Zukunftsroman von Eberhardt del' Antonio Zweite verbesserte Auflage • 26. bis 45. Tausend
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Zukunftsroman von Eberhardt del' Antonio Zweite verbesserte Auflage • 26. bis 45. Tausend
Alle Rechte vorbehalten • Verlag Tribüne Berlin
Printed in the German Democratic Republic
Umschlaggestaltung: Adelhelm Dietzel • Lothar Ziratzki
Gesamtherstellung: Sächsische Zeitung Dresden HI-9-1 79
2-390/16/63 - B 112 - 563 - EVP 7,50
Scanned by Tias 1 ba
Corrected by Besserwisser5
1 Der Hubschrauber flog im weiten Tal entlang. Sein schlanker Schatten huschte über großflächige Felder, üppige Wiesen, schmale Waldstreifen und betonierte Straßen. Zuweilen berührte er eine Schleife des breiten Flusses, der sich träge durch das Tal schlängelte. Wolfgang Trautenhahn lehnte auf der hinteren Sitzbank der viersitzigen Kabine und musterte die beiden Männer, die vor ihm saßen. Der Pilot, breitschultrig und massig, wirkte unbeholfen und träge, wenn er bewegungslos im Sessel lehnte. Doch seine Blicke schweiften unablässig von Instrument zu Instrument, vom Armaturenbrett nach unten auf die Landschaft. Bewegte er sich, so geschah es mitunter verblüffend schnell und geschickt. Sie nannten ihn Jumbo wegen seines schweren Ganges und weil er meist bedächtig war. Jumbo war schweigsam, Wortgeplänkel liebte er nicht; sagte er etwas, dann war es wohlüberlegt. Neben ihm saß ein kräftiger Bursche mit gepflegtem Haar und gebräuntem Hals. Er blickte erwartungsvoll voraus und suchte am Horizont nach einem vertrauten Merkmal. Über Trautenhahns Gesicht irrte ein Lächeln. Wir sind ja bald da, du kannst es wohl gar nicht erwarten? wollte er fragen. Hat es dir nicht gefallen bei uns? Doch dann bedrängten ihn wieder die Gedanken der letzten Stunden, und er schwieg. Er vergaß die beiden Kollegen, vergaß, wo er sich befand. Er hielt das Kinn auf die offene Hand und den Arm auf die Lehne gestützt, seine Augen waren halb geschlossen. Trautenhahn mochte Anfang der Fünfzig sein. Seine buschigen Augenbrauen und das schüttere, an den Schläfen weit zurückweichende Haar waren von grauen Strähnen durchwirkt. Sein Gesicht war knochig und von Falten zerfurcht. Er war untersetzt, wirkte grob, hatte aber lange, schmale Hände. Er schien müde, wie er so dasaß. Wer ihn näher kannte, bemerkte jedoch das leichte Mahlen der Kiefer und auch die steile Falte über der Nasenwurzel und wußte, daß ihn etwas erboste. „Diese verdammten Bremsklötze!“ knurrte er vor sich hin. „Heimleuchten werden wir euch!“ Es erregte Trautenhahns Zorn, wenn er Menschen begegnete, die hinter dem Schreibtisch ihren Tatendrang und ihren Weitblick einbüßten, denen der Schreibtischsessel an den Hintern wuchs und sie am Gang durch die Produktionsstätten hinderte; Menschen, die ihre Betriebspläne engstirnig nur als tote Zahlenreihen sahen, losgelöst aus dem großen Zusammenhang, für den sie sich kaum noch verantwortlich fühlten; Menschen, die den Plan nicht mehr als Ausdruck einer lebendigen Wirklichkeit empfanden, einer Wirklichkeit, die aus vorwärtsstrebenden Arbeitern bestand und aus dem großen Ziel, das sie erreichen wollten... Er schüttelte den Kopf, heftig und unbeherrscht. Erst im letzten Augenblick vermochte er seine Faust zurückzuhalten, mit der er auf die Lehne schlagen wollte. Dazwischenfahren würde er! Wie konnte man sich in einer Zeit des stürmischen Fortschreitens, in der heute überholt war, was gestern als maximale Grenze des Möglichen festgelegt wurde, in einer Zeit des begeisterten Wettbewerbs dogmatisch an den Plan klammern, ihn als Bremse benutzen? Er war so zornig wie gestern, als er mit dem Produktionsleiter des Glasfaserwerkes telefoniert hatte. Mehr glasfaserverstärkter Polyester! Das war das Ziel seiner Brigade. Mehr Polyester mit denselben Maschinen! Wochenlang hatten sie geknobelt, entworfen und verworfen, gerechnet und geändert, Stillstands- und Anlaufzeiten gekürzt, die Herstellungszeiten der Zwischenprodukte vermindert und die Einstellung der Gießautomaten geändert. Minute um Minute hatten sie zusammengetragen und waren schließlich selbst erstaunt gewesen, wie viele Stunden eingesparte Zeit das ergab, wie viele Tonnen Polyester zusätzlich. Sollte das umsonst gewesen sein? Sie produzierten glasfaserverstärkten Polyester, deshalb bedingte eine erhöhte Produktion auch erhöhten Glasfaserbedarf. Vom Glasfaserwerk aber kam als Antwort:... bedauern wir, den außerplanmäßigen Mehrbedarf nicht befriedigen zu können... Trautenhahn hatte es nicht fassen wollen. Er war zum Fernsprecher geeilt und hatte den Produktionsleiter des Glasfaserwerkes verlangt. Und was erwiderte der? „Ausgeschlossen, unsere Produktion ist plangemäß voll ausgelastet!“ Plangemäß? Komischer Kauz. Der Teufel sollte ihn holen! Als sei ihr Plan nicht real, als hätten sie Reserven eingebaut! Aber sprach man vom schöpferischen Menschen, damit er sich mit Erreichtem begnügte? Entwicklung - das hieß schöpferische Unzufriedenheit, schöpferische Ungeduld! Aber so ist das. Die Bewußtseinsbildung ist kompliziert, neue Werke wachsen schneller als neue Menschen, höhere Ansprüche entwickeln sich schneller als höheres Bewußtsein. Sie würden die Selbstzufriedenen schon in Trab setzen, denn mußte es nicht für jeden, der die Arbeit als menschliches Recht, als Produkt der Vernunft und damit als Beweis des Menschseins erkannte, für jeden, der Achtung vor der menschlichen Leistung hatte, selbstverständlich sein, mit dieser Leistung den
höchstmöglichen Nutzen zu erzielen? Man konnte doch keine Reserven dulden, die sich noch in Maschinen und Arbeitsmethoden verbargen und den effektiven Wert der Leistung minderten! Wenn jedoch die Glaswerker nicht mehr Glasfasern produzierten, konnten die Chemiewerker sich nicht verpflichten, mehr glasfaserverstärkten Polyester herzustellen. Deshalb hatte die Brigade auf jede schriftliche Auseinandersetzung verzichtet. Sie schickte ihren Brigadier Trautenhahn, den Vertrauensmann ihrer Gewerkschaftsgruppe, Stolteroff und Werner Hardenstein zu den Glaswerkern mit dem klaren Auftrag, hineinzuleuchten in die dunklen Winkel, die es im Glaswerk noch zu geben schien. Jetzt befanden sie sich auf dem Wege dorthin. Sie würden... „Mein Dorf !“ rief der kräftige Bursche neben Stolteroff. Trautenhahn schrak auf und wandte sich nach links. Vor dem seitlichen Fenster schwangen sich steile, dicht bewaldete Hänge hinauf zur Hochebene, in die der Fluß zu Urzeiten als Gletscherstrom dieses breite Tal gefressen hatte. Hier und da kam der nackte Fels durch die Baumkronen, als habe der Berg sein grünes Kleid durchgescheuert. Steile Schluchten zerklüfteten wie Falten den Hang. Am Fuß der Hochebene - Spinne im Netz der betonierten Straßen - lag eine Ortschaft. Sie trug den Stempel der neuen Zeit. Um einen breiten Platz, den Blumenrabatten füllten, verteilten sich Landwarenhaus, Landambulatorium, Kulturhaus und Oberschule. Zweistöckige balkongeschmückte Wohnhäuser setzten farbenprächtige Tupfen zwischen die Grünanlagen und verstreuten sich auch über den unteren Hang. In tausend Glasflächen brach sich gleißend die Sonne. Doch es gab nicht nur riesige Fenster und große Balkontüren, es gab auch gläserne Wände und Dächer, farbige und milchige, glatte und vielfältig geschliffene. Glas war zum Bauelement geworden, und wo immer man Licht wünschte, wurde es eingesetzt. Im Tal säumten landwirtschaftliche Gebäude den Ort. Sie boten sich Trautenhahns Blicken offen dar wie Puppenstuben. Sie waren mit organischem Glas überdacht, einem gebräuchlichen Kunststoff, nicht nur schmutzabstoßend und splitterfrei, sondern auch durchlässig für die lebenswichtigen und keimtötenden ultravioletten Strahlen der Sonne. Große Rinder- und Schweineställe, deren Kunststoffwände sich nach Belieben entfernen ließen. Eine Geflügelfarm mit automatischer Fütterung, Entmistung und automatischem Eiertransport - Eierfabrik, sagte der Volksmund. Ein kleiner Flugplatz mit Hangar und Düngersilo. Scheunen und Speicher. Ein überdachter Maschinenhof mit Werkstätten und Waschanlagen, Abschmierstelle und Tanksäule. Am oberen Hang bemerkte Trautenhahn einen Sportplatz, ein Schwimmbad und eine geräumige Turnhalle. Oberhalb der Ortschaft überragte der Aussichtsturm eines Ferienheimes die Hochebene, und als Wahrzeichen der modernsten Technik erhob sich ein schlanker Funkmast. „Dort links, neben dem großen Spielplatz, das Haus mit den roten Balkons, oben am Hang, hinter dem Kindergarten - dort wohne ich!“ sagte der Bursche vor ihm, und Trautenhahn blickte in Richtung des ausgestreckten Zeigefingers. Er hatte seine Kindheit auf dem Lande verbracht. Aber Dorf, das hieß damals: einzelne Gehöfte, verschlammte Straßen, Handtuchfelder, Feldraine... . Trautenhahn entsann sich langer Winterabende, verschneiter Wege und Felder, einer einsamen Straßenlampe, die bei jedem Windstoß quietschend schaukelte und deren trüber Lichtkreis ein Stück Fachwerkwand aus dem Dunkel hob. Irgendwo in der Finsternis kläffte ein Spitz, eine Dogge mischte
sich ein, bald war es ein vielstimmiger Chor, bis die Stille wieder einfiel und man den Schnee unter den Schuhen knirschen hörte und das Knarren eines Tores oder einen fernen Sprachfetzen... Als Kind war ihm das verträumt erschienen, märchenhaft und geheimnisvoll, und als er in die Stadt kam, wehrte er sich gegen das Lärmen und Hasten und gegen die Helligkeit. „Ich komme vom Lande...“, sagte er versonnen, „aus einem alten Dorf mit einzelnen Höfen. Jedes Gehöft hatte sein Wohnhaus, sein Stallgebäude, seine Scheune...“ „... und seinen eigenen Misthaufen, seinen eigenen Gestank, seine eigenen Sorgen - ich weiß!“ unterbrach ihn der Bursche ungehalten. „Jeder bestellte seinen eigenen Zipfel, baute seinen eigenen Kohl und seine eigenen Rüben. Jeder hatte seine eigenen altererbten Methoden - in Jahrhunderten bewährt und deshalb unverändert. Und streng wissenschaftlich, versteht sich - schließlich hatte man den Bauernkalender !“ „Aber...“ „Deine alte Dorfromantik in Ehren, Brigadier - aber das war nicht die Romantik der Knechte und Mägde, nicht die der Tagelöhner. Hör mir doch auf...“ Trautenhahn schüttelte nachsichtig den Kopf. „Ich trauere dem alten Dorf nicht nach. Wenn du auch nur drei Wochen bei uns warst - soweit müßtest du mich doch kennen! Ich wohne seit fünfunddreißig Jahren in der Großstadt. Zugegeben, manchmal sehe ich das Dorf noch immer mit den Kinderaugen von damals durch die Erinnerung verklärt. Man behält ja nur das Schöne.“ „Ach, und das fehlt dir jetzt?“ fragte der Bursche herausfordernd. „Unsinn, das neue Dorf ist zweifellos schöner - aber mich verblüfft es gerade deshalb immer wieder. Man müßte sich mit ihm richtig vertraut machen. Seinerzeit, als ich das Dorf verließ...“ „Warum bist du denn gegangen, wenn es dir so gefiel?“ „Weil es für junge Menschen starke Schattenseiten hatte, die nicht im kindlichen Blickfeld lagen. Als ich das Dorf verließ, war es der Arm der Welt, verstehst du? Genossenschaften, das kam erst später. Uns junges Volk trieb es in die Stadt, denn was gab es für uns noch auf dem Lande, wenn man die kurzen Hosen ausgezogen hatte und das Spielen nicht mehr der Sinn des Lebens war? Arbeit? Gewiß! Aber mit verhältnismäßig primitiven Methoden - wir waren schon Kinder des Zeitalters der Technik und wollten mit der neuen Technik umgehen. Und wo war etwas los? Im Dorfkrug? Dort konnte man, wenn es eine gutgehende Kneipe war, allenfalls Billard spielen, oder einer aus dem Dorfe dudelte auf der Quetschkommode. Und daß jeder eigene Sorgen hatte, mit seinem eigenen Hof, das machte die Menschen nicht besser. Neid, Klatsch...“ „Das ist heute anders: Wir bestellen den gleichen Acker; mühen, sorgen und freuen uns gemeinsam!“ ereiferte sich der Bursche. Trautenhahn lächelte. „Ich glaub dir's. Ich sehe es ja auch. So eine moderne Agrogemeinde - sicher würde ich, wäre ich jung wie damals, auch Landwirt. Frische Luft, moderne Maschinen! Inmitten der Natur leben und doch nicht hinter dem Grenzpfahl, an dem die Kultur aufhört! Solch ein Leben muß verlockend sein. Früher lief man oft Stunden, wollte man Gebrauchsgegenstände einkaufen. Schuhe gab es in der Kreisstadt, das bedeutete eine Stunde Weg bis zur Bushaltestelle und eine halbe Stunde Fahrt. Der Arzt wohnte im übernächsten Dorf: zwei Stunden Weg. Zwar hatte er einen Wagen, aber damit kam er bei Regen nicht weit im Schlamm. Es gab viele bei uns, die während ihres ganzen Lebens nie im Theater waren, ja, es gab alte Leute, die kein Kino kannten.“ „Du müßtest im Austausch mal zu uns kommen, Brigadier“, sagte der Bursche und lachte stolz. „Laß dir mal drei Wochen Landluft verschreiben!“ „Vielleicht“, erwiderte Trautenhahn, „vielleicht. Es wäre für meinen Stellvertreter eine Gelegenheit, sich richtig einzuarbeiten. Was meinst du, Jumbo?“ Volker Stolteroff ließ sich Zeit. Trautenhahn aber hatte die Frage nur leicht hingeworfen und erwartete keine Antwort. So überraschte sie ihn. „Gute Idee“, sagte Stolteroff gemächlich. „Außerdem bist du ein alter Hase und siehst mehr als wir. Wird auch Zeit, daß der Brigadier selbst mal in den Vertrag einsteigt, den er mit unterschrieben hat.“ „Wann hätte ich gehen können? Du weißt doch selbst, daß es nicht möglich war.“ „Schon gut, war nur eine Anregung zum Nachdenken“, brummte Stolteroff. Der Hubschrauber kreiste über dem kleinen Flugplatz des Dorfes, senkte sich und setzte behutsam die Räder auf. Stolteroff reckte sich, öffnete die Tür und sprang hinaus. „Ich vertrete mir die Beine. Hardenstein ist sowieso noch nicht da. Wir sind eine Viertelstunde zu früh hier.“ „Macht's gut!“ sagte der Bursche. „Ich habe allerhand gelernt bei euch. Hoffentlich kann Hardenstein nachher das gleiche sagen. Ihr habt viel Geduld mit mir gehabt, das muß man euch lassen. Besten Dank, und grüßt mir die Kollegen noch mal.“ Er schüttelte den beiden die Hände und verließ den Platz. „Ich besuche euch gelegentlich - und überleg dir's, Brigadier, drei Wochen Landluft!“ rief er zurück. Trautenhahn lachte. „Sag eurem Vorsitzenden, wenn er unseren Hubschrauber braucht, soll er anrufen!“
„Hat selber welche“, dröhnte eine tiefe Stimme vom Hangar her, „braucht eure Mücke nicht!“ Der Vorsitzende der Genossenschaft und Hardenstein kamen heran. Der Vorsitzende war ein Hüne, neben dem der gewiß nicht kleine Hardenstein fast verschwand. Zudem hatte der Vorsitzende einen ziemlichen Umfang, Hardenstein aber war schlank, und das väterlich selbstsichere Wesen des Vorsitzenden ließ Hardenstein wie achtzehn erscheinen, obwohl er schon zweiundzwanzig war. Trautenhahn und Stolteroff hatten auf Hardenstein gewartet, sie wollten ihm viele Fragen stellen, aber jetzt kam der Vorsitzende, und wo der auftauchte, war er sofort der Mittelpunkt. Man konnte sich vorstellen, daß die Genossenschaft eine große Familie war, wenn man ihren Vorsitzenden sah. Er schüttelte den Männern herzlich die Hand. Während er sprach, schob Trautenhahn verstohlen seine Hände auf den Rücken und massierte seine Rechte. „Habt ihr noch mehr von dieser Sorte?“ fragte der Vorsitzende und legte seine Hand auf Hardensteins Schulter. „Hat offene Augen. Manches hat er kritisiert, was wir gar nicht mehr gesehen haben.“ Trautenhahn freute sich über dieses Lob. War der Austausch ursprünglich nur dazu bestimmt, das Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen den Bauern und den Industriearbeitern zu vertiefen, Sorgen und Nöte gegenseitig verstehen zu können, so hatte sich inzwischen gezeigt, daß dieser Austausch ihrer Arbeit auch direkt nützte. Die Genossenschaftsbauern lernten die Produktion der Kunststoffe kennen, mit denen sie täglich zu tun hatten. Die Kunststoffe eroberten unaufhaltsam auch die Landwirtschaft, ersetzten, wo immer es möglich war, Stahl und Holz, die in der Landwirtschaft besonders stark den Witterungseinflüssen ausgesetzt und trotz umfangreicher Pflege einem höheren Verschleiß als der Kunststoff unterworfen waren. Die Bauern lernten die Kunststoffeigenschaften nicht nur vom Prospekt her kennen. In den Prüflabors sahen sie, welchen Belastungen der Kunststoff gewachsen war. Diese eigene Anschauung war nachhaltiger als die beste Beschreibung. So vermochten sie die Kunststoffe zweckmäßiger zu behandeln, stellten keine falschen Ansprüche an sie und vermieden Reparaturen. Das alles steigerte den Gewinn der Genossenschaft. Die Chemiearbeiter lernten die Bedingungen kennen, denen ihre Produkte ausgesetzt waren, sahen, was von einer einwandfreien Qualität abhing, und erschlossen den Kunststoffen neue Anwendungsgebiete auf dem Lande. Diese vielseitigen Erfahrungen gaben manchen wertvollen Hinweis, der sowohl in der Landwirtschaft als auch in der Kunststoffindustrie berücksichtigt werden konnte. Es hatte sich ein sehr herzliches Verhältnis zwischen der Brigade und der Genossenschaft entwickelt, und bald galt es als selbstverständlich, sich gegenseitig zu helfen, soweit es das Produktionsprogramm zuließ. Die Chemiearbeiter gaben besonders bei der Ernte technische Hilfe, die Genossenschaftsbauern halfen im Winter bei turnusmäßigen Überholungen der chemischen Anlagen. Und nicht nur die Chemiewerker, auch die Bauern hatten meist einen zweiten Beruf, der sie befähigte, technische Arbeiten an ihren Maschinen selbst auszuführen. So war es mehr als eine Höflichkeitsfloskel, daß sich Trautenhahn nach dem Stand der Feldarbeiten erkundigte. Der Vorsitzende lachte. Es klang beruhigend und selbstbewußt. „Wenn wir euch brauchen, rufen wir euch, verlaß dich drauf. Aber nur, wenn wir euch wirklich brauchen. Wir wären schlechte Bauern, wollten wir nicht erst alle unsere Kräfte und Reserven ausschöpfen, ehe wir um Hilfe bitten.“ Während des Fluges zum Glaswerk berichtete Werner Hardenstein. Wie immer war er voller Ideen. „Wir müßten eine spezielle Arbeitsgemeinschaft bilden, einige Bauern und einige Kollegen von uns.“ „Arbeitsgemeinschaften gibt es doch schon, wie auf allen Gebieten, auch zwischen Landwirtschaft und Chemie“, wandte Stolteroff ein. „Aber auf anderer Ebene! Weshalb sollten wir nicht als Praktiker, direkt zwischen Erzeuger und Verbraucher der Kunststoffe, engste Zusammenarbeit anstreben und gemeinsam Erfahrungen sammeln und auswerten? Ich denke so: Die Genossenschaft müßte einige Geräte zusätzlich als Versuchsgeräte einsetzen, dann könnten wir geeignete Holz- und Stahlteile gegen Kunststoffteile auswechseln und sie gleich praktisch erproben. Vielleicht könnte man sogar die Laufketten der Raupenschlepper aus Polyester herstellen, mit auswechselbaren Stollen. Die Montage wäre auch einfacher, die Stahlketten sind verdammt schwer. Der Lärm auf der Straße würde vermindert, die Straßendecke geschont...“ Trautenhahn musterte ihn anerkennend und doch belustigt über den Eifer. Der Junge sprühte wieder einmal vor Tatendrang. Das Nesthäkchen der Brigade! Trautenhahn mochte ihn wirklich gern, aber gerade deshalb verlangte er viel von ihm und bemühte sich, die Ecken abzuschleifen, an denen man sich noch stoßen konnte, wie er es für sich nannte. Vielleicht war er manchmal wirklich zu unduldsam mit Hardenstein, seine Kollegen behaupteten es bisweilen, aber es war wohl mehr väterliche Ungeduld, die das Beste will. Bei Hardenstein lohnte sich die Mühe, er war intelligent, kameradschaftlich und versprach der beste Facharbeiter der Brigade zu werden. Er steckte voller Ideen, das hatte schon manchen Verbesserungsvorschlag eingebracht. Aber gerade wenn er sich in eine Sache verbissen hatte, verlor er leicht die Maßstäbe und sah die Dinge zu einseitig. Trautenhahn hielt
es dann für seine Pflicht, ihm den nötigen Überblick zu verschaffen. Das ging nicht immer ohne
Auseinandersetzungen ab. Es gelang Trautenhahn nicht jedesmal, ihn zu überzeugen, deshalb faßte
Hardenstein die Ermahnungen als Nörgelei auf, und in ihm verstärkte sich der Verdacht, Trautenhahn
könne ihn nicht leiden.
Lange blieb Trautenhahn nicht bei diesen Gedanken. Stolteroff erklärte Hardenstein eben ihren Auftrag,
den sie im Glaswerk zu erfüllen hatten, und der erwiderte empört: „Denen werden wir einen Marsch
blasen!“
Trautenhahn lächelte vor sich hin. Das sah ihm ähnlich! Aber recht hatte er, man würde sehr deutlich mit
den Glaswerkern reden müssen.
Der Brigadier der Glaswerker schien nicht zu wissen, weshalb sie kamen. „Habt ihr eine Beanstandung,
daß ihr um eine Produktionsberatung bittet? Seid ihr mit der Qualität nicht zufrieden?“ fragte er
verwundert.
„Die ist in Ordnung“, sagte Trautenhahn kurz und bat ihn, die Brigade zusammenzurufen. „Wir möchten
gern mit allen sprechen.“ Ein paar Einsichtige mußten doch dabeisein? „Und den Produktionsleiter
möglichst auch.“
„Vielleicht auch noch die BGL?“
„Es genügt, wenn euer Vertrauensmann dabei ist.“
„So, ihr Geheimniskrämer, das sind alle Kollegen, die abkommen können - und Schicht haben, natürlich!
Oder soll ich die anderen von daheim holen lassen?“ spöttelte der Glaswerkerbrigadier, als sich der Raum
füllte. „Unser Produktionsleiter kommt noch.“
Trautenhahn sah sich im Aufenthaltsraum um.
Etwa dreißig Frauen und Männer saßen vor ihm. Das genügte. Jetzt würden sie die Spinnweben der
Bequemlichkeit auskehren! Hier gingen sie nicht hinaus ohne schriftliche Zusage.
Der Vertrauensmann der Glaswerker eröffnete die Beratung. „Die Kollegen vom Chemischen Kombinat
haben uns um diese Besprechung gebeten. Wie uns der Werkleiter mitteilte, handelt es sich um einen
Brigadeaustausch über Produktionsfragen. Worum es geht, werden euch die Kollegen selbst erklären.“
Trautenhahn erhob sich und schilderte knapp, wie es vorher besprochen war, ihr Bemühen, die Produktion
zu erhöhen. Dann kam er auf die Auswirkungen zu sprechen: „Mehr glasfaserverstärkter Polyester, das
heißt: mehr Kraftwagen, mehr Schiffe, mehr Maschinenteile, mehr Gebrauchsgegenstände, mehr...“ Die
Glaswerker stutzten. Das war doch nichts Neues? Deshalb war er doch nicht hier? Schon rief einer
ungeduldig: „Komm zur Sache!“
Da brach es aus Trautenhahn heraus: „Ihr wißt nicht, weshalb wir hier sind? Zum Teufel, warum versteckt
ihr euch hinter dem Plan? Ohne eure Hilfe können wir uns nicht verpflichten, unsere Produktion zu
erhöhen, das wißt ihr ganz genau!“
„Wer versteckt sich hinter dem Plan - wir? Vor euch etwa?“ rief der Brigadier. Der Vertrauensmann rief:
„Was soll das heißen?“ Und die Kollegen stimmten ein: „Los jetzt, die Karten auf den Tisch!“ und:
„Drück dich deutlicher aus!“
„Das soll heißen“, sagte Trautenhahn nachdrücklich, „daß wir nicht begreifen können, wieso ihr uns
sitzenlaßt! Unsere Produktion war laut Plan auch ausgelastet. Trotzdem haben wir's geschafft!“
Trautenhahn verstärkte seine Worte mit energischen Handbewegungen. „Wir...“
„Nun mal langsam, Kollege Trautenhahn“, unterbrach der Glaswerkerbrigadier. „Wer läßt euch sitzen?
Noch habt ihr uns überhaupt nicht gefragt!“
„Was denn?“ fragte Trautenhahn ungläubig. „Ihr wißt von nichts? Euer Produktionsleiter lehnte ab, ohne
mit euch zu sprechen?“
„Kollegen, ich habe...“, sagte eine Stimme von der Tür her. Der Mann eilte hastig nach vorn. „Kollegen,
ich habe...“ Weiter kam er nicht. „Du hast abgelehnt, ohne mit uns zu sprechen, abgelehnt in unserem
Namen, die Produktion zu steigern?“
„Der Plan, wir sind ausgelastet, das wißt ihr doch selber“, erwiderte der Produktionsleiter unsicher.
„Du schiebst den Plan vor, vom Schreibtisch aus? Ohne mit uns gesprochen zu haben?“ brauste der
Glaswerkerbrigadier auf. „Du kommst aus unserer Brigade, wir haben dich zum Studium delegiert! Stolz
waren wir, daß du unsere Produktion leitest! Wir hatten Vertrauen zu dir...“
Ehe der Produktionsleiter etwas erwidern konnte, brach es über ihn herein.
„Das Nein war wohl bequemer als der Weg zu uns?“
„Wer produziert hier - du oder wir? Wer entscheidet also, ob wir mehr produzieren können?“
„Bist du selbstherrlich? Hast du vergessen, was wir damals gemeinsam geschafft haben?“
„Du solltest wieder mal zwei Monate bei uns arbeiten!“
„So kommen wir nicht weiter!“ fuhr der Vertrauensmann dazwischen, als alle durcheinandersprachen.
„Laßt Hans zu Wort kommen!“
„Wißt ihr vielleicht, wie das zu schaffen wäre?“ fragte der Produktionsleiter. „Wo soll ich denn so schnell die Maschinen hernehmen?“ „Du hast noch immer nicht begriffen!“ rief ein Glaswerker. „Wir wollen mit denselben Maschinen mehr produzieren! Was die Kunststoffmixer können, muß auch bei uns möglich sein!“ „Aber wie?“ „Ich schlage vor, wir bilden eine Arbeitsgemeinschaft, die das ausknobelt, morgen noch“, sagte der Vertrauensmann. „Und Hans sollte den Vorsitz übernehmen, damit er seine Scharte wieder auswetzen kann. - Seid ihr zufrieden?“ fragte er die Chemiewerker. „Ihr hört bald von uns, das versprechen wir euch!“ Sehr gesprächig war Trautenhahn auf dem Rückflug nicht. Froh über das Ergebnis der Auseinandersetzung mit den Glaswerkern, kannte er doch andererseits die Schwierigkeiten zu gut, um gedankenlos darüber hinwegzugehen. Schwer würde es sein, bei dem ausgefeilten Fertigungsablauf noch Reserven zu finden und zu nutzen. Aber schließlich hatten sie es im Kombinat auch geschafft. Nur, ungeduldig durften sie nicht werden, denn für die Glaswerker gab es eine zusätzliche Aufgabe. Sie mußten die Kollegen der Zulieferbetriebe überzeugen, daß auch diese ihre Reserven erschlossen, vom Baggerführer in der Sandgrube bis zu denen, die für die Glasproduktion die notwendigen Zuschläge lieferten. Trautenhahn hatte eigentlich nie so deutlich gesehen, wie eng die verschiedenen Industriezweige verflochten und wie sehr sie aufeinander angewiesen waren. Ihre Verpflichtung, mehr zu produzieren, war wie eine Kette - zurück bis zu den Rohstofflieferanten und voraus bis zu den weiterverarbeitenden Betrieben, denen nun mehr Material geliefert werden konnte. Versagte ein Glied dieser Kette, blieb die Verpflichtung illusorisch. Die Chemiewerker hatten es einfacher gehabt. Die Grundstoffe des Polyesters erhielten sie aus dem eigenen Kombinat. Mit den Kollegen der betreffenden Abteilungen waren sie schnell einig geworden. Außerdem verbrauchten diese Abteilungen derart viel Rohstoff, daß sie den Mehrbedarf des Polyesterbetriebes ausschließlich aus inneren Reserven decken konnten, ohne die Rohstofflieferanten zu zusätzlichen Lieferungen bewegen zu müssen. Werner Hardenstein sprach eindringlich auf Stolteroff ein. Trautenhahn wurde aufmerksam. „Ich wußte, daß die Landwirtschaft wissenschaftlich betrieben wird - aber so hatte ich mir das nicht vorgestellt. Diese Technik! Kein Halm, keine Kartoffel, keine Rübe wird angefaßt. Mistgabel, Schaufel, Hacke, die kannst du im Museum aufhängen. Demnächst wollen sie sogar ferngesteuerte Maschinen einsetzen, Kombines und Traktoren. Wo liegt der Unterschied zwischen Arbeiter und Bauer? Wenn man die Nase einmal in andere Produktionszweige steckt, sieht man erst, wie wenig man weiß. Viel zuwenig!“ Trautenhahn empfand das nicht als Geschwätz. Hardenstein besuchte die Betriebsakademie, er war auch dort einer der Besten. Die Welt war für ihn voller Geheimnisse, die er ergründen mußte - ein Abenteuer, bei dem man auf jedem Schritt Neuem begegnete. Er war ein Forschertyp, voller Neugier und Tatendrang. Das schien die Triebkraft seines Lerneifers. Oder war er unsicher in einer Umwelt, die er nicht genau kannte, die voller Geheimnisse war? Aber gab es das? Nahmen nicht die meisten Menschen das meiste als gegeben hin, ohne nach der Ursache zu fragen? Gab es nicht manchen, der nur wußte, welchen Knopf er wann zu drücken hatte und was dann wo herauskam, ohne die inneren Vorgänge der Maschine oder der chemischen Anlage zu kennen? Hardenstein war anders. Ob die Brigade ihn zum Studium delegieren sollte? Aber war er geeignet? Es war doch beileibe nicht so, daß man wahllos die Hochschulen „beschickte“. Die Brigade delegierte, also war sie auch für die Eignung verantwortlich. Die Vorgesetzten von morgen wählte man heute aus. Der Delegierte mußte entwicklungsfähig sein, charakterlich geeignet und vor allem eine sozialistische Einstellung zur Gesellschaft haben. Sie brauchten „Akademiker“, die sich für ihre Arbeit verantwortlich fühlten, die ihre Arbeit als Auftrag der Gesellschaft betrachteten, denen es nicht um Titel und Stellung ging, die vielmehr vom Wunsch beseelt waren, der Gesellschaft möglichst viel zu geben und die Entwicklung beschleunigen zu helfen. Man mußte sorgfältig wählen. Egoisten, Karrieristen und Blender dienten der Gesellschaft wenig und waren fehl am Platz, sie hemmten die Entwicklung! Trautenhahn hatte zuviel erlebt, um sich diese Wahl leichtzumachen. Was waren ihm im Laufe seines ereignisreichen Lebens für Menschen begegnet! Phrasendrescher: Sie waren so leer wie das Stroh, das sie droschen, inhaltlos und unfruchtbar. Sie verfügten über einen reichen Wortschatz politischer Redewendungen, aber besaßen nur ein kümmerliches Maß politischen Handelns. Sie beherrschten virtuos die Überschriften, kamen aber nie zum Inhalt der Kapitel des gesellschaftlichen Lebens. Egoisten: Sie sahen und bewerteten den Fortschritt nur durch die Brille persönlicher Vorteile, nahmen von der Gesellschaft mit Baggereimern und gaben ihr mit Fingerhüten zurück. Und doch bestahlen sie sich selbst - um das innere Erlebnis der großen Gemeinschaft. Zweigesichtige: Das waren die Schlimmsten; sie ließen sich schwer durchschauen. Im Betrieb zählten sie zu den Fortschrittlichsten, waren immer zur Stelle, wenn man sie brauchte – aber außerhalb des Werktores, daheim, ruhten sie sich vom Fortschritt aus, dort zeigten sie ihr zweites Gesicht:
die groben Züge des Paschas. Im Grunde waren sie Spießbürger, das zeigte sich, wenn sie sich gehenließen, wenn sie Urlaub vom Fortschritt nahmen. Eine böse Sache mit diesen Typen. Zwar gehörten sie zur Entwicklung einer neuen Gesellschaft, schließlich brachte eine neue Ordnung nicht sofort neue Menschen hervor; zwar gehörten diese Typen jetzt auch mehr und mehr der Vergangenheit an, aber Trautenhahn hatte sich in seinem Leben zu oft über sie geärgert, um sie vergessen und mit blindem Vertrauen entscheidende Personalveränderungcn vorschlagen zu können! Der Hubschrauber näherte sich einem Waldstück. Es lag nördlich der Großstadt, mit ihr verbunden durch eine breite Betonstraße, einen mehrgleisigen Schienenstrang und den großen Fluß, der sich von der Stadt herüberzog und das Waldstück in weitem Halbkreis umschlang. Wie von geschickter Hand über einen flauschigen Teppich verstreute Glaswürfel, so harmonisch schmiegten sich reichverglaste Betonbauten zwischen die hohen Bäume. Man hätte diese Anlage für ein Sanatorium halten können. Diesem Eindruck entsprachen auch die Kaskadenglasdächer der großflächigen Gewächshäuser. Doch am Fluß, weitab der Stadt, reckte sich ein hoher Schornstein, und von den Gewächshausdächern stiegen dichte Dampfwolken in den blauen Himmel - für den Kundigen der Beweis, daß die abfallende Wärme sinnvoll genutzt wurde. Die Batterien hoher Destillierkolonnen verrieten endgültig das Chemische Kombinat. Obwohl Trautenhahn dieses Bild oft gesehen hatte, zog es ihn doch immer wieder an. Es erfüllte ihn mit Stolz. Neunhundert Menschen lenkten diesen Industriekoloß. Und er gehörte zu ihnen! Ja, er war einer seiner Geburtshelfer, vom ersten Tage an dabei! Ob sie zu denen gehörten, die in den Labors neue Kunststoffe entwickelten oder in den Konstruktionsbüros neue Produktionsverfahren, oder zu jenen, die den ungestörten Produktionsablauf überwachten: Dieses Kombinat war ein Stück ihres Seins - und es machte ihnen Freude, aber auch Sorgen, wie ein richtiges Kind. Stolteroff steuerte den kleinen Hubschrauberflugplatz des Chemischen Kombinats an. Trautenhahn, der sich zu alt fühlte, um noch fliegen zu lernen, beugte sich interessiert vor und blickte zwischen den beiden Kollegen hindurch auf das Armaturenbrett. Auf einer Tastenleiste drückte Stolteroff die Ziffern der automatischen Flugplatzsicherung und ersuchte, ebenfalls durch Knopfdruck, um Landeerlaubnis. Eine grüne Lampe auf dem Armaturenbrett begann in kurzen Intervallen zu blinken: Platz frei zum Landen! Weder Stolteroff noch Hardenstein waren davon beeindruckt. Beide besaßen die Fahr- und Flugerlaubnis für diesen Kombihubschrauber, dessen Unterteil auch als Kraftwagen und dessen Oberteil auch als leichter „fliegender Kran“ verwendet werden konnte. Sie waren schon zu oft auf diese Weise gelandet, um es nicht als selbstverständlich zu empfinden. Die Gewohnheit entkleidete die Dinge ihres Zaubers, oft auch dann, wenn sie unverstanden blieben. Es genügte, ihnen oft zu begegnen, um sie als selbstverständlich zu empfinden. Stolteroff und Hardenstein waren an dialektisches Denken gewöhnt und bestrebt, den Dingen auf den Grund zu gehen, doch was man ergründet hatte, verlor unvermeidbar den Reiz des Geheimnisvollen. Anders Trautenhahn. Er kannte wohl die Zusammenhänge, doch weil er nicht fliegen konnte und deshalb außerhalb des technischen Geschehens blieb, mußte er sich die Vorgänge immer wieder neu ins Gedächtnis rufen. Man wählte mit den Tasten, wie beim drahtlosen Telefonverkehr, die Nummer des Flugplatzes. Der Apparat fügte selbsttätig die Nummer des Flugzeuges hinzu. Dieses Flugsignal setzte den elektronischen Platzwächter in Betrieb. Mit Radarstrahlen tastete er blitzschnell den Landeplatz ab, sperrte die Zugänge, schaltete die Platzbefeuerung und bei fehlender Bodensicht, das Funkfeuer ein, das die anfliegende Maschine mit seinem Leitstrahl genau über den Platz lotste und ihr ständig die gepeilte Höhe angab. Dann erst funkte der Automat der entsprechenden Maschine Landeerlaubnis, und doch vergingen nur Sekundenbruchteile. Es war hervorragende Bodensicht. Stolteroff landete ohne die Hilfe des Funkfeuers, exakt wie bei der Pilotenprüfung. Sanft setzte die Maschine auf. Das Dröhnen verklang. Die Tragschrauben schwangen aus. Die plötzliche Stille war beklemmend. Man horchte dem dumpfen Dröhnen nach und fand sich mit einem tiefen Atemzug zurecht. Abgespannt rieb sich Stolteroff die Lider, barg sein Antlitz einen Augenblick in den Händen, streifte ruckartig die Erschlaffung ab und entriegelte die Türen. „Das war's!“ sagte er lakonisch. „Sag mal, auf dem LPG-Platz bist du doch ohne Platzsicherung gelandet?“ fragte Trautenhahn. „Warum hast du sie hier benutzt?“ „Vorschrift! Die LPG hat noch keinen Platzwächter, das hier ist ein Versuchsmuster.“ „Aber wir sollten sie aufmerksam machen“, sagte Hardenstein. „Fliegen sie denn bei schlechtem Wetter auch mit ihren Unkrauthummeln?“ fragte Stolteroff.
„Was glaubst du denn?“ ereiferte sich Werner Hardenstein. „Denkst wohl, sie fliegen bloß Dünger und Schädlingsbekämpfungsmittel? Volker, das ist ein landwirtschaftlicher Großbetrieb, dort gibt es ebenso Dienstreisen wie bei uns. Und ihre Zeit ist so kostbar wie unsere - kostbarer noch, wenn geerntet wird.“ „Zeit - das ist das Stichwort. Aussteigen! Nach der Vorschrift ist der Platz schnellstens zu räumen.“ Hardenstein und Trautenhahn sprangen hinaus. Sie warfen die Türen zu, und Stolteroff gab Gas. Es war ein Huckepackhubschrauber, ein moderner Kraftwagen, der einen Flugteil trug. Dieser Flugteil konnte sowohl von einer Pilotenkabine als auch über eine Kupplung vom Kraftwagen aus gesteuert werden. Als er unter dem Dach des Hangars hielt, schoben sich Stützen aus dem Flugteil. Der Motor verstummte. Hardenstein kontrollierte unwillkürlich: Zündschlüssel ziehen, damit die Verblockung getrennt werden kann, Trenntaste drücken und einrasten,. Zündschlüssel einschieben, Straßenfederung einschalten und anfahren... Der Wagen senkte sich einige Zentimeter und fuhr unter dem Flugteil hervor. Trautenhahn blickte auf die Uhr. „Bis zum Schichtwechsel schaffen wir's!“
2 Werner Hardenstein hatte Feuer gefangen. Viel Holz und Stahl wurde noch in der Landwirtschaft, vor allem aber im Landmaschinenbau verwendet, viel zuviel, wie ihm schien. Überall war er während des Landeinsatzes auf Maschinenteile gestoßen, die nach seiner Meinung ebensogut aus Kunststoff hergestellt werden konnten. Aber er hatte auch Teile gesehen, für die ein geeigneter Kunststoff noch fehlte, die Belastungen gewachsen sein mußten, denen Kunststoffe noch nicht standhielten. Je länger er darüber nachdachte, um so unverständlicher erschien ihm der Stand der Kunststofftechnik. Er wurde ungeduldig und war bald davon überzeugt, daß man den vorhandenen Kunststoff schwunglos und nachlässig einsetzte und in der Entwicklung neuer Kunststoffe pedantisch und nicht kühn genug sei. Es fiel seinen Kollegen bald auf, daß er bei jeder Gelegenheit auf diese Dinge zu sprechen kam. Sie nahmen es nicht ernst. Stolteroff sagte eines Tages zu ihm: „Nimm mir's übel oder nicht, Werner: Du hast den Kunststofftick! Man kann doch die Welt nicht nur mit Kunststoffaugen durch die Kunststoffbrille danach beurteilen, zu wieviel Prozent sie schon aus Kunststoff besteht. Behalte die Realitäten im Auge! Die Herstellungskosten spielen auch eine Rolle. Und was die Entwicklung betrifft: Sie verläuft stufenweise. Du kannst den dritten Schritt nicht vor dem ersten tun.“ Da Werners Lieblingsthema noch keinem auf die Nerven ging, lächelte man darüber und hatte es bald wieder vergessen. Zudem sprachen sie ja ohnehin täglich von Kunststoffen. Trautenhahn ärgerte sich über die einseitige Betrachtungsweise Hardensteins. Dabei war er schon aus einem anderen Grunde ärgerlich. Vormittags hatte ihn der Sportbeauftragte angerufen und gefragt, wann denn Hardenstein vom Lande zurückkäme, sie brauchten ihn in der Handballmannschaft. Mittags sprach ihn der Leiter des Estradenensembles an und wollte die Woche wissen, in der Hardenstein wieder im Betrieb sei, weil sie ein neues Programm einstudieren und dabei nicht auf Hardensteins Stimme verzichten wollten. Indessen war Hardenstein schon seit drei Wochen zurück. Zwar hatte Trautenhahn das nicht erwähnt, aber zugesagt, umgehend mit ihm zu sprechen. Wenn es auch keine Brigadeangelegenheit war, so fiel es doch auf die Brigade zurück. Deshalb hatte er geschwiegen, aber es erboste ihn, von Hardenstein in eine solche Lage gebracht zu werden. Einen Zusammenhang zwischen Hardensteins Kunststofftick und seinem Versteckspiel sah Trautenhahn nicht. Weil es kein dienstliches Anliegen war, mochte er Hardenstein nicht über den Lautsprecher rufen. So mußte er ihn suchen, denn die Anlagen waren vollautomatisch, und die Chemiewerker kontrollierten nur. Sie waren an keinen festen Arbeitsplatz gebunden und machten Rundgänge. Lediglich das Steuerpult war ständig besetzt, aber Hardenstein dazu nicht eingeteilt. Als zweiten Beruf hatte er Mechaniker gelernt und eignete sich deshalb besonders für die Überwachung der Anlagen. Es war nicht einfach, jemand beim Kontrollgang zu finden, denn die Anlage erstreckte sich durch zwei Hallen, und zwischen den Behältern, Aggregaten und Rohrleitungen verloren sich die Menschen. Deshalb suchte Trautenhahn nicht planlos. Hardenstein war sicherlich an einem der mechanischen Teile der Anlage zu finden. Der Siloboden, von dem die pulverisierten Grundstoffe des Polyesters - Glykole und Maleinsäure - in den verschiedenen Kombinationen zur Verarbeitung kamen, schied bei dieser Suche aus. Die Dosierautomaten waren zuverlässig, und wer klettert gern auf den Boden, wenn es nicht erforderlich ist? Blieben die Polykondensationskessel, in denen die Glykole und die Maleinsäure sich verbanden und Wasserdämpfe ausschieden, die mit Stickstoff abgeblasen wurden. Dort gab es Rührwerke und ferngesteuerte Ventile. Aber Trautenhahn suchte zwischen den riesigen Kesseln auf der hohen Bühne vergeblich. Er fand Hardenstein auch zwischen den Mischkesseln nicht, in denen der Polyester von einem Rührwerk mit Styrol vermischt wurde. Auch hier gab es ferngesteuerte Ventile, und das war ein neuralgischer Punkt der Anlage, weil erhöhte Brandgefahr bestand. Styrol war feuergefährlich, deshalb mußte der Kesselinhalt mit Stickstoff abgedeckt werden. Diese Stelle wurde von den Chemiewerkern besonders aufmerksam überwacht. Trautenhahn suchte auch in der Bandstraßenhalle, wo der Polyester mit Glasfasern zu Platten und Profilteilen vergossen wurde. Obwohl er auf den erhöhten Umlauf stieg, konnte er Hardenstein nirgends entdecken. Verärgert kletterte er wieder hinab und fragte Stolteroff, der am Leitstand Dienst hatte, nach Hardenstein. „Ist im Betriebslabor“, erwiderte Stolteroff, ohne den Blick vom Schaltbild zu nehmen. „Was will er dort, er hat doch Überwachungsdienst?“ schimpfte Trautenhahn. „Er hat seinen Rundgang schon gemacht, aber der Laborant ist schnell mal zum Arzt gegangen, da ist Werner eingesprungen.“ „Und kein Mensch sagt mir das!“ „Er ist eben erst weg und wollte dir vom Labor aus Bescheid sagen“, erwiderte Stolteroff und blickte kurz auf. Trautenhahn glaubte wieder einen leichten Vorwurf in diesem Blick zu lesen und wandte sich
schweigend ab. Daß die Kollegen immer sofort auf Hardensteins Seite standen, wenn er an ihm etwas auszusetzen hatte! Behandelte er den Jungen wirklich falsch? Trautenhahn beschloß, sich gelegentlich mit der gesamten Brigade auszusprechen - gelegentlich, denn erst mußte er einen konkreten Punkt finden, an dem er ansetzen konnte. Diese leichte Spannung zwischen ihm und der Brigade, wenn es um Hardenstein ging, ließ sich kaum fühlen, eigentlich nur ahnen, greifbare Beweise gab es dafür nicht. Er mußte also seine eigene Einstellung überprüfen und im übrigen warten, bis sich die Lage so zuspitzte, daß er einen Grund zur klärenden Aussprache fand. Als er in das Labor trat, fuhr Hardenstein zusammen und schob instinktiv die Hand in die Tasche seines Berufsmantels. Weil in diesem Augenblick die Alarmglocke gellte, achtete Trautenhahn nicht darauf. Dreimal schrie die Glocke - Stickstoffalarm! Ehe Trautenhahn etwas sagen konnte, stürmte Hardenstein an ihm vorüber. Frau Hardenstein stieß die Tür auf. Ihr Mann wusch sich, leicht lächelnd, die Gartenerde von den Händen. „Ich habe dir Blumen mitgebracht“, sagte er und wies mit dem Kopf zum Tisch. „Die Glaskirschen müssen auch gepflückt werden!“ Obwohl er seine Frau nicht ansah, wußte er, daß sie darauf wartete, nach dem Grund ihrer Verstimmung gefragt zu werden. Seine unbeteiligten Worte faßte sie sicher als die gewohnte Mahnung auf, in allen Lebenslagen gelassen zu bleiben. In einer guten Ehe bedarf es keiner großen Erklärungen, um den Gemütszustand des Lebensgefährten zu erkennen. Hardenstein hatte seine Frau über die Treppe herunterkommen hören und schon an ihrem Schritt bemerkt, daß sie verärgert war. Oben aber war Werners Zimmer! „So geht das nicht weiter!“ erklärte Frau Hardenstein nachdrücklich. „Ich mach das nicht mehr mit!“ „Was hat denn Werner wieder angestellt?“ fragte er und wandte sich endlich um. „Angestellt? Sieh dir sein Zimmer an! Das reinste Labor - überall Reagenzgläser, Retorten, Säureflaschen, Kunststoffproben... Und dazu ein großer Zettel auf dem Tisch: Bitte nichts anfassen! Hätte mir's ohnehin nicht getraut - aber einmal muß schließlich saubergemacht werden. Ein Schlafzimmer ist kein Labor. Seit drei Wochen sehe ich mir das schon mit an, aber was er mir heute anbietet...“ „Ich schau mir's mal an“, sagte er begütigend. „Sein ganzes Geld steckt er in das Zeug, bis zwei, drei Uhr ist er auf. Vergräbt sich daheim - in dem Alter! Ob das wenigstens einen Zweck hat?“ Hardenstein schmunzelte. Sie war schon viel ruhiger geworden. Lange konnte sie sowieso nicht ungehalten sein - und hier handelte es sieh um ihren Jüngsten, den einzigen, der noch daheim war. Der Älteste war Hauptingenieur in einem antarktischen Kraftwerk, der Mittlere lehrte als Professor Kunstgeschichte und Physik an der Sorbonne in Paris und hatte im vergangenen Jahr eine Schwedin geheiratet, die bei ihm studierte. „Ich werde mit ihm reden“, sagte er begütigend. „Vielleicht kann er sich die Garage einrichten.“ „Ihr beiden - das sieht dir ähnlich! Ihr könnt ja auch ein Glashaus in den Garten setzen!“ Sie schüttelte den Kopf. „Das ist ein Gedanke“, sagte er und nahm sie bei der Schulter. „Du unterstützt ihn natürlich noch!“ Sie wehrte ab, doch sie grollte nicht mehr. „Mutter, du mußt dich dran gewöhnen, daß er erwachsen ist. Wir können ihn nur noch beraten, die Verantwortung trägt er selbst. Aber du hast ja noch mich zum Bemuttern - wenigstens bis Uwes Kinder einmal nach ihrer deutschen Großmutter rufen!“ „Ich bin ja gar nicht so. Aber auch als Erwachsener muß er sich einordnen können,“ „Natürlich, gerade als Erwachsener muß er das können. Aber wir wollen Werners Experimentierfimmel nicht zur prinzipiellen Frage erheben. Er hat doch nicht an den Grundpfeilern der Familie gerüttelt“, erwiderte er mit gutmütiger Ironie und ging zur Tür. Sie sah ihm kopfschüttelnd nach. Im Vorbeilaufen ergriff Werner Hardenstein eine Atemschutzmaske. Am Schaltbild orientierte er sich, an welchem Kessel der Stickstoff ausgefallen war. Farbig leuchtete das Schema des gesamten Produktionsablaufs, mit allen Aggregaten und Absperrorganen. Neben den Sinnbildern der Aggregate leuchteten die Meßwerte - Dampfdruck, Stickstoffdruck, Innentemperatur... Man sah die Schieberstellungen und die Füllhöhen. Alles, was dem Programm entsprach, leuchtete grün. Nur die falschen Werte leuchteten rot. Was Werner Hardenstein sah, ließ ihn erschrecken. An sämtlichen Kesseln leuchtete der Stickstoffdruck rot, dazu blinkten rote, abwärts gerichtete Pfeile. In sämtlichen Kesseln fiel der Stickstoffdruck, das bedeutete mangelhaftes Ausblasen der Wasserdämpfe in den vierzig Polykondensationskesseln und erhöhte Brandgefahr in den zehn Mischkesseln. Einhundertneunzig Kubikmeter Polyester waren unmittelbar gefährdet!
Er warf einen kurzen Blick auf Stolteroff, der am Leitstand Dienst hatte. Doch der stand mit gefrorener Miene, die Lippen zusammengepreßt, und blickte mit verkniffenen Augen auf das riesige Schaltbild, als könne er mit seiner Starre auch den fallenden Stickstoffdruck festhalten. Ohne ein Wort stürmte Werner davon, stülpte sich am Durchgang zur Kondensationshalle die Atemmaske auf und lauschte. Oben auf der Bühne, wo der automatische Verteiler stand, zischte es. Von dort kam auch verzweifeltes Winken. Er fand Evelyn Jendra. Sie mühte sich, mit ihren schlanken Händen einen Riß in der Schweißnaht der Polyesterhauptleitung abzudecken. Evelyn war sehr blaß und zitterte. Werner glaubte, sie habe unter der Maske zuwenig Sauerstoff bekommen. Er faßte sie fest an der Schulter, stellte sie auf die Füße und schob sie einem der Kollegen in die Arme, die von allen Seiten herbeieilten. Dabei wies er nach draußen. Inzwischen war auch Trautenhahn heran. Er sah sich kurz den Riß an, suchte zwei Kollegen heraus, winkte sie zu Werner und bedeutete den anderen, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Der Riß lag zwischen dem Hauptschieber und dem Verteilerbehälter, dem die Leitungen der einzelnen Kessel entsprangen. Trautenhahn sah aber auch ein Rohrstück, das pendelnd am Laufkran hing, den man mit einem Fernbedienungskabel von der Arbeitsstelle durch Knopfdruck bedienen konnte. Dieser Kasten hing am Geländer der Bühne. Trautenhahn entsann sich, daß er Evelyn gebeten hatte, einige alte Rohre von der Bühne zu entfernen, Überreste der kürzlich ausgewechselten Dampfleitung. Und das hängende Rohrstück war verbogen! Während er noch angestrengt überlegte, wie man den Riß schließen könnte, ohne dabei den Stickstoff abzustellen und die Füllung der Kessel noch mehr zu gefährden, trat Werner an den nächsten Kessel. Er zog ein Stück Kreide aus der Tasche und begann zu schreiben - sprechen konnten sie wegen der Masken nicht: Machen wir selber! Trautenhahn nickte, obwohl er zweifelte, und folgte Hardenstein. Die beiden anderen versuchten mit einer Schaumgummimatte den Riß abzudecken. Es wird wohl nichts übrigbleiben, als die Reparaturkolonne zu holen, die Kessel zu entleeren und das Rohr auszuwechseln, dachte Trautenhahn. Es sei, daß Werner wirklich eine Lösung wußte - einfallsreich war er ja! Aber dann fiel ihm selbst eine Möglichkeit ein. Versuchen konnte man's immerhin! Im Durchgang riß er sich die Maske ab. „Ich denke auch, daß wir's schaffen! Gummiplatte auflegen, ausgesparte Balken anpressen und gegen die hintere Wand verkeilen...“ „Und dabei die Leitung ganz abreißen!“ fiel Werner ein. „Man kann sie in der entgegengesetzten Richtung ebenfalls mit einem Balken abfangen...“ „Das ist gut! Aber das andere dauert zu lange - ich weiß was Besseres. Bitte besorg einen Balken zum Abfangen und einen einfachen Block, mehr nicht! Halt - noch ein Seil!“ „Was willst du...?“ fragte Trautenhahn. Da rief Stolteroff vom Leitstand herüber: „Wenn nicht bald etwas geschieht, ist die Füllung zum Teufel!“
Trautenhahn lief davon, ohne auf Antwort zu warten. Er paßte bereits den Balken zwischen dem Rohr und einem Stützpfeiler der Bühne ein, der dem Riß gegenüberlag, als Werner zurückkam. Er trug ein breites Blechband unter dem Arm. Die Enden waren mit Bohrungen versehen. Dieses Band legte er auf den Schaumgummi, schlang es auf beiden Seiten um das Rohr, verband die Enden mit einem Schäkel und zog das Seil hindurch. Dann hängte er den Block in das Geländer, fuhr den Laufkran darüber und fädelte das Seil durch die Rolle. Trautenhahn schüttelte wieder den Kopf. Typisch Hardenstein! Doch es war nichts dagegen zu sagen. Der Kran zog senkrecht, und das Seil preßte dennoch waagerecht das Blechband gegen den Riß und das Rohr gegen den Balken. Nur - das Geländer, ob das hielt? Das Zischen ließ nach. Trautenhahn bedeutete Werner aufzuhören. Das mußte reichen! Mochte Werner noch so unwillig gestikulieren, Trautenhahn blieb dabei. Sollte das Geländer abbrechen, das Seil zerreißen? Und doch schmunzelte er verstohlen. Das war Hardenstein, wie er ihn ins Herz geschlossen hatte: entschlossen, schnell und einfallsreich. Am Leitstand klopfte er dem Jüngeren auf die Schulter. „Wie steht es jetzt?“ fragte Werner und blickte auf das Schaltbild. Stolteroff lachte erleichtert. „Der Druck steigt!“ Nun schlug Werner dem Brigadier übermütig vor die Brust. „Na also!“ „Aber ewig hält dieser Notverband nicht“, gab Trautenhahn zu bedenken. „Wir müssen die Kessel leerfahren, es nützt alles nichts.“ „Was, nicht nachfüllen?“ fragte Werner ungläubig. „Nicht nachfüllen!“ erwiderte Trautenhahn kurz. „Dann hätten wir den Notverband nicht anzulegen brauchen“, begehrte Werner auf. „Das wäre auch ein Ausfall von einhundertneunzig Kubikmetern. Wegen einer Viertelstunde Reparatur!“ „Es ist aber kein Materialverlust, wie er entstanden wäre, wenn wir entleert hätten“, widersprach Stolteroff ruhig. Aber Werner wollte sich damit nicht abfinden. „Wir müssen überlegen, Wolfgang. Es muß eine Möglichkeit geben. Und es gibt eine, verlaß dich drauf! Wenn wir gemeinsam überlegen - einer hat bestimmt einen Einfall.“ „Sei doch vernünftig, Werner. Wir können mit diesem Notverband nicht durchfahren. Das kann keine Dauerlösung sein. Wer will denn das verantworten? Dr. Lippmann frißt uns auf, wenn wir länger als unbedingt notwendig mit diesem Notverband fahren.“ „Er kommt erst übermorgen zurück“, warf Werner ein. „Du bist nicht zu retten!“ sagte jetzt Stolteroff nachdrücklich. „Es geht doch nicht um den Betriebsleiter. Schließlich tobt er nicht, weil der Notverband ein Schönheitsfehler ist, sondern weil er gegen die Betriebssicherheit verstößt. Und deshalb kann auch Wolfgang das nicht verantworten.“ Aber Werner gab nicht auf. „Hast recht, sehe ich ein. Wir müssen Zeit gewinnen, in Ruhe überlegen, deshalb...“ „In Ruhe überlegen...“, widersprach Trautenhahn ironisch. „In zwanzig Minuten entleert Kessel zwölf, Kessel sechzehn in einundvierzig Minuten. Füllen wir neu, muß der Verband wieder vierzehn volle Stunden halten.“ Werner schwieg. Zwanzig Minuten noch - er mußte eine Lösung finden. Es widerstrebte ihm, sich geschlagen zu geben. Keinen Ausweg zu finden, das empfand er als Niederlage, als menschliches Versagen - wozu hatte der Mensch ein Gehirn? Vier Polykondensationskessel gehörten zu einem Mischkessel. Vierzehn Stunden dauerte der Kondensationsprozeß, drei Stunden das Mischen - alle dreieinhalb Stunden entleerte ein anderer Kondensationskessel in den Mischer. Alle einundzwanzig Minuten entleerte einer der Mischer in den Sammelbehälter, aus dem die Verarbeitungsabteilung ihren Bedarf deckte. Ein unerbittlicher Kreislauf, nirgends eine Lücke. Sie grübelten angestrengt. „Der Druck fällt wieder!“ sagte Stolteroff in die Stille. „Das Seil wird sich gedehnt haben“, vermutete Trautenhahn. „Ich werde etwas nachziehen.“ „Wir sollten ein Drahtseil einhängen, das gibt nicht nach“, riet Werner und stutzte. Ein jungenhaftes Lächeln stahl sich in sein Gesicht. „Wenn der Notverband stabiler wäre, würdest du dann eine neue Füllung riskieren?“ Trautenhahn nickte. „Aber nur, wenn er solider wäre!“ Damit wandte er sich ab und lief zur Kondensationshalle. Die beiden Kollegen folgten ihm, nur Werner blieb bei Stolteroff. Er nahm ein Blatt Papier und skizzierte seinen Gedanken „Paß auf!“ sagte er, als Trautenhahn zurückkehrte. „Wir gießen uns aus Polyester eine Druckplatte, die genau auf den Riß paßt. Ich schweiße zwei Bügel an das Rohr, mit Gewindebohrungen, dann können wir die Druckplatte mit zwei Spindeln anpressen. Unter die Platte kommt Epoxidharz, das hält und ist sicher, und wir gewinnen Zeit zum Nachdenken.“ Trautenhahn atmete erleichtert auf. „Einverstanden, Werner. Und zum Nachdenken verschreiben wir uns einige Ingenieure aus dem Konstruktionsbüro.“ „Ich bin in meinem Zimmer“, sagte Werner zu seiner Mutter und stieg nach oben. „Rufst mich bitte zum Abendbrot!“
Sie schaute hinaus in den flimmernden Sommertag. Es war ihr unbegreiflich, daß sich Werner im Zimmer vergrub. Andere in seinem Alter gingen baden, trieben Sport oder fuhren mit einem Mädchen hinaus, genossen den Tag und das Alleinsein. Andererseits war sie stolz auf ihn. So verbissen - ganz wie sein Vater, und an dem gefiel es ihr heute noch. Obwohl sie beide schon Pension bezogen und mit den Jahren etwas ruhiger geworden waren, war ihr Mann doch immer noch unnachgiebig, wenn er etwas erreichen wollte. Und etwas zum Knobeln, wie sie es nannte, hatte er immer. Das brauchte er. Als er mit Fünfundfünfzig - wie alle Männer; Frauen schon mit Fünfzig - in Pension ging, wollte er eigentlich weiterarbeiten, aber der Vorsitzende der Gewerkschaftsleitung hatte ihm erklärt, daß die Produktion automatisiert worden sei, um dem Menschen mehr Freizeit zu verschaffen. „Wir schätzen Sie als Ingenieur, und Sie können als freier Mitarbeiter gern noch für uns arbeiten. Sie gehören doch weiterhin zu uns - aber nicht mehr mit fester Arbeitszeit! Das Leben ist so schön, Sie haben für dieses schöne Leben so viele Werte geschaffen, genießen Sie es einmal ausgiebig. Machen Sie Auslandsreisen, widmen Sie sich all den Dingen, für die Sie bisher wenig Zeit fanden,“ Nun trieb er regelmäßig Sport, erfüllte seine Aufgaben als Stadtverordneter, machte weite Ausflüge mit seiner Frau, unternahm mit ihr ausgedehnte Reisen und widmete sich dem Cellospiel - wenn er nicht gerade am Reißbrett stand und für seinen Betrieb etwas ausknobelte. Ruth Hardenstein war es nicht anders ergangen. Auch ihr fehlte etwas, als sie nicht mehr täglich das Krankenhaus betrat, um als Frauenärztin Kindern zum Sprung ins Leben zu verhelfen - aber auch sie war nicht vergessen. Sie vermittelte den jungen Kollegen ihre Erfahrungen in Vorträgen oder bei schweren Fällen, zu denen man sie holte; sie übernahm Urlaubsvertretungen und widmete sich wissenschaftlichen Arbeiten, für die sie nun ausreichend Zeit fand. Bald hatten sich noch andere Aufgaben gefunden. Mit ihrem Mann trieb sie Sport, meist Tennis und Schwimmen, sie arbeitete in den Kommissionen für Mutterschutz und Hygiene und verbrachte viele Stunden an ihrer Staffelei. Ihre Bilder hatten schon manchen Wettbewerb gewonnen. Die schönsten Stunden aber waren, wenn sie mit ihrem Mann wie in jungen Jahren ausging, ins Theater, ins Konzert, zum Tanz oder ins Kino. Sie hatte eine Vorliebe für das Kino, trotz des Fernsehapparates; brachte das Fernsehen auch farbige, plastische Bilder, das Erlebnis der Breitwand ersetzte es nicht. Einmal im Monat kamen Freunde zu Besuch, dann war das Streichquartett vollzählig. Auch aus dieser Liebhaberei hatte sich mehr entwickelt. Fand man sich früher einmal wöchentlich reihum bei jedem Spieler zusammen, so traf man sich jetzt auch außerhalb dieses Turnus; in Altersheimen, Krankenhäusern und im Klubhaus des Stadtbezirkes. Manchmal kam auch Werner mit und sang. Aber der saß jetzt oben in seinem Zimmer und mischte Säuren! Ruth Hardenstein wurde wieder ungehalten, wenn sie an die Unordnung in Werners Zimmer dachte. Nichts gegen eine selbstgestellte Aufgabe, nichts gegen beharrliches Arbeiten - aber ein Schlafraum war kein Labor! Und die vielen Glasgefäße, noch dazu mit Säuren gefüllt und nicht sachgemäß untergebracht, bildeten eine erhebliche Unfallquelle. Sie mußte noch einmal mit ihrem Mann reden. Es war zweckmäßiger, wenn er sich mit Werner auseinandersetzte. Vielleicht fand sie in ihrem Ärger nicht den richtigen Ton. Mißmutig legte sie den Pinsel aus der Hand, wischte sich die schlanken Hände an einem Lappen ab, strich ihr Kleid zurecht und trat von der Staffelei zurück. „Heinz!“ Ihr Ruf verklang ungehört. Sie sah im Arbeitszimmer nach, doch er saß weder vor dem Schreibtisch, noch stand er am Reißbrett. Die Tür zum Garten war offen. Sie fand ihn am Gartenzaun. „Wo steckst du denn? Ich denke, du arbeitest - statt dessen nagelst du Latten fest.“ „Ist das etwa keine Arbeit?“ Er richtete sich auf und betrachtete sie mit schief gehaltenem Kopf. „Siehst gut aus, Donnerwetter! In dem Kleid - und ein solches Gesicht? Frau Doktor, Sie sollten sich mal Sonne verordnen. Echte Sonne - keine ölgemalte!“ „Werner ist oben, ich soll ihn zum Abendbrot rufen“, mahnte sie. „Na, wenn er noch ans Essen denkt...“, erwiderte er obenhin. Sie sahen sich an. Es war ein Duell zwischen Unmut und gelassener Heiterkeit. Die Heiterkeit siegte. Ruth Hardenstein schüttelte den Kopf und begann zu lächeln. „Na siehst du - jetzt würde ich dich wieder heiraten, so gefällst du mir!“ stellte er fest. „Aber ich steige mal hoch in die Alchimistenküche“, setzte er ernster hinzu. In der Tür zu Werners Zimmer stutzte er. So hatte er sich das doch nicht vorgestellt. Auf dem Schreibtisch, auf dem Radio, auf den Fensterbrettern, sogar auf dem Intarsientischchen zwischen den beiden Sesseln standen Flaschen, Reagenzgläser, Meßkolben und Retorten. Auf einem elektrischen Kocher brodelte in einer Retorte eine stechend riechende Flüssigkeit. „Hast du noch irgendwo einen Platz für mich?“ fragte er doppelsinnig. Werner schrak auf. „Ja, bitte, im Sessel.“ Ohne sich weiter stören zu lassen, beobachtete er die Retorte, hielt ein Thermometer in die Flüssigkeit und blickte auf die Uhr. Als er jedoch bei einem schnellen
Seitenblick seinen Vater im Sessel sitzen sah und bemerkte, wie der breite Mann sich zwischen den Flaschen neben ihm schmal zu machen versuchte, schaltete er den Kocher aus. „Wird sowieso nichts! Gehen wir auf den Balkon, du willst doch was von mir?“ Auch auf dem Balkon standen einige Flaschen, aber man konnte sich noch bewegen. „Hier ist es tatsächlich gemütlicher“, sagte der Vater, als er sich an den Klapptisch setzte. „Was braust du denn zusammen?“ fragte er dann ohne Umschweife und wies mit dem Kopf nach der Tür. „Ich suche nach einer neuen Polyestervariante mit höherer Festigkeit.“ „Aha! Und dazu brauchst du die vielen Flaschen überall, sogar auf dem Intarsientisch? Den Kunststofftischplatten macht's ja nichts aus - aber ich finde, Säureflaschen auf diesem Tischchen, das ist eine Unterschätzung der handwerklichen Kunst! Bist du anderer Meinung?“ „Ich räume es gleich ab“, sagte Werner beschämt, denn er wußte, welches Können eine gute Intarsienarbeit erforderte. Außerdem beirrte ihn der mißbilligende Unterton in Vaters Stimme. Es bestand ein sehr herzliches Einvernehmen zwischen ihnen, das vom Vater-Sohn-Verhältnis mehr und mehr zur Kameradschaft zwischen Männern überging. Dennoch büßte Vater Hardenstein keineswegs an Respekt ein. Der Respekt, den seine Kinder ihm erwiesen, beruhte nicht auf väterlicher Gewalt oder gar auf Furcht vor ihm. Es war die Achtung vor seiner Persönlichkeit, seiner Erfahrung, seinem geradlinigen Charakter. Er war ihnen Vorbild, und sie kannten nur ein Ziel: so zu werden wie er. Er war der Maßstab, an dem sie ihr Verhalten prüften. Und es war das Vertrauen zu ihm - ein unerschütterliches Vertrauen. Er hatte sie schon als Kinder ernst genommen und seine Aufgabe darin gesehen, sie möglichst unbemerkt zu leiten, sie zu beraten. Nie hatte er mit Gewalt seinen Willen durchgesetzt, sondern sie immer überzeugt, daß seine Erziehungsmaßnahmen in ihrem eigenen Interesse notwendig waren. Er hatte ihnen stets vertraut. Nicht die Angst vor einer Strafe hatte sie beunruhigt, wenn sie etwas falsch gemacht hatten, sondern Furcht, sein Vertrauen zu enttäuschen, Furcht, er könne sie nicht mehr verstehen. Das war geblieben, auch als sie erwachsen wurden. So bedrückte Werner die Ahnung, Vater mißbillige etwas grundsätzlich. Wenn er anderer Meinung war, konnte man mit ihm streiten, dann ließ er sich auch überzeugen - aber wenn er grundsätzlich mißbilligte, dann hatte man etwas falsch gemacht. „Du bist also freier Mitarbeiter geworden wie ich?“ begann Vater erneut, nachdem Werner ihm wieder gegenübersaß. „Verstehe ich nicht! Ich bin zwar kein Chemiker, Werner, aber mir scheint, daß Elektrokocher, Retorte und Thermometer im Mittelalter ausreichten, nicht aber im Zeitalter der Kunststoffe und der Atomphysik. Ich begreife auch nicht, wie man seinen Schlafraum mit einem Labor verwechseln kann. Zieh meinetwegen mit deinem Glasladen in die Garage aber bitte überleg dir, ob du mit den vorhandenen Mitteln dein Ziel erreichen kannst. Erkläre mir nur, wie du zu dem Auftrag kommst!“ „Ich habe keinen Auftrag, Vater“, widersprach Werner. „Aber wir brauchen neue Kunststoffe - ich habe es auf dem Land gesehen. Ich will ja keine neuen Kunststoffe entwickeln, nur verbessern. Ich gehe von den bestehenden Polyestervarianten aus.“ Er lief in sein Zimmer und kam mit einer kleinen Flasche zurück. „Sieh mal hier! Das ist Polyestergießharz...“ „Woher kommt es?“ „Aus unserem Betrieb.“ „Und das hast du ohne weiteres mitbekommen?“ Werner schwieg unsicher. Das Blut stieg ihm in die Wangen. „Ach - so ist das! Du hast gar nicht erst gefragt?“ Das kam schneidend. Werner fuhr auf. „Ich habe eine Genehmigung! Ich habe gesagt, ich brauche es für kunstgewerbliche Arbeiten!“ „Und warum hast du nichts von deinen Versuchen erzählt?“ „Sie hätten mich ausgelacht!“ „Ich glaube, es ist notwendig, daß du dir das alles noch einmal überlegst, Werner. Man muß systematisch arbeiten, wissenschaftlich. Nur so hat man Erfolg. Menschliche Arbeitskraft ist kostbar, man sollte sie niemals vergeuden.“ Am nächsten Tag rief Stolteroff die Brigade zusammen, soweit sie Schicht hatte; bei der sechsstündigen Arbeitszeit gab es vier Schichten. In der Besprechung des Zwischenfalls erklärte Evelyn, wie der Riß entstanden war. Die Ursache entsprach Trautenhahns Vermutung. Sie hatte mit dem Kran das alte Rohr angehoben. Weil sie es mangelhaft angeseilt hatte, verrutschten die Seilschlingen, und ein Rohrende schob sich unter die Stickstoffleitung. Erschrocken über das herunterfallende Rohrende, hatte sie sich in den Schaltknöpfen vergriffen und, statt das Anheben zu stoppen, die Laufkatze gegen die Stickstoffleitung fahren lassen. Das hängende Rohr wirkte wie ein Hebelarm, und schon hatte es gezischt. Trautenhahn schlug vor, ihr für zwei Monate die
Kranerlaubnis zu entziehen und wegen des entstandenen Schadens die Prämie zu kürzen. Er stieß jedoch auf lebhaften Widerspruch. Man hielt allgemein diese Aussprache für eine ausreichende Belehrung. Werner Hardenstein protestierte besonders lebhaft. Evelyn sei die beste Kranfahrerin, schließlich hole man sie zu allen kniffligen Aufträgen. Durch besonders gute Arbeit solle sie den Schaden wiedergutmachen. Außerdem wäre noch nicht erwiesen, daß dieser Riß allein ihr Verschulden sei. Um das festzustellen, müßte die Schweißnaht erst geröntgt werden, sie könne nicht einwandfrei gewesen sein. Und was den Schaden anbeträfe - er hätte einen Vorschlag. der ihn sehr klein halte. Wenn man ein Ersatzrohr fertigmachen ließe, kämen sie ohne fremde Hilfe aus! Die Kollegen horchten auf. Doch Werner fragte zurückhaltend. ob es ein Problem sei, fünfzig Stickstoff-Flaschen zu besorgen, und ob das kostspielig sei. „Das ist weder ein Problem noch kostspielig“, erklärte Trautenhahn. „Wir haben doch eine Füllstation im Kombinat. Aber nun erzähle, Werner!“ „An jedem Kessel befindet sich doch ein stationäres Manometer“, begann Werner, „das schrauben wir ab, wenn der Kessel entleert wird und setzen ein Ventil auf den Anschluß. Diese Zwischenventile können wir uns im Lager leihen, ich habe mich schon erkundigt. Das Auswechseln ist in vierzehn Stunden erledigt. Gleichzeitig bereiten wir das Ersatzrohr vor, lagern an jedem Kessel eine Flasche und schließen sie an. Hat jeder Kessel eine Flasche, sperren wir die Stickstoffleitung, öffnen die Zwischenventile und nehmen den Stickstoff aus den Flaschen. So können wir das Rohr auswechseln, ohne die Produktion zu unterbrechen. Der Abbau erfolgt ebenfalls beim Entleeren - in achtundzwanzig Stunden ist der Schaden vergessen!“ Im zustimmenden Gemurmel wurden Bedenken laut. „Aber ohne Manometer fahren...?“ „Wir haben doch die Fernmanometer am Leitstand.“ „Das ist zu umständlich!“ „An jeder Flasche ist doch ein Reduzierventil mit Manometer.“ „Das ist nicht dran.“ „Und woher nehmen wir die Schläuche von der Flasche zum Anschlußstutzen?“ Werner hob beschwichtigend die Hände. „Auch die Schläuche und die Reduzierventile borgt uns das Hauptlager - glaubt ihr, ich hätte den Vorschlag gemacht, ohne mich vorher genau zu informieren?“ „Das ist schön und gut, Werner, aber reicht die Flasche denn vierzehn Stunden lang? Du kannst die Zwischenventile doch erst wieder abbauen, wenn der Kessel entleert wird!“ „Richtig!“ sagte Werner von oben herab. „Aber ein Ventil läßt sich nicht nur öffnen, sondern auch schließen! Also öffnen wir das Hauptventil und schließen wir die Zwischenventile nach der Reparatur. Die aber dürfte in fünfzehn Minuten erledigt sein.“ Trautenhahn machte nicht viel Worte, stimmte zu und legte den Reparaturablauf fest. Er war sehr froh über diese Lösung. „Einhundertneunzig Kubikmeter auf Hardensteins Konto!“ rief der kleine Breier im Stile eines Auktionators. Erstaunlich, wo dieser schmächtige junge Mann die tiefe und laute Stimme hernahm. Breier führte gern das große Wort, meist auch das letzte. Wollte er mit dem Gewicht seiner Stimme das fehlende Gewicht seines Körpers ausgleichen? Er litt insgeheim darunter, neben den Kollegen wie ein Halbwüchsiger zu erscheinen, obwohl er doch schon dreißig war. Dabei hatte er einen solchen Ausgleich nicht nötig, denn er war schon von klein auf darauf bedacht, seinem Körper in der Schmiede des Sports Härte und Spannkraft zu verleihen. Er konnte heute seine Kräfte getrost mit jenen messen, denen die Natur zu einer imposanten Gestalt verhelfen hatte, ja, seine Beweglichkeit verschaffte ihm eindeutige Vorteile bei solchem Vergleich. So empfand ihn niemand als Zwerg, wie er ständig argwöhnte. „Einhundertneunzig Kubikmeter, Kinder! Damit dürfte Werners persönliches Konto zwanzigtausend Mark weit überschreiten. Glückwunsch, Werner! Zum Aktivisten müßte das reichen!“ „Mir geht's doch nicht um den Aktivisten“, verwahrte sich Werner, und er kam wieder einmal auf die Notwendigkeit eines verstärkten Einsatzes von Kunststoff zu sprechen. Obwohl er die Dinge recht einseitig sah, ganz so, als hinge der Fortschritt der Menschheit davon ab, sofort alles aus Kunststoff herzustellen, lächelte man nur verstohlen, aber dennoch belustigt. Selbst Trautenhahn widersprach ihm nicht. Er schüttelte zwar leicht den Kopf, aber dann unterbrach er Werners Redefluß lediglich durch sein Aufstehen. Total verrannt, der Junge, dachte er, aber jetzt ist nicht die Zeit, mit ihm zu streiten. Das wäre wohl auch nicht die richtige Antwort auf seinen vorbildlichen Einsatz. Die Reparatur lag hinter ihnen, sie verblaßte mehr und mehr hinter den Aufgaben des Tages. Und die Tage der Menschen dieser Zeit waren inhaltsvoll und abwechslungsreich. Die Redewendung, die Jahrhunderte hindurch das Leben der Menschen charakterisierte: Die Tage gleichen einer dem anderen, sie reihen sich zu einer farblos-eintönigen Kette aneinander, die im Grau versinkt - sie war alt geworden und von den neuen Tagen zur Seite gedrängt. Es war alles glattgegangen, und das erleichterte das Vergessen. Nur das Positive war geblieben: Man hatte wieder einmal gesehen, daß es meist doch noch einen Weg gab, wenn man schon glaubte, vor einem
unüberwindlichen Hindernis zu stehen, und man hatte wieder einmal gespürt, was eine Gemeinschaft erreichen konnte. Sie hatten viel erreicht. Noch etwas war geblieben: Werner nahm die Anerkennung seines Vorschlages mit in die kommenden Tage, sie bestimmte in vielem seine Stellung in der Brigade und ihr Verhalten zu ihm. Für Trautenhahn wurde dieser Zwischenfall Inhalt eines Berichtes und damit gründlicher Überlegungen. Den Bericht hatte die Werkleitung gefordert: Ursache, Reparaturaufwand, Schuldfrage, Erkenntnisse... Es waren zwiespältige Gefühle, die Trautenhahn erfüllten. Stolz auf Werner und auf die Brigade, aber auch Ärger über seine eigene Einfallslosigkeit. Möglich, daß er schockiert war, weil er an diesem Tage als Obermeister und Brigadier und vor allem als Stellvertreter Dr. Lippmanns die Verantwortung für den ganzen Polyesterbetrieb trug und demzufolge auch für alle schnellen Entscheidungen allein verantwortlich war, Verantwortung nahm er ernst, sehr ernst. Es war fast, als habe er sich schuldig gefühlt, daß es ausgerechnet an diesem Tage geschah. Jetzt gewann er Abstand. Hatte er erst für Evelyn Prämienabzug und Kranverbot gefordert, so unterstützte er nun Werners Meinung. Um das Verschulden zu klären, mußte die Schweißnaht untersucht werden. Die Reparaturkosten waren unerheblich. Sämtliche Arbeiten waren neben den dienstlichen Aufgaben erledigt, die Einzelteile - Ventile, Manometer, Schläuche und Flaschen - nur ausgeliehen worden, einen höheren Stickstoffverbrauch hatte es nicht gegeben. Nur das Füllen der Flaschen und das Ersatzrohrstück hatte zusätzlich Kosten verursacht. Selbst den Transport hatte die Brigade ohne zusätzliche Kosten ausgeführt. Da die Untersuchung ergab, daß die Schweißnaht nicht einwandfrei war und der Riß sonst nicht hätte entstehen können, konnten auch diese Kosten abgesetzt werden. Als Trautenhahn die verbliebenen Restkosten errechnet hatte, atmete er auf. „Das ist noch einmal gut gegangen“, sagte er zu Dr. Lippmann und legte den Bericht auf dessen Schreibtisch. „Der Vertrauensmann und die AG L haben schon unterschrieben, wenn Sie unterzeichnet haben, können wir ihn weiterreichen.“ Dr. Lippmann, ein kleiner, drahtiger Vierziger, wies auf einen Stuhl, bat Trautenhahn, Platz zu nehmen, und blätterte den Bericht durch. „Ein fixer Bursche, dieser Hardenstein! Aber das ist wirklich noch einmal gut gegangen, Kollege Trautenhahn. Ein Minus ist es ja, schließlich hat sich Evelyn versehen, aber daß die Brigade aus eigener Kraft den Schaden beseitigte ohne Produktionsausfall, daß sie so einmütig zusammenstand und vor allem diesen Ausweg fand - sicher ist das Plus größer als das Minus. Vor allem, weil Evelyns Fehler ja nur Anstoß und nicht Ursache war.“ „Eigentlich nicht richtig, daß es für einen Fehler in der Endkonsequenz noch ein Plus gibt“, warf Trautenhahn ein. „Unsinn! Das gibt es für die Beseitigung eines Schadens, der nicht oder nur zu einem geringen Teil zu Lasten der Brigade geht. Jeder Mensch macht einmal Fehler. Viel wichtiger ist, wie er mit ihnen fertig wird, wie er sie beseitigt. Das Rohr wäre sicher bei anderer Gelegenheit gerissen. Aber hier wurden durch verantwortungsbewußtes Handeln einhundertneunzig Kubikmeter Polyester erhalten. Das vorbildliche Handeln wird bewertet, Kollege Trautenhahn, der Einsatz des ganzen Kollektivs. Und Hardenstein - wir sollten uns seiner besonders annehmen! Ihnen aber möchte ich meine Anerkennung aussprechen. Sie haben umsichtig und entschlossen gehandelt - das alles während meiner Abwesenheit aus der Welt zu schaffen!“ Trautenhahn verließ den Betriebsleiter mit gemischten Gefühlen. Die Anerkennung war ihm peinlich, schließlich war es Werners Verdienst, aber das hatte Dr. Lippmann nicht als ausschließlich gelten lassen. Wenn man es richtig betrachtete, was war denn so Ungewöhnliches an ihrem Verhalten? Gaben sie nicht immer ihr Bestes? Ob Dr. Lippmann bisher geglaubt hatte, ohne ihn ginge es nicht? So kurzsichtig war er gewiß nicht. Auf die Dauer jedoch konnte man auf seine Kenntnisse bestimmt nicht verzichten. Etwas anderes stimmte Trautenhahn vergnügt: Das Plus war wichtig, man stand im Wettbewerb! Sie hofften, an ihrem zehnten Brigadegeburtstag den Ehrentitel „Brigade der vorbildlichen kommunistischen Arbeit“ zu bekommen. Dr. Lippmann hatte recht: Fehler machte jeder Mensch, Kommunist sein bedeutete doch nicht fehlerfrei sein, sondern mit seinen Fehlern fertig werden - und dabei half das Kollektiv! Wie es half, das bestimmte seinen Wert. Einen Wettbewerb durfte man nicht nur nach nüchternen Zahlen messen, jedenfalls nicht den Wettbewerb um einen solchen Titel. Auch Trautenhahns Wohlwollen gegenüber Hardenstein hatte sich verstärkt, das bedeutete bei ihm aber erhöhte Forderungen. So war er nun einmal, dagegen konnte er nicht an. Es war wohl das uralte menschliche Bestreben, was man liebte, was einem besonders wertvoll war, so vollkommen wie möglich zu machen.
3 Werner hatte seine Experimente von daheim ins Betriebslabor verlegt und verstieß damit eigentlich gegen die Betriebsvorschrift. Anfangs unterlag Trautenhahn einem Dankbarkeitsgefühl wegen Werners Einsatz beim Rohrbruch. Zudem glaubte er, Werner suche lediglich nach einer Verbesserung der bestehenden Arbeitsmethoden. Wenn er sich auch nicht recht vorstellen konnte, welche Gedanken Werner leiteten, so übersah er diese kleinen Experimente geflissentlich. Immerhin hatte Werner schon viele gute Vorschläge eingereicht. Als er jedoch feststellte, daß es um etwas anderes ging, ermahnte er Werner kameradschaftlich, wenn er ihn im Labor erwischte. Bis er eines Tages das ganze Ausmaß der Experimente erkannte. Die Spätschicht hatte eben ihren Dienst angetreten, und Trautenhahn hoffte den Laboranten noch im Labor anzutreffen. Er fand nur Werner dort. Der saß inmitten der gläsernen Geräte, vor ihm auf dem Tisch standen Flaschen und Mensuren, Reagenzgläser, ein Dreihalskolben mit Rührer, ein absteigender Kühler, ein Heizbad... Trautenhahn war verblüfft und trat unbemerkt näher. Das war doch ein Versuchsaufbau, der dem Produktionsverfahren entsprach! Das überstieg das Maß des Vertretbaren bei weitem! Als er auch noch eine Flasche mit Styrol entdeckte und nicht mehr zu bezweifeln war, daß Werner auch diesen Teil der Fertigung in seine Versuche einbezog - ohne ausreichende Erfahrung in diesen Dingen, ohne Sicherheitsvorkehrungen -, vermochte er nur mühsam den aufkommenden Zorn zu unterdrücken. Werner sah kurz auf und streifte ihn mit erschrockenem Blick. Offensichtlich hatte er Trautenhahn schon außerhalb des Werkes gewähnt. Das verstärkte Trautenhahns Erregung. Werner wandte sich wieder seinem Versuch zu, betont gleichgültig, als sei es für ihn selbstverständlich, hier angetroffen zu werden. „Darf ich einmal dein Versuchsprogramm sehen?“ fragte Trautenhahn beherrscht, doch, über der Nasenwurzel stand eine scharfe Falte, und seine Augen hatten einen eisigen Blick. „Ich probiere nur mal so...“, sagte Werner unsicher. Daß ihn der Brigadier ausgerechnet jetzt überraschen mußte! „Das sehe ich“, erwiderte Trautenhahn kühl. „Aber ein Rezept wirst du wohl haben?“ Werner reichte es ihm, beschäftigte sich aber weiter mit seinem Versuch, Trautenhahn las und zog die Augenbrauen hoch. Mit geschürzten Lippen wiederholte er die Rezeptur: „Maleinsäureanhydrid, Phtalsäureanhydrid, Propylenglykol, Hydrochinon, Styrol... aha, Glykolüberschuß - aber wie kommst du zu dieser Zusammensetzung?“ „Ich experimentiere...“, erwiderte Werner zögernd. „Aha - wir werden schon sehen, was dabei herauskommt, falls es nicht schon vorher knallt! Wo liegt der Flammpunkt von Styrol?“ Werner wollte aufbegehren, sich wehren gegen eine derartige Schulmeisterei - aber er begegnete Trautenhahns Blick, der so sachlich kalt war, daß er unwillig antwortete: „Bei einunddreißig Grad Celsius.“ Nun konnte sich Trautenhahn nicht
mehr halten. „Ja bist du denn verrückt geworden?“ schrie er, außer sich. „Glaubst du denn, Laborversuche wären ein Kinderspiel? Von da ein bißchen und von dem ein bißchen, durchgerührt, dreimal aufgewärmt und dann noch drüberweg gespuckt? Und das von dir...“ „Jetzt ist...“, schnaufte Werner verletzt, aber Trautenhahn ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Jetzt rede ich! Vielleicht darf ich dir meine Meinung zu deiner Quacksalberei sagen? Und das ist Quacksalberei! Von dir und im Zeitalter der Kunststoffchemie...“ Er suchte nach Worten. Dann besann er sich. Ob Brüllen die richtige Methode war? Wer die stärkeren Argumente hat, der muß nicht schreien, der kann in Ruhe überzeugen... Trautenhahn.schüttelte unbewußt den Kopf: Wenn man nicht provoziert wurde! Aber von Werner fühlte er sich provoziert. Hatte der das nötig - wie ein Alchimist nach dem Stein der Weisen zu suchen? Entwickelte man Kunststoffe so? Er war enttäuscht von dem Jungen. „Was hast du dir dabei gedacht?“ fragte er ruhiger. „Was man so bei Kinderspielen denkt - nichts!“ erwiderte Werner bissig. „Das scheint mir auch so! Generationen von Forschern haben Berge von Rezepten ermittelt, haben alle möglichen Varianten geprüft...“ „Ich prüfe auch...“ „Aber wie! Den Chemikern stand das ganze Wissen der Menschheit auf ihren Gebieten zur Verfügung, sie entwickelten ihre neuen Varianten faktisch am Reißbrett, bevor sie sie im Labor erprobten - du aber ignorierst alles vorhandene Wissen und benimmst dich wie ein Kind mit verbundenen Augen beim Puzzlespiel! Und dann mit Styrol und ohne jede Anleitung...“ „Hab dich nicht so, Wolfgang. Benzin hat einen Flammpunkt von minus zehn Grad Celsius - damit gehen wir täglich um!“ „Das läßt du auch bei sechzig Grad Wärme in einem Glasbehälter mit Zusammensetzungen reagieren, die du willkürlich gemanscht hast und deren Eigenschaften du also nur vermuten kannst?“ „Unter Stickstoffverschluß - warum nicht?“ erwiderte Werner aufsässig. Doch er war nicht so sicher, wie er sich gab. Trautenhahn hatte ihn schwer getroffen. Als Dilettant hatte er ihn hingestellt, und weil er selbst sein Vorhaben unklar als dilettantisch empfunden hatte, war er besonders verletzt. Die Zeit, in der ein Dilettant, und sei er noch so genial, entscheidende Entdeckungen machen kann, ist endgültig vorüber, sagte ihm sein Verstand, aber die Ungeduld ließ ihn daran zweifeln. Was wollte Trautenhahn von ihm? Er bemühte sich doch schon um das Wissen - und das nicht schlecht! Aber wie konnte er warten, bis er morgen das gewaltige Gerüst des Wissens aufgebaut hatte, mit dem er an dem Haus der Kunststoffe weiterbauen konnte - wenn heute schon das Haus zu niedrig war und alle darauf warteten, daß es endlich erhöht würde? Kam man denn nur mit dem Gerüst hinauf? Es gab auch Fassadenkletterer! Was wußte Trautenhahn von ihm? Wortlos brach er den Versuch ab. Er sah hilflos aus in diesem Augenblick. Sein Resignieren berührte Trautenhahn und stimmte ihn versöhnlicher. „Sei doch vernünftig, Werner! Du mußt einsehen, daß hier nicht jeder nach Gutdünken experimentieren kann. Du kannst nicht nächtelang hier sitzen und deinen Versuch zu Ende führen - oder verlangst du gar, daß dich jemand ablöst?“ Er vermied jetzt, scharfe Worte zu gebrauchen. „Und wenn etwas passiert - was dann?“ Werner stellte das Heizbad ab. Er schwieg noch immer. „Und unser Wettbewerb? Das ist doch eine Disziplinverletzung! Und wenn etwas schiefgeht? Willst du einen Laborbrand riskieren?“ Werner ließ die Schultern hängen und baute ab. Evelyn hatte Trautenhahn gesucht und war zufällig Zeuge dieser Auseinandersetzung geworden. Sie hegte Werner gegenüber seit dem Zwischenfall ein Gefühl der Dankbarkeit, denn sie fühlte sich trotz allem schuldig, sie hatte den Anstoß gegeben, mochte die Schweißnaht mangelhaft gewesen sein oder nicht. Werner hatte ihr erspart, sich für den Verlust von einhundertneunzig Kubikmetern Polyester verantwortlich fühlen zu müssen. Er hatte sie auch vor dem Prämienabzug bewahrt, das war nicht weniger bedeutungsvoll. Ihren materiellen Anreiz hatte die Prämie zwar verloren, obwohl sie aus der Zeit übernommen war, da man noch arbeitete, um Geld zu verdienen. Aber das Bewußtsein hatte sich inzwischen gewandelt, und der Reallohn war durch die Automatisierung auf mindestens das Fünffache angestiegen. Die Preise waren bedeutend gesunken, Steuern, Wohnungsmieten und Sozialversicherungsbeiträge abgeschafft. So besaß der Lohn, den man bekam, längst nicht mehr ausschlaggebende Bedeutung. Man arbeitete nicht des Geldes wegen. Die Arbeit entsprang dem Bedürfnis, einen Beitrag zum gesellschaftlichen Leben zu leisten und durch die Arbeit teilzuhaben am Werden und Wachsen der Gesellschaft. Keine Prämie zu erhalten hieß daher, schlecht gearbeitet zu haben, ausgeschlossen zu sein von der Gemeinschaft derer, die geleistet hatten, was die Gesellschaft von ihnen erwarten durfte. Die Frage des Lohnes war eine Frage der Ehre geworden. Bei einer anderen Auffassung hätte kaum einer studiert, denn die Löhne aller waren weitgehend einander angeglichen, der Unterschied war zu unerheblich, als daß man seinetwegen studierte. Den frischen und ihr sympathischen
Jungen jetzt in ihrer Gegenwart herunterputzen zu lassen wäre Evelyn peinlich gewesen, deshalb zog sie sich unbemerkt zurück und verfolgte aus sicherer Deckung die Auseinandersetzung. Sein hilfloses Resignieren bewegte sie noch mehr als Trautenhahn, und sie ergriff innerlich für Werner Partei. Sie sprach mit keinem über das, was sie beobachtet hatte, da auch der Brigadier schwieg, aber sie verfolgte aufmerksam Werners Verhalten in den nächsten Wochen. Es schien, als habe Werner die Ermahnungen beherzigt. Er verließ pünktlich das Werk, nahm wieder am Handballtraining und an den Proben des Estradenensembles teil; Evelyn glaubte eine gewisse Gleichgültigkeit an ihm zu spüren, als diene ihm alles nur, sich abzulenken. Aber Werner war nur abgespannt; er saß bis spät in die Nacht und lernte, grübelte und rechnete. Immer wieder stieß er auf Lücken. Längst hatte er eingesehen, daß er mit dem Zufall spekuliert hatte. Etwas zufällig zu entdecken schien ihm nicht das rechte Verdienst. Andererseits - er würde ja gern studieren. Aber delegiert zu werden, das war eine Auszeichnung, konnte man die erbitten? Natürlich konnte man darum ersuchen - wenn man würdig war! Aber wenn er das tat, würde Trautenhahn bestimmt auf die Versuche zurückkommen und schildern, wie unwissenschaftlich er diese wilden Experimente fand. Sie würden als Disziplinlosigkeit gewertet, und damit würde natürlich auch sein Antrag verworfen. Sollte er sich derart bloßstellen? Er würde wohl noch ein, zwei Jahre warten müssen, ehe Trautenhahn ihm das verzieh! Zwei Jahre warten... Die Chemie hatte er sich ganz anders vorgestellt, geheimnisvoll, erregend, abenteuerlich - aber sie war zum Heulen langweilig! Sechs Stunden täglich die automatischen Anlagen überwachen, ab und zu ein Kontrollgang, hin und wieder eine Routineprüfung - und das, obwohl die Automaten eine konstante Zusammensetzung garantierten. Er befand sich ja auf dem Abstellgleis - wozu hatte er gelernt? In der Schule hatte es ganz anders ausgesehen, jede Chemiestunde war zu einem aufregenden Erlebnis geworden, immer hatte der Chemielehrer sie etwas Neues entdecken lassen. Zwar waren das die Grundlagen der Chemie, vor Jahrzehnten, ja vor Jahrhunderten schon entdeckt, aber was machte das, für sie war es neu! Hier aber - täglich dasselbe, nicht einmal nachentdecken konnte man, weil man alles kannte, was durch die Automaten lief. Versuchte man, sich aus diesem Gleichmaß zu befreien, kam der Brigadier und rieb einem die Betriebsvorschrift unter die Nase. Eines Tages hatte er den Schock überwunden. Es war kurz vor dem zehnten Jahrestag der Brigade. Im Freien waren Bestrahlungsversuche mit radioaktiven Isotopen vorgenommen worden. Werner, im Umgang mit radioaktiven Strahlungsquellen besonders geschult, hatte daran teilgenommen und war beauftragt, die Strahlungsquelle zum Tresor zurückzubringen. Allein mit dem Gerät, konnte er der Versuchung des Augenblicks nicht widerstehen. Er bestrahlte ein Stück Polyesterprofil und schob es in die Tasche. Dann erst brachte er die Strahlungsquelle zum Tresor. Der große Zeiger der Uhr in der Produktionshalle strebte ruckartig nach der Zwölf und verdeckte schließlich den kleinen Zeiger. Schichtwechsel! Doch man spürte ihn kaum. Menschen sah man in den beiden Hallen ohnehin nicht häufig, denn der Mensch war nur vernunftbegabtes Kontrollorgan, das die automatischen Kontrollorgane überwachte. So verloren sich die weißen Kittel inmitten der Behälter, Rohrschlangen, Aggregate und Maschinen, und es fiel nicht auf, daß die Gesichter wechselten. Die Abgelösten gingen zum Aufenthaltsraum. Werner und Evelyn begegneten sich auf dem Flur. „Gehst du mit?“ fragte sie. In den letzten Wochen waren sie oft gemeinsam heimgegangen. „Ich habe noch zu tun.“ Evelyn horchte auf. Das war der alte Werner! Da sie ihn aufmerksam beobachtet hatte, waren ihr seine kleinen Experimente nicht entgangen; es war nicht schwer für sie, zu erraten, was er zu tun hatte. „Du bringst Wolfgang noch ins Grab!“ sagte sie und lachte lautlos. „Er mag deine Experimente nicht.“ „Wird sich dran gewöhnen, denke ich mir. Er ist ja noch entwicklungsfähig“, sagte er übermütig. „Außerdem, Ev, er ist außerhalb!“ „Wenn die Katze aus dem Hause ist, tanzen die Mäuse.“ „Tanzen, das ist das Stichwort! Wenn du mich so schön bittest, Ev, dann kann ich kaum widerstehen. Also wann?“ „Du bist unverbesserlich. Aber ich will deiner Forschung nicht im Wege stehen - Forschen verlangt persönliche Opfer“, sagte sie, auf seinen übermütigen Ton eingehend. „Schlange, du heißt Evelyn. Eigentlich müßtest du Eva heißen.“ „Sag das meinen Eltern.“ „In Ordnung, Ev. Melde mich für Sonntag an als...“ Er zögerte, „Als was?“ fragte sie schnell. „Wie wäre es mit: Zukünftiger?“ Sie schüttelte den Kopf, halb fassungslos, halb amüsiert über soviel Frechheit, sagte: „Tschüs!“ und stöckelte davon. Hardenstein schob die Hände in die Taschen seines Arbeitsmantels, lehnte sich an die Wand und sah ihr nach. Ihm war, als sei er ihr zum erstenmal begegnet. Sie gefiel ihm. Es war nicht wie
bei Marcella, die er mit neunzehn kennenlernte, ein Gefallen, das wie eine Springflut über ihn gekommen war und ihn unter sich begrub, alles hinwegspülend, was ihn sonst noch erfüllte, daß er nur noch an sie dachte und nur noch von einem Gedanken beseelt war: in ihrer Nähe zu sein. Wäre es so, dann hätte er Evelyn, täglich neben ihr, längst bemerkt. Nein, es brauste nicht wie Sturm, es brannte nicht wie Feuer in ihm, er jauchzte nicht im Leiden und er litt nicht im Jauchzen! Das war ihm einmal passiert, davor hütete er sich, soweit es in seinen Kräften lag, denn wenn er an jene Wochen dachte, kam er sich albern vor, unmännlich und lächerlich. Es war ein Gefallen, das von innen wärmte. Er blickte ihr nach, wie man ein schönes Bild betrachtet, kritisch und doch gepackt, voller Freude am Schauen. Als sie den Gang verließ und die Tür hinter ihr zuschwang, wandte er sich ab und ging versonnen zum Prüflabor. Er mußte herausfinden, was sie von ihm hielt. Wie sie den Kopf zurückgeworfen hatte... Zwischen den Retorten, Reagenzgläsern und Prüfmaschinen vergaß er Evelyn. Er teilte das bestrahlte Profilstück mehrmals und spannte die Teile in die Maschinen, streckte sie bis zum Zerreißen, bog sie bis zum Brechen, preßte sie bis zum Splittern, prüfte ihre Härte und ihre Abriebfestigkeit. Stunden vergingen. Er prüfte, schrieb und verglich. Er war allein im Labor, die Laboranten kamen nur zur ersten und zur dritten Schicht. Wohl schauten Kollegen der zweiten Schicht herein, aber sie wechselten nur wenige Worte mit ihm. Keiner verwehrte ihm sein Treiben, keiner belästigte ihn mit unbequemen Fragen. Wer weiß, dachten sie, was der wieder ausknobelt! Plötzlich stand Trautenhahn neben ihm, das Gesicht völlig verschlossen, der Blick kühl abweisend; er las die Oberschrift auf Werners Protokoll: „Bestrahlte, glasfaserverstärkte T-Profil-Probe. Polyestertype...“ Trautenhahn blickte ihn an, nachdenklich, betroffen. Hardenstein wurde dieser Blick unbehaglich. Ihm war, als blickte Trautenhahn durch ihn hindurch, als fände dieser Blick nichts in ihm, was ihn festhalten könne, nichts, was der Betrachtung wert sei. Wenn er doch wenigstens schreien würde, daß man sich ungerecht behandelt fühlen und sich wehren könnte. Aber dieser Blick entwaffnete ihn, er war so ungewohnt, so fremd... Trautenhahn wandte sich schweigend ab und verließ das Labor. Der Tag war dazu angetan, die Menschen aufzuschließen. Die Sonne schien hell und wärmend, der Himmel spannte sich azurblau über das Land, ein leiser Wind belebte die Blätter der Bäume und Sträucher, ließ die Espen wispern und die Halme am Wege sich wiegen. Die Welt trug ein Festtagskleid. Beschwingt schritten die Menschen unter den Bäumen dahin und sogen den harzigherben Geruch der Kiefern und den süßen Duft der Blüten genußvoll in sich hinein. Werner spürte von alledem nichts. Er trottete längs der Betonstraße mit hängenden Schultern, den Blick abwesend vor sich auf den Weg gerichtet. Ihn zog es in die Stadt, hinein in das Getriebe des Verkehrs. Es gibt Stunden, in denen man sich selbst zu laut ist, obwohl man schweigt; in denen man sich selbst nur entrinnen kann, wenn es ringsum lauter ist, wenn man von außen her so beschäftigt wird, daß man taub ist gegen das innere Lärmen. Instinktiv strebte er danach, sich zwischen den Hochhäusern, im Brausen des Verkehrs und unter den Menschenmassen klein zu fühlen und damit auch seine Probleme zu verkleinern. Trautenhahns Schweigen verhieß nichts Gutes. Es kam so unerwartet nach der letzten turbulenten Auseinandersetzung. Werner mußte das Schlimmste fürchten: vor der ganzen Brigade sich verantworten zu müssen! Und morgen war Versammlung! Mochten die Kollegen seine Versuche bisher stillschweigend geduldet haben; wenn Trautenhahn ihn morgen zur Rechenschaft zog, wenn sie erfuhren, was sich wirklich hinter dem Experimentieren verbarg, würden sie sich gewiß auf Trautenhahns Seite stellen. Irgendwie empfand er auch, daß Trautenhahn recht hatte - aber da war die Ungeduld in ihm, der Drang, sich zu betätigen, die Neugier... Und da war Evelyn, die er heute entdeckt hatte, und nun war es ihm doppelt peinlich, in ihrer Gegenwart bloßgestellt zu werden. Der ganze Jammer des Wartens auf etwas Unangenehmes überkam ihn, die Unsicherheit, die einen erfaßt, wenn man noch nicht genau weiß, was bevorsteht. Es ist wie vor dem Gewitter, wenn die Wolken sich düster und drohend wölben, wenn ihre Vorläufer über uns dahinziehen und man mit angehaltenem Atem auf den ersten Blitz, den ersten Donner wartet. Grellt dann der erste Blitz, verliert sich schon im dröhnenden Poltern des Donners die Spannung. Aber Werner wußte ja nicht einmal, ob es bei einer Brigadeauseinandersetzung blieb. Schließlich waren es Verstöße gegen die Betriebsvorschrift, und wenn die Brigade zur Auffassung kam, daß disziplinarische Maßnahmen ergriffen werden mußten, kam es vor die Werkleitung. Ob er dann noch hoffen durfte, jemals studieren zu können? Trautenhahns Schweigen hatte ihn derart erschüttert, daß er kein Maß mehr für die Dinge fand, sein Handeln überhaupt nicht mehr einzuschätzen vermochte. Ruhe vor sich selbst fand Werner erst in der Stadt. Nach endlosem Umherschlendern kam er ins Zentrum. In der Grünanlage gegenüber dem achtundzwanzigstöckigen Stadthaus ließ er sich auf einer Bank nieder. Seine Blicke wanderten an der breiten Front aus Beton und Glas empor, hinter der sich die Stadtverwaltung, die Gesundheits-, die Hygiene- und die Polizeibehörde, die Sozialversicherung und die Sparkasse befanden. Es war ein großer Platz, eigentlich mehr ein Park. Die Hochhäuser ringsum waren ausschließlich Verwaltungsgebäude.
Bezirksverwaltung, Post- und Eisenbahndirektion, Hauptpost, Bank - alles lag dicht beieinander und ersparte den Menschen zeitraubende Wege. Ein zweiter Platz schloß sich an, der Goetheplatz. Hier fand man das Schauspielhaus, die Staatsoper, die Stadtbücherei, das größte Filmtheater und ein Kulturhaus. Werner gewann langsam Interesse für seine Umgebung. Um die Parkanlage des Platzes brodelte das Großstadtleben. Kraftwagen glitten mit singenden Pneus über den Beton, Fußgänger hasteten über die breiten Gehwege, und gespenstisch lautlos huschten die Züge der Einschienenhochbahn auf ihren Gummilaufrädern zwischen den Hochhäusern hindurch. Werner fand zu sich selbst zurück. Man mußte es auf sich zukommen lassen... Die Versammlung begann wie üblich mit organisatorischen Fragen. Dann sprach man über die Vorbereitungen zum zehnten Jahrestag. Da es um das Brigadeleben ging, führte Stolteroff als Vertrauensmann den Vorsitz, denn Träger der Erziehungs- und Kulturarbeit in der Brigade war die Gewerkschaftsgruppe, die mit der Brigade identisch war und von der Abteilungs- und Betriebsgewerkschaftsleitung intensiv unterstützt wurde. Man saß im Klubraum des Kulturhauses beisammen, drei Schichten der Brigade und Vertreter der vierten, diensthabenden Schicht. Männer und Frauen, meist junge, denn in der Brigade wurden nur wenige alt: Die Industrie mit ihren automatischen Taktstraßen brauchte hochqualifizierte Kräfte - Diplomingenieure, Ingenieure, Doktoren der Chemie, Diplomchemiker, Laboranten, Obermeister und Meister - sie bedurfte der schöpferischen Arbeit des Menschen. Bereits die obligatorische polytechnische ZwölfklassenOberschule diente der Entwicklung dieser schöpferischen Anlagen. Sie vermittelte außerdem ein Allgemeinwissen, das es ermöglichte, die früher üblichen Studienzeiten zu verkürzen und zudem das Niveau der Qualifikationsstufen zu erhöhen. Jetzt entsprach die Stufe eines Meisters der eines früheren Ingenieurs. Die meisten jungen Arbeiter studierten nach einigen praktischen Jahren. Damit fiel den wenigen älteren Kollegen eine besonders verantwortungsvolle Aufgabe zu: die Kontrolle der Entwicklung ihrer Studenten, die Mitglied der Brigade blieben, solange sie studierten. Sie arbeiteten in den Sommerferien in ihrer Brigade, und die Brigade hatte von Semester zu Semester die Möglichkeit, den Studienauftrag zeitweise oder ganz aufzuheben. Die Studenten legten nach jedem Semester ihre Zeugnisse vor, sie wurden in der Brigade besprochen. Die Brigade hatte schon manchem geholfen, in den Semesterferien Schwächen zu beseitigen, das Kombinat hatte genügend Möglichkeiten. Es kam dann auch nicht darauf an, daß der Betreffende praktisch arbeitete, er wurde, wenn es ratsam schien, auch in die Forschungslabors oder Konstruktionsbüros vermittelt, wo man sich eingehend mit ihm beschäftigte. Wenn einer der Hilfe der Gemeinschaft bedurfte, dann gab sie diese Hilfe unbeschränkt. Aber es hatte auch Studenten gegeben, die einige Semester aussetzen mußten, weil sie überheblich geworden waren dann genügte meist ein Semester, um sie zu kurieren - oder weil ihre Leistungen weit unter ihrem Leistungsvermögen lagen. Faulheit aber war unentschuldbar, man wertete sie als Mißachtung des entgegengebrachten Vertrauens. In der Betreuung der Studenten wog besonders das Wort der Älteren, ihre Lebenserfahrung. Auch diesmal waren viele Studenten dabei. Sie beteiligten sich rege an der Debatte. Einem Fremden wäre es schwergefallen, sie von den „aktiven“ Brigademitgliedern zu unterscheiden. Werner blickte umher, unsicher und beklommen. In jedem Gesicht versuchte er zu deuten, wie sie sich verhalten würden. Trautenhahn saß neben ihm, folgte den Ausführungen Stolteroffs und war so angespannt dabei, daß er Werner nicht beachtete. Seitwärts, zwei Tische weiter, saß Evelyn im Klubsessel, gelöst und doch anmutig. Er begegnete ihrem Blick. Zufällig? Sie lächelte leicht, nickte unauffällig und wandte sich nach vorn. Wieder erschien sie ihm neu. Er fand sie hübsch und begehrenswert - um so hübscher, als er kurz vor seiner Maßregelung stand und fürchtete, daß sie damit für ihn unerreichbar werde. Dann fiel zum erstenmal sein Name. Er fuhr zusammen. Aber es war nicht Trautenhahn, der ihn genannt hatte. Jumbo, als Vertrauensmann, schlug Aktivisten vor. „Hardensteins Leistungen stehen über dem Durchschnitt, seine Arbeitsdisziplin ist vorbildlich, er hat keine einzige Fehlstunde, Kameradschaftlich ist er auch. Außerdem beträgt sein persönliches Konto durch Vorschläge und Einsparungen annähernd dreißigtausend Mark!“ Von allen Seiten kam Zustimmung, und Werner atmete schon befreit auf. Als die Aktivisten vorgeschlagen waren, meldete sich Trautenhahn zu Wort. Werner sank in sich zusammen. Trautenhahn schilderte die Experimente, sachlich, aber schonungslos. „Auch das ist eine Seite Werners, die wir sehen sollten, ja sehen müssen, wenn wir ihm helfen wollen.“ Er blickte sich im Raum um. Das erwartete Echo blieb aus. Die Mienen waren gleichgültig, abwartend oder gar ablehnend. Keiner meldete sich zu Wort. Wem hatte Werner nicht schon irgendwie selbstlos geholfen, weit über das übliche Maß hinaus? Wer erkannte seinen Einfallsreichtum nicht an, seine Vorschläge, seine Lernergebnisse? Das Schweigen lag schwer im Raum. „Das ist eine Disziplinverletzung, Kollegen, ein Verstoß gegen die Betriebsvorschrift... Ich halte eine Rüge für angebracht!“ Die wenigen Älteren nickten. Die meisten aber waren jung und geneigt, mit
jugendlichem Optimismus die Dinge leichter zu nehmen, als die Älteren sie auf Grund ihrer Lebenserfahrung nehmen konnten. Sie waren selbst voller Tatendrang und Ungeduld, sich zu bewähren sollten sie Werner nicht verstehen? Es gab zwei Meinungen im Raum. Die Älteren warteten, bedächtig wägend, mit ihrer Antwort. Die Jüngeren aber wurden lebhaft. Mancher fühlte sich mit Werner angegriffen. Andere glaubten ihm beistehen zu müssen. Besonders Evelyn. „Das ist doch kleinlich!“ rief sie. Damit brach sie das Schweigen. „Richtig! Das ist übertrieben!“ stimmte der kleine Breier ihr zu. „Stur ist das! Für dreißigtausend Mark auf seinem persönlichen Konto haben wir ihn zum Aktivisten vorgeschlagen, aber für die dazu notwendigen Versuche wollen wir ihn bestrafen - das ist doch Unsinn!“ Trautenhahn parierte sofort. „Die Versuche waren nicht für die Vorschläge notwendig. Werner hatte sich auch keine Genehmigung geholt.“ „Er machte doch keine Überstunden! Die Betriebsvorschrift war aber von der Gewerkschaft durchgesetzt worden, weil verschleierte Überstunden gemacht wurden! Deshalb soll sich keiner länger als eine halbe Stunde nach Schichtschluß im Betrieb aufhalten!“ erwiderte Breier; er war aufgesprungen und gestikulierte mit den Händen, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Es steht aber auch nicht in der Vorschrift, daß man sich aus privaten Gründen länger im Werk aufhalten darf“, sagte Trautenhahn. „Wie streng sind doch die Bräuche!“ spottete Breier. „Und es steht nicht drin, daß man im Prüflabor seinem Hobby nachgehen kann“, warf der dicke Binge ein. Er stimmte zwar der Rüge nicht zu, aber er erkannte auch die Gefahr, der sich Werner ausgesetzt hatte, und fühlte sich verpflichtet, Trautenhahn zu unterstützen: „Wo kämen wir denn hin, wenn jeder macht, was er will?“ Dieses Wortgefecht richtete Werner wieder auf. Aber ein Wort vor allem empörte ihn; Hobby! So war das: Hatte man Erfolge, wurde man ausgezeichnet, hatte man Mißerfolge, war es ein persönliches Hobby. Er sagte laut, was er dachte. „Deine Erfolge liegen auf verfahrenstechnischem Gebiet. Dreißigtausend Mark sind überdurchschnittlich, das bestreite ich nicht“, erwiderte Trautenhahn ruhig. „Auf diesem Gebiet bist du sehr beschlagen.“ „Aha!“ sagte Werner ironisch. „Aber sonst bin ich ein Blindgänger, was?“ Trautenhahn ließ sich nicht provozieren. „Das behauptet keiner. Aber du kannst nicht wie ein Alchimist laborieren. Das ist blindes. Suchen...“ Werner fühlte sich bloßgestellt. Wieder regte sich in ihm die Erkenntnis, daß Trautenhahn recht hatte. Aber er wollte sie nicht wahrhaben. Er war immer stolz gewesen auf seine Leistungen, sie hatten sein Selbstbewußtsein gestärkt. Jetzt war er gekränkt, verbittert. Er mußte sich Luft machen, herausschreien, was er gegen Trautenhahns Vorwurf vorbringen konnte. Er hatte keine echten Einwände. Was seinen Argumenten an Sachlichkeit fehlte, ersetzte er durch Lautstärke, bis er bemerkte, daß die Kollegen ihn verständnislos ansahen. So unbeherrscht hatten sie ihn nie gesehen. Er brach seine Verteidigung mitten im Wort ab, murmelte eine Entschuldigung und setzte sich. Trautenhahn kannte das, er nannte es Koller. Er war sicher, daß Werner sich dieses Ausbruches noch lange schämen werde. Aber er war auch betroffen, daß diese Auseinandersetzung eine andere Richtung nahm, als er ihr geben wollte. Die Rüge erschien ihm aus erzieherischen Gründen wichtig. Werner mußte lernen, sein Handeln richtig einzuschätzen. Aber das war nur die eine Seite... Stolteroff erhob sich mit gewichtiger Bedächtigkeit. Sofort wurde es still, „Du bist ein netter Kerl, Werner. Hast auch deine Verdienste“, begann er ruhig. „Aber du besitzt keine Narrenfreiheit. So spricht man nicht mit seinem Vorgesetzten - außerdem könnte Wolfgang dein Vater sein. Dein Hobby ist eine Sache, dein Benehmen gegenüber Wolfgang eine andere. Über das Benehmen würde ich einmal gründlich nachdenken. Nun zu deinem Hobby.“ Er blickte sich um. Dann sprach er zu allen. „Werner ist unser Jüngster. Daß er unternehmungslustig ist, wissen wir. Bei aller erforderlichen Disziplin, bei aller Anerkennung der Betriebsvorschrift - wir sollten hier keine Tragödie daraus machen. Es war nicht einwandfrei, aber es ist nichts passiert - und er hat es nicht aus persönlichen Gründen getan. Er wollte einen neuen Kunststoff entdecken - mit etwas naiven Methoden, aber den guten Willen sollten wir anerkennen. Ich denke, Werner wird auch so einsehen, daß er zu weit gegangen ist. Er wird es unterlassen und damit,..“ „Er soll es nicht unterlassen, denke ich!“ unterbrach ihn Trautenhahn. Das fuhr wie ein Blitz unter sie, und sie saßen wie vom Donner gerührt. „Was denn nun? Wegen der Experimente soll er bestraft werden - aber dann soll er ruhig weiterexperimentieren? Versteht ihr das?“ Stolteroff schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht gegen Experimente. Ich bin gegen heimliche Experimente und gegen die primitive, planlose Art, in der sie Werner durchführte. Das paßt nicht zu ihm, und das führt zu nichts. Und weil ich außerdem meine, Erkenntnistrieb sei eine positive Sache, finde ich, wir sollten ihn unterstützen und Werner die Möglichkeit geben, sich die fehlenden Kenntnisse anzueignen. Kurz: Ich schlage vor, wir delegieren Werner zum Studium und sorgen außerdem nachdrücklich dafür, daß endlich der Klub junger
Chemiker gegründet und ihm ein Experimentierraum, Aufträge und erfahrene Fachleute zur Anleitung gegeben werden! Trotzdem möchte ich noch einmal die Rüge zur Debatte stellen...“ Aber Trautenhahn kam nicht durch damit. Keiner der Jüngeren nahm Werners Verstoß so ernst, und die Älteren vermochten nicht, sie zu überzeugen. So war der Mehrheitsbeschluß nicht zu erreichen. Die beiden Vorschläge dagegen fanden lebhaften Widerhall. Auch eine Empfehlung Trautenhahns, man möge Werner nahelegen, Verfahrenstechnik zu studieren, wurde einstimmig gebilligt. Das verpflichtete Werner nicht, zeigte ihm jedoch die einstimmige Meinung seiner Brigade. Trautenhahns Empfehlung war sehr stichhaltig begründet, Werners Stärke lag tatsächlich auf verfahrenstechnischem Gebiet, außerdem vereinigte es seine beiden Berufe. Trautenhahn war mit sich selbst unzufrieden. Werner war nach der Versammlung zu ihm gekommen und hatte sich entschuldigt. „Nimm mir's nicht übel, Wolfgang“, hatte er gebeten und ihm die Hand entgegengestreckt. „Ich war durchgedreht. Schön war's nicht von mir - ich weiß. Daß du mich trotzdem vorgeschlagen hast, vergesse ich dir nie. Ihr sollt euch nicht in mir getäuscht haben.“ Die Freude über das Studium lachte ihm dabei aus dem Gesicht. Mit keinem Wort erwähnte er die beantragte Rüge, als habe er sie schon vergessen. Auf keinen Fall aber konnte er sie ernst genommen haben. Das bekümmerte Trautenhahn. Mußte der Junge die Ablehnung der Rüge nicht als nachträgliche Billigung, wenn nicht gar als Ermunterung auffassen? Mit aller Deutlichkeit hätte man ihm klarmachen müssen, daß sein Verhalten falsch und leichtfertig gewesen war! Die Rüge war doch nicht als Strafe gedacht, sondern als nachhaltiger Denkzettel. Sie wäre ein Schock gewesen, der ihn zum Nachdenken veranlaßt hätte; ein Anstoß, künftig das eigene Handeln kritisch einzuschätzen. Dennoch kam Trautenhahn nicht auf die Rüge zurück. Keiner hatte ihn richtig verstanden. Er wußte es. Und doch gab es keinen Widerspruch zwischen Rüge und Vorschlag zum Studium, Beides hing zusammen, beides wurzelte in der gleichen Ursache... Er fürchtete bittere Erfahrungen für ihn. Deshalb die Rüge. Was wäre sie im Vergleich zu dem, was Werner leichtsinnig riskiert hatte! Und wäre sie nicht nützlich, wenn er damit vor Schlimmerem bewahrt blieb? Deshalb aber auch der Vorschlag, ihn zum Studium zu delegieren. Er sollte sich Wissen aneignen, damit er die Grundlage hatte, um weiterreichende Vorschläge zu machen, mehr noch: um grundsätzliche Neuerungen zu finden. „Sein Tatendrang ist an die Kette der mangelnden Kenntnisse gefesselt“, sagte er auf der Heimfahrt zu Stolteroff. Der rekelte sich in den Polstern des schnittigen Sportwagens - er ließ sich gern von Trautenhahn mitnehmen -, blickte auf das heranfliegende Betonband und lächelte. „Du sprichst große Worte sehr gelassen aus“, sagte er, ohne den Mund richtig zu öffnen. „Von wem hast du nur die poetische Ader? Aber richtig formuliert hast du nicht. So mangelhaft sind seine Kenntnisse nicht, um seinen Tatendrang zu fesseln! Er hat sich nur aufs falsche Gebiet gewagt.“ Eine Kurve erforderte Trautenhahns Aufmerksamkeit. Er nahm das Gas weg, schaltete durch Tastendruck den nächstkleineren Gang ein und gab in der halben Kurve wieder Gas. „So meine ich's nicht“, erwiderte er dann. „Werner ist der Typ des Grüblers, er ist voller Ideen, aber ihm fehlt das Rüstzeug, diese Ideen zu verwirklichen. Er hat die Fähigkeit, alle Dinge unbefangen zu sehen wie ein Kind und dann zu fragen, warum sie so sind. Wir nehmen sie doch oft als gegeben: Das ist nun einmal so! Vielleicht ist diese Unbefangenheit auch der Grund für seinen Fehler, alles um sich zu vergessen und nur noch das zu sehen, was ihn interessiert?“ „Konzentration sagt man wohl dazu“, warf Stolteroff ein. „Damit bin ich nicht einverstanden, mein Lieber! Konzentration heißt nicht Engstirnigkeit. Man muß die Dinge immer im Zusammenhang sehen.“ „Laßt ihn erst einmal studieren“, brummte Stolteroff gemütlich. Ihm war nicht zum Diskutieren zumute. „Er wird wachsen - mit den Kenntnissen und mit den Aufgaben. Jetzt stürmt er gegen seine Grenzen an, aber die werden sich weiten“, sagte Trautenhahn sinnend. „Das Studium wird sein Blickfeld vergrößern und ihm Anregungen vermitteln - aber auch die Fähigkeit, sie zu verwirklichen.“ „Du bist ein großer Philosoph!“ sagte Stolteroff sarkastisch, denn er wollte endlich seine Ruhe haben. Trautenhahn schwieg verstimmt. Philosoph! - Er freute sich für Werner. Aber er war auch besorgt. „Die Rüge hätte er bekommen müssen... Als Gegengewicht zum Studium. Wenn das mal gut geht...“ „Pessimist! Was soll denn schon passieren?“ Stolteroff schüttelte den Kopf. „Laß das Kulturhaus im Dorf, Brigadier! Wir sind auch nicht als Sauertöpfe auf die Welt gekommen, Schwung gehört zur Jugend! Manchmal geht's dabei etwas übers Ziel hinaus, das gibt sich, wenn man älter wird. Werner schleift sich schon noch ab...“ Ihm den Schwung zu erhalten, aber in richtige Bahnen zu lenken, wäre besser! dachte Trautenhahn. Sagt, was ihr wollt, es ist eine Disziplinschwäche, ein wilder Trieb, den der sorgsame Gärtner verschneidet. Aber was sollte er noch sagen? Stolteroff war ja selber erst dreiunddreißig, wenn er auch wie ein Alter sprach. Trautenhahn war nicht wohl bei dieser Sache - oder hatte er sich auch verrannt?
4 Werner hatte sich bei der Wahl zwischen den Hochschulen für die Technische Universität in Dresden entschieden, ihn reizte der Ruf Dresdens als deutsches Kulturzentrum, als Stadt der Hochschulen und Institute, der Theater und Museen. Er wurde nicht enttäuscht. Obwohl zur Millionenstadt angewachsen, fehlte Dresden das hastende Getriebe anderer Großstädte. Werner vergrub sich ins Studium. Bald war er seinen Kommilitonen voraus. Er war wie ein trockener Schwamm, der sich vollsaugt. Das Lernaktiv, dem er angehörte, profitierte davon. Er wohnte wie die meisten Studenten in einem der vielen Studentenwohnheime. Zwanzigtausend Studenten der Technischen Universität waren in ihnen untergebracht. Diese Heime waren über die ganze Stadt verstreut, aber sie lagen so, daß man mit O-Bussen oder mit der Einspurschnellbahn die Universität in kurzer Zeit erreichen konnte. Die Einspurschnellbahn war das Verkehrsgerippe des Städtebandes. Sie huschte von Pirna nach Meißen, von Freital nach Radeburg und begann ihre Fühler bis Bad Schandau, Riesa, Radeberg und Rabenau auszustrecken. Überall wurde gebaut, um die Verbindung zu den Erholungsgebieten der Umgebung zu verbessern. Dresden erstreckte sich von Pirna bis Meißen, von Freital bis nach Moritzburg, aber Werner kannte nur die Innenstadt und den Stadtteil Radebeul - und auch das nur flüchtig. Das Heim lag am Südhang. Von seinem Zimmer, das er mit einem Schwaben teilte, konnte er das Elbtal von Meißen bis Pirna übersehen. An klaren Tagen kamen die Felsen der Sächsischen Schweiz aus dem Dunst wie Kulissen hervor. Vor ihm, zu seinen Füßen, pulsierte das Leben der Stadt, flogen beiderseits der Elbe die elektrischen Züge aus Leipzig und Berlin vorüber und die stahlblauen Vorortzüge der Einschienenbahn... Überall lockten ungezählte Stätten, die es zu entdecken galt. Aber Werner unterlag nicht der Versuchung. Die Vorhaltungen seiner Kommilitonen, ihre Einladungen, an Ausflügen teilzunehmen, ihre Spötteleien, das alles focht ihn nicht an. Das einzige, was er sich leistete, war die Arbeit auf der Terrasse, die dem Heim vorgelagert war. Dort saß er und blickte bisweilen von den Büchern auf, träumte wohl auch davon, hinabzusteigen und sich vom Verkehr treiben zu lassen. Aber er ertappte sich immer sehr schnell dabei und schüttelte diese Abschweifung energisch von sich ab. Heino, sein Stubengenosse, ein quicklebendiger, untersetzter Blondschopf, mühte sich unverdrossen, ihn zur gesunden Mäßigung zu bewegen. Kam Heino abends von seinem „Spaziergang“ zurück, dann stellte er sich ans Fenster, genoß das Flimmern des spätabendlichen Lichterteppichs und begann mit unwiderstehlicher Lebendigkeit von seinen neusten Erlebnissen zu erzählen, Werner ließ sich gern für kurze Zeit aus der Arbeit herausreißen, strich sich über die brennenden Augen und lauschte versonnen und amüsiert. Gewöhnlich gingen sie auf die Terrasse, und Heino wies in die Richtung, in der er gewesen war. „Dort der Turm, rechts neben dem großen Schornstein, ha jo, da war ich!“ sagte er gewöhnlich, und Werner blickte gehorsam in die Richtung, belustigt durch das schwäbelnde Ha jo und Ha noi, was schlicht ja und nein hieß. Kam Heino gar zu weitschweifig ins Erzählen oder wurden seine Ermahnungen zu eindringlich, dann erwiderte Werner selbst nur noch ha jo und ha noi und schwieg im übrigen, daß der Schwabe es bald aufgab. So vergingen Monate. Werner aber lernte Dresdens Umgebung nur aus Heinos Schilderungen kennen. Selbst Herbstnebel und Schneegestöber vermochten Heino nicht zurückzuhalten. „Man muß einen gesunden Ausgleich haben, die Lungen gründlich auslüften - ha jo, das muß man!“ Doch er hoffte vergebens, Werner durch sein Beispiel zu bekehren. Auch die Mahnungen der Jugendgruppe, Werner möge sich reger an den Freizeitveranstaltungen beteiligen, fruchteten nicht. Da er sich jedoch ohne Umschweife entschloß, die Winter-Semesterferien mit der Jugendgruppe gemeinsam in der Hohen Tatra zu verbringen, ließen sie ihn schließlich gewähren. „Ihr glaubt wohl wirklich, ich wäre hinter dem Ofen aufgewachsen, was?“ fragte er auf ihre zweifelnden Mienen. „Irrtum! Ich liebe nur keine Halbheiten auch in den Ferien nicht, da rühre ich kein Lehrbuch an!“ Sie wollten schon darauf achten, daß er dieses Versprechen hielt! Doch in den Bergen bedurfte Werner ihrer Ermahnungen tatsächlich nicht. Er tollte übermütig im Schnee, stob mit kühnen Schwüngen über die Steilhänge und war bei jedem Schabernack dabei. So hoffte Heino, daß Werner Geschmack an einer ausgeglichenen Lebensführung gefunden habe. Prächtig erholt begannen sie das zweite Semester. Indessen verfiel Werner bald wieder seiner alten Gewohnheit und forderte erneut Heinos Widerspruch heraus. Heino wurde nicht müde, ihn immer wieder einzuladen. Eines Abends standen sie am Geländer der Terrasse. „Dort drüben, die roten Lichter - ha jo, da war ich!“ sagte Heino. Und er deutete in eine Richtung, die Werner überraschte. Das war ja weit über den
jenseitigen Höhen, das mußte doch der Funkturm von Wilsdruff sein! „Ha jo, das ist er!“ Heino nickte befriedigt. „Wie bist du denn dorthin gekommen?“ „Ganz einfach. Mit der Vorortbahn! Ach, was weißt du schon, du Stubenhocker? Mit dem Schnellverkehr bist du von hier aus in fünfzehn Minuten in Meißen, in zwanzig Minuten in Wilsdruff. Ein schönes Städtchen - aber wie lange noch? Der Moloch Dresden naht gefräßig...“ Werner lachte. So war Heino nun. Er fühlte sich schon ganz daheim in dieser Stadt. Erst kürzlich hatte er ihm erzählt, daß die Stadtteile Radebeul, Coswig, Weinböhla, Freital, Tharandt, Heidenau einmal selbständige Städte waren, aneinandergereiht wie eine Kette, der einfacheren Verwaltung wegen nun mit Dresden verschmolzen. „Am Sonntag fahre ich in den Tharandter Wald; die Birken schlagen aus“, sagte Heino. „Kommst du mit?“ „Ha noi!“ sagte Werner. Doch Heino gab nicht auf. „Eine Schande ist das mit dir! Nichts gegen Strebsamkeit, aber blinder Eifer ist schädlich! Du bist nicht nur Student, du bist auch Mensch, und der Mensch braucht Entspannung, Erholung, Erbauung! Ich habe nie gebummelt, das weißt du. Mein Pensum habe ich immer geschafft. Trotzdem kenne ich das alte Meißen mit der Albrechtsburg und dem Dom, Schloß Pillnitz, Schloß Moritzburg, die Dresdner Heide. Ich war in der Gemäldegalerie, im Zoo, im Grünen Gewölbe und in den anderen Museen. Ich kenne den Großen Garten, die Moritzburger Teiche - ich war sogar schon auf der anderen Elbseite.“ „Die ist doch wohl auch sehr bequem zu erreichen“, warf Werner trocken ein. „Stimmt! Auf der kleinen Schleife über Niederwartha in sechs Minuten. Aber was rede ich! Die beiden Pumpspeicherwerke dort drüben werden dich nicht aus der Stube locken. Und daß man da extra aufgeforstet hat, damit man sich erholen kann...“ „Sagtest du nicht, man hätte das getan, um die grüne Lunge zu vergrößern?“ „Mit dir ist nicht zu reden“, sagte Heino verstimmt. „Aber wenn du glaubst, dir so deine Leistungsfähigkeit zu erhalten, dann täuschst du dich! Du kommst ja nicht einmal bis in den Spitzgrund, dabei brauchst du nur aus der Tür zu gehen. Sieben Monate sind wir hier, und du warst erst viermal im Theater - und da willst du im Estradenensemble gesungen haben?“ „Studiere ich Gesang oder Chemieanlagenbau und Verfahrenstechnik?“ fragte Werner gereizt. „Ha noi Einseitigkeit!“ „Was glaubst du, was mir meine Brigade erzählen würde, wenn ich nicht jede Stunde nütze?“ Heino bezweifelte, daß man derart überspannte Forderungen an seinen Kommilitonen stellte. Werner, der endlich Ruhe haben wollte, bestand darauf. Die Kollegen waren weit, ihnen schadete das nicht. Ihm aber würde es diese ewigen Ermahnungen ersparen. Schließlich lernte er für die Gesellschaft, nicht für sich! Noch immer gab Heino nicht auf. Er war in der Leitung der Hochschulgruppe der Jugendorganisation, und die hatte schon mehrfach versucht, Werner zur vernünftigen Einteilung seines Lebens in Studium und Freizeit zu bewegen. Allein, sie konnte ihm schließlich nicht vorschreiben, nachmittags spazierenzugehen! An den Gruppenzusammenkünften nahm Werner teil, seine Leistungen im Studium waren hervorragend. Heino fühlte sich bisher in einer Zwickmühle. Sollte er sagen: Du mußt weniger leisten, dafür mehr
bummeln? Jetzt hatte er einen Ansatzpunkt: die Brigade. Er hoffte, sie werde ein starker Bundesgenosse sein, schließlich kannte sie Werner besser als er, sie hatte ihn delegiert. Trotzdem versuchte er weiterhin auf Werner einzuwirken, aber der antwortete nur noch mit ha jo und - öfter - mit ha noi. Er sagte das so provozierend gleichgültig, daß Heino schließlich hilflos die Schultern hob und ins Zimmer ging. Werner wartete, bis im Schreibzimmer das Licht verlöschte und er sicher sein konnte, dort allein zu sein. Dann holte er sein Schreibzeug. Während die anderen Studenten dem kommenden Tag entgegenschliefen, schrieb er an Evelyn einen langen Brief. Dieser Briefwechsel war die einzige Ablenkung, die er sich gestattete. Wohl schrieb er auch an seine Eltern und an die Brigade, aber diese Briefe waren kurz und nüchtern und berichteten nur, wie es ihm gehe und was er gerade lerne. Anders bei Evelyn. Am letzten Tag daheim waren sie zusammen ausgegangen. Der bevorstehende Abschied aus seiner gewohnten Umgebung, zu der ja auch Evelyn gehörte, hatte ihn wohl etwas weicher gestimmt, als er sonst war. In dieser Stimmung, in der man erst die Bindungen spürt, die einen an das fesseln, was man verlassen muß, in der man oft auch mehr zu spüren glaubt, als wirklich vorhanden ist, in dieser Stimmung waren sie sehr zärtlich gewesen und hatten einander versprochen, regelmäßig zu schreiben. Es wurde ein reger Briefwechsel. Weil Evelyn sich in Werners Umgebung hineinträumen wollte, wenn sie seine Briefe las, bat sie ihn, viel von Dresden zu berichten. So schilderte Werner alles, was er von Heino und den anderen hörte, selbst aber nie gesehen hatte. Da es ihm selbstgefällig schien, ihr zu schreiben, daß er sich ganz dem Studium widme und deshalb kaum aus dem Zimmer komme, verschwieg er das. Saß er beim Schreiben, dann versetzte er sich in jene Abschiedsstunde zurück, blickte hin und wieder auf Evelyns Bild und überließ sich ganz seinen Vorstellungen. Weil er nur von der Erinnerung zehrte, hinderte ihn nichts, sie unbewußt einem Idealbild anzugleichen. Einzelne Details - mochten es Worte, Blicke, Bewegungen sein - gewannen für ihn eine Bedeutung, die sie in Wirklichkeit nicht besaßen. Er schrieb lange in dieser Nacht. Aber auch Heino löschte viel später das Licht, als Werner vermutete. Ein Brief lag auf Trautenhahns Schreibtisch, aus Dresden - aber nicht von Werner. Trautenhahn war verwundert. Er zog seinen Sessel heran und ließ sich hineinfallen. Bevor er las, überblickte er noch einmal die Bandstraßenhalle. Die Meisterstube lag in Höhe der Galerie. Durch die großen Glasfenster konnte er jede Maschine der Bandstraße übersehen. Außerdem hatte er vor sich ein verkleinertes Abbild des großen Schaltbildes vom Leitstand. Es war alles in Ordnung! Nun öffnete er den Brief. Heino schrieb, die Jugendgruppe sei besorgt. Werner vergrabe sich derart blindwütig in sein Studium, daß man um seine Leistungsfähigkeit fürchten müsse. Er übernehme sich. Auf die Dauer könne man nicht ohne jeden Ausgleich, ohne Entspannung über den Büchern sitzen und büffeln. Er, Heino, habe oft versucht, täglich fast, Werner zum Ausspannen zu bewegen. Das ganze Lernaktiv sei bemüht, ihn zum vernünftigen Maßhalten zu veranlassen. Leider alles ohne Erfolg. Werner komme nicht aus dem Wohnheim, treibe nur den obligatorischen Sport, besuche kaum eine Veranstaltung, unternehme nicht einmal Spaziergänge in die Umgebung. Seine Leistungen seien zwar vorbildlich, er sei der beste Student des Semesters, aber bei einem derartigen Raubbau könne er das nicht durchhalten. Offensichtlich sei Werner der Ansicht, seine Brigade verlange das von ihm - deshalb wende sich Heino an den Brigadier. Trautenhahn schüttelte den Kopf. Das sah Werner ähnlich. Wieder völlig verrannt, der junge. Da mußte schnell etwas geschehen. Aber was? Er fand keine Antwort. Schließlich konnte man Werner nicht zwingen, täglich zwei Stunden spazierenzugehen! Wenn er sich so in eine Sache verbohrt hatte, war er keinem guten Ratschlag zugänglich. Trautenhahn beschloß, sich mit dem Vertrauensmann und den Kollegen zu beraten, die Werner am besten kannten. Es mußten Kollegen aus Werners ehemaliger Schicht sein, etwa Breier, Evelyn... Sie kamen mittags, ihre Schicht ging von zwölf bis achtzehn Uhr. Dr. Lippmann wäre besser auch dabei. Wenn er seine Mitarbeiter auch so selbständig wie möglich handeln ließ, um ihnen die Freude an der Arbeit zu erhalten und ihr Verantwortungsbewußtsein zu fördern, wenn er sich auch mehr um das Polyesterforschungslabor kümmern mußte, denn dort vor allem brauchte man sein Wissen und seine Erfahrung, so unterstand ihm doch auch der Polyesterproduktionsbetrieb. Als Betriebsleiter wünschte er ständig auf dem laufenden gehalten zu werden. Außerdem war er für den Urlaub zuständig. Ohne Urlaub würde es kaum gehen - einer mußte nach Dresden fahren. Es schien Trautenhahn nicht ratsam, bis zu den Semesterferien zu warten. Auch hier würde Dr. Lippmann beraten können, schließlich hatte er studiert und kannte die Studienverhältnisse. Nach der Unterredung mit Stolteroff vergingen Trautenhahn die Stunden nicht schnell genug. Er war unruhig. Nicht die nüchternen Fakten regten ihn auf. Aber daß er nicht vermocht hatte, Werner zur kritischen Selbsteinschätzung zu erziehen, das bedrückte ihn, als habe er sich schuldig gemacht. Irgend etwas mußte er versäumt oder falsch angefaßt haben.
Die Kollegen nahmen es durchaus nicht so problematisch wie Trautenhahn, aber sie verfielen auch keinem sorglosen Schulterzucken. Werner hatte sich verrannt, ihre Aufgabe war, ihm zu helfen, wieder zum gesunden Gleichgewicht zu finden. „Einen Brief müßten wir schreiben, ihn zurechtrücken!“ schlug Breier vor. „Mal richtig die Meinung sagen!“ „Warum nicht gleich mit der Exmatrikulation drohen?“ fragte Trautenhahn ironisch. „Damit erreichen wir nichts! Er schaltet prompt auf stur, schließlich wird er sich im Recht fühlen. Wir fordern von jedem Studenten höchste Leistungen. Die hat er. Sollen wir jetzt schreiben: Deine Leistungen sind zu hoch?“ „Wir müssen ihm klarmachen, daß es uns auf hohe Dauerleistung ankommt und er so - wie sein Kollege richtig schreibt - nicht durchhalten kann“, sagte Stolteroff. „Und was meinst du, Evelyn?“ fragte Trautenhahn. Er hatte bemerkt, daß Evelyn beim Verlesen des Briefes stutzte und nun mit verschlossener Miene ins Leere starrte. Sie schrak auf. „Was sagtest du?“ Er wiederholte seine Frage. „Wir schreiben uns“, sagte sie, ohne sich um die Überraschung der anderen zu kümmern. „Er berichtete mir, daß er viel zu tun habe. Aber er hat auch so viel von Dresden beschrieben... Und so bildhaft! Ich kann mir nicht vorstellen, daß er sich das aus den Fingern saugt.“ Diese Schilderungen hatten sie besonders berührt, sie waren warmherzig und verrieten einen Blick für die Feinheiten. Sie sah Dresden deutlich vor sich, obwohl sie selbst nie dort gewesen war. Diese Betrachtungen waren es auch, die ihr Werner in einem neuen Licht zeigten, er gewann durch sie. Nun sollte sie annehmen, das sei nicht wahr? „Ich glaube, wir sollten erst einmal Klarheit schaffen!“ warf Dr. Lippmann in das nachdenkliche Schweigen. „Fast klingt es, als wären Sie ungehalten über Hardenstein. Wir müssen uns im klaren darüber sein: Das ist der Typ, der Großes vollbringen kann, wenn er mit seinen Kräften maßhält, sie rationell einsetzt und immer wieder erneuert. Das erreicht man nicht mit Vorwürfen. Man muß behutsam vorgehen. Hardenstein darf nicht spüren, was wir wollen.“ „Aber wie das?“ fragte Stolteroff aufmerksam. „Offenbar versucht man von allen Seiten, ihn zum Maßhalten zu bewegen, ebenso offenbar ohne Erfolg. Er fühlt sich verpflichtet, sich restlos zu verausgaben, das muß man nebenbei berichtigen. Aber seinen Schaffensdrang, seine Betätigungswut können wir doch diplomatisch dazu ausnutzen, ihn vom Schreibtisch wegzubringen.“ Dr. Lippmann genoß einen Augenblick ihr Verwundern. „Wenn wir auch noch verlangen: Geh ins Grüne, erhole dich, treibe mehr Sport und besuche Konzerte, dann verkriecht er sich in sich selbst. Aber wenn wir ihm Aufträge geben, zusätzliche Aufträge, dann kann er nicht dauernd über den Büchern hocken.“ „Aber erholen kann er sich auch nicht!“ sagte Stolteroff kopfschüttelnd. „Werner brauchte keine Aufträge, sondern Erholung!“ „Wenn ihn die Aufträge zwingen, die Stadt zu entdecken, ihre Schönheiten, wenn sie ihn hinausführen ins Grüne?“ „Es dämmert!“ rief Trautenhahn und lachte. „Werner fotografiert gern. Wie wäre es, wenn wir ihn beauftragen, für uns zu filmen? Wir könnten ihm unsere Magnetbandkamera geben und reichlich Bandmaterial. Dann findet er selbst Gefallen, paßt auf!“ Stolteroff und Breier waren noch skeptisch, aber sie ließen sich bald überzeugen. Es war in der Brigade üblich, die Fotos oder Filme besonders schöner Urlaubsreisen bei Brigadeabenden gemeinsam zu betrachten und so im Nacherleben ein möglichst umfassendes Bild unbekannter Städte und Länder zu erhalten. Weshalb sollte man nicht einen direkten Auftrag vergeben? „Gut, einen kulturellen Auftrag also, einverstanden. Aber Werner kann nicht während seines ganzen Studiums filmen“, sagte Stolteroff schließlich. „Natürlich nicht! Er soll ja auch nur angeregt werden, unmittelbaren Kontakt mit der Umgebung aufzunehmen. Hat er ihn, wird er sich kaum noch isolieren können. - Und genügt das Filmen nicht - wir haben ja nicht nur kulturelle Bedürfnisse, wir wollen auch gemeinsam lernen“, erwiderte Trautenhahn. „Uns könnten zum Beispiel die beiden Pumpspeicherwerke interessieren. Niederwartha hat immerhin das erste europäische Pumpspeicherwerk. Etwas elbabwärts davon steht ein neues, der letzte Schrei der Technik!“ „Aber das läßt sich schlecht brieflich machen! Jemand muß nach Dresden fahren“, gab Stolteroff zu bedenken. „Ist das nicht übertrieben?“ brummte Breier. „Muß es gleich eine Feuerwehraktion sein? So schwächlich ist Werner nicht, um von heute auf morgen umzukippen, weil er sich mal scharf ins Zeug legt...“ Stolteroff wurde lebhaft. „Du bist gut! Auf eine solche Kraftprobe wollen wir es gar nicht erst ankommen lassen! Wenn er sich jetzt überschätzt, muß er es vielleicht schon im nächsten Semester büßen.“ „Wenn man helfen kann, sollte man nicht warten“, rief Dr. Lippmann. „Unnötigen Kräfteverschleiß muß man beizeiten stoppen.“ „Wer fährt?“ fragte Trautenhahn kurz.
„Du, wer sonst?“ sagte Stolteroff. „Du hast ihn vorgeschlagen, Wolfgang. Außerdem wirkt es amtlicher, wenn du als Brigadier ihn in unserem Namen beauftragst.“ „Einverstanden, fahren Sie!“ sagte Dr. Lippmann. „Nehmen Sie Evelyn mit!“ Das Haustelefon klingelte. Werner hob ab, meldete sich, horchte überrascht, nickte ungläubig, sagte: „Ich komme!“ und legte auf. Heino unterbrach das Rechnen, schob die Kladde zur Seite und sah neugierig zu Werner. „Was Schlimmes?“ fragte er besorgt. Werner hob unschlüssig die Schultern. „Besuch für mich! Ich kenne doch keinen hier - und meine Eltern machen Urlaub im Ausland...“ „Na los dann - laß ihn nicht warten. Wirst ja sehen, wer es ist!“ Ein schneller Blick rundum. Es war alles in Ordnung. Während Heino den Vorhang schloß, der den Raum in Arbeits- und Schlafzimmer teilte, ging Werner hinunter. Er war freudig überrascht, als ihm im Besucherzimmer Trautenhahn und Evelyn gegenüberstanden. „Wir gehen in unser Zimmer“, sagte er nach der Begrüßung und zog Evelyn im Vorbeigehen kurz an sich. Es wurde ein netter Nachmittag. Heino hatte im Handumdrehen Kuchen und Kaffee besorgt und wollte sich dann still davonmachen, aber Werner ließ es nicht zu. Heino wunderte sich über Werners aufgekratzte Laune. Weil er selbst auch voller Frohsinn war, hallte das Zimmer bald vom Lachen wider. Heino fragte sich nur insgeheim, weshalb weder der Brigadier noch das Mädchen irgendwie auf Werners besessenes Studieren zu sprechen kamen. Dabei hatten sie sich über die Universität unterhalten, einige Dozenten etwas boshaft karikiert, über Dresden gesprochen und auch über die Studienfortschritte! Heino bemerkte grinsend, daß Werner ungeniert von Dresdens Schönheit sprach und Heinos Schilderungen beinahe wörtlich wiederholte, und er konnte sich hin und wieder eine spitze Bemerkung nicht verkneifen. „Da sieht man, was ein geschultes Auge alles bemerkt!“ sagte er obenhin. „Werner war schon immer so!“ Evelyn forderte ihn heraus, aber Werner hörte nicht den Unterton. „Er hat eine besondere Begabung dafür“, fuhr Heino fort, „erstaunlich, was er alles mitbekommen hat. Dabei arbeitet er Tag und Nacht.“ „Hör auf!“ knurrte Werner ihn an. „Ich bin zum Studieren hier.“ Trautenhahn reagierte nicht so, wie es Heino erwartete. „Wir freuen uns, daß du dich so gut machst“, sagte er lediglich. „Denk aber auch an deine Gesundheit!“ Heino war verstimmt. Hatte er deshalb geschrieben? Sie sollten Werner lieber den Kopf zurechtsetzen! Statt dessen fragte der Brigadier auch noch, ob Werner Zeit habe, neben dem Studium einen Brigadeauftrag zu erfüllen. Er stimmte zu, aber Heino protestierte. „Werner kommt so schon nicht aus dem Haus! Er sollte sich nicht übernehmen!“ Ein Blick Evelyns ließ ihn verstummen. „Aus dem Hause müßtest du allerdings hin und wieder“, sagte Trautenhahn. „Ich habe im Wagen unsere Magnetbandkamera. Aber wenn dir's zuviel wird...?“ „Unsinn! Was wollt ihr haben? Chemische Versuche, unsere Arbeit, die Uni - was soll ich filmen?“ „Dresden, die Umgebung - kurz: alles, was du hier Schönes entdeckst!“ Jetzt begriff Heino, „Wenn dir's recht ist, Werner, komme ich mit. Das interessiert mich Magnetbandkamera... Kenne ich noch nicht.“ „Eine Kamera ähnlich der Filmkamera. Statt Filme zieht man Magnetbänder ein. Sie verwandelt wie die Fernsehkamera das Bild in elektrische Impulse, sie werden als magnetische Impulse wie der Ton auf dem Tonband konserviert. Das Band kannst du dann über ein Bildbandgerät und den Fernsehempfänger abspielen. Schön, daß du mitkommst, die Kamera ist ziemlich schwer.“ „Sehen wir sie uns doch an!“ schlug Trautenhahn vor. „Übrigens könntet ihr uns beiden Dresden zeigen. Drehen wir eine Runde!“ Es wurde eine ausgedehnte Spazierfahrt; Werner begriff nebenbei, welchen Umfang der zusätzliche Auftrag seiner Brigade hatte. Dieser Auftrag änderte in den folgenden Monaten tatsächlich seinen Tagesablauf. Man traf ihn jetzt oft in der Stadt oder in der näheren Umgebung. Immer war Heino bei ihm, oft begleiteten ihn auch Kommilitonen seines Lernaktivs. Werner nahm diese Aufgabe ernst, ernster, als es Heino lieb war. Ob die Sonne grellte, ob Hitze auf der Stadt lastete oder ob es regnete, Werner begrüßte diesen Wechsel der optischen Effekte wegen und filmte. Heino kannte den Sinn des Auftrags und sagte sich manches Mal, daß es nicht nötig sei, bei Regen irgendwo herumzusteigen und sich die Tropfen in den Hals rinnen zu lassen - allein er schwieg und trottete mißgestimmt hinter Werner her. Dem bekam das Filmen ausgezeichnet, und er nahm in den Semesterferien sowohl einen Packen Bänder mit guten Aufnahmen als auch ein sehr gutes Zeugnis und die Auszeichnung als Studienaktivist mit nach Hause zu seiner Brigade. Nun war er täglich mit Evelyn zusammen. Bald erkannte er, daß sie anders war, als er sie sich vorgestellt hatte, sie paßte irgendwie nicht in das Bild, das er sich in Dresden gemacht hatte - dabei konnte er nicht sagen, was anders war. Evelyn schien es ähnlich zu gehen, sie war zurückhaltender, als er nach den
Briefen erwarten konnte. So entfremdeten sie sich, bevor sie richtig vertraut miteinander waren - ohne es am Anfang zu spüren. Als sie es erkannten, war es bereits zu spät. Aber es schmerzte auch nicht, und deshalb kam es zu keiner klärenden Aussprache. Auf den Gedanken, die Wurzel von Evelyns Zurückhaltung in seiner Unaufrichtigkeit zu suchen, kam er nicht. Evelyn hatte gerade seine bildkräftigen Schilderungen als Wesensmerkmal und auch als Ausdruck innerer Verbundenheit gewertet, als Bemühen, sie an allem teilhaben zu lassen. Wenn man wirklich liebte, fehlte dann der geliebte Mensch nicht überall, war die Freude nicht halbiert, wenn man sie allein empfand? Sie konnte sich nicht damit abfinden, daß es in Wirklichkeit Heinos Erlebnisse waren, die Werner ihr als seine eigenen mitgeteilt hatte. Nachdem sie ihn anders eingeschätzt hatte, empfindsamer, als er wirklich war, fehlte ihr diese Eigenschaft an ihm. Seine früher von ihr bewunderte Neigung, sich unkritisch an eine Sache zu verlieren und darüber alles andere zu vergessen, erschien ihr jetzt als lebensfremde Versponnenheit - viel zu anstrengend und viel zu unsicher, mochte er noch so genial sein... Erst als Werner das dritte Semester begonnen und Evelyn nicht mehr täglich um sich hatte, vermißte er die frühere Verbundenheit. Mit der Befürchtung, er habe sie verloren, gewann sie in seiner Erinnerung an Liebreiz. Die Nüchternheit ihrer gelegentlichen Briefe wurde ihm schmerzlich bewußt. Eines Tages fragte er, was zwischen sie getreten sei. Die Antwort erschütterte ihn. Evelyn - wohl erwägend, daß er ein Recht auf eine offene Begründung habe und dafür jetzt, da er Klarheit sachte, auch zugänglicher sei - schrieb ihm unverblümt ihre Ansicht. „... Ich brauche einen echten Gefährten, selbstsicher und wohlausgewogen im Wesen, selbstkritisch und berechenbar - keinen, der ständig aus den Wolken heruntergeholt werden muß, der von einem Extrem ins andere fällt und den man wie ein kleines Kind an der Hand führen muß, damit er nicht zu Schaden kommt. Das mag dir grausam erscheinen, aber ich glaube, es muß dir einmal unumwunden gesagt werden. Du mußt dich selbst einschätzen und kontrollieren lernen, Werner, nur dann wirst du deine Fähigkeiten voll zu nutzen vermögen!“ Es standen auch freundlichere Worte in diesem Brief. Etwas von Kameradschaft und Freunde bleiben... Das schrieb man wohl in solchem Fall! Ihm brannten die Wangen vor Scham und verletztem Stolz. Ihm war zumute, als stünde er nackt vor allen Menschen. Dieser Brief hatte mehr erreicht als alle Ermahnungen Trautenhahns. Bin ich denn wirklich so? Diese Frage stellte er sich jetzt oft. Sie führte nicht immer zur richtigen Antwort, denn natürlich verteidigte er sich vor sich selbst. Als er jedoch den ersten Schock überwunden hatte, als mit dem zeitlichen Abstand Evelyns Offenheit die Schärfe verlor, begann er seine Vergangenheit in einem anderen Licht zu sehen.
5 Der Winter schickte wieder seine Vasallen. Stürme. Schneevermischte Regenschauer. Nachtfröste. Er beschnitt die trüben Tage, dehnte die Nächte. Die Bäume reckten ihre kahlen Äste auf wie Leichenfinger. Der Waldboden war glitschig von feuchtem Laub. Man fröstelte auch am Tage, wenn man sich nicht bewegte. Die ersten Kunsthaarpelze umschmeichelten Frauenkörper und belebten das düstere Grau des Tages mit ihren bunten Farben. Werner mühte sich, diese Stimmung mit der Kamera einzufangen. Den farbigen Pelzmantel einer Bäuerin auf kahler Chaussee. Nebelschwaden unter entlaubtem Gebüsch. Einen einsamen Bach zwischen entkleideten Hängen. Die Trostlosigkeit der nackten Wälder. Heino mußte alle Beredsamkeit aufbieten, um ihn endlich zu überzeugen, daß Stadtaufnahmen jetzt reizvoller seien. In der Stadt empfand man den Winter nicht so kraß wie außerhalb des Häusermeeres. Die Kahlheit der vielen Park- und Grünanlagen wirkte nicht so kalt zwischen den hellen Fassaden der modernen Wohnhäuser. Die Straßen und Gehsteige waren blank. Am Abend spiegelten sich die Leuchtreklamen in der Feuchtigkeit und warfen buntschillernde Reflexe. Über den großen Schaufenstern der Warenhäuser waren Infrarotstrahler angebracht. Sie wärmten die Schaulustigen, die sich vor den Auslagen drängten. Auch in den vielen Passagen stauten sich die Menschen. Allenthalben nistete bereits das Raunen und Wispern heimlicher Weihnachtsvorbereitungen. Bei einem dieser Filmbummel kaufte Werner die ersten Geschenke. Eine Sammlung von Gemäldereproduktionen für Mutter. Ein neues Reißzeug für Vater. Eine erzgebirgische Schnitzarbeit für die Pariser Schwägerin. „Für Evelyn?“ fragte Heino, der ihn wie immer begleitete. Werner verneinte kurz. Das Stichwort war gefallen und verdarb ihm gründlich die Laune. Auf dem Heimweg war er wortkarg. Erst im Heim, als er die Geschenke auspackte, kam er auf das Gespräch zurück. „Für meine Schwägerin in Paris“, sagte er und stellte die Schnitzerei auf den Tisch. „Liebt sie denn so etwas?“ fragte Heino und setzte sich zu ihm. „Sie hat ihren Urlaub in Seiffen verbracht.“ Heino zögerte. „Ich dachte - für Evelyn. Hat lange nicht geschrieben?“ „Ist vorbei! Ich habe nicht geantwortet!“ „Habt ihr euch gestritten? Mensch, Werner, so ein Mädel!“ Werner trommelte mit den Fingerspitzen auf den Tisch. „Da ist nichts zu kitten...“ „Sprich dich mit ihr aus.“ „Das hat keinen Sinn, Heino. Ihr Urteil über mich ist so, daß ich einsehe, nicht der Richtige zu sein.“ „Unsinn, Werner! Weihnachten hast du Gelegenheit...“ „Ich fahre nicht nach Hause. Meine Eltern sind in Paris - wir treffen uns dort.“ „Dann spreche ich mit ihr!“ sagte Heino bestimmt. Als er Heino nach den Semesterferien wiedersah, wußte er sofort, daß es ergebnislos verlaufen war. Heino berichtete von der Unterredung. Er vermied, wörtlich zu wiederholen, was er mit Evelyn gesprochen hatte, aber er war nun selbst auch überzeugt, daß Werner keine Chance mehr hatte. Tage vergingen, ehe sie wieder von Evelyn sprachen. „Hast du etwas dagegen, wenn ich Evelyn schreibe?“ fragte Heino. Werner schüttelte den Kopf. „Dagegen? Mit welchem Recht? Aber schreibe nichts von mir!“ Er war nicht wütend und auch nicht schmerzzerrissen. Er lebte wie sonst, hielt gute Freundschaft mit Heino - aber es bedrückte ihn doch, wenn von Evelyn Post kam. Anfangs las Heino ihm die Briefe vor. Es war noch viel von Werner die Rede, dann aber ergaben sich gemeinsame Interessen, und die Briefe wurden persönlicher, hatten keine Beziehung mehr zu ihm. Werner merkte, daß Heino ihm die Briefe nur vorlas, damit er nicht glaube, Heino habe die Gelegenheit genutzt. Das war ihm peinlich. Außerdem waren die Briefe nicht für ihn bestimmt. So bat er, darauf zu verzichten. „Ihr paßt auch besser zueinander“, sagte er abschließend. Diese leidige Angelegenheit wirkte sich nicht nachteilig aus - weder auf ihre Freundschaft noch auf das Studium. Dennoch war Werner froh, als sich auch das vierte Semester seinem Ende zuneigte. Er hatte seine Brigade gebeten, ihn für die Semesterferien zu beurlauben. Er wollte in ihrer Paten-LPG bei der Ernte helfen und sich dort durch Arbeit an der frischen Luft innerlich freimachen. Die Brigade sagte zu, und die LPG schrieb, er könne einen Raupenschlepper fahren. Daß Heino mit Evelyn einen Teil der Ferien am Schwarzen Meer verbringen wollte, berührte ihn kaum noch. Vor den Ferien, die schriftlichen Prüfungen lagen bereits hinter ihm, wurde er zum Rektor der Universität gerufen. „Nehmen Sie Platz, Genösse Hardenstein!“ Werner setzte sich. Es war ihm unerklärlich, weshalb er hierher bestellt wurde. Der Rektor saß ihm an einem Rauchtisch gegenüber, bequem in seinen Sessel gelehnt.
„Ich habe vorhin fernmündlich mit Ihrem Brigadier gesprochen - er läßt Sie herzlich grüßen!“ Werner dankte. Mit der Brigade? Das war eine völlig unerwartete Mitteilung! Ob ihn die Brigade vom Studium zurückholen wollte? „Ich soll Ihnen mitteilen, daß Sie die Semesterferien nicht auf dem Land verbringen können. Sie werden von uns scheiden, Genösse Hardenstein!“ Werner war betroffen. „Aber die Zensuren stehen doch noch gar nicht fest... Die mündlichen Prüfungen...“ „Entfallen für Sie!“ widersprach der Rektor. „Magnifizenz, was...“, stammelte er. „Ihre schriftlichen Arbeiten erübrigen sich. Ihre Leistungen sind ausgezeichnet, und wir stellen mit Freude fest, daß Sie Ihren Lebensstil normalisiert haben.“ „Und trotzdem, Magnifizenz?“ „Nein, deshalb, mein Lieber! Ich freue mich, Ihnen im Auftrag des Hochschulrates und auch im Auftrag Ihrer Brigade mitteilen zu können, daß Sie für den Studentenaustausch vorgesehen sind, und zwar für die Hochschule Kuibyschew - es fehlt nur Ihr Einverständnis.“ - Heino freute sich mit ihm, ehrlich und neidlos. Werner hatte diese Auszeichnung wirklich verdient, er sollte fahren - Heino hätte sich ohnehin nicht gern noch weiter von Evelyn entfernt, wenn auch das Reisen im Sozialistischen Staatenbund längst kein finanzielles Problem mehr war oder gar besondere Pässe erforderte. Man reiste kostenlos. Zwar gab es noch Geld, auch in verschiedenen Währungen, aber man konnte es auf jeder Bank, jeder Sparkasse, jedem Postamt gegen die jeweilige Landeswährung eintauschen. Das war möglich, seit die sozialistischen Staaten zu einer großen Völkerfamilie verschmolzen waren, seit ihre Wirtschaft von einem gemeinsamen Wirtschaftsrat aufeinander abgestimmt worden war und nun als ein organisches Ganzes funktionierte. Die ehemals ökonomisch schwach entwickelten Länder hatten den besonderen Nutzen, ihnen galt - wie in jeder guten Familie - die selbstlose Hilfe aller anderen Staaten des Sozialistischen Bundes. So war es möglich, in kurzer Zeit das nachzuholen, was die Kolonialisten in Jahrzehnten und Jahrhunderten bewußt unterließen. Die Grenzen waren aufgehoben. Weshalb auch sollten sich Menschen gleicher Weltanschauung durch Grenzen trennen, wenn es nicht mehr aus Gründen der Sicherheit erforderlich war? Hatte man im nationalen Maßstab nicht jahrzehntelang erfahren, daß es gemeinsam leichter und schneller vorwärts ging. Ging es in einer internationalen Gemeinschaft nicht noch besser und noch schneller? Unaufhaltsam hatten sich die sozialistischen Staaten entwickelt, während das kapitalistische Lager, von Krisen geschüttelt und gehemmt, nicht Schritt zu halten vermochte. Zu eng waren die Grenzen einer Wirtschaft, die von eigensüchtigen Profitinteressen bestimmt wurde. Je deutlicher der Vorsprung des Sozialismus wuchs, desto aufmerksamer wurden die Arbeiter der kapitalistischen Länder, desto drängender ihre Fragen: Weshalb müssen wir um unsere Existenz fürchten, ewig Spielball der Krisen, Prellbock des Kapitals und des Auf und Ab einer planlosen Wirtschaft? Fragen aber heißt Denken! Das Denken mündete im Erkennen der gesellschaftlichen Zusammenhänge. Man konnte sie in Ordnung bringen - und sie schafften Ordnung in ihren Staaten! Die eindeutige Überlegenheit der sozialistischen Planwirtschaft wandelte in den kapitalistischen Staaten auch die Struktur der Bevölkerungskreise, die eine Veränderung forderten; selbst mittlere Unternehmer begriffen die Sinnlosigkeit persönlichen Besitzes an Produktionsmitteln, resignierten wohl auch: Es nützt ja doch nichts! und erkannten, daß sie ihre Fähigkeiten auch im Sozialismus verwerten konnten. Und wozu die ständige Angst, von den Großen gefressen zu werden, wozu Sorgen und schlaflose Nächte, die der Konkurrenzkampf für die nicht ganz Großen mit sich brachte - wozu, wenn man auch ohne das gut, ausgeglichener und sinnvoller leben konnte? Überdies der Ärger mit den Kindern; sagte man ihnen: Du mußt den Betrieb übernehmen! - dann lachten sie nachsichtig: Was soll ich damit? Das gab es - und immer häufiger. Erbitterte Gegner blieben nur die großen Konzerne. Sie bestimmten in Nordamerika noch immer das Geschehen. In Nordamerika! Man begann es als das kapitalistische Museum zu bezeichnen. Boshafte Conferenciers boten Eintrittskarten an: „Kommen Sie und sehen Sie, wie man vorgestern lebte...“ Die UNO hatte scharfe Augen, ihre Arme reichten in alle Teile der Erde - denn die UNOMehrheit bestand nicht mehr aus Trustvertretern, sondern aus Abgesandten der Völker. Die aber hatten nie Krieg gewollt. Die UNO war stark genug, ihre Beschlüsse durchzusetzen. Wenn es auch keine nationalen Streitkräfte mehr gab, so unterhielt die UNO doch eine internationale Sicherheitstruppe, die jeden Versuch, einen Krieg zu entflammen, sofort energisch im Keim erstickt hätte. Diese Truppen waren in ihren Heimatländern stationiert; sie konnten von den nationalen Regierungen jederzeit für friedliche Aufgaben eingesetzt werden. In die inneren Angelegenheiten Nordamerikas mischte sich die UNO nicht ein. Das hätte ihrer Charta widersprochen, vor allem auch dem Grundprinzip der sozialistischen UNO-Mehrheit, daß jedes Volk seine inneren Angelegenheiten selbst zu bestimmen hat. Die alte kapitalistische These vom kommunistischen Welteroberungsbestreben stellte sich nun als das heraus, was sie immer war: eine üble
Propaganda-Zwecklüge, denn jetzt hätten die sozialistischen Länder alle Möglichkeiten gehabt, einem solchen Bestreben unaufhaltsam nachzugehen. Hatte früher vor allem Nordamerika die UNO für sein Expansionsbestreben mißbraucht, so zeigte sich jetzt, daß die sozialistischen Staaten nicht im mindesten daran dachten. Man kann eine Gesellschaftsordnung nicht von außen ändern, sie muß von innen für eine Veränderung reif werden und kann nur von den betreffenden Völkern selbst geändert werden. Im Sozialismus rücken die Menschen und die Völker immer enger zusammen, sie haben eine hohe Gemeinsamkeit: Mensch zu sein. und gemeinsame Interessen: sinnvoll, schöpferisch und menschenwürdig zu leben. Ganz gleich, wo die Menschen wohnen und welcher Hautfarbe sie sind, sie eint im Sozialismus alles, nichts trennt sie. Sozialismus heißt doch: Gleiches Lebensrecht für alle und gemeinsames Mühen um ein reiches, beglückendes und befriedigendes Leben. Je mehr der Mensch versteht, daß er Teil einer großen Interessen- und Lebensgemeinschaft ist, ohne die er nicht zu leben vermag, je mehr er lernt, sich vom ichbezogenen Denken freizumachen und die Schätze der Erde zum Nutzen aller zu verwenden, desto bedeutungsloser werden Grenzen. Deshalb gab es keine Reisebeschränkungen im Bereich der sozialistischen Staaten, deshalb waren Fahrgeld und Visa nur noch für Reisen nach Nordamerika erforderlich. Aber mochten große Reisen noch so bequem sein, mochte es zur Selbstverständlichkeit gehören, seinen Urlaub in Schweden, Sibirien oder irgendwo in Afrika zu verbringen - Heino wäre nicht nach Kuibyschew gegangen. So sehr ihm Werner fehlen würde, einen Vorteil hatte sein Weggehen doch: Evelyn konnte ihn nun besuchen, was sie bisher nur aus Rücksicht auf Werner unterlassen hatte. Werner wollte seine Eltern nur kurz aufsuchen. Den Platz für die Düsenmaschine nach Kuibyschew hatte er schon gebucht. Er wollte die Semesterferien nutzen, um sich am Kuibyschewer Meer zu erholen und schon vor dem fünften Semester die Stadt kennenzulernen. Er erinnerte sich sehr deutlich der anerkennenden Worte des Rektors über seinen veränderten Lebensstil. Dazu Evelyns Brief und Trautenhahns vorherige Ermahnungen - da mußte etwas dran sein! Der Fehler lag also bei ihm. Rationell arbeiten, mit geringstem Kräfteverschleiß höchste Leistungen erzielen und sich beizeiten ausreichende Kraftreserven schaffen - so müßte er den Vorhaltungen am besten begegnen können. Dennoch fand er die Sorge der anderen übertrieben und erkannte sie nur im Hinblick auf seine künftige Stellung an: Wer seine eigenen Kräfte überschätzt, mutet oft auch seinen Mitarbeitern mehr zu, als vertretbar ist. Daß es Trautenhahn um mehr gegangen war, hatte er noch immer nicht begriffen... Der zweite Tag daheim. Das Wiedersehen war sehr herzlich gewesen, denn die Eltern hatten Werner während des Semesters nicht besucht. Mutter hatte eine erkrankte Kollegin vertreten, und so war Vater auch daheim geblieben. Werner wäre eine übersteigerte Fürsorge ohnehin nicht recht gewesen. Schließlich war er mittlerweile vierundzwanzig geworden und hatte wohl Anspruch darauf, als Erwachsener ernst genommen zu werden. Mütter bemerken oft sehr spät, daß aus ihren Söhnen Männer geworden sind. Trotzdem ließ er sich jetzt Mutters Fürsorge gefallen. Er lächelte überlegen, aber es wärmte ihn doch, es gehörte zu seinem Zuhause. „Nimm dir noch Butter, Werner! Was magst du morgen mittag essen?“ fragte Mutter ihn beim Frühstück. Sie saßen im Erker. Durch die großen Glasscheiben blickte man in einen prächtigen Sommertag: Rosen und Margeriten, Wicken und Rittersporn, erste Dahlien. „Makkaroni mit Schinken und Schweizerkäse!“ sagte er. Vater schmunzelte. „Wie hast du geschlafen? Brauchst du noch eine Decke, mein Sohn?“ fragte er anzüglich. Werner zwinkerte heimlich. „Es war ziemlich kühl heute nacht!“ Mutter war natürlich besorgt. „Ich hatte die Balkontür offen gelassen.“ Jetzt lachten die Männer. „Aber Frau Doktor! Meine Mutter sagte immer, man schliefe im kühlen Zimmer besser“, sagte Werner. „Und gesünder!“ fuhr Vater fort. „Außerdem brauchte er die Tür nur zu schließen.“ „Aber im warmen Zimmer schläft sich's schlecht!“ Ruth Hardenstein sah von einem zum anderen. „Vater und Sohn, wie sie im Buche stehen! Ich arme Frau, einsam mit vier Lausbuben! Und der Älteste“, sie nickte ihrem Mann zu, „ist der Schlimmste!“ „Wir werden uns bessern!“ versprach Vater. „Müssen! Denn auch zu zweit kommen wir gegen dich noch nicht auf!“ Sie schüttelte den Kopf, nachsichtig. „Ihr seid gleich unter euch.“ „Du gehst zur Klinik? Wann kommst du zurück?“ „Nur heute. Spätestens ein Uhr bin ich hier.“ „Dann habe ich Küchendienst. Das ändert die Situation, mein Sohn“, sagte Vater. „Als Küchenhilfe hörst du auf mein Kommando!“ Motorengeräusch. Eine Wagentür knallte. „Der Wagen. Ich muß gehen“, sagte Mutter und erhob sich behende, lief zur Diele, warf den Staubmantel um und winkte. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloß.
Ein Schrei. Dann Stille. Ehe Werner begriff, war Vater aus dem Sessel aufgefahren und lief zur Tür. Werner sprang ihm nach. An der Tür stutzten beide. Mutter lag in den Armen eines großen Mannes. Als er den Kopf hob, lief Vater auf sie zu. „Bernd!“ „Wo kommst du her?“ fragte Vater nach der Begrüßung. „Vom Südpol!“ Bernd lachte. „Woher sonst?“ Bernd war zehn Jahre älter als Werner. Sein Gesicht kantig und schmal. Die Schläfen bereits ergraut. Sein Auftreten gemessen, bestimmt, ausgeglichen. Vater zog ihn ins Haus. „Die Verstärkung, Mutter! Kommst gerade recht zum Gemüseputzen, Bernd!“ „Das gibt's ja nicht mal mehr auf dem Südpol!“ Mutter mußte in die Klinik. Die Männer hatten sich viel zu erzählen. Werner lauschte gebannt. Was Bernd vom Sechsten Kontinent erzählte, fesselte ihn. Dabei betrachtete er unablässig seinen älteren Bruder. Es war ein Abtasten, ein Erspüren des anderen. Wie sollte er sich verhalten? Gewiß, es war sein Bruder. Aber er war zehn Jahre älter - eine große Spanne! An das tägliche Zusammensein konnte er sich kaum noch erinnern. Als Bernd sein Abitur gemacht hatte, war Werner erst acht Jahre alt, Berührungspunkte hatte es damals kaum gegeben... Sie würden sich wohl nie so richtig zusammenfinden. Dazu war die Zeit zu kurz, in der sie sich sahen. Bernd erzählte, daß er beim Wirtschaftsrat in Prag zu tun hatte, von dort auf einen Sprung zu Uwe nach Paris geflogen sei und dann zurück nach Deutschland. „Und weshalb das Hin und Her?“ fragte Vater. „Ich muß in acht Tagen noch mal nach Prag. Von dort fliege ich direkt zurück.“ „Eine Woche nur? Werner bleibt auch nur acht Tage.“ „Nur eine Woche, aber die genügt, um euch einzuladen - ich will in drei Monaten heiraten! Es wird Zeit, daß Ihr Madeleine kennenlernt. Aber wohin willst du, Kleiner? - Entschuldige diese dumme Angewohnheit, Werner, den ‚Kleinen' begrabe ich nun endgültig!“ Werner erzählte von seinem Vorhaben, in Kuibyschew auszuspannen, bevor das Semester begann. Bernd überlegte. Nach einer Weile sagte er: „Kuibyschew hast du noch lange genug, Werner. Wenn du Lust hast, kannst du die Ferien bei mir verleben. Das könnte auch für den künftigen Chemieingenieur sehr interessant sein. Und wir kämen uns endlich einmal näher. Ist doch eine Schande, daß wir uns kaum kennen. Überleg dir's!“ Viel zu überlegen gab es da eigentlich nicht. Bernd erzählte von „seiner“ Stadt, die nach der ersten sowjetischen Polarstation Mirny benannt worden war. Jedes Wort berichtete von einem Leben, das man im ewigen Eis nie vermutet hätte, und war dazu angetan, Werners Neugier zu verstärken, Parkanlagen, Schwimmbäder, Bergwerke, Atom- und Wasserkraftwerke, offene Personenwagen und Frauen in Sommerkleidern... „Ich würde mich nicht zweimal einladen lassen, zumal du bei Bernds Hochzeit kaum dabeisein kannst sie fällt ja mitten in das Semester!“ sagte Vater. „Wenn es nur nach mir ginge, Vater... Ich muß mit unserem Brigadier sprechen. Du weißt, die Brigade hat mich freigestellt, damit ich Kuibyschew kennenlerne und mich dort einlebe.“ „Das werden wir schon hinbekommen, Werner - ich fahre mit in deinen Betrieb“, sagte Bernd. Werner überlegte. Vermutlich würde es nicht auffallen, wenn er statt nach Kuibyschew erst nach Mirny flog. Trautenhahn würde es nicht kontrollieren können. Aber dann sagte er sich, daß gewiß niemand auf den Gedanken käme, er könne die Freistellung mißbrauchen - und Vertrauen enttäuschen? Selbst wenn es niemand erfuhr, wäre er sich schäbig vorgekommen. Lehnte die Brigade ab, dann ging er eben für zwei Wochen nach Mirny - über seinen dreiwöchigen Urlaub konnte er ja frei verfügen! So fuhr er am nächsten Tag mit Bernd ins Kombinat. „Einen schönen Wagen hast du dir herausgesucht, Bernd - aber ein eigener wäre mir lieber“, sagte Werner beim Einsteigen. Bernd lachte. „Besitzgier ist antiquiert, mein Lieber. Diese Leihwagen sind doch viel bequemer. Keine Pflege, kein Ärger mit Reparaturen - was meinst du, wieviel Mühe ein gut gepflegter Wagen fordert. Die Leihwagen gehen täglich durch die automatische Pflegeanlage; willst du mit einem eigenen Wagen täglich zum Waschen fahren? Am Ende nimmst du doch Gartenschlauch und Schwamm! Denkst du, Vater hätte sonst unseren alten Tatra abgeschafft, wo er so an ihm gehangen hat? Ein eigener Wagen - na ja, Geschmackssache. Überleg nur mal, wie unrentabel ein eigener Wagen ist, wenn er in der Garage steht. Leihwagen sind doch viel rentabler, auch volkswirtschaftlich gesehen.“ Werner hatte geduldig gewartet, ohne Bernd zu unterbrechen. Er lauschte gern der tiefen Stimme seines Bruders. Sie klang bestimmt, aber doch warm und nahm sofort gefangen. „Besitzgier - darum geht's doch nicht“, sagte er endlich. Ich stamme doch nicht aus dem Mittelalter! Aber am Leihwagen kann man doch nicht basteln. Ihn darf man nicht frisieren.“ Bernd lachte. „Das wäre ein Grund, wenn es keine Motorsportgemeinschaften gäbe! Dort kannst du frisieren, so lange du Lust dazu hast. Und erfolgreicher - sie stehen doch direkt mit den Autowerken in Verbindung, bekommen Aufträge und Versuchsfahrzeuge. Nein, mein Lieber - ein eigener Wagen hat nur Sinn, wenn er ständig gebraucht wird und wirklich Zeit spart.“ - Im Kombinat bedurfte es nicht Bernds Unterstützung. Werner unterrichtete Trautenhahn von der Einladung. Der Brigadier hatte nichts einzuwenden, er wünschte
Werner eine gute Erholung und bat ihn, die Magnetbandkamera nicht zu vergessen. „Du kannst sie dann gleich mit nach Kuibyschew nehmen. Die Bänder schickst du uns bitte zu. Schön wäre es, wenn du die Erklärungen gleich mit auf das Band sprechen würdest.“ Mirny - Stadt der extremen Gegensätze. Mirny - blühende Oase im ewigen Eis. Großstadtlärm inmitten uferloser Stille. Brausendes Leben in grenzenloser Einsamkeit. Ruhe im wütenden Orkan. Ungetrübter Sonnenschein im dichtesten Schneesturm. Lebenspendende Wärme in tödlicher Kälte. Mirny - Großstadt unter gläsernen Kuppeln, Mirny - Triumph menschlichen Geistes und Zeugnis der unüberwindlichen Kraft einer in Frieden vereinten Menschheit! Mirnys Hochhäuser erhoben sich auf gewachsenem Fels. Teils hatte ihn der antarktische Sommer freigeschmolzen, teils hatte man ihn freigelegt, als man das Hochplateau im Inneren der Bucht den Erfordernissen der künftigen Stadt anpaßte. Den fruchtbaren Boden für die Grün- und Parkanlagen hatte man aus Südamerika herangeschafft. Zu Füßen der Großstadt lag der Hafen. Er war ständig eisfrei, denn über Mirny strahlten künstliche Sonnen. Starke Atomeisbrecher hielten die Fahrrinne bis ins offene Meer frei. Sie ruhten mit Doppelrumpf- und Unterseefrachtern am Kai. Die Frachter löschten Maschinen, Gebrauchsgegenstände, Lebensmittel. Sie luden, was der Sechste Kontinent in reichem Maße bot: Erze, Erze, Erze! Und Stahlbrammen! Riesige Glaskuppeln überdachten die Stadt und bewahrten ihr Klima, das konstant gehalten wurde. Deshalb gab es in Mirny keinen brennenden Ofen, keinen einzigen Benzinmotor. Abgase hätten die Luft unnütz verunreinigt und zusätzlichen Aufwand erfordert. Zwar waren die Gebäude sämtlich so gebaut, daß sie auch ungeschützt dem Polarwinter standhalten konnten, aber das war nur eine Vorsichtsmaßnahme, falls einmal die Kuppeln beschädigt würden oder der Strom ausfallen sollte. So gab es zwar Öfen und Kohlen in jedem Haus, aber nur als Reserve. Geheizt wurde elektrisch. Auch die Kraftfahrzeuge und die Schnellbahn wurden elektrisch angetrieben. Die Schnellbahn unterhielt nicht nur den Verkehr in der Stadt, sie verband ebenso die Städte des vereisten Kontinents, die oft Tausende von Kilometern voneinander entfernt waren. Sie schaffte auch eine schnelle Verbindung zu den vielen Bergwerken, dem Stahlwerk und zum Atomkraftwerk, die sämtlich weit außerhalb der Stadt lagen. Werner stand oft am Fenster seines Zimmers und blickte landeinwärts auf einen Palmenhain, der sich recht eigentümlich gegen das Eis ausnahm, das sich hinter dem nahe liegenden Flugplatz als haushoher, schimmernder Steilhang erhob. Eine trostlose Eiswüste zog sich zum Horizont und türmte sich in der Ferne zu bizarren Gebirgen auf. Dort lag der Kontinent, der ihn lockte. In den Straßen der Stadt konnte man ihn allzuleicht vergessen. Aber Bernd hatte Werner das Versprechen abgenommen, nie allein dort hinauszugehen. Spalten und Risse in der mächtigen Eisdecke, teils offen, teils verweht, machten Eiswanderungen sehr gefährlich. Unweit von Bernds Wohnung lag ein Bahnhof der Schnellbahn. Werner konnte vom Fenster aus die weiträumige Gleisanlage überblicken. Von dort stürzten sich die Züge in die verkleideten Stollen, die im Eis zu ihren Zielen führten. So brausten sie im antarktischen Winter unbehelligt dahin, während über der mächtigen Eisdecke Schneestürme alles Leben bedrohten. Auch Bernd erreichte mit der Schnellbahn das Atomkraftwerk, dessen Hauptingenieur er war. Werner brannte darauf, dieses Kraftwerk zu besichtigen. „Sieh dir erst einmal die Stadt an“, hatte ihm Bernd geraten. „Ich habe
übermorgen Zeit für dich. Dann bleibe ich wieder in der Stadt. Ins Kraftwerk darf ich dich nicht mitnehmen - Sicherheitsvorschriften! Tut mir leid, Werner!“ Werner hatte nichts unversucht gelassen, aber Bernd war nicht umzustimmen. „Kommt nicht in Frage! Sicherheitsvorschriften sind tabu, sie wurden nicht erlassen, um die Bewegungsfreiheit einzuengen, sondern um jede unnötige Gefährdung menschlichen Lebens auszuschalten“, dozierte er. Werner wagte einen letzten Versuch. „Vielleicht könnte man mit dem Sicherheitsverantwortlichen sprechen?“ „Mit dem sprichst du die ganze Zeit!“ sagte Bernd. Da wußte Werner, daß es aussichtslos war. Die Konsequenz seines Bruders verstimmte ihn. Einmal im Jahr hatte man die Möglichkeit, in dieses Kraftwerk zu fahren: zur jährlichen Revision. Dann wurde der Stollen wieder verschlossen. Gesteuert wurde das Kraftwerk von Mirny aus. Nun hatte er das Glück, gerade während der wenigen Revisionstage hier zu sein - und Bernd ließ sich nicht erweichen! Ein Kernfusionskraftwerk modernster Konstruktion... Hier wurden Deuteriumatome zu Heliumatomen verschmolzen... Werkskapazität fünf Millionen Kilowatt... Und er saß an der Quelle und durfte nicht heran! „Meine Kollegen werden enttäuscht sein. In Dresden haben sie mich in Pumpspeicherwerke geschickt - filmen sollte ich. So stark interessieren sie sich für Kraftwerke! Hier ist der letzte Schrei der Energieerzeugung, und ich kann nicht einmal erzählen, wie es aussieht“, nörgelte er. Bernd klopfte ihm versöhnlich auf die Schulter. „Dem Kind kann geholfen werden! Gib mir deine Kamera mit, Werner - ich mache Aufnahmen.“ „Und die Erklärungen?“ „Spreche ich dir auch noch. Zufrieden?“ Werner war zufrieden. Bernd war doch ein netter Kerl. Er winkte, als Bernd zum Bahnhof ging, und wartete, bis der Zug langsam in die Schleuse zwischen den Glaskuppeln und den gläsernen Tunnels rollte, die sich in das Eis hineinschoben. Dann schlenderte er durch die Stadt. Zwischen den Hochhäusern unterschied sich Mirny nicht mehr von den Großstädten der anderen Kontinente. Auf Fußsteigen promenierten Einkaufslustige, und sie stauten sich vor den Schaufenstern der Warenhäuser. Vor den Hotels, den Verwaltungsgebäuden, den Kulturhäusern, den Theatern, den Hallen- und Freibädern und vor den Sportstadien hielten die Elektrobusse und spien dichte Menschentrauben aus. In den Bahnhöfen herrschte ständiges Kommen und Gehen, Aus den Reparaturwerken und Fabriken drangen die Melodien der arbeitenden Maschinen. Die Reifen schneller Wagen pfiffen auf dem Betonband der Straßen. Frauen schürzten ihre Sommerkleider, wenn die Sprengwagen vorüberfuhren. Kinder tummelten sich quietschend unter den Fontänen der Rasensprenger in den Grünanlagen. Auf Kinder traf man überall. Spielplätze, Kindergärten, Wäschereien und Schulen rundeten das Bild der Großstadt. Werner schlenderte zum Hauptbahnhof. Es war ihm noch unvorstellbar, wohin die Leute auf diesem vereisten Kontinent verreisten. So setzte er sich in der Empfangshalle auf eine Bank und lauschte den Gesprächen der Reisenden und dem Lautsprecher. „Zum Schnellzug nach Danger-Oase bitte beeilen... Der Schichtzug zum Stahlwerk Ost fährt heute von Bahnsteig siebzehn, ich wiederhole... Zum Schichtzug zur Grube Silberglanz, planmäßige Abfahrt zwölf Uhr vierundzwanzig...“ In vier Sprachen erklangen die Worte: russisch, englisch, französisch und deutsch. Werner erhob sich und schlenderte zu den Bahnsteigen. Ein- und ausfahrende Schnelltriebwagen und - Bitte von der Bahnsteigkante zurücktreten! - durchfahrende Güterzüge, hauptsächlich mit Erzen oder Stahlbrammen beladen. In nichts unterschied sich Mirny von anderen Großstädten. Mit dem Bus fuhr er zum Hafen. Bevor sich der Wagen über die Serpentine hinunterschlängelte, stieg er aus. Hinter ihm lag die Schleuse der letzten Glaskuppel, vor ihm, direkt unter dem Felsen, auf dem er stand, der Hafen. Auf der anderen Seite der fjordartigen Bucht stürzten sich die Erzzüge hinab, sie fuhren unten auf eine Rampe. Wenn der Zug hielt, öffneten sich sämtliche Entladeluken der Wagen, das Erz ergoß sich in Silos oder über Schüttvorrichtungen direkt in die Schiffsbäuche. Fünf Minuten später raste der Zug wieder davon, kam der nächste an... Eine ältere Frau trat zu ihm ans Geländer. „Heimweh, junger Mann?“ fragte sie mütterlich. Werner schüttelte befremdet den Kopf. „Wie kommen Sie darauf?“ „Ich beobachte Sie schon ein Weilchen. Ich saß dort drüben.“ Sie wies auf eine Bank. „Sie sahen so sehnsüchtig hinunter.“ Werner lachte. „Interessiert! Ich bin nur zu Besuch. Finden Sie hier öfter Heimwehkranke?“ Die Frau wehrte ab. „Wer es nicht aushält, kann doch zurück.“ „Nicht aushalten?“ Es sei nicht jedermanns Sache, sagte die Frau, sich jahrelang in einer Stadt aufzuhalten, die nur einen beschränkten Lebenskreis böte, einer Stadt unter Käseglocken mit künstlicher Klimagestaltung und vereistem Hinterland - wenn man sich auch alle Mühe gebe, das Leben so erträglich wie möglich zu
machen. Die meisten hielten sich deshalb auch nur für mehrere Jahre hier auf. „Deshalb traf ich kaum auf ältere Leute?“ „Ja, Mirny ist eine Stadt der Jungen. Das Alter verbringt man in Europa, Afrika, Südamerika, Asien oder Australien, dort, wo es einem am besten gefällt. Ältere Menschen sind hier fast ausschließlich Besucher.“ „Ach, dann sind Sie auch...“, entfuhr es Werner. Verlegen biß er sich auf die Lippe. „Verzeihen Sie!“ bat er dann. „Aber weshalb denn? Jung kann man mich ja nun beim besten Willen nicht mehr nennen. Und zur älteren Generation zu gehören, das hat doch nichts Fatales... Alt werden wir alle. Aber ich bin nicht zu Besuch hier. Ich bin“, und nun lachte die Frau, „ich bin die Mutter der Stadt.“ Werner sah sie begriffsstutzig an. „Oberbürgermeister sagt man auch!“ Bernd lachte, als ihm Werner von dieser Begegnung erzählte. „Ja, die Mutter Cantinelli. Du darfst dich nicht wundern, wenn wir wirklich ‚Stadtmutter' sagen. Hier in Mirny rücken die Menschen noch näher zusammen als auf den eisfreien Kontinenten. Und Professor Cantinelli ist eine prächtige Frau. Sie war Leiterin unseres Observatoriums und hat sich als Mitglied vieler ehrenamtlicher Kommissionen der Stadtverwaltung so beliebt gemacht, daß man sie zum Oberbürgermeister wählte. In zwei Jahren ist ihre Amtszeit um. Es wird allen schwerfallen, sich von ihr zu trennen. Sie geht nach Italien zurück.“ „Was, Professor ist sie?“ „Zweifacher Doktor auch - aber was viel wertvoller ist: eine Seele von einem Menschen.“. Am Nachmittag fuhren sie hinaus zum anderen Ende der Stadt. Außerhalb der Kuppeln erklommen sie einen steilen Anstieg im Felsen, der allmählich in das Eis überging. Werner war zu sehr mit dem Aufstieg beschäftigt - die dicke Pelzkleidung war ungewohnt - , als daß er auf die Umgebung geachtet hätte. Er fuhr zusammen, als er unvermittelt drei Tiere auf sich zukommen sah. „Adeliepinguine!“ sagte Bernd. Bis auf wenige Schritte kamen die metergroßen, schwarzbefrackten Gesellen neugierig heran. Trat Werner auf sie zu, watschelten sie zurück oder rutschten in schneller Fahrt auf dem Bauch davon. Werner folgte Bernd. Die Pinguine schlossen sich an. Sie näherten sich einem sanften eisfreien Hang unweit der Küste. Hier standen Hunderte von Pinguinen beisammen. Kaum bemerkten sie die Männer, schon kamen sie von allen Seiten herbei. Werner blickte hilflos zu Bernd, aber der schmunzelte und schritt unbeirrt weiter. Kurz vor ihm wichen die Tiere zur Seite, um sich ihnen dann anzuschließen. „Der reinste Umzug! Weshalb kommen sie nicht in die Stadt?“ fragte Werner. „Sie kämen schon“, sagte Bernd. „Wir hatten Mühe, sie fernzuhalten. Neugierig, wie sie sind, haben sie zu Hunderten unseren Hafen inspiziert. Überall standen sie im Wege. Sie behinderten die Arbeit und den Verkehr, denn verletzen will diese drolligen Kerle ja keiner.“ „Werden sie nicht gejagt?“ „Laß das nicht hören, besonders nicht die Mutter Cantinelli - sie stehen unter Naturschutz!“ „Leben sie nur an Südhängen?“ Bernd lachte. „Nordhängen wolltest du sagen!“ „Aber dort ist doch die Sonne...“ Werner zeigte hinauf. „Eben! Aber du vergißt etwas. Wenn du in Deutschland der Sonnenbahn zugewandt bist, geht sie links von dir auf und rechts von dir unter. Hier aber stehst du auf der anderen Seite der Sonnenbahn, also geht sie rechts von dir auf und links von dir unter, denn sie steht hier mittags nicht im Süden, sondern im Norden!“ „Daran werde ich mich nie gewöhnen!“ stöhnte Werner. „Alles ist anders. Hochsommer im Januar, tiefster Winter im August. Im Januar in der Sonne dreißig Grad Wärme, im August unter siebzig Grad Kälte. Verdrehte Welt!“ „Ja, der Winter geht zu Ende“, sagte Bernd mit seiner dunklen Stimme versonnen. „Verdrehte Welt? Ja. Naturgemäß müßten uns ja die Adeliepinguine längst verlassen haben.“ „Dann wäre es noch einsamer hier draußen!“ „Ach was!“ erwiderte Bernd resolut. „Du vergißt die Kaiserpinguine, Werner, die eigentlichen Winterbewohner der Antarktis! Sie sind größer, aber phlegmatischer, nicht so neugierig wie diese drolligen Burschen hier. Es mag an der Kälte liegen...“ „Wo halten sie sich auf?“ fragte Werner, und die schwarzbefrackten Gesellen, die sie in dichten Scharen umstanden, musterten sie, als verständen sie jedes Wort. „Außerhalb des Strahlungsbereichs unserer Sonnen. Ihnen könnten wir die Absperrung öffnen, sie sind nicht so aufdringlich und gehen dem Getriebe der Arbeit von selbst aus dem Weg.“ „Und die Adeliepinguine?“ „Eigentlich sind sie unsere Sommergäste und fliehen den Winter. Nur die Wärme unserer Sonnen hält sie hier. Aber du bist ja auch so ein Reisender zwischen zwei Jahreszeiten, verläßt uns im Winter, um im Sommer in Europa anzukommen!“ Am nächsten Vormittag, Bernd war zum letztenmal ins Kraftwerk gefahren, klingelte das Telefon.
Werner schaltete den Staubsauger ab und griff zum Hörer. Sicher Madeleine, die ihre morgige Ankunft bestätigen wollte. Madeleine war Schauspielerin am Stadttheater Danger-Oase, der benachbarten Großstadt, die nur zweitausend Kilometer entfernt lag. Wie sprach man seine künftige Schwägerin an? Daß sie ihm auf den Fotos außergewöhnlich hübsch erschien, machte Werner noch befangener. Erstaunt lauschte er. Die Oberbürgermeisterin! Ob er nachmittags einmal im Rathaus vorbeikommen könne? Werner sagte zu, obwohl sie sich eigentlich vorgenommen hatten, nachmittags Bernds Wohnung auf Hochglanz zu bringen. Dann beeilte er sich mit dem Saubermachen. Als Bernd vom Dienst kam, blieb ihnen nichts mehr zu tun. „Du bist ein Küchenwunder! Mutters Erziehung!“ sagte Bernd und klopfte ihm auf die Schulter. „Was machen wir nach dem Essen?“ Werner erzählte von der Einladung. Bernd wunderte sich. „Weißt du was? Ich komme mit!“ Sie aßen im Speiselokal des Wohnblocks. Es war nicht üblich in Mirny, das Mittagessen selbst zu kochen. Das Vorbereiten der Mahlzeiten stahl zuviel von der Zeit, die man sinnvoller verwenden konnte. Fünfzig Gerichte bot das Speiselokal zur Auswahl, für jeden Nationalitätengeschmack etwas. Wem das noch nicht zusagte, der konnte in den großen Hotels der Stadt spezielle Gerichte vorbestellen. Das Rathaus war ein großes schlichtes Gebäude aus Schaumbeton und Glas. Innen war es einladend farbenfroh ausgestaltet. Man hatte nicht das Gefühl, in einer Behörde zu sein. Läufer aus Kunstfasern dämpften die Schritte. Grünpflanzen zierten den weiten Aufgang und die breiten Gänge. Allenthalben hingen Gemälde und kunstvolle Wandteppiche, auch im Zimmer der Oberbürgermeisterin. Sie telefonierte, als die Männer eintraten. Einladend wies sie auf Sessel, die einen unsymmetrischen, niedrigen Tisch umstanden. Wie alle Betriebe und Behörden hatte sie ein Bildtelefon, das ihr erlaubte, bei telefonischen Besprechungen Akten oder Zeichnungen, Fotos oder Gegenstände optisch in die Besprechung einzubeziehen. Jetzt stritt sie sich mit einem Herrn in mittleren Jahren. Soweit Werner von seinem Sessel aus sehen konnte, handelte es sich um einen Südeuropäer. „Und ich sage dir: Damit bin ich nicht einverstanden! Diese Terminverschiebung ist nicht gerechtfertigt. Du denkst wohl, wir sitzen weit genug, um am ehesten...“ „So ist das nicht...“, widersprach der Unbekannte temperamentvoll. „Ihr lebt unter erschwerten Umständen, deshalb kommt ihr zuerst dran. Aber die Einrichtung wird nicht so schnell fertig, sie haben falsch geplant.“ „Hast du mal für Wind gesorgt?“ „Ja, ich habe geschrieben, telefoniert...“ „... telegrafiert, administriert - aber selbst warst du wohl nicht dort?“ unterbrach sie ihn lebhaft. „Ich bin enttäuscht von dir! Fahre hin und sprich mit der Belegschaft. Gib mir Bescheid - sonst komme ich selbst! Ein Krankenhaus ist schließlich kein Tanzlokal!“ Das sagte sie schroff und unduldsam. Dann schlug ihre Stimme plötzlich um. „Wie geht es dir? Was macht Gina? Und die Kinder? Du siehst nicht gut aus - hast du Ärger gehabt? Nur die Beleuchtung? Na gut, unterrichte mich, Petruccio - und enttäusche deine Mutter nicht, mein Junge!“ Dabei drohte sie scherzhaft mit erhobenem Zeigefinger. Sie legte auf, bestellte über die Rufanlage drei Mokka aus der Hausküche, begrüßte die Brüder, entschuldigte sich wegen des Gesprächs und entnahm den Mokka dem Speiseaufzug. „So, nun können wir uns in Ruhe unterhalten“, begann sie, fragte Bernd nach dem Stand der Revision, erkundigte sich, was Werner in Mirny gefalle und was nicht, flocht gelegentlich mit ein, daß ihr Gesprächspartner der zuständige Gesundheitsreferent beim Wirtschaftsrat und nebenbei ihr Sohn sei, und kam dann zum eigentlichen Grund ihrer Einladung. „Sie erzählten mir, Sie führen von hier nach Kuibyschew, um dort zu studieren?“ wandte sie sich an Werner. Werner nickte. Ob sie ihm etwas auftragen würde? „Heute vormittag, kurz bevor ich Sie anrief, besuchte mich eine Studentin aus Kuibyschew. Sie studiert Petrochemie oder die einschlägige Verfahrenstechnik, verbringt ihre Semesterferien hier und bat mich, ihr eine Genehmigung zum Besuch eines Bergwerkes und des Fusionskraftwerkes zu vermitteln.“ „Das wird...“, sagte Bernd. Sie unterbrach ihn lächelnd: „... nicht möglich sein, ich weiß doch. Aber ich empfahl ihr, sich mit Ihnen in Verbindung zu setzen!“ Bernd blickte sie verständnislos an. „Ihr Bruder wird in einer fremden Stadt studieren. Gewiß wird er sehr schnell Freunde gewinnen - aber wäre es nicht schön, wenn er schon vorher einen Menschen kennenlernt, der ihm helfen kann, sich schneller einzuleben?“ Bernd schmunzelte. Das war Mutter Cantinelli!
„Gut, Frau Oberbürgermeisterin, schicken Sie uns das Mädchen. Morgen kommt meine Braut... Sagen wir übermorgen? Übrigens werde ich ihr etwas entgegenkommen können. Ich habe gestern und heute im Auftrag meines neugierigen Bruders im Kraftwerk gefilmt!“
6 Die temperamentvolle Französin brachte ungewohntes Leben in Bernds Wohnung. Werner fragte sich, ob Bernd das auf die Dauer aushielte, stellte aber bald fest, daß der Bruder sich offensichtlich wohl dabei fühlte. Also stimmte es doch, daß Gegensätze sich anzogen? Madeleine gefiel ihm, wenn sie für seinen Geschmack auch etwas zu lebhaft war - aber schließlich wollte nicht er sie heiraten. Die Befangenheit, die er ihr gegenüber fühlte, als er sie noch nicht kannte, war in dem Augenblick gewichen, als sie vor ihm stand und ihm gewinnend die Hand entgegenstreckte: „Bon jour, Werner!“ Schauspielerinnen waren ihm immer leicht überspannt erschienen. Das mochte daran liegen, daß er im Estradenensemble mit jungen Schauspielerinnen zusammengekommen war, bei denen sich das Selbstbewußtsein schneller entwickelt hatte als ihre Leistungen und schließlich zur Überheblichkeit auswuchs. Man hatte sie als Paten dem Estradenensemble zugewiesen, zur Bewährung! Dort konnten sie ihre Kenntnisse vermitteln und wurden gleichzeitig erzogen. Madeleine war anders. Ihre selbstbewußte Natürlichkeit überraschte Werner. Er war sicher, sie würde ihn verständnislos ansehen, sagte er ihr das. Aber mußten großartige Künstler nicht auch großartige Menschen sein? War es nicht in der Kunst ebenso wie in allen anderen Berufen: Wer berufen war, besessen von seiner Arbeit, strebte der nicht nach immer höheren Leistungen, konnte der jemals mit sich zufrieden sein? War Überheblichkeit nicht Selbstzufriedenheit? Und Selbstzufriedenheit nicht Stagnation? Am Nachmittag schlenderten sie durch die Stadt, Madeleine zwischen ihnen eingehängt. Die Brüder überragten sie um Kopfeslänge. Madeleine betrachtete das Stadttheater genau. Bernd ließ sie gewähren, fragte aber doch, was sie heute so interessant daran finde, schließlich sehe sie es nicht zum erstenmal. Madeleine legte mit einer weichen Bewegung den Kopf in den Nacken, daß ihr langes Haar über die Schultern fiel, blinzelte ihn verschmitzt an und sagte: „Das nicht - aber zum erstenmal als baldige Arbeitsstätte.“ „Was?“ Bernd strahlte. „Ab nächsten Monat bin ich engagiert.“ „Aber wir wollten doch... du wolltest doch... ich meine...“ „Langsam, mon cheri... Ich wollte erst in der nächsten Spielzeit kommen - aber wer hält das aus? Der Intendant hatte Verständnis... Doch im Ernst, Lieber, wir haben ausgetauscht!“ Werner sah Bernds Freude. Plötzlich fühlte er sich einsam. Ob auch zu ihm einmal ein Mädchen sagen würde, sie halte es nicht aus ohne ihn? Lange hing er seinen Gedanken nach. Madeleine erzählte von Danger-Oase. Das fesselte ihn. Eine Stadt aus Glas - aber anders als Mirny! Die Häuser hohe Glaszylinder, untereinander durch gläserne Tunnels verbunden. Nur die Parks unter gläsernen Kuppeln. „Man fühlt sich eingeengter als hier, obwohl man praktisch die gleiche Bewegungsfreiheit hat“, sagte Madeleine. Am Abend war es schon so, als wäre Madeleine immer dagewesen. Nur die Blumen auf dem Tisch beim Abendbrot waren ungewohnt. Nach dem Essen sahen sie auf dem Bildschirm eine Reportage vom Bau des großen Mondobservatoriums. Gleiskettenkräne bewegten gewaltige Bauteile vom Landeplatz der Zubringerraketen zu einem Stollen und verschwanden im Berg. Werner vergaß in dieser fremden Welt seine Umgebung. Das Observatorium wurde auf einem kegeligen Felsen errichtet. Die mächtige Kuppel saß wie ein Hut auf dem Kegelstumpf. Am Fuße des Felsens öffnete sich ein großer Stollen, in den man das Baumaterial für den inneren Ausbau einbrachte. Unter dem Observatorium, im ausgehöhlten Felsen, wurde der Stützpunkt der Menschen errichtet. Wohn- und Arbeitsräume und ein großer Raum für die Hydroponik. In ihm baute man ein geräumiges Wasserbecken für die Algenkultur; das würde die Lunge des Stützpunktes werden. Es bedurfte nicht der erklärenden Worte des Sprechers. Im Gegenteil, Werner fragte sich fast ungehalten, für wen diese Erklärungen erforderlich seien. Das alles hatte er bereits in der Schule gelernt; die allgemeinen Erläuterungen verärgerten ihn. Dachte der Sprecher etwa, die Zuschauer hätten das Ziel der zwölften Klasse nicht erreicht? „So ein Quatschkopf!“ entfuhr es ihm. „Der soll lieber Details erklären.“ Bernd fragte verständnislos, weshalb er so ungehalten sei. Werner stellte fest, daß Bernd überhaupt nicht bei der Sache war. „Du denkst wohl, die Reportage ist nur für dich bestimmt?“ fragte Bernd, als Werner weiter schimpfte. „Du vergißt, daß nicht alle, zumindest nicht die Älteren, Astronautik als Lehrfach in der Schule hatten. Denk nur an die Länder, die erst in den letzten Jahrzehnten zum Sozialistischen Bund gekommen sind.“ „Na ja, aber was Hydroponik ist, müßte doch jeder wissen. Das gibt es ja schon seit vielen Jahrzehnten.“
„Aber doch nicht zur Sauerstofferzeugung“, begütigte Bernd und schüttelte den Kopf über Werners Ungeduld. „... Da den Mond keine Lufthülle umgibt, muß der Stützpunkt hermetisch verschlossen werden“, sagte der Sprecher. „Die Luft wird von der Erde importiert, dann aber ständig regeneriert. Hierzu wird sie von einem Ventilationssystem durch den Algenbehälter gepumpt. Die Algen benötigen die Kohlensäure der verbrauchten Luft und reichern sie dafür mit Sauerstoff an...“ Dann zeigte die Kamera, woher das Baumaterial kam. Eine große Rakete, eigens für diesen Zweck konstruiert, wurde zerlegt. Jetzt brachte der Sprecher Einzelheiten, die auch Werner interessierten. Er beugte sich vor und stützte das Kinn auf die Hände. „... Diese Raketen sind somit ein Kompromiß zwischen den Erfordernissen der Mondbautechnik und denen der astronautischen Raketentechnik. Deshalb wurden dieser Raketentyp und der Stützpunkt vom gleichen Kollektiv konstruiert. Vom Trägergerippe über die Außenhaut und die Inneneinrichtung bis zur technischen Anlage der Raketen wird alles zum Bau des Mondstützpunktes verwendet...“ Als der Sprecher jedoch erwähnte, daß die Raupenfahrzeuge mit Elektromotoren betrieben würden, weil für Verbrennungsmotoren der Sauerstoff der Lufthülle fehle, und daß auf dem Mond wegen der geringeren Schwerkaft alles nur ein Sechstel wiege, da war Werner wieder erbost. Das nannte man idiotensicher! „Mich würde interessieren, weshalb sie nicht mehr an die Kräne hängen, schließlich wiegt doch alles nur ein Sechstel“, knurrte er und lehnte sich im Sessel zurück. Bernd faßte das als Frage auf. „Weil auch die Kräne nur ein Sechstel wiegen, mein Lieber! Das Hebelarmgesetz und auch der Schwerpunkt haben beim Auslegen des Kranarmes die gleiche Bedeutung wie auf der Erde. Nur die Tragfähigkeit bei senkrechten Belastungen erhöht sich infolge der unveränderten Materialfestigkeit.“ Werner biß sich auf die Lippen. Wie konnte er das außer acht lassen! Er hatte die Erklärungen idiotensicher genannt - wie stand er nun da? Und das vor Madeleine! Er wartete noch etwas, damit sie nicht glaubten, er fühle sich blamiert. Dann erhob er sich, schützte Kopfschmerzen vor und zog sich zurück. Aber er lag noch lange wach. Er war mit sich und der Welt uneins. Woher kam nur diese Unruhe, diese gereizte Stimmung? Es trieb ihn umherzulaufen, aber er blieb liegen und wälzte sich nur herum. Er hätte schreien können, doch er preßte die Lippen aufeinander. Waren das die Nerven? Die Einsamkeit? War er einsam? Wenn er daran dachte, wie sich Bernd und Madeleine gegenübersaßen, sich zulächelten, wie sie den Kopf an seine Schulter legte, wenn sie glaubte, Werners Aufmerksamkeit sei vom Bildschirm gefangen. All diese kleinen Zärtlichkeiten, die dem Zusammengehörigkeitsgefühl entspringen... Wenn er sich vorstellte, daß sie sich jetzt umarmten...! Und er lag hier, allein... Zu ihm sagten Mädchen wie Evelyn, daß er von einem Extrem ins andere falle, unkritisch und unausgewogen, also unmännlich sei und wie ein kleines Kind an der Hand geführt werden müsse! Was für ein Leben war das... Am nächsten Morgen sah die Welt wieder freundlicher aus, wärmte ihn Madeleines Liebenswürdigkeit. Er verstieg sich sogar zu scherzhaft vorgebrachten, aber ernstgemeinten Komplimenten. Doch irgendwo hatten die bitteren Gedanken dieser Nacht einen giftigen Stachel eingegraben: Zweifel an sich selbst jene Unsicherheit, die oft zu betont selbstbewußtem Auftreten führt und von der Umwelt meist als Überheblichkeit gewertet wird. Wer konnte immer ergründen, ob sich hinter der unnahbaren Maske, hinter dem Überbetonen der eigenen Persönlichkeit ein unsicheres Menschenkind versteckte? Dem Besuch der sowjetischen Studentin sah er zwar neugierig, aber auch mit einer gewissen Skepsis entgegen. Dieses Mädchen würde für die nächsten Jahre zu seiner Umgebung gehören. Wie er sich heute gab, so würde sie ihn einschätzen. Er nahm sich vor, recht zurückhaltend und beherrscht zu sein, knapp und bestimmt zu antworten. In Gedanken zog er eine Mauer um sich, einen Schutzschild, hinter dem er sich verbergen konnte. Seine Neugier galt nicht dem Mädchen, sondern nur der Studentin. Während er früher in solchen Fällen wünschte, eine neue Bekanntschaft möge recht hübsch und zugänglich sein, kam ihm jetzt gar nicht der Gedanke daran. Es war ihm völlig gleichgültig. Ein zweitesmal stand ihm nicht der Sinn nach solchen Briefen... Überhaupt, für die nächsten Jahre hatten diese Dinge keinen Platz in ihm. Er mußte studieren, beweisen, was er wirklich wert war! Studieren und nicht poussieren! Nach dem Mittagessen, das sie in einem der großen Hotels einnahmen (Madeleine zu Ehren, es gab Austern!), baute er mit Bernd die Filmapparatur auf. Das war recht einfach. Ein Bandabspielgerät, das die magnetischen Ton- und Bildimpulse vom Band abnahm, wurde mit dem Fernsehapparat verbunden, beide Geräte wurden an die Steckdose angeschlossen, das Band zwischen den Magnetköpfen eingelegt, und schon war die Apparatur spielbereit. Bernd war beeindruckt. „Muß ich mir anschaffen, Werner. Klasse ist das! Kein Entwickeln. Fixieren, Trocknen, sofort spielfertig.. -“
„Da muß erst ein Student des vierten Semesters kommen, um dir moderne Filmtechnik vorzuführen. Wozu bist du eigentlich Doktoringenieur?“ zog ihn Werner auf. „Man merkt, du lebst auf dem Südpol!“ „Eine Schande, daß man Kinder damit spielen läßt, ehe man es reifen Menschen in die Hand gibt!“ gab Bernd trocken zurück. „Aber sag mal, wieso habe ich diese Kamera noch nie im Geschäft gesehen?“ „Ein Versuchsmuster, Bernd. Nullserie. Bekam meine Brigade anläßlich ihrer Auszeichnung. Wir sind doch jetzt ‚Brigade der vorbildlichen kommunistischen Arbeit'. Aber die Kamera wird in diesem Jahr in Großserie produziert und bald im Handel erscheinen. Die ersten Exemplare gehen doch immer an verdiente Kollektive!“ „Aha!“ erwiderte Bernd ironisch. „Entschuldige, so war es nicht gemeint. Ihr müßtet diese Erstfabrikate doch vor allen anderen bekommen.“ „Das wäre zum Auf-den-Mars-fliegen! Bist du nicht gescheit? Wenn wir von allen Neuentwicklungen die ersten Muster bekämen, müßten wir dauernd umräumen, uns jeden Tag umgewöhnen. Was meinst du, was so täglich Neues auf den Markt kommt. Mir würde vor jedem neuen Morgen grauen!“ Es klingelte. „Laß!“ wehrte Bernd, als Werner aufsprang, um zu öffnen. „Madeleine ist schon an der Tür.“ Sie hörten Stimmen. Begrüßung und Förmlichkeiten. Die Studentin. Dann lachten die Mädchen. Die Tür öffnete sich. Die Studentin war größer als Madeleine. „Natascha Baranowa“, sagte sie ohne jede Befangenheit. „Studentin des sechsten Semesters.“ Nataschas Händedruck war fest, fast männlich, ihr Auftreten von selbstverständlicher Sicherheit. Dabei war sie ein ausgesprochen fraulicher Typ. Sie setzten sich in die Sessel um den niedrigen Tisch. „Mich interessiert das Kraftwerk“, begann Natascha. „Ich weiß“, erwiderte Bernd liebenswürdig. „Aber ich kann Ihre Bitte nicht erfüllen. Es tut mir leid.“ Er erklärte ihr die Zusammenhänge. Werner nützte die Gelegenheit, Natascha zu mustern. Ohne innere Anteilnahme, weder angenehm berührt noch ablehnend. Einen Kommilitonen hätte er nicht anders betrachtet. Natascha hielt sich aufrecht, mit jener straffen Geschmeidigkeit, die der Sport verleiht. Doch das war nicht außergewöhnlich. Aufgefallen wären steife und eckige Bewegungen. Haltungsfehler waren selten, seit die Menschen von klein auf obligatorisch Sport trieben. Natascha war gut gewachsen, ihre Bewegungen flössen weich und anmutig. Das Gesicht offen, mit großen dunklen Augen, leicht betonten Backenknochen und energischem Kinn. Das alles stellte Werner fest, als stünde er vor einem schönen Bild, das man mit Freude betrachtet, ohne es besitzen zu wollen. Natürlich war es ihm angenehm, daß sie hübsch war, aber es war die Befriedigung eines Menschen, der sich gern mit schönen Dingen umgibt. „Schade, aber nicht zu ändern!“ sagte Natascha zu Bernd. Sie verbarg ihre Enttäuschung nicht. „Das Kraftwerk interessierte mich am meisten.“ Sie erhob sich aus dem Sessel. „Dann möchte ich Sie nicht länger...“ Doch Madeleine legte ihre Hand auf Nataschas Arm und drückte sie in den Sessel zurück. „Sie stören nicht, Natascha Baranowa. Bitte trinken Sie Kaffee mit uns.“ Ehe Natascha etwas erwidern konnte, fuhr Bernd lächelnd fort: „Ich bin ja noch gar nicht fertig! Mein Bruder ist genauso neugierig wie Sie - und durchaus nicht so bescheiden. Er drückte mir eine Filmkamera in die Hand und befahl unerbittlich: Filme dort unten! So fuhr ich mit der Kamera ein und filmte. Das Ergebnis wollen wir Ihnen vorführen.“ „Eine Uraufführung“, sagte Madeleine geheimnisvoll. „Spannend wie ein Kriminalfall - er weiß nämlich noch nicht, ob die Aufnahmen geworden sind!“ „Was soll da nicht geworden sein, Schwägerin?“ ließ sich Werner zum erstenmal vernehmen. Und zum erstenmal wandte sich Natascha zu ihm. Er sah in gute Augen. Ihm kam der Gedanke, daß sie ein prächtiger Kamerad sein müsse. Er ließ das Magnetband ablaufen. Aber so angestrengt er auch am Abspielgerät hantierte, auf dem Bildschirm flackerte es nur. und die Lautsprecher heulten gequält. Er stellte das Band ab. „Dein Fernseher...“, sagte er hilflos. „Und wenn es die Kamera ist? Der Fernseher ist in Ordnung!“ erwiderte Bernd peinlich berührt. „Falsch bedienen kann man die Kamera doch nicht... Man braucht nur die Auslösetaste zu drücken.“ Werner schaltete den Fernseher ein. Bild und Ton waren einwandfrei. Kurzerhand nahm er die Bandkassette vom Abspielgerät, schob sie in die Kamera und legte das Band ein. „Das ist doch das bespielte Band!“ sagte Bernd. „Du weißt doch vom Tonbandgerät, daß Neuaufnahmen die alten Aufnahmen löschen“, erwiderte Werner, trat zurück und nahm die drei am Tisch auf. Als er das Band abspielte, zeigte sich, daß die Kamera in Ordnung war. „Demnach lag es an mir - aber was kann ich falsch gemacht haben?“ fragte Bernd betroffen.
Natascha schien nicht enttäuscht. Sie interessierte sich für die Filmkamera, mit der man aufnehmen und sofort abspielen konnte. Gehört hatte sie schon davon. Werner öffnete die Kamera, legte sie in Nataschas Hand und erklärte ihr die Arbeitsweise. „Es handelt sich doch um ein Plasmakraftwerk?“ fragte sie unvermittelt und gab Werner die Kamera zurück. „Das Deuteriumgas wird als Plasma zum Faden verdichtet und im Magnetfeld festgehalten?“ „Allerdings...“, sagte Bernd verständnislos. „Und die Kamera zeichnet Bild und Ton magnetisch auf!“ erinnerte sie. Bernd schlug sich vor die Stirn. „Das ist es! Irgendwo muß ich mit einem Magnetfeld nähere Bekanntschaft gemacht haben. Zu dumm! Aber das läßt sich wieder gutmachen. Ich werde im nächsten Jahr, eher kommen wir nicht wieder hinein, einen neuen Film drehen und ihn meinem Bruder senden. Sie können ihn dann gemeinsam ansehen. Vielleicht mache ich auch eine Kopie, die Sie der Hochschule Kuibyschew zur Verfügung stellen können. Das Original geht doch zu deiner Brigade, Werner?“ Werner nickte. Natascha fand das offensichtlich sehr kompliziert. „Wenn Sie mich rechtzeitig verständigen würden - ich käme natürlich nach Deutschland“, sagte sie zu Werner. „Wenn ich in Deutschland wäre“, erwiderte Werner. „Aber dann wäre es für Sie einfacher, wenn ich Ihnen den Film schicken würde...“ „Aber das ist nicht so!“ fiel Bernd ein. „Mein Schwager studiert im nächsten Semester an Ihrer Hochschule!“ sagte Madeleine in die Pause, die Werner gelassen hatte. Werners Urlaub neigte sich dem Ende zu. Mit Bernd verband ihn nun ein herzliches, brüderliches Verhältnis, in das auch Madeleine einbezogen war. Werner hatte in seinem Bruder einen Menschen gefunden, der ihm nahestand, auf den er sich verlassen konnte. Der Abstand zwischen dem Großen und dem Kleinen war abgebaut. Madeleine verehrte er. Es mußte schön sein, einen solchen Menschen an seiner Seite zu wissen. Ihr Temperament störte ihn nicht mehr. Er freute sich für Bernd. Aber es war noch ein Mensch in sein Leben getreten. Natascha! Wie von selbst hatte sich ergeben, daß sie sich öfter sahen, zu viert und bald auch zu zweit ausgingen. Er hatte sich nicht in ihr getäuscht, sie war ein prächtiger Kamerad, offenherzig und unkompliziert. Sie gab sich, wie sie wirklich war, ohne jede Beschönigung, ohne jede Komödie. Ihr selbstsicheres Auftreten, ihr klares Wesen und ihre Geradlinigkeit nahmen ihn gefangen. Er fühlte sich wohl in ihrer Gegenwart. Am meisten imponierte ihm, daß Natascha anscheinend keine Probleme kannte, die ihr Unbehagen einflößten. Unbekümmert schien sie ihren Weg zu gehen. Sie hatten verabredet, gemeinsam nach Kuibyschew zu fliegen und diese Reise einige Tage früher als geplant zu unternehmen. Natascha erbot sich, ihm Kuibyschew und das Kuibyschewer Meer zu zeigen, bevor das Semester begann. Der Abschied von Bernd und Madeleine war herzlich, aber für Werner doch nicht so ergreifend, wie er befürchtet hatte. Es mochte daran liegen, daß er nicht mehr alles zurückließ, was diese Urlaubswochen erfüllt hatte, daß Natascha eine Brücke schlug, einen Obergang in die neue Erlebniswelt, die ihn erwartete. Natascha erzählte ihm während des Fluges zum erstenmal von ihrer Kindheit. Sie war in einem staatlichen Kinderheim aufgewachsen. Ihre Mutter fiel, als Natascha das Laufen lernte, dem Krebs zum Opfer, kurz bevor die medizinische Wissenschaft jenes Mittel entdeckte, mit dem sie den Krebs sicher zu heilen vermochte. Der Vater stürzte zwei Jahre später während einer wissenschaftlichen Expedition im Himalaja-Gebirge ab. Natascha sprach mit Wärme vom Kinderheim, es schien, als habe sie ihr Elternhaus kaum vermißt. Die große Düsenmaschine war nur halb besetzt. Sie konnten sich ungestört unterhalten. Hinauszusehen lohnte sich kaum, denn sie flogen in zwanzigtausend Meter Höhe über dem Indischen Ozean. Als westlich die Südspitze Afrikas aufkam, verdeckte ein dichtes Wolkenfeld die Sicht. Auch Werner erzählte von daheim. Er bemühte sich, kühl und sachlich zu berichten, fürchtete er doch, Natascha könne schmerzlich erkennen, was sie mit ihren Eltern verloren hatte. Seine Eltern waren ihm auch heute noch die zuverlässigsten Kameraden, und würden sie es nicht immer bleiben? Die knapp neuntausend Kilometer bis Addis Abeba legte die Maschine in drei Stunden zurück. Beide waren überrascht, als die Stewardeß bat, sich zum Landen anzuschnallen. Wie schnell doch die Zeit verging, wenn man sich unterhielt. Die Maschine zog eine große Schleife über der Millionenstadt. Schneeweiße Hochhäuser leuchteten in der afrikanischen Sonne. Breite Straßen, von Palmenhainen gesäumt, durchzogen das Zentrum. „Schade, daß wir nur eine Viertelstunde Aufenthalt haben“, sagte Natascha. „Ich hätte mir die Stadt gern angesehen.“ „Ich auch“, sagte Werner. „Aber wir können doch mal zum Wochenende hierher kommen.“ Natascha warf ihm einen seltsamen Blick zu. Fragend, abschätzend und auch belustigt.
Werner wurde unsicher. Was war ihm nur eingefallen? Einen Wochenendausflug vorzuschlagen, als wären sie ein Liebespaar! Aber ihr sagen, daß er es nicht als Annäherungsversuch gemeint habe, daß er nur kameradschaftlich...? Das konnte er schlecht machen, es wäre, als sagte er: Sie sind mir als Frau völlig gleichgültig! Werner war froh, als die Maschine aufsetzte und das Hin und Her der Aussteigenden ihn der Antwort enthob. Als sie von Addis Abeba abflogen, war die Maschine voll bis auf den letzten Platz. Da sie sich am Fenster gegenübersaßen, waren die Plätze neben ihnen besetzt. An Werners Seite saß ein Inder, bei Natascha ein Europäer, Werner vermutete in ihm einen Engländer. Ihr Gespräch wurde einsilbig. Sich in Gegenwart Fremder über persönliche Dinge unterhalten, das mochte Werner nicht. Dafür knüpfte Nataschas Nachbar ein lebhaftes Gespräch mit ihr an, und es stellte sich sehr schnell heraus, daß er tatsächlich Engländer war. Werner verfolgte die Unterhaltung mit wachsendem Unbehagen. Er merkte die bewundernden Blicke des Briten und begann sich zu ärgern. Die Blicke des Mister Thompson, so hatte der Engländer sich vorgestellt, erschienen ihm begehrlich, die gewandten Umgangsformen aufdringlich, der elegante Anzug geckenhaft. Zu allem Überfluß war Mister Thompson Mitte der Dreißig und ihm, wie Werner glaubte, schon dem Alter nach überlegen. Er fürchtete, neben ihm nicht besonders abzuschneiden, ihm in keiner Hinsicht gewachsen zu sein. Jetzt vergingen die Minuten träge, dehnten sich zu Stunden, und Werner sehnte Moskau herbei, damit dieser Flug und diese Unterhaltung ein Ende hätten. Nur mühsam konnte er an sich halten. Um sich nicht bloßzustellen, lehnte er sich in die Ecke und stellte sich schlafend. Dabei verfolgte er hellwach jedes Wort. Er hörte die Stewardeß herantreten. „Herr Minister, ein Telegramm, bitte sehr!“ Ungläubig öffnete Werner die Augen. Mister Thompson hielt ein Telegrammformular in den Händen, las mit gekrauster Stirn und winkte der Stewardeß. Dann nahm er sein Notizbuch heraus, warf einige Zeilen auf ein Blatt, reichte es ihr und sagte halblaut: „Bitte Blitztelegramm an Wirtschaftsrat Prag!“ „Bitte sehr, Herr Minister!“ Die Stewardeß zog sich zurück, der Minister setzte die Unterhaltung mit Natascha fort. Werner atmete auf und sah Mister Thompson plötzlich in völlig anderem Licht. Seine Blicke waren nur freundlich, die Umgangsformen nur liebenswürdig, der Anzug wirklich elegant... Um sechs Uhr waren sie in Mirny gestartet. Zwölf Uhr dreißig landeten sie in Kuibyschew. Im Studentenwohnheim legten sie ihr Gepäck ab, dann aßen sie in einer Gaststätte. Am Nachmittag bummelten sie in ausgelassener Stimmung durch die Stadt. Natascha fühlte sich ganz daheim, und Werner war erleichtert. Seit Nataschas Unterhaltung mit Mister Thompson sah er sie mit anderen Augen. Nach dem gemeinsamen Abendbrot richtete er sich in seinem Zimmer ein. Es unterschied sich kaum von seinem Dresdner Zimmer. Da es jedoch mit einem Klappbett versehen war, das am Tage im Wandschrank verschwand, war es wohnlicher. Außerdem war es ein Einbettzimmer. Werner schaltete vergnügt das Radio an und packte seine Koffer aus. Dann stöberte er in der Handbücherei des Bücherschrankes, probierte die Sessel in der Leseecke, setzte sich an den Schreibtisch, warf sich übermütig auf die Liege und ging schließlich ins Bett. Sie wollten am nächsten Morgen zeitig aufstehen, das Schiff zum Stausee fuhr um sieben Uhr. Trotz des anstrengenden Tages lag Werner noch lange wach. Er überdachte die letzten Stunden. Es schien ihm unglaubhaft, am Morgen noch auf dem vereisten Kontinent gewesen zu sein, vormittags in Afrika, und nun in Europa, am Rande Asiens, ins Bett zu gehen.
Dann sann er über Natascha nach. Sein Mißmut, als sie mit Mister Thompson sprach, war - Eifersucht gewesen! Nackte, simple Eifersucht! Natascha war ihm also mehr als nur eine gute Kameradin. Diese Einsicht machte ihn nicht ruhiger. Teufel, das war eine Situation! Er wußte doch noch nicht einmal, ob sie einen Freund hatte. Sie sprach nicht darüber. Und wie stand sie zu ihm? Daß sie in Mirny mit ihm ausgegangen war, daß sie ihm Kuibyschew zeigte und mit ihm auf den Stausee hinausfahren wollte, das hatte wenig zu bedeuten. Er konnte ihr sympathisch sein, ohne ihr als Mann zu gefallen. Und als Mann gefallen mußte man einer Frau wohl, wollte man ihr näherkommen. Seit Evelyns Brief war er von seiner Männlichkeit nicht mehr überzeugt. Sie hatte ihn tiefer getroffen, als er sich selbst eingestand. Er fragte sich vergeblich, wie er sich in Nataschas Augen ausnahm, und kam zu keinem beruhigenden Ergebnis. Wenn er es recht bedachte, war Natascha zwar liebenswürdig, aber immer sachlich und unpersönlich gewesen. Er fand nichts in seiner Erinnerung, was er anders hätte deuten können. Im Gegenteil - ihr Blick, als ihm die Sache mit dem Wochenend in Afrika entfuhr... Zum anderen: Wäre es gut, wenn zwischen ihnen... Würde sie ihm nicht wieder eine Enttäuschung bringen?
7 „Nun, wie gefällt Ihnen mein Kuibyschew?“ fragte Natascha, seiner Zustimmung sicher, als sie an der Reling des Tragflächenschnellbootes standen, das sie nach Stawropol, etwa sechzig Kilometer flußaufwärts von Kuibyschew, tragen sollte, wo es in der Schleuse auf das Kuibyschewer Meer gehoben wurde. Werner blickte auf die Stadt, die beiderseits der Wolga an ihm vorüberflog, und sagte nachdenklich: „In meiner Sonntagslaune ausgezeichnet. Wie könnte sie mir nicht gefallen? Hier studieren zu können und...“ Er zögerte, setzte jedoch entschlossen hinzu: „Die Stadt, der ich unsere Bekanntschaft verdanke.“ „Danke!“ quittierte sie unverbindlich. „Ich habe viel gutzumachen!“ „Haben Sie gesündigt?“ fragte sie schelmisch und lachte ihn an. Er mußte in das Lachen einstimmen, wurde aber doch wieder nachdenklich. „So meine ich's nicht. Ich konnte mein Abitur machen, durfte zum Studium, wurde sogar hierher delegiert. Manchmal ist mir bange, ob ich all das Vertrauen und auch das in mich investierte Geld tatsächlich rechtfertigen kann.“ Natascha legte ihm die Hand auf den Arm. „Das kenne ich, Werner. Diese Bedenken haben wir mehr oder weniger alle. Sie sind ja auch der Ansporn für uns, die Wissenschaft in uns aufzunehmen und in eigene Erkenntnisse und Leistungen umzusetzen. Was triebe uns sonst, unser Studium plangerecht und mit guten Ergebnissen abzuschließen? Unser Gehalt läuft doch weiter! Was also sollte uns anspornen, wenn nicht das Bestreben, nicht zu enttäuschen? Und viel wissen ist doch die Krönung unseres Seins, viel wissen und leisten!“ Da Werner nicht antwortete, sagte sie bestimmt: „Schluß damit! Heute ist Urlaub! Kommen Sie mit aufs Oberdeck? Ich lasse mir gern den Fahrtwind um die Ohren blasen.“ Werner folgte ihr. Behende erklomm sie die breite Treppe. Als sie aus dem Windschatten des Aufgangs auf die kleine seitliche Kommandoplattform trat, faßte der Fahrtwind in ihren Mantel und wühlte in ihrem langen dichten Haar. Werner taumelte zurück, vom Schlag des Fahrtwindes getroffen. Sie lachte hell. „Siebzig Stundenkilometer - keine Kleinigkeit!“ rief sie in den Wind. Das Schnellboot hatte sich ganz aus dem Wasser gehoben und schoß über die Wolga dahin. Hinter ihm sprühte eine Wolke Wasserstaub. Schweigend trotzten sie dem Wind. Natascha mit lachendem Gesicht, Werner dagegen befangen. Er fand nicht mehr zur gelassenen Fröhlichkeit des gestrigen Nachmittags zurück. Selbst als er ihr im Gesellschaftsraum den Mantel abnahm, kam er sich ungeschickt und linkisch vor. Sie trug ein enges Kleid aus synthetischen Fasern, die wie Seide schillerten. Er wollte ihr sagen, wie gut es ihr stehe, aber es fehlte ihm an der Gewandtheit, dieses ehrliche Kompliment in die rechten Worte zu fassen. Nur zögernd kam ein Gespräch in Gang. Als er auf Nataschas Gesicht Unmutsfalten zu entdecken glaubte, wurde er noch unsicherer. Erst in der Schleuse gewann er sein Selbstvertrauen zurück. „Jetzt werden wir siebenundzwanzig Meter gehoben“, sagte Natascha. „In fünfzig Minuten sind wir auf dem Meer - dann geht es auf große Fahrt!“ „Und wohin fahren wir? Weshalb verraten Sie mir das Ziel nicht, Natascha?“ „Weil es eine Fahrt ins Blaue ist. Das Ziel wird erst verraten, wenn wir die Schleuse hinter uns haben.“ „Sie sind mein Reiseführer, daran ist nicht zu rütteln...“ „... und tragen die Verantwortung, wollten Sie sagen, stimmt's?“ fragte Natascha, um dann im Reiseführerton fortzusetzen: „Diese Schleuse gehört zum Kraftwerk Kuibyschew. Leistung zwei Komma eins Millionen Kilowatt bei zwanzig Aggregaten. Nur vier Personen halten in jeder Schicht den Koloß in Gang: ein Schichtleiter, ein Mechaniker, ein Schlosser und ein Elektriker. Gesteuert wird, wie bei allen Kraftwerken, zentral von einem Dispatcher, der in Moskau sitzt. Zu diesem Kraftwerk gehört ein Stausee, das sogenannte Kuibyschewer Meer, das wir zu befahren im Begriffe sind. Es wird von einem sechs Kilometer langen Staudamm verriegelt. In ihm stecken fünfundsechzig Millionen Kubikmeter Erde. Beim Bau wurden täglich neunzehntausend Kubikmeter Beton vergossen. Eingeweiht wurde das Werk 1958. Dieses Meer ist etwa fünfundvierzig Kilometer breit und sechshundert Kilometer lang...“ „... die wir natürlich nicht hinter uns bringen können, weil wir sonst heute nicht zurückkämen!“ Er ging auf ihren Ton ein. „Wäre das so schlimm?“ fragte sie hintergründig. „Im Gegenteil - zu schön!“ entfuhr es ihm. Der erwartete rügende Blick blieb aus. „Gibt es das?“ fragte sie. „Was?“ „Daß etwas zu schön ist?“ „Eine Redensart, entschuldigen Sie! Aber ich bin kein Sonntagskind!“ sagte er. Nataschas Augen blitzten übermütig. „Wir fahren nach Tscheboksary, hundertfünfzig Kilometer von Gorki entfernt!“ „Ich wußte gar nicht, daß Sie scherzen können“, sagte er mit gezwungener Heiterkeit und hoffte doch, es sei wahr. „Ich habe in Tscheboksary Zimmer bestellt. Ein Onkel von mir ist dort Objektleiter.“
In Werner stritten noch Unglaube und Freude. Als er endlich überzeugt war, wurde er aufgeräumt. Würde sie ihn mit dieser Zwei-Tage-Fahrt überrascht haben, wenn sie ihn nicht mochte? Früher hätte er sich bestimmt in diesem Augenblick Klarheit verschafft, aber selbst nach dieser Überraschung nagte Evelyns Brief noch so in ihm, daß er der Antwort nicht sicher war. Lieber hoffen und warten, als jetzt ein bedauerndes Nein zu hören, das womöglich allem ein Ende setzte. Das Schnellboot flog mit äußerster Kraft über das Wasser. Neunzig Kilometer mochte es in der Stunde zurücklegen. Das war so recht nach Werners Geschmack. In der Ferne zogen die Ufer vorbei, näherten sich dem Boot und traten wieder zurück. Westlich kamen Berge auf und schoben sich wie eine Kulisse vorüber. Sie lagen auf dem Oberdeck in Liegestühlen. Über ihnen wölbte sich ein Dach aus durchsichtigem Kunststoff. Die Sonne erklomm das Firmament und verstärkte ihre Wärme. Ganz leise vernahmen sie das Heulen der Gasturbine. Das Schnellboot war nur halb besetzt, etwa einhundert Passagiere waren an Bord, sie saßen in den Salons. Hier oben waren Natascha und Werner allein. Sie rekelte sich wohlig, verschränkte die Arme unter dem Kopf, legte ihre schlanken Beine übereinander und schloß die Lider. Ihre straffen Brüste hoben sich gleichmäßig. Ihr Atem ging ruhig. Werner glaubte, sie sei eingeschlafen, und versank ganz in der Bewunderung des Mädchens, das ihm reizvoller schien als alle, die er bisher kennengelernt hatte. Sie in den Armen zu halten! „Weshalb schweigen Sie?“ fragte Natascha plötzlich und riß Werner aus seinen Betrachtungen. „Ach, ich... ich dachte, Sie schlafen...“ „Schlafen? Ich genieße die Sonne, den Urlaub - und lausche Ihrer Stimme. Sie sprechen ausgezeichnet russisch, aber mit deutschem Akzent. Das ist ungewohnt, gefällt mir aber. Sprechen Sie weiter, Werner.“ Er schalt sich wegen seiner Befangenheit, die so gar nicht seinem Wesen entsprach, einen ausgewachsenen Trottel. Fehlte bloß noch, daß er an den Knöpfen abzählte: Sie liebt mich, sie liebt mich nicht... Noch konnte er dieses Mädchen erringen - benahm er sich aber weiter so töricht, würde ihm das kaum gelingen! Wenn er nur wüßte, ob sie einen Freund hatte... Er mühte sich, seine Beklemmung abzustreifen, sprach einige belanglose Sätze, wurde freier, als er sie lächeln sah, und sicherer, wenn sie nickte oder ihm zustimmte. Schließlich überkam ihn Übermut, eine Stimmung wie im Rausch, die ihn emportrug und bald so fesselnd plaudern ließ, daß Natascha sich aufrichtete. Er brachte das Gespräch auf seine Brigade, und da er die Augen offengehalten hatte und auf dem Gebiet der Polyesterherstellung Kenntnisse besaß, gewann er bei diesem Thema seine alte Sicherheit zurück und wußte einige spöttische Bemerkungen über sich selbst einzuflechten; so vergaßen sie die Umwelt und nahmen kaum wahr, wenn das Boot an einer der Landebrücken anlegte, die sich vor den Städten ins Meer hinausschoben. Dabei vergaß Werner nicht, welche Frage ihn am meisten bedrängte. Er lag wie ein Jäger auf der Lauer, der einen günstigen Augenblick abwartet, um seinen Schuß anzubringen. Jetzt, da er entschlossen war, sich Klarheit zu verschaffen, vermochte er seine im Grunde fröhliche Natur hervorzukehren und einige treffende Pointen anzubringen. Natascha entzündete sich an Werners Ausgelassenheit und verlor ihre Zurückhaltung, die sie bei aller Liebenswürdigkeit betont hatte und die ihm abweisend erschienen war. Sie wurde zum übermütigen Mädchen - Werner war von dieser Änderung hingerissen. Er sprach von seinem Dresdner Stubengenossen, erklärte ihr die Bedeutung des Ha jo und Ha noi und schilderte ihr, wie er ihn beim Wort genommen und durch den winterlichen Matsch getrieben hatte, „Aber Heino ließ sich nicht unterkriegen. Er stand zu seinem Wort. Ein guter Freund. Man konnte sich immer auf ihn verlassen.“ „Freunde, echte Freunde sind kostbar“, sagte sie. „Man muß sie hüten.“ Er mißverstand ihren unerwarteten Ernst. „Haben Sie keinen Freund?“ fragte er und verriet sich, indem er sich vorbeugte und seinen Blick an ihre Lippen hing. Sie zögerte mit der Antwort. In ihren Mundwinkeln lachte es. „Freunde habe ich viele, Werner, aber das wollten Sie doch gar nicht fragen! Ihnen brennt eine andere Frage auf der Zunge!“ Er wand sich verlegen, unentschlossen, wie er es sagen könne. „Zugegeben“, druckste er endlich. „Ich meinte mehr als Freund...“ „Liebster sagt man auf deutsch, nicht wahr?“ fragte sie in seiner Sprache. „Ja. Aber ich bin indiskret, entschuldigen Sie!“ Nun lachte Natascha hell und schüttelte den Kopf. „Sind alle Deutschen so unbeholfen? Wieso indiskret? Hätte ich einen Liebsten, weshalb sollte ich's verschweigen?“ „Sie haben nicht...?“ fragte er ungläubig. „Das ist doch nicht möglich! Sind denn alle Männer mit Blindheit geschlagen?“ „Einer nicht, scheint mir!“ erwiderte sie und blickte ihn offen an. „Doch der ist offensichtlich recht unbeholfen und vermag sich nicht vorzustellen, daß er einem Mädchen gefällt. Aber wir müssen zum Essen hinuntergehen.“ Damit erhob sie sich. Er half ihr in den Mantel, drehte sie an den Schultern um, sagte: „So unbeholfen bin ich nicht!“ und zog sie in seine Arme. „Ich sprach vom Essen, nicht vom Küssen!“ stellte sie fest, als sie sich von ihm löste.
In Tscheboksary wurden sie vom Onkel herzlich empfangen. Er war über Nataschas Begleiter keineswegs überrascht und übertrug, als Natascha Werner als ihren Freund vorstellte, seine Fürsorge auch auf Werner. Die Tante bezog ihn ebenfalls sofort in die Familie ein. Sie mußten Natascha sehr gern haben und wohl auch darauf vertrauen, daß sie sich gründlich überlegte, was sie tat. Was mochte Natascha ihnen am Telefon über ihn erzählt haben? Oder war er nicht der erste, den sie mitbrachte? Es war ein kleines, schon älteres Hotel, innen modernisiert, wobei man sich bemüht hatte, die unpersönliche Hotelatmosphäre zu vermeiden und bei allem Komfort eine gediegene Note zu erreichen, daß der Gast sich sofort heimisch fühle. Werners Zimmer lag zum Meer hinaus, in unmittelbarer Nähe der Anlegestelle. Trat er auf den Balkon, konnte er den Bootshafen überblicken, in dem Motorboote und Segeljachten des Städtischen Bootsverleihs und der Wassersportgemeinschaft nebeneinanderlagen. Vor dem Hotel dehnte sich der Strand mit seinem feinen Sand derart verlockend, daß Werner nicht widerstehen konnte. Bevor er sich in seinem Zimmer einrichtete, lief er hinunter und stürzte sich zu einem kurzen Bad in die Wellen. Doch Natascha sah ihn vom Fenster aus und folgte ihm. „Eigentlich wollte ich mich abkühlen!“ rief er ihr zu, als sie im Badeanzug über den Strand lief. „Aber wenn ich dich so sehe...“ „Sieh mal an, frech bist du gar nicht!“ rief sie zurück. „Jetzt bin ich gewarnt!“ Und als sie neben ihm schwamm, fügte sie hinzu: „Du hast wohl gedacht, du bekämst Schüttelfrost? Und hast mich trotzdem geküßt?“ Er schwamm auf sie zu. Doch sie tauchte unvermittelt. Strandwärts tauchte sie auf, kraulte das letzte Stück und lief über den Strand davon. Er holte sie erst vor dem Hotel ein. „Natascha, ich...“ „Pst! Schön brav sein - Onkel Wassja liebt kalte Duschen!“ Den Abend verbrachten sie mit Nataschas Verwandten. Onkel Wassja hatte eine Flasche alten Wein aus dem Keller geholt, von der er mit der Ehrfurcht des Kenners die Spinnweben entfernte. Jahrgang 1965, las Werner. Es stellte sich im Gespräch heraus, daß Onkel Wassja eigentlich Bergmann war, sich aber nach Ablauf.der zulässigen UntertageArbeitsjahre noch viel zu jung fühlte, um sich zur Ruhe zu setzen. „Mit vierzig Jahren Pension, stellen Sie sich das vor!“ sagte er lächelnd. „Da habe ich umgelernt und dieses Hotel am Wasser übernommen. Der Arzt hat zwar geschimpft, als ich ihm bei der Abschlußuntersuchung sagte, daß ich weiterarbeiten wolle. Ich bin auch um das halbe Jahr Erholungskur nicht herumgekommen. Die Ärztekommission hat mir kategorisch jede Vollbeschäftigung in der Industrie untersagt. Aber ich habe meinen Willen durchgesetzt! Schließlich vermittelte mir derselbe Arzt, der erst geschimpft hat, die Stelle in diesem Hotel. Günstiges Klima, sagte er, halber Erholungsaufenthalt. Dafür mußte ich ihm versprechen, mit Fünfzig endgültig Schluß zu machen! Mal sehen, vielleicht schule ich noch einmal um, Forstpfleger oder vielleicht auch Stauwärter an einem der vielen Staudämme der Wolga.“ „Müssen Sie denn den Arzt erst fragen?“ „Das ist ja das Dumme!“ knurrte Onkel Wassja. „Wir Bergleute stehen auch nach unserer Dienstzeit in ständiger Überwachung - zweimal im Jahr zur Untersuchung. Was das die Gesellschaft kostet! Ich bin doch gesund, habe ich gesagt. Was Sie der Gesellschaft gegeben haben! hat der Arzt im gleichen Ton erwidert und mich ein Hindernis der medizinischen Fürsorge genannt!“ Werner konnte sich gut vorstellen, daß dieser kräftige Mann sich in einem Wartezimmer fehl am Platze fühlte. Tante Valentina war klein und zierlich. Es belustigte Werner, wenn Natascha sie Tante nannte, man konnte beide für Schwestern halten. Bald kamen sie auf Nataschas Kindheit zu sprechen. Werner erfuhr, daß sie oft ihre Ferien bei Onkel Wassja und Tante Valentina verbracht hatte, die Natascha aber nicht zu sich genommen hatten, weil sie selbst sechs Kinder aufzogen und Natascha auch nie den Wunsch äußerte, aus dem Kinderheim genommen zu werden. Später entwickelte sich jedoch ein sehr inniges Verhältnis zwischen ihnen, und Natascha fühlte sich hier wie daheim. Das war auch der Grund, weshalb sie, die Leningraderin, sich in Kuibyschew immatrikulieren ließ. Natascha in dieser Umgebung zu sehen, unter Menschen, die ihr nahestanden und gewiß Einfluß auf ihr Wesen ausgeübt hatten: Es ergänzte das Bild, das er sich von ihr gemacht hatte, und verstärkte die Zusammengehörigkeit. Er war sicher, daß sie ihn niemals mit hierhergenommen und diesen Menschen, die sie spürbar liebte, als ihren Freund vorgestellt hätte, wenn sie ihn nicht mochte. Zudem war sie von einer Weichheit, die ihn verblüffte. Daß sie ihre Zuneigung nicht verhehlte, erfüllte ihn mit Stolz, zugleich aber auch mit leiser Besorgnis: Ob er wirklich ihrer Vorstellung entsprach, ob er sie nicht enttäuschte, wenn sie ihn näher kannte? Diese ihm ungewohnte Befangenheit war ihm unbehaglich, bewies ihm aber gleichzeitig, daß ihm mit Natascha etwas völlig Neues begegnete. Mit Evelyn war, bis auf den verteufelten Brief, alles viel einfacher gewesen - oder lag es an diesem Brief, daß er sich so
unvollkommen fühlte? Lag es an Nataschas Auftreten, daß er sich unterlegen fühlte? Ein heftiges Bestreben überkam ihn, ihre Achtung zu erringen. Ja, er träumte davon, daß sie bewundernd zu ihm aufsehe. Natascha allerdings gab ihm keine Veranlassung zu derartigen Gedanken. So gleichmäßig unpersönlich sie vorher gewesen war, so unverändert gleichmäßig war sie in ihrer Zuneigung. Sie kannte keine Launen und lachte hell, als er sie abends fragte, woher sie dieses Gleichgewicht habe. Sie saßen auf seinem Balkon, sahen hinaus auf das Meer, das im Mondlicht blitzende Reflexe versprühte, und lauschten auf das Klatschen der Wellen am Strand. „Gleichgewicht?“ „Na ja, man sagt doch, je schöner die Frauen, desto launenhafter ihr Wesen.“ „Bin ich denn schön?“ kam es aus dem Halbdunkel. Ihm war, als lache sie lautlos. , „Du bist schön - und das weißt du ganz genau!“ gab er zurück. „Das beruhigt mich“, sagte sie. Noch immer schien sie lautlos zu lachen. „Und nun vermißt du das launenhafte Auf und Ab, den Wechsel zwischen Anziehen und Abstoßen, zwischen Gewähren und Versagen, dieses kapriziöse Spiel mit der Gunst? Fürchtest du, daß Beständigkeit Langeweile mit sich bringt und jede Leidenschaft vermissen läßt?“ Das klang ironisch. Er widersprach lebhaft. „Unsinn, davon spreche ich nicht! Ich bin froh über diese Klarheit, Natascha - aber es ist...“ „Wie sagtest du heute? Zu schön, wie?“ spöttelte sie. „Wenn du so weitermachst, dann...“ „Was dann?“ Er küßte sie. Sie erwiderte den Kuß voller Leidenschaft, schob ihn dann von sich und sagte ohne jeden spöttischen Unterton: „Es ist keine Gleichgültigkeit, Werner! Aber Launen? Ich weiß nicht... Ist mir ein Mensch gleichgültig, dann heuchle ich keine Zuneigung, dazu bin ich mir zu schade. Aber liebe ich einen Menschen, dann spiele ich nicht mit ihm, dazu ist er mir zu schade. Wenn man liebt, wirklich liebt, wie könnte man dem geliebten Menschen durch Unklarheit schwere Stunden bereiten wollen? Mit Gefühlen spielt man nicht!“ Die Tage verliefen wieder wie gewohnt in Hörsälen und Laboratorien, angefüllt mit konzentrierter Arbeit. Werner fand sich schnell in das neue Kollektiv. Es war bunt zusammengesetzt, aus fast allen Nationen kamen die Kommilitonen. Er dachte noch lange an die gemeinsamen Urlaubstage. Zweimal wöchentlich traf er sich jetzt mit Natascha. Doch ihre Spaziergänge waren kurz, nur an Sonntagen blieben sie vom Morgen bis zum Abend zusammen und fuhren hinaus aus der Stadt, mit dem Dampfer oder mit einem Leihwagen. Sie waren auch unter den letzten Badegästen des Strandbades in der ausklingenden Saison. Werner hatte sich an den Gedanken gewöhnt, daß Natascha wirklich zu ihm gehöre, er begann jede Stunde bewußt zu erleben. Noch gab es Augenblicke, in denen er sie mit trunkenen Blicken betrachtete und es nicht zu fassen vermochte, daß er sie küssen und umarmen durfte, aber dann verschaffte er sich schnell Gewißheit und riß sie so ungestüm in seine Arme, daß sie ihn von sich schob: „Laß mich leben!“ War er allein, begann er sich auszumalen, wie das Leben mit Natascha würde, denn daß es noch ein Leben ohne sie geben könne, schien ihm unvorstellbar. Er sprach auch mit ihr darüber. „Du sprichst immer von Kindern?“ fragte sie bei einer solchen Gelegenheit. „Bist du am Ende ein Nimmersatt?“ „Und ob! Es können nicht genug sein, Natascha!“ „Etwas bescheidener stünde dir gut an.“ „Na ja, zwei, drei sollten es schon sein. Aber alles Mädchen, und alle wie du.“ „Darüber reden wir später, Lieber - erst wollen wir unser Studium abschließen, ja?“ Er schalt sich wegen seiner Verliebtheit närrisch und unmännlich, fand sein Betragen kindisch und nahm sich immer wieder vor, beherrschter aufzutreten. Jeden Tag überraschte er sich, wie er an Natascha dachte, statt dem Vortrag des Dozenten zu folgen. Trafen sie sich, war er Stunden vorher aufgeregt und blickte dauernd zur Uhr. Er war froh, allein auf dem Zimmer zu sein, denn vor einem Zimmergenossen hätte er seine Erregung kaum verbergen können. War er dann mit Natascha zusammen, verlor sich diese Aufregung bald. Je weiter das Studium vorrückte, desto ruhiger wurde er - bis ihn eines Tages ein Zwischenfall erneut durcheinanderbrachte. Er saß mit einigen Kommilitonen im Lesezimmer der Bibliothek und schrieb Auszüge aus einem wissenschaftlichen Buch, als ein Student das Zimmer betrat, der von einer längeren Kur zurückkehrte und von der Runde lärmend begrüßt wurde. Nur Werner kannte ihn noch nicht. Sie machten ihn mit dem Hinzugekommenen bekannt. „Wie geht's euch?“ fragte der Student nach der Begrüßung, erkundigte sich nach den Professoren und fragte dann: „Und was macht der Schwärm des Semesters, die schöne Natascha? Noch immer so spröde? Hat Kolja mal geschrieben? Der Arme hat es nicht verwinden können...“ Er übersah die warnenden Blicke der Runde, bemerkte auch nicht Werners unwillige Miene. „War ja auch ein toller Verlust für ihn. Wie wir ihn beneidet hatten - aber da sieht man's, je höher einer steigt, desto tiefer kann er fallen. War schließlich auch kein Wunder, er war ihr doch in keiner Hinsicht gewachsen. Der muß man imponieren!
Hat ein verdammt kluges Köpfchen, das Mädchen. Und Beine wie die Venus von Medici, und Brüste - oi, da möchte ich...“ In Werner kochte Zorn, daß er sich nur schwer zu zügeln vermochte. Aber einer seiner Kommilitonen hatte die Situation erfaßt und sagte, ehe Werner aufspringen konnte, unerwartet scharf: „Laß das gefälligst!“ Der Student stutzte, blickte verstört in die Runde, sah Werners Augen und seinen verkniffenen Mund, erkannte offensichtlich, was er angerichtet hatte, murmelte: „So war's doch nicht gemeint!“ und verdrückte sich. „Nimm's nicht tragisch, Werner! Ist ein Luftikus - aber er meint es nicht so“, sagte Kirik, der Leiter des Lernaktivs, ein Sibirier mit den Augen eines Jägers und dem Gang eines Waldläufers. „Er ist selbst bei Natascha abgeblitzt. Und das mit Kolja... Natascha ist ein feiner Kerl und unbedingt zuverlässig. Daß sie von vielen verehrt wird, ist kein Wunder und nicht ihre Schuld. Sie ist wirklich eine der besten Studentinnen, hat auch schon einige Forschungsaufgaben gelöst. Sie hat also ein Recht darauf, geistige Ansprüche zu stellen. Denen war Kolja nicht gewachsen. Daß es allerdings zum Bruch kam, hatte einen anderen Grund: Er begann sich andeutungsweise mit Dingen zu brüsten, die ausschließlich Sache der beiden Beteiligten sind und die jeder Außenstehende von selbst als natürlich voraussetzt. Natascha hörte einmal durch Zufall seine Protzerei, ging auf ihn zu und ohrfeigte ihn in aller Öffentlichkeit.“ „Das war ein Auftritt!“ fiel ein anderer ein. „Eiskalte Verachtung, keinerlei Erregung! Nur bleich war sie. Weder Verlegenheit noch Scham. Aber Stolz! Das werde ich nie vergessen. Selbst ihre Ohrfeigen waren exakt. Sie stand da wie die personifizierte Gerechtigkeit...“ „Und dann wandte sie sich an die Umstehenden“, fuhr Kirik fort. „Sie sah von einem zum anderen: Diese Ohrfeigen waren auch für euch bestimmt! sagte sie, Wer sich diese Indiskretionen sensationslüstern anhört, ist nicht viel besser! Eure Einstellung zur Frau - pfui Teufel! Dann ging sie, stolz, mit erhobenem Kopf, hinter sich zertrümmerte Männlichkeit in betretenem Schweigen.“ In Werner brannte ein Stachel. Er mußte mit sich allein sein. Schweigend raffte er seine Bücher zusammen und verließ die Bibliothek. Am Ufer der Wolga, auf einer Bank der Strandpromenade, fand er sich wieder. Daß Natascha in den Armen eines anderen gelegen hatte, wühlte in ihm. Jetzt erst wirkte, was er längst wußte, denn jetzt war greifbar, was bisher schemenhaft geblieben war: Ein anderer hatte sie vor ihm besessen! Bisher war dieser andere für ihn anonym gewesen, jetzt hatte er einen Namen: Kolja! Jetzt vermochte er sich diesen anderen, den er nie gesehen, vorzustellen, er bekam Gestalt. Jetzt sah er ihn vor sich - und Natascha in seinen Armen... Ihn hatte sie genauso heiß geküßt und genauso leidenschaftlich... Ihm hatte sie die gleichen kecken Vertraulichkeiten zugeflüstert... Und jeder an der Hochschule wußte es. Das schmerzte. Ein Nachfolger bin ich, Ersatz! dachte er bitter. Diese ersten Aufwallungen gingen vorüber. Er wurde ruhiger. Wie ausgebrannt. Er starrte vor sich hin. Lange saß er so, fröstelnd und einsam. Schließlich raffte er sich auf und ging heimwärts, ohne einen Blick auf die herbstliche Farbenpracht ringsum. Erst am Heim wurde er aufmerksam. Natascha wohnte in einem anderen Flügel des großen Gebäudes, dennoch fürchtete er, ihr zu begegnen. Er konnte sie jetzt nicht sehen, erst mußte er mit sich selbst ins reine kommen. In seinem Zimmer warf er sich in einen Sessel. Die Vernunft kam zurück. Er begann die Fakten nüchterner zu betrachten, zu wägen und mit sich selbst ins Gericht zu gehen. Was war geschehen? Natascha hatte vor ihm einen anderen geliebt. Das hatte er gewußt. Sie war bloßgestellt worden, hatte recht nachhaltige Konsequenzen gezogen und sich erhöhte Achtung errungen! Immerhin, die anderen standen ihr nicht so nahe. Mit welchem Recht erwartete er eigentlich, daß Natascha ihr Leben bisher ohne Liebe verbracht haben sollte? Hatte er nicht Marcella, Evelyn, hatte er nicht andere Mädchen geliebt? Überhaupt - war Liebe ein Recht? Oder war sie vor allem Bemühen, den anderen zu beglücken? Was für ein Egoist war er doch! Für sich nahm er das Recht auf schöne Erinnerungen in Anspruch, und ihr wollte er sie verdenken? Kam es auf das Vorher an oder auf die Gegenwart? War der Partner ein Gegenstand, den man „besitzt“? Nur einen Gegenstand konnte man als gebraucht oder benutzt betrachten, wenn ihn schon andere „besessen“ hatten. Wurde die Einmaligkeit einer Liebe nicht von der Größe des Empfindens für den anderen bestimmt? Pfui Teufel, was für ein Spießer war er! Es gab in der Liebe nur ein Recht: die Aufrichtigkeit des Empfindens; nur eine Pflicht: nicht zu heucheln. Waren etwa ihre Küsse für ihn nun weniger köstlich, liebte er sie nicht mehr so wie vorher? Glaubte er etwa, sie heuchelte, wenn sie in seinen Armen lag? Mußte er nicht stolz sein, daß sie - in ihren Gefühlen so bitter getäuscht - ihm soviel Vertrauen schenkte? Ihr Verhalten damals - war das nicht großartig? Zeigte es nicht, wie tief sie empfand, wenn sie liebte? Werner schämte sich vor sich selbst. Als er am nächsten Abend Natascha traf, war er
besonders liebevoll. Er fragte sie nicht nach Kolja. Er ging mit ihr zu jener Bank am Wolga-Ufer, auf der er am Tage vorher gegrübelt hatte, und brachte dort das Gespräch auf die Liebe und darauf, daß man meist schon andere Menschen liebte, bevor man den richtigen Partner findet. Natascha hörte schweigend zu, als er jedoch von seiner Vergangenheit berichten wollte, schnitt sie ihm das Wort ab. „Du willst doch nicht etwa eine Beichte ablegen?“ fragte sie belustigt. „Hör mal, daß du schon andere Mädchen hattest, war mir klar. Wäre ja auch schlimm in deinem Alter. Ich müßte doch sonst glauben, ich hätte einen absonderlichen Geschmack. Ist man nicht ein wenig stolz, wenn man weiß, daß der Geliebte auch anderen gefällt?“ Er ging nicht auf den leichten Ton ein. „Du hast ein Recht darauf, Natascha.“ „Unsinn, Werner“, widersprach sie nachdrücklich. „Was du früher erlebtest, ist ausschließlich deine Angelegenheit. Die Hingabe, die du empfingst, war ausschließlich für dich bestimmt. Würdest du einen Brief von mir einer anderen zeigen? Na siehst du! Es gibt nichts so Persönliches wie die Hingabe.“ „Davon will ich nichts erzählen, aber du hast ein Recht zu wissen, daß ich vor dir...“ „Hör auf damit!“ sagte sie ungeduldig und legte ihm die Hand auf den Arm. „Aber versteh doch, Natascha: Die Gleichberechtigung ist die Wurzel der Liebe...“ Sie schüttelte den Kopf. „Was hat das damit zu tun?“ „Ich weiß von Kolja... Man hat mir's erzählt.“ Natascha griff in seine Haare. „Was bist du für ein Kindskopf! Deshalb brauchst du mir keine Beichte abzulegen. Kolja war... ich habe ihn zu spät erkannt. Aber nun Schluß davon. Sprechen wir von uns... Oder sagen wir's uns lieber anders - falls du noch küssen kannst!“ Werner konnte sich dem Gefühl nicht entziehen, vor sich selbst bei dieser Unterredung schlecht abgeschnitten zu haben. Je öfter er darüber nachdachte, desto tiefer gruben sich die Worte seiner Kommilitonen ein: Sie ist eine der besten Studentinnen und hat schon einige Forschungsaufgaben gelöst. Sie hat ein Recht darauf, geistige Ansprüche zu stellen. Und: Der muß man imponieren! Imponierte er Natascha? Forschungsaufgaben hatte sie gelöst. Forschungsaufgaben! Im fünften Semester! Er war jetzt auch im fünften Semester, aber hatten sie schon Forschungsaufgaben bekommen? Nicht eine! Und Natascha war ihm sowieso schon um zwei Semester voraus. Er mußte vor ihr bestehen! Bald gehörte er auch hier zu den Besten seines Semesters. Und im sechsten Semester hatte er sich endgültig an die Spitze gesetzt. Der Lohn blieb nicht aus. Kurz vor den Semesterferien wurde er zu einem Laborversuch hinzugezogen und erhielt eine selbständige Teilaufgabe, gemeinsam mit Kirik. Diese Aufgabe sollte sich über das gesamte siebente Semester hinziehen. Bei Kuibyschew befand sich nicht nur der riesige See, das Kuibyschewer Meer, hier lag auch ein gewaltiges Erdölgebiet, das größte der Sowjetunion. Ihm entsprang die Erdölleitung, die das flüssige Gold nach Polen, Ungarn, in die CSSR und nach Deutschland brachte. In Kuibyschew gab es neben Maschinenfabriken und erdölverarbeitenden Betrieben ein großes Chemisches Kombinat, in dem künstlicher Kautschuk und viele andere Produkte aus den Rohstoffen gewonnen wurden, die dem Erdöl und dem Erdgas entspringen. Gemeinsam mit diesem Kombinat suchte die Hochschule nach neuen Verarbeitungsverfahren und neuen Produkten. Diese praktische Arbeit war eine wertvolle Ergänzung des Studiums und diente der Vertiefung gewonnener Erkenntnisse, wie ja das gesamte Studium eng mit der Praxis verbunden war. Bis zu den Ferien trafen sie die Vorbereitungen, um im neuen Semester sofort mit der Arbeit beginnen zu können. Einen Teil der Ferien verbrachte Werner im Chemischen Kombinat von Kuibyschew, um sein Wissen zu verbreitern und praktische Erfahrungen für die Versuche zu sammeln. Da seine Studienergebnisse nichts zu wünschen übrigließen, hatte seine Brigade dem Wunsch, in Kuibyschew zu bleiben, ohne Bedenken zugestimmt. Die restlichen freien Tage verbrachte Werner mit Natascha. Das Bewußtsein, bald beweisen zu können, was in ihm steckte, hatte ihm sein Selbstvertrauen zurückgegeben. Sein Auftreten war sicherer und bestimmter. Sie flogen nicht nach Addis Abeba, obwohl einer solchen Reise nichts im Wege gestanden hätte. Sie blieben im Gebiet Moskau-Ural-Donezbecken. Werner legte ein Tagebuch an, und die Seiten füllten sich mit Städtenamen, mit denen sich Erinnerungen an gemeinsame Erlebnisse verbanden. Gorki, Kasan, Tschistopol und die Geburtsstadt Lenins, Uljanowsk, während des Semesters an sonnigen Wochenenden bereits besucht, wurden für das Tagebuch neu entdeckt. Zwischendurch überprüften sie bei Nataschas Onkel die Magnetbandfilmaufnahmen, die Werner für seine Brigade gemacht hatte. Als Abschluß dieser Ferien planten sie eine Reise wolgaabwärts, denn Werner wollte Saratow kennenlernen. Zwar fiel ihm auf, daß Natascha und ihr Onkel sich einen schnellen Blick zuwarfen, wenn die Sprache auf diese Reise kam, und auch Tante Valentina lächelte verhalten, aber er maß dem keine Bedeutung bei. Erst am Tag vor der Abreise, als sie ihre kleinen Koffer packten, wurde er aufmerksam. Er überraschte Natascha, als sie einen dritten Koffer ausschließlich mit Magnetbändern füllte. Sie schien erschrocken, als er plötzlich hinter ihr stand. „Was wollen wir mit den vielen Bändern, Natascha? Soll ich die alle in Saratow verkurbeln? Sieht aus, als wollten wir eine Marsexpedition unternehmen!“
„Ach, weißt du“, begann sie stockend, „man kann nie zuviel davon haben. Lieber bringen wir unbespielte
Bänder zurück, als daß wir uns interessante Aufnahmen entgehen lassen.“
„Wer soll das schleppen, Mädel?“
„Du natürlich“, sagte sie und lachte. „Du bist das deiner Brigade schuldig!“ Nataschas Verhalten irritierte
ihn. „Na, wenn du meinst...?“
„Ich meine!“
„Aber wo hast du die Bänder her?“ Er war erstaunt. Seine Bänder hatte er sich aus Deutschland schicken
lassen, vor Monaten schon. Inzwischen waren seine Reserven fast aufgebraucht. Nun füllte sie einen
ganzen Koffer damit, als gäbe es diese Bänder bereits in jedem Geschäft.
„Du bist ein Nachtwandler! Seit einigen Monaten gibt es Bänder und Kameras in Kuibyschew - wo hast
du nur deine Augen?“
„Bei dir, wo sonst? Wie sollte ich Augen für die Schaufenster haben, wenn du bei mir bist?“ fragte er.
„Du bist ein hemmungsloser Schmeichler!“
„Na hör mal. Trägst ein hautenges Sommerkleid - für mich als Blickfang! Und beschwerst dich, wenn ich
wie die Fliege auf den Leim gehe!“
„Jetzt aber raus, du...!“ Er flüchtete lachend.
Irgend etwas stimmte nicht, darüber war er sich klar. Aber was ihm Natascha verbarg, dahinter kam er
nicht.
Am nächsten Morgen schleppte er ergeben die Koffer zur Anlegestelle. Kurz vor dem Aufgang bog
Natascha zum Bootshafen ab. Jetzt wurde Onkel Wassjas geheimnisvolles „Grüßt das Meer von mir!“
noch unverständlicher. Das Kuibyschewer Meer lag vor ihnen, sie gingen ja am Strand entlang. Meinte er
den Wolgograder Stausee? Aber er sprach doch sonst nur von Seen? Oder war das alles ein Scherz?
Blieben sie hier? Was bedeutete das?
Natascha steuerte auf den Bootshafen zu. Werner schwieg, obwohl es ihm schwerfiel. Das Schnellboot
vom Linienverkehr war in der Ferne schon zu sehen, es hatte nur fünfzehn Minuten Aufenthalt und fuhr
dann zurück nach Kasan.
Am Bootshafen empfing sie ein jüngerer Mann. Natascha stellte ihn als den Vorsitzenden der
Wassersportgemeinschaft vor. Sie kannte ihn, wie Werner im Gespräch erfuhr, schon seit Jahren. Das war
nicht ungewöhnlich, schließlich hatte Natascha ihre Ferien immer hier verbracht. Aber daß Natascha
Mitglied der Sportgemeinschaft war, das verblüffte Werner. „Seit wann denn?“ entfuhr es ihm. „Schon
lange.“
Die Sirene des Schnellbootes heulte langgezogen. „Das Schiff!“ mahnte Werner. „Mit dem fahren wir
nicht!“ erwiderte sie.
Der Vorsitzende musterte beide verständnislos. Natascha zwinkerte ihm zu. „Er weiß noch nichts.“
„Das hast du fertiggebracht?“ fragte der Vorsitzende. „Dein Kind verleugnet?“
Werner stutzte. Kind? Aber hier war er doch im Bootshafen, nicht im Kindergarten! Indessen ging
Natascha voraus auf einen Schuppen zu, von dem sich eine Betonbahn sanft ins Wasser neigte. Sie
öffnete die großen Schiebetore. Ein Luftkissenfahrzeug!
„Eigenbau!“ sagte der Vorsitzende stolz. „Natascha hat wesentlichen Anteil.“
Sie wehrte ab. „Meine Überraschung, Werner! Das Fahrzeug ist bisher nur auf dem Kuibyschewer
Stausee erprobt worden, wir machen die erste große Reise damit!“
Werner kannte Luftkissenfahrzeuge. Sie preßten mit Kompressoren ein Luftpolster unter sich, das sie über
den Boden oder die Wasserfläche hob, und glitten darauf entlang, von Propeller- oder Düsentriebwerken
geschoben. Da sie größere Lasten mit geringerem Bau- und Leistungsaufwand als Flugzeuge und mit
höheren Geschwindigkeiten als Schiffe befördern konnten, wurden sie als Schnelltransporter eingesetzt.
Sie trugen hundert bis zweihundert Tonnen bei Geschwindigkeiten von rund zweihundert Kilometern in
der Stunde. Allerdings benötigten sie breite „Fahrbahnen“, weil sie nur mit „Luftstrahlen“ gelenkt und
gebremst werden konnten und deshalb nicht so manövrierfähig wie Straßenfahrzeuge waren. Deshalb
eigneten sie sich nicht für Straßen und wurden vornehmlich auf Seen, breiten Flußläufen und in ebenen
Wüstengegenden eingesetzt.
„Wie weit fahrt ihr heute?“ fragte der Vorsitzende. „Bis Saratow. Auf dem See können wir dreihundert
Stundenkilometer herausholen, also müßten wir die rund neunhundertfünfzig Kilometer in knapp vier
Stunden schaffen.“
„Dreh auf dem Fluß nicht gar so auf!“ mahnte der Vorsitzende. „Keine Angst!“
erwiderte Natascha. „Wir können also in Saratow Mittag essen, nachmittags die Stadt besuchen, und
morgen“, sie blickte Werner spitzbübisch an, „morgen fahren wir durch bis zur Krim.“
„Du willst... wir wollen...?“ stotterte Werner überrascht.
„Nach Sewastopol, allerdings!“
„Aber die vielen Schleusen?“ „Wir brauchen nicht durch die Schleusen. Entsinnst du dich der breiten Betonstreifen, die sich vor der Schleuse flach aus dem Wasser heben, die Schleuse umgehen und sich wieder flach ins Wasser senken? Darauf umfahren wir die Schleusenkammern. Aber nun Schluß mit der Fragerei!“ Sie trat zu einem Schalter an der Seitenwand der Bootshalle und betätigte ihn. Das Fahrzeug rollte auf einem flachen Wagen aus der Halle. „Starte am besten gleich auf dem Wasser, es gibt sonst wieder soviel Staub“, empfahl der Vorsitzende. Natascha ließ das Fahrzeug auf dem Betonstreifen halten. „Einverstanden. Aber ich möchte Werner erst noch erklären, worauf er sich einläßt, wenn er sich diesem Untersatz anvertraut.“ Das Fahrzeug hatte einen dreieckigen, abgerundeten Grundkörper und ähnelte der Deltaform schwanzloser Flugzeuge. Die Aufbauten waren stromlinienförmig dem dreieckigen Unterbau angepaßt und endeten in einem doppelten Seitenleitwerk, das die Flugzeugähnlichkeit verstärkte und für Werner ebenso neu war wie die Dreieckform des Fahrzeugs. „Unser Flitzer arbeitet mit drei Kompressoren, die gleichmäßig auf die Ecken verteilt sind und das tragende Luftpolster für die niederen Geschwindigkeiten schaffen. Der Grundkörper ist so ausgebildet, daß er sich dieses Polster bei hoher Geschwindigkeit selbst schafft. Er hat also einen gewissen Auftrieb, der ihn etwa vierzig Zentimeter über dem Wasser hält. In diesem Falle sind die unteren Austrittsdüsen der Kompressoren verschlossen, ihr Strahl wird umgelenkt und wirkt als zusätzlicher Antrieb. Der Hauptantrieb erfolgt in der üblichen Weise durch das Düsentriebwerk auf den Aufbauten. Im Notfall, um Havarien zu vermeiden, kann man niedrige Schiffe überspringen...“ „Untersteh dich!“ fiel der Vorsitzende erschrocken ein. „Du weißt genau, daß wir nur die ersten Hüpfer versucht haben!“ „Aber erklären darf ich's doch mit?“ fragte Natascha erheitert. „Glaubst du, ich hätte Lust, auf dem Oberdeck eines Schiffes zu landen? Doch weiter mit der Vorstellung: Die Ausstellflächen bremsen wie Flugzeuglandeklappen. Mit ihnen, einem sehr starken Bremstriebwerk und einem neuen Treibanker kommen wir schnell zum Stehen. Neben dem Leitwerk und den bekannten Lenkdüsen haben wir noch ein ausfahrbares Seitenruder, das wir ins Wasser tauchen können. Dadurch ist das Fahrzeug wendig genug, um auf breiten Flußläufen mit hoher Geschwindigkeit zu fahren und Hindernissen rechtzeitig auszuweichen.“ „Bißchen viel auf einmal!“ meinte Werner. „Lohnen sich denn diese kleinen Dinger?“ „Versuchsfahrzeug! Wir arbeiten eng mit dem Entwicklungsinstitut für Luftkissenfahrzeuge zusammen“, sagte der Vorsitzende. Natascha lachte. „So eng, daß unser Vorsitzender aus diesem Institut kommt.“ „Eine Frage noch: Womit treibt ihr die Kompressoren an?“ „Kreiskolbenmotoren. Sie laufen mit Heizöl. Aber komm, steig ein!“ mahnte Natascha. „Wir wollen doch in Saratow Mittag essen!“ Werner half Natascha auf den flachen Unterbau, hob die Koffer hinauf und folgte ihr. Sie öffnete die Kabinentür und trat in den Fahrstand, während Werner in der Kabine die Koffer abstellte. Der Raum war mit allem gewohnten Komfort großer Bootskajüten ausgestattet. Eine Polsterecke mit Tisch, Wandschränke, Rundfunkgerät, Kochnische. Hinter einem Vorhang Klappbetten. Die Kabine war durch eine Schiebetür vom Fahrstand getrennt. Werner trat zu Natascha. „Richtige Betten gibt es hier, ich dachte schon, wir schlafen auf Luftpolstern!“ raunte er ihr ins Ohr. „Ich warne dich - noch kannst du die Fahrt abblasen!“ „Ich freß dich! sagte die Maus zur Katze und zitterte vor Angst am ganzen Leib