieses Buches möchte ich noch machen. Es gibt gewisse Kreise, die auf das Umweltbewußtsein der Nationalsozialisten hinweisen und daraus die Botschaft ableiten, in jedem staatlichen Gesundheitswesen oder jeder Umweltpolitik gäbe es eine latente faschistische Gefahr. Anti-Tabak-Aktivisten wurden als »Gesundheitsfaschisten« und »Niconazis« beschimpft. Weil die Nazis Puristen waren, müssen Puristen heute Nationalsozialisten sein, so lautet die ziemlich verdrehte Schlußfolgerung.7 Es gibt ein lateinisches Sprichwort dafür, so simpel ist der Denkfehler. Tabak ist für 80 – 90 Prozent der Lungenkrebsfälle in den westlichen Industrieländern verantwortlich, und diese Tatsache wird nicht dadurch geschmälert, daß es die Nationalsozialisten waren, die sie als erste bewiesen. Es ist vernünftig, den Zucker- und Fettkonsum einzuschränken und wenig Nahrungsmittel mit chemischen Konservierungsstoffen zu sich zu nehmen, auch wenn nationalsozialistische Ernährungswissenschaftler eine ähnliche Zurückhaltung empfahlen. Vielleicht überraschen uns derartige Dinge, aber wir können uns gewiß nicht davon in unseren Entscheidungen, wie wir uns heute ernähren und wie wir arbeiten, beeinflussen lassen. Oder sollten wir das vielleicht? Ich muß zugeben, daß einer der Gründe, warum ich dieses Buch geschrieben habe, der Versuch war, eine Antwort auf diese Frage zu finden. Vielleicht muß man die bereits angespannten Verbindungen durchtrennen, von denen man einst sagte, sie verbänden technische und moralische Werte, ich bin mir nicht sicher. Ich bin normalerweise nicht dafür, daß Wissenschaft wertfrei sein soll, aber ich glaube, wenn die Nationalsozialisten Pioniere in der Krebsforschung waren, so müssen wir wissen, wie es dazu kam und was dies bedeutet. 22
KAPITEL 1
WILHELM HUEPERS GEHEIMNIS Natürlich! In Deutschland wird sehr viel für die Krebsforschung getan, in allen Teilen des Reiches bestehen große Institute, für die der Führer alljährlich große Summen zur Verfügung stellen läßt. Adolf Butenandt, deutscher Nachkriegspräsident der Max-Planck-Gesellschaft, in einem Radiointerview von 1940
A
m 28. September 1933 schrieb Dr. Wilhelm Hueper, leitender Pathologe am Krebsforschungslabor der University of Pennsylvania, einen Brief an den nationalsozialistischen Kultusminister Bernhard Rust. Darin erkundigte sich Hueper nach seinen Chancen, an einer Universität oder einem Krankenhaus des neuen Deutschlands eine Anstellung zu bekommen. Hueper war zehn Jahre zuvor in die USA emigriert, und man kann in seiner unveröffentlichten Autobiographie nachlesen, daß das Hakenkreuz bereits 1919 auf seinem Freikorps-Helm prangte. Jetzt, nur einige Monate nach der »Machtergreifung«, ersuchte der junge Pathologe die deutschen Behörden um Erlaubnis, nach Deutschland zurückkehren zu können, um – wie er schrieb – seine Bindung an das »deutsche Volks- und Kulturgut« wieder zu festigen.1 Es ist in solchen Fällen nicht leicht auszumachen, was Überzeugung und was Opportunismus war. Und obwohl diese Unterscheidung vielleicht eine kleinere Rolle spielt, als wir gemeinhin annehmen, ist Huepers offenkundige Unterstützung des NS-Regimes (seinen Brief beendete er mit einem begeisterten »Heil Hitler!«) doch für all jene schockierend, die nicht mit der politischen Landschaft der europäischen Krebsforschung in den dreißiger Jahren vertraut sind (vgl. Abb. 1.1). Vermutlich beunruhigt uns diese Episode auch, weil sie einigen unserer bestgehüteten politischen Vorurteilen zuwider läuft. Schließlich kennt man Hueper als den »Vater« der amerikanischen Forschung über Krebsrisiken am Arbeitsplatz. Er war es, der dafür ein-
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ABB.1.1. Brief vom 28.September 1933 von Wilhelm Hueper an den NS-Kultusminister Bernhard Rust, in dem Hueper eine Anfrage für eine akademische Position im neuen »Reich« stellt. Hueper wird gemeinhin als Vater der amerikanischen Forschung zu Krebserkrankungen am Arbeitsplatz betrachtet und diente Rachel Carson in ihrem berühmten Werk Der stumme Frühling als Vorbild für das Kapitel über Krebs. Man beachte das »Heil Hitler« am Ende des Gesuchs. Quelle: Geheimes Staatsarchiv, Preußischer Kulturbesitz, Berlin-Dahlem, Rep. 76 Va Sekt. 1. IV, Nr. 5, Bd. 27, S. 19. Mit Dank an Michael Hubenstorf. 24
trat, daß man die Gesundheitsbehörden auf die Gefahren nicht gelüfteter Uranbergwerke aufmerksam machte, und wie kein anderer setzte er sich für die Erforschung krebserregender Stoffe in Lebensmitteln, Luft und Wasser ein. Hueper diente sogar als Leitstern für Rachel Carsons berühmtes Krebskapitel in deren Buch Der stumme Frühling. Wenige Monate vor seinem Tod im Jahr 1979 wurde Hueper zudem für seine Leistungen in der Erforschung der Krebsrisiken am Arbeitsplatz und der durch die Umweltverschmutzung bedingten Gefahren mit Ehrungen überhäuft.2 Was bewog den Helden von Der stumme Frühling dazu, seine Hoffnungen auf die NS-Bewegung zu setzen? Welche Taten oder Worte der Nationalsozialisten zur Krebsforschung veranlaßten einen Mann wie Hueper dazu, seine Zukunft im »Tausendjährigen Reich« zu sehen? DER INTELLEKT TRIUMPHIERT Über Wissenschaft und Medizin zur Zeit der Nationalsozialisten ist bereits sehr vieles bekannt. So wissen wir, daß bestimmte Wissenschaftszweige zerstört wurden, während andere florierten. Besonders gefördert wurden die angewandten Naturwissenschaften, ebenso jene Wissenschaften, die mit dem nationalsozialistischen Programm der »Rassentrennung« und der Vernichtung Hand in Hand gingen.3 Es ist auch kein Geheimnis mehr, daß sehr viele Ärzte der NSDAP angehörten und etwa 60 Prozent aller Biologen in die Partei eintraten,4 ebenso rund 80 Prozent aller Professoren für Anthropologie – von denen die meisten ebenfalls Ärzte waren.5 Man weiß, daß das NS-Regime ein ausgeklügeltes medizinisches Überwachungssystem unterhielt – dies als Teil des Vorhabens, die deutsche Nation zu stärken;6 und wir wissen auch, daß die nationalsozialistische Kultur eine seltsame Mischung aus modernen und rückwärtsgewandten Elementen bot – eine Mischung, die Jeffrey Herf als »reaktionären Modernismus« charakterisiert hat.7 Bei der Beschäftigung mit unserem Thema dürfen wir nicht vergessen, daß sich der Nationalsozialismus in jenem Land etablierte, das auf die bedeutendste Wissenschaftskultur der Welt zurückblicken konnte, die beinahe die Hälfte aller Nobelpreisträger und viele große Erfindungen hervorgebracht hatte. Die ganze Welt blickte voller Neid auf die deutsche Wissen25
schaft und Medizin, und so mancher hoffnungsvolle Akademiker ging nach Deutschland – in das »Land der Dichter und Denker« –, um sich seine akademischen Sporen abzuverdienen. Man kann das »Dritte Reich« nicht als Rückschritt in die intellektuelle Eiszeit betrachten: So viele Technologien wurden im nationalsozialistischen Deutschland entwickelt oder erreichten in dieser Zeit einen Höhepunkt: das Fernsehen, düsengetriebene Flugzeuge, Lenkflugkörper, elektronische Rechner, das Elektronenmikroskop, die Atomspaltung, die Datenverarbeitung, die industriellen Todesfabriken und die »Rassenforschung«. (Der kürzlich nach dem Roman von Carl Sagan entstandene Science-Fiction-Film Contact zeigt uns, daß die erste Fernsehsendung, die stark genug gewesen sei, dem Planeten zu entfliehen, die Hitlerrede bei der Eröffnung der Berliner Olympiade 1936 wiedergegeben habe.) Es gab Neuerungen auf dem Gebiet der Elementarphysik – im Jahr 1938 entdeckten Otto Hahn und Lise Meitner die Kernspaltung –, im Bereich der Hormon- und Vitaminforschung oder der Motorfahrzeugtechnik, der Volkswagen sollte im wahrsten Sinne des Wortes ein »Wagen des Volkes« sein. Neuentdeckungen machte man auch in der Pharmakologie, bei der Entwicklung von synthetischem Benzin und Gummi (die LG. Farben kontrollierte 1942 mehr als 90 Prozent der synthetischen Gummiproduktion).8 Das Nervengas Sarin und der chemische Kampfstoff Tabun sind beides Erfindungen der I. G. Farben aus der Zeit des Nationalsozialismus – ebenso wie das Opiat Methadon, das 1941 synthetisch hergestellt wurde, und Demerol, das ungefähr zur gleichen Zeit unter dem Namen »Pethidin« entstand.9 Man könnte noch viele weitere Beispiele nennen. Nationalsozialistische Luftfahrtingenieure entwarfen die ersten interkontinentalen Raketen – die allerdings nie gebaut wurden –, und es waren ebenfalls Deutsche, die in den vierziger Jahren den ersten Schleudersitz in einem Düsenflugzeug konstruierten. Deutsche Ingenieure bauten die ersten Autobahnen der Welt, und auf der weltweit ersten Magnetbandaufnahme hört man eine Hitlerrede. Es war der amerikanischen Armeeführung nicht entgangen, daß die deutschen Wissenschaftler während der Hitler-Ära nicht geschlafen hatten; so wurden nach dem Krieg Dutzende von führenden Wissenschaftlern damit beauftragt, Zusammenfassungen ihrer Fachbereiche zu schreiben, die ganze Buchbände füllten – eine eigentliche Encyclopedia Naziana, in die verschiedenste 26
wissenschaftliche Gebiete von der Biophysik bis zur Tropenmedizin Aufnahme fanden. Eigenartigerweise wurden manche Bereiche, wie zum Beispiel die Forschungen zur Gesundheit am Arbeitsplatz oder die Anti-TabakForschung, dabei vernachlässigt.10 Aus diesem Grund kann man nicht einfach behaupten, die Nationalsozialisten hätten den menschlichen Erfindergeist unterdrückt oder dieser habe nur in »innovativen Nischen« überleben können, die sich dem nationalsozialistischen Einfluß entzogen hätten.11 Es greift viel zu kurz, wenn man die Geschichte der Wissenschaft im »Dritten Reich« nur unter dem Gesichtspunkt von Unterdrückung und Überleben beschreibt. Wir müssen vielmehr herausfinden, wie und warum die nationalsozialistische Ideologie bestimmte Wissenschaftszweige förderte, wie die Forschung umgepolt und manipuliert wurde, und wie eng wissenschaftliche Projekte und Strategien mit den Bewegungen der politischen Kräfte zusammenhingen. Wenn wir feststellen, daß manche Wissenschaftszweige eine Blütezeit erlebten, so drängt sich die Frage auf: Was eigentlich war diese Wissenschaft, daß sie sich so leicht an die nationalsozialistische Politik anpaßte? Es ist bis heute noch wenig über die nationalsozialistische Krebsforschung und -bekämpfung geschrieben worden,12 und dafür gibt es aufschlußreiche Gründe. Historiker, die sich mit der NS-Medizin beschäftigten, konzentrierten sich entweder auf die politische und rassistische Ideologie oder die Mittäterschaft der Ärzte in NS-Programmen zur Sterilisation, Segregation und zum Mord im Namen der Medizin (zum Beispiel im sogenannten »Euthanasie«-Programm).13 Man weiß über diese mörderischen Aspekte der Medizin im »Dritten Reich« weit mehr als über viele andere Bereiche, die ebenfalls mit der nationalsozialistischen Ideologie verwoben waren, wie etwa die Sucht- oder Vitaminforschung. All dem haben die medizinischen Fachleute wenig Aufmerksamkeit geschenkt: zum einen weil die Ereignisse schon weit zurückliegen, zum anderen weil man sich wenig Gewinn davon erhofft, die nationalsozialistischen Erfolge in der Bekämpfung von künstlichen Lebensmittelfarben, von Tabak oder Industriestaub hervorzuheben. Vor allem in Deutschland möchte man sich nur ungern daran erinnern. Es ist zwar nicht weiter erstaunlich, daß Krebsforscher kein besonders ausgeprägtes Geschichtsbewußtsein haben, aber die Vergeßlichkeit wird in Deutschland verstärkt durch einen genuinen Widerwillen gegen alles, was in den dreißiger 27
und vierziger Jahren geschah. Viele Deutsche weichen der nationalsozialistischen Vergangenheit noch immer am liebsten aus. Dies ist eine ernüchternde Tatsache, vor allem wenn man bedenkt, daß die nationalsozialistischen Gesundheitsaktivisten wohl das entschlossenste und erfolgreichste Krebspräventionsprogramm ihrer Zeit entwickelt haben. Da die deutsche Krebsforschung – und die medizinische Forschung im allgemeinen – zur Zeit der »Machtergreifung« die fortschrittlichste der Welt war, ist dieses Engagement eigentlich nicht überraschend. Deutsche Wissenschaftler entdeckten als erste, daß Destillate aus Steinkohlenteer zu bestimmten Arten von Hautkrebs führen; ebenfalls als erste zeigten sie, daß die Arbeit in Uranbergwerken Lungenkrebs zur Folge haben kann (beides in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts). Das erhöhte Risiko, bei der Herstellung von Anilinfarbstoffen an Blasenkrebs zu erkranken, wurde in Deutschland festgestellt (1895),14 desgleichen die Lungenkrebsgefahr, die in Fabriken droht, wo mit Chrom gearbeitet wurde (1911),15 oder die Hautkrebsgefahr durch Sonnenlicht (1894).16 Deutsche Ärzte diagnostizierten den Zusammenhang zwischen Röntgenstrahlen und Krebserkrankungen (1902) und wiesen mittels Tierversuchen erstmals nach, daß Röntgenstrahlen Leukämie hervorrufen können (1906). Sie waren sogar die ersten, die vermuteten, daß ein erhöhter Radongehalt in Wohnhäusern ein Gesundheitsrisiko darstellen könnte (1907).17 Es gibt zahlreiche weitere Beispiele,18 und ich möchte im Interesse der Vollständigkeit (und mit dem Risiko, zu ausführlich zu sein) noch weitere nennen. Johannes Müller leistete in den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts Pionierarbeit, als er die mikroskopische Analyse von bösartigen Geschwülsten beschritt und dabei herausfand, daß sich Tumore aus Zellen zusammensetzen; Rudolf Virchow entwickelte im Berlin der 1860er Jahre die Theorie, Krebs könne durch lokale Irritationen entstehen.19 Auch in der Erforschung der »Übertragung von Karzinomen« leisteten Deutsche Pionierarbeit,20 und sie entwickelten schon früh die Theorie von der Latenzzeit, die von der Höhe der Dosis an schädlichen Stoffen abhängig ist.21 Deutsche waren zudem unter den ersten Forschern, die vermuteten, daß Hormone bei der Krebsentstehung eine zentrale Rolle spielen,22 und sie waren schon früh mit jener Idee vertraut, die man heute zuweilen »Xenoöstrogen-Hypothese« nennt, nämlich die Vorstellung, daß virulente petrochemische Karzinogene 28
wie beispielsweise Methylcholanthren aufgrund ihrer strukturellen Ähnlichkeit mit körpereigenen Hormonen krebsauslösend wirken.23 Und es war ein Münchner Pathologe (Max Borst), der als erster Tumore gemäß ihrer Histogenese klassifizierte – jener Methode, die heute von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) angewendet wird, um Krebsfälle einzuordnen.24 Die Liste läßt sich noch verlängern: Deutsche waren die ersten, die Gewebefarben als chemotherapeutische Wirkstoffe verwendeten (1922),25 und sie injizierten ihren Patienten als erste Thorium-Dioxid, um die Kontraste auf den Röntgenbildern zu verbessern (1928).26 Deutsche Genetiker zeigten, daß Dickdarmkrebs als dominantes Merkmal vererbt werden kann, und es war ein deutscher Zoologe – Theodor H. Boveri –, der im Jahr 1902 die These vertrat, Chromosomenanomalien könnten für die Entstehung von bösartigen Tumoren verantwortlich sein.27 In Deutschland fanden die ersten internationalen Kongresse zur Krebsforschung statt (in Heidelberg und Frankfurt am Main, 1906),28 und die weltweit erste Zeitschrift, die ausschließlich der Krebsforschung gewidmet war, erschien ebenfalls in Deutschland.29 Bahnbrechende Arbeit wurde im Bereich der optischen Diagnostizierung von Krebs geleistet. Nicht nur die Röntgenapparaturen und das Kolposkop wurden in Deutschland entwickelt, sondern auch das rektale Endoskop – ein mit Kerzenlicht beleuchtetes Modell, das 1807 in Frankfurt entstand.30 Deutsch war eine Zeitlang die Sprache der internationalen Krebsforschung: Als Katsusaburo Yamagiwa und Koichi Ichikawa im Jahr 1915 ihre Ergebnisse eines Experiments veröffentlichten, in dem sie mit Teer bei Versuchstieren Krebs ausgelöst hatten, taten sie dies auf Deutsch.31 Deutsche vermuteten offenbar auch als erste einen Zusammenhang zwischen Passivrauchen und Lungenkrebs, und zwar bereits im Jahr 1928.32 Die deutschen Wissenschaftler der dreißiger Jahre bauten ihre Arbeit auf dieser wissenschaftlichen Basis auf. Der 1931 gegründete Reichsausschuß für Krebsbekämpfung wurde erweitert, und 1933 startete man ein ehrgeiziges Projekt: die Monatsschrift für Krebsbekämpfung. Diese Zeitschrift wurde vom berüchtigten antisemitischen J. F. Lehmann Verlag gegründet, um die Bestrebungen zur Krebsbekämpfung zu koordinieren. Während der zwölf Jahre nationalsozialistischer Herrschaft entstanden mehr als tausend medizinische Doktorarbeiten zur Erforschung von Krebs, nur Blutkrankheiten erhielten noch mehr Aufmerksamkeit.33 Man richtete eine zentrale 29
Meldestelle für Krebserkrankungen ein, von der nicht nur die Sterblichkeit (Anzahl der Todesfälle) sondern auch die Erkrankungsziffer (Häufigkeit der Erkrankung) erfaßt wurde. Es wurden Anstrengungen unternommen, um präventionsorientierte Maßnahmen zu fördern – Schutzmaßnahmen am Arbeitsplatz, Gesetze gegen das Panschen von Lebensmitteln und Medikamenten, Rauchverbote und Programme, um den Gebrauch krebsfördernder Kosmetika zurückzudrängen, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Hatten die nationalsozialistischen Maßnahmen zur Krebsbekämpfung Erfolg? Mit anderen Worten: Konnten die Krankheitsraten im Deutschland der Nachkriegszeit beeinflußt werden? Die Frage ist von großem Interesse, weil in Deutschland seit den fünfziger Jahren eine deutliche Abnahme der generellen alterskorrigierten Krebs-Sterbeziffer zu beobachten ist. Dies ist genau der Zeitraum, in dem sich die gesundheitspolitischen Maßnahmen der dreißiger Jahre in den Statistiken zu Krebserkrankungen und –Sterblichkeit niederschlagen müßten. Allerdings ist auch möglich, daß die allgemeinen gesundheitsfördernden Maßnahmen – wie beispielsweise die Förderung des Frauensports oder die Kampagne für den Konsum von Vollkornbrot – unbeabsichtigte positive Auswirkungen auf die Krebsrate hatten. Auch andere Maßnahmen, welche die Nationalsozialisten zur Verwirklichung anderer Ziele trafen, hatten vielleicht positive Effekte auf die Krebsrate – beispielsweise die pronatalistische Bewegung, die zur Folge hatte, daß mehr Frauen Kinder bekamen und zugleich das durchschnittliche Empfängnisalter sank. Den größten Einfluß hatte jedoch vermutlich der Krieg selbst. Der Tabak mußte rationiert werden, fettarme, karge Ernährung war an der Tagesordnung, der Lebensstil veränderte sich – all diese Faktoren vermindern das Krebsrisiko. Wie geht man mit diesen Vermutungen um? Kann es sein, daß es einem der mörderischsten Regimes der Geschichte tatsächlich gelang, bei einigen Bevölkerungsgruppen die Krebsraten zu senken? Wer profitierte von diesen Maßnahmen, und wer hatte darunter zu leiden?
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»STAATSFEIND NUMMER EINS« Deutschland war zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine reiche Industrienation, die unter einer der höchsten Krebsraten der Welt litt. Das starke Interesse der Deutschen an der Krebsbekämpfung muß vor diesem Hintergrund verstanden werden. Deutsche Gewerkschaften und sozialistische Parteien hatten gegen Ende des 19. Jahrhunderts begonnen, sich für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz einzusetzen. In diese Zeit fielen zudem tiefgreifende Wandlungen auf dem Gebiet der Sozialmedizin – Deutschland besaß das weltweit am besten ausgebaute Sozialsystem, das 1883 in Reaktion auf sozialistische Forderungen geschaffen worden war. Die Medizin hatte in Deutschland eine sehr mächtige Position inne, sie war in hohem Maße politisiert, und Berlin galt als eines der weltweit bedeutendsten Zentren für medizinische Forschung.34 Auch die »Lebensreform«-Bewegung spielte in Deutschland eine wichtige Rolle. Deren Anhänger verstanden die Krebserkrankungen als Ausdruck der Tatsache, daß sich der Mensch zu weit von seinen natürlichen Ursprüngen entfernt hatte. Man darf auch nicht außer acht lassen, daß die Versicherungen in der Prävention ein kostensparenderes Mittel sahen als in der Behandlung der Krebserkrankungen. So erstaunt es nicht weiter, daß die Deutschen in den dreißiger Jahren Schritte unternahmen, um den Krebs zu bekämpfen. Auf welche Krebsarten man sich dabei konzentrierte, muß ebenfalls vor dem Hintergrund der besonderen deutschen Entwicklung im Bereich der Industrie, Ideologie und Technologie verstanden werden. Weil Deutschland in den 1890er Jahren eines der führenden Länder in der Produktion synthetischer Farbstoffe war, entdeckten beispielsweise nicht zufällig deutsche Forscher die krebsauslösende Wirkung des Anilinfarbstoffs.35 Deutsche Berufsverbände etablierten als erste informelle Richtlinien für den Strahlenschutz.36 Dies lag nicht nur daran, daß die Röntgenstrahlen in Deutschland entdeckt wurden, sondern war auch Ausdruck der mächtigen und einflußreichen Stellung der deutschen Berufsverbände. In Deutschland erkannte man schon früh die Krebsgefahr, die von Teer, Asbest und Radium ausging, dies hatten die deutschen Arbeiter ihren einflußreichen Gewerkschaften und den Arbeiterparteien zu verdanken. Deutschland anerkannte 1926 als erstes Land Lungenkrebs bei Bergleuten in Uranminen als entschädigungspflich31
tige Berufskrankheit. Amerikanische Industrietoxikologen blickten 1934 voller Bewunderung auf das deutsche Verfahren, chemische Farbstoffe in geschlossenen Fertigungssystemen herzustellen. Auch sie wollten diese Praxis einführen, um Fälle von Blasenkrebs zu verhindern.37 Deutsche gründeten Organisationen, um den Alkohol- und Tabakkonsum zu bekämpfen, weil man der Ansicht war, diese Genußmittel schadeten der Vollkommenheit des deutschen Volkskörpers – eine Sorge, die die Rassenhygiene- und die Lebensreform-Bewegung teilten. Weil man erkannte, daß die Krebserkrankungen ständig zunahmen, gründeten deutsche Ärzte im Jahr 1900 die weltweit erste staatlich unterstützte Gesellschaft zur Krebsbekämpfung: das »Zentralkomitee zur Erforschung und Bekämpfung der Krebskrankheit«.38 Die Deutschen hatten seit Ende des 19. Jahrhunderts ansteigende Krebsraten beobachtet; als die Zahlen in den zwanziger Jahren in die Höhe schössen, erregte dies öffentliches Aufsehen.39 Im Jahr 1928 überholte Krebs die Tuberkulose als zweithäufigste Todesursache, und als die Krebserkrankungen sogar häufiger auftraten als die meistverbreitete Form des Herzinfarkts, wurde die heimtückische Tumorkrankheit zum »Staatsfeind Nummer Eins« erklärt.40 In den dreißiger Jahren starben jährlich rund hunderttausend Deutsche an Krebs; eine weitere halbe Million Menschen lebte mit der Krankheit und litt darunter.41 Deutschland hatte zu dieser Zeit eine der höchsten Krebsraten der Welt – das lag einerseits an der hohen Lebenserwartung der Bevölkerung und andererseits an Lebensgewohnheiten, die die Krebsentstehung förderten. Gleichzeitig hatte Deutschland eines der fortschrittlichsten Gesundheitswesen entwickelt, im Rahmen dessen man sich bemühte, die explodierenden Krebsraten in den Griff zu bekommen. Zudem saß in Deutschland eine politische Partei mit hohem Gesundheitsbewußtsein und einer beispiellosen Staatsgewalt an den Schalthebeln der Macht – eigentlich waren das ideale Voraussetzungen, um die wachsende Gefahr zu bekämpfen. Interessanterweise legten die Nationalsozialisten den Schwerpunkt ihrer Bestrebungen zur Krebsbekämpfung auf die Prävention. Auch bei anderen Fragestellungen entschied sich die NSDAP, vor allem auf Vorbeugung zu setzen: Mit Hilfe der Rassenhygiene wollte man zum Beispiel das Erbgut längerfristig schützen, ganz anders als bei der traditionellen sozialen oder individuellen Hygiene.42 Dieser Ansatz war natürlich nicht vollkommen neu: 32
Sozialistische und kommunistische Ärzte hatten seit langem hervorgehoben, wie wichtig Prävention sei, und nationalsozialistische Ärzte konnten sich sogar auf Platons Mahnung berufen, wonach die Sorge um den Körper der Heilkunst vorzuziehen sei, da erstere die letztere überflüssig mache.43 Bereits zur Zeit der Weimarer Republik unternahm man verschiedene Anstrengungen in diese Richtung: Büros für statistische Erhebungen wurden eingerichtet, mit Hilfe von Aufklärungskampagnen sollte die Früherkennung gefördert werden, und es wurden neue Gesetze beschlossen, die einen gesunden und sicheren Arbeitsplatz fördern sollten. Neu hinzu kam nun im »Dritten Reich« die Allmacht der polizeilichen und gesetzgebenden Autoritäten, um breitangelegte Präventionskampagnen durchzuführen, und der vielgepriesene »politische Wille«, diese Autorität auch einzusetzen, um die Gesundheit der Nation zu stärken.
ERWIN LIEK UND DER GEDANKE DER PRÄVENTION Der Danziger Chirurg Erwin Liek (1878-1935) war einer der bekanntesten Verfechter des nationalsozialistischen Standpunkts zum Thema Krebs. Liek ist eine komplexe und faszinierende Persönlichkeit. Wir werden ihm bei unserer Beschäftigung mit den nationalsozialistischen Ernährungskonzepten im 5. Kapitel wieder begegnen. Er wird heute in erster Linie als »Vater der NS-Medizin« verunglimpft, war jedoch auch ein weitgereister Mann, ein Kosmopolit, der noch im Jahr 1934 freundliche Worte des Lobs für Freud publizierte.44 Lieks berufliche Karriere umspannte dreißig Jahre, die Schriften, die in dieser Zeit entstanden, zeichneten sich durch eine große thematische Bandbreite aus – einschließlich einer heftigen Attacke gegen gewissenlose Menschenversuche –,45 am bekanntesten jedoch war seine Kritik an der »geistigen Krise« der modernen Medizin: Seiner Meinung nach war die Medizin durch Spezialisierung, Bürokratisierung und Verwissenschaftlichung geschwächt und durch Gier, Kurzsichtigkeit und die mangelnde Anerkennung der natürlichen Fähigkeiten des Körpers, sich selbst zu heilen, verfälscht. Liek war zwar ein Praktiker, aber er hatte auch einen starken Hang zu romantisierenden Ansichten. Er sehnte sich nach vergangenen Zeiten, als die Wissenschaft noch nicht das A und O der Medizin und das Verhältnis 33
zwischen Arzt und Patient (angeblich) noch eine geheiligte Vertrauenssache war. Als Gründer und Herausgeber von Hippokrates, einer allgemeinmedizinischen Zeitschrift, die große Sympathien für homöopathische Ansätze und die Bewegung für natürliche Ernährung hegte, trug er wesentlich zur Einführung einer umfassenderen und ganzheitlicheren Medizin bei, wie sie verschiedene führende Nationalsozialisten vertraten – Mediziner wie Kurt Klare, Karl Kötschau, Walter Schultze und Ernst Günther Schenck, aber auch Politiker in höchsten Positionen wie Heinrich Himmler, Julius Streicher, Rudolf Heß und Hitler selbst.46 Es ist in jedem Fall nicht leicht, Liek einzuordnen, seine Haltung gegenüber dem Nationalsozialismus war, zumindest zeitweise, ambivalent. Er trat der NSDAP nie bei, trotzdem wurde ihm offenbar – vor 1933 und von Hitler persönlich – die Position des Reichsärzteführers angeboten (dieses Amt übernahm schließlich Gerhard Wagner, ein Bewunderer von Liek, dessen schlechter Gesundheitszustand seine Ernennung verhinderte).47 Im Jahr 1933 war Liek schließlich deutlich in seinem Lob für die NS-Bewegung: In einem Essay mit dem Titel Die Welt des Arztes, der aus jenem Jahr stammt, lobte er Hitler für die »Abwehr und Vernichtung des Marxismus, Verneinung des Gleichheitswahns, Beseitigung der Parteien, Kaltstellung der Schwatzparlamente, Einigung des deutschen Volkes, Abbau der Arbeitslosigkeit und vieles andere mehr«. Nationalsozialismus verkörperte für ihn den »Aufbruch zur Freiheit« und die »Reinigung des deutschen Augiasstalles«.48 In Lieks zahlreichen Publikationen gibt es wenige offen antisemitische Äußerungen, aber man findet versteckte Anspielungen, deren Botschaft ziemlich eindeutig ist – beispielsweise in seinem Angriff auf analytische Labormethoden. Sogar in seiner heftigen Kritik an den Menschenversuchen schwingt Antisemitismus mit, wenn er über die »jüdischen Auswüchse« schreibt, die auf diesem Gebiet publiziert worden seien. – Der bekannteste Fall war jener des Dermatologen Albert Neisser: Neisser spritzte im Jahr 1895 jungen Prostituierten – die jüngste war erst zehn Jahre alt – ein Syphilis-Serum, in der Hoffnung, sie so gegen die Krankheit immun zu machen, statt dessen entwickelten viele von ihnen ein vollständiges Krankheitsbild. Dieser Vorfall löste eine breite Debatte über die ethische Problematik des Experimentierens an Menschen aus, woraufhin die weltweit strengsten Ge34
setze bezüglich mißbräuchlicher Experimente erlassen wurden – es war dies das berühmte preußische Gesetz aus dem Jahr 1900.49 Liek hat sich bekanntermaßen im privaten Kreis über die »Verjudung« der deutschen Medizin beklagt – etwa in Briefen an seinen engen Freund und Verleger Julius F. Lehmann –, und er hat die Juden kritisiert, es mit der Genauigkeit zu übertreiben und eine gewisse wichtigtuerische Effekthascherei in die Wissenschaften mit einzubringen. Er befreundete sich mit dem in München ansässigen Lehmann – einem glühenden Nazi und Deutschlands führendem Verleger medizinischer Schriften.50 Lehmann hatte auch Lieks erstes, sehr erfolgreiches Buch gedruckt: Der Arzt und seine Sendung erschien 1926, wurde mehrmals neu aufgelegt und in mehr als 100000 Exemplaren verkauft (die meisten nach 1933). Die Sorgen des Verlegers wegen des »ganz furchtbaren Einflusses des Judentums« in der Medizin teilte Liek, er war gleichfalls der Ansicht, die »jüdisch beherrschte« Weimarer Republik sei eine Ära der »seelischen Verlumpung« gewesen, und hoffte wie Lehmann, die neue Regierungsspitze könnte die Ehre, Moral und Selbstlosigkeit der deutschen Nation wiederherstellen. Lieks Ehefrau lobte den Arzt später als einen Menschen, der sich schon früh für die nationalsozialistischen Ideale eingesetzt habe.51 Es wäre vielleicht zutreffender, ihn als eine Art Nietzsche der Medizin zu beschreiben, oder vielleicht noch eher als den Frederick Hoffman52 oder die Rachel Carson Deutschlands (wegen seiner Kritik am Niedergang der Umwelt). Liek hat zwei Bücher über Krebs geschrieben. 1932 erschien sein Werk Krebsverbreitung, Krebsbekämpfung, Krebsverhütung, in dem der Danziger Chirurg Krebs als eine »Krankheit der Kultur« bezeichnete, die sich in zunehmendem Maße ausbreite. Eine natürliche Lebensweise sei der beste Schutz vor dieser Krankheit, denn: »je zivilisierter, je wohlhabender ein Land, je eiweißreicher die Ernährung, desto mehr Krebs«.53 Liek war der Überzeugung, daß Krebs bei den »primitiven« Völkern der Erde kaum vorkomme. Diese Ansicht hatte sich seit den vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts verbreitet und wurde von Leuten wie Frederick Hoffman, dem amerikanischen Versicherungsvertreter, oder auch von Vilhjalmur Stefansson, dem Arktisforscher, unterstützt.54 Liek war sich sicher, die steigenden Krebszahlen auf unterschiedlichste Faktoren der modernen Zivilisation zurückführen zu können: arsenhaltige Pestizide, Kunstdünger, übermäßiges Rau35
chen, Trinken und sexuelle Ausschweifungen. Die Menschen würden zu häufig geröntgt, und die aus dem hohen Tempo des modernen Lebens resultierende chronische Angespanntheit schwäche die körperlichen Abwehrkräfte und mache die Menschen viel anfälliger für Krebserkrankungen. In falscher Ernährung erkannte Liek die Hauptursache für Krebserkrankungen – eine Ansicht, die er nicht zuletzt durch die hohen Magenkrebsraten in Japan bestätigt sah. Diese mußten eng mit dem Konsum von enormen Mengen stark gewürzter Speisen zusammenhängen – außerdem äßen die Japaner nur sehr unregelmäßig Fleisch. Für die deutschen Krebszahlen mitverantwortlich waren Lieks Auffassung nach die großen Mengen petrochemischer-Konservierungsmittel und Farbstoffe, die den Nahrungsmitteln zugesetzt wurden. Gemüse, so klagte Liek, werde oft mit einem Kupfersulfat grün gefärbt (100 Milligramm pro Kilogramm betrug damals der Grenzwert für diese Substanz), während Zucker mit einem Farbstoff, der als »Ultramarin« bekannt war, bläulich eingefärbt wurde, einem schwefelhaltigen Natrium-Aluminium-Silikat, das später durch Alizarinblau, ein Kohlenteer-Derivat, ersetzt wurde. Brot bleichte man damals häufig mit Benzoylperoxid, nachdem viele der natürlichen Vitamine und Ballaststoffe, die eigentlich in Vollkornbroten vorkommen, durch die industrielle Verarbeitung entzogen worden waren.55 All dies trug Lieks Meinung nach zur Verbreitung des Krebses bei. In seinem zweiten Buch zum Thema, Der Kampf gegen den Krebs (1934), gestand Liek ein, daß einige Befürchtungen im Zusammenhang mit der Ernährung übertrieben seien. Er war beispielsweise nicht der Meinung, daß Aluminium-Kochtöpfe Krebs verursachen (eine beinahe hysterische Angst in den späten zwanziger Jahren), und er fragte sich, ob die Gefahren des Bleis oder des Quecksilbers nicht übertrieben dargestellt würden (schon damals war die Angst vor Vergiftungen durch Zahnfüllungen verbreitet). Er korrigierte auch einige Aussagen, die er in seinem vorherigen Buch aus dem Jahr 1932 gemacht hatte. So war er beispielsweise nicht mehr der Meinung, daß Rohzucker qualitativ besser sei als raffinierter Zucker oder daß der häufigste blaue Farbstoff im Zucker ein Teer-Derivat sei (die Teerprodukte wurden später eingeführt).56 An seinem Hauptargument hielt er jedoch fest: Krebs konnte durch Prävention verhindert werden. Wenn der Zerfall der natürlichen Lebensweise dafür verantwortlich war, daß die Krebsrate anstieg, so 36
konnte man diesen Trend durch Veränderungen der Lebensweise auch wieder umkehren. Wichtig sei, daß sich die Medizin neu orientiere – das Schwergewicht müsse vom Heilen und Pflegen zur Prävention verschoben werden: Fürsorge und Nachsorge sollten durch eine vermehrte Aufmerksamkeit für die Vorsorge ergänzt werden.57 Liek war sich durchaus bewußt, daß er bei seinen Bemühungen, krebserzeugende Substanzen aus der Umgebung des Menschen zu verbannen, auf mächtigen Widerstand der betroffenen Industriezweige stoßen würde. Die Anbieter von Alkohol, bestimmten Lebensmitteln und pharmazeutischen Produkten beispielsweise schätzten seine Anstrengungen keineswegs. Sie versuchten die Öffentlichkeit vielmehr davon zu überzeugen, daß Bier ein Nahrungsmittel sei, Blechbüchsen der Bequemlichkeit dienten und die Zahnpasta der Marke X Karies bekämpfe. Liek wies nachdrücklich darauf hin, daß von solchen Firmen Widerstand zu erwarten sei; er bemerkte jedoch auch, daß ein neuer politischer Wind wehte, der all dies verändern konnte. Er nennt den Nationalsozialismus nicht beim Namen, spielt aber ganz offensichtlich darauf an. Weiter schreibt Liek, es habe zehn Jahre gedauert, bis man seine Kritik an der Chirurgie ernst genommen habe, nun nehme er an, seine Vorschläge zur Krebsbekämpfung würden schon früher erhört werden. An verschiedenen Universitäten (wie in Wien) wurden Krebskliniken eingerichtet, in denen auch Ernährungstherapien durchgeführt wurden, und die Krebszeitschriften (zum Beispiel die Zeitschrift für Krebsforschung) empfahlen, daß die Direktoren der deutschen Krebskliniken Fachkenntnisse in Ernährungsfragen mitbringen sollten. Liek meinte, Deutschland sei »jetzt dabei, einen weiteren Schritt zu machen, wir kommen von der Vorsorge für den einzelnen Menschen zum Versuch der Krebsverhütung im großen Maßstab, d.h. für das ganze Volk«.58 Liek war nicht der einzige aus dem rechten politischen Lager, der sich für die Prävention einsetzte. Verschiedene führende Nationalsozialisten – von Gauleiter Julius Streicher bis zum Leiter des »Amtes für Volksgesundheit« Leonardo Conti – befürworteten eine Konzentration auf die Präventivmedizin.59 Die Monatsschrift für Krebsbekämpfung vertrat die Devise, je früher ein Tumor behandelt werde, um so größer seien die Heilungschancen. Und die Zeitschrift für Krebsforschung verkündete, Prophylaxe sei die beste Therapie.60 Der Glauben an die Prävention ging Hand in Hand mit der Vor37
stellung »Gemeinnutz geht vor Eigennutz«, ein weiterer Grundsatz des nationalsozialistischen Gedankenguts. So formulierte es auch ein Aktivist im Kampf gegen den Tabak: Nikotin schädige nicht nur den einzelnen Menschen, sondern die gesamte Bevölkerung.61 Auch der Wert, den die Nationalsozialisten mit der Natur und einer natürlichen Lebensweise verbanden, paßte gut zum Konzept der Krebsprävention.62 Hitler war Vegetarier, er rauchte und trank nicht und gestattete niemandem, dies in seiner Gegenwart zu tun – Ausnahmen gab es nur manchmal für Frauen.63 Der Vegetarismus erhielt Auftrieb: Verschiedene Autoren nahmen in der Zeitschrift Hippokrates die aus dem 19. Jahrhundert stammende Empfehlung Friedrich Benekes wieder auf, wonach sich Krebspatienten vegetarisch ernähren sollten.64 Karl Kötschau, seit 1934 Professor für »Organische Medizin« in Jena und der wichtigste Wortführer der Naturheilkunde-Bewegung, startete eine Kampagne gegen die blei- und arsenhaltigen Pestizide, mit denen man die Weintrauben behandelte.63 Auch Befürchtungen aus der Weimarer Zeit, wonach Blei in Wasserleitungen und Zahnpastatuben eine gesundheitsschädigende Wirkung habe, wurden wiederbelebt. Man bemühte sich, die Zusätze in den Nahrungsmitteln einer strengeren Kontrolle zu unterziehen und das übermäßige Salzen von Fertigprodukten zu unterbinden.66 Diese Bemühungen, wieder in Einklang mit der Natur zu leben, führten zuweilen zu seltsamen Allianzen. Die deutschen »Siebenten-Tags-Adventisten«, deren Lehre entsprechende gesundheitspolitische Reformen bejaht, begrüßten das neue Regime im Sommer 1933 ausdrücklich. Sie zeigten sich hocherfreut über die Tatsache, daß die Nation nun in den Händen eines Mannes sei, dessen Macht – ihrer Meinung nach – gottgewollt sei. Auch freute sie die Tatsache, daß Hitler weder rauchte noch trank und zudem Vegetarier war. Die Adventisten traten für Abstinenz und gesunden Lebensstil ein und schienen aus diesem Grund gut zum neuen Zeitgeist zu passen, obwohl ihre Abneigung gegen Schweinefleisch wohl den einen oder anderen irritierte. Am 26. November 1933 wurde die Sekte verboten, und erst nach einigem klugen Taktieren von Seiten des Sektenführers Hulda Jost wurde dieses Verbot rückgängig gemacht.67 Auch Homöopathen schlossen sich den enthusiastischen nationalsozialistischen Gesundheitsaposteln an. Man stimmte darin überein, daß Queck38
silber das Gedächtnis schwäche und Arsen zu Depressionen führe. Der homöopathische Ansatz, der die Bedeutung von seltenen (oder fehlenden!) Spurenelementen ins Blickfeld rückte, paßte zu der Vorstellung, daß durch körperfremde Substanzen wie Quecksilber, Blei oder Arsen gravierende körperliche Schäden verursacht werden. Das Konzept der Prävention ließ sich problemlos mit der Vorstellung vereinbaren, daß man die Gesundheit wiederherstellen könne, wenn man sich den seltenen, aber hochwirksamen Schadstoffen nicht aussetzte, die den deutschen »Volkskörper« angriffen.
FRÜHERKENNUNG UND MASSENUNTERSUCHUNGEN Die Aufwertung der Prävention gab dem nationalsozialistischen Kampf gegen Krebs neue Hoffnung: Die nationalsozialistischen Bemühungen in der Krebsbekämpfung sind geprägt von Optimismus, ein Faktor, der in den Gesundheitsprogrammen der Weimarer Zeit fehlte (siehe Abb. 1.2). Voller Begeisterung feierte Felix Grüneisen, der Generalsekretär des Reichsausschusses für Krebsbekämpfung, 1933 die kommende Ära einer »planmäßigen Krebsbekämpfung in Deutschland« von nicht vorhersehbarem Ausmaß.68 Ranghohe Nationalsozialisten wiesen frühere Krebsprogramme als zaghafte »Vogel-Strauß-Politik« zurück und versprachen, auf diesem Gebiet mit neuer Kraft vorzugehen.69 Man konnte in medizinischen Zeitschriften nachlesen, wie der »Führer« prahlte, das Wort »unmöglich« gehöre nicht in den Wortschatz eines richtigen Nationalsozialisten. Das Stichwort Früherkennung bildete das Herzstück der Krebspropaganda in der NS-Zeit. Ärzte klagten darüber, wie viele Menschen erst mit Krebserkrankungen in fortgeschrittenem Stadium zu ihnen in die Praxen kamen – dies betraf vor allem Frauen. Inzwischen war man nämlich zu der Einsicht gelangt, daß Tumore in der Gebärmutter oder der Brust eine viel größere Heilungschance hatten, wenn sie früh erkannt wurden. Die Forderungen im Zusammenhang mit der Früherkennung klangen zuweilen etwas phantastisch: Hans Hinselmann, der Erfinder des Kolposkops (ein mit Licht arbeitendes optisches Instrument, mit dem Frauen auf Gebärmutterund Gebärmutterhalskrebs untersucht wurden), prophezeite, daß im Jahr 1938 niemand mehr an diesen Krankheiten zu sterben brauche, falls sein 39
ABB. 1.2. »Krebs, rechtzeitig erkannt, ist heilbar!« Die Nationalsozialisten organisierten Massenkampagnen, um Vorsorgeuntersuchungen zu fördern. Quelle: Friedrich Kortenhaus, »Krebs«, in: Deutsches Gold: Gesundes Leben – Freies Schaffen, hrsg. von Hans Reiter und Johannes Breger (München: Röhrig, 1942), S. 439.
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Instrument breite Verwendung fände. Er warnte auch davor, daß Ärzte, die sein Instrument nicht benützten, sich mitschuldig machten am Tod der weltweit 400000 Frauen, die jährlich an Gebärmutter- und Gebärmutterhalskrebs starben.70 Die Forderungen nach Früherkennung in der NS-Zeit waren natürlich nicht völlig neu. Georg Winter, Chefarzt der Frauenklinik der Universität Berlin, hielt fest, daß um die Jahrhundertwende beinahe drei Viertel der Frauen, die sich wegen Gebärmutterkrebs behandeln lassen wollten, zu spät kamen und er ihnen nicht mehr helfen konnte. Im Dezember 1902 begann er in Königsberg, wo er nun Direktor der Frauenklinik der Universität war, eine Kampagne zur Förderung der Früherkennung. Er verschickte 1200 Broschüren an Ärzte sowie 1100 Handzettel an Hebammen, und wollte so auf die Bedeutung der Früherfassung hinweisen. Er schrieb zudem einen vielbeachteten und in jeder Regionalzeitung abgedruckten Artikel, in dem er die Frauen auf die frühen Symptome der Krankheit und die Notwendigkeit einer sofortigen Diagnose aufmerksam machte. Winter feierte seine eigenen Bemühungen im Jahr 1933 als erste organisierte Kampagne gegen den Krebs.71 Man bediente sich während der NS-Zeit verschiedener Kanäle, um insbesondere die Frauen zu ermutigen, einen Arzt zu konsultieren. Radio- und Zeitungsaufrufe drängten Frauen, sich einer jährlichen oder sogar halbjährlichen Krebsuntersuchung zu unterziehen, während man den Männern riet, ihren Dickdarm so häufig untersuchen zu lassen, wie sie den Motor ihres Autos kontrollierten (siehe Abb. 1.3). In den meisten deutschen Städten wurden »Krebsberatungsstellen« eingerichtet, deren Zweck es war, die Bedeutung der Früherkennung bekanntzumachen und zugleich an Krebs erkrankte Menschen über Therapiemöglichkeiten zu informieren.72 Auch an Ärzte wurden Merkblätter zur Bedeutung der Früherkennung verteilt. Hans Auler beteiligte sich an der Produktion eines Propagandafilms, in dem die Bedeutung der Frühdiagnose und die daraus resultierende mögliche Heilbarkeit der Krebserkrankungen betont wurden. Der Titel des Films gab zu bedenken, daß ansonsten Jeder Achte der Krankheit erliegen werde –73 mit dieser rhetorischen Figur versuchte es Rachel Carson später auch bei den amerikanischen Lesern.74 Man demonstrierte den Frauen, wie sie selbst ihre Brust auf Krebs hin untersuchen konnten (siehe Abb. 1.4); offenbar waren 41
ABB. 1.3. Regelmäßige ärztliche Untersuchungen sind so wichtig wie die regelmäßige Kontrolle des Autos. Aus Kortenhaus, »Krebs«, S. 437; erstmals veröffentlicht im Ausstellungskatalog des Deutschen Hygiene-Museums, Kampf dem Krebs, von Bruno Gebhard (Dresden: Deutscher Verlag für Volkswohlfahrt, 1933), S. 45.
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ABB. 1.4. Anleitung zur Selbstuntersuchung der Brust, etwa 1936. Das Deutsche Hygiene-Museum in Dresden fordert Frauen auf, ihre Brust auf Tumore im Frühstadium zu untersuchen; Deutschland scheint das erste Land der Welt gewesen zu sein, das solche Kampagnen betrieb (vergleichbare amerikanische Anstrengungen setzten erst dreißig Jahre später ein). Frauen wurden auch aufgefordert, ihren Menstruationszyklus in einen Kalender einzutragen, um Unregelmäßigkeiten festzustellen, die auf Krebs hinweisen könnten. Quelle: Kortenhaus, »Krebs«, S. 431.
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die Deutschen weltweit die ersten, die einen solchen Schritt unternahmen – amerikanische Ärzte veröffentlichten vergleichbare Anleitungen erst in den sechziger Jahren. Hunderttausende von Frauen gingen in dieser Zeit zu den Krebsvorsorgestellen. Allein in Königsberg wurden 1942 rund 25000 Frauen untersucht, dabei stellte man 129 vorher unentdeckte Erkrankungen fest.75 Der Feldzug für die Früherkennung flaute nach 1938, als die Propaganda vielen Berichten zufolge ihren Höhepunkt erreichte, etwas ab. Der Krieg dämpfte derartige Anstrengungen, obwohl einige Mediziner nach wie vor auf Maßnahmen hofften. In einem Artikel aus dem Jahr 1942 über »Die Früherfassung des Krebses in der Zukunft« blickte der Gynäkologe Georg Winter optimistisch auf die kommende Entwicklung, in der die »Aufklärung« von massenhaften Röntgenuntersuchungen begleitet sein würde. Eine zentrale Rolle sollte auch der Aufklärung über das Radio zukommen, ebenso wollte man auf die Vorbildwirkung geheilter Krebspatienten setzen: »Weiter ist die von ihrem Krebs befreite Kranke eine wirksame Propagandistin«. Ärzte würden lernen müssen, die Angst vor Krebs – eine spezielle Schwäche »des weiblichen Geschlechts« – zu bekämpfen. Winter prophezeite, zukünftige Krebsspezialisten würden mit speziellen Untersuchungswagen durchs Land fahren, die mit Röntgenstrahlen und anderen diagnostischen Instrumenten ausgerüstet wären, um Erkrankungen der Gebärmutter zu erkennen. Auch schlug er zwei »Krebsmonate« pro Jahr vor, zum Beispiel März und September, in denen Frauen zu Krebsuntersuchungen angehalten würden. Den Auftakt zu den Kampagnen würde eine Propagandawelle bilden – mit Vorträgen, Radioaufrufen und Artikeln in Lokalzeitungen –, während sich die Kliniken, Krankenhäuser und Beratungsstellen auf die Flut der kommenden Untersuchungen vorbereiten würden. Erkrankte Personen würden dann sofort und kostenlos in ein Krankenhaus überwiesen.76 Zahlreiche deutsche Ärzte nahmen die Notwendigkeit der Früherkennung sehr ernst. Robert Hofstätter, ein Antitabak-Aktivist und Frauenfeind, forderte in einem Artikel von 1939 in der wöchentlich erscheinenden Wiener medizinischen Zeitschrift, daß alle deutschen Frauen über Dreißig sich zweimal jährlich einer gynäkologischen Krebsuntersuchung unterziehen müßten. Hofstätter führte aus, daß ein staatliches Krebsuntersuchungsprogramm eine Belegschaft von 5760 Ärzten erfordern und 35 Millionen 44
Reichsmark pro Jahr kosten würde, was eine enorme, aber akzeptable Summe sei. Er forderte außerdem, daß Frauen, die sich nicht untersuchen ließen, bestraft werden sollten, weil sie eine zusätzliche finanzielle Belastung für die Versicherungen darstellten. Frauen, die sich den Untersuchungen widersetzten, sollten im Falle einer Erkrankung nur die Hälfte der üblichen Versicherungssumme erhalten.77 Anzumerken wäre noch, daß das politische Timing von Hofstätter nicht gerade von Scharfsinn zeugte: Er trat der NSDAP im August 1944 bei, nur wenige Monate vor dem Zusammenbruch der NS-Herrschaft in Österreich. Seine Parteinummer 10078751 ist eine der letzten auf einer langen Liste der Niedertracht.78 Obwohl man sich allgemein darüber einig war, daß die Untersuchungen notwendig waren, war man über die anzuwendenden Techniken keinesfalls einer Meinung. Die meisten Radiologen befürworteten die massenhafte Anwendung von Röntgenstrahlen, aber es gab auch solche – zum Beispiel Fritz König, der Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirates des Reichsausschusses für Krebsbekämpfung –, die der Meinung waren, die Bedeutung der Röntgentechnik werde überschätzt.79 Größere Debatten wurden auch über die Wichtigkeit des Kolposkops für die Untersuchung von Gebärmutterkrebs geführt. Auf einer Tagung 1937 in Berlin argumentierten einige Gynäkologen, daß dieses Instrument überflüssig sei, weil ein erfahrener Spezialist verdächtige Veränderungen der Gebärmutter auch mit Hilfe des Spekulums und mit bloßem Auge identifizieren könne. Ein verbreiteter Einwand war auch, daß der korrekte Gebrauch des Instruments sehr viel Zeit benötige. Der Gebärmutterhals mußte zweimal untersucht werden – vor und nach der Behandlung mit Jod und Essigsäure –, um Krebsgeschwüre im Frühstadium zu erkennen. Die meisten Ärzte waren der Meinung, es sei zwar sinnvoll, das Kolposkop in schon als verdächtig identifizierten Fällen anzuwenden, aber für Massenuntersuchungen eigne es sich nicht.80 Kritik dieser Art mag ein Grund dafür gewesen sein, daß Hinselmann mit Ärzten in Auschwitz bei einem Projekt zusammenarbeitete, in dem getestet wurde, wie nützlich sein geliebtes (und viel gelobtes) Kolposkop bei der Identifizierung von Gebärmutterhalskrebs im sehr frühen Stadium ist. Eduard Wirths assistierte Hinselmann bei dieser Studie. Er war der kommandierende Arzt in Auschwitz und hatte zusammen mit Hinselmann Gynäkologie studiert. Eduard und sein Bruder Helmut, ebenfalls Gynäkologe 45
und Kollege von Hinselmann in Hamburg-Altona, benutzten das Kolposkop, um bei Lagerinsassinnen Gewebeproben vom Gebärmutterhals zu sammeln, die dann nach Hamburg geschickt wurden, wo Hinselmann und Helmut Wirths sie untersuchten.81 Der genaue Zweck dieser Experimente ist noch nicht klar (Zeugenaussagen aus der Nachkriegszeit deuten darauf hin, daß Helmut Wirths der Anstifter dazu war), aber die Untersuchungen könnten Teil der Bemühungen gewesen sein, den Ruf der Kolposkopie für die Identifizierung von Krebsgeschwüren im Frühstadium zu verbessern. Die Experimente hatten wahrscheinlich den Tod mehrerer Lagerinsassinnen zur Folge, da im allgemeinen der ganze Gebärmutterhals entfernt wurde – selbst in Fällen, in denen eine Erkrankung nicht offensichtlich war –, was nicht selten zu Blutungen und Infektionen führte. Nach dem Krieg charakterisierte ein Arzt, der zuvor Gefangener im Lager war, Hinselmanns Experimente als genauso brutal wie viele der bekannteren Menschenversuche im Lager.82
Es war das Ziel der Nationalsozialisten, die Welt zu verändern und die Landkarte Europas nach der von Deutschland bestimmten »Neuen Weltordnung« umzugestalten. Der Zeitgeist war utopisch und pragmatisch zugleich – einerseits strebte man größenwahnsinnige Projekte an, andererseits wollte man bestehende Probleme angehen. Man verordnete »positives Denken«, das den düsteren »kritischen/jüdischen« Geist der Weimarer Zeit ersetzen sollte. Offensive Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheit sollten ein neues Zeitalter gesunder, glücklicher Deutscher einleiten. Sie wären geeint durch ihre »Rasse« und die gemeinsame Weltanschauung, wären frei von allen fremden Giften und befreit vom Krebs, der Seuche einer vergangenen Zeit – im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.
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KAPITEL 2
DIE »GLEICHSCHALTUNG« DER DEUTSCHEN KREBSFORSCHUNG
Wir Deutschen stehen an einem wichtigen Wendepunkt: Neue Männer prägen das Schicksal unseres Vaterlandes, neue Gesetze werden geschaffen, neue Maßnahmen ergriffen, neue Kräfte erweckt. Der Kampf richtet sich gegen alles, was unrein war und ist. Prof. Dr. Immanuel Gonser, ein führender Aktivist der Abstinenzbewegung, im Jahr 1933
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ie erste und gravierendste Folge der »Gleichschaltung« der deutschen Krebsforschung war der Ausschluß von jüdischen und kommunistischen Wissenschaftlern aus dem staatlichen Forschungs- und Lehrbetrieb. Infolge des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« vom 7. April 1933 durften Juden nicht mehr im Staatsdienst tätig sein. Für die Krebsforschung hatte dies tiefgreifende Konsequenzen. Allein am berühmten Krebsinstitut des Berliner Charite-Krankenhauses verloren zwölf oder dreizehn Krebsforscher ihre Stelle.1 Hans Auler, der nach dieser Vertreibungsaktion als einziger Wissenschaftler übrigblieb, übernahm die Leitung des »entjudeten« Instituts, nachdem man Ferdinand Blumenthal, der seit 1919 als Generalsekretär des Zentralkomitees und seit 1931 als zweiter Vorsitzender des Reichsausschusses für Krebsbekämpfung tätig gewesen war, zum Rücktritt gezwungen hatte.2 Die Charite konnte nie mehr an ihre vergangenen Leistungen anknüpfen, das Zentrum der Berliner Krebsforschung befand sich fortan im Allgemeinen Institut gegen die Geschwulstkrankheiten, das 1935 mit direkter finanzieller Unterstützung des »Führers« im neuen Rudolf-Virchow-Krankenhaus in Berlin errichtet worden war. Der Radiologe und Leiter des neuen Instituts, Heinrich Cramer, verkündete eine neue Ära der Zentralisierung der deutschen Krebsforschung,3 aber in man47
chen Fachrichtungen – wie der Immunologie, der Histologie und in anderen Bereichen, in denen Juden führend gewesen waren – erlitt die Grundlagenforschung einen schweren Schlag, von dem sie sich nie mehr erholen sollte. Die Grundlagenforschung und die angewandte Krebsforschung sind jedoch zwei verschiedene Dinge. Die Nationalsozialisten konzentrierten sich in ihrem Kampf gegen Krebs – wie wir noch sehen werden – stärker auf die Vorbeugung als auf die Heilung dieser schweren Krankheit. Man kann die Zeit des Nationalsozialismus tatsächlich als Epoche betrachten, in der sich das politische Schwergewicht weg von der Förderung der medizinischen Wissenschaft hin zu einer Förderung des öffentlichen Gesundheitswesens verschob. Wenn man beispielsweise die Forschungsprojekte, die vom Reichsforschungsrat finanziert wurden, mit jenen vergleicht, die das Reichsgesundheitsamt, das Amt für Volksgesundheit der NSDAP oder das Wissenschaftliche Institut zur Erforschung der Tabakgefahren in Jena finanzierten, so wird deutlich, mit welch unterschiedlichen Ansätzen versucht wurde, den Krebs zu kontrollieren (siehe Kapitel 6). Es mag zwar grob erscheinen, aber man könnte sagen, daß der Verlust so vieler Wissenschaftler den Kampf gegen den Krebs nicht lähmte – allerdings nur, wenn man darunter vor allem Präventionsmaßnahmen versteht, so die Kampagne gegen das Rauchen, die Förderung der Früherkennung und Anstrengungen zur Verbesserung der Ernährung der großen Massen. Aber zunächst einige Worte zu den Opfern.
DAS SCHICKSAL JÜDISCHER WISSENSCHAFTLER Natürlich ist es nicht möglich, jedes einzelne Schicksal derer, die unter dem nationalsozialistischen Terror litten, zu rekonstruieren – aber die Erfahrungen einiger Opfer können einen Eindruck dessen vermitteln, was geschah. Hans Sachs (1877-1945) leitete die biologisch-chemische Abteilung des wissenschaftlichen Instituts für Krebsforschung an der Universität Heidelberg, wo er auch Mitherausgeber der Zeitschrift für Immunitätsforschung war. 1935 verlor er seine Stelle in Heidelberg, drei Jahre später emigrierte er nach Oxford und starb schließlich 1945 in Dublin. Richard V. Werner (1875–1943) leitete sowohl das Heidelberger Institut als auch das dortige Samariter-Krankenhaus (von 1916 bis April 1933), zugleich hatte er den 48
Vorsitz des Badischen Landesverbandes zur Bekämpfung des Krebses inne und war Mitbegründer und Herausgeber von Strahlentherapie, Deutschlands führender Fachzeitschrift zur Röntgentherapie. Er mußte seine Heimat 1934 verlassen und eröffnete in einer Krebsklinik in Brunn, Tschechoslowakei, eine Privatpraxis, bis die Klinik 1942 von den deutschen Besatzungsbehörden übernommen wurde. Man entließ Werner und deportierte ihn nach Theresienstadt, wo er 1943 starb. Ernst Witebsky (1901-1969), ein Heidelberger Immunologe, wurde im April 1933 entlassen. Er floh in die Schweiz und 1934 in die USA, wo er im Mt. Sinai Hospital in Manhattan als Arzt praktizierte und später Bakteriologie und Immunologie an der Universität von Buffalo lehrte. Auch Wilhelm Liepmann wurde entlassen. Er war Leiter des Berliner Instituts für Frauenkunde gewesen und die treibende Kraft bei der Gründung einer Sammlung (1929), die deutlich machen sollte, wie wichtig die Früherkennung bei Gebärmutterkrebs ist. Er erhielt schließlich eine Anstellung in Istanbul, wo er bis zu seinem Tod im Jahr 1939 lebte.4 Unter den Vertriebenen befanden sich auch einige Naturheilkundler, Ärzte, die mit pflanzlichen Heilmitteln arbeiteten und der hochtechnisierten Medizin kritisch gegenüberstanden: Max Gerson beispielsweise – er war bekannt dafür, Tuberkulose und Krebs mit speziellen Diäten zu behandeln – wurde aus seiner Position am Münchner Universitätskrankenhaus entlassen, worauf er nach New York emigrierte und eine private Arztpraxis eröffnete (1938). Insgesamt verloren wohl mehr als hundert Krebsforscher ihre Stelle. Wie es scheint, waren sie alle »jüdisch« im Sinne der nationalsozialistischen Definition des Begriffes, die nur nach der Herkunft und nicht nach der Kultur oder dem Glauben fragte. Einer der ganz wenigen jüdischen Krebsforscher von Bedeutung, die ihre Stellung in Deutschland behalten konnten, war der Biochemiker und Nobelpreisträger Otto Warburg, der während der ganzen Zeit der NS-Herrschaft das Kaiser-Wilhelm-Institut für Zellphysiologie in Berlin leitete. 1941 überstand er sogar den Versuch des Direktors der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft, ihn aus dem Institut zu entfernen. Offenbar gelang es Viktor Brack und Philipp Bouhler, zwei der mächtigsten Männer hinter dem sogenannten »Euthanasie«-Programm, Warburg zu retten.5 Warburgs Mutter war nach nationalsozialistischer Definition »rein arisch«, sein Vater jedoch war Jude. Warum es ihm möglich war, seine Position zu halten, 49
während alle anderen gezwungen wurden zu gehen, wird allgemein damit erklärt, daß Hitler wohl annahm, Warburg stehe kurz vor der Entdeckung einer erfolgreichen Behandlungsmethode für Krebs.6 Noch wahrscheinlicher ist jedoch die Erklärung der Historikerin Kristie Macrakis: Warburgs Institut war mit großzügiger Unterstützung von Seiten der Rockefeller-Stiftung und des »Gradenwitz Fund« gegründet worden; aus diesem Grund sei Warburg vom »Beamtengesetz« aus dem Jahr 1933, das alle Juden und Kommunisten aus dem Staatsdienst ausschloß, nicht betroffen gewesen. Interventionen von mächtigen befreundeten Industriellen halfen ihm gewiß auch, genauso wie die Tatsache, daß er im Ersten Weltkrieg treu für das Vaterland gekämpft hatte.7 Der Deutsche Reichsausschuß für Krebsbekämpfung, den man entsprechend »arisiert« hatte, unterstützte offenbar die Gleichschaltung der deutschen Krebsforschung. In seinem ersten Jahresbericht nach der »Machtergreifung« war der Ausschuß eifrig bemüht, das neue Regime zu loben: Das Jahr 1933 hat für die Krebsbekämpfung eine einschneidende Änderung gebracht: Die nationalsozialistische Umwälzung schuf vollkommen neue Voraussetzungen für gründliche und durchgreifende Maßnahmen auf einem Gebiet, das bisher wesentlich darauf beschränkt war, durch Anregungen die freundliche Bereitwilligkeit der für die Krebsbekämpfung wichtigen Stellen hervorzurufen. Ganz besonders hat der energische Einsatz der Ärzteschaft in voller Geschlossenheit an vielen Stellen bereits jetzt den Nachweis erbracht, daß der Krebsbekämpfung im neuen Deutschland neue Wege eröffnet sind.8 Ähnliche Töne schlug die Zeitschrift für Krebsforschungen? und die neu entstandene Monatsschrift bekräftigte ihren Wunsch, jene, die gegen den Krebs kämpften, mit neuen »Waffen« zu versehen, damit sie ihren Kampf weiterführen könnten. Nichts sollte so bleiben wie zuvor.10 Das Zentralkomitee wurde im Dezember 1933 aufgelöst; die gesamte Krebsforschung des Reiches sollte von nun an vom aktivistischeren und nationalistischeren Reichsausschuß für Krebsbekämpfung koordiniert werden. Die Gründung dieser Organisation nach 1933 zeigt, daß man alles daran setzen wollte, die bislang zersplitterten Kräfte der deutschen Krebsbekämp50
fung zu vereinen. Dieser Schritt signalisiert zudem, wie sich die Schwerpunkte von der Forschung hin zu praktischen Maßnahmen wie der Früherkennung verschoben – eine Veränderung, die auf Kosten der Aktivitäten in der Grundlagenforschung erfolgte.11 Der Reichsausschuß hatte seit seiner Gründung immer betont, welche zentrale Rolle die Vorbeugung, insbesondere die Früherkennung spiele, und die Politik, die man nach 1933 verfolgte, legte noch größeres Gewicht auf diesen inhaltlichen Schwerpunkt. Frauen über Vierzig wurden aufgefordert, sich einer jährlichen Kontrolluntersuchung zu unterziehen, und die vom Dresdener Hygiene-Museum organisierte Ausstellung, die vollständig auf Prävention abzielte, wurde in ganz Deutschland gezeigt und zog mehr als eine halbe Million Besucherinnen und Besucher an.12 Die Vertreibung der Juden und Kommunisten war, mit anderen Worten, nur ein Teil der »Gleichschaltung« der deutschen Krebsforschung. Die nationalsozialistischen Ideologen legten auch großen Wert darauf, das Schwergewicht von der wissenschaftlichen Abstraktion hin zu praktischeren Strategien zu verschieben. Die Zeitschrift für Krebsforschung kündigte an, in ihrem Blatt werde man in Zukunft weniger über die Grundlagen der Biochemie, über Gewebekulturen und Tierversuche lesen, mehr dagegen über klinische Beobachtungen, menschliche Tumorpathologie und Statistik. Diese Linie stimmte mit Lieks Kritik an den »Mäusedoktoren« überein (er spielte damit auf die Befürworter der Vivisektion an, aber auch ganz allgemein auf Krebsspezialisten, die mit Tierversuchen arbeiteten). Die Zeitschrift mahnte, sich nicht zu einseitig auf Labormethoden zu konzentrieren, denn dabei würde man sich nur in unergiebigen Einzelheiten verlieren (was eine verdeckt antisemitische Bemerkung war). Man wollte sich neu auf die Statistik besinnen, von der man sich erhoffte, die Krebszahlen in bestimmten »Rassen«, sozialen Schichten und Berufsgruppen erschließen zu können. Ebenso erwartete man neue Erkenntnisse über die Umweltbedingungen, die Krebs verursachten.13 Ein Detail am neuen nationalsozialistischen Kurs in der deutschen Wissenschaft überrascht: Es wurden weiterhin zahlreiche jüdische Wissenschaftler in deutschen Krebszeitschriften zitiert. Noch ist unklar, wie man das verstehen soll. Man kann diese Tatsache einerseits als einen Hinweis darauf deuten, daß der Nationalsozialismus weniger »totalitär« war, als gemeinhin 51
angenommen wird – das System war polykratisch, und es gab immer wieder gewisse »Lecks« in einzelnen Bereichen. Vielleicht hatte aber das wissenschaftliche Zitieren nicht dieselbe Bedeutung wie heute. Heutzutage machen sich die Wissenschaftler Sorgen darüber, daß aus »NS-Daten« allzu unbefangen zitiert wird (so findet man in der heutigen Fachliteratur zum Beispiel immer noch Verweise auf Mengeles Arbeit über die Vererbung des Wolfsrachens).14 Vielleicht spiegelt unsere heutige Besorgnis darüber, daß höchstkriminelle Wissenschaftler zitiert werden, die große Bedeutung wider, die wir mittlerweile dem wissenschaftlichen Zitieren geben. Es läßt sich heute unmöglich feststellen, was es für die weitere Entwicklung der deutschen Wissenschaft bedeutete, das Talent der jüdischen Wissenschaftler zu verlieren. Vom moralischen Standpunkt aus ist der Verlust an Menschenleben selbstverständlich ungleich viel schlimmer als der Verlust an Talent. Hohl klingen die tausend Klagen über den Tod Einsteins gegenüber der drückenden Stille des gewaltsamen Todes von Millionen uns unbekannter Menschen. Die Vertreibung der jüdischen Wissenschaftler hatte andererseits womöglich nur geringe bremsende Wirkung auf die deutschen Anstrengungen zur Krebsbekämpfung – zumindest kurzfristig gesehen. Sollte dies der Fall sein, dann liegt der Grund darin, daß die Grundlagenforschung im Rahmen der Krebsbekämpfung keine allzu große Rolle spielte. Man wußte bereits, daß Tabak, Ruß, Teer, Asbest und Strahlung zu Krebs führten und daß ein großer Teil der Krebserkrankungen verhindert werden konnte, wenn die Menschen den Kontakt mit diesen Schadstoffen mieden. Bei der erfolgreichen Realisierung von Kampagnen zur Krebsbekämpfung spielte es anscheinend eine größere Rolle, daß die entsprechenden Stellen im Gesundheitswesen ihre politischen Muskeln spielen ließen, als daß sie wissenschaftliche Feinarbeit leisteten. Das läßt sich jedoch nicht verallgemeinern – man wußte sehr wenig über die biochemischen Abläufe in den Zellen bei der Entstehung von Krebs, und auch das Wissen über erfolgreiche Therapieformen war bescheiden. Viele Menschen schienen Krebs als eine Art politische Krankheit zu betrachten, deren Heilungskonzepte im Bereich der Politik und ihrer gesetzgebenden Maßnahmen zu suchen waren. Um die Gefährdung durch krebserregende Substanzen in den Griff zu bekommen, hielt man es in erster Linie für wichtig, gesellschaftliche und wirtschaftliche Freiheiten zu beschneiden. 52
Auf der Basis dieser Erkenntnis können wir nun betrachten, wie man den Krebs weiter bekämpfte, während viele Gebiete der Grundlagenforschung vernachlässigt wurden.
ERFASSUNG UND MEDIZINISCHE ÜBERWACHUNG Im Rahmen der »Gleichschaltung« der deutschen Wissenschaft und Medizin widmete man sich verstärkt der Statistik. Darin zeigt sich zum Teil die Bedeutung, welche die Bevölkerungsstatistiken in den damaligen Wissenschaften im allgemeinen gewannen, aber es spiegeln sich darin auch die Bemühungen der Nationalsozialisten wider, bislang unkontrollierte Sphären des menschlichen Lebens zu überwachen und zu kontrollieren. Nie zuvor hatte es eine Regierung gegeben, die so begierig war wie das NS-Regime, alles zu zählen, zu klassifizieren und zu überprüfen. Es war eine Zeit der Massenuntersuchungen: Die Frauen untersuchte man auf Gebärmutter- und Brustkrebs, die Kinder auf Zahnschäden, die Studenten auf Tuberkulose, die Fabrikarbeiter auf Staublungen und Lungenkrebs, die schwangeren Frauen auf gesundheitliche Beeinträchtigungen und so weiter und so fort. Man legte Erbgesundheits- und »rassische« Karten an, ebenso wie detaillierte Verzeichnisse der räumlichen Verbreitung von Erbkrankheiten. Deutschland wurde das Land mit den meisten Röntgenuntersuchungen der Welt (siehe Kapitel 4), ein Land, in dem man besessen war vom Einteilen, Diagnostizieren, Registrieren, Klassifizieren und Selektionieren. In der Krebsforschung äußerte sich dieser Drang, alles mittels Statistik zu kontrollieren, in der Einrichtung von zentralen Krebsregistern. Das Ausmaß dieser Anstrengungen ist beeindruckend. So arbeiteten zwischen dem 1. Oktober 1933 und dem 30. September 1938 Ärzte aus privaten Praxen und öffentlichen Krankenhäusern in Göttingen, Halle, Kiel und Nürnberg, aber auch aus größeren Landkreisen wie Neustadt an der Aisch, Burgdorf in Hannover, Hohenzollern und Donaukreis (Württemberg) gemeinsam an einem beispiellosen Projekt, um jeden einzelnen Fall einer Krebserkrankung zu registrieren, der in diesen Gebieten vorkam. Zu diesem Zweck versorgte man die dortigen Ärzte mit standardisierten Formularen.15 Ähnliche Register wurden in der Folge in Mecklenburg (1937) und in Sachsen-Anhalt, im 53
Saarland und in Wien (alle im Jahr 1939) eingerichtet. Das Pathologische Institut der Universität München koordinierte die statistische Analyse aller Fälle von Speiseröhrenkrebs, die an 44 pathologischen Instituten des ganzen Reichs erfaßt worden waren. Die Registrierung wurde dadurch erleichtert, daß das deutsche Statistische Amt im Jahr 1933 seine Erhebungen differenzierte: Man unterschied zwischen zwölf verschiedenen Arten von Krebstod, bis dahin waren es nur sechs gewesen. So konnten die tödlichen Tumorerkrankungen weitaus genauer erfaßt werden.16 Entscheidend für diese Register ist der Versuch der Behörden, nicht nur die Krebstodesrate, sondern auch die Häufigkeit der Erkrankungen zu erfassen.17 Es ist sehr wichtig, diese Zahlen zu erfassen, um genauere Aussagen darüber machen zu können, wie häufig bestimmte Krebsarten sind, und nicht nur, wie viele Menschen an dieser Krankheit sterben. Erfaßt man die Häufigkeitsrate der Krankheit, so kann man damit theoretische Aussagen machen, ob die Krebsraten ansteigen oder sinken – ungeachtet dessen, wie erfolgreich Therapieversuche sind. Zudem lassen sich neue Erkenntnisse über die Ursachen der Erkrankung gewinnen, was wiederum neue Möglichkeiten für die Prävention eröffnet. Krebsspezialisten hatten lange Zeit auf derartige Daten gehofft: Die Tatsache, daß nun neben den Sterblichkeitsauch die Erkrankungsraten registriert wurden, stieß auf breite Zustimmung. Es sei dies das erste Mal, daß so etwas in Deutschland geschehe, wenn nicht sogar auf der ganzen Welt.18 Selbstverständlich waren auch die Toten von dieser engmaschigen Überwachung nicht ausgenommen, und bis Mitte der dreißiger Jahre wurden in Deutschland vermutlich weltweit die meisten Autopsien durchgeführt. Zwischen sechs und zehn Prozent aller Leichen wurden einer Autopsie unterzogen – ein außergewöhnlich hoher Anteil. In der Folge eröffneten sich den Statistikern noch nie dagewesene Möglichkeiten, die Krebsraten zu analysieren. Der Reichsausschuß für Krebsbekämpfung beauftragte 1934 Professor Ernst Dormanns vom Pathologischen Institut in München, alle verfügbaren Autopsiedaten über tödliche Krebserkrankungen bei Männern in der Zeitspanne von 1925 bis 1933 zusammenzustellen. Die Studie, die 1936 mit Hilfe dieser Daten publiziert wurde, war offenbar weltweit die umfassendste ihrer Art. Dormanns analysierte Autopsieberichte aus 42 deutschen pathologischen Instituten, erfaßt hatte man dabei 125000 Männer im Alter 54
von über 20 Jahren. Er stellte fest, daß bei 18 Prozent der Männer – oder jedem sechsten Todesfall – eine Krebserkrankung vorlag. Ausgehend von 300000 Männern, die jedes Jahr in Deutschland starben, war also bei 50000 von ihnen Krebs die Todesursache. Dormanns konnte mit seiner Studie zudem aufzeigen, daß die häufigste Krebsart der Magenkrebs war: Ungefähr ein Drittel der Männer, die an Krebs starben, hatten an Magenkrebs gelitten.19 Diese Studien zeigten, daß Krebs ein verbreiteteres Problem war, als zuvor angenommen. Die offiziellen Statistiken führten Mitte der dreißiger Jahre nur 13 Prozent aller Todesfälle in Deutschland auf Krebs zurück; die Forschungsergebnisse von Dormanns und anderen Wissenschaftlern zeigten, daß ein beträchtlicher Anteil der Krebserkrankungen nicht diagnostiziert wurde. Walther Fischer, ein Pathologe aus Rostock, stellte die Behauptung auf, ein Viertel aller Krebserkrankungen würde zu Lebzeiten des Patienten nicht erkannt – und nur die Hälfte aller Krankheitsfälle würde früh genug diagnostiziert, um eine erfolgreiche Behandlung zu ermöglichen. Hellmut Haubold, ein einflußreicher Berliner Krebsstatistiker und Mitglied der SS, bezeichnete Krebs als die eigentliche Todesursache Nummer Eins in Deutschland. Noch mehr Menschen stürben daran als an Herzerkrankungen.20 1942 schätzte Rudolf Ramm die Zahl der jährlichen Krebsopfer in Deutschland auf 150000 bis 160000,21 ganz zu schweigen von der halben Million Menschen, die – zu jedem beliebigen Zeitpunkt – an Krebs erkrankt waren.22 Man begann zu problematisieren, daß immer mehr Menschen an Krebs starben und die Diagnosen noch immer recht ungenau waren. Das führte dazu, daß einige regionale Krebsinstitutionen – in Zusammenarbeit mit dem Hauptamt für Volksgesundheit der NSDAP – Programme für Massenuntersuchungen starteten. Der ostpreußische Landesausschuß für Krebsbekämpfung war eine der ehrgeizigsten Organisationen: 1937 beschloß der Ausschuß auf einer Tagung, alle deutschen Frauen über dreißig Jahre müßten sich regelmäßig auf Brust- und Gebärmutterkrebs untersuchen lassen. Man konzentrierte sich auf diese Krebsarten, weil sie – wie der Königsberger Gynäkologe Felix von Mikulicz-Radecki hervorhob – am leichtesten erfaßt und behandelt werden konnten. Das Untersuchungsprogramm war freiwillig und die Untersuchungen kostenlos, damit möglichst viele Frauen daran teilnahmen. Die Arztkosten wurden von der regionalen Vertretung des Am55
tes für Volksgesundheit der NSDAP übernommen, die auch bei der Organisation der Untersuchungen mithalf. Arme und reiche Frauen sollten damit gleichermaßen von den Untersuchungen profitieren können. Die Frauen wurden mittels Radio- und Plakatpropaganda dazu aufgefordert, die Krebszentren aufzusuchen, und in verschiedenen Zeitungsartikeln wurde das sensible Vorgehen der dortigen Ärzte gelobt. Die Propaganda richtete sich besonders an organisierte Frauengruppen.23 Frauen aus NS-Parteiorganisationen sollten sich als erste untersuchen lassen. Man hoffte, andere Frauen würden diesem Beispiel folgen. In Königsberg richteten alle öffentlichen und privaten Krankenhäuser ambulante Untersuchungszentren ein, wo Chirurgen die Frauen auf Anzeichen von Brustkrebs untersuchten und Gynäkologen nach Krebserkrankungen des Gebärmutterhalses fahndeten. Im Jahr 1937 wurden in jedem Untersuchungszentrum der Stadt allabendlich zwischen 35 und 60 Frauen untersucht. MikuliczRadecki selbst untersuchte in diesem Jahr 2000 Frauen, unter denen er drei zuvor nicht diagnostizierte Krebserkrankungen entdeckte (einen Fall von Mastdarmkrebs, einen Fall von Gebärmutterhalskrebs in fortgeschrittenem Stadium und einen Gebärmutterhalstumor im Frühstadium – zudem einige Störungen, die nicht mit Krebs in Verbindung standen). Die Brustuntersuchungen dauerten durchschnittlich zwei Minuten, die gynäkologischen Untersuchungen durchschnittlich acht. Die Organisatoren betonten, die Untersuchungen würden so schonend wie möglich durchgeführt. Sie fanden in kleinen, abgetrennten Räumen statt, damit den Frauen der Eindruck vermittelt wurde, sie würden individuelle Aufmerksamkeit erhalten. Man bemühte sich auch darum, mit der Propaganda zur Krebsbekämpfung keine unnötige »Krebsangst« zu schüren. Über diese Problematik fanden zahlreiche Diskussionen statt: Wie konnte man die Aufmerksamkeit der Frauen erhöhen, ohne Panik heraufzubeschwören?24 In der Anfangszeit des »Dritten Reiches« sprach man darüber, ein allgemeines »Krebsgesetz« einführen zu wollen. Das Gesetz sollte die obligatorische Meldepflicht für Krebserkrankungen jeder Art umfassen, strengere Schutzbestimmungen beim Röntgen und im Umgang mit radioaktiven Stoffen beinhalten sowie die Publikationsmöglichkeiten von Quacksalbern einschränken.25 Obwohl man auf ein solches Gesetz große Hoffnungen setzte, erhielt Deutschland nie ein landesweites Krebsgesetz. Lediglich in 56
Danzig wurde am 14. April 1939 ein solches Gesetz verabschiedet. Das Danziger Gesetz verlangte, daß jede Erkrankung – auch jeder Verdacht auf eine Erkrankung – innerhalb von sechs Tagen den staatlichen Gesundheitsbehörden gemeldet wurde. Es erteilte zudem allen Frauen über 30 und allen Männern über 45 das Recht auf eine kostenlose Krebsuntersuchung im Jahr.26 Das Danziger Krebsgesetz wurde als Modell für ganz Deutschland begeistert aufgenommen,27 aber die Anforderungen des Krieges scheinen seine weitere Verbreitung verhindert zu haben. Daß sich die Nationalsozialisten bemühten, Register, Massenuntersuchungen und ähnliches einzuführen, muß im Zusammenhang ihrer Bestrebungen zur Verbesserung der medizinischen Überwachung verstanden werden. (Das heute berühmte Krebsregister Dänemarks wurde 1942 während der deutschen Besatzung eingeführt, aber es ist noch nicht geklärt, ob die Nationalsozialisten bei der Einführung des Registers eine Rolle spielten.28) Die Vorschläge auf diesem Gebiet waren oft von großem Ehrgeiz geprägt; so forderte Rudolf Ramm in seiner Funktion als Leiter des Reichsausschusses für Krebsbekämpfung für alle deutschen Frauen zwischen 35 und 60 und alle Männer zwischen 45 und 60 eine jährliche Untersuchung. Man schätzte diesen Vorschlag in seinen Ausmaßen als gigantisch ein, weil so mehr als 18 Millionen jährliche Untersuchungen nötig geworden wären.29 Und obwohl Ramms Vorschlag oder ähnliche Vorstöße nur teilweise umgesetzt wurden, untersuchte man in dieser Zeit eine beispiellose Anzahl Menschen auf Anzeichen für eine Krebserkrankung. Deutschlands ehrgeiziges Unterfangen, die Krebserkrankungen zu erfassen, wurde schließlich durch die antisemitische Politik des Regimes gefährdet. Im Jahr 1940 hielt der Leiter des Krebsregisters in Nürnberg fest, daß das Berufsverbot für jüdische Ärzte vom 25. Juli 1938 (davon ausgenommen war die Behandlung anderer Juden) die Erhebung genauer Daten über Krebserkrankungen behindere. Rund jeder achte deutsche Arzt war jüdischer Herkunft, und daß die Patienten massenweise den Arzt wechselten, wie es das Verbot forderte, scheint sowohl die Weiterführung von Krankheitsgeschichten als auch andere Aspekte der statistischen Erfassung beeinträchtigt zu haben. Der Leiter des Nürnberger Registers bemerkte, es sei nach 1938 schwierig geworden, bestimmte Teile der Register weiterzuführen.30 57
Aber diese Register hatten ihre Schattenseiten, weil man die statistischen Erhebungen zur Bevölkerung auch zur Registrierung »rassisch Unerwünschter« heranzog. Die Volkszählung von 1939 diente nicht zuletzt dazu, Juden für die Deportationen zu erfassen. Techniken der Datenerfassung spielten bei der »Endlösung« eine zentrale Rolle, eine Tatsache, an die im United States Holocaust Memorial Museum in Washington D. C. erinnert wird, wo Hollerithkarten und eine IBM-Lochkarten-Stanzmaschine aus den dreißiger Jahren ausgestellt sind, um einige der Technologien zu illustrieren, die in der Vernichtungspolitik verwendet wurden.31 Die Begeisterung der Nationalsozialisten für statistisches Erfassen und die mörderische Verwendung der medizinischen Überwachung scheinen die hauptsächlichen Gründe dafür zu sein, daß heutzutage viele deutsche Intellektuelle gegenüber Plänen, ein Krebsregister zu erstellen, noch immer mißtrauisch sind.32
DIE RHETORIK DER KREBSFORSCHUNG Die Doppelzüngigkeit der Sprache totalitärer Regimes ist geradezu charakteristisch. Die Rhetorik der Nationalsozialisten war voller irreführender und verharmlosender Begriffe, politischer Euphemismen, mit denen Maßnahmen nicht abgemildert, sondern verschleiert werden sollten. Joseph Goebbels beherrschte diese Kunst meisterhaft, er vermied gewisse Ausdrücke, um die Leute erst gar nicht auf falsche Ideen zu bringen: Von Attentaten soll man im Kriege weder im negativen noch im positiven Sinne reden. Es gibt gewisse Worte, die wir scheuen müssen wie der Teufel das Weihwasser; dazu gehören z. B. die Worte »Sabotage« und »Attentat«. Man darf solche Begriffe gar nicht in den Alltagsjargon übergehen lassen.33 Einige der Beispiele klingen beinahe amüsant: Die Deutschen sollten nicht den üblichen Ausdruck »Katastrophenhilfe« verwenden, sondern das optimistischere »Erste Hilfe«; auch war den Medien aus Achtung gegenüber den Japanern verboten worden, den Ausdruck »Gelbe Gefahr« zu verwenden.34 Es gab Bestrebungen, die medizinische Sprache zu modernisieren: Beispiels58
weise begann man in dieser Zeit nicht mehr von »Krüppeln«, sondern von »Behinderten« zu sprechen, ebenso wie sich das Vokabular von »Idiot« und »Irrenanstalt« zu »geistig retardierter Mensch« und »Klinik« veränderte. Seltsamerweise wurden die letztgenannten Begriffe von jenen Ärzten eingeführt, die das »Euthanasie«-Programm aufbauten. Der Begriff »Behinderte« wurde beispielsweise 1940 von Ärzten und Bürokraten zum erstenmal verwendet, die die Ermordung von körperlich und geistig behinderten Menschen organisierten. Man sprach nicht öffentlich von Massenmord oder Genozid (dieser Begriff existierte noch nicht einmal), so wurde »Sonderbehandlung« eine der zahlreichen Umschreibungen für Mord, zusammen mit »Abtransport«, »Desinfektion«, »Einschläferung«, »Endlösung«, »Erlösung«, »Euthanasie«, »Evakuierung«, »Gnadentod«, »Judenaktion«, »Liquidation«, »Reinigung«, »Selektion«, »Vergasung«, »Vernichtung« und so weiter.35 Die Nationalsozialisten hatten schließlich so viele verschiedene Bezeichnungen für Mord wie die Inuit (angeblich) für Schnee. Die Gleichschaltung brachte auch Veränderungen in der Sprache der Krebsforschung mit sich. In Anbetracht der steigenden Krebsraten ist es vielleicht nicht erstaunlich, daß Krebsgeschwüre als kraftvolle Metapher benutzt wurden, mit denen die Nationalsozialisten alles stigmatisierten, was sie als unerwünscht betrachteten. Joseph Goebbels geißelte die Objekte seines Hasses regelmäßig als »Krebsgeschwüre« oder »bösartige Geschwüre« – dabei zielte er nicht nur auf Juden und Homosexuelle ab, sondern auch auf das Auswärtige Amt und auf Stalins kommunistisches Imperium.36 Die Deutschen bedienten sich einer derartigen Rhetorik natürlich nicht als einzige: Ein amerikanisches Eugenik-Lehrbuch von 1935 verglich erbkranke Menschen mit »Krebsgeschwüren im Staatskörper«, und es bezeichnete die eugenische Gesellschaft selbst als eine »Gesellschaft für die Kontrolle von sozialem Krebs«.37 Medizinische Metaphern wurden üblicherweise mit dem Ziel verwendet, die rassenpolitisch »Unerwünschten« zu entmenschlichen. Als der SS-Radiologe Prof. Dr. Hans Holfelder im Jahr 1936 in Frankfurt eine Vorlesung über Strahlentherapie hielt, zeigte er den anwesenden Studenten – unter ihnen war auch der junge Richard Doll aus England – ein Dia, auf dem Krebszellen als Juden dargestellt waren (dasselbe Dia zeigte die Röntgenstrahlen, die gegen diese »Tumor-Juden« gerichtet waren, als nationalsozialistische 59
Sturmtruppen) ,38 Juden wurden häufig als »Krebsgeschwüre« innerhalb des deutschen »Volkskörpers« bezeichnet, allerdings waren Bilder, die sich auf infektiöse Erkrankungen bezogen (Juden als Bazillen, Viren) oder sogar ältere Metaphern von Seuchen, Ungeziefer, Parasiten und so weiter, noch immer stärker verbreitet –39 vermutlich weil Krebs noch keine Krankheit war, über die die Gesundheitsbehörden große Kontrolle ausüben konnten. Man hatte zahlreiche Infektionskrankheiten mit Hilfe von Gesundheitsreformen und Therapien, die auf den wissenschaftlichen Erkenntnissen von Koch, Pasteur und Ehrlich beruhten, besiegen können. Aber Krebserkrankungen nahmen noch immer zu – und dies könnte der Grund dafür sein, weshalb die Nationalsozialisten für ihre bösartigen Bilder auf ältere medizinische Schreckgespenster zurückgriffen. Es waren oftmals die Ärzte, welche die Juden als Krebsgeschwüre bezeichneten oder Geschwüre als Juden darstellten. Interessant ist aber auch, daß die nationalsozialistischen Ideale die Fachsprache der Krebsforschung durchdrangen. Die medizinische Sprache sollte eingedeutscht, klar und einfach sein. Fremdwörter wurden zugunsten von selbsterfundenen Ausdrükken aufgegeben (nicht »Allele« sondern »Anlagen-Partner«, nicht »Chromosom« sondern »Kernfaden«, nicht »Bastard« sondern »Mischling« etc.), und man kritisierte auch die unklare bürokratische Sprache (zum Beispiel den Juristenjargon innerhalb der Versicherungen).40 Auch in der medizinischen Terminologie jener Zeit findet man zunehmend Metaphern aus der Rassenpolitik oder Bilder, die Ängste vor politischem Chaos schürten oder für politische Einheit einstanden. Bernhard Fischer-Wasels, der große Bekanntheit erlangte, weil er der krebserregenden Wirkung verschiedener petrochemischer Schadstoffe auf die Spur gekommen war,41 charakterisierte den wachsenden Tumor als eine neue »Rasse« von Zellen. Diese würden sich von allen anderen Körperzellen unterscheiden, und die Aufgabe des Krebsspezialisten sei »die vollständige Zerstörung der pathologischen Zellrasse«.42 Krebszellen wurden andernorts auch als Anarchisten und Schmarotzer beschrieben,43 als Bolschewisten, als Urheber von Chaos und Rebellion und ähnlichem. Hans Auler, ein Nutznießer der »Gleichschaltung« der deutschen Krebsforschung, beschrieb Krebszellen 1937 als »revolutionäre Zellen« – vielleicht machte er sich dabei absichtlich über die kommunistische Rhetorik lustig –, während der im Propagandaministerium tätige Curt Thomalla von den Krebszellen 60
sagte, daß sie »einen Staat innerhalb des Staates« bilden –44 dieser Vorwurf wurde auch gegen Juden und Homosexuelle erhoben. Die medizinische Fachsprache wurde also mit politischen Anspielungen durchtränkt – manchmal geschah dies bewußt und absichtlich, manchmal aber auch nicht.45 Bemerkenswert an der nationalsozialistischen Terminologie zur Krebsforschung ist nicht nur, daß die Sprache »gereinigt« werden sollte und Bilder von »rassisch Minderwertigen« als Krebsgeschwüre (und umgekehrt) entstanden. Häufig wurde auch davon gesprochen, daß bestimmte »Probleme gelöst« werden sollten. Führende nationalsozialistische Politiker und Mediziner äußerten sich oftmals dahingehend, daß man für Deutschlands Probleme radikale, dauerhafte oder endgültige Lösungen finden wolle – das taten sie vor allem in den frühen Kriegsjahren, als die Pläne für eine radikale Umgestaltung der deutschen Gesellschaft ihren Höhepunkt erreichten. Die »Endlösung der Judenfrage« ist das bekannteste und entsetzlichste Beispiel, aber ähnliche Ausdrücke wurden auch in zahlreichen anderen Bereichen verwendet. Die NS-Bevölkerungspolitik zielte auf eine »Lösung der Frauenfrage«, wie es Innenminister Wilhelm Frick nannte,46 während die Kampagne zur Wiedereinführung des Vollkornbrots als »endliche Lösung der Brotfrage« bezeichnet wurde.47 Eine medizinische Dissertation aus dem Jahre 1940 forderte eine »Lösung dieses schweren Raucherproblems«,48 und man sprach von einer »Lösung der Krebsbekämpfungsfrage«.49 Die Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft war geprägt von einem Geist, der großartige Umwälzungen in Angriff nehmen wollte. Man war der Ansicht, die »Neue Weltordnung« würde das Alte radikal ausrotten. Zu diesem Zwecke bediente man sich nietzscheanischer Begriffe, beschwor die Metaphern der »Dämmerung«: So war die Rede von der »Tabakdämmerung« oder der »Rassendämmerung« (Astel, 1935) und ähnlichem. Indem sich die Nationalsozialisten auf die Bilderwelt Nietzsches oder Wagners beriefen, verliehen sie ihrer verbrecherischen Rassenpolitik eine poetische – man könnte beinahe sagen »opernhafte« – Note. Merkwürdig war zudem, wie der Begriff »Aufklärung« in der nationalsozialistischen Rhetorik zum Krebs beinahe obsessive Verwendung fand. Die Nationalsozialisten sprachen sehr häufig von »Aufklärung« und meinten damit, was heute »Erziehung« oder »öffentliche Indoktrination« genannt wird. Der Begriff tauchte auch in den Bezeichnungen verschiedener Parteiorgani61
sationen auf: Walter Groß’ Aufklärungsamt für Bevölkerungspolitik und Rassenpflege war eine Art Informationsbüro, das nationalsozialistische Parteigrößen über nationale und internationale Rassenpolitik informierte (das Amt wurde später in »Rassenpolitisches Amt« umbenannt); und Goebbels’ Propagandaministerium hieß eigentlich Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda. Goebbels, Groß und viele andere ranghohe Nationalsozialisten wie auch die Gesundheitsbehörden charakterisierten ihre Arbeit als »Aufklärungsarbeit«. Der Reichsausschuß für Krebsbekämpfung sah eine seiner Aufgaben in der »Publikumsaufklärung«;50 die Brandenburgische Bezirksarbeitsgemeinschaft für Krebsbekämpfung bekundete ihre Verpflichtung, die Bevölkerung über die Bedeutung der Früherfassung »aufzuklären«.51 Aufklärung war ein rhetorisches Element der Linken und der Weimarer Republik gewesen (die Forderungen nach Sexualaufklärung beispielsweise), aber die Nationalsozialisten verliehen dem Begriff neue, unheilvolle Nuancen. Rückblickend erstaunt es, wie beherrschend das Thema »Aufklärung« war. Die Gesundheitsbehörden sprachen unaufhörlich davon, wie wichtig die »Krebsaufklärung« sei, die »Volksaufklärung über den Krebs« oder die »Aufklärung der Volksgenossen« über die Bedeutung der Früherkennung. Parteifunktionäre zeigten »Aufklärungsfilme« und Tabakgegner forderten »aufklärende« Artikel, die vor den Gefahren des Tabaks warnen sollten. Man unterschied zwischen »Einzelaufklärung« und »Volksaufklärung« – abhängig davon, ob sich die Aufklärung an einzelne Menschen oder die Bevölkerung als Ganzes richtete. (Man war der Ansicht, daß sich die Aufklärung vor allem an Männer richten sollte, da Frauen noch eher bereit waren, für eine Routineuntersuchung in die Klinik zu gehen.)52 Vermutlich wurde der Begriff »Aufklärung« in der NS-Zeit häufiger verwendet als jemals zuvor oder danach. Was aber bedeutete »Aufklärung« in der NS-Zeit? Das Verb »aufklären« bedeutet üblicherweise (er) klären, unterrichten, informieren, unterweisen, lösen, richtigstellen. Ein »Aufklärer« war ein Kundschafter oder ein Pilot eines Aufklärungsflugzeuges, »Aufklärung« wurde (und wird) jedoch auch in der Sexualerziehung oder der kriminalistischen Arbeit verwendet. Geprägt wurde der Begriff »Aufklärung« ursprünglich im 18. Jahrhundert; mit diesem Wort wollte man den Gegensatz zwischen der erhellenden Kraft der 62
Wissenschaft und den dunklen Mächten der Unwissenheit und des Aberglaubens illustrieren. Die Nationalsozialisten hatten allerdings keinesfalls das Ziel, an die Epoche der Aufklärung anzuknüpfen. Der entsprechende französische Begriff lumiéres wurde oftmals als früher Vorläufer einer positivistischen Gleichgültigkeit und der verarmten Doktrin einer Wissenschaft verhöhnt, die nur dem Selbstzweck diene. Die hervorgerufenen Bilder verwiesen eher auf öffentliche Erziehung und Indoktrination – wenn beispielsweise psychiatrische Behörden ihre »Aufklärungspflicht« gegenüber Patienten verkündeten, die sterilisiert werden sollten.53 Aufklärung war in der NSZeit nichts, was man aus eigenem Antrieb zu erreichen suchte, sondern etwas, das man anderen Menschen vermittelte oder das einem von anderen Menschen vermittelt wurde. Die Vorstellung von Aufklärung als persönlicher Bildung und Weiterentwicklung – so wie in der ursprünglichen Bedeutung bei Kant, nämlich Reife zu erlangen und die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen – wird in der NS-Zeit durch die Bedeutung einer staatlich gelenkten Indoktrination und Erhellung ersetzt, die dem Staat dient. Die nationalsozialistische Gesellschaft sollte von oben her transparent sein – eine Philosophie, die weitreichende Konsequenzen hatte, von der allgegenwärtigen Bespitzelung bis zu den Verboten, bestimmte Dinge in Dachgeschossen zu lagern. Die ursprüngliche Vorstellung einer Erhellung ging aber nicht vollständig verloren. Eine obsessive Forderung nach Klarheit zeigt sich in den bereits erwähnten Bestrebungen zur Vereinfachung des medizinischen Jargons, und das Ziel einer reinen Sprache befand sich in Einklang mit der breiteren Forderung nach körperlicher und politischer Reinheit. Propagandaminister Goebbels verkündete im März 1942 stolz – zumindest in seinem Tagebuch –, daß er und seine Mitstreiter es in der Hand hätten, den Menschen Erleuchtung zu bringen.54 »Aufklärung« wurde im »Dritten Reich« zu einem Synonym für Propaganda – ein Informationsstrom, der nur in eine Richtung fließt, eine gelenkte und extreme Form von Klarstellung (deshalb die in der NS-Zeit gebräuchliche Wortzusammensetzung »Aufklärungspropaganda«, die in unseren Ohren seltsam klingt).55 Wenn ich verallgemeinern darf: Aufklärung wird unter faschistischen Bedingungen zur Propaganda.56 Erinnern wir uns auch an die berüchtigte Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933 auf dem Alexanderplatz: Sie wurde als »Aufklärungsfeldzug« bezeichnet, mit 63
dem alle Elemente, die als jüdisch, pazifistisch oder bolschewistisch betrachtet wurden, aus der deutschen Kultur eliminiert werden sollten.57 Wir sollten uns vor Augen halten, daß – bezüglich Krebs –- viele, die die farbenfreudigsten Metaphern verbreiteten, keine Quacksalber waren, sondern Gelehrte, die mit dem modernen Stand der Wissenschaft vertraut waren. Dies trifft zum Beispiel auf Karl H. Zinck zu, der 1940 Krebszellen als revolutionär, anarchistisch und bolschewistisch bezeichnete, die einen »Bruderkampf« gegen den Körper führten. Zinck war kein phantasierender Narr, sondern ein habilitierter Professor für Medizin und Dozent an der Universität in Kiel, seine Vorlesungen wurden in den angesehensten medizinischen Fachzeitschriften des »Dritten Reichs« veröffentlicht.58 Er kannte sich gut aus mit den zeitgenössischen Theorien über die Ursachen von Krebs. Zu diesem Urteil gelangt man, wenn man Zincks Haltungen genauer betrachtet. Er erkannte, daß der beobachtete Anstieg der Krebsraten zu einem großen Teil auf das höhere Durchschnittsalter der Bevölkerung zurückzuführen war, während nur bei Lungenkrebs auch die alterskorrigierten Raten deutlich anstiegen – ein Trend, der einigen Forschern zufolge auf vermehrten Tabakkonsum zurückzuführen war. Zudem war auch er der Meinung, daß Paraffin Hodenkrebs und Asbest Lungenkrebs verursachen konnten und der Kontakt mit Anilinfarbstoffen zu Blasenkrebs führen konnte. Zinck wußte, daß Karzinogene bestimmte Organe angriffen (die Leber im Fall von Scharlachrot; die Nieren im Fall von Anthrachinon), was damit zusammenhing, wie sich diese Karzinogene im Körper umwandelten. Er ahnte, daß die Bedeutung von Viren und Traumata überschätzt worden war und man den Hormonen mehr Aufmerksamkeit schenken mußte. Er war sich über die dominante Erblichkeit einer Reihe seltener Krebsarten bewußt (die bekanntesten sind eine Variante der Melanosis (Xeroderma pigmentosum), die Polyposis intestinii und bestimmte Neuroblastome), aber er wußte auch, daß die Gene bei der Entwicklung der meisten Krebsarten keine zentrale Rolle spielten.59 Seine Charakterisierung der Tumore als »bolschewistisch« darf deshalb nicht als Produkt einer verschrobenen Ignoranz verstanden werden, sondern als Teil einer größeren Strömung, die die damalige Medizin prägte.
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DIE VERKLÄRUNG DER NATUR UND DIE FRAGE DER STEIGENDEN KREBSRATEN Es ist selbstverständlich wichtig, sich zu vergegenwärtigen, daß es auch nach der »Gleichschaltung« der deutschen Medizin große Kontroversen darüber gab,60 was an der deutschen Krebspolitik falsch war und wie diese Mängel behoben werden sollten. Die Meinungen blieben in vielen grundlegenden Fragen bezüglich Ursachen, Behandlungsmethoden und Gesundheitspolitik geteilt – sogar bei der Frage, ob die Krebsraten nun tatsächlich anstiegen. Wir müssen diese Spannungen im Kontext der Auseinandersetzungen verstehen, die zwischen den romantisch verklärten und den »alternativen« Strömungen innerhalb der deutschen Medizin im Gange waren – Spannungen, die sich in den Reaktionen auf Lieks Buch über Krebs (1932) zeigten. Erwin Lieks Bücher fanden innerhalb und außerhalb der medizinischen Kreise ein breites Publikum, aber er wurde auch heftig von Ärzten kritisiert, die ihm übelnahmen, daß er sich auf die umweltbedingten Krebserkrankungen konzentrierte (besonders die Chemikalien in der Industrie, aber auch Zusätze in den Nahrungsmitteln sowie die Luft- und Wasserverschmutzung). Viele konservative deutsche Ärzte spotteten darüber, daß er sich für eine natürlichere Lebensweise einsetzte, und bezweifelten seine Feststellung, daß Krebserkrankungen immer häufiger auftraten. Bernhard Fischer-Wasels beispielsweise behauptete im Deutschen Ärzteblatt, Lieks Buch von 1932 bringe »noch nicht eine einzige, noch so winzige neue Tatsache«). Das Buch sei »ein großer Fehlschlag« und habe »mit Wissenschaft nichts zu tun«.61 Eine der Fragen, die Naturmediziner wie Liek von ihren orthodoxeren Kollegen trennte, war, ob die Krebsraten tatsächlich stiegen oder nicht. Es gab zahlreiche statistische Belege für eine Zunahme, diese wurden in den Zeitschriften für natürliche Medizin oft zitiert, aber die Kritik richtete sich gegen die Methoden der Erhebung und Interpretation solcher Statistiken.62 Ein verbreiteter Einwand lautete, die festgestellte Zunahme der Krebssterblichkeitsziffer könne ganz einfach auf die Tatsache zurückgeführt werden, daß viel mehr Krebserkrankungen diagnostiziert wurden – dies war nicht nur ein Ergebnis der verbesserten technischen Hilfsmittel, sondern auch der zunehmenden Hospitalisierung und der Erstellung immer genauerer Sterblichkeitstabellen.63 Diese Sichtweise wurde durch die Tatsache untermauert, 65
daß sich die technischen Methoden der Krebsdiagnostik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts enorm verbessert hatten. Die wichtigsten waren die medizinische Mikroskopie, die Zellpathologie, die Röntgenbilder und eine große Anzahl neuer Instrumente, die ermöglichten, das Körperinnere zu untersuchen: das beleuchtete Rektoskop, die Harnleiter-Zystoskopie, der Kehlkopfspiegel, der Magenkatheter, das Bronchoskop und viele mehr.64 Auch waren die Möglichkeiten für die Krebsdiagnose viel umfassender als in den vorangegangenen Jahren.65 Hellmut Haubold, der Berliner Arzt und SS-Offizier, der über Krebsbekämpfung in Frankreich, Deutschland und Japan schrieb, untersuchte in einem Artikel von 1937 die Frage, ob Krebs anstieg, indem er Krebsraten in Städten und ländlichen Regionen miteinander verglich. Seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts wurde beobachtet, daß die Krebsraten in Städten höher lagen als auf dem Land – die Annahme war, daß das urbane/industrielle Leben (oder die »Zivilisation« im allgemeinen) das Ansteigen von Krebs verursache. Haubold argumentierte, daß die niedrigeren Krebssterblichkeitsraten in den ländlichen Gebieten bloß ein Artefakt der mangelhaften Erfassung der dortigen Todesursachen seien. Diese Idee wurde von der Tatsache gestützt, daß die Zahl der angegebenen Todesursachen »hohes Alter« oder »unbekannte Ursachen« in Gegenden konstant hoch war, wo die Krebsraten niedrig lagen, und umgekehrt. Statistiken aus verschiedenen Teilen der Welt zeigten, daß Länder mit hohen Krebsraten konstant wenige Todesursachen wie »hohes Alter« oder »unbekannte Ursache« verzeichneten. Österreich beispielsweise hatte mit 161 Fällen auf 100000 Einwohner die höchste jährliche Krebssterblichkeitsziffer in Europa, aber es wurden auch keine Todesfälle mit derart unspezifischen Ursachen verzeichnet. Haubold formulierte daraus eine Regel: Je höher die Sterblichkeitsrate von Krebs liege, desto weniger Todesfälle würden durch »hohes Alter« oder »unbekannte Gründe« verursacht. Haubold zeigte auch, daß – zumindest im Fall Frankreichs – die Krebsrate etwas langsamer anstieg, als die Rate der nichtspezifizierten Todesursachen gesunken war – was den Schluß nahelegt, daß Fortschritte in der Krebsbekämpfung erzielt worden waren. Er wies die Vorstellung zurück, daß Menschen in Industrienationen eher an Krebs starben als Menschen aus landwirtschaftlichen Gebieten: Die Krebsraten waren in Industrieländern zwar 66
oft höher (einer von acht Österreichern starb 1930 an Krebs, gegenüber einem von vierzig Litauern), aber dies war höchstwahrscheinlich eine Konsequenz der unterschiedlichen Genauigkeit, mit der solche Daten erhoben wurden. Hohe Krebsraten waren, wenn sie zusammen mit niedrigen Raten von unbekannten oder nichtspezifizierten Todesursachen auftraten, nur ein Maß für die Verläßlichkeit der Sterblichkeitsstatistiken der betreffenden Region. Haubold schloß daraus, daß die Krebsraten in Deutschland in erster Linie darum anstiegen, weil die Deutschen zwanzig Jahre länger lebten als ihre Vorfahren ein halbes Jahrhundert zuvor.66 Dies war ein ernsthaftes Problem. Die »Überalterung« der deutschen Bevölkerung war eine der größten Sorgen der Rassenhygieniker, zumal nun die zusätzliche Bedrohung durch Krebs, dem ja vor allem ältere Menschen zum Opfer fallen, hinzukam. Haubold warnte, daß eine Nation, die ihren »Willen zum Kind« verliere, unter stetig ansteigenden Krebsraten leiden werde.67 Über die Frage, ob »Zivilisation« (Modernität, Luxus, Industrie, urbanes Leben etc.) eine Hauptursache für Krebs sei und ob Krebserkrankungen deshalb zunahmen, waren die deutschen Gelehrten weiterhin geteilter Meinung – so wie dies bis zu einem gewissen Grad heute noch der Fall ist. Die politische Bedeutung dieses Streits unterschied sich allerdings von den Auseinandersetzungen in den sechziger und siebziger Jahren, als die ökologische Linke vor einer »epidemischen« Verbreitung von Krebs, verursacht durch industrielle Verschmutzung und verschiedene persönliche Laster, zu warnen begann.68 Im Deutschland der dreißiger Jahre war es eher die romantisch verklärte Rechte, die das Gespenst einer epidemischen Verbreitung von Krebs beschwor, als die technokratische Linke. Die Schulmediziner (Radiologen beispielsweise) argumentierten eher, daß Krebs unter Kontrolle sei und es sich bei der vermeintlichen Ausbreitung um einen Irrtum handle.69 Dies war eine oft vertretene Auffassung in Deutschlands einflußreichsten pathologischen Instituten: Hans Schwarz an der deutschen Universität in Prag bezweifelte die Ausbreitung der Krankheit,70 ebenso Robert Rößle in Berlin und Bernhard Fischer-Wasels in Frankfurt.71 Dasselbe galt für viele Industrieärzte. E. Pfeil, der leitende Arzt im Ammoniakwerk Merseburg, der 1911 bei den Chromatarbeitern in Ludwigshafen am Rhein Lungenkrebs identifiziert hatte, war überzeugt, daß die Lungenkrebsraten nicht anstiegen, sondern die Wahrscheinlichkeit der Diagnose einfach größer sei als in 67
der Zeit vor den Röntgenapparaten. Fehldiagnosen wie Tuberkulose, Emphyseme, Brustfellentzündung oder chronische Bronchitis seien bei Lungenkrebs zuvor gang und gäbe gewesen, und erst jetzt (1935), behauptete Pfeil, würden die Fälle korrekt erkannt.72 In diesem Kontext muß auch die generelle Angst der romantisch verklärten Rechten vor der »Zivilisation« in Betracht gezogen werden. Der Rassenhygieniker Fritz Lenz argumentierte in einem vielbeachteten Aufsatz aus dem Jahr 1917 – »Zur Erneuerung der Ethik«, von dem er später behauptete, er habe hier die zentralen Elemente der nationalsozialistischen Philosophie vorweggenommen –, daß der technologische Fortschritt eine Entfremdung von der Natur mit sich gebracht habe. Lenz war der Ansicht, der Überfluß von Gütern in der Gesellschaft habe nur zu Mißbrauch geführt; er zitierte Kant und Nietzsche, um seine These zu untermauern, daß das Leiden eine unvermeidliche Begleiterscheinung des Fortschritts sei. Zivilisation sei lediglich eine technische Größe, Kultur hingegen bilde sich entlang der menschlichen Beziehungen und in Übereinstimmung mit gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Zivilisation sei nur der Weg, Kultur hingegen das Ziel. Aber die Kultur könne nicht der höchste Wert sein, diese Ehre schrieb er der biologischen »Rasse« zu – ganz dem moralischen Imperativ der Rassenhygiene gemäß.73 Viele zeitgenössische Ansichten über Gesundheit können als Konsequenz dieses Mißtrauens gegenüber der »Zivilisation« betrachtet werden. Der Präsident des Reichsgesundheitsamtes Hans Reiter drängte auf eine Eliminierung der krebserregenden Lebensmittelfarbstoffe und forderte die Rückkehr zu einer Ernährungsweise, die derjenigen unserer Vorfahren ähnlich sein sollte (siehe Kapitel 5). Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti trat für den Bau von nordischen Saunas im ganzen Reich ein, die den Zweck haben sollten, Erkältungen und andere »Zivilisationskrankheiten« zu bekämpfen.74 Die Zivilisation wurde für Nervosität, den steigenden Konsum von Alkohol, Tabak und illegalen Drogen verantwortlich gemacht, zudem für zahlreiche andere Krankheiten – darunter auch Krebs. Der romantisch verklärten Rechten gelang es nie, die ausschließliche Kontrolle über die deutsche Medizin zu erlangen, selbst auf dem Höhepunkt der Macht des NS-Regimes nicht (siehe auch die Kapitel 5 und 7). Dies ist zweifellos ein Grund dafür, warum präventive Gesundheitsmaßnahmen 68
in geringerem Umfang verwirklicht wurden, als viele nationalsozialistische Ideologen sich einst erhofft hatten. Alternative medizinische Zeitschriften begannen das langsame Tempo des Fortschrittes zu kritisieren. Diesen Eindruck erhält man, wenn man beispielsweise im Hippokrates liest, das Interesse an Krebs in den späten dreißiger Jahren sei nicht mehr so groß wie in den vorangegangenen Jahren. Die Aufrüstung für den Krieg mag ein Grund dafür gewesen sein; zudem scheint Lieks Tod im Jahr 1935 die Bewegung verlangsamt zu haben. Ein Nachruf beklagte 1937, daß es um die Frage, was Krebs verursacht und wie er bekämpft werden soll, still geworden sei.75 Daß die konservativen medizinischen Kreise ihre Macht in den späteren Jahren des NS-Regimes wieder festigen konnten, enttäuschte die Naturheilkundler: Die ehrgeizigen medizinischen Projekte, die das Regime lanciert hatte – Röntgen-Massenuntersuchungen, Sterilisationen, rassische Überprüfungen, Impfungen, das »Euthanasie«-Programm, um nur einige wenige zu nennen –, benötigten das Talent und die Kompetenz von Schulmedizinern. Die Naturheilkundler verloren 1939 mit dem Tod von Reichsärzteführer Gerhard Wagner eine ihrer wichtigsten Stützen; der Ausbruch des Krieges im selben Jahr machte es zudem weniger opportun, von der einst gefeierten »Neuen Deutschen Heilkunde« zu sprechen.76 Der alternative Einfluß ging nicht verloren, aber die Methoden der Naturheilkunde wurden von da an eher in die konservativen, allopathischen Verfahren integriert als umgekehrt. Aber es gab noch einen weiteren Grund dafür, daß sich die Etablierung der Naturheilkunde verzögerte, nämlich das »Fallschirmfiasko« von Rudolf Heß, eines der merkwürdigsten Ereignisse im an Merkwürdigkeiten ohnehin nicht armen »Dritten Reich«. Heß war seit der »Kampfzeit« der NSDAP Hitlers rechte Hand gewesen: Er hatte 1923 im Landsberger Gefängnis jenes Diktat aufgenommen, das später zu »Mein Kampf« wurde, und der »Führer« belohnte seinen Sekretär mit einer Ernennung zum Stellvertreter und Nachfolger. Heß war lange ein Anhänger homöopathischer Methoden gewesen, und das ehrgeizigste Krankenhaus für Naturheilkunde wurde nach ihm benannt – das Rudolf-Heß-Krankenhaus, gegründet 1933 in Dresden. Heß hatte immer dafür gekämpft, die Naturheilkunde der »akademischen« Medizin gleichzustellen, und viele führende Köpfe der Naturheilkunde-Bewegung – Reichsärzteführer Gerhard Wagner zum Beispiel – verdankten zumindest einen Teil ihres politischen Erfolgs seiner Schirmherrschaft. 69
Dieser Mann, der Hitler zur Seite gestanden hatte, sprang im Frühjahr 1941 auf dramatische Art und Weise mit einem Fallschirm über England ab, scheinbar im Versuch, mit Churchill über ein mögliches Kriegsende zu verhandeln (er hatte offenbar keine Erlaubnis des »Führers« – aber die Geschichte bleibt mysteriös). Heß wurde verhaftet und im Londoner Tower festgesetzt; Deutschlands politische Elite geriet – gelinde gesagt – in Verlegenheit. Goebbels höhnte in seinem privaten Tagebuch über »Heß mit seinen Verrücktheiten«, beschimpfte ihn als »Morphinisten«. Aber die Flucht des »Stellvertreters des Führers« bot Gelegenheit, die Scharlatanerie in der Medizin – und die Kurpfuscherei überhaupt – anzugreifen.77 Am 12. Juni 1941 verkündete der Propagandaminister: »Alle Astrologen, Magnetopathen, Anthroposophen etc. verhaftet und ihre gesamte Tätigkeit lahmgelegt. Damit ist diesem Schwindel endgültig ein Ende gemacht. Sonderbarerweise hatte nicht ein einziger Hellseher vorausgesehen, daß er verhaftet wurde. Ein schlechtes Berufszeichen.«78 Ich möchte nicht den Eindruck vermitteln, daß die Alternativmedizin aus Deutschland verschwunden war oder etwa in den Untergrund gegangen sei. Himmler war weiterhin ein begeisterter Anhänger der natürlichen Medizin und förderte Experimente in Konzentrationslagern, mit denen er verschiedene natürliche Heilmittel testen ließ. In Dachau gab es mehrere Gewächshäuser, in denen verschiedene Kräuter und Heilpflanzen für Experimente und für eine umfangreiche Produktion gezüchtet wurden. Himmler blieb enthusiastisch in bezug auf Homöopathie, Mesmerismus und die Ganzheitsmedizin, die unter dem Namen »Biochemie« lief. Er glaubte, daß die Wärme des menschlichen Körpers sich grundsätzlich von der gewöhnlichen mechanischen Wärme unterschied, weshalb er die berüchtigten Experimente unterstützte, bei denen getestet wurde, ob Piloten, die in das eisige Wasser der Nordsee gestürzt waren, sich durch menschlichen Körperkontakt rascher aufwärmen würden als durch konventionelle Methoden. In Dachau wurden nackte Frauen gezwungen, die unterkühlten, halbtoten Opfer von hypothermischen Experimenten zu umarmen – man nahm an, daß sich ihre Körperwärme als wirkungsvoller erweisen würde als beispielsweise ein Bad in heißem Wasser. Nach dem Krieg verwiesen einige Schulmediziner, die der Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt waren, auf Himmlers Sympathie für natürliche Medizin, weil sie hofften, sich so von der Politik des »Reichsführers« 70
distanzieren zu können. SS-Gruppenführer Karl Gebhardt, der an einigen der ungeheuerlichsten Lagerexperimente teilgenommen hatte, benutzte Himmlers Vorliebe für Alternativmedizin, um zu argumentieren, daß seine eigene Arbeit keine Ähnlichkeit mit derjenigen des SS-Reichsführers aufwies.79 Die Rechnung ging nicht auf, und Gebhardt – der letzte Präsident des Deutschen Roten Kreuzes im »Dritten Reich« und ein Professor für Medizin, der einiges publiziert hatte – wurde von den alliierten Kontrollbehörden am 2. Juni 1948 in Landsberg hingerichtet. Seit dieser Zeit wurde – vor allem in der medizinischen Literatur – die Vorliebe der Nationalsozialisten für das Natürliche dazu benutzt, das Regime einer irrationalen Rückständigkeit zu bezichtigen. Historiker haben die Komplexität der damaligen ideologischen Auseinandersetzungen aufgezeigt, aber der Mythen produzierende Apparat der medizinischen Profession scheint ein Schwarzweißbild vorzuziehen: Nationalsozialisten sind fanatisch und wissenschaftsfeindlich. Dies hat natürlich den Zweck, das selbstgerechte »wir« vom besudelten »sie« zu distanzieren; vielleicht ist es tröstlich zu glauben, daß die »Nazi-Ärzte« Quacksalber gewesen sind – und daß Schulmediziner, da sie ja keine Quacksalber waren, nie in solche Verbrechen, wie sie damals geschehen waren, hätten verwickelt werden können. Man muß sich aber darüber im klaren sein, daß die Naturheilkunde nur einer von mehreren Wegen war, wie die nationalsozialistischen Ärzte unentwegt Krankheiten bekämpften. Der Nationalsozialismus prägte die Schulmedizin so stark wie die Alternativmedizin; Akademiker waren genauso wie die »Quacksalber« darauf versessen, ihre jüdischen Kollegen zu verunglimpfen. Die Herausforderung, die nationalsozialistische Medizin zu verstehen, besteht darin, zu erfassen, wie der Terror neue Grenzen überschritt; wie es kam, daß Verbrechen, Gefühlskälte und gesunder Menschenverstand nebeneinander existierten, in einem Land, das einst als »Land der Dichter und Denker« gepriesen wurde. Wir werden in den Kapiteln 5 und 7 zur Frage der Scharlatanerie zurückkehren – denn es mangelte nicht an Scharlatanen – , aber zunächst einige Worte über den bekannteren rassischen Reduktionismus der Ära und über einen der weniger bekannten, jedoch ergiebigen Aspekte der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik: die Bemühungen, Gefahren für das Erbgut zu erforschen. 71
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KAPITEL 3
GENETIK UND RASSENKUNDE Wir haben die Pflicht, im Notfall für das Vaterland zu sterben; warum sollen wir nicht die Pflicht haben, uns gesund zu erhalten. Hat der Führer dies nicht aus-
drücklich verlangt? Robert Hofstätter, Wiener Gynäkologe und engagierter Tabakgegner, 1939
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ine der Hauptstützen der nationalsozialistischen Ideologie war ihr ungebrochener Glaube an die Allmacht der Biologie. Die NS-Denker argumentierten, die Biologie bestimme das Schicksal, und aus diesem Grund seien so verschiedenartige »Krankheiten« wie Diabetes oder eine Ehescheidung bereits in den Genen verankert. Auf diesem Gebiet trieb die nationalsozialistische Phantasie seltsame Blüten; alle erdenklichen menschlichen Fähigkeiten oder Unzulänglichkeiten wurden auf rassische, genetische oder konstitutionsbedingte Veranlagungen zurückgeführt. Man nahm an, der Hang zur Kriminalität sei erblich – und nicht nur zur Kriminalität im allgemeinen, sondern zu spezifischen Verbrechen (Vergewaltigung, Veruntreuung etc.). Es war der Rassenfanatiker Hans E K. Günther, der die Neigung zur Ehescheidung für erblich hielt, und Fritz Lenz aus München ging sogar so weit zu behaupten, die Neigung, an den Lamarekismus – die Lehre von der Erblichkeit erlernter Eigenschaften – zu glauben, sei angeboren. Seine These sah er dadurch bestätigt, daß die bekanntesten Lamarckianer angeblich jüdisch waren; dies sei eine Folge ihrer angeborenen Neigung, sich anzupassen und sich mit ihrer Umgebung in Übereinstimmung zu bringen – einer Art menschlichen Variante der Mimikry, wie man sie in der Tierwelt vorfinde.1
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KREBS UND DIE »JUDENFRAGE« In Übereinstimmung mit dieser Ideologie behaupteten einige deutsche Ärzte, daß Krebs ebenfalls eine Erbkrankheit sei – eine Krankheit, für die verschiedene Individuen und Rassen in unterschiedlichem Maß anfällig seien. Schon viel früher war man auf die Idee gekommen, Krebs könnte erblich sein. Diese Vorstellung ging auf Friedrich Hoffmanns Postulat einer haereditaria dispositio aus dem 18. Jahrhundert zurück oder ist vielleicht sogar noch älter.2 Im 19. Jahrhundert bemühte man sich mit Hilfe der Statistik, der Erblichkeit von Krebs nachzugehen (es waren dies allerdings sehr ungenaue Verfahren, muß man hinzufügen), und zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte sich genügend Material angesammelt, mit dem sich beweisen ließ, daß bestimmte Krebserkrankungen der Augen (Retinoblastome), des Dickdarms und der Brust über die Keimzellen von den Eltern an die Nachkommen weitergegeben werden können.3 Die Vorstellung, daß zumindest einige Krebsarten erblich sein könnten, wurde von Zwillingsforschungen unterstützt, und bis zu den dreißiger Jahren gab es eine Vielzahl solcher Studien, auf Grund derer man glaubte, den Beweis für eine genetische Veranlagung gefunden zu haben.4 Manche Familien hielt man für immun: In einer Studie aus dem Jahr 1938 wurde über ein kroatisches Adelsgeschlecht behauptet, unter den 133 Angehörigen dieser gut dokumentierten Familie hätte es in einem Zeitraum von beinahe 200 Jahren keine einzige Krebserkrankung gegeben.5 Bereits in den zehner und zwanziger Jahren begann man die Vorstellung zu diskutieren, Vorgänge in der Erbmasse könnten bei der Entstehung von Krebs eine Rolle spielen. Angeheizt wurden diese Vermutungen von der Wiederentdeckung der Mendelschen Vererbungslehre um die Jahrhundertwende und den Arbeiten von Theodor Boveri und anderen. Der Münchner Rassenhygieniker Fritz Lenz vermutete 1921, Krebsgeschwüre würden von einer Mutation des Körperzellgewebes ausgelöst, und diese Mutation könne durch externe Schadstoffe (zum Beispiel Röntgenstrahlen oder Alkohol) ausgelöst werden,6 aber der wichtigste Vertreter der Mutationstheorie war ein junger Heidelberger Chirurg namens Karl Heinrich Bauer. Seine Karriere erinnert an die häufig vernachlässigte, aber zentrale Rolle, welche die Eugenik für den Fortschritt bestimmter Wissenschaftsbereiche spielte. 74
Man kennt Bauer heute vor allem als ersten Rektor der Universität Heidelberg in der Nachkriegszeit und zudem als Gründer und Vorsitzenden des Deutschen Krebsforschungszentrums (gegründet 1964 in Heidelberg), aber er war auch ein begeisterter und früher Anhänger der Eugenik – wenn auch nicht so fanatisch wie manch anderer. In seinem Buch über Rassenhygiene aus dem Jahr 1926 schlug er die Sterilisation von »minderwertigen« Menschen und Heiratsverbote vor, sprach sich aber zugleich gegen den »Irrwahn gewisser Rassefanatiker« aus, die eine vollständige Eliminierung allen »lebensunwerten Lebens« propagierten.7 Er hielt nicht viel von der Theorie, wonach Krebs erblich sei, aber seine Begeisterung für eine traditionellere Eugenik – zum Beispiel den Kampf gegen die Fortpflanzung der Schwachsinnigen – führte ihn so weit, daß er zum Mitautor des offiziellen technischen Handbuches wurde, das 1936 zum NS-Sterilisationsgesetz erschien. Seine Bemühungen auf diesem Gebiet brachten ihm in der Nachkriegszeit den Zorn von politisch aktiven Studenten ein, die 1968 sein Heidelberger Büro besetzten und ihn der Kollaboration mit den Nazis bezichtigten –8 was ich für nicht ganz angemessen halte. Bauer trat der NSDAP niemals bei: Offenbar konnte er gar nicht Mitglied werden, denn seine Frau, die Tochter eines Admirals, war »zu einem Viertel« jüdisch – eine Besonderheit, die ihn auch vom Militärdienst ausschloß und im übrigen wohl seine Nachkriegskarriere gerettet hat. Im. Jahr 1928 veröffentlichte Bauer seine erste umfassende Abhandlung, in der er die Ansicht vertrat, der entscheidende Moment bei der Entstehung bösartiger Tumore sei die somatische Mutation.9 (Unter dem Begriff »somatische Mutation« versteht man die Veränderung von nichtreproduktiven Körperzellen – im Gegensatz zur Veränderung von reproduktiven Zellen wie Sperma oder Eizellen.) Der amerikanische Genetiker Hermann J. Muller hatte kurze Zeit zuvor gezeigt, daß Röntgenstrahlen bei Fruchtfliegen Mutationen von Spermazellen auslösen konnten, und Bauer nutzte diese Erkenntnis für seine Argumentation: Wenn Röntgenstrahlen Krebs verursachen können, müsse Krebs auch als Ergebnis einer Mutation betrachtet werden. Bauers Formulierung war einfach und verallgemeinernd: »Alle positiv mutationserzeugenden, strahlenden Energien sind zugleich positiv krebserzeugend.« Seine Hypothese zur somatischen Mutation stieß in den späten dreißiger Jahren auf breite Akzeptanz – vor allem von seiten der Eu75
geniker. Otmar von Verschuer bemerkte in seinem Leitfaden der Rassenhygiene, bösartige Geschwülste könnten als somatische Mutationen betrachtet werden.10 Die Mutationstheorie erschien jenen Eugenikern, die sich um eine Schädigung der menschlichen Erbmasse sorgten, attraktiv. Einige ihrer Befürchtungen klingen für uns heute durchaus verständlich oder sogar beinahe prophetisch – zum Beispiel die Ängste bezüglich der Röntgenstrahlen oder des Tabaks –, andere erscheinen uns falsch, wenn nicht gar entsetzlich – etwa die Befürchtung, die Vermischung der Rassen könnte die Erbgesundheit der Deutschen schwächen. Im allgemeinen Verständnis der zwanziger und dreißiger Jahre implizierte die Vorstellung einer genetischen Veränderung immer auch rassistisches Denken. Es ist deshalb kaum erstaunlich, daß deutsche Wissenschaftler sich auf »rassische« Prädispositionen beriefen, um die Tatsache zu erklären, daß Menschen in verschiedenen Teilen der Welt in unterschiedlichem Maß an Krebs litten. Von Deutschen, Juden und Skandinaviern glaubte man beispielsweise, daß sie für Krebserkrankungen anfälliger seien als die lateinischen, slawischen und keltischen Völker.11 Man wußte bereits, daß weiße und schwarze Amerikaner unterschiedliche Krebsraten hatten (im allgemeinen hielt man Schwarze für »resistenter«),12 aber man nahm auch an, daß die Krebsraten von Juden und anderen europäischen Völkern im einzelnen voneinander abwichen: Krebsstudien aus der Ukraine der frühen dreißiger Jahre schienen beispielsweise darauf hinzudeuten, daß rund zweimal so viele Juden höheren Alters an Krebs starben wie Ukrainer oder Russen desselben Alters. Man stellte bei Juden eine außerordentlich hohe Rate von Magenkrebserkrankungen fest, und zugleich ein geringes Auftreten von Gebärmutter-, Genital- und Brustkrebserkrankungen.13 Solche Resultate wurden manchmal als Beweis für eine körperliche »Minderwertigkeit« der Juden herangezogen. Allgemein wurde in dieser Zeit versucht, den jüdischen Körper zu pathologisieren: Man behauptete, Juden hätten schlechte Augen, platte Füße und schwache Rücken, zudem gäbe es bei Juden eine hohe Rate von Geisteskrankheiten, sexuellen Unzulänglichkeiten und Homosexualität.14 Man erklärte die Krankheiten der Juden abwechselnd als Folge von Armut oder Reichtum. Wie der Historiker Sander Gilman bemerkt hat, wurde Magenkrebs bei Juden als Beweis dafür betrachtet, daß sie gierig waren.15 Je nach Bedarf beriefen sich die NS-Ärzte auf 76
Teile dieser Literatur, die sie dazu benutzen konnten, die Juden als körperlich und geistig schwach darzustellen. Aus diesem Grund sollten auch Deutsche und Juden nicht untereinander heiraten: Reichsärzteführer Gerhard Wagner behauptete, daß die Vermischung von jüdischem und nichtjüdischem Blut zu einer Ausbreitung von »krankhaften Erbanlangen« der »bastardierten« jüdischen Rasse in der »verhältnismäßig reinen« europäischen Erbmasse führen würde.16 Heute ist man der Meinung, daß die weltweiten Unterschiede bei den Krebsziffern entweder auf statistische Ungenauigkeiten zurückzuführen sind (so scheint es oft, daß es bei Menschen mit schlechter medizinischer Versorgung niedrige Krebsraten gebe, tatsächlich werden sie aber nicht vollständig in den Statistiken erfaßt), oder aber auf das Versagen des Forschers, die unterschiedlichen Altersstrukturen korrekt zu berücksichtigen.17 Zuweilen werden die unterschiedlichen Krebsraten auch mit Ernährungs- und Rauchgewohnheiten erklärt, oder auch mit einer unterschiedlichen Gefährdung durch krebserregende Umweltfaktoren. Aber im Klima des rassistisch orientierten Biologismus dieser früheren Epoche wurden die geographischen und ethnischen Unterschiede oftmals als Beleg für angeborene, rassenspezifische Prädispositionen verstanden. Cesare Lombroso, der italienische Begründer der Kriminalbiologie, behauptete, daß die Juden von Verona doppelt so anfällig für Krebs seien wie die veronesischen Christen. Viele amerikanische Forscher betrachteten Afroamerikaner als relativ immun –18 wie man aber heute erkannt hat, entstand dieser Eindruck lediglich, weil die Tumorerkrankungen in diesem Bevölkerungssegment mangelhaft erfaßt wurden. Auf der ersten Internationalen Konferenz über Krebserkrankungen in London im Jahre 1928 behaupteten Alfredo Nicefore aus Neapel und Eugene Pittard aus Genf, der Homo alpinus und der Homo nordicus hätten aufgrund ihrer angeblich größeren Empfänglichkeit für Krebs die höchsten Krebsraten unter den »uransässigen« europäischen Völkern.19 Auch die Ansicht, daß Italiener gegen Krebs resistent seien, war verbreitet, woraufhin einige Amerikaner vorschlugen, durch Ehen mit italienischen Frauen könnte man krebsresistente Nachkommen zeugen.20 Zudem glaubte man, Juden seien für »neuromyo-arterielle« Glomustumore besonders anfällig und zugleich praktisch immun gegenüber Peniskarzinomen.21 Die Meinungen darüber, ob Juden anfälliger für Krebserkrankungen wa77
ren oder nicht, gingen in Deutschland auseinander. Die Zahlen zu den Todesursachen der Berliner Bevölkerung aus dem Jahr 1905 zeigen, daß 8,6 Prozent der jüdischen Todesfälle auf Krebs zurückzuführen waren, während die Zahl bei der christlichen Bevölkerung bei 6 Prozent lag. Aber man glaubte nicht besonders an solche Zahlen, und zugleich sammelte sich Zahlenmaterial, das sogar eine geringere Anfälligkeit der Juden gegenüber manchen Arten von Krebs belegte. Seit Anfang des Jahrhunderts wurde verlangt, daß die Krebstodesfälle nach den betroffenen Organen registriert wurden (Lunge, Magen etc.), und dies löste neue Spekulationen über die Frage aus, wer für bestimmte Krebsarten anfällig oder immun ihnen gegenüber war. Der Gynäkologe Adolf Theilhaber stellte fest, daß es bei jüdischen Männern höhere Raten von Magen- und Darmkrebs gebe, aber nur sehr wenige Genitalkrebserkrankungen. Daß jüdische Frauen nur sehr selten von Gebärmutterkrebs betroffen waren, wurde oft auf die rituelle Praxis der (männlichen) Beschneidung zurückgeführt, aber der jüdische Neurologe Leopold Löwenfeld schlug eine »anlagebedingte« Erklärung vor: Bei jüdischen Frauen setze die Menstruation früher ein, und deshalb hätten sie mehr Blut in der Gebärmutter, weshalb sie für Gebärmutterkrebs weniger prädisponiert seien. Dies, so behauptete er, sei charakteristisch für Menschen des »plethorischen« Konstitutionstyps.22 Hinweise auf rassenspezifische Prädispositionen ergaben sich auch aus Laborstudien. Bereits in den zwanziger Jahren hatten derartige Untersuchungen gezeigt, daß bestimmte Mäuselinien gezüchtet werden konnten, deren Empfänglichkeit für transplantiertes Krebsgewebe unterschiedlich war oder die auch unterschiedlich anfällig für die Wirkung krebserregender Substanzen waren.23 Reichsführer SS Heinrich Himmler war offenbar fasziniert von dem Plan, eine Rasse von besonders krebsanfälligen Ratten zu züchten: Im Jahr 1939, bei einem Treffen mit Sigmund Rascher, dem berüchtigten Leiter der hypothermischen Versuche in Dachau, schlug Himmler vor, eine solche Rasse von Nagetieren in deutschen Städten auszusetzen, um so die Vermehrung der Ratten einzudämmen. Es ist noch nicht geklärt, inwieweit solche Pläne verwirklicht wurden.24 Die Ergebnisse von Tierversuchen wurden auch auf Menschen übertragen. Unterstützt wurde dieses Vorgehen von den ideologischen Bestrebungen, alle Aspekte des menschlichen Verhaltens – auch angebliche rassische 78
Unterschiede – zu verstehen, die vom »Blut«, der Rasse oder den Genen vorbestimmt würden. Otmar Freiherr von Verschuer, Leiter des Instituts für Rassenhygiene in Frankfurt am Main und Mentor von Dr. Josef Mengele, behauptete, daß Juden nicht nur unverhältnismäßig stark von Zuckerkrankheit, Plattfüßen, Bluterkrankheit und Taubheit betroffen seien, sondern auch von Melanosis, einer erblichen Kinderkrankheit, die zu verschiedenartigen Hautgeschwüren führt, und zudem von Muskeltumoren (das letztgenannte Leiden teilten sie laut Verschuer mit den »Farbigen«). Interessanterweise war Tuberkulose die einzige Krankheit, von der Verschuer annahm, daß sie bei Juden weniger häufig vorkam; dies sei, so behauptete er, eine Folge der evolutionsgeschichtlichen Anpassung der Juden an das urbane Leben.« Allerdings konnte die Erblichkeit von Krebs nie so eindeutig bewiesen werden, wie viele Krebsforscher es sich erhofft hatten. Im Jahr 1937 stützte sich Karl Heinrich Bauer zur Untermauerung seiner Annahme, wonach Krebs in erster Linie äußere Ursachen habe, auf Zwillingsforschungen: Warum litten eineiige Zwillinge sonst so selten an derselben Art von Krebs, fragte er.26 Drei Jahre später führte Bauer weitere Gründe für die These an, daß Krebs als eine Krankheit mit exogenen Ursprüngen betrachtet werden müsse: Zum einen war die Erblichkeit nur bei sehr wenigen Krebsarten offensichtlich, Melanosis, Netzhaut-Neuroblastome und Dickdarm-Polyposis waren bekannte, aber eher seltene Beispiele. Und zum anderen unterschieden sich die Krebsraten bei Frauen und Männern. Kehlkopfkrebs kam bei Männern zwanzigmal häufiger vor als bei Frauen, und Lungenkrebs fünfbis zehnmal häufiger. Konnten männliche und weibliche Lungen wirklich so verschieden sein – oder spielten Umwelteinflüsse ein Rolle? Lippen- und Magenkrebs kamen bei Männern ebenfalls doppelt so oft vor, aber bei Gallenblasenkrebs waren die Verhältnisse umgekehrt (Frauen litten sechs- oder siebenmal häufiger an dieser Krankheit). Derartige Unterschiede ließen sich kaum mit der Erblichkeit erklären. Männliche und weibliche Lungen, Lippen und Mägen unterschieden sich offensichtlich in keinem entscheidenden Punkt. Bauer schlug vielmehr eine befriedigendere Erklärung vor, die sich später als richtig erwies: Er sah den Grund für die unterschiedlichen Krebsraten bei Frauen und Männern in externen Faktoren wie beispielsweise den Rauch- und Trinkgewohnheiten. Dennoch hielt er es für möglich, daß ei79
nige Krebsarten »in der Familie liegen« könnten, aus dem einfachen Grund, weil die Angehörigen einer Familie ähnlichen äußeren Faktoren ausgesetzt waren, zum Beispiel die Familien der Schneeberger Uranbergwerksarbeiter, die seit langer Zeit an Lungenkrebs litten.27 Tatsächlich war es während der NS-Zeit recht üblich, die Entstehung von Krebs an verschiedenen Lebensweisen festzumachen – selbst linientreue Nazis glaubten daran. Arthur Hintze, ein führender Berliner Radiologe und Chirurgieprofessor, vertrat 1939 in einem Artikel über die weltweite Verbreitung von Krebs die Ansicht, daß den Ernährungsgewohnheiten und den religiösen Praktiken eine wichtige Bedeutung zukomme, wenn man die unterschiedlichen Krebsraten in den verschiedenen Teilen der Welt erklären wolle. Magenkrebs war die häufigste Ursache für Krebstodesfälle in Europa und Japan, aber dieselbe Krankheit kam in Kalkutta sehr selten vor, wo sie weniger als ein Prozent der Krebserkrankungen ausmachte. Im Fall Indiens schien diese Differenz wenig mit »Rasse« zu tun zu haben, sondern sie gründete offensichtlich in wirtschaftlichen Zwängen und in Vorschriften der Religion, die zur Folge hatten, daß die dortige Bevölkerung sehr wenig Alkohol und fast kein Fleisch zu sich nahm. Die Lebensgewohnheiten schienen auch für das seltene Vorkommen von Magenkrebs unter der malaiischen Bevölkerung von Java und Sumatra verantwortlich zu sein: In einer großangelegten Autopsiestudie von 3885 Malaien in Batavia fand man nur einen einzigen Fall von Magenkrebs, während diese Krankheit bei den dort lebenden Europäern und Chinesen ziemlich verbreitet war. Hintze hob hervor, daß die meisten Malaien muslimisch sind und deshalb weder Alkohol noch Fleisch konsumieren – Lebensgewohnheiten, die auch zu niedrigen Magenkrebsraten bei den vorherrschend buddhistischen Singhalesen in Sri Lanka führten. Auch die hohen Genital- und Blasenkrebsraten bei Arabern im Mittleren Osten waren auf Lebensgewohnheiten zurückzuführen. Hintze sah den Grund für diese Häufung in Infektionen durch Krankheitserreger wie Bilharzien und Syphilis-Spirochäten und folgte damit interessanterweise Sigismund Peller (einem Juden, dessen Bücher verboten waren). Hintze leugnete nicht, daß verschiedene Individuen und vielleicht sogar verschiedene Rassen ungleich anfälliger für die Wirkung krebserregender Substanzen seien (er wies daraufhin, daß hellhäutige Menschen ein höheres Risiko für durch Sonneneinstrahlung verursachten Hautkrebs tragen). Er 80
maß lediglich den Umweltbedingungen und den Lebensgewohnheiten eine größere Bedeutung zu, als dies gemeinhin der Fall war. Sein Fazit lautete, man solle nicht fatalistisch sein und annehmen, Krebs sei eine unvermeidliche Begleiterscheinung der Zivilisation. Hintze stellte auch fest, daß viele angeblich »rassische« Unterschiede in demographischen Unterschieden begründet lagen: Zum Beispiel beobachtete man bei Afrikanern oft hohe Sarkom-Raten – aber er erklärte diese Besonderheit mit der Tatsache, daß vor allem junge Menschen unter dieser Krebsart leiden. Da Afrikaner eine kürzere Lebenserwartung hätten als andere Völker, sei der (falsche) Eindruck entstanden, daß Schwarze für Sarkome besonders anfällig seien. Er vermutete auch, daß die Vorstellung, Afrikaner seien besonders anfällig für gutartige Tumore, damit zusammenhängen könnte, daß Nichtafrikaner die kosmetische Methode des rituellen Aufritzens der Haut falsch einschätzten.28 Es soll hier nicht der Eindruck entstehen, Hintze sei ein begeisterter Boasier gewesen –29 das war er nicht. Er war vielmehr begeisterter Nazi, der unmittelbar von der Vertreibung der Juden aus dem Rudolf-Virchow-Krankenhaus profitiert hatte. Er stellte die gewagte These auf, wonach Krebs bei jungen Menschen bestimmter Völker verbreiteter sei, weil diese Völker der »Jugend der Menschenheit« näherstünden – damit meinte er nach der Evolutionslehre die Vorfahren der Menschen. Er wollte auch der Beobachtung des Amerikaners Frederick L. Hoffman nicht zustimmen, daß die Krebsraten in den zivilisierten Nationen gesamthaft stiegen. Seiner Meinung nach hatte es Hoffman versäumt, die insgesamt höhere Altersstruktur der Bevölkerung in Betracht zu ziehen, da alterskorrigierte Krebssterberaten (zum Beispiel für die Schweiz im Zeitraum von 1901-1933) tatsächlich sanken. Lungenkrebs war die einzige deutliche Ausnahme, doch diese Zunahme wurde von der Abnahme anderer Tumorerkrankungen mehr als ausgeglichen. Hintze hätte genausogut Liek angreifen können, aber Hoffman war ein geeigneteres Ziel. In Haubold – einem SS-Angehörigen und Parteimitglied – fand er einen Verbündeten für seine These, daß Krebs keine unabwendbare Folge der »Kultur« (oder Zivilisation) sei. Seine Schlußfolgerung: Die menschliche Zivilisation hat Krebs teilweise besiegt und wird diesen Kampf weiterhin gewinnen.30 Selbst jene Männer (und fast alle waren Männer), deren Interesse sich vor allem auf genetische (oder »rassische«) Ursachen von Krankheiten richtete, 81
vertraten Krebstheorien, bei denen der Lebensstil berücksichtigt wurde. Otmar von Verschuer bemerkte in seinem Leitfaden zur Rassenhygiene aus dem Jahre 1941 nicht nur, daß Krebstumore »somatische Mutationen« seien, sondern auch, daß die erblichen Anlagen die kulturellen Unterschiede des Krebsvorkommens nur geringfügig beeinflußten. Nur ein Prozent aller Krebserkrankungen waren seiner Meinung nach auf eindeutig erbliche Krebssyndrome zurückzuführen.31 Sogar die Beobachtung, daß Juden für Krebs anfälliger seien, wurde oftmals mit umgebungsbedingten Ursachen erklärt. Martin Staemmler und Edeltraut Bieneck, zwei einflußreiche nationalsozialistische Ärzte, stellten 1940 fest, daß die jüdischen Geburtenraten in den vergangenen Jahren merklich gesunken seien, weshalb es unter Juden einen größeren Anteil älterer Menschen gebe als unter Nichtjuden. Dies erkläre teilweise, warum verhältnismäßig viele Juden an Krankheiten wie Krebs, Diabetes und Kreislaufversagen starben; und es erkläre auch, warum die jüdische Sterberate bei Tuberkulose und anderen Infektionskrankheiten niedriger sei, da diese Krankheiten vor allem junge Menschen treffen.32 Die oft kommentierten niedrigen Raten von Peniskarzinomen und Gebärmutterhalskrebs bei Juden wurden manchmal auf »rassische« Gründe zurückgeführt, häufiger aber – und zu Recht – sah man die Ursache dafür in der rituellen Praxis der Beschneidung. Auch bei Muslimen, die ebenfalls rituelle Beschneidungen praktizieren, wurde Peniskrebs selten beobachtet. Hintze ging 1939 so weit zu behaupten: »Das einzige sichere Beispiel für das Verschwinden einer Krebsform durch kulturelle Maßnahmen ist die Verhütung des Peniskarzinoms durch die Beschneidung«; in diesem Falle habe »die Kultur den Krebs besiegt«.33 Wie merkwürdig es doch klingt, einen NS-Arzt im Jahre 1939 die gesundheitlichen Vorteile eines jüdischen zeremoniellen Ritus verteidigen zu hören! Zumindest in der Frage, welche Rolle der Natur und welche den Lebensgewohnheiten bei der Entstehung von Krebs zukam, waren sich die Wissenschaftler jener Zeit uneinig. Verallgemeinernd kann man die nationalsozialistische Weltsicht in dieser Frage ungefähr wie folgt zusammenfassen: Bei Krankheiten, an denen Juden verhältnismäßig häufig erkrankten, wurde die »Natur« als Erklärungsmuster herangezogen. Aber man berief sich auf die Lebensgewohnheiten, um Krankheiten zu erklären, von denen Juden anscheinend verschont blieben. Was die Krebserkrankungen anging, blieben 82
die Meinungen jedenfalls geteilt – aus Gründen, die ich gleich erläutern möchte. Verbreiteter noch als die Erklärungsgegensätze, die sich auf die »Rasse« beriefen, waren die Versuche, gewisse körperliche »Konstitutionstypen« zu definieren, die für Krebs oder krebsverursachendes Verhalten – wie Rauchen oder übermäßigen Alkoholkonsum – besonders anfällig seien.34 Fritz Likkint vermutete, daß erbliche Faktoren bei Nikotin- oder Drogenabhängigkeit eine Rolle spielen könnten; Hans Weselmann behauptete, daß der »vegetativ-labile« Typ Nikotin nicht sehr gut vertrage, weshalb es weniger wahrscheinlich sei, daß er rauche und so an Krebs erkranke.35 Hofstätter führten diese Lehren in den zwanziger Jahren zu der plumpen anekdotischen Aussage: »Bei erwachsenen Frauen scheint mir die jüdische Rasse eher zu wesentlichen Intoleranzen gegen Nikotin zu neigen als die arische Rasse. Dafür sind die schwersten Raucherinnen, die ich kenne, drei jüdische und eine arische Frau. Ich kenne keine rothaarige, sehr schwer rauchende Dame und nur wenige blonde.«36 Es wurde damals allgemein anerkannt, daß eine dunklere Hautfarbe vor Krebs schütze, der durch Sonnenlicht verursacht wird. Der Münchner Radiologe Friedrich Voltz, Herausgeber der Radiologischen Rundschau, führte dies weiter und behauptete, daß der »rotblonde Konstitutionstyp« im allgemeinen für Krebs anfälliger sei,37 und sogar, daß Krebsgeschwüre bei Menschen unterschiedlicher »Rassen« auch unterschiedlich auf Röntgenstrahlentherapien reagierten (er vertrat die Ansicht, daß Tumore beim »rotblonden Typ« weniger günstig reagierten als Tumore bei anderen »Rassen«).38 Robert Ritter, der Tübinger Psychiater und Zigeuner-»Experte« (sprich: Mörder), widmete dem Thema »Rothaarigkeit als rassenhygienisches Problem« einen ganzen Aufsatz und wies darin unter anderem auf eine besondere Anfälligkeit der Rothaarigen für Krebserkrankungen hin.39 Der Betriebsarzt Wilhelm Hergt vermutete, daß »blondhaarige Menschen mit zarter Haut« eher den Krebserkrankungen, die am Arbeitsplatz ausgelöst würden, zum Opfer fielen, als »gut genährte, kräftige Personen«,40 und einige Ärzte waren der Meinung, daß die verschiedenen »Rassen« der Welt zu unterschiedlichen Suchtmitteln neigten. So sagte man, daß Schwarze Haschisch vorzögen, Asiaten Opium und »nordische« Europäer Alkohol.41 In einer medizinischen Dissertation von 1940 wurde behauptet, das Zigarrenrauchen sei bei 83
den »pyknischen« und »skierotischen« Typen am stärksten verbreitet (Winston Churchill wurde dabei als Beispiel angeführt), während die schlanken »Leptosomen« – so der typische bayerische Bauer – ausnehmend viel Schnupftabak konsumierten.42 Die damaligen Ansichten über Juden und Krebs waren hinterhältiger und gemeiner als das bisher Beschriebene: Juden galten nicht einfach als mehr oder weniger krebsgefährdet, man schrieb ihnen auch zu, sie würden Krebs auf verschiedene Art übertragen. Auf einer Konferenz im Jahr 1941, auf der die Gründung des Wissenschaftlichen Instituts zur Erforschung der Tabakgefahren in Jena (siehe Kapitel 6) gefeiert wurde, warf man den Juden vor, sie hätten den Tabak in Deutschland eingeführt, und lastete ihnen zudem an, die Importzentren für Tabak in Amsterdam zu beherrschen.43 Man sagte den Juden auch nach, sie würden mit anderen gefährlichen Gütern handeln. Hugo Kleine gab in seinem beliebten Buch über Ernährung den »jüdischen Emanzipierten und vermännlichten Halbweibern« und ihren besonderen kapitalistischen Interessen die Schuld für die Verschlechterung der deutschen Nahrungsmittel – und weil die Ernährung schlechter werde, steige die Krebsrate an.44 Man hielt Juden nicht nur für besonders anfällig gegenüber gewissen Krebsarten und immun gegenüber anderen, man beschuldigte sie vielmehr, eine der Ursachen für Krebs zu sein.
SELEKTION UND STERILISATION Man sollte selbstverständlich nicht vergessen, daß damals praktische – man könnte auch sagen chirurgische – Gründe mitspielten, ob eine bestimmte Krankheit als erblich klassifiziert wurde oder nicht. Das Sterilisationsgesetz von 1933 (»Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses«) bot bei einer großen Spannweite von »Erbkrankheiten« eine Grundlage für Sterilisationen, und erblicher Krebs wurde manchmal so kategorisiert, daß er unter dieses Gesetz fiel.45 Prof. Wilhelm Clausen aus Halle forderte beispielsweise 1936, daß Kinder, die unter Retinoblastomen (einer erblichen Krebserkrankung des Auges) litten, sterilisiert werden sollten. Er war jedoch nicht der Meinung, daß man Menschen mit leichteren Formen erblicher Blindheit – wie die Farben- oder Nachtblindheit infolge von leichtem Albinismus – die 84
Fortpflanzungsfähigkeit nehmen sollte.46 Auch Bernhard Fischer-Wasels trat dafür ein, jene Menschen zu sterilisieren, die in bezug auf Krebs erblich belastet waren. In einem Artikel der Zeitschrift Strahlentherapie aus dem Jahr 1934 vertrat der Frankfurter Pathologe die Ansicht, »durch Ausschaltung der schwerbelasteten Familien von der Fortpflanzung, durch Verhinderung der Kombination belasteter Erbmassen, wird sich auf die Dauer sicherlich Gutes erreichen lassen.«47 Die zur Diskussion stehenden Krebsarten waren Tumore der Nerven- und Nieren-Stammzellen, Neuroblastome der Nebenniere und der Sympathikusnerven sowie gewisse erbliche Arten von Nierenkrebs (Nephromen), zudem die bösartigen Netzhautgeschwülste (Retinoblastome), von denen vorwiegend Kinder betroffen sind. Diese Krankheiten kamen keineswegs oft vor, aber die Tatsache, daß sie in hohem Grad erblich waren und für junge Menschen oft tödlich endeten, machte gemäß FischerWasels Sterilisationen notwendig, um die Übertragung auf zukünftige Generationen zu verhindern.48 Es gab zudem Auswirkungen subtilerer Art. Es ist nicht bekannt, ob die Ansicht, wonach »rotblonde Konstitutionstypen« für Krebs anfälliger seien, zur Konsequenz hatte, daß Radiologen bei der Bestrahlung von Personen mit dunklerer Haut weniger vorsichtig gewesen wären. Erwiesen ist allerdings, daß die Vorstellung einer unterschiedlichen rassenspezifischen Anfälligkeit für die Untersuchung von Arbeitern in Industrien mit krebserregenden Substanzen Folgen hatte.49 Auf einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsschutz im November 1934 legte Prof. Günther Lehmann vom Dortmunder Kaiser-Wilhelm-Institut für Laborphysiologie dar, wie die Nasen der Arbeiter den Quarzstaub unterschiedlich gründlich herausfilterten. Man wußte, daß dieser Staub zu Silikose führte. Diese gefährliche Krankheit drohte bei der Arbeit in Bergwerken und Gießereien, bei der Porzellanherstellung, beim Sandstrahlen und der Bearbeitung von Edelsteinen sowie in anderen Industriezweigen, in denen große Mengen von Steinstaub eingeatmet wurden (siehe auch Kapitel 4). Lehmann konstruierte einen Apparat, mit dem man in die oberen Atemwege eines Arbeiters Staub blasen konnte, der dann durch den Mund wieder aufgefangen wurde. Dadurch konnte man feststellen, wieviel Staub die Nase herausfilterte (angeblich wurde die Lunge bei diesem Testverfahren nicht in Mitleidenschaft gezogen).50 Lehmann fand heraus, daß einige Nasen ein außergewöhnlich 85
gutes »Staubbindungsvermögen« hatten – sie fingen 60 Prozent des eingeführten Staubs auf–, während andere Nasen fast die gesamte Staubmenge in die Lungen eintreten ließen. Mit seiner Apparatur untersuchte er mehrere hundert Bergarbeiter und stellte fest, daß die Nasen jener, die nach über sechzehn Jahren Bergarbeit gesund geblieben waren, eine viel bessere Filterfähigkeit hatten als jene, die an Lungensilikose erkrankt waren. Er fand auch heraus, daß jene Arbeiter, die durch den Mund atmeten, viel anfälliger für die Krankheit waren als die, welche die Luft durch die Nase aufnahmen. Der Dortmunder Professor kam zu dem Schluß, das »Staubbindungsvermögen« der Nase sei wahrscheinlich der zentrale Faktor, um zu bestimmen, ob ein Mensch für Silikose anfällig war. Er empfahl, daß nur Menschen mit einem erwiesenermaßen guten Bindungsvermögen in Produktionszweigen arbeiten durften, wo Lungensilikose eine Gefahr darstellte.51 Der Ratschlag wurde scheinbar in breitem Maße befolgt, obwohl diese Methode, anfällige Arbeiter zu identifizieren, auch angezweifelt wurde.52 Es gab in dieser Zeit viele ähnliche Fälle, in denen besondere Veranlagungen und Anfälligkeiten untersucht wurden. Als Wissenschaftler vom Berliner Institut für Strahlenforschung im Jahr 1939 Versuche zur menschlichen Reaktion auf ultraviolette Strahlen durchführten, wählten sie absichtlich eher dunkelhäutige und braunhaarige Personen aus, weil diese gegenüber der schädlichen Strahlenwirkung angeblich resistenter waren.53 Bergarbeiter wurden regelmäßig geröntgt, man hoffte so, Frühsymptome für Lungenkrankheiten erkennen zu können. Arbeiter, bei denen Verdacht auf eine Erkrankung bestand, wurden entlassen. Hinter diesem Vorgehen steckte, wie wir noch sehen werden, eine paternalistische Philosophie, welche Arbeiter als abstrakte Faktoren im Produktionsprozeß verstand (siehe Kapitel 4). Entscheidend ist dabei, daß das Ziel fast all dieser Bestrebungen war, die Arbeiter dem Arbeitsplatz anzupassen – und nicht umgekehrt. Rassistisches Denken spielte eine zentrale Rolle in den Konzepten, wer anfällig für Krebserkrankungen war und wer nicht – und dabei war Deutschland kein Einzelfall. Selbst nach dem Krieg waren Arbeitsmediziner teilweise noch der Ansicht, daß Menschen mit dunklerer Haut besser für die Arbeit in Industrien mit krebserregenden Substanzen geeignet seien. Wilhelm Hueper, der amerikanische Pionier in der Erforschung der Krebsgefahren am Arbeitsplatz und Vorbild für Rachel Carson, vertrat in seinem 86
Hauptwerk aus dem Jahr 1942 die Ansicht, daß die Haut der »farbigen Rassen« gegenüber den krebserregenden Wirkungen von Teer, Pech und Mineralölen wesentlich widerstandsfähiger sei. Hueper argumentierte, die von Natur aus fettige Beschaffenheit ihrer Haut schütze die Schwarzen offenbar vor der karzinogenen Wirkung vieler industriell verwendeter Chemikalien, da berufsbedingter Hautkrebs und Dermatitis bei ihnen selten beobachtet würden. Der ehemalige Deutsche gab zwar zu, daß die ganze Frage der »rassischen« Resistenz kontrovers diskutiert und ständig revidiert werde. Er wies in diesem Zusammenhang beispielsweise daraufhin, wie unterschiedlich das seltene Vorkommen von Peniskarzinomen bei Juden immer wieder interpretiert worden sei. Ursprünglich hatte man dies als »rassisches« Merkmal betrachtet, nun akzeptierte die überwiegende Mehrheit der Forscher, daß das seltene Vorkommen eine Folge der Beschneidungspraxis war.54 Hueper blieb nichtsdestoweniger überzeugt, daß Schwarze weniger anfällig für Hautkrebs waren. Noch 1956 behauptete er, daß dunkelhäutige Personen für Tätigkeiten in Industrien mit beträchtlicher Krebsgefahr besser geeignet seien –55 eine Meinung, die im Widerspruch zu den Hauptströmungen innerhalb der amerikanischen Sozialwissenschaften stand, die sich immer mehr gegen das rassistische Denken wandten. Hueper wehrte sich erfolgreich gegen den Vorwurf, mit den Nazis zu sympathisieren – und ebenso gegen die Anschuldigung, Kommunist zu sein –, doch seine von rassistischem Denken geprägten Ansichten erinnerten nach wie vor verdächtig an jene seiner ehemaligen Landsleute jenseits des Atlantiks.
Der Nationalsozialismus veränderte die deutsche Krebsforschung und -politik in vielen verschiedenen Bereichen: Die Forschungsterminologie veränderte sich, man entwickelte neue Konzepte über die Krankheitsursachen, man unterstützte andere Institutionen oder Einzelpersonen als zuvor, schloß dafür andere aus oder verbot sie sogar. Auch die Art und Weise, wie Fragen gestellt wurden, blieb nicht die gleiche, und der alltägliche Umgang der Ärzte mit ihren Patienten änderte sich. Der Nationalsozialismus setzte auf das »Rassische«, das Radikale und das Schnelle. Die Gesundheitspolitik stand im Zeichen des Überwachens, der Klassifizierung und Untersuchung, in einem noch nie dagewesenen Ausmaß. Krebserregende Substanzen, 87
Krebsträger und sogar »Krebsängste« wurden bekämpft mit dem Ziel, ein sicheres und gesundes Utopia zu schaffen. Hans Auler, der Berliner Professor, dem es gelungen war, die Karriereleiter innerhalb der Krebsforschung zu erklimmen und Goebbels’ Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, verstand das NS-Regime selbst als Mittel gegen den Krebs: Es muß als ein großes Glück für die Krebskranken bezw. Krebsgefährdeten in Deutschland bezeichnet werden, daß der Aufbau des Dritten Reiches in seinen Grundzügen auf der Gesundheitspflege und Gesunderhaltung des Deutschen Volkes basiert. Die wichtigsten Maßnahmen der Regierung in erbbiologischer Hinsicht, in der Aufziehung der Jugend, insbesondere sportliche Ertüchtigung, Landjahr nach der Schulentlassung, sportliche Ausbildung in der HJ., SA. und SS., die Pflege der Frühehe, die Schaffung der primitivsten Existenzbedingungen, Ehestandsdarlehen, Wohnungshygiene, Siedlung, Arbeitsdienst usw. kann man als indirekte, prophylaktische Maßnahmen gegen den Krebs bezeichnen.56 Es erstaunt kaum, daß Goebbels auf Auler aufmerksam wurde. Er besprach nicht nur Aulers Ideen mit dem »Führer«, sondern belohnte ihn auch mit der beträchtlichen Summe von 100000 Reichsmark, damit er seine Studien weiterführen konnte.57 Die entsetzlichen Konsequenzen der NS-Rassenhygiene sind bekannt, und es wurde bereits viel darüber geschrieben. Weniger bekannt ist jedoch die Tatsache, daß die nationalsozialistische Eugenik sich dafür einsetzte, daß man die schädlichen Wirkungen von mutationsauslösenden und krebserzeugenden Substanzen erforschte – von Alkohol und Tabak über Schadstoffe am Arbeitsplatz bis hin zu gefährlichen Mitteln zur Empfängnisverhütung.58 Die folgenden drei Kapitel untersuchen die nationalsozialistische Forschung zu diesen Themen anhand von drei Beispielen – und zwar in den Bereichen der Arbeitsgesundheit, der Ernährung und des aggressiven Kampfes gegen das Rauchen. In allen drei Gebieten können wir feststellen, daß die NS-Ideologie die Krebsforschung veränderte, manchmal zum Guten, manchmal zum Schlechten.
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KAPITEL 4
KREBSGEFAHR AM ARBEITSPLATZ Ungeheure Kraftanstrengungen eines sich erhebenden Volkes aber können nicht ohne Gefahr für den Gesundheitszustand des Volkes bleiben. Leonardo Conti, Reichsgesundheitsführer, am 25. Mai 1939
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in Teilstück des nationalsozialistischen Programms zur Krebsbekämpfung erstaunt besonders: Die Nationalsozialisten beschäftigten sich ausführlich mit der Krebsgefahr am Arbeitsplatz. Die deutsche Medizin konnte sich bei der Unterstützung der Gewerbehygiene auf eine lange Tradition berufen,1 und die nationalsozialistischen Ärzte setzten diese Tradition fort. Allerdings verfolgten sie dabei widersprüchliche Ziele, da Ideologie und Realpolitik nicht immer miteinander vereinbar waren.2 Bis ins Jahr 1930 hatte man zahlreiche verschiedene Krebsrisiken am Arbeitsplatz festgestellt. Im Mittelpunkt standen dabei durch Röntgenstrahlen verursachter Haut-, Knochen- und Blutkrebs sowie Krebs der inneren Organe, der durch Radiumbelastungen des Körpers verursacht wurde; des weiteren Blasenkrebs bei Färbearbeitern und Lungenkrebs, der durch den Kontakt mit Chrom und bei der Arbeit in Uranbergwerken entstand, ebenso wie die durch Arsen verursachten Krebsarten, die gelegentlich bei Weinbauern, Glas- und Stahlarbeitern auftraten,3 und die Hautkrebsarten, die durch längeren Kontakt mit Paraffin, Teer, Ruß und bestimmten Mineralölen ausgelöst wurden.4 Man bezweifelte zwar, daß diese Krebsarten wesentlich zur allgemeinen Last der Krebskrankheiten beitrugen – Bernhard Fischer-Wasels bemerkte im Jahr 1934, daß die durch Risiken am Arbeitsplatz verursachten Krebsfälle nur einen sehr geringen Anteil aller Krebserkrankungen in Deutschland ausmachten –,5 aber sie waren von politischer Bedeutung, da sie – und darin waren sich fast alle Experten einig – im allgemeinen vermeidbar waren. Wir beginnen mit einem Überblick zur Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz in den dreißiger Jahren, um dann zu analysieren, wie die NS89
Behörden die damals bekanntesten Krebsrisiken am Arbeitsplatz angingen: Es soll darum gehen, wie sie die gefährlichen Wirkungen von Röntgenstrahlen, Radium, Uran, Arsen, Chrom und Asbest einzudämmen versuchten, genauso wie sie sich der Krebsgefahr widmeten, die bei der Anilinfarben-Produktion besteht. Jeder dieser krebserregenden Stoffe konnte, wie wir noch sehen werden, auf eine turbulente politische Geschichte zurückblicken. Zur gleichen Zeit aber, in der die NS-Gesundheitsbehörden Sicherheitsmaßnahmen entwickelten, damit Arbeiter diesen tödlichen chemischen Giften nicht länger ausgesetzt waren, wurden auch Anstrengungen unternommen, einen Teil genau derselben Giftstoffe dafür einzusetzen, Millionen von Juden und Sinti und Roma zu ermorden.
GESUNDHEIT UND ARBEIT IM »REICH« Hitler war im Januar 1933 mit dem Versprechen an die Macht gekommen, der Arbeitslosigkeit in Deutschland und anderen »Übeln«, die man mit der Weimarer Republik in Verbindung brachte, ein Ende zu setzen. Millionen von Arbeitern hatten keine Beschäftigung, und dieses Versprechen fand bei zahlreichen verzweifelten Menschen offene Ohren. Die Kommunistische Partei Deutschlands war in den vorangegangenen Jahren zwar gewachsen, aber innere Streitigkeiten hatten eine einheitliche Front innerhalb der Linken verhindert. So war der Weg für Hitler und seine Anhänger frei. Im Gegensatz zu den Kommunisten schreckte Hitlers Partei die Exponenten der Wirtschaft nicht ab: Auf die Frage, ob er die Industrie verstaatlichen würde, antwortete Hitler: »Warum sollte ich die Industrie verstaatlichen, wenn ich die Menschen verstaatlichen kann?« Die Nationalsozialisten verliehen der Arbeit eine besondere, beinahe magische Aura. Kunst und Literatur feierten die Tugenden des Arbeiters, man stimmte ähnliche Lobeshymnen an, wie sie in der Sowjetunion von der Stachanow-Bewegung und in den USA von Sozialrealisten wie Edward Hopper gesungen worden waren. Wer arbeitete, wurde zum Helden verklärt, wer nicht arbeitete, als heruntergekommener Asozialer beschimpft. Arbeit war eine »moralische Pflicht«, die mit dem Militärdienst oder im Falle der Frauen mit dem Gebären und Aufziehen der Kinder vergleichbar war. Die 90
Menschen hatten nicht das Recht, sondern die Pflicht zu arbeiten –6 dieser Wertewandel zeigte sich auch in der Auflösung der Gewerkschaften. Im Mai 1933 führte Robert Ley einen Staatsstreich gegen die Gewerkschaften, danach forderte man alle Arbeiter und Angestellten dazu auf, sich der nationalsozialistischen Nachfolgeorganisation, der »Deutschen Arbeitsfront« (DAF), anzuschließen. Die DAF amtete in den Fabriken als eine Art Polizei und nahm dort eine beispiellose Machtstellung ein. Sich vor der Arbeit zu drücken kam in diesem Klima dem Hochverrat gleich, und Menschen, von denen man zuvor nicht erwartet hatte, daß sie arbeiteten, wurden nun dazu angehalten – zuerst Frauen, dann Tuberkulosekranke, später Minderjährige und ältere Menschen, und schließlich Millionen ausländischer Arbeitskräfte und Zwangsarbeiter aus den eroberten Gebieten. Für diejenigen Menschen jedoch, die in ein Konzentrationslager verschleppt wurden, kam die Arbeitsunfähigkeit einem Todesurteil gleich. Hitlers Mobilmachung beschleunigte das Arbeitstempo dramatisch. Die Eisen- und Stahlindustrie, die chemische Industrie, die Maschinenindustrie und die Landwirtschaft konnten ihre Produktion sprunghaft steigern, da immer mehr Menschen sich in das Heer der Arbeitstätigen einreihten und immer härter und länger arbeiteten. In der Eisenindustrie und anderen metallverarbeitenden Branchen wurden Überstunden zur Regel, ebenso in der Auto- und Flugzeugherstellung, in den Bergwerken und in der Zementproduktion (die Nationalsozialisten verbrauchten Unmengen von Zement). Im Sommer 1938 arbeiteten die Beschäftigten in den Uniformfabriken zwölf Stunden am Tag, um den Bedarf der Armee zu decken. Bei der Herstellung von Panzern, Sprengkörpern und Munition sowie in vielen anderen Industriezweigen war die Situation nicht anders. Werktätige in der Rüstungsindustrie arbeiteten oft sechzig Stunden in der Woche, auch samstags war der Gang in die Fabrik Pflicht. Jene Arbeiter, welche die massiven Befestigungsanlagen entlang der französischen Grenze errichteten, die als Westwall oder Siegfriedlinie bekannt wurden, mußten ähnliche Arbeitspensen bewältigen. Da die Militarisierung der deutschen Wirtschaft so schnell voranschritt, kamen erheblich mehr Arbeitsunfälle vor. Die Zahl der tödlichen Unfälle stieg in den ersten vier Jahren der NS-Herrschaft um zehn Prozent, was die Gesundheitsbehörden offiziell dem gesteigerten Arbeitstempo zuschrieben.7 Arbeiter in Brauereien hatten die höchste Unfallrate, sie lag sogar höher als 91
diejenige von Minenarbeitern.8 Die Zahl der Werktätigen, die wegen Verletzungen gezwungen waren, in Pension zu gehen, stieg von 4000 im Jahr 1933 (die Unfälle in den Bergwerken sind in dieser Zahl nicht enthalten) auf mehr als 6000 drei Jahre später.9 Im Jahr 1938 wies eine Kampagne daraufhin, daß in diesem Jahr 1,5 Millionen Deutsche am Arbeitsplatz Verletzungen oder Unfälle erleiden und zudem weitere 8000 bei der Arbeit tödlich verunglücken würden. Zwei Jahre später sagte der emigrierte Arzt Martin Gumpert voraus, Deutschland werde, falls das Arbeitsfieber nicht nachlasse, einen Zusammenbruch erleiden, »der jenen des Jahres 1918 bei weitem übertreffen würde«.10 Den deutschen Behörden bereitete der starke Anstieg von Unfällen und Krankheiten einiges Kopfzerbrechen. Etwa ein Dutzend Journalisten publizierten ununterbrochen Artikel zu verschiedenen Aspekten von Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz – von den schädlichen Wirkungen des Asbests bis zu den Gefahren des Zinks. Das Archiv für Gewerbepathologie und Gewerbehygiene schrieb über Vergiftungen durch Kohlenmonoxid, während das Zentralblatt für Gewerbehygiene und Unfallverhütung Artikel über die Staubkontrolle in der Textilindustrie und den Strahlenschutz in den mit Radium arbeitenden Betrieben veröffentlichte.11 In Arbeitsphysiologie wurden Berichte über die Auswirkungen beruflicher Tätigkeiten auf die menschlichen Organe publiziert, und die Monatsschrift für Unfallheilkunde schrieb über Unfälle in der Industrie und andere Themen der Versicherungsmedizin. Weitere Zeitschriften beschäftigten sich mit spezifischen Themen der Arbeitsgesundheit und –Sicherheit. Der Gesundheitsingenieur berichtete über die technische Entwicklung von beruflichen Sicherheitsvorkehrungen (zum Beispiel wie man die Fabrikluft sauber halten konnte), während Die Ärztliche Sachverständigen-Zeitung sich mit den Problemen auseinandersetzte, um die sich die Ärzte in den Fabriken kümmern mußten.12 Der Arbeitsschutz schrieb über generelle Maßnahmen, um sich am Arbeitsplatz vor Gefahren zu schützen, während Die Gasmaske, die von der Auergesellschaft in Berlin, einem Uranproduzenten, herausgegeben wurde, über Technologien zur Eindämmung der Staubentwicklung berichtete. Es existieren noch zahlreiche weitere Fachzeitschriften und Buchreihen, die sich in dieser Zeit mit dem Thema Sicherheit am Arbeitsplatz auseinandersetzten –13 insgesamt gab es zu diesem Themenkomplex mehr Publikationen als in jedem anderen Land der Welt. 92
Die NS-Behörden schickten zudem eine beispiellose Anzahl Ärzte in die Fabriken. Das Ziel war teilweise, die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiter zu gewährleisten, aber hauptsächlich mußten die Ärzte bestätigen, daß jemand krank genug war, um zu Hause zu bleiben, und natürlich sollten sie auch Drückeberger entlarven. Die Zahl der Betriebsärzte stieg von nur 467 im Jahr 1939 auf erstaunliche 8000 im Jahr 1944. Die meisten dieser Ärzte hatten verschiedenartige Pflichten, dazu gehörte auch, die Arbeitsdisziplin aufrechtzuerhalten und alles Notwendige zu unternehmen, daß die Arbeiter die höchstmögliche Leistung erbrachten.14 Die Haltung der Nationalsozialisten zur Gesundheit und Sicherheit von Arbeitern muß unter sehr verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet werden. Als erstes sollten wir uns daran erinnern, daß sich vieles, aber nicht alles veränderte, als das neue Regime die Macht ergriff. Ein großer Teil der Literatur zu Gesundheitsmaßnahmen in Fabriken, die während des Nationalsozialismus entstand, kann als Fortsetzung der Bemühungen betrachtet werden, die bereits vor der NS-Herrschaft eine gewisse Bedeutung erlangt hatten – dazu gehörten zum Beispiel viele Präventionskonzepte, die von sozialistischen und kommunistischen Gesundheitsbeamten ausgearbeitet worden waren (zum Beispiel das Registrieren von Krankheiten und die Einrichtung von Arbeitsplätzen mit geringstmöglichen Gesundheitsrisiken). Auch die Tatsache, daß Deutschland ein staatlich unterstütztes Sozialsystem besaß, spielte eine wichtige Rolle: Die im Jahr 1883 etablierten Krankenkassen veranlaßten den Staat, sich vermehrt für eine Kostenverringerung im Gesundheitswesen einzusetzen. Die erwünschte Kostensenkung war ein zentrales Motiv für die »Euthanasie«-Aktion – dadurch sollte die finanzielle Last, die durch »lebensunwertes Leben« entstand, wegfallen; dieselbe Logik stand aber auch hinter vielen Gesundheitsreformen in der Arbeitswelt. Viele der Gefahren, die am Arbeitsplatz drohten, wurden in Deutschland schon sehr früh entdeckt, weil das staatliche Gesundheitssystem vorsah, daß Arbeitsunfälle und –krankheiten gemeldet und entschädigt wurden. Aus diesem Grund hatte der Staat großes Interesse daran, die Schadensfälle möglichst gering zu halten. Zweitens muß man berücksichtigen, daß die NS-Behörden daran interessiert waren, leistungsfähige, qualifizierte Arbeiter zur Verfügung zu haben, die nicht krank wurden und ihre Arbeit liebten. Viele Innovationen der dreißiger und vierziger Jahre müssen als Teil der Bemühung verstanden werden, 93
die Arbeiterschaft auf Hochleistung zu trimmen. So wollte man beispielsweise mit dem ambitionierten Reorganisationsplan »Gesundheitswerk« der von Robert Ley geführten Deutschen Arbeitsfront die Deutschen zum gesündesten, leistungsfähigsten Volk der Welt machen.15 »Leistungsmedizin« und »Selektionsmedizin« sollten die Leistung der Arbeiterschaft erhöhen, indem die Arbeitsbedingungen verbessert und leistungsschwache Arbeiter ausgesondert wurden.16 Dieses Streben nach Höchstleistung war größtenteils durch die Kriegsmobilmachung motiviert. Der ehrgeizige Vierjahresplan, der 1936 verkündet wurde, stellte die gesamte deutsche Produktion auf eine militärische Basis, wodurch sowohl das Arbeitstempo als auch die Zahl der Arbeitsstunden erhöht wurden – auch die Zahl der in Heimarbeit geleisteten Stunden stieg.17 Die nationalsozialistischen Bemühungen auf diesem Gebiet müssen auch vor dem Hintergrund größerer militärischer und geopolitischer Zusammenhänge verstanden werden – dabei stehen vor allem die territorialen Ansprüche des Regimes und seine umfassende, oft mörderische Politik, ausländische Arbeitskräfte in deutschen Fabriken als Zwangsarbeiter einzusetzen, im Zentrum. Millionen von Ausländern wurden dazu gezwungen, in der deutschen Industrie und Landwirtschaft Dienst zu tun, Zehntausende verloren dabei ihr Leben. Zwangsarbeiter aus Konzentrationslagern mußten in deutschen Fabriken arbeiten, und Kriegsgefangene wurden als »Studienobjekte« bei tödlichen Experimenten in Konzentrationslagern mißbraucht – viele dieser Versuche hingen mit den Anstrengungen zusammen, die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz zu verbessern. Die Experimente mit extremer Kälte oder sehr niedrigem Luftdruck, die in Dachau durchgeführt wurden, sollten beispielsweise der Flugphysiologie (einem Teilgebiet der Militärhygiene) zugute kommen. Man wollte sich auf diesem Weg grundlegendes Wissen erarbeiten, um Piloten retten zu können, die eiskalter Luft oder Wasser ausgesetzt waren, oder auch dem rapiden Druckabfall, wenn in großer Höhe der Schleudersitz betätigt werden mußte. Die deutschen Militärbehörden wollten wissen, ob ein Pilot, der über der Nordsee abgestürzt und drei Stunden lang einer Wassertemperatur von etwa zehn Grad Celsius ausgesetzt war, noch lebte, und ob es sich lohnte, eine Rettungsmannschaft loszuschicken. Viele der berüchtigten Experimente waren so konzipiert, daß derartige praktische Fragen beantwortet werden konnten. 94
Es gab in Deutschland zwei verschiedene Systeme, was die Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz anging: Eines galt für die »rassisch Erwünschten«, das andere für die »rassisch Unerwünschten«. Die meisten Bestimmungen zum Schutz der »anständigen, gesunden Deutschen« wurden gesetzlich verankert; viele Mißbräuche, die »rassisch Minderwertige« zu erleiden hatten, fanden in einer juristischen Grauzone statt, die durch die Kriegssituation und die Mißachtung der internationalen Menschenrechte (ein Konzept, das noch nicht sehr weit ausgereift war) entstanden war. Für rechtschaffene, gesunde deutsche Männer – das heißt Männer mit vollen Bürgerrechten, die als »rassisch rein« eingestuft wurden – gab es tatsächlich eine ganze Reihe neuer Schutzbestimmungen (siehe Tabelle 4.1). Neue Verordnungen garantierten materielle Entschädigungen bei Krankheiten, die man sich am Arbeitsplatz zugezogen hatte (beispielsweise durch Asbest oder Petrochemikalien verursachte Krebserkrankungen), und schränkten die Arbeitszeit Jugendlicher ein. Andere Verordnungen verbesserten geltende Schutzbestimmungen für Mütter, Kinder und »ungeborenes Leben«: Man schränkte die Arbeitszeit von Müttern oder Kindern gesetzlich ein, auch wurden Mütter und Kinder vor dem Kontakt mit kritischen Substanzen geschützt oder von besonders gefährlichen Arbeitsprozessen ausgeschlossen (vgl. Tabelle 4.2). Die Maßnahmen, die man traf, um die Gesundheit der Frauen am Arbeitsplatz zu gewährleisten, zielten hauptsächlich auf die Erhaltung der Fortpflanzungsfähigkeit ab. So untersuchte eine 1941 veröffentlichte Studie beispielsweise, welchen gesundheitlichen Risiken Frauen ausgesetzt waren, die in der Tabakindustrie arbeiteten. Die Wirkung des aufgenommenen Nikotins wurde in bezug auf Störungen des weiblichen Zyklus und den Zeitpunkt der Wechseljahre analysiert, auf Fehlfunktionen der Eierstöcke oder auf das hormoneile Gleichgewicht etc.18 Paternalistische, pronatalistische Anliegen standen klar im Zentrum vieler derartiger Bestimmungen – vor allem als sich der Anteil der arbeitstätigen Frauen mit der Zeit erhöhte. Ausländische Arbeiter profitierten natürlich kaum von diesen Sicherheitsbestimmungen. Fünf Millionen Menschen aus anderen Ländern wurden nach Deutschland verschleppt, um den kriegsbedingten Mangel an Arbeitskräften auszugleichen. Die Durchführung dieser großangelegten Verschleppungsaktion lag in den Händen von Fritz Sauckel, dem Gauleiter von Thü95
ringen, der für seinen harten Kurs berüchtigt war. Seit dem 21. März 1942 war er der Hauptverantwortliche für die Heranschaffung von Arbeitskräften (zugleich war er ein führender Aktivist im Kampf gegen das Rauchen – vgl. dazu Kapitel 6). Die Arbeiten, die diese Männer, Frauen und Kinder zu verrichten hatten, waren zumeist anstrengend oder schmutzig. Viele Fremdarbeiter wurden bezahlt, aber nur wenige durften ihren Arbeitsort verlassen und sich frei im 96
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Land bewegen. Der Beschäftigung ausländischer Arbeiter lag das Kalkül zugrunde, diese Menschen im höchstmöglichen Maße auszubeuten, während man die Kosten auf dem geringstmöglichen Niveau hielt.23 Zwar gab es gewisse offizielle Schutzbestimmungen,24 aber sie wurden häufig nicht eingehalten. In den ersten Kriegsjahren waren die meisten Zwangsarbeiter russische und polnische Zivilisten. Sowjetische Kriegsgefangene waren von diesen Arbeiten »ausgenommen«, der Grund dafür war offenbar in erster Linie Hitlers Angst, daß sie in den deutschen Fabriken mehr Schaden anrichten als Nützliches leisten könnten. In dreieinhalb Jahren ließen die Nationalsozialisten ungefähr 2,5 Millionen sowjetische Soldaten in den deutschen Kriegsgefangenenlagern verhungern. Nachdem in den letzten Kriegsjahren schließlich doch entschieden worden war, einige dieser Männer und Frauen zur Arbeit einzusetzen, waren die Lebensmittelrationen äußerst karg und die Behandlung oft unmenschlich. Russische Arbeiter erhielten nur etwa die Hälfte der Rationen für deutsche Arbeiter. Fritz Sauckel wurde nach dem Krieg in Nürnberg für seine Grausamkeit mit dem Tode bestraft.30 Auch für die sogenannten »gesunden« Deutschen wurden die Schutzbestimmungen aber schließlich gelockert, um die Quoten zu erfüllen, welche 98
die militarisierte Wirtschaft erforderte. Eine Bestimmung vom 23. Dezember 1938 verlangte von allen unverheirateten Frauen unter 25 Jahren, ein Jahr lang auf dem Land zu arbeiten. Am gleichen Tag wurde die »Verordnung über die Beschäftigung Jugendlicher« vom April 1938 dahingehend geändert, daß es Jungen unter 16 Jahren nun erlaubt war, in wöchentlichem Turnus bis neun Uhr abends in Stahlwerken zu arbeiten. Junge Männer über 16 Jahre durften rund um die Uhr arbeiten, einschließlich der Nachtschichten von acht Uhr abends bis sechs Uhr früh. Ähnliche Änderungen wurden auch in anderen risikoreichen Industriezweigen vorgenommen, zum Beispiel in den Glashütten, und eine Bestimmung aus dem Jahr 1939 ermächtigte den Arbeitsminister, die Regelungen des Jugendschutzes für andere Industriezweige, die mit der Rüstung zu tun hatten, außer Kraft zu setzen.31 Auf Rückschritten dieser Art beruhte Martin Gumperts negatives Urteil über die NS-Arbeitsbestimmungen: »Hinter einer auf Menschlichkeit setzenden Propagandafassade versteckte sich die schändlichste Ausbeutung von Kinderarbeit, die irgendein Gesetzgeber je zu erlassen gewagt hat.«32 Die meisten damals geltenden Bestimmungen hatten den Zweck, Unfälle zu verhindern, aber körperliche Verletzungen stellten bei weitem nicht die einzige Gefahr dar. Das immer schneller werdende Arbeitstempo hatte offenbar eine starke Zunahme nervöser Beschwerden zur Folge – hauptsächlich Magengeschwüre und andere Magenleiden –, es ist jedoch nicht klar, wie viele dieser Leiden echt waren und wie viele Arbeiter nur simulierten, um sich so von der beschwerlichen Arbeit zu befreien. Magenbeschwerden waren außerordentlich schwierig nachzuweisen, deshalb war der Magen das am ehesten geeignete Organ, um eine Erkrankung vorzutäuschen. Aus diesem Grund wurden die Forschungen intensiviert, wann ein Krankheitsbild echt war und wann ein Arbeiter versuchte, die Krankheit zu simulieren. Ernst W. Baader, Direktor des angesehenen Berliner Universitätsinstituts für Berufskrankheiten und seit 1933 Mitglied der NSDAP, beschuldigte Ärzte und Versicherungsbehörden, sie würden bei solchen Täuschungsmanövern mithelfen und Arbeiter von ihrem Arbeitsplatz fernhalten.33 Viele Ärzte waren jedoch davon überzeugt, daß die Magenleiden tatsächlich zunahmen und eine direkte Folge der Akkordarbeit waren. Verschiedene Maßnahmen wurden getroffen, um die Arbeitssituation erträglicher zu machen, so zum Beispiel das von der DAF organisierte Urlaubsprogramm – als Teil der 99
»Kraft durch Freude«-Bewegung –, mit dem Arbeiter auf Kreuzfahrten geschickt wurden. Hinter den meisten dieser Maßnahmen stand die Absicht, eine gesunde und kräftige Arbeiterschaft zu erhalten. Die Maximierung der Arbeitskraft war immer ein Ziel der Arbeitsmedizin gewesen, aber unter dem NS-Regime wurde es zum allein gültigen und wichtigsten Gegenstand dieser medizinischen Fachrichtung erhoben. Es wurde zunehmend schwierig, sich krank zu melden, man brauchte dazu ärztliche Zustimmung und – falls es länger dauerte – ein ärztliches Attest. Die Ärzte wurden angewiesen, solche Atteste nur in Ausnahmefällen zu bewilligen, in denen der betreffende Arbeiter zweifellos arbeitsunfähig war. Nach Kriegsbeginn, als ein Großteil der Arbeit in der deutschen Industrie und Landwirtschaft von ausländischen Zwangsarbeitern verrichtet wurde, konnte eine Krankheit, die einen Betroffenen arbeitsunfähig machte, den – wahrscheinlich todbringenden – Abtransport in ein Konzentrationslager zur Folge haben. Das höchste Ziel war die Produktivität – so wird denn auch verständlich, warum die Zahl der Verletzungen in den ersten Jahren des Regimes zwar anstieg, der Anteil der Arbeiter, die eine Entschädigungszahlung erhielten, aber abnahm –von 14 Prozent im Jahr 1933 auf nur 9 Prozent im Jahr 1936. Die Gesamtzahl der Industriearbeiter stieg in diesen frühen Jahren rapide an – um 2,25 Millionen –, aber die Anzahl jener, die wegen Arbeitsunfähigkeit eine Pension erhielten, sank tatsächlich von 633 pro Jahr auf nur noch 532.34 Das NS-Regime wollte eine gesunde Arbeiterschaft, aber es war nicht immer willens, einem verletzten Arbeiter zu helfen. Die »fortschrittlichen« Maßnahmen der Arbeitsmedizin im »Dritten Reich« müssen vor diesem Hintergrund verstanden werden. Die NS-Parteispitze unternahm zahlreiche Schritte, um die Gesundheit und Sicherheit der Arbeiterschaft zu verbessern, aber nicht alle Arbeiter waren gleich, wenn es darum ging, tatsächlich Hilfe zu erhalten. Es wurde immer gefährlicher, krank oder verletzt zu sein. Arbeitsunfähigkeit konnte das Todesurteil bedeuten – vor allem, wenn die »rassische Reinheit« eines Menschen in Zweifel gezogen wurde.
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RÖNTGENSTRAHLEN UND DIE MÄRTYRER DER STRAHLUNG Obwohl die Röntgenstrahlen erst 1895 entdeckt worden waren, setzte man die »Wunderstrahlen« schon um die Jahrhundertwende in Hunderten von Kliniken gegen alle möglichen Krankheiten ein. Hysterie oder Unfruchtbarkeit wurde mit Röntgenstrahlen bekämpft, und Kinder wurden aus dem alleinigen Grund mit Röntgenstrahlen behandelt, weil man so den Haarausfall beschleunigen wollte, um gegen andere Krankheiten vorgehen zu können (zum Beispiel die Scherpilzflechte). Röntgenstrahlen und Radiumnadeln wurden zu beliebten Mitteln bei der Behandlung von Krebs und so, neben den chirurgischen Eingriffen, zur zweiten wichtigen Behandlungsmethode (die Chemotherapie, dritte Methode in der therapeutischen Triade, setzte sich erst in den fünfziger Jahren durch). In einem Zeitschriftenartikel aus dem Jahr 1937 wurde die These vertreten, die Röntgentherapie habe die Chirurgie bei vielen bösartigen Krankheiten bereits als bevorzugte Behandlungsmethode abgelöst.35 Die Erkenntnis, daß Röntgenstrahlen und allgemein radioaktive Strahlung neben Verbrennungen, Haarausfall und anderen Symptomen einer akuten Vergiftung vor allem Krebs auslösen konnten, entwickelte sich im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts.36 Als erstes wurde man auf Fälle von Hautkrebs an den Händen aufmerksam (vor allem bei Röntgentechnikern, die die Strahlung oft per Hand prüften), gefolgt von Leukämie, Knochenkrebs und Krebs in verschiedenen anderen Organen. Deutsche Ärzte berichteten 1919 über durch Röntgenstrahlen verursachten Brustkrebs, im Jahr 1923 über Gebärmutter- und Gebärmutterhalskrebs und 1930 über Knochenkrebs.37 Gegen Ende der zwanziger Jahre gab es bereits eine beachtliche Fülle an Forschungsliteratur über Röntgenkarzinome, einschließlich einer großen Anzahl Arbeiten, die auf Tierversuchen basierten.38 Die Röntgenstrahlen wurden sogar dafür verantwortlich gemacht, daß die Lungenkrebsraten anstiegen; denn der Brustkorb war schnell zum meistgeröntgten Körperteil geworden (man wollte so Tuberkulose und andere Lungenkrankheiten diagnostizieren) und einige Ärzte befürchteten, die Krebserkrankungen könnten sich so epidemisch ausbreiten.39 Die hier genannten, genauen Daten zur Entdeckung der verschiedenen 101
Zusammenhänge zwischen Röntgenstrahlen und Krebs sagen nichts darüber, daß Menschen, die an einer durch Strahlung verursachten Krebsart litten, vielleicht über Jahrzehnte hinweg dahinsiechten, während sich die Krankheit von einem Körperteil zum anderen ausbreitete. Ein Laborassistent, der 1897 in einer chirurgischen Klinik in Breslau mit Röntgenstrahlen zu arbeiten begann, entwickelte beispielsweise im Jahr 1899 chronische Ekzeme, und im Jahr 1908 bildeten sich zwei kleine Krebsgeschwüre an seinem linken Zeigefinger. Sie wurden entfernt, aber es bildeten sich immer wieder neue Tumore: 1911 am kleinen Finger der rechten Hand und neun Jahre später am Ringfinger der anderen Hand. 1923 wurden ihm an der linken Hand Tumore entfernt, zusammen mit den Lymphknoten unter der Schulter. Der Krebs breitete sich weiter aus, und 1927 verlor er den ganzen linken Arm an die Krankheit, 1930 wurde ihm dann die Schulter entfernt. Auch wenn seine Krankheitsgeschichte an diesem Punkt abbricht, ist zu vermuten, daß er an der Krankheit starb.40 Viele andere Röntgenspezialisten ereilte dasselbe Schicksal – zum Beispiel den berühmten Röntgenologen Guido Holzknecht –, aber auch zahllose Patienten und Techniker, deren Namen wir niemals erfahren werden. In den zwanziger Jahren begann man die Befürchtungen, daß Röntgenstrahlen Chromosomenschäden bewirken könnten, ernst zu nehmen. Solche Ängste wurden vor allem von deutschen Eugenikern geteilt, die befürchteten, die Strahlung könnte das deutsche Erbgut gefährden.41 Bereits 1903 lagen Untersuchungsergebnisse vor, wonach Röntgenstrahlen zu Unfruchtbarkeit führten: Heinrich Albers-Schönberg aus Hamburg bewies damals, daß Röntgenstrahlen bei männlichen Kaninchen zu Sterilität führen konnten,42 und schon bald existierten auch Untersuchungsergebnisse für Menschen. Im Jahr 1908 stellte ein anderer junger Radiologe beim Fötus einer Frau, die 33mal geröntgt worden war, um eine Abtreibung auszulösen, schwere Chromosomenschäden fest.43 In den frühen zwanziger Jahren waren sich die deutschen Humangenetiker dann darüber im klaren, daß außerordentlich viele Personen, die mit Röntgenstrahlen arbeiteten – einschließlich der Therapeuten und Techniker –, unter Sterilität litten und daß durch Röntgenstrahlen verursachte Genmutationen zumeist die Ursache dafür waren.44 Wissenschaftler aus anderen Ländern machten ähnlich alarmierende Entdeckungen: Französische Wissenschaftler veröffentlichten 1923 den er102
sten Fall eines enfant des rayons X – das Kind wurde mit einem deformierten Kopf geboren, nachdem es als Fötus bestrahlt worden war –,45 und kurze Zeit später warnte ein amerikanisches Lehrbuch davor, daß »fötale Monster« das Resultat sein könnten, wenn man schwangere Frauen röntge.46 Verschiedene führende deutsche Rassenkundler reagierten auf diese Erkenntnisse, indem sie zur Vorsicht bei der Verwendung von ionisierenden Strahlen warnten, da diese die biologische Zukunft der Deutschen gefährden würden. Fritz Lenz, Deutschlands erster Professor für Rassenhygiene (und seit 1937 Mitglied der NSDAP) warnte 1921 in seinem weitverbreiteten Lehrbuch über die menschliche Vererbungslehre davor, daß Röntgenstrahlen und radioaktive Quellen zu angeborenen Schädigungen führen können.47 Eugen Fischer, der Begründer und Leiter des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, Humangenetik und Eugenik, vertrat 1929 und 1930 die Meinung, man könne zwar von vielen Substanzen annehmen, daß sie die Erbsubstanz schädigten (beispielsweise Alkohol, Nikotin, Quecksilber, Blei und Arsen), aber nur bei den Röntgenstrahlen sei diese Wirkung auch tatsächlich nachgewiesen. Fischer verwies auf den bekannten Versuch von H. J. Müller im Jahr 1927, wonach Röntgenstrahlen eine Mutation der Spermazellen der Fruchtfliege Drosophila auslösen konnten. Er erwähnte zudem, daß Emmy Stein in Zusammenarbeit mit Erwin Baur schon einige Jahre zuvor gezeigt hatte, daß Radium bei Löwenmaulstauden zu Schäden in der Erbsubstanz führen konnte (1922, publiziert 1926).48 Am Ende dieses Jahrzehnts belegten Dutzende von Untersuchungen die Macht der Strahlen, angeborene Schäden zu verursachen.49 Als sich die Belege häuften, daß Röntgenstrahlen Erbschäden hervorriefen, begannen sich die Ärzte für strengere Sicherheitsmaßnahmen einzusetzen. Außerdem schlugen sie Heiratsverbote für Menschen vor, die der Strahlung ausgesetzt waren, um zu verhindern, daß diese Nachkommen zeugten. Im Jahr 1927 besprach die führende pädiatrische Zeitschrift Deutschlands zwanzig durch Röntgenstrahlen verursachte Fälle von Geburtsschäden, einschließlich schwerer Deformationen wie zum Beispiel der fötalen Kleinköpfigkeit. Ein Jahr später beschrieb das führende Magazin der deutschen Radiologen den Fall eines Kindes, das mit verkrüppelten Gliedmaßen zur Welt gekommen war, ähnlich wie dies bei Embryos von bestrahlten Mäusen beobachtet worden war. Das Kind war im Mutterleib geröntgt worden, was 103
den Schluß nahelegte, daß die Strahlen für seine Behinderung verantwortlich waren.50 Diese Berichte veranlaßten die Bayerische Gesellschaft für Pädiatrie und Gynäkologie im Jahr 1927 zur Verabschiedung eines Beschlusses, wonach Frauen, die während der Schwangerschaft umfassenden Röntgenbehandlungen unterzogen wurden, eine Abtreibung nahegelegt werden sollte.51 Auch professionelle Eugeniker reagierten mit ähnlich einfallsreichen Vorschlägen. Eugen Fischer vertrat im Jahr 1930 die Ansicht, daß Frauen, die Röntgenstrahlen ausgesetzt waren, grundsätzlich davon abgehalten werden sollten, Kinder zu bekommen.52 Die Eierstöcke von Frauen zu röntgen war in Deutschland und den USA zu einer beliebten Methode geworden, um eine vorübergehende Unfruchtbarkeit zu erzielen. Die Rassenhygieniker betrachteten dieses Vorgehen als Quelle potentiell zerstörerischer Mutationen. Hans Luxenburger, ein Eugeniker an Fischers Institut, schlug 1932 aus diesem Grund vor, ein »Archiv verstrahlter Mädchen und Frauen« anzulegen, um die Betroffenen zu erfassen und ihnen davon abzuraten, Kinder zu haben.53 Die Sorge der Eugeniker um die gesundheitsschädigenden Effekte der Strahlung ergaben sich auch aus dem Umstand, daß viele Ärzte im Umgang mit Röntgenstrahlen und Radium kaum die notwendigen Gesundheits- und Sicherheitsvorkehrungen trafen. Da es keine offiziellen Richtlinien für die Dosierung gab, waren Verletzungen häufig – vor allem in den frühen zwanziger Jahren, als die hochdosierte Strahlung ein beliebtes Mittel war, um Krebs, Hautkrankheiten und zahllose andere Gebrechen zu behandeln. Laut Hermann Holthusen, einem einflußreichen Hamburger Radiologen, gab es Mitte der zwanziger Jahre kein größeres Krankenhaus in Deutschland, in dem nicht Patienten lagen, die an den Folgeschäden der Bestrahlung litten. Es waren dies Patienten, die in den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg vor der Einführung genauer Dosierungen und wichtiger Toleranzwerte behandelt worden waren.54 Der fahrlässige Umgang mit den Röntgenstrahlen wurde auch dadurch gefördert, daß die Berufsverbände der Radiologen und Röntgentherapeuten weit mehr daran interessiert waren, die Anwendung der Röntgenstrahlen zu fördern – vor allem als diagnostisches Hilfsmittel –, als vor möglichen gesundheitlichen Schäden zu warnen. So wurde beispielsweise die Bayerische Gesellschaft für Röntgenologie und Radiologie 1931 zu dem Zweck gegründet, die wirtschaftlichen Interessen der Radiologen zu 104
vertreten und die Röntgenkunde und Radiologie zu fördern.55 Gesundheitsund Sicherheitsbestimmungen in Zusammenhang mit Röntgenstrahlen waren nur zweitrangige Anliegen. Im Gegenteil, die Berufsverbände der Radiologen wehrten sich sogar dagegen, daß man die Öffentlichkeit über mögliche genetische Langzeitschäden aufklärte. Im Jahr 1931, als die Deutsche Gesellschaft für Vererbungswissenschaft und die Deutsche Gesellschaft für Rassenhygiene eine offizielle Warnung herausgaben, daß Röntgenstrahlen gesundheitliche Schäden verursachen können, reagierte die Bayerische Gesellschaft für Röntgenologie und Radiologie mit einer scharf formulierten Gegendarstellung, in der sie behauptete, die Schlußfolgerungen der Eugeniker beruhten ausschließlich auf experimentellen Studien mit Insekten und Pflanzen. Die Ergebnisse der betreffenden Tierversuche (dabei bezog sie sich klar auf die Experimente Müllers mit den Fruchtfliegen) ließen sich nicht auf den Menschen übertragen. Es sei vielmehr äußerst gefährlich – so diese frühen Radiologen –, Ängste vor Gefahren der Röntgenstrahlen zu schüren, weil dadurch der Fortschritt der Röntgentherapie und -diagnostik behindert würde.56 Die Radiologen erhielten in diesem Punkt interessanterweise Unterstützung von führenden Köpfen des Vereins Sozialistischer Ärzte, der bekanntesten linksorientierten Ärztevereinigung in Deutschland, die kurz nach der nationalsozialistischen Machtübernahme ins Exil getrieben wurde, da die meisten Mitglieder jüdisch waren.57 Sozialistische Ärzte gehörten zu den frühesten und schärfsten Kritikern des Nationalsozialismus und der Rassenhygiene. Aus unserer heutigen Sicht mag es vielleicht etwas seltsam erscheinen, daß einige Sozialisten das Schreckensbild der durch Röntgenstrahlen verursachten langzeitlichen Gesundheitsschäden als einen weiteren Auswuchs nationalsozialistischer Panikmache abtaten. Julian Marcuse verspottete 1932 in der Zeitschrift der sozialistischen Ärzte das Mißtrauen der Nationalsozialisten gegenüber Röntgenstrahlen als »rassischen Fanatismus«: Merkwürdigerweise ist dies eines der ersten Male – wenn nicht gar das allererste Mal –, daß dieser Begriff in Deutschland gebraucht wird.58 Es mag überraschen, daß die NS-Rassenhygieniker in der umstrittenen Frage der durch Röntgenstrahlen verursachten genetischen Schäden auf der »richtigen« Seite standen – und daß Sozialisten die Gefahr nicht wahrhaben wollten. Aber man sollte sich auch bewußt sein, daß die Eugeniker mit ihren 105
Bemühungen, die Anwendung der Röntgenstrahlen einzuschränken, nicht gegen die Macht der professionellen Radiologen ankamen. Die Nationalsozialisten fürchteten sich zwar vor Krebs, aber sie fürchteten sich noch mehr vor der Tuberkulose, die bis Mitte der zwanziger Jahre die zweithäufigste Todesursache in Deutschland war (bis Krebs diese Position übernahm). In den dreißiger Jahren wurden massenweise Röntgenuntersuchungen durchgeführt – zum Beispiel wurden komplette Belegschaften von Fabriken oder ganze Studentenklassen geröntgt –, um mögliche Träger des Tuberkulosebakteriums zu identifizieren. Am 5. August 1933 berichtete das Deutsche Ärzteblatt von einer neuen Anordnung an der Universität München, daß alle Studenten geröntgt werden sollten. Die 60 Studenten, die sich als infiziert und ansteckend herausstellten (von 1000 Untersuchten), wurden aus den Hörsälen der Universität verbannt.59 Ähnliche Untersuchungen wurden an weiteren deutschen Universitäten und an vielen anderen Orten durchgeführt (siehe Abb. 4.1). Am Nürnberger Parteitag im September 1938 reihten sich die versammelten Parteigrößen und das Publikum alle auf, um sich röntgen zu lassen, und der SS-Röntgenologe Prof. Dr. Hans Holfelder aus Frankfurt am Main überwachte persönlich 10500 Röntgenuntersuchungen ran SS-Männern in einer Zeitspanne von zwei Monaten, was er selbst als eine noch nie dagewesene Leistung bezeichnete.60 Auch in deutschen Fabriken wurden mobile Röntgengeräte aufgestellt, um Arbeiter auf Silikose hin zu untersuchen, obwohl den zuständigen Gesundheitsbehörden oft klar war, daß die Röntgenaufnahmen nicht scharf genug waren, um Frühstadien der Krankheit abzubilden.61 Trotz der Warnungen von Rassenhygienikern wie Fischer und Lenz nahm die Anzahl der geröntgten Menschen unter der NS-Herrschaft sprunghaft zu. Es gab Vorschläge, wonach die gesamte deutsche Bevölkerung auf Anzeichen für Tuberkulose hin geröntgt werden solle, und in einigen Teilen des Landes wurde dieses Ziel offenbar erreicht.62 Im Frühjahr und Sommer 1939 wurde, dank der Mitarbeit der »Röntgenreihenbildnertruppe der SS« unter der Leitung von Holfelder, der gesamten erwachsenen Bevölkerung von Mecklenburg und Pommern der Oberkörper geröntgt – jeder Person über sechzehn Jahren, insgesamt 650000 Menschen. Spezielle Röntgenlampen und Filme wurden für dieses gewaltige Unterfangen entwickelt, und die im häufigsten zum Einsatz gekommenen Untersuchungsgeräte produzier106
ABB. 4.1. Reihenuntersuchung zur Früherkennung von Lungenkrankheiten. Trotz der Furcht der Eugeniker vor Erbgutschädigungen wurden die Deutschen zum meistgeröntgten Volk der Welt. Hier stellen sich Angehörige der Hitler-Jugend auf, um sich den Brustkorb röntgen zu lassen. Auffällig ist das einem Hakenkreuz ähnliche Logo von Koch & Sterzel; viele Firmen (z.B. Siemens-Reiniger) gaben sich nach 1933 ähnlich stilisierte Firmenzeichen (»Pseudohakenkreuze«). Quelle: Reiter und Breger, Deutsches Gold, S. 414.
ten bis zu 100000 Fotos während der ganzen Aktion. (Die Organisatoren verkündeten, mit diesen neu entwickelten Methoden könnten bis zu 600 Menschen pro Stunde geröntgt werden). Die Ärzte, die diese Untersuchungen überwachten, lobten »die so 100 %ig positive Einstellung der Bevölkerung«, die »im wesentlichen nur dem disziplinierten Einsatz des ParteiApparates« zu verdanken sei. Das Amt des Gauleiters Friedrich Hildebrandt übernahm den Großteil der Kosten für die Aktion, aber die Untersuchten mußten ebenfalls einen festen Betrag von 50 Pfennig abliefern, sie hatten zudem die Möglichkeit – für zusätzliche 20 Pfennig –, eine Vergrößerung ihres Röntgenbildes zu erwerben.63 107
Die zunehmende Anwendung von Röntgenstrahlen wurde oft als Beweis für den medizinischen Fortschritt gesehen: In einem Überblick aus dem Jahr 1943 über die medizinische Forschung während des Krieges wurde damit geprahlt, daß die Münchner Universitäts-Frauenklinik 1942 fünfzig Prozent mehr Untersuchungen durchgeführt habe als 1937 (11617 gegenüber 7528).S4 Massenuntersuchungen wurden nicht nur für Tuberkulose, Krebs und Silikose durchgeführt, sondern auch für Herzkrankheiten, Magengeschwüre, Asbestose, Herz- und Kreislaufbeschwerden und andere Krankheiten.65 Während des Krieges, als die Gesundheitsbehörden kranke Arbeiter herauszufiltern versuchten, um zu verhindern, daß sie die gesunden Arbeiter ansteckten, nahmen die Untersuchungen einen beinahe militärischen Charakter an. Die Armee selbst wurde ein wichtiger Antreiber dieser Praxis, indem spezielle »Röntgentruppen« (zumindest in einem Fall führte Albert Speer das Kommando) Soldaten und Zivilisten an der Ostfront röntgten und nach Anzeichen für Lungen- oder Herzkrankheiten suchten.66 Massenuntersuchungen wurden ebenfalls durchgeführt, um tuberkulöse Polen zu identifizieren. Zuerst hatte man sie als Menschen, die für das Reich von »keinem Nutzen« waren, ermorden wollen, aber dieser Plan wurde nicht verwirklicht.67 Einen besonders grausamen Einsatz fanden die Röntgenstrahlen in Auschwitz, wo Wissenschaftler Experimente durchführten, um herauszufinden, ob man mit Hilfe von Röntgenstrahlen verhindern könnte, daß sich »rassisch unwertes Leben« fortpflanzte. Man begann diese Möglichkeit im Jahr 1941 zu erforschen, zu einem Zeitpunkt also, da Pläne, die Juden in Osteuropa zu vernichten, bereits Gestalt annahmen. SS-Oberführer Viktor Brack schlug Himmler in einem Brief vom 23. Juni 1942 vor, die Juden Europas zu sterilisieren: Bei etwa 10 Millionen europäischer Juden sind nach meinem Gefühl mindestens 2-3 Millionen sehr gut arbeitsfähige Männer und Frauen enthalten. Ich stehe in Anbetracht der außerordentlichen Schwierigkeiten, die uns die Arbeiterfrage bereitet, auf dem Standpunkt, diese 2-3 Millionen auf jeden Fall herauszuziehen und zu erhalten. Allerdings geht das nur, wenn man sie gleichzeitig fortpflanzungsunfähig macht. Ich habe Ihnen vor etwa einem Jahr bereits berichtet, daß Beauftragte 108
von mir die notwendigen Versuche für diesen Zweck abschließend bearbeitet haben. Ich möchte diese Tatsachen nochmals in Erinnerung bringen. Eine Sterilisation, wie sie normalerweise bei Erbkranken durchgeführt wird, kommt in diesem Fall nicht in Frage, da sie zu zeitraubend und kostspielig ist. Eine Röntgenkastration jedoch ist nicht nur relativ billig, sondern läßt sich bei vielen Tausenden in kürzester Zeit durchführen.68 Brack hatte zu einem früheren Zeitpunkt schon vorgeschlagen, die Sterilisierung mittels Röntgenstrahlen könne heimlich durchgeführt werden: Ein Weg der praktischen Durchführung wäre z.B., die abzufertigenden Personen vor einen Schalter treten zu lassen, an dem sie Fragen gestellt erhalten oder Formulare auszufüllen haben, was sie ungefähr 2-3 Minuten aufhalten soll. Der Beamte, der hinter dem Schalter sitzt, kann die Apparatur bedienen, und zwar dergestalt, daß er einen Schalter bedient, mit dem gleichzeitig beide Röhren (da ja die Bestrahlung von beiden Seiten erfolgen muß) in Tätigkeit gesetzt werden. In einer Anlage mit 2 Röhren könnten also demgemäß pro Tag etwa 150-200 Personen sterilisiert werden, mit 20 Anlagen also bereits 3000-4000 pro Tag.69 Bracks ungeheuerlicher Plan wurde nie in die Tat umgesetzt. Eine Reihe von Experimenten, die der Gynäkologe Horst Schumann in Auschwitz durchgeführt hatte, ergab, daß die mit dieser Methode sterilisierten Menschen so schwere Verbrennungen erlitten, daß sie nicht mehr arbeitsfähig waren. Fast alle Opfer dieser Versuche – beinahe hundert Menschen – wurden später umgebracht.70 Wenn man bedenkt, wie stark die damals verwendeten Röntgenstrahlen waren und wie viele Menschen den Massenuntersuchungen unterzogen wurden, kann man sich leicht vorstellen, daß vielleicht Hunderte oder sogar Tausende nach dieser Prozedur an Krebs erkrankten. Auch die Röntgenstrahlen, die im Zusammenhang mit eugenischen Sterilisationen eingesetzt wurden, müssen Krebs verursacht haben. Am 25. Februar 1936 erlaubte ein Zusatzartikel zum NS-Sterilisationsgesetz den Einsatz von Röntgenstrahlen, um Frauen zu sterilisieren, die über 38 Jahre alt waren oder bei denen sich 109
das Standardverfahren (Durchtrennen der Eileiter) als zu gefährlich erwies.71 Die Eugeniker hatten sich zwar früher dagegen gewehrt, daß Röntgenstrahlen zur vorübergehenden Unfruchtbarmachung eingesetzt wurden, aber die endgültige Sterilisation schien moralisch, medizinisch und »rassenkundlich« unproblematisch zu sein. Niemand weiß, wie viele Krebserkrankungen durch dieses Verfahren ausgelöst wurden, vor allem da viele der sterilisierten Menschen später in den »Euthanasie«-Aktionen ermordet wurden. Man sollte sich aber darüber im klaren sein, daß die Ärzte – während die Röntgenstrahlen massenhaft zu Untersuchungen und Sterilisationen eingesetzt wurden – noch immer vor den möglichen Erbschäden durch die Strahlung warnten. Volk und Rasse, eine führende, monatlich erscheinende »rassenkundliche« Zeitschrift, ermahnte im Jahr 1935 die Ärzte, ihre Patienten nur unter äußerster Vorsicht mit Röntgenstrahlen und Radium zu behandeln, da die Möglichkeit einer Schädigung der Erbgesundheit sogar bei verschwindend kleinen Dosen bestehe.72 Zwei Radiologen bzw. Rassenhygieniker beurteilten die Sachlage folgendermaßen: Einen Schwellenwert für die Mutationsauslösung durch Röntgen- und Radiumstrahlen gibt es ebensowenig in bezug auf die Wellenlänge der verwandten Strahlen, als in Bezug auf die Größe der verwandten Dosis. Praktisch kann jede, auch die kleinste Dosis und jede Art kurzwelliger ionisierender Strahlen Mutationen auslösen ... Die einzelnen Strahleninsulte summieren sich bezüglich des durch sie ausgelösten Mutationsprozentsatzes sogar nicht nur bei der Einzelperson im Laufe ihres ganzen Lebens, sondern durch die Generationen hindurch, soweit die Geschädigten nicht ohne Nachkommenschaft sterben. Damit wird das Problem der Strahlenwirkung auf die Keimdrüsen ein rassenhygienisches Problem und zwar ein sehr schwerwiegendes.73 Eine Überblicksdarstellung aus dem Jahr 1938 faßte die Gefahr in deutliche Worte: Jede erneute Mutation schwächt das Erbbild des Volkes und erhöht die Zahl der minderwertigen Gene, die schon in der Bevölkerung vorhanden sind. Sorgsames und verantwortungsbewußtes Handeln kann uns davor 110
bewahren, die Volksgesundheit durch radiaktive Strahlung zu gefährden. Die hierfür nötigen Schritte sind offenkundig: Aufklärung über die gefährlichen Eigenschaften von Röntgenstrahlen und Radium, ihre bedachtsame und fachkundige Anwendung in Diagnostik und Therapie sowie angemessene Schutzvorkehrungen für alle der Strahlung ausgesetzten Beschäftigten in der Medizin und Industrie können dazu beitragen, die schädlichen Auswirkungen radioaktiver Strahlung auf das menschliche Erbgut zu begrenzen.74 Praktische Schritte wurden unternommen, um Krankheitsfälle durch übermäßige oder unregulierte Bestrahlungen zu verhindern; am wichtigsten war in diesem Zusammenhang die »Röntgenverordnung«, die am 7. Februar 1941 vom Reicharbeitsminister erlassen wurde. Darin wurden Grenzwerte festgelegt, die mit den zur selben Zeit in anderen Ländern eingeführten Richtlinien vergleichbar sind: Am Arbeitsplatz galt beispielsweise die »Toleranzdosis« von 0,25 Röntgen pro Tag, was ungefähr den damaligen, in den USA empfohlenen Grenzwerten entsprach. Aber das deutsche Gesetz war in dem Punkt besonders, daß es einen zehn Mal strengeren Grenzwert festlegte (0,025 Röntgen pro Tag), sofern die Möglichkeit einer Erbgutschädigung bestand.75 1942 wurden besondere Regeln in Kraft gesetzt, die den nichtmedizinischen Gebrauch von Röntgenstrahlen regeln sollten – zum Beispiel in der Bauindustrie, wo man Röntgenstrahlen einsetzte, um Fehler in Metallabgüssen oder anderen Materialien zu lokalisieren.76 Vielleicht wurden die Bestimmungen in Deutschland strenger befolgt als anderswo – dieser Eindruck ergibt sich aus der umfassenden Begleitliteratur zum Gesetz, in der verschiedene Aspekte der Reglementierungen detailliert beschrieben wurden, zum Beispiel die optimale Dicke von Bleiumhüllungen oder die Kontrolle der Strahlenbündelung usw.77 Jeder, der einen Röntgenapparat installieren oder bedienen wollte, mußte bereit sein, diese Bestimmungen zu befolgen.78 Auch bemühte man sich weiterhin, die durch Strahlung verursachten Krebserkrankungen zu dokumentieren. Im Jahr 1937 berichtete die Fachzeitschrift Strahlentherapie von einer Frau, die 20 Jahre nach der Röntgenbehandlung eines Schilddrüsenleidens an Kehlkopfkrebs erkrankt war. 1938 beschrieb die Klinische Wochenschrift die Krankheitsgeschichte eines Rönt111
genlabor-Assistenten, der den Strahlen während vieler Jahre ausgesetzt gewesen war und nun an Leukämie litt. 1944 publizierte die Zeitschrift für Krebsforschung den Fall eines 30jährigen Mannes mit Schilddrüsenkrebs, der im Alter von sechs Jahren wegen Skrofulose mit Röntgenstrahlen behandelt worden war.79 Natürlich erfuhren nicht alle, die unter den gesundheitsschädigenden Auswirkungen der Strahlung litten, dieselbe Anteilnahme. Radiologen, die Schaden davongetragen hatten, wurden zu »Märtyrern der Wissenschaft« erkoren. So enthüllten Hamburger Radiologen im April 1936 ein Denkmal, das den Ärzten gewidmet war, die der Arbeit mit Röntgenstrahlen und Radium zum Opfer gefallen waren – das Denkmal steht heute noch vor dem St.-Georgs-Krankenhaus. Ein Jahr später veröffentlichte die Zeitschrift Strahlentherapie eine Ehrenliste von 169 Röntgenologen und Radiologen aus allen Nationen, die der Sache ihr Leben oder einzelne Körperteile geopfert hatten.80 Amerikanische Radiologen veröffentlichten ähnliche Listen (zum Beispiel Percy Browns Liste aus dem Jahr 1936)81 – allerdings verwandelte sich die Verehrung der Märtyrer zu dieser Zeit bereits in peinliche Verlegenheit, was an einer amerikanischen Beschreibung des Kongresses der Radiologen im Jahr 1937 sichtbar wird. Man bezeichnete dieses Treffen als den »Kongreß der Krüppel«.82 Weder in Deutschland noch in Amerika wurden jemals Denkmale errichtet, die an die viel größere Zahl von Patienten und Technikern erinnern, die gelitten haben müssen. Dieser Abschnitt soll mit dem Hinweis enden, daß Therapie, Diagnostik und Sterilisation nicht die einzigen Bereiche waren, in denen die Nationalsozialisten die Röntgenstrahlen einsetzten. Im Zweiten Weltkrieg existierten Pläne, eine »radiologische Bombe« zu entwickeln – mittels konventionellen Sprengstoffs sollten gefährliche Radioisotope verstreut werden. Auch diskutierte man die Konstruktion einer Röntgenstrahlen-Waffe für den Luftkampf. Man stellte sich vor, eine plötzliche Salve von Röntgenstrahlen würde ausreichen, um die Mannschaft einer feindlichen Maschine zu verwunden oder gar zu töten. Ein Bericht von 1944 an das Forschungsinstitut der Luftwaffe in Groß-Ostheim beinhaltete Pläne für eine solche Waffe, aber es ist noch nicht geklärt, ob deren Entwicklung jemals über das Reißbrett hinausging. Die Zwänge der Kriegszeit beschränkten die Geldmittel für viele derartige Pläne, aber der Chef der Luftwaffe, Hermann Göring, wies seine 112
Ingenieure noch im Januar 1945 an, die Möglichkeit, daß man sich mit nuklearen Methoden gegen feindliche Bomber zur Wehr setzte, ernsthaft zu prüfen.
RADIUM UND URAN Die »Radioaktivität« – die in Polen geborene Marie Curie und ihr französischer Ehemann Pierre prägten diesen Begriff – wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts, nur ein Jahr nach den Röntgenstrahlen, entdeckt, als sich das Forscherpaar bemühte, die Fluoreszenz von Uranerz zu erklären. Wie so oft verdankt die Menschheit diese Entdeckung in erster Linie dem Zufall: Henri Becquerel hatte in Paris Uransalze dem Sonnenlicht ausgesetzt, um das Phänomen der Lumineszenz zu erklären, als er zufällig herausfand, daß Uran auch ohne Lichteinfluß fotografische Platten schwärzen konnte. Innerhalb weniger Jahre hatten Marie Curie und ihre Mitarbeiter zwei neue Elemente isoliert, Polonium und Radium, die beide »Radioaktivität« ausstrahlten, ihre Strahlung war sogar tausendfach stärker als diejenige des Urans. In der Hoffnung, Radium könnte zu einem ähnlich wichtigen medizinischen Hilfsmittel werden wie die Röntgenstrahlen, entwickelten Ärzte verschiedene Formen von »Radiumtherapien«, die schon bald ähnlich populär wie die medizinischen Behandlungsmethoden mit Röntgenstrahlen waren. Die Radiumtherapie war in Deutschland so beliebt wie in den USA. Ein Verzeichnis aus dem Jahr 1935, das verschiedene medizinische Anwendungsmöglichkeiten des Radongases oder der Radiumsalze auflistete, nannte Radiumbäder, radioaktive Bandagen, Radiumkompressen und -einlagen, Radium-Einlegesohlen, -Badezusätze, -Ekzemsalben (zum Beispiel ein Produkt namens Thorium-X) und Radiumnadel-Implantate als mögliche Behandlungsmittel. Inhalationstherapien wurden entwickelt, um dieselbe Wirkung wie mit den Dämpfen zu erzielen, und man verkaufte radioaktive Lösungen, ebenso wie mit Mesothorium behandelten Milchzucker und sogar mit Radium angereicherte Schokolade. Radiumkuren wurden verschrieben, um Infektionen zu behandeln, aber auch Rheuma, Neuralgien und hormonelle Störungen wie vorzeitiges Altern, Arteriosklerose, Hyperto113
nie und verschiedene Nervenleiden, ob sie nun echt oder eingebildet waren (zum Beispiel das primäre Parkinson-Sydrom).84 Die Meinungen über die optimale Dosierung bei diesen Behandlungsmethoden gingen oft weit auseinander, aber es handelte sich, an modernen Standards gemessen, um außergewöhnlich hohe Dosen. Ein Professor Friedrich Gudzent aus Berlin verschrieb in seinen »Trinkkuren« tägliche Dosen bis zu 100000 ME (»Mache-Einheit«) Radium, während der Wiener Radiologe Leopold Freund bis zu 300000 ME verschrieb (mehr als 100 Millionen Picocurie).85 Bei den damaligen Radiumkompressen wurden 2–12 Mikrogramm Radium direkt auf die zu behandelnde Hautpartie gelegt, und bei den intramuskulären oder intravenösen Injektionen, die Gudzent empfahl, verabreichte man alle drei Tage eine Dosis von 1–5 Mikrogramm Radium, bis zu einer Gesamtdosis von 100 Mikrogramm.86 Man vermutete, die tödliche Dosis Radium liege zwischen 100 und 500 Mikrogramm, obwohl es aus Amerika Hinweise gab, daß dieser Wert viel niedriger lag. In den USA wiesen einige der Skalenmalerinnen, die mit radioaktiver Farbe arbeiteten, nur 1-2 Mikrogramm körperliche Kontamination auf und litten dennoch unter Symptomen radioaktiver Vergiftung. Heute wissen wir, daß tödliche Krebserkrankungen sogar durch noch kleinere Dosen verursacht werden können. Ein Grund, weshalb die medizinischen Fachleute die Gefahren der Radioaktivität nur langsam erkannten, mag darin liegen, daß deutsche Bäderkurorte viel Geld in die Werbung mit der Heilkraft der Strahlung investierten. Therapeutische Bäder spielten in den zwanziger und dreißiger Jahren eine wichtige Rolle in den Vorstellungen des Bürgertums, wie man eine Krankheit heilen könne (in Thomas Manns Zauberberg findet man einiges von diesem Geist wieder), und die Entdeckung der »radioaktiven Emanation« des Wassers vieler Heilbäder führte zu dem Glauben, daß Radon das entscheidende Element sei. Millionen von Deutschen reisten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu den radioaktiven Heilbädern von Kreuznach, Gastein und Oberschlema, in der Hoffnung, so neue Lebenskräfte zu schöpfen. Einige dieser Bäder sind heute noch in Betrieb, man kann dort genauso viel Radon inhalieren wie damals. Die Begeisterung für Bäderkuren hielt in der Zeit des Nationalsozialismus an, sie wurde von der romantisch orientierten Naturheilkunde-Bewegung zusätzlich gefördert. Die Deutsche Gesellschaft für Bäder- und Klimaheil114
kunde gründete 1934 eine wissenschaftliche Zeitschrift mit dem Titel Der Balneologe. Damit sollte die Popularität der Bäder gefördert werden. Artikel über verschiedene Formen der Wassertherapie wurden darin veröffentlicht – beispielsweise über die finnische Methode, Wasser auf Granit zu gießen, um so im Saunadampf Radon zu erzeugen –, neben Anzeigen für Kurorte wie das Radiumbad St. Joachimsthal (Jachymov), das Hilfe bei Arteriosklerose, Rheuma und Gicht versprach.87 Die Radioaktivität lag bei einigen der bekanntesten deutschen Bäder außerordentlich hoch – so beispielsweise in Oberschlema mit einer Radioaktivität von fünf Millionen Picocurie pro Liter.88 Wenn wir heute zu verstehen versuchen, warum es solange dauerte, bis die Gefahren der Radioaktivität ernst genommen wurden, müssen wir uns in Erinnerung rufen, daß Radium (zusammen mit seiner »Emanation«, dem Radongas) allgemein als das heilende Element in Bergquellen und Heilbädern angesehen wurde. Sogar einige der schärfsten Kritiker des Bädergewerbes wurden von dem strahlenden Atom verführt. Erich Marx beispielsweise, ein Professor für Radiophysik in Leipzig, veröffentlichte 1932 in einer Wiener Tageszeitung einen Aufsatz mit dem Titel »Die Radiumgefahr in Deutschland«, in dem er warnte, daß Radium und Radongas tödliche Folgen haben könnten. Marx wußte, daß Radium und seine Zerfallsprodukte verantwortlich waren für die bronchialen Tumore, unter denen die Joachimsthaler Bergarbeiter litten. Zudem war ihm bekannt, daß Radium im Körper Knochenkalzium verdrängt und daß die tödlichen Folgen der Strahlung erst Jahre nach dem Kontakt mit radioaktiven Substanzen auftreten können. Er warnte, daß kleine Kinder keine Lösungen mit gefährlich hohem Radiumgehalt trinken oder inhalieren sollten, und er kritisierte, daß Schokoladeriegel verkauft wurden, die bis zu 0,064 Mikrogramm des radioaktiven Stoffes enthielten. Er besprach den bekannten Fall von Eben Byers, dem Stahlmagnaten aus Pittsburgh, der an seiner täglichen Radiuminfusion gestorben war. Marx rief dazu auf, Schokoladeprodukte und Lösungen, die Radiumsalz enthielten, zu verbieten. Aber sogar er war der Meinung, daß eine Lösung – solange sie keine Radiumsalze enthielt (Radongas galt offenbar als ungefährlich) und die Dosen auf einem vernünftigen Maß gehalten wurden (er legte keinen Grenzwert fest) – inhaliert oder getrunken werden könne, und daß dies zweifellos eine gesundheitsfördernde Wirkung habe.89 115
Zu den bekanntesten frühen Opfern der radioaktiven Vergiftung gehören die amerikanischen Radium-Skalenmalerinnen. Das tragische Ausmaß dieser Geschichte ist bekannt: Mindestens hundert Frauen, die Instrumentenskalen und neuartige Gebrauchsgegenstände, die in der Dunkelheit leuchten sollten, mit radioaktiver Farbe bemalt hatten, starben an radioaktiver Vergiftung, weil sie die Pinsel jeweils mit den Lippen »zugespitzt« hatten. Die Frauen starben einen schrecklichen und schmerzvollen Tod. Sie erkrankten an Knochen- und Mundhöhlenkrebs, der zunächst als eine Art Geschlechtskrankheit betrachtet wurde. Man erkannte erst später, daß diese Frauen ihrer Arbeit wegen an Krebs erkrankt und gestorben waren.90 Die Herstellung von Leuchtfarben für Skalen war auch in Deutschland ein wichtiger Zweig der Militärindustrie, der zunehmend an Bedeutung gewann, als sich wegen der Bombardierungen durch die Alliierten die Stromausfälle zu häufen begannen.91 Allerdings waren in Deutschland offenbar weniger Frauen betroffen, weil die deutschen Bestimmungen bezüglich der Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz strenger waren als andernorts. (Wie in den USA wurden auch in Deutschland für Lackierarbeiten mit Radiumfarben fast ausschließlich Frauen eingestellt.) Folgeschäden waren auch in Deutschland nicht unbekannt – drei Arbeiterinnen in einer Kompressenfabrik in Berlin klagten über Müdigkeit und nervöse Leiden, nachdem sie in radiumhaltiger Luft (von etwa 13 ME) gearbeitet hatten –, aber es scheint, als hätten die deutschen Skalenmalerinnen weniger leiden müssen als ihre amerikanischen Kolleginnen. Der Unterschied scheint darin zu liegen, daß die deutschen Arbeiterinnen die Pinsel nicht in den Mund nahmen.92 Der amerikanische Skandal um die Radiumfarbe hatte eine gewisse symbolische Bedeutung: Die Opfer waren Frauen, ihre Erkrankung tragisch und manchmal tödlich, aber die Anzahl der Betroffenen war relativ gering – vermutlich etwa hundert Todesfälle und mehrere Tausend Verletzte. In Deutschland sind nur ganz wenige Fälle bekannt, bei denen Frauen durch den Kontakt mit Radiumfarbe starben. Der weit größten Krebsgefahr durch Radioaktivität waren die Bergarbeiter ausgesetzt, vor allem die Arbeiter in den Uran-Kobalt-Silber-Bergwerken rund um die sächsische Stadt Schneeberg, nahe der tschechoslowakischen Grenze. Im Erzgebirge südlich von Dresden hatte man schon lange seltene Metalle abgebaut, und in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts stellte man auf der deutschen Seite des 116
Erzgebirges, in Schneeberg, ein ungewöhnlich häufiges Auftreten von Lungenkrebs fest.93 In Joachimsthal, auf der tschechischen Seite der Berge, wurde man rund 50 Jahre später ebenfalls auf Lungenkrebsfälle aufmerksam.94 Zu dieser Zeit bestand bereits der Verdacht, daß die Wurzel des Übels weder ein Tuberkuloseerreger war noch Arsen, Kieselstaub oder Schimmel aus verrotteten Minenstützpfeilern, sondern bei der Strahlung zu suchen war.95 Bereits im Jahr 1905 hatten Wiener Wissenschaftler in der Luft der Bergwerke Strahlung nachgewiesen. Nach dem Ersten Weltkrieg durchgeführte Messungen zeigten, daß die Werte in verschiedenen Gruben der Region zwischen 1 und 50 »Mache-Einheiten« pro Liter schwankten (was rund 400 bis 20000 Picocurie pro Liter in den heute in Amerika gebräuchlichen Maßeinheiten entspricht).96 Eine detaillierte und aufschlußreiche epidemiologische Studie von 1926 ergab (als Kontrollgruppe wurden Arbeiter einer Farbenfabrik in Oberschlema untersucht, zudem eine separate Kontrollgruppe aus der Bevölkerung), daß 60 bis 75 Prozent der Arbeiter in den Uranbergwerken der Region noch immer an Lungenkrebs starben. Dies war eine sehr hohe Rate, wenn man bedenkt, wie wenig diese Krankheit damals in der Gesamtbevölkerung verbreitet war.97 Rostoskis, Saupes und Schmorls Dreijahresstudie veranlaßte die deutsche Regierung, die »Schneeberger Krankheit« (Lungenkrebs bei Arbeitern in den Uranbergwerken) als berufsbedingte und deshalb entschädigungspflichtige Krankheit einzustufen. Die Gefahr war eindeutig nachgewiesen – obwohl damals nicht alle die Meinung teilten, daß die Hauptursache bei der Strahlung lag. In den zwanziger Jahren verdichteten sich die Hinweise, daß die vom Radium ausgehende Alpha-Strahlung für die »Schneeberger Krankheit« verantwortlich war. Mittels Tierversuchen wurden einige der alternativen Hypothesen überprüft – zum Beispiel, daß die Krankheit von Pilzen an den hölzernen Stützpfeilern der Gruben ausgelöst würde, oder auch durch Arsen –, aber die Resultate blieben zweideutig. Man ließ Mäuse unter Laborbedingungen verschiedene Staubarten aus den Zechen einatmen oder fressen,98 aber es bereitete den Wissenschaftlern einige Probleme, die Minenbedingungen im Labor zu simulieren, auch war es generell schwierig, Lungenkrebs in Tierversuchen, unter Bedingungen irgendwelcher Art, zu erzeugen. Das Interesse an der Frage, was die »Schneeberger Krankheit« auslöste, 117
flackerte 1933 erneut auf, als die Bergwerke in Schneeberg – in Erwartung eines wirtschaftlichen Aufschwungs unter der NS-Herrschaft – wieder in Betrieb genommen wurden. (Die meisten Zechen waren 1928 aus ökonomischen Gründen geschlossen worden, die Nachfrage nach kriegswichtigen Metallen wie Radium und Wolfram steigerte das Interesse an den Bergwerken.) Boris Rajewsky, Direktor des Frankfurter Instituts für die physikalischen Grundlagen der Medizin und später ein wichtiger Gesundheits- und Sicherheitsspezialist im deutschen Atombombenprojekt,99 zeigte, daß die Strahlung in den Minen oft 10000 Picocurie pro Liter erreichte – ein außerordentlich hoher Wert.100 Erich Neitzel aus Berlin, der für das Reichsarbeitsministerium tätig war, gelangte zu ähnlichen Resultaten und befand, daß die Arbeit in radonhaltiger Luft über einen längeren Zeitraum auch dann gefährlich sei, wenn diese nur sehr geringe Mengen des Gases enthielt. Neitzel wußte bereits, daß die Hauptgefahr weniger vom Gas selbst als von seinen radioaktiven Zerfallsprodukten ausging, die sich in der Lunge absetzen können, wo sie fortwährend Strahlung abgeben.101 Mittels Experimenten versuchte man herauszufinden, wieviel Radioaktivität im Urin von Bergarbeitern und in der Luft, die sie ausatmeten, enthalten war, und wie sich die Radioaktivitätswerte in der Luft mit unterschiedlichen Wetterbedingungen veränderten.102 Weitere Versuche wurden durchgeführt, mit denen es schließlich gelang – weltweit zum erstenmal –, bei Tieren, die in Gruben gehalten wurden, Lungenkrebs zu erzeugen. Noch 1936 war Julius Löwy dasselbe Experiment mißlungen: Der deutsch-jüdische Professor aus Prag hatte zuvor, im Jahr 1929, als erster nachgewiesen, daß die Krankheit, an der die Joachimsthaler Bergarbeiter litten, dieselbe wie die »Schneeberger Krankheit« war.103 1936 berichtete er jedoch, daß die Kaninchen und Ratten, die den Staub aus den Gruben einatmeten, alle an den akuten Folgen der Strahlung gestorben seien.104 Der Industriearzt Arthur Brandt, der für die Dresdner Regierung arbeitete, hatte offenbar als erster die Krebsgefahr unter Laborbedingungen rekonstruieren können. Seine 1938 veröffentlichten Resultate zeigten, daß 25 Prozent der Mäuse, die während eines Jahres in den Schächten aufgezogen worden waren, bei der Obduktion Tumore aufwiesen.105 Dies war der erste Tierversuch, mit dem schlüssig nachgewiesen wurde, daß die Luft in den Gruben Lungenkrebs verursachen konnte. 118
Zu dieser Zeit wurde Radon allgemein als wahrscheinlichste Ursache der »Schneeberger Krankheit« angesehen. Der Hauptarzt der Deutschen Arbeitsfront, Hermann Hebestreit, stellte 1939 in einem Artikel unmißverständlich fest, daß »der Lungenkrebs in den Joachimsthaler Uranerzgruben gleichfalls auf radioaktive Stoffe zurückzuführen« sei.106 Nicht alle waren mit diesem Befund einverstanden: Franz Strnad aus Prag war beispielsweise im Jahr 1938 zu dem Ergebnis gelangt, die Radiumausstrahlung (Radon) sei zwar ein wahrscheinlicher Grund für die »Schneeberger Krankheit«, dennoch sei in der Sache noch nichts endgültig bewiesen.107 Die meisten Experten hielten indes Radon tatsächlich für die Hauptursache der Krankheit. Die Deutschen waren damit weltweit die ersten, die – offiziell – anerkannten, daß Radon für Lungenkrebserkrankungen bei Uran-Bergarbeitern verantwortlich war. Im Gegensatz dazu zweifelten die US-Gesundheitsbehörden noch 1950 an dieser ursächlichen Verbindung. Die deutschen Uran-Grubenarbeiter erhielten seit den späten zwanziger Jahren Entschädigungszahlungen für die durch ihre Arbeit verschuldeten Lungenkrebserkrankungen. Die Amerikaner hingegen mußten warten, bis 1991 der »Radiation Exposure Compensation Act« verabschiedet wurde.108 Interessant ist auch, daß die verschiedenen Berufsgruppen in Deutschland zu höchst unterschiedlichen Schlüssen gelangten, was die Wirkungen des Radiums anging – die einen glaubten an eine heilende Kraft, die anderen an eine schädigende. In der Arbeitsmedizin tätige Ärzte bemerkten schon bald, daß Radon die wahrscheinlichste Ursache für Lungenkrebs bei Bergarbeitern war. Die Ärzte in den Heilbädern – die sich oft in der unmittelbaren Nähe von Bergwerken befanden – vertraten dagegen eher die Ansicht, daß das radioaktive Gas den Körper heile. Ärzte aus Kurbädern hatten 1939 Belege dafür publiziert, daß bereits ein Millionstel eines Gramms Radium im Körper eine tödliche Wirkung haben konnte. Aber sie beharrten für gewöhnlich darauf, daß das Radon, das man in den Heilbädern einatmete (zum Beispiel aus Mineralquellen) vollkommen unbedenklich sei. Ausgeklügelte Theorien wurden vorgebracht, die erläutern sollten, wie das Radon dem Körper neue Energien zuführe. So wurde in der Besprechung einer deutschen Radontherapie im Jahr 1938 argumentiert, das radioaktive Gas fördere den Sauerstoffaustausch und stimuliere die Zellen und das Gewebe, ohne nennenswerten Schaden anzurichten. Die Radontherapie wurde als be119
sondere Art der »Schocktherapie« bezeichnet, wodurch die Selbstheilungskräfte des Körpers geweckt und gestärkt würden.109 Natürlich legte die nationalsozialistische Ideologie auf die Gesundheit bestimmter Menschen mehr Wert als auf diejenige anderer. Dies wird unter anderem aus der Korrespondenz darüber ersichtlich, wer in den Bergwerken arbeiten sollte. Am 19. November 1938 schrieb der SS-Oberführer und Regierungspräsident Hans Krebs an Himmler und bat ihn darum, in Joachimsthal KZ-Häftlinge zu beschäftigen, um »unsere armen« sudetendeutschen Bergleute von der Arbeit zu befreien, die sie schon als Vierzigjährige das Leben kosten konnte. Himmler stimmte unter der Bedingung zu, daß die Gefangenen nach zwei oder drei Jahren freigelassen würden, falls sie gute Führung zeigten. Allerdings bleibt unklar, ob solche Vorschläge jemals in die Tat umgesetzt wurden.110 Bekannt ist hingegen, daß nach dem Krieg Zehntausende von politischen Gefangenen in den Joachimsthaler Bergwerken arbeiteten und 90000 Tonnen Uran für das sowjetische Atomarsenal förderten. Tausende dieser Arbeiter starben an Lungenkrebs.111 Auch die Schneeberger Gruben wurden ausgebeutet, dort wurden rund 200000 Tonnen für das sowjetische Nukleararsenal gefördert, die den Russen als Teil der deutschen Reparationszahlungen nach dem Krieg billig verkauft wurden. Es waren dies enorme Unterfangen: Allein in der Uranförderung in Ostdeutschland, die unter dem Decknamen »Wismut« lief– das Wort existiert auch im Russischen –, arbeiteten im Jahr 1949 80000 Männer und Frauen, von denen viele als Zwangsarbeiter begonnen hatten.112 Schließlich waren über eine halbe Million Menschen zum einen oder anderen Zeitpunkt im Projekt »Wismut« beschäftigt, bis nach der Wiedervereinigung von 1990 die meisten Schächte geschlossen wurden.113 Die Region um die Schneeberger Gruben ist heute eines der größten Gebiete Europas mit ökologischen Altlasten. Man versucht dort einen der weltweit schrecklichsten gesundheitspolitischen Alpträume zumindest teilweise vergessen zu machen. In den frühen neunziger Jahren sagte der Direktor des deutschen Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) voraus, der Bergbau werde unter den Einwohnern der Region Schneeberg möglicherweise noch Zehntausende von Todesopfern fordern – zwischen 10000 und 15000 würden an Lungenkrebs sterben – und rund doppelt so viele an Silikose.114 Die Ge120
sundheitsbehörden der DDR hatten vor 1989 bereits 5200 durch Strahlung verursachte Lungenkrebsfälle anerkannt.115 Auch in den Häusern, die in der Nähe der verlassenen, die ganze Region durchziehenden Schächte stehen, ist der Radongehalt in der Luft sehr hoch. Die deutschen Umweltbehörden empfehlen einen Wert von nicht mehr als 250 Becquerel pro Kubikmeter Luft in Wohnungen, aber man hat Häuser gefunden, in denen der Radongehalt 400mal höher lag. Wie in einigen Regionen der USA findet man Radon auch in Häusern, die abseits der Zechen liegen – eine Folge der natürlichen Bodendurchsickerung unter den Grundmauern.116 Ein weiterer interessanter Aspekt der Schneeberger Urangeschichte ist, daß die Amerikaner, die diese Gegend gegen Ende des Krieges besetzten, sich der militärischen Bedeutung der Region offenbar nicht bewußt waren. Die US-Behörden waren sich nicht einig über die Frage, ob es möglich sei, die Nachkriegsproduktion von Uran zu monopolisieren. General Leslie R. Groves vertrat 1945 die Meinung, in Rußland gebe es keine Uran vorkommen. Aber James B. Conant und Vannevar Bush, beides Verantwortliche im »Manhattan Project«, hatten den Kriegsminister Henry L. Stimson bereits im Herbst 1944 darauf hingewiesen, daß es für andere Nationen nicht schwierig sei, an Rohstoffe für die Bombenherstellung zu gelangen.117 Es scheint, als hätten die amerikanischen Behörden die Uranvorkommen in dieser Region übersehen – vielleicht, weil man bereits im nicht weitergeführten deutschen Atombombenprojekt heimische Vorkommen vernachlässigt und statt dessen Uran aus den Bergwerken in Belgisch-Kongo verwendet hatte. Dieser Irrtum ist erstaunlich, vor allem wenn man bedenkt, daß die Angst vor einer deutschen Kontrolle über die Joachimsthaler Bergwerke der ursprüngliche Anlaß für Albert Einsteins berühmten Brief an Präsident Roosevelt war, in dem er die Möglichkeit eines nationalsozialistischen Bombenprojekts erörterte. Die ganze Geschichte wird noch merkwürdiger in Anbetracht der Tatsache, daß J. Robert Oppenheimer – der Mann, der ausgewählt wurde, um das »Manhattan Project« zu koordinieren, und der »Vater der Atombombe« – seine Doktorarbeit an der »Ethical Culture School« in New York ausgerechnet über die Joachimsthaler Minen geschrieben hatte. Joachimsthal hatte vor dem Ersten Weltkrieg ein weltweites Monopol auf die Radiumversorgung und besaß noch immer Reserven für ein ganzes Jahrhundert – wenn man dem Bericht einer deutschen Krebszeitschrift aus dem 121
Jahr 1938 Glauben schenken darf.118 Deshalb ist es sehr eigenartig, daß die US-Behörden das Atompotential der Region nicht erkannten. Die sowjetischen Behörden waren jedoch aufmerksamer: Bereits im Juni 1945, noch bevor der Krieg in Ostasien zu Ende war, wurden sowjetische Geologen nach Schneeberg geschickt, um die Uranvorkommen zu prüfen. Die Sowjetunion erhielt die Kontrolle über diese Region erst gegen Ende des Sommers 1945, als die US-Armee, im Tausch gegen West-Berlin, das Gebiet räumte. Das Wissen um die Uranvorkommen mag ein Grund dafür gewesen sein, daß sich die Sowjetunion auf diesen Handel einließ. Im Januar 1946 hatten die sowjetischen Behörden die Erkundung der Region abgeschlossen, und im Sommer desselben Jahres wurden die Pläne für den Uranabbau entworfen.119 Die US-Behörden müssen ihr Versehen schließlich bitter bereut haben: Der Vorsitzende des AEC, Gordon Dean, schrieb 1953, die Joachimsthaler Minen allein könnten ein beträchtliches Atomenergieprogramm ermöglichen.120
TÖDLICHER STAUB Nicht nur die Röntgenstrahlung, Radium und Uran hatten die deutschen Gesundheitsbehörden schon früh in ihre Schritte einbezogen, um der Gefahren am Arbeitsplatz Herr zu werden. Deutsche Fabrikärzte hatten bereits seit einiger Zeit vor den Risiken des Staubinhalierens gewarnt: Schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts äußerte man Bedenken darüber, daß Arbeiter Staub und bleihaltige Farbpartikel einatmeten, und kurze Zeit später war auch bereits die Silikose bekannt, die durch das Einatmen sehr feiner Quarzpartikel ausgelöst wird. Daß man sich vermehrt um diese Risiken sorgte, war teilweise den Aktivitäten der Arbeiterschaft zu verdanken. Die Ursache des Übels lag in den verbesserten Bohr-, Schleif- und Schneidtechniken, wodurch die Arbeiter viel größeren Staubmengen als zuvor ausgesetzt waren. Preßluftbohrer und -hämmer, zusammen mit neuen elektrisch betriebenen Schneid- und Schleifwerkzeugen verschiedenster Art, produzierten viel mehr Staub als handbetriebene Werkzeuge, wodurch die durch Staub verursachten Krankheiten (von Asthma über Tuberkulose bis hin zu Lungenkrebs) drastisch zunahmen. 122
Die bekanntesten frühen Staubkrankheiten standen in keinerlei Verbindung mit Krebs. Das vordringlichste Problem – zusätzlich verschärft durch den Mangel an wirksamen Gesundheitsvorschriften und die Bereitschaft der Arbeiter, gefährliche Tätigkeiten auszuüben – waren akute Vergiftungen. Krebs war nur eines der Dutzenden von Risiken, die ein Grubenarbeiter, ein Schleifarbeiter oder ein Farbenmischer im 19. Jahrhundert auf sich nahm. Auch lebten viele von ihnen nicht lange genug, um an bösartigen Tumoren zu erkranken. Die Krebszahlen wurden zudem durch die lange Zeitspanne – oder »Latenzzeit« – verschleiert, die zwischen dem Kontakt mit der gefährlichen Substanz und dem Auftreten der bösartigen Krankheitssymptome liegt. Zeitliche Verzögerungen dieser Art waren bereits im 19. Jahrhundert beobachtet worden, als man Krebs bei Schornsteinfegern untersuchte,121 aber erst im 20. Jahrhundert wurde thematisiert, daß die Latenz ein generelles Merkmal von Krebs ist. Rostoski, Saupe und Schmorl stellten in den zwanziger Jahren fest, daß die Bergleute in Schneeberg oder Joachimsthal im allgemeinen zehn oder zwanzig Jahre in den Gruben arbeiteten, bevor sie an Lungenkrebs erkrankten. Zudem bemerkten sie, daß mindestens ein Opfer 22 Jahre lang nicht mehr unter Tage gearbeitet hatte, als es erkrankte.122 Man erkannte schließlich, daß auch viele andere Krebsarten lange Latenzzeiten haben: Cecil W. Rowntree aus England vertrat beispielsweise 1922 die Ansicht, daß es bis zu 17 Jahre dauern könne, bis sich Krebs nach übermäßigem Kontakt mit Röntgenstrahlen entwickle. Aus diesen und anderen Berichten – zum Beispiel über die Risiken in Petroleum- und Chromatfabriken – ergab sich die Schlußfolgerung, daß Krebs im allgemeinen erst Jahre oder sogar Jahrzehnte nach dem Kontakt mit der gefährdenden Substanz entstand.123 Chrom war eine der ersten Metallstaubarten, die als krebserregend galten, nachdem man im Jahre 1911 beobachtet hatte, daß Arbeiter aus Chromfabriken an Lungenkrebs erkrankten und starben.124 Chromverschalungen wurden modern, und in vielen beliebten Farbstoffen verwendete man zunehmend Chromsalze und -oxide. Die kranken Chromarbeiter begann man erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts wahrzunehmen, und 1911 entstand ein ganzes Buch über die Gefahren dieses Industriezweigs.125 Eine Studie aus dem Jahr 1936 zeigte dann, daß in den vorangegangenen zehn Jahren vierzig Prozent aller Arbeiter in einer chemischen Fabrik in Griesheim (wo Chrom123
sulfate und andere Industriechemikalien produziert wurden) an Lungenkrebs erkrankt waren. Der Autor prophezeite, daß in jeder größeren Chromfabrik in Deutschland Arbeiter an Lungenkrebs erkranken würden.126 Eine weit älteres Problem waren die Arsendämpfe. Im Jahr 1822 berichtete John A. Paris, ein Mitglied der Royal Society of London und Oberarzt am Westminster Hospital, über Hautkrebs bei Arbeitern aus Wales und Cornwall, die in Kupferschmelzen und Blechgießereien arsenhaltigen Dämpfen ausgesetzt waren. Auch Tiere waren offenbar davon betroffen: Man beobachtete in dieser Gegend, wie Pferde und Kühe wegen der Schmerzen, welche die Tumore verursachten, auf den Knien herumkrochen.127 Menschen, die in den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts gegen Schuppenflechte mit Kaliumarsenit behandelt wurden, trugen ein höheres Risiko, an Hautkrebs zu erkranken, als die allgemeine Bevölkerung. Auch die Gemeinden, in denen die Leute mit Arsen verunreinigtes Wasser tranken, wiesen überdurchschnittlich hohe Krebsraten auf.128 In den zwanziger Jahren wurden Befürchtungen wegen der arsenhaltigen Pestizide laut, mit denen man die Weinberge zur Schädlingsbekämpfung spritzte. Kurz nach dem Ersten Weltkrieg hatte man damit begonnen, die Weinberge aus der Luft zu besprühen – den Anlaß dazu bildete nicht nur die kriegsbedingte Verbesserung der zweimotorigen Flugzeuge, sondern auch die Erkenntnis, daß einige der neuen Rebsorten besonders krankheitsanfällig waren. Im Jahr 1929 produzierte Deutschland 1500 Tonnen Arsen, wovon der größte Teil in Weinbergen zum Einsatz kam. Die deutsche Weinproduktion wuchs von 1929 bis 1938 um 60 Prozent, was hauptsächlich auf den zunehmenden Einsatz von Arsen in der Schädlingsbekämpfung zurückzuführen war.129 Vergiftungen kamen nun immer häufiger vor. Das Pestizid hinterließ im Wein und im Traubensaft Rückstände, aber auch im Staub, der aufwirbelte, wenn die Weinberge gepflügt wurden.130 Chronische Arsenvergiftungen wurden bereits vor dem Ersten Weltkrieg als Berufskrankheit erkannt. Das Leiden – vor allem unter Glas- und Stahlarbeitern – war neben Blei-, Quecksilber- und Phosphorvergiftungen eine der ersten durch die Arbeitstätigkeit verursachten Krankheiten, für die eine Meldepflicht bestand.131 In der deutschen »Berufskrankheitenverordnung« von 1925 wurde die Arsenvergiftung zusammen mit acht anderen Vergiftungsarten als entschädigungspflichtige Berufskrankheit anerkannt (die 124
aufgeführten Substanzen waren: Blei, Phosphor, Quecksilber, Benzol, aromatische Nitroverbindungen, Carbonidsulfide, Röntgenstrahlen und radioaktive Substanzen sowie krebserregende Materialien wie Paraffin, Teer, Anthracen und Pech, das vor allem die Haut angriff).132 Arbeiter in der Glasund Stahlindustrie waren die bekanntesten frühen Opfer von Arsenvergiftungen, aber auch Menschen, die in Weinbergen arbeiteten, waren zunehmend in ernster Gefahr. Ernst W. Baader rief 1929 die chemische Industrie auf, einen Ersatz für Arsen als Pestizid zu finden, und er warnte 1937 davor, daß diese Substanz bereits in sehr kleinen Mengen Krebs auslösen könne; er wies auch darauf hin, daß Krebs in der Umgebung von Fabriken, in denen mit Arsen gearbeitet wurde, häufiger auftrat als sonst. Karl Reinhart bemerkte in seiner umfassenden Untersuchung von 1943, daß es im Jahr 1940 589 verifizierte Fälle von Arsenvergiftung unter Winzern gegeben habe, darunter auch einige Krebserkrankungen.133 Das Problem verlor um 1940 etwas an Dringlichkeit, als Insektizide wie Pyrethrum und Chrysanthol eingeführt wurden und das Arsen ersetzten –- auch der Einsatz von Nikotin als Pestizid wurde gefördert.134 Die Partei-Kanzlei der NSDAP verbot den Gebrauch von arsenhaltigen Pestiziden im Februar 1942, erlaubte den Winzern aber, ihre Vorräte bis zum 30. Juni 1942 aufzubrauchen.135 Den Winzern war früher schon verboten worden, bleihaltige Substanzen anzuwenden. Anders als die Weinreben durften Kulturpflanzen wie Erdbeeren oder Tomaten weiterhin mit arsenhaltigen Pestiziden behandelt werden, aber es bestanden unter anderem strenge Vorschriften, wann und wie die Arbeiter spritzen durften und welche Schutzkleidung sie tragen mußten.136 Die deutschen Betriebsärzte waren überwiegend der Ansicht, jeglicher Kontakt mit Industriestaub sei schädlich, aber es war ihnen auch klar, daß wohl die meisten Betroffenen unter Quarz- oder Kieselstaub litten. Die »Quarzstaublunge« wurde als die schlimmste aller durch die Arbeitstätigkeit verursachten Lungenkrankheiten angesehen: Man sagte (und vielleicht zu Recht), am Quarzstaub würden mehr Menschen sterben als an allen anderen Staubarten zusammen. In der deutschen medizinischen Literatur der dreißiger Jahre finden sich Hunderte von wissenschaftlichen Artikeln zu diesem Thema, die alle möglichen Aspekte der Krankheit behandeln – von der schädlichsten Partikelgröße bis hin zum möglichen Krebsrisiko.137 Die Silikose drohte allen, die regelmäßig Staub einatmeten, aber vor allem den Ar125
beitern in Stahlgießereien – man arbeitete dort mit Sand, um die Schmelzmischungen für flüssiges Roheisen herzustellen – und denjenigen, die mit Schleifmitteln auf Quarzbasis arbeiteten (das Produkt »Comet« enthält Quarzsand zum Abschmirgeln), sowie den Arbeitern in Porzellanfabriken und Ziegeleien, in Zechen und Sandbläsereien und denjenigen, die Sand oder Felsstaub ausgesetzt waren. Die Entwicklung maschineller Werkzeuge zur Bearbeitung von Fels (zum Beispiel der Preßlufthammer, der um den Ersten Weltkrieg eingeführt wurde) hatte die Gefährdung durch Felsstaub dramatisch gesteigert – eine Tatsache, die den deutschen Fabrikärzten der dreißiger Jahre wohlbekannt war.138 Otto Schulz, der medizinische Direktor des Instituts für Berufskrankheiten an der Universität Berlin, wies 1939 daraufhin, daß bereits ein oder zwei Jahre Arbeit in einer staubigen Umgebung ausreichten, um Silikose auszulösen, und daß die Symptome typischerweise erst dann auftraten, wenn der Kontakt mit dem gefährlichen Staub vorüber war. Schulz machte auf das schreckliche Beispiel von Gauley Bridge in West Virginia aufmerksam, wo Hunderte von Afroamerikanern an akuter Silikose gestorben waren, nachdem sie beim Bau eines Tunnels für die Firma »Union Carbide« große Mengen von Staub eingeatmet hatten. Er wies zudem auf den großen wirtschaftlichen Schaden hin, den die Krankheit in Deutschland anrichtete: Von 1929 bis Ende der dreißiger Jahre wurden in Übereinstimmung mit den deutschen Gesundheits- und Sicherheitsbestimmungen mehr als sechzig Millionen Reichsmark an silikosekranke Arbeiter und deren Angehörige gezahlt. Schulz forderte eine »Lösung des Staubproblems«, die regelmäßige Reihenuntersuchungen umfassen sollte, zudem sollten alle Arbeiter, die erste Symptome der Krankheit zeigten, in andere Fabriken versetzt werden. Es sei dringend notwendig zu handeln, weil sehr viel »Menschengut« an die Krankheit verlorengehe.139 Zur Zeit des Nationalsozialismus wurden schon früh Schritte unternommen, um gegen die Staubkrankheiten in der deutschen Industrie vorzugehen. Am 4. April 1934 wurde von der »Steinbruchs-BG« eine »Staubbekämpfungsstelle« eingerichtet, um die Aktivitäten zu koordinieren. Die Stelle erforschte die Konstruktion von Schutzglocken und Vakuumvorrichtungen sowie neue Arten von Filtern und Ventilationsanlagen und suchte nach Möglichkeiten, die Sicherheitseinrichtungen besser zu unterhalten. In 126
Thüringen arbeitete die Staubbekämpfungsstelle mit der Schieferdachindustrie zusammen, um die Staubmenge bei der Schieferspaltung zu reduzieren und die Staubentwicklung einzudämmen, der die Steinmetze und die Zement-, Sand- und Kalkarbeiter ausgesetzt waren. In vielen dieser Industriezweige mußten sich die Arbeiter regelmäßigen medizinischen Untersuchungen unterziehen (zum Beispiel die Sandbläser). Man hoffte, so erste Anzeichen einer Silikose entdecken zu können, obwohl auch Zweifel laut wurden, ob sich die Krankheit im Frühstadium überhaupt diagnostizieren lasse.140 Die Schutzbekleidung war größtenteils recht schwerfällig (und ist es heute noch, muß man hinzufügen), bei den Masken konnte man aber Qualität und Bequemlichkeit verbessern. Synthetische Schleifmittel ersetzten die gefährlicheren steinstaubhaltigen Mittel in der metallverarbeitenden Industrie, und für besonders riskante Industriezweige (wie das Sandblasen) wurden Atemgeräte entwickelt, die Taucherausrüstungen ähnelten.141 Die Staubbekämpfungsstelle richtete ein Labor ein, in dem verschiedene Maskentypen getestet wurden, zudem setzte sie eine besondere Arbeitsgruppe ein, die Fortschritte in der Maskentechnik erzielen sollte.142 Im Jahr 1936 wurde eine Zeitschrift gegründet, Staub: Reinhaltung der Luft, die sich mit den Technologien zur Staubkontrolle beschäftigte. Sie erschien bis ins Jahr 1943 und wurde nach dem Krieg vom Institut für Staubforschung der Universität Düsseldorf weitergeführt. Staub war eine der beinah zwei Dutzend neuen Gesundheitszeitschriften, die im »Dritten Reich« gegründet wurden. Auch Krebs war ein Thema unter den deutschen Betriebsärzten, die sich mit Silikose beschäftigten. Eine Dissertation aus dem Jahr 1934 thematisierte den Zusammenhang zwischen Silikose und Lungenkrebs. Die Hauptfrage war dabei, ob der von den Kohlearbeitern im Ruhrgebiet eingeatmete Quarzstaub bösartige Krebsgeschwüre verursache. Obwohl diese Studie die Frage negativ beantwortete (Silikosekranke waren nicht besonders anfällig für Lungenkrebs), ist das Interesse an dieser Frage an sich bemerkenswert.143 Man erforschte zudem das krebserregende Potential von Sericit (einem seidengrünen Glimmer, der in der Industrie Verwendung fand)144 und das Potential von Fiberglas, Silikose auszulösen.145 Die Frage, ob Quarz krebserregend ist, konnte zur Zeit der NS-Herrschaft nicht beantwortet werden – und auch heute, mehr als ein halbes Jahrhun127
dert später, gibt es noch keine klare Antwort. Was aber relativ eindeutig nachgewiesen werden konnte – in Deutschland früher als andernorts –, ist das todbringende Potential von Asbest.
ASBEST – DAS TOTENHEMD DER KÖNIGE Bei der Entlarvung von Asbest als einer krebserregenden Substanz handelt es sich um eines der bemerkenswertesten Ereignisse der damaligen Erforschung von Industriestaub. Asbest ist ein Magnesiumsilikat, aber der Asbeststaub ist lang und faserig, und diese Eigenschaften sind so ausgeprägt, daß man die Fasern sogar zu feuerfesten Stoffen verweben kann. Man sagt, Karl der Große habe Festmahle auf Tischtüchern aus diesem Material abgehalten und seine Gäste damit verblüfft, daß er das Tuch nach dem Mahl ins Feuer warf, aus dem man es später unbeschädigt wieder herauszog. Im Mittelalter wurden Könige in einem versiegelten Totenhemd aus Asbest eingeäschert – nur die Knochen blieben übrig, sauber und unversehrt. Aus diesem Grund erhielt die Substanz Bezeichnungen wie »magisches Mineralium« oder »Totenhemd der Könige«. Die gleichen Eigenschaften jedoch, die das Material webbar machen, lassen es auch zur tödlichen Gefahr werden. Die langen, dünnen Fasern gehen leicht in die Luft über, werden eingeatmet und setzen sich in der Lunge ab, wo sie jahrelang überdauern und eine Krankheit verursachen können, die man als »Asbestose« kennt. In der modernen Medizin wird dieses Leiden erstmals in England gegen Ende des 19. Jahrhunderts beschrieben, obwohl man schon seit Jahrhunderten mit Asbest arbeitete und es wahrscheinlich schon manche Erkrankung und manchen Todesfall verursacht hatte.146 Wegen der eingeschränkten Lungenkapazität und der damit verbundenen Komplikationen ersticken – oder ertrinken – die Opfer. Die Krankheit ist offenbar mit dem Gefühl zu vergleichen, als würde einem langsam ein eisernes Band um den Brustkorb zusammengezogen. Deutschland war nie ein wichtiger Produzent von Rohasbest. Vielleicht erkannte man aus diesem Grund erst 1914, daß Asbest tödliche Wirkungen haben kann – zu einer Zeit, als sich die Engländer und Amerikaner bereits eingehend mit dem Thema beschäftigt hatten. In Deutschland wurden viel128
mehr Fertigwaren aus Asbest hergestellt, und bei den damit verbundenen Tätigkeiten erkrankten auch die ersten Arbeiter. Man nannte Asbest damals zumeist »Bergflachs«, und die Krankheit »Asbestose« war schon bald als »Bergflachslunge« bekannt – ein ziemlich rustikaler Euphemismus für eine Krankheit mit derart zerstörerischem Potential.147 Ein mögliches Krebsrisiko erkannte man erst in den dreißiger Jahren, als bereits Zehntausende von Arbeitern – vor allem im Schiffbau – täglich mit diesem Material arbeiteten. Die wärmedämmenden und feuerfesten Eigenschaften des Materials waren beeindruckend, deshalb verwendete man Asbest unter anderem dazu, Dampfrohre zu isolieren oder die Kessel von Dampfmaschinen zu versiegeln und vor Feuer zu schützen. Asbest wurde auch für Bremsen und Kupplungen benutzt, zudem wurde es eingesetzt, um Zement zu härten oder Farben, Textilien und Baumaterialien (zum Beispiel für Dächer und Bodenfliesen) feuerfest zu machen. Im Jahr 1938 erkannte man, daß Asbest die Entstehung von Lungenkrebs fördert. Drei deutsche und eine österreichische Untersuchung lieferten damals überzeugende Beweise für eine solche Verbindung.148 In England und Amerika war schon früher gelegentlich auf einen möglichen Zusammenhang zwischen Asbest und Lungenkrebs hingewiesen worden,149 aber zu diesem Zeitpunkt waren die deutschen Berichte die umfassendsten und überzeugendsten, und sie beinhalteten die klarsten Schlußfolgerungen.150 Franz Koelsch bemerkte in seinem Beitrag, daß die zwölf Lungenkrebsfälle, die bis dahin auf Asbest zurückgeführt worden waren, die Verbindung nicht sicher bewiesen, wenngleich sie wahrscheinlich sei. Andere Mediziner waren weniger zögerlich: Ludwig Teleky aus Wien vertrat die Ansicht, es sei äußerst wahrscheinlich, daß Asbestose die Entstehung von Lungenkrebs begünstige.151 Der Hannoveraner Pathologe Martin Nordmann zeigte die Verbindung am klarsten auf: Asbestarbeiter seien zweifellos einem Lungenkrebsrisiko ausgesetzt; bei rund 12 Prozent aller Arbeiter, die an Asbestose litten, entwickle sich Lungenkrebs. Nordmanns Fazit lautete, in Deutschland gebe es nun eine neue Krebsgefahr am Arbeitsplatz.152 Zu dieser Zeit hatten die deutschen Behörden bereits Schritte unternommen, um das Risiko für Asbestarbeiter zu verringern – inzwischen konnte man diese Maßnahmen auf eingehende Kenntnisse über die neue, beängstigende Gefahr stützen. Als 1936 eine Kampagne zur Bekämpfung von Indu129
striestaub angestrengt wurde, war eines der Hauptziele der Kampf gegen den Asbest.153 Man führte neue Lüftungssysteme ein, und die schmutzigsten Arbeiten sollten nur noch unter einer Glocke durchgeführt werden, in der man den Staub vom Arbeitsplatz absaugen konnte. Im Jahr 1937 wurde vom Reichsarbeitsministerium in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Arbeitsschutz eine Unterkommission für Asbestose gegründet. Das neue Gremium setzte sich aus Experten für Mineralogie, Staubtechnologie, Versicherungswesen, klinische Medizin, Pathologie und Physiologie zusammen, den Vorsitz hatte Ernst Baader inne. Die Kommission erforschte, wie die Krankheit entstand und wie man sie verhindern konnte. Man inspizierte Arbeitsplätze und fand heraus, daß die größten Asbestmengen bei den ersten Produktionsschritten freigesetzt wurden, wenn das Mineral zermahlen, geschreddert und gekämmt wurde. Das neu erfundene »Übermikroskop« (ein von Siemens entwickeltes Elektronenmikroskop, mit dem man bis zu 40000fach vergrößern konnte – siehe Abb. 4.2) wurde eingesetzt, um die Frage zu klären, ob die Asbestose durch chemische Prozesse oder durch mechanische Irritationen entstand (man fand mikroskopisch kleine Fasern im Lungengewebe, was auf eine mechanische Irritation hindeutete).154 Verbesserte Lüftungstechniken wurden empfohlen und Arbeiter in zahlreichen Fabriken auf Symptome für Asbestose hin untersucht. Diese Untersuchungen wurden zumeist mittels Röntgenaufnahmen durchgeführt, manchmal aber auch mittels Blut- und Urintests. Auch Günther Lehmanns seltsame Methode, mit der die Filterfähigkeit der Nase getestet wurde, setzte man ein, um bestimmen zu können, wer mehr und wer weniger disponiert für asbestbedingte Erkrankungen war (die Fachleute waren dabei allerdings nicht besonders enthusiastisch).155 Die Anerkennung des Lungenkrebsrisikos veranlaßte die Behörden, die erlaubten Grenzwerte für Staub nach unten zu korrigieren. Am 1. August 1940 gab Baaders Komitee offizielle Richtlinien heraus, in denen die akzeptablen Staubmengen und die Techniken, die zur Reduzierung des Staubs genutzt werden konnten, festgelegt wurden. Mit diesen Richtlinien wurde bestimmt, daß niemand unter 18 Jahren mit Asbest arbeiten dürfe, zudem wurde die Krebsgefahr erneut bestätigt.156 Auch die Entstehung der bösartigen Krebsgeschwüre wurde weiterhin erforscht. Alfred Welz, ein Student Nordmanns, berichtete in einem Artikel von 1942 über einen an Lungenkrebs erkrankten 130
ABB. 4.2. Siemens-Übermikroskop. Mit diesem Instrument fand man Asbestpartikel in Lungentumoren. Quelle: Reiter und Breger, Deutsches Gold, S. 476.
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Arbeiter, der nur vier Jahre lang mit der Faser gearbeitet hatte.157 Ein Jahr später publizierte Hans-Wilfried Wedler aus Berlin eine Untersuchung, die zeigte, daß Asbestarbeiter einem hohen Risiko ausgesetzt waren, an einer seltenen Krebsart namens Mesothelioma zu erkranken, die das Brustfellgewebe (die Pleura) entlang der Außenseite der Lungen befällt.158 Deutschland war zu diesem Zeitpunkt in der Erforschung der Zusammenhänge zwischen Lungenkrebs und Asbest unbestritten führend. In einem Lehrbuch von Wedler aus dem Jahr 1939 findet sich weltweit zum erstenmal die Bemerkung, es bestehe »kaum ein Zweifel daran«, daß Asbest in der Lunge zu Krebs führen könne.159 Im Jahr 1941 wiesen Nordmann und sein Kollege Adolf Sorge, ein Mitglied der NSDAP und SS-Offizier, in einem Tierversuch nach, daß Asbest Lungenkrebs verursachen kann (siehe Abb. 4.3). Während mehrerer Wochen setzten die beiden Forscher Labormäuse asbesthaltigem Staub aus, worauf zwanzig Prozent der überlebenden Tiere bösartige Tumore entwickelten (ein noch viel höherer Anteil der Mäuse wies erste Symptome einer Krebserkrankung auf).160 Ein Artikel aus dem Jahr 1942 lobte die wissenschaftliche Arbeit aus Hannover und betonte, wie weit die Meinungen von deutschen und englisch-amerikanischen Forschern auseinanderlägen. Während man in Deutschland den Zusammenhang zwischen Krebs und Asbest klar bejahte, äußerte man sich im englischsprachigen Raum nur mit großer Zurückhaltung zu dieser Frage.161 Nordmann selbst bemerkte, der Vorsitzende der deutschen Unterkommission für Asbestose – Ernst Baader – sei davon überzeugt, daß tatsächlich eine Krebsgefahr bestehe.162 Im Jahr 1943 war das NS-Regime weltweit die erste Regierung, die durch Asbest verursachten Lungenkrebs und Mesothelioma für entschädigungspflichtige Berufskrankheiten erklärte.163 Amerikanische Anwälte benutzten die Ergebnisse der nationalsozialistischen Forschung später als Beweis dafür, daß der Zusammenhang zwischen Asbest und Lungenkrebs schon zu einem früheren Zeitpunkt bekannt gewesen war, als Johns-Manville und andere Asbesthersteller behaupteten.164 Deutsche Spezialisten für Berufsmedizin – sogar in großen Industriebetrieben wie der I. G. Farben – hatten die Krebsgefahr bereits zu Anfang der vierziger Jahre eingeräumt;165 auch in weitverbreiteten Handbüchern zur Arbeitsmedizin wurde auf den Zusammenhang hingewiesen.166 132
ABB. 4.3. Die Pathologen Martin Nordmann und Adolf Sorge an der UniversitätHannover zeigten mit dieser Vorrichtung, daß eingeatmeter Asbeststaub bei Mäusen Lungenkrebs verursachen kann. Sie übten Kritik an ihren englischen und amerikanischen Kollegen, die die Asbestgefahr für den Menschen nicht erkannt hatten. Beide Ärzte waren Mitglied der NSDAP, Sorge war zudem SSOffizier. Quelle: Martin Nordmann, Adolf Sorge, »Lungenkrebs durch Asbeststaub im Tierversuch«, in: Zeitschrift für Krebsforschung 51 (1941), S. 170.
Warum dauerte es dann außerhalb Deutschlands so lange, bis man die Verbindung zwischen Asbest und Lungenkrebs anerkannte? Wenn wir diese Frage beantworten wollen, müssen wir zwei Dinge berücksichtigen: erstens die konservative Haltung der Epidemiologie in der Nachkriegszeit und zweitens die nach dem Krieg gängige Verachtung für alles Deutsche, das Stigma des Nationalsozialismus. Letzteres war offensichtlich, so bemerkt Philip Enterline in seiner Geschichte über Asbest und Krebs: »Deutsche Literatur und deutsche Gesetze waren 1943 nicht sehr populär« –167 und das blieb noch einige Zeit so. Was die konservative Haltung der Epidemiologie angeht, ist der Sachverhalt komplizierter. Zunächst war die Epidemiologie, wie sie in den fünfziger 133
Jahren entwickelt wurde, auf eine große Anzahl »Fälle« angewiesen (zum Beispiel Lungenkrebserkrankungen bei Asbestarbeitern), den frühen Asbestforschern standen aber solche Zahlen nicht immer zur Verfügung, Selbst nach Nordmanns Studie von 1938 betrug die Gesamtheit aller bekannten, durch Asbest verursachten Krebsfälle nur gerade sechs (Nordmann hatte zwei neue Fälle hinzugefügt). Die Epidemiologen zeigten sich unbeeindruckt. Noch 1956 konnten amerikanische Epidemiologen darauf verweisen, daß »es zu wenige Fälle und zu wenige epidemiologische Daten gibt, um einen klaren Zusammenhang zwischen Asbest und Lungenkrebs nachzuweisen«. Das angesehene Journal of the American Medical Association stellte sogar noch 1961 fest, daß es noch immer keinen epidemiologischen Beweis für den Zusammenhang gebe.168 Die Schwierigkeiten lagen somit nicht nur im Starrsinn der Industrie begründet – oder in der Kurzsichtigkeit der Epidemiologen oder dem Mißtrauen gegenüber der deutschen Forschung (obwohl all diese Faktoren eine Rolle spielten) –, sondern sie ergaben sich auch aus den neuen Methoden der wissenschaftlichen Beweisführung. Die nationalsozialistischen Wissenschaftler, die zwei Jahrzehnte zuvor den Zusammenhang nachgewiesen hatten, bezogen sich nicht auf epidemiologische, sondern auf klinische und pathologische Erkenntnisse. Ärzte, die Patienten untersuchten, und Pathologen, die Leichen sezierten, hatten festgestellt, daß Asbestarbeiter an Krebs erkrankten, aber auch, daß Lungenkrebs meist in jenen Lungenregionen auftrat, in denen sich die inhalierten Fasern konzentrierten (vor allem in den unteren Lappen). Diesen frühen Wissenschaftlern genügte es, einzelne Fälle detailliert zu studieren, um verläßliche Schlüsse über den kausalen Zusammenhang zu ziehen. Die Epidemiologen und Biostatistiker der Nachkriegszeit hielten wenig von dieser Art der Beweisführung. Richard Doll macht sich noch heute über Nordmanns Anspruch lustig, den Zusammenhang zwischen Asbest und Krebs »bewiesen« zu haben, obwohl er lediglich zwei Einzelfälle untersucht habe.169 Da das neue Gebiet der Epidemiologie einen »höheren« Standard der Beweisführung verlangte, waren diese Forscher gegenüber den Erkenntnissen, die durch klinische Verfahren gewonnen worden waren, voreingenommen – ein Verlust, den Chris Seilers als »die verschwindende klinische Einsicht« bezeichnet hat.170 Auf dem Gebiet der Krebsforschung hatte dies zur Konsequenz, daß die Gefahren von Asbest nur sehr langsam erkannt 134
wurden: Der Konsens, der in den vierziger Jahren in Deutschland vorgeherrscht hatte, wurde in England und Amerika erst zwei Jahrzehnte später erzielt. Wissenschaftliche und politische Vorbehalte gingen dabei – zumindest eine Zeitlang – Hand in Hand und ließen die Wahrheit im dunkeln.
KREBS IN DER CHEMISCHEN INDUSTRIE Berufsbedingter Krebs bei Arbeitern in der chemischen Industrie war viel seltener als in anderen Sparten: Es gab zum Beispiel in Deutschland im 20. Jahrhundert nur etwa tausend offiziell anerkannte Fälle von Blasenkrebs, der durch Anilinfarbstoffe verursacht wurde – und diese Krebsart wird gemeinhin als eine der häufigsten durch die Arbeitstätigkeit hervorgerufenen Tumorarten betrachtet. Diese Zahlen können jedoch täuschen, da sie nur die Fälle berücksichtigen, die von den Fabrikärzten gemeldet und von den Gesundheitsbehörden registriert worden sind. Auch heute wird noch heftig darüber debattiert, wie hoch der Anteil von »Berufskrebs« an den gesamten Krebserkrankungen ist: Die Schätzungen reichen von »vernachlässigbar klein« bis hin zu so hohen Schätzungen wie einem Drittel aller Krebserkrankungen, die bei Arbeitern der chemischen Industrie auftreten.171 Wie auch immer man es mit den Prozenten hält, die tatsächliche Anzahl berufsbedingter Krebsfälle lag gewiß viel höher als die amtlich erfaßte Zahl.172 Die Haltung der Nationalsozialisten zum Krebs in der chemischen Industrie war oftmals widersprüchlich. Viele Gesundheitsbeamten schienen sich ernsthaft über Krebs am Arbeitsplatz Sorgen zu machen, aber der schnelle Ausbau der Rüstungsindustrie und die Konzentration aller Kräfte auf die Produktion lenkte die Aufmerksamkeit schließlich von der Krebsgefahr weg. Die Bemühungen, die Krankheit zu bekämpfen, verwandelten sich in Bemühungen, die kranken Arbeiter zu entfernen – aus den Fabriken und den Krankenhäusern –, und in manchen Fällen brachte man sie sogar um. Der Kampf gegen die Krankheit wurde zu einem Kampf gegen die Kranken. Wie es ein prominenter nationalsozialistischer Arzt nach dem Krieg formulierte, wollten die NS-Ärzte »die Krankheiten beseitigen, indem sie die Kranken auszurotten versuchten«.173 Die Zweigstelle der LG. Farben in Auschwitz setzte dieses Ziel in die Tat um, indem sie bestimmte, daß zu 135
keinem Zeitpunkt mehr als fünf Prozent der gesamten Arbeiterschaft (sämtlich Zwangsarbeiter) hospitalisiert sein durften. Wenn die Fünf-ProzentMarke überschritten wurde, nahmen die Lagerärzte eine Selektion vor, und die ausgewählten Unglücklichen wurden nach Birkenau gebracht und vergast.174 Im abschließenden Teil dieses Kapitels möchte ich mich mit einer der ältesten und bekanntesten berufsbedingten Krebsarten auseinandersetzen: dem Blasenkrebs in der chemischen Industrie. Ein Frankfurter Chirurg, Ludwig Rehn, entdeckte die Krankheit in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts bei Beschäftigten, die mit Anilinfarbstoff hantieren mußten. Er stellte bei seinen Patienten ein erschreckend hohes Vorkommen dieser Krankheit fest.175 Es ist nicht erstaunlich, daß diese Entdeckung gerade in Deutschland gemacht wurde, denn die deutsche chemische Industrie produzierte bis zum Ersten Weltkrieg mehr als achtzig Prozent des weltweiten Bedarfs an Anilin, Anilinderivaten und aromatischen Anilinen – den entscheidenden Substanzen in synthetischen Farben. Rehn waren drei Arbeiter mit diesem Krankheitsbild aufgefallen (in einer Fabrik mit 45 Beschäftigten), ungefähr zwanzig Jahre, nachdem die Produktion synthetischer Farben begonnen hatte. Rehn selbst zog daraus keinen weitergehenden Schluß, aber es zeigte sich schon bald, daß dieser Krebs zehn bis zwanzig Jahre nach dem ersten Umgang mit den gefährlichen Substanzen entstand. Wilhelm Hueper zeigte schließlich, daß Blasenkrebs – pünktlich wie ein Uhrwerk – in jedem Land auftrat, in dem synthetische Farben produziert wurden.176 Deutschlands »Berufskrankheitenverordnung« aus dem Jahr 1925 forderte, daß Maßnahmen zum Schutz der Arbeiter getroffen wurden.177 Die I. G. Farben verlangte deshalb von den Arbeitern, daß sie sich vor und nach der Arbeit umzogen, damit sie keine verunreinigten Kleider mit nach Hause nahmen. Zudem wurden neue, geschlossene Produktionssysteme eingeführt, die den Kontakt mit den krebserregenden Substanzen auf ein Minimum reduzieren sollten. Diese und andere Maßnahmen verleiteten zu der Behauptung, der durch Anilinfarbstoffe verursachte Blasenkrebs gehöre der Vergangenheit an – eine voreilige Zuversicht, die höchstens politische Zwecke hatte und der Propaganda diente. Vielmehr berichteten deutsche Ärzte auch während der dreißiger Jahre über Blasenkrebsfälle. Martin Staemmler, ein einflußreicher NS-Arzt und 136
Vertrauter des Reichsärzteführers Gerhard Wagner, wies 1938 daraufhin, daß es in Deutschland noch immer Farbstoffabriken gebe, in denen ein Viertel der Belegschaft an Blasenkrebs litt – das Risiko war ungefähr gleich hoch wie das Krebsrisiko der Arbeiter in der Teerindustrie. Dies stand in krassem Gegensatz zu den offiziellen Zahlen aus demselben Jahr, wonach es in ganz Deutschland nur gerade zwölf neue Fälle von berufsbedingtem Krebs zu verzeichnen gab.178 Wilhelm Hueper zitierte 1942 in Occupational Tumors Staemmlers Schätzung von jährlich fünf oder sechs neuen Fällen von Blasenkrebs in Deutschland. Aus seiner Sicht war dies eine überraschend hohe Zahl in einem Land, dessen Kontrollmaßnahmen »nicht nur zu den teuersten und aufwendigsten gehören, die je getroffen wurden, sondern auch schon längere Zeit als irgendwo sonst in Kraft sind«.179 Die Haltung des NS-Regimes gegenüber möglichen Maßnahmen zur Vermeidung von berufsbedingtem Krebs war oft ambivalent. Die Nationalsozialisten wollten gesunde Arbeiter, aber sie wollten ebenfalls eine ungestörte und produktive Atmosphäre in den Fabriken. Die Sicherheitsvorkehrungen in den Fabriken machten zuweilen teure neue Anschaffungen oder zeitaufwendige Veränderungen der Produktionsprozesse notwendig. Die Arbeitsbehörden vermieden es teilweise, auf lebensbedrohende Risiken in der Industrie hinzuweisen – vor allem während des Krieges, als die Fabriken für die Waffenproduktion aufgestockt wurden. Die für Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz zuständigen Behörden thematisierten Krebs immer weniger, als der Krieg fortdauerte: Der Band der Zeitschrift Arbeitsmedizin aus dem Jahr 1944 beschäftigte sich beispielsweise ausführlich mit der Frage, wie, wann und was Arbeiter essen sollten, erwähnte Krebserkrankungen aber mit keinem Wort. Ein Artikel in Ziel und Weg, dem offiziellen Organ des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes, behauptete 1940, es sei in den vorangegangenen fünfzehn Jahren in Deutschland kein einziger Fall von Blasenkrebs vorgekommen – und widersprach damit den wahrheitsgetreueren Feststellungen Staemmlers aus dem Jahr 1938. Die beschönigende Darstellung des leitenden Arztes der I. G. Farben ließ sich später anhand des firmeneigenen Krebsregisters widerlegen. Daß Ziel und Weg bei diesem falschen Spiel mitmachte, weist wohl daraufhin, daß Druck ausgeübt wurde, solch schmutzige Wäsche nicht in der Öffentlichkeit zu waschen.180 Wenn Blasenkrebs überhaupt thematisiert wurde, stellte man in erster 137
Linie die Frage, wie man Arbeiter aussondern könne, die als besonders »prädisponiert« für diese Krankheit galten. Wir haben bereits gesehen, daß Betriebsärzte wie Wilhelm Hergt schon vor 1933 die Idee vertraten, wonach es verschiedene »rassische« und konstitutionelle Leibestypen gebe, die unterschiedlich auf krebserregende Substanzen reagierten. In den Jahren 1930 und 1932 schlug der leitende Arzt des I. G. Farben-Instituts zur Erforschung und Behandlung von Berufskrankheiten vor, man solle genealogische Studien vornehmen, um herauszufinden, wer aus einer Gruppe von Arbeitern am ehesten eine Prädisposition für Krebserkrankungen habe. Die Feststellung solcher Personen würde eine angemessenere »Selektion« der Arbeiter für gefährliche Tätigkeiten erlauben.181 Als das Schwergewicht nach 1933 neu auf das menschliche Erbgut und seinen angeblich schicksalhaften Determinismus gelegt wurde, häuften sich solche Vorschläge. Ernst W. Baader, Direktor des Berliner Universitätsinstituts für Berufskrankheiten, behauptete 1937, nur Arbeiter mit einer besonderen Anfälligkeit entwickelten Blasenkrebs, obwohl er sehr wohl wußte, daß diese Art von Tumoren auch bei Menschen auftrat, die sich an der Kleidung vergiftet hatten, die von ihren Vätern, Ehemännern oder Brüdern nach Hause gebracht wurde.182 Franz Koelsch, vielleicht der angesehenste Arbeitsmediziner jener Zeit, versuchte bestimmte Konstitutionstypen einzugrenzen, die sich besonders für die Arbeit in der Stahlindustrie oder in der chemischen Industrie usw. eigneten.183 Große Anstrengungen wurden darauf verwendet, Methoden zu entwickeln, mit denen man resistente Arbeiter erkennen konnte. In der deutschen Arbeitsmedizin sagte man der »Selektionsmedizin« eine großartige Zukunft voraus. Die Idee, besonders »krebsanfällige« Arbeiter von Tätigkeiten auszuschließen, bei denen sie mit gefährlichen Chemikalien in Kontakt kamen, wurde schließlich vom radikaleren Vorschlag begleitet, man solle die »Feinde« des Reichs die mühselige Arbeit erledigen lassen. Die Belegschaften in den deutschen Fabriken veränderten sich während des Krieges vollständig, da Hunderttausende von Zwangs- und Fremdarbeitern dazu gezwungen wurden, in der deutschen Industrie zu schuften. Für diese Menschen galten die normalen Gesundheits- und Sicherheitsbestimmungen nicht, und wir müssen annehmen, daß die Krebserkrankungen, unter denen sie litten, nicht in den offiziellen Statistiken auftauchten.184 Die Zahl der betroffenen 138
Menschen war enorm: Allein bei der LG. Farben in Ludwigshafen wurden rund 63000 Fremdarbeiter, 10000 Häftlinge aus Konzentrationslagern und 10 000 Kriegsgefangene in die Fabriken gezwungen – üblicherweise um die schmutzigsten Arbeiten zu erledigen.185 Tausende von Arbeitern waren in anderen Fabriken tätig – zum Beispiel in der geheimen unterirdischen Fabrik in der Nähe von Nordhausen, wo Gefangene aus dem Konzentrationslager aus radioaktiven Abfällen Atomwaffen herstellen sollten.186 Viele dieser Männer und Frauen müssen an Krebs erkrankt sein, aber darüber gibt es keine Berichte. Krebs war vielleicht auch die geringste Sorge dieser Menschen, da das Leben vieler von der NS-Politik der »Vernichtung durch Arbeit« bedroht war.187 Wer sich nicht zu Tode arbeitete, sah sich mit neuartigen Risiken konfrontiert, sowohl chronischen wie akuten, die sich aus dem außerordentlichen Tempo der deutschen Industrieproduktion ergaben. Die von der Regierung vorangetriebene Politik zur Autarkie zwang das Deutsche Reich, möglichst viele Rohmaterialien selbst zu produzieren (synthetischen Gummi, verflüssigte Kohle, synthetischen Sprengstoff, Farben und Medikamente usw.), wodurch zahllose Arbeiter großen Gefahren ausgesetzt wurden – dieser Tatsache waren sich die führenden Nationalsozialisten durchaus bewußt. Hans Reiter, Präsident des Reichsgesundheitsamtes, wies 1939 in einer Rede auf die Folgen der gesteigerten Kunstseide-Produktion hin: Mehr Arbeiter seien den Hydrogensulfiden ausgesetzt, und zudem gebe es in der Flugzeugindustrie mehr Hautverletzungen durch Metallsplitter und Lungenschädigungen durch Spritzlacke. Die Verwendung von künstlichen Harzen hatte eine Zunahme der Hautkrankheiten zur Folge, und Bleivergiftungen wurden durch den Gebrauch von Tetraäthylblei im Benzin zu einem großen Problem. Man stellte Gesundheitsschäden fest, die durch Benzol in Gummilösungen verursacht wurden, ebenso wie Vergiftungen durch die neuen Pestizide auf Phosphorbasis.188 Die Konsequenzen der zwölf Jahre NS-Herrschaft für die Entwicklung und Verbreitung von Krebs sind schwierig abzuschätzen, aber bestimmte Krebsarten müssen vermehrt vorgekommen sein – trotz all der Schritte, die unternommen wurden, um die Sicherheitsund Gesundheitsbestimmungen am Arbeitsplatz zu verbessern. Der Kampf der Nationalsozialisten gegen Krebserkrankungen am Arbeitsplatz muß vor diesem Hintergrund verstanden werden. Die deutschen Ar139
beiter sollten geschützt werden, aber nur, solange diese Maßnahmen die Produktionspläne nicht gefährdeten. Die »Volksgesundheit« war zwar ein ernsthaftes Anliegen – zumindest, was die »rassische« Elite betraf –, aber durch die Dringlichkeiten des Krieges verloren Krebs und andere chronische Krankheiten bei den Medizinern ihre Priorität. Im Krieg waren schnelle Lösungen gefragt – und nicht die aufwendigen Maßnahmen, die eine wirkungsvolle Prävention erfordert hätte. Das NS-Regime beschloß schließlich, die psychisch Kranken und körperlich Behinderten umzubringen, zusammen mit vielen Epilepsiekranken, geschwächten Fremdarbeitern, schlecht angepaßten Jugendlichen, Kriegsgefangenen und Soldaten, die an Kriegstraumata litten.189 Auch schwerverwundete Soldaten, die von der Ostfront zurückkehrten, wurden möglicherweise Opfer der »Euthanasie«-Programme. Es gibt sogar Hinweise, wonach Hitler darüber nachdachte, die chronisch Lungen- und Herzkranken nach dem Krieg einzusperren und zu sterilisieren.190 Die Sozialpolitik, für die sich das Regime schließlich entschied, setzte den Wert des Lebens mit der Fähigkeit zu arbeiten gleich. Als die Entscheidungsträger befahlen, die psychisch Kranken und körperlich Behinderten in den deutschen Krankenhäusern umzubringen (200000 Männer, Frauen und Kinder wurden in den »Euthanasie«-Programmen ermordet),191 wurden viele noch arbeitsfähige Patienten verschont. Das gleiche Kalkül, das diese Transporte mit schizophreniekranken und manisch-depressiven Menschen in die Gaskammern leitete, zeigte sich auch in anderen Entscheidungen über Leben und Tod: So wurden die Lagerhäftlinge, die nicht mehr arbeiten konnten, in der Regel umgebracht.192 Analog dazu wurde schließlich aus Sicht der Arbeitsmedizin derjenige zum idealen Arbeiter, der bis zur Pensionierung wertvolle Arbeit leistete und kurz darauf starb. Laut Hermann Hebestreit von der Deutschen Arbeitsfront bestand das Ziel darin, die Zeitspanne zwischen Pensionierung und Tod nach Möglichkeit zu verringern – idealerweise auf Null.193 Werner Bockhacker, der Leiter des Gesundheitsamtes der DAF, formulierte ähnliche Vorstellungen – genauso wie Hellmut Haubold, der ältere Menschen als »für das Gesamtvolk nicht mehr direkt nützliches Leben« charakterisierte.194 In den Idealvorstellungen der Nationalsozialisten sollte ein Arbeiter lange und hart arbeiten und dann sterben, um der »Volksgemeinschaft« die finanzielle Last zu ersparen, die ältere und »unproduktive«, kranke Menschen bedeuteten. 140
KAPITEL 5
DIE NATIONALSOZIALISTISCHE ERNÄHRUNG Dein Körper gehört deiner Nation! Dein Körper gehört dem Führer! Du hast die Pflicht, gesund zu bleiben! Ernährung ist keine Privatsache! Nationalsozialistische Slogans
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ie Ernährung spielte im nationalsozialistischen Denken eine wichtige Rolle. Ein gesunder und starker Staat verlangte gesunde und starke Körper, und eine richtige Ernährung galt vielfach als Schlüssel zur Erlangung von Körperkraft. NS-Ernährungswissenschaftler starteten eine breit angelegte Kampagne gegen den übermäßigen Konsum von Fleisch, Süßigkeiten und Fett und propagierten gleichzeitig die Rückkehr zu »naturgemäßeren« Nahrungsmitteln wie Getreide, Früchten und Gemüse. Die Bedeutung, die man körperlicher Reinheit und natürlichen Heilungsmethoden beimaß, war sicher ein Grund für diese Umkehr, aber Fragen der Leistungsfähigkeit bei Arbeit, Sport und im Schlafzimmer waren dabei, ganz wie im Fall der Arbeitsmedizin, noch wichtiger – ebenso wie das politische Ziel der landwirtschaftlichen Autarkie Deutschlands. Das NS-Regime wünschte sich zähe und schlanke Hochleistungsmenschen. Mit der richtigen Ernährungsweise sollten Krebsfälle und Herzkrankheiten zurückgedrängt und gleichzeitig die Arbeitsleistung, die Fruchtbarkeit und die Kampfkraft gesteigert werden. Zudem kamen solche Schritte den Bestrebungen des Regimes zugute, Deutschland aus der Abhängigkeit von ausländischen Lebensmittelimporten zu befreien – ein wichtiger Schritt in Richtung ökonomische Unabhängigkeit. Es ist kaum verwunderlich, daß man damals glaubte, eine mangelhafte Ernährungsweise fördere das Entstehen von Krebs: Man sah den Ursprung fast jeder Krankheit in falscher Ernährung.1 Diese Theorien erhielten zusätzlichen Auftrieb durch die Tatsache, daß vor der explosiven Verbreitung des Rauchens der Verdauungstrakt die am häufigsten von Krebserkrankungen befallene Körperregion war, in Deutschland wie in vielen anderen Län141
dern. Schweizerische und deutsche Statistiken aus der Mitte des 19. Jahrhunderts zeigen, daß ein Drittel bis die Hälfte aller durch Krebs verursachten Todesfälle auf Magenkrebs zurückzuführen waren,2 und Dormanns’ ehrgeizige Autopsiestudie aus den frühen dreißiger Jahren kam zu ähnlichen Resultaten.3 Auch in den Vereinigten Staaten waren bösartige Erkrankungen des Magens die hauptsächliche Ursache für einen Krebstod: In einer Studie aus dem Jahr 1937 stellten amerikanische Ärzte fest, daß Magen- und Leberkarzinome zusammengenommen mehr Opfer forderten als irgendeine andere Art der Tumorerkrankung; an zweiter Stelle standen Dickdarm-, Brustund Prostatakarzinome.4 Man weiß eigentlich nicht, warum Magenkrebs in den zwanziger und dreißiger Jahren so verbreitet war – und warum diese Krankheit in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg viel seltener auftrat. Heute sterben in Deutschland nicht einmal mehr ein Viertel soviel Menschen an Magenkrebs wie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, auch wenn man die unterschiedliche Altersstruktur der Bevölkerung berücksichtigt. Dies gilt für alle Länder – sogar für Japan, wo die bösartigen Magenerkrankungen noch bis vor zehn Jahren die meisten Krebstoten forderten (Lungenkrebs setzte sich im Jahr 1990 an die Spitze der Statistik, nachdem auch in Japan viel mehr Menschen das Rauchen angefangen hatten). Magenkrebserkrankungen scheinen tatsächlich abgenommen zu haben, und die Zahlen haben sich nicht aufgrund verbesserter Diagnostikverfahren oder statistischer Verzerrungen verändert, denn Deutschland war bereits in den zwanziger Jahren weltweit führend, was Autopsien anging, und deshalb in der Lage, die meisten Tumorerkrankungen genau zuzuordnen. Vermutlich lag eine der Ursachen für die immens hohen Magenkrebsraten in der miserablen Qualität der Nahrung. Stark gesalzen, oftmals vergoren und manchmal sogar verfault, war das Fleisch, Gemüse und Getreide zu jener Zeit häufig mit Schimmelpilzen, Bakterien und anderen krebserregenden Schadstoffen verunreinigt. Die Leute aßen zwar frisches Fleisch, aber sie aßen auch viel Fleisch, das gesalzen, getrocknet oder geräuchert war. Wir wissen heute, daß krebserregende Aflatoxine häufig in Schimmelpilzen vorkommen, die Getreide und viele Nüsse befallen. Wir wissen auch von den zahlreichen Vergiftungen, zu denen es in den frühen Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts durch derart verdorbene Lebensmittel kam. (Das Magen142
bakterium Helicobacter pylori ist erwiesenermaßen eine Ursache für Magenkrebs – aber es ist wenig darüber bekannt, wie sich die Verbreitung derartiger Infektionen im Laufe der Zeit verändert hat.) Es ist zudem kein Geheimnis, daß Nahrungsmittel oftmals mit effektheischenden Lebensmittelfarben und Konservierungsmitteln behandelt wurden. Dabei wurden bunte Teerfarbstoffe und leuchtend grüne Kupfersulfate – diese wurden 1887 verboten, aber 1928 wieder zugelassen, damit das einheimische Gemüse mit den französischen Produkten konkurrieren konnte – und vieles andere mehr verwendet. Lakritze wurde oft mit Lampenruß gefärbt, den man aus dem Verbrennen von Kerzen gewann. Man kann sich leicht vorstellen, daß die freizügige Verwendung von Farbstoffen und Konservierungsmitteln manch eine Magenkrebserkrankung dieser Zeit verursacht hat. Wir werden uns nun den nationalsozialistischen Standpunkten zur Ernährung zuwenden, uns aber auch mit den Nahrungsmitteln und Ernährungspraktiken beschäftigen – wer aß was, warum und wieviel? Für welche Nahrungsmittel wurde geworben, welche wurden verschmäht? Die Krebserkrankungen waren natürlich nur ein Grund, warum sich NS-Ernährungsspezialisten für eine gesunde Ernährung einsetzten. Die Förderung oder Verurteilung bestimmter Lebensmittel hatte oftmals auch komplexe Gründe auf der symbolischen Ebene – Schlagsahne wurde beispielsweise mit übermäßigem Genuß und Verweichlichung assoziiert,5 Vollkornbrot dagegen mit der bäuerlichen Kultur (siehe Abb. 5.1). NS-Ideologen verurteilten es, wenn Butter künstlich aufgehellt wurde, genauso wie sie Menschen verurteilten, die die Form ihrer Nase durch plastische Chirurgie verändern ließen oder ihre Haare bleichten und so die »rassische Herkunft« verfälschten. Die Ernährungspolitik mündete in Fragen wie: »Wovon haben sich die Menschen ursprünglich ernährt?« (Von Fleisch oder Früchten?), oder »Wie ist die landwirtschaftliche Selbstversorgung am ehesten zu verwirklichen?« (eine Antwort: neue Lebensmittelprodukte entwickeln). Die Ernährung spielt in jedem politischen Klima eine wichtige Rolle – das Deutschland der dreißiger und vierziger Jahren bildete dabei keine Ausnahme. Man darf selbstverständlich nicht vergessen, daß sich die deutschen »Ärzteführer« weniger um die Gesundheit des einzelnen sorgten als vielmehr um die Stärke der »Rasse«, der sogenannten »Volksgemeinschaft«. Die NS-Ernährungspolitik sollte Krankheiten verhindern, aber sie sollte den Deut143
ABB. 5.1. Vollkornbrot mit dem Gütezeichen des Hauptamtes für Volksgesundhek der NSDAE Deutsche Bäckereien wurden dazu angehalten, Vollkornbrot zu produzieren, um die Gesundheit des deutschen Volkes zu stärken. Quelle: Reiter und Breger, Deutsches Gold, S. 123.
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schen auch anderweitig Kräfte verleihen. Wenn man sich diese Voraussetzungen vergegenwärtigt, kann man die nationalsozialistische Faszination für leistungssteigernde Nahrungsmittel und Medikamente – wie zum Beispiel Koffein und verschiedene synthetische Aufputschmittel – besser begreifen. Die Erforschung solcher Substanzen erreichte in den Kriegsjahren ihren Höhepunkt; damals setzte man sich zum Ziel, die Leistungsfähigkeit der Menschen in der Armee und in den Fabriken zu optimieren. Es wurden auch Anstrengungen unternommen, neue Lebensmittelsubstitute zu entwickeln, dies galt besonders für jene Nahrungsmittel, die wegen des Krieges kaum noch erhältlich waren. Alle diese Anliegen – Nähe zur Natur, Arbeitsleistung und billige Lebensmittelsubstitute – spielten in den nationalsozialistischen Lebensmittelreformen eine Rolle. Wie wir sehen werden, waren einige dieser Reformen erfolgreich (so zum Beispiel die Maßnahmen zur Produktion von Vollkornbrot und süßem Most), während andere scheiterten (so die Kampagne gegen den Alkohol). Als die Wirtschaft auf den Krieg einschwenkte, verschlechterte sich die Qualität der Lebensmittel in mancherlei Hinsicht, da die Produkte länger haltbar sein sollten und synthetische Substitute den Markt überfluteten. Die Eßgewohnheiten veränderten sich während der NS-Herrschaft, aber nicht immer in einer für Gesundheit und Wohlbefinden günstigen Weise – vor allem nicht für jene Menschen, die nicht ins nationalsozialistische Weltbild paßten.
WIDERSTAND GEGEN EIN VON KÜNSTLICHEN STOFFEN GEPRÄGTES LEBEN Führende Nationalsozialisten achteten streng darauf, was sie aßen und tranken – und was der Rest der Nation essen und trinken sollte. Wenn die Gesundheit des deutschen Staates von der Gesundheit des deutschen Körpers abhing, dann mußten die selbsternannten Wächter der nationalen Gesundheit sorgfältig darauf achten, wie sie diesen Körper ernährten. Was machte ihn gesund und stark? Was schwächte ihn und schadete ihm? Wie auch in anderen Bereichen der NS-Ideologie ließ man die liberale Unterscheidung zwischen öffentlicher und privater Sphäre fallen. So hieß es in einer Schrift 145
der Hitler-Jugend zur Gesundheit: »Ernährung ist keine Privatsache!«6 Schließlich sollte der Körper des deutschen Bürgers dem deutschen Staat gehören. Und da der Staat mit dem »Führer« gleichgesetzt wurde, folgte daraus, daß der Körper dem »Führer« gehörte – so, wie es regelmäßig auf Propagandaplakaten verkündet wurde. Dem Staat kam damit die Aufgabe zu, für die Erhaltung des einzelnen Körpers zu sorgen – ob er nun gesund oder vergiftet, trainiert oder geschädigt usw. war. Dieses Konzept der Pflicht zur Gesundheit, das 1939 offiziell zu einem staatlichen Slogan wurde, setzten nationalsozialistische Philosophen und Politiker an die Stelle des »marxistischen angeblichen Selbstbestimmungsrechtes über den eigenen Körper«.7 Ein Thema war bei der nationalsozialistischen Rhetorik zur Ernährung besonders beliebt: Man sollte zu einer natürlicheren Ernährung ohne künstliche Farbstoffe und Konservierungsmittel zurückfinden. Lebensmittel sollten arm an Fett und reich an Ballaststoffen sein, während Genußmittel wie Kaffee, Alkohol oder Tabak entweder gemieden oder in geringem Maß konsumiert werden sollten. Man sollte wenig Fleisch essen und frische Lebensmittel der konservierten Büchsennahrung vorziehen. Erwin Liek hatte viele dieser Punkte in seinen Büchern zum Krebs aus den Jahren 1932 und 1934 festgelegt (vgl. Kapitel 1), und diesem Vorbild folgten viele NS-Ernährungsideologen. Wie sein amerikanischer Kollege, der Versicherungsagent Frederick Hoffman, vertrat Liek die Meinung, Krebs und andere moderne Krankheiten würden durch Fehlernährung verursacht. Die menschliche Ernährung werde zusehends von künstlichen Inhaltsstoffen geprägt – das Essen werde mit Konservierungsmitteln, Farbstoffen und anderen Zusätzen verfälscht, nur damit sich die Produkte besser verkauften. Zahlreiche Gerichte würden zu lange gekocht, wodurch wichtige Vitamine zerstört würden; die Menschen nähmen zuviel Salz und Proteine und nicht genügend lebenswichtige Minerale und Wirkstoffe zu sich. Man gab dem gehetzten Tempo des modernen Lebens teilweise die Schuld an dieser Entwicklung, da immer mehr Leute lieber eine Büchse öffneten, als ihr Essen frisch zuzubereiten. Gleichermaßen beklagenswert sei die »sinnlose Medikamentenschluckerei«, die von Ärzten gefördert werde, die sich fest in der Hand der Pharmaindustrie befänden. Der übermäßige Konsum von Medikamenten sei selbst wie eine Krankheit, die durch eine unkritische Abhängigkeit von der wissenschaftlichen Medizin verursacht werde.8 146
Franz G. M. Wirz, ein Dermatologe und Mitglied des Ausschusses für Volksgesundheit der NSDAP, war einer der zahlreichen Anhänger Lieks, die die »unnatürlichen« Tendenzen in der deutschen Ernährung kritisierten. In seinem Buch Gesunde und gesicherte Volksernährung aus dem Jahre 1938 bemerkte er, daß sich die deutsche Ernährung im vorangegangenen Jahrhundert dramatisch verschlechtert habe. Die Deutschen hätten im frühen 19. Jahrhundert jährlich 14 Kilogramm Fleisch und 250 Kilogramm Getreide zu sich genommen, Mitte der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts hingegen 56 Kilogramm Fleisch und nur 86 Kilogramm Getreide. Diese Abkehr von kalorienreichen »Betriebsstoffen« zu proteinreichen »Aufbaustoffen« sei von einer dramatischen Zunahme des Fett- und Zuckerkonsums begleitet gewesen. Der Pro-Kopf-Verbrauch an Fett habe sich zwischen 1912 und 1936 um etwa ein Viertel auf 103 Gramm pro Tag gesteigert, und der jährliche Zuckerkonsum sei während des 19. Jahrhunderts von 4 auf 24 Kilogramm pro Person in die Höhe geschnellt.9 Die Folge waren nicht nur zunehmende Zahnschäden (die vor 4000 Jahren vollkommen unbekannt gewesen seien), sondern auch eine Flut nervöser Leiden, Unfruchtbarkeit, Magen- und Verdauungsstörungen (auch Tumore) sowie Herz- und Gefäßkrankheiten. Wirz beklagte, daß 17 Prozent der deutschen Rekruten im Jahr 1937 für den Militärdienst nicht zuletzt aufgrund von Zahnproblemen untauglich waren – die seiner Ansicht nach zu Krebs führen konnten. Er kritisierte die Ernährungslehre, die sich lediglich auf die einseitige »Kalorienlehre« versteife, und forderte, die Ernährung dürfe nicht allein der Wissenschaft überlassen werden.10 Daß man sich für eine naturgemäße Ernährung derart einsetzte, hatte auch immer mit dem ökonomischen Nutzen zu tun, den man sich davon versprach. Für Wirz wie für Liek und andere nationalsozialistische Ernährungsfachleute ging es bei der richtigen Ernährung nicht nur um die Gesundheit, sondern auch um wirtschaftliche Effizienz. So hielt man Weißbrot beispielsweise gegenüber Vollkornbrot in beiderlei Hinsicht für minderwertig: Weißbrot sei eine »Erfindung der Französischen Revolution« und ein ausgebleichtes »chemisches Produkt«, wie Gerhard Wagner es abschätzig bezeichnete –11 aber es war auch in der Herstellung teurer. Wenn der Fleisch-, Zucker- und Fettverbrauch in Deutschland verringert würde, hätte dies nicht nur gesundheitliche Vorteile, sondern es würden auch finanzielle Ein147
sparungen daraus resultieren: Eine Reduktion des jährlichen Fleischkonsums von 56 Kilogramm pro Kopf auf 30–35 Kilogramm würde es Deutschland erlauben, Fleisch zu exportieren, was entscheidende wirtschaftliche Vorteile brächte. Die Deutschen wären sowohl gesünder als auch wohlhabender, wenn sie aufhören würden, ihr Brot zu bleichen und ihre Nahrung in Büchsen abzufüllen. Wirz hielt seine Landsleute zudem dazu an, entrahmte Milch zu trinken.12 Viele dieser Forderungen bündelte er unter dem Begriff »Nahrungsfreiheit« – dieses Schlagwort stand für den Plan, Deutschland von fremden Importen unabhängig zu machen.13 Man erhoffte sich aus der Umstellung auf gesunde Ernährung auch wirtschaftliche Vorteile, aber dies galt umgekehrt nur bedingt. Auch damals erkannten viele, daß die schnelle Militarisierung der deutschen Wirtschaft die deutsche Lebensmittelversorgung zu verschlechtern drohte.
FLEISCH ODER GEMÜSE Wenn sich Forscher daran machten, Krebserkrankungen als Folgeerscheinung falscher Ernährung darzustellen, gingen sie zumeist von der Annahme aus, daß Krebs eine Krankheit sei, die nicht durch bestimmte Krankheitserreger oder chemische Stoffe verursacht wurde, sondern durch eine Art fehlerhafter Allgemeinfunktion des Körpers. Krebs entstehe durch eine falsche Ernährung oder durch ständige Belastungen – nach dieser Theorie konnte alles, was den Körper allgemein schwächte, auch Krebs hervorrufen. Weil es den Forschern nicht gelang, das zu finden, worauf die Krebsmediziner noch um 1900 gehofft hatten – nämlich einen »Krebserreger« –, kamen Vermutungen auf, es gäbe tatsächlich keine monokausale Begründung für Krebs. Dies war Lieks These gewesen, und Ärzte wie Fritz Lickint und Friedrich Kortenhaus folgten ihm in diesem Gedanken. In diesem Zusammenhang verstanden die Forscher Krebs als eine »Allgemeinkrankheit« des Körpers – womit Virchows Theorie von Krebs als Produkt einer »lokalen Irritation« in Frage gestellt wurde. Für diese Erkrankung nahm man zahlreiche Ursachen an, die von Vererbung über Fehlernährung bis hin zu Angespanntheit und vielen anderen Faktoren reichten.14 Die Anhänger dieses Erklärungsansatzes plädierten zumeist für eine 148
Ernährung mit wenig Fett, Zucker und Proteinen und viel Obst und Ballaststoffen.15 Dies wurde auch auf der Krebsausstellung des Deutschen HygieneMuseums und von zahlreichen Autoren empfohlen, die an die Homöopathie glaubten und für die Zeitschrift Hippokrates schrieben. Krebs war berüchtigt –, und gefürchtet – weil er Gutgenährte und scheinbar Gesunde traf; deshalb hoffte man, periodisches Fasten und andere Maßnahmen, mit denen die Ernährung eingeschränkt wurde, könnten gegen Krebs helfen. Hungerkuren verschiedenster Art müssen damals sehr beliebt gewesen sein – dies muß man zumindest annehmen, wenn man sieht, wie viele Bücher zu dieser Zeit über dieses Thema verfaßt wurden. Befürworter dieser Ernährungsweise sahen im exzessiven Fleischkonsum die wahrscheinlichste Ursache für Krebserkrankungen. In der Zeit der NSHerrschaft wurde die Kritik am Fleischkonsum durch die Tatsache unterstützt, daß mehrere prominente Nationalsozialisten – allen voran Hitler und Himmler – kein Fleisch aßen; Befürchtungen hinsichtlich eines übertriebenen Fleischverbrauchs waren jedoch bereits vor der NS-Zeit ein beliebtes Thema in Naturheilkunde-Schriften gewesen. Bereits die Lebensreform-Bewegung der Weimarer Zeit hatte auf diesem Gebiet Mäßigung gepredigt. Was nun während des »Dritten Reichs« neu hinzukam – oder eine starke Aufwertung erfuhr –, war die Vorstellung, ein »naturgemäßes Leben« könnte die militärische Tüchtigkeit steigern. In einer von der Hitler-Jugend publizierten Schrift aus der Mitte der dreißiger Jahre, Gesund durch richtige Ernährung, ist ein Abschnitt dem Thema »Zu viel Fleisch kann Dich krank machen« gewidmet. Es ist die Rede von gefährlichen »leeren Kalorien« und von Sojabohnen als »vollwertigem« Ersatz für Fleisch. Ballaststoffreiches Vollkornbrot wurde propagiert, und unterstützt wurde das ganze mit Slogans wie »Wer rastet, der rostet«. Den jungen nationalsozialistischen Lesern wurde eingeschärft, daß die Ernährungsweise keine Privatsache sei und die Kinder des Reiches die Pflicht hätten, gesund zu sein; eine richtige Ernährung würde sie zu gesunden Volksgenossen und Soldaten machen.16 Die Frage, ob Fleisch gesund war oder nicht, ließ sich jedoch nicht so leicht beantworten. Man hatte den Vegetarismus bereits für zahlreiche politische Intrigen instrumentalisiert, und die ganze Sache wurde durch Hitlers persönliche Leidenschaft für die fleischlose Ernährung noch komplizierter. 149
Außerdem setzte man Fleischgenuß mit Faulheit und Völlerei gleich, schrieb ihm zu, Aggressionen zu verursachen, man sah die Nahrungsmittelversorgung gefährdet – Fleisch galt als Verschwendung landwirtschaftlicher Ressourcen –, wehrte sich gegen operative Eingriffe an lebenden Tieren zu Forschungszwecken (siehe Abb. 5.2) und vieles andere mehr.17 Gesundheitsfragen vermischten sich mit all diesen Themen und beeinflußten die Ansichten der Menschen zu Krebsursachen und -heilmethoden. Schließlich hatte man der älteren Generation beigebracht, Krebs könne durch den Genuß von zuviel Früchten und Gemüse verursacht werden. Im 19. Jahrhundert galten Tomaten als Ursache für Krebs (der Glaube beruhte auf der Annahme, daß Tomaten und krebsartige Geschwüre ähnlich aussahen),18 ebenso hielt man frisches grünes Gemüse wie Spinat oder Salat für an Krebserkrankungen beteiligt. Diese Gemüsesorten wurden verdächtigt, Deutschlands Magenkrebsraten in die Höhe zu treiben. Von einem heutigen Standpunkt aus erscheinen uns diese Vermutungen grotesk, da wir ja vielmehr der Überzeugung sind, frisches Obst und Gemüse seien eine gute Vorbeugung gegen Krebserkrankungen – vielleicht wegen (wie Bruce Arnes aus Berkeley behauptet) der darin enthaltenen Antioxidantien. Man nimmt heute viel eher an, daß Magenkrebs entstehen kann, wenn zu wenig Früchte und Gemüse gegessen werden, und statt dessen große Mengen vorgekochte, stark gesalzene oder mit Konservierungsmitteln behandelte Nahrungsmittel. Jene Forscher, die die Gemüse-Krebs-Theorie schon zu Beginn des Jahrhunderts anfochten, wiesen darauf hin, daß Länder, in denen pflanzliche Lebensmittel einen Großteil der Nahrung ausmachten – wie Indien –, hohe Magenkrebsraten aufweisen müßten, was jedoch nicht der Fall war. Länder, in denen die Menschen kaum Fleisch aßen, hatten vielmehr sehr niedrige Krebsraten.19 Diese Überzeugung vertrat auch Liek, und seine Ansichten gewannen während der NS-Zeit an Popularität.20 Es waren jedoch nicht alle dieser Meinung. 1942 berichtete die Monatsschrift für Krebsbekämpfung über die Forschungen des Osloer Arztes Arne H0gaard, der behauptete, bei den »reinrassigen« Inuit im östlichen Grönland gebe es keinerlei Krebsfälle, obwohl sie sich fast vollständig von Fleisch ernährten. Die wal- und seehundjagenden Völker in der Nähe von Angmagssalik würden immer noch ein ganz »natürliches« Leben führen und beträchtliche 2,5 Kilogramm (fettarmes) Fleisch pro Tag zu sich nehmen. Bei 150
ABB. 5.2. »Heil Göring!« Versuchstiere salutieren Hermann Göring für sein Verbot der Vivisektion. Der Reichsmarschall verkündete im August 1933, die »unerträgliche Folter« und das Leiden der Tiere müßten ein Ende haben, und drohte, all diejenigen in ein Konzentrationslager zu schicken, die noch immer glaubten, Tiere behandeln zu können, wie es ihnen beliebte. Quelle: Kladderadatsch, 3. September 1933; mit Dank an Phil Jenkins.
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den europäisierten Inuit im westlichen Grönland gebe es jedoch Krebsraten, die mit den europäischen vergleichbar seien. Der Autor kam zu dem Schluß, die proteinreiche, kohlenhydratarme Ernährung der Inuit im östlichen Grönland, die keinen Krebs kannten, ähnele in gewisser Hinsicht der verbreiteten »krebsfeindlichen Diät«, für die sich Johannes Kretz einsetzte.21 Es gab auch abweichende Stimmen von Wissenschaftlern, die merkwürdigerweise die Meinung vertraten, europäische Metzger erkrankten relativ selten an Krebs, und vom Umgang mit Fleisch ginge eine prophylaktische Wirkung aus. Im Jahr 1935 behauptete ein französischer Arzt, bei den Pariser Metzgern komme Krebs unverhältnismäßig selten vor. Ein Prager Arzt namens Hans Truttwin nahm diesen Gedanken 1941 auf und vertrat die Ansicht, daß Metzger fast nie an Krebs erkrankten. Er empfahl, eine statistische Erhebung durchzuführen, um in dieser Frage zu einem definitiven Ergebnis zu gelangen.22 In seiner eigenen medizinischen Praxis hatte Truttwin in dem Glauben, daß die darin enthaltenen Hormone eine stark krebshemmende Wirkung hätten, Krebspatienten mit Extrakten aus Stierhoden behandelt.23 Victor Mertens, der Herausgeber der einflußreichen Monatsschrift für Krebsbekämpfung, widerlegte diese Behauptung mit der Feststellung, es stünden bereits gute Statistiken über das Vorkommen von Krebs in verschiedenen Berufsbereichen zur Verfügung. Im England des späten 19. Jahrhunderts hätten die Metzger zwar nicht annähernd so hohe Krebsraten wie die Schornsteinfeger, aber sie liefen trotzdem noch immer größere Gefahr, an Krebs zu sterben, als Fischer, Arzte oder Bauern. Truttwins Behauptung, Metzger hätten von allen Berufssparten die niedrigste Krebsrate, sei schlicht und einfach falsch. Mertens setzte einen Doktoranden auf das Thema an, der herausfand, daß im Jahr 1935 in Bayern 71 Metzger an Krebs gestorben waren (mehr als die Hälfte an Magenkrebs). Es gab in diesem Jahr insgesamt 27392 Metzger, das heißt, die Krebssterberate betrug 26 auf 10000, dies war eine höhere Zahl als in der Gesamtbevölkerung (16 Krebstodesfälle auf 10000 Personen). Mertens folgerte daraus, daß man die Kontroverse beenden könne, da die Behauptungen tatsächlich unbegründet seien.24 Hermann Druckrey, ein Vertrauter Himmlers und führender Krebsforscher, behauptete, Vegetarier seien weder anfälliger noch resistenter gegenüber Krebserkrankungen: 152
Die Fleischkost einerseits und die vegetarische Ernährung andererseits sind beide sowohl als Krebsursache wie auch als Krebsheilmittel, immer aber mit unzulänglichen Gründen, hingestellt worden. Statistische Erhebungen haben eindeutig erwiesen, daß keine Zusammenhänge bestehen. Die Trappisten, die rein vegetarisch leben, sind weder krebsresistent noch erkranken sie häufiger an Krebs, als es bei der Durchschnittsbevölkerung der Fall ist. Das Richtige ist sicher eine nicht zu reichliche Mittelkost.25 Die »Fleischfrage« war natürlich noch viel umfassender, es ging nicht nur um die Frage, wodurch Krebs verursacht würde. In der Geschichte der Menschheit wurde der Fleischkonsum immer wieder mit Überfluß gleichgesetzt, und ernährungstheoretische Schriften aus dem 19. Jahrhundert neigten dazu, im Fleischkonsum die Wurzel allen Übels zu erkennen – von der Entstehung der Zivilisation bis zur modernen kriegerischen Grausamkeit. Auch während der NS-Herrschaft wurde Fleisch oft als das Gut aller Güter, jenes Nahrungsmittel, von dem das Glück der Nation abhing, betrachtet. Manche verstanden den Zusammenhang zwischen übermäßigem Fleischkonsum und Krebserkrankungen nur als einen indirekten: So behauptete ein Handbuch der Hitler-Jugend im Jahr 1941, daß Leute, die viel Fleisch äßen, auch mehr tränken und rauchten.26 Die Diskussionen um das Fleisch gingen sogar in Fragen nach dem Ursprung der Menschheit über: Haben die ersten Menschen Fleisch gegessen? Professor Paul Adloff aus Königsberg wies 1938 und noch einmal 1940 die Behauptung zurück, daß der Vegetarismus die ursprünglichste und deshalb natürlichere menschliche Ernährungsform sei (Hitler glaubte dies – was Adloff jedoch vermutlich nicht wußte).27 In einer führenden zahnmedizinischen Fachzeitschrift schrieb der Königsberger Professor, die Struktur der menschlichen Zähne und des Kiefers deute daraufhin, daß unsere frühesten Vorfahren Allesfresser waren. Es gebe nur geringfügige Hinweise, daß die ersten Menschen sich vegetarisch ernährten. Adloff argumentierte, daß man bei den in China gefundenen, eine halbe Million Jahre alten Skeletten – der »Peking-Mensch«, heute klassifiziert als Homo erectus – Tierknochen gefunden habe, was nahelege, daß diese Menschen Fleisch gegessen hätten. Er stellte sogar – zusammen mit dem emigrierten Anthropologen Franz 153
Weidenreich – die Vermutung auf, daß diese ersten Menschen Kannibalen gewesen seien. Adloff wies darauf hin, daß nur sehr wenige Affen sich rein vegetarisch ernährten, und erinnerte seine Leser daran, daß der bekannte Gorilla Bobby im Berliner Zoo äußerst gern warme Wiener Würstchen fresse. Von ihrer Anatomie her seien Menschen Allesfresser. Aus diesem Grund sei es falsch anzunehmen, daß der Vegetarismus die natürlichere Ernährungsweise für den Homo sapiens sei. Tatsächlich gebe es gar keine »naturgemäße« menschliche Ernährung.28 Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß ökonomische Überlegungen für die Kritiker des Fleischkonsums von zentraler Bedeutung waren. Franz Wirz mißbilligte die teure Verwendung von Ackerland, um Getreide als Viehfutter anzubauen. Er merkte an, daß man etwa 90000 Getreidekalorien benötigte, um Schweinefleisch mit dem Nährwert von nur 9300 Kalorien zu produzieren. In seinem Vierjahresplan bezeichnete Göring diejenigen Bauern als »Verräter«, die ihr Vieh mit Getreide mästeten, das statt dessen für Brot hätte verwendet werden können, und diesen Vorwurf hörte man häufig. Wirz trat für eine Reduktion des Ackerlandes ein, das für den Anbau von Viehfutter verwendet wurde, und für eine Ausweitung des Anteils für Obstund Gemüseanbau.29 Die Kampagne gegen den Fleischkonsum muß auch im Zusammenhang mit dem Kampf gegen übermäßige Genüsse gesehen werden. Fleisch war ein Luxus wie Schlagsahne oder Bananen, auf den man als Teil des Opfers, das der einzelne Deutsche für die Nation bringen mußte, zu verzichten hatte. Ein nationalsozialistisches Pamphlet aus Wien warnte vor dem ungebremsten Genuß von Fleisch, Sahne und Früchten: Es gibt Menschen, die lassen sich von ihrem Magen regieren. In ihrer Gier verlangen sie sowohl nach Gulasch wie nach einer großen Portion geschlagener Sahne, bevor sie gesättigt sind. Aber wir fleißigen Kameraden deutschen Blutes wissen, was auf dem Spiel steht! Wir wissen, daß sich der ernsthafte und hart arbeitende Deutsche nicht von geschlagener Sahne und Bananen ernährt. Dies ist nicht die Zeit für zimperliche Feinschmecker und Hysteriker, die jeden Tag einen anderen Appetithappen brauchen.30 154
Das Deutsche Ärzteblatt, die führende medizinische Fachzeitschrift der Nation, brandmarkte den übertriebenen Konsum von Fleisch und Fett beinahe als Landesverrat.31 Der emigrierte Arzt Martin Gumpert zitierte daraus in seinem zu Beginn des Krieges veröffentlichen Buch Heil Hunger! als Beweis für die Armseligkeit der NS-Ernährungspolitik. Wenn man bedenke, wie knapp die Versorgung mit Lebensmitteln aufgrund des Krieges und der damit verbundenen Vorratswirtschaft und des vermessenen Ziels der landwirtschaftlichen Selbstversorgung ohnehin sei, so erscheine doch die Kampagne, welche die Deutschen davon abhalten wolle, zu viel Fleisch und Fett zu essen, einigermaßen zynisch. Als Beleg für seine Argumentation führte Gumpert eine Aufstellung an, die hier als Tabelle 5.1 wiedergegeben ist. Er nahm für das Jahr 1928 den willkürlich normierten Wert 100 an, und leitete davon die übrigen Werte ab.32 Aus heutiger Sicht erscheint es unsinnig, in diesen Zahlen den Beweis dafür zu sehen, daß eine gesunde Ernährungsweise nicht mehr gewährleistet gewesen sei! Den Umstand, daß immer weniger Fleisch und Eier gegessen wurden, interpretierte Gumpert als Beweis für einen jähen Niedergang der Versorgung. Wir würden in diesen Zahlen heute vermutlich eher einen erfolgreichen Übergang von Fleisch und Fetten hin zu gesünderer Nahrung sehen. Er lag mit seiner Begründung des rückläufigen Fleisch- und Fettkonsums gewiß richtig, aber sein Spott über die Anordnungen, Fette aus gesundheitlichen Gründen einzuschränken – er beschimpfte Gesundheitsbeamten als »Hyänen«, die der Öffentlichkeit weismachen wollten, daß Butter Gift für die Gesundheit sei –,33 ist angesichts unseres heutigen Wissens über gesunde Ernährung und dessen, was die Nationalsozialisten darüber zu wissen glaubten, vollkommen unberechtigt.
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Mit seiner allgemeinen Feststellung, wonach die Gesundheit nur eines von mehreren Anliegen in der Ernährungspolitik sei, lag Gumpert zweifellos richtig – denn das alles überragende Ziel war die Remilitarisierung der deutschen Wirtschaft. Wenn Rudolf Heß Kanonen anstatt Butter forderte, ging es gewiß nicht um die Gesundheit, und daraus kann man schließen, daß die Sorge um die Gesundheit nicht der vorherrschende Grund dafür war, daß Fleisch und Fett sogar für die privilegierten, »gesunden« Deutschen knapp wurden. Und als sich das Kriegsgeschehen gegen die Deutschen wendete, sorgte sich das NS-Regime wohl eher darum, daß die Deutschen zuwenig Fleisch als zuviel bekämen: Goebbels hatte dies zumindest im Februar 1942 eingesehen, als er davor warnte, niemand werde »auf wohlabgewogene Argumente hören, wenn ihm die Butter und das Fleisch weggenommen werden«.34
DER »FÜHRER« ISST Die Frage der Haltung zum Fleischkonsum gewann dadurch noch eine besondere Note, daß Hitler selbst Vegetarier war. Diese an sich unbedeutende Tatsache bekam ungeheures Gewicht, wenn man berücksichtigt, welch prominente Rolle sowohl die Nationalsozialisten als auch die Vegetarier dem Körper und einer bestimmten »Lebensweise« zuschrieben – eine Ideologie, die seither auch zu einer etwas peinlichen Angelegenheit für Vegetarier geworden ist (ich selbst esse Fleisch, wie ich an dieser Stelle vielleicht einräumen sollte). Hitlers Vegetarismus tauchte in Nachkriegsdiskussionen über Ernährung und Tierrechte oftmals auf, oder auch wenn es um Antisemitismus und vieles mehr ging. Wie sahen die Eßgewohnheiten des »Führers« aus, und was sagen sie uns über die nationalsozialistische Bewegung? Russische Gerichtsmediziner untersuchten in der Nachkriegszeit Leichenteile, die aus einem flachen Grab außerhalb von Hitlers Bunker stammten, und bestätigten, daß der fragliche Schädel – sehr wahrscheinlich derjenige des »Führers« – die »für einen Vegetarier typische« gelbe Farbe aufweise.35 Hitlers Vegetarismus wurde allerdings schon vor 1933 zum Thema gemacht, als der persönliche Asketismus des zukünftigen »Führers« als ein Modell für den nationalsozialistischen Lebensstil hochgehalten wurde. Auch 156
das Ausland nahm dies wahr, und man berichtete über einige offensichtliche Rückfälle. Otto D. Tolischus hob 1937 in der New York Times hervor, daß der »Führer« zwar Vegetarier sei, weder trinke noch rauche, aber auch ab und an eine Scheibe Schinken genieße, und dazu Delikatessen wie Kaviar oder Schokolade.36 Diese Berichte gaben in der Nachkriegszeit oftmals Anlaß zu Spekulationen, ob man Hitler tatsächlich als Vegetarier bezeichnen konnte.37 Die Ernährung spielte für den »Führer« in jedem Fall eine wichtige Rolle. Er war fasziniert von der Möglichkeit, sich vollständig von rohem Obst, Getreide und Gemüse zu ernähren, und er sprach dieses Thema oft mit Freunden oder Untergebenen an. Kurz nach der »Machtergreifung« arrangierte er ein Treffen mit einer achtzigjährigen Frau aus Bad Godesberg – »Rheinauf und rheinab war sie bekannt als die Seniorin der vegetarischen Ernährungsweise, der Kaltwasserkuren und der Kräuterheilkunde« –, um mit ihr über die Vorteile einer vegetarischen Ernährung zu sprechen. Als ihn der Gestapo-Chef am gleichen Tag von der Notwendigkeit überzeugen wollte, die komplizierte Struktur der Partei zu ordnen, antwortete Hitler, es gebe viel dringendere Probleme als Politik – zum Beispiel, die Lebensgewohnheiten der Menschen zu verändern. Weiter meinte er, was ihm diese alte Frau am Morgen erzählt habe, sei von größerer Bedeutung als alles, was er in seinem Leben noch tun könne.38 Hitler behauptete später, die Menschen hätten einst länger gelebt, und das habe sich nicht nur wegen des Fleischessens geändert, sondern auch weil viele Nahrungsmittel durch das Kochen »sterilisiert« würden, was »Kulturkrankheiten« mit sich gebracht habe. Krebs sei eine solche Krankheit: »Und beruht der Krebs auch auf einer noch unbekannten Voraussetzung, so ist doch möglich, daß diese Voraussetzung nur wirksam wird, wenn der Körper nicht richtig ernährt ist.« Die Menschen hätten seiner Ansicht nach erst begonnen, Fleisch zu essen, als die klimatischen Bedingungen der Eiszeit sie dazu zwangen, auch das Kochen sei zu dieser Zeit aufgekommen. Die nationalsozialistischen Bemühungen, den Konsum von rohem Obst und Gemüse zu fördern, würden nun diese Entwicklung umkehren und die Ernährung »revolutionieren« (»Die Rohkost war eine Revolution!«). Hitler bezweifelte, daß Fette, die aus Kohle gewonnen wurden, genauso gut wie Olivenöl waren. Er befürchtete zudem, der steigende Verbrauch von Tran werde die Wal157
populationen dezimieren. Die Deutschen der Zukunft würden, so behauptete er, mehr Margarine essen, die dann aus den pflanzlichen Ölen aus dem Osten hergestellt werde.39 Wir haben eine ziemlich genaue Vorstellung von Hitlers täglichem Speiseplan, über den seine treu ergebenen Anhänger berichten, die ihm geradezu an den Lippen hingen. Hitler ernährte sich tatsächlich zum größten Teil vegetarisch – aber er genoß auch zuweilen ein Fleischgericht. Der GestapoChef Rudolf Diels schrieb nach dem Krieg, daß Hitler manchmal bayerische Leberknödel aß, aber nur, wenn sie von seinem Freund und Fotografen Heinrich Hofftnann zubereitet worden seien.40 Die New York Times erwähnte Schinken und Kaviar, und man sagte auch, daß Hitler gerne Wildtäubchen gegessen habe. In verschiedenen Quellen wird erwähnt, welche Abscheu Hitler gegenüber dem Fleischessen gehabt habe. 1920 habe der zukünftige »Führer« beispielsweise seine Begleiterin Maria (Mimi) Reiter bei einem Rendezvous gescholten, weil sie ein Wiener Schnitzel bestellt hatte. Sichtlich beunruhigt durch seine Reaktion fragte sie ihn, ob sie etwas falsch gemacht habe, worauf er antwortete: »Nein, nein, Mimi. Du kannst das Wiener Schnitzel ruhig haben. Aber verstehen tu ich das nicht. So ein Leichenfraß! Das ist doch Fleisch von Tieren, die tot sind. Von Leichen, Kadavern.«41 An anderer Stelle bezeichnete Hitler Fleischbrühe als »Leichentee«.42 Für Joseph Goebbels lag die Abneigung seines »Führers« in seinem Respekt für »das tierische Element« im Menschen begründet.43 Goebbels selbst schien sich davon nicht beeindrucken zu lassen, denn er aß weiterhin Fleisch, bis er sich selbst, seine Frau und seine fünf kleinen Kinder in den letzten Kriegstagen vergiftete. Hitler hatte offenbar 1931 aufgehört, Fleisch zu essen, aber die Gründe für diesen Entschluß (wenn man in einer solchen Angelegenheit von Gründen sprechen kann) sind nicht vollständig geklärt. Mehrere seiner Biographen weisen auf den Einfluß des nationalistischen und antisemitischen Komponisten Richard Wagner hin. In einem Essay von 1881 behauptete Wagner, daß die menschliche Gattung durch Rassenmischung und Fleischessen unrein geworden und vergiftet sei (auch seiner Meinung nach war die ursprüngliche menschliche Ernährung vegetarisch). Eine neue Art von Sozialismus sei nötig, um Deutschland von diesem doppelten Übel zu befreien. Er beschwor das deutsche Volk, sich mit den Vegetariern, den »Tier158
schützern und den Freunden der Mäßigung« zusammenzutun, um sich vor der jüdischen Aggression zu retten. Wagner behauptete, kein Fleisch zu essen, würde die Menschen moralisch erlösen – dies sei sogar für Juden möglich.44 Hitler scheint sich zumindest einen Teil dieser Botschaft zu Herzen genommen zu haben, beteuerte er doch, vor allem wegen Wagners Meinung in dieser Frage kein Fleisch zu essen.45 Man behauptete, Hitler habe es nicht akzeptieren können, daß Tiere getötet wurden, um von Menschen verspeist zu werden, aber ein Autor hat dem entgegengesetzt, daß dieses Bild absichtlich konstruiert wurde, um den deutschen »Führer« als freundlichen und gütigen Menschen darzustellen.46 Arnold Arluke und Boria Sax, zwei Historiker, die sich mit Tierrechten befassen, vertreten die Ansicht, daß beide Behauptungen wahr sein könnten. Sie führen zudem den Hinweis eines Amerikaners aus den vierziger Jahren an, wonach Hitler den Genuß von Fleisch wegen Verdauungsproblemen aufgegeben habe. Was auch immer seine ursprüngliche Motivation gewesen sein mag (es wurde auch vermutet, daß der Tod seiner Nichte seine Abneigung ausgelöst haben könnte),47 der »Führer« selbst vertrat die Meinung, daß er der neuen Ernährung eine bessere Gesundheit und größere Kraft zu verdanken habe. Als er noch Fleisch aß, schwitzte er während seiner langen, demagogischen Reden sehr stark – er verlor zwischen zwei und drei Kilogramm an Gewicht im Verlauf eines Abends –, aber nachdem er das Fleischessen aufgegeben hatte, habe auch das Schwitzen aufgehört. In den vierziger Jahren bezeichnete er sogar seinen Schäferhund Blondi als Vegetarier – und er belehrte einige Besucher darüber, daß die Angewohnheit des Hundes, Gras zu fressen, dessen Verdauungsprobleme gelöst habe.48 Der Vegetarismus war nicht die einzige Eigenart in Hitlers Ernährung: Er hatte sein Leben lang eine Vorliebe für Süßes, und es war bekannt, daß er täglich bis zu einem Kilogramm Schokolade aß.49 Er hatte zudem Zeit seines Lebens eine eher absonderliche Faszination für Langusten, Hummer und Krebse, was einige Wissenschaftler (meines Erachtens unbegründeterweise) auf die Tatsache zurückgeführt haben, daß das Wort »Krebs« nicht nur das Tier, sondern eben auch die Krankheit bezeichne.50 Es ist oft gesagt worden, Hitler habe Angst vor einer Krebserkrankung gehabt, aber die Belege dafür sind etwas vage. Wir wissen, daß er die Reichskanzlei im September 1943 vom Dachauer Arzt Gustav Freiherr von 159
Pohl mit einer Art Wünschelrute auf »Erdausstrahlungen« hin untersuchen ließ –51 der Glaube, »Erdstrahlen« könnten Krebs verursachen, wurde damals von vielen geteilt,52 und diese Vermutungen tauchen auch heute gelegentlich wieder in der Heilkundeliteratur von Quacksalbern auf – siehe Kapitel 7. Wir wissen auch, daß Hitler an Magenkrämpfen litt, die er offenbar als frühe Anzeichen von Krebs deutete.53 Man hat auch vermutet, daß der Krebstod seiner Mutter im Jahr 1907 zu dieser Angst beigetragen hatte: Klara Hitler starb an Brustkrebs, während sie der jüdische Arzt Eduard Bloch behandelte, weshalb verschiedentlich spekuliert worden ist, Hitlers Antisemitismus könnte zum Teil dadurch angeregt worden sein.54 Hitler war nicht der einzige »Vegetarier« unter den ranghohen Nazis. Himmler war ein großer Anhänger der Naturheilkunde (»jeder Arzt sollte Naturheilarzt sein«) und der Rohkost. Er war der Meinung, daß die »östlichen Völker« infolge ihrer pflanzlichen Ernährung gesündere Körper und längere Därme hatten. Ebenso wie Hitler litt auch er unter heftigen Anfällen von Magenschmerzen und vermutete – wiederum wie sein »Führer« –, daß dies Anzeichen für eine Krebserkrankung sein könnten (Himmlers Vater war an Magenkrebs gestorben). Der höchste SS-Mann war überzeugt, daß eine ausgewogene Ernährung für die Erhaltung der Gesundheit grundlegend sei. Er wies die einseitige Vorstellung zurück, wonach die Kalorien das beste Maß für den Nährwert eines Essens seien, und hob statt dessen die Bedeutung der Vitamine, Mineralien, Ballaststoffe und der Vollwertkost im allgemeinen hervor. Er rauchte und trank zumeist nicht, erlaubte sich aber doch hin und wieder eine Zigarre und ein Glas Rotwein. Fettleibigkeit war ihm ein Greuel; im August 1940 initiierte er gemeinsam mit Reinhard Heydrich, dem Chef des Sicherheitsdienstes, eine Kampagne, um die Fettleibigkeit in der SS zu bekämpfen.55 Er wollte seine Waffen-SS-Männer zu Vegetariern machen, die weder rauchten noch tranken, aber es ist unklar, welchen Erfolg diese Überzeugungsversuche hatten. Er erreichte zumindest, daß die SS die meisten deutschen Mineralquellen übernahm, und auf seine Befehle hin wurden in vielen SS-Kasernen und Konzentrationslagern Kräutergärten angelegt.56 Er sehnte sich nach der Zeit, in der alle Deutschen wieder Vegetarier wären, nur dann konnte Deutschland – so phantasierte er über die ursprünglichen Arier – seine rechtmäßige Position als Herrscher über andere Nationen wieder einnehmen.57 160
In jenem Flügel der NSDAP, welcher sich den Vorstellungen von Liek anschloß und romantisch verklärte Naturvorstellungen pflegte, stießen Himmlers Ideen zu einer gesunden Ernährung auf offene Ohren. Er kritisierte die Verteilung von Kunsthonig an die Waffen-SS und die Verfälschung von Nahrungsmitteln überhaupt und verurteilte die bereits weit fortgeschrittene Dominanz von Lebensmitteln mit künstlichen Inhaltsstoffen. Der Ursprung des Problems lag seiner Ansicht nach in der zu großen Machtfülle der Lebensmittelkonzerne. Ihr wirtschaftlicher Einfluß mache es ihnen möglich, den Menschen vorzuschreiben, was sie zu essen hätten. Die Stadtbevölkerung, die sich während des Winters aus Büchsen ernähren müsse, sei bereits in ihrer Hand, nun erlägen auch noch die Menschen auf dem Land dem Diktat des Künstlichen. Der Krieg habe diese Entwicklung fürs erste gestoppt, nach dem Krieg müsse man energisch dagegen vorgehen, daß die Nahrungsmittelindustrie die Gesundheit der Menschen ruinierte.58 Gefragt, wie er die deutsche Ernährungsweise verändern würde, nannte er als Beispiel, er wolle einen Mindestgehalt von Vollkornmehl im Brot staatlich verordnen. Und wie würde er die Leute dazu bringen, dieses Brot zu essen? Da wolle er auf die Propaganda setzen, schließlich gebe es genügend abschreckende Beispiele.59 Diese Propaganda sollte sich an Hausfrauen und Mütter richten, da sie die Verantwortung für eine gesunde Ernährung trugen. Himmler behauptete, er habe den Wert einer richtigen Ernährung durch seine Erfahrung als Bauer schätzen gelernt, eine Erfahrung, die später durch seine Lektüre von Max Bircher-Benner und Ragnar Berg, den beiden damals führenden Vertretern einer natürlichen Ernährung, bestätigt worden sei (Bircher-Benner ist heute vor allem als Erfinder des Müsli bekannt). Der SS-Reichsführer war sich bewußt, wie engstirnig sich die Schulmedizin in dieser Angelegenheit gab. Gleichzeitig war ihm jedoch klar, daß eine großangelegte Kampagne für gesunde Ernährung, unter Einsatz von Propagandafilmen, erst nach dem Krieg angegangen werden konnte.60 Hitler persönlich äußerte im April 1942 Goebbels gegenüber, er wolle bis nach dem Krieg warten, um das Thema des Vegetarismus anzugehen. Er gestand zudem ein, daß der Nationalsozialismus in Deutschland nie triumphiert hätte, wenn er darauf bestanden hätte, jeglichen Fleischkonsum zu verbieten.61 161
Auch Rudolf Heß hatte seine besonderen Ansichten zur Ernährung. Wie Himmler begeisterte sich Hitlers Stellvertreter und Nachfolger für natürliche Heilmittel und die Homöopathie und achtete sehr sorgfältig auf seine Ernährung. Er brachte jeweils seine eigene vegetarische Kost mit zu den Treffen in der Reichskanzlei, die er dann zum Abendessen aufwärmte. Dies verärgerte Hitler, und er beschwerte sich bei Heß: »Ich habe hier eine erstklassige Diätköchin. Wenn Ihr Arzt etwas Besonderes für Sie verordnet hat, dann kann sie es gerne zubereiten. Aber Ihr Essen können Sie nicht mitbringen.«62 Heß entgegnete, sein Essen müsse bestimmte biodynamische Zutaten enthalten, worauf Hitler entgegnete, Heß solle wohl besser zu Hause essen. Offenbar wurde Heß nach dieser Episode nicht mehr so oft eingeladen, um mit dem »Führer« zu speisen.63 Nicht alle führenden Nationalsozialisten waren so wählerisch. Goebbels kleidete sich sehr sorgfältig – seine Garderobe umfaßte mehr als hundert verschiedene Uniformen –, aber er war kein Gourmet. So erinnert sich sein Biograph: Kaum irgendwo sonst in Berlin ißt man so schlecht wie im Hause Goebbels. Essen ist dem Minister gleichgültig, nach wie vor bevorzugt er sein Leibgericht Hering mit Pellkartoffeln, das Gäste oft serviert bekamen. Es wurde zur Gewohnheit, daß sich Gäste vorher in einem Restaurant sättigten, und später im Kriege kann jeder von ihnen gewiß sein, daß auf sein erlesenes Gedeck nicht mehr kommt, als er an Marken abgegeben hat. Auch sonst ist Sparsamkeit ein hervorstechendes Merkmal der Haushaltsführung, die von monatlich 5000 bis 6000 Mark bestritten wird – angesichts der Größe und der zahlreichen Repräsentationsverpflichtungen keine gerade horrende Summe.64 Man mag sich an dieser Stelle vielleicht darüber wundern, was Ausführungen über die Vorlieben von Hitler und anderen in einem Buch über den Kampf der Nationalsozialisten gegen den Krebs zu suchen haben. Ich bin der Meinung, daß Hitlers Lebensgewohnheiten und persönlichen Vorlieben – und sogar seinem Körper – in einem Regime, das von Gesundheit, körperlicher Reinheit und der Macht seines imagebewußten »Führers« besessen war, eine ungewöhnlich große Bedeutung zukam. Hitler sollte das Idealbild 162
des Deutschen verkörpern – wenn man dies genauer betrachtet, stößt man auf einige ziemlich offensichtliche Widersprüche (ein bekannter Witz aus jener Zeit lautete: »Wie sieht der ideale Deutsche aus? Blond wie Hitler, schlank wie Göring, männlich wie Goebbels ...«). Hitlers Körper wurde in einem solchen Maße zum Objekt der Verehrung und Nachahmung, daß die Soldaten der Roten Armee, als sie in Berlin einmarschierten, auf eine Unzahl von Männern mit Hitlerschnurrbart trafen – mehrere Dutzend von ihnen wurden, auf den Verdacht hin, der deutsche »Führer« zu sein, verhaftet. Jeder Deutsche wußte wohl, daß Hitler weder rauchte noch trank, diese Aussage wurde in den Parteischriften ständig wiederholt. Die seltsamen Eigenheiten seines Körpers brachten Hitler unvermeidlichen Spott ein – der Schnurrbart diene vielleicht dazu, »jüdische Nasenlöcher« zu verbergen, und die Mißbildung seiner Genitalien führte zu vielen höhnischen Bemerkungen und zu Großbritanniens berühmtestem Soldatenlied (das zum »Colonel Bogey’s March« gesungen wurde: »Hitler has only got one ball; / Göring has two but very small; / Himmler is very sim’lar, / And Goebbels has no balls at all«). Der prüfende Blick der Öffentlichkeit wurde Hitler schließlich zuviel. Mit einem Erlaß aus dem Jahre 1937 ordnete er an, daß seiner Person und seinen Gewohnheiten keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt werden dürfe. Daß sein Vegetarismus zu Werbezwecken ausgenutzt wurde, scheint bei diesem Schritt auch eine wichtige Rolle gespielt zu haben – die Hersteller von natürlichen Lebensmitteln hatten den Lebensstil des »Führers« dazu benutzt, ihre Produkte zu verkaufen –,65 aber der Diktator befürchtete vielleicht auch, das Verhältnis zwischen Verehrung und Spott könnte sich bald zu seinen Ungunsten verschieben.
DIE KAMPAGNE GEGEN DEN ALKOHOL In ihrer Kampagne für einen »natürlicheren« Lebensstil setzten sich die Nationalsozialisten häufig gegen übermäßigen Alkoholkonsum ein. Wie in den Vereinigten Staaten nahm die organisierte Bewegung gegen den Alkohol im 19. Jahrhundert ihren Anfang: Der Deutsche Verein gegen den Alkoholismus war 1883 gebildet worden, und ungefähr zur selben Zeit wurde die Zeitschrift Auf der Wacht gegründet, mit der über die Gefahren durch alko163
holische Getränke – zuweilen auch durch das Rauchen – informiert werden sollte.66 Die Bewegung erreichte nie die gleiche Stärke wie in den USA, wo von 1919 bis 1933 die landesweit vorgeschriebene Prohibition herrschte, doch die deutsche Bewegung war keineswegs unbedeutend. Als Hitler an die Macht kam, umfaßte die Organisation 19 regionale und 254 lokale Vereinigungen sowie 16 Frauengruppen. Allein die Berliner Zweigstelle hatte 1000 Mitglieder. Über hundert Beratungsstellen wurden eingerichtet, um Alkoholikern Hilfe zu bieten, und man bemühte sich besonders, junge Männer vom Trinken abzuhalten.67 Für die Mäßigung des Alkoholkonsums bzw. gänzliche Abstinenz setzte man sich in verschiedenen politischen Lagern ein. In Österreich war die führende Anti-Alkohol-Organisation der »Arbeiter-Abstinentenbund«, eine sozialistische Vereinigung, die – wie einige behaupteten – sogar besser als die eigentliche österreichische Sozialdemokratische Partei organisiert war. Auch die naturverbundene Wandervogel-Bewegung, die katholischen Studentenverbindungen und die protestantischen Kirchen kämpften gegen übermäßigen Alkoholkonsum. Aufgrund der finanziell schwierigen Lage in den Jahren unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg waren manche Gebräuche des geselligen Trinkens zurückgegangen (z.B. die ritualisierten Trinkgelage vieler Studentenverbindungen), und auch der 1926 gegründete »Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund« schrieb sich Strenge und Nüchternheit auf sein Banner. Hitler sagte ungefähr zu dieser Zeit voraus, die Studenten der Zukunft würden nicht nach ihrer Fähigkeit, Bier zu trinken, beurteilt, sondern nach ihrer Fähigkeit, nüchtern zu bleiben.68 Man bekämpfte den Alkohol unter ganz verschiedenen Problematisierungen. Alkoholkonsum wurde als finanzielle Belastung für den Staat betrachtet, als Gefahr für die Gesundheit und als Quelle von unzähligen Übeln und Lastern. Man beschuldigte den Alkohol, Nervenzellen abzutöten und den Geist zu schwächen. Die Trunkenheit fördere den Hang zu Verbrechen und Delinquenz, sagte man, und die Rassenhygienikerin Agnes Bluhm wurde mit ihrer These bekannt, wonach Alkohol Störungen der embryonalen Entwicklung zur Folge habe. Klare Unterscheidungen zwischen angeborenen, genetisch fixierten Schädigungen und solchen, die erst während der embryonalen Entwicklung entstanden, wurden aber nicht immer getroffen, was zu einiger Verwirrung bezüglich der längerfristigen Auswirkungen von Alkohol 164
auf die »Erbgesundheit« führte. Eine mögliche Schädigung des »deutschen Erbguts« diente nach 1933 als Rechtfertigung dafür, daß »chronische Alkoholiker« nach einem entsprechenden Gesetz sterilisiert wurden. Die Deutschen beschäftigen sich auch eingehend mit dem Thema einer möglichen Schädigung von Föten durch Alkoholkonsum, und man vermutete, daß einige Nachkommen der unter Eugenikern bekannten Familie Jukes (man sagte, daß Krankheiten in dieser Familie über mehrere Generationen hinweg vererbt wurden) von einem solchen Syndrom betroffen gewesen sein könnten.69 Es wäre interessant zu wissen, ob vergleichbare deutsche Familien (»Zero«, »Victoria« und »Markus«) auf ähnliche Weise geschädigt gewesen waren – und ob, wie im amerikanischen Fall, die mangelnde Forschung auf diesem Gebiet nach dem Zweiten Weltkrieg etwas mit dem belastenden Erbe der Eugenik zu tun haben könnte. Der Historiker Brian S. Katcher hat darauf hingewiesen, daß Leberzirrhose, Herzmuskelerkrankungen, fötale Schäden und Speiseröhrenkrebs um die Jahrhundertwende als Auswirkungen eines übermäßigen Alkoholkonsums eingeschätzt wurden – ein Wissen, das später wieder verlorenging.70 Die Vorstellung, Alkohol könnte Krebs verursachen, tauchte spätestens im 19. Jahrhundert auf, als man Tumore in die Listen möglicher von dem Teufelszeug verursachter Schäden einzureihen begann. Vermutungen wurden laut, wonach Magenkrebs durch den herben Cidre verursacht werde, den man in der Normandie trank, und durch die trockenen Weine der Ostschweiz.71 Karl B. Lehmanns erwähnte in seinem einflußreichen Lehrbuch über Gesundheit und »Gewerbehygiene« aus dem Jahr 1919, daß bei Wirten, Brauern und anderen Berufsgruppen, die viel mit Alkohol zu tun hatten, hohe Krebsraten auftraten, insbesondere Fälle von Mund- und Speiseröhrenkrebs, für die man hauptsächlich den Alkoholgenuß verantwortlich machte.72 Berufsmäßig Alkohol zu verkaufen oder auszuschenken (besonders in Wirtshäusern) wurde zu einer der am meisten genannten, durch das Arbeitsumfeld bedingten Krebsursachen, an zweiter Stelle rangierte die Arbeit mit Teer, Paraffin oder Mineralöl.73 Die gängige, aus dem 19. Jahrhundert stammende Erklärung besagte, chronischer Alkoholkonsum führe zu einem allgemeinen »Magenkatarrh«, woraus sich eine Krebserkrankung entwickle. Es gab einige Forscher, die dieser Idee widersprachen (Skeptiker wiesen daraufhin, daß Frauen genausooft wie Männer von Krebs betroffen 165
waren, obwohl sie viel weniger tranken),74 aber sie hielt sich bis in die vierziger Jahre.75 Man kann den Einfluß der deutschen Anti-Alkohol-Bewegung in den dreißiger Jahren nicht verstehen, wenn man nicht berücksichtigt, daß viele der führenden Nationalsozialisten sich schon früh für die Abstinenz oder die Mäßigung einsetzten. Erwin Liek war vor dem Ersten Weltkrieg Abstinenzler gewesen und trank auch nachher nie viel. Er machte den übermäßigen Alkoholkonsum für Krebs und viele andere Krankheiten verantwortlich.76 Heinrich Himmler verkündete, daß Alkohol das heimtückischste Gift, mit dem die Menschheit je konfrontiert wurde, und eine Hauptursache für menschliches Versagen sei. Der Führer der SS war als Student einer Verbindung beigetreten und hatte beantragt, wegen seines empfindlichen Magens nicht an den Trinkgelagen teilnehmen zu müssen.77 Hitler selbst griff den Alkohol 1926 in einem Artikel im Völkischen Beobachter an, dem offiziellen Organ der NSDAP. Er erklärte: »Was der Alkohol, besonders in unserem deutschen Volke, an wertvollen Menschen schon vernichtet hat oder für die Nation unbrauchbar macht, ergibt in einem Jahrhundert eine um ein Vielfaches höhere Zahl als die Verluste auf allen Schlachtfeldern in eben diesem Zeitraum.« Der Führer der NSDAP prophezeite, daß ein Volk, welches sich erfolgreich von diesem Gift lösen könnte, vermutlich andere Teile der Welt beherrschen würde, die auf einen solchen Schritt noch nicht vorbereitet seien.78 Da sie so viele führende Nationalsozialisten auf ihrer Seite wußten, vertrauten die Alkoholgegner darauf, daß die nationalsozialistische Zukunft Gutes verhieß. Auf der Wacht, die führende deutsche Anti-Alkohol-Zeitschrift, feierte Hitlers Aufstieg zur Macht voller Begeisterung als wichtigen Wendepunkt in der Geschichte. Nun könne der Kampf gegen alles, was unrein sei, aufgenommen werden.79 Die führenden Nationalsozialisten revanchierten sich: An den Feierlichkeiten zum 50. Jahrestag der Gründung des Deutschen Vereins gegen den Alkoholismus vom 22. bis zum 25. Oktober 1933 nahmen viele prominente Politiker und Rassenhygieniker teil – unter anderen Eugen Fischer und Fritz Lenz, Innenminister Wilhelm Frick und der künftige Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti. Das Horst-Wessel-Lied wurde gesungen und eine Radiorede von Hitler (»Sport und der neue Mensch«) wurde mit Lautsprechern in die Festhalle übertragen. Die 166
»Gleichschaltung« der deutschen Anti-Alkohol-Organisationen folgte kurze Zeit später: Juden wurden ausgeschlossen und eine neue »judenfreie« Organisation wurde gegründet, die die Bewegung vereinheitlichen sollte.80 Wirtschaftliche Überlegungen spielten im Mißtrauen der Nationalsozialisten gegenüber dem Alkohol ebenfalls eine wichtige Rolle. Die NS-Behörden klagten vor dem Krieg, daß die Deutschen jährlich drei Milliarden Reichsmark für Alkohol ausgaben,81 genug, um Millionen von Volkswagen oder andere nützliche Güter zu kaufen. Auf dem 44. Jahrestreffen des Deutschen Vereins gegen den Alkoholismus im Jahr 1935 trat Dr. Werner Hüttig vom Rassenpolitischen Amt für eine erweiterte Kampagne gegen den Alkoholmißbrauch in der Hitler-Jugend, in Schulen und bei der Arbeit ein. Alkohol wurde als Bedrohung für die »Kampfbereitschaft« der deutschen Jugend dargestellt, und offizielle Vertreter der Hitler-Jugend verglichen die durch Trunksucht hervorgerufene Schädigung mit jener eines Hirntumors. Sie erinnerten an die Mahnung Hitlers, wonach die Zukunft Deutschlands nicht den Trinkern, sondern den Kämpfern gehöre.82 Die Pläne, den Alkoholkonsum zu bekämpfen, wurden schon in den ersten Monaten des Jahres 1933 umgesetzt. Die nationalsozialistische Version des 1. Mai – der »Tag der nationalen Arbeit«, wie er neu hieß – wurde für alkoholfrei erklärt,83 ebenso viele andere von der Partei finanzierten Ereignisse und Einrichtungen wie zum Beispiel die Trainingsanlagen für Deutschlands Olympia-Athleten. Mit einer Verordnung vom 1. November 1933 wurde jede Werbung verboten, die »den politischen Willen des deutschen Volkes verletzen« konnte. Das Gesetz verbot ausdrücklich Anzeigen für alkoholische Erzeugnisse, die auf eine junge Zielgruppe gerichtet waren oder Bilder von Jugendlichen benutzten. 1939 wurde die Verordnung ausgeweitet, jegliche Andeutung einer »gesundheitsfördernden« Eigenschaft von Weinbrand, Likören oder Schnäpsen wurde untersagt, ebenso war jeglicher Hinweis auf Nährwert oder angebliche hygienische Qualitäten verboten, oder jedwede Andeutung, daß ein alkoholisches Produkt die Verdauung fördern oder den Appetit anregen könnte (eine Ausnahme wurde bei jenen Kräuterbittern gemacht, die lindernde pflanzliche Wirkstoffe enthielten). Die Werber durften sich nicht mehr auf den Alkohol als »flüssige Nahrung« beziehen, und in keinem Fall waren Ausdrücke erlaubt, die eine medizinische Wirkung implizierten – Namen wie »Mageninspektor«, »Sanitätsrat«, »Blut167
likör« etc. Harte Strafen (Geldbußen und Haft) wurden über jeden verhängt, den man des Übertretens dieser Gesetze überführte – auch Verlegern und Publizisten, die solche Behauptungen in ihren Zeitschriften und Zeitungen abdruckten, drohten Strafen.84 Die nationalsozialistischen »Antialkoholiker« machten sich auch Sorgen wegen der Verkehrsunfälle. Man hatte erkannt, das Alkohol bei sehr vielen Verkehrsunfällen mit im Spiel war. Dies war keine unbedeutende Feststellung, in Deutschland gab es Mitte der dreißiger Jahre über eine Viertelmillion jährliche Verkehrsunfälle mit mehr als 10000 Todesopfern. Montags ereigneten sich viel mehr Unfälle als mittwochs, was von einigen als Folge von Wochenend-Zechabenden gesehen wurde. Amtliche Schätzungen besagten, daß mehr als zwei Drittel der Verkehrsopfer in direktem Zusammenhang mit Alkohol am Steuer standen.85 Führende Nationalsozialisten nahmen dieses Problem ernst: Himmler richtete 1937 an jeden der 1,7 Millionen Deutschen, die im Besitz eines Führerscheins waren, ein Schreiben, in dem er vor den Gefahren der Trunkenheit am Steuer warnte.86 Die Kampagne wurde auf den Arbeitsplatz ausgeweitet, als Robert Ley von der Deutschen Arbeitsfront versuchte, das Biertrinken bei der Arbeit durch Teetrinken zu ersetzen. Im Jahr 1940 rief Ley eine kräftig beworbene »Teeaktion« ins Leben, um den Konsum von nichtalkoholischen Getränken am Arbeitsplatz zu fördern: 120000 Kilogramm Schwarztee wurden in Blöcke gepreßt und an alle Fabriken verschickt, wo Arbeiter bei Temperaturen von über 28 Grad Celsius arbeiteten – es war bekannt, daß Alkohol dort, wo es heiß war, besonders schwerwiegende Folgen hatte. Das Projekt war offenbar ein Erfolg,87 aber es ist vielleicht nicht unangebracht zu bemerken, daß Ley selbst ein berüchtigter Trinker war, der mehr als einmal dafür gerügt wurde, in trunkenem Zustand öffentlich aufgetreten zu sein. Eine noch ehrgeizigere Kampagne wurde angekurbelt, mit der man die Menschen dazu bringen wollte, mehr Süßmost und Obstsäfte zu trinken, ebenso alkoholfreies Malzbier, Mineralwasser und Gemüsesäfte. Die Bestimmungen, welche die Bezeichnungen der Getränke regeln sollten, bereiteten so manche Schwierigkeiten, und es brauchte einige Anstrengungen, bis entschieden war, wieviel Alkohol ein Bier enthalten durfte, um noch immer als »alkoholfrei« zu gelten. Einige Anstrengungen wurden auch darauf verwandt, eine neue Generation von Getränken aus verflüssigtem Gemüse zu 168
entwickeln – diese Säfte waren vermutlich mit unseren heutigen Gemüseoder Multivitaminsäften zu vergleichen. Die Zeitschrift Gärungslose Früchteverwertung beschrieb neue Methoden der Produktion alkoholfreier Getränke, die von nationalsozialistischen Zeitschriften und Gesundheitsmagazinen kräftig gefördert wurden. Ebenso wurden Programme gestartet, um Kinder vom Alkohol abzuhalten. Das Verbot, mit dem man 1933 die an Jugendliche gerichtete Werbung zu verbieten versuchte, wurde im Jahr 1936 verschärft. Zur selben Zeit führten die Nationalsozialisten ein System ein, mit dem festgelegt werden sollte, welche Getränke für Kinder geeignet waren. Nichtalkoholische Fruchtsaftgetränke bekamen beispielsweise auf dem Etikett den offiziellen Stempel »Jugendwert«, im Gegensatz dazu wurde Coca-Cola als für Kinder ungeeignet eingestuft.88 Der Staat begann sich in vielen anderen Bereichen auf ähnliche Art und Weise einzumischen: Auch Filme wurden beispielsweise offiziell als für Kinder geeignet oder ungeeignet klassifiziert. Trotz der Propaganda und ihrem allgegenwärtigen Alter ego, der »Aufklärung«, schienen diese verschiedenen Bemühungen, die »Getränkefrage« zu lösen, bestenfalls mäßige Erfolge vorzuweisen. Die Produktion von Obstsäften stieg drastisch von ungefähr 16 Millionen Litern im Jahr 1930 auf die beinahe fünffache Menge im Jahr 1937 an, während die Preise für viele Fruchtsäfte jäh sanken (vgl. Abb. 5.3 und 5.4). Der Präsident des Reichsgesundheitsamtes erklärte 1938 den Süßmost zum offiziellen »Volksgetränk«,89 und die Produktion stieg bis in die ersten Kriegsjahre weiter an. Die Brauereien versuchten, sich diesem neuen Trend anzupassen, und begannen nichtalkoholische Getränke zu produzieren. 1936 wurde ein Viertel des deutschen Mineralwassers von Brauereien hergestellt und vertrieben. Mit Ausbruch des Krieges durfte nicht mehr überall Alkohol ausgeschenkt werden: Ein Gesetz vom 18. Oktober 1939 verbot den Verkauf von Alkohol in Wirtshäusern. Auch die Gesetzgebung zur Sterilisation legte ihren frostigen Arm um die Alkoholiker, ein »Erfolg«, von dem wir bereits gesprochen haben. Rassenhygieniker hatten seit langem immer wieder daraufhingewiesen, daß Alkohol das Erbgut schädige, aber auch, daß die Neigung zum Alkoholismus erblich sei. Schon 1903, am Neunten Internationalen Kongreß zur Bekämpfung des Alkoholismus in Bremen, hatte der Psychiater Ernst Rüdin vorgeschlagen, 169
ABB. 5.3. Aufruf an Mütter und schwangere Frauen, Alkohol und Nikotin zu meiden und Fruchtsäfte zu trinken. Aus: Reiter und Breger, Deutsches Gold, S. 302.
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ABB. 5.4. Die Fruchtsaftproduktion in Deutschland von 1926 bis 1937, in Millionen Litern. Die Propagierung von Säften war Teil der Kampagne gegen den Alkohol. Quelle: Reiter und Breger, Deutsches Gold, S. 300.
»unheilbare Alkoholiker« zu sterilisieren, um die Weitervererbung ihrer geschädigten Gene zu verhindern. Sein Vorschlag wurde mit großer Mehrheit abgelehnt,90 aber drei Jahrzehnte später, am 14. Juli 1933, wurde sein Traum Wirklichkeit. Das »Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« erlaubte die Zwangssterilisation von chronischen Alkoholikern und anderen, die als genetisch »minderwertig« betrachtet wurden. Rüdin, der nun Direktor des einflußreichen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Psychiatrie in München war, wirkte bei der Ausarbeitung dieses Gesetzes entscheidend mit. Die Folge war die »Unfruchtbarmachung« von ungefähr 350000-400000 deutschen Bürgern und Bürgerinnen. Erleichtert wurde diese Maßnahme durch die Forderung des Innenministers, wonach alle wegen Alkoholmißbrauchs behandelten Personen dem Reichsgesundheitsamt gemeldet werden müßten. Dort legte man ein Register der Betroffenen an.91 Tausende von Alkoholikern wurden sterilisiert. Erhebungen aus den Jahren 1934–1937 zeigen, daß fünf bis sechs Prozent der Männer, die in Übereinstimmung mit dem Sterilisationsgesetz unfruchtbar gemacht wurden, wegen ihrer Trinkge171
wohnheiten dazu gezwungen worden waren – Schwachsinn war bei weitem die größte Kategorie. Insgesamt wurden mehr Frauen als Männer sterilisiert, aber Alkoholismus war bei ihnen seltener die Begründung dafür.92 Betrachtet man die Anti-Alkohol-Kampagne als Ganzes, so scheint sie wenig dazu beigetragen zu haben, die Alkoholflut in NS-Deutschland entscheidend einzudämmen. Daß der Konsum zu Beginn der NS-Herrschaft gesunken war, erwies sich lediglich als Spätfolge des massiven wirtschaftlichen Einbruchs in Deutschland. Der Bierkonsum sank von 86 Litern pro Person im Jahr 1929 auf 59 Liter im Jahr 1936 – was ungefähr der halben Menge von 1913 entspricht. Dasselbe gilt für den Konsum von Spirituosen, der von 2,8 Litern pro Person im Jahr 1913 auf ungefähr die Hälfte im Jahr 1929 sank und 1933 nur noch 0,6 Liter betrug, danach stieg er langsam wieder auf das Niveau der späten Weimarer Jahre an.93 Die Rezession der frühen dreißiger Jahre verminderte den Alkoholkonsum: Sechs Millionen Frauen und Männer waren arbeitslos, als Hitler an die Macht kam, und Alkohol war zu einem fast unbezahlbaren Luxus geworden. Der Alkoholkonsum stieg im Laufe der dreißiger Jahre wieder an, weil die Wirtschaft sich erholte und weil die Menschen sich vielleicht vor dem nationalsozialistischen Terror in den Alkohol flüchteten. Die Deutschen kauften 1932 rund vierzig Millionen Liter Spirituosen, 1938 fast doppelt so viel. Die Weinproduktion stieg in den ersten fünf Jahren der NS-Herrschaft um fast 80 Prozent, und der Absatz von Sekt gar auf rund das Fünffache. Es wurde auch mehr Alkohol aus minderwertigen Ersatzstoffen wie Zellulose oder Karbid hergestellt, was 1937 20 Prozent aller produzierten Spirituosen ausmachte – offensichtlich wurde dadurch Deutschlands Alkohol-Monopolgesetz von 1922 verletzt, das für solche Produkte eine obere Grenze von 10 Prozent vorsah. Martin Gumpert zog 1940 den Schluß, daß die Deutschen sich selbst in einem Maß vergifteten, das man mit der Vergiftung der Chinesen durch Opium vergleichen könne: Alkohol sei das nationalsozialistische »Opium für Deutschland«.94 Warum sahen die Nationalsozialisten den Alkohol als eine Gefahr? Und warum versagten die nationalsozialistischen Bemühungen, den Alkoholismus zu bekämpfen und den Alkoholkonsum einzuschränken? Viele Zeitgenossen verstanden auch den Alkohol vor allem als wirtschaftliche Bedrohung. Die Nationalsozialisten fürchteten, Alkohol werde zu 172
einer Belastung für die deutschen Finanzen und die Produktivität. Da man sich zum Ziel gesetzt hatte, die deutsche Wirtschaft zu rationalisieren und zu militarisieren, wog diese Befürchtung schwer. Der preußische Gesundheitsminister Arthur Gütt wies 1937 daraufhin, daß die Deutschen jedes Jahr schwindelerregende 3,5 Milliarden Reichsmark für Alkohol und weitere 2,3 Milliarden für Tabak ausgaben: Die Gesamtsumme von 5,8 Milliarden RM machte 10 Prozent (!) des gesamten deutschen »Volkseinkommens« aus.95 Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti brachte dieselben Befürchtungen ein Jahr später vor, als die Ausgaben für Alkohol um eine weitere Milliarde Reichsmark gestiegen waren.96 Diese Zahlen stiegen in den ersten Kriegsjahren weiterhin an, da der deutsche Wohlstand – und vielleicht auch die psychische Belastung – zu weiterem Rauchen und Trinken führte. In vielen deutschen Städten wurde ein nicht unbedeutender Anteil des gesamten verfügbaren Einkommens für Bier, Wein und Spirituosen ausgegeben: fünf Prozent in Lübeck, sieben Prozent in Berlin und überragende dreizehn Prozent in München.97 Der Ernährungsspezialist Hugo O. Kleine wies in einem Buch aus dem Jahr 1940 darauf hin, daß die Deutschen abgesehen von Fleisch und Brot mehr Geld für Alkohol ausgaben als für jedes andere »Nahrungsmittel« (er setzte diese Anführungszeichen).98 Die führenden Nationalsozialisten machten sich auch Gedanken wegen der Kosten, die entstanden, wenn die Produkte aus dem Ackerbau für die Herstellung von Alkohol verwendet wurden, anstatt der Ernährung zu dienen. Im Jahr 1937 wurden beispielsweise für die Produktion von hochprozentigem Alkohol mehr als zwei Millionen Tonnen Kartoffeln, 60000 Tonnen Getreide und fast 60 Millionen Liter Obst verbraucht.99 Mit Bezug auf die vermeintlichen Vorteile der amerikanischen Prohibition argumentierten die nationalsozialistischen Ideologen, die landwirtschaftlichen Ressourcen könnten viel besser genutzt werden. Eine von zwei SS-Offizieren verfaßte Abhandlung über den Alkohol behauptete, aufgrund des amerikanischen Verbots hätten nicht nur die Geisteskrankheiten und die Gesamtsterblichkeit abgenommen, Arbeiter fehlten weniger am Arbeitsplatz, und es würden mehr Schuhe, Kleider und Lebensmittel wie Milch, Kaffee und Käse gekauft. Die Autoren zitierten die Ansicht des amerikanischen Stahlmagnaten H. S. Dulaney, wonach die Prohibition – »eines der bemerkenswertesten Kapitel in der Geschichte der Zivilisation« – die Lebensqualität seiner 173
300000 Arbeiter enorm verbessert habe. Auch Henry Ford wurde mit seiner Aussage zitiert, die Prohibition habe den Achtstundentag und die Fünftagewoche ermöglicht. Die SS-Abstinenzler machten für die Abschaffung der Prohibition die »skrupellose Propaganda von Alkohol-Kapitalisten« verantwortlich, aber sie wiesen auch auf die Anlaß zur Hoffnung gebende Tatsache hin, daß der Verkauf von Alkohol selbst nach dem Zusammenbruch des landesweiten Verbotes im Jahr 1933 in amerikanischen Bundesstaaten wie Alabama, Arkansas, Georgia, Idaho, Kansas und Mississippi weiterhin verboten war.100 Gesundheit war, kurz gesagt, nur eines von vielen Anliegen hinter der nationalsozialistischen Kampagne gegen den Alkohol. Man fürchtete nicht nur ein erhöhtes Krebsrisiko, die Schwächung der Arbeitskraft oder gar die Schädigung des deutschen »Erbgutes«; der Alkohol stellte auch eine symbolische Bedrohung für den nationalsozialistischen Staat und Volkskörper dar, ebenso wie für die Kultur und Zivilisation im allgemeinen. Zu diesem Zweck wurden auch rassistische Bilder herangezogen – wenn beispielsweise jüdische Produzenten von alkoholischen Getränken als »Schnapsjuden« angegriffen wurden –, das vorherrschende Thema war jedoch die Gleichsetzung des Alkohols mit der Degenerierung. Der faule, arbeitslose Trinker wurde als Gegenbild zum fleißigen Nationalsozialisten konstruiert, der träge dasitzende Säufer lief der »Mann-in-Bewegung«-Ethik des Nationalsozialismus zuwider (siehe Abb. 5.5). Der redselige Überschwang, den das Trinken auslöste, beleidigte vielleicht auch die damaligen spartanischen Empfindlichkeiten. Hitler selbst wies auf diese Zusammenhänge auf dem Nürnberger Parteitag von 1935 hin: Es gab Zeiten, sie liegen scheinbar weit zurück und sind uns fast unverständlich, da galt als das Ideal des deutschen Menschen der sogenannte bier- und trinkfeste Bursche. Heute, da sehen wir mit Freude nicht mehr den bier- und trinkfesten, sondern den wetterfesten jungen Mann, den harten jungen Mann. Denn nicht daraufkommt es an, wieviel Glas Bier er zu trinken vermag, sondern darauf, wieviel Schläge er aushalten, nicht darauf, wieviele Nächte er durchzubummeln vermag, sondern wieviel Kilometer er marschieren kann. Wir sehen heute nicht mehr im damaligen Bierspießer das Ideal des deutschen Volkes, sondern in Männern und Mädchen, die kerngesund, die straff sind.101 174
ABB. 5.5. Deutschlands wichtigste Anti-Tabak-Zeitschrift kontrastiert den sitzenden Säufer mit dem energischen NS-Mann der Tat. Quelle: Reine Luft 21 (1939), S. 13.
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Natürlich war der Nationalsozialismus nicht die einzige Bewegung gegen die Trunkenheit, aber er zeigte sich doch ziemlich intolerant gegenüber Menschen, die als faul oder asozial definiert wurden. Wenn man chronisch alkoholkrank, besonders, wenn man dazu noch obdachlos oder auf eine andere Art sozial auffällig war, konnte einen dies in ernsthafte Schwierigkeiten bringen. Nach 1939 liefen obdachlose Trinker, die als asozial gebrandmarkt wurden, Gefahr, in einer »Euthanasie«-Institution zu enden.102 Selbst vor dem Krieg aber konnte anstößiger Alkoholismus einen Menschen ins Konzentrationslager bringen, wenn er keine guten politischen Beziehungen hatte oder die Trunkenheit ihn an der Arbeit hinderte. Warum hatte die Kampagne keinen Erfolg? Die Kehrseite des ökonomischen Arguments war natürlich, daß der Alkohol dem Staat Einnahmen brachte. Allein im Jahr 1937 flössen der Staatskasse 840 Millionen RM aus Alkoholsteuern zu.103 Aber Alkohol war auch ein probates Mittel, um seine Sorgen zu ertränken. So manches Verbrechen wurde nach einem sinnlosen Besäufnis verübt (man erinnere sich an Gumperts Vergleich mit Opium). Viele Aufseher in Konzentrationslagern und Verantwortliche bei der »Euthanasie« waren notorische Trinker, vielleicht versuchten sie ihr Gewissen im Alkoholrausch zu beruhigen. Während des Krieges wurde Alkohol als Anreiz benutzt, um die Leistungen zu steigern, aber auch als Belohnung für diejenigen, die die »schmutzige Arbeit« bei der Vernichtung ausführten. Angehörige der SS erhielten Sonderrationen, aber dasselbe galt auch für in weniger mörderischen Bereichen Tätige.104 Am 1. Februar 1942 befahl Joseph Goebbels, daß Arbeiter in Fabriken, die auf Hochtouren liefen, eine besondere Ration Alkohol und Zigaretten erhalten sollten: »Ich verbiete deshalb in Berlin eine allgemeine Verteilung der zur Verfügung stehenden Alkoholmengen, dringe vielmehr darauf, daß diese dazu benutzt werden, besondere Leistungen in Fabriken durch Alkohol zu honorieren, wie ich überhaupt mehr und mehr auf ein Prämiensystem zusteuern möchte, in dem der, der etwas Besonderes leistet, auch besondere Vorteile für sich beanspruchen kann.« Zwei Wochen später verfügte er, daß 150000 Flaschen Schnaps an die Soldaten an der nördlichen Ostfront verteilt werden sollten, und er vertraute seinem Tagebuch an, daß die Berliner einfach ohne diesen Schnaps auskommen mußten.105 Es lassen sich interessante Schlüsse daraus ziehen, wie unterschiedlich die 176
Nationalsozialisten mit Alkohol und Tabak umgingen. Beide Drogen wurden als gesundheitsschädigend und als finanzielle Belastung betrachtet, trotzdem wurden sie unterschiedlich wahrgenommen. Alkohol war offensichtlich jene Droge, die größeren Schaden anrichtete, und die Rassenhygieniker hielten ihn viel eher für mutationsauslösend. Heute ist bekannt, daß Alkohol Entwicklungsstörungen beim heranwachsenden Fötus verursacht, aber es gibt keinerlei Hinweise auf einen mutagenen Effekt, bei dem Schäden über die Keimzellen auf künftige Generationen übertragen werden könnten. Das Sterilisationsgesetz von 1933 erlaubte die Unfruchtbarmachung von Alkoholikern, aber gegen Raucher wurden keine vergleichbaren Schritte unternommen. Trinker wurden bereits 1934 in Konzentrationslagern interniert, nicht aber Raucher (der Tabakentzug bei weiblichen Gefangenen wurde aber geprüft): Rauchen wurde als Gefahr für die Gesundheit angesehen, doch gegen die Raucher als solche wurden kaum harte Strafmaßnahmen getroffen. Die führenden Nationalsozialisten konnten sich nie so recht entscheiden, wie sie gegen den Alkohol vorgehen sollten. Bier gehörte seit langer Zeit zur deutschen Ernährung, und es war schwierig, sich vorzustellen, wie man den deutschen Arbeiter entwöhnen sollte. Die Alkoholgegner mühten sich, die Menschen davon zu überzeugen, daß Bier kein Nahrungsmittel war; der Ernährungswissenschaftler Wolfgang Kitzing dementierte den von »der Bierindustrie propagierten« Mythos, wonach Bier einfach »flüssiges Brot« sei.106 Die Aufhebung der amerikanischen Prohibition war ein häufiges Gesprächsthema, und die deutschen Alkoholgegner befürchteten, daß auch ihre Bewegung einen Rückschlag erleiden könnte. Führende Nationalsozialisten sorgten sich des öfteren darum, sie könnten wegen ihrer restriktiven Politik bei Alkohol und Tabak übertrieben »puritanisch« wirken: Ein Aufsatz über die »Gesundheitsführung der deutschen Jugend« wies daraufhin, daß gänzliche Verbote – »wie die Prohibitionsgesetze in Amerika« – im Kampf gegen den Alkohol mehr Schaden angerichtet als Nutzen gebracht hätten.107
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LEISTUNGSSTEIGERNDE NAHRUNGSMITTEL UND MEDIKAMENTE Nationalsozialistische Rassenkundler unterschieden zwischen sogenannter »negativer« und »positiver« Eugenik: Die »negative« Eugenik zielte darauf ab, die »Minderwertigen« zum Beispiel durch Sterilisation zu eliminieren, während die »positive« Eugenik die Fortpflanzung »wertvollen Lebens« fördern sollte – beispielsweise sollten gesunde Kinder mit finanziellen Prämien belohnt oder Gesetze verabschiedet werden, die Wissenschaftler zur Heirat verpflichten sollten. Eine ähnliche Unterscheidung zeigte sich bei der Ernährungspolitik. Jene Bemühungen, giftige Zusätze und gesundheitsschädigende Panschereien abzuschaffen, wurden bereits erwähnt, aber man war auch bestrebt, Lebensmittel mit optimalem Nährwert zu entwickeln – hochwertige Nahrungsmittel, die den »Übermenschen« stärken würden. Die Natur und das Natürliche waren deshalb nicht die einzigen Themen der nationalsozialistischen Ernährungspolitik. Ebenfalls große Bedeutung hatte das Kriterium »Leistung«; man stellte sich vor, die normale körperliche Leistungsfähigkeit könne durch verschiedene Mittel wie eine künstlich verbesserte Nahrung gesteigert werden. Viel Aufmerksamkeit wurde auf die Frage verwendet, wie verschiedene Nahrungsmittel und Medikamente die Kraft und Konzentration oder andere Aspekte der körperlichen und geistigen Leistungsfähigkeit steigern konnten. Zum Beispiel untersuchte man die Wirkung von Koffein, um herauszufinden, ob die geistige und körperliche Effizienz damit ohne gravierende Nebenwirkungen verbessert werden könne. Zudem gab es Untersuchungen, mit denen bestimmt werden sollte, ob das den nichtalkoholischen Getränken zugefügte Koffein für junge Menschen schädlich war oder nicht. Man war der Ansicht, daß nervöse Menschen es nicht besonders gut vertrugen, zudem wurde häufig gesagt, Koffein könne zu Gehörproblemen führen. In einem Handbuch der Hitler-Jugend wurde 1941 erklärt, daß Koffein zumindest für junge Menschen in jeder Form und Stärke ein Gift sei –108 Fritz Lickint erklärte Kaffee zum Karzinogen, aber Hermann Druckrey widersprach. Er wies daraufhin, daß die von Lickint untersuchten Kaffeebohnen bei übertrieben hoher Temperatur geröstet worden seien und dabei Teerstoffe und andere Kohlenstoffverbindungen entstanden seien, die beim normalen Prozeß der Kaffeeherstellung nicht auf178
treten würden.109 Koffeinfreier Kaffee war dann Ende der dreißiger Jahre überall erhältlich – und strikt kontrolliert.110 Umfassende Untersuchungen wurden auch über Pervitin, eines der beliebtesten Aufputschmittel der damaligen Zeit, durchgeführt.111 Pervitin wurde 1938 von einem Chemiker entdeckt, der im Pharmaunternehmen Temmler in Berlin arbeitete. Es wurde bald von jenen gefördert, die überzeugt waren, daß das Amphetamin – wie Koffein oder Adrenalin – die geistige Leistungsfähigkeit steigern konnte. Das neue Medikament half die Müdigkeit zu bekämpfen und konnte zudem die Wirkung von Betäubungsmitteln oder Alkohol mindern. Pervitin wurde benutzt, um Krebspatienten vor einer Operation aufzumuntern,112 und einige sagten, man könne sogar Menschen, die im Koma lägen, damit zu neuem Leben erwecken. Pervitin fand in der Psychiatrie und in Psychotherapien breite Anwendung, 1941 wurde allerdings, nach Berichten über weitverbreiteten Mißbrauch und chronische Abhängigkeit, die Rezeptpflicht für dieses Medikament eingeführt. Experimente in psychiatrischen Kliniken und in Konzentrationslagern ergaben, daß Pervitin Menschen länger als 24 Stunden lang wach halten konnte und sie danach in einen unruhigen Schlaf von bis zu 20 Stunden fielen.113 Die Begeisterung für die Droge nahm in den späteren Kriegsjahren ab, nachdem bekannt geworden war, daß sie eine hohes Suchtrisiko besaß und verschiedene unangenehme Nebenwirkungen mit sich brachte. Das Medikament konnte bestimmte Tätigkeiten zwar klar beschleunigen, aber es konnte auch die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigen,114 und der Konsum über längeren Zeitraum schien Persönlichkeitsstörungen ähnlich der Schizophrenie zu verursachen.115 Während es für den gelegentlichen Gebrauch offensichtlich von Nutzen sein konnte (zum Beispiel für Piloten auf langen Nachtflügen), konnte der ständige Konsum zu körperlichen Zusammenbrüchen führen. Koffein und Pervitin waren nicht die einzigen Medikamente, die die Psyche veränderten und an deren Entwicklung während des Krieges geforscht wurde. In Dachau gaben die Ärzte den Gefangenen Meskalin, um herauszufinden, ob sie so ihre Ansichten manipulieren konnten. Nachdem dies mit 30 Häftlingen geschehen war, war man sich allerdings einig, daß es auch unter Verabreichung von Meskalin in Höchstdosen unmöglich sei, jemandem seinen Willen aufzuzwingen wie unter Hypnose.116 179
Militärische Ziele standen im Mittelpunkt dieser Studien – beispielsweise gaben nationalsozialistische Wissenschaftler den Angehörigen der Sturmtruppen Testosteron, um zu testen, ob diese dadurch aggressiver wurden –, aber man interessierte sich auch unter dem Gesichtspunkt der Sucht bekämpfung für diese Drogen. Die Suchtforschung spielte während der NSHerrschaft eine sehr wichtige Rolle, ebenso wie die allgemeinere Frage, wie man illegale Drogen bekämpfen konnte. Die NS-Behörden griffen bei Kokain, Heroin und anderen illegalen Rauschgiften hart durch: Herausgehobene Vertreter der amerikanischen Drogenbekämpfungsbehörden lobten Mitte der dreißiger Jahre die deutschen Bemühungen auf diesem Gebiet als die besten weltweit. Illegale Drogen waren aber nicht das einzige Problem, wie das Reichsgesundheitsamt in einem Bericht von 1939 deutlich machte: Es warnte davor, daß Schlaftabletten in außerordentlich hohen Dosen konsumiert wurden – bis zu vierzig Stück pro Nacht bei einer verbreiteten Marke (Phanodorm). Es wurde immer offensichtlicher, daß sich Deutsche mit Schlaftabletten umbrachten – was dem Regime ohne Zweifel den Schlaf raubte.117 Auch gewöhnliche Nahrungsmittel wurden auf ihr leistungssteigerndes Potential hin untersucht. Eine Studie von 1942 zeigte, daß eine warme Mahlzeit »die Leistung« bei Frauen, die Nachtarbeit leisteten, »um 10 Prozent« steigern könne.118 In einer Untersuchung von 1941 wurde berichtet, daß für Arbeiter, die großer Hitze ausgesetzt waren, kohlenhydratreiche Nahrung am besten sei.119 Lösungen gegen Ermüdung und Erschöpfung standen im Zentrum des Interesses vieler solcher Untersuchungen: Versuche, die von Otto Ranke in den Jahren 1940 und 1941 durchgeführt wurden, zeigten zum Beispiel, daß eine proteinreiche Ernährung unter bestimmten Bedingungen die Müdigkeit vertreiben und die Leistungsfähigkeit bei der Arbeit steigern konnte.120 Man wollte mit diesen Forschungen auch herausfinden, wieviel Eiweiß ein erwachsener Mensch zu sich nehmen mußte, um die »volle Leistungsfähigkeit« aufrechtzuerhalten (laut einer Studie sollten dies 80 Gramm pro Tag sein). Auch die Kalorienzufuhr wurde untersucht: Ranke zeigte, daß eine Ernährung mit weniger als 2000 Kalorien pro Tag zu schrittweisem Gewichtsverlust führte, hauptsächlich weil der Körper die eigenen Fettreserven abbaute.121 Zunehmend wurde auch Aufmerksamkeit auf die Frage gerich180
tet, wie wenig Nahrung ein Mensch brauchte, um zu überleben oder unter unterschiedlichen Bedingungen zu arbeiten. Eine Studie von 1942 untersuchte den Kalorienbedarf von Männern und Frauen von unterschiedlichem Alter und unterschiedlicher Körpergröße und berichtete darüber, inwieweit sich die Ernährungsweise nach der Art der Beschäftigung und anderen Faktoren richten müsse. Der Autor stellte fest, daß Frauen durchschnittlich nur 90 Prozent dessen brauchten, was Männer benötigten, aber daß Kinder beiderlei Geschlechts fast genauso viele Nährstoffe brauchten wie erwachsene Männer. Berufe, bei denen man häufig stand oder ging, erforderten zusätzliche 10 Prozent, körperlich anstrengende Berufe (zum Beispiel Gießereiarbeiter, Zimmerleute oder Häftlinge in Arbeitslagern [!]) noch mehr, und Berufe mit extremer körperlicher Belastung (Schmiede, Arbeiter an Nietmaschinen, Bauarbeiter) am meisten Nährstoffzufuhr. Man erstellte für alle diese Gruppen genaue Berechnungen des täglichen Kalorienbedarfs unter verschiedenen Bedingungen.122 Eine Untersuchung von 1939 hatte gezeigt, daß Studenten, die bei der Ernte halfen, pro Tag durchschnittlich 3610 Kalorien verbrannten, während Landwirtschaftsarbeiter etwa 5700 Kalorien verbrauchten. Der höchste Verbrauch wurde bei Bergsteigern und Skifahrern festgestellt: Eine Analyse von 1944 stellte fest, daß Menschen beim Ausüben dieser Tätigkeiten bis zu 9000 oder 10000 Kalorien am Tag verbrannten. Weitere Studien wurden erstellt, um die Kälteresistenz in Abhängigkeit von der Kalorienzufuhr zu erforschen. Eine Reihe von Untersuchungen, die 1944 begonnen wurden, zeigten, daß die Widerstandsfähigkeit durch Proteinkonsum zu- und durch Fettkonsum abnahm. Diese zuletzt erwähnten Untersuchungen wurden nach dem Krieg mit Unterstützung der US-Militärbehörden fortgesetzt –123 aber wo die ursprünglichen Experimente durchgeführt worden waren, ob Häftlinge in Konzentrationslagern dazu mißbraucht wurden (die publizierten Berichte sagen wenig darüber aus), all das bleibt bei diesen Studien unklar. Auf diesem Gebiet muß noch intensiver geforscht werden, insbesondere sollte man der Frage nachgehen, ob solche Untersuchungen irgendwie mit dem Hungertod von Behinderten in den »Euthanasie«-Institutionen in Verbindung gestanden haben könnten. Die Anstrengungen, die deutsche Ernährung effizienter zu organisieren, stehen auch im Zusammenhang mit den Bemühungen, Ersatzprodukte für 181
die durch den Krieg knapp gewordenen Lebensmittel zu entwickeln. Synthetischer Honig und Margarine waren bereits während des Ersten Weltkriegs auf dem Markt, wie auf den ersten paar Seiten von Erich Maria Remarques berühmten Roman von 1929, Im Westen nichts Neues, deutlich wird. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Liste der synthetischen Lebensmittel stark erweitert. Mineralöle wurden zum Kochen, Fischproteine zum Backen verwendet, und Hefe wurde auf Holz gezüchtet. Man suchte nach Ersatzprodukten für Kaffee (Malzkaffee und ein Kaffee-Ersatz, den man aus Hafer herstellte), für Eiweißlieferanten (Sojabohnen waren beliebt) und für diverse tierische Fette und Öle (gehärtetes Walnußöl diente zum Beispiel als Ersatz für Schweineschmalz). Experimente sollten zeigen, ob Nährstoffe aus Obstkernen gewonnen werden konnten oder ob die Luzerne zur menschlichen Ernährung dienen konnte. Militärische, medizinische und ökonomische Notwendigkeiten spielten bei vielen dieser Fragen eine Rolle – beispielsweise als Artikel über die Frage zu erscheinen begannen, wie man wildwachsende Pflanzen identifizieren konnte, die sich für Kräutertees eigneten.124 Man ermutigte Kinder dazu, ihre Eltern aufzufordern, solchen »deutschen Tee« zu trinken. Der sei gut für die Gesundheit, für die deutsche Wirtschaft und für den Kriegseinsatz (siehe Abb. 5.6 und 5.7).125 Auch für die Produktion von künstlichen Fetten interessierte man sich besonders stark. Wissenschaftler in Otto Flössners Forschungslabor des Reichsgesundheitsamtes führten 1941 Versuche mit Menschen und Tieren über die synthetischen Fette durch, aber die Meinungen über den Geschmack und die Verdaulichkeit der entstandenen Substanzen gingen auseinander.126 Zudem gab es Versuche, mit denen man den Nährwert von Sojabohnenöl, Olivenöl, Kokosnußfett und Walöl vergleichen wollte (Deutschland hatte in den dreißiger Jahren die größte kommerzielle Walfangflotte der Welt). Die Forscher wußten aus Studien aus dem 19. Jahrhundert, daß etwa ein Drittel der Kalorien, die der durchschnittliche Deutsche zu sich nahm, durch Fette gedeckt wurde. Es gab Experimente, um zu bestimmen, wie gut der menschliche Körper einen höheren oder geringeren Fettanteil in der Nahrung vertrug. Eine Reihe unveröffentlichter Untersuchungen, die während des Krieges durchgeführt wurden, stellten fest, daß 50 bis 60 Prozent der Kalorien aus Fett stammen konnten, ohne daß die körperliche Leistungsfähigkeit dadurch vermindert wurde.127 182
Abb 5.6. Die Unterstützung für Heilkräuter und Naturheilverfahren war während der NS-Herrschaft groß; das Konzentrationslager Dachau wurde zu einem der weltweit führenden Produzenten von Heilkräutern und Gewürzen. Quelle: Der Stürmer 14 (1936), Sondernummer 4.
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ABB. 5.7. Kinder wurden dazu ermuntert, für »deutschen Tee« wildwachsende Pflanzen zu sammeln; die Volksgesundheit war dabei nur von nachgeordnetem Interesse – vielmehr verlangte die Kriegsplanung eine Senkung der Heilmittelkosten. Quelle: Reiter und Breger, Deutsches Gold, S. 282.
Einige Vorschläge, mit denen man noch das letzte Gramm eßbaren tierischen Fetts gewinnen wollte, waren ziemlich grausig. 1940 schlug der Direktor der Abteilung für Ernährungsphysiologie des Reichsgesundheitsamtes vor, man sollte sich um neue Verfahren bemühen, mit denen man die vierzig Millionen Kilogramm Blut des Schlachtviehs verwerten könnte, die jedes Jahr in Schlachthäusern weggekippt wurden. Der Ernährungsforscher berechnete, das vergeudete Blut habe einen Proteinwert, der demjenigen von 100000 Stück Vieh entspreche, von denen jedes 500 Kilogramm wiege.128 Noch heute gehen viele deutsche Kochgewohnheiten auf Bemühungen zurück, aus den Erzeugnissen noch das letzte irgendwie Verwertbare herauszu184
holen – man denke nur an die Blutwürste oder an die Mohnkuchen, die aus Krümeln gebacken werden –, aber die Deutschen der dreißiger und frühen vierziger Jahre scheinen diese Bemühungen auf die Spitze getrieben zu haben (hier sei auch an Upton Sinclairs Meinung über die Fleischkonservenhersteller in Chicago erinnert, die alle Teile des Schweins »mit Ausnahme des Quietschens« verwertet hätten). Aus derartigen Geschichten entstand wohl der Mythos, wonach die Nationalsozialisten Fett von ermordeten Juden für die Herstellung von Seife verwendet hätten. Viele andere persönliche Dinge wurden allerdings tatsächlich »wiederverwertet« – Goldfüllungen aus Zähnen, Brillen, Prothesen und sogar menschliches Haar – aber Fett gehörte offenbar nicht dazu.129 Die Studien, mit denen man die Leistungen steigern wollte, müssen als Teil einer umfassenderen Forderung nach Rationalisierung der Ressourcen betrachtet werden. Die Nationalsozialisten waren nicht die ersten, die solche Studien durchführten – die Royal Society of Londons Food Committee hatte in den zwanziger Jahren den Kalorienbedarf für verschiedene Berufe berechnet – ,130 aber die Deutschen trieben diesen Prozeß weiter als alle anderen – mit tödlichen Konsequenzen. Herbert Marcuse pflegte mit Nachdruck zu betonen, daß das, was im kleinen vernünftig ist, im großen die Unvernunft unterstützen kann; die Rationalisierung der deutschen Ernährung und Arbeit mag gewisse kurzfristige Gewinne hervorgebracht haben, aber die militaristische Unmenschlichkeit, die diese Elemente vereinte, ebnete den Weg zum Genozid. Ian Kershaw erinnert uns daran, daß die Straße nach Auschwitz mit Gleichgültigkeit gepflastert war; die Kurzsichtigkeit von Technokraten kommt einem umtriebigen Diktator gerade recht.
NAHRUNG ZUR KREBSBEKÄMPFUNG Der nationalsozialistische Kampf gegen den Krebs war im großen und ganzen eine auf Prävention ausgerichtete Kampagne, aber in vielen Bereichen wurden auch neue Behandlungsmethoden erforscht. Die Schulmedizin behandelte mit chirurgischen Eingriffen oder Bestrahlungen, doch auch Schwermetalle, zahlreiche Arten der Chemotherapie, Heliotherapie, Proteintherapie, Impfstofftherapie, Virustherapie sowie Therapien mit allen 185
möglichen Extrakten – von Misteln und Schierling über Kobragift bis zu chinesischem Rhabarber und Ameisensäure – waren anerkannte Heilmethoden.131 Bernhard Fischer-Wasels erforschte eine Therapieform auf der Basis von Uransalzen, während ein Dr. Flesch-Thebesius aus Frankfurt eine Methode mit Fruchtsaft-Injektionen prüfte. Wie man zeitgenössischen Quellen entnehmen kann, waren Ernährungstherapien in Deutschland außerordentlich beliebt – beliebter als alles andere.132 Die Mehrheit war der Ansicht, daß übermäßiges Essen die Bildung von Tumoren begünstige, während Hunger ihnen vorbeuge;133 aber auch zahlreiche andere Versionen wurden vorgetragen. Tausende von beliebten Büchern, Pamphleten und Artikeln priesen die Vorteile (oder nannten die Nachteile) von bestimmten Nahrungsmitteln oder darin enthaltener Bestandteile – alles, von Aluminium bis Zink. Wie bereits erwähnt, war es eine vieldiskutierte Befürchtung in den späten zwanziger Jahren, daß die Verwendung von Aluminiumpfannen und -geräten für die Zunahme der Krebsfälle verantwortlich sei.134 Die Ursache für Krebs wurde bei allen möglichen Lebensmitteln und Substanzen gesucht, bei Alkohol, Cholesterin, Eiern, Kaffee, Kalium, Kartoffeln, Kohlenhydraten, Milch, Protein, Schweinefett, Salz, Tee, Tomaten, Zucker und sogar beim Wasser. Man sagte, Krebs werde durch übermäßiges Essen hervorgerufen, durch Verstopfung, durch Nahrungsmittel, die zu salzig, zu scharf oder auf andere Weise zu stark gewürzt waren, durch scharfkantige oder ungleichmäßige Zähne, durch die Unfähigkeit des Körpers, Protein umzuwandeln oder durch Fäulnisgifte im Darm. Man glaubte, daß Tumore durch Obst, Milch, periodisches Fasten, rohe Lebensmittel, fleischarme oder kohlenhydratreiche Ernährung und zahllose andere kulinarische Variationen verhindert werden konnten – fast jedes Nahrungsmittel und jede Eßgewohnheit galt zum einen oder anderen Zeitpunkt als krebsfördernd oder krebshemmend. Die Krebsforscher verbrachten viel Zeit mit dem Versuch, bei diesen Diskussionen die Fakten von den Modeerscheinungen zu trennen. Selen wurde als krebsbekämpfender Wirkstoff getestet, ebenso Wismut, Kalzium, Jod, Magnesium, Kalium, Tellur und ein halbes Dutzend anderer Elemente. Die Wirkung auf Tumortransplantate wurde erforscht und die Wirksamkeit von verschiedenen Substanzen in der Beschleunigung oder Verzögerung des Krebswachstums, das von Kohlenteer und anderen Karzinogenen verursacht 186
wird, getestet.135 Nahrungsmittel wurden auf ihre Fähigkeit hin erforscht, einen Tumor zu »nähren« oder »auszuhungern«, ihn sauer oder basisch zu machen. Es wurden Therapien entwickelt, die das Wachstum von Tumoren verlangsamen sollten, indem ihnen Sauerstoff zugeführt oder entzogen wurde; andere Heilmethoden sollten den vom Krebs angegriffenen Körper stärken oder den durch Bestrahlung und Operation entstandenen Schäden entgegenwirken. Die Therapeuten versuchten das ganze zumeist mit der einen oder anderen biochemischen Theorie plausibel darzustellen: Man sagte vom Krebs, er sei eine Krankheit, die durch »Mangel« oder aber auch durch »Überfluß« entstehe, Krebs galt abwechselnd als Resultat lokaler Reizungen, Allergien, »chronischer Selbstvergiftung«, »erstickender Übersäuerung« oder »lokalen Sauerstoffmangels«. Er galt als Folge eines Zuwenig oder Zuviel von ungefähr allem, was man sich vorstellen kann.136 Einige der bekanntesten Theorien widersprachen einander. Alfred Neumann empfahl Kaffee und verbot Milch; Erwin Liek verbot Kaffee und empfahl Milch. Ferdinand Blumenthal vertrat die Meinung, daß eine eingeschränkte Ernährung das Tumorwachstum fördere, und Wilhelm Caspari vertrat das Gegenteil. Liek und andere empfahlen rohes Gemüse, aber Caspari verbot Spinat und Tomaten und warnte davor, daß rohe Nahrungsmittel wirkungslos oder sogar gefährlich seien.137 Fischer-Wasels schränkte die Kohlenhydrate ein, aber Hans Auler erlaubte Brot, Nudeln, Getreide, Malz und Zucker nach Belieben und zudem große Mengen von rohem Fleisch und Fett – besonders Butterfett.138 Auch verschiedene Experimente brachten keine Klarheit, oftmals verunsicherten sie zusätzlich. Die Schwierigkeit bestand darin, daß die Laborresultate je nach Art des Versuchstieres und je nach den Bedingungen, unter denen ein Wirkstoff getestet wurde (Dauer der Anwendung, Kombination mit anderen Stoffen etc.), stark variieren konnte. Manchmal starben Patienten sogar während der Experimente, so zum Beispiel bei einer Versuchsreihe, in der die Krebspatienten in kaltes Wasser getaucht wurden.139 Der Glaube an ihre Ideen muß bei diesen Medizinern oft beharrlich gewesen sein, aber die Schwierigkeiten beim Versuch, solche Fragen mittels Experimenten zu lösen, sollten auch nicht unterschätzt werden. Vitamintherapien gehörten zu den umstrittensten Behandlungsmethoden. Die Vitamine waren vor dem Ersten Weltkrieg im Zuge der Erfor187
schung von Mangelkrankheiten – wie Skorbut und Pellagra in der britischen Armee – entdeckt worden. Die Deutschen erkannten die Bedeutung der Vitamine nur langsam – Max Rubners einflußreiche Kalorienlehre, die um die Zeit des Ersten Weltkrieges populär war, richtete ihr Augenmerk nur auf den Kalorienbedarf des menschlichen Körpers und ignorierte den Wert von frischem Obst und Gemüse – ,140 aber in den dreißiger Jahren bestand über die Bedeutung der Vitamine allgemein ein Konsens. Man hielt die Vitamine für ungesättigte Fettsäuren, die in der Leber produziert würden. Dabei unterschied man fett- und wasserlösliche Arten (A- gegenüber B-Vitaminen zum Beispiel), und bei den Hauptvitaminen A, B, C, D und E wußte man von der Existenz verschiedener chemischer Varianten (B 1–B4 etc.). Es war bekannt, daß Vitamin C vor Skorbut schützte, Vitamin D (Eigensynthese durch den Körper mithilfe von Sonnenlicht) gegen Rachitis141 und B 1 gegen Beriberi. Man fand heraus, daß Unfruchtbarkeit durch Vitamin-EMangel entsteht (1927) und Pellagra durch Vitamin-B 2-Mangel (1925). Obst und Gemüse waren als besonders vitaminhaltig bekannt,142 aber es wurde auch deutlich, daß Vitamine durch Verarbeitung und Lagerung der Nahrungsmittel zerstört werden konnten.143 Es war sogar bekannt, wieviel man von einem bestimmten Vitamin brauchte, um eine besondere Krankheit zu heilen (beispielsweise nur 0,01 mg Vitamin D pro Tag bei Rachitis).144 Der Enthusiasmus bezüglich der Vitamine schien beinahe grenzenlos, wenn zum Beispiel in der ersten Ausgabe der neuen schweizerischen Zeitschrift für Vitaminforschung (1932) prophezeit wurde, die Zukunft der Medizin liege großteils in der Diätetik.145 Krebs war ein naheliegender Kandidat für Vitaminkuren: Eine Vielzahl anderer rätselhafter Krankheiten wurde ja mit Ernährungstherapien behandelt – warum nicht auch Krebs? Gesundheits- und medizinische Fachzeitschriften waren in den dreißiger Jahren voller Besprechungen über Vitamintherapien gegen Krebs.146 Die Hoffnungen auf schnelle Heilung wurden aber gebremst, als sich andeutete, daß vitaminreiche Nahrungsmittel scheinbar genausooft das Tumorwachstum anregten wie bremsten. Wilhelm Caspari vom Frankfurter Institut für experimentelle Therapie legte 1933 dar, daß Vitamin B und in einem geringeren Maß auch Vitamin A in Wirklichkeit das Wachstum von Tumoren förderten; die diesbezüglichen Eigenschaften von Vitamin C waren noch nicht einschätzbar, während Vitamin D 188
keine Auswirkungen der einen oder anderen Art zu haben schien.147 Caspari warnte davor, den Krebspatienten zuviel Vitamin B oder Kalium zu geben; den Patienten wurde davon abgeraten, Spinat, Grünkohl, Tomaten, Kalbsleber, Zunge, Kakao, Hülsenfrüchte, Eßkastanien, vitamin-B-reiche Suppen oder Tee (wegen des Kaliums) in zu großen Mengen zu sich zu nehmen. Er empfahl statt dessen eine kalzium- und magnesiumreiche Diät, die ungefähr derjenigen für Diabetiker entsprach.148 Der Verdacht, Vitamine könnten Karzinogene sein, war so stark, daß die Wissenschaftler des Instituts für Krebsforschung am Berliner Charite-Krankenhaus 1933 allen Ernstes die Meinung vertraten, die Krebssterblichkeit in den Monaten Juni–Juli und Oktober–November sei wegen der vermehrten Vitaminaufnahme in diesen Monaten so hoch. Wie viele andere zu dieser Zeit empfahlen die Autoren eine vitaminarme Ernährung für Krebspatienten.149 Problematischerweise kam auf jede Studie, die scheinbar einen Effekt ableiten konnte, eine andere, die deren Resultat nicht bestätigte. Vitamine waren offenbar für das Wachstum notwendig – aber das Wachstum von Krebstumoren war in dieser Hinsicht jeder anderen Art von Wachstum nicht unähnlich. Ebenso wie die Hormone sind die Vitamine für den Stoffwechsel unverzichtbar, dies gilt für gesundes wie für Krebsgewebe. Als Max Borst 1941 über den Stand der Krebsforschung berichtete, stellte er fest, daß weder Hormone noch Vitamine als Karzinogene oder Antikarzinogene betrachtet werden konnten. Beide waren zentral für die Körperfunktionen, aber keines von beiden schien viel Hoffnung als Heilmittel für Krebs zu bieten.150 Mit einer anderen vermeintlichen Heilmethode für Krebs, die damals in Mode war, verhielt es sich ähnlich: den Darmreinigungen. Angespornt durch die Beobachtung, daß es bei den Joghurt essenden Bulgaren einen erstaunlich hohen Anteil an hundertjährigen Menschen gab, hatte der russische Biologe Ilja Metschnikow diese Idee zu Beginn des Jahrhunderts verbreitet.151 Er stellte sich vor, daß sich im menschlichen Dickdarm manchmal hartnäckige, krebserregende Fäulnisbakterien ansammelten, denen man mit der passenden Diät entgegenwirken konnte. So, wie sie im Deutschland der zwanziger und dreißiger Jahre entwickelt wurde, besagte die Theorie, daß die Kolibakterien Giftstoffe absonderten, die Krebs und andere Erkrankungen des Verdauungstraktes verursachen konnten. Also verschrieb man den Magen- und Darmkrebspatienten Darmreinigungen, begleitet von Einläu189
fen und orthodoxen Behandlungsmethoden wie Bestrahlung und chirurgischen Eingriffen.152 Einer der glühendsten Vertreter der Theorie war Professor Alfred Nissle am Bakteriologischen Forschungsinstitut in Freiburg, der eine spezielle Krebsdiät entwickelte, um die »Dysbakterie« im Dickdarm zu bekämpfen. In den späten zwanziger Jahren brachte Nissle einen Speisezusatz namens »Mutaflor« auf den Markt. Es handelte sich dabei um einen Mistelextrakt, der in verschiedenen Formen verkauft wurde, um angebliche Störungen im Gleichgewicht der bakteriellen »Darmflora« wieder ins Lot zu bringen. Mutaflor war in der NS-Zeit sehr beliebt153 und wurde nicht nur bei der Behandlung von Krebs, sondern auch bei chronischer Arthrose, Krebserkrankungen der Haut und der Organe (unter dem Markennamen »Plenosol«) und vielen anderen Leiden angewandt.154 Hitler war ein begeisterter Anhänger dieser Methode und ließ seine Fäkalien regelmäßig auf krankheitserregende Bakterien hin untersuchen. Der SS-Ernährungsspezialist Ernst Schenck bemerkte indes nach dem Krieg, daß ungesunde Keime jeglicher Art im Stuhl des Führers sich bis zur Unkenntlichkeit verändert haben mußten, nachdem sie Hunderte von Kilometern weit transportiert worden waren, um im Labor analysiert zu werden. Stuhluntersuchungen wurden in der NS-Zeit häufig durchgeführt; es gibt mindestens ein Buch, das ausschließlich der Struktur und den chemischen Eigenschaften von menschlichen Fäkalien gewidmet ist.155 Es ist nicht möglich, alle Krebsdiäten auch nur zu erwähnen, die damals vorgeschlagen wurden, es gab Hunderte. Die Beliebtheit dieser Therapien – über die die Schulmediziner oft spotteten – verdankt sich wahrscheinlich zu einem nicht geringen Teil der Verzweiflung der Krebskranken. Die Bereitschaft, nach einem noch so dünnen Strohhalm zu greifen, blieb dieselbe, als die Nazis an die Macht kamen; und heute liegen die Dinge wohl nicht viel anders. DAS VERBOT VON BUTTERGELB Ich habe oben die in der NS-Zeit gebräuchliche Unterscheidung zwischen »negativer« und »positiver« Rassenhygiene erwähnt – erstere diente dazu, die Fortpflanzung der »Unwerten« einzudämmen, letztere sollte die Reproduktion der »Wertvollen« fördern. Es gab aber auch eine vorbeugende Rassen190
hygiene, die entwickelt wurde, um die menschliche Erbsubstanz vor einer Schädigung zu bewahren. Das Ziel dieser dritten Art von Rassenhygiene war, das menschliche genetische Erbe vor der Gefährdung durch Giftstoffe zu retten – Substanzen wie Alkohol, Strahlung und Tabak, aber auch Stoffe aus der Umwelt, die für die Erbgesundheit eine Bedrohung darstellten. Die NS-Kampagne gegen Karzinogene in der Umwelt kann als Teil der Bemühungen für eine präventive Rassenhygiene betrachtet werden. Eines der bedeutsameren Kapitel dieser Kampagne war das Verbot von 4-Dimethylamino-azobenzol, eines sehr häufig verwendeten Teerfarbstoffes, der unter dem gebräuchlicheren Namen »Buttergelb« bekannt war. Butter wurde seit dem 19. Jahrhundert gefärbt, vor allem weil man die tiefgoldene Farbe der »Junibutter« aus dem Rahm von Kühen nachahmen wollte, die mit frischem, süßem Frühlingsgras gefüttert worden waren. Butter und Margarine wurden entweder mit natürlichen Farbstoffen gefärbt – zum Beispiel mit einem Extrakt aus den Samen des Orleanbaumes aus dem tropischen Amerika –, oder mit Teerfarbstoffen, wobei das 4-Dimethylamino-azobenzol der meistverwendete war. In den USA waren die Teerfarbstoffe bis in die dreißiger Jahre in vielen Bundesstaaten nicht zugelassen, danach wurden sie erlaubt (viele wurden später, in den fünfziger und sechziger Jahren, in den gesamten Vereinigten Staaten wieder verboten). Deutschland war aber das Land, wo die meisten dieser Farbstoffe erstmals synthetisch hergestellt worden waren und wo die erste Massenkampagne angestrengt wurde, sie wegen ihrer krebserregenden Eigenschaften zu verbieten. Ironischerweise wurde das Krebsrisiko von Nahrungsmittelfarbstoffen aus der Gruppe der aromatischen Amine ungefähr zur gleichen Zeit entdeckt, als diese Farbstoffe in den USA zur Verwendung zugelassen wurden. Der erste Hinweis auf eine Gefahr kam Mitte der dreißiger Jahre aus Japan, als Tomizo Yoshida und andere japanische Wissenschaftler zeigten, daß sich bei Ratten, die mit dem Teerfarbstoff o-Amidoazotoluol (Scharlachrot) gefüttert wurden, Lebertumore entwickelten.156 Bei anderen Farbstoffen wurden ähnliche Eigenschaften festgestellt, die beunruhigendsten beim weitverbreiteten Buttergelb, von dem Riojun Kinosita aus Osaka 1937 zeigte, daß es bei Ratten, die dem Stoff zwei oder drei Monate lang ausgesetzt worden waren, Leberkrebs hervorrief.157 191
Deutsche Forscher bestätigten diese Ergebnisse kurze Zeit später, und sie zeigten zudem, daß der Prozeß der Krebsentstehung offenbar Zellkernveränderungen in den betroffenen Geweben mit sich brachte.138 Hermann Druckrey vom Berliner Pharmakologischen Institut stand an der Spitze dieser wissenschaftlichen Bemühungen, indem er zeigte, daß vieles davon abhing, wie sich ein bestimmter Farbstoff durch den Körper bewegte. Fettlösliche Substanzen tendierten dazu, sich im Fettgewebe nahe der Injektionsstelle zu konzentrieren, während wasserlösliche Substanzen wie Buttergelb dazu neigten, im Körper zu wandern. Tierversuche ergaben, daß es zudem wichtig war zu verstehen, wie sich diese Verbindungen im Körper aufspalteten: Azofarbstoffe werden zum Beispiel in der Leber zu Anilin reduziert, was die Entstehung von Leberkarzinomen erklärt.159 Nachfolgende Forschungen zeigten, daß Teerfarbstoffe auch andere Arten von Krebs verursachen können – zum Beispiel Blasen- oder Magenkrebs – und daß verschiedene chemische Varianten eines Farbstoffes verschiedene Arten von Tumoren auslösen.160 Im Juni 1939 gab der Internationale Kongreß für Krebsforschung die einstimmige Empfehlung ab, daß krebserregende Farbstoffe in Lebensmitteln verboten werden sollten.161 Für dreißig verschiedene Azofarbstoffe war zu diesem Zeitpunkt mittels Tierversuchen – teilweise durch Injektionen, teilweise durch Nahrungsaufnahme – bewiesen worden, daß sie Krebs verursachen.162 Diese Empfehlung kam Hans Reiter, dem Präsidenten des Reichsgesundheitsamtes, zu Ohren, der sie sehr ernst nahm. Im Herbst 1939, nach Gesprächen mit Druckrey und anderen, begann er mit den Vorbereitungen für ein neues deutsches Farbgesetz, das die aktuellen Ergebnisse der Krebsforschung berücksichtigen sollte.163 Reiter befand sich aber in einer schwierigen Situation. Buttergelb war nur einer von vielen Teerfarbstoffen, und die Chemiker der Lebensmittelindustrie führten laufend neue ein. Des weiteren ergab sich das Problem, wie man an die Öffentlichkeit treten sollte. Wenn mitten im Krieg die Farben plötzlich verschwänden, würden die Leute denken, so fürchtete Reiter, sie erhielten minderwertige Lebensmittel oder noch Schlimmeres. Das Gerücht eines Krebsrisikos begann in der Öffentlichkeit umzugehen: 1941 fragte eine Angehörige der Göttinger NS-Frauenschaft bei ihren Vorgesetzten an, warum krebserregende Substanzen in Butter und Margarine noch immer er192
laubt seien. Die Vorgesetzten bezweifelten, daß dies der Fall war, aber sie leiteten die Anfrage der Befehlskette entlang weiter hinauf, bis sie zur regionalen Führerin dieser NS-Organisation, der »Gaufrauenschaftsleiterin«, gelangte. Diese informierte Reiter, die Frauen seien wohl bereit, für den Krieg Opfer zu bringen – krebserregende Substanzen in der Nahrung zu dulden sei aber etwas anderes. Reiter versuchte die Frauenschaftsleiterin zu beruhigen, indem er ihr versicherte, daß das Problem untersucht werde und es keinen Grund zur Sorge gebe. Er bat auch darum, die Angelegenheit vertraulich zu behandeln, damit die Bevölkerung nicht beunruhigt werde.164 Der Präsident des Reichsgesundheitsamtes versuchte das Problem zu lösen, indem er sich privat mit verschiedenen Gruppen traf, die Teerfarbstoffe produzierten und vertrieben; er drängte sie dazu, die Verwendung von Lebensmittelfarbstoffen zu stoppen oder einzuschränken. Er brachte die einflußreiche Fachgruppe für Nährmittelindustrie zu der Einwilligung, die Farbstoffmenge in Puddingpulver um die Hälfte zu reduzieren und die Farbstoffe in anderen Nahrungsmitteln ganz wegzulassen. Die größte Gesellschaft für Gartenbauprodukte (Hauptvereinigung der deutschen Gartenbauwirtschaft) willigte ein, bestimmte Farbstoffe in Tomatenprodukten und Marmeladen einzuschränken und abzuklären, ob das »Grünen« von haltbar gemachtem Gemüse unterlassen werden könne (man vermied Kupfer beim Färben bereits, da es dazu neigte, die Konservenbüchsen zu zerfressen).165 Ein Handelskartell der Milchprodukte-Industrie wollte die Farbstoffe beibehalten, erklärte sich aber schließlich dazu bereit, der Butter weniger davon beizumengen.166 Reiter schrieb auch an die LG. Farben – den Produzenten von fast allen deutschen Lebensmittelfarbstoffen – und verlangte, daß das Unternehmen die Produktion von Buttergelb einstellte;167 die archivierten Dokumente und auch Nachkriegsberichte weisen darauf hin, daß die I. G. Farben sich der Anordnung fügte.168 Reiter wollte zu diesem Zeitpunkt erreichen, daß zumindest die Hälfte aller Farbstoffe aus den deutschen Nahrungsmitteln verschwanden, aber es ist fraglich, wie nahe er diesem Ziel kam. Wir wissen, daß seine Behörde in den Jahren 1940 und 1941 48000 RM – eine ziemlich beträchtliche Summe – für die Erforschung von möglichen Krebsrisiken bei Lebensmittelfarbstoffen investierte;169 wir wissen zudem, daß er sich weiterhin mit Produzenten von Brot, Zuckerwaren, Käse, Marzipan, Speiseeis und nichtalkoholischen Getränken 193
traf, um sie von der Verwendung von Farbstoffen abzubringen – oft erreichte er Zugeständnisse.170 Er traf sich mit Spirituosenherstellern und Restaurantbesitzern, und er diskutierte darüber, ob es den Hausfrauen erlaubt sein sollte, Farbstoffe für den Eigengebrauch zu kaufen. Er beantwortete sogar Anfragen des Militärs, das befürchtete, eine Reihe der von ihm verwendeten synthetischen Gewürze und Aromastoffe könnte krebserregend sein – besonders künstlicher Pfeffer (»Cinnamenylacrylsäurepiperidid«), aber auch künstlicher Nelkenpfeffer, Muskat, Zimt und Kardamom. Reiter ordnete an, daß synthetische Aromastoffe nur in winzigen Päckchen verkauft wurden, um einen übermäßigen Gebrauch zu verhindern; er verfügte außerdem Warnhinweise auf den Verpackungen, daß verdächtige Zutaten wie künstlicher Bittermandel-Geschmack nicht in unverdünnter Form angewendet werden sollten. Er empfahl, wann immer nur möglich natürliche Farbstoffe wie karamelisierten Zucker oder Honig zu verwenden, und er bat das Hauptamt für Volksgesundheit der NSDAP um Hilfe bei seinen Bemühungen, die synthetischen Farbstoffe durch solche aus pflanzlichen Farben wie Karotinöl zu ersetzen. Es sei in dieser Zeit des »totalen Krieges« wichtig, sagte er, daß die Menschen davon überzeugt seien, ihre Nahrungsmittelversorgung sei gesichert.171 Reiter war indes vom Fortgang der Kampagne für ein Verbot der Farbstoffe sichtlich enttäuscht. Die Forschung erlitt im Juni 1943 einen Rückschlag, als die Laboratorien für Tierversuche des Reichsgesundheitsamtes durch Bomben der Alliierten zerstört wurden.172 Im November 1944 ersuchte Reiter den Generalbevollmächtigten für die totale Kriegsmobilisierung um ein Verbot für alle Lebensmittelfarbstoffe; die deutschen Fabriken produzierten jährlich immer noch mehr als 300 Tonnen Lebensmittelfarben – genug, um einen ganzen Güterzug damit zu füllen –, und Reiter argumentierte, daß ein Verbot von militärischem Nutzen sei, da die Chemikalien und Laboratorien, die durch ein solches Verbot verfügbar würden, für kriegswichtigere Zwecke verwendet werden könnten. Reiter wußte aber auch, daß die ganze Frage der Lebensmittelfarben gegenüber dringenderen Problemen – wie Hunger – an Gewicht verlor, besonders da viele in Frage kommende Produkte (beispielsweise gefärbte Krabbensuppe oder Tomatensauce) gar nicht mehr in irgendeiner Form erhältlich waren – ob gefärbt oder nicht. Einige der führenden Nationalsozialisten hatten zu diesem Zeitpunkt die Sache bereits selbst in die Hand genommen: Der Reichsstatthalter für 194
den Gau Ober-Donau hatte im Dezember 1941 ein Verbot für Buttergelb erlassen; Württembergs Innenminister verteidigte solche Verbote mit dem Hinweis darauf, sie würden helfen, den Krieg zu gewinnen.173 Von einflußreichen Ärzten wurden die Proteste gegen die Verwendung von Lebensmittelfarben während des ganzen Krieges fortgesetzt. Johannes Kretz publizierte 1944 einen heftigen Angriff gegen die deutsche Lebensmittelfarben-Politik, er protestierte dagegen, daß trotz des zweifellos belegten Krebsrisikos sehr wenig unternommen worden war, ihren Gebrauch zu verringern. Kretz vertrat die Ansicht, es sei besser, ganz sicher zu gehen und die Verwendung von Azofarbstoffen vollständig zu verbieten –, da einige Menschen besonders empfindlich waren und sogar die kleinste Dosis Krebs auslösen konnte.174 Karl Heinrich Bauer verglich im selben Jahr die fortgesetzte Verwendung von Buttergelb mit einem Massenexperiment: Da die immer wieder gemachten Einwände, daß Nahrungsmittelchemiker oder sonstige Prüfer »nichts Schädliches von den betr. Substanzen gesehen« hätten, heute, nachdem es 30 Jahre Krebsforschung gibt, nicht mehr stichhaltig sind, kommt es ja bei solchen Experimenten ausschlaggebend darauf an, daß die Versuche von vornherein auf den cancerogenen Nachweis ausgerichtet sind oder nicht. Auch von den Röntgenstrahlen, vom Anilin, vom Scharlachrot und vielem anderen hat man ja zunächst angenommen, daß sie völlig harmlos seien, bis erst das Massenexperiment am Berufskrebs des Menschen nach langen Latenzzeiten die cancerogene Wirkung sichergestellt hat. Heil Hitler! K. H. Bauer.175 Bauers Feststellungen zeigen, daß einflußreiche deutsche Ärzte für die Gefahren durch Versuche mit Menschen, durch »Massenexperimente«, sensibel waren, aber sie zeigen auch die Bereitschaft der Ärzte, gegen den Verkauf von Karzinogenen an höchster Stelle im nationalsozialistischen Gesundheitsapparat Protest einzulegen – in diesem Fall bei Paul Rostock, der rechten Hand von Karl Brandt und einem Mann, der nach dem Krieg angeklagt wurde, weil er bei der Organisation der mörderischen Menschenversuche in den Konzentrationslagern mitgewirkt hatte. Das Bemerkenswerteste an dieser Kampagne gegen das Färben von Butter ist wiederum, daß namhafte NS-Ärzte sich als verpflichtet betrachteten, ge195
gen die lebensbedrohlichen Zusätze in der deutschen Nahrung zu kämpfen. Die Kampagne gegen Teerfarbstoffe ist nur ein Beispiel: Bleibeschichtete Zahnpastatuben wurden 50 Jahre vor einer ähnlichen Maßnahme in den USA verboten, und 1937 verbot Hans Reiter das Aufhellen von Mehl. Man bemühte sich, die Wasserqualität zu verbessern176 und die Verwendung von künstlichen Süßstoffen wie Saccharin einzuschränken (einige sagten, es sei krebserregend!).177 Gegen Ende der dreißiger Jahre gab es nur wenige Nationen, die sich dieser Risiken so sehr bewußt und auch bereit dazu waren, die Gefahren in der Nahrung, der Luft und im Wasser des gesunden Bürgers zu beseitigen. IDEOLOGIE UND REALITÄT
Es ist schwierig, die Gesamtwirkung der nationalsozialistischen Ernährungsreformen zu beurteilen, die Prahlereien von den Fakten zu trennen, Ideologie und Realität zu unterscheiden. Es gibt mögliche Verzerrungen, die man berücksichtigen muß: Der wissenschaftlichen Literatur der NS-Zeit kann man nicht immer trauen, da sie oft vom Wunsch geprägt ist, das Vorteilhafte hervorzuheben und Nachteiliges zu verschweigen. Sogar den negativen Darstellungen kann man nicht immer trauen, da apokalyptische Prognosen ein wichtiges Element in der nationalsozialistischen Rhetorik darstellten, vor wie nach 1933 – sie waren Teil der nationalsozialistischen »Revolution«. Es gibt auch Verzerrungen in den Darstellungen von Emigranten wie Martin Gumpert, der das vermutlich übertrieben pessimistische Bild eines sich verschlechternden Gesundheitszustandes der Deutschen, von zunehmender Unterernährung und einem korrumpierten geistigen Leben im »Tausendjährigen Reich« noch vor 1940 zeichnete.178 Etwas dürfen wir aber nie vergessen: Die nationalsozialistischen Ernährungsreformen haben eine düstere, unheilvolle Seite, da sie von Bestrebungen begleitet waren, »unnütze Esser« aus der deutschen Gesellschaft zu eliminieren. Hitler erklärte zu Beginn des Krieges, »daß die Ernährungswirtschaft es nicht erlaube, unheilbar Kranke durch den Krieg zu schleppen ...«179 – und er implizierte damit, es müsse etwas unternommen werden, damit diese aufhören würden zu essen. Noch vor Beginn der »aktiven 196
Euthanasie« wurden die Patienten in psychiatrischen Kliniken auf eine Diät gesetzt, bei der sie fast verhungerten: Die Patienten in der Anstalt Eichberg bei Wiesbaden lebten hauptsächlich von (und starben an) Wurzelgemüse.180 Die Nahrung wurde zu einem politischen Druckmittel, das einige zum Hungertod verdammte und andere am Leben und glücklich erhielt. Bayerns Verordnung vom November 1942 zu Ernährung und Hunger macht dies deutlich: Darin wurde verfügt, daß Patienten, die nützliche Arbeit leisten konnten, größere Rationen erhielten. Niemand weiß genau, wie viele Menschen man absichtlich verhungern ließ; die Gesamtzahl der Opfer dieser »Euthanasie« (von denen ein großer Teil verhungerte) beträgt etwa 200000 Menschen.181 Es gibt aber auch Hinweise darauf, daß sich die Versorgungssituation bei bestimmten Lebensmitteln auch für die große Mehrheit der gewöhnlichen Deutschen außerhalb der »Euthanasie«-Institutionen verschlechterte. Martin Gumpert hatte 1940 in seinem Buch Heil Hunger! festgestellt, daß die Kindersterblichkeit 1937 in Deutschland um 40 Prozent höher lag als in den Niederlanden. Viele Krankheiten häuften sich, darunter Rachitis und Ruhr, die anerkanntermaßen mit Fehlernährung und verdorbenen Nahrungsmitteln in Zusammenhang stehen. Gumpert argumentierte, daß die Ursache für die Zunahme dieser Krankheiten in der Lagerung der Nahrungsmittel für den Kriegsfall zu suchen sei; die gelagerten Vorräte wurden, kurz bevor sie verdarben, verkauft und der Markt mit minderwertigen Lebensmitteln überschwemmt. Sein Fazit war: Hitlers Gesundheitsprogramm sei ein »Verbrechen an der Gesundheit von achtzig Millionen Menschen im Herzen Europas, ein Verbrechen gegen die menschliche Zivilisation«. Er prophezeite, daß die nationalsozialistische Maschinerie wahrscheinlich noch eine Zeitlang unter Druck hohe Leistungen erbringen, eines Tages aber nur noch »ein Haufen Schrott« sein werde.182 Gumpert konnte zwar nichts über den Einfluß des Krieges aussagen, aber einige seiner Prognosen scheinen sich bewahrheitet zu haben. Die Vorratswirtschaft begann am 28. August 1939, vier Tage vor dem Überfall auf Polen.183 Die Produktpalette an Nahrungsmitteln wurde geschmälert – eine »Einheitsmargarine« ersetzte zum Beispiel die drei verschiedenen Buttersubstitute, die zuvor erhältlich gewesen waren –, und Juden erhielten nur einen Bruchteil der Nahrungsmittel, die an Nichtjuden abgegeben wurden. Die 197
Lebensmittelrationen wurden im Lauf des Kriegs auch für die »achtbaren« Deutschen mehrmals gekürzt. Nach einer Kürzung der Rationen im März 1942 stellte eine von Heydrichs Sicherheitsdienst durchgeführte Meinungsumfrage fest, daß keine andere Maßnahme seit Kriegsbeginn der öffentlichen Loyalität einen derartigen Schlag versetzt hatte.184 Wir werden wahrscheinlich nie erfahren, welche Auswirkungen die nationalsozialistische Ernährungs- und Sozialpolitik auf die deutschen Krebsraten hatte. Der britische Epidemiologe George Davey Smith vertritt die Ansicht, die NS-Kampagne für gesunde Ernährung habe »keine erkennbaren längerfristigen Auswirkungen« auf die Gesundheit und das Wohlbefinden der Deutschen gehabt; er vermutet sogar, daß der Gesamteffekt negativ gewesen sein könnte, wenn man in Betracht zieht, daß nach dem Krieg, in den fünfziger Jahren, eine regelrechte »Freßwelle« folgte. Die Deutschen scheinen die Entbehrungen der Kriegszeit in den nachfolgenden Jahrzehnten mit einer Schlemmerei bis zu massivem Übergewicht (und durch Rauchen) kompensiert zu haben. Die deutschen Mortalitätsraten weisen heute ungefähr dasselbe Schema wie andere Länder auf, in denen zuviel gegessen und geraucht wird,185 allerdings mit einigen bedeutsamen Ausnahmen, auf die ich im Schlußkapitel eingehen werde. In der Nachkriegszeit sanken die Diabetesraten, denn Zucker war nicht ohne weiteres erhältlich; die Sterblichkeitsraten verschiedener anderer Krankheiten waren gleichfalls rückläufig. Veränderungen bezüglich Krebs sind aber viel schwieriger auszumachen. Magenkrebs nahm überall in Europa und Amerika ab, dieses Phänomen steht vermutlich in keinerlei Beziehung zur Gesundheits- und Ernährungspolitik im NS-Staat. Rückläufige Magenkrebsraten sind wahrscheinlich auf den zunehmenden Konsum von frischem Obst und Gemüse zurückzuführen. Zu einem großen Teil ist dies dem verbesserten Transportnetz zu verdanken – besseren Straßen und Autobahnen, aber auch der Entwicklung von Kühllastwagen und -zügen. Die asketischen Ideale der dreißiger und vierziger Jahre sind nicht untergegangen, doch sie stehen nicht mehr mit den rechtsradikalen Impulsen in Beziehung, die wir mit dem mörderischen Antisemitismus assoziieren – zumindest nicht mehr so stark. Bewegungen können aus dem sie unterstützenden ideologischen Kontext losgelöst werden – wie wichtig dieser Kontext zu einem bestimmten Zeitpunkt der Geschichte für sie auch gewesen sein mag. 198
KAPITEL 6
DIE KAMPAGNE GEGEN DEN TABAK So viele hervorragende Männer sind mir an der Tabakvergiftung verlorengegangen. Adolf Hitler, 1942 Die » Tabakdämmerung« hat begonnen. Wolfgang Klarner in seiner medizinischen Dissertation von 1940
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issenschaftshistoriker neigen dazu, die fünfziger Jahre als eine Art Stunde Null der Tabak- und Gesundheitsforschung zu betrachten. Vor allem als Antwort auf die Frage, wann das Lungenkrebsrisiko erstmals anerkannt worden sei, werden zumeist die fünfziger Jahre genannt. In einer Rezension des Buches Ashes to Ashes von Richard Kluger bemerkte Daniel J. Kevles 1996, es habe für Gesundheitsschäden durch das Rauchen lange kaum Beweise gegeben, diese seien zudem immer »eng an moralische Urteile« gekoppelt gewesen: »Erst ab 1950 erschienen in den Vereinigten Staaten und in England Untersuchungen, die klar zeigten, daß Zigaretten Lungenkrebs verursachen können.«2 Waren es aber tatsächlich die Amerikaner und die Engländer, die als erste den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs bewiesen? Die erstaunliche Wahrheit ist, daß man diese Beziehung ursprünglich im nationalsozialistischen Deutschland erkannt hatte. Die deutsche Forschung zu den Gefahren des Tabakkonsums war tatsächlich eine Zeitlang weltweit die fortschrittlichste ihrer Art, so wie die Deutschen auch auf zahlreichen anderen Gebieten des Kampfes gegen das Rauchen führend waren. Die nationalsozialistische Ärzteelite unterstützte größtenteils die Erforschung der Gefahren des Tabaks. Tatsächlich wurde in Deutschland in den späten dreißiger Jahren erstmals auf breiter Basis von der medizinischen Forschung anerkannt, daß Tabak süchtig macht und Rauchen Lungenkrebs verursacht. Ich werde zeigen, daß die Beachtung dieser Zusammenhänge vom dama199
ligen politischen Klima in Deutschland gefördert wurde, das die Vorteile der Rassenhygiene und der körperlichen Reinheit hervorhob. Tabak galt in der nationalsozialistischen Weltanschauung als Gift für das Erbgut und Ursache für Unfruchtbarkeit, Krebs und Herzinfarkt, als finanzielle Belastung für die Nation und Gefahr für die »Volksgesundheit«. Das NS-Regime führte eine ehrgeizige Kampagne gegen das Rauchen, die ausgedehnte öffentliche Gesundheitserziehung sowie Werbe- und Rauchverbote in zahlreichen öffentlichen Räumen beinhaltete (siehe Abb. 6.1 und 6.2). Der aggressive Kampf gegen das Rauchen stand in enger Beziehung mit dem allgemeineren Schwerpunkt, den das Regime auf die von Ärzten gelenkte »Gesundheitsführung« legte. Diese umfaßte sowohl präventive Gesundheitsmaßnahmen als auch die sogenannte »Gesundheitspflicht« – das Gemeinwohl sollte in puncto Gesundheit Vorrang vor den individuellen Freiheiten haben. Vielleicht am meisten irritiert uns an der nationalsozialistischen Kampagne gegen das Rauchen das eher kompromittierende Licht, das sie auf das damalige Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik wirft. Man kann sich hier nicht länger auf die vertraute Interpretation berufen, wonach die Wissenschaft unterdrückt worden sei oder sich nur widerwillig den politischen Idealen angepaßt habe. Wissenschaft und Politik waren – zumindest in den hier behandelten Aspekten – ein quasi symbiotisches, sich gegenseitig unterstützendes Verhältnis eingegangen. Der Kampf der Nationalsozialisten gegen den Tabak beweist, daß auch eine Wissenschaft, die viele Menschen als »verantwortungsbewußt« bezeichnen würden, im Namen von antidemokratischen Idealen betrieben werden kann. Aus diesem Grund genügt es nicht zu behaupten, die damalige Wissenschaft sei unterdrückt worden und habe nur gerade so überleben können, sondern man muß analysieren, wie die diktatorischen Ideale jener Zeit die Wissenschaft und die Gesundheitspolitik inspirierten und leiteten.
FRÜHER WIDERSTAND Die Kritik am Tabak wurde nicht erst im 20. Jahrhundert laut. Bereits im frühen 17. Jahrhundert gab es in Deutschland Widerstand gegen das Tabakrauchen, -kauen und -schnupfen. Damals wurde der Tabak von holländischen und englischen Soldaten, die im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) 200
ABB. 6.1. Die NSDAP verbot das Rauchen an vielen öffentlichen Plätzen sowie in den Parteibüros und Diensträumen. Man beachte das Gesicht mit den afrikanischen Zügen auf der Zigarre; die nationalsozialistischen Tabakgegner versuchten, das Rauchen als ein Laster der Schwarzen hinzustellen. Quelle: Auf der Wacht 58 (1941), S. 24.
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ABB. 6.2. Titelblatt der Hitler-Jugend-Propagandaschrift Du hast die Pflicht, gesund zu sein!, Bd. 1, Nikotin und Alkohol, hrsg. von der Reichsjugendführung (Berlin: o. V., o.J.). Mit Dank an Charles Rosenberg. 202
kämpften, nach Deutschland gebracht. Der erste belegte Versuch eines elsässischen Bauern im Jahr 1620, in Deutschland Tabak anzupflanzen, stieß auf den Widerstand des Straßburger Stadtrates. Dieser befürchtete, der Tabakanbau könnte die Produktion von wertvolleren Gütern, wie beispielsweise des Getreides, beeinträchtigen. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts war der Tabakanbau in vielen Gebieten Deutschlands verbreitet, trotzdem gab es Städte, die gegenüber dem neuen Kraut recht mißtrauisch blieben. Im späten 17. Jahrhundert wurden in Bayern, Kursachsen und einigen österreichischen Gebieten Rauchverbote erlassen. 1723 wurde das Rauchen in Berlin verboten, 1742 in Königsberg und 1744 in Stettin.3 Übertrat man dieses Verbot, wurde man hart bestraft. Im Jahr 1691 drohte beispielsweise Personen in Lüneburg, die beim Tabakrauchen oder, wie man sagte, »Tabaktrinken« innerhalb der Stadtmauern angetroffen wurden, die Todesstrafe. Andernorts zog die Übertretung der Tabakgesetze Geldstrafen nach sich (zum Beispiel 50 Gulden in Köln), oder auch Verhaftung, körperliche Züchtigung, Verbannung, Zwangsarbeit, oder es wurde dem Gesetzesbrecher ein Zeichen eingebrannt.4 Viele solcher Verordnungen blieben – allerdings mit geringeren Strafen – in Deutschland bis zur Revolution von 1848 in Kraft, danach wurden die meisten aufgehoben. Die nationalsozialistischen Vordenker instrumentalisierten diesen Zusammenhang später für ihre Behauptung, der Liberalismus habe verderbliche Laster wie Alkohol und Tabak gefördert, und deuteten an, daß Staaten mit absolutistischer Herrschaft diese Entwicklungen vernünftiger angegangen seien. Es ist aus heutiger Sicht nicht mehr klar erkennbar, welche Absichten hinter diesen Verboten standen, wobei die Gesundheit offensichtlich nur eines von mehreren Motiven war. Der Erzbischof von Köln beklagte sich beispielsweise im Jahr 1649, das Rauchen verderbe die Jugend und verursache Brände. Auch hinter dem 1764 von Friedrich dem Großen in Preußen ausgesprochenen öffentlichen Rauchverbot stand die Angst vor Bränden. Goethe äußerte sich 1806 verächtlich über das Rauchen, da es meist zusammen mit Trunksucht auftrete, den Geist verderbe und eine finanzielle Last für die deutsche Nation bedeute, die jährlich mit 25 Millionen Talern zu Buche schlage. Auch Arthur Schopenhauer äußerte sich abfällig über das Rauchen, es sei ein Ersatz für das Denken, und Immanuel Kant bezeichnete Tabak als eine Plage, die zur Gewohnheit werde und besonders für Kinder gefährlich sei.5 203
Die Tabakgegner organisierten sich in Deutschland erstmals im Jahr 1904 im kurzlebigen Deutschen Tabakgegnerverein zum Schütze der Nichtraucher; diesem Zusammenschluß folgten 1910 der Bund Deutscher Tabakgegner im böhmischen Trautenau und ähnliche Vereine in Hannover und Dresden, die beide im Jahr 1912 gegründet wurden. Als die Tschechoslowakei nach dem Ersten Weltkrieg staatliche Souveränität erlangte, entstand in Prag 1920 ein Bund Deutscher Tabakgegner für die Tschechoslowakei. Im selben Jahr wurde in Graz ein Bund Deutscher Tabakgegner für »Deutschösterreich« gegründet. Die böhmische Organisation gab die erste deutschsprachige Fachzeitschrift gegen das Rauchen unter dem Titel Der Tabakgegner heraus (1912-1932). Der Dresdener Bund Deutscher Tabakgegner gründete eine zweite Zeitschrift, den Deutschen Tabakgegner (1919–1935).6 Der Dresdener Verein erwies sich als der langlebigste der drei Zusammenschlüsse. Die Stadt war Deutschlands wichtigstes Zentrum der Tabakherstellung, dort hatte auch die erste Zigarettenfabrik des Landes ihren Sitz: Die Firma Laferme war 1862 gegründet worden und befand sich in russischem Besitz. Man beschäftigte sechs Frauen, die Zigaretten rollten, und einen Mann, der den Tabak schnitt. Dresden hatte zudem eine der höchsten Lungenkrebsraten in Deutschland – nur Chemnitz wies höhere Zahlen auf – und es war zugleich die Heimatstadt eines der mächtigsten Kritiker der Tabakindustrie: Fritz Lickint (1898-1960), der uns noch begegnen wird. Interessant an diesen frühen Anti-Tabak-Organisationen ist die Tatsache, daß der Kampf gegen den Tabak oft Hand in Hand ging mit dem Kampf gegen den Alkohol. Die Situation ist mit jener in den Vereinigten Staaten zu vergleichen, wo die »Temperance«-Bewegung nicht nur gegen den Alkohol vorgehen wollte, sondern auch gegen andere Laster wie Faulheit, Glücksspiel und Fluchen.7 Die Gründer der Dresdener Organisation setzten sich fast ausnahmslos für die Abstinenz ein, genauso wie die Hamburger Vereinigung, deren Name Alkohol- und Tabakgegnerverein bereits auf die Verbindung der beiden Bewegungen hinwies. Eine Prohibition im amerikanischen Stil wurde von vielen Rassenhygienikern aus der Sorge heraus befürwortet, daß Rauchen und Trinken das deutsche Erbgut schädigen könnten. Deutschlands Anti-Alkohol-Kampagne blieb für die Anti-Tabak-Bewegung der NS-Zeit immer von Bedeutung.8 204
DIE ENTDECKUNG DES ZUSAMMENHANGS Als sich eine breit abgestützte Bewegung gegen das Rauchen formierte, wurden auch innerhalb der Medizin Stimmen immer lauter, die Kritik am Tabak übten. Der Militärarzt E. Beck beschrieb die schädlichen Wirkungen des Tabaks, die er während seines Dienstes an der Front im Ersten Weltkrieg beobachtet hatte, und J. E Lehmanns antisemitische Münchener medizinische Wochenschrift publizierte 1921 einen Aufruf »An die Deutsche Ärzteschaft«: Sie solle das Rauchen bekämpfen, weil es dem Körper schade und die verarmte deutsche Nation finanziell belaste.9 Edgar Bejach, der 1927 in seiner medizinischen Dissertation einen Überblick über die deutschen Initiativen gegen das Rauchen gab, forderte Rauchverbote in Zügen, Passagierschiffen und öffentlichen Warteräumen, und er verlangte, daß die Krankenkassen die Gefahren des Tabaks öffentlich bekanntmachten.10 Louis Lewin, ein sehr produktiver Professor der Pharmazeutik an der Universität Berlin, stellte die These auf, daß das Rauchen die Fortpflanzungsorgane der Frauen zu stark stimuliere und so ihre Fähigkeit, gesunde Kinder zu gebären, beeinträchtige. Er forderte die Frauen auf, eine andere Flamme zu hegen, nämlich das Feuer, das Haus und Herd wärme.1’ Robert Hofstätter, der frauenfeindliche Wiener Gynäkologe, schrieb in seinem Buch Die rauchende Frau von 1924 Dutzende von Frauenkrankheiten – darunter auch Menstruationskrämpfe, Gebärmutterschwund und Fehlfunktionen der Eierstöcke – den Wirkungen des teuflischen Krautes zu und forderte, daß Tabakfelder in Obst- und Gemüsegärten umgewandelt werden sollten.12 Manchmal wurde das Rauchen auch als ein Auslöser für Hysterie herangezogen, obwohl der berühmte Wiener Chirurg Theodor Billroth den Tabakgenuß eher als Antwort auf die Nervosität verstand, die das hektische Tempo des modernen Lebens mit sich brachte.13 Viele dieser Themen fanden Eingang in die nationalsozialistische Rhetorik gegen das Rauchen. Rassenhygieniker wandten sich dagegen, weil sie befürchteten, das Erbgut der Deutschen könnte geschädigt werden, Gewerbehygieniker befürchteten eine Schwächung der Arbeitskraft, Krankenschwestern und Hebammen eine Schädigung des »mütterlichen Organismus«. Man sagte vom Tabak, er gehöre »unstreitig zu den zersetzenden Übeln einer vielfach überreif, ja faul gewordenen Zivilisation« und sei eine 205
Ursache für Impotenz bei Männern und Frigidität bei Frauen.14 Die Rhetorik der NS-Zeit stützte sich in ihrer Argumentation auf die frühere Rhetorik der Eugeniker und kombinierte diese mit einer Ethik, die die Reinheit des Körpers und Leistungsfähigkeit bei der Arbeit hochhielt.15 Der Tabakkonsum wurde als eine »Krankheitsepidemie« angegriffen, als »Seuche«, als »trockene Trunkenheit« und »Lungen-Masturbation«, Nikotin- und Alkoholmißbrauch galten als »Zivilisationskrankheiten« und Überreste des Liberalismus.16 Rauchen war, in den Worten des Reichsgesundheitsführers Leonardo Conti, ein tödliches »pharmakologisches Massenexperiment«, das »größte der Weltgeschichte«.17 Manchmal gab man auch den Juden die Schuld: So erklärten zum Beispiel die deutschen Siebenten-Tags-Adventisten das Rauchen zu einem Laster, das von den Juden propagiert werde. Die gesundheitsbewußte Religionsgemeinschaft bezeichnete Alkohol und Nikotin als »nicht artgemäß«.18 In den dreißiger Jahren fand schließlich das Schreckgespenst des Krebses Eingang in die Rhetorik gegen das Rauchen. Bereits im 18. Jahrhundert hatte man darauf hingewiesen, daß Tabak eine der Ursachen für Krebs sein könnte: Der englische Arzt John Hill machte das Rauchen 1761 für Krebserkrankungen der Nasenwege verantwortlich, und drei Jahrzehnte später identifizierte der Deutsche Samuel T. von Soemmerring das Pfeifenrauchen als Ursache für Lippenkrebs –19 Thomas Harriot, der englische Naturwissenschaftler, der das Pfeifenrauchen aus Amerika nach England gebracht hatte, starb 1621 an Lippenkrebs. Sein Tod ist der erste Krebsfall, der auf das Rauchen zurückgeführt wurde, obwohl der Tabak zu jener Zeit nicht unter Beschuß stand.20 Die frühen Einsichten wurden in den fünfziger Jahren des 19. Jahrhunderts bestätigt, als ein französischer Arzt namens Etienne-Frederic Bouisson in Montpellier herausfand, daß 63 seiner 68 Patienten mit Krebs im Mundbereich (cancer des fumeurs) Pfeifenraucher gewesen waren; die Entfernung der befallenen Mundpartien war eine der häufigsten Operationen in seinem Krankenhaus.21 Der berühmte deutsche Pathologe Rudolf Virchow bestätigte diesen Zusammenhang ein Jahrzehnt später. Friedrich Tiedemann, der an einer Geschichte des Tabaks schrieb, berichtete zur gleichen Zeit über mehrere Fälle von Zungenkrebs, die durch Rauchen verursacht worden waren.22 Das Rauchen blieb allerdings während des 19. Jahrhunderts in erster 206
Linie wohlhabenden Kreisen vorbehalten, weshalb es als Krebsursache keine entscheidende Rolle gespielt haben kann. Noch zur Zeit des Ersten Weltkriegs war Lungenkrebs in Deutschland – wie überall sonst auf der Welt – selten. Ein um die Jahrhundertwende entstandener Bericht nennt eine Gesamtzahl von nur 140 Fällen, die medizinisch bekannt seien.23 Im Jahr 1912, als Isaac Adler die erste umfassende Studie über die Anatomie und Pathologie von Lungenkrebs verfaßte, glaubte er, sich dafür entschuldigen zu müssen, daß er über eine derart seltene und unbedeutende Krankheit schrieb.24 Wenn Professoren der Medizin auf einen Patienten mit dieser Krankheit stießen, bemühten sie sich, diesen ihren Studenten vorzuführen, damit sie wenigstens einmal einen solchen Fall gesehen hätten. Heute ist diese Krankheit der häufigste Grund für einen Krebstod, sie fordert allein in den Vereinigten Staaten jährlich 150 000 Opfer. In China wird Lungenkrebs in naher Zukunft fast eine Million Todesopfer im Jahr fordern – wiederum fast ausschließlich durch das Rauchen verursacht. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde Rauchen populärer. Verursacht wurde dieser Wandel durch die Mechanisierung der Zigarettenherstellung, verstärkte Tabakwerbung und die staatliche Förderung oder Monopolisierung der Zigarettenindustrie wie in Österreich oder Frankreich, von der man sich Steuereinnahmen erhoffte. Erst in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden in Deutschland Zigaretten produziert, damals konnten die Fabrikarbeiterinnen in Dresden nicht mehr als etwa 120 Stück pro Stunde herstellen.25 Zigaretten (wörtlich: »kleine Zigarren«) galten als das passende Genußmittel im immer schneller werdenden Tempo der industriellen Gesellschaft. Sie verpaßten dem Rauchenden eine schnelle Dosis Nikotin, so wie die neu erfundenen Schleckstengel und Schokoriegel den Zuckerspiegel ansteigen ließen und Schußwaffen immer schneller nachgeladen werden konnten. Zigaretten gehörten im Ersten Weltkrieg auf beiden Seiten zur Verpflegung der Soldaten, wodurch die soziale Akzeptanz des Genußmittels in Europa und Amerika wuchs. Der deutsche Zigarettenkonsum stieg von 8 Milliarden Zigaretten im Jahr 1910 auf 30 Milliarden nur 15 Jahre später und gipfelte 1942 in 80 Milliarden Stück (zur Bedeutung dieses Anstiegs kommen wir später).26 Weil mildere Tabaksorten eingeführt und der Tabak mit Heißluft getrocknet wurde, konnten die Raucher den beißenden Rauch problemloser einatmen, weshalb immer mehr Raucher 207
von Pfeifen und Zigarren zu Zigaretten wechselten. Diese Veränderung zeitigte Folgen – tatsächlich war sie, wie Henner Hess beobachtete, revolutionär: »Das Inhalieren läßt sich als Methode der Drogenaufnahme also mit dem Injizieren von Opiaten und die Einführung des neuen Tabaks als revolutionäres Ereignis in der Geschichte des Drogenkonsums mit der Erfindung der hypodermischen Nadel vergleichen.«27 Im Unterschied zu Pfeifenrauchern ziehen Zigarettenraucher den Rauch tiefer in die Lunge und belasten so ihre bronchialen Atemwege mit einer viel höheren Dosis an Teer, Nikotin und anderen schädlichen Substanzen.28 Dies wirkte sich tiefgreifend auf die Krebsraten aus. Die Lungenerkrankungen stiegen sprunghaft an. Ärzte in Dresden, Hamburg und Berlin gehörten zu den ersten, denen die Zunahme um die Jahrhundertwende auffiel, gefolgt von Ärzten aus anderen deutschen Städten.29 Der dramatische Anstieg der Lungenkrebsfälle in den zwanziger und dreißiger Jahren wurde zunächst nicht mit dem Rauchen in Verbindung gebracht. Man gab vielen anderen Faktoren die Schuld: Die Grippeepidemie von 1918 wurde teilweise als Ursache gesehen, ebenso Abgase von Automobilen, Staub von frisch geteerten Straßen, diverse Schadstoffe in der Arbeitswelt (einschließlich des Teers und der Chlorkohlenwasserstoffe), Röntgenstrahlen, die chemischen Kampfstoffe des Ersten Weltkrieges, die Fehlernährung infolge des Krieges oder sogar die zunehmende »Vermischung der Rassen«.30 Einige Wissenschaftler zweifelten daran, daß die Zahlen wirklich stiegen; in einem Artikel der Zeitschrift Medizinische Klinik von 1930 wurde argumentiert, die weitverbreitete Verwendung von Röntgenstrahlen habe einfach zur Folge, daß Lungenkrebs häufiger diagnostiziert werde.31 Am landläufigsten war in der Weimarer Republik jedoch die Ansicht, daß die Krankheit aus noch unbekannten Gründen zunahm. Ein Grund für die Schwierigkeiten, die Ursache des Anstiegs auszumachen, war der Wandel in jener Zeit, der verschiedene, zum Entstehen von Lungenkrebs beitragende Faktoren begünstigte. Der Autoverkehr nahm noch sprunghafter zu als die Lungenkrebszahlen, was zu der Vermutung führte, die Abgase könnten der entscheidende Faktor sein – besonders weil viele der Substanzen im Benzin und eine Reihe seiner Verbrennungsprodukte nachweislich krebserzeugend waren.32 Die Straßen wurden mit atemberaubender Geschwindigkeit asphaltiert: Günther Lehmann aus Dort208
mund wies 1934 darauf hin, daß sich die deutsche Produktion von Straßenteer von 3000 Tonnen im Jahr 1924 um das Vierzigfache, auf 120 000 Tonnen, nur fünf Jahre später gesteigert habe. Staub aller Art wurde für die Zunahme von Lungenkrebs verantwortlich gemacht, da den Menschen bewußt wurde, daß die Verwendung von schwereren Maschinen in Bergwerken, der Metallindustrie und anderen »staublastigen« Industriezweigen zu noch größeren Mengen schädlichen Staubs führte. Viele andere Theorien, die in den zwanziger und frühen dreißiger Jahren vorgebracht wurden – »Rassenmischung«, Röntgenstrahlen etc. –, hingen mit der Industrialisierung und Urbanisierung zusammen, was es schwierig macht, Ursache und Wirkung auseinanderzuhalten. Rückblickend verwundert es, wie viel Zeit verging, bis Tabak mit Lungenkrebs in Verbindung gebracht wurde. 33 Niemand schien vor Beginn des 20. Jahrhunderts vermutet zu haben, Rauchen könne Lungenkrebs verursachen. Man findet weder in Artikeln über die Anatomie und Pathologie der Krankheit, noch in Abhandlungen über die krebserregenden Wirkungen von Tabak irgendeinen Hinweis auf diesen Zusammenhang. Rauchen wurde zwar als Ursache für Krebs anerkannt, aber man bezog sich dabei ausschließlich auf die bösartigen Erkrankungen der Lippen, des Mundes und der Zunge.34 Eine medizinische Dissertation von 1897 in Frankreich bietet eine hervorragende Darstellung der cancers des fumeurs, die Lippen, Zunge, Kiefer, Rachenhöhle, Mandeln und nasale Atemwege angreifen, aber man findet nicht den geringsten Hinweis darauf, daß die Lunge geschädigt werden konnte.35 In einer Dissertation aus Deutschland von 1898 wird dokumentiert, daß die Arbeiter einer Leipziger Tabakfabrik vermehrt an Lungenkrebs erkrankten, aber auch hier macht der Autor nicht das Rauchen dafür verantwortlich, sondern das Einatmen des Tabakstaubs.36 Es gibt verschiedene Erklärungen dafür, warum es so lange dauerte, bis Rauchen als Auslöser für Lungenkrebs erkannt wurde. Bestimmt spielte es eine Rolle, daß die Krankheit so selten war, zudem wurde Lungenkrebs oft mit Tuberkulose oder anderen, nichtspezifizierten Lungenkrankheiten verwechselt. Wenn wir jedoch von unserem heutigen Wissensstand ausgehen (80 bis 90 Prozent aller Erkrankungen sind durch Rauchen verursacht), muß Lungenkrebs tatsächlich ein sehr ungewöhnliches Leiden gewesen sein. Zigaretten waren bis Ende des 19. Jahrhunderts nicht üblich, und erst 209
danach wurde der Zigarettenrauch mild genug, daß er inhaliert werden konnte. Lungenkrebs war vor jener Zeit einfach eine Krankheit, die kaum die Aufmerksamkeit der Ärzte auf sich zog. Daß der Zusammenhang nicht erkannt wurde, hat vielleicht auch mit dem damaligen Stellenwert der Keimtheorien zu tun. Europäische Wissenschaftler identifizierten um die Jahrhundertwende eifrig Mikroben als Ursachen von zuvor mysteriös scheinenden Krankheiten und verdrängten damit nicht nur die alten Säftetheorien, mit denen Krankheiten auf eine Unausgeglichenheit des Blutes, des Schleims oder der Galle zurückgeführt wurden, sondern auch jene auf die Umwelt bezogenen Theorien, welche die ungesunden Effekte von verpesteter Luft und »Miasmen« thematisierten. Man muß ebenfalls den Stil des ätiologischen Denkens berücksichtigen. Unter dem Einfluß von Virchow, Koch und anderen suchte man die Ursache für Krankheiten (meistens ein krankmachendes Kleinstlebewesen) in sehr großer zeitlicher und räumlicher Nähe zum Krankheitsausbruch. Die damaligen Ärzte konnten sich nicht vorstellen, daß inhalierter Rauch zwanzig Jahre später Krebs verursachte. Das Vorhandensein einer Latenzzeit zwischen der Gefährdung durch bestimmte Substanzen und dem Ausbruch der Krankheit wurde bis ins 20. Jahrhundert nicht allgemein anerkannt. Erst dann setzte sich diese Sichtweise wegen der Krebserkrankungen, die durch das Arbeitsumfeld verursacht wurden, fast gezwungenermaßen durch. In der Folge richtete man die Aufmerksamkeit vor allem auf die Anatomie und Pathologie von Krebs, und nicht auf seine möglichen Ursachen in der Umwelt. Dies änderte sich, als es die explosive Zunahme von Lungenkrebs schwierig machte, einen externen Grund – wie das Rauchen – auszuschließen.
FRITZ LICKINT: DER ARZT, DEN DIE TABAKINDUSTRIE AM GLÜHENDSTEN HASSTE Der Arzt Fritz Lickint, der zunächst in Chemnitz und später in Dresden forschte, publizierte im Jahr 1929 als einer der ersten statistisches Material, das den Zusammenhang zwischen Lungenkrebs und Zigaretten belegte.37 Er war nicht der erste, der auf eine solche Verbindung hinwies – Isaac Adler und andere hatten dies bereits getan –,38 legte aber die bis dahin gründlichste 210
Studie vor und präsentierte neue statistische Daten. Sein Vorgehen war ziemlich einfach: Er erstellte das, was Epidemiologen heute »Fallserien« nennen; so belegte er die hohe Wahrscheinlichkeit, daß Lungenkrebspatienten zugleich Raucher waren. Er wies zudem nach, daß in Ländern, wo Frauen ebensoviel rauchten wie Männer, nur sehr geringe Unterschiede zwischen den geschlechtsspezifischen Lungenkrebsraten bestanden. Lickints Artikel diente zahlreichen nachfolgenden Forschern als Ausgangspunkt: Victor Mertens, Angel Roffo und T. Chikamatsu beispielsweise, die alle die krebserregende Wirkung von Tabakteer demonstrierten und Lickints bahnbrechende Vision würdigten (siehe Abb. 6.3 und 6A).39 Lickint wurde in Deutschland zu einem der wichtigsten Exponenten in der Kritik am Tabakgenuß. Er warnte, daß Rauchen die Gesundheit stärker gefährde als Alkohol, und forderte Maßnahmen, um der Bedrohung zu begegnen. In seinem monumentalen Werk Tabak und Organismus von 1939 führte Lickint eine außerordentliche Bandbreite von Krankheiten auf Tabakrauchen, -kauen und -schnupfen zurück. Der 1100seitige Band, der in Zusammenarbeit mit der Reichsarbeitsgemeinschaft für Rauschgiftbekämpfung im Reichsausschuß für Volksgesundheitsdienst und dem Bund Deutscher Tabakgegner erarbeitet worden war, wurde als »das Standardwerk« beworben und ist wohl die umfassendste wissenschaftliche Anklage gegen das Rauchen, die je publiziert wurde. Unter Bezugnahme auf mehr als achttausend Publikationen aus der ganzen Welt machte der Autor den Tabak verantwortlich für alle Krebsarten entlang der »Rauchstraße« – Lippen, Zunge, Mund, Kiefer, Speiseröhre, Luftröhre und Lungen. Tabak war nicht nur für Krebs verantwortlich, sondern auch für Arteriosklerose, Kindersterblichkeit, Geschwüre, üblen Mundgeruch und Dutzende anderer Krankheiten und Beschwerden.40 Tabak war eine mächtige Droge: Lickint bezeichnete die Abhängigkeit vom Tabak als Nikotinismus (oder Tabakismus), und die davon betroffenen Menschen als Nikotinisten (Tabakisten).41 Er verglich die Tabaksüchtigen zudem mit Morphiumabhängigen und argumentierte in überzeugender Weise, daß Passivrauchen – offenbar hat er diesen Begriff geprägt – für Nichtraucher eine ernsthafte Bedrohung darstelle.42 Lickint vertrat die Meinung, Tausende von Todesfällen durch Krebs könnten verhindert werden, wenn man den Tabakkonsum zurückdränge: 20 Prozent aller tödlichen Krebserkrankungen von Männern begannen bei jenen Orga211
ABB. 6.3. Das zwischen den Geschlechtern ungleiche Verhältnis der Krankheitsfälle war ein wichtiger erster Hinweis auf die krebserregende Wirkung von Tabak. Quelle: Fritz Lickint, Tabakgenuß und Gesundheit (Hannover: Bruno Wilkens, 1936).
nen, die er der »Rauchstraße« zuordnete. Dies brachte ihn zu der Spekulation, daß Tabak bei 7000 jährlichen Todesfällen durch Krebs bei Männern in Deutschland eine zentrale Rolle spielte.43 Lickint war zu dieser Zeit stark in der nationalsozialistischen Politik gegen den Tabak engagiert, obwohl er der NSDAP nie beitrat. Seine Sympathien hatten vor 1933 den Sozialdemokraten gegolten – und es bereitete ihm einigen Kummer, als der politische Wind drehte. Im Jahr 1940 geriet er beinahe in ernsthafte politische Schwierigkeiten, als Karl Astel, der Rektor der Universität Jena und Direktor des Jenaer Wissenschaftlichen Instituts zur Erforschung der Tabakgefahren, seine politische Vergangenheit überprüfte und herausfand, daß er Mitglied der Sozialdemokratischen Partei gewesen war und zudem dem Verein Sozialistischer Ärzte (VSÄ) und der Liga für Menschenrechte angehört hatte. Lickint hatte seine medizinische Approbation 1934 verloren, weil er auf dem Fragebogen für die Beamtenschaft – den
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ABB. 6.4. Angel H. Roffo stellte diese Tabelle zusammen, um zu zeigen, daß Raucher mit viel größerer Wahrscheinlichkeit an Krebs erkranken als Nichtraucher. 95 Prozent aller Personen, die an Kehlkopfkrebs litten, waren Raucher; Krebserkrankungen von Lunge, Mund, Hals, Zunge und Blase traten ebenfalls mit weit größerer Wahrscheinlichkeit bei Rauchern auf. Im Gegensatz dazu war Brustkrebs bei Nichtrauchern viel häufiger (weil von dieser Krankheit hauptsächlich Frauen betroffen waren und Frauen deutlich weniger rauchten). Quelle: Reine Luft 24 (1942), S. 17; zudem in Lickint, Tabak und Organismus, S. 919.
alle Regierungsbeamten ausfüllen mußten, um »arische« Herkunft und politische Loyalität zu beweisen – nicht angegeben hatte, daß er früher ein Mitglied des VSÄ gewesen war. Das Gericht entschied, Lickints Mitgliedschaft im VSÄ komme der Betätigung in einer kommunistischen Organisation gleich, aber in einem späteren Verfahren wurde dieser Entscheid dahingehend revidiert, daß der Chemnitzer Zweig, dem Lickint angehört hatte, der SPD näher gestanden habe als der KPD. Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti verteidigte Lickint in diesem Verfahren und argumentierte, der geringfügige Verstoß von 1934 verblasse neben Lickints bahnbrechenden Verdiensten um die Tabakforschung. Vielleicht ließ Conti sich in diesem Urteil von der Tatsache beeinflussen, daß seine Mutter, Nanna Conti, nicht 213
nur Leiterin der Reichsfachschaft der Deutschen Hebammen war, sondern auch Vorstandsmitglied des Bundes Deutscher Tabakgegner, der führenden Anti-Tabak-Organisation und des Herausgebers von Reine Lufi.4i Die Episode beweist jedenfalls, daß man mit einer kritischen Haltung gegenüber dem Tabak bei den Machthabern des NS-Regimes punkten konnte – selbstverständlich unter der Voraussetzung, daß man keine jüdischen Vorfahren hatte und seine früheren »Fehler« bereitwillig zugab.
DER MEDIZINISCHE MORALISMUS DER NATIONALSOZIALISTEN Lickint wurde 1939 als der Arzt gelobt, den die Tabakindustrie am meisten haßte,45 aber er war nur einer von vielen Autoren, die sich damals gegen den Tabak einsetzten. Man schrieb dem Tabak einen negativen Einfluß auf die Tapferkeit der deutschen Soldaten zu, weshalb eine Mäßigung des Tabakkonsums notwendig war, um die Kraft und Kampfbereitschaft der Soldaten zu erhalten.46 Ärzte der Luftwaffe waren der Ansicht, Nikotin könne die Leistungsfähigkeit der Piloten beeinträchtigen, und Gerichtsmediziner vertraten die Meinung, Rauchen führe zur Verunreinigung des Blutes mit Kohlenmonoxid.47 Man sagte, daß Rauchen Autounfälle verursache, woraufhin das Fahren »unter Einfluß« von Zigaretten (!) unter Strafe gestellt wurde.48 Der Wiener Arzt Rudolf Friedrich berichtete, daß 80 seiner männlichen Patienten mit Magengeschwüren rauchten, und er machte das Rauchen für das seit dem Ersten Weltkrieg sprunghaft angestiegene Auftreten von Magenleiden verantwortlich.49 Karl Westphal und Hans Weselmann erkannten im Tabak die Hauptursache für Gastritis – in Anbetracht der Verbindungen zwischen Gastritis und Magenkrebs sei der Tabak wahrscheinlich auch eine Ursache für Tumorerkrankungen des Magens.50 Dies war eine besonders schwerwiegende Vermutung, da Magenkrebs bei europäischen (und amerikanischen) Männern in den zwanziger Jahren für die meisten Krebstodesfälle verantwortlich war. Deutsche Ärzte waren sich auch bewußt, daß Rauchen eine wichtige Ursache für Herzinfarkte darstellte (siehe Abb. 6.5 und 6.6).51 Dem Nikotinmißbrauch wurde oft die Schuld für die in Deutschland zunehmende 214
Häufigkeit von Herzinfarkten zugeschrieben. Herzerkrankungen galten zuweilen als das wichtigste schwere Leiden, das durch Rauchen verursacht wurde.52 Gegen Ende des Krieges vermutete man, Nikotin sei ursächlich an den Herzkrankheiten beteiligt, von denen deutsche Soldaten an der Ostfront betroffen waren. Militärärzte diskutierten dieses Thema: Ein Bericht aus dem Jahr 1944, verfaßt von einem Pathologen, kam zu dem Ergebnis, daß 32 untersuchte junge Soldaten, die an der Front an Herzinfarkten gestorben waren, alle stark geraucht hatten. Der Autor zitierte die Meinung des Freiburger Pathologen Franz Büchner, wonach Zigaretten für die Herzkranzgefäße Gift seien. Er räumte allerdings ein, daß kriegsbedingte seelische Belastungen die Krankheit wahrscheinlich mitausgelöst hätten.53 Die Diskussionen um eine mögliche Auswirkung des Rauchens auf die Fruchtbarkeit spielten eine zentrale Rolle in der Opposition der Nationalsozialisten gegen den Tabakkonsum. Es wurde die Meinung geäußert, rauchende Frauen hätten schlechtere Heiratsaussichten, weil sie früher alterten und ihre Schönheit verlören.54 Werner Hüttig vom Rassenpolitischen Amt der NSDAP betonte, in der Muttermilch rauchender Frauen sei Nikotin gefunden worden, und Martin Staemmler, ein einflußreicher NS-Arzt, behauptete, Tabakmißbrauch von schwangeren Frauen sei für die Zunahme von Tot- und Fehlgeburten verantwortlich.55 In Deutschlands führender gynäkologischer Fachzeitschrift konnte man 1943 nachlesen, daß Frauen, die drei oder mehr Zigaretten am Tag rauchten, ein zehnmal größeres Risiko hätten, kinderlos zu bleiben, als Nichtraucherinnen.56 Agnes Bluhm, Deutschlands bekannteste Rassenhygienikerin, vertrat in einem Buch von 1936 die Ansicht, daß Rauchen zu Fehlgeburten führen könne. Diese Gefahr beunruhigte das NS-Regime besonders, da auf eine hohe Geburtenrate bei gesunden deutschen Frauen großer Wert gelegt wurde.57 Rauchen galt auch als ein Risiko für die sexuelle Potenz der Männer. Im Jahr 1941 gab die Hitler-Jugend einen Leitfaden zur Gesundheit heraus, in dem es hieß, Matrosen setzten Tabak ein, um ihr sexuelles Verlangen zu zügeln. Im selben Text wurde ein französischer Vorschlag aus dem 19. Jahrhundert zitiert, wonach Rauchen an französischen Schulen gefördert werden sollte, um die Onanie zu bekämpfen.58 Es gab Stimmen, die dem Tabak ankreideten, den Männern ihre Männlichkeit zu rauben. Dies sollte allerdings nicht heißen, daß er Frauen weiblicher machte. Das Angstbild zielte eher in 215
ABB. 6.5. Eine teufelsköpfige Schlange, die die Namen »Angina« und »TabakSucht« trägt, führt ihre Opfer mit Zigaretten und Zigarren in Versuchung; gegen Ende der dreißiger Jahre wurde Nikotin von nationalsozialistischen Ärzten als süchtig machende Substanz und als eine Hauptursache von Herzinfarkten eingeschätzt. Quelle: Reine Luft 23 (1941), S. 145.
Richtung einer sexuellen Degeneration: Tabak mache Frauen unfruchtbar und Männer impotent. Rauchende Frauen wurden oft als sexuell zügellos dargestellt, doch zugleich betrachtete man das Rauchen auch als Ursache von Frigidität.59 Die Tabakbefürworter bedienten sich jedoch weitaus raffinierterer Bilder, was die Tabakgegner selbstverständlich vor Probleme stellte (damals wie heute, möchte ich hinzufügen). Die Werbung kultivierte das Bild des besonders männlichen rauchenden Mannes und der besonders weiblichen rauchenden Frau. Man bewarb den Tabak als sexuell anregend, während Nichtraucher als sexuell unattraktiv dargestellt wurden, die Männer verweiblicht, die Frauen prüde (siehe Abb. 6.7). 216
ABB. 6.6. Die Zigarette als Schuß ins Herz. Quelle: Reine Luft 23 (1941), S. 99.
Für Tabakgegner stand die Gesundheit jedoch im Zentrum des Interesses. Aus der Sicht der Nationalsozialisten wurden die Gefahren des Tabaks dadurch noch erhöht, daß Tabak süchtig machte. Diese Meinung vertrat Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti 1939, und viele waren sich darin mit ihm einig.60 Der Tabak wurde als Störenfried betrachtet, da Körper und Geist allein dem Führer gehören sollten (Abb. 6.8). Dies war eine schwerwiegende Anklage, da man Süchte generell als erbliche Belastungen verstand und aus diesem Grund für unheilbar hielt.61 Der allgemein verbreitete Standpunkt lautete, daß zwar jeder süchtig werden konnte, die genetisch Schwachen und Degenerierten aber besonders anfällig seien. So entstand das Urteil, Rauchen wäre vor allem unter jungen »Psychopathen« beliebt.62 Es ist noch nicht geklärt, ob Nikotinsüchtige auf Grund ihrer Abhängigkeit jemals eingesperrt worden sind, aber wir wissen, daß andere Süchtige 217
ABB. 6.7. Auf der Wacht, eine Zeitschrift, die sich gegen Alkohol und Tabak wandte, verhöhnt ein Zigaretteninserat, das verboten wurde, weil es Raucher als maskulin und Nichtraucher als prüde darstellt. In einem hier nicht wiedergegebenen Kommentar wird gemutmaßt, daß eine solche Werbung sich über die Bemühungen der Partei lustig mache, Hitler als Vorbild für ein Leben ohne Tabak herauszustellen. Ist dies das erste Anti-Anti-Antiraucher-Bild der Welt? Quelle: Auf der Wacht 54 (1937), S. 6.
dieses Schicksal ereilte. Im Jahr 1941 befahl Reichsgesundheitsführer Leonardo Conti die Errichtung eines Amtes zur Registrierung von Süchtigen und zur Bekämpfung der Sucht; ähnliche Register wurden erstellt, um Alkoholiker, Obdachlose und andere Unerwünschte zu erfassen.63 Raucher 218
ABB. 6.8. Das NS-Regime war beunruhigt, weil Nikotin eine von den Machthabern nicht kontrollierbare Abhängigkeit schuf, wo doch der Körper dem Staat und dem »Führer« gehören sollte. Quelle: Reine Luft 23 (1941), S. 90.
fürchteten vielleicht derartige Maßnahmen, weil Tabak allgemein als Einstiegsdroge und erster Schritt in einer Entwicklung hin zum Konsum von »härteren« Substanzen wie Morphium oder Kokain galt.64 NS-Deutschland war berühmt dafür, mit Drogenhändlern hart zu verfahren: Im Jahr 1938 lobte die US-amerikanische Drogenbehörde das NS-Regime in einem Bericht dafür, daß es einen berüchtigten österreichischen Drogenhändler in ein Internierungslager gesteckt habe, »wo er zweifellos den Rest seines Lebens verbringen wird«.65
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FRANZ H. MÜLLER: DER VERGESSENE VATER DER EXPERIMENTELLEN EPIDEMIOLOGIE Bei dem Nachweis des Zusammenhangs zwischen Lungenkrebs und Rauchen handelt es sich um eine der bemerkenswertesten gesundheitsmedizinischen Leistungen während des »Dritten Reichs«. Angel H. Roffo aus Argentinien (1882-1947), der den größten Teil seiner Arbeiten in deutschen Fachzeitschriften publizierte, hatte bereits 1930 gezeigt, daß aus Tabakrauch stammender Teer bei Versuchstieren Krebs erzeugte. In nachfolgenden Experimenten fand er heraus, daß einige Tabakteer-Destillate bei 94 Prozent aller dem Giftstoff ausgesetzten Versuchstiere Tumore erzeugten.66 Roffo spielt eine wichtige Rolle, weil er den Blick weg vom Nikotin und hin zum Teer als aktivem Wirkstoff bei der Entstehung von Tumoren lenkte. Lickint bemerkte 1935, daß Nikotin »vermutlich unschuldig« an der Erzeugung von Krebs sei und der Auslöser viel eher beim Benzpyren liege.67 Roffos Experimente wurden zwar von einigen kritisch hinterfragt – zum Beispiel von den englischen Wissenschaftlern Ernest Kennaway und R. D. Passey, die der Ansicht waren, er habe den Tabak bei zu hoher Temperatur verbrannt und damit das Rauchen nicht angemessen simuliert –,68 aber die deutlichen Resultate veranlaßten andere dazu, die Gefahren des Rauchens zu erforschen. Der Wiener Professor Neumann Wender zeigte 1933, daß Tabakrauch nicht nur Teer und Nikotin enthielt, sondern auch Methylalkohol und andere Giftstoffe (siehe Abb. 6.9). Er wies zudem darauf hin, daß der Teergehalt des Zigarettenrauchs zunahm, wenn die verholzten Stengel der Tabakpflanzen bei der Herstellung mitverwendet wurden.69 Enrico Ferrari aus Triest schrieb im selben Jahr, es leuchte ein, daß die zunehmende Verwendung der holzhaltigen Pflanzenteile für die Zunahme von Lungenkrebs verantwortlich sei, da Teer ausgesprochen krebserregend sei. Ferrari behauptete, schon lange »ohne jeden Zweifel« davon überzeugt zu sein, daß Zigaretten eine Hauptursache von Lungenkrebs seien. Er unterstützte Wenders Vorschlag, wonach eine Verwendung der Stengel als ungesetzliches Panschen zu verbieten sei.70 Er wies zudem darauf hin, daß Triest nicht zufällig gleichzeitig eine der höchsten Lungenkrebsraten und eine der höchsten Raucheranteile aller italienischen Regionen habe.71 Lickint hatte 1929 gezeigt, daß die meisten Lungenkrebspatienten Rau220
ABB. 6.9. Dieses Bild wurde in den späten dreißiger und frühen vierziger Jahren Dutzende Male auf der Rückseite der Zeitschrift Reine Luft abgedruckt: Es weist daraufhin, daß Tabakrauch neben Nikotin noch viele andere Giftstoffe enthält. Die meisten Bestandteile waren im 19. Jahrhundert isoliert worden.
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cher waren, und zahlreiche Ärzte folgten nun dieser Spur, um den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs zu belegen. Rudolf Fleckseder aus Wien berichtete 1936, daß ein sehr großer Anteil seiner Lungenkrebspatienten rauche (48 von 51 Männern, 35 rauchten sehr stark); auch andere bemerkten diesen Zusammenhang.72 Nun war das Terrain für die beiden wichtigsten statistischen Analysen dieser Zeit geebnet: eine Studie von Franz Hermann Müller, einem Arzt am Kölner Bürgerhospital (1939), und eine Studie von zwei Wissenschaftlern – Eberhard Schairer und Erich Schöniger –, die am Jenaer Wissenschaftlichen Institut zur Erforschung der Tabakgefahren arbeiteten (1943). Die Analysen sind von