BERNDT LANG
PUPPENTANZ Eine Lebensgeschichte aus dem Milieu
Originalausgabe
Scanned by Doc Gonzo
WILHELM HEYNE VERLA...
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BERNDT LANG
PUPPENTANZ Eine Lebensgeschichte aus dem Milieu
Originalausgabe
Scanned by Doc Gonzo
WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN
HEYNE ALLGEMEINE REIHE Nr. 01/6910
Copyright © 1987 by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Printed in Germany 1987 Umschlagfoto: Berndt Lang Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin Druck und Bindung: Ebner Ulm ISBN 3-453-00345-4
Der Sprung aus dem Fenster Im Zeichen des Krebses wurde ich 1943 geboren. Mein Vater war Diplom-Ingenieur, meine Mutter eine verwöhnte Tochter aus gutbürgerlichem Hause, also Hausfrau. Da war ich nun, mitten im Krieg, auf die Welt gesetzt, und es schien als bald, als sollte ich alle Unbill, die unserer Familie in dieser Zeit und den folgenden Nachkriegsjahren widerfuhr, auf meinen kindlichen Schultern austragen. Ich wurde zum Ge spött der anderen Kinder unserer Wohngegend und meiner Mitschüler, denn ich war spindeldürr, käseblaß und mußte Sommer wie Winter kurze Hosen tragen, dazuhin in der kälteren Jahreszeit lange Wollstrümpfe und Strapsgürtel. Meinen Haarschnitt verpaßte mir mein Vater mit der Papier-, die zugleich als Nagelschere diente. Es war wirklich eine gottserbärmlich arme Kindheit - erlebt in München-Neuhausen. Zwar bekam ich auch, wie andere Buben, zu Weihnachten einen Fußball, nur, der meinige war aus Stoffresten zusammengestückelt und mit Sägemehl gefüllt. Versuchte ich damit einen Elfmeter zu schießen, hieß das, daß diese >Gurke< prompt an einer Stelle aufplatzte und mir das Sägemehl um die Ohren flog. Schläge und Prügel waren zu Hause nahezu >mein tägliches Brot<. Bisweilen wurden dazu auch ein Kochlöffel oder das Rührholz des Waschbottichs benutzt. Nach solchen Strafaktionen sperrte ich mich immer ins Badezimmer ein und weinte bitterlich. Ich kühlte meine Blessuren unter dem Wasserhahn und spürte das ohnmächtige Gefühl, ein hilfloses Kind zu sein. So manches Mal wurden meine Eltern zur Schulleitung zitiert, wo man ihnen Vorhaltungen machte, daß ich, würde ich weiterhin derartig grün und blau geschlagen und dem Gelächter meiner Umgebung ausgesetzt, für mein ganzes Leben schwer gezeichnet sein würde. Nachdem ich eine Freundin meiner Schwester beim ge-
meinsamen Seilspringen der Mädchen zu Fall gebracht hatte, mußte ich, waren die Freundinnen meiner Schwester bei uns zu Besuch, auf scharfkantigen Holzscheiten knien, wobei mein Vater die ganze Schar anspornte, mich auszulachen. Klar schämte ich mich damals mit meinen neun Jahren ungeheuerlich. Und ganz, ganz langsam dämmerte etwas in mir auf, ein vages Gefühl zunächst, eine Empfindung, die ich nicht zu deuten vermochte. Und dennoch war es wie eine Verheißung, die meine kindliche, gedemütigte Seele stärkte. Mit jedem Lebensjahr wuchs dieses Gefühl mehr in mir und reifte schließlich zur Gewißheit. Und ich schwor mir, daß der Tag kommen wird, wo kein Mensch mich mehr auslacht, kein Mensch mich demütigen, mich niemand mehr schlagen wird. Mit vierzehn Jahren war ich mit der Volksschule fertig, und ich wollte weder meinen Lehrern noch meinen Eltern den Gefallen tun, in einen >höheren Bildungsgrad< einzusteigen, Ich begann eine Lehre in einem bekannten Münchner Schuhhaus, und zwar als Schaufensterdekorateur. Die Elvis -Presley- und Bill-Haley-Ära brach an, die Nachkriegsjugend begann, sich auszutoben. Nur ich durfte von zu Hause aus nicht mit dabeisein - eine Bluejeans wäre im übrigen mein Traum gewesen. So kam es denn, daß ich immer öfter vor dem Zubettgehen heimlich die Haus- und Wohnungsschlüssel vom Bord nahm und kurzerhand aus dem Fenster des ersten Stocks auf den Graswall darunter sprang. Ich wollte dabeisein, wollte das aufregende Nachtleben kennenlernen, und natürlich reizte mich, überstreng gehalten, wie ich war, das verruchte Viertel in der Bahnhofsgegend. Ich hatte auch eine irre Sehnsucht, mal ein Mädchen zu berühren, gar vielleicht- zu vernaschen. Ach, du meine Güte! Man stelle sich vor - ich in meiner Naivität und diesem total gebrems ten Selbstwertgefühl! Weshalb das vorerst mal nichts war, mit den Mädels. Aber zu sehen gab's massig und zu erleben. Oft kam es vor dem einen oder anderen der Lokale, die damals etwa >Rumba< oder >Bongo-< oder >Dolly-Bar< hießen und in denen bis -
weilen Paul Würges aufspielte oder die Musikboxen dudelten, zu einer Schlägerei. Für meine Begriffe geschah da ziemlich Schreckliches. Diese Schlägereien verliefen ungeheuerlich brutal. Die Kampfhähne kloppten einander den Kopf an den Randstein - immer und immer wieder. Es konnte vorkommen, daß eine riesige Lache von Blut die Straße entlanglief. Rippen-, Schädelbrüche, ausgekugelte Arme und wer weiß was sonst noch alles, das gab es jede Nacht ein paarmal. Messerstiche inklusive. Da habe ich gelernt - der Starke, der Brutale, der Totschläger wird gefürchtet und bei den Gleichgesinnten geachtet. Geld hatten diese Burschen immer. Es stammte aus Raubüberfällen, von Diebstählen, war durch sonstige Gangstereien zusammengebracht worden. Wieder einmal sprang ich des Nachts aus dem ersten Stock, nur war ich diesmal mit einem riesigen Küchenmesser bewaffnet. Ich lenkte meine Schritte spontan zu einem Park, der tagsüber den Erholungssuchenden angenehme Stunden spenden mochte. Aber nun war ich dorthin unterwegs, es war Nacht, und ich führte ein großes Messer bei mir. Mein erster Raub war also programmiert, das Opfer würde sich finden. Brauchte ich doch dringend Moneten, um in den Kneipen etwas bestellen, trinken zu können, mich dort aufzuhalten, wo es für mich interessant war. Es war eine wolkenverhangene, ungewöhnlich düstere Sommernacht. Lediglich vereinzelte Straßenlaternen spendeten dem schmalen Parkweg ihr gespenstisches Licht. Ich verbarg mich hinter einem Busch und lauschte. Ein Mann kam des Weges, mit Späherblick vermochte ich seine Silhouette gegen den Lichtschein einer der Laternen auszumachen. Ich war zu allem entschlossen. Mit einem Satz sprang ich hinter dem Busch hervor und stieß den Unbekannten auf eine nahe Parkbank. Ich setzte ihm das Messer an die Kehle und suchte in meiner Brust den tiefsten Ton. »Geld her - sonst steche ich zu!« Der etwa Fünfzigjährige verblüffte mich durch seine Ge faßtheit, die er trotz seiner spürbaren Angst erkennen ließ. Er
zeigte mir seine Monatskarte der Straßenbahn samt seinen Brotzeitstullen und erklärte: »Mehr habe ich nicht, ich bin auf dem Weg zur Nachtschicht.« Da war ich vielleicht platt. Wie ein Wiesel lief ich davon in die Nacht - ohne Beute. Nach Hause kam ich immer so gegen drei Uhr in der Früh, wobei ich auf Zehenspitzen zu meinem Zimmer schlich, nachdem ich die Schlüssel an ihren Platz zurückgehängt hatte. Für lange Zeit blieb es unentdeckt, daß ich nur mit ganz wenigen Stunden Schlaf zur Arbeit ging. Eines Tages holten mich zwei Mann der Kripo von meinem Arbeitsplatz, was zur Folge hatte, daß mir meine Lehrstelle aufgekündigt wurde. Mittels Prügeln und sonstigen Drohungen suchte man mich dazu zu bringen, die räuberische Erpressung an einem Bankdirektor zuzugeben, der mein Firmpate war. Das geschah, nachdem ich auf Aufforderung hin ahnungslos den betreffenden Erpresserbrief nachgemalt hatte. Anscheinend hatte ich dabei große künstlerische Begabung an den Tag gelegt, denn der Polizeigraphologe kam aufgrund des Schriftbildes zu der Überzeugung, ich sei der Hersteller des Originals gewesen. Die Beamten einschlägiger staatlicher Stellen und der Polizei berieten gemeinsam mit meiner Familie, ob man mich in ein Erziehungsheim stecken solle. Als ich das spitzbekam, gab es für mich nur eins - viel Geld mußte her, damit ich flüchten konnte, egal, wohin. Unter keinen Umständen wollte ich in ein Erziehungsheim eingewiesen werden. Es galt, sofort zu handeln. Die falschen Verdächtigungen erweckten Haß und Zorn in mir. Also erpreßte ich den Bankdirektor schließlich tatsächlich, nur in einer anderen Variante, nämlich telefonisch. Zwanzigtausend Mark, die hätte ich gern von ihm gehabt, aber selbstverständlich wurde ich bei der Geldübergabe gefaßt. Nun sah es der mit dem Fall betraute Jugendrichter erst recht als bewiesen an, daß ich das erstemal ebenfalls der Übeltäter war. Meiner Überstellung in ein Erziehungsheim stand nun nichts mehr im Wege. Und, was soll ich sagen? Da traf ich
doch viele der Gesichter, jene Gangster, Schläger, Streuner u. a. wieder, die mir aus den Kneipen bekannt waren. Man war also unter sich, und das machte die Sache etwas leichter. Im übrigen bekam ich wegen der vermeintlichen Doppelerpressung meine ersten vier Wochen Gefängnis aufgebrummt. In Gesellschaft der Knackis, der >stärker Kriminalisierten< lernte ich sodann abermals einiges dazu. Doch- ich hatte noch immer nicht mit einem Mädchen geschlafen, das machte mich ganz verrückt! Natürlich wichste ich in dem Erziehungsheim (späterhin auch im Gefängnis) auf Teufel komm raus. Wie es schien, hatte mich der Heimgeistliche dabei beobachtet, und für mich ergab sich wieder einmal eine Situation, die mir tödlichblamabel erscheinen wollte. Der betreffende Pfarrer nämlich rief mich vor versammelter Gruppe zu sich und befragte mich: »Hast du heute gewichst?« Ich erwiderte: »Nein!« Peng! Schon traf mich ein Hieb, und dies ungeheuer hart. So hart, daß ich bewußtlos umfiel. Mit einem Eimer voll Wasser wurde ich wieder ins Leben zurückgerufen. »Hast du gewichst??« »Nein.« Peng! Wiederum wurde mir ein fürchterlicher Schlag verpaßt, diesmal mit dem Handballen. Ich taumelte abermals und betete für mich: »Berndt, nicht wieder umfallen, ja nicht mehr umfallen. Nicht noch einmal die schlimme Schmach erleben müssen, am Boden zu liegen.« »Hast du gewichst?« kam aufs neue die Frage. Ich überlegte nun nicht mehr auch nur den Bruchteil einer Sekunde, gestand statt dessen vor geschlossener Mannschaft: »Ja.« Welch perversen Genuß mußte es diesem Seelsorger bereiten, derartig in meine Intimsphäre eingedrungen zu sein, dieses Eingeständnis aus mir herausgeprügelt zu haben! Diese Demütigung, die noch dazuhin vor meinen Kameraden erfolgt war, heizte meine Gedanken und Fantasien vollends an. Ganz fest nahm ich mir vor, daß, wenn der Tag ge-
kommen sein würde, da ich groß und stark wäre, mich kein Mensch auf der Welt mehr umhauen würde. Meine Gedanken verfinsterten sich immer mehr, ich haßte nun so langsam die Brutalität der Menschen und die Demütigungen, die sie mir zufügten. >Mit mir macht ihr das nicht mehr lange<, so gärte es in mir. Ich züchtete förmlich Killer-Ambitionen in mir heran, gedachte, alles und jeden an Brutalität zu schlagen. Mit dem Gesellenbrief des Dekorations- und Kirchenmalers wurde ich nach drei Jahren Heimaufenthalt in die goldene Freiheit entlassen. Meine Eltern wollten mich nicht mehr (hatten sie mich je gewollt?). Ein paar Wochen arbeitete ich als Maler und Anstreicher, sodann überredeten sie mich, freiwillig zwei Jahre zum Militär zu gehen. Achtzehnjährig wurde ich 1961 zur Luftwaffe eingezogen und der RadarFlugsicherung zugeteilt. Und da ging es so langsam los! Nach den täglichen Dienstzeiten fühlte ich mich irgendwie frei - erwachsen, gewappnet, dem Leben fest und stolz entgegenzutreten. Ich begann, meinen kräftigen Körper kennenzulernen, war bei allen physischen Leistungsbeweisen ausdauernder als viele meiner Kameraden. Ich fing an, diese Mischung aus Intelligenz, Kraft und gutem Aussehen, die mir mitgegeben worden war, bei meiner Umgebung auszuspielen. Auszuspielen wie ein teuflisches As im Ärmel. Ich maß mich bei Schlägereien mit Fallschirmspringern einer nahe gelegenen Garnisonsstadt. Hemmungslos, skrupellos, brutal und ohne Warnung schlug ich mit Eisenfäusten zu. Und siehe da, in meiner Kaserne war ich recht bald im Gespräch, um nicht zu sagen: gefürchtet. Ab und zu gab es für mein haltloses Treiben Strafwache, Urlaubsund Ausgehverbot. Tja, auch im kleinen Städtchen Lindau war man recht bald informiert, daß mit mir nicht gut Kirschen essen war. Nach ein paar Wirtshauskeilereien hatte ich, für jedermann unmißverständlich, die Rangordnung hergestellt. Schließ-
lich mußte ich dann die damals härteste Strafe beim Militär 21 Tage Haft - absolvieren. Aber, was kümmerte mich das! Für mich stand zu diesem Zeitpunkt fest: Berndt, du wirst ja sowieso nie und nimmer die sogenannte normale Gesellschaftsform mitmachen. Mittlerweile schien es das Allernormalste der Welt zu sein, daß mein Sexualleben >rauschende Ballnächte< feierte. Viele Mädchen machten mir schöne Augen. Und so habe ich - wo ich ging und stand - alle nur willigen Mädels umgelegt und gefickt. An Hauswände und Bäume gestellt, in Häuschen von Bushaltestellen, ja sogar in abgestellten Eisenbahnwaggons. In Parks und nächtens auf menschenleerer Straße. Der Schnee peitschte mir im Winter um den Arsch - aber egal Hauptsache - ficken! Meine Potenz war außer Rand und Band geraten. Schon in aller Frühe, nach dem Wecken, nahm ich die Seifenschale in die Hand, das Handtuch dazu und trug meinen steifen Pimmel zum Waschraum. Ich genoß es ungeheuerlich, den weiblichen Körper kennenzulernen, hatte ich damit doch allzu lange nur in meiner Fantasie umgehen dürfen. Auf ein Mädel war ich besonders geil, hatte ich eigentlich immer Lust. Die Kleine sollte später meine Frau werden. Ja, und schließlich lehrte mich die ordentliche, brave Gesellschaft die Vaterlandsverteidigung, den Umgang mit Waffen, das Töten bei Bedarf. Mit diesen Kenntnissen versehen ging ich 1963 als Gefreiter und Reservist wieder ins Zivilleben zurück. Von engen Verwandten mütterlicherseits wurde ich nach Westfalen gerufen, ich sollte von der sogenannten >Pike< auf lernen, mal eine große Fabrik zu leiten. Es handelte sich um ein Marmor- und Edelputzwerk. Ich verlud täglich an die 20 Tonnen Gestein oder Zement oder Kunststoff-Fässer. Durch diese Tätigkeit kam es, daß ich vollends vor Kraft strotzte. Die süße Zuckermaus kam mir aus Lindau nachgereist, und, wie es oft so geht, schwängerte ich sie aus Versehen. Scheiße, dachte ich bei mir, und das Kraut wurde vollends fett, als mich die Verwandtschaft zur Hochzeit drängte. Du mußt ein Ehrenmann sein - und so weiter. O.K., ich ließ mich
überreden, mir war aber wirklich nicht wohl in meiner Haut. Es sollte sich dann auch alsbald herausstellen, daß die Sache mit der Fabrikübernahme ein glatter Reinfall war. Mein Onkel verweigerte mir eine schlichte Gehaltserhöhung, und so langsam erhärtete sich mein Verdacht, daß ich lediglich als fleißiges Arbeitstier zu billigem Familientarif herbeigeholt worden war. Da fackelte ich nicht lange und hakte dieses Thema ab. Wieder in München gelandet, überprüfte und überwachte ich meine beschissene Situation. Eben einundzwanzig Jahre alt, verheiratet, und so ein Schreihals unterwegs. Diese Lebensumstände waren sicherlich nicht gerade maßgeschneidert für mich. Ich arbeitete sodann als Dekorateur in einem Münchner Pelzhaus. Nach der Arbeit war ich ganz hübsch damit beschäftigt, das mir Eingebrockte auszulöffeln. Mit dem mittlerweile geborenen Töchterchen und der Ehefrau teilte ich nun ein dreißig Quadratmeter großes Apartment. Auf kleinstem Raum zu leben, zu schlafen, zu essen - dazu dieses herzerfrischende Babygeschrei, all das zerrte an meinen Nerven. In mir tickte förmlich eine Zeitbombe. Wie lange dies wohl gutgehen würde? Ich wechselte meinen Arbeitsplatz und war dann Chefdekorateur in einem anderen Pelzgeschäft. Nachdem diese Branche überwiegend in den Händen jüdischer Geschäftsleute ist, lernte ich viele von diesen kennen. Mancher jüdische Gastronom und Nachtlokalbesitzer ließ sich von mir seinen >Laden< umbauen oder renovieren, das waren für mich gute Nebenverdienste. Auf diese Weise kam ich mit dem Nachtleben wieder intensiv zusammen, lernte so manche Barmiezen, Stripperinnen oder sonstige Blüten der Nacht kennen. Nun ja, das ist es, so dachte ich bei mir, und die Nacht hatte mich wieder. Was vorauszusehen gewesen war, traf prompt ein, mich interessierte keine Ehefrau mehr und auch kein Töchterchen. Die Scheidung lief, und die Familie samt Apartment löste sich in Luft auf. Aber es war nicht alles so goldig, wie es glänzte, denn die
meisten Damen der Nacht wollten nur ein paar Runden mit mir bumsen und legten mich dann zu ihren Akten. Au weia ein soziales Abgleiten ins Pennermilieu war eingeläutet.
Bahnhofsverbot und Postlerheim »Stehen's auf, wie hätt' mir's da...« Diese Worte und immer wieder Tritte gegen meine Schuhsohlen weckten mich. Ich lag so herrlich warm in einem Untergrundschacht des Münchner Hauptbahnhofes. Da gab es Duschkabinen und Toiletten für die Rangierer, Heizer und Putzfrauen - und an diesem Ort lag ich nun am Boden, was sich im wahrsten Sinne des Wortes auf mein ganzes Ich münzen ließ. Ich war müde, durchgefroren und durchnäßt von der kalten Frühjahrsnacht. Es war das einzige gewesen, was mir in meinem trostlosen Dasein zum Übernachten eingefallen war. Ich kannte die >Katakomben< des Hauptbahnhofes aus der Zeit, als ich noch arbeitete. Hatte ich doch damals als Maler die Bahnhofshallen frisch geweißelt. Ums Verrecken wäre ich nicht heim zu meinen Eltern gegangen, denn deren Beschimpfungen und all das Rumnörgeln hätten mir das schöne warme Bett vermiest, das sie zu bieten hatten. Wer ist denn das schon wieder, der mich aus meinem Schlummer reißt? So dachte ich und schaute hoch. Leck mich am Arsch - die Bahnhofspolizei und gleich drei Mann hoch! Oje ~ machte ich innerlich und rappelte mich auf. Ich mußte meinen Ausweis zeigen und mitkommen. Auf dem Bahnhofsrevier wälzte einer der Bullen ein dickes Buch, und siehe da, er stellte fest, daß ich schon zweimal in ähnlicher Situation verwarnt worden war. Er setzte sich an die Schreibmaschine und tippte ein paar schlaue Sätze, die ich unterschreiben mußte. Dazu hob er den Zeigefinger und teilte mir mit, daß das nun ein schriftliches Hausverbot sei, welches für das ganze Bahnhofsgelände gelte. Ich war aber noch so schlaftrunken, dazuhin so hungrig und erschöpft, daß ich mit diesem Beamten keine
Kommunikation betrieb, auch gar nicht wollte. Als ich dann schließlich mit diesem sozialen Verweis von dannen zog, war es so um die Mittagszeit eines stinknormalen Werktages. Es herrschte ein regnerisches Tau weiter. Viele Menschen, einem aufgescheuchten Ameisenhaufen gleich, huschten durch die Innenstadt. Aber ich nahm sie nicht richtig wahr. Ein fahles Gefühl begann in mir hochzukriechen, nicht zuletzt auch spürte ich die klamme Kälte meiner dünnen, nassen und verdreckten Klamotten. In meiner Magengegend herrschte Leere. Der Hunger meldete sich also überdies. Ich stellte mich in eine Geschäftspassage und betrachtete mich in einer Schaufensterscheibe. Mein lieber Schwan - das Ganze ergab das Spiegelbild eines jungen Menschen, dessen Leben gerade erst so richtig beginnt, den man aber - rein optisch gesehen - bereits wegschmeißen konnte. Es war also an der Zeit, die Sache sofort zu überdenken. Wie sollte es mit mir weitergehen? Zum Überlegen begab ich mich ins geheizte Post- und Telegraphenamt und setzte mich dort auf eine Bank. Ich rauchte genußvoll ein Zigarettchen und zählte meine Barschaft. Als ich mein gesamtes Vermögen in der Hand hielt, dämmerte mir, wie nahe ich vor dem Ende stand. Es reichte nicht einmal mehr für eine Schachtel Zigaretten. Wie soll's nur mit dir weitergehen, mein Lieber? So fragte ich mich. Ich rieb mir die Augen und fuhr mir mit der Hand übers Kinn. Tagelang nicht rasiert! Ich wog in Gedanken die Fakten ab und kam zu dem Schluß, ein großes kriminelles Ding will ich nicht drehen. Blieb also nur mein Wissen um, meine Wirkung auf das weibliche Geschlecht. Um aber Schlag bei den Damen zu haben, mußte ich vom Äußeren her ansprechend wirken, also auch sauber sein, gepflegt und dazuhin schick gekleidet. Ja, so lief's. Nun mußte ich also noch einmal den Bahnhof betreten, was kümmerte mich das Hausverbot. In den Waschräumen gab's nämlich Rasierautomaten, die beim Einwurf von fünfzig Pfennigen funktionierten. Außerdem bekam man für einen bestimmten Betrag Seife und Handtuch. Ich wusch und rasierte mich. Was einen Kamm betraf, den
nannte ich noch stolz mein eigen. So richtig durchgestylt flitzte ich schließlich an der Wartefrau vorbei - deren Tellerchen auf dem Tisch blieb leer. Sie konnte sowieso froh sein, daß sie ihre letzten Zehnerl schon eingestrichen hatte, sonst hätte ich mir die paar Groschen mitgenommen. Raus aus dem Bahnhof - und schon war ich wieder besser gelaunt. Nur die Sache mit dem Hunger war noch nicht geregelt, aber das sollte jetzt gleich drankommen. Zielstrebig begab ich mich, nicht weit vom Bahnhof entfernt, in eine Festbierhalle. Ich setzte mich an den ersten Tisch am Eingang und bestellte etwas, das ich gern gegessen hätte. Aber mir war klar, daß ich leider nie in den Genuß der fürstlichen Speisung gelangen würde, denn ich hatte ja etwas anderes im Sinn. Bis die Bedienung mit dem Bier und dem Menü ankam, war ich in der Zwischenzeit mit dem Körbchen voller Brötchen abgedampft. Ich würgte die trockenen Dinger rein, der Magen war beruhigt. Überhaupt, es ging mir rundherum besser, und ich begann, mich regelrecht wohl zu fühlen. So Berndt, sagte ich mir, jetzt brauchst du nur noch ein paar gute Klamotten. Gesagt, gedacht, getan - in der Sonnenstraße, in Stachusnähe, standen damals solch niedrige Behelfsbauten, in denen zumeist Juden saloppe Oberbekleidung verkauften. Ich sah durch die Schaufenster eines dieser Geschäfte. Darin waren zwei Verkäuferinnen mit Kunden beschäftigt. Das bewog mich, den Laden zu betreten. Ich äußerte ganz freundlich-bestimmt und lässig meine Wünsche, ließ mir sodann die entsprechenden Bekleidungsstücke in die Umkleidekabine reichen. Nach einem bißchen Hin und Her behielt ich das Passendste und meiner Meinung nach auch Kleidsamste an. Ich trug frische Socken, eine neue Cordhose samt T-Shirt sowie eine neue wattierte Windjacke am Leib; und weiße Turnschuhe hatten sie auch noch für mich. So war ich nun von Kopf bis Fuß neu eingekleidet. Die Verkäuferin fragte mich, ob sie die Dinge verpacken solle, oder ob ich alles gleich anlasse? »Ach - ich lasse sie an«, antwortete ich - Kamm, Ausweis und mein Kleingeld kramte
ich aus den Taschen meiner alten Sachen und rollte das ganze Zeug zusammen. »Ich bedanke mich für Ihren Einkauf«, sagte freundlich die Verkäuferin und deutete mit einer Geste hin zur Kasse. Vorsichtshalber sprach sie es auch noch aus: »Da vorne ist die Kasse, mein Herr.« Hahaha - da vorne ist die Kasse, ja die Alte hat vielleicht Nerven, dachte ich - und mit einem tierischen Satz war ich aus dem Laden draußen, als wäre der Teufel hinter mir her. Ich hörte nicht, was hinter mir passierte, so schnell war ich weg; vielleicht wäre dies ein neuer l000-Meter-Rekord gewesen. Ich lief durch ein paar Seitenstraßen, um die Spur zu verwischen, im Falle, daß man mich verfolgte. Tja, so änderte sich für mich die Situation innerhalb weniger Stunden. War ich mittags noch ein Penner gewesen, konnte ich jetzt mein Glück als Gigolo versuchen. Überdies traf ich einen nicht minder liederlichen Burschen, als ich dies war, der mir ein paar Biere spendierte, und eine Schachtel Zigaretten konnte ich ihm auch noch abbetteln. Somit konnte ich die Zeit überbrücken, bis die Disco, die ich ins Auge gefaßt hatte, aufmachte und sich so langsam mit Gästen füllte. >Playboy< hieß der Laden auf der Sonnenstraße, bei dem es treppabwärts ging. Dieses Lokal sollte heute mein Jagdrevier sein. Ich sah mich ein bisserl in diesem verhältnismäßig großen Lokal um, schätzte Möglichkeiten und Chancen ab, was da für mich am besten aufzureißen wäre. Dann setzte ich mich an einen Tisch zu zwei netten Mädchen und flirtete auf Teufel komm raus. Mal mit der einen, mal mit der anderen; mein Überschmäh war schier grenzenlos. Unvermittelt fragte ich sie, ob sie mir ein Bier ausgeben würden oder auch zwei. Weil ich mir gerade neue Klamotten gekauft hätte, sei mir das Geld ausgegangen - und so. Ich bekam von jeder ein Küßchen und war eingeladen. Ich tanzte abwechselnd mit den Girls und war drum und dran, das ganz schnelle und große Feuer zu legen, welches ein Herz zu entflammen imstande ist. In jedem Falle schien die eine schon mal recht willig für alles zu sein.
Ich flüsterte ihr ins Ohr, ob wir später zu ihr gehen könnten, ob das technisch möglich wäre - ob sie alleine wohne? »Ja, wir könnten schon zu ihr gehen«, erwiderte sie, nur müßten wir recht leise sein, weil sie in einem Mädchen-Heim des Fernmeldeamtes wohne. Mein Gott, war ich froh, dies zu vernehmen, denn somit war diese Nacht schon mal gerettet. Und obendrein bekam ich noch eine geile Maus ins Bett. Ich wollte mir eine Schlafstelle anlachen, es war mir gelungen. Aus Dankbarkeit streichelte ich ihr unterm Tisch schon mal ganz zärtlich die Innenseite ihrer Schenkel. Sie konnte ja nicht ahnen, daß ich mich mehr auf ihr Bett freute als auf sie selbst. Und nun merkte ich, daß die andere eifersüchtig auf unser Geplänkel war. Auf diese Weise wurde mir bestätigt, daß ich auch für dieses Mädel ein recht willkommenes Spielzeug war. So um Mitternacht brachen wir auf, weil die beiden ganz früh zur Arbeit mußten. Wir konnten zu Fuß gehen, denn es war nicht weit zu dem Heim. Wir standen schließlich vor einem großen alten Haus, es war abgesperrt. Und ich dachte schon, daß da vielleicht aus moralischen Gründen ein Portier oder etwas Ähnliches zu überwinden wäre - dem war aber nicht so. Paßt schon dachte ich bei mir. Es führten breite Holztreppen hinauf. Das eine Mädchen verschwand im ersten Stock, wünschte uns linkisch eine gute Nacht. Es wohnten so ungefähr fünfzehn Mädels in dem Bau, erfuhr ich. Mittlerweile waren wir im dritten Stockwerk angekommen. Als meine Begleiterin ihr Zimmer aufsperrte, trat ich in ein recht großes Altbauzimmer - viel Platz war da. Aber ich schielte gleich auf das recht geräumige Bett. Nun folgte ein echter sogenannter Dankbarkeits-Beischlaf. Ich gab mir innige Mühe, dieses Mädchen nach allen Regeln der Kunst zu verwöhnen. Außerdem hatte ich, als ich ihr genüßlich beim Entkleiden zusah, große Lust auf diese zierliche, aber doch recht knackige etwa Neunzehnjährige bekommen. Ihre langen, dunklen Haare wallten seidig über das blütenweiße Kissen. Ich küßte und leckte ihr zunächst den ganzen Körper, in der Mitte verharrte ich. Zaghaft spreizte sie ihre
Beine, löste sich dann aber langsam in ihrer Lust. Krallte sich an meinen Schultern ein und drückte mir ihren Schoß entgegen - bis zu einem spitzen Aufschrei. Ich fiel in einen totenähnlichen Schlaf. Marianne hieß sie, und sie stand am frühen Nachmittag an meinem Bett. Gerade von der Arbeit gekommen, hatte sie mich mit einem Küßchen geweckt. So lange hatte ich geschlafen! Ich fühlte mich wie neugeboren. Marianne hatte mir Zigaretten mitgebracht und eine ausgiebige Brotzeit, die ich förmlich verschlang. Natürlich bildete ein Schäferstündchen das Dessert. So turtelten wir ein paar Wochen rum, der Frühling war warm und schön geworden. Zwischenzeitlich aber bumste ich mich durch das ganze Haus, je nachdem die Tagesoder Nachtschicht gerade frei hatte. An den jeweiligen Zahltagen gab mir jede meiner Geliebten ein paar Hunderter, so ließ es sich ganz angenehm leben. An einem schönen Maientag machte ich mich mit vier Mädels des Postlerheimes zum Picknick an einem verträumten Plätzchen der Isarauen auf. Nun wurde der Tisch in Mutter Natur gedeckt, das Isarwasser aber war noch zu kalt zum Baden. Verstohlen flirtete ich mal mit der einen, mal mit der anderen, es war ja bekannt, daß ich mit Marianne ein Verhältnis hatte. Aber jede der anderen drei nahm für sich in Anspruch, mich zu lieben. Das amüsierte mich natürlich - und ich lernte auch gleich fürs Leben, daß Frauen höchst talentierte Schauspielerinnen sind, wenn es darum geht, eine Liebschaft zu vertuschen. Natürlich kam der Tag, da dieses mein Treiben nicht länger unentdeckt blieb, aber bis dato hatte ich schon das ganze Postlerheim abgegrast, was Betten und Lohntüten betraf. Ich wollte aber nicht wieder auf der Straße stehen und schon gar nicht mehr im Bahnhof übernachten. So probierst du es mal mit ein paar Runden Arbeit - dachte ich
mir. Ich suchte mir aus einer Tageszeitung einen Job - die gleichfalls angebotene >Wohnmöglichkeit< hatte es mir angetan. Ein neuer Abschnitt meines Lebens war angesagt.
Gina macht mich zum Zuhälter Es war die Zeit, als ich für einen großen Lesering Kunden warb, die Klingeln und Türklinken putzte. Mal schrieb ich einwandfreie Aufträge, mal waren es getürkte Abschlüsse mir wurde klar, dies ist auch nicht das Gelbe vom Ei. Aber ich hatte zur Stunde noch keine Alternative hierfür. Es hielt mich sowieso nicht zu Hause, in meinem dürftig eingerichteten, möblierten Zimmer, schon gar nicht am Wochenende. An dem betreffenden Abend besuchte ich alle möglichen Lokale. Ich war immer auf der Suche nach irgend etwas, ohne eigentlich zu wissen, was ich suchte. Schließlich führte mich mein Weg in eine Kneipe, die bis drei Uhr früh geöffnet hat - ich wußte, da verkehrt alles, nur keine Pfarrgemeinde. Es war so kurz vor Mitternacht, der Zigarettenqualm hatte schon längst über die Belüftung gesiegt. Viele Mädels in knallengen, superkurzen Mini-Röcken schmückten die Palette - es war schwer auszumachen, welche Maus zu wem gehörte. Es waren Rock and Roll-Mädchen. Friseurlehrlinge? Gut verdienende Hürchen? Die Jungs hatte ich schon öfters auch woanders gesehen, würde aber drauf wetten, daß diese alle nicht mit der Arbeit verheiratet waren. Das Lokal war groß, es war voll, doch war vereinzelt noch, oder schon wieder, da und dort ein Tisch frei. An einem freien Vier-Personen-Tisch nahm ich Platz, bestellte ein Bier. Besah mir die Szenerie, beobachtete und nahm alles um mich herum auf. Wo die Jungs nur die guten Weiber her haben? ging es mir durch den Sinn. Die eine mit den langen Beinen war schon ein geiles Luder, tanzte aufreizend, benahm sich vulgär.
Wir flirteten mittels Augenkontakt über eine Sechs-MeterDistanz, doch sie saß unterdessen auf einem anderen Schoß, hielt so ein Stiergenick fest umschlungen. Naja, dachte ich, der Tag ist ja noch nicht zu Ende, bevor nicht der Morgen graut. Irgend etwas wirst du schon zum Bumsen aufreißen. Ich fühlte mich pudelwohl, gepflegt, adrett gekleidet - und war mir meiner recht sicher. Nur mit dem Nachbestellen meiner Bierchen haperte es, denn ich hatte, wie immer, wenig Geld einstecken. Ich drehte mich nach der Bedienung um - eins geht schon noch, dachte ich. Mich durchfuhr es wie ein Blitz, was ich da zu sehen bekam. Hinter mir, drei Tische weiter, saß an einem kleinen Tisch eine wunderschöne Frau, und zwar alleine. Ich war von ihrem Äußeren so beeindruckt, daß ich sie nahezu wie gelähmt anstarrte. Wie die Maus, die vor einer Schlange hockt, möchte ich fast sagen. Eine solch bezaubernde Frau hatte ich wohl noch nie gesehen - in meinem ganzen Leben noch nicht. Schwarze, lange Haare, zum Pferdeschwanz gebunden, über die Schultern nach vorne gelegt, wallten über ihren prächtigen Busen. Aus ihrem Schwanenhals wuchs ein edel geformter Kopf; sie besaß ein Gesicht, das das der Aphrodite oder Nofretete in den Schatten gestellt hätte. Die Unbekannte trug ein weißes Kostüm, der tiefe Ausschnitt des Jäckchens gab die Ansätze einer traumhaften Oberweite frei. Ihr sonnengebräunter Teint, die großen Kulleraugen, die vollen Lippen und dieses blauschwarze Haar - danach hätte man bei ihr leicht auf eine Südländerin schließen können. Hätte sie nicht in einem süßen Bayerisch noch einen Underberg bestellt. Sie mußte wohl schon etwas länger dort gesessen haben, denn es waren fünf kleine Magenbitter-Flaschen auf dem Tisch aufgereiht. Auf ihrem leicht getönten Dekollete glitzerten herrliche Juwelen, ebenso an ihren grazilen Armen und Fingern. Selbstverständlich rückte ich meinen Stuhl so zurecht, daß
ich eine günstigere Position einnahm, um dieses schöne Menschenkind besser betrachten zu können. Ich wagte fast nicht, der jungen Frau ins Gesicht zu schauen, ich wollte kein >Gaffer< sein. Dieses total edle Wesen, es mochte nach meiner Schätzung so um die zwanzig herum sein, war sichtlich nervös, vielleicht auch leicht alkoholisiert. Denkbar war es - nach den aufgereihten Fläschchen. Ich weiß nicht mehr, was mir durch den Sinn ging. Es gab auch keine Zeit zum Nachdenken. Galt es doch, diese Frau in ihrer Schönheit mit Haut und Haaren aufzunehmen. Ich sah ihr schließlich ins Gesicht, unsere Blicke trafen sich. Uii, leck mich am Arsch, sie schaut mich doch tatsächlich an! Vorsichtshalber drehte ich mich um, vielleicht meinte sie doch jemanden anderen. Nein, sie meinte mich, musterte mich interessiert, lächelte gar geheimnisvoll. In diesem Moment dachte ich bei mir: >Mein lieber Schwan, eine solche Alte aufzureißen, sein eigen zu nennen... so ein Glück müßte man haben.< Mir schlug das Herz bis zum Halse, wie man so schön sagt. Ich dachte, ich sehe nicht recht, die Übermaus nickte mir zu und winkte mich einladend zu sich. Nach einer Schrecksekunde - man mag mir mein Erstaunen angesehen haben setzte ich mein geübtes Lächeln auf. Ich ging an ihren Tisch und rasselte sofort meinen >Sonntagsschmäh< herunter. »Hallo - wie geht's, du siehst gut aus, wo steht dein Bett...?« Und so weiter. »Setz dich doch«, sagte sie, »ich heiße Gina und du?« Ich war noch immer verdattert und hatte meine liebe Mühe, mir dies nicht anmerken zu lassen. Im Unterbewußtsein fragte ich mich, wieso gerade ich das Glück hatte, den größten >Schuß< hier im Lokal aufzureißen. Anscheinend war ich so verblendet, daß ich gar nicht registrierte, wie sie dabei war, mich aufzureißen. Ungeachtet dessen kam jetzt etwas, das mir im Leben noch nie passiert war, was ich im Leben noch nie gehört hatte. Ohne Umschweife umklammerte sie zart meine beiden
Handgelenke, sah mich mit ihren geheimnisvollen, großen Augen an und bat um meine Aufmerksamkeit. Sie neigte sich näher zu mir, und ein bezaubernder Duft erreichte meine Riechnerven. Ich sah sie nur an und dachte, mein Gott, bist du schön, Gina. Und dann begann sie, mit einer melodiösen Stimme zu sprechen, und was sie sagte, kam Engelsgesang gleich - ich werde diese Worte im Leben nie vergessen. »Berndt, wenn du lieb bist zu mir, kriegst du von mir alles du bekommst einen Jaguar (damals war das lange Cabrio - E Typ - das Traumauto für jedermann), du bekommst Pelze, Schmuck, egal, wieviel Karat. Du bekommst alles von mir nur mußt du lieb sein zu mir. Du darfst mich nicht schlagen, hörst du?« Immerhin war ich geneigt, zu denken, ob ihr nicht vielleicht der Alkohol ein Schnippchen schlug. »Bestelle dir, was du trinken willst - ich lade dich ein«, sagte sie. Ich orderte eine Whisky-Cola - und nun mußte ich erst mal mit meinem Glück fertig werden. Natürlich war sie sehr von sich überzeugt, denn es kam ihr gar nicht in den Sinn, zu zweifeln, ob ich überhaupt dazu bereit war, ihr Angebot anzunehmen. Aber welche Frage - und ausgerechnet bei einem Typen wie mir! Absolut zielsicher hatte sie Amors Pfeile abgeschossen, denn ich war tatsächlich schon allein ihrem Äußeren erlegen. Nun kam noch dieser ihr Spruch dazu, also war das Kraut rundherum fett. Nach ein paar Getränken zahlte sie alles, auch das, was ich zuvor verkonsumiert hatte. Sie hatte ein Geldbündel lose in ihrer Christian Dior-Tasche stecken, es waren mehrere zerknüllte Hunderter. Hm... - sollten nun meine Armut, meine Geldlosigkeit ihr Ende haben?... Meine Gefühle waren geteilter Natur - zum ersten die Riesen-Alte, zum zweiten, was mich nun in Zukunft erwarten würde. Wir fuhren zu ihr heim, der Taxi-Stand war direkt vor dem
Lokal. Als wir bei ihr zu Hause angekommen waren, registrierte ich erstmals ihre Körpergröße und all das, was ich beim Sitzen hatte nicht beäugen können. Sie war nicht sehr groß - ungefähr so um die einsfünfundsechzig. Aber dafür war sie wohlproportioniert. Elegante, sehr hohe Stöckelschuhe verhalfen ihr zu einem erotisch wiegenden Gang. Ich sah mich ein bißchen in ihrer Wohnung um, sie öffnete ganz fachmännisch eine Flasche Champagner. »Du weißt, was ich mache?« fragte sie und meinte wohl ihren Job damit. »Ja, ich kann's mir denken«, gab ich zur Antwort. »Ich arbeite im IMEX-Haus«, womit sie das damalige Münchner Puff meinte. »Heute habe ich blaugemacht, weil mich alles ankotzt«, sprach sie weiter. »Und warum ist so eine Zuckermaus alleine?« wollte ich wissen. »Ich habe mich von meinem Alten getrennt, der Drecksack fickt doch nur laufend fremd«, sagte sie. Sein Foto stand auf dem Nachttisch, in einem hübschen Silberrahmen. Ich kannte diesen Typen, ich hatte ihn schon öfters irgendwo gesehen. »Wer ist das?« fragte ich. »Der Kölner-Olaf«, antwortete sie desinteressiert. Das Foto in Kombination mit einer solchen Namensbezeichnung ließ mich meine Gefahren-Witterungs-Antenne ausfahren. Ich war für ein paar Momente damit beschäftigt, meine Situation einzuschätzen, abzuwägen. Aber: Ich trank Champagner mit einer schönen Frau, die Geld besaß, meine Risikobereitschaft nahm merklich zu. Ja, ich war bereit, mich in Zuhälter-Angelegenheiten einzumischen. Die Zündschnur hierzu war in Brand gesetzt. Das mit der Verhältnismäßigkeit ging für mich in Ordnung, komme, was da wolle. Die ganze Stimmung, die Frau, die Wohnung mit dem Feinsten eingerichtet, waren dazu angetan, mir alles zu versüßen - doch ich war realistisch genug, daran zu denken, daß jederzeit der Kölner-Olaf kommen konnte.
Er kam nicht - der Beischlaf mit dieser Schönen war von meiner Unruhe überschattet. Am nächsten Tag gingen wir gepflegt essen, und wir sprachen uns beide alles von der Seele, was es zu bereden gab. O. K. - gebongt, ich hatte nun meine erste Partie. Wir kamen überein, daß ich, vorläufig noch, in meinem Apartment wohnen blieb, ihr aber jederzeit zur Verfügung stand. In den darauffolgenden Tagen kam zwar alles etwas anders wie zunächst besprochen, aber mein Aufschwung war erkennbar. Sie kaufte mir einen alten, aber sehr gepflegten Opel-Kapitän - ein enormes Schiff, was Blech und Motor anbelangte. Meine Hauptaufgabe bestand darin, daß ich ihren Pudel >Gassi< führen und für den gesamten dritten Stock des Imex-Hauses öfters Fleischpflanzerl braten mußte (weil ich dies als besondere Spezialität beherrschte). Aufgrund dessen aber hatte ich >milieubedingten< Zugang zum Imex-Haus. Ich war nun Zugehöriger der >Zunft<. Als mir Gina auftrug, ihr Puffzimmer frisch zu weißein, kam ein Sprung in die Schüssel, ich weigerte mich. Wollte ich doch Weltmeister werden und nicht Hausmeister. Gina war wirklich eine liebe Maus, nur war sie ganz sicher nicht psychisch mit ihrem Job zurechtgekommen. Sie war nach sechs Jahren Anschaffen regelrecht fertig mit der Welt. Sie nahm volle Hände von Aufputschtabletten, im fliegenden Wechsel dazu auch gleich eine Handvoll Schlaftabletten. Das Ganze wurde mit Whisky und Underberg runtergespült - ihr Kreislauf war völlig durcheinander. Ganz zu schweigen von ihrem nervösen Verhalten; auch wirkte sie häufig der Wirklichkeit entrückt. Haha, Pelze gab's auch nicht für mich - war es ja Sommerzeit. Jeden Abend trafen wir uns, besser gesagt, nachts um zwei, im >Pferdestall<. So hieß das Lokal im Münchner Herzen, das vornehmlich von gutem Publikum besucht wurde. Vier Musikanten spielten Wiener-Musik, manchmal auch ungarische und Zigeunerweisen. Um jede einzelne Gästebox herum waren Blumenkästen mit echten Geranien als Umran-
dung angebracht. Normalerweise wäre dies nicht sonderlich erwähnenswert, aber in unserem Falle kam diesen Blumenkästen eine besondere Bedeutung zu. Gina gab mir täglich in diesem Lokal exakt dreihundert Mark in die Hand. Für mich sozusagen. Aber dann entwickelte sich ein Spielchen, welches sich jeden Tag haargenau wiederholte: Wir aßen und tranken, anschließend wollte Gina immer Sekt. So geschah es. Nur - mir war dieses Getränk zuwider, ich nippte lediglich ab und zu an meinem Glas. Gina bestellte im Laufe der Nacht immer mehr Sekt, auch wenn sie diesen nicht mehr trinken konnte. Sie achtete darauf, daß wir genau zweihundert Mark Zeche hatten. Den nicht getrunkenen Sekt goß sie in die Geranien. Ihr Trachten war es nämlich, daß mir bloß der eine Hunderter blieb. Mehr sollte ich nicht zur Verfügung haben. Oft sagte ich zu ihr, sie solle doch >das verdammte Pillen< aufgeben, sie würde sich doch auf diese Weise nur körperlich fertigmachen. Ganz zu schweigen davon, daß sie jeden Tag blöder würde in der Birne. So begeistert ich anfangs auch war, wie stolz es mich auch immer machte, eine Partie zu haben, vom Unzuchtsgeld zu leben, um so gelangweilter sah ich mittlerweile unserem Verhältnis zu. Ich hatte einfach keinen Bock mehr und nahm an, daß sich der Kölner-Olaf damals aus ähnlichen Gründen verpißt hatte. Ich glaube, ein Vierteljahr waren wir zusammen, bis wir uns im gegenseitigen Einvernehmen trennten. Na ja, ich hatte zumindest ein Auto und ein paar Tausender geschnappt. Tragisch, traurig war es dennoch, wenige Wochen später erfahren zu müssen, daß Gina einer Herzattacke erlegen war. Gott habe sie selig!
Fische im Glitzernetz Irgendwann im Frühjahr 1966 ging ich eines Abends in die >Pique Dame<-Bar. Ich hatte gehört, daß dort gute Hasen einund ausgehen sollten. Es handelte sich um einen Night-Club mit Striptease, geführt von einem Profi-Fußballer des damaligen Renommier-Clubs TSV 1860. An der Bar lernte ich ein leicht angeduseltes, hübsches Mädchen kennen. Die Kleine war hochgewachsen, bei mir hieß das immer, die Betreffende >hat einen hohen Wasserfalle Sie wirkte sehr fraulich, hatte einen gewissen österreichischen Charme, sehr lange Haare und irgend etwas Aufreizendes an sich. Sie hielt ein paar Rosen in der Hand, als handle es sich um ein Bündel Petersilie, unter den Arm geklemmt trug sie eine in Leder gebundene, große Bonbonniere. Später wurde mir klar, daß diese Utensilien typisch waren für eine >Schlepperin nach Feierabend <. Doch im Moment war ich verwirrt, konnte nicht abschätzen, wen ich da vor mir hatte. Ich dachte zunächst, es handle sich um eine Dame, die mitten unter einem schönen Abend ihrem Galan davongelaufen ist. Ich sollte aber bald von ihr selbst erfahren, was das mit der >Schlepperei< auf sich hat. Sie nahm mich mit zu sich nach Hause, und wir schliefen miteinander. Es war eine wunderschöne Liebesnacht, ich hatte noch nie ein Mädchen im Bett, welches so innig und wehklagend beim Orgasmus wimmerte und schrie, wie sie dies tat. Ihr ganzes Sexualverhalten und viel von ihrer sanften, intelligenten Art verbanden mich sehr intensiv mit ihr. Die folgenden Tage erzählte sie mir von ihrem außergewöhnlichen Job als Schlepperin. Und - wir wurden ein Paar. Teils naiv, teils mit gespielter Lässigkeit, als ob ich das ja alles längst schon wüßte, verriet sie mir alle Tricks (auf diese werde ich noch ausführlich zu sprechen kommen). Mich interessierte aber zunächst, wieviel man auf diese Weise an einem Abend verdienen kann. Yvette, so hieß sie, meinte, das
sei von Fall zu Fall verschieden, aber ein Fünfhunderter pro Abend sei der Schnitt. Ich lebte bei ihr und von ihrem Geld, sie kleidete mich vom Teuersten ein, und es ging mir ausgezeichnet. Ich saß dann so manches Mal an der Bar des betreffenden Lokals, wo sie sich mit einem geangelten Gast den Hals vollschüttete. Und bisweilen war ich doch recht eifersüchtig, wenn der jeweilige Typ mit meiner Yvette flirtete, weil ich nicht umhinkonnte, festzustellen, was es doch für verteufelt charmante Männer gibt auf dieser Welt. Manchmal glaubte ich von meinem Barplatz aus zu spüren, daß mein Mädel tatsächlich bei einem der Typen Feuer gefangen hätte, wäre ich nicht als Aufpasser zugegen gewesen. Nun ja, es waren halt meistens Geschäftsleute, weltgereiste Herren von Format - da hatte ich damals sicherlich noch Komplexe, den Arsch zu weit unten. Ich lernte auf diese Weise dann alle Kolleginnen und Freundinnen von Yvette kennen, auch die ganze Szenerie der Gastronomen. Besonders stolz machte mich die Tatsache, daß meine Yvette die ungekrönte Königin der Schlepperinnen war, dies bestätigten alle neidlos. Sie hatte immer ein besonderes Feeling für die Anmache eines Gastes und verstand es, dem jeweiligen Herrn aber auch die allerletzte Kohle abzuknöpfen. So manch andere Schlepperin ließ es mich spüren, daß sie mich mochte, mehr oder weniger kokettierten sie alle mit mir. Das schmeichelte einerseits meiner Freundin, andererseits war Eifersucht ihre Stärke. Aber später mehr darüber. Ein gelungener Schlepp-und-Nepp-Deal läuft ungefähr folgendermaßen ab: Die Schlepperin geht am frühen Abend außer Haus, gediegen elegant gekleidet; ein attraktives Äußeres zählt da schon. Sie schlendert durch die Straßen oder flaniert in der Nähe von noblen Hotels, denn gerade ortsfremde, angereiste Herren sind von Interesse. Natürlich kommt dann irgendwann das ewige Spielchen - ein männliches Wesen beginnt, um die Dame herumzuscharwenzeln. Sie schaut scheinbar interessiert in die Auslage eines Ge -
Schaftes, doch benützt sie die Schaufensterscheibe als Beobachtungsspiegel. Wenn der Typ es dann wagt, die Lady anzusprechen, beginnt deren so oft gespieltes Spielchen. »Ach - hallo, ich warte hier auf meine Freundin! Wie bitte - Sie wollen mich einladen? Ach, ich weiß nicht, ich muß schon auf meine Freundin warten - außerdem kann ich mich doch wohl schlecht von der Straße weg einladen lassen, das müssen Sie schon verstehen!« Der Herr bemüht sich weiter, weil ihn ihre Freundlichkeit ermuntert. Die Schlepperin hat inzwischen schon alles beäugt, was für sie von Interesse ist. Wie hoch ist die Qualität der Schuhe, die der Typ anhat? Sie fragt kurz: »Wie spät ist es bitte?« Dadurch kann sie sehen, welche Uhrenmarke er trägt. Woher kommt er? Aha, aus Japan, oder - oh, aus Australien, oder - si Signore, aus Italien. Die Schlepperin kann an vielen Dingen ziemlich treffsicher die finanzielle Spannweite< eines potentiellen Kunden erkennen. Travellerschecks und Kreditkarten jeder Güteklasse sind Garant dafür, daß dieser Herr später eine sehr hohe Zeche begleichen wird. Nun, das Geplänkel geht so lange weiter, bis die Schlepperin meint, >nun bin ich mir sicher, daß mich meine sonst so zuverlässige Freundin heute wohl versetzt hat<. Dann fühlt sich der Mann als Gewinner und bemüht sich nochmals darum, die Dame einladen zu dürfen. Diese erklärt: »Also schön, aber bitte nur nach meinem Vorschlag. Vor längerer Zeit war ich mal in einem ganz süßen Lokal - da gefiel es mir, da würde ich gerne wieder hingehen.« »Aber bitte sehr«, erwidert der Herr. Daß er auf diesen Vorschlag eingehen würde, darauf hätte man jede Wette gewinnen können. Einem Taxi wird gewunken, und der Fisch ist im Netz!! Eine gute Schlepperin spricht sowieso Englisch, wenn nicht gar noch weitere Fremdsprachen, und raffinierte schauspielerische Eigenschaften müssen vorhanden sein, das ist klar wie Kloßbrühe. In diesem Sinne geht es weiter. Vorhang auf zum zweiten Akt. Denn auch die Besatzung des
betreffenden Lokals ist ein traumhaft eingespieltes Team. Ein gepflegter Kellner empfängt die Gäste - »guten Abend die Herrschaften!« Er nimmt die Garderobe ab, als hätte er die Dame nie im Leben gesehen. - »Welchen Tisch hätten Sie gerne?« - Elegante Nischen, weiß gedeckte Tische und antike Kerzenleuchter ergeben eine angenehme Atmosphäre. Ein Entertainer singt unaufdringlich zu Play-Backs. Der perfekt geschulte Kellner tritt an den Tisch, auch er spricht mehrere Sprachen. Die Getränkekarte liegt, aus ganz besonderem Grund, angekettet auf dem Tisch. - »Was darf ich servieren? Hier, bitteschön, die Karte.« Die Schlepperin setzt ihren gelernten Blick auf und faßt den Herrn zärtlich am Arm. Sie schaut interessiert mit in die Karte und versucht dabei, ihre Haare an seine Wange zu schmeicheln. Das törnt ihn an, und, wie könnte es anders sein, als daß er der Dame in diesem Moment ihre Bestellwünsche zu erfüllen bereit ist. Die Getränkekarte weist eine Menge fantasievoller Champagnernamen auf und - saftige Preise. Eine Flasche französischer Schaumwein, deren Einkaufspreis bei sieben Mark liegt, wird in etwa für einhundertundachtzig DM offeriert. Davon bekommt die Schlepperin in der Regel die Hälfte, die andere Hälfte wird vom Gastronomen eingesteckt. »Wo ist hier bitte die Toilette?« will das betreffende Mädchen wissen, wenn so langsam die erste Flasche zur Neige geht. Was natürlich herrlich verlogen ist, denn in jener Toilette hing dieses Mädchen nach der xten Flasche jenes angeblichen Champagners schon des öfteren über der Schüssel. Die Frage nach dem gewissen Örtchen ist eigentlich nur das Zeichen dafür, daß die Schlepperin draußen mit dem Kellner reden möchte. »Du, der Typ hat eine American-ExpressKarte und ist ein französischer Modefritze, da gehen bestimmt noch ein paar Flaschen. Bitte, mach jetzt keine Zwischenrechnung. Ich will noch ein paar Flaschen sehen, bevor er womöglich geschockt bezahlt und nichts mehr nachbestellt.« So bespricht man sich hinter den Kulissen. Pralinenschachteln sind häufig recht dekorativ in Glasvitri-
nen arrangiert. Es kann durchaus vorkommen, daß die Schlepperin den Kellner fragt - sofern sie spürt, daß ihr Ga lan spendabel ist -, »Herr Ober, verkaufen Sie diese Pralinen auch?« - »Selbstverständlich, gnädige Frau«, kommt prompt die Antwort. Dann erfolgt abermals ein schmachtender Blick von der Schlepperin, adressiert an den Herzkönig dieser Stunde. »Magst du welche?« äußert der. »Ja«, seufzt sie. Und der Typ wird wiederum hundert Mark los. Der Einkaufspreis einer solchen Schachte] bewegt sich im Großhandel so um die zwanzig Mark herum. Derartige Lokale haben aber mehrere Schlepperinnen engagiert, man kann sagen, im Schnitt so um die fünfzehn Mädchen. Alle kommen auf die zuvor beschriebene Art an. Man kennt sich im übrigen, bildet so etwas wie eine Familie, eine klitzekleine Mafia. Und das Finanzamt hat sowieso das Nachsehen. Keine Schlepperin steigt anschließend mit einem Gast ins Bett, würde er ihr auch noch soviel bieten. Also keine Prostitution. Aber, erweist sich ein geangelter Gast als mittellos oder knausrig, wird er ganz schön rüde verabschiedet. Das betreffende Mädel ist dann eine Stunde später mit einem neuen Gast da. So passiert es schon manchmal, daß ein guter Gast den ganzen Abend in seiner Nische hockt und sieht im Laufe der Stunden ein und dasselbe Mädchen mit drei verschiedenen Partnern aufkreuzen. Der wundert sich gewiß arg, aber meist sind derlei Leute zu fein oder zu unbeholfen oder auch zu besoffen, als daß sie sich laut dazu äußern würden. Doch manchmal gab's auch Durchblicker, und mit denen war kein Geschäft zu machen. Manche verweigerten schlicht die Bezahlung oder bestanden darauf, die Polizei zu rufen. Eines Tages eröffnete ich mein eigenes Schlepperlokal, ein potenter Geldgeber hatte das Ganze finanziert, die anderen einschlägigen Gastronomen mußten die Konkurrenz zur Kenntnis nehmen. Es war ein schicker Laden, der noch dazu in einer schicken
Gegend lag, nämlich in der Theatinerstraße. Es gab darin viel roten Plüsch und Spiegel, eine Tanzfläche aus Messing, eine feinabgestimmte Beleuchtung, nicht zu schummrig. Die Ge tränkekarten waren im übrigen deswegen angekettet, weil manch zahlungsunfähiger Gast es darauf anlegte, später zu behaupten, er sei über die Preise nicht richtig informiert gewesen. Jaja, selbstverständlich haben sich manche der armen Opfer gewehrt, ein kleines Vermögen für ein hinterhältiges Spielchen hinzublättern. Viele Uhren wurden als Pfand hinterlassen, die nie mehr abgeholt wurden. Bisweilen gab's sogar Tränen bei diesen tollen Hechten, die einmal auf die Schnelle wieder Romeo spielen wollten, aber dafür nicht reichlich genug Kohle einstecken hatten. So mancher hatte wohl das Gefühl, in den Nesseln zu sitzen, wenn die Rechnung auf dem silbernen Tablettchen prangte. Einer hoffte seinerzeit gar, durchs Toilettenfenster entkommen zu können. Aber, da ging halt nichts, Gitter machten ihn zum Ge fangenen der Situation. Natürlich hatten sie fast alle Frau und Kinder zu Hause sitzen, die gut und gerne von ihrer Zeche hätten einen Monat lang leben können. Also, immer, wenn es schwierig wurde beim Bezahlen, wurde der Geschäftsführer gerufen - mithin ich. Nun lag es an mir, das Optimale an Kohle herauszuholen. Die Schlepperinnen sahen es nämlich gar nicht ein, daß sie sich für nichts den Hals vollsoffen, und mir lag auch nichts daran, den Verlust zu übernehmen, damit irgendein Gnom mit ein paar Nutscherln davonkam. Gerade deswegen hatte ich eine besonders treue Schar von Schlepperinnen, weil diese wußten, der Berndt kämpft schon um unsere Kohle. Außerdem kämpfte ich ja schließlich auch um mein eigenes Geld. Da fuhr ich schon öfters in die verschiedenen Hotels, wo die Typen noch weitere Schecks aufbewahrten. Meine Starbedienung hieß Babsy, sie unterhält heute eine gemütliche Pilskneipe im Münchner Norden. Wenn es hieß: »Fräulein, der Champagner ist zu warm«, dann nahm Babsy den Sektkühler nebst Flasche und verschwand zum Eisholen. Kam sie zurück, entschuldigte sie sich brav, schlenkerte
hörbar mit den neuen Eisstückchen im Kübel - nur! - die Flasche war dann fast ausgegossen. Meine Yvette kam eines Abends mit einem recht heruntergekommenen Typen an, da mußte ich mich schon sehr wundern. Doch sie gab mir auf der Toilette zu verstehen, daß dieser gammelige Zuchtpferdehändler gerade von einem großartigen Geschäft komme, sehr viel Kohle dabeihabe und dies auch noch in Cash. Dieser Gast war zwar nicht ganz wohlriechend und nicht gerade passend für meine Plüschtapeten angezogen, ließ aber dann doch gut und gerne ein halbes Rennpferd bei uns liegen. Naja, so kam es schon oft vor, daß spendable Gäste mit meinen Hübschen eine wirklich angenehme Baratmosphäre erlebten. Aber genausogut waren Tage dabei, die man verfluchen konnte, da konnte oder wollte fast keiner zahlen. Logisch, daß ich dann böse wurde und ungehalten; so manchem schnürte ich die Krawatte enger oder hob ihn mit paar Hieben von seinem Sitz. Zwei Italiener wollten mich mal erschrecken und sagten, es gäbe Rache, sie seien von der Mafia. Ha, da konnte ich nur lachen! Ich zog die Tresenschublade auf und ließ sie hineingucken. Darin lag nämlich das reinste Waffenarsenal: Gummiknüppel, Revolver, Pistolen jeden Kalibers. Ich sagte schlicht zu denen - ich sei selbst von der Mafia. Manchmal zahlte auch ein Gast ganz brav und kam dann mit der Polizei wieder, eben weil er sich geneppt fühlte. Aber da gab es lediglich einen Austausch der Personalien, der Typ hätte prozessieren müssen, da wurde selten was draus. Allerdings, wenn ich mal so einen auf die Birne haute, gab's natürlich schon Strafanzeige. Nachdem sich solche Fälle häuften, wurde mir das Lokal von Amts wegen geschlossen. Aber wenige Tage später eröffnete ich dann die >Baby-Bar< in der Landsberger Straße. Es war sowieso Glückssache, ob die gerufenen Bullen zu uns hielten oder zum geprellten Gast. Die Kripo führte mich damals bereits in ihren Akten, und zwar als >Schlepper-Berndt<. Die Polizei kannte mich und mein eigenartiges Geschäftsgebaren recht gut; manchmal ver-
guckte sich auch so ein Streifenbeamter in eine meiner Schlepperinnen. Flossen Sekt und Schampus an den sechs Tischen in Strömen und wurde die Sperrstunde überschritten, fuhr ein Streifenwagen vor. Nicht aber, um diesem bezechten Treiben Einhalt zu gebieten - es hatte einen anderen Grund. Es verstand sich von selbst, daß man, in einer Colaflasche getarnt, Cognac oder Whisky in den Streifenwagen reichte. Tja, man kannte sich halt. Eines Tages kam ich um Mitternacht vom Zocken, ich wollte in meinem Laden die Abrechnung vornehmen. Als ich so die Landsberger Straße entlangfuhr, bemerkte ich schon von weitem ziemlich viel Blau-, blitzendes Rot- und Gelblicht sowie angestellte Scheinwerfer. Beim Näherkommen dachte ich, ich sehe nicht recht. Das alles spielte sich vor meiner >Baby-Bar< ab. Ach du meine Güte, da gewahrte ich nun, wie die Feuerwehr mir meine Fensterfront zunagelte, das Ganze mit feinsäuberlicher Schreinerarbeit sicherte. Meine Bedienung informierte mich über folgendes Geschehen: Ein Ölmufti arabischer Herkunft, recht jung noch, in fließende weiße Gewänder gehüllt und mit der dazugehörenden Kopfbedeckung ausgestattet, wie dem Bilderbuch von >Tausend und einer Nacht< entstiegen, war unser Gast gewesen. Eine Schlepperin hatte ihn sich vor einem exklusiven Hotel geangelt. Der Wüstensohn war ganz frisch in München eingeflogen. Möglicherweise waren Sprachschwierigkeiten oder eben unsere üblichen unverschämten Praktiken schuld daran gewesen, in jedem Falle schien dieser die Nerven verloren zu haben. Er versuchte, sich vor seiner hohen Rechnung dadurch zu retten, daß er mit einem Riesensatz durch meine Vorhänge ins Freie wollte - auf und davon. Doch in Old-Germany gibt es halt Glasscheiben hinter den Gardinen. Und so hechtete der Unglückselige - volles Programm - durch eine recht dicke Glasscheibe. Ich hörte, daß der Sanitätswagen ihn bereits abtransportiert hatte. Es blieb, eine riesige Blutlache vom Gehsteig zu schweppen. Der Herr
aus dem Morgenlande mußte sich ganz schön zerschnitten haben. Irgendwie wurde sein Vater ermittelt und gerufen, der auch prompt des Sohnes Zeche bezahlte. Da war ich platt, was diese Leutchen für eine Lebensart besitzen. Klar erzählte mir meine Yvette des öfteren, daß sie gelegentlich Anträge bekäme, für gutklingende Summen mit einem Gast anschließend ins Bettchen zu hüpfen. Nach einem bißchen Hin und Her kamen wir zu dem Schluß, daß bei ihr die Prostitution ab DM fünfhundert ins Programm aufgenommen würde. So ging dann ab und zu auch diesbezüglich die Post ab. Ich war froh darüber, denn nun kam Kohle ins Haus, daß es nur so krachte. Meine Liebesmoral warf ich dabei schnell über Bord, konnte ich doch dafür meinen ersten nagelneuen Benz aus der Tiefgarage eines renommierten Münchner Autohändlers lenken. Eines Nachts wickelte sich folgendes ab. Ein Mann, so um die zweiundzwanzig Jahre, war vorher schon ein Schleppopfer. Auf der Toilette sagte mir Yvette, sie hätte den Eindruck, daß dieser ein kleiner Ganove sei, aber mit viel Kohle in der Tasche. Sie nähme ihn mit nach Hause, ich solle ihr aber unmittelbar nachfahren, weil sie sich nicht sicher sei, wie er sie behandeln würde. Ich fuhr nach und blieb im Wagen sitzen, immer wieder auf die Uhr sehend. Mit ihrem Wissen, daß ich >greifbar nahe< war, hat Yvette eine ganz clevere Show abgezogen. Sie ließ sich nicht auf ein Schäferstündchen ein. Doch dieser Typ, so langsam geil gemacht, war drauf und dran, eine Notzucht einzuläuten. Mir dauerte es im Auto schon zu lange, und ich dachte mir, daß nach dem Rechten zu sehen nicht falsch sein könne. Blitzschnell öffnete ich die Wohnungstür, da war der Gute doch sehr verwirrt. Yvette stand da, mit einem völlig zerfetzten Kleid am Leib, und spielte ihre Rolle gut. »Gott sei Dank kommst du zufällig vorbei, dieses Schwein wollte mich gerade vergewaltigen«, so schluchzte sie. Der verhinderte Freier war baff und ziemlich geschockt, sicherlich erkannte er mich von dem Lokal wieder.
»So, so«, machte ich, »was willst du, du leere Hose? Jetzt, mein Lieber, kriegst du erst mal die Prügel deines Lebens, und dann rufe ich die Polizei« - bluffte ich. Der also Angesprochene ging in Kauerstellung und flehte mich an, er bedaure den Vorfall schrecklich und ob er sich nicht aus dieser Situation freikaufen könne. »Das ist wieder etwas anderes« erwiderte ich und begann gleich laut zu rechnen. Mein Mädel verschwand ins Bad. »Ein kaputtes Modellkleid - die Schande und Schmach - die Körperverletzung und die Frechheit schlechthin -... machen wir's doch so, Junge, du drehst jetzt alle deine Taschen um, ich helfe dir dabei. Und dann schleichst du dich auf der Stelle, bevor ich dir doch noch den Hals umdrehe.« Es kamen alle möglichen Währungen hervor, es war für mich erstaunlich, was der alles mit sich führte. Ein Klappmesser war auch dabei, aber ich erklärte diesen >Zahnstocher< für konfisziert. Insgesamt zwei Mille kamen auf den Tisch - das war ganz nett. Mit einem Arschtritt wurde der Typ vor die Tür gesetzt. Dieses Intermezzo ist ganz in meinem Sinne abgelaufen, ich hätte mitten in der Nacht in der Wohnung sowieso keinen Zirkus machen können, alleine schon wegen der total kleinkarierten und pseudo-bürgerlichen Nachbarn. Vor wenigen Tagen erst hatte ein Brief in unserem Kasten gelegen, unterzeichnet von allen Hausbewohnern. Wir sollten gefälligst unser lautes Bettgeflüster etwas reduzieren, unser schrilles animalisches Geschrei sei unzumutbar, so hieß es darin. Auch meinten die Leutchen, von uns verlangen zu können, immerzu die Fenster geschlossen zu halten. Ich gestehe aber, irgendwo hatten sie recht, denn unser tierisches Gebrüll beim Orgasmus war uns selbst auch schon bewußt geworden. Yvette und ich hatten uns nämlich im Laufe der Zeit herrlich darauf eingespielt, gleichzeitig zum Orgasmus zu kommen. Diese Art und Weise beim Bumsen haut natürlich besonders rein und spornte uns immer zu lüsternen Wonneschreien an. Wir trieben es auch reichlich oft miteinander, Tag und Nacht, wie wir gerade Zeit und Lust hatten. In jedem Falle entlockte
es mir immer ein Schmunzeln, wenn ich jemandem vom Hause auf der Treppe begegnete; dachte sich doch jeder seinen Teil. Mittlerweile hatte ich die ganze Schlepperszene in München total im Griff, es gab vielleicht außer mir noch zwei, drei Lokale, wo diese Richtung praktiziert wurde. Ich feilte natürlich dieses trickreiche Treiben noch etwas aus. So gab es zur Oktoberfestzeit Schokoladenherzchen mit allerliebsten Beschriftungen, oder einfache, große Brezen mit aufwendigen Schleifen. Was so ein Ding für den Freier kostete, war nicht von Pappe. Es ging lustig zu, zur Wiesenzeit, waren doch deswegen sehr viele Fremde in unserem Städtchen. Der Musiker sang - Es wird Nacht Senorita, und ich hab' kein Quartier, nimm mich mit in dein Bettchen - ich will gar nichts von dir... Manchmal hielt er das Mikro den Gästen hin, die bisweilen mit schlimmer Stimme weiterkrächzten. Und dann fiel mir etwas ganz Spezielles ein, was ich meinen Mädels gleich unterbreitete. Der Schampus-FlaschenUmsatz und somit der Verdienst konnten dadurch erheblich gesteigert werden. Die Schlepperinnen täuschten dem jeweiligen Gast vor, daß sie mit ihm ins Hotel zu gehen beabsichtigten und daß man zu diesem Zwecke noch zwei Flaschen mitnehmen solle. Das klappte auch ganz gut, so mancher bestellte noch zwei Flaschen zum Mitnehmen. Und hier, mein Über-Gag: Diese Flaschen tat ich jeweils in eine eigens dafür bereitgelegte Papiertüte, der Tütenboden war stark angenäßt. Der jeweilige Herr bekam beim Verlassen des Lokals die Tüte in die Hand gedrückt. Er war kaum zur Lokaltür draußen, da flutschten ihm auch schon die schweren Flaschen durch den aufgeweichten Tütenboden. Im günstigsten Falle kamen die Herren zurück und kauften nochmals zwei Flaschen. Diese trugen sie aber nun lieber in der Hand. Zur Winterszeit war alles ein bisserl schwieriger, da kam es schon mal vor, daß es den Schlepperinnen zu kalt wurde, sie in ein Cafe gingen, um sich aufzuwärmen. Dem wirkte ich
entgegen, indem ich die Innenstadt mit meinem warmen Wagen abfuhr, ausgerüstet mit einer Buddel Glühwein. Ich lud dann die >Streunenden< in meinen Wagen, spendete ihnen einen heißen Schluck und gutes Zureden, auf daß sie wieder weitermarschierten, anstatt jagdfaul zu werden. Wenn ich so auf meinen Innenstadt-Streifzügen war, erlebte ich auch des öfteren, daß meine Mädels von total unqualifizierten Typen angesprochen, ja angemacht, gar arg belästigt wurden. Sobald die Mädels meinen Wagen sahen, riefen sie leise um Hilfe. Ich stieg sofort aus, egal, wie mein Wagen stand, und spielte den Beschützer. Manchem der Typen war nicht ganz klar, warum ein >Fremder< so schnell und hemmungslos für die betreffende >Fußgängerin< Partei ergriff. Ich fackelte nämlich in diesen Situationen nicht lange, sondern es gab gleich anständig eins auf die Birne. So fühlten sich meine Mädels immer beschützt. Sie dankten es mir mit vielen angeschleppten Gästen. Meine >Baby-Bar< schien unter einem nicht sonderlich guten Stern zu stehen, ein neuerlicher Vorfall brachte wieder einmal die Behörden auf die Barrikaden. Ein adretter, graumelierter Herr war Gast bei mir, klar war er irgendwo aufgerissen und abgeschleppt worden. Jedenfalls bestellte er aus der Karte, und weisungsgemäß machte Babsy nach der dritten Flasche die Zwischenrechnung. Der elegante Herr winkte ab, wollte die Rechnung nicht sehen, wollte in Ruhe gelassen werden. Ganz so gesellschaftsfähig war er aber dann doch nicht, denn er versuchte laufend unter dem Tisch dem Mädel, das ihm Gesellschaft leistete, zwischen die Schenkel zu grabschen. Nach der vierten Flasche wollte er dann doch zahlen, es war eine Rechnung über um die achthundert Mark. Was nun kam, hält kein Mensch im Kopf aus er legte zwanzig Mark auf den Tisch, zog sich den Mantel an und machte sich wortlos in Richtung Ausgang auf den Weg. Nachdem ich das alles so beobachtet hatte und meine Schrecksekunde nachließ, hechtete ich dem Flüchtling nach. Kurz vor der Tür bekam ich ihn zu fassen.
Der übliche Schmarrn war zu hören, »I call the police -1 call the police!« Ihn festhaltend sagte ich ihm ganz ruhig, daß ich hier die Polizei sei, er solle gefälligst zahlen. Er schlug wie wild um sich, traf sogar mein schönes Antlitz - und da war für mich der Ofen aus. Es gab Hiebe vom Feinsten für die graue Eminenz. Der Notarztwagen kannte im übrigen schon seit längerem die Anfahrtswege zur >Baby-Bar<. Erst später erfuhr ich, daß dieser Mann ein französischer Polizeioffizier war, ich konnte also schon erahnen, daß dessen Anzeige happige Konsequenzen nach sich ziehen würde. Die Anzeigen wegen Körperverletzung häuften sich, aber das war vorläufig noch egal. O. K. - klar, ich wurde immer grantiger, denn meines Erachtens gab es eine bestimmte Gruppe von Menschen, die anscheinend nur die Sprache aus der Schulter heraus verstanden. Oder war ich urlaubsreif? Ein paar Tage zuvor hatten mich meine Eltern ermuntert, dieses Jahr doch einmal im schönen Jugoslawien Urlaub zu machen. Meine Eltern fuhren schon das sechste Mal in ununterbrochener Folge nach Opatija, und sie kamen immer, davon schwärmend, zurück. Alles klar, Yvette und ich sagten zu, etwas Urlaub, etwas Ruhe tat uns sicher gut. Meine Eltern fuhren voraus, ich sollte jeden Tag meinen neuen Mercedes geliefert bekommen, deswegen konnten wir nicht gleich mitfahren. Also verabredeten wir, uns in Opatija zu treffen. Der Wagen wurde geliefert, wir fuhren los. Ich hatte die Karosse noch keinen Meter eingefahren, raste aber dennoch damit über Berg und Tal, durch Serpentinen und über Ländergrenzen hinweg. In Opatija angekommen, besuchten wir gleich meine Eltern am Strand, der gut ausgeschildert und damit leicht zu finden war. Nach der Begrüßung fuhren wir weiter nach Rijeka, weil ich mir dort eine Harpune kaufen wollte. Meine Taucherausrüstung samt Flaschen hatte ich mitgebracht, am nächsten Tag wollte ich, der Felsküste entlang, auf den Grund schauen. Yvette und ich kamen im Hotel
>Quaneer< unter, man sagte mir, daß der Schlagersänger Ivo Robig der Inhaber dieses Ladens sei. Meine Eltern und Ge schwister wohnten in einer günstigen Pension - schon seit Jahren. Der erste Urlaubstag begann - und es sollte sich sehr bald herausstellen, daß dieser auch gleichzeitig unser letzter war. Es war herrliches Wetter, ein azurblauer Himmel spannte sich wolkenlos von der Küste bis zum Horizont. In der Ferne setzten weiße Segel der Fischerboote lebendige Akzente auf dem glitzernden Meeresspiegel. Es war wunderschön, fast ungewohnt, sich fallen lassen zu können in eine normale Welt. Kinder spielten und plantschten im seichten Wasser, ältere Leute unterhielten sich im Schatten. Ein paar hübsche Mädchen schlenderten mit großen Eistüten in der Hand vorbei - um so knapper waren dafür ihre Bikinis. Die Sonne auf der Haut, ab und zu ein zärtliches Streicheln von Yvette, so ließ ich es mir auf meiner Luftmatratze Wohlergehen und genoß es, nichts tun zu müssen, rein gar nichts tun zu müssen. Ich mußte keine Sektflaschen in große Eisschränke nachfüllen, es gab kein Theater mit zahlungsunfähigen Gästen, keine Schlägereien, keine Polizei - einfach herrlicher Frieden herrschte. Sechstausend Mark hatte ich mitgenommen für diese zehn Tage, ich wollte uns allen Luxus zukommen lassen, auch meinen Eltern und Geschwistern ein paar schöne Einladungen bieten. Mein Verhältnis zu meiner Familie hatte sich irgendwie neutralisiert - ich bin einfach nicht nachtragend. Und jetzt, da ich der zahlungskräftige Sohn und Bruder war, ging man mir sowieso ganz schön um den Bart. Es war denn auch schließlich für mich ein ganz angenehmes Ge fühl, mir meine Zuneigung nun wenigstens erkaufen zu können. Irgendwann ging ich ins Wasser, gleich mit voller Taucherausrüstung, denn ich liebe das Meer so unsagbar, kommt doch schließlich dieses ganze Leben auf unserem wunderschönen Planeten aus dem Wasser. Ich sehne mich geradezu in die Tiefe des Meeres, an dieser geheimnisvollen Welt kann ich mich nicht genug satt sehen.
Ich hatte Glück, beobachten zu können, wie sich ein stattlicher Krake an etwas tiefer liegenden Felsen zum Mittagsschläfchen festhielt. Mein Jagdfieber war entfacht, ich schoß meine starke Harpune ab, dabei auf ein Auge zielend. Mehr als ein Streifschuß wurde wohl nicht daraus, denn ich sah meine Pfeilspitze den Fels zersplittern. Dafür aber wurde das aufgeschreckte Meerestier ganz schön wütend, sein ganzes Ich färbte sich in ein tiefes Rot. Kraken wechseln die Farbe fast so wie auf dem Lande die Chamäleons - und wenn sie wütend werden, färben sie sich rot. Ich sah unter Wasser, daß meine Pfeilspitze stark verbogen war durch den Schuß an den Fels - ich mußte also an Land, denn nun war ich unbewaffnet, in einer nicht ungefährlichen Situation. Ich tauchte auf, um mit einem Stein meine Pfeilspitze wieder zu begradigen, wollte aber für heute Schluß machen mit meiner Jagd. Dem Kraken versprach ich sein morgiges Ende, vorausgesetzt, ich fände ihn wieder. Ich legte meine Sauerstoff-Flaschen ab und aalte mich noch einige Zeit in der Sonne. Die Wärme der Strahlen und diese Nichts-tun-Stimmung regten mich sehr an, stimulierten mich. Yvette und ich verstanden uns hervorragend darin, einander anzudeuten, daß einer den anderen begehrt. So brachen wir spontan am hellichten Nachmittag vom Strand auf, um ganz schnell ins Hotel zu kommen, unsere Sehnsüchte zu stillen. Ich schnappte mir meine ganzen Mitbringsel, SauerstoffGerät, Harpune, Luftmatratze usw. Mein großes Schlauchboot ließ ich verankert im Wasser zurück. Yvette und ich überwanden die Ufertreppe, in der Nähe stand mein Wagen. Auf der obersten Treppenstufe angekommen, dachte ich, ich sehe nicht recht. Da lümmelten sich vier Jugos auf der Motorhaube meines nagelneuen Autos. Auf diese zugehend, schrie ich zornig: »Ja wollt ihr da nicht gleich runtergehen, ihr Scheißtypen!« Als knappe Antwort kam zurück: »Du deutsches Kapitalistenschwein!« Das altbekannte Gefühl kam in mir hoch. Ich achtete auf gar nichts mehr, mir war es egal, ob es einer oder vier Gegner
waren, ob ich mich im In- oder Ausland befand. Mir war es egal, wie eh und je - ich hatte wieder einmal, was Psychologen wohl ein Black-Out nennen. Nur ich weiß, daß bei mir Killerreflexe wach werden, ohne Rücksicht auf das Nachher. So ließ ich alles fallen, was ich in Händen hielt, und schnappte mir gleich den ersten. Ein anderer hob sofort meine Harpune auf. Ich erkannte blitzschnell, in welcher Ge fahr ich mich befand und machte meine Wagentür auf, um diese als Schutzschild zu benutzen. Mir war klar, wenn mich der Pfeil der Harpune durchbohrte, dann konnte man daran nur noch vorne und hinten ein paar Brezen aufhängen. Auf der Fahrerseite steckte in der Türtasche mein Gummiknüppel. Als ich merkte, daß der Typ mit der Entsicherung meiner Harpune nicht zurechtkam, nützte ich diesen Bruchteil einer Sekunde und schlug mit all meinen Kräften zu, und zwar auf alles, was sich bewegte. Es ging sehr schnell, da krümmten sich die vier bösen Buben auch schon vor Schmerzen. Ein Menschenauflauf hatte sich gebildet, ein paar Touristen und eine Menge Einheimische brabbelten durcheinander, zappelten mit Händen und Füßen. Auweh, dachte ich. Mir war klar, die Situation war bedenklich. Das alte Lied - die Polizei wird gleich kommen. Und da war sie auch schon. Yvette, die ja meine diesbezüglichen Auftritte kannte, stand eher gelangweilt dabei. Sie hatte es aber von uns beiden als erste beköppt, daß wir im Ausland einige Schwierigkeiten haben würden. Dem war auch so, wir wurden zumindest gleich mal in den Polizeiwagen geschubst, und ab ging's wieder einmal - auf ein Polizeirevier. Irgend jemand mußte meine Familie am Strand verständigt haben, mein Vater und meine Schwester trafen jedenfalls auch bald auf dem Revier ein. Etwas Jugoslawisch sprach mein Vater ja, doch es war ein Dolmetscher vonnöten. Auch ein deutschsprachiger Anwalt wurde gefunden, und es kristallisierte sich ganz schnell heraus, daß es vorerst wieder einmal um mich geschehen war. Ich war zwar überzeugt, in Notwehr gehandelt zu haben, doch gegen die parteiischen Jugoslawen war schwer anzu-
kommen. Der Paß wurde mir abgenommen, ich durfte Opatija nicht verlassen. Mein Anwalt empfahl mir, meinen Wagen sofort außer Landes bringen zu lassen, sonst würde dieser auf dem Schadensersatzwege gleich mal sichergestellt. So fuhr mein Vater den Wagen ins benachbarte Italien. Nachts kamen die Brüder der Betroffenen, schlichen ums Hotel, wollten wohl Blutrache üben. Am nächsten Tag waren sogar die Frauen der Jugos aufmarschiert, drohten, Yvette mit riesigen Haarnadeln aus Fischbein die Augen auszustechen. Dann ging's wieder los, ein einarmiger Mann trat mit einer blitzenden Machete auf mich zu. Im selben Moment aber fuhren Polizeifahrzeuge vor, wofür ich sehr dankbar war. Es kam wieder Ruhe in die Reihen. Meine Eltern klagten - »O Gott, jetzt kommt einmal der Berndt in unsere Urlaubsidylle, und schon ist wieder der Teufel los!« Meine Angehörigen hatten nur noch den Wunsch - sofort und unversehrt außer Landes zu kommen, sie fuhren nachts nach Italien. Tränen der Ratlosigkeit standen auf ihren Gesichtern, als sie mich verließen. Ich hatte gebeten, Yvette mitzunehmen, ich stünde dies hier schon alleine durch. Die Gefahren waren einfach für jeden Beteiligten zu groß. Eine Schnellverhandlung wurde anberaumt - diese sollte in drei Tagen stattfinden. Mein Anwalt schluckte schon mal viertausend De-Emmchen und verlangte nochmals eine Mille für den Kauf eines Zeugen zu meinen Gunsten. Ich war nun seit zwei Tagen alleine in Opatija und grübelte natürlich, wie diese Scheiße wohl ausgehen würde. Der deutsche Konsul war durch die Presse informiert und kam aus Zagreb angereist. Er sagte mir, daß er zwar in die Verhandlung nicht eingreifen könne, doch wolle er dieser beiwohnen. Also wird es dann wohl ein fairer Prozeß werden, dachte ich bei mir - morgen ist es ja soweit, wir werden sehen. Um mich ein bisserl zu zerstreuen, ging ich in eine Kneipe am Strand. Da lachten mich zwei Mädchen an, eine hübscher als die andere. Was mache ich mit zwei Mädels - wo ich noch dazuhin keine Silbe Jugoslawisch spreche? ging es mir durch
den Sinn. Egal, zuprosten schadete nichts. Sie kamen zu mir herüber, wir sprachen und gestikulierten, aber keiner verstand den anderen. Ich bedeutete ihnen, ob wir rausgehen sollten, an den Strand womöglich. Ich ging voran und winkte ihnen, mir zu folgen. Sie kamen mir tatsächlich nach. In mir arbeitete es. Ich fand die Situation gut, aber nicht ganz unproblematisch. Entweder war ich in meiner Fantasie zu weit gegangen - oder? Es würde sich ja gleich herausstellen. So begab ich mich an jene Stelle des Ufers, wo mein Schlauchboot stand und winkte sie weiter zu mir heran. Sie stiegen tatsächlich mit ein. Tja, damit war mir klar, ab sofort ist alles erlaubt. Ich ruderte vielleicht so fünf Minuten vom Ufer weg, weg von der Beleuchtung der Promenaden, hinein in die dunkle Nacht. Die Babys waren gut, null prüde, zeigten keinerlei Hemmungen. Sie zogen sich von alleine aus - so was machen die bestimmt öfters, dachte ich. Ich tat es ihnen nach, und ganz flugs war die eine gleich mit meinem Rohr beschäftigt. Zärtlichkeit war nicht eben ihre Stärke, aber um so attraktiver waren ihre fast noch kindlichen Körper. Zierlich gewachsen waren diese und besaßen doch eine satte Weiblichkeit an Brüsten und prallen Ärschen. Wie alt mochten die Zuckerpuppen sein? Während ich die eine bumste, ließ ich bei der anderen den Finger einrasten und umgekehrt. Ich achtete nicht sonderlich darauf, ob die Mädels einigermaßen von mir etwas hatten ich betrieb dieses reizende Sexspiel recht egoistisch. Die laue Sommernacht, das in den Wellen wogende Gummiboot, das einem Wasserbett gleichkam - es war so ganz nach meinem Geschmack. Per Zufall schaute ich einmal hoch in die Nacht, über die Gummiwülste des Bootes. Ich wollte mich orientieren, ob uns vielleicht jemand vom Strand her
beobachtete. Leck mich am Arsch - was war denn das?! Die Strömung hatte uns gut drei Kilometer hinausgetragen, man sah die Lichter des Ufers nur noch ganz schwach. So traumhaft leergevögelt wie ich war, ging es nun darum,
alle nur erdenkbaren Kräfte zu mobilisieren, um an Land zu paddeln. Das Ganze noch dazu gegen die Strömung, das mochte ja heiter werden. Und die blöden Hühner lachten und kicherten, amüsierten sich, wie ich verzweifelt paddelte. Das tat ich etwa zwei Stunden lang, das Morgengrauen löste fast die Nacht ab, als ich Fels unter den Füßen hatte. Ich war halbtot - in vier Stunden war Verhandlung. Ich verabschiedete mich von diesen zwei süßen, geilen Ge schöpfen, schlenderte zu meinem Hotel, warf mich aufs Bett. Aber ich durfte nicht liegenbleiben, also stand längeres Duschen auf dem Programm. Der erste Gast im Frühstücksraum war ich, die ersten Sonnenstrahlen trafen die Meeresoberfläche. So ein schöner Tag, dachte ich bei mir, was wird er bringen? Ich saß im Gerichtssaal ziemlich gleichgültig rum, mein Geist war leer. Mein Anwalt sollte das Seine tun - aus meiner Sicht war es tatsächlich nur Notwehr gewesen. Die Zeugen kamen rein, also jene, die ich aufgemischt hatte. Einer trat mit Kopfverband in Erscheinung, der andere trug den Arm in der Schlinge; ich war mir nicht sicher, ob ich sie so stark verletzt hatte - eher schien es mir, daß sie dadurch ein Schmerzensgeld herausschlagen wollten. Und wieder ergoß sich ein stundenlanges Blah-Blah über mich. Ich bekam meinen Paß wieder, ein zehnjähriges Landesverbot wurde mir auferlegt. Der Gummiknüppel blieb selbstverständlich auf dem Richtertisch liegen, als ich den Saal verließ. Ich telefonierte mit Yvette und meinen Eltern, mein Vater holte mich mit seinem Wagen ab und brachte mich über die Grenze. Ich drückte Yvette ganz fest an mich, nahm sie zärtlich in die Arme und küßte sie lange und innig. Ich liebte sie sehr, nur - ich konnte es nicht ändern - war ich ihr wieder einmal fremdgegangen. Aber ich dachte mir, mein bestes Stück ist ja nicht aus Seife, also kann es sich auch nicht abnützen, wird nicht weniger, keiner merkt's.
Yvette und ich fuhren umgehend nach Hause, nach München. Meine Eltern kehrten wieder nach Opatija zurück, etwas mulmig war ihnen aber wohl doch. Kurz vor München konnte ich gerade noch tanken und uns eine Schachtel Zigaretten kaufen, wir waren nach nur fünf Tagen total blank. Es war ein Urlaub, den man ganz schnell vergessen sollte, hielten wir uns vor. Alle Freunde waren verdutzt, daß wir schon wieder aus dem Urlaub zurück waren, ich konnte nur müde abwinken. »Na ja«, - meinte Yvette, »dann geh' ich halt gleich wieder schleppen.« Ich, für meine Person, war abermals hinter der Theke der >Baby-Bar< zu finden. Am selben Abend schleppte Yvette einen tollen Typen an, draußen, vor meinem Laden, stand sein nagelneuer schwarzer Porsche auf dem Gehsteig geparkt. Sie tranken vier Flaschen Sekt, er war schick gekleidet, doch seine roten Pausbacken verrieten seine Bauernburschen-Herkunft. Yvette bedeutete mir auf der Toilette, daß sie mit ihm auf Stich ginge, er hätte ihr tausend Mark geboten. »Alles klar«, sagte ich, richtete noch eine Flasche zum Mitnehmen her - und sie verschwanden. Nach zwei Stunden klingelte in der >Baby-Bar< das Telefon, Yvette war dran, aufgelöst und am Heulen. »Beruhige dich doch, was ist denn los?« fragte ich. Fetzenhaft erzählte sie mir ihre Lage. Der schnuckelige Typ hat ihr also keine tausend Mark gegeben, sie vielmehr auf die Autobahn gefahren und vergewaltigt. Und jetzt sei sie über Felder gelaufen bis zu einem Dorf, um mich anrufen zu können. Ich ließ mir den Standort sagen und raste los, um meinem Baby zu helfen. Aber, was heißt hier helfen - ein unbändiger Haß kam in mir auf, als sie mir die Einzelheiten schilderte. Sie tat mir fürchterlich leid -, und ich..., ich kam mir so beschis sen vor. Es wurde mir deutlich, daß ich wegen der dämlichen Kohle die Ehre, Gesundheit und gar das Leben meiner Ge liebten aufs Spiel setzte. Ich sah es eher als eine Pflichtübung an, die Autobahn
nochmals abzufahren, den Platz des Geschehens zu inspizieren. Natürlich hatten wir keine Autonummer, glaubten uns aber an Tölzer Buchstaben zu erinnern. Freilich würde diese Drecksau auf Nimmerwiedersehen verschwunden sein, aber probieren wollte ich es, wollte meinem guten Willen zur Rache Ausdruck verleihen. Ich fuhr jeden Rastplatz ab - reine Routine. Und, wie immer in solchen Situationen - ich dachte, mein Herz bleibt stehen. Ich sah schon von weitem einen schwarzen Porsche in einer der Landschaftsbuchten. Da war doch dieser Tölpel glatt am Tatort stehengeblieben, hatte wohl gemütlich sein Räuschlein ausschlummern wollen. Jedenfalls fanden wir den Typen ruhend vor. Yvette war jetzt zur Furie geworden, ich mußte sie bremsen. »Du bleibst hier im Wagen sitzen«, sagte ich ihr, holte aus meinem Kofferraum den Wagenheber und schritt gemächlich zu dem Schlafenden. Ich suchte die Wagentür aufzumachen, aber das ging nicht. Vielmehr riß ich mir dabei ganz tief einen Fingernagel ein. Die Türen waren von innen verriegelt. Und da wurde er wach, erkannte mich wohl von der >Baby-Bar< wieder. Ich drosch sofort mit meinem Wagenheber auf das schöne Auto ein, zuerst kam die Frontscheibe dran, dann das Dach, dann nahm ich mir die Seitenfenster vor. Dreißig-, vierzigmal prasselte mein ungewöhnliches Zuchtinstrument auf dieses Auto hernieder, der Wagen sah schließlich gottserbärmlich aus. Motorhaube, Seitenteile - da war nichts mehr ganz. Der Tag wurde immer heller, es mag so um die sechs Uhr früh gewesen sien. Ich hätte leicht zum Mörder werden können. Plötzlich öffnete er die Tür, startete aber im selben Moment und gab Gas. Er steckte den Kopf aus der Tür, um sehen zu können, wohin er fuhr - durch die zertrümmerten Scheiben gab es keine Sicht. Mein letzter Hieb, den ich anbringen konnte, war auf seine Hand gewuchtet, die Hand, welche die Tür offenhielt. Ich hörte die Knochen splittern, sein Aufschrei war tierisch. Im Zickzack suchte er sein Heil in der Flucht. Ich war ausgelaugt, leer, aber zufrieden - wollte für nichts
in der Welt dem Flüchtling nachsetzen. Wir fuhren ganz langsam mit offenem Schiebedach nach Hause, schweigend sogen wir den jungfräulichen Morgenduft des neuen Tages ein. Yvette wollte am liebsten in der Badewanne schlafen, sie fühlte sich geradezu beschmutzt. Ich rauchte noch ein paar Zigaretten und ließ meine Gedanken schweifen. Mit geschlossenen Augen überdachte ich meine jüngste Vergangenheit und kam zu dem Schluß: Jaja, es ist schon so, man muß von früh bis spät unentwegt die ganze sogenannte normale Welt auf die Schnauze haun! In der letzten Zeit hatte ich mehr Keilereien gehabt als jeder professionelle Preisboxer.
Mit der Nürnberger-Anni auf Stich Natürlich gab es Schlepperinnen, die nicht nur des Geschäftes wegen zu mir kamen - nein -, ab und zu war auch schon mal eine geil auf mich. Aber, nachdem sie alle ziemlich gute Weiber waren, war es klar, daß ich von Fall zu Fall mit einer im Bettchen landete. Ich nahm leichtsinnigerweise mal eine Maus mit in Yvettes Wohnung - zum Schäferstündchen. Christa war ein großes Mädchen, besaß lange Beine, eine Wespentaille, blonde lange Haare und hatte einen Superarsch. Ein Schlüssel drehte sich, das Licht ging an, und Yvette stand im Zimmer. Tja, solch eine Situation ist ja bekanntlich äußerst peinlich, ich muß vielleicht blöd aus der Wäsche geguckt haben. »Raussss, alle beide - und du nimmst gleich deine Klamotten mit!« machte Yvette ganz sachlich. Und so geschah es denn auch - unsere große Liebe war in diesem Moment verspielt. Aus, Äpfel, Amen! Yvette und ich hatten am nächsten Tag in einem Lokal nochmals eine Aussprache, diese führte aber zu nichts. Am Ne-
bentisch, genau in meinem Blickfeld, saß ein hübsches Mädchen und flirtete mit mir. Nachdem hier, an meinem Tisch, sowieso nichts mehr lief, dachte ich mir, kann ich gleich mit dem Nachbartisch anbandeln. Yvette bemerkte dies auch sofort und sagte: »Na bitte, die. Weiber stehen sowieso alle Schlange bei dir.« Damit erhob sie sich und war verschwunden. »Ich heiße Anni, und wie heißt du?« fragte die kecke Maus über den Tisch hinweg. »Setz dich halt her - war jetzt deine Alte sauer und ist deswegen gegangen?« wollte sie in einem niedlichen Nürnberger Dialekt wissen. »Das macht mir aber nichts aus«, fügte sie selbstsicher hinzu. Freiweg erzählte sie mir, daß sie anschaffe - auf der Landsberger Straße -, und sie sei gerade solo. Nicht schlecht, dachte ich bei mir, ich konnte im Augenblick nicht genug Kohle kriegen, für meine Anwälte und so weiter. Meine Gedanken rotierten - wollte ich doch zu gerne in dieses Geschäft einsteigen. Sie hatte ein Apartment im Westend, wir tranken viel und bumsten ein paar Runden. Ich verließ sie in den Morgenstunden. So, der Anfang ist gemacht, dachte ich - und nachmittags schickte ich ihr per Boten einen Riesenstrauß roter Rosen. Zwei Tage später wollte ich am Abend meine >Baby-Bar< aufsperren, da fand ich das Amtssiegel an der Tür. Mein Laden war verplombt, und ein behördlicher Absender teilte mir mit, auch hier sei endgültig Schluß. Das war nun das sechste Lokal, das sie mir auf diese Art schlössen, und ich war ganz schön konsterniert. Ich dachte mir, die Yvette ist weg, meine Existenz ist weg - was soll werden? Die einschlägigen Stellen konnten meine Akten schließen, polizeilich war ich als Schlepper-Berndt in München mittlerweile amtsbekannt.
Aus Überlebensnot gab es jetzt nur noch eine einzige Möglichkeit - und die hieß: Anni. Ich rief sie an und bat sie, gleich zu mir zu kommen. Wir sprachen über alles, ich erzählte ihr von meiner Pleite mit der >Baby-Bar<. Sie berichtete ihrerseits, daß sie schon drei Jahre anschaffe, daß sie ein Kind vom Uwe habe, welches in Nürnberg lebe, daß sie auf der Landsberger Straße fest etabliert sei und gut verdiene. Uwe, ihr >Ex<, habe eine andere Biene, und deswegen sei sie seit ein paar Tagen solo. Ich zitterte innerlich am ganzen Leibe, ich sah hier wirklich meine Chance gekommen, blieb aber äußerlich ruhig, ja, sogar lässig. »Wie schaut's aus, schmeißen wir uns zusammen?« fragte ich sie schließlich. Ich war felsenfest entschlossen, wieder dem Milieu beizutreten. Diesmal fing ich es auch gleich ganz anders an, stellte sofort ganz keß meine Forderungen. Ein zweiter >Fall Gina< sollte mir nicht mehr passieren. »Allerdings will ich viel Kohle sehen«, setzte ich hinzu, »schaun wir mal, wie gut du stehst.« Und Anni stand lange und fleißig und dadurch auch mit Erfolg, was die Kohle anbelangte und was mir auch echt imponierte. Bisweilen aber hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht; der Tag kam, als Anni zu mir sagte, sie wolle sich gerne mit ihrem neuen Typen zeigen - also mit mir. »O. K.! Ich hole dich heute nacht irgendwann vom Strich ab, und dann gehen wir noch ein schönes Fläschchen trinken«, äußerte ich. Ich machte mir zwar den ganzen Tag Ge danken darüber, welche Reaktionen es geben würde, wenn ich mich heute als Profi-Lude präsentierte, aber ich verdrängte diese immer wieder. Wir werden sehen, beruhigte ich mich. Auf jeden Fall verbrachte ich die ganze zweite Tageshälfte damit, mich feinzumachen, mich rauszuputzen - auf daß
Anni mit mir Staat machen konnte. Meinem Auto ließ ich sogar eine Handwäsche zugute kommen. Nachts fuhr ich ja sowieso mehrmals Streife, besser gesagt, ich kontrollierte, ob Anni stand oder gerade auf Stich war. Ob
sie sich auf dem Autoparkplatz aufhielt, wo sich die Mädchen ihres Reviers mit ihren Freiern hinbegaben, oder ob sie mit einem >Besserzahlenden< in ihrem Apartment weilte. Ich war ja unter anderem dazu da, aufzupassen, daß ihr nichts passierte. So geschah es auch in dieser Nacht, und es mag so um Mitternacht gewesen sein, daß ich sie Feierabend machen ließ. Wir fuhren, ihrem Wunsche gemäß, ins >Boccaccio<. Auch sie war besonders hübsch zurechtgemacht, hatte einen geilen Fummel am Leib. Ein paar Jungs standen schon an der Bar, als wir hereinkamen. Anni grüßte sie alle freundlich, doch blieb sie unnahbar dabei. Wir setzten uns an einen der Tische, bestellten eine Flasche Whisky, eine Karaffe Cola und turtelten mit Worten. Ein >Liebhaben< im üblichen Sinne gibt es nicht in diesem Milieu, kein Streicheln, kein Anfassen, kein Händchenhalten. Man würde sofort als >Liebeskasperl< abgestempelt, das täte dem Ruf als Lude nicht gut. Die Einrichtung des >Boccaccio< ist gediegen - Samttapeten, Plüschbespannung, Mahagoni-Mobiliar, aus Mahagoni auch die Bar. Vereinzelt hängen geschliffene Spiegel an den Wänden, dekorativ gerahmt, ein Velourteppich in leuchtenden Farben, flammend gemustert, bedeckt den Boden. Die Pseudo-Quatro-Musikanlage gibt einen guten Sound ab, nicht zu laut - man kann sich noch unterhalten. Das Publikum ist bunt zusammengewürfelt, aber ein leichter Überhang des Ganoventums ist unverkennbar. Da kann kein Seidenhemd und auch nicht der feinste Nadelstreifen darüber hinwegtäuschen. Mehr oder weniger Karat blinken vom kleinen Finger der Herren. Das ist in den meisten Fällen dem Blinken des Gelblichts einer Verkehrsampel gleichzusetzen da ist Vorsicht geboten. »Du, da droben, komm doch mal runter«, hörte ich es hinter mir von der Bar her rufen. Ich brauchte mich gar nicht umzudrehen, ich wußte genau, diese Aufforderung zu überhören, hätte keinen Sinn gehabt. Ich erhob mich von meinem Platz, und Anni sagte noch halb flüsternd: »Paß auf.« Ich ging die vier Stufen der Empore hinunter und schritt mit gespielter Teilnahmslosigkeit auf die Gruppe zu, die mich rief.
»Was gibt's?« fragte ich. »Wir haben gehört, daß du die Anni poussierst - magst du dich nicht einmal vorstellen bei uns? Wer bist du denn überhaupt?« Ich sah dem Sprecher in die Augen, ein hübscher Bursche ist das, fiel mir auf. Alle meine Beobachtungen nahm ich in Sekundenbruchteilen auf. Fünf Typen waren es insgesamt, einer schlenkerte die Eiswürfel in seinem Glas, ein anderer tat ganz geistesabwesend - starrte ins Leere. Zwei weitere musterten mich, auf Barhockern halb sitzend, halb stehend. Ich dachte - Berndt, eine der wichtigsten Stunden deines Lebens ist eingeläutet, jetzt mußt du durch, jetzt oder nie. Sprüche sind da zwecklos. Noch ein Sekundenbruchteil, dann vermochte ich nichts mehr zu denken - die Kampfmaschine war eingeschaltet. Ich eruptierte wie ein ausbrechender Vulkan, schlug zu, einem Kamikaze gleich, legte mich mit allen fünfen gleichzeitig an. Gezielt und hart traf ich, das Überraschungsmoment war auf meiner Seite. Keiner hatte damit gerechnet, es spritzte Blut. Mit einem Barhocker tat ich einen Rundumschlag, die Gegenwehr begann. Ich bekam eine Flasche über den Kopf gezogen, ich schüttelte mich. Das Blut lief mir über meinen neuen, schneeweißen Frottee-Pullover. Ich sah in diesem Ge wühl urplötzlich Annis Arme herumfuchteln, begleitet von ihrem hysterischen Schreien. »Hört doch auf, ihr blöden Säue!« Das war wohl gerade der richtige Zeitpunkt, denn das Klicken eines Schnappmessers kam meinem Ohr gefährlich nahe. Es war nun für einen Augenblick mucksmäuschenstill, nur die Musik dröhnte. Noch immer ging Gefahr von dieser blitzenden Klinge aus, aber der Typ hielt inne. »Ich bin der Lang Berndt!« sagte ich laut, ging unbehelligt aus dem Lokal - und war mir sicher, mich damit vorgestellt zu haben. Anni hatte bezahlt und fuhr nun mit mir ins Krankenhaus. Das sollte meine erste Begegnung mit der Nußbaumklinik sein, welches Haus ich noch des öfteren betreten sollte.
Ich hatte neben der Kopfverletzung noch eine klaffende Wunde entlang der Knöchelpartie des linken Handrückens. Mit einigen Nähten wurde ich wieder hingeflickt. Als wir das Krankenhaus verließen, sagte Anni in ihrem lustigen Nürnbergerisch, »das habe ich kommen sehen.« Heimlich dachte ich bei mir, - ich auch. Kurze Zeit später aber lernte ich so ziemlich alle Jungs der Münchner Szene kennen; irgendwie war jeder einzelne von ihnen eine beeindruckende Persönlichkeit. Freilich hatte ich hin und wieder mal Ärger mit dem einen oder anderen, denn keiner war ein Kind von Traurigkeit. Jeder wollte und mußte auch sein Verhältnis zu mir abklären. Ich war aber aufgenommen in einem festen Verbund, bekam ein Gefühl der Zusammengehörigkeit. Und jetzt konnte ich mich im Milieu entfalten. Es war ein schönes Gefühl, einer von ihnen zu sein - mittendrin in Action, ausgefüllt von einem Leben, das nicht jeder leben kann. Nachdem mir nun endgültig klar war, daß hauptsächlich rohe Gewalt über vieles entscheidet, begann ich in einem Body-Building-Center zu trainieren. Je besser der Hammer, desto besser die Position - dachte ich mir. Und je besser die Position, desto besser stimmt die Kohle - und dies waren nicht nur Gedanken, sondern eine ganz nüchterne Feststellung. Ich konnte viel lernen - wie man sein Baby poussiert, wie man neue Partien angräbt, welche Alte man wo am besten aufstellt. Ich war nie mehr alleine, immer gab es Ansprech- oder Freizeitpartner. Nichts erschien mir mehr bedrohlich - schon gar nicht meine Existenz. Durch die viele Kohle konnte man sich allerlei Wünsche erfüllen. Es war damals in, nur beim Schneider arbeiten zu lassen. Wer von uns finanziell besonders gut stand, leistete sich zum >Edel-Car< noch einen >Heißen Ofen< - ein Motorrad der Easy-Rider-Art. Ich kaufte mir eine Moto-Guzzi, eine Achthundertfünfziger, California. Ließ alle Teile abbauen und verchromen, außergewöhnliche Extras wurden montiert. Zum Beispiel eine Stereo-Anlage, ein Feuerlöscher, ein Ziga-
rettenanzünder, eine Zwei-Meter-Peitschenantenne, fünf Zusatz-Halogen-Scheinwerfer. Was Anni betraf, sie wurde mir zu frech. Es gab aber bereits Ersatz für sie, und deshalb trennten wir uns ohne viel Aufhebens. Kurz zuvor hatte ich eine Blondine kennengelernt, die gerade ihre Liaison mit einem Südländer beendet hatte. Nachdem sie spitzgekriegt hatte, daß ich von der Zunft war, fragte sie mich, wo sie anschaffen könne. Mittlerweile hatte ich schon gelernt, daß die unproblematischsten Partien jene sind, die man nur aus der Ferne poussiert. Zweimal die Woche telefonieren und alle vierzehn Tage hinfahren zum Kohleholen - das war es. So verfrachtete ich Heien nach Mannheim, da kann man je nach Laune rund um die Uhr vor den Schotten stehen. Außerdem erinnerte ich mich des sogenannten Pay-Days, das ist der Tag, an dem das U.S.-Militär Geld bekommt, das dann zumeist gleich verfickt wird. Heien war noch nicht versaut durch Suff und Drogen oder sonstiges, sie war fleißig und brav. Ihr Äußeres ließ es zu, von allen Männern angegeilt zu werden. Als die Mannheimer Jungs ihr Glück bei meiner Heien versuchten, fuhr ich mit ein paar Münchnern rauf - und dann gab es Zunder. Aber Probleme sind dazu da, um bereinigt zu werden, und ich konnte auch in Mannheim Freunde finden. Durch die Tatsache, daß man oft in Puffs verkehrte - im Münchner Imex-Haus kam es häufig zu zwanglosen Sit-ins, zu denen sich Insider des Gewerbes vor den Apartments der Mädchen trafen, sich zu einem Schwatz in den davor aufgestellten Sesseln räkelten, mit den gerade nicht beschäftigten Ladies schäkerten, ihre Witze über die Kunden rissen, die im übrigen von derlei Ansammlungen nicht erbaut waren, da sie eher verschämt auf Stich gingen - lachte ich mir eben in jenem Imex-Haus noch eine Maus an. Naja, Klara, ein Rubensweib, war für meine erotischen Vorstellungen zwar nicht eben maßgeschneidert, sie war aber eine gute Anschafferin. Also egal, Hauptsache Kohle ging ein.
Tatü-tatü Ob Imex-Haus oder andere Puffs, es sind immer Schmelztiegel der verschiedensten Gesellschaftsklassen. Eierdiebe bieten ihre heiße Ware feil, und Huren sind besonders prädestiniert, Stücke, die auf dem normalen Markt teuer wären, fix ganz billig zu erwerben. So tauchte fast allabendlich ein Mann im Imex auf, der dort seine Beute an den Mann brachte - besser gesagt, an die Frau. Ob Pelze, Schmuck oder gar Perücken, sein Angebot war stets vielfältig. Natürlich war sein tägliches Risiko mit seinen täglichen Einnahmen bei weitem nicht identisch. Er war ein kleiner, drahtiger Kerl, hatte sehr schütteres Haar, um nicht das Wort Glatze zu gebrauchen. Er besaß schmale Lippen, listige Augen, und seine Gehirnschale war vollgepackt mit krimineller Energie. Selbstverständlich lernten wir Jungs ihn alle im Laufe der Zeit kennen, wir wollten natürlich schon wissen, von wem unsere Weiber die heiße Ware bezogen. Denn wenn ein charakterloser Idiot von Dieb einmal erwischt wurde und bei den Bullen petzte, an wen er sein Diebesgut verkaufte, waren unsere Weiber wegen Hehlerei dran. Alf hieß er, und er war schon fast einer von uns geworden, er war natürlich kein Hauer, aber ein Typ mit Stil und Ganovenehre. Alf machte auch keinen Hehl daraus, daß er sich schon länger mit dem Gedanken trug, ans direkte Geld, ans Bargeld, zu kommen. Und dieses liegt nun mal bei Zahlstellen, Kassen oder Banken. Er war allerdings der Meinung, zwei Mann und ein Fahrer wären die optimale Besetzung solcher Unternehmungen. Und es dauerte auch nicht lange, bis er zwei Mann aus unserem Kreise für sein Vorhaben erwärmen konnte. Ich war nicht eingeweiht, doch konnte ich beiläufig erfahren, daß konkrete Pläne geschmiedet wurden. Das Objekt, eine Bank, stand fest - und nun kam man auf mich zu. War es doch bekannt, daß ich über einen gewissen Fundus an Waffen aller Art verfügte. Ich staffierte also diese sonderbare Expedition
mit zwei Pusten aus, es waren allerdings nur Leihgaben. Wir handelten aus, daß ich dafür alles Kleingeld bekäme, das sie >einnehmen< würden. Alle Hartgeldrollen, alle Zehner und Zwanziger. In der Hoffnung, daß die Bank über recht viel Kleingeld verfügen möge, gab ich meinen Segen und wünschte viel Glück. >Tatü-tatii-tatü-tü - hier ist ,Bayern Drei', wir geben eine Fahndungsmeldung der Polizei bekannt: Auf eine Filiale der Dresdner Bank in der Münchner Innenstadt wurde soeben ein Raubüberfall verübt, die Täter flüchteten mit einem BMW-V-Acht, Farbe dunkelblau, mit dem amtlichen Kennzeichen Ingolstadt SW-431. Vorsicht, die Täter sind bewaffnet! Tatü-tatü-tatü-tü.< So klang es aus dem Radio, am nächsten Tag um 15 Uhr 50. Ich saß auf meinem Balkon und wartete förmlich auf diese Durchsage, denn derlei Meldungen sind bei >Bayern Drei< seit langem Usus. Also sind sie schon mal zumindest weggekommen, dachte ich bei mir, grinste in mich hinein und drehte mir gleich auf dieses Faktum hin einen Joint. Selbstverständlich war der betreffende BMW gestohlen. Wenn nach zwanzig Ecken unauffällig umgestiegen wird und keine Spuren hinterlassen werden, dann beißen sich die Bullen an einem solchen Fall die Zähne aus. Es ging alles gut, wir trafen uns nachts im Imex. Ich bekam meine >Engelmacher< wieder sowie ungefähr viertausend in Rollen und kleinen Scheinen. Es wurde gesoffen, der Ablauf geschildert, und Alf ging auch gleich einen Stock höher zum Picken. Insgesamt hatten sie runde Achtzigtausend erbeutet, und Rolf, ein Mittäter, erzählte mir begeistert, wie herrlich einfach doch dieses Geschäft mit der Angst sei. »Du machst den Leuten ein paar Minuten Angst und kassierst ein Haufen Geld dafür«, sagte er. Ich hatte fast den Eindruck, als sähe er solches tatsächlich als ein reelles Geschäft an.
Nun - ich war froh, daß sie nicht geschossen hatten, sonst wäre ja eine meiner Waffen sehr heiß geworden. Denn irgendwann hätte eine Projektiluntersuchung mich zum Bankräuber stempeln können, obwohl es ja nicht den Tatsachen entsprach. Der Wetzl Anton hatte eine uralte Pension in der Innenstadt gekauft, war aber der Ansicht, daß das Betten-Vermieten an Touristen nicht so einträglich sei. Um vieles mehr bekam er da schon von den Bordstein-Schwalben, die sich vor der Haustür ihre Freier angelten. Ich besuchte ihn ab und zu, einmal zum Zocken, zum anderen auch, um nachzusehen, welche Hürchen er gerade beherbergte. Er hatte im ersten Stock ein großes Zimmer zu einer gemütlichen Bar umfunktioniert, deren Tür immer einladend geöffnet war. Andererseits war Anton aufgrund der offenen Tür stets im Bilde, was sich im ganzen Hause abspielte. Ich hatte bei ihm vor ein paar Tagen eine süße Maus zum Nulltarif gebumst, und auch heute fiel mir ganz besonders eine Neuerscheinung auf. »Die ist vorgestern erst aus Berlin gekommen«, sagte Anton zu mir, »ich glaub', die ist ihrem Macker abgehauen, weil er sie immer nur aufs Maul gehauen hat«, meinte er aufmunternd. Ich lud sie auf einen Piccolo ein, flirtete mit ihr und erzählte ihr einen Schmarren nach dem anderen. Wie gut sie es bei mir hätte, daß ich sie traumhaft schön fände, daß ich sie liebe und schließlich noch, daß ich mit ihr täglich etwas unternehmen würde. Unser schönes München zeigen, gar das ganze Bayernland - Versprechungen, Blah-Blah. »Höre für heute mit dem Arbeiten auf, wir gehen uns amü sieren«, schlug ich ihr vor. Es war zwar eine Einladung, aber genau besehen, war das mein erster Befehl an sie. So ein hübsches Mädchen verd ient bestimmt nicht schlecht, die wird mir eine gute Partie sein, dachte ich bei mir. Sie wohnte auch in der Pension, da hatte ich keine Scherereien, von wegen bei mir einziehen - und so weiter.
Ich ging also mit Anschy aus, suchte mir aber schon ein Lokal aus, wo ich nicht bekannt war. Schließlich baute ich mir gerade eine Alte auf, die immerhin schon meine dritte sein würde. Und München ist ein Dorf, die Zufälle sind oft merkwürdiger Natur. Nur nicht gesehen, um nicht verraten zu werden! Anschließend fuhren wir zu mir, die Kleine war nicht schlecht im Bettchen. Am nächsten Tag kurvten wir auch tatsächlich etwas über Land, wir eroberten per Seilbahn den Wallberg in der Nähe des Tegernsees. Dort oben genossen wir im Liegestuhl die Sonne, machten eine deftige Brotzeit, und nebenbei erklärte ich ihr, vorsichtig aber bestimmt, wieviel Kohle ich täglich von ihr sehen wolle. Aber so ein Naturbursche bin ich nun auch wieder nicht, dieser eine Ausflug hatte vorerst zu genügen. Sollte Anschy lieber Freier suchen - das lag viel mehr in meinem Sinne. Dennoch, an diesem Tag nahm ich sie mit zu Muttern, die hatte mich eingeladen. Meine Eltern bewohnten jetzt ein Häuschen am Stadtrand, zu dessen Anschaffung ich finanziell beigetragen hatte. Ich fuhr zu jener Zeit gerne zu ihnen raus, wenngleich nicht zu oft. Da gab's immer gut zu essen, und ich ließ oft ein paar De-Emmchen liegen, für einen Sonntagsbraten oder etwa für ein Fahrrad für meinen kleinen Bruder. Meine Eltern schüttelten nur immer den Kopf. Meine Mutter sah wieder einen neuen Ring von meiner Hand blitzen, mein Vater tat verschämt und meckerte: »Immer diese leicht angezogenen Mädchen, was sollen sich die Nachbarn denken!« Versäumte es aber nie, auf die kurzen Rocknähte der also Gescholtenen zu stieren. Bei jedem Besuch mahnte mich mein Vater: »Junge, Junge - wenn das nur gutgeht! Ich habe im Leben noch nie mit der Polizei zu tun gehabt, und du stehst fast täglich in der Zeitung.« »Aber freuen tust du dich über jeden Hunderter, den ich dir gebe. Woher meinst du, kommt denn die Kohle, ha?« So und ähnlich gab ich ihm manchmal zur Antwort. »Mein Gott, sind die Weiber blöd«, antwortete er dann resignierend, und
es kam mir vor, als grüble er über sein Leben nach. Warum er so dumm gewesen war und nicht auch einmal eine Alte abgekocht hatte. Meine Mutter ging trotz allem ganz gut und freundlich mit meinen Mädels um, schmunzelte sogar, wenn sie immer wieder neue Gesichter sah. Der Tag war vorbei, ich fuhr Anschy zu ihrer Pension, dann begab ich mich nach Hause. Ich wollte etwas fernsehen, anschließend ins Imex, um die Klara abzukassieren. Im Imex, im Flur in einen Sessel gelümmelt, fand ich Alf. Er hielt sich schon wieder an einer Flasche Kognak fest. Ich erklärte ihm, daß in der Straße, in der ich wohne, eine schnukkelige Bankfiliale stehe. Die Gegend sei ausgesprochen ruhig, viele mögliche Fluchtwege für einen Raubzug gegeben. »Ich schaue mir das mal an«, meinte er, war aber durchaus begeistert von meiner Nachricht, denn er brauchte unbedingt wieder frische Kohle, wie er hinzufügte. Nach ein paar Tagen war klar - diese Bank wird gemacht. Diesmal sollte kein gestohlenes Fahrzeug eingesetzt werden. Zwei Mann sollten genügen, geflohen wurde mit eigenem Motorrad. Nur ein Nummernschild mußte geklaut werden, somit würden die Spuren verwischt sein. Diesmal gab ich ihnen eine abgesägte Jagdbüchse mit, der Doppellauf sah ganz schön bedrohlich aus. Alf hatte sich in der Bank umgesehen, er meinte, wenn keine Kunden drinnen seien, werde es ein leichter Deal, weil nur drei Leutchen die Besetzung bildeten. Der andere sollte draußen mit der Maschine warten - mit laufendem Motor, versteht sich. Aufgesprungen und weg, leicht durch jeden Verkehr zu kommen - das empfand ich als gute Idee. Sie hatten auch schon eine nahe liegende Garage, in die sie hineinfahren und das Nummernschild wechseln wollten, ausbaldowert. Die Maschine sollte dann ein paar Tage stehenbleiben, man wollte mit dem Taxi in die City fahren. Besser noch - mit der Straßenbahn. Ich war bei meinen Eltern zu Besuch, um wieder einmal ei-
nen Tausender vorbeizubringen. Da kam das Gespräch auf, daß ich für mein süßes Leben doch eines Tages würde teuer bezahlen müssen. Das war gar nicht so ganz falsch gedacht von meinem Herrn Papa, denn insgeheim wußte ich ja, daß die bisherigen Anzeigen gegen mich irgendwann einmal eine Strafe nach sich ziehen würden. Aber das wischte ich geistig stets vom Tisch, im Gegenteil, ich fühlte mich wohl im Underground. Besonders bei meinen Eltern spielte ich immer den Prahlhans, es war, als wollte ich mich für meine allzu ärmliche Kindheit revanchieren, ja fast rächen. »Haha - schalte mal das Radio ein, du wirst sehen, in den nächsten Minuten wird ein Bankraub in München verübt!« sagte ich. »Ich habe alle Fäden in der Hand, ich weiß, was wann, wo, wie passiert.« Nachdem ich ja wußte, daß Alf heute wieder zuschlagen würde und auch wo und um wieviel Uhr, war meine Weissagung nicht schwer. Denn präzise jetzt, um 15 Uhr dreiundvierzig - Sekunden vor Bankschluß - mußte Alf den Kassenraum betreten. Na ja, an einem guten Gelingen war mir gelegen. Und tatsächlich, ich schaute sofort auf die Uhr, kam eine Fahndungsmeldung über den Sender. Mein Vater wurde blaß, nun hatte er den Beweis dafür, daß sein Sohn mit dem aktiven Verbrechen in Zusammenhang stand. Ihm wurde es sicherlich schlecht bei dem Gedanken, ich gefiel mir ganz gut in meiner Rolle. Interessant aber war, daß die Radiomeldung nichts über Fluchtfahrzeug und Fluchtweg aussagte. Es hieß nur - >von dem Täter fehlt jede Spur.< Nun - ich würde es ja nachts erfahren. Mit lautem Hupen gab ich übermütig Gas, als ich meine Eltern verließ, ich konnte nur erahnen, mit welch gemischten Gefühlen und traurigen Gedanken sie mir nachsahen. Alf erzählte mir nachts, daß es ein Kinderspiel gewesen wäre, aber auch, daß die Beute dementsprechend weniger sei. Er hatte die Angestellten kurzerhand in die Toilette ge-
sperrt, deswegen konnten sie gewiß kaum irgendwelche Angaben machen. Ich bekam wieder mein >Kleingeld und Alf entschloß sich, nun selbst eine Waffe zu kaufen. So mögen die Jungs vielleicht noch des öfteren gute Kasse gemacht haben, ich war nicht mehr informiert. Leider mußten sie irgendwann doch einmal absatteln - die Aktionen selbst hatten immer geklappt, andere Umstände führten eines Tages zu ihrer Verhaftung. Es gab mehrere Gründe, warum wir alle traurig waren bei dieser Nachricht - ein paar Huren vermißten einen gutzahlenden Freier, gute, heiße Ware war nicht mehr auf dem Markt, und in den Knast zu gehen, ist an sich schon schlimm und traurig genug. Ein Jahr später hörte ich, daß die ausgesprochenen Freiheitsstrafen ganz schön happig ausgefallen waren. Diese bewegten sich alle so um die zehn bis dreizehn Jahre.
Das Platzt als Nabel der Nacht Das >Tilbury< am Münchner Platzl bildete sozusagen die Nachbarschaft des Hofbräuhauses. Diese Disco war auch einer unserer In-Treffs, da waren immer gute Teenies und Weiber anzutreffen - Fotohasen und Models, oder solche, die es werden wollten. Schlank und rank, jung und schön, mit fast nichts an, räkelten und wanden sie sich nach den Klängen der HundertWatt-Anlage. Damit wir diese Augenweide ungestört genießen konnten, hatten wir den großen Tisch, direkt an der Tanzfläche, zu unserem Stammtisch erklärt. Niemand anderer durfte dort Platz nehmen, auch wenn noch keiner von uns erschienen war. Setzte sich einmal ein Fremder daran, wurde er nicht bedient - ja, ganz schnell weggescheucht. Irgendwann in der Nacht kam dann einer nach dem anderen von uns an. Die plüschenen Sitzgelegen-
heiten reichten an diesem Tisch für gut zehn Mann, waren wir mehr, wurde die Sitzgruppe auf die Tanzfläche hinaus erweitert. Wir bestellten selbstredend immer nur flaschenweise - Wodka, Whisky oder Champagner. Diese Disco war immer bomb envoll, der Einlaß wurde durch einen Türsteher geregelt. Daß unser Tisch stets frei war, bis wir gnädigst eintrudelten, diese Tatsache blieb natürlich den anderen Gästen nicht verborgen, und sie warfen uns verstohlene Blicke zu, mieden indes jeglichen Kontakt mit uns. War unser Tisch vollbesetzt, saßen da, locker zusammengerechnet, ungefähr hundert Jahre Knast beisammen. Und das war für jedermann ersichtlich, da nützten auch unsere teuere Garderobe und unser scheinbar sanftmütiges Gehabe nichts. Ich saß besonders gern in diesem Laden, die Abschußquote war recht gut. Da habe ich so manchen Teenie rausgefickt. Das war natürlich nicht schwer, mit allen Privilegien des Lokals ausgestattet, wie wir waren, dazuhin immer reichlich Getränke auf dem Tisch, gutes Aussehen, guter Spruch und immer gut gelaunt. Da kamen die Girls wie die Motten ans Licht. Man wußte auch, daß die dicken Autos vor der Tür an unseren Tisch gehörten. Ja - und nicht zuletzt war das >Tilbury< der ehemalige >Pferdestall<. Den >Pferdestall< hatte ich doch häufig mit meiner ersten Hure, nämlich der Gina, besucht. >Die modert auch schon im Grab so leise vor sich hin<, ging es mir einmal recht undankbar durch den Sinn. Dabei überdachte ich meine gegenwärtige Situation und stellte fest, daß ich meine >Pferdchen< heute ganz anders im Griff hätte. Nun, der >Pferdestall< war eines Tages abgebrannt, was in der Gastronomie nicht unüblich ist. Läuft der Pachtvertrag ab, ändert sich die behördliche Konzession, oder ist ein Laden renovierungsbedürftig - meistens brennt dann der betreffende Schuppen. Versicherungen werden daraufhin ganz hübsch zur Kasse gebeten, zahlen den Löwenanteil der Neueinrichtung. Unser guter Berger, ein kleiner Wieseltyp von Mann, ein Jude, war der neue Besitzer des >Tilbury<. Er besaß schon mehrere
Kneipen rund ums Platzl, schlief meistens, auf einer Bank zusammengerollt, in einem seiner Separees, machte fast stündlich in jedem seiner Läden die Abrechnungen, auf daß er um keinen Pfennig betrogen würde - von seinen Animiermiezen und Barfliegen. Berger ernährte sich mit drei, vier trockenen Semmeln am Tag, war mit dieser Einstellung Millionär geworden. Er, der Berger, war bekannt bei jedermann, der in der Nacht unterwegs war. Er hatte so manchem sein Mädchen in einer seiner zahlreichen Finten als Animierdame untergebracht, außerdem trafen sich Diebe und Hehler in seinen schummrigen Budiken zu ihren Geschäften. Eines Abends war ich auch wieder am Platzl unterwegs, in irgendeinem Gebäude wurde im ersten Stock gezockt. Mal schaun, dachte ich, vielleicht steht mir heute das Glück zur Seite, und ich mache aus einem Tausender womöglich drei oder vier- oder gar fünf. Ein Typ sprach mich an, der mir und anderen als hochkarätiger Autoschieber bekannt war. Ohne Umschweife machte mir dieser ein interessantes Angebot, worüber ich nachzudenken versprach. Jedenfalls offerierte er mir zehntausend Mark, wenn ich ihm meinen Sechshunderter Benz überlassen würde. Nachdem der Wagen aber fabrikneu und gute Achtzigtausend wert war, würde ich zu den Zehntausend noch die volle Kaufsumme dazu von meiner Versicherung bekommen - wenn ich das Gefährt als gestohlen meldete. Mein Wagen sollte also nach den Vereinigten Staaten verschoben werden und hierzulande als gestohlen gelten. Wenn das Auto binnen sechs Wochen nicht mehr aufgefunden wurde, mußte die Versicherung den vollen Kaufpreis berappen. Selbstverständlich konnte es nicht mehr aufgefunden werden, weil es zu dieser Zeit schon längst, und womöglich umfrisiert, auf irgendeinem High Way in den USA spazierenfuhr. Also auf diese Weise macht der seine Geschäfte, ging es mir durch den Sinn. Wie teuer würde er wohl drüben meinen
Schlitten verkaufen können? Aber mit dieser Frage brauchte ich mich nicht zu beschäftigen. Für mich ging es ganz konkret um ein neues Auto und - um Zehntausend Gewinn. »O. K. - der Deal wird durchgezogen«, erklärte ich dem Burschen am nächsten Tag. Der Ablauf des Plans war einfach: Ich sollte ihm noch in derselben Nacht um dreiundzwanzig Uhr mein Fahrzeug nebst Papieren und Schlüssel übergeben und bekam in diesem Moment Zehntausend auf die Hand. Der Typ hatte vor, die ganze Nacht hindurch nach Amsterdam zu fahren, den Wagen auf ein Schiff, das für die USA bestimmt war, zu verladen, um mit dem nächsten Flugzeug nach München zurückzukehren und mir die Papiere sowie den Schlüssel auszuhändigen. Anschließend würde ich auf ein Polizeirevier gehen und den vermeintlichen Diebstahl meines Autos melden. Und genauso präzise, wie geplant, lief es dann auch ab. Meine geschauspielerte Traurigkeit über den Verlust meines geliebten Autos klappte ganz gut. Der Polizeibeamte meinte nur ganz lapidar, daß solch großkalibrige Karossen meistens nicht mehr auftauchten. Das sei die allgemeine Erfahrung, konstatierte er. Ich wartete fünf Wochen, nachdem ich meine Versicherung durch ein Telegramm vom Diebstahl meines Kfz's informiert hatte. In wenigen Tagen mußten sie >zur Kasse schreiten^ Mal sehen, was ich mir dann für einen neuen Wagen zulege, dachte ich. Die Tage wollten einfach nicht vergehen, ich war des Taxifahrens schon langsam leid. Aber morgen ist es soweit, stellte ich an dem betreffenden Tag unterm Zähneputzen bei mir fest. Es war bereits Mittag, ich wollte meinen alltäglichen >Frühstücksschmaus< holen frische Semmeln, einen Liter Milch, etwas Aufschnitt. Die Zeitung nicht zu vergessen. Um Gotteswillen, was war das?! Ich vergaß meinen Einkauf,
wurde kreidebleich, mir schnürte sich der Magen zu. Das durfte doch nicht wahr sein! Die fettgedruckte Schlagzeile verriet schon alles. »MÜNCHNER AUTOSCHIEBERRING AUFGEFLOGEN! <
Mit dieser Schlagzeile präsentierte sich das Münchner Boulevardblatt, das ich immer las. Ich schnappte mir die Zeitung nur schnell nach Hause und ganz ruhig bleiben, redete ich mir zu. Ich las den Artikel gleich mehrmals, selbstredend wurde meine schlimme Ahnung bestätigt. Eine ganze Schiffsladung Nobelkarossen war nach Auskunft der Rotterdamer Hafenpolizei sichergestellt worden. Die internationale Zusammenarbeit der betreffenden Stellen habe einen raschen Zugriff möglich gemacht. Alle Beteiligten seien in Haft. Na sauber, lautete mein Kommentar. Ich nahm mir vor, mich still zu verhalten, abzuwarten, was geschehen würde. Ein paar Tage später teilte mir meine Versicherung mit, daß sich mein Wagen erfreulicherweise angefunden hätte. Dieser sei von einem Überseeschiff heruntergehievt worden und würde mir in den nächsten Tagen durch die Bundesbahn zugestellt. Etwaige Schäden solle ich melden. Mit freundlichen Grüßen und so weiter... Na, damit hatte ich ihn also sozusagen wieder. Nur! würden die Jungs einen Teufel tun und mich decken, indem sie angaben, sie hätten mein Gefährt geklaut. Also würde ich des Versicherungsbetrugs angeschuldigt werden. Und so kam es auch. Ich wurde als Zeuge geladen, als der Schieberring in München vor den Schranken des Gerichtes stand. Auf ihre Verpflichtung, die Wahrheit auszusagen, aufmerksam gemacht, gestanden die Betreffenden die Sachlage. Mir hatte meine Geldgier mithin wieder einmal bösen Ärger eingebracht. Also hatte ich mein Auto wieder, nur das Autotelefon hatte man mir stiebitzt. Indes, ich konnte abermals unterwegs sein und befand mich auch alsbald auf der Autobahn nach Mannheim - mal gucken, wieviel Kohle mein Baby da droben angesammelt hatte. Heien versteckte ihr Geld immer an einem anderen Ort in ihrem Zimmerchen, auf daß kein Gast fündig werden und sie berauben könnte. Und wenn ich auftauchte, hatte sie stets eine diebische Freude daran, mich die Kohle
suchen zu lassen. Mal war ich mit dem, was ich aufspürte, mehr, mal weniger zufrieden. Es war immer dasselbe Ritual - ich wußte, was sie nach dem Geldzählen wollte, und sie wußte, was ich wollte. Sie legte sich sofort aufs Bett, machte die Beine breit und erwartete mich sehnsüchtig. Ich aber konnte Heien nur bumsen, wenn sie eine Strumpfhose anhatte, den Zwickel fein säuberlich ausgeschnitten. Denn das Nylon auf ihrer überdurchschnittlich schwitzenden Haut ergab dann wiederum ein geiles Gefühl, wenn sie mich mit ihren Beinen umschlang und umspielte. Heien war sehr hingebungsvoll beim Bumsen, manchmal weinte sie dabei stumm. Einmal passierte in Sekundenschnelle folgendes: Ein Trampeln und Poltern die Treppe herauf war zu hören, unsere Tür wurde aufgestoßen. Zwei Typen standen an unserem Bett. Der eine war der Wirtschafter des Puffs, den anderen kannte ich nicht, er hielt einen Baseball-Schläger in der Hand. »Ach herrje -!« machten die Eindringlinge. »Ihr geilen Schweine seid bestimmt an den Alarmknopf gekommen«, stellten sie fest. »Ach du Scheiße«, erwiderte ich, »nun - alles klar hier, macht, daß ihr rauskommt!« Ebenfalls zur Gewohnheit wurde es bei uns, nach unserem Schäferstündchen irgendwohin zum Essen zu gehen. Oder, wenn wir uns tagsüber getroffen hatten, machten wir danach auch schon mal eine Schiffsfahrt den Main hinunter. Abends aber mußte Heien wieder anschaffen - mir hätte ja eine Mark auskommen können. Währenddessen ging ich dann mit den Mannheimer Jungs um die Häuser - in die Discos. An einem solchen Abend saß ein besonders hübsches Mädchen an der Bar eines Lokals, das ich betreten hatte. Ich stellte mich gleich neben die Kleine. Sie sprach mich an, hörte, daß ich Münchner war. Da wolle sie immer schon hin, München sei eine tolle Stadt, erklärte sie. »Ja, Baby, hopp - ich nehme dich gleich mit!« entgegnete ich und war schon ganz flott an ihrer Wäsche. »Du bist jung und schön, du hättest eine glorreiche Zukunft in Mün-
chen«, fuhr ich fort, und wir diskutierten des längeren und breiteren alles mögliche durch. Sie hatte eine braune, samtene Haut, ihr einziges Kleidungsstück war ein locker sitzender, kurzer Baumwollfummel. Sie trug darunter keinen Slip. Ich deckte sie mit meinem Körper ab und fuhr ihr langsam zwischen die Beine. Höher, bis ich ihr durchs Schamhaar kraulen konnte. Sie schmiegte sich an mich, hauchte mir heiß ins Ohr. Keiner im Lokal konnte etwas bemerken, wir schauten ziemlich scheinheilig aus der Wäsche. Sie spreizte nun leicht ihre Schenkel, mein Finger glitt sofort in ihr nasses, heißes Vötzchen. Sie hatte ein göttliches Muskelspiel in ihrer Grotte, sie vermochte gar, meinen Mittelfinger zuckend zu umschließen. »Wahnsinn - bist du ein geiles Schweinchen«, raunte ich ihr zu. »O. K., wenn dich hier nichts hält - dann komm doch gleich morgen mit mir nach München!« Am nächsten Tag, um Punkt elf Uhr, fuhr ich in die Autobahnauffahrt in Richtung München ein. Dort sollte Manuela mit ihrem Gepäck stehen. Und ich dachte mir, wenn die jetzt tatsächlich da steht, dann habe ich zumindest die nächsten paar Tage zu Hause was Geiles im Bettchen. Wie es dann weiterging, würde man sehen. Ich hatte noch nicht zu Ende gedacht, da sah ich sie schon mit ihren dürftigen Habseligkeiten stehen. Mein Herz schlug höher, denn es war wieder einmal die Bestätigung für mich, daß ich mir auch die besten Weiber unter den Nagel reißen konnte. »Hey, Baby, steig ein! Toll, daß du pünktlich bist, toll, daß du mitkommst!« Sie warf ihre Siebensachen auf den Rücksitz, stieg ein und gab mir einen langen Kuß. Schon unter der Fahrt schmiedeten wir Pläne. Es schien für sie von Haus aus klar gewesen zu sein, daß sie in München anschaffen gehen würde. Nur wollte sie sich nicht deswegen behördlich melden, darauf bestand sie. Weil ich unterm Fahren mit einer Hand mit ihrem Körper spielte, wurde ich geil. »Oh, Baby, meine Hose wird zu eng, magst du mich nicht befreien?« Sie öffnete diese und
nahm meinen Schwanz ganz zärtlich in ihre beiden Hände, legte meine Härchen zur Seite, als ob sie etwas Kostbares freilegen wolle. Sie küßte meine Eichel. Nun galt es für mich, den Wagen in schneller Fahrt auf der Straße zu halten. Sie stülpte ihre vollen Lippen über meinen Schwanz, ich spürte ihre heiße Mundhöhle und ihre spielende Zunge. Mit einer Hand wühlte ich in ihrem vollen Haar. Schließlich mußte ich vom Gas gehen, das Gefühl übermannte mich. Sie richtete sich auf, pellte ganz lässig einen Kaugummi aus dem Papier, kaute und lächelte mich an. »Du bist ja sagenhaft, wo hast du das gelernt?« wollte ich wissen. »Naturtalent« - lautete ihr schlichter Kommentar. In München angekommen, ruhten wir uns etwas aus, machten uns schick und gingen aus. Wir feierten unsere große Liebe, prosteten auf die Zukunft. Natürlich habe ich Manuela überall dorthin geschleppt, wo ich meine neue Partie den anderen Jungs stolz präsentieren konnte. »Der schöne Berndt hat wieder zugeschlagen«, ulkten die Jungs, und in leisem Ton gaben sie mir zu verstehen, daß diese Maus ganz sicher gut verdienen werde. Aber das war mir selbst schon klar. Doch - wo stelle ich sie hin? war meine Sorge. Es würde wohl nicht mehr lange dauern, bis meine Weiber voneinander erfuhren. Hatte ich doch die Klara im Imex >stehn<, die Anschy beim Wetzl-Anton in der Pension und die Heien in Mannheim. Also entschloß ich mich, Manuela in der City wackeln zu lassen. Als Unterkunft besorgte ich ihr gleich am nächsten Tag ein Apartment. Das sollte gleichzeitig meine Zweitwohnung sein. Ich tat mir eine >Wanze< ein, ein klitzekleines Mikrophon mit Sender. Ich konnte dann, vor dem Haus parkend, im Autoradio auf Mittelwelle 1,5 alles hören, was sich da oben abspielte. Mit dem Ding war alles gut und klar zu hören- selbst, wenn eine Maus gehustet hätte, wäre das übergekommen. So war ich immer informiert, wie Manuela arbeitete, wie-
viel Geld sie vom Gast bekam - oder aber auch, wenn ein Gast eine bedrohliche Situation heraufbeschwor. Manuela entwickelte sich zu einer guten Geldquelle, aber auch zu einem eigensinnigen Trotzkopf. Ich saß im >Tilbury<, der Laden schloß gleich. Ich hatte mir so ein geiles Gerät von der Tanzfläche geangelt. Sie kam aus gutem Hause, konnte sich denken, wovon ich lebte. Deshalb erzählte mir diese Schöne schon die ganze Nacht, daß sie zwar mit mir ins Bett hüpfen, aber nie im Leben für mich Anschaffen gehen würde. Wir waren bereits sehr alkoholisiert, auch ein paar Jungs und etliche Hürchen saßen an unserem Stammtisch. Auf einmal stand meine Manuela am Tisch und funkelte mich mit ihren Augen an - vor Eifersucht. Sah sie doch, wie meine Hände an diesem Teenie spazierengingen. Ich aber hatte all meinen Weibern verboten, das >Tilbury< zu betreten. Tja, nun stand sie da, die Manuela, mit stolz erhobenem Haupte. Schön sah sie aus, in diesem Disco-Licht. Aber die Situation erforderte von mir andere Reflexe. »Was willst du denn hier? Ich hab' dir doch verboten, in dieses Lokal zu kommen!« machte ich ätzend. »Mir ist jetzt auch klar, warum! Damit du meine Kohle hier mit den soliden Weibern verbraten kannst«, erwiderte sie. Das war ganz schön starker Tobak. Wie frech die mit mir umsprang! Das wurde mir trotz des reichlich genossenen Alkohols denn doch zuviel. Ich mußte da >ein Denkmal setzen<; durfte keinerlei Schwäche zeigen, vollends vor den anderen nicht, die das alles mit beobachteten. Also langte ich der Manuela die erste über den Tisch und setzte mit der zweiten sofort nach. »Raus hier«, schrie ich und zerrte sie auf die Straße. Als ich wieder an den Tisch kam, war die Schöne der Nacht verschwunden. »Die ist getürmt«, erklärten mir die Jungs, und ich war ganz schön frustriert. Am nächsten Tag holte ich die Manuela ab, und wir fuhren zum Ludensee. Eine Aussprache war fällig. Aber Manuela
blieb souverän. Sie ließ sich überhaupt nicht von mir einschüchtern. Für sie war der Fisch gefressen. Sie wollte weg von mir, ausziehen und für sich alleine anschaffen. »Ha, Baby - das ist aber echt nicht in meinem Sinne, dann verschwindest du umgehend aus München, gehst dorthin zurück, wo du herkommst!« war meine letzte Einlassung. Und somit hatte Manuela von mir >München-Verbot< erhalten bis vierundzwanzig Uhr derselben Nacht sollte sie abgedunstet sein. Die Zeiger der Uhr rückten auf zwölf, als ich wieder im >Tilbury< landete. Ich dachte, mich laust der Affe, sitzt an einem der hinteren Tische die Manuela. Das schlägt dem Faß den Boden aus, fuhr es mir durch den Kopf, und ich ging sofort auf den betreffenden Tisch zu. Ich wollte mich gerade künstlich aufplustern, meine Macht demonstrieren - da wurde es dunkel um mich. Ich spürte wie im Traum, daß ich Hiebe auf den Kopf bekam. Erst Momente später begriff ich, was geschehen war. Aus Angst vor einer gehörigen Tracht Prügel hatte Manuela offensichtlich ihren Schuh ausgezogen und mir mit dessen Pfennigabsatz mit aller Gewalt auf dem Schädel herumgedroschen. Als ich wieder begann, durchzublicken, dachte ich erst, eine Sektflasche wäre ihre Waffe gewesen - denn diese Hiebe hatten mich für einen Augenblick tatsächlich schachmatt gesetzt. Aber dem war nicht so, es war, wie gesagt, ihr Stöckelschuh. Und ich sah nun obendrein noch aus, als wäre ich unter die Wölfe geraten. Ein Kellner kam gleich mit einem rohen Steak angepest und hielt es mir auf das geschwollene Auge. Ein unbändiger Haß kroch in mir hoch - die Erniedrigung war übergroß. Jetzt nach Manuela zu suchen, hatte gar keinen Sinn, die war auf und davon. Aber, ich würde sie finden! Nachdem ich mich auf der Toilette gesäubert und die Dellen gekühlt hatte, verließ ich das Lokal, ohne zu zahlen. Mir stand nichts anderes mehr im Sinn, als dieses Luder aufzutun, um meine Schmach zu rächen. Ein paar Stunden weiter sah ich sie auf einem Zebrastreifen
stehen, sie winkte in diesem Augenblick einem sich nahenden Taxi. Ich gab Gas, die Reifen quietschten. Es ging alles furchtbar schnell - die Handbremse angezogen, raus aus dem Wagen. Ich bekam Manuela zu fassen. Zum Taxler, der recht verdutzt die Szenerie erkannte, bemerkte ich: »Hau ab, du Arsch!« Manuela begann hysterisch zu schreien, aber sie war gleich wieder still. Ich schlug mit der Faust zu. Mein erster Schlag ließ ihre Sinne schwinden - kein Mensch war um halb fünf in der Frühe auf der Straße. Nur weit entfernt blinkte das Gelblicht einer Straßenreinigungsmaschine. Sie taumelte - ich schlug weiter, wie besessen, auf sie ein. Den nahezu leblosen Körper zog ich in meinen Wagen, Blut lief Manuela über das Gesicht. »Du hast Stadtverbot!« sagte ich ihr unaufhörlich. Draußen, an der Stadtgrenze, an dem Schild, auf dem stand >Herzlich willkommen in München da legte ich sie ab und pißte noch ein bißchen darüber. Wie hatte ich doch mir selber in meiner Kindheit innigst geschworen? ... mich schlägt kein Mensch mehr ungestraft!!! Ab diesem Moment habe ich von Manuela nichts mehr gehört. Doch viel später sollte dieses Mädel nochmals eine Rolle in meinem Leben spielen.
Abgehoben Eine neue Nacht, ein neues Glück - so geht es tagein, tagaus, ob Sommer oder Winter. Ob Sonn- oder Feiertag. Unter diesem Motto begeben sich alle Huren allabendlich außer Hauses ins Puff, auf die Straße oder sonstwohin, wo man für die >Ware Körper< Geld bekommt. Auch Ramona war eine, die außer Hauses ging. Ich hatte sie im >Boccaccio< aufgerissen, besser gesagt, sie war mir dort in die Arme gelaufen. Sie kam geradewegs aus Frankfurt und
wußte nicht, wo sie schlafen sollte, wie sie mir sagte. Dem war leicht abzuhelfen, ich besaß ja noch eine Zweitwohnung in München. Ich besah mir diesen Zahn - eine eingefleischte, abgewichste Hure, dachte ich mir im stillen. Na ja, eine Partie mehr konnte nie schaden, es war mir klar: Die schafft bestimmt gut an. Lederstiefel bis zum Knie hatte sie an und einen Minirock - so kurz, daß man jederzeit dieses geile Dreieck unter dem Spitzenslip und die herauslugenden Schamhaare sehen konnte. Ich dachte nicht sonderlich darüber nach, daß sie kein Ge päck bei sich hatte, sondern zog mit ihr in meine Zweitwohnung, denn mit meiner eigentlichen Bleibe wollte ich sie gar nicht erst vertraut machen. Und innerhalb einer Woche hatte sie mir tatsächlich schon eine ganz nette Mark abgesteckt. Heute, an diesem Abend, wollte sie meinen Wagen haben zum Anschaffen. Sie erzählte mir, wie teuer sich die Huren in Frankfurt verkaufen können, wenn sie mit einem Superschlitten durch die City gleiten. Entsprechende Herren mit noblen Karossen hängen sich dran bis zu einem günstigen Stop. Dann zeigt ihnen ein Blick durchs offene Wagenfenster ein Supergirl mit fast nichts an. Auf diese Weise knüpfen die Huren der Mainmetropole an die glorreichen Zeiten der legendären Matura und Nitribitt an. Auch Ramona hatte in dieser Manier traumwandlerisch Kohle verdient - sagte sie. Das leuchtete mir ein, und, obwohl es mir nicht ganz geheuer war, meinen schönen neuen Wagen aus der Hand zu geben - den Kultgegenstand eines jeden Zuhälters -, willigte ich ein. Schmeichelte der Gedanke doch meinem Ego, eine Edeldirne auf dem Wackel zu haben. Und obendrein konnte ich ja den Hals nicht voll genug kriegen. Noch mehr Kohle zu sehen, mit dem Gedanken war ich immer gut Freund. Zudem war mein Baby sehr genügsam, ihr reichten ein paar Brühwürfel zum Aufkochen - ein leeres Süppchen also und vielleicht zwei trockene Semmeln dazu. So sah ich ihr also vom Balkon aus nach, wie sie in meinen Wagen stieg. Meine Gefühle überlagerten sich. Fand ich es
doch erregend, direkt unter mir durchs offene Schiebedach nur nackte Schenkel zu sehen und volle Titten, in einen durchsichtigen Seidenschal gebunden. Andererseits aber vertraute ich meine größte Liebe, das Auto, nicht gerne einem anderen Lenker an. Eine gewisse Unruhe hatte also von mir Besitz ergriffen. Aber, wie schon gesagt, wenn sich das Ganze in Kohle oder wesentlich mehr Kohle bemerkbar machte, konnte ich vielleicht mit dieser Unruhe leben. Ramona lächelte noch einmal zu mir herauf, startete und war um die Ecke verschwunden. Und jetzt, geradezu lächerlich, kam richtige Trauer in mir auf. Mein geliebtes Auto stand nicht mehr vor der Tür, wartete nicht mehr auf mich, allgegenwärtig, um mich wann immer wo immer hinzubringen. Es handelte sich um einen Mercedes vom Typ 300 SEL, 6,3 Liter, gerade vier Monate alt; die Zusatzausstattungen waren reichlich und teuer gewesen. Es war schon ein erhabenes Ge fühl, dieses sanfte und doch so kraftvolle Geschoß, vollgepackt mit allen technischen Finessen, zu steuern. Außerdem war ich mit diesem Gerät auf allen Straßen der Chef. Wie sehr brauchte ich doch dieses Gefühl der ständigen Selbstbestätigung! Zudem wurde mir klar, daß ich jetzt ohne mein Auto meine Unabhängigkeit verloren hatte. Auf ein Taxi angewiesen zu sein, der Gedanke machte mich ganz krank. Mit Ramona hatte ich ein außergewöhnliches Abkommen getroffen. Wenn sie die ganze Nacht anschaffen war, mußte sie mir erst die verdiente Kohle durch den Briefschlitz in der Wohnungstür werfen. War es meiner Ansicht nach zu wenig, öffnete sich schon gar nicht erst die Tür für sie, bei der der Schlüssel von innen steckte. Da gab es keine Diskussionen, vielleicht durch den halbgeöffneten Türspalt oder so, nein. Wenn einfach alles stillblieb, sich nichts rührte, konnte sie gleich wieder abdampfen. Indes, in der Regel durfte sie beim >zweiten Abliefern< dann doch hinein und ins Bettchen. Meine Gegenleistung war entsprechend, konnte Ramona
schließlich bei mir schlafen, mit mir schlafen, konnte bei ihren Kolleginnen prahlen, sie sei mit dem > Schönen Berndt< liiert. Und jetzt vermochte sie gar noch als Edeldirne sehr bequem auf honorige Freier Jagd zu machen. Das war also die momentane Situation... Ich wandte mich von der Balkonbrüstung ab, begab mich zurück in die Wohnung und schaltete den Fernseher an. Es war am frühen Abend, aber alle Programme versprachen nicht eben viel. In solchen Fällen hatte es sich bei uns Jungs eingebürgert, daß wir uns früher oder später in einer Stammkneipe zu ein paar Runden Billard trafen. Und dies war für mich einer jener Abende, wo man zu Hause nichts verloren hatte. Außerdem war die betreffende Bude schlicht nur meine Zweitwohnung, primitiv eingerichtet, eben gut genug, um mal einen besonders vielversprechenden Freier dahin abzuschleppen (vorausgesetzt, daß mein Wagen nicht vor der Tür stand, was über lange Strecken der Nacht zumeist nicht der Fall war, da ich mich immer irgendwann einmal auf Trebe oder Kontrollfahrt befand). Gerade, daß es nicht nach Gummi und Sperma stank. Also rief ich mir telefonisch ein Taxi und ließ mich in den >Billard-Saloon< chauffieren. Und siehe da, ich war nicht der einzige, den es vor der Glotze nicht gehalten hatte - fünf, sechs Jungs standen bereits an der Bar und süffelten Sekt. Es war ein alter Brauch bei uns, daß der Besteller jeder neuen Flasche durch den Flipperkasten ermittelt wurde. Zum einen gab das immer Spaß und Spannung, denn jeder von uns wollte doch stets der Beste sein. Zum anderen, was machte das schon, wenn man mal verlor. Das waren dann lächerliche dreißig Mark, die man für eine Buddel >Sauerampfer< auswarf. Ich stieß also zu den anderen, und deren Stimmung schlug umgehend auf mich über. Die drei Billardtische standen noch leer, die Kugeln warteten darauf, mit gefühlvollen oder auch kräftigen Stößen in die Löcher karamboliert bzw. gepeitscht zu werden. »Ha, der Berndt ist gekommen!« jubelten sie, um zu ulken:
»Wir haben nämlich schon auf einen Freier gelauert, der die nächste Flasche ausgibt.« »Und ich wollte mich heute kostenlos besaufen«, gab ich zur Antwort. Es war immer ein schönes Gefühl, unter Gleichgesinnten zu sein, es gab unentwegt Neuigkeiten zu berichten. Von unseren eigenen Weibern, von Idioten-Freiern oder einer lustigen Schlägerei, die da oder dort stattgefunden, von einem geilen Teenie, den man umgelegt hatte. Zwei junge Burschen betraten den Saloon, ließen sich Kleingeld geben, machten sich daran, einen der Billardtische für ein Spiel vorzubereiten. Es waren zwei Figuren, die uns augenscheinlich noch nicht kannten. »Weg da!« schrie einer von uns, »die Tische sind reserviert. Ihr könnt da nicht spielen!« »Jaaa - aber ihr spielt doch gerade nicht«, kam der durchaus logische Einwand. »Halt die Schnauze, Kleiner, sonst kriegst du das Queue übers Maul gezogen!« Einer von uns ging, den Billardstock in der Hand, bedrohlich auf die beiden zu, die anderen folgten ihm, scharten sich um die Gruppe. Klar machten wir nur Spaß, würden diese Leutchen nicht einfach so mir nichts dir nichts verprügeln. Das konnten jedoch die armen Burschen nicht ahnen, denn unsere Mienen ließen auf bitteren Ernst schließen, wobei unsere Staturen - keiner von uns maß unter einsachtzig, Brustkörbe hatten wir wie Gorillas - wohl allein schon jedem eine Gänsehaut besorgt hätten. Es bereitete uns einfach Spaß, Angst zu verbreiten. Ganz schnell schnappten sich die zwei jungen Männer ihre Jacken von den Haken und ergriffen die Flucht. Das elektronische Dideldumdei erklang alsbald am Flipper, die Lichter unter der Scheibe tanzten wie verrückt- eine neue Flasche Sekt wurde ausgespielt. Am Ende war ich zweiter Sieger, konnte ihnen also nicht den Gefallen tun, die anstehende Flasche zu bezahlen. Irgendwann wandten wir uns den Billardtischen zu, es wurde um Geld gespielt. Das schaffte einfach mehr Anreiz, und das Gewinnenwollen steckte in jedem von uns.
Ich war bäuchlings über den Tisch geneigt, es galt gut zu zielen. Wenn nämlich dieser Stoß saß, die letzte Kugel im Loch verschwand, war ich um hundert Mark reicher. »Deine Alte kommt, hat die heute frei?« hörte ich den Robby hinter mir äußern. Es durchfuhr mich wie ein Blitz. Wie gelähmt hielt ich im Stoß inne. In meiner Körperhaltung verbleibend, drehte ich lediglich den Kopf, ich ahnte millionenprozentig, was nun kommen würde. Langsam löste ich mich aus meiner Starre, richtete mich auf. Ramona stand vor mir, und wenn man nicht diese geilen Brüste durch den Schal hätte schimmern sehen, hätte man in diesem Moment meinen können, ein Kommunionsmädchen flehe um den Segen. »Das... der... dein Wagen ist kaputt«, stotterte sie. »Ich kann aber nichts dafür, glaube mir. Ich hatte geparkt, bin ein paar Schritte zu Fuß gegangen, der Wagen stand, und ich weiß von nichts —«, sprudelte sie nun ganz aufgeregt hervor. Ich schloß für Momente die Augen, ein klitzekleiner Schwindel überkam mich. »Wo, wie ist das passiert?« Ich hörte meine eigenen Worte von sehr weit herkommen. Leeren Blickes stammelte ich: »Wahnsinn, Wahnsinn, Wahnsinn. « Die Jungs schüttelten mich, holten mich wie aus einem Traum in die Realität zurück. »O. K., zeig mir die Unfallstelle«, herrschte ich Ramona an. Alle gingen sie mit, da Ramona angegeben hatte, der betreffende Ort befinde sich um die Ecke. Da stand er nun, mein metallicsandfarbener, mein sanfter Riese. Und das Auto wirkte mindestens genauso traurig wie ich. Fast vermeinte man, sein Wehklagen zu vernehmen. Die Erschütterung kroch mir durch Mark und Bein. Das Blech der Motorhaube und des einen Kotflügels stand in bizarrer Weise in die Luft. Überall war der Lack abgesplittert, als Mercedes war dieses Gefährt kaum noch zu erkennen. Aus etlichen Fugen und Schläuchen tropfte es, gerann im Rinnstein zu einer Mixtur aus Wasser, Öl, Benzin, der Flüssigkeit der Air Condition - die ganze Vorderfront war in den Klump gefahren.
Kein einziges Indiz fand sich allerdings dafür, daß der Wagen im geparkten Zustand gerammt worden war. Sofort war mir und den anderen klar, daß der Unfall nicht hier, an dieser Stelle, stattgefunden hatte. »Ramona!« schrie ich in die Nacht, »beide Scheinwerfer sind kaputt, wo sind die Glasscherben? Wo die Lackspuren und die gelben Splitter des Blinkers?« »Das muß jemand alles zusammengekehrt haben«, entgegnete sie beschwörend. »Berndt, ich liebe dich so sehr, bitte, bitte, glaube mir!« Mir aber konnte sie diesen Schmarrn nicht erzählen, mir war es absolut klar, daß dieser schwere Unfall woanders passiert war, und sie hatte den Wagen, so gut es ging, in diese Straße verbracht. Mir war klar, ich wurde hier schamlos belogen - ich sah ihr in die Augen. Eine schlimme Ahnung überkam mich. »Ramona«, zischte ich leise durch meine unbewegten Lippen - »hast du gekifft oder gepult?« Sie nahm nämlich gerne diese Aufputsch-Dinger, weswegen ich ihr schon öfters mal eine übergebraten hatte. Die stark erweiteten Pupillen verrieten sie. »Ramona«, sagte ich jetzt ruhiger - denn es begann sehr ernst zu werden. »Ramona, wo, um Gottes willen, hast du den Unfall gebaut? Zeugen werden die Nummer - meine Nummer - notiert haben, das gibt einen bitterbösen Fall von Fahrerflucht! Bitte, sag mir alles ganz genau, vielleicht kann ich dann noch, gerade noch, diese Sache bereinigen. Morgen nämlich kommen die Bullen, weil dann der Tatbestand der Unfallflucht glasklar ist!!« »Nein, Berndt, ich liebe dich, ich würde dich niemals belügen - bitte, bitte glaube mir. Hier hab' ich das Auto abgestellt, und hier fand ich es auch beschädigt wieder!« Haß stieg in mir auf, unbändiger Haß. Wollte sie mich obendrein noch für dumm verkaufen? Ich sagte ihr nur noch: »Hau ab, zieh deine Kreise zu Fuß! Tag und Nacht wirst du von jetzt ab strampeln und anschaffen, bis dir das Blut kommt -! Verstanden?!«
Und sie zog Leine, war sichtlich froh, daß ich ihr nicht auf der Stelle den Kopf abriß. Aller Zorn aber nützte jetzt nichts, ich mußte wieder zu Besinnung kommen, mußte meine Fassung wiederfinden. Nach einigem fachlich-sachlichen Palaver gingen die Jungs wieder in den >Billard-Saloon<, ich bestieg mit Robby ein Taxi. Ich war felsenfest davon überzeugt, hier, ganz in der Nähe, hatte der Unfall stattgefunden. Dem Taxler gab ich Anweisung, er solle mal um ein paar Ecken kurven, die eine oder andere Straße abfahren. Eigentlich suchte ich nach Blaulichtern. So ein Rumms konnte meines Erachtens nicht unbemerkt geblieben sein. Robby hatte im Rücksitz des Taxis Platz genommen und fragte mich nun so ganz nebenbei: »Hat denn diese blöde Kuh überhaupt einen Führerschein?« Das traf mich voll in die Magengrube, der Atem stockte mir. »Um Gottes willen, Robby, wenn nicht, dann ist ja wohl alles zu spät!« Ich hielt nach allem Ausschau, was auch nur nach einer Ansammlung von zwei Personen aussah. Die Taxifahrt dauerte keine fünf Minuten, ich spürte mich förmlich, wie mit einem Magnet, zu der Unfallstelle hingezogen. Wir fuhren durch die Paul-Heyse-Unterführung, und, kaum wieder auf eben verlaufender Straße angekommen, sah ich von weitem schon die Misere. Der beleuchtete Straßenstempen an der Straßenbahnhaltestelle war umgefahren - lag wie abrasiert mitten auf der Straße. Mein Herz pochte heftig, fühlte ich mich doch geradezu als Detektiv. »Anhalten, hier ist es!« Daß das Ganze ausgerechnet hier unbeobachtet geschehen sein sollte, war mir zwar schleierhaft, aber immer noch lag
dieser Mords-Stempen mitten auf dem Straßenbahngeleis. Dann dachte ich mir jedoch, vielleicht war zu der späten Nachtzeit die Straße gänzlich menschenleer gewesen? Egal, sei es nun wie es sei, ich sah die Lackschiefer in der Farbe meines Wagens, ich sah die Scherben meiner Schein-
werfer. Einen großen, scharfen Scherben steckte ich mir ein, wollte indes kein großes Aufsehen mehr verursachen - nur schnell weg hier. Ich setzte Robby am >Billard-Saloon< ab, bedeutete ihm, ich würde Ramona suchen, um sie nochmals zu interviewen. Sie fror augenscheinlich in dieser milden Sommernacht, hatte sie ja schließlich fast nichts an. Ich sah sie, in sich zusammengesunken, in einem Hauseingang lehnen. Ich winkte sie zu mir ins Taxi, wir setzten uns zum Gespräch auf die Rücksitze. Der Diesel-Motor surrte, die Taxiuhr tickte, leise Musik spielte aus dem Autoradio. Und dennoch war es gleichsam totenstill. Ich sah Ramona an - »Zeig mir deinen Führerschein!« Sie riß ihre Augen noch weiter auf, auf dieses spezielle Ansinnen war sie nicht gefaßt. »Ich habe keinen«, lispelte sieund eine schreckliche Verzweiflung stand ihr deutlich ins Gesicht geschrieben. Ich schnob laut, es klang, als blähe ein wildes Pferd die Nüstern. Also doch! Robby hatte instinktiv recht gehabt. »Sag mir jetzt ganz genau, wo und wie das passiert ist - haben dich Leute gesehen?« forschte ich sie aus. Dann wurde ich um eine Nuance ruhiger - ich mußte ihr den Ernst der Lage klarmachen. »Es fällt ja jetzt alles auf mich, nachdem du keinen Führerschein hast!« Mir selbst wurde klar, daß alleine schon der Taxifahrer ein Zeuge in dieser Sache war. Ich war ziemlich geknickt ob meiner aussichtslosen Lage. Und nun auch noch die dreiste Lügerei von diesem vollgepillten Suppenhuhn! Dennoch zeigte ich Beherrschung, hatte mich in der Gewalt - was mußte sich schließlich der Taxler denken? ABER... was hatte sie meinem geliebten Auto zuleide getan! Dennoch sah ich für mich ein - ganz schnell durchzuckte mich dieser Gedanke -, Berndt, das hat dir nur deine Geldgeilheit eingebrockt! Immer mehr, noch mehr - jetzt hast du die Kacke! Und Ramona fing wieder an, als hätte sie ein Tonband verschluckt, als bringe ihr verpilltes Hirn keine andere Gedan-
kenvariante mehr zustande: »Berndt, ich schwöre dir, ich habe keinen Unfall gebaut. Ich liebe dich, ich würde dich nie belügen.« Eine riesige Leere kam in mir auf, matt pochte das Blut in meinen Adern. Was saß da neben mir für ein moralisches Gänseblümchen! Und dieses Herzchen säuselte noch von Liebe. Meine Gedanken wallten, kochten lautlos zum Jähzorn auf. Blitzschnell ergriff ich sie am Scheitel, zog zur selben Zeit mit der anderen Hand den Scherben aus der Tasche. Ich schrie wie von Sinnen: »So, du Sau, und was ist das für ein Scherben??! Was war auf der Paul-Heyse-Straße - hm? Die umgefahrene Lichtkeule, was ist mit der? Ha?! Von Liebe sprichst du?... Du, du, du... Satansschnepfe, du dreckige!« Ich zerrte ihr den Kopf an die Rückenlehne, ihr Schwanenhals war leicht nach hinten gebogen - »und jetzt... und jetzt«, sagte ich, »jetzt schneide ich dir mit diesem Scherben den Hals ab!!« Was nun passierte, da konnte ich nur noch staunen und nochmals staunen und schließlich darüber lachen. Ramo na entschlüpfte mir flugs, rutschte vom Sitz, war raus aus dem Taxi - die Todesangst hatte ihr Flügel verliehen. Da saß ich nun, immer noch die Haare in der Linken - es war eine Perücke, die ich festhielt. Die Wagentür stand sperrangelweit auf, laut um Hilfe schreiend, warf sie ihre Stöckelschuhe unterm Laufen von sich und schrie und lief und lief und schrie. Weg war sie - was sollte sich der Taxler denken? Noch immer saß ich wie versteinert und betrachtete die Objekte in meinen Händen. Eine Perücke und ein Glasscherben, was war das doch für eine eigenartige Zusammenstellung!! Ich warf das Zeugs aus dem Wagen und hieß dem Fahrer, mich in ein bestimmtes Lokal zu fahren. Wohin Ramona so schnell und laut schreiend hingelaufen war, wurde mir sehr bald danach klar. Zwei Herren mit ausgebeulten Sakkos, die ich übrigens bereits gut kannte, traten links und rechts an meinen Bar-Platz, nickten freundlich
und sagten: »Berndt, du kannst noch deinen Whisky austrinken.« Hm - ich dachte an meinen Anwalt und daran, wieviel idi wohl diesmal wieder an Kaution würde für meine Freiheit hinblättern müssen.
Am >Ludensee< Man muß sich vorstellen, daß Zuhälter, in der Zeit ihres >Wirkens<, Männer in den besten Jahren sind. Ich meine, in Saft und Kraft stehen, dabei die Ungestüm eines jungen Mannes besitzen. Und, wenn dann noch reichlich Kohle vorhanden, ein Leben in Saus und Braus angezeigt ist, dann sind der Übermut, ein verrücktes Verhalten, ihr steter Begleiter. Dazu kommt noch ihre Mentalität, zu ALLEM bereit zu sein. So nimmt es nicht wunder, daß wir allerorten mit der normalen Welt auf Kriegsfuß standen. Ob wir sehr deutlich Mädels angeierten, obwohl sie in Begleitung waren, oder ob ich einen von seinem Barhocker hob, um seinen Platz einnehmen zu können -, es war immer Übermut und eine Kriegserklärung an >Otto Normal<. Ein Daueraufenthalt, wo wir unseren Übermut kühlen konnten, war jeden Sommer, an jedem sonnigen Tag, ein See am Rande Münchens. Wir nannten dieses Gewässer >Ludensee<, weil wir uns das halbe Ufer davon zu eigen gemacht hatten. Wenn man ab München die Autobahn Stuttgart befährt, kommt gleich rechts der Langwieder See. Etwa sechs Kilometer weiter, an der Ausfahrt Dachau/Fürstenfeldbruck, liegt unser Ludensee. Er ist ein wenig veralgt, aber rein und idyllisch. Dieses Stückchen Landschaft samt See verspricht jedem Erholungssuchenden wahre Freuden. Gleich die ersten hundert Meter des Ufers sind von Wohnwagen-Freaks besiedelt. Links führt ein trocken-staubiger Pfad an die gegenüberliegende Seite des Sees. Dort steht ein süßes, kleines He-
xenhäuschen, ein Ziegelbau. Es handelt sich um eine urige, gemütliche Wirtschaft, davor sind stets ein paar Tische aufgestellt. Die Inhaber dieser Uferwirtschaft, ein Pärchen, waren unsere Freunde. Kein Wunder, ihre Tagesumsätze waren traumwandlerisch, wenn wir angefahren kamen, weil die Sonne schien. Es machte ihnen überhaupt nichts aus, wenn wir ihnen das Geschäft mit den >Soliden< versauten, denn deren paar Bierchen oder Eis standen in keinem Verhältnis zu dem, was wir konsumierten. An heißen Sommertagen, wenn wir Jungs gerade aus dem Frühlokal fielen, holten wir unsere Weiber von der Maloche und fuhren direkt zum Ludensee zum Schlafen. Bräunen, erholen, Gaudi haben, unter uns sein - diese Wünsche ließen uns dort immer wieder zusammentreffen. Wenn ein dunkelblauer Jaguar E von der Autobahn abzweigte, konnten wir schon von weitem sehen - jetzt kam der Uwe. War es ein roter Maserati - dann kam Fredl, der dunkelrote Benz-Cabrio war Benno - und so weiter. Meistens waren unsere Weiber dabei, oder aber sie schafften gerade rund um die Uhr an. Wir schliefen, schwammen oder spielten Karten, soffen oder palaverten - manchmal auch dummes Zeug. Wenn >Otto Normal< kam, war immer Stimmung angesagt. Meist traten die Ausflügler mit Kind und Kegel auf, suchten in diesem Eckchen Entspannung, ohne aber zu ahnen, daß sie sich hier in der Einbahnstraße des Ärgers bewegten. Wir warteten förmlich schon darauf, wenn jene zu schnell angefahren kamen. Denn dann staubte der trockene Pfad fürchterlich. Und so lag immer schon eine Handvoll Steine bereit, womit wir die Autos bei ihrer Ankunft kräftig bewarfen. Erlaubte sich einer, sich darüber aufzuregen, erfolgte die Antwort: »Hau doch ab hier, aber schnell.« Ganz Mutige ließen sich auf Anhieb nicht vertreiben, bereuten es aber irgendwann. Einige von uns unternahmen ein Ablenkungsmanöver, mit einem Fußball zum Beispiel. Währenddessen schlich sich ein anderer auf Indianer-Manier an
das fremde Auto und stach einen Reifen an. Bald war der platt, und wir amüsierten uns kindlich, wie der Typ nun den Reifen wechselte. Wenn die Leutchen vorher frech waren, gingen eben zwei Reifen drauf. Dann gab es nämlich keinen Reifenwechsel mehr, denn zwei Reserveräder hat niemand dabei. Und so blieb die Rostlaube stehen. Mit dem >Polizei-Holen< haben es ein paar Leute probiert, aber das war zwecklos, es konnte schließlich jeder, rund um den See, gewesen sein. Unser Übermut trieb uns auch manchmal zu richtiger Arbeit an. Wir schaufelten und gruben Querrinnen in den Weg, und zwar an einer Stelle, die wir selbst nie befuhren. Mit Pappendeckeln und Staub getarnt, wurden sie zu bösen Fallen, in die einige fuhren. Je nach Geschwindigkeit gab's sogar Achsenbrüche. Unsere Miezen liefen oft oben-ohne herum, manchmal lagen sie ganz nackt in der Botanik. Wenn sich nebendran eine brave Familie niedergelassen hatte, dann war Ärger programmiert. Die fetten Eheweiber beschimpften ihre Männer oft aufs übelste, wenn die Armen immerzu gierig zu unseren Huren rüberpeilten. »Schamloses Gesindel!« rief so manch Frustrierte zu uns herüber. Im günstigsten Falle gab es unsererseits nur Gelächter. Bennos Alte besaß einen Apricot-Pudel, der war stets mit von der Partie. Luci hieß sie, und sie hatte immer einen Heidenspaß, die Leute zu schocken. Sie ermunterte ihren Hund, schickte diesen betont lautstark zu den fremden Kötern, und dies ungefähr mit den Worten: »Geh Hubsi, geh schön hin zu dem Dackel-Mädchen, und fick sie schön rein! Ei, ist das schön -!« Also kurz und gut, alle Erholungssuchenden, Fremden wurden unentwegt weggeekelt. Aber nicht nur zu unserer Belustigung, sondern wir wollten unter uns sein. Wir hatten mit uns selbst genug zu tun. Es gab Fachsimpeleien, die nie.-
manden sonst etwas angingen, oder beim Zocken gab's im Suff auch schon mal Keilereien unter uns. Der Braunschweiger-Edgar, ein Mann - Typ Kleiderschrank - war mal sturzbesoffen und suchte mit seinen Mitspielern Streit. Er warf den Tisch um, das Bier spritzte und Gläser gingen in Scherben. Dabei waren wir alle barfuß. Karl zerschnitt sich den Fuß und war stocksauer. Er klappte seinen Gartenstuhl zusammen und zog diesen dem Edgar mit Vehemenz über den Schädel. Brumm, broch - Edgar zeigte null Wirkung, verharrte einen Moment und flüsterte uns sodann zu: »Psst, habt ihr das gemerkt? Da geht jemand auf uns los!« Einmal sprang Peter besoffen ins Wasser, machte seine Faxen - tauchte. Wir alle schauten auf den ruhigen Wasserspiegel, Peter kam nicht mehr hoch. Ich war der erste, der die Situation erkannte. Ich sprang in den See und suchte Peter unter Wasser. Es war vielleicht vier Meter tief an dieser Stelle, ein paar Meter weiter ging's aber viel tiefer abwärts. Ich war ein guter Schwimmer, ein guter Taucher - ich mußte ihn finden. Peter war nun schon gut drei Minuten unten. So eine Scheiße, wegen der blöden Sauferei gluckert einer von uns direkt vor unseren Augen ab! Die Sonne war schon weg, es war dunkel im Wasser, die Sicht war sowieso nicht gut, der Grund war stets von den Badenden aufgewühlt. Ich wollte gerade wieder hoch, um Luft zu holen, da machte ich schemenhaft einen blassen Leib zwischen den Algen aus. Ich ging nicht an die Oberfläche zum Luftholen, drei, vier Schwimmstöße noch, dann war ich bei ihm. Ich glaubte, es würde mir die Lunge zerreißen, aber ich wollte ihn jetzt gleich mit nach oben nehmen. Jede Hundertstelsekunde zählt, dachte ich mir. Ein Fuß von ihm hatte sich in den Algen verfangen. Auch mir wollten die Sinne schwinden, mit letzter Kraft kam ich nach oben. Jetzt sprangen alle anderen ins Wasser, um uns zu bergen - Peter hatte bereits Herzstillstand. Ich machte bei ihm wie verrückt Wiederbelebungsversuche - Arme hoch, Arme auf die Brust gedrückt, den ganzen
Körper auf den Kopf gestellt, und das Ganze wieder von vorne. Mein Gott, er spuckte Wasser und begann wieder, ganz schwach, zu leben! Ich machte weiter, bis der herbeigerufene Krankenwagen eintraf. Tatü, tatü, Peter wurde weggebracht, und wir waren alle sehr betreten. Als ich Peter am nächsten Tag in der Klinik besuchte, kam kein Wort des Dankes über seine Lippen, vielmehr donnerte er los: »Du bist mir schon der richtige Lebensretter - sieben Rippen hast du mir eingedrückt!« Hab' ich den doch wohl zu kräftig wiederbelebt, dachte ich mir beim Verlassen des Krankenhauses. Naja, wir waren halt rauhe Burschen.
Hochzeit in Heidelberg In meiner Zeit als Zuhälter habe ich mir meine Eltern- und Geschwisterliebe regelrecht erkauft. Und, was meinen Lebenswandel betraf, was blieb mir anderes übrig, als diesen etwas zu kaschieren. Meine Geschwister waren vielleicht zu naiv, um genau zu wissen, woher ich mein >Großes Geld< hatte. Meine Eltern mochten es vielleicht erahnen, aber schoben solche Gedanken sicherheitshalber von sich - klar, als brave Bürger. Ich sagte auch meistens, daß meine Lokale ganz gut liefen. Meine Schwester ging dann irgendwann zum Studium nach Heidelberg. Germanistik, glaube ich, war angesagt. Natürlich braucht man erfahrungsgemäß nicht lange darauf zu warten, bis sich dann so ein Mädel, weg vom elterlichen Herd und der Strenge seiner Erzeuger, etwas fürs Herze sucht. Prompt war es dann soweit, ein Student, ein recht netter junger Mann, ward auserkoren. Ich hörte dies so am Rande der Familiengespräche. Meine Mutter bat mich, ich solle meine Schwester mal in Heidelberg besuchen. Ich hatte
nämlich erwähnt, daß ich in Mannheim öfters geschäftlich zu tun hätte. Und wieder einmal war ich auf der Autobahn MünchenMannheim unterwegs, um meiner Heien einen Besuch abzustatten - sprich: Kohle zu holen. Es war ein Frühlingswochenende; und ich sagte, »komm Schnuckelchen, wir fahren nach Heidelberg aufs Schloß, Kaffee trinken.« Auf dem Heimweg fuhr ich durch die Innenstadt, um das Haus, in dem meine Schwester wohnte, zu finden. Es handelte sich um ein recht altes Rückgebäude, und ich entdeckte die Klingel mit ihrem Namen. Auf längeres Läuten hin machte ihre Zimmerwirtin auf und sagte, daß meine Schwester außer Hauses sei. Ich stellte mich als ihr Bruder vor und fragte, ob ich ihre Wohnung sehen könne? Ich wurde in ein dunkles Zimmer geleitet, und ich erschrak, wie spartanisch meine Schwester hauste. Wirklich nur das Allernötigste war vorhanden. Zwei Matratzen lagen am Boden, welche offensichtlich als Lagerstatt und Liebesnest dienten. Schnell wandte ich mich ab und war froh, mein Mädel im Wagen gelassen zu haben. Für soviel Armut hätte ich mich fast geschämt. Auf jeden Fall drückte ich der Wirtin einen Hundertmarkschein in die Hand mit der Bitte, das Geld meiner Schwester zu übergeben. »Richten Sie ihr bitte schöne Grüße von ihrem Bruder aus« - und damit war für mich die Sache erledigt. Ein Jahr später, im Sommer, erfuhr ich von meinen Eltern, daß meine Schwester Gaby in Heidelberg heiraten wolle. Meine Eltern drucksten rum, sagten, daß die lange Fahrt dorthin strapaziös sei und daß so eine Hochzeit auszustatten recht viel Geld koste. Man kenne auch den Bräutigam wenig und und so weiter. Dieses Gerede kannte ich von meiner Hochzeit damals, da kamen meine Eltern nämlich auch nicht. Spontan entschloß ich mich, zum ersten meiner Schwester und zum zweiten meinen Eltern eine Freude zu machen
und die Hochzeit zu organisieren. Mir war ja klar, daß es sich hier vor allem um die Finanzierung handelte; feiern an sich das täte man schon gerne. Also orderte ich telefonisch im Heidelberger Schloß-Cafe einen Mittagstisch für den Tag der kirchlichen Trauung, später sollte dann noch ein Kaffeestündchen statthaben. Es war ein schöner Sommermorgen, noch ganz früh, als ich meine Eltern abholte. Ich fuhr den damals ganz neuen Mercedes 280 SE Automatik, dieser Wagen war gerade sechs Wochen alt. »Danke schön, Berndt, daß du uns hinbringst, wir wären doch schon zu alt, um so eine weite Strecke zu fahren. Und, wer weiß, ob das unser altes Autochen überhaupt noch mitgemacht hätte«, und so weiter. Ach, welch fromme Lügen - dachte ich bei mir und gab Gas, die Nadel des Tachos glitt langsam auf die 200 zu. Ich amüsierte mich ein bißchen, wie sich mein Vater auf dem Beifahrersitz einstemmte, weil er mit dieser Geschwindigkeit nicht ganz zurechtkam. Hinten saßen meine Mutter und mein kleiner Bruder. So fraß ich, wie gewohnt, die Kilometer. Ich glaube, ich kannte jede Kurve schon blind, denn diese Strecke fuhr ich seit einem guten Jahr alle vierzehn Tage. Kurz vor Mannheim, bei Schwetzingen, deutete ich nach links und rechts. »Von diesen Feldern hier kaufe ich den frischen Spargel, den ich euch immer mitbringe«, sagte ich. Na ja, es war ja sowieso egal, was ich sagte oder tat, es drehte sich immer nur darum, daß es meine Angehörigen durch mich schön und angenehm hatten, daß immer alles kostenlos war - sogar einige Luxuseinlagen. Was soll's, dachte ich mir immer- das ist mein bürgerlicher Kontakt, und auch so was muß gepflegt werden. Um Punkt neun Uhr trafen wir in Mannheim ein, ich hielt am Stadtbrunnen. Erst jetzt gab ich meinen Eltern zu verstehen, daß ich für eine halbe Stunde noch ein schnelles Geschäft zu tätigen hätte. Entsetzen brach aus, als meine Eltern von meinem Vorhaben vernahmen. »Ja«, sagte ich großspurig, »man erwartet von mir die Fi-
nanzierung der Hochzeit samt allen anderen Unkosten, also muß ich mich auch drum kümmern, daß das Geld dafür hereinkommt. Es dauert nicht lange, ich werde in einer halben Stunde wieder da sein. Schaut euch derweilen den schönen Brunnen an, setzt euch hier auf die Bank, um ein bisserl Sonne zu tanken, ich bin gleich wieder da.« Ganz leise fragte meine Mutter: »Was sind das denn für Geschäfte, die du in ein paar Minuten abwickelst?« Sie sahen mir wohl mit gemischten Gefühlen nach, als ich um die Ecke, Richtung Lupinenstraße verschwand. Das ist dort die Puff-Straße. Sie hat eine Länge von ungefähr 200 Metern und ist am Anfang und Ende durch eine Stahlblech-Konstruktion zugebaut. Nur ein schmaler Einlaß gibt diese Zeile der Sünde frei. Links und rechts in den Häusern leben zirka 150 Liebesdamen; aus den Parterrefenstern werben sie um die Freier. Manche lehnen an den Hauswänden, viel Fleisch gibt's zu sehen, spärlich verpackt in kitschige Spitzen. Im Haus Nummer 12 schaffte mein Baby an, und die Wirtschafterin sagte mir, daß die Heien gerade in ihrem Zimmer auf Stich sei. Fleißig, fleißig, dachte ich mir, sah auf die Uhr, weil es mich immer wieder interessierte, wie schnell meine Mädels arbeiteten. Nach einer Zigarettenlänge wollte ich nicht länger warten und ging hinauf. Ich betrat ganz einfach ihr Zimmer, obwohl ich ja wußte, daß der betreffende Freier ganz schön dumm gucken würde. So war es denn auch; ein blasser Mehlsack sah mich im Zimmer stehen, und wahrscheinlich ist ihm die ganze Pimperei vergangen, als ich meine Heien begrüßte und von ihr verlangte: »Schmeiß ihn raus, den Kerl!« Der Gast sah mich mit großen Augen an, und ich sagte zu ihm: »Hast du nicht gehört? Raus hier, aber schnell, nimm deine Klamotten mit, du kannst dich draußen anziehen.« Der verstand die Welt nicht mehr, grabschte unbeholfen nach seinen Siebensachen und trollte sich, vor sich hin murmelnd, ins Treppenhaus. »Du spinnst«, sagte mein Baby, »das ist ein Super-StammFreier von mir, der wird wohl nie mehr wiederkommen. Was machst du hier, so unangemeldet?« wollte sie wissen, denn
das kam wirklich nicht alle Tage vor, daß ich außerplanmäßig erschien. »Ach, ich wollte dich nur mal überraschen, überprüfen, ob alles klar ist hier mit dir« erwiderte ich. »Du weißt doch, daß ich brav und fleißig bin«, kam die Antwort. »Na ja, das war ja auch nur Spaß«, sagte ich, »außerdem muß ich gleich wieder gehen. Wo ist die Kohle, Baby?« »Im Schrank, unten im Schuhkarton, aber warum gehst du gleich wieder?« erkundigte sie sich. Ich zählte runde dreitausend Mark, schob das Geld ein und erzählte ihr von der heutigen Hochzeit meiner Schwester und wo wir feiern würden. Und weil meine Heien immer schon ein bisserl eifersüchtig war, kam auch prompt die Frage: »Stimmt das denn auch? Oder hast du in Heidelberg vielleicht eine neue Partie aufgerissen?« Ich antwortete darauf nur, daß mir ihre blöde Eifersucht auf den Wecker ginge, und das habe schon alles seine Richtigkeit. Sie könne sich ja überzeugen, die Hochzeitsgesellschaft feiere im Heidelberger Schloß-Cafe. Ein flüchtiger Kuß - und weg war ich, denn meine halbe Stunde war schon überzogen. Ich holte meine Eltern vom Springbrunnen ab, und wir fuhren wie der Teufel nach Heidelberg. Als Treffpunkt war die Kirche Sankt Sowieso vereinbart. Ich hielt aber rasch noch vor einem Blumenladen, ließ mir auf die schnelle ein Riesenbukett Rosen auf die Motorhaube kleben - und wir erschienen fast pünktlich zur Trauung. Meine ältere Schwester war ebenfalls mit ihrem Mann und ihren Kindern angereist, damit war unsere Familie komplett. Von der Bräutigamseite her waren ungefähr zehn Angehörige anwesend. Man machte sich vor dem Kirchenportal bekannt. O mein Gott, dachte ich, diese Leute hier sind alle nicht nur solide - sondern stocksolide. Der Vater des Bräutigams war evangelischer Pfarrer. Seine Frau, dürr und grauhaarig, paßte zu ihm. Der Rest - alles Studierte, meine Familie ja mit inbegriffen. Sie waren sämtlich dezent-hausbacken
gekleidet, ich stach mit meinem blütenweißen Maßanzug direkt heraus. Doch das machte mir gar nichts aus, ich hätte allerdings besser in >Casablanca< mit Humphrey Bogart gepaßt als in diese gutbürgerliche Hochzeitsgesellschaft. Nun sagte sich das Paar ein lautes JA. Ich glaube, die Kirchenmusik kam über Tonband von der Chor-Empore. Die Braut weinte ein bißchen vor Glück, aber so was soll es ja tatsächlich geben. Wir fuhren auf das Heidelberger Schloß, die Tafel war wunderschön dekoriert, und ich hatte das Ge fühl, ich hätte das Ganze telefonisch gut hingekriegt. Ich meldete mich beim Boß des Restaurants, stellte mich vor und erklärte diesem, daß ich für die Rechnung verantwortlich zeichnen würde. Ich nahm am Kopfende der Tafel Platz, um der Gesellschaft zu suggerieren, daß ich der >Pate< dieser Versammlung sei. Na ja, wie das so ist - mit der Suppe wurde begonnen, Kalbsmedaillon mit Kroketten und so weiter folgten; als Dessert gab es Eis. Jeder sprach mit mir nur das Nötigste und umgekehrt. Mir war ziemlich schnell klar, daß wohl hinter hohler Hand getuschelt wurde, was ein >Durchblicker< unschwer erkennen konnte - daß ich ein Zuhälter war. Aber genau das kannte ich ja schon seit Jahren, daß solide Leute leicht elektrisiert mit mir verkehrten. Und da saßen wir nun, tafelten, gabelten und tranken Wein. Mir stockte der Atem. Ach, du meine Güte, das war ja ein Ding! Stand da in der Tür mein Baby. Das war wieder einmal ein Bild für die Götter. Bekleidet war Heien mit einer hautengen Nappalederhose - fliederfarben. Dazu trug sie, haargenau farblich passend, hohe Lackpumps und ein Seidentop. Ihre langen, blonden Haare fielen über ein weißes Breitschwanzjäckchen. In diesem Aufzug wäre sie eine Augenweide für alle >Playboy<-Leser gewesen, indes, sämtliche Anwesenden waren irritiert. Teuer und geschmackvoll trat diese Frau schon auf, das mußte ihr der Neid lassen. Aber ihre auffällige Gesichtsschminke verriet doch einiges mehr. Die paßt genau zu diesem Typen, so
hörte ich es förmlich in den Köpfen der Gäste klicken. Meine Gedanken rasten. Mir war klar, Heien war mir aus Eifersucht gefolgt. Aber, warum nicht? Ich jedenfalls freute mich, daß sie gekommen war. Zudem, was immer den anderen durch den Sinn gehen mochte, ich war stolz auf dieses Geschoß. Diese Pharisäer sollten mich am Allerwertesten. Schließlich fraßen sie alle, wenn man es genau besah, auf Kosten dieser Hure. Mithin fielen sämtliche Punkte zugunsten meines Babys aus. Mein momentanes Unbehagen wich. Zudem flüsterte mir Heien nun ins Ohr, daß dies kein Nachspionieren sei, sie habe mir eine Freude machen wollen. Warum auch nicht? wiederholte ich bei mir. Ich streichelte ihr übers Haar und orderte eine Flasche Champagner mit zwei Gläsern. Die Blicke der übrigen waren süß-säuerlich bis hart. Ich mußte in mich hineinschmunzeln. Noch aufregender wurde es, als meine Maus ihr Jäckchen auszog und damit ihre sonnengebräunten, grazilen Arme und Schultern freigab, ebenso ihr sonnenverwöhntes Dekollete, denn das sommerliche Seidentop wies nur ganz schmale Spaghetti-Träger auf. Ihre prachtvoll stehenden, festen Titten zeichneten sich sehr erotisch unter der Seide ab, besonders, wenn sie sich bewegte, da sie keinen BH trug. Ohne hinzusehen, spürte ich, daß alle Augenpaare auf diese Brüste gerichtet waren. Dazu kam, daß ich Heien sehr lieb hatte, von ihrer Erscheinung angefangen, bis hin zu der Art und Weise, wie sie sich verhielt. Da gab es nie Probleme, keine Auftritte. Außerdem war sie brav und fleißig, verdiente gut. Weswegen ich sie im übrigen auch verwöhnte. Zu jedem nur erdenklichen Anlaß bekam sie von mir Goldgeschmeide und Brillanten. Und heute hatte sie offensichtlich Lust verspürt, dies alles spazierenzutragen. Sie war behängt wie ein Christbaum. Die Klunkern funkelten auf ihrer gebräunten, jugendlichen Haut. Jetzt aber kam der Taxifahrer herein. »Ach, den hab' ich ganz vergessen«, äußerte mein Baby. Der hatte unterdessen
wohl um seinen Fahrlohn gebangt. Ich ließ den Mann von der Bedienung auszahlen. Und nun hatte mein Baby wahrlich für genug Aufregung gesorgt. Man ging zur Tagesordnung über. Es war ja schließlich eine Hochzeitsfeier im Gange. Nach dem Mittagessen war ein Spaziergang durch die Schloßanlagen geplant, und so geschah es denn auch. Wir schlenderten in verstreuten Grüppchen durch den Park. Und wenn schon jemand mit uns sprach, dann entstanden lediglich oberflächliche und vor allem nur ganz kurze Konversationen. Irgendwann war ich es dann leid, derartig schräg angesehen zu werden. Ich drängte darauf, daß wir den Kaffee einnahmen. Wie so oft hatte ich auch diesmal die Schnauze voll von der >soliden Welt<. Randvoll. Ich war heilfroh, als sich das Brautpaar schließlich verabschiedete, sich die Gesellschaft langsam auflöste. Mir blieb zu zahlen. Es machte an die zweieinhalbtausend Märkerchen. Nun verspürte ich den innigen Wunsch, meiner Umwelt mal wieder mitzuteilen, was Sache war. Ich ließ mein Baby auf dem Beifahrersitz Platz nehmen; die Familie mußte sich hinten zu dritt drängen. So ein biss'l ein betretenes Schweigen herrschte, als wir gen Mannheim fuhren. Es war gerade 18 Uhr, als ich Heien provozierend am Puffstraßeneingang absetzte. Ich stieg noch kurz mit aus, um mich zärtlich von ihr zu verabschieden. »Wir telefonieren, Baby, tschau -!« Und schon waren wir wieder unterwegs, auf der Autobahn Mannheim-München. Meine Leutchen bedankten sich auf der Heimfahrt und meinten, wie schön doch alles gewesen sei an diesem Tag, und so. Doch für mich waren es - edle Züge hin, edle Züge her Strapazen gewesen, und ich hatte einen Haufen Geld ausgegeben. Wieder einmal war ich, aufgrund meiner Gutmütigkeit, zum Ausgenutzten geworden.
»Sternfahrt« nach Regensburg Es war im Spätsommer 1971. Ich saß zu Hause, einen Steinwurf weit von der grünen Isar entfernt. Wohl zum x-ten Male lief mein Lieblingstonband - Fats Domino. Ich wippte dazu mit dem Fuß im Takt. Auf meinem Tisch waren zerrissene Leinentücher und Wollfetzen ausgebreitet. Darauf lagen die fachmännisch zerlegten Einzelteile meiner Waffen. Mich erinnerte die Situation an meine Militärzeit - an das Waffenreinigen, daran, wie man mit verbundenen Augen eine Waffe auseinandernehmen und wieder zusammensetzen mußte. Heute hatte ich auch, zwar illegal, eine Neun-MillimeterWalther-Pistole vor mir liegen, dazuhin noch eine amerikanische Armee-Pistole vom Kaliber 11,2. Schön ölig glänzend, wie eingelegte Aal-Stückchen, lagen alle Teile vor mir. Sogar die einzelnen Patronen wurden von mir geölt ins Magazin gesteckt. Denn wenn ich die Waffen unter Umständen brauchen würde, durften sie keine Ladehemmung haben. So manches Mal dachte ich mir - wen wohl diese oder jene Kugel treffen würde. Feinde gab es überall. Ferner galt es immer, meine Interessen durchzusetzen, nötigenfalls mit einer Kanone. Das Telefon klingelte. Der Falco war am Apparat, fragte, ob ich Zeit hätte. »Nun ja - um was geht's denn?« wollte ich wissen. Er wolle mir das am Telefon nicht sagen, ein dringender Fall sei eingetreten. Er bitte mich, auch im Namen anderer, ich möge sofort zu einem Treff kommen. »Okay, ich komme«, erwiderte ich. Eine Kneipe am Platzl war als Treffpunkt ausgemacht. Ich setzte meine Waffen zusammen, schlug diese in einen Nappalederlappen, legte das Ganze in eine Schublade und fuhr zu besagtem Lokal. Dunkel war's, denn die Spelunke war Tag und Nacht zu dem Zwecke geöffnet, irgendeinem ahnungslosen Trottel durch häßliche Barschlampen all seine Kohle abzuknöpfen. Ich
machte im hintersten Eck meine Freunde aus. Ein bißchen ratlos sahen sie alle aus der Wäsche - stumm vor sich hinrauchend, offensichtlich auf mich wartend. »Wie spät ist es denn?« fragte ich in den Raum. »Ahh achtzehn Uhr, da geht schon der erste Whisky - eine Flasche Johnny Walker also!« orderte ich. »Na, warum schaut ihr denn so belemmert aus der Wäsche?« fragte ich. »Was ist passiert? Zuallererst aber mal prost, meine Herren!« Die anderen schwiegen. Auch Bulle war anwesend. Wir nannten ihn so, weil er entsprechend aussah, dementsprechend die Weiber bestieg und in seinem Furor alles wie ein Bulle niederbügelte - zumindest auf Grashöhe. Falco meldete sich endlich zu Wort, die anderen vier nippten stumm an ihren Gläsern. »Dem Bullen seine Alte schafft in Regensburg an«, erfuhr ich nun. »Sie wird seit vier Tagen vermißt. Sie ruft nicht an, seit vier Tagen kommt auch kein Geld mehr. Wenn Bulle dort im Puff anruft, wird eingehängt, ist die Leitung sofort tot. Bulles Existenz ist gefährdet, sicher hat irgendein Strolch seine Alte an sich gerissen, sie wird dort gewaltsam festgehalten.« Das war eine böse Sache. Wer wagte es, uns Münchnern in die Suppe zu spucken? Egal, wie die Dinge lagen oder wer es war, sofortiges Handeln war heiligste Pflicht. Wir - das waren im Augenblick sechs anwesende Jungs - beschlossen, noch heute nacht würde Vergeltung geübt, würde Angriff gefahren werden. Die Maus vom Bullen würden wir dort rausholen. Wir kamen überein, daß wir sechs Mann genügten. Hannes hätten wir gerne noch dabeigehabt. Er hatte Dynamit in den Fäusten, war aber leider nicht erreichbar. Wir überschlugen, ob diese >Armada< von gefährlichen Jungs nötigenfalls mit einer ganzen Stadt fertig werden würde. Aber das war jetzt eigentlich nur noch eine Frage der Bewaffnung. Alles klar. Wir fuhren sämtlich nach Hause, um unser jeweiliges Waffenarsenal zu holen und uns Punkt zweiund-
zwanzig Uhr in einem Rummsladen an der Stadtgrenze Münchens zu treffen. >Greger-Bax< hieß die Hütte an einer Ausfallstraße in Richtung Ingolstadt. Ich bezeichne dieses sonderbare Unternehmen deswegen mit >Sternfahrt<, weil drei Mercedes und lediglich ein Jaguar, Typ E, mit von der Partie waren. Darüber, wie unser Vorhaben ablaufen sollte, wurde nicht mehr gesprochen. Unsere verschworene Gesellschaft war komplett. Man trank noch zwei, drei Bierchen, und los ging's - Richtung Regensburg. So ungefähr um die zweihundert Kmh fuhr diese entschlossene Kolonne auf der Autobahn Nürnberg-Frankfurt, die sich irgendwann in Richtung Regensburg gabelt. Der erste blinkte bei der nächsten Tankstelle alle anderen rechts raus. Er mußte tanken, brauchte Zigaretten. In dieser Zeit schauten wir uns an, was Kofferräume, Handschuhfächer und Rücksitze so alles an Waffen beherbergten. Gummiknüppel, Totschläger, Schlagringe, ein armdickes Stromkabel und sogar ein Schaum-Feuerlöscher waren an Bord. Jimmi hatte eine 7,65-kalibrige Beretta im Gürtel stekken, ich meine Neun-Millimeter-Walther im Handschuhfach. Wir meinten, daß ein Überraschungsangriff auf das dortige Puff mit derartiger Bewaffnung unbedingt zu unseren Gunsten ausgehen müsse. Robby, ein untersetzter Mann von durchaus freundlichem Aussehen, wurde von uns auserkoren, den Club als erster zu betreten. Denn er sah einem normalen Freier am ähnlichsten, konnte den Türraum absichern, bis wir nachgestürmt waren. Bulle war besonders gespannt, ob er denn seine Alte auch dort antreffen würde. Wir beruhigten ihn. Lediglich er wirkte nervös, wir anderen waren noch so ausgeglichen-friedlich, als hätten wir vor, eine Messe zu besuchen. Es schlug gerade Mitternacht, als wir die Stadtgrenze erreichten. In wenigen Minuten würde dieses Nest eine böse Überraschung erleben. In den Straßen war es bereits ganz ruhig. Die Laternen am Donauufer streuten verträumtes Licht.
Bulle saß im ersten Wagen, er kannte den Weg zum Club. Von weitem schon war die rote Laterne zu sehen. Kurz vorher parkten wir die Autos so, daß wir im Eventualfall ganz schnell vor anrückender Polizei flüchten konnten. Der Himmel war sternenklar, leichter Tau machte die Luft diesig und die Grasstellen am Donauufer feucht. Der >Club Cheri< lag an der Uferstraße, einer eigentlich bürgerlichen Häuserzeile mit zumeist zweistöckigen Fachwerkhäusern. Bulle erklärte uns, daß hier im ersten Stock die ganzen Zuhälter des Abends vor dem Fernseher säßen oder sich die Zeit mit Zocken vertrieben. Wie viele würden es wohl sein? Aber das war jetzt auch schon egal, wir würden es ohnehin gleich wissen. Wir standen nun vor dem Haus mit der roten Laterne. Wir fünf preßten uns fest an die Hauswand - der sechste, unser guter Robby, betätigte die Klingel mit der Aufschrift >Club<. Wir hielten den Atem an, um unsere Gegenwart nicht zu verraten. Robby stand lässig und scheinbar mutterseelenallein vor der Türe, und mir war klar, ihm wird diese sicherlich ganz ahnungslos geöffnet. Das Guckloch der Eingangstür wurde freigemacht, für uns fünf war das zwar nicht zu sehen, aber zu hören. Eine Mädchenstimme hauchte: »Hallo.« Und man witterte bei Robby s Anblick wohl wieder einen Stich mehr heute abend. Ich konnte Robby sehen, wie er scheinheilig in dieses Guckloch plierte. Und dann kam der Augenblick... Ein Riegel wurde zurückgeschoben, die Klinke von innen gedrückt, die Tür wurde geöffnet. In diesem Moment fiel der Lichtkegel aus dem Inneren auf die Straße, das war das Zeichen für uns zu stürmen. Was jetzt geschah, kam einem Spuk gleich. In Sekundenschnelle waren wir alle im Haus, schlössen die Tür hinter uns. Angesichts unserer mitgeführten Schlagwaffen und Kanonen bekamen alle Weiber im Kontaktzimmer einen Schock. Sie kreischten derartig hysterisch, daß das ganze Haus in wenigen Sekunden zu einem Horror-
Laden wurde. Ungefähr zehn Huren standen da, dünn bekleidet weinend und schluchzend, gellend um Hilfe flehend. Und diese kam auch schon vom ersten Stock heruntergetrampelt. Die armen Jungs hatten ja keine Ahnung, wie schlimm es um sie und den Hausfrieden bestellt war. Sicherlich vermuteten sie einen, zwei oder gar drei besoffene Randalierer oder ähnliches; vier Mann kamen da runtergestürzt. Der allererste war ein Berufscatcher, wie sich später herausstellte, von gut und gerne hundertfünfzig Kilo. Unsere Stahlruten, Gummiknüppel und das dicke Kabel bewirkten, daß bei ihm an den getroffenen Stellen die Haut platzte. Das war ein Gemetzel! Die nachfolgenden Pipiluden kamen im vollen Lauf die steile Treppe herunter, konnten schier nicht mehr bremsen, liefen uns voll in die Arme. Mit schreckgeweiteten Augen sahen sie ihre letzte Stunde gekommen. Es ging alles so schnell, daß keiner von ihnen begriff, was eigentlich geschah - und warum. Nun begannen ansonsten tolldreiste Zuhälter, um ihr Leben zu betteln, sie jammerten und schrien. Das ganze Treppenhaus war eine riesige Blutlache. Ich aber beobachtete, womöglich als einziger, wie ein fünfter Mann die Treppe herunterhastete, der jedoch, als er dieses Blutbad sah, gleich wieder hinauflief. Ich stieg über die blutenden Fleischberge hinweg, bemerkte aber noch aus meinen Augenwinkeln, daß Bulle offensichtlich seine Ge liebte und Geldquelle wiedergefunden hatte. Doch ich wollte diesen fünften Mann haben, lief ihm die Treppe hinauf nach. Ich rutschte indes auf den vor Blut feuchten Stufen aus, konnte den Flüchtenden nicht mehr erreichen. Ich sah gerade noch, wie er in einem Zimmer verschwand, und hörte, wie er den Schlüssel im Schloß drehte. Ich schrie von oben die Treppe hinunter und meinte damit die am Boden liegenden: »Hey, wer ist euer Boß, oder wer ist für diesen miesen Menschenraub verantwortlich - ihr wißt schon, daß es hier um Bulles Alte geht, oder? Gebt mir Antwort, ihr Schweine, oder ich puste euch den Schädel runter!« »Der ist noch oben«, meinte einer, der, sich vor Schmerzen krümmend, an der Wand kauerte. Aha - das war also der
Drecksack, der bestraft werden mußte, und ausgerechnet der verkroch sich jetzt so feige. Also rief ich durch die verschlossene Tür, der Betreffende solle öffnen. Nichts rührte sich, kein Mucks war zu vernehmen. Darüber war ich so wütend, daß ich kurzerhand mein ganzes Magazin durch die Tür ballerte. In der Hoffnung, irgendeine Kugel würde diese linke Type getroffen haben, stob ich die Treppen wieder hinunter. Ich wollte hören, was die Tücken da unten zu berichten hatten, wie das gelaufen war mit Bulles Alter. Doch die Jungs sagten: »Los, weg hier, aber schnell, die Schüsse werden jeden Moment die Polizei auf die Matte rufen!« Vier schwere Motoren heulten auf, und hätte jemand die Zeit gestoppt, so hätte er wohl feststellen können, daß dieser Spuk keine vier Minuten dauerte. Jetzt jagten unsere Autos planlos in verschiedene Richtungen davon; das Allerhöchste war wohl, daß Bulle nicht mal seine Alte mitgenommen hatte. Das war aber nicht weiter schlimm, die würde wohl niemand mehr festhalten wollen. Also konnte sie ja jederzeit nachkommen. Hauptsache war - weg hier, und das ganz schnell. Ich war mit meinem Wagen schon ungefähr zehn Kilometer aus der Stadt, Falco war mit mir gefahren. Ich fuhr auf einen Rastplatz der Schnellstraße, ich wollte warten, ob noch ein Auto von uns dieselbe Richtung fuhr. Licht aus, die Fenster senkten sich elektrisch. Wir schauten und lauschten auf alles, was sich tun würde. Sodann: Weg vom Rastplatz, weg vom Präsentierteller, den Wagen zwei, drei Meter in den Wald gestellt. Jetzt war die Luft kalt und schwer, wir atmeten tief ein, sprachen fast nichts. Und nun wurde der andere Teil des Dramas lebendig. Wir konnten die ganze Talsenke überschauen; geradezu gespenstisch tauchten massenhaft Blaulichter auf, von nah bis fern. Es war ganz still, lediglich das Aufzucken dieser bläulichen Lichter ließ diese ruhige Landschaft seltsam entrückt erscheinen. »Sie werden überall Straßensperren errichten«, sagten
wir uns. An unserem Standort tat sich nichts, ein VW -Bus mit Firmenaufschrift fuhr vorbei - sonst null. Ich war entschlossen, wieder zurückzufahren, nach meinen Freunden zu sehen. Ein paar Meter zurück, um eine Kurve nur, war tatsächlich der weiße Benz vom Uwe gestoppt worden. Zwei Bullen filzten seine Papiere, standen dabei recht leichtsinnig auf der Fahrbahn. Ich fuhr vorbei, wendete nach der nächsten Krümmung. Ich äußerte Falco gegenüber, daß ich diese zwei Arschlochbullen jetzt zu Matsch fahren würde, so daß dann Uwe mit seinem Wagen weiterfahren, flüchten könne. Doch Falco sagte: »Mach doch nicht so einen Quatsch, du Wahnsinniger.« Wir brauchten dieses Thema gar nicht länger zu diskutieren, ein VW -Bus mit sechs Mann kam daher, und per Megaphon forderte man uns auf, uns flach auf den Boden zu legen, alle Viere von uns gestreckt. Die Scheinwerfer tauchten alles in ein grelles Licht- ich mußte meine Waffe aber noch loswerden. Ich suchte für Sekundenbruchteile den Sichtschatten meines Wagens, warf meine Plempe vielleicht fünf, sechs Meter von mir ins hohe Gras, bevor ich mich auf den Boden bemühte. O. K. - alle sechs Mann hoch trafen wir uns im Regensburger Polizei-Hauptquartier wieder. So langsam trudelten die Streifenwagen ein; ein paar von uns trugen Handschellen. Falco und ich hinwiederum spürten einen Druck im Rücken, der wohl von Maschinenpistolen stammte. Selbstverständlich wurden wir einzeln verhört, man legte uns Landfriedensbruch und gefährliche Körperverletzung zur Last. Das sollte aber nicht sonderlich schlimm sein, wir rechneten damit, daß wir nach unseren Aussagen gleich wieder auf freien Fuß gelangen würden. Ich erfuhr so nebenbei, daß alle unsere Autos sichergestellt seien, wir mit den Zug nach München heimfahren müßten. Tatsächlich kam einer nach dem anderen an meiner Zelle vorbei und sagte, daß er nun frei sei. Die ganze Nacht war verstrichen, es wurde mir schon Frühstück gereicht. Wir Jungs
hatten uns für Zwölf Uhr mittags verabredet, als Treff war durch die Zellentür der Hauptbahnhof ausgemacht worden. Bei mir rührte sich nichts, rein gar nichts, ich saß um zwölf immer noch in meiner Zelle .Dann nahm mich die Kripo vor es war die Abteilung Mordkommission. »Wir wissen, Sie haben geschossen«, sagte ein Fettwanst zu mir. Er holte einen Plastikbeutel aus seiner Schublade und zeigte mir ein undefinierbares Etwas. Dieses Etwas, etwa handgroß, ähnelte einem Spiegelei. Der Beamte sagte: »So ein Bleimantelgeschoß zerlegt sich beim Aufprall - mit so was zu schießen ist Mord!!« Es zuckte mir durchs Hirn, habe ich den glatt durch die Tür umgelegt? Mir wurde jetzt angst und bange. Leck mich am Arsch - so eine Scheiße. Ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Schweißausbrüche überkamen mich. »Ich will mit meinem Anwalt telefonieren«, so sagte ich schon fast wie auswendig gelernt. Es wurde mir gewährt, ich bekam meinen Baron an die Strippe. Ich erbat sein sofortiges Kommen, hier sei die Kacke am Dampfen. Er könne frühestens morgen kommen, meinte er. Na bitte schön, eine Nacht im Knast brachte mich auch nicht um. Doch diese Schweinebullen, so stellte sich heraus, ließen mich nur im Ungewissen schwitzen, ich hatte den Arsch hinter der Tür überhaupt nicht getroffen. Dennoch, man legte mir einen Mordversuch zur Last. Aber wieder einmal mehr machte sich mein Staranwalt bezahlt. Er zerlegte die Meinung des untersuchenden Beamten, die Anklage war nicht zu halten. Ich hörte meinen Anwalt noch sagen: »Sie sind frei, Herr Lang, ich nehme Sie gleich mit.« Ich gestehe, hier war ich am Rande einer Ohnmacht. Ich glaube, ich war nie glücklicher in meinem Leben als in diesem Moment. Denn, wenn diese Anklage Bestand gehabt hätte, wären es sehr viele Jahre gewesen, die ich von meinem Leben hätte hergeben müssen, welches ich doch so sehr liebte. Ich war - wie immer - stolz auf meinen Anwalt, begaben
wir uns doch, zusammen mit dem Staatsanwalt, in die Kantine. Mich ging das zwar alles nichts mehr an, ich war frei. Doch mußte ich schmunzeln, als mein Anwalt dem Staatsanwalt den Vorschlag machte: »Wir schicken einen Schreiner, der die Löcher der Tür repariert - und damit hat es sich.« Mein Wagen war allerdings immer noch beschlagnahmt, so fuhr ich mit meinem Anwalt nach Hause. Alles andere würde sich klären und finden. Nicht weit von Regensburg entfernt hieß ich meinen Anwalt anzuhalten. Ich suchte und fand meine Kanone im hohen, nassen Gras, da, wo ich sie vorgestern hingeworfen hatte. Es war kein bißchen Rost daran, weil sie stets gut geölt wurde!!!
Hurenarbeit und Zuhälterleben Die Arbeit ist dieselbe, das Milieu ist dasselbe - und doch ist das Huren- und Zuhälterleben vielschichtig und stark unterschiedlich. Ich beginne mit der Arbeit der Dirnen. Die Dirne steht voll und ganz zu ihrem Milieu, zu ihrer Arbeit, zu ihrem Jungen. Sie steht auch dazu, daß sie gesellschaftlich dem Abschaum zugeordnet wird. Die eine arbeitet auf der Straße, die andere im Puff. Eine weitere ist in ihrem Apartment tätig, eine vierte hinwiederum in einem Saunaclub. Überall gelten verschiedene Arbeitsmethoden, andere Preise. Überall lauern Gefahren. Jede ist ihre eigene Chefin, dennoch sind alle gewissen Ritualen unterworfen. Der Dirnen engster Begleiter ist die Angst, und auch dazu stehen sie - täglich aufs neue. Jede Sekunde können sie sich einem blindwütigen, heimtückischen, bestialischen Mörder gegenübersehen. Und der nächstbeste Bekannte ist der Ekel, den es immer wieder runterzuwürgen gilt. Eine verschissene Unterhose bei einem Freier läuft noch unter der Rubrik >normal<. Ätzende Schweißgerüche sind zu ertragen, und oft genug soll die Hure einem impotenten Knochen auf die Sprünge helfen.
Vom Fressen und Saufen stehen die Männer auf, und es fällt ihnen ein, daß es ja noch ein Vergnügen gibt! Schweinsbratenrülpser und Knoblauchfahnen, jegliche Arten von Magengemischen und Mundgerüchen, Nikotin- und alkoholfahnen suchen den verlockenden Kirschenmund. Der seit Tagen ungewaschene Pimmel wird aus dem soliden holländischen Anzug, Marke >Van der Stange<, gekramt und gar gönnerhaft präsentiert. Beim großen Geschäftsessen war man noch so nobel... und noch ein Dessert und noch eine Flasche vom Feinsten denn Geld spielt ja keine Rolle. Für die gar nicht so nette Bedienung gab's ein fürstliches Trinkgeld, denn die anderen sahen es, und, schöne, volle Titten hatte sie auch noch. Aber jetzt, auf dem Zimmer der Hure, gilt es orientalisch-feilschend, ärmlich-mies um jeden Heiermann zu kämpfen. Jetzt ist er alleine mit ihr, keiner sieht ihn, den jämmerlichen Hemdenmatz. Da kann er sein Spielchen spielen mit dieser minderwertigen Matratzendame. Aber - er irrt sich. Er irrt sich fürchterlich, denn sie ist die Königin - sie regiert in diesem Moment über dieses geile Etwas. Sie stellt die Regeln auf, gewährt für wenig Geld auch wenig. Und die angeblich minderwertige Matratzendame ist sehr sauber und gepflegt, ja, könnte gar jeden Schönheitswettbewerb bestreiten. Sie trägt teures Parfüm, und manchmal glitzern wertvolle Schmuckstücke auf ihrer schimmernden Haut. Käthe Kruse hätte ihre Freude an den niedlichen Puppengesichtern gehabt, wie sie Dirnen nicht selten aufweisen. Dazuhin diese anmutigen Luxuskörper, die seidigen Haare! Dies alles samt der dargebotenen Erotik macht sie zur Königin. Da ist er nun, der Freier, und (dabei spielt es keine Rolle, welcher Gesellschaftsschicht er entstammt) jammert den gerade abgelegten achtzig Mark nach, fiebert dem schönen Fleisch entgegen. Er will die also Gekaufte in Besitz nehmen, einem Tintenfisch gleich, als verfüge er über sechs Arme, will er alles begrapschen. Schweißperlen stehen auf seiner Stirn, irgendein geiles Gefasel kommt über seine Lippen. Und nun möchte er - er, der ganz Wichtige - das Mädel auch noch geil
auf sich machen. Mit derbem Fingerspiel, so glaubt er doch glatt, könne er ihr den Liebessaft entlocken. Aber nur, wenn er Glück hat, fickt er überhaupt in diesem traumhaften Schoß - denn zumeist ist die Hure so traumwandlerisch geschickt, daß der Schwanz des Freiers lediglich durch den Schenkelansatz fährt, wenn nicht gar bloß durch ihre Finger. Falleschieben nennt man das. Sehr viele Männer gibt es, die eine Hure aufsuchen, um ein eigenartiges Treiben zu veranstalten. Sie bringen Fetische in den unglaublichsten Ausführungen mit - Nappaleder-Slips sowie Strapse und BHs für sich selbst, Schnüre zum Eierabbinden, Straußenfedern und Boas, Pfauenaugen, einzeln oder gebündelt. Mit derlei Dingen maskiert, die Federn in den Hintern gesteckt, hüpfen und tanzen sie - die Männer, wohlgemerkt. »Juhu - ich bin ein Hahn!« Die Arme mimen Flügelschläge, so läuft ihre Show ab, bis zum Orgasmus. Andere wälzen sich wie räudige Hunde zu Füßen der Herrin Hure und winseln um Gnade und Absolution. Geloben Besserung, nachdem sie ihm mit der fünfschwänzigen Peitsche ein paarmal eins übergezogen hat. Es gibt leider keinen faßbaren Grund, warum ein Mann um Prügel und Peitschenhiebe bittet. Diese >Maso-Liebe< kostet ein paar Mark mehr, und es gibt genügend Dominas, die sich auf solche Gäste spezialisiert haben. Richtige Folterkammern stehen dafür bereit, mit Büßer-Bock, schmerzenden Hand- und Fußschellen. Gar Kreuzigungen stehen laufend auf der Freier Wunschlisten, Daumenschrauben und Ketten, das alles wollen diese Männer spüren. Sie lecken den Fußschweiß zwischen den Zehen der Herrin ab und schlürfen, oft genug, genußvoll die vollgespritzten Pariser der vorherigen Gäste aus. Und es kommt noch weit verwegener. Da ist das Kapitel >Sekt und Kaviar<. >Sekt< steht stellvertretend für Pisse, und >Kaviar< soll elegant das Wort Scheiße ersetzen. Es geschieht bestimmt nicht selten, daß der Wunsch an die Hure herangetragen wird, sie solle sich nackt über den Kopf des Freiers hocken und ihm ein paar Schlucke Urin verabreichen. Ge -
nauso bringt diese Art von Kavalieren ein kleines silbernes Tellerchen samt einem kleinen silbernen Löffelchen mit. Die Abart, Scheiße oral zu genießen - die gibt es. Wieder ein anderer schleppt Knöpfe, Nadel und Faden an - möchte gerne einen Knopf an die Vorhaut genäht kriegen, schon auch mal direkt an die Eichelspitze. Oft fließ Blut dabei, und ein paar Hunderter muß der Herr mit Knopfschmuck schon dafür hinblättern. Manche Mädels machen dies alles - klar, es gibt sehr viel mehr Geld dafür. Andere hinwiederum pfeifen auf die Kohle und lassen sich auf solchen Unfug nicht ein. Seltener zwar, aber das passiert schon auch, kommen relativ angenehme Gäste zu den Damen der Zunft. Die wollen absolut nichts Erotisches treiben. Vielmehr geht ihr Begehren dahin, Händchen zu halten, daß die betreffende Dame mal über ihren Scheitel streicht, und sie wollen sich - unterhalten. Und dafür zahlen diese Herren dieselben Sätze wie die übrigen, je nach Zeit bemessen. Warum aber wollen sie sich mit einem käuflichen Mädchen unterhalten? Weil sie zu Hause mit ihren Ehefrauen nicht mehr reden können. Und so finden sie den Weg zu den Dirnen. Sie brauchen jemanden, der ihnen zuhört. Was heißt, daß Huren auch etliches an seelischem Ballast verarbeiten, als seelische Müllkippe ihrer Gä ste herhalten müssen. Und hier sind wir beim Thema Ehefrau bzw. Ehemann. Neunzig Prozent aller Freier sind verheiratet, gehen also lustig hie und da fremd. Das machen diese Herren mit einer solchen gelassenen Selbstverständlichkeit, daß man nur staunen kann. Soviel zur heuchlerischen Moral der sogenannten >bürgerlich-soliden< Gesellschaftsschichten. Na ja, selbstverständlich läßt sich eine Reihe von Gründen dafür aufführen, warum die braven Ehemänner so munter durch die Puffs bumsen. Gewißlich gibt es liebende Gattinnen, die dem Ehemann nicht den Wunsch erfüllen, ihr mal auf die Titten spritzen zu dürfen oder ihm mal genüßlich einen zu blasen. Geile Sprüche und andere Positionen als die Missionarsstellung sind in den bürgerlichen Schlafzimmern
noch immer eine Seltenheit. Auch klagen viele Freier unverblümt, daß sich die einstmals hübsche Ehefrau seit der Heirat gehen ließe, sie sei unförmig, fett geworden oder wirke verschrumpelt und sei ungepflegt zu nennen. Zumeist füngiert Manne nur noch als Geldverdiener, als Versorger der Familie und muß förmlich darum bitten, seine träge Ehefrau besteigen zu dürfen. In aller Deutlichkeit soll an dieser Stelle einmal auf die harte Arbeit der Dirne hingewiesen werden. Von wegen, daß ein solches Mädchen die Kohle leicht und im Schlafe verdienen würde! Vierzehntägig, häufig gar wöchentlich unterziehen sie sich einer ärztlichen Untersuchung im Gesundheitsamt der jeweiligen Stadt. Untersuchungen, Abstriche garantieren, daß ihre Gesundheit und Hygiene auf dem neuesten Stand sind. »Heute gehe ich auf den Bock« - sagen dazu die Mädels, womit der Untersuchungsstuhl gemeint ist. Eine, die als ihr tägliches Revier den Straßenstrich gewählt hat, friert jährlich gute fünf Monate bitterlich. Die Damen der teuren Etablissements sind wohl vor Gelegenheitsmördern sicher, doch die Besucher mit den volleren Brieftaschen mö gen keine Gummis, ficken lieber >live<, auch wenn es mehr kostet. Doch hier lauert AIDS, die mörderische Krankheit, die nach ein paar Monaten qualvollen Siechtums tödlich endet. Und dann gibt es noch die tabulosen Sex-Gespielinnen, die gerne bei gepflegten, schicken, attraktiven und interessanten Männern auf alle Wünsche eingehen. Ja, die sogar entzückt sind von deren Art von Leidenschaft. Sie geben sich gerne hin und schauen darauf, daß sie sexuell ebenfalls auf ihre Kosten kommen. In diesem Falle handelt es sich nicht lediglich um ein professionelles >Abkochen< - nein, die betreffenden Damen gelangen durch ihren Job in unzählige Genüsse, die eine normale Frau nicht zu einem Hundertstel durchleben wird. Letztlich ist die Hure stolz darauf, daß sie jeder >Normalfrau< im Sexual-Erleben weit überlegen ist. Die Mädchen verdienen dadurch viel Geld, obwohl die
>Füllhornzeiten< der vergangenen zwei, drei Jahrzehnte wohl vorerst dahin sind. Aber daß dieses >Kohle-Machen< reibungslos funktioniert, daß der Schutz der Mädchen weitestgehend gewährleistet wird, daß diese Organisation organisiert bleibt, dafür sorgt der Zuhälter. Ich habe schon genug fatale, nicht der Realität entsprechende Schilderungen in den Massenmedien erlebt, was die >Zunft< betrifft. Nun will ich über ein paar Seiten hinweg den Scheinwerfer richtig einstellen, dieses Thema etwas besser beleuchten. Ein altes Sprichwort besagt: Der Zuhälter wird nicht geboren, er wird dazu gemacht. Das heißt im Klartext, daß zumeist das Mädel dem Jungen den Vorschlag machen wird, für ihn anschaffen zu gehen. Aber schön der Reihe nach, der Kreis schließt sich letztlich stets. Irgendwelche Lebensunebenheiten, welche auch immer, entzünden bei einer jungen Frau diese oder ähnliche Gedanken. Sie entdeckt ihren Körper, erfährt auch schon bald, daß alle Männer absolut vordergründig nur nach diesem verlangen. Und so gibt es eine relativ große Zahl von Frauen, die sehr schnell mit sich klar kommen, aus diesem >Urquell< zu schöpfen. Nur, ihr Instinkt verrät der Willigen, daß sie, ganz alleine auf sich gestellt, in dieser Szene zu schwach ist. Sie spürt, sie ahnt, sie weiß, daß es in diesem Milieu sehr hart zugeht - also braucht sie einen Macker. Ich möchte sagen, sie geht nun auf die Suche nach Ihm. Da tun sich für sie zwei Möglichkeiten auf, zwischen welchen beiden sie wählen kann und wählen wird. Zum ersteren, sie zieht sich geil an, um zu zeigen, welches Kapital ihr Körper bildet. Und sie geht zielsicher in die Kneipen, Discos oder Treffs des Milieus - macht auf sich aufmerksam, vergißt aber nicht, gleichzeitig ihren Geschmack auf die Waagschale zu legen. Das heißt, sie gibt zu erkennen, welcher Typ ihr besonders gefallen würde. Damit ist sie schon >daheim<, mittendrin. Sie erwartet von ihrem Jungen, daß er
sich um alle technischen Abläufe kümmert; daß er sich schützend vor sie stellt und sie als seine Frau deklariert, versteht sich von selbst. Sie wird sich sofort wohl fühlen in dieser ihr neuen Welt, denn es war ihr Wunsch, ihr Wille, darin einzutauchen. Ihrem Verständnis nach bleibt ihr ein Leben erspart, wovor sie insgeheim Alpträume entwickelte. Nämlich, täglich zur Maloche zu müssen, Anschisse vom Chef zu kriegen, oder als Tippmamsell stets kurze Fingernägel tragen zu müssen, auch das erscheint ihr unerträglich. Der Drang zum Luxus, inklusive Porsche, Freizeit, der Sonne der Karibik, einigen Karat an den Händen - das alles läßt ein labiles Mädchenherz schon ziemlich hoch schlagen. Eine solche Anfängerin wird schnell lernen und ihren Job schlafwandlerisch beherrschen, auf daß ihre Wünsche sich rasch erfüllen. Die zweite Möglichkeit, sich einen Typen zu angeln, sieht folgendermaßen aus. Nachdem bei einer jungen Dame der Entschluß gereift ist, anschaffen zu gehen, sieht sie sich im reichhaltigen Männerangebot einer Großstadt um. Sie sucht sich genau den, in den sie sich verlieben kann und mit dem es sich für sie lohnt, solch ein >schönes< Leben zu leben. Sie sucht sich nach ihrer Einschätzung das Feinste vom Feinsten in der Überzeugung, er wird sie, die Zuckermaus, nicht ablehnen, zumal für die Zukunft große Kohle ins Haus steht. Und deswegen sei gesagt, daß Zuhälter keineswegs Lederjacken tragende Ungeheuer sind, sondern meist gutaussehende, junge, starke Männer. Natürlich muß das Mädel in ihrer Wahl auch darauf achten, daß dieser Typ in Psyche und Physis stark genug ist, diesen gefährlichen Weg gehen zu können. Na ja, und schon ist dieser bislang unbescholtene Junge dazu überredet, ins Milieu einzusteigen - er wird zum Zuhälter gemacht. Es erwartet ihn zunächst ein Dornenpfad, ein Spießrutenlauf, ein Weg, den alle Jungs vor ihm gehen mußten. Es ist eine eigene Welt mit festgemauerten Prinzipien, Methoden und Abläufen. Er muß sich durchsetzen, sich einen Namen
schaffen - ein gewisser Bekanntheitsgrad ist und bleibt Voraussetzung, um in diesem Lebenskreis bestehen zu können. Es wird immer wieder einmal seine Einstellung geprüft oder seine Schlagfertigkeit - die anderen Jungs wollen nämlich ganz genau wissen, wo er steht. Ist er schwach? Ist er feige? Ist er einer von unserer Güte? Putzt er sich den Mund ab, wenn er mal eine auf die Schnauze kriegt? Oder geht er zu den Bullen? Nimmt er unsere ungeschriebenen Gesetze an? Kann man mit ihm rechnen, wenn es gegen andere geht? Hat er seine >Alte< gut im Griff, daß die ebenfalls im Milieu keine Scheiße baut? All das und vieles mehr wird dieser Neuling durchexerzieren müssen. Wenn er eines Tages dieses schwere Einmaleins beherrscht, dann ist er ebenbürtig, und die Lehrjahre haben ihn zu einem gefährlichen Zeitgenossen gemacht. Und >Otto Normal< tut gut daran, seine Kreise nicht zu stören. Wenn ich zuvor diese Welt als in sich vielschichtig und unterschiedlich bezeichnete, dann geschah dies deshalb, weil ich weiß, daß darin genauso Individualisten leben, wie in der sogenannten mormalen Gesellschaft.;. Die einen Mädels bevorzugen den Straßenstrich oder das Wohnmobil, da wird der Freier ganz unkompliziert in fünf Minuten abgefertigt. Andere wiederum fühlen sich im Puff geborgen, können dort gar schlafen und leben. Edeldirnen arbeiten überwiegend in feudalen Clubs. Wenn's noch gehobener zugehen soll, dann reichten ein Luxusapartment und ein volles Notizbuch mit mehr oder weniger bekannten Namen unserer Zeit. Flippige, meist jüngere Hürchen wählen die Art einer gutbezahlten Reisebegleitung von Playboys. Ob Cote d'Azur oder Ibiza, überall liegen ja die schnuckeligen Schiffchen, da gibt's ein paar Riesen und viel Spaß und Sonne. Allerdings muß so eine Luxusmaus jederzeit und auch für den Freundeskreis des Betreffenden verfügbar sein. Daß dabei der Alkohol fließt, ist klar; und die moderne Zeit hat den Joint und andere Drogen besonders in diesen Schickimicki-Kreisen zur Selbstverständlichkeit gemacht.
Woran mir lag, war, aufzuzeigen, wie wichtig die Stellung der gewerblichen Liebesdienerinnen innerhalb der Gesellschaft ist, wobei dies in menschlichen Zivilisationen nie anders war. Im vierten Jahrhundert vor Christus, dem Zeitalter der berühmten Hetären (griech. hetaira = Gefährtin), schämten sich berühmte Geister deren Begleitung nicht. Wegen Aspasia von Milet trennte sich Perikles von seiner ersten Frau und ehelichte das hochgebildete ehemalige Freudenmädchen. Alexander der Große schätzte die Gegenwart von Thais, einer Hetäre aus Athen, obschon er, wie wir wissen, Knaben den Vorzug gab und sie an seinen General Ptolemaios weiterreichte. An einigen Orten stand das Hetärenwesen mit dem Aphroditekult im Zusammenhang. Oder nehmen wir Madame de Pompadour (1721-1764), die als Jeanne Antoinette Poisson Zugang zur Residenz Ludwigs XV. fand, seine Kurtisane und schließlich geadelt wurde, um großen Einfluß auf die damalige französische Politik auszuüben. Unser bayrischer Kini, Ludwig I. (1818-1861), flippte auf Lola Montez aus; Christine Keeler und Mandy Rice-Davis brachten englische Politiker ins Schleudern. Also, liebe Freunde, sei es, wie es sei - ich plädiere dafür: »Die Gläser hoch - für das älteste Gewerbe der Welt!« Dem Zuhälter kommt im übrigen eine weitere wichtige Position zu. Denn all diese Mädchen haben privat auch ein Herz, eine Seele, sehnen sich genauso nach Liebe und Geborgenheit wie andere Frauen, wollen ihren Orgasmus mit ihrem Liebsten erleben. Sie hegen insgeheim ebenfalls den Wunsch nach einer intakten Familie, wollen allerdings erst durch ihren Job einen finanziell gesicherten Status erlangen. Ihr Partner und Lebensgefährte soll ihnen dabei in ihrem Alltag zur Seite stehen, gerade sie sind, wie bereits erwähnt, ja besonders schutzbedürftig. Und hier führt kein Weg vorbei dieser muß sich im Milieu auskennen, er muß dafür besonders geschaffen und geeignet sein. An den Arbeitsplätzen der Mädchen, wo Gefahren lauern,
sind die Jungs jederzeit präsent. Da halten sie, wenn immer dies nötig ist, ihre Knochen hin, verhindern, daß die Mädels zum Freiwild werden. Auch unter den Luden wird laufend die Rangordnung zurechtgerückt. Rolex oder Kaufhaus-Watch, Nobelkarosse oder Mittelklassewagen drücken letztlich den Rang eines jeden Zuhälters aus. Nicht ohne zu schmunzeln, möchte ich behaupten, daß diese Minderheit >Milieu< ganz schön die Wirtschaft mit belebt. Denn man gibt das >leichte Geld< stets mit vollen Händen wieder aus. Großvolumige Autos - teuerst in Haltung und Verbrauch -, Schmuck, Klamotten und noble Accessoires sollen eine gute Visitenkarte des halbseidenen Lebens abgeben. Karibik-, Malediven- oder Seychellen-Urlaube verstehen sich von selbst. Das alles zusammen, samt snobistischen Diners oder gar Waffenkäufen auf dem Schwarzmarkt machen auch die vollsten Geldbeutel ganz schnell wieder leer. Hinzu kommt das >Zocken<. Schon mancher Junge ließ in einer Nacht sein ganzes Geschmeide auf dem Spieltisch zurück, sogar Autoschlüssel bzw. das dazugehörige Gefährt wechselten des öfteren den Besitzer. Das nennt man in >Fachkreisen< - »Ablegen«! Jeder, der ein Weilchen in diesem Leben steht, hat sich angepaßt, kennt alle Regeln, ist sozusagen etabliert. Kommen das Mädchen oder ihr Lude in Schwierigkeiten, wird geholfen; der größte Feind der Dirnen und Zuhälter ist die Polizei. Das ist wie Himmel und Hölle, wie Feuer und Wasser. Begeht jemand einen fatalen Fehler, gibt es ungeschminkt eine aufs Maul, auf die Ohren, oder manchmal gibt's die Kugel. Fast immer ist der Junge der Anlaufpunkt, er muß auch für seine Alte >geradestehen<. Wenn er seine Interessen wahrnehmen will, geht das selten mit Spruch ab - meistens fliegen die Fäuste, zückt man leichtere oder schwerere Waffen. Jedenfalls trägt man laufend seinen Kadaver zu Markte, man muß immer mit Blessuren rechnen, manchmal gar mit seinem Ableben.
Natürlich wird so eine rauhe Schale mehr und mehr >mit Stacheldraht umwickelt<, die Feinsinnigkeit eines solchen Mannes kommt in den Safe - brutales Überleben dominiert in dieser Szene. Aber, nehmen wir einen ganz normalen Tag - so weist die Statistik auf-, geschehen im bürgerlichen Leben mehr Schlägereien, Körperverletzungen, kleine oder große Verbrechen als im Milieu. Also,... Wer wirft den ersten Stein?!
Putz im Bayerischen Wald Hannes und Bodo, zwei Brüder aus dem Bayerischen Wald, hatten sich im Münchner Nachtleben seßhaft gemacht. Sie waren sehr sympathisch, hatten eine herzhafte Art, waren stets frische Burschen mit einer geraden Gesinnung. Bei ihnen traf das Körpermaß - Länge mal Breite - so richtig zu. Beide waren sie pfiffig, witzig, immer für einen Scherz zu haben. Das konnte aber nie darüber hinwegtäuschen, daß die >kerndl-gefütterten< Burschen Körper aus Gußeisen besaßen. Bei Auseinandersetzungen schien es, als wären sie bei sämtlichen Schmieden dieser Welt in die Lehre gegangen. Vom Rausschmeißer bis zum Clubbesitzer hat sich Hannes hochgearbeitet - wir waren dicke Freunde. Hannes hatte zu Hause in seinem kleinen Städtchen etwas zu tun, dies wollte er an einem bestimmten Wochenende erledigen. In einer feucht-fröhlichen Runde tat er dies kund, spontan entschlossen sich drei Mann, ihn in dieses Wochenende zu begleiten. Einige Gründe sprachen dafür - wir Großstadt- und Nacht-Geschädigten wollten uns einmal für ein paar Tage im Bayerischen Wald entspannen. Ferner sicherte uns Hannes zu, ein paar Teenies für unsere Nächte dort parat zu haben. Ganz zu schweigen von der Möglichkeit, daß wir in einem nahegelegenem Steinbruch ein paar Schießübungen abhalten konnten. Alles zusammen versprach, daß wir
Gaudi-Tage erleben würden. Übermorgen also sollte es losgehen. Falco, der Neger-Bomber, Hannes und ich, wir begaben uns schon frühmorgens mit zwei Mercedes-Schlitten auf die Landstraße. Falco, ein Mischlingsjunge, 1,90 groß, mit einem Athletenkörper wie aus Bronze gegossen, besaß ein besonderes Kennzeichen: Er hatte einen Glatzkopf wie Yul Brynner. Seine vollen Lippen und blitzenden Zähne lachten immer. Er war eigentlich sanftmütig wie ein Lamm - nur, gefährlich war's, den Leu zu wecken. Der Neger-Bomber machte seinem Namen alle Ehre. Er war ebenfalls ein wuchtiger Typ - in Bayern geboren - ein Besatzungskind also. Wenn dieser Sarotti-Mohr Bayerisch sprach, dann wirkte das echt lustig. Ich hatte einen Koffer voll Klamotten dabei, so daß ich zu jeder Situation das Richtige anziehen konnte. Einen Anzug, wenn's fein zugehen sollte, hautenge Lederhosen, wenn's in die Disco ging. Hemden en Gros, mehrere Paare hochhackiger Stiefeletten, und so weiter und so weiter. Meine Pistole, die Beretta 7,65, war zwischen der Unterwäsche verstaut. Den großkalibrigen Colt hatte ich ja >allzeit bereit< unter meiner Fußmatte im Wageninneren liegen. Aber ganz speziell für dieses Wochenende hatte ich mir schnell noch ein Kleinkaliber-Gewehr mit Zielfernrohr gekauft. Dieses war, noch orininal verpackt, auf der Hutablage im Fond untergebracht. Ferner war mit an Bord - ein riesengroßer Teddy-Bär, den ich auf dem Oktoberfest gekauft hatte. Er sollte im Steinbruch als Zielscheibe dienen. Selbstverständlich hatten die anderen ebenfalls ihre Waffen dabei und reichlich Munition. Es war ein schöner Herbsttag. Ja, wenn Engel reisen, lacht der Himmel. Ein bißchen windig war's zwar, buntes Laub wirbelte über Straßen und Landschaft hin. Runter vom Gaspedal, das Ortsschild >Cham< tauchte auf; die Ziellinie war überschritten. Gleich schräg links gegenüber befand sich eine Tankstelle mit Auto-
Waschanlage. Diese fuhren wir an, wollten wir doch mit blitzenden Wagen die Bühne betreten. Mein SechshunderterBenz war schon sauber, irgendein Tankwart lederte noch trinkgeldheischend, gewissenhaft ein paar Tropfen ab. Der weiße Dreihundertfünfziger-Benz vom Falco war noch der Pflege mit Schaum und rotierenden Borsten ausgesetzt. Ich wollte die Gelegenheit nützen, meinen Spezis meine neuerworbene Waffe zu zeigen. Ich kramte die längliche Schachtel aus meinem Wagenfond und packte das Gewehr so zärtlich aus, als wäre es ein Baby. »Hey - super!« klang es wie im Chor; die Waffe ging durch aller Hände. Ein paar prüfende und zielende Blicke durchs Visier des Zielfernrohres - ich erklärte ihnen, genug Munition dabei zu haben, so daß jeder damit ausgiebig schießen könnte. Das Ding wurde wieder verpackt und verstaut, der CarService bezahlt; schnell wurde noch eine Stange Zigaretten gekauft. Hannes zeigte uns das schickste Hotel am Ort, man würde uns da gewiß großzügig gewisse Freiheiten einräumen, meinte er. Hatten wir uns doch vorgenommen, reichlich Teenies durch die Betten zu ziehen. Kohle hatten wir alle genug dabei - gegen fürstliches Trinkgeld durften wir sicherlich die Sau rauslassen. Wir mieteten vier Doppelzimmer, das war für Kleinstadtverhältnisse schon eine ganze Suite. Wir stellten die Koffer ab und prüften die Betten. Es war gerade Mittagszeit - wir wollten nun gepflegt essen gehn. Auch hier spielte Hannes den Fremdenführer, unsere Wahl fiel auf ein uriges Restaurant. Hannes war natürlich stadtbekannt - genauer gesagt, ein bißchen gefürchtet. Denn etliche Bauernburschen und Bürgerliche hatten schon seinen >Dampfhammer< zu spüren bekommen. Er sagte uns kurz im Vorüberfahren: »Da, an dieser Stelle, hab' ich schon mal ein >Indianer-Feuerchen< gemacht«, und deutete dabei aufs Rathaus. Vor dem Restaurant angekommen, suchten wir nicht
lange erst einen Parkplatz, wir parkten direkt vor der Tür. Es bestand dort zwar Halteverbot, doch was juckte uns das. Ein schöner, runder Tisch, groß genug für acht Personen, gehörte uns. Jeder bestellte, was sein Herz begehrte, der Kellner schrieb eine unendlich lange Bestell-Liste. Mit einem Aperitif begann das Ganze, wir rauchten jeder eine, warteten auf die Suppe. Wir fragten den Hannes nach den Weibern aus, die hier im Städtchen aufzureißen seien. Doch er winkte ab und meinte, wenn es Abend würde, würde er uns schon zeigen, wo sie ihr Nest hätten. Genug Material und vom Feinsten gäbe es auf jeden Fall bis spät in die Nacht in der Disco namens >Hölle<. Aha, die Suppe kam, wir löffelten in unserer Terrine Wildcreme. Ich hatte den Sitzplatz zufällig so, daß ich durchs Fenster sehen konnte. Bäuerliche Rüschen umrahmten selbiges, und auf dem Fensterbrett stand eine prächtige alte Zinnkanne mit einem aufwendigen Gesteck Strohblumen darin. Mein Augenmerk galt nun dem, was sich da draußen abspielte. Viele Polizeifahr/euge fuhren vor, auch Mannschaftsbusse, deren Bremsen quietschten. Schwerbewaffnete Bullen sprangen behende aus den Autos. Reflexartig äußerte ich zu meinen Kumpels: »Die führen sich vielleicht auf, wegen unserem bißchen Falschparken!« Die schwereichene Tür der Gaststätte sprang auf und, förmlich drängelnd, stürzten sie herein. Beamte mit Maschinenpistolen im Anschlag, manche hatten ihre Dienstpistole gezückt, und sie schrien: »Hände hoch!« Das Ganze in Richtung unseres Tisches. Das war vielleicht ein Bild für die Götter. Ich ließ bei der Aufforderung >Hände hoch!< gleich den Löffel in den Teller fallen, daß es nur so spritzte. Geschwind waren wir alle in Handschellen verpackt. Uns war es echt ein Rätsel, was hier vor sich ging - anscheinend hatte das Ganze mit Falschparken nichts zu tun. Es ging wohl um mehr. Wir wurden nach Waffen untersucht. »Was ist mit unseren Autos?« fragte ich, als ich in das Polizeiauto geschubst wurde. »Schau'n wir mal, vielleicht
braucht's ihr längere Zeit kein Auto mehr!« meinte das Rotbäckchen hinterm Steuer - und schnaufte und pustete vor Aufregung, als sei es kurz vor einem Herzkasperl. Überhaupt taten alle beteiligten Kleinstadt-Sheriffs gerade so, als hätten sie soeben die Cosa Nostra hops genommen. Im Polizeirevier angekommen, sperrte man uns einzeln ein, zwei Zellen waren vorhanden, die anderen von uns wurden gleich zur Vernehmung geführt. Ich sah aus meinem Zellenfenster hinunter in den Polizeihof. Hatte man doch glatt, nachdem man uns die Schlüssel abgenommen hatte, unsere Autos nach hierher verbracht. Ein paar Bullen durchsuchten unsere Fahrzeuge. Selbstredend hatte einer schon mein Gewehr samt Karton im Arm. Ebenso hatten sie sich meinen Gummiknüppel angeeignet, der stets in der Tasche der Fahrertür steckte. Ich war immer noch sprachlos und ratlos, fragte mich, was hier gespielt wurde. Ich sollte aber im nächsten Moment Aufklärung darüber erhalten. Die Riegel meiner Zellentür wurden zurückgeschoben, der Schlüssel drehte sich im Schloß. Wieder klickten die Handschellen, ich wurde ins Vernehmungszimmer geführt. »Sie werden verdächtigt, letzte Woche in der Stadtsparkasse Schwandorf einen bewaffneten Raubüberfall verübt zu haben«, sagte der Typ am Schreibtisch. Mir fiel regelrecht ein Stein vom Herzen, als ich dies vernahm. Denn hier irrten sich die Bullen, das hatte ich, das hatten wir ganz sicher nicht getan. Der Oberboß, mit ein paar Sternen auf seinem Schulterstück, fuhr fort: »Ihr seid deswegen dringend der Tat verdächtig, weil an diesem Raub zwei Weiße und zwei Farbige beteiligt waren, ... und ihr seid doch zwei Weiße und zwei Farbige - nicht wahr? Außerdem wurdet ihr an der hiesigen Tankstelle beobachtet, wie ihr mit Waffen hantiertet. Die Waffen haben wir gefunden, also, es spricht wirklich etliches gegen euch. Nun warten wir zusammen, bis die Bankangestellten hier eintreffen und euch identifizieren.« »Sauber«, sagte ich, »wann kommen denn die wichtigen
Herrschaften, sollen wir hier vielleicht so lange schmoren, bis die womöglich aus ihrem Wochenendurlaub heimgekehrt sind?« »Was wolltet ihr denn mit den Waffen - hm?« kam die Frage zurück. Ich erzählte ihm den wahren Sachverhalt, und anscheinend hatten die anderen wahrheitsgetreu dasselbe ausgesagt. Nun wurden sie bereits etwas unsicherer, diese Uniformierten, und uns wurden schon mal die Handschellen abgenommen. Wir durften auch wieder zusammen in einem Nebenraum verweilen, bis die Sparkassen-Mannschaft uns >freisprechen< würde. Wir vier diskutierten untereinander, welches Pech wir hatten, welcher Zufall uns in eine solche Situation gebracht hatte. Es war Punkt neunzehn Uhr, wir hatten Glück - die Sparkassenangestellten wurden mit einem Polizeibus vorgefahren. Ich dachte mir, daß es wohl jetzt das Höchste sei, wenn uns einer irrtümlich >wiedererkennen würde. Wir wurden wiederum einzeln vorgeführt, wir mußten ein paar Sätze sprechen, so daß man uns eventuell auch akustisch identifizieren konnte. Ich stand also fünf Leuten gegenüber, die ich noch nie im Leben gesehen hatte, und konnte nur hoffen, daß diese derselben Ansicht waren. Sie beäugten mich wie ein fremdes Wesen von einem anderen Stern, und nun sollte ich etwas sagen. »Ich heiße Berndt Lang, komme aus München, habe mit eurer Sache nichts zu tun und will endlich raus hier«, so sprach ich. Ich konnte abtreten, hörte aber noch im Hinausgehen, daß sich alle Beteiligten einig waren, wir seien nicht
die Bankräuber. Ab diesem Moment hatten wir Jungs wieder Oberwasser und drängten, freigelassen zu werden. Ein paar halblaute Entschuldigungen waren zu vernehmen, aber die Anzeigen wegen unerlaubten Waffenbesitzes wurden fein säuberlich
in die Schreibmaschine getippt. Bei uns allen galt, keine Angaben zur Sache zu machen, das sollte die Aufgabe unserer Anwälte sein. Wir wurden sämtlich in einen Raum geführt, wo alle unsere Waffen, samt Munition, einer Ausstellung gleichkommend, auf einer Decke lagen. Nun sollte jeder seine Waffe benennen. Und siehe da, offensichtlich hatten die Bullen auch unser Hotelgepäck durchsucht, denn die Ballermänner, die wir in unserer Wäsche verborgen hatten, waren ebenfalls präsent. Nur eine Waffe fehlte, nämlich meine große amerikanische Armeepistole. »Die haben sie anscheinend nicht gefunden«, durchzuckte es mich. Die Polizisten erwiesen sich ein bißchen hilflos angesichts der Tatsache, daß hier großkalibrige Munition vorhanden war, die zu keiner Waffe paßte. Ich dachte mir, wenn sie schon zu blöd waren, diese Waffe zu finden, dann konnte ich sie ja auch weiterhin für dumm verkaufen. Nachdem die Munition bei mir im Koffer gefunden wurde, war ich ihr Gesprächspartner. Ich erzählte ihnen, daß ich meine Beretta hätte aufbohren wollen, den Lauf vergrößern, so daß dann diese große Munition gepaßt hätte. Denn natürlich wollte ich nicht preisgeben, daß da unten in meinem Wagen die dazugehörige Puste unter der Matte lag. Also hatten wir es geschafft, nach diesem aufregenden Nachmittag nun endlich gegen zweiundzwanzig Uhr frei zu sein. Wir bekamen alle unsere Papiere wieder, unsere Autoschlüssel und dachten - nichts wie weg hier. Wir fuhren schnurstracks zum Hotel, bestellten eine Flasche Whisky aufs Zimmer und besprachen das soeben Erlebte nochmals ausgiebig. Alle Koffer lagen durchwühlt auf den Betten, und ich berichtete ganz stolz, daß sie meine Plempe unter der Autofußmatte nicht gefunden hatten. Jetzt waren wir alle natürlich aufgeheizt und beschlossen, uns in der Disco wieder abzuregen. Wir duschten, zogen uns um. Ich fand in meinem durchwühlten Koffer mein reingoldenes Zigaretten-Etui nicht mehr, entweder hatte sich das die Polizei oder das Hotelpersonal unter den Nagel gerissen.
Ich konnte aber deswegen keinen Zirkus machen, denn ich hatte es >lauwarm< erst letzte Woche gekauft. Der Einbrecher hatte mir bedeutet, es käme aus einer Starnberger Villa und er hätte gern tausend Mark dafür. Ich kaufte es ihm ab, denn es war gut und gerne siebentausend Mark wert. Und nun war es bereits wieder weg! Scheiße. Selbstverständlich gab es viele Neugierige und Gaffer, als uns die Polizei vom Mittagstisch wegholte - also waren wir das absolute Gespräch dieses Wochenendes. Gar viele waren erstaunt, uns wieder frei rumlaufen zu sehen. Auch die Wirtsleute konnten es gar nicht fassen, als wir vor der Disco einen Schlenker an ihrem Restaurant vorbei machten, um zu zahlen. Wo wir auch im Städtchen gesichtet wurden, wurde hinter hohler Hand getuschelt. Uns war es recht, ein bisserl Werbung schadet nie, gerade, wenn man um jeden Preis auffallen will. Kurz vor Mitternacht trafen wir in der >Hölle< ein, und nun ging hier richtig die Post ab. Ich bestellte zwei Sektkübel, jeden randvollgegossen mit Sekt - und tauchte meine Füße hinein. Es war erfrischend und auffallend. Und weil alle Gä ste so blöd guckten, gab ich fürs ganze Lokal eine Sektrunde aus. So kamen sie alle nicht umhin, uns zuzuprosten, unsere Anwesenheit zu würdigen. Unser Hannes und auch die Kellner schwärmten im Lokal aus, um alle Mädels an unseren Tisch zu holen. Da kam allerhand zusammen, es waren zwischen zehn und fünfzehn Stück Frischfleisch. Und damit uns der eine oder andere Bauernbursche nicht gram wurde, legte ich schon mal demonstrativ meine Kanone auf den Tisch. Es wurde getanzt, gelacht, gescherzt, mal an die Titten gegriffen, mal zwischen die Beine. Wir luden den Disco-Chef ein und die Kellner, wir tranken Wodka, Whisky, Sekt, alles durcheinander. Unmengen Eiswürfel wurden hereingebracht, mit denen warfen wir lustig durchs Lokal. Die beworfenen Gäste fanden das gar nicht lustig, lachten uns aber wie versteinert zu.
Nach dem Motto >Mit unserem Geld dürfen wir alles< hausten wir wie die Vandalen - und, wenn's mal kritisch wurde, dann ließen wir keinen Zweifel an unserer Gefährlichkeit. Die Bullen konnten uns sowieso am Allerwertesten, die hatten sich ja blamabel in die Nesseln gesetzt, uns irrtümlich als Bankräuber festzunehmen. Sie konnten in dem Lokal schon die Polizei rufen - aber die würde ganz sicherlich nicht kommen! Im Laufe der Nacht hatten sich sechs Mädchen einverstanden erklärt, mit uns im Hotel weiterzufeiern. Falco schloß mit mir spontan eine Wette ab, er behauptete, die kleine Supermaus mit dem Glitzerfummel, die würde ich nicht ins Bett kriegen. Die anderen Jungs müßten Zeugen spielen - wenn ich ihren Slip vorweisen könne, dann genügte das als Beweis. Es ging um zehn Flaschen Wodka. Ich mußte sie mir auch aus anderen Gründen als erste vornehmen, sie müsse wenigstens vor dem Morgengrauen wieder zu Hause sein, sagte sie mir. Wir beide waren alsbald alleine in meinem Hotelzimmer, da zierte sie sich überhaupt nicht mehr. Im Gegenteil, bei einem langen Kuß tasteten meine Finger an ihr Vötzchen und fühlten, wie naß sie im Schritt war. Sie bumste sodann wie eine Weltmeisterin. Sie stemmte sich dabei von der oberen Bettkante ab und warf mir wellenartig ihren grazilen Körper entgegen. Ganz wenige, kurze, seidige Schamhaare hoben sich tiefschwarz von ihrer blassen Haut ab. Die kleinen, festen Brüste genossen meinen Zugriff. Es war eine echte Wonne, dieses wilde, schöne Kätzchen zu lieben. Splitternackt, mit dem Slip der Kleinen, lief ich zu den anderen, wollte meine Jagdtrophäe vorweisen. Alle grölten im Chor: »Falco - zehn Flaschen Wodka!« Wir saßen alle in Hannes Bett, der Bomber mußte deswegen mit einem der Mädchen auf dem Teppich bumsen. Das machte anscheinend den beiden nichts aus, sie ließen sich jedenfalls nicht stören. Falco wollte nun auch sein Glück probieren bei meiner Maus der letzten Stunde, doch gerade da betrat diese, schon angezogen, unser Zimmer. Offensichtlich aber ohne Slip,
denn den hielt ich ja in der Hand. Sie nahm noch zwei Mädels mit, und weg waren sie, so schnell konnten wir gar nicht schauen. In diesem Moment klingelte das Zimmertelefon, die Rezeption bat uns, »bei aller Liebe«, unsere Orgie zu beenden. Für mich persönlich war es das offizielle Zeichen, jetzt endlich schlafen zu gehen. Ich verfügte mich in mein Zimmer, schloß ab und bald darauf die Augen. Zu der Zeit, als wir aufstanden, gab's kein Frühstück mehr. Es war vorangeschrittener Nachmittag, und so verlegten wir unser Frühstück in die lokale Eisdiele, »wo immer gute Weiber sitzen«. Wie Hannes meinte. Wo wir uns auch zeigten, es war überall zu merken, daß wir das aktuelle Stadtgespräch waren. Zwei bildhübsche Töchter und die Mami höchstselbst, aus der Familie eines Stadtrats, interessierten sich sehr für uns. So konnte es nicht wundernehmen, daß die zweite Nacht auch schon wieder Unterhaltung versprach. Nur sollte dem Alkohol nicht mehr so reichlich zugesprochen werden, weil Hannes ja morgen früh etwas zu erledigen hatte. Im Hotel war man froh, als wir zu erkennen gaben, daß wir am folgenden Tag abreisen würden. Es war Montag morgen, wir saßen am Frühstückstisch und konnten prompt den hiesigen Tageszeitungen entnehmen, wo wir wann was gemacht hatten. Drei, vier Pressefotos ergänzten die zwei Seiten, die man uns gewidmet hatte, offensichtlich hatten sie uns aus sicherer Entfernung, vom Kirchturm aus, fotografiert. Ebenso war unser ganzes Waffenarsenal abgebildet, mit dem Untertitel - BESCHLAGNAHMT! Überschrift des Ganzen war -»Zwei Weiße und zwei Neger machen unser Städtchen unsicher.« Da waren Falco und der Bomber nicht mehr zu halten. Wir beschlossen, den Zeitungsschmierer aufzusuchen. Ebenso war noch eine Rechnung zu begleichen mit dem Unternehmer, der am Ort eine Fahrschule betrieb. Der nämlich, so hatten wir erfahren, hatte uns an der Tankstelle beobachtet - mit dem Gewehr. Und hatte uns an die Bullen verpfiffen.
Wir warteten, bis Hannes wiederkam, und suchten dann das Büro der Stadtzeitung heim. Wir wollten wissen, wer eine derartige Scheiße geschrieben hatte, und vor allen Dingen, das Wort >Neger< würde uns mißfallen. Einer schob es von den Angsthasen auf den anderen. Wir warfen ein Regal um und gingen wortlos von dannen. Sofort anschließend fuhren wir zur Fahrschule, mit ganz handlichen Steinchen versehen. Da gingen in Sekunden alle Scheiben zu Bruch, und - weg waren wir. ... »von wegen, unser sauberes Städtchen und so«, schrieb die Zeitung! Also machten wir noch ganz geschwind vor unserer Abfahrt die Aktion >Saubere Stadt<. Wir kauften im Supermarkt zehn Riesenpackungen Waschpulver und fuhren mit unseren zwei Autos vor den Stadtbrunnen am Rathausplatz. Der jeweilige Beifahrer sprang raus, um ein Paket Waschpulver in den Brunnen zu schütten. Dann fuhren wir eine Runde ums Haus, und die nächste Ladung wurde geschüttet. Als wir nach der fünften Runde unser letztes Paket losgeworden waren, war der Brunnen schon ganz lustig am Überschäumen. Der ganze Marktplatz war zum Schaumbad geworden, der Wind trug dicke Seifenblasentrauben nach überall hin. »Da habt ihr eure saubere Stadt«, machten wir spöttisch und verschwanden in Richtung München. Erst jetzt fiel uns auf, daß wir tatsächlich die ganze Zeit über nie mehr einen Bullen zu Gesicht bekommen hatten. Nun, zu Hause würden wir unseren Anwälten beichten müssen, was wir wieder für eine Scheiße verbrockt hatten. Denn unerlaubter Waffenbesitz war ja nicht unbedingt bloß ein Kavaliersdelikt.
Oktoberfest-Zeit Jedes Jahr, Ende September bis Anfang Oktober, geht's auf die Wies'n. Es hatte sich seit Jahren ein gebürgert, daß wir Zuhälter einen Stammtisch hatten - im Augustiner-Festzelt. Es war ein großer, runder Tisch, gut zwölf Personen fanden daran Platz. Die Bedienung wurde alljährlich aufs neue bestochen, auf daß dieser Tisch jederzeit für uns reserviert blieb. Verschiedentlich gingen wir Jungs auch mal nachmittags mit unseren Weibern auf die Wies'n. Wir Männer jedoch waren allabendlich dort anzutreffen. Natürlich war diese Angelegenheit nicht ganz billig, aber man konnte nur mit einer sehr hohen Summe diesen >Reservierungs-Service< beeinflussen und beanspruchen. Aber schließlich spielte Geld für uns die geringste Rolle. Jedem Außenstehenden mußte es als nichts Besonderes erscheinen, daß wir ausgerechnet diesen Tisch besetzt hielten. Aber es war - weiß Gott - kein Zufall. Denn dieser war der letzte Ecktisch innerhalb der Barriere, hinter welcher alles Weibliche vorbeigehen mußte, das auf die Damentoilette strebte. Wir streckten nur die Arme aus, und wie in einem grobgeknüpften Fischernetz blieb eine gewisse Ausbeute hängen. Es waren immer ein paar Solo-Hasen dabei, manche auch mit Freundinnen, oder sie waren mit einem Bekanntenkreis da, wovon sie sich ohne Komplikationen absetzen konnten. Andere Mädels aber waren mit Mann, Freund, oder >fester Bindung< im Saal - und doch blieben sie bei uns sitzen. Und, wie bei einem Volksfest üblich, man trank und flirtete - gar gingen Küßchen hin und her. Der Typ der einen oder anderen Maus machte sich nach einer gewissen Zeit Sorgen und suchte den Weg zur Toilette ab. Ja - meine Herren, da gab's dann meistens Stunk, wenn der seine Herzallerliebste an unserem Tisch rumknutschen sah. Mancher machte es recht diplomatisch, seine Maus wieder dafür zu gewinnen, mit ihm an den alten Platz zu gehen. Tja - aber der Alkohol zeigte seine Wirkung auch in der Weise, daß sich andere hinwiederum überschätzten. Entwe-
der zogen sie ihre Geliebte an den Haaren mit sich, oder sie fingen mit uns zu streiten an. Na ja, wie auch immer- so gab es oft herrliche Keilereien. Außenstehende mischten dann auch gerne mal mit, einfach, weil ihnen gerade so zumute war. Einmal hatte unser ganzer Tisch, vielleicht fünfzehn Jungs, eine Massenschlägerei angezettelt, und unsere Kontrahenten wurden mehr und mehr. Die Saalordner hatten alle Mühe, in diesem verbissenen Menschenknäuel noch etwas auszurichten - geschweige denn - zu ordnen. Ich war von der eigentlichen Szenerie schon weit abgedrängt worden, stieß und schlug auf alles ein, was auf mich eindrang. Wenn ich falle, ist es aus, dachte ich mir noch, denn es waren mindestens zwanzig Feinde mit mir beschäftigt. Fast möchte ich behaupten, sie wollten mich lynchen, denn sie hatten gesehen, wie böse ich einen von ihnen mit einem Aschenbecherscherben zugerichtet hatte. Ich wurde von allen Seiten an der Kleidung festgehalten. Was sage ich: Kleidung - die Fetzen hingen mir vom Leib. Keiner konnte mir helfen - ich war alleine. Und... ich fiel! Ich spürte Fußtritte ins Gesicht und am ganzen Körper Angst hatte ich keine, denn daß ich gnadenlos eingestampft werden würde, das war mir klar wie Kloßbrühe. Ich wunderte mich vielmehr, warum ich noch keinen einzigen Wirkungsschlag kassiert, das heißt: noch nichts gebrochen hatte oder noch nicht besinnungslos war. Das Getümmel um mich stob plötzlich auseinander, ein bekanntes Gesicht war über mich gebeugt. Leck mich am Arsch die Polizei, dein Freund und Helfer. Ein Bulle in Zivil, von der Sonderfahndung, der mich schon öfters festgenommen hatte, war nun mein rettender Engel. Er legte mir Handschellen an und sagte ganz dienstlich: »Sie sind verhaftet!« Einige Zuschauer klatschten Beifall, andere aber, die mich gerne noch ein bißchen massakriert hätten, sahen sich ihrer Beute beraubt. Sie tobten und schimpften, hatten aber deutlichen Respekt vor diesem Zivilbullen.
Der Kripo-Willi, wie er bei uns genannt wurde, brachte mich ins Freie und ließ es deutlich raushängen, daß er mich vor weit Schlimmeren bewahrt hätte. Ich konnte nicht anders - ich mußte ihm recht geben. Er führte mich in die Polizei-Baracke, nahm mir den Achter ab und gab mir die Mahnung mit auf den Weg, daß er mich im Wiederholungsfalle anzeigen würde. Für mich war es für heute genug, ich winkte ein Taxi, um zu Hause meine Blessuren zu pflegen. In Gedanken hoffte ich, daß sich unsere Jungs wacker geschlagen hatten. Uns hielt aber nichts auf, daß wir uns am nächsten Tag nicht wieder an unserem Stammtisch auf der Wies'n getroffen hätten. Der eine mehr, der andere weniger lädiert, zerkauten wir den Vorfall von gestern, Nach der dritten Maß aber waren die Gespräche schon auf etwas ganz anderes gekommen. Zum Beispiel warfen wir wieder unsere Angeln aus, um etwas Hübsches, Weibliches an unseren Tisch zu kriegen. Flirten und Poussieren war doch unser allerschönstes Hobby. »Heut Schlägern wir nicht, heut bumsen wir«, meinte der Michl, und die Krüge schepperten zusammen. »Prost - auf die geilen Mösen! Prost.« Und der Michel war es auch, der die erste an Land zog. Eine unentschlossene Einzelgängerin, eine ausgesprochen hübsche Maus, schlenderte an unserem Tisch vorbei. Das hätte sie lieber nicht tun sollen. Lieb lächelnd setzte sie sich zu uns und stellte sich als Elke vor. »Ich bin der Michl, und das ist der schöne Berndt, vor dem muß du dich in acht nehmen, weil der immer nur bumsen will«, flachste der Michl. Etwas verwirrt sah Elke in die Runde. »Da brauchst dir nichts zu denken, mach dir nichts draus, das stimmt schon alles, was die sagen«, ulkte der Karl. Wir Jungs lachten zwar köstlich amüsiert, wie das Mädchen einen nach den anderen von uns musterte, aber die kleine Maus war nun doch recht verunsichert. Sie quälte sich dennoch ein Lächeln ab - ihr gefiel es anscheinend trotz allem, mit lauter schicken Jungs zusammenzusitzen.
Irgendwann fiel es uns ein, aufzubrechen - wir wollten in unseren >Billard-Saloon<. Wir winkten der Bedienung, zahlten und gaben ihr die Erlaubnis, daß sich andere Gäste hier hersetzen dürften. Wir hatten nicht vor, heute noch einmal zu kommen, und ein Tisch mehr bedeutete für die Kellnerin mehr Umsatz und mehr Trinkgeld. Haha, die Ausbeute für heute war zwar kärglich, aber dieses eine Mädchen fuhr schon mal mit. Das Außergewöhnliche, Besondere an diesem hübschen Teenie waren die Haare. Lange, sehr lange, pechschwarze Haare fielen seidig über Elkes Schultern. »Sie reichen genau bis zu ihren Schamhaaren«, bemerkte Karl. Er meinte auch, sie könne sich mit ihren Haarspitzen selber >einen runterbürsteln<. Im >Billard-Saloon< angekommen, sorgten wir sogleich dafür, daß alle anderen den Saloon räumten. Wir wollten unter, uns sein. Wir flipperten, um zu ermitteln, wer die erste Runde Sekt bezahlte. Heute war ich am dransten. O.K. - O.K. - O.K. - drei Flaschen Sekt, und - hoch die Tassen! Die Musikbox dröhnte unsere gedrückten Wünsche, ab und zu tappte mal jeder an der Alten rum. Die war sowieso schon ganz schön zu - wir hatten sie gehörig abgefüllt. Einer von uns kam auf die übermütige Idee, daß wir diese Maus total besoffen machen und ihr dann die Haare abschneiden sollten. Wenn wir das gut machten, würde sie nichts davon merken. Au-ja, das machen wir - zu unserer Lustigkeit kam also jetzt auch noch Spannung hinzu. Eine Schere wurde besorgt, nun mußten wir den richtigen Moment abwarten. Nachdem ich mich schon am meisten in sie reingeschmust hatte, sollte ich also die Ablenkung übernehmen. Aber, da mußten noch ein paar Flaschen Sekt für uns bestellt werden, zwischendrin überredeten wir Elke zu zwei Magenbittern, weil's ihr so schlecht war. Am Ende hing sie mehr auf dem Barhocker, als daß sie drauf saß. Sie war schon richtig fertig mit der Welt, als wir dann die Zeit gekommen sahen, Friseur zu spielen. Ich ging auf den Barhocker zu, auf dem sie saß, und um-
armte sie wortlos. Dann streichelte ich ihren Hals, legte ihre Haare über meinen Arm. Sie war total ahnungslos, daß sie bei dem folgenden Kuß gehörig Federn lassen würde. Durch meine Umarmung, mein Spiel an ihrem Halse und einen ausgedehnten Kuß, nahm ich ihr alle Empfindungen dafür, was sich hinter ihrem Rücken abspielte. Karl seinerseits erfaßte die Mähne mit der linken Hand - in seiner Rechten blinkte die Schere. Kitsche - ratsche - fast wie bei Max und Moritz wurde dieser grausige Streich vollzogen. Ich hätt' mich fast angepißt, als der Karl die Trophäe hinter ihrem Rücken hochhielt. Er sah wirklich aus wie ein besoffener Indianer, der seinen gerade errungenen Skalp spazierenträgt. Ich löste meine Arme von dem frischgeschnittenen Pagenkopf, Karl verschwand auf der Toilette, um die Haare durchs Klo zu spülen. Da wurde nun diese herrliche Pracht in die Kanalisation gespült - und, o Wunder! Die Maus merkte immer noch nichts davon. Jeder von uns machte Rundgänge um ihren Barhocker, wir konnten uns vor Lachen nur noch biegen. Also - die sah aus - hm - Wahnsinn. Das wirkte so bekloppt abgefranst, als sei ein Mähdrescher über sie hinweggegangen. Sie meinte halt, wir lachten über sie, weil sie so zugesoffen war. Als sich schließlich unser Haufen auflöste, nahm ich das Mädel mit zu mir nach Hause - ein bißchen Bumsen schadet nie. Sie war nicht so recht bei der Sache, des reichlichen Alkoholgenusses wegen - aber, was sollte es. Wieder eine Kerbe mehr in meinem Colt. Als mein Baby dann ins Bad ging, um sich meinen Samen aus ihrem Vö tzchen zu spülen, hörte ich jenen Schrei, den ich eigentlich schon länger erwartet hatte. Aber erst jetzt sah sie im Spiegel, was mit ihr geschehen war. Sie war entsetzt und weinte bitterlich. Nach ihrer Meinung war ich der Täter, denn das bekam sie einfach nicht in die Reihe, daß ihre Haarpracht schon stundenlang fehlte. Jetzt mußte ich mit ihrer Hysterie ganz alleine
fertig werden. Ich schwor ihr, daß ich nicht wüßte, wer da an ihr rumgeschnipselt hätte. Ich versuchte ihr sogar einzureden, daß es, todsicher, von uns Jungs keiner war. Aber - sie wollte nur noch weg von mir, bestellte sich ein Taxi. Sie hatte sich wohl die Adresse gemerkt, denn zirka drei Wochen später bekam ich wieder einmal eine Vorladung zur Vernehmung bei der Kripo. Körperverletzung hielt man mir vor. Ich mußte leise in mich hineinlachen, denn da hatte ich wieder etwas gelernt. Also war Haareabschneiden - Körperverletzung. »Erstens war ich das nicht, zweitens kenne ich diese Frau überhaupt nur mit kurzen Haaren, und drittens möchte ich hier gleich meinen Friseur anzeigen, weil der mir letzte Woche die Haare schnitt!« sagte ich zu dem vernehmenden Beamten. Irgendwann flatterte mir dann ein behördlicher Zettel ins Haus, worauf stand, daß dieses Verfahren - mangels Beweises - eingestellt sei.
Von einsamen Wölfen und anderen Die Winterzeit ist stets etwas ruhiger. So, wie das kalte Wetter und der Schnee unsere Breitengrade frieren läßt, so schließt sich unser aller Herz und Gemüt in ein graues Mäntelchen. Ein Großteil der Freier, nämlich die Familien-Papis, freiem dann nur noch selten. Denken sie doch schon an die Kosten der Weihnachtsgeschenke. Oder aber das Auto springt nicht mehr an, und somit wird lieber eine neue Batterie gekauft als eine Hure. Oder geht es mit Kind und Kegel in den Schneeurlaub? Auch liegen viele mit Grippe im Bett- also mit Angina, anstatt mit Dolores. Wir Jungs motten unsere Maschinen jeweils ein, bevor der Frost einsetzte; nichts ging dann mehr mit Easy-Rider-Action. Unsere Hürchen wollten natürlich alle einen neuen
126 Pelz, und den sowieso nur vom Feinsten. Also, der Winter macht uns Menschen alle anders. Hauptsächlich sind es zu jener Jahreszeit die Ausländer, die ihre Weihnachtsgratifikation zu den Dirnen tragen oder ansonsten einsame Wölfe. Diese Kohle versoffen wir überwiegend in allen möglichen Kneipen und Kaschemmen. Ich fuhr am >Tilbury< vor, wollte mir eine Flasche Wodka reinkippen - mal sehen, wer sonst noch dasaß von uns. Der Türsteher riß die Wagentür auf und sagte: »Weißt du's schon?« Ich fragte: »Was?« »Unser Platzl-König Berger war seit vier Tagen spurlos verschwunden, heute früh hat man ihn aus dem Chiemsee gefischt. Mit einem pikfeinen Loch zwischen den Augen. Ein Chiemsee-Fischer hatte ihn im Netz, obwohl er mit einigen Kilo Hantelscheiben beschwert wurde.« »Da schau her, sportlich, sportlich«, lautete mein Kommentar. Ich stieg aus meinem Wagen und ging hinein. Natürlich war jeder mit diesem Thema beschäftigt. Gründe, Hintergründe - Wissen oder Besserwissen. Haha, in jedem Falle konnte keiner der Schlaumeier den Mord aufklären. Am nächsten Tag stand es in der Zeitung, man hatte auch schon eine voreilige Verhaftung zu vermelden. Nach jüngsten Ermittlungen sollte es der Geschäftsführer gewesen sein - und nicht der Gärtner. Aber diese Beschuldigungen waren nicht zu halten - der Gute mußte nach wenigen Tagen wieder freigelassen werden. Die Kripo setzte einen >Spezial-Berger-Ermittlungstrupp< ein, und dieser Stab hatte nichts Eiligeres zu tun, als mich in seine Diensträume zu laden. Da saß ich nun im Zimmer dreihundertelf - an der Tür stand >Mordkommission<. Drei freundliche Herren boten mir Kaffee an, ein gußeisernes Lächeln lag auf jedem dieser Ge sichter. Ich war so frei und begann mit der Unterhaltung. »Ja,
spinnt's ihr? Was soll ich hier auf diesem Zimmer? Auf dem Zimmer der Abteilung Mordkommission?!« Nachdem ich aber bis zu diesem Moment nicht wußte, warum ich hierherzitiert worden war, perlte bei mir bereits der Achsel- und Handschweiß. Vielleicht war Manuela an ihren Verletzungen gestorben? überfiel mich heimlich die Angst. Ich konnte nur abwarten, mit welchem Thema ich konfrontiert werden würde. Je nach Sachlage käme kein Wort über meine Lippen, und mein Anwalt müßte her. Die Gedanken schössen ungeordnet und wirr durch meinen Kopf, ich versuchte, meine Unsicherheit zu überspielen. Scheinbar unbeteiligt und lässig fragte ich wieder: »Was ist los? Was wollt ihr von mir?« Die Sekunden der Stille, die eintraten, machten mich schier wahnsinnig - wußte ich doch nur zu gut, daß der Stuhl, auf dem ich saß, ein heißer Stuhl war. Hier zu sitzen war nicht lustig - da hörte meistens der Spaß auf. Endlich, nachdem mich die drei Masken schweigend studiert hatten, ergriff einer von ihnen das Wort. »Ja, Herr Lang - wissen Sie, wir dachten halt...!« Der Sprecher sah sinnend aus dem Fenster, stockte in seinem Satz. Wieder Sekunden dieser gräßlichen Stille - der marternden Ungewißheit, auf was er hinauswollte. Der Bulle fuhr endlich fort: »Wir dachten uns, weil Sie doch immer so durch die Ge gend schießen... -« Um Gottes willen, jetzt fiel mir siedendheiß ein, daß ich vor wenigen Tagen einem Ferrari-Fahrer nachgeschossen hatte, der mich auf der Autobahn teuflisch geärgert hatte. Nun ging mein Puls wie rasend, und dennoch fühlte ich mich matt. Ich kramte wie in Trance nach meinen Zigaretten und steckte mir eine davon an. Ich pustete meinen ersten Zug aus - ich wollte damit mein hörbares Schneller-Atmen kaschieren. »Ja, und?« fragte ich, und es tat mir gut, wenigstens mich selbst reden zu hören. Nun ließ er die Katze aus dem Sack - mit einem Riesensatz war er bei mir - vor mir. Ganz dicht war sein Gesicht vor dem
meinigen, er starrte mich an - sein Blick ging bis auf den Seelengrund. »Vielleicht haben Sie zufällig den Berger getroffen?« herrschte er mich an. Reflexartig fragte ich: »Wo?« »Zwischen die Augen«, antwortete er ganz leise, aber schneidend. Meine Seele war nun ein Volksfest geworden - mit Kitschblumen und Plüschtieren, mit Mandelduft und Riesenrad, Steckerlh'sch und Starkbier. Ich schloß für Sekunden die Augen und genoß es richtig, hier falsch verdächtigt zu werden. Aber wenn auch mein Gemüt ein Feuerwerk abbrannte, saß ich doch hier in einer Geisterbahn. Nun mußte ich also zurück, auf den Boden der Tatsachen. Ich begann, mich frei und ungezwungen zu äußern. Daß ich, zum ersten, nie ein Feind vom Berger gewesen sei - eher schon ein Freund. Zum zweiten müßten wir mein Alibi durchkämmen, bei der in Frage kommenden Tatzeit, und so. Zum dritten sei ich schon jahrelang nicht mehr an den Chiemsee gekommen - und so weiter, und so weiter. Spätestens an diesem Tage, zu dieser Stunde, konnte ich lernen, wie ausgefuchst die Mordkommission ihr Metier beherrscht. Denn nach etlichen Fangfragen war ihnen echt klar, daß ich sicher nicht für diese Geschichte in Frage kam. Sich in leisem Ton entschuldigend, meinten sie am Schluß unserer Sitzung: »Na ja, wir müssen halt in unserem Job allen nur denkbaren Möglichkeiten nachgehen.« »Da habt ihr euch aber den falschen Spielkameraden ausgesucht«, meinte ich im Rausgehen. Jetzt brauchte ich einen Whisky. Ich fuhr zum Wetzel Anton, um auch gleichzeitig nachzusehen, was eigentlich meine Anschy machte. Wieviel Kohle sie in den letzten vier Tagen schon wieder zusammenhatte. Als ich abends dann abermals ins >Tilbury< ging, bestellte ich eine >Fischsuppe ä la Berger mit Hantelscheiben<, und der Kellner wußte nun wirklich nicht, was er mit dieser Bestellung anfangen sollte. Der Junge hat aber auch gar keine Fantasie, dachte ich bei
mir. Man merkte bereits, daß der Laden herrenlos war. Das Niveau sank in den folgenden Wochen, das Publikum blieb aus, die Bedienung wurde schlechter - der Laden war im Eimer. Doch anscheinend verkaufte die Witwe die Disco gerade noch im richtigen Moment, denn da war urplötzlich ein neuer Besitzer. Auch ein Jude, namens Marmorstein. Er fing das Geschäft wieder einigermaßen auf, und es war klar-von unserem Stammtisch erklang allabendlich die Hymne: »Marmor, Stein und Eisen bricht - aber unsere Lieeeeebe nicht!... »Alles, alles geht vorbei — doch wir sind uns treu...!« Womit wir das >Tilbury< meinten.
Turbulenzen Am Platzl gab's auch die >Madam-Bar<. Sie besaß reichlich rote Samtvorhänge, eine Bühne mit etlichen bunten Scheinwerfern, eine primitive Bestuhlung. An der hufeisenförmigen Bar saßen die Animierdamen herum, wie die Hühner auf der Stange. Die Augen mußten sich erst an das Dunkel gewöhnen, um dann prüfen zu können, mit welchem Aussehen und Sexappeal diese Mädels bestückt waren. Jede trug eine andere, aufdringliche Duftnote, aber ihr Schweißgeruch überbot dennoch die gesamte Parfümindustrie. Zwei kohlrabenschwarze Micki-Mäuse waren sicherlich aus Kenia durchgebrannt, auch sie suchten hier an dieser Bar ihr Glück und Deutsch-Marks. Sie hatten gar nichts Frauliches an sich. Ich kannte sie alle, die hier jede Nacht wie ein Hyänenrudel auf ihre Opfer warteten. Ich hatte seinerzeit am Platzl selbst drei Schlepplokale. Jeden Monat wechselte der Laden sein Programm, dann kamen immer vier bis fünf neue Stripperinnen. Deshalb ging ich ab und zu in diese Bar - Stripperinnen aufreißen. Das letztemal, als ich drin war, hatten sie sich einen ganz netten Spaß mit mir erlaubt. Fiel ich doch glatt auf einen superblonden Überzahn rein,
gab reichlich zu trinken für die Dame aus - und im Geiste hatte ich sie schon im Bett. Doch ganz zum Schluß stellte sich heraus - jene war ein Transvestit. Ich konnte nur noch staunen und selber darüber lachen. Man lernt einfach nie aus, dachte ich bei mir. Lautlos ging jetzt der Vorhang der Bühne auseinander, ein Tonband führte uns das gehauchte >Je t'aime< zu Gemüte. Ein graziles Geschöpf schwang seinen durchsichtigen Nylonumhang im ultrablauen Lichtkegel. Dieses Licht ließ den Körper der Nachtblüte tiefbraun erscheinen, ihre weißen Dessous leuchteten verlockend. Geschmeidig wiegte sie ihren Körper, brachte ihre Finger überall dorthin, wo ich die meinigen gerne gehabt hätte. Lange, braune Haare umschmeichelten ihren zierlichen Kopf und ihre Schultern. Jetzt zupfte sie am Schleifchen ihres Slips - die Regie drehte gleichzeitig das Licht runter, als sie, völlig nackt, ein Küßchen ins Publikum warf. War die Alte stark,... die mußte ich haben. Ich gab der Barfrau einen Wink, sie solle mir die Zuckermaus vorstellen und schon mal eine Flasche Sekt herrichten - aber natürlich die billigste. Denn den Sauf freier zu spielen, war wohl das Unlukrativste, was ich mir denken konnte. Die Barfrau machte das ganz professionell, führte die Schöne an der Hand zu meinem Barplatz: »Das ist der schöne Berndt, und er möchte dich auf eine Flasche einladen«, erklärte sie ihr. Ich war entzückt von der Anmut der Kleinen, große, braune Augen sahen mich an, sie lächelte etwas gekünstelt. »Ich bin die Mira«, sagte sie leise, als sie neben mir auf einem Barhocker Platz nahm. »Du schaust gut aus, kann man mit dir eine Runde flirten?« fragte ich. »Danke, du auch, und das mit dem Flirten - probier's halt mal«, gab sie zurück. Ich hörte ganz schwach einen österreichischen Dialekt heraus. »Aha - Austria« stellte ich laut fest.
»Ich bin keine Profi-Stripperin, ich mache das nur als Urlaubsjob«, erklärte sie mir sodann weiter. »Hast du Lust, mit mir noch ein bisserl um die Häuser zu gehen, wenn du hier Feierabend hast?« wollte ich wissen und wühlte unterdessen schon in ihrem Haar. Sie war sehr ernst und scheinbar unnahbar, doch ließ sie sich alle meine Kunstgriffe gefallen. »Wenn ich an mein tristes Pensionszimmer denke, dann gehe ich lieber noch mit dir«, erwiderte sie. O. K. - das war schon mal gebongt. Sie meinte auch, daß man es mir deutlich ansehen würde, in welchem Gewerbe ich tätig sei, aber das sei ihr Wurst. Ich wartete draußen im Wagen auf sie, es war sehr kalt, und viel Schnee war gefallen. Aber meine Standheizung hatte meinen Wagen schon wohlig aufgewärmt, ich schob eine Kassette ein - natürlich Fats Domino. Sie kam aus der Bar und sprang in den Wagen. Sie warf ihren Fuchs vom Hals, weil es doch recht warm war. Ich griff ihr gleich mal vorsichtshalber ins Dekollete, befühlte nun ihren nackten, wohlgeformten Busen. Denn ich dachte mir, wenn diese Alte lange Zicken macht, und wenn nichts läuft, dann lasse ich sie gleich im nächsten Laden sitzen. Sie hielt aber still, und ich betrachtete sie nun jetzt schon als mein Opfer. Wir zogen durch zwei Frühlokale, überall traf man Jungs. Die einen mit ihren eigenen Weibern, die anderen mit Neuaufgerissenen. Es war schon Tag geworden, als wir sturzbesoffen meinen Wagen vom Schnee befreiten. Wir fuhren zu mir, und ich beugte mich erst einmal über die Kloschüssel. Steckte meinen Kopf unter den Kaltwasserhahn und putzte mir die Zähne. Sie lag schon im Bett und mimte die Schlafende. »He Baby, gleich kannst du schlafen - aber erst wird mal schön gebumst!« Ach herrje, war das eine lahme Ente, sie spreizte gelangweilt die Beine, um mich zu empfangen. Ich genoß ihren schönen Körper und dieses schöne Haar - und weil sie so unbeteiligt war, wollte ich nur meinen schnellen Orgasmus, um
dann schlafen zu können. Vielleicht bin ich so acht Minuten drauf rumgeritten - und diese acht Minuten wurden die teuersten meines Lebens. Denn irgendwann im darauffolgenden Sommer setzte sich in irgendeinem Lokal so ein schwangeres Etwas neben mich, lachte mich an und sagte: »In drei Monaten ist es soweit.« Es dauerte Momente, bis ich das Gesicht in meiner Erinnerung unterbrachte - und dann begriff ich erst den vollen Ernst der Situation. Ich sagte: »Spinnst du - was erzählst du mir hier?« Der Schock saß tief, und ich wollte das Ganze gar nicht wahrhaben. Ich lehnte es einfach ab, solche Gedanken in meine Birne zu holen - ein treffliches Beispiel von Vogel-Strauß-Politik. Kopf in den Sand - und die Situation ist einfach nicht gegeben. Na ja, nach einigem Hin und Her mit Vaterschaftsfeststellungsklagen und so weiter bin ich bis heute noch lustig damit beschäftigt, monatliche Alimente auszupacken. Ich weiß nicht, wie oft ich die Strecke München-Mannheim und zurück schon gefahren bin. Jedenfalls kam ich gerade wieder von dort. Die winterlichen Straßen verlangten immer ihre Opfer. Heute sah ich bestimmt ein Dutzend Fahrzeuge über die Fahrbahn schießen oder ihr Ende an den Leitplanken nehmen. Ein Auto mit einer Familie überschlug sich gar, aber alle krabbelten sie munter aus dem Wrack. Nachdem ich das beobachtet hatte und we iterfuhr, redete ich laut vor mich hin: »Ja - haha, ihr Penner, sicherlich mit glatten Sommerreifen auf großer Fahrt - wahrscheinlich so stier, daß keine Winterreifen mehr drin sind. Ja, du Arsch, du mußt halt deine Alte zum Anschaffen schicken - dann kannst du dir Winterreifen leisten. Aber sicher bumst sie den Nachbarn umsonst, wenn du in der Maloche bist. Ach, ihr armen Irren!« Zu Hause angekommen, klingelte das Telefon. Klara war am Apparat, mein Baby aus dem Imex. Ganz aufgeregt teilte sie
mir mit, daß mich die Bullen mit Großeinsatz suchten. Mit Foto und Haftbefehl würden sie das ganze Milieu abklappern. Was ist denn jetzt schon wieder los, dachte ich und machte mir erstmal einen schönen, starken Kaffee. Und dann kam ich ins Grübeln, überlegte sodann fieberhaft, was denn so schlimm gewesen sein könnte, daß für meine Person ein Haftbefehl erstellt wurde. Und es fiel mir partout nichts ein, was von solch großer Bedeutung gewesen wäre. Egal, ich schlafe heute nacht mal bei der Klara zu Hause, und morgen gehe ich mit meinem Anwalt zur Schmier, entschied ich. Ich rief Klara an, und wir verabredeten, daß sie heute um zwei Uhr nachts das Arbeiten aufhörte. »Ich komme dann so etwa um drei Uhr zu dir«, sagte ich ihr. Kurz vor drei fuhr ich los, es waren ja nur ungefähr zweitausend Meter bis zu ihrer Wohnung. Und ich dachte mir noch - schnell wieder runter von der Straße, rein in die Tiefgarage bei Klara. Die Gegend war menschenleer - kein einziges Fahrzeug war unterwegs. Ich raste durch fünf, sechs Straßen. Auweh-zwick - da kam einer, und der hatte Vorfahrt. Um ein Haar wäre es passiert. Wir wichen beide aus und kamen zum Stehen. Hilfe! Das durfte doch wohl nicht wahr sein - das war ja ein Streifenwagen. Also Zufälle gibt's! Beide Beamten traten an mein Fenster - mein Fensterheber summte, die Scheibe senkte sich. Relativ freundlich sagte der eine: »Guten Morgen, das wäre ja noch einmal gutgegangen!« »Ja«, erwiderte ich, »das habe ich glatt übersehen, entschuldigen Sie bitte.« »Ist schon gut, h aben Sie auch Ihre Papiere dabei?« wollte er wissen. »Klar.« »Dann fahren Sie bitte mal rechts ran.« Beide nahmen meine Dokumente und verschwanden im Streifenwagen. Na, wenn das nur gut ging, wahrscheinlich war ich jetzt geliefert. Und wieder überlegte ich fieberhaft, was der Haftbefehl wohl zu bedeuten hatte. Beim Zurückkommen waren die Herren schon nicht mehr
so freundlich. Der eine knöpfte seinen Pistolenhalfter auf, und nun kam die Aufforderung, den Wagen zu verlassen. »Sie sind vorläufig festgenommen - sind Sie bewaffnet?« Ganz scheinheilig fragte ich zurück: »Was bin ich - verhaftet? Warum, wieso?« Einer der Bullen tastete mich nach Waffen ab und führte mich in den Streifenwagen. Als wir auf der Fahrt ins Präsidium waren, waren die Herren wieder freundlicher. Sie waren wohl erleichtert, daß ich unbewaffnet gewesen war. Ganz bestimmt war über Funk die Warnung an sie ergangen -»Vorsicht, gefährlich.« Ich fragte sie, ob nicht zu erfahren wäre, warum ich verhaftet sei. »Gleich kriegen Sie in der Zentrale Auskunft darüber«, beruhigten sie mich. Klara wird sicherlich warten, dachte ich bei mir. Ich fand die Situation bekloppt, denn es war heute nacht nur ein Auto unterwegs - und das waren die Bullen gewesen. Also verrückter ging's wohl nicht. Sollte man das als Schicksal deuten? Im Präsidium angekommen, wurde ich gleich in ein Vernehmungszimmer gebracht. Mein lieber Schwan, da war vielleicht ein Leben in der Bude, das war ja unglaublich! Mindestens zwanzig Beamte in Zivil waren hier im Nachtdienst beschäftigt. Ein Penner wurde in eine Ausnüchterungszelle verbracht, ein Eierdieb legte gerade dem vernehmenden Beamten ein Geständnis ab. Eine abgetakelte Viktualienmarktdirne gab an, vergewaltigt worden zu sein. Der Fernschreiber tickte, zwei Fahnder schnallten sich den Schulterhalfter um, eine weitere Verhaftung stand an. Ein Drogendealer spielte mit seinem jungen Schäferhund - beim genauen Hinsehen entpuppte sich der Mann ebenfalls als ein Bulle. Aber, alle Achtung - toll verkleidet. Er mischte sich sicherlich so, gut getarnt, in die Münchner Rauschgiftszene. Er klebte sich mit Klebeband eine kleine Sieben-Fünfundsechziger an die Wade, stülpte das Hosenbein drüber. Dies alles beobachtete ich durch die offene Tür - aber jetzt kam einer mit einem Akt in der Hand und schloß diese Tür. Jetzt gibt es Aufklärung - dachte ich bei mir.
»Der Grund Ihrer Verhaftung ist - Verdacht der Zuhälterei, angezeigt von einer Manuela Mickel«, sagte der Typ ganz trocken. Morgen konnte ich meinen Anwalt anrufen und jetzt ab in die Zelle! So war das also, na ja, jetzt wußte ich wenigstens Bescheid. Diese elende Filzlaus. Aber wie kam das nur, nach so einer langen Zeit nun eine Anzeige? Ich konnte mir überhaupt keinen Reim darauf machen. Na ja, wir würden morgen sehen, was Sache war. Ich wurde in eine Sammelzelle geschubst, da lungerten schon sechzehn andere herum. Einer schnarchte, der nächste furzte, ein anderer haute mich gleich um eine Zigarette an. Das Elend in diesem Raum war groß - was hatte das noch mit Menschsein zu tun? Einer saß auf der Kloschüssel, und es stank gottserbärmlich. Wer die Schuhe ausgezogen hatte, gab eine Superwerbung >für deutschen Käse frisch auf den Tisch< ab. Ein graumelierter Herr erklärte mir ganz genau, daß sein Warentermingeschäft äußerst seriös geführt und daß er total unschuldig verdächtigt wurde. Ich war müde, legte mich auf so eine Wanzenmatratze und schlummerte ein, bis die Türriegel zurückgeschoben wurden und es Kaffee gab. Mit dieser Brühe hätte ich mir nicht einmal die Zähne geputzt, ganz zu schweigen, daß ich so was trank. Im Laufe des Vormittag rief man meinen Namen auf, und ich durfte meinen Anwalt anrufen. Mein treuer Baron schickte mir unverzüglich seinen Adjutanten, und dieser bemühte sich, mich rauszuholen. Aber diesmal ging nichts diesmal sperrten sich Staatsanwaltschaft und Untersuchungsrichter. Sie waren der Meinung, mein Konto sei überzogen. Das war nun eine ganz neue Situation für mich. Und der Tag war noch nicht zu Ende, da fand ich mich doch glatt im Untersuchungsgefängnis München-Stadelheim wieder. Ich ließ durch meinen Anwalt Klara informieren und ihr meine Wagenschlüssel übergeben, auf daß der Wagen bei ihr in die Tiefgarage gefahren würde. Denn schließlich hatte ich doch noch eine Waffe unter der Fußmatte liegen. Beim nächsten
Anwaltsbesuch erfuhr ich ganz genau, warum ich hier in der Patsche saß. Und das Ganze noch ausgerechnet vier Tage vor Heiligabend. Seit allerjüngster Zeit war es verboten, in der Innenstadt von München anzuschaffen. Manuela war offenbar in München geblieben und war in der City auf Kundenfang gewesen. Man hatte sie aufgegriffen und eingesperrt. Die Bullen hatten ihr sodann das Angebot gemacht, sie wieder laufenzulassen, wenn sie über den schönen Berndt auspakken würde. Und prompt ging sie auf diesen Kuhhandel ein, holte sich allerdings das Versprechen der Bullen, daß ich in Haft bliebe - weil sie um ihr Leben fürchtete. Und aus diesem Grunde war es meinem Anwalt sehr schwergemacht worden, mich wieder frei zu bekommen. Aber mein Schutzengel ließ mich auch diesmal nicht im Stich, letztlich konnte mein Baron eine Kautionssumme vereinbaren, mein Paß wurde einbehalten, und ich mußte mich nun täglich melden. Und just zu dem Zeitpunkt, als jeder einen Christstollen in die Zelle gereicht bekam, gelangte ich nach wohl zwanzig verschlossenen Türen in die Freiheit. Dieses Weihnachten fiel karg aus, denn ich mußte alles Bargeld für die hohe Kaution der Gerichtskasse auf den Tisch blättern, und mein Anwalt wollte auch ein nettes Sümmchen sehen. Aber Hauptsache, ich war frei. Ich wußte aber nun, daß für mich die Uhr tickte. Wenn ich eines Tages vor Gericht stehen würde, würde es nur so Jährchen hageln. Ich durfte Manuela auch nicht suchen, denn, wenn ich sie finden würde, konnte ich für gar nichts mehr garantieren. Anschy fuhr zu Weihnachten zu ihren Eltern. Heien kam aus Mannheim angereist. Klara schaffte auch am Heiligabend an, denn da ist ja fast keine Frau im Puff. Also gehörten ihr nahezu konkurrenzlos alle Freier, die durchs Haus streunten. Das ist ein Geheimtip - am Heiligabend gibt’s für fleißige Huren sehr viel Geld. Es gibt genug ein-
same Menschen, auch und vor allem in dieser Nacht. Viele Männer suchen in diesen Stunden auf diese Weise menschliche Kontakte. Ich war froh, als der Feiertagsrummel vorbei war; die Weiber waren auch wieder alle an ihrem Arbeitsplatz. Das Leben lief seinen alltäglichen Trott. Selbstverständlich mußte ich mich erst langsam daran gewöhnen, mich täglich bei der Polizei vorzustellen. Mit meiner Unterschrift wurde die jeweilige Anwesenheit kontrolliert. Meine Freunde fuhren zum Autorennen nach Monte Carlo, und ich konnte lediglich ihre Ansichtskarten entgegennehmen. Dann machten vier Jungs einen Afrika-SafariTrip, mir wurde das Herz schwer, nicht dabei sein zu können. Ich schenkte ihnen einen neuen Riesenkanister, ließ diesen volltanken und schrieb darauf mit Filzstift: »Ein Stück von mir soll euch begleiten, kommt gut heim, Jungs Berndt.« Ich ging täglich zum Body-Building-Training, dadurch konnte ich in einem normalen Konfektionsgeschäft überhaupt nichts mehr kaufen. Also mußte der Schneider alle meine Klamotten basteln. In einer Disco traf ich eines Abends Mandi. Der hatte ja einen Schuß dabei - Wahnsinn. Ich trank nur noch einen Piccolo, gleich aus dem Fläschchen. Das sei der einzige Alkohol, den ich trinken dürfe, hatte mir mein Body-Building-Trainer gesagt. Dann nahm ich Mandi zur Seite und fragte ihn, wie er zu dieser Übermaus käme. Sie hatte eine knabenhafte Figur, aber festes Fleis ch, und steinharte Supertitten zeichneten sich durch ihren Mohair-Pulli hindurch ab. Ein ganz knappes bayerisches Lederhöschen hatte sie an, aus rotem Veloursleder, die Taschen waren mit Eichenblättern ausgeputzt. Und, wie gesagt, das Höschen war so kurz - es hätte eher die Bezeichnung >Slip< verdient gehabt. Dann kamen braune Schenkel, weiße Kniestrümpfe und rote Pumps. Im stillen dachte ich, was die Huren doch für ein Talent haben, sich so zu kleiden, daß man ihnen sofort ihren Job ansieht. »Du, das ist die Freundin meiner Alten, die ist gerade
solo«, sagte Mandi. »Ich darf sie ja nicht angraben, sonst wird meine Alte sauer«, fügte er hinzu. »Aber probier halt mal dein Glück«, meinte er. O. K., freie Fahrt. Das wäre eine neue Partie und obendrein ein Supergirl. Ich plapperte meinen hundertjährigen Schmarr'n daher, wie schön sie sei, und daß ich solch einer Frau ja ewig treu sein könnte, und so. Und wie gut sie es bei mir hätte; das Schmalzfaß lief schon fast über. Da entgegnete sie mir, daß sie vom schönen Berndt bereits viel gehört hätte - bei dem gab's mehr auf die Ohren als zu fressen. Scheiße - ich war erkannt. Aber das störte mich gar nicht weiter, ich gab nicht auf. Mandi lachte sich hinter meinem Rücken ins Fäustchen. Ich rief ihn zur Ordnung und sagte ihm: »Sei nicht blöd, Mensch, hilf mir halt ein bisserl! Wenn ich die Alte aufstellen kann, dann bekommst du auch einen Batzen Kohle von mir.« Daraufhin wurde er deutlicher und verriet mir, wie ich an sie herankommen könne. »Die ist so blöd«, meinte er, »bei der mußt du ihre Hund' poussieren, dann klappt es.« Mandi hatte aber nicht viel Zeit, mich besser zu unterrichten, denn die Schöne kam schon wieder von der Toilette zurück. Aber ich war wenigstens schon ein wenig unterrichtet. Na ja, das muß es ja auch geben, daß man nicht auf der Stelle zum Erfolg kommt. Also säuselte ich noch ein wenig von Liebe und bat um ihre Telefonnummer. Am nächsten Tag fragte ich telefonisch an, ob ich sie besuchen dürfe. Ich brachte ihrem Dackel haufenweise Wurst mit und spielte auch eine ganze Weile mit dem Köter. Das schien ihr zu gefallen, da hatte mir Mandi wirklich einen guten Tip gegeben. »Wo arbeitest du denn, ich hab' dich ja noch nie gesehen?« fragte ich sie, und sie erzählte mir von einer Pension, nicht weit vom Stachus entfernt. »Hahaha, ich dachte, da arbeiten nur abgewrackte Omis«, gab ich zurück. Sie machte uns Tee, und ich trank dieses lauwarme Ab-
Spülwasser. Aber ich war ihr schon ganz schön an die Wasche gegangen. .. .keine Gegenwehr! Sie ließ sich von mir bumsen. Sie war sehr rein, sauber-superhygienisch, und ich glaube, ich hatte, rein optisch, noch nie so ein schönes Vötzchen gesehen. Natürlich züngelte ich mit Genuß an ihrem Kitzler, spielte gerne mit ihren kleinen, prallen Schamlippen. Stimulierte mit dem Daumen ihre Va gina - daran hatte sie Vergnügen und krallte sich in die Kis sen. Beim Bumsen ist immer der blöde Köter aufs Bett gesprungen - das war für mich der reinste Horror. Sobald ich mich unbeobachtet fühlte, gab ich dem Tier so einen mittleren Tritt, dann verschwand es zeitweise unters Bett. Glücklicherweise ergab es sich, daß die Pension, in der sie arbeitete, schließen mußte. Kirstin war verzweifelt, aber ich nicht. Denn ich hatte sowieso vor, sie nach Stuttgart zu verbringen. Da gab es traumhafte Summen zu verdienen, hatte ich von einem Freund gehört. Ich besprach dies mit Kirstin und setzte sie in den Zug nach Stuttgart, denn sie mußte alleine dort vorstellig werden. Das >Drei-Farben-Haus< (das offizielle Stuttgarter Puff) stand nämlich total unter der Fuchtel des dortigen Sittendezernats. Sie kam zurück mit der erfreulichen Nachricht, daß sie ab ersten Juni in Stuttgart arbeiten könne. Sie bekam gleich ein sündhaft teures Brillantencollier von mir geschenkt. Jetzt nämlich hatte ich ausgesorgt - Stuttgart bot die Garantie für eine Zwanzigtausend-Mark-Einnahme - monatlich. Jeden Samstag abend kam Kirstin mit dem Flugzeug, oder zwei Kolleginnen teilten sich das Taxi mit ihr nach München. Dadurch daß wir uns wöchentlich nur ein bis zwei Tage sahen, wurde sie sehr liebebedürftig. Und ich begann echt, diese Frau in den wenigen Stunden, die sie bei mir war, sehr zu verwöhnen. Sie hatte eine liebenswürdige Art, mir die Kohle zu überreichen. Sie bündelte die Geldscheine jeweils mit einem dekorativen Schleif chen. Die Hunderter, die Fünfziger, die Zwanziger, die Zehner - jedes Bündel war zudem mit einem Zettelchen versehen - einer Liebesbeteuerung, einem Herzchen oder einem Vers. Dann war auch jedes Wo-
chenende ein kleiner Gabentisch gedeckt. Es gab ein paar extravagante Slips für mich oder ein goldenes Feuerzeug, auserlesenes Herrenparfüm oder einen kleinen Perser als AutoFußmatte. Obwohl ich mich immer sehr darüber freute, suchte ich ihr einzuhämmern, sie solle mir nichts mehr kaufen, weil in wenigen Wochen mein neuer Mercedes zu bezahlen sei. Ich hatte mir das Drei-Fünfer-Coupe bestellt. Es war ein Dienstag - so um die Mittagszeit. Ich kam gerade aus dem Frühlokal, wir Jungs hatten hinten etwas abseits gesessen und gezockt. Ungefähr zweitausend Mark hatte ich verloren - und besoffen war ich wie die Sau. Ich wollte gerade mit einem Hecht ins Bett, als es an der Tür Sturm läutete. Nackt, wie ich war, öffnete ich die Tür. Meine Heien aus Mannheim stand vor mir. Ich dachte, ich träume - sollte die nicht gerade vor den Schotten stehen? »Was machst du denn da?« fragte ich ziemlich bedripst. Sie warf ihre Reisetasche in die Ecke, legte ab und war ganz ernst. »Ich muß mit dir reden«, sagte sie mit zittriger Stimme. »Ha - aber doch nicht jetzt, ich bin sturz-zu und schweinemüde«, entgegnete ich ihr. Aber ich ahnte ja schon, warum diese überraschende Anreise, warum diese Bitterkeit in ihrer Art. Sie hatte sicherlich Wind davon bekommen, daß ich noch woanders eine Alte abkassierte. Aber von welcher wußte sie? O mein Gott, dachte ich, und dieses Theater ausgerechnet heute, wo ich so fertig bin und meine Ruhe haben will. Das interessierte Heien indes nicht, und sie kam auch gleich zur Sache. »Du bist gemein, du bist mies, du...« - weiter kam sie nicht, ich langte ihr gleich eine und schrie: »So redest du nicht mit mir, verstanden?!« Aber der Streit war im Gange - und natürlich wollte mich Heien mit aller Gewalt davon überzeugen, daß sie nur aus Liebe zu mir anschaffen ginge. Ich sagte ihr, daß es eine Frechheit sei, so unangemeldet nach München zu kommen, und sie solle sich mit dem nächsten Zug nach Mannheim trollen. Sie entgegnete, sie stünde Tag und Nacht mit Auf-
putschmitteln vor den Schotten, nur um mir genügend Geld zu verschaffen. Sie würde sich nichts leisten, kaum etwas für Essen und Trinken ausgeben, wenn sie erkältet oder krank sei, würde sie halbnackt an der Tür stehen mit jedem Freier die ekligsten Sachen machen, nur um mich zufriedenzustellen. Sie konnte einem leid tun, wegen dem, was sie da sagte und wie sie um meine Liebe winselte. Ihr Gesicht war mit Schminke verschmiert, weil sie Rotz und Wasser heulte. Ich begann zu pokern, setzte meine scheinheiligste Miene auf und wollte Genaueres wissen. »Gestern ist eine Neue bei uns eingezogen«, erklärte sie denn auch, die ist aus dem Stuttgarter Haus rausgeflogen wegen irgendeiner Unkorrektheit. Und die erzählte mir, daß der schöne Berndt der Typ von der Kirstin ist.« Aha, dachte ich bei mir, also so ist das gelaufen - nein, was es doch für Zufälle gibt auf der Welt! »Ja - und?« sagte ich, »das muß doch überhaupt nicht stimmen! Du glaubst auch jeden Scheißdreck - das ist nicht wahr!« »Oh, doch«, entgegnete sie, »denn ich hab' heute nacht mit der Kirstin telefoniert.« Bumm - das saß wie ein Hammer. »Was? Was hast du?« Jetzt bekam ich einen ungeheuerlichen Haß und flippte aus. Sah ich doch die Gefahr, gleich zwei Partien zu verlieren. Ich schlug blindlings auf Heien ein, ihre Eifersucht würde mich noch wahnsinnig machen. Das Blut lief ihr aus Nase und Mundwinkeln - und dennoch war sie auf den Knien vor mir und winselte immerzu: »Bitte, nimm doch mein Geld und nicht das von der anderen!« »Du folgst ja nicht, fährst einfach hierher, ohne meine Erlaubnis - ich verlange von meiner Alten unbedingten Ge horsam!« schrie ich sie an. »Den verspreche ich dir ja, wenn du nur die andere aufgibst!« flennte sie - und eine ihrer künstlichen Wimpern, die sich losgelöst hatten, klebte an ihrer Backe.
In diesem Moment überkam mich eine Perversität ohnegleichen, und in mir wuchs ein grausamer Gedanke. Ich sagte zu Heien: »O. K. - wenn du ab sofort folgen willst wie ein Hund, dann bist du jetzt mein Hund. Los, ausziehen!« Ich warf mir meinen roten, seidenen Morgenmantel über, suchte einen Gürtel und sagte zu ihr: »Hundis müssen Gassi gehen - komm, wir gehen Gassi!« Heien wartete mit starkem Kaffee auf mein Erwachen, und sie drängte mich, daß ich schnell auf das Polizeirevier ginge, um meiner täglichen Meldepflicht Folge zu leisten. »Du besoffener Uhu, so was Hemmungsloses wie dich habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen«, meinte sie. Als ich von der Schmier zurückkam, gab es eine gemäßigte Aussprache. Aber mit meinem Kater bekam ich das Ganze geistig nicht in die Reihe. Ich dachte nur so in mich hinein, wenn Heien wüßte, daß es da noch eine Klara und Anschy gibt, die würde sich glatt vor den Zug werfen. Aber nachdem ich auf die Stuttgarter Kohle ganz sicherlich nicht verzichten wollte, redete ich nun der Heien mit Engels zungen zu, daß alle Kohle, die aus Stuttgart komme, dazu dienen würde, daß wir zusammen eine Kneipe aufmachen könnten. In jedem Falle würde ich nur sie lieben, und sie solle bald mit dem Anschaffen aufhören. Das sei mein Sinn und Zweck mit der Stuttgarter Hure, verklickerte ich ihr. Nachdem ich ja wußte, daß alle Huren der Welt den Ge danken des Aufhörens stets in ihrem Herzen tragen, hoffte ich, daß mein Vortrag Früchte tragen würde, was auch der Fall war. Denn alle Anschafferinnen, auch die abgewracktesten Strichmütter, sehnen sich nach einem Mann, der sie aus diesem elendigen Leben herausholt. Sie befreit von all dem Leid und der Schmach - nur ganz ganz wenige sind auserwählt, den Weg aus diesem Leben aus eigener Kraft zu gehen. Wir gingen schön zum Essen und dann heim, eine Runde bumsen. Heien weinte die ganze Nacht. Es war schwer für
sie zu begreifen, daß sie ihren Geliebten teilen mußte. Um elf Uhr am nächsten Vormittag ging ihr Zug nach Mannheim - ich hatte keine Lust, sie mit dem Auto hochzufahren. Klara, die dicke Nudel aus dem Imex, wurde krank und wollte sich bei ihren Eltern in Hamburg gesundkurieren. Sie ward aber niemals wieder gesehen. Na ja, auf ihre paar Mark konnte ich gut und gerne verzichten. Ich kümmerte mich auch weiter nicht um die Sache. Ein Münchner Junge hatte sich heimlich von uns abgeseilt. Er eröffnete in der Nähe von Basel einen Sauna-Club. Der Rolex-Pit, so nannten wir ihn alle, war einer von den ganz guten Jungs, und wir vermißten ihn sehr. Mandi und ich verabredeten uns, in der nächsten Woche den Pit zu besuchen. »Aber nur für ein paar Stunden, denn ich muß mich ja am nächsten Tag wieder melden«, sagte ich. »Mal schau'n, was der für geile Mädels hat, ein bißchen bumsen und dann wieder heimfahren - ja, das wird ein netter Trip.« Als das gerade besprochene Sache war, kam Falco mit drei Weibern in die Kneipe. Das Hallo war groß, nicht unbedingt wegen Falco, vielmehr wegen den Schüssen, die er im Schlepptau hatte. Unser gemeinsamer Freund, der Impresario Klaus Berenbrok, hatte heute einen Gala-Abend zum Tourneebeginn des Entertainers Salvatore Adamo veranstaltet. Und von daher hatte Falco die drei kessen Dinger abgeschleppt. Es waren zwei Schwestern mit einer Freundin, alle so um die achtzehn Jahre alt. Wir füllten die Mädels ganz schön ab, sie gaben sich recht enthemmt. Aber mir lief der blöde Sekt auch bereits zu den Ohren raus. Falco verabschiedete sich abrupt, er schleppte die zwei Schwestern ab. »Viel Spaß beim Dreier!« winkte ich ihnen nach. Die Marlies, die dritte war mir sicher - sie führte sich auf, als ob wir alleine wären. Jetzt kamen zwei Luden mit ihren Weibern an unseren Tisch. Ein kurzes Hallo, eine der Huren konnte es sich nicht verkneifen, sich laut zu äußern: »Den schönen Berndt sieht
man aber auch jeden Tag mit einer anderen.« »Ich möchte dich nicht geschenkt haben, mit deiner Untreue«, sagte die andere. Das zeigte aber bei meiner Tischdame null Wirkung - sie war gerade damit beschäftigt, halb verdeckt unter dem Tisch, meinen Reißverschluß zu öffnen. »Dann fahrt's halt heim, wenn's schon so pressiert!« meinte einer der Luden. Aber das war leichter gesagt als getan, denn ich war heute absolut, total besoffen. Heute lasse ich einmal im Leben meinen Wagen stehen - so weit konnte ich gerade noch denken. »Gleich ist Schluß hier, dann nehme ich euch mit - ich wohne ja bei dir um die Ecke!« sagte der andere. Wir zahlten, und ich schleppte mich aus dem Lokal. Wir waren vor meinem Haus angekommen, es mag so halb fünf Uhr morgens gewesen sein. Ich war, im Auto zusammengekauert, eingeschlummert, und man weckte mich. »Ja, ja aussteigen - O. K. - klar.« Ach du Mist, da war ja noch die Micki-Maus. O je, jetzt noch bumsen müssen - bei diesem Gedanken wurde ich nicht unbedingt geil. Na ja, das werden wir auch noch überstehen, dachte ich in meinem Suffkopf. Nach dem Hausschlüssel gekramt, aufgeschlossen. Ich wartete vergeblich auf den Aufzug. Ja, war denn der schon wieder kaputt? O je, jetzt auch noch in diesem Zustand Treppen steigen! Marlies trottete mir nach wie ein Hündchen. Endlich an der Bettkante angekommen, entledigte ich mich umständlich meiner Kleider. Ebenso tolpatschig zog ich Marlies aus. Schlecht war's mir, ich öffnete sperrangelweit die Fenster ich brauchte frische Luft. Aber nachdem weitgehendst mein Gehirn und meine Reflexe ausgeschaltet waren, vögelte ich die Maus stundenlang - bis mich dann schließlich mein Orgasmus vollends in das Reich der Träume holte. Drrring, Drrrring, klingelingeling, dring... Ohrenbetäubendes Kungeln an der Tür. Es hätte Tote wieder wachgeklingelt. Ich
schaute auf die Uhr, es war drei Uhr nachmittags. Mein Kopf und meine körperliche Gesamtverfassung waren jetzt noch demolierter als zu dem Zeitpunkt, da ich schlafen ging. Kein Gedanke hatte Raum, nur mein Unterbewußtsein wehrte sich gegen dieses marternde Klingeln. Nun kamen noch Klopfen und Trommeln an der Tür dazu. Es war zu schlimm, ich mußte aufstehen. Ich torkelte zur Tür und öffnete diese. Zwei Herren waren die Urheber dieses Höllenlärms. Einer drückte mich sofort zur Seite, war schon in meiner Wohnung. Der Zweite zeigte mir seine Kripo-Marke. O Alkohol, warum quälst du mich so?! Ich blicke ja überhaupt nicht durch - was ist denn nur los, um Himmels willen? Nackt, wie ich war, ließ ich mich wieder auf mein Bett fallen - und versuchte überhaupt erstmal, mein Gehirn in Gang zu kriegen. Aha - ich war alleine! also war die Maus irgendwann gegangen - O. K.! So - nun zum zweiten, was wollten die Bullen von mir? Hatte ich mich gestern nicht auf der Polizei gemeldet? Doch! Nein? - Scheiße! »Um was geht's denn?« waren nun meine allerersten Worte. Und ich hoffte, daß sie keinen Hausdurchsuchungsbefehl dabeihatten, denn in meiner obersten Schublade lagen alle meine Waffen. »Jaaaa, nix mehr hinlegen - anziehen, mitkommen!« sagte der eine Bulle. »Und wieso?« wollte ich wissen. »Sie werden doch wohl wissen, was Sie heute nacht gemacht haben!« meinte der andere. Was konnte ich heute nacht gemacht haben? prüfte ich mich selbst, so gut es ging. Und wurde in diesem Moment, trotz meines schlimmen Katers, bester Dinge. Ich empfand genau dasselbe Gefühl, welches ich auf dem Stuhl der Mordkommission erlebte, als man mich wegen Berger falsch verdächtigte. Denn ich war mir sicher, heute nacht hatte ich nichts Ver-
botenes getan. Und was ich dachte, sagte ich ihnen. »Ich habe nichts gemacht.« »Nur ein bisserl Notzucht, Vergewaltigung und so!« äußerte einer von ihnen. »Was?! ... Was? .. .was hab' ich?« fragte ich, und ich glaubte, mein Herz bleibe stehen. »Na ja, was reden wir da, anziehen, mitkommen!« befahlen sie mir. Was war geschehen??? Was mir nun auf dem Polizeipräsidium vorgehalten wurde, mußte ich erst mal für mich auf die Reihe bringen. Bevor ich dazu Stellung nahm, brauchte ich eine Zigarettenlänge Bedenkzeit - gab ich zu verstehen. Es war ein grausames Spiel, das man da mit mir spielte war ich doch momentan eine halbe Leiche. Hatte ich doch einen total verkorksten Magen, ein flaues Gefühl im ganzen Leib. Mein Mund hatte keinen Speichel, meine Zunge klebte mir am Gaumen. Ich vermochte nicht, einen klaren Gedanken zu fassen - vermutlich hatte ich immer noch ein gutes Promille im Blut. Zu alledem kam der Schock der Verhaftung, und der Gipfel des Ganzen war diese gemeine, falsche Beschuldigung. Immerhin wurde Notzucht als ein Verbrechen geahndet. Da schaute ich wieder einmal ganz schön geküßt aus. Überdies war ich fassungslos darüber, wie diese dreckige Schlampe so etwas behaupten konnte. Haha, genau besehen hatte sie sogar mich vergewaltigt - unter dem Tisch in der Disco. Zeugen hatte ich ja. »Das darf man alles nicht so eng sehen« - dachte ich bei mir. Ich drückte meine Zigarette aus und sagte dem Kriminaler, er solle mir nochmals die Vorwürfe der Zeugin Marlies Bäumler vorlesen. Sinngemäß stellte sie es so dar, daß ich sie in der Disco stark unter Alkohol gesetzt hätte, dann hätte ich sie nach Hause geschleppt. Ich hätte sie gepeinigt und geschlagen, ihr mit Gewalt die Kleider vom Leib gerissen. Sie habe sich verzweifelt gewehrt, denn sie dürfe ja, ihrem Glauben entsprechend, vor der Hochzeit keinen Verkehr ausüben. Sie sei überzeugte Zeugin Jehovas und bekäme vom
Vater immer wieder eingetrichtert, sich an die strengen Regeln und Gebote dieser Glaubensgemeinschaft zu halten. Und nun hätte das Mädel schwere körperliche und seelische Schäden davongetragen. Der Anzeigende war der Vater, das Gutachten eines Krankenhauses lag bei. Ich verlangte etwas zu trinken. Der Gönner an der Schreibmaschine spendierte mir doch glatt eine Büchse Limo aus dem Automaten. »Soso«, sagte ich, »und jetzt erzähle ich Ihnen, wie es wirklich war! Diese Drecks...«, setzte ich an und wurde gleich unterbrochen. »Nur keine Beleidigungen, Herr Lang, wenn ich bitten dürfte...«, meinte der Typ. »O. K. - O. K., noch mal von vorne. Also, da waren drei Damen in der Disco, und zwei gingen mit meinem Freund mit nach Hause. Das Fräulein Marlies blieb noch bei mir und öffnete mir die Hose, man beachte - mitten in der Disco! Zeugen dafür gibt's. Dann konnte ich vor lauter Rausch nicht mehr Auto fahren, und mein Kumpel mit Frau fuhr uns zu mir heim. In meiner Wohnung waren alle Fenster geöffnet, und Marlies hätte ja in ihrer angeblichen Not schreien können. Wenn ihre Kleidung zerschlissen ist, so kann das sein, weil ich so tolpatschig daran zerrte. Sie legte sich in mein Bett und ließ sich stundenlang bumsen. Dann weiß ich nichts mehr, weil ich eingeschlafen bin. So war es und nicht anders! Bitte, nehmen Sie dies zu Protokoll.« Das tat der Beamte denn auch, und man merkte ihm seine gemischten Gefühle an, wem er nun letztlich Glauben schenken solle. Aber das sei nicht sein Bier, meinte er, das müsse das Gericht herausfinden. Mit diesen gegensätzlichen Vernehmungsprotokollen würde ihnen indes kein Ermittlungsrichter einen Haftbefehl ausstellen. Also mußte man mich laufen lassen, es gab ja keine Fluchtgefahr - bei festem Wohnsitz. Wiederholungsgefahr gab's ihrer Meinung nach auch nicht, denn mein Vorstrafenregister wies zwar viel auf, aber dieses Delikt war nun nagelneu. Nach telefonischer Anmeldung saß ich wieder auf dem Stuhl vor dem Arbeitstisch meines Anwalts. Er glaubte mei-
nen Schilderungen zwar, doch er meinte, die endgültige Klärung sei erst bei der Hauptverhandlung möglich. Er schien mich gut zu kennen, denn er warnte mich ausdrücklich davor, dieses Mädel zu suchen. Wenn da etwas vorkommen sollte, würden sie mich sofort einbuchten, und auch er könne mir dann nicht mehr helfen. Es war schrecklich, alle Zeichen sprachen dafür, und ich spürte es innerlich: Ich war gebrandmarkt. Ich konnte in keiner Einbahnstraße mehr rauchen, ohne nicht gleich mit der Polizei in Konflikt zu geraten. Wo stand ich? Was war los mit mir? Ich fuhr gleich nach dem Anwalt zu Anschy in die Pension. Ich wollte ihre Kohle, sie wollte mit mir bumsen. Es ging nicht, ich war heute noch nicht beim Melden. »Aber danach komme ich gleich zurück«, versprach ich ihr. Allerdings wußte ich jetzt schon, daß ich heute sicher nicht wiederkommen würde. Und überhaupt war ich sowieso auf die blöde Bumserei stark angefressen. Zumindest heute. Ich wollte ganz alleine sein, wollte nachdenken oder mich zerstreuen. Was von beidem, das wußte ich selbst noch nicht. Ich fuhr zum Starnberger See hinaus, es war schon später am Abend. Auf der Promenade waren noch ein paar Spaziergänger, engumschlungene Pärchen gingen langsamen Schrittes dahin. Ich hätte auflachen können über den Quatsch, den sie sich gewiß einredeten, nämlich, sich ganz fest und innig zu lieben. Daß ich nicht lachte! Aber - was ging das mich an. Ich setzte mich auf eine leere Bank, schaute in die Nacht, starrte in das dunkle Wasser. Ich sah all die Schönheiten, auch wenn es dunkel war. Kleine, weiße Schaumkronen legten sich um die Pfähle der Bootsanlegestellen. Träge schoben sich Wolkenfetzen am Mondlicht vorbei. Ein leichter, aber frischer Wind wehte mir über das Gesicht, als schenkte er mir eine neue Haut. Ich wußte, warum ich heute derart in mich gekehrt war. Mein heutiger Anwaltsbesuch gab Anlaß dazu.
Ich war kein Träumer, eher schon ein Realis t - und es war sicher, ich würde meine Freiheit verlieren. Sie würden mich einsperren - und gewiß nicht wenig. Der Tag würde kommen, wo mich Gitterstäbe von dieser schönen Welt trennen würden. Wie viele Jahre würden sie mir aufbrummen? Wie konnte man da drinnen existieren, unter so vielen Entbehrungen? Ich merkte, daß ich kettenrauchte, seit ich auf der Bank Platz genommen hatte. Meine Gedanken jagten sich. Ich wog die Dinge ab, saß über mich selbst zu Gericht und sprach mein eigenes Urteil: »Gekniffen wird nicht, vor nichts. Jawolllll!« Heute würde ich auf den blöden Schampus pfeifen, heute würde ich Wodka saufen. Ich ging in das schöne Tanzcafe des Strandhotels. Alle Leute hier waren lustig, nur ich nicht. Ich lud die nette Barfrau zu einem Drink ein, auf daß überhaupt jemand mit mir prostete. Zwei ältere Damen saßen alleine an einem Tisch, sie wisperten und kicherten. Ich dachte mir, die können nicht einmal ihr Glas heben, soviel Klunkern haben die an den Pfoten. Na ja, die haben halt ihr Leben lang ihre Macker abgekocht, bis die in die Kiste hupften. Und jetzt spielen sie die lustigen Witwen und verdecken ihre Falten am Hals und ihre Gichtpfoten mit ein paar Karat. »Ja ja, Omis, eure Zeit ist abgelaufen«, so dachte ich. Ich war voll, die Flasche leer. Ich bezahlte und fuhr hinein - in das Nachtleben einer Großstadt. Ich ließ die Scheibe herunter, ich genoß den Fahrtwind und - daß ich lebte!
Frühlokal Ich hatte schon durch ein paar Kneipen geguckt, ich wollte eigentlich den Falco finden. Wollte ihm die Geschichte erzäh-
len von der Drecks... und der angeblichen Vergewaltigung. Vielleicht traf ich ihn im Frühlokal, also fuhr ich jetzt am besten gleich mal hin. Selbstverständlich hat München etliche Frühlokale, das heißt, Kneipen, die ab fünf Uhr früh geöffnet werden. Das ist eine Frage der Konzession, die, je nachdem, von den Ämtern genehmigt wird oder nicht. Und alles, was nachts unterwegs ist, der Underground Inbegriffen, entscheidet, welcher Laden gerade in ist. Mitten in Schwabing, in einer kleinen Seitenstraße, steht ein wunderschönes Patrizierhaus. Das Grundstück ist mit einer niedrigen Mauer umgrenzt, aus welcher herrliche Schmiedeeisen-Ranken zu einem Zaun emporwachsen. Zwei verträumte Figuren aus Granit säumen den Eingang des stets offenen Tores, viele Jahrzehnte liehen diesen Figuren eine schmuddelige Patina. Der Keller des Gebäudes ist zu einem Frühlokal ausgebaut worden, das schick und teuer eingerichtet ist. Es hat eher Clubcharakter - es kommt auch nicht jedermann rein. Ein Spion ist in der Tür angebracht und der Kennerblick dahinter entscheidet über den Einlaß. Die Belegschaft dieses Ladens weiß, was sie den etablierten Nachtschwärmern schuldig ist. Gewisse Leute finden jederzeit Einlaß, nicht erst ab fünf Uhr früh. Und die Zuhälter samt Huren gehörten zu jenen gewissen Leuten. Als ich vorgefahren kam, sah ich schon einige Fahrzeuge von den Jungs geparkt. Das mit den Parkplätzen war hier immer schwierig, also standen wir auf Gehsteigen oder auch in zweiter Reihe geparkt. Aber wie oft war es schon vorgekommen, daß wir vor lauter Feiern, Saufen oder Zocken die Zeit vergaßen. Draußen pulsierte dann der Alltag - und unser Auto war abgeschleppt. Nachdem mir das schon viermal passiert war, war ich von der wilden Parkerei bedient. Ja Wahnsinn - heute hatte ich Glück. Ein Superparkplatz
direkt vor der Tür war frei. Da mußte vor wenigen Minuten erst einer weggefahren sein. Ich leitete meinen Parkvorgang ein und wollte gerade in die Lücke zurücksetzen. Als ich durch das Heckfenster sah, dachte ich, mich knutscht ein Elch. Ein VW -Bus fuhr rasant von vorne schräg in meine Lücke. Bremsen quietschten, lauter animierte Leute sprangen aus dem Bus, fünf Männer und eine Frau. Das ist doch wohl nicht dein Ernst? dachte ich bei mir und sprang aus meinem Wagen. »Ja, ihr Erzidioten - wollt ihr nicht gleich meinen Parkplatz freimachen?!« schrie ich und ging auf sie zu. Die Gesellschaft war schon im Begriff, in das Lokal zu gelangen. Sie lachten mich regelrecht aus, und einer meinte: »Was willst du? Deinen Parkplatz? Mach mal die Augen zu, dann siehst du, was dir gehört!« Womm - das traf mich ungemein. So eine unverschämte Beleidigung - das war schon der Gipfel. Aber noch dazu dieser abgewichste Spruch - jetzt reichte es mir aber. Das waren auch wieder so Typen, die einfach nur die Sprache aus der Schulter verstanden. Mein Wagen stand immer noch mitlaufendem Motor in zweiter Reihe. Ich kriegte den frechen Hund zu fassen, wollte ihn am Hals schütteln- da kamen alle auf mich zu. Auch die Frau. »Bürschchen, dich haben wir gleich zerlegt!« ... Und das sagte einer zu MIR - Wahnsinn, jetzt langte es. Ich sprang behende fünf, sechs Sätze zurück zu meinem Wagen und öffnete den Schlag. Meine Gegner dachten wohl, dies wäre mein Rückzug. Aber da irrten sie sich gewaltig. Ich holte unter meiner Fußmatte meine Plempe, Fabrikat Walther - neun Millimeter, hervor. So! Und nun war ich der Chef im Ring geworden. Dementsprechend waren jetzt auch meine Sprüche. »So, so, zerlegen wollt ihr mich? Schaut mal her, was ich da habe!« Es war schier unglaublich, wie diese illustre Gesellschaft urplötzlich zu Salzsäulen erstarrte. Alle standen sie da, krei-
debleich und mit weit aufgerissenen Augen - in ihren Bewegungen innehaltend. Die Frau ließ gleich ihre Handtasche fallen- sie bückte sich nicht danach. Es herrschte Totenstille in diesem Straßenabschnitt, nur der Motor meines Wagens surrte gleichmäßig vor sich hin. Ein ganz vorsichtiges Grau löste nun die Nacht ab, und im nahegelegenen Park begann der erste Vogel zu zwitschern. Noch hielt ich den Lauf der Waffe gen Himmel gerichtet. Das Klicken meines Durchladens brachte wieder Leben in die Szenerie. Alleine das >Klick-Klick<, wenn man den Schlitten zurückzieht und wieder nach vorne gleiten läßt, ist ein erhebender Moment für den, der die Waffe bedient. Aber der andere, der dieses Ge räusch ebenso vernimmt, ist fertig. Er weiß - eine Kugel ist im Lauf - und er kann nur noch mit dem Teufel pokern. Dieser sein Atemzug kann sein letzter sein. Ich richtete meine Puste mit einem leichten Schlenker aus dem Handgelenk gleichmäßig auf alle. »So und jetzt zeige ich euch mal, wie Neun-Millimeter-Löcher aussehen! Jetzt stellt euch da mal schön am Mäuerchen auf - ja, so ist's brav.« Mit erhobenen Händen hielten sie sich rückwärts an dem schmiedeeisernen Blattwerk fest und traten von einem Fuß auf den anderen. Einer faßte seinen ganzen Mut zusammen und begann zu sprechen: »Spinn nicht, es ist doch schon gut -wir wollen nichts von dir.« Mir aber begann die Sache Spaß zu machen. Erst recht frech und dann Blut schwitzen! Es war wirklich lustig, wie Hampelmänner zuckten da diese Trauerfiguren herum, schön aufgereiht und folgsam. Meine Perversität kam wieder durch - die immer nur dann durchdringt, wenn man mich vorher in ein seelisches Tief gelockt hat. Ich begann also, meine schlauen Sprüche fortzusetzen. »Nun, nun, ihr wolltet mich doch zerlegen! Aber jetzt erkläre ich euch, daß es genau umgekehrt kommt. Die Sache mit den neun Millimetern schaut folgendermaßen aus. Vorne gibt es ein kleines Loch nämlich neun Millimeter im Durchmesser - und hinten, da, wo das Projektil wieder austritt, da zerfranst es euch faustdick!« Es war nun für mich eine richtige Gaudi geworden,
diesen Arschlöchern Ballistikunterricht zu erteilen. Sie sahen gebannt auf die Mündung meiner Waffe und begannen alle; auf mich beruhigend einzureden. »Na, schön«, sagte ich schließlich, »dann packe ich das Ding wieder weg.« Ich legte die Kanone zurück unter die a Fußmatte des Wagens, schaltete den Motor ab und verschloß mein Fahrzeug. Also blieb es in der zweiten Reihe stehen. Als ich gerade das Schloß der Zentralverriegelung drehte, trat ein Kumpel von mir aus dem Lokal. Ich ging in Richtung Eingang, da wurden die soeben noch Ängstlichen abermals bedrohlich. Jetzt wollten sie Rache üben, nachdem ich ja wieder unbewaffnet und augenscheinlich alleine war. Aber mein Kumpel bekam die Lage richtig mit - ging wieder zurück ins Lokal und erzählte den Jungs, daß der Berndt draußen Ärger hätte. Und genau in dem Moment, da ich bitterlichst aufgemischt werden sollte, kam ein Rudel Loddeis aus der Kneipe. Ohne Ansage, ohne ein Wort der Verständigung schlugen die Jungs auf diese Typen ein, es war sofort eine furchtbare Schlägerei im Gange. Ich aber krallte mir den einen, der zuvor besonders unverschämt gewesen war. Und auf daß er nicht mehr so flotte Reden schwinge, haute ich ihn auf die Schnauze. Ein Mädel unserer Zunft mischte gleich das blöde Weibsbild auf. Es bekam also jeder sein Fett weg - und so gut sie noch konnten, liefen diese Wichser in alle Richtungen davon. »So, das war ein schönes Morgentraining«, meinten die Jungs und gingen wieder zu ihren Getränken zurück. Ich bat einen von ihnen, meinen Wagen wegzufahren und die Waffe vorläufig in seinem Auto zu verstecken. Man wußte ja nicht, ob die nicht gleich mit den Bullen zurückkamen. Ich hatte mir leider wieder meine alte Verletzung zugezogen, denn ich schlug meistens den Kontrahenten in die Zähne. Und dabei schlitzte ich mir immer wieder meinen Handrücken auf. Auch heute wieder. Also brachte mich ein anderer schnell in die Nußbaumklinik zum Nähen. Da steht doch einer, den ich kenne - dachte ich bei mir, und tatsächlich war das einer von den frechen sechsen. Aus
dem Augenwinkel läuft ihm Blut, er wird gerade zum Verarzten geführt. Mit dem noch sehenden Auge erkannte er mich und fing gleich zu winseln an: »Ich bin selber Arzt dieser Klinik - hier ist neutrales Territorium, bitte nicht mehr schlagen!« Seine Kollegen im weißen Kittel wunderten sich über seine Angst und brachten ihn fort. »Dem hat der Karl gleich seine Brille ins Auge gedrückt«, flüsterte mir mein Begleiter zu. Na ja, das kommt davon, dachte ich. Ich streckte meine Linke hin, auf daß mir fünf Nähte wieder alles zusammenhielten. Der Verband stank nach Jod, und kurz darauf saßen wir alle wieder vereint, als ob nichts gewesen wäre, im Frühlokal - obwohl es bald Mittag wurde. Ich fragte meinen Kumpel, wo mein Wagen stehe, pfiff mir noch eine Bloody Mary rein und ging - denn ich hatte jetzt etwas Wichtiges zu erledigen. Ich fuhr in die City, parkte diesmal ohne Schlägerei. Ging in ein großes Kaufhaus, und zwar in die Spielwarenabteilung. »Was wünschen Sie?« fragte eine rundliche, kleine, freundliche Frau. »Zeigen Sie mir bitte alle Spielzeugpistolen, die Sie auf Lager haben«, gab ich zur Antwort. Sie zeigte mir das ganze Repertoire, mit und ohne Knallblättchen-Verwendung, und so weiter. Doch ich hatte schon gefunden, was ich wollte. Die Verkäuferin konnte ja meinen gezielten Wunsch nicht erraten. Aber, wie gesagt, ein Stück zog mich sofort an. Mein Interesse galt einer Spielzeugpistole, die meiner Original-Waffe sehr ähnlich sah. Daß dieses Ding aus Kunststoff gepreßt war und obendrein noch als Wasserspritzpistole funktionierte - besser ging's nicht mehr. Vierundzwanzig Mark zahlte ich für diese gefährlich aussehende Erfrischungs-Puste, und ich war es sehr zufrieden. Und mein Instinkt gab mir recht. Denn wieder einmal klingelte es Sturm an meiner Tür. Und ich hätte jeden Betrag gewettet - da klingeln die Bullen. Nur
dieses Mal war ich vorbereitet, öffnete freundlich und tat ganz erstaunt: »Ja, was ist denn jetzt schon wieder los?« fragte ich scheinheilig.« : »Haben Sie einen Wagen mit dem amtlichen Kennzeichen M-LA 1500, und wo steht dieser jetzt?« wollten sie wissen. Ich mußte wieder einmal in mich hineinkichern, denn ich wußte ja, wenn's um Waffen ging, wurden die Bullen ganz schön nervös. Ich stellte mich dumm.« »Ja, mein Wagen steht in der Tiefgarage - warum?« ... »Dürfen wir uns den einmal näher anschauen?« entgegneten sie. »Selbstverständlich.« Und wir gingen zusammen hinunter. Einer verlangte den Schlüssel des Wagens bereits im Aufzug. »Bitte schön« - ich gab diesen aus der Hand. Der Beamte mit dem Schlüssel sperrte die Fahrertür auf und warf gleich meine Fußmatte zur Seite. Seine Augen glänzten, als er die Waffe fand. Genüßlich griff er danach, aber als er sich aus seiner Hockstellung wieder aufrichtete, war der Gute ganz schön fertig mit der Welt. Er hielt eine Plastikpistole in der Hand. Er brauchte aber letztlich noch den Beweis, ob da auch wirklich Wasser raus kam. Er spritzte also einen feinen Strahl Wasser an den grauen Beton der Tiefgarage - und ihm stand die Enttäuschung direkt ins Gesicht geschrieben. Immer noch tat ich so, als sei ich der Boß aller Unschuldsengel, und fragte nun höflichst: »Ist das denn drin bei euch, zwei Beamte abzustellen, um Spielzeug zu besichtigen?«... Sie fuhren ganz dienstlich fort: »Ja, so ist das nun auch wieder nicht, es liegt uns schon eine ganz massive Anzeige vor, Herr Lang!« »Das müssen Sie mir schon näher erklären«, meinte ich. Aber die Herren zückten nur ein Stück Papier, das sie berechtigte, Wohnung, Keller und Auto zu durchsuchen. Sie gingen peinlichst genau ihrer Aufgabe nach, ich würde danach Anschy anrufen müssen, daß sie hier gleich wieder alles in Ordnung brachte.
Aber keine Waffe wurde gefunden oder was hätte auf eine solche hinweisen können. Ja - da hatte ich doch sehr, sehr recht, meine Vorkehrungen zu treffen. Ich hatte nämlich all mein diesbezügliches Hab und Gut in einen verschließbaren Koffer verstaut und diesen unten, beim Kaufmann, abgestellt. Trotzdem sollte ich am anderen Tag, pünktlich um elf Uhr, ins Präsidium kommen, auf daß ein Protokoll ausgefertigt werden konnte. Ach, was war ich es schon langsam leid, immer und ewig diesen Weg zu gehen! Ich nahm mir selbst die Handschiene ab und den Verband - diese paar Stiche ließen sich leicht durch ein unauffälliges Pflaster überkleben. Auf diese Weise sah es nicht ganz so wild aus, wenn ich morgen wieder von den Bullen mit Argusaugen abgetastet werden würde. Ich kam eine Stunde zu spät, aber ich sollte trotzdem dableiben, wenn ich nun schon mal da sei - hieß es. »Kommen Sie gleich mal hier herein«, wies mich ein Beamter an. »Ich lese Ihnen gleich vor, was Ihnen zur Last gelegt wird. Am dritten, dritten haben Sie sechs Personen mit einer scharfen Waffe bedroht und wortwörtlich gesagt: Jetzt zeige ich euch mal, was neun Millimeter für Löcher ergeben. < Anschließend haben Sie die Waffe wieder in Ihrem Auto verstaut und begingen mit acht anderen Männern, gemeinschaftlich handelnd, mehrere Körperverletzungen.« »Hm - und jetzt sage ich Ihnen was - erstens war das eine Wasserpistole, und zweitens ist das überhaupt nicht mein Wortschatz - von wegen, >was neun Millimeter für Löcher geben<, so etwas habe ich nie gesagt!« Und ich hatte noch die Frechheit, dem Beamten weiszumachen, daß ich die sechs Leutchen total naßgespritzt hätte. Der Beamte war ratlos, hatte er doch über dies den Bericht der gestrigen Durchsuchung vorliegen. »Nichts gefunden da kann man nichts machen«, meinte er. Zudem war ja auch kein Schuß gefallen. Also war es möglich, daß die Theorie mit der Wasserpistole zu meinen Gunsten anerkannt wurde. »Aber - hier hätten wir noch die Körperverletzungen!«
»Ja ja, dazu gebe ich keine Stellungnahme ab - erstens war es Notwehr, und zweitens sage ich ohne Anwalt überhaupt nichts...« DAS war's dann wohl - Auf Wiedersehen. Er sah mir gedankenverloren nach und murmelte:»... Auf Wiedersehen, ganz sicher!«
Der Autounfall Mit Nagelschere und Pinzette zog ich mir selbst die Fäden, goß mir einen Schluck Whisky über den Handrücken - und fertig war der Lack. Ich hatte der Heien versprochen, heute nach Mannheim zu kommen, weil sie Geburtstag hatte. Ach du Sch... - ich hatte noch kein Geschenk für sie. So telefonierte ich den Münchner Schwarzmarkt ab, Hehler und Eierdiebe, ob sich ein schönes Schmuckstück wohlfeil finden ließe. Nicht lange danach stand schon jemand vor meiner Tür, breitete alsbald ein schwarzes Samttuch auf meinem Tisch aus. Ungefähr zwanzig Schmuckstücke strahlten mir in ihrer Herrlichkeit entgegen. Ich griff zielsicher sofort nach dem schönsten Stück - einem Ring vom Feinsten. Eine gewundene Schlange in achtzehn Karat, der Kopf war aufwendig mit Brillanten besetzt. Der Anbieter schwor mir fast auf Knien, daß diese Steine reinste Blue-River seien und zusammen zirka zwei Karat ausmachten. Es war ein kurzer Kampf, aber ein bitterer für den anderen, denn ich bot zwei Riesen dafür und keine Mark mehr. Er war kurz vorm Heulen, aber das Geschäft war gemacht. Dieses Stück hatte der Juwelier gewiß nicht unter sechstausend aus der Hand gegeben. Und wieder war ich auf der Autobahn nach Mannheim, heute, am Wochentag, war viel Verkehr. Aber keine Baustellen - das hob sich dann also wieder auf. Ich konnte sowieso nur noch kurze Ausflüge unternehmen, meine tägliche Meldepflicht ließ nichts anderes mehr zu.
Als ich ankam, fiel mir Heien schon besoffen um den Hals, sie feierte bereits seit Mitternacht mit ihren Kolleginnen. Die Freude war groß über mein Mitbringsel. Am Mittelfinger paßte der Ring. Ein schneller Geburtstagsbeischlaf und ein hastiges Essen irgendwo in der Stadt - und schon machte ich mich wieder auf den Heimweg. Denn ich hasse besoffene Weiber - oder auch zugepillte. Die Kohle hatte ich geschnappt, was wollte ich mehr. Das Telefon klingelte, als ich gerade die Tür aufsperrte. Mandi war am Apparat - man hatte ihm heute nacht den Führerschein genommen. Immer der Sch.. .-Alkohol. Aber er hatte schon gestern mit Rolex-Pit telefoniert und unseren Besuch für heute abend angesagt. »O. K.« sagte ich, »ich komme zwar gerade von großer Fahrt aus Mannheim, aber wir fahren trotzdem. Denn verabredet ist verabredet und - aus - Schluß - basta.« Ich ging unter die Dusche, packte, wie immer, eine zweite Garnitur Klamotten ein. Entweder kippte man sich mal einen Drink drüber, oder eine Schlägerei zerriß die Erstausstattung. Deshalb nahm ich immer eine zweite Minelli mit. Ich warf meinen knöchellangen Black-Diamond-Nerzmantel auf die Rücksitze und fuhr zum Polizeirevier. Es war schon dunkel geworden, als ich Mandi in der Stadt abholte. Quietschvergnügt befanden wir uns bald darauf auf der Autobahn. Mandi erzählte mir nochmals ausführlich, wie er sich aufgeführt hatte, als man ihn zur Blutprobe brachte. Ich begann zu gähnen, verspürte leichte Müdigkeit. Ich stellte die Heizung runter, öffnete etwas mein Fenster aber im Nu war es kalt geworden. Also - Heizung wieder voll auf, Fenster zu. Dann öffnete ich per Knopfdruck das elektrische Schiebedach - ja, so war es angenehm. »Wenn
wir da so um elf Uhr ankommen, ist das genau richtig«, sagte ich zum Mandi und bog von der Autobahn ab. Nun begann ein längeres Stück Landstraße, quer durch den Schwarzwald. Mandi meinte, es spiele doch keine Rolle,
wenn wir auch eine Stunde später ankämen. »Die Weiber laufen uns ja nicht weg«, äußerte er. Schließlich befänden wir uns auf einer Landstraße mit Geschwindigkeitsbegrenzung hundert. »Ja - pro Person!« gab ich ihm zur Antwort. Das war auch das letzte, was ich sagte - ... was ich weiß. Ich schlief in dieser Sekunde, bei voller Fahrt, ein. Mein Unterbewußtsein übermittelt meinem Ich eine Vision: Eine Weggabelung ist aufgetaucht. Leicht nach links geht ein Feldweg ab, schön breit zum Weiterfahren, inmitten einer unendlich großen, wunderschönen blühenden Wiese. Nach der Wegscheide verläuft rechts weiterhin der Asphalt, der mich an mein Ziel bringen soll... Das war das letzte Bild, das ich mitnahm aus meinem irdischen Dasein, von diesem wunderschönen Erdball, den ich, jung und voller Lebensfreude, wie ich war, so sehr liebte. War dies der Augenblick des Todes? Ich bin im Jenseits - mit diesem einzigen Schritt, den ich hinübergetan habe, bin ich allwissend. Der >Chef<, so laßt mich ihn nennen, erteilt jedem, der drüben anlangt, umgehend die absolute Gleichberechtigung. Doch nicht nur der belebten Kreatur, nein. Jedes Sandkorn, das sich irgendwann in nichts zerreibt, jedes Atom, jedes Teilchen, und sei es auch noch so klitzeklein, wie es sich ein Menschenhirn gar nicht auszudenken vermag, sie alle werden im Jenseits allwissend. Alle Nöte, alle Fragen, jeder Kummer, jede Krankheit, jedes Glück werden mit diesem einen Schritt nach drüben erklärt. Ich bekomme Aufklärung über alles - es ist wunderbar, tot, unvorstellbar schön, endlich nach drüben gelangt zu sein. Nicht daß du drüben deinen Bruder treffen würdest. Das ist eine menschliche Vorstellung. Denn da drüben ist alles eins... Ziemlich widerwillig kam ich zurück, mein >Sein< nahm wieder völlig irdische Dinge wahr. Ein Sanitätsauto beeilte sich, mich in eine Klinik zu bringen, ich fand mich auf einer Bahre wieder, und das Tatü-tatü lieferte mir den akustischen Beweis -ich lebte. Ich erlebte allerdings alles nur geistig, spürte keinen Körper, keinen Schmerz. Zwei Sanitäter oder Not-
ärzte zurrten die Bahrenriemen fester. Mandi saß neben mir. O Gott-jetzt erst kam mir, was passiert war. Wir hatten einen Unfall gehabt! Und ich kannte den genauen Ablauf des Geschehens. Ich nahm nicht den Feldweg, den es wirklich gibt, ich nahm auch nicht die Straße. Ich fuhr vielmehr zielsicher an den einzigen Baum, den es entlang dieser Straße gibt. Die Polizei brauchte mir das nicht zu sagen, ich wußte es jetzt schon, daß ich mit exakt Hundertvierzig frontal daraufzugefahren war. Später erfuhr ich, daß der Tacho bei dieser Geschwindigkeit stehengeblieben war. Mandi schoß mit der Frontscheibe weit über die Straßenböschung in eine weiche Wiese. Ich aber blieb im Wagen. Und, nicht angeschnallt, flog ich, einem Tennisball gleich, durchs Wageninnere, um mich in Ruhestellung auf dem Rücksitz wiederzufinden - alle Türen waren auf. Ich kroch raus, so gut es ging, und schrie nach Mandi. Der meldete sich prompt von irgendwoher - damit wußte ich, daß er noch lebte. Ich konnte meinen Kopf nicht mehr heben, und so krallte ich mich am Straßenrand ein - zog den Kopf gleichsam hinten nach. Ich wollte Mandi zu Hilfe kommen... Und dann ging ich für ein Weilchen >hinüber< Die Ärzte stellten einen Genickbruch fest sowie Brüche des dritten und siebenten Brustwirbels. Ein ganzer Stab von Ärzten und Professoren der Medizin stand um mein Lager herum, und sie waren mit ihrem Latein am Ende. Denn: Der Bruch des Atlas ist tödlich - und die Brüche des dritten und siebenten Wirbels bedeuten Ganzlähmung. Ich bekam ein Kinngeschirr, welches über Rollen mit fünf Kilogramm Gewicht meinem Kopf ständig vom Körper zog. Also machte ich es mir mal für einige Zeit hier gemütlich am Rande des Schwäbischen Jura - nämlich in der Chirurgischen Abteilung des Tuttlinger Krankenhauses. Meine Eltern wurden sofort verständigt, und sie kamen auch umge-
hend angereist. Meine Mutter beugte sich über mich und weinte bitterlich. »Bitte, bewege dich nicht, jede Bewegung kann immer noch tödlich sein, sagten mir die Ärzte - mein Junge.« Ich konnte ja nicht reden, aber ich dachte bei mir - wenn ihr nur alle wüßtet, wie schön es ist, wenn man tot ist. Jeder, der an mein Bett trat, meinte, wie sehr ich doch Glück gehabt hätte. Ein Professor kam angereist und fragte mich - ob ich die Zehen bewegen könne? Ich verstand ihn zwar, konnte ihm dies aber auch nicht sagen - so bewegte ich halt meine Fußzehen. Der Gute war fix und fertig - wollte gar an Wunder glauben, da er ja meine Röntgenbilder kannte. Also war ich weder tot noch querschnittsgelähmt - ein Pfarrer kam und gab mir dennoch vorsichtshalber die letzte Ölung. Ich glaubte, Salbe und Salz auf meinen Lippen zu spüren, sein Sprüchlein war sehr feierlich. Nur- seine Story vom Himmel und dem lieben Gott, der jeder Seele gnädig ist, mit dieser Interpretation lag er bei mir wohl ein bißchen verkehrt. Aber wenige Tage später verwischten sich mein Wis sen und meine Gedanken über das Jenseits - die Sperre für alles Irdische war wieder eingerastet. Der Pfarrer war also in meinem Fall zu früh am Wirken gewesen. Nun wurden auch wieder normale menschliche Bedürfnisse wach - das Egozentrische fraß wieder Raum. Jedes Krankenhaus hat eine >Gipswerkstatt<, und die Spezialisten der >Gipswerkstatt< des Tuttlinger Krankenhauses fertigten mir eine Gipsschale an, damit mein ganzer Körper in Ruhestellung versetzt werden konnte. Als dies geschehen war, hätte ich jederzeit als ägyptische Mumie ins historische Museum gestellt werden können. Meine Zugmaschinerie am Kinngeschirr wurde entlastet, das Gewicht auf zwei Kilo reduziert. So war es mir auch wieder möglich, den Mund zu öffnen und sachte zu sprechen. Nun stellten sich Schmerzen ein, Hunger und Durst - der Prozeß der Wiedergenesung begann. Aber es sollte bis zur Gesundung noch sehr viel Zeit vergehen, nämlich fast auf den Tag genau - ein Jahr. Jetzt ließen die Ärzte auch die Polizei an mein Krankenlager, die Be-
amten wollten fürs Unfallprotokoll einiges von mir wissen. Natürlich waren die Polizisten davon in Kenntnis gesetzt, daß ich einer täglichen Meldepflicht unterlag - aber diese war nun selbstverständlich für die Zeit meines Krankenhausaufenthaltes außer Kraft. Mein Körper, oder besser gesagt, meine zerschmetterten Knochen, begannen zu heilen, die Kallusbildung war auf neuerlichen Röntgenbildern schon zu erkennen. Aber mein psychischer Leidensweg erfuhr Woche für Woche, Monat für Monat eine Steigerung. Ich mußte wieder lernen, meine Arme zu bewegen, meine Hände sollten greifen. Man gab mir einen Wattebausch, den ich zusammendrücken mußte, es ging von Tag zu Tag besser. Eingeschalt, wie ich war, hätte ich ein Vermögen dafür bezahlt, mich einmal nur da oder dort kratzen zu können. Man gab mir einen Spiegel in die Hand, mit Hilfe dessen ich meine Umwelt, den Raum, in dem ich lag, erleben durfte. Mein Blick war doch ansonsten >einzementiert<, nur an die Zimmerdecke gerichtet. Nach einigen Tagen war übrigens Mandi an mein Bett getreten und hatte mir berichtet, welche Verletzungen er davongetragen hatte: Rippenprellungen, eine Halswirbelverrenkung, einige Schnittwunden im Gesicht und am Handgelenk. Er würde heute entlassen, sagte er mir, und er würde sofort die ganze Münchner Szene von unserem Unglück in Kenntnis setzen, samt allen meinen Weibern. Er sagte noch, wie froh er sei, daß doch alles einigermaßen glimpflich ausgegangen wäre. Und dann fuhr er mit dem Zug nach München. Ein fremder Mann stand vor meinem Bett, und ich besah ihn mir mit Hilfe meines Spiegels. Er sei hier in der Nähe der Stadt ein Bauersmann, sagte er. Habe an der Straße außerdem eine Werkstätte für Traktoren und Landmaschinen. In einer seiner Hallen stehe mein Autowrack, nachdem es von den untersuchenden Behörden freigegeben worden sei. Er bot mir an, das Fahrzeug so lange bei sich stehenzulassen, bis ich wieder ganz gesund wäre und mich diesem Problem widmen könnte. Egal, wie lange es auch dauern würde. Das alles selbstverständlich kostenlos, und er wünsche mir gute Bes-
serung. Mein Herz wurde warm bei diesen Worten. Und ich verbrachte Wochen damit, darüber nachzudenken, was es doch für wunderbare Menschen gibt auf dieser Welt. Hatte ich denn das wirklich mein ganzes Leben lang übersehen?? Die Ärzte, das gesamte Pflegepersonal, fremde Menschen - alle waren sie gut zu mir und Tag und Nacht für mich da. Ein neues Gefühl für meine Mitmenschen erwachte in mir. Der Bauer hatte mir gesagt, daß mein Auto zum Wegwerfen sei. Es war mein erstes Fahrzeug, ohne Vollkasko-Versicherung. Also waren auch beträchtliche Märker zum Teufel. Na ja - wir würden sehen, erst mal wieder gesund werden, erst mal wieder auf die Beine kommen. Ich hätte ja eigentlich zufrieden sein können, man löffelte mir leichte Nahrung ein, mir wurde der Arsch abgewischt doch dieses Elend, meine Notdurft im Bett verrichten zu müssen, war grausam. Ich wurde rasiert, und alle freien Hautstückchen wurden gewaschen. Nach und nach wurden die Pillen weniger, die ich schlucken mußte, und auch die Flaschen mit Venen-Anschluß verschwanden. Mandi war übrigens gerade zwei Tage entlassen, als meine Heien aus Mannheim an die Zimmertür klopfte. Ich sah sie in meinem Handspiegel eintreten, sie kam an mein Bett und war erschüttert. Sie weinte lange und still, streichelte, unterdrückt schluchzend, meine Hand. Das erste, was sie sagte, war: »Ich hab' viel Geld dabei!« Natürlich konnte ich fast gar nicht darauf reagieren, aber diese Worte riefen in mir Signale wach. Wie war das doch vorher? Ja, Geld mußte ich immer haben, um mein Leben zu leben. Und jetzt? Jetzt bin ich schon froh, wenn meine Knochen wieder zusammenwachsen - wenn ich nur schon wieder aus eigener Kraft auf die Toilette gehen könnte. Wie herrlich bescheiden ich sein konnte! Heien hatte sich für zwei Tage in der Stadt ein Hotelzimmer genommen, sie wollte am liebsten dableiben, bis ich genesen bin. Aber ich erklärte ihr mühselig, daß ich für dieses Unglück würde ein Vermögen auspacken müssen. Ich war nämlich nicht krankenversichert. Immer öfter kamen die
recht ernst dreinschauenden Damen der Geschäftsstelle der Klinik an mein Bett. Jede Tablette, jedes Röntgenbild, jedes Kilo Gips - der Chefarzt bis zur Schwester - alles wurde mir fein säuberlich in Rechnung gestellt. Und diese Rechnungen stapelten sich nun in meiner Nachttischschublade. Außerdem hegte ich seit kurzem den Wunsch, nach München verlegt zu werden. Der Hubschrauber mußte dann aber auch aus eigener Tasche bezahlt werden. Ganz zu schweigen davon, daß alle vierundzwanzig Stunden mein Bett mit hundert Mark in Rechnung gestellt wurde. »Du mußt Tag und Nacht stehen, Baby, jetzt bin ich noch teurer geworden als vorher«, sagte ich der Heien. Sie mußte nun gehen, morgen durfte sie aber schon wieder ganz früh am Tag zu mir. Ihr Besuch hatte mich sehr gefreut - und hatte mir Kraft gegeben; doch es waren anstrengende Stunden, ich schlief erschöpft ein. Am nächsten Tag brachte sie mir einen Riesenstrauß Blumen mit und ein Stofftier, welches sie mir ans Fußende des Bettes band. »Da kannst du es mit deinem Spiegel immer sehen und an mich denken«, meinte sie. Wir Sprachen noch über einiges - auch darüber, daß sie mit meinen Eltern in Kontakt bleiben solle. ... »Und bitte, komme erst in einem Monat wieder, wenn du genug Kohle hast!«... Mandi härte das Zeug dazu gehabt, ein Top-Manager zu sein, denn er verstand es offensichtlich sehr gut, meine Weiber alle zeitlich exakt einrasten zu lassen. Er schickte mir ein Telegramm, und ich war mächtig stolz, dieses schon selbständig, ohne fremde Hilfe, öffnen zu können. Ich hielt es mit beiden Händen senkrecht in die Höhe - und las. »Lieber Berndt, alle erforderlichen Schritte eingeleitet, du erhältst reichlich Besuch. Stuttgarter-Kirstin kommt dieses Wochenende. Anschy ist spurlos verschwunden. Viele Grüße von allen - gute Besserung.« Es nahte das betreffende Wochenende - Kirstin besuchte mich. Sie sah das alles ziemlich cool, ich war überrascht, wie sachlich sie unser Problem aufarbeitete. Dieses Luder hatte sich doch glatt meine Abwesenheit zugute kommen lassen.
Sie trat ins Zimmer in einem beigefarbenen, neuen Lederkostüm - selbstverständlich Maßanfertigung. Ihre langen, kastanienfarbenen Haare waren dazu ein augenfälliger Kontrast. Sie habe schon mit den Ärzten gesprochen, wann ich transportfähig sei. Sie wolle, daß ich so schnell wie möglich in eine Münchener Klinik verlegt werde. Sie meinte, da könnten mich dann alle Freunde und Jungs täglich mit dem Feinsten betreuen. Ich fand diese Idee nicht schlecht, sagte ihr aber gleichzeitig, daß leider alles eine Kostenfrage sei. »Das macht nichts, wenn's weiter nichts ist!« äußerte sie, und dann holte sie die Rechnungen aus meiner Nachttischschublade. Und, ehe ich mich's versah, war mein Baby aus dem Zimmer. Als sie zurückkam, hatte sie alle Details mit der Klinik-Geschäftsstelle besprochen. »So!« sagte sie, »jetzt werden sie dich in Ruhe lassen, es ist alles bezahlt. Außerdem habe ich einen Sanitätswagen geordert, der bringt dich nach München ins Schwabinger Krankenhaus, sobald du transportfähig bist. Und das wird in zwei Wochen sein.« Ich überschlug schnell in Gedanken, daß sie da unten knappe Fünftausend hingeblättert haben mußte. Sie hatte auch vereinbart, daß ich als Privatpatient im Schwabinger Krankenhaus unterkam und damit ein Einzelzimmer erhielt. Also, seitdem Kirstin heute aufgetaucht war, hatte sie hier ganz schön rumgewirbelt. Und das an einem Samstagmittag. Ich war stolz auf sie, hätte ihr das nie zugetraut. Sie sagte nur: »Ich habe gehört, du wirst wieder total gesund - und ich meine, das ist das Wichtigste, alles andere findet sich.« Und: »Gib mir deinen Wohnungsschlüssel, ich fahre gleich zu dir nach Hause, werde aufräumen und in den Briefkasten sehen. Montag in aller Frühe werde ich deinen Anwalt aufsuchen und dir in der Stadt ein paar Schlafanzüge kaufen. Sollte es irgend etwas Dringendes geben, werde ich dir schreiben. Aber du bist ja bald in München, dann bin ich jedes Wochenende bei dir.« Ein langer Kuß - und weg war sie auch schon wieder. Ich
behielt noch für Momente ihren süßen Parfümduft in der Nase - und war dem Leben wieder ganz nahe. Die zwei Opas, mit denen ich das Zimmer teilte, meinten, im Leben noch nie so schöne Frauen gesehen zu haben, und fragten mich, wie viele ich davon denn noch hätte? »... BEEERNDTEEEEE, wir kooooommeeen!« hörte ich es eines Nachmittags schon von unten grölen. Ein paar Wagenschläge fielen zu, und kurz danach war dieser Riesenlärm schon auf dem Flur zu vernehmen. Elf Mann hoch polterten meine Freunde ins Krankenzimmer, mein kleiner Spiegel konnte gar nicht alle so schnell erfassen. Sämtlich trugen sie Riesengestecke oder Blumensträuße, legten diese mitten im Zimmer ab und begrüßten mich. Natürlich waren sie alle angetrunken, denn dieser Besuchsfahrt zu mir hatten sie gleich einen gewissen Ausflugs-Charakter beigegeben. Ein mittlerer Kürschner-Laden hatte sicherlich nicht soviel wertvolle Pelze auf Lager, wie sie hier im Augenblick vertreten waren. Hennes brachte gleich aus seinem Wolfsmantel eine Flasche Bier zum Vorschein und fragte: »Geht das schon?« Uwe zauberte einen Flachmann aus seinem Rotfuchs - und schwenkte ihn über mein Blickfeld. Zwei Krankenschwestern kamen rein, baten um etwas mehr Ruhe und kümmerten sich freundlicherweise um meine Blumen. Es war ein Hallo im Zimmer wie auf der Kirmes, alle babbelten sie durcheinander. »Komm du nur raus hier - wir zeigen dir schon, was draußen los ist - du Feigling, im Gips verstecken gilt nicht!« Diese und andere derbe Liebenswürdigkeiten rührten mich sehr, die Jungs waren gekommen, um mir Kraft zu geben. Mich wieder hineinleben zu lassen in unser Leben. Sie wußten sicherlich von Mandi, daß ich dem Sensenmann ein Schnippchen geschlagen hatte, und sie wollten mir zeigen, daß wir in jeder Sekunde zusammenstehen. Mit drei Autos waren sie gekommen, hatten an jeder Raststätte gehalten und einen auf mich und meine Gesundheit getrunken. Das war typisch für sie - das konnte ein Normalbürger nicht be-
greifen. Sie träufelten mir ein paar Schlückchen aus dem Flachmann ein, es folgten ein paar Schlucke Bier - und dann war ich auch schon besoffen. Sie erzählten, wer wen auf die Schnauze gehauen hatte,... wie der F. C. Bayern in den letzten Wochen spielte... und sie wußten auch, daß meine Stuttgarter Alte eine Super-Steherin war. Sie würden mich in München versorgen, sagten sie und wollten wissen, wie lange sie noch warten müßten, bis ich wieder mit ihnen an der Theke stünde? Ich war überglücklich über diesen Besuch, doch ich fühlte mich erschöpft. Mein Kreislauf brach zusammen wegen der paar Schlückchen Alkohol. Es war für mich zuviel der Aufregung, zuviel des Trubels - merkte ich doch jetzt wieder, daß ich immer noch ein schwerverletztes Bündel Mensch war. Am nächsten Tag erschienen viele neugierige Schwestern und auch Kranke, sie wollten wissen, wer denn da so Wichtiges in diesem Zimmer lag. Weil ja abends immer die Blumen aus dem Krankenzimmer auf den Flur verbracht wurden, war die Blumenmenge, die ich erhalten hatte, nicht zu übersehen gewesen, wer wird schon in ein solches Blumenmeer gebettet? Der Tag war gekommen, der Arzt gab das O. K. für den Transport nach München. Meine zerschmetterten Wirbel schmerzten, wenn der Sanka auch nur etwas durch die Kurven schaukelte - aber ich biß die Zähne zusammen. Hauptsache, ich kam wieder in heimische Gefilde. Ich wurde in ein schönes Zimmer verbracht, durch meinen Spiegel entdeckte ich sogar ein Telefon am Bett. Am nächsten Tag wurde ich in einen neuen Gips gewikkelt. Mir kullerten nur so die Tränen runter, es war, glaube ich, das erstemal seit meiner Kindheit, daß ich weinte. Mein Gott - was war mit meinem schönen, starken Körper geschehen! Ich war gerade aus der alten Gipsschale gehievt worden und konnte erstmals meinen nackten Körper betasten. Alle Muskelpakete, die ich mir jahrelang antrainierte, waren nicht mehr vorhanden. Ich war ein häßliches Häufchen Haut und Knochen.
Dann war ich wieder neu verpackt, und mit diesem Panzer mußte ich nun drei Monate leben. Von den Haarwurzeln bis zur Hüfte reichte dieses weiße Korsett. Nach weiteren zwei Wochen durfte ich mittels eines Gestells auf Rädern das Laufen lernen. Meine Mädels und meine Freunde kümmerten sich sehr um mich. Ich bekam wieder einen neuen Gips in derselben Ausführung - und durfte nach Hause. Bodo holte mich mit seinem Rolls Royce ab, darin konnte man bequem mit derartiger Gipsbandage Platz nehmen. Endlich... endlich sah ich die Welt wieder aus der Senkrechten - endlich durfte ich heim in mein Reich. Mein Bett, mein Telefon, mein Fernseher, mein Bad - das alles baute mich psychisch wieder sehr stark auf. Zwischenzeitlich kam von der Staatsanwaltschaft die Anklageschrift, alle offenstehenden Anklagepunkte waren darin zusammengezogen. Bald würde also das Landgericht die Hauptverhandlung anberaumen. Aber... heut war heut, was kümmerte mich im Moment das Überübermorgen. Heien war angereist, badete mich, pflegte mich, holte mir meinen Friseur ins Haus. Kümmerte sich um die Wäsche und kochte für uns. Sie zog mich an, und wir gingen einmal am Tag ganz langsam ums Haus. Der Gipspanzer war sehr schwer und fing echt an, lästig zu werden. Als ich eines Nachmittags ermattet wieder in die Federn sank, kam Heien nackt ins Schlafzimmer, poussierte mir meinen Schwanz in die Höhe und setzte sich behutsam drauf. O -welch herrliches Gefühl! Mir war, als wäre es der erste Fick meines Lebens. Langsam stemmte sie sich auf und ab, ihr Ve nushügel rieb sich am Rand meines Gipskorsetts. Ich hatte wohl all meine Gefühle nur noch in meinem Schwanz vereint, ich genoß diese heiße, nasse, meinen Pint umschließende Grotte unsagbar. Das Leben lohnte sich schon alleine des Bumsens wegen, dachte ich, und ergoß mich wohl hektoliterweise in Helens Schoß.
Ich mußte immer schön darauf achten, daß die eine außer Hauses war, wenn die andere kam. Beide Weiber wußten mittlerweile voneinander, es war einfach nicht zu verheimlichen gewesen. Also zogen sie beim Weggehen stets ein Ge sicht - als ob Blicke töten könnten. Immer, wenn ich alleine war, machte ich ein paar Kniebeugen, hielt mich dabei am Schrank fest. Ich mu ß wieder zu Kräften kommen, hämmerte ich mir ein. Irgendwie war meine Wohnung, mein Reich, zu einem Gefängnis geworden. Ein paar Schritte ins Bad, ein paar Schritte ins Bett, oder vor die Glotze - in der Küche steht mein Bier. Bald war wieder Weihnachten, jetzt umschloß mich dieses elende Gipsgerüst schon sieben Monate als meine zweite Haut. Das Telefon klingelte, es war Hannes. Es gäbe kein Wenn und Aber, die Jungs wollten mich heute abend abholen mit mir eine Sause machen. Ich glaubte, ich höre nicht recht, aber sie bestanden darauf, ich solle zu Hause nicht versauern. »Wie bitte, ich - in meinem Zustand?« »Es geht alles, wenn man nur will«, war die Antwort. Mandi kam schon ein paar Stunden vorher, um mir dabei zu helfen, daß ich heute ausgehen konnte. »Als erstes schneidest du mir zwanzig Zentimeter von meinem Gips weg«, lautete meine Anweisung. Er besorgte sofort einen Fuchsschwanz, eine Eisensäge und eine Geflügelschere und machte sich ans Werk. Er gab sich große Mühe und hantierte so vorsichtig, als knacke er einen Safe, der unter einer Alarmanlage steht. Nun war ich bis zum Rippenansatz frei, genüßlich kraulte ich mich erst mal eine lange Zeit. Dann das Zeremoniell mit dem Waschen, Cremen, Duftsprayen und so weiter! Es war mir nicht nur in der Seele leichter geworden, sondern auch im Ganzen. Das abgeknabberte Stück wog immerhin drei Kilo - welche ich jetzt weniger mit mir rumschleppen mußte. Dann stülpte er mir meinen Wollpulli über, und jetzt
konnte ich mir mit meinem Stückchen Freiheit mehr selbst meine Hosen anziehen. Sie schlabberten um meinen Unterleib, als gehörten sie mir nicht. Schuhe an und den Nerz über die Schultern geworfen, ich war fertig zum Ausgehen. Nochmals einen Blick in den Spiegel - da war gar nichts mehr übrig vom schönen Berndt! Ich bezeichnete mich nun selbst als Zombie. Unten hupte es hell, mein Freund, Chauffeur und BodyGuard war vorgefahren. Der Motor des Rolls sang sein leises Lied in die kalte Nacht, ich stieg recht unbeholfen, aber ohne Hilfe in den Fond, begrüßte Hannes und Bodo. Mandi setzte sich neben mich, und nach langer Zeit sah ich die Leopoldstraße wieder. »Viele Jungs stehen an der Bar und warten schon - der Wodka ist bereits kaltgestellt«, erklärte Hannes. Ich bemerkte darauf, daß ich sicherlich schon nach zwei Stunden aus den Latschen kippen würde. »Du brauchst nur zu sagen, wann du heimwillst - aber jetzt wird erst dein zweites Leben gefeiert«, entgegnete Bodo. Ich mußte mich bei ihnen rechts und links einhängen, und SO trugen sie mich die Stufen der Dis co hinunter. Mandi ging voraus und stob alles zur Seite, was in unserem Weg stand. Auch ein Mädel an der Bar mußte dran glauben. »Weg da, macht Platz dem Landvogt!« Und so saß ich, dank meiner Freunde, heute abend nicht vor der Glotze, sondern ich konnte mich recht und schlecht an einer wahrhaftigen Bar festhalten. »Wenn du Bock auf Weiber hast, dann besorgen wir dir schon eine, die dir unter den Gips kriecht«, sagte Hannes, aber dem war heute nicht so. Heute sah ich in all die Gesichter, die mich da umgaben, erblickte jene, die mich besucht hatten in Tuttlingen und andere, die ich gut kannte. Aber heute sah ich sie mit anderen Augen. Jeder zeigte auf seine Art sein Mitgefühl. In diesen Augenblicken dachte ich, wie glücklich ich war, einer von ihnen zu sein. Ich fühlte mich geborgen wie ein Neugeborenes im sicheren Mutterschoß. Und dieses Gefühl vermittelten mir ausgerechnet diese alten,
durchtriebenen Haudegen. Ich war ihnen im stillen, sehr, sehr dankbar dafür. Ich nippte vorsichtig mein Getränk, denn ich wollte so lange wie möglich durchhalten. Aber meine Vorhersage traf ein. Um zirka einundzwanzig Uhr war ich die Treppen hinuntergebracht worden - jetzt war es dreiundzwanzig Uhr, und ich war fällig für den Abschleppdienst. Die Jungs verstanden dies und brachten mich sofort nach Hause. Sie zogen mich aus, und kaum, daß ich im Bett war, fiel auch schon die Tür ins Schloß. Meine herzerwärmenden Gedanken, was eine solch innige Freundschaft betraf, nahm ich mit in den Schlaf. Das Weihnachtsfest, der Besuch meiner Eltern, jeder Tag, der nicht vergehen wollte, alles war uninteressant geworden - bis die Stunde kam, als man mir im Krankenhaus den Gips abnahm. Das war im Februar 1972. Ich fuhr mit dem Taxi heim und befühlte stundenlang meinen Körper, streichelte mein Genick und betastete die Stelle, deren Verletzung eigentlich hätte meinen Tod bedeuten müssen. Eine gottserbärmliche Figur stand da vor dem Spiegel Arme und Beine waren jetzt dünn wie Bindfäden. Ich müsse ganz vorsichtig Gymnastik machen, hatte der Arzt gesagt. Ich fing sofort damit an. Am nächsten Tag war ich gleich beim Friseur - und nach wenigen Tagen konnte keiner mehr erkennen, welch fürchterliche Zeit hinter mir lag.
Die Verhandlung Heute war ich wieder einmal die Hauptperson, aber auf diese Rolle hätte ich liebend gerne verzichtet. Heute würden über mich die Messer gewetzt, mein ganzes Leben würde bis zum heutigen Tag aufgerollt werden - vier Verhandlungstage waren angesetzt. Punkt neun Uhr vormittags saß ich in den Räumlichkeiten der Dritten Strafkammer des Landgerichts München I. Drei Herren in schwarzen Roben betraten soeben den
Raum, nahmen auf der abgetrennten Empore Platz. Ihre scharfgeschnittenen Gesichter, die Verkleidung der drei Amtsträger, die da hoch über allen thronten - mir wollte das Ganze wie eine Bühneninszenierung erscheinen. Die drei Herren in ihren Roben waren nicht alleine aufgetreten, vier Personen in Zivilkleidung nahmen links und rechts von den schwarzen Kuttenträgern Platz. Das waren die Schöffen, Vertreter aus dem Volk, heißt es - und es wurde ein ernstes Stück gespielt, heute, auf dieser Bühne da oben. Alle, alle da droben waren also meine Feinde, wollten mir ans Leder. Zwei Anwälte saßen an meiner Seite; ich hatte ein sehr inniges Verhältnis zu diesen beiden Herren. Der eine, Freiherr von Thielmann, war eine berühmte Figur in der Strafverteidigung. Er konnte zwar nichts ungeschehen machen, was seine Mandanten ausgefressen hatten, aber er war ein Fuchs, wenn es darum ging, Strafmaßmilderungen aufzuzeigen. Wo auch immer das Wort »Verteidiger« in München auftauchte, lag die Eminenz von Thielmann in aller Munde. Liebevoll nannte ihn jeder, der mit ihm zu tun hatte, »Baron«. Der Baron würde die Akten schließen, er hatte sich entschlossen, aufzuhören. Seine allerletzte Verteidigung vor Gericht war die Akte Berndt Lang, er hatte es mir versprochen - weil er mich persönlich sehr gut leiden könne - hatte er gemeint. Dieses letzte Mal vertrat er eine der schillerndsten Figuren des Milieus, hatte dazu seinen Adjutanten mitgebracht. Also kämpften wir drei gegen die glorreichen Sieben, die von da oben auf uns herabblickten. Und - da war noch jemand, der mir den Garaus machen wollte, nämlich der Herr Staatsanwalt - dieser Lümmel hatte unser heutiges Treffen arrangiert. Ich hatte auf Anraten meines Anwalts alle Jungs und Nutten gebeten, nicht den Zuhörerraum zu bevölkern - es wäre eine ungünstige Stimmungsmache gewesen. Als ich mich also umsah, waren einige wenige Hausfrauen, Rentner und sonstige Neugierige auf ein paar Stühle verteilt. »Die Hauptverhandlung der Großen Kammer des Landge-
richts in Sachen Berndt Lang ist eröffnet«, sagte der Boß der glorreichen Sieben. Mein Puls schlug nun schneller, obwohl mein Körper noch die Restbestände der Schlaftabletten aufarbeitete, die ich gestern nacht eingeworfen hatte. Ich konnte keinen Schlaf finden und wußte doch, daß ich morgen gut ausgeschlafen sein mußte - wenn es darum ging, so gut wie nur möglich, meinen Kopf aus einer bereits geknüpften Schlinge zu ziehen. Der Herr Staatsanwalt begann, die Anklageschrift vorzulesen - und er redete sich förmlich in einen Rausch, wie viele böse Dinge ich doch verbrochen hätte. Meine Anwälte machten sich schon die ersten Notizen, und ich hätte jetzt sonst was dafür gegeben, wenn ich eine Zigarette hätte rauchen können. Außer dem Klang dieser monotonen Stimme war es mucksmäuschenstill im Saal, ich spürte aller Anwesenden Blicke auf mich gerichtet. Fast eine Stunde verlas der Staatsanwalt meine Böse-Buben-Arie, mittendrin wurde die Tür des Zuhörerraums geöffnet. Ohne mich umzuschauen, nahm ich wahr, daß viele Leute in den Saal kamen, wenngleich dies sehr leise geschah. Ich spürte, wie sich etliche Blicke in meinen Rücken bohrten es waren hoffentlich nicht doch ein paar Jungs gekommen? Ich konnte mir nicht helfen, ich drehte mich um, ich wollte wissen, wer da erschienen war. Offensichtlich war es eine ganze Schulklasse junger Mädchen mit der Lehrerin - sicherlich sollte der Prozeß als Anschauungsunterricht dienen. Die Mädchen sollten hautnah erfahren, wie schlimm das Leben ist, ... um nie abzugleiten in ein Hurenleben. Der Vorsitzende fragte mich nun über alles mögliche aus, zunächst über meine Kindheit und Berufslaufbahn. Dann wollte er mein Abgleiten ins Milieu transparent machen - er blieb sehr sachlich und fair bei seinen Fragen. Als erstes sollte ich sodann schildern, wie ich die Geschichte mit dem Gast der »Baby-Bar« erlebte. Der betroffene Franzose war als Zeuge angereist, und mit Hilfe eines Dolmetschers wurde die Szene von damals wieder wachgerufen. Seine Darstellungen
lagen weit neben der Wahrheit; der Pipi-Playboy schob es weit von sich, einer Dame damals auch nur einen Tropfen Sekt ausgegeben zu haben. Und schon begann mein Baron, den feinen Herren mit stechenden Fragen zu bearbeiten, da gab es doch offensichtlich erhebliche Unstimmigkeiten im Vergleich zu dessen damaliger polizeilicher Aussage. Aber seiner heutigen Glaubwürdigkeit lag rein gar nichts im Wege, denn meine rüden Methoden als Schlepper-Berndt lagen aktenkundig auf dem Richtertisch. Auf räuberische Erpressung lautete dieser Anklagepunkt, und der Richter erklärte mir, das sei, rein gesetzlieh, dasselbe, als ob ich einen Bankraub verübt hätte. »Einem Menschen etwas mit Gewalt zu nehmen, das einem nicht gehört, bezeichnet das Gesetzbuch als Raub.« Das war mir zwar nicht neu, weil ich das schon öfters mit meinem Anwalt durchgekaut hatte, aber: Traf denn das auf mich zu? Dieser Kerl hatte doch reichlich von meinem Sekt gesoffen! Als nächstes kamen zwei weitere Körperverletzungen zur Diskussion - man mochte gar nicht glauben, wie brav urplötzlich meine damaligen Kontrahenten nun da im Zeugenstand herumstanden. Als könnten sie kein Wässerchen trüben. Keiner konnte sich mehr daran erinnern, warum er von mir Prügel bezog. Nur ich ganz alleine war böse, blutrünstig, der gefährliche Typ, vor dem die ganze Welt zitterte. Na ja, einen Millimeter hatten sie ja recht, aber diese heutigen Schilderungen kamen einem schlechten Krimi gleich. Endlich war für uns alle Mittagspause angesagt, obwohl es ja schon fortgeschrittener Nachmittag war. Schweißgebadet stand ich auf, rauchte eine Zigarette nach der anderen. Natürlich war ich völlig irritiert über den bisherigen Verlauf des ersten Verhandlungstages - es wurde buchstäblich aber auch alles auf den Kopf gestellt. Alle Scheinwerfer beleuchteten jetzt urplötzlich alles Ge schehene aus einer ganz anderen Perspektive - und gnade mir Gott, ausschließlich zu meinen Ungunsten. Wir gingen
zum Essen ins »Mövenpick« in der Nachbarschaft des Justizpalastes. Mein Baron tröstete mich, während ich in meinem Krabben-Cocktail herumstocherte. Der nächste Programmpunkt der glorreichen Sieben war, ihrem Katalog entsprechend, »ausbeuterische Zuhälterei an Ramona«. Die Sitzung wurde fortgesetzt, die jungen Mädchen, sie mochten so um die fünfzehn, sechzehn Jahre alt sein, sahen mich an, als sei ich Kaiser Nero, Dracula und Napoleon, alles zusammen in einer Person. Ramona war als Zeugin geladen, ich hatte sie aber weder auf dem Flur gesehen, noch war sie anwesend, als sie jetzt ab Zeugin aufgerufen wurde. Sie glänzte also durch Abwesenheit - was meinen Verteidigern eher recht war. Es wurde zu Protokoll genommen, daß man sie wegen des unentschuldigten Fernbleibens zu einer Ge ldstrafe verurteilte, und es genügte, ihre polizeiliche Vernehmung zum Gegenstand zu machen. Der Baron riet mir, zu dieser Sache weiter nichts vorzutragen. So war den neugierigen Zuhörern hinter meinem Rücken die Show gestohlen, sie konnten sich nicht an dem weiden, was eine Nutte zu erzählen hat. Der erste Verhandlungstag war beendet, morgen um zehn sollte es weitergehen. Zu Hause angekommen, hielt ich mir erst mal ausgiebig eine Flasche Whisky an meine Gurgel. Dann riefen meine Weiber an, wie es so gelaufen sei - wollten sie wissen. In groben Zügen teilte ich ihnen mit, daß die da ganz schön Schlitten fuhren mit mir. Wenn die Verhandlung vorbei sei, dürfe Heien für zwei Tage nach München kommen - versprach ich ihr. Aber nur wochentags, versteht sich. Am nächsten Tag war ein weiteres Verbrechen der ausbeuterischen Zuhälterei, in Tateinheit mit kupplerischer Zuhälterei, das Verhandlungsthema. Manuela sollte dazu als Zeugin erscheinen, sie hatte aber ihre Abwesenheit durch einen Anwalt entschuldigen lassen- wegen längeren Auslandsaufenthaltes (hieß es).
»Da schau her«, dachte ich bei mir, »diese Suppenhühner drücken sich alle vor der Wahrheit.« Denn, wenn man genau hinschaute, hatten es diese beiden Damen sehr gern mit mir zu tun, obwohl jede wußte, was Sache war. Wenn sie mich wenigstens nur wegen Körperverletzung angezeigt gehabt hätten, dann wäre die Schwere der Vorwürfe heute für mich nicht so erdrückend gewesen! So häuften sich also Verbrechen auf Verbrechen, da waren Vergehen des Waffenbesitzes oder Vergehen des Versicherungsbetruges direkt nur kleine Schönheitsfehler. Für mich persönlich wurde es erst richtig spannend, als meine »sogenannte Notzucht« zur Sprache kam. Ich hatte alle Zeugen aufmarschieren lassen, die damals in der Disco mitbekommen hatten, von welchem Kaliber dieses Luder war. In Erinnerung an damals, da das »Opfer« viele Treppen erklimmen mußte und bei offenem Fenster nicht um Hilfe schrie, wollte ich jetzt gerne wissen, welche Antworten die Betreffende den Fragen meines Anwalts entgegenhalten würde. Es wurde natürlich ein sehr peinliches Frage- und Antwortspiel, aber heute waren überraschend wenige Zuhörer hinter mir. In der nächsten Pause meinte der Baron, daß diese Anklage sehr wackele und sicherlich kein Urteil hierüber gefällt werden könne. Ich war aber voller Argwohn war ich doch immer wieder aufs neue überrascht, welche schauspielerischen Qualitäten die Menschen vorweisen können, wenn's eng um sie wird. War eine glasklare Auskunft gefordert, konnten sie sich an nichts erinnern, hatte sich jemand in Widersprüche verwickelt, war es, gütigst betrachtet, nur ein kleiner Irrtum. Und so war der zweite Verhandlungstag zu Ende, ich fuhr nach Hause und nahm ein heißes Bad. Das Telefon klingelte unentwegt, aber ich ging nicht ran - ich schlüpfte in Jeans, schlüpfte ins Lederhemd, und schon war ich wieder draußen aus der Tür. Ich suchte mir ein ruhiges Plätzchen bei meinem Freund, dem Pizzabäcker Eboli - und sorgte erst mal für mein
leibliches Wohl. Ein leichter, schmackhafter Tafel-Rose brachte wieder Leben in meine Blutbahn, die Lasagne war ausgezeichnet. Im stillen dachte ich bei mir, ich wäre gerne schon zwei Tage älter, dann wüßte ich um vieles mehr. Wie viele Jährchen würde mir Fortuna aus ihrem Füllhorn schütten? Diese Antwort konnte ich mir fast selber erteilen denn Justitia war schließlich eine Frau - und alle Frauen in meinem Leben hatten mir immer und reichlich gegeben. Jaich sah tatsächlich die Statue der Justitia vor meinem geistigen Auge, wie sie - stellvertretend für alle Frauen - blindlings alle Männerschicksale in die Waagschale warf, ohne deren Gedeih und Verderb zu prüfen. Ging ja auch nicht, wegen der Augenbinde. Vom guten Wein leicht angetörnt, wollte ich seit längerem wieder mal ins »Boccaccio« schaun. Wieder einmal war kein Parkplatz zu erspähen, so parkte ich direkt vor der Kneipentür auf dem Gehsteig. Ich würde öfters den Kellner rausschicken, auf daß mir kein lieber Fußgänger, wie gehabt, seinen Haustürschlüssel durchzog. Ein paar Leute waren drinnen, ein Loddel poussierte gerade eine Alte, sein eindringliches Reden und seine Gesten mußten eigentlich Erfolg haben. Sie hörte ihm andächtig zu, manchmal nickte sie sanft mit ihrem zierlichen Köpfchen, streichelte verliebt seine Hand - eher schon eine Maurerkelle. Manchmal blieb sie an seinem kleinen Finger hängen, daran war sein aufwendig gefaßter Zwei-Karäter schuld. Ein gepflegter, grauhaariger Herr belaberte die MickyMaus hinter der Bar- aber das hätte ich ihm jetzt schon sagen können, daß da nichts lief. Die ließ nämlich für kein Geld der Welt einen alten Schlabbersack an sich ran - andererseits aber trieb sie es ohne weiteres mit fünf jungen Burschen gleichzeitig - zum Nulltarif. Na ja, Wissen war eben Macht. Ich saß wohl schon eine Stunde da und schlürfte meinen Whisky, die Bude war ganz schön voll geworden. Eine kleine, süße, freche Maus sprach mich an, es dauerte ein bißchen, bis ich merkte, daß sie mich meinte. Aber sie sprach ja
von meinem Wagen vor der Tür, also stimmte meine Adresse. Sie mußte wohl vom Lokalinhaber erfahren haben, daß das mein Auto sei, woher wüßte sie es sonst. »Du parkst, wo du willst, nicht wahr?« fragte sie mich, und ich gab ihr zurück, daß ich immer das mache, was ich wolle. »Oh! - ein verwöhnter Junge bist du also«, meinte
sie. Sie war alleine hier und hatte mich anscheinend schon länger beobachtet - weil ich meinte, ich döse ständig vor mich hin. Sie hatte recht damit, war ich doch laufend in Ge danken versunken gewesen, um zu rekapitulieren, was sich tagsüber alles so abgespielt hatte. Aber dieses nette Mädel holte mich nun aus meinem Dornröschenschlaf, und ich fing munter an, mit ihr zu flirten. Sie sei Krankenschwester im »Rechts der Isar« und faulenze gerade ihre vielen Überstunden ab - sagte sie. Natürlich klickte es sofort bei mir. Nach meinem Erfahrungsschatz zählten Friseusen und Krankenschwestern zu der absolut geilen Kategorie. Und dieser Fall hier schien ähnlich gelagert, denn die Kleine begann schon, mich zu betatschen. Sie spielte scheinbar unauffällig mit ihren Fingerchen meinen Schenkel auf und ab - so stand sie neben mir an meinem Barhocker. Das Auffälligste an ihr war, daß sie überhaupt nicht geschminkt war - sie brauchte auch ihre klaren Gesichtszüge nicht zu kaschieren. Ihre vollen, geschwungenen Lippen riefen wohl in jedem Manne den Wunsch wach, von diesem Mund verwöhnt zu werden. Und ihre liebenswürdige, pfiffige Art unterschied sie von anderen grauen Mäusen. Unsere Unterhaltung wurde nun rein erotisch. Es schien ihr zu gefallen, daß durch ihre Streicheleien mein Schwanz zu erigieren begann... Ich sprach sie auf ihre wunderschönen Lippen an, und für mich gab es kein Halten mehr. Ich rief den Max zu mir, den Kneipenbesitzer, und erklärte ihm, er solle mal vor der Herrentoilette Wache schieben. Es sei nur für ganz kurze Zeit - versprach ich ihm. Der Gute war wieder fix und fertig, griff sich gleich an Herz und Magen.
Er war ein ganz nervöser Mensch geworden, seit sich die Luden in seinem Laden breitmachten. Das, was ich jetzt von ihm verlangte, war ihm sicherlich noch nie untergekommen. Und nun faselte er wieder von seinem Magengeschwür - und ob es denn unbedingt sein müsse? Aber, ich nahm die Kleine an der Hand und zog sie mit mir. Sie setzte sich auf die Schüssel, und ich packte mein Rohr aus. Ich stand vor ihr. Damit ich alles besser sehen konnte, streifte ich ihre Haare nach hinten und hielt ihren Kopf mit beiden Händen. Liebevoll umschlang sie mein Glied mit der einen Hand und umschloß mit ihren Lippen die Eichel. Ganz sanft umspielte ihre Zunge meine empfindliche Lanzenspitze... Es war sehr spät geworden in dieser Nacht, gemessen daran, daß ich gut ausgeruht in meinen dritten Verhandlungstag gehen sollte. Nach zwei Stunden Schlaf schrillte mein Weckradio erbarmungslos einen Ohrwurm der Everly Brothers. Ich fühlte mich leer und eher besoffen als gut ausgeruht. Eine kalte Dusche erbrachte nur ein Einigermaßen-Ergebnis. Ich probierte es noch mit einer Tasse heißer Milch - und nichts wie hin, zum Justizpalast. »Packen wir's wieder«, mit diesen Worten begrüßte mich der Baron - und er vergaß es auch heute nicht, mir aufmunternd die Schulter zu tätscheln. Heute war die Schießerei in Regensburg ä la carte sowie fünf verschiedene Delikte des unerlaubten Waffenbesitzes. Ferner der Versicherungsbetrug in Sachen Mercedes - es schien, als wolle die Jagd auf mich nie mehr enden. In der ersten Pause kam ein Journalist auf mich zu, er wollte mich interviewen. Aber dazu hatte ich heute echt keinen Nerv, außerdem mußte ich die knappe Pausenzeit nutzen, mich über die Verhandlungsstrategie mit meinen Anwälten zu beraten. Meine Knie waren weich, meine Zunge klebte mir am Gaumen, ein fahler Geschmack verbreitete sich in meinem Mund und in meiner Seele. Alles, was mir heute vorgeworfen wurde, konnte ich nicht
leugnen - dort oben, auf dem Richtertisch, lagen sämtliche Beweisstücke. Fast lächelnd fragte mich der Vorsitzende, ob ich vorgehabt hätte, einen Krieg zu führen, bei solch einem aufwendigen Waffenarsenal könne man zu keinem anderen Schluß kommen. Beinahe hätte ich selber darüber lachen müssen, wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre. Schelmisch dachte ich auch daran, daß unter meiner Fußmatte im Auto noch so eine Puste lag. Die vier Schöffen schielten teils neugierig, teils angewidert auf diesen Fundus an gefährlichem Metall. Natürlich wollte man von mir wissen, woher ich all diese Tötungswerkzeuge bezogen hatte. Hier bat mein Anwalt um eine kurze Verhandlungspause, auf daß er seinen Mandanten - also mich - beraten könne. Auf dem Flur garantierte mir der Baron eine Strafmilderang, wenn ich wenigstens ein bis zwei Namen derer nennen würde, die mir die Waffen verkauften. Aber das war für mich unmöglich, denn ich konnte nicht für das von mir provozierte Dilemma andere in die Scheiße reiten. Mein Verteidiger atmete tief durch, ich drückte meine Zigarette aus, und weiter ging's im Takt. Ein paar Zeugen wurden in den Verhandlungssaal gerufen, meistens waren es Polizisten, die mir die Waffen irgendwann abgenommen hatten. Eine Handvoll Jungs aus Regensburg waren auch angereist, mußten aus ihrer Sicht den damaligen Vorfall schildern. Ihre Aussagen waren recht loyal, was das Milieu betraf, aber natürlich konnte keiner von ihnen das Ganze als nicht geschehen vortragen. Während ich die Jungs so betrachtete, war es für einen Insider wie mich direkt zu spüren, daß sie jetzt gerne überall auf der Welt wären - auf der Alten oder beim Saufen - aber nur ungernst hier vor Gericht. Selbst, wenn sie bloß als Zeuge geladen waren. So plätscherte auch dieser Verhandlungstag dahin, ich dachte fast an nichts mehr - nur noch an mein Bett. Morgen waren die Plädoyers des Staatsanwaltes und der Verteidiger dran, wenn's zeitlich gut lief, gab's morgen auch noch das
Urteil. Dann wußte ich ja endlich, was meine Uhr geschlagen hatte. Ich würgte mir schnell in einer Wirtschaft zwei Steaks rein und ging noch bei Tageslicht am frühen Abend in die Federn, Irgendwann hörte ich mein Telefon klingeln, aber dann sackte ich ganz tief ab, in einen totenähnlichen Schlaf. Oh, wie ging's mir heute gut - ausgeruht und guter Dinge saß ich an meinem Frühstückstisch, wobei ich nur starken Kaffee zu mir nahm. Ich wählte sodann meinen taubenblauen Anzug aus dem Schrank, der immer noch gottserbärmlich um meine mickrige Figur schlotterte. Schließlich war dies eine Maßanfertigung gewesen, auf den Körper eines Body-Builders geschneidert... Ein weißes Leinenhemd, dazu eine dezente Krawatte, und ab ging's wieder, in den Glückshafen. Ab neun Uhr durfte der Staatsanwalt seine Version darlegen, und er zog mich tatsächlich ganz in seinen Bann. Er genoß jetzt richtig seinen Auftritt, fein rasiert war seine mattgraue Haut. Seine weiße Fliege, eher aber schon gelb, zitterte mit jedem seiner Worte mit. Silbergraues Haar, etwas fettig vielleicht, in der Mitte gescheitelt, fiel in Strähnen über seine Augen. Lägen seine listigen Augen nicht so tief in dunklen Höhlen, würde er fast einem possierlichen Yorkshire-Terrier ähnlich sehen. Während er sprach, setzte er unentwegt seine geballte Faust ganz behutsam auf die Akten. Immer und immer wieder dieselbe Geste. Aber... was er da sagte, das konnte er doch wohl nicht im Ernst meinen, konnte er selbst nicht ganz glauben! Er versuchte, allen Anwesenden und Beteiligten einzureden, daß ich der Teufel in Person sei. Daß ich eine Bedrohung der Menschheit darstelle - und daß es das beste sei, ich würde für immer und ewig hinter Schloß und Riegel verbracht. Weil er ja bei seinem Vortrag stehen mußte, wippte er mit seinem ganzen Körper, federte von den Fußspitzen bis zu den Fersen, was aussah, als wiege sich eine Pappel im Wind. Er ereiferte sich immer mehr in seinen Ausführungen, so wurde sein fahles Gesicht zu einer theatralischen Fratze, der Geifer lief ihm zwischen den Zähnen spa-
zieren. Er beantragte für jedes einzelne Delikt die Höchststrafe - und er warf da so mit den Jahren um sich wie der Nikolaus mit den Nüssen. Spätestens jetzt begann ich, diesen Mann zu hassen. Alle möglichen Gedanken schössen mir durch den Kopf - Hatte ich dem sein Geld vielleicht auch schon versoffen? War er schon mal Gast bei meiner Alten? Ließ der sich auch einen Knopf an seine Nulle nähen? Fraß er ebenfalls die Scheiße einer Hure? Oder war er impotent? Höchstrichterliche Mittagspause war angesagt, nachdem der Dummschwätzer nun ausgebabbelt hatte. Ich ging wieder mit meinen Anwälten rüber, zum »Mövenpick«. Heute fraß ich aus Wut ein wuchtiges Menü mit Vor- und Nachspeise. Ich fragte den Baron, ob der Staatsanwalt wohl noch alle Tassen im Schrank hätte - aber der beruhigte mich. Er ließ ganz leicht durchblicken, daß er einen engen Kontakt mit dem Vorsitzenden pflege - gemeinsames Fischen und sonstige gemeinsame Wochenenden hatten sie einander vertraut gemacht. Also war hier ein Hauch von Beziehung zu erahnen. Jedenfalls würde die Zeit reichen, heute noch zu einem Urteil zu kommen. Na, dann wußte ich ja alles! Wir traten gerade durch die große Portaltüre des Justizpalastes, da wurden wir vehement zur Seite gestoßen. Ein junger, kräftiger Bursche lief um sein Leben, besser gesagt, um seine Freiheit. Vielleicht schaffte er einen neuen Weltrekord, jedenfalls flitzte er in Richtung Stachus. Und da kamen auch schon seine Verfolger - sechs, sieben Justizbeamte in dunkelgrüner Uniform versuchten, ihn wieder einzufangen. Aber reflexartig stellte ich mich ihnen, scheinbar ganz unbeholfen, in den Weg. Einer strauchelte, verlor seine Mütze - es war, als hätte er in diesem Moment seine ganze Würde, seine Persönlichkeit verloren. Wie ein Kasper rutschte er auf den Knien herum, um seine weggeschleuderte Mütze wiederzuerlangen. Auch den anderen Verfolgern kostete mein bloßes Dasein einige Sekunden. Ich bin mir sicher, sie haben ihn nicht mehr erwischt - zumindestens nicht bei dieser Verfolgungsjagd.
Nun wurde es aber wieder ernst im Sitzungssaal zweihundertvierzehn, mein Baron hielt sein Plädoyer. Er trat vor, dicht an die Schranken, an die Barriere der glorreichen Sieben und schritt während seiner Ausführungen bedächtig auf und ab. Alle Notizen, die er sich im Laufe der Verhandlung machte, hatte er glasklar im Kopf- in seinem Gedächtnis. Jedem Für und Wieder, jeder Ungereimtheit der Zeugen, ja jeder Möglichkeit, eine Wortverdrehung vorzunehmen, maß er äußerste Wichtigkeit bei. Er hielt einen Bleistift in der Hand, und manchmal schien es, als benütze er diesen als Taktstock. Die Bleistiftspitze zog wie magisch die Blicke vieler auf sich. Die ganze Zeit über hatte der Baron eine Freundlichkeit in seiner Stimme - ihm zuzusehen und zuzuhören war für mich wahrhaftig eine gewisse erlösende Beruhigung. Die Schöffen schienen ebenfalls von seinem Vortrag gefesselt. Knappe drei Stunden wanderte der gute Baron da vorne auf und ab und plädierte zum Schluß für eine Gesamtstrafe unter fünf Jahren. Er persönlich fände, drei Jahre Freiheitsentzug wären ausreichend. Stille, Totenstille herrschte im Saal, als sich der Baron setzte. Das Gericht zog sich zur Beratung zurück. Eine Stunde war als Pause vorgesehen - jetzt brauchte ich einen Whisky! Den trank ich in der Gerichtskantine, und am liebsten hätte ich mir den Anzug vom Leib gerissen, so heiß war es mir geworden. Jetzt bekommst du dein Fett, mein Lieber - so dachte ich bei mir. »Bitte eintreten zur Urteilsverkündung« - hieß es, und nun pochte mein Puls wie eine Maschinenpistole. Ich schloß die Augen - ich wollte für mich ganz alleine sein, das Urteil emp fangen wie die scharfe Klinge der Guillotine. Und so ähnlich kam es dann auch, der Vorsitzende Richter sprach mich in allen Anklagepunkten schuldig. Meine Gebißmuskeln malmten, meine Gedanken überschlugen sich. Zwölf Jahre und neun Monate brachte der Schwarzkuttenträger da oben aufs Tablett. Es gab Sekunden, da ich mich auch von meiner Verteidigung verschaukelt fühlte. Ich
mußte mich setzen, ich war einer Ohnmacht nahe. Immer noch hielt ich die Augen geschlossen - ich konnte nicht aufsehen, wollte auch nicht. Ich war ganz alleine mit meinem Herzschlag und einsam auf diesem Erdball. Ich wünschte mir klare Gedanken, wollte jetzt, jetzt in diesem Moment, entscheiden - zwischen Demut oder Rache. Es gelang mir nicht, ich war nur noch eine Hülle, einer abgestreiften Schlangenhaut gleich, sozusagen tot. Der Geist des Lebens war aus mir gewichen. Aus weiter Ferne hörte ich die Stimme meiner Vernichtung -der Richter gab nun seine Urteilsbegründung. Es war aber eher seine eigene Rehabilitierung und Rechtfertigung. »Das letzte Wort hat der Angeklagte«, hörte ich ihn sagen. Es war schwer für mich, meine Lider zu heben, meine Augen zu öffnen. Ich hielt mich an die Stuhllehne geklammert, machte den Versuch, aufzustehen. Ich wollte nichts sagen, war gar nicht in der Lage dazu. Jedenfalls stand ich, und ich sagte auch etwas. Doch es müssen Reflexe meiner innersten Gedanken gewesen sein. Schemenhaft sah ich die da oben sitzen - ich blickte durch sie hindurch und hörte mich sprechen: »Ja liebe Leut', hier wird immer von Zeitstrafe gesprochen - was soll das denn, so viele Jahre?? Ich bin doch keine Schildkröte mit einer Lebenserwartung von hundertzwanzig Jahren?!« Das hohe Gericht zog sich nochmals zurück - um aus den vielen Einzelstrafen eine Gesamtstrafe zu bilden, und mein Baron erklärte mir, daß gewiß eine erhebliche Strafverkürzung dabei herauskäme. Also wartete ich wieder, auf dem Flur nervös auf und ab gehend, was nun hier als »Netto-Betrag« herauskäme. »Gesamtstrafe sechs Jahre Haft«, lautete der letzte Spruch der glorreichen Sieben. Na bitteschön - sechs Jahre waren auch eine kleine Ewigkeit. Wortlos verließ ich dieses Tollhaus. Mein Anwalt rief mir noch nach, daß er in die Revision gehen werde. Ich fuhr wie ein Blinder nach Hause, ich glaub', mein Wagen fand den Weg von alleine. Alles, was ich am Leibe trug,
zog ich aus, knäulte es zusammen und warf es samt den Schuhen in den Müllschlucker. Ich ließ mir ein ganz heißes Bad ein und lag wohl stundenlang in der Wanne. Ich rauchte eine Zigarette nach der anderen und wollte vergessen. Die größte Beleidigung für mich an diesem Tage war, daß man mich der Notzucht schuldig sprach. Wie herrlich lapidar war die Erklärung gewesen - wenn der immer so brutal ist, dann hat er auch dies getan. Das Gericht kam einfach zu dem Schluß, daß in diesem Falle eine Schuldzuschreibung vertretbar und damit ebenfalls eine Verurteilung vorzunehmen sei.
Präludium Eigentlich war ich jetzt schon eingesperrt, denn alleine meine Gedanken hielten mich gefangen. Sechs Jahre vor der Brust, lange Zeit die tägliche Meldepflicht - keine Zukunft vor Augen. Oder besser gesagt, wartete eine Zukunft auf mich, die der bekannten Redensart entsprach: >lebendig begrabene Und somit begann ein leichtes Abbröckeln meiner Persönlichkeit. Die erste Zeit nach meiner Verhandlung schwächte mein Rückgrat, ließ gleichsam mein Rückenmark eintrocknen. Nun wurde es mir auch egal, ob ich viel Geld hatte oder wenig, meine Weiber langweilten mich. Die Jungs des engsten Kreises flehten mich an, ich solle doch >Gas geben<, mich absetzen, nach Spanien oder sonstwohin. Sie boten mir ihre Wohnungen im Ausland an - in jeder Himmelsrichtung. Aber in mir wuchs und festigte sich der Gedanke - >Ich stehe das durch! < Nein, so grausam es auch war, ich wählte den anderen Weg. Für alles im Leben muß man bezahlen - und hatte ich es im Kreuz, lauter Quatsch im Leben zu fabrizieren, dann mußte ich es auch im Kreuz haben, die Konsequenzen dafür zu tragen. O. K. - ich würde diesen bitteren Kelch trinken, aber jetzt lebte ich nur noch von einem Tag auf den anderen.
Ich kümmerte mich darum, daß mein Schrotthaufen aus dem Schwarzwald nach München überführt wurde - mein lieber Schwan, an dem Auto war ja gar nichts mehr ganz. Also kam dieser Blechhaufen zum Ausschlächter, es gab immerhin noch vierhundert Mark dafür. Ha, ha, ha... Und... da ich in dieser sogenannten bürgerlichen Welt war, bald würden mich Mauern und Schlösser davon trennen, ließ ich es mir gutgehen, jeden Tag, den ich noch in Freiheit verbringen durfte, aufs neue. So wurden auch mein Ich und mein Charakter wieder stabiler, der Knast wurde nun in meinen Gedanken ein fester Bestandteil meines Lebens. Ich gab mein Geld mit vollen Händen aus. Mein Kürschner und mein Schneider waren durch meine Aufträge voll beschäftigt, ebenso mein Juwelier. Ich ließ mir kiloweise Ketten und Ringe anfertigen, alles nach meinen Einfallen und Zeichnungen. An jedem Finger trug ich Rockerschmuck, speziell, wenn ich mit meinem Motorrad unterwegs war. Ein Ring ist besonders erwähnenswert, er hatte zirka zweihundert Gramm und war als Krone gearbeitet. Sechs gefährliche Zacken, mit Brillanten besetzt, gaben gleichzeitig einen brutalen Schlagring ab - eine Waffe, vom Juwelier gefertigt, sozusagen. Ferner gab ich eine Fahrradkette in Auftrag, nur sollte jedes Glied in Gold gefertigt werden, und das in Handarbeit. Als der gute Mann aber nach Monaten erst acht Glieder fertig hatte, unterbrach ich diesen Auftrag. Denn wenn er fertig ist, sitze ich schon lange - dachte ich mir. So wurde dieses Stückchen Kette mein Schlüsselanhänger, mit dem Gewicht eines halben Pfundes. Als ich eines Tages aus einem Lokal kam, saß eine süße Mieze auf meinem Motorrad, sie schien sich wohlzufühlen auf diesem verchromten Kraftpaket. Ihre abgeschnittenen Jeans gaben mehr Arschbacken frei, als sie verdeckten. So sah das Ganze entzückend aus - dieser kleine, geile Arsch auf meinem breiten Sattel. »Hey Baby, nun mußt du da runter - ich muß fahren!« sagte ich.
»Wahnsinn, ist das deine Maschine? Nein, hier geh' ich nicht mehr runter!« entgegnete sie. »Tja - dann wirst du wohl überall mit mir hinfahren müssen, zum Beispiel fahre ich jetzt nach Hause.« ... »Dann fahre ich halt mit dir nach Hause, aber hier kriegt mich keiner mehr runter!« Na, dann mal los, dachte ich bei mir, hieß sie, sich an mir festzuhalten, und ab ging die Post. Es war mir nichts Neues, daß so eine Motorradfahrt einen weiblichen Unterleib zum Kochen bringt. Also wollte diese Maus ein derartiges Vergnügen erleben. Ich sah in meinen Seitenspiegeln ihr langes blondes Haar flattern, ich spürte ihre vollen Brüste fest an meinen Rücken gedrückt. Ich drehte meine Stereo-Anlage voll auf und ließ jeden Gang aufröhren, bevor ich weiterschaltete. Als wir an einer Ampel standen, fragte ich über die Schulter, wie sie denn heiße? »Nicole -« »... Und ich bin der schöne Berndt«, gab ich zurück. Das Zittern des Sattels als Übersetzung der schlagenden Kolben stimulierten dieses Mädel merklich, denn schon spielte die Kleine mit ihren Händen an meiner Vorderpartie - aber unter der Gürtellinie. Zu Hause angekommen, war diese Kleine Wachs in meinen Händen. Ich wollte gerade eine Flasche Sekt öffnen, da kam sie schon splitternackt aus dem Bad und ging sofort zur Sache. »Du hast nicht nur eine Wahnsinns-Maschine, du siehst auch noch gut aus!« meinte sie. Ich erklärte ihr, daß ich nicht umsonst »der schöne Berndt« genannt werde. »Und du lebst alleine?« fragte sie mich. Ich zog mich ganz unbeholfen aus, weil ich nur eine Hand frei hatte. Die Schließmuskeln ihrer Vagina hielten meinen einen Mittelfinger gefangen. Schließlich landeten wir im Bettchen, und diese Lustnudel bumste wie eine Alte. Sie schrie und krallte ihre langen Nägel über meinen Rücken ich mußte ihre Hände festhalten und in die Kissen drücken.
Denn solche Spuren sahen meine Weiber nicht gerne an mir. Als wir ermattet dalagen und eine genüßliche Zigarette rauchten, machten wir uns vordergründig die Mühe, uns kennenzulernen. Sie jobte in einer Schwabinger Boutique, war erst vor zwei Wochen »Wahlmünchnerin« geworden. Ich erzählte ihr, daß ich zwar alleine wohne, aber meine Weiber stünden irgendwo in Deutschland vor den Schotten. Sofort hörte ich aus ihrer Fragestellung heraus, daß sie sehr wohl auch geneigt sei, es mal auf dem Strich zu probieren. In ihrem jetzigen Job gäbe es nur eine dünne Gage, und man könne sich davon nicht mal eine Wohnung leisten. Nach wenigem Hin und Her war mir da eine neue Partie ins Haus geschneit. Ich hatte aber keinen großen Bock, ihr das Handwerk einer Dirne beizubringen, sondern steckte sie einfach zum Wetzl Anton in die Pension. Der Arnold Ferry sah uns mal in einer Disco und nahm mich zur Seite. Er meinte, diese Alte sei der pure Wahnsinn, er würde weiß Gott was dafür geben, wenn er diese Maus sein eigen nennen könnte. Ich sagte ihm, daß er sie ja freiem könne, oder aber, ich würde ihm Nicole als Partie verkaufen. »Überleg dir das mal - wir haben ja Zeit!« sagte ich ihm, und so ruhte vorläufig dieser Menschenhandel noch. Nachdem so gute zwei Wochen vergangen waren, stellte ich fest, daß Nicole herzlich wenig durchs Anschaffen verdiente. In jedem Falle sah ich fast keine Mark von ihr. Wenn ich sie darauf ansprach, was denn los sei, zuckte sie nur die Achseln. Ich sprach mit ihren Kolleginnen und wollte wissen, ob das Geschäft allgemein gerade so schlecht liefe - hier in dieser Straße und Pension. Aber es schien an Nicole ganz alleine zu liegen, sie war halt einfach eine Schlafmütze. Ich schaute mir das Ganze noch ein paar Tage an, dann riß mir der Geduldsfaden. Der Arnold Ferry hatte ein Liebesetablissement vom Feinsten, draußen, im Westen von München. Sein Haus war als »Weiße Villa« weit über die Münchner Grenzen hinaus auch den nobelsten Freiern der Gesellschaft bekannt. Auf seiner
Gästeliste führte er nur beste und berühmte Namen, der Champagner floß dort in Strömen. Der vorhandene Swimmingpool war seinerzeit, in den sechziger Jahren, ein echter Luxus und gab dem Ganzen auch noch einen feudalen Anstrich. Die Weiber, die dort anschafften, waren alle Extraklasse und eine Augenweide. Heute wollte ich mit Nicole einmal dort hinfahren, ich dachte mir, vielleicht verdiente sie mehr, wenn sie in der Weißen Villa arbeiten würde. Ich klingelte am Gartenportal, mit Nicole im Schlepptau - und sofort begannen die in den Büschen installierten Kameras hin- und herzuschwenken. So konnte man, unten von der Bar aus, jeden Neuankömmling mustern und identifizieren. Der Ferry mußte da sein, denn sein Maserati stand in der offenen Garage - also würde der Junge mir heute einen ausgeben müssen, wenn ich schon diese »Traumfrau« mitbrachte. Der Abend war noch jung, es war erst ein Gast da, und der tummelte sich mit zwei Hasen in der geräumigen Sauna. Der Ferry tat ganz wepsig und schwänzelte gespielt übertrieben um mein Baby rum. Noch glaubte Nicole an einen Scherz, als jetzt der Ferry ohne Umschweife darlegte, daß er sie am liebsten mir abkaufen würde. »Das ist eine Frage des Preises«, war mein Kommentar dazu. Ich sah lächelnd mein Mädel an und fragte: »Na, was hältst du davon, hier in diesem Luxus Hausherrin zu werden??« Ich spürte sofort, wenn ich diese Sache mit dem nötigen Druck forcieren würde, könnte dieser Kuhhandel am Ende wohl klappen. Ich nahm Ferry in ein Nebenzimmer und erklärte ihm, daß ich jetzt mal schnell zum Melden fahre, er solle zwischenzeitlich die Alte ein bisserl poussieren. Wenn ich zurück sei, sähen wir weiter. Ich ließ mir Zeit mit dem Wiederkommen, es war wirklich besser, die Maus zu verkaufen - dachte ich. Lieber eine gewisse Summe sofort, als irgendwann ein paar Märker zu zählen. Nein, schließlich war ich ja kein Hartgeldloddel.
Nicole traute ihren Augen nicht, als sechs Riesen abgezählt vor mir auf dem Tisch lagen. »Das ist mein letztes Angebot«, erklärte Ferry und nahm gleich das Mädel besitzergreifend in seine Arme. Ich steckte das Geld ein. Nun erkannte wohl Nicole den Ernst der Situation und fing an zu weinen. Ich beruhigte sie und sprach davon, daß ich ja sowieso bald in den Knast müßte - und so könne sie beim Ferry bleiben, bis ich wiederkäme. Ich trank schnell aus und mit den Worten: »Hier hast du es doch gut« sowie mit einem flüchtigen Küßchen verabschiedete ich mich - weg war ich. Ich fuhr jedoch mit gemischten Gefühlen weg, nicht etwa wegen Nicole - sondern eher deshalb, weil ich Bedenken hatte, ob die Sache auch gutgehen würde. So sah ich das Geld, die sechstausend Mark, noch lange nicht als meines an, ich schob es achtlos unter die Fußmatte im Auto - und dachte mir noch, es liegt vorläufig gut da. Ich lebte eine ruhige Zeit, fast möchte ich sagen, es kamen Wochen ohne besondere Vorkommnisse. Ich fuhr auch immer weniger nach Mannheim, ließ mir von Heien das Geld ins Haus schicken. Fast hatte ich mich daran gewöhnt, daß es etwas ruhiger zuging, da kam es wieder Schlag auf Schlag. Exakt nach zwanzig Tagen stand Nicole vor der Tür und heulte sich die Augen aus. Sie könne einfach nicht mit dem Ferry leben, und so weiter und so weiter - und wie sehr sie mich doch liebe und welche Sehnsucht sie nach mir hätte. »Weiß denn der Ferry, daß du jetzt da bist - bei mir?« fragte ich sie. Aber natürlich wußte er nichts davon, sie hatte ihm vorgelogen, sie gehe zum Friseur. Spätestens jetzt fielen mir wieder die Sechstausend unter meiner Auto-Fußmatte ein - und ich war natürlich stocksauer darüber, diese nun wieder brav zurückbringen zu müssen. So war alles an meiner Nase vorbeigelaufen. Ich hatte auch keinen Nerv für Nicoles Geflenne, denn eigentlich hatte sie mich zum Gelackmeierten gemacht. Hoffentlich blieb das
zwischen dem Ferry und mir geheim, sonst machte mich diese blöde Kuh noch glatt zum Gelächter im Milieu. Aber da gab es nur eins, ich erklärte ihr, daß sie in München ab sofort nicht mehr anschaffen dürfe. Außerdem stünde ich nicht auf sie, und es sei überhaupt gescheiter, sie packe ihre Siebensachen und verschwinde in eine andere Stadt. Ich setzte sie ganz unkompliziert vor die Tür und fuhr schnurstracks zur Weißen Villa, griff unter meine Fußmatte und knallte dem Ferry die Kohle wieder auf den Tisch. Ich sagte ihm, daß Nicole weinend bei mir war und daß ich ihr in München Anschaff-Verbot erteilt hatte. »Also, halte dich auch daran, Ferry, hier ist dein Geld wieder«, sagte ich ihm, und: »Eigentlich war die ganze Sache nichts weiter als ein herrlicher Irrtum von uns allen dreien.« Als ich wieder heimfuhr, konnte ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen, vor Irrtümern war man nie gefeit. Da fiel mir ein, vor zwei Jahren hatte ich wohl für die kürzeste Zeit eine Partie aufgestellt, kürzer ging's kaum. Als ich damals mit meinem Wagen durch die Stadt fuhr, es war ein bitterkalter Wintertag, lud ich ein Mädel in mein Auto ein. Dieses arme Geschöpf hatte auf einer Straßeninsel herumgeschlottert und auf die Straßenbahn gewartet. Ich hatte die Maus nicht einmal mit nach Hause genommen, hatte sie nicht einmal geküßt. Ich ging mit ihr essen, und auf meinen Vorschlag hin, für mich Anschaffen zu gehen, war sie spontan bereit gewesen. Das war's, das war's, was ich immer wissen wollte. Es war eine Manie - ich war pervers darauf. Und wenn ich auch die schönste Frau der Welt sah, dachte ich diese sofort in Scheine um, in viele, viele Scheine unserer Währung. Nun, dieses Mädel damals sollte mir sofort, am selben Abend noch, beweisen, daß sie eine gute Partie zu werden versprach. Ich setzte sie mutterseelenallein am Viktualienmarkt ab, auch da kurven die Freier mit ihren Autos rum. Ich drückte ihr ein paar Gummis in die Hand und überließ sie ihrer neuen Aufgabe. Ich sprach mit ihr ab, daß ich in einer Stunde wieder vorbeischauen würde. Ich gab Gas und war
verschwunden. Aber nur scheinbar, denn ich wollte ihr unbemerkt meinen Schutz geben. So fuhr ich leise und ohne Licht den Platz von einer anderen Seite an und blieb stehen. Ich holte meine Kanone hervor und lud diese durch. Denn ich hatte bisher noch nie Kontakt zum Viktualienmarkt. Natürlich wußte ich aber, daß auch da ein paar abgewrackte Weiber anschaffen und daß gelegentlich ein Leberkäs-Loddel sein Revier begeht. Aber- es tat sich nichts, kein Feind war zu erkennen. Zu erkennen aber war, daß die Micky-Maus da frierend vor sich hinhüstelte - sie bot ein Bild des Jammers. Ich fuhr sofort um ein paar Ecken - zum Platzl. Ging in den erstbesten Animierschuppen und rief alle Weiber zusammen. »Wer verkauft mir seinen Mantel?« fragte ich. Zwei Angebote kamen, es wurde ein bisserl gefeilscht, und so ersteigerte ich mir mitten in der Nacht einen Damenmantel für meine nagelneue, frierende Viktualienmarkt-Partie. War nicht ganz billig, das Ganze. Aber ohne Investitionen kann kein Geschäftsmann etwas werden. Schnell war ich wieder zurück und legte dieser jämmerlich frierenden Gestalt den Mantel über. Sie blickte mich dankbar an und gab mir ein Küßchen auf die Backe. Ich sah aber schon ein paar Autos kreisen, wollte dem kommenden Geschäft nicht im Wege stehen und fuhr von dannen. Irgendwo nahm ich einen Drink, um dann auch gleich wieder meine Kontrollfahrt zu machen. ... Weg war sie - aha, ihr erster Stich, dachte ich bei mir. Immer wieder wunderte ich mich darüber, daß ein großer Teil von Freiern lieber im unbequemen Auto bumste als auf einem angenehmen Bett im Puff. Der Preis war doch derselbe. Jedenfalls wartete ich auf meine neue Geldquelle - aber die kam auch nach Stunden nicht wieder. Sie hatte sich den Mantel geschnappt und war auf Nimmerwiedersehen verschwunden ... so ein Pech! Das war meine kürzeste Partie, sie stand keine Stunde... Also war das Thema Nicole auch abgehakt - ich machte mich frisch, zog mich an und wollte in den >Billard-Saloon<. Das Telefon klingelte, Heien aus Mannheim war am Appa-
rat. Ich hatte schon Unterhosen und Socken an, wollte nur gerade das Hemd überstreifen. »Was gibt's, Baby?« fragte ich in die Leitung. Und sie faselte ganz wirr etwas von Lebensgefahr und Schießereien in der Puffstraße. »Ich komme sofort«, war mein knapper Kommentar. »Pack deine Koffer, ich bin gleich da«, und hängte ein. Ich schlüpfte in meinen Bademantel, schnappte mir unterm Rausgehen noch meine Brieftasche mit den Fahrzeugpapieren und Geld, riß mir das Badetuch vom Haken und - saß auch schon im Auto. Und wieder einmal war ich auf der Autobahn München-Mannheim unterwegs. Nur, diesmal fuhr ich Weltrekord, ich raste, als sei der Teufel hinter mir her. Mich kümmerten keine Geschwindigkeitsbegrenzungen an Baustellen, oft überholte ich rechts. Das wäre ja wohl noch schöner, ich lasse doch meiner treuen Geldquelle nicht den Schädel runterschießen - dachte ich bei mir. Eineinhalb Stunden war ich schon unterwegs, aber gleich mußte die Autobahn zu Ende sein. Danach mußte ich noch die Stadt durchqueren, um zur Lupinenstraße zu kommen, der kleinen Mannheimer Meile der Sünde. Das war nun echter Rekord. Mist, die Blechtore waren zu, also mußte ich zu Fuß bis zum Haus Nummer elf, wovor Heien nun schon seit Jahren tagein tagaus stand. Also ging ich, im Bademantel, die durchgeladene Pistole im Anschlag, jedoch das Badetuch darumgewickelt, zum Elfer-Haus. »Heien, schmeiß die Koffer aus dem Fenster!« schrie ich hinauf, und es war tatsächlich etwas unheimlich in diesem Stück Straße. Kein Mensch war zu sehen, nur ich stand da mutterseelenalleine rum. Wollte aber für Heckenschützen kein Schützenfest bieten, also preßte ich mich in den Hauseingang - und da flogen auch schon drei Gepäckstücke knapp an mir vorbei auf die Straße. Ab und zu zeigte sich mal an einem Fenster verstohlen ein Frauengesicht, war aber auch gleich wieder verschwunden. Also mußte hier ganz nett was los sein, dachte ich mir, indes, eine genaue Erklärung
fand ich natürlich nicht. Das wird mir schon die Heien auf dem Heimweg erzählen, dachte ich bei mir - und hatte noch nicht ganz ausgedacht, da fielen in rascher Folge zwei Schüsse. Das war aber nicht unmittelbar hier, so wollte es mir scheinen, das war eine Straße weiter. Dieses tiefe, laute Bellen der Schüsse ließ auf eine schwere amerikanische Armeepistole schließen. Ich kannte diesen lauten Donner sehr wohl. Heien erschien im Eingang, ich zischte ihr zu, sie müsse zwei Koffer selber tragen. Ich konnte nur ein Gepäckstück nehmen, weil ich in der anderen Hand mein Badetuch samt Inhalt trug. Mit ein paar Sätzen waren wir aus dem Tor und am Wagen, und ich gab Vollgas in Richtung Heimat. Ach du meine Güte - jetzt erst tauchte die Polizei auf, aber dafür gleich mit gut und gerne zwanzig Autos. Sie spritzten aus allen Straßen und machten einen Höllenlärm mit ihrem dämlichen Tatü - tatü. Aber da kam ich nicht ganz mit - sollte ich schneller aus München dagewesen sein, als die hier von der Zentrale ins Puff gelangten? Heien gab mir unter der Fahrt Aufklärung, was meine Fragezeichen anbelangte. Zunächst aber, als wir schon die Autobahn befuhren, machte sich mein Baby lauthals über mich lustig. Heien amü sierte sich, in welchem Aufzug ich da ins Puff eingelaufen war. Es mußte tatsächlich ein Bild für die Götter gewesen sein. Ein Typ läuft auf Socken und im Bademantel, mit einer Kanone in ein Handtuch gewickelt, durch die menschenleere, geisterhaft anmutende Puffstraße... Die Schießerei in der Lupinenstraße hatte folgenden Hintergrund: Schon seit Tagen wurde in Mannheim ein DealerKrieg ausgetragen. Hauptsächlich waren darin die schwarzen Soldaten der dortigen U. S.-Armee verwickelt. Eigentlich war der Hauptaustragungsplatz ein Kneipenviertel am Rande der Stadt. Doch hatten sich einige Verfolgte in der unübersehbaren Puffstraße verschanzt - und so war das Puff urplötzlich zu einem Nebenschauplatz geworden. Es pfiffen Kugeln über den Asphalt, berichtete mir Heien, und eine
Gunstgewerblerin wurde in den Allerwertesten getroffen. Erst, als diese Dame im Krankenhaus erschien, wurden die Bullen ins Puffviertel beordert. So erklärte es sich, daß ich tatsächlich schneller war als die Polizei. Zu Hause angekommen, spürte ich Stacheldraht leicht um meine Seele gelegt. Jetzt war Heien in München, besetzte geradezu selbstverständlich meine Wohnung, beschnitt mir allerhand Freiheiten. Ich brachte sie am nächsten Tag im ImexHaus unter. Am Wochenende, wenn Kirstin aus Stuttgart kam, mußte sie im Puff schlafen. Sie spürte die Nähe ihrer Rivalin - und hinterher gab es jedesmal Theater. Heien neigte sich nun, seelisch belastet, wie sie war, dem Alkohol zu. Manchmal holte ich sie frühmorgens ab vom Puff, ging auch schon mal mit ihr sodann in ein Frühlokal. Sie wurde von all meinen Bekannten und Freunden sehr geachtet, gar mit >Frau Lang< angesprochen. Heute holte ich sie wieder ab, wollte mit ihr in den >George-Club<, eine Flasche Whisky paßte noch in meinen Hals. Heien stand nicht auf dem Flur, ihre Kolleginnen sagten mir, sie sei gerade auf Stich - sie hatte also einen Freier. Sofort schaute ich auf die Uhr, es interessierte mich immer, wie schnell meine Weiber arbeiteten. Wenn sie mal recht lang auf dem Zimmer blieben, mußten sie, logischerweise, entsprechend mehr Kohle nachweisen können. Nicht - daß sie da mit so einem Typen, der ihnen vielleicht gefiel, eine Hochzeitsnacht abhielten. Vertrauen war gut - Kontrolle war besser. Helens Tür ging auf, sie kam raus mit dem Ga st - ein freundlicher Gastarbeiter verabschiedete sich mit einem lauten »Arrivederci« von allen Weibern des dritten Stocks und schwebte wie auf Wolken die knarzenden Treppen hinab. Ich sah auf Anhieb, die Heien war wieder sturz-zu. Sie kam leicht schwankend auf mich zu und umarmte mich. Dann erzählte sie mir, heute wäre ein Wahrsager dagewesen, er hätte ihr aus der Hand gelesen. Es stünde nicht allzu gut um uns beide und unsere Liebe.
m ihrer Hand sei zu lesen, daß sie nur ausgenommen würde. Der Saturn stünde schlecht zum Orion - und somit würde unsere Beziehung bald enden. Da bekam ich vielleicht einen Prass auf diese Scheiße, die ich mir da anhören mußte. Und sie hatte für diesen Käse auch noch fünfzig Mark bezahlt! Ich gab ihr eine schallende Ohrfeige und schrie sie an: »Daß du Bescheid weißt - der Mars steht auch schlecht zur Venus, du blöde Kuh! Du schaffst jetzt an, bis du wieder nüchtern bist, rund um die Uhr, verstanden?!« Und ich ging. Begab mich alleine ins Frühlokal, um mir einen Joint reinzupfeifen und das Ganze mit reichlich Alkohol nachzuspülen. Ein paar Jungs waren schon anwesend, irgendwo hatten sie ein paar kleine Mädchen aufgerissen. Diese buntgewürfelte Gesellschaft lud mich ein, ich solle doch mitfahren an den Ludensee. Ein bißchen >Schwimmen gehen<, hieß es. Also fuhren wir los, ich konnte nur noch schemenhaft den Verkehr erkennen, ich war stockbesoffen. Ich fuhr alleine, die anderen hatte alle ein Mädel bei sich. Aber irgendwie werde ich schon auf Stich kommen, dachte ich bei mir und fuhr den anderen hinterher. Der ganz junge Tag war noch sehr kühl, wir machten uns ein Feuerchen - und ich, in meinem Suffkopf, warf ein paar Patronen rein, weil das so schön knallt. Wie leicht hätte doch so ein Projektil jemanden von uns durchlöchern können! Wir waren sechs Jungs und fünf Mädels, und natürlich hingen wir so halb in und aus den Klamotten. Irgend jemand warf eine Kleine ins Wasser, und deren Kleider waren daraufhin klitschnaß. Also zog sich diese aus, und drei, vier Jungs rieben sie warm, aber hauptsächlich nur ihre Titten und Schenkel. Freilich flutschte aus Versehen so mancher Finger dabei in ihr Vötzchen - aber das Mädel tat nur so, als würde es sich wehren. Also - allgemeine Geilheit war ange-
sagt, und das erste Pärchen verdrückte sich auch schon ins nahe Gebüsch. Ich krallte mir ebenfalls eine Zuckermaus und schlich mich mit ihr davon. Sie hatte am ganzen Körper festes
Fleisch wie aus Stein. Es war direkt drollig, wie unbeholfen sie die Beine breitmachte - oder war gar ich derjenige, der da so im Vollrausch tolpatschig in dieses junge Fleisch bumste? Nach einer gewissen Zeit schrie einer von uns Jungs, als würde ihm der Schwanz abgeschnitten. Aber sicher war er von uns der Nüchternste, denn er hatte es als erster gemerkt Wir alle wälzten uns da auf einem kleinen Fleckchen Muttererde, das von vorne bis hinten zugeschissen war. Sicherlich verrichteten hier alle feinen Badegäste den ganzen Sommer über ihre Notdurft - und wir waren gerade dabei, eine Lustwiese daraus zu machen. Es war einfach eklig, die Weiber hatten das verschiedentlichste Braun in ihren Haaren verschmiert. Wir sprangen allesamt ins Wasser und versuchten abzuwaschen, was abzuwaschen ging. Blitzschnell trafen wir die Absprache, daß wir Jungs jetzt sofort Gas geben und die stinkenden Mädels hier alleine ihrem Schicksal überlassen würden. Da sie alle mit ihrer Haarwäsche länger zu tun hatten, waren wir ganz raschln den Klamotten und sprangen in die Autos. Ich konnte im Rückspiegel die kreischenden Nackedeis sehen und sie nur bedauern - aber ich stank ja selber noch, schlimmer wie ein Iltis. Gott sei Dank war heute meine Heien nicht zu Hause - aber was würden die anderen Jungs ihren Weibem erzählen, wenn sie von oben bis unten nach Scheiße rochen? Am nächsten Abend, als wir uns im >Billard-Saloon< trafen, haben wir diese »Scheiße« im wahrsten Sinne des Wortes herzlich belacht. Seit sehr längerer Zeit hatte es sich in München herumgesprochen, wer und was ich war. Galt ich doch als schillerndste Figur des Undergrounds - brutal, gefährlich, verrückt vielleicht. Die gesamte Regenbogenpresse, zeitweise auch alle Tageszeitungen, berichteten mal mehr oder weniger ausführlich, wenn der Fernschreiber im Polizeipräsidium in meinem Namen tickte. Meine Mutter erzählte mir, wie sie eines Tages unter der
Heißlufthaube beim Friseur saß und in Illustrierten blätterte. Zwei Seiten waren mir in irgendeinem Blatt gewidmet. Diese vermittelten den Lesern meine Verhaftung in Regensburg. Es war auch ein großes Farbfoto dabei, welches zeigte, wie ich gerade in Handschellen abgeführt wurde. Meine Mutter berichtete mir, es hätte sie fast der Schlag getroffen, ihr sei immer heißer unter der Haube geworden. So wurde ich auch durch die Presse zu einer traurigen Berühmtheit, auf welche Tatsache ich aber damals eher stolz war. Eines Tages, ich saß, alleine noch, an unserem Stammtisch im >Tilbury<, gesellte sich ein feiner Herr zu mir. Er war Ge schäftsmann und fragte mich, ob er sich auf ein Gespräch zu mir setzen dürfe? Ich war echt gespannt, was da kommen würde - aber zuerst mal kam gar nichts, außer einer Flasche Whisky auf den Tisch, die der Herr spendierte. Und so langsam rückte dieser solide Bürger mit seinem Anliegen heraus. Er sagte, er besäße am Stadtrand von München einen großen Schrottplatz, betreibe aber hauptsächlich eine Autovermietung. Nun habe er aber auf der anderen Seite der Straße auch noch ein Grundstück, welches er verpachtet hätte. An einige Ausländer - die hätten vorgegeben, nur in Alteisen und Schrott zu handeln. Eine Autoverwertung dürften sie nicht betreiben, denn da hätte er ihnen eine KonkurrenzAusschlußklausel im Vertrag verpaßt. Aber die Söhne des Orients hielten sich nicht mehr daran und machten dem netten Herrn, dem ich gerade eine Audienz gewährte, böse Konkurrenz - in Sachen Autoverwertung. Diesen Lümmeln sollte man mal in die Suppe spucken, meinte er und schaute mich dabei mit treuem Hundeblick an. »Tja, und was soll ich denn nun mit deinem Problemchen?« fragte ich ihn. Und da sprudelte es aus ihm heraus, daß ich der richtige Mann wäre, der da hemmungslos aufräumen würde - und so weiter und so weiter. Ich unterbrach ihn in seinen euphorischen Ausführungen,
klopfte ihm auf die Schulter, sah an ihm vorbei an die Decke und äußerte gelangweilt: »Es ist alles eine Frage des Geldes.« Er rückte etwas näher, suchte mein Ohr und sagte etwas von einem Tausender. Ohne Zögern hielt ich ihm zwei Finger vors Gesicht, so daß klar erkennbar war, daß ich das Doppelte haben wollte. Ich untermalte meine Geste mit den Worten, daß wir schließlich mit zwei Mann zur Sache gehen würden. Ich ließ ihn jetzt alleine mit seinen Gedanken, er schlürfte seinen Whisky und schien zu überlegen. Er holte gerade aus, um etwas zu sagen, da gesellten sich zwei Freunde an unseren Tisch - also war das Gespräch für heute gestorben. Ich bat ihn aufzustehen, um uns nicht zu stören, und ich sagte ihm, daß ich morgen mittag bei ihm vorbeikomme. Am nächsten Tag fuhr ich hin, ein wunderschöner Altweibersommer-Tag ließ mich meine Maschine wählen. Er wartete schon auf mich, er war alleine in seinem Büro. »Wie schaut's aus?« fragte ich, und er nickte nur stumm. »Halbe-halbe«, war mein Kommentar, wobei es klar schien, daß ich einen Riesen Vorschuß meinte und der andere Tausender nach getaner Arbeit zu berappen war. Er hätte dann aber doch zu gerne gewußt, wie denn unsere Arbeit aussehen würde. »Innerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden wirst du schon erfahren, was deiner Konkurrenz passiert ist, jetzt fahre mal mit deiner Kohle rüber, weil ich keine Lust habe, hier groß gesehen zu werden!« Ich griff nach dem Schein, den er recht umständlich aus seiner Brieftasche zupfte, und sprang auf meinen Heißen Ofen. Draußen fuhr ich noch zweimal die Straße auf und ab, ich wollte mir ein Bild machen, gegen wen und was ich angesetzt wurde. Ich speicherte ganz schnell alles Wissenswerte und fuhr nach Hause. Bei Fats Domino-Musik grübelte ich ein bißchen, auf der Couch gammelnd. Ich wollte diesen Fall sofort, heute nacht noch, hinter mich bringen. Es war nicht unbedingt des Geldes wegen, warum ich mich
zu dieser Aktion hatte überreden lassen - nein, dieser Ge schäftsmann hatte instinktiv bei mir den richtigen Nerv getroffen, ohne es zu wissen. Gefahr und Abenteuer ergaben den absoluten seelischen Superorgasmus für den Berndt. Als Partner wählte ich mir, ohne lang nachzudenken, den Robby. Er war ähnlich gelagert wie ich, machte sich nichts aus Tod und Teufel. Aber ich mußte ihn erst finden, besser gesagt: telefonisch erreichen. Er hob nicht ab, wo trieb er sich denn schon wieder herum? Er wußte ja auch noch nichts von seinem Glück. Aber ich war mir sicher, er würde mitmachen. In jedem Falle würde ich aufs Material losgehen, nicht auf den Mann. Mein Plan war, zwei Brandsätze zu legen, auf daß die Bude ein bißchen qualmte. Ganz schnell mußte das gehen, und es sollte ein Ausmaß erreichen, daß die Typen einen beträchtlichen Schaden hatten und obendrein ins Grübeln kamen. Die gestapelten Autoreifen würden ein nettes Futter abgeben für die fressenden Flammenzungen. Außerdem war für die paar Mark auch nicht mehr drin, letztlich waren das ja nur ein paar Flaschen Whisky, für die ich nicht die Taste »Risiko« drücken wollte. Nun- ich war bereit, aber wo war Robby? Ich probierte es nochmals, wählte seine Nummer, und endlich hob er ab. »Hallo, Robby, du alter Strawanzer, wo steckst du denn die ganze Zeit?« fragte ich ihn, und ohne seine Antwort abzuwarten, bat ich ihn, doch gleich, auf der Stelle, zu mir zu kommen. In wenigen Minuten war er da und gespannt, was denn so dringlich war. Ich erzählte es ihm, und es kam, wie ich es erwartet hatte: Natürlich war Robby dabei, außerdem brauchte er sowieso dringend Geld. Also ging ich los, kaufte schnell beim Pizzabäcker zwei Zweiliterflaschen Chianti. Mein Reservekanister aus meinem Kofferraum mußte dran glauben. Mein Badezimmer wurde zu unserem Labor, der Wein floß in die Toilette. In der Badewanne wurden die Flaschen gespült, und danach faßte ich die Dinger nur noch mit Handschuhen an. Nachdem sie feinsäuberlich getrocknet waren, füllte ich sie gleich ab, die ganze Wohnung stank nach
Sprit. Nun mußte mein Bademantel herhalten, besser gesagt, der Gürtel davon. Das leichte Frotteegewebe bot sich ausgezeichnet als Docht, als Lunte an. Mit Watte wurden die Flaschenöffnungen etwas abgedichtet, nun waren die Feuerwerkskörper fertig. Ungefähr zehn Zentimeter schauten die Dochtenden aus den Flaschen, sie wurden nochmals gut mit Benzin getränkt. Ich kleidete mich total in schwarze Klamotten, und wir warteten auf die Nacht. Ein paar Bierchen und ein bißchen Fernsehen, und schon war es bald Mitternacht. Wir fuhren los, Robby saß auf dem Beifahrersitz und hielt die beiden Flaschen in der Hand-wie Kommunionskerzen. Wir waren angekommen, ich parkte auf dem gegenüberliegenden Grundstück - bei unserem Auftraggeber. Bevor wir ausstiegen, besprachen wir noch, ganz leise zu sein, keinesfalls auch nur ein einziges Wort zu reden. Sollte ein Hund dasein, würde ich den erschießen. So... alles klar? Los ging's. Es herrschte fast kein Verkehr auf dieser Ausfallstraße um diese Uhrzeit - unser Objekt lag friedlich und still. Ich dachte mir noch im stillen, das darf doch wohl nicht wahr sein, daß man einen Schrotthaufen noch kaputter machen kann. Aber dazu waren wir jetzt unterwegs. Kein Hund, kein nichts! Robby suchte sich im Dunkeln etwas Handliches, zum Öffnen der Eingangstür. Doch das war überflüssig, ich drückte die Klinke, die Tür war unverschlossen. Robby turnte über verschiedene Autowracks hinweg ans andere Ende der Halle, und nun zuckten zwei Feuerzeuge auf. Die benzindurchtränkten Dochte fingen sofort Feuer, jetzt mußten wir blitzschnell diese gefährlichen Dinger loswerden, auf daß sie nicht in unseren Händen explodierten. Jeder schleuderte seine Flasche mit Wucht an eine der Wände. Die Szenerie war so beeindruckend, als wäre sie dem James-Bond-Film »Feuerball« entnommen. Dem Geräusch der splitternden Scherben folgte der dumpfe Knall der Explosion. Ein wahrer Feuerregen sprühte nieder, fraß um sich. Unsere Arbeit war getan - nun nichts wie raus hier. In dieser Situation, wo sich
licht und Schatten ablösten, die Flammen gespenstisch um die Wette fauchten, hörte ich plötzlich einen Schrei von Robby. Es mußte etwas ganz Außergewöhnliches passiert sein, daß er unser verabredetes Schweigen nicht einhielt, und ich brüllte zurück, was denn los sei? »Da pennt einer in so einer Karre, schau mal nach, ob du auch jemanden findest!« Hätte ich etwas mehr Zeit gehabt, hätte ich mir einen Schock geleistet, doch ich war auf jeden Fall von den Socken. Auf diese Idee wäre ich nie gekommen, daß wir mit unserer Aktion Menschenleben in Gefahr bringen könnten. Ich blickte hastig durch Autofenster, öffnete Wracktüren - und tatsächlich lag da noch einer auf einer Rückbank eines ausgeschlachteten, uralten Kapitäns. Die Autos standen alle ohne Räder auf ihren Achsen, und sicherlich waren es zwei Arbeiter, die hier ihr Nachtlager aufgeschlagen hatten. Die Flammen schlugen schon ganz nett hoch, und es war höchste Zeit, diese Gestalten aus ihrem Schlaf zu reißen, denn so hatten wir nicht gewettet, daß da vielleicht jemand draufging! Also wurden die Penner wachgerüttelt, und sie suchten, über Autodächer hüpfend, ihren Weg ins Freie. Robby und ich liefen getrennt in die Dunkelheit hinaus, die Nacht verschluckte uns. Aus der geplanten knappen Minute waren nun gute fünf Minuten geworden, als wir uns nach Umwegen an meinem Auto wiedertrafen. Mit Vollgas und ohne Licht fuhren wir in Richtung Stadtmitte, und unsere Sorge war groß, ob nicht doch noch jemand in den Flammen schlummerte. Am übernächsten Tag erschien in den Zeitungen nur eine kleine Notiz, daß die Feuerwehr einen Brand zu löschen hatte - der Sachschaden sei gering und Personen seien nicht zu Schaden gekommen. Man vermutete einen politischen Hintergrund - mir fiel echt ein Stein vom Herzen. Ich ließ mir den restlichen Tausender per Post schicken, ich wollte mich da draußen nicht mehr sehen lassen. Robby war froh um das Geld; er erzählte mir, daß er mit seiner trinkfreudigen Alten ewig Zoff habe - der andauernde Suff mache sie noch ganz
blöd in der Birne, meinte er. Und deswegen sei er schon längere Zeit nicht mehr im Puff gewesen, um sich von ihr Geld zu holen. Das gab's doch nicht, dachte ich und sagte es auch, daß so ein guter Junge hier in München stier herumlief, und andererseits gab es jede Menge Solopartien. »Das soll sich aber ganz flott ändern«, meinte ich zu Robby, »morgen fahren wir beide mal zum Wetzel Anton und schauen, welche Mieze dort solo ist.« Heien war am Wohnungsaubermachen. Das war wohl der einzige Grund, warum ich froh war, daß sie nun in München wohnte. So brauchte ich mich eigentlich um gar nichts mehr zu kümmern. Nicht ums Kochen, Waschen, Putzen, Bügeln - und jeden Tag gab's Frisches, was die Kohle anlangte. »Warum stinkt es im Bad so nach Benzin?« fragte sie mich, und ich erteilte ihr die Antwort, daß es wohl ihr Nagellackentferner sei,