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Von W. Michael Gear erschienen in der Reihe HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY: SPINNEN-ZYKLUS: Spinnenkrieger 06/5045 Spinnenfäden 06/5046 Spinnennetze 06/5047
W.Michael Gear
SPINNEN
NETZE
Dritter Roman des SPINNEN-ZYKLUS Deutsche Erstausgabe
HEYNE SCIENCE FICT1ON & FANTASY Band 06/5047
Titel der amerikanischen Originalausgabe THE WEB OF SPIDER Deutsche Übersetzung von Horst Pukallus Das Umschlagbild malte Sanjulian
Scan bei Tigerliebe Lesen und Layout bei Wolf
Redaktion: E. Senftbauer Copyright © 1989 by W. Michael Gear Erstveröffentlichung by DAW Books, Inc., New York Copyright © 1993 der deutschen Ausgabe und der Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Printed in Germany 1993 Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München Technische Betreuung: Manfred Spinola Satz: Schaber Satz- und Datentechnik, Wels Druck und Bindung: Eisnerdruck, Berlin ISBN 3-453-06617-0
Für Onkel Joe Giesick, all die Geschichten von Elchen, Hunden und Gold, die er erzählt hat, und für Wärme in kalten Zeiten.
PROLOG
STATION VARTA, LENIN-SEKTOR Die Anfänge der Station Varta gehen auf die sowjetische Pe riode unmittelbar vor der Konföderiertenrevolution zurück. Die ursprünglich als Navigationsvorposten und Versorgungsbasis für Forschungsexpeditionen gegründete Station konnte sich auf der Grundlage von 3He-, Alabandin- und Carlsbergit-Wiedergewinnung wirtschaftlich ausgesprochen gut entwickeln, erweiterte danach die Produktion auf Null-G-Pharmazeutika, Graphitfasern, Siliziumkarbidkabel, Schaumstahl, Galliumarsenid-Mikroelektronika und Industriekeramik sowie später, wäh rend des Ausbaus der Station, durch biotechnische Verfahren auf agrikulturelle Erzeugnisse. Aktuelle Zensus-Schätzungen nehmen eine Population von ca. 7,56 Millionen Personen an.
Stumm und in vollkommener Hingerissenheit las der Mann, ohne auf Station Vartas leise Geräuschkulisse zu achten, die rings um ihn wie Wispern aus den Luftvertei lerschächten säuselte. In die Wände integrierte Leuchtkör per erhellten glatte, lichte Pastellflächen; die Holo-Projektionsanlagen im Wert einer halben Million Kredits, die dahinter steckten, blieben ungenutzt, außer Betrieb. Über fluß umgab den Bewohner des Raums, wie ihn sich in die ser Art wenige Menschen überhaupt nur zu erträumen wagten, doch er ignorierte alles. Ein magerer Mann war er, das gedämpfte Licht, das Wänden und Decke entströmte, erzeugte auf seiner Haut honigbraunen Glanz. Ausgestreckt schwebte er entspann ten Körpers in der Luft, hielt den Monitor in der Armbeu ge, als hätschelte er ihn, seine flinken dunklen Augen huschten über die Textzeilen, die durchs Blickfeld wan derten. Das Halbrund des Kontaktrons, das seine Stirn umfing wie ein Kronreif, schimmerte bei jeder noch so
geringfügigen Kopfbewegung. Gelegentlich verriet das Beben einer dünnen Lippe oder ein Verkneifen der Lider ein Aufwallen innerer Regung. »Wie faszinierend«, murmelte der Mann vor sich hin, hob eine lange schlanke Hand, strich sich ums feste Kinn. Ohne den Blick vom Monitor zu wenden, veränderte er seine Haltung, die feinen arcturischen Stoffe seiner weiten Kleidung bauschten sich in der Nullschwerkraft der Antigrav-Liege. Er bog den Kopf zurück und blickte an seiner flachen Nase entlang, das weiche, grüne Leuchten des Monitors hinterließ Schatten in den Mulden seiner Wan gen. Im Gegensatz zu den hiesigen Stationsbewohnern, die zu auffälliger Frisurmode neigten, trug er das Haar kurz, hatte es fast bis auf die Schädelwölbung gestutzt. Über seinen intelligenten Augen ragte eine hohe Stirn auf. Zierliche Finger kratzten in den kargen Bartbüscheln, die Wangen und Kinn schmückten, verursachten hohles Scha ben. Er wandte sich nicht um, als mit unterdrücktem Fau chen die Tür aufglitt. Sobald die Sensoren Bewegung erfaßten, wurde die Beleuchtung heller. »Noch immer beim Studieren?« rief der fette Mann, der eintrat. Der Ankömmling schnaufte leicht beim Gehen, die Anstrengung brachte ihn zum Japsen. Auf seiner Glatze schimmerte eine dünne Schweißschicht. Abgestufte Wül ste eines Mehrfachkinns hingen in den teuren Stoff an sei ner Kehle. Die Finger seiner dicklichen, weißen Händchen glitzerten, weil sie von erleuchteten Ringen strotzten. Auf grund eines nervösen Tics vollführten die Finger ein andauerndes Geschlängel, als hätten sie ein Eigenleben. Bei seinem Dahinwatscheln umwallte das in Violett und Rosa gehaltene Gewand im Format eines Viermannzelts, dessen Monosatin-Gewebe glitzerte, seine knollenrunde Gestalt, wie um sie zu umzärteln. »Es ist faszinierend, Pallas. Durch und durch faszinie rend.« Gelassen streckte sich der Hagere, räkelte sich, rieb
auf fast sinnliche Weise die Hände, während er dem Moni tor widerwillig seine Aufmerksamkeit entzog. Der Dicke winkte ab und lächelte verdrossen, während er über den luxuriösen Kunstmoosteppich zu einem Auto matikspender latschte und eine Taste drückte. Die mit Juwelen besetzten Leuchtringe klackten leise aneinander, warfen in Streifen orangerote und grüne Glanzlichter auf die Wandkonsole, als der Mann nach einem Stielglas aus Kristall griff, das sich mit einer bernsteingelben Flüssig keit gefüllt hatte. »Ich verstehe das nicht.« Pallas drehte sich um, hob den Bourbon an seine fleischige Nase, schnupperte und trank. Seine Lippen schmatzten beifällig, doch ihr Aus druck von Genüßlichkeit drang nicht einmal hinauf zu den feisten Tränensäcken unter seinen Lidern. Mißmut furchte seine blasse, rundliche Miene, beunruhigt ver kniff er die kleinen, blauen Äuglein. »Was ist denn in den Aufzeichnungen versteckt? Historisches? Das Zeug, mit dem alte, staubtrockene Professoren sich in den sterilen Vortragssälen der Universitäten befassen? Das ist doch nicht Ihre Art von ...« »Die Lehren der Vergangenheit sind es«, berichtigte ihn der Hagere. Er neigte den dunklen Kopf seitwärts, heftete den Blick der schwarzen Augen auf Pallas. »Stellen Sie sich einmal vor, mein Freund: In den letzten dreihundert Jahren hat das Direktorat unsere Spezies um so vieles ihrer Vergangenheit gebracht! Der Kollektiverinnerung heraus geschnitten. Es weggeworfen. Aufgegeben. Dem Verges sen verfallen lassen!« Versonnen berührte er den Monitor, zog mit schlankem Finger die viereckigen Umrisse der Bildfläche nach. »Auch ich habe nicht geahnt, wieviel man uns genommen hat.« Pallas spitzte die Wulstlippen, wölbte die rundlichen Schultern zu einem Achselzucken. »So ist es also, wenn jemand sich nach einer Niederlage alten Schmökern zuwendet? Ich hätte nicht ... Naja, es ist nicht Ihre Art. Ich dachte, Sie wären jemand, der ... ein Mann der ...«
»Ja?« »Ein Mann der Tat, Ngen. Ein Macher. Kein Stuben hocker, der in uralten, gammeligen ...« »Die Geheimnisse der Vergangenheit haben mich bei nahe dem Direktorat ausgeliefert.« Elegant schwang sich Ngen Van Chow über den Rand der Antigrav-Liege, seine in Samtschuhe gehüllten Füße sanken, als er auf dem Boden landete, tief ins Kunstmoos. Einen Moment lang blieb er stehen, ganz von seinen Gedanken beansprucht, bevor seine Rührigkeit ihn wieder von der Stelle trieb. Er stapfte, die Hände auf dem Rücken verklammert, auf und ab, eine Denkfalte teilte seine hohe Stirn, während er zer streut auf der Oberlippe kaute. »Und was für Geheimnisse haben Sie ausgegraben?« Pallas wies auf den Monitor, Wellen von Licht durchkräu selten bei der Gebärde seinen Ärmel. »Welche Rätsel erschließen sich Ihnen in den verstaubten Gedanken Ver storbener, hm?« »Die Geheimnisse der gewaltigsten Macht überhaupt«, antwortete Ngen mit Anklängen von Ehrfurcht in der Stimme. »Der Religion.« Perplex zögerte Pallas für einen Augenblick, ehe er ein Lachen hervorprustete. »Religion? Habe ich richtig gehört? Blödsinnigen Aberglauben bezeichnen Sie als Geheimnis? Wie kann mystischer Humbug denn ein ... eine Macht sein ...?« Ruckartig verharrte Ngen, fuhr zu Pallas Mikros herum. »Sie waren nicht dabei! Sie haben's nicht miterlebt! Diese Romananer ... Barbaren, deren Propheten die Zukunft sehen ...« »Ach, kommen Sie! Sicher glauben Sie doch nicht im Ernst, daß sie wirklich die Zukunft kennen.« Pallas ver zog die schweißfeuchten Lippen zu einem spöttischen Grinsen. Sichtlich enthielt Ngen sich einer bissigen Bemerkung; seine Lider wurden schmal, während er sich am Kinn rieb. »Nein«, antwortete er ruhig. »Aber was ich glaube und
was man die Sirianer glauben gemacht hat, sind zwei völ lig verschiedene Dinge. Sie haben es geschluckt. Alles. Diesen Spinne glattweg ins Herz geschlossen ... Den gan zen Quatsch aufgesaugt, als tränken sie den besten Wein. Dieser Aberglaube, wie Sie es nennen, hat mir Sirius, den ich fest in der Hand hatte, schließlich entrissen. Diese Bar baren ... und ihr Spinnengott ... Ich bin von ihnen zur Witzfigur erniedrigt worden. Ich! Verstehen Sie mich!?« Mühsam schluckte er, kehrte Pallas den Rücken zu, an sei ner Schläfe pochte lebhaft eine Ader. »Pallas, Sie haben nicht mitangesehen, was für eine Macht dort damit entfal tet worden ist. Sie sind sich über das Potential, das darin steckt, nicht im klaren.« Skeptisch neigte Pallas Mikros den Kopf auf die Schul ter, schaute zu, wie Ngen zu einer milchig-weißlichen Hand schritt und mit dem Arm eine Geste ausführte. Die helle Farbtönung verschwand, wich einer eindrucksvollen Darstellung von scheinbar willkürlich auf dem schwarzen Bühnenvorhang des Universums verteilten Sternen. »Da draußen zittert die gesamte Menschheit«, sagte Ngen leise, aber voller leidenschaftlicher Erregung. »Unsere Realität hat sich gewandelt, ist verändert worden. Alles und jedes, das man für unumstößlich gehalten hat — die Wahrheit, wenn man's so nennen will — ist nur noch Treibsand unter den Füßen der Menschen. Instabilität, Unsicherheit, Zukunftsangst herrschen ... Furcht. Denken Sie bloß, Pallas: Furcht! Malen Sie sich aus, wie sie die Vorstellungskraft beeinflußt, sich in jemandes Träume ein schleicht. Sein inneres Gleichgewicht stört. Alle fürchten sie sich, die Billionen von Menschen dort, jeder einzelne davon hat Furcht. Sie fürchten sich, weil ich die Patrouil le geschlagen habe. Geschlagen! Die Menschen wissen Bescheid. Und die Romananer sind los. Krieger ... Män ner, die andere Menschen auf grausame Weise töten.Das Direktorat ist hilf- und wehrlos. Die wasserköpfigen Ungeheuer, die sich als Behüter der Menschheit aufge spielt haben, können nicht einmal mehr sich selbst schüt zen. Nichts ist mehr vorhersehbar. Auf sämtlichen Gedan
ken und Träumen liegt der Schatten des Chaos, sickert nun, weil sich die Wirklichkeit geändert hat, ins Unbe wußte.« »Aber ich begreife nicht, wieso alberner Aberglauben wie Religion ...« »Wenn Menschen und Regierungen versagen, wem schenken die Unwissenden dann ihr Vertrauen?« »Ich ... nun ja ...« »Gott, Pallas. Gott.« Langsam schüttelte Pallas den Kopf, während Ngen Van Chow boshaft lächelte. »Von mir aus zweifeln Sie. Aber ich habe es selbst erlebt. Ich habe vor, dieses blinde Vertrauen nun für mich auszunutzen. Das ist es, was mich jetzt dermaßen gründlich beschäftigt hat. Die Macht, alter Freund, und die Methoden, wie man sie ausüben kann. Ich habe den Weg bestimmt, auf dem ich diese furchterfüllten Billionen ansprechen, ihre Bedürfnisse erfüllen kann. Und dann werde ich das Direktorat unter meiner Kontrolle haben.« Pallas' dünne Brauen rutschten aufwärts, sein Schmoll mund blieb aus Skepsis spitz. Ngen lachte und wechselte das Thema. »Also, haben Sie meine Vorgabedaten bearbeitet? Durch Ihren illegalen Compu-Verbund laufen lassen?« Pallas atmete tief ein und trank den letzten Schluck des guten Bourbons. »Habe ich. Und ich habe den richtigen Planeten gefunden. Eine Welt mit Namen Basar.« »Und?« »Basar entspricht vollständig den von Ihnen festgeleg ten Kriterien«, erklärte Pallas. »Sie wollten religiöse Fanatiker ... Dort finden Sie welche. Die ursprünglichen Siedler — Basar ist ein ehemaliger sowjetischer GulagPlanet — waren islamische Extremisten, die den Kreml geärgert hatten. Später deportierten die Sowjets dort auch Radikalchristen und verstockte orthodoxe Juden. Wie jeden, der sich aus religiösen Gründen gegen die sowjetische Weltherrschaft auflehnte. Nach Bazar sind
die Deportierten aus der Nahostregion der Erde gebracht worden. Daswar so ein Sowjetscherz. Man transportierte sie zu einer wertlosen Kugel mit nichts als Sand und Staub und ließ sie sich gegenseitig abmurksen. Sechstau send Jahre Haß wurden auf ein und demselben Planeten isoliert.« Mikros schmunzelte. »Sie hätten's kaum besser machen können, Ngen.« »Und irgendwie entwickelt haben sie sich dort nie?« Pallas spreizte die Hände. »Jedesmal wenn eine der Populationsgruppen Überlegenheit zu zeigen beginnt, überwinden die beiden anderen ihre gegenseitige Abnei gung lang genug, um die Bedrohung abzuwenden. Das Ergebnis ist eine Welt der totalen Stagnation, die sich äußeren Einflüssen völlig verschließt. In bezug auf Basar hat das Direktorat trotz aller guten Absichten und Zwecke schon vor zweihundert Jahren die Hände in Unschuld gewaschen. Die Ältesten, die als religiöse Oberhäupter fungieren, verhindern wirksam, daß Stimmen aus dem Giga-Netz mit irgendwelchen Direktoratsbildungsinhalten das Wort Gottes verwässern. Wissen Sie, der Grundgedan ke ist ...« Ngen hob die Hand. »Ich glaube, ich durchschaue die Konzeption besser als Sie, Pallas. Es ist Unwissenheit, was Sie schildern, ja?« »Fast vollkommene Unwissenheit.« Pallas' Kinnspeck wabbelte, als er nickte. »Ausschließlich die Ältesten kön nen lesen, und sie beschränken sich auf die HeiligenSchriften.« Ngen lächelte, klatschte die Handflächen auf die Seiten seines Rumpfs. »Basar, hmm? Wahrhaftig. Basar bedeutet ursprünglich >Marktplatz<, und nun werden die Herzen der Menschen die Münze des Handels sein. Und was wird den letztendlichen Handelsgegenstand abgeben? Das Direktorat! Unwissende Fanatiker, so? Für meine Pläne könnten sie nicht geeigneter sein, trügen sie Ringe durch die Nase!«
1
ARCTURUS, DIREKTORATSSITZ
Die siegreiche Konföderation wählte den roten Stern Arc turus im Jahre 2101 nach Maßgabe von Bruderschaftskri terien zum neuen Machtzentrum der Menschheit, weil er außerhalb jedes vorher sowjetisch regiert gewesenen Sektors lag. An ihrer neutralen Position expandierte die anfänglich nur als Konzilssitz der Konföderation gedachte Station um Anlagen des Industrie-und Dienstleistungsge werbes, bis sie als außerordentlich beeindruckende Insti tution die Möglichkeiten ihres Sonnensystems erschöpft hatte. Gegenwärtig bildet sie im von Menschen bewohn ten All das Ballungszentrum mit der höchsten Bevölke rungsdichte; die letzte Volkszählung hat in den Orbitalsta tionen des Arcturussystems über zehn Milliarden Bewoh nerverzeichnet.
Direktor? Der Ruf durchsickerte eine Vielfalt von Überlegungen Skor Robinsons. Er trieb in der Null schwerkraft des Giga-Verbund-Kontrollraums. Bei jeder Bewegung wand sich hinter ihm das mit einer Nabel schnur vergleichbare Bündel der Schläuche und Kabel sei nes Lebenserhaltungssystems, das ihm Nährstoffe lieferte und Körperausscheidungen entfernte, wie eine unheimli che, dickleibige Schlange. Er blinzelte ins verwaschene Blau der Beleuchtung, suchte Grenzen außerhalb der visuellen Wahrnehmung. Er fand nichts als unendliche Echos blauer Unermeßlichkeit. Erschöpfung umstrich wie mit zarten Fingern die zerfransten Randzonen seiner Gedankengänge. Müdigkeit. Wir sind alle so müde. Das Lebenserhal tungssystem führte ihm einen Sauerstoffstoß zu, um das Gähnen zu unterdrücken, das Robinsons Kehle dehnen wollte. Er widmete einen Teil seines kolossalen Verstands der Anfrage.
Ja, Assistenz-Direktor Roque? Eben ist bei mir eine äußerst beunruhigende Mitteilung des Chefs der arcturischen Sicherheitsabteilung eingegan gen. Die körperlose Stimme, durch den Giga-Verbund und die helmartige Computer-Kontakthaube auf Robinsons Schä del geradewegs in sein Gehirn übermittelt, sprach direkt in sein Bewußtsein. Er hatte An Roque nie persönlich gesehen, genausowenig wie dessen Kollegen Semri Nawtow. Seit sei ner verhätschelten Kindheit in der Kinderstube kannte er sie nur anhand ihrer Gedanken. Eine beunruhigende Mitteilung? Skor Robinson hatte die Anwandlung eines schlechten Vorgefühls. Ein Schau dern, wie es seinem atrophierten Körper lange Zeit hin durch völlig fremd gewesen war, beschleunigte ihm den Pulsschlag, erhöhte seinen Aufmerksamkeitsgrad. Ja, berichten Sie. Eine Kommunikationstechnikerin, eine Person namens Suki Yamasaki, ist aus dem Archiv der Sicherheitsabteilung verschwunden. Sie ... Tja, es gibt keine Spur. In Anbetracht unserer Hilfsmittel, der Monitorüberwachung und sonstiger Sicherheitsvorkehrungen ist so etwas als äußerst irregulärer Vorfall zu bewerten. Ich kann nicht ... Entschuldigen Sie mich bitte für einen Moment. Schweigen. Skor Robinsons Unruhe wuchs. So vieles hatte sich in den letzten Jahren ereignet: Ein zufällig aufgefangener Funkspruch hatte zur Entdeckung einer vergessenen menschlichen Kolonie geführt — der Welt der barbarischen Romananer. Eine Expedition unter der Leitung Dr. Leeta Dobras war hingeschickt worden. Entgegen Robinsons Befehl hatte das Patrouillenschlachtschiff Projektil die wil den Romananer, nachdem sie sich als Gefahr erwiesen, nicht vernichtet und damit Verrat verübt. Wer hätte mit dem Vorfinden von Menschen rechnen können, die in die Zukunft zu schauen vermochten? Offiziere und Besatzung der Projektil hatten sich gegen Robinson gestellt, gegen die Zivilisation des Direktorats. Patrouille hatte auf Patrouille
geschossen. Durch Dr. Dobras rechtswidrig an die gesamte, friedliche Gesellschaft des Direktorats ausgestrahlte Funk sendung war die lange eingeschlafen gewesene Neugier der Menschen an ihren Zeitgenossen neu geweckt worden; die Menschheit hatte Fragen aufzuwerfen begonnen. Während des darauffolgenden Chaos' hatte ein ganzer Planet — Sirius — gegen die Direktoratsautorität rebelliert. Nur dank eines Pakts mit den Romananern war es gelungen, die Vor haben Ngen Van Chows, des Rädelsführers, zu vereiteln, den Aufstand zu ersticken und damit weiteren Rebellionen vorzubeugen. Mit knapper Not. Und um welchen Preis? Jetzt kreuzten Romananer in mit Van Chows Technik bewaffneten und geschützten Sternenschiffen durch die Weltraumsphäre des Direktorats. Unter Van Chows Befehl hatten dieselben Raumschiffe die veralteten Patrouillen schlachtschiffe dezimiert. Infolgedessen mußten Skor Robinson und seine Kollegen Direktoren die von den Siria nern geschwächte Streitmacht der Patrouille zwischen zu vielen Sternensystemen und Autarken Stationen aufteilen. Mit zu geringen Kräften und zu wenig Mitteln versuchte man in einer Zivilisation, die ins Wanken gekommen war, aus den Fugen geriet, einen gewissen Gleichgewichtszu stand aufrechtzuerhalten. Überall hatten Menschen plötz lich Ansprüche, Wünsche und Sehnsüchte. Sogar durch die sterile Binarität des Giga-Computerverbunds konnte man merklich den Puls der Erwartung spüren. Und heute, ein Jahr nach dem Abschluß des Debakels im Siriussystem, gelangte selbst der abgebrühte An Roque häufig ins Stocken, war nicht einmal noch dazu fähig, eine Berichterstattung zu beenden, ohne das Erfor dernis zu sehen, zwischendurch die Folgen irgendeines minderrangigen Desasters in einem Lichtjahre entlege nen Sonnensystem auszugleichen. Die Menschheit als Ganzes brodelte und rumorte wie ein Vulkan vor dem Ausbruch. Roque? fragte Skor Robinson nach.
Verzeihung, Direktor. Ein Krawall in der Station Trypec
kam dazwischen. Ich hatte das Verschwinden dieser Suki Yamasaki zur Sprache gebracht. Die Frau war im Sicher heitsabteilungsarchiv in der Wartungssupervision tätig. Ihr Ausbleiben vor drei Wochen veranlagte ihren Vorgesetzten zur Einreichung einer Fehlmeldung. Weil wir ohnehin genü gend von anderen Vorgängen beansprucht waren, nahm ich der Einfachkeit halber an, es handele sich um eine normale Vermißtenanzeige. Die Sache erregte erst wieder meine Beachtung, als Yamasakis Nachfolgerin eine Routinereini gung und Molekularbegutachtung der Mikrofilter des Sicher heitsabteilungsarchivs durchführte. Sie fand menschliche Körperzellen, Spuren entsprechender Fette und Schuppen menschlicher Kopfhaut ... Bei Einsicht in die Vorgaben für das Spektrometrie-Scannen der Computerräume mit eingeschränkter Zugänglichkeit bemerke ich, unterbrach Robinson ihn, daß die Sensoren bei stattgefundener Atmung höhere CO² - und H²O-Werte hätten messen müssen. Das ist richtig, bestätigte An Roque. In diesem Fall ist das Monitoring von außen übersteuert worden. Unzulässige Eingriffe in Sicherheitssysteme verlangen unverzügliche Ver haltenskorrekturen beim ... Was wollen Sie damit zum Ausdruck bringen? fragte Skor Robinson. Die Sicherheit unterliegt Ihrer Zuständig keit. Eine mehrere Sekunden lange Gesprächspause vertiefte Robinsons Unbehagen. Er informierte sich über Roques aktuelle physiologische Daten und bemerkte verstärkte Streßsymptome: Erhöhten Blutdruck und Blutzucker sowie eine Beschleunigung des Zellstoffwechsels. Früher hatten sie keinen Streß gekannt; inzwischen zählte er zu ihrem All tag. »Uns droht eine Nervenkrise«, raunte Skor Robinson halblaut. Er zwinkerte mit den müden Augen und seufzte — eine fast menschliche Reaktion. Ich bitte nochmals um Entschuldigung, meldete sich Roque wieder durchs Verbundsystem. Ich brauchte einen
Moment Zeit, um eine statistische Untersuchung vorzuneh men. »Lügner«, flüsterte Robinson, während er seine Gedanken dem System vorenthielt. »Du wirst zum Men schen, Roque. Du wirst so fehlbar wie wir alle. Und aus gerechnet jetzt dürfen wir uns nicht den kleinsten Irrtum erlauben. Wäre bloß Chester Armijo Garcia hier, der romananische Prophet. Würde er uns nur etwas offenba ren ...« Wir haben die Herkunft einiger der Hautpartikel aufge klärt und als zu Suki Yamasaki gehörig identifiziert. Das zweite beteiligte Individuum ist unidentifiziert geblieben. Die DNS-Analyse ist noch in Gang. Welche Probleme damit ein hergehen, ist offensichtlich, berücksichtigt man, daß in der Genpool-Datenbank ungefähr vierunddreißig Billionen fünf hundert Milliarden ... Die Zahlen sind mir bekannt, Assistenz-Direktor. Skor Robinson überlegte für einen Augenblick, achtete auf das wüste Fluktuieren der inneren Körperabläufe Roques. Wel ches Material ist in dem in Suki Yamasakis Verantwortlich keit unterstellten Datendepot des Sicherheitsabteilungsar chivs gespeichert? Bei der Antwort zeigte An Roques Metabolismus alle Anzeichen eines neuen Streßschubs. Bruderschaftsinforma tionen. Sie sind längst überprüft worden. Der diesbezügliche Bericht ist Ihnen umgehend zugegangen, nachdem manden Einsatz der sirianischen Blaster beobachtet hatte ... Ich kenne den Bericht. Skor Robinson verschaffte sich Einblick in die erwähnten Informationen, die alles umfaßten, was man über Technologie und Technik der Bruderschaft wußte. Er korrelierte die Daten mit den Stichwörtern und Dateinamen, auf die Yamasaki Zugriff gehabt hatte. Compu tercodes. Sonstige technische Informationen der Bruder schaft konnten von Yamasaki nicht eingesehen werden. Wofür können ihr alte Kommunikationscodes denn nütz lich sein ? Wie sollte sie damit unsere Systeme gefährden ? Skor Robinson runzelte die Stirn. Keine Codes sind auf
unseren Kommu-Schutz übertragbar. Der Eindringling ist lediglich an ein historisches Kuriosum gelangt. Eine Kurio sität ohne,Wert. Anhand von Permutationen ergibt sich, wie ich feststelle, keinerlei Wahrscheinlichkeit, daß die besagten Codes unser Verbundsystem tangieren könnten. Es liefe auf das gleiche hinaus, als wollte man alte Pulvergeschosse in einen modernen Blaster laden. Da verfiel Robinsons vielschichtiger Verstand auf einen möglichen Zusammenhang. »Von mir aus nennt's Intui tion«, flüsterte er, unterdrückte seine Besorgnis. Er blok kierte An Roques Übermittlung und leitete dem Identifika tionsressort der Sicherheitsabteilung Anweisungen zu. Sofort erreichten Roques Stoffwechselschwankungen einen Spitzenwert. Schnell übersteuerte Robinson die Kon trolle des Assistenz-Direktors über sein biologisches Moni toring und ließ seinem Blutkreislauf einen TranquilizerZusatz einfließen, der ihn gegen Norepinepherine abpol sterte und den vegetativen Tonus herabsetzte. Die Indikato ren deuteten eine Stabilisierung an. Was mochte Roque ent deckt haben? Was liegt außerdem vor, Assistenz-Direktor? Robinson wartete. Trotz der medikamentösen Besänftigung tendierte Roques Organismus, wie die Oszillationen des Monitorings zeigten, nach wie vor zu Wallungen. Gerade habe ich ... eine zweite Meldung erhalten. Die Sicherheit meldet, daß bei der sorgfältigen Durchsuchung des betroffenen Computerraums ein Gerät gefunden worden ist. Ich sichte gegenwärtig die Details, Direktor ... Auf einmal bedrohte ein Kollaps Roques Kreislauf und Nervensystem. Skor Robinson griff ein, ehe den AssistenzDirektor Apoplexie ereilen konnte, veranlaßte die Zufuhr einer für solche Fälle optimalen Medikamentenkombination in seinen Blutkreislauf, verlangsamte seinen Herzschlag. Rasch entzog er An Roque die Giga-Verbund-Kontrolle, bevor die Instabilisierung die Myriaden von unter- und nach geordneten Systemen beeinträchtigte, die im Zuständigkeits bereich des Assistenz-Direktors lagen. Unter Robinsons
wachsamer Aufsicht sank Roque, zumal ihm keine Wahl blieb, in Bewußtlosigkeit. »Was ist nur aus uns geworden? Wie ist so etwas mög lich? Für so etwas sind wir nicht geschult worden. Wie kön nen wir etwas derartiges bewältigen? Wir sind in Körper und Geist auf logisches Handeln spezialisiert und nicht auf Lei denschaften vorbereitet worden. Und die Menschen schimp fen uns Ungeheuer? Uns, die wir soviel gegeben haben? Wesentlich länger sind wir nicht durchzuhalten imstande. Verdammt noch mal, wir sind anders als gewöhnliche Men schen!« Reg dich ab. Skor Robinson verengte die Lider, während er einen tiefen Atemzug nahm, um sein überfordertes Gemüt zu beschwichtigen. Das gleichmäßige Pochen seines Herzens klang beruhigend. Assistenz-Direktor Nawtow, bitte melden Sie sich. Robinson wartete; er wußte, daß Nawtow sich zur Zeit eine seit längerem überfällig gewesene Erholungsperiode gönn te. Selbst Direktoren mit ihren genetisch vergrößerten Gehirnen benötigten Schlaf. Unterdessen besah er sich die Informationen, die die Sicherheitsabteilung über ihren widerrechtlich angezapften Archivcomputer aufbereitet hatte. Direktor? fragte Nawtow. Skor Robinson übermittelte Nawtow die Gesamtinfor mation des Vorfalls, beobachtete gleichzeitig ihre Wir kung auf seinen Kollegen, erwartete eine Krise mit kör perlichen Begleiterscheinungen. Nawtows erste Irritation steigerte sich zu Interesse, das wiederum in Furcht umschlug. Mit Furcht verstanden Direktoren — für sie war sie eine noch so neue Reaktion — nicht besonders gut umzugehen. Beherrschen Sie sich, Assistenz-Direktor, empfahl Skor Robinson. Sie können ersehen, welche Maßnahme ich bei An Roque ergreifen mußte. Ich kann keine ungezügelten emotio nalen Anwandlungen dulden. Ich brauche rationale Ein schätzungen und Bewertungen, um die Konsequenzen dieses
unrechtmäßigen Eindringens zu durchschauen sowie eine Taktik festzulegen und in die Praxis umzusetzen, die einer etwaigen, durch die Freigabe oder Verwendung des gestohle nen Wissens erzeugten Destabilisierung vorbeugt. Mit Robinsons biochemischer Nachhilfe bewahrte Naw tow die Nerven. Ich neige stark zu der Vermutung, daß sich dahinter die Absicht verbirgt, weitere Bruderschaftstechnik zu verbreiten. Ob die Romananer die Urheber sind ? Ich weiß es nicht. Interessiert sind sie an Wissenschaft und Technik der Bruderschaft. Ihnen ist bekannt, daß ein romananisches Raumschiff das Landerecht auf Frontier beantragt hat. Es ist unklar, ob ein Zusammenhang mit der Bruderschaft besteht. Skor schwieg kurz, bot einen Großteil seiner geistigen Kapazität auf, um die Anpflanzungspla nung für Range umzuarbeiten. Nein, wäre den Romananern an Daten des Sicherheitsabteilungsarchivs gelegen gewe sen, hätten sie sich einfach an uns gewandt und nachge fragt. Sie schleichen sich nirgends ein. So ein Vorgehen bedarf zur Voraussetzung einer raffinierteren ... Einen Moment bitte, Assistenz-Direktor. Der Bericht des Identifi kationsressorts trifft ein. Robinson sah die Angaben durch und stutzte erschrocken. Furcht bedrängte seinen Verstand, als er den Namen des Komplizen Yamasakis ersah. Er spür te, wie neue Ruhe seine aufgewühlte Körperlichkeit durch strömte, während Nawtow die Aufgabe erfüllte, seine Reak tion abzuschwächen. Vielen Dank, Assistenz-Direktor. Wie tief wir gesunken sind, wenn unsere Fähigkeit zum Regieren von gegenseitigem Überwachen abhängt ... Rechtzeitigem Dämpfen von Gefühlen, mit denen zu leben uns nie gelehrt worden ist. Die Zeiten sind gefährlich geworden, antwortete Naw tow. Haben Sie Neuigkeiten erfahren? Robinson schwieg zunächst einen Moment lang, rang mit den Widrigkeiten seiner Physis, bändigte das Zittern seiner Gliedmaßen. Assistenz-Direktor, der im Computer raum gefundene Gegenstand ist kein Direktoratsprodukt. Vielmehr handelt es sich um etwas oberhalb unserer tech
nischen Möglichkeiten. Herkunft und Natur des Geräts gestatten alle erdenklichen Spekulationen. Die einzige augenfällige Feststellung ist momentan, daß wir es anscheinend mit einer Apparatur zu tun haben, die sowohl als Monitor wie auch als Sender dient und nach subatoma ren Prinzipien funktioniert, die unsere Physikkenntnisse übersteigen. Kann der Bestimmungsort der Sendetätigkeit gepeilt wer den? erkundigte sich Nawtow, griff auf die Daten zu, suchte nach einem Weg, wie sich die mysteriöse Beschaffenheit des Apparats ergründen ließe. Skor Robinson initiierte Technodesigner-Systeme zu Per mutationen, analysierte theoretische Leistungsstufen subato marer transduktiver Jota-Rega-Generatoren. Negativ. Erneut wollte Robinsons Körper ihn im Stich zu lassen, der Direktor mußte sich ernsthaft um Fassung und Selbstbeherrschung bemühen. Wenn die Technikprogramme, die ich zur Überprü fung herangezogen habe, richtige Aussagen machen, benutzt das kleine Gerät Arcturus insgesamt als Sendeantenne. Angesichts der Größe und Energiebatterie ... Ausgeschlossen! Unsere theoretische Physik besagt, daß keine derartig dimensionierte Apparatur einen Torus vom Umfang Arcturus' ausnutzen kann. Die dafür erforderliche Energie ... Aber das Gerät existiert, rief Skor Robinson ihm in Erin nerung. Er bekam Herzflattern, während sein unglaublich vielseitiger Geist die Schlußfolgerungen durchdachte. »Verurteilt zum Freisein. So hast du es mir vorhergesagt, Prophet. Das Universum deines Spinne ist ein furchteinflö ßender Ort.« Robinson riß sich aufs äußerste zusammen, als er für seinen intuitiven Verdacht die Bestätigung erhielt. Er schloß die Augen. »Und was wird, falls ich das alles nicht durchstehen kann? Wenn ich zu schwach bin? Falls Roque oder Nawtow einen Zusammenbruch erleidet?« Er schluk kte schwer, setzte die Kommunikation mit dem AssistenzDirektor fort. Wir stehen unter Beobachtung, Nawtow, unter der Obser
vation jemandes, der eine Technik anwendet, die unser Begriffsvermögen übersteigt. Wir wollen hoffen, daß der Ein dringling, der sich ins Sicherheitsabteilungsarchiv Zutritt erschlich, nicht dieselbe Person ist, die den Sender zurückge lassen hat. Sollte es doch ein und dasselbe Individuum gewe sen sein, schweben wir in schrecklicher Gefahr. Und wer war der Eindringling? fragte Nawtow. Ngen Van Chow. Daraufhin blieb Nawtow stumm; nur hektische Amplitu den des Metabolismus-Monitoring verwiesen auf seinen Zustand. »Wer?« murmelte Skor Robinson vor sich hin. »Wer beob achtet uns? Und von wo aus? Was wissen diejenigen über Van Chow? Und über die Romananer?« Doch die Bedürf nisse und Nöte der Menschheit beanspruchten seine Auf merksamkeit. Er übertrug die Erledigung der Zuständigkei ten Roques bis auf weiteres Nawtow. Könnte er nur ein paar Stunden lang schlafen, für eine Weile in einer sichereren Art von Realität träumen ... »Wer sind die Beobachter?« flüsterte er beiläufig, wäh rend er für Station Skylar als Notfall-Sonderzuteilung eine Ladung Schaumstahl zwecks Reparatur eines unglücklichen Meteortreffers zu verschiffen anordnete. »Wer?«
BASAR, AMBROSIUS-SEKTOR Basar ist einer der älteren Gulag-Planeten; seine Ursprünge datieren auf das Jahr 2066 der Sowjet-Ära zurück. Der gera de noch bewohnbaren Welt wäre das gleiche Schicksal wie dem Mars beschert worden, hätte die planetare Masse nicht einen lebhafteren C02-Kreislauf begünstigt. Allerdings mach te der daraus resultierende Treibhauseffekt wegen des H²0Mangels Basar lediglich zu einem stürmischen, trockenen Milieu. Die wenigen Ansammlungen stehenden Wassers sind brackig sowie stark salz-, laugen- und gipshaltig erst nach gründlicher Destillation als Trinkwasser verwertbar. Trotzdem ist der Planet dank frühzeitigen Terraformings für Menschen einigermaßen erträglich geworden. Heute ernähren gene tisch angepaßte Pflanzen terrestrischer Abkunft nomadische Hirtenstämme. Im 21. Jahrhundert gab der Planet aus sowjet ischer Sicht ein perfektes Gefängnis für Radikalinskis aus dem Nahen Osten ab.
Pallas Mikros zupfte, tief in Gedanken, an einer der Speckfalten seiner Gurgel, während er ins Holo blickte. Eine Gruppe in weite Wüstengewänder gekleideter Män ner durchquerte mit sichtlichem Gehabe des Hochmuts und des Mißtrauens das Mittelschiff des Tempels. Die Leibwächter ähnelten, wie sie, allzeit in Erwartung des Schlimmsten und in (Bereitschaft ständig an ihren schwe ren Blastern fingerten, nervösen Frettchen. Ein Priester eilte den Besuchern entgegen, die Hände aneinandergelegt zur Geste des Gebets und der Segnung. Die Gruppe ver langsamte, in den Mienen nichts als Verachtung. Vorher war der Tempel die Große Moschee gewesen. Inzwischen waren die Zierbecken zubetoniert worden. Längs jeder der Steinmauern standen wuchtig zwei Meter dicke, stämmige Säulen, stützten mit ihrer gedrungenen Massigkeit das Gewicht des weiten, übers Bauwerk gespannten Kuppelgewölbes. Die Kuppel, zuvor hallin tensiver Resonator flehentlicher Anrufungen Allahs, wies als Verzierung aufgemalte geometrische Darstellungen auf; jetzt war ihr Glanz stumpf geworden, Rußstreifen hat ten sie geschwärzt, manche Teile ließen sich, wo der Stuck
geborsten und herabgefallen war, nicht mehr erkennen. Selbst hier wehte Basars staubfeiner Sand über die vom Ausgetretensein blitzblanke Glätte des steinernen Fußbo dens. »Also kommt er endlich, um sich die Sache persönlich anzusehen«, nuschelte Pallas leise. »Ausgezeichnet.« Tiara trat hinter ihn, legte ihm die langen, schlanken Hände auf die Schultern. Er spürte, wie sich ihre festen Brüste an seinen Rücken preßten, während sie an ihm vor bei das Geschehen mitverfolgte. Trotz seiner nahezu faszi nativen Aufmerksamkeit für das Holo konnte Pallas es sich nicht versagen, hinter sich zu langen und die Rundun gen ihrer herrlichen Hüften zu streicheln. »Was sind das für Typen?« Tiaras sinnlich-dunkle Stim me schmeichelte Pallas' Gehör. »Scheich Achmed Hussein und Gefolge«, erklärte Pal las. »Einer dieser halsstarrigen Shi'a-Führer. Haust drau ßen in der Wüste. Er und sein Stamm bestreitet den Lebensunterhalt durch Edelsteinsuche. Gelegentlich bud deln sie ein bißchen bergbaumäßig danach, während ihre Ziegen verhungern. Er ist einer der Mächtigen, ein Mul lah. Will man Gerüchten glauben, spricht Allah im Wüstenwind zu ihm, und Mohammed schreibt mit Blitzen an den Himmel. Natürlich kapiert nur er das alles.« Tiara lachte in hellen Lauten. Pallas lächelte. »Du findest das albern? Zurecht, klar. Aber er gehört zu den Falken. Ich weiß von unseren Spio-nen, daß er hier aufkreuzt, um uns auszumerzen. Um den Feldzug gegen uns zu predigen, einen Heiligen Krieg — Dschihad nennen sie ihn — zu unserer Vernich tung auszurufen.« Tiara, stets Verführerin, schmiegte sich um Pallas' fei sten Leib, um genauer hinzuschauen. »Weißt du was? Nach einem Bad könnte er recht attraktiv aussehen.« Pallas neigte den Kopf zur Seite, betrachtete die Wiedergabe im Holo-Monitor. Er vermochte Tiaras Inter esse durchaus nachzuvollziehen. Eine Aura von keiner Bescheidenheit geminderten Selbstbewußtseins umgab
den Mann, etwas elementar Männliches und Ungezähm tes ging von ihm aus. Achmed Hussein bewegte sich beim Gehen, umwallt von seinem Burnus, wie ein Tiger. Seine Gesichtszüge, teils verhüllt durch die Keffijeh, erinnerten Pallas aufgrund ihrer Länge, Hagerkeit und Scharfgeschnittenheit an einen Wolf. Das Gesicht hatte dank seiner Wohlgeformtheit ein beeindruckend gutes Aussehen; die Schmalheit der braunen Nase glich der sorgsam gepflegte, schwarze Bart harmonisch aus. In den schwarzen Augen glänzten Willenskraft und Fana tismus. »Und trotzdem stattet er uns einen Besuch ab«, kon statierte Pallas versonnen, während der Monitor die weiteren Ereignisse übertrug. Hussein stand stolz vor dem Sanktuarium, nahm das Geschenk des Wassers ent gegen. Anschließend stapfte er zu einem Priester und ver schränkte die Arme. »Ich bin gekommen«, sagte er in gebieterischem, geringschätzigem Tonfall zu ihm, »um mir dieses ... Mirakel eures Deus anzusehen.« Hinter ihm schmunzelte sein Anhang, scharrte mit den Stiefeln, Belu stigung glomm in den glänzenden Räuberaugen. Der Priester verbeugte sich und deutete mit dem Kopf in die Richtung des Allerheiligsten. »So«, stieß Pallas unterdrückt hervor, ballte die Hand zu einer kloßigen Faust, so daß seine Ringe aneinanderklirrten, Funken zu stieben schienen. »Jetzt haben wir ihn.« Tiara stützte ihr Kinn auf seine Schulter, Wellen seidi gen schwarzen Haars fielen ihm auf den Arm. »Läuft's immer gleich ab?« Pallas zuckte die Achseln, sah zu, wie Achmed Hus sein arrogant das Sanktuarium betrat, während seine Leibwächter die Blaster und Dolche betasteten und arg wöhnisch umherspähten. Der Vorhang schloß sich hin ter ihnen; der kleine, vom Vorhang abgeteilte Raum durchmaß kaum fünf Meter, bot eben noch genug Platz
für Hussein und seine Begleiter. Lange, gelbbraune Gehänge aus feinen arcturischen Stoffen bedeckten die Wände. An der Rückwand des Raums ragte eine einzel ne Stele aus Stein empor. Ihr schenkte Hussein nunmehr seine Aufmerksamkeit. »Nun verpassen wir ihnen was mit den Stunnern«, be merkte Pallas leise. Kaum hatte er den Satz zu Ende gesprochen, sackten Hussein und seine Begleitung auf den Fußboden nieder. Unverzüglich hoben sich die seitlichen Vorhänge, und Techniker schwärmten ins Sanktuarium. Die Spitze der Stele fuhr aus und schwenkte abwärts, erwies sich als Komponente einer normalen medizini schen Psyching-Vorrichtung. Techs legten den Mullah zurecht, senkten ihm das kastenartige Psyching-Kontaktron über den Schädel, bis es richtig saß. »Und wenn Hussein abreist, glaubt er, die Hand Gottes hätte ihn berührt?« Mit kühlen, schmalen Fingern strich Tiara über Pallas' Wange. »Genau. Deus' Wort wird ihm eingeflüstert ... Ihm direkt in die Synapsen des Gehirns gesengt.« Pallas schaltete den Monitor ab, drehte sich um und schloß Tiara in die fetten Arme, preßte sie an seinen enormen Wanst, stierte ihr in die meergrünen Augen. »Er wird sich an nichts als die Wonnen Deus' erinnern, ein Licht der Freude und des Entzückens, ein Verschmelzen mit Gott. In der Erinnerung seiner Männer wird er levitiert, in einem goldenen Helligkeitskegel in die Höhe geschwebt sein, während sie sich, betäubt durch Deus' Stimmgewalt, nur duckten. Per Technik werden Ahnungslosigkeit und Aberglauben durch etwas für uns Wünschenswertes ersetzt. Wirklich hervorragend. Ich hätte nie gedacht, es würde so gut klappen.« Tiara schüttelte den Kopf, neigte ihn leicht seitwärts, warf ihr Haar über Pallas' Hände, ließ die dichten Wim pern ein wenig sinken und schaute ihm aufreizend ins Gesicht. »Was machen wir hier eigentlich? Laß uns nach Varta zurückkehren, Pallas ... Oder irgendwohin, wo's
wenigstens sauber ist und wir uns mit Leuten unterhalten können, die ...« »Seht ...« Er lächelte sie an, senkte die Hände und be tastete ihr strammes Gesäß. »Gegenwärtig fasziniert mich diese abenteuerliche Angelegenheit. Ich glaube, allmählich verstehe ich, was Ngen vorhat. Unsere Macht wächst schon ziemlich schnell, sie fegt regelrecht um diesen Wüstenplaneten, fast wie einer der hiesigen Sand stürme.« Mit rosiger Zunge befeuchtete Tiara sich die vollen Lippen, verengte die Lider zu Schlitzen. »Und du traust Ngen? Was ist das für eine Kammer, die er da unterm Tempel anlegt? Die mit den vielen Betten, hm? Will er vielleicht als religiöses Nebengeschäft Prostitu tion betreiben?« Einen Moment lang überlegte Pallas. »Wäre unter Um-ständen keine schlechte Idee. Aber nein, ich habe, was Ngens Absichten mit dieser Räumlichkeit betrifft, keinerlei Kenntnisse. Wie er sich amüsiert, geht mich nichts an.« »Aber weshalb muß es hier sein?« Tiara löste sich von Pallas, kehrte sich der dicken Einwegscheibe des Fen sters zu. »Schau doch mal hinaus! Kannst du den Hori zont er-kennen, Pallas? Alles, was man sieht, ist Sand, der durch die Gegend wirbelt, rotbraune Staubwolken riesigen Aus-maßes. Und das hier wird eine Stadt genannt? Heiliges Neutronium, diese Elendshütten, in denen gewohnt wird, sind aus Dreck und Steinen erbaut. Die Bewohner schmeißen die Abfälle als Futter für die Hunde und Ziegen auf die Straßen. Um Himmels willen, sie pissen an die Wände! Geh doch mal hinaus: Die Luft ist dermaßen trocken, daß man Nasenbluten kriegt, einem die Haut aufplatzt und sich anfühlt wie dieser ver dammte Sandstein, auf dem man überall herumlaufen muß.« Während das Paar durchs Fenster hinausblickte, flammten am von Sand durchwehten Himmel Blitze,
durchzuckten den ionisierten Staub als weiß-violette, gezackte Leuchtbahnen. »Und die Menschen?« Nochmals schüttelte Tiara denKopf. »Pallas, ich habe in Weltraumstationen Zuchtvieh gesehen, das gescheiter war als diese ... dieser Pöbel. Warum hier? Was hat es mit dieser Welt denn auf sich? Ich will weg.« Pallas streckte die Arme nach ihr aus, drehte sich ihr Gesicht zu, befummelte mit seinen Wurstfingern ihre Ge stalt, streichelte, koste ihren Leib. »Wir sind hier wegen unserer Zukunft, mein teures Liebchen. Auf Station Varta müßte ich irgendwann doch meinen Kram packen. Nein, schau mich an. Du weißt, wie's ist. Ich bin Schmuggler. Ich bin Hehler gestohlener Güter, Waffenhändler ... und nicht zuletzt Anbieter verbotenen menschlichen Fleischs, hmm?« Er küßte ihre schlanke Hand, strich mit dem Dau men über den weichen Handteller. »Im Moment ist das Direktorat schwer erschüttert. DiePatrouille ist beinahe handlungsunfähig. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr die Romananer und die sirianische Rebellion die Verhältnisse aus dem Lot gebracht haben. Aber die Patrouille wird sich berappeln, und dann wird sie nicht mehr so umgänglich wie früher sein. Ich merke Ngen Van Chow eine gewisse Genialität an, eine geistige Scharfsichtigkeit und Brillanz, die von allen anderen bisher außer acht gelassen worden ist. Man wird noch bereuen, daß ...« »Auf Sirius ist er unterlegen«, entgegnete Tiara pat zig. »Du solltest dich von ihm nicht blenden lassen, Pallas. Laß dich nicht von ihm für seine Überge schnapptheiten verheizen. Was könnt ihr auf diesem Scheißhaufen von Planeten denn schon erreichen, was bringt euch das Psychen solcher ...« Schwer seufzte Pallas. »Verheizen? Mich? Pallas Mi kros?« In ehrlicher Erheiterung lachte er. »Nein, mein Liebling. Um mich zu verheizen, braucht es jemand ande res als Ngen. Ich habe nicht dank Blödheit im Schatten des
Direktorats so lang überlebt, und ich hätte heute kein unbeschadetes Gehirn mehr, wäre ich ein Dummkopf. Ngen hat mich lediglich auf eine Gelegenheit hingewie-sen. Während ich bisher eine wunderschöne Woh nung in Station Varta hatte, kann ich künftig Eigentümer — hörst du, Eigentümer — einer kompletten Welt sein.« Tiara hob das Kinn. »Großartig. Und du denkst, Ngen wird sie dir überlassen? Diesen Planeten hier willst du haben? Basar? Voller verwehtem Sand und verblödeter Lümmel, die ihre Schafe ficken? Hier baden sie nicht mal, Pallas. Sie stinken. Sie hocken sich hin und scheißen auf die Straße. Auf die Straße!« »Wasser steht hoch im Kurs.« »Sie können nicht lesen. Standard wird auch nicht ge sprochen. Abseits in den Gassen gibt's Mord und Tot schlag, sie streiten sich wegen ein und desselben Gotts, weil sie so stumpfsinnig waren, ihm drei verschiedene Namen anzuhängen.« »Und genau das werden wir für uns ausnutzen.« Pallas rieb sich die Hände, und die Ringe warfen ein schillerndes Kaleidoskop von Glanzlichtern auf sein Gesicht. »In ein paar Minuten wird Hussein abreisen und den Wüstenstäm men die frohe Botschaft bringen, daß Deus der wahre Gott und erschienen ist, um seine Kindlein zu retten und um sich zu scharen.« »Es ist doch bloß Psyching«, antwortete Tiara. »So krasse Verhaltensänderungen sind zu auffällig. Irgend wann wird jemand etwas merken, und dann kommen eure Ziegenhirten angerannt, um euch den Hals abzuschnei den.« »Auf diesem Planeten nicht, liebe Tiara. Wir haben uns die Wahl gut überlegt. Was verstehen diese Tölpel hier denn vom Psychen? Sogar das Direktorat hat sie, nachdem es sie schlichtweg nicht an die Kandare nehmen konnte, schließlich in Ruhe gelassen. Ihre wissenschaftlichen Kenntnisse, falls man überhaupt davon reden kann, sind gänzlich rudimentärer Art. So etwas wie Psyching können
sie sich gar nicht vorstellen. Das einzige Interesse des Direktorats besteht hier aus ...« »Das ist ja wirklich ein Prachtstück von Welt.« Tiara verschränkte die Arme. »Wie wirst du dich denn nennen? Herr der Sandstürme?« »Tiara, mein Schatz, dabei soll es ja nicht bleiben. Viel leicht werde ich mich bald Herr der Erde nennen? Gebie ter von New Maine? Herrscher von Indus? Wir stehen erst am Anfang.« Tiara wirkte angeödet. »Ich möchte nach Hause, Pallas. Ich will endlich wieder im Luxus schwimmen.« Vor seinem Kinn legte Pallas Mikros die Fingerkuppen aneinander. »Sag mir, mein Schätzchen: Liebst du mich?« Achtsam musterte Tiara ihn. »Auf gewisse Weise. Du bist sehr gut zu mir. Die Geliebte eines reichen Mannes zu sein, ist mir angenehm. Und ich sorge dafür, daß auch du dabei sehr gut abschneidest, Pallas.« Anzüglich räkelte sie ihre Gestalt. »Du wirst im gesamten Direktorat wohl höchstens eine Handvoll Frauen finden, die so ein Talent wie ich haben, wenn es darauf ankommt, einem Mann Vergnügen zu bereiten.« Pallas faßte eine ihrer üppigen Brüste und zog Tiara an sich. »Geld bedeutet Macht, Tiara. Bleib bei mir. Steh diese Phase mit mir durch. Wer weiß, vielleicht werde ich dir eines Tages einen eigenen Planeten schenken.« Sie beugte sich vor, knabberte an seinem Ohrläppchen. »Ich kann geduldig sein ...«, flüsterte sie. »Wenigstens für ein Weilchen.«
2
AN BORD DER PROJEKTIL (IN GEOSTATIONÄREM ORBIT ÜBER WELT), JENSEITS DES AUSSENSEKTORS
Welt ist ein von Menschen bewohnter Planet, der nicht der Direktoratsregierung untersteht, und wurde — infolge eines durch einen Funklenkfrachter aufgefangenen Radiosignals — erst am 9. Januar 2782 wiederentdeckt. Die Vorfahren der Romananer, Deportierte der sowjetisch beherrschten Erde, kaperten ihren Gefangenentransporter, die Nikolai Romanan, und landeten auf Welt. Detaillierte Aufzeichnun gen ihres Flugs und des anschließenden Überlebens sind in Direktorats-Datenspeichern nicht enthalten. Nach der Entdeckung durch das Direktorat haben Welt und seine Bewohner die Kontinuität der Direktoratspolitik gebrochen und maßgeblichen Einfluß auf die Politik genommen. Als Auswirkung der illegalen Funksendung Dr. Leeta' Dobras sowie der sirianischen Rebellion sind die Romananer inner halb des vom Direktorat verwalteten Alls zu einem Macht faktor geworden. Die Konsequenzen dieser Entwicklung sind gegenwärtig noch nicht in vollem Umfang absehbar.
Admiral Damen Ree kratzte sich am Hinterkopf und setz te sich in den Kommandeurssessel. Sofort paßte die elasti sche Polsterung sich den Konturen seines Körpers an. Gera de durchquerten die letzten Konferenzteilnehmer den Ein gang, suchten sich am langen Konferenztisch ihre Sitze, mel deten mittels Kontaktron ihren Aufenthaltsort der Kommu. Ree nickte einem Soldaten zu, der Gläser mit gutem Sherry füllte, sie am Tisch verteilte, während Rees Stabsangehörige und Offiziere sich in den Konturensesseln zurechtrückten, sich über ihre persönlichen Kommu-Geräte beugten, gele gentlich zu den Wandmonitoren hochblickten. Indem er tief einatmete, die Lungen füllte, schaute Damen Ree im Konferenzsaal in die Runde. Am einzigen,
langen Tisch saßen jetzt in enger Aufreihung sein Komman dostab und die Offiziere. Ringsherum strotzten die weißen Wände von Kommu-Apparaten und sonstigen Bildschir men. Unter der Decke montierte Monitore projizierten die Daten des Schiffsstatus, über den die zuständigen Offiziere sich laufend informiert hielten. Adjutanten eilten inmitten des Stimmengewirrs umher, das zusehends anschwoll, weil jeder Anwesende den allgemeinen Lärm zu übertönen ver suchte. Der Admiral ließ seinen Blick über die Gesichter schwei fen, forschte in jeder Miene. Majorin Rita Sarsa, die ihr rotes Haar im Nacken zu Zöpfen romananischen Stils geflochten hatte, starrte gedankenschwer ins Weite. Falten furchten ihre Stirn, und die Lippen hatte sie leicht zusammengepreßt. Aufgrund ihrer stetigen, unterschwel ligen Wachsamkeit spürte sie Rees Beachtung, neigte den Kopf geringfügig zur Seite. Ihre grünen Augen, in denen Intelligenz und Kühnheit schimmerten, erwiderten kühl sei nen Blick. Auf ihrer hellen Haut schienen die Sommer sprossen zu leuchten. Erfolg und die Beständigkeit, die Eisenauge in ihr zuvor stürmisches Leben gebracht hatte, wirkten sich, befand Ree, während er beobachtete, wie sie die Coups an ihrem Gürtel betastete, auf sie vorteilhaft aus. Sie erwiderte sein Augenzwinkern. Ihr Mann, John Smith Eisenauge, Kriegshäuptling der Romananer, hatte zu ihrer Rechten Platz genommen. Er war ein muskelbepackter Hüne und konnte im Saal den Ton angeben, ohne ein Wort zu sprechen. Seine schwarzen Augen schienen wie heiße Magneten die Seele eines Men schen, um zu wägen und zu urteilen, ans Licht ziehen zu können. Einmal hatte John entschlossen einen romanani schen Bären mit nichts als einem Dolch getötet — eine Tatsache, die Ree nur mit Mühe glauben mochte. Eisenau ge unterhielt sich ernst mit dem Mann, der rechts von ihm saß. Major Neal Iverson, wegen seiner Blondheit und Hoch
gewachsenheit geradezu der Werbeposter-Typus eines Patrouillensoldaten, hörte Eisenauge aufmerksam zu. Neal blieb immer unbeeindruckt, als wäre er aus Stahl geschaffen. Erinnerungen an Sirius kamen Ree in lebhaf ten Bildern, er entsann sich an den beruhigenden Einfluß von Neals Stimme. Wäre ohne Neal überhaupt jemand von ihnen noch am Leben? Wie oft hatte er, während die Sirianer die schwerbeschädigte Projektil zu kapern ver suchten, Enterkommandos früher als andere erkannt, die Mannschaft zum Gegenstoß angefeuert? Unter Rees Herz breitete sich ein warmes Gefühl dankbarer Zuneigung aus. Gegenüber hatte Major Glick seinen Sitz am Tisch, das Kontaktron fest über den knochigen Quadratschädel ge zogen, die Augen geschlossen, die Arme auf der Brust ge kreuzt; Ree hätte jederzeit beschworen, daß der Major weite re der am Schiff geplanten Modifikationen koordinierte und überwachte, sich bis zu der Sekunde, in der die Besprechung anfing, dieser Aufgabe widmete. Noch mehr wichtige Offiziere waren anwesend: Die Hauptleute Mishima und Max Wan Ki sowie Leutnant Anthony, die bei Ree auf der Projektil geblieben waren, mit ihm den Irrsinn der letzten Jahre durchgestanden hat ten. Der letzte Teilnehmer der Sitzung verwirrte Ree — und nicht allein ihn, sondern höchstwahrscheinlich ebenso alle anderen, die ihn kannten. Chester Armijo Garcia war eine Art von romananischem Schamanen. Die Romananer bezeichne ten ihn als Propheten und behaupteten, obwohl er noch ein junger Mann war, er sei einer der >A1ten<. Tatsächlich ver lieh ihm der heiter-beschauliche Gleichmut seiner braunen Augen, obschon er nicht mehr als vielleicht dreißig Jahre zählte, den Anschein der Reife hohen Alters. Diese Augen sahen Dinge, die einem normalen Menschen verborgen blie ben. Chester, ein Fliegengewicht von einem Mann, saß still an
seinem Platz, ein ewiges Lächeln, das jedoch keinerlei Über heblichkeit, sondern nur Sanftmut bezeugte, im Gesicht. Nie hatte Chester es eilig, niemals legte er Hast an den Tag, und nie — Gott behüte! — ließ sich ihm außer gelindem Frohsinn irgendein Gefühl anmerken. Durch diese Fassade schien aus seinem Innern diese verdammte permanente Gelassenheit zu emanieren, die sich auf alle übertrug, die sich in seiner Nähe aufhielten. Nicht einmal Eisenauge wagte es, dem Propheten ins Gesicht zu blicken. Teils ging diese Scheu auf kulturelle Tradition zurück; doch alle Durchschnittspersonen befiel Nervosität, sobald ein Prophet in ihre Mitte trat. Wie könnte man jemandem, der den Tod seiner Mitmenschen vorherz usehen vermochte — die vielen Zukünfte, die Wirklichkeit werden konnten —, mit Gleichgültigkeit begegnen? »Ich war der Meinung, es wäre gut, wir hätten vor Beginn der eigentlichen Verhandlungen noch ein paar Minuten für uns«, eröffnete Ree die Sitzung, trank Sherry und sammelte erneut seine wieder abgeschweiften Gedanken. Sarsa stützte sich auf die Ellbogen, ihr Blick maß den Admiral. »Haben Sie eine Ahnung, was man von uns will?« Ree straffte die Kinnmuskeln. »Nein, aber vermutlich sind sie hinter technischem Wissen her. Mir ist bekannt, daß die Patrouille unbedingt die Fujiki-Verstärker für die Blaster haben möchte.« »Wir vergeben sie nicht.« Eisenauge brauchte die Stimme nicht zu heben. »Nein, auf keinen Fall«, stimmte Ree zu. »Mit den Ver stärkern ist die Projektil unbesiegbar.« »Wir sind noch mitten in den Umbauten, Admiral«, sagte Iverson. »Inzwischen ist fast ein Jahr vergangen, seit wir im Siriussystem zusammengeschossen worden sind, aber es kann noch bis zu sechs Monaten dauern, bis alle Arbeiten fer tiggestellt sind, die wir angefangen haben. Ähm ... tja, es besteht durchaus die Möglichkeit, daß wir noch in einem Jahr daran arbeiten, falls Giorj nicht zurückkehrt. Er ist der einzi ge, der die Konzeption seiner Entwürfe wirklich kapiert.
Glick gibt sich Mühe, aber ...« Er verstummte mit einem Achselzucken. Major Glick nickte. »Wir brauchen Giorj.« Zum Einverständnis stieß Ree ein Brummen aus. Heiliges Kanonenrohr, das alles wußte er längst! »Ob sie vielleicht von der Expedition nach Frontier gehört haben?« meinte Rita, indem sie sich in den Sessel lehnte. Sie schnitt eine noch grimmigere Miene, eine Hand näherte sich dem Griff ihres romananischen Kriegsmes sers. »Es handelt sich um eine rein wissenschaftliche Expe dition, und romananische Raumschiffe haben das Recht, auf jeder Direktoratswelt zu landen«, erinnerte Ree sie. »Der Großmeister ist gebeten worden, im Fall von Bedenken zuerst uns zu kontaktieren. Darauf hat er sein Wort gege ben. Man nimmt solche Sachen dort sehr ernst.« »Sie wissen, was für ein Potential in den alten Compu-tern steckt«, sagte Neal Iverson. »Da steht eine Menge auf dem Spiel, Damen. Was Giorj findet, könnte sehr wohl ausrei chen, um das Direktorat auch noch aus seinem geringen Rest an Gleichgewicht zu werfen.« Ree nickte, tat es so, daß es zum Teil wirkte, als nickte er grüblerisch vor sich hin. »Wäre das bloß auch allen anderen klar ... Aber gleichzeitig hat diese Goldmine dem Direktorat doch offengestanden, seit vor zweihundert Jahren die Bru derschaft vertrieben worden ist.« Müde reckte sich Sarsa. »Andererseits hatte nicht gera de eine derartige Revolte wie auf Sirius stattgefunden. Vorher hat die Patrouille nie eine Niederlage hinnehmen müssen. Jeder weiß, daß Ngen Bruderschaftstechnik benutzt hat. Die verfluchten Blaster der Sirianer haben im Siriussystem die halbe Flotte zu Schrott zerschossen. Oder Toby und die anderen könnten irgendwelche Machen schaften angezettelt haben. Und wir dürfen, bei Spinne, nicht vergessen, daß Jaischa Mendez keinen Grund hat, um uns zu mögen.«
»Ob die Überbleibsel der Patrouille künftig immer ver suchen werden«, überlegte Neal Iverson laut, »sich gegensei tig den Hals umzudrehen?« Schweigen entstand, während sämtliche Anwesenden sich über diese Frage Gedanken hingaben. Alle Versammelten außer Chester, der nur an seinem Platz saß und vor sich hin summte, den Eindruck erregte, als betrachtete er irgend etwas in weiter Ferne. Als einziges bewegte er die braunen Finger, die er auf dem zerfransten Lederhemd ineinander verklam mert hatte. »Ein Anruf aus Arcturus-Stadt«, ertönte eine Durchsage der Kommu. »Das wird's sein, glaube ich.« In seinem Sessel nahm Ree eine angespannte Haltung ein. »Durchschalten.« Erwartungsgemäß erschien auf einem Bildschirm — neben den Mienen seiner beiden Kollegen An Roque und Semri Nawtow — das Konterfei Direktor Skor Robinsons. Der fürchterlich monströse Anblick bereitete Ree Unbeha gen. Die Schädel der Direktoren mußten einen Durchmesser von gut einem Meter haben, ähnelten großen, fleischigen Kürbissen, unter denen wie eine Ausbeulung die Karikatur eines menschlichen Gesichts hing. Ihre Riesengehirne stan den in direkter Verbindung mit den Anlagen des Giga-Computerverbunds, der Wirtschaft und Informationswesen der Menschheit steuerte. Seit das Direktorat zerfiel, übten die Direktoren nur noch über letzteres wirklich effektive Len kung aus. »Meine Herren Direktoren«, sagte Ree zur Begrüßung, deutete eine Verbeugung an. Irgend etwas machte ihn stut zig. Irgendeine Änderung in ihren verschlossen-abweisenden, bläßlichen Mienen ... Ja, das war es: Ein Ausdruck von Zermürbung. Die Gesichtszüge waren spitz geworden, verräterische Fältchen, wie sie auf zuwenig Schlaf und zu starke Streßbelastung zurückgingen, waren zu erkennen, hatten sich um die im Vergleich zur Schädelwölbung win zigen Äuglein eingekerbt.
Chester lächelte herzlich, als Skor Robinson, sobald er ihn sah, den Blick fest auf den Propheten heftete. »Bist du da, um meinen freien Willen auf die Probe zu stellen, Prophet?« erkundigte sich Robinson, indem er die übrige Versammlung unbeachtet ließ, in seiner kratzigen, wenig benutzten Stimme. »Ein Cusp steht bevor«, antwortete Chester mit gut mütigem Gesichtsausdruck. »Mein Cusp?« »Wir werden's sehen, Direktor«, sagte Chester leise. Robinson schenkte seine Aufmerksamkeit Ree. »Die ande ren Patrouillenkommandeure können nun zugeschaltet wer den.« Ree winkte mit der Hand, zeigte damit an, daß es ihm gleich blieb, ob die Unterhandlungen so oder so abliefen. Anwesende setzten sich an ihren Plätzen in förmlicherer Hal tung zurecht. Es muß tatsächlich etwas Wichtiges geschehen sein, dachte Ree. Aber was? Welche Falle wird uns diesmal gestellt? Wozu braucht er die Obristen ? Wer hat den Vor gang programmiert? Mendez? Die übrigen Halunken? Vor sicht, Damen, diese Leute sind fähig, dir den Arsch aufzu reißen und dich abzuservieren, ehe du dich versiehst. Plötzlich schien der Konferenzsaal völlig überfüllt zu sein, als die holografischen Projektionen aufflimmerten, in denen ein Hintergrund sonderbar in den anderen ver-schwamm. Vor sich erblickte Ree den Zirkel der mächtigsten Personen der Galaxis, vereint zu gemeinsamen Erörterungen: Die Kombi nation der Macht- und Befehlshaber des Direktorats und der Patrouille. Er bemerkte ein dunkelhäutiges Gesicht und emp fand eine Aufwallung von Herzlichkeit. Er nahm sich die Freiheit, Maya ben Achmad zuzuzwinkern. Während der letzten, entsetzlichen Stunden im Siriussystem hatte sie ihn unterstützt. Jetzt glomm in den Augen der Kommandantin der Viktoria ein Funkeln — etwas wie eine Verheißung des sen, was hätte werden können, wären die Umstände anders gewesen.
Mayas tiefdunkle Haut kontrastierte mit dem Weiß hinter ihr; Intelligenz und Elan schimmerten ihr aus den Au-gen. Über ihren anmutigen Brauen erhob sich eine senkrechte, glatte Stirn. Feste Wangenknochen flankierten den geraden Nasenrücken, der sich zu weiten Nasenflügeln erweiterte, die ihrerseits die vollen Lippen akzentuierten. Die Schwere Ver antwortung ihrer Kommandofunktion hatten nur ihren Mundwinkeln herbe Furchen eingeprägt. Ihr üppiges, krau ses Schwarzhaar baumelte ihr in dicken Ringellocken auf breite Schultern. Mühsam wandte Ree den Blick von ihrer Erscheinung. Toby Kuryaken von der Miliken war, den silberblonden Pferdeschwanz auf der einen Schulter, neben Maya sichtbar geworden. Sie und Jaischa Mendez mit ihrer Toreon waren mit Ree zusammen im Siriussystem, wo man die Projektil übel zerschossen hatte, im Einsatz gewesen. Sie hatten die Bereitschaft gehabt, die Projektil auf Skor Robinsons Befehl vollends zu vernichten. Noch jetzt machte erbitterte Abnei gung ihre Mienen hart, als ihre Blicke durch den Saal auf Ree fielen. Jaischa Mendez' Haß schien ihr regelrecht aus den Augen zu lodern. Ferner waren sämtliche restlichen Patrouillenkomman deure und -kommandeurinnen ebenfalls zugeschaltet: Der weißbärtige, gealterte Ben Mason von der Gregorius; die fernöstlich-zierliche Tabi Mikasu von der Kamikaze; die geris sene, junge, schöne, schwarze Tigerin Amelia Ngurnguru von der Amazone; von der Uhuru der triefäugige, angekahl te, kadaverdürre Claude Devaulier; und der bleiche, schwarz bärtige Peter Petruschka von der Ganges. Sie verkörperten die gesamte Macht des Direktorats und seiner Patrouille — alles was noch zwischen einer im Verfall begriffenen Zivili sation und wer wußte was stand ... Im ersten Moment warteten sie mit sichtlich ver krampftem Gebaren lediglich ab. Aus ihren Blicken spra chen Vorwurf und Verurteilung: Verräter. Piraten. Abtrünnige. Das Schweigen ihrer verpreßten Lippen schien lauter als Geschrei anzuklagen. Ihre verspannten
Muskeln brachten nachdrückliche Mißbilligung zum Ausdruck. Sie haßten Ree und die ganze übrige Besat zung der Projektil. Zum Schluß, nachdem ihre Augen paare, in denen nicht einmal der Ansatz eines Verzeihens stand, langsam alle sonstigen Teilnehmer der Bespre chung gemustert hatten, konzentrierte sich ihre Beach tung auf Eisenauge, Sarsa und Chester. Sie hatten wie Richter ihre Urteile parat und fühlten sich anscheinend gleichzeitig als Henker. Das Kribbeln einer bösen Vorahnung sträubte Ree die Nackenhaare. Sarsa ballte die Hände zu Fäusten, unter ihrer sommersprossigen Haut zeichneten sich die Sehnen ab. Aus verengten Lidern betrachtete Eisenauge die Befehlshaber der Patrouille, glich dabei einem Raubtier vor dem Sprung. Neal Iversons Kinnmuskulatur zog sich unter der glatten Haut zu einem Knoten zusammen. Kurz schielte Ree hinüber zu Chester. Freundlich erwi derte der Prophet jeden der feindseligen Blicke, nickte un gerührt, summte unverändert friedlich vor sich hin. Selbst in diesen Momenten schaute er fortwährend multiple Rea litäten: Als sähe er hinauf in einen Baum, so entfalteten sich vor ihm wie verzweigtes Geäst die verschiedenen möglichen Zukünfte. Jeder Ast bedeutete eine Entschei dung, einen sogenannten Cusp, der die Zukunft determi nierte. Allerdings vermochte Chester nicht vorauszusagen, welche der vielen Verzweigungen letzten Endes faktische Wirklichkeit werden sollte. Die Romananer behaupteten, daß Spinne den freien Willen mit äußerster Wachsamkeit hütete. Chester bemerkte Rees Blick. »Haben Sie sich schon ein mal Vivaldis Vier Jahreszeiten angehört?« fragte Chester lie benswürdig. »Das ist eine so schöne Musik. Die Klänge und Melodien erheben den Zuhörer, tragen ihn empor wie im Wind. Sie ergreifen die Seele. Es ist eine wahre Freude, sie zu genießen.« »Nein, nie«, entgegnete Ree unbekümmert, spürte ein
schlagartiges Verpuffen der Spannung. Er kostete die Anzei chen der Ungläubigkeit aus, die es ringsherum zu sehen gab. Die verfeindeten Kommandeure waren aus der Fassung gera ten, ihre Aufmerksamkeit galt jetzt Chester, diesem ver meintlichen Irren. Ree unterdrückte ein Auflachen; er war mittlerweile an Propheten und die Dinge gewöhnt, die für sie Bedeutung hatten. Chester versank in Andächtigkeit, tappte im Takt der Musik, die ihm durch den Kopf ging, mit den Fingern. »Wollen wir dann anfangen?« schlug Maya vor, lehnte sich zurück und schob sich ein Stück Kautabak in den Mund. Sie pflegte die Brocken zu kauen, bis sie völlig durchweicht waren, dann spie sie sie in einen Spucknapf, der gegenwärtig für die übrigen Konferenzteilnehmer un sichtbar blieb. »Ja«, erteilte Skor Robinson in harschem Ton sein Ein verständnis. Er richtete seine hellblauen Schweinsäuglein auf Damen Ree. »Admiral — falls wir Sie so nennen sol len ...« »Sie haben die Beförderung selbst ausgesprochen.« »Wir haben mit Ihnen ein ernstes Problem zu diskutie ren.« Durch ein Nicken zeigte Ree seine Bereitwilligkeit an, es sich darlegen zu lassen. Sicherlich, die Projektil hatte ihre Unabhängigkeit vom Direktorat erklärt. Dennoch war er Admiral der romananischen Flotte, und wenn sie auch lediglich drei Raumschiffe zählte, war deren Bewaffnung nichts, über das irgendwer hätte die Nase rümpfen können. »Während der vergangenen paar Monate ist offenkundig geworden«, fing Robinson seine Ausführungen an, »daß das System des Handels, des Regierens sowie der sozialen Stabi lität, wie es sich generationenlang bewährt hat, nunmehr unhandhabbar wird ...« »Ich glaube«, unterbrach Ree ihn, »Dr. Leeta Dobra hätte den Begriff >Gesellschaftliche Evolution< gebraucht, Direk
tor.« Und es ist noch etwas ganz schrecklich aus dem Gleis gesprungen, Skor. Du rufst doch nicht derartig viele hohe Patrouillenoffiziere für ein Schwätzchen über interne politi sche Angelegenheiten von ihrer regulären Pßichtausübung ab. Skor Robinson besah sich ihn, wie ein Löwe eine Maus betrachten mochte. »Nennen Sie es, wie es Ihnen beliebt. Gewisse Tatsachen bleiben unabänderlich. Eine davon ist, daß wir, die Teilnehmer dieser Konferenz, auf uns dreiund achtzig Komma sechshunderteinundsiebzig Prozent der gesamten im Direktoratsweltraum lavierbaren Macht auf uns vereinen. Diese Macht betrifft hinsichtlich Produktion, Menschenmaterial und ungefähr dreihundertzweiundsieb zigtausendzweihundertundsechs sonstigen miteinander korrelierten Variablen, die für unsere Zwecke statistisch quantifiziert werden können, jedoch nur null Komma fünf zehn Hunderttausendstel der Gesamtressourcen der Menschheitszivilisation. Als Resultat ergibt sich, daß Ver änderungen des gesellschaftlichen Verhaltens uns langsam die Machtbasis entziehen. Für den Fall, daß unsere gemeinsame Macht unter zweiundsechzig Komma eintau sendvierhundertsiebenundsechzig Prozent absinkt, progno stizieren wir ein vollständiges Unvermögen, weiterhin den Kurs der Menschheitsentwicklung zu steuern. Das Ergeb nis wäre ein Chaos, und keine Anstrengungen unsererseits könnten die Kontrolle wiederherstellen.« »Eine ziemlich kopflastige Machtpyramide, finden Sie nicht?« fragte Ree, mißachtete die Feindseligkeit rings um. »Aber funktional«, hielt Skor Robinson ihm entgegen. »Zweitens: Es sind signifikante Variable aufgetaucht, die wir nicht befriedigend quantifizieren können. Im Verlauf des vergangenen Jahrs und der letzten fünf Monate hat sich die Romananerreligion nicht allein im Siriussystem, sondern auch ins übrige Universum ausgebreitet. Der Effekt wird als negativ eingestuft, und wir messen ihm in
Hinblick auf die allgemeine ökonomische Situation und das soziale Wohl der Spezies eine zusätzliche Zerset zungswirkung bei. Zudem sind in diversen Direktoratsin stitutionen spontan Spinnenkulte ungebundener, jüngerer Bürger entstanden. Die Produktivität der Kreise, die der Lehre anhängen, Spinne sei Gott, ist um drei Prozent gesunken.« Ree schien unbeeindruckt. Die Blicke anderer Sitzungs teilnehmer hatten sich Chester zugewandt, der indessen, als ginge ihn alles nichts an, eine Melodie von Brahms summte. »Zur gleichen Zeit verursachen Ihre Romananer beträchtliche soziokulturelle Störungen. Eltern sehen sich zum Bewahren der Disziplin außerstande. Kinder belästi gen sie mit Fragen, die Ärger auslösen.« Robinson ver suchte eine Miene des Mißmuts zu ziehen. Offenbar schmerzte der Versuch die atrophierten Muskeln seines Gesichts. »Jugendliche sind auf einmal von KriegerkultIdeen besessen, die zu Abweichungen in ihrem Sozialver halten führen.« »Das ist nicht unser Problem, Direktor.« »Nun hören Sie mal her, Damen.« Jaischa Mendez beugte sich in ihrem Kommandosessel vor. Ihre Augen glitzerten, während sie einen spitzen Finger hob. »Sie und Ihr Gesindel haben diese Schwierigkeiten zu verantworten, verdammt noch mal, also sollten Sie auch ...« »Danke, Obristin.« Skor Robinsons Stimme brachte Men dez, obwohl er leise sprach, sofort zum Schweigen. »Mit Gefühlsausbrüchen und Anschuldigungen erreichen wir gar nichts.« Ihrer beklommenen Miene zufolge hätte Jaischa Mendez in diesem Moment einen lebendigen Frosch verschluckt haben können. Ree verkniff sich ein Feixen. Die Romananer waren auf eine völlig unvorbereitete Galaxis losgelassen worden. Der Umstand, daß die Propheten in die Zukunft zu sehen
fähig waren, widersprach vollkommen der anerkannten Lehrmeinung der Physik. Alle etablierten jüdisch-christlich-islamischen Traditionalisten hatten ein Protestgeheul angestimmt — »Satanismus!« —, während die Hindus die Achseln zuckten — »Haben wir doch schon immer gewußt ...« — und die Buddisten zufrieden nickten, sich fragten, wann auch der letzte Grashalm ins Nirwana über gehen mochte. Unter Erwachsenen waren Messerfehden Mode gewor den, und eine Welle von Coup-Beutezügen, Airmobil-Diebstählen und Raubüberfällen, bei denen die Jugend dem nach eiferte, was sie in den Medienholos zu sehen bekam, stiftete bei den überforderten staatlichen Behörden Verwirrung und gänzliche Überlastung. Die durch den Kontakt mit der ver gessen gewesenen Romananer-Kolonie aufgewühlten Wogen der Gewaltverherrlichung schlugen noch immer gegen selbst die fernsten Ufer. Ree beobachtete An Roques maskenhaftes Gesicht. In den Augen des Assistenz-Direktors spiegelte sich Furcht wider. Und es dreht sich auch nicht bloß um einen Haufen junger Leutchen, die Romananer spielen. Nein, hier geht es um etwas mit tieferen Auswirkungen. Was wissen sie, das Roque so erschüttert hat? Robinson räusperte sich. »Drittens existiert inzwischen eine weitere neue Religion, die wir nicht verstehen.« Aus plötzlicher Neugier ruckte Rees Blick zu ihm hoch. »Ihre Gründung ist auf dem Planeten Basar erfolgt. Zwar hat sie bisher eine erst kleine Anhängerschaft, aber ihre messiani sche Natur, zumal ihr Aufkommen mit dem Umsichgreifen der romamanischen Religion parallel verläuft, hat uns doch erheblich verblüfft. Wir sind überhaupt nicht dazu in der Lage, sie uns zu erklären.« »Erzählen Sie uns Näheres«, sagte Ree, dessen Interesse erwachte, beugte sich vor. Ist es das ? Eine neue Religion? Könnte das es sein, was ihnen so einen Schrecken eingejagt hat?
»Wir haben nur wenige Informationen.« Diesmal gab An Roque Antwort. »Ein neuer Messias hat sich auf Basar ausgerufen. Dieses Individuum hat vorgeblich unter den dortigen Armen Wunder getan und predigt für alle, die in die Fußstapfen Mohammeds, Jesu und Abrahams zu tre ten bereit sind, eine erneuerte Galaxis.« »Basar wird von einer Mischbevölkerung bewohnt«, bemerkte Maya ben Achmad halblaut, während sie, die Stirn gefurcht, auf Kommu-Daten aus ihres Kontaktrons lauschte. »Christen, Juden und Mohammedaner müssen dort mit beschränkten Ressourcen koexistieren. Meistens bekämpfen sie einander, eine Partei versucht die andere auszurotten.« »Sie kämpfen nicht mehr.« Ben Mason zupfte an seinem langen, weißen Bart. »Basar liegt in unserem Sektor. Wir haben uns seinetwegen nie ernstere Sorgen gemacht. Die Aussicht, daß es dort zu Unerfreulichkeiten kommt, war wegen der allgemeinen Armut minimal. Es fehlen alle Kapazitäten für die Raumfahrt. Aber jetzt haben sie das Direktoratskonsulat und die Orbitalstation besetzt. Und Sendetätigkeit aufgenommen. Wir wüßten gerne, woher sie den Transduktor haben. Jedenfalls finden sie offene Ohren. Auf nahezu rätselhafte Weise sind überall im Sektor religi öse Kulte aufgeschossen. Wer den Transduktor geliefert hat, schickt offenbar auch Missionare zu anderen Planeten. Das Ganze erweckt einen ziemlich gut organisierten Ein druck.« »Hat man die Herkunft der Pamphlete zurückverfolgt?« fragte Toby Kuryaken. »Durch wen sind die Reisen dieser Leute veranlaßt worden?« »Das ist's ja eben.« Mißgestimmt spreizte Mason die Hände. »Keine Spur ist feststellbar. Das sind keine spon tanen Ereignisse.« »Sie ereignen sich so weitab vom romananischen Raum, daß es kaum weiter entfernt sein könnte«, sagte Ree nach denklich. »Zufall?«
»Warum geschieht es gerade jetzt?« wandte An Roque ein. Seine ihm selbst ungewohnte Stimme überschlug sich fast in Quietschlauten, während er die Intonation beizubehalten ver suchte. John Smith Eisenauge meldete sich zu Wort, sein wie aus Granit gehauenes Gesicht beanspruchte sofort die Aufmerk samkeit sämtlicher Konferenzteilnehmer. »Eure Zivilisation ist eine spirituelle Wüste geworden. Weil neue Informationen vorliegen, wollen die Menschen nun ihr Dasein neu beleben. Sie betrachten uns Romananer als aufregende Erneuerer, die im Besitz der Wahrheit sind, einen Gott wie Spinne haben und in die Zukunft schauen. Sie greifen nach unserem Glau ben wie Ertrinkende, weil sie hoffen, daß Spinne ihnen das Heil bringt. Sie empfinden ihre Gesellschaft als krank und hegen daher den Wunsch, neue Werte zu etablieren oder ver gessene Werte aus längst vergangenen Zeiten wiedereinzu setzen.« Mendez schimpfte gedämpft vor sich hin, die Lippen zu einem hämischen Grinsen verzogen. Petruschka verkniff sich offensichtlich einen bissigen Kommentar. In den Augenwinkeln bemerkte Ree, wie Sarsa den schon dadurch gereizten Eisenauge beschwichtigte, indem sie ihm die Hand auf die Schulter legte. Der Kriegshäuptling hatte sich gestrafft, den Kriegsdolch am Griff gepackt, starrte Mendez erbost an. Skor Robinson schenkte seine Beachtung Eisenauge. »Also verbergen sich Romananer hinter diesem Kultus auf Basar?« Kurzangebunden verneinte der Kriegshäuptling. »Wie ist es dann erklärlich«, fragte Robinson, »daß du soviel Direktoratspsychologie auszuwalzen verstehst, Bar bar?« An Eisenauges Kinn zuckten die Muskeln, doch er antwortete in gleichmütigem Ton. »Lies die anthropolo gischen Texte. Vielleicht wirst du denken, die grundle genden wissenschaftlichen Erkenntnisse der Anthropolo gie hätten nur für alte Stämme und untergegangene Kul
turen früherer Zeiten Geltung, aber ich schlage dir vor, unter diesen Gesichtspunkten einmal die eigene Zivilisa tion zu betrachten. Jedes Volk dürfte den Wunsch verspü ren, wieder stark zu werden. Ich sage dir, ohne Prophet zu sein, nativistische Bewegungen auf den meisten eth nisch besiedelten Planeten voraus. Auf anderen Welten wird es Revitalisierungsanstrengungen geben. Eure Ster nenvölker haben eine große Suche begonnen, Direktor. Sie leiden unter dem verzweifelten Gefühl, abgeirrt zu sein, die Wurzeln verloren zu haben, die ihnen einst Standfestigkeit verliehen. Nun werden sie, während sich ihre Realität verändert, nach allem greifen, das ihnen Halt verspricht.« »Wieso?« fragte Jaischa Mendez verdrossen. »Die Zivi lisation hat sich auch früher schon verändert.« Eisenauge würdigte ihr Mitdenken durch einen Blick gemäßigter Beifälligkeit. Bei seiner Antwort lächelte er boshaft, beobachtete ihre Reaktion. »Weil noch nie eine Zivilisation erkennen mußte, daß sie aus Schafen zusammengesetzt ist — und mit einem Mal den Wunsch hat, wieder aus Wölfen zu bestehen. In der Vergangenheit konnte sich eine derartige Situation nie ergeben, die Wölfe kamen immer von außerhalb ... und fraßen die Schafe auf.« »Du unverschämter, nichtswissender ...« »Ich bin lediglich ehrlich«, berichtigte Eisenauge. »Oder hast du schon vergessen, wie ihr überm Sirius machtlos im All schwebtet?« Unerschütterlichkeit in der Miene, die Arme verschränkt, wartete Eisenauge ab, während Jaischa Mendez' zornrot gewordenes Gesicht jetzt erblaßte. »Nur die Ruhe«, zischelte Mikasu durch verpreßte Lip pen. »Wir kriegen unsere Revanche. Eines Tages.« »Eines Tages ...«, wiederholte Mendez durch zusammen gebissene Zähne und maß Eisenauge mit einem Blick unver hohlener Herausforderung.
»Aber das ist doch unlogisch«, schnauzte Semri Naw tow ungeachtet der nervigen Anspannung dazwischen. »Warum wollen intelligente Menschen auf ihre Ordnung verzichten und dafür Chaos und Unsicherheit einreißen lassen? Ich kann keinen Grund ersehen, weshalb ein ver nunftbegabtes Wesen sein Leben von Irrationalität bestim men lassen sollte. So etwas ist doch ... es ist ... einfach ver nunftwidrig!« »Religion ist — jede Religion — nichts als unnützer Aberglaube«, pflichtete Robinson bei. »Ein Weg des Selbstbetrugs. Ein Mittel zur Besänftigung der Kräfte, die infolge Unwissenheit nicht in die Wirklichkeit aus geglichener physikalischer Gesetzmäßigkeiten oder Konzeptionen integriert werden können. Ein wirrer Appell an irgendein elternbildartiges Mandala, das eine als Gott bezeichnete Rolle einnimmt. Reine Kinderphan tastereien ...« Chester hob die Augen, richtete den gelassenen Blick auf Skor Robinson. »Du begreifst die Natur wahren Glaubens nicht, Direktor. Ebensowenig verstehst du Spinne, das Wesen, das du Gott nennst.« Erneut verlagerte sich die Aufmerksamkeit der Sit zungsteilnehmer, galt diesmal wieder Chester. Robinsons Lippen zitterten, über seine spitzen Gesichtszügen verbrei tete sich eine Rottönung. Er hatte bereits etliche Konfron tationen mit dem Propheten hinter sich und trotz seines unglaublich leistungsfähigen Gehirns jedesmal den kürze ren gezogen. »Als der Zerfall des Direktorats anfing«, ergriff Ree das Wort, »nahm er der Bevölkerung ihr Surrogat für Glauben, nämlich die totale geistige Lenkung. Die Existenz der Romananer, die tun, was sie vertreten, hat im Zusammen wirken mit der Sirianerrebellion eine ganz andere, unge ahnte, pangalaktische Realitätsebene enthüllt und freige setzt.« Chester lächelte. »Genau. Was wir sehen, sind die An
fänge einer bedeutsamen gesellschaftlichen Umwälzung. Spinnes Weg wird erkannt und beschritten. Was wird Er wohl in Seinem Netz fangen?« »Die manipulierte Unwissenheit wird alles noch ver schlimmern«, ergänzte Rita ihn bitter. »Dafür ist Basar ein herausragendes Beispiel.« »Inwiefern Unwissenheit?« Maya stützte sich, indem sie den Kopf zur Seite neigte, auf einen Ellbogen. »Wie sie dank all der vielen Jahre vorhanden ist, in denen Robinson und seine Kumpane den Zugang zur Bildung regu liert, die Nachrichten zensiert, konformes Verhalten durch Lebensmittelzuteilungen sowie — und das ist besonders rele vant — die Gesellschaft insgesamt kontrolliert haben, indem sie Abweichlern psychische Korrekturen aufzwangen, denn dadurch ist eine Bevölkerung menschlicher Schafe herange zogen worden. Wenn Sie auf die Geschichte zurückblicken, werden Sie feststellen, daß jede Regierung ihr Volk nur so lange beherrschen konnte, wie ihm die Fähigkeit zum Den ken fehlte. Die Herrschaftsmethode bestand darin, alle Abweichung zur Ketzerei abzustempeln, ob politischer, reli giöser oder — wie in unserem Fall — ökonomischer Art. Welche Lehre ist daraus abzuleiten? Ein Volk, das seine Überzeugungen nicht hinterfragen oder analysieren darf, hat nicht mehr als blindes Vertrauen. Gerät dies Vertrauen ins Wanken, ermangelt es den Menschen an der Befähigung, ihr Leben neuzuordnen. In ihrer Verzweiflung klammern sie sich an alles, das irgendwie Abhilfe verheißt.« »Und die Patrouille hat im Siriussystem einen schweren Rückschlag einstecken müssen«, äußerte Amelia Ngurngu ru halblaut. »Unser Mythos ist verflogen. Man hält das Direktorat nicht mehr für unbezwingbar.« Sie blickte hoch, schaute im Konferenzsaal umher, drehte Knäuel ihres schwarzen Haars um dunkle Finger. »Die äußerlich zu beobachtenden Reaktionen blieben begrenzt. Aber wie sind die wirklich tiefgehenden Konsequenzen für unsere Realität beschaffen? Können unsere Psychologen uns darüber Aus kunft geben?«
»Heiliges Kanonenrohr, Sie sind doch nicht etwa ihrer Ansicht?« stammelte Jaischa Mendez wütend. »Sie ist eine ... eine Barbaren verfallene Verräterin!« »Jaischa«, ermahnte Maya sie, »mäßigen Sie sich!« »Ich bezweifle, daß Ihre Psychs dazu viel an Erklärun gen zu liefern haben«, meinte Rita gedämpft, warf Men dez einen flüchtigen, aber mörderisch bösen Blick zu. »Heutzutage beschäftigt die Psychologie sich nur noch mit Anpassungsprozeduren. Ich habe sogar meine Zwei fel, ob es überhaupt irgendeinen Experten gibt, der sich in der Theorie ausreichend gut auskennt, um an der Population Beobachtungen durchzuführen und Reaktio nen zu prognostizieren. Psychologie ist schon viel zu lang auf den Individualbereich beschränkt. Die Soziolo gen hat man langsam, aber sicher aussterben lassen. Schließlich konnte das Direktorat keine Leute dulden, die berufsmäßig die Gesellschaft untersuchen. Die Anthropologie durfte überdauern, weil das Studieren ausgestorbener Primitiver fürs Direktorat keine Bedro hung mehr bedeutete.« »Müssen Sie immer uns an allem die Schuld zuschie ben?« fragte Nawtow kaum hörbar. Mendez nuschelte er bittert etwas, das wie >Piratenschlampe< klang. Maya ben Achmad schnob, schaute Mendez wütend an, die ihren Blick gehässig erwiderte. Auf Mayas Lip pen bildete sich ein listiges Lächeln. »Also erntet unser ach so vollkommenes System zum Schluß Sturm, hm?« »Ganz so sieht's aus«, stimmte Ree zu. »Es ist und bleibt unlogisch«, behauptete Robinson. »Wir werden die Kommunikation unter straffere Kontrolle nehmen. Bei strengerer Lenkung wird die Bevölkerung sich anständig betragen. Ich entsinne mich eines Vor schlags, die Transduktionsempfänger einzuziehen. Viel leicht ...« »Würde dadurch nicht der Handel lahmgelegt?« Naw
tows Lider zuckten sonderbar; offenbar leitete er Robinsons Kontakthaube Informationen zu. »Berücksichtigen Sie die Permutationen, Direktor.« Unbewußt bewegte Robinson den Mund, seufzte. »Ich ... Ja, das ist ein begründeter Einwand.« Die Patrouillenkommandeure wechselten Blicke der Be sorgnis. Ree schüttelte den Kopf. »Die Situation ist Ihnen längst aus der Hand geglitten. Wie viele illegale Transduktionsmit teilungen haben Sie innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden aufgefangen?« Robinson brauchte mit der Antwort, indem er den GigaVerbund anzapfte, kaum zu zögern. »Vierhundertsiebzig tausend.« »Es ist zu spät.« Ree hob die Schultern. »Die Menschen haben ein ganzes Universum entdeckt, mit dem sich in Kon takt treten läßt.« »Wie hätten wir so etwas ahnen können?« rief An Roque. »Wodurch hätten wir die Tragweite illegaler Funktätigkeit absehen sollen? In einer Gesellschaft, die reibungslos funk tioniert, sind solche Verhaltensweisen völlig unlogisch. Men schen werden nicht durch beliebige Impulse motiviert, sie müssen den Weg der Vernunft gehen. Bietet man ihnen ver nünftige Lösungen an, werden sie dementsprechend rational handeln.« »So wie während der Siriuskrise?« hielt Maya ihm vor. »Erinnern Sie sich an die Reaktion, die eintrat, nachdem Sie Gigabits an Daten über Van Chows Revolte gesendet hatten? Sie haben sich damit von der halben Galaxis entfremdet.« Lautlos schnitt Nawtows Mund fratzenhafte Grimassen, während er versuchte, seine Gedanken zu verbalisieren. »Und auf Basar«, bemerkte Rita unterdrückt dazwischen, »ist Saat auf fruchtbaren Boden gefallen.« »Dort hat die Direktoratspolitik gepflügt, gedüngt und gesät«, bekräftigte Neal Iverson. Nochmals schnob Maya, spie braune Flüssigkeit in
ihren Spucknapf. »Nach dem Debakel auf Sirius frage ich mich, was uns nun wohl diese Religion bescheren wird. Du hast erwähnt, Ben, man ruft zum Heiligen Krieg auf?« Ben Mason nickte, zupfte unablässig an seinem Bart, während er Rita Sarsa voller offener Abneigung musterte. »Den aufgenommenen Sendungen zufolge diffamiert man die Direktoren als Handlanger Satans, die den Willen Got tes verfälschen und die Seelen der Menschen versklaven. Der Messias behauptet, er sei eine von Gott gesandte Flamme Göttlichen Feuers und hätte die Aufgabe, Juden und Christentum sowie Islam zu vereinen und zu einem Schwert der Wahrheit und des Heils umzuschmieden. Er ist außerordentlich raffiniert darin, Koran, Bibel und Tanach zu einem einzigen Dokument zu verklammern, dessen Teile sich gegenseitig bestätigen.« »Und er findet wachsenden Zulauf?« erkundigte sich Ree. Mason nickte noch einmal. Es wurmte ihn, mit Ree spre chen zu müssen. »Auf Basar macht es inzwischen den Ein druck, daß man entweder dazugehört oder tot ist. Eine Theo kratie ist errichtet worden.« »Und dieser Messias? Wissen Sie, wer er ist?« »Wir ermitteln noch. Sämtliche Kommunikation im Zu sammenhang mit dem Messias wird überwacht. Vom Pla neten selbst bekommen wir keine Informationen. Wahr scheinlich handelt es sich um irgendeinen Wüstennomaden, der dringend des Psychings bedarf.« Skor Robinson drehte den klobigen Schädel, der Blick seiner blauen Schweinsäugchen bohrte sich in Rees Augen. »Da sehen Sie es: Eine neue Rebellion. Darum habe ich diese Konferenz einberufen. Wir werden Maß nahmen zur Bereinigung der Lage veranlassen. Geben Sie mir Ihre Zusicherung, daß die Romananer unterdes sen nichts tun, das zur Verstärkung der sozialen Unruhe beitragen könnte.«
»Wir werden uns zurückhalten.« Ree wandte sich an Chester. »Tja, alter Freund, was siehst du voraus? Müs sen wir uns Sorgen machen, oder können wir sie uns spa ren?« Unbekümmert lächelte Chester und neigte den Kopf. »Es stehen noch zahlreiche Cusps bevor, Damen. Spinne hat alles im Augenmerk. Je nachdem, wie die Cusps entschieden wer den, kann es sein, daß die Menschheit untergeht. Daß sie sich gewissermaßen als verpfuschtes Experiment erweist. Eine andere Möglichkeit ist, daß sie einem Goldenen Zeitalter ent gegengeht, wie man es sich bisher gar nicht auszudenken ver mochte. Es bleiben die Entschlüsse zu fällen. Was willst du jetzt unternehmen, Damen?« Tabi Mikasu kicherte spöttisch. Eisenauges Haltung straff te sich, unter seinem Kriegsrock spannten sich dicke Muskeln. Ritas Hand lag, für alle sichtbar, auf seiner Schul ter, mahnte ihn zur Selbstbeherrschung. Mendez blickte auf, schüttelte den Kopf. »Das ist doch nichts als wunderlicher Schamanismus. Was ist als näch stes dran, Knochenwerfen? Wahrsagen aus Geflügelle ber?« »Schluß«, befahl Skor Robinson, beugte den birnenför migen Riesenschädel nach vorn, sah die Obristin an. Mendez biß die Kiefer zusammen, senkte jedoch den Blick: Ree schnitt eine unzufriedene Miene, stützte das Kinn in eine schwielige Hand. Ich vermisse noch immer Informatio nen, einige Angaben, die sie uns verschweigen. Den Direkto ren ist eindeutig einen gehöriger Schreck ins Gemüt gefah ren. Das Oberkommando der Patrouille ist nervös. Irgend jemand sagt nicht alles. »Kannst du etwas vorhersehen, Alter?« wollte Eisenauge von Chester wissen. »Auf was sollten wir unsere Überlegun gen richten?« Chester breitete, im Gesicht einen strahlend-heiteren Ausdruck, die Hände nach den Seiten aus. »Einerseits sehe
ich« — er öffnete die eine Hand — »im Namen Deus, des Gottvaters, Welten zu Schlacke verbrennen. Im Namen Spinnes verbrennen Planeten und Stationen. Werden andere Entscheidungen getroffen« — er streckte die Finger der zweiten Hand — »sehe ich in der Zukunft glückliche Wel ten voller Fröhlichkeit und Gelächter, auf denen Hoffnung und kühner Forschergeist gedeihen. Und natürlich« — damit faltete er die Hände — »gibt es einen weiteren Weg ins Künftige, auf dem sich beides vermischt. Wie stets hängt alles von den Cusps ab ... Wer sich von Besonnenheit und Klugheit leiten läßt, kann das Leid mindern.« Chester lächelte. »Wer Krieg für Deus wagt, versteht nichts von Spinne. Deus' Krieger sind unwissende Seelen und müssen schweres Verhängnis erdulden.« »Also, was sollen wir tun?« fragte Oberst Petruschka, drosch seine Faust auf sein Pult. »Auf diesen ... diesen primi tiven Träumer hören? Orientieren die Direktoren sich bei ihrer politischen Willensbildung jetzt am Gefasel eines Scharlatans barbarischer Herkunft?« »Das reicht, Oberst«, rügte ihn Skor Robinson. Chester lächelte Petruschka in die provozierend-feindselige Miene und hob die Schultern. »Wie lautet dein freier Wille, Oberst? Spinne — oder Gott, wenn dir diese Benen nung lieber ist — gewährt dir die Macht des Entscheidens. Ich werde dir diese Wahl nicht abnehmen. Wer bin ich, daß ich Spinnes Weg ändern dürfte?« Er verstummte mit respekt vollem Nicken, und Petruschka lief vor Wut blau an. Unge rührt schloß Chester die Lider und begann erneut vor sich hinzusummen. »Brennende Welten?« rief Tabi Mikasu ungläubig. »Sind das Wahngebilde eines Träumers? Was versteht denn dieser unwissende Romananer schon von ...« »Er sieht die Zukunft«, erklärte Ree hartnäckig. Ihm gewidmete Seitenblicke verdeutlichten in dieser Angelegenheit die Empfindungen der Patrouille. Hörbar atmete Skor Robinson durch die Nase aus. »Er
sieht in der Tat die Zukunft. Zweifeln Sie es an, wenn Sie möchten. Trotz allem haben vergangene Ereignisse bewie sen, daß die Romananer in schweren Zeiten ihren Wert haben. Es kann sich als notwendig erweisen, daß wir alle zusammenarbeiten ...« Roques Gesicht rötete sich, und Robinson stockte; ver mutlich war der Assistenz-Direktor ihm gerade im Kom munikationsnetz des Giga-Verbunds mental dazwischen gefahren. Die Gesichter der Patrouillenkommandeure zeigten eisige Ablehnung, und unausgesprochene Skepsis lähmte ihre Entschlossenheit. Sei vorsichtig, Skor. Zum erstenmal herrscht Sorge, die Verhältnisse könnten nicht mehr unter deiner Gewalt sein. Normale Menschen haben sowieso vor dir Furcht. Vermittle ihnen nicht den Eindruck, auf dich sei kein Verlaß mehr. Wenn die Patrouille dich im Stich läßt, bist du ein für allemal erledigt. Dann wird der gesamte Direktoratsweltraum insChaos gestürzt. Ree räusperte sich, ergriff das Wort, um die Erörterun gen aufs Wesentliche zurückzulenken. »Meine Damen und Herren, die Direktoren haben uns daran erinnert, daß wir trotz allem noch über beachtliche Macht verfügen.« Kurz schwieg er, überlegte. »Wir müssen berücksichti gen, daß wir gegen keinen Gegner traditioneller Art anzu treten haben. Gefechtstaktik und Feuerkraft lassen sich gegen einen solchen Feind nicht auf zweckmäßige Weise einsetzen.« »Damen«, erwiderte Obristin Jaischa Mendez verächt lich, »uns stehen die im Siriussystem erbeuteten Bruder schaftsblaster zur Verfügung. Was sollten wir denn mög licherweise zu fürchten haben?« »Den menschlichen Geist, Obristin.« Rees Blick wurde härter. »Das gleiche, an dem auf der Welt der Romananer ich gescheitert bin. Die Projektil ist einer Gruppe fanatischer Stammeskrieger unterlegen, die an einen Gott namens Spin ne glauben ... und Männern wie Chester, die andere Realitä
ten sehen können. Um sich dagegen zu schützen, hatte die Projektil keinerlei Waffen.« Aus den Augen der Patrouillenführung starrten Ableh nung und Unglauben. Nur Maya ben Achmad nickte, und Toby schabte sich am Kinn, wußte auf Rees Darstellung, obwohl sie ihr nicht behagte, nichts zu entgegnen. Beide waren Veteraninnen der Militäraktion gegen Sirius, sie hatten miterlebt, was die Romananer dort ausgerichtet hatten. »Ihre Leute sind eine kosmische Plage, Damen«, nör gelte Jaischa Mendez. »Ich glaube«, sagte An Roque mit seiner schwachen Stimme, »diesmal kann das Direktorat das Problem ohne Beteiligung der Romananer beheben.« Wieder war die Patrouillenführung sich einig; Roques Äußerung bewog sie, Maya ausgenommen, zu allgemeinem Nicken. Nacheinander erlosch die Mehrzahl der Holos. Skor Robinson hatte die Lippen gespitzt, seine Augen glommen; Toby Kuryaken wirkte verunsichert und reserviert; und Maya ben Achmad, die ebenfalls die Verbindung beibe hielt, quälte sich offensichtlich mit Sorge. »Damen, Toby und ich haben uns über die Lage unterhal ten«, informierte Maya den Admiral. »Wir sind der Meinung, daß uns ein wirklich harter Konflikt bevorsteht. Wären Sie zu einer Allianz mit uns bereit? Würden Ihre Romananer auch dazu bereit sein?« »Liege ich richtig mit der Vermutung, Sie hätten auch gerne 'n eigenen Propheten?« »Machen Sie sich nicht über uns lustig, Ree!« Toby bläh te die schmalen Wangen. »Ich bin wegen der Vorgänge im Siriussystem nicht sonderlich gut auf Sie zu sprechen. Ich bin nicht zur Stelle gewesen, sonst hätten meine Geschütze Sie in Stücke geschossen. Jaischa Mendez und ihre Leute sind auf Sie noch immer stinksauer. Sie hassen Sie mehr, als ihnen vor der Zukunft bang ist. Was mich angeht, ich habe jederzeit die Bereitschaft, meine Verluste zu reduzieren, wo ich's kann, verstehen Sie mich?«
Ree nickte, sein Blick glitt hinüber zu Skor Robinson, der abwartete, anscheinend ohne sich daran zu stören, daß Patrouillenobristinnen mit Rebellen kumpaneiten. »Was Ihren Propheten betrifft, Damen« — Maya schüt telte den Kopf — »sind wir vorerst nicht interessiert. Aber das Landerecht auf Welt wäre uns willkommen. Ich glaube, wir werden sie brauchen.« »Ich befürworte ein Landerecht der Patrouille«, sagte Eisenauge. »Obwohl der Alte nichts spricht, was unsere Entschlüsse beeinflussen könnte, bin ich der Auffassung, daß es klug ist, alte Zäune zu reparieren. Ich habe Sirius kennengelernt. Ich weiß, wie verführbar die Menschen des Direktorats sind. Schafe? Sie sind eher wie Haushunde. Und Hunde, darauf möchte ich verweisen, können beißen. Doch in einer Hinsicht, Obristinnen, will ich euch warnen: Wenn ihr uns besucht, spottet nicht unserer Propheten ..-. oder unseres Glaubens. Wir respektieren euch und eure Völker. Gesteht uns eine gleichartige Behandlung zu.« Toby strich sich mit der Hand ums Kinn, verkniff die Lider. »Ich ... Na schön, Kriegshäuptling. Wir werden's berücksichtigen ... wenn's soweit ist.« »Brennende Planeten«, flüsterte Neal Iverson, schüttelte den Kopf. In sichtlicher Ungläubigkeit blickte er auf. »Soviel Tod und Vernichtung im Namen Gottes?« »Noch sind zahlreiche Cusps zu entscheiden«, merkte Chester rätselhaft an. »Der freie Wille ist die Rechtfertigung des Daseins.« »Im Gegensatz zu meinen Kollegen bin ich in Sorge, Prophet.« Skor Robinson hob das unterentwickelte Kinn. »Es gefällt mir nicht, daß meine Patrouille neue politische Bündnisse schließt, aber das, was werden könnte, bietet mir allen Anlaß zur Verängstigung. Deine Visionen des Künftigen beunruhigen mich. Eine gefährliche Zeit ist angebrochen.« »Was verheimlichen Sie, Skor?« Ree lehnte sich zur Seite, kaute grüblerisch auf der Unterlippe. »Es hat mit alldem
doch noch mehr auf sich.« Skor Robinson zwinkerte; in seiner Wange zuckte ein ner vöser Tic. »Nichts, was Sie kümmern müßte. Sie tragen Ihre Verantwortung, ich habe meine Verpflichtungen. Ich möchte mir lediglich alle Optionen offenhalten.« Seine blauen Augen wandten sich Chester zu. »Du hast mich gut unterwiesen, Prophet. Du siehst, was ich gelernt habe.« »Verdammt noch mal, seien Sie auf der Hut, Direktor. Sie sind den heimtückischen Stil der patrouilleninternen Politik nicht gewöhnt. Sie haben vorhin das Oberkommando schockiert. Das Vertrauen in Ihre Führungsfähigkeiten unter graben. Unter den Obersten und Obristinnen der Patrouille kann daraus politischer Sprengstoff werden.« »Ihre Anteilnahme rührt mich, Admiral.« »Ja, ich nehme Anteil. Kann sein, wir sind keine Freunde, Direktor, aber deshalb sind wir nicht zwangsläufig Feinde.« »Ich werde an Ihre Worte denken.« Robinsons Holo Wiedergabe verflimmerte. Für ein ausgedehntes Weilchen herrschte im Konferenz saal Schweigen. Obristin Kuryaken zupfte, den Blick verson nen auf Ree geheftet, an ihrem Ohrläppchen. Maya spie in den Spucknapf, der blechern klackte. Die Offiziere rund um den Tisch hatten ausdruckslose Mienen aufgesetzt. »Verdammt, was verschweigt er uns bloß?« schimpfte Ree. »Ein Religionsexperte muß her. Aber wer kommt dafür in Frage?«
3
FRONTIER, SOL-SEKTOR
Frontier war eine der ursprünglichen sowjetischen Gulag-Welten. Die Landung der ersten Bruderschafts kolonisten erfolgte im Jahre 2078, während des Ersten Exils. Für den irdischen Welt-Sowjet hatte das Gulag-Programm viele erhebliche Vorteile. Im Rahmen der Deporta tionen konnten ökonomisch relevante Kolonien gegründet, ferne Sternennebel und Planeten erforscht und zugunsten der permanent überforderten sowjetischen Wirtschaft exo tische Güter importiert werden. Gleichzeitig ließen Abweichler und Unruhestifter sich aus dem Verkehr zie hen, die dann ihre Kräfte für die Meisterung fremder Umweltbedingungen verwendeten, statt durch Aufwiege lung und Gewalt die Vorzüge des weltweiten Arbeiterpara dieses zu sabotieren.
Das Klopfen schreckte Freitag Garcia Gelbes Bein aus dem Halbschlaf. Mit dem blitzartigen Reaktionsvermögen eines Kriegers rollte er sich von der Pritsche, stand nach dem Sprung im Gleichgewicht auf den Fußballen, hatte sofort den Kriegsdolch in der Faust. »Ja?« An der alten Stahlholz-Tür hob sich der Riegel, und durch den Türspalt fiel ein Lichtkegel auf den Steinboden. Giorj Hambrei beugte sich herein. »Freitag? Sind Sie wach?« »Klar.« Freitag latschte durchs Zimmer, drückte auf den Lichtschalter. In der plötzlichen Helligkeit blinzelte er Giorj wie eine Eule an. »Mir ist, als wäre ich hier begraben. Ich fühle mich wie in einer Höhle, weißt du. Man kann nicht richtig atmen. Die Luft ist stickig. Anders als auf dem Kriegspfad. Auch nicht so wie in einem Raumschiff. Hier knirscht und knarrt es, als wäre der Bau am Leben. Es ist unheimlich.«
Giorj deutete ein Heben einer knochigen Schulter an. »Ich glaube, ich hab's. Die Sequenz, meine ich. Sie ist mir eben im Traum eingefallen. Jetzt weiß ich, wie ich den Code knacke.« Der hochaufgeschossene, magere Giorj trug die anspruchslose, graue, hautenge Kluft, wie Berufstätige sie als Alltagskleidung verwendeten. Trotz des daran befestig ten Gewichts der Taschenkommunikatoren, Diagnosescan ner und verschiedener Instrumente saß der Gürtel stramm um seine schmale Taille. Er gab insgesamt eine farblose Erscheinung ab, sein Anblick jagte Freitag jedesmal ein Schaudern über den Rücken. Sein Gesicht wirkte befremd lich ausdrucksarm, als könnte es keinerlei Emotionen widerspiegeln. Er hatte einen albinohaft weißlichen Teint, seine Augen sahen verwaschen aus, schienen nahezu abge storben zu sein. Fast so leblos wie an einem Leichnam umspannte die Haut die Umrisse der darunter befindlichen Knochen. Karger, einem Mäusefell ähnlicher Haarwuchs flauschte ihm nur unzulänglich die Schädelwölbung. Dünne Lippen ohne jede Farbtönung verstärkten zusätz lich den Eindruck, vor einem Untoten zu stehen. Seinen Äußerlichkeiten nach hätte ein Uneingeweihter nicht auf die Idee kommen können, es mit dem tüchtigsten, ja bril lantesten Ingenieur im ganzen Direktoratsweltall zu tun zu haben. Freitag gähnte, reckte sich, schmatzte mit den Lippen, als versuchte er den bitteren Nachgeschmack, den Schlaf in seinem Mund hinterließ, auszuspucken. Er warf einen flüchtigen Blick in den Wandspiegel und schnitt eine Frat ze, verzog das zwergenhafte Gesicht zu einer runzligen Gri masse. Freitag hätte unmöglich gegensätzlicher als Giroj sein können. Mit der Scheitelhöhe reichte Freitag, klein und gedrungen, wie er war, kaum bis ans Brustbein eines Man nes normaler Größe. Was ihm an Länge fehlte, machte er jedoch durch Muskulatur wett. Freitag hatte eine vollkom men andere als die beinahe durchsichtige Haut des Ingenie
urs, durch die heißen Strahlen der Sonne Welts war sie nachgerade schwarzgebrannt. Eine Bluse aus gegerbtem, gebräuntem Leder, deren Brust die stilisierte Darstellung einer Spinne zierte, umhüllte seine muskelbepackten Schul tern. Beiderseits seines Gesichts baumelten glänzend schwarze Zöpfe, ein überliefertes Erbteil seiner nordamerikanisch-indianischen Vorfahren. Um die Taille hatte er einen mit Skalpen — bei den Romananem Coups genannt — behängten Gürtel geschlungen. Seine flachen Gesichtszüge umfaßten breite Wangenknochen, einen großzügig geformten Mund, ein ausgeprägtes Kinn sowie eine zu oft gebrochene Nase; alles zusammen bildete ein Gesicht, das geradezu zum Lachen geschaffen zu sein schien. Jetzt konnte man darin nur noch einen schwachen, schattenhaf ten Rest seines einstigen, früher stetigen Lächelns erken nen, die eingefurchten Kummerfalten hatten seine frühere Miene nachhaltig verändert. Giorj glaubte, er hätte die Lösung gefunden? In Freitags Brust regte sich ein Aufwallen neuer Hoffnung. »Großartig. Also hin, laß uns die Daten melken und dem Raumschiff transferieren, und dann nichts wie weg von die sem Felsklotz.« Freitag schob den schweren Dolch in den Gürtel und checkte die Blasterbatterie. Giorj wich beiseite, als Freitag den Flur betrat. Einen Moment lang gingen beide stumm den Gang ent lang, bis Giorj schließlich tief Luft holte. »Warum sind Sie mitgeflogen?« fragte er. Freitag wölbte eine massige Schulter, wandte den Blick dem Ingenieur zu, schaute an ihm hoch. »Majorin Sarsa und der Kriegshäuptling haben mich darum gebeten. Ich vermute, eigentlich war's Admiral Rees Idee.« Er zuckte nochmals die Achseln, suchte nach weiteren Ausflüchten. »Ich wurde wohl gebraucht, um den Großmeister einzu wickeln.« »Und mit Susan hatte es überhaupt nichts zu schaf fen?« Freitag blinzelte, durch das Herz in seiner Brust fuhr ein
Ruck. »Ich ... Es war eben meine Pflicht, und ... Du nimmst's mir nicht ab, hä? Na gut. Ja, du hast recht: Sie hatte jede Menge damit zu schaffen.« Wie konnte ich das sagen? Was ist nur mit mir los? Wenn Susan vergessen hat, daß es mich gibt, heißt das noch längst nicht, ich muß jedem vorjammern, wie mir zumute ist. Und wieso ausgerechnet ihm ? WARUM ? Sachlich nickte Giorj, an seinem dürren Hals pochte, als er schluckte, eine Ader. »Wissen Sie, es liegt nicht an Ihnen. Was Ngen ihr angetan hat ...« »Eines Tages werde ich ihn töten«, sagte Freitag nach einer längeren Pause, die er brauchte, um die Aufwühlung seines Gemüts zu bändigen. »Ich kann einfach nicht fassen, daß er ohne jede Spur verschwunden sein soll. Sirius hat er ruiniert, all diese Menschen hingemetzelt, und was er Susan zugefügt ... was er ihr angetan hat, und wir können ihn nicht aufspüren.« Freitag knallte eine knorrige Faust in eine schwielige Hand. »Hören Sie mal«, forderte Giorj ihn auf. »Was Susan und mich anbelangt ... Ich ... Naja, ich hatte, als ich noch jünger war, einen Unfall. Durch die Strahlung ...« Seltsam gerührt sah Freitag dem Größeren ins Gesicht. Offenheit gegen Offenheit? »Ich weiß Bescheid«, bekannte er leise. »Ich habe meine Informationsquellen. Majorin Sarsa ... Nun, sie gibt ein bißchen auf mich acht.« Giorjs Lippen zuckten. »Sehen Sie, es ist so, daß Susan vor mir keine Furcht haben muß. Ich kann nicht ... kann nicht ...« »Sie sind für sie ein harmloser Umgang«, sagte Freitag, während aus den Tiefen seiner Seele immer stärkeres Weh emporquoll. Als ob er Freitags Gram spürte, drehte Giorj sich ihm in offenkundiger Sorge zu. »Bedeutet es für Sie ein Problem? Ich meine, mich als mein Leibwächter zu begleiten? Die Ver antwortung für die Sicherheit des Mannes zu tragen, mit dem die Frau zusammenlebt, die Sie lieben?« Freitag rang sich den Ansatz eines Lächelns ab, während
er die Treppe hinabstieg, die ins tief unten befindliche Kom munikationszentrum führte. »Ich bin Spinnes Werkzeug, Ingenieur. Genau wie du. Ich bin hier, weil ich vor langem auf einem Berg Welts eine Entscheidung getroffen habe. Du weißt von unseren Visionen ... den Gebeten, die wir spre chen, unserem Fasten, mit dem wir uns näher zu Gott erhe ben. Spinnes Geisthelfer kam als Lichtschein zu mir und fragte mich, was ich mir am meisten wünschte. Ich antworte te ihm, ich wollte Spinnes Wort zu den Sternen bringen.« Freitag seufzte. »Damals fragte mich der Geisthelfer auch«, fügte er hinzu, »ob ich dafür zu opfern willig wäre, was mir am liebsten sei. Ich dachte, er meinte mein Leben, und sagte leichthin ja.« »Sie haben den Sternen Spinnes Wort gebracht, Frei tag«, erinnerte ihn Giorj. »Die ganze Galaxis kennt Ihr Gesicht und die Rede, die Sie auf Sirius gehalten haben, stellen Sie sich das mal vor. Von allen Romananern ist viel leicht nur Kriegshäuptling John Smith Eisenauge bekann ter als Sie.« »Also verkünde ich Spinnes Wort.« Freitag streckte die Arme zu einer Gebärde der Nichtigkeit in die Höhe. »Und es hat mich Susan gekostet. Meine Bestimmung ist erfüllt, Giorj. Spinne verwirklicht seine Pläne auf seltsame Weisen. Ich ... ich weiß nicht. Ich fühle mich nutzlos, müde, verstehst du? Ich kann nicht mehr so lachen wie vor dem Krieg gegen Sirius ... bevor Susan ...« »Aber Ihr Handeln hat sehr wohl noch einen Sinn. Der Galaktische Großmeister hätte uns nicht gegen die Direkto ratsanordnungen Zutritt gewährt, wären nicht Sie bei uns gewesen und hätten ihm von Spinne und den Propheten erzählt. Aber das ist immaterieller Kram. Wozu, Freitag? Warum glauben Sie an einen Gott, der so mit Ihnen umspringt?« »Weil wir das Dasein nicht haben, um glücklich zu sein. Ein Mensch, der in ständiger Seligkeit lebt, hört auf, Fragen zu stellen. Er stagniert. Wir sind da, um zu lernen, unsere Seelen mit Erkenntnissen anzureichern,
bis Spinne uns zurückruft. Der Kern meines Körpers« — er wies sich mit einem stummelartigen Daumen auf die Brust — »besteht nicht aus Freitag Garcia Gelbes Bein. Vielmehr ist er ein Teil Spinnes, das man Seele nennt. Der Leib ist bloß eine verzichtbare Hülle. Was ich gelernt habe, das ist an mir das Ewige. Der Teil, den ich Spinne zurückgebe.« »Und Ihre Liebe zu Susan?« Freitag krampfte sich zusammen, seine Enttäuschung, Verbitterung und Trauer quollen ihm aus dem Innersten empor. In der Erinnerung hörte er noch einmal ihre Stimme. »Freitag, du kannst nichts dafür. Begreifst du mich? Ich bin es ... Es ist meine Schuld. Ich kann nicht ... Ich kann nicht mehr mit dir zusammen sein. Nach den Ereignissen auf Sirius, nach dem, was dort geschehen ist, bin ich ... bin ich einfach ...Ich bin eben einfach ... Hör zu, geh deines Wegs. Lebe dein Leben und vergiß mich. Tu so, als gäbe es mich garnicht. Was wir hatten, ist vorbei. Für immer. Tot und begraben auf Sirius. Mit ... mit Hans. Und nun laß mich allein. Ich tauge nicht für dich, Freitag. Geh! Geh ... fort!« Und er war gegangen. Nie hatte er seither ihre aus Furcht glasigen Augen ver gessen, den Blick, mit dem sie ihn betrachtete. Jedesmal wenn sie ihn lediglich sah, hatte ihre Gestalt sich durch und durch versteift, ihre Muskeln sich verspannt. Am schlimm sten war die Hölle in ihren Augen gewesen: Ein Gemisch von Abscheu und Schmerz, eine grenzenlose inwendige Verwüstung. Freitags bloßer Anblick schien jeden Frieden, den sie vielleicht zurückerlangt gehabt haben mochte, wie der zunichte zu machen. Ngen in seiner Schreckenskammer hatte das bewirkt: Dort war sie durch ihn innerlich zerbro chen worden — die einzige Frau, die Freitag je geliebt hatte. Erinnerungsbilder eines blutbefleckten Betts und einer ausklappbaren Psychingapparatur geisterten grausig durch Freitags Gedächtnis. Es schauderte ihn, hatte ein Gefühl, als ob ihn aus dem Dunkel Susans von Entsetzen erfüllte Augen anstarrten. Wie hatte Ngen ...
Nein, nicht. Nicht mehr. Du darfst dich nicht länger damit quälen. Rasch wechselte er das Thema; er kannte Hambreis einzi ge ausnutzbare Schwäche. »So, du hast den Kommu-Schutz geknackt, hm? Ich kann nicht mal das kaputte Airmobil repa rieren, das ich auf Sirius erbeutet habe. Komisch, was? Na gut, dann erklär mir, wie melkt man einen Bruderschaftscom puter?« Freitag Garcia Gelbes Bein bemühte sich um ungeteilte Aufmerksamkeit, während er Giorjs mit monotoner Stimme vorgetragenen Erläuterungen lauschte. Die lange, nur schwach beleuchtete Treppe mündete in einen trübschat tigen Korridor. Wie in einer Höhle gingen die grauen Stein wände und vielerlei düster-finstere Schatten ineinander über. Die Luft, bitter von Staub und Moder, durchzogen vom Geruch des Vergammeins und der Ablagerungen einer längst verstrichenen, blühenderen Ära, stieg feucht in die Nase. Hier war es nicht immer so gewesen. Nur eine von je fünf der alten, durch die Bruderschaft installierten Leuchtflächen befand sich noch am Platz; der Rest war in den vergangenen Jahrhunderten demontiert und sonstwohin weggeschleppt worden. Der glattpolierte Boden unter Freitags Stiefeln war leicht gewellt, wies Rillen und Vertiefungen auf, der Lauf der Zeit hatte ihn verschlissen. Verblüfft sah Freitag, daß man die Steine einzeln paßgerecht bearbeitet und aneinandergefügt hatte. Er blieb stehen und bückte sich, betastete den verwit terten Granit. »Was ist?« »Der Boden.« Voller Staunen hob Freitag den Blick zu Giorj. »Er ist ganz aus Stein.« »Ach, um Himmels willen ...!« Konsterniert drosch Giorj sich eine Hand auf den Oberschenkel und schüttelte den Kopf. »Natürlich ist er aus Stein. Menschen haben seit jeher mit Steinen gebaut. Einer Mangelwirtschaft bietet Stein ein billiges Baumaterial. Wie Holz und Lehm. Was soll denn daran so bemerkenswert sein?«
»Denke dir einmal das Alter«, sagte Freitag halblaut, ohne auf die Einwände seines blassen Begleiters zu achten. »Es ist erwähnt worden, dies Gebäude sei sechshundert Jahre alt.« Indem er sich aufrichtete, biß sich Freitag auf die Lippe. »Dieser Steinboden ist gelegt worden, als meine Ahnen auf Welt landeten.« Frontier war einer der ersten Gulag-Planeten des früheren Welt-Sowjets gewesen. Hier hatte man die Bruderschaft sich selbst überlassen, damit sie ihre verquere Philosophie beim Zähmen eines Fremdwelt-Milieus sowie im Kampf gegen die Riesenstachelschliefer und das gräßliche Klima erprobten. »Wenn Sie einverstanden sind, wollen wir uns nun lie ber mit diesem Relikt von einem Computer beschäftigen, die Informationen herausholen und uns anschließend schleunigst auf den Rückflug machen.« Giorjs Stimme klang jetzt leicht schrill. »Archäologe können Sie ein andermal spielen.« Ausdruckslos, aber unerbittlich musterten seine fischi gen Augen Freitag. »Haben Ingenieure tagsüber keine genialen Einfälle?« maulte Freitag, gähnte ausgiebig und lief dem schon vor ausgeeilten Hambrei im Laufschritt nach. »Ich konnte auch nicht schlafen«, gestand Giorj, wäh rend er Meter um Meter seine langen Beine schwang. »Wenigstens können wir unseren Auftrag nun erledigen und nach Welt heimfliegen. Ich träume von zu Hause. Ich weiß es noch nicht, aber vielleicht nehme ich mir ein Paar Pferde und mache mich auf einen langen Ritt. Zu dem anderen Meer, zu dem Eisenauge sich damals aufgemacht hatte. Oder womöglich, um eine Zeitlang durch die Berge zu ziehen.« »Und unter Umständen«, ergänzte Giorj ihn mit gespens tischer Stimme, »von einem Bären gefressen zu werden.« »Ich bin zu nichts mehr zu gebrauchen«, brummelte Freitag, sein Blick forschte in den Schatten steinerner Säu len. »Vielleicht wär's halb so schlimm, von 'm Bär ver
schlungen zu werden. Es heißt, 's wär 'n schneller Tod. Die ser große Saugnapf packt dich, schwingt dich durch die Luft und stopft dich ins Maul, das dem Bär schon von Säure trieft. Glatte Sache, klipp und klar. Eine Woche spä ter ist man bloß noch ein stinkiger brauner Haufen im Degengras.« »Reparieren Sie Ihr Airmobil«, schlug Giorj vor. »Sobald Sie sie zu durchschauen beginnen, werden Sie an Maschi nen Spaß finden. Maschinen sind eindeutig und logisch. Es ist etwas rundum Elegantes an der Art und Weise, wie ihre Bestandteile harmonisch ineinandergreifen und zusammen arbeiten.« »Hm-hn. Wenn ich's repariere, geht's doch wieder kaputt. Harmonie? Das Airmobil erinnert mich eher an Schwarze Magie, für mich ist es wie ein Fluch. Es verur sacht mir Alpträume. Weißt du noch, wie es mich einen Wochenmarsch von der Siedelei entfernt im Stich gelassen hat? Es intakt halten? Ich? Das Ding ist sogar im Wach sein ein Alptraum. Ein wahrer Segen war's, als es endlich vom Boden abgehoben hat.« Freitag verzog die Lippen zu einem widerwilligen Grinsen. »Die verdammte Kiste wird nie anständig fliegen, ich weiß es genau. Spinne sei Dank für Pferde.« Freitag hatte darauf bestanden, die Reparaturarbeiten an dem defekten Flugapparat eigenhändig auszuführen. Daß Giorj der beste Ingenieur im Umkreis von vielen Lichtjah ren war, zählte für ihn nicht. Die Reparatur war zu einer Ehrensache geworden. Für einen Mann, der erst vor zwei Jahren noch Ruhm als bravourösester Pferdedieb des Spin nenvolks erworben hatte, durfte Freitag heute auf eine recht anerkennenswerte persönliche Fortentwicklung zurük kblicken. »Und vielleicht kriege ich's fertig, ins komplette System einzudringen«, nuschelte Giorj erregt. »Stellen Sie sich das mal vor: Die gesamten Kenntnisse der Bruderschaft unter meinen Fingerspitzen.« »Gepriesen sei Spinnes Name«, sagte Freitag lasch.
»Funk's zum Raumschiff und sag Susan, sie soll uns 'n Shuttle schicken. Hier ist es mir zu gruselig. Lieber würde ich, als hier zu sein, täglich einem romananischen Bär bloß mit 'm lächerlich kleinen Messer gegenübertreten.« Mit herabgezogenen Brauen schaute er sich um. »Ich wette, es gibt in diesen Gängen Gespenster.« »Gespenster?« Giorj prustete. »Falls das stimmt, können sie zumindest nicht in die physische Welt überwechseln. Die Dynamik alles Materiellen verhindert, daß ...« Freitag hörte nicht mehr hin, nahm die Erklärungen bald nur noch als eintöniges Plätschern wahr. Viele Begriffe, die Giorj verwendete, verstand er ohnehin nicht. Freitag behielt sein den langen, schwungvollen Schritten des Ingenieurs angepaßtes Tempo bei. Sollte es Giorj tat sächlich gelungen sein, konnten sie umgehend eine Funk verbindung zum Raumschiff herstellen, das sich — mit Susan an Bord — in der Umlaufbahn befand, und die Daten direkt nach oben übermitteln. Tag um Tag des Frusts war verstrichen, während Giorj sich mit einem Trick nach dem anderen abgemüht hatte, sich Zugriff auf die Daten banken zu verschaffen. Unterdessen hatte der Großmeister, unter dessen Obhut die Anlage stand, ihnen wiederholt ver sichert, zwar seien die Geheimnisse der alten Bruderschaft gut geschützt, doch sie dürften ruhig ihr Glück versuchen. Andere hätten es auch schon getan, jedoch ohne Erfolg. »In diesen Speichern ist alles deponiert worden.« Der Greis hatte in sich hineingekichert. Freitag hatte seine Stimme noch deutlich in Erinnerung. »Man hat es darin untergebracht, bis die Menschheit wieder zur Vernunft kommt. Es ist ein wahrer Schatz, jawohl, das ist es. Ein Wissensschatz. Ha! Und was da steht, ist die alte Kommu gewesen. Die intelligenten Anlagen — die Computer, die richtig denken konnten — hat man mitgenommen. Tja, Jungs, das waren echte Kostbarkeiten! Diese Daten da? Hmmff! Spreu. Reste, ich sag's Ihnen, und trotzdem über treffen sie alles, was das Direktorat und die Wasserköpfe vorweisen können. Ach, nur zu, probieren Sie's, machen
Sie 'n Versuch, an die Daten zu gelangen. Es ist schon von vielen versucht worden, und sie sind alle gescheitert. Für diese Art von Wissen ist die Menschheit noch nicht reif. Niemand ist klug genug, um es zu erschließen, hm-hm. Aber eines Tages, jawohl, eines Tages wird ein schlauer Kopf eine Zugriffsmöglichkeit finden. Beim Göttlichen Architekten des Universums, an dem Tag wird man, das schwöre ich, den Fehler einsehen, der begangen worden ist, als man die Bruderschaft aus dem Menschheitsbereich des Weltalls vertrieben hat. Merken Sie sich meine Worte, Jungs! Sie werden noch an mich denken.« Beiläufig widmete Freitag seine Beachtung wieder den Steinen. Wie alt sie waren, so unglaublich alt. Und die Bruderschaft? Welche Geheimnisse mochte sie gekannt haben, wenn sogar Giorj Hambrei, der auf dem Gebiet der Technik als Genie galt, ratlos vor einer von der Bruder schaft als veraltet betrachteten, zurückgelassenen Kom munikationsanlage stand? Was für Menschen waren ihre Mitglieder gewesen, wenn sie soviel Macht besessen hat ten und doch ... Fast kugelte er Giorj den Arm aus, als er den Ingenieur zurückriß. Mit einem Wink gebot er Schweigen, preßte aber Giorj sicherheitshalber eine starke, braune Hand auf den Mund. Dann kauerte Freitag sich auf Hände und Knie, schnupperte an den Flecken, die er auf dem Fußboden bemerkt hatte. Giorj kniete sich neben ihn. »Was ist das?« flüsterte er. »Blut.« Freitag hauchte das Wort lediglich, während er den Blaster zückte. Vom ersten Moment des Betretens an hatte er den schummrigen Korridor als nicht geheuer emp funden; jetzt schien die Dunkelheit ringsum noch düsterer und drangvoller zu werden. Freitag unterdrückte ein Schaudern eisigen Entsetzens, als er sich fragte, ob die ver wunschenen Spukorte, die es auf der Erde geben sollte, wohl eine ähnliche Wirkung auf ihn hätten. »Die Wache?« vermutete Giorj. Freitag nickte, folgte der Blutspur in eine seitliche, stockfinstere Nische. Auf
grund des Zwielichts im Korridor konnte man gerade noch jemandes von Romananern gefertigte Stiefel unter scheiden. Freitag bückte sich und tastete den Leichnam mit kundigen Fingern ab. »Kann nicht länger als höchstens eine Stunde her sein. Er ist mit einem Laser getötet worden. Durch Zertrennen der Wirbelsäule.« Freitags Sinne verschärften sich zu der altein gefleischten Wachsamkeit eines kampfbereiten Kriegers. Seine Ohren lauschten auf das leiseste Geräusch, sein Blick durchforschte das Schattendunkel, und zum erstenmal bemerkte er Giorjs eigentümlichen Körpergeruch. »Es ist Peter Reesh. Zur Bewachung des Computerraums eingeteilt worden.« Freitag richtete sich auf, beugte sich leicht vor, spähte den trüben Flur entlang. »Des Computerraums?« wiederholte Giorj im Flüsterton. »Aber wer ...? Wer könnte denn ...?« »Jemand, der auch haben will, was wir wollen.« Freitag erstickte einen Fluch auf seinen Lippen, huschte durch den Gang vorwärts. Man hätte meinen können, er schwebte überm Boden, so lautlos bewegten sich seine mit weichen Lederschuhen bekleideten Füße über die alten Steinfliesen. So waren Romananer. Bis vor drei Jahren hatte es sich bei ihnen um nicht mehr als ein Volk der Krieger, Räuber, Diebe und Vieh züchter gehandelt. Jetzt erzwangen sie sich den Weg ins Direktorat, lernten mit der Technik umzugehen, die es für Flüge zwischen den Sternen erforderte, brachten Durchein ander in die Politik eines in Stagnation versunkenen Gesell schaftssystems. Selbst hier, in den unterirdischen Katakom ben eines der ältesten hochzivilisierten Planeten, konnte eine Jägernatur von Nutzen sein. Giorj folgte so leise, wie er es vermochte, versuchte Freitags schleichende Fortbewegungsart unsicher nachzu ahmen. Freitag gelangte zu dem Portal, an dem die Wache hätte stehen müssen. Die große, aus rostfreiem Stahl fabrizierte Tür bildete einen sonderbaren Kontrast zum archaischen, aus
Stein und Holz gebauten Korridor. Sorgsam untersuchte Frei tag Türgriff und -Scharniere. Er entdeckte Drähte, zeigte sie Giorj, als der Ingenieur ihn einholte. »Bloß gut, daß Sie nichts angefaßt haben«, flüsterte Giorj. »Auf Sirius haben wir tüchtig dazugelernt«, lautete Frei tags grimmige Antwort. Hambrei griff in eine Tasche und holte ein zusammenge rolltes Stück Leitungskabel heraus. »Wir müssen hoffen, daß uns keine weiteren Überraschungen erwarten. Ich schließe die Dinger kurz, und Sie gehen hinein. Ich gebe Ihnen Rük kendeckung.« Freitags Augen glitzerten. »Auf keinen Fall. Laß mir fünf Minuten. In der Zeit müßtest du Kontakt mit dem Raumschiff aufgenommen haben. Susan muß Bescheid erhalten. Und du mußt mir Verstärkung herordern. Reeshs Kameraden. Und sirianische Sanitäter. Alles klar?« »Aber ich bin doch jetzt bei Ihnen, Freitag. Es wäre ja widersinnig, Zeit zu vergeuden, wenn ich hier ...« »Verflucht noch mal, Mann!« fauchte Freitag hitzig. »Wir brauchen dich. Du bist unser einziger Ingenieur. Der einzige, verstehst du?! Du weißt, wogegen wir stehen. Riskiere ich dein Leben, setze ich die Zukunft meines gesamten Volks aufs Spiel ... Ganz Welts Zukunft.« Giorj neigte ein wenig den Kopf zur Seite, überlegte eine Halbsekunde lang und nickte. Er klemmte das Leitungskabel an, gab Freitag einen Klaps auf die Schulter und entfernte sich im Lauf durch den Korridor. Freitag suchte Schutz in den nun willkommenen Schat ten und wartete, zählte in Gedanken langsam die Sekun den. Um seine Eingeweide schien sich eine Faust zu schließen, er fühlte am Steiß den mulmigen Kitzel der Furcht. Ihm war, als ob in der Schwärze über ihm Sche men böser Vorahnungen lauerten. Wer befand sich hinter dem Portal? Wer wußte noch von den Bruderschaftsgeheimnissen? Nein, nicht die Patrouille. Sie hätte einfach Leute geschickt, wie jeder andere, und sie ebenfalls die Codes zu knacken versu
chen lassen. Nein, jemand mußte zur Stelle sein, der ... Aus den Tiefen von Freitags Bewußtsein begann ein hart näckiger Verdacht an die Oberfläche seines Denkens zu steigen und Form anzunehmen. Doch er vollendete ihn nie. Die Stahlpforte schwang ein Stück weit auf, ein Licht kegel fiel auf den ausgetretenen Fußboden. Ein Metall gegenstand kullerte über den Stein. Der Länge nach warf sich Freitag zu Boden. Eine grelle Explosion warf ihn auf den Rücken. Wie hatten die Eindringlinge ihn bemerkt? Durch irgendeinen telemetrischen Sensor? Oder hatte Giorj etwa, als er die Drähte neutralisierte, eine Warnvorrichtung aus gelöst? »Jetzt oder nie.« Freitag zwinkerte und wankte vor wärts, das Gesicht teils mit dem Arm bedeckt. Seine knoti ge Faust spürte das beruhigende Gefühl des Blasters. Er sprang durch den Eingang, vollführte instinktiv sofort einen Satz, als ein einer violetten Lanze ähnlicher Blasterstrahl unter Knattern und Funkensprühen durchs Brodeln des Rauchs schoß. Genau wie auf Sirius. Die Reflexe bewährten sich noch. Freitag wälzte sich herum, blieb auf dem Bauch liegen, erkundete durchs IR-Sichtgerät seiner Waffe den Compu terraum. Er erkannte eine über die Konsole gebeugte Ge stalt. Mehr brauchte er nicht zu sehen. Ein lädierter brau ner Finger betätigte den Abzug des Blasters. Freitag schnitt eine Grimasse, als er den Schuß treffen sah. Die Frau zuckte wie in Krämpfen, während ihr Rücken in Brocken verbackenen Bluts und versengter Knochen zer platzte. Eine Frau? O nein! Doch keine Frau ... Selbst nach den Erlebnissen auf Sirius kann ich noch immer nicht ... Freitag schluckte, stand vor Schrecken starr. Diese wegen romanani scher Anstandssitten verschwendete Sekunde bedeutete sein Verhängnis. Aufgrund einer Regung am Rande seines Blickfelds
schwenkte Freitag den Blaster in die entsprechende Rich tung, robbte nach vorn, um ... Plötzlich trudelte sein Körper, indem er sich ganz wunder lich überschlug, durch die Luft, prallte auf den ins Beben geratenen Boden. Benommen grapschte er um sich, suchte» den verlorenen Blaster, während Stichflammen aus dem Computer loderten, Qualm emporwallte, Trümmer umherflo gen. Völlig verstört beobachtete er, als stünde er unter einem Bann, wie im Innern der Anlage Lichter flackerten, dann erloschen, als das künstliche Gehirn starb. Eine unheilvolle Stille breitete sich im Computerraum aus. »So«, äußerte schließlich eine gedämpfte Stimme im Ton fall der Resignation. »Damit ... ist jetzt alles dahin.« Freitag blinzelte, um seine verschwommene Sicht zu klä ren, starrte in den Rauch. Von der einen Seite näherte sich ein Mann, hielt einen Blaster auf ihn gerichtet. Freitag wollte sprechen, brachte aber nur ein Husten hervor. Unterhalb sei ner Hüften setzte ein seltsames Kribbeln ein, als ob Nadeln ihn zu stechen begännen — ein Gefühl, das er bereits kann te, dessen Vorhandensein und Bedeutung er aber noch ent schieden zu leugnen versuchte. »Ein Romananer«, konstatierte die kultivierte Stimme. »Das hätte ich mir denken können. Nun ja, ich habe nicht alles, aber es kann sein, es genügt. Allerdings wäre es mir lie ber, du hättest meine Tech nicht erschossen. Sie hatte sich lange Zeit hindurch mit Bruderschaftscomputern befaßt. Sol che Ausfälle sind mir ärgerlich. Als ich dich getroffen habe, hat dein Blasterstrahl die Computerkonsole zerstört — du hast im Reflex zurückgefeuert, weißt du — und das Explo dieren der von uns angebrachten Sprengladungen verursacht. Jetzt ist alles zerronnen, Romananer. Durch deinen Schuß ist das Wissen ganzer Zeitalter ver pufft.« Es flimmerte Freitag vor Augen. Diese Stimme! Er hatte sie schon einmal gehört. Wäre sein Verstand bloß nicht durch die Beschwerden gepeinigter Nervenstränge so umnachtet ... Er rang um Atem, der Raum schien zu trudeln, mal sah er ihn
klar, dann verwaschen. Mit höchster Konzentration streckte er einen Arm auf dem Boden aus und drehte, indem er sich aufstützte, den Oberkörper. Voller Entsetzen sah er, ihm waren beide Beine abgerissen worden. Aus durchtrennten Adern pulsten dunkelrote Blutschwälle. In seiner Kehle erstickte ein Schrei des Grauens. »Ja, du wirst nun sterben«, bestätigte die leise Stimme. »Die Meds können dir nicht mehr helfen. Tu mir den Gefallen und stirb unter Qualen, ja?« Freitag blickte auf, und in dem Moment zermalmte ihm der Tritt eines schweren Stiefel das Gesicht. Schmerz und Lichtblitze durchquirlten seine getrübten Sinne. Durch einen Tränenschleier sah er die schattenhafte Gestalt des Fremden sich langsam zwischen Rauch und Feuer entfernen. Die Stimme ...! Ja natürlich! Freitag war zumute wie beim Wiederauftreten eines gräßlichen Alptraums. »Muß 's ihnen mitteilen ... Muß es.« Er krümmte sich vornüber und langte am Rest seines Kör pers hinab, seine Finger tasteten am Gürtel nach etwas, daß er, wie er wußte, dort mitführte. Doch der Messergriff entglitt seinen gefühllos gewordenen Fingern. Indem er um jede Sekunde Leben kämpfte, streckte er den Arm nochmals, tauchte die Finger ins eigene Blut. Mit zusammengebissenen Zähnen schmierte er Buchstaben auf den groben Steinboden. Wo seine Beine gewesen waren, ließ das Gekribbel nach, und Freitag fragte sich, was das zu besagen haben mochte, während er sich darum bemühte, die Finger noch für ein Weilchen in der Gewalt zu behalten. Das Bewegen fiel ihm immer schwerer. Wiederholt wurde ihm vor Augen ganz schwarz. »Susan, ich ... Ach, Susan ...« Sein Atem stockte. »Tut mir leid, daß du's sein wirst, die ...« Er wollte das Geschriebene betrachten; aber er konnte den Kopf nicht heben. Auch seine Hand gehorchte ihm nicht mehr. Freitag schielte vom Fußboden in den Computerraum auf, seine Lider flatterten. Er hatte den Eindruck, daß ein mit.
einer Kutte bekleideter Mann, dessen Gesicht eine weite Kapuze verbarg, durch den demolierten Eingang herein schwebte, inmitten des Glutens und Glühens zu der umfan greichen Computeranlage schwebte, die Schäden in Augen schein nahm, seufzte, sich danach auf lautlosen Füßen ihm näherte, sich über ihn beugte, ihm eine kühle Hand auf die Stirn legte. Die Gesichtszüge blieben unter der Kapuze unkenntlich, während die Person Freitags mit Blut hingekra kelten Worte las. Gelbes Bein riß die Augen auf, schaute angestrengt hin. Der Kapuzenmann verschwand im Wallen des Qualms — als hätte es ihn nie gegeben. »Ich ... ich sehe Gespenster«, wisperte Freitag. »Ich ...ster be. Spinne, ich ...« Der Rauch mußte dichter geworden sein; alles im Compu terraum wirkte jetzt durch und durch grau, dunkler ...und wurde immer finsterer. Scharfer Rauch brannte Freitag in der Nase. Das Knistern der Flammen gewann an Lautstärke, als müßten sie, indem sie um sich fraßen, zuletzt alle Welt erfas sen. Freitag spürte, wie seine Seele sich erhob, und zwi schen unbestimmten Träumen stieg er empor zur Suche nach Spinne.
4
KOMMANDOBRÜCKE DER PROJEKTIL (IM ORBIT ÜBER WELT)
»Transduktions-Funkspruch von Kommandantin Andojar, Majorin«, meldete sich Tony aus der Kommu-Zentrale. »Wir haben Antennen-Synchronpeilung und Störungsfilter akti viert. Sie ist weit weg, aber der Empfang wird besser.« Auf der Kommandobrücke herrschte rege Tätigkeit; ver schiedene Offiziere beugten sich über Bildschirme, widme ten sich ihrer Aufgabe, das Raumschiff unter Monitoring zu halten. Im mit Instrumenten überladenen Kommandosessel an der Rückwand saß Rita Sarsa, konnte von ihrem Platz aus den gesamten Halbkreis der unter den weißen Deckenplatten montierten Monitore überschauen. Hinter dem drehbaren Sessel befanden sich Konsolen mit Befehls- und Betriebs kontrollen in Reichweite ihrer Fingerspitzen. An einer Seite baumelte das Kontaktron der inaktiven Navigations-Kommunikatorstelle — jederzeit zum Gebrauch griffbereit — auf die Sitzfläche des Sessels. »Schalten Sie durch.« Rita drehte den Sitz der Wieder gabe zu, die im Holo-Bildschirm entstand. Das Abbild einer jungen Frau mit rabenschwarzem Haar blickte ihr entgegen. Sie war eine augenfällige Schönheit, der nach zugaffen die Männer stehenblieben. Die kupferbraune Haut ihrer Vorfahren harmonierte mit fein ausgeprägten Gesichtszügen. Eine gerade Nase und volle, rote Lippen betonten die Mulden ihrer Wangen. Nur ihre Augen stör ten die Illusion der Vollkommenheit. Streß hatte sie gerö tet, eine sonderbare Furcht brannte darin, verlieh der Frau etwas Fiebriges. Unwillkürlich packte Anspannung Rita. Mein Gott! Was ist passiert? Ein Rückfall? Schon beim ersten Mal hat es sie beinahe zugrundegerichtet. Verdammt, soweit darf es kein
zweites Mal kommen. Ob Freitag daran schuld ist ? Hat er ihr irgend etwas zugemutet? Sie irgendwie aufgebracht? So wahr mir. Gott helfe, wenn er sich das erlaubt hat ... dann reiß ich ihm beide Dackelbeine am Arsch ab ... Die Anruferin sprach gepreßt und verriet höchste innere Anspannung. »Kommandantin im Hauptmannsrang Susan Smith Andojar zwecks Meldung, Majorin.« »Was ist los, Susan?« Rita hatte sich halb aus dem Sessel gestemmt. Susan holte tief Atem, versuchte Beherrschung zu wah ren. »Irgendwer hat auf Frontier den Bruderschafts-Computerraum gesprengt. Die Datenbänke sind vollständig zer stört worden. Offenbar haben die Eindringlinge die Wache ermordet und die Anlage mit Sprengsätzen gespickt. Wir kennen noch nicht alle Einzelheiten. Giorj befaßt sich noch damit. Der Galaktische Großmeister fordert von uns eine Erklärung, weil er uns die Schuld gibt.« Rita lehnte sich — schien plötzlich einen Kloß im Hals zu haben — in den Sessel. Der Auftrag war verflucht noch mal wirklich leicht gewesen. Für Susan eine Möglichkeit, sich wieder ihre Fähigkeiten zu beweisen. Ohne jedes Risi ko. Wie hatte die Sache dermaßen schiefgehen können? Ritas Überlegungen kreisten um sämtliche Weiterungen. Die Computeranlagen sollten das komplette technologische und technische Verständnis der seit langem verschollenen Bruderschaft enthalten haben: Kenntnisse, die es ihr gestat tet hatten, denkende Raumschiffe zu bauen, einen Hort des Wissens, der die Menschheit während der Konföderations ära zu bisher unübertroffenen Höhen emporgeführt gehabt hatte. »Besteht eine Aussicht, daß einiges sich retten läßt?« erkundigte sich Rita, erforschte festen Blicks die seelische Brüchigkeit in Susans Augen. Was verschweigst du, Susan ? Ich kenne dich zu gut. Du zerbrichst innerlich. Deine Augen drohen glasig zu werden. Genau wie zuvor. Tu mir ...tu mir das nicht an! »Nein«, antwortete Susan mit unsicherer, verpreßter Stim me. »Giorj zufolge ist dabei alles vernichtet worden.« Sie
stockte, zögerte, ihre Gesichtsmuskeln zuckten, indem sie um Fassung rang. »Was ist, Susan?« »F-Freitag Garcia Gelbes Bein ist to-tot.« Freitag? Tot? Verdammt, nein! Nicht Freitag ... Rita erstickte ihr Gefühl plötzlichen Kummers. Momentan war Susan wichtiger. Jetzt ist Vorsicht angebracht. Ich muß die Situation auf die sachlich-dienstliche Tour handhaben. Ein falsches Wort, und ihre Seele zerschellt in viele kleine, spitze Scherben. Gott! Warum habe ich sie bloß allein wegge schickt?! Rita hielt den Blick auf Susan geheftet. »Weitere Verlu ste?« Andojar hatte schon einmal dicht vor dem Zusammen bruch gestanden. Sie hatte am Rande des Irrsinns ge schwankt, bis der Prophet Chester sie zurückriß. Seitdem war Susan im Dienstrang aufgestiegen, weil sie jede Herausfor derung mit ihrem scharfen Verstand und unbändigen Erfolgs drang anging. »Hast du einen Verdacht, wer dafür verant wortlich ist?« fügte Rita sofort hinzu, spürte die Muskulatur ihrer Miene starr werden. Wem könnte sie, falls Susan zusammenklappte, das Kommando übertragen? Mosche? Hatte er für den Fall, daß sie Widerstand leistete — irgend welche Verrücktheiten anstellte —, genug Durchsetzungsver mögen? Susan nickte, die Falten innerer Belastung rings um ihre Augen ließen sie ausgezehrt wirken. »Wir haben einen Bekennerfunkspruch erhalten. Eine Gruppe, die sich >Got tes Padri< nennt, behauptet von sich, sie hätte die Tat zur Vergeltung für angebliche Teufelsanbetungspraktiken der Bruderschaft verübt.« Nochmals erregte Susan den Ein druck, zu zögern; Entsetzen glitzerte wie helle Funken in ihren Augen. »Von dieser Gruppierung haben wir bereits gehört.« Rita nickte. »Susan, was hat es außerdem damit auf sich? Rede mir nicht um die Geschichte herum. Dafür kenne ich dich viel zu gut, damit kommst du bei mir nicht durch.«. Mühsam schluckte die junge Frau, zusehends merkte
man ihr das innere Ringen, das es ihr abverlangte, sich zu beherrschen, immer deutlicher an. Mehrere Sekunden lang bewegte sie lautlos den Mund, ehe sie wieder zu sprechen vermochte. »F-Freitag ist nicht so-sofort gestor ben. Wahrscheinlich ha-at's wenigstens eine Minute ge gedauert, bis er verblutet ist. In der Zeit hat er ... hat er ... ein Wort geschrieben.« Sie verstummte, ihre Augen wur den glasig. »O Gott, Rita! Er hat es mit seinem eigenen Blut geschrieben!« »Susan? Verflucht noch mal, Susan!« Rita sprang auf, ihre Finger hackten auf die Kommu-Tastatur. Andojar hatte hemmungslos zu zittern angefangen. »Mosche?« kollerte Ritas Stimme. »Mosche? Sind Sie da?« Hinter Susan zeigte sich mit verkniffener Miene der Hauptmann. Blaß wartete er, den Blick auf Andojar gerichtet, die unverwandt, der Hysterie gefährlich nahe, vor sich hin schlotterte. »Nein«, krächzte Susan, hob zur Warnung eine Hand. »E-es geht schon. Es ist nur ... nur ...« »Was für ein Wort?« fragte Rita, duldete keinen Auf schub. Soll ich sie ablösen lassen? Sie bricht mir zusam men. Mosche könnte eingreifen und das Kommando über nehmen. Susan ballte die Hände zu Fäusten, bis sich die Finger knöchel weiß abzeichneten. Zorn, Erbitterung und Scham verzerrten ihr schönes Gesicht zu einer wüsten Fratze. »Das Wort«, stieß sie rauh hervor, »hieß Ngen!« Rita schluckte und nickte, fühlte das Herz gegen ihre Rippen wummern. »Susan«, fragte sie mit ruhiger Stimme, »bist du soweit in Ordnung, daß du durchhältst?« Die junge Frau senkte den Kopf, verbarg ihr Gesicht hinter der Fülle glänzend-schwarzen Haars. Knapp nik kte sie, als sie den Blick wieder hob, ihre dunklen Augen spiegelten Leid. »Ich fühle mich ... als wären mir die Eingeweide herausgerissen worden. Ich fühle mich besu delt, erniedrigt und gedemütigt ... Aber ich werde es schaffen. Einmal hat der Lump mich fast kleingekriegt.
Es wird ihm kein zweites Mal gelingen, das schwöre ich!« Rita nickte, schaute Mosche Raschid in die Augen. Er erwiderte ihren Blick, verstand ihn und entfernte sich au ßer Sicht. Die Eingeweide herausgerissen? Ja, ich kann gut nach vollziehen, daß dir so zumute ist. Und Freitag ist tot? Trau erst du um ihn, Susan? Betrauerst du den Mann, der für dich sogar seine Seele aufgeopfert hätte? Verdammt! Wozu leben wir eigentlich weiter, wenn wir immer nur durch Scheiße waten? »Laß uns Freitags Überreste für eine feierliche Beiset zung überstellen«, gab Rita langsam Anweisung, wäh rend ihr Blick von neuem Susan maß. Ja, allem Anschein nach nahm sie sich zusammen. »Das Shuttle fliegt sie gleich herauf. Giorj wird auch an Bord sein. Er soll sich in einer Stunde einfinden.« Rita neigte den Kopf zur Seite, zwang sich dazu, den her ben Schmerz zu mißachten, den ihr Freitags Tod bereitete. »Wenn sich ergibt, daß sich nach Giorjs Einschätzung nichts aus den Computerspeichern retten läßt, fliegen Sie umgehend zur Universitäts-Station. Wir sind dort mit Dr. Emmanuel Chem in Kontakt gewesen. Er hat einen Anthropologen aus gesucht, der nach Welt zu befördern ist. Giorj möchte zwischenzeitlich einen lückenlosen Bericht ausarbeiten.« Und du sollst zur Hölle fahren, wenn du mir schlappmachst, Susan. Ich habe mich mit Ree und Eisenauge anlegen müs sen, damit du das Kommando bekommst. »Jawohl, Majorin.« Bemessen nickte Susan, in ihrer verkrampften Körperhaltung war ein Anflug von Trotz. »Du würdest lieber auf die Jagd nach ihm gehen, nicht wahr?« fragte Rita gedämpft. Susans Miene wurde härter, rings um ihren Mund beb ten die Muskelstränge, ihren Augen glichen finsteren Tümpeln des Hasses. Das genügte als Antwort. »Susan, Spinne lehrt uns Geduld.« Rita sprach noch leiser. »Verpatze nichts, Mädchen. Steh's durch, und ich lasse dir die erste Chance, um Ngen zu erledigen, die sich
bietet. Ich schwör's dir bei meiner Ehre.« Die junge Frau dachte nach, bevor sie nickte. »Ich habe nicht vor, dir in den Rücken zu fallen, Majorin. Ich ... Es ist nur ...« Susan verzichtete auf den Rest. »Ich kenne meine Pflicht.« Sie straffte sich und salutierte. Rita grüßte gleichfalls, desaktivierte den Monitor, ließ sich rücklings in den Kommandosessel sacken, starrte den erloschenen Bildschirm an. »Verflucht!« Ihre Wangen blähten sich, als sie stoßartig ausatmete. Freitag? Tot? Gram suchte ihre insgeheime Verletzlichkeit und Schwäche heim. Erneut war das Lebenslicht eines net ten, anständigen Menschen ausgeblasen, ihrem Dasein für immer genommen worden. Wieder verdüsterte sich ein Teil ihrer Seele, wie es schon oft geschehen war, und starb. Sie schüttelte den Kopf. Während der Kämpfe auf Sirius war der abgesägte kleine Krieger der Kraftquell einer ganzen Kampf gruppe gewesen. Seine derben Späße hatten verhindert, daß die alptraumhafte Furcht der Romananer vor Raumgefechten bei der Attacke auf die sirianischen Kriegsschiffe ihren Angriffsschwung beeinträchtigte. Freitag war Susans erster Liebhaber gewesen. Um ihrer Ehre willen hatte er eine Mes serfehde ausgetragen. Ritas Blick glitt zu dem Spinnenbild empor, das vor so langem Leeta Dobra auf die Deckenplatten der Kommando brücke gemalt hatte. »Spinne, weißt du eigentlich, daß du ein Scheißgott bist?« Noch war es nicht zu spät: Nach wie vor konnte sie be fehlen, daß Mosche den Befehl übernahm. Er fungierte ohnehin als Pilot. Freitag ist also tot. Freitag ... Freitag, warum mußte es ... Nein, nicht darüber nachdenken. Unterdrücke das Weh. Dar an ist nichts neu. Ngen ist jetzt das Problem. Du willst etwas für Freitag tun ? Dann mache dir zu der Frage Gedanken, wie wir Ngen schnappen könnten. Rita orderte einen Becher Kaffee und überlegte. Falls Ngen hinter diesen religiösen >Gottes Padri<-Fanatikern stak, konnte die Angelegenheit weitaus gefährlicher werden,
als es irgendwer erwartet hatte. Aufgrund vergangener Erfah rungen wußte man genau, welche herausragende Befähigung Ngen entfaltete, sobald es darauf ankam, Menschenmassen zu manipulieren. Er hatte dafür gesorgt, daß die Sirianer weiterfochten, als rings um sie längst ihr Planet in Trümmern lag und der Stiefelabsatz der Romananer bereits alle siriani schen Hoffnungen zertrat und zunichtemachte. Bei der Erinnerung an die Filmkassetten, die ein Patrouil lentechniker in Ngens Flaggschiff, der Hiram Lazar, gefun den hatte, schauderte es Rita. Während er seine weiblichen Gefangenen mißhandelte, vergewaltigte und systematisch mit psychologischen Tricks seelisch ruinierte, hatte Ngen sein Treiben in einer Art von Archiv der Scheußlichkeiten aufgezeichnet. Eine Erste Bürgerin Sirius' und eine Patrouil lenobristin waren von ihm auf den Zustand von Tieren her untergebracht worden und hatten zuletzt nur noch vor sich hinwimmern können. Fast wäre es ihm gelungen, auch Susan Smith Andojar zu entwürdigen, ihr Geist und Willen zu bre chen. Wäre sie nicht so stark gewesen, Chester nicht auf so brillante Weise eingeschritten, hätte niemand sie noch vor dem Wahnsinn zu schützen vermocht. Rita merkte nicht, daß sie den Plastikbecher in ihrer Hand zerquetschte, bis der Schmerz, den ihr der brühend-heiße Kaffee verursachte, ihr durch die Wut ins Bewußtsein drang. *
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BASAR, HAUPTSTADT DES PLANETEN GLEICHEN NAMENS Basar ist eine nach jedem vom Direktorat genormten Kri terium eine Stadt unterhalb des Standards. Die Mängel in bautechnischer Hinsicht, an sanitären Anlagen, in der Energiepolitik, an öffentlichen Einrichtungen, in den Kom munikationsverbindungen, der Notfallvorsorge sowie Umweltschutz sind ohne Zahl. Es ist kein übertriebener Vergleich, zu konstatieren, daß dieMenschen in Verwahr losung leben. Seit gewissen Verhältnissen auf der Erde des 21. Jahrhunderts hat es derartige Zustände nicht mehr gegeben.
Zekial Likud bäumte sich gegen das elektromagnetische Fixierfeld auf, das ihn in der Dunkelheit gefangenhielt. Wider seinen Glauben war er mit Leichtigkeit in eine Falle gelockt worden. Vor Scham brannte es ihm im Bauch sei ner drahtigen Gestalt. Neun Älteste hatten ihm eine Nach richt geschickt. Komm zu Davids Oase. Wir sind nur neun. Mit dir hätten wir Gelegenheit zum Minyan. Und Zekial hatte sich, weil er Rabbi war, den Ruf aus der Wildnis zu überhören außerstande gefühlt; am wenigsten, da soviel der altüberlieferten Traditionen dahinschwand wie der Sand im Herzen der Wüste in stürmischem Wind. Folglich hatte man ihn überwältigt. Seine Leibwächter waren hinterrücks erschossen, seine Ehre war beschmutzt, gegen das altehrwürdige Gesetz verstoßen worden. Schan de! Schande über Schande. Jetzt lag er bereits seit Stunden im Dunkeln. Man hatte ihn in irgendeine Art von Kiste gesteckt. Nach dem, was er gespürt hatte, war er in einem Airmobil fort gebracht worden, bevor man die Kiste in ein Gebäude trug und anscheinend auf so etwas wie einem PlaStahlGestell absetzte. Ganz gleich, wie sehr er um sich getre ten, von innen gegen das Behältnis gewumst hatte, er war unbeachtet geblieben. Die Zeit schien sich beklemmend zur Ewigkeit auszu dehnen. Seine Blase füllte sich, quälte ihn, und schließlich
ließ er sie — aus reinem Trotz — sich leeren. Die einzigen Geräusche, die er hörte, drangen aus seinem infolge der Erregung aufgewühlten Magen. Nach langem näherten sich außerhalb der Kiste, deren Wände alle Töne dämpften, die Schritte mehrerer Personen, Füße scharrten. Der Deckel knarrte. Starke Arme hoben ihn heraus, aber die Augenbinde verhinderte, daß er sich irgendwie orientierte, und der Knebel machte ihm das Spre chen unmöglich. Der Druck des dreckigen Stoffballens auf seine Zunge hinderte Zekial sogar am Schlucken, aus dem durchweichten Tuch sickerte ihm Speichel von den Mund winkeln und troff ihm auf die Brust. Als am schlimmsten erwies sich jedoch die Angst vor dem, was bevorstehen mochte. Während die Entführer ihn wegschleppten, verkrampfte sich in ihren Armen sein Kör per. Mit Stiefeln bekleidete Füße schrammten über Sand stein. Aus dem Geschaukel und der Weise, wie man ihn bewegte, zog er den Schluß, daß man ihn eine Treppe hin aufbrachte. Jemand öffnete eine Tür. Selbst durch die Decken, die die man ihn gewickelt hatte, spürte er die Luft feuchtigkeit innerhalb des Gebäudes. Er befand sich in kei nem herkömmlichen basarischen Haus. »Hier herein«, rief eine Stimme auf Standard. Standard? Also Deus' Schergen! Die verwünschten Padri! Dieser Ket zerabschaum! Speichelleckerisches Geschmeiß! Verdreher der Gesetze Abrahams und Isaaks! Ohne Vorwarnung ließ man ihn fallen. Hinter seinen Augen stachen Lichterscheinungen ihm durchs Hirn, als sein Schädel auf den Fußboden prallte. Ohrensausen durch dröhnte sein Gehör, Tränen erfüllten selbst das Schwarz des Dunkels noch mit Verschwommenheit. Grobe Hände zerr ten ihm die Augenbinde vom Gesicht. Zekial blinzelte, bis es ihm nicht mehr vor Augen flimmerte, Schmerz vom Auf schlagen seines Kopfs setzte ein. Er stank nach Urin, Schweiß und Angst. »Aha«, erscholl eine ölige Stimme. »Endlich der letzte, der einzige übrige Führer des Widerstands?« Zekial drehte den Hals, spähte trotz der Beschwerden,
die die helle Beleuchtung seinen Augen bereitete, im Raum umher. Befand er sich in irgendeiner Art von Turm? Oben hing eine kastenartige Apparatur von der achtseitigen, gewölbten Decke herab, schwebte über etwas ähnlichem wie einem Sockeltisch. Ein Untersu chungszimmer? Ringsum stand luxuriöses außerplaneta res Mobiliar. Düstere Padri umringten, betrachteten ihn mit der für sie typischen Glanzlosigkeit ihrer Augen und dem geistlosen Widerwillen ihres Schlages. Geistlos? Der Keim eines erkenntnisschweren Einfalls überschat tete seine Gedanken, doch gleich verdrängte Furcht alle Ansätze klarer Überlegungen. Der Knebel lockerte sich, und er spie ihn aus, froh darüber, wieder die Zunge bewegen zu können; der Nachgeschmack ekelte ihn an. »Zekial Likud«, sagte zufrieden ein extrem fetter Mann, indem er in Zekials Blickfeld trat. »Der letzte Quertreiber.« »Was für eine Überraschung«, säuselte eine andere Stimme. Zekial schloß die Lider. Der falsche Messias! Er spann te die Kiefermuskeln und biß mit aller Kraft die Zähne auf- einander. Durch seine fest zusammengekniffenen Lider preßten sich Tränen des Zorns und der Hilflosigkeit. Ihm lief die Nase. Konnte der Gott der Väter ihn so im Stich gelassen haben? War all sein Glaube denn verge blich ge-wesen? Hatte er als Diener Jawes dermaßen kläg lich versagt? »Komm, mein Freund, hör auf«, riet der Pseudo-Messias ihm in freundlichem Tonfall. »Mute dir nichts Über flüssiges zu. Ich bin nicht gekommen, um dir Schaden zuzufügen, sondern um dich von einer jahrtausendealten Sklaverei zu befreien. Ich bringe das Wort Deus'. Ich bin der Einiger.« »Du bist Satan!« knirschte Zekial heiser hervor. Rundum brach Gelächter aus. »Es ist wahr«, ereiferte sich Zekial. »Schau allen in die Augen, die deine Hand berührt. Ein Teil ihrer Seele stirbt
davon, falscher Prophet. Der göttliche Lebensfunke flieht sie. Sie werden wie Lehm. Sie verlieren die Fähigkeit zu denken, zum Erkennen der Gesetze Mose und Abrahams.« Der Mann, der sich Messias nannte, packte eine Hand voll Haar Zekials und zerrte seinen Kopf zur Seite; das wäre ihm niemals möglich gewesen, hätte Zekial nicht seine Jarmulke verloren. Ein Gefühl der Leere klaffte unter seinem Herzen. Die Jarmulke war ihm von seinem Großva ter geschenkt worden; auf dem Totenbett hatte der Greis ihm das Geschenk überreicht. Als wäre eine Hauptstütze seines Gemüts weggerutscht, brach Verzweiflung über Zekial herein wie eine Lawine. Nun blickte er in die harten Augen des vorgeblichen Messias. »Jemand hat fünf Padri ermordet, die am Sabbat das Wort Deus' predigten. Ich war nicht auf dem Planeten, aber zum Glück hat Pallas aus eigener Initiative unver züglich gehandelt.« »Sie zu töten, hat mir Freude eingeflößt, du schmutzi ger Knecht des Teufels! Den Sabbat so zu schmähen ...! Vermessen in unsere Synagoge einzudringen und eure Lügen zu blöken ... Ja, wir haben sie erschlagen. Darauf bin ich stolz, du Abschaum.« Unbekümmert lächelte der falsche Messias. »Es wird mir ein großes Vergnügen sein, dich zu bekehren, Zekial. Du hast keine Mühe gescheut, um uns ...« »Mich bekehren? Zu deinem unreinen, gottlosen Aber glauben? Niemals!« Bei der bloßen Vorstellung platzte Zekial vor grimmiger Erheiterung ein Lachen heraus. Nachdem jetzt alle Hoffnung zerstoben war, sah er dem Tod leichten Sinnes entgegen. »Ngen, lassen Sie uns das Verfahren hinter uns bringen.« Pallas, der Fettwanst, unterdrückte ein Gähnen. »Der Tag war lang. Ich habe mit den Vorbe reitungen für Ihre Ankunft schon vor dem Hellwer den angefangen. Tiara wartet auf mich. Für heute abend plant sie für mich
etwas Besonderes. Wegen des arcturischen Mantels, den mitzubringen sie mich gebeten hatte. Er gefällt ihr enorm, und sie möchte sich dankbar zeigen.« Der selbsternannte Messias löste seine Finger aus Zeki als Haar und richtete sich auf, schaute auf den Rabbi herab, in den Augen einen seltsamen Ausdruck der Distanziertheit. »Sie verhätscheln sie zu arg, Pallas. Sie ist nur eine Frau.« »Eine tüchtige Frau«, korrigierte ihn Pallas. »In dem, was sie tut, ist sie in ebenso genialem Stil sachkundig, wie Sie es bei Ihren Leistungen sind.« »Genial? Hmm. Tja, ich nehme an, wir sind beide auf unsere Weise erfolgreich. Ich habe einen Großteil der Daten gemolken, Pallas. Allerdings ist mir das meiste unbegreif lich geblieben. Wir brauchen die Unterstützung eines Experten. Des besten Spezialisten, den wir finden können. Ach, wäre bloß Giorj nicht ... Aber das ist lange her. Wie klappt's mit den Bekehrungen?« Pallas spreizte seine von Fett gedunsenen Hände, an denen eine Juwelenpracht geradezu babylonisch maßloser Protzigkeit schimmerte, die Zekial als Bestätigung seines Verdacht einer Einflußnahme Satans bewertete. »Einen nach dem anderen konvertieren wir sie.« Pallas seufzte. »Wir machen langsam, aber sicher Fortschritte. Inzwischen haben wir Zulauf von vielen Unbehandelten. Sobald wir Zekial bekehrt haben, wird der Mob sich uns in größeren Massen anschließen. Dann kann niemand mehr Ihre Macht und das Wahre Ihres Wirkens leugnen. Die jüdi sche Widerstandsbewegung ...« »Niemals!« fauchte Zekial halblaut. »Mein Gott ist der Gott Israels. Ihr seid nur Gesocks, bloß abscheuliches, böses Gesindel.« Buchstäblich von oben herab lächelte der falsche Messi as ihm erneut zu. »Viele haben mich zunächst so beschimpft. Achmed Hussein, Reverend Jacobs, Abdul Mohammed, Elias Arhat und andere. Erachtest du es nicht als Zeichen meiner göttlichen Macht, daß sie sich zu guter Letzt doch zu mir bekannt haben?«
Einen Beweis von Macht sah Zekial durchaus darin. Sein Gaumen wurde trocken. »Mein Glaube wird mich behüten. Die Gesetze meiner Väter sind stärker als dein Wille, Schurke.« »Haben Sie seine Familie in Gewahrsam?« Unwillkürlich erstarrte Zekial in seiner körperlichen Haltung. Er duckte sich zusammen, als der Halunke es bemerkte und leise auflachte. »Seine Tochter ist sehr schön«, erklärte Pallas. »Hätte ich nicht schon meine Tiara ... Tja, naja ...« »Und seine Frau?« »Schreckliche Sachen stellen diese Juden an. Rasieren ihren Frauen die Köpfe. Ist es nicht komisch, daß sie solche Mühe aufwenden, nur um sie abstoßend zu machen?« Der falsche Messias lachte. »Na gut, gehen Sie zu Ihrer Tiara, mein teurer Pallas. Mal sehen, wieviel Schlaf ihre >Genialität< Ihnen in der kommenden Nacht gönnt.« Pallas verließ, einen Ausdruck lüsterner Erwartung in den Augen, den Raum, schwankte bei seinem Abgang, während er davonwatschelte, von Seite zu Seite. »Bringt Zekials Tochter her«, befahl der Pseudo-Messias einem der Padri. »Nein! Laß Lishia aus dem Spiel! Sie ist ein anständi ges Mädchen. Sie hat mit meinen Angelegenheiten nichts zu schaffen. Hörst du? Laß sie in Ruhe!« So schmerzhaft, als müßte es springen, begann das Herz ihm in der Brust zu hämmern, als er sah, daß er taube Ohren anflehte. Die Tür wurde geöffnet; Zekial erstarrte, krampfartig verspannte sich seine Körpermuskulatur. »Papa?« Zekial biß sich auf die Lippe, um nicht zu schreien. »Nicht meine Tochter«, bat er verhalten. »Sie ist erst sech zehn. Sie ist unschuldig. Nehmt mich und macht mit mir, was ihr wollt. Aber laßt sie in Frieden. Laßt sie ...« Der falsche Messias tat einige Schritte, winkte das Mädchen heran. Schüchtern und gesenkten Blicks kam es
näher. Angesichts der Furcht in ihren Augen schmolz Zekials Mut. »Wirklich eine Schönheit«, gab der falsche Messias zu. »Ich bin beeindruckt, Zekial.« Er vollführte eine Geste zu den zwei Padri beiderseits des Mädchens. »Zieht ihr die Kleider aus.« »Nein!« kreischte Zekial in höchsten Tönen. Er wandte, weil er sich zum Hinschauen außerstande fühlte, das Gesicht ab. Wie glühende Dolche stachen ihm die Schluchzer seiner Tochter in die Ohren. Die Geräusche, mit denen der Stoff ihrer Kleidung in Fetzen ging, begleite te das gleichzeitige Zerreißen seiner Seele. »Sorgt dafür, daß er zusieht«, erteilte der vorgebliche Messias Befehl. Rohe Hände zerrten Zekials Kopf herum. Finger zogen ihm die Lider hoch, hefteten sie mit Klebe band an, so daß er sich dem Anblick nicht entziehen, nicht einmal noch zwinkern konnte. Lishia lag auf dem Tisch und zitterte, versuchte sich vergeblich zu verhüllen.Ihr klapper ten vor Entsetzen die Zähne, als der sogenannte Messias seine Kleidungsstücke abzustreifen anfing. »Jawe, erhabener Gott, zerschmettere diese Scheusale! O Herrgott, bestrafe sie mit Deinem Zorn ...!« Gott mußte, wenn er so etwas zuließ, einen guten Grund haben, oder nicht? Obwohl Lishia heulte, um sich trat, sich nach Kräften wehrte, zwang man sie auf den Tisch nieder. Tränen ver schleierten Zekials Sicht. Nachdem er so lange geschrien hatte, daß seine Stimme nahezu versagte, lag seine Tochter ausgestreckt, den seltsamen Apparat über den Kopf gestülpt, auf dem Tisch. Ihr jugendlicher Leib wand sich unter der Stimulation, die die Maschine ausübte, auf offen sinnliche Weise. »An allen Ecken und Enden hast du mir im Weg gestanden, Zekial«, salbaderte der falsche Messias. »In deiner Verstocktheit hast du mir mehr Scherereien ver ursacht als jeder andere auf diesem Planeten. Aber mor gen wirst du durch die Straßen Basars ziehen und die Massen zum Besuch meines Tempels aufrufen. Du wirst
deine Synagoge schließen und gemäß Deus' Wort in meinem Tempel beten. Aus dir wird einer der herausra gendsten Padri werden. Fanatische Ergebenheit und unverbrüchliche Treue werden dich auszeichnen.« »Niemals ...«, röchelte Zekial. »Das schwöre ... ich.« »Vorher sollst du aber meine Macht kennenlernen. Lei der wirst du dich anschließend nicht daran erinnern, aber sehen mußt du sie, um zu lernen, zu verinnerlichen, was es heißt, Ngen Van Chow Schwierigkeiten zu bereiten. Der Psyching-Apparat auf dem Kopf deiner Tochter sug geriert ihr Vorstellungen, kreiert ihr eine andere Realität. Es ist so, daß die Maschine ihr in diesem Moment bereits die richtigen Reaktionen auf meine Zärtlichkeiten sozu sagen eintrichtert, in verschiedenen Bereichen des Gehirns neue Verhaltensweisen quasi vorprogrammiert.« Ngen wies rundum. »Wie bei meinen Padri, klar?« »Nein ...« Zekial sackte in sich zusammen, nur die Padri, die ihn festhielten, mit ausdruckslosen Mienen zuschauten, stützten ihn noch. »Doch, Zekial.« Ngen schob das Kinn in die Handflä che. »Aber im Fall deiner Lishia werde ich keine Verhal tensmodifikationen vornehmen. Ich werde ihre Wertbe griffe unverändert lassen. Sie wird sich an jede Einzelheit dieses Abends erinnern. Welche Frau entsinnt sich nicht gern an ihre erste, wonnevolle Vereinigung mit einem Mann? Aber was für eine Erinnerung soll ich ihr einge ben? Hmm? Was wäre das Richtige ...? Ach natürlich! Vielleicht sollte sie sich an ihren Vater erinnern, der ihren wundervollen Körper liebt? Ja, ich glaube, das wäre am besten. Du siehst abstoßend aus, Zekial, das braucht aber kein Grund zur Sorge zu sein. Nur in ihrer Phantasie wirst du ihr die Jungfräulichkeit nehmen, sie zum ersten Orgasmus bringen, körperlich hingegen werde ich es tun. Ich verspreche dir, daß sie dies letzte Geschenk ihres Vaters niemals vergessen wird, so lange sie lebt.« Zekial schrie, leistete Widerstand, wehrte sich gegen die Arme der Padri, die ihn in eisenharter Umklamme
rung hatten. Er brüllte sich heiser, während Ngen zum Tisch ging und Lishias Beine auseinanderschob. *
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Zekial Likud schritt in traumhafter Hochstimmung vorwärts. Ringsum nickten Männer und Frauen ihm zu, begrüßten ihn freundlich. Auf der Freitreppe der Syn agoge wandte Zekial sich um, stieß die Türflügel des Portals weit auf, so daß sie gegen die Mauern aus gehauenem Stein krachten. Auf der Straße blieben die Leute stehen. Tief im entlegensten Innern seines Wesens regte sich ein Grausen abstrus distanzierter Natur. Kaum merklich, wie eine Feder im Luftzug, trieb eine Art gestaltlosen Un behagens, ein Eindruck diffuser Verkehrtheit, durch sein Gemüt. Die heißen Tränen, die ihm übers Gesicht rannen, kitzelten ihn im Bart. Noch mehr Menschen scharten sich um die Stufen, beobachteten ihn aufmerksam. »Rabbi, was tust du?« rief Itzak herüber. »Was ist pas siert?« Während er infolge ununterdrückbarer Zuckungen schlotterte, blinzelte Zekial auf die Glaubensbrüder hin ab, die er bereits sein Lebtag kannte. Zu sprechen, ver langte ihm die größte Mühe ab, als müßte er sich unter der Oberfläche seines Bewußtseins gegen etwas durch setzen, an das er sich nicht erinnern konnte. »Ich ... ich habe die ärgste Sünde begangen. Ich habe ... habe meine eigene Tochter vergewaltigt.« Ein Keuchen entfuhr den Menschen, sie schraken vor ihm zurück. »Es ... es ist Satan gewesen, der von mir Besitz ergriff.« Verwundert senkte er den Blick auf seine Hände. Sie zitter ten so stark, daß er sie zu Fäusten ballen mußte. Ja, es war Satan gewesen. »Und ... und danach floh meine To-Tochter in den Tempel Deus'. Ich ... ich lief ihr nach. Dort im ... im
Tempel verbarg sie sich im Allerheiligsten. Ich ... ich fand sie und sah sie in einem Licht, das wie Gold strahlte, in den Himmel hinauf schweben ... Und in mich strömte ewiges Entzücken. Hört ihr?« »Du und Lishia vergewaltigt?« Ungläubig schüttelte Itzak den Kopf. »Zekial, du bist durcheinander. Das kann ich ... ich kann es nicht glauben.« Nun kamen die Worte leichter über Zekials Lippen. Das lange Nachwirken irgendeines Schreckens hatte endgültig geendet. Nichts erfüllte ihn noch als Deus' Botschaft. »Deus, der höchste Vater, ist mir erschienen — mir, der ich eine solche Untat an der eigenen Tochter verübt hatte! Ver steht ihr? Deus hat mich erhöht — mich, einen Schandtäter! Er hat mich von meinen Sünden reingewaschen. In Deus' Augen bin ich ein Erlöster!« Pikiert neigte Itzak den Kopf auf die Schulter. »Zekial, ich glaube von alldem überhaupt nichts. Ich glaube dir nicht. Was ist denn aus allem geworden, das du gelehrt hast? Was aus den Prinzipien, von denen du behauptest, du wärst dafür zu sterben bereit? Wie steht es mit dem Gesetz? Mit Talmud und Tanach? Kehrst du den Sitten und Bräu chen deiner Väter so einfach den Rücken zu? Unserem Volk?« »Sie sind der Weg zu Deus«, antwortete Zekial. »Nur haben Menschen, Männer wie du und ich, bisher Deus' Wort mißverstanden. Meine Brüder, anders als nach Deus' Wort zu handeln, ist Sünde. So wie das Innere meines Her zens durch Deus' Licht erhellt worden ist, habe ich jetzt Deus die Pforte der Synagoge aufgesperrt. Kommt, kommt mit mir, um zu Deus zu beten!« Itzak trat beiseite, die Arme verschränkt, während Zeki al die Treppe hinabstieg. Doch die meisten anderen schlossen sich Zekial Likud an, der zielstrebig durch die staubige Straße eilte. Erst beim Anblick des Tempels der Padri war ihm, als sollte ihn ein Zögern befallen. In den Abgründen seines Unbewußten rührte sich vages Unbehagen. Sofort zerstreute der Gedan
ke an Deus' Segensreichtum seine Beunruhigung. Sie blieb eine flüchtige Anwandlung, die ihn nie wieder störte.
5
ARCTURUS, UNIVERSITÄTS-STATION, DECK 27 Die Universitäts-Station ist und bleibt innerhalb des Direk toratsweltraums die einzige offizielle höhere Bildungsein richtung. Während verschiedene Stationen und Planeten gemäß der Direktoratspolitik zur Spezialisierung ihrer Pro duktion angehalten worden sind, konstituiert die Univer sität die Hauptquelle der intellektuellen Leistungsfähigkeit des Direktorats. Eine Ausbildung an der Universität ist Voraussetzung für eine Zulassung zu vielen im Direktorat verbreiteten Berufen und muß den Studierwilligen vor ihrem Antritt durch zuständige Beamte ihrer Station oder ihres Planeten befürwortet sowie danach durch einen der Direktoren genehmigt werden.
»Schub null Komma eins sieben sechs.« Susan Smith Andojar korrigierte, geistig völlig auf die Daten konzen triert, die ihr die Kommu durch das Kontaktron zuleitete, den Bremsschub. »Gierung rechts null Komma sechs Grad.« »Verstanden«, bestätigte Mosche Raschids geisterhafte Stimme. »Abstand Schleuse siebzehn Meter, sechzehn, fünfzehn ...« »Schubverringerung null Komma null null sechs. Schubverringerung null Komma null sieben. Schubver ringerung null Komma eins.« »Stop.« Susans Blick fiel auf die Monitore. »Stationsgreifer ausgefahren.« Ein leises Dröhnen ertönte. »Kontakt. Ver ankerung vorgenommen.« »Verstanden. Die Universitäts-Station begrüßt Sie herz lich und spricht Ihnen für das tadellose Anlegemanöver ihr Kompliment aus. Bitte halbieren Sie Energiepegel.« Susan füllte die Lungen mit Luft und atmete aus. »Ver standen. Energiesenkung veranlaßt. Reaktor wird herun
tergefahren.« Sie lehnte sich in den Kommandosessel, wurde sieh erst jetzt einer schmerzhaften Verkrampfung ihrer Schultern bewußt. Sie schob einen langen Finger unter den goldgelben Ring des Kontaktrons, strich sich Schweiß von der Stirn. Mosche erhob sich aus seinem Sessel, sein Blick huschte über die endlosen Aufreihungen von Anzeigen. Er drehte sich um und nickte, auf den Lippen die Andeu tung eines Lächelns. »Ich hätt's nicht besser machen kön nen.« In ihrer Brust spürte Susan ein schwaches Herzflat tern. »Vielen Dank, Hauptmann. Geflügelter Stier Reesh ist mit der Gewährleistung der Sicherheit zu betrauen. Giorj muß ständig durch eine Leibwache in Truppstärke begleitet werden. Wenigstens zwei Truppangehörige haben Patrouillensoldaten zu sein. Ausgang wird nur in Gruppen bis zu vier Personen gewährt, und bei jeder Gruppe Romananer muß mindestens ein Patrouillensoldat mitgehen. Ich wünsche keinerlei Zwischenfälle. Wir sind hier, um den Anthropologen abzuholen und bestellte Güter für Welt zu bunkern, zu sonst nichts.« Mosche nickte. »Nach dem, was auf Frontier gesche hen ist, brauchen Sie sich, glaube ich, nicht zu sorgen. Wir sind alle ... Na, uns steckt wegen des dortigen Vorfalls noch ein ganz schöner Schreck in den Gliedern. Hier wird bestimmt jeder vorsichtig sein.« Schon verdrängte Susans gewohntes Gefühl innerer Ausgehöhltheit ihre Befriedigung über das gelungene Anlegemanöver. Sie nickte gleichfalls. Frontier verdankte sie eine weitere Ergänzung der langen Liste von Erinne rungen, die Kränkungen ihres Gemüts bedeuteten. Sie wandte sich um, verschaffte sich rasch einen Überblick der in einwandfrei vorschriftsmäßiger Verfassung befind lichen Kommandobrücke, sah den Feuerleitoffizier die Mehrzahl seiner Terminals abschalten. »Kommandantin?«
Susan kehrte sich wieder Mosche Raschid zu, wölbte die Brauen. Raschid machte eine knappe Handgebärde. »Was ist mit Ihnen? Ich meine, werden Sie sich auch die Sehenswürdigkeiten anschauen? An der Universität gibt's 'ne ganze Menge toller Restaurants und Bars, die einem echt die Schuhe ausziehen. Ich könnte ...« »Danke, Mosche, aber ich glaube, ich halte mich da fern.« Susan durchquerte geduckten Kopfs die Tür der Kommandobrücke, entzog sich dem Ausdruck ernster Bedenken, das — wie sie wußte — jetzt in Mosches Augen stand. »Verdammt noch mal«, murmelte sie vor sich hin, »es ist deine Schuld, daß sie alle so nervös sind, Rita. Mir geht's gut. Ich habe alles unter Kontrolle.« Plötzlich schlug das Herz ihr gegen die Rippen. Abermals wollte das Leid von dort emporquellen, wohin sie es verbannt hatte. Ein gräßliches Erinnerungsbild von Freitags verstümmeltem, angekohltem Leichnam wirbelte durch ihre Gedanken. Das Entsetzen in seinen gebrochenen Augen hatte sich ihrer Seele für immer eingesengt. Sie ballte ihre Hände zu Fäusten, stützt sich unvermit telt, als verließen die Kräfte sie, an einem Schott ab. Hin ter ihren Augen pochten angestaute, salzige Tränen. »Nicht jetzt«, fauchte sie sich selbst an, unterdrückte den Kummer, setzte den Weg zu ihrer Kabine fort. Mit schwie liger Hand knallte sie von innen die Tür zu und lehnte sich matt an die Wand. Mit zittrigen Fingern drückte sie eine Automatentaste. Sie hielt ihre Augen geschlossen, als sie den Becher in beide Hände nahm, den Duft des heißen Kaffees roch. »Reiß dich gefälligst zusammen, verflucht noch mal ...!« Sie schlürfte das heiße Aufgußgetränk, verbrühte sich die Zunge, doch sie kostete den Schmerz regelrecht aus. »Ein Schmerz überdeckt den andern ...« Es schauderte Susan, sie zwang sich zu einer Anzahl tiefer Atemzüge. »Verdammt, Spinne, kann ich denn nicht
einmal noch einen einzigen Moment des Friedens haben?« »Ingenieur Hambrei für Sie«, gab die Kommu durch. »Giorj?« »Ja, Susan, hier.« Auf dem Monitor erschien das gräu liche Gesieht des Ingenieurs. »Ich habe alle technischen Unterlagen beisammen, die ich brauche. Ich mache mich gleich auf den Weg. Für den Fall, daß du mit mir Verbin dung aufnehmen möchtest, habe ich der Kommu RelaisCodes eingespeist. Susan, hier ist eine ganze Horde ein getroffen, sie sagt, du hättest angeordnet, daß sie ...« »Ja, Giorj, und sie wird meine Anweisung ausführen. Sollte dir etwas zustoßen, könnte ich ...« »Aber Susan, du brauchst doch nicht überspitzt zu rea gieren, weil ...« Susan richtete sich höher auf, eisige Kälte kroch durch ihre Psyche. »Und wenn jemand dich auslöscht, so wie Freitag? Du bist für uns wichtig, Giorj.« Wichtig für mich, verflucht noch einmal. Wie sollte ich, falls dir etwas pas siert, noch durchhalten können ? Wie könnte ich das ver kraften ? Giorj lächelte andeutungsweise, als verstünde er ihre Empfindungen. »Wie du willst, Susan.« Er schwieg kurz. »Bis später.« »Und vertief dich nicht dermaßen verbohrt in deine Untersuchungen, daß du vergißt, wo du dich aufhältst«, rief Susan ihm nach, als er in den Durchstieg eines langen, gebogenen Schleusentunnels klomm. »Wir werden ihn dran erinnern«, johlte ein junger Ro mananer, während Giorjs Leibwache, sichtlich begierig auf das Abenteuer, die Universitäts-Station kennenzuler nen, sich ihm dichtauf anschloß. Susan brummte etwas und unterbrach die Verbindung. Sie leerte den Rest aus dem Kaffeebecher und hockte sich ans Kommu-Terminal. Während sie auf dem Sitz zurecht rückte, rang sie erneut mit den Tränen, kämpfte gegen den
Drang an, einfach aufzugeben, sich im Jammer zu suhlen. Giorj würde bis zum Rückflug nach Welt fortbleiben, wahrscheinlich ihre Existenz zwischenzeitlich, vollkom men davon beansprucht, bei den fähigsten Gehirnen, die sich an der Universität finden ließen, technischen Rat ein zuholen, völlig aus seinen Gedanken streichen. Die Abgründigkeit der Leere, die in ihrem Herzen klaffte, ver tiefte sich um noch einiges mehr. »Nimm dich zusammen, Susan, du hast's doch bis jetzt geschafft, gepriesen sei Spinne.« Doch irgendwo in einem der finstersten Abgründe ihres Geistes hörte sie Ngens schleimige Säuselstimme. Susans Körperhaltung verkrampfte sich. Unbewußt umklammerten ihre Finger den dicken Ledergriff des lan gen Kriegsmessers, dessen Klinge sie vor nun geraumer Zeit aus der Leiche ihres Onkels gezogen hatte. Das Gefühl des Dolchs in ihrer Faust beruhigte sie, sie zog die Waffe aus dem Gürtel und legte sie vor sich auf die Ablage des Kommu-Apparats. Entschlossen rief sie die ihr von Admiral Ree mitgege bene Datei ab und fing an, den arcturischen ComputerAnlagen Materialbestellungen zu übermitteln. Die Bewilli gung durch Direktor Skor Robinsons Behörde geschah mit verblüffender Promptheit. Über den Bildschirm wanderten Kredit-Symbole und Zahlen, bezeichneten Belastungen romananischer Konten, mit aus Toron-Verkäufen Welts sowie den Romananern aus ihnen zugeteilten Protektorats-Wirtschaftszonen von Sirius zugeflossenen Einkünften aufgestockten Konten. Allzubald hatte Susan alle Einkäufe abgewickelt. »Kommandantin?« »Ja, Mosche?« »Zehn Personen haben zwecks Mitflug auf der Projektil angerufen. Es handelt sich um die Leute, denen Ree Posten zugesagt hat. Frisch graduierte Techs mit Interesse an Arbeit in der Patrouille.« »Reesh soll sie, sobald sie da sind, in den Unterkünften auf Deck C einquartieren.«
»Sehr wohl.« Aus verschwommenen Abgründen in Susans Gedächtnis schwebte der Klang von Freitags Stimme näher. Susan, ich werde dich immer lieben. Für Spinne habe ich auf dich ver zichten müssen. Jetzt ist es mir klar. Ich erkenne im Gesche hen Spinnes Wirken. Nur ist ... Es ist bloß so, daß ich nicht dachte, es würde derartig weh tun. »Freitag, Freitag, du verstehst's nicht. Es lag nicht an dir. Ich ... ich habe dich auch geliebt, Freitag. Aber ich konnte nicht ... Ngen war's schuld ... Er hat's durch Psychen erreicht. Mir vorgetäuscht, du wärst's, wenn er mich vergewaltigte. Kannst du mich nicht begreifen? Diese Schauerlichkeit ... dich zu lieben und gleichzeitig zu hassen ... Das ist es, was Ngen mir angetan hat. Meine Erinnerungen an dich und deine Liebe zu mir gegen mich mißbraucht, Freitag ... Das hat der Schuft gemacht. Jetzt ist mir nur noch Schuld geblieben ... Und Schmerz. Immer nur Schmerz.« Sie schloß die Lider und schniefte. »Spinne, weshalb mutest du mir so etwas zu? Was wirst du wohl als nächstes von mir verlangen?« Der Kommu-Apparat ziepte, und Susan hob den Blick, wischte sich mit rauhen Daumen die Tränen, die ihr die Sicht verschleierten, aus den Augen. Eine Datei war ihr zur Kennt nisnahme zugeleitet worden. Ein Dr. phil. Darwin Pike, ersah sie aus der Information, hatte die Position eines romananischen Religionsanthropolo gen erhalten. Susan sichtete seinen Lebenslauf. Pike kam von der Erde, stammte aus einer Gegend, die sich Freistaat Alaska nannte. Sie betrachtete sein Holo, das einen hellhäutigen jüngeren Mann mit weichen Gesichtszügen zeigte. Aus dem regelmä ßig geformten Gesicht blickten freundliche Augen. Er hatte ein energisches Kinn. Trockener Humor schrägte ihm die Mundwinkel. »Prächtig«, dachte Susan laut. »Noch so ein Direkto ratsgeck. Ngen treibt ungehindert sein Unwesen, Freitag ist tot, irgendein abartiger Kult stiftet im Weltall Unruhe, die Patrouille zerfällt schneller, als man zuschauen kann, die
ganze Menschheit hat sich überworfen, und ich soll auf so 'n schlappes, verhätscheltes Direktoratsschaf wie dich auf passen, hä?« Langsam schüttelte sie den Kopf. »Na, Dr. Darwin Pike, dann wollen wir mal sehen, wie lang's dauert, bis die harte Wirklichkeit dir das blöde Grinsen von deiner weichlichen Visage schrammt.« Verärgert speicherte sie die Datei in ihrem Terminal, ehe sie aufstand und in ihrer kleinen Unterkunft hin- und herz ustapfen anfing. »Es steht etwas bevor, Spinne. Ich ahn's. Du bist noch nicht mit mir fertig. Freitag ...« Der Gram brachte sie ins Taumeln. »Ach, Freitag ... Erst Hans ... dann du. Wie das schmerzt ...« Und irgendwo draußen in den Weiten des Weltraums lauerte Ngen Van Chow.
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Darwin Pike stopfte einen weiteren Armvoll seiner ge schätzten Habseligkeiten in den PlaStahl-Container, den er liebevoll seine >Reisetruhe< nannte. Die letzten ihm ver bliebenen Bindeglieder zu seiner Abkunft hingen noch an der Wand. Er griff nach oben, entfernte den alten TargusBlaster, der seinem Großvater gehört hatte, vom Haken und legte in vorsichtig in den Behälter, bedeckte ihn zur Abpolsterung mit einigen Kleidungsstücken. Als letztes packte er das antike Survival-Messer ein. Auf der zerkerbten, aufpolierten Klinge konnte man noch so eben die Prägung des Herstellers unterscheiden; die Wörter Solingen rostfrei ließen sich nur erkennen, hielt man das Messer in einem bestimmten Winkel ins Licht. Was das genaue Alter des Stücks betraf, hatte er keine Ahnung; sein Urgroßvater hatte es daheim auf der Erde aus dem Wrack eines im Polareis abgestürzten Flugzeugs des 20. Jahrhunderts geborgen.
Die Hände in die Hüften gestemmt, schaute er sich ein letztes Mal im Zimmer um. Nichts war jetzt noch verhan den, das es als seine Behausung gekennzeichnet hätte. Wie seltsam es anmutete, daß nach so vielen Stunden des Bewohnens nichts als kahle, weiße Wände zurückblieben. Dem Zimmer fehlte wieder alles, was auf Darwin Pike hinwies, es war genau wie an dem Tag beschaffen, als er es bezogen hatte. Herrgott, mußte man im Weltall eigent lich alles aus weißen Materialien fabrizieren? Er seufzte und rieb sich das Kinn. »Na, dann also adieu, Uni ...« Was denn, zum Donnerwetter — einen guten Akade miker hatte er ohnedies nie abgegeben. Er besaß eine mittelgroße Gestalt mit — eine Folge seiner in der terrani schen Wildnis zugebrachten Jugend — eher muskulöser Statur. Seinem Naturell nach war er Jäger. Wie hatte es ihn überhaupt je an eine Universität verschlagen? Wenn er in einen Spiegel blickte, schaute ihn aus gleichmäßig ange ordneten blauen Augen ein typischer terranischer Weißer an. Im Vergleich zu den Stationsgebürtigen wirkte er stäm mig, geradezu gedrungen. Zerstreut strich er sich über die schmale Nase und bemerkte, daß er sich wieder einmal rasieren mußte. Ließ er den Bart wachsen, sprossen ihm fast schwärzliche Stoppeln, die einen etwas auffälligen Gegensatz zum Dunkelblond seiner Kopfbehaarung bilde ten. Er schob die Verschlüsse des Containers ineinander, so daß sie einschnappten, sah sich nochmals in dem kleinen Raum um, weil er ganz sicher sein wollte, daß er nichts vergaß. Währenddessen läutete der Tür-Servomat und avi sierte die Ankunft Dr. Chems. »Herein«, rief Darwin, ließ sich in den Sessel plump sen. Dr. Emmanuel Chem, Chef der Anthropologischen Ab teilung, kam ins Zimmer geschlurft, ein hochaufgeschos sener, linkischer, alter Mann, dessen Hutzelgesicht buschi
ge Brauen zierten. Zu dicht unter der Haut umgab ein fei nes Gespinst winzig-dünner, roter Blutgefäße seine Knol lennase. Ursprünglich war er Leiter der Expedition zum Planeten der Romananer gewesen, später jedoch — aus gesundheitlichen Gründen, hatte es geheißen — zurückbe ordert worden. Doch schon zur gleichen Zeit waren in den geheiligten Hallen der Universität hartnäckig anderslau tende Gerüchte gemunkelt worden. Ältere Angehörige der Fakultät behaupteten, nach der Rückkehr von Welt sei Chem nie mehr wie früher gewesen. »Nehmen Sie Platz.« Pike deutete im jetzt fast leeren Zimmer rundum. »Ich dachte mir, ich bringe mal 'ne Pulle anständigen Scotch mit«, meinte Chem zur Begrüßung, nachdem er sich mit einem rauhen Krächzen geräuspert hatte. Darwin holte aus dem Spender zwei Gläser, und Chem schenkte ein. »Wie fühlen Sie sich, alter Freund? Es tut mir schreck lich leid, Sie so mitten aus der Arbeit reißen zu müssen ... Aber Sie wissen, Sie sind der einzige, der in Frage kommt.«. Darwin lachte. »Ehrlich gesagt, Emmanuel, ich fühle mich wie ein Achtundzwanzigjähriger, der auf die Hun dert zugeht. Total gehetzt, kapieren Sie? Ich hatte in so kurzer Zeit, bevor die Subvention verbraucht war, so verdammt viel zu bewältigen. Ach, ja klar, natürlich hätte ich meine Forschungen gern abgeschlossen. Hier hat man ja fabelhafte Möglichkeiten zur Verfügung. Aber ... Darf ich offen zu Ihnen sein?« Ungezwungen lächelte Darwin, pflügte Finger durchs dunkelblonde Haar. »Aber selbstverständlich, mein Bester.« »Diese Station macht mich verrückt!« entfuhr es Dar win. Er sprang auf. Chem schaute leicht bestürzt drein. Darwin lachte. »Sehen Sie mal, Sie sind auf 'ner Station geboren, Doktor, ich dagegen nicht. Ich stamme aus Glen
len am Arsch des Universums. Das ist ein kleines Kaff, das ungefähr zweihundertzwanzig Kilometer von Ankora ge entfernt liegt. Ich passe nicht in Arcturus' Verhältnisse. Meine Heimat ist der Freistaat Alaska. Hier ist alles ganz anders. Wissen Sie, hier gibt's kein Freies. Ich bin auf Jagd und Fischfang gegangen, während ich aufwuchs, und habe wirkliche Archäologie betrieben. Ihnen ist geläufig, daß die Inuit und Aleuten noch ihre traditionellen Werte in Ehren halten. Erst dadurch ist nämlich mein Interesse an der Anthropologie geweckt worden.« Chem lachte vor sich hin. »Mir war bewußt, daß Sie sich hier nicht wohlgefühlt haben, Dr. Pike.« Scheuen Blicks maß er Darwin. »Wenn ich auch offen sein darf, ich habe Sie für dies Projekt speziell wegen Ihrer kräftigen Konstitution ausgesucht.« »Nicht bloß die Tatsache, daß mir das Geld ausging?« Darwin kippte seinen Scotch und hielt das Glas Chem zum Nachfüllen hin. »An der Fakultät gibt's Leute«, ergänzte er halblaut, »die wären zum Morden bereit, um meine Stelle einnehmen zu können. Ich bin nämlich eben kein Roma nanerexperte.« Chem hob die Schultern. »Es wird gar kein Romana nerexperte gewünscht. Bella Vola und Marty Bruk sind noch auf Atlantis ... Ach, Entschuldigung, dort nennen sie den Planeten ganz einfach Welt.« Die romananische Aus sprache mißlang Chem. »Also guckt man einen durchschnittlichen Klasse-EinsAnthropologen aus, der im Umgang mit kulturellen Eigen tümlichkeiten bewandert und bei akzeptabler Gesundheit ist. Dürfen wir bitte mal Ihre Zähne sehen?« Darwin schöpfte tief Atem. »Wenn Sie mich schon irgendwo hin schicken mußten, warum nicht nach Hause? Vielleicht hätte ich's hingedreht, noch ein bißchen Geld aus dem Inuit-Kulturfond lockerzumachen. Außerdem vermisse ich das Jagen und Fischen. Ich hätte nie gedacht, ich würde einmal Sehnsucht nach dem Golf von Alaska verspüren,
wie er im Frühling ist ... Aber vermutlich liegt's bloß an erblichem Wahnsinn in meiner Familie.« Ungeduldig winkte Chem ab. »Hören Sie zu, Doktor. Ganz abgesehen von dem Umstand, daß Sie durch den unterzeichneten Vertrag mehr Forschungszeit erhalten, sollten Sie's als Gefälligkeit der Abteilung verstehen. Sie wissen, wie wertvoll die Romananer für uns sind. Wirk lich, die Forschungsbasis auf Welt bedeutet für uns eine wahre Goldgrube an täglichen Informationen. Aber Ihnen ist bestimmt auch klar, wie einflußreich Eisenauge und sein Verein politisch inzwischen sind. Seit sie auf Sirius dem Direktorat die Kartoffeln aus dem Feuer geholt ha ben, bekommen sie alles, was sie wollen. Diesmal möch ten sie einen Anthropologen zum Erforschen der Religion — also kriegen sie Sie.« »Und Ihr Etat wird um ein fettes Beraterbudget aufge stockt. Tina Alleeta ist die Religionsexpertin. Wieso ist sie nicht ...?« »Sie ist auch Stationsgebürtige. Sie hat so spargeldür re, schwache Knochen wie ich.« Chems wäßrig-blaue Augen spiegelten Belustigung. »Die Romananer haben jemanden angefordert, der ... Wie soll ich's ausdrücken? Eine Person, die etwas robuster und sportlicher ist, könn te man sagen. Ein Alaskaner müßte ihren Kriterien ent sprechen.« Verdrossen betrachtete Pike den älteren Kollegen. »Und ich habe diesen Scheißvertrag unterschrieben. Ach, was soll's, er gilt nur für 'n Jahr. Danach kann ich zurückkehren und meine Arbeit fertigstellen. Es wird mir 'ne Abwechslung sein: Endlich keine weißen Wände mehr.« Chem schmunzelte boshaft. »Wie ich die Romananer kenne, werden Sie über Langeweile nicht zu klagen haben.« -»Kommen Sie.« Chem leerte sein Glas Scotch und stand auf. »Ich begleite Sie zum Raumhafen.«
Darwin Pike wandte sich nicht um, als er per Handflä chendruck die Tür öffnete. »Weiß ist mir schlichtweg zuwider.« Sein Vater hatte in Glenlen in der Kontrollzentrale gearbeitet, die für eine permanente Adjustierung der gro ßen Orbitalspiegel sorgten, deren Zweck es war, die fort schreitende Vereisung einzudämmen. Die Erde ging einer neuen Eiszeit entgegen; schon am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts, als das Klima chaotisch zu werden begann und der Große Salzsee eine Tendenz zeigte, sich wieder in seine viel größere Urform, den Lake Bonneville, zu ver wandeln, hatte diese Aussicht sich abgezeichnet. Heute gewährleisteten Männer wie sein Vater die Beibehaltung eines, heiklen Mittelwegs beim Fokussieren der Sonnen strahlung in genau richtiger Intensität auf die Gletscher flächen. Seine Jugend hatte Darwin damit zugebracht, nach Artefakten zu buddeln, auf Pirsch auf Bär, Elch und Kari bu zu gehen und riesige Lachse zu angeln. Er hatte im Wald gelebt, war durchs Tundramoor geschlichen, hatte die Stechmücken verflucht, war mit seinen Inuit-Freunden behend zwischen den Fichten umhergetollt. Dieses Dasein hatte seinem Leben Erfüllung gegeben, ihm einen Schuß Barbarisches eingefleischt und ihm eine unstillbare Neu gier in bezug auf die Vergangenheit eingeimpft. Das Raumhafen-Areal der Universitäts-Station war, wie bei der Konstruktion von Weltraumhabitaten allgemein üblich, in Nullschwerkraft im Bereich der Zentralachse angelegt worden. Darwin Pike konnte von dort aus andere Elemente Arcturus' erkennen, das den gleichnamigen Stern umkreiste. Arcturus glich als größte Stadt der Gala xis einem Geflecht aus Silberdraht, das sich weiter durchs All erstreckte, als das bloße Auge sehen konnte. Ungefähr ließ der Anblick sich mit den Saturnringen vergleichen, nur bestanden die >Drähte< aus in schier endlosem Umkreis ineinander verflanschten Hohlröhren enormen
Durchmessers; sie umfaßten Ort und Umfang dieser unglaublichen Stadt. Arcturus verkörperte in der Galaxis Herz und Seele der Menschheit. Darwin nahm sich noch genug Zeit, um in einer Obser vationskuppel für eine Weile hinauszuschauen. Grelle Beleuchtung flutete die Docks mit Licht, ergab einen kras sen Kontrast zum Schwarz des Alls und den von der Riesen-sonne Arcturus geworfenen, rötlichen Schatten. An der Schleuse schwebte ein angedocktes Raumschiff, das auf den ersten Blick ein standardmäßiger FLF-Transporter zu sein schien; von der grauen, zernarbten Außenwand der Station verliefen Nabelschnüren vergleichbare Verbin dungen hinüber zum verwaschenen Weiß des Schiffs rumpfs. Rundum auf dem mit einem Gewirr von Anten nen gespickten Rumpf gruppierten sich, zum Teil ver deckt durch eine Transduktions-Trichterantenne, zahlrei che Kuppeln, wie sie FLF nicht hatten; außerdem war auf die Seitenwand des Schiffs ein gewaltiges Spinnenbild gemalt worden. Er wandte der schmuddeligen Backbordseite des Raum schiffs den Rücken zu und sah den Servorobot die Kisten in. die weite Schleusenöffnung tragen. Wartungstechniker eilten hin und her, mal straffte, mal fältelte sich das Grau ihrer Monturen, während sie tragbaren Kommu-Apparaten Notizen eintippten. Ein niedrigfrequentes Summen durch drang alles, und die kühle Luft roch scharf, ihr metalli sches Odeur hätte eine Duftnote ferner Weltraumtiefen sein können. Abseits tuschelte mit unterdrückten Stimmen Wachpersonal, dessen Blicke immer wieder mit merkli chem Unbehagen die wuchtige Schleuse streifte. Wegen der Biegung hinter dem Eingang konnte man vom Schiffs innern so gut wie nichts sehen, nur das abscheuliche Weiß der gewölbten Wände. »Tja, ich glaube, das wär's wohl.« Chem ergriff Pikes Hand. »Sollten Sie tatsächlich in Schlamassel geraten oder sich einfach absolut nicht zurechtfinden, rufen Sie mich
an.« Dieses Mal erregte die Sorge in Chems wäßrigen Augen einen ernstgemeinten Eindruck. »Danke, Doktor.« »Dr. Darwin Pike?« rief eine forsche Stimme. »Hier.« Darwin drehte sich um, trat mit einem leicht mulmigen Gefühl in die künstliche Schwerkraft der Schleuse. Der Mann, der seinen Namen gerufen hatte, nahm den Blick von einem Kommu-Bildschirm, schaute herüber. Er hatte einen dunklen Teint; sein Phänotypus hätte erlaubt, auf eine irdisch-nahöstliche Abstammung zu schlußfolgern. »Ich bin Hauptmann Mosche Raschid, Pilot des Raum schiffs Spinnes Favorit.« Der Hauptmann salutierte. »Im Namen, Kommandantin Andojars begrüße ich Sie an Bord. Wenn Sie mir bitte folgen würden.« Zu Darwins Mißfallen glänzte auch das Innere des Schiffs im ewigen, allgegenwärtigen Weiß der Raumfahrt. Allerdings hatte man auf die Schotts vielerlei Spinnenbil der in allen erdenklichen Variationen gekrakelt; die Wir kung war die gleiche, als hätte man einer Horde übermü tiger Kinder mit Filzstiften freie Hand gelassen. Darwin störte der Anblick nicht, er hatte bereits bei den Inuit gelebt. Spinnen verkörperten einen Bestandteil der Natur. Hauptmann Raschid führte ihn durch leere Korridore in eine kleine Kabine, die nicht mehr als sechs mal vier Meter maß. Darwins Kisten waren schon da und auf dem Fußboden festgeklampt worden. »Sind Sie Romananer?« Raschid schüttelte den Kopf. »Ich bin levantinischer Abkunft. Sie werden die echten Romananer erkennen, sobald Sie welche sehen. Alle haben sie einen Dolch am Gürtel. Und sie tragen ausnahmslos das Haar in Zöpfen. Ich verzichte lieber darauf, an Örtlichkeiten wie der Uni versität mit einem Messer rumzulaufen. Man kann allzu flott beim Psyching landen, ehe irgendwer merkt, wer man ist.«
»Weshalb einen Dolch?« fragte Pike, wünschte sich, er hätte der romananischen Ethnografie stärkere Beachtung geschenkt. »Zum Zeichen, daß man 'n Krieger ist«, erklärte Ra schid, bevor er ging. Wie sich herausstellte, stimmten seine Angaben. Nachdem das Raumschiff von der Universitäts-Station abgelegt hatte und zwecks Überwechseln in den Hyper flug beschleunigte, begegnete Darwin im Korridor zwei Männern, die sich lebhaft in einer ihm unverständlichen Sprache unterhielten. Als sie ihn sahen, maßen sie ihn mit neugierigen Blicken, nickten zurückhaltend und strebten vorüber. Ihre Lederkleidung hätte nach einer Beschreibung in einem Anthropologietext geschneidert worden sein können. Auf Brust und Ärmeln hatte man die Stücke sorgfältig mit farbenfrohen Mustern verziert. Jeder der beiden hatte auf dem Vorderteil der Bluse eine Spinnendarstellung. Die Fransenränder der Säume — anscheinend dienten Fransen gelegentlich, beobachtete Darwin, zum Löcherflicken — verursachten leises Geraschel, während die Männer mit leichtfüßigen, ela stischen Schritten den Korridor durchquerten. Auf den Rücken der Männer baumelten lange Zöpfe glänzend schwarzen Haars. Ihre Gesichter hatten kein grobes oder brutales Aussehen; die Romananer waren, befand Darwin, vielmehr ein durchaus attraktiver Menschen schlag. Nur die überlangen, schaurigen Messer an ihren Gürteln sowie der Schmuck aus verschiedenfarbigen Haarbüscheln — der eine Mann hatte solche Haare an seiner Bluse hängen — wirkten ausgesprochen barba risch. Nach seinem ersten Rundgang kehrte Darwin in die Kabine zurück und machte sich ans Auspacken. Weil danach bis zum Abendessen noch immer dreiStunden Zeit blieben, fragte er sich zum Sportsaal durch, wo er für seine Übungen die Gravitation auf 1,5
erhöhte. Beim Joggen und Gewichtheben bemerkte er das ebenfalls dort aktive Mädchen zunächst nicht. Sie befand sich hinter einer Trennwand im Fight mit einem Trainingsrobot. Pike sah sie, hielt inne, schaute ein zweites Mal hin. Dabei entfiel ihm beinahe das schwere Stemmgewicht. Sie vollführte buchstäblich einen Tanz, während sie auf den Robot einschlug, boxte und trat. Sah man von den Treffern ab, die der Robot erhielt, hätten ihre Bewegungsabläufe eine glanzvoll choreografierte Ballettdarbietung sein kön nen, eine solche Anmut, soviel Fließendes der Körperbe herrschung verriet ihr Schwung. Zudem war sie offen sichtlich Expertin im Nahkampf. Das schwarze Haar flog nur so um ihren Hinterkopf, während sie durch eine Pirou ette kreiselte und den Robot erneut auf die Matte warf. Darwin klappte den vor Staunen offenen Mund zu, zupfte„sein Sporthemd zurecht und ging hinüber, um zuzu schauen. Vielleicht hätte sie größer sein müssen, aber er war sich nicht sicher. Bei einem so vollkommen proportionierten wie ihrem Körper mochte eine derartige Erwartung auf einem Vorurteil beruhen. An ihrer geschmeidigen Erschei nung wellten sich die Muskeln, als sie sich duckte, ein Angriff des Robots sie verfehlte. Indem sie einen Satz in die Höhe tat, verpaßte sie dem Robot einen dermaßen fürchterlichen Hieb gegen den Hals, daß ein Mensch davon womöglich geköpft worden wäre, und sprang zurück, blieb jedoch für alle Fälle dar auf gefaßt, weitere Schläge zu führen. Darwin klatschte Beifall, und das Mädchen wirbelte kampfbereit zu ihm herum. In ihren schwarzen Augen glommen Funken feu rigen Temperaments, so daß aus ihnen eine Verwegen heit und Lebendigkeit leuchteten, die er als Verlockung empfand. »Ausgezeichnet«, rief Darwin fröhlich, bemerkte zum erstenmal, was für ein anziehendes Äußeres sie hatte.
Irgendwie prickelte es in seiner Brust, während er ver suchte, seinem Blick eine unverfängliche Richtung zu geben. Eine schwacher Anflug von Verlegenheit beein trächtigte seine Selbstsicherheit. Er wußte, wenn er den Blick senkte, fiele er sofort auf die herrlich festen Brü ste, die sich in aufregender Weise unter dem Schutzpan zer abhoben, den sie trug, oder den flachen, muskulösen Bauch zwischen den reizvollen Schwellungen ihrer Hüf ten. Nein, ihr in die Augen zu sehen, war wohl am harm losesten, solang er ihr nur in die Augen schaute, konnte sie ihn nicht totschlagen. Ihre Haltung lockerte sich ein wenig; sie betrachtete ihn. »Danke. Du verstehst dich auf Nahkampf?« »Ich ... äh ... nein.« Er lachte, wendete alle Mühe auf, um die Hemmung, die das plötzliche Eingeständnis bei ihm auslöste, zu überwinden. »So was wohl liegt mehr außerhalb meines Fachs. Aber ich meine ... Naja, Sie waren vorhin wirklich prachtvoll anzusehen. Ich ... Experten bewundere ich, wenn ich welchen begegne. Und Sie gehören dazu. Sie sind 'ne Expertin, will ich sagen.« Panik drohte ihm die Stim me abzuwürgen. Sie ist lediglich eine schöne Frau, du Töl pel! Bleib ganz ruhig! Sein Herzschlag mäßigte sich wieder in gewissem Umgang. »Du siehst ziemlich fit aus«, sagte sie, während sie ihn musterte. »Kann sein, du bist lernfähig. Ich nehme an, du bist Darwin Pike, der Anthropologe.« »Ja, der bin ich. Ist mir 'n Vergnügen ... ahm?« Er legte den Kopf etwas seitwärts, und sie lächelte leicht belustigt. »Susan.« »Ist mir ein Vergnügen, Susan«, sprach Darwin denSatz jetzt vollständig aus. »Was ich vorhin gesagt habe, war mein Ernst, Sie sind im Nahkampf sehr gut. Sind Sie schon lang in der Patrouille?« Sie lachte und schüttelte den Kopf. »Ich bin Romanane rin.« »Oh.« Verdutzt trat Darwin einen Schritt zurück. »Ich dachte, Romananerinnen flögen nicht ins All.« Doch da
entsann er sich an einen Bericht über eine Kriegerin, die sogar am Feldzug gegen die Sirianer teilgenommen hatte. »Die Verhältnisse ändern sich. Ich hätte gedacht, die Berichte, die Bella und Marty übermittelt haben, würden euch über die kulturellen Errungenschaften Welts alles erläutern.« Darwin blickte tief in ihre dunklen Augen, bis ihm war, als sollte er in ihnen versinken. »Ich muß gestehen, ich habe mich mit der romananischen Ethnografie nicht sonderlich beschäftigt. Es ist wohl höchste Zeit, daß ich's nachhole.« Ihre Augen zogen ihn in eine Art von Bann, sie verschleierten irgendein gehütetes Geheimnis, verbargen einen Schwachpunkt der Verletzlichkeit. »Ich war der Meinung, die gesamte Universität sei ganz fasziniert von uns Primitiven«, sagte sie herausfordernd mit einem ironischen Lächeln. »Mein Interesse gilt höheren Größenordnungen sozialer Interaktion. Ähm ... den Entwicklungen, die sich ergeben, wenn Menschen ihre Gesellschaft vollständig einer verän derten Umwelt anpassen müssen. Akkulturation, falls Sie mit den Termini des Jargons vertraut sind. Das bedeutet ...« »Ja, ist mir bekannt, Dr. Pike. Ich habe deinen Tätig keitsnachweis und deine Vita sehr genau gelesen.« Ihr Blick bezeugte jetzt Wachsamkeit. Darwin verheimlichte seine Überraschung nicht. »So?« Sie nickte, legte die Hände an die Hüften. »Wir sind ein argwöhnisches und vorsichtiges Volk, Doktor. Unsere erste Begegnung mit der Direktoratszivilisation endete fast mit unserem Untergang. Bis zur Eroberung des Plane ten haben wir auf Sirius fünfzig Prozent Verluste erlitten. Wir betreiben nichts halb, auch die militärische Aufklä rung nicht.« »Militärische ...« Darwin merkte, daß er sich mit ihr unterwegs zur Dusche befand. »Militärische Aufklärung?« wiederholte er, ärgerte sich über sich selbst, versuchte seine Stimme frei von Anklängen der Verwirrung zu hal
ten. Militärische Aufklärung? Was, zum Teufel, geht hier eigentlich vor? Zum Donnerwetter, Chem, in was haben Sie mich da hineingebracht? »Ich überlasse es Admiral Ree und John Smith Eisenau ge«, antwortete Susan lediglich, »sich mit diesen Angele genheiten zu befassen.« Darwin lächelte, dachte verzweifelt über eine Möglich keit nach, um die Initiative zurückzugewinnen. »Bitte berücksichtigen Sie, daß mir Ihre Bräuche nicht geläufig sind, daß es mir fern liegt, Sie irgendwie kränken zu wol len, aber hätten Sie was dagegen, irgendwo 'n Schluck mit mir zu trinken? Falls Sie einen Ehemann oder männlichen Freund haben, kann er sich ja zu uns gesellen. Dr. Chem hat mir einen hervorragenden Scotch mitgegeben, und ich würde gern aus unmittelbarer Erfahrung lernen, wie ich mich unter Romananern benehmen muß ...« Und heraus finden, wieso ich mich mit einem militärischer Aufklärung abgeben muß, ganz egal, wessen Aufklärung es ist! Susan zögerte einen Moment lang und überlegte, wäh rend Pike den Atem anhielt. Es war ganz schön riskant — soviel war ihm bewußt —, auf vordergründige Unwissen heit zu setzen. Ihr Ehemann, falls sie einen hatte, mochte ihn dafür möglicherweise abmurksen. »Ich bin in fünfzehn Minuten in deinem Quartier«, ent schied Susan. »Prächtig.« Darwin grinste, das Hochgefühl des Erfolgs brachte ihn zum Erröten. Er wußte zwar noch immer nicht, ob es in ihrem Leben einen Mann gab, doch es war schon lange her, seit er das letzte Mal eine so schöne, anziehen de Frau gesehen, und erst recht, daß er mit einer gespro chen hatte. Und zudem verlockte dieser zusätzliche Aspekt ihrer achtsam-präventiven Rätselhaftigkeit und Undurchschaubarkeit ihn um so mehr. Militärische Aufklärung ? Während sie duschte, dachte Darwin eingehender über sie nach, rekapitulierte im Geist noch einmal ihre Begeg nung, versuchte die Wirkung, die diese Person auf sein
Konzentrationsvermögen ausübte, zu neutralisieren. Bei ihr kaschierte eine seltsame Mischung von Keßheit und Ruppigkeit irgendeine tiefsitzende Anfälligkeit. Ihm fiel nichts ein, was hätte als Erklärung dienen können, inwie fern dieselbe Frau, die er vorhin einen Trainingsrobot mattsetzen gesehen hatte, irgendeinen Schutz brauchen sollte, doch hegte er den Verdacht, daß eine besondere Art eines bei ihr vorhandenen Schutzbedürfnis ihn unbewußt angesprochen haben mußte. Mit gerunzelter Stirn kehrte er durch die greulichen weißen Korridore zurück zu seiner Unterkunft. Also Susan hieß sie — und ihr Dunstkreis gab sich mit militäi scher Aufklärung ab. Kaum hatte er per Handdruck die Kabinentür geöffnet und war eingetreten, teilte ihm die Kommu mit, Kommandantin Andojar bäte ihn um sein Erscheinen zum Abendessen. Er gab durch, die Teilnahme werde ihm eine Freude sein, und packte den Scotch aus, legte den alten Blaster und das verwetzte Solinger Messer auf die Ablagefläche der Einbaukommode. Im Spiegel prüfte er sein Aussehen, schalt sich selbst sofort wegen seiner Eitelkeit, hängte einige seiner Jagd fotos an die Wandhaken. Er besah sich sein Lieblingsfo tos. In der Holo-Aufnahme stand er stolz, einen Fuß malerisch auf einem vom Blitz zersplitterten Baum stumpf gesetzt, neben einem aufs Durcheinander einer Prügelfalle zusammengebrochenen Alaska-Bären von drei fünfzig. Der Bogen und die Pfeile, die er so fest im Griff hielt, waren in sorgsamer Handarbeit mit den tradi tionellen Methoden angefertigt. Holz, Sehne und Leim waren Geist eingesungen, der Maserung der Waffe war Seele eingehaucht worden. An der anderen Seite des Bären sah man Jokut Iglulik, das breite lächelnde InuitGesicht, das gerade, weiße Zähne entblößte. Das Foto löste bei Darwin, während er in den schönen Erinnerun gen schwelgte, die das Bild weckte, ein Gefühl tiefer, starker Sehnsucht aus. »Besuch«, meldete der Kommu-Apparat.
»Herein.« Susan trat ein, als die dicke weiße Tür sich beiseite schob, und schaute umher, ihren flinken, schwarzen Au gen entging nichts. »So ganz bin ich noch nicht eingerichtet«, sagte Dar win; verdrossen spürte er, wie sein Herz sich wieder be merkbar machte. Er biß sich auf die Zunge, um sich bes ser beherrschen zu können. Herrje! Er und Nervosität! Allerdings war auch schon lange Zeit verstrichen, seit seine Frau ... Ein im Laufe der Jahre keineswegs schwä cher gewordener Schmerz quälte ihn von neuem. Unbekümmert hatte Susan das alte Solinger Messer zur Hand genommen und aus der PlaStahl-Scheide gezo-gen. »Ein sehr altes Stück«, konstatierte sie. »Du hältst es scharf. Woher ist es?« Darwin erzählte ihr die Geschichte, die er über seinen Urgroßvater wußte. »Sie sehen also« — er grinste und reichte ihr Scotch — »meine Vernarrtheit in die Anthro pologie ist ererbt.« »Du solltest es tragen.« Sie zeigte auf den langen Dolch, der an ihrem Gürtel hing, schenkte ihre Aufmerk samkeit den Hologrammen. »Solche Tiere habe ich noch nie gesehen. Ist ja interessant. Auch von der alten Erde?« »Das ist 'n Elch. Das ein Karibu. Und das hier ist 'n Rekordbär.« Eine Aufwallung des Stolzes durchströmte ihn.»Ich habe ihn mit einem Pfeil erlegt. Einem selbst geschnitzten Pfeil, der von Jokut Iglulik gesegnet war, und vor der Jagd hat er mich vier Tage lang in der Schwitzhüt te hocken lassen.« Achtsam hörte Susan zu, dann schüttelte sie den Kopf. »Aber er ist so klein.« »Klein?!«brauste Darwin auf. »Mein Gott, Frau! Er war drei Meter fünfzig groß. Ich hatte nicht mal zur Sicherheit 'n Blaster dabei. Jokut und ich mußte zwei Stunden auf 'm Baum warten, bis er starb.« Ihr Blick ruhte wieder auf ihm, maß Darwin, taxierte ihn. »Dann müssen sie für ihre Größe sehr wild sein. Auf
Welt haben wir auch Bären. Sie sind aber viel größer, haben zwei Schwänze und Saugteller, mit denen sie ihre Opfer packen. Ihr Maul ist voller Säure, in der sie ihre Beute auflösen. Bevor wir Blaster hatten, haben wir sie mit Kanonen oder Gewehren getötet.« Darwin spürte, wie bei ihm Trotz aufkam. Das Erlegen des Bärs war die größte Einzelleistung seines Lebens gewesen. Es bedeutete ihm mehr als sein Doktortitel. Wie ein Besessener hatte er dem Bären auf die eine oder ande re Weise Jahre hindurch nachgejagt. Sobald die Reihe an ihm gewesen war, sich nach den Inuit-Gesetzen einer Bewährungsprobe zu unterziehen, hatte er sich vollauf in Bereitschaft befunden. Er und Jokut hatten zu den alten Inuit-Göttern gebetet, zum Raben und dem Großen Rie sen. Eigenhändig hatten sie die Waffen gefertigt, ausgiebig in der Schwitzhütte gesessen, sämtliche Riten ausgeführt, die Seele des Bären beschworen. Allein, nur mit ihrem Scharfsinn und den primitiven Waffen ausgerüstet, waren sie durch die Wildnis gewandert, durchs Tundramoor gestapft, durch Wermutgestrüppe gestolpert, hatten sie sich durch Weidendickichte geschlagen, durch Beeren sträucher gezwängt. Und sie hatten den Bären aufgespürt. Eine weitere Woche der Pirsch — und des Belauertwer dens — verstrich noch, ehe Darwin die Gelegenheit zum Schuß erhielt, dem Bären einen Pfeil in die Flanke sausen ließ. An dem Tag hatte ausschließlich Jokuts Mut Darwin das Leben gerettet. Jokut, der tapfere Jokut, hatte den Bären abgelenkt — ihn wahrhaftig aus der Deckung einer wackelig-morschen Blaufichte auf den Rücken gedro schen —, die Wut des Tiers auf sich gezogen, während Pike aus der Reichweite der Pranken kletterte. Susan lächelte, als sie in einem Sessel Platz nahm, und Darwin merkte, wie er innerlich abkühlte. Sie hatte ihn bewußt, mit voller Absicht, so gereizt und herabgesetzt. Zum Teufel mit dieser Frau, wenn sie derartig ihre angeb liche Überlegenheit herauskehrte! Er kaute auf seiner Unterlippe; jetzt wäre es ihm lieber gewesen, sie ginge.
»Du solltest das Messer wirklich tragen«, wiederholte Susan unbefangen, als wäre nichts geschehen. »Bei unse rem Volk gilt das Tragen eines Messers als normal, anders als bei euch. Dulde nicht, daß die Männer dich wegen der Kürze hänseln.« Er befestigte das Survival-Messer an seinem Gürtel, bemühte sich insgeheim um Mäßigung seiner Mißge stimmtheit; das vertraute Gewicht der Waffe bereitete ihm eine gewisse Befriedigung. Mit dieser Klinge hatte er so manche Beute gehäutet. Im Lager ebenso wie auf der Jagd war das Messer sein bevorzugtes, wichtigstes Werkzeug gewesen. »Außerdem möchte ich vorschlagen, daß du soviel Ro mananisch wie möglich lernst. Es wird ein echter Gewinn für dich sein. An unsere Mannschaft und die Krieger ist Weisung ergangen, dich in jeder Hinsicht ungestört zu lassen. Man weiß darüber Bescheid, daß du ein Fremder bist und unsere Bräuche nicht kennst.« Sie hakte die Fin ger ineinander, musterte ihn unverwandt. »Sie wissen ja 'ne Menge.« »Ich komme zurecht.« Bei den Göttern! schimpfte er in Gedanken. War sie etwa aus Eis? Fehlte ihr völlig der allgemeine Anstand, dessen sich die übrige Menschheit befleißigte? Fast hatte es den Anschein, als triebe sie mit ihm ein Spiel. »Eigentlich wollte ich nachher die Kommandantin fra gen, aber können Sie mir vielleicht sagen, wann wir auf Welt eintreffen werden?« »In fünf Wochen Flugzeit.« Sie zögerte nicht im gering sten mit der Antwort, doch ließ sich in ihren Augen eine sonderbare Erheiterung erkennen. »Das müßte für einen Mann mit deinen Fähigkeiten genug sein, um sich alle erforderlichen Hintergrundinformationen anzueignen.« Seine Reaktion auf ihre äußere Schönheit milderte ein wenig seine Verbiesterung. Doch diese Erkenntnis stei gerte ihn erst recht in einen Zustand nahezu fiebriger Empörung hinein. Verfluchte männliche Geschlechtsdrü
sen! Konnte er sich denn gegen sie nicht im mindesten behaupten? »Sie haben vorhin über militärische Aufklärung ge sprochen. Dr. Chem hat nichts dergleichen erwähnt. Ich finde das in der Tat hochgradig abwegig. Ich bin Anthro pologe, kein General. Für Geheimagentenspielchen bin ich nicht zu haben. Schließlich bin ich Gesellschaftswis senschaftler. Vielleicht ist es besser, ich rufe Kommandan tin Andojar an und verlange, daß noch einmal über meine Verwendung Rücksprache mit der Universität genommen wird. Immerhin habe ich dort noch ernstzunehmende For schungsaufgaben, mit denen ich mich genausogut befas sen könnte,« Seine Stimme klang unfreundlich. Es moch te sein, ihm war jetzt alles gleich. Susan überlegte, bevor sie antwortete. »Weißt du, Dok tor, du lebst in einer äußerst verwöhnten Gesellschaft. Ihr habt seit sehr langem nicht mehr um euren Fortbestand zu ringen gehabt. Ihr erwartet vom Leben höchst verstiegene Bequemlichkeiten. Wir dagegen haben unseren Existenz bedingungen, im Kampf gegen die Bären und gegeneinan der, im Zwist um beschränkte Ressourcen, ein karges Dasein abtrotzen müssen. Wir können uns keinen Luxus leisten, nicht einmal den, dich an deine kostbaren For schungsarbeiten zurückzuschicken.« »Ich bin mir nicht sicher, ob Sie verstehen, was ich ...« »Wir benötigen dich, Doktor. Ein Großteil der Mensch heit benötigt dich. Mir liegen nicht alle Informationen vor, aber ich kann dir versichern, daß Admiral Ree, Eisenauge und die Propheten sich den Kopf über Optionen zerbro chen haben. Du bist eine davon. Eine andere ist die Unter werfung der Menschheit durch uns Romananer.« »Ich ... Unterwerfung?!« Ungläubig wiederholte Dar win das Wort. »Sie müssen ja wohl verrückt sein. Die Pa trouille würde ...« »Die Patrouille würde überhaupt nichts. Sie ist nicht ein mal mit kriegsunerfahrenen Sirianern fertiggeworden. Im Ernst, wie sollte sie uns romananische Wölfe aufhalten?«
»Mein Gott, Sie reden von einem ganzen ...« Susan winkte ab. »Es ist sowieso nur Spekulation. We sentlich ist, die Propheten sehen für uns eine schwere Gefahr voraus, falls nicht gewisse Cusps zu unseren Gun sten entschieden werden. Da solche Entscheidungen den freien Willen miteinschließen, wissen wir nicht, wie alles enden wird. Deshalb verlegen wir uns auf Optionen, die auf die eine oder andere Art und Weise womöglich unse ren Erfolg garantieren. Darum bist du jetzt hier.« Sie fal tete die Hände, neigte den Kopf etwas zur Seite und war tete. »Kommunikation? Ich möchte Kommandantin Andojar sprechen.« »Die Kommandantin ist bis zum Abendessen unab kömmlich, Doktor«, lautete die Antwort. »Wer kann außer ihr Gespräche mit der UniversitätsStation genehmigen?« »Hauptmann Raschid, allerdings nur mit Einwilligung der Kommandantin.« Darwins Zorn wuchs. »Scheißbürokratie!« »Betracht's als Bewährungsprobe«, empfahl Susan; ihre dunklen Augen glichen Tümpeln, in die Darwin, wie es ihm schien, zu versinken drohte. »Möglich ist, du sollst dahingehend geprüft werden, wieviel man dir zumuten kann, bis du zusammenbrichst, Doktor. Nur sehr wenige Menschen werden jemals wirklich auf die Probe gestellt.« Ihr Blick wurde härter. »Hast du je dem Tod ins Auge geschaut, Dr. Pike?« Erneut fühlte Darwin sich überrumpelt, seine Emotio nen verstrickten sich zu einem Wirrwarr aus Erbostheit, Ratlosigkeit und Erbitterung — und dennoch behielt die ses verwünschte Weibsbild eine unbestreitbare Anzie hungskraft auf seine Männlichkeit bei. Verflixt noch mal, wie hätte sich Jokut über ihn lustig gemacht. Er lachte, trank vom Scotch — er hatte das Glas in seiner Hand zeit weilig vergessen — und schwang sich in die kleine Koje. »Ja. Mehr als einmal. Ich habe mich in Alaska verirrt.
Ich habe verwundete Bären ins Gehölz verfolgt. Vor dem Hungertod habe ich gestanden ... Dem Erfrieren entgegen gesehen.« »Du bist anders, als wir uns dich vorgestellt haben«, bekannte Susan versonnen. »Es kann dir an der Universi tät eigentlich doch gar nicht gefallen haben.« Offenbar empfand sie jetzt ehrliche Neugier, wollte ihn aushorchen. »Ja, man hat mich nicht so recht verstanden.« Er füllte sich nochmals Scotch ins Glas, schenkte auch Susan nach. »Ich bin als herzloses Ungeheuer abgestempelt worden, weil ich früher selber getötet habe, was ich aß. Es war unmöglich, irgendwem das Band zwischen Jäger und Gejagtem begreiflich zu machen. Niemand konnte nach vollziehen, wie die Achtung vor einem Tier wächst, dessen Fährte man tagelang nachspürt, dessen Gewohnheiten man auskundschaftet. Den Leuten fehlte jeder Bezugs punkt, um zu kapieren, wie die eigene Seele weint, wenn man sich die Verantwortung fürs Töten eines anderen Geschöpfs aufbürdet. Genausowenig konnten sie an der Uni die Natur der Inuit durchschauen. Vorlesung um Vor lesung habe ich veranstaltet, über den Raben, Schwitzhüt ten und Heiltänze geredet, und alles, was denen dazu ein fiel, war Geschwafel über Integration in Gemeinschaften, Schamanismus und kulturelle Innovation, lauter Zeug, mit dem sie am Kern der Inuit-Wirklichkeit vorbeiquatsch ten.« Düsteren Blicks stierte er in die bernsteingelbe Flüs sigkeit in seinem Glas. »Und jetzt beschwerst du dich, weil du den Eindruck hast, von Jägern entführt zu werden?« Susans schöne Lip pen verzogen sich zu einem halbherzigen Lächeln. »Vielleicht liegt's am Raben«, meinte Darwin gedämpft, dachte an den Inuit-Geist. »Vielleicht an Spinne.« Langsam wich die beiderseitige Feindseligkeit. Sämtli che gegensätzlichen Gefühlsregungen Darwins hatten sich zu einem Knäuel ohne erkennbaren Sinn verheddert, das
sich leichter ignorieren als deuten ließ. Und Susan? Eine völlig andere Facette ihrer Persönlichkeit war enthüllt worden. Für einen längeren Moment saßen sie beide nur stumm da, jeder hing seinen Gedanken nach. Während er Susan verstohlen musterte, begann der Schatten eines anhaltenden Grams ihre Miene zu verdunkeln. Wie durch einen Akt der Zauberei legte sich wieder der Schleier der Ausdruckslosigkeit über ihr Gesicht. Welches Leid ver barg sie so gut hinter ihrer Fassade der Kompetenz? »Ich muß nun gehen«, sagte sie leise, als wäre sie der Beobachtung durch ihn gewahr geworden. Sie setzte er neut das unterkühlte, eingeübte Lächeln auf. »Ich hoffe, das Abendessen wird dir schmecken. Soviel ich weiß, hat Kommandantin Andojar wundervolle Mahlzeiten zu bie ten.« »Sie nehmen nicht teil?« Ihr Lächeln verschleierte Geheimnisse. »Oh, wir wer den uns bestimmt noch sehen.« Fügsam stand Pike auf, fragte sich, was er zu dieser so verwirrenden Frau sagen oder mit ihr anfangen sollte. Ein Teil seines Gemütslebens hätte zu gern eine neue Verabre dung mit ihr getroffen, während ein anderer Teil ener gisch >Nein< rief, sie am liebsten mental ans fernste Ende des Universums teleportiert hätte. Waren Geheimagen tinnen immer so? Es gruselte ihn. Was für ein gräßliches Leben das sein mußte. »Das bezweifle ich ernsthaft.« Er lächelte herzlich, ver suchte insgeheim, seine konfusen Gedanken zu beruhi gen. »Ich will heute abend meine Situation mit der Kom mandantin diskutieren. Sicherlich wird sie mir ihr Einver ständnis dafür geben, meine Tätigkeit bei Ihrem Volk ab zusagen.« Wenn Susan lächelte, überfiel Darwin ein Empfinden, als müßte ihm das Herz schmelzen. »Anscheinend bist du dir darin sehr sicher, Doktor. Möchtest du vielleicht eine kleine Wette mit mir abschließen?« Eine kleine? »Klar.«
»Meinen Kriegsdolch gegen dein ... Wie nennst du's? Dein >Bären<-Holo?« Keck neigte sie den Kopf seitwärts, in ihren Augen funkelte Spott. »Vielleicht lieber gegen 'n paar Kredits. Die Aufnahme mit dem Bär ...« Susans Miene wurde wieder abweisend. Obwohl ihm die Abmachung nicht paßte, nickte Darwin. »Also schön, Susan. Ich wette mein Bärenbild, auch wenn ich nicht weiß, was ich an der Universität mit Ihrem Mes ser machen soll. Kann sein, es gibt 'n Ausstellungsstück in 'ner Vitrine ab.« Er grinste gemein. »Ihre Kommandantin legt bestimmt keinen Wert auf einen unwilligen Passa gier.« »Wir werden's sehen. Wie gesagt, Doktor, wir können nicht jederzeit Herr unseres Schicksals sein.« Ihr Lächeln fiel eindeutig siegesgewiß aus. Auf dem Absatz eines formvollendeten Beins machte sie kehrt und legte den Handteller in den Scanner der Kabinentür. Ehe Darwin etwas antworten konnte, schloß die Tür sich mit ge dämpftem Fauchen hinter dem Wirbeln von Susans glänzend-nachtschwarzem Haar. Wortlos stand Darwin Pike da, starrte die weiße Fläche der Tür an, die Susans Engelsgestalt seinem Blick entzo gen hatte. Nun gut, sie war eine Schönheit. Na und? Wie so verstörte sie derartig seine Seele? Er schüttelte den Kopf und fuhr fort auszupacken, überlegte sich während dessen, welche Argumente er Kommandantin Andojar vortragen sollte. Sobald er fertig war, nahm er aus einer Schublade Volas Die Romananer: Eine Studie in Kultur kontakt und begann darin zu blättern. *
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Von irgendeinem Abschnitt an nahm Volas Essay ihn vollkommen in Beschlag. Fast hätte er die Durchsage be züglich des Abendessens überhört. Pike pfiff vor sich hin, indem er sich einen Niedergang hinunterschwang, sich
des Solinger Survival-Messers an seinem Gürtel wohlbe
»Satan!« heulte die Menschenmasse im Chor. »Jawohl!« zeterte Ngen, schwang eine Faust überm Kopf. »Satan der Verfemte hat einen mit dem anderen ver feindet und die Stimme Deus' geschwächt! An wen, frage ich euch, glauben die Juden?« »An Jawe den göttlichen Vater!« »An wen glauben die Christen?« »Gottvater!« »Und an wen glauben die Moslems?« rief Ngen. »An Allah den Einzigen!« »Wer ist Jawe?« tönte Ngen. »Wer ist Gott? Wer ist Allah?« »DEUS! DEUS! DEUS!« Die Lautstärke des Radaus schwoll an, bis sie einen Pegel erreichte, an dem er von Erde, Bauwerken und Himmel gleichermaßen widerzuhallen/alles ins Beben zu bringen schien. Wieder reckte Ngen die Hände in die Höhe. »Meine Brüder, ich drücke euch alle, ob Jude, Christ oder Moslem, an meine Brust. Eßt mit mir! Trinkt mit mir! Fühlt mein Fleisch! Seht meinen Körper! Ich bin wie ihr.« Die Menge krakeelte so enthusiastisch ihre Zustim mung heraus, daß es wie ein Erdbeben klang. »Aber Deus hat sich mir offenbart! Deus kann jedem von euch erscheinen.« In fanatischer Exaltiertheit grölten die Scharen, die in trägem Gewühl den Platz füllten, sich umherschoben und -drängten, ihre Augen leicht glasig, während sie an Ngens Lippen hingen, jedes seiner Worte aufleckten. »Satan geht um, meine Brüder! Er mästet sich an den Seelen unserer Freunde und Familien. Wir sind der Leib Deus' — sie sind der Leib Satans geworden. Satans Wohn sitz ist das Direktorat. Satan und der falsche Spinnengott sind eins! Satan lebt durch seine Lügen — aber bei wem findet ihr, finde ich Wahrheit?« »DEUS! DEUS! DEUS!« Der Anprall der Schallwel len, die bei dem Allotria entstanden, drohte Ngen vom Dach zu schleudern.
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ARCTURUS, DIREKTORATSSITZ
Ein einzelner Faktor genügte, um den Teil von Skor Robin sons Gehirn, der sich mit der Überwachung der Situation auf Basar beschäftigte, in Panik zu stürzen. Ein Holo des Messias war übermittelt worden. Das kalte Flattern strapazierter Nerven machte ihm ein klares Denken unmöglich, hinderte ihn daran, sich den mul tifaktorellen Problemen der Menschheit zu widmen. Obwohl die wegen des Strahlenunfalls auf Iljitschs Planet dringend nötigen Dekontaminationsmaßnahmen seine sofortige Aufmerksamkeit verlangten, würden die Men schen dort nun warten müssen. Robinson atmete gründlich ein und ließ den Atem stoßartig entweichen, starrte ins scheinbar grenzenlose Blau des Kontrollraums. Die Farbe war von den Psycho technikern auf der Grundlage einer tiefenpsychologi schen Analyse bestimmt worden. Blau korrespondierte mit den Tiefen seines Unterbewußtseins. Der Glanz end losen Blaus befriedigte ein seiner Psyche verbliebenes menschliches Bedürfnis, das nicht einmal die Gentechni ker hatten ausmerzen können. Es bildete einen sicheren Gebärmutterersatz, in dem er für immer schweben mußte, weil sein Körper keiner Schwerkraftbelastung standhal ten konnte. Das Gewicht seines übergroßen Schädels müßte ihm den spindeldürren Hals brechen. Sein Herz könnte die Belastung nicht verkraften. Skor Robinson sollte, während die Monitore und die ihnen angeschlosse nen Anlagen das Blut kühlten, das sein fabelhaftes Gehirn speiste, in alle absehbare Ewigkeit in seiner blau en Realität leben. Doch niemand hatte die Auswirkungen von Furcht vor hergesehen — und ebensowenig die Folgen des Kontakts mit dem Propheten Chester Armijo Garcia. Robinson er innerte sich an seine anfänglichen Kontroversen mit Che
ster. »Man nennt uns Monster, Wasserköpfe, Scheusale. Di rektoren sind nicht menschlich. Wir können uns so etwas nicht leisten. Wir tragen für zuviel die Verantwortung. Nor males Menschsein dürfen wir uns nicht erlauben, Prophet. Es ist einfach ausgeschlossen. Das zu deinen Vorstellungen von Seele ... Wir sind Verurteilte, Verdammte.« In den letzten Jahren hatte er die törichten Verhaltens weisen gewöhnlicher Menschen zu durchschauen gelernt. Sie verfolgten Zwecke, diffuse atavistische Emotionen trie ben sie an. Sie hatten keinen geschützten blauen Ge-bärmutterersatz, um darin ihre Existenz zu verbringen. Skor Robinson sichtete die eingegangene Information noch einmal. Es gab keinen Zweifel. Das Identifikations ressort der Sicherheitsabteilung hatte das schemenhafte Holo-Bild des basarischen Messias mittels eines Fraktal programms vervollständigt: Er war Ngen Van Chow. Robinson zwinkerte, besann sich auf seinen Verstand. »Jetzt haben wir ihn. Wenn ich das gebotene Handeln rich tig koordiniere, merkt er nicht, daß wir gegen ihn einen Schlag vorbereiten.« Er griff auf den Giga-Verbund zu und stellte die gegen wärtige Position der Gregorius fest. Anschließend schickte er Oberst Ben Mason einen neuen Befehl und änderte die Patrouillenroute der Gregorius. Die Telemetrie verwies im Orbit Basars auf keine sonstigen Raumschiffe. Assistenz-Direktoren? Robinsons Kollegen meldeten sich, und er leitete ihnen stückweise Informationen zu. »Ich muß langsam vorgehen ... Daß einer von ihnen ei nen Schock erleidet, können wir uns nicht gestatten. Ver flucht, weshalb hat man uns nicht gelehrt, mit Emotionen zurechtzukommen? Warum hat man unser Dasein der maßen steril konzipiert?« Ngen Van Chow? fragte An Roque, zog von sich aus die zutreffende Schlußfolgerung. Skor Robinson hatte ihm das fraktalisierte Hologramm übermittelt. Ich schlage vor, Basar umgehend zur Verbotenen Zone
DEUS-VERWALTUNGSGEBÄUDE, BASAR
»Ist Ihnen eigentlich klar, wie schutzlos wir sind?« »Allerdings. Ich find's besorgniserregend, in so einem Loch festzusitzen. Und daß das Direktorat Basar zur Ver botenen Zone ausgerufen hat, beunruhigt mich noch erheblich mehr. Man ist ...« »Was mich nervös macht, ist die Tatsache, daß man so lange gebraucht hat, bis gehandelt wurde, Pallas.« Ngen Van Chow kaute auf der Unterlippe, eine Angewohnheit, die bei Nervosität besonders kraß auftrat. »Hätten sieüber haupt nichts unternommen ...« »Einen Planeten zur Verbotenen Zone zu erklären, ist eine ernste Maßnahme, Ngen. Das wissen Sie doch selbst. Als zweiter Schritt erfolgt immer das Erscheinen der Patrouille. Denken Sie an die vielen Male, daß ...« »Genau!« Van Chow drosch eine Faust in die andere Hand. »Überlegen Sie mal, Pallas. Wir haben Propagan dasendungen ausgestrahlt. Auf anderen Planeten sind Deus-Kulte entstanden. Unsere Agenten bereiten auf Ar peggio für uns den Boden. Es gibt zwei mögliche Gründe für die späte Reaktion des Direktorats. Entweder ist die Gesamtsituation schlimmer, als 's uns bekannt ist, und man ist mit Problemen überlastet, oder sie wissen mehr, als wir annehmen, und stellt uns eine Falle.« Gemächlich schlenderten Van Chow und Pallas durch einen langen, gewölbten Flur im Haupttrakt des Verwal tungsbaus, des ehemaligen Sitzes der macht- und einfluß losen Behörde, die früher auf Basar die Direktoratsregie rung repräsentiert hatte. Jetzt raschelte es in den weiß getünchten Korridoren vom Dahineilen der in Kutten, Jar mulken oder Keffijehs gekleideten Padri. Manche ver beugten sich und berührten die Stirn. Andere strebten hoh len Blicks achtlos vorüber. Unter den Füßen knirschte Sand, und Ngen verzog das Gesicht zu einer Grimasse des Abscheus, als er einen Feuchtigkeitsfleck sah, wo jemand an die Wand gepißt hatte.
Es schauderte Pallas. »Ngen, ich habe Ihnen vertraut. Ich habe 'ne Menge für sie getan, aber ich bin überhaupt nicht wild drauf, mich mit der ...« »Scht, keine Panik«, versuchte Ngen, ein zerstreutes Lächeln auf den Lippen, ihn zu beschwichtigen. »Trotz der Blockade schicken sie die regulären FLF-Transporter und wollen die Textilrohstoffe zur Orbitalstation geshuttelt haben. Kann sein, wir sind der Planung 'n bißchen voraus, aber gewisse Risiken muß man eben hinnehmen ... Und um ehrlich zu sein, es erstaunt mich, daß wir überhaupt soviel erreichen konnten.« »Die Techniker machen auch Fortschritte. Seit die go nianischen Experten sich im Einsatz befinden, sind be achtliche Durchbrüche erzielt worden. Wäre nicht die ganze Logistik so schwierig, die Beschaffung technisch hochwertiger Kommunikationsgeräte ... Aber das wissen Sie ja alles selbst. In einer Sandgrube ist die Fabrikation feinelektronischer Anlagen keine leichte Aufgabe.« Pal las faltete die Hände auf dem Rücken. »Trotzdem haben sie bei der Erstellung des vereinheitlichten Psychingfelds bemerkenswertes Vorwärtskommen bewiesen. So ganz verstehe ich's nicht, es hängt wohl mit zytosklettalen Pro teinen in den Gehirnneuronen zusammen. Mit der Mikro anatomie des Hirns kenne ich mich nicht sonderlich aus, aber anscheinend haben sie ein großes Feld zustandebrin gen können, das ein mikrotubulares Protein beeinflußt, MAP nennen sie's. Zur Zeit sind sie dabei, es weiterzu entwickeln.« »Und wie bald wird's nach ihrer Ansicht anwendungs bereit sein?« Pallas sah Ngen skeptisch an. »Vielleicht bloß noch wenige Tage, falls sie den erforderlichen Hyperkonduktor kriegen.« »Holen Sie ihn aus dem alten Konsulatsgebäude des Direktorats.« »Hm ... Tja, leider hat die Sache auch einen Nachteil.
Allem Anschein nach bezahlt man, was man an Feldgrö ße gewinnt, durch verringerte Feineinwirkung aufs Gehirn.« Aus den Augenwinkeln warf Ngen ihm einen Blick zu. »Ist das ein Problem?« Pallas befeuchtete mit der Zunge die fleischigen Lip pen, bei jeder Handbewegung schillerte an seinen protzig beringten Fingern ein Lichterschauspiel. »Naja, bei Ver wendung eines so ausgedehnten Felds kann man das Ge hirn nur auf eine ziemlich grob-allgemeine Weise über lagern, so daß der größte Teil, vor allem die Vorderlap pen, gewissermaßen abgeschaltet werden. Ihre Anhänger ... Ahm ... Sie ... Sie werden, könnte man sagen, wie Roboter.« Ngen nickte, schlenderte weiter durch den langen Kor ridor. Allgegenwärtig erfüllte ein Geruch nach Staub und ionisierter Luft das Haus. Hier erfolgte keine Filterung der Atmosphäre. »Es liegt gar nicht in unserem Interesse, alter Freund, innovative Individuen hervorzubringen. Dieses fal sche Ziel hat mir auf Sirius vorgeschwebt. Diesmal will ich nichts als Gehorsam. Ich nehme an, daran wird es nicht feh len?« Man merkte Pallas' Gestik Unbehagen an, das Wat scheln fiel ihm inzwischen schwerer, auf seiner blassen Stirn glitzerten winzige Schweißperlen. »Den werden Sie bekom men, Ngen. Wenigstens von den Massen.« Er wirkte mißmu tig. »Und wie steht's mit Tiara, mein Freund? Gefallen Ihnen die Veredelungen, die ich vorgenommen habe?« Der Anflug des Unbehagens wich aus Pallas' Miene und wurde von einem befriedigten Lächeln verdrängt. »Ja, wirk lich sehr. Sie ist in leidenschaftlichster Höchstform, genau wie in unserer Anfangszeit. Wäre sie bloß nicht ... Ich meine, mir war vorher einiges nicht klar. Über die Macht des Psy chens, wissen Sie. Tiara ... Tja, sie treibt mich beinahe zur Erschöpfung. Nein, sogar darüber hinaus. Sie ist unersätt lich, verstehen Sie?«
8
KRANKOWGRAD, MYSTERIUM; DIREKTORATS-ADMINISTRATIONSGEBÄUDE
Das Büro umfaßte einen rechteckigen, zwanzig mal drei ßig Meter großen Raum; an jeder Graphitwand hingen Kommu-Terminals, in denen aktuelle Informationen über die mysterianische Industrie zusammenliefen und deren Bildschirme fortlaufend Zahlen und Daten der kommer ziellen Vorgänge darstellten. Assistenz-Supervisoren saßen an ihren Apparaten, koordinierten den wirtschaft lichen Bedarf des gesamten Planeten. Dong Jenkins Cheng lächelte kurz, als er eintrat, nickte allen zu, die den Blick hoben. Neben der Tür zu seinem Zimmer an der anderen Seite wartete, das graue Haar nach hinten gekämmt, einen ernsten Ausdruck im spitzigen Gesicht, Louise Andropowitsch. »Guten Morgen, Louise. Gibt's ein Problem?« Er legte den Kopf etwas seitwärts, lauschte aufs Rumoren seines leicht gereizten Magens. Zuviel Fett im Essen. Bei gebackenem Tintenfisch ließen sich solche Folgen kaum vermeiden. »Kann mal wohl sagen.« »Na, dann will ich mal meinen Grips zusammenneh men, dann werden wir es lösen. Ist deine Tochter gestern abend eingetroffen?« »Ja.« Louise folgte ihm in sein Bürozimmer, sah zu, wie er zum Getränkespender ging und einen Becher Tee orderte. Mit dem Becher durchquerte er das Zimmer, griff sich sein Kontaktron, setzte es auf, öffnete die Blende des ein zigen Fensters. »Clarise geht's doch gut?« Louise errötete ein wenig, senkte den Blick. »Sogar besser. Weißt du, wir können dir gar nicht genug danken.
Pike hatte beim Hinausgehen das Empfinden, Eisenau ges Blick müßte ihm Löcher in den Rücken brennen. In seiner Magengrube kam ein mulmiges Gefühl der Sterb lichkeit auf. Während ein Patrouillensoldat Pike an Bord der Pro jektil zu seiner neuen Kabine geleitete, versuchte er alles in die richtige Perspektive zu rücken — und erkannte, die Sache war rundum völlig verrückt. Noch nie hatte irgend wer, von einem vagabundierenden Anthropologen ver langt, mal kurzerhand eine gesamte religiöse Bewegung zu neutralisieren — und schon gar keine galaktischen Maßstabs! Der ganze Klüngel hatte nicht alle Tassen im Schrank. Kein Wunder, daß Susan leicht verdreht wirkte. Seine Kiste und die übrigen Container waren mittlerweile herüberbefördert worden. Diese Kabine, so zeigte sich, war größer, und sie hatte einen regulären KommuAnschluß. Darwin Pike dankte dem Soldaten und warf sich, ohne sich an dem muffigen Schweißgeruch zu stören, der ihm noch anhaftete, aufs Bett.
»Bürger Arpeggios, wie ich weiß, sind Sie von unserer Ankunft über Ihrem Planeten informiert worden. Das Direktorat hat Sie völlig grundlos vor uns zu erschrecken versucht. Ich bin nicht als Ihr Feind da, sondern als Freund. Daß ich in einem Patrouillenschlachtschiff fliege, ist lediglich ein weiteres Zeichen meiner Macht. Sie sind so lange belogen worden, daß die Wahrheit in Ihren Ohren sonderbar klingen muß. Ein neues Leben bricht für die Menschheit an, wenn sie den Weg Deus' und seiner Padri wählt. Ich bin gekommen, um bei Ihnen Tempel und Lehr einrichtungen zu gründen. Durch die allen hörbare Stimme Gottes werden wir einander näher sein, wahre Brüder und Schwestern einer wundervollen neuen Zukunft. Man hat die Menschheit unterdrückt, sie auf Planeten und in Welt raumstationen buchstäblich festge-setzt und eingesperrt. Was Sie lesen, was Sie sehen, was Sie tun, wie Sie denken, all das wird vom Direktorat kontrolliert, den wasserköpfi gen Ungeheuern, die nie Mangel leiden, deren Bedürfnisse alle erfüllt werden. Was wissen diese Monster denn von Ihnen? Wie könnten diese verwöhnten, egoistischen Ungetüme die Sehnsucht verstehen, die in jedem von Ihnen wohnt? Wie sollten sie Ihr Verlangen begreifen, Ihr Hoffen, das einem besseren Dasein gilt? Nur Deus ver steht, Deus allein sieht! Bewohner Arpeggios, bedenken Sie meine Worte! Gestatten Sie mir, einen Tempel zu bauen, Deus' Offenbarung auch bei Ihnen zu predigen! Ich komme, um Ihnen die Freiheit wiederzugeben, den Ruhm zu erneuern, in dem Arpeggio in längst vergangenen, glor reichen Zeiten geglänzt hat! Erblicken Sie einen Beweis meiner Wahrhaftigkeit darin, daß ich Bewerbungen tüchti ger junger Männer und Frauen für den Dienst in meiner Flotte entgegennehme. Sie müssen keine religiösen Bekenntnisse ablegen. Sie brauchen nur die Bereitschaft mitzubringen, für anständigen Sold etwas zu leisten. Sie brauchen nur den Wunsch zu verspüren, über den fernsten Stern hinauszuschauen, den Willen zu haben, ihre Fami lien zu ernähren und Kredits auf ihren Konten anzuhäufen.
Schicken Sie mir Ihre Besten. Senden Sie mir Ihre Klüg sten. Ergreifen Sie Deus' Hand und erheben Sie sich zu den Sternen. Die Tyrannei der Patrouille zerbricht, das Direktorat steht vor dem Sturz, und der Menschheit däm mert ein Goldenes Zeitalter. Sehen Sie durchs düstere Gewölk die Strahlen des Wohlstands und Erblühens herab leuchten. Deus ist da!« M'Klea strich sich mit zarten Fingern über den glatten Hals, während sie den Messias betrachtete. In seinen dunklen Augen lohte eine Leidenschaft, wie sie sie bei noch niemandem beobachtet hatte. Fasziniert musterte sie sein Gesicht, fragte sich, ob sie ihn ebenso gefügig machen könnte, wie sie es bisher bei jedem Mann, der ihr begegnet war, geschafft hatte, ausgenommen natürlich ihrem Vater. Sogar auf dem winzigen Bildschirm wirkte er auf sie als wahre Herausforderung. Herausforderung? Er forderte ja sogar das Direktorat als Ganzes heraus. M'Klea verkniff die Lider. Gewiß erhielt Torkild eine Position in der Flotte des Messias. Daran hatte M'Klea keinen Zweifel. Was Macht oder Einfluß betraf, hatte das Haus Alhar noch nie viele Rivalen gehabt. Bevor jemand auf Arpeggio überhaupt irgend etwas erreichte, mußte er sich mit den alteingesessenen Familien gutstellen. Der Messias würde von selbst in M'Kleas Reichweite kom men. Und wenn es soweit war, wollte sie ihn entspechend tief be- eindrucken. Torkild im Zaum zu halten, mochte ein wenig schwieriger sein. Doch bis jetzt hatte sie die Folgen seiner Eifersüchteleien immer begrenzen können, oder etwa nicht? Bei sich lächelte M'Klea. »Nun ist es vorbei mit mei ner Abhängigkeit, Bruder. Niemand ist gewitzter als M'Klea Du wirst es sehen, Bruder. Du wirst es erleben.« *
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KRANKOWGRAD, MYSTERIUM; SPORTARENA
Die Menschenmenge grölte, der Stimmenlärm schwoll an; das Gesicht des Messias füllte die Holos an beiden Seiten der Sportarena aus. »Das neue Leben beginnt! Blicke in deine Seele, mein Volk, blicke in deine Seele! Deus ist der Retter, der wahre Gott. Ich habe sein Wort der Wahrheit vernommen und bin zu euch geeilt, um euch aus der Unwissenheit und Hörig keit Satans zu erlösen!« Sira Velkner nickte. Das Pack von Spinnenkultisten wegzuputzen, war eine leichte Aufgabe gewesen. Die Bombenanschläge zur Enthauptung der Direktoratsprä senz hatten einen so vielfältig talentierten Mann wie ihn nicht im geringsten überfordert. Aber während er jetzt über die Menschenmasse ausschaute, die sich im Stadion drängte, immer noch Zulauf erhielt, flößte das ganze Aus maß des Projekts selbst ihm Ehrfurcht ein. Bei diesem Andrang konnte er von Glück reden, daß Pallas Mikros ihm den Zutritt im Parterre erlaubt hatte. Doch schließlich hatte er auch stets hervorragende Arbeit für Pallas geleistet ... und war gut bezahlt worden. »Deus! Deus! Deus!« Die Rufe dröhnten wie Donner schläge, hallten von der Schutzkuppel wider, die in gro ßer Höhe die gesamte Stadt überspannte. Ngens gesenktes Gesicht schwand, die Holos erloschen, und im nächsten Moment schwieg der Mob, so andächtig machte ihn der Abgang der frommen Erscheinung. Verdammt, ver dammt! Was für ein Redner war Van Chow! »Wartet!« Unvermutet ertönte eine andere Stimme aus den Lautsprechern. »Bürger! Hört zu!« Sira drehte sich in die Richtung der Observationskan zel oberhalb der Ansagetribüne, sah in der Technik einen einzelnen Mann stehen. »Ihr kennt mich.« Der Sprecher hob die Hände. »Ich bin Johnathan Hart, euer pensionierter Supervisor. Und ich weiß genau, daß ich dieses Gesicht kenne ... diesen Mann, der sich Messias nennt.«
»Ich vermute, du möchtest zum Totengerüst, Komman dantin Andojar?« Durch verengte Lider musterte Susan ihn, sah ihm sei ne Jugend an. Jugend? Er konnte kaum ein Jahr jünger als sie sein — und doch war er an Erfahrungen um Lebensal ter hinter ihr zurückgeblieben. Sie verkniff es sich, ihn anzuschnauzen, schöpfte statt dessen tief Atem. »Haben deine Ältesten dich nicht unter richtet? Andernfalls hast du dir Ärger eingehandelt, Junge. Nein, erst geht's zu Mama Gelbes Beins Haus. Erst wenn sie Zeit gehabt hat, um ihren Sohn zu beweinen und seinen Leichnam zu waschen, gehört er aufs Totengerüst.« Der Jugendliche schluckte. »Ich ... ich ... dachte, er wäre dein ... dein Gatte. Vergib mir, Susan Smith Andojar.« Sie nickte und ließ sich neben ihm auf den Sitz fallen. »Schon gut. Ein verständlicher Irrtum.« Sie fühlte sich in nerlich vollkommen abgestorben, so tot wie Freitag Garcia Gelbes Bein, dessen Gefrierleiche auf der Rückbank lehn te. Und sie wußte, so würde sie sich auch künftig fühlen, noch nachdem sie Freitags Leichnam aufs Totengerüst gebettet, ihn für das Volk zum Bestaunen ausgestellt hätte. Wieder war ein Held von den Sternen heimgekehrt.
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AN BORD DER PROJEKTIL (IN GEOSTATIONÄREM ORBIT ÜBER WELT)
Rita Sarsa traf Darwin Pike bei irgendwelchen seiner For schungen an, als sie die Schwelle seiner Unterkunft über querte. Pike blickte hoch, beließ seinen Text auf dem Bild schirm, als er die Auflistungen von Zahlen entgegen nahm, die sie ihm aushändigte. Rita setzte sich auf den Platz, den er ihr anbot, betrach tete ihn, während er die hauchdünnen Folien durchsah.
Was hat er an sich, daß ich ihm nicht traue? Er ist weder verschlagen, noch gemein oder abgebrüht ... Nur ... Was ? Ein Unschuldslamm ? Seit wann rechtfertigt Ahnungslosig keit Argwohn? »Ich würde sagen, er hat vor, seine Position auf Arpeg gio zu festigen.« Rita fläzte sich in den Sessel und starrte die Decken platten über ihrem Kopf an, spürte beiläufig Pikes Blick auf sich ruhen. In bezug auf Männer und die Weise, wie sie sie anschauten, hatte Rita sich eine schnoddrige Hu morigkeit zugelegt. Der Glanz in Pikes Augen stammte von Interesse und Anerkennung. So ein Narr. »Ich stimme Ihrer Einschätzung zu, Doktor, allerdings nur im Hinblick auf militärische Gesichtspunkte. Arpeg gio hat eine bessere industrielle Basis. Dort kann er seine Flotte neu ausrüsten, für die Versorgung Nachschubstütz punkte einrichten und die Wartung hochtechnischen Ge räts gewährleisten.« Es gelang Pike, die Bewunderung ihrer Äußerlichkei ten aus dem Vordergrund seines Bewußtseins zu verdrän gen und seinen Verstand dem anstehenden Problem zu widmen. In Ritas Magengrube rumorte eine gewisse Gereiztheit. Unvertrauenswürdig war er nicht — nur uner probt. Das war es, was sie an ihm störte. Pike fehlte es an der wesentlichen Eigenschaft unerschütterlicher Selbstsi cherheit. Er wußte nicht, wer er war ... Was er wollte. Und bis er es herausfand — falls er es überhaupt je schaffte — , mußte man ihn im Augenmerk behalten. »Wäre jedenfalls 'n Schritt in die richtige Richtung, ist meine Meinung.« Pike lehnte sich an, stützte einen Ellbo gen auf den Kommu-Apparat. »Und er wird seine Bot schaft überarbeiten, sie raffinierter ausfeilen müssen. Arpeggio gibt ihm die Möglichkeit zum Experimentieren, zu prüfen, was geht und was nicht.« Er zögerte. »Läßt es sich nicht machen, daß ein Patrouillenschlachtschiff durchbricht und die Gregorius zerblastert, ehe er sie umrü sten kann?«
»Und seitdem hast du erfahren, was Kampf bedeutet.« Chester lächelte. »Du hast gelernt, dich selbst zurückzu stellen, Direktor. Schmerz, Furcht, Verzweiflung, Hoff nung und sämtliche sonstigen Gefühle hast du kennenge lernt, die Menschen gemeinsam sind. Beim langwierigen Erlernen des Umgangs damit hast du dir angewöhnt, et was für deine Mitmenschen zu empfinden. Diese Leistung ist es, die ich dir so hoch anrechne. Jetzt hast du etwas, das du nach deinem Tod Spinne mitbringen kannst.« »Deine Religion ist für mich ohne Belang.« »Wie du meinst, Direktor. Trotzdem hast du mittler weile gewisse Zweifel an deinem Atheismus entwickelt. Vielleicht hast du über dich — und Spinne — mehr her ausgefunden, als zu wissen dir angenehm ist.« Skor Robinson musterte ihn. »Du bist eine ganz erheb liche Quelle der Verärgerung, Prophet.« »Alles Ärgerliche ist aufschlußreich, Direktor.« »Und du bist ein mieses Scheusal, Prophet.« »Wie du meinst.« »Van Chow hat die Gregorius gekapert. Überall wer den Sabotageakte verübt. Ich muß Patrouillenschiffe im Orbit von Welten stationieren, auf denen sich Unruhen häufen, um den Menschen zu zeigen, daß sie in Sicher heit sind ... Oder um sie, wie es mancherorts der Fall ist, gehörig einzuschüchtern. Unsere Lage ist unhaltbar geworden. Schreiten wir gegen Van Chow ein, bleibt die Menschheit ohne Schutz. Schieben wir es noch länger auf, etwas gegen ihn zu unternehmen, wird er um so stärker. Was kann ich tun, Prophet? Wie kann ich ihn besiegen?« Chester lächelte. »Willst du, daß ich irrsinnig zu wer den riskiere, um dir irgendwelche Empfehlungen auszu sprechen?« »Ich suche Rat.« »Tatsächlich?« »Ich bin an Ratschlägen interessiert.« »In welchem Hinblick?«
»Wie kann ich mit Van Chow fertigwerden und gesell schaftliche Unruhe verhindern?« »Ist gesellschaftliche Unruhe denn schlecht?« »Sie bedeutet Chaos!« »Und Chaos ist schlecht?« »Selbstverständlich. Verfall der Ordnung ist unweiger lich abträglich. Chaos schürt Unzufriedenheit. Unzufrie denheit bringt Gewalttätigkeit hervor. Gewalt und Leid sind voneinander untrennbar.« »Dann hast du deine Frage selbst beantwortet, oder nicht?« »Aber Van Chow ist ein Krimineller!« »Ist er auch dieser Ansicht? Halten andere ihn gleich falls für einen Verbrecher?« »Du verteidigst ihn? Er ist ein bösartiger Störer der ge sellschaftlichen Ordnung.« »Ist das schlimm?« »Du argumentierst im Kreis, Prophet.« »Ich forsche lediglich nach deiner Antwort, Direktor. Ich argumentiere nicht.« »Ich wiederhole: Du bist ein mieses Scheusal. Der Menschheit wäre ein Dienst erwiesen worden, hätte ich dich liquidiert, als noch die Gelegenheit bestand.« »Wenn es dein wahrer Wunsch ist, mich zu töten, werde ich zu diesem Zweck zu dir zurückkehren. Falls du wirklich glaubst, der Menschheit — und Spinne — wäre durch meinen Tod gedient, will ich mich dir bereitwillig ausliefern.« Aus Rees Kehle drang ein erstickter Laut. Skor Robinson stierte Chester an, ihm sackte der klei ne Unterkiefer herunter. »Du bist geisteskrank, Prophet.« Chester lächelte umgänglich. »So?« Ree räusperte sich, während Robinsons Gesicht rot anlief. »Van Chow hat also die Gregorius gekapert?« »Stimmt.« »Ich vermute, er hat nicht vergessen, wie man diese Blaster baut.«
»Das dürfte reichlich unwahrscheinlich sein, zumal er zwei auf seiner Privatjacht hatte.« »Direktor, wir hätten starkes Interesse an einem Infor mationsaustausch ...« »Momentan herrscht dafür keine geeignete Atmosphä re. In der Patrouille ist man gegen Sie eingestellt ... Und das gleiche gilt für meine Kollegen. Manchen ist Van Chow lieber, weil er ...« »Was für Idioten.« »...einen bekannten, einschätzbaren Faktor verkörpert, anders als romananische Wilde, die einem vielleicht im nächsten Augenblick auf barbarische Weise das Haar samt Kopfhaut abtrennen.« »Betreiben Sie überhaupt irgendwelche Maßnahmen gegen Van Chow?« Skor Robinson blinzelte. »So gut ich dazu imstan de bin. Zur Zeit beanspruchen die Sabotageakte beziehungs-weise ihre Prävention die gesamten Möglich keiten der Patrouille. Wir stehen vor einer ernsten Knappheit an Raumschiffen und sonstigem Material. Sobald die Situation stabilisiert worden ist, beabsich tige ich einen Flotten einsatz gegen die Gregorius zu befehlen.« »Sie müssen jetzt handeln.« Damen beugte sich vor, drosch eine Faust in die Handfläche. »Wir unterstützen Sie mit der Projektil. Erledigen Sie ihn, bevor er seine Machen schaften auf eine so breite Basis stellen kann, daß er ...« »Und wenn jede desillusionierte stellare Provinz sich zur Rebellion erhebt, sobald wir unsere Schlachtschiffe abziehen, so wie's Sirius getan hat? Was dann, Admiral? Welche Strategie ist vorteilhafter? An einer Front zu kämpfen? Oder an Tausenden von Kriegsschauplätzen? Wie bietet sich die höchste Chance für einen Sieg? Wann ist die Gefahr einer Niederlage am größten? Mit Van Chow kann man jederzeit verhandeln, wenn kein anderer Weg mehr offensteht ... Aber läßt sich eine Revolution überall im Direktorat noch eindämmen?«
»Chester?« Ree lenkte seinen Blick quer durch die Kabine. »Wie lautet dein Vorschlag, Admiral?« »Sofort gegen Van Chow vorzugehen. Liege ich damit richtig?« Chester lächelte. »Das hängt von den Cusps ab, Admi ral.« Ree hob eine Hand, ließ sie verdrossen fallen. »Prophe ten ...«, nuschelte er unterdrückt. »Ausnahmsweise sind wir einmal einer Meinung, Ad miral.« Robinson heftete den Blick auf Chester. »Wird Van Chow, wenn wir mit ihm verhandeln, sein Wort hal ten?« Ein dumpfer Laut entfuhr Ree. »Hat er dazu einen Anlaß, Direktor?« fragte Chester seinerseits. »Hast du die Bereitschaft, einem Einzelnen zu vertrauen? Erachtest du die Menschheit als vertrauenswürdig? Das Individuum? Oder die Masse? Du mußt deine Entscheidung auf der Grundlage deines eigenen Verständnisses der Menschheit und ihrer Nöte fällen.« »Er wird Ihnen die Gurgel durchschneiden!« Ree gesti kulierte heftig. »Er ist... Er ist ein Schlächter!« »Eine hochgradig emotionale Einschätzung, Admiral.« Düsteren Blicks betrachtete der Direktor Ree, ehe er sich erneut an Chester wandte. »Danke, Prophet. Ich glaube, du warst mir eine Hilfe.« Das Holo erlosch. Ree sprang auf, schwang eine Faust in die Richtung des matt gewordenen Bildschirms. »Du dummer, schwachsinniger...!« »Sein Entschluß steht fest.« Chester spürte die Verän derung, fühlte eine andere Verzweigung der Zukunft sich ihm unaufhaltsam nähern. Aus Rees Gesicht wich alle Farbe. »Heiliger Spinne, Ngen wird ... Verdammt, verdammt....!« Chester lächelte, verließ den Sessel, senkte eine Hand, um Ree zu beschwichtigen, auf seine Schulter. »Bitte, Damen ... Dein Cusp wird kommen.«
Bruk lachte, schob sein Glas auf dem harten Lederbe zug der Tischplatte im Kreis. »Wir haben hier 'ne Menge Fortschritte gemacht. Die genetischen Daten sind einfach faszinierend ... Vor allem im Zusammenhang mit der Hirn bildaktivität der Propheten. Völlig andersartige Morpholo gie ... Aber ich nehme an, Sie haben sich die CEMD-Auswertungen angesehen.« »Was hat's denn mit den Propheten auf sich? Was ist eigentlich die Wahrheit über diese Spinnenreligion?« Um Bruks Augen vertieften sich die Krähenfüße. »Ich soll ein objektiver Beobachter sein, ein unvoreingenom mener Erforscher der hiesigen Kultur.« »Und?« »Also kriege ich jedesmal das kalte Grausen, wenn ein Prophet mich bloß von der Seite anguckt. Dr. Pike, ich habe miterlebt, wie sie ... Nein, ich habe dafür Beweise, daß sie die Zukunft sehen. Sie dürfen ruhig meine Notizen durchlesen und meine Arbeit gegenprü fen. Und was Spinne angeht... Tja, falls es überhaupt einen Gott gibt dann ist es Spinne. Kann sein, ich bin schon zu lange hier. Die Kritiken meiner Aufsätze, die mir von der Universität zugeleitet werden, deuten alle den Verdacht an, ich sei kindisch geworden, aber ich habe mich überzeugt... Zu meiner und zu Spinnes Zufrie denheit.« Pike schniefte und mutete sich noch einen Schluck ro mananischen Fusels zu. »Was ich über den Raben veröf fentlicht habe, hat ihnen auch nicht gepaßt.« »Den Inuit-Geisthelfer?« »Hm-hm. Ich denke mir, man muß so etwas eben per sönlich an Ort und Stelle erleben. Inuit und Romananer sind sich, obwohl Milliarden von Kilometern sie trennen, recht ähnlich.« Bruk nickte. »Sind Sie Visionen suchen gegangen?« »Ja sicher.« »Es könnte sein, Sie verstehen sich hier bei uns einzu fügen, Doktor... Falls Sie lange genug am Leben bleiben.
Welt begegnet Anthropologen reichlich schroff. Sie wer den schnell verschlissen.« »Also ... Was haben Sie mir über Freitag zu erzähen?« Marty Bruk fing Freitag zu schildern an, gab Geschich te um Geschichte über den kleinwüchsigen Helden wieder. Pike erfuhr, daß der Mann ein famoser Pferdedieb gewe sen und damit einem angesehenen, ehrbaren Gewerbe nachgegangen war, bei dem Erfolge dem Erringen von Coups gleichstanden. Während der ersten Erforschung Welts durch Direktoratsexperten und der wenig später auf dem Planeten ausgebrochenen Konflikte hatte er den Rang eines Kriegshäuptlings gehabt und dann in der Folgezeit, als Veteran des Sirius-Feldzugs, immer höheren Status genossen. Manche Leute hielten ihn allerdings noch heute für einen Hanswurst. Seine fabelhaften Abenteuer mit einem störrischen Airmobil waren Legende geworden. »Wie kam's, daß er sich mit Susan Andojar zusammen fand?« fragte Darwin; der Whisky erwärmte ihn, verführ te ihn zum Leichtsinn. Bruk widmete Pike einen verständnisvollen Blick. »Susan, hm? Das ist 'ne Brumme. Aber gefahrloser Umgang nur in Männerphantasien. Sonst gehe ich ihr aus 'm Weg. Sie ist 'n Problemfall.« »Ach?« Bruk blinzelte in imaginäre Fernen. »Ich vergeude meine Zeit nicht mit dem Beglubschen derartigen weib lichen Protoplasmas, wie wundervoll's auch anzusehen sein mag. Natürlich träume ich auch schon mal von ihr ... Solange Bella keinen Verdacht schöpft. Aber darüber hin aus ...« Er schüttelte den Kopf. »Sie ist 'ne komische Per son. Ihr ist auf Sirius irgend etwas zugestoßen. Ich vermu te, daß Rita, Eisenauge und Giorj Bescheid wissen, aber sie schweigen darüber. Nach der Rückkehr war's mit ihr ganz schön happig geworden. Ich verstehe ein wenig vom menschlichen Geist, daher zögere ich nicht, Ihnen zu sagen, sie stand vorm Zusammenklappen. Schwere Psychose, kapieren Sie?«
steifen, sich mit 'm Bär anzulegen. Wie erwähnt, Welt ist kein günstiger Aufenthaltsort für Anthropologen, die ...« »Ich kenne mich in derartiger Umgebung aus, Marty.« Pike blickte Bruk in die Augen. »Vertrauen Sie mir.«
Das Geschöpf stieß ein Heulen aus, knickte ein, holper te und polterte inmitten der Geröll- und Schuttlawine das Gefälle bis an den Fuß des Hangs hinunter. Darwin späh te hinab, sah die Schwänze, Tentakel und Beine des Tiers schwächlich zappeln. Nachdem er das Gewehr an sich genommen hatte, brachte er sich, während er die zerwühl te Gesteinshalde hinuntersprang, in Lebensgefahr, weil er dabei fast abstürzte. Als er die Steinhaufen auf der Talsoh le erreichte, zitterten ihm die Beine fast haltlos und woll ten ihn kaum noch tragen, drohten unter ihm nachzugeben. Über ihm lenkte Geflügelter Stier Reesh das Airmobil durch den Canon. Indem er den unversehrten Fangarm im Augenmerk behielt, schlich Darwin auf das riesige Tier zu. »Du und ich«, quetschte er heiser hervor, »sind uns gleich ... Jäger. Wir haben die gleiche Gesinnung ... ob wohl wir von verschiedenen Welten stammen. Aber was für eine Art von ... Wesen bist du?« »Warum hast du kein zweites Mal geschossen?« fragte Reesh, verließ mit einem Satz das Airmobil, kam gelassen, während seine verschmutzten Stiefel Staub aufstoben, zu Darwin. »Da, probier mal, ob du die Patrone rauskriegst.« Dar win gab das Gewehr seinem Eigentümer. Schmerz und Furcht des Tiers und Darwins flossen ineinander, und er hatte Nervenflattern, als stünde er unter Strom. Reesh klappte den Verschluß auf, summte vor sich hin, starrte in die Geschoßkammer. »Die Kugel hat sich aus der Hülse gelöst.« »Aus der Hülse ... gelöst?« Für Darwin blieb die Aus kunft eine Aneinanderreihung sinnloser Wörter in einem Gestrudel gegensätzlicher Gedanken und Emotionen — seiner und des Bären. Reesh nuschelte etwas, entfernte sich zum Airmobil, brummelte unablässig. Trotz seines ausgedörrt-trockenen Gaumens wagte sich Darwin noch näher zu dem todgeweihten Tier. »Was ... bist du? Wie teilst du dich mir mit?«
Der Bär reagierte, indem er schwach den noch vorhan denen Saugteller vom Untergrund hob und vergeblich auf ihn zuschwang. »Du versuchst's noch immer?« Darwin bekam einen ahnungsweisen Begriff davon, wie es gewesen sein muß te, Romananer zu sein, ehe es ihnen gelungen war, die Kanonen zu gießen. Dieser Bär zählte zu der Tierart, de ren Existenz Geist und Gemüt des romananischen Volks geprägt hatte. Reesh kehrte zurück, seine Füße scharrten im Kies; er hatte das Gewehr in Ordnung gebracht. Er reichte es Dar win, wies mit einem Wink auf die sterbende Bestie. Die Stimme durchgeisterte wie aus dem Nichts, aber unmißverständlich Darwins Bewußtsein. Diesmal sei stark. Sei nun meiner würdig, Mensch, der mich verfehlt hat. Prüfe dich, ob du dieses Mal genug Kraft hast. Prüfe, ob du trotz deiner Furcht beharren kannst. Darwin erschrak, weigerte sich, an die Stimme zu glau ben. »Verrückt. Das liegt an der Hitze ... Sonst ist's nichts. Nur die Hitze ... und der Durst. Erschöpfung führt zu sol chen Wahnvorstellungen. Ich bin nicht mehr in Form. Das ist es. Ich habe mir zuviel zugemutet, und außerdem bin ich in keiner guten Fasson.« Der Gewehr-lauf bebte, als er die Waffe anlegte und die Stelle aufs Korn nahm, wo das Gehirn sitzen sollte. Rasch sprach er ein Gebet für die Seele des Tiers und feuerte aus der schweren, einschüssi gen Büchse. Das Echo des Knalls hallte von den Hängen der Schlucht wider, während der Bär sich Zusammenkrampf te, einen Moment lang starr blieb, dann für immer er schlaffte. Darwin betrachtete ihn, das gesenkte Gewehr in den Händen. In seiner Seele entstand, als hätte die Kugel sie durchschlagen, ein leerer Fleck. Etwas im Universum verglomm und erlosch. Hände ... Hände zerrten an ihm. »Pike! Bei Spinne, bist du wohlauf?« Durch das Schwindelgefühl drang Geflügelter Stier Reeshs Stimme in Darwins Wahrnehmung.
»Ja-ja ...« Darwin blinzelte. »Was ... was ist passiert?« »Ich kapier's auch nicht. Du hast den Bär erschossen ... Danach bist du plötzlich aufs Gesicht gefallen, hast irgendwas geschrien, das ich nicht verstehen konnte.« Reesh neigte den Kopf auf die Schulter. »Bist du sicher, daß mit dir alles stimmt?« »War wohl bloß die Hitze ... Es muß die Hitze gewesen sein. Zu starker Flüssigkeitsverlust, weißt du?« Und warum bin ich selbst nicht davon überzeugt? Reesh fummelte an seiner Kamera, die Zunge hing ihm seitlich aus dem Mund. Darwin legte das Gewehr auf die Felsen. Das Holo zeigte später einen Mann mit grimmiger, schwarz besprenkelter Miene, der in der Faust nur ein altes Messer hielt.
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IN GEFLÜGELTER STIER REESHS JAGDLAGER IN DEN BÄRENBERGEN
Geflügelter Stier Reesh hatte das Jagdlager am Fuß der Bärenberge aufgeschlagen. Darwin lag am Feuer und gönnte sich Ruhe. Ein Plastverband bedeckte seine zer schundenen Hände, träufelte Desinfektions- und Betäu bungsmittel ins entzündete Gewebe. Reesh summte bei sich, während er das Gewehr reinigte und sich die Risse im Kolben besah, die darauf zurückgingen, daß Darwin die Waffe als Keule benutzt hatte. »Ich habe den Verdacht, ich muß 'n neuen Kolben schnitzen. Aber's soll mir die Mühe wert sein. Für so ei nen Kampf auf jeden Fall. Ein paarmal dachte ich, er hätte dich. Prachtvoll! Du hast Mut bewiesen. Spinne hat dir Kraft und Schläue geschenkt. Ein Glück, daß ich dran gedacht hab, alles zu holofilmen.«
»Ich habe mich fast zu Tode gefürchtet«, erklärte Dar win, dem es nicht gelang, seine schwermütige Stimmung zu überwinden. »Von Furcht lohnt sich nicht zu reden«, antwortete Reesh leise ins Dunkel des Abends. Das Säulenholz-Feuer knackte und knisterte, Funken gaukelten zu den beiden Monden empor, die ringsum unterschiedliche Schatten über die mit Klingenbusch bewachsenen Hügel warfen. »Furcht begleitet uns durchs ganze Dasein. Furcht macht uns stark. Nie im Leben habe ich mich derartig gefürchtet wie damals, als ich mit Susan Smith Andojar auf Sirius gewesen bin. Dort haben wir jede Sekunde in Schrecken zugebracht. Das war 'ne verflucht harte Zeit. Was man im Direktorat als Krieg betreibt, geschieht so, daß sich ein Augenblick des Grauens an den anderen reiht. Hier auf Welt läuft Krieg eher irgendwie spielerisch ab ... Weißt du, wie ein Gesellschaftsspiel. Klar, man konnte dabei getötet werden, aber man mußte nie in ununterbrochenem Schrecken leben. Das Entsetzen ging einem nicht ins Blut über wie ein Gift. Es konnten nicht jederzeit violette Strahlen, Spinne verfluche sie, vom Himmel herabzischen und uns in Fetzen schießen.« »Du hast also gemeinsam mit Susan gekämpft?« Dar win bewegte die Hände, spürte die Dehnbarkeit des Plast verbands. »War es Furcht, was sie so gemacht hat, wie sie heute ist? Ist das es, was sie so gründlich verheimlicht?« Der Bär hat zu mir gesprochen. Ich muß mich damit abfinden. Es ist Wirklichkeit gewesen. Sorgfältig wischte Reesh Staub vom Gewehrlauf und schüttelte den Kopf, als er die lange Waffe an einen Klin genbusch lehnte. »Auch Susan kennt Angst und Furcht, genau wie wir alle.« Er kauerte sich ans Feuer, klaubte eine Pfeife aus einem Tabakbeutel. Er zog einen Span aus dem Feuer, entzündete die Pfeife, paffte an ihr, bis es darin schwelte. »Nein, Susan braucht keine Furcht zu verbergen. Sie versteckt ihre Narben, Dr. Pike.« »Narben?«
13
AN BORD DER PROJEKTIL (IN GEOSTATIONÄREM ORBIT ÜBER WELT)
Rita Sarsa wandte sich um, als John am Eingang erschien. Sobald sie seinen Gesichtsausdruck sah, seufzte sie, nahm das Kontaktron vom Kopf, schaltete die Kommu ab und blinzelte ihm entgegen. »Na, wie läuft's?« Er lachte sarkastisch und schüttelte den Kopf, während er am Getränkespender per Tastendruck einen Drink mit Soda orderte. »Wir wären besser dran, hätten wir vor Jah ren auf den Rat des alten Smith gehört und das verdamm te Funkgerät weggeschmissen. >Behaltet die Computer, Radios und Sender<, hat er uns immer gewarnt, >und die Sowjets werden uns nach Welt folgen.< Das war das Ver mächtnis des Smith-Clans. Er hat alle seine Apparate zer schlagen. Und was haben wir getan? Die von Spinne ver wünschten Funkgeräte behalten, um uns übers Umherzie hen von Bären und Räubern verständigen zu können. Und dadurch hat das Direktorat uns entdeckt.« Rita schwang sich von ihrem Sitz, reckte und dehnte sich, um ihre Rückenverspannungen zu lockern, trat an schließend hinter John, um ihm die Schultern zu massie ren. »Na schön, hättet ihr eben euren Funk abgeschafft und damit weitergemacht, euch dort unten gegenseitig die Pferde und Frauen zu stehlen. Dufte. Dann müßte ich mich jetzt damit abgeben, Antonia Reary auszustechen, um danach Ree abservieren und das Kommando über die Pro jektil erhalten zu können. Leeta Dobra wäre eine liebe, nette, gepsychte Anthropologieprofessorin und klebte in Arcturus-Stadt mit Jeffray zusammen. Wundervoll!« Ein Lächeln verzog Eisenauges breiten Mund. »Naja, vielleicht hätten wir irgendwann doch einen ganz schwa chen, kurzen Piepser von uns gegeben, hm?«
»Heiliges Kanonenrohr, was ist denn passiert?« »Offenbar ist es während einer Bärenjagd zu einem Schar mützel mit Santosräubern gekommen.« Ree blieb wie angewurzelt stehen, ihn befiel ein eisiges Gefühl der Ungläubigkeit. »Während einer ... Was hat er ...? So ein gottverdammter, idiotischer Anthropologendus sel, der Kerl soll nur warten, bis ich ihn an den ... Verbin den Sie mich mit Majorin Sarsa!« »Sie wünscht gegenwärtig nicht gestört zu werden.« Ree konnte gerade noch verhindern, daß er aufbrauste. Egal. Wahrscheinlich hatte Rita Sarsa gute Gründe. Er überlegte es sich anders. »Dann geben Sie mir Komman dantin Andojar. Sie hat den Burschen hergebracht, ver dammt noch mal, also kann sie auch auf ihn aufpassen.« »Jawohl, Sir.«
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IN DER KLINIK AM RANDE DER SIEDELEI AUF WELT
Darwin Pike vermochte sich nicht zu rühren. Aber noch schlimmer war, daß er spürte, wie irgendwelche Gebilde sich in seinem Leib umherschlängelten; das flöß te ihm ein angstvoll-flaues Gefühl ein. »Schalten Sie seine Wahrnehmungsschwelle 'n bißchen runter«, drang eine Stimme im Tonfall sachkundiger Kompetenz durch Darwins Bewußtseinsschichten zu sei nem Ich vor. Wärme umfing ihn, beließ ihm nichts ande res als die Erinnerung. Welche Erinnerung? An den romananischen Kriegs dolch, der aus seinem Fleisch ragte? Oder an den Bären, wie er auf dem steinigen Grund einer rosig-roten Schlucht der Bärenberge zerschmettert im Sterben lag? Den Bären. Ja, den Bären ... Selbst jetzt beobachtete er ihn noch mit seinen kleinen Stielaugen ...
Ja, der Bär ... Darwin fühlte, wie das Tier ihn belauer te. Er spürte die Seele des Tiers durch die Wärme treiben, die ihn umhüllte. Er hörte Flüstern. Geflüster des Bären. Bist du würdig? Bist du meiner Seele würdig, Mensch? Die Worte, die die schlabbrigen Lippen des Lindwurms in gedämpft gelispelten Zischlauten hervorwisperten, erschütterten Darwins Gemüt, stellten ihn vor ein Rätsel. »Ich verstehe ... dich nicht. >Würdig?<« Geister rufen dich, bedrängte ihn die Flüsterstimme. Die Bären rufen dich, die Santos rufen dich. Tötest du ohne Ehre, Mann von den Sternen? Gerätst du jedesmal in Schrecken und fliehst? Hat dein Rabe dich so kläglich belehrt? »Der Rabe? Mein Geisthelfer? Was hat er ...? Ich habe doch nur ...« Darwin versuchte sich der Stimme zu entziehen, die ihn wie Frühlingsregen berieselte, ihr zu entgehen. Er be mühte sich, sie aus seinem Bewußtsein zu vertreiben. Doch das Geraune blieb, umgurrte ihn leise. »Schau in meine Seele, Bär!« schrie Darwin plötzlich erbittert auf. »Sieh meine Trauer! Sieh die Wunde, die ich in meine Seele gerissen habe, als ich dich tötete!« »Ruhig, nur die Ruhe ...!« Eine andere Stimme drang, diesmal von außerhalb, gebieterisch in Darwins Gehör. Kühl lag eine feste Hand auf seiner Stirn. Darwin riß die verklebten Lider auf und blinzelte die Verschwommenheit aus seinem Blickfeld. Neben ihm stand eine Frau und betrachtete ihn skeptisch. Über ihr wölbte sich eine Gra phitfaserkuppel; unterm Dach hingen Lampen, Stromka bel und Rohrgewirr einer Klimaanlage. Beiderseits Dar wins waren Standard-Med-Einheiten — einige belegt — wie Kokons aufgereiht. »Wo ... Wo bin ich?« vermochte Darwin zu krächzen. »In der Klinik des Romananerkaffs. Sie liegen in einer Med-Einheit. Sie dürfen sich nicht bewegen. Wenn Sie's versuchen, werden Sie von der Einheit automatisch fixiert. Es hängt maßgeblich von Ihrer Einstellung ab, wie bald Sie ...«
AN BORD DER DANIEL, NÄHE STATION FREIHAFEN, SIRIUS-SEKTOR Kapitän Pjotr Raskolnikowski empfand trotz allem Nervo sität, als er die Station aufbersten sah. Geboren war er auf Arpeggio, hatte jedoch einige Zeit auf den orbitalen Ener giesatelliten verbracht, die seine Heimatwelt umkrei sten. Er kannte die Art von Männern und Frauen, die in der Habitatskonstruktion lebten, die seine Blaster soeben zer stört hatten. Ununterbrochen schossen, während die Station de kompressierte, kristallisierte Gase, Humus, tote Men schen und Tiere, ineinander verhedderte Innenausstattung sowie vorgefertigte Trennwände aus der hineingeblaster ten Bresche, hinterließen vor dem Hintergrundgesprenkel der Sterne eine spiralenförmige Spur des Verderbens. Wie viel Menschen gab es dort? fragte er sich. Achtzigtausend? Mehr? Er schöpfte tief Atem und unterdrückte einen Fluch. »Es ist Deus' Wille. Wir müssen alle das unsere tun. Denn was sind schon ein paar Menschenleben im Vergleich zum Willen Gottes? Wir werden Satan aus dem Universum ver treiben.« Er wandte sich der Mannschaft zu, sah ihre düsteren Blicke, die die Bildschirme streiften. »Unser Werk ist schwer, nicht wahr?« Sie nickten; Verwirrung mischte sich mit der Betrof fenheit in ihren Mienen. »Ich erinnere euch: Wir verkörpern Deus' Herrlichkeit. Wenn diese Toten dazu beitragen, die Menschheit in Got tes Schoß heimzugeleiten, werden sie ewigen Lobes gewiß sein und auf goldenen Lichtstrahlen durch den Himmel schweben. Ein Soldat Gottes muß die Bereit schaft haben, auch große Verantwortung auf sich zu neh men. Sind unter euch welche, die aus Kleinmut am Glau ben zweifeln?« Einer nach dem anderen schaute ihm mit entschiedener Standfestigkeit in die Augen; entschlossene Willenskraft machte die Mienen härter.
»O ja, ich sehe, der Messias hat euch gut ausgewählt. Er ist stolz auf euch. Also gut, wir lassen nun diese Sta tion und nehmen Kurs auf Reinland. Die Waffenspeziali sten sollen die Sprengköpfe vorbereiten. Alle Gottlosen sollen büßen. Deus' Werk ist unser Werk.« »Für Deus«, riefen alle, und jeder beugte sich an sei nem Platz wieder über die Instrumente und Kontrollen. Raskolnikowski lehnte sich in den Kommandantenses sel, strich sich durch den dünnen Spitzbart. Er würde die Toten, soviel war ihm insgeheim klar, die aus der aufge blasterten Station fortgetrudelt waren, nie vergessen. Das Ziel menschlicher Freiheit konnte nie ohne den Preis von Leiden und Opfern erkämpft werden. Trotz der Belastung seines Gewissens mußte er, Raskolnikow, seine Bürde tra gen. Was er tat, war wirklich Deus' Werk. Er schenkte der Menschheit das Licht Gottes. Zweifellos erbarmte sich Deus in seiner unendlichen Weisheit der unschuldigen Toten, die das Ringen forderte. *
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STATION MINSK, GULAGSEKTOR Die Station Minsk umkreist DCC-917A III, den vierten Plane ten des Minsksystems. Ursprünglich war die erst fünfund neunzig arcturische Standardjahre alte Station als Stützpunkt für ein Terraformingprojekt hinsichtlich des vierten Planeten konstruiert worden. Gegenwärtig produziert Minsk Ozon, das der Planetenatmosphäre zugeführt wird. Gleichzeitig forciert eine C0²-Produktion einen Treibhauseffekt und sind auf der Planetenoberfläche primitive terrestrische Pflanzen formen angesiedelt worden. An Einwohnerschaft zählt die Station viertausendsiebenhundert Personen, von denen im Rota tionsverfahren jeweils zweihundert für eine Schicht von drei Monaten Dauer ineiner Forschungsbasis auf dem Planeten tätig sind. Die übrige Population beschäftigt sich mit der Erzeugung von Kohlenwasserstoff, der für die Farbstoffher stellung gebraucht wird.
Feela Metz wartete am Verteilerkompressor. Die Arme verschränkt, die Füße auf den Boden gestemmt, lehnte sie an der bis in Kopfhöhe gewölbten Rundung des Rohrs und blickte den gekurvten Gang hinab. Felix konnte sie nicht vergessen haben. Das war doch einfach unmöglich. Verärgert atmete sie gründlich durch und schlenderte in die Richtung, wo der Komplexsupervisor sein Büro unter hielt. War vielleicht irgend etwas vorgefallen? Aber was? Der Schichtwechsel des Personals der planetaren For schungsbasis mußte vom Büro erst in sechs Tagen wieder koordiniert werden. Feela spazierte durch die 0,6 Ge des Stationstorus und nahm den Lift zur Zentralachse. Ringsum ertönte das all gegenwärtige Summen der Station, umgab sie die behag liche Geräuschkulisse der Sicherheit, in der Feela seit ih rer Geburt lebte, ihrer Heimat, ihres Zuhauses, ihrer Welt. Und bald wollten Felix und sie ihr Dasein durch offizielle Eheschließung krönen. Feela, jung und albern, wie sie noch war, faltete sie die Hände auf dem üppigen Busen, schloß die Lider und malte sich aus, wie es alles sein würde. Zusammen stand ihnen eine größere Wohnung zu, Felix' Position gemäßer Wohn raum. Und wer wußte jetzt schon, was dann kam? Voraus sichtlich starb der alte Wan Bang innerhalb der nächsten zehn Jahre, und jemand mußte ja sein Nachfolger im Supervisoramt werden. Warum nicht Felix? Von al len denkbaren Anwärtern war er am klügsten. Der Lift stoppte. Feela strebte in der Nullschwerkraft den Korridor entlang. Eines Tages würde Minsk eine rei che Station sein, die einen ganzen Planeten als Quelle ih rer Ressourcen zur Verfügung hatte. Wenn diese Zeit an brach, konnte sie sich auch künstliche Schwerkraft lei sten. Natürlich würde Feela niemals einen Fuß auf den Planeten setzen. Drunten herrschten zuviel Ge. Nur die Forschungsteams hielten sich unten auf, und sie mußten in den Hoch-Ge-Kugelkapseln bleiben, von denen eine Anzahl am Stationstorus verankert hing.
Vor dem Büro des Supervisors blieb Feela stehen; plötzlich hatte sie Bedenken. Wenn Felix nun irgendwel che zusätzlichen Arbeiten erledigen mußte? Sollte sie wirklich hineingehen? Vielleicht bekam er deswegen Schwierigkeiten; oder womöglich wurden sie, falls er be reits welche hatte, noch verschlimmert. Sie furchte die Stirn und kaute einen Moment lang auf der Unterlippe, ehe sie die Hand auf die Scannerfläche des Servomaten legte. Die Tür rollte beiseite. Im Vorzimmer erwartete niemand sie. Feela ging am Anmeldeschalter vorbei. Eine seltsame Nervosität machte sich in ihren schmalen Gliedern bemerkbar. Sie guckte um die Ecke ins Dienstzimmer des Supervisors und sah dort alle Mitarbeiter des Büros stehen, ein Pünktchen auf dem Kommu-Bildschirm anstarren. Felix beugte sich über den Kommu-Apparat. »Ach tung, ich rufe das im Anflug befindliche Raumschiff. Sie verstoßen gegen die Vorschriften zur Regelung der Geschwindigkeit und Beschleunigung von Raumflugkör pern im Minsksystems. Ich wiederhole: Sie verstoßen gegen die Vorschriften zur Regelung der Geschwindigkeit und Beschleunigung von Raumflugkörpern. Drehen Sie ab. Ich wiederhole, drehen Sie ab!« Feela betrat das Dienstzimmer, hörte gedämpftes Schimpfen. Infolge seiner gewohnten Sensitivität, die er mit Feela gemeinsam hatte, spürte Felix ihr Erscheinen und hob den Blick, schaute ihr mit angespannter Miene in die Augen. »Ich verstehe das nicht.« Supervisor Bang richtete sich zu voller Größe auf. »Ist denen denn nicht klar, mit wie viel Strahlung sie uns bei der Geschwindigkeit bombardie ren? Berücksichtigen sie das überhaupt nicht? Wir... Die ses Vorkommnis werden wir melden. Die Direktoren wer den davon erfahren. Und die Patrouille.« »Ob's sich um einen außer Kontrolle geratenen FLF handelt?« meinte Tap Darney, strich sich ums lange Kinn.
Felix schüttelte den Kopf. »Dann kriegten wir Ant wort. Nein, das Raumschiff ist bemannt. Halt mal, was ist das?« Er deutete auf die telemetrische Vergrößerung. Strahln violetten Lichts waren aufgegleißt und schossen auf Minsk zu. »Mein Gott!« Bestürzt schrak Bang zurück. »Es ist ... Das ist Blasterfeuer. Sie schießen auf uns ...« Auf einmal fuhr ein Stoß durch die Station. Die Kom munikation forderte sofortige Aufmerksamkeit. Rasch verebbte die Erschütterung. Lampen flackerten und erloschen, unter den Füßen bebte und wackelte der Boden, die Hälfte der Kommu-Apparate war defekt. Felix ertastete im Halbdunkeln Feelas Hand. »Was war das?« fragte Feela leise. »Was ist gesche hen?« Felix zog sie an sich, schloß sie fest in die Arme. Ein entferntes Brausen war zu hören. Irgendwo vor dem Ein gang des Büros schrie jemand, der wohl allein durchs Dunkel irrte, vor Furcht. »Eine Dekompression findet statt, Feela ... Wir werden sterben. Egal wer's war, sie haben uns den Tod gebracht ... Der ganzen Station.« »Aber die ...« Feela schüttelte den Kopf, ein Schwin delgefühl packte sie. Die Atemluft wurde dünner. Feela fühlte es. Jeder Stationsgebürtige kannte die Anzeichen. Sie schauderte zusammen, klammerte sich an Felix, schloß die Augen und preßte ihr Gesicht an seine Brust, um zu weinen.
14
REINLAND, SIRIUS-SEKTOR
Reinlands erste Besiedlung fand im Jahre 2112 statt, als die Sowjet-Weltregierung Deportierte auf dem Swensk benannten Nordkontinent landete. Später wurden weitere Deportierte, Dissidenten und Konterrevolutionäre an den Küsten dieses Kontinents abgesetzt. Eines der wenigen Entgegenkommen, die der Sowjet damals machte, bestand darin, Verbannte in eine Umweltsphäre zu schik ken, die Ähnlichkeit mit ihrer terrestrischen Heimat hatte. Reinland war das Sammelbecken für südamerikanische Yahgan-Nachfahren ebenso wie für Samer, Skandinavier, Tschuktschen und Aleuten.
Milt Yran spürte im Stollen eine Erschütterung. Der Lift stockte, schaltete auf Notbeleuchtung um, doch die Kabine stieg weiter aufwärts. Nicht daß Milt Grund zur Sorge gesehen hätte; derglei chen kam in Bergwerken häufig vor. Erst als der Lift knapp unter dem Triebwerksgestell stoppte, erkannte er, daß irgend etwas Schreckliches vorgefallen sein mußte. Milt zerrte unter Aufbietung aller Körperkraft die Tür auf. Der ganze Betrieb wirkte ungewöhnlich still. Er schnupperte in der Luft und bemerkte einen sonderbaren Geruch. Durch Risse und Löcher in den Wänden sah er, indem er an verschiedenen Stellen mehrmals hinauslugte, das Hauptgebäude war eingestürzt. Er zwängte seinen breiten Brustkorb durch einen Spalt, zog sich hoch, kroch auf dem Bauch vorwärts, bis er sich durch eine Bresche der Außenmauer schieben konnte. Aus aufgewühlten Wolken, die über den Himmel wog ten, fiel Regen — schmutziger Regen obendrein —, umsprühte Milt. Jenseits des Horizonts durchsengte ein grelles Aufblitzen das Gewölk, und Milt blinzelte verdutzt in die Nachbilder, die es hinterließ.
»Kann sein, Damen.« Mit nervösen Fingern rieb sie sich die Augen, ehe sie ihn wieder anschaute. Ihre klassisch afrikanischen Gesichtszüge zeigten ein ironisches Lä cheln. »Aber Ihnen ist bekannt, was ich von Pflicht und Treue halte. Ich werde meinen Posten nicht verlassen. Das heißt, wenigstens nicht, bevor feststehen sollte, daß ich in einem aussichtslosen Kampf stehe. Ich muß es zumindest versuchen. Vielleicht kann ich ein paar Leben für Spinne retten, hmm?« »Warten Sie nicht zu lange, Maya.« Ein kurzes Aufleuchten erhellte Mayas sorgenvolle Augen, die harten Falten um ihren Mund wurden wei cher. »Ihnen ist wirklich an mir gelegen, stimmt's, Damen? Ich hätte nie gedacht, daß dergleichen je eine Rolle spielen würde. Eine Kommandantin führt in der Patrouille ein ziemlich elendes Dasein. Aber wenn alles erledigt ist, dürfen wir vielleicht wieder Menschen sein. Ohne Sie wäre die Galaxis eine traurigere Gegend, Damen.« »Und erst recht ohne Sie, Maya. Das ist mein Ernst. Strapazieren Sie Ihr Glück nicht zu sehr. Wenn der Zu sammenbruch da ist, fliegen Sie mit der Viktoria Welt an. Sie sind hier willkommen. Wir wollen Sie bei uns haben. Ich ... ich möchte Sie bei mir haben.« »Darüber ist von uns doch schon mal diskutiert wor den, oder?« »Die Zeiten ändern sich. Mit der Stabilität ist es nicht mehr weit her. Tun Sie, was Sie tun müssen. Aber setzen Sie sich keiner Gefahr aus.« Maya betastete ihr Kinn, blähte die Nasenflügel, wäh rend sie ihn unter gesenkten Wimpern musterte. »Nur ein anderer Kommandant kann so etwas verstehen. Wissen Sie, das ist es, was mir das Durchhalten ermöglicht. Ein paar Hundert Lichtjahre trennen Sie von mir, aber Sie verstehen mich. Dadurch ... dadurch fühle ich mich, ob wohl ringsum alles zusammenzubrechen droht, nicht so allein.«
Ree nickte, wünschte sich, er sähe sie nicht nur in Holo-Wiedergabe. »Heiliges Kanonenrohr, Damen, ich werde sentimen tal! Kommen wir zurück zur Sache. Also gut, stellen wir uns mal vor, ich lasse mich auf ein Rückzugsgefecht ein ... Warte praktisch auf ein Wunder. Und sobald man mir zu nahe auf die Pelle rückt, gehe ich stiften. Hören Sie bloß auf, Damen! Allein in diesem Sektor bauen über eine Milliarde Menschen auf meinen Schutz. Ich kann mich jetzt unmöglich so einfach von hier verdrücken.« »Aber ich kann hin, wo ich will«, rief Ree ihr in Erin nerung. »Schicken Sie mir die Blitzkorvetten? Ich möchte die schnellsten Modelle, die Ihnen verfügbar sind.« Maya schmunzelte. »Sie werden sie innerhalb weni ger Tage im Orbit haben. Drei der besten Exemplare habe ich für den Gebrauch der Romananer abkomman diert. Es ist intern gelaufen, ohne Meldung von Verände rungen im Verwendungsplan beim Direktorat. Ich glau be, obwohl ich's nicht beweisen kann, daß Kimanijui ahnt, was uns bevorsteht. Sich mit dem Schleimbeutel Van Chow abgeben zu müssen, war ihm ungeheuer zuwi der. BK fehlt's an Abschirmung, aber sie erreichen enor me Geschwindigkeiten. Bewaffnen müssen Sie sie eben mit dem, was gerade da ist.« »In unserer Einflußsphäre befindet sich die Station Tygi. Sie produziert jetzt seit über einem Jahr für uns.« Ree lächelte. »Das ist, meine liebste alte Freundin, eine vertrauliche Information. Nur damit Ihnen klar ist, wir sind keine armen, wehrlosen Wilden, über deren Schik ksal Ngen Van Chow entscheidet.« »Romananer sind so wehrlos wie silurianische Sand kobras«, spottete Maya. »Nun ja, ich bin immer froh, wenn ich weiß, mir deckt 'n schußbereiter Blaster den Rücken.« »Und was hört man heutzutage so von der Miliken?
Haben Sie und Toby Kuryaken nochmals alles disku tiert?« Die Obristin nickte. »Anders als bei den übrigen Kom mandeuren haftet uns noch Sirius im Gedächtnis. Sollte die Situation zu heikel werden, kreuzen wir an Ihrem Hintereingang auf, Damen. Für den schlimmsten Fall haben wir uns auf Verrat geeinigt. Ich glaube, das kommt davon, wenn man sich mit Schlawinern anfreundet. Sie können die Ruhe bewahren. Wenn das Direktorat zusammenbricht, dürfen Sie mit der Unterstützung unserer Schlachtschiffe rechnen. Allerdings könnte es sein, daß wir gewisse Gegenleistungen verlangen. Ihre Technik gegen unsere Dienste.« »Sie wollen mit Fujiki-Verstärkern ausgestattete Bla ster.« Ree rieb sich am Kinn und überlegte. »Maya, Sie haben Romananer in Ihrer Besatzung auf der Viktoria. Ih nen kann ich vertrauen — und Sie verdienen's, verdammt noch mal. Ich bin der Viktoria Fujiki-Blaster zu überlassen bereit. Wenn sie ein Raumschiff Spinnes wird, soll sie auch den Vorteil besserer Bewaffnung, stärkerer Schutz schirme und höherer Geschwindigkeit bekommen. Außer dem gewähre ich Ihnen die Option, Romananer für die Sturmtruppen zu rekrutieren. Ich mache den Handel. Aber die anderen ...?« Aus Unbehagen fing Ree auf- und abzu stapfen an. »Jaischa Mendez und Toby Kuryaken hätten uns im Siriussystem jederzeit zusammengeblastert, wäre die Gelegenheit vorhanden gewesen. Die übrigen Kom mandeure hätten die Projektil und Welt genauso gerne ver nichtet wie Ngen. Ich weiß nicht ... Wir müssen abwarten.« »Damit kann ich leben.« Maya zögerte. »Glauben Sie, derartige Vorteile können uns noch etwas nutzen, sobald's erst mal soweit ist, daß die Reste der Patrouille nach Welt flüchten müssen? Wie stellen Sie sich vor, daß einige Ver sprengte, nachdem Ngen sich überall eingenistet hat, noch Widerstand leisten sollen?« Auf der Armlehne seines Kommandantensessels dreh
te Ree den Kaffeebecher zwischen den Fingern. Verson nen betrachtete er das Schwappen des Getränks, ehe er sei ner Gesprächspartnerin in die Augen blickte. »Wir werden es auf die eine oder andere Weise hinkriegen, Maya. Wenn wir ihn aufhalten können, werden wir's auch schaffen. Es ist keine Prahlerei, wenn ich sage, die Projektil ist das kampfkräftigste Kriegsschiff im gesamten Direktorat. Falls wir nicht dazu imstande sind, die Übermacht zurük kzudrängen, können wir uns auf alle Fälle noch den Weg freiblastern und uns absetzen.« Seine Hand winkte in die Richtung unerforschten Weltalls. »Die Menschheit bewohnt ja kaum ein kleines Zipfelchen der Galaxis. Außerhalb ist noch reichlich Platz. Dort kann man bestimmt neue Welten finden, gibt es Neues zu entdecken. Die Bruderschaft ist, als feststand, daß sie nicht mehr erwünscht war, einfach verschwunden. Wenn es nicht mehr anders geht, steht uns das gleiche frei.« Ree neigte den Kopf zur Seite. »Ich denke mir, es wird ratsam sein, Sie bereiten in Ihrem Sektor die schlausten Gehirne auf den Evakuierungsfall vor. Kunstwerke unschätzbaren Werts, Bibliotheken, Technik-Handbücher, alles was Sie als unersetzlich einstufen, sollten wir auch mitnehmen.« »Bei Spinnes Blut, Sie meinen's tatsächlich ernst, nicht wahr?« Maya blinzelte; sie blickte gequält, während sie nachdachte. Ree spielte mit seinem Kaffeebecher. »Spinne hilft denen, die sich selbst Gedanken machen. Sprechen wir's ruhig aus: Als wir das letzte Mal mit Van Chow im Clinch lagen, hatte er mehr Tricks in der Hinterhand, als wir erwarteten. Ich unterstelle, daß er diesmal noch heimtük kischer, ein noch gefährlicherer Gegner sein wird. Ich habe nicht vor, so frisch-frei-fröhlich wie letztes Mal gegen ihn in die Konfrontation zu gehen.« Ree schwieg kurz. »Und es ist ein Glaubenskrieg.« »Wenn ein Krieg um Gott geführt wird, gestaltet er sich nur um so blutiger. Doch das heißt nicht ...« »Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin keineswegs in
defätistischer Stimmung.« Ree lächelte. »Ob's so oder so kommt, ich setze auf Spinne.« »Sie glauben wahrhaftig, daß 's sich lohnt, oder?« »Ich will's mal so ausdrücken: Spinne hat mich über zeugt. Ich habe mit den Propheten zu tun gehabt und er lebt, wie sie Unglaubliches leisten. Ich habe ihren Darle gungen und ihren philosophischen Standpunkten ge lauscht. Ich bin der Ansicht, daß sie damit das Wesent lichste abdecken. Der romananische Glaube verlangt von einem Menschen nichts außer Wissensdurst, Ehrlichkeit und Mut. Ich kann akzeptieren, daß meine Seele Gott ge hört, egal wer er ist.« Maya hatte ihre Arme verschränkt. »Und sind Sie der Auffassung, daß Ihr Spinne sich gegen Ngens Deus be haupten kann?« »Für den Moment wollen wir einfach sagen, daß Spin ne nun einmal der wahre Gott ist. Ist es da von Belang, was Ngen predigt? Wie Chester mal zu mir gemeint hat: Man kann einen Fisch einen Vogel nennen, so lange man mag. Ganz gleich, wie fest man daran glaubt, es sei mög lich, wie nachhaltig man sich einbildet, Flossen sähen wie Flügel aus, man wird dadurch den Fisch nicht zum Fliegen bringen. Ein Fisch bleibt ein Fisch, ein Vogel ein Vogel. Die wahre Natur Spinnes, Gottes oder wie man ihn nennt, wird sich durch unsere Anschauungen nicht verändern. Letztendlich ist die Realität Bestand und bleibt bestehen. So schlicht und einfach verhält es sich. Außerdem ist den Romananern zufolge das Schicksal der Menschheit bedeu tungslos. Das einzig wichtige ist das Wissen, das wir ...« »Ich fühle mich nicht bedeutungslos«, murrte Maya. »Und ich glaube, daß diese vielen Milliarden von Men schen auch so empfinden. Sie haben Furcht. Alles zerfällt, und das nach all diesen Jahrhunderten der...« »Dann sollen sie doch, verflucht noch mal, endlich Verantwortung übernehmen, anstatt sich irgendwelche Märchen einreden zu lassen. Ist das keine Frage der Reife, Maya? Eingeschüchterten, verstörten Menschen bietet es
eine Art von Kinderstubensicherheit, einen richtig netten, freundlichen Gott im Hintergrund zu wissen. Solange man an ihn glaubt, braucht man nicht erwachsen zu werden. Statt dessen darf man das Leben in ewiger Kindheit ver bringen.« Maya stützte das Kinn in die Handfläche und überleg te. »Lange Zeit hindurch hat das Direktorat es ihnen so ermöglicht.« »Aber das wirkliche Universum ist anders beschaffen, Obristin. Die einzige Wahrheit, deren ich mir sicher bin, heißt Verantwortung. Ich kenne Gott nicht so gut wie die Propheten. In meiner gegenwärtigen Inkarnation habe ich Spinne nie näher kennengelernt. Die Propheten sagen, meine Seele sei ein Teil Gottes. Also wird es wohl so sein. Aber jedenfalls weiß ich, daß ich mich, solange ich die Verantwortung für mein Handeln auf mich nehme, auf die bestmögliche Weise für meine Seele sorge, sie für Gott vorbereite, oder wie man's ausdrücken will. Gibt's dage gen eine Widerlegung?« »Fühlen Sie sich dadurch nicht einsam?« fragte Maya, schlang ihre langen Finger ineinander. »Überhaupt nicht. Wenn man sich damit abfindet, daß die eigene Seele ein Bestandteil der Göttlichkeit ist, und annimmt, daß Göttlichkeit die einzige konstante und ewi ge Eigenschaft des Universums ist, bedeutet das eine be trächtliche innerliche Stärkung.« Maya schnaubte belustigt. »Das klingt ja, als wüßten die Romananer auf alles 'ne Antwort. Leute, die für sich beanspruchen, für alles Lösungen zu wissen, machen mich nervös. Ich wollte wetten, die Dinge würden kompliziert werden, wenn sie anfingen, sich gegenseitig zu predigen. Religion fußt immer, habe ich den Eindruck, auf irgend welchen Dogmen, und wenn sie verschiedene Gruppen Gläubiger hat, geht der Zank los.« »Ich habe nie erlebt, daß Propheten gezankt hätten.« Ree schüttelte den Kopf. »Die einzigen Romananer, die Schwierigkeiten haben, sind die Santos. Aufgrund ihrer
mexikanischen Abkunft schleppen sie zuviel christlichen Ballast mit sich herum. So ein Glaube krankt, sagt Pike, an inneren Widersprüchen. Dagegen stammt das Spinnenvolk von nordamerikanischen Ureinwohnern ab. Es hat keine schriftlichen Überlieferungen, über die man sich in die Haare geraten könnte. Das Wesen ihrer Religion beruht auf eigenen Erfahrungen, darum ist sie schlichterer Natur, man hat keine heiklen Regeln darüber, was man essen darf, was man sagen soll oder tun muß, oder solchen Krampf.« »Dann wollen wir hoffen, daß Spinne gründlich mit Deus aufräumt«, äußerte Maya grimmig, rückte sich in ihrem Kommandosessel zurecht. »Ich habe diese Spinnen pinseleien schon im ganzen Raumschiff! Ben, mein Stell vertreter, hat 'ne Spinne auf seinem Schutzpanzer. Ein Patrouillenmajor! Er ist bekehrt. Und das alles durch 'n paar Dutzend Romananer an Bord.« Sie drohte Ree mit dem Zeigefinger. »Sie haben sie auf mein Schiff geschic kt und das angerichtet.« Ree grinste ihr breit zu. »Verlassen Sie sich auf mich, Obristin, auf die eine oder andere Tour hole ich Sie aus dem Schlamassel raus.« Er tippte auf das Spinnenbild auf seiner Brust. »Wenn's nicht anders geht, muß man eben mit den Wölfen heulen ...« Ein kurzes Schweigen entstand. Mayas Lippen verzo gen sich zu einem Lachen, in ihren Augen funkelte auf richtige Heiterkeit. »Erinnern Sie sich noch daran, daß Sie einmal gesagt haben, wir seien viel zu prächtige Leute für Robinson und das Direktorat?«
»Ja.« »Das hat mich irgendwie überzeugt. Ich weiß noch nicht so recht, aber vielleicht, wenn alles vorbei ist ...« »Ist das ein Angebot?« »Klar«, antwortete Maya in trockenem Ton, im Blick eine Herausforderung. »Sie müßten die Viktoria aufgeben.« »Typisch Mann!« brauste Maya auf. »Ach, mit Ihnen
hätte ich nur Scherereien, Damen. Sie möchten Ihr Schiff kommandieren und meins dazu.« »Leider haben wir unsere grundlegenden Entscheidun gen wohl vor schon zu langer Zeit getroffen.« Ree spielte weiter mit seinem Becher, beobachtete Maya unter herab gezogenen Brauen. »Ja, das ist wahr«, pflichtete Maya bei. »Und's war 'ne verdammt tolle Karriere. Naja, Sie werden sich entsinnen, wenn Sie mich begraben, daß ich meinen Vorschlag ausge sprochen habe.« »Und Sie werden mich irgendwann in dem Bewußtsein zur Externalisationsluke hinausschießen, daß ich ihn ange nommen hätte.« Einen Moment lang schauten beide einan der in die Augen. »Danke für die BK«, fügte Ree schließ lich hinzu. »Ich werde versuchen, sie heil zurückzugeben.« »Ich halte Sie auf dem laufenden, Damen.« Maya lehn te sich in den Kommandosessel; ihre Augen schimmerten feucht. »Grüßen Sie Rita und Iverson. Trotzdem hoffe ich, die Lage entwickelt sich nicht so, daß wir uns bald persön lich wiedersehen.« Damit erlosch der Bildschirm. Für Rees Begriffe war nun die Zeit da, um die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen. Ngen Van Chow hatte mit Überfällen angefangen. Wieviel Zeit mochte noch bleiben, bis er Welt angriff? Gott sei Dank trat Maya nicht nur die erbetenen zwei, sondern drei der schnellen Blitzkorvetten ab. Damit standen ihr selbst lediglich noch vier zur Verfü gung, während sie Vorbereitungen zum Bruch mit dem Direktorat und zum Absetzen traf. Ngens Dschihad verur sachte Maya ben Achmad Sorge. Das wunderte Ree nicht. Abgesehen von ihrer greulichen Neigung zu wortwört licher Befehlstreue: Ree hätte keine auffassungsfähigere, scharfsichtigere Kommandeurin oder einen entsprechen den Kommandeur der Patrouille nennen können.Und wenn Maya etwas tief beunruhigte, mußte die Situation im Direktoratsweltraum gehörig schlecht stehen. *
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HANGAR 13 DES STURMTRANSPORTER-DECKS DER PROJEKTIL (IN GEOSTATIONÄREM ORBIT ÜBER WELT)
Susan schaltete die Kontrollen ab, behielt die Anzeigen der Kompensatoren im Auge, während der Energiepegel des ST sank. Aus der Kommu drang Geschnatter; der Tak tische Führungsoffizier befand sich in sprunghaftem Gespräch mit Mosche, der auf dem nördlichen Kontinent ein Sturmtruppen-Manöver veranstaltete. Es schien, als wäre jeder ständig an Übungen beteiligt. »ST wird verankert.« Greifer brachten den schlanken Flugapparat ins Zittern. Susan checkte die ST-Funktionen, vergewisserte sich, daß ST 22 tatsächlich vollkommen desaktiviert und den Bordsystemen der Projektil angekoppelt worden war. Sie schlug die Hand auf den Schnellöffner der Gurte, wand sich mit Hüftschwung aus dem Pilotensessel und stieg durch den Ausgang aus der ST-Zentrale nach hinten; wäh rend sie sich ihr näherte, öffnete sich schon die Schleuse. Im Vorbeigehen, unterwegs zur Erledigung der Wartungs aufgaben, lächelte und winkte ein Tech ihr zu. Nachdem sie die weißen Korridore der Projektil betre ten hatte, kontaktierte Susan die Kommu des Raum schiffs, erfuhr in bezug auf ihre Termine nur von einer Stabssitzung am nächsten Morgen. Müde bog sie in eine Sektion ab, wo man die Abdeckplatten demontiert hatte, Techniker bei der Arbeit — anscheinend an Energiekabeln und Leitungen — schwitzten und fluchten. Nein, hier mußte ein größerer Umbau erfolgen. Ganze Abschnitte der Rumpfverkleidung waren entfernt worden. Fügte man die letzten neuen Bauteile zur Strukturverstärkung ein? Seit einiger Zeit war die Projektil bei keinem Mal, wenn man sie durchquerte, die gleiche wie vorher. Der Raumer, in dem sie sich auf dem Flug zum Siriussystem auszukennen gelernt hatte, war unter Giorjs behutsamer Aufsicht voll ständig umgebaut worden. Sie fragte sich, ob selbst Ree sein heißgeliebtes Schlachtschiff heute noch in-und aus wendig kannte.
»Sektion Zehn, C-Deck«, rief Susan, als sie in einen leeren Aufzug trat. Sie lehnte sich an die Wand, zwinkerte gegen die Erschöpfung ihrer Augen an. Wie lange war es her, seit sie zuletzt einmal einen dienstfreien Abend gehabt hatte? Und Giorj war da, um sie in den Armen zu halten, ihr zu beweisen, daß es nicht allein in der Phantasie güti ge Menschen gab, sondern sie außerhalb der hartnäckigen Träume, die Ngen in ihr Unbewußtes geflochten hatte und die ihren inneren Frieden wie Säure zerfraßen, wirklich existierten. Die Lifttür glitt beiseite, und Susan strebte durch den vertrauten, weißen Korridor, öffnete per Handtellerdruck die Tür des Quartiers und ging in der Erwartung hinein, Giorj vorzufinden. Doch er war nicht da. Hinter Susan rollte die Tür zu, schloß sich mit einem Klicken, das nach Endgültigkeit klang. Gedämpft schimpfte Susan vor sich hin, ließ sich vom Getränkespender ein Glas mit Limona de füllen, pellte sich aus der Dienstkluft und beförderte sie, obwohl diese Unordentlichkeit ihr Gewissensbisse bereitete, mit einem Fußtritt in die Ecke. Am Kommu-Apparat verlangte sie Giorj; gleich darauf erschien sein Gesicht auf dem Monitor-Bildschirm. »Hallo. Ich bin zurück. Kommst du irgendwann?« Giorjs blasses Gesicht verriet ebenfalls Ausgelaugtheit. »Es dauert noch eine Weile, Susan. Momentan haben wir ein technisches Problem mit den Gravo-Kompensatoren. Die quadrupolischen Formationsgeneratoren spielen ver rückt. Irgendeine Irregularität liegt vor, wahrscheinlich verursacht durch einen Software-Fehler. Das Ergebnis ist eine Abweichung in den Belastungsenergie-Tensionsimpulsen, und die sind es, die Abstrahlwinkel und -gewalt der durch uns hervorgerufenen Gravitationswellen streu en. Es ist uns gelungen, diese Fluktuationen vorerst auszu gleichen. Wir stehen vor der komplizierten Aufgabe,die sogenannte Zeitlupentempo-Formation in Relation zur Perturbations-Formation in der internen Gravitationsfel derzeugung auszubalancieren. Andernfalls resultiert aus
der Abweichung etwas, das man als mikrogravitationale Überlagerungseffekte bezeichnen könnte.« »Giorj ...« Susan stöhnte. »Was heißt das?« »Ahm ... Bringen wir die endgültige Ausbalancierung nicht zustande, wird die Besatzung infolge der Fluktua tionen an Magenbeschwerden leiden, an Übelkeit. Sie wir ken sich auf sämtliche Nerven aus, die Bewegung inter pretieren oder die Orientierung steuern. Innenohr und der gleichen. Das Med-Personal ist schon unruhig wegen der wachsenden Zahl der Krankmeldungen. Zahlreiche Fälle von Kopfschmerzen und ähnlichem. Auch die Kommu wird ungünstig beeinflußt, und auf lange Sicht ist in einem Großteil der Metallkomponenten des Raumschiffe Materi almüdigkeit zu befürchten. Mögliches Spin-off könnte bei Hoch-Ge-Beschleunigung einen Verlust an künstlicher Schwerkraft zur Folge haben. Muß ich noch ins Einzelne gehen?« Gefrustet biß Susan die Zähne zusammen. »Nein. Ich kapier's. Fallen die Gravo-Kompensatoren nur für einige Nanosekunden aus, kleben wir als platter Brei am näch sten Schott ... oder werden, je nachdem, hindurchge knallt.« Ein peinliches Schweigen zog sich in die Länge, wäh rend sie sich gegenseitig anschauten. »Geht's dem Anthropologen einigermaßen gut?« »Ja. So ein übergeschnappter Idiot. Ree hat mich zu seinem Aufpasser ernannt. Gegenwärtig liegt er auf 'm Planeten in der Klinik flach. Morgen nach der Stabsbe sprechung werde ich ihm mal 'n Besuch abstatten.« Sie spitzte die Lippen. »Er ist kein übler Typ, bloß ... Tja, er übertreibt 'n bißchen, verstehst du? Er sitzt nie lange genug still, um auszuspannen. Er ist ... eben noch jung. Weißt du, was ich meine? Als ob er's nie merkt, wann's an der Zeit ist, sich einfach zurückzulehnen und den Augen blick zu genießen.« »Aber du magst ihn.« Susan dachte darüber nach. »Ich glaube schon. Anders
als die meisten Männer ist er 'n ungefährlicher Umgang. Bei ihm brauche ich mich nicht zu sorgen, er könnte auf dumme Gedanken kommen. Bis jetzt ist er seiner selbst noch zu unsicher, um 'ne Gefahr zu sein. Er ist 'n unschul diges Bürschlein ... kein Lüstling.« Sie neigte den Kopf auf die Schulter. »Ich kann mit ihm im selben Zimmer sein, ohne ... ohne daß ich zu schlottern anfange. Ich höre nicht Ngens Stimme in meinem Ohr flüstern, wie's wäre, hätte ich's mit 'm stärkeren ... Nein, so ist's falsch gesagt. Pike ist stark, nur ist er ... Man kann ihn nicht als ernsthaf te Bedrohung empfinden. Er hat Schwächen.« Mit ausdrucksloser Miene schüttelte Giorj den Kopf. »Weißt du, Maschinen sind wirklich bedeutend leichter zu handhaben. Bei Menschen ergibt alles keinen Sinn. Sie haben so viele unbegreifliche Launen. Maschinen hinge gen zeichnen sich durch richtige Eleganz aus, Susan, sie funktionieren innerhalb mühelos definierbarer Parameter. Mit Menschen zu schaffen zu haben, mißfällt mir, ihnen fehlt es an Absoluten. Sie leben in völligem Verhaltens chaos.« Susan betrachtete ihn, spürte zunehmende Einsamkeit. Ihre Vorfreude verebbte. »Du bleibst heute abend fort, stimmt's?« Giorj senkte den Kopf, runzelte die Stirn, während er überlegte. »Ich kann es nicht genau vorhersagen. Es hängt davon ab, ob wir einen Durchbruch erzielen. Inner-halb eines reduzierten Felds, wie Gravo-Kompensatoren es aufweisen, sind Minkowski-Werte manchmal schwer kon trollierbar. Die Schwierigkeiten wirft dabei der Expan sionsquotient auf, der in den metrischen Koeffizienten zu den Abweichungen führt. Sobald wir dieses Problem behoben haben, können wir die Systeme kalibrieren und haben alles unter Kontrolle.« »Giorj ...« In Susans Brust breitete sich ein hohles Gefühl der Verzweiflung aus. »Kannst du dort nicht weg? Wenigstens dies eine Mal? Es sind Wochen vergangen, seit du und ich zuletzt einen gemeinsamen Abend hatten.
Ich leide wieder an diesen Alpträumen. Ngen ist ... Er wird wieder zur realen Gefahr. Er ist irgendwo da drau ßen im All. Ich ... ich brauche dich kommende Nacht. Du mußt mich in den Arm nehmen ... bei mir sein, wenn die Träume auftreten. Bitte, Giorj.« Flüchtig zeigte sich in Giorjs Gesicht eine Andeutung des Kummers. »Ich verspreche dir, es zu versuchen, Su san. Wir arbeiten mit allem Nachdruck an einer Lösung. Sobald wir das neue Bauteil eingefügt und die Schwer kraftstörungen beseitigt haben, nehme ich mir ein, zweiTage frei, und wir ...« »Das hast du mir schon bei der Rückkehr von Frontier versprochen. Erinnerst du dich? Hinter ST-Hangar Zwei undzwanzig ist auch noch ein Bauteil einzufügen, nicht wahr?« Giorj nickte. »Das ist als nächstes eingeplant. Es dürf te aber bei weitem keine so großen Umstände mehr verur sachen. Mit jedem Mal wird es leichter. Wir haben schon eine Menge Variablen bei den bisherigen ...« »Ist es wirklich völlig unmöglich? Bei Spinne, die Hälfte der beteiligten Techniker sind von dir unterwiesen worden, können sie denn nicht ...?« »Susan, ich bin doch in deiner Nähe. Du erreichst mich jederzeit mit einem Kommu-Anruf. Schlaf. Wir finden bald Zeit füreinander. Ich verspreche es. Aber gegenwär tig hat das Ausbalancieren dieses Systems Vorrang.« Susan nickte, weil sie die Aussichtslosigkeit ihrer Be mühungen einsah, und trennte die Verbindung. Mit ge fühllosen Fingern setzte sie das Kontaktron ab, schob es ins Regal und starrte aus trockenen Augen ins Weite. Die gefräßige Leere in ihrem Innern breitete sich aus, umfing ihre Seele. Susan schloß die Lider, bog den Kopf zurück, üppige Locken glänzenden Haars fielen ihr weich auf den bloßen Rücken. Sie ballte an ihren Seiten die Hände zu Fäusten, knirschte angesichts all der Fruchtlosigkeit mit den Zähnen. »Warum bin ich so allein? Ngen, weshalb hast du mir
das angetan? Bei lebendigem Leib sollst du verfaulen! Wieso mußtest du mir das Leben so verderben? Warum? Warum, verdammt noch mal?!« Sie widerstand dem Drang zu weinen, warf sich in die leere Koje, krümmte sich zu fötaler Haltung zusammen. Aus einem Winkel der Kabine schien ein leises Raunen an ihre Ohren zu dringen, ein nur eingebildetes, aber darum in seiner Furchtbarkeit keineswegs weniger wirksa mes Geflüster. »Liebste Susan, widersetze dich mir nicht ... Ich komme, um dich Lust zu lehren ... Lust ...« Erstickt schrie Susan auf, Schaudern schüttelte sie, sie preßte sich in die Ecke, vermochte schließlich das Schluchzen nicht mehr zu unterdrücken. *
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PLANUNGSSAAL AN BORD DER PROJEKTIL (IN GEOSTATIONÄREM ORBIT ÜBER WELT)
Ree stellte zu den Informationen, die ihn per Kommu erreichten, Überlegungen an. »Und die Umbauten? Wie bald können wir starten, falls es sein muß? Eine noch ern stere Frage: Sollte Welt angegriffen werden, sind wir mit halb demontiertem Rumpf überhaupt zu kämpfen im stande? Ich brauche eine gewisse zeitliche Vorgabe, damit ich für Notfälle Vorsorgen kann. Während wir uns hier besprechen, könnte Ngen schon zu uns unterwegs sein.« Stabssitzungen sind mir zuwider. Bei Gott, wozu hok ken wir hier herum? Es kommt mir so vor, als geschähe absolut nichts ... Und währenddessen treibt Ngen, was er will. Heiliger Spinne, was gäbe ich für nur eine Nacht ruhigen Schlafs. Susan versuchte die körnige Verklebtheit ihrer Augen wegzublinzeln und unterdrückte ein Gähnen. Major Glick verzog die Lippen, beugte sich über einen tragbaren Monitor; Zahlen flimmerten über die Bildflä che. »Es ist höchstens noch eine Woche erforderlich, Ad
miral. Giorj leistet das Menschenmögliche. Im Zusam menhang mit den neuen Bauteilen sind ein paar Schwer kraftprobleme aufgetaucht ... Aber ich würde sagen: Eine Woche.« Am Rande bemerkte Ree, wie Susan sich an ihrem Sitzplatz versteifte. »Wie klappt's mit den neuen Rekru ten?« Eisenauge duckte den Kopf. »Eben wie mit neuen Re kruten. Das Null-Ge-Training verläuft ... na, so ähnlich, als wollte man einem Pferd Kopfstand beibringen.« Ree grinste. »Möchtest du lieber mit Giorj an den Schwerkraftkomplikationen arbeiten?« Eisenauge warf ihm einen wütenden Blick zu. »Meine Antwort lautet rundheraus: Nein. Es fällt mir noch heute schwer, Gravitation als eine Form von Strahlung zu be greifen. Wenn ich nicht einmal den Laplace-Effekt kapie re, wie soll ich dann nach deiner Meinung zu Giorjs Ar beit beitragen?« »Jedenfalls gehört dir mein volles Vertrauen, was den Umgang mit den neuen Rekruten angeht. Trotzdem stelle ich eine Anzahl Leutnants zu deiner Unterstützung ab. Ich glaube, wir werden im nächsten Jahr, oder so unge-fähr, jede Menge Truppen brauchen. Kannst du noch einmal einen Aufruf erlassen? Oder werden irgendwo Lücken ent stehen, wenn wir nochmals tausend Krieger an-werben?« An seinem Platz straffte sich Eisenauge. »Nochmals tausend ... Der Großteil aller Kriegstauglichen steht so wieso schon auf der Warteliste. Haben die Alten etwa ir gend etwas prophezeit? Es muß etwas passiert sein. Was?« »Ngen hat einen hemmungslosen Feldzug begonnen. Bis jetzt verkörpert das Direktorat für ihn noch eine grö ßere Gefahr als wir's sind. Fast eine Milliarde Menschen sind schon umgekommen, vielleicht mehr. Maya liefert uns regelmäßig Informationen. Es kann sein, uns bleibt weniger Zeit, als ich angenommen habe. Du mußt dich mit Chester zusammensetzen und mit ihm erörtern, was man im Hinblick auf Spinne-Propagandasendungen tun kann.«
»Ngen hat losgelegt?« Rita stützte sich auf einen Ellbo gen. »Eine Milliarde Tote? So schnell? Heiliger Spinne, das ist ja wie ein zweiter Sirius.« Verkniffenen Gesichts widmete Ree ihr einen harten Blick, ehe er sich an Susan wandte. »Wie steht's um Pike?« Mit einem Becher frischen Kaffees rückte Susan sich im Sessel zurecht, sah Ree an. »Er lebt. Die Bordklinik hat ihn in die Genesungsabteilung verlegt, seine Bauchfellent zündung hat man sowohl septisch wie auch chemisch unter Kontrolle. Laut Geflügelter Stier Reesh hat er mit seinem kleinen Messerchen sogar einen Coup errungen.In zwei Wochen wird die Bordklinik ihn entlassen.« Verärgert stieß Ree einen Schwall Atem durch die Zähne. »Verfluchter Scheißkerl! Wir wollten ihn doch wegen seines Köpfchens, nicht damit er ... Ist er reisefä hig?« »Er hat 'ne Bauchverletzung«, antwortete Susan mit einem Achselzucken. »Aber der sirianischen Ärztin zufolge müßte sie sauber verheilen.« »Dann soll sie auf dem Flug nach Basar heilen. Ich möchte, daß er sich persönlich ansieht, was dort vor sich geht.« Ree widmete seine Aufmerksamkeit Rita. »Majo rin, Sie fliegen unverzüglich mit drei Schiffen nach Basar. Maya hat uns drei BK abgetreten. Blaster und Schutzschirm-Generatoren stehen zum Verladen bereit und wer den während des Flugs montiert.« Er rief die Dateien ab, die ihm Maya übermittelt und die er gespeichert hatte. Auf den unter der Decke instal lierten Monitoren erschienen Gebilde, die aufgerissenen, verbeulten Blechbüchsen ähnelten. »Ich will, daß Sie 'ne Vorstellung davon erhalten, gegen was für einen skrupel losen Gegner wir stehen. Das sind einige der betroffenen Stationen in Mayas Raumsektor.« Die Aufnahme einer Planetenoberfläche folgte. »Das ist Reinland nach einem Vorbeiflug der Deus-Padri. Maya sagt, derartige Überfälle finden überall im Direktorat statt. Diese Taktik hat offen
sichtlich den Zweck, die Kräfte der Patrouille zu binden und Ngen mehr Zeit zur Stärkung seiner Operationsbasis zu erschinden.« »Darf ich unterstellen, daß wir in seinen Sonnensyste men nach Belieben verfahren können?« fragte Neal. »Seine Taktik auch gegen ihn anwenden?« »Selbstverständlich.« Der Reihe nach blickte Ree in die Gesichter der Anwesenden. »Ich will, daß er in die Defensive zurückgedrängt wird, damit die Patrouille wie der mehr Handlungsspielraum erhält. Nehmen Sie eine Abteilung Sturmtruppen an Bord jedes Schiffs. Jede KT kann zwei ST befördern. Passen Sie gut darauf auf, sie sind Ihre einzige Möglichkeit, um Leute nach unten und zurück in den Orbit zu transportieren. Die BK sind für pla netare Landungen ungeeignet.« »Versorgungsraumschiffe sind nicht besonders groß«, sagte Rita. »Sie bestehen fast nur aus dem Reaktor.« »Stimmt«, gab Ree zu. »Darum habe ich Giorj in sei ner angeblichen Freizeit die Baupläne durchsehen lassen. Er ist, genau wie ich, der Ansicht, daß wir pro BK nur vier schwere Fujiki-Blaster montieren können. Mehr müßten zuviel Reaktorenergie verbrauchen und die Transportka pazität entweder an Sturmtruppen oder ST verringern. Es ist 'n Kompromiß, aber besser läßt's sich nicht einrichten. Berücksichtigen Sie, daß Van Chow auch diesmal FLF umbaut, und offenbar rekrutiert er arpeggianische Besat zungen. Besonders starke Schutzschirme werden Sie nicht haben. Ihr einziger Vorteil ist, daß Sie die schnellsten Raumschiffe der Galaxis fliegen und über Fujiki-Blaster verfügen, die mit etwas Glück seine durch Bruderschafts technik verstärkten Schutzschirme durchdringen ... Außer natürlich, er hat aus den Computern auf Frontier neue wissenschaftlich-technische Kenntnisse gemolken.« »Zuschlagen und abhauen«, sagte Susan mit bösarti gem Lächeln. »Ich glaube, das kriegen wir hin, Admiral.« »Ihre Aufgabe wird eine etwas andere sein, Komman dantin Andojar. Ihre Hauptverantwortung ist es, dafür zu
sorgen, daß dieser blöde Anthropologe am Leben bleibt und sich aufschlußreiche Eindrücke von Basar, Mysterium und, wenn möglich, auch Arpeggio verschafft, während Rita und Neal Ihnen die Padri vom Hals halten. Ist das klar?« Susans Gesicht lief rot an. Ich soll diesen idiotischen Weichling spazierenführen, während Rita und Iverson allen Ruhm allein einheimsen ? »Bei allem Respekt, Sir, ich habe ausreichende Kampferfahrung, um ...« »Wenn Sie sich den Job nicht zutrauen, Kommandan tin, wird Mosche ihn erledigen, da bin ich sicher. Ich habe speziell Sie ausgesucht, weil Sie mehr Erfahrung im Erd kampf als die Mehrzahl unserer Offiziere gesammelt haben.« Ree beugte sich vor, bezähmte die Heftigkeit sei nes Tonfalls. »Dieser Krieg wird nicht durch Überra schungsangriffe gewonnen. Die bessere Informationslage und die durchdachtere Strategie werden ihn entscheiden.« Unwillkürlich schluckte Susan, ihre Gedanken über schlugen sich. »Jawohl, Sir. Ich habe völlig verstanden, Sir. Wir wollen keine Wiederholung des Sirius-Debakels. Wir müssen eine akkurate Einschätzung aller Stärken und Schwächen Ngens vornehmen, bevor wir eine Strategie und Taktik erarbeiten können, die seine Niederlage garan tiert.« »Also keine Heldentaten.« Einen Moment lang schwieg Ree. »Ich weiß, Sie haben's auf Ngen abgesehen, Susan. Wir schnappen ihn Ihnen — aber es darf auf keine unvernünftige, sondern muß auf überlegene Weise gesche hen.« »Keine Heldentaten, Admiral. Ich begleite den Anthro pologen hin und zurück.« »Ausgezeichnet.« Ree nickte, wandte sich als nächstes an die gesamte Runde. »Was wir uns nicht erlauben dür fen, ist Subraum-Transduktions-Funkverkehr zwischen Basar und Welt. Dazwischen erstreckt sich zuviel Welt raum. Egal wie dicht die Abstrahlung gebündelt wird — und die Ausstattung von BK hat in dieser Hinsicht Gren
zen —, irgendwer könnte sie auffangen. Sie werden also dort auf sich gestellt sein. Die Entscheidung, wann Sie genug Informationen erlangt haben, um mit einem Bericht zurückzukehren, überlasse ich Ihrem Urteilsvermögen. Natürlich haben Sie auch in dieser Beziehung eine gewis se Handlungsfreiheit. Sollte Ngens Lumpenbande Ihnen auf die Schliche kommen, hätte die Beibehaltung der Funkstille keinen Sinn mehr. Wie soll ich mich ausdrük ken? Benutzen Sie Ihren Grips. Und denken Sie daran, auf Hilfe seitens der Patrouille können Sie dort nicht hoffen. Wahrscheinlich würde sie genauso gern wie Ngen auf Sie schießen.« »Herrliche Aussichten.« Rita schürzte widerwillig die Lippen, während sie Eisenauges düsteren Blick erwiderte. »Warum versuchen wir nicht einen Durchbruch mit der Projektil?« erkundigte sich Iverson. »Weil wir nicht wissen, welche Erkenntnisse er aus den Bruderschaftsdateien gewonnen hat, ehe er von Freitag gestört worden ist. Wir gehen davon aus, die Projektil ist das machtvollste Kriegsschiff der Galaxis, aber nachdem Ngen Zugriff auf die Datenspeicher Frontiers gehabt hat, will ich das Raumschiff keiner unnötigen Gefährdung aus setzen. Zudem möchte ich nicht starten, ehe sie wirklich in Bestzustand ist. Ich glaube, Sie erinnern sich noch daran, was im Siriussystem passiert ist, als die Projektil keine hundertprozentig optimale Form hatte. Außerdem könnte Ngen, falls wir Welt ohne Schutz lassen, hier das gleiche wie auf Reinland anrichten. Freilich läßt sich so oder so nicht jedes Risiko ausschließen. Verfügt er über irgend welche neue Supertechnik und kreuzt damit hier auf, sind wir sowieso verloren. Es ist durchaus möglich, daß Sie auf eine Selbstmordmission fliegen. Aber es ist ja nun einmal so« — Ree lächelte —, »daß Spinne uns keine Verspre chungen gemacht hat, nicht wahr?« »Sind schon Sturmtruppen abkommandiert worden?« wollte Iverson wissen. »Nein, Sie können die Abteilungen selbst zusammen
stellen. Ich erwarte, daß sich genügend Freiwillige mel den. Beachten Sie, daß Sie sich im Einsatzgebiet alle Op tionen offenhalten müssen, also suchen Sie Leute aus, die eine Pilotenausbildung haben. Vielleicht ergibt sich eine Gelegenheit zum Kapern einiger FLF. Wir können alles gebrauchen, was irgendwie raumflugtauglich ist, vom be waffneten Raumboot bis zum Transporter. Station Tygi hat in den vergangenen drei Monaten mit voller Kapazität gearbeitet, und an den Docks stapelt sich das Material für den Transfer nach Welt. Der Laderaum ist knapp. Ich habe eine Anzahl weiterer Weltraumstationen in die Produktion einbezogen. Gleichzeitig ist unser sirianisches Protektorat auf Hochtouren gebracht worden und stellt jetzt Schutz panzer, Blaster und Komponenten sonstiger militärischer Güter her.« »Also sind wir ziemlich gut auf alles vorbereitet?« »Wie gut unsere Vorbereitungen sind, hängt von recht vielen Variablen ab«, gestand Ree, schob seinen ver schmuddelten, halb eingedrückten Becher in die Öffnung des Getränkespenders und drückte die Kaffee-Taste. »Ich habe versucht, Chester danach auszuhorchen, was er in der Zukunft sieht. Er sagte, es wären noch zu viele Cusps zu entscheiden, und auf lange Sicht würde alles ohnedies kei nen Unterschied ausmachen. Propheten können mich wirklich aufregen. Hat jemand noch Fragen?« Er schaute umher. »Was ist mit John?« fragte Rita. »Eisenauge bleibt hier.« »Warum?« hakte Rita nach, und ihre Augen nahmen einen unterkühlten Ausdruck an. »Wenn jemand versteht, was Ngens ...« »Weil ich nicht beabsichtige, meine tüchtigsten Leute allesamt im Einsatz gegen die Padri zu riskieren.« Rees Miene spiegelte ähnlichen, halb mit Zorn vermischten Mißmut, als er sich umdrehte und Majorin Sarsa anblick te. »Ich will Eisenauge hier haben, damit wir versuchen können, eine gangbare operative Planung auszuarbeiten.
Oder kennen Sie einen fähigeren Offensivtaktiker als den Kriegshäuptling, Majorin?« »Sch ...« John Smith Eisenauge legte, während er Sar sas Hand ergriff, einen Finger auf die Lippen. »Ich glau be, Damen braucht etwas, das ihn auf Trab hält. Er hat weder das Herz noch die Seele eines Räubers.« Rita schenkte ihm ein grämliches Lächeln und ihre Aufmerksamkeit wieder Ree. »Nein, ich weiß niemand, der darin besser ist, Admiral. Keine weiteren Fragen.« Rita gefiel die Sache sichtlich überhaupt nicht. Zum erstenmal seit Sirius, seit der Tragödie von Phillips Tod, sollte sie John nicht bei sich haben. Er mußte ihr bitterlich fehlen. So wie ich hätte Freitag vermissen müssen, dachte Susan kummervoll, spürte Beklemmung in ihrer Brust. In den verborgensten Regionen ihrer Seele regten sich die Alpträume und sandten eisige Fühler in ihr Gehirn aus. »Sie werden laufend unterrichtet, wenn neue Informa tionen eintreffen«, sagte Ree. »Das wär's für diesmal.« Susan stand auf und wandte sich zum Gehen. »Kom mandantin Andojar«, rief Ree ihr nach. »Einen Moment bitte.« Susan machte kehrt. »Behalten Sie diesen verfluchten Dummkopf bis zum Abflug im Auge, ja?« »Jawohl, Sir«, gab Susan zur Antwort, fühlte ihren Mut sinken. »Aber ich brauche ein wenig Zeit für mich, Sir, um sie auf einem Berg zuzubringen. Ich muß mich mit mei nem Geisthelfer verständigen.« Ree nickte, eine Andeutung von Sanftmut lockerte die harten Umrisse seines Munds. »Dafür habe ich Verständ nis. Tja, dann ... stellen Sie einfach solange jemanden als Aufpasser für ihn ab. Halten Sie ihn von allen Unan nehmlichkeiten fern. Eine Bärenjagd, um Gottes willen! Menschenskind, wie ist er bloß auf so 'ne Idee gekom men?«
15
CHACA GARCIA GELBES BEINS STALL IN DER SIEDELEI AUF WELT
Patan Andojar Garcia saß allein im Dunkeln, fand nur in den Geräuschen der Pferde Trost, die sich vor ihm im Pferch regten. Er kauerte in der Finsternis auf einem Holz pfosten und schaute empor zu den Sternen. Er war erst achtzehn und immer ein schlaksiger, von Träumen besessener Junge gewesen. Zwischen seinen kantigen Gesichtsknochen wirkten seine Augen groß. Die schmale Nase stach aus dem Gesicht wie ein Dolch. Den Wölbungen seiner Lippen sah man eine empfindsame Natur an, die ihn für die Beschwernisse des Kriegs und Weltraums ungeeignet machte. Als jüngster Sohn und zudem Außenseiter hatte Patan stets im Hinterland Vie hund Pferde gehütet und war mit diesem Dasein zufrieden gewesen. Er hatte die Freiheit gehabt, mit seinen Träumen zu leben — und den abartigen Visionen, die ihn im Schlaf heimsuchten. Jetzt hatten die Träume sich, als wären vertraute Freun de zu Rasenden geworden, gegen ihn gekehrt. Er schöpfte tief Atem und rieb sich die Augen, als könnten die kläglichen Bewegungen eines Daumens und Zeigefingers die Bilder aus seinem Gehirn verscheuchen. Tagelang hatte er nicht gegessen. Er konnte nicht mehr essen. Während der langen Nächte zwang Patan sich zum Wachbleiben. Er fühlte sich müde bis in die Knochen, litt fürchterlich, war körperlich und geistig erschöpft. Wenn in seinem Hirn besonders abscheuliche Bilder erschienen, verließ er die Siedelei, lief hinaus in die Wildnis, weit fort selbst von den Viehherden und den gelangweilten Wachen, und schrie in die Dunkelheit, versuchte so, sei nem Geist auszutreiben, was sich ihm an schrecklichen Anblicken aufdrängte.
Er betastete den Kriegsdolch an seinem Gürtel. Viel leicht bestand letztendlich daraus die Lösung. Er brauchte nur den langen, kalten Stahl aus der Scheide zu ziehen, die Spitze auf die Magengrube unterhalb seines Brustka stens zu richten, sie hineinzubohren und dann die Klinge aufwärtszuschieben. Danach würde er in Spinnes Frieden von den Visionen, die aus den Randbereichen seiner See le auf ihn einschwirrten, verschont bleiben. Gegenwärtig beherrschte diese Vorstellung ihn regel recht. Er sah es vor sich, wie er das Messer aus dem Gür tel zückte. Und bei diesem Tagtraum reagierten seine Muskeln auf das, was er sah. Diese Verschmelzung von geistigem Bild und Wirklichkeit verblüffte Patan gründ lich. In Vision und Wirklichem schwamm das Gefühl des Ledergriffs ineinander, als ob die Zeit sich verwischte, dehnte. Im voraus konnte er beobachten, wie er sein Hemd aufknüpfte. Patan spürte schon, wie seine Finger an den aus Knochen gefertigten Knebelknöpfen nestelten. Auf seiner warmen Haut fühlte er die kalte, scharfe Stahlspit ze, sie kitzelte ihn, während das Gewicht des Messers unter seinem Herzen lastete. Ein so stark eindringlicher, an genauen Einzelheiten reicher Tagtraum hatte Macht über die Wirklichkeit. Patan stand vor dem Sterben. Er merkte, wie er, indem er, wo er hockte, sorgsam das Gleichgewicht wahrte, seine Haltung verkrampfte, seine Hände umfaßten fest das Leder des Messergriffs, um dagegen vorzubeugen, daß die Klinge womöglich im letz ten Augenblick abrutschte. Sein Tagtraum-Ebenbild zuk kte heftig zusammen, als es das Messer tief in den Leib rammte, fremd und eisig durchbohrte der Stahl das Fleisch, ein gelindes Brennen begleitete den Stoß. Aus der durchstochenen Herzwand schwallte heißes Blut. Er ver spürte keine Furcht, keinen Schmerz, hatte lediglich ein geradezu wonniges Gefühl des Wegschwebens. Patan spannte krampfhaft die Muskeln an, fühlte seine Faust, so wie im Tagtraum, den festen Ledergriff kraftvol
ler packen. Er holte Atem, nicht anders als er es vorher gesehen hatte, und schloß die Lider, um das Erlebnis des eigenen Todes voll auszukosten, dessen Wonne er nun wahrhaft ersehnte. »Du siehst, es ist gar nicht so schwer«, sagte aus dem Dunkel eine Stimme. »Und doch scheuen Menschen diese Schwelle ihr Leben lang.« Patan öffnete die Augen. Diese Stimme hatte er im Traum noch nie gehört. »Wer ... wer bist du? Bist du ...auch eine Traumgestalt?« »Nein. Du hast mich gerufen, und ich bin gekommen.« Die gütige Stimme besänftigte Patans zermürbte Nerven. »Ich habe niemanden gerufen, Geist. Ich suche keine Vision. Ich habe bereits zu viele gehabt.« Unverändert hielt Patan das Messer auf seine Magengrube gerichtet. Jetzt zuckte kein Muskel seines Körpers mehr. »Ich bin kein Geist.« Die Stimme sprach in freundli chem Ton. »Ich bin so stofflich wie du.« Aus der Dunkel heit trat ein menschlicher Umriß, schwang sich mühelos neben Patan auf die Umzäunung des Pferchs. Der Ju gendliche bemerkte, wie die Balken sich unterm Gewicht des Mannes bogen, hörte sie knarren. »We ... wer bist du?« »Ich bin Chester Armijo Garcia. Manche Menschen nennen mich einen Propheten.« Nun seufzte die Stimme leise wie der Wind. »Dich kenne ich nicht aus den Visionen«, flüsterte Pa tan wie im Selbstgespräch. »In deinen Visionen bin ich nicht enthalten. Sage mir, was du siehst. Es bleibt in meiner geistigen Sicht unklar, deine Furcht trübt es, aufgrund des Bevorstehens deines Cusps, einer Entscheidung deines freien Willens, bleibt es verschleiert.« »Ich sehe meinen Tod«, antwortete Patan heiser. »Ich weiß, daß alle Menschen sterben müssen. Aber ich schaue meinen Tod in vielerlei Weise. Ich bin schon, siech von Krankheiten, in hohem Alter gestorben. An Stätten, die
nicht auf dieser Welt sind, hat man mich durch schauder hafte Martern getötet. Mitten im Weltraum bin ich umge kommen, mein Körper ist aufgeplatzt, Blut schoß mir aus den Lungen, mich umgab keine Luft. Und am gräßlichsten war, daß ich ... Ich bin gestorben, während ich mich ver irrt hatte, verirrt in ...« Ihm entfuhr ein Aufschrei. »O Spin ne, nein! Nicht so!« Geduldig wartete der Mann ab. Patan ordnete seine Gedanken, unterdrückte die Vor stellung seines Todes im Wahnsinn. »Ich will sagen, ich bin schon tausendmal gestorben. Ich kann's nicht mehr ertragen, in der Einbildung fortwährend zu sterben.« »Warum hältst du dir die Bilder nicht fern?« fragte Chester, faltete die Hände im Schoß. Patan senkte das Messer und hob die Schultern, die grausige Schneide glänzte im schwachen Schein der Ster ne und Dritter Monds. »Ich kann dagegen nichts tun. Weißt du, irgend was in meinem Verstand ... Es zwingt mich zu sehen. So grauenvoll die Visionen auch sind, sie nicht zu sehen, wäre jedenfalls noch schlimmer.« »Könnte es sein, daß du ein Prophet bist?« »Ein Prophet? Ich? Ein ...? Ich bin nur 'n armer Junge.« Bei dieser Äußerung versteifte sich Patans Haltung. »Mein Vater ist tot ... Meine Mutter besitzt nichts. Ich bin kein ... kein Prophet, nur ein ...« »Jeder Tod, den du schaust, ist eine mögliche Wirklich keit. Davon abhängig, wie Cusps entschieden werden, kann jeder von ihnen eintreten. Hätte ich dich nicht ange sprochen, lägst du jetzt tot im Pferch, und deine Seele stie ge zu Spinne empor, während dein Blut den Dung tränkte. Du siehst deshalb ausschließlich Tod, weil deine Furcht deine Visionen beschränkt. Entscheidest du dich fürs Sehen, wirst du sehen. Wenn du dich dazu ent-schließt, statt deiner selbst deine Furcht zu töten, und wenn du stark genug bist, um deinen bisherigen Begriff davon, wer und was Patan Andojar Garcia ist, völlig aufzugeben, wird dir die Gesamtheit der Visionen zuteil werden. Weißt du, die
große Wahrheit dabei ist, du kannst nicht Patan bleiben. Heute abend mußt du dieses falsche Selbst abstreifen und eins mit Zeit und Spinne werden. Das ist dein Cusp, die Entscheidung, vor der du stehst. Gleich wie dein Ent schluß ausfällt, mit Patan wird es am heutigen Abend hier in diesem Pferch ein Ende nehmen. Spinne hat dich auser wählt, junger Freund.« Patan schloß die Augen. Diesen Moment hatte er ge fürchtet. Es schauderte ihn; seit er fünfzehn gewesen war, rangen in ihm Besessenheit hinsichtlich der Visionen und seine Furcht miteinander. Auf die eine oder andere Weise mußte er Frieden finden. Ähnlich wie in der zweigeteilten Vision, die er einmal nach einem Sturz vom Pferd gehabt hatte, sah er sich un deutlich in zweifacher Ausgabe, ein Patan lag blutig und tot im Mist, der andere schritt mit Chester davon in die Zukunft. Vielleicht konnten seine Träume dank dieses Mannes, der ihn allem Anschein nach verstand, eines Ta ges wieder froher Art werden. Mochte das Spinnes Weg sein? »Die Träume ... Ich vermisse die Träume. Was muß ich tun, um Prophet zu werden? Zu sehen bin ich bereit.« »Komm, wir werden in die Berge hinaufsteigen, und ich werde dich lehren, deine Furcht abzulegen. Ich werde dir zeigen, daß es Patan Andojar Garcia nicht mehr gibt.« Chesters Stimme bezeugte Herzlichkeit und Aufmunte rung, beschirmte wie ein Mantel gegen das Entsetzen in Patans Gemüt. Dicht vor dem Pferdepferch lag vergessen der Kriegs dolch auf dem Boden. *
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PLAZA DER SIEDELEI VOR DEM WRACK DER NIKOLAI ROMANAN AUF WELT
Tief in Susans Gedächtnis schlummerten noch die Erinne rungen an die alten Zeiten. Sie entsann sich des Schic ksals, das sie gehabt hätte, wäre sie nicht in Rita Sarsas Obhut genommen worden, hätte sie nie die Chance erhal ten, zu den Sternen zu gelangen. Jetzt schritt sie, nachdem sie aus dem ST geklettert war, hochaufgerichteten und zurückgebogenen Kopfs über den Platz. Hier auf der Plaza hatte sie sich einmal wie ein eingeschüchtertes Tier geduckt, die Blicke der Menschen gescheut, sich vor ihrem Onkel und seinen Verwandten gefürchtet. Niemand schenkte ihr auffällige Beachtung, doch sie merkte, daß man sie beobachtete. Etliche junge Mädchen nickten bei sich und gaben sich dann wieder ihrem Lern eifer hin. Die älteren Männer und Frauen warteten, bis sie vorüber war und sie sie nicht mehr im Blickfeld hatte, bevor sie den Kopf schüttelten und den Tag beklagten, an dem Frauen damit begonnen hatten, ins All zu fliegen und sich Gedanken über Spinnes Absichten zu machen. Gegen alle, die den Mund zu laut aufgerissen hatten, war stets die Messerfehde eine Abhilfe gewesen. Susan hatte eine Sammlung von acht romananischen Coups. Das Gefühl des glänzenden Haars, wie es durch ihre Finger glitt, verzog ihre Lippen zu einem grimmiges Lächeln. Die Klinik hob sich augenfällig vom braungelben Hintergrund ab. Sie war ein aus Schaumstahl und Graphit fabriziertes Produkt Sirius' und stand in deutlichem Kon trast zu Leder, Holz und Stein der älteren romananischen Bauten. Am Eingang zögerte Susan, schüttelte dann den Kopf und trat ein. Hochgestützt betrachtete Pike auf einem Bildschirm irgendwelche Zahlen; die Mitte seines Körpers stak im unregelmäßig geformten Gehäuse der Med-Einheit. Aus dem unteren Ende ragten seine unglaublich blassen Füße; nervös bewegte er die Zehen. Susan verweilte am Moni tor, um sich als erstes über Pikes Verfassung zu informie
ren. Alles beschädigte Gewebe war zusammengewachsen und verheilte gegenwärtig bis in die Zellebene, während spezielle Elektroströme, Polymerasen und Strahlung zum Einsatz gelangten, um die Verletzungen der Organe zu beheben. Resigniert atmete Susan tief durch und ging zu Pike, der konzentriert las. Auf dem Antigrav-Tisch neben sei nem Platz lag ein langes romananisches Messer. Lässig nahm sie es in die Hand, prüfte Gewicht und Schneide. Pike fuhr zusammen. Susan sah die Santos-Gravuren auf der Klinge und lachte. »Ein Andenken? Oder hast du be schlossen, nachdem du von dem Santos gestochen wor den bist, daß du 'n größeres Messer brauchst?« Sie ver suchte zu verhindern, daß man ihrem Tonfall ihre Lange weile anhörte. Warum mußten seine Augen jetzt so auf leuchten? »Freut mich, daß Sie mal reinschauen.« Pike wies auf die Med-Einheit. »Ich würde gerne gleich mit Ihnen das Nahkampftraining fortsetzen, aber wie Sie sehen, wär's schwierig. Ich bin mit den Lektionen im Rückstand. Wenn ich dazulerne ... Vielleicht komm ich dann das nächste Mal mit heiler Haut davon.« »Wir sind mit der gesamten Planung um einige Tage zurück. Wir nehmen ein anderes Raumschiff. Die Patrouil le stellt uns schnellere Schiffe zur Verfügung. Ich glaube, bis zum Start sind Sie aus der Klinik entlassen.« Susan setzte sich auf die Kante des Antigrav-Tischs, ließ einen Fuß baumeln. »Wer waren diese Santos-Typen?« wollte Darwin er fahren. »Wieso, zum Teufel, sind sie einfach über uns her gefallen? Der Bär hatte mir den Tag ja wirklich schon schwer genug gemacht.« Susan hob die Schultern. »Die Santos durchlaufen eine angespannte Periode. Ihre Religion befindet sich im Niedergang. Die politische Macht hat das Spinnenvolk. In den letzten Jahren sind aus den Santos keine neuen Pro pheten hervorgegangen, und ihre Welt unterliegt beträcht
lichen Veränderungen. Manche verzweifeln. Du bist der Anthropologe, erkläre du mir ihre Verzweiflung. Was tun Krieger, wenn sie sehen, wie ringsum ihre Art zu leben verfällt?« »Sie gründen eine Erneuerungsbewegung. Veranstal ten Geistertänze. Allerlei nativistischen Aktionismus.« Susan winkte hinüber zur östlichen Wand. »Sie haben in den Bergen zu Herrjesses' Ehren Tänze abgehalten. Ich habe gehört, daß beim Tanz im letzten Jahr vier Männer ans Kreuz genagelt worden sind, einer für jeden heiligen Festtag. Vorher hatten sie nie so viele gekreuzigt.« Sie besah sich das neue Bärenfoto. Reesh hatte erzählt, eigentlich hätte Darwin den Tod finden müssen. Er hatte dem Bären einen außergewöhnlichen Kampf geliefert. Mit seinem Spielzeugmesser hatte er wahrhaftig dem Tier einen Saugteller abgetrennt und es, nachdem er von ihm auf eine Klippe gehetzt worden war, doch noch erlegt. Die Geschichte kursierte ununterbrochen durch die engverf lochtene romananische Volksgemeinschaft und wuchs bei jedem Weitererzählen zu immer unwahrscheinlicheren Formen an. Pike wurde zu einem Lokalhelden. »Vier Männer haben sie ans Kreuze genagelt? Meine Güte, das muß aber schmerzhaft sein. Sie müssen da durch 'n erheblichen höheren sozialen Status erlangt ha ben.« »Das würde ich auch sagen.« In Susans Stimme klang Sarkasmus an. »Normalerweise dauert's drei Tage, bis sie sterben. Das verschafft ihnen ganz schön hohes Ansehen.« »Sterben?« »Kann jemand seinem Volk ein größeres Opfer dar bringen? Sie glauben tatsächlich, daß Herrjesses auf genau diese Weise getötet worden sei, für ihre Ahnen gestorben, damit sie in immerwährender Freiheit leben könnten.« »Nativistische Erneuerungsaktivitäten«, konstatierte Pike halblaut. »Sie versuchen die Geisterwelt zu versöh nen. Es handelt sich um verzweifelte Versuche, Gottes
Gunst wiederzugewinnen.« Tiefe Falten furchten seine Stirn. »Sind weitere Veränderungen zu beobachten? Selbstmord? Alkoholismus? Drogenmißbrauch?« »Woher weißt du das? Man hat in letzter Zeit zahlrei che betrunkene Santos umherstrolchen gesehen. Was Selbstmorde angeht, habe ich keine Ahnung. Allerdings hat man mir von Santos-Banden erzählt, die von sich be haupteten, gegen Blaster gefeit zu sein, und zahlenmäßig weit überlegene Gruppen von Spinnenkriegern angegrif fen haben. Keiner dieser Santos hat überlebt, also ist kei ne Tradition daraus geworden. Außerdem verwickeln sich die Santos auch untereinander in Kämpfe, weil jene, die sich unseren Clans anschließen und ins Weltall fliegen, von den Hügelbewohnern gehaßt und verabscheut werden. Die Santos stellten einmal die Mehrheit der Romananer, jetzt dezimieren sie sich gegenseitig.« »Und Krankheiten grassieren auch bei ihnen?« »Sie sind ja wirklich tüchtig, Doktor. Aber woher ...?« »Naturgemäß haben wir eine außerplanetare Mikrofauna eingeschleppt, die sich jetzt bei den Traditionalisten aus breitet.« Pike hob den Blick. »Was ihr gegenwärtig bei den Santos geschehen seht, hätte euer Volk ebenfalls be troffen, wäre es nicht durch einen maßgeblichen Faktor verhütet worden.« Mit verzerrtem Mund warf Susan ihm einen Blick des Unmuts zu. Ihr Volk hätte zu Abschaum vom Schlag der Hügel-Santos erniedrigt werden können sollen? Ausge schlossen. »O doch.« Darwin wirkte seiner Sache völlig sicher. »Das Spinnenvolk wäre den gleichen Weg gegangen. Es gibt keine Goldene Regel, die besagt, Charakterfestigkeit oder Persönlichkeitsstärke böten gegen negative Akkul turation Schutz. Der Grund, weshalb das Spinnenvolk überlebt, sind die Propheten ... und die auswärtige politi sche Situation. Ihr habt etwas, das der Rest der Mensch heit dringend benötigt.« »Das mußt du mir mal erklären.«
Darwins Miene spiegelte Freude wider. »Die Prophe ten ermöglichen eurem Volk Synkretismus.« Er sah Susans Gesicht ihre Ratlosigkeit an. »Das ist die Fähig keit, äußere Einflüsse hinzunehmen — Verhaltensweisen, Technologie, alles mögliche eben — und in die eigene gesellschaftliche Struktur zu integrieren, ohne die Kultur als Ganzes unzumutbaren Belastungen zu unterwerfen.« »Wir haben nun einmal unsere eigenen Methoden, wie wir ...« »Als ihr zum Sirius geflogen seid, hat euer Prophet Garcia die offizielle Direktoratspolitik zu euren Gunsten beeinflußt. In der Anfangszeit des Kontakts zwischen der Patrouille und eurem Planeten haben eure Ältesten dem Volk dargelegt, wie die absehbaren Veränderungen sich auf alle auswirken würden. Also habt ihr zu entscheiden die Möglichkeit, was ihr in eure Gesellschaft übernehmen wollt und wie schnell die Wandlungen sich vollziehen dür fen, indem ihr ausschließlich erwünschte Elemente zulaßt und das übrige ablehnt, denn die Propheten können auch anleiten und euch die Weiterungen erläutern.« »Und das Direktorat, sagst du, braucht uns?« »Natürlich.« Zerstreut streckte Darwin eine Hand aus und befingerte das Santos-Messer. »Das Direktorat ist reif für den Sturz. Ein gigantisches Machtvakuum ist am Ent stehen. Die Bevölkerung hat in ihrer Gesamtheit nicht mehr die Befähigung, deren es bedarf, um in einer Wett bewerbswirtschaft das Leben zu sichern. Sie hat zu lange in Stagnation dahinvegetiert.« Susan lachte. »Wir nennen sie Schafe.« »Schafe? Kann sein, das paßt. Das Direktoratsregime war eine durch und durch artifiziell aufrechterhaltene An gelegenheit. Ein Meisterwerk gesellschaftlich gesteuerter Propaganda, einer über die Meinungen der Menschen aus geübten Kontrolle, ein totalorchestrierter, sich selbst per petuierender, zur Macht gewordener Mythos, unterstützt durchs Psychen gänzlich verstockter, nicht indoktrinierba rer Abweichler.«
Reserviert verschränkte Susan die Arme. »Solange Menschen noch ein Ehrgefühl haben, kann man sie nicht derartig an der Nase herumführen ...« »Selbstverständlich kann man's. Immer wenn Bildung manipuliert wird, werden dadurch auch die Menschen beherrscht. Folgendes ist der Beweis. Unter den Gesichts punkten der Anthropologie, der politischen Wissenschaf ten sowie der Ökonomie ist die Galaxis eine gänzlich freie Ressourcenquelle. Es dürfte keine Rangelei um Ressourcen wie Toron, Metalle oder Energie geben. Trotz dem wird darum geschachert. Das Direktorat hat eine künstliche Verknappung geschaffen. Freilich nicht über Nacht, es hat dreihundert Jahre gedauert, um das jetzige Stadium zu erreichen. Der Schlüssel bestand in der immer gründlicheren Kontrolle über Bildung und Kommunika tion. Nennen wir's mal das Ausstreuen einer Lüge. Und die Lüge wuchs und wurde zur Realität.« »Sicherlich haben Robinson und seine Handlanger die Menschen zu Schafen erzogen«, pflichtete Susan bei. »Aber die Leute haben doch selbst ein Gehirn. Sie hätten sich längst einen Weg überlegen können, um sich aus die ser Falle zu befreien.« Nachdrücklich schüttelte Darwin den Kopf. »Man kann es nur, wenn man vorher überhaupt erkannt hat, daß man in einer Falle steckt. Aber das ist den Menschen nicht klar gewesen, bevor Dr. Dobra trotz der Direktoratskon trolle über die Medien der gesamten Galaxis das Vorhan densein der Romananer mitteilte. Sie hat das System aus gehebelt, und binnen weniger Wochen hat es angefangen innerlich zusammenzubrechen.« »Also ist das die Ursache ... weshalb Ngen solche Macht gewinnt?« »Entsinnen Sie sich an meine Bemerkung über das Machtvakuum? Für die meisten Menschen ist inzwischen offensichtlich geworden, daß die Direktoratsregierung nur noch nominell existiert. Sie beginnen sich zu fragen, wo die wahren Autoritäten sind. Eine der Antworten bietet das
Höchste, Gott, Deus, wie man will. Die Bevölkerung ist desorientiert, verschreckt, sieht sich einem plötzlich feind seligen Universum gegenüber, darum sucht sie neue Sicherheit. Kriminelle, egoistische Führer, >starkeMän ner< und sonstige Machtmenschen finden Leute, die sich an alles klammern, was sie ihnen zu predigen belieben. Wir treten in eine Phase schwerer Prüfungen und Gewalt tätigkeit ein. Die Menschheit erlebt zur Zeit eine Periode des Kulturschocks, die schlimmer als die ist, die gegen wärtig die Santos durchmachen. Was wir bei den Santos an Beeinträchtigung des Imaginationslabyrinths beobach ten, ist eine Lappalie im Vergleich zu dem, was bald in der von Menschen besiedelten Galaxis los sein wird. Wissen Sie, es ist so, daß mittlerweile der erste Schreck abebbt. Die Leute verlangen nun Schutz und Stabilität. Offen ist einzig die Frage nach dem Preis, den sie dafür zu entrich ten bereit sind.« Pikes Ausführungen verursachten Susan ein Schau dern, sie rieb sich, ohne sich dessen bewußt zu sein, mit den Händen die Arme. Ihr kamen Erinnerungen an Siri-us, wirr gingen ihr Bilder durch den Kopf: Grauen, ver-stümmelte Leichen, Blasterstrahlen zersprengten Leiber in Fet zen menschlichen Fleischs, Entsetzen in den Augen niedergeduckter Menschen. »Narrenpack«, sagte Susan gedämpft. »Die Mensch heit wird nicht begreifen, was für eine Hölle sie entfesselt hat, bis sie über sie hinwegtobt. Heiliger Spinne, wenn sie richtig losbricht, wird sie kein Ende finden, bis wahllose Massenvernichtung soviel Blut und Tränen gefordert haben, daß man angesichts all des Elends und der scheuß lichen Greuel den ursprünglichen Anlaß aus den Augen verloren hat. Erst wenn das Leiden bis zu dem Punkt gediehen ist, an dem man vergißt, um was der Krieg geht, wird man Schluß machen. Ich hab's erlebt, Pike. Ich bin ... Ich bin dabeigewesen.« »Ach, geben Sie sich nicht mit Sorgen ab. Wir werden schon irgend etwas aushecken. So zügig wie Ngen sich
von Basar her ausbreitet, so rasch greift auch von Welt und Sirius aus Spinnes Einfluß um sich. Beide verkörpern Lösungsangebote, das eine ist möglicherweise schlecht, das andere gut.« »Du sagst, das Direktorat weist ein Machtvakuum auf.« Pike nickte. »Wenn die Patrouille uns nicht widerste hen kann«, meinte Susan daraufhin, »wäre es zum Schutz der Menschheit vielleicht am gescheitesten, vorsorglich im All eine möglichst ausgedehnte Pufferzone zu schaf fen.« Darwin hob die Schultern. »So eine Maßnahme könnte vernünftig sein ... Vorausgesetzt allerdings, man hat die Bereitschaft, auch den Nachteil hinzunehmen.« »Welchen Nachteil?« »Als Eroberer dazustehen. Wer erobert, wird umge kehrt von dem beherrscht, was er erobert hat. Anderer seits hat euer kleines Reich schon jetzt eine sichtbar be grenzte Dauer, die Zeit fängt bereits wieder abzulaufen an ... Ähnlich wie's vor langem der Konföderation erging. Sobald Menschen begreifen, daß freie Rede kein Verbre chen ist, sie merken, das Gehirn ist zum Denken da, ent ziehen sie sich jeder Herrschaft. Ihr befindet euch in einem wieder offenen System, und der Versuch, es trotz völliger Unregierbarkeit zu beherrschen, wäre das gleiche, wenn man so möchte, als wollte man Zäune in einem Universum ziehen, das keine Zäune kennt.« »So ein System wäre für uns erträglich.« »Was?« fragte Darwin; sein Blick drückte Fassungslo sigkeit aus. Voller Genugtuung lächelte Susan ihm zu. »Vielleicht habe ich mich in dir getäuscht, Doktor.« Darwin merkte auf, in seinen Augen standen sowohl Irritation wie auch Erwartung. »Inwiefern getäuscht?« »Als Admiral Ree dich mir überstellt hat, bin ich ziem lich verärgert gewesen, weil ich keine Lust hatte — um an deine Ausdrucksweise anzuknüpfen —, als deine Beschüt zerin sozusagen 'n Zaun um dich zu ziehen und dich vor
Verwicklungen zu bewahren.« Die Hoffnung wich aus Darwins Miene. »Jetzt verstehe ich allmählich, weshalb der Admiral einen derartigen Wert auf deine Gesundheit legt.« Pike stieß ein langgezogenes Stöhnen aus. »Kriege ich nicht mal 'n Danke«, fügte Susan hinzu, während sie ihm ein flüchtiges Lächeln schenkte, »für die Rückgabe deines Holos zu hören?« Mit lauerndem Blick sah Pike sie an. »Ich weiß deinen Großmut zu schätzen.« Seine Stimme klang hart. »Also stehe ich jetzt in Ihrer Schuld.« Susan versuchte, die Sache mit einem Achselzucken zu übergehen. Das blöde Ding war ihr in ihrer Kabine nur im Weg gewesen. Außer in bezug auf die Gelegenheit, sich mit Pike zu messen, hatte es für sie keinen Wert gehabt. Als sie hörte, daß er verletzt worden war, hatte sie es ihm bringen lassen. »Nein, davon kann keine Rede sein«, entgegnete sie freundlich. »Sie sind also meine Aufpasserin?« Heißer Zorn hatte Darwin gepackt. »Dann hat der Admiral wohl das Gefühl, seinen kostbaren Anthropologen unter Aufsicht halten zu müssen.« »So ist es nicht gemeint«, erwiderte Susan; die Lüge schien ihr auf den Zähnen klebenzubleiben. »Wir haben nur Sorge, daß ...« »Sorge?!« schrie Pike. »Wieso denn Sorge, verdammt noch mal? Verflucht nochmal, ich bin ein Mensch, ich bin eben bloß nicht als Romananer geboren worden. Ich bin kein Bübchen, das 'n Kindermädchen braucht. Wie kann ein Mann sich eigentlich euren Respekt verdienen? Was muß ich dafür tun? Mit einem Finger Welten bewegen? In diesem Umfeld fühle ich mich ständig wie ein Fünfjähri ger. Ich werde von Majorin Sarsa herablassend abgefer tigt. Von Dr. Bruk werde ich herablassend behandelt. Und Sie springen wahrhaftig sogar doppelt so schlimm mit mir um!«
Auf den Monitoren der Med-Einheit entstanden extre me Ausschläge, die Meßwerte aktivierten die Automatik, die Darwin Pike unverzüglich in Schlaf versetzte. Gewissensbisse trieben Susan Schamröte ins Gesicht, während sie ihn betrachtete. Selbst im von der Med-Einheit aufgezwungenen Schlummer bildete der Unmut Krä henfüße an seinen Augen, hinterließ Falten um seine Lip pen. »Tut mir leid, Doktor.« Vielleicht fiel ihre Begegnung das nächste Mal besser aus. Susan checkte die Anzeigen, um festzustellen, ob der Wutanfall ihm womöglich irgendwelche gesundheitlichen Schäden zugefügt haben mochte, da kam ein Med-Techniker hereingestürzt. »Was ist passiert?« rief der Mann, warf einen Blick auf die Daten der Geweberegeneration. Susan schöpfte tief Atem. »Ich glaube, er ist auf uns sauer.« »Ich hatte den Eindruck, daß er 'n recht umgänglicher Mensch ist.« Susan sträubte sich gegen eine Anwandlung von Be klommenheit in ihrer Brust. »Ja, vermutlich ist er einer. Weißt du, es kann aber sein, genau das ist sein Problem.« *
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IN DER KLINIK DER SIEDELEI AUF WELT
Der Santos, in den schwarzglänzenden Augen ein scharfes Funkeln, raunte Darwin ins Ohr. Draußen in der Ebene stand der Bär, schien zu winken, versuchte ihn anzuloc ken. Beider Worte verschwammen und hallten, als ob Dar win sie durch Wasser hörte, unsichtbare Barrieren sie unverständlich machten. Verzweifelt bemühte sich Dar win, sie zu verstehen, erhaschte bisweilen einen Ansatz der Bedeutung, die ihm jedoch jedesmal sofort entglitt, so daß der Inhalt, die Aussagen, ihm ewig verwehrt blieben.
Ein bislang unbekannter Drang packte Darwins Seele. Wind strich ihm über den Rücken, krümmte Welts Gräser, trieb Darwin kraftvoll vorwärts. Er versuchte dem Bären zu folgen, der sich auf sechs bemerkenswert flinken Bei nen in die Richtung der Berge entfernte. Im Brausen des Winds verklang das Lachen des Santos, verwehte hinauf zu den steilen Felstürmen. Dort draußen lag die Antwort ... Irgendwo. Darwin senkte den Blick, ihm entfuhr ein Keu chen, als er sah, wie seine Füße ihm rotbraunen Lehm fest wuchsen, Gras trocken und braun um seine Fußknöchel raschelte. Immer wieder unternahm er Anstrengungen, um vom Fleck zu kommen, wand sich und zappelte, um sich aus dem zähen Erdreich, das ihn festhielt, zu befreien.
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Als Darwin die Augen aufschlug, gähnte er und schaute sich nach einem etwaig anwesenden Babysitter um. Dies mal war es Marty Bruk. »Wie geht's meinem Aufpasser?« »Ich bin kein Aufpasser«, widersprach Bruk. »Ich lei ste lediglich dafür Buße, daß ich Ihren Jagdausflug mit Reesh organisiert habe. Vielleicht möchte ich mich auch entschuldigen, weil ich für Ihren Schlamassel Mitverant wortung trage.« »Es nutzt nichts, Doktor. Ich sehe Ihnen an, was Sie beschäftigt. Sie sind unruhig wegen der Forschungszeit, die Sie hier durchs Rumsitzen verlieren.« Bruk zuckte die Achseln. »Susan ist oben auf den Hö hen. Sie hat seit gestern Urlaub. Reesh hat sich gleichfalls zum Beten in die Wildnis zurückgezogen. Und da alle weg sind, habe ich mich zwecks Aushilfe angeboten.« Er wink te ostwärts, wo am Horizont die Berge standen. Aus Darwins Unbewußtem schlich ein unheimlicher Drang in sein Gemüt. In seiner Erinnerung regten sich zer flossene Bilder aus den Träumen, als wollten, sie ihn nach Osten locken, erwartete ihn dort irgend etwas Außerge wöhnliches. »Was besagt der Monitor?« »Er zeigt an, daß Sie am Genesen sind. Ging's nach mir, würden Sie entlassen. Einiges Kollagen ist noch im Angleichungsprozeß ... Aber manche Leute schädigen sich die Darmflora mit starken Fürzen schwerer als Sie.« »Hören Sie zu, Marty, hauen Sie ab in Ihr Labor. Ich werde schon nicht durchbrennen.« »Die Kommandantin hat gesagt ...« »Eben haben Sie mir erzählt, daß Sie sich draußen in den Bergen aufhält.« Darwin schnitt eine Grimasse. »Ich weiß, Sie stehen unmittelbar vor einem Durchbruch, der's
Ihnen erlauben wird, die Gene des romananischen Hirns zu codieren. Also raus hier mit Ihnen, Sie bremsen den wissenschaftlichen Fortschritt.« »Der Admiral würde mir den Arsch aufreißen.« »Hören Sie, gehen Sie an 'n Kommu-Apparat und ru fen Sie ihn an.« Verdrossen gestikulierte Darwin. »Mich tät's verrückt machen, hier dazusitzen und mir 'n haarigen Alaskaner anzugucken, der rumliegt wie 'n Hot Dog im Brötchen.« »Tja, das wäre 'ne Möglichkeit. Falls der Admiral ein verstanden ist ... Ja sicher, ich werde ihn mal anrufen.« Bruk zuckte die Achseln und ging, ein schwacher Ansatz zur Hoffnung verlieh ihm einen froheren Gesichtsaus druck. Rasch blickte Darwin sich in der Klinik um. Das MedPersonal beteiligte sich vollzählig an einer Konsultation bei einer Med-Einheit am anderen Ende des Saals; darin lag ein von einem Pferd getretenes Kind, bei dem sich irgendwelche Komplikationen abzeichneten. Vorsichtig stemmte Darwin sich hoch, bewegte sich ganz langsam, um nicht den Alarm der Med-Einheit aus zulösen. Er summte vor sich hin, konzentrierte sich dar auf, seinen Herzschlag in normalem Tempo zu halten. Hätte er nicht so lange, hagere Gliedmaßen gehabt, wäre es ihm nie gelungen, sich aus der Med-Einheit zu schlän geln. Die Programmierung der Apparaturen sah keine Zwangsmaßnahmen vor, um unwillige Patienten am Aus steigen zu hindern, aber leicht war es nicht, sich ihrer Obhut zu entziehen. Darwin schaltete die Anlage ab. Er klappte die Fußstütze aus und schwang sich, nackt wie ein Neugeborener, auf die Beine. Mit einer Hand griff er sich seine Kleidung, schlich auf Zehenspitzen hinter einen Wandschirm und streifte die einteilige Montur über. Er hatte eine ansehnliche Narbe, mit deren Beseitigung die Maschine noch beschäftigt gewesen war, aber kam es auf eine Narbe mehr da oder dort noch an? Er nahm seine übrigen Habseligkeiten, darunter den romananischen
Dolch sowie den Skalp, den Reesh ihm überreicht hatte, und huschte zum Ausgang, befürchtete unterwegs, jeden Moment aufgeregtes Geschrei zu hören, schaffte es jedoch, sich unbemerkt ins abendliche Dämmerlicht hin auszustehlen. Er schnallte den Gürtel mit den Messern und dem Coup um und wandte sich nach Osten. Er hatte Marty Bruk fies hereingelegt, doch das erachtete er lediglich als gerechte Vergeltung dafür, daß alle ihn wie ein Gepäckstück behan delten. »Ich bin ein Mensch, keine Bibliotheksdatei voller an thropologischer Theorien oder wandelnde Enzyklopädie. Und das, Admiral, sollten Sie und Susan sich allmählich mal lieber merken!« Der Abendwind reizte ihn auf, weil er ebenso nach Osten wehte, auf die Verlockung des Gebirges zu. »So, jetzt bin ich frei. Aber wie gelange ich nun dort hin?« Als Beförderungsmittel bot sich ihm ein sirianisches Standardmodell-Airmobil an. Es stand in einem wackeli gen romananischen Schuppen geparkt, wahrscheinlich ei nem ehemaligen Pferdestall. Wie bei den meisten neuen romananischen Besitztümern, die eine solche Vorrichtung hatten, stak der Schlüssel im Schlitz. Ins Armaturenbrett hatte jemand mit einem scharfen Gegenstand — vermut lich einer Messerspitze — die Bedienungscodes gekratzt. Diebstahl war das letzte, worum ein Romananer sich Sor gen machte — außer in bezug auf Pferde und Frauen —, und das sollte sich fortan ändern. Darwin prüfte die Bat terieladung, lenkte das Airmobil ins Freie und flog es laut los in die östliche Himmelsrichtung. Was eine volle Woche Fußmarsch geworden wäre, blieb dadurch auf einen dreißigminütigen Flug beschränkt. Er steuerte das Airmobil hinunter in eine kühle Schlucht, ließ den Autopiloten den Biegungen und Windungen eines Flußbetts folgen, genoß das Licht der drei Monde, dank dessen die Nacht kaum dunkler war als ein wolkig düste rer Tag.
Das Flackern eines Feuers erregte seine Aufmerksam keit. Darwin senkte das Airmobil auf den Untergrund hinab und beobachtete den Umkreis des Feuers. Die Decke einer großen, finsteren Höhle warfen den Schein der Flammen zurück. Er sah zwei Pferde von der Stelle vorm Zugang des Unterschlupfs, wo sie grasten, zu ihm herüberblicken. Darwin zuckte die Achseln und flog das Airmobil hangaufwärts, stoppte es an der Tropfgrenze. Das kleine Feuer loderte in einer mit Steinen eingefaßten Grube; so weit Darwin sehen konnte, befand sich kein Mensch in unmittelbarer Nähe der Feuerstelle. Er spähte umher, rech nete halb damit, daß gleich zwischen den Felsen Santos heranstürmten, hielt für den Fall, daß Gefahr auftauchte, die Hand am Beschleunigungshebel. Doch niemand ließ sich blicken. »Hallo!« Nichts. Keine Antwort. Die Pferde schauten herüber, wieherten leise. Sättel und Packtaschen hatten Darwin in-zwischen geläufige Farben. Eine Fläche gegerbten Leders war sorgsam mit einer Spinne bemalt worden. Erleichtert desaktivierte Darwin den Antrieb des Air mobils. Er stieg aus dem Flugapparat und schlenderte zum Lagerfeuer. Am Rande der Kohlenglut dampfte der Inhalt eines kleinen Topfs. Darwin ging in die Hocke und strek kte die Hände aus, wärmte sie sich wohlig, schwelgte bald in Erinnerungen an vergangene Zeiten und andere Orte, an polares Packeis und runde, braune Gesichter voller Heiter keit, die lächelten und sangen, Scherze erzählten und alte Geschichten. »Ich hätte dich längst töten können«, rief die gutturale Stimme eines Romananers. »Das glaube ich gern«, räumte Darwin ein. »Ich bin . Darwin Pike, ein Fremdweltler. Wenn du's wünschst, ge he ich. Willst du mich nicht gehen lassen, kann ich dir ja immer noch Messerfehde schwören und mit dir mein
Glück versuchen. Heißt es bei eurem Volk nicht, daß kein Mensch ewig lebt?« »Spinne wählt eigentümliche Wege«, gab die Stimme zur Antwort. »Und um ehrlich zu sein, im Moment frage ich mich, was er damit, dich in diese Höhle zu führen, wohl bezweckt.« Hinter den Felsen kam John Smith Ei senauge zum Vorschein. »O nein ...!« stöhnte Darwin, schloß die Lider und schüttelte schwächlich den Kopf. Als er den Blick hob, sah er den Blaster in der großen, knotigen Hand des Kriegs häuptlings. »Naja, zum Teufel, 's war ein ganz guter Ver such.« Zu seiner Überraschung steckte Eisenauge den Blaster ins Halfter und hockte sich neben Darwin ans Feuer. »Müßtest du nicht in einer Med-Einheit liegen?« »Herrgott, ja. Ich mußte Bruk übertölpeln, damit er aus meiner Sicht verschwindet. Trag's ihm nicht zu sehr nach. Er konnte nichts dafür. Ich bezweifle, daß es ihm jemals in den Sinn gekommen wäre, jemand könnte aus 'ner MedEinheit entwischen.« Verhalten lachte Eisenauge. »Weshalb wolltest du dich denn verdrücken?« Der Kriegshäuptling suchte zwei Strei fen Dörrfleisch aus der Satteltasche und warf sie in das Wasser, das an der Flammenglut köchelte. Er lehnte sich zurück, lächelte grimmig und musterte mit seinen schwar zen Augen Darwin. »Ich fühle mich wie eine eurer romananischen Kühe. Verflucht noch mal, ich gelte hier nicht mehr als 'n Stück Fleisch, das man vorführt, damit's 'ne Meinung ausspuckt, und danach auf die Weise zum Futtern zurückbringt.« »Zudem steckst du ständig in Schwierigkeiten. Mal sehen: Der Trainingsrobot an Bord der Spinnes Favorit hätte dich fast zerschmettert, beinahe hätte dich ein wüten der Bär gefressen, ein abtrünniger Santos hat dich in den Bauch gestochen. Du fliegst achtlos mit einem zweitklas sigen Airmobil in der Wildnis umher, trampelst an die
Lagerfeuer fremder Leute und drohst dein Glück mit dem Schwören von Messerfehden zu versuchen.« Stumm saß Pike da, betrachtete seine Hände. Eisenauge lachte. »Was Narren betrifft, habe ich immer ein weiches Herz gehabt, Doktor. Aber du solltest wissen, daß du bei uns ein hochangesehener Mann bist. Manche von uns neigen zu der Ansicht, Spinne könnte dich mit besonderer Gunst begnadet haben.« Eisenauge deutete auf die verrußte Spinnendarstellung an der Höhlendecke über ihren Köpfen. »Entweder gehöre ich dazu oder nicht.« Darwin besah sich das Spinnenbild genauer. »Was ist das hier für ein Ort?« »Ich werde sicherstellen, daß du dazugehörst. Diese Höhle heißt Lager Gessali. Mein Volk nutzt sie seit vielen Jahrhunderten. Wahrscheinlich seit die Nikolai Romanan vor sechshundert Jahren gelandet ist.« Der Kriegshäuptling zögerte. »Einmal hätte ich hier nach einem Scharmützel mit Santos fast den Tod gefun den. Ich habe da ...« — er zeigte auf seine Brust — »eine Narbe, wo eine Kugel mich getroffen hat. Mit allem Ge schick hat Leeta mich am Leben gehalten. Jetzt ziehe ich mich gelegentlich in diese Höhle zurück, wenn ich allein sein will ... Um mich selbst verstehen zu lernen. Und in Spinnes Gegenwart. Hier kann ich sämtliche Seiten mei nes Lebens zu einem sinnvollen Ganzen zusammenfügen ... Mir Gedanken über die Wege machen, die Menschen, Natur und Ereignisse nehmen. Und ich kann hier in der Stille und Einsamkeit meine Erwägungen und Beobach tungen mit Leeta teilen.« »Du hast sie geliebt?« fragte Darwin, verbarg hinter der Hand ein gieriges Schnuppern nach dem Duft des ko chenden Dörrfleischs. Wie im Selbstgespräch nickte Eisenauge, sein Mienen spiel spiegelte ein innerliches Lächeln wider. »Wir haben nie genug Zeit füreinander gehabt. Sie war eine von so vielen, die aus meinem Leben gerissen worden sind. Der
Pfad zum Lager Gessali und zurück ist mit Tränen getränkt, Doktor. Aber gleichzeitig ist er einer der Ver zückung. Darum begebe ich mich immer wieder an diese Stätte ... Um zwischen Leid und Wonne die Mitte zu ent decken.« Seine scharfen Augen erwiderten Darwins Blick. »Und weshalb bist du hier?« »Ich ... weiß nicht recht.« »Ich glaube, du weißt es. Wenn du nicht mit mir spre chen willst, mir nicht erzählen magst, was dein Gesicht mit solchen Sorgenfalten furcht, kann ich dir nicht helfen. Vielleicht bist auch du hier, Doktor, um irgendeine Art des Ausgleichs herzustellen?« Pike winkte ab. »Sicher hört's sich für dich blödsinnig an, aber ich hatte Träume. Der Bär, den ich erlegt habe, hat immer wieder nach mir gerufen. Dann hing mir dauernd dieser Santos, den ich töten mußte, im Nacken, drängte mich ... Bei dem Volk, bei dem ich auf der Erde gelebt habe — den Inuit —, gibt es den Glauben, daß der Rabe zwischen den Menschen und dem Reich der Seelen ein Band geschaffen hat. Ich denke mir, dieser Glaube hat mich bis nach Welt begleitet.« Er hob den Blick, erwarte te Belustigung zu sehen, doch Eisenauges ganze Haltung drückte vollkommenes Verständnis aus, er nickte. »Ich habe schon erwähnt, daß ich mich frage, welche Absichten Spinne mit dir verfolgt. Bär hat dich zu mir geschickt. Spinne braucht dich für einen besonderen Zweck, Doktor.« »Wie meinst du das?« »Bär ist mein Geisthelfer ... Mein Geistkraft-Spender. Medizin nennen wir's auf romananisch. Leeta hat mir ge sagt, daß unser Volk diesen Begriff schon sehr lange kennt. Er ist ein überaus altes Wort der Macht. Du siehst, hier weilt Leeta andauernd in meinen Gedanken. Ich glau be, ein Teil von ihr ist hier gegenwärtig, wartet in diesem Lager auf mich, um bei solchen Gelegenheiten wie heute mit mir zusammen sein zu können, bis Spinne uns beide wiedervereint. Aber ich schweife ab. Einmal hat Bär sich
von mir das Leben nehmen lassen, um mir ausreichende Geistkraft für die Aufgabe zu verleihen, den Sternen Spin ne zu bringen. Du bist eine wichtige Person, Doktor. Spin ne hat dich mir gesandt. Erzähl mir Genaueres über deine Träume.« Darwins Gaumen wurde trocken. »Während der Bären jagd ... habe ich die Stimme des Bären gehört. Nicht in Worten ... Ich meine, es waren keine gesprochenen Worte. Es verhielt sich so, als entstünde zwischen uns, als ich dem Bären in die Augen blickte, eine Art von geistiger Verbindung. Ich hatte den Eindruck, als wollte er mich zwingen, ihn zu töten. Und danach fühlte ich mich so ein sam, innerlich so leer. Und sowohl der Bär wie auch der Santos kehren beide in Träumen wieder. Der Bär hat immer versucht, mich in die Berge zu locken. Der Santos und der Bär flüstern auf mich ein, fragen mich, ob ich würdig sei. Ich verstehe das alles nicht, aber ich hatte schlicht und einfach das Empfinden, ich muß in die Berge. Darum bin ich jetzt hier. Ich bin zufällig in diese Schlucht geflogen und habe Halt gemacht, sobald ich dein Lager feuer sah.« »Du mußt Medizin machen.« Eisenauge rieb die star ken Hände aneinander. Sein harter Blick schien Pike zu durchbohren. »Glaubst du an Spinne, Mann von den Ster nen?« Pike hob die Schultern. »Es gibt viele Götter, darunter auch den Raben und den Großen Riesen. Auf meiner Hei matwelt haben diese Geisthelfer mir das Erlegen eines Bären ermöglicht. Ich habe zu lange bei den Inuit gelebt, um an ihrem Gott und den Geisthelfern zu zweifeln. Spin ne kenne ich nicht.« Eisenauge nahm das Dörrfleisch, nach dem DarwinsMagen hungerte, vom Feuer, stellte es beiseite. »Du hast in der Med-Unit gelegen. Deine Zeit ist reif. Folge mir. Das da brauchst du nicht.« Er wies auf das ge kochte, warme Fleisch. »Meine Zeit ist ...?« Unschlüssig stand Darwin auf,
schielte sehnsüchtig das Fleisch an. Resigniert seufzte er und folgte Eisenauge in die Dunkelheit. Es konnte ja wohl nicht lange dauern, bis er sich endlich vollstopfen durfte. Nun gut, wenn das irgendeine Art von Probe sein soll, dann werde ich sie eben bestehen, verdammt noch einmal. Ich bin es leid, daß diese Romananer sich ständig wie weit Überlegene aufführen. Soll der Kriegshäuptling doch von mir haben, was er will. Oder ich werde, bei diesem Spin ne, dabei sterben! Wenig später fingen sie aufwärtszusteigen an. Also stand kein kurzer Ausflug bevor, wie ihn sich Darwin er hofft hatte. Er keuchte und japste vor Anstrengung, als er sich die steilen Felshänge hochschleppte. Der Kriegs häuptling erklomm die Felsen mit einer Leichtigkeit, als wäre er selbst eine Spinne, eine Spinne in Menschenge stalt, während zwei der Monde hinter den Horizont san ken. Pike kraxelte sich hinter ihm mühselig ab, spürte seine Kräfte schwinden. So lange ohne feste Nahrung aus kommen zu müssen, ausschließlich durch die Med-Einheit ernährt zu werden, hatte seine Konstitution geschwächt. Die Elektrostimulation vieler Behandlungstage hatte sei nen Muskeltonus erhalten, doch die jetzige Belastung ging weit über die Effekte hinaus, wie die Stimulation sie erzeugte. Schweiß perlte über Darwins Stirn, wieder ein mal bluteten seine Finger. Dritter Mond senkte sich im Westen in den Ozean, als Darwin seinen von Beschwerden zermürbten Körper über einen letzten Gesteinshöcker zog und plötzlich über sich den freien Himmel sah. Er dachte an das Dörrfleisch, das zweifellos inzwischen wieder kalt war wie Stein. »Hier wirst du bleiben, Dr. Pike. An diese Stelle hat der Bär dich gerufen. An diesem Ort wollte der Santos dich schicken.« »Der Bär, ja, das kann ich nachvollziehen. Aber inwie fern der Santos?« »Ich selbst mußte mir vom ersten Mann, den ich in der Messerfehde getötet hatte, Segen erbitten«, sagte Eisen
auge unterdrückt. »Du bist hier, um Medizin zu machen, wenn du kannst. Deshalb bist du zu mir gekommen. Spin ne hat dich zum Beten in die Berge geschickt ... Um als Krieger des Volkes nach einer Vision zu trachten. So liegt es in der Natur der Dinge.« »Was habe ich zu tun?« »Bleibe und bete. Iß nichts. Trinke nicht. Denke nur an Spinne ... und daran, was du zu werden wünschst. Du weilst als Spinnes Stellvertretung in der Welt, um deine Seele für ihn zu hüten. Wie würdest du einen Teil Gottes behandeln? Was wärst du zu leisten bereit, um achtbar zu sein?« Eisenauge hob einen muskulösen Arm, deutete hoch an den Nachthimmel. »Blicke empor zu den Ster nen, zu denen wir bald fliegen werden. Welches Los wünschst du ihnen?« Darwin schaute hinauf in die Weite des Alls. Als er den Blick senkte, war der Kriegshäuptling fort, als wäre er im nächtlichen Wind davongestoben. Nicht essen? Nichts trinken? Wie lange? Darwin strek kte sich auf dem Fels aus. Beizeiten würde der Kriegshäupt ling zurückkehren. Daran hegte er keinen Zweifel:Es ver hielt sich in diesem Fall ähnlich wie bei den Visions-Suchen der Inuit. Irgendwann ging die Probe vorüber. In dieser Nacht blieben seine Träume friedvoll. Als er aufwachte, glühte die Sonne aus der Höhe des Himmels herab. Seine im Heilen begriffene Verletzung fühlte sich empfindlich an. Die Aussicht verschlug ihm den Atem: Sie war wirklich äußerst bemerkenswert. Spöttisch folgerte er, daß es schlimmere Orte gab, um sich im Hungern und Dürsten zu üben. In der Ferne, in den Ausläufern des Vor gebirges, konnte er einen kleinen Punkt erkennen: Einen romananischen Bären. Die Winzigkeit desAnblicks beru higte ihn, und weil er nichts anderes zu tun hatte, dachte er über sein Leben nach. Der Kriegshäuptling hatte sich Zeit genommen, um die Mitte zu suchen, vielleicht um seines Bären würdig zu sein. So verstrich der erste Tag. Aus Flüssigkeitsmangel fie
berte Darwins Körper, der leere Magen knurrte. In der dar auffolgenden Nacht fröstelte und bibberte er vor Kälte. Wie lange mochte es noch dauern, bis Eisenauge ihn holen kam? Wie lange noch, bis Susan oder Majorin Sarsa ein flog, um ihn auszuschimpfen und fürs Weglaufen her unterputzten? Weshalb widerfuhr ihm das alles? Ob Eisen auge ihm Rückhalt gab? Oder war er Opfer irgendeines undurchschaubaren romananischen Jux geworden? Er entsann sich, als sähe er in diesem Moment in die Augen des Kriegshäuptlings, an die bittere Schonungslo sigkeit des Aufstiegs. Im Feuerschein des Lagers Gessali hatte er den feierlich-ernsten Gesichtsausdruck des Ro mananers sehen können. Nein, die Sache war kein Spaß. Inuit-Schamanen gingen aufs Eis, um Erfahrungen mit der jenseitigen Welt zu sammeln. Wie die Alten der Inuit hatte auch Darwin Visionen gesucht. Er hatte gedacht, sich bereits damit auszukennen. Jetzt war der Anthropologe ihm abgestreift worden wie die Schale einer Banane, sein tiefstes Ich, seine Seele, lag ungeschützt bloß. An der Uni versität hatte man, was er über die Inuit zu vermitteln beabsichtigte, nicht verstanden. Begriff nun er, was Welt ihn über die Romananer lehren wollte? Während des nächsten Tages, in dessen Verlauf sein Körper zunehmend an Gefühllosigkeit litt, überlegte Dar win, was er wohl gerne lernen würde. Die Stelle, an der er den Stich erhalten hatte, brannte und juckte. Hatte er sich beim langwierigen Erklettern der Felsenhöhe etwas aufge rissen? Als auch der dritte, schier endlose Tag schließlich end ete, durchlebte Darwin noch einmal das Entsetzen, das ihn gehetzt hatte, als er auf das Felssims geflüchtet war und der Bär mit den greulichen Saugtellern nach ihm griff. Mit ausgedörrter Kehle versuchte er zu schlucken, während er sich an seine Furcht erinnerte, die Lähmung, die ihn bei nahe befallen gehabt hatte. Da hätte der Bär ihn töten kön nen. Der Bär hätte auch seine Seele verschlungen. Wäre er dem Bären in seinen Träumen erschienen?
»Nein, Mensch«, erklang hinter ihm die Stimme des Bären. Darwin brauchte sich nicht umzuwenden; er fühlte die Nähe des Tiers. »Du kennst die Realität, nicht wahr?« flüsterte Darwin mit trockenen, gesprungenen Lippen. »Ich stehe nicht mit mir selbst im Zwist, Mensch. Ich bin eins mit allem, was mich umgibt. Spinne ist, ich bin, wir sind. Das ist es, was einzusehen Menschen so schwer fällt. Sie wissen nicht, daß du und ich und es eins sind. Du bemühst dich um Abstand zwischen Darwin Pike und Spinne. Du möchtest deine Seele in etwas anderes ver wandeln. Du klammerst dich an Wahnvorstellungen vom Leben und erklärst das Dasein als heilig, wogegen Gott es dir nicht sein soll. Du nährst deinen Verstand und läßt deine Seele hungern. Das Universum ist nicht da, um zu unterteilen. Es ist geschaffen, um zu vereinen.« »Aber ich bin ich«, rief Darwin. »Ich bin ein Lebewe sen. Ich existiere.« »So? Zu welchem Zweck? Woher weißt du Bescheid?« »Es ist so, weil ich es sage. Ich fühle ... was ich erlebe. Ich kenne mich.« »Du kennst nichts. Vielleicht hätte ich dich töten sol len. Du lernst schlecht. Du eitler Mensch, du bist zu stolz auf dein Wissen und deine Unwissenheit zu ersehen unfä hig. Vielleicht sollte ich dich jetzt töten?« Darwin spürte, wie ein Tentakel auf ihn zuschwang, der Saugteller verharrte über seinem Kopf. Er schaute auf und sah einen schwarzen Fleck die Sterne verdunkeln. Sein Leben hing an einem Faden, ihn packte ein Schau dern. Seine Finger fummelten am Gürtel, zogen das alte Solinger Messer. Gelassen wurde er sich des drohenden Todes bewußt — und fürchtete sich nicht mehr. »Na komm, dann nur zu, verdammt noch mal!« krächz te er mit ausgetrockneter Kehle. »Ich habe das Warten satt. Tu's doch! Los, verschlinge meine Seele! Nimm diesen Teil Spinnes und gib ihn zurück!« Er blickte mitten in das schwarze Rund, lechzte fast danach,
die Trennung von Körper und Seele zu erleben. Der schwarze Fleck fing zu schrumpfen an. »Was ist denn? Weshalb machst du jetzt einen ...?« »Du lernst. Es kann sein, du lebst lange genug, um auch noch den Rest zu lernen. Den ersten Schritt hast du getan. Verwirf den Wert, den du deinem Leben zumißt. Befreie dich vom Hangen an dir selbst. Mache dich frei von Darwin Pike ... frei vom Leben.« Die Worte verweh ten im Säuseln des Winds. Waren sie Wirklichkeit gewe sen? Aus Erschöpfung und infolge der Kälte bebte Dar win. Er rang darum, bei Bewußtsein zu bleiben. Seine Seele schien ihm entgleiten zu müssen, als wäre sie schlüpfrig geworden. Er strengte sich an, um die schwache Identität Darwin Pike zu bewahren; dabei hatte er ein Gefühl regel rechter Erbärmlichkeit. Er lag auf dem Bauch, seine Wange ruhte auf der kalten, körnigen Fläche des Felsge steins. Auf die andere Seite seines Gesichts strahlte warm die Sonne. »Ich halte es nicht durch«, sagte er sich, lauschte dar auf, wie seine Stimme ihm aus der nachgerade verdorrten Kehle rasselte. »Ich muß ablassen. Von Darwin Pike las sen. Wie der Bär sein.« Willentlich entsagte er seiner Kör perlichkeit. »Von Pike lassen. Vom Leben. Das Leben ent weichen lassen ... verfliegen ... wie den Wind überm Gras.« »Es ist nicht schwer, zu sterben«, ermutigte ihn von oben eine Stimme, die er erkannte. Es verursachte Darwin Schwierigkeiten, die Lider zu heben. Auf dem Fels saß, die Knie an die Brust gezogen, der Santos, erwiderte Dar wins Blick durchdringend aus schwarzen Augen. »Nein«, röchelte Darwin mit starren, rissigen Lippen. »Sterben ist überhaupt nicht schwer.« »Anscheinend verehrst du den Tod, obwohl du ihn fürchtest, Alaskaner.« Der Santos schaute in die Ferne, in die Richtung des Ozeans, der im Westen lag. »Du bist sehr stolz auf deine Fähigkeit zum Töten, aber sobald der Tod
dir droht, hast du vor ihm Furcht. In meinem hast du dei nen Tod gesehen. Dein erster Stich hat mich nicht um gebracht. Du hast nur Glück gehabt, mußt du wissen. Ei gentlich hätte ich dich töten müssen. Es war ein reiner Glücksfall, daß ein Schwächling wie du jemanden töten konnte, der so stark wie ich ist.« Der Santos neigte den Kopf zur Seite. »Bist du würdig? Bist du stark genug?« »Ich bin nicht schwach! Ich bin Alaskaner. Auf meine Kraft kann ich stolz sein. Ich habe Blizzards und Bären getrotzt. Ich bin stark.« »Du bist nie wirklichem Leid unterworfen gewesen. Noch nie bist du in einer Lage gewesen, in der du nichts mehr zu verlieren hattest!« Wütend begann der Santos zu schreien, schüttelte eine geballte Faust. »Was weißt du von Elend, Durst oder Schmerz? Wann ist dir schon ein mal die Seele aus dem Leib gerissen worden? Wann hast du dir je gewünscht, weinen zu können, während du alles, was du liebtest, tot in den Armen gehalten hast? Dein Kör per ist nicht schwächlich, o nein — aber dein Geist ist es. Du kennst Gottes Regeln nicht.« »Ich bin stark. Sta ... Stark.« »Du hast eine unerprobte Seele ... Eine weichliche Seele. Würdest du heute sterben, Spinne schickte sie dir zurück.« »Ich möchte stark sein. Ich will stark sein! Ich will ... will ...« Darwin verlor den Durchblick. »Stärke hat ihren Preis, Alaskaner.« Der Santos blickte empor ins Sternenglitzern des Nachthimmels. »Dort drau ßen befindet sich ein ganzes Menschengeschlecht. Im Ver gleich zu diesen Menschen bist du eine Säule an Kraft, Alaskaner. Schenke ihnen Stärke ... Aber bring sie ihnen in Blut! Mache sie stark! Weißt du, wie man einen Dolch schmiedet? Ein Schmied formt die Klinge in der Esse mit dem Hammer. Wenn der Stahl recht ist und von Geistkraft leuchtet, wird das Metall in die angestrebte Gestalt gehäm mert. Während das rohe Eisen noch glost, wird es in kal tes Öl getaucht und erneut erhitzt, wonach man die Glut,
um dem Stahl die Geistkraft zu bewahren, in altem Leder erstickt. Anschließend wird die Klinge geschliffen und poliert, erhält ihre endgültige Schärfe.« »Ist ein Mensch ein Messer?« Darwin versuchte den Blick auf die verwaschene Erscheinung des Santos zu hef ten. »Ist das Schmieden vollbracht, wird das Messer er probt, Alaskaner. Weißt du, was geschieht, ganz gleich, wie umfangreich die Erfahrung des Messerschmieds ist, wie groß seine Geschicklichkeit, wenn das Metall von minderer Güte ist oder es Mängel hat?« Der Santos zog die eigene, lange Klinge aus Darwins Gürtel, fuhr mit dem Daumen über die Schneide. Eine Faust umklammerte den Griff, die andere Hand packte die Messerspitze. »Unter Druck zerbricht das Messer«, knirschte der Santos mit krampfhaft angespannten Kie fermuskeln. Seine braunen Finger strengten ihre Kräfte an, Span nung drang aus den Sehnen der Unterarme. Er bog das Messer, unter der Belastung zitterte der Stahl. Das Metall begann zu singen, als er die Klinge beinahe zu einem Kreis gebogen hatte. Ein metallisch-harter Knall hallte von den Felsen wider, als Darwin die Klinge entzweibre chen sah. Er schlotterte, während er, aus Grausen vollends ge schwächt, nach Worten suchte. »Ähnlich mag das Los der Menschheit werden. Mögli cherweise kannst du dagegen etwas unternehmen.« Ver sonnen betrachtete der Santos die zerbrochene Klinge. »Wir werden sehen, wie gut wir die Menschheit schmie den ... Und dich, Darwin Pike.« Damit warf er die beiden Bruchstücke auf den Stein, daß es klirrte. Zittrig hob Darwin den Blick vom zersprungenen Stahl. Der Santos verschwand mitten in der kristallklaren Luft, als wäre er nie zugegen gewesen. Darwin blinzelte, versuchte seine Sicht zu klären. Ringsum gleißte heller Sonnenschein. Er rollte sich ein,
schlang sich um die eigene Mitte, versuchte die Erinne rung aus seinem Denken zu verdrängen. Benommen be mühte er sich, in die Welt zurückzufinden. Sein Bewußtsein konzentrierte sich aufs Atmen, wäh rend er Luft in den Brustkorb saugte und wahrnahm, wie er sich dehnte, sie danach aus den Lungen preßte. Er ko stete das Erlebnis aus, als handelte es sich um den ersten Atemzug eines Neugeborenen. Er tastete mit den Händen an seinen Beinen hinab und herauf, befühlte das leibhaf tige Fleisch, genoß das Gefühl des Lebens. Er öffnete die Augen und schaute über die Aussicht aus, sah Farben, spürte den Wind, und sogar Entbehrung und Not des Hun gers und Dursts glichen etwas Schwelgerischem. Er raffte sich hoch, straff bewegten sich in seinem er hitzten Körper die Muskeln; warf den Kopf in den Nak ken und die Arme nach den Seiten, erfreute sich an den Empfindungen des Lebens, das ihn durchströmte. Seine Frist auf dem Berg war vorüber. Er hatte dem unabweisbaren Drang nachgegeben und sich dem Not wendigen gestellt. Der Kriegshäuptling hatte klarer als er erkannt, um was es ging. Ein letztes Mal blickte Pike sich um. Etwas nahebei schimmerte im Sonnenlicht, spiegelte es wider — ein länglicher Gegenstand von blendender Helligkeit. Darwin zwinkerte in das den Augen unangenehme Leuchten, beschattete sie mit der Hand. Er bückte sich und hob den romananischen Kriegsdolch auf; das heiße Metall ver sengte ihm die Finger. Die Klinge war mitten durchgebro chen.
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KOMMANDOBRÜCKE DER SPINNES VERGELTUNG (IN GEOSTATIONÄREM ORBIT ÜBER WELT)
Susan Smith Andojar schlürfte bitteren Tee, einen Aufguß von Klingenbuschwurzeln und Stengeln des Melonennuß strauchs, ein Getränk, das die Romananer sich seit Gene rationen aufbrühten. Unter der Beobachtung ihres stren gen Blicks schob der ST sich in den Rumpf des Raum schiffs. Er füllte den Monitor aus wie ein hochgefährli ches, aerodynamisches Pfeilgeschoß. Im Licht der Sonne Welts glänzten die Stummelflügel weißlich, hoben sich kontrastreich vom Rund der Nachthalbkugel des Pla neten im Hintergrund ab. Die Waffenkuppeln oberhalb der kardanisch montierten Fusionsreaktoren wirkten harmlos; doch Susan hatte sie auf Sirius im Einsatz gese hen und wußte es besser. Bläulich-weiße Flammen schos sen aus den Reaktoren, während der ST in eine Andok kbucht schwebte. Susan blähte die Wangen und atmete gedehnt aus. Das war zeitlich knapp gewesen. Schlimmer noch: Pikes Aus reißen hatte den Admiral in einen Wutanfall hineingestei gert. Ree hatte geröteten Gesichts Bruk ausgescholten, das erste Mal, um Verärgerung und Verdruß auszutoben, dann ein zweites Mal, um keinen Zweifel an seinem Urteil zu lassen — und weil niemand anderes zur Stelle gewesen war, den er hätte anbrüllen können. Humorlos lächelte Susan. Die Med-Einheit überlistet zu haben, war ein echter Beweis für Pikes Gerissenheit. Sicherlich zeigte es nicht gerade anständige Disziplin, die dadurch hervorgerufene Aufregung jedoch hatte Susan Anlaß zu einer gewissen Belustigung geliefert. Letzten Endes war ja kein Schaden entstanden. Bruk hatte für sie den Blitzableiter abgegeben. Und die Person, die sich am
wenigsten dazu berechtigt fühlte, wegen ihres Aufenthalts in den Bergen mit ihr zu schimpfen, war Damen Ree. Er wußte, ein Krieger brauchte zwischendurch für sich Zeit, Momente des Forschens nach Sinn. Und warum ist mein Geisthelfer mir ferngeblieben ? Weshalb hat Spinne mir, gerade da ich sie am dringend sten brauche, keine Ermutigung zuteil werden lassen? Liegt es an mir? Stimmt mit mir alles? Habe ich etwas falsch gemacht? Die Träume sind ... »Nein, Susan«, sagte sie mit ernstem Nachdruck zu sich selbst. »Daran darfst du nicht einmal denken.« Doch eine Beklemmung beengte ihr Herz. Sie drehte den Kommandosessel, las die Anzeigen der Monitoren ab. Nach der Gewöhnung an die Spinnes Favo rit empfand sie diese Kommandobrücke, die nur Platz für drei Personen bot, als viel zu klein. An der oberen Wand verkleidung, deren Abdeckplatten hohlkehlig in die Decke übergingen, glommen aufgereihte Monitoren. Die Katho den warfen unheimliche Glanzlichter auf die Kontrollkon solen, tauchten das unvermeidliche Raumfahrtweiß in weiche Pastellfarben. Auf einigen Bildschirmen sah man Welt; andere zeigten den Reaktorstatus, Kursberechnun gen sowie Betriebsvorgänge an. Mosche Raschid lehnte, den Kopf ins Konturenpolster gelegt, in seinem Sessel, hatte die Augen geschlossen, während er per Kontaktron Zahlen und Daten an Kom munikation und Steuerzentrale übermittelte. Sig Marg gaff, der Navigator, gab dem Navigationscomputer Infor mationen ein, speicherte seine Computerkalkulationen für den Überlichtflug. Eine Leuchtanzeige des Maschinenraums blinkte auf: Die Materie-Antimaterie-Reaktion befand sich im Prozeß der Stabilisierung. Das Raumschiff wartete praktisch le diglich noch auf Susans Startbefehl. Formell handelte es sich bei dem Raumfahrzeug um PVA1-775: P für Patrouil le, V für Versorgung, A für die Heimatbasis Arcturus, die 1 stand für das Patrouillenschlachtschiff Viktoria, dem
man es zugeteilt hatte. Nach der vor zwei Tagen erfolgten Ankunft war es von den Romananern umgehend in Spin nes Vergeltung umbenannt worden. »ST hat angelegt, Kommandantin«, meldete Jose Grita Weißer Adler durch die Kommu. »Verankern.« Die BK erbebte unter ihren Füßen, als die Greifarme den ST anflanschten. »ST festgemacht, Kommandantin.« Susan stellte eine Verbindung zur Projektil her. »Wir sind fertig zum Abflug, Admiral. Der letzte ST ist an Bord genommen, alle Systeme sind gecheckt und gegenge checkt worden. Alles im Grünstatus. Dr. Pike ist da, und die Ausrüstung für die Umbauten sind verstaut.« Neben Ritas Miene erschien Rees kantiges Gesicht auf der Bildfläche; einen Augenblick später wurde auch Iver sons Konterfei projiziert. Zerstreut lauschte der Admiral auf irgend etwas, das auf seiner Kommandobrücke vorging, und nickte schließ lich, bevor er Susan anschaute. »Sehr gut, Kommandan tin. Geben Sie in meinem Auftrag dem verfluchten Blöd mann einen Anschiß. Richten Sie ihm aus, er kriegt's noch mit mir zu tun, sobald er zurück ist. Sagen Sie ihm, viel leicht hat er Glück ... und die Padri erwischen ihn zuerst.« Mißvernügt nickte Susan, dachte darüber nach, was sie Pike wirklich sagen sollte. Im großen und ganzen machte er einen passablen Eindruck. Außerdem sah er seinerseits auch einen Grund zur Klage. Nach seinem Zornausbruch hatte sie über ihn mancherlei Überlegungen angestellt. Es konnte sein, er war von Anfang an unzuvorkommend behandelt worden, daß man von ihm zuviel verlangt hatte. Immerhin war er nur ein durchschnittlicher Direktorats bürger. »Majorin Sarsa«, fügte Ree hinzu, »die Mission steht offiziell unter ihrem Befehl. Ich wünsche Ihnen Spinnes Gunst und Beistand. Sie sind mit aller Sorgfalt eingewie sen worden und haben das Beste dabei, was wir Ihnen mit
geben können. Ich weiß, wie die nächsten Monate sein werden. Leute, ich möchte, daß Ihnen klar ist, wie sehr ich Sie schätze. Ganz Welt steht in Ihrer Schuld. Tun Sie uns einen großen Gefallen: Passen Sie auf sich auf. Kehren Sie lebend zurück.« Sarsa ergriff das Wort. »Danke, Admiral. Wir werden das Äußerste leisten, Sir.« Sie wandte sich an Susan und Neal. »Sie haben die Kursdaten. Die Kommu wird Ihnen die Beschleunigungswerte übermitteln. Fünfunddreißig Ge konstant, Korrekturen je nach Erledigung der bauli chen und technischen Modifikationen.« »Verstanden«, antwortete Susan, spürte ein schwaches Gefühl des Andrucks, den die Gravo-Kompensatoren je doch sofort ausglichen. »Ich hoffe, Spinne fliegt mit Ihnen«, sagte Ree in ver ändertem Tonfall. »Wir warten hier auf Ihre Rückkehr. Bleiben Sie auf der Hut.« »Ich wollte, wir hätten einen Propheten dabei«, drang Iversons Stimme aus der Kommu. »Ich konnte Chester nicht ausfindig machen«, teilte Ree mit. »Er hält sich irgendwo in den Bergen auf. Die vier Ältesten fliegen nicht ins All. So leid's mir tut, Sie sind ganz auf sich gestellt. Hat jemand irgendwelche abschließenden Fragen? Nicht? Also gut, Leute. Ich wün sche Ihnen nochmals viel Glück.« Der Bildschirm erlosch. »Kommandantin?« Josés Gesicht erschien auf einer Bildfläche. »Möchtest du vielleicht mal nach achtern kommen? Mit dem letzten ST ist ein zusätzlicher Fluggast eingetroffen.« Susan verkniff sich eine Frage. Die Betroffenheit in Josés Miene sprach für sich. Was hatte dieser verdammte Pike denn nun wieder verbrochen? Eine Frau mitge bracht, um Gesellschaft zu haben? War er deswegen für fünf Tage weggeblieben? »Bin gleich dort.« Verdrossen blickte Susan in die Optik. »Mr. Pike und sein ... >Fluggast< sollen sich im
Casino einfinden.« Ihre Mißstimmung steigerte sich zu äußerster Gereiztheit, während sie durchs enge Innere der Spinnes Vergeltung eilte, durch die schmalen Korridore. »Das geht zu weit!« murrte sie unterwegs vor sich hin. »Wir haben 'n Kampfauftrag, sollen mitten in Ngens Machtsphäre vorstoßen. Die Vorräte an Bord sind be grenzt, nur für drei Monate bemessen. Jeder Fresser mehr beschneidet meine Optionen, gar nicht davon zu reden, daß ich nicht weiß, wo ich Pikes Schiunze unterbringen soll. Ich murkse ihn ab. Ich werde ... Ich werde ...« Falls es erforderlich war, das Weibsbild von Bord zu schicken und darum eine Verzögerung eintrat, bliebe die Spinnes Vergeltung um einen Tag hinter den beiden ande ren Raumschiffen zurück, und die Blaster sowie die Schutzschirm-Generatoren müßten bei 40 Ge installiert werden. Schon bei 35 Ge erfolgte eine Ausnutzung des Sicherheitsfaktors bis zum Grenzwert. Fiel eine GravoPlatte zum falschen Zeitpunkt aus, konnte die übrige An lage den Ausfall kompensieren. Aber bei 40 Ge? Wer wollte da noch sicher sein? Kam es bei diesem Andruck zu einer Katastrophe, mußte man anschließend die Überreste der Besatzung mit Rasierklingen von den Schotten krat zen. Als Susan das Casino betrat, fühlte sie sich ausrei chend zu einer gehörigen Schimpfkanonade geladen. Pike wartete, einen sonderbaren Ausdruck in der Miene, am Ende eines langen Tischs; sein Gesicht war hohlwangig geworden, und in seinen Augen stand eine ungewohnte Distanziertheit. War er sich darüber im klaren, wieviel Ärger und Umstände er verursachte? Die zweite Person war keine Frau. Susan stockte, mu sterte mit zur Seite geneigtem Kopf den mageren Mann. Nein, ein Junge war er noch, allerhöchstens zwanzig, doch genau ließ es sich ihm nicht ansehen. Abgewetzte Leder kleidung umhüllte seine ausgezehrte Gestalt. Wo Schmutz sich mit Schmiere aus Schweiß und Fett vermischt hatte, glänzte das Leder speckig. Seine langen, schwarzen
Haare, in denen noch Grasfetzchen und Bruchstückchen von Reisig staken, trug er zu zwei Zöpfen geflochten. Die Clan-Farben an den Fransenärmeln waren ausgeblichen, doch anscheinend, mutmaßte Susan, die Farben der Ando jars und der Garcias. Auf dem Brustteil des Hemds konn te man noch schwach eine Spinne erkennen. Die Messer scheide baumelte leer an seinem Gürtel. Momentan hielt er die Augen geschlossen, als ob ihn irgend etwas sehr stark beschäftigte. »Also, raus mit der Sprache, Pike, verdammt noch mal! Wer ist das?« Susan stapfte auf Pike zu, hatte nicht übel Lust, ihm den Hals umzudrehen. »Wir haben zuwenig Platz, um diesen Burschen einzuquartieren ... Und zuwe nig Zeit, um ihn zurückzuschicken. Heiliges Kanonenrohr, was hast du dir dabei gedacht?! Heiliger Spinne, wo bist du gewesen? Ree hat fast der Schlag getroffen, und er ist, bei Spinne, das reinste, harmlose Katerchen, wenn ich daran denke, was ich jetzt am liebsten mit dir anstellen möchte. Wenn ich mich recht entsinne, wolltest du, daß man dir Respekt erweist. Na, dann mußt du dich aber vor her wie jemand verhalten, den man respektieren kann.« Die Hände in die Hüften gestemmt, blieb sie, praktisch Nase an Nase mit Pike, vor ihm stehen. Doch es war ein anderer Pike, der nun ihren Blick erwiderte. Seine Kiefer muskeln spannten und ballten sich unter der bronzebraun gewordenen Haut. Dieser Darwin Pike konnte, anders als es in der Vergangenheit gewesen war, nicht so leicht ein geschüchtert werden. Pike holte Luft, um eine Antwort zu geben, doch sein Begleiter kam ihm zuvor. »Ich glaube, der Doktor hat auf die einzige Weise gehandelt, wie sein Cusp sie ihm offenließ. Zu Spinne zu finden ... und die eigene Seele zu entdecken ... sind die beiden bedeutsamsten Errun genschaften im Leben eines jeden Menschen, Komman dantin.« Susan ruckte herum, schaute in die altklugen Augen des Burschen, und die hitzige Entgegnung erstickte ihr in
der Kehle. »Bei Spinne«, raunte sie, fühlte ihre Mundwin kel sich straffen. »Wer bist du?« »Man nennt mich Patan Andojar Garcia«, sagte der Mann mit ruhiger Stimme, deutete eine Verbeugung an. »Es freut mich, dich kennenzulernen, Kommandantin. Du hast jetzt auf alle deine Fragen die Antwort und kannst wieder an das gehen, was du als deine Pflicht erachtest. Für mich ist das alles noch ganz neu ... Also habe mit mir bitte Nachsicht.« Er schloß wieder die Augen und schien einzudösen, indem er gegen die Sitzbank des Casinos sackte. Susan schluckte; ihr Körper war mitten in der Haltung erstarrt. »Ich bin dem Kriegshäuptling begegnet«, durchdrang Darwins Stimme ihre Verwirrung. »Der Bär und der Santos haben nach mir gerufen. Ich ... ich glaube, euer Spinne hätte mir nie Ruhe gelassen. Darum bin ich fort gegangen. Ich nehme an, du verstehst diese Angelegen heiten.« Wie geistesabwesend nickte Susan, blieb den Blick von dem Propheten abzuwenden außerstande. »Eisenauge hat mich zur Siedelei zurückgebracht. Dort trafen wir jeman den namens Chester Armijo Garcia und« — Pike wies auf Patan — »diesen jungen Mann, Chester besprach sich mit Eisenauge, und unser Freund hie'r stieg einfach in den ST. Geflügelter Stier Reesh war in der Nähe. Er hat den Wachtposten zurückgescheucht und sah dabei aus, als hätte er regelrechten Bammel.« Kein Wunder, daß Patan Andojar Garcias Ankunft keine Ankündigung vorangegangen war; niemand mischte sich ins Tun eines Propheten ein. Propheten taten, was sie als richtig ansahen, und wann sie es für angemessen hiel ten. Susan zwang sich willentlich zum Durchatmen und setzte sich, befallen von einem leichten Schwindelgefühl, auf einen Stuhl. »Warum wir?« murmelte sie. Der Pro phet rührte sich nicht. »Normalerweise bleiben Propheten
... Ich meine, es ist ... Heiliger Spinne, was wird uns drau ßen im All zustoßen?!« »Möchtest du was trinken?« Darwin reichte ihr einen Becher Kaffee, und endlich gelang es Susan, ihren Blick von dem Propheten zu lösen, den Anthropologen anzu schauen. »Hat er irgendwas gesagt?« »Nein«, gab Pike unbekümmert zur Antwort, nahm neben ihr Platz. Ein Schweigen dehnte sich in die Länge. Aus dem Gürtel zog Pike ein Stück eines zerbrochenen Messers. »Ich habe im Leben schon allerhand gesehen und mich mit vielen ungewöhnlichen Phänomenen befaßt. Daheim in Alaska habe ich mich einmal aufs Erhalten einer Vision vorbereitet, und tatsächlich ist mir der Rabe erschienen. Er hat sich beim Bären für mich verwendet, so daß ich ihn erlegen konnte. Aber hier auf Welt hat euer Bär selbst mit mir gesprochen, bevor ich ihn tötete ... und auch danach noch. Der Santos, den ich ... erstochen habe. Er hat seinen Dolch entzweigebrochen. Ich habe nie zuvor eine Vision erlebt, die einen materiellen Gegenstand zerbre chen konnte.« Voller Ehrfurcht strich er mit den Fingern feinfühlig über die rauhe Bruchstelle. »Die Seele des von mir getöteten Santos verhieß mir, ich würde, so wie das Messer, auf die Probe gestellt. Er sagte, ich würde quasi geschmiedet ... und falls das Ma terial mangelhaft ist, müßte ich ...« Sein Blick fiel auf die Messerhälfte in seiner Hand. Unwillkürlich grauste es Susan. »Ich bin einmal ... so gründlich auf die Probe gestellt worden, Doktor.« Ihre Stimme klang gepreßt, während sie Erinnerungen an Ngen Van Chows Stimme zu unterdrücken versuchte, sei nen hageren Leib. »Du bist nicht gebrochen worden.« »Vielleicht bin ich ... Ach, verflucht. Ich ... weiß es wirklich selbst nicht, Doktor. Es sind gewissermaßen Risse bei mir zurückgeblieben, Schwachstellen ... Wenn er
das Richtige zu mir sagte ... mich auf diese Weise an schaute, könnte es sein, daß ich ... Ich würde ...« Ihr Blick fiel auf den Propheten. Patans Atemzüge gin gen leicht und regelmäßig; er erregte den Anschein gänz lichen Weggetretenseins. Chester hatte sie mit Giorjs und Freitags Unterstützung vor dem völligen Zusammenbruch bewahrt. Ihr Herz ließ einen Schlag aus. Freitag? O Gott! Heiliges Kanonenrohr, was machst du da eigentlich? tobte sie insgeheim mit sich selbst. Was erzählst du hier diesem ... diesem Fremden? Nimm dich zusammen, ver dammt noch einmal! Komm zur Vernunft, ehe du etwas tust, was du dein Lebtag bereuen wirst! Er ist ein Mann ... Und Männer benutzen gegen dich, was sie können! Wie in Panik gab sie sich einen Ruck und stürzte den Kaffee hinunter. »Ich werde auf der Kommandobrücke gebraucht.« Sie fuhr, angetrieben vom Adrenalinschwall, geradezu vom Stuhl auf. »Ich bedaure, daß ich so grob geworden bin. Mir war nicht klar, wo du gewesen bist ...und warum.« Darwin Pike nickte. »Mir sind auch ein paar Gemein heiten durch den Kopf gegangen. Verzeih mir.« Susans Versuch, ein versöhnliches Lächeln aufzuset zen, scheiterte. Ihrer Lippen zuckten. »Tja, na gut ... Sor ge dafür, daß der Prophet es angenehm hat, ja?« »Kann ich mich sonst irgendwie nützlich machen? Vielleicht beim Montieren der Waffen helfen? Es sollen doch Umbauten stattfinden, nicht wahr? Mit Geräten bin ich immer gut zurechtgekommen.« Die Hand schon nach der Tür ausgestreckt, drehte Su san sich um, sah nervös, wie still der Prophet auf der Sitz bank lehnte. »Ich werde mich danach erkundigen, was getan werden muß.« *
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ARCTURUS, DIREKTORATSSITZ
Skor Robinson schwebte zusammengerollt wie ein Fötus im Blau des Giga-Verbund-Kontrollraums. Nach wie vor strömten ihm Daten zu, deren Entsetzlichkeit ihm die Fas sung raubte. Unheil folgte auf Unheil: Nur indem er sein Gemüt betäubte, vermochte er das alles zu verkraf-ten, während die Ungeheuerlichkeit des Geschehens ihn schier überwältigte, so daß er sich immer enger einkrümmte. Hätten die immer größeren Informationsmengen, die ihn erreichten, ihn nicht vollständig in Beschlag genommen, wäre er in Panik verfallen, hätte er angesichts der von Hilfsschiffen und Überlebenden gemachten Aufnahmen vor Schrecken geschrien. Die Zahl der Toten wuchs. Die Lider geschlossen, sämtliche gentechnisch abge wandelten Fähigkeiten seines immensen Hirns aufs Pro blem konzentriert, bot er alle Mühe auf, um die Not der betroffenen Bevölkerung, die von seiner Verfügungsge walt über sämtliche Ressourcen abhing, zu lindern. Seine Befehle splitteten Medizinische Hilfsteams und Katastro phenschutztrupps. Wo früher eine integrierte Gruppe qua lifizierten Personals an einen Unfallort beordert worden wäre, traf jetzt auf FLF-Routen lediglich eine Einzelper son ein, von der man hoffen mußte, daß es ihr dank der Bevollmächtigung durch das Direktorat gelang, unter Mobilisierung lokaler Mittel und Kräfte die verfahrene Situation zu beheben. Gleichzeitig implantierte Robinson jeder dieser Personen per Psyching die unerschütterliche Überzeugung, eine solche Leistung erbringen zu können. Doch von nun an hatte Skor keine Teams und Trupps mehr aufzusplittern, er konnte keine weiteren FLF umdirigieren, er hatte keine Notunterkünfte, keine Nahrungs-vorräte und keine Überlebens-Grundausstattungen mehr zu verteilen. Wie konnte es soweit kommen? fragte Nawtow jedes mal durchs Verbundsystem an, sobald die dringenden Hil ferufe, die es zu überlasten drohten, etwas abnahmen. Wie?Wie? Wie? »Weil ich Ngen vertraut habe«, flüsterte Skor leise,
aber hörbar zu sich selbst, eine flüchtige Erinnerung an Damen Rees Gesicht löste bei ihm ein heftiges Schuldge fühl aus. Mir liegt eine neue Meldung vor, gab An Roque durch. Station Swilensk ist zerstört worden. Überall im dortigen Sonnensystem funken Notrufsender. Meine Möglichkeiten sind erschöpft. Ich brauche sofort Unterstützung. Die Ret tung der Überlebenden ist ... Wir können keine Hilfe mehr leisten. Während Skor noch ein letztes Mal die tabellarische Erfassung des einge setzten Schiffsraums sichtete, bemerkte er eine unge wohnte Trockenheit seiner Kehle. Vorhin ist die volle Aus lastung eingetreten, Assistenz-Direktoren. Das Umdirigie ren weiterer Raumschiffe hätte auf Welten von entschei dender Bedeutung eine kulminative Lebensmittelverknap pung und Mangel an Rohstoffen für Produktionszwecke sowie dadurch bedingte, absehbare Krawalle zum Resul tat. Wir würden Ngen noch stärker in die Hände arbeiten. In Verladestationen stapeln sich bereits überfällige Güter. Eine anderweitige Verwendung zusätzlicher Transpor traumschiffe müßte zu einer Ausdünnung der ... Ich MUSS Frachtraum haben! Während wir uns hier unterhalten, sterben Menschen. Ich habe ... Ich trage die Verantwortung ... Ich brauche Hilfe für Swilensk! Ich MUSS Hilfe für Swilensk haben! Ich MUSS ... MUSS ... Roques Bioindikatoren blinkten im kritischen Bereich. Roque? Machen Sie jetzt nicht schlapp. Daß Sie ausfal len, können wir uns gegenwärtig nicht ... Roque? Das Monitoring zeigte Spitzenwerte an, vor Panik drohte dem Assistenz-Direktor ein Kreislaufkollaps. Im Schweben schauderte Skor zusammen, beobachtete achtsam die eigenen körperlichen Reaktionen. Ich habe Assistenz-Direktor Roque ruhiggestellt, informierte er Nawtow. Er spürte echte Beschwerden in seinem ver krampften Leib. Er stand dicht vor dem Zusammenbruch. Ich verstehe und billige die Maßnahme. Nawtow zögerte und schwieg, während er in den seiner Zuständig
keit untergeordneten Giga-Verbund-Teilen angestaute Datenmassen umleitete. Direktor, ich habe auch meinen Stoffwechsel beeinflußt. Sie müssen wissen, daß ich mei nem Blutkreislauf null Komma null sieben Prozent Stre ßinhibitoren zugeführt habe. Deshalb könnte mein Urteil in manchen Fragen suspekt sein. Aber darauf zu verzich ten, hätte bedeutet, daß ich vielleicht die gleiche unvor hersehbare Reaktion wie Roque erleide. Ich nehme davon Kenntnis und habe Verständnis für Ihr Vorgehen. Wenn es mir möglich ist, werde ich Ihre Entscheidungen gegenprüfen. Aufgrund der Erschöp fungssymptome, auf die die Kurven von Roques Bioindi katoren hinweisen, habe ich die Absicht, ihn vorerst schlafen zu lassen. Abgesehen von dem Schock, den er eben bekommen hat, ist er auch rein körperlich völlig überlastet. Was sollen wir tun, Direktor? Was soll aus den Überle benden der Station Swilensk werden ? Tausende von Men schen ... Im Moment werden sie eigene Initiative entwickeln müssen, um sich zu retten. Im endlosen blauen Licht sei nes Kontrollraums schnitt Skor Grimassen. Bilder von Menschen, die erfroren, erstickten oder Strahlungsüberdo sen absorbierten, schossen ihm durch den Kopf. Zuviel! Er verdrängte die Gedanken an die Ereignisse, checkte sein Monitoring. Sich retten? Es sind Menschen, Direktor! Es ist unsere Pflicht, ihr Leben zu schützen, egal was der Preis für ... Geben Sie auf sich acht, Nawtow. Ihr Monitoring ver weist trotz des Tranquilizers auf Unregelmäßigkeiten. Wahren Sie Ruhe. Beherrschen Sie sich. Sie dürfen nicht zulassen, daß es Ihnen wie Roque ... Wir stehen vor dem SCHEITERN, Direktor! Wie kann so etwas passieren? Was geht mit uns vor? Wissentlich nahm Skor Robinson im System eine Fehl schaltung vor, überlud für eine frappante Sekunde den
Giga-Verbund, verpaßte auf diese Weise Nawtows Gehirn eine Art von neurophysischer Ohrfeige. Der Assistenz-Direktor erschrak, instinktive Reflexe griffen ein. Nawtow, Sie müssen die Kontrolle über Ihren Körper selbst ausüben. Ich kann keine Zeit mehr abzweigen, um Ihr und Roques Monitoring zu überwachen. Haben Sie mich verstanden? Sie müssen selbst die Verantwortung für sich übernehmen. Ich ... ich ... habe verstanden. Ein kurzes Schweigen folgte. Was kann uns nur passiert sein, Direktor? Warum sind wir nicht dazu in der Lage, diese Krise zu meistern ? Wir bringen uns fast um, und dennoch gelingt es uns nicht, die Zivilisation aufrechtzuerhalten. Wie konnte es dahin kommen? Skor zwinkerte, sich der zahllosen dringlichen Bitten um Hilfe und Rettung bewußt, die übermäßig sämtliche Transduktionsfrequenzen beanspruchten, ins unendliche Blau. Sogar den Giga-Verbund überforderte die Aufgabe, den Direktoren Millionen von Funksprüchen durchzu stellen. Skor verschloß seinen Geist dem Lärmen der Mensch heit und hob dünne Finger, um sich die vor Übermüdung wunden Augen zu reiben. »Es ist so gekommen, weil ich einen Fehler begangen habe, Nawtow«, nuschelte er halb laut. Ein Erinnerungsbild von Damen Rees aufgewühlter Miene durchzuckte seinen enormen Verstand. »Ich habe Ngen Van Chow Vertrauen geschenkt.« Egal wie es sich ergeben hat, Assistenz-Direktor, wir tragen die Verantwortung, übermittelte er Nawtow. Sie, ich und Roque tun alles, wozu wir fähig sind. Es werden Menschen sterben, ja, aber wir haben nur so viele Raum schiffe, uns stehen nur so viele Alternativen offen. Fürs erste erteile ich Ihnen die Weisung, mit den verfügbaren, beschränkten Mitteln die größtmögliche Anzahl von Men schenleben zu retten. Alle anderen werden der Preis sein, den wir entrichten müssen.
Mühsam schluckte er. »Wie lange wird es noch dauern, bis wir uns zugrunderichten, Semri? Wo sind unsere Gren zen?« Skor stöhnte zutiefst menschlich, schabte sich mit den zierlichen Fingern die entzündeten Augen und widmete sich erneut der nachgerade unerfüllbaren Aufgabe, der Menschheit wenigstens einen Teil ihrer Zivilisation zu bewahren. »Durchhalten ... Wir müssen durchhalten, Nawtow. Ohne uns fällt alles auseinander.« *
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AN BORD DER SPINNES VERGELTUNG WÄHREND DER AKZELERATIONSPHASE VOR DEM ÜBERLICHTFLUG
Susan vertiefte sich vollständig ins Anleiten der Monta ge der Blaster und Schutzschirm-Generatoren. Sie befahl das Dekompressieren des halben Raumschiffs, Techniker zerschweißten Schotts und umverlegten Energiekabel. Ihr schwindelte fast vor Ausgelaugtheit, und sie wünsch te sich, Giorj wäre nicht angewiesen worden, auf der Projektil zu bleiben. Ihr technisches Personal bewährte sich tüchtig, doch Giorj hatte die Arbeiten dank seines Improvisationstalents in der Hälfte der Zeit abwickeln können. »Und ich belüge mich selbst. Ich habe ... Furcht. Ich habe davor Furcht, in meiner Kabine allein zu sein.« Auf dem Weg in ihr beengtes Quartier seufzte sie vor sich hin. Sogar in einer Werft hätte, was ihre Besatzung wacker binnen zwei Wochen zu schaffen versuchte, einen vollen Monat beansprucht. Susan betrat ihre Kabine, klappte die Koje hoch, um Zutritt zur Dusche zu haben, und genoß die warmen Wasserschwälle. Einen Moment lang spielte sie mit dem Gedanken, indem sie gegen die Müdigkeit ihrer Augen anblinzelte, auf die Kommando
brücke zurückzukehren. Aber ihr Körper lechzte nach Schlaf. Mit bangen Gefühlen klappte sie die Koje herab und streckte sich darauf aus. Sie hatte noch keine Viertelstunde geschlafen, als aus den Tiefen zwischen ihren Hirnwindungen der Alptraum emporkroch. Vor ihr stand Ngen, feixte hämisch, indem er mit der Elektropeitsche über ihren bebenden Leib strich. Aus Grauen schweißbedeckt, keuchte und stöhnte sie im Schlaf, durchlebte abermals jede einzelne der ewigen Sekunden der Qual, während in ihrem Geist Ngens Stim me gurrte und säuselte. »Lust, mein Täubchen ...«, wiederholte er immerzu in seinem schmierigen Tonfall. »Laß mich dich Lust lehren.« Susan schrie, schrak senkrecht von der Koje hoch, in der selben Sekunde schaltete sich die Kabinenbeleuchtung ein. Sie hielt den Atem an, drückte eine verkrampfte Faust gegen den Halsansatz. Sie zitterte, kalter Schweiß rann ihr über den wie fiebrigen Körper. Wie bei einer Rasenden huschte ihr Blick durch die Kabine, blieb endlich auf der Stelle haften, wo Giorj hätte sein müssen, um sie in die Arme zu schließen. Die schmale Koje bot an ihn nicht ein mal eine Erinnerung. Susan orderte am Automaten einen Becher Kaffee und hockte sich in einen Winkel der Koje. Sie kauerte sich zusammen, stützte das Kinn auf die Knie, so daß das glän zende, schwarze Haar ihr wie ein Vorhang übers Gesicht fiel. Nicht einmal der dumpfe Schmerz in ihrem Herzen konnte das Entsetzliche des Alptraums verdrängen. »Giorj ... Wo bist du? Er ... er wartet irgendwo dort draußen. Und ich ... ich komme ihm näher und näher ...« Es schauderte ihr. Sie blieb allein mit den fürchterli chen Erinnerungen, dem Alptraum, den sie einmal in Wirklichkeit erlebt hatte. Es gab niemanden, der bereit war, sie von den gräßlichen Verunsicherungen, an denen sie seither krankte, zu befreien, sie davon zu erlösen. Schlaflos saß sie da, völlig vereinzelt in einem Raumschiff
voller Fremder, allein mit sich selbst und dem abscheu lichen Phantom Ngen Van Chows. Allein. Könnte sie sich irgendwem anvertrauen? Mit jeman dem über ihre Angstzustände sprechen? Vielleicht mit Mosche? Ihn kannte sie schon recht lange. Würde er sie in den Armen halten? Das Phantom verscheuchen? Nach drücklich schüttelte sie den Kopf. Es wäre zu unsicher mit ihm. Er würde mehr wollen — mehr als sie nach dem, was Ngen ihr angetan hatte, je wieder einem Mann geben konnte. Giorj dagegen war für sie ungefährlich. Während er eines der Schmuggler-Raumfahrzeuge Ngens umgebaut hatte, war er von einem Strahlenunfall betroffen und voll ständig desexualisiert worden. Der Teil seines Gehirns, der die männlichen Reaktionen steuerte, war schon vor Jahren irreparabel geschädigt worden. Er konnte sie in die Arme schließen, ohne daß sie ihn fürchten mußte. Jeder andere Mann würde das zarte Vertrauensverhältnis, das sie sich mit wahrer Verzweiflung ersehnte, bald zerstören. Susan trank den Becher Kaffee leer und lehnte den Hinterkopf an die Wand, lauschte auf die Vibrationen des Raumschiffs, eine der Konstanten an Bord. Durch die Schotts war gedämpft ein Hämmern zu hören: Irgendwo versuchte jemand widerspenstigem Stahl ein neues Ener giekabel aufzuzwingen. Wieso war sie so allein, obwohl sie ständig die Furcht zur Begleiterin hatte? Schlaflos und verängstigt blieb sie auf der Koje sitzen. Lange, eintönige Stunden verstri chen. * * * Patan Andojar Garcia rang ums Überleben. Sein an die unaufhörliche, einem Wasserfall vergleichbare Flut von Ereignissen, die ihm aus der Zeit entgegenstürzten, noch nicht gewöhnter Verstand bemühte sich, dem Andrang gewachsen zu sein, den Vorgang zu begreifen. So viele Kenntnisse! Sie erfüllten ihm ganz den Schädel, durch
brausten sein Dasein. Kaum hatte er seine Aufmerksam keit einer bestimmten möglichen Zukunft gewidmet und sah sie sich entfalten, wurde auch schon ein Cusp ent schieden, änderte sich ihr Gesamtbild, während Tausende von anderen Zukunftsausblicken auf ihn zudrängten, durcheinandertrudelten, auf ihn zugaukelten wie irrsinni ge Gespenster, so daß seine geistige Fassenskraft zerstob wie Spreu im Wind. Patan zwang sich vorsätzlich zu innerer Ruhe und ver suchte sich zu entspannen, Chester hatte erklärt, es bräuchte einige Zeit, um sich der wirren Gefühle zu entle digen, die fortwährend die Zukunftsgesichte trübten. Wie lange? Nochmals machte Patan seinen Geist von allem frei, um die Zukunft ihre Stränge entwickeln und zu einer Gegenwart flechten zu lassen, die ihn durchströmen und in die Vergangenheit weichen konnte. Doch das Wirkliche, das ihn umgab, störte ihn immer wieder; das unausgesetzte Pochen und Umherbewegen im Raumschiff beeinträchtigte sein Konzentrationsvermögen, machte es ihm unmöglich, die Veränderungen zu erfassen, wenn ein eine halbe Galaxis entfernt entschiedener Cusp alles wandelte. Die Unwägbarkeiten des freien Willens waren schlimm genug, aber dieses Stampfen und die Schwerkraftschwankungen ...?! Patan war benommen zumute, der Wirrwarr verursachte ihm körperliches Unwohlsein. Wie beim Donnernamen Spinnes hatte Chester je dazu die Zeit gefunden, so viele klassische Werke der Mensch heitsliteratur zu lesen? Beklemmung nahm Patan den Atem. »Was wenn ... wenn mir die Fähigkeit ermangelt, die Visionen meiner Gewalt zu unterwerfen? Propheten können wahnsinnig werden. Es kann ihnen widerfahren, daß die Zukunft sie aufsaugt wie ein Mahlstrom, so daß sie immer mehr von dem sehen, was werden könnte, und immer weniger von dem, was war ... Spinne, laß mir so etwas nicht zustoßen!« Noch während er vor sich hinmurmelte, verwirbelte
seine geistige Sicht, gestaltete sie in eine Erinnerung an etwas um, das einmal sein könnte: Einen bejammerns werten, unterernährten, dahingesiechten Schatten Patan Andojar Garcias, dessen Augäpfel ihm im Kopf nach oben verdreht waren, den er einen gellenden Schrei ausstoßen hörte, ein durchdringendes Geheul des Grausens, dessen Verzweiflung die Seele marterte. Patan zwinkerte, die Bilder, die sich abwechselnd auf ihn zu- und von ihm fortbewegten, flößten ihm abartige Furcht ein, während sein Geist mit den Sturzfluten aus der Zukunft, die ununterbrochen auf ihn zuwogten, irgendeine Art von Ausgleich herzustellen versuchte. Irgendwo zwischen Licht und Finsternis, zwischen Hoffnung und Verzagen, Furcht und Zuversicht verlief ein Weg, auf dem man den Irrgarten zahlloser ineinander ver zahnter Cusps und in stetigem Entfalten begriffener Ereig nisse mühelos zu durchqueren vermochte. Es kam darauf an — alles hing davon ab —, daß Patan Andojar Garcia diesen schmalen Pfad fand, bevor die Wirbelströ-me des Künftigen ihn unrettbar einsaugten ... oder durch unbe schreibliche Schrecknisse ihm die Verlockung, den Weg zu suchen, das Problem zu lösen, doch noch ein für alle mal verleideten. Verbarg sich in diesem grenzenlosen Labyrinth tatsäch lich die Wahrheit? Patan wirkte, als schliefe er, während er in tapferem Ringen um seine geistige Gesundheit stand; Schmerz zer furchte seine Miene, seine Hände ruhten im Schoß, die Lider hielt er geschlossen, um sich besser auf all das Ge waltige einstellen zu können, das sich in seinem Verstand ausbreitete. Nur sein Herz verriet, Schlag um gleichmäßi gen Schlag, seine Furcht. In seinem Körper sank, weil er hungerte, der Blutzuckerspiegel, und seine Fettreserven waren restlos aufgebraucht. * * *
»Wir liegen zu kurz.« Jose Grita Weißer Adler unter drückte einen Fluch, während er die durch den halben Korridor verlegte Länge Energiekabel betrachtete. »Wir müßten es geradlinig vom Reaktor heraufführen.« Darwin Pike wischte sich mit verdreckter Hand über die Stirn, um zu verhindern, daß ihm aus den triefnassen Brauen Schweiß in die Augen sickerte. »Das heißt, wir müssen unten, drei Schotten vorher, ein Loch in die Wan dung des Reaktorraums schneiden, alle Nahrungsvorräte umräumen, die Waffen und Schutzpanzer in den ST la gern und — am schlimmsten von allem — die zehn schon verlegten Meter Kabel aufrollen und die in die Zwischen wände gebohrten Löcher flicken.« Weißer Adler biß auf der Innenseite seiner Backe her um, ehe er aus einer mit Werkzeug vollgestopften Tasche ein Laser-Vermessungsinstrument kramte und den Ab stand zwischen dem Ende des Kabels und der Blasterla fette vermaß, die in einer dem Rumpf der Spinnes Vergel tung aufmontierten, neuen Waffenkuppel stand. »Fünfzehn Zentimeter zu kurz.« Er zuckte die Achseln. »Das heißt, außer du kannst Energiekabel in die Länge ziehen.« Pike stützte die Hände auf die Hüften und atmete hör bar aus. »Weißt du, sollte ich's noch erleben, daß ich ir gendwann mal zur Universität zurückkehre, breche ich Emmanuel Chem den alten Geierhals an fünf verschiede nen Stellen.« Darwin machte sich daran, das schwere, dicke, un handliche Kabel durch die Öffnung im letzten Schott zu rückzuschieben, durch die er es erst vorhin bugsiert hatte. Der einzige Vorteil der Schufterei bestand darin, daß er nicht zum Nachgrübeln über die irrwitzige Vision kam, die ihn seit der Suche nach Geistkraft verfolgte. Gleichzeitig ermöglichte die Plackerei es ihm, die Gehetztheit und Erschöpfung zu ignorieren, die er jedesmal in Susans Augen sah, wenn er ihr in den engen Gängen begegnete. Er schüttelte den Kopf, stemmte sich mit ganzem Körper
gewicht gegen das Schott, schaffte es, mindestens noch drei weitere Zentimeter des Kabels durchs Loch zu zerren. Was an ihr beschäftigte ihn so? Daß sie eine von fünf Frauen an Bord war — und davon unzweifelhaft die schönste? Oder hatte er sich tatsächlich in das Mädchen vernarrt? »Na los, Pike«, knurrte Weißer Adler herüber. »Wir müssen das Prunkstück in weniger als dreißig Stunden an der Leitung haben. Dann ist's nämlich Zeit für den Über gang zum Überlichtflug, weißt du noch? Die Komman dantin wird stinkwütend sein, wenn sie aus 'm wirklichen Weltraum hüpfen will und wir haben die Blaster nicht an 'n Reaktor gekoppelt. « Pike verdrängte Susan, das Schicksal und die toten Santos-Krieger aus seinen Gedanken und zog mit aller Kraft am Kabel. Zehn Stunden später taumelte Darwin — so müde, daß er kaum noch den Weg durch die schmalen Korridore fand — zu den Duschen und wusch sich den Schweiß und Schmutz ab. Er streifte frische Kleidung über den von Muskelkater geplagten Körper und überlegte, ob er schla fen sollte oder sich den leeren, ausgehungerten Magen vollschlagen, der unter seinen Rippen knurrte. Der Bauch behielt die Oberhand. Gegenwärtig aß die Crew unregelmäßig, griff sich im Kasino einen Bissen, wann sich gerade dazu eine Gele genheit ergab, etwa wenn die Arbeit Fortschritte gemacht hatte oder die Fäuste infolge der unentwegten Strapazen einfach erlahmten. Momentan hatte Darwin das Kasino ganz für sich allein. Er streifte ein Kontaktron über und tippte die Order für eine ausgiebige Mahlzeit ins Pro gramm. Er gähnte, reckte die Gliedmaßen und setzte sich, froh darüber, seine Ruhe zu haben, in eine Ecke. Sobald er das Tablett mit dem Essen vor sich hatte, ließ er sich erst einmal einen Augenblick lang das Wasser im Mund zusammenlaufen, bevor er das Besteck zur Hand nahm. Er wandte den Kopf und erstarrte mitten in der Bewegung.
Gebeugt stand Susan vor dem Getränkespender, sie zitter te sichtbar, ihre dunkle Haut war befremdlich blaß. Sie umklammerte einen Becher Kaffee, versuchte verzweifelt, ihn an die Lippen zu heben, ohne etwas zu verschütten. Spritzer der braunen Flüssigkeit rannen ihr über die Fin ger, Tröpfchen besprenkelten das Deck. Darwin klaubte Susan den Becher aus den Fingern — Kaffee schwappte nach allen Seiten, als sie zusammen fuhr —, faßte sie an den Schultern, fühlte ihre Muskeln beben. Sie blickte ihn an, war offensichtlich verärgert über seine Unverfrorenheit; doch aus Mattigkeit blieben ihre Augen stumpf. »Mein Gott, was ist denn mit dir passiert?« fragte er leise, versuchte in ihrem Gesicht zu forschen, obwohl sie sofort eine Trotzmiene aufsetzte. »Mir ge-geht's gut, Doktor. Laß mi-mich in Ruhe.« »Dir geht's alles andere als gut. Ich würde sagen, du stehst 'n halben Schritt vorm Zusammenklappen.« »Es wird... Mir wi-wird's gleich wieder gut gehn.« Nun brauste sie auf. »Laß mich in Ruh! Ich kann hier nicht rumlungern. Wenn mich jemand von der Besatzung ... Laß mich los!« Darwin nickte, nahm sein Tablett und Susans Kaffee. Vom heckwärtigen Gang kamen Weißer Adler und ein Patrouillentechniker in das Kasino, unterhielten sich über Energiekabel. »Klar, Kommandantin«, sagte Darwin jovial. »Ich schaue mir die Daten mal an. Ich nehme das Tablett mit.« Ungezwungen lächelte er, nickte Weißer Adler zu und hob die Schultern. »Selbst dem abgeschlafftesten armen Schwein wird keine Pause gegönnt, Jose«, frotzelte er. Dann schob er Susan zum Kasino hinaus, schlug die Rich tung zu ihrer Kabine ein. Sobald die Tür hinter ihr zugerollt war, fiel Susan in die Koje, Konvulsionen schüttelten sie. Sie schloß die Lider, atmete gründlich durch. »Machst du hier oft sauber?« fragte Darwin, der be
merkte, daß der Fußboden in der hellen Beleuchtung glänzte. Alles in der Kabine war blitzblank. Nicht einmal in den Ecken sah man das kleinste Staubkorn. Verbrauch te sie so überschüssige nervöse Energie? »Danke für die Mühe«, sagte Susan matt, sah ihn aus rot geränderten Augen an. »Plötzlich ... habe ich so ein Zittern gekriegt. Ich konnte überhaupt nichts dagegen tun. Ich war auf dem Weg zur Kommandobrücke und dachte mir, 'n Becher Kaffee könnte mir helfen. Bisher war's immer so ...« »Klar, Koffeinrausch. Genau das richtige für flattrige Nerven. Aber darüber bist du inzwischen hinaus, Susan. Du brauchst Schlaf.« »Ich bin so stark beschäftigt gewesen. Es gibt soviel zu ...« »Ist es Trauer? Bedrückt dich noch immer das durch Freitags Tod verursachte Verlustgefühl? Du solltest nicht ... He!« Unversehens stand Susan geduckt auf den Beinen, hatte den ganzen Körper angespannt, war bereit zum An griff. »Nimm ja niemals wieder diesen Namen in den Mund!« In ihren schwarzen Augen drohte glitzrig der Irr sinn, sie stand in der Tat dicht vorm Überschnappen. Bedächtig nickte Darwin, wich um einen Schritt zu rück. Er wartete einen Moment lang ab, entsann sich des Bären, der aus dem Dunkel nach ihm gerufen hatte. Vor sicht, Darwin. Sie könnte durchdrehen und dir den Bauch aufschlitzen. Nur die Ruhe. Du mußt ganz locker und schlau an die Sache herangehen. Wenn sie jetzt verrückt wird, dürfte sie sich nie mehr erholen. »Ich bedaure wirklich, daß ich ihn nie kennengelernt habe«, sagte er unter Aufbietung aller Nervenstärke in gleichmäßigem Ton. »Mein Leben ist deswegen ärmer.« Im nächsten Augenblick zögerte Susan. Der Zorn in den dunklen Augen schwand, milderte sich von wilder Erbitterung zu bloßer Resignation. Sie sank in ihrer Kör
perhaltung ein wenig ein, dann ließ sie sich langsam wie der in die Koje sacken, senkte den Kopf in die Hände. »Entweder bin ich eine unglaubliche Närrin ... oder halb eine Prophetin«, sagte sie; ihre Stimme klang wie das Schrammen einer Raspel auf Holz. »Gerade hat wenig gefehlt, und ich hätte dich umgebracht.« »Ich weiß ... Aber meine Furcht vor dem Sterben ist nicht mehr so schlimm wie früher. Sie ist der Furcht vor dem, was noch bevorsteht, beinahe vorzuziehen. Ich hof fe, es wird nicht so grauenvoll wie die Hölle, der du stän dig zu widerstehen hast.« Susan lehnte sich zurück, das lange Haar rutschte ihr locker auf die Schultern, schimmerte im Lampenlicht. Darwin beobachtete, wie an ihrem Hals der Pulsschlag pochte. In ihren Fingern hatte das Zittern nicht nachgelas sen. Doch am schlimmsten war der Anblick ihrer Augen: Sie spiegelten Ruhelosigkeit, Zerquältheit und Wahn. »Pike, stell dein Glück nicht auf die Probe. Nicht jetzt. Ich bin so gut wie fix und fertig. Ich bin völlig überreizt und nervlich am Ende, und das letzte, was ich nun brau che, ist deine Fürsorge. Naja, jedenfalls danke ich dir, weil du mir eben aus der Patsche geholfen hast. Ich weiß 's zu schätzen und werde künftig besser aufpassen. Vielen Dank noch mal. Die Tür ist direkt hinter dir.« »Möchtest du mir nicht verraten, weshalb du nicht schlafen kannst? Ich habe zu allen möglichen und unmög lichen Uhrzeiten gearbeitet und immer deine Stimme aus der Kommu gehört. Anscheinend bist du pausenlos im Dienst. Irgend etwas zehrt doch innerlich an dir. Nach dei ner Reaktion vorhin geurteilt, spielt Freitag dabei nur teil weise eine Rolle.« »Du bist unbelehrbar, was?« Wachsam musterte Susan ihn. »Ich habe unmißverständlich den Drang, dich zu töten. Das wäre erheblich einfacher, als sich mit einem lästigen Quertreiber wie dir herumzuplagen. Und zudem wäre mir danach voraussichtlich wohler zumute.« »So? Eigentlich glaube ich das nicht ... Wenigstens
wär's auf lange Sicht nicht so. Du würdest nur das Unab wendbare aufschieben. Was wäre geworden, hätte Haupt mann Raschid dich dermaßen schlottern gesehen? Du hast im Kasino die Beherrschung verloren ... bist fast in Panik geraten. Du müßtest jetzt in der Bordklinik liegen und einen Tranquilizer verabreicht bekommen haben. Dadurch würde deine Führungsfähigkeit in Frage gestellt. Es kann sein, man zweifelt sie schon an. Susan, zu vielen Leuten fällt schon auf, daß du dich mit irgendwelchen Schwierig keiten herumschlägst.« Susans Lachen glich eher einem Schnauben. »Pike, du gottverdammter Scheißkerl, du gibst nie auf, was? Kein Wunder, daß du überall bloß Ärger verursachst. Du kennst überhaupt keine Rücksicht. Verflucht, nur weil ich nicht schlafen kann, ohne schlecht zu träumen, hast du noch längst kein Recht ... Es ist ... dieser Alptraum ... Er kommt jedesmal, wenn ich ... die Augen zumache ... Und ich ... ich ...« Ihre Fäuste krallten sich in den Stoff der Uniform. Plötzlich hob sie, als sie merkte, was sie ausgesprochen hatte, den Blick, ihre Augen neigten zum Glasigwerden. »Ich ...« Vorsicht. Sie steht auf der Kippe. Sie befindet sich auf einer sehr gefährlichen Gratwanderung ... wankt am Rande des Abgrunds, kann jeden Augenblick ins Verderben stürzen. »Mir geht's manchmal auch so«, log Darwin. »Die Schlafstimulation hilft ganz gut dage gen.« »Nicht ... wenn man die Kommandantin ist ... und be fehligen muß. Die Schlafstimu ... vermindert in der ersten Stunde nach dem Aufwachen die Reaktionszeit.« »Hör mal...« Irritiert winkte Darwin ab. »Vielleicht hilft's dir, wenn ich hier sitzen bleibe und einfach bloß meine Mahlzeit esse, während du dich hinlegst und end lich mal 'n bißchen pennst. Ich bin die letzte Person in der Welt, die über dich herfällt, wenn du's am wenigsten erwartest. Erstens mache ich so was schlichtweg nicht, und zweitens ... würdest du mich so schnell kaltmachen,
daß meine Seele zu Spinne heimfliegt, bevor meine Lei che auf 'n Fußboden knallt. Stimmt's?« »Ich werd's gleich überwunden haben«, beharrte Susan verstockt. Aber der Ausdruck von Wahnhaftigkeit hatte aus ihren Augen zu weichen begonnen, war durch tiefste Abgekämpftheit ersetzt worden. »O Gott, was ist nur mit mir los ...?« »Es könnte dir helfen, wenn du weißt, daß jemand bei dir ist. Jemand Vertrauenswürdiges. Ich denke mir, das ist bisher auch sehr wichtig für dich gewesen.« Er hatte recht; in ihren Augen erkannte er es. »Dein Kommandoposten hängt davon ab, Susan. Du bist zu gut, um ihn wegen so etwas zu verlieren.« Mit merklichem Unbehagen lachte Susan auf, rieb die Hände an der Uniform. »Na gut, Doktor. Ich bin nicht si cher, ob's klappt, aber ich will's versuchen. Inzwischen bin ich so verzweifelt, daß ich sogar den Rat eines irrwitzigen Terraners annehme.« »Vielen Dank für das großzügige Vertrauen«, antwor tete Darwin gedämpft und machte sich über sein Essen her. »Und du hast recht. Ich brächte dich um, solltest du je ... je ... Egal.« Sie legte sich aufs Bettzeug der Koje, blieb jedoch dabei, zwanghaft regelmäßig zu ihm herüberzu schielen. Darwin beendete die Mahlzeit und nahm Susans Kon taktron vom Regal. Versonnen glitt sein Finger übers glat te Metall. Er warf einen Blick auf Susan und beobachtete, wie ihre Brust sich hob und senkte. Beim Einschlafen waren in ihrem Gesicht die finsteren Schatten der Sorge milder, war ihre Miene sanfter geworden, so daß sie jetzt wie eine schutzlose Schönheit aussah. Pike aktivierte das Kontaktron, doch diese neue Facette Susan Smith Ando jars beschäftigte ihn nachhaltig. Dies Kontaktron saß täglich auf ihrem hübschen Köpf chen? Er betrachtete ihre Gesichtszüge. Ihm war klar, daß sie ihn unter anderen Umständen, bei all den Kriegern, die
sie umgaben, nie beachtet hätte. In wohlwollender, aller dings mit Bedauern vermischter Stimmung schob er sich das Kontaktron auf den Kopf, spürte den vertrauten Vor gang der Erwärmung. Er griff auf ein technisches Hand buch zu und fing mit Interesse zu lesen an, versuchte nach träglich zu durchschauen, was er heute an den Blastern verrichtet hatte. Es las vielleicht fünf Minuten lang, während seine Li der immer schwerer wurden. Er blickte zu Susan hinüber: Sie schlief fest. Darwin lächelte, schaltete das KommuGerät ab, schwang die Füße auf das Tischchen und ließ sich eindösen, indem sich tief in ihm ein frohes Gefühl der Befriedigung ausbreitete. Ein unterdrückter Aufschrei weckte ihn. Als er auf springen wollte, fiel er, weil seine Beine völlig taub ge worden waren, vom Stuhl/Susan wand sich in der Koje, trat um sich, die Schrecken eines Alptraums verzerrten ihr Gesicht. »Susan? Susan! Es ist nur 'n Traum. Verdammt, wach auf!« Er humpelte zu ihr, stieß ihr eine Ecke des Tabletts in die Seite. Wie eine Katze wirbelte sie herum, schmet terte das Tablett an die Wand, blinzelte anschließend, in dem sie allmählich zu sich kam, wie eine Eule. »Es ist alles in Ordnung, 's war bloß wieder dein Alp traum.« Einfältig schmunzelte Darwin. »Ich habe das Ta blett genommen, weil ich dachte, sonst brichst du mir womöglich das Genick.« »Pike?« fragte Susan mit vom Schlaf schwerfälliger Stimme, hob den Blick und zwinkerte ihn an. »Ja, ich bin's.« Darwin bückte sich nach dem Tablett und stieß ein Keuchen aus. In seinen Beinen kribbelte es heftig, indem die Durchblutung sich wieder belebte, ihm war, als würde er mit Nadeln gestochen. »Alles klar mit dir?« »Mir sind die Beine eingeschlafen. Komm, leg dich wieder hin. Ich bin hier. Du kannst ruhig weiterschlafen. Du bist in Sicherheit.«
Susan wälzte sich herum, brummelte irgend etwas, rollte sich ein. »Danke, Giorj.« In achtloser Erleichterung seufzte sie. Pike öffnete den Mund, hatte eine hitzige Bemerkung auf den Lippen, aber verkniff sie sich. »Schlaf, Susan«, flüsterte er statt dessen. »Schlaf nur.« Als Darwin fünf Stunden später zum zweitenmal er wachte, waren seine Beine infolge des Hochlegens erneut gefühllos geworden, aber Susan schlief noch. Er durchlitt noch einmal die Beschwerden der wiederbelebten Durch blutung, bevor er aufstehen konnte. Auf dem Monitor hinterließ er eine Mitteilung. Hallo! Sah so aus, als lägst du in richtig gesundem Schlaf. Ich gehe mal davon aus, daß das Problem für diesmal erledigt ist. Falls ich mich täusche, ruf mich an. Dein Reparateur * * * Zu seiner Verwunderung sah er sie fast drei Tage lang nicht mehr. Als er ihr dann wiederbegegnete, befand er sich gerade inmitten einer Gruppe Soldaten und Techni ker. Er wirkte, als wäre er cyborgisch in ein Schott inte griert worden, wie er da ein Energiekabel hoch über sei nen Kopf hielt, Schweiß ihm die Nase hinabtroff. Der kurze Moment, für den er Susan sehen konnte, reichte aus, um zu erkennen, daß sie einen wesentlich ausgeruhteren Eindruck als vorher machte, wenn auch nicht hundertprozentig erholt aussah. Flüchtig erwiderte sie seinen Blick und nickte, überraschte ihn mit einem zu rückhaltenden Zuzwinkern. Darwins Herz wummerte, langsam verzog sich sein Gesicht zu einem Lächeln, während Susan sich zur Kom mandobrücke entfernte.
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AN BORD DER SPINNES VERGELTUNG WÄHREND DES ÜBERLICHTFLUGS
Sie wechselten planmäßig in den Überlichtflug über. Zu Darwins Mißfallen verringerte sich dadurch keineswegs das Arbeitsquantum. Vielmehr brachte er schier endlos viele Stunden an der Aufgabe zu, die Anlagen des Raum schiffs umzumodeln und die merkwürdigsten, durch in novative Ingenieure und ihre fähigen Techniker ausge heckten und zurechtgebastelten Maschinerien zu vervoll kommnen. Da die Spinnes Vergeltung nun die Funktion eines Kriegsschiffs übernehmen sollte, mußte sie gewisse Anforderungen bezüglich der Schadensbekämpfung so wie Reparatur- und Wartungsmöglichkeiten erfüllen. Nach und nach eignete Darwin sich Kenntnisse der co dierten Spezifikationen für Patrouillen-Raumflugkörper an. »Weißt du was?« meinte Weißer Adler zu ihm und beugte sich über einen Teil einer Gravo-Platte, die sie aus einander- und in anderer Form wieder zusammenge schweißt hatten. »Du hast 'ne echte Begabung fürs Durchschauen von Maschinen.« Er zog sich die Spektroskop-Sensorbrille von den Augen und desaktivierte sie durch Tastendruck. »Ich staune noch immer über diese Sachen. Vor einem Jahr hat wer mir erklärt, Wasserstoff ist ein Gas. Früher dachte ich, Gase kämen von zuviel Essen. Jetzt achte ich hier auf Wasserstoff-Kontaminatoren. Und was, wenn ich welche entdecke? Ich besprühe sie und glühe sie weg, damit die Gravo-Kompensatoren funktionieren und wir nicht hinklatschen und auch platt werden.« Darwin wischte sich eine verschmierte Hand am Ove rall ab und beugte sich vor, um eine Kompressorlagerung in ihren Laufring einzusetzen. »Das stammt noch aus der
Zeit, als ich meinem Vater behilflich sein mußte. Er hat daheim auf der Erde eine Menge mit der Klimakontrolle zu tun gehabt. Ich würde sagen, ich bin mit Gerätschaften aufgewachsen. Und man lernt viel darüber, wie man Appa raturen zurechtflickt, wenn das eigene Leben davon abhängig ist. Wenn das Airmobil auf 'm Packeis ausfällt, muß man sie eben reparieren, oder man kommt nicht le bend nach Hause. Wie du siehst, ist's mir jedesmal gelun gen, mein Airmobil wieder hinzukriegen.« »Auf 'm Eis lernt man keine Gravitationstheorie«, sagte der Patrouillentechniker, der mit Weißer Adler und Darwin zusammenarbeitete. Pike grinste. »Nee, die habe ich buchstäblich im Schlaf gelernt.« »Unter Schlafsynchronisation?« Der Tech massierte sich das Kreuz. »Ich glaube fast, ich treibe euch zuwenig an.« »Was soll ich dazu sagen? Keine Ahnung. Ich bjn eben zum Studieren geboren.« Und genausowenig habe ich eine Ahnung, was, zum Teufel, Spinne für mich bereithält, Kamerad. Und dabei ist Wissen Macht ... und bedeutet Überleben. Pike führte das Sonik-Schweißgerät um den Laufring des Kompressors. »So, das war's. Ich lege jetzt 'n Päus chen ein. Falls mit dem Ding irgendwelche Betriebs schwierigkeiten auftreten« — er tippte mit dem Schweißgerät gegen den Kompressor — »nehme ich's in der nächsten Schicht als erstes auseinander.« Er fand den Propheten, wie er auf dem Deck ruhte und schlief. Er betrachtete den hohlwangigen Jugendlichen, sah seine Augen in der REM-Phase zucken, hob ihn behut sam auf seine Arme. Da entdeckte er, der Prophet war mittlerweile dermaßen abgemagert, daß er nur noch aus Haut und Knochen bestand. Darwin fühlte seinen Puls, schnitt eine Miene ernster Bedenken und trug die klapper dürre Gestalt in die Bordklinik. »Wissen Sie irgendwie über diese Prophetentypen Be scheid?«
Die Medizinerin, eine Frau im Obergefreitinnenrang, die ihm entgegengekommen war, blieb stehen, spähte un behaglich rundum. »He, lassen Sie bloß keinen Romana ner was Respektloses über Propheten hören. Was Prophe ten anbelangt, werden sie ganz fix nervös.« »Es dürfte sie noch nervöser machen, wenn wir Patan sterben lassen. Untersuchen Sie ihn. Ich glaube, er hat ta gelang nichts gegessen ... oder sogar seit Wochen nicht mehr.« »Helfen Sie mir, ihn da hineinzuschieben.« Die Ober gefreitin klappte den Deckel einer Med-Einheit hoch. Gemeinsam mit Darwin streckte sie den Propheten auf dem Liegepolster aus, legte ihn zurecht. Sobald sich der Deckel senkte, nahmen Monitoren den Betrieb auf. »Heiliger Spinne, er ist am Verhungern.« Ratlos sah die Obergefreitin Darwin an. »Was ist mit ihm los? Selbst wenn er noch nie 'n Spendeautomaten benutzt hat, hätte er doch nur zu fragen brauchen.« Darwin hob die Schultern. »Soviel ich gehört habe, sind Propheten was besonderes. Kann es sein, daß er aus irgendeinem Grund fastet? Vielleicht sollten wir lieber auf intravenöse Ernährung verzichten.« Die Med schüttelte, während sie das Scanning des Gehirns beobachtete, den Kopf. »Gottverdammt, es stimmt, was Bruk erzählt. Schauen Sie sich mal die Aktivität des Gehirns an. Es müßte eigentlich völlig überlastet sein. Marty hat, wie aus seinem Bericht hervorgeht, bei seinen Untersuchungen Chesters das gleiche Syndrom festgestellt. Ich wüßte gern, ob ... Sie haben während Ihres Studiums doch auch ontogenetische Anatomie studiert, oder? Denken Sie mal an die Veränderung der Hirnstromkurven während des Hirnwachstums. Sicher wissen Sie noch, daß das Gehirn bis zum zweiten Lebensjahr ausschließlich mit Lern- und Problemlösungsprozessen befaßt ist? Vielleicht liegt hier das gleiche vor. Er lernt sein Hirn zu benutzen. Ich glaube, wir vermuten richtig. Ich würde wetten, er wird ganz einfach viel zu stark von den Visionen überwältigt.«
»Und was nun?« Die Med kaute am oberen Ende ihres Stifts, während sie am Monitor Datei um Datei einsah. Schließlich nickte sie, sichtete einen Text. Beim Lesen gab sie bisweilen ein Brummen von sich. »Ja, ich glaube, das ist's. Wie's aus sieht, befindet er sich in einem Zustand, den Bruk in sei nem Bericht als Orientierungsphase bezeichnet. Er ist noch dabei, die Beherrschung seiner Fähigkeit zu lernen. Entweder übersteht er die Phase und kann von da an mit dem Zukunftschaos umgehen, das er sieht ... oder er wird vollständig autistisch, weil er geistig so weit in der Zukunft ist, daß er nicht umkehren kann. Und zudem wird er, falls Bruk recht hat, gar nicht zurückkehren wollen.« »Können wir irgend etwas für ihn tun?« »Klar«, antwortete die Med mürrisch. »Warten Sie mal ... Aha, da. Mir ist bekannt, daß das letzte, was man bei einem Propheten probieren sollte, Psyching ist. So ein Versuch geht katastrophal schief. Überhaupt sprechen nur ein Drittel aller Romananer aufs Psychen an, bei einem Drittel hat die Methode gar keine Wirkung, und beim letz ten Drittel ... Na, da wird die Sache echt schaurig.« »Inwiefern schaurig?« Ernst musterte die Med ihn, klemmte mit einer Geste der Endgültigkeit ihren Stift an den tragbaren KommuApparat. »Ihr Verstand wird dadurch in einer Weise über lastet, deren Folgen Sie sich nicht mal in den ärgsten Alpträumen ausmalen können. Sie drehen vollkommen durch. Das Ergebnis ist ein Psychotiker, dessen Körper buchstäblich von innen platzt. Wirklich wie im Alp traum.« In der nächsten Zeit nutzte Darwin jede Gelegenheit, die sich ihm bot, um nach dem ausgemergelten Schamanen zu sehen. Dank der Fürsorge und Behandlung in derBordkli nik stabilisierte sich seine Verfassung, ohne daß sich jedoch an seiner Situation viel änderte; seine Hirnaktivität blieb hochgradig rasant.
Pike merkte nicht genau, wann es geschah, aber ir gendwann wurde er mitten während all der Arbeit zu ei nem Mitglied der Besatzung. Geflügelter Stier Reesh und Jose Weißer Adler akzeptierten ihn als Ebenbürtigen. »Was macht ihr, wenn wir zurück auf Welt sind?« er kundigte sich Darwin einmal in einer Pause. »Ich habe vor, für 'ne Weile zu Hause zu bleiben«, sagte Reesh mit festem Nachdruck. »Fünf Kinder muß ich aufziehen. Ich werd's leid, zwischen den Sternen umherz uflitzen. Ein Mann braucht Zeit, um seine Kinder großzu ziehen.« Weißer Adler schüttelte den Kopf. »Er wird's niemals daheim aushalten. Wenn der Kriegshäuptling uns ruft, nimmt er sein Messer.« »Nein.« Ansatzweise lächelte Reesh. »Ein paar Kriegs züge kann ich ruhig auslassen. Auf Sirius ist mir klar geworden, daß Spinne meine Seele jederzeit zu sich holen kann. Ich bin der Ansicht, zu Spinnes Vorteil noch viel ler nen zu können, indem ich miterlebe, wie Söhne groß und Töchter schön werden. Hast du irgendwo 'ne Frau, Dar win?« »Ich hatte mal eine.« Darwins Gedächtnis rief die Erin nerung an einen längst vergangenen Tag herauf. »Sie war die Schwester meines engsten Freunds Jokut Iglulik. Sie und ihre Mutter sind im Golf von Alaska umgekommen. War ein total blödes Mißgeschick. Der Bordcomputer ihres Turboboots hat ein Navigationssignal fehlinterpre tiert, und das Boot hat einen von Solarsatelliten gebündel ten Strahl Sonnenlicht durchfahren. Diese Strahlen dienen zum Erwärmen arktischer Gewässer für die Plankton zucht. Beide sind augenblicklich zu Tode gesengt wor den.« »Ich hoffe, Spinne hat ihre Seele bei sich behalten.« »Es ist nicht mehr so wichtig«, sagte Darwin stoisch. »Inzwischen ist es lange her. Jokut ist ein paar Jahre spä ter bei einem Airmobilunfall umgekommen. Anscheinend verliere ich meine Freunde immer durch diese oder jene
Pannen. Aber wenn man noch jung ist, fühlt man den Schmerz nicht so tief und weniger lange. Vor seinem Tod hatte ich Jokut fast für 'n Jahr nicht gesehen. Ich war an der Universität und hatte mich zu tief in meine Studien verbissen, als daß ich Zeit zum Trauern gefunden hätte.« »Der Tod verschont keinen von uns«, stellte Weißer Adler fest. Geflügelter Stier lächelte. »Das ist das passen de Stichwort, um wieder an die Arbeit zu gehen.« Darwin lachte und nahm die Schleifmaschine, die er vor der Pause in Gebrauch gehabt hatte. Seit den alten Zeiten am Beringmeer hatte er sich nicht mehr so sehr wie jetzt als Teil einer Gemeinschaft gefühlt. Vier Wochen Flugzeit von Basar entfernt verließ die Flottille das Überlicht-Kontinuum. Von nun an sollte die Geschwindigkeit progressiv verringert werden, um zu ver meiden, daß Fernsonden-Sensoren die Schiffe erfaßten. Darwin schaute zu, wie auf einem Bildschirm Rita Sarsa und Neil Iverson ihre Raumschiffe jedes auf einen anderen Kurs steuerten und sie langsam im Weltraum schwarz davonschrumpften. »Da fliegen sie«, murmelte Weißer Adler wie im Selbstgespräch. »Nun sind wir auf uns gestellt. Sie greifen Arpeggio und Mysterium an, um für den Fall, daß unsere Mission auf Schwierigkeiten stößt, Ngen abzulenken. Wir wollen hoffen, daß Basar nicht durch Kriegsschiffe geschützt wird, hm?« »Drei kleine Raumschiffe vor einer solchen Aufgabe«, sagte Darwin. »Nie in meinem ganzen Leben hätte ich je gedacht, ich könnte irgendwann mal mitten in 'm Krieg stecken.« Auf der Kommandobrücke behielt Susan die Anzeigen im Auge, während Antennen und Sensoren den benachbar ten Weltraum scannten. Drei Stunden später nickte Sig Marggaff ihr zu, schaltete den Transduktionsempfänger auf die Kommu. Susan lehnte sich in den Kommandoses sel und wartete, bis die Computer den Großteil der Hinter grundgeräusche herausgefiltert hatten.
»Es ist 'ne Funksendung aus dem Umkreis Arpeggios«, rief Sig ihr schließlich zu. »Spielen Sie mal ab.« Auf dem Hauptmonitor erschien die Wiedergabe eines Mannes, der eine mit Gold bestickte Keffijeh trug. Susan zuckte zusammen, verharrte stocksteif an ihrem Platz. Sie schloß die Lider, umklammerte die Armlehnen des Sessels, lauschte der ihr nur allzu bekannten, öligen Stimme, die über Deus und die Schandtaten Satans im Direktorat schwatzte. »Nehmen Sie's ... auf«, befahl Susan mit gepreßter Stimme, rang um Beherrschung. »Ich bin in meinem Quartier, falls was Wichtiges anliegt. Bei Alarm bin ich sofort zu verständigen.« Auf wackeligen Beinen verließ sie die Kommando brücke. Kaum war sie im Korridor, erstickte sie einen Auf schrei des Grauens in ihrer Kehle, sie torkelte gegen die Wand, taumelte; zum Glück kam gerade niemand vorbei. Vor ihrer Kabine klatschte sie die Hand auf den Servomat-Scanner, schwankte hinein, drückte sich in eine Ecke; ihr Verstand war wieder ins Wanken geraten, Erinnerungs bilder Ngens bedrängten sie, drohten sie zu überwältigen, seine Stimme schien ringsum aus der Luft zu säuseln. Susan krümmte sich vornüber, beide Ohren mit den Hän den bedeckt, als könnte sie sich so die schmeichlerischen Töne seiner Stimme fernhalten. »Ich muß damit fertigwerden«, sagte sie sich zähne knirschend. »Er ist dort irgendwo. Ich komme ihm immer näher. Aber er kann mir nichts tun. Er weiß nicht einmal, daß ich noch lebe.« Ich muß daran glauben. Unbedingt. Wir befinden uns in feindlichem Weltraum. Jede Begegnung kann unseren Untergang bedeuten. Als Kommandantin muß ich jederzeit handlungsfähig, gelassen und gefaßt sein. Jedes einzelne Menschenleben auf diesem Raumschiff — vielleicht sogar ganz Welts — hängt von meinem Leistungsvermögen und meinem klaren Kopf ab. Ihr Körper verkrampfte sich,
wenn in der Erinnerung Ngens Gesicht sie höhnisch angrinste, während er in sie eindrang und sie sich gegen ihren Willen ihm sehnsüchtig und gierig öffnete, sie von Grauen und Ekel erfüllt die Reaktionen ihres eigenen Kör pers registrierte. Susan versuchte sich zu beruhigen, sich an Chester Armijo Garcia und die Dinge zu entsinnen, die er an dem Tag zu ihr gesagt hatte, als es ihm gelungen war, sie aus ihrem halb psychotischen Wahn zu reißen. Doch wie an gestrengt sie sich auch abmühte, die einzigen Worte, die ihr durch den Kopf gingen, blieben Ngens Faseleien. Nahezu hysterisch griff sie nach dem Kontaktron, drehte das zierliche Stück Elektronik grob zwischen den Fingern. Falls ich mich täusche, ruf mich an, hatte Pike geschrieben. Wenigstens er war harmlos, ein friedlicher Terraner, der lediglich komische Vorstellungen von sich selbst hatte. »Bevor diese Woche um ist, meine süße Susan, werde ich dich nach mir rufen hören ...« »Ngen, du sollst verflucht sein!« schrie Susan, schüt telte die geballten Fäuste, ihr entfuhr ein verzweifeltes, wildes Schluchzen. »Du wirst die höchste Wollust auskosten dürfen, meine wunderbare Susan ... Bevor diese Woche um ist ... werde ich dich rufen hören ... rufen hören ...« »NEIN!« Nur mit Mühe schaffte sie es, während sie ihr Zittern zu unterbinden und das Schluchzen zu unterdrük ken versuchte, sich das Kontaktron auf den verschwitzten Kopf zu setzen. »Dr. Darwin Pike bitte in die Kabine der Kommandan tin.« Nachdem sie sich dazu durchgerungen hatte, nahm sie zusammenschaudernd, das Kontaktron ab und warf es auf die Koje. Was nun? Es stand ihr noch immer frei, ihm einfach ein paar Routinefragen zu stellen und dann weg zuschicken. Ihre Hand bebte. Es hätte keinen Zweck: Er mußte auf den ersten Blick merken, daß mit ihr etwas nicht stimmte.
»Besser ... besser als Ngen. Besser als die Erinnerun gen.« Sie lag halb eingerollt in der Koje und wartete. Er hatte ihr zu schlafen ermöglicht. Danach hatte sie ihn unter genauer Beobachtung behalten. Kein einziges Mal hatte er Bemerkungen über ihre Schwäche gemacht. Nicht eine einzige Andeutung hatte er zu irgendeinem der Krieger geäußert. Dennoch: Wie weit durfte sie ihm trauen? »Dr. Pike«, informierte der Tür-Servomat sie per Kommu. »Her ... Herein.« Pike trat ein; er war vom Arbeiten verdreckt, aus der Tasche hing ihm ein Ultraschallhammer. »Setz dich«, sagte Susan gedämpft, bewegte den Mund, um die Trockenheit ihres Gaumens zu lindern. Darwins flinke Augen musterten sie, während er auf dem Stuhl Platz nahm. »Du hast geweint.« Susan schloß die Augen. »Ich brauche bloß jemanden, mit dem ich reden kann.« »Wir haben alle gehört, daß eine Funksendung Van Chows aufgefangen worden ist.« Darwin betrachtete sei ne schmutzigen Handrücken. »Hör mal, Susan, ich weiß, daß hinter dem, was dich quält, irgendwie Van Chow steckt.« Er schob die Hände in den Ionisator neben dem Einstieg zu der kleinen Dusche, schaute Susan an. »Was kann ich tun, um dir zu helfen?« Susan schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht.« Es war verrückt von ihr, so ein Risiko einzugehen! Warum hatte sie nicht darauf bestanden, daß Giorj sie begleitete? Er wußte Bescheid. Er war dabei gewesen. Nur von Giorj ging für sie keine Gefahr aus. »Die Energiekabel der Blaster sind beinahe betriebsbe reit. Inzwischen verstehe ich fast, was wohin gehört und warum so einiges bis jetzt nicht funktioniert. Für einen naiven Akademiker ist das eine unglaubliche Steigerung.«
Susan winkte ihm zu. »Sprich bitte weiter. Rede ganz einfach drauflos, damit ich ... klar denken kann.« Wäh rend er weitererzählte, beruhigten sich ihre Gedanken gänge. Ngen blieb im Hintergrund ihres Bewußtseins, fürs erste verdrängt, so daß sie Kräfte sammeln konnte, die Fähigkeit fördern, ihm zu trotzen. Pike sprach eine Stunde lang, ließ sich ausgiebig über das Raumschiff aus, sein Verhältnis zu Geflügelter Stier Reesh und Jose Grita Weißer Adler sowie den Propheten, dem er immer, wenn er Freizeit hatte, einen Besuch ab stattete. Schließlich lachte Susan nervös auf und hob eine Hand. »Es genügt, Doktor.« Trübsinnigen Blicks besah sie sich das Fußende der Koje. »Weißt du, es ist merkwürdig. Ich habe einige der schwersten Kämpfe auf Sirius mitge macht. Dort habe ich Sachen gesehen, die ... Na, jedenfalls bin ich, so unwahrscheinlich es gewesen sein mag, jetzt hier, Doktor. Ich habe die sirianische Gefangenschaft durchgehalten ... und sogar durchgestanden, was ... was Ngen Van Chow mir angetan hat. Aber was mich sorgt, ist die Frage, ob ich es tatsächlich hinter mir habe ... oder ob ich tief innen immer seelisch labil bleiben werde.« Sie preßte harte Handflächen auf ihre rotgeränderten Lider, rieb sich die Erbitterung aus den Augen. Darwin legte den Kopf seitwärts, wartete ab. »So ein verdammter Schuft!« Susan rieb sich den Nak ken. »Ich muß damit leben ... Aber er hat Psyching ver wendet ... Verstehst du? Ich ... Bei Spinnes Fluch, ich weiß nicht einmal, ob ich für eine Kommandofunktion tauge, Pike. Was wäre, wenn ich ... es abgeben muß? Ich werde nun wieder mit Van Chow zu schaffen haben. Ich könnte ... könnte Fehler begehen, die uns alle das Leben kosten. Weißt du, einmal hat er mich schon kleingekriegt. Er hat mich fertiggemacht... mit seinen... seinen...« Müh sam schluckte sie, die Kehle zog sich ihr zusammen.
»Weshalb hast du's nicht herumerzählt? Du hast doch ge sehen, wie dicht ich vorm Zusammenklappen stehe. War um nicht?« Darwin hob die Schultern. »Ich wüßte keine bessere Kommandeurin. Du bist die beste Kommandantin, die ich kenne.« Er runzelte die Stirn und stützte die Fingerkuppen aneinander. »Ich kann's, verflucht, selbst nicht erklären, aber ich vertraue dir. Wenn jemand uns hin- und zurük kbringen kann, dann du. Trotz Ngen.« »Vertrauen? Das ist eine schreckliche Bürde, Doktor. Nur wenige sind würdig. Und bedenke, ich bin's nicht. Es könnte sein, du wirst erwischt, und ich bin weg.« Pike nickte. »So könnt's kommen. Du mußt an das Raumschiff denken. Mein Leben ist unwichtig. Es ist we sentlich, daß Ree Daten und Informationen erhält. Damit habe ich mich abgefunden.« Susan schloß die Augen und atmete tief durch. »Und dort irgendwo ist Ngen und strahlt Funksendungen aus, die mir Grauen einflößen. Bei Spinne, was soll ich nur machen, wenn ... wenn ...« »Ich weiß es auch nicht. Möchtest du dir vielleicht die Aufzeichnung dieser Funksendung einmal anschauen und sehen, welche Wirkungen sie auf dich ausübt? Wir können sie ja jederzeit abschalten. Ich glaube, es ist den Versuch wert, mal zu prüfen, ob du's verkraften kannst.« Mit neu traler Miene nahm Darwin den Blick von seinen Fingernä geln. »Die meisten Probleme lassen sich beheben, wenn man sie nach und nach angeht, sozusagen stückchen weise.« »Kommu, ich brauche die Datei mit der Funksendung Van Chows, die wir vorhin aufgenommen haben.« Susans Stimme hatte den Klang von Autorität. Doch sobald der Holo-Bildschirm Ngens fanatische Gesichtszüge zeigte, schrak sie zusammen. Es schauderte ihr, als die schleimig schmeichlerische Säuselstimme die Kabine zu durchrau nen begann. »Er beherrscht ein sehr stilvolles Auftreten, sein Cha
risma übertüncht die Fehler in seiner Argumentation«, spekulierte Darwin. Er warf Susan einen kurzen Blick zu. »Was meinst du?« Denke nach! Behaupte dich! Beantworte Pikes Frage! Konzentriere dich! Es ist nur ein Test, sonst nichts. Ein Test, um herauszufinden, ob du auch beim Anblick Van Chows noch zum Denken imstande bist. »Ich ... ich glaube ... er leistet me-mehr als das. Er ... ist Meister darin, Emotionen anzusprechen. Er hat sei-seine Berufung verfehlt, indem er ein Holo-Filmstar geworden ist. Ich denke mir, er könnte jede Rolle spielen, bis hin zum Direktor ... und ... und zwar so überzeugend, als wäre er sein Lebtag nichts anderes gewesen.« »Ich habe den Eindruck«, erwiderte Darwin, »er ist das größte Verbrechergenie seit Hitler oder vielleicht dem sowjetischen General Rostokiew, der im einundzwanzig sten Jahrhundert die Deportationen geplant hat. Du kennst Ngen besser als sonstwer. Was ist, falls er überhaupt eine hat, seine persönliche Schwäche?« Konnte sie es wagen, darauf zu antworten? Susan rang innerlich mit ihrer Reaktion, als sie sich an das einzige Mal erinnerte, daß es ihr gelungen war, Ngen Van Chow zu kränken. »Er ... ist sehr ei-eitel in bezug auf seine Männlichkeit. Er hält sich für ... für einen ...« »Hmm ...« Darwin ließ kein Stocken im Gespräch auf kommen. Er schien nicht einmal, als Susan erneut zu schlottern angefangen hatte, ihr Zögern bemerkt zu ha ben. »Susan, wenn du's kannst, solltest du über diesen Aspekt noch einmal gründlicher nachdenken. Vielleicht fällt uns etwas ein, wie sich dieser Schwachpunkt zu un seren Gunsten ausnutzen ließe.« O Gott! Niemals! Nachdenken über so einen ...? Bitte, Spinne, nicht das! Die Holo-Aufnahme endete, der Bildschirm erlosch. Mit zusammengebissenen Zähnen lockerte Susan willent lich ihre verkrampften Finger und nahm einen ergiebigen Atemzug.
»War es so schlimm, wie du befürchtet hast?« »Ich hab's ausgehalten, würde ich sagen«, brachte Su san mit heiserer, rauher Stimme hervor. »Das ist doch wenigstens schon etwas, oder?« »Ein erster Schritt. Und nun solltest du, weil dir eigent lich gar keine andere Wahl bleibt, auf die Kommando brücke gehen und dir Van Chow noch einmal anschauen. Denn dort wirst du dich, wenn's ernst wird, mit ihm aus einandersetzen müssen. Bau deinen Erfolg aus.« Er zwin kerte, während er aufstand, Susan zu. »Warte! Heute a-abend ... Ähm ... Würd's dir was aus machen, wieder zu mir zu kommen, wenn mein Dienst vorbei ist? Ich habe Sorge, daß sonst ... mein Schlaf ...« »Klar, kein Problem.« Darwins Antwort klang völlig unbefangen. »Aber diesmal bring ich ein Kissen mit, um meine Füße draufzulegen. Nachdem sie mir 's letzte Mal eingeschlafen waren, konnte ich drei Tage lang kaum noch gehen.« Dann ging er. Susan sah, wie hinter ihm die weiße Schiebetür zuroll te. Vorerst standen die Dinge gut. Doch bis wann mochte es dauern, bis auch er von ihr wollte, was sie nicht geben konnte? Susan ließ die Lider sinken, atmete tief ein und erhob sich, zwang sich dazu, auf die Kommandobrücke zurückzukehren und sich Ngens scheußliche Visage noch mals zuzumuten. *
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DEUS-VERWALTUNGSGEBÄUDE IN BASAR AUF BASAR
»Die Schwierigkeiten entstehen durch das Psyching.« Nachdenklich biß Pallas in einen dicken Pfirsich, so daß ihm beiderseits des Munds der Saft hinabrann. Seine Rin ge schillerten in allen Farben, als er sich ihn abwischte. Rings um ihn spiegelte das Verwaltungsgebäude die stren ge basarische Einfachheit wider. An den lehmgelben Mau
ern sah man noch ein paar verblaßte Reste eintönig grau brauner christlicher Wandmalereien; den größten Teil ver deckten inzwischen die Konsolen diverser Kommunika tionsanlagen sowie Monitorschirme. Da und dort hingen Leitungen oder waren wie Aufreihungen schwarzer Stri che, die zum Dach hinaufverliefen, mit Schellen an den Wänden befestigt worden. »Und das wären welche?« fragte Ngen auf der DeusKommandobrücke, die man hinter seinem Rücken in de tailgetreuer Holo-Wiedergabe erkennen konnte. Im Ver gleich zu Basars schmuddlig-dunklen Erdfarbtönen er weckte die Kommandobrücke einen unglaublich sauberen und hellen Eindruck. Pallas runzelte die Stirn, schluckte den Bissen Frucht fleisch. »Es wirkt zu gut. Leider haben wir den Feldeffekt wohl zu drastisch angewandt. Die wenigen ungepsychten Individuen sind in die tiefste Wüste geflohen. Was die potentielle Gefahr betrifft, die von ihnen ausgeht ... Tja, dazu läßt sich gegenwärtig noch gar keine Aussage machen. Auf alle Fälle möchte ich klarstellen, ich habe zwecks Anwerbung von Wachpersonal meine Kontakte auf anderen Welten bemüht. Ich hatte nicht ...« »Was ist mit den Überzeugungsbekehrten?« Ngen neigte den Kopf zur Seite, verkniff die Lider. »Bedauerlicherweise ist ihnen, sobald sie die Folgen des Tempel-Psychings sahen, die Überzeugung abhanden gekommen. Die Mehrheit hat sich den Flüchtigen im Wüsteninneren angeschlossen.« »Und wie steht die Situation? Wie stark wird nach Ihrer Einschätzung die Produktion beeinträchtigt? Sie wissen, wie hochbedeutsam ...« »Bitte, Ngen ...« Pallas winkte ab. »Wir werden doch keine Unannehmlichkeiten durch irgendwelche Plebs ha ben, die gelegentlich mal bei Sandsturm aus der Wüste gekrochen kommen. Erstens können sie nicht an Gerech tigkeitssinn oder Patriotismus des Durchschnittsbürgers appellieren, denn solche Flausen sind dem Mob dank des
Feldpsychings nachhaltig ausgetrieben worden. Zweitens sind sie ebensowenig unsere Produktionskapazitäten zu mindern oder den Nachschub zu stören imstande. Unsere gesamte Logistik wird überwacht und geschützt. Das Wachpersonal, das ich habe einfliegen lassen, verwehrt ihnen jede Möglichkeit, uns durch Sabotage zu belästi gen. Bisher ist nichts dergleichen vorgefallen, aber ich plane gerne voraus, um ...« »Warum haben Sie mich dann angerufen? Ich begreife nicht, wo das Problem ...« »Es geht ums Psyching, Ngen. Es ist zu wirksam. Ich muß ...« »Was soll das heißen, >zu wirksam Pallas, was ist das Problem? Sie sind doch dafür da, um solche Angele genheiten zu bereinigen, veranlassen Sie, daß das Pro gramm fehlerfrei gemacht wird.« »Das kann man nicht.« Pallas richtete sich etwas höher auf, fuchtelte mit dem Pfirsich in seiner schwammigen Faust, dessen Saft ihm aufs schlaffe Fett des Unterarms tropfte. »Ngen, hören Sie zu, bis ich den Sachverhalt zu Ende erklärt habe. Das Psyching ist, wie erwähnt, zu wirk sam. Die Leute betreten den Tempel und werden konditio niert, konvertiert, egal wie wir's nennen wollen. Notwen digerweise ist das Programm so ausgerichtet, daß es sei nen Effekt auf eine möglichst große Zahl unterschied licher, individueller Hirntypen ausübt. Wie jede menschli che Eigenschaft sind die Gehirnfunktionen mehr oder weniger in Form einer standardisierten Kurve ausdrüc kbar. Einer glockenförmigen Kurve, wie die Experten sagen. Die gonianischen Psychingspezialisten haben das Feld so adjustiert, daß es seine Wirkung auf die Mehrzahl einer beliebigen Mischung von Personen hat, quasi auf den Mittelbereich der glockenförmigen Kurve.« »Wie groß ist diese Mehrzahl in Prozenten?« »Für unser Psychingprogramm liegt die Quote bei sechsundachtzig Prozent. In Anbetracht der vielseitigen menschlichen Unterschiedlichkeit, Stoffwechseleinflüsse,
Verschiedenheit der Hirnmorphologie und einer Menge sonstiger Variabler ist das ein außergewöhnlich gutes Re sultat. Die beiden Enden der Kurve verkörpern Fehlschlä ge, das heißt ganz einfach, einige werden nur teilweise gepsycht, der Rest wird debil, ihr Geist erlischt gewisser maßen. Wir beseitigen die mißlungenen Fälle mit aller Effizienz.« »Dann verstehe ich die Problematik noch immer nicht.« Nachdrücklich schüttelte Pallas den Kopf. »Ngen, das Problem besteht aus Mangel an Initiative. Bitte betrachten Sie's einmal folgendermaßen. Für Bazar und die Art von Arbeit, die wir hier erledigen, ergeben sich daraus keine sonderlichen Nachteile. Naja, sicher, ich mußte durch meine direktoratsweiten geheimen Verbindungen Wach personal anwerben. Diese Figuren machen alles mit. Wei ber, Gesöff und Drogen kriegen sie kostenlos, und sie wer den besser denn je bezahlt. Freilich werden sie sich irgendwann zu langweilen anfangen, also muß ich mir für die qualifizierteren Leute Vergünstigungen ausdenken ... Aber das ist alles nicht so schlimm. Inzwischen habe ich jedoch das gonianische Psychingteam auf das Problem angesetzt, vor dem in Kürze Sie stehen werden.« Ngen schnitt eine genervte Miene. »Und was wird das für ein Problem sein?« »Sie werden Ihre Bewerber künftig sehr genau sieben müssen, Ngen. Wenn die Leute durchs Psychingfeld ge laufen sind, können sie nicht mehr denken, verstehen Sie? Äh ... Sie schauen nicht mehr voraus, sind nicht innovativ. Sie müssen die Individuen mit besonderer Befähigung heraussuchen, sie für unsere Sache gewinnen oder beste chen, oder es bleibt nichts anderes übrig, als sie einzeln, unter Berücksichtigung ihrer speziellen Hirncharakteristi ka, zu psychen, so wie's das Direktorat mit einzelnen Abweichlern gemacht hat. Andernfalls haben sie bloß Roboter zur Verfügung, die zwar ihre Aufgabe erfüllen, aber darüber hinaus nichts leisten, weil's ihnen nicht ein
getrichtert worden ist. Sehen Sie jetzt, was ich meine?« Pallas schmatzte an seinem Pfirsich, saugte Saft, wäh rend er beobachtete, wie Ngen lebhaft auf der Lippe kau te, sie wiederholt zwischen seinen Zähnen verschwand. Ngen nickte, eine tiefe Falte furchte seine Stirn. »Ich hätte Armeen gehorsamen Blasterfutters, aber keine Kom mandeure, die dazu fähig sind, sie so zu führen, daß sie strategische und taktische Aufgaben bewältigen kön nen. Ja, jetzt verstehe ich, um was es geht. Sie sagen, Sie haben die Gonianer mit der Problemlösung beauftragt?« »Ein wenig verspätet, muß ich leider zugeben.« Pallas biß nochmals in den Pfirsich. »Vielen Dank für die Über stellung der agrikulturellen Stationen. Ich glaube, ich werde so stark an Gewicht zulegen, daß ich mich nur noch mit Antigrav-Hilfe fortbewegen kann.« »Ist es den Experten gelungen, die Auswertung der Bruderschaftsdaten zu vertiefen? Diesen Informationen verdanken wir ja überhaupt erst die Feldpsyching-Methode. Können sie sie nicht verfeinern? Den Feldeffekt ver ringern?« Pallas nickte, leckte sich die klebrigen Lippen. »Nur bei gleichzeitiger Herabsetzung der Sechsundachtzig-Prozent-Quote. Je schwächer das Feld, um so weniger Perso nen werden beeinflußt. Außerdem haben wir Verdruß mit den Kindern. Anscheinend sind junge Gehirne besonders anfällig.« Mit einer knappen Geste tat Ngen die Mitteilung ab. »Es ist nichts dabei, wenn wir eine Generation aus dem Verkehr ziehen. Solange sich der Mob fortpflanzen kann, wird uns immer Menschenmaterial nachwachsen.« »Also gut. Ich schlage vor, Sie experimentieren auf Arpeggio und Mysterium selbst in dieser Hinsicht. Aber seien Sie vorsichtig. Die Personen, die unbeeinflußt blei ben, gelangen manchmal in bezug auf das, was sie erlebt haben, zu überraschenden Schlußfolgerungen. Bei Unachtsamkeit könnten sich häßliche Rückwirkungen ergeben.«
»Wie verhält's sich denn mit Ihrer Tiara? Verbrennt Sie Ihnen keine Kalorien mehr?« Ngen schmunzelte, wäh rend er sich die langen Hände rieb. Pallas seufzte und schnippte mit den Fingern. Tiara trat vor, blieb stehen, verharrte ausdruckslosen Gesichts. »Auf gewisse Weise, Ngen, bin ich durch sie auf das Phänomen aufmerksam geworden. Wissen Sie, eines Abends ist sie, während ich zu tun hatte, in den Tempel gegangen. Dort hat das Feldpsyching ihre erotischen Fähigkeiten auf die schlichte Vollziehung des Kopulierens reduziert. Leider gestattet mir mein Körperumfang, selbst wenn ich dazu Lust hätte, so etwas nicht. Ich habe mir die Freiheit genommen, ein anderes Mädchen anzufordern, aber es wird wohl mindestens einen Monat dauern, bis es von Arcturus eintrifft, vielleicht länger. Im Direktoratswel traum herrscht ein so schreckliches Durcheinander, daß sogar Schmuggler behindert werden.« »Das tut mir aufrichtig leid. Ich könnte Ihnen ein paar Frauen schicken, aber zu meinem Bedauern muß ich ge stehen, daß keine davon die erforderliche Geschicklichkeit aufweist, um eine so großartige Kurtisane wie Tiara zu ersetzen.« Kurz schwieg Ngen. »Sind Sie sicher, daß nichts getan werden kann, um ihre geistigen Qualitäten wiederherzustellen?« Pallas ließ den Kopf hängen, in seinem feisten Mond gesicht stand Trauer. »Um die Sechsundachtzig-ProzentQuote zu erreichen, muß man einige Abstriche machen, Ngen. Zu den Nachteilen dieser Kompromißlösung zählt auch eine unwiderrufliche Programmierbarkeit des Ge hirns. Tiara kann jetzt auf die Ausführung bestimmterVer haltensweisen programmiert werden. Gegenwärtig kennt sie sich bestens in der Blasterproduktion aus. Indu zierte ich ihr ein anderes Programm, könnte sie Maschi nen bedienen, die Schutzpanzer oder Raumanzüge anfer tigen, oder was man sonst eben gerade will. Aber der in tuitive Gebrauch ihres herrlichen Leibes ...? Nein, alter Freund, mit ihrer wunderbaren erotischen Phantasie ist es
— erst recht zu meinem Bedauern — ein für allemal vor bei. Sie ist einfach bloß noch ein geistesschwacher weib licher Körper.« »Ich werde versuchen, eine talentierte Frau für Sie zu finden, Pallas. Aber wenn ich Ihnen eine tüchtige Mätres se geschickt habe, halten Sie sie aus dem Tempel fern. Unterdessen werde ich in den Direktoratsarchiven nach Personen suchen, die sich durch Initiativgeist oder durch militärische Qualitäten beziehungsweise Führungsstärke auszeichnen. Meine Experten sollen diese Leute einzeln psychen. Wer weiß, vielleicht finden wir im Rahmen Ihrer Forschungen ja eine Lösung.« Pallas rückte seinen Wanst auf der Antigrav-Liege zu recht, grunzte vor Anstrengung, während sein Fett schwabbelte. »Ich werde Ihnen umgehend mitteilen, zu welchen Ergebnissen die Gonianer kommen. Achten Sie solange darauf, daß die Besetzung Ihrer Befehlsstellen besondere Priorität verlangt.« Innere Erregung belebte Ngens Miene. »Sie sind ein überaus wertvoller Mitarbeiter, Pallas. Wenn alles vorbei ist, sollen Sie Ihren Planeten haben, das verspreche ich Ihnen. Jeden Planeten, den Sie wünschen. Treue belohne ich gut.« Das Holo verblaßte; Pallas starrte die dunkle, leere Bildfläche an. Er biß erneut in den Pfirsich, setzte einen düsteren Gesichtsausdruck auf; er mußte mit dem be schränkten Vergnügen zufrieden sein, das Tiaras Hände seinem Körper spendeten. Solche Befehle verstand sie noch zu befolgen; doch sie bereitete ihm nicht mehr die ekstatischen Wonnen, wie es die alte Tiara gekonnt hatte. *
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AN BORD DER SPINNES VERGELTUNG WÄHREND DER BREMSPHASE BEIM ANFLUG IN DEN UMRAUM BASARS
Versonnen betrachtete Darwin Pike die Scanningdaten, während die Spinnes Vergeltung fast im Leerlauf, mit so weit heruntergefahrenem Reaktor, daß er nur noch das absolute Energieminimum erzeugte, in Basars Nachbar schaft ungeniert durchs All schwebte. Im ganzen Raum schiff variierte die Schwerkraft. Diese Vorkehrungen hat ten den Zweck, der feindlichen Fernerfassung seine An wesenheit zu verheimlichen. Seit Tagen fiel das Raumschiff von der entfernteren Seite eines exzentrischen Orbits auf Basar zu. Susan ließ die Geschwindigkeit, je näher sie in Sensorenreichweite gelangten, zusehends drosseln. Mosche ruhte bequem in seinem Konturensessel, hielt die Augen geschlossen, wäh rend er, das Kontaktron auf dem Kopf, zum Täuschen der gegnerischen Peilung elektronische Gegenmaßnahmen betrieb, ihre Geräte mit einem Verwirrspiel wechselnder Feldstärken irreführte, um zu verhindern, daß die Satelli tenstationen rund um Basar die Annäherung des Raum schiffs entdeckten. Susans Aufmerksamkeit galt denselben Monitoren wie Pikes; sie hoffte, sie könnte irgend etwas bemerken, das er vielleicht übersah, linderte damit die Langeweile, die sie verspürte, während sie eine nichtssagende Aufnahme nach der anderen, die Bilder glanzloser Ortschaften, eintöniger Felder und matter Felslandschaften vorbeihuschen sah. Auf einigen Monitoren erfolgte die Observation bestimm ter basarischer Städte, auf anderen dagegen die Beobach tung schäbiger Fabriken, während man auf einem Bild schirm, wenn das Gebäude im Laufe der planetaren Rota tion sichtbar war, permanent einen großen Tempel sehen konnte. Darwin lehnte sich in den Konturensessel und räkelte sich, sein Gesicht hatte einen Ausdruck des Unmuts an genommen. »Das kapier ich nicht.« Susan hob den Blick.
Pike nahm in mehrere Dateien Einsicht. »Schau mal hier. Ich habe die Kommu-Computer alle Personen, die den Tempel mehrmals aufsuchten, erfassen lassen.« Zah len flimmerten über den Monitor. »Vergleichen wir mal vier verschiedene Tage.« Die Bildfläche teilte sich in vier Ausschnitte auf. »Nun strei chen wir jeden, der nur einmal hingegangen ist.« Die Hälf te der Zahlen erlosch. »Und danach diejenigen, die zwei mal dort gewesen sind.« Nichts geschah. »Dann alle, die dreimal hin sind.« Auf dem Monitor blieb alles unverän dert. Darwin sah Susan an, Befremden in seiner von Ver drossenheit zerfurchten Miene. »Die noch verzeichneten Personen sind ausnahmslos solche, die viermal im Tempel gewesen sind. Keiner von denen, die einmal hineingegan gen sind, ist noch ein zweites oder drittes Mal hin. Warum nicht? Fünfhundertachtundzwanzig Leute haben den Tem pel alle vier Mal aufgesucht. Von ihnen hat niemand eine Veranstaltung versäumt. Weshalb nicht?« »Kann 'n statistischer Fehler infolge zu kleiner Test gruppe vorliegen? Wie groß ist sie?« »Rund eintausend«, antwortete Darwin sardonisch. »Ist dir klar, wie hoch die statistische Wahrscheinlichkeit gegen das einzustufen ist, was wir hier sehen? Zwischen unseren Erwartungen und den Beobachtungen besteht ein himmelhoher Unterschied. Erhebe die Daten mal ins Chi-Quadrat, um herauszufinden, ob eine signifikante ...« »Können wir uns sparen. Der Fall ist ganz eindeutig.« »So, nun sieh dir mal folgendes an.« Darwin lud ande re Dateien. »Beachte bitte die Aktivitäten in den Straßen. Es fällt auf, daß ständig — mit Ausnahme der Gebetsstun den — eine ausgeprägt rege Geschäftigkeit herrscht.« Aufnahme um Aufnahme erschien für jeweils dreißig Sekunden auf dem Bildschirm und verschwand. »Diese Holo-Bilder habe ich an den letzten vier Tagen gemacht, . seit die für die Optiken praktikable Höchstdistanz unter schritten worden ist, und zwar in halbstündigen Abstän
den und mit voller Monitoringunterstützung seitens der Kommu.« »Ich sehe überhaupt keine Veränderungen«, sagte Su san, die Darwins Verwunderung erstaunte. »Für meine Begriffe wirkt alles normal. Mein Eindruck ist, die Auf nahmen unterscheiden sich kaum voneinander.« In Pikes Augen stand ein Glitzern. »Genau das meine ich. In jeder regulären Gesellschaft, die ich kenne, folgt das Verhalten gewissen Mustern. Zu bestimmten Tages zeiten, etwa direkt nach Arbeitsschluß, nimmt die Ver kehrsdichte auf den Straßen zu. Zu anderen Zeiten müß ten die Straßen leer sein, zum Beispiel, weil die Menschen zu Hause schlafen, nicht wahr? Nun betrachte mal die Nachtaufnahmen. Die Aktivitäten bleiben konstant. Und es gibt noch eine Anomalie zu beobachten. Allgemein zugängliche Örtlichkeiten, die man umgangssprachlich als >Anlaufstellen< bezeichnet, ziehen gewöhnlich Men schen an und begünstigen Gruppenbildung, das heißt, dort treffen sich Menschen, unterhalten sich, tauschen Infor mationen aus, betreiben Geselligkeit. Es kann ein Markt sein, ein Waschplatz, oder es ist einfach ein öffentlicher Platz. Wo siehst du so etwas auf Basar? Das einzige Ver haltensmuster wird determiniert von völliger Monotonie.« »Auf Raumschiffen geht's aber auch nicht so zu«, wandte Susan ein. »Wir haben einen VierundzwanzigStunden-Dienst.« Pike schüttelte zerstreut den Kopf. »In unserem Rau mer gibt es fünf sogenannte Anlauf stellen. Kasino, Reak torraum, Mannschaftsquartiere, Kommandobrücke sowie die Gefechtsstationen mit den Blasterkuppeln und Schutzschirm-Generatoren.« Nachdem Susan kurz darüber nachgedacht hatte, er kannte sie, daß er ein stichhaltiges Argument anführte. Besatzungsmitglieder fanden sich, wenn sie dienstfrei hat ten, zu Gesprächen zusammen. Man erzählte Geschichten, machte die Betten, schwatzte über dies und das, flirtete, tat alles mögliche. Ihr Blick fiel wieder auf die aneinanderge
reihten Aufnahmen. Bei Sonnenaufgang nahmen die Akti vitäten zu, erreichten eine halbe Stunde später eine stabile Gleichmäßigkeit und begannen eine Stunde nach Sonnen untergang nachzulassen. »Man könnte glattweg meinen, sie wären gar keine Menschen«, bemerkte sie, allerdings mehr zu sich selbst als zu Pike. »Ja, genau«, stimmte Darwin zu. »Genauso habe ich's auch empfunden. Dieses Verhalten hat nichts mit dem zu schaffen, was wir mit Menschsein assoziieren. Alle Men schen benötigen Essen, Wasser, Unterkunft und ein ge wisses Maß äußerer Reize. Achte mal auf das riesige Antigrav-Transportfahrzeug dort. Es fährt durch die Straßen und setzt vor jeder Haustür ein Paket mit Lieferungen ab.Ein Mann oder eine Frau kommt heraus und holt es hin ein, bleibt drinnen. Es geht beinahe wie in einem Insekten staat zu, nur macht das dort auf mich den Eindruck, als wär's versorgungsmäßig perfekt durchorganisiert. Kein Durcheinander. Kein überflüssiger Aufwand.« Susan ließ sich vom Automaten einen Becher mit Kaf fee füllen. »Was hat das alles bloß zu bedeuten?« »Ich habe nicht die geringste Ahnung. Das läuft schlicht und einfach nicht normal. Dort unten benehmen die Menschen sich wie kleine Roboter. Ich gäbe meinen rechten Arm dafür, könnte ich mal einen Blick in den Tem pel werfen. Weshalb suchen manche Bürger ihn immer wieder auf, andere dagegen nur ein einziges Mal? Wieso gibt es keine sogenannten Anlaufstellen? Was ist aus Geselligkeit und allen übrigen gesellschaftlichen Be tätigungen geworden? Warum verhalten sie sich nicht wie Menschen ?« »Vielleicht hängt's mit dem zusammen, was Ngen aus den Bruderschaftscomputern gemolken hat.« »Ist bei der Bruderschaft je eine Tendenz zur Insektenstaat-Mentalität vorhanden gewesen? Wie ich gehört habe, sollen bei ihr die abstrusesten Sachen getrieben worden sein.« In Pikes Augen glänzte plötzlich auffälli ges Interesse.
»Sie war wohl nicht so schlimm, wie ihr nachfabuliert wird. Tatsächlich stand sie in freundschaftlichem Verhält nis zur Patrouille. Urheber ihrer Vertreibung aus dem Di rektoratsweltraum waren die Sirianer, Arpeggianer und ein paar einflußreiche Piratengruppen.« »Ich verstehe nicht, weshalb Ngen eigentlich Stunk macht. Wenn das seine mustergültige Gesellschaftsform sein soll, kann ich nur sagen, sie steht dem Direktorat in keiner negativen Beziehung nach.« Pike zögerte. »Ich muß hinunter. Es ist erforderlich, daß ich mir persönlich ansehe, was dort passiert. Ich muß in den Tempel, und ich will wissen, was in den Häusern geschieht.« Unwillkürlich zog Susan den Kopf ein. Das bedeutete, die Sicherheit des Raumschiffs zu verlassen. Pike hatte sich gewandelt, war nicht mehr der unerfahrene, lässige, sorglose Gelehrte, als der er im Arcturussystem an Bord kam, aber sah er die Risiken? Im Raumschiff konnte sie durchstarten und den Kampf aufnehmen. Wie jedoch stand es auf der planetaren Oberfläche? Erdkampf bräch te sie erheblich weiter in die Nähe von Ngen Van Chows Klauen. Seine Flüsterstimme hielt sich hartnäckig am Rande ihres Bewußtseins. Später sprach Susan ihn noch einmal auf sein Vorhaben an, nachdem sie ihn im Casino ausfindig gemacht hatte, wo er mit Sig Marggaff Kaffee trank. Sig äußerte eine höf liche Floskel und ging. Susan besann sich, während sie mit den Fingerspitzen auf den Tisch trommelte, einen Moment lang, suchte nach Worten, die die Wirkung dessen, was sie zu sagen beab sichtigte, abschwächen könnten. »Du weißt«, begann sie schließlich, »wie gefährlich es dort unten sein wird.« Darwin nickte, sein Gesicht bekam einen sanfteren Ausdruck. »Ja, ich habe davon 'ne ziemlich gute Vorstel lung. Trotzdem bin ich nicht übertrieben besorgt. Ich ha be mir über Nacht die Sprachkassetten eingelegt. Das Standard hat sich auf Basar ein bißchen abseitig entwik
kelt, aber ich kriege das Idiom hin. In Zivilkleidung gehe ich jederzeit als Einheimischer durch.« »Es paßt mir absolut nicht, meinen Anthropologen aufs Spiel zu setzen. Ich wage gar nicht daran zu denken, was Ree mit mir anstellt, falls ich ohne dich zurückkomme.« »Ist das dein einziger Grund?« Darwin wölbte die Brauen, Erwartung machte ihm die Augen groß. »Um 'ne Redewendung des Kriegshäuptlings zu ge brauchen: Ich gehöre gerne zu den Gewinnern. Du hast schon mehr von Basar gesehen, als Mosche, Weißer Adler und Reesh zusammen.« Verdammt, warum bin ich auf ein mal dermaßen nervös? Und was meint er damit, >dein einziger Grund »Ich werde mich drunten schon zurechtfinden. Du setzt mich mit 'm ST ab, ich schaue mich 'n bißchen um, dann treffen wir uns an der Landestelle wieder.« Darwin hob die Schultern. »So einfach ist das.« »Bist du sicher, daß du die Informationen, die dich in teressieren, nicht aus dem Fernorbit erlangen kannst? Hast du dich nicht mit Giorj über Observationsinstru-mente verständigt?« Susan spürte, wie ihre Mißgelaunt heit sich rasch steigerte. »Doch. Aufgrund seiner Erklärungen habe ich ange nommen, daß die standardisierten Geräte für unsere Zwecke genügen. Das ist auch der Fall. Aber das Problem ist, daß eine ferngesteuerte Drohne dort unten auffiele wie 'ne arcturische Nutte. Die Beobachtungen, die man mit so einer Drohne macht, bleiben irgendwie unwirklich, Susan. Ich muß ... Na, es ist erforderlich, daß ich hinter die Fas sade blicke. Verstehst du, auf was es mir ankommt? Durch einen Apparat kann man mit einem Menschen nicht in Interaktion treten, man kann nicht ermitteln, inwiefern sein psychisches Profil von der Norm abweicht, wenn man ihn nicht in seiner alltäglichen Umgebung erlebt. Und außerdem muß ich herausfinden, was in dem Tempel vor geht. Du hast ja das Scanning gesehen ... Es erlaubt kaum irgendwelche Rückschlüsse, oder? So-bald wir noch näher
am Planeten sind, werden wir mit den Schiffsinstrumenten hineinlauschen können. Aber selbst im Tempel zu sein, gibt mir die Gelegenheit, intuitiv zu erfassen, wie er sei nen Deus popularisiert. Ein anderer eigentümlicher Aspekt ist der Energiepegel des Gebäudes. Das Infrarotscanning hat interessante Meßwerte ergeben, es schwirrt dort nur so von Elektronen.« Unbekümmert lächelte Darwin. »Tut mir leid, Susan, aber ich bin jetzt heiß auf Klärung. Ich kann meine Aufgabe nicht erfüllen, wenn ich nicht die informativen Basisdaten erweitere.« »Du wirst nicht allein gehen. Ich schicke dir ein Team mit.« Verdammt noch mal, warum mußte er im Recht sein? »Ich weiß das Angebot zu schätzen, Susan, aber es besteht kein Anlaß, gleich mehrere Personen in Gefahr zu bringen. Dadurch würde es für mich nur schwieriger, die ...« »Deine Einwände sind abgelehnt. Weißt du, aus wel chem Grund Admiral Ree mir das Kommando über die Absicherung der Mission übertragen hat?« Skeptisch hob Susan die Brauen. »Weil ich auf Sirius die Beste im Erd kampf gewesen bin. Wenn jemand dich hinunterfliegen und herausholen kann, dann sind's ich, Reesh und die an deren. Vielleicht ist dir der hohe Anteil an Sirius-Veteranen aufgefallen, die mitgeflogen sind? Es gibt dafür Grün de, daß ich sie an Bord habe. Ich wünschte nur ... Ich wünschte, wir hätten auch Freitag noch.« »Wir haben doch gar nicht vor, ein Gefecht anzuzet teln«, widersprach Darwin. »Das soll doch nur 'ne einfa che ... Susan, was ist los?« Sie seufzte und musterte ihn aufmerksam. »Ich hoffe nicht, Doktor. Sicher, es ist wahrscheinlich, daß du ... Nein. Wir haben's hier mit Ngen zu tun. Falls es zum Kampf kommt, stecken wir in wirklich ernstem Schlamas sel. Aber wenn die Notwendigkeit entsteht, möchtest du dann nicht lieber, daß es die besten Krieger der Galaxis sind, die dich rauszuhauen versuchen?«
Pike winkte in die Richtung des Holos auf dem Bild schirm. Halb im Schatten rotierte mit lehmigem Ausse hen Basars Globus durchs All, umgeben von einem Ring silbernen Schimmerns. »Siehst du diesen glänzenden Ring rund um den Pla neten? Mit so vielen Stationen hatten wir nicht gerechnet. Es sind dreimal soviel, wie's sein dürften ... Und jeden Tag ziehen Kosmoschlepper welche ab. Seit wir uns in Sicht weite des Planeten befinden, ist die Gesamtliefermenge der Stationen um zehn Prozent gesunken. Egal was auf Basar betrieben wird, man ist dabei, es zurückzuschrau ben. Die Stationen werden nach Mysterium transferiert. Ich vermute, daß man auf Basar nicht mehr sonderlich achtgibt. Ngen steht davor, da würde ich wetten, dieses Kapitel abzuschließen ... Und ich möchte wissen, warum, verdammt noch mal. Ich kann mir gut vorstellen, der Admiral will's auch wissen. Ich werde bestimmt nicht in Gefahr geraten.« »Das Kommando habe ich«, konstatierte Susan noch mals. »Wir begleiten dich. Es ist das Unerwartete, um das ich mir Sorgen mache, Doktor. Du bist kein Krieger — oder muß ich dich erst daran erinnern, daß ein unwissen der Santos dir den Leib aufgeschlitzt hat? Du verkörperst für mein Volk eine andere Art von Kriegsdolch, und ich habe vor, dich gut zu verwenden.« Damit stand sie auf, verbeugte sich knapp und verließ das Casino. Eine andere Art von Kampfmesser? Warum hatte sie diesen Vergleich gewählt? Nachdenklich saß Darwin da und trank seinen Kaffee, die Finger an der zerbrochenen romananischen Klinge, die er noch am Gürtel trug.
19
IM HAUS ALHAR IN ARPEGGIOS HAUPTSTADT
»Ich kann ihn nicht ausstehen«, bekräftigte Afid, während er die Wiedergabe des gewaltigen Schlachtschiffs auf dem Holo-Monitor betrachtete. Er schüttelte den Kopf, lausch te der Nachrichtensendung, die die Bekehrung der Welt raumstation Deeter zu Deus' Dschihad meldete. »Natür lich sind sie konvertiert. Angesichts eines Patrouillen schlachtschiffs würde jeder sich zu allem bekennen.« Afid lehnte sich in den Sessel, im mit Goldrändern dekorierten Monitor verflimmerten die Holo-Nachrichten. Er seufzte, füllte sich einen Spritzer Brandy von satter rot brauner Färbung in ein Rundglas aus geschliffenem Kristall. Er ließ das Getränk im Glas rundumschwappen, betrachtete M'Klea unter herabgezogenen Brauen, die Lip pen irritiert gespitzt. »Vater, dir mißfällt es einfach, daß der Messias hier anruft.« M'Klea lächelte ruhig, zwang sich zu dem Auf wand, unterwürfig dreinzuschauen. »Ich hätte gedacht, du empfindest es als Ehre, daß er zu meinen Freunden zählt. Dabei müßtest doch gerade du die Vorteile erkennen, die unsere Familie dadurch haben könnte.« Eine sehr sorgsame Wortwahl. Ist sie ihm verdächtig? Nein? Liebes Väterchen, mir bist du nie gewachsen gewesen. Afid drehte den Sessel, ohne den verständnisvollen Blick von seiner Tochter zu wenden. »Ja, Mädchen, er hat Torkild erlaubt, ins All zu fliegen, es unserer Familie ermöglicht, den Rang einzunehmen, der ihr gebührt. Sta tionen werden in unseren Orbit verlegt, das ist wahr. Aber ich traue ihm nicht. Und was hat's mit diesen Tempeln auf sich? Was passiert dort? Ich begreife nicht, was da los ist. Einige meiner ältesten Bekannten sind in seinem Tempel gewesen und mir nichts, dir nichts bekehrt worden.« Afid
runzelte die greise Stirn. »Ihr Verstand ist nicht mehr so scharf wie früher. Weißt du, was ich meine? Ihnen fehlt auf einmal ... Irgend etwas ist ihnen ...« Ratlos schüttelte er nochmals den Kopf. »Ich vertraue ihm nicht. Jedenfalls langfristig nicht. Ja, deine Kontakte zu ihm passen mir überhaupt nicht.« In ihrem abgebrühten Gemüt dachte M'Klea über seine Worte nach, während sie langsam über den dicken Tep pichboden schlenderte. Sie blieb stehen und strich mit dem Finger über eine der Konföderationsvasen ihres Va ters: Ein ausgesucht schönes Stück der Tschuhutien-Manufaktur. Unermeßlich kostbar. Ihre Hand glitt über die Gefäßwölbung. Es handelte sich um ein echtes Meister werk. Ja, die Konvertiten verloren einiges von ihrem Grips. Mehrere ihrer Freundinnen, ohnedies dumme Dinger, hat ten sich bekehren lassen. Seit dem Besuch im Tempel ver fügten sie nicht einmal noch über ihre primitive Halbgar heit, sondern quasselten nur noch schwärmerisch von Deus und dem Messias. Und nun errichtete man nur einen Blick vom Haus Alhar entfernt einen neuen Tempel. Ob seine Gemeinde auch so unterdurchschnittlich helle sein würde? Sie schob einen Fingernagel in die Lücke zwi schen ihren vorderen Schneidezähnen, während sie sich die dunkel glänzenden Farben der Vase ansah. »Vater?« Auf dem Absatz wandte sie sich um, ihr prachtvolles Laserlichtkleid knisterte und schillerte bei ihren Bewegungen, sie schwenkte die Hüften, um den Effekt ein wenig zu verstärken. »An deiner Stelle ginge ich einfach einmal in den Tempel und guckte mir an, was denn nun eigentlich von diesen vielen Bekehrungen zu halten ist. Mir ist völlig klar, du mißbilligst es, wenn der Messias mich anruft. Weshalb verschaffst du dir nicht selbst davon einen Eindruck, was für eine Religion er ver tritt? Und wenn du danach noch immer dagegen bist, werde ich von ihm keine Anrufe mehr entgegennehmen ... obwohl er der Oberbefehlshaber meines Bruders ist ... und
obwohl ihm ein so mächtiges Kriegsschiff zur Verfügung steht.« Afid stutzte, musterte sie argwöhnisch. »M'Klea, dein Vorschlag, dort hinzugehen, wäre mir normalerweise War nung genug, um so einer Einrichtung fernzubleiben. Im Gegensatz zu deinem Bruder kenne ich dein hintersinniges ...« »Vater!« schrie M'Klea auf, schlug sich beide Hände vors Gesicht. »Wie kannst du so etwas sagen ...?!« Afid hieb eine Faust auf den Tisch, auf dem sein Bran dy stand. »Ach, nun komm, M'Klea, spiel mir hier nicht die hirnlose Schöne! Du bist eine intelligente, schlaue junge Frau. Und meistens machst du mir die größten Sor gen.« Er schaute zur Seite, sein matter Gesichtsausdruck spiegelte Ermüdung wider. Einen Moment lang hätte M'Klea ihn beinahe bedauern können, während er sich, den Blick auf das Holo hinter seinem großen, silbernen Schreibtisch geheftet, die altersfleckigen Hände rieb. M'Klea kehrte ihm den Rücken zu, senkte den Kopf, indem sie ihn gleichzeitig so günstig ins Licht drehte, daß es auf ihrem Haar den effektvollsten Schimmer erzeugte. »Dann geh eben nicht in den Tempel. In diesem Fall werde ich die Anrufe des Messias weiter annehmen.« Ihre Stimme klang, wie ihr vollauf bewußt war, nach Gefühllo sigkeit. Afid hob den Blick, sein Mundwinkel zuckte. »Das glaube ich dir gern, M'Klea. Ach, also gut. Auch wenn's wohl nichts nützen wird. Jawohl, ich werde wirklich in den Tempel gehen, ja. Ich werde mich in die hinterste Reihe setzen und mir die Sache anschauen. Sonst nichts, klar? An einer Kommunion oder was sie dort machen werde ich nicht teilnehmen. Ich werde dort nichts essen und nichts trinken. Nur zusehen. Und wenn mir nicht ge fällt, was ich dort sehe, wirst du den Kontakt zum Messi as abbrechen.« Er schwieg, rechnete anscheinend mit ei ner patzigen Entgegnung. »Und denke dran, M'Klea, wir sind hier noch immer auf Arpeggio. Wenn ein Vater sei
ner Tochter einen bestimmten Umgang verbietet, wird daraus ein Gebot der Familie, selbst wenn's einen Mann wie den Messias betrifft. Dem wirst nicht einmal du dich widersetzen.« M'Klea reckte das Kinn empor, hob ihr vorteilhaftes Profil ins Licht. »Damit bin ich einverstanden. Ich glaube, du wirst sein Wirken gutheißen, Vater.« Afid beobachtete sie mit einem Ausdruck von Distan ziertheit in den Augen, als hätte er vor sich nicht die eige ne Tochter, sondern ein Exemplar irgendeines fremdarti gen Lebewesens. »Und noch etwas, M'Klea: Falls du in bezug auf den Messias ungehorsam bist, werde ich deinen Bruder informieren. Darf ich unterstellen, daß dir klar ist, was das bedeutet?« M'Klea nickte, spürte eisiges Grausen in der Brust. Mit Torkild konnte sie fertigwerden, nur mußte er außeror dentlich vorsichtig angegangen werden — oder von einer Machtposition aus. Beim Nicken saugte sie die Lippen zwischen die Vorderzähne. In den Augen ihres Alten ließ sich nicht die kleinste Spur von Nachgiebigkeit wahrneh men. Sollte der Verdacht richtig sein, den sie hinsichtlich des Tempels hegte, mochte es dahin kommen, daß ihr Vater als ernste Gefährdung ihrer ehrgeizigen Pläne aus fiel. Und wenn man sich auf die Andeutungen verlassen konnte, die Ngen Van Chow machte, hatte er hinlängliche Macht, um Torkild zu neutralisieren. »Sobald du den Tempel besucht hast, erwarte ich deine Entscheidung, Vater«, beteuerte sie, wunderte sich gelin de, weil sie keinerlei Gewissensbisse empfand. Doch schließlich entsprach es seit jeher den Gesetzmäßigkeiten der Natur, daß die Jungen irgendwann ihre Eltern ablösten. *
*
*
IN ELLIPTISCHEM ORBIT ÜBER BASAR
Ein Sturmtransporter, stellte Pike fest, war eine in äußerst bemerkenswertem Maß leistungsfähige Kampfmaschine. Bei knapp über einhundert Metern Länge gehörte es zu seinen Optionen, mit seinen vier inzwischen durch Fujiki-Verstärker modifizierten, mittleren Blastern einen Geg ner mit verheerenden Feuerschlägen belegen zu können. Die Rumpfspitze wies eine Panzerung auf, die es ermög lichte, feindliche Raumschiffe zu rammen und durch die Sturmrampe der eingedrungenen Spitze Sturmtruppen ins aufgebohrte Raumfahrzeug zu schicken. Für Interstellar flüge hatte er keine Kapazität, schützte sich jedoch durch an wichtigen Rumpfabschnitten vorhandene Panzerplatten sowie Schutzschirme begrenzter Belastbarkeit Außer der regulären Crew konnten an Bord dreihundert Soldaten befördert werden. Dank seiner hochkomplizierten Senso ren und Elektroniken konnte der ST der Ortung durch ein fachere Detektoranlagen entgehen. Basar hatte ohnehin nur wenig Detektoren verfügbar. Neugierig schaute er zu, wie einige Mannschaftsmit glieder, gekleidet in die auf Basar üblichen, weiten, lok keren Gewänder, ihre Plätze belegten und sich in den Si cherheitsgurten festschirrten. Der Einflug würde, weil der ST dem Sensorschatten eines zurückgekehrten Kosmo schleppers folgen sollte, ziemlich lange dauern. Pike kaute auf der Lippe, während er Überlegungen anstellte. Weshalb waren die Weltraumstationen über haupt nach Basar transferiert worden? Warum verbrachte man sie nun nach Mysterium? Überwiegend handelte es sich bei Stationen um auf Selbstversorgung gestützte Ha bitate, hermetisch abgeschlossene Milieus, deren Bewoh ner ihre Nahrungsmittelerzeugung selbst unterhielten, ihre übrigen Bedürfnisse gleichfalls durch Eigenproduk tion deckten und darüber hinaus einen Überschuß für den Markt produzierten. Stationen benutzten hochgradig ver besserte Fusionsreaktoren zur industriellen Herstellung gängiger Grundelemente oder betrieben auf Asteroiden
oder in Gaswolken Bergbau, um ihre Einnahmen aus dem Direktoratshandel zu ergänzen. Darwin sah den langgestreckten, schmalen Umriß der Spinnes Vergeltung achtern zu einem winzigen Punkt zu sammenschrumpfen, dann zwischen den Myriaden weiß glitzriger Sterne verschwinden. Die Gravitation begann zu sinken, als der ST sich dem von den Kosmoschleppern verwendeten Vektor näherte. Pike war darüber froh, dies mal nicht die wüste Verwirrung der Sinneseindrücke erle ben zu müssen, die jedesmal bewirkte, daß sein Magen sich auf würdelose Weise entleerte. »Mir wär's noch immer lieber, du hättest dich nicht dazu entschlossen.« Susan betrachtete ihn; um die Lippen hatte sie einen harten Ausdruck. Der Burnus verlieh ihr ein exotisches Äußeres, das weite, lose Gewand verhüllte ihre reizvolle Gestalt vollständig, machte sie dadurch jedoch nur um so verlockender. »Ich glaube, wenn wir entdecken, was auf Basar ab läuft, wird uns auch klar sein, welche Strategie Van Chow ersonnen hat.« Pike hing im Gurtwerk des Geschirrs wie ein Insekt in einem Spinnennetz. Spinnes Netz? fragte er sich unwillkürlich. Susan gab keine Antwort, befaßte sich mit eigenen Gedanken. »Wie geht's dir inzwischen?« erkundigte sich Darwin mit leiser Stimme, sobald er sah, sie waren für den Mo ment allein. Wachsamen Blicks schaute Susan auf, ehe sie nach denklich lächelte. »Die Träume treten noch immer auf ... Ich versuche einfach, damit zurechtzukommen. Unter uns, Doktor, ich habe schreckliche Furcht vor dem Hinabflug. Es behagt mir überhaupt nicht, so angreifbar zu sein. Falls wir im All abgefangen werden, sind wir alle tot. Drunten auf der Oberfläche hängt es von zu vielen Variablen ab, die sich meinem Einfluß entziehen, ob wir in Gefangenschaft geraten oder nicht.« »Du siehst entschieden besser aus«, sagte Darwin mit
neckischem Grinsen. »Dein Haut ist wieder rosiger. Deine Haare glänzen ... Und in deinen Augen funkelt frischer Schwung.« Susans Augen erweiterten sich leicht, während sie ihn betrachtete. Ein Ruck fuhr Darwin durchs Herz, er fühlte sich, als müßte er in diesen tiefen, dunklen Teichen versin ken, teils konnte er darin die Wirbel und Strömungen ihrer konfliktreichen Emotionen ersehen. Dann merkte er, wie Entschlossenheit, um eine tiefsitzende Schwäche zu verbergen, eine feste Wand der Ablehnung errichtete. »Wir wollen uns an unsere Aufgabe halten, Doktor.« Er sah ihr an, wie sie eine steife Haltung einnahm, wie sie sich erneut in Zorn und Bitterkeit hineinsteigerte, ihr Mißtrauen wuchs. »He, also wirklich ... Entschuldigung. Aber ich bin Darwin Pike, weißt du noch? Ich bin der Bur sche, der auf deiner Seite steht. So redet man nicht mit 'm Freund.« »Verzeihung, Dr. Pike.« Darwin hörte ihrer Stimme ehrliche Reue an. »Ich checke wohl mal lieber den Reak torstatus. Ich vernachlässige meine Pflichten.« »Warte«, rief Darwin, legte ihr sacht eine Hand auf die Schulter. »Hau jetzt nicht einfach so ab. Ich wollte keine zudringlichen Bemerkungen machen. Ich habe mich bloß gefreut, weil deine gesundheitliche Verfassung sich so deutlich gebessert hat. Du darfst nicht glauben, ich würde jemals gegen dich ausnutzen, was ich weiß.« Als sie sich umwandte, flößten die innere Kraft und Entschiedenheit, die in ihren Augen standen, ihm Bestür-zung ein. »Vielen Dank für deine Anteilnahme, Doktor. Dein Entschluß, dich nie gegen mich zu verge hen, be-weist mir, daß deine Intelligenz meine Erwar tungen übertrifft.« Mit einem schwachen Tritt stieß sie sich ab und schwebte geradezu kunstvoll hinaus in den Gang. Betroffen verbiß Darwin sich eine Erwiderung und schaute ihr nach, fühlte sich durch ihren barschen Tonfall vor den Kopf gestoßen. Was hatte er gesagt? Was verbro
chen? Ihn derartig zu behandeln, hatte sie kein Recht. Er hatte sich die größte Mühe gegeben, um ihr Freund zu werden, zu versuchen, ihr zu helfen. Selbst wenn sie an ihm als Liebhaber kein Interesse haben sollte, verdiente er etwas besseres als so eine Behandlung. Begriff sie nicht, daß mit Freundschaft auch eine gewisse Ebene der Ver trautheit entstand? Am ärgsten von allem war, daß ihre Zurückweisung ihn kränkte, daß eine Frau, zu der er ein so enges Verhält nis entwickelt hatte, zu ihm so grausam sein konnte. In seinem Bauch begann Wut zu schwelen. »Wenn so ihre Dankbarkeit aussieht, soll sie doch zum Teufel gehen. Sie ist ja schlimmer als die armen Hunde auf Basar. Susan, du bist nichts als 'n mieser Robot.« Und ich bin der Prügelknabe für ihre Unzulänglichkeiten. Als sie endlich auf dem Planeten eintrafen, glaubte Darwin den sicheren Tod vor Augen zu haben, Sekunde um Sekunde rechnete er mit einem feurigen Ende, wäh rend der ST eine tiefe Felsschlucht durchkürvte. Nur Mil limeter schienen die Felswände von den Außenoptiken zu trennen, starke Andruckkräfte warfen bei den Manövern Darwins plötzlich wehrlosen Körper hin und her. Sobald alle Bewegung zum Stillstand kam, machte Darwin mental eine Bestandsaufnahme seiner Glieder und Knochen. Anscheinend war noch alles vorhanden. Erst jetzt fiel ihm auf, daß er im Laufe der letzten, fürch-terlichen Minuten die Lider geschlossen gehalten hatte. »Ach du Schande ...« »Was hast du denn gedacht?« rief ihm hinterrücks Ge flügelter Stier Reesh zu. »Daß wir dich mitten auf 'ner Plaza absetzen? Hier ist die beste Stelle, die wir finden könnten, um unser Liebchen vor dem ganzen Planeten zu verstecken.« »Es ist so gut wie das einzige Versteck«, stimmte ihm Weißer Adler zu. »Ich vermute, ich muß das alles noch einmal durchste hen, wenn wir starten«, klagte Pike.
»Falls du Glück hast.« Reesh gab ihm einen Klaps auf die Schulter, als Darwin die Füße auf belastungsfeste Deckplatten stellte. »Was soll daran als Glück zu bezeichnen sein?« fragte Darwin, achtete darauf, das Zittern seiner Beine zu ver heimlichen. Reesh stieß ein Lachen aus. »Die Tatsache, daß wir dann noch am Leben sein werden.« »Hm-hm.« Darwin fragte sich, ob Susan auch ein biß chen geschlottert haben mochte, als sie gesehen hatte, wie die Felswände der Schlucht ihnen entgegenzustürzen schienen. War ihr insgeheim auch der Mut geschwunden, hatte sie ebenso für den Fall, daß der ST an den schroffen Klippen zerschellte, einen schnellen Tod vor Augen gehabt? »Beachtlicher Flug.« Weißer Adler grinste. »Ich wußte, daß sie uns durchbringt.« Endlich normalisierte sich Pikes Atmung wieder. »Wer?« »Na, die Kommandantin natürlich. Du hast doch nicht geglaubt, sie würde irgendeinem von uns gestatten, einen derartigen Alptraum von Flug durchzuführen, oder? Es braucht jemanden mit richtigem Mumm und Nerven aus Stahl, um durch so einen Geländegraben zu pilotieren.« Weißer Adler schüttelte den Kopf, in seinen Augen schim merte Bewunderung. Pike biß sich auf die Lippe, ihm kam immer stärkerer Unmut hoch, wenn er an das menschliche Wrack zurück dachte, das sich noch vor kurzem vorn über und über mit Kaffee bekleckert hatte. Was würde ihre treue Mann schaft sagen, erführe sie, daß ihre Kommandeurin am Rande der geistigen Instabilität wankte? Er drehte sich in der Absicht um, es den Männern zu erzählen, wollte sich an der Frau rächen, für die er soviel getan und die sich dann gegen ihn gestellt, ihm — bildlich gesprochen — ins Gesicht gespuckt hatte. »Also los!« Reesh schubste ihn vorwärts. »Es ist deine
Aktion, Doktor. Schwing die Hufe! Wir laden das Airmo bil aus und bringen die Angelegenheit hinter uns.« Kühler Abendwind blies Darwin ins Gesicht, während er die Rampe hinabtappte; in Basars 0,8-Ge-Schwerkraft fühlte er sich etwas leichter als sonst. Die Luft war der maßen trocken, daß sie seiner Haut sofort Feuchtigkeit zu entziehen begann; die Luftfeuchtigkeit war so gering, daß sie ihm Beschwerden seiner Nasenschleimhäute verur sachte. Jetzt knirschte unter seinen Stiefeln der Sand wie der eines anderen Planeten. Basar war eine arme Welt. Am Tag war es heiß und des Nachts bitterkalt, Elektro- und Sandstürme wetterten und fegten um seine Oberfläche, Wasser gab es nur in geringen Mengen, Ressourcen an Mineralien sogar noch weniger. Im Verlauf der Zeit hatte die Bevölkerung sich an den min deren Sauerstoffgehalt und die höheren Stickstoffkonzen trationen gewöhnt. Terraforming in gewissem Umfang hatte stattgefunden, und heute lebten mehr Kinder als frü her lange genug, um das Erwachsenenalter zu erreichen. Auf einen Wink Reeshs hin sprang Darwin ins Airmo bil, wickelte sich in die weite Kleidung, um sich warmzu halten, und hob den Blick an den dunklen Nachthimmel. Durch den Staub, der ununterbrochen in Basars dünner Atmosphäre umherwehte, ließen sich nur die hellsten Sterne erkennen. Darwin schnupperte; die trockene Kälte drang ihm in die Nase. Die Luft roch nach Staub. »Ist 'ne ruhige Nacht«, sagte von der Seite Reesh zu ihm, wies nach oben. »Normalerweise ist der Himmel vom aufgewirbelten Sand pechschwarz.« »Würde mich interessieren, wie hoch die hiesige Staublungensterblichkeit ist. Mit der Zeit könnte eine bemerkenwerte biologische Anpassung eingetreten sein. Lungen wie Leder.« Eine weitere Person verließ im Laufschritt den ST und stieg mit einem behenden Sprung ins Airmobil. Pike brauchte nicht erst genauer hinzuschauen, um zu wissen, es war Susan. Während des ausgedehnten Flugs hatte er
sich ihre sämtlichen Charakteristika sorgfältig eingeprägt. Bisher war ihm bei ihrem Erscheinen stets der Atem ge stockt, hatte er sie sehnsüchtig beobachtet, sich für die Zukunft Bestimmtes gewünscht. Doch diesmal schwoll sein Groll empor, und es wäre ihm lieber gewesen, sie bliebe in dem verdammten ST und träumte von ihrem blei chen Ingenieur. Lautlos erhob das Airmobil sich vom Untergrund, schwebte zur der engen Kluft hinaus. Weißer Adler hatte nicht übertrieben. Nur ein unwahrscheinlicher, dummer Zufall könnte das Versteck des ST preisgeben. »Dieses Mal haben sie kein Kriegsschiff im Orbit, an ders als damals auf Sirius.« Reesh feixte grimmig. »Ge priesen sei Spinne.« »Doktor«, fragte Susan in ausdruckslosem Tonfall, »wo möchtest du von hier aus hin?« »Bringt mich zum Stadtrand. In einer halben Stunde dürfte die Sonne aufgehen. Von dort aus gehe ich zu Fuß.« Darwins Stimme nahm einen rauhen Klang an, als ihm bewußt wurde, daß sein Plan nun Wirklichkeit zu werden begann. Intellektueller Wissensdurst mochte eine Sache sein, doch eine gänzlich andere war es, sich in Ngen Van Chows persönliche Domäne zu wagen. In die sem Moment verwandelte sich die unerquicklich-prekäre Faktizität des einsamen Erkenntnissegewinnens auf feind lichem Territorium in Pikes vertrauteste Begleiterin. Susan steuerte das Airmobil zwischen zwei niedrige Bau ten, in denen Pike Lagerhallen erkannte. Mit steifen Gliedmaßen kletterte er aus dem Airmobil, seine Stiefel scharrten durch grusigen Kies. Im Dunkeln sammelten sich um ihn vermummte Gestalten. Er hörte, wie Susan befahl, Weißer Adler sollte beim Airmobil blei ben und es bewachen. »Doktor, Reesh ... gehen wir.« Darwin eilte voraus in die enge Straße. Reeshs Hand auf seiner Schulter bremste ihn, widerwillig verlangsamte er sein Tempo. »Nicht so schnell«, ermahnte Geflügelter Stier ihn ge
lassen. »Nach den Aufnahmen, die wir gemacht haben, bewegen sie sich hier meistens im Schlendrian.« »Ja, richtig«, stimmte Darwin zu, versuchte willentlich seine Atmung zu beruhigen. »Meint ihr nicht, ihr solltet lieber auch beim Airmobil warten? Es ist nicht nötig, daß wir alle den Kopf hinhalten.« »Wir gehen zusammen, Doktor«, zischelte Susan zu rück. »Du hast den Befehl.« Im Innersten hatte Darwin durchaus nichts dagegen, von einer Eskorte bewaffneter Romananer beschützt zu werden. Im Osten färbte die Sonne sich rot, während die drei sich zwischen den kruden, rechteckigen, aus Stein und gepreßtem Lehm errichteten Häusern einen Weg suchten, aus denen man gedämpfte Stimmen hörte. Gelegentlich schrie ein Kind. Nur Hühner, Ziegen, Hunde und Katzen sahen das Grüppchen vorüberstreben. Unwillkürlich fühl te Darwin sich in die irdische Vergangenheit versetzt. Aus schließlich die Solarzellentürme und Kommunikationsan tennen sowie das ferne Schrillen eines Shuttle-Starts stör ten diesen Eindruck. Darwin bemühte sich, ein Gefühl für das Umfeld zu entwickeln, die Atmosphäre dieses Vororts der gleichna migen Hauptstadt Basars zu erspüren. Die Gerüche von Tieren, das miefige Odeur menschlicher Ausscheidungen und der Duft gut gewürzter Speisen durchzogen die mor gendliche Brise. An den Seiten der flachen, lehmfarbenen Häuser hatte sich verwehter Sand angehäuft. Stücke von Metallschrott, Lumpen sowie da und dort Tierknochen waren, wohl mit Fußtritten, an die Ränder der schmalen Straße gefegt worden, die zwischen den Gebäuden verlief. Um eine Ecke bog eine verhüllte Gestalt, die Kleidung stramm um den Körper geschlungen, kam auf das Trio zu. Unbeabsichtigt ging Darwin langsamer, bis Reesh ihn anstieß. »Salam«, sagte der Mann halblaut, »Deus ist der Herr.« »Salam, Deus ist der Herr«, antwortete Darwin das
gleiche, indem er seine Stimme wiederfand. »Bruder«, fügte er hinzu, »du bist früh dran. Wohin in Deus' Namen gehst du?« »An meinen Platz, Bruder.« Der Basarer wollte weiter latschen. »Was ist das für ein Platz?« fragte Darwin, in dem Neugierde und Furcht miteinander rangen. »Wir haben alle unseren Platz in Deus«, antwortete der Mann, dem man schon anmerkte, daß er sich sorgte, er könnte zu spät eintreffen. »Dann geh mit Deus«, sagte Darwin, trat beiseite. Der Einheimische würdigte Darwin und seine Beglei tung kaum eines Blicks, beeilte sich nun fast. Aus dem Schatten seiner Keffijeh schaute Darwin ihm nach. »Komisch.« »Irgendwie war er nicht richtig normal«, äußerte Reesh unterdrückt. »Nein, auf keinen Fall«, bestätigte Darwin. »Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, seine Augen waren sonderbar leblos.« Einige Minuten später lief Darwin zu einem Mann, der sich im frühmorgendlichen Licht irgendwohin unterwegs befand. »Salam, Deus ist der Herr. Gibt es hier einen Ort, wo ein müder Wanderer einen Happen zu essen erhalten könnte?« Der Mann wandte sich um. »Salam, Deus ist der Herr. Hast du keinen Platz, Bruder?« Die Augen des Kerls spie gelten lediglich geringes Interesse; anscheinend bean spruchten andere Angelegenheiten seine Gedanken. »Ich bin vorhin erst angelangt«, sagte Darwin freund lich. »Meine Freunde und ich würden gern zunächst ein mal unseren Hunger stillen.« Er deutete eine Verbeugung an. »Deus wird euch euren Platz zeigen.« Der Mann sprach mit monotoner Stimme. »Geht in den Tempel, und euer Platz wird euch gewiesen.« Er verneigte sich und setzte den Weg fort.
Darwin folgte ihm mehrere hundert Meter weit. Der Mann betrat ein großes Gebäude, bei dem es sich laut Beschriftung um ein Lagerhaus für Wolle handeln sollte. Indem sie sich unter sorgsamster Achtsamkeit außer Sicht hielten, führte Darwin unauffällig Reesh und Susan zu einem Fenster und wischte mit einem Zipfel seiner Klei dung die Scheibe sauber, bis man hindurchsehen konnte. »Bei Spinnes Propheten ...!« raunte Geflügelter Stier. In der Stille des frühen Morgens surrte und klapperte eine lange Reihe von Maschinenanlagen. Die gesamte Halle stand voller wuchtiger, blauschwarzer Apparaturen, die an Montagebändern rasselten; robotische Fließband fertigung fand statt. Selbst aus seinem ungünstigen Blik kwinkel seines Standorts vermochte Darwin die Pro dukte zu erkennen, die auf Antigrav-Transportwagen vor beischwebten: Nach dem Muster verbreiteter Militär modelle hergestellte Handblaster. »Lagerhaus?« schnob Darwin. »Wolle? Pah! Behaltet den Eingang im Auge. Ich werde mich mal drinnen um schauen.« »Warum?« fragte Susan. »Der Mann kam mir nicht wie ein Waffenfabrikant vor. Dafür hatte er einfach zuwenig Intelligenz in den Augen. Es dauert nicht lang. Ich möchte einen Verdacht überprü fen.« Damit ließ er sie und Reesh stehen und flitzte, obwohl Susan ihm einen Widerspruch zufauchte, zum Eingangstor. Pike betrat das Gebäude. Der Büroraum vorn roch noch muffig nach Wolle. Auf der vertieften Pultfläche des alten PlaStahl-Schreibtischs lag einen Zentimeter hoch Staub. Darwin stapfte auf dem in den sandigen Kehricht getretenen Trampelpfad zur inneren Verbindungstür und blickte hindurch. Dahinter sah er zehn Männer an Monitoring-Geräten hocken. Am letzten Gerät nahm der Mann, dem Darwin nachgeschlichen war, soeben den Sitz eines der Operatoren ein; letzterer verabschiedete sich mit einer Verneigung und schlenderte gemächlich auf Pike zu.
»Salam, Deus ist der Herr«, grüßte Darwin ihn. Gleich gültig erwiderte der Mann den Gruß und trollte sich aus der Fabrikationshalle. Darwin näherte sich, während sein Herz gegen die Rippen wummerte, dem anderen Mann. »Hier ist mein Platz in Deus«, sagte er zu ihm, versuchte seiner Stimme einen möglichst eintönigen Klang zu geben. »Salam. Du kommst zu früh, um mich abzulösen.« Der Operator richtete die halb blöden Augen wieder auf den Bildschirm. Darwin sah grafische Darstellungen und tech nische Daten über die Mattscheibe flimmern. In Abstän den erfaßte das Monitoring ein fehlerhaftes Gußstück, und der Operator drückte eine Taste. Dann holte ein Roboter das mißlungene Teil und warf es in einen Sammelbehälter für zu retournierende Einzelteile. »Du leistest gute Arbeit.« Darwin beobachtete den Mann auf seine Reaktionen. »Bist du hier schon lange tä tig?« »Hier bin ich in Deus. Deus ist der Herr.« »Was machst du da?« »Hier ist mein Platz.« »Hast du keinen anderen Platz?« Unvermindert blieb Darwin bei seiner Umgänglichkeit. »Außer in Deus findet niemand einen Platz.« Der Ope rator kehrte sich Darwin zu. »Hast du gesagt, hier sei dein Platz?« »Mein Platz ist in Deus«, beteuerte Darwin, während er angestrengt überlegte, wie er ihn zu mehr Aufgeschlossen heit verleiten könnte, ohne durch abweichendes Betragen aufzufallen. »Also weißt du Bescheid. Dann gibt es nichts mehr zu besprechen.« Damit widmete der Mann sich wieder sei ner Betätigung, und nichts, was Darwin unternahm, konn te ihn noch davon ablenken. Ein weiterer Einheimischer, diesmal ein großer, an scheinend stark behaarter Mann mit üppig-struppigem Vollbart, kam herein und schritt, ohne Pike zu beachten, an
der Aufreihung der Monitoring-Abteilung entlang. Bei einem anderen Operator blieb der Bärtige stehen. »Du wirst abgelöst«, teilte er ihm mit. Wortlos bummelte der Mann zur Halle hinaus. »Du wirst abgelöst«, sagte Darwin zum Bärtigen, kaum daß er das Kontaktron aufgesetzt hatte. Der Hüne neigte den Schädel seitwärts. »Hier ist mein Platz.« »Das ist mein Platz«, behauptete Darwin. »Du wirst abgelöst.« Der hochgewachsene Mann händigte ihm, Unzufrie denheit in der Miene, das Kontaktron aus, schlurfte ein paar Meter weit, kam jedoch umgehend zurück. »Du wirst abgelöst«, sagte er leidenschaftslos zu Pike. Darwin hatte sich das Kontaktron übergestreift und wahllos per Tastendruck Blastereinzelteile auszusortieren begonnen. »Du wirst abgelöst«, wiederholte der Bärtige; eine ab sonderliche Art von Frust verzerrte seine groben Gesichts züge. »Du wirst abgelöst.« In seiner Stimme wurde ein Anklang von Aufdringlichkeit hörbar. »Du kommst zu früh, um mich abzulösen.« »Hier ist mein Platz.« Verzweifelt versuchte der Basa rer nachzudenken, die Mühsal entstellte seine Miene zu einer Karikatur. »Dein Platz ist in Deus«, argumentierte Darwin. »Ich habe meinen Platz in Deus. Mein Platz ist hier.« »Wenn das dein Platz ist, warum bin dann ich da?« Darwin schaute zu, wie der Bärtige sich abmühte, um die Situation zu verstehen. »Du wirst abgelöst«, versuchte der Mann es nochmals, griff erneut auf das eingefahrenes Handlungsschema zurück, das sich hätte bewähren müssen. Von da an ent lockte alles, was Darwin äußerte, ihm nur noch eine Wiederholung des »Du wirst abgelöst.« Darwin gönnte dem Mann seinen Monitor, verließ ge räuschlos die Halle und danach durchs Haupttor das Ge bäude, stiefelte zügig, tief in Gedanken, in die Richtung
der benachbarten Gasse. Als er um die Ecke bog, erregte ein Airmobil, das durch die Straße heransauste, seine Auf merksamkeit. Achtlos-lässig sprangen drei bewaffne te Männer heraus, schwatzten miteinander, während sie das Tor öffneten, durch das Darwin eben das Gebäude ver lassen hatte. Susan huschte an ihm vorüber, in der Faust einen Blaster. »Es muß drinnen irgendwo Überwachungs-Monitoring geben«, flüsterte sie. »Laß uns abhauen.« Darwin folgte, sich darüber im klaren, wie knapp er ei ner Gefangennahme entgangen war, Susan dichtauf, bis sie beide und Reesh mehrere Häuserblocks hinter sich ge bracht hatten. »Was hast du herausgefunden?« »Sie denken überhaupt nicht! Ich kapier nicht, wieso, aber sie können nicht einmal noch die einfachsten Fragen klären, zum Beispiel, wer wann zu arbeiten hat.« Er drosch eine Faust in die andere Handfläche. »Sie haben kein einziges Mal gefragt: >Wer hat dich geschickt?< Sie wissen nicht mal, daß sie Blaster fabrizieren. Alles, über was sie quatschen, ist ihr >Platz.<« Susan schüttelte den Kopf. »Es sind Verrückte ... Geist lose. Einer ist vorhin, während du in dem Haus gewesen bist, direkt an uns vorbeigetrottet, und wir haben >Salam< zu ihm gesagt, aber er hat uns völlig übersehen, als gäb's uns gar nicht. Was ... Ich meine, wie ist so etwas ... Bei Spinnes haarigen Beinen, es ist wahrhaft unheimlich.« »Die Wächter, die aufgekreuzt sind, waren keine Dumpflinge, die nur >Salam< lallen konnten«, rief Geflü gelter Stier Reesh in Erinnerung. »Also besteht eine Oberaufsicht über das Gesamtsy stem«, folgerte Susan. »Wahrscheinlich hat schon jemand Verdacht geschöpft, was unsere Anwesenheit betrifft ... Auf jeden Fall, wenn diese Aufpasser gekommen sind, weil Pikes Umherschnüffeln in der Blasterfabrik bemerkt worden ist.«
»Es sieht ganz so aus«, brummte Reesh, wies mit den Augen auf ein Airmobil hin, mit dem weitere Aufsichts kräfte zu ihnen herabschwebten. »Ich hätte nie gedacht, daß ich so was sagen würde, aber ich wünschte, ich wäre auf Sirius. Dort kannte ich die Regeln. Am besten ziehen wir nun 'n dummes Gesicht.« »Guckt geradeaus«, riet Susan im Flüsterton. »Schaut gar nicht hin.« Darwin widerstand der Furcht, die in seinen Därmen rumorte. »In Deus' Namen, halt!« Der Anruf erscholl in rüdem Ton. Darwin hob den Blick und sah vier Bewaffnete dem Airmobil entsteigen. Susan hatte sich ihnen zugedreht und verbeugte sich tief, das »Salam«, mit dem sie sie grüßte, drang ihr mit völlig echtem Klang über die Lippen. »Drei auf einem Haufen, hm?« fragte einer der stäm migen Aufpasser argwöhnisch. »Ihr kommt nicht zufällig gerade von dem Schafstall, was?« Susan richtete sich auf; Reesh und Darwin waren bei derseits neben sie getreten, hatten vor sich die Hände ge faltet. »Deus ist der Herr.« Darwin versuchte zu verhin dern, daß man seine insgeheime Anspannung seiner Stim me anmerkte. »Deus am Arsch«, maulte einer der Männer ihn an, trat vor, langte zu und zog Susans Keffijeh zur Seite. »Ui, du bist ja 'ne richtige Schönheit. Vielleicht sollten wir dich erst mal für 'ne Weile bei uns behalten, ehe wir dich zum Tempel bringen.« Er amüsierte sich so köstlich, daß ihm der plötzliche Ausdruck rasender Wut in Susans Gesicht entging. Ihre Finger schienen sich, als sie zupackte, wie Geschosse in seine Gurgel zu bohren. Während ihm Augen und Zunge aus dem Kopf quol len, sackte der Wächter zusammen. Mit einem Hieb brach Susan ihm das Genick. Reesh rammte seinen Kriegsdolch dem zweiten Wäch ter in den Leib, während Susan mit dem dritten Mann um seinen Blaster kämpfte. Darwin tat, obwohl sein Herz
hämmerte, seine Knie zu erweichen drohten, einen Schritt seitwärts und bohrte dem vierten Aufpasser das Messer zwischen die Rippen, während er dem Mann in die Augen und tief in eine von Furcht und Ungläubigkeit überflutete Seele blickte. Darwin taumelte zurück, hatte den Alptraum dieses Sterbens unauslöschlich seinem Gedächtnis eingeprägt, vergaß für den Moment das blutige Messer in seiner ver krampften Faust. »Keine Coups nehmen! Das wäre ein Hinweis.« Susan wandte sich um und rannte los. Reesh faßte Pike am Arm und stieß ihn in einen höch stens mannsbreiten Durchgang zwischen zwei Häusern. Darwin konnte den Blick abgrundtiefen Entsetzens, mit dem der Mann gestorben war, nicht aus seinem Bewußt sein verdrängen. Das jämmerliche Grauen des Sterben den war ihm nachhaltig ins Mark gefahren, würde ihm immer unvergeßlich bleiben. »Wohin nun?« fragte Reesh, der völlig unbeeindruckt wirkte. »Zurück zum ST? In zehn Minuten wird's hier von solchen Burschen wimmeln.« »Zum... zum Tempel.« Fast versagte Darwin beim Sprechen die Stimme. Er mußte mehr erfahren! Darin er blickte er jetzt eine gebieterische Unabweisbarkeit: Er hatte der Tötung des Mannes einen Sinn zu verleihen. Und wenn er jetzt umkehrte, würde er nie mehr den Mut zusammenraffen können, um noch einmal etwas ähnli ches wie diese Aktion zu versuchen. Etwas seines Wesens stürbe ab. Er fühlte, wie ihm aus seinem Innersten neue Kraft und Stärke zuflossen. Reesh klappte der Unterkiefer herab. »Du hast doch wohl vollends deinen übergeschnappten Narrenverstand verloren, wenn du meinst, wir ...« »Wir müssen hin!« Darwin hielt Reeshs und Susans skeptischen Blicken stand. »Dort ist die Antwort auf alle unsere Fragen zu finden, und ... außerdem werden sie in ihrer eigenen Mitte nie nach Flüchtigen fahnden. Be
stimmt halten sie uns für radikale Regimegegner, die jetzt die Absicht haben, schnellstens abzutauchen. Deshalb werden sie als erstes auf den naheliegenden Fluchtwegen suchen. Nicht im Stadtzentrum.« In Reeshs Wange zuckte ein Muskel. Er schaute Susan an. »Also?« »Zum Tempel«, entschied Susan mit verkniffener Miene. »Aber es wird besser sein, du behältst recht, Dok tor. Der ST braucht, um uns hier rauszuholen, eine halbe Stunde Zeit. Damit dürfte jeder Überraschungsvorteil da hin sein ... Falls wir überhaupt so lang am Leben blei ben.« Darwin nickte und seufzte erleichtert. »Laß uns eins nach dem anderen erledigen.« Er sah an sich hinunter und stellte fest, daß seine Kleidung nur durch winzige Blut ströpfchen bespritzt worden war; das restliche Blut war seinen Arm hinabgesickert, klebte jetzt kalt und feucht im Innern des Ärmels. In ungefähr Dreißig-Sekunden-Abständen trennten sie sich, nahmen einzeln, in derselben Richtung, den Weg zur Stadtmitte. Ihr Vorgehen hatte zum Ergebnis, daß Darwin sich in seiner Benommenheit allein fühlte. Er be ruhigte durch mehrmalige Willensanstrengungen seinen Herzschlag, gab sich Gedanken über die Veränderungen hin, die sich in ihm vollzogen. Er hatte das Empfinden, ein anderer als früher zu sein, mit dem Adrenalin, das ihm in den Adern kreiste, etwas Fremdes durch seine Gliedma ßen kriechen zu spüren. Seit Alaska hatte er den Nervenkitzel des Daseins nicht mehr so intensiv wie heu te ausgekostet, und damals war alles weniger lebenssprü hend, nicht so lebensgefährlich, allerdings auch minder bedeutsam als jetzt gewesen. Niedrige, verstaubte Bauten säumten die breite Haupt straße, die er entlangwanderte. Mittlerweile befanden sie sich im Geschäftsviertel. Man bemerkte jedoch keine Ak tivitäten, keine Ausstrahlung der Art, wie sie sich norma lerweise an Drehscheiben von Kommerz und Wirtschaft
beobachten ließen. Die Straße kam Darwin nichts als schä big vor, die Fenster waren fleckig und trüb. Hier und da hatten sich in den kleinen Dünen, die der Wind an den Ecken der schmuddligen, jeder Zierfassade baren Gebäu de aufwehte, sastrugi gebildet, entfernt kammförmige, geriffelte Ablagerungen verfestigten Sands und Staubs. Am Himmel verschwammen von Staubaufwirbelungen schwere, düstere Wolkenbänder und das Blutrot der Son ne Basars. Darwin schleppte sich ähnlich wie die verdreh ten Wolkenknäuel vorwärts. Das Bewußtsein, daß sie unterwegs in die Höhle des Löwen waren, nötigte ihm ein Schaudern ab; im Geist beschwor er den Bären und den Santos, deren Seelen er zu Spinne heimgesandt hatte. Zwei Männer hatte er mittler weile getötet — ihre warmen, lebendigen Leiber mit sei nem Messer aufgeschlitzt, sie tödlich verwundet in ihrem Blut liegen gelassen: Eine Vorstellung, die ihn beunruhig te. In wen verwandelte er sich? Am Hauptportal des Tempels stand eine lange War teschlange. Darwin hielt sich dicht hinter Susan, während Reesh, wie er merkte, direkt hinter seinem Rücken blieb. Es bereitete ihm eine flüchtige Anwandlung des Trosts, sich zwischen seinen Leibwächtern so unmittelbar gebor gen fühlen zu dürfen. Es erleichterte ihn, sich daran zu erinnern, wie blitzar tig und glatt Susan ihren Gegner erschlagen hatte. Er ent sann sich nicht einmal noch an die Reihenfolge ihrer Be wegungen, doch der Mann war tot auf den Untergrund geprallt. Wie schnell es abgelaufen war, wie umstands los ... In der Warteschlange zuckelten sie durch die hohen Flügeltüren des Portals in den Tempel. Im Innern des rie sigen Bauwerks schielte Darwin umher. Vorher war es ei ne Moschee gewesen, doch die Wasserbecken waren zu zementiert worden. Sobald vor ihm die Tempelbesucher hinknieten, tat er das gleiche, fühlte links neben sich Su sans warmen Körper, während ihn rechts Geflügelter Stier
Reeshs Muskelbepacktheit deckte. Indem er das Ge baren der Gläubigen nachahmte, fing Darwin wiederholte Male den Kopf zu neigen an, nuschelte dabei unentwegt etwas, das ähnlich wie die ringsum hörbaren Gebete klang. In den gegen die Seitenmauer geworfenen Schatten der Säulen fiel ihm eine seltsame Erscheinung auf; das Indivi duum benahm sich, als ob es lediglich beobachtete, warte te. Es trug eine lose geschnittene Kapuzenkutte, die sich jedoch von der Bekleidung der Basarer deutlich abhob. Im Dunkeln unter der Kapuze blieben das Gesicht unkennt lich, die Gesichtszüge ununterscheidbar. Die Person schien beinahe zu schweben, während sie sich hinter den massigen, runden Säulen, die das Dach stützten, an der Mauer entlangbewegte. Aus dem Verhalten dieser Person erahnte Darwin eine Zweckgerichtetheit, die keineswegs zu dem allgegenwär tigen Stumpfsinn paßte, den er bisher in Basar-Stadt mit angesehen und inzwischen auch schon zu erwarten sich angewöhnt hatte. Langsam geisterte die etwas gespensti sche Gestalt längs der Mauer durch den Tempel, verhielt ab und zu, um über die fromme Menschenmasse auszu spähen, die ihre Gebete greinte. Darwin krampfte sich unwillentlich zusammen, als die Kapuze sich in seine Richtung drehte und verharrte. Während es ihm vor Furcht eiskalt über den Rücken lief, duckte Darwin nach Art der Gläubigen den Kopf, murmelte gedämpft, in der Hoffnung, sich nicht verraten zu haben, ein eigenes Stoßgebet. Sekunden verstrichen, bevor die ungewöhnliche Er scheinung sich abwandte und in den Schatten verschwand. Der Atem war Darwin im Brustkasten gestockt, er ließ ihn, weil ihn Beklemmung quälte, stoßartig ent weichen, widmete seine Gedanken erneut den Menschen, die ihn umgaben. »Fällt euch was auf?« fragte er gedämpft auf romana nisch.
»Sie stinken«, knirschte Susan. »Es sind weniger geworden. Die Besucherzahl ist ge sunken. Nicht nur das, da und dort sieht man auch Leute, die sich bewußt umschauen, man sieht's an ihren Augen. Man merkt, daß die Vorgänge ihnen Unbehagen einflößen ... sogar regelrechte Furcht.« Susan begann umherzulugen. »Du hast recht. Was be deutet das, Doktor? Wir haben dich aus weiter Ferne her beigeholt, um von dir Auskünfte zu kriegen.« Ein Mann erklomm eine Kanzel und streckte die Hände zum Segen in die Höhe. »Deus!« Das donnerlaute Auf brüllen überraschte Darwin und seine Begleiter. »Deus! Deus!« Anschließend sang die Versammlung ein Lied, und danach fing die Predigt an. Darwin spürte, wie sich Susan neben ihm fast auf den Fußboden preßte, als an der Rük kwand des Tempels ein übergroßes Holo aufglomm. Sie blickten in Ngen Van Chows fanatische Züge. Be hutsam schob Darwin einen Arm hinter sie und zog sie näher zu sich. »Nur die Ruhe.« Kurz sah er sie an und er kannte Wutentbranntheit in ihren Augen. »Es ist bloß 'n Holo.« Die Muskeln ihrer Kiefer traten hervor, als ob sie stumm schwörte, ihn bei nächstbester Gelegenheit zu tö ten. Doch in seiner jetzigen Gemütsverfassung bewahrte er Gleichmut. Wenn sie ihn nicht umbrachte, taten es vor aussichtlich Ngens Spitzbuben. »Nimm deine Hand von mir!« zischte Susan; ihre Stim me glich einem Dolch. Darwin erlaubte sich ein verhalte nes Auflachen, schenkte seine Beachtung wieder der Gemeinde. »... und so geht das Scheusal Satan im Kosmos um. Er hat seine abscheuliche Hand auf die Menschheit gelegt und das Verhängnis über die Sterne verbreitet. Wie können wir das Universum von diesem Unheil erretten?« »Mit Deus!« schrie die Menschenmenge. »Deus! Deus!« Etliche Anwesende waren aufgesprungen, tanzten und
hüpften. Andere fielen der Länge nach auf den hartenStein, traten um sich, wanden sich in Konvulsionen hy sterischer Begeisterung. »Wer ist Satan?« rief Ngen. »Der falsche Gott Spinne!« lautete die im Chor gegröl te Antwort. »Nieder mit Spinne! Tod den Romananern! Dschihad! Dschihad! Dschihad!« Bei diesen Tönen waren beide Begleiter Darwins starr geworden. Als er zur Seite linste, sah er Haß in Reeshs Augen glitzern, unter der Kluft umklammerte die Faust des Romananers den Griff des Blasters. Susans Gesicht spiegelte einen Ausdruck tiefsten Abscheus wider. Ver zweiflung und blinder Zorn prägten ihr Mienenspiel mit. »Nur ruhig«, flüsterte Darwin. »Unsere Zeit kommt später.« Die Predigt dauerte so lange, daß sie nach und nach dagegen abstumpften, doch unterdessen nahm Darwin die merkwürdige Veränderung wahr, die sich bei den Anwe senden vollzog, die vorher furchtsame Blicke um sich geworfen hatten. Allmählich nämlich steckte der allgemei ne Enthusiasmus sie an; das erklärte allerdings noch längst nicht die in der Blasterfabrik beobachtete Verblödung. »Bewahrt die frohe Botschaft in euren Herzen. Mein Segen gilt euch allen. Deus sei mit euch.« Als Ngen die Schwafelei beendete, geschah es mit einer Miene seliger Verzückung und Verklärung. Das große Holo erlosch. Ringsum entstand ein andächtig-ernstes Stimmengewirr, leise raschelten, während eine Anzahl Menschen sich er hob, ihre basarischen Gewänder. Man öffnete die Seitenpforten. Darwins Aufmerksam keit galt den Tempelbesuchern, die aufgestanden waren; sie hatten zu denen gehört, denen man noch normale In telligenz hatte ansehen können. Jetzt schwankten sie wie Benommene aufs Tageslicht zu, während die Mehrheit der Besucher blieb, die Köpfe gesenkt hielt. »Rührt euch nicht«, warnte Darwin spontan seine Ge fährten.
»Was? Wieso nicht? Was ist los?« Susans Blick ruckte durch die Tempelhalle, als wäre sie ein Raubvogel, der nach Beute ausschaute. An beiden Seiten der nächstgelegenen Pforte bedienten Techniker Konsolen. »Ja natürlich!« »Laßt uns verschwinden.« Reesh war Unruhe anzu merken. »Nein.« Darwin versuchte, die Lautstärke seiner Stim me zu mäßigen. »Wenn ihr euch vom Fleck bewegt, sind wir erledigt. Jetzt weiß ich, was hier getrieben wird. Guter Gott, was für ein Ungeheuer Ngen ist ...« Da dröhnte erneut eine Stimme durch die Halle. »Wir haben euch entlarvt. Ich sehe euch, wie ihr euch inmitten der Frommen versteckt. Steht auf und gebt euch zu erken nen, Agenten Satans!« Der Priester auf der Kanzel deute te geradewegs auf Darwin Pikes kleines Grüppchen. Ein höllisches Durcheinander brach los.
20
KOMMANDOBRÜCKE DER GABRIEL WÄHREND DER VERSORGUNGS AUFNAHME IM FERNRAUM, GULAG-SEKTOR
Torkild betrachtete aus düsterer Miene das auf den Bild schirmen wiedergegebene Raumschiff und zupfte nach denklich an seinem hellblonden Bart, drehte sich zerstreut Haarzipfel um die Finger. Eben war von Santa del Cielo die Deus eingetroffen. Die Deus ging längsseits, indem sie die Geschwindigkeit der der Gabriel anpaßte, um ihr, bevor Torkild zum nächsten Auftrag startete, Nachschub an Waffen, Nahrungsvorräten und sonstigen Materialien anzuliefern. Der Anblick des immensen Kriegsschiffs bereitete Tor kild gleichzeitig frohe Genugtuung wie auch Sorge. Warum mußte ein Sirianer auf Arpeggio dermaßen großen Einfluß haben? Gewiß, Ngen hatte neuen Wohlstand beschert, den Arpeggianern die Raumfahrt wieder ermög licht, ihnen Waffen zur Verfügung gestellt. Erstmals seit dreihundert Jahren flogen Arpeggianer erneut in mit ar peggianischen Blastern armierten Raumschiffen durchs All — doch die technischen Entwürfe hatte ein Sirianer angebracht. Dieser Gedanke wurmte Torkild. Er stützte das Kinn auf einen angewinkelten Arm und heftete den Blick auf den Monitor, auf dem sich der An flug des Shuttles der Deus verfolgen ließ, eines stummel flügeligen Raumfahrzeugs, das langsam den Abstand zwi schen den beiden Kriegsschiffen überquerte. Bruno, der Kommunikationstechniker, sprach halblaut ins Kommu-System, koordinierte mit dem Shuttle, indem es sich näherte, die erforderlichen Daten. Als das Shuttle anlegte, bebte ein schwacher Stoß durch die Gabriel. »So ein täppischer Schwachkopf!« entfuhr es Torkild. »Kann der Messias denn keine tüchtigeren Piloten finden?
Bruno! Man soll unverzüglich eine Schadensmel-dung heraufsenden, und veranlassen Sie, daß der Nach-schub gebunkert wird. Ich wünsche, daß unsere besten Technikerteams die Blaster auspacken und installieren — vorausgesetzt, dieser idiotische Shuttle-Pilot hat sie nicht demoliert.« »Jawohl, Sir.« Torkild kniff sich in die Nasenwurzel, um den leichten Kopfschmerz zu lindern, der ihn hinter den Augen quälte. Gereizt gab er ein Brummen von sich, lehnte sich in den Kommandantensessel und reckte die Gliedmaßen. Verdrossen besah er sich nochmals die Holo-Wiedergabe der Deus. »Nun ja, vielleicht haben wir keinen Grund zum Klagen. Wir erhalten die ersten Geschütze, die die arpeggianische Industrie seit dreihundert Jahren produ ziert hat, und ein Flaggschiff liefert sie uns. Die Gefechts kapazitäten stückweise aufzustocken, ist allerdings eine etwas ungewöhnliche Methode. Weshalb läßt man uns für die Umbauten nicht heimfliegen?« »Kapitän, unsere Industrie hat vorher nur Airmobile und Vakuumprodukte fabriziert«, erinnerte Bruno ihn, »Kompressoren und ...« »Ja, ich weiß, Modernisierung und Ausbau einer Indu strie kann man nicht über Nacht bewältigen. Aber es ist ... Also, irgendwie läuft es falsch. Es wird von einem Siria ner gemacht.« »Darüber denken wir alle nach, Kapitän. Wir sind allesamt Arpeggianer. Wir empfinden ausnahmslos das gleiche Unbehagen. Unsere Ehre und unser Stolz ... Trotz dem, der Messias hat sein Wort gehalten.« Torkild schnaubte, aber nickte. Das hatte der Messias. Die Blaster und die Versorgungsgüter waren da. Bruno ergänzte am Kommu-Apparat Torkilds Befehl mit einem elektronischen Plazet für die Wachmannschaft, rückte sich im Konturensessel zurecht, griff nach einem Becher Kaffee. »Unsere Leute sind an die Arbeit gegan gen. Heinar hat die Leitung des Umladens übernommen.«
Bruno neigte den Kopf auf die Schulter, richtete den Blick auf die Deus, die mehrere Kilometer entfernt im All schwebte. »Ausgezeichnet.« Torkild nickte nochmals. »Er hat die Kosmoschlepper-Wartung unter sich gehabt, nicht wahr? Ach, es ist egal, daß der Messias ein Sirianer ist, wir betreiben wieder Raumfahrt und haben Waffen, Bruno. Und nicht bloß Kosmoschlepper. Beachten Sie nur unser hiesiges Rendezvous. Die Deus trifft uns während des Flugs auf halber Strecke, um die Frist zu verringern, die wir fürs Herabsetzen der Delta-Geschwindigkeit brau chen. Wir werden in wenigen Stunden, ohne Zeit zu ver geuden, das Zyklopus-System angreifen.« Bruno leerte den Plastikbecher und zerdrückte ihn an der Kommu-Konsole. »Und es grenzt an ein Wunder an Navigationsvermögen, das Rendezvous so zügig zustan dezubringen. Das Raumschiff muß unglaubliche Instru mente an Bord haben. Diesen Faktor müssen wir unbe dingt berücksichtigen, wenn wir endlich den Kampf mit der Patrouille aufnehmen.« Verkniffenen Gesichts beäugte Torkild, dem Brunos Bemerkungen Grund zum Nachdenken boten, das Abbild der Deus. »Bruno, es kann sein, Sie haben uns gerade das Leben gerettet. Ihre Beobachtungsgabe ist sehr scharf ausgeprägt.« Und dabei war Bruno nicht einmal ein An gehöriger eines der führenden Häuser Arpeggios, son-dern entstammte lediglich einer Familie des Durchschnitts volks ohne jeden gesellschaftlichen Rang, ohne Ansehen. »Ich werde dieser Erkenntnis höchste Aufmerksamkeit schenken. Man stelle sich einmal vor, daß ich anfangs geglaubt habe, wir könnten uns einfach ins Gefecht stür zen, unsere Geschütze mit ihrer Feuerkraft messen. Das wäre ja der reinste romantische Selbstmord geworden.« Das Lob bewog Bruno zum Lächeln, ehe er sich wie der über den Kommu-Apparat beugte, einen Anrufbeant wortete. »Ein Transduktions-Gespräch für Sie, Kapitän«, teilte
Bruno mit. »Ihre Schwester möchte Sie sprechen.« »Schalten Sie durch«, sagte Torkild, ein herzliches Lächeln machte seine harte Miene sanfter. Aus Diskretion setzte Bruno sich eine vollausgestatte te Kommu-Kontakthaube auf den Schädel, damit Torkild ungestört privatim reden konnte. Ein wirklich hervorragender Offizier. Mit einer von solchen Leuten bemannten Flotte wäre es mir möglich, Arpeggio an die Machtspitze des Direktorats zu hebeln, an die es vor dreihundert Jahren gelangt wäre, hätte nicht der Verfall es den Sirianern erlaubt, die Direktoren zu institutionalisieren. Aber vielleicht, wenn ich die rich tigen ... Auf dem Holo-Bildschirm erschienen M'Kleas reizvol le Gesichtszüge. Sie lächelte, und Torkild hatte angesichts ihres Lächelns immer das Empfinden, die Welt würde hell und wunderbar. Ein Schopf langen, goldblonden Haars umschimmerte ihr Gesicht, fiel ihr vom Scheitel auf die Schultern. Torkild musterte sie, genoß den Anblick ihrer vertrauten Miene, der blauen Augen, des festen Kinns und der nahezu durchsichtigen Haut. Auf lange Sicht hatte die arpeggianische Eugenetik sich in der Tat ausgezahlt. »Ah, M'Klea! Was für eine Freude, dich zu sehen. Wes halb rufst du an? Es ist doch mit Vater, Mutter oder dem Rest der Familie nichts vorgefallen?« Er spürte sein Gesicht spitzig werden. »Aber wenn du ein so teures Transduktions-Gespräch ...« »Nein, mein lieber Bruder. Alle sind gesund an Kör per... und Seele.« M'Kleas Gesicht spiegelte wachsende Aufregung. »In der Nachbarschaft ist gerade ein neuer Deus-Tempel fertiggestellt worden. Das hat mich an dich erinnert, also dachte ich, ich rufe dich mal an und erkun dige mich, wie's dir geht.« Ihre Augen funkelten. »Und Vater hat es dir genehmigt, soviel Kredits auszu geben? Das ist ja kaum zu ...« M'Klea verengte die Lider und hob keß das Kinn. »Pssst! Das wissen wir noch nicht, Torkild. Vater ist ...
Na, er ist außer Haus, weißt du, und Mutter auch. Sie werden's erst merken, wenn die Gebührenrechnung kommt, und dann ist's zu spät. Es ...« »M'Klea!« Torkild sprang halb aus dem Kommandan tensessel hoch, ließ sich jedoch zurücksinken, als sie ihm zublinzelte. »Tja, ich denke mir, wärst du nicht das schön ste Mädchen der ...« »Jetzt haben wir aber genug von mir geredet. Wie geht's dir, Torkild? Wir hören hier die glanzvollsten Sachen über dich und deine Gabriel. Der ganze Planet kennt dei nen Namen. Es hat den Anschein, als erführen wir jeden zweiten Tage neue von deinen kühnen Unternehmungen. Manche Leute sagen, du wärst der großartigste Raum schiffskapitän seit den Zeiten der Konföderation.« »Ich habe keinen Grund zur Klage.« Aufgrund seiner rührseligen Schwäche für M'Klea wurde Torkild fast sen timental. »Wenn man der Kapitän ist, kann man sich nicht einmal über das Essen beschweren.« »Ich vermisse dich.« M'Kleas zartes Gesicht verzog sich zu einem Ausdruck des Kummers. »Allerdings habe ich das Vergnügen gehabt, deinen Messias, Ngen Van Chow, etwas näher kennenzulernen. Er ist ein höchst bemerkenswerter Mann.« Sie seufzte. »Ich versuche ihn zu überreden, eine Einladung zu sich auszusprechen, damit ich dich besuchen kann. Er meinte, wenn ich's fer tigbrächte, dem Tempel so lange fernzubleiben, wäre er damit einverstanden, daß ich ihm einen Besuch abstatte. Warum er das wohl gesagt hat, frage ich mich?« Erwar tungsvoll neigte sie den Kopf ein wenig zur Seite, als glaubte sie, Torkild könnte Mitwisser irgendwelcher ge heimer Kenntnisse sein. »Woher soll ich das wissen?« Torkild spreizte die Hände. Flüchtig trübte ein neuer unliebsamer Gedanke sein Gemüt. Warum mochte Ngen Van Chow Neigung zei gen,. M'Klea Gefälligkeiten zu erweisen? Eine Aufwal lung hitzigen Zorns verwirrte kurz seine Überlegungen, bevor er sie entschieden unterdrückte. Bestimmt kannte
der große Messias die Bedeutung, die die alten arpeggia nischen Familien der Tugendhaftigkeit beimaßen. Auf grund der allgegenwärtigen Vergewaltigungsgefahr behü teten sie ihre Töchter mit der leidenschaftlichsten Eifer sucht. »Zweifellos hat deine unübertreffliche Schönheit ihn tief beeindruckt, liebe Schwester«, versicherte Torkild, indem er sich sein vorteilhaftestes Lächeln abrang. »Aber ich würde keinesfalls ...« »Ich halte ihn für einen sehr gutaussehenden und schneidigen Mann, Bruder. Glaubst du, ich könnte an sei ner Seite zur Kaiserin aufsteigen? Kannst du dir so was vorstellen? Wie ich Macht über das gesamte Direktorat habe?« Trotz des Kältegefühls, das sich plötzlich in seiner Magengrube ausbreitete, lachte Torkild. »Ich habe dir immer gesagt, kein Mann könnte jemals gut genug für dich sein, es sei denn, es wäre ein Halbgott.« So hatte er sich ausgerückt. Und daß ihm damit ernst war, hatte er mehr als einmal gewissen Verehrern bewiesen, die M'Kleas Keuschheit zu bedrängen versuchten. Und er hatte vor, bis zu seinem letzten Lebenstag dazu zu stehen — außer natürlich, er fand für sie einen Mann, dem sich nachsagen ließ, daß er eine Frau wie M'Klea verdiente. Aber der Mes sias? Er vermochte sich schlichtweg nicht mit der Vorstel lung anzufreunden, daß dieser Mann das heilige Gefäß von M'Kleas Leib in Besitz nahm. Irgend etwas an ihm ... Doch was M'Klea da andeutete, war ohnedies undenkbar — nur die törichte Phantasterei einer jungen Frau. M'Klea neigte den Kopf zur anderen Seite. »Halbgott? Aber genau das ist Ngen Van Chow ja, lieber Bruder.« Verunsicherung verengte Torkild die Kehle. »Schwe ster«, sagte er zur Warnung und hoffte, daß sie ihm sein Mißfallen ansah, »der Messias ist ein großer Mann, und er kennt viele Frauen. Ich weiß, daß keine davon so schön wie du ist, aber er verfolgt gewaltige Pläne. Du wirst doch nicht enttäuscht sein, falls er dein Wunschdenken nicht
erfüllt? Du bist noch jung. Solche Sachen ... Nun ja, jemandem wie dir kann es leicht so vorkommen, als stün de auf einmal das Universum offen, wenn ein älterer Mann einfach nur eine beiläufige Bemerkung äußert.« »Ich weiß darüber gut Bescheid«, stichelte M'Klea.»Aber ist ein Kaiser nicht der Traummann jeder Frau? Denk dir doch nur mal den Fall, er findet mich tat sächlich anziehend, Torkild. Als Kaiserin wäre es mir machbar, daß ich dir in vielerlei Hinsicht unter die Arme greife, Bruder. Es bliebe nicht beim Kommando über ein Raumschiff, sondern du könntest sicher Gouverneur wer den ... Oder vielleicht Oberbefehlshaber der ganzen Flot te. Die Möglichkeiten sind endlos, wenn du's mal genauer durchdenkst ... Und das wirst du, oder? Für mich, nicht wahr? Für deine M'Klea.« »Ja.« Torkilds Stimme klang heiser. »Wußtest du, daß wir hier unerhört viele wundervolle Neuerungen haben? Nachts sieht man jetzt derartig viel Stationen am Himmel, daß das ganze Firmament nur so glitzert. Es gibt mehr Delikatessen zu futtern, als du dir überhaupt vorstellen kannst. Die Händler jammern bloß noch, entweder weil sie alte, teure Waren nicht mehr ab setzen können, oder weil sie alles Erdenkliche zu Schleu derpreisen verhökern müssen. Aber egal, sie scheffeln so oder so mit beiden Händen Kredits. Die Fabrikanten schreien nach Arbeitskräften. Die Menschen wimmeln wie überdrehte Insekten umher, schuften den vollen Tag hindurch. Ich sage dir, es findet praktisch keine Gesellig keit mehr statt. Niemand hat noch Zeit für Parties. Ich hätte nie gedacht, daß Arpeggio je wieder der König un ter den Planeten werden könnte. Ich bin ja so stolz auf dich, Torkild! All das haben wir dir und deiner tapferen Crew zu verdanken.« Torkild lächelte erneut, seine gute Laune war wieder hergestellt. »Für dich, mein kleiner Engel, würde ich das Universum erobern.« »Und genau das, mein Frechling von Bruder, wirst du
für mich tun.« Ihr Tonfall vermittelte eine Andeutung von Gereiztheit. »Hättest du mich nur mitfliegen lassen.« »Für jemanden wie dich, Blume des Paradieses, ist ein Kriegsschiff nicht der passende Aufenthaltsort.« Mit gespielter Herablassung zwinkerte er ihr zu. »Romananerinnen und Patrouillenfrauen fliegen in Raumschiffen«, schmollte M'Klea. »Wir haben Bilder ge sehen. Der Messias sendet allerlei Informatives über sie. Aber ihre Frauen ... Sie sind fett wie Säue. Außerdem er weisen sie den Männern die widerwärtigsten sexuellen Dienste. Ich schwöre dir, sie sind sich nicht zu gut, um ...« »M'Klea!« fuhr Torkild auf, schoß senkrecht aus dem Kommandantensessel hoch. M'Klea kicherte fröhlich über die Reaktion, zu der sie ihn getrieben hatte. Verärgert hob er die Hände, klatschte sie auf den Sessel. »Eine Frau dei nes ... Wie kannst du nur?! Gütige Götter, Schwester! Wäre ich nicht zwanzig Lichtjahre entfernt, ich würde dir so den Po versohlen, daß du eine Woche lang nicht sitzen könntest.« Er steigerte seine Lautstärke. »Du bist eine Dame!« wetterte er. »Benimm dich entsprechend!« »Das war's dann für heute, Bruder.« M'Klea lächelte sichtlich zufrieden. »Wir alle senden dir unsere herzlich sten Grüße und wünschen uns, wir dürften bei dir sein.« Sie warf ihm eine Kußhand zu, und das Bild verflackerte. Torkild starrte die Mattscheibe an, lauschte auf das greuliche Geräusch seines Zähneknirschens. Unwillkür lich schenkte er — konnte in diesem Moment nicht anders — seine Aufmerksamkeit von neuem dem Holo, das zeig te, wie die Deus im Schwarz des Weltraums schwebte. Torkild schüttelte den Kopf. Nein, nicht Ngen Van Chow ... Das alles war nur M'Kleas überspannter Vorstellungs kraft entsprungener Unfug. *
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DEUS-TEMPEL IN BASAR-STADT, BASAR
Noch während die Donnerstimme durch den riesenhaften Saal der ehemaligen Moschee hallte, stand Susan schon auf den Beinen, hatte den Blaster gezückt und schußfertig in der Faust. In äußerster Hast suchte sie nach dem nächst besten Ausgang. An den Konsolen drehten die Techniker den Kopf, spähten im Saal umher, sahen schließlich Susan sowie Darwin und Geflügelter Stier Reesh, die sich jetzt ebenfalls schleunigst aufrichteten. »Da hinüber!« befahl Susan, tat einen Satz über nieder gekniete, mit Beten beschäftigte Basarer. »Nicht!« schrie Darwin, konnte sie gerade noch packen und zurückhalten. »Wir müssen durchs Hauptportal hin aus. Es ist der einzige Ausweg! Die Seitenpforten sind gefährliche Fallen. Auf diese Weise haben sie das Ganze nämlich abgezogen. An den Seitentüren ...« Ein Mann griff nach Susan. Nur dank seiner überlege nen Körpergröße gelang es Darwin, sie zurückzuzerren. Mit einem Mal erhoben sich die Gläubigen alle gleichzei tig vom Fußboden und starrten das Trio an. »Wir müssen hier raus ... Dort entlang! Schnell, ver dammt noch mal!« Darwin zog Susan mit sich durch die Menschenmenge in Richtung Mauer. Reesh deckte ihnen, indem er mit dem Blaster bedrohlich tief zielte, den Rük ken. »Wer ist Satan?« fragte der Priester auf der Kanzel. Seine Stimme durchdrang die plötzliche Stille mit der Schärfe eines Kriegsmessers. »Spinne!« grölte die Gemeinde. »Spinne! Spinne!« »Nieder mit Spinne!« brüllte der Priester, deutete mit beiden Händen auf Darwin und seine Beschützer. »Tod dem Direktorat!« »Tod!« gellte es aus den Mäulern der hohläugigen Menschenmasse, sie riß die Fäuste empor, schwang sie im Takt des eigenen Krakeelens. »Tod! Tod!« Sie drängte vor wärts, eine vom Rascheln der Gewänder und dem Tappen zahlreicher Füße begleitete Welle in Wutgekoller verfalle
ner Zeloten, Hände grapschten nach den Eindringlingen. Susan wandte sich um, kehrte den Rücken der Mauer zu, feuerte rasch einen Schuß auf den blökenden Priester ab.Fast traf sie ihn, der Blasterstrahl krachte ins Kanzelge länder, zertrümmerte es in Stücke, so daß der Mann eilig das Weite suchte, furchtsam und mit Holzspänen gespickt durch eine schmale Tür floh. Dann richtete sie den Blaster auf die Horden in Wü stengewänder gehüllter Fanatiker, die sich, die Fäuste ge reckt, Tollheit in den Augen, brüllend auf sie und die zwei Männer zuwälzten wie eine übermächtige Brandung. Drei Blasterstrahlen knatterten ins dichte Heranwogen der Gestalten. Glieder, Brustkörbe und Schädel barsten, als die verwundbaren menschlichen Leiber der Getroffe nen die geladenen Partikel absorbierten. Die Realität ver wandelte sich in ein Chaos aus Blut und Tod. Eine Sekun de lang blieb die Phalanx unbeeindruckt — dann jedoch jagte die schiere Gewalt der drei Waffen, indem deren Wirkung bei den Einzelnen im geistlosen Getümmel einen restlichen Selbsterhaltungstrieb wachrief, die Haufen zurück. Darwin zwang sich zur Ruhe und visierte durch die Zielvorrichtung die Nebenpforte an; sein Schuß traf eine Kontrollkonsole, so daß die Techs, als Metallsplitter und Keramikbrocken sie überschütteten, hastig Deckung such ten. Die wenigen Personen, die noch an der Pforte standen, kreischten auf einmal gräßliche Schreie hervor, langten sich an die Schädel, droschen auf die eigenen Köpfe ein, ehe sie zusammenbrachen, spastisch mit den Gliedmaßen um sich schlugen und traten. Mit grellem Aufblitzen loh ten Stichflammen aus den Konsolen, Rauch entquoll ihnen. Irgendwo im Tempel knisterten und knatterten Kurzschlüsse. Ein Alarmsignal schrillte durch den Wirr warr. Susan erhaschte einen Blick auf die entsetzliche Frat ze, zu der sich Pikes Gesicht entstellt hatte, während er aus
dem Blaster auf eine andere Seitentür feuerte. Auch dort hatte sein Treffer die gleichen Folgen und bescherte den in unmittelbarem Umkreis befindlichen Personen einen fürchterlichen Tod. »Bringt sie um!« erscholl ein Befehl aus der Mitte der Gemeinde, und sofort rückte die Menschenmenge wieder heran. »Da hinunter!« Susan begann sich an der Mauer ent langzudrücken. Sie hörte, wie Reesh und Darwin, wäh rend sie sich ihr anschlossen, untereinander tuschelten. »Ist dir klar, was Ngen macht?« rief Darwin ihr mit aus Entsetzen verpreßter Stimme zu. »Hast du's durch schaut?« Er packte sie am Arm und drehte sie zu sich um. Sie blickte in die Augen eines Menschen, der sich zum Äußersten genötigt fühlte. »Ja, ich hab's verstanden«, antwortete sie mit rauhem Krächzen, entwand sich seinem Griff und bestrich eine Gruppe von fanatisch brüllenden Zeloten mit mörderi schen Energiestrahlen. »Du mußt diese Information Admiral Ree und dem Direktorat mitteilen. Versprich mir, daß du's tust!« Pike kreischte regelrecht auf Susan ein. »Versprich's mir! Versprich's ...!« »Ja, verdammt noch mal, ich werd's tun!« schnauzte sie. »Und jetzt schieß, verfluchter Dummkopf! Wir müs sen sie uns vom Hals halten.« Sie wirbelte auf dem Absatz herum und erschoß einen Mann. Dabei sah sie nicht, wie Reesh und Darwin unvermutet mit Gebrüll mitten auf die Padri zustürmten, auf sie schossen, sie niederschlugen und -traten. »Halt, nicht, zurück!« schrie Susan ihnen einen Befehl nach, doch es war längst zu spät, um die beiden noch zurückzurufen. Zu ihrer Verblüffung fuhr Pike herum. »Duck dich!« heulte er. Reflexmäßig warf Susan sich flach auf den Tem pelboden, als Darwins Blaster unversehens auf sie zeigte — und mehrere Meter neben ihr ein Loch in die Mauer schoß.
Susan sah, behäuft mit aus der Wand gesprengtem Mörtel, halb blind vom herausgestobenen Staub, wie Pike ihr zuwinkte, sie aufforderte, durch die Bresche zu flüch ten. »Wir kommen gleich nach«, rief Darwin. »Halt uns den Weg frei!« Susan rannte, froh darüber, durch die Lücke Tageslicht zu sehen — helle Strahlen fielen durchs Umherwirbeln des Staubs —, zu der Öffnung. Sie tat einen Satz hindurch, stolperte über die Steintrümmer, vollführte eine Rolle, kam in Nahkampfhaltung, den Blaster bereit, auf die Füße. Doch sie stand lediglich in einer leeren Gasse. Der ersten folgte eine zweite Explosion, Mauerwerk stürzte herab, verschüttete die Bresche vollständig. Fas sungslos starrte Susan den Schutt an. Pike hatte sich den eigenen Fluchtweg verlegt! Seine Handlungsweise blieb unbegreiflich: Praktisch hatte er gerade sich selbst und Reesh zum Tode verurteilt. »So ein blödsinniger...!« Sie lief zur Vorderseite des Tempelgebäudes, beobachtete dort, wie in Massen bewaffnetes Wachpersonal aus Air mobilen quoll. Zusätzlich sausten Mannschaftswagen heran, Staub wallte über den Vorplatz. An allen Seiten strömten Verstärkungen aus ihren in rücksichtsloser Ra serei herbeigesteuerten Fahrzeugen. Pike hatte sich ge dacht, daß es so kam. Natürlich — er und Reesh, diese beiden verfluchten Narren, hatten sich abgesprochen! Darum hatte Pike sich so hartnäckig vergewissert, daß ihr in bezug auf Ngens Vorgehen alles klar war — und jetzt be fand er sich mit Reesh noch im Tempel, erschindete ihr Zeit für die Flucht. »Scheißkerl! Verdammter Scheißkerl!« Susans in der gegenwärtigen Kampfsituation verständliche Furcht wich höchstem Zorn. Dieser lausige Anthropologe hatte sie her eingelegt. Er hatte sofort erkannt, was die Geräte an den Nebenpforten bedeuteten, warum dort Techs an Kon trollpulten saßen, und gleich einen Plan ausgeheckt. Immer stärker erfüllte ein Gefühl von Schuld und Un
fähigkeit Susans verworrene Gedanken. Sie trug die Ver antwortung für diese Aktion. Pike hatte sich erneut als besonnener als sie erwiesen, das Handeln geplant, einen Ausweg gesucht, während sie sich wegen nichts anderem als einem Hologramm egozentrisch in Gefühlsmatsch ge suhlt hatte. Seit sie durch Ngen gedemütigt und demora lisiert worden war, hatte sie sich nicht mehr so wenig be rechtigt zum Leben wie heute gefühlt. Sie biß sich auf die Lippe und machte sich im Sprinter tempo zu Weißer Adler und dem Airmobil auf, zerbrach sich unterwegs angestrengt schier den Kopf, um diesen kleinen Wichtigtuer Darwin Pike zu begreifen, bedauerte es schmerzlich, daß ihm nun der Tod drohte. Doch gleich zeitig schalt sie sich, weil das, was sich in ihrer Seele spie gelte, ihr überhaupt nicht behagte, für diese neue Gefühls duselei. *
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DEUS-VERWALTUNGSGEBÄUDE IN BASAR-STADT, BASAR
Pallas Mikros wandte sich, mehr als nur gereizt, in sei nem Büro dem Kommu-Apparat zu. »Haben Sie sie?« »Wir haben zwei von ihnen im Tempel in die Enge getrieben, Lord-Gouverneur«, erteilte ein dunkelhäutiger Wachmann ihm Auskunft. »Sobald wir gefechtsfeldbe herrschende Schußpositionen besetzt haben, können wir sie zusammenblastern.« »Nicht doch!« brauste Pallas auf, drosch eine Faust auf den Tisch, so daß aus den innenbeleuchteten Ringen an seinen Fingern Lichtblitze gleißten. »Ich will sie lebend. Wir müssen wissen, wer sie sind. Es handelt sich ja um keine Basarer. Es muß geklärt werden, was sie hier woll ten. Ist Ihnen einsichtig, weshalb das seine Bedeutung hat, Korporal?« Der Mann nickte, entfernte sich im Laufschritt von sei nem Terminal und schnauzte Befehle. Pallas schwenkte eine unter dem Kuppeldach montierte Observationska
mera aufs Innere des Tempels ein. Nun konnte er das von den Störenfrieden verübte, unglaubliche Gemetzel sehen. Kreuz und quer lagen in der Tempelhalle die Leichen. Aus überall verstreuten, Rümpfen abgerissenen Gliedmaßen sickerte Rot auf den Steinboden. Leblose Augen stierten herauf in die Optik. Der übrige Mob der Gläubigen wimmelte durcheinan der, Wachpersonal schimpfte auf den Pöbel ein, versuchte alles, um Ordnung zu schaffen, die Haufen sinnvoll umzu gruppieren. Schließlich gingen die Padri unter dem Kommando kompetenterer Männer erneut vor, drangen auf den Winkel der Halle ein, in dem die beiden Fremden, teils gedeckt durch dicke, steinerne Säulen, Zuflucht gesucht hatten. Pallas sah, wie mehrere Angehörige des Wachpersonals eine zur Krawallbekämpfung bestimmte Stunnerkanone auffuhren. Deus sei Dank! Das Ding war für den Transport nach Arpeggio schon in einen Frachtcontainer gepackt gewesen. Als hätte Pallas etwas geahnt, hatte er den Versand noch aufgeschoben. Da fegte ein Blaster strahl empor an die Decke, schoß ein Loch in das alte Dach, so daß Ziegel, Mörtel und Staub auf die Gemeinde mitglieder herabhagelten. Deren Vorrücken stoppte, wäh rend Pallas' Monitorbild wackelte und schaukelte. Eine zweite Strahlbahn aus einem Blaster röhrte hinauf ans Dach, und noch mehr Gemäuer zerbrach, prasselte herab. Pallas raffte sich mit Mühsal von seinem Platz hoch, gepackt von Faszination, als er durchschaute, wel che Absicht dahinter stak. Diese verdammten Idioten wollten das Dach zum Einsturz bringen! Und wo sie sich hinter den Säulen verschanzt befanden, hatten sie durch aus eine Chance, das Unheil zu überleben. »Die Stunnerkanone zurückziehen!« keifte Pallas in den Kommu-Apparat. »Zurück! Unter der Kuppel weg!« Er sah die Stunnerkanone gerichtet werden. Ein blaues Energiegespinst flackerte aus der Mündung, waberte in die Ecke des Tempels, gerade als ein weiterer violetter
Blasterstrahl die Decke traf. Vor Pallas' aus Schreck ge weiteten Augen trudelte die Kamera auf das Geschiebe der Menschenmenge drunten im Saal hinab. Als sie laut los aufprallte, zuckte er zusammen, begaffte die eintönig graue Mattscheibe. Er stellte eine andere Verbindung her. »Nehmen Sie die beiden Blasterschützen in Gewahrsam«, befahl er dem Offizier, der die vor dem Tempel aufgefahrenen Verstär kungen kommandierte. »Sie finden sie links hinter den Säulenreihen. Das Team drinnen hat sie noch lähmen können, ehe das Dach eingestürzt ist. Es geht keine Ge fahr mehr von ihnen aus ... Und vielleicht sind sie mit dem Leben davongekommen.« Pallas setzte sich wieder in den Sessel. Wer waren diese wahnsinnigen Berserker? Er schüttelte den Kopf. Nach allem, was er mitverfolgt hatte, war von einem der Eindringlinge ein Loch in die Außenmauer geblastert wor den, durch das der dritte Komplize geflohen war, und da nach, sobald er als vorerst entwischt gelten konnte, hatte der andere Fremde den Fluchtweg durch noch einen Bla sterschuß zerstört. Aber war der Flüchtende tatsächlich ins Freie gelangt? Nochmals schüttelte Pallas den Kopf. Es blieb egal. Ein Einzelner konnte in der Stadt unmöglich weit kommen »Der Raumhafen ist bei Tag und Nacht unter strengste Bewachung zu stellen«, ordnete er an, schenkte sich ein Glas Wein ein. »Außerdem sind vierundzwanzig Stunden am Tag Streifen durch die ganze Stadt durchzuführen. Jede Person, die nach der Sperrstunde angetroffen wird und keinen Dienstplatz nachweisen kann, ist sofort zu verhaf ten und bei Gegenwehr zu exekutieren.« Ein Korporal salutierte, und Pallas desaktivierte das Kommu-Gerät. Er seufzte und trank vom Wein. Gerade als Basar keinen höheren Stellenwert mehr einnahm, war endlich einmal etwas Interessantes passiert. Unter Pallas' straffem Regime hatte die Bevölkerung längst jede Fähig keit verloren, sich zu einer Gefahr zu entwickeln. Die
Rebellen in der Wüste, eine jämmerlich winzige Clique, schafften es nicht, die Mehrheit des unter Psychingkon trolle gezwungenen Volks aufzuhetzen. Basar war ge zähmt worden. Pallas lachte vor sich hin. Und jetzt ver suchte man es mit einem so läppischen Anschlag? Er war zu schwach gewesen und zu spät geschehen. Inzwischen hatte die Unterwerfung Mysteriums ange fangen, auf einem Großteil des Planeten stampfte man Deus-Tempel aus dem Boden. Nach der Vollautomatisie rung der basarischen Produktionsstätten sollte Pallas dort seine Gewitztheit an einer gebildeteren Population erpro ben dürfen. Auf Basar wurden momentan die letzten ver waltungsmäßigen und logistischen Probleme behoben. Schon hatte ein weniger begabter Administrator als Pallas die Basarer an die Kandare genommen. Auf dem Bildschirm erschien ein Gesicht. »Wir haben sie, Sir. Beide leben. Sind sind in Magnetfesseln gelegt worden.« Pallas lächelte. »Prächtig. Bringen Sie sie in mein Ver hörzimmer.« Er stand auf, und wie eine Marionette tat Tiara das gleiche, schloß sich ihm augenblicklich an. Zu nächst hatte ihre geistlose Gegenwart, weil sie ihn daran erinnerte, was Tiara einmal gewesen war, ihn verärgert. Aber die Blicke, die die wölfischen Typen des Wachperso nals ihr zuwarfen, glichen jedesmal seine Mißstimmung aus. Egal wie es um ihren Geist stand, ihr reizvoller Kör per konnte noch immer Eindruck machen.
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DREISSIG KM WESTLICH BASAR-STADTS IN DER NEENEGEV-WÜSTE, BASAR
Susan sprach kein Wort mit Weißer Adler, während das Airmobil über die Dünen und kahlen Sträucher hinweg
flitzte, felsige Höhenkämme überquerte und in vom Wind durchpfiffene Täler hinabtauchte. Nicht einmal die ungleichmäßige, ruckhafte Flugweise des Airmobils konn te sie von der Wut ablenken, die in ihr kochte, dem Gefühl einer bitteren Niederlage. In der engen Schlucht geriet das Airmobil, während Weißer Adler es durch die fürchterlich böigen Windströ mungen steuerte, die aus der tiefen Felskluft herauf schwallten, beinahe ins Kippen. Er flog langsamer und manövrierte vorsichtiger, Sandkörner schrammten über den Bug des Airmobils. Nach dem Parken wollte der trocken-heiße Wind sie von den Beinen reißen, kaum daß sie hinausgesprungen waren, umrauschte sie, während sie gebückt das Airmobil abstützten und darauf warteten, daß man die ST-Rampe aufklappte. Drinnen trennte das Zufallen der Luke sie vom Wind gewinsel Basars. Nur der körnige Sand in ihrem Haar und der Kleidung blieb vorhanden — und die Erinnerung an Darwin Pike. »Welche Nachricht liegt vor?« fragte sie, als sie die ST Zentrale betrat. Der Pilot hob den Blick. »Per Rafferstrahl ist ein Funk spruch von Mosche eingegangen. Er hält die feindliche Kommunikation unter Monitoring. Reesh und Pike sind geschnappt worden. Beide leben.« Mühsam schluckte Susan, krallte die Finger in die Rücklehne des Konturensessels. »Heiliger Spinne ...! Das heißt, sie sind Ngens Gefangene.« »Der Befehl lautet«, konstatierte der Pilot, »im Ver steck zu bleiben.« Susan biß sich auf die Lippe, preßte die Lider zusam men. Benommen nickte sie. »Ich ... ich habe Pike ja ge sagt, daß wir ihn... ihn zurücklassen, falls...« Sie knirschte mit den Zähnen. »Verflucht noch mal! Er hat das Risiko gekannt!« *
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DEUS-VERWALTUNGSGEBÄUDE IN BASAR-STADT, BASAR
Die Gefangenen waren bei Bewußtsein, als Pallas mit Watschelschritten seinen korpulenten Wanst in den klei nen Raum walzte. Er hatte mitangesehen, wie Ngen je manden vom Schlage Zekial Likuds in einen zittrigen Klumpen tränenüberströmten Fleischs verwandelt hatte, ehe er den Mann dem Psyching unterzog und damit dem jüdischen Widerstand das Rückgrat brach. Jetzt hatte er den Raum zur Verfügung, und es waren seine Gefange nen. Pallas betrachtete die acht eierschalenweißen Wän de, die sich vom Dach herabschrägten, unter dessen Mitte zwei kugelförmige Kommu-Geräte hingen. An der Seite stand die von Ngen so sachkundig benutzte PsychingAnlage. Selbstverständlich hatten die Wachleute die Festge nommenen entkleidet und unter Scanner-Verwendung ihre Körpern in jeder erdenklichen Hinsicht auf etwaig implan tierte Bomben untersucht. Der eine Gefangene, ein bronzebrauner Kerl, unter des sen Haut sich kraftvolle Muskelstränge wellten, sträubte sich energisch. Unter einem Schopf schwarzen, zu langen Zöpfen geflochtenen Haars blickten zwei wilde, dunkle Augen grimmig in die Welt. Der zweite Mann wirkte kläg lich deprimiert, mit seiner blassen Haut und den hellbrau nen Augen hinterließ er im Vergleich" zu seinem Kumpan, dessen Verhalten an ein eingesperrtes Raubtier erinnerte, einen ziemlich wehrlosen Eindruck. Gut. Wir bringen den Starken zum Quieken, dann wird der Schwache plaudern. »Wer seid ihr?« fragte Pallas ganz gelassen, checkte die Magnetfesseln, die seine Opfer auf den Paletten niederhielten. Nachdem er sich so davon überzeugt hatte, daß es keine Befreiungsmöglichkeit gab, schickte er die Lümmel des Wachpersonals mit einem Wink hinaus. Tiara trat vor, den Blick auf die Männer geheftet. Irritiert zog Pallas sie zurück. »Ihr wollt nicht antworten? Tja, ich dachte, wir hätten
auf diesem Planeten längst jedes Widerstandsnest ausge räuchert. Unsere Methoden sind sehr effektiv. Ihr solltet mir lieber die Wahrheit sagen. Dann wär's einfacher für uns alle. Zum Schluß werde ich sie doch erfahren, aber wenn ihr sie mir freiwillig erzählt, wären die Umstände ja für alle Beteiligten angenehmer, oder nicht?« Keiner von beiden sagte etwas; Pallas hatte auch nicht ernsthaft damit gerechnet. Pallas wandte sich dem flachen Behälter zu, in den man die Waffen der zwei gelegt hatte, hob einen Blaster heraus und besah ihn sich genauer. »Natürlich ... Patrouil lenmodelle. Aber wie seid ihr hergelangt? Es ist eine Tat sache, daß ihr oben im Orbit kein Schlachtschiff habt, soviel weiß ich. Habt ihr euch an Bord eines Kosmo schleppers eingeschmuggelt?« Er wölbte die Brauen, wäh rend er den Schwarzhaarigen anschaute. Der Mann spie ihn an. Pallas seufzte. »Ich hatte ehrlich gehofft, du wärst ein bißchen zugänglicher.« Belustigt lachte er auf. »Aber weißt du, es bedeutet keinen Unterschied.« Er plazierte ein Kontaktron auf seinen Kopf und lud das Psychingpro gramm. Von der Aufhängung in der Ecke schwenkte die kastenartige Vorrichtung herüber und senkte sich auf Oberende der Palette. Fast wünschte sich Pallas, er stünde vor einer etwas anspruchsvolleren Aufgabe. In mißver gnügter Gelangweiltheit leitete er die Psyching-Behandlung ein, die Maschine begann ihre Tätigkeit, tastete dem Mann ins Gehirn und ... Der markerschütternde Schrei, den der Gefangene aus stieß, schockierte Pallas dermaßen, daß er gar nicht daran dachte, das Programm abzuschalten. Statt dessen stierte Pallas Mikros völlig entgeistert den Mann an, der plötz lich, als erlitte er einen Anfall, im stahlharten Griff der Magnetfesseln zuckte und zappelte, unter dessen Haut sich konvulsivisch Muskeln wölbten und verkrampften, manche rissen infolge der rigiden Anspannungen, bildeten rundliche Beulen. Im Leib zogen sich Organe spasmisch
zusammen, Urin und Kot sprühten durchs Verhörzimmer. Doch es war das Gesicht des Mannes, das trotz Pallas' Grauen seine Aufmerksamkeit bannte. Die Augen quollen ihm buchstäblich aus dem Schädel, rollten da- und dort hin, je nachdem, wie sich die Gesichtsmuskulatur verzerr te. Die nervenzermürbenden Schreie des Gefangenen drohten Pallas das Blut in den Adern zum Gerinnen zu bringen, und ihn befiel ein heftiges Schaudern, als der Mann sich die Zunge abbiß, bis ihm an einem Streifen unzertrennten Gewebes ein Teil des blutigen Muskels seit lich auf die von Zuckungen entstellte Wange baumelte. Blut schäumte ihm von den Lippen, während er, anschei nend ohne Schmerz zu empfinden, seinen eigenen Mund zerfleischte. Pallas verspürte körperliche Übelkeit, als es ihm mit einer nachgerade gewaltsamen Willensanstrengung end lich gelang, die Augen von dem Anblick zu wenden, und er beendete das Programm. Die Gestalt auf der Palette er schlaffte, lag gleich darauf stocksteif da. Während der Sekunden, die Pallas abwarten mußte, bis sich sein ins Rasen geratener Herzschlag mäßigte, warf er einen Blick auf den zweiten Gefangenen. Dessen Gesicht hatte sich zu einer Grimasse ungläubigen Entsetzens ver zogen, aus nahezu glasigen Augen glotzte er auf den Leichnam seines Kumpanen. Sogar Tiara wirkte, als übte der Vorfall auf sie einige Faszination aus; vielleicht hatte er bei ihr an eine tiefsitzende Angst gerührt. »Ganz erstaunlich«, hörte Pallas sich äußern. Der überlebende Gefangene blickte auf; seine Pupillen waren geweitet, mühevolle Atemzüge durchbebten seinen Körper. Fast blicklos schaute er Pallas an, ehe er seine von Furcht geschärfte Aufmerksamkeit wieder den gräßlichen menschlichen Überresten auf der Palette widmete. Pallas verständigte die Wache. »Entfernen Sie hier die sen ... ah ... und veranlassen Sie eine Autopsie. Ich will wissen, was vorgenommen worden ist, damit beim Psy chen so ein Ergebnis herauskommt.« Ein Posten kam her
ein — und blieb ruckartig stehen, um erst einmal seinen Schrecken zu überwinden. Er streifte Pallas mit einem furchtsamen Blick, und als er den Leichnam zur Tür hin ausschleifte, hatte er zu zittern begonnen. Pallas rang die Hände, als könnte das farbenfrohe Schillern seiner Ringe sie vom Blut des Fleischabfalls reinwaschen, in den er seinen ersten Gefangenen verwan delt hatte. Abschätzenden Blicks musterte er Darwin. »Ihr seid also gegen das Psychen immunisiert worden?« Diesmal klang sein Lachen unsicher. »Dann muß ich wohl, denke ich mir, zu anderen Maßnahmen greifen. Wie lautet dein Name?« »D-D-Darwin Pike«, quetschte der Mann nach mehre ren vergeblichen Versuchen hervor. »Aha.« Pallas griff auf die Kommu-Datenspeicher zu. Über einen Darwin Pike lagen keine Informationen vor. »Wer hat dich geschickt, Pike?« Keine Antwort. »Wie bist du hergelangt, Pike?« Keine Antwort. Pallas trat näher und gab Pike einen wuchtigen Box hieb ins Weiche unterhalb der Rippen. »Das ist nur der Anfang, Pike. Ein ganz bescheidener Einstieg im Ver gleich zu dem, was dir noch bevorsteht. Hast du mich ver standen? Weißt du, ohne das Psyching wird eine Verneh mung nämlich zu einer echten Herausforderung. Ich muß dir Schmerzen zufügen. Wenn dein Leid unerträglich wird, wirst du sprechen. Das ist ein altes, seit der Einfüh rung des Psychings weitgehend vergessenes Verfahren. Aber ich habe mich darüber informiert, mußt du wissen. Es ist faszinierend, zu was Schmerzen einen Menschen treiben können.« Pike nickte und schaute auf; eine Sekunde lang be trachteten seine Augen die Decke, dann beließ er den Blick dort, hielt ihn fest nach oben gerichtet. In diesem Moment hatte es den Anschein, als ob ihm irgendeine sonderbare Kraft zuströmte, und auf einmal war er Pallas
ohne Furcht anzusehen imstande. Pallas blickte ebenfalls aufwärts, bemerkte jedoch nichts außer der Decke und den kugelförmigen Kommu-Apparaten; beruhigt holte er unter der Palette ein Instrument hervor. Äußerlich hatte das kompakte Gerät eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Zepter. Pallas lachte vor sich hin, während er den Roller an der Spitze des Instruments über Darwin Pikes nackten Körper bewegte. Die Schreie des Mannes klangen beinahe so schrecklich, wie sich vorher das Brüllen des anderen Gefangenen angehört hatte. »Also, Pike: Warum bist du hier? Wer hat euch zwei geschickt?« Keine Antwort. Tiara hatte sich vorgebeugt, während Darwins Geschrei ertönte, ihre Lippen hatten sich geöffnet; sie kam an die Palette und ergriff Pikes Glied. »Nicht jetzt, Tiara«, wies Pallas sie ab. Er neigte den Kopf, indem er ihn wieder Pike zuwandte, auf die Schul ter. »Sie ist konditioniert, weißt du. Ein nackter männli cher Körper ... Na, du kannst dir sicher denken, was ihr dabei einfällt.« Er zögerte. »Aber vielleicht könnten wir ja, wenn du vernünftig bist ... Sie ist eine begehrenswerte Frau. Sieh dir nur ihren Leib an, er ist wirklich der Inbe griff der Sinnlichkeit, bist du nicht auch dieser Meinung?« Pike biß die Zähne zusammen und schaute weg. Pallas rümpfte die Nase. »Na schön, dann eben nicht.« Er besah sich das bereitliegende Folterinstrumentarium und durchdachte die Optionen. Als er sich umdrehte, hatte Tiara sich mit den Lippen über das Glied des Gefangenen hergemacht. Mit gequälter Miene wand sich Pike und ächzte widerwillig. »Jetzt nicht, habe ich gesagt!« Verdrossen scheuchte Pallas sie beiseite. »Was für üble Folgen das Psyching bei ihr gehabt hat ... Du hast ja gar keine Ahnung, wie sie einmal gewesen ist ... Aber daß wir uns darüber unterhal ten, ist zwecklos, Pike. Du wirst von nun an meine Fragen
beantworten.« Pallas drückte einen elektrischen Stachel in Pikes Anus und schaltete den Strom ein. Der Schrei, den er Darwin damit entlockte, bereitete ihm tiefste Genugtuung.
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DEUS-VERWALTUNGSGEBÄUDE IN BASAR-STADT, BASAR
Leise summte die Kommu. Pallas wischte sich den Schweiß aus dem fleischigen Gesicht und hob den Blick. Auf dem Wandbildschirm erschien Ngen Van Chows Kon terfei. »Meinen Gruß in Deus, Gouverneur.« Seidenweich säuselte Van Chows Stimme durch den Raum. »Wie ich erfahren habe, interessiert die Patrouille sich endlich für Basar? Sie haben zwei ihrer Agenten dingfest gemacht?« Pike hatte um Atem gerungen; nun schaute er hinüber zum Wandmonitor und stöhnte röchelnd. »Wir haben nur noch einen Gefangenen, Messias. Lei der habe ich am anderen das Psyching versucht. Dabei ist er auf scheußliche Weise gestorben ... und ich möchte nicht, daß mir mit ihm hier das gleiche passiert.« Pallas machte eine Verbeugung. »Aber er wird reden. Es ist nur eine Frage der Zeit. Allerdings muß ich zugeben, daß seine Standfestigkeit mich überrascht.« »Sind Waffen erbeutet worden?« Pallas zeigte ihm erst die Blaster, dann die Dolche. Ngen nickte. »Kein Wunder, daß der eine irrsinnig gewor den ist. Sie haben Romananer erwischt, Gouverneur.« Ngen runzelte, während er überlegte, die Stirn. »Romana ner ...? Keine Patrouillenleute? Das ist ja ein ganz unglaublicher Fang, der Ihnen da gelungen ist. Er erlaubt Schlußfolgerungen, die ... Na, aber darüber werden wir uns später den Kopf zerbrechen. Lassen Sie mich Ihnen nun ein paar Anregungen geben ...« Eine Stunde verstrich, in der Pallas über das eindruk ksvolle Sachwissen des Messias ins Staunen kam. Anscheinend wußte Van Chow genau, wo man dem menschlichen Körper am stärksten zusetzen konnte. »Das ist ein Resultat meiner >Experimente<, wie ich's mal nen nen will, an Frauen. Ein Bestandteil des Vorgehens, mit dem man bei ihnen Geist und Leib separieren kann. So wie
ich es mit allen Finessen bei Lishia getan habe.« Pike drehte den Kopf; kalter Schweiß rann ihm übers Gesicht. Er sah den Messias mit unverhohlenem Haß und Abscheu an. »Er gafft nur an die Decke und schreit herum, Messi as«, faßte Pallas das Ergebnis der bisherigen Bemühun gen zusammen, tupfte sich mit einem Handtuch den Schweiß von Gesicht und Hals, spürte ihn zwischen seine Schulterblätter sickern. Tiara wartete, die Lippen leicht geöffnet. Verdammt noch einmal! Sie lechzte praktisch nach dem Mann. Ngen verzog das schmale Gesicht, und in seinen Au gen entstand ein dämonisches Glitzern. »Zu dumm, daß keine Freundin oder Geliebte da ist, um zuzusehen. Das Leid einer anderen, nahestehenden Person zerbricht Men schen stets schneller als eigenes ... Aber mir fällt etwas ein, daß ihn zum Sprechen bringen müßte. Wissen Sie, Pallas, der Mensch hat noch andere als seine körperli chen Schwächen.« Pike schloß die Lider, atmete tief durch. Sinnig legte Van Chow den Kopf seitwärts. »Sie sagen, Ihre Tiara taugt nichts mehr? Gut. Psychen Sie sie neu und konditionieren Sie sie darauf, alle Ihre Anweisungen genau zu befolgen.« Pallas zauderte; dann wandte er sich doch um und lud das Programm. Etwas später beobachtete Pike aus vor Schmerz und Elend stumpfen Augen, wie Tiara nackt unter dem Ka stenapparat hervortrat. Auf seinem Brustkorb glänzte an gesammelter Schweiß. Blase und Mastdarm hatten sich ihm, ohne daß er Scham empfunden hätte, längst entleert. In seiner Körperhülle schien die Qual fortwährend auf- und anzuschwellen. »Jetzt nehmen Sie das Skalpell«, sagte Ngen, »und schneiden Sie ihm den kleinen Zeh ab ... Einen von bei den.« Pike zitterte kaum, während Pallas das Glied abtrenn
te. »Und nun geben Sie den Zeh Tiara zu essen. Stellen Sie sicher, daß ...« »Ngen!« japste Pallas ungläubig, sein Kopf ruckte zu rück. »Zu essen ...? Tiara? Sie können doch nicht verlan gen ...« Ngen stützte die Fingerkuppen aneinander, verkniff leicht die Augen. »Pallas, denken Sie darüber nach, wel che Alternativen Sie haben. Sie arbeiten für mich. Von Anfang an sind Sie für mich tätig gewesen. Werden Sie mir jetzt nicht untreu ...« »Aber Tiara ist meine ... meine ...« »Entsinnen Sie sich an Zekial?« Van Chows Brauen rutschten aufwärts. »Aus dem, was Zekial zugestoßen ist, kann man eine ganze Reihe von Lektionen ableiten.« Er sprach sehr bedächtig und mit deutlicher Betonung. »Ich fordere sofortigen Gehorsam von allen meinen Mitarbei tern.« Pallas rang mit der Beengtheit seiner trockenen Kehle, schluckte hörbar. »Sorgen Sie dafür«, beendete Ngen seine unterbroche ne Anordnung, »daß Pike zuschaut, wie vor den eigenen Augen sein Fleisch verzehrt wird.« Pike schrie vor Grausen, als Pallas das gummiartige Stückchen Fleisch und Knochen Tiara reichte, die stumm und mit völlig leblosen Augen in der Nähe stand. »Tiara ... iß«, befahl Pallas mit vollkommen tonloser Stimme. Pallas schauderte zusammen, als er hörte, wie ihre Zähne auf den Knochen mahlten. Unmöglich! Er erinner te sich an die vielen Male, die ihr Mund seine lüsternen Küsse erwidert hatte, die sie mit ihren Lippen ... Er schüttelte sich. Pike stieß ein Geheul aus, während Pallas seine Lider festklebte und mittels eines Fixierfelds seinen Kopf in die richtige Haltung brachte. »Jetzt den nächsten Zeh«, befahl Van Chows Säusel stimme.
Pallas Zunge leckte über seine ausgetrockneten Lip pen. Van Chow schenkte nun seine Aufmerksamkeit Pike. »Hör zu, Pike. Du kannst uns ruhig sagen, wie du nach Basar gelangt bist. Wir sind wahrhaftig nicht deine Fein de. Du selbst, mein Freund, kannst diesem schrecklichen Alptraum ein Ende bereiten. Sprich ganz einfach mit uns. Ist es denn nötig, daß du dich um solche Standhaftigkeit bemühst? Sicherlich ist dir doch einsichtig, daß niemand der Hand Gottes widerstehen kann? Deus tritt die Herr schaft über das Universum an. Willst du Gott trotzen?« Pikes Augen zuckten, er verdrehte sie, schielte nach oben, als könnte das ihm irgendwie eine Hilfe sein. Tiara stand jetzt dicht neben ihm. Van Chows Stimme, von der geradezu eine Einschläferungswirkung ausging, raunte immerzu weiter, während Pallas mit seiner schauerlichen Prozedur fortfuhr. »Nein!« wiederholte Pike ständig zwischen nervtöten den Schreien. »O mein Gott, nein!« »Sein Verstand läßt nach«, stellte Van Chow fest. »Ich bin wirklich nicht mehr davon überzeugt, daß wir aus ihm noch etwas herausholen können. Das ist ja reichlich unge wöhnlich.« »Soll ich weitermachen?« fragte Pallas. Schweiß perl te ihm über Nase und Speckbacken, rann ihm in die Wül ste des Kinns. Trotz seiner Umsicht trübte inzwischen Blut den Glanz seiner Ringe. Eine Sekunde lang dachte Ngen nach, dann schüttelte er den Kopf. »Hör zu, mein Freund«, sagte er zu Pike in schmeichlerischem Ton, indem in seiner Stimme nachge rade eine traurige Flehentlichkeit anklang. »So muß es doch nicht weitergehen. Sind ein paar Worte denn soviel wert? Verrate mir, was dich dazu verleitet, dich für so gut wie überhaupt nichts derartig aufzuopfern. Werden deine Freunde je von deiner Standfestigkeit erfahren? Dich da für anerkennen, daß du dich als so erheblich tapferer als sie erweist? Sie haben dich längst abgeschrieben. Wo
stecken sie denn jetzt, Darwin Pike? Fühlen sie, was du gegenwärtig fühlst, spielt es für sie eigentlich eine Rolle, wo du bist? Nein, natürlich nicht. Eine halbe Galaxis ent fernt sind sie, lachen über dein Schicksal. Sprich mit mir ... Sei mein Freund.« Pallas wackelte mit dem Kopf. Ngens sanfte Stimme zerrüttete allmählich sein mittlerweile ausgelaugtes Ge müt. Er ertappte sich dabei, wie er flüsterte, er würde al les sagen, zwang sich mit einem Ruck dazu, seine Beach tung wieder der scheußlichen Wirklichkeit der Situation zu schenken. In tiefem Staunen maß er Pike mit einem langen Blick, fragte sich, wie der Mann es schaffte, der maßen hartnäckig zu bleiben. In Rinnsalen schimmerten Tränen auf Pikes Gesicht, während Pallas die Folterung fortsetzte. Der Gouverneur mußte gegen immer stärkere Mulmigkeit in seinem Ma gen ankämpfen, schöpfte einen ergiebigen Atemzug küh ler Luft. Er war doch wohl abgebrühter, als er jetzt zu sein schien? Wie konnte Pike sich selbst so behaupten, woge gen er, Pallas Mikros, der ihn vernahm, infolge der Streß belastung schon kurz vorm Umfallen stand? Hatte Zer marterung und Anblick seines Fleischs auf ihn denn kei nerlei ...? Es gruselte Pallas. »Darwin«, murmelte Van Chows Stimme salbungsvoll, »würdest du nicht lieber in einem Stück auf deine Heimat welt zurückkehren?« Sein in der Wiedergabe des Wandmonitors stark vergrößertes Gesicht dominierte das Verhörzimmer. »Dort muß doch eine Frau auf dich war ten ...« Pike zuckte zusammen, und Ngen schmunzelte, seine Stimme sank auf einen samtigen Flüsterton ab. »Ja, eine Frau ... Eine Romananerin, die dich wiedersehen und in ihre weichen, warmen Arme schließen möchte. Ei ne Frau mit schwarzem Haar und tiefen, leidenschaftli chen Augen.« Für einen Moment schwieg Van Chow, schloß die Au gen, als besänne er sich auf etwas. »Eine Frau mit einer Haut wie Seide. Fühlst du sie, Darwin? Spürst du ihre
Wärme? Denk an sie, Darwin. Denk an sie und daran, wie gerne du jetzt bei ihr wärst ... wie gerne du sie in den Ar men hieltest, um ihre Liebe zu genießen.« Nach knappem Zögern: »Eine Frau wie Tiara.« Pike wand sich auf der Palette, winselte kläglich, sein verzerrtes Gesicht spiegelte seine ganze Qual wider. »Ich muß für einen Moment hinaus, Messias«, sagte Pallas mit rauher Stimme. Er mußte sich ganz einfach vorübergehend Ngens suggestivem Geflüster entziehen. Er brauchte frische Luft. Achtlos schwankte er zur Tür, überließ es Pike und dem Messias, sich selbst miteinander zu befassen. Pallas Mikros schloß hinter sich die Tür, sackte müde rücklings dagegen, gab momentan nichts um die Wache, die ihn befremdet anstarrte. Er schnaufte nach Atem, saug te die kühle, reine Luft in die Lungen. Nichts in sei nem gesamten, langen Leben hatte ihn jemals in solchem Maß wie dies hier aufgewühlt. Er ließ seine massige Ge stalt auf den Boden hinabrutschen, bibberte fast, während der kalte Durchzug, der den Gang durchwehte, und die trockene Luft ihm die Ströme von Schweiß vom fetten Hals sowie aus dem Hemd verdunsteten. Die Augen geschlossen, blickte er zum erstenmal auf sein verflossenes Leben zurück. In Teufels Namen, war um wurde Pike nicht weich? Verfluchter Kerl! Pallas be fürchtete, er könnte zusammenklappen, bevor Pike end lich nachgab und redete. Worin fand der Mann so eine unglaubliche Widerstandskraft? Er glotzte nur empor an die Decke, und schon war sein Mumm wiederhergestellt. Pallas stutzte, setzte sich auf: Was gab es da oben an der Decke? Er raffte sich hoch und öffnete die Tür. Der Gestank aus dem Verhörzimmer rief augenblicks die dar in geschehenen Widerwärtigkeiten in Erinnerung und schlug ihm wie eine feuchtklamme Riesenfaust entgegen, raubte ihm so den Atem, daß ihn Brechreiz befiel, er sich fast vollkotzte. Er zwängte seinen Fettwanst hinein, sein Blick streifte
Pike, dessen trocken-matte Augen Brunnenschächten des Grauens glichen, während Ngen ununterbrochen seine Halsstarrigkeit zu untergraben versuchte. Pallas schaute hinauf zur Decke, an die Pike von Zeit zu Zeit kurz hin aufstierte. Die zwei dunklen Kugeln der Kommu-Monitoren, eine größer als die andere, hingen nebeneinander; die acht Kanten der Wände verliefen abwärts wie dünne Spinnenbeine. Bemerkenswertes gab es dort nichts. Die Stirn zu einem finsterem Ausdruck gefurcht, wand te sich Pallas um, beobachtete Pike. Die Lösung des Pro blems, wie Pikes Wille gebrochen werden konnte, schwebte unmittelbar unter der Oberfläche von Pallas' Wachbewußtsein. »Schneiden Sie ihm einen Streifen Fleisch heraus, wenn Sie so freundlich sein wollen, Gouverneur.« Es schien Van Chow Kummer zu verursachen, diese Wei sung erteilen zu müssen. Pallas nahm das Skalpell zur Hand und machte sich erneut an die Arbeit. Er hörte zu schneiden auf, weil plötz lich der Fußboden schwach erbebte. Weil kein weiteres Beben sich anschloß, setzte er gleich darauf, während Pikes überanspruchte Stimmbän der ein grauenhaftes Kreischen hervorgellten, zu einem weiteren Schnitt an. Die unheimlichen Töne taten Pallas' Ohren weh und stachen ihm bis in seine Seele. In der Ferne rumorte Donnerschlägen ähnliches Rum peln, und das Gebäude erzitterte ein zweites Mal. »Was war das?« fragte Ngen Van Chow. »Nichts weiter, Messias. Sie wissen, wie der Sand in die Atmosphäre hochgeweht wird, wenn der Wind kräftig bläst. Die Luftströmungen steigen höher, und die Rei bung unterschiedlicher Luftzonen ionisiert den Staub. Sobald die positive und negative Ionisierung eine gewisse Stärke erreicht, entstehen Blitze. Für heute abend ist ein Elektrosturm vorhergesagt worden. Anscheinend ist er jetzt da. Es wird noch lauter donnern.« Nochmals erbebte das Gebäude. Ngens Stimme sprach
wieder in der zuvorigen, schläfrigen Monotonie. »Sag mal, Pike: Wer ist Gott?« Der Mann wisperte etwas, seine fiebrigen Augen blik kten abermals hinauf zur Decke. »Wer?« Pallas beugte sich vor, versuchte das mit brü chiger Stimme gewisperte Wort zu verstehen. Die krampf artigen Anfälle von Tremores, die Pikes Körper immer wieder durchschlotterten, bereiteten ihm Sorge. »Spinne ...«, flüsterte er schwächlich. Pallas vollführte ruckartig einen Rückwärtsschritt und hob den Blick an die Decke. Nun wurde ihm alles klar. »Na freilich ...!« »Was ist los, Gouverneur?« wollte Ngen halblaut erfahren. »Dieses Zimmer ist so konstruiert, daß er in der Weise, wie die runden Kommu-Geräte und die Wände unter der Decke in seinem Blickfeld zusammenlaufen, die Gestalt einer Spinne sieht. Für ihn ist es, als ob wir unter einer rie sengroßen Spinne stünden.« Pallas schwenkte den Ausleger der Psyching-Anlage so über die Palette, daß der am äußeren Ende befindliche Kasten Pike den Blick auf die Zimmerdecke verwehrte. »Nun werden wir ihn kleinkriegen, Messias«, versi cherte Pallas und spürte, als weitere Blitzschläge seine Beteuerung unterstrichen, wie der Fußboden erneut zitter te. »Nein!« kreischte Pike auf, versuchte verzweifelt, die Augen wieder an die Decke zu richten, stemmte den Kopf gegen die Magnetfesseln, doch der Kasten mit den Scan ninginstrumenten der Psyching-Anlage, der über ihm schwebte, versperrte ihm effektiv die Sicht. Er schrie noch entsetzlicher, stieß ein langgedehntes Klagegeheul aus, das Mikros' Nerven gehörig angriff. Pallas nahm das Skalpell zur Hand. »Kastrieren Sie ihn«, befahl Ngen. Pallas zitterte, spürte, wie sein Magen sich aufbäumte. Pikes verworrenes Stammeln und Lallen hatte auf sein
ervlich angeschlagenes Gemüt eine ähnliche Wirkung, als ob jemand auf Schiefer herumkratzte. »Überlege mal, Pike. Überlege!« Von neuem drang Ngens halblaute Stimme in Pallas' vom Ekel verwirrte Sinne. »Erinnere dich an dein romananisches Mädchen, das soviel Ähnlichkeit mit Tiara hat. Schau dir die Herr lichkeit ihres Körpers an. Sieh sie dir an, wie sie nach und nach dein Widerstandsvermögen aufzehrt, Darwin. Weißt du, genau das ist es, was Frauen tun. Sie richten dich zugrunde und verschlingen, was du bist. Komm, sprich mit mir. Sei mein Freund, und ich werde die Romananerin vernichten, die dich so entmannt. Denk an die vielen Male, die sie dir weh getan hat. Sogar dein Spinne ist fort, hat dich verlassen. Du bist jetzt mit uns allein. Laß dir von uns helfen. Hilf mir, Darwin. Schließ dich mir an. Laß uns dem Leid ein Ende machen. Wir wollen ...« »Ich ... ich ...« Zwischen seinem jämmerlichen Schluchzen quetschte Pike erstickt Wörter heraus. »SuSusan ...?« Er verfiel in ein spasmisches Zucken, nu schelte unterdrückt. »Sie hat gesagt ... sie wird mich ... wird mich ...« »Jetzt haben wir ihn soweit«, stellte Ngen leise fest. Ein Blitz knallte, erschütterte bedrohlich den ganzen Bau. »Meine Güte, das war nah.« Nervös lachte Pallas. Ihn beschäftigten Gedanken an Tiaras Mund, die Art und Weise, wie sie damit ... In diesem Augenblick übergab sich Tiara. Pallas sah es, versuchte seinen Magen, der sich gleichfalls umdrehte, noch zu bändigen — und erbrach sich ebenfalls. »Pallas!« maulte Van Chow grob aus der Kommu. »Das ist doch wohl das Dümmste, was ... Verflucht noch mal, Pallas, gerade hatten wir ihn reif! Es kann Stunden dauern, ihn wieder soweit zu bringen.« Nochmals dröhnte Donner, das ganze Verhörzimmer schien zu wackeln, und diesmal hatte Pallas, während er sich mit seinem überreizten Magen abplagte, den Ein druck, er hörte gleichzeitig Menschen rufen.
»Spinne!« grölte Pike plötzlich mit voller Stimmge walt. »Ich kann dich nicht sehen! Reesh, komm zur mir zurück! Verleih mir Kraft, Bär! Laß mich nicht im Stich!« Sein Brüllen, das selbst härteren Naturen als dem Gouver neur an die Nieren gegangen wäre, zersetzte Pallas' Durchhaltewillen vollends, er wankte rückwärts. Der Gouverneur schüttelte den Kopf, stierte Tiara an, die wieder still dastand und wartete; Rinnsale roten Bluts gaben ihrem Hals und ihren Brüsten ein gemasertes Aus sehen. »Ich muß ... ich muß gehen«, murmelte er, wischte sich den Mund, fragte sich beim Geschmack des Erbro chenen, ob er je wieder dazu fähig wäre, irgend etwas zu essen. »Bleiben Sie da!« hallte ihm ein neuer Befehl Ngen Van Chows hinterher. Pallas torkelte zur Tür, riß sie gerade rechtzeitig auf, um die Wache in einem grellen Aufblitzen verschwinden zu sehen, ein abgetrennter Arm trudelte an Pallas Gesicht vorbei und klatschte gegen die Wand. Er lehnte sich an die Tür, schwankte auf der Stelle, hin ter ihm tobte Ngen Van Chow vor Wut und stieß Pike ein furchtbares Gezeter aus. Pallas versuchte zu begreifen, was eigentlich in der Welt vorging. Er sah eine junge Frau — ein wirrer Schopf langen, schwarzen Haars umflatterte sie — eine Gruppe Bewaffneter in Schutzpanzern, die sich mit lautstarken Rufen verständigten, durch den engen Korridor führen. Sie drückte ihm einen Blaster ans Kinn. »Wo ist Pike? Wo ist er?« Ihr ungestümer Blick schüchterte ihn restlos ein, trieb ihm alle Neigung, sich womöglich zu wehren, endgültig aus. »D-Da«, vermochte er nur heiser zu krächzen. Da bemerkte sie den Gestank, sie verzog das Gesicht, drängte sich an seiner fettleibigen Gestalt vor über. Pallas taumelte über die Schwelle, sah die Schwarzhaarige verharren, die Augen auf Ngens Monitor-Abbild geheftet.
»Susan...!« gurrte Ngens Stimme. »Wie schön, dich endlich wiederzuse ...« Die Frau hatte zur Seite geschaut, Pike erkannt, warf dem Messias nun einen Blick unermeßlichen Hasses zu. »Scheusal! Sirianischer ABSCHAUM!« »Ja, ich habe ihn dir zerschnippelt. Aber laß nur ... Komm zu mir. Ich sehne mich danach, deinem wunder vollen Körper die größte Lust zu ...« Das Gesicht des Messias zeigte noch ein erwartungs volles Lächeln, als die Frau den Monitor von der Wand schoß, dann sichtlich erschüttert zurückwich, ihre Miene erbleichte, während sie um Beherrschung rang. »Spinne?« rief Pike schwächlich, versuchte den Kopf zu drehen, als die Romananer durch den Eingang herein stürmten; ihre Mienen spiegelten äußersten Abscheu wi der, während sie sich, ihren Schwung abbremsend, im Ver hörzimmer umherblickten. Zittrig straffte sich das Kriegsweib, desaktivierte mit tels der Kontrollen an der Wand das Fixierfeld. Pikes ver stümmelte Gestalt erschlaffte vollständig. Die Frau fing ihn auf, als er von der Palette zu plumpsen drohte, ob wohl der Anblick der blutigen Scheußlichkeiten sie merk lich anwiderte, ihr Gesicht wurde spitzig, als sie seinen blutigen Unterleib sah. »Den ST her, schnell!« Danach wandte sie sich an Pal las. »Wo ist Reesh?« »Der andere ist tot«, hörte Pallas sich antworten. »Das Psyching hat ihn um den Verstand gebracht ...« Pallas entging es, wie der Romananer zuhackte, doch unvermutet rollte mit unverändert dumpfen Augen Tiaras Kopf über den Fußboden, durch Blutschwälle aus den Halsschlagadern besudelte jetzt weit mehr als nur das ge ronnene Blut ihren Mund. Ihre enthauptete Gestalt fiel seitwärts um. Daraufhin begann Pallas zu weinen. Er weinte, als ein Dolch sich in seinen feisten Bauch bohrte, wie ein Sengen durchs Fett schnitt, er dann den glutheißen Schmerz zer
trennter Eingeweide spürte. Er weinte noch, als man ihm das Haar samt Kopfhaut vom Schädel fetzte und liegen ließ, als wäre er schon tot. Zu seinen letzten Eindrücken zählten das Pfeifen eines Patrouillen-ST und das jetzt deutlich unterscheidbare Knattern mittelschwerer Militär blaster, wie es Millisekunden vor den nachfolgenden Ex plosionen erscholl, die die Welt bis in ihre Grundfesten zu erschüttern schienen. Er sah eine mit einer Kapuzenkutte bekleidete Erschei nung hereinkommen und sich bedächtig im Verhörzimmer umschauen. Pallas kauerte, halb blind von dem Blut, das ihm vom wie glühenden Schädel in die Augen rann, auf dem Fußboden. Die Gestalt schien zu schweben, ihr Gesicht blieb im Schatten der weiten Kapuze verborgen. Kein Geräusch ertönte, als sie sich an ihm vorbeibewegte. Pallas' Augen hatten sich, als er tot war, zur Decke hin aufverdreht, so daß man hätte meinen können, er blickte die riesige Spinne an, die über ihm stand. Susan führte ihren Stoßtrupp zurück durch die Flure des Verwaltungsgebäudes. Das anscheinend nur noch zum Wimmern fähige Wrack von Mensch, das sie als Darwin Pike gekannt hatte, flößte ihr tiefste Betroffenheit ein. Gleichzeitig jedoch pochte ihr Körper von Lebendigkeit, strotzte vor Kraft, wie auf einem Wellenkamm trug die Wut, die sie antrieb, sie vorwärts. Oh, wie herrlich war der Augenblick gewesen, in dem sie Ngens Visage in Stücke geschossen hatte! Das war der erste Schritt auf dem Weg der Rache, du sirianischer Lumpenhund! Ich schwöre dir bei Spinne, Ngen, daß ich dir von nun an auf den Fersen bleibe. Ich werde dich stellen, und dann werde ich die Siegerin sein. Ihr Blick fiel auf die Holo-Kassette in ihrer Hand. Aufgrund ihrer Erfahrungen als Ngens Gefangene hatte sie mit so etwas gerechnet gehabt und es an sich genommen, anschließend die Kommu-Geräte zu Schrott zerblastert. Sie schob die Kassette in eine Gürtel tasche, entsann sich plötzlich an Rita Sarsa, die an einem
anderen Zeitpunkt ähnlich gehandelt hatte. Unversehens machte eine anfallartig-rasereihafte Regung schlechten Gewissens ihr zu schaffen. Sehr vieles wurde ihr jetzt auf einmal klar. Wie hatte man es nur so lange mit ihr ausge halten, ihr die ganze Zeit hindurch sogar noch Vertrauen schenken können ...? Der ST flog ein, jaulte auf seinem Kurs über die niedri gen Flachdächer der lehmbraunen Häuser hinweg. Er sauste aus dem Staubgewirbel nieder wie ein Wurfspieß der Rache, gleißende Blasterstrahlen fauchten auf alles herab, was einem einigermaßen lohnenden Ziel ähnelte. Im blutroten Schein des Sonnenuntergangs verwüsteten die violetten Strahlen Bauwerke in einem Aufstieben von Dreck, Stein und Wolken aus Graphitstaub. Im Lauf schritt kamen zwei andere Stoßtrupps Susan entgegen, zerblasterten Bauten, schleuderten Sonikgranaten in Transformatorstationen, schleppten die eine oder andere Beute mit. An einigen Gürteln hingen frische Coups, al lerdings längst nicht so viele, wie man sich normalerweise hätte versprechen dürfen — aber wer könnte es als Ehre betrachten, lebende Tote niederzumachen? Der ST landete inmitten eines neuen Aufwallens pulve rigen Sands. »Bringt Pike an Bord«, befahl Susan, ver suchte Darwins Verletzungen vor Verunreinigung durch den Staub zu bewahren. »Er hat erste Priorität.« Kaum war die ST-Rampe in den rotbraunen Lehm herabgerumst, beförderten Männer ihn ins Innere des mörderisch gefährlichen, weißen Flugapparats. »Sammeln«, rief Susan durch den Staub, den die Dü sen aufpeitschten, den Gestank, den sie verbreiteten. »Wir haben keine Ahnung, wieviel Zeit uns bleibt. Ngen weiß, daß wir hier sind. Wir setzen uns ab.« Sie zählte ihre Männer, während sie nach und nach die Rampe hinaufhasteten. Sobald sie sich davon überzeugt hatte, daß niemand fehlte, sprang sie geschmeidig selbst die Rampe empor und hieb die Hand auf die Taste des Ser vomaten. Hinter ihr schloß sich der ST, während Susan
sich einen Weg durch das Gewimmel ihrer Krieger bahnte. Die Beleuchtung trübte sich, als die Bordblaster Energie akkumulierten. Für eine Sekunde verhielt Susan, als sie im Vorbeigehen sah, wie man in der Krankensta tion Pikes blutverklebte Gestalt in eine Med-Einheit schob, dann eilte sie nach vorn, zur ST-Zentrale. Unter Geklapper klemmten die Krieger mit geübter Sicherheit ihre Blastergewehre in die Wandgestelle, schnallten sich in die Gurte, während die Gravo-Kompensatoren, als der ST himmelwärts schoß, die Neutralisie rung des Andrucks übernahmen. Als sie den Eingang zur ST-Zentrale durchquerte, stopfte Susan ihren Blaster ins Halfter und ließ sich in den Kommandosessel fallen. »Feuerleitoffizier!« blaffte sie, während sie ein Kon taktron überstreifte. »Beim Abflug alles beschießen, was in Reichweite liegt!« »Verstanden.« Sie stellte eine Verbindung zur Spinnes Vergeltung her. »Mosche, was habt ihr an Raumflugverkehr in der Naher fassung?« Auf dem Bildschirm erschien Mosches Gesicht. »Drei Kosmoschlepper kommen vom Transfer einiger Stationen zurück, Susan.« Sein Blick glitt durch seine Umgebung. »Ähm ... Und wir haben vier Stationen in der Ortung, die gerade von Kosmoschleppern abtransportiert werden.« »Kannst du die Stationen unter Feuer nehmen, wäh rend ihr uns entgegenfliegt? Wir steigen in den Orbit auf und belegen unterwegs alles mit Beschuß, was in Reich weite ist, ehe wir auf den Abflugvektor beidrehen.« »Läßt sich machen, Kommandantin.« Mosche nickte, die Andeutung eines grimmigen Lächelns auf den Lip pen. »Wir geben also die Tarnung auf, nehme ich an?« »Ja«, bestätigte Susan ermüdet. »Es gibt jetzt kein Zu rück mehr.« Mosche verstand die Antwort und nickte noch einmal, ehe sein Abbild verflackerte.
»Feuerleitoffizier!« Susan wandte den Kopf einem anderen Monitor zu. »Wir machen einen Rundflug. Den wollen wir nutzen, um einen Trefferrekord aufzustellen. Maschinenraum, volle Leistung! Wir setzen alles auf eine Karte.« Bestätigungssymbole flimmerten über die Bildfläche. Während der ST aus der planetaren Atmosphäre in den Weltraum überwechselte, blitzten blendend-helle Blaster strahlen aus dem Flugapparat und bohrten sich in die gro ßen Metallrümpfe der Stationen, die im Orbit kreisten. Die Wandungen der Habitate platzten auf, die Dekompression erfolgte, heraus schossen Humus, Luft, Maschinen, Tiere, Menschen und Vegetation. Susan ließ sich, den Blick unverwandt auf die Monito ren geheftet, vom Spendeautomaten einen Becher mit Kaffee füllen. Sie prüfte jeden Schuß auf seine Trefferwir kung. Optiken beobachteten jede Strahlbahn in ihrer Ziel richtung. In den bauchigen Außenseiten der Stationen bildeten sich Beulen, sie zerfielen, Atemluft trat in Form von Dunstwolken aus und kristallisierte, Feuchtigkeit ge fror. Flüchtig loderten Brände, bis aller Sauerstoff entwi chen war und die Flammen erstickten. Eine Station explo dierte, als es zur Überlastung ihres Reaktors kam, in einer grellen Detonation. Trümmer, Stahlplatten, Zerstäubtes und gefrorene Flüssigkeiten trudelten und sprühten aus zersprungenen Konstruktionen, so daß hinter dem ST eine Zone chaotischer Verwüstung zurückblieb. »Die meisten waren für Kampfhandlungen ungeeig net«, sagte Weißer Adler leise. »Sie dienten bloß zur Nah rungsmittelerzeugung und sonstigen Produktion für den Planeten.« »Ja, stimmt. Hast du deswegen Bedenken?« Weißer Adler hob die Schultern und senkte den Blick. »Mit so was verdient ein Krieger sich keine Ehre, hm? Nein, vielleicht nicht, Jose. Das hier ist eine etwas schmutzige, dafür aber um so wichtigere Attacke. Wir füh ren einen bedeutsamen Schlag gegen Ngens industrielle
Basis. Es würde mich nicht überraschen, wenn dort drüben in den Stationen ebenfalls nur geistlose Roboter tätig wären ... So wie unten.« Sie zeigte auf den Planeten. »Er läßt dort ein Heer gepsychter Menschen zurück. Wenn wir nicht schnell und wirksam zuschlagen, können wir nicht siegen. Darüber denke mal nach, Jose. Entweder wir — oder sie.« Jose Grita Weißer Adler nickte, schluckte schwer, ver folgte grimmigen Blicks, wie der ST unter den schutzlo sen Stationen Tod und Verderben säte. »Ich habe ihnen in die Augen geschaut, Susan. Was ich gesehen habe, ist Spinne ein Greuel. Menschen ohne Seele. Verstehst du, was ich sagen will?« Susan streckte den Arm aus, faßte Weißer Adler an der Schulter und schüttelte sie kameradschaftlich. »Mosche ...« Susan kontaktierte nochmals die Spinnes Vergeltung. »Ich übermittle euch alle Informationen, die wir haben, darunter Aufzeichnungen von Befragungen einiger der Zombies, die drunten anzutreffen waren, und Bildmaterial. Es muß sofort dem Admiral weitergeleitet werden.« »Alles klar, Kommandantin, wir empfangen und spei chern. Wir strahlen es ab, sobald ich die Antenne ausrich ten kann. Das müßte ... Moment mal, bleiben Sie dran. Der Admiral ist am Apparat. Ich schalte Sie zu.« »Nicht übel, eine so schnelle Antennenkorrektur«, kommentierte Susan gleichmütig, während etliche Se kunden vertickten. Auf einmal füllte Rees knorriges Gesicht — er war unrasiert und triefäugig — Susans Monitor aus. Er gähnte, weil man ihn wohl im Schlaf gestört hatte, und nickte ihr zu. »Raus mit der Sprache, Kommandantin. Ich behalte beide Monitoren im Auge. Gehe ich richtig mit der Annah me, daß Sie aufgeflogen sind?« »Ja, Sir. Wir sind mitten in ein Subraum-Transduktions-Funkgespräch zwischen Ngen und seinem basarer Gouverneur geplatzt. Van Chow hat mich auf den ersten Blick wiedererkannt.«
»Machen Sie Meldung, Kommandantin.« Rees Stimme klang rauh wie Scharren in Kieseln. Susan berichtete ihm in allen Details. »Du siehst also, Admiral, er hat gar keinen rückwärtigen Machtbereich, in dem er politische Stabilität erzeugen müßte. All das Zeug, das uns Pike über einen Messias erzählt hat ... Naja, Ngen hat das Rezept geändert. Er braucht nicht mehr zu tun, als bei den Leuten Interesse zu wecken, sie in einen seiner Tempel zu locken, und schon hat er sie unter seinem Ein fluß, sie werden nämlich dort einer Gehirnwäsche unter zogen. Er degradiert seine Anhänger zu menschlichen Maschinen, die er durch Psychen lenkt, wie es seine Bedürfnisse erfordern. Diese vielen Tempel, die er baut, haben ohne Zweifel keinen anderen Zweck, als die Mas sen seiner Gefolgsleute immer mehr zu vergrößern, sie sind regelrechte Zombiefabriken. Das Regime kam auf Basar mit einer einzigen Verwaltung aus. Alles andere wird durch Kommu-Monitoring überwacht. Wir haben im Verwaltungsgebäude einen Großteil ihrer Programme erbeutet. Wir sortieren sie und liefern sie dir dann zur Aus wertung.« Einen Moment lang schwieg Ree, blinzelte lediglich vor sich hin. »Je weiter er also vordringt, um so größer wird seine Ressourcenquelle, und im gleichen Maß wird das Direktorat zurückgedrängt.« »Sir, ist dir klar, was er ...? Ich meine, hast du daran gedacht, was für Bodenstreitkräfte er mit dieser Methode aufstellen kann. Falls Ngen an genug Raumschiffe ge langt, um seine Streitmacht zu transportieren, wer könnte ihn dann noch aufhalten? Er wäre dazu imstande, uns einfach durch die schiere Übermacht niedertrampeln zu lassen. Wie lange wird es uns möglich sein, uns zu vertei digen, wenn das Verhältnis hunderttausend zu eins steht? Gegenwärtig dienen die Massen ihm noch vorwiegend zu Produktionszwecken. Sobald erst einmal genug Nach schubbasen vorhanden sind und seine Versorgung gesi chert ist, er die Arbeitskräfte gepsycht hat, werden diesel
ben Männer die Uniformen anziehen, die von ihnen fabri ziert worden sind, und die Blaster nehmen, die sie produ ziert haben, um in ihrem eingeimpften religiösen Wahn auf uns loszugehen.« »Wie lautet Pikes Einschätzung der Situation?« »Ich weiß es nicht, Sir.« Susan zögerte. »Er liegt in der ST-Krankenstation. Ngen hat ihn für sechs Stunden in der Mangel gehabt. Ihm sind einige schreckliche Sachen angetan worden. Ich berichte Genaueres, wenn er sich in besserer Verfassung befindet.« »Na, wenigstens lebt er noch.« Wieder schwieg Ree kurz. »Aber sagen Sie, Kommandantin, wieso haben Sie ihn in Gefangenschaft fallen lassen?« Sein stahlharter Blick bohrte sich in Susans Augen. Susan erwiderte den Blick, fühlte in der Magengrube das Brennen ihres Ärgers und Grolls. »Er und Reesh hat ten beschlossen, die Helden zu spielen. Sie haben einen Fluchtweg gedeckt, die Innenseite einer Mauerbresche, aber statt mir zu folgen, haben sie dafür gesorgt, daß das Loch verschüttet wird. Vermutlich dachten sie, wenn sie nicht durchgelangen, können's auch die Padri nicht. Ich ... Tja, ich muß sagen, so hat's auch geklappt, aber ich bin mir nicht sicher, ob Pike der Preis behagt, den er und Geflügelter Stier Reesh dafür zahlen mußten.« Sie spitzte die Lippen, legte trotzig den Kopf schräg. »Pike ist im Recht gewesen, Admiral. Wir mußten in den Tempel. Im Rückblick bleibt mir nichts anderes übrig, als einzugeste hen, daß ich die Schuld an seiner Gefangennahme trage. Dafür übernehme ich die Verantwortung. Aber ohne sei nen Mut und Einfallsreichtum, Admiral, würdest du alle die Daten und Informationen nicht erhalten.« Die schwache Andeutung eines Lächelns umzuckte Rees Lippen, in seinen Augen glomm ein Funke von Ver ständnis. »Er möchte wohl kein Anthropologe bleiben, hä? Will er Krieger werden? So ein verdammter Mistkerl, man hat mit ihm nichts als Verdruß. Also, wenn's nötig ist, mehr Druck auf ihn auszuüben, um ihn im Zaum zu hal
ten, legen Sie ihn von mir aus in Ketten, ich habe dagegen keine ...« »Ich glaube, Spinne hat ihn in sein Netz gezogen, Ad miral... Solche ... äh ... so etwas soll schon vorgekommen sein.« Bei dieser Bemerkung, die er offenbar als an der Gren ze zur Herausforderung einstufte, glitzerten Rees Augen. »Falls das etwa eine Anspielung auf mich sein soll, mache ich Sie darauf aufmerksam, Kommandantin, daß Ihr Betragen auf Insubordination hinausläuft. Ich will aber die Streßsituation berücksichtigen, in der Sie sich befinden, und deshalb nicht kleinlich sein. Und nun ziehen Sie dort ab und fliegen Sie heim. Bis Sie eintreffen, haben wir uns wahrscheinlich etwas ausgedacht. Möglicherweise ist mit Unterstützung seitens der Patrouille zu rechnen, und Spin ne allein weiß, was das Direktorat künftig unternehmen wird.« »Jawohl, Sir. Wir gehen auf Heimatkurs, sobald das Rendezvous mit Mosche erfolgt ist.« Der Monitor erlosch, als Ree die Verbindung trennte. Susan setzte sich im Kom mandosessel zurecht, spürte nun bewußt die schreckliche Erschöpfung, die sich in ihren sämtlichen Gliedern aus breitete, seit die Erregung des Gefechts ver ebbt war. Wie viele Stunden hatte sie nicht mehr geschla fen? Die verbissenen Mienen der Patrouillencrew erinnerten sie an den fürchterlichen Blutzoll, den ihre Blaster bei den Stationen forderte. Es konnte sein, daß sie während der einen Orbitalumrundung Basars so viele Menschen tötete, wie im Verlauf der gesamten Sirius-Militäraktion den Tod erlitten hatten. Nun blieb zu hoffen, daß diese Menschen nicht umsonst gestorben waren: Vielleicht hatten die Lei chen, die jetzt auf spiraligen Bahnen durchs Vakuum trie ben, dem Rest der Menschheit die Frist erkauft, deren es bedurfte, um gegen Ngen Van Chow und die sinnlose Exi stenz, die er ihr aufzuzwingen drohte, Abwehrmöglichkei ten zu finden.
Stunden später bugsierte Susan Smith Andojar hohlen Blicks ihren ST in die konkave Andockbucht im Rumpf der Spinnes Vergeltung. Die Verlegung Darwin Pikes aufs Mutterschiff — wie eingeschreint ruhte er in einer MedEinheit — überwachte sie persönlich. Sein blasses Ge sicht verstörte sie, rief die Erinnerungen an den blutbe spritzten Raum wach, an die greuliche Frau mit den Blut krusten am Mund. Eine gewisse Düsterkeit des Aus drucks rings um seine Augenwinkel verlieh den Gesichts zügen Ähnlichkeit mit einer Totenmaske. Leise stöhnte er, während in der REM-Phase seine Lider zuckten. Susan wandte sich ab; sie schmerzte das kaum hörbare Wimmern, das von seinen Lippen drang. Sie riß sich zusammen und suchte ihre Kabine auf; dort duschte sie, ließ sich benommen in die Koje sinken und dimmte die Beleuchtung herab. Im Dunkeln dachte sie an die abscheu lichen Träume, die Ngen bei ihr hinterlassen hatte, und fragte sich, was für einen Alptraum jetzt wohl Pike durch stehen mochte.
22
KOMMANDOBRÜCKE DER PROJEKTIL (IN GEOSTATIONÄREM ORBIT ÜBER WELT)
Ein Patrouillensoldat von vierschrötigem Aussehen stand vor einem Mann in weiter Gewandung und mit stumpfer Miene. Hinter den beiden erstreckte sich eine karge Land schaft bis zu zerklüfteten Hügeln am Horizont, das Tages licht wirkte seltsam gelblich, als wäre die Luft mit gräulich-braunem Sand verschmutzt. Eine flache, aus Lehm und Ziegeln errichtete Behausung war hinter dem Mann in Wüstengewändern zu erkennen, mattäugige Frauen und Kinder schauten zu, ihre zerfledderte, ver dreckte Kleidung flatterte in staubigem Wind. »Wie ist dein Name?« erkundigte sich der Patrouillen feldwebel. Der Gefragte lächelte schwach. »Ich bin Jeschua Ma hid.« »Wo wohnst du?« »In meinem Haus«, lautete die lasche Antwort. »Wo ist das?« »Wo mein Haus ist.« »Wo arbeitest du?« Der Feldwebel warf dem Mann einen drohenden Blick zu. »An meinem Platz«, antwortete der Mann unbeein druckt. So ging die ganze Befragung weiter. Bestürzt verfolg ten Maya ben Ahmad und Toby Kuryaken den Fortgang an ihren Monitoren. Die auf Basar gefilmten Aufzeichnungen hatten sie bereits gesehen, die Aufnahmen von Fabriken, des zertrümmerten Tempels, der geistlosen Horden der Padri sowie der übrigen Basarer, die wie Schafe achtlos durchs Kampfgeschehen tappten, sich nicht einmal um das Blasterfeuer kümmerten, das um sie prasselte. »Du meeeine Güte«, stöhnte Toby erschüttert, warf sich den Pferdeschwanz blonden, inzwischen etwas ausge blichenen Haars über die Schulter.
»Ich glaube, wir haben jetzt genug gesehen, Damen«, sagte Maya in scharfem Ton. Sie drehte den Kopf und wandte sich an Toby. »Ich würde sagen, das bedeutet für uns die Entscheidung. Die bloße Tatsache, daß die Roma naner uns diese Informationen zugänglich machen und nicht das Direktorat, beweist doch, wie weit der Zerfall gediehen ist. Heiliges Kanonenrohr, was treibt Robinson eigentlich in Arcturus?« Toby Kuryaken nickte und seufzte. »Uns bleibt gar keine Wahl. Verflucht noch mal!« Verzweiflung stand in ihrem gequälten Blick, während sie Grimassen schnitt. »All die Jahre ... Ich gäbe viel dafür, wäre ich jetzt dazu in der Lage ... die Menschen zu schützen. Sich nun einfach abzusetzen ... Es kommt mir vor wie ... Verdammt noch mal ...!« »Es ist uns allen unangenehm«, stellte Maya mit sanf terem Tonfall ihrer rauhen Stimme klar. »Wir müssen das höhere Gesamtinteresse der Menschheit in den Vorder grund rücken. Ich habe gerade eine ergebnislose Verfol gungsjagd quer durch meinen halben Sektor abgebro chen, eine Jagd nach Schatten. Es ist mir unmöglich, Schutz zu gewähren, und herumzulungern, bloß um Über lebende zu versorgen, ist nicht die Aufgabe des Militärs. Statt dessen ist es da, um das Problem an der Wurzel anzu packen.« Toby schaute Damen Ree an. »Der Rest der Patrouille wird uns nicht unterstützen, Admiral. In Übereinstim mung mit dem Direktorat ist man zu der Schlußfolgerung gelangt, daß die Romananer in der Direktoratspolitik ein zu großer Machtfaktor werden. Man befürchtet, daß Sie, wenn man Ihnen und Ihren Wilden erlaubt, Ngen Van Chow zu schlagen, mächtig genug sein werden, um selbst die Macht zu ...« »Bei Spinne«, rief Ree, schwang die knotigen Fäuste in die Höhe. »Man fürchtet sich vor einer halben Million Romananer? Während Ngen die Bevölkerung eines gan zen Raumsektors in menschenähnliche Roboter verwan
delt? Er ist es doch, der einen galaktischen Dschihad pre digt! Die Romananer verfügen lediglich über schlappe drei umgebaute FLF. Begreift man denn überhaupt nicht, von wo die Gefahr ausgeht?« »Verdammt, Damen, Sie gelten dort als schurkiger Renegat. Der Patrouille ist gut bekannt, was Ihre Romana ner auf Sirius angerichtet haben. Ihnen untersteht eine unbezwingbare Streitmacht, und Sie haben gezeigt, daß Sie zu unberechenbarem Verhalten fähig sind. Was könnte derartige Waschlappen mehr beunruhigen? Sie haben Sorge, daß sie statt eines Imperators Ngen einen Imperator Ree vor die Nase gesetzt bekommen. Ngen ist schlicht und einfach ein machtgieriger Irrer ... Sie dagegen sind's nicht. Sie sind so verflucht erschreckend tüchtig, daß Sie die tie fere Furcht wecken. Sie bilden sich ein, mit Ngen fertig werden zu können. Aber Sie?« »Und wie stehen Sie dazu?« fragte Ree mit hartem Gesichtsausdruck. Toby Kuryaken vollführte eine Gebärde der Ratlosig keit. »Ich habe den Sachverhalt mit meiner Crew disku tiert.« Nervös senkte sie den Blick auf ihre Hände; man merkte ihr an, daß sie nur widerwillig aussprach, was sie nun zu sagen hatte. »Mehr als nur eine Handvoll meiner Mannschaft ist noch am Leben, weil da und dort ein ver rückter romananischer Kerl eingegriffen hat, wo jeder mit nur soviel Verstand wie eine Hafenratte das Weite gesucht hätte. Heiliges Kanonenrohr, meine Leute — wenigstens die Sturmtruppen — mögen die Romananer. Überall in meinem Raumschiff sind schon kleine Spinnenbilder hin gepinselt worden. Nach der Sirius-Aktion waren die Zei chen der Zeit ja deutlich ersichtlich. Das Direktorat kann unseren Raumsektor, in dem wir Patrouille fliegen sollen, nicht mehr verteidigen. Die Patrouille selbst zersplittert sich. Ngen hat ein Patrouillenschlachtschiff gekapert! Ich bin mir ziemlich sicher, daß meine Besatzung ... Tja, daß sie's vorzöge, auf Ihre Seite überzuwechseln, Admiral. Natürlich würde unser gesamter Sektor sich anschließen.
Unsere Sektoren grenzen aneinander. Wir wären also dem Risiko nicht abgeneigt, die Führerschaft des Direktorats gegen Ihre Führung auszutauschen.« Sie hob den Blick; ihre Augen schauten klar, die Haltung war aufrecht. »Und nach dem, wie die letzten Tage der Aktion im Siriussystem verliefen, können Sie sich denken, was dies Eingeständnis mich kostet. Ich hätte die Projektil ohne weiteres aus dem Weltall geblastert. Und Sie mit ihr, Damen.« Ree nickte. »Einfach vergessen läßt das sich nicht, Toby. Es ist nun einmal passiert — eine Realität, mit der wir alle einfach werden leben müssen. Aber warum ziehen wir daraus keine Lehre, anstatt darin einen Anlaß zu gegenseitigem Groll zu sehen? Was uns allen klar werden muß, ist doch, daß die Menschheit gegenwärtig in einer zu beschissenen Situation steckt, um sich Zerrissenheit lei sten zu dürfen. Ich brauche Sie ... Und die vielen talentier ten Profis der Miliken auch. Sie brauchen uns, Welts Ressourcen und die Projektil. Aus den Ereignissen der Vergangenheit sollten wir lernen, daß niemals das Wort eines Einzelnen die gemeinsame Ethik diktieren darf.« Tobys Lippen zitterten. »Wenn diese Aussage die Ein stellung der Projektil wiedergibt, glaube ich, daß meine Leute nicht halb so lange wie ich darüber disputieren wer den. Stolz kann ein ... Er ist für meine Besatzung eben wichtig, Damen.« Ree lächelte. »Stoßen Sie erhobenen Kopfes zu uns, Toby. Spinne will von uns, daß wir Stolz und die Gründe, die jemand dafür hat, aufrichtig respektieren.« »Heiliges Kanonenrohr, haben Sie etwa vor, ihr Raum schiff derartig durch Spinne unterwandern zu lassen, wie's bei mir vorgegangen ist?« Maya schüttelte, den Blick an die Deckenplatten ihrer Kommandobrücke erho ben, den Kopf. »Wollen Sie sich beschweren, Maya?« fragte Ree, sah sie an. »Und das, nachdem Ihr eigener Stellvertreter wer weiß wie viele Stunden zusammen mit dem Propheten verbracht hat, den wir zum Sirius geschickt haben?«
»Halten Sie Ben da raus«, maulte Maya. »Sie haben noch keine Stellung dazu genommen, was die Viktoria tun wird.« »Toby hat alles gesagt.« Mayas gedehnter Seufzer drückte ihre ganze Resignation aus. »Unser Überleben hängt von unseren Kräften ab. Ich bin der Überzeugung, daß Sie die Erwartung, Ngen besiegen zu können, am ehesten rechtfertigen, Damen. Außerdem kenne ich Sie. Ich bezweifle, daß Sie einen guten Diktator abgäben. Sie lieben Ihre alte, grausliche, verrostete Konservenbüchse von Raumschiff viel zu sehr. Die Projektil zu verlassen, um ein Imperium zu regieren, wäre Ihr Untergang.« Maya erwiderte Rees humorigen Blick mit gewölbten Brauen, die ihre Gesichtszüge betonten und noch einmal die außergewöhnliche Schönheit ihrer Jugend wiederbe lebten. »Dann willkommen in unseren Reihen. Strategisch besehen, steht an erster Stelle die Aufgabe, Ngens Aus breitung zu stoppen. Dafür sind romananische Raumschif fe zur Zeit eingesetzt, sie attackieren Ngens ökonomische Grundlagen. Die Schäden an den basarischen Fabrika tionsanlagen, die Sie vorhin in den Filmaufnahmen sehen konnten, hat eine meiner Kommandantinnen ihm zuge fügt. Die Möglichkeit von Angriffen gegen andere, ähnli che Ziele wird momentan geprüft. Wir unternehmen mit unseren beschränkten Mitteln, was machbar ist.« Nachdenklich musterten beide Obristinnen ihn. »Ahnte ich's doch, daß Sie uns 'n Schritt voraus sind, Damen.« Maya lächelte. »Bei Spinne, das ist genau das, was ich jetzt hören mußte. Robinson sitzt in ArcturusStadt herum und versucht, jeden Zwischenfall, den Ngen anzettelt, einzeln zu bewältigen, während Sie ihn an der Gurgel packen.« »Zweifellos romananischer Einfluß«, bemerkte Toby in neutralem Tonfall. Das war also geschafft. Ree lehnte sich zurück, dachte an seine erhöhte Verantwortung. Von nun an stand eine
weitere Billion Menschen unter seinem Schutz. Furcht sam hockten sie in Stationen und einzelnen Planeten zu sammen, beobachteten die Sterne, fragten sich, wann Ngens Attacke auch ihre Leben in feurigen Explosionen beenden mochten ... Sie zählten auf ihn. Er schaltete sich der Kommu zu. »Ich übermittle Ihnen die Baupläne der Bruderschaftsblaster, die Ngen auf Sirius entdeckt hatte. Sie werden das Potential in bezug auf die Feuerkraft sofort erkennen. Ihre Techs können unverzüg lich mit den Modifikationen anfangen. Konfiszieren Sie sämtliche FLF-Transporter und alles andere, was irgend wie raumfluggeeignet ist. Innerhalb einer Woche müßten fünf Transporter, die wir im Außensektor ...äh ... requiriert haben, komplett umgerüstet sein, bewaffnet und startbe reit. Den Bruderschaftsdaten zufolge, die wir aus den Alt speichern der Projektil geborgen haben, dürften sie erheb lich schneller als Ngens Raumschiffe fliegen, aber bisher hat keiner unserer BK mit irgendwelchen seiner Schiffe einen Zusammenstoß gehabt, so daß diese Theorie vorerst unbewiesen bleibt. Wie Sie sich denken können, bin ich deswegen noch ein wenig nervös. Da fällt mir folgendes ein: Es besteht die Möglichkeit, daß sich auch an Bord der Miliken Bruderschaftsdaten bergen lassen, sie ist ja fast zweihundert Jahre alt. Sie ist noch zu Bruderschaftszeiten gebaut worden. Vielleicht werden Sie selbst davon über rascht sein, was alles in den Datenspeichern Ihres eigenen Raumschiffs vergessen worden sein kann.« Er lächelte, als er das Erstaunen in den Gesichtern der zwei Obristinnen sah. »Was glauben Sie wohl, wo die Daten für die FujikiVerstärker gefunden worden sind? Sie waren die ganze Zeit in der Projektil.« »Wir werden unsere Kommunikationsanlagen gründ lich durchforschen«, versicherte Maya, nahm die Enthül lung mit trockenem Humor, allerdings leicht gereizt auf, als ärgerte es sie, daß sie nicht selbst daran gedacht hatte. »Bis dahin gebe ich Ihnen«, sagte Ree, »diverse Sätze Daten zur Weiterleitung an Ihre Fabrikstationen durch.
Ihnen wird sofort auffallen, daß wir bestimmte industriel le Produktionsbranchen gekennzeichnet haben, die sich mit einem Minimum an maschineller Veränderung oder montagerelevanter Umorganisation zwecks Herstellung militärischer Güter konvertieren lassen. Falls Sie mehr Daten brauchen, kontaktieren Sie Dr. Montaldo. Er ist unser Logistikexperte.« Maya sichtete bereits die Daten, die Rees Kommu ihr zufunkte. »Sieht so aus, als hätten Sie das alles schon gründlich durchdacht, Damen. Als ob Sie geahnt hätten, daß wir auf Ihre Seite übergehen.« »Wie Sie gesagt haben, die Zeichen der Zeit waren er kennbar. Sie waren unsere einzige Hoffnung. Deshalb ha ben wir entsprechend geplant.« »Wieso ist der Romananerplanet als hauptsächliche Bastion eingeplant?« wollte Toby erfahren; ihr Blick maß Ree aufmerksam. Der Admiral hob die Schultern. »Er liegt am Rande des Direktoratsweltraums, folglich ist er am leichtesten zu verteidigen. Zudem müssen wir irgendwo eine Auf marschzone haben, und sollte die geringe Wahrschein lichkeit eintreten, daß Ngens Truppen eine Landung durchführen, werden sie merken, die Romananer sind die härtesten Gegner der ganzen Galaxis. Können Sie mir ei ne bessere Position mit hartnäckigeren Verteidigern nen nen? Gleichzeitig hat Welt, das gebe ich zu, seine Nach teile. Es fehlt an Möglichkeiten zur Reparatur von Ge fechtsschäden oder zur Instandsetzung. Die Industrieka pazität ist gleich Null, außer man hat Interesse an ein schüssigen Flinten und vierzig Zentimeter langen Dol chen.« »Eine einleuchtende Argumentation.« Toby zupfte sich am Ohr. »Dort kann man uns nicht umfassen.« »Im Weltraumkrieg ist keine rückwärtige Zone unan greifbar«, widersprach Ree. »Diese Lektion haben meine Kommandeure gerade Ngen gelehrt.« »Sie glauben, Sie haben sein Vordringen gebremst?«
Toby tippte sich mit einem Stift gegen das Kinn, mit dem sie sich Notizen aufzuschreiben angefangen hatte. »Susan schätzt, daß sie achtzig bis fünfundachtzig Prozent der basarischen Fabrikationskapazität zerstört hat — allerdings ist zu berücksichtigen, daß man dort inzwi-schen mit einem wesentlichen Abbau begonnen hatte. Majorin Sarsa hat erhebliche Schäden auf Myste rium an-gerichtet und die Orbitalindustrie stark beein trächtigt, und Major Iverson hat soeben auf Arpeggio die erste Militäraktion seit nahezu dreihundert Jahren abge schlossen. Neal hatte keine große Chance, viel zu errei chen, weil ein Kriegsschiff Ngens ihn unter Beschuß nahm, aber er hat beim Rückzug eine Reihe von Indu striestationen geortet.« »Und wie verhindern wir, daß der Gegner uns das glei che zufügt?« fragte Toby. Ree zögerte, suchte nach den richtigen Worten. »Wüßte ich darauf eine Antwort, flöge ich gleich los, um den Dreckskerl Ngen aus dem All zu blastern. Leider müs sen wir vorerst hoffen, daß Ngen glaubt, er stünde einem einigen Direktorat gegenüber. Solang er dieser Überzeu gung bleibt, bietet sich ihm eine sehr große Auswahl an möglichen Zielen. Sein gegenwärtiger Vorteil besteht darin, daß er eine relativ kleine Ressourcenbasis leicht verteidigen und gleichzeitig praktisch überall im Direkto rat Ziele angreifen kann, ohne Gegenwehr befürchten zu müssen.« »Er kann also nicht wissen, wo unsere militärische Pro duktion stattfindet.« Toby nickte. »Deshalb ist es eine unserer vorrangigen Prioritäten, Industriestationen von ihren jetzigen, allgemein bekann ten Positionen fortzutransferieren. Noch sind Ngens Mit tel beschränkt, kann er nur eine begrenzte Anzahl von Zie len zur gleichen Zeit attackieren. Ich denke mir, am besten ist es, Sie verlegen Ihre Industrie möglichst schnell so weit weg wie möglich. Manchmal muß man eben hoffen, daß alles gut ausgeht. Den letzten umgebauten FLF — die ehe
malige Helk — müssen wir über Sirius stationiert lassen. Kapitänleutnant Breeze hat das Kommando, falls Sie von dort etwas brauchen.« »Die Stationen verlegen?« Maya stützte den Kopf in die Hand, den Blick auf ein Holo geheftet, das sich in einer oberen Ecke ihrer Wiedergabe auf Rees Monitor noch knapp erkennen ließ. »Leichter gesagt als getan, bedenkt man ihre Antriebssysteme. Zu beachten ist auch, daß schon der primitivste Scanner eine so starke Radio quelle wie eine Station mühelos ortet. Ich kann jetzt schon sagen, daß die Sybar-Stationen sich unmöglich aus der Nähe ihrer Rohstoffbasen entfernen können. Sie gewinnen Metalle aus Asteroidenbergwerken. Verlegen lassen sie sich also nicht, aber wir könnten ihnen einen gewissen Schutz bieten, indem wir sie kompartieren, um die Dekompressionsgefahr zu verringern, und Maßnahmen zu ihrer Despezialisierung einleiten.« »Das sind vernünftige Überlegungen«, meinte Ree. »Wir müssen uns angewöhnen, in anderen Zusammen hängen als früher zu denken. Man hat uns nicht darin ge schult, allumfassende Strategien zu entwickeln, sondern unser Denken auf die Begrifflichkeit individueller Vorge hensweisen reduziert. Eisenauge ist mir eine unbezahlba re Hilfe dabei gewesen, meine Auffassungen in dieser Hinsicht zu korrigieren.« »Totaler Krieg ...«, sagte Toby nachdenklich, während ihr Blick zwischen Ree und Maya hin- und herglitt. »Wer hätte gedacht, daß das Direktorat einmal auf diese Art zugrunde geht? Wir waren doch so zivilisiert ...« »Und nun müssen wir lernen, Barbaren zu sein«, sagte Ree verhalten. »Wir müssen gemeiner als Ngen sein. Wir müssen ihn bezwingen — oder in dem Bewußtsein fliehen oder sterben, daß wir unsere Spezies in einer Alptraume xistenz zurücklassen.« Rees Blick schweifte hinüber zu dem inzwischen stummen Bild des Patrouillen feldwebels, der sich vergeblich mit einem in Wüstenge wänder gehüllten Individuum zu verständigen versuchte,
dessen Augen trotz des zufriedenen Lächelns seines Ge sichts seelenlos stierten. Admiral Damen Ree schauderte zusammen.
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AN BORD DER DEUS (IN GEOSTATIONÄREM ORBIT ÜBER SANTA DEL CIELO)
Auf dem Deckenmonitor konnte man ein schwarzhaari ges romananisches Mädchen, nackt und gefesselt, sich unter Ngens Elektropeitsche winden sehen. »Ja, meine Liebe, du hast mich schwer geschädigt ... Mir Basar zerblastert, verwüstet, ihn aus meinen Res sourcenquellen herausgebrochen. Und Pallas ...? Wie soll ich jemals wieder jemanden mit seinen administrativen Fähigkeiten finden? Sein Tod grämt mich mehr als Basars Verheerung. Verflucht sollst du sein, Susan ... Tausendmal verflucht, elende romananische Amazone! Aber eines Tages wirst du zu mir kommen. Und wenn es soweit ist ...« Ngen lag bequem auf den Kissen, seine Augen glom men, während er sah, wie sein Holo-Abbild Susan be stieg. »Kapitän Velkner«, informierte ihn die Kommu. Ngen straffte sich, schaltete das Holo aus. »Herein!« An einer Wand rollte ein mit in Gold gefaßten Smarag dintarsien verzierter Türausschnitt beiseite, als sich der Zugang öffnete, den Blick in den kahlen Korridor vor Ngens Privaträumen freigab. Es hatte Wochen gedauert, sie vom öden Patrouilleninterieur zu dem jetzigen, opu lenten Prunk umzuarbeiten. Die Wände glänzten von fi ligranem Gold. Lichtskulpturen und vielfarbene HoloKunst, die herausragendsten Werke von sechs Welten und
ebensoviel bedeutenden Weltraumstationen, spiegelten das Ausmaß seines Reichtums und seiner Macht wider. Den Fußboden bedeckte echtes Svee-Moos, dessen aro matischer Duft so zart und abwechslungsreich war wie die Lichtmaserung der Beleuchtung. Die Decke über Ngens Kopf bestand komplett aus einem Holo, einer Dar stellung der Galaxis, wie sie sich vor einer scheinbaren Unendlichkeit drehte: Einem Symbol seiner wachsenden Macht. Sira, der herzlose Schmuggler, Meuchelmörder und Dieb trat ein, verharrte und riß die Augen auf, starrte den Pomp an. Amüsiert kostete Ngen seinen Anblick weidlich aus. Einmal im Leben einen solchen Ausdruck andächti gen Staunens in Siras Gesicht zu sehen, wäre Ngen schon für seine Mühen Lohn genug gewesen. »Ich darf annehmen, Sie haben einen guten Flug ge habt, Kapitän.« Ngens Lächeln fiel herzlich aus, obwohl sein Blick durchdringend blieb. »Ja, hab ich.« Sira grinste und entblößte dabei seine Zahnlücken, während er sich vom Eindruck, den der Raum auf ihn machte, zu befreien versuchte. »Das ist ... ist ...« »Imposant, ja. Aber ich habe Sie nicht herbeordert, um mit Ihnen Innenarchitektur zu diskutieren, Sira. Wie lautet Ihre Schadenseinschätzung?« Ngen lehnte sich in seinen Kissenberg. Es verdroß ihn tief, flößte ihm nachhaltigen Unwillen ein, daß man ihm einen so herben Schlag ver setzt hatte. Verfluchte Romananer! Hätte die Patrouille den Angriff ausgeführt, wären ausschließlich militärische Ziele unter Feuer genommen worden. Sie hätte nicht unbarmherzig so viele Arbeitskräfte massakriert. Ngen kaute auf seiner Lippe; er war sich darüber im klaren, daß er die Romananer wieder einmal unterschätzt hatte. Er richtete den Blick in Velkners scharfgeschnittene Gesichtszüge und wartete. »Ich glaube, wir können sämtliche Anlagen binnen drei Wochen wieder mit voller Produktion am Laufen haben,
Messias. Eine Begleiterscheinung der Angriffe, die sich zu unserem Vorteil auswirkt, ist die Zunahme der Bekehrun gen in den Tempeln. Bei fünfundneunzig Prozent der Try staner ist das vorläufige Psyching abgeschlossen. Wir werden nun mit der Aufgabenverteilung anfangen. Nach dem Erstpsyching können wir beliebig modifiziert kondi tionieren, wie es der Bedarf verlangt, ohne daß es den Rest stört. Der Zuwachs gleicht die Verluste aus. Gleich zeitig haben wir weitere Autarke Stationen übernommen. Wir psychen so schnell, wie unsere Truppe die Leute durchs Psychingfeld jagen kann.« »Wenn die Angriffe für uns so vorteilhaft sind ...« Sira hob die Hand. »Das waren sie keineswegs. Basar und Mysterium sind effektiv ausgefallen. Es ist ein Nach teil, daß die Produktion jetzt im Sektor Moskau erfolgt, anstatt näher an unserer gegenwärtigen Machtsphäre. Romananische Blaster haben einen Großteil der Fabrika tionsstätten vernichtet. Infolgedessen sind wir ge schwächt worden. Zur Zeit sind Maschinen für uns noch wichtiger als Menschenmaterial. Sollten die Romananer die Stationen angreifen, die wir uns im Sektor Moskau gekrallt haben, wäre das gegen uns ein schwerer Schlag. Andererseits ...« Sira zuckte die Achseln. »Uns steht das gesamte Direktorat zur Ausplünderung offen.« »Ich habe Cheng und Roskolnikowski befohlen, Arpeggio abzuschirmen, dort hat der Überfall wenig Unheil zur Folge gehabt. Sobald Sie fort sind, werde ich die Deus nach Tryst fliegen, um dort für Schutz zu sorgen. Vielleicht gelingt es uns, einige feindliche Schiffseinhei ten zu eliminieren. Momentan sind wir noch auf Arpeggio und Tryst angewiesen.« Und sie ist hier. Was für eine Ver schwendung, einer einzigen Frau ein Raumschiff zu schicken. Ngen seufzte und nickte. Die Lage war durchaus nicht so ernst wie er zunächst gedacht hatte. Seine Befürchtung war gewesen, die Romananer könnten ihm eine entschei dende Niederlage beigebracht haben. Wäre es bloß mög
lich, seine frommen Schäfchen sofort einem Komplettpsy ching zu unterziehen! Damit könnte er die für die Unterwerfung eines Planeten erforderliche Zeitspanne um einen Monat verkürzen und die noch vorhandene Lücke zum Sektor Moskau schließen. Doch dann stünde er vor eben dem Problem, vor dem Pallas ihn gewarnt hatte: Er hätte keine kompetenten Befehlshaber für seine Massen an Kanonenfutter. Nein, es war das Risiko nicht wert. Wenn eine Popula tion mit dem Erstpsyching eine Konditionierungsgrund lage erhielt, scherte sie sich nicht um ihre spezialisierten Mitglieder, die hohlen Blicks umherliefen, ihre Familien, eigentlichen Berufe, ja sogar die eigene Persönlichkeit vergessen hatten. Das Erstpsyching entschied über alles Weitere. Alles andere müßte nur Revolten auslösen. »Wir müssen einen Gegenschlag führen«, beschloß Ngen. »Könnten wir bloß die romananische Heimatwelt angreifen ...! Aber im Moment wird sie zu gut geschützt. Meine Informationen besagen, daß die Projektil ständig im Orbit bleibt und modernisierte Waffen getestet wor den sind.« Plötzlich lachte Ngen Van Chow. Die Wasser köpfe würden niemals glauben, daß er so verwegen sein könnte. »Sira, ich wünsche, daß Sie und Torkild einen Angriff gegen Arcturus fliegen. Vernichten Sie die Statio nen und zerblastern Sie die Industrie zu Schrott. Flößen Sie denen dort Todesfurcht ein! Wir werden ihnen die At tacken auf Basar und Mysterium heimzahlen und dem Di rektorat eine Schlappe beibringen, wie es noch keine er lebt hat. Wir wollen ihre Seelen in Furcht und Schrecken versetzen, Sira, sie werden vor Entsetzen gelähmt in den Betten liegen bleiben ...!« Langsam verzog ein Feixen Siras Lippen. »Mit dem größten Vergnügen. Wir können schnell ein- und ausflie gen.« »Halt mal.« Ngen überlegte, projizierte ein Holo des roten Sterns und des silbernen Gespinsts der endlosen Aufreihungen von Stationen, die ihn umgaben. »Zerstö
rungen anzurichten, wäre schon ganz gut. Aber ...« »Ja, Messias?« »Nehmen Sie Sturmtruppen mit und dringen Sie ein. Wir benötigen Gehirne, Sira, nicht bloß Befehlsempfän ger. Sie kennen die Lage der Universität? Hier.« Ein Licht lein blinkte. »Ich kann sie finden.« »Tun sie's. Ich wünsche, daß Sie, während Torkild die Patrouille und die arcturische Wachtruppe in Schach hält, die Technische Fakultät der Uni ausheben. Ich will, daß Sie so viele Techniker, Spezialisten, Konstrukteure und Physiker mitnehmen, wie Sie in die Finger kriegen. Vor allem ein gewißer Ten MacGuire ist von Bedeutung. Er ist der führende Experte des Fachgebiets Singularitätsmani pulation.« »Wird gemacht, Messias.« »Das wär's, Sira. Ich erwarte, daß Sie und Kapitän Al har die Aktion schleunigst abwickeln. Je eher wir zuschla gen, um so größer wird die Wirkung sein.« Ngen verneig te sich knapp, als Sira mit einer Verbeugung ging, die Tür sich hinter ihm schloß. Erleichtert ließ Ngen die Lider sinken; er war heilfroh darüber, daß bei dem Überfall auf Arpeggio die Station, in der sich seine fähigsten Technologiespezialisten befan den, keinen Schaden erlitten hatte. Das provisorisch zu sammengestellte Team hatte gerade über den Bauplänen für Massenkonverter zu schwitzen begonnen. Falls es herausfand, wie man sie baute, hätte Ngen gegenüber den Romananern nicht allein wieder einen technischen, sondern auch einen psychologischen Vorsprung. Viel leicht war es möglich, falls Sira es schaffte, MacGuire und seine Mitarbeiter zu schnappen ... Falls. Ein so kleines Wort — und doch so furchtbar in seiner Tragweite! *
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AN BORD DER PROJEKTIL (IN GEOSTATIONÄREM ORBIT ÜBER WELT)
»Ich sage Ihnen, es ist die einzige richtige Methode. Hören Sie, Direktor, ich appelliere an Sie ...« »Und ich sage Ihnen, daß Ihre Reaktion überspitzt ist.« Skor Robinson zwinkerte mit den kleinen, rot geränder ten Augen. »Ja, Admiral, ich habe Ihre Daten gesichtet. Ihre Spione sind höchst geschickt. Gleichzeitig habe ich die materiellen Realitäten der Situation überprüft, von der Sie mitteilen, daß sie in Ngen Van Chows Machtsphä re existiert. Meine sämtlichen Berechnungen haben die von Ihnen genannten Zahlen nicht bestätigen können. Um lediglich eine Million Menschen zu psychen — also ein Zehntel der Bevölkerung Basars —, brauchte Ngen bei einem Einsatz von dreihundert täglich vierundzwanzig Stunden lang betriebenen Geräten sieben Komma neun undachtzig Jahre. Eine solche Leistung kann nicht einmal durch Unterstützung seitens der entführten gonianischen Techniker ...« »Ich versichere Ihnen, es wird in den Tempeln gemacht. Meine Leute sind im Tempel Basars gewesen. Sie haben gesehen, wie ...« »Und wie? Wie wird es gemacht, Admiral? Wie lauten die physikalischen Fakten des Massenpsychingfelds?« Ree zögerte, sein Mund zuckte. »Ich ... Der Mann, der sich damit auskennt, liegt momentan in einer Bordklinik. Ich bin kein Psychingexperte. Ich weiß nicht ... Verdammt noch mal, Direktor, wir verschwenden unsere Zeit!« Ree hieb eine Faust auf die Kommu-Konsole. »Während wir debattieren, vergrößert Van Chow seine Macht.« »Und Ihre Überfälle haben dazu beigetragen, den Zu lauf an Gläubigen seiner unlogischen Religion zu stei gern.« Ratlos fuchtelte Ree mit den Händen. »Kann sein, aber das ist immer noch besser, als zu warten, bis Ngen unbe siegbar geworden ist. Wir haben seine Produktion stark beeinträchtigt. Rita Sarsa hat in der Nachbarschaft Myste
riums seine Fabrik für schwere Blaster aus dem All gebla stert.« »Zu guter Letzt werden die Menschen seines logikwid rigen Humbugs überdrüssig sein und ihn stürzen.« »Aber nicht, wenn sie gepsycht worden sind, Direk tor!« »Und Sie können mir nicht erklären, wie ein Psyching in solchem Umfang praktizierbar sein sollte, Admiral. Und nun entschuldigen Sie mich bitte. Der Anforde rungsdruck auf mein System nimmt ständig zu.« Das Holo erlosch. Rot angelaufenen Gesichts wartete Ree volle zehn Se kunden lang ab, bis er dem stummen Holo-Bildschirm seine ganze Wut und Erbitterung entgegenschrie. Sobald er seine Lungen mit dem Gebrüll erschöpft hatte, atmete er einmal tief durch und drehte sich um. »Den Versuch war's wert, Damen.« Eisenauge, der mit verschränkten Armen an einem Planungstisch lehnte, straffte seine Haltung. Ree blinzelte und rieb sich die Augen. »Heiliges Kano nenrohr, es war, als ob er gar nicht zuhörte. Als wäre er mit anderen Angelegenheiten dermaßen beschäftigt ge wesen, daß er, verflucht, nicht einmal dazu kam, ernsthaft über meine Worte nachzudenken.« Eisenauge schlug die Hände zusammen und fing, den Kopf nachdenklich gesenkt, hin- und herzustapfen an. »Sein Reich zerfällt. Wie stark würde so etwas dich bean spruchen? Er ist in der gleichen Lage wie ein Viehzüchter, dem die Rinder gestohlen werden, jeden Tag eins, und der dem Dieb nicht das Handwerk legen kann.« »Aber wenn er nichts unternimmt, wird ihm das Reich insgesamt geraubt.« Ree stieß ein Brummen aus. »Und wir werden in die Läufe von Ngens Blastern blicken. Und wenn wir hinter sie schauen, werden wir in den Augen unserer Gegner keinen Funken von Seele sehen.« * * *
AN BORD DER DEUS WÄHREND DER BESCHLEUNIGUNGSPHASE VOR DEM FLUG NACH TRYST
Inmitten seiner Kissen lehnte Ngen sich zurück und klatschte in die Hände. Hinter einem Gehänge aus arc turischem Gewebe im rückwärtigen Bereich des Raums kam ein weißbärtiger Mann hervor. Er hatte einen offenbar sportlich trainierten Körper, blieb jedoch mit geistlos stumpfen Augen vor Ngen stehen und wartete auf Befehle. »Serviere zwei Brandys!« schnauzte Ngen. Dann schaute er hinüber zum Eingang und sah die Tür aufrol len. Die Frau trat in einer Pose der Vornehmheit ein, aus Erregung glitzerten ihre blauen Augen, während sie anmu tig den Teppich aus Svee-Moos überquerte. Mitten im Zimmer blieb sie stehen, wirkte leicht verunsichert; doch da sah sie Van Chow bequem in den großen, dicken Kis sen ruhen. Ngen neigte den Kopf und lächelte wohlwol lend. »Ich fühle mich hochgeehrt, Messias.« Kühlen Blicks nickte M'Klea Alhar. »Zuerst, als ich noch auf Arpeggio war, dachte ich, Ihre Einladung wäre bloß eine Schmei chelei.« Ngen lachte herzlich. »Ich schmeichele niemals irgendwem, meine liebe M'Klea. Hat niemand Sie abrei sen sehen?« Sie schüttelte den Kopf, betrachtete mit sichtlichem Gefallen ihre Umgebung. »Ich habe Ihre Instruktionen wortgetreu befolgt, Messias. Sie haben dafür, nehme ich an, Ihre Gründe. Das ist für mich kein Anlaß zu Beden ken.« »Bitte setzen Sie sich hier neben mich.« Ngen lächelte und patschte mit der Hand auf ein Kissen. »Sie sind mutig, meine Liebe. Kühnheit ist eine Eigenschaft, die ich bei Frauen als attraktiv empfinde.« Mit einem Gehabe der Züchtigkeit nahm sie bei Ngen Platz, erwiderte aus ihren blauen Augen seinen Blick. an
Chow konnte unter ihrer glatten, hellen Haut ihren Puls rasen sehen. Er gönnte sich die Freude, sie auf eine Weise zu mustern, als könnte er sie mit den Augen verschlingen, prägte sich die Konturen ihres Gesichts ein, ließ den Blick zärtlich über die Rundungen ihrer Brüste streichen, besah sich lüstern ihren flachen, festen Bauch über dem durch ihre Kleidung reizvoll betonten, femininen V ihres Unter leibs. Gemäß der arpeggianischen Mode fielen ihre Röcke bis hinab zu den Fußknöcheln, verbargen aber nicht das stramme Fleisch ihrer Schenkel und Waden. Ngens Ver langen wuchs. »Ich habe Sie zu mir gebeten, um mit Ihnen über ein Anliegen zu sprechen«, sagte Ngen, während der Sklave zurückkehrte, auf einem Silbertablett zwei Brandys brach te. Ngen reichte ein Glas M'Klea, beobachtete die elegan te Geste, mit der ihre langen, schlanken Finger den Stiel faßten. Der Sklave verschwand hinter den Vorhang. »Ein Anliegen, Messias?« M'Kleas Stimme klang kul tiviert, weiblich und nach Verlockung. Ngen schwieg, während sie mit gezierter Gebärde ein Schlückchen ihres Brandys nippte. Leicht glitt ihre Zunge über die vollen Lippen. Ngen nickte; sie bemerkte die Bewegung, forschte in seiner Miene. »Was gäben Sie dafür, Imperatorin zu sein, M'Klea Alhar?« Er sah das Aufflackern in ihren Augen, das plötz liche Scharfwerden ihres Blicks. »Was wäre es Ihnen wert, die mächtigste Frau der Galaxis zu sein?« »Ich verstehe nicht, was Sie meinen.« Sie hielt ihn zum Narren! In den Tiefen ihrer unglaub lichen, wie Teiche blauen Augen, getrübt vom Schleier ihrer Gedanken, verspottete sie ihn. In seinem ganzen Leben hatte noch keine Frau ihn so herausgefordert! »Ach, kommen Sie, M'Klea.« Angesichts ihrer gespiel ten Naivität winkte Ngen ab. »Ich habe Sie auf den Emp fängen Ihres Vaters im Auge behalten. Sie sind nicht das Musterbild an Sanftheit und Unschuld, das zu sein Sie vorgeben. In Wahrheit sind Sie eine blitzgescheite, junge
Dame, ohne Zweifel darin versiert, die Spielchen der arpeggianischen Anstandsregeln mitzumachen, aber trotz dem ein gerissenes Persönchen.« M'Klea nahm eine abweisende Haltung ein. »Derartig freche Bemerkungen möchte ich nicht hören. Sie sprechen mit einer Angehörigen des Hauses Alhar. Ich bin eine Dame ...« »Sie sind ein Nichts!« brüllte Van Chow sie an, sah sie mit Genugtuung vor seinem ungewohnten Aufbrausen zurückschrecken. »Sie sollten sich darüber im klaren sein, daß ich Sie auf Arpeggio für so ein Verhalten erschießen lassen könnte!« fauchte sie, während ihr unterdrückte Wut aus den Augen funkelte. »Prachtvoll«, rief Ngen, rieb sich in Vorfreude die Hände. »Sie sind genauso, wie ich Sie mir vorgestellt habe ... Sogar noch schlimmer. Eine verwöhnte, habgierige junge Frau, die nur ein Ziel kennt: Sich zu verbessern. Sie haben einen unbezähmten Geist, meine Liebe. So etwas wirkt auf mich unerhört anziehend.« »Mein Bruder würde Sie umbringen.« Zusätzlich mußte man ihr zugutehalten, daß sie wäh rend des Wortwechsels keinen Tropfen Brandy verschüt tet hatte. Ngen klatschte in die Hände. Erneut kam der Sklave hinterm Vorhang hervor. »Das ist ein Sklave, M'Klea. Ich schenke ihn Ihnen, nehmen Sie ihn mit. Er wird jeder Anweisung gehorchen, die Sie ihm erteilen. Er wird, wenn Sie es wollen, selbst seine Hand ins Feuer strecken, bis sich das geröstete Fleisch von den Knochen löst.« M'Klea musterte den stumpfäugigen Mann, ehe sie sich wieder an Van Chow wandte; ihre Miene spiegelte eine Mischung aus Neugierde und Verwirrung wider. »Warum? Welche Absicht verfolgen Sie, Messias?« »Ich versuche herauszufinden, was Sie dafür gäben, Imperatorin zu sein.« Ngen zuckte die Achseln. »Was wä re Ihnen unbegrenzte Macht wert? Um welchen Preis wä
ren Sie gerne meine Gattin? Was würden Sie dafür op fern?« Noch einmal betrachtete M'Klea den Sklaven, wohl nur, um Zeit zu gewinnen, während sie ihre Alternativen abwog. Aufmerksam und beherrscht besah sich Ngen, ins geheim jedoch vollauf hingerissen, ihr Profil. »Wer ist er?« »Darf ich sie mit Oberst Ben Mason bekanntmachen, vormals Kommandant des ehemaligen Patrouillen schlachtschiffs Gregorius, an dessen Bord Sie sich gegen wärtig aufhalten? Da sehen Sie's, ich habe Ihnen schon einen Patrouillenoberst als persönlichen Diener überlas sen.« Zufrieden wartete Ngen auf M'Kleas nächste Reak tion. Nun laß sie ihn mit einem Blick deutlicher Anteilnah me. »Sie meinen es ernst, stimmt's? Jetzt haben Sie meine Neugier geweckt. Weshalb ich?« Sie wölbte die gepfleg ten Brauen; in den wie ein See tiefblauen Abgründen ihrer Augen quirlte Interesse. Ngen wedelte, ein Lächeln der Belustigung auf den Lippen, mit der Hand. »Teils aus albernen Gründen ... Aber auch aufgrund einiger weniger banaler Überlegun gen. Erstens sind Sie eine der vollkommensten schönen Frauen, die mir je unter die Augen gekommen sind. Also rundum die Richtige für eine Gottgestalt wie mich. Zwei tens stammen Sie aus dem Hause Alhar und haben damit eine Herkunft, die am ehesten an das heranreicht, was an echtem Adel noch in der Galaxis vorhanden ist, mit Aus nahme vielleicht der Monarchen auf New Maine. Ich, Ngen Van Chow, Sohn einer Prostituierten, früher eine Hafenratte und ein Niemand, hätte eine Frau aus der Adelsfamilie der Alhars zur Gattin. Sie haben Courage, sind risikobereit ... Das ist mir schon an dem Tag aufge fallen, als ich im Palais Ihres Vaters gewesen bin. Und jetzt sind Sie hier. Darin sehe ich Beweis genug. Aber die Füße haben Sie mir nicht geküßt. Sie haben wegen mei ner Entgleisungen genau das stimmige Maß an Entrü
stung gezeigt, aber sich von Ihrer Empörung nicht aus der Fassung werfen lassen. Nein, M'Klea, von dem Tag an, als ich Sie auf Arpeggio gesehen habe, war ich der Hoffnung, Sie könnten meiner würdig sein. Sie haben die Fallen gemieden ... So wie den Tempel. Sie sind so pragmatisch wie ich. Übrigens, ich bin darüber erfreut, daß Sie Ihren Vater zu einem Tempelbesuch angeregt haben. Seither ver hält er sich Ihnen gegenüber viel fügsamer.« »Sie glauben also, ich bin für Sie die geeignete Gat tin?« Ein verstohlenes Lächeln umspielte M'Kleas Mund winkel. »Was würden Sie dafür geben?« Ngens Miene blieb ausdruckslos. »Sie haben alles, was ich bei einer Frau brauche und begehre. Und falls meine Charakteranalyse Ihrer Persönlichkeit richtig ist, müßten Sie für das, was ich zu bieten habe, sogar Ihre Seele einzutauschen gewillt sein.« »Torkild würde Sie für das töten, was Sie eben ange deutet haben«, sagte M'Klea mit fester Stimme, »selbst wenn er bloß einen Verdacht hätte.« Ngen verdutzte sie, indem er lachte. »Natürlich, liebe M'Klea. Diese Option steht Ihnen jederzeit frei. Ich ver mute, Sie würden Ihren ach so anhänglichen Bruder, soll te ich Sie verärgern, nur aufgrund dieser Laune sofort op fern und ins Unheil schicken. Wissen Sie, meine Liebe, genau darum habe ich Ihnen den Oberst überlassen: Um Ihnen zu verdeutlichen, daß Sie, falls Sie jemals so dumm sind, Ihren Bruder gegen mich aufzuhetzen, nicht bloß Oberst Mason, sondern Ihre vollzählige Familie als per sönliche Bedienstete haben werden.« M'Klea ersah das Maß seiner Entschiedenheit aus sei-ner Miene und rückte sich in den Kissen zurecht. Diesmal trank sie einen herzhafteren Schluck Brandy. Andeutungsweise neigte sie den Kopf schulterwärts. »Und was fällt mir zu, wenn ich Ihr Angebot annehme? Arpeggio?« »Sie können ein Dutzend Planeten haben, falls Sie's
wünschen. Der ganze Weltraum gehört Ihnen, wenn Sie an meiner Seite herrschen. Sie werden die Macht über Leben und Tod ausüben. Sie können jederzeit an jeden Ort, alles tun, was Sie wollen. Denken Sie an diese auf gute Partien geile Rivalinnen, mit denen Sie sich auf Arpeggio grämen mußten. Sie könnten sie unter Juwelen begraben, wenn Sie dazu Lust haben, oder im teuersten Parfüm ersäufen.« Ngen bog den Kopf zurück, wartete die Wirkung seiner Worte ab. Noch überlegte M'Klea. »Was dürfte ich nicht?« Ngen kannte kein Zögern. »Ich werde Sie den gräßlich sten Tod sterben lassen, sollten Sie je einen anderen Mann in Ihrem Bett haben. Andererseits werden Sie sich an meinem Umgang mit Frauen nicht stören.« M'Klea begegnete der Drohung festen Blicks. »Das ist alles?« »Das ist alles. Was sind Sie für Macht, Reichtum und mich zu geben bereit?« Ngen streckte einen Arm aus und streichelte mit den Fingern sachte den geschmeidigen Stoff, der M'Kleas Bein umfing. Sie griff zu und schob seine Hand fort, bevor sie auf stand und auf dem Svee-Moos-Teppichboden auf- und abzuschreiten anfing, schließlich vor dem kläglichen Überbleibsel Oberst Masons verhielt, sich den Mann nochmals ansah. »Wie machen Sie so etwas? Wie haben Sie den Oberst in so einen Zombie verwandelt? Durch das Verfahren, das auch in den Tempeln angewandt wird?« »Das Ergebnis wird durch die Methode einer sehr raf finierten Psychingtechnik erzielt. Sie ist der Kern meiner Macht. Innerhalb eines Monats werde ich auch den Sek tor Moskau unterworfen haben.« Scharfen Blicks beob achtete Ngen sie. »Auf Arpeggio ist der Prozeß gerade in die Wege geleitet worden. Es stimmt, der Zweck der Tem pel ist das Massenpsyching ... Und deshalb bin ich froh, weil Sie der Versuchung widerstanden haben, in den Tem pel zu gehen ...« Bedächtig nickte M'Klea. »So ähnlich hatte ich es mir
schon zurechtgereimt. Nicht einmal Torkild hat geahnt, um was es Ihnen gegangen ist.« »Ich erachte es als nicht erstrebenswert, daß meine ar peggianischen Kapitäne über diese Vorgänge Bescheid wissen. Dadurch könnten Probleme entstehen, gerade wenn ich diese Männer am dringendsten brauche. Ich stel le sicher, daß sie nie die Heimat anfliegen, und scheue dabei nicht einmal den Aufwand, sie unterwegs zu ihren Flugzielen mit Nachschub zu beliefern. Damit bei Subraum-Transduktions-Funkgesprächen nichts auffällt, wer den die Familien durch leichtes Psyching passabel kondi tioniert — wie Sie an Ihrem Vater Afid bestimmt gemerkt haben.« M'Klea drehte sich um und befingerte versonnen ihr Kinn. »Sie hätten auch mich psychen und auf diese Weise haben können, hätten Sie's unbedingt gewollt. Warum las sen Sie mir die Wahl? Was wird, falls ich ablehne? Grei fen Sie dann aufs Psychen zurück?« »Nein, ich werde Sie ungehindert gehen lassen. Selbst verständlich wird nie irgendwer glauben, was Sie über mich erzählen ... Und bis Sie auf Arpeggio eintreffen, wird's ohnehin völlig belanglos sein. Ich gebe Ihnen mein Wort, daß Sie kein Psyching zu befürchten brau chen.« »Damit ich mich reuevoll daran erinnern kann, was ich einmal ausgeschlagen habe?« »Ihr Bruder hat die Tiefe Ihrer intellektuellen Verstän digkeit wahrhaftig nie auch nur im entferntesten ausgelo tet.« M'Klea lachte; offensichtlich genoß sie die Situation. »Das alles ... für mich«, äußerte sie nachdenklich, indem satte Befriedigung ihrer Haut eine rosigere Färbung ver lieh. Sie atmete tief ein, brachte so ihre Brüste zum Schwellen. Mit einem Wink schickte Ngen den Sklaven weg. Der Mann tappte hinter den Vorhang. »Ich habe nie eine Frau gekannt, die bei mir ein derartiges Interesse wie Sie er
weckt hätte. Ich bin einmal einer bemerkenswerten Ro mananerin begegnet, aber sie war zu barbarisch, um zu begreifen, was ich ihr zu bieten hatte. Wissen Sie, eigent lich verabscheue ich Frauen. Ich finde Spaß daran, sie zugrundezurichten. Glauben Sie mir?« Still schritt M'Klea umher, die Hände auf dem Rücken, tief in Gedanken versunken. »Ja. Ich glaube Ihnen. Ich respektiere diese Ihre Eigenschaft. Auf meine Weise, müs sen Sie wissen, habe ich das gleiche mit jungen Männern getan. Je stärker sie mich begehrten, um so mehr konnte ich sie an der Nase herumführen — und ich habe sie in Torkilds Fäuste gelockt. Man könnte sagen, das war eine der wenigen Vergnügungen, die mir erlaubt waren. Und wie machen Sie es?« Seitwärts geneigten Kopfs und her ausfordernden Blicks schaute sie Ngen an. Ngen rief an seinem persönlichen Kommu-Terminal seine Privataufzeichnungen ab, und M'Klea schnappte gedämpft nach Luft, als sie sich dem Bildschirm zukehrte und darauf ein Abbild Ngens erscheinen sah. Unter seinem nackten Körper stöhnte und wand sich eine Frau. Ngen raunte mit sanfter Stimme neckisch auf sie ein, brachte sie mit durchaus echter Zärtlichkeit zu einem äußerst leidenschaftlichen sexuellen Höhe punkt. »Das Gerät, das Sie an ihren Schläfen sehen, dient zum Psychen. In diesem besonderen Fall hat es im Geist der jungen Frau die Vorstellung erzeugt, ich sei ihr Vater. Gleichzeitig wird die Furchtreaktion durch elektromagne tische Wellen unterdrückt, so daß der Körper auf eroti sche Reize völlig natürlich anspricht. Alle Empfindungen bleiben gänzlich unabgeschwächt. Dank meiner umfang reichen Erfahrungen bin ich gewissermaßen zu einem Fachmann der menschlichen Anatomie geworden. Kein Liebhaber hätte ihr die gleiche Lust wie ich bereiten kön nen.« Beim letzten Wort stand er auf, während schon Schweiß M'Kleas Leib befeuchtete, sie um Atem rang und
ihr Busen wogte. M'Klea erkannte Grauen in den Augen der Frau. Die unglückliche Person brach in Tränen aus krümmte sich schutzlos wie ein Fötus zusammen und wimmerte leise vor sich hin. »Wissen Sie, der Trick dabei ist«, erläuterte Ngen of fenherzig, »daß ich ihnen Selbstabscheu einflöße. Gehen wir einmal davon aus, daß ein menschliches Wesen aus Körper und Geist besteht. Normalerweise bilden diese ein einheitliches Ganzes, so wie es sich im jetzigen Moment bei Ihnen oder mir verhält. Was Sie eben gesehen haben, verlangte auf gewisse Weise Kunst. Erst erniedrige ich sie, indem ich sie sexuell in Besitz nehme. Das bedeutet keine Schwierigkeit, Männer haben dergleichen jahrtausende lang getrieben. Das Kunststück ist jedoch, sie auf Dauer sexuell in Besitz zu nehmen und zu unterwerfen, bis sie aus meinen Handlungen großen Lustgewinn erlangen. Während ihr Körper immer mehr nach mir zu lechzen beginnt, weicht ihr Geist voller stärkstem Haß, der anfangs mir gilt, immer weiter vor mir zurück. Aber indem sie zusehends feststellen, daß ihr körperliches Dasein mei ner Gewalt unterliegt — und man kann ihre Körper durch einfache Reaktionskonditionierung quasi abrichten —, kehrt ihr Haß sich nach und nach gegen sie selbst, sie internalisieren ihren gesamten Abscheu und die ganze Demütigung. Daran gehen sie, wie man so sagt, schließ lich kaputt.« Erstaunt über die Erregung in M'Kleas Augen, zeigte er ihr Aufnahmen mehrerer vollkommen degradierter Frau en. Ihm entging weder die Beschleunigung ihrer Atemzü ge, noch die Spannung, mit der die festen Brüste den Stoff ihrer Kleidung dehnten. An ihrem Halsansatz war ein auf fälliger, rosafarbener Fleck entstanden. Bei einer Frau, einem schwarzhaarigen, dunkelhäutigen, muskulösen Mädchen, das haßerfüllt aus dem Bildschirm zu starren schien, schaltete er auf Standbild um. »Sie ist Ihre einzige denkbare Rivalin, M'Klea. Da se hen Sie Susan Smith Andojar, die Romananerin, die ich
erwähnt habe. Sie lebt noch, und ich werde sie wohl töten müssen, weil es voraussichtlich nicht gelingen wird, sie ein zweites Mal gefangenzunehmen. Ich bezweifle, daß Sie sich ihretwegen jemals ernsthaft Sorgen zu machen brauchen. Sie ist viel zu wildentschlossen, mich abzu murksen. Sollte sie mir je wieder in die Hände fallen, werde ich sie lediglich zerschinden, so wie die anderen Weibsstücke.« M'Klea nickte. »Ich habe mich in Gedanken stets mit Männern wie Ihnen beschäftigt, Messias. Selbst in der abgeschiedenen Geschütztheit Arpeggios erfahren wir von solchen Dingen. Den Eindruck eines dumpfhirnigen Entarteten, den man uns von Ihnen vermittelt hat, hinter lassen Sie wirklich nicht im geringsten. Sie sind eindeutig kein Schwachkopf. Aber warum zeigen Sie mir diese Filme?« Ironisch verzog sie die Lippen. »Um mich noch mals auf die Probe zu stellen? Zu testen, ob ich in Gekreisch ausbreche und weglaufe?« »Bitte ...« Ehrlich unzufrieden winkte Ngen ab. >»Messias< klingt so gestelzt, meinen Sie nicht? Sagen Sie Ngen zu mir, meine Liebe. Ich habe Ihnen mein spe zielles Hobby nur aus dem Grund gezeigt, weil es zwi schen uns keine Geheimnisse geben soll. Ich möchte, daß unsere Beziehung ausschließlich auf gemeinsamer Ver ständigung beruht.« Er lächelte. »Ich brauche verzweifelt jemanden, zu dem ich Vertrauen haben kann. Es hat zwan zig Jahre gedauert, jemanden wie Sie zu finden. Sie wer den meine Gattin sein.« Behend erhob er sich und küßte M'Klea zart auf den Mund. »Falls ich mich zur Annahme Ihres Angebots ent schließe«, entgegnete M'Klea, streifte seine Hände von ihren Schultern und trat beiseite, drehte ihm ihr Profil zu. »Ist Ihnen klar, daß Sie der erste Mann sind, von dem ich je geküßt worden bin? Den letzten, der's versuchen woll te, hat Torkild umgebracht.« »Ich bitte Sie, M'Klea, Ihre Einwände sind überflüssig. Meine Leute haben Sie gecheckt. Sie sind Jungfrau.«
»Sie sind sehr hinterlistig. Es hieß, das Scanning ge schähe zu Sicherheitszwecken.« »Oh, das war nicht gelogen. Man hat Ihnen lediglich nicht die ganze Wahrheit gesagt. Risiken kann ich mir nicht leisten. Viele Menschen gäben so manches dafür, mich killen zu lassen.« M'Kleas Blick fiel erneut auf das Holo. »Sind Sie zu der Auffassung gelangt, daß ich Ihnen genug biete?« Ngens schwarze Brauen ruckten aufwärts. »Ziehen Sie die Kleider aus.« »Das ist eine dreiste Aufforderung«, antwortete M'Klea unschlüssig. »Seit mein Vater mein Deckchen angehoben hat, um nachzuschauen, ob sein Neugeborenes ein Junge oder ein Mädchen ist, hat kein Mann meinen Körper mehr nackt gesehen.« Ihre blauen Augen erwiderten Ngens Blick, schürten seine Begierde, so daß ihm das Blut laut durch die Adern pochte. Er konnte ihren feinen Duft rie chen, ihre Brüste sich beim Atmen heben und senken sehen. »Ist mein Angebot gut?« fragte er mit heiserer Stimme. »Wenn Sie Ihre Kleidung ablegen, biete ich Ihnen das Universum. Ich garantiere Ihnen, daß Sie ein lustvolles Erlebnis haben werden. Wie Sie vorhin selbst mitansehen konnten, habe ich ein großes Talent, was den weiblichen Körper betrifft.« M'Kleas Finger zitterten, als sie die Hände ans Kleid hob. Ngens Herz setzte für einen Schlag aus, das Blut rauschte in seinen Ohren. Aus Erwartung hatte er zu schwitzen begonnen. Nervös schluckte er, während M'Kleas diverse Kleidungsstücke in weichen Stoffbäu schen zu Boden schwebten, bis sie endlich nackt vor ihm stand. Er hörte sich aufstöhnen, sobald seine Finger ihren Körper berührten, ihn zu streicheln anfingen. Sein loses Gewand rutschte auf den Fußboden. M'Kleas Blick konzentrierte sich auf sein Glied. Es ragte ihr in einer makellosen Erektion entgegen, und er lächelte befriedigt. Er senkte M'Klea auf die Kissen, küßte
ihren Hals und die Brüste, kam zum erstenmal seit Jahren außer Atem. Sein Körper war erhitzt, M'Kleas Körper fühlte sich auf seiner Haut kühl an. »Weshalb jetzt?« flüsterte sie, als er mit einem dunklen Knie ihre alabasterhellen Schenkel teilte. Ngen erbebte vor Lust, während seine Hände an ihrem Leib hinabglitten. »Meine MedTechs haben dich ganz gründlich durchgecheckt, liebe M'Klea, du bist auf dem Höhepunkt des Eisprungs ... Im fruchtbarsten Zustand, meine Liebe. Also bist du in der geeignetsten Verfassung, um mein Kind zu empfangen.« Sie stöhnte, als er in sie eindrang.
23
PLANUNGSSAAL AN BORD DER PROJEKTIL
»Wir müssen etwas unternehmen.« Mit einem knorrigen Daumen massierte Ree sich die Brauen, weigerte sich, noch länger die Holo-Aufnahmen anzuschauen, die Neal Iverson per verschlüsseltem Transduktions-Funkspruch übermittelt hatte. »Spinnes Fluch, sehen Sie sich das mal an! Sie sind überall, in allen Stationen und auf allen Pla neten von Van Chows Machtsphäre. Horden sind's, das ist die richtige Bezeichnung. Genau wie in den alten Schmö kern der Konföderationsära. Horden.« Rings um die Anwesenden hatten sich Kaffeebecher, aufgestapelte Schreibfolien, Auszüge etlicher Berichte sowie ein Durcheinander von Kommu-Aufzeichnungen angehäuft. Eine Holo-Projektion der stellaren Domäne Van Chows bedeckte eine ganze Wand; Lichtpunkte in unterschiedlichen Farben glommen und verwiesen auf Territorien, in denen sich Padri eingenistet hatten, und Regionen, die ihnen zuzufallen drohten. Mühsam schluckte Eisenauge, blickte in die geistlosen Augen der Padri, die eine Gruppe von Iversons Sturmtrup pen angriffen. Irgendwo in seinen Eingeweiden verspürte er ein mulmiges Gefühl; der Anblick, der sich bot, berei tete ihm eine seelische Kränkung, der körperliche Nach wirkungen folgten. »Nachdem der Befehlshabende gefal len war, hat sich nichts geändert. Habt ihr das bemerkt? Solange der Offizier Befehle gab, blieben sie flexibel, stellten sich auf die jeweilige Situation um. Er war dazu fähig, die Aktionsweise zu lenken. Danach rennen sie ein fach nur an.« »Aber es sind ausgebildete Soldaten, John. Man kann beobachten, wie sie erfolgreich gegen Neals Truppe vor rücken. Es handelt sich um eine tadellos durchgeführte si rianische Gefechtstaktik. Neals Leute haben sich nur
gerettet, weil sie sie schon einmal auf Sirius erlebt hatten und einen Gegenangriff kannten, mit dem sie den An sturm brechen konnten. Am wichtigsten an diesen Kampf handlungen ist, daß sie die Padri bis zum letzten Mann niedermachen mußten. Bis zum letzten Mann! John, diese Männer ergreifen beim Anblick eines Roma naners nicht die Flucht. Man muß jeden einzelnen von die sen durch Spinne verfluchten Kerlen umbringen.« Eisenauges Finger umstrichen sein Kinn, während er dastand und weiter das Holo anschaute, bis der letzte Pa dre allein gegen die Patrouillensoldaten focht, unentwegt auf sie feuerte. Man forderte ihn zum Kapitulieren auf, aber er schoß unaufhörlich um sich, blieb für alles Zure den taub. Ein Blasterstrahl traf ihn schließlich mitten in die Brust und zerfetzte seinen Körper. Romananer in wei ßen Schutzpanzern gingen vor, besetzten die den Padri entrissenen Positionen längs der Krümmung der Stations wandung, gaben den Verwundeten den Gnadenstoß, nah men Coups. Ein Spähtrupp drang vorüber an Männern und Frauen vor, die kein einziges Mal von ihren Tätigkeiten aufblickten — an Maschinen arbeiteten, als wären sie selbst Maschinen. In Eisenauges Brust breitete sich ein Gefühl der Taubheit aus. Wie kämpfte man gegen einen solchen Gegner? Wie sollte ein Krieger auf dem Kriegs pfad gegen einen Feind Ehre erringen, der schon tot war in jeder, außer in körperlicher Hinsicht? Er erteilte durch das Kontaktron eine mentale Weisung, ließ den Holo-Film bis zu den Aufnahmen des Kampfge schehens zurücklaufen und stoppte ihn an einer Stelle, kurz bevor man den letzten Padre in Stücke geblastert hatte. Für einen ausgedehnten Moment betrachtete Eisen auge die leidenschaftlosen Augen des Mannes. »Wie konnte Ngen ...?« fragte Eisenauge mit belegter Stimme. »Was für eine Art von Mensch ist er? Und wir haben Skor Robinson für ein Ungeheuer gehalten ...!?« Fortgesetzt rieb Ree sich die Brauen, blieb den Blick zu heben außerstande. Die harten Konturen im Gesicht des
Admirals waren einem Ausdruck der Abgehärmtheit gewi chen, seine Wangen schwammig geworden. Während seine Schritte sonst markig gefallen waren, schleppte er sich jetzt schlaff seines Wegs, ganz wie ein Mann, dessen Körper sich nur noch nach Ruhe und Erholung sehnte. Ungefähr ähnlich sahen alle Anwesenden aus: Zu viele Stunden des Koordinierens der Logistik, der Vorbereitun gen für das Anpassen handelsüblicher Maschinenanlagen und herkömmlicher Transportsysteme an den militäri schen Bedarf sowie der Bemühungen, in drei verstreuten Raumsektoren eine kampftüchtige Flotte zu organisieren, lagen hinter ihnen. Die Monitoren im Planungssaal flackerten, auf man chen flimmerten Symbole, Statusmeldungen und Funk tionsanzeigen, wie man sie zur Führung eines Raum schiffs wie der Projektil haben mußte, auf anderen Bild schirmen sah man lesebereite Reports. Die weißen Wände des Schiff sinnern schienen Ree zu verhöhnen, als gehör ten sie zu einer Gruft, der er niemals entrinnen könnte. Sogar die Atemluft, so schien es, war stickig geworden; doch das war bloße Einbildung. Er kannte die Wunder, die die Luftaufbereitungsanlage leistete. Aber diese Luft ent hielt, egal wie gründlich sie präpariert wurde, nichts vom Geruch der Freiheit, nur Erinnerungen an endlose Stunden der Verzweiflung, des Planens und der Gegenplanung, um gegen einen Feind antreten zu können, der unbegreiflich blieb. Eisenauge drückte den Finger auf die Taste des Getränkespenders, orderte noch einen Becher Kaffee, um seine längst flattrigen Nerven anzuregen. Er schabte sich am Kinn und schlürfte ein paar Schlückchen, fühlte sei nen Magen infolge der Bitterkeit der im Kaffee enthalte nen Reizstoffe in Wallung geraten. So wie der Kaffee fade war, schien alles irgendwie sinnlos geworden zu sein. Und Rita? Sie war fort. Irgendwo draußen im All, unter Ngens fürchterlichen Scharen. Allein. Seinem Schutz entzogen.
»Wir können sie zu Hunderten töten«, erklärte Eisen auge, ließ sich mit gespreizten Gliedmaßen schlapp in den Sessel gegenüber Ree sinken. »Neals Leute haben's vorge macht. Obwohl sie im Verhältnis zwei zu eins un terlegen gewesen sind, haben sie keinen einzigen Verlust gehabt. Das Problem liegt in der Überzahl, die Ngen ge gen uns aufbieten, nicht in der Qualität der Truppen, die er einsetzen kann.« Ree bog den Hals rückwärts, schnitt eine Grimasse, als er Beschwerden in den müden Muskeln spürte, zog den Kopf ein. »Das ist ja eben das erschreckende: Wir haben keine Möglichkeit, so schnell Soldaten auszubilden ... Solange nicht, wie wir uns nicht dazu herablassen, die Rekruten, so wie Ngen es treibt, einfach zu psychen, und das wäre nur durchführbar, wenn Pike herausgefunden hat, wie die Geräte in den Tempeln funktionieren. Falls Pike, wenn er zu sich kommt, noch bei Verstand ist.« Eisenauge starrte in den schwarzen Kaffee, sah auf der Brühe Wellen in Form konzentrischer Ringe schwappen. »Ich ...« Ein Teil seines Innenlebens erregte schon jetzt einen Eindruck der Verderbtheit. »Ja?« »Damen, ich kann keine Krieger führen, die man ... Na, schau sie dir doch an!« Er gestikulierte in die Richtung des Holos. »Doch nicht solche Gestalten. Eher würde ich meine Seele zu Spinne zurückschicken.« »Ich wünschte, ich hätte dem etwas entgegenzuhalten. Das ist mein Ernst. Es könnte nämlich unsere Rettung sein. Aber wie soll ein Mensch mit Gewissen etwas derar tiges über sich bringen? Wie soll man dann noch sich selbst ertragen können? Hä? Wie?« Während des langen Schweigens, das sich nach seinen Worten hinzog, kaute Ree auf seinem Daumen. »Wir ste hen fassungslos vor der Schnelligkeit seiner Expansion. Ich versteh's schlichtweg nicht ... Verdammt, wie könnten wir ihm einen wirklich ernsten Schlag versetzen? Ihn bremsen? Sein Dschihad greift täglich weiter um sich.
Wohin hatte er seine Fabriken verlegt? Offenbar hat ihn bis jetzt nichts stoppen können. Wieso schließen sich ihm nach wie vor so viele Menschen an? Es ist doch offen sichtlich, daß man's mit einem menschlichen Monster zu tun hat, einem ...« Erbost hieb Ree die Hände auf die Armlehnen des Ses sels, daß es klatschte. »Die Menschen sind ratlos, Damen. Sie suchen einen Beschützer, sie wollen Sicherheit und Orientierung. Er macht ihnen ein entsprechendes Angebot. Er spricht nicht ihren Verstand an, sondern erfüllt mit seinen Worten ihre leeren Seelen. In diesen unruhigen Zeiten beschwichtigt sie sein Versprechen, für Stabilität zu sorgen.« »Wir senden unsere Aufklärungsreportagen auf allge mein empfänglichen Frequenzen. Er behauptet lediglich, sie seien reine Propaganda, eine Schmähkampagne, die angeblich nur beweist, wie tief wir gesunken sind.« Ree blinzelte und fuchtelte. »Dieser niederträchtige Inbegriff des Abschaums guckt in die Kamera und sagt: >Welche scheußliche Ausgeburt des Satans kann den Sohn Gottes so verleumden? Sehen Sie, was Satans Gewalt aus dem Direktorat gemacht hat? Erkennen Sie es nun? Aber ihre eigenen Worte sollen den Giftmischern zum Verhängnis werden. Blicken Sie in meine Augen und sagen Sie mir: Können Diener Deus' Schandtaten verüben?< Und noch mehr Leichtgläubige rennen in seine verfluchten Tempel. Weitere Krawalle richten sich gegen uns. Verdammt noch mal, er hat ein weitgespanntes Agentennetz aufgebaut, auf das wir erst jetzt allmählich aufmerksam werden.« »Ich glaube, ich habe geklärt, wo Chester steckt. Mark Reesh sagt, er sitzt oben in den Bärenbergen in einer Höhle.« Auf einmal verspürte Eisenauge Sehnsucht. Die Bärenberge ... Fast konnte er den Gebirgswind auf den Wangen fühlen, den Duft von Klingenbusch und Degen gras wahrnehmen. Doch momentan sah er vor sich ledig lich die vier Meter bis zur nächsten Wand. Ree straffte seine Haltung, erstmals seit längerem zeig
te sich in seinen ausgelaugten Gesichtszügen wieder ein Funke Enthusiasmus. »Gepriesen sei Spinnes Name! Kannst du mit ihm sprechen? Ihn fragen, ob er für uns in 'ner Reihe Propagandasendungen mitmacht? Vielleicht, vielleicht klappt es, Ngens Deus mit einem Propheten ent gegenzutreten, wenn die Menschen erleben, wie er die Zukunft vorhersagt und ... Und dann müssen sie sich doch fragen, wer es mit ihm aufnehmen kann? Das ist es doch, wie Ngen sie übertölpelt. Die Leute halten ihn tatsächlich für so einen verdammten Messias.« Aufmerksam sah Eisenauge seinen Freund an. »Pro pheten beunruhigen mich.« »Und ich drehe vor Verzweiflung fast durch, wenn ich an Ngen denke.« Eisenauge nickte; das Mißvergnügen in seiner Seele wühlte ekelhafte Empfindungen auf. Er schaute nochmals das Holo an, beobachtete die Menschen ohne Leben, die Ngen auf Habbers Stern zurückgelassen hatte. »In Spinnes Augen sind sie ein Greuel.« »Und wir werden genauso enden, wenn Chester nicht bereit ist, auch etwas dagegen zu tun.« Ree unterstrich seine Äußerung mit einem Heben des Zeigefingers. Eisenauge seufzte, der dunkle Fleck seiner Seele brannte wie eine Verbrühung. Und Rita befand sich dort draußen unter derartigen Menschenwesen? »Ich werde versuchen, Chester zu finden.« *
*
*
AN BORD DER SPINNES VERGELTUNG WÄHREND DER BESCHLEUNIGUNGSPHASE VOR DEM ÜBERLICHTFLUG NACH WELT
»... Lust, meine süße Susan. Du wirst der Lust nicht wider stehen können, wenn ich deinen Leib beglücke ... Ich werde dich mit deiner eigenen Wonne bezwingen.« Aus
diesigem Schwarz säuselte Ngens Stimme auf Susan zu. Sie kauerte sich zusammen, drückte sich an die von Moder und Schimmel scheckige Gipswand, der Atem stockte ihr in der Kehle. Die Mauer gegenüber verwandelte sich inmitten geisterhaften Wallens in ein Gestrudel aus Schwaden schwärzlichen Rauchs. Wohin? Der Gang ver schwand im Wirbeln der getrübten Luft. Das Brodeln der Finsternis begann Susan zu umhüllen. Sie sprang auf, weil sie im Dunkeln die Nähe einer Hand Ngens spürte. Verzweifelt versuchte sie, sich seiner gesichtslosen Erscheinung mit Tritten zu erwehren. Doch die Mauer, die ihr eben noch Zuflucht geboten zu haben schien, erwies sich jetzt für sie als Falle, bannte sie wie eine besonders scheußliche Art von magnetischem Fixier feld, hielt sie fest, während Ngen sie zu kosen, die eroge nen Zonen ihres Körpers, der sich zu erwärmen begann, zu reizen anfing. »Nein!« schrie sie in die Dunkelheit. »Verdammt, Ngen, ich habe dich doch getötet!« Seine schmiegsamen Finger brachten ihr Fleisch zum Schaudern. »Du kannst dich mir nicht widersetzen, liebste Susan. In deinem Innersten weißt du das ganz genau ...Du wirst zu mir kommen ... kommen ... Bald wirst du wieder die Meine sein ...« Wie eine Rasende bäumte sie sich auf, wand sich und zappelte, widerstrebte der Zähigkeit, mit der die Mauer sie umfing, in höchster Panik. Als sie auf den Fußboden schlug, schrak sie aus dem Schlaf. Die Sensoren erfaßten den Aufprall ihres Körpers und fluteten die kleine Kabine mit Licht. Benommen starr te sie die Deckplatten unmittelbar vor ihrer Nase an, fühl te die schwachen, von leisem Summen begleiteten Vibra tionen des Raumschiffs. Das Bettzeug ihrer Koje war durch die Weise, wie sie sich im Schlaf hin- und hergewor fen, umhergewälzt haben mußte, völlig zerwühlt worden. »Heiliges Kanonenrohr ...!« Sie drosch eine Faust auf
den harten Graphstahl, rang um Atem, indem sie sich auf setzte; Spinnweben ähnliche Strähnen ihres zerzausten Haars fielen ihr ins Gesicht wie ein schwarzes Netz. Als sie sich aufrappelte, merkte sie, daß sie klamm war von eiskaltem Schweiß; sie stolperte in die Dusche und aktivierte sie per Handflächendruck. »Verflucht noch mal, Ngen ...!« Während des Anklei dens bemühte sie sich, ihre Gedankengänge zu ordnen. Die kurze Freude über den Sieg war verflogen; geblieben waren nur Ngen ... und die Träume. Das Tablett mit der Mahlzeit, die zu essen sie zu müde gewesen war, stand noch auf dem kleinen Tisch, war inzwischen abgekühlt und sah unappetitlich aus. Susan orderte am Automaten einen Becher heißen Kaffees und begann sich kalte Bissen über die widerwilligen Lippen zu schieben, aß lediglich, um bei Kräften zu bleiben. Das Knurren ihres Magens verebbte, während sie das Essen beendete, das Tablett wegstellte und sich den Becher mit Kaffee nachfüllen ließ. Die Filmkassette, die sie Mikros' Kommu-Apparat ent nommen hatte, lag ebenfalls noch auf dem Tischchen, sah nach nichts anderem aus als einer harmlosen schwarzen Scheibe. Eine Büchse der Pandora aus Ngens Händen. Welches Grauen würde sie freisetzen, wenn sie sie sich anschaute? Was könnte sie daraus über Pike erfahren? Wollte sie all das wirklich wissen? Nach mehreren, langen Minuten des Abwägens nahm sie die Kassette zur Hand. Das Plastik fühlte sich in ihren Fingern kühl an, flößte ihr trotz der geringen Größe Angst ein. Wieder zögerte Susan, betrachtete den Schlitz, in den sie die Kassette stecken mußte: Sie brauchte sie nur einzuführen, und dann ... Sie biß sich auf die Lippe und schob die Kassette in die Kommu. Während sie mit anschaute, wie man Pike und Reesh in das Zimmer schaff te, entkleidete, durchsuchte und auf die Paletten fesselte, trank sie Kaffee. Pallas Mikros kam. Einige weitere Minuten später ließ Susan den Kaffee
stehen und goß sich einen großen Whiskey ein. Danach einen zweiten; und noch einen. Als ihr Holo-Abbild an dem aufgedunsenen Fettwanst von Gouverneur vorbei hereinstürmte, hatte sie das Glas erneut geleert; trotzdem war ihr so nüchtern zumute, als wäre sie ein asketischer Prophet. Sie hätten Pallas mitnehmen und ihn von einem Fel senegel verschlingen lassen, einem langsamen Tod unter den Qualen des Lebendgefressenwerdens ausliefern sol len, statt ihm den gnädigen, schnellen Messerstich zu gön nen, den ihm die Hand Sam Eisenauge Smiths versetzt hatte. Hätten sie nur gewußt, was für ein Monstrum dort vor ihnen stand ...! Susan füllte ihre Lungen mit Luft, zwang sich dazu, obwohl es ihrem Gemüt davor grauste, sich manche Ab schnitte der schauderhaften Aufzeichnungen noch einmal anzusehen. Zwar mußte sie sich regelrecht selbst nötigen, aber sie lauschte wiederholt Ngen Van Chows freundlich gütiger Stimme, schaute wiederholte Male zu, wie ihr weichlicher Anthropologe, von Schmerzen zermürbt, den abartigen Überredungsversuchen widerstand, sah sich voller Abscheu mehrmals an, wie das weibliche Scheusal gemächlich Pikes Fleisch kaute. »Spinne? Solche verdammten ... Ich ...« Heftig schüt telte Susan den Kopf, zwinkerte und ballte die Hände zu Fäusten. Als sie erneut hinblickte, spielte sich auf dem Bildschirm immer noch dieselbe unglaubliche, höllische Szenerie ab. Sie beugte sich näher zum Monitor, hörte genauer zu, während Ngen etwas über schwarzhaarige Romananerinnen faselte. Der Mund wurde ihr wäßrig von Brechreiz. »S-Susan?« rief Pike mit Krächzstimme. Sie kniff fest die Augen zusammen; die Kabine rings um schien ihr seltsam fern zu sein. Vollkommen nieder geschmettert von dem Maß an Zerrüttung, das in dem ei nen Wörtchen zum Ausdruck gelangte, schaltete sie per Kommu die Wiedergabe ab.
Es schauderte ihr; sie fragte sich, ob es nicht die beste Lösung wäre, einfach die Med-Unit so zu adjustieren, daß Pike einschlummerte und nie mehr erwachte. »Und er hat nach mir gerufen ... Verfluchter Kerl ... Er kannte doch das Risiko. Er wußte Bescheid. Und er hat mich gerettet. Er und Reesh haben mir den Rücken gedeckt, während ich die Befehlshabende war ... Er ...« Aus ihrem ohnehin überreizten Magen stieg der widerli che Geschmack der Scham empor, verbreitete im Gaumen eine schale Ranzigkeit. Sie speicherte die Dokumentation, sicherte sie mit ih rem persönlichen Abrufcode und erhob sich, strich ihre Uniform glatt. Verdrossen betrachtete sie das Whiskey glas, verspürte Lust auf eine weitere Stärkung, entschied sich jedoch dagegen. Sie betätigte den Türöffner und be trat den Korridor. Die vorgenommenen Umbauten hatten aus dem Raumschiff ein einziges Flickwerk gemacht; überall verschandelten unregelmäßig geformte Ersatz platten und durch Röhren verlegte Energiekabel das Strah lendweiß der Patrouille. Der Raumer ist eine Behelfskonstruktion ... ähnlich wie meine Seele. Spinne allein weiß, wie gut ich oder das Schiff die letzte Probe bestehen werden. Gerufen hat er nach mir ...! Die sogenannte Bordklinik umfaßte lediglich einen kleineren, unmittelbar an der rundum Hauptabschirmung des Reaktors eingerichteten Raum. Die Decke bog sich seitlich herab, als befände man sich in einer Muschel. Ei gentlich gab es nur für vier Med-Einheiten Platz, doch hatte man, um den vorhandenen Raum voll zu nutzen, ei ne fünfte hineingezwängt. Trotz der Enge mochte infolge dessen also, sobald es ums Ganze ging, eine Person mehr mit dem Leben davonkommen. In einer Med-Einheit lag — lebendig, aber ohne Besinnung — der Prophet, im ausgemergelten, empfindsamen Gesicht einen zermarterten Ausdruck. Drei weitere Einheiten standen in tadelloser Sauberkeit leer in Bereitschaft; Stromkabel mündeten in
die rundlichen Behältnisse, die Monitoren blieben stumm. Und in der vordersten Med-Einheit ruhte Pike. Von ihrem Sitz herüber nickte die Ärztin, ein Fachbuch in den Fingern, vor sich sämtliche Überwachungsmonito ren ihrer Patienten im Blickfeld, Susan zu. Pike lag reglos auf dem Rücken ausgestreckt, ähnelte im glänzendweißen Gehäuse der Med-Einheit der Karika tur einer umgekippten Schildkröte. Er war bei Bewußt sein, blinzelte ihr entgegen, als sie sich näherte. Sonst rührte er sich nicht; sein Gesicht war so bleich, daß es ei ner schmutzigweißlichen Maske glich. Susan lehnte sich an die Seite der Med-Einheit, suchte angestrengt nach Worten. »Wie geht's?« brachte sie endlich hervor. Er sah sie nicht an. Ausschließlich ein leichtes Verknei fen des Munds zeigte, daß er die Frage gehört hatte. »Es tut mir leid, daß 's so lange gedauert hat, dich rauszuhauen. Wir haben so schnell eingegriffen, wie wir's konnten. Käme ich noch einmal in die Situation, würde ich ...« »Nicht«, sagte er heiser. »Entschuldigungen sind über flüssig.« Sein halb geistesabwesender Blick richtete sich auf irgendeinen Punkt außerhalb der weißen Deckenplat ten über seinem Kopf. Durch die schmale Schneise zwischen dem Haar, das ihr ums Gesicht herabhing, betrachtete Susan, die Arme fest verschränkt, Füße und Beine aneinandergepreßt, den Fußboden. »Wir haben Mikros und ... und das Wesen dort eliminiert. Hätten wir gewußt, was vorgegangen ist, hätten wir sie am Leben gelassen, dafür gesorgt, daß sie ...« »Es ist egal«, nuschelte Pike. »Nach dem, was sie ...« Er kniff die Lider zusammen, beim Schlucken zuckte seine Kehle. »Sie hat mich befummelt ... an den ... Dann hat sie ...« Stumm stand Susan bei ihm, wünschte sich, sie wüßte, was sie sagen sollte; sie kannte den Inhalt seiner gräm lichen Gedanken, vermochte sich genau vorzustellen, wie er in seinem Kopf angestrengt Mauern gegen die Erinne
rung zu errichten versuchte. Sie hatte, nachdem sie Van Chows psychisch-sexuellen Aggressionen entronnen war, das gleiche getan. Allerdings hielten die Mauern den Druck nie aus, ganz gleich, wie sie den mentalen Mörtel mischte, wie geschickt sie daran mauerte. Irgendwann gaben die Stützen nach, das seelische Bollwerk brach in Trümmer, das widerliche Gemurmel, das sich ihrem Ge dächtnis unauslöschlich eingeätzt hatte, suchte sie wie ei ne Flut erneut heim, drohte sie vollends zu zerrütten. Und er hat nach mir gerufen! Sei verflucht, Ngen! Du sollst verflucht sein, weil du mit den Seelen der Menschen Schindluder treibst. Du bist nichts als Abschaum, Van Chow. Eine Eiterblase in der kollektiven Psyche der Menschheit. »Dein Verstand ist noch vorhanden«, sagte sie mit lei ser Stimme. »Ich habe ihn auch wiedergefunden, nachdem er ... Nach dem, was er mit mir angestellt hatte. Ngen hat auch mir Hirn und Körper mißhandelt.« Sie hatte nervös, mit eckigen Bewegungen, die Hände zu rei ben begonnen. »Jetzt hast du die Kenntnis dieser Art von Grauen mit mir gemeinsam. Du weißt also, warum ich ... Weshalb Giorj bei mir gewesen ist, damit ich jemanden zum Reden hatte.« Unsicher musterte sie ihn; die eigene Einlassung verur sachte ihr Angst. »Ich bin da, wenn du mich brauchst. Du kannst mich jederzeit rufen. Dir werden Träume kommen. Ich habe festgestellt, daß es hilft, wenn jemand in der Nähe ist. Entsinnst du dich dessen, was du für mich getan hast? Ich ... ich werde gern ... Pike, ich bin für dich da. Denk daran.« Sie stemmte sich von der Med-Einheit in eine aufrech te Haltung hoch, wartete darauf, daß er sich dazu äußerte, ihr Antwort gab. Er befeuchtete sich die Lippen. »Die Träume treten schon auf. Sie sind ... immer in mir. Ich kann ... kann die Augen nicht vor ihnen verschließen. Das Psyching ... Diese Frau ...« Seine Stimme erstickte in einem Auf
schluchzen, und er schloß die Lider, eine einzelne Träne rann ihm über die Seite des Gesichts ins Haar der Kotelet ten. Susan faßte ihn an der Schulter und drückte sie kräftig. »Ruf mich, wenn du mich brauchst«, wiederholte sie. Ihre Beine regten sich mit der Anmut von Blei, wäh rend sie die freien Med-Einheiten umrundete. Mit einer Gebärde des Kopfs bat sie die Ärztin mit hinaus. In ihrem Leib rumorte es, die unverdaute Mahlzeit lastete als durchweichter Klumpen wie ein Eisengewicht in ihrem Magen. »Wie ist sein Zustand?« Die ganze Angelegenheit brachte sie zutiefst aus der Fassung: Ihre Schuld, Pikes Mut, die innerliche Hölle, die er durchlitt. Und am Rand ihres Bewußtseins lauerte immerzu Ngen. Er wartete ir gendwo draußen auf sie, gleich außerhalb, wie es schien, der sicheren Wandung des Raumschiffs. Die Medizinerin zuckte die Achseln. »Wir haben gewisse Behandlungsmethoden, etwa volle Elektrostimu lation und Polymeraseinjektionen, vorerst aufgeschoben, bis sich seine Verfassung stabilisiert. Es ist uns lieber, er findet erst einmal ein wenig Ruhe, bevor wir's mit einer Psychoadjustierung versuchen.« »Nein!« schnauzte Susan entschieden. »Kommt nicht in Frage! Das ist ein dienstlicher Befehl, Obergefreitin! Er hat schon unter einem Psychingapparat gelegen ... Reesh ist daran verreckt. Romananische Reaktion der schlimm sten Art. Hat ihm praktisch den Körper zerrissen. Danach ist dieselbe verdammte Maschine benutzt worden, um Pike zu drangsalieren. Verstehst du mich?« Sachlich nickte die Frau. »Pike ist kein Romananer. Jedes Psyching unterscheidet sich ...« »Hast du mich verstanden, Obergefreitin?!« »Jawohl, Kommandantin. Ich werde Ihre Anweisung in der Krankendatei speichern, damit hinsichtlich der Verant wortlichkeit keinerlei Unklarheiten entstehen.« Susan zögerte; ihre Lider wurden schmal. Nein, die
Obergefreitin wollte sich nur absichern. Für alle Fälle. »Außerdem sind sämtliche Veränderungen seines Zu stands — und wenn ich >sämtliche< sage, meine ich: aus nahmslos — mir unverzüglich zu melden.« »Ja, Kommandantin.« »Wie verhält's sich mit seinem Bein? Wann wird er wieder gehen können?« Susans erhitzt gewordener Blick schweifte hinüber zur Eingangstür der Bordklinik. Die Med mußte erst am Monitor nachschauen. »Falls kein Rückfall eintritt, wird der Großteil der Beinmuskeln sich innerhalb von sechs Wochen regenerieren. Die Infek tion haben wir unter Kontrolle. Er muß erst einen emotio nalen Rückwärtssprung tun, ehe wir zusätzlich Chemika lien zur Stimulation der DNS-Wachstumsmodi einsetzen können. Trotz allem ist er nicht so schwer verletzt, wie es beispielsweise durch einen Blastertreffer geschehen wäre, bei dem in der Regel auch Knochen regeneriert werden müssen. Der grundsätzliche Muskelbau steckt ja noch im Körper. Seine Zehen dürften ungefähr so schnell wie die Wadenmuskulatur nachwachsen. Die oberflächlichen Ver brennungen werden binnen einiger Tage geheilt sein. Er hat Beeinträchtigungen der Augen davongetragen, die wir später behandeln werden, offenbar sind sie ihm nahezu aus den Höhlen gedrückt worden. Das Trauma seiner Genita lien könnte sich als etwas schwieriger therapierbar erwei sen. Er weiß noch nicht Bescheid, aber wir haben den übriggebliebenen Hoden entfernt und regenerieren ihn. Außerdem haben wir einen Klon in Arbeit. Innerlich sind eine Anzahl Blutungen aufgetreten, im wesentlichen des Dickdarms, der Nieren und der Leber, und es liegt eine Herzquetschung vor. Man muß ihn ganz schön in die Man gel genommen haben, schon ehe man mit dem Verstüm meln angefangen hat. Stellenweise Schädigungen des Gehörnervs könnten längere Zeit zum Ausheilen bean spruchen. Alles in allem: Es wäre möglich, ihn in drei Wochen aus der Med-Einheit zu holen, wenn sie ihn wirk lich unbedingt brauchen. Aber berücksichtigen Sie, Kom
mandantin, ihn so früh in eine Normalsituation zurückzu versetzen, müßte einige bleibende Spätschäden hinterlas sen. Ich ließe ihn lieber länger in der Maschine, damit das gesamte Gewebe ordnungsgemäß zusammenwächst und wir Gelegenheit erhalten, die Folgewirkungen zu beob achten. Außerdem sind heilgymnastische Anwendungen angezeigt. Eine Reihe motorischer Nerven müssen regene riert werden, und die diesbezüglichen Fähigkeiten muß er sich neu erarbeiten. Insbesondere muß er wieder das Lau fen lernen. Und die Nerven der Geschlechtsteile ... Man hat ihm Stromstöße beachtlicher Stärke durch den Sakral plexus gejagt. Die Schädigung .. Tja, also ... nun ... es könnte sein, sie haben das Gehirn in Mitleidenschaft gezo gen.« »Sterben wird er also nicht?« »Nicht an der Folter. Aufgrund der körperlichen Wun den schwebt er in keiner kritischen Gefahr.« »Du machst dazu aber kein sonderlich optimistisches Gesicht, Doktorin.« »Ich habe >aufgrund der körperlichen Wunden< gesagt, Kommandantin. Aber was geht in seinem Kopf vor? Tja, das ist eine vollkommen andere Frage. Ohne das Psyching, das ...« »Ausgeschlossen.« »Dann kann ich für seine geistige Genesung oder seine spätere geistige Gesundheit keine Garantie übernehmen.« Die Ärztin verschränkte die Arme auf der Brust. »Sechs Wochen«, sagte Susan nachdenklich. »Hast du ihn schon informiert?« »Ja, aber ich hatte den Eindruck, er hat's nicht mitge kriegt«, antwortete die Medizinerin mit einem gewissen Unbehagen. Susan schaute die Obergefreitin strengen Blicks an. »Dieser Mann hat vor kurzem etwas ausgestanden, durch das von ihm nichts anderes als Wackelpudding hätte übrig sein dürfen. Das wirst du beachten.« »Ja, Kommandantin.«
Susan warf einen letzten, sorgenvollen Blick zu Pike hinein, bevor sie ging, um ihren Dienst auf der Komman dobrücke anzutreten. *
*
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TIEF IN DEN BÄRENBERGEN WELTS
Hohl hallte das Klirren eines eisernen Hufs auf Granit den steinigen Bergpfad herauf. Heiter-gelassen lächelte Chester. Er hatte den Aufent halt in der Höhle, die Abgeschiedenheit, sehr genossen. Der Besucher sollte ihm trotz seiner Aufgewühltheit des Gemüts willkommen sein. Im Tal hauste ein Bär und ver harrte häufig, um zu dem einzelnen Mann aufzulugen, der am Höhleneingang saß. Heute war der Bär, der den Ankömmling längst erspäht hatte, in höhergelegene Au en emporgestiegen, um der weniger scheuen Abart des Grünen Schnitters nachzustellen, die in den oberen grü nen Gebirgsgegenden lebten. Auf Propheten nahmen Bä ren soviel Rücksicht; jedem anderen Menschen dagegen würden sie auflauern. Aber warum sie sich so verhielten, blieb das Geheimnis der Bären. Auf der anderen Seite des Tals krochen die Schatten näher und verfinsterten die abgerundeten Auswüchse ver witterten Granits. Die Felsen, die sich auf den Bergkäm men schroff gegen den im Abkühlen begriffenen Himmel abhoben, strahlten im Ausklingen des Tages noch vom Sonnenscheins gespeicherte, brutwarme Hitze aus. Der Herbst war angebrochen, ganz Welt änderte, bevor die kühlen Regen herabzuprasseln anfingen, sein Gesicht. Hier in dieser Höhe würde bald Schnee fallen, das Sma ragdgrün der Grashänge zu goldbraunem Lehm aufwei chen. Chester drehte sich seitwärts, beugte sich vor undblik kte den Pfad hinab.
Die Rappenstute schnaubte und wieherte gedämpft, während sie die letzten Abstufungen des Pfads erklomm. »Ältester?« »Hier.« Der Reiter saß ab, griff mit kraftvoller Rechter die Zügel der Stute und führte sie das letzte Stück des Wegs. Chester neigte den Kopf zur Seite, lächelte zur Begrü ßung herzlich. Verlegen wartete der hochgewachsene An kömmling, hielt den Kopf respektvoll gesenkt. An seinem glänzend-verwetzten Ledergürtel hing ein Handblaster, während er das schwere Gewehr am Kolbenhals, wo er es im Gleichgewicht halten konnte, in der zernarbten Linken trug. Das ähnlich verschlissene Lederhemd wies als Ver zierung eine gemalte Spinne auf; am Gürtel baumelten zahlreiche seidig-schwarze Coups, verdeckten fast den langen romananischen Kriegsdolch. Schweiß und Blut hatten den ledernen Griff schwarz verfärbt. »Du brauchst da nicht herumzustehen, als wärst du ein Knabe, dem man beim Wühlen im Mist erwischt hat, Kriegshäuptling. Wir zwei sind alte Freunde.« Lässig deu tete Chester auf einen Felsklotz neben sich. »Sei ganz freimütig und komm dich stärken. Ich möchte nicht, daß du zaudrig bist oder dich mit übertriebenem Respekt ab plagst. Sei ganz du selbst.« Unbehaglich huschte Eisenauges Blick umher. »Ach, nun komm schon.« Unterdrückt lachte Chester. »Unter uns: Propheten finden geheimnisvolle Mittel und Wege, um zu vermeiden, daß sie ständig von Leuten belä stigt werden, die wissen wollen, was ihnen die Zukunft bringt. Da, nimm Platz. Genieße den Sonnenuntergang. Schön, nicht wahr? Schau dir mal diese imposanten Wol ken über den Gipfeln an. Was meinst du, wie viele Farben siehst du dort?« Eisenauge pflockte die Stute an und setzte sich beklommen auf den von Chester gezeigten Felsen. Nervös wandte er den Blick in den Westen, verkniff die Lider. »Alle Farben, die's gibt, würde ich sagen, Ältester.«
Leise lachte Chester, schaukelte auf seiner Decke hin und her, die Knie an den Brustkorb gezogen. »Ja, John, alle Farben. Setz dich für ein Weilchen zu mir. Sieh dir an, wie der Abend sich herabsenkt ... und lausche der Stille. Hier findet du für deine Seele Frieden. Nimm diese kleine Weile der Beschaulichkeit an und mache sie eins mit dir selbst. Speise mit diesem Momentchen der Ewigkeit deine Seele. Es kann sein, obschon nur Spinne es weiß, daß du in den kommenden Tagen dafür kaum Gelegenheit haben wirst.« Unruhig rückte Eisenauge sich auf dem Felsbrocken zurecht, ließ seinen Blick über die Berggipfel schweifen. Wie Wächter hüteten die letzten Piks der Bärenberge den Zugang zu den Plains und dem angrenzenden Meer. Ein kühles Windchen strich durch den Canon, ein sanfter Vor bote der Nacht, der die zwei Männer umschlich, wäh rend ringsum der Abend dunkelte, den Ausblick auf den anderen Abhang des Canons gräulich trübte. Schließlich seufzte Chester in die immer tiefer werden de Dunkelheit, drehte sich auf seiner Decke herum und knipste mit einem Tastendruck eine sirianische Lampe an. »Magie.« Er lächelte fröhlich. »Elektrizität«, berichtete Eisenauge. »Wir haben seit sechshundert Jahren Beleuchtung im Schiffswrack.« »Aber für sie braucht's den Generator. Ich habe den Generator gesehen, John. Er ist ein großes Ding, das summt und rattert, während es läuft. Diese Lampe ist ein kleiner Gegenstand. Ich kann sie überallhin mitnehmen, und sie funktioniert immer.« »Der Generator ist nur kleiner, Ältester.« Ein andersartiges Lächeln furchte Chesters breites Ge sicht. »Du wirst damit aufhören, mich >Ältester< zu nen nen.« Er hob eine Hand. »Widersprich nicht. Es ist dein Cusp. Wie du's in der Öffentlichkeit hältst, ist deine Sa che, aber hier, heute abend, und wenn wir allein sind, bin ich schlicht und einfach dein Verwandter mit Namen Che ster.«
Eisenauge nickte, richtete seinen Blick in den Höhlen eingang, der hinter der Sitzdecke des Propheten klaffte. Die Höhle war weit und geräumig, ein Erwachsener konn te darin problemlos stehen. Holo-Kuben, Decken so wie verschiedenerlei Bündel Gras und Utensilien hingen an Schnüren, die sich zwischen ins Felsgestein gehaue nen Nägeln spannten. Die Rückseite der Höhle blieb, so weit massige Vorsprünge der Feldwände sie nicht ohne hin verbargen, im Dunkeln unkenntlich. Der Sand auf dem Boden war zu seltsamen, aber dem Auge angenehmen geometrischen Muster geharkt worden. In einer Kochgru be lagen Reisig und Scheite von Säulenpflanzenholz gestapelt; letztere waren säuberlich mit einem Laser zer teilt worden. Noch mehr >Magie »Nett hast du's hier. Ich beneide dich.« Chester nickte, stand auf und richtete den Handlaser aufs Anmachholz. Flämmchen knisterten empor. »Du mußt etwas Zeit für dich haben, John. Darum habe ich dich zu mir reiten lassen. Du hast die Möglichkeit ver mißt, wieder einmal mit deiner Stute allein zu sein, im Feuerschein eines Lagerfeuers zu sitzen und die Sterne hervortreten zu sehen. Heute wird ein herrlicher Abend sein. Die Monde sind noch nicht aufgegangen. Keine Wol ken sind da, um die Sterne zu verhüllen. Ich habe ein paar Steaks im Kühlschrank. Und am Vormittag habe ich Melo nennüsse gepflückt. In diesem Topf ist romananischer Tee. Und in der Kanne da habe ich für später, wenn wir gemüt lich beisammengesessen, Scotch getrunken und uns wie in alten Zeit unterhalten haben, Kaffee warmge stellt. Zu vieles ändert sich zu schnell. Aus diesem Grund tut uns alles gut, was uns das Gute der Vergangenheit be wahrt — damit wir es in Erinnerung halten und nicht ver gessen —, und sollte gepflegt werden. Der Wandel ist unaufhaltsam, aber wir dürfen niemals außer acht lassen, was wir waren, wer wir sind und was aus uns wird. Alles fließt ineinander: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Unsere Seelen sind das Erzeugnis all dessen ... Und muß
ich jetzt ersehen, daß Zeit, Raum und Wahrnehmung alle Ausdruck ein und desselben sind ...?« Eisenauge stieß ein Lachen aus. »Man sollte es besser wissen, als versuchen einen Propheten zu überraschen. Ich vermute, du weißt, daß ich beschäftigt gewesen und aus der Siedelei fortgeritten bin, ohne mir irgend etwas einzu packen? So vieles fehlt mir ... Ich kann von Glück reden, daß ich an mein Gewehr gedacht habe.« »Sorgen bekommen dir schlecht, John. Mir ist bekannt, wieviel ihr, du und Ree, euch aufgebürdet habt. Ich weiß, was in deinem Kopf vorgeht, Kriegshäuptling.« Chester lächelte. »Ich will bei dir hinsichtlich der Zukunft keine Erwartungen wecken, indem ich sage, sie lebt. Ebensowe nig will ich dich belügen und behaupten, sie wäre in Sicherheit ... Zu viele Cusps sind noch fällig. Sie ist Krie gerin. Im Krieg wird eine unglaubliche Anzahl von Cusps entschieden. Viele davon betreffen Kleinigkeiten. Bis hinab zu der Frage, ob ein Mann den Blick senkt, um nachzuschauen, ob er sich den Hosenlatz zugeknöpft hat, oder nicht. Aber du kennst dich selbst damit aus. Es dro hen ständig Gefahren. Sie wird Proben unterworfen. In manchen meiner Visionen sehe ich sie heimkehren. In anderen ... Wir alle sind in Spinnes Netz verwoben.« Eisenauge nickte, schaute zu, wie Chester an Spießen Steaks über die rosig-rötliche Glut des Säulenholzfeuers legte. »Nein, Ältester ... Chester ... Ich suche dich nicht auf, um mich nach Rita zu erkundigen. Der Admiral und ich ...« »Psst, Eisenauge.« Chester schmunzelte. »Ich kenne den Anlaß deines Kommens. Genauso weiß ich, daß du meine Antwort nicht erfahren wirst, bevor du morgen früh deinen Fuß in den Steigbügel setzt, um zur Siedelei zurückzureiten. Weil ich es weiß, können wir uns Behag lichkeit gönnen, unser Beisammensein auskosten, alle Probleme und Widrigkeiten vergessen, vor denen wir ste hen. So wie eben den Sonnenuntergang laß uns auch den Abend genießen. Die Zeiten für solche Gelegenheiten ver
streichen, Kriegshäuptling, also muß man sie nutzen und sich daran erfreuen. Hier, trink diesen Becher Tee.« Erneut nickte Eisenauge, bemerkte am Rande des Feu erscheins die Rappenstute. »Einen Moment. Ich habe vor hin drunten einen Bach gesehen. Ist das Wasser gut?« »Es ist köstlich. Das Gras sprießt üppig. Ich scheuche die Grünen Schnitter weg, damit es so bleibt.« Eisenauge erhob sich, ging zu der Stute, schnallte den Sattel ab und warf ihn mitsamt der Satteltasche beiseite. Er löste das Zaumzeug, hakte die Führungsleine ans Half ter und lotste das Pferd hinab zu dem Gewässer, das sich unterhalb der Höhle zu einem kleinen See staute. Ei senauge band die Stute an einer Stelle fest, wo sie saufen und äsen konnte, ohne sich in der Leine zu verheddern. Mit den weichen Lippen knabberte die Rappenstute an seiner Hand. Weil sie darin kein Futter entdeckte, gab sie ihm einen derben Kopfstoß, ehe sie die Umgebung zu beschnüffeln anfing. Eisenauge lachte, tätschelte ihr den Hals und kraulte sie hinter den Ohren. Die Stute schüttel te den Schädel, wich ihm aus und trat zur Seite, um Gras zu atzen. Er bog den Kopf zurück und schnupperte in Welts düf tereicher Luft. Der Prophet hatte recht. Er brauchte diesen Abend, diese Gelegenheit, um seine Mitte wiederzufin den. Die Padri hatten zuviel von seiner Seele in Beschlag genommen. Und das andauernde Planen und Drillen. Das Grauenhafte dieser geistlosen Augen in den Holos. Eines Tages mußte er solchen Greuelgestalten mit dem Blaster in der Faust entgegentreten. Schon beim Gedanken daran fröstelte es ihn bis ins tiefste Innerste. Über ihm, hoch dro ben, blinkten die altvertrauten Sternbilder, ein flüchtiges Aufflammen zeigte die Beschleunigung eines im Orbit befindlichen Raumflugkörpers an. Welts Eindrücke füllten Eisenauge aus, besänftigten in seinem Gemüt Male des Grolls, Ängste und Sorgen entströmten ihm mit dem Atem. Zum erstenmal seit Tagen schwand die Anspannung
aus seinem müden Körper. Er lächelte hinauf zum oran geroten Schimmer, der Chesters Höhle erhellte, lenkte seine plötzlich leichteren Schritte den Pfad empor, pfiff ein Lied vor sich hin, dessen Melodie er auf Sirius gelernt hatte. Die Morgendämmerung verstrahlte gelbliche Lichtke gel in den Canon, brachte den rosa Granit in rot-orangenen Pastellfarbtönen zum Leuchten, während die Schatten hin ter den abgeschieferten Seitenpartien der Felshänge als bläulich-rotes Streifenmuster lasteten. Klingenbusch tüp felte das harte Felsgestein, die Wurzeln krallten sich in jeden Riß, jede Kerbe. Auf der Talsohle wuchs das Gras in kräftigem Hellgrün; da und dort zottelte ein Grüner Schnitter auf seinen sechs Stummelbeinen entlang, schlang sich Gewächse ins Maul. Chester trat vor die Höhle, einen letzten Becher damp fenden Kaffees in der Hand, während Eisenauge die Pfer dedecke über den Rücken der Stute breitete, anschließend mit der Mühelosigkeit des Geübten den Sattel an seinen Platz schwang und zurechtschob. Fügsam stand die Stute still. Er langte nach den Sattelgurten und schloß sie. Dann wandte er sich um und nahm dankbar den Becher entge gen, blickte talaufwärts, wo die Sonne gerade über den Gebirgsgrat lugte. »Wieder schließt sich ein Kreis«, sagte Chester demü tig. »Von der Abend- zur Morgenfrühe. Den Menschen entgeht viel, wenn sie so schlichte Wahrheiten überse hen.« Versonnen nickte Eisenauge. »Ja, leider. Aber einige von uns müssen sicherstellen, daß uns überhaupt die Frei heit bleibt, um wenigstens so weit zu sehen. Ngen stellt Heere aus Seelenlosen auf. Für mich sind diese Kreaturen ein Greuel, Chester.« Der Prophet nickte, faltete die braunen Finger vor dem Bauch. »Sie sind ein Greuel für Spinne. Ein Verstoß gegen eines seiner wenigen Gesetze: Das des freien Willens.«
Nachdenklich neigte Eisenauge den Kopf. Er setzte einen Fuß in den Steigbügel, saß auf und blickte dem Pro pheten aus dem Sattel in die Augen, um zu ergründen, wieviel er am Vorabend erreicht hatte. »Wir brauchen dich, Chester. Der Admiral hat mich geschickt, um her auszufinden, ob du an Bord der Projektil zu kommen be reit bist. Du wirst gebraucht, um zur ganzen Menschheit zu sprechen. Es bedarf eines Propheten, um die Galaxis über Ngens falschen Gott Deus aufzuklären und ...« Chester lächelte, während er, den Ansatz eines bitter süßen Lächelns auf den Lippen, bedächtig den Kopf schüttelte. »Der Cusp liegt nicht bei mir, Eisenauge. Ich kann nicht den freien Willen einschränken. Nicht einmal zu Gunsten der Menschheit ... Obwohl sie mich im Rah men meiner Studien auf faszinierende Weise beschäftigt. Nein, ihr braucht jemanden, der stärker als ich ist. Sollte er bei der Auseinandersetzung mit seinem Cusp sterben ... Nun ja, dann müßt ihr euch selbst behelfen. Ich ... ich habe meine Wahl längst getroffen ... Den Cusp entschieden, der mich auf den Weg geleitet hat, den ich jetzt beschreite.« »Chester, du verstehst nicht den Ernst der ...« Der Prophet hob seine sonnengebräunte Hand. »Alle deine Argumente sind mir ersichtlich ... So wie deine Ver zweiflung. Ich muß tun, was ich tun muß. Ich glaube, du begreifst mich.« Eisenauge nickte, leerte den restlichen Kaffee aus dem Becher und gab das Gefäß mit gutmütigem Lächeln zurück. »So wie ich dich vor längerem in Großer Manns Santoslager begriffen habe. Jedenfalls glaube ich, daß ich dich verstehe. Und vielen Dank für den gestrigen Abend, Chester. Heute habe ich wieder ein besseres Verhältnis zum Dasein. Ich war drauf und dran, etwas zu verlieren, das ... Na, du weißt Bescheid.« Chester Armijo Garcia sah dem hünenhaften Kriegs häuptling nach, während Eisenauge seine Rappenstute wendete und sie den Pfad hinunter zur grasbewachsenen Talsohle des Canons lenkte.
Einmal drehte sich Eisenauge um, ehe er die Stute zum Trab antrieb, und winkte. Chester lächelte, sammelte seine Töpfe und Tiegel auf und spazierte hinab an den See, um sie zu waschen. »Und wenn du irgendwann Rückschau hältst, Kriegshäuptling, wirst du erkennen, wie schrecklich deine Cusps wirklich sind. Es ist ein Segen, nur die Vergangen heit zu kennen. In die Zukunft zu blicken, ist viel grausa mer.«
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BORDKLINIK DER SPINNES VERGELTUNG
Darwin Pike schauderte zusammen und ließ die Lider sin ken. Sobald er die Augen geschlossen hatte, entstand aus dem Chaos in seinem Kopf das Bild des Psychingapparats. So kristallklar deutlich sah er das Gerät vor Augen, als befände er sich wieder in dem grauenvollen Zimmer auf Basar. Es dehnte sich aus, als bestünde es aus irgendeinem entarteten Schwamm, wurde zu einer Widerlichkeit aus Metall, die Spinnes Gestalt verdunkelte, den einzigen Schutz. Um ihn von der Realität abzutrennen, dem Uni versum, wie er es kannte und durchschaute. Er widersetz te sich dem Drang zu schreien, biß die Kiefer aufeinander, bis die Zähne wehtaten. Solange er über sich die Spinne gesehen und sie ihm Mut eingeflößt gehabt hatte, war es ihm gelungen, sich zu behaupten, Stärke zu bewahren, trotz der Schmerzen und des Entsetzens standzuhalten. Könnte er nur schreien, einfach schreien, schreien. Lange genug schreien, um sich alles aus dem Leib zu schreien. Sich die Erinnerungsbilder aus dem Kopf zu schreien. Oder von der Seele. Oder vielleicht bloß für eine Sekunde einen Blaster in die Hand kriegen. Kaum einen Augenblick würde es dauern, und alle Qualen wären beseitigt, ausgemerzt in einem grellen Blitz, gemeinsam mit seinem Hirn und Schädel zu Atomen zerstoben. Dann wäre das Leid behoben, es für immer vorbei mit den Erinnerungen, hätte er sie ausgelöscht. Er blinzelte und atmete tief ein, versuchte die zerfran sten Bestandteile seines Bewußtseins, die in ihrer Zerrüt tung durcheinanderjagten, zu beschwichtigen. Er hatte das Erlebnis hinter sich. Allerdings waren die Erinnerungen
genauso Wirklichkeit: Er hatte das Grauen erlebt; und er erlebte es jetzt. Susan hatte ihm einen Besuch abgestattet; ihre Besorg nis hatte für ihn sehr gezählt. Er wünschte, er hätte es fer tiggebracht, sie anzuschauen und zu fragen, ob er sich nun endlich ihren Respekt verdient hatte. Zur Aufmunterung hatte sie ihm die Schulter gedrückt, und für einen Moment waren Einsamkeit und Angst von ihm gewichen. Er war von ihr wie ein Mensch behandelt worden, nicht wie ein nichtsnutziges Stück Dreck. Aber hatte Reesh nicht erwähnt, sie hätte Männer kastriert? Sie während der Kämpfe auf Sirius entmannt, ähnlich wie andere Krieger Coups nahmen? Ein scheußliches Phantasiebild Susans als Kannibalin kam ihm: Ihre blutbesudelten Kiefer kauten an seinem abgeschnittenen Glied. Im Hintergrund seines Wesens regte sich eine unheimliche, unsinnige Furcht. Susan? Sie und sein Fleisch verzehren? Nein. »Aber sie hat Männer kastriert ...« Eine andere Vorstel lung Susans: Ihre Augen blitzten, silbern sauste der Dolch herab. Ein Schnitt durchstach scharf seinen Unter leib, und als sie sich aufrichtete, hielt sie sein blutiges Geschlechtsteil in der Hand. Aus Pikes eingeschnürter Kehle drang ein heiseres Röcheln. Er versuchte zu schlucken; sein Mund war dermaßen ausgedörrt, daß die Zunge am Gaumen klebte. Die MedEinheit sedierte ihn wieder, er spürte, wie sich seine Kör pervorgänge verlangsamten. Er stöhnte auf, weil er wuß te, daß gleich hinter dem Horizont seines Bewußtseins die Träume lauerten. Er wollte schreien, doch Pallas Mi kros beugte sich über ihn, in seiner Hand blitzte das Skal pell. Die Klinge senkte sich. Er konnte sie fühlen; er spür te sie völlig realistisch. Sie entfernte ein rotes, von Blut nasses Stückchen seines Körpers. Dem folgte das gluthei ße Brennen, als Pallas die Wunde kauterisierte, durchseng te seine Nerven bis herauf ins Gehirn.
Pikes trockene, gemarterte Augen blieben zwangs weise auf die Frau geheftet, deren rabenschwarzes, ge locktes Haar ihr bis auf die Schultern wellte und schim merte; Pallas reichte ihr die blutige Kugel. Darwin war es verwehrt, den Blick abzuwenden oder die Augen zu schließen, während er mitansah, wie sie sein lebendes Fleisch in den roten Mund stopfte, es mit der Zunge zu rechtwälzte und zubiß. In seinem zermürbten Geist wur de die Erinnerung an diese unerbittlichen Kiefer immer noch deutlicher. Hin und her mahlten die Kiefer, kauten im Takt seines überlauten Herzschlags. »Eine Frau wie Tiara ...«, erklang Ngens leise Stimme, als sickerte eine samtige Flüssigkeit in den Traum, durch tränkte ihn. Und das Gesicht ... das schöne Gesicht ... formte sich ein wenig um, der Knochenbau nahm ein zierlicheres Aussehen an, die Wangen wurden hohl. Und im Licht glänzte, während sie mampfte, bläulich-schwarz Susans Haar. Darwin stockte der Atem, während Ngen auf ihn ein raunte. »Eine Frau mit schwarzem Haar und tiefen, lei denschaftlichen Augen. Eine Frau mit einer Haut wie Seide. Fühlst du sie, Darwin? Spürst du ihre Wärme? Denk an sie. Denk an sie und daran, wie gerne du jetzt bei ihr wärst ... wie gerne du sie in den Armen hieltest, um ihre Liebe zu genießen.« Und Susan begaffte ihn aus geistlosen Augen, wäh rend sie nach ihm griff, auf ihren Lippen schimmerte Blut, rann ihr aufs Kinn und auf den Hals. Pikes Aufheulen zerriß ihm die Seele, fegte ihm den Belag von der Kehle. Die Erinnerungen strudelten davon und verschwam men in Grauschleiern. Stimmen. Ein Herandämmern von Wirklichem. Ein wie durch Dunst gesehener Anblick. »Es ist nichts. Nur ein schlechter Traum. Wenn ich bloß das Psyching anwenden dürfte ... Das halbe Schiff muß ihn gehört haben ...«
Darwin schwebte, trieb dahin, sank in wie Nebel diffu se Wallen. »Wenn ich bloß das Psyching anwenden dürfte ... das Psyching ... das ...« Seine Seele schrak zurück, wimmerte ein Klagen wie ein Gespenst. »Sei mein Freund ...«, bat Ngens Stimme, tastete sich wie mit Fühlern in Darwins Geist. »So muß es doch nicht weitergehen ... Deine Freunde haben dich längst abge schrieben. Wo stecken sie denn jetzt ...? Laß uns dem Leid ein Ende machen ...Du selbst, mein Freund, kannst diesem schrecklichen Alptraum ein Ende bereiten. Sprich ganz einfach mit uns ... Laß dir von uns helfen.« Die sanften Klänge der Stimme schwatzten schmeich lerisch auf Pike ein, unterminierten nach und nach die Wurzeln seiner Widerstandskraft, untergruben Stück um Stück seinen Willen. Weil er sich ihr nicht zu entziehen vermochte, hebelte das honigsüße Geseire allmählich die Grundfesten seines Gemüts locker, erweiterte die bedroh lichen Risse in seinem Geist. Der Schweiß, der Mikros' Nase hinablief, glitzerte in der Beleuchtung, brannte in Pikes frischen, offenen Wun den, indem er hineintropfte. Ngens Stimme leierte unauf hörlich weiter, wühlte ihre Einflüsterungen wie Fühler in seinen Verstand. Jede Sekunde dehnte sich aus, bis sie ei ner Ewigkeit nahekam. Sechzig solche Ewigkeiten bilde ten eine Minute, die Minuten reihten sich zu einer Stunde aneinander, aus den Stunden wurde ein Tag, Tage mehr ten sich zu einer Woche, einem Monat, einer Lebenszeit und schließlich einer Unendlichkeit. Kaleidoskopische Erinnerungsmomente drangen auf Pike ein, Geflügelter Stier Reeshs Geheul durchgellten ihn, als das Psyching erneut einen Funken Spinnes aus löschte. Darwin blickte in sein Inneres, sah Geflügelter Stiers Geist, empfand die auf sich geladene Schuld und erkannte, er würde Reeshs Schreie sein Leben lang hören. Er hatte seinen Freund diesem gräßlichen Tod entgegenge führt. Das gespenstisch-hohle Klagen der Kinder und Wit wen Reeshs winselte ohne Ende ein Echo.
Nur Spinne hatte ihm beigestanden, über ihm ge schwebt: Unüberwindlicher Spinne. Dann folgte das Psy ching, und Spinne ... Spinne ... Aus dem Gestrudel von Schwarz wallte die Zukunft wie ein höllischer Erguß auf Pike zu. Rundum flackerten die Sterne ein letztes Mal und erloschen. In interstellarem Sternenwind schwoll ein geisterhaftes Stöhnen an — das Todesröcheln dahingeraffter Milliarden — und verklang, das Licht der Ewigkeit und das Nichts des Todes saugten das vielfache Elend auf wie ein Mahlstrom. Als er eine Hand hob, um den Andrang abzuwehren, schaute er eine fürchterliche Offenbarung, einen unübersehbaren Alp traum verrenkter Leichen, Millionen über Millionen, die Augen leer, doch die Kiefer bewegten sich, kauten. Sie trudelten näher, rülpsten ihm den Auswurf des Künftigen entgegen, Tausende von Krallenfingern schlugen nach ihm, bohrten sich in seine schutzlose Haut, aus verwa schenem Dunkel hackten messerscharfe Fingernägel. Er wandte sich ab, wollte die Flucht ergreifen, voller Panik ausreißen — doch da stand Susan vor ihm, der stin kige Wind wehte ihr das schwarze Haar um den Kopf. Er verharrte, hatte unter den Füßen plötzlich glasigen, von warmem Blut klebrig-schlüpfrigen Boden. Er warf einen kurzen Blick abwärts und erstarrte, heiß schoß ihm Furcht das Rückgrat herauf — und sah nur die Knochen seiner entfleischten Füße durch die Brühe rutschen. Mit einem Aufwinseln hob er den Blick — zu spät, um Susans Armen noch ausweichen zu können. Sie packte ihn, starke Finger drückten sich seinem Fleisch ein, seng ten bis ins Mark. Susan beugte sich über ihn, öffnete den blutigen Mund. Erbärmlich wimmerte er, während ihre Zähne sich in seinen Leib gruben. Ewigkeit umfing Pike. *
*
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Ein andere Realität: Schmerz. Pike zwinkerte, schlug die Augen auf; ein PatrouillenSanitätsobergefreiter untersuchte ihn mit einem Instru ment, das unregelmäßiges Licht in die Pupillen strahlte, seine Augen. Dazu stellte der Med ihm sinnlose Fragen. Manchmal antwortete er; manchmal nicht. Sollten sie doch alle zum Teufel gehen. Wie Spinne durch den Psychingapparat verdrängt wor den war, so hatte die Maschine auch Pikes Willenskraft zermalmt. Zusammen mit Brocken seines Fleischs hatte die Kannibalin mit den toten Augen auch Teile seiner Seele gefressen. Ähnlich wie Ngen die Galaxis ver schlang, Menschen die Seelen raubte; wie er Darwin Pike die Seele entrissen hatte. Jetzt war Ngens Kannibalin tot — wahrscheinlich verweste sie schon —, nahm den Pike entwundenen Teil seiner Seele in die Hölle mit, die wohl ihre Endstation sein mußte. Doch alles bestand aus einer oder anderer Art von Hölle. Das Dasein war ein einziges Leiden, nur unzureichend übertüncht mit gelegentlichen, kurzen Illusionen des Glücks. Susan hat Männer kastriert. Reesh hat es mir erzählt. Das Ganze ist Wahrheit. Was Ngen gesagt hat ... beruht auf Tatsachen. Der MedTech checkte die Monitoren, nickte und trat zurück. Etwas fiel Pike ein. »Sind meine Privatsachen gebracht worden?« »Ich glaube, es ist alles da.« »Ich hatte ein altes Messer«, rief Pike in plötzlicher Verzweiflung. »Es ist doch nicht zurückgeblieben, oder? Mein Großvater hat's in einem alten Flugzeugwrack ge funden. Es ist 'n Erbstück. Ich muß es haben!« »He, mal langsam!« Der Med legte Pike eine Hand auf die Schulter, versuchte ihn zu beruhigen. Er bückte sich, kramte in einer Schublade. Hohl klapperten Gegenstände. »Ja, es ist da. Hier, sehen Sie? Alles ist bestens. Also bewahren Sie Ruhe. Ich möchte, daß Sie nun ein paar tiefe
Atemzüge tun und sich innerlich völlig auf Heilung und Genesung konzentrieren, ja? Das ist gegenwärtig am wichtigsten. Wir müssen Sie wiederherstellen.« »Wiederherstellen, ja klar«, nuschelte Pike halblaut. »Danke.« Er drückte das Messer an seine Brust. Der Sani winkte ihm zu und entfernte sich. Aufmerksam verfolgte Pikes Blick ihm zum Ausgang. Der Alaskaner lächelte vor sich hin. Die Med-Einheit würde ihn nun für eine Weile wachhalten. Es stand zu er warten, daß unterdessen die Wachsamkeit des Oberge freiten nachließ. Und dann? Ganz einfach. Es kam nur dar auf an, die Klinge an genau dem richtigen Punkt anzuset zen und mit aller Kraft nach unten zu stoßen. Er mußte das Rückenmark durchtrennen, oder die Med-Einheit mäße ein Absinken der Körperblutmenge und gäbe Alarm. Er sah den Med hinausgehen und hob das Messer, blickte an seinen Armen hinab und bemerkte, wie seine Sicht im Umkreis der Hände und der scharfen Klinge ver schwamm. Der Griff fühlte sich hart an; die von Pallas ausgerenkten Finger spürte er kaum. Das Solinger Messer schwebte wie eine Speerspitze über der Mitte seines Bewußtseins. Der Moment war da. »Bist du mit dem zufrieden, was du Spinne zu senden beabsichtigst?« erkundigte sich eine leise Stimme. Pike hielt inne, seine Muskeln zitterten. Niemand keif te Alarmrufe. Er bewegte den Mund, betrachtete die scharfe Spitze, ihm begannen vor Anstrengung die Arme zu beben. Er schluckte, schielte hastig zur Seite. Der Pro phet beobachtete ihn strengen Blicks. »Deine Seele vorsätzlich Spinne zurückzuschicken, ist Vermessenheit, meinst du nicht? Du maßt dir an, zu wis sen, wann Gott deine Seele zurückhaben will. Warum glaubst du, Spinne wüßte diesen Zeitpunkt nicht selbst? Bist du klüger als Gott, Dr. Pike?« »Ich ... ich will nicht ... mehr leben.« »Ein Santos hat einmal gefragt, ob du würdig bist.« Der Prophet sprach jetzt in verständnisvollem, freund
licherem Tonfall. »Wie lautet dein eigenes Urteil? Hältst du dich für würdig?« »Du ... du hast ja keine Ahnung«, flüsterte Pike, fühlte Tränen in seinen Augenwinkeln brennen. »Du warst nicht dabei ... Du kannst's nicht verstehen ...!« Er schnaubte durch die verstopfte Nase. Der Prophet lächelte und nickte. »Dein verlorenes Fleisch war nichts als eine Anhäufung von Zellen, An thropologe. Fleisch wächst nach. Wie sonderbar, daß du dir einbildest, deine Seele sei eins mit dem Körper. Die Seele ist ein Teil Spinnes, ein Fünkchen Gottes. Sollte deine Ansicht etwa bedeuten, daß Sam Eisenauge, als er die Kurtisane enthauptete und bei ihr den Coup nahm, den Teil Spinnes tötete, den sie verzehrt hatte? Das wäre ein abenteuerliches Schicksal für einen so kleinen Anteil Spinnes gewesen.« »Woher weißt du davon?« Offenen Munds stierte Pike ihn an. »Ich bin wochenlang bewußtlos gewesen. Du kannst unmöglich ... Du kannst überhaupt nicht ... Das gibt's doch nicht!« »Du selbst wirst mir über deine Gedanken und deine schrecklichen Träume alles erzählen. Ich weiß es aus einer Vision, Darwin. Ich habe dich auch tot daliegen sehen, im Hals das Messer. Eine weitere Möglichkeit ist, daß du infolge verletzten Rückenmarks vom Hals abwärts gelähmt wirst. Die Entscheidung ist dir überlassen — es ist dein Cusp —, ich darf dir nicht sagen, was du tun sollst. Ich kann dir voraussagen, daß Susan versuchen wird, sobald sie erfährt, daß du nach deinem Messer gefragt hast, es dir fortzunehmen. Der Mediziner hat der Kom mandantin noch nicht Meldung gemacht. Du hast, abhän gig davon, wie groß deine Entschlossenheit ist oder wie gründlich du dir einreden kannst, im Recht zu sein, noch ungefähr eine Minute Zeit, um dich zu töten oder zu ver sehren. Spinne hat dir Beistand geleistet. Er wird dich nicht beeinflussen, falls du dich nun entschließt, dich gegen ihn zu stellen. Spinnes Hauptinteresse gilt dem
freien Willen. Es ist dein Cusp. Was wirst du tun? Was wirst du Spinne lehren?« Patans Ton blieb gütig, herzlich. Darwin besah sich das Messer. Dann richtete er den Blick wieder auf den Propheten. »Macht es einen Unter schied aus, ob's so oder so kommt? Wird die Welt nach meinem Tod stillstehen? Wird es irgendwen scheren, wenn ich tot bin?« Er schwieg; bittere Ironie umzuckte seine Lippen. »Werden die Erinnerungen je verschwin den, wenn ich weiterlebe, wird die Erniedrigung je nach lassen? Kann ... kann ich das Geschehene vergessen?« »Es wäre ein Hohn, würdest du es vergessen. Niemand von uns geht durchs Leben, nur um es zu vergessen, Dar win Pike. Die Frist ist fast abgelaufen. Wenn es dein Wunsch ist, töte dich nun. Wenn nicht, tu nichts ... Auch das ist eine Entscheidung.« Der Blick aus Patans müden Augen blieb fest. Zur Aufmunterung lächelte er Pike nochmals zu; diese Geste besagte mehr als Worte. Darwin schluckte, spürte sein Herz wummern. Kühl und glatt lag der Griff des Messers in seinen Händen. Er brauchte es nur kräftiger zu fassen, an der Klinge hinab zublicken ... und wuchtig genug zuzustechen, um die Rückenwirbel zu durchtrennen. Mehr wäre nicht nötig. Genügend Kraft hatte er, und das Messer war mörderisch scharf und spitz. Woher weiß der Prophet soviel ? Was hat er gemeint ? Wieso wäre es ein Hohn, die vielen, langen Stunden der Qualen, des Leidens und der Schrecknisse zu vergessen? Kehre ich Spinne den Rücken zu ? Ruhig legte Darwin Pike das Messer am Rand des klei nen, an der Seite der Med-Einheit festgeklammerten Tabletts ab. »Aha ...« Patan Andojar Garcia seufzte, schloß die Li der, als sähe er etwas in seinem Kopf. »Es verblüfft mich noch immer, aber ich habe an Erfahrungen gewonnen. Du hast mich viel gelehrt, Darwin, während ich deinen Weg verfolgt habe. Ich habe mir angewöhnt, mich von Zeit und Ereignissen einfach durchfließen zu lassen. All das ist
außerordentlich faszinierend. Man muß nicht alles wissen. Es wäre unsinnige Eitelkeit, es bloß zu versuchen, und müßte den Blick für Spinnes Zwecke blind machen. Die schwierigste Lehre, die man ziehen muß, ist die Einsicht, daß sein wird ... was sein wird.« Der Sanitätsobergefreite kam hereingestürzt, im Ge sicht blaß vor Furcht. Er sah Pike und schlitterte, sichtlich erleichtert, ein Stückchen, bis er zum Stehen kam, Schweißperlen auf der Stirn. Er schnaufte auf und trat langsamer näher. »Geht's Ihnen gut? Ich habe da was auf 'm Monitor gesehen ... Sie hatten das Messer in den Hän den ...« Böse schaute Pike ihn an. »Ob's mir gut geht? Nein, ein beträchtlicher Teil meines Beins ist mir zerfleischt und einer halbmenschlichen Kannibalin verfüttert worden. Ich habe das Gefühl, als gäbe mein Körper bei einem Festes sen in der Hölle das Hauptgericht ab, und ich bin derma ßen durstig, daß ich den Golf von Alaska aussaufen könn te. Und obendrein durchlebe ich, sobald ich die Augen zumache, jede verdammte Sekunde des Ganzen noch ein mal.« Jede Sekunde, kapierst du, du unfähiger Gimpel?! Bis hin zu Susans ... Nein. Du bist wach, Pike. Nicht sie war die Kannibalin. Das hat Ngen nur vorgetäuscht. Du befindest dich nicht im Traum. Reesh hat erzählt ... Nicht Susan hat mir das angetan. Ngen ... In diesem Moment stoppte vorm Eingang Susan ihren Lauf, schwang sich um die Türfassung in die Bordklinik; ihre Augen spiegelten grimmige Gewißheit, doch da sah sie, daß Pike lebte, holte tief Luft. Ein Gruseln befiel Pike. »Sie ist nicht die Kannibalin«, vergegenwärtigte er sich. »Nicht die Kannibalin. Nicht die ... Pfoten weg!« Der MedTech hatte die Hand nach dem Messer ausge streckt, sie jedoch zurückgezogen, als Pike ihn anschnauz te. Beunruhigt blickte der Sani Susan an. Sie schüttelte den Kopf und wies mit dem Kopf in Richtung Tür. »Ich habe gehört, du hast nach deinem Messer ge
fragt«, sagte sie, versuchte ihrer Stimme einen ruhigen Klang zu verleihen. »Ja, hab ich.« Und du bist nicht die Kannibalin. Nein, ich erkenne den Unterschied. Deine Augen haben eine andere Farbe. Susans Haut ist dunkler. Sie ist nicht die Kannibalin! Reiß dich endlich zusammen! Du mußt verste hen, was Ngen getan hat. Aber der Träume konnte er sich nicht erwehren. Resigniert nahm er das Messer zur Hand, betastete den kalten Stahl der Klinge. Achtsam näherte sich Susan, umrundete bedächtig die übrigen Med-Einheiten, balancierte sprungbereit auf den Fußballen. »Doktor, ich mache mir Sorgen um dich. Ich weiß noch genau, wie mir zumute gewesen ist, nachdem Ngen mit mir seinen Zeitvertreib gehabt hatte. Damals hatte ich vor, nur noch lange genug zu leben, um ihm den Garaus zu machen, bevor ich den Blaster gegen mich selbst richten wollte.« Reesh hätte mich nie belogen. Sie hat Männer kastriert ... Ähnlich wie die Kannibalin. »Reizender Einfall. Anscheinend bist du noch nicht soweit.« Ruckartig straffte sich Susans Haltung ein wenig. »Ja. Statt dessen habe ich mich bei einem Propheten ausge sprochen. Propheten haben bemerkenswerte Gaben. Sie ...« Susan schaute hinüber zu Patan Andojar Garcia, der gelassenen Blicks alles mitverfolgte, auf den Lippen ein Lächeln des Wohlwollens. »Hau ab! Ich werde schon klarkommen. Zerbrich dir wegen deines Anthropologen nicht den Kopf. Ich werde nicht dulden, daß Ngen dich um ihn bringt ... Wenigstens nicht in naher Zukunft. Aber ihr werdet mir nicht das Mes ser wegnehmen. Jetzt nicht ... und überhaupt nicht.« Er musterte sie; zwischen ihnen entstand kalte Feind seligkeit. »Ich bin's satt, von dir, Ree und dem gesamten Rest wie ein Depp behandelt zu werden. Wenn Eisenauge mir das Messer fortnehmen möchte, naja, vielleicht schafft er's. Falls er keinen Wert drauf legt, bei jedem anderen werde ich lieber sterben, als es herzugeben.«
Voller Abweisung nickte Susan. »Wie du willst, Doktor.« Sie machte auf dem Absatz kehrt und verließ die Bord klinik. Darwin sank auf sein Polster zurück und schöpfte gründlich Atem. »Sie hat den Wunsch, dir zu helfen.« Patan neigte den Kopf zur Seite. Pike merkte, wie die Med-Einheit ihn erneut schlafen legte. Er hatte noch vor, sich an den Propheten zu wen-den und ihm zu erzählen, was für eine Schwäche er für Susan entwickelt, wie energisch er sicherzustellen versucht hatte, daß sie auf Basar aus den Klauen der Padri entkam, doch sein Mund gehorchte ihm schon nicht mehr, er sank in die Welt Ngens, Pallas' und der regelmäßig in Susan verwan delten Kannibalin. Furcht, Einsamkeit und äußerste Gewalt bedrängten ihn, während im Hintergrund Reeshs Kreischen erscholl. *
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NACH DEM ÜBERLICHTFLUG AN BORD DER SPINNES DOLCH WÄHREND DER BREMSPHASE BEIM EINFLUG IN DEN UMRAUM BASARS
Die Spinnes Dolch beendete den Überlichtflug, ihre Sta sisfeldgeneratoren verstrahlten Photonen und geladene Partikel heckwärts, die sich im Stieben des zerfransten magnetogravitatorischen Schweifs verstreuten, der dem Raumschiff nachwirbelte. »Austritt vollzogen«, rief Rita, checkte die Monitoren. »Auf vierzig Ge gehen. Wenn wir in die Reichweite der Fernerfassung gelangen, ungleichmäßige Dezeleration betreiben. Wir wollen keine Frühwarnsysteme auslösen. Es kann sein, daß hier, nachdem Susan die Bande aufge mischt hat, neue Waffen stationiert worden sind.« »Verstanden.« Rita stand auf und reckte die Glieder, heftete den Blick auf den Hinterkopf des Piloten, der matt in seinem Kom
mandosessel lag und per Kontaktron mit dem Steuerraum kommunizierte. Die Beendigung des Überlichtflugs stellte vor strapaziöse Aufgaben. Bereits dicht unterhalb der Lichtgeschwindigkeit mußten die vom Raumschiff gene rierten Energien gewissenhaft zur Masse-Geschwindigkeit-Relation kompensiert werden. Rita spürte eine geringfügige Schwerkraftschwankung, als die Gravo-Kompensatoren die Beschleunigung ausgli chen. An den Konsolen indizierten die Monitoren überall Normalstatus. »Bud? Wie sieht's draußen aus?« Mishima beobachtete seine Monitoren: Die Kommu übermittelte Korrekturdaten zur Kompensation der durch die Schockwelle des Bugs hervorgerufenen, heckwärtigen Turbulenzen. »Entweder haben wir einen Defekt, oder dort ist alles still. Warten Sie einen Moment, ich lasse ein Diagnoseprogramm durchlaufen ... Keine Defekte, Majo rin. Es ist so ruhig, als wäre alles mausetot. Transduktion ist nur als normale direktoratsweite Hintergrundstrahlung meßbar.« Mit einem Fingernagel stocherte Rita, die grünen Au gen auf den Bildschirm gerichtet, zwischen ihren Schnei dezähnen. Während die Sensoren rings ums Raumschiff infolge Masseneinwirkung gekrümmtes, rotverschobenes Licht entzerrten, sah sie auf den Monitoren der Komman dobrücke die Galaxis sichtbar werden. Die Kommu führte eine Sicherheitsanalyse durch und konnte keine Unregel mäßigkeiten ermitteln. »Na gut, ich glaube, wir dürfen uns 'ne Ruhepause gön nen. Es macht nicht den Eindruck, als wären sie dort ner vös. Entweder das, oder Susan hat ihnen alles gekappt, was elektronischen Augen und Ohren gleichkommt.« So? Aber wenn sie angegriffen worden sind, warum sollten sie die Warnsysteme abschalten? Wird man einmal über rascht, ist man nachher doppelt so wachsam. »Irgendwie behagt mir die Sache nicht. Bud, strengen Sie mal 'n bißchen Ihren Grips an. Versuchen Sie's mit
allern, was Ihnen einfällt, solang's passiv ist. Bei aktivem Scanning hätten sie uns schneller angepeilt, als 'n Bär 'n Grünen Schnitter ausspäht. Sie müssen doch über irgend welche Anlagen verfügen, über gewisse Mittel zu ihrer Verteidigung.« Einige Stunden später strebte sie durch die engen Kor ridore zum Casino, stellte sich per Tastendruck ein Menü zusammen. Hinter ihr kam Bud Mishima, wählte ebenfalls eine Mahlzeit. Rita setzte sich an eine Längsseite des rechteckigen, zerschrammten Tischs. Das Casino der umgebauten Blitz korvette umfaßte kaum mehr Rauminhalt als ein größeres Kabuff. An einer Wand befanden sich die Spendeautoma ten aufgereiht; um in jeder einzelnen Kabine einen Auto maten zu installieren, wie es an Bord der Projektil der Fall war, fehlte es in der BK an Platz. Die zuvor glänzend-weißen Tablettregale, Tellerständer und Becherhalter glänzten nicht mehr weiß. Der gesamte Ablauf der inneren Modifi kationen der Spinnes Dolch ließ sich aus den Schichtun gen der Fingerabdrücke ablesen. Braune Abdrücke waren während des Auseinanderschweißens und Rekonstruierens zurückgeblieben, schwarze hatte die Umarbeitung der Maschinen hinterlassen, graue stammten von der Auf räum- und Reinigungstätigkeit, und die weißen gingen zurück auf das abschließende Neustreichen des ganzen Kuddelmuddels. Sicherlich würde es danach im Casino weniger heimelig aussehen, doch die Zeit war reif fürs Putzen. Rita gab der Kommu eine entsprechende Anwei sung durch. Etliche Patrouillensoldaten mochten ein wenig Disziplinierung ganz gut vertragen können. Die Mehrheit der Sturmtruppen hauste und aß weiter hin in den ST, die im Rumpf der Spinnes Dolch ange flanscht hingen. Für die eigentliche Crew jedoch war das kleine Casino eine Art von Zuhause geworden: Der ein zige Treffpunkt, an dem man bei einem Becher Kaffee zusammenhocken und belanglose Gespräche führen konnte.
»Sie sind also der Meinung, sie lauern dort nur darauf, uns unter Feuer zu nehmen?« Mishima unterdrückte ein Gähnen, massierte sich mit den Händen die Muskulatur seiner haarigen Unterarme. Rita kaute nachdenklich. »Ich weiß nicht recht«, brummte sie. »Irgendwie ist mein sechster Sinn erwacht. Du verstehst schon, es ist einem echt mulmig, aber man begreift nicht, wieso. Ich hatte sofort ein schlechtes Ge fühl, als wir aus der Überlichtphase wechselten ... Als gäb's hier etwas, wovon ich gar nichts wissen will. Dürfte ich's, würde ich verduften. Nach einigem von dem, was wir auf Mysterium gesehen haben, möchte ich mich am liebsten für den Rest meines Lebens nur noch in Johns Arme kuscheln, Vieh und Pferde züchten und Kinder auf ziehen. Aber der Admiral wünscht, daß wir die Lage auf klären, um herauszufinden, wie schnell sie sich auf Basar von Susans schweren Angriffsschlägen erholt haben.« Bud runzelte die Stirn, beugte sich vor, um Essen in seinen breiten Mund zu löffeln, kaute so aggressiv, wie er auch alles übrige verrichtete. Rita schätzte Mishima seit jeher. Er hatte zwei Methoden, um mit dem Leben zurechtzukommen. Entweder ging er mit vollem Einsatz vor und pfiff auf die Konsequenzen, oder er döste vor sich hin. In all den Jahren, seit Rita ihn kannte, hatte sie nie erlebt, daß Bud irgend etwas halb getan hätte. Er machte eine Geste mit der Gabel; nach wie vor furchte das Stirnrunzeln seine Bulldoggenmiene. »Na gut, gehen wir mal davon aus, Ngen hält dort unten eine Falle bereit. Ich habe das verdammte Sonnensystem von oben bis unten und von vorn nach hinten gescannt. Basar hätte als stärkste Radioquelle in diesem Teil der Galaxis erkenn bar sein müssen. Aber ich habe keine entsprechenden Meßergebnisse vorliegen. Im unteren Bereich der EMSkala wird Basar von seiner Sonne überlagert. Ich habe das Scanning im gesamten Spektrum vorgenommen, von tausend Kilometer bis hinunter zu zehn Nanometern. Der Planet ist nicht völlig tot, aber unter Berücksichtigung der
geophysikalischen Eigentümlichkeiten doch verflucht ziemlich ruhig, es läßt sich kaum mehr peilen, als schon aufgrund der Elektrostürme und einer geringen mensch lichen Population zu erwarten ist.« Nachdenklich kratzte Rita sich hinterm Ohr. »Wenn's 'ne Falle ist, müssen Sie bedenken, hat Ngen sie ganz be stimmt mit äußerster Hinterlist gestellt hat. Mißverstehen Sie mich nicht, Ngen ist in seinem Handeln ausschließlich brillant. Er müßte alles auf dem Planeten stillgelegt haben. Und woher sollte er wissen, daß noch einmal jemand vor beikommt? Susan hat seine meisten Anlagen zusammen geschossen. Ich kann mir nicht ...« »Vielleicht hat Ngen die Funksprüche des Admirals aufgefangen? Sie entschlüsselt? Ist vor uns hier eingetrof fen? Heiliges Kanonenrohr, es kann sein, er war schon im Orbit um Basar, als auf Mysterium irgendwer in die rich tige Richtung gelauscht und bei uns mitgehört hat.« Rita beendete ihre Mahlzeit und schob das Tablett von sich, lehnte sich nach vorn und stützte die Ellbogen auf den Tisch. Sie schloß sich ans Kommu an und blickte auf den Monitor. »Ki, verlegen Sie den Vektor. Wir durchrun den das Sonnensystem. Wir können die Gravitationsquel len der beiden Gasriesen benutzen, um die Delta-Geschwindigkeit zu reduzieren, ohne zuviel Reaktionsmasse zu versprühen. So bleibt uns Gelegenheit, erst einmal ge nau zu observieren, bevor wir uns für ein bestimmtes Vor gehen entscheiden.« »Verstanden, Majorin. Nach vorläufiger Schätzung werden wir dann allerdings zwei Wochen länger unter wegs sein.« Rita langte nach ihrem Kaffee, starrte das Schott ge genüber an, schlürfte einen Schluck. »Damit können wir leben, Ki. Ist immerhin besser, als aus 'm All geblastert zu werden, hm? Halten Sie die Augen nach gegnerischen Aktivitäten offen. Bud und ich haben gerade das Für und Wider eines feindlichen Hinterhalts diskutiert.« »Verstanden, Majorin.«
Rita spürte schwachen Andruck von den Gravo-Kompensatoren ausgehen, als Ki eine Kursänderung einleitete. »Nichts als Ärger«, murrte Mishima. »In letzter Zeit haben wir nichts als Ärger. Wie lange ist es her, daß einer von uns sich das letzte Mal gelangweilt hat?« Versonnen lächelte Rita, drehte den Kaffeebecher in den Händen. »Ich glaube, damit war schon vor langem Schluß, nämlich während des Patrouillenflugs, den wir damals in den Außensektor unternommen haben. Entsin nen Sie sich? Der Auslöser war, daß ein FLF irgendein verdammtes Bruchstück des planetaren romananischen Funkverkehrs aufgeschnappt hat.« Mishima schwang ein massiges Bein auf die Sitz bank. Er lehnte sich an und rückte sich in der Ecke zurecht. »Sind's nicht Sie gewesen, der die Anthropolo gin geholt hat? Ree hatte doch Sie zur Universität geschickt, oder?« Rita lachte, nickte über dem Kaffeebecher, den sie noch in beiden Händen hielt. »Ja, dort habe ich Dr. Dobra kennengelernt. Ich bin auch dem nichtsnutzigen Doofen begegnet, mit dem sie zusammenlebte. Jeffray. Mann, Mann ...! Naja, es kam raus, seine Blödheit war nicht seine Schuld, er war auf Veranlassung des Gesundheitsministe riums gepsycht worden, weil er sich eigene Gedanken zur Transduktionstheorie gemacht hatte. Ich weiß es nicht genau, aber 's kann sein, das ist der Punkt gewesen, an dem alles anfing. Der Knabe wurde gepsycht und Leeta stinksauer. Ich fand sie sympathisch, deshalb habe ich ihr aus der Patsche geholfen, das Gesundheitsministerium erhielt keine Möglichkeit mehr, sie zu psychen, bevor sie nach Welt abflog. Sie blieb geistig völlig klar. Auf Welt gab's Schwierigkeiten mit den Santos, dann sind wir an Spinnenkrieger geraten, haben uns verliebt und verhindert, daß das Direktorat Welt komplett sterilisierte. Hat ein Dominostein den anderen gekippt? War es Schicksal? Spinne allein weiß es. Aber jetzt werden wieder Menschen gepsycht — und das in einem Umfang, wie das Direktorat
es sich vormals nie hätte träumen lassen. Und wenn wir das durchgestanden haben, was kommt danach?« Mishima streckte den Oberkörper, hielt seinen Becher unter den Getränkespender und drückte die Kaffee-Taste. Fast bekam er das Übergewicht, als der Becher voll war, aber es gelang ihm, keinen Tropfen zu verschütten. »Wis sen Sie, an dem Tag, als Sie mit Gebrüll 'n Rudel Roma naner in den Reaktorraum geführt haben, gab's 'ne Men ge Leute, die Sie liebend gern zerblastert hätten.« Rita zuckte nur die Achseln. »Stellen Sie sich vor, das zweite Mal, als ich Leeta Dobra gesehen habe, stand sie kurz davor, aus einer unterstklassigen Raumfahrerspe lunke der Universität abgeschleppt zu werden. Ich war schon angeheitert, ich hatte auf Patrouillenkosten Mete orschwarm getrunken. Ich habe den Sausack verscheucht, und da hockte Leeta ... völlig durcheinander, ratlos, ein typisches Direktoratsschäfchen. Aber irgendwie merkte man ihr 'ne gewisse Courage an, also dachte ich mir: Egal!, und habe mich zu ihr gesetzt. Ich erinnere mich noch, wir hatten eine längere Diskussion über die Zustän de im Direktorat, über die Stagnation und den allgemeinen Niedergang. Ich glaube, ich habe zu ihr gesagt: >Zu dumm, daß es keine Möglichkeit gibt, wie man den gan zen gottverdammten Misthaufen wenden und die Wasser köpfe drunter begraben könnte.<« »Wahrhaftig?« »Hm-hn.« Rita wölbte die Brauen, stellte den Kaffee becher ab. »Das Problematische am Zusammenbruch einer Zivilisation ist, daß man nie weiß, wohin er führt.« Sie schwieg für einen Moment. »Wir haben auf Welt viel gewagt, um ein Völkchen vor der Ausrottung zu retten. Danach sind wir zum Sirius geflogen und haben einen höl lischen Krieg ausgefochten, aber er war noch sozusagen >normal<, es ging bloß darum, den Feind zu besiegen, ehe er siegen kann.« Sie verzog das Gesicht. »Ngen wäre nie an die Macht gelangt, hätten wir nicht mit dem Romana nerproblem die Aufmerksamkeit vom Sirius abgelenkt.
Maya wäre mit der Viktoria in 'n Orbit gegangen und hätte die Revolution im Keim erstickt.« »Das ist jetzt alles Vergangenheit und Geschichte.« Mishimas Blick forschte in ihrer Miene. »Na und?« Rita lächelte matt. »Als Dr. Dobra und ich damals in der Kneipe Maulfechtereien dahergeredet haben, hätten wir uns die Art von Gräßlichkeiten, wie wir sie auf My sterium gesehen haben, nicht im entferntesten vorstellen können. Seit ich dort diese Zombies umhertappen gese hen habe, schlafe ich nachts schlecht.« »Ja, na klar«, sagte Bud. »Ich verstehe, was Sie mei nen.« »Und ich bin der Ansicht, die Schrecken haben erst an gefangen. Ich glaube, wir werden noch viel schlimmere Dinge erleben. Damals in dem Lokal konnte ich mir noch nichts mieseres als Skor Robinson ausmalen.« Unter höchster Wachsamkeit, während die zuständigen Diensthabenden ihre vollkommene Konzentration den Monitoren widmeten, flog die Spinnes Dolch in die basa rische Gravitationsquelle und schwenkte allmählich in ei nen Orbit ein. Die ganze Zeit hindurch blieb es auf dem Planeten unheimlich still. Es gab keine Hinweise auf die Anwesenheit anderer Raumschiffe, auch keine Spur von der Gregorius; die hochempfindlichen Antennen der Spin nes Dolch empfingen keinerlei Funksprüche. Die Tage zogen sich hin, an Bord wuchs die Spannung, das lange Warten dehnte sich. Ständig träumte Rita von Eisenauge. Im Traum ritten sie gemeinsam durchs Wogen eines Gräsermeers, sie auf Philips rotem Wallach, John auf seiner geliebten Rappen stute. Über ihnen verströmte die Sonne in weißlich-gelbem Gleißen den Segen ihrer Wärme. Vor ihnen lag Welt, harrte der Erkundung, verlockte sie zum Eingehen in sei ne Fülle. Dank der magisch-mühelosen Veränderlichkeit der Träume wechselten die Bilder, der Himmel dunkelte, sie
schmiegte sich in Eisenauges Arme, fühlte sich geschützt und sicher, genoß den Flackerschein eines Säulenholzfeu ers. Er schlang die Decke, die er ihr umgelegt hatte, enger um ihren Leib, beugte sich herab, um sie zu küssen, in sei nen schwarzen Augen glomm die zärtliche Liebe, die er ihr schenkte. In ihr regten sich die warmen Empfindungen des Verlangens, sobald sie seinen Mund auf ihren Lippen fühlte, sie umfing ihn mit einem Arm und drückte ihn an sich, die Nähe seines starken Körpers wirkte auf ihre ermüdeten Glieder wie ein Belebungsmittel. Mit kühlen Fingern streichelte sie wohlig seine dunkle Haut, spürte die männliche Härte seines Äußeren, die Narben, das Spannen seiner Muskulatur, während er ihre Liebkosun gen erwiderte. Das Lagerfeuer knisterte, sie zog ihn auf sich, kostete das Schwellen und Sichwellen des Muskelto nus an seiner festen Gestalt aus, die sich an sie preßte. Sie begannen den ewigen Ritus. »Majorin Sarsa?« Rita blinzelte, bemerkte, als sie sich aufsetzte, die Au gen rieb, in sich eine heftige Begierde. Bei ihrer ersten Bewegung war in der winzigen Kabine die Beleuchtung aufgeflammt. Basar. Fernraum. Aus der Stimme, die sich durch die Kommu an sie gewandt hatte, sprachen Verant wortungsbewußtsein und Sorgenschwere. »Ja?« »Wir erreichen Basar. Falls es dort einen Hinterhalt gibt, will ich verdammt sein, wenn er sich erkennen läßt, Majorin. Aber ...« Rita stand, irritiert durch die physische Wirkung, die der sinnliche Traum in ihrem erhitzten Leib ausgelöst hatte, auf den Füßen, griff nach ihrem Schutzpanzer. Ver dammt! »Was ist los, Ki?« »Tja, wir haben eine ziemlich gute visuelle Erfassung, Majorin. Auf dem Planeten herrscht ausnahmsweise mal ein klarer Tag. Die Übertragungsqualität der Teleoptiken ist unglaublich gut. Aber ich glaube, Majorin, Sie sollten
sich das selbst ansehen.« Wegen der Angespanntheit, die in Kis Stimme zum Ausdruck kam, verzichtete sie aufs Duschen und legte hastig den Schutzpanzer an. In dem Ton redete Ki nur, wenn etwas wirklich Ernstes der Fall war. Rita öffnete die Kabinentür und eilte im Laufschritt den Korridor entlang.
25
AN BORD DER SPINNES VERGELTUNG WÄHREND DES ÜBERLICHTFLUGS VON BASAR NACH WELT
Als Darwin Pike ein weiteres Mal aus den Alpträumen zu sich kam, stand die Med-Einheit des Propheten leer, war der schwere Deckel aufgeklappt; Pike befand sich als ein ziger Patient in der Bordklinik. Wie immer, wenn er erwachte, stand die Ärztin am Eingang und checkte die Monitoren. Ohne personelle Aufsicht ließ man ihn nicht mehr aufwachen. Pike war erbärmlich zumute, während er seine Atemzüge fließen ließ, darüber staunte, wie wun dervoll es sein konnte, Luft in die Lungen zu saugen und entweichen zu lassen: Das Atmen war ein so schlichter Ablauf, daß man ihn als selbstverständlich empfand und eigentlich nie richtig wahrnahm. Es tat gut, zu atmen. »He«, rief Pike lautstark, weil er sich plötzlich der Worte des Propheten entsann. »Wo ist der Prophet?« »Vor zwei Tagen entlassen worden.« Die Frau kam zur Tür herein. Pike schaute zur Seite und sah das Messer noch auf dem angeklammerten Tablett liegen. »Zwei Tagen?« »Wir wecken Sie alle drei Tage.« Die Obergefreitin lehnte sich mit verschränkten Armen gegen die Türfas sung, wartete ab. »Alle drei Tage?« Verpennte er hier sein Leben? »Warum denn das?« »Sie gesunden uns besser, Dr. Pike, wenn Sie schlafen. Wir führen Ihrem Organismus jede Menge Wachstumssti mulantien zu. Die DNS muß überlistet werden, wir täu schen ihr vor, sie müßte Fötalgewebe produzieren, und regen die entsprechenden genetischen Nodi mit RNS, Schwangerschaftshormonen, Polymerase Typ römisch drei und DFSK drei an. Gleichzeitig muß rund ums rege nerierende Gewebe eine sorgsam ausgewogene Elektrosti
mulation mit genau der passenden Intensität beibehalten werden. Wissen Sie, Regeneration ist ein Spiel mit dem Feuer. Wenn der Vorgang außer Kontrolle gerät, riskieren wir eine Verkrebsung. Ihre Verfassung ist ernst genug, ohne daß Komplikationen in Form von Sarkomen auftre ten sollten. Darüber hinaus zeigt Ihre mentale Aktivität an, daß Sie im Wachzustand unruhiger als im Schlaf sind. Wenn Sie träumen, können wir aus der Art der von Ihnen erzeugten Hirnwellen sowie der Veränderungen in der Körperchemie ersehen, ob es Alpträume sind, und in dem Fall sind wir die Folgen zu minimieren imstande. Sind Sie wach, regen Sie sich nicht nur auf, sondern sind anschlie ßend auch noch in gedrückter Stimmung. Dadurch entste hen in Hypophyse, Hypothalamus und diversen sonstigen Drüsen gewisse Reaktionen. Infolgedessen wiederum kommt es zu heftigen Schwankungen in der chemischen Zusammensetzung des Blutes, die dann der Wirkung der Chemikalien zuwiderlaufen, die wir Ihrem Bein injizieren. Verstehen Sie die Problematik? Solange wir nur diese zwei Alternativen haben, müssen wir den schlechten Träu men vor Depressionen den Vorzug geben. Die Alpträume, könnte man sagen, sind das kleinere Übel.« Die Ärztin machte einen verlegenen Eindruck. »Aha«, meinte Darwin gedämpft, stellte fest, daß er ohne Beschwerden die Finger zu krümmen vermochte. An seinen Handgelenken sah er Male. Seine Augen schmerzten nicht mehr, und seine Sicht war wieder klar. »Sie haben mich in Totaleinkapselung gehabt, stimmt's? Ich bin festgeschnallt gewesen, ich seh's an den Striemen auf meinem Körper.« »Sie haben recht«, räumte die Medizinerin ein. »Ihr Denkvermögen erholt sich. Sie sind geistig wieder reger. Wenn Sie sich dazu durchringen, im Interesse Ihrer Hei lung aktiv an unseren Maßnahmen mitzuwirken, wäre vie les erheblich einfacher.« »Wie lange liege ich inzwischen hier?« »Vier Wochen. Ihr Bein ist größtenteils nachgewach
sen, und wo man Ihnen die Zehen abgeschnippelt hat, sit zen lustige kleine Stummel. Die Nerven ...« »Anscheinend verbringe ich meine Zeit bloß noch in dieser verdammten Med-Einheit! Ich bin's leid, mein Le ben ...« Die Ärztin schnitt eine härtere Miene. Eilig hob Pike zur Beschwichtigung die Hände. »Also gut. Warten Sie! Ich will brav sein. Legen Sie mich nicht wieder schlafen. Ich denke positive Gedanken.« »Das ist eine echte Verbesserung«, sagte die Med spöt tisch. Sie trat näher. »Wie positiv?« Pike schaute zu ihr hoch, fühlte sich auf einmal unsi cher. »Nun je, ziemlich positiv.« War es möglich? Konnte das, was er um ihren strengen Mund sah, die Andeutung eines Lächelns sein? Bei Spin nes Blut! Die Walküre zeigte eine Schwäche. »Na gut, Dr. Pike. Ich verlasse mich darauf, obwohl's riskant ist, daß Sie mich nicht auf den Arm nehmen. Fol gendermaßen steht's wirklich um Sie: Sie stecken tief in der Scheiße. Die Nervenregeneration entwickelt sich nicht innerhalb der von uns prognostizierten Kurve. Damit nenne ich Ihnen einen weiteren Grund, weshalb wir Ihnen soviel Schlaf verordnen. Die Elektroströme, die wir im Rahmen unserer Bemühungen anwenden, um Ihre Muskeln neu zu trainieren, sind unangenehm zu ertragen. Sie haben reichlich Nervenschädigungen erlitten. Die Fol terungen, denen Sie unterworfen worden sind, haben ver heerende Folgen für Ihre Synapsen gehabt, allem Anschein nach hat irgendein EM-Feld die Neuronen gestört. Das Resultat war eine Form zellulärer Mikroschä den. Haben Sie mir bis jetzt folgen können?« Darwin nickte zurückhaltend. »Ich habe in beachtli chem Umfang Humanbiologie studiert ... Gehört zu den Nebenfächern der Anthropologie.« »Also, weil ich ehrlich zu Ihnen sein möchte: Wenn Sie sich nicht selbst mit allem Einsatz anstrengen, kann es sein, daß sie nie wieder richtig allein laufen können. Soll
te das Bein nicht völlig ausheilen, ist es möglich, Ihnen eine Neuroprothese anzupassen, aber das bedeutet subku tane Neurofasern, eine permanente Batterie sowie Tragen eines Kontaktrons auf Lebenszeit. Nun hat das Gehirn aber große Macht. Sicherlich sind Ihnen Bio-Feedback, Psychosomatik und sämtliche übrigen Körper-Geist-Relationen geläufig. Ihre Einstellung wird den Ausschlag geben.« Pike machte ein finsteres Gesicht; seine Aufwallung gerechten Zorns war verflogen. Verdammt noch einmal, wie konnte eine so segensreiche, vielseitige Erfindung wie die Med-Einheit ihn dermaßen im Stich lassen? Ihm wäre nicht einen Moment lang in den Sinn gekommen, daß die Maschine an ihm scheitern könnte. »Technik bringt uns nur soundsoweit, Doktor«, fügte die Ärztin ihren Darlegungen hinzu, als hätte sie seine Gedanken gelesen. »Wollen Sie uns unterstützen und da mit sich selbst helfen?« Pike biß sich auf die Lippe. Der Sand, auf dem sein Geist gegenwärtig stehen mußte, hatte erneut zu schwim men begonnen. Diese Frau begriff ihn schlichtweg nicht; niemand verstand ihn. Bist du würdig? hallte es mit hohlen Echos durch sein Gemüt. Susan hatte erwähnt, sie hätte sich mit dem Vorsatz ans Leben gekrallt, eines Tages Ngen Van Chow alles heimzu zahlen. Es mochte ein tauglicher Anfang sein, es ebenso zu halten. Dadurch fand er ein Ziel. Ngen trieb ungehin dert sein Unwesen, brachte massenhaft immer mehr Zom bies hervor ... Folterte Anthropologen und andere Leute. Vielleicht konnte er, überlegte sich Pike, falls man es schaffte, ihn wieder auf die Beine zu stellen, dagegen etwas unternehmen. Ich werde es Ngen Van Chow noch geben. Ich will überleben. Um ihn zu kriegen. Irgendwie, auf irgendeine Weise. Das schwöre ich bei Spinne. Und gleich, sobald er seine Wut auf einen Daseinszweck kanalisiert hatte, fühl
te er sich wohler. Und Susan ist nicht die Kannibalin, Ngen. Du Mißgeburt ... »Würden Sie der Kommandantin bitte ausrichten, daß ich sie bei Gelegenheit sprechen möchte? Ich wüßte ger ne, was sich ereignet hat, während ich soviel geschlafen habe. Vielleicht kann ich bald wieder an die Arbeit ge hen.« Die MedTech nickte, maß ihn aufmerksamen Blicks, um die Ernsthaftigkeit seiner Äußerungen einzuschätzen, möglichst abzuklären, ob sie seine Verweigerungshaltung durchdrungen hatte. Susan kreuzte nach ungefähr einer halben Stunde auf; sie musterte ihn verhalten, als sie die Bordklinik betrat. »Wie ich gehört habe, geht's dir besser. Die Obergefreitin sagte, du siehst die Dinge jetzt wieder etwas optimisti scher.« Pike furchte die Miene. »Ich habe ein Gefühl, als wäre ich überhaupt nicht hier. Nach dem, was passiert ist, weiß ich nicht mehr, wer ich bin oder was aus mir geworden ist. Mir ist alles ganz schön durcheinandergeraten. Ich glaube, ich bin gehörig unfreundlich zu dir gewesen. Bitte ent schuldige. Ich komme mit Schuldgefühlen schlecht zurecht ... So schlecht, um's klar zu sagen, wie ich Schmerzen ertragen kann.« »Mir geht's genauso. Seit den Vorgängen auf Basar habe ich mir oft Vorwürfe gemacht.« Susan spitzte die Lippen und zuckte die Achseln. »Weißt du, du hast an dem Tag auf Basar im Tempel uns beiden das Leben gerettet. Ich stehe in deiner und Reeshs Schuld. Dank dessen, was ihr zwei auf euch genommen habt, konnten wir Admiral Ree neue, wichtige Informationen liefern.« »Ich frage mich, ob ich auch so gehandelt hätte ... wäre vorhersehbar gewesen, daß es so ausgeht. Es war ja meine Idee. Reesh hat bloß eingewilligt. Ich dachte, wir würden einfach umgebracht. Die Art, wie er gestorben ist ... Ich hätte doch nie ... Ich hatte keine Ahnung, daß das Ergebnis für ihn aus so etwas ...«
Susan winkte ab und nahm auf einem Klappstuhl Platz. »Krieg verläuft eben nicht so, wie man's erwartet, Doktor. Ich habe schon genug miterlebt. Menschen kommen nun einmal ums Leben. Spinne zieht an den Fäden ... und wenn man an einem davon klebt, ist man dran. Das hängt von nichts ab, was man mit logischem Verstand durchschauen könnte. Ich habe den Mann verloren, den ich ... Und ein tüchtiger Stoßtrupp ist gefallen, weil er nach rechts ging und ich nach links. Menschen handeln und tragen die Fol gen ... Das ist alles, was es damit auf sich hat. Es liegt an den Cusps, glaube ich. Und jedesmal grämt man sich des wegen, versucht das Geschehene zu rechtfertigen, wenn's längst passiert ist ... Aber es bleibt immer aussichtlos.« Pike betrachtete sie, wunderte sich über ihre unvermu tete Offenheit. »Na gut. Kann sein, es ist so. Trotzdem kommt's mir ungerecht vor.« »Das verhält sich stets so.« Susan neigte den Schopf seitwärts, ihre Brauen rutschten empor. »Man gewöhnt sich mit der Zeit ganz einfach daran. Was wäre gesche hen, hätte man zuerst dich gepsycht? Denke mal darüber nach. Ngen hätte von unserem Auftrag erfahren. Er hätte gewußt, daß Rita und Neal in seiner Machtsphäre Aufklä rungsflüge unternehmen. Du wärst zu einem seiner gehor samen Monster geworden, und Reesh wäre voraus sichtlich genauso gestorben, wie's passiert ist, weil man ihn sicherheitshalber sowieso gepsycht hätte, um eventu ell noch irgend etwas aus ihm herauszuholen, das man von dir noch nicht wußte.« Ihre Augen bekamen einen freundlicheren Ausdruck. »Oder was wäre geworden, hät test du mir nicht die Flucht ermöglicht? Wenn sie uns alle drei erwischt hätten? Um wieviel übler wäre jetzt un sere Lage? Ngen wüßte über die Strategie des Admirals Bescheid. Reesh wäre auch in dem Fall so schrecklich gestorben. Du wärst ein Willenloser. Ich läge in Magnet fesseln ... und wäre wieder unterwegs zu ... zu ...« Sie ball te an den Seiten die Hände zu Fäusten und schüttelte den Kopf, versuchte ihren Gedanken zu vertreiben.
»Du hast gesagt, du hättest dich mit dem Vorsatz auf rechtgehalten, dich einmal an Ngen zu rächen.« Pike hob den Blick. »Ich weiß nicht, was er mit dir gemacht hat. Was mit mir angestellt worden ist, war für mich ... Ich meine, er hat mich zerfleischen lassen ... Mein Fleisch ver füttert ... Er ... er ... er ... Oh ... ich ...!« Mühsam atmete Pike tief durch, preßte sich die Handteller auf die Augen. Unversehens spürte er Susans Hände an seinem Arm. »Verstehst du jetzt, weshalb ich nachts nicht mehr schlafen konnte? Das war's, weswegen ich damals im Casino so fix und fertig gewesen bin ... Es lag an dem Wis sen, daß ich zu ihm flog. Kannst du nachvollziehen, was es für mich bedeuten müßte, noch einmal in Gefangen schaft zu fallen?« Pike nickte beklommen. Er merkte ihr plötzliches Zögern und warf ihr einen fragenden Blick zu. Die Lippen verkniffen, ihren Kopf geneigt, beobachte te sie ihn. Diesmal jedoch verdutzte ihn ihre Miene. Irgendeine Verunsicherung, hatte er den Eindruck, ebbte in ihr auf und ab, als wollte sie die Antwort, die sie sich wünschte, eigentlich gar nicht hören. »Was ist? Komm, ich kenne dich zu gut. Du bist wegen irgendwas nervös.« »Ich habe die Aufnahmen gesehen, die Pallas gemacht hat«, sagte sie schließlich. »Ich ... Warum hast du nicht nachgegeben?« »Du hast alles gesehen?« fragte Pike zutiefst verstört. »Du hast gesehen, was man mir angetan hat? Du ... O mein Gott ...!« Susan verklammerte die Finger in seine Hand. »Nicht! Werde mir nun nicht weich, Darwin! Du hast dich behaup tet. Du hast ihm widerstanden. Ich ... ich bin unter seiner Quälerei schwach geworden. Für mich ist's zuviel gewe sen. Wieso hast du durchhalten können, während ich ... ich ...« Ihr Griff begann ihm fast die Hand zu zerquetschen. Sie hatte gesehen, wie man ihm die Menschenwürde
vollkommen genommen hatte. »Spi ... Spinne war bei mir.« Er biß die Zähne zusammen, um zu verhindern, daß sie zu klappern anfingen. »Spinne stand über mir. Dann haben sie das Psychinggerät über mich geschwenkt, und Spinne ... Da habe ich auch aufgegeben. Du hast es doch selbst gesehen, daß ich von da an nicht mehr konnte.« Die Widerstandskraft war wie Wasser aus einem durchlöcher ten Behältnis aus ihm gewichen. Bewegt nickte Susan. »Ngen dachte, er hätte dich so weit. Daß es bloß an der Zeit fehlte, um den Rest zu erle digen. Aber ich ... Ich hab's mir angesehen. Ich bin da nicht ... nicht so sicher. Er hat dich nicht bezwungen. Dar auf kommt es an. Du hast dich gewehrt ... Viel länger, als ich es geschafft habe. Du hast noch widerstanden, wäh rend ich längst kapituliert hätte.« Sie schwieg einen Augenblick lang. »Spinnes Wege sind ... Würdest du mir noch etwas erklären?« Ihre Stimme verklang, indem sie sich zerstreut ihren Überlegungen widmete. Pike erwiderte ihren ruhelosen Blick; ihm war dabei zumute, als wäre er aus Holz. »Als ... als Ngen eine ... eine Romananerin erwähnte, hast du meinen Namen gerufen.« Rückblick: Der Traum, Tiaras Gesicht verschmolz mit Susans Gesichtszügen. Heftig schauderte es Pike, kalter Schweiß brach ihm aus, perlte über seine Haut. Nicht Su san ... Susan war nicht die Kannibalini »Nicht die ... Kan nibalin. Es war nicht Susan!« »So ein verdammter Schweinehund!« erbitterte sich Susan, die aus Pikes Reaktion ihre Schlußfolgerungen zog. »Ich werde diesen dreckigen Felsenegel von unten bis oben aufschlitzen.« Darwin hörte, wie sie zurücktrat, blieb sie anzuschau en außerstande. »Es ist ... nur ein Traum. Er ... Ich weiß nicht. Gut gemacht ... die Sache ...« »Es war eine hypnotische Suggestion, Darwin.« Susan hob die Hände, ließ sie matt an ihre Seiten sinken. Aus den Winkeln ihrer dunklen Augen rannen Tränen der Wut und
des Wehs. »In so etwas ist der Mann ein Meister. Mich hat er damit geschafft. Als ich dort in das Zimmer gestürmt bin, hat mich sein großes Holo-Abbild angeblickt und zu reden angefangen, und ... und ...« Sie knirschte so laut mit den Zähnen, daß Pike es deutlich hören konnte. »Und es wirkt noch immer, Doktor. Er hat mich wieder tief drinnen zu packen gekriegt, mit einem Satz allen Unrat neu aufge wühlt. Ich bin nur dadurch wieder völlig aus der Bahn geworfen worden.« Schweigen entstand. »Susan ... Auf Welt ist mir von Reesh erzählt worden, du hättest Männer kastriert. So wie Pallas ... es bei mir gemacht hat.« Mit so beherrschter Miene, daß sie aus Stein hätte sein können, hob er endlich den Blick. Susan erbleichte, schaute fort, ihr Haltung nahm eine krampfhafte Steifheit an, als müßte sie ein Frösteln unter drücken. Und Pike erkannte mit kaltem Entsetzen im Leib, daß es stimmte. »Es ist also wahr. Du kannst es nicht leugnen ... Es geht wohl nicht, so wie du ... Warum?« Hektisch fuhr Susans Zungenspitze über ihre rote Lip pe. »Pike ... ich ...« Sie schüttelte den Kopf und atmete angestrengt aus. »Es lag am Krieg, Pike. Menschen ... Nach Hans' Tod war ich ein wenig durchgedreht ... Ngens Blaster hatten ihn in Angla erwischt. Ich konnte mein Schuldgefühl nicht ertragen, die Trauer, den Verlust nicht verkraften. Ich ... ich war wohl damals selbst nicht ganz richtig im Kopf. Manchmal kommt's mir so vor, als wäre ich mein Leben lang verrückt gewesen. Ich weiß nicht, was ... Doch, ich weiß 's. Es war Schwäche. Die Unfähigkeit, die Sachlage vernünftig einzuschätzen, zu verstehen. Mir war Schmerz zugefügt worden. Alles und jeder sollte dafür büßen. Nur wurde dadurch für mich selbst alles noch viel schlimmer.« Flehentlichen Blicks, voller Scham und Unsicherheit, sah sie ihn an. »Ich bin keine Heilige, Pike. Ich ... Ich bin genauso einsam, furchtsam und jämmerlich wie du. Ja, ich
habe Männer kastriert. Und ich trage schon lang an dieser Schuld. Ngen hat mich gewissermaßen dafür bestraft. Bloß habe ich das Empfinden, als sollte ich immer wieder ... und wieder bestraft werden.« Ihre Ehrlichkeit flößte Pike Betroffenheit ein; nun fühl te er selbst sich beschämt. »Was hat sich noch auf Basar abgespielt?« Unbeholfen wechselte er das Gesprächsthema. »Ich habe alles zusammengeschossen. Wir haben im Orbit sämtliche Stationen zerstört und auf dem Boden, soweit wir sie lokalisieren konnten, die wichtigsten Indu strieanlagen vernichtet. Energieerzeugung und Kommu nikation sind ausgefallen. Außer den Wohnhäusern ist nichts übrig ... Und den seelenlosen Gestalten natürlich.« »Sie werden im Laufe von Tagen verhungert sein«, sagte Darwin dumpf. »Es waren keine Ressourcen mehr vorhanden, und es fehlte ihnen an den grundlegendsten Fähigkeiten zum Überleben. Das flexible menschliche Anpassungsvermögen war ihnen ausgemerzt worden. Ihr Unterhalt hing von Logistik und Kommunikation ab. Als sein Programm zum Massenpsyching fast abgeschlossen war, hatte Ngen die Versorgung aufs Notwendigste beschränkt. Er wäre zurückgekehrt, sobald er Soldaten brauchte.« Susans Miene wurde härter. »Dann steht seine Armee jetzt näher vor dem Untergang. Es hätte mir einmal Ge wissensbisse bereitet, den Tod so vieler Menschen zu ver ursachen. Vor dem Blaster-Flächenbeschuß auf Sirius, vor Hans' Tod ... vor meinen Erlebnissen bei Ngen.« »Seine Zombies sind keine Menschen mehr«, raunte Darwin; die Erinnerung an die Kannibalin, die sein Fleisch kaute, brachte ihn zum Zittern. »Er hat sie bereits getötet. Wir liquidieren sie nur noch.« »Es kann sein, wir haben gar keine andere Wahl.« Su san setzte sich wieder auf den Klappstuhl, stützte denKopf in die Hände. »Anhand der annähernd wahrschein-lichsten Zahlen, die sich errechnen lassen, besteht die Aussicht —
je nachdem, wie schnell er seine Machtsphäre im Direkto rat erweitert —, daß wir im Verhältnis von einer Million zu eins unterlegen sind.« »Das macht auf mich den Eindruck, als müßten wir einen verseuchten Wald niederbrennen«, meinte Pike ge dämpft, dachte an eine Erinnerung aus seiner ferneren Ver gangenheit. »Einmal befiel eines Jahres die Fichtenblatt laus die Weißtanne. Als wir dann immer mehr befallene Wälder abbrannten, war ich mir nicht mehr sicher, ob's nicht besser gewesen wäre, der Natur ihren Lauf zu las sen.« »Haben diese Läuse die Seelen der Bäume geraubt? Haben sie die Bäume in menschenfressende Monster ver wandelt?« »Nein.« »Welche Wahl bleibt uns denn? Ich habe einen ver schlüsselten Funkspruch des Admirals erhalten. Das Di rektorat gewährt uns keine Unterstützung ... Allerdings sind zwei Patrouillenschlachtschiffe auf unsere Seite ge wechselt. Übergelaufen, sagt man nicht so? Unterdessen haben auf Santa del Cielo, Tschuhutien, Letztchance und im Ambrosius-Sektor Krawalle stattgefunden, hat teils der Pöbel die Herrschaft übernommen und sind Tempel aus dem Boden gestampft worden. Auch dort läuft an-scheinend jetzt alles nach Ngens Plänen. Sein Aktionsbe reich hat sich ums Dreifache vergrößert.« »Eine typische Erneuerungsbewegung. Eine religiöseManie ohne Konkurrenz. Nur seitens einiger Sonnensy steme in Welts Nachbarschaft betreibt man begrenzte Gegenmaßnahmen. Es gibt nichts, was den Padri in die Quere kommen könnte.« »Es gibt Spinne.« »Er hat die falsche Sorte Religion.« Pike schüttelte den Kopf, sah in seinem zermürbten Gemüt von neuem, wie der schwarze Kasten des Psychingapparats Spinnes Gegenwart verdunkelte. »Inwiefern?«
»Mit Spinne eine religiöse Bewegung zu gründen, würde glattweg schiefgehen. Es sind zuwenig Propheten da. Keiner von ihnen macht sich die Mühe, sich irgendwo hinzustellen und Spinnes Weg zu predigen. So etwas befindet sich einfach außerhalb ihres Vorstellungsrah mens. Schau dir Patan an. Beinahe ist er wahnsinnig geworden, weil er zuviel Zukunft gesehen hat, bis er lern te, es einfach fließen zu lassen. Er sagte, er sei gewesen.« Pike ballte Fäuste. Aber darin läge eine Chance. Es brauchte nur einen Mann, der so hirnrissig ist — oder so heldenhaft —, daß er diese selbstmörderische Verantwor tung auf sich nimmt. Könnte ein Prophet sich zu missiona rischer Tätigkeit aufraffen, dürfte davon eine beispiellose Wirkung ausgehen. Ein Gegenmessias wäre Ngen Van Chows Heiligem Krieg die Spitze abzubrechen, sie gegen die Padri zu richten und mit der Waffe ihres eigenen, abscheulichen Fundamentalismus zu schlagen fähig. Susan war offensichtlich verwirrt. »Aber Spinnes Ein fluß wächst. Überall entstehen kleine Kulte, die Jugend würde am liebsten massenweise nach Welt übersiedeln. Spinne ist im gesamten ...« »Klar.« Pike nickte, seine lebhaften Gedankengänge färbten ihm das Gesicht rosig. »Und in ein- bis zweihun dert Jahren könnte der Spinnenkult wahrscheinlich die bedeutendste Religion der Galaxis sein — gäbe es nicht Ngen. Spinnes Weg hat zuviel Stärken und gleichzeitig zuwenig Schwachpunkte, als daß es bei ungehinderter Entfaltung anders kommen dürfte. Die Tatsache, daß Pro pheten die Zukunft schauen, bleibt nun einmal bestehen. Niemand kann es bestreiten, nicht mal Ngen Van Chow.« Susan stand auf und ging an den Kommu-Apparat. Sie schloß sich gerade an, als Patan Andojar Garcia zur Tür hereinkam und zu Pikes Med-Einheit ging. Susan seufzte lediglich und unterbrach den soeben her gestellten Kontakt. »Du siehst erheblich besser aus, Darwin Pike.« Ein Lächeln leuchtete aus Patans Gesicht. »Um deine Frage zu
beantworten: Ja. Ich bin dein Hirnrissiger. Zweifellos hast du dich schon gefragt, warum ich so lange zwischen Leben und Tod geschwebt habe ... zwischen geistiger Ge sundheit und Wahnsinn? Aus genau diesem Grund, solltet ihr unter euch beschließen, mich als so einen >Messias< einzusetzen. Die Bezeichnung mißfällt mir. >Prophet< gefällt mir auch nicht. Aber Wortgebilde, mit denen man Dinge benennt, haben keinen großen Einfluß auf die Wirk lichkeit, oder?« »Wenn du Bescheid wußtest, weshalb hast du dann bloß rumgelegen?« erkundigte sich Darwin. »Wieso hast du dich nicht von dir aus in die Bordklinik gelegt?« Mit heiter-ruhiger Miene verbeugte sich Patan. »Ich hatte wichtigeres zu tun, Doktor. Es hätte mein Vermögen beeinträchtigt, mich mit dem Wesentlichen zu befassen, wäre ich durch körperliche Belange abgelenkt worden. Aber deshalb bin ich keiner erhöhten Gefahr ausgesetzt gewesen. Du konntest mich unmöglich im Gang liegen lassen. Dein Mitgefühl hätte dir so etwas nicht gestattet. Ich wußte, daß du mich in die Bordklinik schaffst, also habe ich mir den Zeitaufwand gespart.« »Du riskierst Geistesgestörtheit, nicht wahr?« fragte Susan, mußte alle Mühe aufbieten, um den Blick gesenkt zu halten, wie es sich vor einem Propheten gehörte. »Nein«, widersprach Patan sachlich. »Zum Risiko zählt eine Chance — bei Ungewißheit können verschiede ne Folgen eintreten. Ich stehe vor einer eindeutigen Gewißheit: Ich werde Entscheidungen zu treffen gezwun gen, gegen die Regel allgemeiner Freiwilligkeit zu versto ßen genötigt sein. Ich werde den Verstand verlieren.« »Und warum tust du's dann?« Darwin stotterte vor Verwirrung. Patan legte eine warme Hand auf Darwins Stirn, die andere auf Susans Arm. »Ich tu's für Spinne. Für die See len, die Ngen noch verschleudern würde. Vergeudung ist eine der echten Sünden ... Und Kleingeistigkeit. Wir sind alle ein Teil des Netzes, an dem Spinne webt. Doktor, du
hast in letzter Zeit Schreckliches erleiden müssen. Du, Kommandantin, hast lange in Gemütsverwirrung und Schmerz gelebt. Diese Erscheinungen sind so vergänglich wie unser ganzes Dasein. Allzu bald wird Spinne uns zu sich zurückholen, so daß wir wieder mit ihm eins werden. Wir alle werden geformt, um Spinnes Augen und Ohren zu sein. Die Gefäße seines Wissens.« »Was siehst du für uns voraus?« wollte Susan erfahren. »Haben wir eine Erfolgsaussicht?« Patan lächelte unbekümmert. »Entscheidet man die Cusps richtig, die den Ausschlag geben, ist alles möglich. Mancherlei sprach dagegen, daß dieser Augenblick, den wir jetzt erleben, je kommt. Der Doktor hat eine ganze Reihe von Entschlüssen gefaßt ... Geradeso wie du, Kom mandantin. Der Doktor beschloß, sein Leben zu opfern, um deines zu retten. Er hat den Cusp jenes Moments nicht erkannt. Seine Gefühle für dich waren ihm wichtiger als sein Leben. >Ich bin du.< Du, Kommandantin, hättest unverzüglich den Rückzug antreten müssen — wie es deine befehlsgemäße Pflicht gewesen wäre —, statt Maß nahmen zu seiner Befreiung zu ergreifen. Du hast dich dazu entschlossen, ohne zu ahnen, daß du damit einen Cusp entschieden hast. Ich selbst hätte mich dafür ent scheiden können, einen anderen anstatt diesen Weg zu gehen, um nicht im Wahnsinn zu sterben. Das war mein Cusp.« Susan war blaß geworden, sie wankte ein wenig, wäh rend sie, den Mund leicht geöffnet, Pike anblickte. Pike kaute auf seiner Lippe. Wie, zum Teufel, kann der Mann da so gefaßt, derartig stoisch herumstehen? Er weiß, wann er sterben wird. Verdammt noch einmal, er ist ja längst verrückt! Es kann doch niemand in aller Ruhe der Zukunft entgegensehen — den Ereignissen, die auf uns zukommen — und einfach warten, bis das eigene Unheil eintritt. Niemand! »Wir werden die Kausalitäten«, sagte er humorlos, aber insgeheim voller Ehrfurcht, »ganz schön durcheinanderbringen.«
Susan zuckte die Achseln. »Wenn nicht, wird von derMenschheit wenig übrigbleiben.« Patan lächelte. »Und genau diese Gefahr ist es, der ich meinen Mut verdanke, Doktor. Nein, es ist nicht leicht, sich für das eigene, absehbare Verhängnis zu entschließen. Nur sind die anderen Aussichten sehr viel schlimmer. Und das Leben ist, wie ich dich eben erinnert habe, eine zeit weilige Sache. Nur meine Seele gehört Spinne, und er ist in Ewigkeit. Sollte Ngen den Sieg davontragen, wird Spin ne eine Menge über Langeweile lernen. Aber täuscht euch nicht. Spinne lernt außer von Menschen auch von anderen Wesen. Wir sind nicht die einzigen vernunftbegabten Geschöpfe. Spinne gehören alle Seelen. Falls wir unsere Aufgabe einmal nicht mehr erfüllen, wird er uns verwer fen.« »Das finde ich aber ziemlich irritierend«, murrte Pike. »Es wird viele Menschen irritieren, während wir im Di rektorat die Netze weben. Leider hat Skor Robinson von Chester Armijo Garcia zuwenig gelernt. Er hätte vielen Menschen großes Elend ersparen können. Aber Cusps sind nun einmal Fragen des freien Willens. Menschen müssen sich selbst ihren Weg suchen. Jedes Lernen muß, soll es ehrlich ablaufen, schmerzhaft sein.« Darwin rieb sich die Nase, während er überlegte, zö gerte. Mit unentwegtem Lächeln nickte Patan. »Ja, Doktor, es wird noch viel Gewalt, Tod, und Leid geben. Mehr als in jedem früheren Abschnitt der menschlichen Geschichte. Wenn alles vorüber ist, werden ganze Planeten kahlge brannt, weite Gebiete des Weltraums verwüstet sein. Und ob das Ergebnis es wert ist — darüber zu befinden, bleibt Spinne überlassen.« »Und du siehst den Ausgang nicht voraus?« Ohne es zu merken, tappte Susan wiederholt mit der Faust gegen die Med-Einheit, neben der sie stand. »Kannst du nicht sehen, ob wir siegen oder unterliegen werden?« Patan lächelte wohlwollend. »Nein. Zu viele Cusps
werden zuviel Zukünftiges verändern ... Darunter auch meine Zukunft. Für euch, meine Kinder, halten die kom menden Monate sowohl Freude wie auch Leid bereit, aber ihr habt schon entschieden, daß ihr euch durch den Preis, den ihr entrichten müßt, von eurem Weg nicht abbringen laßt.« Pike fühlte seine Zuversicht sinken. Mühselig schluk kte er und blickte in Susans grimmige Augen. Ngen wartete. Und mit ihm seine Armee von Zombies.
26
PLANUNGSSAAL AN BORD DER PROJEKTIL (IN GEOSTATIONÄREM ORBIT ÜBER WELT)
»Das ist alles, Leute.« Ree erhob sich vom mit Utensilien und Arbeitsmaterialien wirr behäuften Konferenztisch, nickte rundum in den Kreis der Gesichter. Die Waffentech niker beendeten die Sitzung mit dem seit einiger Zeit bei ihnen beobachtbaren frischen Schwung. Ree trat beiseite und blieb den Techs aus der Quere, während sie, indem sie sich angeregt unterhielten, lebhaft diskutierten und scherz ten — oder tiefsinnige Nachdenklichkeit zeigten —, den Planungssaal verließen, zur Panzertür hinausdefilierten. Sie wirkten alle so jung — selbst die Gesichter, die Damen Ree schon seit dreißig Jahren kannte. Die Erregung in ihren Augen trug nicht zur Linderung seines Unbehagens bei. Worin sollte man nach den Ereignissen der letzten Monate noch einen Anlaß zum Optimismus finden? Ree hatte den Eindruck, daß Giorjs theoretische An wendungskonzeptionen zum Zweck der Zielgenauig keitssteigerung der Blaster bereits im jetzigen Stadium der Ausführung seine Erwartungen überstieg. Bei den Feuer leitfunktionen für die überlichtschnellen Fujiki-Blaster fraktale Geometrie nutzbar zu machen, wäre ihm nie mals eingefallen. Die Techniker würden alle Hände voll damit zu tun haben, der Kommukation unter allseitiger Berücksichtigung von Rotverschiebung, ZielobjektGeschwindigkeit, Reaktionszeit, Vakuum-Störfaktoren sowie der neuartigen Fraktalinterpretation das entspre chende Programm zu implementieren. Ree massierte sich den Nacken, betrachtete den ver schmuddelten Spendeautomaten. Wann hatte der graue Ingenieur nur dazu Zeit gefunden, so verdammt genial zu werden? »Und man muß sich mal vorstellen, daß ich ihm, als
Susan ihn an Bord brachte, fast den Hals umgedreht hät-te ...!« brummte Ree vor sich hin, ohne den Blick vom Auto maten zu wenden. Er drückte die Taste, die seinen Becher mit bittersüßem romananischem Tee füllte. »Admiral?« Ree verband die Kommu mit dem Fragezeichen in sei nem Kopf. »Ja, was ist?« »Die Viktoria hat den zugewiesenen Parkorbit akzep tiert und schwenkt in die Kreisbahn ein. Obristin ben Ach mad ist per ST im Transit und wird in zwanzig Minuten eintreffen. Das ST-Leitzentrum hat ihr zum Andocken Schleuse Sieben zugeteilt.« »Verstanden.« Ree zögerte einen Moment lang, ehe er sich anschickte, den inzwischen still gewordenen Pla nungssaal zu verlassen. Maya kam an Bord! Der schwa che Kopfschmerz hinter seinen Augen verdroß ihn, blieb eine ständige Mahnung an den Streß, dem er sich aus-setzte. Die Bordklinik empfahl ihm: Ausruhen und Ent- span nen. Aber bei Spinne, wann ? Maya war unterwegs, um an Bord zu kommen! In zwanzig Minuten? Er hatte sich Zeit reserviert, um die Fortschritte zu inspizieren, die Major Glick bei den Admissionsduktoren für die Stasis-Kohibition erzielte. Er trank vom Tee, während er sich auf den Weg zur Kom mandobrücke machte, blieb jedoch plötzlich mitten im alt vertrauten Korridor stehen. Wegen des Kopfwehs zog er den Schädel zwischen die Schultern. Maya kam! Rings um ihn ertönte das leise Summen der Projektil. Er hatte Glick zugesagt, sich mit ihm zu besprechen, zu fragen, ob er irgend etwas brauchte. Es würde nicht länger dauern als ... »Scheiß drauf! Nein, ich lege 'ne Pause ein.« Der Druck hinter seinen Augen ließ ein wenig nach. Er lächel te die weißen Abdeckplatten ringsum an. Wer hätte gedacht, der stark zerblastert und versengt gewesene Rumpf der Projektil könnte jemals wieder dermaßen von lebhaften Aktivitäten strotzen?
Zärtlich betatschte Ree die weißen Platten. »Weißt du was, altes Mädchen? Ich gehe zu Fuß. Ein bißchen Sport lichkeit kann mir nicht schaden. Wahrscheinlich ist's die letzte Gelegenheit für 'ne kleine Plauderei, hm?« Er drehte um, durchquerte den Korridor in Gegenrich tung und stieg den Aufgang zum F-Deck hinauf, genoß das Gefühl der Bewegung in seinen Beinen. »Weißt du, altes Mädchen, an sich ist Maya gar nicht deine Rivalin. Ich habe kein persönliches Gespräch mehr mit ihr gehabt, seit wir auf Sirius gewesen sind. Und au ßerdem, sobald irgend etwas passiert, muß sie abfliegen. Es wird bloß 'n kurzes Zwischenspiel sein. Sie ist so an die Viktoria gebunden, wie ich's an dich bin.« Er ging an zwei Patrouillensoldaten vorbei, einem Matrosen und einem Sturmtruppler, die ihn von der Seite anschauten. Was hatten die beiden denn? Hatten sie noch nie mit dem Raumschiff geredet? »Ich glaube, sie verstehen so was nicht, altes Mädchen. Aber sie sind ja auch noch jung. Sie haben vorläufig über haupt keine Ahnung, was für ein Verhältnis man zu einem Raumschiff entwickeln kann.« Rees Finger strichen liebe voll über die Abdeckungen, spürten an den Stellen, wo das Schiff zerrissen, zerborsten und später repariert worden war, die geringfügigen Unregelmäßigkeiten der Ultra schallschweißnähte. Sie hatten vieles gemeinsam, er und sein Schiff: Beide waren sie vernarbte Veteranen. Seit er in der Patrouille seinen ersten Kommandopo sten angetreten hatte, war die Projektil immer sein Leben gewesen, hatte sie stets seinen Lebenszweck verkörpert. »In deinen Decks steckt mein Blut, altes Mädchen. Du und ich werden immer zusammenhalten. Verdammt noch mal, vielleicht kann ich meinen Leichnam, wenn ich tot bin, durch den Konverter jagen lassen, so daß die Ele mente für Deckplatten verwendet werden können, hmm? Dann wären wir wirklich eins.« Er lachte gedämpft vor sich hin, schob die Schuld an seinen gefühlsduseligen Gedanken der Erschöpfung zu.
Trotz der Steifheit seiner Glieder, verursacht durch zu viele Stunden des Stehens, erklomm er den Aufgang zum ST-Deck, indem er jeweils zwei Stufen auf einmal nahm, streckte die Beine, indem er auf den letzten paar Hundert Metern zu Schleuse 7 besonders große Schritte machte. Ein wenig war er außer Atem, als er dort anlangte, doch er spürte das Herz mit beruhigender Kräftigkeit gegen die Rippen schlagen. Auf dem Bildschirm beobachtete er, wie Mayas ST das Bremsmanöver ausführte, aus den Hauptantriebsdüsen Reaktionsmasse in langen, hellgelben Flammen gegen den mit Sternen übersäten Hintergrund des Weltraums abstach. Eine Seite des schlanken, gefährlichen Flugapparats gleiß te weißlich, weil Welts Sonne sie beschien; die andere Seite beleuchtete das sanftere Licht des Monds, den die Romananer Kanker nannten. Die Viktoria, ein elfenbein heller, bikonvexer Obovoid, füllte eine andere Bildfläche aus; sie war als genaues Duplikat der Projektil konstruiert, allerdings erst ein Jahrhundert später gebaut worden. Der Kameraoptik-Bildwinkel kappte die Anderthalb-Kilometer-Länge der Viktoria visuell um ein beträchtliches Stück, entzog insbesonders die Mulden der ST-Hangars, die wie eine Kette schwarzer Perlen die oberen Decks säumten, der Sicht. »Wie lange dauert's noch bis zum Andocken?« erkun digte sich Ree bei dem Obergefreiten, der gegenwärtig als Befehlshabender des Wachpersonals fungierte. Mit feder sanften Berührungen schlich sich eine gewisse Leichtig keit in sein Herz. Zerstreut und nervös schabte er mit dem Daumennagel eine Kerbe in den Plastikbecher. »Um die fünf Minuten, Sir.« Der Obergefreite schwieg und furchte seine Stirn, während er auf irgend etwas lauschte, das ihm die Kommunikation per Kontaktron in den Kopf durchgab. »Die Kommu teilt mit, es hätte im Zeitplan ein Problem gegeben, durch das eine geringe Ver spätung eintritt.« Ree wartete, trank den restlichen Tee und schob den
Becher in eine Gürteltasche. Vorfreude verlieh seinen Muskeln frische Spannkraft, während er zuschaute, wie der ST sich näherte, auf den Hangar zuschwebte und der Pilot ihn einwandfrei hereinsteuerte. Die Teleskoparme der Magnetgreifer fuhren aus, legten sich um den stromli nienförmigen ST-Rumpf, verankerten ihn, fuhren ein und positionierten den Flugapparat an der Schleuse. Man fühlte ein hohles Klangen durch die Deckplatten dröhnen und den länglichen Verbindungstunnel hallen. »Anlegemanöver beendet.« »Verstanden.« Ein leises Winseln verebbte vollends, während der ST den Energiepegel minimierte. Gewohnheitsmäßig behielt Ree seine Leute im Augenmerk, überzeugte sich davon, daß das Wachpersonal auf der Hut blieb. Seit Rita für das irrwitzige Unterfangen, die Romananer vor der Ausrot tung zu retten, den Reaktorraum der Projektil gestürmt und besetzt hatte, versah das Wachpersonal den Dienst ohne jede Nachlässigkeit. Niemand sollte Damen Ree nachsagen, daß er aus seinen Fehlern nicht lernte. Zischen ertönte, während in der Schleuse der Druck ausgleich erfolgte. Sicherheitshalber wurden die Anzei gen gegengeprüft. Die Schleusentür klickte, ihre Pneuma tiken schoben die schwere, weiße Pforte auf, und wo vom Weltall kaltes Metall feucht-lauer Luft begegnete, entstand der gewohnte Kondensationsnebel. Maya trat in den Verbindungstunnel. Ihre tiefdunkle Haut kontrastier-te auffällig mit der Umgebung, ein Effekt, der das Ein-drukksvolle ihrer Erscheinung unterstrich. »Damen«, rief sie. »Wie schön, Sie zu sehen.« Sie ver zog das Gesicht zu einem herzlichen Lächeln. In ihren schwarzen Augen funkelte Freude. Ree lächelte gleichfalls, fühlte sich sonderbar aus der Fassung gebracht. War sie während der langen Zwischen zeit noch schöner geworden? Er prägte ihren Anblick sei nem Gedächtnis fest ein, als er ihre schlanke Gestalt sah, das schwarze Haar, das in Kringeln auf die Schulterstücke
ihrer weißen Galauniform fiel. Die stolze Haltung betonte ihre geraden Schultern und die Rundungen der Brüste. Ihre geschwungenen Hüften, der flache, muskulöse Bauch sowie die strammen Beine vervollständigten die Wirkung ihres Auftritts. Als ob sie Rees Empfindungen ver stünde, hielt sich ein Ausdruck von Keßheit um Mayas Lippen, während sie langsam, mit Bewegungen, die an eine Sandland-Tigerin erinnerten, auf ihn zukam. Geschmeidig und kraftvoll, in den Augen eine Herausforderung, blieb sie vor ihm stehen. »Willkommen auf der Projektil, Maya. Im Namen mei ner Offiziere und der Besatzung äußere ich die aufrichtige Hoffnung, daß Ihr Aufenthalt sowohl zufriedenstellend wie auch angenehm sein möge.« Ree ergriff ihre Hände, ein Glücksgefühl beengte ihm den Brustkorb. Für einen ausgedehnten Moment blickte er ihr in die Augen. »Im Namen von Offizieren und Besatzung der Viktoria spreche ich Ihnen zur Begrüßung alle Bewunderung und Hochachtung aus, Admiral. Wir sind sehr froh darüber, Welt als Ihre Freunde und Verbündeten betreten zu dürfen. In aller Form bietet die Viktoria Ihnen sämtliche Einsatz mittel und Fähigkeiten an, über die sie verfügt — wir ste hen zu Ihren Diensten, Admiral Ree.« »Und wir nehmen sie mit Begeisterung an. Ihrer tapfe ren Mannschaft und Ihrem vortrefflichen Raumschiff gilt unsere tiefste Dankbarkeit. Und wenn Sie nun so freund lich sind, mir zu erlauben, daß ich Sie an Bord begleite: Ich glaube, wir müssen in ernste Verhandlungen treten.« Förmlich verbeugte sich Ree und gab Maya den Weg frei. »So, jetzt sind wir aus 'm Holo. Das war fürs Offizielle. Wie war ich?« »Haben Sie irgendwas von Abendessen erwähnt?« fragte Maya, legte keck den Kopf schief, während sie Ree zuzwinkerte. »Ich habe seit sechs Stunden keinen Bissen gegessen. Ich bin so hungrig, daß ich in Graphstahl beißen könnte.« Kurz schwieg sie. »Wir essen doch allein,oder?« »Selbstverständlich. Die Projektil hat sich selbst über
troffen, um Ihnen zu zeigen, wie wir barbarischen Verrä terschweine Feste feiern.« Er nahm Mayas Arm und führ te sie das Deck entlang. »Heute abend bewirte ich Sie mit Köstlichkeiten und Wein. Morgen veranstalten die Roma naner etwas, das sie Barbecue nennen. Das ist ein altes amerikanisches Wort. Es handelt sich um eine Art von Grill- und Sauffest im Freien. Natürlich ist Ihre gesamte Mannschaft eingeladen, soweit sie dienstfrei hat.« Dreist blinzelte er sie an. »Man könnte sagen, es ist das Äußer ste, was Spinne aufzufahren versteht, um Ihre Crew zu korrumpieren.« Maya lachte, hängte sich fest bei Ree ein, schaute sich auf dem ST-Deck um. »Hier sieht's beträchtlich besser aus, als bei meinem letzten Besuch an Bord. Offenbar haben Sie die ganzen häßlichen Leichen inzwischen exter nalisiert. Und ich sehe keine Stolperdrähte, Barrikaden oder Blasterlöcher mehr.« Großspurig wies Ree rundum. »Und alle Leuchtkörper funktionieren wieder.« Er stampfte mit dem Fuß aufs Deck. »Und da, merken Sie's? Gravitation. Weder heben Sie ab, noch fallen Sie ins untere Deck. Das alte Mädchen ist wieder in glänzender Verfassung.« Maya schenkte ihm einen Blick aus ihren dunklen Au gen. »Sie haben für Ihr Schiff wirklich viel übrig, nicht wahr?« Damen nickte. »Und ob. Sie hat mich am Leben gehalten, Maya. Meinem Dasein einen Sinn gegeben. Jeder braucht im Leben einen Zweck — irgend etwas, für das er sich engagiert. Vom ersten Moment an, als ich sie gesehen habe, hat die Projektil mich für sich einge nommen. Ich habe für sie gekämpft, für sie getötet. Ich gäbe für sie sogar meine Seele her ... Aber sie gehört Spinne.« Maya musterte ihn spöttisch. »Sie und Ben, Sie sind mir zwei ...« Resigniert schüttelte sie den Kopf. »Beinahe hätte ich mich auf meine Befehlsgewalt berufen müssen, um ihn zum Verbleib auf der Kommandobrücke zu
bewegen. Er ist völlig verrückt danach, einen Ihrer Pro pheten kennenzulernen.« Rees Brauen hoben sich. »Tja, wir haben drunten einen in 'ner Höhle wohnen, Chester, den Propheten, der für einige Zeit als Geisel bei Skor Robinson gewesen ist. Ich werde Ben informieren. Falls der Prophet ihn empfangen will, wird er ihn erwarten. Falls nicht, wird Ben 'ne leere Höhle vorfinden.« »Ben führt sich wie ein Kind auf, seit wir Kurs auf Welt genommen haben. Glauben Sie, Ihr Prophet emp fängt ihn?« »Puh ...« Ree hob die Hand. »Bis jetzt hat noch nie mand erraten, was ein Prophet tun wird.« Sie betraten einen Lift. »Admiralskajüte.« Die Tür glitt zu. Maya drehte sich um und nahm Rees Hände, allmäh lich wich die Dienstlichkeit aus ihrer Miene. »Damen, Sie sehen übermüdet aus. Ich habe den Eindruck, so ausge laugt und abgeschlafft sind Sie nicht einmal gewesen, als Ngen Ihnen im Siriussystem die Projektil zu entreißen ver suchte. Sie haben ...« »Aber ich bin entschieden sauberer als damals.« Ree breitete die Arme aus, zeigte auf seine Galauniform. »Schauen Sie her. Kein Tropfen Blut. Nicht das kleinste Spritzerchen. Genießen Sie diesen Anblick, solange er er halten bleibt. Bisher ist mir von Ihnen jedesmal vorge worfen worden, wenn Sie den Fuß an Bord der Projektil gesetzt haben, zu was für einem verdreckten Subjekt ich heruntergekommen sei.« Maya gab ihm spielerisch einen Rippenstoß. »Das ist nicht, was ich meine. Und jedesmal bisher, wenn ich die Projektil besucht habe, hatte sie gerade schwere Kämpfe hinter sich.« Die Lifttür rollte auf, und Ree führte Maya in den Kor ridor zu seiner Kajüte, öffnete die Tür, indem er die Hand fläche auf den Scanner des Servomaten legte. »Willkom men bei mir zu Hause.«
Maya ging hinein, verschaffte sich zunächst einen Überblick in der ordentlich aufgeräumten Kajüte, besah sich die an einer Wand aufgehängten romananischen Waf fen einen Moment länger. An der Wand gegenüber prunk te eine auf gegerbte Ochsenhaut gemalte Spinne. In der Mitte der Kajüte war ein Tisch für zwei Personen gedeckt worden. Zwischen zwei Tellern glänzte eine braungeröste te Lammkeule vor Fett; in der gedimmten Beleuchtung glitzerten Trinkgläser aus Kristall, in denen ein bernstein gelbes Getränk lohfarbene Schatten auf den Tisch warf. »Haben Sie Hunger?« Ree deutete auf einen AntigravSessel. Maya schüttelte den Kopf und nahm Platz. »Wäre ich's nicht längst, würde ich's ganz bestimmt jetzt. Sie haben nicht übertrieben, als Sie von >Köstlichkeiten< sprachen. Was ist das?« Sie wies auf grüne Stangen. »Klingenbuschstengel. Versuchen Sie sie, es schmeckt wie eine Mischung aus Kartoffel und Yamswurzel. Eines der wichtigsten Lebensmittel der romananischen Küche. Klingenbuschstengel geben allein eine rundum ausgewo genes Nahrung ab.« Maya hob ihr Kristallglas. »Als erstes wollen wir auf die Projektil und ihren feschen Admiral anstoßen.« »Auf die Viktoria und ihre hervorragende Obristin«, antwortete Ree. Die Kristallgläser klangen leise, als ihre Ränder aneinanderstießen. Für einen langen Moment blickten Ree und Maya sich in die Augen. Maya lächelte; ihre normalerweise herbe Miene wurde dadurch sanfter. »Ich habe Sie vermißt.« »Und ich habe oft ... Also, ich habe mir gewünscht, zwischen uns stünden die Dinge anders.« Maya nickte, hielt Ree ihren Teller hin, während Ree mit dem Lasermesser säuberlich eine Scheibe Fleisch ab schnitt. Geruhsam verzehrten sie Gang um Gang die Mahlzeit. »So essen die Romananer? Kein Wunder, daß sie auf Sirius alles plattgemacht haben. Sie hatten einen enormen
Kalorienvorteil.« Maya schob den Teller mit den Es sensresten von sich und seufzte zufrieden. Ree erhob sich und füllte die Gläser nochmals mit ark turischem Scotch. Maya trat zu ihm, nahm das Kristallglas aus seiner Hand entgegen, stellte es beiseite, schlang den Arm um Rees Hals und zog seinen Kopf zu sich hinab. Zart küßte er sie. »Seit Sirius ist viel Zeit verstrichen.« Sachte legte er die Hände auf Mayas Schultern, ihm war, als müßte er in den Tiefen ihrer Augen versinken. »Das Leben ist nicht mehr wie früher. Etwas fehlt, Maya. Ich glaube, ich ... Naja, noch nie hat eine Frau mir soviel bedeutet. Damit zurechtzukommen, fällt mir um so schwe rer, je älter ich werde. Ich hätte gedacht, es verhielte sich anders herum.« »Stehen Sie noch zu der Entscheidung, die Sie in mei nem Büro auf Sirius getroffen haben?« Maya hob die Brauen und wartete auf seine Antwort. Ree atmete tief. »Ja ... und nein.« »Es behagt mir gar nicht, wie Sie aussehen, Damen. Sie haben allein die hiesige Region des Direktorats unter Kontrolle gehalten, während Toby und ich nach Welt ge flogen sind. Ich merk's Ihnen an, Damen. Nicht nur das, Sie sind richtig krank vor Sorge.« Mayas Blick forschte in seinen Augen. »Sie sind abgemagert. Wenn Sie so weiter machen, bringen Sie sich noch um.« Mit schwieligen Fingern streichelte er ihre Wangen, staunte über die Weichheit der Haut, umstrich die Umris se des Kinns. »Bleibt mir eine Wahl? Ich weiß, was Ngen treibt. Ich habe Robinson praktisch angefleht, mir irgend eine Art von Unterstützung zu geben, mit unseren Streit kräften und der Patrouille einen vereinten Schlag zu füh ren. Er ist ...« Ree schüttelte den Kopf. »Ach, ich weiß nicht ... Zu abgehoben? Konfus? Ist ihm denn nicht klar, daß ... Erkennt er nicht ...« Maya drückte ihn an sich. »Er ist ein psychisches Wrack, das versucht, das Direktorat so zu regieren, wie
er's seit jeher getan hat. Das gleiche gilt für Nawtow und An Roque.« Sachte fuhren ihre Finger über die Seiten von Rees Gesicht. »Die Direktoren können sich nicht umstel len. Daraus besteht das verhängnisvolle Manko ihrer gen technischen Zucht.« Ree küßte sie zum zweitenmal; doch plötzlich ging er auf Abstand, und Maya bemerkte, wie sich in seinem In nern ein Abgrund der Einsamkeit auftat. »Was ist passiert?« fragte Maya, rückte nach, legte ihre Hände auf seine Brust. »Du hast auf einmal einen schrek klichen Ausdruck in den Augen.« »Sie. Sie sind mir passiert. Ich habe verdammt den stärksten Drang, mich in Sie zu verlieben, Maya.« Ree faßte ihre Hände und küßte sie. »Und das jagt mir grausi ge Furcht ein. Ich weiß nicht, ob ich mir so was erlauben kann. Ob ich mir so eine Schwäche leisten darf. Weil alles so leicht in Unheil und Unglück enden kann.« Maya warf den Kopf in den Nacken und lachte. »Wenn sie so denken, sind sie wirklich völlig ausgezehrt. Wir sind doch kein unschuldiges, junges Pärchen, Damen. Wie alt sind Sie? Fünfzig und 'n paar Zerquetschte? Und ich bin Ende vierzig ... Gut erhalten, mag sein, aber man wird keine Kommandantin eines Patrouillenschlachtschiffs, ohne sich als Halsabschneiderin und Intrigantin zu bewäh ren, ohne Gegenspieler so tief in den Dreck zu trampeln, daß sie nie wieder die Nase heben.« »Ihre romantische Ausdrucksweise überwältigt mich vollkommen, Maya.« Ree drehte sich ihr zu und zog sie mit sich auf die Polsterung des großen Antigrav-Sessels. Sie schmiegte sich in seine Armbeuge, ihre Finger stri chen über den Stoff seiner Uniform. »Diese blöde Galau niform ist mir schon immer zuwider gewesen«, bekannte Maya halblaut. »Sie ist so steif und lästig.« »Seien Sie vorsichtig. Möglicherweise kann ich für mein Betragen keine Verantwortung übernehmen. Män ner unter Druck sind zu den extremsten Taten fähig.« »Wissen Sie, nach Ihrem Abflug vom Sirius ging's mir
richtig mies. Erinnern Sie sich noch an unsere schmak khaften Abendessen? Unsere ausgiebigen Unterhaltun gen? Nach einer Weile hatte ich mich sehr daran gewöhnt, Damen. Als Sie fort waren ... Irgendwie war ein Licht aus meinem Leben verschwunden. Ich hatte ein Loch in mei nem Herzen, da hätten Sie 'n Blasterstrahl hindurchschie ßen können.« »Es gibt genug andere Männer, die ...« Maya preßte ihm Finger auf die Lippen. »Das stimmt nicht, und Sie wissen's genau. Sicher, ich könnte mir für nebenbei 'n Liebhaber suchen, um mit ihm Sexualsport zu betreiben. Aber hätte ich dadurch Liebe gefunden? So was ist unmöglich, solange ich das Raumschiff komman diere. An Bord der Viktoria funktioniert noch die alte in terne Hierarchie. Wer ist der ehrgeizigste Aufsteiger? Wer sägt an meinem Stuhl? Inwiefern könnte ein Liebhaber intime Kenntnisse gegen mich ausnutzen? Man muß immer wachsam bleiben. Und bei den unteren Rängen herrscht auch nie Ruhe. Gegenwärtig kursieren auf dem Geschützdeck zu viele Gerüchte. Nein, wenn man an der Spitze steht, muß man im Zölibat leben, oder man hat jede Menge zusätzliche Scherereien in Kauf zu nehmen.« Sie küßte ihn. »Sie sind mein Freund geworden, Damen. Ver flucht noch mal, ich ... Menschenskind, an dem Tag, als die Projektil gestartet ist, ich bin fast durchgedreht. Es hat mir beinahe das Herz gebrochen.« »Für mich war's auch nicht leicht.« Ree gestand la chend. »Während des letzten Flugs in den Orbit habe ich daran gedacht, so eine sirianische Penthousewohnung zu mieten, mir 'n paar Fläschchen guten Weins zu besorgen, etwas Musik dudeln zu lassen und Sie zu verführen.« Maya strich ihr Haar nach hinten. »Nun ja, Sie haben immerhin schon 'n guten Anfang gemacht. Wie soll ich sein? Schwer zu haben? Schüchtern? Oder voller hitziger Lust?« »Ich glaube, das klären wir, wenn's soweit ist.« Reezwin kerte ihr zu, massierte ihr durch die Uniform die Schultern.
»Na fein. Was mich betrifft, wär's mir am liebsten, Sie sind in Gedanken bei mir, statt bei dem, was Sie andau ernd so beschäftigt. Früher waren Sie weniger geistesab wesend, Damen. Ich bin mir nicht sicher, ob mir die Aus wirkungen gefallen, die diese übergroße Verantwortung auf Sie ausübt. Spinne hat Ihrer Seele zuviel aufgebür det.« »Kann sein. Aber es ist seine Seele, der er soviel zumu tet. Nein, so wie die Lage ist ... Es wird noch wesentlich schlimmer kommen. Ich würde sagen, uns bleibt höch stens noch eine Gnadenfrist von sechs Monaten. Danach wird nichts und niemand mehr sicher sein. Ngen erweitert seine Machtsphäre nahezu exponential. Ich habe keine Ahnung, wie's gemacht wird, aber seine Wühler sind über all. Fast würde ich wetten, er hat die alten Schwarzmarkt verbindungen aus seiner Schmugglerzeit für seine messia nischen Zwecke eingespannt und ausgeweitet. Jedenfalls läuft's so, daß als erstes seine Plakate auftauchen. Danach kreuzen einige Wanderprediger auf und schwafeln an öffentlichen Kreuzungen ihren Humbug. Dann werden Holos gesendet, ein Krawall bricht aus. Das Direktorat versucht ihn zu beenden — natürlich ohne Erfolg, weil seine Mittel schon andernorts überbeansprucht werden. Und damit spielt es Ngen mit seiner rundum perfekt orchestrierten Stimmungsbeeinflussung der Massen gera dewegs in die Hände. Klar, gegen einen Tempel hat nie mand Bedenken. Nachher sind es auf einmal zwei, vier, acht, vierundsechzig. Und die Menschen irren verblödet umher, suchen ihren >Platz<. Und Ngen fliegt zur näch sten Welt.« Maya hob die Hand und öffnete an Rees Kragen die Knopfleiste, zog die dreieckige Kragenbrosche heraus und ließ sie fallen. »Ist das alles, an was Sie denken können? Nur immer Ngen?« Ree umarmte sie, genoß das Gefühl ihres straffen Kör pers unter der Uniform. »Sie halten sich fit.« Maya nickte, bewegte ein muskulöses Bein über Rees
Schenkel. »Darauf können Sie sich verlassen. Ich belege auf der Viktoria beim Frauenkampfsport den dritten Platz. Nicht schlecht für 'n altes Weib, hä? Wollen Sie meine Frage beantworten? Oder soll ich's für Sie tun?« »Ja, es stimmt, ich denke fortwährend an Ngen. Sie kennen nicht seine ganze Vorgeschichte. Manche der Ver brechen, die er im Siriussystem begangen hat, sind roma nanisches Staatsgeheimnis, weil ihr Bekanntwerden das Ansehen einiger meiner besten Untergebenen beeinträch tigen könnte. Alles was ich mache, geschieht in seinem Schatten, und er weicht nicht einmal von mir, wenn ich Sie zum Essen einlade.« Maya seufzte. »Der Kerl geht Ihnen an die Nieren, wie?« »Ja, tatsächlich. Die Wahrheit ist, wir haben vor ihm mehr Furcht, als ihn der durchschnittliche Direktoratsbür ger fürchtet. Wir sind auf Sirius gewesen. Die Hälfte der romananischen Krieger, die wir mitgenommen hatten, sind in seinem Blasterfeuer umgekommen. Von wie vielen Kriegen wissen Sie, die um den Preis fünfzigprozentiger Verluste gewonnen worden sind? Auf jedem Deck der Projektil habe ich gegen ihn gekämpft. Ich habe die Psychoprofile der Menschen gesehen, die in seiner Gefan genschaft gewesen sind. Und was am scheußlichsten ist: Ich habe gesehen, welchen Alptraum er heute aus dem Leben halbwegs zufriedener Männer, Frauen und Kinder macht. Und er hat vor, diese geistlosen Massen gegen uns zu hetzen, Maya. Die Padri sind nichts anderes als eine Zombie-Armee. In allem, was Van Chow anfängt, beweist er krankhaftes, diabolisches Genie. Und er will uns. Er hat der Projektil, den Romananern, Welt — uns allen — noch manches heimzuzahlen. Wir haben ihm den Sieg entrun gen. Ihn gegen alle Wahrscheinlichkeit geschlagen und mit der Visage in den Dreck gestoßen. Einen größenwahn sinnigen Irren wie Ngen dürfte es ständig wurmen, was wir ihm angetan haben. Wir haben ihm sogar seinen Spit zeningenieur ausgespannt. Ich bezweifle, daß Ngen ein
löcheriges Gedächtnis hat. Ich glaube, daß er uns all das nicht vergißt. Und diese Vorstellung hindert mich nachts am Schlafen. Sie und der Gedanke an die Zombies.« Maya lag still in seinen Armen, nippte gelegentlich an dem Scotch. »Ich neige keineswegs dazu, ihn zu unter schätzen. Du kennst das Grauen nicht, das er in meinem Raumsektor verbreitet hat. Ben hat einige annähernde Kalkulationen hinsichtlich seiner Feuerkraft angestellt. Ich habe den Eindruck, die Zahlen stimmen. Van Chow hat jetzt die gleichen Blaster in Verwendung, die er im Umraum Sirius' gegen uns eingesetzt hat. Nachbauten der Exemplare in seiner Raumjacht, lautet unsere Vermu tung.« »Damit wird er die Patrouille in Fetzen schießen.« Ree schnitt eine grimmige Miene. »Folglich stehe ich vor einem neuen Problem. Was gebe ich Toby? Überlas se ich ihr die Konstruktionszeichnungen der Fujiki-Blaster? Händige ich ihr die Quantenaugmentation für die Schutzschirm-Generatoren aus? Toby hätte Jaischa Men dez geholfen, uns zu eliminieren, hätte sie nicht Ngen auf seiner Flucht aus dem Siriussystem verfolgen müssen. Und nun soll ich ihr trauen? Sie wieder mit der Möglich keit ausstatten, uns schaden zu können? Guck mich nicht so skeptisch an. Wir haben aus den Bruderschaftsdateien sehr viel informatives Material gewonnen. Bei ihrer gegenwärtigen Armierung kann die Projektil es mit der kompletten Patrouillenflotte aufnehmen. Nein, das ist keine Protzerei. Ich bin gerne bereit, Ihnen die entspre chenden Zahlen zu zeigen. Es ist mein Ernst. Giorj hat die Daten ausgewertet, und das alte Mädchen ist vom Bug bis zum Heck umgebaut worden, modernisiert. Unsere Schutzschirme sind dazu imstande, die zusammengefaßte Feuerkraft der gesamten Patrouille zu deflektieren. Freilich, dadurch wird soviel Energie bean sprucht, daß kaum etwas für die Blastergeschütze übrig bleibt, aber wenn man nicht getroffen werden kann, ist das nicht so tragisch, oder?«
Maya sank der Unterkiefer herab. »Sie machen keine Scherze, oder?« Ree neigte den Kopf. »Nein. Und trotzdem bin ich be sorgt, weil wir nicht wissen, was Ngen auf Frontier aus den Bruderschaftscomputern gemolken hat. Er ist von Freitag Garcia Gelbes Bein gestört worden, ehe er alles herauszapfen konnte. Davon gehen wir auf alle Fälle aus. Ngens Computerexpertin stand noch an der Konsole, als der Schuß sie in den Rücken traf. Bloß traue ich Ngen nicht im geringsten über den Weg. Darum möchte ich un sere Gefechtsfähigkeit konsolidieren, soviel Erkenntnisse wie möglich sammeln und dann dem dreckigen Scheiß kerl gehörig die Tour versauen. Und danach werden wir ja sehen, ob 'ne Aussicht besteht, ihm den Dschihad ins gesamt zu vermasseln.« »Sie bringen sich noch um vor lauter Grämerei«, mahnte Maya nochmals in vorwurfsvollem Ton, wandte sich um und küßte Ree. »Jetzt bin ich doch da.« Ihre Fin ger glitten am Reißverschluß seiner Uniform hinab, öff neten ihn. »Ich werde Ihnen 'n bißchen von dem Druck ablassen, unter dem Sie stehen. Sie sind nicht mehr allein, Damen. Ich bin eine ziemlich tüchtige Bundesge nossin.« Ree küßte sie. Ihm war, als schwände eine Last von sei nen ermatteten Schultern. Er strich mit der Hand seitlich an ihrem Körper entlang, schwelgte lüstern im Gefühl ihrer Hüftwölbung, der Festigkeit ihres muskelstarken Schenkels. Als Maya sich die Uniform abstreifte, schien es, als wichen gleichzeitig auch Sorgen und Streß von ihm; begierig küßte Maya ihn, während sie anschließend ihm, indem ihre Finger zart über seine Haut fuhren, die letzten Stoffzipfel von den Beinen zerrte. Als seine Männ lichkeit sich aufrichtete, seine Hand eine pralle Brust umfaßte, die Warze zu kosen anfing, stieg gleichzeitig eine praktisch vergessene Glut der Leidenschaft in ihm empor Maya krümmte sich vor Lust, umarmte ihn fest, während seine Finger sanft ihren Körper erkundeten, er sie hinge
bungsvoll küßte, dabei spürte, wie in ihrem Leib die sexuelle Spannung wuchs, das Verlangen schwoll. Sie seufzte in wonnevoller Zufriedenheit auf, während sie sich zurechtrückte und sein steifes Glied einführte. Er blickte ihr in die Augen, ein Teil seiner selbst fand zum erstenmal seit viel zu langem wieder Frieden. Sie lä chelte zu ihm auf, paßte sich seinem Rhythmus an, um fing ihn, umschlang ihn unbändig mit Armen und Bei-nen. So konnte er die seelenlosen Augen, die geistlosen Mörder, die bereitstanden, Deus ihren Jubel zublökten, mit Blastern trainierten, zeitweilig vergessen. Während er die ganze Herrlichkeit von Mayas warmer Umarmung auskostete, darin mit ihr verschmolz, schien das Spinnenbild, das die eine Wand dominierte, ihnen zuzuschauen. * * * AN BORD DER SPINNES VERGELTUNG WÄHREND DER BREMSPHASE AUF DEM EINFLUG INS SONNENSYSTEM WELTS
»Religion dient bei gesellschaftlichen Lebewesen wie den Menschen mehreren Zwecken. An erster und wich tigster Stelle liefert sie einen Existenzgrund und einen Sinn sowohl für das Leben wie auch das Universum, das wir rings um uns wahrnehmen. Im Ergebnis gibt sie uns einen rationalen Mittelpunkt — ein Selbstverständnis — ,der als Basis herhält, von der aus wir uns mit dem Uni versum auseinanderzusetzen beginnen können. Sie läßt sich als das Fundament betrachten, als allgemeinstes Bezugssystem, mit dem als Grundlage wir das Weitere erforschen und das uns mit dem Maßstab versieht, an dem wir unsere Entdeckungen messen. Außerdem ist Religion ein soziokulturelles Bindemittel. Sie verleiht einer Gesellschaft vertikalen und horizontalen
Zusammenhang. Um ein Beispiel anzuführen: Das Ego, wie man das Individuelle nennt, bewahrt im wesent lichen denselben Glauben wie Vater, Großvater, Urgroß vater und so weiter, und eben diesen Glauben werden auch Sohn, Enkel, Urenkel und so fort pflegen. Das ist vertikale Integration, das Band zwischen den Generatio nen. Horizontale Integration durch Religion gestattet dem Ego die Überzeugung, daß jedes Mitglied seiner Gesellschaft zur Bewältigung der Realität im Kern die selben Verhaltensmuster befolgt. Also kann das Ego den anderen auf dem gemeinsamen Boden einer einheit lichen Weltsicht begegnen. Alle befinden sich innerhalb eines grundlegenden spirituellen Rahmens, der im Grundsatz Einigkeit und Verständnis zwischen Fami lien, Sippen oder Gruppen der gleichen Generation ermöglicht.« Pike spreizte die Hände; er ruhte halb in Sitzhaltung auf dem Polster, lediglich Beine und Hüften staken noch in der Med-Einheit. »Ohne Religion, egal ob sie geistlichen oder profanen Charakters ist, können Menschen nicht ihren Standort in Natur und Gesell schaft bestimmen.« Rundum hörte man die leisen Geräusche des Raum schiffs, die Energieentwicklung des Reaktors pulsierte durch das Deck. Susan lehnte in dem kleinen Klappstuhl, in dem sie immer Platz nahm, wenn sie Pike besuchte, um einfach nur bei ihm zu hocken und mit ihm zu plau dern. Patan kauerte im Schneidersitz, die Hände gefaltet, die Lider geschlossen, auf dem glänzenden Gehäuse einer Med-Einheit. Irgendwo hatte irgendwer ihn zum Ablegen seiner schäbigen, alten Lederkleidung überredet; statt des sen trug er jetzt eine saubere Dienstmontur der Patrouille. Seine Haare waren gewaschen, sein Gesicht leuchtete hell vor Reinlichkeit; in seiner Miene schien eine bildhafte Gegenwart uralter Weisheit der Realität seines jugendlichen Alters aufzuliegen. Susan nickte, während sie mit den Fingern durch die Fülle ihres Haars fuhr. »So habe ich mir das noch nie ver
deutlicht. Nach deiner Beschreibung könnte man meinen, Spinne wäre nur ... eine Ausgeburt der Gesellchaft.« »In gewissem Sinn ist jede organisierte Religion — beachte bitte das entscheidende Wort: >organisierte< Religion — genau das, nämlich ein von einer Priester schaft, die hohen gesellschaftlichen Rang und große Macht anstrebt, veranstalteter Betrug. So etwas unter scheidet sich völlig von einer schamanistischen Religion wie dem Spinnenkult. Sobald eine Kirche gegründet und die Religionsausübung organisiert wird, ist sie mächtig genug, um eine politische Institution zu werden. Tat sächlich läuft es bei den meisten Religionen so ab. Man kann sie bekämpfen, indem man analysiert, welche ele mentaren Aufgaben sie auf Kosten des Individuums erfüllt, dann das Dogma auf eine Weise kritisiert, die entlarvt, daß die Mängel den gesellschaftlichen Wert überwiegen.« »Was mir auf dem Berggipfel widerfährt, ist keine ge sellschaftliche Funktion.« Susan wies mit dem Finger auf Pike. Darwin nickte, betastete die Stücke des gebrochenen Santos-Kriegsmessers. »Stimmt, ist es nicht. Gleichzeitig verhält es sich aber so, daß mystische Erfahrungen jedem zugänglich sind ... Falls er sich der Mühe unterzieht, sie anzustreben. Das Wirksame solcher Erfahrungen besteht im Nähren des spirituellen Funkens — nur handelt es sich um einen Brennstoff, der organisierten Religionen unan genehm ist. Denke nur an all die echten Mystiker, die sich gegen organisierte Religion gesträubt haben. Damit geht man einen schwierigen Weg. Islam, Judaismus und Chri stentum springen am übelsten mit ihren Mystikern um. Nimm die Verfolgung der Sufis durch den Islam als Bei spiel. Oder die christliche Inquisition. Die religiöse Hie rarchie versucht ihre Autorität und überlegene Kompetenz in spirituellen Fragen glaubhaft zu behaupten. Sobald Leute des Fußvolks inbrünstig von Begegnungen mit Gott zu erzählen beginnen, werden die oberen Bosse nervös
und reagieren darauf ganz empfindlich, weil sie ihre Macht und ihre Zuständigkeit gefährdet, von Unterminie rung bedroht sehen.« »Ich begreife das nicht.« Susan setzte eine düstere Miene auf und schüttelte den Kopf. »Wie kann etwas, das für mich ein persönliches Erlebnis ist, derartig mißgedeu tet werden?« »Es möchte eben nicht jeder seinem Gott begegnen. Die Mehrheit der Menschen verläßt sich auf das, was ih nen einflußreiche Führer erzählen, die schon Generatio nen von dem ursprünglichen, wunderbaren Ereignis tren nen, das am Ursprung ihrer Religion stand.« Pike zuckte die Achseln. »Daß bei Spinne das Gegenteil der Fall ist, macht eine der Stärken seines Kults aus. Die Propheten haben ihre mystischen Erfahrungen Tag für Tag. Die Krie ger gehen selbst ihre eigenen Visionen suchen. In diesen Vorzügen liegt sehr viel Macht. Zudem gibt es seit dem Niedergang der Santos keine Spaltung mehr zwischen den Propheten.« Er runzelte die Stirn. »Man könnte meinen, die Propheten hätten mit ihren höherentwickelten Gehir nen gewissermaßen den Stau des menschlichen Gefühls matschs und der menschlichen Engstirnigkeit durchbro chen. Sie haben einen permanenten Nirwana-Zustand erreicht. Stehen schlußendlich in Kontakt mit der wahren Realität.« »Es dürfte schwerfallen, über Dogmen zu streiten, wenn man den Ausgang schon kennt«, erwiderte Susan spöttisch und blickte hinüber zu Patan, der gelauscht hat te, die Augen nach wie vor geschlossen, auf den Lippen ein schwaches Lächeln. »So etwas wäre offenkundig unvernünftig«, pflichtete der Prophet bei. »Außerdem ist es nicht so, daß es zwi schen Santos und Spinnenvolk eine religiöse Spaltung gäbe. Sie haben lediglich verschiedene Namen für das Unbeschreibliche, unterschiedliche Mythen, um das glei che zu vermitteln. Es ist belanglos, ob Herrjesses als Mensch gekreuzigt oder Spinne als Tier ans Holz genagelt
wurde, bestehen bleibt die Tatsache, daß das, was man als Gottheit bezeichnet, den Menschen etwas Lehrreiches gezeigt hat, nämlich daß sie immer daran denken sollen, sich ihre Freiheit zu erhalten ... Und indem sie sie verteidigen, Verantwortung übernehmen. Verantwor tungsbewußtsein beruht aus durch Erfahrung gesammel tem Wissen.« Darwin lachte. »Ich frage mich, was wohl der Rabe davon hält, daß ich mich mit Spinne abgebe?« »Wenn du dich mit dieser Frage genauer befassen möchtest, Doktor«, entgegnete Patan, »stehst du vor ei nem wilden Haschen nach Schatten, bei dem du nie eine endgültige Antwort finden wirst. Die Entscheidung liegt bei dir. Aber darf ich dir meinerseits eine Frage stellen?« »Natürlich.« »Gott ist Realität, nicht wahr? Zählt es dann überhaupt, welchen Namen man der höchsten aller Realitäten ver leiht?« »Also wäre so eine Beschäftigung sinnlos?« Ein knappes Nicken und Patans ständiges Lächeln be lohnten seine Einsicht. »Und wie führen wir nun unsere religiöse Umwälzung durch?« fragte Susan, lenkte das Gespräch aufs ursprüng liche Thema zurück. »Ging's nach mir, hielten wir an je den Kopf im Direktorat 'n Blaster und fragten: >Ist Spin ne Gott, ja oder nein?<« »Das könnte nur klappen, wenn man genug Blaster und genügend Zeit hat«, erwiderte Pike lächelnd. »Uns fehlt's an beidem. So ein Projekt kann nur durch Öffent lichkeitsarbeit Erfolg haben, durch das überzeugungskräf tige Auftreten einer Persönlichkeit in Verbindung mit Patans Fähigkeit, an Wunder grenzende Vorhersagen der Zukunft zu machen. Zusätzlich müssen wir uns auf Ge genkampagnen vorbereiten. Die Padri — und wahr scheinlich nicht bloß sie — werden unsere Postulate kriti sieren.« »Und die lauten?« fragte Susan perplex.
»Erstens gehen wir naturgemäß davon aus, daß ein Gott existiert. Zweitens unterstellen wir, daß Menschen Seelen haben. Drittens behaupten wir, daß die Seele un sterblich und Teil der Gottheit ist. Viertens nehmen wir an, es ist der Daseinsgrund der Gottheit, durch die unter uns aufgeteilten Seelen zu lernen beziehungsweise Erfah rungen zu sammeln. Das heißt, wir glauben, Gott ist, ob wohl er allmächtig ist, durchaus nicht allwissend.« »Wieso sollte Spinne nicht allwissend sein?« fragte Susan. »Die Propheten sagen uns, daß unsere Seelen da sind, um für Spinne zu lernen. Wäre Spinne allwissend, wes halb müßte er uns den Prüfungen des Lernens und Erfah rungensammelns unterziehen? Warum stünde der freie Wille unter seinem besonderen Schutz? Und was wäre der Zweck des Universums?« Susan nickte. »Schön, ich knüpfe da an, Doktor. Was ist der Zweck des Universums?« »Spinne strebt letzten Endes seine eigene Vollkom menheit an. Nach menschlichen Maßstäben handelt es sich um ein unendliches Streben. Aber ist es nicht zur glei chen Zeit ein edles Ziel?« »Genauso ist es«, stimmte Darwin zu. »Also lautet unsere Annahme, daß Gott unvollkommen ist. Solange die Gottheit unvollkommen bleibt, müssen Schmerz und Leid ertragen werden.« »Man wird zahlreiche Fragen nach Gut und Böse an uns richten.« Patans Gesichtszüge zeigten väterliche Be lustigung. Susan warf Pike einen fragenden Blick zu. Darwin nickte. »Natürlich. Die Problematik von Gut und Böse ist immer ein Buhmann der Religionen mit streng umrissenen spirituellen Hierarchien gewesen. Al les ist von der Natur Gottes abhängig. Wenn Gott gütig ist, warum läßt er zu, daß es das Böse gibt? Verschiedene Zweige des Buddhismus sehen Gutes und Böses zu glei chen Teilen vorhanden, als Gleichgewichtigkeit der Rea
lität. Spinne lehrt, daß das Böse ein Resultat des Zufalls ist, im einzelnen konkreter gefaßt, des freien Willens. Spinne selbst ist neutral, weder gut noch böse, lernt jedoch aus dem Vorfallen von beidem, für ihn bedeutet beides eine Versuchung, er bleibt darin unsicher, ob das Univer sum mit nur einem und ohne das andere besser beschaffen wäre, darum interessiert es ihn so sehr, weiter dazuzuler nen. Aufgrund unseres freien Willens begehen wir Fehler, damit Spinne zum Schluß keine Fehler mehr zu machen braucht.« »Das Direktorat hat der Menschheit das Böse auszu merzen versucht und ist dabei am Ende gescheitert. Ich frage mich, ob das Ergebnis überhaupt die Mühe wert wäre? Der Versuch des Direktorats, das Gute zum Allge meinzustand zu entwickeln, hat es anfällig für Van Chows Absicht gemacht, das Böse zur Normalität zu erheben.« Susan streckte die Hand aus, nahm Darwins Solinger Survival-Messer vom Tablett, betrachtete die Spiegelung des Lichts auf der Klinge, während sie überlegte. »He, für eine Romananerin bist du ja gehörig gewitzt«, frotzelte Darwin. Susan schmunzelte und zwinkerte ihm zu, wendete das Messer in ihren geschmeidigen Fingern hin und her. »Der Schlüssel zu einem Dasein mit Gutem und Bösem liegt in ihrem Ausgleich«, sagte Patan dazwischen, »in ihrem ausgeglichenen Kennenlernen, um die Eindringlich keit des Erlebens zu erhöhen. Die jetzige Regelung erfolgt rein natürlich, ausschließlich durch Ereignisse, die entwe der das eine hervorrufen, oder das andere, dadurch Kreis läufe mal des Leidens, mal des Glücks einleiten, die durch die Art der menschlichen Wahrnehmung etwas gemäßigt werden. Wie oft habt ihr euch beim Hungern an frohe Augenblicke erinnert? Wie häufig hat euch, wenn Freude euer Leben erfüllte, die Sorge um mögliches Unheil Kum mer bereitet?« Pike lachte. »Ja, das ist das jahrtausendealte Problem, nie genau zu wissen, wann es einem tatsächlich gut geht.
Die Menschen, die in einem Goldenen Zeitalter leben, wissen es in den seltensten Fällen zu schätzen ... Oder sie begreifen überhaupt nicht, was für ein großes Glück es ist, in so einer Realität zu leben. Und jene, die sich in fin steren Zeiten durchschlagen müssen, sind zu unwissend, unterliegen dem Zwang, viel zu schwer fürs bloße Über leben zu rackern, als daß sie deswegen deprimiert sein könnten. Sonderbarerweise tendieren gute Zeiten dazu, Perioden des Pessimismus zu sein, während schlechte Zeiten eine ausgeprägte Neigung zum Optimismus auf weisen.« »Ich bezweifle, daß Ngens gepsychte Zombies optimi stisch sind.« Es gruselte Susan, sie vergaß das Messer in ihren Händen, während sie leeren Blicks, versunken in Erinnerungen an Basar, in die Ferne außerhalb der Dek kenplatten starrte. »Nein, sind sie bestimmt nicht«, bestätigte Darwin sie in ihrer Meinung. »Ngen erschließt neue Spitzenleistun gen der menschlichen Erniedrigung. Kultur besteht teils aus Rückwirkungen der Technik und Umwelt, der Stimuli aus inneren und äußeren Quellen. Bei Ngen ist es so, daß er über eine technische Innovation verfügt — ein System zum Massenpsyching —, das es ihm ermöglicht, eine Population mit größerer Effizienz zu versklaven.« »Nach allem, was wir beobachtet haben, ist die Wir kung nicht rückgängig zu machen.« Susan lehnte sich zu rück. »Das Ich des betroffenen Menschen wird mitsamt seiner Persönlichkeit, seinen Erinnerungen und dem So zialverhalten ausgelöscht. Er wird zu etwas, das mehr als eine Maschine ist, aber weniger als ein Mensch. Wir kön nen ihn nicht mehr in das zurückverwandeln, was er vor her gewesen ist. Vielleicht kann man ihm dabei helfen, im Laufe längerer Zeit eine neue Persönlichkeit zu entwik keln, aber vollauf normal wird er nie wieder sein.« »Ngen verübt ein Verbrechen gegen Gott«, sagte Patan. »Er verweigert diesen Menschen den freien Willen. Dadurch blendet er Augen, durch die Spinne zu sehen
beabsichtigt. Er untergräbt den Zweck der Seele. Körper lich empfinden die Padri Schmerz und Ekstase, aber ihre Seelen haben davon keinen Nutzen. Nur aus diesem Grund werden die Propheten sich diesmal in menschliche Angelegenheiten einmischen. Nur deshalb gedenke ich mich selbst zu opfern.« »Würden durch Ngen keine Seelen gepsycht, könntest du dich heraushalten?« »Bisher sind nur einmal Propheten auf den Kriegs pfad gegangen.« Patan lächelte. »Das geschah während des ursprünglichen Zwists zwischen uns Romananern und der Projektil, als zwei Propheten des Spinnenvolks ins All flogen, um den Bestrebungen eines Santos-Propheten entgegenzuwirken, die das Dasein der Menschen maßgeblich beeinflußt hätten. Nachdem die Gefahr abge wendet worden war, kehrten sie nach Welt zurück und befinden sich noch heute dort. Auch Chester Armijo Gar cia flog in den Weltraum, aber nicht, um das Direktorat zu verändern, sondern um zu lehren und vielleicht Susan Smith Andojar zu retten, so wie ich vielleicht Darwin Pike gerettet habe.« Susan wurde bleich, ihre Haltung verkrampft. Pike bemerkte, daß ihm der Atem stockte: In blitzartig-schlaglichthafter Erinnerung sah er sich das Solinger Messer an die eigene Kehle setzen. »Warum gerade uns?« Gleichgültig zuckte Patan die Achseln. »Weil du, soll test du jemals in der erforderlichen Weise geneigt und Spinne ergeben sein, sehr wohl seinen Zwecken dienen kannst. Natürlich unter der Voraussetzung, daß du, in dem sich die Pfade der Zukunft verzweigen, deine Cusps richtig entscheidest.« »Und was ist mit der Menschheit?« fragte Pike, der den Propheten und sein Lächeln mit höchster Aufmerk samkeit beobachtete. »Die Menschheit hat für Spinne keine Bedeutung, Doktor. Die Propheten kümmert es nicht, ob Menschen leben oder sterben. Wenn das Menschengeschlecht über
dauert, dann weil es Spinne fortgesetzt mit Erkenntnis sen versorgt. Falls die menschliche Rasse ausstirbt oder untergeht, gibt es andere Wesen, die weiterhin lernen und Gottes Zwecke erfüllen. Wir Menschen sind nichts besonderes, Doktor. Menschen haben lediglich eine sonderbare, gefühlsbedingte Schrulle: Das Bedürfnis zu glauben, das Universum sei ausschließlich für sie geschaffen worden. Das ist eine äußerst einfältige und unreife Auffassung.« Darwin nickte, schluckte nervös. »Inwiefern sind Su san und ich wichtig?« Seine Stimme klang mit einem Mal rauh. Keinem Menschen behagte die Vorstellung, von Gott auserwählt worden zu sein. Gott war dafür berüchtigt, seine Günstlinge reichlich rücksichtslos zu verschleißen. Doch wenn man Gott war, verursachte es den Auserwählten ziemliche Schwierigkeiten, seine Zumutungen zurückzuweisen. »Das hängt von den Cusps ab, Doktor.« Diesmal hatte Patans wohlwollendes Lächeln nichts Beruhigendes an sich. »Es mag notwendig werden, daß du und die Kom mandantin Spinnes Werk verrichten, wo andere gemein sam scheitern. Vielleicht könnt ihr tun, was andere nicht zu leisten vermögen.« »Vielleicht?« wiederholte Susan gedehnt. Verstohlen warf sie Pike einen trübseligen Blick zu. »Es kommt dabei darauf an« — Patan lächelte und verbeugte sich andeutungsweise —, »ob ihr, du und der Doktor, stark genug seid. Und selbstverständlich bestim men die Cusps sämtliche Ereignisse. Ich kann eine erhebliche Vielfalt eures möglichen Handelns vorausse hen. Es kann sein, ihr werdet bald zu Ngens geistlosen Zombies zählen. Oder es mag sein, ihr werdet Retter der Menschheit. Oder vielleicht seit ihr in Kürze tot. Es kann auch so kommen, daß ihr nie auf die Probe gestellt wer det. Wie immer wird die Zukunft vom freien Willen gestaltet. Jetzt habe ich euch alles gesagt, was ich verra ten darf, ohne euer Vermögen, die Cusps zu bewältigen,
die ihr möglicherweise durchzustehen habt, zu beein trächtigen.« Patan lehnte sich zurück und schloß die Lider. Susan kannte sich hinlänglich mit Propheten aus, um zu wissen, daß er die Unterredung beendet hatte. Darwin brauchte länger, um sich damit abzufinden; er rannte noch eine ganze Zeitlang vergeblich gegen Patans Mauer des Schweigens an.
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AN BORD DER ROMANAN WÄHREND DER DURCHQUERUNG DES TRYSTSYSTEMS
Major Neal Iverson betrachtete das Bild auf dem Monitor. Tatsächlich, sie hatten die Gregorius entdeckt, sie schweb te untätig im All, bot ein leichtes Ziel. Er leckte sich mit der Zunge über die Lippen, durchdachte die Optionen. Einerseits hatte der Admiral ihm die Rückkehr nach Welt befohlen. Andererseits hatte er hier eine verführerische Gelegenheit, um aus günstiger Ausgangsposition einen Angriff auf die durch Ngen Van Chow gekaperte Grego rius zu fliegen, das jetzige Flaggschiff des >Messias<. Iverson verschafft sich einen Eindruck von den Mienen seiner Offiziere, die sich auf der engen Kommandobrücke befanden. Das Glitzern in ihren Augen, während sie das Ziel betrachteten, ließ sich nicht übersehen. Die Gregorius war ihnen an Feuerkraft im Verhältnis fünfhundert zu eins überlegen. Trotzdem: Es bedurfte nur einer geringen Vek torkorrektur, und ihr umgebauter FLF schoß mit Lichtge schwindigkeit geradewegs auf die Gregorius zu, quasi dem Feind in den Rachen. Das Schlachtschiff kreiste im Standardorbit um Tryst. Wahrscheinlich herrschte an Bord die unterste Wachsamkeitsstufe, hatte die Mehrheit der Geschützbedienungen dienstfrei. Iverson zögerte, blinzelte auf den Monitor. Anfunken konnte er den Admiral in der gegenwärtigen Situation nicht. Die Entscheidung lastete ganz allein auf seinen Schultern. Sein Blick schweifte über die Gesichter der auf der Kommandobrücke anwesenden Diensthabenden. Sie schauten ihn regelrecht tatendurstig an. Einige wiesen mit den Daumen aufwärts. Nakai kaute auf den Lippen, behielt die Monitor-Wiedergabe, die Lider zu Schlitzen verengt, im Auge.
»Wir greifen an«, beschloß Neal. Er hatte vier FujikiBlaster und einen verstärkten Bugschutzschirm, und bei neunundneunzigprozentiger Lichtgeschwindigkeit konn ten sie innerhalb von dreißig Sekunden in Schußweite sein. Masse, Schutzschirme und Zielerfassungssensoren würden ihre Annäherung erst fünf Minuten vor Erreichen der maximalen Schußentfernung preisgeben. Die Lage war außerordentlich vorteilhaft. Diese Frist ließ der Besat zung der Gregorius kaum Zeit zum Reagieren. »Höchste Alarmstufe!« befahl Neal. »Gesamte Besat zung gefechtsbereit machen! Blaster-Bedienungen und Schadenbekämpfungstrupps auf die Posten! Die Sturm truppen haben für alle Fälle die ST zu bemannen.« Neal verfolgte mit, wie seine sorgsam ausgesuchte Crew ihre Funktionen mit der Regungslosigkeit einer einwandfrei en Maschine erfüllte. Nichts Überflüssiges oder Hinderli ches geschah, als sein kleines Kriegsschiff sich darauf vor bereitete, das nahezu Unmögliche zu wagen. Das Korri gieren des Vektors beanspruchte fünfzehn Minuten, wäh rend sie auf Tryst und die Gregorius zurasten. »Ihre Sensoren haben uns geortet«, rief Jacob Anson, dessen Computer den rotverschobenen Wirrwarr ge krümmten Lichts entzerrten. »Fernscanner mit Transduktions-Signalisatoren müssen auf unsere Masse angespro chen haben. Feindliche Peilung konzentriert sich auf uns.« Neal blickte aufs Chronometer. Noch sieben Minuten, bis das Feuer eröffnet werden konnte. Ob der Gegner die Fähigkeit hatte, die Signale so schnell zu entschlüsseln? Er bezweifelte es. Ngen konnte die Blaster-Bedienungen unmöglich in ständiger Alarmbereitschaft halten. Sie wa ren Menschen. Kanoniere fingen sich zu langweilen an, wenn sie nichts zu tun hatten. Die Moral sank. Ließ man Leuten zwischendurch keine Zeit fürs Amüsement, riß bald Schlamperei ein. Nur herumzustehen oder -zusitzen und ein Blastergeschütz anzuglotzen, war etwas ähnli ches, als wollte man einem Felsen beim Verwittern zu schauen.
»Waffen testen«, ordnete Iverson an, sah gleich darauf die grellen Blasterstrahlen durchs Weltall schießen. »Feuer frei in drei Minuten«, rief Neal. Seine Blaster gaben ihm einen Vorteil. Er konnte fast fünfzehn Sekun den länger feuern als die Gregorius mit ihren vergleichs weise primitiven Patrouillenblastern. Oder war Ngen un terdessen Zeit geblieben, um das Schlachtschiff auf das Niveau umzurüsten, das seine Raumschiffe im Siriussy stem gehabt hatten? Aber es spielte weder so noch so eine Rolle. Es bestand eine gute Chance, mit der verfügbaren Beschußdauer das gewaltige Schlachtschiff zumindest schwer zu beschädigen. Die Zielerfassung verarbeitete Masse, Beschleunigung, Lichtgeschwindigkeit, Rotverschiebung, Partikelvertei lung und eine Vielzahl sonstiger Variabler, errechnete die Bahn der Blasterstrahlen sowie den Grad ihrer geschwin digkeitsbedingten Krümmung und Abweichung; die Feu erleitcomputer setzten die Informationen in konkrete Ziel daten um, richteten die verheerenden Waffen, bis aufs Ängström genau adjustiert, auf Punkte im All, an denen die Gregorius schließlich getroffen werden konnte. »Gegner peilt uns an, Kommandant«, erscholl Ansons Stimme. »Feindliches Schiff schwenkt auf Triangulations kurs aus dem Hochorbit. Trysts Umraum muß mit Senso ren gespickt sein.« »Bei unserer Geschwindigkeit kann der Gegner von einer nur begrenzten Trefferwahrscheinlichkeit ausgehen. An Daten haben sie drüben bloß Massenbewegung, Vek tor und Geschwindigkeit. Die Aussicht, daß sie treffsicher auf uns zielen können, ist gering.« Allerdings hatte Ngen überraschend schnell reagiert. Neal malte sich das Durcheinander auf der Komman dobrücke der Gregorius aus, als man die Geschwindigkeit gemessen hatte, mit der er auf sie zustürzte. Hektische Konfusion mußte herrschen, während man zu ermitteln versuchte, wie lang es noch dauerte, bis man die Waffen in Einsatzbereitschaft gebracht hatte. Vermutlich glaubte
aber niemand, ein so kleines Raumschiff könnte eine erns thafte Gefahr bedeuten. Die Zeit diktierte, während Neal wartete, sich dessen bewußt, daß die Aktivitäten auf der feindlichen Komman dobrücke für seine Augen lediglich als einem Menschen ununterscheidbares, verschwommenes Gekleckse sichtbar wären, wogegen er, ein vorübergehend relativiertes Lebe wesen, sich aus der Perspektive des Gegners überhaupt nicht regen würde. Die Feuerleitcomputer beendeten ihre Berechnungen, und vier violette Strahlen stachen hinaus ins All, schienen sich, indem sie auf die Gregorius zuschossen, irgendwo auf ihrer gekrümmten Bahn zu vereinen. Um das riesige Raumschiff flackerten die Schutzschirme auf, schillerten bunt in allen Farben. Voraus flammte Violett durchs Vakuum, als die Gregorius das Feuer erwiderte. »Wir verzeichnen Treffer!« schrie Anson. »Wir bla stern denen glattweg durch die Schutzschirme.« »Volle Energie auf Schutzschirme!« befahl Neal, spür te das übliche, seltsame Rucken, das auftrat, wenn die Gravo-Kompensatoren sich veränderten Beschleuni gungswerten anpaßten. Sie schienen Schleier aus Violett, Blau, Grün, Gelb und Rot zu durchstoßen, als sie die Strahlen durchquerten. Es waren zu viele Blasterstrahlen, erkannte Neal in plötzlicher Verwirrung. Das gesamte Geschützdeck der Gregorius feuerte auf sie, hatte sich auf ihren Vektor eingepeilt. Aber wie? Neal blieb ein flüchtiger Augenblick der Verblüffung, ehe seine Schutzschirme infolge Überlastung aufglosten. »Volle Beschleunigung!« schrie Neal. Er fühlte, wie Andruck ihn in den Kommandosessel stieß, war sich dar über im klaren, daß er mit seiner Korrektursteuerung die Blaster und in bestimmtem Umfang auch die Kapazität der Schutzschirme geschwächt hatte, aber das Farbgeschiller verschwand. Neal sah sich die Anzeigen an, während ein Alarm
plärrte. Aus den heckwärtigen Sektionen entwich mit be stürzender Schnelligkeit Luft. Sie waren getroffen wor den! Wie ernst? Neal warf einen Blick auf die Statusdaten des Reaktors. Er stutzte, schluckte mühsam. Die Stasisfel der schwankten, oszillierten auf und ab. Erbittert schlug Neal eine Faust auf den Kommandosessel. Wie hatten die Padri es geschafft, so rasch die Sensordaten zu entschlüs seln? Wie war es ihnen gelungen, so zügig zur Verteidi gung überzugehen? Nicht einmal unter Berücksichtigung der Besonderheiten des Relativitätseffekts hatten sie sonderlich viel Zeit verfügbar gehabt. »Maschinenraum«, rief Neal in die Kommu. »Was können Sie hinsichtlich des Reaktors tun?« »Beten«, lautete die lakonische Antwort. Genau das tat Neal, hob flehentlich den Blick zu der Spinnendarstellung, die jemand über ihm auf die Decken platten gemalt hatte. Mit der Zunge befeuchtete Neal sich die Lippen. »Na kai ...!« Seine Stimme klang jetzt nach Distanziertheit. »Leiten Sie alle Energie, soweit sie irgendwie entbehrlich ist, dem Transduktionssender zu. Die Energieabfuhr wird dabei helfen, die Stasisfelder zu effusieren. Übermitteln Sie in verworfelter Rafferfassung alles dem Admiral. Womöglich bleibt uns nur noch wenig Zeit. Beeilung, Mann!« »Jawohl, Sir. Wir sind schon auf Sendung, Sir. Ich prä zisiere den Richtstrahl während des Sendevorgangs.« Neal wartete ab, versuchte mit den Geräuschen, die das Mahlen seiner Backenzähne verursachte, die verzweifel ten Anrufe aus der Kommu zu übertönen. Der Anruf, den er schon die ganze Zeit befürchtete, kam fünf Minuten später. »Kommandant, die Reaktion entgleitet unserer Kontrolle. Sie haben keine Minute mehr, um den Reaktor abzuschalten ... Sonst wird hier aus uns 'n neuer Stern.« Neal Iverson spürte, wie sein Herz für einen Moment aussetzte, und klappte das Fach auf, das die Notfallschal
tung enthielt, betrachtete die beiden roten Schalter. Die Kommu-Kameras dokumentierten das Geschehen auf der Kommandobrücke, sendeten auf der Patrouillenfrequenz eine lückenlose Aufzeichnung an Admiral Ree. Neal kipp te den ersten Schalter; dann zögerte er erneut. Voraus erstreckte sich ununterbrochenes Weltraumschwarz, der nächste bewohnte Himmelskörper lag neunundachtzig Lichtjahre entfernt. Die Aussicht auf Bergung? Es gab keine. Selbst wenn Ngen der Meinung sein sollte, eine Gefangennahme könnte sich lohnen, würden seine Raum schiffe eine Ewigkeit brauchen, um die Romanan zu fin den. Iverson starrte den zweiten Schalter an, der ihnen fürs erste das Leben retten konnte. Auf der Bildfläche mit den Reaktoranzeigen überstiegen die Werte weitaus die kriti sche Marke. »Kommandant!« erreichte ihn aus dem Maschinen raum ein gepreßter Aufschrei. Neal blickte in die aschfah len Gesichter auf der Kommandobrücke. Keine zwei Monate würden verstreichen, bis sie zur Menschenfresse rei herabsanken — aber in fünf Wochen wäre ohnehin der Sauerstoff verbraucht. So weitab von Sternen ließ sich nicht genug Solarenergie akkumulieren, um die Generato ren in Betrieb zu halten. Neals Finger lagen noch auf dem Schalter, als das Raumschiff erbebte, der Reaktor hochging. »Kommandant!« schrie die Stimme durch die Kommu. »Um Gottes willen, schalten Sie ...!« Die Reaktion zerfiel. Materie und Antimaterie annihi lierten sich gegenseitig, ohne daß es irgendwie hätte ab gewendet werden können. Die Explosion im Innern des Schiffs dauerte nur einen Augenblick, erzeugte ein sicht und aufzeichenbares Aufblitzen grellen Lichts, verstrahlte es — wie Ringe, die ein ins Wasser geworfener Stein auf einem Teich hinterläßt — zu den Sternen. * * *
Auf der Kommandobrücke der Deus war Ngen Van Chow beinahe überrascht, als die Sensoren den Lichtblitz vierzig Minuten später auffingen. Er lachte in hämischer Schadenfreude. Also hatte er sie doch erwischt! Aus schließlich die Explosion des Raumschiffs konnte soviel Energie freigesetzt haben. Er machte es sich im Komman dosessel bequem, sein Blick streifte die Monitoren, auf denen er die Bedienungsmannschaften der Geschütz decks sehen konnte, die in Reih und Glied an ihren Bla stern standen, sie mit ausdrucklosen Gesichtern anstarr ten. Solange sie alle zwölf Stunden rotieren konnten, blie ben sie dort so stehen, befanden sich immer in Gefechts bereitschaft, waren sie pausenlos wachsam; sie hatten nichts mehr außer dem in den Köpfen, dessen es zur Tä tigkeit in den Waffenkuppeln bedurfte. Die Schadenbekämpfung meldete sechs von den my steriösen feindlichen Blastern in den Rumpf geschossene Lecks. Die Schutzschirme waren mühelos durchschlagen worden. Ngen langte nach M'Kleas Hand, strich mit den Fingerkuppen über ihre glatte Haut. »Das war wirklich sehr aufregend ...!« sagte sie halb laut, während sie sich die Filmaufnahmen des Kampfs ansah. »Zu dumm, daß sie sich selbst vernichtet haben. Hätten wir mit ihnen nicht riesigen Spaß haben können?« Ngen gab ein Brummen von sich, beschäftigte sich in Gedanken mit diesen sonderbaren Blastern. Er rief die Spektralanalysen ab, checkte die Rotverschiebung. Un möglich! Die Strahlbahnen konnten doch unmöglich die Lichtgeschwindigkeit überschritten haben...? Die Blaster strahlen hatten nicht die normalen Kennzeichen. Der gemessene Effekt wies Ähnlichkeiten mit dem Auftau chen eines Partikels aus einem Bereich auf, woher Partikel gewöhnlich erschienen — von außerhalb der Raumzeit. »Was bedeutet das?« überlegte Ngen laut, stützte das Kinn in die Hand. Zerstreut streichelte er mit den Fingern der anderen Hand das feste Fleisch von M'Kleas Becken,
als wollte er darauf ein Muster ziehen, als bildete er die Umrisse des Lebens nach, das im warmen, feuchten Schutz ihres Leibes heranwuchs. *
*
*
ARKTURUS, UNIVERSITÄTS-STATION
Ten MacGuire schritt durch die weit ausgedehnten Korri dore der Technisch-physikalischen Fakultät der Universitäts-Station. Er rieb sich die müden Augen. Eine Fakul tätssitzung? So spät am Abend? Dann konnte nur der Direktor sie anberaumt haben. Aber schließlich herrschten längst keine normalen Verhältnisse mehr. Das gesamte Direktorat glich einem Tollhaus, seit widersprüchliche Geschichten über aus dem All geblasterte Stationen, bom bardierte Planeten sowie die Ausbreitung des Deus-Kults in den Ambrosius-Sektor und sein Vordringen in den Gulag-Sektor umliefen. Inzwischen predigten die Padri in aller Öffentlichkeit, sogar an der Universität. Mittlerweile fiel Deus' Name überall, kritzelte man ihn — zusammen mit anderen Schmierereien, wie direktoratsfeindlichen Parolen — an die Wände. Gleichzeitig durchstreiften Anhänger des Spinnenkults die Straßen und Korridore. Zu vieles stand heutzutage Kopf. Und nun sollte auch noch mitten in der Nacht eine Fakultätssitzung stattfinden? Ten betrat den großen Sitzungssaal der Physikalisch technischen Fakultät, sah dort einen Großteil aller Mitar beiter sowie eine Anzahl Physikprofessoren bereits ver sammelt; sie saßen in den Sesseln und warteten, alle wirk ten, nach ihren Augen geurteilt, genauso übernächtigt wie er. »Ten?« fragte Veld Arstong, erhob sich von seinem Platz. »Was soll das alles hier? Wir haben eine KommuMitteilung erhalten. Dringende Angelegenheit, hieß es. Was hat's denn damit ...?«
»Ich habe keine Ahnung«, unterbrach Ten ihn. »Mir ist auch nicht klar, was das alles zu bedeuten hat.« »Aber Sie haben uns doch verständigen lassen.« Coree Mancamp fuhr hoch, zeigte mit dem Finger auf Ten. Plötz lich erscholl im Saal ein Gewirr gereizter Stimmen. Ten winkte mit beiden Armen ab, schaffte es endlich, die aufgeregten Kollegen einigermaßen zu beruhigen, während noch ein paar Nachzügler sich einfanden und so baff dreinschauten wie der Rest. »Jetzt reicht's! Hören Sie mir doch mal zu! Ich habe diese Versammlung nicht ein berufen. Ich bin auch bloß durch die Kommu darüber informiert worden, es wäre etwas Dringendes zu erledi gen, und ich habe angenommen, die Direktoren hätten eine Zusammenkunft veranlaßt. Ich schlage vor, ehe wir übereilte Schlußfolgerungen ziehen, wir warten erst ein mal ein wenig ab und sehen, was passiert. Falls die Direk toren uns brauchen, um irgendein Problem zu lösen, wer den sie sich sicherlich gleich mit uns in Verbindung set zen. Und denken Sie an folgendes, liebe Kollegen: Wenn tatsächlich etwas Dringliches anliegt und die Direktoren zu Beratungszwecken eine Art von Kader im Hintergrund wünschen, wären sie bestimmt empört, fänden sie nieman den vor, sobald sie sich an uns wenden wollen, nur weil wir ohne jede Überlegung nach Hause gegangen sind.« »Das ist 'n Argument«, gab Helmut zu. »Ich ...« Ihm sank der Unterkiefer herab. »Mensch, glauben Sie, dahin ter könnten mal wieder die Studenten stecken?« »Das will ich nicht hoffen.« Veld drosch eine Faust in die Handfläche und blickte rundum. »Na, an dumme Strei che müßten wir ja inzwischen gewöhnt sein. Sollte so was der Fall sein, Coree, glauben Sie, Sie können den oder die Urheber, die dafür verantwortlich sind, ausfindig machen?« Vom Eingang ertönte eine unbekannte Stimme. »Das wäre sicher ganz lustig, meine Herrschaften — aber völ lig zwecklos.« Verkniffen zwinkerte Ten in den Mittelgang, dann
sperrte er vor Entgeisterung die Augen weit auf: Die Per sonen, die jetzt zur Tür hereindrängten, trugen Polizeibla ster von bedrohlichem Aussehen. »He, was zum ...?« Er verstummte, als er in den Lauf einer der Waffen blickte, mit der ein dunkelhaariger, jun ger Mann ihn bedrohte. Der magere, kaum zwanzig Jahre alte Kerl sah nicht nach einem Polizisten aus. Die grellfar bene Kleidung, die er am Leib hatte, glänzte abgewetzt. Ten bemerkte den schwachen Schweißgeruch eines unge waschenen Körpers. »Ihre Fragen werden umgehend beantwortet, Dr. MacGuire. Aber als erstes wollen wir, daß Sie sich alle schön brav hier aufstellen. Versuchen Sie nicht, uns irgendwie aufzuhalten oder uns abzuhauen. Ich versichere Ihnen, daß wir keine Bedenken haben, jemandem 'n Fuß oder 'ne Hand abzuschießen. Alles was wir unversehrt brauchen, meine Damen und Herren, sind Ihre Gehirne.« An der häßlichen Blastermündung vorbei schaute Ten dem Mann in die Augen. Ein Student war er nicht, dafür zeichnete er sich durch zuviel Härte aus. »Ich glaube, es ist besser, wir hören auf ihn«, sagte Ten in die Stille, die sich plötzlich ergeben hatte. »Ich finde, da haben Sie völlig recht«, bekräftigte der Sprecher der Bande mit öligem Tonfall. »Ich werde alle mal bezahlt, egal ob Sie in Bestform sind, oder ob Ihnen was fehlt. Für mich bedeutet's keinen Unterschied.« »Die Direktoren werden ...«, rief Veld, aber seine Stim me verklang mit einem Gestammel, als ein dürres, blondes Mädchen, gekleidet in eine der trostlosen Kutten, in denen man sonst die Deus-Padri umherlatschen sah, ihm einen Blaster direkt am Unterleib aufsetzte. »... we-werden ...« Das Mädchen feixte boshaft und schaute Veld, dem schier die Augen aus dem Kopf fielen, ins Gesicht. »Ja? Was möchten Sie sagen, Dr. Arstong?« Veld bewegte die Kiefer, doch kein Laut drang ihm mehr aus dem zu einem O aufgerissenen Mund. »Schieben Sie los, oder 's geht in die Hos', Doktor.«
Albern kicherte das Mädchen, drückte Veld den Blaster kräftiger in den Unterleib. Der Bandensprecher lachte meckernd. »Wie ich mir dachte, da verzichtet Dr. Arstong doch lieber auf seine Kommentare. Also marsch-marsch, meine lieben Intellek tuellen, wir ziehen ab. Uns bleiben dreißig Minuten Zeit, um zur Zentralachse zu gelangen. Bis dahin dürfte Ihre Bootspartie vorbereitet sein.« »Unsere ... Bootspartie?« Ten hob den Kopf, war in Gedanken halb bei seiner Frau und den Kindern, die eini ge Etagen entfernt schon in tiefem Schlaf lagen. »Ja. Das ist bloß so 'n Ausdruck. Sie sind jetzt sozusa gen Rekruten.« Heiter grinste der Bandenführer. »Also los! Wir haben nicht allzuviel ...« »Ich denke gar nicht daran, von hier wegzu ...« Coree torkelte, als ein Hieb mit einem Blaster ihn am Hinterkopf traf. Der Bandenführer schmunzelte in die auf einmal blas sen Gesichter der Wissenschaftler, während Coree stöhn te und zusammensackte, die Hände auf die hintere Schä delrundung gepreßt. »O doch, Sie werden uns ausnahms los begleiten, und Ihre Familien sind schon unterwegs. Beruhigen Sie sich, machen Sie sich keine Sorgen, unsere Leute haben die Zentralachse unter ihre Kontrolle ge bracht, sie kümmern sich darum, daß alle ins Shuttle pas sen. Und nun vorwärts, kommen Sie!« Grobe Fäuste zerrten Coree auf die Beine; er schwank te, wiederholt von Händen geschubst, durch den Mittel gang. »Auf geht's, Doktor«, sagte die Blondine, drängelte Veld. »Versuchen Sie uns fortzulaufen, dann werden wir sehen, ob ich Ihnen mit dem Ding die Eier abballern kann. Wissen Sie, viel Zeit zum Üben hatte ich bisher nicht. Kann sein, ich blastere Ihnen mehr als die Klöten weg.« Beklommen setzte sich Veld mit widerwilligen Schritten in die Richtung zur Tür in Bewegung.
Er schüttelte fassungslos den Kopf. »Damit werden Sie niemals ...« »Niemals davonkommen?« beendete der Bandenführer an seiner Stelle den Satz. Er lachte, führte vor seinem Bla ster Ten ab, während seine Kumpane bereits die ersten Männer und Frauen zur Tür hinausdrängten. »Wollen wir wetten, Doktor? Wenn ich mir vorstelle, was Arcturus bald noch alles zustoßen wird, können Sie echt von Glück reden, daß Sie nicht da sein werden.«
* * * AN BORD DER GABRIEL WÄHREND DER BREMSPHASE BEIM EINFLUG INS ARCTURUSSYSTEM
»Identifizieren Sie sich und erwarten Sie unsere Bestäti gung!« Eine Patrouillenoffizierin blickte Torkild Alhar, kaum daß ihr Konterfei auf dem KommandobrückenMonitor der Gabriel erschienen war, streng in die Augen. Torkild informierte sich über die Position seines Rau mers. Die Gabriel und Siras Michael verminderten mit vollem Gegenschub die Geschwindigkeit. Willentlich setzte Torkild eine Miene der Erleichterung auf, während er sich auf den bevorstehenden Wortwechsel einstellte. Mit gespielter Erregung, deren Vorspiegelung durch seine insgeheime Nervosität begünstigt wurde, stieß er die so fleißig eingeübten Sätze hervor. »Wir fliegen zwei unbewaffnete FLF und kommen von Santa del Cielo, ich glaube, Sie werden verstehen, daß wir nicht avisiert sind. An Bord befinden sich Zivilisten, es sind Flüchtlinge und andere Opfer der Padri. Wir suchen Schutz. Schließ lich leben wir ja immer noch im Direktorat, oder nicht?« Die Patrouillenoffizierin zögerte. »Erklären Sie die Situation.« »Sie wissen gar nicht, was wir mitansehen mußten!
Wir verlangen Zuflucht! Bei uns daheim ermorden die Padri Direktoratsbürger, wohin wir blicken. Also, geben Sie uns die Andockerlaubnis? Oder sollen wir zu den Romananern ausweichen? Soviel wir gehört haben, unter nehmen sie wenigstens etwas gegen die Padri.« Wie in höchster Verbitterung stierte er der Frau ins Gesicht. »Ver dammt noch mal! Wir brauchen HILFE!« Nach wie vor zögerte die Frau, doch in ihren Augen konnte man jetzt eine gewisse Verunsicherung erkennen. Dann nickte sie langsam. Es hatte geklappt! Er hatte ihr vorgetäuscht, ein entnervter Verzweifelter zu sein, und mit Erfolg. »Die Ganges gestattet Ihnen den Weiterflug auf Ihrem gegenwärtigen Vektorkurs. Halten Sie diese Flugrichtung unbedingt ein, oder Sie werden eliminiert. Folgen Sie den Signalen der Funkbojen und legen Sie an AdministrationsDock Dreihundertsiebenundfünfzig beziehungsweise Dreihundertachtundfünfzig an. Es wird Sie Personal erwarten, um Ihnen bei der Erledigung von Formalitäten und Replazierung behilflich zu sein.« »Ich danke Ihnen, Ganges«, sagte Torkild mit einem Aufatmen, das er nicht spielen mußte. Er holte tief Luft, um seine überreizten Nerven zu beruhigen, ließ sich in den Kommandosessel sinken. »Wir sind lang unterwegs gewesen. Die Schiffe sind überfüllt, Nahrung und Wasser knapp. Außerdem haben wir Verletzte an Bord, die der ärztlichen Behandlung bedürfen.« »Verstanden, FLF, wir stellen Med-Techs bereit. Beachten Sie, daß Sie an den Schleusen Wachpersonal erwarten und nach dem Andocken an Bord gehen wird, weil Ihre Schiffe und die Passagiere sicherheitsmäßig inspiziert und gecheckt werden müssen.« Respektvoll nickte Torkild. »Wir haben verstanden und keine Einwände ... Solang's bloß keine Padri sind.« Torkild heftete den Blick auf andere Kommandobrükken-Bildschirme, die die Reihen arpeggianischer BlasterBedienungen zeigten, die an ihren Geschützen saßen,
lachten und scherzten, an den Überfall dachten, den sie durchführen sollten. Seit fünfhundert Jahren hatte nie mand einen Schuß auf Arcturus abgefeuert. Sie machten Geschichte. Jetzt erlosch der Monitor, auf dem die Verbindung zur Patrouille gestanden hatte, und Torkild konnte erkennen, daß die Ganges sich langsam aus dem Vektor der beiden Raumschiffe entfernte. Sie würden das kolossale Schlachtschiff im Abstand von dreißig oder vierzig Kilo metern passieren. Wieviel Zeit ließ die Planung noch? Zwanzig Minuten? Vielleicht etwas länger? »Mikhail! Wir haben einen Antimaterie-Torpedo an Bord. Laden Sie ihn und halten Sie sich zum Abschuß auf meinen Befehl bereit. Speisen Sie dem Feuerleitcomputer Zieldaten für die Ganges ein.« Torkild lachte. Ha, könnte er nur drüben die Mienen sehen, wenn sie dort sein küh nes Spiel ahnten! »Geschützbedienungen! Bereitschaft zu einem Zweit schlag gegen die Ganges herstellen! Man wird versuchen, unseren Torpedo abzufangen. Mit etwas Glück können wir den Gegner überraschend so demoralisieren, daß er dazu keine Gelegenheit findet.« Krampfhaft schluckte Torkild. Es war ein des Hauses Alhar würdiges Wagnis, das er einging. Möglicherweise reagierte die Patrouille so schnell, daß sie ihn aus dem All blasterte, bevor der Torpedo das Ziel traf. Ihm wurde die Kehle trocken, während er die trigonometrischen Daten der Ganges durchrechnete, die ihnen den Kurs freigab. Vom Abschuß bis zum Treffen brauchte der Torpedo zehn Sekunden. In dieser Frist mußte er sein Schiff durchbrin gen. Torkild bemerkte, wie ihm grimmiger Humor aufkam. »Kontaktieren Sie Sira, nur Ton, maximale Richtstrahl bündelung.« Er wartete. »Ja, was denn?« fragte Sira in barschem Ton. »Halten Sie sich zur Beschleunigung auf meine Order bereit. Ich benötige Unterstützung.«
»Das entspricht nicht dem Plan.« »Tun sie's! Sie haben keine Wahl. Sonst sind wir gleich alle tot.« Torkild maß den anderen Kapitän durchdringen den Blicks. »Sie spielen mit Ihrem Leben, Alhar.« In Siras Stimme klang eine unverhohlene Drohung an. »Ja, richtig«, bestätigte Torkild halblaut, beobachtete die Ganges, deren Rumpf man immer größer auf dem Bildschirm erkennen konnte. Hinter der weißen Masse des gigantischen Patrouillenschlachtschiffs umspannten die verstrebten, ineinandergekoppelten Habitats-Hohlröhren Arcturus', des größten Stadtstaats der Galaxis, ihr rotes Gestirn wie ein Gebilde aus Ringen schimmernden Drahts. Heiliger Deus, es gab wahrhaftig keine Bilddar stellungen, die sich eigneten, um jemanden auf den tat sächlichen Anblick vorzubereiten. Eine ganze, unvorstell bar titanische Stadt, die einen Stern umkreiste! Torkilds Herz wummerte schmerzhaft gegen seine Rip pen, während er sich vergegenwärtigte, was er zu versu chen beabsichtigte: Im Verlauf einer einzigen Aktion wollte er gewaltsam ins Zentrum der Zivilisation vorsto ßen und dabei eines der riesigsten, jemals von Menschen gebauten Kriegsschiffe vernichten. Seit Alarich 410 A. D. Rom niedergebrannt hatte, war kein derartig verwegener Plan mehr ersonnen worden. Die Minuten schleppten sich hin; Torkild ballte wieder holt die Fäuste, rang sie, krampfte die Muskeln zusam men, um zu verhindern, daß die Hände durch Zittern seine Furcht verrieten. »Verdammt, ist das ein großes Schiff«, raunte Bruno unterdrückt. »Wenn das auf uns ballert ...« Torkild schluckte. Falls es feuerte ... Ja, das war das entscheidende Moment: Falls. Wie mochte M'Klea es auf nehmen, sollte sie erfahren, daß ihren liebevollen Bruder im Kampf gegen die Patrouille der Tod ereilt hatte? Wie lange würde sie das Martyrium, mit dem er seinen Namen bekränzte, wohl beweinen?
Er sah auf dem Chronometer die Sekunden verticken. »Fünf, vier, drei, zwei, eins, Feuer!« schrie er. »Sira! Be schleunigen!« Ein Gefühl starker Erleichterung durchströmte ihn, als aus Siras Michael Reaktionsmasse eruptierte und das Raumschiff vorwärts-, der Gabriel vorausschoß. Torkilds Blaster bestrichen die Rumpfseite des Riesenschlacht schiffs, die Strahlbahnen durchschlugen die Schutzschir me, zerschmolzen in Folgen unausgesetzter Explosionen die weißen Flächen, so daß Platten sich verbogen, Luft hervorschwallte. Wie er gehofft hatte, zog die vorbeigeraste Michael das stärkste Abwehrfeuer auf sich. Gleichzeitig hielt Torkilds Geschützdeck jene Waffenkuppeln der Ganges unter Beschuß, die Sira am härtesten mit Feuer eindeckten. Das Aufblitzen, als der Antimaterie-Torpedo die Ganges traf, überforderte die Optiken, die Monitoren leuchteten nur noch weiß, überlasteten die Sensorsysteme, verursachten in Kontrollkonsolen Kurzschlüsse. »Beschleunigung!« befahl Torkild, sobald er in den wenigen Kilometern Entfernung, die sie von dem Patrou illenraumschiff trennten, die grelle Detonation sah. Nur anhand der Gase, die aus dem Schlachtschiff brodelten, der Trümmer, die heraustrudelten, ließ sich der angerich tete Schaden nicht einschätzen. »Mikhail, sorgen Sie für Austausch der ausgebrannten Sensoren! Die Backbordinstrumente müssen sofort er neuert werden. Sonst bleiben wir an der Seite blind. Scha denbekämpfung, melden Sie mir, was wir abgekriegt haben! Wir sind durchgebrochen, Leute. Bei Deus' heili gem Geist, wir sind mitten unterm Feind.« »Sira ist an der Kommu«, rief Bruno. »Unsere Sicht ist reduziert, und er drückt uns noch ein Auge zu.« Torkild klatschte die flache Hand auf die Arm lehne des Kommandantensessels. »Na gut, schalten Sie durch.« »Mein Gott!« Siras Gesicht zeigte, als es auf dem Bild
schirm erschien, völlige Ungläubigkeit. »Was haben Sie da gemacht? Wie ... wie haben Sie ...?« Torkild winkte ab. »Wir mußten uns für den Rückflug den Weg von etwaigen Gefährdungen freihalten. Jetzt liegt Arcturus wehrlos vor uns, Sira. Die Lösung des Pro blems war wirklich einfach. Wie groß die Ganges auch war, sie hatte eine Schwäche. Sie hatte eine so gewaltige Kampfkraft, und wir machten einen Eindruck gänzlicher Harmlosigkeit, und darum konnten wir etwas Unerwar tetes vollbringen. Daraus können wir eine Lehre ziehen.« Der Kapitän der Michael musterte ihn voll neuer Hoch achtung. »Die Lektion ist verstanden, Torkild Alhar. Ich glaube, ich hab's kapiert. Mein Kompliment für Ihre Schläue. Ich bin von Ihrer Klugheit tief beeindruckt.« »Schluß mit dem Gerede, nun müssen Taten folgen.« Torkild lächelte, ihn durchwallte ein euphorisches Tri umphgefühl. »Fliegen Sie zu Ihrem Rendezvous an der Universitäts-Station. Wir werden mit der Gabriel durchs System kreuzen und uns lohnende Ziele suchen, dies und jenes zerstören. Vorwärts, es bietet sich uns eine großarti ge Gelegenheit, unsere Blaster im Einsatz zu erproben. Noch liegt Arcturus unversehrt vor uns. Vielleicht wird der Stern eine Sauerstoffatmosphäre haben, wenn wir fer tig sind.« »Gut gesprochen, Torkild! Und ich werde Ihren Mut und Ihre Tapferkeit in meinem Bericht an den Messias gebührlich hervorkehren.« Wie zwei Raubvögel stürzten sich die Kriegsschiffe auf Arcturus. Vor ihnen erstreckte die Sternenstadt sich weit hin ausgebreitet, glomm im Schein der roten Sonne — sie war schlicht und einfach viel zu ungeheuer in ihren Aus maßen, um mit nur einer Attacke zerstört werden zu kön nen. Außerdem blieb offen, wann die Patrouille mit zah lenmäßig überlegenen Kräften auftauchen und einen fürchterlichen Gegenangriff fliegen mochte. Versonnen saß Torkild auf der Kommandobrücke, peilte Ziel um Ziel an, sah voller Staunen zu, wie seine Blastergeschütze die
großen Röhren, aus denen Arcturus bestand, zerrissen und zersprengten, durchlöcherten und zerfetzten. *
* *
ARCTURUS, DIREKTORATSADMINISTRATION; DIREKTORENSEKTION
Der Raum rings um Direktor Skor Robinson pulsierte in ewigem Leuchtendblau. Robinson schwebte, so zusam mengekrümmt, daß er einem Fötus glich, die dünnen Ar me und Beine fest an die Brust gepreßt, in der Null schwerkraft des Giga-Verbund-Kontrollraums. Wäre je mand anderes zugegen gewesen, hätte er mitanschauen können, wie Robinsons Gesicht grimassierte, er die Lip pen über den verkümmerten Kiefern fletschte. Zuckun gen innerer Qual verkniffen seine Miene, Konvulsionen verspannten seine Gliedmaßen, verkrampften die zierli chen Hände vor Grauen zu machtlosen Fäustchen. Aussei ner selten benutzten Kehle drang ein Wimmern, das den Lauten eines Tiers in furchtbarem Schmerz ähnelte. Mit äußerster Hast schloß Skor, völlig im Bann des Entsetzens, das ihn gepackt hatte, überall in der weitver zweigten Weltraumstadt Antidekompressions-Querschotts, ohne Rücksicht auf die von Panik befallenen Menschenmassen zu nehmen, die durch die Hohlkörper drängten. Wo Wände in Hitzebahnen glutheißen Plasmas schmolzen, durchtrennten die Treffer auch die Leitungs bündel des Kommunikationssystems. Blasterstrahlen ver wüsteten Station um Station und ganze Sektionen, schleu derten das Innere ins Vakuum des Alls, wo die Schreie der Sterbenden in Kondensationswolken aus Luft und Blut erstickten. Skor koppelte Schaltungen um, rekonstruierte den Giga-Computerverbund in veränderter Konfiguration, versuchte gleichzeitig, das endlose Labyrinth der Korrido re kompartimentiert dicht zu halten sowie weiter die Ener giezufuhr und -Verteilung zu gewährleisten. Er spürte die
parallelen Aktvitäten An Roques und Semri Nawtows, die Evakuierungen leiteten und sich bemühten, die völlig schutzlose Stadt zu verteidigen. »Wie konnte es soweit kommen ?« Ein Aufschrei entfuhr Skor Robinson, seine Lungenflü gel bebten, während ununterbrochen ganze Stadtviertel detonierten und zu glühendem Plasma und feurigem Tod zerfielen. Erschütterungen durchzitterten Arcturus-Stadt, die enorme Röhre des Hauptzylinders verbog sich, knick te mehrfach, löste sich, als Blasterfeuer einen halben Kilo meter Graphstahl zerschnitt, stellenweise von den übrigen Strukturen. Skor sauste mit einem Ruck durch die Schwe relosigkeit, als wuchtige Stöße den Boden erzittern ließen, ringsum alles schüttelten. Er prallte schmerzhaft an eine blaue Wand und schrie noch einmal erschrocken auf, als die Energieversorgung für einen Sekundenbruchteil aus blieb und die Beleuchtung erlosch, dann jedoch wieder aufglomm. Aus den geprellten Körperteilen — Arm, Knie undHüf te — stach ihm heftiger Schmerz in die Seite. Im ersten Schreck blinzelte er einen Moment lang le diglich vor sich hin, ehe er merkte, daß er noch lebte. In seinem Kopf nahm er den Ausfall umfangreicher Ab schnitte des Giga-Verbunds wahr, der Kontakt zu ihnen wich schwarzem Nichts, zurück blieb an ihrer Stelle eine abgründige Leere in seinem Geist. Benommen, überwäl tigt von Grausen, begann er laut zu weinen, Tränen schim merten im scheinbar grenzenlosen Blau seines Kontroll raums, trübten ihm die Sicht. Rotz verstopfte ihm die Nase, sickerte aus den Nasenlöchern. Nacheinander desin tegrierten Segmente seiner gewohnten geistigen Existenz weise, als ob in seinem Kopf die Neuronen selbst verflak kerten und erlöschten. Er heulte in das Dröhnen des Alptraums, der Arcturus verheerte. Die atrophierten Hände ums übergroße Schädelrund gelegt, winselte er schrill, fürchtete sich wie nie zuvor
inseinem Leben. Zittrig, ja fast spastisch vor Hysterie, hob er sich die Kontakthaube vom Schädel. Er rang um Atem, bibberte, aber hatte sich von all dem Schwarz, all der Ver finsterung befreit, sich von dem Gemetzel und der Zerstö rung abgetrennt. Es schauderte ihn, wie er da zusammen gekauert am Ende seiner Katheder und sonstigen Schläu che schwebte und wimmerte, die plötzliche, völlig unver traute Isolierung verursachte ihm krasse Bestürzung. Jetzt erst, außerhalb des Giga-Computerverbunds, vermochte er ernsthaft die Aufgabe anzugehen, seinem gründlich ver störten Bewußtsein die Fassung zurückzuerringen. Inmitten der Isolation seiner Vereinzelung schluchzte er, geblendet durch das Wasser, das ihm aus den Augen perlte, vor sich hin, röchelte in den Schleim, den seine Nasenhöhlen absonderten. Zutiefst niedergeschlagen, voller Verwirrung und Elend, schwankte er am Rande der Kapitulation vor den Dämonen des Wahnsinns, die ihn wüst bedrängten, mit Krallenfingern an seiner Geistes klarheit kratzten. »Was ist geschehen?« rief er. »Was ist mit mir pas siert?« In seiner Verzweiflung griff er auf das einzige, schwa che Bindeglied zur Menschheit zurück, das seinem zer rütteten Verstand einfiel. »Prophet?« greinte er. »Komm und belehre mich ...« Tränen hingen sich an seinen Wimpern, blieben in der Schwerelosigkeit wie winzige Glaskügelchen an ihnen kleben. »Prophet?« Seine Stimme hallte durch den kahlen Kontrollraum; nur unterschwellige, schwach weitergelei tete Schwingungen, die von dem Tod und der Vernichtung ausgingen, die der Beschuß anrichtete, antworteten ihm. »Prophet, was hat dieser Irrsinn zu bedeuten?« In der Erinnerung hörte er Chesters Stimme in unbe kümmertem Tonfall sagen: »Leben heißt Erfahrungen sammeln, es ist keine Aneinanderreihung akademischer, durch eure Giga-Verbund-Computer interpretierter Puzzle
... Wir stehen am Übergang in ein Zeitalter der Leiden schaft ... Leidenschaft ist kanalisierte Emotion ... So wie eine Mauer aus aufgeschichteten Ziegeln zusammengefügt ist.« »Leidenschaft? Rings um mich sterben Millionen einen sinnlosen Tod. Sie sterben, Prophet.« »... Tod ist nichts. Er wartet überall beiderseits unseres Wegs, ein Cusp bringt ihn uns näher, ein anderer entfernt uns von ihm.« »Und was hat es mit dem Tod auf sich, Prophet? Ich ... Jede Sekunde kann ich sterben. Tod umgibt mich auf allen Seiten. Man kann die Furcht in der Luft riechen. Ich fürch te mich, Prophet. Irritation kann ich jetzt nicht gebrau chen. Sag mir, was ich tun soll! Sag's mir ... Sag's ... mir...« Seine Lungen rasselten, der Atem fauchte ihm durch die Kehle. Wieder hörte er Chesters Stimme, ihren Beschwichti gungston. »Ich bin ein Lehrer ... Ein Lehrer verkörpert zwangsläufig eine ständige Irritation. Und der Wert eines Menschen ist gleich Gott ... Tod ... wartet überall ... Er gründet die Wirkungen der Leidenschaft ... Jeder von euch sollte darüber nachdenken, was Gefühl ist ... Gemütsbe wegung ist ein Schlüssel zum Wissen. Das ist der Weg Spinnes.« »Spinne ... Du hast mir gesagt, ich sei ein Teil Gottes, Prophet. Ein Teil Gottes. Er wäre in mir. In meiner Seele.« Skor schniefte, verrieb sich den klebrig-zähen Schleim aus seiner Nase im Gesicht. Er zwinkerte die Tränen fort, sie trieben in der Schwerelosigkeit wie winzigkleine Kristall planeten davon. Indem er seine Katheder hinter sich her zog, schwamm Skor zu seiner Kontakthaube, drückte sie sich wie ein furchtsames Kleinkind an den Bauch. »Spinne hat mir einen Propheten geschickt. Einen Leh rer.« Diese Überlegung flößte ihm Zuversicht ein, tief in sich entdeckte er eine Kraft, von der er bisher nichts geahnt hatte. Ein hohler Knall hallte durch den Bannkreis des tiefgestaffelten Sicherheitsareals rund um seinen Kon
trollraum. Irgendwo außerhalb der schweren Eingangslu ke brüllte ein Mann Befehle. »Sie brauchen mich«, raunte er leise. »Sie brauchen mich.« Er hob die massige, helmartige Kontakthaube, stülpte sie sich achtsam auf den Kopf, so daß die Tiefen elektroden sich überm Gehirn genau auf die richtigen Punkte senkten, fühlte sofort die schwarzen Sphären der ausgefallenen Komponenten des Computerverbunds. Mutig machte er sich daran — trotz der Beschwerden, die seinen zermürbten Körper plagten —, Arcturus' Rest zu retten, stellte sich taub für die Verzweiflung der Milli arden von Menschen, denen der Tod drohte. Nur das Ausmaß des Desasters brachte ihn nun noch zum Schauern. Daß eine ernste Gefährdung sich anbahnte, hatte er gleich bemerkt, obwohl er völlig überrascht worden war von dem blendend-hellen Aufblitzen, das den Untergang der Ganges anzeigte. Die Sensoren hatten anhand der Spektralanalyse unverzüglich eine Antimaterie-Explosion gemeldet. Er fuhr zusammen, als schlagartig der Kommunika tionskontakt zu einem weiteren Bereich der immensen Stadtkomplexe vollständig abbrach. Entschlossen widerstand er dem Schwindelanfall, der ihn übermannen wollte. Sein Schrumpfmagen bäumte sich auf, die Ner ven reagierten mit Brechreiz. Er würgte, ein widerwärti ger Geschmack stieg ihm herauf in die Kehle. War das der Tod? Zerquält durch die Eindrücke der fürchter lichen Zerstörungen, versuchte Skor sein aufgewühltes Gemüt zu beruhigen. Außenoptiken übermittelten ihm Bilder Tausender von Gestalten, die zappelten und strampelten, während Dekompressionen sie durch auf geborstene Stationswandungen ins All hinausrissen. Wie viele? »Nicht dran denken. Rette alle, die du noch retten kannst. Die Toten kann man später zählen.« Trotz des ekelhaften Geschmacks in seinem Gaumen biß er sich auf
die Zunge, behalf sich mit selbstverursachtem Schmerz, um sich der Verzweiflung zu erwehren. Nawtow? Roque? Wo sind Sie? Immer wieder rief er seine Kollegen, versuchte unablässig zwischen durch Bla sterbeschuß voneinander getrennt gewordenen Gliederun gen des Verbundsystems neue Brücken zu schlagen. »Ich bin allein«, flüsterte er; die Erkenntnis erfüllte ihn mit angstvoller Betroffenheit. »Ich bin noch nie allein gewesen. O Gott, wie entsetzlich!« »Gott ist in dir selbst. Das ist Spinnes Weg, Direktor.« »Prophet, du verfluchter Schurke! Und du hast das al les vorausgesehen. Verdammter Schuft!« Noch drei Stunden dauerte der Alptraum, in deren Ver lauf Robinson Notruf um Notruf funkte, ergänzt um Auf nahmen von der Vernichtung der Ganges und der Arcturus-Stadt zugefügten Schäden. Er bezähmte seine Gemüts regungen, unterdrückte die Empfindungen seiner neuentdeckten Menschlichkeit, zwang sich zum Arbeiten, zu vollem Einsatz, trieb sich über alle Erschöpfung hinaus zum Aushalten und Weitermachen an. Er schaltete Reak toren ab, bewahrte bedrohte Abschnitte der segmentierten Habitatszylinder vor Dekompression, sperrte die Wasserversorgung, überwachte die Disposition von Kos moschleppern, dirigierte Schadenbekämpfungsteams an die gefährdetsten Havariezonen, plagte sich im Schweiße seines Angesichts ab, um wenigstens Teile seiner Haupt stadt und des Direktoratssitzes zu retten. In seiner rase reihaften Hingabe und Selbstaufopferung fand er Kraft. Jedes andere Verhalten hätte ihn in ein durch die Unge heuerlichkeit dieser Vergeudung, des Massakers und des Verderbens am Brennpunkt von sechshundert Jahren menschlicher Zivilisation im Weltraum geistig ruiniertes, nur noch zum Sabbern und Lallen fähiges Menschen wrack verwandelt. Arcturus, das Kronjuwel der Menschheit, brannte und blutete, mörderische Weltraumkälte hatte seine kostbaren Ressourcen, gräßlich entstellte Leichname trieben in Ha
los des eigenen, kristallisierten Bluts, Atems und Urins, und alles beschien unheimlich das tiefrote Licht der na hen Riesensonne. Skor merkte es kaum, als der Angriff verebbte. In sei ner Station endeten das Wackeln und Rucken, Knirschen und Rumpeln. Der Energiepegel blieb gleichmäßig. Skor wartete auf neue Lecks; doch sie blieben aus. Er schweb te in gänzlicher Reglosigkeit, sämtliche Lebensvorgänge minimiert, im Blau des Kontrollraums, während noch Atmosphäre aus den geschwärzten Breschen der Sternen stadt brodelte, Leichen träge durch die Verflüchtigung der Gaswolken und das höllische Licht des Gestirns kreisel ten. Semri? Assistenz-Direktoren ? Roque? Schweigen. Der Giga-Verbund war zu einer unheilvoll stummen Leere geworden. Nicht einmal die Überlebenden bean spruchten das Kommunikationsnetz mit einem wirren Krakeel von Hilferufen, wie man es eigentlich hätte an nehmen sollen. Eine Sekunde lang torkelte ArcturusStadt in einer Stille, die lähmender Fassungslosigkeit ent sprang, durchs All. Wie ein Gespenst in einer elektronischen Realität taste te Skor sich durch das fragmentierte Durcheinander noch funktionstüchtiger Kommunikationsstränge und -anlagen, drang zu den Wohn- und Arbeitsresidenzen seiner beiden Kollegen vor. Er aktivierte vor Ort die Optiken, erhielt ein Holo aus Nawtows Null-Ge-Kontrollraum. Skor schloß die Lider, eine Aufwallung erbärmlichen Elends und Unglücks trübte seine Gedanken. Eine andere Art von Weh durchstach sein Herz. Er verbesserte die Bildqualität, sah seinen Direktorkollegen mit ausgestreckten Gliedma ßen — die Finger zuckten — und halb aus dem Schädel gequollenen Augen in der Luft schweben. Nawtows Gehirnaktivität ließ rasch nach, während Skor ihn beob achtete, die biologisch-medizinischen Daten ablas, im gleichen Moment, als es ihm gelang, den Kontakt zu Sem
ris zeitweilig separierten Computerbänken wiederherzu stellen, klärte er die Todesursache: Nawtow war soeben an einer schweren Hirnblutung gestorben. Auf dem Höhe punkt des Überfalls hatte ihn der Schlag getroffen — nur Sekunden, nachdem Skor sich die Kontakthaube vom Kopf genommen hatte. Skor klinkte sich in Nawtows Computersystem ein, machte endlich eine Parallelverbindung ausfindig und brachte eine Koppelschaltung zu Komponenten des GigaVerbunds zustande, die noch mit Roques Computerbän ken in Kontakt standen. Roque? An Roque, sind Sie am Leben? Ich ... Am Leben? Ich ... Übernehmen Sie Nawtows Computersystem. Ich muß mich darum kümmern, zu retten, was noch zu retten ist. Die Toten zählen und versuchen, Hilfe anzufordern. Hilfe? Hilfe anfordern ? Hilfe anfordern ...? Skor verlegte seinen visuellen Empfang auf andere Kabel, schaltete kreuz und quer durch einen verworrenen Übertragungsmischmasch, bis er Verbindung zu den Ka meras in Roques seltsam purpurrotem Kontrollraum hat te. Dort stierte der Assistenz-Direktor schlaffen Munds ausdruckslos geradeaus, Speichel rann ihm übers Kinn und hing in der Schwerelosigkeit wie ein durchsichtiger Wurm. Roque? Antworten Sie, Roque! An Roques Augen glotzten nur beständig ins Unendli che. »Gütiger Gott«, flüsterte Skor. »Er ist wahnsinnig ge worden. Jetzt ... jetzt bin nur noch ich da.« Robinson betrachtete die Anzeigen der Monitoren, trennte Roque vom Giga-Verbund. Trotz seiner Demorali sierung und seines Schocks fing er an Rettungsmaßnah men zu organisieren und die Bergung der Verletzten zu koordinieren. Er schickte Reparaturmannschaften an die Arbeit, um die Kommunikationsnetze wieder zu vervoll ständigen und überall die Energieversorgung zu erneuern.
Schwerpunktmäßig setzte er an kritischen Punkten Kos moschlepper ein, um die Abschnitte von Arcturus-Stadt, die entzweigeschossen worden waren, zu stabilisieren und ihr Auseinandertreiben zu verhindern. Skor sah durch Dekompression in Richtung auf den Außenrand des Son nensystems geschleuderte Trümmer in die Fernen des Weltraums davontreiben. Die nach innen, zur Zentralach se der Sternenstadt, gerichtet gewesenen Dekompressio nen hatten Gegenstände und Material ausgeworfen, das jetzt langsam zurücksank, manches blieb an den Wänden hängen, einiges fiel vorbei und schwebte davon. Robinson steigerte durch die Schläuche, die ihm Flüs sigkeiten zuführten und seinen mageren Körper ernähr ten, seine Adrenalinschübe. »Ich bin allein.« Er schloß die Augen. »Spinne, steh mir bei! Was soll ich tun? Wie kann ich als einziger, letz ter Direktor das Ganze steuern?« Noch vier Patrouillenschlachtschiffe hatte er übrig: Uhuru, Kamikaze, Toreon und Amazone. Vor drei Jahren hatte er über eine Flotte von elf so großartigen Kriegs schiffen verfügt. Drei waren von den Romananern über nommen worden. Zwei hatten die Sirianer vernichtet, ei nes war von den Padri gekapert, ein weiteres zerstört worden. Seiner seelischen Angeschlagenheit zum Trotz bemüh te sich Skor, seine Optionen gründlich abzuwägen, gelangte schließlich zu der Einschätzung, daß es keinerlei strategischen Wert hatte, die riesigen, mit Blastergeschüt zen bestückten Raumschiffe in ihren jeweiligen Sektoren zu belassen. Er sah nicht ein, welchen Vorteil eine solche Stationierung haben könnte, wenn Raumschiffe binnen Tagen vom einen zum anderen Ende des von Menschen besiedelten Alls überwechseln konnten. »Aber ich muß ... ich muß ...« Er rotzte die verstopfte Nase frei und bemerkte neue Tränen in seinen Wimpern. »Ich muß unbedingt ... Prophet? Hilf mir ...!« Skor summierte die vorläufigen Verlustmeldungen.
Während des dreistündigen Wütens von Gewalt und Tod waren zweihundertneunzig Millionen Menschen umge kommen. Kosmoschlepper sammelten nicht nur, soweit möglich, die zahllosen Bruch- und Trümmerstücke sowie verstreuten Materialien ein, sondern auch die Leichen, bevor sie außer Reichweite abtrieben. Zweihundertundneunzig Millionen Menschen? Und sie alle hatten sich auf ihn verlassen, den Direktor. Er gab mehrere Notrufe an die Überreste des Sicher heitsdienstes weiter, bis zuletzt von dort ein Prioritätsre port kam. In den Arkadia-Wohnkuppeln des Russischen Di strikts, dem ehemals ärmsten Teil Arcturus', waren Kra walle ausgebrochen. Skor verfolgte die visuelle Observa tion, schaute mit starrer Miene zu, wie furchtsame Men schen durch die Straßen tobten, Schutz seitens der Pa trouille verlangten. »Schutz?« murmelte Robinson matt. »Wessen Schutz? Die Patrouille hat uns nicht schützen können. Vielleicht ... vielleicht kann sie nicht einmal sich selbst schützen.« Er zoomte die Optiken auf einen in eine weite Kutte gehüllten Mann zu, den andere Personen auf ihre Schul tern gehoben hatten. »Deus ist unser Heil! Der Messias hat recht. Im Direktorat waltet Satan. Tod den Direktoren! Wir fordern Frieden! Wir wollen Deus!« Der Pöbel grölte seine Zustimmung. »Dreckiger Halunke«, knirschte Skor, unterband die Sauerstoffversorgung des dortigen Segments, bis alle Auf rührer aus Atemmangel niedersackten. Niemals zuvor war ein Direktor gezwungen gewesen, Teile der Bevölke rung so drastisch zu neutralisieren. Arcturus-Stadt, der Heilige Gral des Direktoratswelt raums, war demoliert und geschändet worden. Unter der Einwohnerschaft reifte eine Revolte heran, anscheinend schrak man nicht einmal noch davor zurück, dem Direkto renregime die Padri und ihre Greuelpolitik des Massen psychings vorzuziehen. Mühevoll schluckte Skor.
Fürchterlicher Schmerz bohrte in der Beklemmung sei ner Brust. Auf der Körperseite, mit der er gegen die Wand geprallt war, hatten sich scheußliche Verfärbungen gebil det. Nur ein Weg stand noch offen, der ihn, Arcturus und die Menschheit retten mochte. Er schaltete auf eine Subraum-Transduktionsfrequenz und wartete in der Hoffnung, daß die Bedingungen seines Kapitulationsangebots sich als verhandlungsfähig erwie sen, dachte darüber nach, was für ein Glück Semri Naw tow eigentlich gehabt hatte.
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AN BORD DER ABRAHAM (IN GEOSTATIONÄREM ORBIT ÜBER SANTA DEL CIELO)
Winston Zimbuti nahm Haltung an, als auf dem Monitor das Gesicht des Messias erschien. »Guten Tag, Kapitän.« »Messias ...« Winston ließ sich in die Bequemlichkeit des Kommandosessels sinken. Ringsum verstummten seine arpeggianischen und cielonischen Offiziere, täusch ten Geschäftigkeit vor, während sie auf jedes Wort lausch ten. Ngen bog den Kopf zurück. »Sie und ich, Winston, kennen uns schon lange Zeit.« »Ja wahrhaftig, Ngen. Vom Raumhafen Sirius'. Sie haben mich überrascht.« Winston hob seine schwarzen Hände. »Schauen Sie her: Wer hätte je gedacht, daß ein gewöhnlicher Assassine wie Winston Zimbuti einmal ein Kriegsschiff kommandieren würde?« Ngen schenkte ihm ein knappes Lächeln. »Ja, wer? Aber was mich angeht, ich habe Ihre Intelligenz und Ihre Geschicklichkeit immer bewundert.« »Und am besten halten Sie's auch künftig so.« Ngen richtete sich etwas höher auf, machte die Lider schmal. »Ja, es wird dafür wohl auch in Zukunft Gründe geben, nicht wahr? Ich nehme an, Sie haben die Ihnen zugeteilte Nachschublieferung bekommen?« »Klar, Ngen, haben wir. Vielen Dank für die schnelle Erledigung. Wir sind froh, uns nun 'n bißchen Erholung gönnen zu dürfen. Wird uns guttun, uns mal wieder aus zutoben. Ein-, zweimal anständig einen zu schlappen, ein paar Weiber mit dicken ...« »Sie starten unverzüglich wieder.« »He, Mann, das war aber nicht ...«
»Haben Sie mich verstanden?« Ngen wies mit schlan kem, braunem Finger auf Zimbuti, seine Augen glitzer ten, sein flaches Gesicht hatte einen grimmig-grausamen Ausdruck angenommen. »Denken Sie mal nach, Winston. Denken Sie genau nach. Wer hat Ihnen das Raumschiff unterstellt? Ich. Das war ich. Ich habe es als angebracht erachtet, Deus' Gnade auf Sie auszudehnen. Verstehen Sie? Vergessen Sie nie — niemals! —, daß ich Deus' Aus erwählter bin. Ich bin Ihr Messias. Ngen gibt's für sie nicht mehr. Sie nennen mich >Messias.<« Winston biß die Zähne auf die Unterlippe, verkniff sich eine hitzige Erwiderung. Und wo wärst du, Großmaul, hätte ich nicht die Opposition liquidiert ?Die Bomben gelegt ?Für einen ehemaligen Raumhafenschmuggler benimmst du dich reichlich großkotzig, Ngen Van Chow. Aber eines ließ sich nicht leugnen: Ngen hatte die Macht. Und Winston Zimbuti verdankte seine Erfolge nicht der Dummheit. »Aha...« Ngens schmieriges Lächeln wurde breiter und boshafter, man sah ihm an, daß er Zimbutis Überle gungen erriet. »Sie verstehen mich, was? Ich habe Sie stets ausgezeichnet durchschaut, Winston. Ein früher Be weis meiner Göttlichkeit. Ja, Sie haben sie schon damals in mir erahnt, nicht wahr? Sie wußten von Anfang an, daß ich ein Auserkorener bin, daß ich — ich, Ngen Van Chow — zum Messias bestimmt bin.« »Ja, natürlich ... Messias.« Winston schluckte die Gal ligkeit, die ihn wurmte, ihm schier die Kehle zuschnürte. »Und wohin sollen wir fliegen?« Betulich klatschte Ngen die Hände zusammen. »Ich habe einen Sonderauftrag für Sie. Eine Aufgabe, die genau das richtige für jemanden mit Ihren Fähigkeiten ist. Wäh rend Sira Arcturus angreift, habe ich die Romananerwelt für Sie aufgespart.« Winston nickte bedächtig. Danke, Ngen. Du bist ein echtes Goldstück. Du lumpiges, aufgefranstes Arschloch. »Na sicher, Ngen, wir werden alles zu Klump ...«
»Messias! Sie werden mich Messias nennen!« Winston,blickte, während ihm plötzlich das Herz flat terte, in Ngens von Besessenheit entstellte Augen. DerMann war übergeschnappt! »Jawohl, Messias.« *
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AUF DER KOMMANDOBRÜCKE DER SPINNES DOLCH (IM ORBIT ÜBER ARPEGGIO)
Ritas Finger krallten sich in die Armlehnen des Komman dosessels, beulten die schwere Polsterung ein. Ange spannt wie eine Stahlfeder beobachtete sie auf einem Kommandobrücken-Monitor der Spinnes Dolch, wie der pfeilförmige Rumpf des ST sich der grauschattigen Seite der Weltraumstation näherte, auf die Zentralachse zu-hielt. Die Station erfüllte sämtliche Kriterien einer Orbitalfarm. Der längliche Zylinder, der da rotierte, hatte eine Länge von etwas über einem Kilometer und einen Durch messer von dreihundertfünfzig Metern. Im Innern erzeug te ein Fusionsreaktor Atmosphäre und Licht für Niedrigschwerkraft-Nahrungspflanzen, die in durch Winkelbe schleunigung zusammengehaltenem Humus gediehen. Ritas Atemzüge stockten, als der Sturmtransporter seinen gepanzerten Bug in die Rumpfplatten der Station rammte. Rings um die hineingebohrte Bresche wehten Dunstfähn chen irgendwelcher Gase hervor. »Wir sind durch, Kommandantin«, meldete Oberge freiter Mishimas Stimme durch die Kommu. »Es ist auch 'ne Farm, wie angenommen. Die Sturmtruppe hat sie geen tert.« Mehrere Sekunden verstrichen. »Kein Widerstand, Majorin, genau wie im Umraum Mysteriums.« In Ritas Haltung lockerte sich die Verkrampfung, sie wickelte ein rotes Haarzöpfchen um ihren Finger, wäh rend sie sich an ihrem kompakt mit Instrumenten be stückten Platz in den Kommandosessel lehnte und darin
zurechtrückte, den Blick über die im ganzen vorderen, engen Halbrund der Kommandobrücke hängemontierten Monitoren schweifen ließ. Die Konsolen mußten wieder einmal gereinigt werden, überall auf dem weißen Graph stahl sah man Fingerabdrücke. Im Hintergrund summte die Klimaanlage. Mißmutig zupfte Rita an dem Zöpfchen, wartete auf Lagemeldungen der Sturmtruppen. Im PilotenKonturensessel behielt Max Wan Ki besorgt gleichfalls die Bildschirme im Auge, sein Mienenspiel verriet Beunruhi gung, mit den Fingern trommelte er nervös auf der Kommu-Konsole ein Stakkato. In der Luft an Bord der Spinnes Dolch knisterte Spannung. Neal war kurz an Arpeggio vorübergeflogen. G