REN DHARK Drakhon Band 18 Vergessenes Volk l. Bert Stranger hatte Angst. Obwohl ihm das Herz in die Hose gerutscht war, ...
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REN DHARK Drakhon Band 18 Vergessenes Volk l. Bert Stranger hatte Angst. Obwohl ihm das Herz in die Hose gerutscht war, schlug es ihm bis zum Hals. In seinen Eingeweiden rumorte es. Offensichtlich suchte seine letzte Mahlzeit einen Weg nach draußen, konnte sich aber nicht entscheiden, welche Richtung sie einschlagen sollte. Stranger war kein Feigling - aber er war auch kein Nahkämpfer. Brenzlige Situationen bewältigte er nicht mit Waffengewalt, sondern mit Verstand. Seine Devise lautete: Ein kluger Mann hält stets bereit 'nen guten Bluff zur rechten Zeit. Nur wenn es sein mußte, griff er zur Waffe. Es mußte sein. Mit Tricksen kam er in dieser aussichtslosen Lage nicht weiter. Widerwillig nahm Stranger dem toten GSO-Agenten, der neben ihm am Boden lag, den Strahler aus der Hand und stellte ihn von Paralyse auf tödliche Waffenwirkung um. Wie eine Robbe bewegte sich der kugelige, rothaarige Journalist rückwärts und seitwärts, um ein schlechteres Ziel abzugeben. Energiestrahlen zischten ihm um die Ohren und verfehlten ihn nur knapp. Ihn - und Bernd Eylers sowie mehrere GSO-Agenten, die unter Strahlenbeschuß standen und vergebens nach einer sicheren Deckung Ausschau hielten. Wild um sich schießend liefen sie hin und her, oder sie lagen wie Stranger bäuchlings auf dem Boden und feuerten eine Salve nach der anderen auf die Angreifer ab. Ihre Gegner wichen nicht zurück. Rückzug war für die Tel gleichbedeutend mit Versagen, und Versagen galt für einen Angehörigen dieses straff durchorganisierten Volkes, das seinen Aufstieg der Entdeckung und Nutzung von Worguntechnik vor mehreren hundert Jahren verdankte, als Schande. Aufgrund ihres Aussehens - dunkelhäutig, ohne negroide Ausprägung - wurden die Tel auf Terra auch »Schwarze Weiße« genannt, eine Bezeichnung, die in keiner Weise abwertend gemeint war. Ganz im Gegenteil, die Terraner waren jederzeit bereit, anzuerkennen, daß es die Natur bei der Erschaffung dieser den Menschen äußerlich so ähnlichen Art besonders gutgemeint hatte. Zu Vermischungen zwischen terranischem und telschem Blut kam es allerdings nie, die Tel wiesen eine völlig andere Genstruktur auf. Zudem verfügten sie über zwei Herzen, zwei Kreisläufe und zwei Nervensysteme. Die Hauptwelt des Telin-Imperiums hieß Cromar. Nach mehreren kriegerischen Zusammenstößen hatten Terra und Cromar diplomatische Beziehungen aufgenommen, sprich: Man betrieb Handel miteinander, tauschte Erfahrungen über andere Milchstraßenvölker aus, vereinbarte kulturelle Freundschaftstreffen - und spionierte sich gegenseitig aus. Die von Bernd Eylers gegründete und geleitete Galaktische Sicherheitsorganisation war auf Cromar ständig präsent. Es mußte sein, denn längst nicht alle Tel waren damit einverstanden, daß freundschaftliche Kontakte mit den Terranem gepflegt wurden. Die früheren Auseinandersetzungen waren nicht vergessen, insbesondere die Niederlagen, welche von vielen Tel noch heute als Schmach empfunden wurden. Eine gegen die Tel-Regierung arbeitende Rebellenorganisation hielt die Erinnerung an die unrühmliche Vergangenheit in der Bevölkerung ständig wach und sabotierte sämtliche Friedensbemühungen. Die Tel waren gefährliche Gegner - aber noch gefährlicher waren ihre Roboter. Diese Kampfmaschinen sahen den normalen Tel so ähnlich, daß man sie kaum voneinander unterscheiden konnte. Bei Bedarf trugen sie sogar Kleidung. Eylers und seine Agenten hatten beim Sturm des Fabrikgeländes zunächst geglaubt, es mit lebenden Tel zu tun zu haben. Erst als die Paralyse keine Wirkung gezeigt hatte - die Roboter hatten sich lediglich für eine Weile bewußtlos gestellt - war ihnen ihr Fehler klargeworden. Zu spät. Einer der besten GSO-Agenten hatte deshalb sein Leben lassen müssen, und ein Toter beim Einsatz war bereits einer zuviel. Hinter den Männern befand sich das Fabrikgebäude, dessen Tor einen Spalt offenstand. Drinnen hätte es Deckung en masse gegeben, doch die Kampfroboter ließen den Agenten keine Chance, sich dorthin zurückzuziehen. Der eingezäunte Platz rund um die abgelegene Fabrikhalle war gut ausgeleuchtet. Zu gut für den Geschmack von Bert Stranger. Der neunundzwanzigjährige Reporter zielte auf einen der am Gebäude und am Zaun angebrachten Scheinwerfer und blies ihm das Licht aus - im wahrsten Sinne des Wortes.
Bernd Eylers als Einsatzleiter tat es ihm gleich und visierte ebenfalls einen Scheinwerfer an. Seine Leute folgten seinem Beispiel. Kurz darauf lag dieser Teil des Geländes im Dunkeln. Der knapp dreiunddreißigjährige Eylers wirkte zwar manchmal etwas unbeholfen, aber es war ein Fehler, ihn zu unterschätzen. Er hatte seine Mannschaft stets fest im Griff. Anstelle des linken Unterarms trug er eine Prothese. Im Nahkampf war sie ihm normalerweise von größtem Nutzen, denn es war eine Gaswaffe darin verborgen. Gegen Roboter war die Waffe allerdmgs nutzlos. Stranger und Eylers lagen zusammen im Dreck -- ebenfalls im wahrsten Sinne des Wortes. Die beiden ungleichen Kampfgefährten arbeiteten sich rückwärts aufs Tor zu, wobei sie sich gegenseitig Feuerschutz gaben. Warum immer ich? stöhnte der Journalist innerlich auf. Wie konnte ich nur in diese aussichtslose Lage geraten? Eine rhetorische Frage - schließlich wußte er nur zu gut, wie es dazu gekommen war. Auf der Suche nach den Drahtziehern, die sich hinter Sensorium Inc. verbargen, jener Firma, die ein sensationelles neues Hologerät auf den Markt gebracht hatte, hatte Bert Stranger viel riskiert. Er hatte herausgefunden, daß das Gerät mit zwei verschiedenen Chips betrieben werden konnte - mit harmlosen, die überall legal zu erwerben waren, und mit süchtigmachenden, die es nur auf dem Schwarzmarkt gab. Beinahe hätten seine Recherchen ein abruptes Ende gefunden, als man ihn gewaltsam mit den Suchtchips »gefüttert« hatte, doch eine lebensgefährliche Entgiftungskur und eine 10 anschließende psychiatrische Behandlung, in deren Verlauf man ihm einen Teil seiner Erinnerungen gelöscht hatte, hatten ihn gerettet. Strangers Gegenschlag war furchtbar gewesen! Ausgerechnet mit seinem Erzfeind Osman Mülyz, einem türkischen Drogenbaron, der sich geschworen hatte. Stranger höchstpersönlich umzubringen, hatte er sich verbündet. Bert hatte ihn auf skrupellose Chipdealer im Hafen von Marseiile gehetzt - und Mülyz hatte dort gründlich »aufgeräumt«. Von Osman stammte auch der Tip, diese Fabrikhalle, die in einem Vorort von Addis Abeba lag, näher unter die Lupe zu nehmen. Zuvor hatten Eylers und seine Männer bereits die offizielle Geschäftszentrale sowie die Chipfabrik von Sensorium Inc. nach belastenden Unterlagen oder sonstigen Hinweisen durchsucht -vergebens. In Big Bear City (Kalifornien) schien alles mit rechten Dingen zuzugehen. Würden sie hier in Äthiopien endlich fündig werden? Und was viel wichtiger war: Würden sie von hier jemals wieder lebend wegkommen? Augenblicklich sah es nicht danach aus. Ein weiterer Agent wurde von zwei Energiestrahlen gleichzeitig getroffen. Er war sofort tot. Der Zwischenfall ereignete sich in Eylers' und Strangers Nähe. Ohne zu zögern legten sie auf die beiden Robotschützen an. »Ich den linken«, brummte der wortkarge GSO-Chef - woraufhin Bert auf den von ihm aus gesehen rechts befindlichen Kampfroboter zielte. Er benötigte drei Schüsse, um ihn überhaupt zu treffen, und nochmals drei, um ihn außer Gefecht zu setzen. Zu diesem Zeitpunkt hatte Eylers seinen Gegner bereits komplett zerstört. »Manchmal sind wir ein richtig gutes Team«, bemerkte Stranger selbstzufrieden. Eylers9 Antwort war ein unwilliges Knurren, ähnlich einem Wolf, dem man die Jagdbeute wegnehmen wollte. Weitere Agenten fanden sich in ihrer Nähe ein. Sie wurden von den Robotern regelrecht zusammengetrieben. Die schwarzen Maschinen formierten sich zu einem Halbkreis, der immer enger wurde. Bert war überzeugt, daß die Telroboter über Nachtsichtgeräte verfügten. Auch die Agenten setzten solche Geräte ein. Patt. Stranger war nicht schutzlos nach Addis Abeba aufgebrochen. Eine vorausschauende Persönlichkeit hatte mit erheblichen Schwierigkeiten gerechnet: Sam Patterson, der oberste Chef von Terra-Press. Patterson hatte seinem besten, aber manchmal etwas leichtsinnigen Mitarbeiter einen Kegelroboter aufgenötigt, zu dessen Schutz und Wohlergehen. Dummerweise hatte Bert der geleasten Kampfmaschine, die er Clint nannte, die Anweisung gegeben, sich aus allem herauszuhalten und statt dessen aus sicherer Entfernung Filmaufnahmen von den Geschehnissen zu machen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er noch nicht geahnt, daß er es mit Tel-robotem zu tun bekommen würde. Fazit: Die GSO und Terras bester Sensationsreporter saßen in der Falle. Und der tödliche Ring um sie herum zog sich immer mehr zusammen...
Clints Auftrag lautete, Bert Stranger unter allen Umständen zu beschützen. Strangers gegensätzlichen Befehl, sich herauszuhalten und die nächtliche Aktion zu filmen, hatte er dennoch akzeptiert, schließlich wurde der Reporter vorübergehend von der GSO geschützt. Als die scheinbar bewußtlosen Tel wieder aufgestanden und zum Angriff übergegangen waren, hatte Clint nicht eingegriffen. Mit der Gefühllosigkeit einer tumben Maschine hatte er die Nahkämpfe und den Tod der beiden Agenten mit seiner eingebauten Kamera ungerührt gefilmt, wie Bert es ihm aufgetragen hatte. Er war nicht darauf programmiert, die GSO-Männer zu schützen, sie 12 gingen ihn nichts an. Erst als die telähnlichen Maschinen Stranger zu nahe auf den Pelz rückten, änderte sich Clints passive Haltung. Der Kegelroboter kam aus der Dunkelheit geschossen wie ein Springteufel aus seinem Karton. Dank seines Prallfeldes war er extrem beweglich. Blitzschnell schwebte Clint hin und her und streckte einen Telroboter nach dem anderen nieder. Mitunter erwischte er sogar mehrere der schwarzen Maschinen gleichzeitig, da er dank seines hochwertigen Suprasensors in der Lage war, seine Waffenarme gegen mehrere Gegner gleichzeitig einzusetzen. Die Telroboter wandten sich dem neuen Gegner zu und deckten ihn von allen Seiten mit Strahlensalven ein. Clint kümmerte das nicht, er verfügte über einen starken Schutzschirm. Die Telroboter nicht. Nach und nach wurden sie außer Betrieb gesetzt - von Clint und von den Agenten, die wieder Oberwasser bekamen und ihre Chance zu nutzen wußten. Außerhalb des Fabrikgeländes, auf der anderen Seite des Zaunes, hielt sich der GSOSanitätsdienst in Bereitschaft. Normalerweise traten die Mediziner und ihre Helfer erst in Aktion, wenn die Kämpfe vorüber waren, um dann das schlimmste Leid zu lindem. Ihre Handfeuerwaffen dienten ausschließlich dem Selbstschutz. Als sie jedoch sahen, wie ihre Kameraden immer mehr in Bedrängnis gerieten, entschlossen sie sich, direkt ins Geschehen einzugreifen. Dank Clint war das nun nicht mehr nötig. Der schwebende Kegel verfügte über den Kampfwert von zehn Agenten und mehr. Erst als der letzte Telroboter seine Funktionen eingestellt hatte, fuhr er die Waffen wieder ein. Das nächtliche Strahlengefecht war beendet. Verluste auf GSO-Seite: zwei tote Agenten und ein Verletzter. Um letzteren kümmerte sich der Sanitätsdienst, der schneller denn je zur Stelle war. Eylers, Stranger und die noch verbliebenen Agenten drangen mit gezückten Waffen in die Fabrikhalle ein. Drinnen war alles hell erleuchtet, allerdings standen die Maschinen still. Offensichtlich wurden nachts lediglich Wartungsarbeiten durchgeführt - von »einfach gestrickten« Robotern, die teilweise nur eine einzige Funktion ausführen konnten und somit keine Gefahr für die Eindringlinge darstellten. »Nicht gerade das neuste Modell«, bemerkte ein Agent verächtlich, nachdem er eine der Produktionsmaschinen näher in Augenschein genommen hatte. »Überaus pflege- und reparaturbedürftig, völlig ungeeignet für den Dauerbetrieb. Ohne tägliche Wartung würden die Klapperkisten schon bald auseinanderfallen.« »Wir befinden uns nicht in Europa oder Amerika, sondern in Äthiopien«, erwiderte Stranger. »Zwar hat der technische Fortschritt auch in dieser Region seinen Einzug gehalten, aber die Uhren laufen hier nun einmal etwas langsamer.« Offiziell wurden hier in zwei Tagschichten Lederschuhe angefertigt, teils in Handarbeit. Doch schon nach kurzer Untersuchung war klar, daß diese Behauptung nicht stimmte. Die vollautomatische Anlage diente einzig dem Zweck, Chips für Sensorien herzustellen. Illegale Chips, die sich von den legalen rein äußerlich durch nichts unterschieden - wenn man mal davon absah, daß ein Teil der Chips numeriert war, von eins bis zehn. »Filmserien, die man sich in der richtigen Reihenfolge anschauen soll«, vermutete Eylers. Stranger nickte. Er erinnerte sich zwar so gut wie gar nicht mehr an seine virtuellen Erlebnisse, aber in dem letzten Paket, das er erhalten hatte, hatten sich ebenfalls numerierte Chips befunden. Bert hatte nur den Chip mit der Nummer eins verwendet und sich danach ein paar Notizen gemacht, aus denen hervorging, daß die Chiphersteller die Ziele der Fortschrittspartei befürworteten - jener Partei, dessen Spitzenkandidat Antoine Dreyfuß bestrebt war, Ren Dhark das Amt des Commanders der Planeten abzujagen. »Unsere Techniker werden schon herausfinden, was das Besondere an den Suchtchips ist«, sagte Eylers - mehr zu sich selbst als zu Stranger, der kürzlich gemeinsam mit Veronique de Brun, der
14 französischen Filialleiterin von Biotechnologique, vergebens versucht hatte, das Geheimnis der Chips zu ergründen. »Fest steht, daß bei Anwendung der Suchtchips im menschlichen Gehirn bestimmte chemische Stoffe erzeugt werden«, sagte Bert zum GSO-Leiter, der mehrere Handvoll fertiger Chips in einen mitgebrachten kleinen Plastikbeutel füllte. »Diese Stoffe lassen sich im Blut des Süchtigen nachweisen. Wie genau das funktioniert, weiß ich nicht, aber ich bin überzeugt, daß nicht nur technische Mittel angewendet werden. Der psychologische Aspekt dürfte dabei die größere Rolle spielen.« »Wie meinen Sie das?« »Sowohl die normalen als auch die süchtigmachenden Chips beinhalten Holofilme. Bei den legalen Filmen handelt es sich teils um aufgemotzte ältere Werke, teils um grandiose Naturaufnahmen, teils um harmlose Studioneuproduktionen. Zur Erzeugung der illegalen Filme braucht man ebenfalls ein Studio, nebst Kameraleuten, Regisseuren, Darstellern und so weiter. Mit Sicherheit werden dort auch psychologisch gebildete Berater beschäftigt, sozusagen Fachkräfte in Sachen Gehirnmanipulation, die genau wissen, für welche Signale unser Zentralorgan ganz besonders empfänglich ist.« »Seelenklempner, die unsere geheimsten Wunschträume aus dem Unterbewußtsein ins Bewußtsein befördern und in uns das Verlangen erwecken, sie für immer dort zu belassen«, sinnierte Eylers. »Eine gefährliche Sache. Stellen Sie sich mal vor. Stranger, was geschieht, wenn sich ein Chipsüchtiger nicht mehr mit den virtuellen Träumereien begnügt. Wenn er sich irgendwann entschließt, seine intensiven Phantasieerlebnisse Wirklichkeit werden zu lassen...« Bert Stranger wollte sich das lieber nicht vorstellen. Einer der Agenten stieß auf eine nach unten führende Treppe und informierte den GSO-Leiter. Bernd Eylers nahm an, daß im Untergeschoß die Büroräume lagen und wies drei Mann an, ihn zu begleiten. Stranger folgte dem Quartett, begleitet von Clint, der weiterhin alles aufnahm, ohne dabei seinen Schutzauftrag zu vernachlässigen. Von der untersten Treppenstufe aus führte ein schmaler, etwa zehn Meter langer, beleuchteter Gang zu einer verschlossenen Stahltür. Zu beiden Seiten des Ganges erstreckten sich Glaswände, unterbrochen von gläsernen Eingangstüren. Die links befindlichen Räume dienten Aufenthaltszwecken, rechts befand sich ein Labor. Auch hier ruhte augenblicklich die Arbeit. Eylers machte eine Kopfbewegung zum Labor hin. »Möglicherweise verbirgt sich hier das Geheimnis der Spezialchips. Unsere Wissenschaftler werden alles gründlich auf den Kopf stellen.« Hinter der Stahltür war ein gedämpftes Geräusch zu hören, ein Fauchen oder Zischen wie von einem wilden Tier. Eylers und seine Männer machten sich bereit, den Raum zu stürmen. Das Öffnen der Tür bereitete ihnen keine Schwierigkeiten. Ein primitiver Mechanismus wurde betätigt, und die Stahltür verschwand in der Wand. Ohne Rücksicht auf die eigene Sicherheit betrat Eylers das Zimmer als erster, die Waffe schußbereit in der Hand. Seine Mitarbeiter folgten ihm. Stranger ließ Clint den Vortritt. Die Männer und der Kegel fanden sich in einem nicht sonderlich großen Büro wieder. Das Fauchgeräusch wurde von einem kleinen Flammenwerfer erzeugt, den ein Telroboter in der Hand hielt. Der Maschinenmann fackelte damit die gesamte technische Büroeinrichtung ab, hauptsächlich einen Suprasensor und mehrere Behältnisse mit Datenträgem. Obwohl er die unerwünschten Besucher hätte bemerken müssen, kümmerte er sich nicht um sie und setzte seine Aktion ungerührt fort. Die Flammen fraßen sich quer durchs ganze Büro. Beißender Rauch breitete sich aus. Mit tränenden Augen richteten die drei Agenten ihre auf Zerstörung eingestellten Waffen auf den Brandstifter. Clint sah keinen Anlaß zum Schießen, solange Stranger keine Gefahr für Leib und Leben drohte.
16 Eylers befahl seinen Leuten mit einer unwirschen Handbewegung, die Waffen sinken zu lassen. Dann trat er zwei Schritte auf den Schwarzen Weißen zu und hob den Arm mit der Prothese. Stranger machte ein erschrockenes Gesicht. Was hatte der GSO-Chef vor? Wußte er nicht, daß seine Gaswaffe gegen Roboter wirkungslos war? Der Gasstoß aus der Armprothese erfolgte nahezu lautlos, nur ein kaum wahrnehmbarer Zischlaut war zu hören. Sekundenbruchteile später sank der Brandstifter zu Boden. Der Flammenwerfer entglitt seinen Händen und verlosch.
Obwohl die Löscharbeiten sofort in Angriff genommen wurden, wobei Clint auf Strangers Befehl hin tatkräftig mithalf, war nichts mehr zu retten. Suprasensor und Datenträger waren zu schwarzen Klumpen zerschmolzen. »Vielleicht gelingt es unserer Spurensicherung, aus den Brandresten noch irgend etwas Brauchbares herauszuholen«, sagte Bernd Eylers, glaubte aber selbst nicht so recht daran. »Die GSO wird die gesamte Fabrik auseinandemehmen, vom Keller bis unters Dach! In der Maschinenhalle, den Büro- und Aufenthaltsräumen und im Labor wird kein Stein mehr auf dem anderen stehen, wenn wir hier fertig sind. Auch das Gelände rundherum wird Zentimeter für Zentimeter abgesucht. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht irgendwo auf einen Hinweis stoßen, der uns zu den Verbrechern führt, die hinter all dem stecken!« Er deutete auf den bewußtlosen Tel, dem inzwischen Handfesseln angelegt worden waren. »Und unseren Pyromanen knöpfe ich mir noch heute nacht im hiesigen GSO-Büro vor! Gnade ihm Gott, wenn er nicht redet!« Man merkte ihm unschwer an, daß es ihm ein persönliches Anliegen war, diesen Fall zu lösen. Der Fehlschlag ging ihm gegen die Ehre, schließlich leitete er die bedeutendste terranische Organisation in Sachen Sicherheit. Stranger wußte, wie ungern Eylers überflüssige Fragen beantwortete, aber da der GSO-Leiter gerade so schön in Fahrt war... »Wie konnten Sie sich eigentlich sicher sein, daß es sich diesmal um keinen Roboter, sondern um einen echten, lebendigen Tel handelte?« erkundigte sich der Reporter. »Sein nervöser Blick hat ihn verraten«, antwortete Bernd Eylers. »Während seiner Abfackelungsaktion schaute er ständig zu uns herüber. Ihm war bewußt, daß wir ihn gleich stoppen würden, dennoch hörte er nicht auf, weil er so viel Material wie möglich vernichten wollte. - Ist wohl nicht weit her mit Ihrer journalistischen Beobachtungsgabe.« Stranger schluckte den gemeinen Tiefschlag tapfer herunter. Während Märet Tarem, ein sechzigjähriger GSO-Agent, der aus dieser Region stammte, die Kleidung des Bewußtlosen durchsuchte, verließen die übrigen Agenten das ausgebrannte Büro. Nur Bert, Bernd und Clint schauten bei der Leibesvisitation zu. Tarem förderte einen Diplomatenpaß zutage, der auf den Namen Dar Soba ausgestellt war. Der GSO-Leiter unterdrückte einen fürchterlichen Ruch. »Schon wieder eine Sackgasse«, merkte Stranger ungehalten an. »Laut Gesetz dürfen Sie den Tel weder festnehmen noch verhören, Eylers. Als Diplomat hat er ein juristisch verbrieftes Anrecht auf Immunität. Was werden Sie nun unternehmen?« Eylers winkte Tarem und Stranger zu sich heran. Verschwörerisch legte er ihnen den Arm und die Prothese um die Schultern und flüsterte: »Können Sie schweigen, meine Herren?« . Die Gefragten nickten stumm. »Ich auch«, entgegnete Eylers leise. »Und deshalb verlieren wir drei über dieses unscheinbare kleine Ausweisdokument kein Wort mehr, verstanden?«
Die GSO-Filiale in Addis Abeba zählte nicht zu den komfortabelsten. Wer hier arbeitete, war entweder in Äthiopien geboren 18 oder strafversetzt worden. Gegen die hiesigen genügsamen Räumlichkeiten nahmen sich die meisten anderen GSO-Büros weltweit wie Luxussuiten aus. Nur eines war in allen Filialen gleich: der Verhörraum. Ob Afrika, Asien oder Australien - die Zimmer, in denen Vernehmungen durchgeführt wurden, wirkten unpersönlich und kühl, schließlich sollten sich die Gefangenen hier nicht wohlfühlen. Im Gegenteil, je unangenehmer ihnen der Aufenthalt hier war, um so früher rückten sie mit der Sprache heraus. Die Zelle, in die man sie hinterher zurückbrachte, kam ihnen dann vor wie das Paradies. In gewisser Weise schoß die GSO damit ein Eigentor - schließlich mußten auch die Verhörspezialisten viele Stunden in solchen Zimmern verbringen. Die einzige Unterbrechung fand in Form von kleinen Pausen am Kaffeeautomaten statt. »Kriege ich auch einen?« erkundigte sich der gefangene Tel, als Eylers mit einem dampfenden Kaffeebecher ins Verhörzimmer zurückkehrte. Der GSO-Chef führte die Vernehmung persönlich durch. Nur seinem Agenten Märet Tarem und Bert Stranger war es gestattet, dabei anwesend zu sein. Und natürlich Clint, der unbeweglich und scheinbar völlig unbeteiligt in einer Zimmerecke schwebte, zehn Zentimeter über dem Fußboden. Im Wirklichkeit registrierten seine Sensoren jede verdächtige Bewegung im Raum; zudem nahm er alles auf. »Seit wann trinken Tel Kaffee?« fragte Eylers den Festgenommenen verwundert. »Habe ich mir während meines schon viel zu langen Aufenthalts auf der Erde angewöhnt,
ebenso terranischen Umgangsjargon und sonstige üble Gepflogenheiten«, erwiderte Dar Soba verbittert. »Meine fortwährenden Rückversetzungsgesuche nach Cromar wurden leider kontinuierlich ignoriert. Die braune, überaus angenehm riechende Flüssigkeit ist für unseren Organismus zwar alles andere als gut verträglich, aber wir Tel haben die Kraft der zwei Herzen.« »Sie kriegen trotzdem keinen Kaffee«, entschied Eylers. »Seit Beginn des Verhörs verweigern Sie mir sämtliche Auskünfte, dafür werde ich Sie nicht noch belohnen.« »Wie oft soll ich es noch wiederholen?« erboste sich der Tel. »Mein Name ist Dar Soba. Ich muß Ihnen keine Fragen beantworten, denn ich unterliege als Botschaftsangehöriger der diplomatischen Immunität. Das wird auf Cromar genauso respektiert wie aufTerra.« »Und wie wollen Sie Ihre Behauptung beweisen?« »Dafür genügt ein Blick auf den Diplomatenpaß, der von Ihnen widerrechtlich eingezogen wurde.« Eylers spielte den Entrüsteten. »Was fällt Ihnen ein? Hätte man bei Ihnen ein entsprechendes Ausweispapier gefunden, hätten wir Sie längst auf freien Fuß gesetzt, wie es unsere Pflicht und Schuldigkeit wäre.« Er schaute Tarem an. »Sie haben die Durchsuchung von Dar Soba ausgeführt. Hatte er einen Paß bei sich?« »Weder einen Paß noch sonst einen Hinweis auf seine Identität«, antwortete der Gefragte mit unbewegter Miene. »Mein Anruf in der Botschaft verlief ebenfalls negativ, dort hat man seinen Namen noch nie gehört. Offensichtlich hält sich Mister Soba - oder wie auch immer er heißt illegal auf Terra auf. Ich vermute, er hat seine persönlichen Papiere vorsorglich vernichtet, damit man ihn nicht identifizieren kann.« Eylers wandte sich wieder Dar Soba zu. »Aus welchem Grund wollen Sie nicht, daß man Ihre wahre Identität erfährt? Was haben Sie zu verbergen? Werden Sie auf Cromar wegen eines Verbrechens gesucht? Ich kriege das heraus, verlassen Sie sich darauf4 Und wenn es Monate dauert!« »Viele Monate«, fügte Tarem hinzu. »Monate, während denen man Sie in einer äthiopischen Haftanstalt unterbringen wird. Sonderlich sauber sind die hiesigen Gefängnisse nicht, doch Sie werden sich schon an die Ratten und das Ungeziefer gewöhnen - und an die anderen Gefangenen, mit denen Sie sich die schmuddelige Zelle teilen.« 20 »Sie dürfen mich nicht wie einen gewöhnlichen Verbrecher behandeln ! Mein Diplomatenstatus...« »Sollte sich im Verlauf der weiteren Ermittlungen herausstellen, daß Sie tatsächlich Diplomat sind, wird sich die terranische Regierung selbstverständlich bei Ihnen entschuldigen«, griff Stranger unvermittelt ins Verhör ein. »Aber das kann dauern... Sie haben sicherlich Verständnis dafür, daß es für die GSO wichtigere Fälle zu klären gibt als die Überprüfung eines vermutlich illegalen Einwanderers. Keine Sorge, man wird Sie nicht vergessen. Dar Soba oder wer auch immer Sie sind. In äthiopischen Gefängnissen kursieren zwar Gerüchte über greise Gefangene, deren Unterlagen von den Behörden versehentlich verschlampt worden seien, doch davon sollten Sie sich keinesfalls verunsichern lassen. Irgendwann erblickt jeder Sträfling wieder das Licht der Sonne - zumindest die meisten.« Der Tel funkelte ihn ärgerlich an. »Ich kenne Sie, Stranger. Sie sind Reporter bei Terra-Press und haben hier eigentlich überhaupt nichts verloren. Ihre Anwesenheit ist schlichtweg - wie sagt man doch bei Ihnen? - eine faule Kiste.« Er wandte sich Eylers zu. »Sie haben gewonnen, ich bin bereit zu reden. Aber ohne Zeugen. Schicken Sie den neugierigen Schmierfink und Ihren Agenten fort. Oder ich sage von nun an keinen Ton mehr.« »Einverstanden«, entgegnete Eylers, der innerlich erleichtert aufatmete. Geschafft! »Aber mein Wachroboter bleibt. Ich weiß, über welche Körperkräfte die Tel verfügen...« Er hielt seine Armprothese hoch. »... und als Krüppel hätte ich im Zweikampf keine Chance gegen Sie, Dar Soba. Darum bleibt Clint hier.« Der Tel hatte gegen den kegelförmigen Leibwächter nichts einzuwenden. Stranger und Tarem gingen aus dem Zimmer. Dar Soba kam sofort zur Sache. »Als seinerzeit die erste telsche Botschaft auf Terra eingerichtet wurde, gab man sich bei der Überprüfung der ausersehenen Mitarbeiter besondere Mühe, um wirklich sicherzugehen, daß keine Dissidenten mit darunter waren. Doch jedes noch so perfekte Sicherheitssystem hat irgendwo eine Lücke. Obwohl ich heimlich mit den Rebellen sympathisierte und gelegentlich auch geheime Kontakte zu ihnen hatte, war mein Lebenslauf tadellos, denn bis dahin hatte ich nie an irgendwelchen umstürzlerischen Aktionen teilgenommen. Allgemein galt ich als Langweiler ohne jeglichen politischen Ehrgeiz, aber als absolut regierungstreu. Meine Bewerbung wurde daher positiv befürwortet, und ich
erhielt einen Posten in der Botschaft. Keine sonderlich verantwortungsvolle Aufgabe, doch damals versprach ich mir davon jede Menge Abwechslung - vor allem im Hinblick auf meine Spionagetätigkeit für die Rebellenorganisation. Leider gestalteten sich weder meine reguläre Botschaftsarbeit noch meine illegalen Aktivitäten besonders abenteuerlich. Hin und wieder gingen Unterlagen über meinen Schreibtisch, die für die Anführer der Organisation möglicherweise von Interesse waren. Über wechselnde Mittelsmänner leitete ich Kopien der betreffenden Akten weiter - das war's auch schon. Nicht gerade spannend, wie? Meine Tarnung war derart perfekt, daß ich selbst nach den Kämpfen im Februar 2058 nicht als Rebellenanhänger demaskiert wurde und wie bisher weitermachen konnte.« »Weitermachen?« wunderte sich Bernd Eylers. »Aber die Organisation der Aufrührer wurde damals zerschlagen.« »Wenn man etwas zerschlägt, bleiben überall Bruchstücke liegen«, entgegnete der Tel. »Bruchstücke, die man irgendwann vielleicht wieder zu einem Ganzen zusammenfügen kann. Derzeit ist unsere Organisation nur noch rudimentär vorhanden. Um neue Strukturen aufzubauen, benötigen wir Geld...« Dar Soba stockte. »Das sollte genügen, denke ich. Mehr Informationen bekommen Sie nicht von mir. Sie wissen jetzt, daß ich ein Dissident bin - ein enttarnter Rebell, der von nun an damit rechnen muß, von seinen eigenen Leuten zum Schweigen gebracht zu werden. Bei Auslieferung an die Tel-Regierung erwartet mich die Todesstrafe. Mir bleibt daher nur eine Möglichkeit: Hiermit beantrage ich politisches Asyl auf Terra.« 22 »Sie haben wirklich Nerven, Mann!« brummelte Eylers. »Glauben Sie wirklich, damit kommen Sie durch?« »Ich kenne die terranischen Gesetze inzwischen fast besser als die meines eigenen Volkes und weiß daher, daß ich einen Anspruch auf Asyl habe. Sie sind verpflichtet, umgehend die zuständigen Behörden darüber zu unterrichten.« »Für Ihren ganz speziellen Fall ist zunächst einmal die GSO zuständig und sonst niemand«, machte Eylers ihm deutlich. »Mein Wort hat Gewicht. Ich kann mich mit aller Macht gegen den Asylantrag stemmen oder ihn befürworten. Prinzipiell spricht nichts gegen Ihren Verbleib auf Terra. Wir könnten Ihnen sogar eine völlig neue Identität verschaffen, vorausgesetzt, Sie kooperieren mit uns. Sagen Sie mir, was die Rebellen mit Sensorium Inc. zu schaffen haben. Welche Pläne verfolgt die Organisation? Nennen Sie mir Fakten und Namen, dann sehen wir weiter.« Dar Soba blieb stur. »Kommt nicht in Frage! Ich habe Ihnen schon viel zuviel gesagt. Ich verlange, daß Sie mein Asylbegehren unverzüglich weiterleiten. Bis darüber entschieden wurde, stelle ich mich unter den Schutz der GSO. Sollte mir etwas zustoßen, wird man Sie höchstpersönlich zur Verantwortung ziehen, Eylers! Ich bin Ihre dummen Spielchen und leeren Drohungen endgültig leid. Geben Sie mir meinen Ausweis zurück, und bringen Sie mich an einen sicheren Ort - und damit meine ich nicht ein äthiopisches Gefängnis.« Ein verdammt zäher Brocken! dachte der GSO-Chef. »Sie haben gewonnen. Dar Soba«, gab er nach. »Ich werde zwei meiner Männer zu Ihrer persönlichen Sicherheit abstellen und Sie von hier fortbringen lassen, in ein vorläufiges Versteck. Dort wird es Ihnen an nichts mangeln.« »So ist es recht«, spöttelte der Tel. »Endlich haben Sie begriffen, daß Sie mir nicht gewachsen sind. Wo werden Sie mich unterbringen?« »Frontier Junction«, antwortete Eylers kurz angebunden.
2. Holger Alsop stellte sich weiterhin bewußtlos. Trotzdem beobachtete der Cyborg aufmerksam seine Umgebung. Drei Gegner, die Paralysatoren noch in den Händen, verließen ihre Deckung. Gedrungene, humanoide Wesen, die kaum größer als 1,50 Meter waren. Die hohe Schwerkraft, fast eineinhalb mal so stark wie auf der Erde, zwang ihnen diese kompakte Statur auf. Schulterpartie und Oberkörper waren sehr breit und tief. Arme und Beine extrem muskulös. Kleine Riesen, dachte Alsop, fast zweimal so breit wie Menschen, aber in der Körperlänge gewaltig zusammengestaucht... Die »kleinen Riesen« näherten sich. Alsop wartete auf seine Chance. Er durfte dabei nicht vergessen, daß Gisol paralysiert und wehrlos neben ihm lag, nicht mehr in humanoider Form wie zuvor, sondern aus seiner Kleidung herausgeflossen und zu einem formlosen Etwas geworden, zur körperlichen Urform der Worgun, die als Gestaltwandler jedes gewünschte Aussehen annehmen konnten.
Dieser Planet, dritter Umläufer seiner Sonne, war eine kleine Hölle. Das lag nicht an der enormen Schwerkraft dieser nur 11 000 Kilometer durchmessenden Sauerstoffwelt, die von diesen Fakten abgesehen relativ erdähnlich war, sondern an den Zyzzkt, die mit ihren Ringraumem im Orbit hingen und immer wieder Bodentruppen ausschleusten, um gegen die Planetarier zu kämpfen. Sie machten Planet drei zur Hölle. Überall auf den Kontinenten herrschte Krieg. Die Femaufklärung der POINT OF hatte ergeben, daß dieser Krieg nur mit konventionellen Waffen geführt wurde. Atomare, biologische oder chemische Kampfmittel kamen nicht zum Einsatz. Offenbar war beiden Kriegsparteien, den Planetarien! wie den insektoiden Eroberern, nicht daran gelegen, den Lebensraum nachhaltig zu verseuchen. 24 Gisol, der Worgun, hatte beschlossen, mit einem seiner speziell ausgerüsteten Flash auf dem Planeten zu landen und sich vor Ort umzusehen. In ihm tobte ein unbändiger Zorn und Haß auf die Zyzzkt, die sein Volk unterjocht hatten, und die nun anscheinend dabei waren, ein weiteres Volk zu unterwerfen. Ob Gisol in diesem Fall etwas unternehmen konnte - und falls ja, was das wollte er vor Ort herausfinden. Holger Alsop, Cyborg der A-Serie und der erste Mensch, der seinerzeit die entsprechenden Implantate erhalten hatte, die ihn zu etwas Besonderem machten, begleitete den Worgun. Der Flash, eines der Beiboote des Ringraumers EPOY, parkte unter Ortungsschutz nicht sehr weit entfernt. Weder die Planetarier noch die Zyzzkt würden ihn finden. In dieser Region wurde nicht gekämpft. Noch nicht, oder den Zyzzkt war es zu mühsam, in der alpinen Landschaft, deren Felsmassive bis 2 000 Meter über den Meeresspiegel aufragten, im Bodenkampf anzutreten. In der Nähe befand sich ein Dorf, das sich wie die übrigen Ansiedlungen auf einem recht hohen technischen Standard befand. Bei der Annäherung hatten Gisol und Alsop nicht nur die kleinen Riesen, sondern auch Schweber und Roboter entdeckt. Und plötzlich kam der Überfall! Sie wurden aus einem Hinterhalt heraus mit Lähmstrahlen beschossen. Gisol erwischte es sofort; er zerfloß zu einem unförmigen Blob. Alsop, der schon beim Verlassen des Flash auf sein Zweites System umgeschaltet hatte, konnte als Cyborg von Lähmstrahlen nicht ausgeschaltet werden. Die wurden erst wirksam, wenn er jetzt zurückschaltete und vom Cyborg wieder zum Menschen wurde, um als solcher abwarten zu müssen, bis die Wirkung der Paralyse ausklang. Aber warum hätte er dieses Risiko eingehen sollen, das ihn dann zusätzlich der hohen Schwerkraft dieses Planeten aussetzte? Als Cyborg wurde er spielend damit fertig. Dennoch spielte er den Bewußtlosen. Die drei kleinen Riesen, die den beiden Besuchern aus dem Weltraum aufgelauert hatten, näherten sich jetzt. Phanten! forderte Alsops Programmgehim. Umgehend löste er den Reizimpuls aus. Die Steuerspannung von 0,003 bis 0,047 Volt aktivierte den vom Planeten Bittan im 404-Sy stem stammenden Phantvirus, der prompt ins Medium trat und damit alle Flüssigkeiten und Gase im organischen Körper des Cy-borgs band. Dieser von Echri Ezbal isolierte F-Stamm der Phantvi-ren schützte damit den Körper vor Belastungen, die jeden normalen Menschen schwer geschädigt oder getötet hätten, barg aber auch eine ungeheure Gefahr in sich. Durch die Reizspannung wurde eine spontane Vermehrung angeregt, die der Körper nur für einen Zeitraum von neun Tagen und sechs Stunden ertragen konnte; danach löste der Virus einen blitzartig wirkenden, unheilbaren und tödlichen Krebs aus. Äußerlich war dem Cyborg nicht anzusehen, daß er phantete, um damit auf größere Gefahren besser vorbereitet zu sein. Die drei kleinen Riesen waren vorsichtig. Ihre Paralysatoren hielten sie schußbereit; offenbar trauten sie dem Braten nicht. Sie trugen keine ID-Dämpfer, wie Alsop feststellte. Sie unterhielten sich in einer unbekannten Sprache, die von Reib- und Zischlauten dominiert wurde. Alsop verstand kein Wort, aber der Gestik und der Art, wie sie redeten, entnahm er, daß sie über Gisols Zerfließen völlig verblüfft waren. Da sich weder Gisol noch Alsop rührten, wurden sie nun mutiger. Sie widmeten ihre Aufmerksamkeit verstärkt dem Worgim und vernachlässigten den Terraner darüber. Dem konnte das nur recht sein. Die drei umringten Gisol und betrachteten ihn eingehend, einer hockte sich neben ihn und betastete seinen Körper und die Kleidung, aus der er herausgeflossen war. Ein anderer der kleinen Riesen entdeckte den falschen ID-Dämpfer, der auf Gisols Körper lag, und nahm ihn an sich. Seinen Paralysator steckte er ein und drehte und wendete den Dämpfer mit beiden Händen hin und her, um ihn von allen Seiten näher zu
26 Auch die anderen steckten ihre Waffen jetzt in die Futterale an ihren Gürteln zurück. Wieder redeten sie heftig aufeinander ein. Keiner von ihnen achtete in diesem Moment auf Holger Alsop. Der erhob sich blitzartig und hielt im gleichen Moment seinen Impulsblaster in der Hand. Sein Zeigefinger berührte den Strahlkontakt, und ein greller Blitz fauchte aus dem Projektionsdom der Laufmündung. Ein paar Dutzend Meter entfernt schmolz einer der zahlreichen Felsbrocken an, die hier überall aus dem Boden aufragten. Alsop richtete die Waffe auf die kleinen Riesen. Die fuhren mit offenen Mündern herum und starrten ihn an wie einen Geist. Daran, zu ihren Waffen zu greifen, dachten sie nicht. Dennoch bedrohte Alsop sie nicht nur mit seinem Biaster, sondern auch mit Worten. Dazu benutzte er die Worgunsprache, die er mit Hilfe der von den Römern Terra Nostras zur Verfügung gestellten Mentcaps erlernt hatte. Die drei waren fassungslos. Einer von ihnen antwortete. Auch er sprach Worgun, während die beiden anderen Laute des Erschreckens und der Überraschung in ihrer Zisch- und Kratzsprache von sich gaben. »Auch du bist ein Hoher?« hörte Alsop. Er hatte diese Sprache auf Verdacht eingesetzt, der sich nun bestätigte. Die technisch hochstehenden Planetarier waren mit ihr vertraut. Das hieß, daß sie die einstigen Beherrscher Oms kannten, die seit Jahrhunderten nicht mehr zwischen den Sternen in Erscheinung getreten waren, weil die Zyzzkt sie auf ihrem eigenen Heimatplaneten praktisch eingekerkert hatten. Die Hohen... das waren die Mysterious, wie sie von den Terra-nem genannt wurden, die Worgun. In der heimatlichen Galaxis waren sie bei diversen Völkern auch noch unter anderen Bezeichnungen bekannt, aber hier in Orn hatten auch die Römer von Terra Nostra sie die Hohen genannt.»Zweifelst du daran?« fragte Alsop kühl. »Muß ich nicht zweifeln, weil du dich bewegst, dieser hier aber nicht, der seine Gestalt verloren hat?« kam die Antwort. »Ich weiß, daß ich euch beide getroffen habe, aber warum bist du dann in der Lage, dich zu bewegen und der andere nicht?« Alsop wich einer Antwort aus. »Warum hast du auf uns geschossen? Warum habt ihr alle drei auf uns geschossen? Wir sind nicht eure Feinde!« »Aber ihr kamt mit einem Flugobjekt, das dem ähnelt, wie es unsere Feinde benutzen«, erhielt er zur Antwort. Gisols Ortungsschutz ist nicht optimal, erkannte das Programm-gehim des Cyborgs, wurde aber im nächsten Moment von der Behauptung eines der beiden anderen Wesen widerlegt: »Wir sahen, wie ihr aus dem Boden auftauchtet, ein Stück flogt und dann landetet. Für unsere Technik wart ihr unsichtbar, nicht aber für unsere Augen!« Als er von der Technik sprach, reckte er leicht seinen linken Arm vor, an dessen Gelenk sich ein kleiner Apparat befand, kaum größer als eine Schuhcremedose. Alsop sah einen Minibildschirm in der Mitte und ringsum eine Reihe von winzigen Tasten. Ein tragbares Miniaturortungsgerät? Wenn das versagt hatte, funktionierte der Ortungsschutz doch, aber optisch war der Flash dann immer noch zu erkennen. Die Nogk verfügten da über eine weit bessere Technik, mit welcher sie nicht nur ihre Raumschiffe, sondern auch sich selbst tarnen konnten, um sich für andere unsichtbar mitten unter ihnen bewegen zu können. Bei der ersten Begegnung zwischen Nogk und Terranem auf Hope war diese Mimikry-Technologie zum Einsatz gekom-" men, und während der Giant-Herrschaft auf der Erde hatten Nogk-Raumer sich mehrfach unsichtbar im Sol-System bewegt. Auch Commander Huxleys Forschungsraumer FO I war von den Nogk mit einem solchen Deflektorschirm ausgerüstet worden. »Eure Feinde - sind die Zyzzkt?« fragte Alsop nach. »Die Massenvermehrer, die über die Planeten unserer Galaxis herfallen wie Freßschreckinsekten über erntereife Felder«, erwi 28 derte einer der drei kleinen Riesen. »Zyzzkt, ja, so nennen sie sich wohl. Sie...« In diesem Moment erfolgte der Angriff. Plötzlich waren sie da. Drei Flash, die wie dunkle Pfeile heranjagten und das Feuer eröffneten! Aber nicht auf die kleine Gruppe zwischen den Felsen, sondern auf das Dorf! Blaßrote Nadelstrahlen blitzten aus den Mündungen der Bordwaffen, schlugen zwischen den Häusern und in ihnen ein. Geparkte Schweber, Roboter, Häuser - sie explodierten. Dorfbewohner, die zu flüchten versuchten, lösten sich einfach in einem schwachen Aufblitzen in Nichts auf, wurden zu Schatten auf dem Boden, unvergänglich eingebrannt. Flammen loderten empor, Rauchwolken stiegen auf, düsterer, fetter schwarzer Qualm. Dazwischen immer wieder das
grelle Aufblitzen, die blaßroten Energiefinger, die ihre Ziele fanden... Inferno! Ein Dorf starb. Es verbrannte im Strahlfeuer der drei Flash. Als Mensch wäre Holger Alsop in diesem Moment entsetzt und fassungslos gewesen. Er sah, wie rücksichtslose Angreifer alles in Brand schössen, alles töteten, was sich bewegte. Männer, Kinder, Frauen, Greise. Aber als Cyborg konnte er diesen Massenmord nur emotionslos zur Kenntnis nehmen. Trauer, Entsetzen und Zorn würden erst kommen, wenn er vom Zweiten System wieder zurückschaltete, um als Mensch denken und handeln zu können und nicht als Cyborg. Immer noch feuerten die drei Flash aus allen Strahlantennen und ließen mit ihrem NadelstrahlDauerbeschuß keinen Stein mehr auf dem anderen. Plötzlich rannte einer der drei kleinen Riesen los. Er lief in Richtung des brennenden Dorfes. Seine beiden Gefährten riefen ihm hinterher und versuchten, ihn aufzuhalten. Aber er ließ sich nicht bremsen. Er hetzte über Stock und Stein, und dann machte er auch noch den Fehler, mit seinem Biaster auf einen der Flash zu schießen. Die zwei anderen kleinen Riesen schrien gellend auf, weil sie seinen selbstmörderischen Leichtsinn nicht begreifen konnten, und dann schwenkte einer der Flash nur ganz kurz herum und sandte einen Nadelstrahl aus. Der kleine Riese, der sich nicht durch die Zurufe hatte stoppen lassen, verwandelte sich in eine Feuerwolke, die ganz kurz aufstrahlte, um gleich darauf für alle Zeiten zu verlöschen. Alsops Programmgehim warnte. Die Zyzzkt in den drei Flash mußten jetzt doch davon ausgehen, daß sich weitere Planetarier dort aufhielten, von wo der eben Getötete kam! Er packte Gisol und zerrte den Blob in die Deckung einiger Felsen. Seine Cyborgkraft ließ ihn mit der Masse des Mysterious, die normal bei etwa 100 Kilogramm lag, unter der Schwerkraft dieses Planeten aber das Anderthalbfache an Gewicht erreichte, schnell fertig werden. Die beiden anderen Planetarier, die sich bei dieser Kraftanstrengung nichts dachten, weil sie die körperliche Konstitution eines Cyborgs nicht kannten, gingen mit Alsop in Deckung, nur hatte keiner von ihnen daran gedacht, dem Cyborg bei seinem Rettungsversuch vielleicht ein wenig zu helfen. Alsops Programmgehim registrierte das, reagierte aber nicht darauf, weil es unwichtig war. Wichtig war, daß einer der drei Flash jetzt über ihnen kreuzte und versuchte, sie aufzuspüren! Er entdeckte sie nicht. Fünfmal während seiner Überflüge war er nahe daran, und zweimal meldete das Programmgehim eine mathematische Wahrscheinlichkeit bis zu 35 Prozent, daß Gisols getarnter Flash bei dieser Aktion lokalisiert werden könnte, aber jedes Mal hatten sie 30 Glück und die Zyzzkt, die in dem suchenden Flüggerät lauerten, blieben erfolglos. Dafür waren die beiden anderen feindlichen Flash erfolgreich und brannten das Dorf komplett nieder. Alles wurde vernichtet, restlos. Nur Feuer und Asche blieben zurück. Nach Überlebenden sah es nicht aus. Schließlich kehrte Ruhe ein. Da war nichts mehr, das zerstört werden konnte. Die Flash drehten ab und verschwanden irgendwo in der Feme. Sie hatten ihren Mordauftrag erfüllt. Da wollten die beiden überlebenden kleinen Riesen zurück ins Dorf. Ins restlos niedergebrannte Dorf. Dorthin, wo nichts und niemand mehr lebte. Alsop ließ sie gehen. Warum auch hätte er sie zurückhalten sollen?
Gisol hatte inzwischen das Bewußtsein zurückerlangt. Nur wenige Minuten nach dem Abmarsch der beiden kleinen Riesen erwachte er aus seiner Paralyse, nahm erneut seine JimSmith-Ge-stalt an und schlüpfte wieder in seine Kleidung. Nicht, daß es ihn selbst als Gestaltwandler gestört hätte, sich nackt zu bewegen -aber er wußte, daß viele Völker den Begriff »Zivilisation« über ihre Kleidung definierten und jene, die von Kultur oder Klima her gern darauf verzichten konnten, rigoros als Barbaren abstempelten. Wie die Planetarier zu diesem Thema standen, wußten weder er noch Alsop, solange sie die Bewohner dieses Planeten nicht besser kannten. Alsop berichtete dem Worgun, was sich während dessen Bewußtlosigkeit abgespielt hatte. Gisol verzichtete auf einen Kommentar. Alsops Programmgehim nahm das, mit einem
Fragezeichen versehen, im Speicher auf. Nun kehrten die beiden kleinen Riesen aus dem Dorf zurück. Sie waren bedrückt und voller Trauer. Genauer gesagt, sie standen fast unter Schock. Was sie von hier oben aus gesehen hatten, war bei weitem nicht so schlimm wie das, was sie danach im brennenden Dorf hatten sehen müssen. »Niemand lebt mehr«, sagte einer der beiden. »Wir sind die letzten hier...« Verblüfft registrierten sie, daß aus dem amöbenartigen Wesen Gisol ein Humanoider geworden war. Noch verblüffter waren sie, als Gisol seinen falschen ID-Dämpfer zurückforderte, den einer der beiden vorhin eingesteckt hatte. Gisol legte das Gerät wieder an. »Verzeih mir. Hoher«, raunte der Mann. »Ich wußte nicht...« »Wir waren alle sehr bestürzt und überrascht, haben wir doch niemals damit rechnen können, daß Hohe unsere Welt besuchen, und das gerade in dieser schweren Zeit...« »Wer seid ihr?« wollte Gisol wissen. »Ich bin Schrrotz, und mein Begleiter heißt Kureran«, sagte der Angstliche. Als Gisol ihn weiter durchdringend ansah, fuhr er fort: »Wir sind Pscheriden. Das ist der Name unseres Volkes. Pscherid ist der Name unserer Welt. Wir sind einfache Bauern. Aus dem Krieg wollten wir uns immer heraushalten. Doch nun haben wir niemanden mehr, wir sind ohne Hoffnung.« »Einfache Bauern?« fragte Gisol. »Euer Volk verfügt über eine recht hochstehende Technologie.« »Das ist richtig«, sagte Kureran. »Aber dennoch gibt es uns einfache Leute. Wir verstehen nicht viel von Technik, dafür aber jede Menge von Ackerbau und Viehzucht. Die haben wir hier be2 trieben, bis die Mörder aus dem Weltraum zu uns kamen. Nun haben wir nichts mehr.« »Doch, wir haben noch etwas«, sagte Schrrotz. »Die Hoffnung.« »Hoffnung worauf?« »Jetzt, wo ihr hier seid - werden die Hohen wirklich wieder aktiv? Werden sie uns gegen die Massenvermehrer helfen?« Erwartungsvoll sah er Gisol und Alsop an. 32 »Wenn ihr wüßtet, ihr armen Teufel«, murmelte der Cyborg auf Angloter. »Begleitet ihr uns, Hohe?« fragte Schrrotz erwartungsvoll. »Ich verstehe nicht ganz«, sagte Gisol. »Verzeih, Hoher«, sagte Schrrotz. »Wir beherrschen die Sprache der Hohen nicht besonders gut. Sie wird unseren Kindern zwar immer noch an den Schulen als Sprache der Wissenschaft beigebracht, aber sie gilt als >tote< Sprache.« Wie Latein aufTerra, dachte Alsop. Latein, das hier in Om in der kosmischen Wolke Gardas von den Römern auf Terra Nostra immer noch verwendet wurde... Schrrotz fuhr fort: »Vielleicht habe ich mich daher falsch ausgedrückt. Wir sind Bauern und keine Diplomaten oder Sprachgelehrte.« »Wir«, Kureran wies auf sich, Schrrotz und dann in Richtung des niedergebrannten Dorfes, »wollten uns immer heraushalten aus dem Krieg. Aber nun ist alles zerstört, alle sind tot. Als wir hierher zurückkehrten, sprachen wir darüber. Wir haben niemanden mehr und wollen uns deshalb zur Armee melden. Wollt ihr uns begleiten? Jetzt, da ihr Hohen wieder aktiv werdet...« »Bitte!« fügte Kureran hinzu. »Habe ich euch richtig verstanden?« fragte Gisol. »Habt ihr soeben von den Hohen gesprochen und nicht etwa von den Massenmördern?« Schrrotz lächelt bitter. »Du hast mich schon richtig verstanden, Hoher. Unser Volk glaubt den Propagandalügen der Zyzzkt schon lange nicht mehr. Die Hohen sind nicht ausgestorben. Es gibt sie noch. Und jetzt, da wir euch vor uns sehen, wissen wir, daß wir recht haben. Helft uns. Bitte.« Alsop und Gisol sahen sich an. Die Hohen können euch nicht helfen, dachte Gisol. Sie würden es nicht einmal wollen, meine Artgenossen, die der ständigen Gehirnwäsche der Wimmelwilden, der Zyzzkt, unterliegen und nicht wagen, sich w wehren. Wir brauchen doch selbst Hilfe! Und selbst die Terraner können nichts tun, ich -weiß es, so sehr ich auch Ren Dhark dankbar bin, daß er mich zumindest nach Orn begleitete, um sich selbst ein Bild w machen... Aber dann nickte er. »Wir werden euch begleiten«, sagte er. »Aber Hilfe kann ich euch nicht versprechen.« »Allein eure Anwesenheit wird unsere Hoffnung unendlich groß werden lassen«, sagte Kureran.
Die beiden Pscheriden führten Gisol und Alsop über die Berge. Während sie sich dem Ziel entgegenbewegten, das nur die Pscheriden kannten, achtete der Cyborg immer wieder auf die Umgebung und vor allem auch auf den Luftraum. Aber es tauchten keine weiteren Zyzzkt auf, weder in Flash noch mit Ringraumem oder in Gestalt von Bodentruppen. Vermutlich war ihnen diese unwegsame Bergregion nicht wichtig genug. Sie hatten ein Dorf dem Erdboden gleichgemacht, das reichte ihnen scheinbar. Auch andere Pscheriden tauchten nicht auf. Alles blieb ruhig. Vielleicht zu ruhig. Alsop und Gisol blieben mißtrauisch. Aber aus einem Grund, den der Cyborg nicht erfassen konnte, waren da plötzlich ERINNERUNGEN:
Terra, Anfang Juni 2056 In Alamo Gordo stand ein schlanker, über einen Meter achtzig großer junger Mann mit grauem, nach hinten gestrichenem Haar im Transmitterraum. An der Gegentaktsperre flammte es grün auf. Der Transmitter war klar. Holger Alsop blickte an sich herunter. Vor einer Viertelstunde hatte man ihm diesen strahlend weißen Plastikanzug gege 34 ben. Ein Kleidungsstück aus einem Guß, ohne Naht, ohne Taschen, ohne Falten. Der Anzug saß wie eine zweite Haut. Er ließ nur die Hände und den Kopf frei. Über der linken Brust stand die Nummer 742. Noch sagte sie ihm nichts. Dennoch begann sie ihm plötzlich Furcht einzujagen. Ich habe Angst, dachte er erst erstaunt, dann erschüttert. Er hatte gerade den sogenannten Angsttest mit der besten Bewertungsnote bestanden - und jetzt flößte ihm allein schon eine Zahl Angst ein? Er sah nicht wie ein Dreiundzwanzigjähriger aus. Sein schmales, markantes Gesicht hatte nicht viele, aber ausgeprägte Falten aufzuweisen. Über der geraden Nase standen zwei tiefe Furchen, die seine Stirn fast bis zum Haaransatz teilten. Von den Nasenflügeln lief rechts und links eine schattenwerfende Kerbe bis tief unter die Mundwinkel. Sein leicht vorspringendes Kinn erweckte unwillkürlich den Eindruck, in diesem Mann einen verwegenen Draufgänger vor sich zu haben. Aber Holger Alsop war noch nie ein Draufgänger gewesen, sondern vielmehr ein bedächtiger, Risiken genau kalkulierender Mensch. Er trat durch die Antenne des Transmitters und verließ die Gegenstation im Brana-Tal. Holger Alsop stieß die Tür auf. Seine Nervosität belastete ihn nach wie vor. Auf dem Gang blieb er stehen und sah sich um. Kein Mensch war zu sehen. Es war so still wie in einem Grab. Dann zuckte er zusammen. Vier Schritte vor ihm, wo sich gerade noch eine fugenlose Wand befunden hatte, öffnete sich eine Tür. Ein fast zwei Meter großer, überschlanker Mann trat heraus, der mit seinem wallenden Bart und den langen, schlohweißen Haaren fast wie das Klischeebild eines indischen Brahmanen wirkte. Auch seine Kleidung paßte dazu. In einer langsamen, ruhigen Bewegung hob er die Arme, kreuzte sie vor der Brust und verbeugte sich nach alter indischer Sitte stumm vor Holger Alsop, begrüßte ihn mit dieser Geste. Holger Alsop sah das Feuer, das tief in den kristallklaren Augen brannte, und er spürte, welche Kraft von diesem Mann ausging, der wohl schon hundert Jahre alt sein mochte. »Holger Alsop?« klang sein Name durch die Stille, und Alsop wußte, daß er noch nie eine Stimme gehört hatte, die so beruhigend auf ihn wirkte. Im gleichen Moment war seine Nervosität nicht mehr vorhanden. »Der bin ich...« Das Gesicht des anderen blieb unverändert. Seine Lippen bewegten sich kaum, als er sagte: »Und ich heiße Echri Ezbal.« Dieser Name sagte Alsop nichts. »Wo bin ich? Darf ich es erfahren?« »Natürlich, Alsop. Sie haben den letzten Schritt getan. Sie können jetzt nur noch vorwärts, aber nicht wieder zurück. Sie befinden sich in der Cyborgstation. Sie sind einer der wenigen, die damit rechnen dürfen, einige hundert Jahre alt zu werden. Ich bin der Leiter dieser Station.« Holger Alsop hielt den Atem an. Er glaubte Blei in den Gliedern zu haben. Hier wollte man ihn zu einem Cyborg machen - ihn, einen Menschen aus Heisch und Blut! Und er hatte sich auch noch freiwillig gemeldet! »Nein!« stieß er fast tonlos aus. »Nein, das ist nicht wahr! Das ist ein Scherz, ein gräßlicher Scherz...« Aber die klaren und dennoch unergründlichen blauen Augen sagten ihm, daß es die nackte Wahrheit war.
GEGENWÄRT P sehend, Ende April 2059
Plötzlich waren sie da - selbst Alsop bemerkte sie fast zu spät'. Es handelte sich um eine Gruppe von uniformierten Pscheriden, die hier einen Wachposten eingerichtet hatten. Ihre Bewaffnung 36 und Ausrüstung entsprach dem Standard, den Alsop anhand seiner bisherigen Beobachtungen vermutete. Möglicherweise hätten die Soldaten sich für die kleine Gruppe nicht einmal interessiert, wenn es sich nur um Pscheriden gehandelt hätte. Aber Alsop und Gisol fielen extrem auf mit ihren schlanken, hochaufragenden Gestalten im Vergleich zu den gedrungenen, kompakten Einheimischen. Allein durch ihr Aussehen waren sie sofort als Fremde zu erkennen. Wieder einmal sahen sie Biaster auf sich gerichtet. Der schmale Pfad, der durch einen engen Gebirgspaß führte, wurde von ihnen komplett gesperrt. Da hätten sogar zwei Soldaten völlig ausgereicht, hier aber waren es gleich fünf. Schrrotz und Kureran redeten hastig auf die Soldaten ein, die schnauzten barsch zurück. Das alles in der Pscheridensprache. Die aufgeregte Unterhaltung ging eine Weile hin und her. Alsop lauschte aufmerksam und versuchte, Wörter und Begriffe zu entschlüsseln. Sein Programmgehim speicherte jeden einzelnen Satz und analysierte dazu Gestik und Mimik. Gisol wirkte eher gelangweilt; ungeachtet der drohenden Blastermündungen mit den aktiv glimmenden Abstrahlpolen ließ er sich auf einem Steinbrok-ken nieder und wartete ab. Alsop vermutete, daß Gisol sich nicht im geringsten für die Sprache der Planetarier interessierte. Ihm reichte es wohl, daß sie die Worgunsprache beherrschten, warum sollte er sich dann die Mühe machen, pscheridisch zu lernen? Typisch für die Arroganz, der Mysterious, dachte Alsop auf einem zweiten Gleis, ohne damit den Analyse- und Lernprozeß seines Programmgehims zu stören. Mochte Gisol auch einer neuen Generation angehören, die in Knechtschaft auf gewachsen war - ihm haftete immer noch das alte Denken seines Volkes an, das Bewußtsein, mächtig und allen anderen weit überlegen zu sein. Mußte sich eine solche Denkweise nicht zwangsläufig entwickeln und von Generation zu Generation starker werden, wenn man ganze Galaxien beherrschte und mit Sternen spielte wie Menschenkinder mit Fußbällen? Warum sollte der Herr die Sprache der Sklaven erlernen, wenn der Sklave doch die Herrensprache erlernen mußte? Eine Ausnahme war das römische Reich gewesen, in dem griechische Sklaven als Lehrer tätig wurden und den Römern ihre Sprache und auch ihre Philosophen und wissenschaftlichen Erkenntnisse nahebrachten. Aber das Imperium Romanum war untergegangen wie alle Staaten und Reiche, die irgendwann zu groß wurden und an dieser Größe zerbrachen. Auch das Reich der Mysterious war zerbrochen, weil es trotz oder wegen seiner Größe die Gefahr, die von den Zyzzkt ausging, zu spät erkannt hatte! Und nun waren die Zyzzkt die Herren und die Mysterious die Sklaven... Sklaven, die unterdrückt wurden und deren Elite von den Zyzzkt auf deren Planeten geschafft wurde, um für diese vermehrungswütige und gewaltsam expandierende Insektenrasse zu arbeiten und zu erfinden. Aber Gisol, der Rebell, Gisol, der Schlächter, wie er von den Insektoiden und sogar von vielen Angehörigen seines eigenen Volkes genannt wurde, hatte sich vom Joch der Zyzzkt befreit. Und er dachte in den Bahnen seiner mächtigen Vorfahren. Alsops Programmgehim hatte noch längst nicht genug Informationen, als die hektische Unterhaltung zwischen Soldaten und Bauern abbrach und einer der Posten in ein Vipho sprach, genauer in ein Gerät, das einem terranischen Vipho extrem ähnlich sah. Wenig später erschien ein Antigravschweber der pscheridischen Streitkräfte. »Einsteigen!« befahl der Unteroffizier, der den Schweber angefordert hatte, und wies mit dem Biaster auf die sich öffnende Luke. »Geht's vielleicht auch ein bißchen höflicher?« fragte Alsop in Worgunsprache. »Und was soll das jetzt werden, wemfs fertig ist?« »Einsteigen!«, wiederholte der Unteroffizier. »Nuschele ich, oder willst du mich nicht verstehen, Soldat? Wir 38 sind nicht eure Feinde, sondern die da oben in ihren Raumschiffen, die eure Städte und Dörfer
vernichten, und diese beiden gehören zu eurer Art und wollen Soldaten werden.« Er wies auf Schrrotz und Kureran. »Also solltest du zu uns allen ein wenig freundlicher und höflicher sein. Muß ich meine Frage wiederholen?« »Ein...« Gisol erhob sich von seinem Steinbrocken. Er tat es mit extremer, bedrohlicher Langsamkeit. Dabei veränderte er seine Gestalt und achtete nicht darauf, daß seine Kleidung diesen Veränderungsprozeß nicht mitmachte, sondern aufs Stärkste beansprucht wurde, als er sein Aussehen einem Pscheriden annäherte. Der Soldat bekam große Augen. »Ein Hoher...?« keuchte er auf. »Dir seid wirklich Hohe?« »Wie kommst du denn darauf, mein Junge?« fragte Gisol spöttisch. »Nur Hohe sind in der Lage, ihr Aussehen nach Belieben zu verändern.« »Dann sollte dir klar sein, aus welchem Grund du das Zauberwort >bitte< verwenden solltest, und daß du und deine Leute uns ständig mit ihren Blastem bedrohen, ist auch nicht gerade ein Zeichen von Freundschaft.« »Ich sagte doch wiederholt, daß es sich um Hohe handelt«, quengelte Schrrotz. »Sie sind zurückgekehrt aus dem Nichts, um zu helfen und die Macht der Zyzzkt zu brechen! Jetzt endlich glaubst du es?« Der Unteroffizier steckte seine Waffe ein. »Bitte einsteigen«, preßte er hervor. »Ihr werden zu meinen Vorgesetzten geleitet, wenn euch das recht ist. Hohe!« »Es ist recht«, gewährte Gisol huldvoll. Allein für seinen Tonfall hätte Alsop ihm gern einen Tritt in den Hintern verpaßt. Aber das wäre in dieser Situaüon sicher nicht hilfreich gewesen. Nacheinander bestiegen sie den Schweber, in dem sich ebenfalls eine Handvoll pscheridischer Soldaten befand. Die Luke wurde geschlossen, die Maschine hob ab und strebte im Bodenfolgeflug ihrem Ziel entgegen.
ERINNERUNGEN: Terra, Anfang Juni 2056 Cybemetic organism... Cyborg... Der Cyborg, der halbmechanisierte Supermensch, sollte im Brana-Tal Wirklichkeit werden. Holger Alsop saß Echri Ezbal in dessen äußerst schlicht eingerichteten Privaträumen gegenüber. Auf dem Tisch zwischen ihnen stand ein Tonkrug. Echri Ezbal bot Holger Alsop Wasser als Getränk an. »Wunderbares, klares Quellwasser, Holger«, sagte der Alte, und seine blauen Augen forderten den jungen Mann auf, zu trinken. Aus einer handgefertigten Tonschale, die nach den Worten des Alten fast zweihundert Jahre alt sein sollte, nicht aus einem Plastikbecher. Echri Ezbal hatte ihm die große Cyborgstation gezeigt. Er hatte ihm von allen Geheimnissen des Brana-Tals erzählt. Er hatte mit ihm aber auch eine Nische betreten, die im schwachen Rotlicht lag, und stumm auf eine von innen beleuchtete Tafel gewiesen, auf der Namen standen. Und hinter jedem Namen eine Zahl. Eine Zahl, die angab, im welchem Alter der Träger des Namens gestorben war. 22 Jahre, 23, 27, 21 - kein einziger Dreißigjähriger. »Sie alle wußten, daß ihre Chancen nicht groß waren, Holger«, hatte Ezbal gesagt, »und jeder liebte das Leben. Dennoch kamen sie alle freiwillig, und jeder blieb freiwillig.« Ich nicht, hatte Holger Alsop gedacht. Ich werde einen Weg zur Flucht finden! Und nun saß er Echri Ezbal gegenüber und trank aus einer Tonschale Wasser. Plötzlich senkte er die Schale. Trank er gar kein reines Quellwasser, sondern eine Mixtur, in der sich ein würzig schmeckendes Sedativum befand? War dieses Mittel für seine plötzliche innere Ruhe verantwortlich? Das Gesicht des hageren Alten zeigte den Anflug eines Lächelns. Er erhob sich, ging zum Tonkrug, nahm die zweite Schale und füllte sie mit Wasser, um dann wie Alsop zu trinken. Danach klang seine Stimme wieder auf. »Holger, Sie haben den Mann mit der künstlichen Lunge gesehen. Einen anderen mit einem doppelten Kreislauf. Wieder einen anderen mit einem zweiten elektronischen Gehirn. Ich weiß, daß ich Ihnen mit dieser Besichtigung fast zuviel zugemutet habe, doch wäre es nicht noch schrecklicher gewesen, Sie auf Raten mit der Wirklichkeit vertraut zu machen?« In Holger Alsop meldete sich wieder Protest. »Man hat mich und alle anderen Freiwilligen hereingelegt. Bei jeder Meldung zu einem Himmelfahrtskommando wären meine
Überlebenschancen hundertmal größer gewesen!« Echri Ezbal schüttelte leicht den Kopf. »Holger, habe ich Ihnen nicht gesagt, daß Sie zu den glücklichen Menschen zählen würden, die ein paar hundert Jahre alt werden können? Ich habe nicht gescherzt. Sie haben keine Frage?« »Ich denke an die Toten, Ezbal!« »Jeden Tag besuche ich die Nische, und ein Gebet, Ohm mani padme hum, kommt über meine Lippen. Sie starben, wie jeder Mensch einmal sterben muß. Die hier gestorben sind, wären zur selben Zeit auch an jedem anderen Ort der Erde gestorben. Sie verließen dieses Leben nicht durch unseren Eingriff, sondern weil sie nicht lebensfähig waren.« »Das glaube ich Ihnen nicht, Ezbal.« »Dir gutes Recht, Holger. Kommen Sie...« Wieder führte er ihn durch lange Gänge, wieder umgab sie überall Ruhe. Nur ihre eigenen Schritte waren zu hören. Und dann standen sie im Freien. Vor ihren Füßen zog sich ein langes, schmales Band aus Plastikbeton entlang. Eine Gruppe junger Männer trieb Leichtathletik. »Holger, sehen Sie den großen blonden Mann? Er trägt eine lichtundurchlässige Binde vor den Augen und bewegt sich dennoch wie ein Sehender. Er sieht auch. Er sieht über sein zweites Augenpaar. Er sieht im Dunkehl. Nur wenn sie ihn mit Blei umpanzern, kann er nichts mehr sehen. Vorgestern wurde ihm das zweite Augenpaar eingesetzt. Möchten Sie mit ihm sprechen?« »Ist dieser Mann ein Cyborg?« »Nein, den Cyborg gibt es noch nicht. Diese Männer werden nie Cyborgs werden. Sie eignen sich nicht dazu. In zehn Jahren werden wir vielleicht soweit sein, auch sie dazu machen zu können. Heute bringen sie noch nicht die innere Einstellung zu dieser Umformung mit.« Alsop lachte auf. »Ich vielleicht, Ezbal? Ich mit dieser ohnmächtigen Wut in meinem Innern?« »Und doch stehen Sie ganz gelassen neben mir. Sie glauben in mir immer noch einen wahnwitzigen Forscher zu sehen, der aufgrund seines fanatischen Ehrgeizes gesunde Menschen auf dem OP-Tisch hat sterben lassen! Ich kann Ihre Gedanken erraten, Holger. Ich freue mich, daR Sie innerlich vor Wut toben und äußerlich so ruhig wirken. Menschen wie Sie benötigen wir im Brana-Tal, um den Cyborg entstehen zu lassen. Den Cyborg mit einer Lebenserwartung von vierhundert bis fünfhundert Jahren. Und wenn das Schicksal es besonders gut mit Ihnen meint. Holger, dann werden Sie auch zu denjenigen gehören, die in den Phant gehen können.« »Was heißt das, in den Phant gehen?« fragte Alsop und betrachtete den Alten wieder, der in die Feme blickte und mit offenen Augen zu träumen schien. »Das erfahren Sie später. Holger. Das erfahren Sie, wenn Sie ein Cyborg sind. Dann wird man Ihnen erklären, was phanten ist.« »Dann werde ich es nie erfahren!« »Doch! Aber Sie wollen den Mann mit der Binde vor den Augen gar nicht sprechen! Kommen Sie, ich habe Ihnen etwas anderes zu zeigen... einen Verunglückten, den man per Transmitter gebracht hat. Vor vier Tagen. Er hatte beide Arme und das linke Bein bis 42 zum Knie verloren. Sehen Sie sich diesen Menschen an.« Und dann stand Holger Alsop neben dem Bett des Verunglückten. Er hatte sich darauf vorbereitet, einen Menschen zu sehen, der entweder in tiefer Bewußtlosigkeit dahindämmerte oder durch Medikamente schmerzfrei gemacht worden war. Statt dessen sah er einen dreißigjährigen Mann, der ihn fragend und auch etwas neugierig anblickte. Bis zum Kopf mit einem Plastiktuch zugedeckt, wirkte er wie jemand, der lange und gut geschlafen hatte und nun bereit war aufzustehen. Holger Alsop wußte, daß man jedem Menschen das Sterben leicht machen konnte. Millionen, die von der Lebensbühne abtreten mußten, hatten eine jener winzigen Kapseln geschluckt, um mit einem Gefühl der Erleichterung den Schritt ohne Wiederkehr zu tun. Aber dieser Mann sah gesund aus; er befand sich in keiner euphorischen Stimmung. Echri Ezbal trat neben Alsop, zog das Plastiktuch etwas zurück und legte den Oberkörper des Verunglückten frei. »Sehen Sie sich alles genau an. Holger«, forderte ihn der Alte auf. Er deutete nach rechts und links, wo jeweils eine durchsichtige, hohle Plastikprothese an den Schultergelenken angeschlossen war. Jede hatte die Form eines menschlichen Armes. Die Hand war vollkommen nachgebildet. Aber das alles sah Alsop kaum. Er hielt den Atem an. Das, was er einmal als Gerücht vernommen hatte, schien hier eine Tatsache zu sein. Dem Verunglückten wuchsen die Arme nach! »Und wie sieht es mit dem linken Bein aus, Shangane?« fragte Ezbal den Verunglückten und legte nun auch dieses Glied frei. Das gleiche Bild. Auch an der Außenseite dieser durchsichtigen Hohlprothese befand sich ein langgestrecktes, verkapseltes Gerät, von dem
Verbindungen in den Hohlraum der Prothese führten. »Holger«, sagte Ezbal, als er den Mann wieder zudeckte, »wir haben dabei nicht allzuviel zu tun. Den größten Teil der Arbeit, die Bildung neuer Glieder, hat der Körper dieses Mannes selbst übernommen. Wir haben nichts anderes getan, als den Bauplan der organisierten Zellen zu erstellen, um den komplexen Vorgang sich Molekül um Molekül nachbauender Zellen zu steuern. Sie sehen mich immer noch zweifelnd an. Nein, Holger, wir sind keine Zauberkünstler. Ich habe es Ihnen schon einmal gesagt. Der menschliche Körper ist potentiell eine unzerstörbare, sich fortwährend selbst regenerierende Einheit. Bei Untersuchungen entdeckte man, daß der Mensch die Fähigkeit, amputierte Glieder nachwachsen zu lassen, mit der Geburt nicht verloren hat. Diese Anlage schlummert in jedem Menschen.« Sie verließen das Krankenzimmer. Wieder saßen sie sich in dem einfach eingerichteten Privatraum gegenüber. Frisches Quellwasser befand sich in den Tonschalen vor ihnen. »Der Cyborg wird kein Ungeheuer sein, Holger. Er wird auch nicht ewig leben können. Aber seine Lebenserwartung wird bedeutend größer sein, weil sein Cybernetic organism ein ständiger genetischer Eingriff ist, der die Alterungsprozesse seines Körpers beherrscht und zum Positiven hin steuert. Holger, Sie haben noch einige Tage Zeit, sich mit unserer Arbeit in der Cyborg-station vertraut zu machen. Vielleicht schenken diese Tage Ihnen das Vertrauen in unsere Arbeit, das sie benötigen werden, um Ihre Freiwilligenmeldung vor einem Gremium noch einmal zu wiederholen.« Die werdet ihr nie von mir hören, dachte Holger Alsop. GEGENWART P sehend, Ende April 2059
Der A-Gravschweber brachte Alsop und die anderen in den Gefechtsstand der in diesem Gebiet operierenden Truppen der psche-ridischen Heimwehr. Dieser lag an einem Berghang oberhalb einer Ebene. Der Flug hierher hatte nur wenige Minuten gedauert; zu 44 Fuß hätten sie Stunden benötigt. Die Umgebung war unwirtlich und schwer begehbar. Alsop fragte sich ernsthaft, weshalb diese Ödnis umkämpftes Gebiet sein sollte - aber militärische Logik hatte schon immer eigenen Gesetzen gehorcht. Derweil fragte sich Gisol, woher die Pscheriden wußten, daß die Hohen - die Worgun - ihre Gestalt wandeln konnten. Auch Alsop war darüber etwas verblüfft, daß allein aus Gisols Verwandlung sogar die beiden Bauern geschlossen hatten, es mit Worgun zu tun zu haben. Denn an der Sprache allein lag es sicher nicht. Die schien auf Pscherid als Zweitsprache durchaus geläufig zu sein. »Soweit ich weiß, haben wir uns fremden Völkern immer nur in einer bestimmten Form gezeigt«, grübelte Gisol. »Zum Beispiel den Bewohnern Nais als Humanoide, dem Aussehen der Salter entsprechend...« »Und ihr habt bei eurem Verschwinden aus Nai nichts zurückgelassen, nicht das kleinste Detail, aus dem man Rückschlüsse auf euer wirkliches Aussehen hätte ziehen können«, ergänzte Alsop. »Außer vielleicht die Raumanzüge und die Ergonomie der technischen Gerätschaften, die auf Humanoide hindeuteten.« »Deshalb verstehe ich es nicht«, grübelte der Mysterious. Aber weit kam er mit seinen Gedanken nicht mehr, weil das Ziel unmittelbar vor ihnen auftauchte. »Aussteigen«, schnarrte einer der Soldaten, als der Schweber landete. »Müssen wir hier denn jedem einzelnen die elementarsten Grundlagen der Höflichkeit beibringen?« knurrte Gisol verdrossen. »Wir sind nicht eure Feinde, wir sind nicht eure Gefangenen, wir sind nicht eure Untergebenen. Also behandelt uns mit dem gleichen Respekt, mit dem wir euch behandeln.« Als Mensch hätte sich Alsop in diesem Moment ein spöttisches Grinsen nicht verkneifen können, als Cyborg nahm er die Worte des Mysterious so hin, wie dieser sie sagte. »Steigen Sie bitte aus.« »Schon besser«, stellte Gisol fest und verließ als letzter den Schweber. Man ließ ihnen nicht viel Zeit, sich umzusehen. Die vier Ankömmlinge sollten zum kommandierenden General gebracht werden, der hier die Heimatverteidigung gegen die Invasoren aus dem Weltraum leitete. Nur hatte der für sie momentan keine Zeit. »Sie müssen hier warten«, wurde ihnen bedeutet und der Zutritt in die Abwehrzentrale verwehrt, die aus einem in den Fels eingelassenen Bunker bestand. »Bleiben Sie möglichst in
Deckung und halten Sie die Köpfe unten«, kam ein abschließender Ratschlag. Der hatte durchaus etwas für sich. Blaßrote Nadelstrahlen flammten durch die Luft, fauchende Energiefinger, die Luftmoleküle einfach in Energie umsetzten, ehe sie ihr Ziel erreichten. Genauer gesagt, sie erreichten ihre Ziele nicht ganz. Sie trafen auf Energieschirme, an denen sie regelrecht zersprühten. Überall flammte es auf. Alsop versuchte sich ein Bild zu machen. Dazu durfte er den Kopf allerdings nicht unten halten, weil er auch mit seinem Zweiten System nicht durch feste Barrieren sehen konnte. Aber der Gefechtsstand der Pscheriden war ebenso durch einen Energieschirm geschützt wie die anderen Ziele, die unter Nadelstrahlbeschuß lagen. Woher kam dieser Strahlangriff? Nicht aus der Luft! Diesmal waren es keine Flash, die von Zyzzkt geflogen wurden. Diesmal handelte es sich um Bodentruppen. Unitallpanzer rollten an. Alsop sah sie. Vergleichbar mit den Panzern auf W-4, verriet ihm sein Pro-grammgehim über die Rückschaltphase und lieferte gleich Daten mit; Bilder, die die Mysteriouspanzer zeigten, die auf dem Planeten W-4 im Ika-3S-System gegen einen imaginären Feind aufmarschiert waren, ehe eine Planetenbombe diese Welt zerstört hatte. 46 Holger Alsop war damals nicht an Bord der POINT OF gewesen, aber die Aufzeichnungen waren seinem Programmgehim später überspielt worden und zählten seither zu den abrufbaren Informationen seiner Datenbank. Die Unitallpanzer, die hier anrollten, glichen denen, die es auf W-4 gegeben hatte! Nur handelte sich um zwei verschiedene Gala-xien, und in diesen Panzern auf Pscherid befanden sich garantiert keine M-Roboter, sondern Zyzzkt! Sie kamen über die Ebene, und sie feuerten pausenlos auf die Stützpunkte und Schanzen der Pscheriden. Immer wieder flammten die blaßroten Nadelstrahlen über das Gelände und schlugen über viele Kilometer hinweg in die Energieschirme, welche die pscheridischen Stellungen schützten. Diese Schirme waren offenbar ähnlich aufgebaut wie der terranische Kompaktfeldschirm. Sie hielten dem Beschuß stand. Noch... Aber das konnte auf Dauer nicht funktionieren. Die feindlichen Panzer waren in ständiger Bewegung und versuchten immer wieder, in noch bessere Schußpositionen zu gelangen. Es sah so aus, als hätten sie die Schutzschirme der Pscheriden zuerst unterschätzt und bemühten sich jetzt, einen Weg zu finden, um sie zu durchbrechen. Es war nur eine Frage der Zeit, bis es ihnen gelang. Alsop hörte Befehle. Der pscheridische General ließ die Zeit, welche die Zyzzkt dafür brauchten, nicht ungenutzt verstreichen. Er startete seine eigene Vemichtungsmaschinerie. Noch während die Unitallpanzer versuchten, sich in die günstigsten Schußpositionen zu manövrieren, gab der General den Befehl zum Gegenschlag. Werfer schössen unscheinbar aussehende Granaten auf die Panzer ab. Die Werfer arbeiteten nicht mit chemischen Treibsätzen, sondern mit Energiefeldem. Eine Granate nach der anderen wurde abgefeuert, zwischen den feindlichen Nadelstrahlen hindurch. Alsop sah zu Gisol hinüber. Der Worgun wirkte angespannt und in seiner Gestalt regelrecht verzerrt. Welchen Zorn mußte er verspüren angesichts der Waffen, die die Zyzzkt gegen die Pscheriden einsetzten - Waffen, die sein Volk einst entwickelt hatte! Waffen, die hier von seinem größten Feind mißbraucht wurden! Alsops Augen waren über sein Zweites System auf Tele geschaltet. Er sah die Bomben, als befänden sie sich unmittelbar in seiner Nähe, und er sah, wie sie zwischen die Panzer fielen, ohne auch nur einen von ihnen zu treffen. Wurden sie von unsichtbaren Kraftfeldern abgewehrt und abgelenkt? Daß es so eklatante Fehlschüsse gab, konnte Alsop sich weder als Mensch noch als Cyborg vorstellen, wenn er das technische Niveau der Pscheriden in Betracht zog. Aber keiner der Unitallpanzer wurde getroffen! Die Bomben fielen zwischen ihnen einfach auf den Boden. Es gab keine Explosionen, es gab nichts. Doch - sie lösten sich auf! Sie schwanden dahin!
Es gab keinen Knall, kein Feuer. Keine Wirkung! Oder...? Doch - es mußte eine Wirkung geben, weil die Panzer plötzlich stehenblieben! Sie rollten auf ihren Gleisketten nicht mehr weiter, ihre Geschütze jagten keine Nadelstrahlen mehr in Richtung pscheridischer Kampfstellungen! Der Panzerangriff kam zum Stehen. Aber damit begann das Chaos erst...
Aus bisher getarnten Schützengräben und Löchern, die selbst Alsop nicht erkannt hatte, stürmten jetzt pscheridische Soldaten hervor. Bei den Panzern regte sich nichts. Es gab kein Abwehrfeuer. Die Soldaten rannten wie blind auf die Kampffahrzeuge zu. 48 Sie turnten an ihnen empor. Einige von ihnen hantierten an den Einstiegs- und Sichtluken. Sind die lebensmüde? fragte sich Alsop, aber auch sein Zweites System konnte ihm darauf keine Antwort geben, weil das Handeln dieser Soldaten einfach nicht zu berechnen war. Da flogen Luken auf, Pscheriden beugten sich vor und feuerten aus allen Handstrahlwaffen blindlings ins Innere mehrerer Panzer! Sie forderten die Insassen nicht zur Kapitulation auf - sie schössen sofort! Sie ließen ihren Feinden keine Chance! Auch hier gab es keine Gegenwehr. So, wie die Panzer nicht auf die heranstürmenden Soldaten geschossen hatten, schössen auch jetzt die Insassen nicht durch die aufgerissenen Luken nach draußen zurück. Befanden sich Roboter im Inneren, deren Programm diese Art der Verteidigung nicht vorsah? Oder waren die Kampfwagen leer und wurden femgesteuert? Welchen Grund hatten dann aber die Pscheriden, in die Panzer hineinzuschießen? Offenbar war deren Technik blockiert, sie hätten die Kampffahrzeuge also problemlos unter ihre eigene Kontrolle nehmen können. Alsop sah, wie andere Soldaten einfach Thermoladungen an die Panzer setzten. Haftsprengsätze, die sofort zündeten. Die Pscheriden sprangen von den Panzern ab und rannten davon. Es wirkte grotesk, welche Laufgeschwindigkeit diese kleinen Riesen auf ihren kurzen Beinen entwickeln konnten. Während sie Deckung hinter anderen Kampfwagen oder in der Landschaft suchten, brannten die Thermoladungen unter ultraheller Peuerentwicklung mit fast 150 000 Grad Celsius Löcher durch die Panzerung, um dann im Inneren Zerstörungen anzurichten. In schneller Folge explodierten die Panzer. Der Schmelzpunkt von Unitall liegt bei 143 750 Grad Celsius, teilte Alsops Programmgehim ihm so nüchtern mit, wie es vorher anhand der Helligkeitsentwicklung des Feuerwerks die Temperatur der Haftladungen ermittelt hatte. Die Pscheriden wußten verdammt genau, wie sie Unitall knakken konnten! Und die Angreifer wußten verdammt genau, daß sie verloren hatten. An einigen Panzern, um die die Pscheriden sich bisher noch nicht gekümmert hatten, flogen die Luken auf, und zum ersten Mal sah Holger Alsop Zyzzkt vor sich - Zyzzkt, die er nur aus Beschreibungen Gisols und der Römer von Terra Nostra kannte. Er sah diese Insektenwesen, wie sie aus den Panzern herauskletterten und ihre Arme weit ausstreckten, um zu zeigen, daß sie waffenlos waren und nicht mehr kämpfen wollten. Zyzzkt, die sich ihren Bezwingern ergaben! Aber diese Bezwinger eröffneten sofort das Feuer. Blasterstrahlen fauchten den Zyzzkt entgegen und mähten sie nieder. »Nein!« wollte Alsop schreien, der Faktor Mensch im Cyborg, aber im Bereich des Zweiten Systems wurde dieser menschliche Faktor abgedämpft, und das Programmgehim erklärte ihm lapidar, daß er gegen diesen Massenmord an Wehrlosen so oder so nichts unternehmen konnte. Erstens ging alles viel zu schnell, zweitens hätte er sofort die Pscheriden im Wehrbunker als Feinde gegen sich gehabt. Pscheriden mordeten Zyzzkt! Sie machten keine Gefangenen! Gnadenlos metzelten sie ihre Gegner nieder, obgleich diese deutlich zu verstehen gaben, daß sie kapitulierten! Innerhalb weniger Minuten war alles vorbei.
Ruhe kehrte ein. Das Schlachtfeld war befriedet. Ein Schlachtfeld im wahrsten Sinne des Wortes - mit radikal abgeschlachteten Gegnern... und in diesem Moment war Alsop froh, daß sein Zweites System die Kontrolle über seinen Körper hatte. Er hätte kotzen mögen. 50
3. »Frontier Junction?« wiederholte Dar Soba und erhob sich von seinem Stuhl im Verhörzimmer. »Nie gehört. Wo liegt dieser Ort?« »Auf Xing IV«, lautete die knappe Antwort des Leiters der Galaktischen Sicherheitsorganisation. »Xing?« Der Tel blieb vor der noch geschlossenen Zimmertür stehen. »Moment mal, soweit ich informiert bin, liegt das Xing-System im Sternhaufen Craxath, etwa 1500 Lichtjahre von diesem Sonnensystem entfernt. Ich habe angenommen, mein Versteck würde sich auf Terra befinden.« »Zu unsicher«, erklärte Eylers ihm. »Planet Xing IV wurde von der Junction Mining Corporation in Besitz genommen. Beinahe jeder Einwohner von Frontier Junction, der bislang einzigen Stadt auf diesem abgeschiedenen Kolonialplaneten, arbeitet für die Minengesellschaft. Niemand wird auf den Gedanken kommen, daß Sie sich ausgerechnet dort aufhalten, weder Ihre Regierung noch die Rebellen.« »Klingt vernünftig«, meinte Dar Soba. »Als vorübergehender Aufenthaltsort mag Xing akzeptabel sein, aber auf Dauer möchte ich dort nicht leben müssen.« »Brauchen Sie auch nicht. Sobald über Ihren Asylantrag entschieden wurde, reden wir über Ihre neue Identität und Ihren künftigen Wohnort. Es sei denn, die ganze Angelegenheit hat sich bis dahin von selbst erledigt.« »Wie... wie meinen Sie das?« fragte der Tel verunsichert. »In letzter Zeit werde ich das Gefühl nicht los, es gibt eine undichte Stelle in meiner Organisation«, raunte Eylers ihm zu. »Ein Verräter?« »Einer - oder sogar mehrere. Dieselben kriminellen Elemente, die für das spurlose Verschwinden Ihres Diplomatenpasses verantwortlich sind. Dar Soba, könnten sowohl der TelRegierung als auch der Rebellenorganisation einen anonymen Tip geben, Ihren geheimen Aufenthaltsort betreffend. Wer von beiden wird wohl schneller auf Xing eintreffen?« Dar Soba kehrte zurück zu seinem Stuhl und setzte sich hin. »Verstehe«, sagte er. »Offenbar habe ich Sie unterschätzt, Ey-lers. Um Ihre Ziele zu erreichen, gehen Sie über Leichen.« »Manchmal schon«, räumte der GSO-Chef ein. »Kommt ganz auf die Leiche an. Werden Sie jetzt reden?« Der Tel nickte ~ eine Geste, die er sich während seiner Tätigkeit auf der Erde abgeguckt hatte. »Wo war ich stehengeblieben?« fragte er. »Die versprengten Rebellentrüppchen, welche Terra offensichtlich noch immer als Hauptgegner des Telin-Imperiums sehen, benötigen Geld, um sich auf Cromar neuzustrukturieren«, half Eylers ihm auf die Sprünge. Soba berichtete, daß die Erfindung des Sensoriums einem auf Cromar lebenden Wissenschaftler namens Fok Leto zuzuschreiben war. Der Vank und die Behörden ahnten nicht, daß Leto in Verbindung zu den Rebellen stand. Nachdem er seinerzeit die Sensoriumstechnik zum Patent angemeldet hatte, hatten die Tel-Rebellen auf Terra über einen Strohmann Sensorium Incorporated gegründet. Die Gewinne dieses Unternehmens flössen seither größtenteils in die Kassen der Rebellenorganisation. Anfangs hatte es sich um völlig legale Geschäftsgewinne gehandelt - bis es Fok Leto gelungen war, Vollchips zu erschaffen, die alle Sinne ansprachen und zudem süchtig machten. Damit konnte man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Zum einen wurde nun noch mehr Gewinn eingefahren, zum anderen ließen sich die Süchtigen nach Belieben wie Marionetten dirigieren. Auf lange Sicht war geplant, über die Vollchips Druck auf angesehene Persönlichkeiten in der terranischen Politik und Wirtschaft auszuüben und letztlich das gesamte System zum Einsturz zu bringen. Bernd Eylers sprach den aussagewilligen Tel direkt auf die Fortschrittspartei an. (Stranger hatte ihn über seine Notizen zum »Chip
52 Nummer eins« unterrichtet.) Dar Soba versicherte glaubwürdig, nichts von einer Verbindung zwischen der Fortschrittspartei und den Tel-Rebellen zu wissen. Im weiteren Verlauf des Verhörs beteuerte er immer wieder seine Unwissenheit zu diesem Thema. Auch sonst war augenblicklich nicht mehr viel aus ihm herauszuholen. Soba war lediglich ein kleines, unscheinbares Rädchen im Rebellengetriebe, das sich über einen längeren Zeitraum hinweg nur sehr langsam gedreht hatte. Erst seit der Verbreitung des Sensoriums auf Terra bewegte es sich schneller - und nun war es von der GSO ausgebremst worden. Nach hartnäckigem Nachfragen nannte Soba noch eine Adresse in Beverly Hills, angeblich das einzige Aufnahmestudio auf Terra, das Programme für die Intensivchips produzierte. Gegen Morgen beendete Eylers die Vernehmung fürs erste und ließ den Tel für weitere Verhöre in die GSO-Zentrale nach Alamo Gordo bringen. Was Dar Soba nicht ahnte: Mit Billigung des GSO-Leiters hatte Wachroboter Clint die gesamte Vernehmung aufgezeichnet und somit Terra-Press brisantes Exklusivmaterial verschafft.
In der äthiopischen GSO-Automatenkantine trafen sich Stranger und Eylers zu einer Abschlußbesprechung. Der Reporter hatte das Gespräch mit dem Tel übers Armbandvipho verfolgt, da Clint ihm Bild und Ton live übertragen hatte. Selbstverständlich hielt sich auch der Roboter in der ansonsten leeren Kantine auf. »Ich habe bereits über Funk eine GSO-Truppe nach Beverly Hills geschickt, um das Studio auszuheben«, teilte Eylers seinem Gesprächspartner mit. »Wir werden alles daransetzen, den Verbrechern das Handwerk zu legen. Die Produktion der Intensivchips muß auf der Stelle unterbunden werden.« Stranger ging sogar noch einen Schritt weiter. »Man müßte die Sensoriumstechnik komplett verbieten.« Eylers pflichtete ihm darin bei. Beiden Männern war jedoch klar, daß sich ein solches Verbot nur schwer würde durchsetzen lassen. »Eins ist mir noch immer nicht klar«, sagte Bernd Eylers nachdenklich. »Welche Verbindung besteht zwischen der Intensivchipproduktion und der Fortschrittspartei? Wird die Partei wirklich von den Tel-Rebellen unterstützt oder beeinflußt? Oder existiert noch eine zweite kriminelle Gruppierung, die sich das Sensorium für ihre Zwecke nutzbar macht?« Bert Stranger konnte nur mit einem Schulterzucken dienen. Er schlug vor, die Unterredung zu beenden und eine Mütze voll Schlaf zu nehmen. Eylers stimmte zu, auch er war hundemüde. »Nur eine Bitte habe ich noch. Stranger. Das mit dem verschwundenen Diplomatenpaß wird nicht über Ihren Sender ausgestrahlt, klar?« »Klar«, bestätigte der Journalist. »Jeder Mensch hat seine kleinen Geheimnisse. Wir beide müssen schließlich zusammenhalten, wie es sich für ein gutes Team gehört.« Eylers verspürte einen leichten Stich. Die kumpelhafte Art des Reporters bereitete ihm Unbehagen. Stranger und er ein Team? Nein, danke! Sobald die zeitweise Zusammenarbeit mit ihm beendet war, würde er wieder mehr auf Distanz zu ihm gehen.
Bei ihrem rücksichtslosen Angriff auf die Erde im Jahr 2051 hatten die Giants vor nichts und niemandem haltgemacht. Zahlreiche wertvolle Kulturdenkmäler, darunter viele uralte Kirchen, waren damals ihrer Zerstörungswut zum Opfer gefallen. Ortschaften, die auf keine jahrhundertealte Kultur zurückblicken konnten, hatten hingegen »nur« ihre Verkehrsnetze, Geschäftsgebäude und Wohnhäuser eingebüßt - Ersetzbares, das inzwischen größtenteils wieder neu errichtet worden war. 54 Auch den idyllischen Straßen, malerischen Villen und prächtigen Gärten in Beverly Hills merkte man heute nicht mehr an, wie sehr diese Region einst unter den Angriffen gelitten hatte. Das Geld, das hier wohnte, hatte einen schnellen Wiederaufbau möglich gemacht. Mittlerweile erstrahlte der Ort in seiner alten Pracht, als hätte es die schlimmen Zeiten nie gegeben. Die Mär, man könne ausschließlich durch ehrliche Arbeit steinreich werden, erzählte längst kein Großvater seinem Enkel mehr. Nicht wenige Bewohner von Beverly Hills waren von Geburt an vermögend. Andere wiederum hatten überraschend geerbt beziehungsweise in der Lotterie gewonnen. Manch einer hatte sich rücksichtslos nach oben geboxt und sich einen
Dreck um die zerstörten Existenzen geschert, die seinen Karriereweg pflasterten. Und auch diejenigen, die sich ihr Geld auf kriminelle Weise verdienten, fehlten in jener vornehmen Gegend nicht. Zweifelsohne lag in einigen Villen die sprichwörtliche »Leiche im Keller« obwohl die meisten Häuser dort überhaupt nicht unterkellert waren. Nicht alle Bewohner pflegten private Kontakte zu ihren Nachbarn. Den gebürtigen Pariser Guy de Gobert, der vor wenigen Monaten eine der ansehnlichsten Villen am Ortsrand erworben hatte -Plowerstreet Nummer 17 - hatte bislang noch niemand zu Gesicht bekommen. Hinter seinem Haus befand sich eine hohe Mauer, und vor dem Villengebäude erstreckte sich ein großer, von dichten Hecken sichtgeschützter Garten, in dem vier deutsche Doggen frei herumliefen, so groß wie Ponys, aber nicht so friedfertig. Besucher aus der Nachbarschaft wurden per Lautsprecheranlage gleich vorn am Gittertor abgewimmelt. Das bedeutete jedoch nicht, daß sich der Millionär grundsätzlich von der Außenwelt abschirmte. Das Gegenteil war der Fall. Auf seinem Grundstück herrschte ein ständiges Kommen und Gehen, insbesondere am späten Abend. Über Nacht parkten vor dem Haus mit der Nummer Siebzehn wechselnde Schweber der unterschiedlichsten Preisklassen. Fahrzeuge, denen mitunter skurrile Gestalten entstiegen, die so gar nicht in dieses vornehme Viertel passen wollten. Zudem schien de Gobert, der internen Informationen zufolge bereits auf die Hundert zuging, ein Faible für junge leichte Mädchen zu haben. Offensichtlich gab der nachbarscheue Villenbesitzer eine Party nach der anderen, wobei er bei der Auswahl seiner Gäste nicht wählerisch war — solange sie nicht in seiner Nähe wohnten. Hätte er sein ausschweifendes Leben in einem normalen Mietshaus geführt, hätten die Mitbewohner sicherlich nicht von Partys, sondern von »Orgien« gesprochen, und »Lustgreis« wäre noch die netteste Bezeichnung gewesen, die man ihm im Hausflur an den Kopf geworfen hätte. In Beverly Hills sah man jedoch großzügig darüber hinweg, schließlich hatte jeder ein Anrecht darauf, sein Leben so zu gestalten, wie er es für richtig hielt - solange er genügend Geld hatte, sich das auch leisten zu können. Schlimmstenfalls ärgerte man sich darüber, noch nie eingeladen worden zu sein. Die Männer der GSO, die gegen 22 Uhr Ortszeit durch den schwach beleuchteten Villengarten aufs Haus zuliefen, verfügten ganz sicher über kein Einladungsschreiben. In ihren grauen Trainingsanzügen waren sie nur schwer auszumachen, ansonsten dienten ihnen Büsche und Bäume als Deckung. Natürlich wurden die Hunde auf sie aufmerksam, doch eine leichte Paralyse genügte, um die Tiere auszuschalten. Bewußtlos lagen die vier Doggen im Gras, als ob sie friedlich schlafen würden. Die Agenten waren lediglich mit leichter Bewaffnung ausgerüstet - sie wollten nur eine Villa erstürmen und keinen Krieg anfangen. Geredet wurde kein Wort, zur Verständigung genügten Handzeichen. Nachdem sich die Grauen rund ums Haus verteilt hatten, verharrten sie an Ort und Stelle und schauten dabei auf ihre Zeitmesser. Vier, drei, zwei, eins... Auf die Sekunde genau drangen sie alle gleichzeitig von mehre 56 ren Seiten in die Villa ein. Fensterscheiben wurden eingeschlagen, Türen eingetreten. Hausgäste, die sich in Fluren und Dielen aufhielten, wurden ohne viel Federlesens mit sanften Betäubungsstrahlen außer Gefecht gesetzt. Die Wirkung würde höchstens ein, zwei Minuten anhalten, aber das genügte bereits, um den Überraschungseffekt zu gewährleisten. Im unteren Stockwerk befand sich ein großer, mit flauschigem Teppichboden ausgelegter Raum, spärlich möbliert. Die Szene, die sich den eindringenden Agenten dort darbot, war so außergewöhnlich, daß sie zweimal hinsehen mußten, um sie zu begreifen. Mitten im Zimmer stand ein etwa fünfzigjähriger Mann, fett, grottenhäßlich, mit Sicherheit alles andere als ein Frauentyp — und zu allem Überfluß auch noch nackt. Er wurde von vier bezaubernden, ebenfalls unbekleideten Frauen gnadenlos angehimmelt, als ob der griechische Jüngling Adonis höchstpersönlich vom Himmel herabgestiegen sei, direkt aus den Armen der schönen Aphrodite. Die Grazien machten sich ungeniert am Körper des Dicken zu schaffen, der die leidenschaftlichen Zärtlichkeiten sichtlich genoß. Sichtlich - und hörbar, denn er schnaufte dabei wie ein kurzatmiges Walroß. Auf dem Kopf trug der Mann eine Art Helm oder Haube, unter der ein paar fettige Haarsträhnen hervorlugten. Rechts und links am Helm war jeweils eine winzige Antenne angebracht. Erst nachdem einige Sekunden vergangen waren, fiel den erstaunten Agenten das Kamerateam auf, das sich im Zimmer positioniert hatte und die pornographische Szenerie von mehreren Sei-
ten aufzeichnete. »Schnitt!« rief ein kleiner schmächtiger Mann, wahrscheinlich der Aufnahmeleiter. Mit erboster Miene trat er auf die Graugekleideten zu und stemmte provozierend die Fäuste in die Hüften. »Was haben Sie hier verloren?« fragte er feindselig. »Sehen Sie nicht, daß hier ein Kunstwerk gedreht wird?« Die GSO-Agenten waren nicht gekommen, um Preise zu verleihen. Schweigend verteilten sie sich im Raum und legten allen Anwesenden Handfesseln an. Die Mädchen und der Dicke durften sich vorher ankleiden. Der merkwürdige Helm wurde beschlagnahmt. »Das werden Sie bereuen!« zeterte der Aufnahmeleiter. »Ich kenne den hiesigen Polizeipräsidenten!« Zwei der Agenten schauten sich grinsend an. Sie wußten, daß sie nichts zu befürchten hatten, immerhin handelten sie auf höchste Weisung. Was war schon irgendein Polizeipräsident gegen den Leiter der GSO? Inzwischen war auch das obere Stockwerk durchsucht worden. Auch dort hatte der stumme Trupp Verhaftungen vorgenommen. In zahlreich aufgestellten Feldbetten hatte man Süchtige aus allen Bereichen des Drogenkonsums vorgefunden, völlig weggetreten von der Wirkung ihrer Pillen, Spritzen, berauschenden »Drinks« oder Opiumpfeifen. Was genau jeder einzelne zu sich genommen hatte, ließ sich vor Ort nicht feststellen, dafür waren die GSO-Mediziner zuständig. Jeder der Süchtigen trug bei der Festnahme einen jener seltsamen Antennenhelme.
»Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich bei den Helmen um Aufzeichnungsgeräte«, teilte Bernd Eylers Bert Stranger mit, mit dem er um elf Uhr morgens (Ortszeit Addis Abeba) beim Frühstück saß -- nach drei Stunden Schlaf und einer anschließenden belebenden Dusche. »Zumindest hat das die erste Untersuchung ergeben. Für genauere Prognosen ist es noch zu früh, schließlich sind wir keine Zauberkünstler.« »Aufzeichnungsgeräte«, wiederholte der Reporter nachdenklich. »Um was aufzuzeichnen? Gehirnströme vielleicht?« »Sie denken docJi wohl nicht an ein Gedankeniesegerät? So et 58 was gehört in den Bereich der Science Hction. Zwar hat die terranische Wissenschaft Apparaturen entwickelt, mit denen gewisse Empfindungen sieht- und lesbar gemacht werden können, aber mehr als ein Türchen zur Gedanken- und Traumwelt der Menschen kann man damit nicht öffnen. Das ist auch gut so. In seine Mitmenschen sollte man nur bis zu einem begrenzten Bereich hineinschauen dürfen, der Rest ist tabu.« »Da bin ich ganz Ihrer Meinung, Eylers. Ich vermute, die helmartigen Geräte ertasten mit ihren hochempfindlichen Sensoren sowohl Ängste als auch Hochgefühle der Süchtigen und speichern alles ab. Im Klartext: Man zeichnet ihre Räusche auf - um sie später auf die Intensivchips zu übertragen. Dadurch werden die im Studio gedrehten Holoaufnahmen bei der Ausstrahlung besonders intensiv empfunden, und dieses starke Empfinden regt im Gehirn die Produktion der Suchtstoffe an. Das ist, wie gesagt, natürlich nur eine Vermutung. Alles weitere...« »... können Sie getrost unseren Wissenschaftlern überlassen«, ergänzte der GSO-Leiter den Satz. »Meine Männer haben diverse Aufzeichnungsgeräte und Chips beschlagnahmt. In unseren Labors werden wir schon herausfinden, wie genau das ganze funktioniert, da bin ich mir völlig sicher. Bis es soweit ist, werde ich versuchen, ein Verbot des Sensoriums in die Wege zu leiten. Ach ja, denken Sie bitte daran, daß Sie noch zwei Tage nichts verlautbaren lassen dürfen. Stranger.« Bert grinste. »Das weiß ich, schließlich habe ich Patterson überredet, Ihnen noch eine zusätzliche Frist zu gewähren. - Wissen Sie, was ich merkwürdig finde? Daß im Haus mit der Nummer Siebzehn nur Menschen anzutreffen waren und keine Tel.« »Die abtrünnigen Tel halten sich im Hintergrund, damit man ihnen nichts nachweisen kann. Die GSO wird sie früher oder später aufstöbern; nötigenfalls bitte ich die Tel-Regierung um Hilfe. Verlassen Sie sich darauf. Stranger: Der Sensorium-Spuk hat bald ein Ende!« Ein Ende hatte auch Strangers Aufenthalt in Addis Abeba. Während sich Eylers umgehend daran machte, für die bevorstehende Presseveröffentlichung noch so viele Fakten wie möglich zu schaffen, lagen vor dem Journalisten zwei Tage des süßen Nichtstuns. Zwei Tage, die er mit seiner Neueroberung Veronique de Brun verbringen wollte. Veronique und er waren sich im Verlauf ihres gemeinsamen Hafenabenteuers nähergekommen, und diesen Kontakt wollte Bert
nicht einschlafen lassen. Genauer gesagt: Er war verknallt bis in die Sommersprossen. Clint und Stranger benutzten den Transmitter nach Paris. Von dort aus buchte der Reporter ein Ticket für die Magnetbahn nach Lyon. Zur Weiterfahrt nach dem abgeschiedenen Örtchen Le Puy, wo die zur Wallis-Gruppe gehörige Firma Biotechnologique lag, würde er sich dann einen Schweber mieten. Veronique hielt sich derzeit aus Sicherheitsgründen ständig auf dem Firmengelände auf, auch über Nacht. Sie fürchtete sich vor der Rache der Marseiller Hafengangster, von denen sie in Notwehr zwei getötet hatte. Bert hielt ihre Angst für übertrieben, schließlich hatte er alles darangesetzt, ihren Namen aus der Sache herauszuhalten. Es erschien ihm unwahrscheinlich, daß der einzige Überlebende ihrer Verfolger Veronique erkannt haben könnte. Der Abendzug, der etwa eine Stunde für die Strecke Paris-Lyon benötigte, war gut besetzt. Wie es Strangers Gewohnheit war, ließ er seinen Blick an den Sitzreihen vorbeiwandem und machte sich Gedanken über die anderen Fahrgäste. Mutter mit zwei Kindern. Erwartete sie ihr Ehemann am Zielort? Sie sah unglücklich aus. Mochte sie ihren Mann nicht? Tyrannisierte er sie und die Kinder? War sie wirklich auf dem Weg zu ihm, oder hatte sie ihn gerade verlassen? Pfeiferauchender Greis. Er machte einen entspannten Eindruck. Vielleicht ließ er soeben sein erfülltes Leben vor seinem inneren Auge an sich vorüberziehen. Ob er alleinstehend war? Beabsich 60 tigte er, in Lyon seine Kinder und Enkel zu besuchen? Oder fuhr er weiter nach Marseiile, ans Meer, um seine alten Knochen in der warmen Frühjahrssonne der Cöte d'Azur zu baden? Zwei junge, kichernde Mädchen. Worüber lachten sie wohl? Über ihre Verflossenen? Oder hatten sie in Paris etwas ungeheuer Witziges im Holokino gesehen? Etwa fünfzigjähriger, schlanker Mann mit aktiviertem Senso-rium. Der vernachlässigten Kleidung nach war er höchstwahrscheinlich Junggeselle. Leider ließ sein tiefernster Gesichtsausdruck keine Schlüsse darauf zu, welche Art von Chip er im Gerät hatte - einen normalen oder einen Intensivchip. Bert Stranger kümmerte sich nicht weiter darum. Eylers hatte ihm versichert, daß der Spuk mit den Suchtchips bald vorbei sein würde, und er vertraute ihm. Sein Vertrauen ging jedoch nicht soweit, daß er Eylers verraten hätte, wie er an die Adresse in Addis Abeba gekommen war. Den Namen seines zwielichtigen Informanten Osman Mülyz gab er nicht preis. Mülyz war ein Verbrecher übelster Sorte, doch Stranger stand bei ihm im Wort. Er würde ihn nicht verraten, sondern irgendwann und irgendwo selbst mit ihm abrechnen. Deshalb hatte er sich auf seine journalistische Schweigepflicht berufen - so wie sich Bernd Eylers auf seine Schweigepflicht berufen würde, wenn die Tel wegen Dar Soba nachfragen würden. Der Journalist nahm in der Magnetbahn Platz. An der Rücklehne seines Vordermannes war ein Kopfhörer angebracht. Wahlweise konnte man Entspannungsklänge vom Band hören oder sich in aktuelle Musik- und Nachrichtenkanäle einklinken. Bert bevorzugte einen ihm bekannten Sender, der rund um die Uhr Live-Musikwünsche der Hörer erfüllte. »Sie hörten gerade >More Wine< von der aufstrebenden jungen Girlsgroup >Country<«, sagte der Moderator den letzten Song ab. »Nicht zum ersten Mal am heutigen Tag - und sicherlich auch nicht zum letzten Mal. >More Wine< zählt zu den absoluten Lieblingstiteln unserer Hörerschaft und befindet sich auf dem Weg an .ie Hitparadenspitze. Wir schalten jetzt unseren nächsten Hörer zu. Hallo? Was kann ich für Sie tun?« Stranger konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er kannte sich aufgrund früherer Reportagen in der Musikbranche aus und wußte, wie sogenannte »Superhits« gemacht wurden. Das Rezept war fast immer dasselbe: Man nehme ein Musikstück, das so ungefähr den Allgemeinheitsgeschmack trifft und ins Ohr geht. Damit das Liedchen häufig ausgestrahlt wird, sind gute Beziehungen zu den jeweiligen Musikredaktionen überaus wichtig - wichtiger als die Qualität des Stückes selbst. Wer über solche Beziehungen nicht verfügt, mobilisiert seine gesamte Verwandtschaft, sämtliche Freunde und den sonstigen Bekanntenkreis, sich den betreffenden Titel in möglichst vielen Wunschmusikprogrammen möglichst oft zu wünschen, so lange, bis auch der letzte Zuhörer begriffen hat, um was für eine phantastische Aufnahme es sich handelt. Zudem kann es nichts schaden, bei Anrufen im Sender konkurrierende Musiktitel dezent zu kritisieren (»Unerträglich für mein geschultes Ohr, doch vielleicht sehen das die übrigen Hörer anders.«), wobei es wichtig ist, nur den Titel der geschmähten Aufnahme zu nennen, keinesfalls aber den Interpreten - schließlich will man seinen Namen nicht unnötig bekannt machen. Bert Stranger verfügte über große Erfahrung im Medienbereich, und er lernte ständig hinzu.
Man mußte sich höllisch anstrengen, wollte man stets auf dem laufenden bleiben. Die technische Entwicklung auf diesem Gebiet legte ein Tempo vor, daß einem schwindelig wurde. Hätte ihm vor einem Jahr jemand vom Senso-rium erzählt, er hätte ihn einen Zukunftsspinner genannt. Mittlerweile war dieses außergewöhnliche, aber leider auch brandgefährliche Gerät bei der Bevölkerung gang und gäbe, und seine Beliebtheit breitete sich mindestens ebenso schnell aus wie die eines hitverdächtigen Ohrwurms. Eylers würde es schwer haben, ein Verbot durchzusetzen. Kegelroboter Clint schwebte in Berts Nähe im Zwischengang. Wollte jemand an ihm vorbei, machte er ihm bereitwillig Platz, 62 ohne jedoch Stranger auch nur einen Sekundenbruchteil aus den Sensoren zu lassen. Auch den Mann mit dem Sensorium, der aufgestanden war und offenbar die Bordtoilette aufsuchen wollte, ließ er passieren. Plötzlich überschlugen sich die Ereignisse. Der Unbekannte zückte einen Hochenergieschocker und drückte ihn an eine hochsensible Stelle des Roboters, um ihn auf diese Weise zu neutralisieren. Ganz offensichtlich verfügte er über exakte technische Kenntnisse die Kegel betreffend. Clint war nicht entgangen, daß der Fremde eine Nahkampfwaffe bei sich hatte, was allerdings in diesen gefährlichen Zeiten nichts Außergewöhnliches war. Hochenergieschocker waren lediglich die Weiterentwicklung von Elektroschockem, einer in früheren Jahren von Frauen bevorzugten Abwehrwaffe gegen Sittenstrolche. Zu spät hatte die Maschine begriffen, daß man damit nicht nur unkontrollierte menschliche Triebe, sondern auch Schaltkreise zum Erlahmen bringen konnte. Der Einsatz der einstigen Elektroschocker hatte nur selten zu Todesfällen geführt, schlimmstenfalls bei Herzkranken. Hingegen war die Überlebenschance eines Menschen, der mit einem Hochenergieschocker attackiert wurde, gleich Null. Dessen war sich Bert Stranger nur zu gut bewußt, als der »Sensorium-Mann« den Schocker auf ihn richtete und mit starrem Blick auf ihn zukam.
4. Nach dem Gemetzel hatte der Befehlshaber endlich Zeit für seine Besucher. Er stellte sich ihnen als General Gutter vor, führte sie in einen anderen Raum und bot ihnen bequeme Sitzplätze an. Die paßten sich der Körperform ihrer Benutzer an und zeigten damit, daß Bequemlichkeit nicht hinter militärischen Belangen zurückstehen mußte. Dieser Gefechtskommandostand im Berg war mit einem Luxus ausgestattet, der Alsop überraschte. Selbst Schrrotz und Kureran staunten Bauklötze. Roboter, die keine Ähnlichkeit mit Pscheriden oder anderen Humanoiden hatten, sondern deren Form allein vom Zweck bestimmt wurde, servierten Getränke. Eine Wand dieses Zimmers wurde von einer Holoprojektion dominiert, die das Schlachtfeld zeigte. Übriggebliebene Panzer waren zu sehen, die ausglühenden und qualmenden Wracks der zerstörten Kampf fahrzeuge, und auch die toten Zyzzkt, um die sich keiner der pscheridischen Soldaten kümmerte. Taktische Zeichen und Symbole waren überall eingeblendet und signalisierten wohl den Status des entsprechenden Objekts oder Bereichs. Alsop rührte die angebotenen Getränke nicht an. »Was ich hier miterleben mußte, ist nichts anderes als kaltblütiger Massenmord«, sagte er scharf. »Das hat mit Krieg und Selbstverteidigung nichts mehr zu tun, General. Das ist einfach nur ein entsetzliches Massaker.« Ausgerechnet Gisol fiel ihm in den Rücken. »Es waren Wimmelwilde«, sagte der Worgun. »Für jeden, der getötet wird, schlüpfen hundert andere aus ihren verfluchten Eiern und überfluten die Galaxis.« Gutter sah von einem zum anderen. »Man sagt, daß Sie Hohe sind«, sagte er. »Man sagt aber auch, daß wir einem Mörder gegenübersitzen«, konterte Alsop. »Die Zyzzkt hatten bereits kapituliert, weil sie 64 keine Chance mehr hatten, diesen Kampf zu gewinnen. Warum haben Sie sich nicht darauf beschränkt, sie gefangenzunehmen? Warum haben Sie sie hinrichten lassen? Denn etwas anderes als eine Massenhinrichtung war dieses Massaker doch nicht, General!« »Sind Sie nach Pscherid gekommen, um uns Vorwürfe zu machen, Hoher?« fragte Gutter zurück. Nichts an seinem Tonfall verriet Ärger. Der General hatte sich völlig unter Kontrolle. Er führ fort: »Ich dachte bisher, gerade die Hohen hätten allen Grund, die Massenvermehrer
auszulöschen.« »Ihre Annahme ist korrekt, General«, sagte Gisol. Der Schlächter, dachte Alsop. So wurde der Rebell der Myste-rious von seinen Gegnern genannt, weil er die Zyzzkt tötete, wo er eine Möglichkeit dazu fand, und dabei mindestens in einem Fall nicht einmal Rücksicht auf Angehörige seines eigenen Volkes genommen hatte. Das ging aus seiner eigenen Erzählung hervor, und Alsop ahnte, daß das, was der Worgun während des Anflugs auf Om aus seiner Jugendzeit erzählt hatte, nur die Spitze des Eisbergs war. Es gab sicher noch sehr viel mehr zu berichten... * »Die Zyzzkt im Kampf zu besiegen ist etwas anderes als sie zu ermorden, wenn sie ihre Waffen niedergelegt haben«, erwiderte Alsop frostig. Der General beugte sich vor. »Ich möchte Ihnen etwas erzählen. Sie Moralist«, sagte er. »Hören Sie mir genau zu. Da oben«, er deutete zur Zimmerdecke, »kreisen die Raumschiffe der Zyzzkt. Es werden immer mehr, und sie schleusen immer mehr Truppen aus, um uns niederzukämpfen. Nicht nur uns hier in den Bergen, sondern überall auf Pscherid. Sie wollen uns vernichten. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand. Erst am vorigen Tag wurde meine Vaterstadt Dußdro dem Erdboden gleichgemacht. Dabei kamen fast 500 000 Zivilisten ums Leben.
* Siehe REN DHARK-Sonderband 18: »Rebell der Mysterious«
Unschuldige Männer, Frauen, Kinder, Greise, Alte, Kranke. Leute, die niemals jemandem etwas Böses taten, die an Krieg nicht einmal dachten. Pscheriden, die einfach nur leben wollten, aber sie durften nicht mehr leben, weil die Zyzzkt es nicht wollten. Sie sind im Strahlfeuer verbrannt, sie sind nur noch Asche. Kinder, die ihr ganzes Leben noch vor sich hatten. Frauen und Männer, die von anderen geliebt wurden. Nichts blieb übrig. Die Stadt ist ein riesiges Massengrab. Möchten Sie wissen, wie dieses Massengrab aussieht? Eine große Fläche aus Glas, zerschmolzen von den Waffen der Zyzzkt. Und Sie moralisieren über ein paar Handvoll tote Zyzzkt-Soldaten, die möglicherweise an dieser Schlächterei beteiligt waren? Oder sie billigend in Kauf nahmen?« »Ich jedenfalls billige nicht, daß...« »Unterbrechen Sie mich nicht!« führ der General ihn an. »Auch als Hoher haben Sie nicht das Recht dazu. Sie sind Gast auf unserem Planeten. Wir hoffen, daß die Hohen uns endlich in unserem Kampf unterstützen, aber wir lassen uns nicht vorschreiben, wie wir mit Massenmördern umzugehen haben. Sollen wir sie auch noch durchfüttern aus Dankbarkeit dafür, daß sie oder ihre Artgenossen unsere Familienangehörigen in flirrende Gaswolken verwandelt haben? Hoher, Sie haben nicht gesehen, wie meine Stadt verbrannte, aber Sie haben gesehen, wie das Dorf Ihrer Begleiter Schrrotz und Kureran verdampfte. Reicht Ihnen das nicht?« »Auge um Auge, Zahn um Zahn, Blut um Blut«, murmelte Al-sop verbittert. Sein Zweites System war in der Lage, über die Rückschaltphase seine Gemütslage zu erfassen und seiner Stimme den entsprechenden Klang zu geben. »Genau so ist es«, sagte der General. »Leben um Leben, Tod um Tod. Aber das Problem ist größer. Töte einen Wimmelwilden, und während du es tust, wachsen hundert von ihnen nach. Man muß tausend von ihnen töten, um ihnen Einhalt zu gebieten. Ihr Begleiter, Hoher, sieht das wesentlich rationaler.« Dabei nickte er Gisol anerkennend zu. »Wer den Mörder ermordet, stellt sich mit ihm auf die gleiche 66 niedrige Stufe«, sagte Alsop. »Aber er hat eine Chance, danach nicht selbst ermordet zu werden«, konterte Gutter sofort. »Die Wimmelwilden greifen gnadenlos an. Sie haben keine Gnade verdient. Denn sie erweisen auch uns keine Gnade. Sie sind gefühllos. Sie kennen keine Liebe und nicht einmal Haß. Sie vernichten einfach nur. Wer die Waffe erhebt, wird durch die Waffe umkommen, wie das Sprichwort sagt. Sie haben es durch ihr Vorgehen nicht anders verdient.« Alsop schüttelte den Kopf. Er kannte diesen Spruch aus der Bibel, nur der Begriff war anders: Wer zum Schwert greift, wird durch das Schwert umkommen. »General, sind Sie sicher, daß nicht auch Sie durch die Waffe umkommen werden, die Sie erhoben haben?« »Niemand kann seinem Schicksal entkommen«, sagte Gutter, »was auch immer er versucht. Wenn es mein Schicksal ist, in diesem Kampf zu sterben, sterbe ich. Aber ich weiß, daß ich dann alles versucht habe, meinem Volk zu helfen und es gegen die mörderischen Zyzzkt zu verteidigen. Andere werden mir folgen, meine Arbeit fortsetzen und vollenden.« »Aber was nützt es Ihnen, wenn Sie dann nicht mehr leben?« »Ich bin Soldat«, sagte der General. »Als ich mich für diese Laufbahn entschied, wußte ich, was mich erwartet. Sieg oder Niederlage. Langes Leben oder rascher Tod. Ich fürchte den Tod nicht. Er ist mein ständiger Begleiter, er ist fast schon mein Freund.«
ERINNERUNGEN:
Terra, Anfang Juni 2056 Langsam ging Echri Ezbal zu seinem Platz zurück und ließ sich nieder. »Holger.« Seine Stimme klang mhig. Seine Augen strahlten eine Ruhe aus, die zum Klang seiner Stimme paßte. »Niemand kann vor sich selbst davonlaufen! Und Sie haben sich freiwillig für jeden Einsatz im Dienst der TF gemeldet. Sie sind bei Ihrem Entschluß geblieben, auch als man Sie warnte und Ihnen sagte. Sie könnten schon beim ersten Einsatz Dir Leben verlieren. Sie werden es nicht verlieren! Nicht ich, sondern Sie werden zu den beneidenswerten Menschen gehören, die mit dreihundert Jahren noch so jung sein werden, wie Sie es jetzt sind! Holger, Sie bleiben Mensch, selbst als Cyborg! Irgend etwas läuft Ihnen wie ein Schatten nach, und ich kann nicht herausfinden, an welcher Seite sich Dir Schatten befindet, ich...« Da verlor Holger Alsop den letzten Rest seiner bisher mühsam gewahrten Beherrschung. Seine Augen blitzten, sein Gesicht wurde blaß, und seine Stimme klang scharf. »Ich will den Tod nicht zum Freund haben, Ezbal! Ich will nicht draufgehen, wenn gewissenlose Kreaturen, die sich Wissenschaftler nennen, mich verstümmeln. Ich will leben! Ja, ich bin bereit, in den gefährlichsten Einsatz zu gehen, aber ich will den Tod nicht zum Freund haben! Der holt mich noch früh genug!« GEGENWART P sehend, Ende April 2059 »Was ist das eigentlich für eine Waffe, mit der die Panzer gestoppt wurden?« unterbrach Gisol das Streitgespräch zwischen Alsop und dem General sowie Alsops auf anderer Ebene ablaufenden Erinnerungssegmente. Der Cyborg fragte sich einmal mehr, warum ihn diese Erinnerungen an seine »Anfangszeit« ausgerechnet jetzt überkamen, hier auf einer fremden Welt, in einer fremden Galaxis. Er fand keine Antwort, und er verzichtete auch darauf, die 68 Fragestellung von seinem Programmgehim analysieren zu lassen, weil es im Grunde irrelevant war. »Oszillationsgranaten«, sagte Gutter und glaubte damit eine unifassende Erklärung abgegeben zu haben, nur ließ sich der Wor-gun davon nicht zufriedenstellen. »Was ist das für eine Wirkungsweise?« hakte er nach. »Die Oszillationsgranaten erzeugen Schwingungen, die in der Lage sind, Unitall zu durchdringen und den Antrieb innerhalb der Panzer lahmzulegen.« »Deshalb also blieben die Kampfwagen plötzlich stehen«, sagte Alsop. »Aber Waffen und Antrieb sind zwei verschiedene Dinge.« »Auch die Waffensysteme werden blockiert«, gestand Gutter, um gleich darauf einzuschränken: »Das alles funktioniert allerdings nur bei Waffen, die nicht von Intervallfeldem geschützt sind.« Der Weiße Blitz, durchzuckte es Alsop. Die galaktische Katastrophe, als durch die letzte Transition der Galaxis Drakhon eine überlichtschnelle Schockwelle ausgelöst wurde, die bis ins damalige, heute nicht mehr existierende Exspect hinaus lief und jegliche Mysterioustechnik lahmlegte, die nicht von Intervallfeldem geschützt war! Aber das war hiermit keinesfalls vergleichbar. Was seinerzeit Drakhon ausgelöst hatte, konnte mit normalen Mitteln niemals nachvollzogen und ausgeführt werden. Die Waffe, welche die Pscheriden einsetzten, hatte damit garantiert nichts zu tun. Es mußte sich um ein völlig anderes Blockierungsprinzip handeln. »Wie genau funktioniert das?« fragte Gisol und nahm damit Alsops Frage vorweg. »Das kann ich Ihnen leider nicht erklären«, erwiderte der General. »Können Sie nicht oder wollen Sie nicht?« hakte Gisol nach. »Ich kann es nicht«, gestand General Gutter. »Ich bin Soldat, kein Ingenieur. Ich weiß, wie und wogegen ich eine Waffe einsetze, nicht aber, wie man sie baut. Dafür sind andere zuständig.« »Ich akzeptiere das«, sagte der Worgun. Gutter warf Alsop einen fragenden Blick zu, als wolle er sich vergewissem, daß dieser der gleichen Meinung war wie der andere Hohe. Alsop zeigte keine Regung, die Gutter hätte deuten können. Der General lehnte sich wieder zurück. Er wirkte äußerlich etwas entspannter, aber dem Cyborg entging nicht, daß er nach wie vor von Streßhormonen durchströmt wurde. »Ich will ja nicht aufdringlich erscheinen«, sagte Gutter, »aber in der Hektik der Kampfhandlungen während Ihrer Ankunft sind mir Ihre Namen nicht genannt worden, oder ich
habe sie bedauerlicherweise vergessen und muß deshalb um Entschuldigung bitten. Meinen Namen und Rang kennen Sie. Darf ich fragen...« »Sie dürfen«, sagte der Mysterious. »Ich bin Gisol, und mein Begleiter heißt Alsop.« Gutter zuckte leicht zusammen und schloß sekundenlang die Augen. Er schien nachzudenken. »Gisol und Alsop«, sagte er dann gedehnt, und noch einmal: »Gisol und Alsop... der Name Alsop sagt mir nichts, aber Gisol? Doch nicht etwa der Gisol?« Selbiger nickte stumm. Gutter erhob sich und kam um seinen Arbeitstisch herum. »Damit hätte ich niemals gerechnet, daß ausgerechnet der legendäre Gisol hier erscheint. Das kann einfach nicht sein...«
»Legendär?« fragte Gisol. »Ich dachte bisher immer. Legenden rankten sich nur um tote Helden, nicht um Lebende.« »Sie sind wirklich Gisol?« »Wie oft soll ich es noch bestätigten?« fragte der Worgun etwas genervt zurück und fügte ironisch hinzu: »Ich gehe mal davon aus, daß Sie nicht darauf aus sind, die Kopfprämie zu kassieren, die die Zyzzkt auf mich ausgesetzt haben...« »Natürlich nicht!« empörte sich der General. »Sie sind ein Held, 70 einer, der es gewagt hat, sich den Wimmelwilden in den Weg zu stellen!« Er umschritt Gisol, als habe er ein seltenes Tier vor sich, betrachtete ihn von allen Seiten, und soweit Alsop Mimik und Gestik der Pscheriden inzwischen einzuschätzen vermochte, zeigte er dabei unverhohlen seine Bewunderung für den Mysterious. »Es ist fantastisch«, brachte er hervor. »Unsere Gebete wurden erhört. Die Stemengötter geben uns eine Chance...« »Wenn Sie sich an mir sattgesehen haben, können Sie uns das vielleicht einmal erklären«, bat Gisol. Gutter zuckte zusammen. »Verzeihen Sie, Hoher«, murmelte er. »Aber ich bin einfach überwältigt. Zwei Hohe auf Pscherid, und dann auch noch Gisol persönlich... das ist etwas, worauf wir niemals zu hoffen wagten. Aber nun wird alles gut. Sie sind doch sicher hier, um den Zyzzkt eine vernichtende Niederlage beizubrin-gen. Mit der Kampftruppe der Hohen, die Sie zusammengestellt haben...« »Wie bitte? Wovon reden Sie, General?« Der stutzte. »Etwa... etwa nicht...?« Er war fassungslos. Er taumelte fast, als er hinter seinen Arbeitstisch zurückkehrte und sich in seinen Sessel fallen ließ. »Sie -Sie haben nicht...?« Gisol lachte bitter auf. »Sie entwickeln eine blühende Fantasie, General«, sagte er. »Woher soll ich eine solche Kampftruppe rekrutieren? Meine eigenen Leute verabscheuen mich, nennen mich Schlächter. Wer sollte sich da freiwillig an meine Seite stellen?« »Aber Alsop hat es doch getan!« »Ich bin kein Worgun«, sagte Alsop. »Ich bin keiner der Hohen. Ich bin ein Terraner. Meine Heimatwelt liegt in einer Galaxis, zehn Millionen Lichtjahre von hier entfernt.« Gutter war wie erschlagen. Er sank über seinem Arbeitstisch zusammen und stützte den Kopf auf seine Hände, verbarg sein Gesicht. »Kein Hoher... der legendäre Gisol allein... warum, ihr Götter, gebt ihr mir erst die größte Hoffnung und nehmt sie dann wieder?« Er hob den Kopf. »Bitte«, sagte er leise. »Bitte, lassen Sie mich für eine Weile allem. Ich muß nachdenken.«
Gut zehn Minuten später kam er nach draußen. Er schien sich wieder gefangen zu haben. »Verzeihen Sie einem alten Krieger, der sich einen Moment lang irrationaler Euphorie hingab«, sagte er. »Es ist vermessen, an Wunder zu glauben. Die gibt es nicht.« »Manchmal doch«, erwiderte Alsop. »Wenn man fest genug daran glaubt.« »Was wollen Sie damit sagen?« fragte Gutter. »Nichts, was diese Situation betrifft«, sagte der Cyborg. »Aber wenn man die Hoffnung nicht aufgibt, geschehen manchmal Dinge, die uns als Wunder erscheinen. Vielleicht wird es ein solches Wunder auch für Pscherid geben. Nicht heute und nicht morgen, und sicher nicht durch Gisol und mich herbeigeführt.«
»Wo sind Ihre beiden Begleiter, die beiden Bauern?« fragte der General. »Schrrotz und Kureran? Sie verließen uns, als wir ins Freie gingen. Sie wollen sich der Truppe anschließen. Vermutlich bekommen sie gerade jetzt Uniformen angepaßt.« Gutter zuckte mit den Schultern. »Sie werden sterben«, sagte er. »Sie werden in ihren neuen Uniformen sterben. Nicht, weil sie schlecht ausgebildet wären, sondern weil sie blind vor Haß sind. Ich habe diesen Haß in ihnen gesehen. Sie wollen nur Rache, und das treibt sie in den Tod.« »Sie etwa nicht?« fragte Alsop. »Haben Sie nicht eben erst versucht, mit klarzumachen, weshalb Sie Zyzzkt-Soldaten ermorden ließen? Als Vergeltung für die Vernichtung Ihrer Heimatstadt?« »Es hätte jede andere Stadt sein können. Es war keine Vergel 72 tung, keine Rache - nur eine Antwort. Sie haben das nicht verstanden, Alsop. - Warum sind Sie hier?« fragte er dann unvermittelt. »Was hat Sie in diese Galaxis getrieben?« Der Cyborg wies auf Gisol. »Seine Geschichte«, sagte er. »Wir Terraner sind ein neugieriges Volk. Wir sind hier in dieser Galaxis, weil wir wissen wollen, was geschieht. Und ob wir helfen können.« Daß eine solche Hilfe Ter-ras Kraft überstieg, erwähnte er vorsichtshalber nicht. Einen solchen intergalaktischen Krieg konnte die Erde sich niemals leisten. Die Menschheit hatte noch an den Kämpfen gegen die Grakos zu kauen, der Staatshaushalt war auf Jahrzehnte hinaus hoch verschuldet, und jeder weitere Kraftakt dieser Art würde den Untergang bringen. Zudem gab es auch in der Heimat noch genug Probleme, denn der Friede mit den Tel stand auf sehr wackeligen Beinen. Terra hatte den Mysterious viel zu verdanken, vielleicht sogar seine ganze Existenz, aber ein militärisches Eingreifen in Om war unmöglich. So zumindest sah es Alsops Logiksektor, und so sah es sogar Ren Dhark, aber der Commander der Planeten hoffte wohl, irgendeine Möglichkeit zu finden, mit der er das Rad der Om-Geschichte auch ohne Kampfgeschwader und teure extragalaktische Kriegführung weiterdrehen konnte. Deshalb waren zehn terrani-sche Ringraumer hier in Om, und deshalb waren Gisol und Alsop hier auf Pscherid. »Dann wollen Sie auch wissen, wie es zu dem gegenwärtigen Krieg kam«, vermutete der General. »Wir haben seit mehreren Jahrhunderten insgesamt fünf bis dahin unbewohnte Sonnensysteme in der Nachbarschaft kolonisiert. Natürlich bekamen wir rasch mit, daß wir nicht allein in der Galaxis sind, daß es viele andere Völker gibt, und wir erfuhren von den Hohen, die einst Om beherrschten und den Völkern vieler Welten den Fortschritt brachten. Wir erfuhren aber auch von den Zyzzkt, und daß sie die Hohen, die einstigen Wohltäter Oms, besiegt und auf einen Planeten vertrieben hatten, den keiner von uns kennt.« »Epoy, meine Heimatwelt. Die Heimatwelt aller Worgun«, sagte Gisol leise. »Bei unseren Vorstößen in die Weiten des Weltraums«, fuhr Gutter fort, »stießen wir immer wieder auf Hinterlassenschaften der Hohen. Wir lernten einen Teil ihrer Technik kennen, wir lernten ihre Sprache und nahmen einige ihrer technischen Hinterlassenschaften in Besitz. Aber wir lernten auch die Zyzzkt kennen, wir erfuhren, daß sie die Hohen einst besiegten. So erfuhren wir auch von der ungeheuren Expansionswut der Zyzzkt, von ihrem Drang, immer mehr Planeten für sich und ihre Brut in Besitz zu nehmen, und wir, die wir selbst gerade begannen, andere Welten zu kolonisieren, fürchteten, daß die Wimmelwilden - dieser Ausdruck stammt von den Worgun - auch uns angreifen würden. Unsere Befürchtung wurde zur traurigen Wirklichkeit, als vor etwa 50 Jahren die Zyzzkt auch hier auftauchten und kategorisch forderten, daß wir Pscheriden auch Zyzzkt auf unsere dünnbesiedelten Kolonialwelten ließen.« »Das war ein tödlicher Fehler«, sagte Gisol. »Heute wissen wir das«, erwiderte Gutter. »Damals waren wir noch wesentlich unbedarfter. Wir wußten zwar, daß die Massenvermehrer die Hohen verdrängt hatten, aber wir hielten das für eine Art Machtkampf zweier rivalisierender, hochtechnologisierter Völker, einen Verdrängungswettbewerb, in dem einer der Sieger und der andere der Verlierer sein mußte. Wir durchschauten die Zyzzkt noch nicht. Heute wissen wir es besser. Aber nun ist es zu spät. Wir hätten ihnen schon damals Widerstand leisten und unsere Planeten für sie sperren sollen.« Gisol lachte kurz und hart auf. »Wie hätten Sie das machen wollen? Wie kann man einer Rasse von Mördern widerstehen, die die großartigste, aber auch gefährlichste und vernichtendste Technik benutzt, die es jemals gab? Nämlich unsere Technik, die der Worgun! Sie haben sie uns gestohlen und setzten sie erst gegen uns und jetzt auch gegen andere ein.«
74 Faktisch hat er recht, aber muß er das auf diese überhebliche Art formulieren? dachte Alsop, der über die Rückschaltphase seines Zweiten Systems nicht nur wie ein menschlicher Computer, sondern auch wie ein normaler Mensch denken und empfinden konnte, und diese Rückschaltphase hielt er derzeit geöffnet. Die großartigste Technik, die es jemals gab - welche Arroganz! War es da ein Wunder, daß das Reich der Worgun untergegangen war? Irgendwann fordert der Größenwahn seinen Tribut, und im Zenit ihrer Macht waren die Mysterious in die Dunkelheit gestoßen worden, so wie es vielen anderen Reichen ergangen war, deren Beherrscher keine Grenzen mehr gekannt hatten. Die irdische Geschichte war voll von entsprechenden Beispielen, und warum sollte es in Weltraumtiefen anders sein? Irgendwann kam immer jemand, der den Hohen erniedrigte und selbst aufstieg in neue Höhen. So wie es die Zyzzkt in Om getan hatten... Das Reich Alexanders des Großen, Rom, das Reich der Mitte, das britische Weltreich - sie alle waren an ihrer Größe und Selbstüberschätzung zerbrochen. »Wie auch immer«, fuhr Gutter derweil fort, »wir machten den unverzeihlichen Fehler, ihnen Zugang zu unseren Welten zu gewähren. Wir ahnten nicht, wie ungeheuer groß der Bevölkerungsdruck der Zyzzkt mittlerweile sein muß. Sie pflanzen sich völlig unkontrolliert fort. Auch auf unseren Kolonialwelten vermehrten sie sich rasend schnell. Wir Pscheriden wurden bald an den Rand gedrängt und schließlich gezwungen, nach Pscherid zurückzukehren. Auf unseren eigenen Planeten gab es keinen Platz mehr für uns! Überall waren Zyzzkt, immer mehr Zyzzkt. Sie fragten nicht - sie bauten einfach immer mehr Städte, Raumhäfen, auf unseren Feldern, in unseren Welten, sie bauten ihre Städte um unsere Städte herum, über unsere Straßen hinweg. Auf Bitten, Warnungen und Drohungen reagierten sie nicht, und plötzlich waren sie so viele, daß eine Million von ihnen auf einen von uns kamen. Sie verlangten noch mehr Platz, und wir mußten die Planeten aufgeben. Damals riskierten wir noch keinen Krieg. Das war unser zweiter Fehler. Wir dachten, sie würden sich damit zufriedengeben, wenn sie ein paar unserer Planeten übernahmen. Aber sie übernahmen alle unsere Planeten. Plötzlich gab es Pscheriden nur noch aufPscherid! Dabei waren wir einst aufgebrochen, um unsere Heimatwelt zu entlasten, um Raum zu schaffen für jene, die dort zurückblieben!« »Aber auch dabei blieb es nicht«, sagte Gisol. General Gutter nickte. »Mit strengen Maßnahmen der Geburtenkontrolle gelang es uns, ein erneutes Übervölkerungsproblem zu vermeiden. Das stieß oft auf Probleme. Religionsführer und Philosophen wandten sich gegen diese Geburtenkontrolle. Wir mußten Kompromisse schließen, die keiner Seite gefielen. Dennoch versuchte unsere Regierung immer noch, den Frieden mit den Zyzzkt zu halten. Aber dann machten wir den dritten und letzten Fehler.« »Was haben Sie getan?« fragte Alsop. »Wir wußten inzwischen, wie versessen die Zyzzkt auf Ala-Metall sind«, führ der General fort. Noch bevor er fortfuhr, begann Alsop zu ahnen, wie es weiterging. Ala-Metall war die worguni-sche Bezeichnung für Tofirit. Dieses nach dem Metallurgen Ach-med Tofir benannte, rotfunkelnde Schwermetall, das im Jahr 2052 auf dem Planeten Jump und fast zeitgleich auf Hope entdeckt wurde, besaß das spezifische Gewicht von 481,072 kg/cm^. Seine Sprungpunkttemperatur lag bei 0,355 GrAD Kelvin. Die Bearbeitung wurde, wie Tofirs Kollege Poul Renoir herausfand, durch den Einsatz von Induktionsportalen möglich, die ein elektrisches Feld von 139 560 Volt und 48 Ampere erzeugen, woraufhin das Metall sich selbständig auf 29 287,6° Kelvin erhitzte und formbar wurde. Aber Tofirit war mehr als nur ein superschweres, superfestes Metall. Es war in der Lage, Hyperfunkstrahlen zu bündeln, zu richten und zu verstärken, in einer Form, die zunächst geradezu unwahrscheinlich wirkte. Doch das war längst nicht alles. Inzwischen wußten die Menschen, daß Tofirit den Mysterious als Kon-76 verterbrennstoff diente. In diesem Superschwermetall steckte ein unglaubliches Energiepotential. Deshalb war es bei den Mysterious - und auch bei den Zyzzkt, die sich der M-Technik hemmungslos bedienten - so sehr begehrt. Vermutlich war der Industriekomplex auf Hope, in dem die genialen Worgun Margun und Sola vor tausend Jahren die POINT OF konstruierten, Ren Dharks legendäres Flaggschiff, nur deshalb dort eingerichtet worden, weil es auf Hope ein großes Tofiritvorkommen gab. Tofirit war mehr als selten im Universum... Und Terra besaß unglaubliche Vorräte davon! Die Abteuf stellen auf Hopes Kontinent 4 und auf dem Planeten Jump waren lächerlich gering im Vergleich zu den Vorkommen im Asteroidengürtel des Achmed-Sy stems, das im Januar 2058 von den Prospektoren Jane und Art Hooker entdeckt worden war. Seither flogen Terras Ringraumer stets mit vollen Tofirittanks. Gutter sprach längst weiter: »... beuteten die sehr geringen Ala-Vorkommen unseres Planeten
aus, um sie den Zyzzkt als Handelsware anzubieten und uns -freizukaufenl« Er spie dieses Wort förmlich aus. »Es befindet sich überwiegend im Kern unseres Planeten. Wir selbst brauchen es nicht, weil wir unsere Energie mit fortschrittlicher Antimaterietechnik erzeugen und außerdem gar nicht in der Lage sind, Tofiritmeiler nach dem Vorbild der Hohen zu bauen.« Er sah zum Himmel empor. »Vor einem Jahr nun forderten die Zyzzkt plötzlich Schürfrechte auf Pscherid und wollten das Metall mit ihren eigenen Leuten abbauen. Doch unsere Regierung war nicht bereit, auch nur einen Zyzzkt nach Pscherid zu lassen. Wir hatten endlich begriffen: Wo heute ein Zyzzkt ist, sind morgen deren zwanzig. Die Zyzzkt, diese >Stemenpest<, als die viele sie bezeichnen, vermehren sich rasend schnell, und wenn sie erst einmal auf einem Planeten Fuß fassen, bekommt sie niemand mehr weg.« »Wer wollte dem widersprechen?« fragte Gisol trocken. »Wir Worgun mußten diese böse Erfahrung machen, ihr machtet sie, und viele andere in Om ebenfalls. Man kann sie nur auslöschen, wenn sie erst wenige sind. Wartet man zu lange, sind sie durch ihre Menge unbesiegbar. Wir haben einst zu lange gewartet. Wir waren auch so närrisch, sie lange Zeit agieren zu lassen, General. Wir hätten sie gleich zu Anfang bekämpfen sollen, statt eine friedliche Koexistenz zu erhoffen. Es war ein Fehler, den wir bitter bezahlen mußten.« Gutter gab einen seufzenden Laut von sich. »Unsere Ablehnung«, erzählte er weiter, »war für die Insektoiden ein Kriegsgrund. Sie wollen das Ala-Metall, aber sie wollen nicht dafür bezahlen. Seit drei Monaten nun greifen sie Pscherid an. Wir konnten uns bisher halten, weil wir schon seit der Vertreibung von unseren Kolonialwelten über dunkle Kanäle an eine ganz besondere Waffe gelangten, eine Waffe, die der Worguntechnik entstammt. Sie wird Mix-4 genannt. Damit können wir die Zyzzkt einigermaßen abblocken, denn sie greifen nicht einfach mit ihren Raumschiffen aus dem All an, weil sie Pscherid offenbar nicht unbewohnbar machen, sondern für ihre eigenen Zwecke haben wollen.« Mix-4, durchfuhr es Alsop. Die letzte moderne Waffe, welche die Mysterious noch hatten entwickeln können, ehe sie von den Zyzzkt besiegt wurden. Zumindest hatte Gisol das so berichtet. Die POINT OF, das bis dahin modernste Raumschiff der Mysterious, verfügte über die Waffenarten Mix-1 bis Mix-3. Mix-4 war erst später gekommen, als es längst keine Worgun in der Milchstraße mehr gab. Aber Gisols Raumschiff EPOY verfügte über Mix-4, das dazu diente. Intervallfelder aufzuweichen und durch-dringbar zu machen. Eine Waffe, die Gisol auf Hope selbst eingesetzt hatte, als er den terranischen Ringraumer EUROPA eroberte, um dieses vollständig aus Tofirit bestehende Raumschiff später zu zerlegen und mit seiner Substanz die Tofirittanks seiner eigenen S-Kreuzerflotte zu befüllen. Die Pscheriden verfügten also ebenfalls über Mix-4! »Diese dunklen Kanäle würde ich gern kennenlernen«, sagte Gisol. 78 »Abgelehnt«, entgegnete der General kalt. »Auch wenn Sie ein Hoher sind - es gibt Dinge, die wir niemals preisgeben werden. Wir haben dazugelemt.« »Das verstehe ich«, sagte Gisol. »Auch ich hatte immer mit Verrätern und Verrat zu kämpfen. Jene, denen ich vertraute, erwiesen sich plötzlich als meine Feinde. Ich werde Sie nicht bedrängen, gegen Ihren Willen, gegen Ihre Vorschriften und Gesetze Informationen preiszugeben, die für Ihr Volk überlebenswichtig sind. Wie sieht es mit der Kampfkraft Ihres Volkes aus?« Gauner, dachte Alsop. Auf der einen Seite schmierst du ihm Honig um den Bart, um ihn auf der anderen zu überrumpeln. Aber Gutter zeigte, daß er nicht auf den Kopf gefallen war. »Sie wollen wissen, mit welchen Streitkräften in welcher Stärke Angreifer zu rechnen haben? Wozu wollen Sie das wissen. Hoher? Ohne Ihre Unterstützung werden wir diesen Krieg verlieren.« »Das sagen Sie. Aber sagten Sie nicht auch etwas von Hoffnung und Wunder? General, ich bin sicher, daß die Zyzzkt über die militärische Stärke der Pscheriden bestens informiert sind, aber vielleicht kommt mir eine Idee, Ihre Lage zu verbessern, wenn ich weiß, über welche Kräfte und Mittel Sie verfügen.« »Dann sollten Sie Ihre Idee möglichst bald kommen lassen«, sagte Gutter respektlos, »ehe es für uns alle zu spät ist. Was wir aufzubieten haben, sehen Sie hier.« »Nicht gerade viel, falls ich nicht in den letzten Stunden blind geworden bin«, konterte Gisol. »Ich sehe Truppen der Zyzzkt, die Städte und Dörfer ausradieren, und ich sehe eine kleine Gruppe von Soldaten, die eine Panzerabteilung massakrieren. Sehe ich Abwehrforts? Sehe ich planetarische Energieschirme? Sehe ich Hypno-Abwehr? Sehe ich Raumfallen? Sehe ich Kampfraumschiffe?«
»Ich glaube. Hoher, Sie sollten Ihre Ansprüche ein wenig reduzieren«, sagte Gutter. »Pscherid ist keine Welt der Hohen. Wir waren nie ein Kriegervolk. Unsere Technologie befmdet sich auf einem recht hohen Niveau, wie ich in aller Bescheidenheit erwähnen darf, aber was Sie erwarten, Gisol - es ist zuviel. Wir haben nur wenige Kampfraumschiffe, und die liegen in von Energieschirmen geschützten Hangars. Wir sehen derzeit keinen Grund, sie in den Kampf zu schicken und sie dabei zu verlieren. Das behalten wir uns für den äußersten Notfall vor, wenn es wirklich keine andere Möglichkeit mehr gibt. Solange wir die Zyzzkt in Bodenkämpfe verwickeln können, ist das für uns die bessere Lösung. Im Weltraum können wir sie nicht schlagen, auf Pscherid schon. - Fragt sich, wie lange noch«, fügte er bitter hinzu. »Sie haben geradezu unendlichen Nachschub an Material und Kriegern.« In diesem Moment erzitterte der Boden. Wir werden angegriffen, teilte das Programmgehirn Alsop nüchtern mit, und »Wir werden angegriffen«, stieß auch Gisol in diesem Moment hervor. Die Wimmelwilden kamen, um diesen Gefechtsstand der Pscheriden dem Erdboden gleichzumachen!
5. Mit unbewegter Miene hörte der amerikanische Raumschiffkapitän Lee Grant die Funkmeldungen ab, die laufend in der Zentrale der SEZESSION eintrafen. Nachdem die Grakos bereits Hope erobert hatten, befand sich nun auch Babylon in ihrer Hand. Fast zeitgleich kesselte ein Kampf stationen-Verband der Schatten den Planeten Dockyard ein, wo ihm allerdings heftige Gegenwehr entgegenschlug. »Sollten es die Grakos schaffen, alle drei Planeten in ihren Besitz zu bringen, gibt es keine Rettung mehr für die Milchstraße«, bemerkte Lee Grants erster Brückenoffizier tonlos. »Dockyard braucht dringend unsere Unterstützung.« Doch die SEZESSION, einer der wenigen Toßrit-Ringraumer, konnte nicht eingreifen. Die Besatzung kämpfte selbst ums Überleben - Seite an Seite mit der POINT OF, die ebenfalls von Grako-Stationen umzingelt war und unter Dauerfeuer lag. Beiden terr (mischen Raumschiffen blieb nur ein einziger Fluchtweg, eine winzige Lücke in der nahezu undurchdringlichen Kette der Angreifer, Aber dieser Weg war durch eine Raummine versperrt. Ironie des Schicksals: Die Mine war nicht von den Grakos, sondern schon vor längerer Zeit von einem terranischen Kampfraumer dort plaziert worden, um ein Vorrücken der feindlichen Truppen zu verhindern. »Sir, soeben geht eine Erfolgsmeldung ein!« rief der Funkoffizier der SEZESSION aufgeregt. »Hope wurde befreit - aufgrund eines spektakulären Kampfeinsatzes der GSO!« In der Zentrale brach Jubel aus. Für ein paar Augenblicke vergaßen alle die Gefahr, in der sie schwebten. »Einfach Spitze, die Jüngst« »Endlich kriegt das Grako-Gesindel, was es verdient!« »Was die GSO schafft, können wir schon lange! Vorwärts, zeigen wir es den häßlichen Insekten!« Kurz hintereinander vergingen zwei Grako'Schiffe in einem Strahleninferno. Leider wurde die entstehende Lücke in der An' greiferkette sofort wieder geschlossen, so daß sich den beiden Ringraumern auch weiterhin keine Fluchtmöglichkeit bot - abgesehen vom Minenfeld. »Wenn wir uns wenigstens mit Dhark und seinen Leuten verständigen könnten, Himmel und Wolkenbruch!« fluchte der 1.0. Obwohl sich die POINT OF in Sichtnähe befand, war der Sprechkontakt zu ihr abgebrochen. Vermutlich hatte ein Treffer die Funkzentrale des Flaggschiffs schwer beschädigt. Neue Hiobsbotschaften gingen ein. Die Grakos hatten sich von Dockyard abgewendet. Statt dessen hielt der Verband jetzt direkt aufTerrazu. »Die elenden Mistviecher haben uns reingelegt!« ging dem Ersten ein Licht auf. »Sie wollten von vornherein auf die Erde los. Die Schlacht um Hope sollte unsere Verbände lediglich beschäftigen, und die Attacke gegen Dockyard war nur ein Scheinangriff. Offensichtlich verfügen die Grakos über einen verdammt guten Strategen.« Kapitän Grant analysierte in Gedanken die Situation. Die SEZESSION stand kurz. davor, von den Grakos vernichtet zu werden. Die POINT OF würde mit Sicherheit länger durchhalten. Vielleicht gelang es Ren Dhark sogar, sich freizukämpfen. Das dauerte jedoch seine Zeit. Zeit, die der Commander der Planeten nicht hatte. Bis er von hier wegkam, würde sich »seine« Erde längst in den Händen der Eroberer befinden, die dort alles Leben gnadenlos auslöschen würden. »Die ersten Ast-Stationen sind gefallen«, meldete der Funkoffizier mit bebender Stimme. »Ein Kamp fr aumerv erband der Nogk ist zur Verstärkung der terranischen Truppen unterwegs, allerdings werden unsere Verbündeten nicht mehr rechtzeitig eintreffen. Die Erde brauchte
dringend unsere Hilfe - und wir kommen hier nicht weg.« 82 »Die POINT OF wäre eine noch größere Hilfe als wir«, widersprach der Kommandant. »Ein Überraschungsangriff mit dem Flaggschiff könnte Terras letzte Rettung sein. Wir dürfen keine Sekunde länger zögern. Sie wissen, was Sie zu tun haben, meine Herren?« Niemand antwortete ihm, jedem war klar, was er meinte. Kurz darauf stellte die SEZESSION das Abwehrfeuer ein. Der Schutzschirm wurde bis zur äußersten Belastungsgrenze hochgefahren. Kapitän Lee Grant höchstpersönlich programmierte den T-Raumer mit den Koordinaten für den Rückzug. Ein Rückzug, der nur in eine Richtung führte: in den Tod. Die SEZESSION flog direkt ins Minenfeld hinein und aktivierte dadurch die Raummine. Mine und Schiffvergingen in einer mächtigen Explosion. Dhark nutzte seine Chance und jagte mit der POINT OF mitten durch das Inferno. Einige Grako-Schiffe nahmen sofort die Verfolgung auf, wurden aber vom Flaggschiff abgeschossen, noch bevor sie richtig reagieren konnten. Der Weg zur Erde war jetzt frei. Mit Höllentempo eilte die POINT OF den bedrohten Terranern zu Hilfe. Würde der Com-mander noch rechtzeitig eintreffen?
»Das schafft er niemals«, sagte Regina Lindenberg - mit einem gehässigen Lächeln, das so gar nicht zu ihren vollen roten Lippen passen wollte. »Abwarten«, entgegnete Robert Saam gelassen. »Die Guten kommen immer rechtzeitig.« »Diesmal nicht«, war Regina überzeugt. »Oder hast du bei der Entwicklung des Spiels dem Commander irgendein Hintertürchen aufgelassen? Zuzutrauen wär's dir ja.« Robert schüttelte den Kopf. »Nein, bei den Phantasiegefechten im All geht es absolut fair zu. Jede Partei hat die gleiche Chance. Selbst wenn man solitär spielt, also gegen sich selbst, kann man bis zum Schluß Sieg oder Niederlage nicht voraussehen. Im übrigen wurde dieses Strategiespiel nicht von mir entwickelt, sondern von zwei genialen Köpfen aus dem Brana-Tal. Perkins und Hotch wurden aufgrund ihres hohen IQ von Echri Ezbal als wissenschaftliche Hilfskräfte eingestellt. Ihr Hobby ist die Entwicklung von Holographiespielen zu Unterhaltungszwecken.* Eigentlich habe ich für derart profane Freizeitbeschäftigung nicht viel übrig, aber dieses Spiel fasziniert mich aufgrund seiner Realitätsnähe.« Nur selten ließ sich der siebenundzwanzigjährige Norweger Robert Saam zu anerkennenden Komplimenten hinreißen. Nicht nur sein blondes Haar war schwer zu bändigen, auch er selbst lehnte jede Art von Kontrolle ab. Zweifelsohne war er eines der größten Genies der Menschheit, und das wußte er. Deshalb sah er keinen Anlaß, Kollegen zu loben oder sich sonstwie den beruflichen Zwängen des Lebens unterzuordnen. Sein Mäzen Terence Wallis, seines Zeichens der reichste Mann der Erde, ließ ihm alle Freiheiten, die er brauchte - und profitierte dafür nicht schlecht von Roberts geistreichen Erfindungen. Wer für Wallis Industries, Wallis Star Mining, Biotechnologique oder sonstige Firmen und Tochtergesellschaften des Multimilliardärs arbeitete, zählte zu den Besten. Bei der Auswahl seiner Mitarbeiter hatte der siebenundvierzigjährige Unternehmer mit der Vorliebe für bunte Westen, der sein Haar meist zu einem Pferdeschwanz zusammenband, eine glückliche Hand. Nur selten griff er mal daneben, beispielsweise wenn er schlecht beraten wurde. Aus diesem Grund gab er nur wenig auf Empfehlungen oder Ratschläge. Wallis wußte, was er wollte, sowohl beruflich als auch privat. Die schönsten und intelligentesten Frauen machten ihm Avancen,
* Siehe 9. Band des Drakhon-Zyklus, »Das Stemenversteck«, Seite 223 bis 226
84 und das nicht nur wegen seines Geldes. Hingegen wies Saams Privatleben etliche Defizite auf - genaugenommen hatte er gar keines. Nach außen hin gab er sich gern als Frauenfeind, in Wahrheit aber war er nur zu schüchtern, um mit dem weiblichen Geschlecht anzubändeln. Der Mann, der seinerzeit sein Studium abgebrochen hatte, weil ihm seine Professoren geistig nicht mehr hatten folgen können, der Mann, dessen Erfindungen es mit zu verdanken war, daß sich Terra nicht schon längst in der Hand fremder Mächte befand, der Mann, der einst beinahe die Sonne in die Luft gesprengt
hätte... dieser Mann hatte erhebliche Schwierigkeiten mit den alltäglichen Dingen des Lebens und im Umgang mit Frauen. Schon seit langem hatte er ein Auge auf die bezaubernde Schweizer Biologin Regina Lindenberg geworfen, die ebenfalls zu Wallis9 wissenschaftlichen Spitzenkräften zählte. Die Einunddrei-ßigjährige, die ein Faible für tiefe Ausschnitte hatte, verfügte über mehr Auszeichnungen als die meisten älteren Wissenschaftler. Im Gegensatz zu Robert hielt sie sich jedoch nicht für unfehlbar. Gegen eine engere Beziehung zu ihrem begabten Kollegen hätte sie eigentlich nichts einzuwenden gehabt, wenigstens versuchsweise, doch beide zögerten noch, den ersten Schritt zu tun. Auf dem Flug zum Planeten Eden waren sie sich in der Bordbibliothek menschlich zwar etwas nähergekommen, aber ihre Privatunterhaltung hatte überwiegend auf intellektueller Basis stattgefunden. Über ihre gemischten Gefühle zueinander hatten sie nicht gesprochen. Beide hielten sich nun am Meer auf, am sonnigen, menschenleeren Strand von Aloha. Insgeheim hatte Regina gehofft, Robert würde auf ihrem gemeinsamen Spaziergang endlich etwas mehr aus sich herausgehen. Doch anstatt ihre Hand zu halten, die frische Brise einzuatmen und dem sanften Meeresrauschen zu lauschen, zog er es vor, auf dem Bildschirm seines tragbaren Suprasensors Weltraumgefechte mit ihr auszutragen. »Machen wir weiter?« erkundigte er sich, nachdem sie eine Weile schweigend im Sand gesessen hatten. Regina, die über ihrem knappen Bikini nur ein dünnes Hemdchen trug, das ihre Blößen kaum verdeckte, lächelte ihn verheißungsvoll an. »Ich bin zwar am Gewinnen, dennoch zählt taktisches Schlach-tengetümmel nicht unbedingt zu meinen Lieblingsbeschäftigungen«, antwortete sie. »Wir Frauen sind für die Liebe geboren, nicht für den Krieg.« Diesen Wink mit dem Zaunpfahl konnte Saam gar nicht übersehen! Oder? »Verstehe, du hast keine Lust mehr«, entgegnete der Norweger und speicherte das Spiel ab. »Macht nichts, wir können ja auf dem Rückflug weiterspielen. Übrigens: Du überschätzt dich. Wenn hier einer gewinnt, dann bin das ich.« Mit diesen Worten klappte er sein Laptop zu. Regina hätte sich das Gerät am liebsten geschnappt und ins Meer geworfen, aber die Dinger waren teuer. »Was machen wir nun?« fragte Saam - und meinte diese Frage tatsächlich ernst. »Fällt dir denn gar nichts ein?« stellte sie ihm die Gegenfrage und räkelte sich provozierend im warmen Sand. Für einen winzigen Augenblick war sie zu allem bereit. Er mußte nur noch die Hand nach ihr ausstrecken, sie in den Arm nehmen... »Wir könnten zurück zum Strandhaus um die Wette laufen«, schlug Robert vor. Jedwede Romantik hatte er soeben dahingemeuchelt. Es gab bestimmte kostbare Momente im Leben eines jeden Menschen, die mußte man vorsichtig ergreifen, mit viel Fingerspitzengefühl, sollten sie nicht wie Seifenblasen zerplatzen. Einen solchen unwiederbringlichen Augenblick hatten die beiden gerade erlebt. Nun mußten sie auf den nächsten warten. Atemlos und verschwitzt traf das Paar beim Strandhaus ein. 86 Saam, der bunte Boxershorts und ein Hawaiihemd trug, keuchte wie eine alte Dampflokomotive. Obwohl Regina viel properer gebaut war als er, erwies sie sich als wesentlich sportlicher. »Das ist kein Wetter für einen Mann aus dem Norden Europas«, versuchte er, seine schwache Leistung zu rechtfertigen. »Immerhin begrüßt man uns mit Musik aus dem Norden«, erwiderte Regina und machte eine Kopfbewegung in Richtung des Hauses. Neben der Eingangstür schwebte ein Kegelroboter und ließ eine alte Wikingerweise ertönen. Dabei drehte er sich langsam im Kreis. »Cash scheint heute unheimlich gut drauf zu sein«, kommentierte Saam den melodischen Gesang. »Fehlt nur noch, daß Carry seinen Senf dazugibt.« Cash und Carry gehörten den Besitzern von Aloha: Art und Jane Hooker. Die beiden ehemaligen »Weltallvagabunden« waren eigenständige Freiberufler, durften aber heute - laut Vertrag - ausschließlich für Wallis Star Mining tätig werden. Diese berufliche Einschränkung hatten sie sich teuer bezahlen lassen - mit 2,5 Prozent Anteil an der Firma. Zudem besaßen sie 2,5 Prozent des Planeten Eden, den sie im Verlauf einer von Terence Wallis finanzierten Expedition im Kugelhaufen M 53 entdeckt hatten. Während jener Expedition hatten zwei ihrer Kegelroboter leichte Schäden erlitten. Cash ließ sich manchmal zu spontanen Opemarien hinreißen, und Carry philosophierte für sein Roboterleben gem. Ansonsten führten
sie sämtliche Befehle gewissenhaft aus, wie man es von seelenlosen Maschinen erwarten konnte. Aloha war sozusagen das Filetstück von Eden. Der zwischen Subtropen und Tropen gelegene Inselkontinent war ein Naturparadies par excellence. Mit dem Recht der ersten Wahl als Entdekker hatten die Hookers seinerzeit davon Besitz ergriffen. Rechnete man die Aloha umgebenden Gewässer und Inselgruppen mit, ergab das exakt den Anteil, der Art und Jane von diesem Planeten zustand. Hier fühlten sie sich inzwischen heimisch. Ihren Fracht-raumer SEARCHER betrachteten sie als ihr erstes, diesen friedvollen Kontinent als ihr zweites Zuhause. Auf einer Aloha vorgelagerten Insel hatten sich die beiden ein luxuriöses, quadratisches Strandhaus eingerichtet, mit einem kleinen Raumerlandeplatz, idyllischer Badebucht und allem, was sonst noch dazugehörte. Im Bedarfsfall ließ sich das einstöckige Haus, das über zahlreiche verschieden eingerichtete Gästezimmer verfügte, mit technischen Tricks in eine kleine Festung verwandeln. In diesem »Fort« hielten sich außer ihnen derzeit Terence Wallis, Robert Saam, Regina Lindenberg, der Kanadier George Lau-trec und der Inder Saram Ramoya auf; letztere gehörten ebenfalls zum Team der für Wallis' tätigen Spitzenwissenschaftler. Ursprünglich hatte Wallis nach einem entlegenen Fluchtplaneten für die Menschheit gesucht, für den Fall der Vernichtung der Milchstraße durch das entartete Schwarze Loch in ihrem Zentrum. Nachdem die galaktische Katastrophe jedoch im letzten Moment abgewendet worden war, gab es keinen Grund mehr, massenhaft Flüchtlinge nach hier zu verfrachten. Statt dessen plante der Multimilliardär nun, seine gesamten Firmen nach und nach auf Eden neu zu errichten und diesen von Menschenhand noch unberührten Planeten mit handverlesenen Freiwilligen zu besiedeln. Ihm schwebte eine Art »Erde zwei« vor, wobei er von Anfang an Fehler vermeiden wollte, die über Jahrhunderte hinweg auf Terra gemacht worden waren - vor allem im Umweltbereich. Beispielsweise plante er, die gesamte Industrie ins Planeteninnere zu verlagern. »Earth two« durfte keinesfalls zu »Bad Earth« werden. Grund für die geplante Umsiedlung waren nicht zuletzt Querelen mit der terranischen Regierung. Terence Wallis war ein Freund von Commander Ren Dhark, doch er hielt nicht viel von der klassischen Politik und ihrem undurchschaubaren Beziehungsgeflecht. Für einen aufrechten Charakter wie ihn, der seinen Mitmenschen geradeaus auf den Kopf zusagte, was er von ihnen hielt, waren Behörden ein rotes Tuch, insbesonders dann, wenn sie als einziges 88 Argument ihre staatliche Autorität hervorkehrten und ansonsten den Amtsschimmel fröhlich wiehern ließen. Wallis war kein Umstürzler, aber er hatte ein gesundes Empfinden für Recht und Gerechtigkeit. Und einen Spürsinn für gute Geschäfte. Hier auf Eden würde er, dessen war er sich sicher, noch reicher werden, als er es bisher schon war. Robert Saam stemmte sich vehement gegen den Umzug. Auf dem Gelände der Hauptzentrale von Wallis Industries herrschten genau die Arbeitsbedingungen, die er für seine diversen Forschungen brauchte. Ausgerechnet jetzt, wo er kurz davor stand, einen neuen Werkstoff zu entwickeln, sollte er umziehen? Niemals! Carborit hieß die neueste Erfindung aus dem Hause Saam & Co - und laut George Lautrec war Carborit die Lösung sowohl für Wallis als auch für Saams Problem. Was genau er damit meinte, hatte der Kanadier bislang jedoch nicht preisgegeben; er hatte sich lediglich auf eine geheimnisvolle Andeutung beschränkt. Nachdem sich Regina Lindenberg und Robert Saam geduscht hatten, selbstverständlich jeder für sich, packten sie ihre Sachen zusammen. Ihr Aufenthalt auf Eden war vorüber. Die Rückkehr nach Pittsburgh, Pennsylvania stand unmittelbar bevor.
Zirka fünf Tage würde der Rückflug nach Terra dauern. Die SEARCHER konnte pro Transition maximal 5000 Lichtjahre überwinden. Um das Material nicht zu überlasten und Energie zu sparen, beließen es die Hookers allerdings bei Sprüngen von 3000 Lichtjahren. Aus denselben Gründen riskierten sie nur einen Sprung alle sechs Stunden. Bei ihren ersten Langstreckenflügen durchs All hatten sie sich sogar auf einen 24-Stunden-Rhythmus beschränkt, um die Belastbarkeit ihres diskusförmigen Frachtrau-niers erst einmal auszutesten. Mittlerweile wußten Art und Jane, wieviel sie der SEARCHER tatsächlich zumuten durften, so daß sie die Strecke Terra-Eden beziehungsweise Eden-Terra in weniger als einem Drittel der ursprünglichen Flugzeit bewältigen konnten.
»Ich kann die Heimkehr kaum erwarten«, bemerkte Saam auf dem Weg zum Abflugplatz. »Als wir aufbrachen, waren gerade die letzten Carborit-Tests im Gange. Zwar bin ich mir ziemlich sicher, daß sie positiv verlaufen sind, aber ich wäre lieber persönlich mit dabeigewesen.« Er warf einen scheelen Seitenblick auf den zweiundsechzigjäh-rigen Lautrec, der neben ihm ging. »Willst du mir nicht endlich verraten, was es mit deiner merkwürdigen Andeutung auf sich hat, George? Ich hasse Rätselspiele.« »Und ich erst!« mischte sich Terence Wallis ein. »Bisher hat es noch keiner von euch für nötig gehalten, mir zu erklären, was Car-borit eigentlich ist. Du weißt, Robbie, wie sehr ich es hasse, wenn du mich über deine laufenden Projekte nicht informierst. Ich habe ein Recht darauf, zu erfahren, woran du gerade arbeitest, immerhin finanziere ich das ganze.« / »Laß dich überraschen«, entgegnete Saam. »Wenn alles wie gewünscht klappt, wirst du soviel Geld verdienen, daß du daran erstickst.« »Und wenn es schiefgeht? Ersetzt du mir dann meine finanziellen Verluste? Jede neue Erfindung von dir bedeutet ein unabwäg-bares Risiko für mich.« »Das ganze Leben ist ein Risiko«, warf Lautrec ein, der auf den unterschiedlichsten wissenschaftlichen Gebieten über einen bedeutsamen Erfahrungsschatz verfügte. »Bisher sind Sie mit uns immer gut gefahren, Mister Wallis, oder? Vertrauen Sie uns, wir werden Sie auch diesmal nicht enttäuschen.« Mit »wir« war das gesamte vierköpfige Team gemeint. Zwar hatte Robert Saam das Sagen, doch ohne seine drei Assistenten hätte er so manches »Wunder« niemals vollbringen können das wurde bei den unzähligen Lobeshymnen auf das Supergenie oftmals vergessen. Es erfüllte George daher mit diebischer Schaden 90 freude, daß er Saam ausnahmsweise um einen Gedankensprung voraus war. An Bord bezogen Terence und seine Mannschaft fünf bequeme Quartiere. Carry trug ihnen das Gepäck hinterher, nicht ohne die übliche philosophische Sprücheklopferei. »Wer die Last der Welt zu tragen hat, muß über starke Schultern verfügen, andernfalls trägt die Last der Welt ihn.« Wie wahr, wie wahr, dachte Wallis und seufzte unhörbar. An manchen Tagen hatte er das Gefühl, die hohe Verantwortung, die tagtäglich auf ihm lastete, würde ihn erdrücken. Auf dem Rückflug nahm er sich keine Zeit zum Entspannen. Fortwährend suchte er die anderen in ihren Quartieren auf und war redlich bemüht, sie auf sein Umsiedlungsvorhaben einzustimmen. Obwohl er eine Vielzahl von ausgefeilten Argumenten hervorbrachte, schlug ihm überwiegend Skepsis entgegen. Lediglich Lautrec stand seinen Plänen aufgeschlossen gegenüber. Saam hingegen lehnte einen Umzug nach Eden weiterhin kategorisch ab. Wallis dachte ernsthaft darüber nach, Druck auf ihn auszuüben. Allerdings riskierte er damit möglicherweise den endgültigen Bruch ihrer ebenso freundschaftlichen wie geschäftlichen Beziehung. Auch die Hookers blieben nicht verschont. Wallis hielt sich öfter in der Zentrale der SEARCHER auf, als dem Prospektoren-Ehepaar lieb war. Der Milliardär beschränkte er sich jedoch darauf, mit den beiden über die ablehnende Haltung seiner Mitarbeiter zu diskutieren. In ihre Arbeit mischte er sich nicht ein; er akzeptierte Art und Jane als Kapitäne dieses Schiffs und stellte ihnen keine unnötigen Fragen. Nur ein einziges Mal kam es zu der berühmten Ausnahme von der Regel. Auf halber Strecke konnte Jane Gefügeerschütterungen anmessen, verhältnismäßig weit entfernt und nur ganz kurz - dann war es wieder totenstill im All. »Was ist passiert?« verlangte Wallis eine Erklärung. »Ist ein fremdes Schiff in unserer Nähe aufgetaucht?« »Nicht auf- sondern untergetaucht«, antwortete Art, der neben seiner Frau am Kontrollpult stand. »Die unbekannten Raumfahrer haben das Weite gesucht, kaum daß sie uns bemerkt hatten.« »Unsere Sensoren konnten das Schiff nur für Sekundenbruchteile erfassen«, informierte Jane den aufgeregten Allroundunternehmer. »Die Umrisse, die sich auf dem Bildschirm abzeichneten, ähnelten einem riesigen Kreuz. Offenbar treibt sich dort draußen irgendein verlorenes Völkchen herum, das mehr Angst vor uns hat als wir vor ihm.« Wallis atmete auf. »Um so besser. Ärger mit Fremdvölkem können wir jetzt weiß Gott nicht gebrauchen.« Auch auf dem Kreuzraumer zeigte man sich erleichtert. Der Kommandant mied Kontakte mit den Milchstraßenbewohnem wie der Teufel das Weihwasser. Ursprünglich hatte er mal angedacht, Handelsbeziehungen mit den Terranem aufzunehmen, doch nach seinen schlechten Erfahrungen mit den Utaren und den Rateken verzichtete er lieber darauf.
»Ob sie uns bemerkt haben?« wurde er von seinem 1.0. gefragt. »Schon möglich«, antwortete er. »Aber solange sie uns nicht verfolgen, besteht keine Gefahr.« Er gab Befehl, nach einem unbewohnten Planeten Ausschau zu halten, um dort Frischwasser und sonstige Nahrung aufzunehmen. »Danach setzen wir die Suche nach unserer Heimatgalaxis fort.« »Wozu? Allmählich bezweifle ich, daß wir jemals einen Weg zurück nach Drakhon finden werden.« »Solche Töne will ich auf der Brücke nicht hören, Offizier! Wir werden niemals aufgeben, verstanden?« »Verstanden, Rudelführer! Ich habe mich gehenlassen, wird nicht wieder vorkommen. Tut mir leid, Priff Dozz.«
Erst nach ihrer Ankunft auf Terra erfuhr die Gruppe Saam zu aller Erleichterung, daß die Abschlußtests mit dem neuen Werk 92 stoff erfolgreich verlaufen waren. Schon von Bord der SEARCHER aus hatte sich Robert mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern, welche die Arbeit während seiner Abwesenheit nach seinen Instruktionen weitergeführt hatten, in Verbindung setzen wollen, doch Terence Wallis hatte es ihm untersagt. Niemand durfte wissen, daß er und die anderen sich auf dem Raumschiff der Hookers befunden hatten. Die Reise nach Eden und die geplante Firmenumsiedelung waren noch streng geheim. Nach der Landung zog sich der Milliardär zunächst in sein Büro zurück. Zwar platzte er vor Neugier, dennoch beugte er sich Saams Bitte, sich noch ein paar Stunden aus den Laboren fernzuhalten. Sein Schützling wollte ihm Carborit sozusagen auf dem Silbertablett servieren, verbunden mit einer kleinen Vorführung. Terence Wallis hatte es nicht nötig, seine Geschäftspartner durch unnötigen Firlefanz zu beeindrucken. Das widersprach seiner Lebensphilosophie. Er überzeugte mit Leistung, nicht mit Blendwerk. Aus diesem Grund nahm sich das dreistöckige Verwaltungsgebäude auf dem Firmengelände von Wallis Industries recht bescheiden aus. Nicht nur von außen her, auch den Geschäftsräumen war kaum anzumerken, daß Wallis privat ein Genießer war, der etwas Luxus durchaus zu schätzen wußte - manchmal durfte es sogar etwas mehr sein. Auch eine bequeme Liege konnte man als Luxus empfinden, zum Beispiel, wenn man nach einer Reise durchs Weltall ein wenig ausspannen und in Ruhe seinen Gedanken nachhängen wollte. Wallis bat seine Sekretärin, ihn bis auf Widerruf nicht zu stören. Dann schloß er seine Bürotür und streckte in einem kleinen Nebenzimmer genüßlich alle Viere von sich. Mit geschlossenen Augen ließ Wallis die wichtigsten Stationen seines Lebens Revue passieren, und er fragte sich, ob er immer alles richtig gemacht hatte. Geschäftlich hatte er sich meistens auf der Überholspur befunden, gelegentliche Fehlschläge, aus denen er seine Lehren gezogen hatte, mal ausgenommen. Doch hatte er sich auch als Mensch in jeder Situation richtig 93
verhalten? Der terranischen Regierung den fünfundzwanzigprozentigen Regierungsanteil an Wallis Star Mining abzuschachern war ein genialer geschäftlicher Zug gewesen. Aber war diese Verhaltensweise menschlich noch vertretbar? Henner Trawisheim, Dharks Stellvertreter, hatte es Wallis stehenden Fußes heimgezahlt. Zwar konnte der Milliardär den Abbaugewinn am Tofirit-Asteroidengürtel im Achmed-System jetzt fast allein einstreichen (bis auf die 2,5 Prozent der Hookers), dafür aber hatte ihm die Regierung den kostenfreien militärischen Schutz entzogen. Dadurch war das System nicht mehr gegen Überfälle fremder Milchstraßenvölker geschützt. Terence Wallis hatte daraufhin beschlossen, eine eigene Kriegsflotte auf die Beine zu stellen und in seinem Werk den Bau von zwölf Ikosaederraumem in Auftrag gegeben. Der Haken an der Sache: Private Raumschiffe durften laut terranischem Gesetz nur mit leichter Bewaffnung zur Selbstverteidigung ausgestattet sein. Selbstverteidigung? Wallis konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Wenn man einem Angreifer gegenüberstand, der einen Biaster in der Hand hielt, machte es wenig Sinn, ihn mit einer Erbsenpistole zu beschießen. Im Grunde genommen ließ sich das Problem leicht lösen, so, wie sich die meisten alltäglichen Probleme lösen ließen - mit Geld. Würde Wallis für die Militärschiffe bezahlen, und das nicht zu knapp, bliebe alles beim alten. Der Geschäftsmann in ihm sagte: Tu es! Unterm Strich kannst du trotzdem noch einen anständigen Gewinn verbuchen. Aber er war halt nicht nur Geschäftsmann, sondern auch Mensch. Ein Mensch mit Fehlem, der Niederlagen nur schwer verdaute und sich ungern etwas vorschreiben ließ. Und dieser Mensch suchte nach einer idealeren Lösung. »Eigene Kriegsschiffe zu bauen kommt mich billiger als die Schutzgelder, die Trawisheim mir aus der Tasche ziehen will!« hatte Terence Wallis - sowohl der Geschäftsmann als auch der 94 seh - vor der Abreise nach Eden aufgebracht zu seinem Rechtsanwalt Fortrose gesagt. »Und wenn der Staat mir die Genehmigung dafür verweigert, dann... dann brauche ich halt einen eigenen Staat!« Ein eigener Staat. Eden. Wallis horchte in sich hinein und stellte sich die Frage, wie ernst es ihm wirklich damit war. War es tatsächlich sinnvoll, sämtliche Unternehmen nach NGC 5024 alias M 53 im Sternbild Coma zu verlegen? Rentierte sich der damit verbundene immense Aufwand geschäftlich überhaupt? Oder würde er sich damit total übernehmen? Jeden anderen hätte diese Frage tage- und nächtelang wachgehalten. Wallis hingegen schlummerte allmählich ein. Als er erwachte, stand Robert Saam neben der Liege; er hatte ihn wachgerüttelt. »Komm mit«, forderte ihn sein »Patenkind« auf. »Das Carborit ist bereit zur Vorführung.« Wallis erhob sich und folgte ihm. Er fühlte sich ein bißchen wie in Trance, offenbar war er noch nicht richtig wach...
Das Gelände der Hauptzentrale von Wallis Industries umfaßte achtzig Quadratkilometer. Kleinere Strecken pflegte man dort mit dem Schwebermodell Feodora zu bewältigen, das ansonsten überwiegend auf Sportanlagen eingesetzt wurde, insbesondere auf Golfplätzen. Der Feodora (benannt nach seiner Erfinderin Theo-dora Feodora), ein offener Bodenschweber, der maximal drei Meter aufsteigen konnte, bot vom einer Person ausreichend Platz; der hintere Teil diente als Ablage von Gepäck oder als Notsitz. Den Weg vom Verwaltungsgebäude zum äußeren Labortrakt legten Terence Wallis und Robert Saam mit zwei Feodoras zurück - auf dem Notsitz wären sich beide etwas lächerlich vorgekommen. Sie parkten direkt vor dem Eingang und gingen hinein. Wal-lis fühlte sich noch immer etwas zerschlagen, was er dem abrupt abgebrochenen Nachmittagsschläfchen zuschob. Begünstigt wurde seine trübe Stimmung durch die allmählich einsetzende Dämmerung. »Wir müssen uns beeilen, bevor es für die Freiluftveranstaltung zu dunkel wird«, bemerkte Saam auf dem Weg zum Laborraum mit angrenzender Werkstatt. »Na ja, notfalls findet die Vorführung bei Scheinwerferlicht statt.« In der Werkstatt wurde der Unternehmer bereits sehnsüchtig erwartet. Ramoya, Lautrec und Lindenberg standen verteilt im Raum und grienten, als hätten sie gerade heimlich aus Omas
Keksdose genascht. Auf einem Tisch lag eine ein Zentimeter dicke, quadratische Platte von einem Meter Kantenlänge, an der Wallis auf den ersten Blick nichts Besonderes entdecken konnte. Das Material, aus dem sie gefertigt war, war tiefschwarz, wies aber einen leichten Stich ins Dunkelrote auf. »Heb sie hoch«, forderte Saam seinen Freund und Gönner auf, »und sag uns, was du von unserer neuesten Erfindung hältst.« Wallis packte mit beiden Händen zu und riß die Platte mit einem kräftigen Ruck in die Höhe. Er hatte erwartet, daß sie ordentlich was wiegen würde, doch zu seinem Erstaunen war sie verhältnismäßig leicht. Beinahe wäre er rücklings umgefallen, soviel unnötigen Schwung hatte er genommen. »Fünf Kilo«, verriet ihm der Inder. »Trotz des Leichtgewichts braucht man sie nicht mit Samthandschuhen anzufassen, die Platte hält einiges aus.« »Werden wir ja sehen«, brummelte Wallis und warf die Platte voller Wucht zu Boden, wo sie unbeschädigt liegenblieb. Lautrec reichte ihm einen Vorschlaghammer. »Probieren Sie ruhig mal, ob Sie das Ding zertrümmern können. Nur zu!« Wallis verzichtete. »Für derlei Spielereien ist mir meine Zeit zu kostbar. Ich glaube euch gern, daß die Platte meinen Hammer 96 schlägen standhält. Aber was ist daran so besonders? Schon um die Jahrhundertwende kamen handliche Glasplatten auf den Markt, die als nahezu unzerbrechlich angepriesen wurden und seither von Hausfrauen in der Küche als Schneidebretter benutzt werden. Daß es sich dabei um ein Abfallprodukt handelt, entstanden bei diversen wissenschaftlichen Versuchsreihen der NASA, weiß heute kaum noch jemand. Seit damals wurde das Material laufend verbessert, so daß Industrie und Handel damit noch immer gute Geschäfte machen. - Ist das wirklich alles, was ihr mir zu bieten habt? Dieses unscheinbare schwarzrote Quadrat ist das Endergebnis eurer geheimgehaltenen Tests? Aufgrund eurer Heimlichtuerei hatte ich das achte Weltwunder erwartet. Statt dessen präsentiert ihr mir die neueste Weiterentwicklung herkömmlicher Haushaltsartikel.« Selbstverständlich wußte er, daß seine hochbezahlten Mitarbeiter es niemals wagen würden, ihre kostbare Arbeitszeit und die ihnen zur Verfügung stehenden Forschungsgelder für derartigen Firlefanz zu verschwenden. Die Erfindung hatte es garantiert in sich, davon war Wallis felsenfest überzeugt. Doch es machte ihm Spaß, das Forscherquartett zu foppen. Das war die Rache dafür, daß sie ihn so lange hatten zappeln lassen. Regina, Saram und George konnte er damit nicht täuschen, sie durchschauten ihn auf Anhieb. Nur Robert Saam reagierte empfindlich auf den Spott. »Eigentlich hatte ich geplant, mittels verschiedener im Vorfeld erfolgreich verlaufener Werkstattests die hohe Belastbarkeit des Materials zu demonstrieren«, sagte er verärgert zu Wallis. »Danach sollte dann das große Finale folgen. Aber du bist der Mühe nicht wert, deshalb kommen wir gleich zur Sache. Gehen wir!« Ohne eine Erwiderung abzuwarten ging er voran. »Wo will er hin?« fragte Wallis Saams Assistenten. »Zum nördlichen Testgelände«, antwortete Regina Lindenberg. »Dort haben wir ein bißchen was aufgebaut. Kommen Sie mit. Sie werden staunen.« Das betonierte Gelände lag im äußeren Grenzbereich des Indu-striegrundstücks, in sicherer Entfernung von den Werkstätten und Labors. Dort wurden überwiegend Tests durchgeführt, bei denen man eventuell Gefahr lief, die Gebäude zu beschädigen. Von außen her war das Gelände nicht einsehbar, zudem wurde es Tag und Nacht suprasensorisch überwacht. Saam und seine Begleiter gelangten über einen der wenigen firmeneigenen Transmitter dorthin, deren Benutzung nur legitimierten Mitarbeitern erlaubt war. Wallis hatte die quadratische Platte bei sich. Ein paar hundert Meter vom Transmitter entfernt stand eine mächtige Apparatur, geeignet zum Einspannen von Zielscheiben und Materialien aller Art. Etwas ähnliches gab es auch auf Schießanlagen, auf denen Handfeuerwaffen auf ihre Treffsicherheit und Zerstörungskraft hin getestet wurden, allerdings waren dort die Halterungen wesentlich kleiner. Für Biaster und Karabiner war das völlig ausreichend... ... nicht aber für schwere Impulsgeschütze - und ein solches war exakt auf die Mitte des soliden Materialhalters gerichtet. Es handelte sich um ein mobiles Geschütz, das bereits öfter zu Testzwecken auf dem Gelände von Wallis Industries eingesetzt worden war. Der Milliardär verfügte über eine Sondergenehmigung, die ihm den Einsatz der Militärwaffe auf seinem Grundstück erlaubte, jedoch nur für Versuche, nicht zur Verteidigung. Die Reichweite des Impulsstrahls war enorm,
ließ sich aber drosseln, schließlich wollte man damit Materialprüfungen durchführen und nicht die benachbarten Ortschaften auslöschen. Ein Kegelroboter näherte sich, nahm Terence Wallis die mitgebrachte Platte ab und schwebte in Richtung der Haltevorrichtung davon. Während der Roboter die Platte einspannte, wurde das Geschütz hochgefahren. Wallis schaute kopfschüttelnd zu. Zwar hatte er nahezu unbegrenztes Vertrauen in Saam und seine Truppe, doch es war für ihn nur schwer vorstellbar, daß dieses dünne »Frühstücks98 brettchen« die Aktion unbeschadet überstehen würde. »Was denkst du, was passiert, wenn wir gleich darauf schießen?« fragte Robert ihn. »Kann ich dir genau sagen. Robbte. Der Energiestrahl wird mitten durch eure Supererfindung hindurchjagen und sie total zerstören. Der Volksmund spricht in einem solchen Fall von Kanonen, mit denen man auf Spatzen schießt.« »Und du glaubst nicht, daß die Platte den Beschuß aushält?« »Nein, schließlich habe ich sie problemlos durch die Gegend geschleppt. Wäre sie aus Tofirit oder noch widerstandfähigerem Material gefertigt worden, hätte ich sie keinen einzigen Millimeter bewegen können. Jedenfalls nicht ohne einen tragbaren Fesselfeldgenerator.« »Na, dann komm mal mit«, forderte Saam ihn auf. Wallis folgte ihm. Auf einem unbetonierten Teil des Geländes war ein weiteres Demonstrationsobjekt errichtet worden. Dort hatte Saam zwei etwa eineinhalb Meter hohe, klobige Stützblöcke aufstellen lassen. Der Abstand der Blöcke zueinander betrug neunzig Zentimeter. Obenauf hatte man eine der schwarzrötlichen Platten gelegt. Fünf Zentimeter der Platte lagen auf dem linken und fünf Zentimeter auf dem rechten Block. Das Mittelteil wurde nicht extra abgestützt, es »schwebte« sozusagen frei über dem Erdboden, in eineinhalb Metern Höhe. Auf der Mitte der Platte befand sich ein würfelförmiger Gegenstand. Wallis konnte nicht erkennen, was es war, denn der Würfel war mit einem Tuch abgedeckt. Die Stützblöcke waren ein paar Zentimeter ins Erdreich gedrückt worden, woraus Wallis schloß, daß der Kubus alles andere als ein Leichtgewicht war. Erstaunlicherweise bog sich die Platte nicht durch. Robert Saam streckte die Hand nach dem Tuch aus, ergriff es an einem Zipfel und zog es dann wie ein Zauberkünstler mit einem Ruck weg. Terence Wallis verschlug es fast die Sprache. Nur ein einziges Wort kam über seine Lippen. »Tofirit.« Saam nickte. »Ganz recht. Dieser Würfel besteht aus purem Tofirit.« »Aber... aber dann müßte er ein Gewicht von mehreren tausend Tonnen haben«, stammelte der Industrielle. »Müßte?« wiederholte Saam amüsiert. »Er hat ein Gewicht von mehreren tausend Tonnen.« »Unmöglich!« widersprach Wallis. »Der Tofirit-Kubus würde deine lächerliche Platte in Stücke zerreißen.« »Wie du mit eigenen Augen sehen kannst, ist das nicht der Fall. Der neuartige Verbundwerkstoff Carborit, aus dem die Platte gefertigt wurde, hält noch viel mehr aus.« Beide Männer begaben sich zum Geschütz, das inzwischen auf die eingespannte Platte ausgerichtet worden war. Der Kegelroboter hatte sich aus der Gefahrenzone zurückgezogen, das Schußfeld war frei. Saam gab den Feuerbefehl. Mehrere Strahlensalven wurden auf die Platte abgefeuert, ohne sie zu zerstören. Lediglich die Haltevorrichtung bebte, blieb aber stehen, da sie fest mit dem Betonboden verbunden war. Das Impulsgeschütz wurde wieder heruntergefahren. Wallis und Saam begutachteten die eingespannte Platte. Sie wies keine sichtbaren Schäden auf. Erst bei genauerem Hinsehen glaubten die beiden, eine winzige Beschädigung am Rand zu erkennen, waren sich aber nicht ganz sicher. »Unter dem Mikroskop könnte man vielleicht was erkennen, aber mit bloßem Auge ist da nichts zu machen«, meinte Wallis. »Bei meiner Morgenrasur ziehe ich mir tiefere Kratzer zu.« »Das ist kein Kratzer«, sagte Robert voller Überzeugung. »Es handelt sich zweifelsfrei um eine optische Täuschung. Hätte mich andernfalls auch gewundert. Um Carborit anzukratzen, braucht es schon etwas mehr als ein bißchen Geschützfeuer.«
100 General Gutter grinste plötzlich. Alsop verstand dieses Grinsen nicht, aber er sah keine angrei-^nden Raumschiffe oder Flash der Insektoiden in der Luft, keine dt Panzern vorrückenden Bodentruppen und erst recht keine
In-.Jnterie. Er sah nur einen grinsenden General und Soldaten, die ge-iangweilt Däumchen drehten und keine Anstalten trafen, in Dek-Icung zu gehen oder Schutzmaßnahmen zu ergreifen. • Wieder erfolgte ein Schlag, der den Boden erzittern ließ. Irgend•Iwo am Berghang löste sich Geröll und polterte talwärts. Irgendwo dröhnte etwas. Im Innern des Berges, behauptete Alsops Programmgehim. Unterirdisch! t »Was geschieht hier?« fragte der Cyborg. »Die Zyzzkt verlieren Flash«, behauptete Gutter, und seine Iganze Mimik drückte Erleichterung, Heiterkeit und sogar etwas sarkastischen Spott aus. »Das war eben der zweite... ah, der dritte, feder vierte...« Es dröhnte und zitterte schon wieder. »Was soll das heißen?« fragte jetzt auch Gisol. , »Die Zyzzkt«, erklärte Gutter, »versuchen offenbar, uns mit Flash anzugreifen. Sie durchdringen mit ihren Intervallfeldern den Boden und wollen uns von unten her angreifen, um plötzlich mitten unter uns aufzutauchen. Aber wir haben tief im Boden unter dem Gefechtsstand spezielle Minen anbringen lassen. Bei Kontakt [mit einem Intervallfeld aktivieren sie einen starken Mix-4-Impuls und gleich anschließend eine Sprengladung. Resultat: Der Flash wird zerstört. Ende des Angriffs. Was Sie hören und was unter Ihren Füßen zittert, sind die Explosionen.« Alsops Zweites System ließ in diesem Fall keine Gefühlsregung zu, aber Gisol reagierte auf diese Erklärung deutlich - zumindest |für Alsop, der lange genug mit ihm zu tun hatte. Gutter erkannte lyielleicht nichts, aber das war vielleicht auch besser so. Denn Gisol wurde in diesem Moment bewußt, welches Risiko er eingegangen war, als er mit Alsop im Flash hierher geflogen war. Um nicht geortet zu werden, war auch er in das Inneres des Planeten eingedrungen... Und wenn die Pscheriden ihre Intervallfallen nicht nur im Bereich des Gefechtsstandes, sondern auch an anderen Stellen angelegt hatten, war es mehr Glück als Verstand, daß sie ihren Anflug überlebt hatten! »Aber trotz aller Abwehrerfolge stehen wir auf verlorenem Posten«, erklärte Gutter. »Wir können unsere Welt auf Dauer nicht gegen den fortwährenden Ansturm der Zyzzkt verteidigen, wie viele von ihnen wir auch immer töten. Wir werden über kurz oder lang von der schieren Masse des offensichtlich unerschöpflichen Nachschubs von Wimmelwilden erdrückt werden. Die Regierung hat zwar schon vor Jahren eine Reihe von zivilen Evakuierungsschiffen bauen lassen, die mehrere Millionen Pscheriden ins All retten könnten. Aber dazu ist es jetzt zu spät. Wir haben keine Lufthoheit mehr und können sie mit den wenigen Kampfraumem, über die wir verfügen, auch nicht wieder herstellen.« Gisol sah ihn nachdenklich an. Dann bat er den General, sich kurz mit Alsop unter vier Augen beraten zu dürfen. Gutter nickte. Er ließ die beiden allein und kehrte in sein Büro im Gefechtsstand zurück. »Ich habe da eine Idee«, sagte Gisol auf Angloter; er wollte keine falschen Hoffnungen wecken, falls doch jemand in der Nähe die Ohren spitzte, etwas mitbekam und Gerüchte verstreute. Es wäre ihm lieber gewesen, das Gespräch in Gutters Arbeitsraum führen zu können, aber nun waren sie eben draußen. »Was meinen Sie?« fragte Alsop mißtrauisch. »Ich meine, daß unsere insgesamt zwanzig Raumer der vereinigten Terranischen und Worgunischen Flotte«, er zeigte dabei ein breites Jim-Smith-Grinsen, »durchaus in der Lage sind, den Pscheriden den Weg freizuschießen.« »Zwanzig Schiffe gegen mehrere hundert Ringraumer der 102 Zyzzkt in diesem System? Haben Sie den Verstand verloren, Gisol? Die schießen uns zusammen, ehe wir überhaupt wissen, was läuft!« »Die? Nie im Leben!« wehrte der Worgun ab. »Alsop, Sie vergessen dabei, daß die verdammten Zyzzkt unter erfreulich extremem Tofiritmangel leiden! Deshalb fliegen ihre Schiffe alle im Sparmodus. Dessen bin ich mir absolut sicher. Unsere zwanzig Raumer aber sind vollgetankt bis zur Halskrause, um mal eine Ihrer terranischen Floskeln zu verwenden, und müßten durchaus in der Lage sein, im Vollbetriebsmodus einen Fluchtweg für die Pscheriden freizuschießen.« Dem mußte Alsop zustimmen. Vielleicht würden sie nicht die ganze Flotte der Zyzzkt kampfunfähig machen können. Aber es reichte sicher, ein dermaßen heilloses Durcheinander anzurichten, daß die Evakuierungsraumer der Pscheriden starten und durchbrechen konnten. Es war alles weniger eine Frage der Kampfkraft, sondern eine der Überraschung und der
Vorbereitungszeit. Denn Millionen Pscheriden zu evakuieren ließ sich nicht von einer Sekunde zur anderen durchführen. Die waren dabei nur ein Tropfen auf dem heißen Stein, weil Pscherid von Milliarden Bewohnern und Zwangsrücksiedlem der Kolonialwelten unwahrscheinlich dicht besiedelt war. Wen traf die Auswahl, wer mußte zurückbleiben? Das war eine Aufgabe, für die Alsop lieber nicht die Verantwortung übernehmen wollte. Rein logistisch war es sicher zu bewältigen, aber da war noch der menschliche Faktor. Denn wer auf Pscherid bleiben mußte, starb oder wurde versklavt, so wie die Worgun auf Epoy versklavt worden waren. Eine Rückkehr der Raumer und ein zweiter oder dritter Evakuierungs-schub war undenkbar. Und selbst fünf bis zehn Flüge würden immer noch nur einen Teil der Bewohner dieses Planeten retten. Aber die Zyzzkt würden dafür sorgen, daß ein zweiter Versuch nicht stattfand. Ihnen konnte nicht daran gelegen sein, irgendwo in Weltraumtiefen Keimzellen weiteren Widerstands zuzulassen. Mit Sicherheit waren sie in der Lage, kurzfristig dermaßen starke Flotten verbände nach Pscherid zu entsenden, daß zwanzig Ring-raumer selbst im Vollbetriebsmodus nicht einmal mehr den Hauch einer Chance hatten. Die Macht der Wimmelwilden war schon immer die Macht ihrer großen Zahl gewesen... Trotzdem - es war einen Versuch wert. So konnte wenigstens einigen Pscheriden, ein paar unbedeutenden Millionen, die Freiheit erhalten werden. Alsop nickte. »Wir versuchen es«, stimmte er zu. Gemeinsam kehrten sie in Gutters Büro zurück. »Wir haben euren Planeten mit einem Flash erreicht«, sagte Gi-sol. »Er befindet sich in einem Versteck jenseits des Dorfes, das vernichtet wurde. Können Sie uns dorthin bringen lassen? Wir werden mit dem Flash hierher zurückkehren, und dann werden wir Ihnen, werden wir dem Volk der Pscheriden helfen.« »Mit einem Flash?« fragte Gutter etwas spöttisch. »Meinen Sie nicht, die Zyzzkt würden sich eher totlachen?« »Dann wäre der Zweck der Mission auch erfüllt«, sagte Gisol sarkastisch. »Aber wir haben da noch eine kleine Überraschung, an der sich die Wimmelwilden verschlucken werden.« »Wenn es vielleicht auch nichts nützt, kann es sicher nichts schaden«, sagte Gutter fatalistisch. »Hoher, ich stelle Ihnen einen Schweber zur Verfügung.« 6. An der Landestelle angekommen, verließen Gisol und Alsop den Schweber und trugen dem Piloten auf, zurückzukehren. Der Wor-gun wollte vermeiden, daß jemand zuviel sah... Erst als die Maschine außer Sichtweite war, aktivierte er seinen Rash. Die Tamvorrichtungen ließ er dabei eingeschaltet. Gemeinsam flogen sie mit dem zylindrischen, etwas plump aussehenden Flugkörper zur Gefechtsstelle zurück. Alsop fragte sich, weshalb Gisol ihn mitgenommen hatte. Den Flash hätte er auch allein holen können. Wollte er Alsop in seiner Nähe haben, um ihn zu kontrollieren? Wollte er vermeiden, daß der Cyborg in Gisols Abwesenheit weitere kritische Bemerkungen von sich gab? Alsop fragte ihn offen danach. Der Mysterious gab ein trockenes Lachen von sich. »Sie sind sehr mißtrauisch, Alsop, und das ist nicht einmal schlecht, aber Sie dürfen mir glauben, daß ich Sie aus sehr eigennützigen Gründen dabei haben will. Als wir nach unserer Landung von Pscheriden angegriffen wurden, hat man mich paralysiert. Sie als Cyborg aber konnten aktiv bleiben und die Angreifer dadurch überraschen. Deshalb habe ich Sie gebeten mitzukommen. Es hätte ein weiterer Angriff erfolgen können, diesmal sicher nicht von den Pscheriden, dafür aber von den Wimmelwilden. Und Sie mit Ihrer hohen Reaktionsschnelligkeit und Ihrer Unverwundbarkeit...« »Ich bin alles andere als unverwundbar«, widersprach Alsop. »Schon eine simple Kugel kann mich töten, und wenn mich der Nadelstrahl aus einem Flash oder einem der Zyzzkt-Panzer erwischt, bin ich schneller eine kurz aufleuchtende Gaswolke, als Sie nachdenken können.« »Aber Sie sind in jeder Hinsicht wesentlich belastbarer, schneller und auch stärker als ich«, stellte der Mysterious fest. »Sie sind hier so etwas wie meine Lebensversicherung.« »Zu viel der Ehre«, spöttelte Alsop. Diesmal verzichtete Gisol darauf, mittels Intervallfeld unterirdisch zu fliegen. Jetzt, da er von den Minen wußte, ging er lieber das Risiko ein, oberirdisch zu fliegen. Der Tarnung seines Flash schien er dennoch nicht zu trauen, denn er hielt die Maschine immer dicht über dem Boden und benutzte die Berglandschaft als Deckung, wo immer es ging. Natürlich - er hatte es bei den Gegnern, den Zyzzkt, mit gleichwertiger Technik zu tun! Möglicherweise konnten sie ihn trotz allem orten.
Während der Flash sich recht langsam vorwärtsbewegte, bereitete Gisol eine Nachricht an Ren Dhark vor, die er als Kompri-Spruch absenden wollte. Er besaß zwar keinen To-Funk, mit dem er die Sendung so extrem gebündelt hätte verschicken können, daß sie nur das angepeilte Raumschiff erreichte und schon wenige Meter abseits nicht mehr empfangen werden konnte, aber eine Automatik seines Ring-raumers würde diese Botschaft dekomprimieren und mit Mikrowellen geringster Stärke an die POINT OF weiterleiten, so daß die Tarnung der zwanzig Schiffe perfekt blieb. Den Text der Nachricht überspielte er kurz zur Gegenkontrolle auf einen Minibildschirm an Alsops Instrumentenpult - die Flash konnten von beiden Insassen gleichberechtigt gesteuert werden, die in den kleinen Maschinen Rücken an Rücken zueinander saßen. Leider hatten die Erbauer dieser Raumboote keine Miniaturausgaben der Bildkugeln installiert, mit denen in den Ringraumem die Umgebung des Schiffes dargestellt wurde, sondern über den beiden Insassen je einen Bildschirm angebracht, der Flashpiloten dazu zwang, ständig den Kopf zu verdrehen und auf Dauer Genickschmerzen zu riskieren. Nach dem Sinn dieser Konstruktion befragt, hatten die Salter seinerzeit geäußert, die Flash seien nur in Ausnahmefällen von den Mysterious geflogen worden, ansonsten vorwiegend von Robotern, die ein drittes Auge auf der Schädeldecke besaßen, nur widersprach dieser Ausnahme-Theorie die Tatsache, daß es in den Flash genau wie in der POINT OF und der 106 EPOY Gedankensteuerungen gab. Die wurden aber von Robotern nicht benötigt. Seit dem Auftauchen Gisols wußten sie nun alle, daß die Mysterious Gestaltwandler waren und jederzeit ein drittes Auge auf dem Schädel ausbilden und bei Nichtgebrauch wieder verschwinden lassen konnten. Für Humanoide war die Bildschirmanordnung weiterhin äußerst lästig. »Text bestätigt«, sagte Alsop knapp. »Kein Einwand.« Der Flash sendete die Nachricht als ultrakurzen, extrem komprimierten Hyperfunkimpuls an die EPOY. Diesen Impuls konnten die Zyzzkt garantiert nicht auffangen, oder sie mußten ihn für eine Störung halten. Entzerren konnten sie ihn auch nicht, weil sie sicher erst gar nicht auf diese Idee kamen und zum anderen dafür den Komprimierungsmodus hätten kennen müssen. Währenddessen erreichten sie den Gefechtsstand, der gerade für die Verlegung an einen anderen Ort vorbereitet wurde. Von den beiden Bauern, die sich rekrutieren lassen wollten, war nichts mehr zu sehen. Vermutlich waren sie bereits irgendwo an der Arbeit und hatten sich ihr Soldatensein bestimmt nicht so vorgestellt, daß sie Unterkünfte abbauen und Einrichtungen in Schweber zu verladen hatten. Welch ein krasser Unterschied zum mörderischen Kampf gegen mörderische Invasoren... Gisol parkte den Flash etwas abseits, außerhalb des unmittelbaren Sichtbereichs der Pscheriden, und ließ die Tamvorrichtungen auch weiterhin eingeschaltet. Er blieb an Bord, während Alsop sich bei General Gutter zurückmeldete. »Was werden Sie nun tun, um uns mit Ihrem kleinen Raumfahrzeug zu helfen?« fragte Gutter. »Abwarten«, sagte der Cyborg. Gutter reagierte verdrossen; er fühlte sich an der Nase herumgeführt. Aber weder Alsop noch Gisol wollten ihn in den Plan einweihen, ehe nicht von Ren Dhark das »Ja« kam. Sie wollten im Falle einer Ablehnung durch den Commander die Pscheriden nicht erneut in tiefe Hoffnungslosigkeit stürzen. Nur wenn feststand, daß Ren Dhark das Risiko nicht zu groß war, sollte Gutter eingeweiht werden. Lehnte Dhark ab, mußten sie sich etwas anderes einfallen lassen. Etwa eine Stunde später tauchte Gisol auf. Er hatte seinen Flash verlassen und wieder gesichert. »Die EPOY hat einen ebenso kurzen Funkimpuls zurückgesendet«, berichtete er. »Und?« »Dhark ist einverstanden. Die Rotte wird sich noch drei Tage bedeckt halten und dann zu einem genau festgesetzten Zeitpunkt einen bestimmten Fluchtkorridor freikämpfen. Die Pscheriden haben also drei Tage Zeit, um wenigstens ein paar Millionen ihres Volkes ins All zu retten.« »Was heißt das?« stieß Gutter hervor. »Haben Sie etwa doch eine Hilfsflotte zusammengestellt? Warum haben Sie das dann vorhin abgestritten. Hoher?« »Um Sie vor Enttäuschungen zu bewahren«, sagte Gisol. »Denn das Kommando über diese Rotte habe nicht ich selbst. Außerdem - es sind nur zwanzig Raumer. Zu wenig, um sich große Illusionen zu machen. Aber der Commander der Planeten, der die Rotte befehligt, erklärte sich mit unserem Plan einverstanden.« »Commander der Planeten«, echote Gutter. »Das ist ein ziemlich großer Titel.« »Es ist auch ein ziemlich großer Mann«, sagte Gisol, und Alsop glaubte für einen Moment
tatsächlich so etwas wie Bewunderung durchklingen zu hören. »Ein Mann, der in einem Jahr mehr tat als wir Worgun in tausend.« »Wie sieht dieser Plan aus?« kam Gutter auf den Kern des Gesprächs zurück. Alsop lächelte. »Hören Sie zu...«
108 Über abhörsichere Glasfaserkabel gab Gutter diese Nachricht an das Oberkommando weiter. Doch die Antwort bestand eher in einer Hiobsbotschaft: Bei ihrem Vormarsch auf die Hauptstadt Pscheridorr hatten die Zyzzkt die Ebene vor der Stadt eingenommen, unter der sich die Hangars mit den Ruchtschiffen befanden. Die Raumabwehrgeschütze der Hauptstadt mußten bereits im Bodenkampf eingesetzt werden, so daß schon sehr bald auch mit einem Direktangriff zyzzktischer Raumlandetruppen zu rechnen war! Es gäbe vielleicht noch eine Chance, die Ebene - wenigstens vorübergehend - noch einmal freizukämpfen, wenn die Zyzzkt nicht ihre drückende Luftüberlegenheit durch die Rash hätten. »Drückende Luftüberlegenheit?« hakte Alsop nach. »Über wie viele Rash verfügen die Zyzzkt denn überhaupt?« Die Terraner hatten diese kleinen Raumboote nur in der POINT OF vorgefunden. Gerade mal 28 Stück, von denen einige inzwischen zerstört waren. Kein einziger der S-Kreuzer besaß auch nur ein einziges dieser Beiboote. Da waren selbst die Tel mit ihren Xe-Rash gewaltig im Vorteil. Gisols EPOY verfügte zwar über Rash, aber ob auch seine anderen neun Ringraumer damit bestückt waren, hatte er bislang noch nicht preisgegeben. Deshalb konnte sich der Cyborg selbst im Bereich seines Logiksektors nur schwer vorstellen, daß die Insektoiden über dermaßen viele Rash verfügten, daß sie die Lufthoheit über einem ganzen Planeten halten konnten. »Sie besitzen offenbar nur eine begrenzte Anzahl von Rash, die sie scheinbar schwerpunktmäßig beim Kampf um Pscheridorr einsetzen«, erwiderte Gutter zögernd. »Wie wäre es dann mit einem Entlastungsangriff auf das planetare Hauptquartier der Zyzzkt?« schlug Alsop vor. »Dann sind sie gezwungen, ihre Luftwaffe abzuziehen, um ihr Hauptquartier zu schützen.« Gutter sah ihn verblüfft an. »Oder gibt es so ein Hauptquartier nicht?« fragte Alsop weiter nach. »Natürlich haben sie eines eingerichtet«, sagte Gutter. »Etwas anderes hätte mich auch gewundert«, ließ sich Gisol vernehmen. »Es wäre sonst nicht ihre Art zu kämpfen.« »Unseren Informationen zufolge ist es rund 1500 Kilometer von Pscheridorr entfernt«, erklärte Gutter. Natürlich nannte er nicht diesen Begriff, aber Alsops Programmgehirn rechnete die Daten in terranische Maße um. Gutter fuhr bedauernd fort: »Aber mit den geringen Kräften, die wir Pscheriden noch aufzubringen in der Lage sind, ist ein Angriff einfach nicht mehr durchführbar.« Alsop schüttelte den Kopf. »Alles ist machbar, Herr Nachbar«, sagte er. »Man muß nur andere oder neue Wege gehen. Ich habe da einen Plan...«
Als Terence Wallis auf seiner Büroliege erwachte, schien die Sonne zum Fenster herein. Im Hochsommer hätte er sofort die Vorhänge zugezogen und die Klimaanlage eingeschaltet, doch Anfang Mai empfand man etwas Licht und Wärme noch als sehr angenehm. Der Unternehmer war vollständig bekleidet. Er erhob sich und ging nach nebenan in seinen privaten Waschraum. Seine Beine fühlten sich wie Pudding an. Im Kopf schien sich ein Kinderkarussell zu drehen. Die Kinder kreischten vor Vergnügen, und der Karussellmeister ließ über seine Musikanlage in einem fort dasselbe Lied ertönen: »Sixteen Tons« von »The New Golden Gate Quartett« - ein Evergreen, der nichts von seiner Ursprünglichkeit eingebüßt hatte, obwohl er seit seiner Entstehung diverse freie Übersetzungen über sich hatte ergehen lassen müssen. Die am meisten gespielte Fassung dieser Seemannsballade handelte von einem Schiff, das Mary Ann hieß und seinen Kapitän mit ins kühle, nasse Grab nahm. Aus dem Spiegel heraus wurde Wallis von einem fremden Mann
110 angeblickt. Dieser zerknautschte Typ konnte unmöglich er sein. Oder doch? Er versuchte, sich an die letzten Stunden zu erinnern. Nach seiner Heimkehr aus dem All hatte er sich ein bißchen aufs Ohr gelegt. Und dann war da noch dieser seltsame Traum... nur verschwommen konnte er sich daran erinnern. Wallis fragte sich, wie lange er wohl geschlafen hatte. Der Blick auf das Chronometer traf ihn wie ein Schock. Offenbar hatte er fast einen ganzen Tag lang auf der Büroliege zugebracht, einschließlich der dazugehörigen Nacht. Kein Wunder, daß er sich total zerschlagen fühlte. Warum hatte Robert Saam ihn nicht geweckt? Trotz seiner Kopfschmerzen mußte Terence Wallis unwillkürlich schmunzeln, als ihm nach und nach Einzelheiten aus seinem Traum einfielen. Saam hatte ihm die Stabilität eines völlig neuen Verbundwerkstoffs demonstriert, indem er mit einem Impulsgeschütz auf eine dünne, leichte Platte gefeuert hatte, die angeblich aus jenem Werkstoff gefertigt worden war. Das Testobjekt hatte dabei nicht einmal einen Kratzer abbekommen. Außerdem hatte die Platte das Gewicht eines immens schweren Tofiritwürfels verkraftet, ohne sich durchzubiegen. »Sixteen Tons« rumorte es in Terence' Brummschädel, immer und immer wieder. Wieso ausgerechnet dieses Lied? Sechzehn Tonnen. Der Würfel hatte etliche tausend Tonnen mehr gewogen. Nachdem er sich entkleidet hatte, unterzog sich Wallis einer belebenden Heiß-Kalt-Dusche. Anschließend begab er sich zurück in sein privates Ruhezimmer. Aus einem schmalen Kleiderschrank entnahm er ein paar frische Kleidungsstücke. Während er sich ankleidete, kamen ihm weitere Details aus seinem merkwürdigen Traum in den Sinn. Saam hatte die extreme Stabilität seines neuen Werkstoffs mit der Hinzufügung von Tofirit erklärt. »Lächerlich«, murmelte Wallis und streifte sich eine seiner bunten Westen über. »Hätte die Platte Tofirit enthalten, hätte ich sie niemals tragen können.« Er öffnete die Zwischentür zu seinem Büro und trat ein. Es gab viel zu tun, das mußte er jetzt anpacken. Auf seinem Schreibtisch stand eine Flasche Mineralwasser, gleich daneben ein Glas. An der Rasche lehnte ein Notizzettel, davor lagen zwei Tabletten. Wallis las die Notiz. Guten Morgen, Chef! begrüßte ihn seine Sekretärin. Ausgeschlafen? Ich habe vorsichtshalber alle Termine für heute vormittag abgesagt. Die Whiskyflaschen habe ich weggeräumt und das Büro gelüftet. Falls es Ihnen nicht gutgeht, nehmen Sie die beiden Tabletten, sie wirken Wunder bei einem Alkoholkater. »Alkoholkater?« entfuhr es dem Unternehmer, der sich gar nicht daran entsinnen konnte, nach seiner Rückkehr von Eden auch nur einen Tropfen Single Malt getrunken zu haben. Er wollte nach nebenan ins Vorzimmer gehen, um seine Sekretärin zu befragen. Zuvor nahm er die beiden Tabletten ein. Vielleicht halfen sie ja gegen das Karussell in seinem Kopf... In den vergangenen Jahrzehnten hatte die Medizin enorme Fortschritte gemacht. Zwar gab es 2059 noch immer kein wirksames Mittel gegen stetigen Alkoholmißbrauch (abgesehen vom Austausch geschädigter durch nachgezüchtete Organe), doch wer nur mal gelegentlich einen über den Durst trank, konnte sich hinterher weitgehend von den Nebenwirkungen befreien dank der »Katerpille«, die Körper und Geist wieder in Schwung brachte. Plötzlich sah Terence Wallis alles ganz klar. Seine Gedächtniszellen regenerierten sich, zumindest die, die der Alkohol nicht ganz und gar ausgelöscht hatte. Carborit! Nein, das war kein Traum gewesen. Die Vorführung auf dem Außengelände hatte tatsächlich stattgefunden, im Beisein von Robert Saam und seinen Assistenten. Im Anschluß an die Testreihe hatten sich alle zu weiteren Gesprächen ins Büro des Industriellen begeben. Die Sekretärin hatte
112 bereits Feierabend gemacht. Nachdem man zu fünft auf die neue Erfindung angestoßen hatte, hatte sich Wallis mit Saam über die Einsatzmöglichkeiten von Carborit unterhalten. Lindenberg, Ramoya und Lautrec hatten dem Zwiegespräch schweigend zugehört und amüsiert mitverfolgt, wie das Erstaunen des Industriellen immer größer geworden war...
»Bei den Mysterious war Tofirit knapp und dementsprechend wertvoll. Heutzutage sind wir besser dran, denn wir können zunächst einmal aus dem Vollen schöpfen. Die Tofiritvorräte im Achmed-Sy stem sind gewaltig. Gewaltig, aber nicht unendlich, Terence. Es ist fast schon eine Sünde, das edle Metall für den Bau von Raumschiffen zu verwenden.« »Aber es gibt nichts Besseres, Robbie, jedenfalls nicht nach den aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen.« »Ein Großteil der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse der Menschheit beruht auf meinen Forschungen. Das gilt auch für den Bau der Ikosaederraumschiffe. Ich erinnere mich noch gut an unseren ersten Testflug mit der IKO l. Seinerzeit war dieses Schiff eine Sensation, etwas Einmaliges! Doch der Fortschritt ruht sich nicht auf seinen Lorbeeren aus, er schreitet unermüdlich voran. Tofirit - das war gestern. Carborit ist morgen. Obwohl ich zugeben muß, daß der neue Verbundwerkstoff ohne Tofirit gar nicht machbar wäre.« »Willst du damit andeuten, die Fünfkiloplatte, die ich mir problemlos unter den Arm klemmen konnte, enthält Tofirit? Du willst mich wohl verkohlen?« »Kohle ist genau das passende Stichwort. Von jeher war ich von den leichten, aber hochfesten Kohlefaserverbundstoffen fasziniert, die um die Jahrtausendwende herum in höchster Perfektion entwickelt wurden. Allerdings ist nichts so perfekt, daß man es nicht noch mehr perfektionieren könnte. Mittels eines speziellen Verfahrens der Hyperoszillation ist es mir gelungen, bei einer Temperatur von nur 600 Grad Celsius einen Werkstoff zu erschaffen, in dem Kohlefasem und Tofirit einen Verbund eingehen.« »Nimm mich nicht auf den Arm, Robbie. Was du mir hier schilderst, ist völlig unmöglich. Die schwarze Platte mit dem dunkelroten Schimmer, die ich in den Händen hielt, war niemals aus Tofirit, nicht einmal teilweise, das hätte ich doch am Gewicht gemerkt.« »Um den neuen Verbundstoff hochfest zu machen, reichen extrem wenige Tofiritatome aus, Terence. Die könnte sogar ein Greis wie du heben, ohne sich einen Leistenbruch zu holen.« »Ich und ein Greis? Na hör mal! Ich bin achtundvierzig.« »Jeder, der über dreißig ist, zählt für mich zu den betagteren Herrschaften. Öh, Damen selbstverständlich ausgenommen, Regina. Zurück zum Thema. Um ein Raumschiff aus Tofiritmasse zu bewegen, benötigt man starke Antriebsmaschinen. Vor allem die Energieerzeuger für die Antigravaggregate verbrauchen viel Platz. IKO l beispielsweise verfügt über neunzehn Maschinenräume. Aufgrund strategisch angebrachter Durchgangsschotts kommt man auf dem kürzesten Weg von einem Raum zum nächsten. Dennoch dauert es seine Zeit, bis man von der im Schiffskem gelegenen Zentrale zum Eingangsschott gelangt. Bei einer Notevakuierung der gesamten Mannschaft wird der Ikosaeder somit leicht zur Falle. Würden weniger Maschinenräume benötigt, könnte man die Quartiere näher an den Ausgang verlegen.« »In der Mitte des Raumschiffs ist es aber am sichersten.« »In der Mitte einer Gruft auch. Im übrigen lassen sich die gewonnenen Kapazitäten auch anders nutzen. Bei Einsätzen auf fremden Planeten könnten zusätzliche Waffen und Nahkampfeinheiten mitfliegen.« »Theoretisch ja. Doch ohne die Antigravaggregate würden sich die Iko-Raumer keinen Millimeter vom Boden bewegen.« »Das gehört von nun an der Vergangenheit an. Wenn wir die Ikosaederschiffe statt aus Tofirit aus Carborit bauen, wären sie 114 wesentlich leichter. Hinzu kommt, daß die Panzerwirkung der Außenhaut bei gleicher Panzerdicke sogar weitaus stärker ist als bei reinem Tofirit - bei einem Bruchteil des Gesamtgewichts, wohlgemerkt.« »Klingt gut, Robbie. Zu gut für meinen Geschmack. Wo hängt der Haken?« »Es gibt keinen Haken an der Sache. Nun ja, fast keinen. Der neue Werkstoff hat einen erheblichen Nachteil. Man kann die Bauteile nicht mehr nachbearbeiten, sondern muß sie gleich bei der Herstellung in der benötigten Form produzieren. Verpfuschte Teile sind hinterher nicht mehr zu gebrauchen. Aber für unsere Fachleute dürfte das nur ein geringfügiges Problem sein, denke ich. Was benötigt wird, sind große Autoklaven, in die wir zusätzliche Hyperoszillatoren einbauen. Der Clou des Verfahrens ist übrigens der Klebstoff, mit dem die einzelnen Bauteile zusammengefügt werden. Man kann ihn bei normaler Zimmertemperatur auftragen. Nach dem Aushärten erträgt er jede bekannte Belastung, selbst Temperaturen bis zu 200 000 Grad Celsius - dank der eingelagerten Tofiritatome.« »Wirklich erstaunlich. Nichtsdestotrotz habe ich noch einen Einwand, von dem ich meine, daß er berechtigt ist. Eine Sache hast du nämlich nicht bedacht.« »Das bezweifle ich, Terence, ich denke an alles. Mußt du eigentlich immer so negativ sein? Die Vorteile liegen doch klar auf der Hand. Ikosaederschiffe aus Carborit sind leichter und
schneller als Tofiritschiffe, bieten viel mehr Platz für zusätzliche Geräte, Mannschaften und Waffen, und sie sind billiger in der Herstellung. Gerade das letzte Argument müßte dich als Geschäftsmann endgültig überzeugen.« »Tut es auch - fast. Allerdings scheinst du vergessen zu haben, weshalb wir die Ikos aus schwerem Tofirit bauten. Ihre extrem hohe Masse hat verhindert, daß sie vom Schwarzen Strahl der Grakos in den Hyperraum geschleudert wurden.« »Die Grakos stellen für Terra keine Gefahr mehr dar.« »Augenblicklich nicht, zugegeben, Robbie. Aber was ist, wenn sich die Verhältnisse dort ändern und sie wieder zu unseren Feinden werden? Oder wenn ein anderes Volk über eine ähnliche Waffe verfügt?« »Wenn, wenn, wenn... bisher ist uns bei Bedrohungen aus dem All noch immer was eingefallen. Im übrigen habe ich auch diese Möglichkeit in Betracht gezogen. Auf dem Gebiet der Massenmanipulation wurden in letzter Zeit enorme Fortschritte gemacht, nicht zuletzt bedingt durch die intensiven Forschungen am entarteten Schwarzen Loch im Milchstraßenzentrum. Mittlerweile sehen mein Team und ich uns in der Lage, den kombinierten Schwerkrafterzeuger und Andruckabsorber an Bord so umzubauen, daß er bei einem Angriff mit dem Schwarzen Strahl oder einer vergleichbaren Waffe die Masse der Raumschiffshülle künstlich erhöht. Im Inneren würde man nichts davon spüren. Fazit: Nach außen hin wäre solch ein Schiff noch schwerer als ein Raumer aus Tofirit und hätte beim Strahlenbeschuß somit die besseren Karten.«
Was auch immer Terence Wallis im Verlauf des Gesprächs an Gegenargumenten vorgebracht hatte, Robert Saam war ihm stets einen Schritt voraus gewesen. Letztendlich hatte der Milliardär »die Waffen gestreckt« und sich überzeugen lassen. Saams Ratschlag, umgehend den Bau von zwölf Carborit-Ikosa-ederraumem in Auftrag zu geben, hatte Wallis sofort befolgt. Er hatte Robert und seinem Team die Projektleitung übertragen und die Gruppe mit allen nötigen Vollmachten ausgestattet. Danach war die neue Erfindung gehörig begossen worden. Zwar hatte die Feier nur im kleinen Rahmen stattgefunden und hielt dem Vergleich mit Wallis' gewohnt ausschweifenden Landsitz-Partys bei weitem nicht stand, aber es war niemandem langweilig geworden. Bis in den frühen Morgen hinein hatte »die Fünferbande« so manches Glas geleert. Eine intime, stimmungsvolle Erwachsenen
116 fete, untermalt von Popsongs und Schlagern aus Terence' hochmoderner Musikanlage - es mußte halt nicht immer Kaviar sein. In den nachfolgenden (Nacht-)Stunden hatten Wallis, Saam, Ramoya und Regina abwechselnd versucht, George Lautrec dazu zu bewegen, endlich sein Schweigen zu brechen und sein Geheimnis mit ihnen zu teilen. Aber der hatte kein Sterbenswörtchen preisgegeben und nur erwidert, daß seine Überlegungen und Berechnungen noch nicht vollständig abgeschlossen waren. Im Morgengrauen hatte Robert dann in einem fort die CD »Six-teen Tons« aufgelegt - und damit das Ende des kleinen, intimen Umtrunks eingeleitet. Entnervt hatten sich Regina, Saram und George nacheinander verabschiedet und sich in ihre Quartiere auf dem Gelände zurückgezogen. Zum Schluß hin hatte Wallis den angetrunkenen Norweger zur Tür hinausgeschoben, die Musikanlage abgeschaltet und sich alkoholbeseelt auf seine Büroliege fallen lassen. Nun war er wieder völlig klar im Kopf. Und schon beschäftigten ihn neue Probleme im Zusammenhang mit den Ikos: Wohin mit den zwölf Tofirit-Ikosaedem, die er vor der Abreise nach Eden bei seinen Ingenieuren in Auftrag gegeben hatte? Die Carboritraumer waren als Schutzflotte fürs Achmed-System zweifelsohne besser geeignet. Sollte er die Arbeiten an den Tofiritschiffen einstellen lassen, ungeachtet der hohen Kosten, die bereits entstanden waren? Und plötzlich kam ihm eine geniale Idee! Wer ein Riesenunternehmen wie Wallis Industries mitsamt Tochtergesellschaften leitete, sah sich schon aus Zeitgründen außerstande, jeden unternehmerischen Einfall persönlich in die Tat umzusetzen. Wozu bezahlte man schließlich einen Stamm hochqualifizierter Mitarbeiter? Für die Umsetzung seiner Idee beschäftigte Terence Wallis genau den richtigen Mann. Keiner war besser dafür geeignet als er -auch wenn man es ihm gar nicht ansah.
7.
»Er ist gerissen wie ein Fuchs«, flüsterte Dr. jur. Petrowsky seinem Mandanten zu, »auch wenn man es ihm gar nicht ansieht.« »Kein Grund zur Aufregung«, entgegnete Lothar Lesch. »Er hat nichts gegen mich in der Hand. Fortrose ist schlau, aber ich bin schlauer.« »Schlauer?« »Das war ein Scherz, Herr Doktor. Gehen Sie denn nie ins Theater? Kennen Sie nicht den schlauen Polizeiminister aus >Madame Pompadour« »Ich kenne weder jene Dame noch den Herrn Minister, und fürs Theater läßt mir mein nervenaufreibender Beruf leider keine Zeit. Konzentrieren Sie sich lieber auf den Prozeß, sonst könnte es sein, daß Ihnen im Gefängnis das Scherzen vergeht. Sind Sie sich eigentlich Ihrer Lage bewußt? Man klagt Sie wegen Industriespionage an.« Lothar Lesch zuckte mit den Schultern. »Und wenn schon. Sie werden mich da schon raushauen, das hat mir Ihr Chef zugesichert.« »Unser beider Chef«, stellte sein Anwalt klar. »Sie haben die Seiten gewechselt und arbeiten jetzt für uns, schon vergessen?« Der Vorsitzende Richter räusperte sich ungehalten. »Wenn auf der Anklagebank nicht sofort das Flüstern eingestellt wird, verhänge ich ein Ordnungsgeld, verstanden? Ich würde gern die Beweisaufnahme fortführen, falls es Ihnen recht ist, meine Herren.« »Beweisaufnahme?« entgegnete Petrowsky spöttisch. »Von welchen Beweisen ist denn die Rede, bitte schön? Ich möchte ja nicht respektlos erscheinen. Euer Ehren, aber bisher haben sich sämtliche Vorwürfe gegen meinen Mandanten als Windei entpuppt.« »Windei?« entrüstete sich der Staatsanwalt. »Herr Lesch kannte den Zugangscode für den verschlossenen Konferenzraum sowie 118 die Kombination des Wandsafes, und er hatte Zeit und Gelegenheit, die Minidisk mit den Geheimplänen auszutauschen. Dabei wurde er von der Überwachungskamera gefilmt. Außerdem hat er kein Alibi.« »Zahllose andere Mitarbeiter von Wallis Industries auch nicht. Wollen Sie die jetzt alle verdächtigen? Mein Mandant wußte überhaupt nichts von dem neuen Projekt. Er gehörte nicht zum Kreis der Eingeweihten und hat nie an einem der streng geheimgehaltenen Arbeitstreffen teilgenommen — falls es diese heimlichen Zusammenkünfte überhaupt gab, was bislang noch nicht bewiesen wurde. Kein einziger der angeblichen Sitzungsteilnehmer wurde als Zeuge geladen.« »Aus Sicherheitsgründen«, warf Fortrose, als Vertreter der Nebenklage, ein. »An den Gesprächen nahmen Größen aus Wirtschaft und Politik teil, sogar ein ranghoher Militär war mit darunter. Alle trugen Decknamen, auch Herr Lesch. Elektronische Aufzeichnungen waren verboten, nicht einmal ein schriftliches Protokoll durfte geführt werden.« Im Verlauf des Prozesses hatte sich der unscheinbare Siebzigjährige nur selten zu Wort gemeldet, meist mit knappen, bedeutungslosen Einwänden. Geduldig wartete der Richter ab, ob Fortrose noch mehr zu sagen hatte, doch der Nebenkläger schwieg wieder und blätterte scheinbar geistesabwesend in seinen Akten. Der Vorsitzende kannte Fortrose von früheren Prozessen her und wußte, daß das gespielte Desinteresse lediglich eine Masche war. Wallis' Hausanwalt hatte es faustdick hinter den Ohren. Schon so manche Verhandlung hatte er erst im letzten Moment für sich entschieden. Er war immer für eine Überraschung gut. Der Richter, der an der Schuld des Angeklagten kaum Zweifel hatte, war schon höllisch gespannt, wie Fortrose diesmal vorgehen würde. Die bisher vorgelegten Beweise reichten jedenfalls noch nicht aus, um Lothar Lesch zu verurteilen. Alex Basil Christian David Edward Fortrose war alles andere als rine schillernde Persönlichkeit. Das einzig Besondere an ihm waren seine fünf Vornamen, deren Initialen aneinandergereiht die ersten fünf Buchstaben des Alphabets ergaben; der Nachname bildete den sechsten. Wahrscheinlich hatten seine Eltern schon bei seiner Geburt geahnt, daß nichts Außergewöhnliches aus ihm werden würde und hatten ihm deshalb wenigstens einen originellen Namen verpaßt. Auf gewachsen war Alex in einer kinderreichen Lehrerfamilie. Eigentlich hatte auch er Lehrer werden sollen, wie sein Vater und sein Großvater vor ihm, doch aus Unentschlossenheit hatte er fortlaufend das Studienfach gewechselt und war schließlich Anwalt geworden. Ein Entschluß, den er schon bald wieder bereut, aber aus Trägheit niemals rückgängig gemacht hatte. Mittlerweile war er in Ehren ergraut. Sein sich allmählich verflüchtigendes Haar bedeckte nur noch die hintere Kopfhälfte, und der kümmerliche, struppige Oberlippenbart in seinem fahlen Gesicht hatte mit Sicherheit schon mal fröhlichere Tage gesehen - im Gegensatz zu seinem
Träger. Fortroses Kleidung war so färb- und einfallslos wie er selbst. Der Jurist, der derzeit fast ausschließlich für Terence Wallis arbeitete, bezog ein leistungsbezogenes Einkommen, wußte mit seinem Geld aber eigentlich nichts so recht anzufangen. Gutes Essen? Fehlanzeige. Kulinarische Genüsse schlugen ihm auf den schonkostgewohnten Magen. Alkohol und Tabak? Undenkbar! Wenigstens eine gute Tasse Kaffee? Nein, dann schon lieber Kamillentee. Theater, Kino, Museum - drei Begriffe, die Fortroses Meinung nach am besten im Wörterbuch aufgehoben waren. Mit wem hätte er auch ausgehen sollen? Er war weder verheiratet noch hatte er eine Freundin. Und daheim von einem Holokanal zum nächsten zu zappen war schließlich auch eine Art von Kultur. A. B. C. D. E. F. war kein aufrichtiger Mensch. Seine persönlichen Ansichten behielt er lieber für sich und dachte sich seinen Teil. Das machte es schwierig, ihn richtig einzuschätzen - sein wichtigster Pluspunkt vor Gericht. Ein undurchschaubarer Anwalt
120 war schon der halbe Sieg. Diesmal allerdings schien er sich am Angeklagten die Zähne auszubeißen. Der fünfzigjährige Techniker Lothar Lesch war eineinhalb Jahre lang für Wallis Industries tätig gewesen und hatte zuletzt - laut Anklageschrift - an einem geheimen wissenschaftlich-technischen Projekt mitgearbeitet, an welchem unter anderem auch das Militär großes Interesse zeigte. Wallis Industries war im Begriff, einen völlig neuen, kubusförmigen Robotertyp zu entWikkeln, dessen Fähigkeiten die der gängigen Kegelroboter um Längen übertraf, von den eingeschränkten Funktionen der Billig-Blechmänner ganz zu schweigen. Lesch wurde vorgeworfen. Gedächtnisprotokolle der Geheimsitzungen angefertigt und an eine in Worid City ansässige Maschinenbaufirma weitergeleitet zu haben. Gareth Machine war ein aufstrebendes Unternehmen, das vor zwei Jahren sozusagen aus dem Boden gestampft worden war und seither hart um Marktanteile kämpfte, mit recht zwielichtigen Methoden, wie man sich hinter vorgehaltener Hand erzählte. Laut Anklage hatte Lothar Lesch dem Firmeninhaber Tom Gareth angeboten, die Pläne für den neuen Roboter zu stehlen. Als Gegenleistung habe er einen leitenden Posten in den Werkstätten von Gareth Machine gefordert. Mittlerweile bekleidete er diesen Posten tatsächlich, allerdings bestritt er energisch, daß sein neuer Job mit dem Diebstahl der Pläne in Zusammenhang stand. Vielmehr, so seine Aussage, habe man ihn aufgrund seiner Qualifikation völlig legal abgeworben. Bislang konnte man ihm diese Behauptung nicht widerlegen. Der Diebstahl war erfolgt, kurz nachdem die Sitzungsteilnehmer zur Mittagspause aufgebrochen waren. Jemand hatte die Minidisk mit den Herstellungsplänen aus dem Wandsafe im Konferenzraum gestohlen und gegen eine leere Disk ausgetauscht. Dieser Jemand war zwar gefilmt worden, jedoch so unzureichend, daß er auf den Aufzeichnungen nicht klar erkennbar war. Anklage und Nebenklage vermuteten eine Manipulation der Überwachungskamera (zu der Lesch aufgrund seiner technischen Kenntnisse fähig war), konnten dies aber nicht beweisen. Alle Geheimnisträger des Projekts AZ 2222-48, kurz »Robo-drei« genannt, hatten sich zum Zeitpunkt des Diebstahls im selben Restaurant aufgehalten - bis auf Lothar Lesch, der eine Magenverstimmung vorgeschoben und einen Spaziergang an der frischen Luft bevorzugt hatte. Einen Spaziergang, für den es keine Zeugen gab. Angesichts der dürftigen Beweislage brauchte er auch keine. Auf Terra galt jeder Angeklagte so lange als unschuldig, bis man ihm seine Schuld zweifelsfrei nachgewiesen hatte. »Ihre Beweise sind ziemlich mager«, sagte der Richter zum Ende der Beweisaufnahme hin, wobei er abwechselnd den Staatsanwalt und Fortrose anschaute. »Ich sehe nur noch eine Möglichkeit, den Prozeßausgang zu Ihren Gunsten zu entscheiden, meine Herren. Präsentieren Sie uns glaubwürdige Zeugen, die regelmäßig an den geheimen Besprechungen teilgenommen haben. Nur so können Sie beweisen, daß Herr Lesch jedesmal mit dabeigewesen ist und über das Projekt AZ 2222-48 Bescheid wußte.« Zum wiederholten Male lehnte Fortrose es ab, die Namen der Sitzungsteilnehmer zu nennen. »Aus Sicherheitsgründen«, betonte er nachdrücklich. »Mehr darf ich dazu nicht sagen.« »Dann tut es mir leid für Sie«, erwiderte der Vorsitzende seufzend. »Halten Sie jetzt bitte Ihre Plädoyers.« Staatsanwalt, Nebenkläger und Verteidiger faßten sich in ihren Abschlußbekundungen kurz es war eh alles gesagt worden. Danach erteilte der Richter dem Angeklagten das letzte Wort. »Ich schließe mich den Ausführungen meines Verteidigers an«, sagte Lothar Lesch und fügte triumphierend hinzu: »Ich wußte bis zu dieser Verhandlung wirklich nichts von >Robo-drei<,
glauben Sie nur, Euer Ehren. Selbst der beste Anwalt von Wallis Industries konnte mir nichts Gegenteiliges nachweisen.« Doktor Petrowsky stupste seinen Mandanten ermahnend mit 122 dem Ellbogen an. Daraufhin schwieg Lesch abrupt. Zu spät. »Ich möchte Sie bitten, die Verhandlung noch nicht zu schließen, Euer Ehren«, warf Alex Fortrose mit ruhiger Stimme ein. »Hiermit beantrage ich, erneut in die Beweisaufnahme einzutreten.« Der Vorsitzende atmete innerlich auf. Na endlich! Offensichtlich spielte Fortrose in letzter Sekunde seinen Trumpf aus, wie man es von ihm gewohnt war. »Um nochmals in die Beweisaufnahme einzutreten, brauchen Sie einen wirklich guten Grund«, machte der Richter dem Nebenkläger deutlich. »Den habe ich«, versicherte ihm Fortrose. »Wie mir berichtet wurde, hat man auf den Geheimsitzungen der Einfachheit halber immer nur vom Projekt >Robo-drei< gesprochen, statt im Gespräch jedesmal das vollständig Aktenzeichen zu nennen. Offiziell gab es diesen Begriff gar nicht, er kursierte lediglich unter den Sitzungsteilnehmern. Im Verlauf der Gerichtsverhandlung wurde das nie erwähnt, wir alle verwendeten ausschließlich die Bezeichnung Projekt AZ 2222-48. Angeblich hat Herr Lesch an keiner einzigen Geheimsitzung teilgenommen. Woher kennt er dann das inoffizielle Kürzel? Dazu würde ich ihn gern noch einmal befragen, wenn es recht ist.« »Es ist mir aber nicht recht«, fuhr Petrowsky dazwischen, noch bevor der Richter etwas erwidern konnte. »Meinen Mandanten wegen nichts und wieder nichts bei seinem Schlußwort zu unterbrechen, ist eine Unverschämtheit! >Robo-drei< ist ihm ganz spontan in den Sinn gekommen. Nach dem Kegelroboter und den aufrechtgehenden Billigrobotem ist der Kubusroboter der dritte, den Wallis auf den Markt werfen will. Die Abkürzung >Robo-drei< l^egt somit nahe. Deshalb sehe ich in der Äußerung meines Mandanten nichts Außergewöhnliches.« »Das zu bewerten, müssen Sie schon dem Gericht überlassen«, entgegnete der Richter knurrig und wandte sich Fortrose zu. »Wie wollen Sie überhaupt beweisen, daß das Kürzel >Robo-drei< während der Sitzungen verwendet wurde? Ohne entsprechende Zeugenaussagen ist das völlig unmöglich.« »Das habe ich nicht bedacht«, antwortete ihm der Anwalt, wobei er keine Miene verzog; offenbar hatte er seinen Ärger gut unter Kontrolle. »Hiermit ziehe ich meinen Antrag zurück.« »Das war auch das beste, was Sie tun konnten«, bemerkte Pe-trowsky zufrieden. »Ich hatte schon immer den Verdacht, Sie sind nicht halb so gut wie Ihr Ruf.« Erneut erteilte der Richter dem Angeklagten das letzte Wort. »Denken Sie diesmal nach, bevor Sie den Mund aufmachen, Mister Oberschläu«, flüsterte der polnische Anwalt in Richtung seines Mandanten. Lesch kam dem Ratschlag nach. »Ich habe nichts mehr dazu zu sagen. Euer Ehren.« Nach dem unvermeidlichen Freispruch leerte sich der Gerichtssaal ziemlich schnell. Obwohl die Öffentlichkeit nicht ausgeschlossen worden war, hatte kein Zuschauer dem Prozeß beigewohnt. Weder bei Gareth Machine noch bei Wallis Industries hatte man Interesse gehabt, den Fall an die große Glocke zu hängen, so daß nicht einmal die Presse Wind davon bekommen hatte. A. B. C. D. E. Fortrose und der Richter waren die letzten, die den Saal verließen. »Ehrlich gesagt, ich bin ein bißchen enttäuscht von Ihnen, Fortrose«, sagte der Richter. »Ich hatte erwartet. Sie würden noch ein As aus dem Ärmel zaubern.« »Manche Zauberkunststücke vollzieht man besser im stillen«, erwiderte der Anwalt mit seinem unnachahmlichen reglosen Gesichtsausdruck. »Einen schönen Tag noch. Euer Ehren.« Fortrose zog sich auf die Personaltoilette zurück. Nachdem er sich vergewissert hatte, daß er allein war, aktivierte er sein Arm-bandvipho und wählte die Direktverbindung zu Wallis' Büro. »Der Prozeß ist verlaufen, wie wir es geplant hatten«, teilte er seinem Chef mit. »Lesch hat nicht gemerkt, daß die Geheimsit
124 zungen nur eine billige Inszenierung waren.« »Billig?« entgegnete Wallis. »Die Darsteller haben mir eine fünfstellige Gage abgeknöpft. Aber das ist es mir wert. Zu schade, daß ich nicht das dumme Gesicht von Tom Gareth sehen kann, wenn er nach monatelangen kostspieligen Versuchen feststellt, daß der neue Robotertyp gar nicht machbar ist und die Pläne nichts weiter als eine geschickte Fälschung sind.«
»Wie sind Sie eigentlich darauf gekommen, Lesch eine Falle zu stellen?« »Er stand schon lange unter Verdacht, firmeninteme Informationen an die Konkurrenz weiterzuleiten. Glücklicherweise war nichts Wichtiges mit dabei, dennoch kann ich illoyale Mitarbeiter nicht gebrauchen. Bei Gareth Machine ist er besser aufgehoben. Themenwechsel, Fortrose. Kehren Sie Worid City umgehend den Rücken und kommen Sie nach Alamo Gordo. Ich habe einen neuen Auftrag für Sie.«
Terence Wallis und Alex Fortrose saßen Ted Bulton in dessen Büro gegenüber. Der Marschall der irdischen Raumstreitkräfte hatte dem Unternehmer und seinem Anwalt kurzfristig einen Gesprächstermin eingeräumt, betonte aber gleich eingangs, daß... »... Zeit Geld ist, weshalb ich Sie bitten möchte, sich kurz zu fassen, Mister Wallis.« »Auch ich habe meine Zeit nicht geklaut, Marschall«, erwiderte Wallis im gleichen Tonfall. »Ihretwegen habe ich ein paar wichtige Termine verschoben, aber man muß halt Prioritäten setzen. Der geschäftliche Vorschlag, den ich Ihnen unterbreiten möchte, hat absoluten Vorrang und ist für Sie sicherlich von größtem Interesse.« Der untersetzte, massige Marschall grinste. Er konnte sich denken, weshalb Wallis zu ihm gekommen war. Seit der ursprüngliche Vertrag zwischen Wallis Star Mining und der Regierung hinfällig war, gewährleistete die Terranische Flotte Wallis' Transportschiffen keinen kampfstarken Schutz mehr - zumindest nicht länger kostenlos. Bulton vermutete, daß der Milliardär versuchen würde, den Preis zu drücken. Je reicher man ist, um so geiziger wird man offenbar^ dachte Bulton im stillen. Laut sagte er: »Ich schätze. Sie sind gekommen, um über den Preis zu verhandeln. Daraus wird leider nichts, die Gebühren sind festgeschrieben.« »Festgeschrieben?« wunderte sich Wallis. »Selbst dann, wenn ich Ihre Preisvorstellungen unterbiete?« »Dann erst recht«, entgegnete der Marschall lachend. »Zuständig dafür bin nicht ich, sondern Marschall Trawler, in dessen Büro Sie die Gebührensätze gern einsehen können. Er errechnet Ihnen den Gesamtpreis, und Sie akzeptieren oder lassen es, aus und fertig. Ich kann Ihnen da wirklich nicht weiterhelfen, das fällt nicht in meinen Zuständigkeitsbereich. Außerdem bin ich, genau wie Trawler, an die militärischen Vorschriften gebunden. Der Unterhalt eines Kriegsraumers kostet nun einmal Unsummen. Technik, Wartung, Personal... für'n Appel und 'n Ei ist das nun mal nicht zuhaben. Nebenbei bemerkt wurden die Gebühren seit ihrer Einführung noch nie erhöht. Allerdings mußten sie bislang auch noch nie eingefordert werden - weil vor WSM noch nie eine Privatfirma um militärischen Schutz ersucht hat. Zu Beginn dieser Legislaturperiode wurden diverse Gesetze, Vorschriften und Regelungen ersonnen, die einzig und allein der Vorsorge dienten, sozusagen für den Fall, daß der Fall der Fälle einmal eintritt. Ihr Anliegen ist ein solcher Sonderfall.« Allmählich begriff Wallis, daß Bulton und er aneinander vorbeiredeten. Dennoch klärte er ihn nicht gleich über den wahren Grund seines Besuches auf, sondern foppte ihn noch ein wenig. »Zugegeben, es kommt nicht alle Tage vor, daß ich ein Schiff verschenke. Marschall, dennoch hatte ich nicht erwartet, auf so
126 viel Ablehnung zu stoßen.« »Sie wollen mir ein Schiff schenken? Halten Sie mich für bestechlich?« »Das Schiff schenke ich nicht Ihnen, sondern der TF. Geschenk ist eigentlich die falsche Bezeichnung, vielmehr handelt es sich um einen wichtigen Bestandteil unserer geschäftlichen Vereinbarung. Für die vertraglichen Einzelheiten ist mein Anwalt und Notar Fortrose zuständig, den ich gleich mitgebracht habe. Zwölf für elf. Mal ehrlich. Marschall, kann es sich die Terranische Flotte wirklich leisten, ein derart großzügiges Angebot auszuschlagen?« Alex Fortrose verfolgte den Dialog mit und amüsierte sich köstlich - auch wenn man es ihm überhaupt nicht ansah. Marschall Bulton merkte, daß er irgendwie auf dem Holzweg war. »Wovon reden Sie eigentlich, Mister Wallis?« »Von den zwölf Tofirit-Ikos, die derzeit bei Wallis Industries auf Kiel liegen«, klärte ihn der Unternehmer auf. »Ich kann Ihnen eine Lieferung innerhalb von zehn Monaten garantieren. Und weil ich Sie mag, biete ich Ihnen zwölf Schiffe für den Preis von elfen an.« »Ein Angebot, dem ich nur schwer widerstehen kann«, gab Bulton zu. »Was bringt Sie eigentlich darauf, daß Ihre Schiffe für mich von Interesse sein könnten? Immerhin verfügt die
TF über eigene Flottenwerften.« »Wissen Sie, wie man Werften, die unter militärischer Leitung stehen, in der freien Wirtschaft nennt?« stellte Wallis ihm die Gegenfrage. »Schnarchwerkstätten. Ihre Arbeiter verfügen über die einzigartige Gabe, im Stehen zu schlafen. Und Dir Fachpersonal ist hoffnungslos unterqualifiziert.« »Werden Sie bloß nicht unverschämt«, entrüstete sich Bulton. »Unsere Männer dort können genauso zupacken wie die Arbeiter ^ Ihren Fabriken, und unsere Ingenieure sind bestens ausgebildet.« »Wenn dem so wäre, gäbe es bei den Raumschiffen, die momentan auf den Flottenwerften im Bau sind, nicht dauernd Verzögerungen«, hielt Wallis ihm entgegen. Bulton war baff. »Woher wissen Sie das?« »Hat mir ein Vogel gezwitschert«, entgegnete Wallis, dessen Leute Augen und Ohren stets weit aufsperrten. »Was ist nun? Kommen wir ins Geschäft? Oder wollen Sie warten, bis sich auf Ihren Werften die Räder wieder schneller drehen. Wenn Sie genügend Geduld aufbringen...« »Schon gut, schon gut!« fuhr ihm der Marschall ins Wort. »Ich bin nicht abgeneigt, also reden wir über den Deal. Wie ich Sie kenne, haben Sie den Kaufvertrag bereits fix und fertig mit dabei.« »So ist es«, bestätigte Wallis und gab Fortrose ein Handzeichen. »Sie sind doch berechtigt, den Vertrag zu unterschreiben, oder?« »Ja, das kann er«, antwortete der Anwalt anstelle des Marschalls. »Theodore Bulton verfügt über einen eigenen, vom Parlament abgesegneten Beschaffungshaushalt.« »Sie sind gut informiert«, brummelte Ted Bulton, der es haßte, wenn man ihn Theodore nannte. »Ist mein Job«, erwiderte Fortrose kurz angebunden, während er seinem Aktenkoffer die Vertragsunterlagen entnahm; selbstverständlich hatte er auch seinen fälschungssicheren Notariatsstempel mit dabei. »Es liegt nicht an unseren Arbeitern oder Ingenieuren«, bemerkte Bulton mißgelaunt und prüfte die Papiere. »Es sind vor allem die verdammten Vorschriften. Beim Militär wird aus jedem noch so einfachen Arbeitsvorgang eine Riesensache gemacht. Von der Wiege bis zur Bahre: Formulare, Formulare. Mindestens in dreifacher Ausfertigung.«
Die Verhandlungen dauerten nicht lange. Marschall Bulton akzeptierte Wallis' faires Angebot in allen Punkten und übergab die unterzeichneten Schriftstücke dem Notar zum Absegnen. Fortrose waltete seines Amtes. 128 »Was hatten Sie überhaupt mit den zwölf Schiffen vor, Mister Wallis?« wollte Bulton wissen. »Ich kann mich nicht besinnen. Ihnen einen Bauauftrag erteilt zu haben.« »Ursprünglich waren die Schiffe gar nicht für die TF gedacht«, räumte der Industrielle offen ein. »Die Zwölferflotte sollte meine Abbauanlagen im Achmed-System schützen.« »Verstehe«, meinte Bulton. »Und jetzt haben Sie es sich anders überlegt und sich entschlossen, den gewohnten militärischen Schutz beizubehalten. Wie schön, daß Sie zur Vernunft gekommen sind. Die TF ist zwar nicht ganz billig, aber im Angriffsfall durch nichts zu ersetzen.« Das werden wir ja sehen, dachte Wallis, hütete sich aber, seine Gedanken auszusprechen, um das für beide Seiten lukrative Geschäft nicht noch im letzten Augenblick zu gefährden. Auf dem Rückweg nach Pittsburgh informierte Wallis Fortrose über den geplanten Bau der Carboritschiffe. Er gab seinem Hausjuristen die Anweisung, sich zwecks näherer Auskünfte zunächst mit Saam und später mit der hauseigenen Patentabteilung in Verbindung zu setzen. »Wir lassen sämtliche Herstellungsverfahren sowie die notwendigen Maschinen und Technologien patentieren. Das Carborit selbst bleibt vorerst aber noch streng geheim. Geben Sie besonders acht auf undichte Stellen, Fortrose, ich muß mich darauf verlassen können, daß nichts durchsickert. Ein Maulwurf wie Lesch könnte immensen Schaden anrichten.« »Keine Sorge«, entgegnete A. B. C. D. E. Fortrose. »Auf diese Tiergattung bin ich spezialisiert.«
Alsop und Gisol saßen wieder im Flash des Worgun. Gisol lenkte die Maschine mittels
Gedankensteuerung. Er hatte eine unregelmäßige Form angenommen, die jeden Winkel im Inneren des engen Flash ausnutzte, um so Platz für die Bomben und andere Ausrüstung zu schaffen. Die Bomben, genauer gesagt Hitzesprenggranaten, lagen nicht nur teilweise auf seinem Sitz, sondern auch im winzigen Stauraum zwischen den beiden Sitzen, im Puß-raum vor Holger Alsop... die Maschine war, was diese Sache anging, hoffnungslos »überladen«. Jeder terranische Schweberpilot wäre von der Polizei sofort aus dem Verkehr gezogen worden und hätte seine Fluglizenz für den Rest seines Lebens abgeben müssen, hätte er sein Fahrzeug dermaßen bepackt. Gisol stand den thermischen Sprengsätzen skeptisch gegenüber. Er hätte Waffen auf Kemfusionsbasis bevorzugt. Aber die waren in Kompaktform kaum beherrschbar, und »schmutzige« atomare Spaltbomben wurden weder von den Pscheriden noch von den Zyzzkt eingesetzt. Ebensowenig biologische und chemische Waffen. Keine der beiden Parteien wollte diesen Planeten auf unabsehbare Zeit verseuchen und unbewohnbar machen. Gisol sorgte sich wegen der Flash-Minen, mit denen der Raum unter dem jetzigen Hauptquartier der Zyzzkt von den Pscheriden noch rechtzeitig hatte abgesichert werden können. Denn in unmittelbarer Nähe dieser Gefechtszentrale wollte er es trotz der Tarnung nicht riskieren, sich oberirdisch anzunähern. Die Zyzzkt hatten inzwischen so viele Verluste erlitten, daß sie auch den letzten Rest von Leichtsinn und Überheblichkeit ablegten und ihre Ortungen so intensiv arbeiteten, wie Gisol es kaum jemals zuvor erlebt hatte. Die eigene Passivortung verriet es ihm! Sie zeigte ihm an, wie dicht das Netz von Taststrahlen geknüpft war, denen nicht einmal ein kleiner Vogel entging. Die Wimmelwilden waren übervorsichtig geworden! Gisol hatte zwar einen Plan General Gutters, der zeigte, wo die Minen verlegt waren, in den Hyperkalkulator, den Bordrechner des Rash, eingespeist, aber er traute der Genauigkeit der Daten nicht so ganz. Deshalb bewegte er den Flash nur mit äußerst geringer Geschwindigkeit durch den Boden und hoffte, daß die Passivortung einen Mix-4-Angriff rechtzeitig genug erkannte, so daß ein
130 blitzschneller Rückzug möglich war. Alsop konnte keine Angst verspüren, weil er nach wie vor das Zweite System aktiviert hatte, aber sein Programmgehim nannte ihm eiskalt den Grad der Wahrscheinlichkeit, trotz aller Vorsicht von einer dieser Minen erwischt zu werden. Gisol dagegen hatte wirklich Angst, die ihn aber nicht dazu verleiten konnte, Fehler zu machen. Über 80 Prozent betrug die Wahrscheinlichkeit, von einer der Minen erwischt zu werden, und es war kein Trost, daß die Menge der Sprengsätze, die sich an Bord des Flash befanden, sicher ausreichte, bei genügender Annäherung die ganze Kampfzentrale der Zyzzkt in die Stratosphäre zu blasen. Denn von Alsop und Gisol würde dabei auch nichts übrigbleiben. Aber Alsop wollte nicht sterben. Er wollte den Tod nicht zum Freund haben!
ERINNERUNGEN: Terra, Januar 2059 Als Mark Carrell Holger Alsops Quartier erreichte, traf Echri Ezbal gerade mit einer Schweberplattform ein, auf der außer ihm noch drei weitere Personen Platz genommen hatten. Gemeinsam liefen sie zur Tür. Wie bei den anderen Quartieren auch gab es Sensoren, die dem Bewohner die Ankunft meldeten. Doch obwohl davon auszugehen war, daß sie auch in diesem Fall ihre Aufgabe erfüllten, kam es zu keiner Türöffnung. Auch nicht, nachdem Ezbal den Summer betätigt hatte. Über Armbandvipho nahm der Leiter der Cyborgstation Kontakt zur Kontrollstelle auf und ließ den Zugang von dort aus fernentriegeln. Wenig später betraten sie das Innere des Wohnwürfels. Holger Alsop, der Cyborg mit akademischen Titeln in Mathematik und robonischer Entwicklungslehre, lag wie hingeworfen im Raum, unmittelbar hinter dem Eingangsbereich, und wälzte sich in konvulsivischen Zuckungen am Boden. Dazu wimmerte er unablässig und hatte Schaum vor dem Mund. Ezbal gab seinen Begleitern mit dem Äskulap-Zeichen auf den Overalls ein Zeichen, worauf diese sofort zu dem sich windenden und krümmenden Cyborg eilten und ihr Diagnosebesteck
einsetzten. Ezbal und Carrell hielten sich zunächst abwartend im Hintergrund. »Was fehlt ihm?« fragte der alte Mann, nachdem einige Zeit vergangen war und Alsop sich nach Verabreichung einer Injektion leicht beruhigt hatte. »Ist er ansprechbar?« Der junge Arzt, der dem Cyborg die Spritze gegeben hatte, hob den Kopf und sagte: »Sobald das Mittel wirkt, müßte er uns wahrnehmen. Es scheint sich um ein muskuläres Problem zu handeln.« »Ein muskuläres Problem?« Carrell wartete die Antwort nicht ab, sondern ging zu Alsop und kniete neben ihm nieder. Seine Hand fuhr sacht über das schweißnasse Gesicht des Cyborgs. »Holger?« Alsops Zuckungen ebbten ab - entweder wirkte das Medikament, oder er reagierte auf die direkte Ansprache seines Cyborg-kameraden. In seine aufgerissenen, bislang stier und starr ins Nichts blickenden Augen trat Erkennen. »Mark...« Auch Ezbal mischte sich jetzt ein. »Holger - was ist passiert?« Alsops Blick huschte kurz zu Ezbal, kehrte dann aber wieder zu Carrell zurück - als wäre er der einzige, der ihn in dieser Situation wirklich verstehen konnte. Holger Alsop krächzte: »Ich... ich kann mich nicht... bewegen. Nicht... kontrolliert. Es... bewegt mich!« »Was meinen Sie mit >es« fragte Ezbal. Mark Carrell beugte sich über Alsop und sagte eindringlich: »Geh aufs Zweite System, Holger. Ich weiß, wovon ich rede -
132 notfalls kannst du auch noch phanten!« Alsop glaubte -wieder, Ezbal sagen zu hören, damals, vor drei Jahren: »Und wenn das Schicksal es besonders gut mit Ihnen meint, Holger, dann werden Sie auch zu denjenigen gehören, die in den Phant gehen können.« Ein Cyborg, der auf das Zweite System umschaltete, wurde von einem kleinen, aber hochleistungsfähigen Programmgehim gesteuert, das seine Emotionen ausschaltete und seine Reflexe enorm verbesserte. Und Alsop hörte sich damals, am Anfang, sagen: »Ich will leben!« Und er hörte General Gutter, jetzt: »Als ich mich für diese Laufbahn entschied, wußte ich, was mich erwartet. Ich fürchte den Tod nicht. Er ist mein ständiger Begleiter, er ist mein Freund.« Damals sagte Alsop: »Ich bin bereit, in den gefährlichsten Einsatz zu gehen, aber ich will den Tod nicht zum Freund haben!« Für Augenblicke sah Alsop den befreundeten Cyborg nur aus weit aufgerissenen Augen an. Dann aber entspannte er sich. Die krampfartigen Erschütterungen seines Körpers hörten schlagartig auf. Dennoch klang seine Stimme geschwächt, wie die eines alten Mannes, als er sagte: »Ich dachte schon, es hört nie wieder auf...« Echri Ezbal wartete, bis Alsop sich aus eigener Kraft vom Boden erhoben hatte und ausdruckslos die Mediziner musterte, die sich zuerst um ihn gekümmert hatten. Dann fragte er erneut: »Wie ist es dazu gekommen? Wann fing es an. Holger?« »Es geschah aus heiterem Himmel«, erwiderte der Cyborg. »Eine Art Krampf zog sich durch meinen ganzen Körper. Ich verlor die Gewalt über ihn, stürzte. Dann wurden die Schmerzen so unerträglich, daß ich nicht einmal mehr denken konnte. Ich kam erst wieder zu mir, als ihr hier wart. Meine Nervenbahnen... meine Muskeln... alles brennt, alles schmerzt, nichts gehorcht mir mehr! Ich war so verwirrt, daß ich nicht selbst auf die Idee kam zu phanten... ist das nicht verrückt?« Ezbal und Carrell tauschten Blicke. »Nein«, sagte Carrell. »Zumindest nicht verrückter als das, was mir passiert ist. Ich muß im Zweiten System bleiben, um es zu ertragen. Nur deshalb konnte ich dir den Rat geben.« Holger Alsop wirkte ratlos. Und diese Ratlosigkeit wuchs, als Carrell ihm in dürren Worten schilderte, wie er sich verändert hatte. »Das ist Wahnsinn«, reagierte er. »Und es hat mit den Phantviren zu tun?« »Es könnte sein.«
GEGENWART Pscherid, Ende April 2059
Wiederum konnte Alsop sich nicht erklären, weshalb ihn diese Erinnerungen überfielen - an damals, als er zum Cyborg gemacht worden war, und an die jüngere Vergangenheit, die ihn fast das Leben gekostet hätte, als der Phantvirus durch die vom Verschwinden Drakhons ausgelöste Veränderung des galaktischen Spannungsfeldes mutiert war. Die »Zauberer« um Echri Ezbal hatten das Problem schließlich in den Griff bekommen, aber einige CyborgKollegen waren dennoch gestorben... Alsop hatte überlebt. Er, der den Tod nicht zum Freund haben wollte. »Wir sind da«, unterbrach Gisol seine Gedanken. »Was ist mit Urnen, Holger? Schlafen Sie?« »Nein.« Alsop schüttelte den Kopf, als wolle er Benommenheit von sich abwerfen. Wie war es möglich, daß er in menschliches Grübeln verfiel, während sein Zweites System lief und alle Körperfunktionen vom Programmgehim gesteuert wurden? Gab es etwas, das noch stärker war als das Cyborg-System, etwas, das nicht einmal die schwache Rückschaltphase benötigte, um einen Cyborg wieder zum Menschen zu machen? Der Bildschirm über Alsops Kopf verriet ihm, daß sie bei ihrem 134 Bug durch den Erdboden in eine weitläufige Lagerhalle gelangt waren, in der einige Flash geparkt standen. Gisols Flash war jetzt einer mehr. Er schaltete das Intervallfeld ab und ließ die spinnen-beinförmigen Ausleger ausklappen, auf denen die Maschine federnd aufsetzte. Dann stieß der Worgun mit einem rasch geformten Tentakel die Ausstiegsluke auf. Er »floß« aus seinem Flash heraus und nahm sofort Zyzzkt-Ge-stalt an. Der Vorgang dauerte fast eine Minute, weil die Zyzzkt über weit weniger Körpermasse verfügten als die Worgun und Gisol seine Zellstruktur daher erheblich komprimieren mußte. Einen Terraner mit einem Gewicht von etwa 100 Kilo nachzuahmen, ging sehr schnell. Aber die Insektoiden, mit etwa l ,50 Meter nicht größer als die Pscheriden, brachten bei einem Gravo nicht mehr als etwa 50 Kilo Gewicht auf die Waage. Gisol mußte sich also auf die Hälfte »eindampfen«. Das brauchte seine Zeit. Aber auch wenn er in der Lage war, seine Größe zu verringern - die Masse blieb. Er wog auch in Zyzzkt-Gestalt immer noch seine 100 Kilo beziehungsweise deren 150 aufPscherid. Aber dann stand er draußen vor Alsop: Ein aufrechtgehendes Insekt mit zwei Beinen und vier Armen, die in klauenartigen Fingern und Zehen mündeten. Der Körper ein schwarzer Chitinpanzer, der Kopf beherrscht von Facettenaugen, Fühlern und Beißwerkzeugen. Alsop fühlte sich ein wenig an einen Bockkäfer ohne Flügel erinnert; Flügelansätze waren zwar noch rudimentär vorhanden, im Laufe der Evolution aber zur Unbrauchbarkeit geschrumpft. Trotz seiner geringen körperlichen Größe wirkte der Zyzzkt irgendwie gefährlich, sogar bösartig. Ähnlich wie die schlanken, reptilhaften Nogk, deren bedrohlich wirkende Insektenköpfe über ihren wirklichen Charakter hinwegtäuschten. Bei den Zyzzkt täuschte nichts, wenn man den Erzählungen Gisols und auch der Römer von Terra Nostra glauben durfte. Sie waren böse, skrupellos, vernichtend. Gisol legte eine Beuteuniform an, die General Gutter ihm vor äem Start zur Verfügung gestellt hatte. Die Kleidung dämpfte den Eindruck der Gefahr, des Bösen, ein wenig ab. Jetzt stieg auch Alsop aus und begann damit, einige der Bomben in den geparkten und ungesicherten Flash zu verteilen; die Zyzzkt rechneten wohl nicht einmal in ihren schlimmsten Alpträumen damit, daß ihre Gegner ihnen dermaßen nahekamen! Totale Verschwendung, diese Flash zu sprengen, dachte Alsop, der die Beiboote liebend gern für die Terranische Flotte requiriert hätte. Aber es waren keine Piloten hier, sie zu fliegen, und ob sie per Gedankensteuerung kontrolliert und ferngelenkt werden konnten, war nicht sicher. Vielleicht verfügten diese Geräte nicht über eine solche Möglichkeit. Und selbst dann war das Risiko einer Entdeckung viel zu hoch. Gisol inspizierte einige der Flash und stellte fest, daß diese tatsächlich nur den notwendigen Mindestenergievorrat an Bord hatten und somit nur im Sparmodus geflogen werden konnten. Energie schien bei den Zyzzkt wirklich sehr knapp zu sein. Zumindest, was die Energie anging, mit der Ringraumer geflogen wurden und die auf Tofiritstaub basierte... Während Alsop weiter seine Bomben verteilte, öffnete Gisol vorsichtig eines der kleineren Hallentore. Draußen war es dunkel. Die Nacht hatte diesen Teil des Planeten erreicht. Gisol huschte hinaus ins Freie, nachdem er sich vergewissert hatte, daß niemand diese Seite der Halle beobachtete. Er sah zum Nachthimmel hinauf. Oms Sterne funkelten in der Schwärze, aber es funkelte auch noch etwas anderes - die Zyzzkt-Ringraumer im Orbit, die immer noch weitere Landefahrzeuge ausschleusten und weitere Bodentruppen zur Oberfläche des Planeten brachten.
Es ist wie immer, dachte Gisol bitter. Sie überschwemmen die zu erobernde Welt mit ihren Körpern. Und sie nehmen keine Rücksicht auf sich selbst. Ihre Vermehrungsrate ist