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dtv Napoleon Seyfarth Schweine müssen nackt sein
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»›Schweine müssen nackt sein‹ ist die Geschichte einer Bezwingung: Irgendwann hat das Virus mitten in einem alltäglichen, turbulenten Leben den Napoleon Seyfarth erwischt. Beinahe nebensächlich fand diese fatale Begegnung statt. Ohne großen Kampf, ohne Reue, Klage, Selbsterhöhung oder Selbstmitleid. Napoleon hat das Virus erst einmal verschlungen, verdaut. Irgendwann wird es ihm den Garaus machen. Wenn der Leser, der ihn fröhlich durch die Betten dieser Republik, von Schwanz zu Schwanz, von Bar zu Bar, begleitet, schließlich nach zig Buchseiten endlich auf Aids stößt, geht es ihm wie Napoleon: Das Leben ist zu prall, zu voll, zu ernüchternd kleinlich und dennoch hinterfotzig spannend, als daß nun mit dieser einen Krankheit alles umsonst, weggewischt, untergegangen sein könnte. Die Krankheit kriegt eine schöne, tragende Nebenrolle im absurden Theater, mehr nicht. Wozu hat man so viele Buchseiten grauenhaft komischer altbundesrepublikanischer, homophober Sittengeschichte durchlacht und durchlitten, nur um in Tränen auszubrechen?« (Thomas Kuppinger in ›Zitty‹) Napoleon Seyfarth wurde am 31. August 1953 in Bad Dürkheim bei Ludwigshafen geboren und lebt heute in Berlin.
Napoleon Seyfarth Schweine müssen nackt sein Ein Leben mit dem Tod
Deutscher Taschenbuch Verlag
Für Uwe, Charly, Jessica, Thomas, Alar, Bertram und alle Wohlmeinenden in der ›Berliner Aids-Hilfe‹
Ungekürzte Ausgabe Juni 1995 3. Auflage März 2000 Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München © 1991 Edition diá, St. Gallen/Berlin Umschlagkonzept: Balk & Brumshagen Umschlagbild: ›Quelle‹ von Andy Warhol © 1994 Andy Warhol Foundation for the Visual Arts/ARS, New York) Satz: KCS GmbH, Buchholz/Hamburg Gesetzt aus der Walbaum 10/12’ Druck und Bindung: C. H. Beck'sche Buchdruckerei, Nördlingen Dargestellt auf säurefreiem, chlorfrei gebleichtem Monitor Printed in Germany • ISBN 3-423-12022-3 dtv im Internet: www.dtv.de
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eute ist der 18. November 1990. Seit fünfundzwanzig Jahren bin ich schwul. Nein, schwul bin ich sicherlich schon vor meinem zwölften Lebensjahr gewesen. Aber gemacht habe ich »es« halt zum ersten Mal – damals vor fünfundzwanzig Jahren. Wie er aussah, daran kann ich mich heute nicht mehr erinnern. Obwohl es doch immer heißt, daß das erste Erlebnis das wichtigste sei. Nur daß er für mich damals ein uralter Mann war, mit seinen schätzungsweise Mitte Zwanzig, das ist mir noch in guter Erinnerung. Besonders heute, da für mich der Altersunterschied zu Mitte Zwanzigjährigen derselbe ist. Allerdings in die andere Richtung. Den Ort des Geschehens habe ich hingegen ausgezeichnet im Gedächtnis. Es war eine Sackgasse, die beim Tor des Hauptfriedhofes endete, nicht weit von der Stelle, an der heute meine Mutter aus einem Leben voller Reinlichkeit in die ewige Kehrwoche eingezogen ist. Zwölf Jahre zuvor war ich in jenes öde Chemiekaff hineingeboren worden, dessen grüne Lunge eben jener Hauptfriedhof war. Er signalisierte somit, daß die Toten es in dieser Stadt besser haben als die in ihr lebenden Roboter, deren Leben im Schichtwechsel der Chemiefabrik seinen gleichförmigen Rhythmus fand. »Schichtochsen«, so pflegte mein Vater dieses Arbeitsvieh zu bezeichnen, während er selbst als Nachtclub-, später Nightclub-Besitzer ein schlechterer Zuhälter war und von dem Geld eben jener lebte, deren Schichtende er mit ›I1 silencio‹ aus der Musikbox, überteuerten Herrenge7
decken – Bier und Korn – und den Bezirzungskünsten von Tante Nutt die sündige Abrundung gab. Tante Nutt. Diesen Namen hatte ich der »rassigen« Rothaarigen – Rassigkeit war die milde Umschreibung dafür, daß sie behaarte Beine hatte – bereits als Vierjähriger gegeben, nicht wissend, daß Nutte ein Berufsstand und kein Name ist. Sie nahm es mit dem ihr eigenen mütterlichen Humor auf, lachte schallend und schüttelte ihre hochtoupierten Haare, denen sie die Bezeichnung FarahDiba-Frisur gegeben hatte, obwohl sie mehr der gealterten Jovanka Tito glich. »Was für ein süßer kleiner Bub mit seinen großen Augen. Der wird mal genau wie sein Vater.« Eine Prognose, die mir damals noch verlockend schien. Und dann drückte sie mich an ihr großes Dekollete, wohl insgeheim hoffend, daß ich später auch mal andere väterliche Tätigkeiten an ihr auszuüben gedächte. Tätigkeiten, die ich lieber mit den bodygebildeten Zuhälterkollegen meines Vaters hätte ausüben wollen. Später, als sie schon längst im Dienst erblondet war, zwinkerte sie mir, zwischen einem Chemiefachwerker und einem Maurerpolier sitzend, immer aufmunternd zu, wenn ich das Etablissement mit dem sinnigen Namen »Bierstall« betrat. Ein Stall, in dem toupierte Kühe abgearbeitete Ochsen mit Hilfe diverser Reanimationen in Form von »ä Piccolosche und ä Schäschtelsche HB« zu Stierverhaltensweisen zu ermuntern sich bemühten. Verhaltensweisen, die in den heimischen Ställen schon längst von Lockenwicklern und Rücksichtnahme auf Kinder, Kopfweh und Kirche ins statistische Mittel gebracht worden waren. Der »Bierstall« war der letzte Versuch, so etwas wie Lasterhaftigkeit und Aufregung in das Leben zu bringen. Ein Leben, von dessen wohlverdientem Ende 8
meist Grabinschriften wie »Müh und Arbeit war sein Leben, Ruhe hat ihm Gott gegeben« kündeten. Gab es ein Leben vor dem Tod? Für den früh pubertierenden Hans waren diese vierzehntägigen Expeditionen ins Reich der Sündchen, Bierchen, Schnäpschen, Zigarettchen und Betrügerchen immer eine aufregende Sache. Durfte er sich doch bei den Unterhaltungen in den Arbeitspausen – Pfälzer Nutten haben einen ungeschriebenen Tarifvertrag – die neuesten Unterleibsbeschwerden der Damen und die ungewöhnlichsten Wünsche der Kunden mitanhören. Faustfick war schon damals ein Thema. Allerdings mit dem Akzent darauf, die Kunden zu betrügen und mittels Creme und halbgeöffneter Faust dem Freier die Illusion einer heißen Vagina oder vielmehr »Bix«, wie es in der Sprache der Eingeborenen hieß, zu verschaffen. Wie anders waren doch die Unterhaltungen hier als die Unterhaltungen der »richtigen« Tanten im Wohnzimmer meiner Großeltern, bei denen ich nach der Scheidung meiner Eltern ein sogenanntes beschütztes Zuhause gefunden hatte. Meine Mutter hatte nämlich im ›Goldenen Buch der Ehe‹, erschienen 1957, gelesen, was man alles tun müsse, um zur perfekten Haus- und Ehefrau zu werden. Und dies praktizierte sie auf Feudel-komm-raus, um meinen Vater aus den rotlackierten Krallen der »falschen« Tanten zu reißen. Nachdem sie ihn aus der Wohnung und sich um den Verstand geputzt hatte, beschloß der Amtsrichter im Scheidungsprozeß, das Sorgerecht für mich weder der bakteriophoben Mutter noch dem pornophilen Vater, sondern den rechtschaffenen Großeltern väterlicherseits zu erteilen. Ein intelligentes, aufgewecktes Kind, so attestier9
te der psychologische Gutachter im Scheidungsprozeß, bedürfe eines geordneten, geregelten Lebens. Und so bestimmten dann regelmäßige großmütterliche Gewehrsalven wie »Hans, aufstehen! Höchste Eisenbahn für die Schule. Hans, essen kommen! Ich möchte doch auch mal fertig werden mit meiner Küche. Hans, Schulaufgaben!« fürderhin mein gesundes, geordnetes und geschütztes Dasein in der nahen Kurstadt, die sich meine Großeltern zur Residenz erkoren hatten. Haut- oder vielmehr ohrnah durfte ich miterleben, wie mein Großvater die kulturelle Wüste dieser Kleinstadt urbar zu machen suchte. In der Funktion eines Musiklehrers für unmusikalische Bürgersöhne. In der Funktion eines Organisten für die sonntägliche Otto-VersandModenschau in der katholischen Kirche. In der Funktion des Bäckergesangsvereinsdirigenten für stimmgewaltige Bäcker, die den Gesang benutzten, um dem Weib zu entfliehen und den Wein zu finden. Harmoniebedürfnis, Pfälzer Ethos und Rechtschaffenheit waren die Leitmotive in der Fuge dieses Honoratiorenlebens zwischen Kulturarbeit und Stammtisch, deren Generalbaß eine gesunde Familie war. Den Kontrapunkt bildete da mein Vater, der mit den anderen, den »falschen«, Tanten im violetten Mercedes-Benz nach St. Tropez, dem Sündenbabel der bunten Illustrierten, fuhr und die Oggersheimer Antwort auf Gunter Sachs zu werden versuchte. Ein Lebenswandel, der ihm die Verbannung aus dem bürgerlichen Familienleben einbrachte, mir die geballte Fürsorge der Restfamilie – »Das arme Kind, die Mutter im Irrenhaus, der Vater im Bordell!« – und der Restfamilie erwünschten Anlaß zu sittlicher Entrüstung und vor allem Gesprächsstoff, um den uns die Nachbarn beneideten. 10
Denn die einzige Abwechslung in diesem PfälzischSibirien waren die Konzertabende meines Großvaters mit ihren gefälligen Melodien und die Nachmittagskaffees meiner Großmutter. Ein gnädiges Geschick hatte das Anwesen meiner Großeltern genau dorthin bestimmt, wo sich bis zur Sanierung in den fünfziger Jahren die Altstadt befunden hatte, die dann durch ein Einkaufszentrum ersetzt worden war. Von den fünf Kindern, die dem Schoße meiner Oma entsprungen waren, lebten vier – zwei Söhne, zwei Töchter – mit ihren Ehegatten und den Früchten ihrer Schleiflack-Ehebetten in der Stadt. Mein Vater hatte als schwarzes Schaf sehr frühzeitig das Weite beziehungsweise die nahe Metropole gesucht. Ein weiteres gnädiges Schicksal hatte es bestimmt, daß diese vier Ableger der großelterlichen Keimzelle jeweils in einem anderen Viertel wohnten, so daß unsere Familie der Stadt ein vierzackiges Informationsspinnennetz übergestülpt hatte, in dessen Mitte meine Großmutter die Fäden zusammenhielt. Pünktlich 14 Uhr werktags schossen vier einkaufswütige Tanten aus vier Richtungen in das Zentrum dieses Netzes und tätigten ihre Besorgungen, um dann pünktlich 15 Uhr der kaffeekochenden Spinne ihre Aufwartung zu machen. Und so saß da tagtäglich die höchstrichterliche Kommission über Recht und Anstand beisammen, analysierte, vermengte, vermischte und verdichtete die neuesten Nachrichten, um sie dann pünktlich 17 Uhr im jeweiligen Stadtteil zu verbreiten. Die Vorsitzende dieser Kommission war meine Großmutter, die den unterderhand öfter auftauchenden Hinweis auf ihre uneheliche Geburt mit der angeblich adligen Abstammung ihrer Mutter parierte. Sie war unbestrittene Expertin in Geburten, und fast keine dieser Kaffeetafeln 11
verstrich ohne blutrünstige Schilderung mindestens einer Hausgeburt, wobei die Menge des dabei verlorenen Blutes zwischen fünf und zwölf Litern schwankte. Den Vizevorsitz in dieser Runde nahm die älteste Tochter Irene ein, deren Vorname, die Friedliche, im krassen Widerspruch zu ihrem Wesen stand. Sie klagte meist, daß sie als Älteste mütterliche Pflichten bei den anderen Kindern habe mit übernehmen müssen und daß ihr somit ein Großteil ihrer Kindheit und frühen Jugend verlorengegangen sei. Sie hatte beim BDM Strick- und Krankenpflegekurse mitmachen dürfen und galt somit als medizinische Expertin. Daneben war sie als Mitglied des Kirchenchors die kulturelle und als Vorsitzende des katholischen Frauenbundes die höchste moralische Instanz in diesem Damenquintett. Da ihr Mann Abteilungsleiter in einem Elektrowerk war, war sie außerdem überzeugt von ihrem wirtschaftlichen Sachverstand. Die jüngste Tante, die Irenes Mütterlichkeit im Kindesalter am meisten zu erdulden gehabt hatte, war Tante Ute. Sie war mit einem Magersüchtigen verheiratet, den sie mit deftiger Pfälzer Küche zu einem richtigen Mann herausfüttern wollte. Mit dem Erfolg, daß die ehedem hübscheste aller Töchter jetzt sogar für die figürlich »fraulichen« Maßstäbe der Familie zu dick war. Sie wirkte neben ihrem Mann wie Liesl Karlstadt neben Karl Valentin. Ihre monströse Figur pflegte sie mit einem heiteren Wesen und einem aufgesetzten Humor zu überspielen, der in Reimen wie »Der Elefant, das große Tier, braucht hundert Meter Klopapier« seinen peinlichen Höhepunkt hatte. Unter den knausrigen Blicken meiner Großmutter aß sie immer den meisten Kuchen, ohne jedoch zu verabsäumen, ihren hohen Blutzucker zu beklagen.
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Die Gattin des ältesten Sohnes, der als Oberamtsrat der Bezirksregierung seiner Beförderung zum Begierungsrat entgegenverwaltete, saß dagegen klaglos in der Bunde und kniff dafür um so mehr die Augen zusammen, um zu dokumentieren, daß sie unter entsetzlicher Migräne leide. Dieses stumme Leiden wurde dann von meiner Großmutter meist mit einer Gelonidaspende belohnt, die Tante Inge, so der Name der Schmerzensreichen, mit einer Valium, Baldrian und Kaffee zu sich nahm. Mit der Zeit wurde dann das Wundermittel Gelonida mangels Wirksamkeit durch Valoron ersetzt. Außer unter Kopfschmerz litt sie unter ihrer Körpergröße, die sie ihren Mann überragen ließ. Deswegen weigerte sie sich standhaft, Hüte zu tragen, was bei der sonntäglichen Messe als avantgardistisch galt. Die Gattin des jüngsten Sohnes, Tante Gisela, vertrieb sich ihre Ehe mit Onkel Hermann, der als Reisebusfahrer nie zu Hause war, frühmorgens mit Klosterfrau Melissengeist, »wegen des Kreislaufs«, bei der Kaffeerunde bei Oma mit Eierlikör, »weil's so gut zum Kaffee paßt«, und abends mit Weinbrandbohnen und einem kleinen Cognac, »wegen der Einschlafschwierigkeiten«. Sie bildete das proletarische Element in der Damenrunde, was an ihren hausmeisterlichen Eltern lag, schaute meist »unverständnisvoll« aus ihren schmetterlingsförmigen Sechs-Dioptrien-Gläsern und belebte die Konversation allenfalls durch Verständnisfragen, die ihr meist den vorwurfsvollen Blick der anderen eintrugen. Wer vor diesem Tribunal nicht bestand, hatte sein soziales Leben in der Kurstadt verwirkt. Sei es die Familie Alt, die im Urlaub nach Sylt fuhr, um dort nackt zu baden, was Tante Ute, die aufgrund ihrer Leibesfülle nicht mal im Freibad einen Badeanzug trug, sondern ihre Kittelschürze 13
zum Strandkleid umdefinierte, zu der Äußerung verleitete, daß »solche Leute« es dort sicherlich auch öffentlich wie die Hunde trieben. Meine Phantasie war schon so weit entwickelt, daß ich mir Frau Alt dabei bellend vorstellte. Oder sei es der zweite Mann der Tanzlehrerin BeerTrost, die von meiner Großmutter inständig gehaßt wurde, weil Frau Beer-Trost – damals noch bloß Frau Beer – 1949 mit meinem Großvater nicht nur intensiv zu den ›Capri-Fischern‹ getanzt, sondern sich mit ihm auch zwei Stunden außerhalb des Ballsaales im Kurpark unterhalten hatte. »Solange kann sich doch kein Mensch unterhalten« war der allseits nickend aufgenommene Kommentar der Großmutter. Dieser geschlagene Mann hatte als Polizist die Aufgabe, die Bürger der Stadt vor dem Besuch des Skandalfilms ›Das Schweigen‹ auf ihre Volljährigkeit hin zu kontrollieren. Später kam durch eine Indiskretion des Filmvorführers heraus, daß er sich den Film vorher in einer Privatvorführung mit der Kinobesitzerin angeschaut hatte. »Öffentlicher Dienst«, empörte sich die großmütterliche, staatsbürgerliche Gesinnung, »aber bei so einer Frau kein Wunder.« Spannend wurde dieser Intensivkurs an Gemeinheit, Tratsch, Intrigen, Verleumdung und Bigotterie, der mich auf mein späteres Leben im schwulen Klassenkampf bestens vorbereitete, wenn das Gespräch auf den Sohn der Wäschereibesitzerin Steinmetz kam. Dieser verlorene Sohn war dem Terror der Kleinstadtgrabenkämpfe nach Berlin entflohen, um den Beruf des Tänzers zu ergreifen. Oder, wie ich später erfuhr, zu erschlafen. Nach dem Urteil der migränischen Tante Inge waren Tänzer ja schon von vorneherein keine richtigen Männer, da sie alle dürre Beine hätten und nicht so muskulöse wie ihr angetrauter, im Sportverein seine Freizeit verbringender Oberamtsrat. 14
In Anbetracht ihres häuslichen Karl Valentins enthielt sich die gemütliche Tante Ute eines witzigen Kommentares. Dieser Wäschereibesitzerinnensohn hatte nun wirklich die Stirn, nach Bad D. zu kommen und mit einem Mann (!), der einen roten (!) Pullover trug, seine Mutter zu besuchen. »Die arme Frau«, solidarisierte sich meine Großmutter, »erst Kriegerwitwe und dann so etwas.« Tante Gisela schaute noch verständnisloser als sonst durch ihre dicken Gläser und konnte die mitgesprochenen Ausrufezeichen noch immer nicht im Sinne der Anklage interpretieren. Frau Dengler, die unter der Steinmetzschen Wohnung lebte und genau mitbekommen habe, daß der Sohn der Frau Steinmetz mit seinem »Kumpel« in einem (!) Bett geschlafen habe, wurde als Kronzeugin bemüht. Die melissengeistreiche Tante Gisela verstand immer noch nicht die Anführungsstriche und konterte diesen angeblichen Beweis eines ungeheuren Verbrechens mit dem Hinweis, daß die Frau Steinmetz ja nur eine Zweizimmerwohnung habe. Auch die Hinzufügung des Denglerschen Indizes, daß diese nachts so »komische Geräusche« gehört habe, konnte Tante Gisela nicht aus ihrer Arglosigkeit befreien. Meine Oma rang, »mit Rücksicht auf das Kind«, nach einem unverfänglichen Wort. Als Deus ex machina sprang da die hilfreiche Tante Irene ein, die wegen ihres Krankenpflegelehrgangs im Kriege auch als psychologische Sachverständige galt: »Ei, Gisela, merkst du es immer noch nicht. Der Sohn ist ein bißchen DUDUDU.« Der Fuchs war in der Verkleidung des Wortes DUDUDU in den Hühnerstall eingebrochen. Ein aufgeregtes Gegacker vermischte sich mit aufgesetzten Kaffeetassen, Tante Ute nahm sich schnell noch ein Stück Kuchen, und die wissende Großmutter holte eine Gelonida 15
– für Tante Inge – und einen Eierlikör – für Tante Gisela – aus dem Wohnzimmerschrank, auf dem die Verdiensturkunden meines Großvaters – »Er hat sich um das Bäckergesangsvereinswesen verdient gemacht« – aufgereiht standen. Den Enkeln zum Vorbild. Den Gästen des Hauses zum Neid. Verschiedenste Theorien zum »Sosein« des Wäschereibesitzerinnensohnes wurden in der Expertinnenrunde doziert. Mal war es die fehlende väterliche Hand des bei Stalingrad gefallenen Erzeugers. Mal der Lebenswandel der Mutter, die sich zu Schwarzmarktzeiten nicht zu schade gewesen sei und es mit Franzosen getrieben habe. Und daß der Helmut, so hieß der Schandbare, schon als Kind so was Gewisses im Blick gehabt und nie Fußball gespielt habe, erkläre wohl alles. Ich war froh, daß mich während des Geschnatters niemand beachtete und somit auch niemand bemerkte, wie ich knallrot geworden war. Die drei Silben DUDUDU hatten meine Kindheit beendet. DU DU DU. Das stand für anders sein, ausgeschlossen sein, nicht normal sein. Das bedeutete Aufgeregtheit, Empörung, Verachtung der Tantenschar, die für mich die öffentliche Meinung symbolisierte. Daß es 1964 auch für Kriminalität stand, das wußte ich noch nicht. Ich erfuhr es erst später aus ›Stern‹-Berichten über den Knabenmörder Jürgen Bartsch. Daß es auch irgendwie für mich stand, das ahnte ich aber. Sonst wäre ich ja nicht rot geworden. Aber was war es genau? Zum ersten schlafen zwei Männer zusammen im Bett und machen komische Geräusche. Zum zweiten sind es keine richtigen Männer, haben dürre Beine, sind Tänzer und leben in Berlin. Außerdem tragen sie rote Pullover. 16
Ich begann, meine Beine zu betrachten – sie waren Gott sei Dank nicht dünn –, rote Pullover zu hassen und alle Zeitungsartikel, die über Berlin erschienen, eifrig zu lesen. Aber immer war nur von Willy Brandt, der Mauer und irgendwelchen Passierscheinabkommen zu lesen, nie von Ballettänzern. In meiner Not blätterte ich sogar die Otto-VersandKataloge meiner Großmutter durch und betrachtete die Unterwäschereklame. Es war etwas Neues in mein Dasein gekommen. Nicht, daß ich nicht schon früher etwas mit Männern im Sinn gehabt hätte. Mit vier Jahren hatte ich sogar mein erstes Sexualerlebnis, auch wenn es mir als ein solches erst später bewußt wurde. Ich freute mich damals immer auf das samstägliche gemeinsame Baden mit meinem Vater und das Hoppe-Hoppe-Reiter-Spielen mit ihm. Das Pferd war dabei sein Knie und seine Oberschenkel die Rutschbahn. Daß ich dabei einmal, nach vielen Rutschversuchen, ein ganz neues Gefühl bekam und in die Badewanne pinkelte, das interpretierte ich damals noch nicht als Orgasmus. Und daß es mich später mehr anzog, im Schwimmbad auf dem Schoß meiner Onkels zu sitzen als auf den zellulitischen Schenkeln meiner Tanten, hatte mir nie das Gefühl gegeben, anders zu sein. Erst das Verdikt DUDUDU machte mir klar, daß es noch etwas anderes auf der Welt geben mußte als die Lebensweisen, die mir als normal und allgemeingültig vorgelebt wurden. Auf der Welt? Ja. In Berlin? Ja. Aber hier in Bad D.? Ich fieberte Weihnachten entgegen, wo der Wäschereisohn normalerweise seine Mutter besuchte. Ich postierte mich vor seinem Haus in der Hoffnung, mit ihm in Kontakt zu kommen. Er kam aus dem Haus, ging an mir 17
vorbei und beachtete mich nicht. Mein einziger Berührungspunkt zu dieser obskuren Welt nahm mich nicht wahr. Da dieser mich ignorierende Berührungspunkt nicht nur einen Kumpel hatte, der rote Pullover trug, sondern selbst auch rötlich-blonde Haare – genau wie unser früheres Dienstmädchen, das zudem noch weißhäutig war und feuchte Hände hatte –, beschloß ich, in Zukunft rothaarige Männer zu hassen. Ich beschloß überhaupt viel in diesen Weihnachtstagen. Mir war klar, was ich wollte. Ich wollte mit Männern im Bett liegen. Dazu mußte ich nach Berlin. Der einzige Weg, nach Berlin zu kommen, war der des Studiums. Dazu mußte ich Abitur machen. Und deswegen beschloß ich, ein guter Schüler zu werden. Meine schulischen Leistungen verbesserten sich schlagartig. Meinen Lerneifer erklärten meine Großeltern den Nachbarn stolz mit der Wirkung des beschützten Zuhauses, das sie mir böten. Aber bis zum Abitur waren es noch sieben Jahre. Sieben Jahre sind eine lange Zeit, wenn der Otto-Versand-Katalog nur zweimal im Jahr erscheint. Wie so oft gab die allwissende Tante Irene den Anstoß. Da sie im Buchclub war und des öfteren populärwissenschaftliche medizinische Ratgeber zum Einschlafen las, verkündete sie bei einem der Gute-Ruf-Schlachtfeste als Sachverständige, daß solche Kreaturen wie der Wäschereisohn ja, Gott sei Dank, nur im Verhältnis 1:100000 vorkämen. So konnte ich mir leicht ausrechnen, daß ich das einzige Exemplar dieser Spezies im Landkreis um Bad D. war. Aber in der nahen Großstadt, in der mein Vater den guten Ruf der Familie mit Füßen trat und die zusammen mit ihrer Schwesterstadt am anderen Ufer des Rheines
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über vierhunderttausend Einwohner beherbergte, müßten mindestens vier solcher Männer wohnen. Ich widmete die vierzehntägigen Besuche im alkoholischen Reich meines Vaters zu Erkundungszügen durch die Straßen der Stadt. Den ganzen Spätwinter und das Frühjahr hindurch lernte ich bei diesen Streifzügen die Schaufensterauslagen auswendig, ohne allerdings den Artikel zu finden, der mich am meisten interessierte. Im Sommer saß ich stundenlang auf Parkbänken. Leider suchten nur Rentnerinnen das Gespräch mit mir, um mir von ihren Enkeln zu erzählen. Im Herbst, der in jenem Jahr sehr kalt war, erfroren mir beim Spazierengehen fast die Finger, und ich beschloß, wieder einmal, unverrichteter Dinge nach Hause zu fahren. Dank dem Himmel versäumte ich die Rhein-Haardt-Bahn, die um 17 Uhr nach Bad D. fuhr. Die nächste ging erst zwei Stunden später. Ich hatte noch eine Mark und suchte im nahegelegenen Hallenbad eine Wärmestube. Fünfzig Pfennig Leihgebühr für die Badehose, fünfzig Pfennig für den Eintritt in das Paradies, als das es sich später für mich herausstellte. Im Gegensatz zum Hallenbad in Bad D., in dessen beiden Duschkabinen die Badegäste durch einen Vorhang vor unbefugten Blicken abgeschirmt waren und in denen man zudem noch in Badekleidung duschte, kündete hier ein Schild, daß beim Duschen alles abzulegen sei. Als ich die Tür zu dem dampfenden Duschraum öffnete, war ich Hans im Glück. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich nackte Männer. Und zwar nicht einen, nicht zwei, nicht drei – eine ganze Armee bot sich meinen Blicken dar. In der Gesamtheit der Duscher war die Gesamtheit der Jugendbettträume versammelt. Ein Versandhauskatalog ohne Unterhosen. Die Halsschlagader pulsierte.
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Die meisten duschten nur kurz und gingen dann in die Schwimmhalle. Ein Teil jedoch schien sehr reinlich zu sein, seifte sich intensiv ein, spülte den Schaum ab und seifte sich wieder ein. Andere wiederum halfen sich gegenseitig bei der Körperpflege. Sie seiften dem jeweils anderen die schwer zugängliche Rückenpartie ein. Ich bekam Augen wie eine Wildsau in der Duldungsstarre. Ich muß wohl einige Sekunden zu lange geschaut haben. Jene entscheidenden Sekunden, die einen Heterovon einem Homoblick unterscheiden, jenem Insiderblick, bei dem sich zwei Pupillen für den Bruchteil einer Sekunde treffen und dem anderen signalisieren: »Ach, du auch.« Einer löste sich aus der Reinigungsmannschaft, trat auf mich zu und begann, mir den Rücken einzuseifen. In meiner Not mußte ich mich mit der Vorderseite eng an die gekachelte Wand drücken, um eine Reaktion, die mir hier in der Öffentlichkeit unschicklich schien, vor den anderen zu verbergen. Nach ausgiebiger Einseifung des Rückens bewegte sich die pflegende Hand dem Hüftknochen und der Stelle zu, an der damals gerade jene Haare zu sprießen begannen, die man sich Ende der achtziger Jahre aus Modegründen wieder abrasierte. Jetzt wurde aus der duldungsstarren Wildsau eine hysterische Ziege. In panischer Angst zog ich meine Badehose an und floh in die Schwimmhalle. Ich durchlebte eine Achterbahn der Gefühle. Hier die Wollust, da die höchste aller Autoritäten, der Bademeister, der mich zu beobachten schien. Hat er bemerkt, daß ich nicht normal bin? In meinem Kopf die warnende Tante Irene, die immer von Lustmördern erzählt hatte. Im Duschraum die helfende Hand, die das höchste Gut unse-
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rer Familie, die Sauberkeit, auf so angenehme Weise pervertierte. Ich entzog mich den scheinbar bohrenden Blicken des Bademeisters. Ich ging in die Kabine, zog mich an, setzte mich in der Vorhalle neben das Kassiererhäuschen und ließ den Ausgang nicht aus den Augen. Nach einer Ewigkeit kam eine Gestalt heraus, in der ich die helfende Hand des Duschraums wiedererkannte. Das Gesicht ist der Verdrängung anheimgefallen, aber den Rest würde ich heute noch unter Tausenden wiedererkennen. Weißer Popelinmantel, braune spitze Schuhe, Aktentasche, Hut. Heute wäre diese Gestalt für mich der Inbegriff des Kotzbrockens, damals war sie für mich der Inbegriff der Begierde. Er ging an mir, nach einem dieser berühmten Sekundenblicke, die mich knallrot werden ließen, vorbei, drehte den Kopf kaum merklich in meine Richtung und verließ das Hallenbad. Ich lief ihm hinterher wie ein herrenloser Dackelwelpe einem Schäferhund, auf daß er ihn adoptieren möge. Tante Irene hatte mich immer vor Männern gewarnt, die einem Schokolade anböten, um mit einem so »gewisse Sachen« zu machen. Soviel Schokolade gab es nicht auf der Welt, wie ich ihm jetzt angeboten hätte, wenn er bloß stehengeblieben wäre. Er lief etwa hundert Meter vor mir her, drehte seinen Kopf noch einmal kurz herum und bog dann in eine Sackgasse ein, die direkt zum Hauptfriedhof führte. Ich bog auch ein. Er blieb an der Friedhofsmauer stehen. Ich näherte mich ihm auf zehn Meter. Er knüpfte seinen Mantel auf und nestelte an seiner Hose. Ich näherte mich ihm auf drei Meter. Ich sah auf seine Hose. Ein Ding schaute heraus, das keine Ähnlichkeit mit Schokolade, sondern eher mit 21
einer Cabanossiwurst hatte. Er forderte mich auf, näherzukommen. Ich ging bis auf einen Meter zu ihm. Er forderte mich auf, das Ding in meine Hand zu nehmen. Ich tat es. Ich faßte das Ding an, wie meine Großmutter einen Kartoffelstampfer anfassen würde. Er forderte mich auf, das Ding zu bewegen. Ich bewegte es. Ich bewegte es, wie meine Großmutter den Kartoffelstampfer bewegen würde. Er holte meinen Schwanz aus der Hose und zeigte mir, wie man ein solches Ding richtig bewegt. Ich lernte schnell. Unsere Bewegungen wurden immer schneller. Etwas spritzte aus unseren Schwänzen heraus. Vor meinem geistigen Auge erschien die Religionslehrerin, Schwester Leonarda, die uns gelehrt hatte, wie schwer der biblische Onan bestraft wurde, als er seinen Samen auf die Erde geschleudert hatte. Jetzt wurde mir klar, was sie mit Onanie gemeint hatte. Daß so etwas mutuelle Onanie heißt, lernte ich erst später. So standen wir nun, unweit der Stelle, an der meine ewig unruhige Mutter zehn Jahre später ihre ewige Ruhe finden sollte. Mit heruntergelassenen Hosen. Wir zogen uns schnell wieder an. Er schaute in alle Richtungen, ob uns jemand beobachtet hatte, streichelte mir über den Kopf und sagte: »Bubel, jetzt bleiben wir zusammen. Für immer und ewig.« Ich mußte die Straßenbahn noch erreichen. Am 18. November 1965 bin ich also schwul geworden. Oder vielmehr praktizierender Homosexueller. Daß zum Schwulsein mehr gehört, lernte ich erst später. Selbst der Ausdruck »schwul« war mir damals nicht bekannt. Es lag nur ein Jahr zwischen dem Ende meiner Kindheit aufgrund des tantenhaften DUDUDU und dem Beginn des Erwachsenseins mit heruntergelassenen Hosen vor dem Hauptfriedhof. 22
Denn erwachsen werden wollte ich sofort. Ich wollte in die Welt der Männer aufgenommen werden. Deswegen war ich ja auch so wütend über sein onkelhaftes »Bubel«, das mich als ungleichwertig abstempelte. Ich beschloß, jeden Samstag schwimmen zu gehen. In diesem Entschluß wurde ich allerdings nach vier Straßenbahnstationen wankend, als ein uniformierter Polizist einstieg. Mein erster Gedanke bei seinem Anblick war, daß er mich jetzt verhaften würde. Auf unerklärliche Weise war mir die Strafbarkeit des Verbrechens klar, das ich weniger als eine halbe Stunde zuvor begangen hatte. Und das, bevor ich von der Existenz des Paragraphen 175 überhaupt wußte. Ich machte mich ganz klein, stieg an der nächsten Haltestelle aus, um nochmals zwei Stunden auf die nächste Straßenbahn zu warten. Zur Strafe für die Verspätung mußte ich zu Hause sofort ins Bett, wo ich die duschenden Männer noch lange Revue passieren ließ. In der Folgezeit wurde ich ein sehr eifriger Schwimmer. Onkel Arno, der Mann der migränenreichen Inge, der früher Zweiter bei den Hitlerjugendschwimmeisterschaften gewesen war, sah in mir seinen legitimen Nachfolger und schenkte mir eine Jahreskarte für das Ludwigshafener Hallenbad. Dort gab es ja, wegen der Länge des Beckens, bessere Trainingsmöglichkeiten als in Bad D. Es war mein schönstes Weihnachtsgeschenk, und ich war ihm sehr dankbar. Zur Freude meiner Familie führte ich ein sehr geordnetes Leben. Morgens in der Schule. Mittags fleißig Hausaufgaben machen und lernen. Abends nach dem Fernsehen ins Bett, wo ich mich ungestört meinen Phantasien widmen konnte, und samstags zum Schwimmtraining. Man war 23
froh, daß ich mich nicht durch Mädchengeschichten von der Schule und vom Training abhalten ließ. »Unser Hans ist halt ein Spätentwickler«, diagnostizierte meine Großmutter und schaute auf Tante Ute, die als »relativ spätes Mädchen« erst mit Dreißig ihren Karl Valentin geheiratet hatte. Es begann die Zeit des gesellschaftlichen Umbruchs, der mit Verzögerung auch die Pfälzer Provinz erreichte. Ludwig Erhard war abgetreten worden, die große Koalition Brandt-Kiesinger war angetreten, und von Berlin schwappten die ersten Meldungen von der Apo herüber. Langhaarige Gammler waren das Gesprächsthema der großmütterlichen Kaffeekränzchen. In den Illustrierten erschienen zum Entsetzen der vereinigten Tantenschar die ersten Fotoberichte von Berliner Kommunen. »Die machen es da alle wild durcheinander«, berichtete Tante Irene aus erster Hand, »so was ist ja auch nur in Berlin möglich.« Berlin bekam bei mir einige Pluspunkte mehr. Meine Großmutter begann, die Illustrierten vor mir zu verstecken. Ich holte sie nachts immer aus dem Küchen-schrank, wo sie im Gänsebräter versteckt waren. Oswalt Kolle klärte darin auf. Die ersten nackten Körper waren in seinen Artikeln abgebildet. Die sexuelle Revolution wurde ausgerufen. Anfänglich hielten die Dämme in Bad D. noch. Aber sie wurden langsam brüchig. Schon gab es die ersten Siebenmonatskinder. Was gestern verboten war, war zwar heute noch nicht erlaubt, aber zumindest geduldet. Wenn auch schweren Herzens. Nur die Damen jenseits des Klimakteriums waren die letzten Bollwerke aus Volkswartsbundzeiten und erklärten jede Peinlichkeit zum Sittenskandal: So als die Tochter 24
des Besitzers der Metzgerei Küchenberger, die eine schweinsförmige Figur hatte, im Karneval 1968 vor den elf versammelten Tollitäten im fleischfarbenen Trikot den sterbenden Schwan tanzte. In einem seltenen Anfall von nicht gereimtem Humor bezeichnete die neidische Tante Ute diese Darbietung als den Tanz des sterbenden Schweines, den Fräulein Küchenberger vor elf Senilitäten getanzt habe. Aber die neue Zeit hielt unaufhaltsam Einzug. Das Mittelalter, also die Männer und Frauen in den sogenannten besten Jahren zwischen Vierzig und Fünfzig, begann, sich als modern und aufgeschlossen zu bezeichnen. Die jungen Leute, das waren die zwischen Fünfundzwanzig und Vierzig, legten sich das Adjektiv »progressiv« zu, und die Jugend war antibürgerlich. Modernität war die Umschreibung für das Bestellen von Beate-Uhse-Katalogen im damals ersten Sexshop der Pfalz in Ludwigshafen und Aufgeschlossenheit das Synonym für das Ausprobieren der in diesen Läden angebotenen exotischen Artikel. Der Höhepunkt der Aufgeschlossenheit war erreicht, als der Winzer Kersten sich hinter seinem Weingut einen Swimmingpool bauen ließ und seine angetraute Erna sich in einem schwarzen Kleidungsstück, das im Reizwäschekatalog als Negligé bezeichnet, von Erna Kersten aber »Nacklischei« ausgesprochen wurde, zur Einweihung in die Fluten stürzte. Der fröhliche Weinberg. »Wo soll das alles enden«, haderte meine Großmutter ob dieser pfälzischen Dolce Vita. Die Progressivität der »jungen Leute« äußerte sich darin, daß man offen zugab oder zumindest vorgab, SPD zu wählen, und sich die Haare bis zum Hemdkragen wachsen ließ. Auf der Seite der Jungmänner jedenfalls. Oder sich 25
den Rocksaum bis über die Fußballerknie kürzte. Auf der Seite der Jungfrauen jedenfalls. Die antiautoritäre Jugend bezog ihre Modeanregungen aus der ›Bravo‹. Doktor Sommer lehrte sie darin, wieviel Arten des Küssens es gibt, was ein Schmetterlingskuß ist und von was man keine Kinder bekommen kann. Antiautoritär, wie man war, besuchte man heimlich Filme wie ›Zur Sache, Schätzchen‹ und imitierte die Sprachgewohnheiten der Hauptdarsteller. »Das wird böse enden.« Es war schick, frustriert zu sein. Der Ausbund der Antibürgerlichkeit war das Tragen von Hosen mit weitem Schlag und von Hemden, denen man die Bezeichnung »Kasatschokhemden« gab und die den Kosakenhemden aus ›Doktor Schiwago‹ nachgeschneidert waren. Wie spießig waren doch die »Alten« mit ihrem Don Kosaken-Chor. Der Kampf gegen das Establishment zeigte sich vor allem darin, daß man sich bei Volksfesten nicht in das Festzelt der Alten setzte, wo die Egerländer und Herb Alpert gespielt wurden, sondern in ein eigenes Jugendzelt, wo Herb Alpert und The Monkeys gespielt wurden. Und natürlich war man auch strikt gegen die bürgerliche Sexualmoral. Man distanzierte sich von den Spießern, die brav verheiratet waren und während der Volksfeste nach dem Genuß einiger Schoppen Wein mit ihren jeweiligen Schunkeldamen in den Weinberg gingen, um sich dort zu unterhalten. Nein, so spießig wollte man nicht sein. Man schunkelte zu den Beatles. Man lernte die Kolle-Artikel auswendig und Doktor Sommer von der ›Bravo‹. Bei jeder Gelegenheit redeten wir über Sex. Im Reden waren wir alle Meister. Ich an vorderster Stelle.
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Da niemand von meinen Schwimmbad-Aktivitäten erfahren durfte und ich damals dachte, außer mir gebe es keinen Gesinnungsgenossen mehr auf der Schule – ich täuschte mich darin mehrfach –, verschlang ich, was mir in die Finger kam und was von weiblicher Sexualität handelte. Ich kannte sämtliche erogenen Zonen der Frau auswendig. Ich wußte genau, was Frauen wünschen. Man beneidete mich. Ich gab vor, in Ludwigshafen eine Freundin zu haben, die ich jeden Samstag besuchen würde. Also zur besten Badezeit. Man beneidete mich noch mehr. Eine Diskothek »La Cave«, todschick in einem Weinkeller, wurde im Herbst 1968 eröffnet. Die Jungen saßen an der Bar und tranken Rotwein mit Cola. Die Mädchen saßen an Tischen und tranken nur Cola. Heiße Rhythmen erklangen. Die Geschlechter blieben unter sich. Man ging getrennt nach Hause. Man entschloß sich, in die Tanzstunde zu gehen. Diese altehrwürdige Institution war zwar alles andere als progressiv, antibürgerlich und antiautoritär. Aber eben die einzige Möglichkeit, an das jeweils andere Geschlecht zu kommen. So wetterte man morgens auf dem Schulhof noch heftig über den »altmodischen Kappes«, traf sich aber abends dennoch in den Räumen der Tanzlehrerin Beer-Trost. Man versicherte sich dort gegenseitig, nur aufgrund des Zwanges der »Alten« gekommen zu sein. Da die halbe Klasse dort angemeldet war, entschloß sich mein Großvater, auch mir die Tanzstunde ans Herz zu legen. Hatte er die traditionelle Verknüpfung mit dem Hause Beer-Trost schon 1949 begonnen, als er sich mit der Tanzlehrerin bei den ›Capri-Fischern‹ unterhalten hatte, so sollte jetzt, 1969, ich, sein Enkel, die Familien27
tradition fortsetzen. Dies stieß auf den erbitterten Widerstand meiner Großmutter. Sie war der Auffassung, daß »Frauen, die anderen Frauen die Männer wegnehmen, pädagogisch völlig ungeeignet« seien. Frau Beer-Trost machte eine kurze Pause bei der Verlesung der Teilnehmerliste, als ich alphabetisch an der Reihe war. Sie blickte mich maulwurfsäugig an, denn sie verabscheute Brillen, und fragte mich: »Sind Sie der Enkel vom Karl, äh, vom Herrn Kantor Seyfarth?« Als ich bejahte, erhob sie sich, stampfte auf mich zu und schüttelte mir die Hand. »Tanzen konnte ihr Großvater, da machen Sie sich keine Vorstellung.« Mit ihren Pumps, in die die stützgestrümpften Beine eingelassen waren, sah sie aus wie die Brokatausgabe von Daisy Duck. Ich war aber baß erstaunt, daß sie uns trotz ihrer Nilpferdfigur die ersten Tanzschritte leichtfüßig beibrachte. Es war Tradition im Hause Beer-Trost, daß die Tanzpaare von der Tanzmeisterin höchstselbst zusammengestellt wurden. Man munkelte sogar in Bad D., daß sich Frau Beer-Trost vor jeder Ballsaison die Grundbuchauszüge hole, um die Paare nach der Anzahl der bewirtschafteten Hektar zusammenzustellen. Sie schien ihre eigene Bodenreform zu betreiben. Mir – als Honoratiorenenkel – wurde die Tochter des Bürgermeisters zugeteilt. Ein anämisches Wesen, das seine Locken zu einer Hochfrisur gesteckt hatte und mir als Angela vorgestellt wurde. »Das heißt Engel, und so ist sie auch«, raunte mir unsere pfälzische Isadora Duncan zu, kupplerisch mit den Augen zwinkernd. Nachdem wir uns eine Doppelstunde lang mühsam übers Parkett geschoben hatten, beendete Frau Beer-Trost die Tanzstunde »für heute«, nicht ohne uns vorher aufge28
fordert zu haben, daß wir als Kavaliere die Damen nach Hause zu begleiten hätten. Die Mehrheit beschloß jedoch, erst dem »La Cave« einen Besuch abzustatten, wo Rotweinschorle und heiße Musik auf uns warteten. Diesmal wagten sich die Damenund die Herrenwelt gemeinsam auf die Tanzfläche. Mein Engelchen versuchte den ganzen Abend den Eindruck zu erwecken, sie sei ein süßes, unschuldiges Ding. Ich versuchte, ihre Unschuld zu respektieren, solange es mir möglich war. Der Stehblues beraubte mich jedoch aller meiner Ausreden. Wir mußten engangeschmiegt tanzen. Ich beobachtete meine Klassenkameraden aus den Augenwinkeln. Sie knutschten alle schon. Ich ergab mich in mein Schicksal. Ich referierte innerlich alle Kußformen, die ich bei Doktor Sommer gelesen hatte. Ich steckte meine Zunge in ihren Mund und versuchte, den Eindruck des Erregtseins zu simulieren. Ich versuchte mich zu zwingen, erregt zu sein. Es gelang mir nicht. Nicht mal die Vorstellung, mit Mark Spitz zu knutschen, ließ bei mir die geringste biologische Reaktion ablaufen. Engelchen bemerkte es offensichtlich nicht. Und, was noch viel wichtiger war, meine Klassenkameraden genausowenig. Seit dem Abend galt ich als der Hecht, der den schärfsten Karpfen abgeschleppt hat. Seit dem Abend hieß es, der Enkel vom Seyfarth und die Tochter vom Streckfuß gehen zusammen. Meine Samstage im Hallenbad fielen bis zum Abschlußball ins Wasser. Ich wurde statt dessen von Familie Streckfuß zum Kaffeetrinken eingeladen. Meine ansonsten sparsame Großmutter gab mir einen extrateuren Blumenstrauß mit für die »sehr vornehme und gebildete Frau Bürgermeister« und 29
ermahnte mich, den Beruf meines Vaters mit Restaurantbesitzer anzugeben. Das war die von der Familie für die Außenwelt bestimmte Sprachregelung. Frau Streckfuß bemühte sich rührend, vornehm zu wirken. Da der Pfälzer Dialekt keinen Unterschied zwischen »sch« und »ch« macht und der Pfälzer nur unter großer Anstrengung fähig ist, »ch« einigermaßen richtig auszusprechen, wirkt er bei dem Versuch, hochdeutsch zu reden, immer ein wenig tolpatschig. Frau Streckfuß empfing mich mit formvollendetem Hochdeutsch: »Naaah, junger Monn, wie geht's donn voran in der Chule? Was für oin wunderschäner Blumenchtrauß.« Sie legte Wert auf »eune gebüldete Konverzation«. Sie fragte mich nach meinen Liebhabereien. »Schwimmen«, antwortete ich wahrheitsgemäß. Auch ließ sie nicht unerwähnt, daß Goethe ihr Lieblingskomponist sei. »Unsere Familie ist nämlich sehr musikalisch, müssen Sie wissen«, fügte sie hinzu. Und als ich dann großmutterwunschgemäß die Restaurants meines Vaters zum besten gab und ebenso großmutterwunschgemäß meine verrückte Mutter für tot erklärte – »Brustkrebs!« – »Sie Armer, wie tragisch!« –, strahlte Frau Streckfuß vom Doppelkinn bis zur Dauerwelle. Meinen damaligen Berufswunsch, Medizin zu studieren, quittierte Frau Streckfuß mit dem Aufschrei: »Giebts deees, so an Zufall.« Immer wenn sie aufgeregt war, fiel sie in den richtigen Dialekt zurück. Ihr Engelchen, Angela, den Namen habe sie selbst ausgesucht, wo war sie jetzt stehengeblieben, ach so, ja, ihr Engelchen möchte nämlich medizinisch-technische Assistentin werden. Und vor ihrem geistigen Auge erschien eine große Arztpraxis am Stadtplatz, in der ich praktizierte und
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Engelchen als meine anfänglich mithelfende Gattin die Krankenscheine sortierte. Somit war ich verurteilt, zum Abendessen zu bleiben. Es wurde aufgetischt, was die Wurstkammer hergab. Der heimgekehrte Vater gab sich besonders leutselig. Er lud mich zur Besichtigung des Weinkellers ein, während Engelchen mit ihrer Mutter den Abwasch machte. »Das gibt mal eine perfekte Hausfrau«, pries er seine Tochter mir gegenüber an. Und die heutige Jugend sei gar nicht so schlecht wie ihr Ruf Man habe in seiner Jugend ja selbst mal über die Stränge geschlagen. Und Bad D. sei ja nun mal, Gott sei Dank, nicht Berlin. Und so wurde ich nach mehreren Viertel Wein nach Hause entlassen, wo meine Großmutter wartete, um sich detailliert Bericht erstatten zu lassen. Der Abschlußball des Tanzkurses fand im Kurhaus statt. Die antiautoritäre Jugend hatte sich in Smokings geworfen und tanzte mit Pendants, die in Rosa, Bleu oder Chamois gehüllt waren. Rund ums Parkett waren Tischreihen aufgestellt, an denen die gerührten Verwandten saßen. Familie Streckfuß thronte zusammen mit meiner Familie wie bei einem Staatsbankett. Meine Großmutter hatte sogar ihre Feindschaft mit Frau Beer-Trost für einen Abend begraben, sich Uralt-Lavendel hinter die Ohren gesprenkelt und war mit ihrem Pompadour und ihrem Gatten erschienen. Man versicherte sich gegenseitig, wie wohlerzogen die jeweils anderen Kinder seien. Auch wenn sie ein wenig zu lange Haare hätten. Aber das sei ja modern. Man müsse ja mit der Zeit gehen. Und nur für einen kurzen Augenblick gab es für intimere Kenner unserer Familie einen kleinen Mißklang, als mein Großvater die Königinmutter des Abends, Frau Beer-Trost, zum 31
Walzer aufforderte. Meine Großmutter ging während dieser Zeit auf die Toilette. Nach Polonaisen, Walzern und Tangos sollte auch die Jugend zu ihrem Recht kommen, und es durfte Let Kiss, Kasatschock und Rock'n Roll getanzt werden. Der Saal kochte. Die Kellner kamen mit den Bestellungen nicht mehr nach. Einer gefiel mir besonders. »California's dreaming on such a winters day.« The Mamas and the Papas entführten mich aus meinem pfälzischen Zimmer nach Kalifornien. Ich stellte mir Hippies vor, die nachts nackt im Meere badeten, und konzentrierte mich besonders auf die männlichen Exemplare. Mein Zimmer hatte ich mit Ausschnitten aus der ›Bravo‹ dekoriert. Den Mittelpunkt bildete ein Centerfold von Mark Spitz. Zur Tarnung hing, als einziges weibliches Wesen, Emma Peel im Zimmer, eine karatekämpfende Amazone aus einer Krimiserie, die damals sehr berühmt war. Ich hatte nach dem Abschlußball und einer in der darauffolgenden Woche veranstalteten Party wieder meine Hallenbadsamstage aufgenommen, die mir attraktiver schienen als die Streckfußschen Kaffeenachmittage. Zu der Party hatte der Sohn des Chefarztes des »Sanatoriums Sonnenwende« eingeladen, der voller Stolz einen Partykeller sein eigen nannte. Geladen waren zehn Jungen unseres Tanzkurses mit ihren jeweiligen Damen. Alles war mit Rotlicht schummrig ausgeleuchtet, was für erotisch gehalten wurde. Und auch an Cola-Rotwein wurde nicht gespart. Die Dramaturgie des Chefarztsohnes sah vor, anfänglich nur Undergroundmusic zu spielen und dann zum Blues
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überzugehen, damit »man mal mit den Weibern richtig fummeln« könne. Der Clou des Abends war ein Nebenraum, in dem Matratzen lagen, wo sich die Akteure des Abends miteinander zurückziehen konnten. Es wurden Zettel verteilt, auf denen die Zahlen 1 bis 10 standen. Jedes Paar durfte beziehungsweise mußte einen dieser Zettel ziehen. Damit war die Reihenfolge festgelegt, in der sich die Paare für jeweils zehn Minuten zurückziehen durften beziehungsweise mußten. Angela und ich hatten die Nummer 3. Die beiden ersten Paare gingen nach nebenan, während wir im Partyraum rotweintrinkend die Geräusche aus dem Nebenraum verfolgten. Sobald ein Stöhnen zu hören war, johlte der Rest der Mannschaft. Jeweils ein stolzgeschwellter Junge und ein sündig lächelndes Mädchen kamen aus dem Matratzenraum wieder heraus. Das zweite Paar ging hinein. Dieselbe Prozedur. Nun waren wir an der Reihe. Angela schaute mich mit einem Lächeln an, das sie für sündig und gewinnend hielt. Ich versuchte krampfhaft, meine Fluchttendenzen unter einer selbstsicheren Machomaske zu verbergen. Während der vergangenen zwanzig Minuten hatte ich mir Mark Spitz in allen Positionen vorgestellt. Vergebens. Mein Schwanz hatte, statt nach außen zu erigieren, sich schutzbedürftig immer mehr in die Bauchhöhle verzogen. Wir legten uns nebeneinander und knutschten. Ich repetierte alle auswendig gelernten erogenen Zonen der Frau und leckte sie ab. Ich hatte gelernt, daß nach dem Petting der Geschlechtsverkehr zu erfolgen habe. Ich beschwor meinen Schwanz zu erigieren. Er weigerte sich. Sie versuchte meinen Schwanz anzufassen, was einer Bankrotterklärung meiner gespielten Erregung gleichgekommen wäre. Ich entwand mich wie eine 33
Schlange ihren Grapschversuchen. Ich leckte ihr, um den Eindruck des erfahrenen Liebhabers aufrechtzuerhalten, den Bauchnabel und die Oberschenkelinnenseiten – »erogene Zonen zweiter Ordnung«, hatte in der ›Bravo‹ gestanden – und machte in meiner Verzweiflung und unter Aufbietung aller Energien etwas, was im Lexikon als Cunnilingus definiert wird. Sie begann, Gott sei Dank, zu stöhnen, und zwar, Gott sei Dank, so laut, daß es auch im Nebenraum gehört werden konnte. Pflichtgemäß täuschte ich einen Orgasmus vor. Beim Betreten des Partyraumes trafen mich anerkennende Blicke der Jungen, und ich versuchte, besonders selbstsicher zu wirken. Nach einem weiteren RotweinCola brachte ich sie nach Hause. Ich nahm mir vor, wieder häufiger schwimmen zu gehen. Die folgenden beiden Wochen ging ich ihr aus dem Weg, wo ich nur konnte. Auch einen Brief von ihr, in dem sie die Frage stellte, was sie wohl falsch gemacht habe und ob sie mir als Liebhaberin nicht feurig genug gewesen sei, ließ ich unbeantwortet. Einige Zeit später traf ich sie auf dem Bahnhofsplatz, Hand in Hand mit dem Chefarztsohn, der mich triumphierend anblickte. Ich war auf der einen Seite froh, daß sich das Problem auf solche Weise gelöst hatte, andererseits unheimlich sauer, diesem Chefarztarschloch einen Anlaß zum Überlegenheitsgefühl geliefert zu haben. Zwei positive Dinge hatte die Sache aber doch gehabt. Frau Streckfuß konnte jetzt statt auf eine Arztpraxis am Stadtplatz auf ein Sanatorium am Sonnenberg spekulieren. Und mein Ruf als Heterosexueller war seit dieser Party in Bad D. über jeden Zweifel erhaben. Silvester 1969. Mein letztes Silvester im Kreise der Familie. Zum letzten Mal durfte ich geballte Harmonie 34
und geballte Fröhlichkeit erleben. Tante Ute, die Immerfröhliche, hatte das Wohnzimmer festlich ausgeschmückt. Luftschlangen waren von der Wohnzimmerlampe strahlenförmig zu den Wänden gespannt. Die Wände selbst waren mit bunten Luftballons geschmückt, die Möbel mit buntem Kreppapier vor den Folgen ausgelassener Fröhlichkeit geschützt. Mir offenbarte sich das gesamte Kaleidoskop meiner Kindheit. An der einen Seite des Tisches waren die Damen aufgereiht, und zwar in der Reihenfolge ihrer Bedeutung: meine Großmutter; Tante Irene, die Allwissende; Tante Ute, die Fröhliche; Tante Inge, die Migränenreiche; Tante Gisela, die Kurzsichtige. Ihnen gegenüber die zugehörigen Herren: mein Großvater, der an diesem Abend seinen Patriarchenplatz am Kopfende des Tisches zugunsten seiner älteren Schwester geräumt hatte; Franz, der Elektroingenieur von Tante Irene; Friedel, der Maler von Tante Ute; Arno, der Oberamtsrat beziehungsweise inzwischen Regierungsrat von Tante Inge und Hermann, der Reisebusfahrer von Tante Gisela. Ich, als Ältester der Enkelschar, durfte den Vorsitz an einem Nebentisch einnehmen, umgeben von entsetzlich wohlerzogenen Blagen, die Gott sei Dank schon um 22 Uhr ins Bett geschickt wurden, nachdem die Tischfeuerwerke ihre Konfettimassen auf den schwer zu saugenden Teppichboden gefeuert hatten. Den Vorsitz des Erwachsenentisches nahm, wie gesagt, die Schwester meines Großvaters ein, Elisabeth Angstenberger, geborene Köchel, die der ersten Ehe der Mutter meines Großvaters entstammte. Als Älteste der Familie, Jahrgang 1894, fühlte sie sich als Familienoberhaupt und berufen, in allen wichtigen Fragen, und das waren für sie alle Fragen, Mitsprache- und Anhörungsrecht zu haben. Da ihr Vater, der Herr Köchel, angeblich über irgend35
welche Ecken mit dem Köchel des Mozartschen Verzeichnisses verwandt war, führte sie ihre Abstammung direkt auf Mozart zurück und war fest davon überzeugt, für die Musikalität der Familie und insbesondere die meines Großvaters direkte genetische Verantwortung zu tragen. Sie lebte im permanenten künstlerischen Wettstreit mit meinem Großvater. Erzählte dieser von seiner 1929 komponierten Oper, der ›Nonnenusel‹, – »Leider ist die Partitur im Krieg verbrannt«, pflegte er immer zu seufzen – so setzte sie dem immer die Krone auf, indem sie erzählte, wie viele Gedichte sie geschrieben und welche von ihnen sie zusätzlich auch vertont habe. Sie lebte in Frankenthal, war die Witwe eines Mannes, dessen Existenz sie mit keiner Silbe jemals erwähnte, und hatte früher mal in der Kunsthalle Mannheim »als Direktrice«, wie sie es ausdrückte, »als Sekretärin«, wie meine Großmutter nachschob, gearbeitet. Außer über ihren Köchelvater sprach sie am meisten von ihrer Bekanntschaft mit dem Maler Paul Klee, dessen »wunderschöne Hände« sie immerzu erwähnte. Mit einem vielsagenden Lächeln, so daß der Zuhörer nie genau wissen konnte, ob Herr Klee die Frau Angstenberger mit diesen Händen gestreichelt oder gewürgt hatte. Am gefürchtetsten war, wenn sie das Hauptopus ihres künstlerischen Schaffens erwähnte, das ›Frankenthaler Lied‹. Dazu verdammt, in dieser Kleinstadt mit einem Mann zu leben, dessen einzige Eigenschaft gewesen zu sein schien, daß er Zither spielen konnte, und den sie nur genommen habe, weil ihr Verlobter – »Was für ein schöner Mann!« – im Ersten Weltkrieg gefallen sei, hatte es sie immer geärgert, daß über alle bedeutenden Städte der Welt ein Lied existierte. München hatte sein Hofbräuhaus, Berlin seine Berliner Luft, nur Frankenthal war noch mit 36
keinem Ton in das deutsche Liedgut eingegangen. Aber Frankenthal hatte Elisabeth Angstenberger. Und so setzte sie sich in den zwanziger Jahren an ihren Jugendstilschreibtisch und dichtete: »O Frankenthal, du traute Stadt, wie lieb' ich dich so sehr. Wer dich ins Herz geschlossen hat, gibt dich nie wieder her.« Und da über den Herrn Köchel Mozartsches Blut in ihren Adern wallte, faßte sie dieses Schmuckstück deutscher Dichtkunst auch noch in eine gefällige Melodie, die sie in der festen Überzeugung, sie könne Klavier spielen und habe eine Stimme, bei jeder passenden Gelegenheit, und sie fand jede Gelegenheit passend, zum besten gab. O Frankenthal Musik und Text von Elisabeth Angstenberger Alle Rechte vorbehalten
O Frankenthal, du traute Stadt, wie lieb' ich dich so sehr! Wer dich ins Herz geschlossen hat, gibt dich nie wieder her! Die Gässchen klein, der Türme Zier, die Heimat spricht so laut – :Hoch oben auf des Daches First hat gern der Storch gebaut.: Die Kinder spielen Ringelspiel in ewig neuer Kraft, Die Alten kommen auch zum Ziel, sie labt der Rebe Saft. Der Mägdlein Schar so rank und schlank, mit Augen klar und hell, :Die Burschen wissen das fürwahr und sind drum gern zur Stell'!: Die Hände rühren sich mit Fleiß, es werket allerorts, Macht Müh' und Arbeit noch so heiß, die Freud' kommt nicht zu kurz. Drum ist der Frohsinn gern zu Gast in uns'rer trauten Stadt – :Glaubst du es nicht, so geh mit mir und freu dich einmal satt!: Und müßt ich einmal fort von dir, du liebes Frankenthal – Mein Herz gehört in Treue dir, du bist mein Ideal! Mögst blühen du, gedeih'n hinfort in Frieden, Glück und Ruh' – :Behüt dich Gott, du teurer Ort! Dir trink ich freudig zu!: 37
So auch an diesem Abend. Das Bleigießen war vorbei. Die Tischfeuerwerke gezündet. Die lustigen Kopfbedeckungen, die sich die versammelte Familie auf die Dauerwelle beziehungsweise Glatze gesetzt hatte, waren aufgrund des Genusses einiger Gläser Bowle schon ein wenig schief. Die Kinder zu Bett. Mit Ausnahme des Ältesten, der »ja schon fast ein Mann ist«. Da begann das ernsthafte Gespräch über das abgelaufene Jahr. Die Frauen beratschlagten die Zahl der Ehen, die jenes Jahr im Standesamt geschlossen worden waren, und spekulierten darüber, welche wohl auf Dauer gutgehen würden. Die Männer politisierten. Denn welchen Umbruch mußte man im Staat erleben: Die sozial-liberale Koalition war angetreten, mehr Demokratie zu wagen. Die Grundfesten der Bundesrepublik waren ins Wanken geraten. Die Familie, das höchste Gut des Staates, war gefährdet. »Die Sozzen« hatten sogar den Paragraphen 175 revidiert. Der Adenauer würde sich im Grabe rumdrehen. Bei der Erwähnung des Paragraphen 175 hatte Elisabeth Angstenberger aufgehorcht. Sie hatte sich schon während des gesamten Gespräches nicht entscheiden können, welcher Fraktion sie die Ehre ihres Vorsitzes zu geben gedenke, der der Frauen oder der Männer. Jetzt aber war ihre Stunde gekommen, ihren Familienoberhauptsrat den Männern zukommen zu lassen. »Aber Karl«, neigte sie sich meinem Großvater zu, »das ist doch ganz gut so, daß der Paragraph abgeschafft ist. Denk doch mal an den Fritz.« Fritz war der ältere Bruder meines Großvaters, also der Stiefbruder von Frau Angstenberger. Er war Schauspieler geworden und 1934 nach England emigriert. Irgendwann in den fünfziger Jahren war er gestorben und in seiner Familie, die sich ansonsten mit jedem noch so geringen 38
Verdienst brüstete, den einer der ihren sich zu erwerben die Peinlichkeit hatte, mit keinem Wort mehr erwähnt worden. Mein Großvater gab vor, nicht zu verstehen, was Tante Elisabeth wohl mit ihrer Anspielung meine. Triumphierend griff sie zu ihrer Handtasche, die wegen der Unmenge der Dinge, die sie immer mit sich herumschleppte, die Ausmaße einer Einkaufstasche hatte, und wühlte eine Zeitlang darin. Sie nahm einen Umschlag, der eine Unmenge Fotos enthielt, heraus und sortierte. Entgegen ihrer sonstigen Art vermied sie es diesmal sogar, einige der Fotos ihres Verlobten, der im Ersten Weltkrieg gefallen war, vorab herumzureichen. Sie suchte zielstrebig nach dem Corpus delicti. »Da ist er ja, mein Fritzel«, triumphierte sie, das Foto dem betretenen Großvater zeigend. Meine Großmutter versuchte die Situation zu überspielen, indem sie fragte, ob sie noch was zu essen aus der Küche holen solle. Aber sogar bei Tante Ute siegte die Neugier über den sonst allgegenwärtigen Hunger. Das Foto zeigte – eine Frau in einem Charlestonkleid mit Perlenkette und einer Frisur, die in sogenannten Herrenwinkern auslief Allein die festen Beine waren ein Indiz dafür, daß sich hinter der abgebildeten Dame mein Großonkel Fritz verbergen könnte. Meine Großmutter schaute meinen Großvater mit einem Blick an, der besagen sollte: »Da siehst du wieder mal, deine Schwester!« Das Foto wurde herumgereicht, und nur Tante Gisela durchbrach das allgemeine Schweigen mit der Bemerkung: »Wie an Fastnacht.« Und dann wurde in den letzten neunzig Minuten der sechziger Jahre das allgemeine Harmoniebedürfnis von dem Bedürfnis, schmutzige Wäsche zu waschen, verdrängt. Tante Elisabeth vergaß weder zu erwähnen, daß meine Großmutter ein uneheliches Kind sei, noch daß 39
diese meinen Großvater, beziehungsweise er sie, wegen der embryonalen Tante Irene habe heiraten müssen. Noch daß mein Urgroßvater, der Vater meines kantoralen Opas, ein Schürzenjäger war, das Vermögen ihrer Mutter und somit auch ihr Erbteil mit liederlichen Weibern durchgebracht habe und, »Gottes Mühlen mahlen langsam, aber sicher«, letztendlich an Syphilis gestorben sei. Im Gegenzug warf meine Großmutter der Frau Angstenberger, geborene Köchel, vor, daß diese immer ihren Mann vernachlässigt habe und, statt ihm ein Abendessen zu kochen, mit ihren Chefs in der Kunsthalle »Überstund'« geleistet habe. Auch ihre Freundschaft mit einem Parteisekretär kam bei dieser Gelegenheit auf den Tisch, wobei meine Oma sich eilte zu betonen, daß weder sie noch ihr Mann jemals in der bewußten Partei waren. Tante Irene rettete die Situation mit dem Hinweis, daß es gleich zwölf sei, und öffnete die Sektflaschen. In der allgemeinen Anstoßseligkeit nutzte ich die Gelegenheit, das Foto von Onkel Fritz, das den Eklat verursacht hatte, an mich zu nehmen und für spätere Zeiten aufzubewahren. So begannen die siebziger Jahre. Paragraph 175. Die magische Zahl 175 hatte ich zum ersten Mal gehört, als ein Schüler der Parallelklasse als »175er« bezeichnet worden war. Im Lauf der Zeit lernte ich noch mehr Bezeichnungen dafür: Warmer, Detlev, Spinatrührer, Arschficker, Schwuler. Ich hörte die ersten Schwulenwitze der »Kennste-den?«-Art: Kommt ein Schwuler von der Arbeit nach Haus. Ertappt seinen Freund Detlev, wie er ein Stück Scheiße, das in einem Handtuch liegt, durchs Badewasser zieht. Auf die Frage, was das wohl solle, bekommt er die Antwort: Ich muß doch unser Kind baden. 40
Mir war bei solchen Witzen überhaupt nicht zum Lachen zumute. Die Assoziation von Arschficken und Scheiße mit dem, was ich bei meinen Hallenbadausflügen tat, empfand ich als furchtbar ungerecht. Im Gegenteil war doch alles ganz sauber. Beide waren frisch geduscht und faßten sich an saubere Schwänze. Das einzige, was mich bisher gestört hatte, war, daß die Erlebnisse mit meinen Duschmännern immer an versteckten Orten in aller Schnelle stattgefunden hatten und die Männer nach dem Abspritzen immer sofort abgehauen waren. Nicht wissend, daß sie schon mit einem Bein im Gefängnis standen, wenn sie die Hand an meinem Schwanz hatten, hatte ich dieses Verhalten immer auf meine Person bezogen und fühlte mich abgelehnt. Ich wollte endlich mal von einem dieser Männer mit nach Hause genommen werden und mit ihm in einem Bett liegen. Aber meine diesbezüglichen Wünsche wurden immer mit der Begründung: »Die Leut', die Nachbarn« abgebürstet. Ich begann, die Schwimmbadmänner zu hassen. Zumindest die im Ludwigshafener Schwimmbad. Also verlegte ich mein Jagdrevier in die Nachbarstadt Mannheim. Eine meiner Schwimmbadaffären hatte mir erzählt, daß dort ein Park existiere, in dem sich Männer träfen. Welcher Park, hatte er mir nicht gesagt. So besorgte ich mir einen Stadtplan und durchforstete feldherrengleich alle Grünanlagen der an Grünanlagen nicht armen Stadt. Nach einiger Zeit wurde ich fündig. Die Anlage hatte den sinnigen Namen »Lauergarten«. Ich beobachtete, wie in der Dunkelheit die Herren hineingingen und im Kreis die Wege abschritten. Sie blieben nie stehen, waren fortwährend in Bewegung, immer laufend. Die Bezeichnung
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»läufig« fiel mir erst Jahre später für diese Verhaltensweise ein. Ich fing an mitzulaufen. Am Anfang in meinem normalen Schritt, so daß ich innerhalb von zwei Minuten den Rundweg absolviert hatte. Mit der Zeit lernte ich den schwulen Schritt: so zu laufen, daß man gerade noch den Eindruck erwecken kann, man wolle wirklich Spazierengehen, und trotzdem Zeit genug hat, im Vorübergehen einen zufällig Luftschnappenden genau zu mustern. Ich lernte das Spiel: langsam an einem Mann vorbeigehen, zehn Schritte weiter stehenbleiben, erst geradeaus schauen, den Kopf langsam in seine Richtung drehen und – wenn er zurückschaute – einige Schritte in seine Richtung gehen, stehenbleiben, warten, ob auch er einige Schritte in meine Richtung geht, noch ein paar Schritte in seine Richtung, warten, bis er einen Schritt näher kommt. Und dann? Ja, dann gab es zwei Möglichkeiten: Entweder er berührte einen wie zufällig mit der Hand und ging dann wie zufällig in die Richtung des nächsten Busches, ging in den Busch und wartete, bis man ihm nachfolgte. Meist stand er dann schon mit heruntergelassener Hose da und wichste seinen Schwanz. Solche Typen wollten Sex an Ort und Stelle und verschwanden wortlos nach dem Abspritzen. Oder sie begannen eine Art von Konversation, anhand derer ich mit der Zeit lernte, mit welcher Sorte ich es gerade zu tun hatte. Die Verklemmten erzählten meist, daß sie rein zufällig hier seien, wobei einige von ihnen ihren Hund als Tarnung ihres Parkaufenthalts dabeihatten. Sie fragten einen aus und kamen erst nach langem verbalen Abtasten zum richtigen Abtasten und dann zur Sache im nächsten Busch.
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Andere wiederum versuchten ihren ganzen Seelenmüll auf einmal loszuwerden, erzählten von Gott und der Welt, von ihren Müttern und sich, sagten, daß sie sich eigentlich zu schade für Orte wie diesen hier seien, aber was solle man machen, nach Hause zu ihren Müttern könnten sie niemanden mitbringen, und man hoffe doch, daß das Gesetz bald geändert werde und man dann freier leben könne. Ab und an fuhr eine Polizeistreife mit aufgeblendeten Scheinwerfern in den Park, und alles rannte in die verschiedensten Richtungen um sein bürgerliches Leben. Auch ich. Angst war das beherrschende Moment fast jedes schwulen Lebens jener Zeit. Der Zwang zum Mimikry allgegenwärtig. Dies hörte auch nicht auf, als der Paragraph 175 revidiert wurde, und zwar genau einen Tag nach meinem sechzehnten Geburtstag. Ich hatte mir schon einen Schnurrbart wachsen lassen, um älter zu wirken. Aber für einundzwanzig, das war das »Schutzalter« damals, ging ich noch nicht durch. Höchstens für achtzehn. Das Paradoxe der Situation war, daß ich die Männer vor den Folgen eines Paragraphen zu schützen trachtete, der angeblich dazu ausersehen war, mich zu schützen. Paradox war, daß ich die angesichts meiner Jugend zögerlichen Männer verführen mußte, wo doch alle Welt vor den jugendverführenden Homosexuellen warnte. Ich war zwar nicht mehr wie mit Zwölf der Auffassung, der einzige auf der Welt zu sein, der »auf dem anderen Ufer lebte«. Auch diesen Ausdruck hatte ich inzwischen gelernt. Aber ein Teil des Hanses im schwulen Glück war allein. Gewiß, ich führte ein äußerst geselliges Leben, war immer mit meinen Mitschülern zusammen, war der Klassenunterhalter, war bei 43
meinen Lehrern beliebt und seit meiner heterosexuellen Komödie auch als Platzhirsch anerkannt. Den anderen, den eigentlichen Teil meines Lebens, meine Jagdausflüge nach Mannheim, konnte ich äußerlich gut mit meinem sozialen Leben in Einklang bringen. Ich hatte damals bestens gelernt, auf der Klaviatur der Verhaltensweisen zu spielen, die man Imagebildung nennt und in der die meisten Schwulen Meister sind. Für meine Heterosexualität hätte meine Umwelt in Bad D. die Hand ins Feuer gelegt. Aber ich wollte einen Freund haben. Nicht in dem üblichen Sinne, in dem es die pädophilen Grapscher meinten, die, vom pädagogischen Eros beseelt, mir, dem Gymnasiasten, Fremdwörter meist falsch zu erklären versuchten. In der Art wie: »Kawasaki ist japanisch und heißt Selbstmord.« Ich brauchte so etwas wie einen Zwillingsbruder, der mir zur Seite stehen sollte und mit dem ich die feindliche Umwelt wenn schon nicht bekämpfen, so doch besser bewältigen konnte. Ein solcher potentieller Zwillingsbruder war greifbar nahe. In der Parallelklasse. Sein Name war Dietrich Ritter, er war athletisch gebaut und hatte trotz seines Alters schon gelichtete Stirnhaare. Vom Aussehen war er alles andere als der Prototyp eines Schwulen. Trotzdem wurde aus irgendwelchen Gründen immer gemunkelt, daß er ein »Warmer« sei, und man nannte ihn hinter vorgehaltener Hand »Diethilde«. Mit der Zeit wurde der Klatsch immer frecher, und man machte ihm gegenüber anzügliche Bemerkungen: »Na, Ritterchen, haste heute schon 'ne Lanze im Arsch gehabt?« Er setzte sich nie zur Wehr, obwohl er kräftemäßig den anderen haushoch überlegen gewesen wäre. Ich hatte panische Angst, mit ihm irgendwie in 44
Verbindung gebracht werden zu können, und behandelte ihn, als habe er eine ansteckende Krankheit. Wurde über ihn hergezogen, hielt ich mich zwar zurück, nahm ihn aber auch nicht in Schutz. An seinem Beispiel sah ich, welche Verfolgung ich zu erwarten hätte, käme mein heimliches Leben in die Klassenöffentlichkeit. Er schien mein Verhalten richtig zu interpretieren. Auf der Schultoilette stellte er sich neben mich, holte seinen Schwanz raus, der so beachtlich wie sein Oberkörper entwickelt war, und wartete, bis ich knallrot wurde. »Gib doch zu, daß du genauso bist«, grinste er mich unverschämt an, packte wieder ein und ging. Ich fühlte mich ertappt; war wütend auf ihn; hatte Angst, daß er mich verraten könnte. Und ersetzte nachts Mark Spitz durch Dietrich Ritter. Tagsüber versuchte ich im Pausenhof möglichst nicht in seine Richtung zu schauen, besonders wenn ich das Gefühl hatte, er könnte mich beobachten. Ich fing an, mich an den Witzen zu beteiligen, die über ihn gerissen wurden. Je mehr ich ihm aus dem Weg ging, desto öfter begegnete ich ihm paradoxerweise. Wir spielten Hase und Igel. Stand ich beim Bäcker – er war schon da. Holte ich bei Edeka ein – er war schon da. Er kochte mich langsam weich. Aber wie mit ihm in Verbindung kommen, ohne mit ihm in Verbindung gebracht zu werden? Ich erwähnte im Schulhof lautstark, daß ich am kommenden Wochenende allein zu Hause sei, da meine Sippschaft im Allgäu Verwandte besuche. Ich erwähnte es am Mittwoch. Ich erwähnte es am Donnerstag. Ich erwähnte es am Freitag. Am Samstag nach der Schule eilte ich nach Hause, badete und wartete. Es klingelte nicht. Weder die Haustür noch das Telefon. Ich überlegte mir alle möglichen Strategien. Selbst initiativ zu werden und bei Ritters unter einem 45
Vorwand anzurufen, verbot ich mir. Er hätte ja denken können, ich sei schwul. Ich onanierte die ganze Nacht. Ich stand, entgegen meiner sonstigen Art, sonntags morgens schon um acht Uhr auf. Und wartete. Nachmittags um 14 Uhr klingelte es. Es war Frau Fickeisen aus dem ersten Stock, die mir ein Stück Kuchen brachte. Ich hasse Kuchen. Es gelang mir, sie nach der ausführlichen Schilderung ihrer Schwierigkeiten, die sie tags zuvor bei der Reinigung des Treppenhauses hatte, mit dem Hinweis auf eine bevorstehende Mathematikarbeit, für die ich noch lernen müsse, wieder hinauszukomplimentieren. Leider nicht rechtzeitig genug. Denn während sie mir in der Wohnungstür noch alles Gute in der Schule wünschte, klingelte es erneut. Diesmal war er es. Ausgerechnet in Anwesenheit unseres Hauszerberus mußte er auftauchen. Er kam hoch. Ich wurde knallrot. Bat ihn verstohlen in die Wohnung. Schloß die Tür. Er sah mich stumm an. Griff mir an die Hose. Ich zitterte vor Geilheit. Da klingelte es wieder. Frau Fickeisen wollte nur mal nachfragen, ob der andere junge Mann nicht vielleicht auch ein Stück Kuchen haben wolle. Ich hatte im Geschichtsunterricht schon immer voller Interesse das mittelalterliche Strafrecht verfolgt. Ich konnte jetzt nachvollziehen, was Zweiteilung bedeutete. Zwischen Dietrich Ritter und Frau Fickeisen stehend, redete ich wirres Zeug, das an Aphasie grenzte. Nach weiteren Konversationsinhalten, zum Beispiel daß der Fickeisensche Enkel auch immer so fleißig lerne wie wir beiden jungen Männer, verabschiedete sich Dietrich Ritter. Frau Fickeisen blieb. Jetzt war es an mir, ihm nachzulaufen. Ich behandelte ihn zwar in der Öffentlichkeit immer noch, als hätte ich 46
noch nie mit ihm gesprochen. Hatte ich ja auch nicht, er hatte mir »nur« an die Hose gefaßt. Aber ich rief bei ihm zu Hause an. Ich mußte ein paarmal wieder auflegen, weil seine Mutter sich mit schnarrender Stimme meldete, aber letztendlich erreichte ich ihn doch. Wir verabredeten uns in einem Steinbruch oberhalb von Bad D. Ich wartete etwa eine halbe Stunde über die vereinbarte Zeit hinaus. Er kam, ging mir, ohne ein Wort zu sagen, an die Hose, öffnete sie, zog sie an meinen Beinen herunter, spuckte in die Hand, feuchtete meinen Arsch an, drehte mich um und begann mich zu ficken. Es tat höllisch weh. Er wurde schneller, stöhnte verhalten, zog den Schwanz raus, wischte sich mit einem Tempo ab, zog die Hose hoch und ging. Er hatte sich für meine Feigheiten an mir gerächt. Ich stand mit heruntergelassenen Hosen da und hätte ihn umbringen können. So hatte ich mir meine Entjungferung nicht vorgestellt. Ich wandte mich wieder älteren Männern zu. Das hieß damals für mich Männern so Mitte Zwanzig. Hier konnte wiederum ich mich rächen. Ich erzählte ihnen, ich sei Dachdeckerlehrling, und lachte mich halb schief, wenn sie den Gebildeten raushängen ließen und mir irgendwelche Sachen auf väterliche Art falsch erklärten. Ich ließ mich auch nicht mehr auf irgendwelche Parknummern ein, sondern bestand darauf, mit nach Hause zu kommen. Ich genoß es, wenn bei den Typen die Geilheit über die Angst siegte. Denn gefährlich war es für sie immer noch. Damals, Ende 1969. Auch wenn ich mein Alter jetzt mit Zwanzig angab. Mit der Zeit ging es mir gar nicht mehr um die Typen allein. Ich wollte in verschiedene Wohnungen mitgenommen werden, verschiedene Lebensstile kennenlernen. Ich 47
war darauf aus, die Gesamtheit der Schwulen in mich aufzunehmen. Zu der Zeit behandelten wir im Deutschunterricht gerade Dürrenmatt. Neben den ›Physikern‹ hatte es mir besonders der ›Besuch der alten Dame‹ angetan. Der Satz Claire Zachanassians: »Die Welt machte mich zur Hure, nun mache ich sie zu einem Bordell« beeindruckte mich tief Ich war der einzige in der Klasse, der die Titelheldin in einem Aufsatz nicht als rachsüchtiges, altes, verkrüppeltes Weib denunzierte, sondern sie als Heilige, als Retterin der Gerechtigkeit darstellte. Meine Deutschlehrerin, eine kettenrauchende, verhärmt aussehende Frau, deren Augen und Lachen jedoch signalisierten, daß auch sie mal bessere Tage gesehen hatte, betrachtete mich fortan mit unverhohlener Sympathie. Bis zu jenem legendären Silvesterabend 1969, an dem durch das Verdienst der Tante Angstenberger die Fassade der Familie zerbröckelt war, war ich nie über Nacht weggeblieben. Ich richtete es immer so ein, daß ich bis zu meinem sechzehnten Geburtstag spätestens um 22 Uhr, danach spätestens um 24 Uhr zu Hause war. Meist hatte ich meine Geschichtchen wohlpräpariert, erzählte von Diskotheken und mit welchen Mädchen ich getanzt hätte und daß ich diese hätte noch nach Hause bringen müssen. Und was immer sonst noch meiner Phantasie entsprang. Großmutter spielte zwar ein wenig besorgt, aber Großvater, stolz, daß seine Potenz bezüglich der Damenwelt in seinem Enkel fröhliche Urständ feierte, nahm mich immer in Schutz, da er ja auch früher, »vor der Ehe natürlich«, über die Stränge geschlagen habe. Meine Großmutter beließ es dann meist mit der Warnung, mir bloß kein Kind 48
an den Hals drehen zu lassen. Und solange ich in der Schule weiterhin so fleißig sei, habe sie nichts dagegen einzuwenden. So konnte ich denn weiterhin unbelästigt nach Mannheim fahren, um dort mit Mädchen zu tanzen. In der Nacht auf den Dreikönigstag 1970 lief mir im Park Peter Seifert zu. Das heißt, sein Hund. Ein riesiger Schäferhund lief auf mich zu, schnupperte an mir und wedelte mit dem Schwanz. Meine Angst vor Hunden ließ mich zur Salzsäule erstarren. »Du brauchscht koine Angscht zu hawwe. Der tut dir nix«, pfälzelte der Herr, den der Hund spazieren führte. »Der mag disch. Du bischt ja auch ein goldischer Bub.« Der zugehörige Herr trug eine Hose, die an den Oberschenkeln hauteng war und unten einen weiten Schlag hatte. Darüber hatte er einen Rollkragenpullover, dessen Farbe sich später, bei Licht besehen, als Rot herausstellen sollte. Über dem Pullover trug er einen breiten Gürtel, was damals todschick war. Und er hatte lange Haare. Zwar nicht so schulterlange wie die meinen, die damals mein ganzer Stolz waren. Eher in der Länge wie die Frisur der Dame im Charlestonkleid auf dem Silvesterfoto, das meinen Großonkel Fritz darstellte. Die Herrenwinker fehlten allerdings. Er setzte sich zu mir auf die Bank und fing an über seinen Hund zu reden. Ich kannte solche Aufwärmgespräche ja zur Genüge und wartete auf die obligatorische Frage, ob ich noch was vorhätte und ob wir noch auf einen Kaffee zu ihm gingen. Die Frage, ob ich noch etwas vorhätte, kam wirklich, und ich verneinte sie – wahrheitswidrig. Denn ich hatte noch was vor, und zwar mit ihm. Aber statt zu sich nach Hause lud er mich in ein Lokal ein, in dem »Leut' von unserer Sort'« verkehrten. Ich hatte zwar schon von einem Lokal dieser Art gehört. Aber man hatte mir immer gesagt, daß dort nur Clubmitglieder mit 49
Mitgliedskarte hineindürften. Und außerdem würden Ausweiskontrollen gemacht, so daß ich mit Sechzehn keine Chance hätte. Aber jetzt, da der Paragraph schon vier Monate revidiert war, wurden die Kontrollen nach Peters Aussage laxer gehandhabt. Das Lokal war keine drei Minuten vom Park entfernt und hieß »Pferdestall«. Ich war schon öfter daran vorbeigelaufen, wäre aber nie auf die Idee gekommen, daß sich dahinter ein schwules Lokal verbergen könnte. Ich dachte bei dem Namen eher an ein Etablissement wie den väterlichen »Bierstall«, in dem die Tante Nutt ihrer Pensionierung entgegenanimierte. Peter klingelte an der Tür. Ich hatte mich vorsichtshalber hinter seinem Rücken postiert und versuchte, besonders alt auszusehen. Eine Türklappe wurde geöffnet, der Türsteher schien Peter zu kennen und öffnete. Wir gingen hinein, der Türsteher musterte mich kurz und zog die Augenbrauen hoch. Ich bemühte mich, besonders altmännlich »Guten Abend« zu sagen, und er ließ uns passieren. Gleich links hinter dem Eingang war eine Garderobe, an der in besseren Tagen wohl eine Garderobenfrau gesessen hatte. Dort wurde »Mäusele«, so hieß der Schäferhund, angebunden. Wir gingen geradeaus. Selbst meine in Geschmacksfragen nicht allzu progressive Großmutter wäre bei dem folgenden Anblick in Ohnmacht gefallen: Die Wände waren mit Gobelintapeten verkleidet, auf denen, umrahmt von Kristallüstern, Schäferszenen aus dem 18. Jahrhundert dargestellt waren. An zwei Seiten des quadratischen Raumes waren Tischchen aufgestellt, an denen jeweils drei Rokokostühlchen standen. Die Tischchen waren mit Deckchen belegt, auf denen Lämpchen standen, deren Stil ich in keinem Kunstunterricht jemals kennengelernt hatte und 50
deren Schirmchen zart bleu leuchteten. Vom Eingang liefen wir geradezu auf eine U-förmige Bar, die im bäuerlich-rustikalen Stil gezimmert war und die von rustikalgedrechselten Barhockern umgeben war. An der Wand über der Bar hingen zwei Pferdehalfter, die dem Lokal wohl den Namen gegeben hatten. Peter und ich setzten uns an die Bar, und er stellte mich als seinen neuen Freund vor. Dem zu widersprechen wäre unhöflich gewesen, denn er lud mich zu einer Cola ein. Da es noch früh am Abend war, waren außer uns und dem Barkeeper nur zwei langhaarige Typen – ungefähr in meinem Alter – uns gegenüber und ein graumelierter Mann, zwei Barhocker rechts von mir, anwesend. Irgendwelche deutschen Schlager, die mir damals ein Graus waren, dudelten aus der Musikbox. Ein Alptraum war wahr geworden. Die beiden gleichaltrigen Typen stierten an uns vorbei an die Wand. Sie warteten, wie mir später zugeflüstert wurde, »auf Kundschaft«. Der Graumelierte winkte, nachdem er Peter und mich eine Zeitlang beobachtet hatte, den Barkeeper zu sich und sagte ihm etwas, den Kopf dabei in unsere Richtung drehend. Der Barkeeper brachte uns daraufhin zwei Gläser, in denen das entsetzlichste Getränk war, das ich kenne und das in Mannheim »Hütchen« genannt wird: ein Gebräu aus Asbach und Cola. Ich machte, wie mir Peter später erzählte, sofort einen in Schwulenlokalen gravierenden Fehler. Ich nahm es an, prostete dem Graumelierten zu und trank es, während Peter seines stehen ließ. Damit war ich für den Abschuß freigegeben, und der Graumelierte setzte sich zu uns. Fred, so stellte er sich vor, hatte mich sofort als Küken erkannt. Er fragte mich nach meinem Namen – »Hans!« –, nach meinem Beruf – »Dachdeckergeselle!« –, nach 51
meinem Alter – »Einundzwanzig!«. Er gab sein Alter, nach unten gerundet, mit Fünfunddreißig an, jener magischen Zahl, der ich später noch öfter begegnete, und als Beruf Substitut; er trage also im Kaufhof die Verantwortung. Und er erzählte von alten Zeiten, wobei er allerdings des öfteren die Jahreszahlen um den Betrag korrigieren mußte, um den er sich jünger gemacht hatte. Er sprach von der Zeit vor 1969, als man noch Angst vor dem Gefängnis haben mußte. Wo der Maler Rudi Bärwind, ein stadtbekannter Säufer, was in der Stadt verziehen wurde, mit dem Sohn eines Polizisten was gehabt hatte. Was nicht verziehen wurde. Der Polizistenvater hatte, nachdem er das Tagebuch seines Sohnes gelesen hatte, als pflichtbewußter Beamter – Offizialdelikt! – nichts Eiligeres zu tun, als seinen eigenen Sohn und dessen Liebhaber anzuzeigen. Worauf der Sohn auf die Anklagebank kam und der Maler sich seiner Verhaftung durch Emigration nach Paris entzog. Aber schön sei es doch gewesen, meinte der graumelierte Fred, und es habe noch einen Zusammenhalt unter den Homophilen damals gegeben, und sie seien nicht so ungepflegt und langhaarig gewesen. Peter war während der Erzählung unruhig geworden und fragte, ob ich hier noch etwas zu trinken gedächte oder bei ihm zu Hause, wo es billiger sei. Das Billigere kam mir gerade recht. Fred schüttelte mir zum Abschied noch die Hand und ermahnte mich, daß ich nicht unter die Räder kommen solle – leicht traurig darüber, daß er an dem Abend nicht das erste Rad sein konnte. »Mäusele« wedelte freudig, als Peter ihn von der Garderobe losband. Wir mußten eine Viertelstunde laufen, bis wir zu Peters Wohnung kamen. Im Wohnzimmer stand die – wie ich im Laufe meiner schwulen Karriere noch oft 52
erlebte – obligatorische Couchgarnitur. In der Schrankwand – »altdeutsch!« – standen die silbergerahmten Fotos von Mäusele als Welpe und mit zwei Jahren und das goldgerahmte Foto von Peters Mutter – »eine herzensgute Frau!« Mitten im Raum stand ein Gummibaum, der, Weihnachten lag ja erst vierzehn Tage zurück, mit einer Lichterkette geschmückt war. Peter ließ mich auf der Couch Platz nehmen, holte zwei Gläser, die meinem Wunsche gemäß hätten mit Cola gefüllt sein müssen, die in Wirklichkeit aber zu mindestens fünfzig Prozent mit Asbach gefüllt waren, legte, wie er sie bezeichnete, romantische Musik auf, kramte aus dem altdeutschen Schrank einige Magazine heraus, die er aus Holland mitgebracht hatte, und setzte sich neben mich. »Gefallen dir die Bilder?« Ich schaute abwechselnd auf die Bilder an der Wand, die feurige Zigeunerinnen und deutsche Schäferhunde darstellten, und auf die von Peter aufgeschlagenen Pornos. Er wartete meine Antwort gar nicht erst ab, sondern ging mir gleich an die Hose. Das Angenehme – heute weiß ich gar nicht mehr, ob es wirklich so angenehm ist –, das Angenehme an der Jugend ist, daß man immer kann. Ob man jemanden besonders geil findet oder nicht. Und so zeigte sich auch bei mir die von Peter erwünschte Reaktion. Ohne zu murren, ging ich mit, als er mich bat, ins Schlafzimmer zu kommen, wo es gemütlicher sei. Und wie gemütlich es war! Weißer Schleiflack, ein Doppelbett mit einer Paradedecke und zwei Paradekissen. Auf einem der Kissen hatte eine Jahrmarktspuppe Platz genommen, die davon kündete, daß jedes Los gewonnen hatte. Peter nahm die Puppe weg, setzte sie auf die Frisierkommode, legte die Paradekissen auf einen Stuhl, rollte die Paradedecke weg, machte das große Licht aus, knipste die Nachttischlämpchen an, zog 53
sich aus, legte sich auf den Bauch und sagte: »Fick meine geile Fotze.« Daß ich es zufriedenstellend konnte, spricht entweder für meine damalige Potenz oder für mein schon damals aufkeimendes Faible für skurrile Situationen. Ich schlief auf ihm ein und wurde von ihm um fünf Uhr geweckt. Seine Mutter arbeite nämlich im Krankenhaus in der Nachtwache und werde gegen halb sieben zurückkommen und schlafen wollen, meinte er. Ich hatte also die Nacht in einem Ehebett verbracht, in dem Mutter und Sohn für gewöhnlich nächtigten. Während er auf dem Klo war, stahl ich eines seiner Pornomagazine, versteckte es unter meinem Pullover und verabschiedete mich eilig. Zuhause, wo ich mich mit einer verpaßten Straßenbahn entschuldigte, versteckte ich es unter der Matratze, um es bei Gelegenheit wieder herauszuholen. Als ich nach Ostern von einem Landschulaufenthalt wieder zurückkam, empfing mich meine Großmutter mit versteinertem Gesicht an der Wohnungstür. »Die Schand', die Schand'« war das einzige, was sie über die Lippen brachte. Schlagartig fiel mir ein, daß im Rahmen des Frühjahrsputzes die Matratzen gelüftet wurden. Und somit auch mein Geheimnis gelüftet worden war. Man hatte die peinliche Entdeckung nur der Tante Irene mitgeteilt, die als psychologische Sachverständige eingeweiht worden war. Sie hatte gleich den passenden Spruch parat: »Die Sünden der Väter fallen auf den Stamm zurück« oder so ähnlich. Abends wurde der Patriarch zu Rate gezogen. Er ermahnte mich großväterlich, von solchen Dingen zu lassen. Ich solle ja nicht enden wie sein Bruder Fritz, der »ja genug Unglück über die Familie gebracht« habe. In einem Anfall von Courage weigerte ich mich, angesichts dieser Inquisition abzuschwören. Er bekam einen roten Kopf und schrie: »Sargnagel, solange du die Füße noch 54
unter meinem Tisch hast, parierst du. Ich schlag' dich, biste zur Vernunft kommst.« Mit Ausnahme meiner hysterischen Mutter hatte mir noch niemand Schläge angedroht. Und selbst sie hatte es immer nur bei dem Vorsatz belassen. »Dann schlag' ich halt zurück«, sprach aus mir ein zum Eklat entschlossener Hans. Der Großinquisitor faßte sich mit der Hand an die Brust – wie immer, wenn er einen erpressen und demonstrieren wollte, daß man an seinem frühen Ende die Schuld habe – und versuchte, den biblischen Stammvater zu spielen: »Wer die Hand gegen sein eigen Fleisch und Blut hebt, dem soll sie abfaulen!« Nach mehreren Monaten des gegenseitigen Anschweigens suchte ich mir einen eigenen Tisch, unter den ich meine Füße stellen konnte. Ich gab Nachhilfeunterricht, ließ mir ab und zu von einem der netten Herrn etwas Geld zustecken und kam in den Genuß des neu eingeführten Schülerbafögs. Durch Vermittlung meiner Deutschlehrerin, der ich meine Situation geschildert hatte – auf mein Geständnis, daß ich schwul sei, hatte sie geantwortet: »Hans, machen Sie sich nichts daraus. Loch ist Loch.« –, fand ich ein möbliertes Zimmer, mit separatem Eingang, in einem Dorf, das zwischen Bad D. und Mannheim lag. Meine Hoffnung auf eine sturmfreie Bude wurde enttäuscht. Frau Wiegand, meine Zimmerwirtin, schüttete den ganzen Haufen ungebrauchte Mütterlichkeit über mir aus, den sie auf ihre alten Tage aus ihrer Kittelschürze kramen konnte. Sie servierte morgens das Frühstück, für das ich nicht zu zahlen brauchte, da es ja von Herzen kam. Wann immer sie konnte, und sie konnte fast immer, kam sie zu mir aufs Zimmer, um zu schauen, ob ich noch was brauchte. Daß ich meine Ruhe brauchte, um ungestört meinen Phantasien nachgehen zu können, konnte ich ihr nicht 55
sagen, da sie betonte, wie gut sie es mit mir meine – mit mir, der ja so elternlos lebe und niemanden habe. Es zeigte sich der Fluch meiner Lüge, daß ich bei Anmietung des Zimmers meine Verwandtschaft hatte sterben lassen. Und so kam es, daß ich nur zum Schlafen in meine erste, eigene Bude kam und die Zeit bis zum Müdewerden entweder bei meinen Nachhilfeschülern oder bei meinen Klassenkameraden zubrachte. Seit der Oberstufe wurden wir koedukativ unterrichtet. Das heißt, der Knaben- und der Mädchenzweig des Gymnasiums wurden zusammengelegt und gemischte Klassen gebildet. Durch die Zusammenlegung der beiden Zweige und bedingt durch den Abgang der Schüler, die das Gymnasium mit der mittleren Reife verlassen hatten, wurden fast vollständig neue Klassen gebildet, so daß von meiner alten nur Jürgen Alt und ich übriggeblieben waren. Jürgen Alt war der Sohn jener Alts, die im Urlaub nach Sylt fuhren und dort nackt badeten, weshalb mir früher der Kontakt zu ihm verboten worden war. Als weitere revolutionäre Tat der Schulreform war ab der Oberstufe die Reihenanordnung der Schulbänke abgeschafft worden. Die Tische standen jetzt U-förmig. Allerdings saßen, trotz des Koedukationsprinzips, die Schüler und Schülerinnen nach Geschlechtern getrennt sich gegenüber an den Schenkeln des »U«, während der jeweilige Lehrer die Basis des »U« belegte. Von den neuen Schülern waren nur Peter Brenneisen und Jochen Breitschwerdt bemerkenswert. Peter Brenneisen war der Sohn unseres früheren Mathematiklehrers, langaufgeschossen, hypernervös und galt allgemein als Spinner. Er fühlte sich zu Höherem berufen und wollte unbedingt Mitglied des Jet-set werden. Da er 56
seine Karriere genau plante, war er gleichzeitig Mitglied des Tennis- und des Flugklubs geworden, um so besser Kontakt zur kleinstädtischen Hautevolee zu bekommen. Mich, als Sproß des Kulturlebens in Bad D., zählte er auch irgendwie dazu. Er bemühte sich eifrig, mit mir in Kontakt zu kommen. Da damals gerade die Verfilmung von Simmels Roman ›Liebe ist nur ein Wort‹ der große Renner war, in dem das Verhältnis eines Schülers mit einer Fabrikantengattin, die dessen Mutter hätte sein können, dargestellt war, war er der festen Überzeugung, nur über das Verhältnis mit reichen Gattinnen in die obere Klasse aufsteigen zu können. Ich sollte ihm dabei behilflich sein. Jochen Breitschwerdt war ein athletischer dunkelhaariger Typ, der eine Figur wie mein Andy-Warhol-Idol, Joe Dallesandro, hatte. Er wippte dauernd mit den Beinen, was damit zusammenhing, daß er aufgrund der ihm gegenübersitzenden Martha Kaiser dauernd einen Ständer hatte. Ich beneidete Martha Kaiser darum. Sie war, neben Michaela Sandhofer, die einzig bemerkenswerte Frau in der Klasse. Sie hatte den Körper von Audrey Hepburn und das Gesicht von Sophia Loren. Nicht nur wegen ihres Namens wurde sie »die Kaiserin« genannt. In ihrem grünen Maximantel, wie er damals Mode war, schwebte sie morgens in die Klasse, als käme sie gerade von Regierungsgeschäften. Daß sie die Nacht zuvor meist Jochen Breitschwerdts Zepter bestiegen hatte, war erst später Gegenstand des Klassentratsches. Ihre andere Leidenschaft war Italienisch. In den großen Ferien fuhr sie immer auf Sprachurlaub nach Florenz, wo sie die Männer der dortigen Hochfinanz beglückte, was sich offensichtlich in hohen Garderobenspesen auszahlte. Ich war damals der festen Überzeugung, daß dieses Klasseweib es als einzige der Klassenweiber schaffen würde, 57
sich später zumindest einen gutaussehenden Milliardär zu angeln, und als Martha Kaiser-Flick die Regenbogenpresse füllen würde. Sie angelte sich später einen versoffenen, schmerbäuchigen, verkrachten Studienabbrecher und zieht heute, als Martha Kaiser-Loch, drei Kinder in kleinen Verhältnissen groß. Im Gegensatz dazu die heutige Chefarztgattin Michaela Sandhofer: Sie war Winzerstochter und litt sichtlich unter ihrer zu großen Brust, die sie unter wallenden Gewändern und wallendem Engelshaar zu verbergen trachtete. Sie war kurzsichtig, setzte ihre Brille nur dann auf, wenn es galt, etwas von der Tafel abzuschreiben, und hatte den für Kurzsichtige typischen erotischen Blick. Sie versuchte ihre, wie sie glaubte, »kleine« Herkunft zu überspielen, indem sie sich besonders progressiv gab. Sie pflegte barfuß zu laufen, las die Mao-Bibel und Wilhelm Reich und erzählte allen, die es nicht hören wollten, von ihren Orgasmusschwierigkeiten, und daß sie deswegen ja so frustriert sei. Frustration war überhaupt ihr Lieblingswort. Alles war frustrierend: die Schule, ihr Busen, ihre Gewichts»probläme«, ihr Elternhaus. Sie fand in mir einen geduldigen Zuhörer ihrer Probläme und lud mich häufig in ihr indisch geschmücktes Zimmer bei Räucherstäbchen zu Vanilletee ein. Dort entfloh sie mit mir der Realität, und wir träumten gemeinsam von einem progressiven Leben. Sie war auch die erste meiner Klasse, der ich von meinen schwulen Neigungen erzählte, und sie fand es ungeheuer progressiv. So wurde sie zu meiner, im Wortsinne, größten Busenfreundin. Da sie nicht nur Probläme mit ihrem Busen hatte, sondern auch Schwierigkeiten, den Richtigen zu finden, mit dem sie keine Orgasmusschwierigkeiten hätte, gingen wir des öfteren gemeinsam auf Männerfang. 58
Heidelberg war damals das Eldorado aller progressiv Empfindenden des Kurpfälzer Raumes. Mit der Bahn waren es von Bad D. anderthalb Stunden Fahrt. Michaela und ich wallfahrten in diese Stadt zur Linderung unserer unprogressiven Leiden wie die Katholiken nach Lourdes. Wir liefen die Hauptstraße hoch und runter, schauten unseren Traummännern nach, wie sie in indischen Gewändern, die langen Haare mit einem Stirnband zusammengehalten, und Jesuslatschen ihre Weltanschauung zum Ausdruck brachten. Für unsere Kleinstadtcharaktere war dies hier die Welt schlechthin. Wir setzten uns an den Uniplatz, unterhielten uns mit den dortigen Hippies, die dem bürgerlichen Leben eine schroffe Absage erteilt hatten, und rauchten unsere ersten Joints. Ich verspürte zwar anfänglich nichts, da ich damals noch keine Lungenzüge machen konnte – ich nehme an, Michaela genausowenig –, aber wir hatten frühzeitig gelesen, was man nach Haschischgenuß zu empfinden habe. Und so sahen wir lauter Farben. Und abends ging es ins »Whisky à gogo«, eine Kneipe, die im Ruch stand, daß dort auch viele Schwule verkehrten. Das »Whisky«, in Insiderkreisen »Wichsi« genannt, war eine winzige Kneipe, die unterhalb des Schlosses in einem Altbau das Erdgeschoß einnahm, etwa eine Fläche von fünfundzwanzig Quadratmetern. Die Tresenschlampe, ein ungefähr achtzehnjähriger Ephebe, der sich wahrscheinlich seinen Job erschlafen hatte, wurde Berta gerufen und hatte in seinen kurzen Hosen wahnsinnig schöne Beine. Ich war neidisch auf seinen Afrolook. Wenn ein Gast bestellte, wiederholte er die Bestellung in einem der schauerlichsten Dialekte, die ich jemals gehört hatte. Er verdreifachte die Vokale der Wörter und sprach jeden ein59
zelnen in einer anderen Tonlage, so daß auf die Bestellung einer Cola oder eines Bieres mit der Wiederholung ein »Cohoholaha« oder ein »Biehiehier« geantwortet wurde. Berta war die Treue in Person. Das heißt, sie verschrieb sich ihrem jeweiligen Liebhaber mit Haut und Haaren. War sie aus Liebe zum Besitzer des »Whisky« Barschlampe geworden, so lernte sie später einen Perser kennen, der sie so lange durchknallte, bis sie zum Islam konvertierte. Später verliebte sie sich in einen K-Gruppen-Menschen und wurde der fleischgewordene Marxismus-Leninismus. Bei einem der Heidelberger Krawalle kämpfte sie dann an vorderster Front gegen die herrschende Klasse und war die gefeierte Heldin bei der Erstürmung der Heiliggeistkirche. Diese war aus irgendeinem Grund das begehrte Ziel der Demonstranten. Ein Polizeikordon schützte die Kirche und wich auch nicht, als er mit Farbeiern bombardiert wurde. Von der Erstürmung der Kirche hing offensichtlich der Erfolg der Revolution ab. Da setzte sich Berta Luxemburg an die Spitze der Bewegung. Sie ging auf den Polizistengürtel zu, postierte sich vor einem besonders grimmig dreinschauenden Wachtmeister, rief laut und für die Demonstranten vernehmlich: »Na, wo haben wir denn den Knüppel?« und griff dem Wachtmeister mit an K-Gruppen-Kaderschwänzen geübter Hand an die Hose. Was alle Farbeier nicht vermocht hatten, Bertas Griff schaffte es. Der Polizist wich zurück, um seine Unschuld zu schützen. Eine Bresche war geschlagen, und die Demonstranten konnten die Kirche stürmen. Was sie dort wollten, wußte anschließend allerdings niemand mehr, und so zog man nach diesem revolutionären Akt wieder friedlich ab. Die Heldin der Revolution ging mit ihrem K-Gruppenkaderführer ins »Whisky« und dann nach Hause. Später traf ich Berta wieder mit rasiertem Kopf und wußte sofort, daß sie 60
gerade in einen Hare-Krishna-Menschen verliebt war. Und viel später sah ich sie im Fernsehen, als sie als Abgeordnete der Grünen ihre Jungfernrede hielt. Also gab es zumindest ein Mitglied der Grünen, das mit seinem großen Schwanz für Bertas politische Willensbildung gesorgt hatte. »Herzlichen Glückwunsch zum bestandenen Abitur und alles Gute für Ihren weiteren Lebensweg.« Rektor Frömmel, der sinnigerweise neben Latein auch noch Religion unterrichtete, schüttelte mir die Hand. Es war zur Zeit der Auseinandersetzungen über die Ostverträge 1972 und des gescheiterten Mißtrauensvotums gegen Willy Brandt. Auch ich war gescheitert, und zwar als Nachhilfelehrer von Martha Kaiser. In Mathematik hatte ich ihr durch Hinterlegen der Lösungen auf der Damentoilette noch zu einer passablen Vier verholfen, aber in ihrem Wahlfach Geographie stand sie zwischen Vier und Fünf, so daß sie in die mündliche Prüfung mußte. Mündliche Prüfungen waren öffentlich, so daß ich Zeuge meines Versagens als Nachhilfelehrer werden konnte. Aus dem Kultusministerium war die Staatssekretärin Hanna-Renate L. angereist, um mit ihrer Anwesenheit die Abiturprüfung zu schmücken. Zwar hatte Martha Kaiser noch rechtzeitig mit dem Lehrer für Geographie und Sport diverse Leibesübungen getätigt, aber Herr Sandhoff konnte in Anwesenheit des hohen Besuchs Martha nicht allzu offensichtlich über die Hürde helfen. Und so versuchte er es, nachdem Martha auf einige Fragen nach der Wirtschaftsstruktur der Republik Libanon mit den Schultern und den Augenbrauen gezuckt hatte, mit einer Eselinnenbrücke, um ihr den noch notwendigen Punkt zu verschaffen. Er zeigte ihr die Staatsflagge des Libanon, auf der der Nationalbaum der 61
Republik, die Zeder, abgebildet ist, und fragte verzweifelt: »Fräulein Kaiser«, er mußte sie ja in dieser Situation siezen, »durch welche Baumart ist der Libanon berühmt geworden?« Fräulein Kaiser nestelte an ihren Locken, dachte verzweifelt nach und antwortete, als sie bemerkte, daß die Prüfungskommission langsam unruhig wurde, mit: »Fichten?« Was die Kommissionsvorsitzende, Frau L., die das gekünstelte Gesieze zwischen Lehrer und Schülerin durchaus bemerkt hatte, zu der Äußerung veranlaßte, daß Lidschatten wohl nicht zur Erlangung der Hochschulreife ausreichten. Martha Kaiser machte sich nichts daraus und fuhr nach nichtbestandenem Abitur nach Florenz. Ich meinerseits bewarb mich zusammen mit Michaela Sandhofer um einen Job als Hilfserzieher in einem heilpädagogischen Kinderheim in Oberotterbach. In den darauffolgenden zwei Monaten lernten wir Kinder hassen, verdienten aber genug, um zusammen nach Jugoslawien in Urlaub fahren zu können. Dort hatte Michaela Gelegenheit genug, ihre Orgasmusschwierigkeiten zu überwinden. Und auch ich lernte einige Brocken der Landessprache aus erster Hand kennen. »Boy, 25, 176, 60, sucht Boy bis 25 für Freundschaft.« Die ›Frankfurter Bundschau‹ hatte damals als erste »seriöse« Zeitung begonnen, Kontaktanzeigen abzudrucken, in denen Männer beziehungsweise Boys nach Gleichgesinnten suchten. Ich ging, es war Mai 1975, schon auf die Zwanzig zu, und da macht sich ja, wie Marilyn Monroe es ausdrückte, ein Mädchen Gedanken. In Jugoslawien waren Michaela und ich uns nicht schlüssig geworden, ob und was wir studieren sollten. Da wir beide uns allzugerne mit Problämen befaßten, war eigent62
lich das Studium der Psychologie angebracht. Aber nach dreizehn Jahren Schule gleich wieder in die Tretmühle? Außerdem hatte Michaela gerade einen heißen Typ kennengelernt, dessen dicker Schwanz eine leichte Linkskrümmung hatte. Beim Verkehr stimulierte er genau die Stelle, deren Nichtstimulation sie für ihre bisher aufgetretenen Orgasmusschwierigkeiten verantwortlich gemacht hatte. Außer einem großen Schwanz hatte der Typ ein großes politisches Bewußtsein, und zwar, die Schwanzkrümmung wies in die richtige Richtung, ein linkes. Michaela war wild entschlossen, die Probläme des Proletariats hautnah zu erleben. Sie bewarb sich als Kerzenverkäuferin im Kaufhof und bemühte sich, das Bewußtsein des ausgebeuteten Verkäuferinnenproletariats zu erleuchten. Da ich nach ihrer Meinung auf einmal scheißliberal war, kühlte sich unser Verhältnis merklich ab, zumal sie ja, wegen der Linkskrümmung, keine Probläme mehr hatte. Ich selbst arbeitete in einem »Institut für Privatunterricht« genannten Nachhilfeunternehmen, das nach einem Dreivierteljahr – es war nicht meine Schuld – pleite machte, und mühte mich, neunzehnjährig, mittdreißiger Eltern die damals neueingeführte Mengenlehre beizubringen, von der ich bis dato selbst nichts gehört hatte. Ich hatte mein Zimmer bei Frau Wiegand gekündigt und war nach Mannheim in eine WG gezogen, wo ich zusammen mit Gaby Trunk und Meskalinpeter zusammenwohnte. Gaby Trunk hatte in eben jenem Institut für Privatunterricht als Sekretärin gejobbt und, im Gegensatz zu Michaela, Probleme wegen ihres zu kleinen Busens. Da sie deshalb Heteromännern möglichst aus dem Weg ging, war sie vorwiegend mit Schwulen zusammen. Ihr Ideal war der androgyne Mann, den sie in Meskalinpeter ideal 63
verkörpert sah. Meskalinpeter hatte eine auffällige Ähnlichkeit mit Struwwelpeter und hatte seinen Afrolook mit Henna knallrot gefärbt. Außer vom Strich lebte er vom Dealen, wobei er selbst sein bester Kunde war. Er war der einzige Stricher, den ich bisher kennengelernt habe, der seinen Beruf aus Passion ausübte, für den ihm seine gerontophile Ader sicherlich zupaß kam. Beim Frühstück, also nachmittags um 15 Uhr, tischte er uns immer seine neuesten Stories auf, die er mit seinen Mummelgreisen erlebt hatte. »An Arsch hot der gehabt, do hätten zwee Saladgurke roigepaßt«, berichtete er mit leuchtenden Augen. Seinen Anteil an der Miete beglich er mit Trips und Pieces, so daß ich schon aus diesem Grund zu einer ordentlichen Studienaufnahme nicht in der Lage war. Einer seiner besten Kunden war der Maler Budi Bärwind, der Maler, von dem ich schon bei meinem ersten Lokalbesuch im »Pferdestall« gehört hatte und der inzwischen aus seinem Pariser Exil nach Mannheim zurückgekehrt war. Er war damals Mitte Sechzig, und Meskalinpeter schwärmte davon, daß sein Kunde beim Blasen immer erst das Gebiß herausnehme. Er war durch einen Kunstskandal, der unter der Bezeichnung »Die Nachtwächter vom Hemshof« auch überregional bekannt geworden war, wieder zu Berühmtheit gelangt. Er hatte, auftragsgemäß, eine Ludwigshafener Honoratiorenstammtischrunde porträtiert, und da sein Stil ein tachistischer war, hatten jene sich nicht wiedererkannt und verweigerten das Honorar. Bärwind fühlte sich in der Nachfolge Rembrandts, der ja auch mit seiner ›Nachtwache‹ manchen Kummer gehabt hatte, zog vor Gericht und gewann. Daraufhin versöhnte sich die Mannheimer Gesellschaft wieder mit ihm und verzieh ihm seine Ver64
stöße gegen den Paragraphen 175. Man war ja inzwischen liberal geworden. Die kunstverständige Gesellschaft – oder was sich dafür hielt, denn sie bestand meist aus zu Geld gekommenen Metzgersgattinnen – rechnete es sich als Ehre an, bei seinen Vernissagen zu erscheinen und Sekt zu schlürfen, den die Bärwindsche Muse, Meskalinpeter, im Frack gewandet, auf dem Tablett darbot. Auch den kleinen Eklat, als der Künstler, stockbesoffen, bei einer Vernissage statt einer Eröffnungsrede nur den Reim: »Hule, Hule, Hule. In Mannheim gibt's viel' Schwule« in die versammelte Nerzianerrunde gröhlte, verzieh man ihm mit dem Hinweis auf seine Künstlernatur. Gaby Trunk hatte, um Bildung in unsere WG zu bringen – Meskalinpeter las nur Comics –, die ›Frankfurter Rundschau‹ abonniert. Und so kamen mir also die ersten mannmännlichen Kontaktanzeigen unter die Augen. Fasziniert von dieser Form des Lotteriespiels, schrieb ich den Boy, 25, 176, 60, an. Zehn Tage später kam Antwort. Aus Berlin. Ich hatte den Boy, da er ja in der FR annonciert hatte, eher im Raum Frankfurt vermutet. Und jetzt antwortete er aus Berlin, der Stadt des Wäschereibesitzerinnensohnes, die ich seit meinem zwölften Lebensjahr unbedingt kennenlernen wollte. Von März bis Mai 1973 korrespondierten wir. Ich müsse ihn unbedingt mal besuchen, damit er mir die »wirklich aufregende« Stadt zeigen könne, lockte er mich. Er wohne in einer schwulen WG. Das war das Stichwort. Phantasien von einer Wohnung, in der schwule Männer von morgens bis abends nackt herumliefen, erregten mein Mannheimer Gehirn. Ich setzte alle Hebel in Bewegung, um nach Berlin ziehen zu können. Ich bewarb mich sogar beim Berli65
ner Senat, der damals verzweifelt westdeutsche Abiturienten suchte. Als Beamtenanwärter. Was ich vor meinen Mannheimer Bekannten allerdings verschwieg. Ich hätte die längste Zeit als progressiv gegolten. Der Senat antwortete und bat mich um ein Bewerbungsgespräch. Die Flugkosten würden erstattet. Ich lieh Geld, um die Flugkosten vorzuschießen, schrieb Christian, so hieß der Boy, 25, 176, 60, meinen Ankunftstermin und machte mich auf nach Berlin. Vom Flughafen Tempelhof mußte ich nur einmal mit der U-Bahn umsteigen, um zum U-Bahnhof Eisenacher Straße zu gelangen. Ich hatte mich besonders schick angezogen: Knautschlackclocks mit hohen Absätzen und Plateausohlen, eine enganliegende schwarze Hose und ein azurblaues Hemd mit dackelohrförmigem Kragen, wie es damals in Mannheim der letzte Schrei war. Ich hatte nicht damit gerechnet, daß Berlin in Modefragen der Provinz immer ein gutes Stück voraus ist, und war sehr selbsteingenommen, als ich in der Rosenheimer Straße 55 im ersten Stock stand und an einer Tür läutete, auf der ein Schild mit Christians Namen und ein zweites mit der Aufschrift »Gordon Film« stand. Ein dicklicher Mann öffnete die Tür, schaute mich mit entsetzensgeweiteten Augen von oben bis unten an und schrie dann: »Christian, Besuch für dich.« Christian kam, schaute mir erst erfreut ins Gesicht und dann irritiert auf meinen Dackelohrkragen. Christian, der Boy, 25, 176, 60, sah für seine 55, 170, 65 noch ganz passabel aus. Die schwule WG bestand zwar nur aus dem Dicken und ihm, aber dafür war die Gordon-Film-Gesellschaft eine Pornofilmkaschemme, deren Produktionen ich mir am Abend mit Christian anschauen durfte. Derart angeheizt, ertrug ich es sogar, daß während unseres 66
»Kennenlernens« der dickliche Freund auf die Matratze kroch, um auch sich vorzustellen. Zum Dank für das gelungene Kennenlernen führte mich Christian am nächsten Abend, nachdem ich tagsüber Bewerbungsunterlagen beim Innensenat ausgefüllt hatte – ich mußte ja mein Flugticket abarbeiten –, in die Berliner »Sub« aus. »Sub« stand für Subkultur und wurde mir als die Bezeichnung der Gesamtheit aller Schwulenlokale, von denen es in Berlin an die Hundert geben sollte, erklärt. Das heißeste Lokal sei das »BiBaBo«, eine Kneipe, in der Berlins Studentenschaft verkehrte. So voll, wie das »BiBaBo« an dem Abend war – es war werktags –, hatte ich den heimischen »Pferdestall« nicht einmal samstags erlebt. Ich fühlte mich angesichts der Kleidung der herumstehenden Gäste in meiner Dackelohrverkleidung wie das letzte Landei. Niemand gab mir hier ein »Hütchen« aus. Ja, man schien nicht mal Notiz von mir zu nehmen. Christian sprach mit Tausenden von Leuten, und ich vermutete, daß er mit allen, mit denen er sich unterhielt, was gehabt hatte. Ich beneidete ihn und schrumpfte trotz meiner Plateausohlen auf Zwergengröße. Er schleppte tatsächlich etwas ab. Ich trottete in meinem Hemd wie ein Dackel hinter den beiden her und mußte diese Nacht auf der Couch schlafen, von der ich, mich schlafend stellend, beobachten konnte, wie der dicke Freund nach zehn Minuten in Christians Schlafzimmer eilte. Zurück in Mannheim, teilte der Berliner Senat mir mit, er habe meine Bewerbung angenommen. Ich antwortete nicht darauf. Ich grollte Berlin und war beleidigt. Michaela, die inzwischen von ihrem Dickschwanz getrennt war, das Kaufhausproletariat seinem selbstverschuldeten Unmündigsein 67
überlassen und sich wieder meiner Freundschaft versichert hatte, erzählte ich, mir sei die dauernde Anmache in Berlin auf den Wecker gefallen. Wir fanden, daß es unserer Progressivität nicht widersprechen würde, wenn wir beide nun doch studierten. Ich hatte mich für das schicke Studium der Psychologie entschieden, sie, aus Numerus-claususGründen, für Pädagogik, und zwar Sozialpädagogik – wegen ihres linken Bewußtseins. Die Zeit bis zum Sommersemester 1974 überbrückte ich als Werkstudent in der BASF, sie als Praktikantin in einem Kinderheim. Am Wochenende kam sie immer in unsere WG, beneidete Gaby Trunk, daß diese einen so tollen kleinen Busen habe, was Gaby aschfahl über sich ergehen ließ, und erzählte von ihrem Leben in dem Kinderheim. Ein neuer Praktikant sei aus dem Westerwald ins Heim gekommen. Total süß, erst achtzehn und richtig androgyn. Gabys Gesicht bekam wieder Farbe. Natürlich habe sie ihn sich gleich »gekrallt«, er sei jedoch noch ein wenig schüchtern – »ist das nicht süß?« –, aber sie werde ihn schon bald ins Bett zerren, denn er schaue sie immer so lieb an, was ja ein Zeichen sei, daß er in sie verschossen sei. Das folgende Wochenende brachte sie ihn mit. Er sah affenscharf aus. Wie immer, wenn ich besonders interessiert bin, tat ich besonders desinteressiert. Michaela wich ihm gluckenhaft nicht von der Seite und platzte vor Stolz über ihre neueste Errungenschaft. Gaby Trunk sah ihn die ganze Zeit traumverloren an. Nur Meskalinpeter, der zwischendurch mal trampelhaft durchs Zimmer schlurfte, um nach seinen Comics zu schauen, beachtete ihn nicht, sondern erwähnte nur sein Date, das er an diesem Abend mit einem seiner Rentner hatte.
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Michaela erwähnte ihm gegenüber natürlich gleich mein Schwulsein, und wie toll sie das finde, und daß es in Schwulenlokalen immer so toll sei, weil man da nicht angemacht werde. Er war rot geworden. Ich witterte eine Chance. Ich tat noch desinteressierter. Ich sei eher an so richtigen, älteren Männern interessiert, so zwischen Fünfundzwanzig und Dreißig. Gleichaltrige oder jüngere Männer würden mich überhaupt nicht interessieren. Und ob er schon mal in einem Schwulenlokal gewesen sei. Er verneinte. Dann könnten wir ja zusammen, Michaela, er und ich, am Abend eines besuchen. »Ich werde schon dafür sorgen, daß du nicht blöd angemacht wirst«, erklärte ich. Michaela war Feuer und Flamme für diesen Vorschlag. Konnte sie doch im »Pferdestall« sicher sein, auf keine unliebsame Konkurrentin zu stoßen. In der Schwulenszene Mannheims begann damals langsam die Ära der weißen Hosen. Wir saßen an einem Tisch, laberten Wilhelm, so hieß der Ephebe, mit Stories aus unserer gemeinsamen Schulzeit voll und versuchten, uns gegenseitig mit Anekdoten zu übertrumpfen. Auch Michaela bemerkte jetzt unbewußt unsere Konkurrenzsituation. Die Tür ging auf Herein trat Mark Spitz. Nein, nicht Mark Spitz, sondern jemand, der unter seinem weißen Anzug eine ähnlich unverschämt gute Figur verbarg. Michaela und ich vergaßen für kurze Zeit, unser Opfer weiter zu bearbeiten, bewahrten dann aber wieder Haltung, um mit dem »Weißt du noch?« weiterzumachen. Das Bier zeigte bei Wilhelm Wirkung. Während er auf der Toilette war, waren Michaela und ich besonders liebenswürdig zueinander. Wilhelm kam aus der Toilette wieder heraus, wollte an unseren Tisch zurück, trat dem Mark Spitz »aus Versehen« auf die Füße, entschuldigte sich und begann mit ihm zu plaudern. 69
Die nächsten zwei Stunden versuchten Michaela und ich uns von einer Übersprungshandlung zur nächsten zu hangeln und uns gegenseitig unserer besten Laune zu versichern. Als wir später allein nach Hause gingen, sagte Michaela in unser Schweigen hinein den Satz, den Pfälzer sagen, wenn sie jeglichen Boden unter den Füßen verloren haben: »Holla, die Bach' brennt.« Peter Brenneisen schrieb aus Marburg. Er war auf dem Weg zum Jet-set schon einen Schritt weitergekommen. Nachdem er bei der Bundeswehr leider nicht als Zeitsoldat angenommen worden sei – »wegen meines Bückgrats« –, habe er sich in Jura eingeschrieben und sei jetzt einer schlagenden Verbindung beigetreten. Mir wurde fast so übel wie damals, als er mich für seine Zwecke benutzen wollte, via Fabrikantengattin zu den oberen Zehntausend aufzusteigen. Er hatte in seinem Flugklub, bei dem er den Flugschein gemacht hatte, der ja in gewissen Kreisen dazugehört, eine dralle Blondine kennengelernt: Brigitte Geiersdorfer. Sie hatte von ihrem Mann die Druckerei Geiersdorfer geerbt und verlebte die Zeit bis zu ihrem nahen Klimakterium im Casino des Flugplatzes von Bad D. Peter Brenneisen, der zuviel Simmel gelesen hatte, hatte es sich in den Kopf gesetzt, diese Frau als Sprungbrett in Jet-set-Kreise zu benutzen. Da er ihr Sohn hätte sein können – in Wahrheit war er mit seinen neunzehn Jahren vier Jahre jünger als ihr Sohn –, hatte die ansonsten sehr lebenslustige Witwe von Peter keinerlei Notiz genommen. Und je weniger sie Notiz von ihm nahm, um so fixer wurde Peters Idee, diese Frau zu erobern. Frau Geiersdorfer war übers Wochenende in Straßburg.
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Peter überlegte sich eine spektakuläre Aktion, um bei dieser Matrone Eindruck zu schinden. Er entwendete seiner Mutter Geld, mietete sich eine Cessna und bat mich, als Copilot zu fungieren, da dies wegen der Frische seines Flugscheins Pflicht sei. Ich müsse nur neben ihm sitzen und ihm ab und zu das Funkgerät beziehungsweise das Mikrophon rüberreichen. Und im Kartenlesen sei ich ja sowieso gut. Wir flogen los. In einer solch kleinen Maschine hat man noch ein richtiges Fluggefühl. Im positiven wie im negativen Sinn. Ich betete innerlich Rosenkränze. Die einzige Orientierung, die wir hatten, war der Rhein. Und der sah aus der Luft so total verschieden von dem Rhein aus, der auf der Flugkarte verzeichnet war. Nach einiger Zeit, wir hätten eigentlich schon auf der Höhe Straßburgs sein müssen, schallten irgendwelche Laute aus dem Funkgerät. Ich versuchte, mit meinem Schulenglisch Konversation zu machen, verstand aber das Englisch der anderen Seite mit keinem Wort. Das einzige, was ich verstand, war das französische Wort »Mirage«. Wir hatten uns auf den Mulhousener Militärflughafen verflogen. Die Lotsen holten uns erst auf den Boden und hielten uns dann eine Standpauke. Wir mußten mit dem Zug zurück nach Mannheim fahren, und Frau Brenneisen zahlte aus ihrer Privatschatulle. Der Vater hatte die Kostenübernahme für den Rücktransfer der Maschine verweigert. Der Flugklub krümmte sich vor Lachen. Peter gab nicht auf Er bombardierte Frau Geiersdorfer mit Briefen, bis sie ihn schließlich einlud. Warum ausgerechnet ich mitkommen sollte, ist mir bis heute nicht erfindlich. Die Geiersdorfersche Wohnung lag im Mannheimer Stadtteil Wohlgelegen. Frau Geiersdorfer trug ein knallro71
tes Kleid, aus dem viel weißes Fleisch herausquoll, das die Konsistenz von zu lange gekochtem Bauchfleisch hatte. Da ihr Mann Waffensammler gewesen war, hingen an der Wand neben Schlachtengemälden diverse Gewehre. Peter war ganz aufgeregt und trank einen Cognac nach dem anderen. Frau Geiersdorfer, seit dem dritten Cognac durften wir sie Biggi nennen, schenkte eifrig nach. Mit steigender Betrunkenheit wurde Peter in seinen Reden immer frecher, setzte sich neben Biggi auf die Couch, faßte ihr zwischen die Beine, knüpfte ihr Kleid auf und holte eine ihrer Hängebrüste aus ihrem BH. Sie hatte ein Muttermal neben der Brustwarze, das deren doppelte Größe hatte. Er winkte mich zu sich, während er an ihren Brüsten nuckelte. Um keinen Preis wäre ich mit auf die Couch gekommen. Besoffen, wie er war, hörte er auf zu nuckeln, schaute mich mit grünem Gesicht an, lallte mir etwas Aufforderndes zu, das so klang wie: »Komm rüber, die Alte braucht zwei«, verdrehte die Augen und kotzte auf unsere Venus von Wohlgelegen. Über sie konnte er jedenfalls nicht mehr zum Jet-set aufsteigen. Er begann sich in der Jungen Union zu engagieren und wurde ihr Kreisvorsitzender. Vielleicht wird Silvester 2006 die Neujahrsansprache von Bundeskanzler Dr. Peter Brenneisen hingenuschelt. Die ZVS in Dortmund hatte mich der Uni Mannheim zugeteilt. Da ich sehr viel Freud und Reich gelesen hatte – die damals ein unbedingtes »must« waren, um als gleichberechtigter Intellektueller angesehen zu werden – und, durch jahrelange Übung mit Michaela, mich auch für einen Experten in Gesprächstherapie hielt, war mir die Entscheidung für mein Studienfach nicht schwergefallen. Jura und Betriebswirtschaft waren nicht progressiv. Ger72
manistik hätte nur zum Beruf des Lehrers geführt. Und ich haßte seit meinem Job im Kinderheim ungezogene Kinder. Medizin kam ebenfalls nicht in Frage, da ich kein Blut sehen konnte. So blieb die Psychologie als meine Berufung übrig. Tante Elisabeth Angstenberger, die ich ab und an in Frankenthal besucht hatte, um mir von ihrer jetzt über achtzigjährigen Stimme ihre Hymne vorsingen und mir zum Dank dafür zwanzig Mark zustecken zu lassen, vermutete sofort, daß ich das Fach gewählt hätte, um meiner »armen Mutter im Irrenhaus zu helfen«, was ich nicht dementierte, um mir noch einen weiteren Zwanzigmarkschein zu angeln. Ich holte mir bei der Einschreibung das Vorlesungsverzeichnis und sah mich schon als Inhaber einer Psychologenpraxis, Neurosen verscheuchend und Selbsterfahrungsgruppen anleitend. Wie hatte ich mich auf meine Kommilitonen gefreut. Ich stellte sie mir als coole Typen mit relevantem Bewußtsein vor, die den politischen Durchblick haben. Bei der Einführungsveranstaltung waren von vierzig Erstsemestern fünfundzwanzig Frauen, von denen zwei einen Knoten im Haar hatten und als Berufswunsch angaben, daß sie gerne in einer Beratungsstelle der Caritas arbeiten würden. Die Typen sahen alle aus, als wären sie Mitglieder der Jungen Union. Sie beargwöhnten meinen aufgetragenen Lidschatten und setzten sich, als ich mein Schwulsein demonstrativ vortrug, von meinem Tisch weg. Lidschatten empfand ich damals nicht etwa als ein Zeichen von Tuntigkeit, sondern er war unabdingbare Voraussetzung, um als emanzipiert zu gelten. Und Emanzipation war mir ein paar Monate zuvor in Heidelberg beigebracht worden. 73
Im »Whisky à gogo« hatte ich einen Theologiestudenten kennengelernt, der zu seinen braunen Grobcordhosen braune Cordschuhe trug. Er schimpfte fortwährend über die angepaßten »Schrankschwulen«, ließ auch an den »Szeneschwulen« kein gutes Haar und lud mich in sein Zimmer unter dem Dach eines Hauses in der Hauptstraße ein. Er legte psychedelische Musik auf, bot mir ein Glas Lambrusco – »Zwei Liter für 2,98 Mark« – an, redete sehr viel von unverklemmter Sexualität und Zärtlichkeit und hängte mir die Filzläuse an. Bei der Zigarette danach erzählte er mir von der Gruppe, in der er mit seinen emanzipierten Freunden sei. Ihr Name sei Homo Heidelbergensis, und sie seien angetreten, die homosexuelle Befreiung in Heidelberg zu verwirklichen. Er lud mich für den folgenden Dienstag zu ihrem Treffen im zweiten Stock der evangelischen Studentengemeinde ein. Auf neue Eroberungen hoffend, zog ich mich besonders schick an. Etwa zehn studentische Typen saßen in Schlabberkleidung in einem Kreis, in dem meine Filzlaus, Heiko Höhrle war ihr Name, das große Wort führte. Er sprach von Unterdrückung; Unterdrückung durch den Staat, durch den Kapitalismus, durch das Patriarchat; Unterdrückung, die uns Schwule zu den Wracks mache, die wir seien. Die einzige Möglichkeit, Uns zu befreien, sei, die in uns immer noch existierende Männerrolle zu erkennen und abzulegen. Des weiteren sollten wir Schluß machen mit der Selbstunterdrückung, die uns auf Klappen gehen lasse, um dort anonymen Sex zu praktizieren – »Heraus aus den Toiletten, hinein in die Straßen.« Kurz, wir sollten unser Schwulsein öffentlich machen. Ich war beeindruckt, kaufte mir Kajal und Lidschatten und ging nur noch mit schlechtem Gewissen auf die Klappe. So war ich schon ein emanzipierter Schwuler 74
geworden, als ich Monate später Heiko, meine Filzlaus, auf der Wasserturmklappe in Mannheim wiedertraf. Ich versprach ihm, es niemandem zu erzählen. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung befaßt sich ein Psychologiestudent nur zu dem geringsten Teil seines Studiums mit der menschlichen Psyche. Den weitaus größten Teil seiner Zeit verbringt er mit Statistik und dem mathematischen Validieren von Tests. Ich verbrachte den größten Teil meiner Zeit in der Cafeteria der Uni. Im Gegensatz zu den männlichen Antworten auf die Caritas-Tanten, die in meiner Fakultät optisch zu erdulden waren, gab es bei den Germanisten wahre Prachtexemplare von Männern. Zwar konnte ich anfänglich keinen Schwulen darunter entdecken, aber zumindest die Gespräche über Dürrenmatt, Jean Paul und Morpheme interessierten mich mehr als das Gequatsche meiner Kommilitonen über Korrelationskoeffizienten. Einer der Assistenten, leider der Schlechtestaussehende, stellte sich dann doch als schwul heraus. Er war klein, magersüchtig, hatte Haare, die Novalis nachempfunden waren, hieß Thomas Pütz und lief mit einem Hundemischling durch die Gegend, dem er, nach einer Opernsängerin, den Namen Berganza gegeben hatte. Er wirkte optisch wie das Männlein, das im Walde steht, war aber ungemein belesen, und es war eine Lust, sich mit ihm zu unterhalten. Auch wenn er von der Optik her das krasse Gegenteil dessen war, was mir erotisch erschien, landeten wir eines Nachts doch in der Kiste, beschlossen dann aber, unser lustvolles verbales Verhältnis nicht durch ein lustloses körperliches zu entwürdigen. Mit der Zeit hatten wir einen festen Stammtisch in der Cafeteria, und der Kaffeeumsatz des Kreises, der sich um uns herum gebildet hatte, war geeignet, das Defizit der Stadt Mannheim auszugleichen. 75
»Der Hans könnte ja auch mitmachen«, bestimmte Pütz, als der Kreis plante, anläßlich einer Feier des Germanistischen Seminars die ›Salome‹ von Oscar Wilde auf die Bühne zu bringen. Ich hatte noch nie auf einer solchen gestanden und war deswegen ganz froh, daß mir nur die Pagenrolle zugeteilt wurde, die in der Pützschen Persiflage aus fünf Sätzen bestand. Pütz selbst hatte sich die Titelrolle vorbehalten. Herodes wurde von einem Germanistikstudenten gespielt, der aus dem Hotzenwald kam und seinen Dialekt nicht abgelegt hatte. Die Rolle der Herodias spielte Hans Hauster, ein leptosomer Volkswirtschaftsstudent, der unter seiner hennaroten Pagenfrisur eine randlose Acht-Dioptrien-Brille trug, die seine Augen auf Stecknadelkopfgröße verkleinerte. Mit von der Partie war auch Maria Bettel, eine kleine, dicke Geographiestudentin. Pütz beschrieb ihr Gesicht als einen gelungenen Versuch, einen Vanillepudding an die Wand zu nageln. Sie versuchte ihrerseits, von dieser Gallertmasse mit einer Hornbrille abzulenken. Ihr großes Vorbild war Marilyn Monroe, die Maria auf rührende Art zu imitieren trachtete. Da sie beim besten Willen nicht auf der Bühne einzusetzen war, aber trotzdem bei uns mitmachen sollte, denn ihr Vater hatte ein Textilgeschäft, und wir brauchten ja Kostümstoffe, baten wir sie, für die Tontechnik Verantwortung zu tragen. Das heißt, sie hatte die Aufgabe, eine Tonbandkassette in einen Kassettenrecorder zu legen und auf »Play« zu drücken. Die Aufführung sollte in einer Klosterruine stattfinden und um 21 Uhr beginnen. Wir hatten das Stück so inszeniert, daß sich einige Mitglieder der Professorenschaft in den dargestellten Figuren wiedererkennen konnten. Wir waren geschminkt und spielbereit. Maria Bettel war nicht da. Und mit ihr fehlte die Bühnenmusik. Es wurde 21.30 76
Uhr. Das Publikum unruhig. Wir hysterisch. Da rauschte Miss Piggy in die Garderobe mit hochaufgetürmter Frisur und einem grünen Abendkleid. Sie bat, die Verspätung zu entschuldigen, da sie sich für ihren Auftritt noch habe umziehen müssen. Auf Pützens entnervte Frage, von welchem Auftritt sie spreche, antwortete sie ganz unschuldig: »Ja, wenn ich mich nachher als Tontechnikerin beim Applaus verbeugen muß.« Die Aufführung brachte dann wirklich viel Applaus. Maria Bettel strahlte, als hätte sie den Oscar gewonnen, und gab fortan als ihr Hobby »Theaterspielen« an. Wir beschlossen, eine Theatergruppe zu gründen, der wir den Namen Compagnia Palatina – Studiobühne der Universität Mannheim gaben. Mein eigentliches Studium handhabte ich jetzt nur noch als Scheinstudium, das heißt, ich belegte die Pflichtvorlesungen und Pflichtseminare und legte meine Pflichtscheine ab. Fortan ging ich in meinen Cafeteriadebatten und Theaterproben auf War die ›Salome‹ nur eine Fingerübung gewesen, so wagten wir uns jetzt an Shakespeare, den wir – wir waren ja mit Ausnahme von Pütz, der mal eine Schauspielausbildung abgebrochen hatte, Laien – im Stil der Brownschen Wandertheatergruppen des 17. Jahrhunderts inszenierten. Mit viel Sex and Crime. Wir kramten vor allem die unbekannteren Stücke aus, um dem Vergleich mit professionellen Bühnen aus dem Weg zu gehen, und reüssierten mit einer ›Was-Ihr-Wollt‹-Adaption und ›Titus Andronicus‹. Als gelehriger Schüler von Pütz wagte ich mich mit der Zeit an größere Rollen und war hochbeglückt, als ich meinen Namen, allerdings falsch geschrieben, in einer Zeitungskritik wiederfand. Zwar nicht im Feuilleton, aber
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immerhin im Lokalteil unter der Überschrift »Gelungener Studentenulk«. Später gingen wir mit unseren Stücken sogar auf Tournee. Wir klapperten die Pfarrgemeindesäle, Dorfgemeinschaftshäuser und die Mehrzweckhallen der umliegenden kurpfälzischen Dörfer ab und waren der Mittelpunkt der Premierenfeiern, die künstlersüchtige Dorfbürgermeister mit ihren Gattinnen und ihren Gemeinderäten für uns gaben. »Dackenheim fördert die Kultur« stand dann im ›Dackenheimer Landboten‹. Während der Semesterferien arbeitete ich weiterhin bei BASF. Ich hatte es allerdings inzwischen geschafft, aus dem Lumizillager ins Archiv aufzusteigen. Dort wurden die bearbeiteten Auftragsblätter gesammelt, nach Auftragsnummern sortiert und in Ordnern abgelegt. Man fühlte sich hier als etwas Besseres als die Arbeiter in der Lagerhalle, verdiente zwar weniger, weil man keine Schichtzulage hatte, war aber immerhin Angestellter. Es gab eine strenge Hierarchie. Die Auftragsnummern waren siebenstellig. Erst eine zweistellige Zahl, dann ein Buchstabe und dann eine vierstellige Zahl. Der Chef des Archivs, ein sehr penibler und verantwortungsvoller Mann mit dem Namen Backes, der wegen seiner Schwerhörigkeit von der telefonischen Auftragsannahme ins Archiv versetzt worden war, behielt sich vor, die Unmengen von Auftragsblättern, die jeden Tag hereinkamen, nach den ersten beiden Ziffern von 01 bis 99 zu sortieren. Er gab daraufhin an seinen Vertreter weiter, der die jeweiligen Stapel alphabetisch ordnete, um sie dann an uns Parias, das heißt drei Frauen und mich, weiter zureichen, die die Aufgabe hatten, die Blätter von 0001 bis 9999 zu ordnen, um sie dann abzulegen. Einmal pro Woche machte der 78
Chef Revision und prüfte in akribischen Stichproben, ob etwa das Blatt 69 A 4679 irrtümlich hinter 69 A 4680 abgelegt war statt davor. Er hielt mir immer lange Vorträge über die Wichtigkeit gerade seiner Abteilung, denn ohne Ordnung sei der ganze Chemiekonzern zum Konkurs verurteilt. Aufgrund der Arbeitsüberlastung – die Chemie boomte gerade – bekam unsere Abteilung Verstärkung in Gestalt eines dänischen Werkstudenten, der aus Ǻrhus stammte und Niels Mammen Drews hieß. Er sah aus, wie sich Lieschen Müller einen Dänen vorstellt: lang, blond, blauäugig, schlaksig. Leider war er nicht schwul. Unsere gemeinsame Unterdrückung durch den Archivleiter ließ uns aber bald Freundschaft schließen. Er wohnte in Mannheim in einem konkursgegangenen Hotel, das von der BASF gekauft und zum Arbeitnehmerwohnheim umgestaltet worden war. Da dort nur Männer im besten Alter untergebracht werden durften und die Heimleiterin, eine Exilrumänin, eifersüchtig darüber wachte, daß kein Damenbesuch mitgebracht wurde, hieß das Heim im Volksmund »Bullenkloster«. Niels war begeisterter Motorradfahrer, und so genoß ich es, mit ihm am Wochenende auf seiner Kawasaki 750 durch die Pfalz zu fahren und ihm die Stätten meiner Kindheit zu zeigen. Auf einer dieser Touren machten wir Rast in dem Weingut, das Michaelas Eltern gehörte. Michaela war anwesend, da die Weinlese bevorstand und die Familie auf keine helfende Hand verzichten konnte. Es funkte zwischen Niels und Michaela. Da auch Niels' Körperteil eine Linkskrümmung hatte, die Michaela so schätzte, bewarb sie sich zum Wintersemester 1974/75 an der Pädagogischen Hochschule in Flensburg, das nur zwei Stunden von Ǻrhus entfernt lag. 79
Sie war mir ja sooo dankbar, daß ich zwischen ihr und Niels die Rolle des Amors gespielt hatte, und schrieb mir seitenlange Briefe über ihr Glück. Sie habe niemanden sonst, mit dem sie sich aussprechen könne, da die norddeutsche Mentalität ja eine ganz andere als die pfälzer sei und es vor allem gravierende Unterschiede im Humor gebe. Da ihre Briefe immer sehnsuchtsvoller wurden, fuhr ich Ostern 1975 nach Flensburg. Sie lebte über einer Metzgerei in der Nähe des Nordertors zusammen mit Urte aus Bistensee. Urte hatte ein Gesicht wie die norddeutsche Tiefebene, dessen einzige Erhebung ihre Akne war. Sie beklagte sich sogleich, daß Michaela sie immer unterdrücke und die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit behindere. Michaela nannte sie eine holsteinische Kuh, die sich gefälligst zu emanzipieren habe. Michaela war inzwischen Frauenrechtlerin geworden. Das zeigte sich insbesondere darin, daß die ganze Wohnung voller gehäkelter Lampenschirme hing, die die Farbe Lila hatten. Abends war eine Fete in der Pädagogischen Hochschule angesagt. Michaelas Frauengruppe hatte dort einen Stand. Wir gingen hin. Vorneweg – Michaela war nicht nur gewichtiger, sondern auch größer als ich – in einem wallenden Gewand die emanzipierte Pfälzerin. Ich in der Mitte, mit Lidschatten und einem Ohrring, was gerade der letzte Schrei war. Zuletzt die unterdrückte Kuh aus Bistensee. In Mannheim war meine Größe eigentlich nie aus dem Rahmen gefallen. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, mich mit meinen hundertsiebzig Zentimetern als klein zu bezeichnen. Aber hier, im hohen Norden, war ich ein Zwerg unter Riesen. Ein Schlaraffenland von 1,90-MeterTypen, mit Figuren, als hätten sie jahrelang Sport getrieben. Ich war hin und weg. Am Frauenstand wurde ich anfangs freudig begrüßt. Die Tatsache, daß ich einen Ohr80
ring trug und Lidschatten aufgelegt hatte, wurde allgemein dahingehend interpretiert, daß ich der Mackerrolle eine barsche Absage erteilt hätte und auf dem Weg zum neuen Mann sei. Als ich aber im Laufe einer Penetrationsdiskussion erwähnte, daß ich angesichts der in der PH versammelten Männlichkeit gegen Penetrierungen überhaupt nichts einzuwenden hätte, schlug mir das geballte neue Frauenbewußtsein entgegen. Auch Michaela konnte den angerichteten Schaden mit dem Hinweis, daß das nun mal Pfälzer Humor und gar nicht ernst gemeint sei, nicht mehr gutmachen. Unter Schimpf und Schande verzog ich mich von dem Fest, um mich zum »Club 69«, dem einzigen Lokal, das ich unter Flensburg im ›Gay-Guide‹ gefunden hatte, zu begeben. Außer dem zahnlückigen Türöffner, der in Personalunion als Barkeeper fungierte, war ein Hüne anwesend, dessen Pranken mir signalisierten, daß er tagsüber auf der Werft harte körperliche Arbeiten zu verrichten hatte. Die Ränder unter seinen Fingernägeln hatte er mit Nagellack überstrichen. Später kam noch ein Mittdreißiger ins Lokal, der mir aus seinem Leben erzählte. Er war verheiratet und Besitzer der Flensburger Freibank. Da wir wegen seiner Frau nicht zu ihm und wegen Urte – und überhaupt – nicht zu Michaela gehen konnten und auch nichts Besseres nachkam, fuhr ich mit ihm ins nahe Glücksburg, wo wir uns im Hotel »Intermar« einmieteten. Geld schien man mit Freibanken zumindest zu verdienen. Der Preis des Zimmers betrug achtzig Mark, ein Viertel meines Bafögs. Das Zimmer selbst erschien mir, damals, als der Inbegriff des Luxus. Oben angekommen, zog ich mich aus. Er verzog sich ins Bad. Ich mich ins Bett. Er kam nackt zurück, und sein gutgebauter Oberkörper kündete von all jenen schweren Schweinehälften, die er tagtäglich zu schleppen hatte. 81
Er stellte sich vor das Bettende, griff sich ins Haar und warf sein Toupet auf mich. Es war mir nicht möglich, seinem Wunsch gemäß auf die Innenseite des Toupets abzuspritzen. Enttäuscht ging er zur heimischen Freibank zurück. Ich hatte tags darauf nicht genug Geld, um den Bus nach Flensburg zu bezahlen, und mußte, beäugt von dem sehr vornehmen Portier, vor dem Luxushotel, in dem ich die Nacht verbracht hatte, stehen, um per Anhalter nach Flensburg zurückzukommen. Für das entgangene Glück sollte ich auf der Heimfahrt nach Mannheim entschädigt werden. In Schleswig hatte ein Bundeswehrsoldat den Zug bestiegen und saß mir schweigend bis Hamburg gegenüber. Hinter Hamburg verbot uns die Dunkelheit, weiter aus dem Fenster zu schauen und so zu tun, als betrachteten wir die Landschaft. Er fixierte mich und meinen Ohrring, fragte mich, warum ich einen Ohrring trüge, und ich antwortete, emanzipiert, wie es mir von der Homo Heidelbergensis befohlen worden war, daß ein Ohrring, links getragen, bedeute, daß man schwul sei. »Bist du schwul?« fragte er, wohl links und rechts verwechselnd. Mein trotziges Emanzipationsbedürfnis kämpfte mit einer knallroten Birne. »Ja, natürlich!« antwortete ich, schon kleinlauter, jetzt irgendwelche diskriminierenden Äußerungen befürchtend. »Wollen wir's treiben?« fragte er mich. So unvermittelt und unverschämt hatte mich seit Dietrich Ritter in meiner Schulzeit noch niemand angemacht. Ich grunzte ein verlegenes: »Tja.« Er zog die Vorhänge des Abteils zu, seinen Reißverschluß runter und seinen Schwanz raus. Ich sollte ihm einen blasen. Ganz so weit hatte ich mich von der Homo Heidelbergensis nun doch noch nicht emanzipieren lassen. Zumal 82
auf dem Gang vor dem Zugabteil eine ältere Frau auf- und abmarschierte. Er schien meine Verlegenheit zu genießen. Ich bot ihm als Kompromiß die Zugtoilette an, was er zögerlich akzeptierte. Wir gingen hin, und er penetrierte mich. Die Flensburger Frauengruppe wäre vor Zorn erbebt oder vor Neid erblaßt. Kurz vor Hannover warfen wir die Tempos in das Zugklo und betätigten die Spülung. Es war das erste Mal, daß mir Penetration Spaß gemacht hatte. Seit dem ersten »Stich« von Dietrich Ritter, der nicht nur höllisch weh getan hatte, sondern auch mit einer für mich erniedrigenden Situation verknüpft gewesen war, »blieb mein Arsch Jungfrau«, wie die schöne Mannheimer Bezeichnung dafür war. Passiv sein war mit für mich so negativen Vorstellungen wie Frau sein, unterlegen sein, tuntig sein, schwach sein, ausgeliefert sein, verknüpft. Ich war stolz darauf, der Aktive zu sein, und verachtete alle »Fotzen«, die sich bumsen ließen. Wer mir seinen Arsch hinstreckte, den betrachtete ich von vornherein als den mir Unterlegenen. Auch in der Emanzengruppe Homo Heidelbergensis wurde das Thema aktiv oder passiv oder aktiv und passiv vollkommen ausgespart. Höchstens hinter vorgehaltener Hand wurden ab und zu Witzchen gerissen über »die«, die sich so gerne den »Arsch pudern« lassen. Man(n) ließ so etwas nicht mit sich machen, und wenn man(n) es trotzdem machen ließ, war man(n) Frau. Ich kannte keinen, der offen und selbstbewußt dazu stand, »es« sich machen zu lassen. Gab es Fälle von Analtripper, so erfuhr ich später, infizierte sich der Betreffende mittels Schmierinfektion erst vorne an der »richtigen« Stelle, bevor er zum Arzt ging, dem er etwas vom Hafenbordell erzählte, in der Hoffnung, daß, was vorne hilft, auch hinten helfe. 83
Überhaupt Geschlechtskrankheiten. Filzläuse waren eine mittlere Katastrophe, und es gab nichts Peinlicheres, als in der Apotheke Jacutin zu besorgen, das auch bei der jährlich auftretenden Krätze von Vorteil war. Bei meinem ersten Tripper, den ich wirklich »vorne« hatte, bin ich extra nach Karlsruhe zu einem Arzt gefahren, da ich mich in Mannheim nicht traute. Im Wartezimmer traf ich übrigens einen anderen Mannheimer, der wahrscheinlich aus den gleichen Gründen da war. Wen die Syphilis traf, der gelobte, zumindest die ersten zehn Tage lang, niemals wieder auf die Klappe zu gehen. Mit der Zeit lernte man dann mit diesen Zipperlein zu leben, ja man begann sogar die Syphilis zu schätzen – konnte man doch während der zehntägigen Spritzenkur unbeschwert genießen, da das Penizillin während dieser Zeit einen Schutz vor Tripper bot. Bis die Hepatitis ins schwule Leben einbrach und wieder, eine Zeitlang zumindest, Furcht, Schrecken und gute Vorsätze verbreitete. 17.5.1975. Ein wegen der Zahlenassoziation magisches Datum. Die Homo Heidelbergensis veranstaltete anläßlich dieses Feiertags eine Filmvorführung in einem Heidelberger Kino. Gezeigt wurde: ›Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt‹. Der Regisseur mit dem damals für mich unverständlichen weiblichen Vornamen Rosa – den Nachnamen »von Praunheim« erkannte ich erst später als Pseudonym – war höchstpersönlich anwesend. Während des Films, von dem mir als bleibende Erinnerung noch die Szene gegenwärtig ist, als mehrere nackte Typen in einem Bett lagen – Gruppensex war für mich damals eine zwar ersehnte, aber außerhalb der realen Möglichkeiten liegende Vorstellung –, während des Filmes liefen bei einer Tuntenszene einige der 84
schlimmsten Tunten Mannheims mit der Bemerkung: »So simmer net« aus dem Kino. Ich traf im Kino zwei Mannheimer, die ich vom Sehen in der Klappe her kannte. Rosa von Praunheim war sehr agitatorisch und für mich, damals noch, vorbildlich. Er rief zur schwulen Befreiung auf. Ich setzte mich mit den beiden Mannheimer Klappenbekanntschaften anschließend auf ein Bier ins »Weiße Lamm«, wir redeten über den Film und das schwule Leben in Mannheim – die einzige Schwulenkneipe, der »Pferdestall«, war im Jahr zuvor eingegangen – und kamen zu dem Entschluß, daß »man was« machen müsse. So entstand die Schwule Aktion Mannheim, kurz SchAM genannt. Ich richtete auf meinen Namen ein Postfach ein, stellte meine Telefonnummer als erste Kontaktmöglichkeit zur Verfügung, entwarf mit Thomas Pütz, der zu unserer Initiative gestoßen war, ein Flugblatt, und wir verteilten es in der Uni. Der wöchentliche Treff sollte in meiner Einzimmerwohnung stattfinden. Diese hatte ich im Wintersemester 1974/75 bezogen, nachdem die WG mit Meskalinpeter und Gaby Trunk aufgelöst worden war. Gaby Trunk war nach Berlin gezogen, um auf dem Berlin-Kolleg das Abitur nachzumachen, und Meskalinpeter war einem Schweizer Freier nach Basel gefolgt. Anfänglich richtete ich mich mit Sperrmüll ein, aber nachdem meine Mutter die Überdosis Schlaftabletten dem überdrüssigen Leben im Irrenhaus vorgezogen hatte, erbte ich die ehemalige Wohnzimmereinrichtung, die ihr als einziges Gut nach zehnjähriger Gütergemeinschaft geblieben war. Die Couchgarnitur zu übernehmen weigerte ich mich allerdings. Meinen antibürgerlichen Stolz hatte ich noch. 85
Unsere Schwulengruppe wuchs allmählich auf zwölf Mitglieder an. Die meisten davon sahen sich jedoch mehr als Freizeitgruppe, die gemeinsam wandern und ausgehen wollte. Ich lernte damals, wie schwer es ist, Schwule zu aktivieren. Nach außen hin gaben zwar alle vor, politisch arbeiten zu wollen, in Wahrheit aber wollten sie nur etwas fürs Bett. Ich genauso. Aber zumindest hatte ich für mich das Feigenblatt, politisch tätig zu sein, da ich Flugblätter in der Uni verteilte. Da ich meine Telefonnummer zur Verfügung gestellt hatte, war mir, ohne es anfangs zu ahnen, eine Machtfunktion erwachsen. Die erste Kontaktaufnahme lief über mich, ich hatte somit das Jus primae noctis bei den Neuzugängen. Was allerdings den Nachteil hatte, daß diejenigen, die mit mir nichts anfangen konnten, der Gruppe fernblieben. Einer der ersten, die anriefen und mit denen ich mich traf, war ein gewisser Michael Geiersdorfer, der sich als der Sohn der Peter Brenneisenschen Kotznummer herausstellte. Ich erzählte ihm nichts von dem Privatleben seiner Mutter, in deren Druckerei er unsere Flugblätter drucken ließ. Nach jedem unserer donnerstäglichen Treffen beschwerte sich Herr Röhrhirsch, mein Etagennachbar, über das dauernde Kommen und Gehen meiner Besucher. Er war Anfang Fünfzig, hatte seine grauwerdenden, nachblondierten Haare mit viel Haarspray über die Stirnglatze gelegt, so daß seine Frisur jenen glich, die als Trümmerfrisuren in den Vierzigern en vogue waren, und hielt viel von Kultur, die er mit einem Theaterabonnement auszuleben pflegte. Meiner Hausmeisterin hatte er erzählt, daß das langhaarige Gesindel, das bei mir ein- und ausgehe, sicher eine terroristische Vereinigung darstelle, die den Umsturz 86
plane. Meine Hausmeisterin, Frau Pauli, die mich ins Herz geschlossen hatte, – weil ich immer so »akkurat« die Treppe putzte – was Herr Röhrhirsch nicht tat –, erzählte mir seine Beschwerden immer brühwarm weiter und auch, daß sie mich Herrn Röhrhirsch gegenüber immer in Schutz nehme. Das einzige, was sie an Herrn Röhrhirsch lobte, war seine »wunderschön eingerichtete« Wohnung. Alles sei »ganz in Barock, voller Kristallüster und sündhaft teurer Messingleuchter«. Das röhrhirschsche Doppelleben trat zutage, als er eines Tages eine sündhaft teure Sünde in Gestalt eines Bahnhofsstrichers mit in sein barockes Zuhause nahm und dieser ihm den Messingleuchter über den Kopf schlug und ihn ausraubte. »Mit Männern, mit Männern hat er es gemacht«, empörte sich Frau Pauli, als ich sie scheinheilig ahnungslos nach dem Grund des – wegen der allgemeinen Schande daraufhin erfolgten – Auszugs von Herrn Röhrhirsch fragte. Und auf meine noch ahnungslosere Frage, was sie wohl damit sagen wolle, japste sie nur »Ja, mit Männern halt!« Daß der nette junge Mann, der immer so schön die Treppe putzte und immer donnerstags mit seinen Studienkollegen lernte, selbst so ein Hirsch war, wäre Frau Pauli nie in den Sinn gekommen. Die Schwule Aktion Mannheim war in den Verteiler der baden-württembergischen Schwulengruppen aufgenommen worden. Außer in Heidelberg existierten noch in Karlsruhe, Freiburg und Stuttgart solche Gruppen. Später kamen Konstanz, Offenburg, Ulm, Tübingen und Ravensburg dazu. Jede dieser Gruppen bestand aus fünf bis zehn Aktivisten – daß auch Passivisten dabei waren, stellte sich dann bei den Treffen heraus – und suchte in ihren Schreiben den Eindruck zu erwecken, daß hinter ihnen die 87
schwulen Massen der jeweiligen Stadt ständen. Da sie alle ihrem Selbstverständnis nach politische Gruppen waren, versuchten sie, verbal möglichst radikal zu sein und die anderen Gruppen als unpolitisch, bürgerlich oder konservativ zu denunzieren. Das Vorbild aller war die Homosexuelle Aktion Westberlin, HAW, deren Flugblätter als Enzykliken in die Provinz verschickt und als unfehlbar betrachtet wurden. Anläßlich eines Treffens in Freiburg, bei dem neben den Baden-Württembergern auch Berliner Vertreter anwesend waren, mußten diese nur ihre Herkunft erwähnen, und jeder eventuell geplante Widerspruch verstummte und wich dem demütigen Beifall. Daß die herbeigereisten Berliner Vertreter ihre Thesen meist mit schwäbischem Akzent verkündeten, weil sie erst zwei Jahre zuvor nach Berlin gezogen waren, tat nichts zur Sache. Die trotzige Provinz gebärdete sich bald noch radikaler als die als radikal verschriene Berliner Mutter. Der »Tuntenstreit« wurde in Heidelberg verbissener ausgefochten als in Berlin. In Karlsruhe flossen literweise Tränen und Nagellack. In Freiburg war man als Faschist verschrien, wenn man eine Lederjacke trug. Wer zugab, an Klappen oder Parks seinen Gefallen zu finden, war in Konstanz schwulenpolitisch nicht mehr tragbar. Wer gerne promiskuitiv lebte, war in Karlsruhe ein Vertreter des schwulen Selbsthasses. Wer Zweierbeziehungen vorzog, war in Heidelberg ein Vertreter der herrschenden Sexualmoral. Wir Mannheimer standen ratlos da, hatten noch keine festgezimmerte Ideologie und wurden deshalb von allen angefeindet. Herumreisen war überhaupt das Lebenselixier der Schwulengruppen. Spötter meinten, das Wort »Schwulen88
bewegung« komme daher, daß sich die Schwulen unentwegt von einem Treffen zum anderen bewegten. Inhaltliche Fragen standen dabei nur vermeintlich im Vordergrund. Ja, sie standen meist oft dem eigentlichen Reisegrund im Wege – dem Erweitern des Jagdreviers auf neue, unbekannte Städte nämlich. Ging man auch innerhalb der jeweiligen Gruppe nicht immer freundlich miteinander um, ja, eskalierten Neid, Eifersüchteleien und die Wut über den ausgespannten Liebhaber oft zu einem wahren Kleinkrieg unter den Gruppenmitgliedern, so demonstrierte man bei solchen Treffen nach außen hin eine wahre Orgie des Wir-Gefühls. Die jeweilige, natürlich äußerst politische Arbeit wurde bei der Vorstellung der Gruppen nach der Anreise in den schillerndsten Farben geschildert. »Wir aus Stuttgart«, »Wir aus Karlsruhe«, »Wir aus Heidelberg« kämpften natürlich an vorderster Front gegen Diskriminierung, wo immer sie in der jeweiligen Stadt ihr schändliches Haupt erhob. Jedes noch so verunglückte Flugblatt wurde zum politischen Manifest hochstilisiert. Sich dadurch gegenseitig der jeweiligen politischen Relevanz versichert habend, konnte man zum gemütlichen Teil des Abends übergehen. Die Gruppendynamik wurde damals als Mittel der politischen Arbeit entdeckt. Und so fanden sich bei Kommunikationsspielen jeweils neue Paarkonstellationen zusammen, die sich nachts im oder auch auf dem Schlafsack für die Arbeitsgruppen am nächsten Tag vorbereiteten. Der nächste Tag war dann der eigentlichen Arbeit gewidmet. In Arbeitsgruppen wie »Frauen, Schwule, Lesben« wurde das Verhältnis der Bündnispartner im gemeinsamen politischen Kampf gegen das Patriarchat diskutiert. Die Diskussionsergebnisse, die meist aus der Erkenntnis bestanden, daß die jeweilige Arbeitsgruppe viele wichtige 89
Fragen aufgeworfen habe, die bei einem Folgetreffen vertieft werden müßten, wurden auf dem Abschlußplenum vorgetragen, dem sich dann eine Fete anschloß. Diejenigen, die am Abend zuvor entweder keinen Partner gefunden hatten oder bei denen sich die zu schnelle Wahl als Mißgriff herausgestellt hatte, suchten noch schnell ihr vermeintliches Glück, um zu Hause berichten zu können, wie erfolgreich das Treffen abgelaufen sei. Nach durchtanzter oder – im Glücksfall – durchfickter Nacht verabschiedete man sich sonntags nach dem Frühstück emotional voneinander. Emotional war die Bezeichnung dafür, daß man als emanzipierter Gruppenschwuler ja nicht wie die unemanzipierten »Subschwulen« mit einem »Tschüs« oder einem »Auf Wiedersehen« voneinander scheiden konnte. Nein, emotional hieß, erst Hinz minutenlang zu umarmen, zu drücken und zu herzen, um sich dann Kunz zuzuwenden, um mit ihm die gleiche Prozedur zu absolvieren. Man gelobte sich gegenseitig, in Kontakt bleiben zu wollen und sich spätestens beim Folgetreffen wieder zu sehen, wo man die noch offenen Fragen vertiefen wollte. Ein solches Folgetreffen auszurichten, hatte im Sommer 1978 die Schwule Aktion Mannheim die Ehre. Im Herbst zuvor war ein dreiundvierzigjähriger Heizungsingenieur zu uns gestoßen, der, nachdem seine Mutter, mit der er bis dato zusammengelebt hatte, gestorben war, einen neuen Lebensinhalt suchte. Er hatte eine Bodybuilding-Figur, was damals noch als Relikt des 50er-Jahre-Schönheitsideals galt; leptosom sein war Trumpf. Aber er hatte ein Auto. Und da die Mannheimer Lokalszene mit dem Hinscheiden des »Pferdestalls« ausgestorben war, gedachte ich, mit seiner Hilfe die Subkultur der umliegenden Großstädte heimzusuchen. Werktags lernten wir die Vielfalt der 90
schwulen Lokale in Karlsruhe, Darmstadt, Frankfurt, Kaiserslautern, Saarbrücken und Mainz kennen, eben alle Städte, die mit dem Auto in neunzig Minuten zu erreichen waren. Am Wochenende fuhren wir in die weitere Umgebung wie Stuttgart, Freiburg, München oder Basel. Heinrich Heller, der Heizungsingenieur, wurde für seine Chauffeurdienste dadurch belohnt, daß er durch mich die Welt – oder was wir dafür hielten – kennenlernte und ab und an ein Mann für ihn abfiel. Paradoxerweise zeigte ein Vierundzwanzigjähriger einem Dreiundvierzigjährigen, der von seiner Mutter unter Kuratel gehalten worden war, das Leben. Heinrich besaß aber nicht nur ein Auto, sondern auch einen ehemaligen Bauernhof in einem im nahen Odenwald gelegenen Zweihundertseelendorf Diesen hatte er ausgebaut, und der Clou des Hofes war ein quadratisches Badezimmer, in dessen Mitte eine runde Badewanne stand, die acht Personen Platz bot. Er hatte aber bisher immer alleine darin gebadet. Sein einziger Lebensinhalt war jetzt die Gruppe geworden. Und so war er Feuer und Flamme, als ich ihn fragte, ob wir das nächste von der Mannheimer Gruppe auszurichtende Treffen nicht in seinem Bauernhof abhalten könnten. Schon um die anderen Gruppen zu ärgern, hatten wir vor, im Emanzipationswettstreit zu siegen und ein Treffen zu veranstalten, von dem man noch in zehn Jahren reden sollte. Heinrich beschloß, bis dahin die angrenzende Scheune als Gruppenschlafhaus auszubauen. Ich meinerseits beherzigte die in der Arbeitsgruppe »Frauen, Schwule, Lesben« aufgeworfenen offenen Fragen und lud neben den baden-württembergischen nicht nur die Schwulengruppen aus dem Saarland, aus Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Frankenland, sondern auch die Heteromänner91
gruppe und die Frauengruppe Mannheims ein. Lesbengruppen kannte ich noch nicht. Es sollte ein Festival der Bündnispartner werden. Auf unsere Einladungsschreiben meldeten sich hundertfünfzig Teilnehmer an, also mehr als das Fünffache der sonstigen Treffen. Jetzt wurde es Heinrich doch etwas mulmig zumute. In Mannheim konnte er als Schwuler relativ anonym und unerkannt leben. Wie aber sollte er in diesem Dorf ein Treffen von über hundert Tucken den anderen zweihundert Einwohnern erklären? Als Freitag nachmittag die ersten Teilnehmer aus Würzburg anfuhren, waren wir noch damit beschäftigt, das Dach der zum Gästehaus umfunktionierten Scheune zu decken. Die Handwerker hatten uns im Stich gelassen. Die Würzburger, unter denen einige besonders reizvolle Exemplare der Gattung Mann anzutreffen waren, konnten es nicht mit ansehen, wie wir uns abschufteten. Sie zogen sich bis auf den Minitanga aus und streckten auf der Wiese hinter der Scheune ihr wohlgeformtes Hinterteil der Junisonne entgegen. Nicht nur die Dorfjugend konnte diese Szenerie begutachten, sondern auch die Mannheimer Frauengruppe, die fünfköpfig in einem VW-Bus die Dorfstraße hochfuhr und hinter der Scheune parkte. »Schlimmer als jeder sandbedeckte Hintern auf einem ›Stern‹-Titelbild«, ereiferte sich die Oberfrau Katja später in einer alternativen Mannheimer Zeitung. Die Würzburger hätten sich zu Sexobjekten degradiert und ihr Hinterteil zu Markte getragen. Katja wollte da auf keinen Fall Kauffrau sein. Und als, nach getaner Dachdeckung, ich mit zwei anderen Mannheimern, einem Darmstädter und einem Schnuckel aus Konstanz in der Rundbadewanne planschte und gerade dabei war, den Konstanzer zu decken, rauschte 92
Katja ins Bad und machte auf dem Absatz kehrt, um ihre Frauengruppe zum Heimfahren zu bewegen. »Die Herren wollten offensichtlich ›Zärtlichkeiten‹ austauschen«, empörte sich Katja vor den Zeitungslesern, »in einer Badewanne mit viel Schaum!« Also doch nicht so offensichtlich. Mit meiner frevelhaften Alemannendeckerei hatte ich die Allianz der Frauen- und Schwulenbewegung auf das Nachhaltigste zerstört. Gott verzeiht, Katja nie. Im Gegensatz zur Mannheimer Frauengruppe war die freiwillige Feuerwehr weniger mißtrauisch. Wie auf dem Land so Sitte, stattete sie unserer Samstagsfete einen kleinen Besuch ab mit der Begründung, sie wollten löschen. Und zwar den Durst, wie der Feuerwehrhauptmann scherzhaft nachschob. Kreischende Tunten rannten im Fummel durch das Haus. Die Feuerwehrmannen schauten betreten unter sich. Heinrich bekam vor Schreck fast einen Herzinfarkt, und ich rettete die Situation mit aller Geistesgegenwart, zu der ich trotz meines Alkohol- und Haschischkonsums fähig war, indem ich die Fummeltrinen kurzerhand zu Mitgliedern des Mannheimer Balletts erklärte. »Ach so, Künstler«, beruhigte sich der Feuerwehrhauptmann. Nach ein paar Begrüßungsschnäpsen durfte ich sogar seine Hauptmannsmütze aufsetzen. Das Schwulengruppentreffen in Heinrichs Bauernhof hatte zwar keine Arbeitsergebnisse gebracht, da wir die Arbeitsgruppen gestrichen und uns gleich den angenehmen Dingen des Lebens gewidmet hatten. Wir galten von .nun an als unpolitisch in der baden-württembergischen Schwulenbewegung. Aber daß wir tolle Feste feiern konnten, das mußte man uns lassen. Bei dem Treffen war ich Müsli wiederbegegnet. Er war die andere Hälfte meiner ersten schwulen Ehe gewesen. Bis zum Karfreitag 1976 hatte ich so etwas wie Leiden93
schaft gepaart mit Emotionalität nicht gekannt. Gewiß, geile Fickerlebnisse trifft man im schwulen Leben hin und wieder. Und auch für das Herz fällt ab und zu was ab. Aber irgendwas fehlte immer. Entweder die Typen waren scharf wie eine Rasierklinge, aber dumm. Oder die Typen waren exzellent im Kopf, aber im Bett eine Null. Oder sie waren geil und klug, sahen aber nicht so aus, als könne man mit ihnen im Bekanntenkreis repräsentieren. Oder sie waren geil, klug und schön – wollten aber mit einem selbst nichts zu tun haben. Und so unterteilte ich die Männerwelt nach meinen Grundbedürfnissen: In Parks, Klappen und Kneipen riß ich die Leute auf, die mir für einen geilen Fick gut zu sein versprachen. Je nach gegenseitigem Gefallen konnten auch mehrere daraus werden. Wenn sie dazu noch repräsentativ aussahen, wurden sie in der Öffentlichkeit gegrüßt. Für das gute Gespräch hatte ich meine Germanisten in der Uni. Für das Herz meine Busenfreundinnen in der Gruppe. Und so schlenderte ich Gründonnerstag 1976 abends durch den Park, mit der Absicht, mein Sexualhaushaltsdefizit auszugleichen. Außer mir war nur ein Mummelgreis anwesend, der sich aber bald, nach einem vergeblichen Anmachversuch, aus dem Staube machte. Ich stellte mich an eine Steinwand und wartete. Vielleicht kam doch noch jemand. An der Mauer. Auf der Lauer. Im »Lauergarten«. Und wirklich. Ein gelber Opel Kadett hielt gegenüber vom Parkeingang. Heraus stieg ein Wesen, dem man in den achtziger Jahren den Spitznamen »Clone« gegeben hätte. Jeanshose, Jeansjacke, circa 1,90 Meter, athletisch gebaut, Schnurrbart, gelockte, für damalige Verhältnisse kurze Haare. Die ganz kurzen Haare sollten erst später Mode 94
werden. Daß die gelockten Haare von einer Dauerwelle herrührten, das hatte ich erst später zu verwinden. Aber wenn ich schon im Park festgestellt hätte, daß dieser Mann zu seinen dunklen Haaren auch noch grüne Augen hatte, ich hätte nicht gewagt, ihn anzusprechen. Denn Typen gegenüber, die für mich die Perfektion darstellen, bin ich heute noch die Schüchternheit in Person. Aber selbst ohne die noch zu entdeckenden grünen Augen schien er mir doch eine Klasse zu hoch. In meinem, wahrscheinlich von der putzwütigen Mutter geerbten Ordnungssinn war ich immer der Auffassung, daß Gleiches zu Gleichem gehöre. Groß zu groß, klein zu klein, schön zu schön, häßlich zu häßlich. Und wenn ich mich selbst auch durchaus oberhalb der Mitte einordnete, so war ich doch nicht hoch genug über dieser Mitte, um mich mit diesem Typ messen zu können. Trotzdem nahm ich meinen Mut zusammen und sagte gekonnt locker, wie ich es zu Hause vor dem Spiegel oft geübt hatte: »Na, suchst du auch Ostereier?« Er schien diese Bemerkung für geistreich zu halten. Also hatte ich einen Punkt gewonnen. Ich wurde selbstbewußter und frecher und verfügte wie ein Westentaschennapoleon, daß wir zu mir gingen. Er widersprach nicht, und wir fuhren mit seinem Kadett, das Karlsruher Kennzeichen merkte ich mir für alle Fälle, zu mir in die Oststadt. Daß sich Männer mit großen Schwänzen gerne anal bearbeiten lassen, je größer, desto tiefer, erschien mir damals noch nicht als eine Faustregel. Mein ganzes Wertesystem wurde durcheinander gebracht, daß sich ein Kerl, der jeder Tom-of-Finland-Zeichnung Ehre gemacht hätte, sich mir, ausgerechnet mir, unterwarf. Sadistische Allmachtsgefühle erhöhten mein
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Ego, obwohl ich damals noch nicht wußte, wie man Lederszene buchstabiert. Es war af-fen-geil. Ein Typ mit dem größten Schwanz, den ich bis dahin gesehen hatte – daß es Typen mit noch größeren gibt, die damit noch weniger anfangen können, diese Erfahrung machte ich erst später –, ließ sich von meinem, eher mittelmäßigen Schwanz durchknallen und stöhnte dabei, als hätte er ein Kanonenrohr im Arsch. Ich war von mir beeindruckt. Er schien es auch zu sein. Am Morgen danach – es gab nur Caro-Kaffee, da ich über Ostern mit Heinrich Heller die Straßburger Szene kennenlernen wollte und nicht eingekauft hatte – verbarg ich nur mit Mühe mein Interesse an einem Wiedersehen unter geheucheltem Desinteresse. Seine Adresse hatte ich zumindest, da ich nachts aufgestanden war und seine Brieftasche nach seinem Ausweis durchwühlt hatte. Er hieß Rolf Schmidt, war am 5. Januar 1948 geboren und wohnte in Karlsruhe, Kaiserallee 48. Derart informiert, tat ich so, als sei ich an einem Adressenaustausch nicht interessiert. »Man trifft sich wieder« war mein cooler Spruch, als er die Treppe hinunter zu seinem Kadett ging. Als er fortgefahren war, hätte ich mir ob meiner Coolheit in den Arsch beißen können. Heinrich Heller kam, um mich für unseren Osteraufenthalt in Straßburg abzuholen. Ab dem Walldorfer Kreuz hatte ich nur noch den Arsch von Rolf Schmidt im Kopf Abfahrt Bruchsal. Noch dreiundzwanzig Kilometer bis Karlsruhe-Durlach. Abfahrt Durlach in zweitausend Metern. Ich bat Heinrich, nach Karlsruhe hineinzufahren, da es sicher malerischer sei, auf der linksrheinischen Landstraße nach Straßburg zu fahren. Wir fuhren am Badenwerk vorbei, von dem mir Rolf erzählt hatte, daß er dort als 96
Elektroingenieur arbeitete. Ich ließ Heinrich anhalten und fragte eine Passantin nach dem Weg zur Kaiserallee. Rolf wohnte in einem jener Hochhausbunker, die Zahnärzten zur Abschreibung und Singles zum Wohnen dienen. Im Aufzug zur fünften Etage – Heinrich wartete geduldig wie eine Kuh unten auf dem Parkplatz – überlegte ich mir, welche Filmrolle ich zu spielen gedächte, wenn Rolf die Tür öffnete. Ich verwarf Mae West – »Hello, dark, tall and handsome« – und schritt die fünf Meter vom Aufzug zu seiner Wohnungstür wie Gary Cooper in seinen besten Tagen. Es war zwar schon 14 Uhr, aber für mich war ›High Noon‹. Mit der männlichsten Betonung, zu der ich fähig war, herrschte ich ihn an: »Wir verbringen das Wochenende in Straßburg!« Er spielte die Rolle der Grace Kelly bis Ostermontag hervorragend. Heinrich mußte die Stadt alleine besichtigen. Wir blieben im Hotel. Vom Eise befreit waren Strom und Bäche. Seit Ostermontag 1976 waren wir »fest befreundet«. Ich führte ihn voller Stolz wie einen Rassehund meiner Schauspielgruppe vor. Da der Vater von Rolf eine Haferflockenmühle hatte, bevor sie von der »EG-Agrarpolitik kaputtgemacht« worden war, gab ihm Thomas Pütz den Spitznamen »Müsli«. Seit den Tagen unter großelterlicher Obhut hatte ich nie mehr so ein geordnetes Leben. Ich zog zu ihm nach Karlsruhe, das mit der Bahn eine Stunde von Mannheim entfernt liegt. Das Einzimmerappartement, das sein Lebensumfeld darstellte, war für damalige Verhältnisse hochmodern eingerichtet. Eine Naßzelle mit Dusche, WC und Waschbecken, eine Einbaukochnische mit Nirostaspüle, ein Balkon, der 97
den Hauptraum zum Parkplatz hin erschloß. Der Hauptraum war mit einem Stahlregal, einer Stereoanlage, einem Fernseher, einer Klappcouch, zwei Klappsesseln, einem Glastisch und vier Stühlen, die halb aus Aluminium, halb aus Plexiglas bestanden, eingerichtet. Die Pornos waren im Stahlregal unter dem Diercke Weltatlas gelagert. Wir führten ein geregeltes Leben, wie es auch meiner Oma zur Genugtuung gereicht hätte. Er stand morgens um 6.30 Uhr auf, rasierte sich, legte die Seesandmandelkleiemaske auf, da er Hautprobleme hatte, duschte sich und die Maske heiß ab, fönte seine Haare mit einem Afrolookkamm, bis sie das richtige Volumen hatten, zog seinen Anzug, vielmehr – als Vor-Yuppie, der er war – seine Kombination an und ging zum Badenwerk, das zehn Minuten zu Fuß entfernt war. Und das alles, ohne mich zu wecken. Ich stand um zwölf Uhr auf, onanierte auf die vorangegangene Nacht, frühstückte und machte mich an mein bisher vernachlässigtes Studium, denn die Diplomvorprüfung drohte Ende Wintersemester 1976/77. Um 17 Uhr kam er nach Haus, bepackt mit den im Wertkauf ergatterten Gütern, zog sich aus, und wir schoben die erste, die »normale« Nummer mit ficken, lecken, blasen. Dann aßen wir zu Abend, er spülte ab, säuberte die Küche und die Nirostaspüle, seinen ganzen Stolz. Ich fand es anfangs süß, wie ein gestandener Mann nackt vor einer Nirostaspüle stand, um von ihr die Wasserflecken zu entfernen. Wir schauten ein wenig fern, und dann begann die »eigentliche« Nummer. Da er so sauber war, daß man bei ihm vom Boden essen konnte, wünschte er sich nichts anderes als eben dies – vom Boden essen zu dürfen oder zu müssen, je nachdem, welchen Standpunkt man einnimmt. Wir gaben dem Gan98
zen den Namen »Hundenummer«. Wenn er ein ungehorsamer Hund war, brauchte er Schläge, wenn er dann auf dem Boden winselte, brauchte er eine Füllung, also einen kurzen Fick, und bevor der Hundehalter kam, mußte der seinen Schwanz herausziehen und der Töle ins Gesicht spritzen. Da dann die Schnauze so vollgespritzt war und so gar nicht von dem sauberen Hundchen kündete, ging es anschließend ins Bad, denn der Teppichboden im Wohnzimmer war ja empfindlich, und es galt, die unerwünschten Spermaspuren abzupissen. Das Hundchen wedelte mit seinem Schweif, spritzte ab, duschte, und wir gingen zu Bett. Es war dann meist 23 Uhr, und morgens um 6.30 Uhr war die Nacht zu Ende. Anfangs genoß ich dieses Leben sehr. Ich hatte meinen geregelten Sexualhaushalt, genoß einen Lebensstandard, der jenseits meiner Bafögmöglichkeiten lag, und konnte mich auf mein Vordiplom vorbereiten. Nach langer Zeit, also vier Wochen nach schwuler Zeitrechnung, waren wir uns selbst nicht mehr genug. Werktags gingen wir zwar wie bisher auf Nummer Sicher, aber am Wochenende trieb es uns hinaus. Ich hatte mir damals vorgenommen – so schnell kam man nicht mehr an einen Typ, der gut aussah, wohlhabend war, im Bett beziehungsweise im Bad geil war, im großen und ganzen eine gute Bildung hatte, so daß er meinen Reden verstehend folgen konnte, und über all das hinaus noch ein Auto –, also ich hatte mir vorgenommen, Deutschland von seiner geographischen Seite her kennenzulernen. Wir fuhren jedes Wochenende woanders hin. Hatte ich Müsli beim Kilometerzählerstand von 10512 kennengelernt, so sollte unsere Freundschaft bis zur Verschrottung seines Kadetts bei Kilometerstand 234.118 und mit seinem neuen Manta bis zum Kilometerstand von 6.243 dauern.
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Eins lernte ich damals: Wenn man Männer behalten will, muß man sie schlecht behandeln. Und ich tat es. Waren wir irgendwo auf unseren Wochenendfahrten in ein Schwulenlokal eingekehrt, so war natürlich er der optische Mittelpunkt des Abends. Ich machte ihm darob Vorwürfe. Er war zerknirscht und gelobte, kein Interesse an den Bewerbern zu haben. Aber die Bewerber waren nun einmal da und umrundeten uns beziehungsweise ihn. Sie luden uns zu sich nach Hause ein. Natürlich waren sie auf ihn scharf. Er sah zu, wenn ich mit ihnen fickte. Ich machte ihm Vorwürfe, daß er nicht mitgemacht hatte. Ich hätte ihn erwürgt, wenn er mitgemacht hätte. Doublebind, so lernte ich im fünften Semester, ist eine Methode, schizophrenieartige Zustände bei Menschen zu erzeugen. Zusammen mit einem positiven Verstärker wird ein negativer Verstärker verabreicht. Zuhälter, Schwule und deutsche Mütter sind darin Meister. Jemandem zu sagen, daß er geil sei, weil er einen kleinen Schwanz habe, ist ein solcher Doublebind. Man signalisiert die positive Botschaft, daß man auf ihn geil sei, und verknüpft sie gleichzeitig mit der negativen, daß er einen kleinen Schwanz habe. Die logischen Sicherungen knallen bei einer solchen Person zwangsläufig durch. Widerspricht er und sagt, er habe keinen kleinen Schwanz, müßte er die Aussage, er sei geil, auch dementieren. Er will aber geil und begehrt sein. Folglich glaubt er, was ihm gesagt wird, und ist fortan der Überzeugung, daß er einen kleinen Schwanz habe, auch wenn das schiere Gegenteil der Fall ist. Das gleiche sagt auch der Zuhälter zur Nutte, wenn er verlangt – als Beweis der Liebe zu ihm –, daß sie für ihn auf den Strich gehen soll. Oder die deutsche Mutter, die auf die Frage, was sie sich zum Geburtstag wünsche, mit: 100
»Ein braves Kind« antwortet. Oder die beste schwule Freundin, die einen nach einer durchlittenen Abmagerungskur mit den Worten begrüßt: »Gut schaust du aus, hast du zugenommen?« Meine Doublebinds waren noch perfider. Ich sagte ihm, daß ich – eigentlich – Brustbehaarung abscheulich fände, aber bei ihm mache sie mir nichts aus. Ich behauptete, wahrheitswidrig, kleine Männer zu mögen, aber daß es mir nichts ausmache, daß er 1,90 Meter sei. Er liebte mich noch mehr. Er fand meine 1,70 Meter größer als seine 1,90 Meter. Er fand meinen Schwanz beachtenswerter als seinen. Wenn jemand im Lokal auf uns zukam, um ihn anzumachen, war er der festen Überzeugung, daß derjenige auf mich scharf sei. Er verhielt sich ihm gegenüber besonders abweisend, so daß der betreffende Typ in seiner Not wirklich auf mich zurückgriff Was wiederum Müsli in seiner Überzeugung bestärkte, daß die Typen immer nur auf mich scharf seien und er eine schlechtaussehende Null sei. Er wurde abhängig, er begann nach mir zu süchteln. Hatte ich anfänglich seine Unterwürfigkeit genossen, so begann sie mir nun lästig zu werden. Ich fing an, ihn zu verachten. Ich hatte alles daran gesetzt, ihn soweit zu kriegen, wo er jetzt war. Und jetzt, da ich ihn soweit hatte, wollte ich es nicht mehr. Wir blieben nur zusammen, weil mich meine Umwelt um ihn beneidete. Ich begann, meine Macht noch mehr auszuloten. Ich behandelte ihn schlecht in der Öffentlichkeit. Es schien ihm nichts auszumachen. Ich kanzelte ihn ab, stellte ihn bloß. Er wehrte sich nicht. Ich trieb es in seiner Wohnung mit anderen Typen – durch die Stärke, die ich mir bei ihm geborgt hatte, war ich im Karlsruher »Kings-Club« inzwischen der King. Er schaute mich nur vorwurfsvoll an. Ich 101
schlug ihn sogar. Er schlug nicht zurück. Der Zwerg schlug den Riesen, und dieser kapitulierte. Was sollte ich noch machen? Das einzige, was ihn zu treffen schien, hing mit seiner Sauberkeit, seiner Mikrobenangst zusammen. Er rannte jeden Monat zum Arzt, um sich auf eventuelle Geschlechtskrankheiten untersuchen zu lassen. Er lebte gesund, trieb Sport und schluckte jeden Morgen eine Unmenge von Vitamintabletten. Später, als Syphilis, Tripper und Hepatitis längst ihre Schrecken verloren hatten und durch das alleslähmende Aids ersetzt worden waren, ging er vierzehntägig zur Blutkontrolle. Er war Ende Juli 1987 noch HIV-negativ, fuhr dann in Urlaub nach New York, fand dort einen geeigneten Hundehalter, wurde Anfang Oktober 1987 positiv getestet, lebte noch gesünder, als er je zuvor gelebt hatte, bekam im Dezember 1987 seine erste Lungenentzündung und war im Februar 1988 schon tot. Lohn der Angst? Als mich sein damaliger Freund anrief, um mir die Nachricht seines Todes zu übermitteln – Müsli hatte mich, nach elf Jahren, noch auf die Liste der nach seinem Tode zu benachrichtigenden Freunde gesetzt, ohne mich allerdings in seinem Testament zu bedenken; seine Mutter war Alleinerbin; was sie wohl mit dem Hundehalsband machte? –, dachte ich lange darüber nach, wie meine erste Scheidung vonstatten gegangen war. Wie gesagt, der einzige Schwachpunkt war seine krankhafte Sauberkeit. Daß männliches Aussehen und deutsches Hausfrauentum bei Schwulen stark miteinander korrelieren, bestätigte sich in meinem späteren Leben immer wieder. Aber gegenüber Müsli hätte selbst meine Mutter wie die letzte Schlampe gewirkt. Er hatte nicht nur ein Vier102
wege-Geschirrspülverfahren entwickelt, Vorspülen, Hauptspülen, Klarspülen, Trocknen. Mit einem nicht fusselnden Geschirrtuch natürlich. Auch seine Nirostaspüle liebte er über alles. Sie war das einzige Wesen, auf das ich in unserer Beziehung hätte eifersüchtig sein müssen. Nach dem Spülen wurde sie liebevoll mit Wasser vorgewischt, mit einem Handtuch getrocknet, mit einem Entkalker hauptgewischt und mit einem zweiten Handtuch, natürlich fusselfrei, nachpoliert. Sie glänzte dann wie seine Augen, wenn er sich anpissen ließ. Hier war sein wunder Punkt, hier war seine Achillesferse, hier konnte ich ihn treffen. Ich kaufte mir im Metzgerladen ein Kilo Schweineklein, also Schweinefüßchen, Schweineschwänzchen, Schweinerippchen, zu fast hundert Prozent aus wabbeligem Fett bestehend. Ich ging nach Hause. Nein, es war inzwischen wieder Müslis Wohnung geworden. Ich tat die widerliche Masse in einen großen Topf, füllte Wasser auf und setzte den Topf auf den Herd, der an die Nirostaspüle grenzte. Ich stellte den Herd auf die höchste Stufe und ging daran, meine Reisetasche zu packen. Als ich fertig war, war der Topf inzwischen übergekocht, der Herd und, was mich mit tiefer Genugtuung erfüllte, die Nirostaspüle mit einer fettigen, schmierigen Masse überzogen. Ich stellte den Herd aus und fuhr nach Mannheim zurück. Ich war sicher, daß Müsli noch so lange an mich denken würde, bis er es geschafft hatte, die Nirostaspüle wieder im alten Glanz erstrahlen zu lassen. Meine erste Ehe war nach einem Jahr, zwei Monaten und fünf Tagen oder 230.000 Kilometern zu Ende. Wie immer nach gescheiterten Ehen entdeckt man sein Herz für seine Busenfreundinnen neu. Ich erlaubte Hein103
rich Heller wieder, mich durch die Gegend zu chauffieren, und ließ mich von nun an häufiger bei meinen Germanisten in der Uni sehen. Ich war wieder eine alleinstehende Frau. Deutschland im Herbst 1977. Allüberall Terroristenhysterie. In der SchAM kreuzte ein Typ auf, der mit Nachnamen Reinders hieß und mit dem steckbrieflich gesuchten Ralf Reinders irgendwie verwandt war. Er sah so schnuckelig aus, daß ich für eine Nacht mit ihm Mitglied der RAF geworden wäre. Wie immer bei einem gutaussehenden Gruppenneuzugang war ich besonders integrativ. Natürlich lud ich ihn sofort ein, mit zum Schwulengruppentreffen nach Freiburg zu kommen, das am Wochenende darauf stattfinden sollte. Dank geschickter Intrigen schaffte ich es, daß wir beide, Reinders und ich, beim Häßlichsten der Freiburger Gruppe unsere Schlafplätze zugeteilt bekamen. Wolf Klotz, so hieß unser Schlafplatzgeber, hatte eine Figur wie ein verbogener Schürhaken, pißblonde, fettige Strähnenhaare, die seine Stirnglatze halbkreisförmig umrundeten, und ein Gesicht voller Akne und Narben, das aussah, als bemühten sich rote Flechten und Moose einen asymmetrischen Felsblock zu überwuchern. Das Unglaubliche wurde Wirklichkeit. Der schnuckelige Reinders verschmähte mich und brachte die Nacht im Klotzschen Bett zu. Mein Ordnungssinn war auf so etwas nicht gefaßt. Wenn ein besser aussehender Mann einen anderen besser aussehenden Mann mir vorzieht, dann paßte dies in mein Weltbild. Aber ausgerechnet der Reinders? Ausgerechnet mit der Kröte? Was hatte der nicht, was ich besaß? fragte ich mich in Umkehrung des norma-
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len Spruchs, den verschmähte Liebhaber ansonsten loslassen. Vielleicht war ich nicht häßlich genug. Ich begann, die RAF mit noch kritischeren Augen zu sehen. Ende 1977 gab es so etwas wie eine schwule Aufbruchstimmung in Mannheim. Zwei Lesben eröffneten das »Ballerina«, ein rotgeplüschtes Lokal in der Nähe des Theaters. Daher der künstlerische Name. Die drei Quadratmeter Tanzfläche gaben den Besitzerinnen die Berechtigung, das Lokal als Diskothek zu bezeichnen. Das Lokal hatte die Form eines großen »L«. Die Innenseiten des »L« waren mit Spiegeln gekachelt, damit die Gäste jederzeit die Möglichkeit hatten, den perfekten Sitz ihrer Frisur zu kontrollieren, wenn sie auf den mit rotem Samt überzogenen Barhockern am Tresen saßen. Die Fensterfront zur Straße hin war mit grüner Farbe überstrichen, um die an der Außenseite des »L« an rechteckigen Tischen sitzenden Gäste vor neugierigen Blicken zu schützen. Wer vor dem prüfenden Blick der Türsteherin nach dem Läuten an der Eingangstür Bestand hatte, gehörte dazu. Das »Ballerina« wurde mein zweiter Wohnsitz. Hier wurde ich Augen- und vor allem Ohrenzeuge all der Dramen, die sich in den zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Schwulen und Schwulen oder zwischen Lesben und Lesben abspielen. Hier traf der Frisörmeister den Kaufhof-Substituten und befreundete sich mit ihm »für immer und ewig« und eine Woche. Die Eifersuchtsdramen wurden von den Lesben handgreiflich, von den Schwulen vorwurfsgewaltig ausgetragen. Die beiden Besitzerinnen nahmen jeweils für den jeweiligen Partner dieser Ehekrisen Partei, so daß der jeweils Betrogene zwar 105
die eine Besitzerin haßte, aber der anderen wegen ihres Verständnisses um so dankbarer war. Diese wurde dann vom Betrügenden zwar wegen ihrer Parteilichkeit abgelehnt, er tröstete sich aber mit der Sympathie der anderen, seiner Besitzerin, so daß der Umsatz insgesamt stimmte. Wenn Fellini Regisseur deutscher Heimatfilme wäre, hätte er hier seinen Drehort und seine Darsteller gefunden. Die Dramatik erreichte jeweils samstags ihren Höhepunkt, wenn die Soldaten der amerikanischen Garnison sich tanzenderweise von ihrem wöchentlichen Drill im »Ballerina« erholten. Kurzhaarig und figürlich top, wie sie waren, strahlten sie genau jene Männlichkeit aus, die der Gegenstand der erotischen Träume in den Hertie-Herrenabteilungen war. Die an den Tischen sitzenden Freundespaare waren sichtlich bemüht, nicht hinzuschauen, wenn einer der Marlborotypen sich oberkörperfrei auf der Tanzfläche produzierte. Betont unbeeindruckt, tauschte man mit dem gegenübersitzenden Freundespaar Urlaubserlebnisse aus. Mykonos war damals »in«. Und was war man kulturell interessiert, und welche Theateraufführungen hatte man nicht schon alle gesehen! Ab und zu stand jedoch einer vom Tisch auf, um, die Herrenhandtasche fest zwischen Oberarm und Brustkorb geklemmt, zur Toilette zu schreiten. Beim Passieren der Tanzfläche warf man dann einem der konvulsivisch zuckenden Leiber einen wehmütigen Blick zu, um sich, nach einem Blick in die Spiegelwand, zur Toilette zu beeilen und die Frisur mit etwas Haarspray auf das ideale Niveau zu heben. Die Zeit des Bleibens auf der Toilette wurde von den Zurückgebliebenen mit einer inneren Stoppuhr genau registriert. Zwei Minuten waren der vorgeschriebene Richtwert. Fünf Minuten konnte man gerade 106
noch mit den Schwierigkeiten beim Ordnen der Frisur entschuldigen. Zehn Minuten, das bedeutete den Beweis, daß auf der Toilette einem Ami angesichts beziehungsweise angeruchs der Haarspraywolken wehmütige Erinnerungen an seine zurückgelassene Braut in Minnesota gekommen waren und er den Haarspraybenutzer als Ersatz für sein Minnesotagirl benutzt hatte. »Du Fotz' machst es mit Negern!« war der lautstarke Vorwurf, den der an den Tisch Zurückgekehrte über sich ergehen lassen mußte. Die anderen am Tisch Sitzenden suchten den meist anschließenden Wort- und Vorwurfswechsel zu schlichten, machten jedoch alles nur noch schlimmer. Und alsbald war das gesamte Lokal Zeuge von Szenen, die Liz Taylor in ›Wer hat Angst vor Virginia Woolf‹ als Waisenmädchen hätten erscheinen lassen. So wie man sich einige Tage zuvor für »immer und ewig« befreundet hatte, so trennte man sich jetzt »endgültig«. Für immer. Die einige Tage zuvor ohne ihren Willen zu Trauzeugen bestimmten »Ballerina«-Gäste wurden jetzt schadenfrohe Zeugen der Scheidung. »Pack verschlägt sich, Pack verträgt sich!« war eine der vielen Weisheiten, die mein Großvater tagtäglich von sich gab. Ob er das »Ballerina« gekannt hatte? Denn tags darauf saßen die zankenden Parteien wieder einträchtig, als wäre nie etwas geschehen, am Tresen und erzählten davon, daß ihre Mutter sie zum Kaffee besucht habe. Im »Ballerina« lernte ich Rolf Kiby kennen. Mit einer dauergewellten Frisur versuchte er von seinem spitzmäusigen Gesicht abzulenken, in dem sich eine riesige Nase erhob. Da er auch noch ziemlich klein war, gab ich ihm insgeheim den Spitznamen »Zwerg Nase«. Was sein Körper nicht versprach, machte er mit seinem Gehirn wett. Er war einer der charmantesten, gebildetsten, 107
feinsinnigsten, klügsten Menschen, die ich jemals getroffen habe. Wir freundeten uns platonisch an – alles andere wäre lächerlich gewesen. Bei der Exploration unserer Kindheit hatten sich interessante Parallelen ergeben. Beide hatten wir eine verrückte Mutter und einen zwielichtigen Vater gehabt. Beide waren wir bei den Großeltern aufgewachsen. Der jeweilige Großvater war Musiklehrer gewesen. Er studierte Germanistik in Heidelberg und war praktizierender Masochist. Ich war erstaunt darüber, daß er über eine solche Eigenschaft, die in sogenannten kultivierten Schwulenkreisen, wie sie die Mannheimer Gay-Community – allerdings vergeblich – darzustellen versuchte, peinlichst verschwiegen worden wäre, so offen redete, als spräche er von einer Wanderung im Odenwald. War schon die Tatsache, daß sich jemand ficken ließ, Grund, ihn mit spitzen Fingern, zumindest in der Öffentlichkeit, anzufassen, so war der Folterkatalog, den Rolf mir hier am Tresen vorblätterte, zuviel für Substitutenohren. Man setzte sich zwei Stühle weiter und betrachtete uns scheel von der Seite, als wollte man sagen: »So sind wir Gott sei Dank nicht.« Ich sollte die Scheel-Schauenden fast alle später in den damals für sie unvorstellbarsten Situationen wiedertreffen. Rolf Kiby war kein Masochist von der Sorte wie Müsli, die sich unterwerfen will, um dann der gewohnten Küchenarbeit nachzugehen. Er bezeichnete sich als »Hardcore« und war es auch. Er träumte von Sklavenfarmen, in denen er sich abrichten lassen wollte. Ja, er wollte sogar umgebracht werden. Er fuhr nach New York, lief mutterseelenallein nachts auf den Piers herum, in der Hoffnung, seinen Mörder zu finden. Ihm wurde kein Haar gekrümmt, während ein paar Straßen weiter Messer durch die Gegend 108
flogen, Frauen vergewaltigt und Schwule zusammengeschlagen wurden. Er erzählte mir von einer geheimnisvollen Welt, die Lederszene genannt wurde und in der sich Schwule, die es härter mögen, träfen. Ich war neugierig. Der Zusammenhang von Leiden und Leidenschaft, Schmerz und Lust, körperlicher Gewalt und Sexualität war mir völlig fremd. Ich konnte nicht nachvollziehen, wie man bei so etwas wie Sado-Masochismus Spaß haben konnte. Daß das, was Dietrich Ritter in meiner Schulzeit mit mir und was ich das Jahr zuvor mit Müsli gemacht hatte, S/M gewesen war, wäre mir nicht in den Kopf gekommen. Es war ja nur psychische Gewalt im Spiel gewesen. Ich war lernbegierig. Rolf Kiby lud mich ein, mit ihm in Frankfurt das »Boot« zu besuchen. Ich zitterte wie Espenlaub, als ich die Masse lederbekleideter Leiber sah, durch die mich Rolf lotste. Ich kam mir ganz klein in meinem Lederimitatjäckchen vor, das ich mir für diesen Abend von einem Mitglied der SchAM geliehen hatte. Schon die Einrichtung des Lokals hatte eine einschüchternde Wirkung auf mich. Statt Plüschsitzen gab es Holzbänke, es wirkte alles, als wäre es seit Jahren nicht geputzt worden, die Gäste drückten ihre Zigarettenkippen nicht mit abgespreiztem Finger im Aschenbecher, sondern mit der Stiefelsohle auf dem Fußboden aus. Derbe Stiefel waren die vorherrschende Fußbekleidung. Ungewohnt, wenn man aus dem »Ballerina« den Laufsteg der italienischen Schuhmodeindustrie gewohnt war. Am Rest der Bekleidung konnte man die Gäste in zwei Klassen unterscheiden: Jeanstypen und Ledertypen. Jeanstypen trugen zu ihren Stiefeln Bluejeans und eine Jeans109
jacke oder eine schwarze Lederjacke. Sie hatten meist Schnurrbärte und, für damalige Verhältnisse, kurze Haare. Ledertypen waren ganz in Leder gekleidet, hatten derbere Lederjacken als die Jeanstypen und trugen entweder Vollederhosen oder ein eigenartiges Beinkleid, das vorne und hinten ausgeschnitten war und den Blick auf die darunter getragene Jeans freigab. Rolf klärte mich auf, daß solche Hosen »Chaps« genannt würden. Es war das erste Wort einer neuen Fremdsprache, die ich lernen sollte. Obwohl von Sprache eigentlich hier nicht viel zu hören war. Die meisten Typen schauten grimmig und stumm und gaben sich den Anschein, von niemandem Notiz zu nehmen. Nur ab und zu lösten sie sich von der Holzbank, auf deren Lehne sie, gleich Hühnern auf der Stange, nebeneinander aufgereiht waren, gingen zum Tresen, holten ein Bier und setzten sich an ihren Stammplatz zurück. Mir war die Szenerie unheimlich. Ich kontrollierte mich dahingehend, ja keinen Fehler zu machen und nicht aufzufallen. Denn wenn ich hier negativ auffiele, so befürchtete ich, würde mir einer der stummen Herren sicherlich sofort in die Fresse schlagen. Es dauerte lange bis zu der Erkenntnis, daß die meisten der stummen Herren hier eher stumme Diener waren. Rolf schien sich in der Szenerie bestens auszukennen. Er sprach zwar mit keinem der Herren ein Wort, aber er stellte sich einem von ihnen gegenüber. Mit gesenktem Kopf. »Demutsgeste«, lehrte er mich später das zweite Wort dieser neuen Fremdsprache. Der »Meister«, jenes dritte Wort der Sprache, bei dem ich anfangs eher an schwergewichtige Bäckermeister dachte denn an Männersex, packte ihn nach einer gewissen »Abkochzeit« – vier110
tes Wort – am Kragen, spuckte ihm ins Gesicht und schleppte ihn in den »Darkroom« – fünftes Wort –, der sich hinter einer Tür neben dem Toiletteneingang verbarg. Die Idee des Darkrooms kam, wie fast alles in dieser amerikanophilen Stadt Frankfurt, aus den USA. Was die Imitation des amerikanischen schwulen Lebensstils anging, war »Mainhattan«, dank des Flughafens und der auf ihm landenden schwulen Stewards und Pursers, den anderen deutschen Städten immer weit voraus. Wurde der Hamburger Schwule anerkannt, wenn er aus alter Familie kam und wohlhabend war, der Münchner, wenn er mindestens zwei Leute in den Geiselgasteiger Filmstudios kannte, der Berliner, wenn er einen großen Schwanz hatte und im Bett versaut war, und der Stuttgarter, wenn er in ungekündigter Stellung war und eine saubere Wohnung sein eigen nannte, so war es in Frankfurt Pflicht, zumindest eine Adresse in »El Ä«, also in Los Angeles, oder in San Francisco zu haben, wollte man zur Gay-Society gezählt werden. Hier wurde zuerst Poppers geschnüffelt, hier wurden die neuesten, importierten Sexualpraktiken wie zum Beispiel Fistfucking als erstes an Bockenheimer Ärschen ausprobiert. War es in New York Mode, kurze Haare und Schnurrbart zu tragen, so ließ man sich innerhalb kürzester Zeit in Preungesheim die Haare schneiden und einen Schnauzer wachsen. Frankfurt war das erste »Klonisierungsinstitut« Deutschlands. So kam es, daß auch das »Boot« in Frankfurt einen Dunkelraum – die deutsche Übersetzung zeugte immerhin von einem gewissen Selbstbewußtsein – sein eigen nannte. Eigentlich war er nicht zur Gänze dunkel. Ähnlich jener Ausgeburt von architektonischem Sadismus, die man in 111
Berliner Altbauwohnungen »Berliner Zimmer« nennt, war eine Ecke des als Revier der Lüste dienenden Rechtecks abgeschrägt und mit einem Fenster versehen worden, durch das eine Hinterhoffunzel ihren Schein warf Kenner der Szene stellten sich neben diese Notbeleuchtung, um zumindest einen groben Überblick zu bekommen, wer außer ihnen selbst noch im Raum versammelt war. Von 20 Uhr, der Öffnungszeit des »Boots«, bis 22 Uhr blieb der etwa fünfzehn Quadratmeter große Raum jungfräulich leer. Die Herrenmenschen standen an ihren Hühnerstangen im vorderen Teil des Lokals und wärmten sich mit ein, zwei, vielen Bieren auf. Hier betrachtete man diskret die körperlichen Vorzüge der anderen Herrenmenschen und versuchte sich vorzustellen, wie sie sich wohl anfühlten. Denn der Tastsinn mußte voll aktiviert werden, um zu späterer Stunde unter -zig Männerleibern den richtigen zu erkennen beziehungsweise zu ertasten. Ab etwa 22 Uhr machte sich für den intimeren Kenner der Lokalbesuchergewohnheiten eine gewisse, kaum wahrnehmbare Unruhe breit. Man suchte öfter die Toilette auf, um den Druck von der Blase zu lassen, und drückte, wenn man sich gerade nicht beobachtet glaubte, die Tür zu jenem Raum auf, über der der Spruch aus Dantes ›Inferno‹ hätte stehen können: »Tritt ein, Fremder, und laß alle Hoffnung fahren.« Die Hoffnung nämlich, irgendeinen der in Reih und Glied stehenden Männer optisch identifizieren zu können. Man stellte sich in die Reihe. Der Raum füllte sich immer mehr. Klaustrophobiker begannen langsam zu kapitulieren. Man stand Hosennaht an Hosennaht und wartete, daß ein elektrischer Funke die Zehntelmillimeter Distanz überwinden würde. Zwei machten den Anfang. Gingen sich gegenseitig an die Hosen, öffneten sie, fingen an zu wichsen und zu blasen. 112
Der langersehnte Funke führte zur Explosion. Fünfundzwanzig Hosenschlitze wurden geöffnet, fünfundzwanzig Schwänze herausgeholt, fünfundzwanzig Hosen fielen auf den Boden, fünfundzwanzig Nillen und fünfundzwanzig Ärsche wurden mit Spucke befeuchtet. Poppers verbreitete einen Duft, der Uneingeweihten wie der eingeschlafener Schweißfüße, den Jüngern des Dunkelraumes aber wie Chanel No. 5 vorkam. Hatte man sich zuvor noch einen ausgesucht, den man hier begreifen wollte, so war es jetzt egal, mit wem man es gerade trieb. Das jeweilige Gegenüber, das jeweilige Vorne, das jeweilige Hinten ersetzte den Typ, den zu begreifen man sich vorgenommen hatte. Man fickte mit dem Begriff von ihm. Man fickte mit dem, den man sich gerade vorstellte. Mann fickte mit der Fiktion Mann. Es war Sex total, es war Auflösung, es war Rausch. Es war Religionsausübung, die Anbetung des männlichen Prinzips. Die männliche Putzfrau, die für die Fußbodenpflege des Etablissements verantwortlich war, mußte am nächsten Morgen eine Plastiktüte voller Tempotaschentücher zur Mülltonne bringen. Kondome waren damals noch nicht dabei. Anonymen Sex hatte ich bis dahin nicht praktiziert: Auch wenn ich im Park oder auf der Klappe einen mir bis dahin völlig Unbekannten innerhalb von wenigen Minuten aufriß oder mich aufreißen ließ, so lernte ich den Betreffenden doch kennen. Kennen, indem man einige belanglose Sätze wechselte, bevor man in die Kabine ging, um dem Abend die Abrundung zu geben. Oder indem man sich kurz in die Augen schaute und sich nonverbal das Okay gab. Es fand immer, wenn auch rudimentäre, zwischenmenschliche Kommunikation statt. Höflichkeitshal113
ber bemühte man sich um das jeweilige Gegenüber auch dann noch, wenn man selbst schon abgespritzt hatte, und half ihm, daß auch er in den Genuß eines abgerundeten Abends kommen konnte. Danach ging man auseinander und grüßte sich dann und wann, wenn man sich auf der Klappe begegnete. Zwei Kugeln waren auf dem Billardtisch des Lebens zusammengeprallt, hatten sich kurz berührt, sich gegenseitig Impulse gegeben und waren in verschiedene Richtungen weitergerollt, ohne sich jemals wieder zu treffen. Im Dunkelraum jedoch gab es keine Individuen. Hier war jeder austauschbar. Hier verklumpten sich viele kleine Geilheiten zu einer einzigen großen Masse Geilheit. Man stand im Mittelpunkt seiner eigenen Phantasien. Alle anderen waren nur für einen selbst da. Sie waren angetreten, nur das eine zu wollen, nämlich bei der Erfüllung der eigenen Phantasie zu dienen. Jeder war seines Orgasmus Schmied. Hier war man Sau. Hier sollte man es sein. Hier war man auf einem fernen Planeten. Dem Planeten der absoluten Geilheit. Er war Lichtjahre entfernt von vorwurfsvollen Freunden, tratschenden Tunten, mißtrauischen Müttern, Leistung erwartenden Arbeitgebern. Rolf Kiby war der Pilot des Raumschiffes, das mich jeden Samstag zu diesem Planeten brachte. Den Schnurrbart hatte ich schon gehabt. Nun ließ ich mir noch die Haare kurz schneiden. Zur Lederjacke fehlte mir allerdings das Geld. Bei einem unserer Gruppentreffen war ein Typ, der Fred Schön hieß und sich auch so fühlte. Mit seinen gelockten Haaren hatte er etwas von einem aufgemotzten Pudel. Um seinen Kuhaugen einen Schuß Erotik zu verleihen, hatte er diese mit Kajal umschmiert. Er arbeitete in einer Boutique, 114
die Modeschmuck anbot, und war ihre beste Schaufensterauslage. Der dürre Hals wurde durch viele Kettchen und Ketten in seiner Dürre noch betont. Jeder seiner Finger, die durch lange, teils lackierte Fingernägel seiner Hand das Aussehen einer Vogelspinne gaben, war mit einem Ring geschmückt. Sein asymmetrisches Gesicht wurde dadurch betont, daß er an jedem Ohrläppchen jeweils verschiedene Ohrringe trug. Seine dürren Beine steckten in weiten Pumphosen, da seine Boutique nebenbei eine Abteilung mit indischen Erzeugnissen hatte. Sie stand im krassen Gegensatz zu seiner Fünfziger-Jahre-Motorradlederjacke, die zu seinem schmalen Oberkörper paßte wie die Faust aufs kajalverschmierte Auge. Die Jacke gefiel mir. Ich schien ihm zu gefallen. Während der Gruppensitzung schaute diese Kuh mich an, als wäre ich der letzte Stier auf Erden. Sie fand jede meiner geäußerten Thesen »äußerst richtig«. Sie verpaßte ihre Straßenbahn nach Sandhofen. Ob sie bei mir übernachten könne? Ich sah mir ihre Lederjacke an. Sie machte auf »zärtlichen Liebhaber«. Nuckelte mit ihren vorstehenden Zähnen an meiner Brust herum. Kraulte mit ihren langen Krallen in meinen Brusthaaren und sagte, daß sie mich »süß« finde. Ich fickte meine ganze Verachtung in sie rein. Sie sagte, sie liebe mich. Nach sechs Wochen Martyrium hatte ich Geburtstag. Sie kam mit einem Strauß gelber und roter Rosen, »für jedes Lebensjahr eine gelbe, und für jede Woche, die wir jetzt zusammen sind, eine rote«, und schenkte mir als »Überraschung« die Lederjacke. Ich hatte die Überraschung erwartet, da ich bei der Erwähnung meines baldigen Geburtstages nie vergessen hatte hinzuzufügen, wie sehr mir ihre Lederjacke gefalle. 115
Zwei Tage später hatte es sich für mich ausgezärtlicht. Sie erzählte überall herum, was ich für ein Schwein sei. Sie hatte recht. ›Die Verwandlung‹ hatten wir im Deutschunterricht durchgenommen. Kafka beschrieb darin, wie ein Mann morgens aufwachte und sich in ein Insekt verwandelt sah. Ich verwandelte mich abends. Die Lederjacke verstärkte die Wirkung der enganliegenden Jeans und ließ meinen Oberkörper breiter wirken. Die Stiefel machten meinen Gang schwerer. Ich sah in den Spiegel. Der erwartete James Dean war darin nicht zu entdecken. Ich wirkte eher wie Napoleon zur Zeit des Ägyptenkrieges. Gleich mir standen wohl jeden Abend Tausende Schwule vor dem Spiegel und erlebten die Verwandlung. Der Bankangestellte wurde Cowboy. Der Substitut wurde Rocker. Der Bäcker Feldwebel. Der Hoechst-Manager Rekrut. Als wäre er den ganzen Tag geritten auf seiner Ranch in Rüsselsheim, bewegte sich der Bankangestellte auf den Rocker zu, um sich von ihm zureiten zu lassen. Untertänig bat der Manager den Feldwebel, heute abend für ihn die Entscheidungen zu treffen. In der Lederbar war die Klassengesellschaft auf den Kopf gestellt. Hier diente der Vorgesetzte. Hier erteilte der Lehrling die Befehle. Der Muskelprotz ließ sich vom Leptosomen auspeitschen. Es herrschte die Hierarchie der Zentimeter, in denen die Männlichkeit in eine Rangordnung gebracht wurde, und das Faustrecht für diejenigen, denen jede Faust recht war. Meine rechte Faust war recht begehrt. Sie war kleiner und schmaler als die linke. Im Alter von fünf Jahren hatte ich mir im Hof unseres Hauses, das an einem Baggersee lag, aus einer großen Kühlkiste eine Flasche Limonade zu holen versucht. Der schwere Isolie116
rungsdeckel der Kiste war an den Maschendrahtzaun gelehnt, der unser Anwesen vom allgemeinen Badebetrieb abgrenzte. Während ich mich in die Kühlkiste beugte, lehnte ein Mann sein Motorrad an den Zaun. Der Zaun gab nach. Der Kistendeckel fiel auf meine rechte Schulter. Meiner hysterisch heulenden Mutter erklärten die Ärzte, daß Bizeps, Trizeps und Deltamuskel in meinem rechten Arm wohl für immer gelähmt blieben. Im Krankenhaus versteifte man, Gipfel der ärztlichen Kunstfehler, das Ellbogengelenk künstlich, um den Arm in eine »Gebrauchsstellung« zu bringen. Die Doktoren wußten ja nicht, zu welchen Stellungen ich den Arm später gebrauchen sollte. Ich setzte den Arm als Kind für meine Zwecke ein. In Metzgereien schenkten mir mitleidige Verkäuferinnen immer das größte Stück Wurst. Bäckersgattinnen bedachten »das arme Kind« mit einer Brezel. War ich zu irgendwelchen Arbeiten zu faul, der Arm befreite mich von der Arbeitspflicht. Als einziger meines Jahrgangs zitterte ich nicht der bevorstehenden Musterung entgegen. Niemand konnte verstehen, daß ich nicht unter dieser Behinderung, die ich ja als Wettbewerbsvorteil verstand, litt. Ich hatte den gelähmten Arm derart in meine Persönlichkeit integriert, ging so selbstverständlich damit um, daß er im normalen gesellschaftlichen Umgang niemandem auffiel. Nur was man zu verbergen sucht, wird offenbar. Bemerkte der Bettpartner dann nach dem Orgasmus, daß mein rechter Arm gegenüber dem linken doch reichlich atrophiert sei, so erzählte ich wahrheitsgemäß die Geschichte mit der Kühlkiste. Seit ich Mitglied der Lederszene geworden war, verkürzte ich den Hergang auf das Wort »Motorradunfall«. Er gab mir den Mythos von männlicher Tragik und öffnete dem Zuhörer nicht nur das Herz, sondern später auch den 117
Arsch. Ich hatte nicht gelogen. Es war ja ein Unfall, der von einem Motorrad verursacht worden war. Meine optische Veränderung wurde in den Mannheimer »Ballerina«-Kreisen sehr zwiespältig aufgenommen. Man schloß mich aus der Gemeinschaft der Fönfrisuren aus. Man vermutete schlimmste Perversionen, die an mir ausgeübt würden oder die ich an anderen ausüben würde. Man schnitt mich und nahm höchstens auf der Klappe mit mir Kontakt auf, wenn man sich von den »Normalen« nicht beobachtet fühlte. Man war enttäuscht, wenn ich dann nur »normalen« Sex machte. Die schwer erfickte Lederjacke war meine zweite Haut geworden. Ja, sie begann mit meiner ersten Haut zu verwachsen. Ich trug sie immer. Ich trug sie in der Uni-Cafeteria. Ich trug sie bei Examina. Ich trug sie in der Kneipe. Ja, ich trug sie, wenn es gewünscht war, sogar im Bett. Sie war ein Teil von mir geworden. Als ich einmal, es war am Ende meiner Mannheimer Zeit, auf der Straße überfallen wurde und der Täter mich zur Herausgabe der Jacke mit Faustschlägen zwingen wollte, weigerte ich mich so lange, die Jacke auszuziehen, bis er das Stilettmesser an meine Hose setzte und zustach. Gott sei Dank wurde das Messer von meinem Schwanzring abgeleitet, so daß meine Hoden nicht verletzt wurden und ich nur einen kleinen Schnitt am Oberschenkel hatte. Der Täter wurde aufgegriffen. Die Jacke als Beweismittel konfisziert. Ich klagte gegen die Staatsanwaltschaft Mannheim auf Herausgabe der Jacke und gewann. »Stützen, stützen«, donnerte Frau Luft. Als ehemalige Opernsängerin, die ihr Alter – fünf Jahre zu niedrig – mit Fünfundsechzig angab, war sie von Thomas Pütz gebeten worden, den Mitgliedern unserer Theatergruppe Atem118
und Sprechunterricht zu erteilen. Frau Luft war bestimmt in ihrer aktiven Zeit die ideale Wagnersängerin gewesen, die Rolle der Walküre hatte sie über ihre Pensionierung hinaus beibehalten. Ihre Tochter Sylvia, die ihren Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Hörspielen bestritt, hatte Pütz kennengelernt, als er sich in einem Lokal aufhielt, in dem »Er« »Ihn« und »Sie« »Sie« sucht und manchmal auch findet. Sylvia hatte Ingeborg gefunden. Sie war Sekretärin bei BASF und das krasse Gegenteil von Sylvia. War Sylvia überlegt, zurückhaltend, gebildet, so war ihr Pendant dumm, laut und schrecklich ordinär. Sie sprach das schlimmste Pfälzisch, das Ludwigshafen bieten konnte. Bei der Premierenfeier zu Hildesheimers ›Verspätung‹ – unsere Gruppe hatte sich inzwischen an Absurdes Theater gewagt – waren neben einigen Professoren der Uni auch Sylvia und ihre lumpenproletarische Freundin anwesend. Wie immer, wenn irgend jemand einen Scherz gemacht hatte, den Ingeborg nicht verstand, lachte sie sehr laut, um den Eindruck zu erwecken, sie verstünde feinsinnige Ironie. Thomas Pütz und ich versuchten gerade, mit einem der Germanistikprofessoren über Absurdes Theater zu plaudern, als wir zum wiederholten Mal vom lauten Ingeborgschen Lachen, das sich wie eine Kreissäge anhörte, unterbrochen wurden. Auf des Germanistikprofessors Frage, um wen es sich bei jener obskuren Dame wohl handele, antwortete Pütz, diesen Abend in Stimmung fürs Absurde, daß die laute Dame Gräfin Geschwitz sei. Gräfin Geschwitz ist die lesbische Gräfin in der Oper ›Lulu‹ von Alban Berg, und ein Germanistikprofessor hätte eigentlich stutzig werden müssen. Unserer allerdings arbeitete sich im Laufe des Stehempfangs langsam in Richtung der lesbischen Sekretärin, um ihr die Hand zu küssen und sie zu fragen, wie er Hoheit wohl anreden dürfe. »Aaaach, 119
nenne Se misch äfach Ingeborsch« war die krakeelende Antwort. Mein Respekt vor deutschen Professoren war seit diesem Abend ein geschmälerter. Das »Pumuckl« war eine Kneipe in der Amerikanerstraße in der Nähe des Güterbahnhofs Mannheim. Es war die Stammkneipe jener Szene Mannheims, die sich für alternativ hielt. Alternativ hieß, daß sich Leute basisdemokratisch zu Kollektiven zusammenschlossen und mit alternativen Buchläden, Vollkornbäckereien und Boutiquen, in denen hundertprozentige Wollpullover von glücklichen Schafen verkauft wurden, den Kapitalismus bekämpften. Waren diese Projekte dann in die rentable Phase gekommen und hatten erste Gewinne ausgeworfen, so zerstritten sich die Mitglieder des Kollektivs meist über die Verteilung der Gewinne und gründeten ihren eigenen Laden. Irgendwie hatte die Schwule Aktion Mannheim es geschafft, den Eindruck zu erwecken, daß Schwulsein etwas mit alternativem, unbürgerlichem Leben zu tun habe. Das »Pumuckl«-Kollektiv gestattete uns, daß wir die Kneipe an einem der Ruhetage als Alternative Schwulenkneipe benutzen dürften. Wir benannten das »Pumuckl« an diesen Dienstagen zum »Schwumuckl« um. Das »Schwumuckl« schien eine Marktlücke geschlossen zu haben. Die alternativen Schwulen oder zumindest jene, die sich dafür hielten, strömten dienstags aus dem kurpfälzischen Raum in die Amerikanerstraße. An unseren Dienstagen war mehr los als an den anderen »Pumuckl«-Tagen. Unser Umsatz stieg. Das Mißtrauen des »Pumuckl«-Kollektivs auch. Sie warfen uns kapitalistische Denkweisen vor und uns raus. Sie versuchten, das schwule Publikum, das ja im Alkoholkonsum dem alternativen Publikum weit überlegen war, zu halten. Vergeblich, denn sie hatten den 120
Generalfehler gemacht und versäumt, gutaussehende Tresenkeeper zu engagieren, die dem Gast die Erotik versprechen, die er selbst nicht halten kann. Das Kollektiv konnte den Laden letztendlich nicht halten, weil jetzt auch das alternative Publikum an den anderen Tagen sich weigerte, in homosexuell verseuchten Räumen über Makrobiotik und indische Philosophie beim Bier zu diskutieren. Wir interessierten Wilma für die leerstehenden Räumlichkeiten, in denen sich das »Pumuckl« befunden hatte. Wilma hieß eigentlich Willy, wurde aber, seit er schwul denken konnte, und das war seit den vierziger Jahren, Wilma gerufen. Sie, die Bezeichnung »er« verbat sie sich energisch, hatte mal eine Ballettausbildung genossen. Nach einem Umweg über eine Verkäufer- und Kellnerexistenz hatte sie ihre eigentliche Berufung entdeckt und war Kneipenwirtin geworden. Ihre erste Kneipe, die »Kommode« im Mannheimer Vorort Feudenheim, war bereits in den frühen sechziger Jahren ein Geheimtip der homophil empfindenden kurpfälzischen Menschen. Anfang der siebziger Jahre war sie dann der Treffpunkt der Homosexuellen, die in Wilma einen Mutterersatz suchten und fanden. Sie fungierte bei ihnen in ihrer Lieblingsrolle, nämlich als böse Stiefmutter. Böse, alte Frauen konnte sie überhaupt am besten spielen. Im Gegensatz zu den sonstigen Fummeltrinen, die mangelnde Persönlichkeit und mangelnde schauspielerische Begabung mit einer Orgie von Tüll, Straß und Pailletten zu übertünchen suchen, war Wilma gekleidet wie ein Buchhalter in seiner Freizeit. Ihm genügte ein winzigkleines Requisit, und er verwandelte sich innerhalb von Sekunden in jede vom Publikum gewünschte Frau. Ein Geschirrhandtuch mit einer Haarnadel ins lichte Kopfhaar 121
geklemmt, ließ Queen Victoria wieder auferstehen. Ein Topfreiniger als Haarnetzersatz genügte, und Wilma war Golda Meir. Legendär war ihre Hutnummer. Sie nahm einen alten schwarzen Filzhut und formte ihn mit geschickten Fingern so um, daß sie innerhalb von drei Minuten mit Hilfe der gefertigten Hutmodelle und ihrer Mimik acht verschiedene Frauentypen darstellen konnte, von der Rentnerin über die Oberlehrerin bis hin zu Queen Elizabeth. Sie behandelte ihre Gäste auf so unnachahmliche Art und Weise schlecht, zog sie derart charmant auf, daß diese ihr verfielen. Als ich das erste Mal Anfang der siebziger Jahre bei ihr war und mir voller Stolz ein rotes Tuch um den Hals gebunden hatte, was damals noch keine Bedeutung hatte, fragte sie mich, nach kurzem Mustern: »Na junge Frau, haben Sie einen Kropf, oder kommen Sie aus Bayern?« Ich wurde verlegen. Später lehrte sie mich Schlagfertigkeit. Die Anzahl meiner heutigen Feinde beweist, daß sie eine gute Lehrmeisterin der bösen Zunge war. Diese böse Zunge und die Sperrstunde wurden der »Kommode« zum Verhängnis. Die Sperrstunde ist eine sadistische Erfindung, die das Ordnungsamt eingeführt hat, um die Bürger mitten aus einer fröhlichen Stimmung heraus zu gemahnen, daß sie am nächsten Tag zu arbeiten haben. Wilma überzog die Sperrstunde, die in Mannheim auf die unmenschlich frühe Stunde der Mitternacht festgelegt war, gewohnheitsmäßig. Böswillige Nachbarn der »Kommode«, die dem schwulen Treiben ein Ende machen wollten, zeigten die Sperrstundenübertretung beim Polizeirevier an. Die Beamten kamen und versuchten, Wilma zu belehren. Als der Wachtmeister mit »Herr Wingerle, ich muß Sie darauf aufmerksam machen ...« die Rechtshilfebelehrung begann, fiel ihm 122
Wilma ins Wort: »Und ich, Herr Wachtmeister, muß Sie«, sie zog das »Sie« verächtlich in die Länge, »darauf aufmerksam machen, daß ich für Sie«, sie betonte es noch verächtlicher, »immer noch die Frau Wingerle bin.« Das Verfahren wegen versuchter Beamtenbeleidigung wurde zwar eingestellt, aber die Konzession für die »Kommode« war Wilma wegen fortgesetzten Überschreitens der Sperrstunde los. Nachdem wir lange selbst hatten kellnern müssen, waren wir froh, daß Wilma unseren Tip annahm und Anfang 1979 das ehemalige »Pumuckl« in »Wilmas Stehlampe« umtaufte. Wir hatten wieder eine Mutter. Neben Ordnung und Sauberkeit lieben viele Deutsche am meisten die Hunde. »Daß mir der Hund am liebsten sei, sagst du, oh Mensch, sei Sünde. Der Hund blieb mir im Sturme treu. Der Mensch nicht mal im Winde.« Solche Sinnsprüche, in Kupferschilder mit goldener gotischer Schrift eingraviert, erfreuten schon damals mein kitschophiles Herz. Und so verfolgte ich den ersten Mannheimer Hundekrieg, der damals die Leserbriefspalten einer Mannheimer Zeitung erschütterte, voller Interesse. Irgend jemand hatte sich in einem Leserbrief beschwert, daß der allgegenwärtige Hundekot auf den Straßen widerlich sei. Ein Sturm der Entrüstung wühlte die Seelen der Mannheimer Hundebesitzer auf Eine Frau Groß schrieb sich ihren Zorn vom Leibe: »Unsere Hunde schlagen keine wehrlosen Frauen und Kinder nieder und vergewaltigen sie, wie das in Mannheimer Parks so Mode geworden ist. Wenn ich dabei an manche Zweibeiner denke. Ich frage die Verantwortlichen: Was haben denn Plastiktüten, Zigarettenschachteln und gebrauchte und ungebrauchte Pariser in unseren Parkan123
lagen verloren? Unsere Hunde sind dafür nicht verantwortlich zu machen! Auch zeigen unsere Hunde keinerlei Interesse für Homosexualität, die ja im Schloßpark so eifrig gepflegt wird. Vielleicht sollte man diesen Strichmännern mal die Polizeiverordnung vorlesen und es ihnen klipp und klar sagen, daß derlei Gewerbe in öffentlichen Anlagen verboten ist. Hilfspolizisten wären hier zur Kontrolle ordnungswidrigen Verhaltens bestens eingesetzt. Anstatt sich mit unseren Hunden zu beschäftigen. Auch wäre eine Bürgeraktion ins Leben zu rufen, um die Liebesspiele hinter den Büschen – und manchmal auch nicht hinter den Büschen – zu stoppen.« Die Hundefrage war somit an die Schwulenfrage gekoppelt. Mit Hermann, einem Mitglied unserer Schwulengruppe, schrieb ich einen Sketch, dessen Grundlage eben jener Leserbrief war und in dem sich zwei Rentnerinnen, denen wir die Namen von Hermanns Nachbarinnen, Frau Emmendörfer und Frau Karbach, gaben, über Schwule unterhalten. Dieser Sketch bot den äußeren Rahmen und Aufhängepunkt für viele weitere Sketche, mit denen wir dilettierten und uns mit dem gesunden Volksempfinden auseinandersetzten. Hermann war der erste Filmfreak, den ich kennenlernte. Er war praktizierender Kinomane und kannte fast jeden Film, der seit der Erfindung durch die Gebrüder Lumière jemals gedreht worden war. Er hat meiner latent vorhandenen Leidenschaft für Filmkomödien zum Ausbruch verholfen und war mitverantwortlich für mein cineastisches Coming-out. Er lehrte mich sehen. Sein eigentlicher Beruf, er war Beamter bei der Bundeswehr, war ihm lästig geworden, da er ihn von seiner Passion für alles, was bewegte Bilder erzeugt, also Kino und 124
Fernsehen, abhielt. Zum Entsetzen seiner Mutter hatte er die gesicherte Lebensstellung gekündigt, um sich voll und ganz dem Vorabendprogramm widmen zu können. Ich glaube, er ist später nur aus dem Grund nach Berlin gezogen, da es dort mit DDR 1 und DDR 2 zwei Programme mehr gab. Die Hundeaffäre hatte sich insofern positiv auf das Mannheimer Schwulenleben ausgewirkt, als sich das Mann-heimer Nationaltheater der Schwulenfrage zuzuwenden begann. ›Bent‹, das Stück von Martin Sherman, das später unter dem Titel ›Rosa Winke‹ bekannt wurde, fand hier in Mannheim seine deutschsprachige Uraufführung. Parallel dazu sollte in der Studiobühne des Theaters ein Abend gestaltet werden, der sich mit Homosexualität befaßte. Ein Regisseur bat uns, diesen Infoabend vorzubereiten. Ich schrieb ein kleines Theaterstück, das ich mit Mitgliedern der Schwulengruppe inszenierte. Die Diskussion leitete Martin Dannecker, der in schwulen Fragen – wenn schon nicht als Papst, so doch zumindest – als Kardinal angesehen war. Es war ein schönes Gefühl, Erfolg zu haben. Noch dazu, da es danach ein kleines Theaterskandälchen gab. Dr. Merkert, ein christdemokratischer Stadtrat, der sich in Kulturfragen für zuständig hielt, schäumte angesichts solch brühwarmer Gastspiele und schrieb in einem Leserbrief von dem »Tanz auf der Nadelspitze der Sekunde«. Ich war ihm dankbar für diese PR-Arbeit. Konnte ich doch mit einem Gegenleserbrief einen Flächenbrand von solidarischen Stellungnahmen entfachen, die die Leserbriefspalte der Mannheimer Zeitung für geraume Zeit am Köcheln hielt.
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Als dann noch ein Heidelberger Stadtmagazin uns bat, einen Artikel zu schreiben, der sechs Seiten der folgenden Ausgabe mit Wort und Bild füllte, und auf dem Titel nicht nur der Satz »Schwul in Mannheim«, sondern auch mein Bild erschienen war, triumphierte die Claire Zachanassian, die seit dem ›Besuch der alten Dame‹ in mir schlummerte. Die Heidelberger Gruppe hatte uns Mannheimer zu »bürgerlichen Rumbumsschwulen mit Lederjacken« gemacht. Jetzt machten wir die Heidelberger zur Gruppe »Homo Neidelbergensis«. Neid entsteht aus dem Bewußtsein heraus, daß ein anderer etwas besitzt, was man selbst nicht hat. Aber statt sich anzustrengen, dieses fehlende Etwas selbst zu erwerben, setzt man alle Anstrengungen ein, dem anderen den Besitz wegzunehmen oder ihn zu zerstören. Einer meiner Cousins zerstörte einmal einen Turm, den ich aus Legobausteinen gebaut hatte, weil mein Turm höher gewesen war. Ich war fassungs- und hilflos. Ich wollte mir niemals wieder von irgend jemand etwas zerstören lassen, was ich aufgebaut hatte und worauf ich stolz war. Und ein wenig stolz konnte ich damals, Ende der Siebziger, auf das Erreichte schon sein. Ich hatte eine Wohnung, hatte eine soziale Relevanz, hatte, was ich mir als Kind nie zugetraut hätte, mit leidlichem Erfolg auf der Bühne gestanden, war auf dem Titel einer – wenn auch nicht bundesweit verbreiteten – Zeitung gewesen. Die von mir federführend aufgebaute Schwule Aktion Mannheim war geachtet. Ich hatte die Vordiplomprüfung in Psychologie erfolgreich abgelegt und strebte dem Hauptdiplom entgegen. Ich hatte einen großen Freundes- und Bekanntenkreis und war recht beliebt. Ich hatte mir eine sogenannte schwule Persönlichkeit zugelegt, die mich im Krieg 126
der Tunten vor Verletzungen schützte. Ich kannte die Tricks im Bett, mit denen man Typen geil macht. Ich kannte die Psychotricks, mit denen man Typen verliebt macht. Ich hatte die Tricks gelernt, wie man in einer Gruppenhierarchie aufsteigt. Ich hatte mich sogar in meiner Fakultät auf einer Hiwi-Stelle unentbehrlich gemacht. Hätte ich die Punkte meines bisherigen Lebens durch eine Kurve miteinander verbunden und diese Kurve asymptotisch in die Zukunft fortgesetzt, hätte diese Kurve eine Reihe weiterer Punkte erreicht. Hauptdiplom, Assistentenstelle der Universität Mannheim, vielleicht sogar eine Professur. Ich hätte mehrere feste Beziehungen gehabt, wäre mit ihnen in Urlaub gefahren, hätte mich von ihnen getrennt und eine weitere Beziehung aufgenommen. Wäre immer der Stärkere gewesen. Die Kurve weiter bis ins hohe Alter fortzusetzen, weigerte sich meine Phantasie. Ich stellte mir ein Leben vor, das ich rundum zufrieden gelebt hätte. Welcher Teufel hat mich bloß geritten, mich zu verlieben und dadurch den Legoturm meiner Planungen zum Einstürzen bringen zu lassen? Er sagte, sein Name sei Alar. Ich hatte »Allah« verstanden und hielt dies für einen schlechten Witz. Nein, wirklich Alar. Seine Eltern würden aus Estland stammen, und Alar sei dort ein gebräuchlicher Name. Und er sei heute abend zum ersten Mal im »Ballerina«, da er sich erst kürzlich in der Fachhochschule für Sozialarbeit eingeschrieben habe. Seit meinem ersten Semester waren mir Psychologen und die artverwandten Sozialarbeiter ein Graus. Ich empfand Sozialarbeiter als sich alternativ gebärdende 127
Wesen, die sich ungefragt in fremde Angelegenheiten mischen und einem ihre unerwünschte Hilfe überstülpen. Sozialarbeit war für mich das berufgewordene mütterliche Prinzip. Die Metamorphose des Psychologiestudenten vom ersten Semester bis kurz vor der Diplomprüfung hatte ich an meinen Kommilitonen erfahren. Waren sie am Anfang normale, wenn auch langweilige Wesen, mit denen man einen halbwegs normalen, wenn auch langweiligen Dialog führen konnte, so verbreiteten sie im Laufe des Studiums eine immer penetrantere Atmosphäre der Ich-Botschaften. Sie sagten einem nicht mehr, wie im ersten Semester, man sei ein schwules Arschloch, das sich auf Klappen herumtreibe, sondern hatten ab dem Vordiplom das Gefühl, man sei ein extrovertierter Mensch, dessen Verhalten von der Desintegration der homosexuellen Tendenzen in die Gesamtpersönlichkeit zeuge. Der statistische Mittelwert wurde zur idealen Persönlichkeitsnorm fetischisiert. Ihr varianzanalytisches Denken duldete nur Standardabweichungen von diesem Idealpunkt. Überschritt man diese Norm um mehr als eine Standardabweichung, machte sich allseits tiefe »Betroffenheit« breit. Therapie hieß, diejenigen, die in der Gaußschen Normalverteilung zu weit vom Durchschnitt entfernt lagen, wieder auf das »gesunde« Maß zurückzuschrauben. Mein anarchistischer therapeutischer Ansatz, die Verrückten in ihrer Verrücktheit zu bestärken, stieß auf großes Unverständnis und löste noch größere Betroffenheit aus. Diejenigen, die mir rhetorisch nicht gewachsen waren, hatten ein undefinierbares Gefühl im Bauch, das sich dann in Ich-Botschaften auflöste. Man hielt mich – nein, man hatte das Gefühl, daß ich nicht der Idealnorm entspräche, die ein gesunder Psychologe zu erfüllen habe. Das Gefühl hatte ich langsam auch. 128
Alar war dagegen von der Sinnhaftigkeit seines Studiums überzeugt. Er sah auch so aus, wie ein Bilderbuchmaler einen Sozialarbeiter dargestellt hätte. Ein viel zu weiter Grobstrickpullover aus hundert Prozent reiner Wolle, weite Schlabberhosen, lange Haare, Nickelbrille, so saß er mir im »Ballerina« gegenüber. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, daß daraus mal der schönste Mann meines Lebens werden würde, ich hätte ihn ausgelacht. Da das sonstige Angebot an diesem Abend sehr mager war und es wegen des Schneefalls draußen zu kalt für die Klappe war, lud ich Alar ein, mit zu mir nach Hause zu kommen. »Wenn ich so eine Figur hätte, würde ich nur die knallengsten Sachen anziehen«, schoß es mir durch den Kopf, als sich Alar zu Hause aus seinen Schlabbersachen pellte. Ich versuchte, meine Stielaugen wieder auf das normale Maß zurückzunehmen, als er mich verlegen fragte, ob er zu pummelig sei. Er finde seinen Oberkörper zu breit und seine Beine zu muskulös. Ich antwortete, es mache mir nichts aus. Ich war außerdem nachsichtig gegenüber dem körperlichen Makel, daß er den schönsten Arsch hatte, den ich jemals wieder in meinem Leben zu Gesicht bekommen sollte. Ich fickte wie ein Weltmeister. Als fleißiger Student wollte er am nächsten Morgen unbedingt zur Vorlesung. Ich ging mit ihm die Treppe runter, um Brötchen zu besorgen. Wir verabschiedeten uns an der Haustür. In über zweihundert solcher Situationen hatte ich gelernt, wie man sich als Schwuler möglichst cool zu verabschieden hat. Die hohe Kunst, sein Interesse an einem Wiedersehen möglichst zu verbergen, ohne abweisend und 129
unhöflich zu erscheinen – »Man trifft sich« zu sagen oder »Ruf mich mal an«. Um dann zu warten, daß der andere den ersten Schritt tut oder den ersten Anruf tätigt. Selbst initiativ zu werden hieße ja, daß man sich etwas vergäbe. Je mehr man an einem Wiedersehen interessiert war, um so cooler gab man sich. Er rief eine halbe Stunde später an. Er hatte einen Kloß im Hals. Ich sei vorhin so abweisend gewesen. Er wolle nicht nur als Mann für eine Nacht behandelt werden. Ich sagte, er solle kommen. Er kam. Wir verließen die nächsten beiden Tage das Bett nur, um auf das Klo und zum Kühlschrank zu gehen. Wir gaben uns gegenseitig das, was wir bisher vermißt hatten, ohne daß es uns bewußt gewesen wäre. Er war gnadenlos schwach. Ich fickte in seine Seele. Ich stieß bis zu der Stelle vor, in der das kleine Kind verborgen war. Ich stieß durch die Schichten der Ängste, Demütigungen und schlechten Erfahrungen, die er in seinem Leben erlitten hatte. Er öffnete sich immer weiter. Er löste sich auf. Er stöhnte. Und fing an, hemmungslos Rotz und Wasser zu heulen. Ich heulte mit. Seit meiner Kindheit hatte ich nicht mehr geheult. Es wäre ja auch unmännlich gewesen. Ich war unduldsam nicht nur gegenüber meinen eigenen Tränen geworden, sondern auch gegenüber den Tränen der anderen. Heulte jemand, so erstarrte ich für gewöhnlich zur Salzsäule. Tränen empfand ich immer als Erpressung, als den Versuch, den anderen zu einem Gefühl zu zwingen. Dieses Heulen war ein anderes Heulen. Es war das Heulen eines Kindes, dem Unrecht getan worden war. Es war das Heulen von zwei Menschen, die vom Leben gezwungen worden waren, Versteck zu spielen. Die gezwungen worden waren, Rollen zu spielen, um den Beifall des 130
Publikums zu bekommen, und die sich doch insgeheim wünschten, daß dieser Beifall ihrer eigenen Person und nicht der Rolle gelte. Wir waren absolut wehrlos. Absolut schutzlos. Absolut nackt. Wir erkannten unsere Nacktheit und schämten uns nicht. Wir verliebten uns ineinander. Außer mich selbst hatte ich bisher noch niemanden geliebt. Gemocht? Ja. Verliebt war ich öfter. Eine »Ehe« hatte ich auch schon hinter mir. Mit einem repräsentativen Mann, um den mich die anderen beneideten und der somit meinen Marktwert erhöhte. Ich hatte Beziehungen immer benutzt, um meiner Person den Glanz zu geben, den ich ihr insgeheim als den angemessenen und verdienten zusprach. Schon als Kind hatte ich mich bei manchem Kummer, den mir meine Eltern bereiteten, in die Phantasie geflüchtet, eigentlich ein Prinz zu sein, der von seinen königlichen Eltern dem Mann und der Frau zur Pflege gegeben worden war, die sich als meine Eltern ausgaben. Irgendwann würde man meine königliche Herkunft schon herausbekommen. Ich hatte auch später unter der Tatsache gelitten, daß meine Umwelt diesen verwunschenen Königssohn immer noch mit Hans anredete und in ihm immer noch den Sohn des Heinz Seyfarth und seiner Gattin Gretel, der geborenen Diehl, sahen. Ich wollte für das geliebt werden, wofür ich mich hielt, und war sauer darüber, daß die Leute das liebten, wofür sie mich hielten. Jetzt lagen zwei verwunschene Königskinder im Bett, kuschelten sich aneinander und bewunderten gegenseitig ihre Nacktheit. Was hatten die Königssöhne schöne Kleider an. Old Shatterhand hatte seinen Winnetou gefunden, Narziß seinen Goldmund. Ich empfand Glück bei der Vorstellung, daß ich jetzt nicht mehr allein den Kampf in der feind131
lichen Umwelt bestreiten mußte, sondern einen Mitstreiter hatte, der mit mir ins Feld zog und den ich beschützen konnte, wenn er in Gefahr war. Denn der ein wenig Stärkere wollte ich auch in Zukunft bleiben. Das Kapital der Stärke, das wir in den beiden Tagen im Bett angehäuft hatten, sollte verzinst werden. Ich wollte den Untertanen, die sich in der Mannheimer Subkultur tummelten, zeigen: »Seht her, wir beiden Königskinder regieren jetzt gemeinsam. Huldigt uns gefälligst!« Das »Ballerina«, in dem unser Hofstaat versammelt war, erkannte aber nur dem einen Regierenden eine gewisse Autorität zu. Und das war derjenige, der als Aktivist der Schwulengruppe und als Mitglied eines Schauspielensembles eine gewisse soziale Relevanz hatte. In Alar sahen sie nur den Studenten der Sozialarbeit. Erstes Semester. Mit seinen Klamotten, die er immer noch anhatte, verbarg er ja das königliche Gewand seiner Nacktheit. Seine Brille war wie eine Froschmaske über seine prinzlichen Augen gestülpt. Ich bat ihn, sich Kontaktlinsen zuzulegen. So wie ich, der ich mich immer geweigert hatte, meine Kurzsichtigkeit mit Brille zu korrigieren, es getan hatte, seit das ewige Zukneifen der Augen die Bildung von Krähenfüßen förderte. Er ließ sich die Haare kurz schneiden. Und als wir, beide in Leder gekleidet, eines Abends unserem Hofstaat die Ehre unseres Erscheinens gaben, erkannte ein jeder der Höflinge: Aus dem schönsten Frosch der Welt war der schönste Prinz der Welt geworden. Und ich hatte den Prinzen wachgefickt. Ich nahm gerne hin, daß ein kleiner Rest der Dornenhecke, die Psychologen einen Minderwertigkeitskomplex nennen würden, übriggeblieben war. Dieser Dornenheckenrest gab meiner prinzlichen Würde die Exi132
stenzberechtigung und mir die Gewißheit, daß Dornröschen keinen Putschversuch unternehmen würde. Dornröschen verlieh mir die Insignien der Macht. Ich hatte das Zepter, sie den Reichsapfel. Und dieser Reichsapfel war ungemein schön. Dornröschen ließ mich regieren. Das Märchen von den beiden Königskindern dauerte sechs Monate. Weitere drei Monate wurden von dem Märchen Rotkäppchen und Virginia Woolf in Anspruch genommen. Ich weiß nicht, welches Märchen mir besser gefiel. Der verwunschene Prinz in mir wuchs zum Sonnenkönig heran, der nach einer Mätresse suchte, die mit ihm und der Königin, zu der sich Dornröschen gemausert hatte, in einem goldenen Bettchen zu liegen bereit war. Die Königin wollte jedoch lieber weiterhin nur zu zweit im Thronbett liegen. Die Mätresse hatte den Namen Wolfgang. Wolfgang schaute uns im »Ballerina« mit strahlenden Kinderaugen an. Mit Augen, die Unschuld und Reinheit vorspielten und gleichzeitig signalisierten, daß sich hinter den Augenhöhlen eine Pottsau verbarg. Der Sonnenkönig verfügte eine ménage à trois. Die Königin ging widerstrebend mit. Das Schäferspiel begann noch harmonisch. Als sich die Mätresse aber zu intensiv dem Sonnenkönig widmete und zur Sklavin degradiert werden wollte, zog sich Königin Alar zurück und an. Sie wolle zurück auf ihren Landsitz in Neckarau. Sie machte einen großen Abgang, von dem der Sonnenkönig in seinem Machtrausch keine Notiz nahm. Eine halbe Stunde später, König und Mätresse hatten die Herrschaftsverhältnisse gerade erfolgreich geklärt, rief die Königin an. Sie habe den Haustürschlüssel vergessen, 133
schluchzte sie. Der König, auf dem Höhepunkt seiner Macht, herrschte sie an, sie möge zurückkommen. Königin Alar war aufgelöst wie Marie Antoinette nach der Revolution. Eifersucht mischte sich mit Wut und Haß. Dieses explosive Gemisch physischer Erregung drohte sich in einem Attentat auf den König zu entladen. In Notwehr wies ihr der König den Weg zum Schafott. »Ich bin noch nie so erniedrigt worden«, schluchzte Alar nach dem Orgasmus. Eine neue Erfahrung, die Verknüpfung von größtem seelischen Schmerz mit größter sexueller Geilheit, hatte ihn eine neue Religion entdecken lassen. Er betete jetzt die Macht der Hiebe an. Ich fand Geschmack an der Rolle des Hohenpriesters. Waren die S/M-Spielchen mit Müsli noch Exerzitien gewesen, so feierten wir jetzt Hochämter. Tiefer, fester, härter. Macht macht süchtig. Ich verliebte mich in meine Macht. Alar war zum bloßen Liebestrank geworden. Ich wollte ihn ganz unten haben. Ich wollte ihn ganz abhängig machen. Er sollte mir lebenslänglich dienen. Er tat es nur eine Zeitlang. Ein Typ war in die Schwulengruppe gekommen, der wegen seines Aussehens den Spitznamen »Kanadischer Holzfäller« hatte. Meine inneren Alarmglocken feierten ein Silvestergeläut, als ich seine begehrlichen Blicke auf Alar gerichtet sah. In vielen Vorträgen, die ich gehalten hatte, wenn Alar geeifersüchtelt hatte, war immer von emanzipierter Zweierbeziehung die Rede gewesen. Ich klagte darin das Recht ein fremdzugehen, solange ich derjenige war, der es wahrnahm. Alar war mir ja sicher gewesen. Jetzt war es Alar, der sich auf meine Vorträge berief. Jetzt war ich es, der jenes Gefühl verspürte, das ich vorher als »kleinbürger134
liche Besitzansprüche« verspottet hatte. Ich war eifersüchtig. Und zwar rasend. Ich versuchte, dieses Gefühl zu verbergen, so gut es ging. Es ging nicht gut. Wir spielten ›Virginia Woolf‹. Und konnten uns nicht einigen, wer Liz Taylor und wer Richard Burton war. Winnetou und Old Shatterhand kämpften nicht mehr gemeinsam, sondern gegeneinander. Schleppte er einen Mann aus dem »Ballerina« ab, so nahm ich all meine Kraft zusammen, um zwei aufzureißen. Wir erzählten uns am nächsten Tag die Erlebnisse, immer in der Hoffnung, den anderen möglichst zu verletzen und in die gerissenen Wunden Salz zu streuen. Ich hatte Angst vor der Niederlage in diesem Kampf und legte mir ein Riesenarsenal an Verteidigungswaffen zu. Ich siegte unsere Beziehung zu Tode. Wenn er mir damals gesagt hätte, was er später in einem Buch, das verschiedene Schwulenbeziehungen darstellte, als Interviewpartner sagen würde, nämlich daß er eine ebensolche Angst vor der Niederlage gehabt hatte – ich hätte bedingungslos kapituliert. Ich wäre sogar bereit gewesen zum Rollentausch. Ich hätte ihn als Meister betrachtet, wäre sein Sklave geworden. Der Sonnenkönig war bereit zur Abdankung. Wenn schon Niederlage, dann sollte sie wenigstens lustvoll sein. Durch seine Flucht nach Hamburg hat er mich um diese Erfahrung betrogen. »Alar ist unauffindbar«, rief mich sein Bruder an. Ob er sich etwas angetan haben könnte? Die Vorstellung, er könnte sich unserem Krieg durch Selbstmord entzogen haben, erfüllte mich mit einer gewissen Genugtuung. Sie hätte dem Ganzen etwas Tragisches verliehen, und ich hätte die umsorgte Witwe spielen können, die überall erzählen würde, daß ihretwegen ein Mann den Freitod gesucht habe. 135
Aber statt der Todesnachricht kam eine Postkarte aus Hamburg. Er wohne jetzt in einer WG zusammen mit Mitgliedern der Theatergruppe »Brühwarm«. Er habe einen Job als Barschlampe in einem Schwulenlokal. Es gehe ihm gut. Er komme nächste Woche, um seine Sachen zu holen. Ob ich ihn sehen wolle. Natürlich wollte ich. Ich freute mich wie ein Schloßhund, als er die Treppe hochkam. Wir spielten ›Casablanca‹. Wir schauten uns in die Augen, nahmen uns in die Arme, sagten kein Wort. Der Konkurrenzdruck war weg. Wir waren beide entspannt. Wir legten uns ins Bett. Ich ließ mich von ihm durchficken. Zum ersten Mal. Wir wollten in Freundschaft zusammenbleiben. Er in Hamburg, ich in Mannheim. Nach meinem Examen sollte auch ich nach Hamburg ziehen, stellten wir uns vor. Wir waren für fünf Tage Harmonie und Verständnis. Er wollte mit seinen Eltern reinen Tisch machen, ihnen seinen Wegzug erklären. Er kam abends aufgewühlt aus Heidelberg zurück. Er hatte seinen Eltern gestanden, daß er schwul ist. Hatte ihnen von mir erzählt. Nach einer Phase des Schocks hätten sie ihm erklärt, daß er trotzdem ihr Sohn bleibe, daß man ihn so akzeptiere, wie er sei. Um dann die Frage nachzuschieben, ob Homosexualität heilbar sei. Am nächsten Abend randalierte sein Vater vor der Tür: Er wolle die Sau abstechen, die seinen Sohn schwul gemacht habe, brüllte er. Die Hausmeisterin war außer sich über den Skandal im Treppenhaus. Wir konnten den Vater abwimmeln. Wir spielten noch einmal ›Casablanca‹. Die Flughafenszene fand im Hauptbahnhof Mannheim statt. Wir wollten uns wiedersehen. Sechs Wochen lang überbrückten wir siebenhundert Kilometer mit Hilfe des Telefons. 136
Das Haus lag im Hamburger Norden. Außer Alar wohnten noch vier Mitglieder von »Brühwarm« in dem Haus. Auf der Terrasse, auf der sich die Bewohner nackt sonnten, spendete ein riesiger Marihuanastrauch Schatten. Ich war neidisch. Was ich mir in Kindheitstagen erträumt hatte, für ihn war es wahr geworden. Er wohnte in einer schwulen Familie. Ich stellte mir Massenorgien vor, in denen Alar der Mittelpunkt war, und haßte ihn dafür. Ich, der Erfahrenere und ehemals Überlegenere, war jetzt die Provinzmaus, die in der Großstadt zu Besuch war. Ich war der fleischgewordene stumme Vorwurf Ich wollte alte Rechte einfordern, die inzwischen gegenstandslos geworden waren. Ich wollte mit ihm ficken. Er verweigerte sich. Ich war wütend. Spielte alte Machtspielchen, die wir überwunden geglaubt hatten. Ich wollte es ihm mal wieder beweisen. Ich fuhr in eine Lederbar und war bereit, mit dem Nächstbesten ins Bett zu gehen, nur um das Scheiß-Unterlegenheitsgefühl loszuwerden. Der Nächstbeste war ungefähr 1,70 Meter groß, eher dünn und hatte, wie neunzig Prozent der anderen Gäste, Schnurrbart und kurze Haare. In Jeans und Karohemd stand er breitbeinig da. Er wohne am U-Bahnhof Schlump. Seine Wohnung lag im ersten Stock und war nach Hamburger Art wohlhabend eingerichtet. Ich wartete im Wohnzimmer, in dem die Reste eines kalten Buffets davon kündeten, daß am gleichen Abend sich hier eine Abendgesellschaft vergnügt hatte. Er blieb lange im Bad. Ich vermutete, daß er eine Spülung machen würde. Ich hatte Hunger. Ich kaute auf beiden Backen, als er aus dem Bad zurückkam. Er war voll in Leder gekleidet.
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Lederhose, Lederhemd, Lederjacke. Sogar die Maske, die seinen Kopf überzog und aus deren Augenschlitzen er mich herrisch und dominant anschaute, war aus Leder. An die linke Hosenseite hatte er Handschellen gehängt. In der rechten Hand trug er eine Lederpeitsche. Er herrschte mich an: »Zieh dich aus! Schweine müssen nackt sein.« Ich mußte prustend lachen. Da ich den Mund voll hatte, landeten die Kekskrümel auf dem Teppichboden. Er war unwillig ob dieser Verunreinigung. Er holte ein kleines Elektrogerät von der Wand, das sich als Tischstaubsauger entpuppte, und entfernte die Krümel vom Teppichboden. Das war das Ende einer nichtstattgefundenen Nacht, in der ich meine masochistische Entjungferung hatte erleben wollen. Als ich Alar am nächsten Morgen von irgendwelchen geilen Erlebnissen vorphantasierte, die ich in der vorausgegangenen Nacht gehabt hätte, zeigte er sich nicht die Spur beeindruckt. Ich fuhr nach Mannheim zurück. Ich schrieb ihm von dort einen siebenundzwanzigseitigen Brief Er antwortete nicht. Ich stellte mir vor, was er alles in Hamburg machen würde. Stellte mir das bewegte Leben vor, das er dort führen mußte. Daß er mit bedeutenden, interessanten Leuten ficken würde, die dem Mannheimer Durchschnitt so haushoch überlegen wären. Ich war neidisch. Ich begann, Mannheim zu verachten. Ich wollte weg. Bloß wohin? Nach Hamburg zu ziehen kam nicht in Frage. Die Stadt war zu klein für Alar und mich. Ich fürchtete, ihm dort immer wieder zu begegnen und somit an eine Niederlage erinnert zu werden, die mein Selbstwertgefühl auf Null gebracht hatte. Ich nahm mir vor, wieder stark und unangreifbar zu werden. Ich wollte es ihm zeigen. Ich würde auch in einer 138
Künstlerwohngemeinschaft wohnen. Ich würde ein noch interessanteres Leben haben, als er es in meiner Phantasie lebte. Ich zog nach Berlin.
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eute ist der 31. Dezember 1990. Seit zehn Jahren lebe ich in Berlin. Auch Berliner bin ich seit zehn Jahren. Berlin ist wie Zigarettenrauchen. Bei der ersten Zigarette hustet man noch. Man raucht die zweite. Entweder man hustet immer noch und läßt das Rauchen bleiben, oder man inhaliert und wird abhängig. Ich war seit meinem zwanzigsten Lebensjahr ein starker Raucher. Ich hatte mir das Husten abgewöhnt. Ich wurde gleich abhängig von Berlin. Es war damals in der guten alten Zeit. Berlin war noch von einer Mauer umgeben, als ich früh am Silvestermorgen 1980 um 6.30 Uhr am Bahnhof Zoo dem Nachtzug aus Mannheim entstieg. Ich inhalierte tief. Ich war angekommen auf jener Insel der schwulen Glückseligkeit. Auf jenem paradiesischen Eiland in der Mitte eines grauen Meeres, das ein Bollwerk gegen jene Vergangenheit bildete, die sich selbst Bundesrepublik nannte. Die Einheimischen der Insel, und einheimisch fühlte sich jeder, der gerade das rettende Eiland erreicht hatte, verachteten von ihrer Insel aus jenes Festland, dem sie den Namen Westdeutschland gaben. »Es gibt keine deutsche Stadt«, sagte später mal eine gute Freundin, die hier Asyl vor niedersächsischer Verfolgung gefunden hatte, »die für westdeutsche Mütter so weit entfernt ist wie Berlin«. In dem Sinne lag Berlin weiter entfernt von Flensburg als Flensburg von Berchtesgaden.
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Hier war man sicher vor der Vergangenheit. Die alten Bekannten, denen man versprochen hatte, daß man mit ihnen in Kontakt bleiben wolle, verschwanden immer weiter im Nebel des Vergessens. Gegenüber der Verwandtschaft, deren Einladungen zu Geburtstagsfeiern und Hochzeiten, den ägyptischen Plagen gleich, die heimatlichen Briefkästen heimgesucht hatten, konnte man sich hier mit dem weiten Anfahrtsweg zu den Örtlichkeiten der Familienfestivitäten entschuldigen. Die Verwandtschaft selbst scheute die Passage durch die kommunistisch verseuchte See. Sie hatte Angst vor den Kontrollen beim Ein- und beim Ausschiffen und fürchtete die Piraten der Volkspolizei, die bei Geschwindigkeitsübertretungen von den Passagieren die Beute forderten. Wer hier, in einer Stadt ohne Zukunft, auf der Flucht vor der Vergangenheit gestrandet war, ging in der Gegenwart auf. Man hatte keine Zeit mehr, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Man war zu beschäftigt mit der Gegenwart, um an die Zukunft zu denken. Man lebte intensiver und schneller als in jener zähen, intoleranten Masse, die man früher mal als seine Heimat bezeichnet hatte. Die Berliner Toleranz ist nur ein Mythos. Die Berliner sind