WOLVERINE WAFFE X MARC CERASINI
Ins Deutsche übertragen von Firouzeh Akhavan-Zandjani
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WOLVERINE WAFFE X MARC CERASINI
Ins Deutsche übertragen von Firouzeh Akhavan-Zandjani
Dino
DAS BUCH Einst hatte der Mann, der nur unter dem Namen »Logan« bekannt ist, eine Schlüsselposition bei den kanadischen Special Forces … jetzt steht es schlecht um ihn: Alkoholismus, die Erinnerungen an eine desaströse Mission in Nord-Korea und ein dunkles Geheimnis peinigen seine Seele. Auf einer Stufe mit Kleinganoven und Herum treibern fristet er sein Dasein. Auf der Flucht vor einer Mordanklage wird er geschnappt und in einen Forschungskomplex in den ka nadischen Rockies verschleppt, nur um dort als Versuchskaninchen bei einem strenggeheimen biotechnologischen Experiment zu dienen. Unter der Regie eines brillanten und skrupellosen Wissen schaftlers muss Logan eine schmerzvolle Transformation über sich ergehen lassen, in deren Verlauf er zur Waffe X geschmiedet wird – eine erbarmungslose und unzerstörbare Kampfmaschine mit einziehbaren Stahlklauen, härter als Diamant. Doch als die Wissen schaftler versuchen, die totale Kontrolle über Logan zu erhalten, un terläuft ihnen ein Fehler: Sie rechnen nicht mit seinem unbeugsamen Willen, seinem geheimen Erbe und seiner höheren Bestimmung – und dieser Fehler hat katastrophale Folgen. Dies ist die Geburt eines modernen Frankenstein-Monsters …
DANKSAGUNGEN An erster Stelle gebührt Barry Windsor-Smith der Ruhm, Wolverine: Weapon X vor über zehn Jahren als Comic er dacht zu haben. Seine großartigen Illustrationen haben mich zu vielen der eigenwilligen Details inspiriert, und seine Geschichten waren groß genug, um ihnen auf den Grund gehen zu können. Ich danke Stan Lee, der die X-Men erschuf. Ich danke meinem Verleger, Ruwan Jayatilleke, der viele tolle Ideen aufs Tapet brachte und sich dann zurückzog, damit ich alles verdauen konnte. Ich danke meinem Bruder Vance und meiner Nichte Tia. Ich danke meinen Kumpeln Chuck, Bob, CJ, Paul und Criticus. Ich danke meiner Muse, Alice Alfonsi, die genauso in tensiv und lange an diesem Projekt gearbeitet hat wie ich. Und ich danke den Mutanten auf der ganzen Welt.
EINS Prophecy
Regen … der in schmalen Rinnsalen über schmutzige Fenster scheiben läuft. Nacht … die sich von tiefem Schwarz zu schimmern dem Grün wandelt. Eine Übelkeit erregende Färbung, die an wider lich stinkenden Eiter erinnert. Es fließt um mich herum. Doch ich ertrinke nicht. Hinter der Scheibe brummten Neonlampen. Gewundene Leucht stoffröhren. Riesige Buchstaben bildeten ein einzelnes Wort, welches in blau-weißes Licht gerahmt war: Prophecy. Das Wort schien apokalyptisch. Nein. Das stimmte nicht. Es war Teil der Apokalypse. Irgend so ein Säufer hatte ihn unten im Speise saal eingeweiht. »Die Apokalypse wird kommen«, hatte der wunderliche Kauz verkündet. »Wenn alle Geheimnisse enthüllt sind.« Keine Geheimnisse, kein Weglaufen mehr. »Die Hölle wird kommen …« Das war, was er gesagt hatte. Er begann zu erbrechen, während er sprach. Dann hörte der alte Kerl einfach auf zu atmen. Luft. Es gibt keine Luft. Trotzdem kann man atmen. Es passierte viel im Prophecy. Alte Kerle. Und nicht so alte … die einfach umfielen. Tot umfielen. Sitze in einer Falle. Als triebe ich in einem mit Wasser gefüllten Sarg. Aber nicht tot. Noch nicht … Das Wasser, das vom Himmel fiel, war so alt wie die Erde selbst. Logan beobachtete, wie es herunterströmte. Immer das gleiche
Wasser. Seit Milliarden von Jahren. Immer und immer wieder. Fische krochen daraus hervor. Auch der Mensch war daraus hervor gekrochen. Dann kroch ich hervor. Sitze in einer Falle. Ich treibe in einer Flüssigkeit. Eine widerliche Che mikalie. Kein Wasser … Dinosaurier ernährten sich von Pflanzen, tranken aus Seen. Dieser Regen war Teil dieser Seen. Die Brunnen der Dörfer. Krieger, Barba ren, Samurai. Das Wasser, das sie tranken, wurde nach oben gezo gen und ging dann wieder nieder. Das gleiche Wasser. Gefangen in einem ewigen Kreislauf. Alles, sogar die Erde, hat nur ein bestimmtes Fassungsvermögen. Ein Gewitterblitz erschütterte die Nacht. Logans Augen schimmerten durch das Glas – scharf wie die eines Raubtiers mus terten sie die Straße, welche Bruchteile von Sekunden in blendend helles Licht getaucht war. Wieder ein Blitz, der in einen Baum krachte. Die plötzlich frei gesetzte Energie hatte ihn gespalten. Es wirkte wie eine Warnung vor den Dingen, die da noch harren mochten. »Ein Unwetter naht, und es ist ein heftiges Unwetter. Ein richtig heftiges. Das, auf welches ich gewartet habe.« Die Straße. Er erinnerte sich an die Straße. Kälte bestimmte den Weg. Schwarze Wälder bei Nacht. Der hohe Norden. Endlose Wild nis. Bald würde er wieder zurück sein. Bald würde er zu Hause sein. Jetzt hinter der Scheibe: nasser Asphalt, rostige Müllcontainer, Gassen voller Graffitis, triste Mietshäuser – Leere. Sie haben mich nicht gefunden. Noch nicht. Logan wandte sich vom Fenster ab, ging über den fleckigen braunen Teppichboden. Das Zimmer war so klein wie ein Käfig, lee re Flaschen staken wie Stalagmiten aus dem Boden, bohrten sich wie Nägel in sein Hirn. Unter seinem Stiefel zerriss eine mehrere Tage alte Zeitung, die
von bedeutungslosen Ereignissen kündete. Tag für Tag. Er ließ sich auf das Sofa fallen, auf dem eine ausgebreitete Zeitung lag. Seine riesige Faust ballte sich darum, zerknüllte das Papier und schleu derte die tintenschwarzen Wörter gegen den ausgeschalteten Fernseher. Nutzlose Schlagzeilen. Tag für Tag für Tag. Ganz nah verströmte eine Flasche Gin schimmernde Versprechen. Halb leer. Nein. Halb voll. Stets dankbar goss er einen kräftigen Schluck in ein Glas. Elektrische Entladungen rissen die Nacht entzwei. Sengende Blitze durchbohren sein Gehirn. Logan zuckte entsetzt zusammen und musste würgen, als ein sal ziger Tropfen an seinem Hals herunterrann. Dann schwand der Schmerz und hinterließ nur den typisch metallischen Geschmack von Blut – ein Geschmack, den er kannte. Er berührte seine po chende Schläfe, doch da war kein Fleck. Nur Perlen salzigen Schweißes benetzten seine Fingerspitzen. Wieder schluckte er, und da war auch der metallische Geschmack verschwunden. Funktionierten seine Sinne nicht mehr? Oder weckte der Alkohol Dämonen längst vergangener Verwundungen, längst vergessener ihm angetaner Gewalt wieder zum Leben? Vergessen … »Die Apokalypse ist da. Wird allmählich Zeit, einen Brief nach Hause zu schreiben und mit jemandem Frieden zu schließen …« Frieden? Mit wem? Er erinnerte sich an die Kneipe, an ein Dutzend sich prügelnder Körper. Der übliche Nebel brennenden Teers. Die Luft hatte sich eisig angefühlt. Doch seine Muskeln unter dem Stoff waren warm genug gewesen. Er hatte die Flaschen vor sich auf dem Tresen auf gereiht – grüne Palisaden. Glaspalisaden. Seine Festung. Wird allmählich Zeit, einen Brief nach Hause zu schreiben. »Liebe Mom – du schafköpfige, unförmige, schielende Schlampe.
Habe was Neues zu berichten. Das Geheimnis ist gelüftet. Gezeich net: Dein Sohn mit den pelzigen Pranken.« Als ob er wüsste, wer seine Mutter war. Jeder hat eins, nicht wahr? Oder vielleicht auch zwei. Geheimnisse – natürlich. Logan hatte ein ziemlich Schwerwiegendes. Die Sache mit seiner Mutter war eine Last. War manchmal schwer auszuhalten. Aber er kam damit durch. Noch ein Schluck Whisky – direkt aus der Flasche. Doch er brachte kein Vergessen. Nicht einmal die durch Alkohol erzeugte Euphorie, aber auch das merkte er erst, als sie sich nicht einstellte. Dann setz ten die Empfindungen ein, als hätte er sie heraufbeschworen. Er zog an seiner Zigarre. Geknebelt. Stofffetzen. Eine malträtierte Kehle. Vielleicht hatte die Apokalypse bereits begonnen. Dieser Ort, an dem er sich versteckte, das Prophecy, war ein ehema liges Mietshaus, das von den Gläubigen in eine Zufluchtsstätte für gefallene Christen umgewandelt worden war. Einst war er ein Christ gewesen – vor langer, langer Zeit. Seine Erinnerung an deren besondere Sprache war noch frisch genug gewesen, um sich mit Lügen den Weg durch die Tür ins Innere zu bahnen. Natürlich war es eine Bruchbude. Doch das Wohnen war umsonst – für Gestrande te. Somit war er berechtigt. Warmer Whisky tropfte über Logans drahtige, rabenschwarze Stoppeln, die sein Kinn bedeckten, auf sein T-Shirt voller Schweiß flecken. Er würgte. Dann eine Stimme. Doch wer? »… genug in ihn hineingepumpt, um sogar einen Elefanten zu betäuben …« Alkohol verändert die Leitfähigkeit der Elektrolyte in den Gehirn zellen. Er erinnerte sich daran, das irgendwo gelesen zu haben – vielleicht im Rahmen seiner Ausbildung für Geheimeinsätze. Whisky setzt die Geschwindigkeit, mit der die Neuronen elektrische Impulse aussenden, herab.
»Aber ich bin nicht betrunken. Und ich will es sein … ich muss es sein …« Alkohol unterdrückt die Bildung von Hormonen, welche für ein ausgewogenes Verhältnis des Flüssigkeitshaushalts im Körper sorgen. Ohne dieses Hormon beginnen die Nieren sich aus anderen Organen Wasser zu stehlen … »Wasser zu stehlen?« Das Unwetter wütete weiter und nahm sogar noch an Heftigkeit zu. Der Regen prasselte unvermindert gegen die Fenster. Es fließt um mich herum. Doch ich ertrinke nicht. Die Folge ist, dass das Gehirn schrumpft. Logan griff wieder nach der Flasche und goss den winzigen Rest in sein Glas. Doch er hielt inne, bevor er den Drink hinunterkippte. Logan umschloss das Glas mit seiner mächtigen Faust und ließ sich auf das abgenutzte Sofa fallen. Erinnerungen an brutale Szenen zogen an ihm vorbei. Ein Streit, den er mit einem Schmalspurganovenboss gehabt hatte. Die idio tische Zurschaustellung von Tapferkeit. »Dumm. Er hätte es wissen müssen …« Es war passiert, als er mal wieder zum Ausgestoßenen wurde. Dieses Mal hatte man ihn aus der Spionageabteilung des Ka nadischen Geheimdienstes geschmissen. Der Verstoß war im Ver gleich zu dem Abscheulichen, was er im Rahmen der Pflichterfül lung schon getan hatte, banal gewesen. Aber Logan hatte gespürt, dass seine Kollegen froh gewesen waren, die rätselhafte Person in ihrer Mitte loszuwerden. Geheimnisse. Davon habe ich viele. Mehr, als ein Mensch ertragen kann. Nicht lange danach hatte Logan wieder eine Arbeit gefunden. Sein Ruf wurde zu einer zweischneidigen Klinge. Es gab eine nicht enden wollende Folge von jungen Ganoven oder müden alten Hasen, die ihn herausfordern wollten. Aber das bedeutete auch, dass neue Jobs
nie lange auf sich warten ließen. Dieses Mal war es einer von Logans ›Kollegen‹ gewesen, der ein doppeltes Spiel trieb. Logan erinnerte sich, dass jener Tag schon schlecht angefangen hatte. Er ärgerte sich, dass er zur Garage des Waffenschmugglers musste, um seinen Anteil am Gewinn abzuholen. Doch als er das höhnische Grinsen auf St. Exeters Gesicht gesehen hatte, war Logan klar gewesen, dass es noch viel schlimmer kommen würde. Der Waffenschmuggler lehnte an einer Kiste mit Splittergranaten. Sein Kaschmirpullover, die Hose von Prada und die eleganten Guc ci-Slipper passten einfach nicht zur Schrottplatzatmosphäre. »Ich hätte nicht gedacht, dass Sie den Mumm hätten, hier aufzu kreuzen, Logan. Nicht, nachdem Ihr Verbindungsmann es nicht ge schafft hatte, die Ware zu liefern.« St. Exeter strich sich das Haar mit einer perfekt manikürten Hand zurück. Logan begegnete dem kühlen Blick des Mannes. »Sie reden Scheiße, Rene. Ich weiß mit absoluter Sicherheit, dass diese LuftLuft-Raketen bereits zu Ihren ›Kunden‹ in Lateinamerika unterwegs sind.« »Vielleicht. Aber die Waffen waren von … minderer Qualität.« »Das zu erfahren, würde das Pentagon aber sehr überraschen, wenn man bedenkt, dass es sich um modernste Stinger-Raketen handelte.« Während Logan sprach, betraten zwei von St. Exeters Leibwäch tern hinter ihm die Garage. Zwei weitere Männer in ölverschmierten Overalls kletterten aus der Reparaturgrube und stellten sich seitlich von ihm auf. Immer noch mit dem höhnischen Grinsen im Gesicht sah Rene Lo gan mit Augen an, die wie schwarze, leere Löcher wirkten. »Sie werden nicht bezahlen«, stellte Logan fest. Es war keine Frage.
Plötzlich zog einer der schmierigen Affen zu Logans Linken einen Schraubenschlüssel aus seinem dreckigen Overall. Dumm. Es steckte soviel Wucht hinter Logans Hieb, dass der Kiefer knochen des Angreifers bis ins Gehirn gedrückt wurde. Man hörte nur ein Stöhnen, dann brach der Mechaniker zusammen. Logan riss das Werkzeug aus der toten Hand, ehe der Mann auf dem Boden aufschlug. Logan wich einer Kugel aus, die aus nächster Nähe abgefeuert wurde, wirbelte herum und schleuderte den Schraubenschlüssel nach dem Mann, der auf ihn geschossen hatte. Man hörte Knochen brechen, Blut spritzte und der Kopf des Schützen sackte nach hinten. Während er stürzte, fiel seine Magnum vor Logans Füße. Logan duckte sich, um nicht von einem Schuss ins Blaue getroffen zu werden, dann schnappte er sich die Waffe. Er feuerte ohne zu zielen – ein Glückstreffer. Die Kugel erwischte den zweiten Leib wächter an der Kehle. Gurgelnd fiel er auf die Knie und um klammerte krampfhaft seinen Hals, während sich eine immer größer werdende Pfütze um ihn ausbreitete. Am Ende verließ Logan das Glück. Der Letzte von Renes Leib wächtern stürzte sich auf ihn, um Logan in die Reparaturgrube zu werfen. Sie fielen beide hinein. Am Boden der tiefen Betongrube kamen sie wieder auf die Beine. Ein Schatten schob sich über sie. Logan schaute gerade rechtzeitig nach oben, um St. Exeter etwas in die Grube werfen zu sehen. »Fangen Sie auf, mon ami.« Logan fing die Granate in der Luft. Als der Leibwächter sie sah, stürzte er auf die Leiter zu. »Wo willst du hin?« Logan packte den Mann am Kragen, wirbelte ihn herum und rammte ihm die Granate in den Bauch. Keuchend klappte der Leibwächter zusammen und umklammerte
seinen Bauch, als Logan sie losließ und sich ans entgegen gesetzte Ende der Grube warf. Hitze und Blut fegten über Logan hinweg, als ihn die Wucht der gedämpften Explosion gegen die Betonwand kra chen ließ. Logan blutete aus mehreren Wunden, als er aus der Grube kroch, die zum frühen Grab des Leibwächters geworden war, nur um festzustellen, dass Rene St. Exeter den Schauplatz verlassen hatte. Logan erwischte ihn ein paar Tage später. Auf einer belebten Stra ße im Herzen Montreals kam es vor den Augen von einem Dutzend glotzender Zeugen zur letzten Begegnung. Doch das kümmerte Lo gan nicht. Einige Dinge wie zum Beispiel eine Revanche waren viel zu wichtig, um verschoben zu werden. Sogar nachdem sich seine Wut wieder gelegt hatte, verspürte Lo gan kein Bedauern – nur leichten Zorn, dass er gezwungen war, weiter zu ziehen. Er hatte vor, später am selben Abend auf einen Frachtzug aufzuspringen. Sein Ziel: der Yukon. So hoch im Norden, wie es nur ging, ganz am Rande der Zivilisation. Er würde alles zu rücklassen – seinen Lotus-Seven, ein paar wertlose Besitztümer, sei ne Vergangenheit. Mit ein bisschen Glück könnte Logan noch einmal von vorn anfangen. Von vorn anfangen? »Guter Platz, um von vorn anzufangen, was?« Die Stimme – eine vertraute Stimme – hatte er vor Jahren das letzte Mal gehört. Damals, als Logan noch fürs Verteidigungsministerium gearbeitet hatte. Damals, als er für die OS-Niederlassung in Ottawa tätig gewesen war. Logan hockte in einer Ecke und schärfte sein Messer, als der Fremde sich ihm näherte. Er hatte lange genug aufgeschaut, um über die dargebotene Hand des Mannes hinwegzusehen und das Namensschild zu lesen, das an der breiten Brust befestigt war: N.
Langram. Das gequälte Kreischen von Metall auf Metall setzte wieder ein, als Logan damit fortfuhr, die Klinge seines KABAR-Messers zu schleifen. Der Mann mit dem sandfarbenen Haar ließ seine Hand zögernd sinken, dann ließ er sich auf einer Hantelbank nieder, die Logan gegenüberstand. Bis auf die beiden hielt sich niemand im Trainingsbereich auf. Es waren erst ein paar Minuten vergangen, seitdem man ihnen mitge teilt hatte, dass ihr Training vorbei wäre und ihr erster Auftrag be vorstünde. »Ich finde, es ist gut, hier wieder von vorn anzufangen beim CIS, meine ich«, fuhr N. Langram fort. »Ich bin schon an vielen Orten ge wesen, habe viele Dinge getan, legale und illegale, und ich bin froh, meine Vergangenheit zu vergessen und sie für immer zu begraben.« Langram klopfte sich aufs Knie. »Ich war überrascht, dass das Verteidigungsministerium und das CIS trotz der Dummheiten, die ich gemacht habe, entschieden haben, das Vergangene ruhen zu lassen und mir eine zweite Chance zu geben.« »Wie schön für Sie«, meinte Logan. »Bei Ihnen ist es wohl genauso, was?« Prüfend glitt Logans Finger über die Klinge. Ein Tropfen Blut trat auf seine Fingerspitze. Er saugte es weg. »Ich heiße Langram … Freunde nennen mich Neil.« Dieses Mal streckte der Mann ihm nicht seine Hand entgegen. »Logan.« »Wohl von der schweigsamen Sorte, was?« Logan ließ das Messer in seiner Hand herumwirbeln und schob es mit einer einzigen fließenden Bewegung in die Scheide. Dann verschränkte er die Arme vor der Brust und schaute in die Ferne. »Ich habe mich gefragt, warum man wohl uns beide in ein Team gesteckt hat. Sie und mich. Wir kennen uns nicht und wir haben
noch nicht einmal miteinander trainiert. Also habe ich versucht, alle Aspekte in Betracht zu ziehen …« »Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen, Langram?« Langram, dem Logans Sarkasmus völlig entgangen war, versuch te, darauf eine Antwort zu geben. »Für diesen Einsatz gelten seltsame Rahmenbedingungen, finden Sie nicht auch?«, fing er an. »Ich meine – warum nicht ein einfacher H.A.L.O.-Sprung? Das CDM hat hunderte von Soldaten, die für Erkundungseinsätze in feindlichen Gebieten geeigneter wären. Das bedeutet, dass sie eigentlich keinen von uns brauchen. Eigentlich müssten wir für diese Art von Einsatz als überqualifiziert angesehen werden, außer die Verantwortlichen haben beschlossen, ein paar Sa chen auf die harte Tour durchzuziehen.« »Wie denn?« »Sie werden mir wohl zustimmen, dass es beim CIS – oder beim CDM – niemanden gibt, der sich mit dem HAWK-Geschirr aus kennt«, meinte Langram. Beim High Altitude Wing Kite oder kurz HAWK handelte es sich um einen speziellen ›aerodynamischen militärischen Ausrüstungs gegenstand für Einzelpersonen‹, der von der Strategie Hazard In tervention Espionage Logistics Division entwickelt worden war – und SHIELD neigte nicht dazu, jedem x-beliebigen Soldaten Unter richt in der Benutzung ihrer High-Tech-Fluganzüge zu erteilen. »Vielleicht sind die Oberbonzen beim Militär ja der Ansicht, dass der HAWK am besten geeignet ist, um in feindliches Gebiet vorzu dringen«, meinte Logan. »Mit einem HAWK kann man Geschwin digkeit und Abstiegswinkel selbst bestimmen, und wann und wo man landet. Und man kann sich verteidigen – sogar während man in der Luft ist – wenn es sein muss.« Langram nickte und stimmte damit Logans Argumenten zu. »Das weiß ich alles. Ich habe den HAWK schon mal benutzt. Und Sie an scheinend auch, Mr. Logan.«
»Ja, und?« »Vielleicht sind wir beide durch den gleichen Schlamm gekrochen«, erklärte Langram. »Oder vielleicht haben wir auch nur ein paar gemeinsame Freunde … und Feinde.« Logan schwieg. »Nicht nur von der schweigsamen Sorte, sondern auch noch verschwiegen, als gäbe es Geheimnisse, was?« Geheimnisse. Davon habe ich viele. Manchmal zu viele, um damit fertig zu werden. »Schon okay, Logan. Will meine Nase nicht in anderer Leute Angelegenheiten stecken.« »Das haben Sie bereits.« Langram nahm die Beleidigung nicht zur Kenntnis, und sie saßen sich ziemlich lange in unbehaglichem Schweigen gegenüber. »Ich kenne mich in Geographie ziemlich gut aus«, meinte Langram schließlich. »Ich meine damit die Koreanische Halbinsel. Und auch das Gebiet, in das wir sollen.« »Nett dort?« »Wenn man Nordkorea als Gefängnis sieht, dann ist das Gebiet ums Sook-Reservoir mit dem Trakt für Einzelhaft zu vergleichen, eine Zelle im Todestrakt, und die Galgen marschieren in Horden auf.« Logan zuckte mit den Achseln. »Hört sich toll an.« Langram musterte den ihm gegenübersitzenden Mann. Logan wich seinem Blick aus. »Das ist alles, was ich weiß«, fuhr Langram fort. »Und da Sie kein Fachmann für Atombomben zu sein scheinen, nehme ich an, dass Sie entweder die dortige Landessprache sprechen oder etwas über die Typen wissen, hinter denen wir her sind.« »Bis hierhin richtig.« »Und da Sie viel Erfahrung im Umgang mit Klingen haben und
kein Koreaner sind, muss ich wohl davon ausgehen, dass Sie viel über Hideki Musaki und seine Yakuza-Schläger wissen sowie über das waffenfähige Plutonium, welches von ihnen gestohlen wurde, während es zum geheimen Regierungslabor im Norden unterwegs war – wo Waffen entwickelt werden, die alle in Angst und Schre cken versetzen.« Logan nickte einmal kurz. »Ich kenne Hideki Musaki … persön lich. Aber wir sind nicht befreundet.« Langram lächelte zum ersten Mal, seitdem sie zusammen saßen. »Also sind Sie durch den Fernen Osten gezogen, was? Irgendwie habe ich das gewusst. Schon als ich Sie sah, habe ich mich an einen Ort erinnert … eine Spelunke, die Crackling' Rosa's hieß. Und an einen Mann. Ein Typ, den man in der Gegend unter dem Namen Patch kannte. Er hatte einen Hang zu Messern … genau wie Sie.« Wieder gab Logan keine Antwort. Langram schaute auf seine Uhr, dann stand er auf. »Muss gehen, Logan«, sagte er. »Aber wir werden uns in den nächsten Tagen noch häufig sehen. In der Zwischenzeit denken Sie daran, was ich über die CIS gesagt habe – dass das ein guter Ort wäre, um noch mal von vorn anzufangen. Man kann sogar seiner Vergangenheit entwischen, wenn man das will … nicht viele be kommen eine zweite Chance.« Langram wandte sich ab, um zu gehen. »He, Langram.« Diesmal stand Logan auf und sah ihm ins Gesicht. »Ich werde Ihren Rücken decken, wenn Sie meinen decken. Und wenn dieser Einsatz vorbei ist und wir beide noch am Leben sind, werde ich Ihnen einen Drink spendieren …« Noch ein Drink. Und noch einer. Doch nie genug, um Erleichterung zu verschaffen. Warte mal. Worüber hatte ich gerade nachgedacht? Wie Nebelschwaden verzogen sich die Erinnerungsfetzen an jene erste Begegnung mit Neil Langram.
Von einem schleichenden Gedächtnisschwund geschwächt, der ihn benommen über seinem Drink grübeln ließ, beobachtete Logan, wie sich die Farbe des Whiskys von einem klaren Braun in ein trübes Grün verwandelte. Übelkeit stieg in ihm auf und er schaute weg. Auf der anderen Seite der Scheibe sah man den gespenstischen Phosphorschimmer des Wortes Prophecy. Ein beißender Geruch nach Chemikalien stieg ihm in die Nase und die Federn des durchge sessenen Sofas gruben sich in sein Fleisch. Doch trotz des körperli chen Unbehagens sackte Logans Kopf nach vorne, und seine Augen schlossen sich. Der Schlaf übermannte ihn, doch Logans Träume unterschieden sich nicht von seinem Leben im Wachzustand. Er sehnte sich nach dem Entrinnen, während er lief und seine Füße sich über einen bis in alle Ewigkeit hinziehenden Abhang, der sich immer weiter in die Zukunft ausdehnte, quälten. Auf dem Gipfel empfing ihn die brum mende Neonreklametafel des Prophecy, die dort wartete, auf ihn wartete. Plötzlich wieder wach, fuhr Logan hoch und zerdrückte dabei das Glas in seiner Hand. Zähflüssiges Blut sammelte sich in seiner Handfläche, doch er spürte keine Schmerzen. Taumelnd kam Logan hoch. Plötzlich konnte er es nicht mehr aus halten. Er wollte fliehen. Er wollte fort sein, ehe er vom Schlund der Apokalypse verschlungen wurde. Er zerrte sich das Flanellhemd über die breiten Schultern und grübelte dabei darüber nach, ob seine Alpträume wohl Visionen einer möglichen Zukunft waren. Er hatte Schmerz und Knochen und Dornen gesehen. Von schrecklichem Gestank und purem Entsetzen hatte er geträumt. Von Krallenhänden … Auf der Suche nach seinen Autoschlüsseln wühlte Logan sich durch einen Stapel vergilbter Zeitungen. Da fiel ihm auf einem öl verschmierten Blatt eine Schlagzeile ins Auge: MÖRDER AUS BARMHERZIGKEIT »QUACK« ENTKOMMT
DEM FBI Unter der Überschrift gleich neben dem Text ein Schwarz-WeißRasterfoto. Das Bild zeigte einen würdevollen, bärtigen Mann mit einem langweiligen, nichts sagenden Gesicht. Das Bild und die Überschrift riefen eine vage Unruhe in Logan hervor, aber er wusste nicht warum. Während er noch versuchte, der Fäden der Erinnerung habhaft zu werden, um sie miteinander zu verbinden, lösten sie sich auch schon wie Dunstwolken in seinem immer trüber werdenden Verstand auf. Ein Blitz zuckte über den Himmel und schlug in einen weiteren Baum ein. Noch eine Warnung. Ein Unwetter naht, und es ist ein heftiges Unwetter. Ein richtig heftiges. Das, auf welches ich gewartet habe. Logan steckte Geld und Schlüssel ein. Ohne auch nur einen Blick zurückzuwerfen, verließ er das Prophecy. Die letzte Erinnerung dar an: die blinkende Neonleuchtreklame im Regen. Plötzlich saß Logan auf einem Barhocker am dreckigen Tresen einer schmuddeligen Kneipe. Durch die trüben Scheiben konnte er sehen, dass der Regen aufgehört hatte. Ein Tuch aus schmutzigem Schnee bedeckte die kaputten Straßen und Gehwege. Wann hatte es geschneit? Mit zitternden Händen griff Logan nach der Flasche, die neben ihm stand. Er schluckte und fragte sich, ob der ganze Schnaps wohl nun endlich Wirkung zeigte und zu einer Art geistigem Blackout ge führt hatte. Logan erinnerte sich nicht an die Fahrt, die ihn hierher gebracht hatte, obwohl er durch das große Fenster seinen Lotus-Seven auf dem Parkplatz stehen sah. War er erst durch Regen, dann Schnee gefahren? Waren Stunden vergangen? Oder Tage? Hatte er den Güterzug verpasst … und da mit seine einzige Chance zur Flucht?
Logan erinnerte sich nicht daran, so etwas je zuvor verspürt zu haben, aber jetzt stieg zum ersten Mal Panik in ihm auf. Ein weiterer Schluck vom Whisky linderte das Gefühl, ersetzte es aber durch Verwirrung. Logan erlangte einen Teil seiner Selbstbeherrschung zurück, in dem er seine Umgebung in Augenschein nahm – der Barkeeper, der schweigend Gläser wusch, während sein Blick an einem leise gestell ten Fernseher hing, in dem ein Fußballspiel zu sehen war. Ein wei terer Mann saß am anderen Ende der Bar und trank ruhig aus sei nem Glas. Logan schnupperte, und seine Nase krauste sich beim Ge ruch von zu viel Schnaps und kaltem Zigarettenrauch. Röhren wie Würmer. Die sich in seine Ohren, Nase, seinen Mund, sein Hirn bohren. Draußen schaltete eine einsame Ampel von Grün zu Gelb zu Rot und dann wieder zurück. Auf den Bürgersteigen waren keine Fuß gänger unterwegs, und die Uhr am schneebedeckten Kirchturm am Ende der Straße lief rückwärts. Jede einzelne Sekunde unseres Lebens reisen wir in die Zukunft, aber laut Einstein kann niemand die Zeit zurückdrehen. Das bewies, dass der alte Kauz wohl doch nicht so schlau gewesen war, wie alle dachten. In einer düsteren Ecke neben der Dartscheibe erspähte Logan drei Männer in langen Mänteln. Sie trugen Sonnenbrillen, hatten ihre Hüte tief ins Gesicht gezogen und die Drinks standen unberührt vor ihnen auf dem Tisch. Sie saßen an einer Stelle des Raumes, der in Dunkelheit getaucht war. Wartend. Beobachtend. Zeit aufzubrechen … Logan stand auf, warf ein paar Banknoten auf den Tresen und ging auf die Tür zu. Die Männer im Schatten beachteten ihn nicht … oder schienen es zumindest nicht zu tun. Dass sie sich nicht rührten, machte Logan etwas Hoffnung, aber nicht viel. Auf der Straße knirschten seine schweren Stiefel im eisigen Schnee.
Stiefel. Wie die eines Soldaten. Wie meine. Einmal war ich Soldat ge wesen. Nein, zweimal. Ich kämpfte in zwei Kriegen. Beide Kriege sind lange vorbei. Logan blickte nach unten und stellte fest, dass seine Stiefel fort waren und seine Füße nicht mehr in festem Leder steckten, sondern stattdessen in weiche Mokassins gehüllt waren. Es lag immer noch Schnee. Überall. Doch jetzt handelte es sich um eine schneeweiße, jungfräuliche Schneedecke. Der reflektierende Schnee seiner Jugend. Er hüllte Bäume ein und legte sich wie eine Daunendecke auf Fels brocken. Er glitzerte bei klirrender Kälte unter einer blassen Winter sonne. Die Kneipe, der Parkplatz, die Schattenmänner waren verschwunden. Logan stapfte allein durch einen stillen Gebirgs wald. Zu Hause? Ist es denn möglich, dass ich bereits zu Hause bin? Raureif knirschte unter seinen Fußsohlen. Die Kälte kroch durch Logans drahtigen, jugendlichen Körper bis ins Mark. Doch trotz der eisigen Luft, des sich verdunkelnden Himmels und des Schnees, der immer tiefer wurde, stapfte Logan mühsam weiter. Es war brennender Zorn, der ihn vorantrieb, eine eiskalte Wut – der irrationale Wunsch nach Rache, der Logan immer tiefer in die Wildnis vordringen ließ. Logan folgte der Fährte durch knietiefen Schnee, mühsam trieb er sich zur Eile, um seine flüchtige Beute einzuholen. Mit tauben Fingern umklammerte er seines Vaters langes Messer, bereit anzu greifen, zuzustechen, seine Beute in Stücke zu reißen. Nur eins im Sinn – zu töten. Am Rande einer felsigen Klippe, wo der Schnee vom erbarmungs losen Wind fortgeblasen worden war, endete die Fährte, der Logan gefolgt war, abrupt. Niedergeschlagen und enttäuscht musterte Lo gan den Wald. Er versuchte eine Witterung aufzunehmen, während er hoffte, seine Beute allein durch ihren Geruch aufzuspüren.
Der schneidende Wind peitschte Logans Gesicht – ein Gesicht, das von der bitteren Kälte aufgerissen und durch die Schläge aufge schürft war, die ihm von Victor Creed verabreicht worden waren. Jenem brutalen Mistkerl, den die Siedler dieser Gegend unter sei nem Blackfoot-Indianernamen kannten – Sabretooth. Ich weiß, dass Creed mich hasst. Aber ich weiß nicht warum. Noch mehr Geheimnisse, verborgener und dunkler, als der Wald, der mich umgibt. Sabretooth war vor Stunden – oder waren es Tage? – an der Tür von Logans Blockhütte aufgetaucht, wie er es jedes Jahr um diese Zeit getan hatte. Für Creeds Besuche hatte es kein logisches Muster gegeben – nur dass sie immer dann kamen, wenn Logan allein war. Logan war über die Grenze des Gehöfts von seinem Vaters ge gangen, um im Wald Feuerholz für die bevorstehenden kalten Tage und Nächte zu sammeln. Er war wieder mal allein. Sein Vater war schon seit Wochen fort, um im Norden mit Fallen auf Pelzjagd zu gehen. Zum Schutze seines Sohnes, seiner wenigen Habseligkeiten und der kostbaren Pelze, die er während der vergangenen Saison hatte sammeln können, hatte der alte Logan sein Jagdmesser und einen scharfen Husky namens Razor zurückgelassen. Mit einem schweren Bündel trockenem Brennholz auf dem Heim weg, hatte Logan bereits früh Razors wildes Gebell und das wü tende Knurren gehört, das durch die Entfernung, durch Schnee und durch die Bäume gedämpft wurde. Er hatte das Feuerholz fallen ge lassen und war so schnell er konnte zur Hütte zurückgelaufen. Razors Blut und Gehirnmasse sprenkelten bereits den Schnee, als Logan die Hütte erreichte, und der Blackfoot-Indianer bediente sich an den Pelzen, die Logans Vater zurückgelassen hatte, damit sie in der Wintersonne trockneten. Tränen der Wut vernebelten Logans Blick, als er auf das ermordete Tier starrte, während Creeds höhnischer Spott auf ihn nieder prasselte. Dann hatte sich Logan mit dem wilden Schrei eines ent fesselten Tieres auf seinen Peiniger gestürzt, war auf dessen Rücken
gelandet, hatte Creeds Gesicht zerkratzt und seine Zähne in seinen Hals geschlagen. Mit einem fast schon unmenschlichen Gebrüll hatte Sabretooth Lo gan auf den vereisten Boden geschleudert. Betäubt hatte er sich neben dem steif werdenden Körper seines Hundes im Schnee gewälzt. Während er noch darum kämpfte, nicht das Bewusstsein zu verlieren, sah Logan den Indianer über sich auf tauchen. Er hörte das Gelächter des Mannes, das ihm durch Mark und Bein ging. Er spürte die unaufhörlichen Tritte und Hiebe, die auf ihn einprasselten. Schließlich war alles um ihn her schwarz geworden, und die Dun kelheit hatte ihn verschlungen. Viel später war Logan plötzlich hochgeschreckt, sein Körper war durch die Kälte ganz starr geworden. Die Sonne hatte den Himmel überquert, der Tag ging zur Neige. Logans Erinnerung war zurück gekehrt und mit ihr eine mörderische Wut. Er war in die Hütte gerannt und hatte das Jagdmesser gegriffen, das immer auf dem Kaminsims lag. Ohne einen Gedanken an das Wetter oder das schwindende Tageslicht zu verschwenden, brach Logan auf. Er war fest entschlossen, Sabretooth zu kriegen und dem Leben seines Erzfeindes ein für alle Mal ein Ende zu setzen. Innerhalb der ersten Stunde verlor Logan Creeds Fährte, dann fand er sie wieder. Jetzt wurde die Spur von einer anderen Fährte überlagert. Der eines Bären. Es musste ein großer Bär sein, wenn man die Größe der Abdrücke berücksichtigte. Genau wie Creed be wegte sich das Tier über einen steinigen Bergpfad, um in größere Höhen zu gelangen. Minuten später, als Logan eine Anhöhe fast bewältigt hatte, erhob sich hinter einem Felsbrocken plötzlich eine dunkle Gestalt. Der Grizzly brüllte herausfordernd, und Logan wich überrascht zurück. Schwerfällig stapfte das riesige Tier auf seinen kurzen Hin terbeinen auf ihn zu. Der Grizzly wog mindestens vierhundert Pfund. Als er wieder brüllte, trafen heiße Speicheltropfen Logans
Wange. Der dampfende Atem des Tieres strich über ihn hinweg. Einen Moment lang war Logan wie gelähmt. Dann hob er sein Messer und ging mit Gebrüll zum Angriff über. Er schwang das Messer hin und her, während er sich langsam vorwärts bewegte und auf den Angriff des gewaltigen Tieres vorbereitete. Der kühne, unerwartete Schritt verwirrte den Bären. Mit erstaun ten Augen und zuckenden Ohren hielt der Bär inne – gerade außerhalb der Reichweite des Messers. Logan stand breitbeinig da und bereitete sich auf den Angriff vor. Zorn und Wut hatten sein Inneres zerfressen, und er sehnte sich da nach, auf dieses Wesen – auf irgendein Wesen – einzustechen. Nichts konnte ihm mehr Angst machen. Die Zeit schien sich endlos in die Länge zu ziehen, während sich Mensch und Tier wachsam und vorsichtig Aug in Aug gegenüber standen. Dann hörte Logan plötzlich ein Schnauben, dem ein verängstigtes Gewinsel folgte. Es kam von einer Stelle hinter dem Grizzly. Hinter dem vor ihm aufragenden Bären erspähte Logan zwei schwarze Augenpaare, die ihn unter schwer mit Schnee beladenen, tief hängenden Pinienzweigen hervor anblickten. Zwei schwarze Fellknäuel mit braunen, feuchten Schnauzen kamen aus ihrem Versteck und suchten hinter dem Rücken ihrer Mutter Schutz. Als er die hilflosen Jungen sah, ließ Logan die Klinge sinken. Ohne die wütende Mutter aus den Augen zu lassen, wich er einen Schritt zurück, dann noch einen. Der Bär schnaubte, sein Fell sträubte sich, während Logan seinen vorsichtigen Rückzug fortsetzte. Sogar in seiner rauen Welt glaubte Logan daran, dass nicht jede Bedrohung automatisch getötet werden musste.
»Geh in Frieden. Du bist nicht mein Feind, und ich bin nicht deiner«, flüsterte Logan leise, während er weiter den Bergpfad zu rückging. Die Bärin spürte Logans Absicht. Sie ließ sich auf alle Viere herab und wandte dem Menschen ihren bebenden Rücken zu. Mit ihrer Tatze trieb sie ihre Jungen voran, dann verschwanden die Bären zwischen den schneebedeckten Bäumen. Logan beobachtete den Rückzug des Tieres, dessen Pelz mit Schnee bestäubt war und dem zwei Junge zwischen den Beinen toll ten. Als der Bär nicht mehr zu sehen war, schloss Logan die Augen und lehnte sich gegen einen Baumstamm, während sein Herz von den Nachwehen des Schreckens durch die unerwartete Begegnung pochte. Als Logan die Augen wieder öffnete, fand er sich draußen vor der Kneipe wieder, mitten auf dem schneebedeckten Parkplatz. Die Nacht war noch viel kälter geworden – ungewöhnlich kalt für die Jahreszeit. Aber es bestand natürlich auch die Möglichkeit, dass Logan Wochen oder gar Monate seit seinem Aufenthalt im Prophecy verloren hatte, und nicht nur ein paar Stunden. Aber er hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Nicht wenn die Schattenmänner so dicht hinter ihm waren … Erleichterung durchfuhr ihn, als er seinen Lotus-Seven erblickte. Das Verdeck war heruntergeklappt – völlig verrückt bei diesem Wetter, auch für jemanden, der nicht wie jeder andere Hitze oder Kälte spürte. Logan fand seine Schlüssel und glitt hinters Lenkrad. Das Motorengeräusch beruhigte ihn. Doch ehe Logan den Gang einlegen konnte, tauchten aus der Dunkelheit Gestalten auf. Dann sprach ein Mann. »Mr. Logan?« Logan schaute genau in dem Moment auf, als etwas Hartes, Kaltes und Scharfes seine Schulter traf, durch Muskeln und Rippen drang
und sich in seine Lunge bohrte. Heiße Galle drang ihm in die Kehle. Keuchend versuchte Logan sich aufzurichten, als auch schon das Gift durch seinen Körper schoss, seine Kräfte erlahmen ließ und sein Denken zum Stillstand brachte. Wie einen Haufen Kleider zog man Logan aus dem Wagen. Kraft los holte er aus – doch da wurde er nur von grausamen, unsichtba ren Fäusten auf den kalten Boden geboxt. Als das starke Betäu bungsmittel endgültig wirkte, wurde er von Dunkelheit und Schmerzen verschlungen. Kurz bevor er das Bewusstsein verlor, erfasste Logan ein seltsames Gefühl der Erleichterung. Jetzt konnte er nichts mehr tun. Die Tage, an denen er geflohen, und die Nächte, in denen er sich versteckt hatte, waren vorbei. Eine Flucht war nicht mehr möglich. Die Apokalypse hatte begonnen.
ZWEI Der Bienenstock
Durch die eckigen Gläser seiner Brille, die im schwachen Licht schimmerten, beobachtete der Professor das Ärzteteam bei der Arbeit an seinem Patienten. Ein Dutzend Ärzte und Spezialisten drängten sich um einen nack ten Körper, der sich im Kokon der dicken Wände eines durch sichtigen Behälters befand. Im Innern dieses Sarges aus Plexiglas trieb die Versuchsperson ›Subject X‹ in einer grünlichen, chemischen Brühe, die aus mit Interferon angereichertem Plasma, Molekular proteinen und Zellnährstoffen sowie einer Art synthetischer Frucht wasserlösung, die vom Professor selbst entwickelt worden war, bestand. Ein paar Unzen dieser trüben Flüssigkeit waren kostbarer, als diese Labortechniker sich je vorstellen konnten. Kostbarer als ein durchschnittlicher nordamerikanischer Wolkenkratzer – und noch mehr für jene Elite, der nur ein paar wenige angehörten, welche überhaupt Sinn und Zweck des Stoffes verstand. Der Professor wurde von einem blinkenden Lämpchen auf seiner Konsole aus den Gedanken gerissen. Der Leiter des Teams in formierte ihn darüber, dass sich die komplizierte Vorbereitungspha se ihrem Ende näherte. Der Raum des Professors war genauso hermetisch abgeschlossen wie der luftdichte Sarg von Subject X – ein elektronisches Reich aus Stahl und Glas, Fiberglaskabeln und Siliziumchips. In dieser Kammer summten Computer und surrten Prozessoren. Wände aus poliertem Adamantium-Stahl reflektierten schwach die über Moni
tore laufenden Datenströme und die Reihen hoch auflösender Fernsehbildschirme. Der dürre Körper des Professors saß aufrecht auf seinem ergono mischen Thron. Die bleiche Haut spannte sich über ausgeprägten Wangenknochen. Leidenschaftslos verfolgte er die medizinischen Vorbereitungen, die auf einem großen Zentralmonitor in Echtzeit zu sehen waren. Ein leichtes Lächeln – selten bei ihm – umspielte seine Lippen, während er die Vorbereitungen des Teams beobachtete. Trotz der die Bewegung einschränkenden Schutzanzüge, der hinderlichen Helme und der sperrigen Entstauber führte das medizinische Team seine Aufgaben schnell und effizient aus – so effizient, dass Subject X schon morgen für das erste Experiment vorbereitet sein würde, lange vor dem ursprünglich angesetzten Termin. Die Vorarbeiten waren hervorragend gelaufen, befand der Professor, und seine Mitarbeiter hatten mit vorbildlicher Präzision gearbeitet. Und warum auch nicht? Hatte er sie nicht selbst ausgebildet und das höchste Maß an Professionalität, Engagement und Selbstauf opferung von jedem Einzelnen verlangt? Der Professor drückte auf einen Knopf. In einem anderen Ab schnitt der Anlage informierte ein blinkendes Licht ein zweites Ärzteteam, dass ihr Können bald gebraucht werden würde. Er steuerte alles, was innerhalb der riesigen Forschungseinrichtung ab lief, von seiner Kommandozentrale aus. Durch ständige digitale Aufzeichnungen wusste der Professor über jedes Vorkommnis Be scheid, kannte jedes Geräusch, das innerhalb dieser Mauern erzeugt wurde. Milliarden Datenbits liefen durch hunderte von Meilen von Fiber glaskabeln beim Professor zusammen – ein Informationsnetzwerk, das sich durch jeden Raum, jeden Lüftungsschlitz, jede Wand schlängelte. Wie eine Spinne hockte der Professor in seinem vernetzten Raum
und überwachte sein Reich von diesem Zentrum der weitläufigen Anlage aus. Obwohl er hinter mit verschlüsselten Zugangscodes versiegelten Türen saß, hatte er Zugriff auf alle Daten, konnte jedes Experiment beobachten und mit dem Umlegen eines Schalters oder verbal Befehle erteilen. Was ihn im Moment am meisten interessierte, war natürlich Sub ject X. Über den Monitor verfolgte der Professor die Ankunft des zweiten Ärzteteams. Eine Drucklufttür öffnete sich mit einem Zischen, und die Gruppe trat ein, um das Team zu abzulösen, welches für die Vorbereitungen zuständig gewesen war. Auch das neu eingetroffene Team trug unförmige Schutzanzüge, die nicht ihrem Schutz dienten, sondern verhindern sollten, dass Subject X kontaminiert wurde – eine notwendige Vorsichtsmaßnahme. Die Aufgabe dieses zweiten Teams bestand darin, Subject X mit unterschiedlichen biologischen Sonden zur Überwachung seiner Körperfunktionen zu versehen und gleichzeitig hohle Injektions schläuche, die in Teflon gehüllt waren, zu setzen. Diese Schläuche waren entscheidend für den Erfolg des Adamantium-Verbindungs prozesses. Die langfingrigen Hände des Professors – er fand, es waren die Hände eines Ästheten – glitten über die seinen persönlichen Bedürf nissen angepasste, ergonomische Tastatur, die nur er bedienen konnte. Plötzlich wurde das allgegenwärtige Rauschen der Entstau ber und das ständige Summen der Klimaanlage von Bruchstücken einer Unterhaltung und anderen Geräuschen aus dem Labor über tönt. Die Daten, die zuvor über die zusätzlichen Beobachtungsmonitore gelaufen waren, wurden durch Bilder von Männern in Schutzan zügen ersetzt, die sich um den schimmernden, durchsichtigen Sarg versammelt hatten. Dr. Hendry, der Teamleiter – sein Schutzanzug war mit einem breiten grünen Streifen markiert, um seinen Status kenntlich zu ma
chen – musterte Subject X durch die trübe Flüssigkeit. »Wer hat den Patienten rasiert?« Ein Mann neben Hendry hob die Hand. »Das habe ich gemacht.« »Was haben Sie benutzt – eine Geflügelschere oder was?« »Bitte?« »Sehen Sie sich den Mann doch an.« Er deutete auf die einsame Gestalt im hellen, rechteckigen Becken. Durch das Visier war die Verwirrung des Mannes zu erkennen. »Das ist aber wirklich seltsam. Ich habe ihn vor zwanzig Minuten rasiert, und er war so glatt wie ein Babypopo …« »Einen Haarschnitt könnte er auch brauchen«, meinte ein anderes Mitglied des Teams. Die Ärzte und Spezialisten stellten sich vor die Plexiglasscheibe und betrachteten stumm die Gestalt im Innern des Beckens. Der hellhäutige, männliche Körper war von Bläschen umhüllt. Sein rabenschwarzes Haar trieb wie eine Sturmwolke um seinen Kopf. Ein flexibler Beatmungsschlauch aus Stahl ringelte sich von einem fauchenden Beatmungsgerät zu einer Maske, die Nase und Mund der Versuchsperson vollständig bedeckte. Diese High-Tech-Nabel schnur enthielt auch verschiedene Sensoren und Schläuche, die die Versuchsperson mit Nährstoffen versorgte, sowie Kanülen, um Me dikamente zu verabreichen, wenn es nötig sein sollte. Die Stille wurde schließlich von einem Rollwagen durchbrochen, den eine Krankenschwester hereinschob, die die gleiche unförmige Schutzkleidung wie die anderen trug. Auf der sterilen Oberfläche des Wagens lagen mehrere chirurgische Sonden, die eher wie mittel alterliche Folterinstrumente aussahen als wie moderne medizinische Implantate. Jede einzelne schimmernde Sonde bestand aus einem hohlen, rasiermesserscharfen, rostfreien Stahlstift – einige waren fast zehn Zentimeter lang, andere nur zwischen zwei und drei Zentime ter. Am Ende jedes Stiftes waren neben einem langen, flexiblen Schlauch Drähte befestigt, die die biologischen Informationen zu
verschiedenen Überwachungsgeräten weiterleiteten. Viele der Sonden würden nur die Körperfunktionen der Ver suchsperson messen und bestimmen – Herzrhythmus, Blutdruck, Grundstoffwechsel, Körpertemperatur, Elektrolythaushalt, Atmung, Hormonhaushalt, Verdauung, Ausscheidungen und Gehirn funktionen. Andere Sonden dienten geheimnisvolleren Zwecken. Der Professor beobachtete über seinen Monitor, wie der Teamleiter mit dem Einsetzen der ersten Sonde begann. Dr. Hendry fasste in die wabernde Brühe und schob einen schmalen, sechs Zentimeter langen Stift durch ein Loch, das über dem linken Auge in die Hirn schale gebohrt worden war, direkt ins Gehirn von Subject X. Plötzlich begann sich die Versuchsperson heftig zu bewegen. Für das Ärzteteam kam es völlig unerwartet, als Subject X zu sammenzuckte, die Augen öffnete und sie offensichtlich wach an starrte. »Treten Sie zurück«, befahl Dr. Hendry, obwohl er selbst nicht von der Stelle wich. Die Augen der Versuchsperson schienen tatsächlich etwas zu se hen und wirkten wach, obwohl die Pupillen geweitet waren. Subject X versuchte auch zu sprechen, doch die Laute, die er hervorstieß, waren durch das blubbernde Atmungsgerät und die summenden Maschinen so gedämpft, dass man sie nicht verstehen konnte. »Die Wirkung des Beruhigungsmittels lässt nach.« Die Stimme des Neurologen klang missbilligend. »Wir haben genug in ihn hineingepumpt, um sogar einen Elefanten zu betäuben!«, verteidigte sich der Anästhesist. »Ich kann es auch kaum glauben, aber sehen Sie sich dieses Ge hirnwellenmuster an.« Der Neurologe trat beiseite, damit der Rest des Teams einen Blick auf den Ausdruck des Enzephalogramms werfen konnte. »Sie haben Recht.« Der Anästhesist konnte es kaum fassen. So et was hatte er noch nie gesehen. »Die Versuchsperson befindet sich
zwar noch im Dämmerzustand, aber er erlangt das Bewusstsein zu rück, trotz der Sedativa.« »Okay, ich will Thorazin. Vierhundertfünfzig Milligramm.« Dr. Hendry streckte die Hand nach der Betäubungspistole aus. Sein Assistent lud das Gerät mit einem Plastikfläschchen des starken Medikaments, dann zögerte er. »Sind Sie sich mit der Dosis sicher?«, fragte der Assistent verwirrt. »Das Thorazin wird mit seinen Gehirnfunktionen ohnehin schon schreckliche Dinge anstellen, und bei 450 mg …« Die furchtsame Stimme führte den Satz nicht zu Ende, aber was der Mann meinte, war nicht zu überhören. Das Serum würde die Versuchsperson möglicherweise umbringen. Dr. Hendry blickte durch sein Visier auf den geisterhaften Umriss der Gestalt, die im sargähnlichen Becken wild um sich schlug. Die Brust der Versuchsperson hob und senkte sich schwer, und der Kiefer mahlte hinter der Atemmaske. »Wenn er da rauskommt, wird er mit uns was ganz Schreckliches machen«, erwiderte Dr. Hendry. »Aber das ist eine gewaltige Dosis – sie reicht, um ihn umzu bringen – vielleicht …« Die Stimme des Anästhesisten klang nicht so schwach wie die des Assistenten, aber auch sie verebbte unsicher. Er hatte sich verpflichtet gefühlt, etwas zu sagen, obwohl er wusste, dass es keine Rolle spielte. Nicht, wenn Dr. Hendry die verantwort liche Person war. Der Professor beobachtete alles von seiner versiegelten Kammer aus und brummte ärgerlich, während er die Gegensprechanlage an stellte. Als er sprach, war seine scharfe Stimme sowohl im Labor als auch in den Helmen der Schutzanzüge zu hören. »Verabreichen Sie sofort das Thorazin. In der Dosis, die Dr. Hendry verordnet hat. Der Patient darf nicht aufwachen. Nicht noch einmal.« Hendry entriss seinem Assistenten die Betäubungspistole und
tauchte den Lauf in das sprudelnde Becken. Man hörte ein Zischen, und Subject X spannte sich an, als ein gewaltiger Krampf seinen Körper ergriff. Doch schon bald schlossen sich die Augen der Ver suchsperson, und Atmung und Herzfrequenz verlangsamten sich. »Er ist weg«, sagte der Neurologe. »Blutdruck normal. Herzfrequenz normal. Die Atmung ist flach, aber das Beatmungsgerät wird ausreichend Sauerstoff in seine Lunge pressen«, verkündete der Anästhesist voller Erleichterung. Dr. Hendry versuchte, mit einer ruckartigen Bewegung unter sei nem Helm den Schweiß aus seinen Augen zu schütteln. »Eine Se kunde lang dachte ich schon, wir müssten das Zyanid freisetzen.« »Dann hätten wir zumindest gewusst, wie gut diese Schutzanzüge wirklich sind«, scherzte einer. Der Versuch, die Situation mit Humor zu nehmen, entspannte die Lage etwas, aber ihr Lachen klang trotzdem gezwungen. »Verfahren fortsetzen«, befahl die Stimme des Professors. Dr. Hendry hob den Blick zur Decke, als suchte er nach den un sichtbaren Kameras, die jede Phase des Vorgangs aufzeichneten. Nachdem ihm sein Assistent eine lange Sonde in seine behand schuhte Handfläche gedrückt hatte, tauchte Hendry die Hand in die kochende Brühe und versenkte den spitzen Spieß in der Bauchhöhle der Versuchsperson. Wieder spannte sich der Körper von Subject X an, während ein Zittern all seine Muskeln erfasste. Der Professor schaltete die Sprechanlage an. »Die Hirnwellen funktionen haben erneut eine Spitze gezeigt«, sagte er, während er die Daten auf seinem persönlichen Touchscreenmonitor beobachte te. Dieses Mal trat Hendry mit den anderen einen Schritt vom Becken weg. »Was sollen wir tun, Professor?« »Ich möchte, dass Sie die Biodämpfer benutzen, um die Gehirn funktionen von Subject X zu hemmen.«
Wieder ergriff der Anästhesist das Wort. »Aber Professor, wir haben ihm bereits genug Thorazin verabreicht, um …« »… einen Elefanten zu betäuben, ja, ich weiß. Aber das Sedativum scheint ja wohl nicht besonders wirkungsvoll zu sein«, murmelte der Professor. »Wie Sie deutlich erkennen können, ist Subject X ja wohl kaum als … ruhig zu bezeichnen.« Hendry gab einem anderen Mitglied seines Teams ein Zeichen. Der Mann trat mit Gehirnsonden in der Hand vor. Der Rest des Teams zog sich etwas zurück, damit die Spezialisten genug Platz für ihre Arbeit hatten. Doch ehe die Sonden eingeführt wurden, meldete sich der Psychiater zu Wort. »Wenn Sie möchten, könnten wir den Enzephalographischen Manifestations-Monitor aktivieren. Eine Verbindung mit dem Ge hirn müsste jetzt, während die Versuchsperson nicht bei Bewusst sein ist, sehr einfach sein …« »Das wird nicht notwendig sein«, antwortete der Professor. »Die Dämpfer genügen vorerst.« Der Psychiater nahm die Antwort ohne zu diskutieren hin und machte sich an die Arbeit. »Werden Sie sich uns hier im Labor anschließen, Sir?«, fragte Hendry. »Bald, Dr. Hendry. Bald …« Nach ein paar Minuten waren alle Hirnsonden gesetzt und die Ge räte eingeschaltet. Die Werte zeigten, dass die Biodämpfer – winzige Geräte, die elektromagnetische Wellen aussandten, durch die es quasi zu einem Kurzschluss im Gehirn kam – es endlich geschafft hatten. Subject X würde vorerst nicht mehr aufwachen. Erst wenn man dies wieder wollte. »Fahren Sie fort«, sagte der Professor. Sichtlich zufrieden, dass die vorbereitenden Arbeiten jetzt wieder planmäßig weiterliefen, schaltete der Professor den Audiokanal ab. Die Videobilder ließ er jedoch weiter über die Monitore laufen.
Als er sich auf seinem Stuhl bewegte, stieß der Professor mit dem Ellbogen versehentlich gegen eine dicke Personalakte, wodurch sich ein Stapel vergilbter Zeitungsausschnitte fächerförmig auf seinem Schreibtisch ausbreitete. MÖRDER AUS BARMHERZIGKEIT »QUACK« ENTKOMMT DEM FBI lautete die reißerische Überschrift, die einen der Aus schnitte zierte. Neben der Schlagzeile war ein Schwarz-Weiß-Raster foto zu sehen, welches einen bärtigen Mann mit einem runden, fast schon engelhaften Gesicht zeigte. Die Bildunterschrift lautete: DR. ABRAHAM B. CORNELIUS JETZT AUF DER FLUCHT VOR DER JUSTIZ Mit einem müden Seufzer schob der Professor die Ausschnitte in die Akte zurück und legte sie beiseite. Nachdem er das Aufzeich nungsgerät durch einen Knopfdruck eingeschaltet hatte, welches in die Konsole integriert war, begann er mit langsamer, klarer Stimme zu diktieren. »Dies ist ein Memo an Director X zur Kenntnisnahme. Heutiges Datum …« »Ich habe mich mit Dr. Cornelius am vereinbarten Ort getroffen …« Am vereinbarten Ort? Der Professor merkte, wie er grinste. Eine lä cherliche, schönfärberische Umschreibung für das stinkende Loch in der verwahrlosten Gegend, wo der flüchtige Wissenschaftler Unterschlupf ge sucht hatte, um Verhaftung, Gefängnis und vielleicht sogar seiner Hin richtung zu entgehen. »Das Treffen war freundlich …« Wenn man die Androhung von Erpressung als freundlich bezeichnen konnte. »… und Dr. Cornelius drückte sein Interesse an unserem Projekt und dessen ehrgeizigen Zielen aus …« In Wahrheit suchte Cornelius nur verzweifelt nach einer Möglichkeit, der Bestrafung zu entgehen. In den Vereinigten Staaten gingen die
Behörden nicht zimperlich mit Mördern um – insbesondere solchen, die den Hippokratischen Eid geleistet hatten. »Dr. Cornelius hat sich mit den Einstellungsbedingungen einver standen erklärt und scheint dankbar zu sein, seine Dienste der medi zinischen Forschung zur Verfügung stellen zu dürfen …« Als ob er eine andere Wahl gehabt hätte. »Trotzdem stellt sich mir die Frage, ob Dr. Cornelius der optimale Kandidat für solch eine wichtige Position bei diesem Experiment ist. In der Vergangenheit zeigte er einen störenden Hang zu unabhän gigem Denken, wie sein Verbrechen bezeugt.« »Ich bezweifle außerdem, dass sein Fachwissen benötigt wird. Ich bin mir sicher, dass es zu keiner Gewebeabstoßung kommt, und Dr. Hendry stimmt hierin mit mir überein. Meine Verbindungstechnik wird völlig ausreichen, um Logans Skelett zu ummanteln.« Wirklich lächerlich, dass Director X Dr. Cornelius' Fähigkeiten mit meinen vergleicht. Es gibt überhaupt keine Basis für einen Vergleich. Ich bin ein Architekt des Fleisches, ein Künstler, ein Visionär. Cornelius dagegen ist nur ein erfahrener Praktiker einer einzigen Fachrichtung. Sieht denn Director X diesen Unterschied nicht? »Gewiss sind doch andere Forscher auf dem Gebiet der Immuno logie ähnlich qualifiziert und haben einen deutlich weniger … frag würdigen Hintergrund?« Der Professor schaltete das Mikrofon aus. Stirnrunzelnd überdach te er seine Erklärung noch einmal gründlich, dann fiel ihm etwas ein. Wenn ich zu vehement Einspruch erhebe, wird Director X womöglich meine Motive oder sogar meine Loyalität in Frage stellen. Vielleicht ist es besser, wohlwollend und diplomatisch zu reagieren und diesen Eindringling genauso zu akzeptieren, wie ich auch Ms. Hines akzeptiert habe. Man kann sich der beiden auch später entledigen, wenn man sie nicht mehr braucht … Am Ende zählen schließlich nur die Ergebnisse. Der Professor stellte sein Mikrofon wieder an. »Memo löschen bis ›Einstellungsbedingungen einverstanden er
klärt‹.« Das Aufzeichnungsgerät summte, während es automatisch zu rücklief. »Ich habe das Gefühl, dass Dr. Cornelius eine wertvolle Ergänzung für dieses Projekt darstellen wird«, fuhr der Professor fort. »Seine Referenzen sind beeindruckend …« Aber er ist ganz bestimmt kein Genie … »… und ich bin mir sicher, dass er in der Lage sein wird, mich in den kommenden Monaten hervorragend zu unterstützen …« Obwohl ich seine Unterstützung weder will noch brauche, egal für wie kompetent Director X diesen Mann auch halten mag. Brauchte denn Mi chelangelo Unterstützung, als er seine Version der Schöpfung an die Decke der Sixtinischen Kapelle malte? »… Das Projekt ist von seiner Vollendung noch weit entfernt, und es gibt noch viel zu tun …« Hatte denn Gott bei der Erschaffung des Universums Unterstützung oder zusätzliche Hilfe gebraucht? Ich glaube nicht. »Und natürlich hat sich auch Ms. Carol Hines, die früher für die NASA gearbeitet hat, als wertvolle Bereicherung erwiesen …« Die Frau ist annehmbar, auch wenn Director X sie mir aufgedrängt hat. Zu ihren Gunsten muss man sagen, dass Ms. Hines keiner zusätzlichen Ausbildung bedurfte und ihre Aufgaben sofort nach ihrer Einstellung in Angriff nahm. »Sie hat eine sehr gute Ausbildung bei der National Aeronautics and Space Administration genossen und ist erfahren im Einsatz der EMaM-Technologie – sie ist eine der wenigen erfahrenen Spezialis tinnen auf der Welt …« Und was noch mehr ins Gewicht fällt – die Frau ist gefügig und leicht zu steuern. Die Art Mensch, der unschätzbare Dienste leistet, ohne etwas als Gegenleistung zu erwarten. Und am Schönsten ist, dass sie keine Fragen stellt – die perfekte Drone, eine richtige Arbeiterin wie in einem Bienenstock. Eindeutig keine Königin …
»Beide sind in der Station eingetroffen und richten sich gerade ein.« Und Dr. Cornelius sollte sich am Riemen reißen, sonst ist er für mich und das Experiment nutzlos … Von Ms. Hines' Hingabe und ihren be achtlichen Fähigkeiten bin ich bereits beeindruckt. Aber meine Beurteilung von Dr. Cornelius sollte ich bis zu einem Zeitpunkt aufschieben, wenn ich den Mann bei der Arbeit erlebt habe … »Ich werde einen gesonderten Verlaufsbericht über Erfolg oder Misserfolg anfertigen, nachdem der Adamantium-Verbindungspro zess abgeschlossen ist. Bis dahin …« Der Professor fügte seine digitale Signatur hinzu, schaltete das Mi krofon aus und sank in seinen Sessel. Seine Gedanken kamen nicht zur Ruhe. Wenn Menschen doch nur genauso vorhersehbar, genauso leicht zu len ken wären wie die Elemente. Als Wissenschaftler wusste der Professor mit absoluter Sicherheit, dass das geschmolzene Adamantium, welches im Bottich im Labor unter ihm blubberte, bei einer ganz bestimmten Temperatur schmolz. Er wusste auch, dass die gleiche Substanz härter als ein Diamant sein würde, wenn sie abkühlte. Er kannte das genaue Mi schungsverhältnis der Moleküle der daraus entstehenden Le gierung. Er begriff, wie sich die verschiedenen Elemente mitein ander verbanden, und welche Struktur die Neutronen mit dem Atomkern bilden würden. Und trotzdem hatte er nicht den blasses ten Schimmer, wie eine seiner untersten Chargen seiner Einrichtung in genau der Situation reagieren würde, für die er ausgebildet worden war. Der Professor lehnte sich in seinem Kommandosessel zurück und starrte mit leerem Blick auf den flackernden Monitor. In der Zwischenzeit nahm im Labor alles seinen Fortgang. Die Techniker waren mit dem Setzen der Sonden fertig und entleerten mittlerweile den sargähnlichen Behälter. Das kostbare Nass würde in einen rostfreien Edelstahlbottich gepumpt werden, wo es ge
reinigt und für nachfolgende Verfahren gelagert werden sollte. Subject X würde die Nacht in einem sorgfältig überwachten Lagertank in einem künstlich herbeigeführten Schlaf verbringen. Seine Lebenszeichen und die Gehirnaktivität – beziehungsweise was davon vorhanden war – würde von einem Ärzteteam überwacht werden, das durch eine undurchdringliche Plexiglaswand vom Ver suchsobjekt getrennt war. Chemische Präparate, Flüssigkeit und Grundnährstoffe würden, falls notwendig, intravenös zugeführt werden. Ein weiteres blinkendes Licht auf der Konsole zeigte an, dass das Verfahren beendet war. Der Professor beobachtete, wie die Ärzte nacheinander das Labor verließen, ihre Schutzanzüge ablegten und sich über die schweißnasse Stirn wischten. Seine Konsole summte, und das müde, aristokratische Gesicht von Dr. Hendry erschien auf dem Zentralmonitor. »Die Sonden sind eingesetzt, Professor. Keine Hinweise auf eine Infektion. Keine Abstoßung zu beobachten. Die Lebenszeichen se hen alle ziemlich positiv aus.« »Sehr schön«, erwiderte der Professor. Doch der Leiter des Teams beendete die Verbindung nicht. »Sonst noch etwas, Dr. Hendry?« Der Mann auf dem Monitor räusperte sich. »Ich habe mit dem neuen Immunologen gesprochen«, begann er. Der Professor zog eine Augenbraue hoch. »Und?« »Ich bin von seiner Arbeit beeindruckt, aber nicht von dem Mann. Dr. Cornelius' theoretische Ansätze sind sehr fundiert, und er scheint eines der schwierigsten Probleme des Verbindungsprozesses gelöst zu haben …« »Ich bemerke ein Zögern in Ihrer Stimme, Dr. Hendry. Sprechen Sie ganz offen.« »Er ist ein ganz gewöhnlicher Verbrecher«, fuhr Hendry aufgeregt fort. »Er hat den ethischen Grundsätzen seines Berufes zuwiderge
handelt. Können wir uns seine Arbeit nicht zunutze machen, ohne ihn gleich einzustellen?« »Bei der Prozedur handelt es sich um ein Experiment. Vieles kann schief gehen. Da ist es besser, Cornelius hier zu haben, falls es zu unerwarteten Komplikationen kommt.« »Aber …« Der Professor unterbrach ihn. »Es liegt nicht in meiner Hand.« Hendry runzelte die Stirn. »Ich … verstehe.« »Sehr schön. Machen Sie weiter.« Ein Knopfdruck und Hendrys Gesicht verschwand, um von einer endlosen Folge von wissenschaftlichen Daten abgelöst zu werden, die über den Monitor krochen. Der ›Themenwechsel‹ erfreute den Professor. Die Gewissheit der Physik und das nachvollziehbare Arbeiten fortschritt licher Technologie sind den unvorhersagbaren menschlichen Gedanken und Verhaltensweisen eindeutig vorzuziehen. Unlogisches Denken und Verhalten und Widersprüche hatten ihn immer gestört, und der Professor sehnte sich danach, die Menschheit von nutzlosen Emotionen und zügellosen Wünschen zu befreien. Die Kontrolle des menschlichen Geistes war der Schlüssel hierzu – doch die absolute Kontrolle hatte man bisher nie erlangt. Bis zur Entwicklung des Enzephalographischen ManifestationsMonitors war es nie möglich gewesen. Bis jetzt hatte man die Möglichkeiten des EMaM noch nicht voll ausgelotet. Nicht einmal die Entwickler selbst hatten das getan. Die NASA benutzte das innovative Gerät für Trainingszwecke oder um Übungen in virtueller Realität zu erzeugen. Doch der Professor wusste, dass die Maschine noch viel mehr konnte. Sie nennen sich selbst Wissenschaftler, doch sie benehmen sich wie Kinder, die mit einer geladenen Pistole spielen, ohne das wahre Potenzial zu erkennen … »Alles ängstliche Feiglinge, der ganze Haufen …«, murmelte der
Professor. Mit dem EMaM war die Herrschaft über den menschlichen Geist in greifbare Nähe gerückt – kein Gedanke würde mehr geheim bleiben, kein Verlangen verborgen. Jede Hoffnung, jeder Traum, Angst oder Wut konnten nun beobachtet, überwacht, gesteuert, be urteilt und bewertet werden. Erinnerungen konnten ausgelöscht, Persönlichkeiten verändert, falsche Erinnerungen eingepflanzt werden, um echte Erfahrungen zu ersetzen. Nach Einschätzung des Professors war der Schöpfungsprozess der Technologie, die hinter dem Enzephalographischen ManifestationsMonitor stand, ein Beweis für die Angst, den Mangel an Phantasie und die Kurzsichtigkeit, die die gesamte wissenschaftliche Gemein schaft quälte. Brain Factory, eine Computerspielfirma in Südkalifornien, war der Wegbereiter für den ersten, primitiven EMaM, den die Firma als neuartiges Gerät auf den Markt brachte. Doch bereits in der frühen Testphase erwies sich das Gerät als zu gefährlich für menschliche Versuchspersonen. Die Behörde für Produkte und Konsumentensi cherheit schritt ein und verbot die Benutzung der EMaM-Technolo gie für Unterhaltungs- oder andere kommerzielle Zwecke. Mehrere Forscher auf dem Gebiet der Psychologie erkannten spä ter die Möglichkeiten der bahnbrechenden Technologie bei der Be handlung von mentalen Störungen. Doch statt die Gelegenheit zu ergreifen, sich dieses Forschungsgebiets anzunehmen, sprach sich der Amerikanische Rat Besorgter Psychiater gegen EMaM aus, »bis weitergehende Tests abgeschlossen« wären. Natürlich waren weitergehende Tests ohne zur Verfügung ge stellte Mittel nicht möglich, und Psychiater und Akademiker, die fürchteten, überflüssig zu werden, falls das Gerät tatsächlich die mit ihm verknüpften Erwartungen erfüllte, blockierten alle Kredite für Forschungsprojekte, die den Enzephalographischen ManifestationsMonitor einsetzten. Das war der Zeitpunkt, als Brain Factory Konkurs machte und sich
auf einen Schnäppchen-Deal mit der Regierung der Vereinigten Staaten einließ. Die Geldspritze ermöglichte Brain Factory die Entwicklung von zwei wirklich heißen Computerspielen. Im Gegenzug erhielten die CIA, SHIELD und die NASA die exklusiven Rechte an der Nutzung des Enzephalographischen ManifestationsMonitors für ›Forschungs- und Ausbildungszwecke‹. Er wusste zwar nicht, wie die CIA oder SHIELD die EMaM-Tech nologie letztendlich eingesetzt hatten, aber der Professor hatte her ausgefunden, dass die NASA die Chance auf den größten wissen schaftlichen Durchbruch in der Geschichte der Hirnforschung durch die Nutzung von EMaM als Unterrichtswerkzeug vertan hatte. Statt die Fähigkeit der Maschine zum Kontrollieren des Verstandes zu nutzen, um die volle Herrschaft über Astronauten und Wissen schaftler der NASA zu erlangen, begnügten sie sich damit, das Gerät wie einen Leitfaden für Simulationen und Trainingsübungen einzu setzen. Der Professor würde sich nicht von den gleichen Einschränkungen behindern lassen. Er hatte die feste Absicht, in den nächsten Mona ten die Möglichkeiten von EMaM an Subject X auszutesten. Es reich te nicht, den Körper des Versuchsobjekts zu verändern. Auch der Verstand musste umstrukturiert werden. Die absolute Herrschaft über Logan war das angestrebte Ziel des Professors. Er wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war. Der Professor wusste, dass der menschliche Körper gewissen Beschränkungen unterworfen war. Er wies Schwachpunkte auf. Knochen – sogar solche, die von Adamantium-Stahl umhüllt waren – waren nur bis zu einem gewissen Grad belastbar. Und auch che misch verbesserte Muskeln und Sehnen konnten immer noch er müden oder versagen. Doch ein Verstand, der auf ein tierisches Bewusstsein reduziert war – ohne Angst, Zweifel und Verlangen, ohne Erinnerung und Gefühle und unberührt von der Furcht vor der eigenen Vernichtung – würde nie ins Wanken geraten. In seiner makellosen Reinheit
würde solch ein Verstand keinen Schmerz, kein Unbehagen, keine Reue verspüren. Das überflüssige Zeug wegbrennen, die oberflächlichen Schichten von Menschlichkeit herunterreißen und das wilde, nicht vernunftbegabte Tier von der Kette lassen, das hinter der zivilisierten Fassade jedes menschli chen Wesens lauerte. Und dann werde ich aus diesem Tier Waffe X formen – das tödlichste Werkzeug des Krieges, das je geschmiedet wurde. Doch im Gegensatz zum Allerhöchsten, der der Menschheit das Leben schenkte, werde ich nicht den Fehler machen, meinem Geschöpf einen frei en Willen zuteil werden zu lassen. Waffe X wird nur ein Werkzeug sein, das alles tut, was ich verlange. Eine Erweiterung des Willens, ja. Meines eigenen.
DREI Der Wachmann
Der Mann zog seinen Lederparka enger um sich, als ein eisiger Windstoß durch die Pinien fuhr. Bei jedem Schritt knirschte der Herbstschnee unter seinen Stiefeln. Kaninchenspuren kreuzten den Pfad, und über ihm krächzte ein Raubvogel, der majestätische Kreise in der dünnen Gebirgsluft zog. Der Weg, den er genommen hatte, endete plötzlich an einer Stelle, wo es zweihundert Meter steil in die Tiefe ging. Das Wasser, das un ten im Canyon durch das Flussbett rauschte, schäumte mit blau-grü ner Gischt, und auf den laublosen, braunen Bäumen lag eine un regelmäßige Schneeschicht. In der Ferne schimmerten die schneebe deckten Gipfel der kanadischen Rockies orange und gelb in der an brechenden Dämmerung. Lange Zeit stand der Mann still am Abgrund und betrachtete den atemberaubenden Ausblick. Seine blauen Augen leuchteten in der Morgensonne, und sein Gesicht war von der kalten Luft gerötet. Zerzaustes blondes Haar schaute unter einer Wollmütze hervor und überdeckte den Mullverband, der über dem fünf Zentimeter langen Riss auf seiner Stirn lag. Zu früh wurde der friedliche Morgen von einem durchdringenden Piepsen gestört. Der Mann griff nach dem Kommunikator, der neben seinem Colt im Holster am Gürtel befestigt war. »Cutler …« »Die Spielpause ist vorbei, Cut. Sie müssen jetzt nach Hause kom men.« Cutler ignorierte den Spott. »Was steht an?«
»Deavers will Sie in seinem Büro sehen – sofort.« »Roger.« »Sieht so aus, als ob der Major einen Auftrag für Sie hat …« Cutler unterbrach die Verbindung und steckte den Kommunikator wieder ein. Er wandte der Morgendämmerung, ohne ihr noch einen letzten Blick zu gönnen, den Rücken zu und machte sich auf den Heimweg, wobei er in seine eigenen Fußstapfen trat. Durch bu schiges Gestrüpp und dichtes Piniengehölz erhaschte er einen Blick auf Stacheldraht und Elektrozäune – die ersten Hinweise auf Zivili sation. Bald darauf war er nah genug, um die gelben Schilder lesen zu können, die alle paar Meter in der Erde steckten: Betreten verboten Danger! Die Schilder waren auf Englisch und Französisch. Auf einigen standen die Warnhinweise sogar in der Sprache der Blackfoot-Sioux, die den größten Teil der einheimischen Bevölkerung dieser Region ausmachte. Keiner durfte sich dieser Anlage nähern. Nur wenige wussten überhaupt von ihrer Existenz. Cutler ging am Zaun entlang, bis er eine Sicherheitstür erreichte, an der er seine Ausweiskarte in ein Lesegerät schob und seine Ge heimnummer über die Tastatur eingab. Über seinem Kopf bestätigte ein Gerät zur Gesichtserkennung seine Identität, während ein Netz hautscanner sein rechtes Auge fotografierte. Zwei Sekunden, drei, und dann hörte Cutler das Piepen. Das Tor öffnete sich. Im Innern der Anlage waren keine Wachtposten zu sehen – nur noch mehr von den Überwachungskameras, Röntgensensoren und Magnetscannern. Als Cutler über den gefrorenen Boden ging, stieg ihm plötzlich der Geruch nach Tier aus den Pferchen in die Nase. Er hörte auch Schnauben und Gegrunze. Gott sei Dank hatten die Wöl fe, bald nachdem die Sonne aufgegangen war, ihr Geheul eingestellt. Er ging hinter den dicht stehenden Hundehütten und Käfigen aus Stahl vorbei und wandte sich dann in Richtung eines modernen Ge
bäudes aus Glas und Stahl, das auf einer kleinen Anhöhe stand. Über dem dreistöckigen Gebäude ragten kegelförmige Mikrowellen türme und Reihen von Satellitenantennen auf. Unter dem Gebäude gab es noch fünf Stockwerke voller stahlverkleideter Tunnel, Labo ratorien, Arbeitsräume und Lagerräume – sowie eine mäßig große Adamantium-Schmelzanlage im untersten Stockwerk. Das unter irdische Labyrinth war aus dem massiven Granitgestein herausge bohrt worden und erstreckte sich über den Grundriss des täuschend klein erscheinenden Gebäudes an der Oberfläche hinaus. Die Anlage war so groß, dass sie über einen eigenen Atomreaktor verfügte, der ihren Energiebedarf deckte. Als Cutler durch die Doppeltür aus Glas trat, wurde er von zwei bewaffneten Sicherheitskräften in die Mitte genommen – dieselben Männer, die er jeden Tag sah. Im Rahmen des planmäßigen Si cherheitsprotokolls überprüften sie seinen Ausweis und scannten seine Fingerabdrücke. »Haben Sie Ihren Morgenspaziergang gemacht?«, fragte einer der Wachtposten. Cutler nickte. »Bestimmt hat der Naturbursche Gedichte geschrieben. Sonnen schein, violette Erhabenheit der Berge und dieser ganze Mist«, sagte der andere. Sein Tonfall war nicht so freundlich. »Ich frage mich, wie Leute wie Cutler überhaupt an eine Klasse-Eins-Genehmigung kommen.« »Genau wie Sie, Gulford. Ich habe bei einem Wettbewerb ge wonnen.« Ein wenig später trat Cutler in Major Deavers spartanisch ein gerichtetes Büro. Der Major saß mit dem Rücken zu ihm an seinem Computer. Doch als er ihn hörte, drehte er sich herum und winkte ihn brüsk zu einem gepolsterten Stuhl. Ein ernster Ausdruck lag auf seinem Gesicht. »Ich stehe lieber«, sagte Cutler. Trotz der unterschiedlichen Dienstgrade salutierte keiner der
beiden Männer. Genau genommen gehörten sie nicht mehr den Ca nadian Defense Forces an, weshalb solche Formalitäten auch nicht erforderlich waren. »Von heute Morgen an sind Sie der Sicherheitschef«, erklärte Dea vers ihm. »Um 0830 wird Subject X aus der Zelle im Stockwerk drei ins Hauptlabor verlegt.« Cutler fluchte stumm. »Die Versuchsperson ist ruhig gestellt und für den Transport vor bereitet«, fuhr der Major fort. »Die Antikontaminationsvorschriften sind zu beachten, also tragen Sie bitte Ihren Schutzanzug. Wegen einer Waffe brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen – Subject X ist außer Gefecht gesetzt, und Schusswaffen machen die Docs ner vös.« Deavers stand auf. Der Mann war zehn Jahre älter als Cutler und auch einen Kopf größer. Sein schwarzes Haar war weiß gesprenkelt und kurz geschoren. Das Gesicht glatt wie ein Babypopo. Sogar sein khakifarbener Overall – die vorgeschriebene Kleidung im Innern der Anlage – schien frisch gebügelt. »Und machen Sie sich ein bisschen frisch, klar, Cutler? Rasieren, kämmen, duschen. Der Professor wird heute im Labor sein und er mag es, wenn seine Leute ordentlich aussehen.« Schon im Gehen wandte sich Cutler noch einmal um. »Noch eine Sache«, sagte er. »Warum muss ich den Neuen ein arbeiten? Ich bin kein Fremdenführer.« »Weil niemand sonst dafür verfügbar ist«, erwiderte Deavers. »Die meisten Mitarbeiter sind ins Experiment eingebunden. Der Professor hat doppelte Sicherheitsvorkehrungen für den Rest des Tages ange ordnet, und Erdman ist wegen der Auseinandersetzung letzte Nacht auf dem Parkplatz immer noch im Krankenhaus …« »Ließ sich nicht ändern, Sir.« »… und Hill ist gestern Abend abtransportiert worden. Ist von einem Puma, der aus seinem Käfig ausgebrochen war, aufgeschlitzt
worden. Die Ärzte sagen, seine Überlebenschance beträgt fünfzig zu fünfzig. Aber egal, wie es ausgeht – er wird nicht so schnell wieder da sein.« Cutler sah ihn erstaunt an. »Das wusste ich nicht.« »Hören Sie«, sagte Deavers. »Agent Franks ist wirklich ein schlau er Bursche. Sie werden ihn mögen. Er ist nett und eifrig. Einer, der sich immer freiwillig anbietet. Rice hat ihn gerade in die Daten wiederherstellung und die Sicherheitsprotokolle eingewiesen, und Franks hat sich dabei gar nicht mal dumm angestellt. Zeigen Sie ihm alles, und er wird Ihnen viel abnehmen.« »Ist das alles, Sir?« »Nein. Halten Sie mir den Neuen vom Leib. Ich kann diese Pfad findertypen nicht ausstehen. Ich hab zu viel um die Ohren, um bei so einem den Babysitter zu spielen.« »Jawohl, Sir. Das ist mein Job.« Deavers kehrte Cutler den Rücken und wandte sich wieder dem Computer zu. »Hauen Sie ab!«, bellte er, ohne auch nur noch einmal in Cutlers Richtung zu schauen. Nachdem er so entlassen war, nahm Cutler eine Dusche, rasierte sich und traf sich mit Agent Franks im Bereitschaftsraum. Der Typ hatte ein jungenhaftes Gesicht und große, braune Augen. Unauffäl lig musterte er die Schnitte und Schürfwunden auf Cutlers Gesicht. Während sie sich umzogen, bombardierte Franks Cutler mit Fragen. »Stimmt es, dass der Typ, den ich ersetze, von einem Grizzly zerfleischt worden ist?« »Keine Sorge«, erwiderte Cutler mit einem leichten Lächeln. »Das ist ein paar Wochen her, bevor alle Fehler aus dem Programm, das die Tiere überwacht, ausgemerzt worden sind. Jetzt haben wir professionelle Leute für die Tiere eingestellt, sodass wir uns nicht mehr selbst um die Bären kümmern müssen …« »Gott sei Dank.«
»… nur noch um die großen Katzen.« »Katzen?« Cutlers Grinsen wurde breiter. »Sie wissen schon … Löwen. Tiger. Leoparden … Katzen halt.« »Katzen? Bären? Wer braucht denn all diese wilden Tiere und wo für?« Cutlers Grinsen verschwand. »Das werden Sie schon noch früh genug herausfinden.« Es vergingen mehrere Minuten, ohne dass einer etwas sagte, wäh rend die Männer ihre komplizierten Schutzanzüge anlegten. »Ist hier eine hohe Fluktuation?«, fragte Franks schließlich, als er seinen Helm hochhob und den Kommunikator ausprobierte. »Sie kommen und gehen«, antwortete Cutler. »Diese Anlage ist erst vor einem Jahr ihrer Bestimmung übergeben worden und die Forschung, die hier betrieben wird … tja, sagen wir mal, die wechselt immer mal die Richtung. Und wie ich vorhin schon erwähnt habe – es sind noch eine ganze Menge Fehler auszu merzen.« Franks wies auf Cutlers Verletzungen. »Und welcher ›Fehler‹ ist dafür verantwortlich?«
Vom ersten Moment an, als Cutler und seine Leute Logan hereinge bracht hatten, waren Beschwerden über den Zustand der ›Ver suchsperson‹ gekommen. Doch wegen Erdman schien sich keiner Gedanken zu machen. Er spuckte ja auch nur Blut, weil eine gebro chene Rippe seine Lunge durchbohrt hatte. Cutler und Hill hatten den bewusstlosen Logan kaum in den Glas behälter gelegt, als sich auch schon die Techniker auf ihn stürzten. Ein Mann, der einen Arztkittel trug, rasierte die Versuchsperson, während eine widerlich stinkende, antibakterielle Flüssigkeit in den Dekontaminationsbehälter gepumpt wurde. Dann begannen die
Ärzte mit den vorbereitenden Untersuchungen. Der Chefarzt schien am ärgerlichsten zu sein. »Scheint so, als wä ren Ihre Jungs ein bisschen zu enthusiastisch zu Werke gegangen«, meinte Dr. Hendry und wies erbost auf den geschwollenen Kiefer und die Abschürfungen am Hals der Versuchsperson. Er biss die Zähne wütend zusammen. Major Deavers nickte. »Er hat Widerstand geleistet, als meine Männer ihn gestern Abend hergebracht haben.« »Und da hielten Ihre Schläger es für angebracht, ihn so übel zuzu richten, oder was, Major?« Cutler, der gerade von der Krankenstation zurück war, wo man den Schnitt an seiner Stirn genäht hatte, knirschte mit den Zähnen, während er eine obszöne Bemerkung unterdrückte. »Sie mussten ihn ein bisschen fester anfassen«, erklärte Deavers und schaute dabei nicht einmal in Cutlers Richtung. Cutler drehte sich um und verließ das Labor. Es war schon schlimm genug, dass Hendry und Deavers es für richtig hielten, über ihn zu reden, als wäre er gar nicht da, als wäre er eins von den Versuchstieren, das nicht in der Lage war, einer menschlichen Un terhaltung zu folgen – obwohl er an diese Art der Behandlung eigentlich mittlerweile gewöhnt sein müsste, insbesondere von den studierten Typen, die sich in der ganzen Anlage tummelten. Aber er würde den Teufel tun und einfach stehen bleiben, während Hendry ihn einen Schläger nannte. Ich bin ein Profi, genau wie alle anderen in dieser verdammten Einrich tung. Seine militärische Ausbildung hatte mehr als zehn Jahre gedauert, und er war einer der wenigen Berufssoldaten, die sowohl mit Ge heimdienstoperationen als auch mit unkonventioneller Kriegsfüh rung vertraut waren und Erfahrung in Spezial- und in Feldeinsätzen hatten. Als ehemaliger Angehöriger von Kanadas Joint Task Force Two hatte Cutlers Militär- und Antiterrorausbildung länger gedau ert und war umfassender gewesen als der abgedroschene Unterricht
dieser intellektuellen Eierköpfe, die einen ganzen Schwanz von Titeln hinter sich herschleppten und in den Laboren von Abschnitt K, in den Cafeterias und den Schlafsälen herumliefen. Und Cutler wäre jede Wette eingegangen, dass auch sein Fachwissen wertvoller war. Besonders jetzt. Hendry und seine Quacksalberkollegen hätten ›Subject X‹ ja noch nicht einmal hier, wenn Erdman, Hill und ich nicht unseren Hals riskiert hät ten, um ihn herzubringen. Ich hätte gern mal gesehen, wie Dr. Hendry versucht, einen wie Logan mitzunehmen, ohne der kostbaren Versuchsper son dabei ein Haar zu krümmen. Um ehrlich zu sein – Erdman und Hill hatten ihm mehr als nur ein Haar gekrümmt. Sie hatten ihn fast umgebracht. Cutler berührte sei nen Stirnverband und fragte sich, wie ein ganz normaler Routine einsatz so in die Hose hatte gehen können …
An sich eine einfache Aktion: Einpacken und Mitnehmen. »Lehr buchkram«, hatte der Major es genannt. Drei Agents angesetzt auf eine einzelne Zielperson. »Schnappt ihn euch, packt ihn ein und bringt ihn her – ohne dass irgend so ein verdammter Zivilist euch dabei sieht«, hatte er gesagt. Sie hatten Logan am gestrigen Abend vor einer von der Kirche ge führten Spelunke am Stadtrand eingeholt. Sie waren ihm bis zu einer Kneipe im Ort gefolgt und hatten darin gewartet, während ihr Mann mindestens fünf Whiskys innerhalb einer Stunde herunter schüttete. Ein anderer hätte sich schon längst eine Alkoholvergiftung geholt – wenn er nicht schon vorher sturzbetrunken vom Hocker gefallen wäre. Cutler war beeindruckt gewesen, als Logan, ohne auch nur einmal zu schwanken, aufrecht über den vereisten Parkplatz ge gangen war. Als Logan in sein Auto kletterte, waren sie zur Tat geschritten. Hill hielt die Betäubungspistole. Erdman und Cutler sollten ihn sich
greifen und festhalten. Es war Hill, der das Ganze vermasselte, in dem er ihrer Zielperson ihre Anwesenheit verriet, indem er dessen Namen rief. »Mr. Logan …« Hill sagte später, als er Major Deavers Bericht erstattete, dass er einen ungehinderten Schuss hatte abgeben wollen. Du hast vielleicht, sagen wir, anderthalb Meter entfernt gestanden, dachte Cutler voller Abscheu. Was hast du denn noch für einen unge hinderten Schuss gebraucht? Logan hatte hinter dem Steuer seines Kabrios gesessen und genau in dem Moment aufgeschaut, als Hill auf den Abzug drückte. Der Pfeil traf ihn an der Schulter, als er versuchte hochzukommen. Einen Augenblick später versagten ihm die Beine und er kippte aus dem Sitz. Erdman fing Logan auf, ehe dieser auf den Asphalt knallte, dann stöhnte er unter dem Gewicht des Mannes. »Helft mir! Für so einen kleinen Mann ist er wirklich schwer.« Plötzlich öffneten sich Logans Augen und er schlug um sich. Der Hieb ließ Erdman mit zwei gebrochenen Rippen zurücktaumeln. Als er zu Boden stürzte, knallte sein Kopf auf die Erde. Mit einem Schrei stieß Logan Hill aus dem Weg, um Erdman an die Kehle zu springen. Während er auf den hilflosen Mann ein schlug, rollte sich Erdman zusammen, um die empfindlichen Organe zu schützen. »Holt ihn runter!«, brüllte er, wenn er nicht gerade schmerzerfüllt hustete. Cutler packte Logan am Haar und riss seinen Kopf zurück, sodass seine Kehle frei lag. Ein Kinnhaken und ein weiterer Hieb in die Magengrube vertrieben einen Teil des Kampfgeistes aus ihrem Ziel objekt. Als Logan zusammenklappte, beugte Cutler sich mit erhobenen Fäusten über ihn und wartete auf einen Gegenangriff oder darauf, dass das Betäubungsmittel endlich wirkte.
Er dachte, er wäre auf der Hut, doch Cutler sah den Hieb, der ihn schließlich erwischte, gar nicht kommen – er merkte nur, wie etwas in seinem Kopf explodierte und sein Blut Flecken im Schnee hinter ließ. Als Cutler zu Boden ging, kam Erdman fluchend und spuckend wieder hoch. Er sprang auf Logans Rücken und schlang seine mächtigen Arme um den Hals des Mannes. Während er die Zähne zusammenbiss, drückte Erdman zu. »Hast du ihn denn nicht mit dieser blöden Betäubungspistole ge troffen?«, knurrte er Hill zwischen zusammengepressten blutigen Lippen an. »Natürlich hab ich ihn getroffen!«, schrie Hill. »Aus kürzester Ent fernung.« Cutler kam schwankend hoch. Durch einen blutigen Nebel konnte er erkennen, dass Logan schwächer wurde – entweder durch das Be täubungsmittel oder durch Erdmans Würgegriff. Obwohl Logan schon ganz blau im Gesicht war, kämpfte er immer noch verbissen weiter. Hill hob die Betäubungspistole. Doch statt sie nachzuladen, drehte er sie um, nahm den Lauf in die Hand und schlug mit der Pistole auf den am Boden zappelnden Mann ein. »Halt!«, brüllte Cutler. »Tot ist er nutzlos.« Aber Hill war bis oben voll mit Adrenalin – er war viel zu aufge putscht, um jetzt noch aufzuhören. Er schlug wieder auf Logan ein, und der Kopf des Mannes sackte zur Seite. »Das wird dem Major nicht gefallen«, keuchte Erdman. »Er sagte, keine Körperverletzung.« »Klar«, sagte Hill. »Aber der Major hat uns nicht erzählt, was für ein zäher Mistkerl das hier sein würde!« Hill holte mit der Faust aus, doch Cutler blockte ihn ab. »Genug, Hill. Er ist hinüber.« Logan glitt auf den eisigen Boden. Er rührte sich nicht mehr.
Cutler steckte die blutbesudelte Betäubungspistole ein und wisch te sich das Blut aus den Augen. Er musterte seine Partner. Erdman war weiß wie ein Gespenst und hielt sich die Seiten, während in sei nen keuchenden Atemzügen ein Gurgeln zu hören war. Hill war vom Kampf immer noch voll nervöser Anspannung, sein Körper zuckte vor geballter Energie. Cutler versuchte ihn zu beruhigen. »Lasst uns Logan in den Van schaffen, ehe uns noch jemand sieht und nachschauen kommt.« Er und Hill trugen den erschlafften Körper zum wartenden Van. Erdman humpelte neben ihnen her und blieb immer wieder stehen, um Blut und Speichel auszuspucken. Als Erdman sprach, war seine schwache Stimme nur ein schmatzendes Keuchen. »Der hier … pass auf ihn auf, Cut … Er be deutet Ärger … Der ist viel zäher, als er aussieht. Das ist ein ganz gemeiner Mistkerl.«
»Machen wir die Anzüge druckfest«, sagte Cutler und tippte auf das Bedienfeld an seinem Handgelenk. »Sie zuerst, Franks.« Cutlers Stimme dröhnte laut im Helm des anderen Mannes, und Franks stellte die Lautstärke ein. Dann drückte er auf das Bedienfeld an seinem Handgelenk, bis winzige rote Zahlen erschienen, die von Zehn abwärts liefen. Bei Null hörte Franks ein lautes Zischen und in seinen Ohren knallte es. Der Schutzanzug schloss sich eng um seine Taille, Achseln und Schultern, als die Nahtstellen vakuumversiegelt wurden. Die Welle klaustrophobischer, erstickender Panik ging schnell vorbei, als sich das Beatmungssystem einschaltete und küh le, frische Luft seinen Helm füllte. Ehe er sich in Bewegung setzte, wartete Franks geduldig einen zweiten Countdown ab, der die In tegrität des Anzugs bestätigte. »Versiegelt«, verkündete er, als ein Lämpchen grün aufleuchtete.
Cutler versiegelte seinen eigenen Anzug, dann traten beide Männer durch eine Mylar-Quarantäneabsperrung in eine mit Ada mantium ausgekleidete Zelle. Cutler stellte Franks Subject X vor. Logan, der mit seinem frisch geschorenen Kopf kaum wiederzuer kennen war, schwamm in einer sumpfgrünen chemischen Lösung hinter den durchsichtigen Wänden des Behälters. Eine Sauerstoff maske bedeckte sein Gesicht, intravenöse Schläuche schlängelten sich an beiden Armen entlang. Sein Kopf war nicht der einzige ra sierte Körperteil – er hatte kein einziges Haar mehr am ganzen Leib. Haarfollikel waren durch hunderte von Sonden ersetzt worden, die wie Igelstacheln aus Logans Armen, Beinen, Rumpf, Kehle und Lende ragten. Lange Kupfernadeln staken neben den zugeklebten Augen in den Augenwinkeln. Noch mehr Stacheln bohrten sich in Ohren, Nase und durch Löcher, die man in Schläfen und Schädelansatz gebohrt hatte, sogar in sein Gehirn. »Mensch, der sieht ja wie ein gottverdammtes Nadelkissen aus«, meinte Franks, während er um den Behälter herumging. »Wer zum Teufel ist das eigentlich?« Cutler zögerte einen kurzen Moment. »Ein Freiwilliger«, sagte er. Franks musterte die Gestalt, die im Behälter auf und ab zuckte, dann schüttelte er den Kopf. »Es gibt auf der ganzen Welt nicht genug Geld, als dass ich mich freiwillig auf so einen Scheiß einlassen würde.« »Vielleicht hat er es nicht für Geld getan.« »Sie haben Recht«, sagte Franks. »Dieser Typ ist wahrscheinlich Soldat, genau wie wir. Vielleicht ist er ein Held oder so was – ein Astronaut vielleicht. Auf mich wirkt er wie ein Bodybuilder. Sehen Sie sich nur diese Arme und diese Brust an. Der Typ sieht wirklich zäh aus. Ein verdammter Gorilla auf Steroiden …« Auf Cutler wirkte Subject X jetzt kleiner als letzte Nacht auf dem Parkplatz. Und auch viel weniger Furcht einflößend.
Als Franks den Raum durchquerte, bemerkte er ein Team von Technikern in Laborkitteln, die durch ein Plexiglasfenster von oben all ihre Schritte beobachteten. »Wir sollen diesen Typen verlegen, nicht wahr?«, fragte Franks, während er versuchte, das Publikum zu ignorieren. »Wie wollen wir ihn denn aus diesem blöden Behälter herausholen?« »Einen was?« Cutler öffnete eine Tür in der Wand und präsentierte ihm ein rostfreies Stahlgefährt, das einem mit Waffen bestückten Golfwagen ähnelte. Der Servomotor surrte, als Cutler den Plattformwagen aus der Ladeeinheit zum blubbernden Behälter lenkte. Es dauerte mehrere Minuten, um Franks zu zeigen, wie der Platt formwagen zu bedienen war und wo die einzelnen Bestandteile des Lebenserhaltungssystems während des Transports einzustecken waren. »Ich merke, dass Sie das schon früher gemacht haben«, sagte Franks. Cutler nickte. »Unser Held hier ist also nicht der erste Freiwillige. Es gab andere …« Franks fischte im Trüben. Cutler biss nicht an. Erst wollte er den Typen besser kennen lernen, bis er ihm vertrauen konnte, dass er nicht alles ausquatschen würde. »Er ist der erste Mensch«, sagte Cutler. Franks grinste. »Das Geheimnis ist gelüftet … Das ist der Grund für all die wilden Tiere hier.« »Es reicht, Franks. Wir haben was zu erledigen.« Unter Cutlers Aufsicht fuhr Franks den Plattformwagen rückwärts unter den Behälter und aktivierte die elektromagnetischen Klammern, die ihn nicht mehr loslassen würden. Der Plattform wagen ächzte unter dem Gewicht des Behälters. Als das Fahrzeug auf den Ausgang zurumpelte, schwappte die Flüssigkeit im kris
tallenen Sarg hoch, und die Versuchsperson stieß gegen die durch sichtigen Wände. Cutler warf einen Blick auf die Digitalanzeige des Plattform wagens und stellte voller Befriedigung fest, dass die Lebens erhaltungssysteme normal arbeiteten. Dann sah er auf seine Uhr. »Ich habe zwanzig Minuten, um Subject X nach unten ins Hauptla bor zu bringen. Wir werden uns also später sehen, Franks.« »Kann ich nicht mitkommen? Wo gehen Sie hin?« »Das fällt unter die erweiterten Sicherheitsbestimmungen, über die Sie nicht verfügen. Ihre Sicherheitsgenehmigung endete beim Fahr stuhl, also kehren Sie um und folgen Sie den gelben Markierungen zurück in den Umkleideraum. Öffnen Sie keine anderen Türen. Das wäre sonst eine Verletzung der Sicherheitsprotokolle, und das wollen Sie bestimmt nicht an Ihrem ersten Tag – das macht einen schlechten Eindruck.« »Nein, Sir … will sagen, ja, Sir …« Franks wandte sich ab, um zu gehen, während eine kindliche Enttäuschung auf seinem Gesicht zu sehen war. »He, Franks. Wenn Sie sich langweilen, gehen Sie zu Major Dea vers. Bestimmt findet er was, was so ein Pfadfindertyp wie Sie ma chen kann.«
Das Hauptlabor lag ein Stockwerk über der AdamantiumSchmelzanlage in einem Gebäudeabschnitt, der fast so groß wie ein Flugzeughangar war. Normalerweise wurde nur ein kleiner Teil des großen Raumes genutzt, während der Rest dunkel war. Doch als sich die Fahrstuhltüren öffneten, wunderte sich Cutler, als er fest stellte, dass der ganze riesige Raum hell erleuchtet war. Im ge samten Labor herrschte eine hektische Betriebsamkeit wie in einem Bienenstock. Blinkende rote Lampen stachen Cutler in die Augen, als er aus
dem Fahrstuhl trat. Warnung. Zone unter Quarantäne. Bei Rotlicht alarm war es Vorschrift, dass Schutzanzüge versiegelt und vakuum dicht waren, ehe jemand vom Personal den Bereich betreten durfte. Cutler war startklar. Er trat in eine wahre Kathedrale, die mit Stahl ausgekleidet war und deren hohe Decke sich über ihm wölbte – der Raum war aus dem gewachsenen Fels herausgeschlagen worden. Mindestens fünf zig Ärzte, medizinische Assistenten, Computertechniker und ver schiedene Spezialisten, die alle die gleichen Schutzanzüge wie Cut ler trugen, tummelten sich um einen gewaltigen Behälter in der Mit te des Raumes. Der Behälter war noch leer, aber es war leicht zu erraten, wer der Ehrengast sein würde. Cutler gab Logan das Geleit und lenkte den Plattformwagen in die Mitte des Labors. Als die Mitglieder des Ärzteteams ihn sahen, stürzten sie sich wie Fans, die einen Pro minenten auf dem roten Teppich verfolgen, auf ihn. Cutler hatte seine Aufgabe als Eskorte erfüllt und wurde beiseite gedrängt. Die härtesten Ellbogen setzte dabei sein Lieblingswissen schaftler ein – Dr. Hendry, derselbe, der ihn als Schläger bezeichnet hatte und sich über Logans Zustand beschwert hatte, als sie ihn ge bracht hatten. In seiner Eile, den Zustand der Versuchsperson auf der Anzeige zu überprüfen, drang Hendrys Stimme ganz schrill durch den Kopf hörer. »Herzfrequenz, normal … Atmung ist normal … Blutdruck ist normal. Okay, Leute, lasst ihn uns zum Behälter schaffen … subi to.« Ein Team von Technikern rollte den Plattformwagen zu dem Ende des Mammutbehälters, wo sich eine wasserdichte Luke befand. Mit Hilfe eines Schleusenkanals aus Plexiglas verband das Ärzteteam den kleineren mit dem größeren Behälter. Schließlich wurde eine blubbernde grüne, biologische Brühe in den größeren Tank gepumpt. Nach ein paar Minuten war der Flüssigkeitsstand in beiden Behältnissen gleich. Als sich die Flüssig
keiten vermischten, ließen die Techniker Logan buchstäblich aus sei nem ursprünglichen Behälter in den größeren Tank fließen. Ein Spezialist quetschte sich durch eine Luke – eine saubere Leis tung, wenn man einen Schutzanzug trug – und platschte im Behälter neben dem bewusstlosen Mann. Als Erstes verband er Logans intravenöse Schläuche und das Beat mungsgerät mit dem in den größeren Behälter eingebauten System. Dann überprüfte er mit Hilfe eines tragbaren Sensorgerätes den Zu stand jeder einzelnen der hundert oder mehr Sonden, die sich in den Körper der Versuchsperson bohrten. Der Vorgang dauerte viele Mi nuten lang. Mehrere Sonden wurden markiert und dann von einem anderen Spezialisten, der sich auch in den Tank hineingequetscht hatte, ersetzt. Schließlich signalisierten sie den Ärzten, dass sie fertig waren, und kletterten wieder heraus. Die Luken wurden hinter ihnen versiegelt, und dann noch mehr von der sprudelnden grünen Flüssigkeit in den Behälter gepumpt, bis er fast bis zum Rand gefüllt war. Wäh rend die beiden Techniker auf den Umkleideraum zugingen, flitzten kleine Roboter über den polierten Metallboden und reinigten die Schmutzspur aus Chemikalien, die sie hinter sich ließen. Reihen von Computerterminals drängten sich um den riesigen Tank und summten und tickten, während ihre Systeme damit be gannen, Verbindung mit den Sonden in Logans Körper herzustellen. Plötzlich wurden die Konsolen mit Energie versorgt, und über die Monitore begannen endlose, verschlüsselte Datenströme zu laufen. Unbemerkt bewegte sich Cutler zwischen den Ärzten, Technikern und Spezialisten, als er ein paar neue Gesichter hinter der Scheibe eines Beobachtungsraumes erspähte – eine Art freischwebende Gon del, zu der Stege hinaufführten, und die in der Mitte des Labors von der hohen Decke herunterhing. Hinter der Scheibe stand ein kleiner, stämmiger Mann in mittleren Jahren mit braunem Vollbart, der durch eine dicke Brille mit wachen Augen die ›Umbettung‹ verfolgte. Seine Hände steckten tief in den
Taschen eines fleckigen Ärztekittels. Aus der Ferne las Cutler den Namen auf seinem Schildchen, das gleichzeitig die Zugangsbe rechtigung war: Dr. Abraham B. Cornelius. Der Name kam ihm bekannt vor, aber Cutler – der förmlich süchtig nach Nachrichten war – konnte ihn einfach nicht einordnen. Neben dem Mann stand eine zierliche junge Frau, die einen hell grünen Kittel trug. Obwohl sie farblos wirkte, konnte Cutler sogar aus dieser Entfernung erkennen, dass sie intelligent und eifrig war. Oder eher zwanghaft getrieben, wie die meisten intellektuellen Eierköpfe hier. Während sie auf die Tasten eines kleinen Handheld drückte, warf die Frau eine Strähne ihres glatten, braunen Haares mit einer unge duldigen Bewegung aus ihrem zarten Gesicht. Jawohl. Zwanghaft getrieben, befand Cutler. Er wandte seine Aufmerksamkeit der Decke zu, von der gerade ein zwei Tonnen schwerer Metalldeckel voll geheimnisvoller tech nologischer Errungenschaften an kräftigen Stahlketten herunterge lassen wurde. Als die schwere Abdeckung einrastete, kletterten Techniker hinauf und schlossen noch mehr Röhren, Schläuche und Sensoren an. »Der Behälter wird in fünf Sekunden versiegelt«, verkündete eine körperlose Stimme. »Vier … drei … zwei …« Mit einem lauten Zischen, das im ganzen Saal widerhallte, wurde die luftdichte Versiegelung aktiviert. »Behälter versiegelt und druckfest gemacht«, erklärte die Compu terstimme. »Luft wird abgesogen …« Der Luftzug, der entstand, als die Atmosphäre aus dem Hauptla bor abgezogen und durch saubere, gefilterte Luft ersetzt wurde, ließ Papiere durch die Gegend flattern und die Anwesenden taumeln. Die abgesaugte Luft wurde in Tanks eingeschlossen, um sie gemäß den Bestimmungen der Naturschutzbehörde zu entsorgen. Nach ein paar Minuten schalteten die blinkenden, roten Lichter
auf grün. Wieder ertönte die Stimme: »Hauptlabor dekontaminiert. Schutzanzüge dürfen geöffnet werden.« Sofort lösten alle ihre Druckverschlüsse und nahmen die Helme ab. Viele begannen sich auch der gesamten Schutzkleidung zu entle digen. Unter Seufzern der Erleichterung und festlich gestimmtem Gelächter atmete man die kühle, frische Luft ein, wischte sich den Schweiß von der Stirn oder kratzte sich an Stellen, die schon die ganze Zeit gejuckt hatten. Auch Cutler nahm Helm und Handschuhe ab und warf beides auf ein Förderband. Andere taten das Gleiche. Das Band transportierte die Sachen zu einem Aufzug, über den die kontaminierten Klei dungsstücke in einen Entkeimungsraum in einem anderen Stock werk befördert wurden. Dann rief Dr. Hendry seinen Leuten eine Ankündigung zu. »Ach tung, Gentlemen. Der Professor kommt.« Cutler hatte den berühmten Professor nie von Nahem gesehen – immer nur aus der Ferne. Neugierig drehte er sich um und beobach tete, wie der Professor ins Labor glitt. Dr. Cornelius und die unbe kannte Frau hatten ihre Kabine bereits verlassen und sich unten zu den anderen gestellt. Nun verfolgten auch sie, wie der Herr der Anlage, das Genie hinter diesem Experiment, auf sie zukam. »Wie geht es dem Patienten?«, fragte der Professor. »Man sagte mir, er hätte ein paar Verletzungen«, erwiderte Dr. Hendry stockend in ehrerbietigem Ton. »Ist er schwer beschädigt?« Hendry schüttelte den Kopf. »Kein bisschen.« »Irgendwelche tiefen Schnitte? Hautabschürfungen … Eine Leckage können wir uns nicht leisten.« »Ich verstehe«, sagte Hendry und nickte. »Wir haben ihn ziemlich gründlich zugestöpselt. Teflonpflaster um alle Sonden, Versiegelung sämtlicher Wunden. Alle Körperöffnungen der Versuchsperson – Mund, Nasenlöcher, Ohren und Anus – wurden chirurgisch ver
siegelt, und ein Katheder versperrt seine Harnwege.« Abrupt wandte sich der Professor an einen anderen. »Guten Morgen, Dr. Cornelius. Sind wir so weit, um zu beginnen?« Während die beiden sich unterhielten, merkte Cutler, dass der Professor Dr. Cornelius mit einem gewissen Respekt behandelte – eine Form der Achtung, die er offensichtlich nur ein paar wenigen vorbehielt. Dr. Hendry war einer davon. Dieser Dr. Cornelius kam nun anscheinend in den Genuss der gleichen Behandlung, was Cut ler sowohl überraschte als auch beeindruckte. Als die Unterhaltung in mehr technisches Kauderwelsch abdrifte te, richtete sich Cutlers Aufmerksamkeit auf die Frau. Sie lauschte mit verzückter Aufmerksamkeit dem Gespräch der beiden Eier köpfe, als wäre es das gesprochene Wort Gottes. Cutler scharrte mit den Füßen, damit sie ihn bemerkte, und die Frau richtete ihre waldgrünen Augen auf ihn. Er fing ihren Blick auf, nickte ihr freundlich zu und schenkte ihr ein leichtes Lächeln. Doch er musste überrascht feststellen, dass die Frau direkt durch ihn hindurch zu blicken schien, als wäre er gar nicht da. Etwas an ihrem unverwandten, fast schon leeren Blick bereitete ihm Unbe hagen. Schließlich entließ der Professor den größten Teil des Teams. »Jeder, der keinen Anteil an dieser Phase des Experiments hat, verlässt das Labor umgehend«, befahl er. Der größte Teil der Menge bewegte sich zügig auf den Fahrstuhl zu. Cutler schloss sich den Gehenden an. Während er mit den anderen nach draußen drängte, fragte er sich unwillkürlich, was der Professor und die restlichen dieser verrück ten Wissenschaftler noch mit dem armen Schwein, das in diesem Tank schwamm, vorhatten.
VIER Der Flüchtige
Jemand beobachtet mich. Ich kann den Blick spüren. Neugierig. Durch dringend … Viele Minuten lang unterdrückte Dr. Abraham B. Cornelius den Drang, sich die Stirn abzuwischen, auf der eine ganz dünne Schweißschicht lag. Genau wie auf den Stufen des Gerichts … alle diese Kameras, die auf mich gerichtet waren … die Reporter, die mich mit Fragen bombardierten … Es wurde noch feuchter. Dr. Cornelius konnte die Feuchtigkeit in seinem karamellbraunen Bart, seinem Schnurrbart, seinen Augen brauen spüren. Und am allerschlimmsten – seine Stirn war jetzt schweißnass. Deutlich zu erkennende Schweißperlen. Ist es das, was sie anstarren? Oder denken sie das Gleiche wie die Leute im Gericht, die auf ihn gezeigt und geflüstert hatten: »Das ist er. Der da. Cornelius, dieser Arzt, der seine Frau und sein Kind umgebracht hat.« Dr. Cornelius konnte es kaum mehr ertragen. Er fischte ein Ta schentuch heraus, das er immer dabei hatte – das Taschentuch, das seine Frau mit einem kleinen C in der Ecke bestickt hatte. Während er so tat, als ob seine Brille geputzt werden müsste, widmete er sich mit Feuereifer der Reinigung der Gläser, die so dick wie Flaschen böden waren, um sich dann beiläufig den Schweiß abzuwischen. Damals lagen auch Blicke auf mir. Ich konnte sie spüren. Genauso, wie ich sie jetzt spüre. Aber vielleicht stellen sie auch nur Spekulationen an. Vielleicht wissen sie nichts. Oder wenn, dann zumindest nicht alles … Cornelius steckte die Hände wieder tief in die Taschen seines zer
knitterten, weißen Laborkittels, nachdem er sein kostbares Taschen tuch verstaut hatte, und musterte dann die Gesichter der Männer und Frauen, die mit ihm zusammen in der Beobachtungskabine waren. Wer von diesen Leuten starrt mich an? Oder sehen sie mich alle an? Ich muss es wissen … Zu seiner Linken stand Carol Hines. Kein Dr. med. vor ihrem Namen oder sonst ein Titel. Doch nachdem er die hektische Ge schwindigkeit beobachtet hatte, mit der sie die letzten paar Tage ge arbeitet hatte, konnte Cornelius nur davon ausgehen, dass ihr Fach wissen für den Erfolg des Experiments sehr wichtig war. Die zierliche Ms. Hines hatte ein kleines Gesicht und trug ihr Haar in einer strengen, fast jungenhaften Fasson mit dicken, glatten Pony fransen. Man hätte sie wohl als attraktiv bezeichnen können, wenn ihr Gesicht nicht ständig zu einer ungeduldigen, unzufriedenen Miene verzogen gewesen wäre. Sie hatte nichts mit seiner großen, schlanken Frau gemein, die auch eine engagierte Wissenschaftlerin gewesen war, aber immer gern gelacht und deren Gesicht, auch wenn sie konzentriert arbeitete, immer Heiterkeit, Freude, ja sogar Vergnügen ausgestrahlt hatte. In diesem Moment waren Ms. Hines' durchdringend grüne Augen nicht auf ihn gerichtet, sondern hingen an dem großen Flüssigkris talldisplay eines Handhelds. Ohne auch nur einmal zu blinzeln, be diente sie die Tastatur mit roboterhafter Effizienz, wobei auf ihrem Gesicht ein aufgeregter Ausdruck lag. Als Dr. Cornelius Ms. Hines vor ein paar Tagen vorgestellt worden war, hatte sie ihn nur flüchtig angeschaut und seitdem auch kaum einmal in seine Richtung gesehen. Sie ist eindeutig nicht diejenige … Cornelius richtete seinen Blick auf einen Techniker, der an einem Computer in der Nähe des Fensters saß. Der Mann hatte die Augen fast kein einziges Mal von seinem Monitor abgewandt, seitdem Cor nelius eingetroffen war. Er schien wie versteinert vor den medi
zinischen Daten, die vom Labor unten auf seinen Computer flossen. Plötzlich schaute der Mann auf. Cornelius wappnete sich gegen das Erkennen, die Anklage – doch der Techniker sah an ihm vorbei auf die Wanduhr. Cornelius ließ seinen Blick zu einem anderen Techniker wei terwandern. Dieser trug Kopfhörer mit Mikrofon. Der Mann stand da und teilte seine Aufmerksamkeit zwischen zwei tickenden, digi talen Anzeigen auf seiner Konsole und den Aktivitäten auf der anderen Seite der Scheibe. Bis noch vor einem Moment war das Hauptlabor mit einem tödli chen, antiseptischen Gas gefüllt gewesen, welches für eine keim-, vi ren- und bakterienfreie Umgebung gesorgt hatte. Diese drakonische Maßnahme war angeordnet worden, um Subject X vor einer mögli chen Kontamination während der Vorbereitungs- und Transferpha se zu schützen. Jetzt wo die Versuchsperson zur Gänze in eine steri le Flüssigkeit getaucht war, wurden die giftigen Gase aus dem La bor abgesaugt. Der Techniker beobachtete die digitalen Anzeigen, die die Ge schwindigkeit und das Maß steriler Luft angaben, die in den ge waltigen Raum zurückgepumpt wurde. Der Anzeige daneben war zu entnehmen, wie viel Gift bereits abgesaugt worden war. Als beide Anzeigen grün aufleuchteten, sprach der Techniker in sein Mi krofon. »Hauptlabor werden.«
dekontaminiert.
Schutzanzüge
dürfen
geöffnet
Cornelius trat zu den anderen an die Scheibe, um nach unten zu schauen. Das erleichterte Ärzteteam war dabei, sich seiner unför migen Schutzanzüge zu entledigen und sie zusammen mit Helmen und Handschuhen auf ein schnell laufendes Förderband zu werfen. In der Gruppe erspähte Cornelius einen stämmigen, kräftig ge bauten jungen Mann mit aschblondem Haar und aufmerksamen, blauen Augen. Sein leicht gerötetes Gesicht war nach oben gewandt und der junge Mann blickte ganz unverhohlen nach oben zur Beob
achtungskabine. Er ist derjenige … derjenige, der mich angestarrt hat … Cornelius spürte eine intensive Neugier hinter dem Blick des Mannes, aber keine Andeutung von Wiedererkennen, Anklage oder Gefühl in seiner ausdrucklosen Miene. Aber er ist eine Art Polizist … nach einem Jahr auf der Flucht erkenne ich den Blick des Gesetzes, wenn ich ihn sehe. Ein FBI-Agent oder vielleicht auch ein Ex-Soldat. Vielleicht ist er auch ein privater Sicherheits angestellter. Aber definitiv keiner, der nach der Stechuhr arbeitet. Cornelius wusste, dass er Recht hatte. Ein ganzes Jahr auf der Flucht hatte ihn eine Art sechsten Sinn für diese Dinge entwickeln lassen. Plötzlich ertönte eine Alarmglocke im Innern der Kabine. »Druck wird abgelassen. Sie können jetzt ins Labor nach unten.« Hinter ihnen öffnete sich mit einem lauten Zischen eine schwere Stahlluke, und Cornelius ging mit den anderen darauf zu. Sie traten auf einen schmalen Steg aus Drahtgeflecht, der mehrere Meter lang war. Er lag fünfzig oder mehr Meter über dem Boden. Cornelius nahm noch einen leichten Geruch nach Chemikalien wahr. Er stach in seiner Nase, und er fragte sich kurz, ob das Labor auch gründlich vom giftigen Desinfektionsmittel gereinigt worden war oder ob es eine tödliche Fehlfunktion im Belüftungssystem gä be. Habe ich die Aussicht auf die Gaskammer gegen eine andere getauscht? Eine tödliche Injektion gegen eine tödliche Atmosphäre? Seine Hände, an denen die Knöchel weiß hervortraten, um klammerten die Brüstung, während Cornelius Carol Hines erst über den Steg, dann über eine steile Treppe aus Stahlgitterstufen hinunter ins Labor folgte. Als Cornelius sich so in der Gruppe aus Ärzten und Technikern fortbewegte, begann er sich wohler zu fühlen – voll in Sicht, doch verborgen in einer anonymen Menge von ernsthaften Gesichtern,
die zu sehr mit ihrer Arbeit beschäftigt waren, um ihm viel Beach tung zu schenken. Dann ertönte Dr. Hendrys Stimme wie die eines königlichen He rolds. »Achtung, Gentlemen. Der Professor kommt.« Zusammen mit allen anderen drehte sich Dr. Cornelius um, um seinen Herrn, seinen Hüter zu begrüßen, den Mann, der ihm versprochen hatte, ihn vor dem Gesetz zu schützen – so lange er sich mit Leib und Seele diesem beispiellosen Unternehmen hingab. Hoch aufgerichtet wie ein stolzer General, der seine Mannen mus tert, schritt der Professor durch die Reihen der Angestellten und be gegnete den eifrigen, respektvollen Blicken mit einer höflichen Miene, in der gleichzeitig eine gleichgültige Überheblichkeit lag. Ge legentlich blieb der Professor stehen, um sich mit einem Techniker über ein spezielles Problem zu unterhalten. Sein Gesicht blieb aus druckslos, während er der Antwort lauschte, und meist ging er einfach, ohne noch eine Bemerkung zu dem eben Gesagten zu ma chen, einfach weiter, wenn er genug gehört hatte. Der Professor war kein Freund vieler Worte. Als ich ihn kennen lernte, war es genauso. Warum begegnen ihm diese Leute mit so viel Ehrfurcht? Ich weiß, womit er mich in der Hand hat, aber was ist mit den anderen? Sind das etwa alle Freiwillige? Haben sie sich von allein bereit erklärt, an diesem bizarren Experiment teilzunehmen? Ehe er selbst ›rekrutiert‹ worden war, hatte Dr. Cornelius den Professor nur zweimal gesehen, doch beide Male hatte er sich ge rade an einem Scheideweg befunden. Die erste Begegnung hatte vor vielen Jahren stattgefunden, als Dr. Cornelius sich auf dem Höhepunkt seines beruflichen Erfolgs und seines privaten Glücks befunden hatte. Das schien jetzt so lange her zu sein … wie ein anderes Leben. Nein. Wie das Leben eines anderen Menschen … ***
Mit einem breiten Grinsen begrüßte der Dekan der medizinischen Abteilung Dr. Cornelius an der Tür und schwenkte seine Hand, als wäre er sein verlorener Bruder. Vor etwa einhundert Kollegen – einem internationalen, gemischten Publikum, das aus Cornelius' frü heren Lehrern und Kommilitonen aus Unitagen bestand – hielt er zu Cornelius' Vorstellung eine glühende Ansprache. Es war der erfreulichste Moment seiner Karriere. Die Rückkehr in seine Wahlheimat, an seine Alma Mater, um der Welt nach Jahren der Mühen und Anstrengungen seine erfolgreichen Ergebnisse zu präsentieren – Jahre, für die Cornelius nach eigener Einschätzung in gewisser Hinsicht durch die wunderschöne Frau, die aus der ersten Reihe zu ihm aufblickte, bereits entlohnt worden war. »Wir alle kennen Dr. Cornelius, den Forscher und das geschätzte Mitglied in Akademikerkreisen hier in Kanada und in den Vereinig ten Staaten, als einen revolutionären Denker im Bereich der Immu nologie«, tönte der Dekan. »Doch Abraham Cornelius' Leistungen waren hiermit nicht zu Ende. Er kehrte in seine Heimat zurück und machte seinen Abschluss in Molekularbiologie. Außerdem war er der Erste, der je auf dem Gebiet der biomedizinischen Nanotechno logie promovierte.« Inmitten von Jubel und Applaus empfand Cornelius das über schwängliche Lob des anderen als übertrieben. »An diesem bedeutsamen Tag«, fuhr der Dekan fort, »ist Dr. Cor nelius an unsere medizinische Fakultät zurückgekehrt, um uns Ein blick in eine Reihe neuer Techniken und Technologien zur Unter drückung des Immunsystems bei Transplantationen zu geben, die man früher für unmöglich gehalten hat. Es ist mir eine Ehre und ein Vergnügen, Ihnen Dr. Abraham B. Cornelius vorzustellen.« Cornelius stand auf, verneigte sich unter herzlichem Applaus und stellte sich dann vor ein internationales Publikum, das aus Spezialis ten aus den Bereichen der Transplantationschirurgie, der Neurolo gie und der bionischen Prothesen bestand, um seine Theorien
vorzustellen. »Ich glaube, dass die Gefahr von Gewebeabstoßung, die bei vielen Transplantationen auftritt, bald der Vergangenheit angehören wird …« Die nächsten fünfundachtzig Minuten stellte er mehrere nanome dizinische Geräte vor, die er entwickelt hatte – neben neuen chirur gischen Verfahren, die neue Wege bei Wiederherstellung und Aus tausch von beschädigten Organen, Muskeln und sogar Nervengewe be eröffneten. »Schon bald werden programmierbare, mikroskopisch kleine Ge räte, die man in den menschlichen Körper injiziert, gegen Infek tionen kämpfen, bösartiges Gewebe zerstören, ohne dabei gesunde Zellen zu beschädigen, und einen Kampf gegen das körpereigene Immunsystem nach Transplantationen führen.« Nach dem Ende des Vortrags strömte praktisch jeder aus dem Pu blikum auf die Bühne, um die endlosen Möglichkeiten von Corneli us' bahnbrechender Forschungsarbeit zu rühmen. Viele, so auch der Dekan der medizinischen Fakultät, drängten Cornelius, doch so bald wie möglich mit Tests an menschlichen Versuchspersonen zu beginnen. »Oh, tja, das wird warten müssen«, erklärte Cornelius dem Publi kum während einer vorher nicht geplanten Frage- und-AntwortStunde. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich für eine klinische Erpro bung schon so weit bin. Vielleicht in einem Jahr. Eher in zwei Jah ren. Ich bin immer noch dabei, meine Tierversuche zu einem Ende zu bringen. Dann werde ich meine Erkenntnisse aufeinander ab stimmen müssen, einen neuen Aufsatz schreiben, um dann hoffent lich positive Ergebnisse zu präsentieren. Natürlich ist da auch das stets gegenwärtige Problem mit den Forschungsgeldern – bezie hungsweise ihr Nichtvorhandensein.« Bei dieser Bemerkung lächelten seine Kollegen, denn sie hatten mit den gleichen Problemen zu kämpfen. Dann berührte Cornelius die Schulter der Frau, die neben ihm stand. Sie lächelte und schlang ihre
Arme um seine Taille. »Und weil sich meine ehemalige Assistentin, Dr. Madeline Vetri, gerade bereit erklärt hat, meine Frau zu werden, werde ich auch Termine für eine Hochzeit und eine Hochzeitsreise vormerken müssen. Mir wurde von der zukünftigen Braut erklärt, dass die Teil nahme an beiden Terminen zwingend vorgeschrieben sei.« Madeline lachte und piekste ihn in den Arm. Gegensätze ziehen sich an, heißt es, und Dr. Cornelius und seine Verlobte hätten nicht unterschiedlicher wirken können. Sie war Frankokanadierin, er US-Bürger mit irisch-jüdischer Herkunft. Den unscheinbaren und zur Fettleibigkeit neigenden Abraham Cornelius hätte man nie irrtümlich für einen Filmschauspieler gehalten, wäh rend Madeline Vetri mit Leichtigkeit die attraktivste Frau in jedem Raum war. Ihr langes, üppiges Haar war rabenschwarz und bildete einen krassen Gegensatz zu Cornelius' wirrem braunen Mop; sie war so schlank und groß, wie er klein und rund – sogar in flachen Schuhen war sie fast einen Kopf größer als er. Und während er von seiner Art her ruhig und zurückhaltend war – ein strenger Kritiker hätte ihn vielleicht sogar als langweilig bezeichnet – waren Ma delines Bewegungen voller Anmut und lebhafter Energie. Noch mehr Beifall und Glückwünsche folgten der frohen Ankün digung – um dann abrupt zu verstummen. Am Eingang zum Hör saal kam es plötzlich zu hektischer Betriebsamkeit. »Der Professor ist da«, murmelte jemand, und alle wandten sich um. »Herzlich willkommen, Sir …«, rief der Dekan mit einer respekt vollen Verbeugung, als der Mann, den alle den Professor nannten, den Mittelgang entlangschwebte. Man meinte Zeuge der Teilung des Roten Meeres zu werden. Ärzte, Forscher, Akademiker – alle traten in schweigender Ehrfurcht zurück, als der Professor an ihnen vorbeiging. Schließlich blieb der Mann vor Dr. Cornelius stehen. »Ich habe Ihren Aufsatz gelesen«, sagte er, ohne sich mit irgend
welchen einleitenden Floskeln aufzuhalten und ohne die Hand zum Gruß auszustrecken. Hinter den eckigen Gläsern des Professors wirkten seine Augen unlesbar und völlig ausdruckslos. »Ihre Arbeit hat Potenzial, Doktor, und ist viel versprechend für künftige wissenschaftliche Studien. Aber ich muss meinen Kollegen beipflichten …« Der kalte Blick des Professors richtete sich auf die Frau an Corneli us' Seite. »… wenn diese sagen, dass Sie sich von privaten Dingen nicht … ablenken lassen und sich voll und ganz auf klinische Versuche kon zentrieren sollten. Alles andere wäre kontraproduktiv, reine Zeitver schwendung.« Nachdem er seine Erklärung abgegeben hatte, leckte sich der Professor über die schmalen Lippen. Cornelius erinnerte diese Be wegung entfernt an ein Reptil. Er spürte, wie sich seine Verlobte, die an seiner Seite stand, ver spannte. Er drückte ihre Hand, wandte den Kopf zu ihr, um sie mit einem Blick zu beruhigen. Die Bemerkung des Professors war ärger lich – doch als Cornelius sich wieder umdrehte, um eine Entschuldi gung von ihm zu verlangen, war er schon gegangen. »Lieber Himmel, wer war denn dieser lächerliche Kauz?«, fragte Cornelius den Dekan, der ihn von den anderen wegführte, ehe er ihm darauf antwortete. Dr. Cornelius war schockiert, als er erfuhr, um wen es sich bei dem Professor handelte. Es würde ihm nicht leicht fallen, ihm die Beleidigung seiner Verlobten zu vergeben, doch gleichzeitig fühlte er sich unwillkürlich geehrt. Seine Forschung war gerade von einem der brillantesten Wissenschaftler seit Albert Einstein gebilligt worden.
»Guten Morgen, Dr. Cornelius. Ist alles bereit, damit wir anfangen
können?« Aus seinen Träumereien wieder erwacht, brachte Cornelius ein schwaches Lächeln zustande. »Guten Morgen, Professor. Ja, ich glaube, alles ist ziemlich glatt gegangen. Zumindest sah es von der Beobachtungskabine aus so aus.« Der Professor stand mit undurchdringlicher, ausdrucksloser Miene und hinter dem Rücken verschränkten Armen vor ihm. »Und Ihre Nanochips sind so weit vorbereitet, dass sie injiziert werden können?« Cornelius lenkte die Aufmerksamkeit des Professors auf den Tank. »Genau dort, Professor … in dem blauen Behälter.« Er deutete auf einen tropfenförmigen Metallbehälter, der ungefähr die Größe einer handelsüblichen Haushaltsspraydose hatte. Der Be hälter war mit einer langen Injektionsnadel ausgestattet und hing mit vielen anderen an der Decke des Tanks, in dem sich die Ver suchsperson befand. »Können wir anfangen?« »Wann immer Sie bereit sind, Professor. Die Nanochips werden si multan direkt ins Herz injiziert, sodass sich die mikroskopisch kleinen Geräte schnell im ganzen Körper verteilen. Die Chips sollten eigentlich in weniger als einer Minute mit den Knochen der Ver suchsperson verschmelzen.« Der Professor nickte nur ganz leicht, dann wandte er sich ab, um ein anderes Mitglied des Teams zu befragen. Wie Anhänger um einen siegreichen Kandidaten folgte ihm die Menge. Nur Carol Hin es blieb an seiner Seite. Das erste Mal, seitdem sie sich kennen ge lernt hatten, zeigte sie den Ansatz von Interesse für etwas, das nichts mit ihrer EMaM-Apparatur zu tun hatte. »Eine Injektion direkt ins Herz?«, fragte sie. »Was pumpen Sie da eigentlich in Subject X hinein?« »Einen Siliziumchip mit kodierter Memory – eigentlich eher meh rere Millionen davon. Jeder bildet eine mikroskopisch kleine
Kammer, die sich in die winzigen Ausbuchtungen im Knochen ein lagern. Die Kammern sind Selbstversorger und können sogar die Nährstoffe nutzen, die vom Körper aufgenommen werden, um die zu ersetzen, die eine Fehlfunktion haben oder abgenutzt sind.« »Sie wollen damit sagen, dass sie sich reproduzieren?« »Exakt.« »Ich verstehe … Und was bezwecken Sie damit?« »Nun, als Erstes soll das Skelett der Versuchsperson von Adaman tium-Stahl umhüllt werden, um die Knochenmasse zu erhöhen und deren Festigkeit zu steigern. Aber weil Knochen lebende Organis men sind – im Grunde sogar Organe, da das Knochenmark Blut pro duziert – kann man sie nicht vollständig mit Stahl umhüllen, denn dann würden die Knochen sterben und damit auch die Versuchsper son.« Carol Hines nickte. »Sie brauchen also Poren – Löcher, über die das Blut den Stahlmantel passieren kann?« »Genau.« »Und die Nanotechnologie schafft diese Poren?« »Genauer gesagt – sie ersetzt sie«, erklärte Cornelius. »Die menschlichen Knochen verfügen bereits über Poren, durch die Flüssigkeiten dringen. Meine Chips suchen nach ihnen und über nehmen ihre Funktion, sobald der Adamantium-Verbindungspro zess abgeschlossen ist.« Trotz seiner Vorbehalte gegenüber dem Projekt und seinem Miss trauen gegen den Professor stellte Cornelius mit Erstaunen fest, dass die Arbeit der letzten Tage seine alte Liebe für wissenschaftliche Forschung wieder etwas angeregt hatte. Und dass die sonst so reservierte Ms. Hines plötzlich Interesse für sein Fachgebiet entwi ckelte, tat das Seine dazu. Es war so lange her, seitdem er das Gefühl gehabt hatte, gebraucht zu werden. »Tja, ich habe da meine Zweifel«, sagte eine laute Stimme mit deutlich feindseligem Ton. »Tatsächlich befürchte ich sogar, Dr. Cor
nelius, dass Ihre Technologie mehr Schaden anrichten als Gutes tun wird. Warum sind Sie sich so sicher, dass Ihre Nanochips nicht die Integrität meiner Adamantium-Knochenummantelung schädigen wird?« Dr. Cornelius begegnete Dr. Hendrys skeptischer Miene mit einem ebenso kühlen Blick. »Aus einem Grund«, erwiderte Cornelius. »Meine Nanochips hal ten der vernichtenden Kraft von schmelzheißem Adamantium stand, weil sie dreimal so widerstandsfähig wie der Stahl selbst sind. Die Frage, die Sie also stellen sollten, Dr. Hendry, lautet: Wird Ihr Adamantium die Integrität meiner Nanotechnologie schädigen?« Hendry stand seinen Mann. »Was folgern Sie daraus?« »Ein eindeutiges Nein. Warum? Weil diese beiden sehr komplexen Vorgänge sich ergänzen …« »Ergänzen oder widersprechen?«, schnauzte Hendry ihn an. »… was bedeutet, dass die beiden Technologien trotz ihrer of fensichtlichen Unterschiede zusammenarbeiten werden, um ein Ziel zu erreichen – die Knochen der Versuchsperson praktisch unzerstör bar zu machen.« »Es beruhigt mich, dass Sie das sagen«, meinte Hendry, obwohl sein Tonfall immer noch skeptisch war. »Ein paar von uns hier in Abteilung K haben Jahre ihres Lebens diesem Projekt gewidmet. Unser einziger Wunsch ist, dass das Projekt Waffe X ein Erfolg wird.« Cornelius hob eine Augenbraue. Da war der Widerstand. Genau da. Er war der Neue, der hoch ausgezeichnete Austauschstudent aus einem fremden Land. Er war ohne Vorwarnung zu ihnen gekom men, hatte einen Koffer voller bahnbrechender Forschungsergeb nisse dabei gehabt – und sie nahmen es ihm übel. »Bestimmt verstehen Sie unsere Befürchtungen«, fuhr Hendry fort. »Schließlich wollen wir nicht, dass unsere Anstrengungen – all die harte Arbeit – durch den Einsatz einer waghalsigen, nicht getesteten
Technologie von einem … einem Neuankömmling aufs Spiel gesetzt wird.« Cornelius bemühte sich, nicht laut herauszulachen. Oh ja, ein Neu ankömmling, das konnte man wohl sagen. »Der Professor setzt größtes Vertrauen in meine Technologie«, sagte er mit ruhiger Stimme. Hendry wollte schon antworten, wurde jedoch durch die laut dröhnende Stimme aus dem Lautsprecher unterbrochen. »Der Verbindungsprozess beginnt in dreißig Minuten. Alle nehmen ihre Position ein und beginnen mit der Einleitung der vor bereitenden Prozeduren.« Dr. Hendry drehte sich rasch um und eilte davon. Dr. Cornelius hatte vorgehabt, Ms. Hines zu ihrer Workstation, die neben seiner lag, zu begleiten. Doch als er sich zu ihr umdrehte, war niemand mehr da.
Eigentlich fragte sich Cornelius, warum er überhaupt eine Worksta tion während dieses Verfahrens hatte – die noch dazu so nah bei der des Professors lag, dass ihm ganz unbehaglich dabei war. Es war, als würde man bei einem besonders strengen Lehrer in der ersten Reihe sitzen. Ist ja nicht so, als würde ich in Arbeit ersticken … Dr. Cornelius hatte gerade mal fünf Minuten gebraucht, um seinen Computer mit den biologischen Monitoren, die in den Körper der Versuchsperson eingelassen waren, zu verbinden. Jetzt würde es noch fast zwanzig Minuten dauern, ehe der Verbindungsprozess be gann, und er hatte absolut nichts mehr zu tun. Die Phase, die für Cornelius die arbeitsreichste gewesen war, hatte die Destillation der flüssigen Siliziumlösung und der chemische Pro zess eingenommen, der die Substanz kristallisierte, welche dabei half, die Programmierung auf die Moleküle zu übertragen. Wenn die Nanotechnologie erst hergestellt und vakuumversiegelt in einem
sterilen Gefäß lagerte, war Cornelius' Job im Grunde erledigt. Nach der Injektion der Nanochips waren sie jedermanns Kontrolle entzogen. Einmal im Blutstrom, würde ihre interne Program mierung die Führung übernehmen. An dem Punkt konnte Dr. Cor nelius nur noch die Vorgänge beobachten. Warum bin ich also hier? Nicht einmal der unschätzbare Dr. Hendry – die rechte Hand des Professors – hat so einen erlesenen Platz bei diesem wichtigen Experiment. Natürlich war sich Dr. Cornelius der Tatsache bewusst, dass er immer noch eine Fähigkeit besaß, die sich unter Umständen als nützlich erweisen könnte. Falls seine Nanochips vollständig versag ten, konnte er immer noch ein synthetisches Hormon, das er selbst entwickelt hatte, im Körper der Versuchsperson freisetzen. Diese Substanz würde die Nanochips ›umbringen‹, sodass sie dann über die Leber vom Körper gefiltert und später wie ein Abfallprodukt ausgeschieden wurden. Wenn das passierte, bedeutete dies das Ende des Experiments – und von Subject X. Ohne Löcher in den Knochen wird der arme Kerl sterben. Langsam, schmerzhaft wird sein Skelett ersticken, während der restliche Körper durch den Mangel an Blut vertrocknet. Aber warum sollte man über das Negative nachdenken? Cornelius hatte nie Teil dieses Forschungsprojekts sein wollen. Sei ne Absicht war es immer gewesen, der Menschheit zu helfen, Krank heiten zu heilen. Er hatte nie eine Art Superwaffe herstellen wollen. Keinen Mann in eine Killermaschine umwandeln wollen. Eine un aufhaltsame Waffe im Krieg. Ohne es selber zu merken, begann Cornelius sich die Schläfen zu reiben, als ein Kopfschmerz direkt hinter seinen Augen einsetzte. Wie zum Teufel bin ich eigentlich bei diesen Leuten gelandet? Wo ich diese Art Arbeit mache? Gefangen an diesem Ort? ***
Nach der triumphalen Konferenz an der McGill University's School of Medicine war Cornelius vollständig von seiner intensiven For schungsarbeit und natürlich auch seiner Hochzeit eingenommen ge wesen. Er hatte die unerfreuliche Begegnung mit dem Professor aus seinen Gedanken verdrängt, bis am zweiten Tag seiner Hochzeits reise eine sehr teure Flasche Taittinger's Blanc de Blanc in seiner Kabine an Bord des Kreuzfahrtschiffes Delphi abgegeben wurde. »Mit den besten Wünschen für eine glückliche Ehe«, stand auf der Karte. Unterschrieben hatte sie der Professor. Angesichts der negativen Reaktion des Mannes auf seine bevor stehende Heirat erstaunte es Cornelius, dass der Professor zu solch einer großmütigen Geste fähig war. Er erwog das Geschenk gegenüber Madeline zu erwähnen, doch die Erinnerung an das geschmacklose Verhalten des Mannes bei der Konferenz hielt ihn davon ab. Cornelius zerriss die Karte und spülte sie in der Toilette hinunter. Später am Abend feierten sie ihre Hoch zeit, indem sie die ganze Flasche Champagner leerten. Im Verlaufe dieser außergewöhnlichen Woche empfing Madeline Vetri-Cornelius ihr einziges Kind. Der Junge wurde neun Monate später geboren und wurde nach Madelines Vater, einem berühmten Architekten in seiner Heimat Quebec, auf den Namen Paul Phillip Cornelius getauft. Dann kamen die unerträglichen Qualen und der Absturz begann. Eine Krankheit, die ihm all seine Freude nahm, und der Wahnsinn, der zu Mord führte … Ein halbes Jahr später, nachdem man ihn wegen Doppelmordes angeklagt hatte, war Cornelius geflüchtet; denn dies zog er einer Ge fängniszelle oder der Begegnung mit einem Vollstrecker vor. Sein Anwalt hatte den Richter davon überzeugt, dass eine Kaution nicht nötig wäre, dass bei einem in Medizinerkreisen geschätzten Mitglied keine Fluchtgefahr bestünde. Doch Cornelius war geflohen.
Monate später, nachdem er begonnen hatte, ein, wie er meinte, an onymes Leben auf einem kleinen Wohnwagenplatz außerhalb von Syracuse, New York, zu führen, erhielt er eine Briefsendung. Sie wies weder Briefmarken noch irgendwelche Stempel auf – was be deutete, dass der schlichte braune Briefumschlag persönlich in sei nen Briefkasten gesteckt worden war, während er in der Nacht schicht im örtlichen Arzneimittelgroßlager gearbeitet hatte. Der Um schlag war an Ted Abrams adressiert – der Name, unter dem er zur Zeit lebte – doch als er in den Umschlag hineingelinst hatte, war schnell deutlich geworden, dass der unbekannte Absender seine wahre Identität kannte. Cornelius' erste Reaktion bestand darin, sich vor der Wahrheit zu verstecken. Er schleuderte den Umschlag in eine Ecke. Mit zittern den Händen kochte er sich seinen Morgenkaffee und toastete zwei Scheiben altbackenes Brot. Durch das Koffein vorübergehend ent spannt, holte er den Umschlag zurück und schüttete den ganzen In halt neben seinem Teller auf den Tisch. Es waren mehr als ein Dutzend Zeitungsausschnitte mit Artikeln von Nachrichtenagenturen, die im Laufe der letzten achtzehn Mona te gesammelt worden waren. Bei allen Artikeln ging es um das glei che Thema – der fantastische Aufstieg und steile Abstieg des Dr. Abraham B. Cornelius vom hochgeschätzten Immunologen zum flüchtigen Doppelmörder. Der Umschlag enthielt auch einen kurzen Brief, der in großen, fast kindlichen Blockbuchstaben geschrieben war:
SIE WERDEN BEOBACHTET. HEUTE ABEND UM 11 UHR MÜSSEN SIE VOR DER ZENTRALBIBLIOTHEK IN BUFFALO, NEW YORK, WARTEN. WENN SIE VERSUCHEN, VOR DIESEM TREFFEN ZU FLIEHEN, WIRD IHR GEGENWÄRTIGER AUFENT HALTSORT DEN BEHÖRDEN ZUGESPIELT WERDEN. WENN SIE NICHT ZU DEM TREFFEN ERSCHEINEN, WIRD IHR GEGEN WÄRTIGER AUFENTHALTSORT DEN BEHÖRDEN ZUGESPIELT WERDEN. WENN SIE MIT DIESEN BEDINGUNGEN EINVER STANDEN SIND, RUFEN SIE JETZT DIESE NUMMER AN. Unter die Nachricht hatte jemand mit roter Tinte eine Telefonnum mer gekritzelt. Handelt es sich um Erpressung? Aber warum wird dann nicht einfach Geld verlangt? Was ist der Grund für diesen Quatsch mit einem Geheim treff? Warum zum Teufel sollte ich wegen eines verdammten Erpressungs versuchs nach Buffalo fahren? Er starrte die Überreste seines Frühstücks an, den kalt gewordenen Kaffee, die auf dem trockenen Brot auf seinem Teller erstarrende Butter. Zögernd nahm er den Hörer und wählte die Nummer. Das Telefon klingelte nur einmal. Dann meldete sich eine männliche Stimme mit zwei Worten. »Kluge Entscheidung.« Dann wurde aufgelegt. Cornelius hieb mit der Faust auf den Tisch. Das dreiste Manöver, und dass man ihn auf so eine verächtliche Art und Weise behandelte, versetzte ihn in helle Wut. Sofort wählte er die Nummer noch einmal. Dieses Mal ertönte eine Bandansage, die erklärte, dass der An schluss nicht mehr erreichbar wäre. Er versuchte es ein zweites, ein drittes, ein viertes Mal – aber immer mit demselben Ergebnis. An diesem Nachmittag, als fahlgelbe Sonnenstrahlen durch die schmutzigen Fenster seines Wohnwagens strömten, wälzte sich Cor nelius in seinem schmalen Bett hin und her. Um fünf Uhr stand er auf. An diesem Sommernachmittag war es immer noch strahlend hell, und Cornelius erwog, sich einen zweiten Becher Kaffee zu ma
chen. Als er schließlich eine Entscheidung getroffen hatte, duschte und rasierte er sich, packte eine kleine Tasche mit dem Notwendigsten und verließ den Wohnwagen, ohne noch einmal einen Blick zurück zuwerfen. Er wurde in einer Stunde bei seinem Lagerjob erwartet, aber weder heute Abend noch sonst je würde er dort erscheinen. Cornelius wusste, dass er, egal, was bei diesem erzwungen Treffen passierte, nie nach Syracuse zurückkehren würde. Während seiner Fahrt nach Buffalo bemerkte Cornelius, dass sich am dunkler werdenden Himmel ein Unwetter zusammenbraute. Als er am Treffpunkt eintraf, hatten die Wolken ihre Schleusen geöffnet, und die Stadt nahm im strömenden Regen eine graue Färbung an. Während er im Regen unter einer Laterne wartete, hörte Cornelius vom nahe gelegenen Kirchturm die Uhr elf schlagen. Er schaute auf und sah, wie eine Gestalt durch den Regen auf ihn zukam. Corneli us fragte sich, ob das die Person war, mit der er sich treffen sollte, oder ob es sich nur um einen Passanten handelte. Vielleicht hätte mir der Mann ein Codewort oder etwas Ähnliches geben sollen, damit ich den echten Erpresser erkenne. Trotz seines Elends raffte Cornelius sich zu einem leisen Kichern auf. Ein geheimes Codewort. Wie lächerlich. Aber wäre dieses absurde Spio nagedrama damit nicht komplett? Wie sich herausstellte, war kein Codewort erforderlich. Der Mann kam direkt auf Cornelius zu und hob den Kopf. Während das Wasser von der breiten, braunen Krempe seines Hutes strömte, er kannte Cornelius die asketischen, vornehmen Gesichtszüge des Professors, dessen eckige Gläser nass von Regentropfen waren. »Professor, ich …«
»Sagen Sie nichts. Hören Sie nur gut zu. Ich habe Ihnen einen Vor schlag zu machen. Erzählen Sie mir nicht, wie dankbar Sie sind. Jetzt nicht. Und auch sonst nie. Denn was ich Ihnen anzubieten habe, ge schieht nicht aus Barmherzigkeit.« »Was wollen Sie denn von mir? Ich habe kein Geld, kein Ansehen. Was könnte ich denn überhaupt …« »Ich benötige Ihre besonderen Fähigkeiten«, unterbrach der Professor. »Das ist alles, was Sie im Moment wissen müssen.« »Aber …« »Wenn Sie meinen Vorschlag annehmen, werden Sie innerhalb von einer Stunde über die kanadische Grenze verschwinden«, fuhr der Professor fort. »Wenn Sie ihn ablehnen, können Sie gehen, wo hin Sie wollen – mit der Gewähr, dass ich Sie nicht bei den Behörden anzeigen werde. Aber denken Sie daran, Doktor, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das FBI Sie erwischt.« Der Professor machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. »Übrigens ist es angebracht, Ihnen zu gratulieren.« Die Augen des Professors waren leer, genauso ausdruckslos, wie am ersten Tag, als Cornelius ihn kennen gelernt hatte. »Wussten Sie, dass Sie es bis auf die FBI-Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher geschafft haben? Das ist erst gestern veröffentlicht worden.« Von dieser Nachricht hatte Cornelius bisher nichts erfahren. Allein beim Gedanken drehte sich ihm der Magen um. Der Professor beugte sich nach vorn, bis Cornelius den Atem des Mannes auf seiner Wange spürte. »Wussten Sie, dass die SyracuseAbteilung des FBI über Ihre Anwesenheit in deren Zuständigkeits bereich informiert worden ist? Sie haben den Wohnwagen, den Sie Ihr Zuhause nennen, gestürmt … ebenso wie das Lager, in dem Sie arbeiten. Wenn Sie sich nicht mit mir hier getroffen hätten, würden Sie jetzt bereits in einer Zelle sitzen.«
Cornelius spürte, wie ihm die Panik die Kehle zuschnürte. Er brauchte Luft. Der Professor bedrängte ihn, setzte ihn unter Druck. »Wie lautet Ihr Angebot?«, schnauzte er. »Ich will alle Details hö ren, ehe ich Ihren Job oder den von jemand anders annehme. Der Höchstbietende erhält den Zuschlag.« Der Professor schien von Cornelius' offensichtlichem Taktieren überrascht – es war ein Versuch, die Situation wieder zumindest einigermaßen unter Kontrolle zu bringen. Ein leichtes Lächeln spielte um seine schmalen Lippen. Im Schein der Straßenlaterne er innerte Cornelius das Grinsen des Professors an einen kalkweißen Schädel. »Na, na, Dr. Cornelius. Seien Sie nicht albern … Glauben Sie wirklich, Sie hätten in dieser Sache überhaupt eine andere Wahl?«
»Professor? Dr. Cornelius? Wir können jetzt mit dem Verfahren be ginnen.« Der Professor nickte Dr. Hendry zu, dann wandte er sich an Carol Hines. »Ist der EMaM mit dem Gehirn der Versuchsperson ver bunden?« »Die Verbindung wurde hergestellt, Professor«, erwiderte sie knapp. »Dr. MacKenzie, deaktivieren Sie die Hirndämpfer.« Der Psychiater betätigte nur einen Schalter, um die Stromzufuhr zu den Generatoren zu unterbrechen, und der stete Strom von Ultra schallwellen, die genau die Frequenz aufwiesen, um Logans Gehirn zu lähmen, stoppte abrupt. »Ich stelle einen leichten Impuls in der Gehirnaktivität der Ver suchsperson fest«, ertönte sofort die Warnung von Dr. Mac-Kenzie. »Das ist ein Fehler«, sagte Carol Hines. »Sind Sie sich dessen sicher?«, gab er zurück, während sich sein roter Haarschopf aufrichtete. »Es dürfte nicht einmal einen
Schimmer von Gehirnaktivität geben – nicht einmal Träume – oder aber die Versuchsperson wäre sogar nach der Programmierung in der Lage, an bestimmten Facetten seiner Persönlichkeit festzuhal ten.« »Es handelt sich um eine Anomalie«, beharrte Hines. »Ich habe dieses Phänomen schon früher gesehen. Auch bei Testpersonen bei der NASA gab es leichte Impulse, meist wenn ihr Schlaf unterbro chen wurde.« »Was könnte eine solche Gehirnaktivität hervorrufen?«, fragte Ma cKenzie. Hines zuckte die Achseln. »Es gibt mehrere Theorien. Es könnten zufällige elektrische Impulse im Hypothalamus sein – der Bereich des Gehirns, der die Körperfunktionen steuert – oder chemische Re aktionen in der Hirnanhangdrüse. Aber das sind natürlich nur Mut maßungen.« Dem Professor schien ihre Erklärung zu genügen, doch Dr. Ma cKenzie wirkte immer noch nicht überzeugt. »Die Wellen, die ich sah, weisen auf eine Aktivität im zerebralen Kortex hin«, beharrte der Psychiater. »Also höchstwahrscheinlich keine zufälligen elektrischen Impulse oder chemischen Reaktionen.« MacKenzie funkelte Hines, die jedoch nicht ins Wanken geriet, wütend an. Es war am Professor, eine Lösung für die verfahrene Si tuation zu finden. »Was sehen Sie jetzt auf dem Enzephalographischen Monitor, Ms. Hines? Dr. MacKenzie?« »Verbindung mit dem EMaM wurde hergestellt«, sagte Carol Hin es. »Im Moment gibt es keine Gehirnaktivität, die wir nicht kon trollieren würden.« MacKenzie zögerte, dann nickte er. »Der Bildschirm ist leer … jetzt. Vielleicht hat Ms. Hines mit ihrer Annahme Recht.« Der Professor wedelte mit der Hand. »Sehr gut. Dann machen wir weiter.«
»Stufe eins, Leute. Auf die Injektion der Nanochips vorbereiten«, sagte Dr. Hendry, ohne Cornelius aus den Augen zu lassen. Dr. Cornelius drückte eine Taste, und sein Programm erschien auf dem Bildschirm. Über die Tastatur gebeugt, gab er das Passwort ein, welches den Injektor aktivierte. M-A-D-E-L-I-N-E Auf dem Bildschirm blinkte es: PASSWORT AKZEPTIERT. Dann: INJEKTIONSPROZEDUR WIRD INITIIERT. Schließlich blinkte es auf dem Bildschirm: BEREIT ZUR INJEKTI ON. Cornelius streckte die Hand nach dem Auslöser aus, dann hielt er inne. Sein dicker Zeigefinger schwebte über dem Knopf. Ein Augenblick verging. Dann zwei. Immer noch zögerte Corneli us. Plötzlich ungeduldig erhob sich der Professor aus seinem Stuhl. »Doktor … weitermachen.« Cornelius spürte den Blick des Mannes in seinem Nacken – der ihn anstarrte … ihn ständig beobachtete – und er drückte auf den Knopf. Man hörte das Ächzen der Hydraulik im Innern des sprudelnden Behälters, und eine rasiermesserscharfe Nadel wurde wie eine Katzenkralle ausgefahren. Sie senkte sich immer weiter ab, bis die Spitze blasses Fleisch berührte. Dann drang die Spitze durch Muskeln und Knochen tief in Logans schlagendes Herz. Die Gestalt im Tank zuckte einmal zusammen, dann schlug sie in einem nicht enden wollenden Krampf um sich – eine Reaktion, mit der niemand gerechnet hatte und die ein war nendes Piepen bei einem halben Dutzend Computern auslöste. Spezialisten und Ärzte sprangen zwischen den Terminals hin und her, und das Labor war vom Klang aufgeregter Stimmen erfüllt. Dann hörte Cornelius ihn oder bildete es sich zumindest ein. Ein menschlicher Schrei, der ihm bis in die Eingeweide drang. Ein Heu
len, das den Lärm der Alarmglocken und der Schreie des Ärzte teams übertönte. Der zitternde Schrei eines von Schmerz zerrissenen Kindes, das seine ganze verständnislose Qual herauskreischte.
FÜNF Der Einsatz
Logan fiel, stürzte durch eine schwarze Leere. Ein anhaltender, kalter Wind peitschte seinen Körper und dröhnte brüllend durch seinen Kopf. Er suchte nach Erinnerungen, etwas, an dem er sich festhalten konnte. Da ist nichts. Panik wallte auf, um die Leere zu füllen. Das Unwetter hat mich. Der Wirbelsturm. Er bewegte seine Finger, dann seine Zehen, und stellte fest, dass er in einen erstickenden technologischen Kokon gehüllt war. Er hörte das rasselnde Geräusch seines eigenen Atems, der ihm unter der Sauerstoffmaske, die Nase und Mund bedeckte, entströmte. Er dreh te den Kopf – nur um gegen die Wände eines klimagesteuerten, ky bernetischen Helms zu stoßen. Auf der anderen Seite des Visors war nur Dunkelheit – und dann ein blinkender Cursor, der sich zwei Zentimeter neben seinem linken Auge bewegte. Logan sah zu, wie das Heads-up-Display die Initiierungssequenz durchlief und sich dann mit einem GPS-Satelliten in der Erdumlauf bahn verband. Zwei Sekunden später projizierte das HUD ein Kartengitter des unter ihm liegenden Terrains auf die Innenseite sei nes Visors. Logan erkannte das Gitter, die Karte, das nur allzu bekannte Ter rain, und seine Erinnerung kam kristallklar zurück. Muss mir den Kopf gestoßen haben … Während die Einsatzparameter in seinen Kopf zurückströmten, liefen die wichtigen Informationen über den Visor. Windgeschwin
digkeit, Eigengeschwindigkeit, Außentemperatur – eisige siebzig Grad unter Null – seine Geschwindigkeit und sein Abstiegswinkel, geographische Länge und Breite. Der Höhenmesser sagte Logan, dass er sich im freien Fall aus einer Höhe von 13.000 Metern befand. Irgendwo über ihm – und jetzt wahrscheinlich Meilen entfernt – war die ungekennzeichnete MC-140, aus der er abgesprungen war, mit dem letzten Tropfen Kerosin auf dem Weg zur Grenze. Wahr scheinlich waren auch mehrere nordkoreanische MIG-22 hinter dem Flugzeug her. Im Stillen wünschte Logan dem Piloten Glück beim Heimflug. Nur noch dreiundsechzig Sekunden freier Fall. Bei 6.000 Metern würden sich die Schwingen des HAWK automatisch entfalten und die Repulsoren zünden, um seinen Abstieg zu verlangsamen. Bis da hin würde Logan weiter wie ein Stein in die Tiefe stürzen. Er registrierte die Ortszeit: 0227 – mitten in der Nacht. »Terrain und Ziel«, sagte er mit einer Stimme, die trocken und rau durch den reinen Sauerstoff war, den er einatmete. Das Gitter verschob sich. Deutlich hervorgehoben und scharf sah Logan die digitalen Umrisse zerklüfteter Berge und einer schmalen Straße, die sich durch sie hindurch wand. Im Norden lag ein künstli cher See, der durch einen Damm gestaut wurde. Am Fuße des Damms eine Wasserkraftanlage, die von doppelten und dreifachen Zäunen, Wachtürmen, mehreren Holzhäusern mit Latrinen daneben – wahrscheinlich Soldatenunterkünfte – und einem Luftabwehrge schütz umgeben war. Schließlich erspähte Logan sein Angriffsziel – eine Ansammlung kreisrunder Bauwerke auf den Sandbänken eines seichten Flusses, die durch den Ablauf des Damms entstanden waren. Die drei- und vierstöckigen Gebilde schienen Treibstofftanks zu sein. Aber warum sollte einer Treibstoff in der Nähe eines Wasserkraftwerkes lagern? Das Wasser trieb die Generatoren an. Öl brauchte man keins. Noch unheilvoller waren Berichte über tote Fische, die flussabwärts getrieben waren, wo der Abfluss vom Damm in einen
größeren Strom mündete. Der JTF-4-Geheimdienst nahm an, dass eine giftige Substanz dafür verantwortlich war – ein chemischer, biologischer oder vielleicht sogar nuklearer Schadstoff. Der Geheim dienst ging davon aus, dass der Schadstoff aus dem vermeintlich harmlosen Kraftwerk stammte, und das bedeutete, dass es mehr als nur Strom erzeugte. Die Nordkoreaner produzierten hier wahr scheinlich auch Massenvernichtungswaffen. Der kanadische Ge heimdienst wollte wissen, welche Waffen das waren, und in welcher Menge sie hergestellt wurden. Das war der Grund, warum Logan und sein Partner hierher geschickt worden waren. Auf seinem Visor sah Logan über der leuchtenden Karte einen zweiten Punkt blinken. Für das menschliche Auge nicht zu er kennen, fiel nicht weit weg eine andere Gestalt durch die Nacht – Neil Langram, Logans Partner. Die beiden Männer würden in unter schiedlichen Landezonen herunterkommen und sich dann auf dem Boden treffen. Ein leiser Warnton erklang in Logans Helm, und automatisch ab solvierte er das, was er gelernt hatte. Er drückte sein Kreuz durch und warf die Arme über den Kopf, als wolle er wie ein Turm springer durch die Dunkelheit ins glitzernde Wasser unter ihm ein tauchen. Mit angespanntem Rücken streckte er Arme und Beine aus, sodass sein Körper den Buchstaben X bildete. Der zweite Warnton. Logan wappnete sich mit angespannten Muskeln gegen das, was ihn erwartete, während das HUD den Countdown anzeigte. Vier … drei … zwei … eins … Mit einem Ruck entfalteten sich die ›Flügel‹. Lederähnliche Mem branen eines reibungsarmen Materials schossen aus verborgenen Nähten unter Logans Armen, an seinem Rumpf und die Beine entlang. Flexible Rippen in diesen Flügeln füllten sich sofort mit Druckluft, sodass die Membranen Form annahmen und Tragflächen bildeten. Doch mit voller Absicht stürzte Logan weiter kopfüber in die
Tiefe, und seine Fallgeschwindigkeit verringerte sich kaum. Hätte Logan zu diesem Zeitpunkt versucht, den Auftrieb zu nutzen und seinen Sturz abzufangen, wäre das Gurtwerk des HAWK durch die Überbeanspruchung weggerissen und er in den sicheren Tod ge stürzt. Ein blinkender Cursor. Digitale Zahlen. Ein weiterer Countdown. Dann sprangen die Mark III-Repulsoren der Firma Stark Industries an. Jedes der sechs runden, wie Untertassen geformten Geräte konn te drei einsekündige Energiestöße abgeben, bis der Treibstoff aufge braucht war – das war mehr als genug, um Logans Abstieg zu brem sen. Doch als die Repulsoren einen Energiestoß abgaben, spürte Logan einen scharfen stechenden Schmerz, als würde sich ein Messer in sein Herz bohren. Er verkrampfte sich und stürzte noch schneller in die Tiefe. Ein Warnton dröhnte in seinen Ohren, und der Lärm verschmolz mit dem Heulen des Windes. Die schwarze Nacht schi en sich vor Logans Augen in ein phosphoreszierendes Grün zu verwandeln. Plötzlich schien etwas in seinem Kopf zu platzen. Ein roter Nebel aus Schmerzen breitete sich aus. Ein Stöhnen entrang sich Logans Lippen. Während der Schmerz ihn in seinem Würgegriff hielt, fragte er sich, ob der Gurt wohl eine Fehlfunktion hatte. Bald ließen die Qualen nach, und Logan war wieder in der Lage, sich zu konzentrieren. Er kämpfte darum, mit dem jetzt aerodyna mischen Ganzkörperfluganzug die Kontrolle über die wechselnden Luftströmungen zu bekommen. Nach einigen Anstrengungen schaffte er es endlich, sich in ungefähr 2.000 Metern Höhe abzu fangen. »Ziel.« Sofort begann ein voraussichtlicher Landepunkt auf dem Karten gitter zu blinken und hob eine Stelle am Hang einer kleinen Anhöhe über dem Damm und dem Wasserkraftwerk hervor. Logan war immer noch mehrere Kilometer davon entfernt. Er schaltete auf In
frarotmodus um und bekam plötzlich einen rotstichigen Panorama blick über die Landschaft, die ihn umgab. »Teleskop-Modus … Vergrößern … Vergrößern … Stop.« Sein teleskopisches Nachtsichtgerät zeigte jedes Detail der unter ihm liegenden Landschaft. Obwohl er immer noch weit entfernt war, konnte Logan Autos erkennen, die oben am Damm geparkt waren, und einen abgesicherten Zugang, den er vorher nicht be merkt hatte. Und im Tal unten am Damm konnte Logan Wachtpos ten sehen, die die Wachtürme besetzten, sowie weitere uniformierte Männer, die zu beiden Seiten des Zaunes mit Hunden auf und ab gingen. Durch eine leichte Bewegung der Arme ging er in einen Gleitsenk flug über, wobei er gelegentlich Anpassungen wegen der Schuboder Auftriebskräfte vornehmen musste, die durch die Hügel erzeugt wurden. Für Logan war dies das einzig Gute an einem Absprung mit einem HAWK-Geschirr – wie ein Vogel mit flatternden Flügeln zu fliegen … Als er sich seinem Zielpunkt näherte, wusste Logan, dass der Spaß bald zu Ende sein würde. Sein Plan sah vor, die Anlage in geringer Höhe zu überfliegen, um sich über Stärke und Art der Sicherungen zu informieren. Dann, wenn alles nach Plan abgelaufen war, würde Logan zur Landezone fliegen, unbemerkt aufsetzen, den Hügel hinuntersteigen, über den Damm ins Tal hinein, über den Zaun und ins Wasserkraftwerk hin einklettern – ohne dabei jemals auf einen Wachtposten, die Hunde, irgendwelche Tretminen oder elektronische Überwachsanlagen zu stoßen, die möglicherweise um die Anlage herum angebracht waren. »Ein Kinderspiel«, hatte Langram es genannt. Stimmt genau. Logan stellte fest, dass der andere blinkende Punkt jetzt über und
hinter ihm war – Langram war also auch auf Kurs. Logan wusste, dass sein Partner bald die Richtung ändern würde, um auf der anderen Seite des Sees zu landen. So bestand immer noch die Möglichkeit, dass einer den Auftrag erfolgreich zu Ende führte, wenn der andere gefangen oder getötet wurde. Er und Langram würden strikte Funkstille während der gesamten Operation einhalten. Sie würden sich bei den Treibstoffdepots treffen oder vielleicht auch erst an der Entnahmestelle, wenn der ganze Einsatz vorbei war. Natürlich werden wir uns gar nicht treffen, wenn es für einen von uns beiden richtig schlecht läuft. Plötzlich brachte ein starker Aufwind Logan mehrere hundert Me ter vom Kurs ab. Logan bediente die beiden Rückstoßtriebwerke über Sensoren in seinen Handschuhen und über einen Knopf in je der Handfläche, um den Windauftrieb zu kompensieren. Innerhalb von Sekunden war er wieder auf Kurs. Sein Computerkontrollsys tem übernahm die Steuerung, damit er sein Ziel nicht aus den Augen verlor. Logan staunte über die Qualität des neuen Gerätes und wie benutzerfreundlich der Nachfolger der ersten Generation von HAWK-Geschirren geworden war. Nicht wie in den schlechten alten Tagen. Logan erinnerte sich an die ersten Prototypen der High Altitude Wing Kites – Kinderdrachen, wenn man so wollte. Kraftlose Gleiter aus Leder, Segeltuch und Spandex, die sich aus dem gängigen, enganliegenden SHIELD-Kampfanzug entfalteten. Diese frühen Modelle waren nicht sehr zuverlässig gewesen, und ihnen hatte der Komfort gefehlt, den die verbesserten Versionen aufwiesen. Logan fragte sich, wie er je ohne Druckhelm, Heizeinheit, HUD, drahtlose Computersteuerung, GPS, Infrarot-Nachtsichtvisor oder sogar Re pulsoren ausgekommen war. Der aktuelle HAWK verhinderte sogar, dass man mit einem Radar aufgespürt wurde. Dadurch, dass Logan und Langram in ein nicht
magnetisches, Wellen absorbierendes Verbundmaterial gehüllt waren – eine elastische Version der Umhüllung, die man für Tarn kappenfahrzeuge verwendete – waren sie für alle Arten von elektronischen Detektoren und Hightech-Überwachungsanlagen un sichtbar. Natürlich gab es noch eine Sache, die unbedingt verbessert werden musste. Bisher hatte keiner bei SHIELD R&D eine Möglich keit ersonnen, die Landung mit einem HAWK-Geschirr zu erleich tern. Logan hatte seit Jahren keines mehr benutzt und bedauerte es jetzt, als die Erde auf ihn zugerast kam, und er begann sich zu fragen, ob er wohl noch eine weiche Landung hinbekam. »Es ist ganz leicht, mit einem HAWK zu landen. Sogar ein blinder Tattergreis bringt diesen Vogel nach unten«, hatte Nick Fury einmal zu ihm gesagt. »Nur eine Landung, bei der man sich nicht alle Knochen bricht, ist etwas schwieriger.« Ein blödes Grinsen hatte seine Lippen verzogen. Logan konnte so gar fast Furys billige Zigarren riechen. Man sollte meinen, dass ein Typ, der bis zum Hals in verdeckten Opera tionen steckt, eigentlich in der Lage sein sollte, an geschmuggelte Kubanische Havannas zu kommen. Logan konzentrierte sich auf den Anflug. Nachdem er Messungen von Wind und Abstiegswinkel vorgenommen hatte, zeigte das HUD die Flugbahn zur Landezone an. Aber zuerst wollte Logan noch den Erkundungsflug über das Kraftwerk absolvieren. Wie ein schweigendes, unsichtbares Gespenst flog Logan immer tiefer. Schließlich raste er parallel zum Horizont dahin, weniger als sechzig Meter über der Erde. Er überquerte einen Stahlzaun und schoss über einen Wachturm hinweg – tief genug, um hinein zu se hen. Er erkannte ein paar müde Wachen, Teetassen und einige Männer, die würfelten. Die Versuchung ist groß, gleich hier zu landen … Diese Typen können ja kaum die Augen offen halten. Ich könnte mich einfach fallen lassen und innerhalb von fünf Minuten herausfinden, was sich in diesen Tanks be
findet … Aber das wäre falsch. Logan hatte seine Befehle. Er sollte in den Bergen landen, seinen Anzug vergraben und zu Fuß zur Anlage hinuntergehen. Trotzdem ist es zu leicht – wo ist da der Spaß? Während er lautlos über das Wasserkraftwerk hinwegraste, be merkte er eine offen stehende Hallendoppeltür. Er sah eine Gruppe von Arbeitern, die drinnen im hellen Lichtschein herumlümmelten. Jenseits des Kraftwerks und um die Vorratstanks war es dunkel. So gar im Infrarotmodus waren einige Details, die im Schatten lagen, nicht zu erkennen. Schließlich legte Logan sich in die Kurve und steuerte auf die graue, glatte Wand des Dammes zu. Er legte den Kopf nach hinten und breitete die Arme aus, so weit er konnte, um dem Wind mehr Angriffsfläche zu bieten und aufsteigen zu können. Dann zündete er die Repulsoren. Er schoss wie eine Silvesterrakete über den Damm und drehte sich in der Luft, um dann dicht über der schwarzen Wasseroberfläche hinwegzugleiten, wobei sein schwarzer Anzug wie ein Robbenpelz im Sprühwasser glitzerte. Logan zündete die Repulsoren ein letztes Mal, ließ das Ufer hinter sich und raste den Abhang hoch. Vor ihm lag die festgelegte Lande zone – ein kahler Streifen brauner koreanischer Hügel, auf denen man die Wälder abgeholzt hatte, um Platz für ein Stromnetz zu schaffen, das noch im Bau war. Als er sich der Landezone näherte, bemerkte Logan dicke Baustümpfe, die aus der Erde ragten und mehrere gefällte Bäume, die seinen Weg blockierten. Um sich auf die Landung vorzubereiten, drückte Logan das Ge schirr nach unten, damit er langsamer wurde. Bei einer Geschwin digkeit von achtzig Kilometern pro Stunde lockerte er den Gurt, um ihn jederzeit abwerfen zu können, wenn er ein einigermaßen ebenes Stück Land entdeckte. Die Landung mit einem HAWK war ungefähr das Gleiche, wie mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug abzuspringen. Der Unter
schied bestand darin, dass man den HAWK etwa zehn bis fünfzehn Meter über dem Boden abschnallte und den Rest tatsächlich fiel. Es war für gewöhnlich eine harte Landung, und man landete nicht immer auf den Füßen. Die meisten rollten sich zu einer Kugel zu sammen und kullerten weiter, bis sie liegen blieben. Nicht Logan. Während ihm im Visor die Höhe in Metern angezeigt wurde … 50 … 40 … 30 … 20 … hatte sich seine Geschwindigkeit auf weniger als vierzig Kilometer pro Stunde verringert. Logan warf seine Beine nach vorn und löste sich mit Schwung aus den Gurten. Die Flügel fielen in sich zusammen und schleiften wie bei einem plattgetretenen Schmetterling hinter ihm her. Er kam auf dem Boden auf, rollte sich dreimal ab und kam mit einem Sprung auf die Beine. Aber der Schwung seines Absprungs trieb ihn noch weiter voran. Logan erspähte vor sich einen umgestürzten Baum, der auf seinem Weg lag. Gerade in dem Moment, als er über das Hindernis hinwegsprang, erhob sich hinter dem Stamm die Gestalt eines … Menschen. Es war zu spät, um anzuhalten. Logan krachte in den Fremden und hörte einen erstickten Schrei. Ohne die Situation unter Kon trolle zu bekommen, wurden beide zu Boden geschleudert und roll ten in einer Staubwolke einen steilen Abhang hinunter.
Der Alarm war wieder ausgegangen. Die Ruhe war wieder herge stellt. Subject X trieb jetzt bewegungslos in der Flüssigkeit, die Krämpfe hatten nachgelassen. Techniker und Ärzte gingen im Raum umher, rekalibrierten Instrumente und starteten wichtige Compu tersysteme neu. »Wir werden ein wenig Zeit verlieren, Professor. Es lässt sich nicht vermeiden«, erklärte Dr. Hendry mit ernster Miene. »Die Techniker werden die Computer wieder hochfahren müssen, die Funktion einiger Sonden wieder herstellen. Aber für den Moment ist Subject X
stabil.« Der Professor nickte nur ganz leicht, ehe er sich zu Dr. Cornelius umwandte. »Die Nanotechnologie. Funktioniert sie?« »Der Vorgang ist abgeschlossen, die Siliziumklappen arbeiten wie die echten«, sagte Cornelius. »Man kann sie auf dem Ganzkörpe rultraschall erkennen … die winzigen schwarzen Punkte am Skelett …« Der Professor betrachtete das Bild, dann zog er eine Augenbraue hoch. »Und Sie sind sich völlig sicher, dass nicht Ihre Nanochips den Anfall bei Subject X ausgelöst haben?« »Auf keinen Fall«, erwiderte Cornelius mit mehr Überzeugung, als er je verspürt hatte. »Dann müssen wir uns an Sie wenden, Ms. Hines«, zischte der Professor. »Was für eine Theorie haben Sie? Was ist Ihrer Meinung nach schiefgegangen?« Carol Hines schluckte nervös. »Ich … ich glaube immer noch, dass wir es mit zufalligen elektrischen Impulsen im Hypothalamus zu tun haben. Dort sind die niedrigsten Instinkte des Menschen zu Hause … das Tier in uns – das ums Überleben kämpft, wenn es be droht wird.« »Poetischer Schwachsinn«, spottete Dr. MacKenzie. »Irgendwo im Gehirn hat es gefunkt. Die Versuchsperson hat sich an irgendetwas erinnert, etwas, das sich in der Vergangenheit zugetragen hat, Ge burtswehen – was auch immer.« »Auf den Monitoren war nichts Derartiges zu sehen«, beharrte Hines. »Wir haben beide die Impulsspitze gesehen«, erwiderte Ma cKenzie, »nur haben Sie das Ganze als eine Anomalie abgetan.« Der Professor hob eine Hand, um die Diskussion zu unterbrechen. »Was bedeutet das, Doktor?« MacKenzie sah den Professor an. »Dem EMaM ist es nicht ge lungen, sich vollständig mit dem Geist der Versuchsperson zu ver
binden. Es gab eine Lücke im System, einen Fehler im Programm. Ein Teil der früheren Persönlichkeit von Logan – ich wollte sagen, von der Versuchsperson – hat sich bemerkbar gemacht.« MacKenzie kehrte dem Professor den Rücken zu, um zu dem Mann im Tank zu schauen. Er klopfte an die Scheibe, als wäre es ein Aquarium. »Irgendetwas ist in seinem Kopf vorgegangen. Subject X ist nicht bereit, seine Identität aufzugeben … noch nicht«, verkündete Ma cKenzie. »Darauf wette ich mit meinem Namen.« Der Professor verschränkte die Arme hinter dem Rücken und ging im Labor umher. »Das stellt uns vor ein kleines Problem. Zwei meiner Kollegen sind nicht der Meinung, dass wir es mit einer kri tischen Phase im Waffe-X-Programm zu tun haben. Wir befinden uns in einer Sackgasse. Wie sollen wir weiter verfahren?« MacKenzie trat vor. »Ich habe alles in meiner Macht Stehende ge tan, um nicht die Kontrolle über Subject X zu verlieren. Wir hatten keine Schwierigkeiten, bis die Hirndämpfer deaktiviert wurden. Ich schlage vor, wir arbeiten mit Chemikalien weiter – Pheno-B. Erste Dosis drei Milligramm, später mehr, wenn nötig.« MacKenzie sah Carol Hines herausfordernd an. Sie hielt seinem Blick stand, dann schaute sie zum Professor. Auch er starrte sie an. »Ich werde das EMaM-Hauptmenü neu starten«, sagte sie schließ lich. »Und dann noch einmal eine ganz neue Verbindung herstellen. Es ist möglich. dass … vielleicht ist möglicherweise etwas übersehen worden.« MacKenzie, der angesichts seines Sieges ein selbstgefälliges Lä cheln zur Schau trug, wandte der Frau den Rücken zu. »Der Neustart wird ungefähr eine Stunde in Anspruch nehmen«, fuhr Carol Hines fort. »Und dann können wir es noch einmal versu chen.« »Dann also in einer Stunde«, erwiderte der Professor. Einen Augenblick später befand er sich schon im Fahrstuhl nach oben.
Nachdem der Professor fort war, trat Dr. Cornelius an Hines' Workstation und berührte ihren Arm. »Machen Sie sich nichts draus«, sagte er. »So etwas passiert … Verzögerungen … Irrtümer … Rechenfehler. Keiner ist vollkommen. Wette, solche Sachen sind bei der NASA ständig passiert.« Carol Hines tippte auf ihrer Tastatur ohne aufzuschauen. »Egal – der Professor steckte in einem Dilemma und er hat sich für MacKenzie entschieden … Sie können ihm nicht vorwerfen …« »Was kann ich ihm nicht vorwerfen?«, unterbrach sie Cornelius und schaute zu ihm auf. Ihr schmales Gesicht war unter dem strengen Haarschnitt gerötet. »Dass er der Person Glauben schenkt, die den längsten Titel hat?« Cornelius schüttelte den Kopf. »Sie haben das alles falsch verstanden, Ms. Hines. Der Professor hat sich für die Technologie entschieden, der er vertraut, nicht für den Mann. Seine Entschei dung hat nichts mit Titeln zu tun oder mit der Tatsache, dass Ma cKenzie promoviert ist. Er hat Pheno-B einfach schon früher benutzt, aber EMaM noch nie.« Er konnte sehen, dass sie ihm jetzt zuhörte und seinen Worten auf merksam lauschte. »Erinnern Sie sich daran«, fuhr er fort, »dass der Professor ursprünglich meine Nanochips für die seltsame Reaktion von Sub ject X verantwortlich machen wollte.« Mit Erleichterung stellte Cornelius fest, dass sich ihre Gesichts züge entspannten. »Und falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten«, flüsterte er verschwörerisch, »ein gewisser Dr. Hendry hat es auf mich abgese hen. Also brauchen Sie nicht das Gefühl zu haben, dass Sie schikaniert werden, nur weil der am Projekt beteiligte Psychiater Sie nicht mag. Ich fange allmählich an zu glauben, dass alle an diesem Projekt Beteiligten bis zum Hals in der sprichwörtlichen Scheiße sitzen.«
SECHS Das Experiment
Der Professor hob von seinem Stuhl aus eine bleiche Hand. »Lasst uns Geschichte schreiben.« Dann waren nur noch das Klappern von Tasten und laute Befehle zu hören. Wissenschaftler und Techniker hatten sich in dem riesigen Raum an die Arbeit gemacht. »Einspeisung beginnen.« Der Befehl kam von Dr. Chang, einem Metallurgen, der für seine Arbeit mit Speziallegierungen bekannt war. Chang hockte vor einem riesigen Monitor neben einer tragbaren Zwei-Wege-Pumpe, die an dem blubbernden Tank lehnte. »Einspeisung eingeleitet«, sagte der technische Assistent, der dicht hinter dem Metallurgen an einem zweiten Rechner saß. Hinter der Scheibe aus Bleiglas entwich unten aus der Pumpe zischend Dampf, während flüssiges Adamantium aus einem Behäl ter in die Zuführschläuche floss, die sich in den Behälter schlängelten, in dem sich die Versuchsperson befand. »Stabil … Adamantium-Aufspaltung steht neunundzwanzig zu eins, Sir«, warnte Dr. Chang. »Ich werde kompensieren.« Der Professor schüttelte den Kopf und zeigte auch nicht die Spur von Besorgnis. »Es wird weniger werden, kein Problem.« Chang nickte. »Einspeisen.« »Stabil …« »Einspeisen.« »Kardiotachometer?«, fragte der Professor.
Carol Hines wollte schon einen Blick auf den Herzmonitor werfen, als Dr. Hendry auch schon barsch hervorstieß: »Hoch. Höher, als wir dachten.« Der Behälter sah nun wie ein brodelnder Glaskessel aus. Die Gestalt im Tank hüpfte umher wie ein Korken in einer kochenden Flüssigkeit. Subject X würde entweder in die Wissenschaftsgeschich te eingehen oder eines flammenden Todes sterben. Dr. Cornelius beobachtete die Prozedur mit angespannter Erwartung. Im Raum roch es eher wie in einer Stahlschmelze denn wie in einem medizinischen Labor oder einem provisorischen Ope rationssaal. Der Geruch nach brennendem Metall hing in der Luft, und in den letzten paar Minuten war die Temperatur am Boden um mehrere Grad gestiegen. Die Gründe dafür waren zum einen der Be hälter am einen Ende des Raumes, der hinter einer dicken Mauer aus Bleiglas rot glühte, und zum anderen der Inhalt dieses Behälters. Darin befanden sich hunderte von Kilo geschmolzenen Adamanti um-Stahls, der unter Druck gesetzt und vorbereitet wurde, um ihn in den Körper der Versuchsperson zu pumpen. Cornelius wusste, dass Adamantium die härteste Substanz im ganzen Universum war. Die in den Vierziger Jahren des 20. Jahr hunderts von Dr. Myron MacLain, einem bei der US-Regierung angestellten Metallurgen, entwickelte Legierung war durch die Ver bindung von mehreren streng geheimen Harzen unter Zusatz der geheimnisvollen Substanz Vibranium entstanden. In flüssiger Form war Adamantium nur ungefähr acht Minuten lang formbar und das auch nur, wenn man für eine gleichbleibende Temperatur von über 800 Grad Celsius sorgte. Nach vierhundertachtzig Sekunden war es nicht mehr möglich, die Legierung mit irgendeiner anderen Sub stanz zu verbinden. Das hieß, dass auch die kleinste Unterbrechung während der kritischen Einleitphase katastrophal wäre. Um den Tank von Subject X herum überwachte das Team von Computerterminals und medizinischen Beobachtungsgeräten aus alle Einzelheiten des Prozesses. Ein Geräusch übertönte den Lärm
der surrenden Maschinen: das Piepsen der Maschine, die Herz rhythmus, Atmung, Körpertemperatur und andere Körper funktionen überwachte. Dr. Changs Hände huschten weiter über seine Tastatur. Hinter der Bleiglasscheibe löste sich die Dampfwolke auf. »Stabil …« »Einspeisen …« »Überzugprozedur einleiten … jetzt!« Die Aktivität im Tank steigerte sich um ein Vielfaches. Als gesch molzenes Metall die Zulaufschläuche füllte, überhitzte es diese. Dann wurde die thermische Energie sofort auf die Flüssigkeit im Tank übertragen. Innerhalb von Sekunden war Subject X in der bro delnden, chemischen Brühe kaum noch zu erkennen. »Stabil …« »Einspeisen.« Am Monitor verfolgte Dr. Chang, wie das geschmolzene Adaman tium in die Knochen von Subject X eindrang. Auf dem Ultraschall bild sah es so aus, als ob die geisterhaft grauweißen Knochen mit schwarzer Farbe überzogen wurden. Der Professor vergrößerte sich das gleiche Bild mehrere hundert Mal an seinem eigenen Monitor, um die Oberfläche des rechten Oberschenkelknochen zu mustern. Am Ultraschall war deutlich zu erkennen, dass die Nanochips sowohl die winzigen Löcher in den Knochen als auch die Blut- und Kapillargefäße, die in ihnen ver liefen, schützten. Cornelius sah dieselben Informationen auf seinem Monitor und verspürte eine Mischung aus Triumph und Erleichterung. Vor ein paar Jahren hätte er noch geglaubt, dass das, was er hier mit eigenen Augen sah, nicht möglich wäre. Doch allein die Vision des Professors, der gewaltige wissenschaftliche Fortschritt des Pro gramms und die schier unerschöpflichen Gelder schienen alles möglich zu machen. »Stabil …«
»Alles läuft gut, Doktor. Ich bin sehr zufrieden.« Cornelius brauchte einen Augenblick, um zu erkennen, dass der Professor mit ihm gesprochen hatte. »Einspeisung?« »Überzug?« »Stabil. Beides stabil«, erwiderte Dr. Chang und strich sich eine glänzende, schwarze Strähne aus der Stirn. Während Cornelius zusah, wurde lebendes Gewebe mit einer Me talllegierung verbunden, um den wirklich ersten bionischen Organismus der Welt zu erschaffen. Hier wurde tatsächlich Ge schichte geschrieben, und Cornelius fühlte sich veranlasst, etwas zu sagen. »Das ist ein außergewöhnliches Experiment, Professor. Ich fühle mich geehrt, dass ich Anteil daran habe.« Die schmalen Lippen des Professors kräuselten sich eher zu einem höhnischen Grinsen als zu einem Lächeln. »Natürlich haben Sie das, Cornelius.« »Kardiotachometer?« Dieses Mal war es der Metallurge, der um aktuelle Daten bat. Hendry schüttelte den Kopf. »Nicht gut … Es ist wahrscheinlich das autonome Nervensystem.« »Einspeisen.« Dr. MacKenzie sprach das erste Mal wieder, seit die Verbindungs prozedur begonnen hatte. »Setzen wir das Pheno-B hoch. Um zwei Punkte … Nein, einen. Ein bisschen mehr, und er hat nur noch Grütze statt Hirn.« »Gibt es Grund zur Sorge?« Der Professor hatte die Frage an den Psychiater gerichtet, aber es war Hendry, der antwortete. »Ich denke nicht, Professor. Sie haben Subject X wegen seines be merkenswerten Durchhaltevermögens ausgewählt. Wir haben es jetzt einfach damit zu tun, dass sein autonomes Nervensystem ange sprungen ist. Er ist ein harter Bursche – sogar wenn er bewusstlos
ist.« »Mit der Chelatbildung beginnen«, sagte Dr. Chang. Die Bläschen in der aufgewühlten Flüssigkeit um Subject X vermehrten sich, als er wild um sich zu schlagen begann und dabei immer wieder gegen die Glaswände prallte. »Was ist denn das?«, fragte der Professor scharf. »Widerstand, Sir«, antwortete MacKenzie. »Er hat sich einen der Zulaufschläuche herausgerissen!«, schrie der Metallurge. »Zufuhr zu Schlauch Neunzehn B unterbrechen, über die Ersatzschläuche A und C kompensieren.« »Wird kompensiert.« »Beibehalten.« »Verdammt … Widerstand. Noch mehr Widerstand!«, stieß Hendry angstvoll hervor. »Ausgleichen!« »Einspeisen.« »Verhindert.« »Einspeisen über den Ersatzschlauch.« »Balance bald wieder hergestellt«, verkündete der Metallurge. »Konstant … konstant … Balance hergestellt.« Das Zappeln nahm ab. Weiterhin wurde geschmolzener Stahl ins zuckende Fleisch der Versuchsperson gepumpt. »Wie stabil ist die EMaM-Verbindung?«, fragte der Professor. »Steht bei einhundert Prozent«, erwiderte Carol Hines. »Ich habe die Stromstärke erhöht, um die autonomen Nervenfunktionen der Versuchsperson zu unterdrücken. Ich denke, das hat Dr. Hendrys Problem mit dem autonomen Nervensystem behoben.« »Hendry … Autonomes Nervensystem?« Hendry schaute von seinem Bildschirm auf. »Geht zurück, Professor. Fast wieder normal.«
»Kardiotachometer, Miss Hines?« Sie zögerte mit der Antwort, denn sie war erstaunt, dass der Professor sich wieder an sie gewandt hatte. »Steigt rasch an, Sir. Die Herzfrequenz liegt bei 198 pro Minute und erhöht sich weiter.« Der Professor biss die Zähne zusammen. Die erhöhte Herz frequenz der Versuchsperson bereitete ihm Sorge. »Diagnose, Dr. Hendry?« »Sir, ich denke, die Nanotechnologie ist dafür verantwortlich …« »Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt …«, protestierte Cornelius. Der Professor hob die Hand. »Erklären Sie das, Dr. Hendry!« »Auf dem Ultraschall erkennt man graue Flecken, die das ganze Skelett bedecken und von denen Cornelius behauptet, es seien seine Nanochips. Nun, schauen Sie sich das mal an …« Eine Vergrößerung des Herzmuskels offenbarte die gleichen, grauschwarzen Flecken im Innern aller vier Kammern. »Ich glaube, dass Dr. Cornelius' Programmierung fehlerhaft war. Die Nanochips haben den festen Herzmuskel als Knochen betrachtet – mit vorhersehbarem Ergebnis.« Cornelius war sprachlos. Kann ich mich so sehr geirrt haben? Der Professor runzelte die Stirn und sprach kurz angebunden. »Ms. Hines, würden Sie bitte die medizinische Akte und die Kran kengeschichte der Versuchsperson einsehen? Ich habe mich zwar lange genug damit beschäftigt, aber vielleicht habe ich etwas überse hen.« »Auf dem Schirm, Sir«, verkündete Hines. »Irgendwelche Angaben zu Herzanomalien?« »Keine, Sir.« Schweigend betrachtete der Professor die im Tank treibende Gestalt. Als er schließlich sprach, schwang in seinem Tonfall Reue mit. »Sie enttäuschen mich, Cornelius. Warum hatten Sie sich nicht auf diese Eventualität vorbereitet?«
Cornelius starrte die Vergrößerung an. Seine Nanochips drängten sich immer noch um die Herzklappen – und richteten weiß Gott wieviel Schaden im Herzen der Versuchsperson an – obwohl sie eigentlich schon längst nicht mehr dort sein sollen. Himmel noch mal, vor ein paar Minuten waren sie längst fort gewesen. Warum waren ein paar von ihnen wieder im Herzmuskel gelandet? »Ich dachte, ich hätte mich auf alles vorbereitet, Professor. Aber wer hätte das voraussehen können?« Der Metallurge unterbrach ihn. »Sir, die Adamantium-Absorb tionsrate sollte bei vierundzwanzig zu eins liegen …« »Natürlich.« »Sie beträgt dreiundfünfzig zu eins, Sir … und der Wert erhöht sich weiter.« Das erste Mal, seitdem Cornelius den Professor kannte, schien dieser verblüfft. Sofort verlangte er eine Erklärung von Carol Hines. »Es scheint so, als würde die stark erhöhte Herzfrequenz von Sub ject X das Adamantium mit dem Dreifachen der geschätzten Ge schwindigkeit aufnehmen«, erklärte sie. Plötzlich wurde Alarm ausgelöst und unterbrach ihre Ausfüh rungen. Dr. Hendry analysierte das Problem, ohne von seinem Bild schirm aufzuschauen. »Die Versuchsperson schlägt wieder um sich. Und es befindet sich ein Leck im Tank. Ich stelle Spuren von Adamantium fest.« »Der beschädigte Schlauch?«, äußerte sich Hines. »Nein«, sagte Hendry sofort. »Die undichten Stellen sind die Po ren der Versuchsperson. Er gibt über seine Schweißporen Adaman tium ab.« Der Professor wirkte plötzlich besorgt. »Abstoßung?« »Eher … Ausscheidung«, erwiderte Hendry. »Seine Leber, seine Lymphknoten – sie behandeln das Metall, als würde es sich um eine bakterielle Infektion oder ein Gift handeln. Ein Teil der Legierung wurde über die Haut ausgeschieden. Nicht so viel, dass man sich
Sorgen machen müsste, aber …« »Die Leberfunktion dieses Typen muss phänomenal sein«, sagte Dr. MacKenzie. »Die arbeitet so effizient, dass unser Junge hier wahrscheinlich gar nicht betrunken wird, nicht einmal, wenn er es will. Das könnte auch seine Resistenz gegen Betäubungsmittel erklä ren.« »Mein Gott! Das könnte auch eine Erklärung dafür sein, warum sich die Nanochips in seinem Herzen festgesetzt haben«, rief Cor nelius. »Erklären Sie das, Doktor«, sagte der Professor. »Die Versuchsperson hat eine phänomenale Widerstandskraft, richtig? Und wir sehen, dass auch sein Immunsystem ganz erstaun lich ist …« »Was wollen Sie damit sagen?« »Diese Chips sind nicht aus eigenem Antrieb in sein Herz ge wandert und ihre Programmierung war auch nicht fehlerhaft. Sie wurden vom Immunsystem der Versuchsperson in den Blutstrom zurückgedrängt!« Cornelius wirbelte zu Hendry herum. »Wie hoch ist die Anzahl der weißen Blutkörperchen im Herzen der Versuchsperson?« Hendry tippte etwas in den Computer ein. »Erhöht … anomal hoch, als ob …« »Als ob er gegen eine Infektion kämpfen würde.« Cornelius drehte sich zum Professor um. »Das bedeutet, dass sein Immunsystem stark genug war, um einen gewissen Prozentsatz meiner Chips zu vernichten, die jetzt wie ein Abfallprodukt über die Schweißporen ausgeschieden werden.« Der Professor überdachte die Informationen. Während seine Ge danken beschäftigt waren, schienen seine Brillengläser das Licht zu reflektieren. Dr. Cornelius sah zum Kardiotachometer und stellte fest, dass sich die Herzfrequenz stabilisiert hatte.
»Ich kann Ihnen versichern, Professor, dass es keine weiteren Pro bleme geben wird«, sagte er. »Die Herzfrequenz von Subject X kann gar nicht mehr höher gehen, sonst wäre er ja … nun ja, ein Über mensch oder so.« Der Kopf des Professors fuhr hoch, als hätte Cornelius' Beobach tung tiefen Eindruck auf ihn gemacht. Sein ohnehin schon fahles Gesicht wurde kalkweiß, und obwohl er nicht sprach, bewegte sich der Kiefer des Professors hinter den Lippen. »Wir werden bald den Ausgleichspunkt überschreiten, Sir. Wir müssen auf jedem Kanal kompensieren«, warnte Changs Assistent. Dr. Hendry war verblüfft. »So schnell?« »Erstaunlich«, sagte Cornelius. Der Techniker hielt inne und wartete auf eine Entscheidung des Professors. Aber Cornelius konnte erkennen, dass das wissenschaft liche Genie wie gelähmt war. Er war nicht in der Lage, etwas zu un ternehmen, und noch nicht einmal in der Lage zu sprechen. Cornelius trat vor. »Dann weiter einspeisen«, befahl er. »Über je den Kanal.« Dr. Hendry blinzelte, sagte jedoch nichts. Schätze, jetzt trage ich die Verantwortung – für den Augenblick zu mindest, dachte Cornelius. Und wenn das so ist, dann wollen wir die Si tuation doch mal ausreizen … bis zum Äußersten. Wenn dieser Typ Logan so viel Adamantium schlucken kann und dann gerade mal aufstößt, wozu ist er dann noch in der Lage? »Einspeisen«, bat der Techniker um Bestätigung. »Auf allen Kanälen einspeisen«, sagte Dr. Chang, während er Cor nelius einen schnellen Blick zuwarf. »Gesamteinspeisung. Auf Stufe Zwei beibehalten.« »Wodurch wird das hervorgerufen, Doktor?« Die Hand des Spre chers hieb wie eine Klaue auf Cornelius' Schulter. »Ich kann auch nur raten, Professor«, erwiderte Cornelius.
»Wir haben genug Thorazin in die Versuchsperson gepumpt, um einen Ochsen damit umzubringen, also haben wir es wohl mit mehr als nur einer eisernen Konstitution oder einer Anomalie des auto nomen Nervensystems zu tun.« »Doktor?« Carol Hines sah mit ihren grünen Augen am Professor vorbei zu Cornelius. »Ich habe da eine interessante Information für Sie.« Cornelius – mit dem Professor im Schlepptau – trat an den Computer der Frau. »Laut den Akten wurde Subject X mindestens fünfmal ange schossen und überlebte jeden Angriff. Vier Schüsse in den Rumpf, einen ins Bein. Außerdem hat er eine Reihe schwerer Verletzungen erlitten.« Cornelius zuckte die Achseln. »Zäher Kauz … Das wissen wir, Hines.« »Aber bei den Bioscans und im Ultraschall war weder äußeres noch inneres Narbengewebe zu sehen. Überhaupt keins.« »Cornelius, hatten Sie nicht gesagt, die Versuchsperson sei letzte Nacht verletzt worden?« »Ja, Professor.« Tja, eigentlich hatte Hendry das gesagt. Ich habe nur ein paar der Verletzungen gesehen. »Wo sind denn dann seine Wunden?« Das gab Cornelius zu denken. Er betrachtete die Gestalt im Tank, die in zu viele Bläschen gehüllt war, als dass man irgendwelche Ein zelheiten hätte erkennen können … nur blasses Fleisch und schwarzes Haar, das wie eine zerrissene Fahne in der Flüssigkeit trieb. »Hines, können Sie irgendwelche Angaben machen?«, fragte Cor nelius, der immer noch Logan anstarrte. »Ich kann leichte Spuren feststellen«, sagte sie. »Ein leichter Bluter guss an der Schläfe. Aber vor einer Stunde hatte er noch einen aus gerenkten Kiefer, Schnitte und Hautabschürfungen. Und jetzt ist da
absolut nichts.« Cornelius und der Professor dachten über diese Information nach, während Carol Hines ihren Bericht fortsetzte. »Es gibt einen direk ten Zusammenhang zwischen dem Phänomen und der hohen Herz frequenz. Und …« Sie zögerte. »Nun ja, ich weiß nicht, wie wichtig das ist … Es hört sich dumm an. Aber Mr. Logans Haar ist in nur zwanzig Minuten fast vollstän dig nachgewachsen. Wir haben ihn mehrere Male rasiert. Diese An omalie wurde der im Tank befindlichen synthetischen Frucht wasserlösung zugeschrieben.« Im Labor wurde es ganz still, als sich alle Blicke auf die Ver suchsperson im Tank richteten. Nur das gleichmäßige Piepsen der Geräte, die die Lebensfunktionen überwachten, durchbrach die Stille. »Wir scheinen hier gerade etwas noch nie Dagewesenes zu erleben«, erklärte Cornelius in fast schon ehrfurchtsvollem Ton. »Unser Mr. Logan ist irgendwie übermenschlich.« »Okay, ich muss das mal ganz schnell überdenken«, sagte Dr. Hendry, der zu der Gruppe getreten war. »Wenn die Wunden des Patienten jetzt verheilt sind, könnte seine Herzfrequenz wieder fallen – seien wir also darauf vorbereitet, gegebenenfalls innerhalb einer Sekunde einzugreifen. Das ist Möglichkeit Eins.« »Was, wenn die Herzfrequenz wieder ansteigt?«, fragte Hines. »Kommen wir zu Möglichkeit Zwei«, sagte Hendry. »Wenn die Herzfrequenz weiter steigt, wird entsprechend viel Noripenephrin gegeben … Aber halten Sie mich über alle Veränderungen auf dem Laufenden.« Niemand sprach mehr davon, dass man Subject X eventuell umbringen könnte, stellte Cornelius fest. Wahrscheinlich weil sich herausgestellt hat, dass nichts, was wir tun, dem Typen schaden kann oder ihn gar töten wird. Im Moment bin ich mir noch nicht einmal sicher, ob wir ihm über
haupt etwas anhaben können … »Dr. Chang, Ms. Hines? Reicht der Adamantium-Vorrat für all diese … zusätzlichen Aktivitäten?« »Er reicht bei der gegenwärtigen Geschwindigkeit, Dr. Hendry.« Hendry versetzte der Tastatur einen Stoß. »Nicht gut genug. Auf Reserve umschalten.« Carol Hines richtete ihren Blick auf den Professor. »Ich werde die Genehmigung von …« »Sie haben sie, Madam. Schalten Sie jetzt auf die AdamantiumReserve um – sofort!« Der Professor brüllte den Befehl über die Schulter, während er schon auf eine Tür zumarschierte, die in ein Ausweichlabor führte. »Professor«, rief Cornelius. »Ich brauchte Ihren Rat …« Die Tür schloss sich. Der Professor ging, ohne noch ein Wort zu sagen. Dr. Cornelius kratzte sich an seinem bärtigen Kinn. »Na, wie finden wir denn das? Da stecken wir mitten in einer Krise und er geht einfach.« Was in drei Teufels Namen konnte so wichtig sein?
Der Professor schäumte vor Wut. Dieser blöde Cornelius will meinen Rat? Hat der etwa vergessen, dass er hier ist, um Ratschläge zu erteilen, und nicht etwa entgegenzunehmen? Ich bin hier der Meister. In einem kleinen Raum abgeschieden vom Hauptlabor schloss der Professor eine schwere Luke und aktivierte die magnetischen Klammern, um den Rest der Welt auszusperren. Hinter ihm schalte te sich ein Computer automatisch ein. Er begann einen Code einzugeben, der nur ihm bekannt war, doch dann hielt er plötzlich inne. Der Professor merkte, dass seine Hände zitterten.
Absurd, so aus der Fassung zu sein, sagte er sich selbst. Seitdem ich anfing, die Fäden zu ziehen, bin ich nicht mehr so aus dem Gleichgewicht geraten. Jetzt zieht jemand anders die Fäden. Er beendete die Eingabe des Codes, wartete, bis eine abhörsichere Satellitenverbindung hergestellt war. »Sprechen Sie.« Die Stimme am anderen Ende hallte etwas und war durch ein ständiges, elektronisches Summen leicht verzerrt. »Ich bin's«, begann der Professor das Gespräch. Der Bruchteil einer Verzögerung trat ein, als die Übertragung verschlüsselt wurde. »Sie gehen ein hohes Risiko ein, indem Sie sich mit mir in Verbindung setzen.« »Ja, ich weiß. Aber ich muss Ihnen etwas mitteilen …« »Was könnte so wichtig sein, dass Sie dafür bestehende Kom munikationsvorschriften missachten?« »Das Experiment wird gerade fortgesetzt …« »Und läuft bestimmt gut, wie ich hoffe?« »Ja …« »Subject X wird also die Verbindungsprozedur überleben?« »Natürlich wird er sie überleben«, stellte der Professor fest, wäh rend seine Unruhe immer größer wurde. »Das ist ja gerade der Punkt. Sie wussten, dass Logan ein Mutant ist.« Schweigen. »Die Erkenntnis kam etwas überraschend«, fuhr der Professor mit angespannter Stimme fort. »Warum haben Sie mich nicht informiert?« »Diese Unterhaltung ist riskant, Professor. Für uns beide.« »Keiner kann mich hören. Ich befinde mich in einem hermetisch abgeschlossenen Labor.« »Sie sollten bei Ihrem Patienten sein.« »Ich kann die Prozedur am Bildschirm mitverfolgen. Ich muss dar auf bestehen, dass Sie mich bis zu Ende anhören …«
Der Professor spürte, dass der Director über seinen Anruf verärgert war, aber er musste loswerden, was er gerade erfahren hatte. »Logan ist ein Mutant. Er besitzt die übermenschliche Fähig keit, beschädigtes Gewebe zu regenerieren. Er ist damit praktisch unsterblich, und trotzdem haben Sie mich über diesen wichtigen Aspekt nicht in Kenntnis gesetzt?« »Ich war im Besitz dieser Information. Das stimmt. Aber dass Lo gan ein Mutant ist, fällt unter die Geheimhaltungsvorschriften. Nur Personen, die es wissen müssen, wird diese Information zugänglich gemacht – und Sie, Professor, mussten es nicht wissen.« »Ich sitze da mit diesem Hinterwäldler Cornelius und meinem Team und dieses, dieses Mädchen – praktisch eine Tippse – entdeckt die Wahrheit über Logan, indem sie ein paar Knöpfe auf ihrem ver dammten Computer drückt!« »Worauf wollen Sie hinaus?« »Es erweckt den Eindruck, als wüsste ich überhaupt nichts. Ich musste das Labor verlassen, um Fragen auszuweichen, die man mir unter Umständen gestellt hätte. Ich kam mir vor wie ein Narr!« Der Professor hasste sich selbst in dem Moment, als er es zugab. Seine Stimme ließ ihn wie ein weinerliches Kind erscheinen, und er fühlte sich von sich selbst abgestoßen. Der Director lachte. »Sie klingen ärgerlich, Professor.« »Ja …« Er zwang sich, seine Stimme wieder ganz ruhig klingen zu lassen. Beherrscht. »Man könnte sagen, dass ich ein wenig außer mir bin.« »Aber laut Ihrer Aussage verläuft alles nach Plan.« »Sie verstehen nicht … Ich soll diese Leute beaufsichtigen und an weisen. Aber ich kann ja noch nicht einmal die Illusion von Autori tät aufrechterhalten, wenn ich von Ihnen nicht gründlich informiert werde.« Schweigen. Der Professor versuchte, seinen Ärger in den Griff zu bekommen.
Er wusste, dass Director X die Zurschaustellung von Emotionen nicht mochte und allen Respekt verlor, wenn jemand Schwäche zeigte. Als der Professor wieder sprach, klang seine Stimme ruhig und war bar jeden Ausdrucks. »Vertrauen Sie mir etwa nicht?«, fragte er, um dann sofort zu be dauern, dass er die Frage überhaupt gestellt hatte. Verdammt! Der Professor hörte kaum hin, als die Antwort kam, denn die Er widerung des Leiters war unnötig. Natürlich vertraute Director X ihm nicht. Allein die Tatsache, dass der Director solch wichtige In formationen über die Versuchsperson zurückgehalten hatte, sprach Bände in Bezug auf Logan, auf das Experiment, auf die Prioritäten des Directors und auf die Stellung des Professors. »Ich verstehe«, sagte der Professor schließlich. »Dann habe ich noch eine letzte Frage.« »Ja?« »Gibt es da noch etwas, was ich über Experiment X nicht weiß?« Dieses Mal erhielt er keine Antwort. Der Director hatte das Gespräch beendet. *** Im Labor hatte sich der Adamantium-Verbrauch um das Dreifache erhöht. Dr. Chang hatte gemeint, dass ein Leck dafür verantwortlich sein könnte, deshalb suchten Carol Hines und Dr. Hendry auf ihren Bildschirmen nach Hinweisen darauf. »Die Kanäle sind alle intakt, Doktor, aber es fließt übermäßig viel in … warten Sie einen Moment … in die Bereiche flexor brevis – minima digiti.« Cornelius Einführungsseminare in Anatomie lagen weit zurück. »In einfacher Sprache, bitte, Ms. Hines.« »Entschuldigung. In Hände und Handgelenke, Sir.«
Cornelius stand hinter der Frau und schaute auf den Bildschirm. Er warf Hendry einen Blick zu und hoffte auf eine Antwort. Aber das knochige Gesicht und der eckige Kiefer des Mannes wirkten angespannt. Es war offensichtlich, dass auch er nicht wusste, was es mit dem Leck auf sich hatte. »Im Tank ist aber von dem so meinte Cornelius. »Weniger als gendwo muss das Adamantium seinen Handgelenken sammeln binden?«
genannten Leck nichts zu sehen«, ein Hunderttausendstel. Aber ir ja hin. Es kann sich nicht alles in – womit sollte es sich dort ver
Cornelius schüttelte den Kopf. »Wir brauchen einen Rat … Weiß irgendjemand, wo der Professor hin ist?« Er erntete leere Blicke. »Nicht? Dann rufen Sie ihn aus.« Einen Augenblick später dröhnte eine ärgerliche Stimme aus den Lautsprechern. »Cornelius? Was soll diese ganze Aufregung?« Cornelius sah sich nach einem Mikrofon um, dann sprach er: »Professor, wo sind Sie?« »Was wollen Sie, Doktor?« Cornelius erkannte, dass der Professor alles hören konnte. Dieses Labor ist offensichtlich mit einer Abhöranlage ausgestattet. In wie vielen weiteren Räumen gibt es noch Überwachungsanlagen? Werden wir gerade beobachtet? »Es ist ein neues Problem aufgetaucht«, begann Cornelius. »Könn ten Sie ins Labor zurückkommen?« »Ich bin beschäftigt … Um was für ein Problem geht es diesmal?« »Es fließt übermäßig viel Adamantium in die minima … flexor – die Hände und Handgelenke. Wir können es nicht erklären und können auch nichts dagegen tun.« Es folgte ein langes Schweigen. »Äh, Professor? Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?«
»Natürlich.« »Nun ja, dann …« »Das ist alles Bestandteil meines Programms, Cornelius. Meinen Sie etwa, ich wüsste nicht, was ich tue?« »Nein, Sir. Natürlich nicht …« »Fahren Sie mit der Arbeit fort, und kümmern Sie sich um alles Weitere, wenn der Verbindungsprozess abgeschlossen ist.« »Dann kommen Sie also nicht ins Labor zurück?« Wieder war es lange Zeit still. Cornelius merkte, dass der Professor die Verbindung dieses Mal unterbrochen hatte. Carol Hines schaute zu Cornelius auf. »Und das Leck, Doktor?« »Es scheint nicht lebensbedrohlich zu sein und stört den Prozess auch nicht, also werden wir es einfach ignorieren. Dann bringen das jetzt mal zu Ende, okay? Wir werden in der postoperativen Untersu chungs- und Beurteilungsphase versuchen herauszufinden, was es mit dem Leck auf sich hat.« *** Als die Gegensprechanlage summte und das Geräusch durch die ganze Unterkunft dröhnte, erwachte der Mann auf der Pritsche. Cutler setzte sich auf und drückte auf den Knopf. »Cutler«, sagte er, während er sich die Augen rieb. »Ihr Pfadfinder kampiert jetzt seit mehreren Stunden vor meinem Büro«, fuhr ihn Major Deavers an. »Das war wohl Ihre Idee, was?« Cutler kicherte unterdrückt. »Wollte bloß, dass sich Agent Franks mit dem Personal und den Abläufen in der Anlage vertraut macht.« »Franks ist auf dem Weg ins Hauptlabor, um Subject X abzuholen. Treffen Sie sich dort mit ihm. Diesmal müssen Sie keine Schutzan züge tragen.« »Die Operation ist also vorbei?«
»Und der Patient hat sie anscheinend überlebt. Holen Sie ihn und bringen Sie ihn in seine neue Behausung – Labor Zwei.« Cutler nickte und drückte auf den Kopf. »Dort gibt es keine Behäl ter. Heißt das, dass der Patient nicht mehr in der Brühe schwimmt?« »Ja, endgültig. Er wird für die postoperative Beobachtung in die Hochsicherheitszelle gebracht, die mit einem Überwachungssystem der Lebensfunktionen ausgestattet ist. Ein paar von diesen Technikertypen werden sich dort mit Ihnen treffen, um ihn an alles anzuschließen.« »Okay. Ende.« Cutler stieg in seinen grünen Overall, der zur Standardausstattung der Anlage gehörte, und strich sich das Haar mit den Händen zu rück. Dann trat er aus seiner Unterkunft und fuhr mit dem Fahr stuhl nach unten zum Hauptlabor. Als sich die Türen öffneten, stellte Cutler fest, dass sich im großen Tank überhaupt keine Flüssigkeit mehr befand. Am Boden des Tanks lag ein ganzes Gewirr von Kabeln. Glitzernde, silberne Fle cken aus gehärtetem Adamantium übersäten die Innenseiten der Plexiglasscheiben wie Feenstaub. Neben dem Tank saß Subject X zusammengesunken, mit dem Kopf auf der haarigen Brust, in einem elektrischen Rollstuhl. Logan war nackt und immer noch feucht von dem chemischen Bad, dass er nach der Operation genommen hatte. Sein Haar hing in nassen Löckchen herab. Cutler sah ihn noch einmal genauer an. War er das letzte Mal, als ich ihn sah, nicht rasiert gewesen? Seltsam. Agent Franks stand neben der Versuchsperson, und ein Ausdruck des Widerwillens lag auf seinem jungen Gesicht. »Angewidert?«, fragte Cutler, als er neben den jungen Officer trat. Franks zuckte die Achseln. »Irgendwie wohl schon. Es stecken immer noch all diese Sonden und Kabel in ihm. Das muss doch wehtun.«
»Der sieht nicht so aus, als ob er viele Schmerzen verspüren würde. Der Mistkerl ist fix und fertig. Völlig weg.« »Himmel, sehen Sie mal hier«, sagte Franks. Cutler ging um den Stuhl herum und entdeckte dort dicke Kabel, die man über einen Haken hinten am Stuhl gehängt hatte. »All diese Kabel stecken immer noch in ihm drin«, sagte Franks. Cutler nickte. »Dann werden wir die Versuchsperson mal in Labor Zwei schaffen. Die Ärzte warten. Vielleicht können wir dann für heute Schluss machen.«
SIEBEN Der Mutant
Tausend Nägel bohren sich in meinen Rücken. Meine Arme. Meine Beine. Stechen. Zerfetzen. Brennen … Logan schlidderte hilflos den bröckeligen Abhang hinunter. Wurzeln und spitze Felsbrocken zerrissen seine Kleidung und schlitzten sein Fleisch auf. Lose Steine prasselten auf seinen Helm und betäubten ihn fast mit ihrem Lärm. Sein geplatzter Visor ver schoss psychodelische Lichtreflexe, die vom beschädigten HUD her rührten. In seinem zerrissenen Tarnanzug umklammerte Logan den schwarz gekleideten Fremden. Blind, taub und unfähig, den tiefen Sturz abzufangen, riskierte Lo gan es, seinen Gefangen loszulassen und sich seines nutzlosen Helms zu entledigen. Doch als er ihn losließ, klammerte sich der Fremde weiter an seinem Hals fest. Logan nestelte am Verschluss an seinem Kinn herum. Mit einem Zischen löste sich der Helm. Wäh rend Logan die Augen wegen der Wogen von Dreck, die auf ein prasselten, zusammenkniff, erkannte er eine hohe Silhouette, die in der Dunkelheit aufragte. Er griff nach dem Heft des Randall Mark I, das in seinem Gürtel steckte. Als er gegen den Baum prallte, riss er das Allzweckmesser aus der mit Klettverschluss gesicherten Scheide. Dann holte er damit aus. Ein hohler Klang ertönte, als sich die fast achtzehn Zentimeter lange Klinge tief ins Holz bohrte – dann gab es einen Ruck, der ihm fast das Heft aus der Hand gerissen hätte. Der Boden verschwand in einem Stein- und Dreckhagel unter ihm. Logans Füße baumelten
über einem Abgrund. Hundert Meter unter ihm schimmerte der von Menschenhand angelegte See bleich im Mondlicht. Logan packte das Messer mit beiden Händen, während sein Gefangener sich an ihm festhielt. Einen Moment lang hing er so, mit angespannten Muskeln, die ihrer beider Gewicht tragen mussten – Der Moment war lang genug, um zu spüren, wie ihm warmer Schweiß über den zerkratzten Rücken herunter lief. Dann zog Logan sie beide langsam auf ein Gesims hoch, das von den knorrigen Wurzeln des Baumes gebildet wurde. Als er sein Bein über den Rand schwang, krabbelte sein Gefangener über seine Schultern und auf die andere Seite des Baumes. Die dunkle Gestalt drehte sich um und half Logan das letzte Stück, dann sackte sie am Fuße des Bau mes zusammen. Keuchend lag Logan nach dieser Anstrengung, zwei Leben gerettet zu haben, auf der Seite. Als die Gestalt sich erhob, streckte Logan die Hand aus, und seine Finger schlossen sich um den Arm des Fremden. »Du. Mein Gefangener«, knurrte er in ganz passablem Koreanisch. Erstaunt stellte er fest, dass kein Widerstand geleistet wurde. Statt dessen zog sich der Fremde mit der anderen Hand die Skimaske vom Kopf. Logan sah in mandelförmige Augen, die voller Sorge waren. »Sind Sie verletzt?«, flüsterte die an seiner Seite kniende Frau. Logan erkannte ihren Akzent und zischte eine Antwort in der Muttersprache der Frau. »Onamae wa?« »Bitte kein Japanisch, Mr. Logan«, hauchte sie kaum lauter als ein Wispern. »General Koh hat in diesen Hügeln hunderte von Au diosensoren aufstellen lassen. Wenn man uns hört, dann lieber in Ih rer Sprache als in meiner. Viele von Kohs Agenten verstehen Ja panisch.« Logan grunzte und rollte sich auf den Rücken. Dann zuckte er zu sammen und setzte sich auf. Sogar im schwachen Licht konnte die Frau den dunklen Fleck auf der Stelle, wo er zusammengebrochen war, sehen.
»Sie sind verletzt … Sie bluten.« Logan schüttelte sie ab. »Geben Sie mir eine Minute, und es wird mir viel besser gehen.« In seiner Stimme klang Bitterkeit mit, und die Frau warf ihm einen neugierigen Blick zu. Ihr kleines, rundes Gesicht war in Mondlicht getaucht. Dann erhob sie sich, und Logan beobachtete sie dabei, wie sie Gurtwerk und Gürtel begutachtete, die über ihrem hübschen, haut engen Trikotanzug lagen. Die kleine, zierliche Frau hatte ganz schön viel Ausrüstung mit sich herumgeschleppt, und am Ausdruck, der auf ihren lieblichen Zügen lag, konnte man erkennen, dass sie wohl einiges davon verloren hatte. »Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet. Woher wissen Sie meinen Namen, aber ich kenne Ihren nicht?« Logan lag immer noch am Boden, als er begann, vorsichtig das Futteral der Heckler & Koch G36 zu öffnen, das um sein Bein gebunden war. Die Frau bemerkte die Bewegung und zog ihre eigene Waffe – eine schlanke, schwarze USP 45 Tactical. Ganz schön großes Spielzeug für so eine kleine Lady. Sie bemerkte seine Reaktion und der Hauch eines Lächelns legte sich auf ihre vollen Lippen. »Ich bin Agent Miko Katana, japanische Volkspolizei, Präfektur Tokio.« Logan blinzelte vor Überraschung. »Ein Cop? Sie sind ein Cop!« »Kaum die Art Cop, die Sie meinen«, erwiderte sie. »Ich bin Mit glied des Sondereinsatzkommandos.« »Trotzdem sind Sie ein Cop. Dann erklären Sie es mir jetzt mal, Officer – was in drei Teufels Namen macht ein japanischer Detective mitten in Nordkorea?« »Das Gleiche wie Sie, Mr. Logan.« »Und was soll das sein?« Während er sprach, zog Logan seine Automatik heraus und legte sie auf die Erde – weit genug weg, um etwas Vertrauen aufzubauen, aber immer noch nah genug, dass er danach greifen könnte, falls er
sie brauchte. Miko verstand die Geste und schob ihre Tac wieder in das Holster zurück. »Waffenstillstand, Mr. Logan?«, fragte sie und strich sich das glatte Haar aus dem zarten Gesicht. »Vielleicht«, erwiderte er, während er aufstand. »Aber nur, wenn Sie mir sagen, von wem Sie meine Reiseroute erfahren haben.« »Reiseroute? Wie witzig.« »Zur Sache, sonst komme ich Ihnen gleich witzig, Agent Katana«, knurrte Logan, der das gar nicht komisch fand. Miko runzelte die Stirn, dann sprach sie. »Der französische Ge heimdienst hat seit Jahren einen Maulwurf beim kanadischen Mili tär. Manchmal gibt er Informationen an das Sondereinsatzkom mando weiter. Normalerweise nichts Wichtiges. Aber vor zwei Tagen ließ uns ein Mitarbeiter der GIGN im Südpazifik einen Tipp über Ihren Einsatz zukommen und lieferte auch einige Details …« »Was für Details?« »Wir wissen, dass noch ein anderer am Einsatz beteiligt ist«, er widerte sie. »Agent Neil Langram. Wir kennen die Position Ihrer Landepunkte, den Zeitrahmen und das Ziel des Einsatzes. Wir wissen auch, wie und wo Sie wieder herausgeholt werden, wenn der Einsatz erledigt ist.« Logan dachte über ihre Geschichte nach. Die Frau könnte bluffen, aber das bezweifle ich. Die französische Croupe d'Intervention de la Gendarmerie Natio nale war eine der besten Antiterroreinheiten der Welt. Leider war die GIGN nicht immer auf derselben Seite wie die Kanadier, und es störte Logan, dass die Franzosen von seinem Einsatz erfahren und diese Information dann an Dritte weitergegeben hatten. »Was Sie mir da gerade erzählt haben, ist ein politisches Pulverfass, das nur darauf wartet, in die Luft zu gehen – wenn es denn stimmt«, zischte Logan. »Warum sollte ich lügen?«
»Warum sollten Sie die Wahrheit sagen?« »Vielleicht ist es als Geste gedacht, um Ihr Vertrauen zu gewinnen, Mr. Logan. Vielleicht weil ich Ihre Hilfe brauche.« Logan nahm seine G36, wirbelte damit in der Luft herum und steckte sie dann wieder ins Holster. »Und nun, warum sollte ich Ih nen helfen?« »Macht es Ihnen nichts aus, dass viele Leben auf dem Spiel stehen? Dass vielleicht eine ganze Nation in Gefahr ist?« »Eher nicht.« Die Miene der Frau wurde hart, und ihre kleine Hand streichelte den Griff ihrer Automatik. »Mr. Logan, es ist mir egal, wie Sie sich fühlen oder woran Sie glauben. Sie müssen mir helfen, in die Anlage zu gelangen, ehe es zu spät ist … Wenn es nicht bereits zu spät ist.«
»Abe … Abe, bitte … bitte, wach auf …« Dr. Cornelius hörte das Flehen seiner Frau, doch ihre Stimme – ge nau wie ihre Gestalt – schien geisterhaft verschwommen und sehr fern. »Es ist Paul … Er weint wieder. Sein Fieber ist so hoch. Ich habe Angst, dass er verbrennt«, klagte Madeline. »Wir müssen ihn in die Notaufnahme bringen. Wir müssen jetzt los!« Das Schluchzen seiner Frau wurde von den gequälten Schreien seines kleinen Sohnes übertönt. Plötzlich stand Cornelius, aber er bewegte sich in Zeitlupe, seine Beine kamen nicht voran, als müss ten sie durch ein ganzes Meer von Klebstoffwaten. »Ich komme!«, stöhnte er, während er sich gegen den hemmenden Sog stemmte. Aber egal, wie sehr er sich auch bemühte, wie er tobte und schrie – jeder Schritt, den Cornelius nach vorn tat, schien ihn ein kleines
Stück zurückzutragen. Sein Herz pochte so stark, dass es gegen sei ne Rippen stieß, und drohte fast zu platzen. Er verdoppelte seine Anstrengungen, doch seinen Beinen gelang es nicht, ihn zu seinem Kind zu bringen. Schließlich stürzte Cornelius durch ein ganzes Meer von mil chigem Nebel, um zum Zimmer seines Sohnes zu kommen. Die bun te Tapete glühte wie hundert Computerbildschirme vor seinen Augen. Das Spielzeug, das über der Wiege hing, sah unheilvoll ver dreht aus – lange Spitzen aus Stahl, fünfzehn Zentimeter lange sub kutane Nadeln, blutbefleckte chirurgische Sonden. Als Cornelius in die Wiege schaute, war Paul Phillip, sein Sohn, fort. Anstelle des Jungen lag Subject X, dessen Fleisch von tausenden von Stahlstacheln durchbohrt war, auf den blutigen Laken. Cornelius hörte einen Schrei und setzte sich mit einem Ruck auf. Ein Füller entglitt seiner schlaffen Hand und fiel klappernd auf den Boden. Er griff nach seiner verbogenen Brille, um sie gerade zu rücken, doch dann warf er sie auf die Tastatur vor sich. Er rieb sich den Schlaf aus den Augen und rückte vom Computer ab. Muss müder gewesen sein, als ich dachte … Bin einfach umgekippt. Die Gegensprechanlage summte nur einmal. Auf seinem Bild schirm sah Cornelius das verkniffene Gesicht eines ernsten jungen Technikers, der den Observationsraum neben Labor Zwei besetzte. Cornelius kannte den Namen des jungen Technikers nicht, der den Zustand des Patienten beobachtete, aber das spielte auch gar keine Rolle. Müde setzte sich der Doktor die Brille auf und drückte dann die Taste. »Cornelius … Status?« »Er ruht, Doktor. Aber er liegt auf dem Boden, nicht in seinem Bett.« Der Techniker drückte auf eine Taste, und der Blick in Labor Zwei füllte den Bildschirm. Cornelius sah Logan auf einem Haufen Schläuche und Kabel auf dem Boden liegen. Seine Augen waren ge
schlossen, die Brust hob und senkte sich. Dichte Körperbehaarung bedeckte Brust, Arme, Beine und Genitalien der Versuchsperson. Auf der rechten Seite von Cornelius' Bildschirm waren an einer Symbolleiste aktuelle Angaben zu Temperatur, Atmung, Blutdruck, Herzfrequenz und Elektrolyt-Haushalt der Versuchsperson abzu lesen. »In Ordnung. Gibt es etwas Ungewöhnliches?« Cornelius konnte sehen, dass der junge Mann sich wegen irgendetwas Sorgen machte, obwohl die Werte alle im normalen Bereich lagen. »Nein, Sir … außer …« Eine Komplikation? Völlig unmöglich. Die Genesung von Subject X war wirklich bemerkenswert. »Was?« »Nun ja, Sie wissen schon«, meinte der Techniker. »Sieht so aus, als ob dieser Typ wirklich viel durchgemacht hat.« »Äh, ja«, erwiderte Cornelius. Was will mir dieser Techniker sagen?, fragte sich Cornelius. Soll ich etwa ein schlechtes Gewissen wegen der Versuchsperson haben? Soll ich zu der Einsicht gelangen, dass es falsch ist, einen weiteren Menschen all diese Qualen erleiden zu lassen? Dass der Professor unmenschlich grausam ist? Dass das Waffe X-Programm ein widerlicher und schrecklicher Fehler war? »Behalten Sie ihn im Auge«, wies Cornelius den Techniker an, ehe er die Verbindung beendete. Dann brauche ich es nicht zu tun. Dr. Cornelius schaute auf die Uhr. Es ist drei Uhr morgens. Himmel. Kein Wunder, dass ich so erschöpft bin. Vielleicht sollte ich endlich schlafen gehen? Er stand auf und drückte den Rücken durch, der sich Stundenlang über die Tastatur gebeugt hatte, ehe er eingeschlafen war. Er streck te schon die Hand aus, um den Computer auszuschalten, als die Gegensprechanlage wieder summte. Cornelius unterdrückte ein Gähnen und ging ran.
»Doktor? Er ist gerade aufgewacht.« Dieses Mal klang der Techniker eindeutig nervös. »Wie sieht er aus?« »Wie durchpassiertes Apfelmus, Dr. Cornelius.« Logan erschien auf Cornelius' Bildschirm. Subject X schien noch immer in der gleichen Haltung wie zuvor auf dem Boden zu liegen, nur seine Augen waren jetzt offen und starrten mit leerem Blick an die Wand. »Bewegt er sich?« »Nein. Er guckt nur.« Sollte meinen Computer wohl besser laufen lassen, entschied Cornelius. Nur für den Fall, wenn wirklich etwas schief geht. »Okay«, sagte Cornelius zu dem jüngeren Mann. »Behalten Sie ihn im Auge. Rufen Sie mich, wenn irgendetwas passiert. Ende.« Cornelius zog seine Schuhe aus und schüttelte den Laborkittel ab, den er über seinen Stuhl warf. Dann streckte er sich immer noch voll bekleidet auf einer Pritsche aus, schob seine Brille in die Brusttasche seines Hemdes und schloss die schweren Lider. Fast sofort fiel er in einen tiefen Schlaf voller Träume …
Also, Clete. Du hast die Ergebnisse gesehen. Welche Schlussfolge rung ziehst du daraus? »Brauchst du wirklich eine zweite Meinung, Abe?« Dr. Cornelius nickte. »Ich bin Forscher. Du bist der prakti zierende Arzt. Also, wie lautet Ihre Diagnose, Doktor?« Dr. Cletus Forester zog eine Lesebrille mit dicken Gläsern aus der Tasche seines hellgrünen Laborkittels. Er hielt sie an die Augen, ohne sie zu öffnen und aufzusetzen, während er die Ergebnisse einer Reihe von Tests studierte, die er durchgeführt hatte. Leider spiegelten sie die gleichen Werte wider, die schon der Kinderarzt geliefert hatte.
»Der Anteil der weißen Blutkörperchen ist beim, äh … Patienten deutlich erhöht, selbst für ein Kind, das fünfmal älter als der Junge wäre«, begann Dr. Forester mit seinen Ausführungen. »Wenn du es nicht bereits durch deine Arbeit weißt, dann hat es dir bestimmt der Kinderarzt gesagt, dass Kinder ein mieses Immunsystem haben – weshalb sie auch ständig krank sind.« »Aber nicht Paul?« Forester schüttelte den Kopf. »Bei deinem Sohn ist es anders. Seine Antikörper sind sehr eifrige kleine Mistkerle – die bringen alles um, was in ihre Nähe kommt. Dann noch die persistente generalisierte Lymphadenitis …« »Du meinst die Schwellungen an Hals und Nacken?«, fragte Cor nelius. Forester nickte. »Und auch an der Leiste. Die Schwellungen kann man nur ertasten, aber bald wird man sie auch sehen können. Ist nur eine Frage der Zeit. Und du sagst, er hat ständig Fieber?« »Immer über 38 – aber nachts bis 39 oder 39,5«, erwiderte Corneli us. »Nächtliche Schweißausbrüche?« »Praktisch jede Nacht. Morgens sind die Laken manchmal völlig durchnässt. Mein Sohn …« Cornelius hielt inne und versuchte, seine Emotionen in den Griff zu bekommen. Als er wieder sprach, klang seine Stimme neutral. »Paul verliert so schnell an Flüssigkeit, wie ich sie in ihn hineinpum pe. Bei schweren Anfällen hängt er sogar die ganze Zeit am Tropf. Aber sogar dann ist sein Elektrolyt-Haushalt total aus dem Gleich gewicht.« »Es gibt Anzeichen für eine Bindegewebskrankheit«, fügte Fores ter hinzu. »Lupus erythematodes visceralis?«, meinte Cornelius überrascht. »Dann könnte Pauls Weinen also auf Gelenk- oder Muskel schmerzen zurückzuführen sein … Verdammt … Ich habe nie eine
Autoimmunerkrankung in Betracht gezogen.« Dr. Forester schüttelte langsam den Kopf. »Keine Autoimmuner krankung. Nicht genau das. Etwas wie eine Lupus erythematodes visceralis. Etwas, was wir noch nie gesehen haben.« Gedankenversunken rieb Cornelius sich das Kinn. »Ich habe bis her gezögert, Schmerzmittel einzusetzen, aber jetzt …« »Gib Schmerzmittel. Lindere das Leiden des Jungen«, sagte Fores ter. Cornelius schaute auf. »Aber es muss doch mehr geben, was ich tun kann … Eine Behandlung, die die Organschädigungen rückgän gig macht? Vielleicht künstliche Antikörper, die die von seinem Kör per produzierten Antikörper angreifen …« »Nun schau mal, Abe. Es tut mir Leid, dir das sagen zu müssen«, erklärte Forester. »Aber, um es ganz offen zu sagen, du greifst nach Strohhalmen. Du bist offensichtlich zum gleichen Schluss gekom men wie ich, sonst hättest du dir keine zweite Meinung eingeholt.« Cornelius sah auf, als hätte man ihn geschlagen. »Was sagst du da, Clete?« »Wir … wir wissen beide, dass es für deinen Sohn keine Aussicht auf Besserung gibt … dass es nur eine Frage der Zeit ist.« Cornelius wandte den Blick ab. »Ich habe diese Prognose nicht ak zeptiert.« »Ach, komm schon, Abel«, rief Forester. »Pauls Immunsystem bildet Antikörper, die den Zellkern angreifen. Seine DNA. RNA. Zellproteine. Die Phospholipide. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Organe so schwer beschädigt sind, dass sie ihre Arbeit einstellen … eins nach dem anderen. Vielleicht drei Monate. Vier Monate höchstens.« Hinter den dicken Gläsern brannten Cornelius' Augen. »Ich habe nicht aufgegeben. Noch nicht.« »Aber es besteht keine Aussicht auf Heilung …« »Ich werde eine finden.«
»Und wahrscheinlich wird es auch nie eine geben«, beharrte Fores ter. »Auf jeden Fall würde es Jahre dauern, vielleicht auch Jahrzehn te, um nur herauszufinden, was diesem Zustand zugrunde liegt. Und noch mehr Jahre, um eine Behandlung zu entwickeln, die das Leiden lindert, ganz zu schweigen davon, es zu heilen.« Forester legte seinen Arm um Cornelius' Schulter. Als er sprach, tat er dies als Freund und nicht als Arzt. »Abe. Hör mir zu und ak zeptiere, was ich dir zu deinem eigenen Besten sage.« »Der Patient … dein Sohn, Paul … hat nicht Jahrzehnte, noch nicht einmal Jahre. Bereite dich auf das Schlimmste vor. Trauere, wenn die Zeit gekommen ist, und führe dann dein Leben fort.«
Er hatte das Gefühl, seine Augen gerade erst geschlossen zu haben, als die Gegensprechanlage wieder summte. Cornelius wälzte sich von der Pritsche und stolperte zum Compu ter. Er drückte den Knopf und hantierte dann ungeschickt mit seiner Brille. »Doktor?« Derselbe Techniker, der jetzt außer sich wirkte. »Ja … was gibt's?« »Er bewegt sich jetzt.« »Heftig?« Der Techniker schwieg kurz. »Er hat sich gerade ein bisschen nach vorn gebeugt.« Dafür haben Sie mich aufgeweckt?, dachte Cornelius. »Junger Mann …« »Ja, Sir.« »Sie brauchen es mir nicht jedes Mal mitzuteilen, wenn der Patient sich bewegt.« »Ja, Sir … Sorry, Sir.« Der Techniker verschwand.
Das war's, entschied Cornelius. Nach zweiundzwanzig Stunden auf den Beinen brauche ich jetzt erst einmal Ruhe. Cornelius beugte sich über die Tastatur und hämmerte eine kurze Nachricht hinein, in der er dem Techniker auftrug, die nächsten zwei Stunden alle Anfragen an den Professor weiterzuleiten. Wenn der Techniker vor Ende seiner Schicht in Panik verfallen würde, würde der Professor damit wahrscheinlich fertig werden, dachte Cornelius. Doch ehe er seinen Computer herunterfahren konnte, erhielt Cor nelius einen weiteren Anruf. »Was gibt's?«, meldete er sich. »Dem Patienten geht es gut, Sir. Aber er scheint jetzt in Alarmbe reitschaft zu sein.« Cornelius war plötzlich hellwach. »Er ist ganz da?« »Er sieht die ganze Zeit seine Hände an.« »Hände?« »Ja. Die Drähte an seinen Händen.« Cornelius erinnerte sich daran, dass Dr. Hendry postoperative Bioscanner an den Händen der Versuchsperson angebracht hatte, um herauszufinden, wo das ganze Adamantium geblieben war. So wohl Hendry als auch Chang hatten befürchtet, dass Subject X die Beweglichkeit seiner Hände verlieren könnte, wenn sich zu viel Adamantium an den zarten Knochen seiner Finger ansammelte. »Ich komme besser mal rüber«, sagte Cornelius zu dem Mann. »Rufen Sie den Professor. Er soll sich dort mit mir treffen. Ende.« *** »Ich brauche ganz dringend Ihre Hilfe, Mr. Logan, sonst würde ich nicht fragen«, meinte Miko Katana. »Menschenleben stehen auf dem Spiel …«
»Das sagten Sie schon«, erwiderte Logan. »Versuchen Sie die Ge schichte jemand anderem zu verkaufen, denn ich bin nicht inter essiert.« »Bitte, Mr. Logan, hören Sie mich zu Ende an, ehe Sie urteilen.« Sie standen sich auf dem Felsüberhang gegenüber, der über dem Damm und dem künstlichen See aufragte. »Vor zwei Wochen wurde ein japanischer Forscher während eines Besuchs in Seoul entführt. Der SAT-Geheimdienst fand heraus, dass der Mann wegen des Wissens, das er besaß, von General Kohs Leu ten gekidnappt worden ist.« »Wissen über Waffen bestimmt«, meinte Logan. »Es ist kein Ge heimnis, dass die Nordkoreaner ein Atomprogramm betreiben. Ih nen fehlt nur das Beförderungssystem – Raketen und Marschflug körper. Lassen Sie mich also raten: Der vermisste Forscher ist Rake tenexperte? Eine Kanone in Telemetrie? Wollen Sie darauf hinaus?« »Ich bin nicht dazu berechtigt, über die Arbeit des Doktors Aus kunft zu geben.« »Lady, das schert mich einen Pfifferling.« »Ich erzähle Ihnen das, was Sie wissen müssen – sonst nichts.« »Also, im Grunde wollen Sie, dass ich Ihnen helfe, in diese Anlage reinzukommen – aber mehr als so einen Bockmist über irgendwel che Leute, die in Gefahr schweben, wollen Sie mir nicht erzählen. Dann, wenn wir drin sind, sollen wir irgendeinen Typen finden, der entführt worden ist, aber Sie wollen mir nicht sagen, wer er ist oder warum man ihn sich geschnappt hat. Und dann reden Sie die ganze Zeit von einem Kerl namens General Koh, der seine Finger mit im Spiel hat – doch ich habe den Namen Koh noch in keinem einzigen Geheimdienstbericht gelesen. Wer ist dieser Koh?« »General Koh ist ein japanisches Problem, dass Sie nicht weiter be trifft«, erwiderte sie steif. Ihre Antwort überraschte ihn nicht weiter. »Hör mal, Baby, ich muss schon ein bisschen mehr wissen.«
Doch Logans Forderung prallte gegen eine Mauer des Schweigens. Ein unerschütterlicher Blick war die einzige Antwort. Die Zeit lief ihm davon. Logan würde dem Zeitplan schon bald hinterherhinken – und seine Verspätung würde den Einsatz und auch Neil Langram in Gefahr bringen. »Okay, Sie haben gewonnen«, meinte Logan schließlich. »Sie dürfen mich begleiten, aber nur, weil ich mich so einsam fühle.« Und weil Ihre Leute offensichtlich über einen besseren Geheimdienst verfügen als meine. Und in der Spionage ist Wissen Macht – die Art von Macht, die einem das Leben retten konnte. »Danke, Mr. Logan. Ich verspreche, dass ich Ihren Einsatz nicht gefährden werde, auch wenn ich damit meinen eigenen in Gefahr bringe.« »Na schön.« Miko Katana griff nach einem Päckchen an ihrem Gürtel. »Ehe wir losgehen, möchte ich Sie verbinden. Sie müssen schreckliche Schmerzen haben.« Die Frau trat hinter Logan und musterte seinen blutigen Rücken. Doch als sie begann, die Wunden zu säubern, hielt sie völlig über rascht inne. »Ich … ich verstehe das nicht. Vor ein paar Minuten war Ihr Rücken noch voller Schnittwunden. Jetzt ist fast alles verheilt!« »Wie ich schon sagte«, erwiderte Logan. »Geben Sie mir ein paar Minuten, und es wird mir viel besser gehen.« »Das ist doch nicht normal«, antwortete Miko. »Stimmt. Was Sie nicht sagen.« »Aber wie machen Sie das?« »Gute Gene«, meinte Logan bitter. Miko nahm seine Erklärung ohne weiter zu fragen hin und säu berte die wenigen Wunden, die noch da waren. Als sie fertig war, riss sich Logan die Reste seines High-Tech-Anzuges herunter. Dann ließ er einen Metallbehälter aufspringen, der an seinem Gürtel befes
tigt gewesen war. Er kippte ein kleines schwarzes Bündel, das nicht größer als ein Seifenstück war, in seine rechte Hand. Während er das Bündel bearbeitete, wurde es immer größer, bis Logan es schließlich ausschüttelte. Als der enganliegende Tarnanzug gänzlich entrollt war, streifte Logan sich seine restliche Kleidung ab und zog frische an. Während er sich umzog, wandte Miko schüchtern den Blick ab. Vorsichtig kroch sie bis an den Rand der Klippe, um den Damm durch ein winziges Fernglas zu beobachten. »Was zu sehen?«, fragte Logan, während er sich seinen Gürtel wieder um die Taille band. »Alles ganz normal. Die Nordkoreaner scheinen nichts von un serer Anwesenheit zu ahnen.« »Das ist toll«, meinte Logan, während er seine G36 nahm und eine Kugel in die Kammer schob. »Denn ich habe für eine Nacht genug Überraschungen erlebt.«
ACHT Unvorhergesehene Folgen
Trotz der frühen Stunde – es dämmerte schon fast – konnte der Professor nicht schlafen. So war das schon seit frühester Kindheit. Aufrecht und wach saß er auf seinem ergonomischen Thron und war dankbar für die zeitliche Ungebundenheit seiner Befehlszentra le, in der er sich um den sonst üblichen Vierundzwanzig-StundenZyklus nicht zu kümmern brauchte und auch auf das Schlafritual verzichten konnte – zumindest, bis körperliche und geistige Er schöpfung ihn zwangen, sich zu einem traumlosen Schlummer zu rückzuziehen. Glücklicherweise passierte das immer seltener. Er staunte darüber, wie viel er in den letzten paar Monaten, in denen das Waffe-X-Pro gramm verwirklicht wurde, ohne zu schlafen geschafft hatte. Wie ungestört und kristallklar seine Denkprozesse ohne die unkon trollierten Phantasien von Träumen oder Alpträumen geworden waren. Das gesamt Waffe-X-Programm wäre ohne meine Aufopferung, meine ständige Wachsamkeit gar nicht möglich gewesen, überlegte der Professor. Alles, was ich je wollte, war Erfolg und das ist auch der Grund, warum das rücksichtslose Verhalten des Directors solch ein Verrat ist. Über den Hauptmonitor flackerten von ihm unbeachtet Bilder von Labor Zwei, in dem Subject X in postoperativer Benommenheit da hindämmerte. Die schwierige Prozedur war gut verlaufen – so gut, dass der Professor sich die medizinischen Werte nicht anzusehen brauchte, um zu wissen, dass sein Patient sich schnell und vollstän dig erholen würde.
Das hatte aber auch nie außer Frage gestanden. Der Patient war dazu bestimmt zu überleben, weil Director X die Karten gezinkt hatte, um den Erfolg sicherzustellen. Vielleicht sollte ich ihm danken … Danken, dass er das Projekt, jahrelange Arbeit, in Gefahr gebracht hat. Ihm für seine Lügen danken, seine Heimtücke. Aber Dank war unmöglich. Der Professor spürte nur eine unsägli che, brennende Wut in sich. Warum hat der Director mich von so einer wichtigen Entscheidung aus geschlossen? Warum hatte er durch eine unbekannte Karte im Spiel – einen Mutanten – ein exakt geplantes Experiment in Gefahr gebracht? Wer konnte ahnen, welche Variablen der Gleichung damit hinzugefügt worden waren? Welche Überraschungen in der DNA der Versuchsperson noch auf sie warteten? Welche unvorhergesehenen Folgen sich daraus ergeben mochten? Als Wissenschaftler wusste der Professor, dass der wichtigste Fak tor bei jedem Experiment die absolute Kontrolle über alle Aspekte war. Nichts durfte dem Zufall überlassen werden. Doch mit seiner leichtsinnigen Entscheidung hat mir der Director diese Kontrolle entrissen. Die Absicht des Professors war es gewesen, ein Verfahren zu entwickeln, bei dem Menschen in Waffen des Schreckens verwandelt wurden – der erste Schritt zur Erschaffung einer ganzen Armee von unbeseelten Übermenschen, die unter seiner strengen Kontrolle standen. Aber jetzt wusste er noch nicht einmal, ob sein Verfahren überhaupt bei Menschen funktionierte, weil man es mit einem Mutanten durchgeführt hatte. Die einzige Möglichkeit, das, was vom Projekt noch geblieben ist, zu retten, besteht darin, die Zügel noch einmal an mich zu reißen – eine Möglichkeit zu finden, meinen Willen, meine Vorstellungen vom Waffe-XProgramm wieder geltend zu machen … Das bedeutet, dass ich in der psy chologischen Konditionierungsphase von Subject X dafür sorgen muss, dass diese nur von meinen eigenen Leuten durchgeführt wird. Natürlich werde ich dafür Hendry, MacKenzie und alle anderen, die sich
meinen Ideen widersetzt haben und meine Visionen in Frage stellten, zur Seite schieben müssen. Der Professor ballte seine zitternden Hände im vergeblichen Be mühen, sie zur Ruhe zu zwingen, zu Fäusten. Aber es war ihm einfach nicht möglich. Schau mich nur an, dachte er ohne eine Spur von Selbstmitleid. Ich bin nicht einmal in der Lage, meine eigenen Reflexe unter Kontrolle zu bringen. Wie kann ich da überhaupt die Hoffnung hegen, dass mir dies beim Experiment gelingt? Bei dieser Anlage? Bei Waffe X? Das plötzliche Summen der Gegensprechanlage ließ ihn zu sammenzucken und riss ihn aus seinen konzentrierten Gedanken. Auf dem Zentralmonitor wurde der Blick auf Subject X – jetzt bei Bewusstsein – abrupt durch das ängstliche Gesicht eines sehr jungen Technikers ersetzt, dessen Augen hinter dünnen Gläsern weit auf gerissen waren. »Äh, Professor, Sir? Ich bin der Techniker aus Labor Zwei, der für die Zustandsberichte verantwortlich ist.« »Ja, worum geht's?« »Dr. Cornelius hat mich darum gebeten …« Plötzlich begann der junge Mann auf dem Bildschirm zu stammeln. »Oh Gott! Oh mein Gott!«, brüllte er mit weit auf gerissenen Augen. »Was ist los, Mann?«, rief der Professor und sprang auf. »Blut«, keuchte der Techniker. »Irgendetwas geschieht … Oh Gott. Noch mehr Blut – es spritzt aus seinen Händen!«
Hinter doppelten Scheiben aus sieben Zentimeter dickem Plexiglas tippte ein Techniker wie rasend etwas in seine Tastatur ein. Man sah, wie er den Mund aufriss, doch seine Schreie wurden von den schalldichten Wänden der Beobachtungskabine erstickt.
In Labor Zwei warf sich Subject X auf einem Gewirr aus Kabeln und Schläuchen hin und her und wand sich unter unsäglichen Schmerzen, die ihn förmlich zu zerreißen drohten. Was als leichter Schmerz in seinen Handgelenken begonnen hatte, war plötzlich zu unerträglicher Qual geworden. Logans Hände zuckten unkon trolliert, und der dicke Muskel, der seine Handgelenke umhüllte, brannte und bebte unter gequältem Fleisch. Auf seinem Bizeps, der aussah, als sei er aus Stricken gemacht, wölbten sich die Adern her vor, als wollten sie gleich platzen. Zwischen zusammengebissenen Zähnen entrang sich seinen blu tigen Lippen ein animalisches Stöhnen. Seine Arme zuckten in wilden Krämpfen, bei denen er sich ganze Reihen von Sonden aus dem Körper riss. Funken sprühten aus Monitoren, in denen es einen Kurzschluss gegeben hatte, und aus zerbrochenen Sonden. Logan fuchtelte so wild mit den Armen, dass dunkelrote Spritzer auf Wände, Decke und Plexiglasscheibe gesprüht wurden. Als er taumelnd hochkam, trat Schweiß auf Stirn und Hals und rann ihm in Strömen über den Oberkörper. Er taumelte beim ersten schwankenden Schritt, seine Gelenke brannten wie Feuer. Sein Herz hämmerte mit unmenschlicher Geschwindigkeit, Adern an Stirn, Hals und Unterarmen schwollen an und pochten. Aus Zahnfleisch und Nase trat Blut hervor. Seine Wangen waren voller Blut, als es wie Tränen aus seinen Augen strömte. Schließlich fiel Logan auf die Knie und warf den Kopf zurück. Aus seinem aufgerissenen Mund spritzte blutiger Speichel, als er unter Todesqualen losbrüllte.
»Statustechniker … Wo ist Cornelius?« Während er sprach, versuchte der Professor Bilder von Labor Zwei auf den Schirm zu bekommen, aber irgendetwas – wahrscheinlich der Anfall der Versuchsperson – hatte viele Teile des Systems zum Ausfall gebracht. Die einzige Kamera, die sich aktivieren ließ, war
rot besudelt – die Linse war voller Blutspritzer. »Oh Gott, Sir! Ich brauche Hilfe. Ich bin ganz allein hier. Für so et was bin ich nicht ausgebildet.« »Hören Sie mir zu, Mann!«, schnauzte ihn der Professor an. »Klin ken Sie mich auf Ihrem Bildschirm ein. Ich will was sehen.« »Ja … ja, Sir.« Einen Augenblick später erschien Subject X auf dem Monitor des Professors. Logan lang auf den Knien. Die herausgerissenen Sonden baumelten wie Ketten in einem Verlies von Decke und Wänden her unter. Aus hunderten von Wunden sickerte schwarzes Blut. Zerbro chene Sonden ragten wie Stacheln eines Stachelschweins aus seinem Rückgrat heraus. Trotz des schrecklichen Bildes, dass sich ihm bot, beobachtete der Professor leidenschaftslos, dass der Mund der Versuchsperson in einem nicht enden wollenden Schrei offen stand. Wie ärgerlich, dass der Ton ausgefallen ist. Ich muss daran denken, mir später die Überwachungsbänder anzuschauen … Muss mir seine Schreie anhören … Um mir ein Bild davon zu machen, wie groß seine Schmerzen waren. Die panische Stimme des Technikers unterbrach seine Gedanken. »Sir … Sollte ich reingehen und ihm helfen?« »Äh …« Reizvoller Gedanke. »Nein. Noch nicht.« »Aber er muss entsetzliche Schmerzen haben, Sir.« Der Professor lächelte. »Ja. Ich glaube, Sie haben Recht.« Auf dem Bildschirm war Logan zu sehen, der immer noch auf den Knien lag. Sein Kopf war tief auf die Brust gesunken, die Hände öff neten und schlossen sich krampfhaft. Die Versuchsperson schrie wieder und starrte ganz betäubt und voller Entsetzen auf seine Handgelenke. Plötzlich dröhnte Logans ohrenbetäubendes Gebrüll aus den Laut sprechern. Es beeindruckte den Professor, dass der ängstliche Techniker es geschafft hatte, sowohl Ton als auch Bild wieder herzu
stellen. Schnell drehte er die Lautstärke herunter, um dann wieder auf den Bildschirm zu schauen. Der Anblick versetzte ihm einen Schock. Ehrfürchtig stieß der Professor einen Schrei aus. »Schau sich einer das an!« Auf Logans Handrücken am Handgelenk begann sich das gequäl te Fleisch zu wölben und zu dehnen. Er klappte ruckartig zu sammen und riss bei dieser Bewegung die restlichen Sonden mit Fontänen von Blut heraus. Als die Schreie der Versuchsperson lauter wurden, verringerte der Professor die Lautstärke noch einmal. Gott sei Dank aber nicht so sehr, dass ihm das schmatzende Reißen ent gangen wäre, als sich drei rasiermesserscharfe Spitzen durch die Haut an der Hand des Mutanten bohrten. Über den Reservemonitor hörte der Professor den Techniker wie ein Kind kreischen. »Sie sagten, Sie seien allein in Labor Zwei, nicht wahr?«, fragte die gedämpfte Stimme. Kurzes Schweigen. »Ja, Sir.« »Ich werde ein Sicherheitsteam rufen.« Der Professor öffnete die Glashaube über dem Alarmknopf. Er hatte die feste Absicht, Major Deavers über die möglicherweise anstehende Krise zu informieren. Aber als sein Finger über dem roten Knopf schwebte, stellte der Professor fest, dass seine zuvor zittrigen Finger jetzt so ruhig wie ein Fels in der Brandung waren. »Himmel! Da kommen … Nägel … Stacheln aus ihm heraus. Di rekt aus seinen Händen! Was soll ich tun?«, keuchte der Techniker. »Bleiben Sie ganz ruhig. Hilfe ist unterwegs.« Der Professor konnte den Blick nicht von der Gestalt in Labor Zwei abwenden. Drei krallenähnliche Fortsätze – jetzt insgesamt sechs – ragten jeweils aus den Händen der Versuchsperson. Die un gefähr dreißig Zentimeter langen, leicht gebogenen und mit Ada mantium-Stahl überzogenen Krallen schienen scharf wie Klingen zu
sein. Wo kamen sie her? Wie fest sind sie im Skelett der Versuchsperson verankert? Kontrolliert er das Ausfahren seiner Krallen oder geschieht es durch einen Reflex? So viele Fragen … Eines wusste der Professor ganz sicher. Diese … Klauen … waren zweifellos für die unerträglichen Schmerzen verantwortlich, als sie hervor traten. »Himmel, Professor, noch mehr Blut. Er braucht Hilfe! Jetzt.« »Hören Sie mir zu«, befahl der Professor. »Kommen Sie … kom men Sie von der Beobachtungskabine in die Zelle des Patienten?« »Ja, Sir, das geht.« »Und Sie sind sich sicher, dass die Versuchsperson medizinische Hilfe braucht?« »Himmel, auf jeden Fall!«, antwortete der Techniker. »Dann sollten Sie reingehen und versuchen, dem armen Mann zu helfen.« Langes Schweigen. »Ja … das werde ich tun, Sir. Wenn … wenn Sie meinen.« »Ich denke, Sie sollten es tun«, meinte der Professor. »Und achten Sie darauf, dass die Sicherheitstür wirklich zu ist, wenn Sie drin sind. Nur um sicher zu gehen.« Auf dem Reservebildschirm sah der Professor den Techniker mit aschfahlem Gesicht nicken. »Guter Junge … Dann mal los.«
Dr. Cornelius schaute kurz in der Arzneiausgabe vorbei, um sich einen Becher Kaffee zu holen, ehe er sich auf den Weg nach unten zu Labor Zwei machte. Während er darauf wartete, dass der Kaffee durchlief, versuchte er sich über die Gegensprechanlage an der
Wand mit dem Überwachungsraum in Verbindung zu setzen. »Statustechniker? Hallo? Hier Cornelius. Bitte kommen …« Keine Antwort, also klingelte er noch einmal. Komm schon, du hast mich die ganze Nacht genervt. Warum gehst du jetzt nicht ran? Als auch nach dem dritten Versuch niemand ranging, begann Cor nelius sich Sorgen zu machen. Er hatte es hier mit mindestens einer Verletzung der Projektbestimmungen zu tun, wenn der Status techniker den Anruf ignorierte. Cornelius wirbelte auf dem Absatz herum und eilte ohne seinen Kaffee aus der Arzneiausgabe. Der Duft hatte zwei Angehörige des Sicherheitsteams angelockt, die für die bei Sonnenaufgang be ginnende Schicht der Außenlage zugeteilt waren. Beide trugen schusssichere Kleidung, doch nur der jüngere auch einen Helm. »Sie beide!«, sagte Cornelius barsch. »Kommen Sie mit!« »Jawohl, Sir«, erwiderte Franks forsch. »Ist was passiert, Sir?«, fragte Cutler. Cornelius zuckte die Achseln. »Könnte sein. Ich weiß nicht genau. Bleiben Sie bitte nur in der Nähe.« Die Wachmänner folgten ihm in den Fahrstuhl. Schweigend fuh ren sie nach unten ins zweite Stockwerk, wobei sich Franks und Cutler allerdings besorgte Blicke zuwarfen, als sie merkten, wo es hinging. Vor Stunden waren sie im zweiten Stock gewesen, als sie Subject X zu den Technikern gebracht hatten. Es war eindeutig, dass Dr. Cornelius sie zu Labor Zwei führte, ob wohl er vor der Sicherheitstür stehen blieb. »Der Laborarbeiter hier – wie heißt der?« »Bin mir nicht sicher, Doc«, erwiderte Cutler. »Cal oder Cole oder so was Ähnliches.« »Er ist neu, Sir. Habe ihn erst heute kennen gelernt.«, erklärte Franks.
»Neu?« Cornelius war verblüfft. »Wenn er neu ist, sollte er gar nicht in dieser Abteilung sein.« Cornelius gab den Sicherheitscode ein und betrat den Überwa chungsraum, während Cutler und Franks die Nachhut bildeten. Überrascht stellte der Doktor fest, dass der Raum leer war, und alles bis auf eine schwache Notbeleuchtung ausgestellt war. Die Bild schirme waren leer und der Geruch von Ozon und verbranntem Plastik hing in der Luft. Jenseits der Plexiglaswand lag Labor Zwei in tiefer Dunkelheit. Cornelius unterdrückte einen Fluch. »Wenn er seinen Platz ohne Erlaubnis verlassen hat, werde ich ihm das Fell über die Ohren zie hen.« Er suchte die Konsole nach einem Lichtschalter ab. Cutler fand ihn zuerst. Als das Licht anging, hörten sie einen plötzlichen Schrei, der ge nauso abrupt in einem erstickten Gurgeln endete. Auf der anderen Seite der Plexiglasscheibe lag der vermisste Techniker hingestreckt auf einem Gewirr von Schläuchen, zerbro chenen Elektroden und Drähten in der Mitte des Labors. Blut spru delte aus seiner zerfetzten Kehle. In den Augen des Mannes lag ein Flehen, und Arme und Beine zuckten, während sein Lebenssaft eine immer größere Lache bildete. Subject X stand – blutüberströmt und nackt – über sein Opfer ge beugt da, als wollte er ihm beim Sterben zusehen. Die Arme, an denen die Muskelstränge deutlich hervortraten, waren ausgebreitet. Aus blutigen Löchern in beiden Händen ragten sechs gebogene Krallen aus Adamantium-Stahl. »Gütiger Himmel! Was zum Teufel ist denn hier passiert? Das ist ja entsetzlich!«, rief Cornelius. »Er ist tot, er ist tot!«, kreischte Franks und sah weg. Nur Cutler behielt die Nerven. Er löste den Alarm aus und ak tivierte das Sicherheitssystem, das alle Türen zwischen den Stock werken versiegelte. Doch sogar durch schalldichte Wände konnten die Männer in der Kabine die Sirene hören.
Franks wich langsam zurück, als ihm die Gestalt auf der anderen Seite der Plexiglasscheibe in die Augen starrte. »Ist er das? Ist das Subject X?«, stammelte er. »Das ist Subject X!«, schrie Cornelius. »Das ist mein Patient, aber gütiger Himmel … was geschieht da mit ihm?« »Er hat den Jungen umgebracht«, sagte Cutler. »Er ist mit Blut be deckt. Er hat diese Messer benutzt, die aus seinen Händen ragen.« Hinter den dicken, runden Gläsern der Brille wurden die Augen des Wissenschaftlers ganz schmal vor Neugier. »Sie sehen wie Klau en aus.« »Er sieht wie ein tollwütiges Tier aus«, verbesserte Cutler hitzig. Franks trat vor. »Sir, wir sollten Gewehre holen und die Bestie abknallen.« »Dafür ist es zu spät«, widersprach Cornelius. »Für alles ist es zu spät.« »Sie haben Recht«, meinte Cutler. »Es ist zu spät. Dieser Mistkerl kommt gleich durch die Wand.« Cornelius stieß ein Schnauben aus. »Lächerlich. Das Plexiglas ist zehn Zentimeter dick. Er ist stark, aber …« Die durchsichtige Kunststoffwand platzte und ein Kristallhagel ging auf Cornelius, Cutler und Franks nieder. Mitten im Getöse sprang eine brüllende Gestalt in den Überwachungsraum, um sich den anderen zu stellen. Cutler hörte ein wütendes Knurren, als Sub ject X sich hinhockte und zum Absprung bereit machte.
Der Professor verfolgte das Chaos in Labor Zwei voller Freude auf seinem Zentralmonitor. Die Schreie von Cornelius und den Si cherheitskräften waren Musik in seinen Ohren. »Das ist Subject X! Aber gütiger Himmel … was geschieht da mit ihm?«
»Er hat den Jungen umgebracht … mit Blut bedeckt. Er hat diese Messer benutzt … aus seinen Händen ragen.« Die zusätzlichen Bildschirme, die um die Hauptkonsole herum standen, lieferten aktuelle Bilder von hektischer Betriebsamkeit in anderen Teilen der Anlage. In Sicherheitszone Eins eilten Major Deavers und ein Trupp seiner Schläger zum Fahrstuhl. Im For schungslabor versammelten sich Ärzte und Techniker, um sich um die Notfallversorgung von Subject X zu kümmern. »… wirken wie Klauen …« »Er sieht wie ein tollwütiges Tier aus …« »Dafür ist es zu spät. Für alles ist es zu spät …« Der Professor drückte einen Knopf und schaltete den Ton ab. Seine Hand war dabei so ruhig wie die des besten Chirurgen in seinem Team. Waffe X ist bereits ein voller Erfolg, erkannte der Professor. Die Ver suchsperson hat mehr blinde Wut in sich, als selbst ich mir vorstellen oder gar erhoffen konnte. Logans Urinstinkt … vielleicht sein einziger Instinkt … ist das Töten. Als er diesem Techniker – einem Unschuldigen, der nur sein Bestes getan hatte, um die Schmerzen der Versuchsperson zu lindern – so wild die Kehle aufgerissen hat, war Waffe X nur vom Instinkt getrieben, ungetrübt von Erbarmen oder Vernunft. Mit einem Wort, die Vorstellung der Ver suchsperson war … »Herrlich.«
»Raus hier!«, brüllte Cutler, während er sich zwischen Franks und Cornelius und den tobenden Logan warf. Franks stürzte zum Aus gang, ehe noch die letzten Stücke Plexiglas auf den Boden prasselten. Doch Cornelius stand wie erstarrt da. Seine Augen waren hinter den dicken Brillengläsern vor Erstaunen weit auf gerissen, und Logan wirbelte herum, um sich den bärtigen Wissen
schaftler vorzunehmen. Mit gutturalem Gebrüll holte Logan mit einer Klauenhand aus, um Cornelius niederzuschlagen. Doch ehe er ihm den tödlichen Schlag versetzen konnte, sprang Cutler auf seinen Rücken, schlang seine Beine um Logans Hals und packte beide Klauenhände. »Raus!«, brüllte Cutler, während er versuchte, Logan zu überwäl tigen. Wie versteinert stand Cornelius da und rührte sich nicht. Als Lo gan sich bemühte, seine hochgerissenen Arme zu befreien, spürte Cutler, dass der Wahnsinnige langsam seinem Griff entglitt. Brül lend griff Logan hinter sich und riss den Mann von seinem Rücken. Hilflos purzelte Cutler über das Computerterminal und durch die Überreste des zertrümmerten Fensters. Mit voller Wucht landete er auf dem Rücken. Er versuchte hochzukommen, aber dann sackte er zu Boden und rollte gegen den blutigen Leichnam des ermordeten Technikers. Logan näherte sich Dr. Cornelius. Von Angesicht zu Angesicht standen sie sich Aug in Aug gegenüber, und Cornelius bereitete sich auf den tödlichen Hieb vor. Er kam nie. Stattdessen gaben Logans Beine nach und er taumelte. Mit einem letzten Stöhnen sackte Logan auf den Stahlboden und rührte sich nicht mehr. Cornelius sank neben der Versuchsperson auf die Knie und berührte auf der Suche nach einem Puls das Handgelenk … um erschreckt zurückzuwei chen, als die Adamantium-Klauen eingezogen wurden und unter Falten im Fleisch der Versuchsperson verschwanden. Die Sicherheitstür wurde aufgestoßen. Mit gezogener Waffe stürzte Major Deaver herein. Ihm folgten Agent Franks und ein Team von Tierbändigern, in deren behandschuhten Händen Elektro schocker knisterten. Cornelius hob die Hand, um sie aufzuhalten, dann legte er zwei Finger an Logans Hals. »Die Versuchsperson lebt – gerade noch. Aber er hat sich das ganze Lebenserhaltungssystem herausgerissen. Wir müssen ihn sofort ins Zentrallabor schaffen, sonst verlieren wir
ihn.« Überrascht musste der Doktor mit ansehen, wie die Sicherheits kräfte ihn zur Seite stießen und Logan mit groben Händen packten. Mit den Kabeln und Schläuchen der herausgerissenen Sonden fesselten die Wächter den bewusstlosen Mann und ignorierten Cor nelius' Einwände. Schließlich entdeckte der Wissenschaftler das Schild auf Major Deavers Schutzweste. »Sie! Führen Sie das Kommando?«, schnauzte Cornelius ihn an. »Jawohl, Sir«, erwiderte Deavers barsch. Seine Stimme hallte durch den Schutzhelm mit dem durchsichtigen Gesichtsschutz. »Ich will, dass Sie Ihren Jungs Einhalt gebieten und dann Subject X zur Untersuchung ins Zentrallabor bringen. Der Zeitfaktor ist von entscheidender Bedeutung. Ohne ein Lebenserhaltungssystem hat er nicht mehr lange zu leben.« Deavers sah an Cornelius vorbei zu der zerfleischten Leiche auf dem Boden. »Was ist mit ihm?« Cornelius sah zum Techniker und senkte dann den Blick. »Da ist keine Eile nötig … er ist tot.« Deavers Augen funkelten, aber er unterdrückte eine Antwort. Dann drehte er sich zu seinen Männern um. »Legt ihn auf eine Trage und bringt den Mistkerl ins Zentrallabor«, befahl Deavers. »Bindet ihn gut fest. Und wenn er aufwacht – oder auch nur schnarcht – zieht ihm eins mit euren Elektroschockern über.« Zwei stämmige Tierbändiger warfen Logan auf eine Trage, banden ihn daran fest und schoben ihn hinaus. In der Zwischenzeit traten Major Deavers und Agent Franks ins Labor, um nach Cutler zu sehen. »Er ist bewusstlos«, bemerkte Deavers. »Aber er sieht nicht sehr mitgenommen aus.« Mit ein paar Schlägen auf die Wangen weckte Deavers Cutler. Als
der Mann die Augen öffnete, schüttelte der Major den Kopf in spöt tischem Mitgefühl. »Auf, auf, Sie Held«, sagte Deavers und streckte ihm die Hand hin. Cutler griff nach ihr, zog sich hoch und schüttelte sich, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. »Was hat mich getroffen?«, stöhn te er. »Und sehe ich so schlimm aus, wie ich mich fühle?« Major Deavers lenkte seine Aufmerksamkeit auf die Leiche, die in ihrem dunkler werdenden Blut auf dem Boden lag. »Sie sehen viel besser als der Typ dort aus.«
»Wenn ich gewusst hätte, was Sie wirklich im Sinn haben, Professor, wäre ich wahrscheinlich sehr bestürzt gewesen.« Cornelius saß im zertrümmerten Überwachungsraum zwischen Plexiglasscherben und zerschmetterten Konsolen, während er einen Becher mit lauwarmen Kaffee in seinen zitternden Händen hielt. »Möglicherweise«, sagte der Professor. »Obwohl ich das wahre Wesen des Projekts nie vor Ihnen verborgen habe. Es war eher so, dass Sie sich dafür entschieden hatten, die mehr kontroversen Aspekte des Programms nicht mit mir besprechen zu wollen. Also hatte ich das Gefühl, dass Sie noch nicht so weit waren, ein paar … unangenehme Tatsachen zu akzeptiere