Francesco Petrarca · Familiaria Band 2
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Francesco Petrarca
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Francesco Petrarca · Familiaria Band 2
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Francesco Petrarca
Familiaria Bücher der Vertraulichkeiten Herausgegeben von Berthe Widmer
Band 2 Buch 13-24
Walter de Gruyter · Berlin · New York
앝 Gedruckt auf säurefreiem Papier, 앪 das die US-ANSI-Norm über Haltbarkeit erfüllt.
ISBN 978-3-11-019159-2 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. 쑔 Copyright 2009 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, D-10785 Berlin Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Satz: Claudia Wild, Stuttgart Einbandgestaltung: Christopher Schneider, Laufen
Inhalt Adressaten und Inhaltsangaben zu den einzelnen Briefen . . . . . . . . . . . . . .
VII
Vorbemerkungen zu Petrarca, Familiares Buch 13 bis 24 . . . . . . . . . . . . . . .
1*
Überblick über die einzelnen Bücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4* Zu Fam. 13,1–13,12 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4* Zu Fam. 14,1–14,8 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15* Zu Fam. 15,1–15,14 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23* Zu Fam. 16,1–16,14 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34* Zu Fam. 17,1–17,10 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45* Zu Fam. 18,1–18,16 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54* Zu Fam. 19,1–19,18 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 63* Zu Fam. 20,1–20,15 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75* Zu Fam. 21,1–21,15 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92* Zu Fam. 22,1–22,14 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104* Zu Fam. 23,1–23,21 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119* Zu Fam. 24,1–24,13 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135* Übersetzung der Briefe Buch 13 bis Buch 24 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buch 13 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buch 14 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buch 15 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buch 16 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buch 17 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buch 18 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buch 19 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buch 20 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buch 21 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buch 22 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buch 23 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buch 24 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1 3 56 97 154 207 259 318 388 447 508 573 645
Verzeichnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
717 719 726 733
Adressaten und Inhaltsangaben zu den einzelnen Briefen Petrarcas, Fam. 13–24 (Die Angaben zu den Briefabschnitten 1 ff. stammen von der Übersetzerin) Fam. 13,1, an Guy de Boulogne, Kardinal-Bischof von Porto Trostbrief zum Tode seiner Mutter. 1. Petrarca vertraut auf Nachsicht des Adressaten. 2. Einen Trostbrief für einen Sohn zum Tod seiner Mutter hat Petrarca noch nie geschrieben, doch hat er selber seine Mutter früh verloren. 4. Die Mutter des Angesprochenen hat grösstes Glück erlangt. 10. Sie ist zur besten Zeit gestorben. 11. Die natürliche Ordnung ist gewahrt worden. 12. Beispiele trauernder Eltern beim Tod ihrer Kinder. 13. Kinder weinen beim Tod ihrer Eltern wenig; so will es die Ordnung der Natur. Avignon, am 14. Mai (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3 Fam. 13,2, an den Dichter Rinaldo in Verona Empfehlung eines jungen Mannes, den Petrarca dem Adressaten zur Unterweisung schickt. 1. Jener hat eine Zeit lang in Parma den Unterricht Gibertos genossen. 2. Petrarca kann seine Begabung nicht beurteilen. 4. Er hat ihn aber mit sich nach Avignon genommen. 6. Auch hat er vom Papst ein Kanonikat in Verona für ihn erlangt. 7. Eben da möchte er ihm beim Adressaten eine Unterkunft sichern. An der Quelle der Sorgue, am 9. Juni (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Fam. 13,3, an Guglielmo da Pastrengo in Verona Zum selben Thema. Petrarca empfiehlt dem Adressaten einen Jüngling zur Erziehung. Am 9. Juni (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 Fam. 13,4, an den päpstlichen Protonotar Francesco il Calvo von Neapel Über das Leben der Vielbeschäftigten. 1. Petrarca bemitleidet den Adressaten. 2. Das Leben der Hochgestellten ist ehrenvoll, aber ruhelos. 9. Für ihre Mühen dankt man ihnen mit noch grösseren Mühen. 10. Dass Tüchtigkeit und Ruhm nur gegen grossen Einsatz zu haben sind, lässt sich mit Beispielen belegen. 19. Petrarca wünscht jedoch nicht den Verzicht auf das Streben nach Ruhm. 20. Er ermuntert bloss zum Masshalten und schildert das ideale, vernünftige Leben eines Bildungsbeflissenen. 27. Dass er hierüber schreiben könnte, ist ihm aus guten Gründen gerade an der Quelle der Sorgue eingefallen. An der Quelle der Sorgue, am 10. Juni (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
VIII
Adressaten und Inhaltsangaben
Fam. 13,5, an Francesco Nelli von der Kirche der Heiligen Apostel Von den Erfolgen an der römischen Kurie und von den drei Stilen. 1. Petrarca ist einem Ruf nach Avignon gefolgt. 3. Besser war es, zu gehen, als sich schleppen zu lassen. 5. Er fasst die Rede seiner Selbstverteidigung zusammen. 6. In der Jugend war er wegen seiner und mancher Freunde Armut auf kirchliche Ämter angewiesen, jetzt ist er es nicht mehr. 9. Noch im Alter nach Reichtum verlangen, ist lächerlich. 11. Seiner Verschwiegenheit wegen will man ihn zum päpstlichen Sekretär machen. 12. Seinen Schreibstil soll er jedoch ändern. 16. Es gibt drei Stilarten. 19. Petrarca stellt Anforderungen an den eigenen Stil und an die Aufmerksamkeit der Leser. Am 9. August (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20 Fam. 13,6, an Francesco Nelli Über das Wort Poesie und seine Profanation durch Ungebildete. 1. Petrarca führt die Darstellung des vorangehenden Schreibens fort. 3. Die Poesie ist göttlichen Ursprungs. 4. Man spricht über sie trotz grosser Unkenntnis sehr viel. 5. Cola di Rienzo ist als Gefangener in Avignon. 12. Er hat sich von löblichen Plänen abgewendet und hat die gute Sache verraten. 22. Das Volk aber hält ihn für einen Dichter und verlangt daher für ihn Schonung. 26. Ein Dichter ist Cola nicht. 30. Selbst einer der würdigsten Kardinäle kennt die einfachsten Begriffe der Poesie nicht. 35. Petrarca belehrt ihn über Grundsätzliches. An der Quelle der Sorgue, am 10. August (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Fam. 13,7, an Pierre aus der Auvergne, Abt des Klosters Saint-Bénigne Über die Lust am Schreiben und die ansteckende Schreibkrankheit. 1. Petrarcas Schreibwut. 4. Ein Geschichtlein belegt sie. 7. Petrarca trägt eine grosse Verantwortung für die Verbreitung dieser Seuche. 11. Er wird von Dichtern scharenweise überfallen und mit Gedichten eingedeckt. 13. Über falsche Dichtkunst. 16. Petrarca hat ein schlechtes Gewissen. 16. Spasshaft übertreibende Schilderung seiner Lage. 18. Der Adressat soll zur Nachsicht bewogen werden, weil Petrarca auf Briefe nicht schriftlich geantwortet hat. Er gehorcht aber dem Befehl, die Abreise zu verschieben. 21. Nun harrt er in Vaucluse aus. Die genannte Schreibwut droht auch hier einzudringen. (Vaucluse, 8.–11. November1352) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
Adressaten und Inhaltsangaben
IX
Fam. 13,8, an Francesco Nelli von der Kirche der Heiligen Apostel Über das ländliche Leben in der Einsiedelei von Vaucluse. 1. Petrarca übt sich im Kampf gegen Anfechtungen seines Leibes. 4. Lobrede auf seine Wirtschafterin. 8. Vorzüge seines Wirtschafters. 9. Der Dichter greift gern zur Angel. 10. Die Kleidung hat er geändert. 12. Ein Wort über seine Gärtlein und sein Haus. 15. Schilderung des für Studien bestens geeigneten Ortes. (An der Quelle der Sorgue, Juni/August 1352) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 Fam. 13,9, an den florentinischen Grammatiker Zanobi Petrarcas Ratschlag fand in Neapel Beachtung. 1. Zanobi habe sehr rasch gehorcht. 3. Seinen Brief und den von Acciaiuoli habe Petrarca erhalten. Der des Gross-Seneschalls scheine zu beweisen, dass Redekunst eine Naturbegabung sei. 4. Die Kritik an einem Vers habe Zanobi gut aufgenommen. 5. Er wird gebeten, seinerseits den Werken des Dichters gute Dienste zu leisten. 7. Petrarca wird von Neidern verfolgt. 9. Er freut sich, mit seiner Feder die Versöhnung von Hofleuten gefördert zu haben. An der Quelle der Sorgue, am 10. August (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 Fam. 13,10, an denselben Zanobi Erklärung zu einem vorangehenden Schreiben. 1. Menschliche Werke sind nie vollkommen. 2. Petrarca hat bei der Aufzählung von Freundespaaren gewisse mit Absicht weggelassen. 4. Für diese Weglassung gibt er Gründe an. An der Quelle der Sorgue, am 25. August (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 48 Fam. 13,11, an den Archidiakon Matteo Longhi von Bergamo an der Kirche von Lüttich Über die Natur und Treue der Hunde. 1. Der Hund des Adressaten stutzt, weil er seinen Herrn nicht vorfindet. 3. Beispiele für die besondere Abhängigkeit der Hunde vom Menschen und für ihre Anhänglichkeit. 8. Über das Verhalten des vom Adressaten zurückgelassenen Hundes. An der Quelle der Sorgue, am 25. August (1351/1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
X
Adressaten und Inhaltsangaben
Fam. 13,12, an den Abt von Corvar(i)a Das Begehren nach neuen Werken ist mit Geduld und Mässigung zu zügeln. 1. Der Dichter freut sich, dass der Adressat aus den Stürmen des Lebens gerne zu ihm flüchten wollte. 2. Er spricht von dessen Durst nach Bildung und weiss, dass dem Durstigen jede Quelle recht ist. 5. Das vom Abt begehrte Werk Afrika kann ihm noch nicht vorgelegt werden. Er hat sich zu gedulden. 7. Das weite Land muss weiterhin bearbeitet werden und bedarf der Obhut eines Pflegers. An der Quelle der Sorgue, am 1. September (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 Fam. 14,1, an den Kardinal Talleyrand, den Bischof von Albano Von den Schwierigkeiten und Gefahren im Leben der Höhergestellten. 1. Petrarca ist bereit, auf Wunsch des Kardinals etwas Einfaches klar zu behandeln. 3. Gegenstand der Ausführung sollen die Sorgen der Menschen auf ihrem Weg zum Ziel sein. 5. Sie gehen auf verschiedenen Ebenen, und die auf der höchsten sind am meisten gefährdet. 13. Die Gefahren, denen niemand entgehen kann, sind bei Vergil im Vorhof zur Hölle angesiedelt. 22. Doch jede Ebene hat ihre besonderen Gefahren, und wer immer nur auf der einen und gleichen wandelt, kann die der anderen nicht beurteilen. 23. Dennoch will Petrarca dem Kardinal den höchsten Stand charakterisieren. 25. Hier haben bedeutendste Menschen schwerstes Ungemach erlitten, wie Beispiele beweisen. 30. Gefahren der Mächtigen werden aufgezählt. 37. Petrarca nennt Vorzüge und Vorrechte des Kardinals und gibt ihm Ratschläge für seinen Alltag. 40. Er nennt die drei wichtigsten Tugendwerke. 44. Ob Petrarcas Stil einfach genug war, möge der Kardinal entscheiden. An der Quelle der Sorgue, am 22. September (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 Fam. 14,2, an seinen Sokrates Der Adressat möge den vorangehenden Brief seinem Adressaten übergeben. 1. Nur der Papst steht über dem Kardinal. 3. Dieser hat Petrarca gebeten, einfach und klar zu schreiben. 4. Seine Begabung ist erstaunlich, doch versteht er einzig die Sprache der Legisten. 4. Er bittet, Petrarca möge verständlich schreiben. 8. In der Diskussion unterwirft sich der Dichter oft seinen Wünschen. An der Quelle der Sorgue, am 22. September (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 67
Adressaten und Inhaltsangaben
XI
Fam. 14,3, an den Priester Luca von Piacenza Trostbrief zum vorzeitigen Tod eines jungen Mannes. 1. Petrarca erlaubt sich keine Tränen. 2. Der Tod erinnert erneut an die Ungewissheit menschlichen Schicksals. 3. Aufzählung leiblicher und geistiger Vorzüge; keiner hat dem Freund gefehlt. 6. Dieser ist nicht gestorben, sondern täglichem Sterben entronnen und wird auferstehen. 8. Seine Tugend lebt weiter, Petrarca hat eben diese geliebt. An der Quelle der Sorgue, am 25. September (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Fam. 14,4, an den Priester Luca von Piacenza Antwort auf verschiedene Verleumdungen durch Neider. 1. Der vorgebrachte Tadel ist ungerecht. 4. Das Kläffen der Menge macht Petrarca keinen Eindruck. 7. Seine Gegner suchen nach Gründen für seinen Aufenthalt in Avignon und für sein Weggehen von dort und ertragen beides nicht. 13. Einige werfen ihm Unbeständigkeit vor. 14. Andere beschuldigen ihn des Geizes und der Habgier. 17. Petrarca will die Vorwürfe widerlegen. 18. Er macht eine Verfügung nach Art eines Testaments. 21. Einige sprechen von Argwohn; der Vorwurf ist unhaltbar. 24. Petrarca gibt Rechenschaft über ein Kirchengut und wie er es verschenkt hat. 30. Richtig ist der Vorwurf der Entrüstung. Petrarca definiert sie. An den Flüssen Babylons, am 19. Oktober (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Fam. 14,5, an den Dogen von Genua Ermahnung zum Frieden mit Venedig und zu bürgerlicher Eintracht. 1. Petrarca hat den richtigen Augenblick zum Schreiben abgewartet. 4. Die Genuesen sollen sich mit dem errungenen Sieg begnügen. 7. Ihre Tapferkeit in der Schlacht auf dem Bosporus war eine unerhörte Leistung. 11. Mit dem auswärtigen Feind hat Petrarca kein Mitleid, denn er hat Unrecht begangen; zu bedauern ist allerdings das arme Volk. 12. Hoffnung auf Sieg über die häretischen Griechen. 14. Der Kampf der Italiener solle sich gegen die Ungläubigen richten. 15. Den echten Sieg gewinne man durch gute Gesinnung. 17. Äussere Feinde zu haben, sei nützlich. Zu vermeiden seien innere Spannungen. 19. Beispiele für den Niedergang von Städten infolge moralischer Schwächen und Parteiungen in den eigenen Mauern. 22. Schilderung Genuas in seiner Glanzzeit. 27. Erinnerung an seinen Niedergang. 29. Rettung der Stadt durch die Wahl eines Dogen. Avignon, am 1. November (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81
XII
Adressaten und Inhaltsangaben
Fam. 14,6, an die Genuesen Aufmunterung zum Krieg gegen auswärtige Feinde. 1. Die Genuesen verlegen ihren Kriegsschauplatz von Osten nach Westen. 2. Ihr Gegner ist meineidig. 4. Entgegen seiner Gewohnheit ermuntert Petrarca zum Kampf. 7. Aus Goldgier hat sich der Gegner mit den Venezianern verbunden. 8. Kriege mit äusseren Feinden helfen den Genuesen, inneren Streit überwinden. (Februar oder kurz nachher 1353) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89 Fam. 14,7, an Guy de Boulogne, Kardinal-Bischof von Porto Vergebliches Warten auf die Rückkehr des Kardinals. 1. Eine erteilte Erlaubnis zur Abreise hat der Kardinal zurückgenommen; er will für den Dichter etwas Bedeutendes erwirken. 4. Petrarca wartet vergeblich auf den Kardinal. 7. Dann macht er sich in Vaucluse zur Italienreise bereit. Er bittet den Kardinal, das für ihn Bestimmte seinen Freunden zukommen zu lassen. An der Quelle der Sorgue, am 8. November (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92 Fam. 14,8, an Ponzio Sansone, Vorsteher von Cavaillon Bitte um Entschuldigung wegen einer grusslosen Abreise. 1. Petrarca hat zum voraus mit der Nachsicht des Vorstehers gerechnet; er ist stark beschäftigt. 3. Er stellt aber den Wert seiner eigenen Studien in Frage. 5. Jetzt teilt er seine bevorstehende Italienreise mit. An der Quelle der Sorgue, am 18. November (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Fam. 15,1, an seinen Lelio Aufmunterung, die Regierung der römischen Republik kraftvoll zu leiten. 1. Petrarca entschuldigt sein langes Schweigen. 3. Er arbeitet bei zunehmendem Alter mit vermehrtem Eifer. 6. Von der Tätigkeit des Freundes in Rom hat er vernommen. Er ist im Gegensatz zu vielen überzeugt, dass dem Freund daraus grosse Verdienste erwachsen. 9. Dieser darf jedoch nicht vergessen, was ein erfahrener Greis über die Kirche geäussert hat. (Vor dem 8. November 1352) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Fam. 15,2, an Francesco Nelli von der Kirche der Heiligen Apostel Über Hindernisse zu Beginn einer Reise. 1. Petrarca hat selten das Glück, bei gutem Wetter zu reisen. 3. Er übernachtet während sintflutartigen Regens beim Bischof von Cavaillon. 6. Ein Weg wird durch Kriegsleute versperrt, alle Wege sind überschwemmt. 10. Notgedrungen kehrt er an die Sorgue zurück. An der Quelle der Sorgue, am 18. November (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
Adressaten und Inhaltsangaben
XIII
Fam. 15,3, an den Grammatiker Zanobi aus Florenz Über eine verhinderte Reise. 1. Petrarca will berichten, wo er sich entgegen seinen Plänen aufhält. 5. Die Verhinderung der Reise nach Italien versteht er als Hinweis auf Gottes Willen. 8. Er wird durch einen Diener vor den Umtrieben gewarnt, die in Italien auf ihn warten. 10. Er beschreibt seine Lebensweise in Vaucluse; das Tal ist ihm Rom und Athen. 14. In Gedanken verkehrt er mit allen Freunden, auch mit den Toten aus allen Zeiten. An der Quelle der Sorgue am 22. Februar (1353). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104 Fam. 15,4, an Andrea Dandolo, den Dogen von Venedig Rechtfertigung der häufigen Ortswechsel. 1. Der Doge wundert sich über Petrarcas häufige Ortswechsel. 2. Dieser verweist auf die Vorteile des Reisens. 7. In der Jugend war der Dichter darauf sehr begierig, jetzt sucht er bloss einen ruhigen Ort zum Verweilen. 10. Doch er kann ihn nicht finden. 11. Sein Leben ist ihm ein hartes Bett, das er nur dank Veränderungen seiner Lage aushält. 14. Leichte Beweglichkeit deutet auf himmlische Abkunft des Menschen. 15. Aber Petrarcas Reisen zeugen von einer Krankheit. An der Quelle der Sorgue, am 26. Februar (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109 Fam. 15,5, an Pierre aus der Auvergne, Abt von Saint-Bénigne Über Persönliches und über den Aufschub der Italienfahrt des Cäsars. 1. Der Angesprochene kann sein langes Schweigen nicht mit seinem Schreibstil entschuldigen. 3. Petrarca dankt für eine Ermahnung. 4. Er bedauert eine verspätete Herausgabe seiner Invektive gegen die Mediziner. 6. Auch ist er enttäuscht, weil Karl IV. seine Italienfahrt aufschiebt. 9. Für die Erhaltung Italiens wird Gott selber besorgt sein. An der Quelle der Sorgue am 3. April (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Fam. 15,6, an den vorgenannten Abt Pierre Gegen feindselige Interpreten. 1. Petrarca streitet nicht mit allen Ärzten, aber mit den schlechtesten. 3. Er nimmt sich einen bestimmten vor. 5. Dieser hat gegen Petrarca eine Schrift verfasst, die von Unkenntnis zeugt. 6. Ihn ausfindig zu machen, war schwierig. 7. Aus den Kreisen der selben Gegner kommt Kritik zu Worten Petrarcas über den Stuhl Petri. Doch sie sollen den Worten nichts unterschieben. 9. Petrarca zitiert den Kirchenlehrer Hieronymus. An der Quelle der Sorgue, am 17. April (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
XIV
Adressaten und Inhaltsangaben
Fam. 15,7, an Stefano Colonna, Prior von St-Omer Von den Wirren fast in der ganzen Welt. 1. Lage in Rom. 3. Lage im cisalpinen Gallien bis zum Rubicon. 4. Lage in Venezien. 5. Lage in Tuszien. 6. Kämpfe zwischen Venedig und Genua. 8. Unruhen in der Gegend von Piceno, Ascoli und Ancona. 9. Lage in der Campagna von Latien bis Terra di Lavoro, Capua und Neapel. 10. Der Niedergang des Reiches Neapel. 11. Zustände in Gallien, Germanien, Britannien und Spanien. 13. Über Sardinien und die andern Inseln im Mittelmeer. 14. Über das häretische Griechenland. 14. Verlust der Heiligen Stätten in Jerusalem und Verluste des Christentums in Asien und Afrika. 16. Unerwartete Entwicklungen bei den Mächten Europas. 19. Ratschlag, den Wohnort nicht zu wechseln. 21. Von der Kunst, im Versteck zu leben. (1352) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120 Fam. 15,8, an seinen Lelio Beratung über die Wahl eines geeigneten Wohnortes. 1. Kein Platz auf Erden kann Petrarca gefallen, doch redet er sich ein, er befinde sich wohl, wo er ist. 4. Am liebsten wäre er in Rom; jetzt lebt er zu nahe bei Babylon. 7. Er wünscht Auskünfte über die Lage in Rom. 11. Aber verschiedene Höfe laden ihn zu sich. 15. Lautet die Antwort von Lelio ungünstig, wird er für immer an der Sorgue leben. 19. Es bleibt aber dabei, dass er in Rom zu leben wünscht. An der Quelle der Sorgue, am 24. April (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127 Fam. 15,9, an seinen Lelio Erörterung gewisser Ansichten, die gegen den Ruhm der Stadt Rom vorgebracht werden. 1. Petrarca rechtfertigt seine Ortswahl. Diese ist ehrenwert. 4. Getadelt wird sie von jenen, die Rom mit Babylon gleichsetzen. 5. Inwiefern Augustinus Rom als ein zweites Babylon bezeichnen konnte. 8. Dieser anerkennt immerhin die Auserwählung Roms zur Weltherrschaft. 11. Hieronymus hält Blitzschläge und anderes Unglück, das die römischen Hügel traf, für Strafen Gottes. 15. Petrarca setzt sich mit den beiden Kirchenlehrern auseinander. 17. Die Blitze und Erdbeben sind keine Beweise für Gottes Zorn. 26. Petrarca hält an seiner Ortswahl fest. (An der Quelle der Sorgue, im April 1352) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133 Fam. 15,10, an Ponzio Sansone Dank für eine Gabe. Petrarca weiss, er hätte den Freund aufsuchen sollen und hätte es bald auch wirklich getan. (Sommer 1351-September 1352) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140
Adressaten und Inhaltsangaben
XV
Fam. 15, 11, an Bischof Philippe von Cavaillon Vor dem Neid muss man sich verstecken. 1. Petrarca kann nicht herausfinden, was er sowohl kann wie auch will. 3. Er verlässt Avignon, als würde er nach Italien verreisen, verbirgt sich jedoch in Vaucluse. (November 1352) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 141 Fam. 15,12, an Bischof Philippe von Cavaillon Petrarca schickt dem Adressaten drei Geschenke. 2. Den von ihm verfassten Brief möchte er jedoch zurückerhalten. An der Quelle der Sorgue, am 14. Dezember (1352). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 143 Fam. 15,13, an Bischof Philippe von Cavaillon 1. Der Bischof hat Petrarcas Brief wunschgemäss zurückgesandt. 2. Er soll einen neuen erhalten, um ihn zu beurteilen. 3. Vor allem fragt der Dichter nach seiner Urteilsfähigkeit. An der Quelle der Sorgue, am 15. Dezember (1352) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 144 Fam. 15,14, an den Klerus von Padua Vom Hinschied und Ruhm des Kirchenvorstehers Ildebrandino. 1. Die Kirche von Padua hat ihren Bischof in den Himmel vorausgeschickt. 10. Dort gedenkt er der Kirche und tritt vor Gott für sie ein. 14. Sterbend hat er die Kurie um einen geeigneten Nachfolger gebeten. 15. Die meisten Menschen denken sterbend nur an sich. Beispiele. 19. Das Problem der Nachfolge stellte sich für Könige wie David und für manchen römischen Kaiser. 20. Verwerflich ist, schwache Nachfolger guten vorzuziehen. Beispiele für pflichtbewusste Vorsorge. 29. Petrarca denkt nicht daran, dem Verstorbenen zu schmeicheln. 30. Er beschreibt seinen früheren Umgang mit dem Bischof. 34. Dieser hatte umsonst versucht, ihn von der Reise nach Avignon abzuhalten. 36. Nun ermahnt Petrarca den Klerus von Padua, an Lehren und Gebräuchen des Verstorbenen festzuhalten. (Padua, November/Dezember 1352) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 Fam. 16,1, an die Kardinäle Elie de Talleyrand und Guy de Boulogne Bitte um Beurlaubung aus einem einfachen, doch triftigen Grund. 1. Petrarca verweist auf Urlaubsgesuche antiker Feldherren und nennt als Grund für sein Gesuch den Tod seines Wirtschafters. 3. Er ist mehr um seine Bibliothek besorgt als um seine Anbaufläche. 4. Dem Verstorbenen spendet er grösstes Lob für seine Zuverlässigkeit. Dieser hatte trotz mangelnder Bildung eine grosse Verehrung für Bücher. 8. Der Dichter wünscht ihm ewige Ruhe. Avignon, am 5. Januar (1353). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
XVI
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Fam. 16,2, an den Bruder Gherardo, den Kartäusermönch Ermahnung an den Bruder Gherardo, den Kartäuser. 1. Petrarca war beim Bischof von Padua zu Gast, als zwei Kartäuser bei diesem vorsprachen. 3. Die beiden berichteten von Gherardos tapferem Verhalten während der Pest. 6. Er pflegte die erkrankten Brüder. 7. Er schützte das Kloster vor Räubern und sorgte für seine Erneuerung. 10. Die Erzählenden erkennen plötzlich in Petrarca den Bruder des Gelobten. (November 1352/Mai 1353) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157 Fam. 16,3, an seinen Sokrates Gegen Freunde, welche Begehren schüren. 1. Petrarcas Abwehr richtet sich gegen einen gemeinsamen Freund, dessen Ratschlag schädlich ist. 3. Er bekräftigt seinen Vorsatz, mit seiner Habe zufrieden zu sein. 5. Er zählt seine Güter auf. 10. Seine Freunde sollen seine Freiheit respektieren. 11. Vom neuen Papst begehrt er für sich nichts. An der Quelle der Sorgue, am 28. März (1353). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 Fam. 16,4, an einen Freund Über Glaubenszweifel 1. Zweifel an der Erlösung des Menschen sind unerträglich. 2. Allerdings ist der Mensch, seit Gott es bereute, ihn geschaffen zu haben, nicht besser geworden. 4. Gottes Menschwerdung ist scheinbar überflüssig gewesen. Doch mit zunehmender Unwürdigkeit des Menschen wächst Gottes Grossmut. 5. Dafür schuldet man vermehrten Dank. 6. Zu beherzigen ist, was Augustinus über das Werk der Erlösung gesagt hat. 9. Die Schuld und die Strafe wurden uns genommen. 14. Jeder Glaubensartikel der Kirche zeigt Mittel, die unserer Erlösung dienen. 16. Sowohl Gottes Macht wie auch Gottes Güte sind unendlich. 18. An der Verzeihung zweifeln heisst, entweder seine Allmacht oder seine überragende Güte leugnen. Kain und Judas haben dieses grösste Unrecht begangen. 21. Nicht Zweifel, sondern Dankbarkeit müssen wir hegen. Am 29. März (1353). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Fam. 16,5, an einen Ungenannten 1. Man geht auf den Tod zu, selbst wenn man ins Leben zurückzukehren meint. 2. Man gehe unerschrocken. Das Tor zum Leben steht offen. 4. Was wir Tod nennen, gilt den Philosophen als Ende des Todes. (Vor oder nach Ende März 1353) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 169
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XVII
Fam. 16,6, an den Bischof Niccolò von Viterbo Ermunterung des Kranken 1. Der Bischof hat im Heer Christi eine Führerstellung übernommen. 5. Der Angriffe gibt es viele, und eine hohe Stellung schützt dagegen nicht. 7. Bis in die Einsiedelei des Dichters ist die Nachricht von der Krankheit Niccolòs gedrungen. 9. Dessen Vater leidet in seinem Sohn und befindet sich auf der Reise zu ihm. 12. Mannhaftigkeit und Gottvertrauen sollen zur Genesung beitragen. 14. Über den Schmerz urteilen die Peripatetiker richtiger als die Stoiker. 17. Als Mediziner kann der Bischof sein Leiden beurteilen; er kennt auch die Wirkung seelischer Zustände auf körperliches Befinden. 19. Niccolò wird von Petrarca und seinem Freund Sokrates in die Einsiedelei Vaucluse eingeladen, damit er sich da erhole. (15. Februar 1353) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 171 Fam. 16,7, an seinen Sokrates Sorgen nach dem Weggang eines Freundes. 1. Petrarca hat den von Sokrates gesandten Freund freudig bei sich aufgenommen. Er hat ihm sein Gut gezeigt. 3. Der Freund zeigte Lust, eine Insel aufzusuchen und lehnte Begleitung ab. 4. Zurückgekehrt ist er nicht, und Petrarca lebt in Angst. An der Quelle der Sorgue, am 1. April (1353). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177 Fam. 16,8, an seinen Lelio Über Römerinnen und die Lage in Rom. 1. Auf einer Reise spricht Petrarca römische Pilgerinnen an. 3. Sie geben ihm Auskunft über die Lage in Rom und insbesondere auch über Lelio. 4. Petrarca tadelt die Fehler des gestürzten Senators. 5. Das edle Benehmen der Pilgerinnen hält er für eine römische Besonderheit. 9. Er erkennt an ihnen die Würde antiker Frauen. 10. Er besucht den Bruder und Kartäuser Gherardo und unterhält sich mit ihm über vieles, nicht zuletzt über Lelio. An der Quelle der Sorgue, am 24. April (1353). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 179 Fam. 16,9, an Zanobi da Strada Empfehlung der Kartause von Montrieux. 1. Bericht über die Klostergründung durch Handelsleute. 6. In der Kartause hat Petrarca seinen Bruder besucht. 9. Er erfährt von schweren Anfeindungen der Mönche durch Kleintyrannen der Umgebung und durch die Kirche von Marseille. 12. Einst hatte Carlo d’Angiò den Kartäusern Schutzbrief und Protektion genehmigt. 13. Sich eines solchen Beistands auf Dauer zu versichern, haben sie in ruhigeren Tagen vernachlässigt. 17. Petrarca entspricht einem Wunsch der Mönche, sich am Hof von Neapel für das Kloster einzusetzen. (April 1353) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 183
XVIII
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Fam. 16,10, an Zanobi da Strada Neuer Entschluss zur Abreise nach Italien. 1. Zur Bedeutung des Wortes intercedere. 2. Petrarcas Einsiedelei leidet unter der Nachbarschaft von Avignon. 2. In Italien können die Zustände nur besser sein. 3. Deshalb ist Petrarca nun entschlossen, die Reise nicht mehr aufzuschieben. Babylon, am 28. April (1353) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 189 Fam. 16, 11, an Francesco Nelli von der Kirche der Heiligen Apostel Über den Wert der Zeit. 1. Über Raritäten. 2. Petrarca lernt den Wert der Zeit kennen, da sie entflieht. 4. Er nennt, was er der Zeit einst fälschlicherweise vorzog. 6. Von nun an wird er nur noch kurze Briefe schreiben. 8. Er berichtet von seiner Abmachung mit dem Stadtherrn von Mailand. 11. Er schildert seinen Wohnort bei Sant’Ambrogio, wo ihn ein Bildnis dieses Kirchenvaters beglückt. Mailand, am 23. August (1353). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 191 Fam. 16,12, an Francesco Nelli Vertraulich. 1. Zur Erledigung vieler Dinge muss Petrarca eine einzige Nacht genügen. 3. Der Dichter freut sich über das Verständnis des Freundes. 5. Er rechnet mit grossem Unverständnis der Menge. 7. Er hat der Notwendigkeit gehorcht. 8. Die Bitten des mailändischen Herrn waren Befehle. 9. Dessen Freundlichkeit hat ihn besiegt. Mailand, am 27. August (1353). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 195 Fam. 16,13, an Francesco Nelli Fabel zum Beleg, dass alles, was man tut, seine Tadler finde. (1353) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 199 Fam. 16,14, an Francesco Nelli Die Menschen sorgen sich mehr um ihre Schreibart als um ihre Lebensweise. 1. Petrarca lacht, weil der Freund sich eines Grammatikfehlers bezichtigt. 2. Probleme der Grammatik waren auch Cicero oft lästig. 5. Darin besteht eine Verkehrtheit der Menschen, veränderbare Regeln wichtiger zu nehmen als das ewige Gesetz. 12. Grössten Tadel verdient die Theologie. 14. Petrarcas Ruhe und Freiheit werden vermindert; das wird ihm vielleicht zum Guten gereichen. 17. Mit dem Freund teilt er alles, was er hat. Mailand, am 16. September (1353). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 201
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XIX
Fam. 17,1, an den Bruder Gherardo, den Kartäuser Über wahre Philosophie, wahres Gesetz und ihren wahren Lehrer. 1. Petrarca ist erstaunt über einen kenntnisreichen Brief des Bruders. 3. Er lobt dessen Lehrmeister Christus. 5. Echte Philosophie findet man nicht an den Bildungszentren. 8. Philosophie wäre die Kunst, auf das wahre Ziel hin zu leben, wäre Liebe zur Weisheit. 11. Das lernte Petrarca von Augustin und anderen Autoritäten. Von den vorchristlichen Philosophen kam Platon der wahren Philosophie am nächsten. 13. Er wusste, Gott ist das Ziel, das wahre Gut; es geniessen, ist wahres Glück. 15. Philosophie als Liebe zur Weisheit ist Liebe zu Gott-Sohn, der die Weisheit ist. 18. Durch diese Weisheit wurde und besteht alle Kreatur. 20. Der Liebhaber wahrer Weisheit muss Verehrer Christi sein. 23. Dieser ist als Weisheit auch das wahre Gesetz, das sich aller Kreatur mitteilt. 25 Er hat das Gesetz des alten Testamentes erfüllt und das Gesetz der Gnade gebracht. 27. Das alte Gesetz brachte Verheissungen; sie wurden offenbar, als der Vorhang des Tempels zerriss. 30. Cicero hat das wahre Gesetz glänzend definiert. 38. Die Grösse der alten Philosophen zerfällt neben der Grösse Christi. 44. Petrarca hat diesem Brief bewusst viele wörtliche Zitate eingefügt. Monza, am 7. November (1353). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 207 Fam. 17,2, an einen ungebärdigen jungen Mann 1. Petrarca klagt über bedenkliche Gerüchte. Er strafte den jungen Mann bisher mit Schweigen und denkt an härtere Strafen. 2. Er hofft aber auf Besserung. (Herbst 1353) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 218 Fam. 17,3, an Guido Sette, Archidiakon von Genua Über allgemeine Schwierigkeiten und eine unglückliche Unternehmung der Genuesen. 1. Petrarca ist froh, dass der Freund das Unglück Genuas nicht mitansehen muss. 3. Kein Ort auf Erden ist frei von schweren Unruhen. 5. Trotzdem darf man nicht freiwillig aus dem Leben scheiden. 11. Den Freund erwartet Petrarca in Italien. Materielle Rücksichten dürfen ihn nicht in Avignon festhalten. 15. Die genuesische Niederlage wirkt bestürzend. 8. Unerwartete Schicksalsschläge beweisen die Unbeständigkeit der Fortuna. 20. Das lehrt auch die Geschichte. 26. Der Wechsel hat teils angenehme Wirkungen. 31. Grossreiche und Städte können, weil langlebig, dem Wandel nicht entgehen. 34. Den Genuesen hatte Petrarca vergebens Einigkeit empfohlen, 36. Sein Aufruf zu tapferem Durchhalten kam zu spät. 41. Die Glanzzeit Genuas scheint beendet zu sein. 44. Alle Grossreiche haben ein Ende gefunden. 47. Auslegung zu einer Vision Nebukadnezzars. (September 1353) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
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Adressaten und Inhaltsangaben
Fam. 17,4, an Guido Sette Zur Niederlage der Genuesen. 1. In Mailand ist eine genuesische Gesandtschaft eingetroffen. Petrarca wird mit Hofleuten in den Ratsaal des Stadtherrn gerufen. 3. Er findet eine Gelegenheit, sich mit dem Haupt der Gesandtschaft zu unterhalten. 5. Er gibt dessen Ansichten wieder. 6. Die Bitte einiger Räte, der Gesandtschaft zu antworten, lehnt er ab. 7. Die Versprechungen des Erzbischofs wirken ermutigend. 10. Petrarca hofft auf Verbesserung der genuesischen Lage durch Einherrschaft. 12. Er schliesst mit Zitaten Augustins. (Oktober 1353) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233 Fam. 17,5, an Guido Sette Lob des Landlebens. 1. Mahnung, sich Heiterem zuzuwenden. 3. Erholung bietet das Leben auf dem Land. 4. Der Adressat, der sich in Vaucluse aufgehalten hat, wird ermuntert, das oft zu tun. Ihm und Sokrates wird die Aufsicht über das Landgut anempfohlen. 9. Petrarca gibt Ratschläge für rechtzeitiges Pflanzen. 11. Er beschreibt die Gegend, in der er sich aufhält. 15. Dabei denkt er an Vaucluse und seine Freunde zurück. Am 21. Oktober auf dem Kastell San Colombano (1353). . . . . . . . . . . . . . . . 238 Fam. 17,6, an Bernardo Anguissola, Statthalter in Como 1. Petrarca nennt Gründe, den Freund zu besuchen. 2. Sein Versprechen kann er wegen der schlechten Witterung nicht halten. 3. Sein Herr (Visconti) schickt ihn über die Alpen, damit er zwischen zwei Mächten Frieden vermittle. (Ende 1353) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242 Fam. 17,7, an Bernardo Anguissola Petrarca bittet den Freund, einem Deutschen, der mit einem päpstlichen Legaten nach Italien gekommen war, den Weg in die Heimat zu weisen. (Juli 1354) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 Fam. 17,8, an Bruder Matteo von Como Das Verlangen nach Weiterbildung ist ehrenhaft, nicht aber das nach grösserer Habe. 1. Vom Unterschied zwischen dem Begehren nach materiellem Reichtum und dem nach Wissen und Weisheit. Das erste macht arm, das andere reich. 3. Geld kann man in Behältnissen ruhen lassen, das Gedächtnis aber bedarf ständiger Pflege bis zum Tode. 5. Grosse Vorbilder aus der Antike. 10. Der Adressat ist reich an Büchern. Was er jetzt sucht, besitzt Petrarca nicht. (Oktober/Dezember 1353) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 246
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Fam. 17,9, an Marco von Genua Wer sehr liebt, urteilt falsch. 1. Das alte Wort verliere durch neuen Gebrauch nicht an Wahrheit. 2. Der Freund möge den Schaden beachten, den sein blindes Urteil anrichten könne. 3. Vor den Freunden will Petrarca nichts verstecken; sie sollen sehen, was sie beurteilen. (Oktober/Dezember 1353) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 Fam. 17,10, an Giovanni (Aghinolfi) von Arezzo Warum man das eine will und das andere tut. 1. Dank für einen Brief. 3. Die Vorwürfe seien berechtigt. Aber Petrarcas Fehler seien die von jedermann. 6. Hauptfrage: Weshalb er als Freund der Einsamkeit sich in städtische Geschäfte verwickle. 9. Petrarca habe die Bitte seines Herrn als Befehl betrachten müssen. 10. Er tue nicht, was er wolle, sondern was er nicht wolle. 14. Er streite mit sich an der Stätte, wo Augustinus einst seinen inneren Widerstreit beendete. 20. Über die beiden gegensätzlichen Willen. 24. Petrarca habe den Willen, dem besseren Willen zu gehorchen. Doch ihm schade sein vorzeitiger Ruhm. 26. Umsonst versuche er, ihm zu entfliehen. 28. Unter seinen Geschäften sehne er sich nach Musse. Mailand, am 1. Januar (1354). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Fam. 18,1, an Karl IV. Antwort auf einen Brief Karls, in dem die Verzögerung der Italienfahrt begründet wurde. 1. Hinweis auf die verspätete Ankunft des kaiserlichen Schreibens. 3. Petrarca erhalte Lob auf seine Treue, aber sein Rat werde nicht angenommen. 6. Er mahne zu Raschheit, nicht zu überstürzter, doch zu besonnener. 11. Die Lage in Italien sei Karl günstig. Sein Hinweis auf ruhigere Verhältnisse in der Antike sei unrichtig. 17. Ein Umschwung zum Guten sei für den Mutigen noch immer erreichbar. 21. Das Imperium sei in der Tat „ein wildes Tier“; ein Kaiser aber vermöge dieses Tier zu bändigen. 26. Das Eisen sei erst als das letzte aller Heilmittel einzusetzen, doch habe der Kaiser alle anderen schon erfolglos angewandt. 30. Beispiele für kühnes Handeln in der Antike. 36. Missstände bedeuteten eine Aufforderung an die Macht des Kaisers. 37. Italien habe schon immer unter Kriegen und Aufständen gelitten, und immer sei Handeln nötig gewesen. 45. Mangel an Geld und Gefolgschaft könne im Krieg behoben werden. Am 23. November (1353). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 259
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Adressaten und Inhaltsangaben
Fam. 18,2, an Nikolaos Sygeros Dank an den griechischen Prätor Sygeros für die Sendung eines Buches. 1. Der Adressat hat ein Geschenk geschickt. 3. Nicht ein materieller Wert zeichnet es aus, sondern ein geistiger. 5. Einen Homer hat Petrarca empfangen. 7. Der Spender kann dem Empfänger nicht als Griechischlehrer helfen, und einen andern hat Petrarca nicht. 11. Einen Text Platons besass er schon; doch hofft er seine Kenntnisse des Griechischen zu verbessern. 13. Er bittet noch um Hesiod und Euripides. Mailand, am 10. Januar (1354). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271 Fam. 18,3, an Giovanni von Certaldo (Boccaccio) Dank für die Zusendung von Augustins Schrift zum Psalter Davids. 1. Petrarca dankt für die Gabe; sie bedeutet ihm so viel wie ein Schiff für eine wogende See. 3. Das Studium des Werks wird die letzten Mussestunden aufschlucken. 6. Ein Wunder, dass der Verfasser zur Niederschrift nicht alle Lebenstage benötigte. 9. Der Band ist auch von grosser Schönheit. 10. Petrarca hat ihn sehnlichst erwartet. (Mailand, am 11. April 1355) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275 Fam. 18,4, an Giovanni von Certaldo (Boccaccio) Dank für die Übersendung von Schriften Varros und Ciceros. 1. Petrarca hat in einem Band vereint kleine Schriften Ciceros und Varros geschenkt erhalten. Boccaccio hat sie selber kopiert. 2. Dass Boccaccio einst als Dichter berühmt werde, ist denkbar. 3. Nicht leicht hätte er ein anderes Paar Autoren von gleicher Bedeutung vereinen können. 4. Nur unter Bedenken wagt Petrarca zu verraten, wen er von den beiden für den Grösseren halte. (Mailand, Anfang Dezember 1355) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 278 Fam. 18,5, an den Kartäuser Gherardo Oft enthalten die Bücher der Gelehrten mehr Fehler als die anderer Leute. 1. Der Bruder darf nicht hoffen, die übersandte Schrift sei fehlerfrei, weil sie Petrarca gehört habe. Die Liebe verfälscht sein Urteil. 4. Viele Gelehrte vermeiden bescheidene Arbeiten wie Ausstattung und Korrektur der Bücher. 6. Um solche bemühen sich eher die weniger Gebildeten. Mit groben Fehlern braucht der Bruder aber nicht zu rechnen. Mailand, am 25. April (1354). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 280
Adressaten und Inhaltsangaben
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Fam. 18,6, an den Pfarrer Forese Donati Über grosse Verschiedenheit des Verhaltens bei Wesen der selben Gattung. 1. Liebenswürdige Vorwürfe des Freundes haben Petrarca gefreut. 2. Über verschiedene Ausdrucksweisen von Gattung zu Gattung staunt man nicht, aber über die Vielfalt in ein und der selben Gattung. 3. Erfahrungen mit einem monströsen Hausgenossen. 6. Oft kann in der Freundschaft ein kleines Vergehen gute Folgen haben, und grösste Not vermag Stummheit zu brechen. Mailand, am 15. März (1354/1355). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 283 Fam. 18,7, an Francesco Nelli von der Kirche der Heiligen Apostel Oft sei etwas um so erfreulicher je weniger ausgefeilt. 1. Die rasch hingeworfene Epistel hat Freude bereitet. 3. Beispiele für den Reiz des Ungepflegten. 4. Petrarca will sich kurz fassen, darum von häuslichen Geschäften im Brief nichts berichten. Ohnehin sind sie ihm völlig fremd. Seine Leidenschaft für Bücher leugnet er dagegen nicht. 6. Aber Cicero hegte sie auch. 7. Verschiedene Briefe an Nelli sind von Strebern abgefangen worden. Diese sind dem Dichter verächtlich. Mailand, am 1. April (1355). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286 Fam. 18,8, an Francesco Nelli In Gesprächen unter Freunden genüge das Vertrauen; nach dem Stil habe man nicht zu fragen. 1. Niemand dürfe denken, Petrarca kümmere sich in Freundesbriefen sehr um seinen Stil. 3. Den guten Stil, den er da nicht bietet, fordert er auch nicht von andern. Wichtig ist nur die Verständlichkeit des Gesagten. 4. Und am Freund ist einzig die Freundestreue wichtig, da ohnehin Glücksgüter blosse Zufälligkeiten sind. 5. Durch Zufall findet man in Rom Kulturgüter aus der Antike. 10. Petrarca spricht mit Freunden wie mit sich selber und ist dabei der Nachlässigkeit verfallen. 11. Er legt einem Freund nicht feste Ergebnisse seiner Überlegungen vor, sondern macht ihn zum Teilnehmer an einem Denkvorgang. 14. Das hat auch Cicero so gehalten. 16. Allerdings sucht Petrarca mit besonderer Wortwahl oft grössere Wirkung zu erzielen. 17. Deshalb schickt er eine Ergänzung zum vorangehenden Brief. (April/Juli 1355) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
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Fam. 18,9, an Francesco Nelli Ein deutliches Anzeichen für persönlichen Wert ist Unbekanntheit in der Menge. 1. Petrarca merkt in einem Gespräch mit einem Florentiner, dass Nelli in seiner Vaterstadt wenig bekannt ist. 2. Bedeutende Menschen, unter ihnen grosse Philosophen, waren der Menge auch nicht bekannt. 3. Der Florentiner konnte sich über Petrarcas Lob auf Nelli vor Staunen kaum fassen. (April/Juli 1355) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294 Fam. 18,10, an Francesco Nelli Vorschriften Varros über das Gastmahl. 1. Bei Nelli haben sich Freunde versammelt, denen Petrarca Verhaltensregeln aus Varro zitiert. 4. Er fügt solche für Diener und Gastgeber an. 5. Nellis Einladungen übertreffen die Gebräuche der Antike durch Vornehmheit. 6. Petrarca ist dank seinen Briefen gegenwärtig. (April/Juli 1355) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296 Fam. 18,11, an Francesco Nelli 1. Petrarca fragt nach dem Aufenthaltsort eines Freundes. 2. Dieser hat wegen politischer Unruhen seine Studien unterbrochen. 3. Ein Buch, das er einst Petrarca geliehen hat, soll ihm durch den Adressaten zugestellt werden. Mailand, am 14. November (1353/1355) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 298 Fam. 18,12, an Lapo da Castiglionchio Viel schlimmer ist der Verlust an Schriften grosser Gelehrter als der an Orakeln alter Götter. 1. Klage über den Mangel an Kopien der Werke antiker Schriftsteller. 3. Petrarca entschliesst sich, einen Text Ciceros selber zu kopieren. 4. Dabei beobachtet er eine Methode, die er zur Nachahmung empfiehlt. 6. Sie erlaubt, das Lästige an der Arbeit zu übersehen. 9. Um Ciceros Ruhm zu fördern, opferte er sogar den letzten Rest seiner Zeit. (November 1353/1355) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 300 Fam. 18,13, an den Grammatiker Crotto aus Bergamo Vergleich zwischen den Leistungen Ciceros und den Mühen des Herkules. 1. Petrarca hat vernommen, dass Crotto Bücher von Cicero besitzt. 3. Vom Lob auf den Redner geht er zum Bitten über. Er hofft auf Leihgaben. (21. August 1355) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303
Adressaten und Inhaltsangaben
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Fam. 18,14, an den Grammatiker Crotto aus Bergamo Lob auf Ciceros Gespräche in Tusculum und auf Cicero selber. 1. Petrarca hat von Crotto Werke Ciceros als Leihgabe erhalten. 2. Zu den Taten des Herkules gibt es Parallelen bei Cicero. 3. Petrarca kann das mit Leichtigkeit belegen. 4. Die Taten Ciceros sind denen von Herkules jedoch weit überlegen. 5. Petrarca hält Cicero für das grösste Sprachgenie der lateinischen Antike. 7. Seine Meinung stützt sich nicht zuletzt auf Urteile Senecas und Quintilians. 11. Die ihm gesandte Abschrift ist fehlerfrei. Mailand, am 1. September (1355). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305 Fam. 18,15, an Giovanni von Certaldo (Boccaccio) Kein Geschoss Fortunas fliegt hinauf in die Burg der Vernunft. 1. Petrarca verweist dem Freund sein vieles Klagen. 2. Dass Boccaccio nicht als Poet bezeichnet werden will, quittiert Petrarca mit Spott. 4. Eingetroffen sind bei ihm die vom Adressaten gesandten Bücher; und dass sein Dankesbrief nie ankam, wundert ihn nicht. Der Bote wird manches mündlich berichten. Mailand, am 20. Dezember (1355). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309 Fam. 18,16, an Andrea Dandolo, den Dogen von Venedig Warnung vor Kriegsplänen. 1. Petrarca erinnert an seinen früheren Brief ähnlichen Inhalts. 3. Er gedenkt auch der von Mailand versuchten, ihm anvertrauten Friedensvermittlung. 4. Seine Bemühungen in Venedig waren vergeblich. 5. Verhängnisvoll war das Gerücht von sich nahenden ausländischen Söldnertruppen. 6. Keinen grösseren Wahnsinn gibt es, als für den Kampf unter Italienern sich fremder Söldner zu bedienen. 8. Aus Venedig hat Petrarca nur Selbstvorwürfe heim getragen. 11. Die Hoffnung auf eine Gesinnungsänderung des Dogen gibt er nicht auf. 13. Er schildert erneut das Unglück eines Krieges. 17. Der Doge könnte den Herrn von Mailand zum Freund haben, wenn er wollte. 19. Unfassbar, dass er die Republik den Söldner ausliefern könnte. 28. Er soll sich den Namen eines Friedensstifters verdienen. Der Dichter nimmt Gott und seinen Brief zum Zeugen, dass er die Kriegspläne verurteilt. Mailand, am 28. Mai (1354). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311 Fam. 19,1, an Karl IV. Glückwunsch zur lang erwarteten Ankunft. 1. Petrarca findet vor Freude kaum Worte. 2. Karl gilt ihm bereits als wahrhafter Cäsar. 3. Alles jubelt, den lang Erwarteten zu empfangen. (Mitte Oktober 1354) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318
XXVI
Adressaten und Inhaltsangaben
Fam. 19,2, an Zanobi da Strada Beschreibung eines besonders kalten Winters. 1. Der Norden Italiens leidet unter aussergewöhnlichem Winterwetter. 2. Petrarca hört in Mantua Karl IV. von der grossen Kälte in Germanien sprechen und vermutet eine geheimere Ursache. Er hätte auf Briefe Zanobis trotz der Kälte geantwortet, doch er hat sie nicht rechtzeitig empfangen. 6. Immer wieder erreichen Briefe ihre Adressaten nicht; sie werden oft auf ihrem halben Weg abgefangen. Am 27. Dezember (Mailand 1354). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 320 Fam. 19,3, an seinen Lelio Falscher Ruhm sei nicht zu begehren und wahrer nicht zu verschmähen. 1. Lelio sei aus Liebe leichtgläubig wie seine Namensvettern in der Antike. An Friedensverhandlungen in Mantua hat Petrarca nicht teilgenommen. 8. Doch Karl IV. hat ihn dorthin gerufen. 9. Schilderung der Reise dorthin durch eisige Kälte. 11. Freundschaftlicher Empfang durch den Fürsten. 12. Gespräche über Werke Petrarcas. 14. Geschenke Petrarcas, die Karl gefallen. 16. Auf dessen Verlangen erzählt Petrarca sein Leben. 19. Streit über den Wert des Einsiedlerlebens. 22. Karl bittet den Dichter vergeblich um Begleitung nach Rom. 25. Petrarca vergleicht sein ruhmvolles Erlebnis mit einem ähnlichen Platons. (Mailand, Februar 1355) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322 Fam. 19,4, an Karl IV. Empfehlung seines Freundes Lelio. 1. Die Freundlichkeit des Kaisers ermutigt Petrarca, eine Bitte vorzutragen. 3. Er rühmt die Urteilskraft des Kaisers. 4. Er zählt die Persönlichkeiten auf, bei denen sein Freund Ansehen geniesst. 5. Auch erinnert er den Kaiser an eine Begebenheit in Avignon. 7. Er versichert, dass für Lelio alle seine hohen Freunde vor dem Kaiser eintreten würden. Mailand, am 25. Februar (1355). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330
Fam. 19,5, an den Grammatiker Moggio von Parma Aufmunterung zu gemeinsamen Studien. 1. Ein Wunsch, den Petrarcas Sohn dem Adressaten ausgedrückt hat, wird unterstützt. 2. Moggio wird eingeladen, als Freund bei Petrarca zu wohnen. 4. Er soll da über sein Leben völlig frei verfügen. 5. Doch wird er gebeten, sich um die Weiterbildung von Petrarcas Sohn zu kümmern. 7. Der Dichter verspricht ihm eine Freiheit, die er wegen seines Ruhmes selber nicht geniesst. 9. Den Freunden wird in Mailand Ambrosius nahe sein. Mailand, am 1. Mai (1355). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 333
Adressaten und Inhaltsangaben
XXVII
Fam. 19,6, an Francesco Nelli von der Kirche der Heiligen Apostel Empfehlung eines Rompilgers. 1. Petrarca lobt den Rompilger; er kennt ihn seit vielen Jahren. 2. Dieser kann über das Leben des Dichters gewissermassen Auskunft geben. (Ende Dezember 1355) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336 Fam. 19,7, an Francesco Nelli Dank für einen Bescheid über den Rompilger. 1. Viele Gedanken, die Petrarca nachts dem Gedächtnis anvertraut, kann er am Tag aus Zeitmangel nicht niederschreiben. 4. Eine geplante Romreise verschiebt er wegen Unruhen in Ligurien auf später. (Februar/März 1356) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 338 Fam. 19,8, an den Archidiakon Guido Sette von Genua Guido Sette rühmt sich, in Petrarcas Briefen genannt zu werden. 1. Petrarca weiss, dass die Freundschaft ihm Wertschätzung verschafft. 2. Jeder sucht eher das ihm Liebe und Vertraute als das Wertvollere. 5. Der Dichter bittet um Nachsicht, da er den Freunden die Plätze nicht gemäss ihrer Würde zuweisen kann. (1355/1356) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 340 Fam. 19,9, an Guido Sette Dem in Gallien Weilenden wird von den Unruhen in Italien und insbesondere von der Hinrichtung des Dogen von Venedig berichtet. 1. Petrarca klagt über unablässige Wirren in ganz Italien. 9. Er erwähnt Unruhen, die dem Adressaten schon bekannt sind. 11. Er wendet sich Venedig zu; seine Mahnungen zum Frieden quälten den Dogen, ohne ihn zu bekehren. 20. Diesem ersparte der Tod den Anblick der besiegten Stadt. 22. Bericht von der Wahl und Ermordung des neuen Dogen Falier. Mailand, am 24. April (1355). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 342 Fam. 19,10, an Guido Sette Zweifel, ob dem neu gewählten Erzbischof Mitfreude oder Mitleid auszudrücken sei. 1. Die neue Würde raubt dem Freund Ruhe und Freiheit. 2. Doch besser ist es, ein Diener Gottes als wie bisher ein Diener der Menschen zu sein. Der Angesprochene ist auf sein neues Amt bestens vorbereitet. 4. Petrarca will auf Ratschläge verzichten und bloss einen Segensruf nachschicken. (Juli/August 1358) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 350
XXVIII
Adressaten und Inhaltsangaben
Fam. 19, 11, an den venezianischen Kanzler Benintendi Wer durch fremdes Lob erregt wird, muss zur Feste der Vernunft und zum eigenen Gewissen flüchten. 1. Ein Brief voller Lob bringt den Dichter zum Erröten. 2. Doch Vernunft und Gewissen schützen Petrarca gegen den Zwang einer beredten Liebe. 4. An der Aufrichtigkeit des Freundes zweifelt er nicht. 5. Die Tore der Freundschaft hat er ihm längst aufgetan. 6. Freundschaften schliesst er nie unbedacht; geschlossene löst er nicht auf. 9. Er schickt dem Freund die gewünschten Werke. 10. Auch empfiehlt er ihm zwei Musiker. Mailand, am 19./26. Mai (1356). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 352 Fam. 19,12, an Karl IV., den römischen Kaiser Vorwurf wegen des Abzugs aus Italien. 1. Die Lage Italiens hat sich seit der Ankunft Karls völlig verändert. 3. Karls Abzug ist so viel wie eine Flucht. 4. Er bleibt trotz Kaisertitel blosser König von Böhmen. 7. Das Geschenk des Kaisers für Petrarca ist diesem ein Anlass zu grossem Schmerz. (Mailand, Juni 1355) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 356 Fam. 19,13, an Francesco Nelli, Vorsteher der Apostelkirche Über die Gesandtschaft zum Kaiser. 1. Petrarca wird bis fast zum Nordmeer gesandt. 3. Er geht in der Hoffnung, sein Auftrag werde den politischen Frieden fördern. Bei dieser Gelegenheit wird er dem Kaiser seine schmähliche Flucht aus Italien vorhalten. Mailand, am 19. Mai (1356). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 359 Fam. 19,14, an Francesco Nelli Mitteilung von der Rückkehr. 1. Petrarca hat für Briefe kaum Zeit. Er stellt aber den Vorrang Italiens über alle Länder fest. 3. Dem Adressaten empfiehlt er, sich vom Briefboten Wissenswertes erzählen zu lassen. Mailand, am 20. September (1356). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 361 Fam. 19,15, an Francesco Nelli 1. Petrarca hat in Germanien erkannt, was zum Lob auf Italien zu sagen wäre. 2. Er hat darüber zu schreiben begonnen, aber wegen der Fülle der Gedanken und der mangelnden Zeit die Feder wieder weggelegt. 3. In Mailand hat die Lage sich beruhigt. Mailand, am 30 Mai (1357). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 363
Adressaten und Inhaltsangaben
XXIX
Fam. 19,16, an Guido Sette, den Erzbischof von Genua Bericht über den eigenen Zustand. 1. Der Freund hat schon früher über die Lebensweise Petrarcas Bescheid erhalten. 3. Dieser liest und schreibt und gönnt sich nur die nötigste Erholung. 5. Da die Zahl der Aufgaben wächst, arbeitet Petrarca immer rascher. 7. Über seinen Erfolg entscheidet ein anderer. 9. Die Hoffnung auf Gottes Hilfe im Tod bleibt bestehen. 12. Noch immer sucht Petrarca in allem die Mitte der Extreme. Aber sein Ruhm gefährdet diese Position. 14. Er findet in Mailand Ruhe und Ansehen bei jedermann. 23. Den Sommer verbringt er in Garegnano; er geniesst die reizvolle Landschaft und die Freundlichkeit der Bevölkerung. 27. Doch vermisst er die Freunde. Dabei schätzt er den Verkehr mit den Mönchen des Kartäuserklosters ebendort. (Mailand/Garegnano, Juni/August 1357) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 365 Fam. 19,17, an Guido Sette Gleiches Thema wie im vorangehenden Brief. 1. Ein Gerücht spricht vom Reichtum Petrarcas. 2. Dieser leugnet nicht eine Vermehrung seiner Güter. 3. Es gehört zum Wesen des Reichtums, Begehren zu steigern; doch dieses Begehren kennt Petrarca nicht. 4. Das Mittelmass zwischen Reichtum und Armut bewahrt ihn vor gefährlichen Ansprüchen. 6. Doch gehört es auch zum Wesen des Reichtums, dass mit seiner Vermehrung die Schar der Verzehrer zunimmt. 8. Gold hortet Petrarca nicht, sondern lässt es weitergehen. 9. Für seinen Sohn erhofft er eine gute Entwicklung. Er ist begabt. 11. Bücherwissen aber lehnt er ab. 12. Hauptsache, er wird ein guter Mensch. (Sommer 1357) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 373 Fam. 19,18, an Bruder Iacopo vom Augustinerorden, Tyrann von Pavia Geharnischte und vielfältige Schelte. 1. Petrarca beschwört den Augustiner zum wiederholten Mal, sich von Kriegsplänen abzukehren. 4. Zitate aus Augustinus und den heiligen Schriften, die zum Frieden mahnen. 11. Der Augustiner diene im Gewand Christi dem Kriegsgott. 12. Er hindere Tausende von Menschen, in Frieden zu leben. 16. Mit Beredsamkeit und ohne Waffen glorreiche Kriege führen zu wollen, sei unerhörte Torheit. 18. Dabei missachte er über dem Ruhm der Beredsamkeit sein Gewissen. 20. Der Bruder wolle die dreifache Leistung eines Cato und Scipio vollbringen. 22. Doch sei er nicht einmal ein wahrer Redner, da er kein guter Mensch sei. 24. Mit Redekunst habe er Pavia zerstört. 30. Keiner der alten Feldherrn habe so unbesonnen auf geringe Mittel vertraut. 33. Die Gutgläubigkeit des Volkes missbrauche er. 35. Nur spottend lasse sich von Erfolgen sprechen. 42. Caesar sei nur bedingt ein Vorbild. 43. Das Wohl des Augustinerordens müsse der Bruder im Auge behalten. Mailand, am 25. März (1359). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 377
XXX
Adressaten und Inhaltsangaben
Fam. 20,1, an Neri Morando von Forlì Verdammung der gegenwärtigen und Voraussage der späteren Lage. Von der Macht des Goldes. 1. Da die Zukunft noch schlechter sein wird, ist es ein Trost, dass man nicht später geboren wurde. 5. Das kurze Leben auf der Welt ist ein langer Tod. 6. Schlimmer als äussere Feinde sind die eigenen Laster. Man fördert sie mit zunehmendem Alter. 8. Ein Beispiel: Kaiser Tiberius. 10. Schlechter ist es, Verbrechen zu wollen, als Verbrecher zu sein. 10. Man lebt unter Sündern, und fliehen kann man nicht. 14. Da wir die Hilfe des Himmels ausschlagen, erobern die Laster unsere Seele wie die Krieger einst Ilion. 17. Das eigentliche Thema: Dem Kaiser, der Italien fluchtartig verliess, hat der Dichter einen Tadel nachgeschickt. 20. Doch in Pisa hat sich der Kaiser richtig verhalten. 20. Mächtiger als alles ist das Gold. (Juni 1355) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 388 Fam. 20,2, an Neri Morando Überall sei die römische Kaisergewalt glücklicher als unter dem Arktos. 1. Petrarca füge dem beendeten Schreiben eine kürzere Antwort auf das neue Schreiben an. 2. Er meint aber, seinen Kummer selbst im Schweigen auszudrücken. 3. Das Kaisertum findet im Norden nicht die ihm nötige Wärme. 4. Des Cäsars unwürdig ist eine Unterwerfung seiner Macht unter einen Papst. 5. Dass das Pferd des päpstlichen Gesandten gegen den Kaiser ausschlug, bereitet ihm geringe Sorgen. 6. Er tadelt aber, dass der Papst dem Kaiser den Aufenthalt in Rom verbietet und dass dieser nur gekommen ist, um die Kaiserkrone zu holen. 8. Er lobt seinen Freund Lelio. (Juni 1355) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 395 Fam. 20,3, an Galeotto Spinola Ermahnung, die Leitung der Republik Genua zu übernehmen. 1. Petrarca freut sich über politische Pläne des Angesprochenen. 2. Er dankt dem Schicksal, das den Verbannten nach Mailand verschlagen hat. 3. Auch ermahnt er ihn, auf eine leitende Stellung in Genua nicht wegen seines Alters zu verzichten. Mailand, am 18. Dezember (1357). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 399
Adressaten und Inhaltsangaben
XXXI
Fam. 20,4, an den Genuesen Marco Ermahnung, bei begonnenen Studien auszuharren. Über antike Redner und Rechtsgelehrte und über moderne Advokaten. 1. Für Petrarca ist es gefährlich, über Jurisprudenz zu sprechen. 4. Ob er seine Rechtsstudien bedauern soll, bleibt ihm unklar. 6. Man muss das Studium wählen, für das man sich eignet. 8. Von der Wertschätzung der frühesten Rechtsprechung. Der Rechtsgelehrte Solon wandte sich im Alter der Dichtung zu. 11. Der Rechtsgelehrte war Redner. 12. Die Leistung Justinians. 13. Die Bewältigung der verschiedenen Teilgebiete der Jurisprudenz stellten ungeheure Anforderungen an die Juristen. 16. Von der höchsten Stufe ist die Rechtswissenschaft zu einer unteren und noch tieferen abgesunken. Vertreter der verschiedenen Stufen. 25. Gute Juristen sind jetzt selten; doch bleibt ihre Wissenschaft an sich gut. 30. Bei allen Taten kommt es auf die Gesinnung an, und über diese urteilt nur Gott. 34. Hindernisse im Studium sind zahlreich. 37. Wichtig ist vor allem, dauerndes Schwanken aufzugeben. Mailand, am 28. Mai (1355–1359). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 401 Fam. 20,5, an Barbato da Sulmona Bitte um grössere Vorsicht. 1. Verehrende Worte über Niccolò Acciaiuoli. 2. Von zwei Personen, die sich Barbato als Freunde Petrarcas vorstellten. 3. Die eine von ihnen hatte der Dichter mit Werken zu Barbato geschickt. 4. Unruhen in Ligurien haben Petrarca an einer Reise in den Süden gehindert. 27. August (Mailand 1358). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 410 Fam. 20,6, an Francesco Nelli, Vorsteher an der Apostelkirche Beschwerde wegen abgefangener Briefe. 1. Gründe für langes Schweigen: Forschungen und Schreibwut. 2. Freimütige Aussagen kann man nicht verschicken. 4. Häufig erreichen Briefe den Adressaten nicht. 6. Auf dem Rückweg von Padua hat Petrarca zwei Briefe Nellis entdeckt; einer wurde ihm überlassen. 7. Petrarca freut sich über den Besuch eines Freundes (Boccaccio). Auskunft über sein Leben kann dem Freund der Briefbote geben. (März 1359) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 412 Fam. 20,7, an Francesco Nelli 1. Neue Klage über Zeitknappheit. 2. Nach kurzem Aufenthalt in Mailand ist Boccaccio bei schlechtem Wetter abgereist. 5. Nelli ist hinsichtlich der Briefzahl wahrscheinlich Petrarcas Schuldner. 6. Eben ist dieser damit beschäftigt, seine Briefe zu sammeln und erfreut sich der Hilfe eines gescheiten Freundes. Neue Feststellung, dass viele Schreiben abgefangen werden. Mailand, am 11. April (1359) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 415
XXXII
Adressaten und Inhaltsangaben
Fam. 20,8, an Agapito den Jüngeren Eine Richtigstellung unter Verwunderung. 1. Ratlosigkeit wegen eines Briefes. 3. Dank für die Aufzählung von Petrarcas früheren Bemühungen. 5. Staunen über die Klage, der reiche Petrarca verachte den Armen. 9. Einen „Baum der Eitelkeiten“ habe der Dichter nie geschrieben, den Namen des Adressaten nie in solchen eingefügt. 12. Mit der Vermehrung an Gut vermehrte sich der Aufwand. 14. Petrarca sei bedürfnislos. 16. Er preist das goldene Mittelmass, das ihm beschieden wurde. 18. Frage, wie er die Vorwürfe verdiente. 21. Er vermutet eine Strafe für sein langes Schweigen. Mailand, am 13. April (1359). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 418 Fam. 20,9, an drei Freunde Antwort auf ihren gemeinsamen Brief. 1. In der Zeitknappheit hätte Petrarca lieber gar nicht geschrieben. 2. Er beneidet die drei in Babylon gemeinsam lebenden Freunde. Am 12. Januar (1358). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 424 Fam. 20,10, an Giovanni Aretino Wünscht Glück zu dessen Lebensumständen und gibt Nachricht von sich selber. 1. Petrarca kann nur einen kurzen Brief abfassen. 2. Während der Freund sich aus Stürmen retten konnte, muss der Dichter noch darin ausharren. 3. Er darf sich aber vielleicht mit Cato vergleichen. Mailand, am 27. Januar (1358). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 425 Fam. 20, 11, an Stefano Colonna, Prior von Saint-Omer Freundschaftsbrief. 1. Petrarca freut sich über gegenseitiges Vertrauen. Er erwähnt einen Cicero aus Bergamo. 2. Die auserwählten Väter in Avignon durchschaut er; und die ganze Welt erkennt ihre Taten zunehmend genauer. 4. Der Dichter ist des Schreibens rascher müde als sonst. Mailand, am 1. Mai (1358). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 427 Fam. 20,12, an Lelio Aufmunterung, Gleichmut zu wahren. 1. Der beste Trost besteht in der Vergänglichkeit alles Irdischen. 4. Nachricht vom Tod eines Mailänder Freundes. 5. Beschreibung des alten Mannes, seiner Streitlust und Verrücktheiten; Petrarca liess sich durch ihn erheitern. 11. Er kam weitgehend für seinen Lebensunterhalt auf. Mailand, am 1. Mai (1358). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 429
Adressaten und Inhaltsangaben
XXXIII
Fam. 20,13, an Lelio Klagende Ermunterung, sich mit dem Freund zu versöhnen. 1. Petrarca hat durch eine Drittperson von der Trennung seiner Freunde Lelio und Sokrates gehört. 5. Er tadelt Lelio, weil er einem Verleumder geglaubt habe. 6. Er zeigt, dass Sokrates den Freund Lelio niemals vor Petrarca schlecht machen konnte. 13. Über wahre Freundschaft, die alles Misstrauen ausschliesst. 17. Ein Beispiel für richtiges Verhalten gegenüber Verleumdern: Alexander der Grosse. 21. Petrarca kennt von Sokrates nur Briefe, die Lelio loben. 24. Er beschwört Lelio, den Freund sogleich aufzusuchen. Mailand, am 30. Juli (1358). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 432 Fam. 20,14, an Lelio Freudiger Glückwunsch zur Annahme von Ratschlag und Bitten. 1. Petrarca ist mit seinen alten Studien beschäftigt. Einen guten Teil des Winters hat er in Padua und in Venezien verbracht. 3. Am Schreiben hindert ihn ausser seiner Arbeit auch die Kälte. 4. Noch nie ist so viel Schnee gefallen. 8. Dass Lelio sich täuschen liess, kann der Dichter begreifen. 9. Die Meinungen des Aristoteles über den Zorn lehnt er jedoch ab. 13. Glücklich macht ihn die Versöhnung zwischen Lelio und Sokrates. 15. Zur Übernahme hoher Ämter und Würden lässt er sich nicht überreden. 25. Dabei bedauert er Zanobi, der eine Stelle an der Kurie übernommen hat. Mailand, am 9. Februar 1359). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 439 Fam. 20,15, an seinen Sokrates Über das selbe Thema wie im vorangehenden Schreiben. 1. Der Briefwechsel mit Sokrates unterbleibt seit langem. Die Freunde haben sich nichts mehr zu sagen. Einziges Thema dieses Briefes: die wiederhergestellte Freundschaft zwischen Sokrates und Lelio. 4. Petrarcas Ermahnung war schlecht geschrieben, nur seine Absicht war gut. Der Erfolg war Gottes Werk. Mailand, am 10. Februar (1359). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 445 Fam. 21,1, an Erzbischof Ernst von Prag Weshalb die Wahrheit so viele Feinde habe. 1. Ein Bote übernimmt es, mündlich mitzuteilen, was Petrarca nicht dem Papier anvertrauen will. 2. Für Wahrheit einzustehen, ist gefährlich. 3. Dankbar denkt der Dichter an den guten Empfang am Kaiserhof in Prag. Mailand, am 29. Februar oder April (1357). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 447
XXXIV
Adressaten und Inhaltsangaben
Fam. 21,2, an Bischof Johann von Olmütz Dem kaiserlichen Kanzler vielfache Danksagung. 1. Petrarca erkennt die ihm geschenkte Gunst des Kaisers und des Adressaten. 2. Die Hochschätzung, die er empfängt, ist Ausdruck der Liebe. 5. Sie stärkt sein Selbstgefühl. Er dankt für die Ehren, die ihm in einer goldenen Bulle verliehen werden. Das Gold überbringt sein Bote dem Adressaten. Mailand, am 29. Februar oder April (1357). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 449 Fam. 21,3, an Checco von Forlì Entschuldigung wegen unterlassener Hilfe, Trostworte und heimlicher Ratschlag. 1. Petrarca antwortet spät auf Checcos Brief. 3. Da er unmöglich mit Taten helfen kann, erinnert er an Ratschläge alter Autoren. Am 26. Oktober (1357). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 452 Fam. 21,4, an Bartolommeo von Genua Vom Unterschied zwischen den Gewohnheiten und Bemühungen der Alten und Jungen. 1. Petrarca nennt den jungen Mann seinen Freund, schildert aber die Folgen der Altersunterschiede. 3. Er bittet um Verständnis, dass er bei seinem hohen Alter auf das Briefeschreiben weitgehend verzichten muss. (Mailand 1357/1359) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 454 Fam. 21,5, an Bischof Johann von Olmütz Empfehlung eines gemeinsamen Freundes. 1. Sagremor ist, wie sein Name verrät, ein Mann der heiligen Liebe. 2. Er kommt als Bote an den Hof in Prag. 4. Mit seiner liebevollen Hingabe verdient er Gegenliebe. 5. Dass der Bischof über den Stil eines andern verblüfft sei, glaubt Petrarca nicht. 6. Er wiederholt, dass er kein Gold benötige. (Mailand, Anfang 1358) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 456 Fam. 21,6, an Erzbischof Ernst von Prag Empfehlung eines Freundes. 1. Petrarca empfiehlt einen Freund, der im Dienst zweier Herrschaften stand, doch mit ganzem Herzen dem Hof in Prag dienen wollte. 3. Der Hof handelt gut, wenn er sich diesen Mann verpflichtet. Mailand, am 25 März (1358). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 458
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Fam. 21,7,an den Kaiser Karl Empfehlung eines Freundes, der sich um den Kaiser und das Reich sehr verdient gemacht hat. 1. Die Liebe gibt Petrarca die Kühnheit, Bitten vorzutragen. 3. Er weiss und kann belegen, wie sehr der von ihm empfohlene Freund dem Kaiser ergeben ist. 5. Grösste Strapazen erachtet er für nichts, um dem Kaiser zu dienen. 10. Dieser sollte sich tüchtige Männer verpflichten. Mailand, am 25. März (1358). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 459 Fam. 21,8, an die Kaiserin Anna Antwort mit Glückwünschen zur Geburt eines Mädchens und grosses Lob auf die Frauen. 1. Dank für die persönliche Nachricht der Kaiserin. 3. Die Geburt eines Mädchens bedeutet einen guten Anfang. 4. Gott hat mit seiner Geburt das weibliche Geschlecht geehrt; er will, dass man es ehre. 5. Antike Beispiele tüchtiger Frauen. 15. Tüchtig war später die Markgräfin Mathilde. 16. Weibliche Beispiele für Pietät. 21. Der Erdkreis zeugt mit vielen Namen für die Bedeutung der Frauen. 24. Überragend sind die Römerinnen. Mailand, am 23. Mai (1358). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 462 Fam. 21,9, an seinen Sokrates Trost und Ratschlag. 1. Petrarca zeigt Mitleid mit dem klagenden Freund. 3. Diesem droht das Schicksal eines Vertriebenen. 5. Ohne Gottes Hilfe wird er die nötige Seelenstärke nicht aufbringen. 7. Doch jedes Menschenleben ist Kriegsdienst, und am meisten leidet der Tüchtigste. 14. Geduld kennt keine Verbannung. 17. Sokrates duldet Feindschaft wegen Petrarca. 21. Dieser hat schon jemanden um Hilfe ersucht. 23. Doch er ruft den Freund nach Mailand. Mailand, am 23. Juni (1359). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 470 Fam. 21,10, an Neri Morando von Forlì Glückwunsch zur Genesung und eine Mahnung, gefährliche Mühen zu meiden. Bericht über den eigenen Zustand. 1. Hinweise auf Undankbarkeit gegen Gott. 5. Das Waffenhandwerk soll der Freund aufgeben, um wieder ausschliesslich literarische Studien zu treiben. 8. Über Cicero, der den rechten Glauben nicht hindert. 14. Gründe für den Willen Christi, seine Weisheit nicht durch grosse Gelehrte und Redner zu verkünden. 16. Von Briefen Ciceros, die Petrarca selber kopierte. 18. Seine schwere Verletzung durch
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den Briefband. 22. Sogar jedes Körperglied hat sein besonderes Los. 25. Ein Streit unter Auguren. Am 15. Oktober (Pagazzano 1359). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 476 Fam. 21,11, an Neri Morando Von einem seiner sehr treuen Freunde, einem wunderlichen Menschen. 1. Schilderung eines Goldschmieds und seiner Bewunderung für Petrarca. 3. Er erzwingt einen Besuch beim Dichter. 6. Seinen Beruf gibt er auf und besucht Schulen. 8. Er heisst Capra und ist diesem Tier vergleichbar. 10. Auf drängende Bitten hin besucht ihn Petrarca und wird königlich geehrt. Am 15. Oktober vor Tagesanbruch (1359). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 482 Fam. 21,12, an Francesco Nelli, Vorsteher an der Apostelkirche in Florenz Über die Kunst, knappe Zeit zu strecken und die Flucht der Zeit zu hemmen. 1. Es gibt eine einzige Geschwindigkeit der Zeit; sie ist für alle Menschen gleich. 5. Um sie zu dehnen, muss man sich mit dem Sterben anfreunden. 6. Damit erreicht man ein vollendetes Leben. 6. Begehrlichkeit verhindert diese Vollendung. 10. Das Dehnen der Zeit gelingt nicht ohne strikte Einteilung der Zeit; spät macht Petrarca damit Ernst. 21. Seine Tageseinteilung schildert und verteidigt er. 25. Er folgt dem Beispiel des Augustus und fügt Besonderheiten hinzu. 30. Wie der Winter so kann auch das hohe Alter angenehm und nützlich sein. Mailand, am 13. November um Mitternacht (1359). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 486 Fam. 21,13, an Francesco Nelli Fortsetzung zum vorangehenden Brief. Mehreres zur Lebensführung. 1. Petrarca bezeichnet eine philosophische Sitte des Freundes. 2. Er weckte ein Verlangen nach weiteren Auskünften über seine Lebensführung. 3. Frage, ob seine Gewohnheiten sich am neuen Aufenthaltsort geändert haben. 4. Seine Abneigung gegen das Wohlleben ist kaum Tugend, vielmehr angeboren. 7. Einiges verrät ihm sein Spiegel. 8. In Mailand hat er einiges geändert. 9. Der Verzicht auf teure Kleider fällt ihm noch schwer. Mailand, am 7. Dezember (1359). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 493 Fam. 21,14, an Francesco Nelli Umzug von Ambrosius zu Simplicianus. Einige Angaben über dessen Leben. 1. Erklärung der Ortsangabe im vorangehenden Brief. 2. Gründe für den Umzug: Grössere Freiheit und Ruhe. 3. Vorzüge der neuen Wohnung und Wohnlage. 5. Simplicianus war „Vater“ des Ambrosius. 6. Petrarca liest seine Vita, die ein Scholastiker verfasste. 8. Ein ketzerisches Wort über die Glorie der Heiligen. Der
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Dichter korrigiert es. 10. Er notiert, was er über den Bischof weiss. 13. Er tut es unter Schmerzen in der Nacht. (Mailand, 13. November oder bald darauf ) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 496 Fam. 21,15, an Giovanni von Certaldo (Boccaccio) Reinigung von einer Anklage, die Neider erheben. 1. Auf zwei Stellen in Boccaccios Brief geht Petrarca ein. 2. Der Angesprochene meint, seine Lobreden auf sein Vorbild bei Petrarca entschuldigen zu müssen. 6. Petrarca aber beneidet und verleumdet jenen Belobten nicht und kann das beweisen. 7. Er hat ihn als Kind einmal kurz gesehen. 10. Dass er dessen Buch nicht gekauft hat, geschah aus andern Motiven. Er fürchtete, Nachahmer zu werden. 3. Er reicht jenem für volkssprachliche Dichtung die Palme dar. 14. Er kann ihn besser beurteilen als die Schar seiner Lobredner. 21. Dass er gegen Neid nicht ganz gefeit ist, merkt er im Alter. 22. In einer einzigen Literaturgattung Höchstes zu leisten, genügt. 26. Erinnerung an die erste Begegnung mit Boccaccio. (April/Mai 1359) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 500 Fam. 22,1, an Pandolfo Malatesta den Jüngeren, den Herrn von Rimini Frage, ob man eine Gattin nehmen solle und welche. 1. Petrarca fehlt die Erfahrung, die zur Lösung der Frage nötig wäre. 2. Er verweist auf Bücher und zitiert Sokrates. 4. Mühen und Gefahren gibt es bei jeder Lebensweise. 5. In aller Unsicherheit kann einzig die Tugend raten. 7. Pandolfos Stellung fordert die Ehe. 9. Wichtig ist eine gute Wahl. 9. Petrarca rät zur Heirat einer Frau ferner Herkunft. 12. Er nennt die Eigenschaften einer guten Ehefrau. Venedig, am 11. September (1362). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 508 Fam. 22,2, an Giovanni von Certaldo (Boccaccio) Oft täuscht sich ein Schreiber besonders leicht in den ihm vertrauten Dingen. Gesetzmässigkeit bei der Nachahmung. 1. Petrarca korrigiert an der Adda Fehler in seinem Hirtengedicht. Ein Lektor hat Fehler aufgedeckt. 8. Genaue Kenntnis alter Werke kann ein Gedächtnis irreführen. 10. Petrarca erläutert das mit Beispielen. 14. Er hält oft für etwas Eigenes, was er übernommen hat. 15. Rauben will er nie; er ahmt die Arbeitsweise der Bienen nach. 19. Ein grosser Neuerer ist er nicht. 20. Vorbilder, die Zwang ausüben, lehnt er ab. 22. Wendungen in seinen Werken, die an fremde erinnern, ändert er. 27. Lateinische Dichter, die Anleihen bei griechischen Autoren machten, hatten ihre eigenen Grundsätze. (Pagazzano, um den 8. Oktober 1359). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 512
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Fam. 22,3, an Barbato da Sulmona Mit einem ihm gewidmeten Gedicht in Briefform. 1. Zweifel, ob die vor langer Zeit verfassten metrischen Briefe zu veröffentlichen seien. 2. Die Erinnerung an jene Zeit hat gewaltige Kraft. 3. Entschluss, die seither überarbeiteten Gedichte zur Korrektur der früher herum gebotenen Fassungen vorzulegen. (Januar/März 1360) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 519 Fam. 22,4, an Barbato da Sulmona Betrübliche Trennung kann durch fingierte Präsenz verringert werden. 1. Petrarca klagt über die Trennung vom Freund, den König Roberto ihm geschenkt habe. 2. Seine leibliche Gegenwart wäre ihm eine Freude. 4. Da das Los eine Verbindung im Geiste nicht verhindern kann, soll man bei aller Tätigkeit das geistige Beisammensein pflegen. 6. Ausblick auf eine Vereinigung im Himmel. Venedig, am 20. April (1360 oder 1363). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 521 Fam. 22,5, an Bischof Philippe von Cavaillon Ermahnung, Ruhe zu suchen und Schwierigkeiten zu vermeiden. 1. Petrarca freut sich über die Rückkehr des Freundes in seine Diözese. 2. Reisetätigkeit bringt grosse Gefahren auch den Fähigsten. 4. Als verwegen wird der Bischof getadelt. 5. Ein Befehl des Papstes kann ihn nicht entschuldigen. 7. Entschlossene Abwehr gegen höhere Befehle kann nötig sein; Irreführungen und Notlügen sind erlaubt. 10. Der Bischof trägt allein die Verantwortung für seine Herde, die er zu oft verlässt. 15. Abgaben eintreiben schickt sich für andere besser. 19. Nach einem Besuch in Vaucluse, wo sich Sokrates aufhält, sehnt sich der Dichter. Mailand, am 9. August (1360). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 524 Fam. 22,6, an den Florentiner Zanobi da Strada Über die Ankunft des Gross-Seneschals von Sizilien. 1. Niccolò Acciaiuoli besucht Mailand und besonders auch den Dichter. 3. Er zeigt grosses Interesse an Petrarcas Büchern. 4. Dessen Verehrung für den Florentiner wächst. Mailand, am 17. August (1360). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 529 Fam. 22,7, an einen Unbelehrbaren Heftiger Tadel und Ablehnung der erbetenen Rückkehr. 1. Frage, wer sich nicht liebt oder wer sich zu sehr liebt. 2. Wer Gott hasst, liebt sich selber nicht. 5. Er wird auch von Petrarca gehasst. 6. Durch nichts und niemand empfing Petrarca grösseren Schmerz. 7. Seine Kraft ist aufgebraucht. 8. Er fordert vollständige Änderung in Gehaben und Lebensweise. 8. Verächtliches
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Benehmen ist dem Angeschuldigten besonders verderblich. 11. Grosse Liebe hat Petrarca zu falschem Urteil verführt. 12. Nur einem Reuigen wird er verzeihen. 21. Den Verstockten wird er nur schweigend begleiten. 23. Die Schuld Petrarcas besteht in der Gutmütigkeit. Mailand, am 30. August (1359). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 531 Fam. 22,8, an seinen Sokrates Über den Unterschied zwischen Gast und Gast. 1. Ein schwer erträglicher Gast trifft mit Gefolge ein. 2. Dass er weitergeht, ist für Petrarca ein Glück. 4. Umgekehrt ist die Sache, wenn ein Freund kommt und geht. (Januar/März 1360) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 537 Fam. 22,9, an seinen Sokrates Petrarca wolle lieber Bösen Gutes tun als Guten Böses. 1. Petrarca antwortet auf die Frage, wie er sich seinem Sohn gegenüber verhalte. (Januar/März 1360) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 539 Fam. 22,10, an Francesco Nelli, Vorsteher an der Apostelkirche Über die Schreibmischung aus heiliger Schrift und weltlicher Literatur. 1. Vorzüge dieser Mischung. 2. Von den Musen Petrarcas wird sie gebilligt. 3. Nicht mehr zum eigenen Ruhm, sondern zum Gotteslob kürzt Petrarca seinen Schlaf. 6. Er nennt seine heidnischen Vorbilder und fügt seine christlichen an. 11. Er nennt sein wichtigstes Vorbild unter den sakralen Dichtern. Mailand, am 18. September (1360). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 541 Fam. 22,11, an Guglielmo da Pastrengo in Verona Empfehlung eines alten, doch ungemein feurigen Studienbeflissenen. (Padua, am 17. April 1360). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 544 Fam. 22,12, an den Arzt Albertino in Cannobio Gute Menschen seien gutgläubig. Bericht von der Vernachlässigung häuslicher Geschäfte und von der Bosheit der Diener. Gegen den unausweichlichen Tod hilft nichts als Gleichmut. 1. Dank für ein Schreiben und für Gutgläubigkeit. 4. Petrarca sei als Ökonom so schlecht wie als Politiker. Diener hintergehen und rauben ihn aus. 6. Die Grösse und Einsamkeit des Hauses bedeuten Gefahr. 10. Der Freund mahnt zum Verlassen des von der Pest bedrohten Gebietes. 12. Doch niemand kann seiner vorbestimmten Todesstunde entgehen. 16. Beispiele aus der Antike. 25. Petrarca würde den Rufenden als einen Freund, nicht als Arzt aufsuchen. Er ist jedoch verhindert. Mailand, am 26. Oktober (1360). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 545
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Fam. 22,13, an Pierre von Poitiers, den Prior von Saint-Eloi zu Paris 1. Eine Rede Petrarcas am französischen Königshof macht tiefen Eindruck. 3. Der König und der Dauphin staunen vor allem über die Schilderung Fortunas. 6. Der Dichter soll später ausführen, was er unter Fortuna versteht. 8. Die Gelegenheit dazu wird vertan. 10. Für eine Abhandlung über die Frage, geschrieben auf der Heimreise, findet Petrarca erst viel später einen Boten. Padua, am 6. September (1361). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 553 Fam. 22,14, an Pierre von Poitiers Über den Wandel Fortunas gemäss ihrem Brauch und besonders über den Wandel der Kriegführung. 1. Aufstieg der Engländer zur Kriegsmacht. 2. Ihre Verwüstung Frankreichs. 5. Der Erfolg der Bogenschützen. 6. Translation der Macht gemäss dem Wandel der Gesittung. 11. Verweichlichung als erster Grund für den Niedergang eines Volkes. 14. Wohlleben moderner Soldaten bei Absenz jeder militärischen Leistung. 20. Strapazen im alten römischen Heer. 22. Soldatische Vorbilder im alten Heerwesen. 24. Damalige Auszeichnungen für Soldaten zur Steigerung des Kampfwillens. 27. Vorbilder für eiserne Strenge zur Förderung der Kriegszucht. Piscenius Niger. 32. Cassius Avidius. 38. Maximinus und andere. 40. Erziehung durch exemplarische Strafen: bei Manlius Torquatus, Fabius Maximus, den Scipionen und anderen. 59. Die Unterwerfung der Erde durch das unbesiegbare römische Heer. 69. Der Verlust aller Tüchtigkeit im modernen Heer führt zu unablässigen Kriegen. 73. Zwangsläufig folgt der Untergang der bestehenden Ordnung. Auf der Reise, am 27. Februar (1361). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 556 Fam. 23,1, an Unbekannt Entrüstung und Klagen vor einem, wer immer er sei, weil er jene sogenannten Räuberbanden zerschlagen müsste, die eben Italien durchstreifen. 1. Aufrufungen an Feldherren der Antike. 10. Frage an Christus. 14. Anrufung Gottes. 1. September (1360 oder 1361/62). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 573 Fam. 23,2, an unseren Cäsar Zuerst liebevoller Dank für geschenkte Vertraulichkeit, dann wegen Vernachlässigung der Republik und der Kaiserherrschaft scharfer Tadel und eindringlichste Ermahnung. 1. Das Wohlwollen des Kaisers macht Petrarca glücklich. 6. Die Seltenheit der Begegnungen kommt zum Teil von des Dichters Unfähigkeit, sich von Italien zu trennen. 9. Zum andern Teil ist sie Folge von Karls Vernachlässigung seiner kaiserlichen Pflichten. 10. Erneute Ermahnungen, sie unverzüglich wahrzunehmen. Zitate aus alten Dichtern. 14. Der heutige Tag ist zum Handeln stets der beste.
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23. Beim Romzug von 1355 war Furcht nicht angebracht. 27. Die Gefahren waren unerheblich. 28. Liebe zur Heimat darf Karl nicht geltend machen. 31. Seine hohe Stellung verbietet ihm diese Freiheit. 34. Frühere Gründe zum Aufschub sind weggefallen. 35. Der Papst darf den Kaiser an der Besitznahme Roms nicht hindern. 40. Zu den Aufgaben des Kaisers gehört die Hilfe für Jerusalem. 43. Auf ein geheimes Anliegen Karls antwortet Petrarca in einem besonderen Schreiben. Mailand, am 21. März (1361). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 578 Fam. 23,3, an unseren Cäsar Dringendere Empfehlung eines Freundes. 1. Petrarca ist zu einer Bitte verpflichtet. 2. Es gehört sich für Karl, getreuen Dienst zu belohnen. (Zwischen Frühling 1361 und Frühling 1363) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 590 Fam. 23,4, an Bonincontro Glückwunsch zu seiner zwar späten Errettung aus den Stürmen der Kurie ins Privatleben. Mailand, am 27. Januar (1362). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 591 Fam. 23,5, an Bonincontro Dem hohen Alter und Tod soll man mutig, ja heiter entgegengehen. 1. Im Alter hat man den Nebel der Leidenschaften überstiegen. 3. Cicero hat ausführlich über das Alter gesprochen. 4. Der Weise fürchtet den Tod nicht. 6. Aus Erbarmen hat Gott den Menschen sterblich gemacht. Ein Zitat Plotins. Mailand, am 23. Februar (1362) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 592 Fam. 23,6, an den Bischof von Olmütz, den kaiserlichen Kanzler Einem Lobredner kann man um so weniger glauben, je grösser seine Liebe ist. 1. Der Bischof pflege seine Freunde über sich selber zu erhöhen. 3. Petrarca gibt sich dem Bischof zu eigen. 4. Er bittet um Nachsicht wegen seines Freimuts. 5. Mit dem Brief schickt er durch Sagremor sein Hirtengedicht. Mailand, am 21. März (1361). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 596 Fam. 23,7, an den Bischof von Olmütz Empfehlung eines Freundes. 1. Der junge Mann, der sich dem Kanzler vorstellt, gehört einer Familie an, die von Karl IV. geschätzt wird. 2. Wer anderen Menschen hilft, ist Gott nahe. 3. Gott am nächsten steht der Kaiser, dem Kaiser am nächsten steht der Kanzler. Der junge Mann wird ihm empfohlen. (Frühling 1361-Frühling 1363) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 598
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Fam. 23,8, an den Kaiser Karl Dank für die grosse Güte des Kaisers und für einen ihm gesandte Becher. Es bleibe die Hoffnung, die Einladung anzunehmen. 1. Der Becher ist von hohem Wert. 2. Petrarca will ihn nur für besondere Feste verwenden. 4. Dass der Kaiser Petrarca zu kommen bittet und nicht zu kommen heisst, hat besondere Wirkung. 5. Richtiger wäre, wenn Karl nach Italien käme. 6. Der Dichter möchte erst bei verminderter Hitze reisen. 8. Er macht sich auch Sorgen um den Büchertransport. Padua, 18. Juli (1361–1363). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 599 Fam. 23,9, an den Kaiser Karl Dem erneuten Ruf antwortet grössere Bereitschaft zu gehorchen. 1. Der Kaiser habe gesiegt. 2. Petrarca hatte gehofft, der Kaiser werde sein Aufgebot vergessen. 3. Er beteuert seine Liebe zum Kaiserreich. 4. Sein Bedürfnis, ein ruhiges Leben zu führen, ist jedoch gross. 5. Er nimmt die Einladung nach Prag an. Doch hätte er den Kaiser lieber in Italien, wo man noch immer auf ihn hofft, getroffen. Mailand, am 21. März (1362). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 602 Fam. 23,10, an den Bischof von Olmütz, den Kanzler Ein Mensch, der seiner Kleinheit bewusst sei, dürfe nicht durch fremdes Lob vom Sitz seiner Bescheidenheit weggezogen werden. 1. Verwunderung über die Bescheidenheit eines Hochgestellten. 2. Er hat ein Verlangen, andere über sich hinaus zu erheben. 3. Petrarca lässt sich durch fremdes Urteil nicht unsicher machen. 5. Er wird dem Ruf nach Prag Folge leisten. 6. Doch hofft er auf baldige Entlassung. Mailand, am 21. März (1362). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 604 Fam. 23,11, an den Advokaten Giovanni von Bergamo Der Advokat, bereit zur Fahrt übers Meer, um am Grab Christi die Ritterwürde zu empfangen, wird ermahnt, von diesem Vorhaben abzustehen. 1. Petrarca schreibt, um lieber zu raten als zu tadeln. 2. Zum Grab Christi zu pilgern, kann eine Pflicht der Dankbarkeit sein. 3. Dort aber kostbare Abzeichen der Ritterwürde zu holen, ist falsch. 6. Vorbild für richtiges Verhalten ist der Herzog Gottfried. 10. Höher zu schätzen als die geplante Reise wäre ein kriegerischer Einsatz für die Gerechtigkeit. (Kein Datierungsvorschlag) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 606
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Fam. 23,12, an den Erzbischof Guido von Genua Nicht der Schmerz, aber Geduld im Schmerz ist zu wünschen; viele Gaben, die dem ersten Empfänger nutzlos sind, können anderen nützen. 1. Der Mensch hat ein unverlierbares Verlangen nach Glück. Im Unglück ist die Kraft zum Durchhalten schon halbes Glück. 5. Poseidonios rechnet Beschwerden nicht zu den Übeln. Er nennt das Laster das einzige Übel. 8. Über Beschwerden spricht am richtigsten, wer solche tapfer erduldet. 10. Petrarca spricht von der Gicht. Die Meinung des Poseidonios überzeugt ihn nicht immer. 14. Er würde zur Frage des Übels eine Schrift vorlegen, doch es fehlen ihm gute Kopisten. 15. Sein Sohn versagt ihm die Hilfe. 17. Auch für dieses Unglück muss Petrarca Geduld aufbringen. 25. Ihn freut, wenn einer seiner Briefe nützlich ist, wenn nicht dem Adressaten so doch einem andern. 29. Cicero und andere versuchten erfolglos ihre Söhne zu Erben ihrer Bildung zu machen. Mailand, am 1. Dezember (1360). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 609 Fam. 23,13, an seinen Sokrates Dass andere die Früchte unserer Arbeit ernten, müsse man ertragen, weil es üblich sei. 1. Sokrates ärgert sich darüber. 2. An verschiedenen Beispielen wird bewiesen, dass der Verzicht auf Eigenes zu Gunsten eines anderen zum Alltag gehört. 4. Zufrieden muss sein, wer Speise und Kleidung hat. Zitate aus Dichtern und Propheten bestätigen das. 5. Sich über allgemeine Übel beschweren, heisst die Vorsehung anklagen. (Ende 1359/Anfang 1360) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 620 Fam. 23,14, an Bischof Johann von Olmütz Vertrauliches Schreiben. 1. Petrarca wundert sich über des Bischofs Anrede mit Ihr statt Du. 3. Letzte Briefe haben den Bischof nicht erreicht. Versperrte Wege haben Petrarca genötigt, die Reise zu Karl abzubrechen. 4. Sein Weg hat ihn nach Venedig geführt. (Venedig, am 11. März 1363) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 622 Fam. 23,15, an den Cäsar Flehentliche Ermahnung, nach Italien zurückzukehren. 1. Bitte um Entschuldigung für fortgesetzte Ermahnungen. 3. Beteuerung der reinen Absicht. 4. Hinweis auf Erschöpfung aller Überredungskunst und fast aller Hoffnung. 7. Es bleibt der Hilferuf im Verstummen. Venedig, am 11. März (1363). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 624
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Fam. 23,16, an Bischof Johann von Olmütz, den Kanzler Er möge tun, was er vermöge und wenn er nicht vermöge, tun, was er wolle. 1. Der Bischof möge schreiben, auch wenn er nicht von erhörten Bitten berichten könne. 3 Petrarca lebe in Venedig einsam wie in einer abgesonderten Welt. 4. Doch betrübe er sich nicht wegen der Verweigerungen des Kaisers. 5. Immer bleibe er diesem zutiefst verpflichtet. 6. Der Mann, der den Brief überbringe, wolle in Prag studieren; Petrarca empfehle ihn dem Bischof. Venedig, am 27. August (1363). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 626 Fam. 23,17, an den Grafen Ugo von San Severino Über die Hofhunde im Königspalast von Neapel. 1. Petrarca fühlt sich gegenüber der Königin Giovanna als Schuldner und erhebt keinerlei Ansprüche. 2. Seit dem Tod von König Roberto herrscht in Neapel mörderisches Unwesen. 4. Der Adressat ist Petrarca nichts schuldig. 5. Er muss sich vor der Gesinnung der Hofleute hüten. (1362) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 628 Fam. 23,18, an Niccolò Acciaiuoli, den Gross-Seneschall des Königreichs Sizilien Über seine Ruhmestaten. 1. Lob auf sprachliche Fähigkeiten des Adressaten und auf seine Leistungen. 2. Nur ein Homer könnte sie würdigen. 3. Petrarcas Sprachkunst werde den hohen Erwartungen des Staatsmannes nicht genügen. 5. Grossherzige Angebote an den Dichter und dessen Freund (Nelli) werden gerne beachtet. 7. Tadelnde Worte über den eben verstorbenen König und Bedenken wegen der Zukunft Neapels. Padua, am 8. Juni (1362). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 630 Fam. 23,19, an Giovanni von Certaldo (Boccaccio) Über einen jungen Helfer, der als Kopist tätig ist. Nichts sei so vollkommen, dass es keine Fehler enthalte. 1. Petrarca rühmt einen bei ihm wohnenden Kopisten. 3. Erstaunlich ist nicht zuletzt sein Gedächtnis. 4. Doch verfasst er auch schon Gedichte. 5. In der Askese wetteifert er mit Petrarca. 7. Petrarcas Prosabriefe ordnet er und schreibt sie mit einfachen Lettern ab. 9. Von Petrarca erhält er Belehrung über richtige Nachahmung und Originalität. 15. Dabei entdeckt er eine unbeabsichtigte Anleihe Petrarcas. Pavia, am 28. Oktober (1366). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 633
Adressaten und Inhaltsangaben
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Fam. 23,20, an Francesco Bruni, den florentinischen Rhetor Eine neue Freundschaft wird geschlossen. 1. Freunde des Adressaten haben Petrarca gebeten, er möge ihm schreiben. 3. Doch weigert sich der Dichter. 5. In einem unerwarteten Angriff wird er besiegt. 8. Den neuen Freund reiht er in die Familiares ein. Padua, am 8. September (1361). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 638 Fam. 23,21, an den Cäsar Letzter Aufruf. 1. Petrarca hat alle Hoffnung verloren. 2. Doch lässt er sich durch neue Nachrichten wieder ermutigen. 4. Noch immer kann der Kaiser auf einen ungenügenden Anfang ein gutes Ende folgen lassen. 7. Dann wird er mit dem „Zögerer“ der Römer verglichen werden. 11. Selbst beim Misserfolg ist der Tod während mutiger Tat besser als der in Tatenlosigkeit. Padua, am 11. Dezember (1364/65). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 641 Fam. 24,1, an den Bischof Philippe von Cavaillon Über die unbegreifliche Flucht der Zeit. 1. Über einen Jugendbrief an Raimondo Subirani. 2. Er sprach von der Kürze der Lebenszeit. 10. Schon als Schüler hat Petrarca antike Gedanken zur Kürze der Zeit beherzigt. 13. Was er vorausahnte, erlebt Petrarca jetzt im Alter. 17. Die Kürze der Lebenszeit hat Petrarca gelehrt, nichts Zeitliches zu erhoffen. 20. Doch mit Rücksicht auf Hoffnungen der Eltern hat er eine Zeit lang Jus studiert. 22. Die Kürze des Lebens hat den Dichter auch die richtige Lebenshaltung gelehrt. 24. In Kürze hat er sich und hat sich vieles verändert. 26. Zu jedem Zeitpunkt sterben wir. 28. Nicht länger dauert unser Leben als das eines Eintagstierchens. 30. Der Psalmist bezeugt es. (–1360) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 645 Fam. 24,2, an den Dichter Pulice von Vicenza Über Inhalt und Grund der an Cicero und Seneca adressierten Briefe. 1. Petrarca lässt sich in Vicenza durch Gespräche mit Freunden aufhalten. Thema wird Cicero. 4. Der Dichter weckt mit Kritik Widerspruch und zeigt eigene Briefe an Cicero vor. 7. Ein alter Mann erklärt Cicero für einen Gott. 10. Petrarca korrigiert ihn ungern. 15. Beim Abschied verspricht er, Kopien besagter Briefe zu senden. 16. Er schickt sie mit einer Warnung. Am 13. Mai auf der Reise (1350/1351). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 655
XLVI
Adressaten und Inhaltsangaben
Fam. 24,3, an Marcus Tullius Cicero Manches hat er in seinen Schriften gelehrt, was er im Leben nicht beachtete. 1. Petrarca habe Ciceros Briefe gefunden und gelesen; nun wisse er, was Cicero vor sich selber gewesen sei. 3. Klage über das Fehlverhalten des alten Cicero. 4. Hinweise auf Ratschläge und günstige Umstände, die Cicero missachtete. 6. Richtig wäre für ihn gewesen, sich im Alter aufs Land zurückzuziehen. Verona, am 16. Juni 1345. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 659 Fam. 24,4, an Marcus Tullius Cicero Petrarca zieht Cicero allen Rednern vor, wie Vergil allen Dichtern. 1. Dieser zweite Brief an Cicero soll wahr reden wie der erste, ihm aber wohl tun. 4. Cicero ist der höchste Meister der ungebundenen Sprache. 5. Neben ihn tritt als Fürst der gebundenen Sprache Vergil. 8. Sie beide haben der griechischen Redekunst den Rang abgelaufen. 11. Manche Werke Ciceros sind verlorengegangen. 13. Petrarca zählt die wichtigsten unter ihnen auf. 15. Er weist auf den Zustand des Imperiums zu seiner Zeit. An der Rhone, am 19. Dezember 1345. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 662 Fam. 24,5, an Annaeus Seneca Ein Tadelbrief. 1. Petrarca wird nach Cicero auch Seneca einige Wahrheiten beibringen. 3. Er zitiert ein lobendes Wort des Plutarch über Seneca, beanstandet aber kecke Urteile des Griechen. 4. Die Natur schenkt keinem Geschöpf Vollkommenheit. 6. Aus Ruhmsucht hat Seneca das Schwierige gesucht, als er Lehrer eines Tyrannen wurde. 10. Petrarca schildert ihm sein Fehlverhalten. 16. Er kritisiert Senecas Tragödie Octavia. 20. Er schildert Neros Taten. 25. Seneca muss ihre Niedertracht erkannt haben. Das verrät sein Brief an den Apostel Paulus. Am Po, am 1. August 1348. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 666 Fam. 24,6, an Marcus Varro Vom Ruhm seiner Bücher und von der Trägheit der modernen Zeit. 1. Gewisse Menschen bringen Nutzen selbst nach dem Tod. 2. Die Nachlässigkeit der modernen Zeit ist schuld daran, dass Varros Schriften keinen Nutzen mehr erbringen. 3. Kenntnis vom Wert seiner Schriften vermitteln verschiedene Zeugen. 5. Zu diesen gehören Cicero, Lactanz und Augustinus. 8. Petrarca hat einst ein Fragment einer Schrift Varros in den Händen gehabt. 10. Er zählt andere Schriftsteller auf, deren Werke grossenteils verlorengingen. Rom, am 1. November 1350. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 673
Adressaten und Inhaltsangaben
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Fam. 24,7, an Quintilian 1. Petrarca hat die Bedeutung des Adressaten nicht sogleich erkannt. 2. Erst spät hat er einzelne Teile von Quintilians Werk zu sehen bekommen. 3. An wissenschaftlicher Gründlichkeit überbietet Quintilian sein Vorbild Cicero. 4. Petrarca charakterisiert die beiden Lehrer der Rhetorik. 8. An Seneca hat Quintilian einen strengen Kritiker gefunden; er hat ihn ebenfalls getadelt. 10. Vom Leben des Adressaten gibt Petrarca einen knappen Abriss. Florenz, am 7. Dezember 1350. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 677 Fam. 24,8, an den Historiker Titus Livius 1. Wünschbar wäre es gewesen, mit Livius im selben Zeitalter zu leben, um mit ihm das ganze römische Reich zu besuchen. 2. Nur ein geringer Teil der römischen Geschichte ist erhalten geblieben, aber mit diesem beschäftigt sich Petrarca, um der eigenen Zeit zu entgehen. 4. Er trifft darin die grossen Vorbilder der Frühzeit. 6. Andere berühmte Historiker lässt er durch Livius grüssen. Padua, am 22. Februar 1351. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 681 Fam. 24,9, an den Redner Asinius Pollio 1. Petrarca kennt die Bedeutung des Adressaten nicht aus dessen eigenen, sondern aus fremden Schriften. 3. Zum Glück des Asinius gehörte, unter Augustus, nicht unter Tiberius zu leben. 5. Tadeln muss ihn Petrarca wegen seiner Angriffe gegen Ciceros Vorrang in der Redekunst. 9. Neid wäre an Asinius besonders widerlich. 10. Er soll andere Redner im Jenseits grüssen. Frage nach deren Gedächtnis. Mailand, am 1. August 1353. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 684
Fam. 24,10, an den lyrischen Dichter Horatius Flaccus 1. Würdigung des Dichters. 7. Idyllische Landschaft. 11. Von Horaz besungene Götter und Helden. 40. Lieblingsorte des Horaz. 70. Moralische Anschauungen des Dichters. 80. Literarische Auffassungen. 95. Historische Ereignisse und Legenden. 110. Worte zum Alltag des Dichters. 125. Bekenntnis zur Nachahmung. Kein Datum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 688 Fam. 24,11, an Publius Vergilius Maro den heroischen Dichter und Fürsten der lateinischen Dichter 1. Huldigung an Vergil und Frage nach seinem Befinden. 10. Hinweis auf das Schicksal einiger Dichter. 22. Frage nach dem Sieg über das Totenreich. 30. Angaben über Verhältnisse in Neapel, Mantua und Rom. 40. Hinweise auf Petrarcas
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Adressaten und Inhaltsangaben
Spurensuche in der Gegend von Mantua. 51. Mitteilungen über das bleibende Ansehen der Werke Vergils. Kein Datum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 697 Fam. 24,12, an Homer Antwort auf einen langen inhaltsreichen Brief, abgesandt unter dem Namen des Dichters Homer und bei den Unterirdischen datiert. 1. Petrarca entschuldigt sein bisheriges Schweigen. 2. Auf Homer hat er sehnsüchtig gewartet. 3. Unter den Lateinern sind Cicero und Vergil die Fürsten der Sprachkunst. 4. Ein Urteil des Hieronymus über Homer teilt Petrarca nicht mehr. 6. Er dankt Homer für seine Belehrungen. 15. Doch seine Klagen, besonders die über Nachahmer hält er für sinnlos. 18. Er verteidigt Vergil und fordert Glauben. 28. Dass es in der modernen Zeit bloss wenige Verehrer Homers gibt, darf diesen nicht bekümmern. 31. Petrarca deutet an, wo es solche gibt. 38. Gar nicht klagen soll Homer, dass er in Florenz festgehalten wird. Hier findet er die beste Unterkunft. 40. Hier werden seine Werke übersetzt. Mailand, am 9. Oktober 1360. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 701 Fam. 24,13, an seinen Sokrates Schluss dieses Buches. 1. Das Werk der Familiares entstand, weil Petrarca sich dem Verlangen der Freunde beugte. 2. Dabei hat er seinen Willen zurückgestellt und seinen Ruf nicht geschont. 3. Erst der Tod wird Petrarcas Briefschreiben beenden. 4. Das Buch 24 wendet sich an Schriftsteller der Antike und ist auch sonst von besonderer Art. 5. In den früheren Büchern folgten die Briefe dem Ablauf von Petrarcas Leben. 7. Briefe, die Petrarca noch verfassen wird, sollen unter einem neuen Titel zusammengefasst werden. 8. Von einem Übermass an Freundesliebe kann Petrarca nur Schaden erwarten. (Juni 1361) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 713
Vorbemerkungen mit Überblick über die einzelnen Briefe
Vorbemerkungen zu Petrarca, Familiares Buch 13 bis 24 Teil 2: zu Buch 13–24 Dem Vorwort zu den Familiares Buch 1–12 hier zu Anfang des 2. Bandes, das heisst den Büchern 13–24, ein neues anzufügen, ist nicht nötig. Doch erinnert sei daran, dass die Übertragung sich an die kritische Edition von Vittorio Rossi und Umberto Bosco hält, zu finden in Le Familiari, edizione nazionale delle opere di Francesco Petrarca voll. 10–13, 1933–1942. Eine Fülle von Zitatennachweisen, die dort geboten wird, konnte wiederum übernommen werden; ihre Zahl wurde in dieser deutschen Ausgabe da und dort ergänzt, doch jeweils ohne weiteren Vermerk. Ugo Dottis lateinisch-italienische Ausgabe der Familiares hört auf mit Buch 11; Erläuterungen zu den Briefinhalten kann man jedoch aus seiner Vita di Petrarca herauslesen; und viele wichtige Informationen bieten die Werke von Wilkins. Für biographische, kulturhistorische, politische und anders geartete Anmerkungen mussten allerdings weitere Werke konsultiert werden, und etliche von ihnen werden in der Bibliographie aufgeführt. Dass auf eine Auseinandersetzung mit der einschlägigen Sekundärliteratur wie im ersten Band wieder verzichtet wird, ist bei ihrer fast schon unübersehbaren Zahl eine Notwendigkeit. Die bibliographische Hilfe in diesem 2. Band wird nur in der Art verbessert, dass dem früheren Verzeichnis eines der Literatur zu Persönlichkeiten aus des Dichters Freundeskreis angeschlossen ist. Das Personenregister zum zweiten Band Familiares wiederholt nicht die Angaben im Register des 1. Bandes, sondern begnügt sich mit einem Hinweis auf jene früheren Angaben und ergänzt sie mit der Aneinanderreihung weiterer Briefstellen. Eine kurze Bemerkung zu Petrarcas Stil und zur Übersetzung sei angefügt. Sie kann vielleicht den geistigen Wert von Petrarcas Briefen von der formalen Seite her erläutern und zugleich auf Forderungen an eine Verdeutschung mit einem Hinweis auf Schwierigkeiten antworten. Der Dichter wusste, dass eine bedeutende Wortgewalt ihm fehle (Fam. 1,1,14 ff.; 13,5,12); dem hat er Rechnung getragen. Dass jemand nach einem ihm fremden Stil verlange, erklärte er für falsch, und über seine Kräfte hinaus zu streben, tadelte er als ein vergebliches Bemühen (Fam. 1,8,14 und 22,2 passim und auch anderswo), auf das man besser verzichte. Rhetorische Glanzleistungen dank überraschender Handhabung der verschiedenen Techniken hielt er in Freundesbriefen ohnehin für überflüssig, ja sogar für lächerlich (vgl. z. B. Fam. 18,8). Cicero blieb sein wichtigstes Vorbild, aber nicht der Redner, den nachzuahmen er sich kaum einmal vornahm, sondern der Epistolograph mit seiner sehr gepflegten Umgangssprache. Das klassische Latein, das sich auf einer Ebene des Massvollen bewegte, begnügte sich wohlüberlegt mit einem verhältnismässig bescheidenen Wortschatz, der auch Petrarca vollauf befriedigte. Wenn er nicht an die Grossen der Welt, gar an den Kaiser schrieb, verwendete er einen alltäglichen,
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Vorbemerkungen zu Petrarca, Familiares Buch 13 bis 24
familiären Stil, der persönlich, dabei richtig und gewandt, gut lesbar und auch elegans (wie er einen guten Stil oft rühmte) sein sollte. Doch weit wichtiger war ihm, dass sein Briefstil von Folgerichtigkeit der Gedanken und einer schönen Ordnung zeugte (vgl. Fam.1,9), was er im allgemeinen auch erreichte, und zwar oft – so scheint es – dank einer Denkschulung auch juristischer Art. Sein Bedürfnis, einen Gesprächsstoff als Philosoph und Moralist gründlich, geistreich und hinreichend zu entwickeln, stiess freilich häufig an die engen Grenzen seiner Mussezeit, was ihn zwang, Unzulänglichkeiten in Kauf zu nehmen (vgl. dazu Fam. 18,7 und 18,8 an Nelli), die er bei etwas mehr Zeit hätte vermeiden können. Jene Virtuosität, die sich um zeitliche Einschränkung nicht zu scheren braucht, war ihm nicht eigen. Vielfache spätere Überarbeitungen, Ergänzungen und Abänderungen seiner Texte scheinen übrigens – wenn ich nicht irre – weit eher eine Erläuterung des Inhalts und viel seltener eine Verbesserung der Sprache bezweckt zu haben. Gut hat Petrarca seine häufige, durch Zeitnot erwirkte Bedrängnis selber geschildert, indem er sagte: „Wovon soll ich zuerst und wovon ausführlich reden? Oder besser: Wovon soll ich nicht reden? Verschiedenste Einfälle stürmen von allen Seiten auf mich ein, stossen sich untereinander und verhindern dadurch ihre Verknüpfung. Es fehlt die Zeit, sich um alle zu bemühen“ (Anfang von Sine nom. 11; vgl. z. B. auch Fam. 13,9,5). Unschönes, Schwerfälliges und Unklares immer zu vermeiden, war ihm also nicht möglich, und wo es stehen blieb, belegt es Petrarcas ernsthafte Anstrengung, mit Unzulänglichkeiten zurecht zu kommen. Diese bedeuten für eine Übersetzung eine Schwierigkeit der besonderen Art, da sie für den Briefschreiber gewissermassen charakteristisch, doch als solche nicht übertragbar sind. Übertragene Fehler wären untragbar. Sie zu vertuschen, heisst jedoch, Petrarcas Stil zu glätten, was nicht unbedingt eine wahre Verbesserung bringt, dagegen regelmässig zu einer Verfälschung führt: Das Höckerige wird glatt. Und doch bleibt nichts anderes übrig, als Unklares zu klären und Rauhes zu mildern. Im allgemeinen wird man Stossendes beseitigen und schwer Verständliches verständlicher machen. Andere Schwierigkeiten, wie zum Beispiel den Satzrhythmus nachzuahmen oder einen Wortsinn genau und sogar in seiner Fülle festzuhalten, kommen dazu, und überhaupt sind der Probleme so viele, dass ein Übersetzer, wie lange und gründlich er sich mit dem Originaltext abmüht, wahrlich nie der Illusion verfallen kann, genaue Entsprechungen vorzulegen. Das wird man von ihm auch nicht verlangen, da diese Art Nicht-Vermögen eigentlich naturnotwendig ist. Selbst im Alltag wird alles, was man vermittelt, durch jede Einzelperson mehr oder weniger verändert, und wie hoch die Zahl und Art der Missverständnisse in jedem Gespräch ist, übersteigt wohl eine sorglose Annahme. Deshalb soll hier auch nur dieser eine besondere Fall herausgehoben werden, bei dem eine fragwürdige Verbesserung durch ein stilistisch nötiges, ja unvermeidliches Glätten entsteht. Dafür Beispiele vorzulegen,
Vorbemerkungen zu Petrarca, Familiares Buch 13 bis 24
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ist nicht leicht. Man müsste ganze Abschnitte überprüfen. Der vorzügliche Kenner der lateinischen klassischen Kunstprosa, Eduard Norden, zwar weit davon entfernt, Petrarcas Sprache zu überschätzen, hat sie doch mit Liebe geschildert und gerade in ihrer „widerspruchsvollen Mischung von Wollen und Können, von scholastischer Barbarei und antiker Eleganz“, wie er sich ausdrückt (s. Antike Kunstprosa 2. Auflage 733), einen besonderen Reiz entdeckt, ja im angestrengten Bemühen des Dichters um eine Befreiung von der herkömmlichen Verknöcherung der Sprache einen Ansporn empfunden, seine besondere Leistung um so dankbarer zu würdigen. Einer unbeirrbaren Anstrengung, die jedoch nicht waghalsig über die eigene Begabung hinaus begehrt (Fam. 1,8,8), bedurfte der Dichter, um Schritt für Schritt einen Weg zur Wiedergewinnung eines verschütteten wertvollen Schatzes an Wissen und Vermögen anzubahnen. Die literarische Dürftigkeit und Dürre war zu jener Zeit zu weit verbreitet, als dass er und seine Gleichgesinnten die unter Schutt begrabenen Quellen sogleich zum Sprudeln hätten bringen können, um sie für sich selber zu nutzen und in reichlichem Mass anderen zugänglich zu machen. Vermag nun aber die Übersetzung jener (von Eduard Norden geschilderten) Besonderheit, die dem Stil Petrarcas Charme verleiht, nicht gerecht zu werden und manche andere Fremdheit auch nicht einzudeutschen, so kann sie doch hoffentlich zum lateinischen Text hinführen – denn das muss ihr eigentliches Ziel sein – und eine Beschäftigung mit dem Original erleichtern. Schlichtweg jede Übersetzung ist nur Vorarbeit und verlangt eine zusätzliche Übersetzung von jedermann, der das Vorgelegte wirklich begreifen will; nötig ist eine individuelle Bemühung des einzelnen, sich in die Gedankenwelt des Gegenübers und in seine Zeit hineinzudenken, um sie zu würdigen, nicht abzuwerten. Die Mängel Petrarcas sollen nicht überbetont werden. Zu achten hat man in erster Linie auf seine Vorzüge und kann sich von diesen leicht überzeugen, wenn man seine Schriften mit denen anderer Gebildeter, sei’s zeitgenössischer, sei’s moderner, vergleicht. An seinen besten Leistungen muss man ihn messen. Solche kann man ohne langes Suchen in grosser Zahl erkennen. Briefe an Karl IV. seien „zum Teil glänzend geschrieben“, sagt der genannte anspruchsvolle Sprachgelehrte (vgl. oben). Und es sind nicht ausschliesslich die Leistungen zur Erneuerung der Sprache, die man zu schätzen hat; es sind auch solche des Denkvermögens, der Beobachtungsgabe und eines oft auffälligen Gespürs für vielsagende Kleinigkeiten, die ihn auf dem Weg der Entdeckungen weiterführen. Will sich ein Deutscher über die Verdienste des Humanisten Petrarca in einer verhältnismässig kurzen Darlegung gut informieren lassen, so behilft er sich nicht schlecht, wenn er zum oben erwähnten Buch von Eduard Norden greift, wo dank ausgezeichneter Kenntnis der verschiedenen Epochen und ihrer literarischen Strömungen die besondere Rolle Petrarcas hervorgehoben und sein Schaffen im besten Sinn kritisiert und gewürdigt wird.
Überblick über die einzelnen Bücher Ein Anmerkungsapparat wird hier nicht geboten. Die Anmerkungen, die den Übersetzungen der lateinischen Texte beigefügt sind, können dort leicht gefunden werden und für die Angaben in diesem Überblick genügen. Buch 13 markiert keine Wende und keine neue Situation im Leben Petrarcas. Er hat sich, wie Buch 12 verriet, seit dem Sommer 1351 ganz gegen seinen Wunsch wieder in der Provence, einmal in Avignon, einmal in Vaucluse aufgehalten; hat seltener, als ihm lieb war, Freunde gesehen, auch seltener, als er wünschte, Mussestunden für seine literarischen Arbeiten gefunden, sich von Neidern bedrängt und verfolgt gefühlt und in der Überzeugung, für die gerechte Sache gewisser Freunde einzustehen, mit einflussreichen Prälaten verhandelt, aber weil die übernommenen Geschäfte nicht vorangingen, sich entsetzlich geärgert und gelangweilt, wie er nach Italien meldete (Fam. 9,5,14 ff. und 45; 12,4 etc.). Dabei hat er ohne Unterlass an die Geschicke Italiens gedacht, für dieses Land mancherlei erhofft, nämlich zum Beispiel den Romzug Karls IV. (12,1), einen Frieden zwischen Venedig und Genua (Fam. 11,8), eine Neuordnung in Rom (Fam. 11,16 und 11,17) und eine Stärkung des Königtums in Neapel (Fam. 11,13 und 12,2). Er hat auch nicht unterlassen, Freunden in Italien gute moralische (und politische) Ratschläge zu schicken (Fam. 12,3 und 12,16), hat nebenbei für sich selber gesorgt und alles zu unternehmen versucht, um sich sein Archidiakonat in Parma zu erhalten (Fam. 9,5) und um dahin zurückkehren zu können. Am dringlichsten wünschte er sich für seine Person die Sicherung seiner Freiheit mit der Möglichkeit, sich den ehrenvollen Angeboten, die er von Clemens VI. zu erwarten hatte, mit allem Anstand zu entziehen, um die Provence rasch zu verlassen. Nichts, so gibt er oft zu verstehen, gefällt ihm nun in Avignon weniger, und über nichts entrüstete er sich da so rückhaltlos wie über die Denkart und Lebensweise der Kurialen. Was er an diesen aussetzt, hält er schonungslos in Briefen fest, denen er immer neue hinzufügt und die er im Herbst 1351 aneinanderzureihen beginnt, um eine grössere Zahl ohne Nennung der Adressaten, auch ohne Nennung der getadelten Personen und ohne Hinweis auf seine eigene Verfasserschaft, als Sine nomine zwar nicht sogleich zu edieren, aber für eine Edition nach seinem Tod aufzubewahren. Vor der Nachwelt sollte, so meinte er, diese Sammlung eine traurige Wahrheit verkünden, die er bei seinen Lebzeiten auszusprechen den Mut nicht habe. Das bekennt er im Vorwort, sich halbwegs entschuldigend. In einem dieser Briefe, in Nr. 11, kann man lesen, dass er unter allen Kurialen einen einzigen aus der „allgemeinen, verruchten Sintflut“ gerne ausnehmen wollte, „da er es auch verdienen würde“, dass ihm aber lächerlich vorkomme, mit einer vereinzelten Ausnahme den Gesamteindruck zu verringern. Damit verrät er unter anderem, dass er einem rhetorischen Effekt auf fast spielerische Weise hier
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(oder da und dort?) eine Wahrheit zu opfern bereit ist und dass er nicht alles in so grimmigem Ernst niederschreibt, wie es den Anschein macht. Durchaus alle weiht er also dem Untergang, so vernimmt der Leser, und kann sich darauf nur wundern, wie leicht es Petrarca fällt, sich mit seinen Verdammten zu vertragen. Und zuerst wird er fragen, wer denn jener einzige war, dem in der Sintflut beinah eine Arche gegönnt worden wäre, und da es ihm nicht gesagt wird, hält er sich an das Sichere und stellt fest, dass der Dichter vor allem die beiden Kardinäle Guy de Boulogne und Elie de Talleyrand als seine Gönner betrachten darf und sie in den Familiares mit viel Hochachtung nennt. Von ihnen hat er „Benefizien“ erhalten, was immer das im besonderen Fall heissen sollte (Fam. 13,5,4), und anerkennt jeden der beiden als seinen Herrn (z. B. Fam. 11,11,1; 12,6,7; 13,7,18), wie er früher den verstorbenen Kardinal Colonna genannt hatte, indem er sich beiden verpflichtet fühlt. Er weiss, dass sie an der Kurie den grössten Einfluss ausüben, da eben sie es sind, die er als „die beiden kraftstrotzenden Stiere auf der Weide Christi“ bezeichnet (Fam. 13,5,4). Sie sind es auch, die vor dem Papst am entschiedensten die Meinung vertreten, Petrarca sei der richtige Mann, die vakante Stelle eines päpstlichen Sekretärs zu besetzen, und nicht glauben wollen, dass sich dieser von einer solchen Anstellung nichts Gutes verspricht und sich nach Kräften dagegen wehrt. Dennoch kommen sie mit ihm und er mit ihnen, man möchte sagen: glänzend aus. Das Buch 13 beginnt sogleich mit einem echten Freundschaftsbrief an den einen der beiden, obwohl der Dichter nachweisbar zur selben Zeit die Reihe der Briefe „ohne Namen“ verlängert und sie zu seiner eigenen Erleichterung mit Klagen gegen die Kurialen Avignons vollstopft. „Jeder beliebige Bösewicht steigt auf, jeder redliche Arme wird zu Boden gedrückt“, kann man da zum Beispiel lesen (Sine nom. 11). Kardinal Guy von Boulogne, der Adressat des Briefes 13,1 ist aus Hinweisen in früheren Briefen und Anmerkungen bekannt, und immer ist er dem Leser als ein fähiger und würdiger Mann der Kirche vorgestellt worden. In Fam. 9,13 vom Februar 1350 oder 1351 ist der Kardinal darum genannt worden, weil Petrarca ihm in Padua begegnete, und schon damals haben sich die beiden vertraulich über private Dinge und gemeinsame Freunde wie auch über politische Verhältnisse unterhalten. Begeistert hat Petrarca festgestellt, dass der Franzose an Italien grosses Gefallen finde. Im November 1351 hat dann Guy de Boulogne höchst wahrscheinlich zu den vier Kardinälen gehört, die sich in päpstlichem Auftrag mit einer Neuordnung Roms beschäftigten und es Petrarca erlaubten, ein Wort darüber zu äussern (Fam. 11,16). Dass er seine familiären Beziehungen in höchsten Adelskreisen zu verschiedenen Versuchen einer Friedensstiftung zwischen englischen und französischen Kriegsgegnern nützte, wird Petrarca gewusst haben, und dass er zudem einen Kreuzzug befürwortete, wird ihm ein weiterer Grund zur Hochschätzung gewesen sein. Ob man aber in ihm jenen einzigen Kurialen erkennen dürfe, der für Petrarcas Sintflut recht besehen zu anständig war, kann man schon deshalb
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nicht mit Sicherheit sagen, weil vieles auch zu Gunsten von Talleyrand spricht. Wer sonst noch in Frage käme, bleibt unbekannt; vielleicht einer auf geringerem Rang, doch ist das unwahrscheinlich. Wie dem sei: Petrarca bezeugt dem Kardinal von Boulogne in Brief 13,1 seine Anteilnahme, da eben seine Mutter gestorben war, und seine Worte lauten väterlich gütig, verständnisvoll, ja liebevoll. Gerade auch in diesem Brief deuten mehrere Wendungen an, dass der Dichter jetzt, während seines Aufenthalts in Avignon, eine enge, ja fast beständige Beziehung mit ihm pflegt (3 f.), sich von ihm geachtet weiss und sich eines ausgezeichneten Einvernehmens mit ihm erfreut. Nicht von Ungefähr bestimmt er für diesen Mann der Kirche mit dem ihm zugedachten Schreiben in den Familiares einen Ehrenplatz. Der Anfang eines Buches gilt ihm regelmässig als solcher. Aus Fam.13,2 vom 9. Juni 1352 erfährt man, dass der Dichter seinen Sohn Giovanni von der Provence aus, wohin er ihn mitgenommen hatte, nach Verona schickt, damit er dort von einem seiner früheren Lehrer, dem mit Petrarca lang schon befreundeten Poeten Rainaldo Cavalchini von Villafranca weiteren Unterricht empfange. So jung der Schüler auch ist (fünfzehn- bis sechzehnjährig), kann dem Lehrer doch gemeldet werden, dank einer Gunst des Papstes komme er als ein reicher Kanoniker zu seiner Stadt zurück (6). Ihm ist also nicht irgend eine Pfründe, sondern eine mit ansehnlichen Einkünften zugesprochen worden. Ganz aussergewöhnlich ist das jugendliche Alter des Begünstigten nicht; es gab gerade an den Kathedralen Schulmeister, denen so junge Kanoniker anvertraut wurden, und eine Synode von Ravenna aus dem Jahr 1311 verlangte von diesen nicht viel mehr, als dass sie wenigstens fünfzehn Jahre alt seien und sich auf Lesen und Singen verstünden; anderswo war man noch grosszügiger. Eher kann man sich wundern, dass Petrarca diese kirchliche Stelle für dieses sein uneheliches Kind empfängt, übrigens in einem Augenblick, wo er sich gegenüber den Wünschen der päpstlichen Kurie sehr abweisend verhält. Aber dem berühmten Mann etwas zu versagen, ist offenbar nicht leicht. Vom Sohn die Armut fernzuhalten, kennt er keinen besseren Weg als den kirchlichen, den er selber beschritten hatte; doch diesen Weg in späteren Jahren zu verlassen, ist nicht unmöglich. Für Giovanni bedeutet das Singen und Lesen im Chordienst am Dom und das Erledigen anderer Aufgaben für den Bischof gewiss nichts Schwieriges, doch zweifelt sein Vater, ob er sich für ein Studium eigne und sagt: „Er hasst nichts ausser Bücher“ (2 f.). Der Unterschied zu ihm selber ist gewaltig. Mit eigentlicher Gier griff Petrarca von Kind auf nach Büchern. Mit zwölf Jahren begann er in Montpellier zu studieren, und kaum älter als der neue Kanoniker Giovanni besuchte er schon die Universität von Bologna, wo er sich trotz seinem Widerwillen gegen den Beruf eines Juristen in hohem Mass auszeichnete, daneben nach antiken Schriften fahndete und erste Gedichte schrieb.
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Jetzt wendet er sich in seiner grossen Sorge um das Gedeihen seines Sohnes am selben Tag in Brief 13,3 auch an den bedeutenden Humanisten Guglielmo da Pastrengo, der in Verona als Richter amtet. Dieser ist ihm vor Jahren an der Kurie vertraut geworden, und von ihm, der damals im Gärtchen an der Sorgue beim Pflanzen geholfen hatte (vgl. Metr. 3,3), wünscht er sich jetzt für seinen Sohn eine väterlich gütige Förderung. Übrigens hat Petrarca in Verona noch andere Freunde und Bekannte, von denen er annehmen kann, dass sie seinem Sohn mit Wohlwollen begegnen werden, so den schon oft erwähnten Azzo da Correggio, der ihn einst nach Neapel begleitet und ihm nachher in Parma eine Wohnstatt verschafft hatte. Auch zum Hof der Scaliger besitzt er gute Beziehungen, so dass er sich freuen darf, für Giovanni mit Hilfe des Papstes den denkbar besten Platz ausgesucht zu haben. Brief 13,4 datiert Petrarca in Vaucluse auf den 10. Juni. Es ist ihm soeben geglückt, sich aus dem ihm verhassten Avignon wegzustehlen. Und da Kenner wie Wilkins das Schreiben ins Jahr 1352 setzen, muss man annehmen, es folge unmittelbar auf die vorangehenden Nummern 2 und 3. Der Empfänger, ein Neapolitaner mit Namen Francesco Calvo, hat die Ehre, das Amt eines päpstlichen Sekretärs auszuüben, das die Kurie 1347 dem Dichter schmackhaft zu machen versucht hatte. Eben weil dieser ihren Überredungskünsten ausgewichen war, hat sich der glückliche Inhaber der Stelle jetzt bei ihm für seine frühere Ablehnung wohl bedankt, jedenfalls geht aus dem Schreiben 4 hervor, wie wenig Petrarca ihn um seinen Posten beneidet. Wie so oft schreibt Petrarca fast mehr für sich selber als für den Adressaten, ja vielleicht auch für jene Kurialen, denen er sich widersetzt hat, gleichsam um sich zu rechtfertigen, ja vor ihnen zu frohlocken. Und sich selber fragt er dabei: Was habe ich gelassen, und wohin soll ich mich wenden. Er weiss genau, wie es dem Beamten ergehen wird. Fortwährend werden ihn seine Pflichten verfolgen und ihn sogar im Schlaf beschäftigen (4 f.). Und will er besonders tüchtig sein, wird man ihn nur um so stärker belasten. Er verliert dann alles Lebenswerte, selbst das Bisschen Erholung, das jeder nötig hätte. Ihm gegenüber haben einfache Handwerker wenigstens ihre Eigenständigkeit und einen – wenigstens materiellen – Gewinn (8); und frei Forschende und Studierende haben eine angenehme Genugtuung in ihrer Beschäftigung, während jeder Held sich an seinem Ruhm erfreut (10 ff.). All das bleibt dem abhängigen Beamteten unerreichbar; nichts spricht zu Gunsten seiner Lage. Das Heldentum, obwohl einzig unter grösster Anstrengung erreichbar, ist doch beseligend, denkt man an die höchsten Ziele Virtus und Ruhm. Die Dichter und Denker (19) können dank unermüdlichen Leistungen die selbe Höhe des Glücks erlangen, freilich wieder nicht ohne vollen Einsatz aller Kräfte. An solche Überlegungen hängt Petrarca ein Beispiel ans andere, und die glanzvollen Namen von Dichtern und Denkern, die er aufzählt, sind seine grossen Vorbilder, an deren Ruhm er Anteil gewinnen wollte, das weiss der Leser, aber es folgt eine ihn überraschende Wendung (20), denn es gibt doch noch ein anderes glück-
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liches, es gibt vielleicht ein sogar glücklicheres Leben; es ist das der nur mässigen Arbeit mit mässiger Erquickung, eines, das die Einsamkeit mehr liebt als die Gesellschaft und das Land mehr als die Stadt. Es gibt ein Glück in der Natur, das grösser ist als das in den Palästen (20 ff.), es verbindet sich zwar ebenfalls mit einer Liebe zum Ruhm, doch so, dass man lieber seiner würdig ist, als ihn erreichen will, weshalb man ihn auch gleichmütig entbehren kann (21 und 25). Ein Leben der Gelassenheit auf einem kleinen Acker kann man in aller Zufriedenheit hinbringen, sogar wenn man vergessen wird. „Ich war von Natur aus Demosthenes, nun will ich durch Nachahmung Demokrit werden“, heisst es da; „der eine hat den Ruhm begehrt, der andere ihn verachtet.“ Was alles wird man Petrarca an der Kurie versprochen haben! An sein Verlangen nach Ruhm hat man appelliert, um ihn in der Stadt und in der Gesellschaft der Grossen festzuhalten. Aber man täuscht sich in ihm. Schon früher habe er versucht, so sagt er, den Weg des Masshaltens und des Verzichts einzuschlagen, zwar habe er die Haltung der Gelassenheit sich noch nicht ganz zu eigen gemacht; er sei aber diesem Ziel ein Stück nähergekommen (25). Er weiss jetzt, dass man selbst auf Ruhm verzichten kann, um frei zu sein und in dieser Freiheit seine Aufgabe zu erfüllen. Guten Grund hat er, sich solchen Gedanken anzufreunden. Er steht vor einer wichtigen Entscheidung; nach seiner Ablehnung der ihm gebotenen Gunst ist noch weniger klar als vorher, was aus ihm werden wird. Was er getan hat, ist ihm als eine Notwendigkeit erschienen, weil er unbedingt für seinen Dichterberuf der vollen Freiheit zu bedürfen meint, aber wie hoch der Preis für den erstrebten Gewinn schliesslich sein werde, das kann er sich nicht ausrechnen. Viel hängt jetzt von der Kurie ab, und solange er von ihr abhängt, ist er eben noch nicht frei. In dieser unentschiedenen Lage findet er Zeit, sie zu überdenken, sich in seine Studien zu vertiefen (26), bis ihm etwas Besseres einfalle. Und seine Einsiedelei bietet ihm ihre Hilfe an. Wie eine tröstliche Vision, die auf den richtigen Weg verweist, stellt sich das wunderbare Ende des Briefes dar. Ohne falsche Betonung beschreibt er einen der schönsten Augenblicke seiner Zurückgezogenheit. Denn er steht am Fusse des Felsens, aus dessen Höhle hoch oben die Sorgue „wild jauchzend“ hervorbricht und brausend herunter strömt. Er braucht es Calvo nicht zu sagen, Calvo wird es verstehen: Da ist Seligkeit, da ist Leben; da verstummt der Wunsch nach Grösse und Ruhmestitel. Sitzend auf einem wackeligen Stein schreibt er das mit schlechtem Schreibrohr auf rauhes Papier, lacht über die krummen Buchstaben und schickt sie zum Aktentisch des sich plagenden Beamten, als wollte er ihn einladen, das Glück mit ihm zu teilen, das der Genügsamkeit und der Freiheit. Bis zum Schreiben 13,5 an den besonders geliebten Freund Nelli verstreicht ein Monat. Doch was darin berichtet wird, geht dem vorangehenden Brief voraus. Der Papst und seine wichtigsten Ratgeber von Boulogne und Talleyrand wollen ihm eine hohe einträgliche Stelle verschaffen oder aufbürden, und Petrarca muss immer
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erneut betonen, dass er keinen Reichtum, keine hohe Würde begehrt (2 ff.); sie fordern vom Dichter eine Probe seines Könnens, und dieser sinnt auf eine List, diese Herren zu täuschen. Er schreibt, so wirft man ihm vor, einen zu erhabenen Stil, altior stilus (12); er soll näher am Boden bleiben, prope terram volare (14), nämlich so schreiben, dass ihn jedermann versteht, dann kann man ihm schwarz auf weiss dartun, dass er sich für die angebotene Stelle bestens eigne. Doch von diesem Stil will Petrarca, weil er ihn für verächtlich hält, nichts wissen. Er charakterisiert ihn bloss höchst pauschal, aber so viel ist klar, dass die Kurie ihre alten Formeln verwendet und weiter tradiert, und dies nicht einfach aus Bequemlichkeit, Sturheit und Mangel an Geschmack, sondern auch aus guten Gründen wie der Abwehr von Verfälschung. Doch sich auf die kuriale Forderung einzulassen, davor hütet sich Petrarca. Er holt für sein Probestück sein bestes persönliches Latein hervor und erreicht damit, was er hoffte: Sein gutes Latein versteht man und will man an der Kurie nicht (15). Ob er eher lachen oder weinen solle, das fragt er sich am Ende des Briefes an Nelli. Aber freuen muss er sich jedenfalls, dass die hartnäckig geführte Auseinandersetzung zwischen ihm und den hohen Geistlichen durch eine Stilfrage entschieden ist. Er ist unbrauchbar. Erlöst von einem lang dauernden Bangen – denn man hat ihm hart zugesetzt – erzählt er dem Freund nicht allein die Geschichte seines Erfolges, sondern führt gleich noch aus, was als guter Stil und wer als guter Redner zu gelten hat. Dafür nimmt er sich eine gute Zeit. Darauf malt er sich auch das Leserpublikum aus, wie er es gerne haben wollte, und seine Ansprüche sind sehr beachtenswert. Ihm liegt nichts daran, von vielen gelesen zu werden; aber von den wenigen, die ihn lesen wollen, fordert er etwa so viel wie von sich, dem Schreibenden. Er verfasst seine Werke mit grösster Anstrengung, sagt er, und dass man ihn ohne Anstrengung lese, das wolle er nicht. Solange man die Lektüre fortsetze, habe man ganz und gar bei ihm, dem Verfasser, zu sein, nicht auch noch bei Geschäften oder Liebschaften und anderem. „Ich will, dass wer immer mich liest, mich ganz allein… im Kopf habe“ (23). Das hat man sich zu merken, sonst versteht man ihn eben nicht. Er triumphiert in diesem Brief über viele Kuriale, doch vor allem über die genannten Kardinäle Guy de Boulogne und Talleyrand und über den Papst. Und etwas allzu zuversichtlich glaubt er, in der nächsten Zeit mit Angeboten ähnlicher Art verschont zu werden (10). Auf Brief 5 lässt er am 10. August sogleich eine Fortsetzung in 13,6 folgen. Seine Stilfragen, die er wieder vorträgt, knüpft er jetzt an die Schilderung eines politischen Ereignisses und einer Person an. Kurz zuvor ist Cola di Rienzo (der von Rom nach Prag geflohen war) von Karl IV. nach Avignon ausgeliefert worden. Ihm droht nun, als Häretiker verurteilt zu werden; doch schon weiss Petrarca, dass die grosse Menge in Avignon, welche dem schwer bedrohten Volksfreund ihre Sympathie schenkt, ihn zum Poeten erklärt und hofft, mit diesem Titel das Schlimmste von ihm abzuwenden. Im Volk nämlich sind Dichter, wie man hier feststellt, Menschen
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von besonderem Wert. Colas Schicksal scheint nun wie das von Petrarca gewissermassen von einem Stilproblem abzuhangen, und wieder weiss Petrarca nicht, ob man über den besonderen Fall eher weinen oder lachen soll (1 und 22). Er ist bereit, Cola den Titel Poet zu gönnen, obwohl er bestimmt erklärt, dass er trotz seiner Belesenheit und sprachlichen Gewandtheit keiner ist; doch für weit wichtiger wäre ihm, die Richter würden die eigentliche Schuld Colas erkennen, ihm also nicht das zum Vorwurf machen, was doch sein wahres Verdienst gewesen war. Noch bebend vor Erregung hält Petrarca fest, Cola habe erst dann sträflich gehandelt, als er sich vom Volk abwandte und sich mit Feinden des Volkes verband (14). Doch kehrt er dann rasch zu literarischen Fragen zurück, merkt nicht ohne Bitterkeit an, dass zwar jedermann von Poesie rede, aber keiner eine Ahnung von der Sache habe, was eine Übertreibung, aber keine sehr grosse war. Um einen schlagenden Beweis für seine Behauptung zu erbringen, berichtet er ohne Namennennung von einem ihm vertrauten Prälaten der höchsten Ränge, dessen ausserordentliche Klugheit (29 ff.), Gelehrsamkeit und Herrscherbegabung er kaum hoch genug zu loben weiss. Denn sogar dieser ausgezeichnete Mann versteht von Dichtkunst so überhaupt nichts, dass er, wie Petrarca höhnt, sogar dann, wenn einer einen simplen Geleitbrief ausgestellt hat, schon erwartungsvoll die Frage aufwirft, ob dieser wohl ein Dichter sei (32). Dabei ist gerade ein Geleitbrief als einfachstes Produkt der Jurisprudenz in seiner Formelhaftigkeit und seinem Inhalt der Poesie denkbar fremd. Aber die Juristen herrschen an der Kurie vor und sind da dermassen beschäftigt, dass sie für andere Wissensbereiche keine Zeit auftreiben und Vergil ihnen höchstens ein Name ist, wenn nicht ein Zauberer ist, weshalb auch Petrarca, weil er Vergil bewundert, als ein zweiter dasteht und als solcher verachtet wird. Indem er das berichtet, gerät er in Zorn. Er weiss, was Bildung bedeutet; sie äussert sich nicht zuletzt in einer guten Sprachkenntnis und in der Liebe zu den besten Schriftstellern, denen der Antike. Darum empört er sich nun: „Die ganze Bildung ist ins Bodenlose gefallen“ (30 f.). Und diese Entdeckung macht er ausgerechnet in Avignon, wo man die höchste Wissenschaft und Weisheit hätte erwarten wollen. Bedenklich ist vor allem, dass die beschämende Unkenntnis nicht wahrgenommen wird und Heerscharen sich als Schriftsteller aufführen, ohne schreiben zu können, wie der nächste Brief 13,7 an den Abt Pierre von Saint-Bénigne berichtet. Petrarca kann sich persönlich nicht beklagen; er wird wenigstens in der grossen Menge, die sich um eine Kritik der Kurie nicht kümmert, als Autorität geschätzt. Er wird nachgeahmt, als gäbe es doch ein Neuerwachen der alten Künste, und er kann über die ihm geschenkte Hochschätzung um so freier sprechen, als ihm das Zweifelhafte an der Sache nur allzu klar und geradezu peinlich ist. Mit einer neuen Übertreibung, die er ins Komische und ins ganz Unwahrscheinliche steigert, verdeutlicht er die Folgen seines eigenen literarischen Beispiels. Dass die anstrengends-
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ten literarischen Studien ihm eine wahre Erholung bedeuten (1 f.), gehört zu seinem persönlichen Glück; dass er jedoch auf junge Leute seine Schreibwut überträgt, ist für ihn fatal und richtet überdies in der Gesellschaft einen gewaltigen Schaden an. Viele der Begeisterten widersetzen sich den Wünschen der Eltern, verlassen Jurisprudenz und Medizin (12) und ergeben sich der Schriftstellerei (9 ff.), ob sie dafür begabt sind oder nicht. Kaum weiss sich der Dichter vor den Bittstellern aus allen Himmelsrichtungen, die ihm ihre Erzeugnisse senden, zu retten (11 ff.). Und wenn ihn nun eine Ahnung überfällt, dass man sogar in Avignon zu dichten anfangen könnte, ja dass endlich sogar das verschlossene Tal Vaucluse der Dichtkunst sich zu öffnen bereit wäre –, was dann geschieht, das muss man bei Petrarca selber nachlesen (21); es verbreitet keinen Segen, sondern wahren Schrecken. Alle diese neuen Dichterlinge taugen auf den Markt und sind auf dem Helikon nicht zu finden (14), weshalb sich Petrarca veranlasst sieht, den Nutzen seines Lorbeers, der ihm so viele Nachahmer eingebracht hat, gründlich in Frage zu stellen (16). Die Antwort darauf tönt längst nicht so günstig, wie er sich das vor Jahren geträumt hatte. Doch wie angedeutet, sind die Ausführungen des Briefes nicht ganz ernst zu nehmen. Mit „Lappalien“ hat Petrarca seinen Freund, den Abt Pierre von Saint Bénigne vergnügen (18) und ihn damit günstig stimmen wollen. Ihm auf ein Schreiben zu antworten, das hat er unterlassen; er ist gegen den Freund nachlässig gewesen, doch nicht nur gegen ihn. Denn der Brief des selben hatte einen Befehl enthalten, der vom Kardinal Guy de Boulogne stammte, des Inhalts Petrarca möge auf seine Rückkehr warten und nicht vorher nach Italien abreisen, und Petrarca war der Aufforderung zwar nachgekommen, aber einzig in der Tat, nicht auch in einem höflichen Schreiben. In der Zwischenzeit hat er mit Warten viel Zeit verloren, ja er wartet noch immer, wie er dem Kardinal jetzt melden lässt, jedoch schon nicht mehr in Avignon, sondern in Vaucluse (19 ff.). Dahin sich zurückzuziehen, hatte er sich mittlerweile denn doch gestattet, und weil ihm sein Benehmen doch etwas anstössig vorkommt, hofft er, nicht nur den ihm befreundeten Abt mit ein paar heiteren Zeilen zu erfreuen, sondern mit ihnen auch dem Kardinal etwas an Nachsicht abzunötigen. Vom Aufenthalt in Vaucluse spricht Brief 13,8 vom Sommer 1352. Er wendet sich wiederum an Nelli. Dass dieser Freund genau wissen möchte, was Petrarca da treibe, vermutet dieser mit gutem Grund. Man macht sich in Italien Sorgen um ihn. Seine häufigen Klagen über die Kurie hat man gehört und beherzigt. Längst hätte er, so denkt man, zurückkehren können. Wozu die Kurie ihn am Ende doch noch verpflichten könnte, darüber kann man nur rätseln. Die Freunde fragen sich, was aus ihm werden solle. Denn mehrmals hat er eine sichere Stelle abgelehnt, soeben, wie gesagt, die des päpstlichen Sekretärs in Avignon, übrigens auch einen Bischofsitz (Fam. 9,5,29 und Var.15), vorher eine Professur in Florenz (Fam. 11,5),
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und schon droht ihm eine Pfründe in Parma verloren zu gehen (Fam. 9,5). Dabei ist er für zwei illegale Kinder verantwortlich, und dass er jetzt wieder die Einsamkeit aufsucht, ist vielleicht nicht von Gutem. Nicht lange ist es her, dass er meinte, er benötige dringend die Gemeinsamkeit mit Freunden, um sein Leben samt dem Kampf gegen seine Leidenschaften durchstehen zu können (Fam. 9,2,9 ff. und 8,4–5). Die strengsten moralischen Ziele der Stoiker lässt er zwar keinen Moment aus den Augen, aber das hilft oft sehr wenig. Er leidet immer wieder unter Anfällen von Trübsinn, nicht allein wegen seines moralischen Versagens, sondern nicht zuletzt darum, weil er die völlige Unabhängigkeit für sich als eine Notwenigkeit verlangt und nicht weiss, wo er sie erlangen könnte (Secretum über acedia 2,13,1 ff.). Der Brief Nellis hat sich nicht erhalten; Petrarca aber meldet aus Vaucluse nur Beruhigendes. Wohl ohne sich dessen klar bewusst zu sein, zeichnet er sein ländlich geruhsames Leben gemäss dem Ideal, das er einem Calvo in Fam. 13,4,20 ff. als sein fernes Ziel gerühmt hat. Er macht Fortschritte in seiner Selbstbeherrschung, er zählt auf, was er zu entbehren schon gewohnt ist, freut sich an einer einfachen Ernährung und Kleidung, die denen der Bauern wenigstens gleicht, und weiss, dass er auch die Augen, die ihm besonders gefährlich zu sein pflegen, zu meistern versteht, da ohnehin weit und breit an weiblicher Schönheit nichts zu entdecken ist. Besonders ansprechend ist in diesem Schreiben die Schilderung der kleinen, zähen Wirtschafterin, die ein wahres Ideal an Hingabe, Unermüdlichkeit und Zufriedenheit vorlebt, auch ihres Gatten, des Wirtschafters mit seiner treuen Sorge und steten Hilfsbereitschaft. Voll Wärme und Dankbarkeit spricht er von beiden; darin liegt ein Hauptzweck dieses Schreibens, beiden ein glänzendes Zeugnis auszusprechen. Dann rühmt er auch seine beiden Gärtlein, seine Musensitze, einen am Ufer der Sorgue und einen winzigen mitten im Fluss. Dabei stellt er sich die Frage, ob er hier leben könnte, und die Antwort kennt der Leser zum voraus: Ja, er könnte! Das hat er ja auch im Brief an Calvo angedeutet (Fam. 13,4). Doch dann folgt die Einschränkung: sofern es möglich wäre, das Tal nach Italien und in die Nähe seiner Freunde zu versetzen! Was er stets hassen wird, das sind die Städte, und am meisten die Stadt, welcher er den Namen Babylon auferlegt hat (Ende von 13,8). Viel zu nah ist sie Vaucluse. Und darum hofft er auf eine Einsiedelei in seinem Vaterland. Kurz darauf antwortet Fam. 3,9 auf ein Schreiben von Zanobi da Strada, der meldete, dass er (Fam. 12,3) den Schuldienst in Florenz aufgegeben habe und an den Hof Neapels gezogen sei. Nicht nur hatte Petrarca ihm dazu geraten, er hatte ihm dank seinen Beziehungen zum Seneschall Acciaiuoli eine Einladung dorthin recht eigentlich verschafft und zeigt sich jetzt sehr erfreut, dass der Grammatiker seinen Rat befolgte, verheisst ihm auch gleich, die am Hof Neapels erworbene Freiheit werde seiner Begabung sehr förderlich sein, ja er erkennt in ihm bereits einen Dichter (1). Eine Bitte folgt, die auch andere Freunde ab und zu von ihm hören
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(Fam. 7,16,5; 18,8,11 und 16; 24,13,8 f.): Petrarca wünscht, dass die Liebe seiner Verehrer ihm nicht schade, weshalb Zanobi, wenn er in den Schriften seines Meisters Mängel entdeckt, solche angeben solle. Bedenken möge er, dass er mit der erbetenen Hilfeleistung auch den eigenen Ruhm erhöhe (8). Ein Hinweis auf einen Gewinn fehlt nicht, denn Petrarca hat durch Zanobi erfahren, dass seine Bemühung um eine Versöhnung zwischen Acciaiuoli und einem anderen Hofmann Neapels vom schönsten Erfolg gekrönt worden ist, und mit einem Gruss an den genannten Staatsmann schliesst der Brief. Dieser ist für die bestimmte Art Freundschaft, die Petrarca mit Zanobi pflegt, bezeichnend. Sie gleicht stark einem LehrerSchülerverhältnis, ist zwar echt und – wie sich zeigen wird – dauerhaft, aber eher vernünftig als herzlich und nicht unwesentlich mit Petrarcas Wunsch, Beziehungen mit jenem Hof zu pflegen, verknüpft. Ob Zanobi unverzüglich den Wunsch empfindet, eine Kritik, wie Petrarca sie ja gewünscht hat, anzubringen, oder ob er einfach ein Gespräch unter Sachverständigen weiterführen will: Jedenfalls empfängt Petrarca von ihm bald danach ein Schreiben, in dem er auf einen Mangel in einem früheren Brief aufmerksam gemacht wird. In Brief 13,10 vom 25. August 1352 antwortet er darauf mit der Erklärung, dass kein Versehen vorliege und rechtfertigt sich auf eine Art, dass der Haupteinwand klar erkennbar wird. Er hat im Schreiben Fam. 12,16 bei einer Aufzählung antiker Freundespaare einige übergangen, das ist wahr, aber nicht etwa aus Unkenntnis oder Nachlässigkeit. Mit voller Absicht hat er (2 f.) ausschliesslich Freundschaften edler Art zwischen hervorragenden Männern vorgestellt, die beispielhaft und schon in der Antike mit gutem Recht verherrlicht worden waren. Selbstverständlich kennt er auch die Freundschaften zwischen ganz obskuren Gestalten; er kann sie ohne weiteres aufführen und tut es jetzt. Aber an solche zu erinnern, wäre ganz unpassend gewesen. Nicht alles, was die Antike vorgezeigt hat, ist nachahmenswert; zum Affen soll man nicht werden. Das hat nun Zanobi zur Kenntnis zu nehmen; er wird auch eingesehen haben, dass er für seine falsche Vermutung keinen Dank verdient, und wird bei seinem Meister nicht so rasch einen neuen Mangel entdeckt haben. Petrarca bleibt der überlegene, unanfechtbare Lehrer, wenigstens in seinem Freundeskreis; und recht besehen sind es nur die Verächter einer guten Sprache, wie man sie an der Kurie findet, die ihm den Vorwurf eines literarischen Irrtums machen können. Und mögen die Freunde den Dichter längst in Italien erwarten, er befindet sich weiterhin an der Sorgue, wie Brief 13,11 vom selben Datum, dem 25. August 1352, beweist. Was er darin schildert, ist besonders reizvoll und wird in erster Linie Hundefreunde ansprechen. Denn Petrarca ist auch einer, und unter seinen Zeitgenossen wird man nicht manchen oder eher keinen finden, der mühelos einige Hundeanekdoten aneinanderreihen kann (weil er weiss, wo er sie beisammen findet) und den eigenen Hund in einem Geschichtlein so richtig und ansprechend
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vorstellt. Sehr bezeichnend ist, wie er zu diesem Hund gekommen ist: Ein Geistlicher hat sich aus dem Tal entfernt, und noch bevor jemand bemerkt, dass er nicht mehr da ist, sehen die Einwohner, wie eigenartig, ja verzweifelt sich sein Hund gebärdet, und dass ihm gar nicht zu helfen ist. Doch da kommt Petrarca, er weiss von nichts, aber der Hund lässt sich von ihm sogleich gewinnen, findet in ihm den Freund des früheren Herrn und bezeugt ihm unverzüglich so viel Anhänglichkeit und Dienstwille, dass der Dichter sich daran nicht genug ergötzen kann. Er schreibt dem Fortgezogenen zwar, der Hund, „schwärzer als Pech, rascher als der Wind und treuer sogar als ein Hund…“ sei bereit, zu ihm zurückzukehren; aber er weiss auch zu seiner Zufriedenheit, dass er ihn behalten darf. Er wird nicht oft von einer Leistung dieses Hundes berichten, doch wenn er es tut, dann mit Staunen (Fam. 15,12). Dass er auch Katzen liebte, scheint dagegen reine Dichtung aus dem 18. Jahrhundert zu sein. Mit 13,12 wird ein Abt von Corvar(i)a beehrt, dem die Werke des Dichter so viel wie eine „Zufluchtstätte“ bedeuten. Er hat jedoch eine Bitte vorgebracht, die Petrarca nur allzu oft auch von andern vernommen hat (vgl. Fam. 7.18.7; 10,4,34; 12,7,5 f.) und die er nicht erfüllen kann. Schon hat er eine gewisse Leichtigkeit erworben, seine übliche abschlägige Antwort zu variieren. Was sich der Freund wünscht, ist das Epos Afrika; es hatte dem Ruhm des Dichters eine Strahlkraft wie nichts anderes verliehen und eine Neugier geweckt, die sich nicht zähmen lässt; unter einer langen Wartefrist ist sie nur immer gewachsen. „Ich habe das weite Land schon in Besitz,“ sagt nun Petrarca, fügt aber an, es bedürfe immerhin noch grosser Pflege, wie eben ein Landwirt ständig zu jäten, zu haken und zu pflügen hat. Mit ziemlicher Sicherheit kann man behaupten, dass er nur mehr selten daran glaubt, den grossen Erwartungen, die man in Italien auf diese Verherrlichung römischer Vergangenheit setzt, auch nur einigermassen gerecht zu werden (vgl. auch Fam. 8,3,11 ff.). Im Secretum hat ihm Augustinus (Petrarcas bessere Einsicht) ohnehin geraten, das Werk aufzugeben: Dimitte Africam“ (3,17,6). Aber das publik zu machen, und gar einem beliebigen Bekannten gegenüber, der sich kaum vorzustellen vermag, was die Erfüllung seines Wunsches dem Dichter auferlegen würde, wäre gewiss falsch gewesen. Wüsste man, sagt Petrarca am Ende des Briefes, wie unendlich viele Beschäftigungen, occupationes, ihn bedrücken, fast jedermann hätte Mitleid mit ihm. Doch was für „Beschäftigungen“ meint er? Auch dieser Brief stammt noch aus Vaucluse, und das ist immerhin der Ort, von dem Petrarca immer wieder rühmt, zum dichterischen Schaffen sei er besser als jeder andere geeignet. Zudem hat er im Augenblick, so jedenfalls meint man, keine andere Pflicht, als auf einen Kardinal zu warten.
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In Buch 13 ist Brief 1 an den Kardinal Guy de Boulogne gerichtet, der hierdurch geehrt wird; als einziger trägt er im Datum den Namen Avignon. Alle Briefe, mit Ausnahme von Brief 7 fallen in die Monate Mai bis September des Jahres 1352; sie folgen sich in guter chronologischer Anordnung und sind wohl an der Sorgue geschrieben worden. Dem äusseren Zusammenhalt entspricht weitgehend auch der innere. Der Horizont ist der von Avignon; Vaucluse steht unter dem Einfluss dieser Stadt. Die Sprache stellt das herausragende Thema dar; es bildet ein Bindeglied zwischen mehreren Schreiben und erscheint da gleichsam natürlich eingebettet in solche mit anderen Themen. Denn die Schreiben, die mit Sprachstudien gar nichts zu tun haben, der Trostbrief, die Schilderung des Landlebens, die Geschichte von Petrarcas Hund, schmiegen sich gut an die anderen an, lockern die Kette, ohne trennend zu wirken. Entscheidend ist für Petrarca, dass er dem Amt eines päpstlichen Sekretärs entkommt.
Die harmonische Wirkung (hier besser als in manchen anderen Büchern) ist durch gezielte Anordnung und durch Weglassung mancher Ereignisse erfolgt. Von einigen hatte Petrarca schon in Buch 12 berichtet, so von der Krönung des Lodovico von Tarent in Fam. 12,2, von der Auseinandersetzung mit Bischof Ugolino Rossi in Fam. 9,5–6, von der ihm angebotenen Bischofswürde, die er wie andere Gunsterweise ablehnte, in Var. 15, um nur Wichtigstes zu nennen. Übrigens weiss man, dass er in jener Zeit an verschiedenen prosaischen Werken, wie an Briefen Sine nomine arbeitete, und Sonette verfasste. Im Buch 14 ist Brief 1 vom 22. September (1352) an Elie de Talleyrand, den Kardinalbischof von Albano, gerichtet. Dieser nimmt also einen Ehrenplatz ein wie Kardinal Guy im vorangehenden Buch. Er imponiert dem Dichter an der Kurie in Avignon offensichtlich wie keine andere Persönlichkeit. Mit seinem einnehmenden Wesen vermag der hochgescheite und vornehme Mann ihn recht eigentlich zu beglücken. Während Petrarca zu Guy de Boulogne mehrmals in einem geradezu herzlichen Ton spricht und ihm Dank für vielfache Güte bekundet, ihn offensichtlich schätzt und meint, er werde ihn nach seiner Abreise recht vermissen (Fam. 13,7,21 und 14,7,4), zollt er dem andern der beiden „Stiere, die weit und breit über Gottes Weide herrschen“ (vgl. Notiz zu Fam. 13,1) wahre Bewunderung, obwohl er seine Mängel nicht übersieht. Er anerkennt ihn als Dienstherrn und fühlt sich ihm gewisser „Benefizien“ wegen verpflichtet (Fam. 12,6,7 und 13,5,4), und dennoch enttäuscht er ihn, wenn nötig, mit hartnäckigem Widerstand, denn dieser Kardinal hat womöglich eindringlicher als die anderen Prälaten darauf
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bestanden, er habe einen einfachen, verständlichen Stil zu schreiben. Er insbesondere hält gar nichts von literarischen Höhenflügen, denn ihm ist nur sein eigenes Legistenlatein lieb und geläufig (Fam. 14,5), wenn man vom Französischen absieht. Nachdem er den Dichter nicht dazu bewegen konnte, sich in der offiziellen Prüfung eines einfachen Stils zu befleissigen, bringt er ihn nun nachträglich leicht dazu, wenigstens privatim seinen guten Willen zu einem Versuch zu zeigen und möglichst „nah am Boden“ zu bleiben (1). Kurz erläutert Petrarca am Briefanfang seine eigene Vorstellung vom verständlichen, einfachen und klaren Stil, der Form und Inhalt umfasst, und dann wählt er geschickt ein allen Menschen gemeinsames Thema, zu dem sich jedermann äussern könnte (3 f.). Er handelt von Schwierigkeiten und Gefährdungen im Menschenleben, insbesondere in dem der Höhergestellten und verhüllt dabei nicht seine Absicht, den hohen Herrn zu belehren, ja versteht es gut, in seiner Abhandlung teils diskret, teils deutlich solche Mahnungen zu erteilen, die der Angesprochene direkt auf sich selber beziehen müsste. Er hat, so gibt ihm Petrarca zu verstehen, auf seinem Lebenspfad auf höchster Ebene nur eine geringe Ahnung davon, wie man auf tieferer Stufe lebt, und er hat keinen Grund, sich in seiner Höhe sicher zu fühlen (4 ff.), denn die Gefahren, die allen Wanderern auflauern, sind für die auf einem Berggrat Schreitenden grösser und um so viel fataler, als ein Absturz aus bedeutender Höhe besonders unerwartet und jäh kommt (6 ff.). Grosse Belästigungen sind da übrigens zu ertragen, die auf unteren Pfaden weitgehend fehlen. Sie werden Talleyrand hintereinander aufgezählt, und zu diesen gehört etwa das Fehlen einer Privatsphäre, die gegen die Öffentlichkeit abschirmen kann (9). Dann macht er ihn mit den Übeln bekannt, die alle Sterblichen bedrohen, und weil Vergil sie in die Vorhalle der Hölle verlegt hat, findet er eine Gelegenheit, Talleyrand mit dem Dichter bekannt zu machen, denn annehmen kann er ja nicht, dass der Legist auch bloss seinen Namen je gehört hat (15 ff.). Mit Ereignissen aus der Weltgeschichte, vornehmlich mit solchen aus der jüngsten Vergangenheit, bei denen Könige gestürzt wurden, hofft er dem Prälaten besonders kräftig zuzusetzen, und überhaupt rühmt er sich stolz (und nicht zu Unrecht), die Nöte der auf hohen Posten Thronenden mit allen Einzelheiten genau beschreiben zu können, weshalb er von seinem Gönner schon zum voraus ein beträchtliches Staunen erwartet (23 ff. bis 35). Hat er die erste Lehre vom Elend der Wohlsituierten farbig aufgefächert, macht er sich an die Darstellung einer zweiten Unterweisung. Der hohe Stand, dem Talleyrand angehört, darf diesen nicht hindern, einfach und fromm zu leben. Er hat selbst bei einer äusseren ihm aufgezwungenen Prachtentfaltung die Möglichkeit, freiwillig die geistige Armut zu üben und in seiner Gesinnung so bescheiden zu leben, wie einst die Apostel Christi (38 ff.). Petrarca drückt sich hier also nicht um einen entschiedenen Tadel des Ärgernisses, über das er sich gleichzeitig, aber anonym, in den Schreiben Sine nomine in höchstem Mass ereifert, umgeht aber jede Kränkung und gesteht dem bewunderten Mann vielmehr die bes-
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ten Absichten zu. Dass die Nachfahren der Apostel ein Leben führen, welches jenes der einfachen Fischer von einst geradezu verhöhnt (Sine nom. 5), das ist es, was Petrarca an Avignon vor allem anderen geisselt, wobei er allerdings kaum bedenkt, dass die selbe Kurie, solange sie in Rom sass, gleicherweise für richtig hielt, ihre Autorität auf Macht und Reichtum zu stützen. Übrigens hat er gute Gründe, gerade diesen Kardinal auf eine ständige Bedrohung seiner scheinbar gut gesicherten Stellung aufmerksam zu machen und die Kurie insgesamt an ihre Gefährdung zu erinnern. Sein hoher Gönner möchte wahr haben, dass Avignon als Zentrum der Christenheit unangefochten bestehen bleibe, und hat bei Papstwahlen bewiesen, dass er an der Kurie den französischen Einfluss zu verstärken und den italienischen zu unterbinden vermöge. Dabei sitzt ebenda ein gelehrter Franziskaner mit Namen Jean Roquetaillard im Kerker und hat geringe Hoffnung, befreit zu werden, weil er Talleyrand ins Gesicht zu wiederholen wagte, dass der Papsthof an der Rhone über kurzem ein unglückliches Ende erdulden werde (Guillemain 246 ff. und Register). Selbst wenn Petrarca von der Unterredung der beiden vielleicht nichts weiss, muss er wenigstens vermuten, dass sein geschätzter Herr sich mit dem Gedanken an eine Rückverlegung der römischen Kurie nach Rom ohne Not nie werde anfreunden wollen (Sine nom. 17; Aufrufe 310). Die Notwendigkeit, es zu tun, wird aber kommen, nur wird Talleyrand sie nicht erleben. Erst ein Jahr nach seinem Tod wird Karl IV. 1365 in Avignon eintreffen, um Papst Urban V. seine Unterstützung für die Rückkehr in den Kirchenstaat anzubieten. Von den hohen geistigen Begabungen des Kardinals spricht erst Brief 14,2 gegenüber Sokrates. Er trägt das selbe Datum wie der vorangehende vom 22. September und ist wohl wie jener in Vaucluse geschrieben worden. Zu den Vorzügen, die Petrarca an Talleyrand rühmt, gehören hohe (zwar einseitige) Bildung und Gelehrsamkeit, eine ganz auffällig rasche Auffassungsgabe und ein eminentes Wissen auf seinem Gebiet der Rechtskunde. Hochgeschätzt ist der Kardinal in allen Beratungen dank klaren, überzeugenden Vorschlägen und einem sicheren, einnehmenden Auftreten. Mit solchen und ähnlichen Fähigkeiten hat er fast mühelos die Spitze der Kurie erlangt. Mehrmals hat er bei Papstwahlen darüber entschieden, wer den Stuhl Petri besteigen solle (Fam. 14,2,1); Dank hat er nie verlangt. Doch auch jetzt wird von Petrarca mitten unter den schönsten Lobsprüchen der Mangel an jedem Sprachverständnis betont. Talleyrand kennt nur seinen eigenen Stil, versteht nur den barbarischen der modernen Juristen. Das alles ist natürlich nicht nur Petrarca sondern auch seinem Adressaten Sokrates längst bekannt, und gewiss bemerkte dieser auch längst den freundlich vertraulichen Gesprächston, der zwischen jenem und Petrarca herrscht. Nun aber erhält dieser Freund vom Dichter den Auftrag, seinen soeben verfassten Brief (den über die „einfache“ Schreibart) dem Kardinal zu überbringen, und zwar aus keinem andern Grund, als weil auch ihm das Vergnügen zu gönnen ist, sich mit diesem Mann zu unterhalten. Denn
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von ihm – das mag den Leser doch erstaunen – ist keiner je anders als besser oder fröhlicher weggegangen (a quo nemo umquam nisi aut melior discessit aut letior; Briefende). Ein grösseres Lob könnte kaum ausgesprochen werden, weshalb man sich fragt, was dem Dichter denn einfiel, auch diesen Vortrefflichen mit allen anderen der Sintflut zu übergeben. Die heitere Zufriedenheit, die in einigen aufgeführten Schreiben den Ton bestimmen, ist nicht so beträchtlich, dass es daneben keinen Platz für Unbehagen, Ärger, ja Kummer gäbe. Petrarca hofft damals umsonst auf eine Verständigung mit dem Bischof Rossi von Parma (vgl. Fam. 9,5 und 9,6); und nur wenig später nennt er als seinen neuen Dauerzustand eine grössere Unruhe, Müdigkeit und Hinfälligkeit, als er sonst empfinde (Var. 36). In Trauer versetzt ihn zudem eine Meldung, die ihm der Priester Luca von Piacenza zukommen lässt. Ein junger Mann ist gestorben, dessen geistige und körperliche Vorzüge Petrarca mit Freude erfüllt hatten. Von seinen Versuchen, sich zu trösten, handelt in Buch 14 sein Brief 3 vom 25. September. Die meisten der da geäusserten Gedanken kennt man aus mehreren anderen seiner sowohl Klage- als Trostbriefe, doch die Trauer über den persönlichen Verlust ist hier vom ersten Satz an gebändigt. Tränen zu vergiessen, das will er sich nicht mehr gestatten (1). Doch der selbe Luca gibt Petrarca nicht nur Bescheid von diesem Tod, sondern teilt ihm nicht viel später noch mit, was Neider gegen ihn vorbringen. Er weiss vor allem, welche Gerüchte in Parma über ihn, den Archidiakon dieser Stadt, herumgeboten werden. Dass er gegen den Bischof Rossi in Parma konspiriere, diesen Vorwurf hatte Petrarca von Avignon aus schon in Fam. 9, 5 (am 28. Dezember 1351) zu widerlegen versucht. Jetzt in Brief 14,4 vom 19. Oktober (1352) wehrt er sich gegen eine Missgunst, die ihn schlichtweg nirgends dulden will. Ob er in Avignon eintreffe, ob er sich da aufhalte oder ob er sich von Avignon verabschiede: Immer sind diese Leute bereit, ihm das zu verübeln und dahinter eine böse Absicht zu ihrem Schaden zu argwöhnen. In seinem Schreiben Sine nom. 14 (Aufrufe 280–282) hatte er für die grosse Menge von Bittstellern in der Papstresidenz ein Wort des Mitleids geäussert; jetzt denkt er nicht an wahrhaft bedürftige Kleriker, die ebenda eine zureichende Pfründe zu erhaschen hoffen; er wendet und verteidigt sich gegen solche, die ein – mindestens kleines – Vermögen ins Trockene gebracht haben, doch damit unzufrieden einen Riesenhaufen Goldes bei ihm vermuten und ihn sowohl des Geizes wie der Habsucht bezichtigen. Die schneidenden, sehr gewandt formulierten Widerlegungen des Dichters liest man (von einigen allzu verletzenden Tiervergleichen abgesehen) mit Vergnügen. Er kann es sich schliesslich leisten, testamentarisch seine gewaltigen Schätze insgesamt eben jenen Neidern zu vermachen, die zu ihrer eigenen Qual sie samt und sonders erdichtet haben. Nichts will Petrarca von seiner Habe ausnehmen, ausser einiges an Hausgerät und Büchern, und dass sein
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Erbe darüber leer ausgehe, kann ihm, wie es um die Sache steht, nicht die geringsten Bedenken schaffen (18). Darauf nennt er zu seiner ruhmvollen Rechtfertigung verschiedene einst ihm zugestandene Pfründen, die er – wie sich jederzeit dokumentieren lasse – mit Zustimmung des Papstes an Freunde übergeben habe, und schliesslich legt er als schönsten Beleg für seine Freigebigkeit eben dem Freund, der ihm von den Übelreden berichtet hat, ein Dokument vor, das bezeugt, Luca von Piacenza sei ein Kanonikat in Modena zugesprochen worden, weil Petrarca darauf verzichtet (24 ff.). Es stimmt, so sagt dieser, dass er sich früher mehrere Pfründen verschafft hatte (man kann darüber in den Studies von Wilkins lesen). Doch wenn er sie einmal zu seiner Erleichterung erhalten hatte – nicht zuletzt dank der Gunst seines früheren Herrn, des Kardinals Colonna –, war es ihm immer eine Freude gewesen, sobald als möglich mit einer Weitergabe einen Freund zu beglücken. Das wird man auch später wieder erfahren, dass er grosszügig zu Gunsten anderer verzichten konnte. Denn Habsucht ist wirklich von allen Lastern das letzte, das man ihm vorwerfen dürfte. Dass er sich aber viel Neid zuzieht, hat auch ganz andere Gründe als den Verdacht eines beträchtlichen Besitzes. Höchst ärgerlich ist für viele nicht zuletzt seine Beliebtheit bei den massgebenden Herren, von der man nicht weiss, womit er sie verdient hat. Petrarca wundert sich selber auch, warum man ihm an der Kurie Ämter und Zeichen des Wohlwollens, mehr als er wünschen kann, anbietet und warum gerade er mit auffälliger Auszeichnung behandelt wird (21 ff.). Noch bevor er da oder anderswo auch nur anlangt – so stellt er fest – hat er die einflussreichsten Herren schon gewonnen. „Es kann doch nicht einzig an meinem Ruf liegen“, vermutet er (22), weiss aber nicht, woran er sonst etwa denken sollte. Da gibt es ja mancherlei, was einem guten Auskommen zwischen ihm und den Prälaten abträglich sein könnte, so würde man meinen. Es bestehen zwischen ihm und jenen geistlichen Herrn ausser dem trennenden Unterschied in der sozialen Stellung und in der kirchlichen Hierarchie widersprüchliche Lebensauffassungen, auch starke nationale Gegensätze, die eng mit kirchenpolitischen verknüpft sind, dazu ganz verschiedene kulturelle Ansprüche. Zudem versteckt Petrarca ein Gefühl der eigenen Überlegenheit nur schlecht, während auch die französischen Prälaten sich eines höheren Wertes bewusst sind. Dennoch verstehen sie sich im Alltag gut. Die Mächtigen wollen ihn um sich haben, jetzt wie auch später. Einen Gefallen kann ihnen Petrarca allerdings damit tun, dass er sie rühmend in seinen Schriften erwähnt. Doch wie hoch man diesen Wert veranschlagen soll, ist zu ermessen schwierig. Wie dem sei: Was der Dichter auf der einen Seite an Gunst gewinnt, verliert er auf der andern, und das ist nur natürlich, wie ihm auch meist bewusst ist. Ja man hat Neider geradezu nötig, wie er in seinem Schreiben 14,4 zwar nicht sagt, weil er da zum Kampf bläst, wohl aber in anderen Briefen betont, die nicht geradezu als Invektiven dienen. Von Missgünstigen völlig befreit zu sein, würde mehr schaden als nützen.
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Er hat sie nötig. Sie reiben ihn blank oder richtiger: Er selber reibt sich an den Gegnern blank. Das entspricht einer alten Weisheit (vgl. z. B. Fam. 5,11,3; 16,3,7; 21,9,11). Ist er genötigt, wie jetzt im Herbst 1352, Vaucluse zu verlassen und seinen Pflichten gegenüber den beiden Kardinälen in Avignon nachzukommen, lebt er im Hause seines Jugendfreundes Guido Sette. Dieser ist Genuese und Archidiakon von Genua, trennt sich jedoch nicht gern vom Papsthof. In die fortwährenden Unruhen seiner Vaterstadt verwickelt zu werden, lockt ihn nicht. Dass er mit seinem Freund und Gast Tagesereignisse bespricht, und vor allem solche, die ihn sehr direkt angehen, ergibt sich von selbst, und darum verwundert auch nicht, dass Petrarca, wohl angeregt durch Gespräche mit diesem Sette, am 1. November 1352 ein Schreiben, das ist 14,5, von Avignon aus nach Genua sendet, und zwar an einen nicht genannten Dogen. Ständige Wechsel eben dort gestatten ihm offenbar keine Sicherheit, wen er als solchen anzusprechen hätte. Wie erinnerlich hatte er im Jahr 1351 den venezianischen Dogen Andrea Dandolo vor einem Krieg gegen Genua gewarnt (Fam. 11,8). Die aufsehenerregende Schlacht, die zwischen den gegnerischen Seemächten auf dem Bosporus geliefert wurde, liegt nun einige Monate zurück; aber vieles lässt vermuten, dass die erbitterten Feinde ein neues Treffen fordern. Jetzt ist es nur richtig, dass Petrarca, da er Venedig schon ins Gewissen geredet hat, Mahnungen an die andere Hafenstadt richtet (2). Er kennt deren glanzvolle Vergangenheit und verherrlicht sie und betont, in jedem Seegefecht habe bisher sie den Sieg errungen, fügt aber bei, das sei eben kein Grund zum Weiterkämpfen, vielmehr gelte es, sich zu bescheiden, denn der Übermut würde die Stadt ins Verderben stürzen (6). Darauf beharrt Petrarca, hat aber von einem Pazifisten nichts an sich. Heldentum zeigt sich im Krieg; das hat er von der Antike gelernt, und darum kann er den jüngsten Zusammenstoss der Mächte auf dem Bosporus begeistert als ein wunderbares Schauspiel beschreiben. Dabei sieht er keinen Grund, für die daran beteiligen Nicht-Italiener etwas an Mitleid aufzubringen (11), schon gar nicht für die Griechen, diese ärgerlichen Ketzer, denn dafür hält er sie. Nur mit dem „armen Völklein“, das man für geringes Geld zu Söldnerdiensten angeworben hatte, fühlt er ein recht grosses Erbarmen. Eine wahre Schande aber ist es, dass Veneter und Genuesen, wo sie doch beide Italiener sind, sich gegenseitig bekriegen, dies gar unter Beiziehung jener ausländischen Mächte. Versöhnung, und zwar auf ewig, und gleich auch noch eine gegenseitige Unterstützung fordert er jetzt von den Hafenstädten, ein Zusammengehen nämlich zum Kampf gegen äussere Feinde. Das heisst in jenen Jahren in erster Linie, dass sie endlich einen Kreuzzug zur Befreiung des Heiligen Landes unternehmen müssten, einen „in der Nachfolge Christi“ (14), wie er meint, ohne es weiter zu erläutern. Ein Kreuzzug wird vielerorts propagiert, wie schon angedeutet auch in Avignon, eben da vor allem auch von Talleyrand und Guy de Boulogne, wenn sie zwischen
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England und Frankreich zu vermitteln versuchen. Dass Christen untereinander kämpfen, ist erbärmlich; aber Krieg soll herrschen gegen die Ungläubigen, die man am Machtgewinn und an der Eroberung christlicher Gebiete hindern muss. Diese Art Krieg wäre die beste. Aber Petrarca hält sogar jeden Krieg, der gegen äussere Feinde (Angreifer) gefochten wird, für vertretbar, ja auch für ein wichtiges und unerlässliches Hilfsmittel in einer innergesellschaftlichen Not. Das will er insbesondere gegenüber Genua betonen. Ihr Gemeinwesen, das in langer Friedenszeit schlaff und krank geworden ist, könnte unter kriegerischen Taten seine frühere Gesundheit und Tüchtigkeit zurückgewinnen. Krank ist es geworden, weil es allzu sicher gelebt und einen äusseren Feind vermisst hatte. Nicht anders ist es Genua ergangen als dem alten Rom, denn was hätte den Römern so geschadet, das fragt er, wie die Zerstörung Karthagos, ihres mächtigsten Feindes! An ihrem Wohlergehen sind sie zugrunde gegangen (17 ff.); und nichts belegt die Richtigkeit der genannten Theorie eindrücklicher. Nur eine einzige Art Krieg hält Petrarca für durchaus verderblich, das ist eben der innere Streit, der unter Bürgern, der unter italienischen Mächten. Das hat er in seinem Brief an die Genuesen zu betonen, denn ihr Parteihader ist in aller Welt bekannt. Dabei haben sie tatsächlich einen äusseren Feind, ja einen – das weiss Petrarca bestimmt – der ungerecht und bösartig ist, so dass man sich seiner erwehren darf und auch soll. Daher lautet seine Aufforderung am Schluss schon dieses Briefes: Ite in bella feliciter (31). Er weiss freilich nichts von den Waffen späterer Generationen, die ein Heldentum, wie er es bewundert, ausschliessen. Und er meint natürlich auch, verteidigt werde nach aussen ein wahres Vaterland als ein Hort des Friedens, der geistigen Freiheit und eines der besonderen hohen Kultur. Denn das Vaterland, das gibt es zu seiner Zeit. Und Genua hat er schon in seiner frühesten Jugend gesehen, als es noch herrlich und wohlgeordnet war, wie er wenigstens im Rückblick meint (23 ff.). Zur früheren Gesundheit kann die Stadt zurückfinden, wenn sie die richtigen Mittel anwendet. Ausser dem Krieg nach aussen empfiehlt der Dichter noch die beste Regierungsform, das ist das Dogat, und zwar eines der grossen Machtbefugnisse, eines auf Lebenszeit, wie Venedig es kennt. Noch immer verhindern die unter sich verfeindeten Geschlechter der Stadt (Doria, Spinola, Fieschi, Grimaldi) eine solche Regierungsform. Doch der äussere Feind, von dem Petrarca spricht, handelt schon bald, wie man aus Brief 14,6 erfährt, und nun zögert Petrarca nicht zu zeigen, dass seine Theorie blutig ernst gemeint ist. Der Ruf Pedros (IV.) von Aragon, der eine Eroberung Sardiniens begonnen hat, entspricht völlig seiner Vorstellung vom verruchten äusseren Gegner. Ihm das Geraubte wieder zu entreissen, an ihm Rache zu üben, ihn erbarmungslos niederzuzwingen, ist so durchaus richtig, dass des Dichters Aufruf zum Kampf jetzt mit der Selbstverwünschung schliesst: „Verderben will ich, peream, wenn in diesem Schreiben ein einziges Wort von Frieden zu lesen ist.“ Das Treffen
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mit Pedro steht noch aus; es wird jedoch stattfinden. Wenn es aber richtig ist, den Brief auf Februar/März 1353 anzusetzen, so vergehen Monate, bis sich Reflexionen über seinen Ausgang aufdrängen werden (vgl. Fam. 17,3.17,4). Wilkins, der Petrarcas Briefe mit grosser Sorgfalt chronologisch zu ordnen unternahm, reiht auch jene hintereinander (Studies 171 f.), die in der Zeit zwischen Februar und November 1353 verfasst, jedoch in anderen Büchern (12.13.15. etc.) untergebracht wurden. Von diesen Schreiben hat man früher gehört oder wird man später noch hören. Im Buch 14 folgt dagegen ein Brief an Kardinal Guy de Boulogne als Fam. 14,7 und versetzt den Leser auf den 8. November 1352 zurück. Dabei scheint es gar, er müsse dem Brief 13,7, der oben kurz genannt wurde, unmittelbar vorausgegangen sein. Denn wenn jetzt in 14,7 zu lesen steht, Petrarca habe Monate lang auf die Rückkehr seines Herrn Guy de Boulogne, vielmehr auf dessen Erlaubnis zur Abreise vergeblich gewartet, so erinnert das an die Beteuerung des Dichters, er gehorche dem Wunsch des Kardinals und warte, wie im andern zu lesen war. Wie dem sei: Auf jeden Fall wartet er; jedoch nicht mehr lange. Der Aufenthalt an diesem Ort, wo nur sein Leib sei, „seine Seele aber nicht“ (6), sei ihm unerträglich geworden, so erklärt er und meint mit dem Ort natürlich Avignon. Damit verabschiedet er sich. Der Dank für des Kardinals Güte und menschliche Grossmut ist herzlich und aufrichtig; mit Sicherheit kann Petrarca annehmen, dass er, würde er noch weiter zuwarten, vom Adressaten eine neue beträchtliche Gunst empfangen könnte; denn das wurde ihm angedeutet. Doch nun ist es bereits eine zwingende „Notwendigkeit“, dass er geht, und er bittet nur noch, was ihm zugedacht worden sei, möge an seine Freunde in Avignon übergehen. Vor diesen hält er sich versteckt, in Vaucluse natürlich; da bleibt er ihnen fern, denn gerade auch die Freunde versuchen noch immer, seinen Willen ihren eigenen Plänen zu beugen (vgl. z. B. Fam. 24,13,2 ff. 8 f.). Dass Petrarca aber im Hinblick auf die Abreise von einer Notwendigkeit sprechen kann, wirkt, selbst wenn man die Umstände bedenkt, befremdlich. Was zwingt ihn? In Vaucluse findet er eher als überall sonst die so oft ersehnte Musse für die Ausarbeitung seiner Werke. Man kann sich kaum etwas anderes denken, als dass er gerade auch diese Musse nicht mehr aushält; denn das erlebte er schon früher und erlebt er oft aufs neue. Ein Überdruss stellt sich ein, der ihn fortzugehen zwingt (Fam. 8,3,11 f. und 15; 16,14,14). Er braucht den Ortswechsel, den er in einem späteren Brief zum Hauptthema macht (Fam. 15,4). Noch einen andern Abschiedsbrief fügt er an, 14,8, und diesen etwa zehn Tage später. Er richtet ihn an Ponzio Sansone, den Vorsteher von Cavaillon, der zu seinen vertrautesten Freunden im Umkreis von Vaucluse und Avignon zählt. Er soll hier geehrt werden. Von ihm nimmt Petrarca gerne an– wie das 14. Kapitel im 2. Buch über „das einsame Leben“ festhält –, er werde einst zusammen mit Bischof Philippe, mit Sokrates, Guido Sette und ihm, Petrarca, die kleine Fünfergruppe darstellen, die das Glück des Einsiedlerlebens in Vaucluse begründe und erhalte.
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Nun aber hat er eben unterlassen, diesem Freund den versprochenen Besuch abzustatten, doch zum vornherein mit seiner Nachsicht gerechnet. Der Gütige weiss ja, dass seine Zeitnot jetzt drückender ist als je; er ist occupatissimus (2). Womit, möchte man fragen. Doch er meldet nur kurz: „Ich reise ab“. Das mag die Zeitnot erklären. Doch fast sieht es so aus, als hätten ihm gewisse Herren der Kurie für seine letzten Tage in der Provence noch rasch einige Geschäfte aufgehalst, meinend, niemand könne sie so gut erledigen wie er, ob er nun den „einfachen“ Stil beherrsche oder nicht. Von Petrarca etwas Genaueres zu erfahren, darf man nicht hoffen. Handelt es sich um Pflichten, die ihm auferlegt wurden, sind sie diskret zu behandeln. An der Kurie schätzt man unter seinen Vorzügen keine höher als seine Verschwiegenheit und Verlässlichkeit; und diese Tugenden zu besitzen, hat ihn immer mit Stolz erfüllt (13,5,12; vgl. 5,2,5 über die secretorum participatio und 1,6,6: nullius…fido silentio secundus). Und dass man das Schreiben nur nicht geringschätze, wie einen Anhängsel. Das würde der Gepflogenheit Petrarcas widersprechen. Abschliessende Schreiben gehören zu den wichtigsten.
Buch 14 enthält eine Auswahl von bloss 8 Briefen; davon stammen 7 aus der Zeit zwischen 22. September und etwa 18. November 1352, wogegen das 2. Schreiben an Genua die zeitliche Abfolge sprengt, da es nicht vor dem Frühjahr 1353 verfasst werden konnte. Geschrieben wurden sie teils in Vaucluse, teils in Avignon. Von besonderer Bedeutung und Länge sind Nr. 1 an Kardinal Talleyrand, wo die Gefahren der Würdenträger geschildert werden, dann Nr. 4, wo sich Petrarca gegen Vorwürfe der Neider in Avignon verteidigt, weiter Nr. 5 und 6, in denen sich der Dichter zu Bürgerzwist und Krieg der Genuesen äussert. Den Schluss machen zwei Abschiedsbriefe, in denen Petrarca seine unmittelbar bevorstehende Abreise aus der Provence ankündigt. Einer ist für Kardinal Guy von Boulogne bestimmt, den Petrarca noch immer als seinen Herrn bezeichnet. Ein Blick in andere Bücher verrät, dass Berichte über verschiedene Ereignisse aus der selben Zeitspanne (z. B. Krankheit und Tod von Clemens VI.) hier ausgespart und anderswo eingereiht wurden. Von solchen wird auch in Buch 15 die Rede sein. In Buch 15 muss sich der Leser gleich einige Tage zurückdenken, denn Brief 1 ist auf den 8. November 1352 zu datieren. Petrarca ist also noch nicht abgereist; er verfasst ein Schreiben für seinen langjährigen Freund Lelio, mit dem zusammen er einst sowohl dem Kardinal Colonna als auch dessen Bruder, dem Bischof von Lombez, gedient hat (vgl. etwa Fam. 4,13). Mehrmals hat Petrarca von diesem Freund gute Dienste erbeten, um bei gewissen Prälaten leichter Gehör zu finden (so Fam.
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3,19 und 20–22; 4,13,4; 9,10); immer ist es allerdings schwierig gewesen, von ihm einen Brief zu erhalten; und nur weil sich Lelio jetzt in Rom befindet und von sich reden macht, versucht der Dichter nach längerer Zeit der Resignation jetzt aufs neue, den früheren Kontakt mit ihm wiederherzustellen. Was sich in Rom abspielt, das muss er wissen. Auf eine Reform, wie die Kurie sie plant, wartet man eben da nicht und versucht, sich selber zu helfen. Lelio, ein Römer und Vertrauter der Familie Colonna, hat sich mitten unter andauernden Unruhen einen gewissen Einfluss und Anhang verschafft, und während man in Avignon seine Rolle misstrauisch verfolgt und sogleich an Frevel und Schande denkt (6 f.), hat Petrarca schon eine eigene Überzeugung von Lelios Wirksamkeit gewonnen und spricht sie auch aus, um gewissermassen frohlockend den „Fürsten der Welt“ zu widersprechen. Ein kleines Zeichen des Erfolges genügt, um bei ihm grosse Hoffnungen aufleuchten zu lassen. Lelio ist bereit und fähig, so glaubt er, wesentlich dazu beizutragen, dass in der Republik Rom die Ruhe wiederhergestellt und dem Volk seine Rechte und Freiheiten gesichert werden. Der Dichter weiss zwar, dass der Freund vor Jahren einem Cola di Rienzo gegenüber eine gewisse Zurückhaltung gewahrt hat (Fam. 7,5), wie es für einen Adeligen natürlich war, doch schliesst er daraus nicht (und hat damit recht), dass jener die Sache des Adels jetzt gegen das Volk ausspielen wolle. Er erinnert Lelio an ein beachtenswertes Wort des alten Stefano Colonna und bemerkt dazu, dass dieser würdige Mann allerdings „unsere Vorhaben nicht unterstützte“ (9). „Unsere Vorhaben“: das heisst, jene von 1347, die noch im Jahr 1352 „die unsern“ sind. Sie zielen auf die Kräftigung und Neuordnung der Republik in Rom unter Wiederherstellung der Volksrechte, was immer in Avignon über den Volkstribunen Cola di Rienzo beschlossen wird. Eben deshalb will Petrarca seinen Lelio mit jeder ihm möglichen Aufmunterung unterstützen und ihm damit auch den Weg zum Ruhm erleichtern (8 und 11), ja er deutet eine Verherrlichung durch seine Feder für die Zeit an, wenn das hohe Ziel erreicht sein wird, und ob man das in Avignon schätzt oder nicht, kann den Dichter nicht kümmern. Er ist ohnehin, wie wir wissen, im Begriff, abzureisen, und schon spricht er von den „Grossen der Welt“ eben dort so verächtlich wie verallgemeinernd. Solange er einzelne kuriale Herren vor sich hatte, konnte er ihre persönlichen Eigenarten, ja Vorzüge erkennen, doch schon fasst er aus der Distanz alle mit einem einzigen Blick zusammen, sieht nur noch eine Menge, an der das allgemein kuriale Gehaben mit seinen Lastern hervorsticht. Anonym wird sie ihm nun, eben eine sine nomine, die man insgesamt – wenigstens rhetorisch – in einer Sintflut ertränken kann. In Brief 15,2 an Francesco Nelli hört man dann endlich mit einiger Befriedigung von der lange aufgeschobenen Reise. Petrarca unternimmt sie mit Dienern und Habe bei unsicherem Wetter, nämlich seinem üblichen „Reisewetter“, doch gleich bricht er sie wieder ab. Dass er schon im Städtlein Cavaillon froh ist, bei seinem geliebten Bischof Philippe Schutz vor einem Wolkenbruch zu finden, und
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dass er da eine Nacht lang sich hin und her berät, was er tun solle, weil seine Strasse nach Italien teils durch Wasserströme, teils durch bewaffnete Kriegsleute versperrt ist, berichtet er dem Freund Nelli mit einigem Humor, weil er schon wieder zu Hause an der Sorgue im Trockenen sitzt. Einen guten Teil seiner Bibliothek hat er mit sich geführt und glücklich wieder zurückgebracht. Doch nicht die ganze wurde hin- und hergefahren, denn Vaucluse völlig aufzugeben, daran denkt er jetzt nicht. Söhne seines verstorbenen Verwalters werden auf seinem kleinen Gut weiterhin zum Rechten sehen. Nach der Regennacht in Cavaillon hat er einen Grossteil seiner Diener (er hat ja stets eine gute Zahl) weiter, vielleicht nach Parma oder eher nach Padua, wo ihm sein Kanonikat gesichert ist, geschickt und ist nun recht froh, ihrer ledig zu sein. Fast wunderbar kommt ihm vor, dass es nur eben an seinem Reisetag gegossen, und wie gegossen! und überall Kriegsvolk gegeben hat. In einer für ihn höchst bezeichnenden Weise schliesst er aus den ganz beträchtlichen Hindernissen an diesem einen Tag, Gott sei es, der ihn wissen lasse, er solle jetzt nicht reisen. Das ist ihm auch ganz recht. So meldet er am 18. November 1352 nach Florenz. Drei Monate später, am 22. Februar 1353, erzählt er vom selben Abenteuer in Brief 15,3 seinem Freund Zanobi in Neapel für den Fall, dass dieser nicht schon alles durch Nelli vernommen habe. Der Leser hört hier (wie bei Gelegenheit auch in anderen Briefen) etwas über die Art des Briefverkehrs unter den Freunden. Obwohl die Distanz von Südfrankreich bis Neapel damals schwieriger zu überwinden war als heute eine um die halbe Erde, erreichen die Sendungen ihr Ziel in verhältnismässig kurzer Frist, sofern – diese Einschränkung darf man nicht überhören – sie unterwegs nicht abgefangen werden und verloren gehen. Die Freundesbriefe des einen sind in der Regel vom ersten Adressaten an andere weiter zu schicken; und dass es geschehe, damit möchte Petrarca rechnen können (Fam. 8,4,8; 13,6,36). Gerade von Nelli wird eine Vermittlung häufig beansprucht, teils wegen der mittleren Lage seines Wohnsitzes, teils wegen seiner Zuverlässigkeit und seiner geradezu erstaunlichen Sesshaftigkeit (Fam. 18,11,4). Den Ereignissen, die Zanobi vielleicht doch schon vernommen hat, werden nun in Brief 3 einige Neuigkeiten angefügt. Petrarca ist von einem Diener, der als sein Kundschafter in Italien herumgereist war, bei seiner Rückkehr gewarnt worden, unter den waltenden Umständen dorthin zu übersiedeln, denn da sind zwar nicht irgendwelche Feinde zu fürchten, hingegen viele Freunde ins Auge zu fassen, die schon mit der Aufstellung wahrer „Schlachtreihen“ beschäftigt sind (8), um sich des Dichters zu bemächtigen. Was dieser kluge Bote an Gefahren hervorhebt, antwortet offenbar genau auf die Sorgen, welche die Gedanken seines Herrn am meisten beschäftigen. Wie vermag er den Anforderungen der Freunde gerecht zu werden? Er kann ohne sie nicht leben, doch wird es nötig sein, zu ihnen weiterhin eine gute Distanz zu wahren. Wo er sich aber die richtige Distanz verschaffen und wahren könne, das hat er bereits zu bedenken. Das Problem muss seine Ortswahl be-
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einflussen, und er hat diese wohl noch gar nicht getroffen. Übrigens ist sie sehr beschränkt. In Parma ist er dem Bischof Rossi nicht mehr genehm (Fam. 9,5), was bedeutet, dass er nur noch in Padua eine einträgliche Pfründe, nämlich, wie schon gesagt, ein Kanonikat besitzt. Immerhin hat er nicht vergessen, dass in Neapel der Gross-Seneschall Acciaiuoli ihm einmal von einem Musensitz gesprochen hat, kein Jahr ist es her (Fam. 12,15,5 vom Mai 1352), weshalb er ganz selbstverständlich einen Aufenthalt eben dort in Erwägung ziehen darf. Er preist also im Brief 3 seinem Freund Zanobi da Strada, der am neapolitanischen Hof verkehrt, wie zufrieden er in der Vaucluse lebe, weil er dank seinen Studien sowohl Athen und Rom um sich habe, fügt aber gleich noch an, in seiner Einsamkeit verweile er oft bei ihm, ja auch bei jenem „besten und grössten Mann“ (Acciaiuoli), den „ich zu jeder Stunde vor mir sehe“ (15). Das wird zwar gleichsam nebenbei dem Brief eingefügt, war aber doch wohl das Wichtigste, was Petrarca vorbrachte. Zanobi sollte dafür besorgt sein, so heisst es weiter, dass man ihn am Hof nicht vergesse (14–15), und mit dieser Bitte endet der Brief. Sie hatte gewiss einiges mit seinem Problem der Ortswahl zu tun. Wer einige Zeit lang dem Leben Petrarcas nachgegangen ist, weiss, dass seine heiteren Stimmungen selten lange anhalten, der Wechsel spiegelt sich in seinen Schriften häufig genug. Brief 15,3 datiert vom 22. Februar (1353) aus Vaucluse; Brief 15,4 an den Dogen Andrea Dandolo wird an einem 26. Februar vom selben Ort aus abgeschickt, vielleicht im selben Jahr, doch denkt Wilkins eher an 1352 (Studies 114 f.). Das Einsiedlerleben, dessen schöne Seiten vor dem Freund Zanobi eben gerühmt worden sind, erlebt der Dichter schon wieder völlig anders, was ihn dazu bestimmt, dem Venezianer ein Geständnis zu machen. Man erwartet wohl, das Schreiben an ihn werde erneut Mahnungen zum Frieden mit Genua enthalten; doch trifft das nicht zu. Petrarca bezieht sich auf die ihm vom Dogen gestellte Frage, weshalb er unstet sich einmal dahin, einmal dorthin begebe und noch keinen festen Wohnsitz gewählt habe. Der Wohnsitz ist nun Hauptthema dieses Briefes. Tatsächlich ist der Schreibende einmal da und einmal dort; das will er nicht leugnen; es wird wahrscheinlich auch weiterhin bei einem solchen Wechsel bleiben, obwohl der Gedanke nicht fern ist, dereinst in des Dogen Nähe sein „Lager abzustecken“: prope te iam castrametari incipiam (1 ff. und 6). Zuerst sprich der Dichter moralisch-philosophisch von ehrenwerten, sehr nützlichen Reisebedürfnissen des Menschen, wie er das früher aus anderem Anlass getan hat (z. B. in Fam. 9,13; vgl. 15,4,4 f.), zweifelt dann aber bald, ob er sich auf diese Weise rechtfertigen könne, und sagt schliesslich unumwunden: Ich gestehe, an einer seelischen Krankheit zu leiden: ego vero me egrum non infitior egritudine animi non parva, ja, er fügt an: und hoffentlich nicht auf den Tod: atque utinam non ad mortem (15 f.). Das Reisen mit dem Zweck, die Welt kennen zu lernen und sich dadurch zu vervollkommnen, das war ein Jugendtraum gewesen (7 f.); jetzt ist ihm der häufige Ortswechsel ein Hilfs-
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mittel, sich seine unerträglichen geistigen Beschwerden zu erleichtern. Was er früher seinen Freunden mehr als einmal als eine wunderbare Abwechslung und als ganz gebräuchliche Abhilfe bei Überdruss als fastidii medicina empfohlen hat (z. B. Fam. 8,5,15), das benötigt er jetzt weit häufiger als bei gesunden Menschen üblich ist. Er kann es schlechterdings nirgends lange aushalten und sagt es rund heraus, damit der Doge (gewiss nicht jedermann) Mitleid fühle: ut miserearis.(1). Noch befindet sich Petrarca an der Sorgue, wie das Datum angibt, doch beschäftigt ihn die Frage, ob ihm ein einziger Wohnort als bleibende Stätte genügen könne oder ob für ihn ein regelmässiger Wechsel von Vorteil sein werde. Einige Wochen Neapel, dann einige Wochen Venedig und dann anderswo: Das scheint ihm eine angenehme Vorstellung zu sein. Übrigens hat er schon im Jahr 1351 geschwankt, ob er sich auf immer von Vaucluse trennen könne. Aus einem Brief an den Bischof von Cavaillon konnte man einmal schliessen, er wolle fortan in der Vaucluse weilen; der Brief an Calvo deutete eine gleiche Möglichkeit an; Boccaccio schrieb er, bald komme er zurück, um auf immer in Italien zu bleiben, und einem Luca Cristiani verriet er, der zweijährige Wechsel zwischen Italien und Provence, dieses alternare gelte ihm bereits als eine Gewohnheit (Fam. 11,4; 11,6; 13,2; 11,12). Solche Worte hatten vielleicht jedesmal ein geringes Gewicht; doch wahrte sich Petrarca in der Tat verschiedene Möglichkeiten. Er gab, wie schon angedeutet, sein Gut an der Sorgue nicht auf. Und dass er sich für immer in Venedig oder für immer in Neapel festsetzen würde, gegen einen solchen Gedanken scheint sich sein ganzes Wesen wie gegen einen unerträglichen Zwang gesträubt zu haben. Mit Brief 15,5 wird der Leser, sofern unsere Datierungen stimmen, vom 26. Februar 1353 auf den 3. April 1352 zurückversetzt. Erst im Schreiben 15,14 gelangt er dann erneut zum Zeitpunkt, an welchem ihm (vgl. Fam. 14,8) Petrarcas Abreise nach Italien angekündigt wurde. Folglich ist Clemens VI. noch am Leben. Von den Ärzten, die sich um den todkranken Papst bemühen, hat Petrarca unfreundlich gesprochen, als verstünden sie sich bloss aufs Schwatzen (das sagte schon Fam. 5,19), und sogleich zeigten sich einige sehr erbost über die Beschimpfung, und wenigstens einer – nicht der gescheiteste – hat den Dichter daraufhin angegriffen und, wie man vermuten darf, ihm damit einen Gefallen erwiesen, nämlich einen erwünschten Schreibstoff geboten. Darauf hat Petrarca eine Invektive verfasst, um den neuen Feind von der Dummheit seiner Argumentation zu überzeugen, doch hat er durch seinen Freund, den Abt Pierre von Saint- Bénigne, den Vertrauensmann des Kardinals Guy, vernommen, dass die Herausgabe dieser Schrift verzögert werde (4). Das ist ihm gar nicht recht. Über den Quacksalber (um etwas Besseres kann es sich nicht gehandelt haben) zeigt er sich seinerseits im höchsten Mass aufgebracht, doch hat er sich vorerst zu einer wichtigeren Angelegenheit zu äussern, nämlich zu einer weltpolitischen. Ihm hatte man die Ehre zugedacht, mit dem genannten Freund Pierre und mit verschiedenen anderen Würdenträgern den
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Kardinal Guy de Boulogne zu begleiten, wenn er den Böhmenkönig Karl für dessen Italienzug abhole. Ganz nebenbei vernimmt man das und kann vermuten, es werde sich da um einen weiteren Grund dafür handeln, dass Petrarca seine Abreise aus der Provence noch immer verzögert. Denn wirklich hat man in Avignon gemeint, die Romfahrt Karls stehe unmittelbar bevor, muss nun aber zur Kenntnis nehmen, das längst erwartete Vorhaben des Böhmen werde wiederum aufgeschoben. Wie Petrarca das liest, hält er seine Klage über diese Enttäuschung nicht zurück. Resigniert wiederholt er gegenüber Pierre, was er schon mehrmals ausgeführt hat: Wenn Karl die Kaiserkrone nicht in Rom hole und wenn er nicht den Stuhl Caesars besetze, werde er zum Schaden Italiens, ja der Welt, niemals Kaiser sein. Dass er einmal, nein zweimal sich bemüht hat, König Karl mit Bitten und Beschwörungen zu einer raschen Ausführung des Unerlässlichen zu bewegen, kommt ihm jetzt als der Versuch eines Wahnsinnigen vor; demens ist er gewesen (7). Kaum weiss er in seinem Ärger, ob er sich um Italiens Schicksal überhaupt noch kümmern soll; wozu denn? Sein eigenes Leben läuft bald ab, und noch immer sitzt er in Frankreich! So tönt das, bevor er sich aufrafft, das Schicksal seines Vaterlandes Gott anzuempfehlen (9). Seine Entrüstung über jenen gewissen Mediziner, die in Brief 5 zurückgedrängt wurde, bricht nun heftig in Brief 15,6 hervor. Wie Petrarca tüchtig auf den Gegner einschlägt, tut ihm der völlig Ungebildete in seiner Anmassung beinah leid (5), wie er sich ausdrückt, dies jedoch nur für einen Augenblick. Was die Verzögerung der Herausgabe seiner „Invective“ betrifft, kann er sich aber beruhigen; das Werk wird seine Wirkung nicht verfehlen. Übrigens hat er zum voraus nicht im geringsten gehofft, dem bestimmten Schwachkopf Verstand eintrichtern zu können, und schafft sich daher eine grössere Genugtuung mit dem Gedanken, ein gebildetes Publikum zu belehren und zu belustigen. Vier Bücher füllt er mit seinen Schmähungen. Dabei streitet er, wie er immer wieder beteuert, gegen einen bestimmten Arzt oder vereinzelte Ärzte von der selben Sorte, durchaus nicht gegen alle, aber immerhin gegen jene unter vielen ganz allgemein verbreiteten Irrmeinungen und Missbräuche. Der beste Mediziner der lateinischen Antike, so kann man da lesen, das ist, wie man wissen müsse, Plinius, und eben er werde viel zu wenig beachtet (den römischen Arzt Aurelius Celsus kennt er z. B. noch nicht). Sicheres Wissen fehle den zeitgenössischen Ärzten, so behauptet er weiter; einer echten Wissenschaft dürften sie sich also keinesfalls rühmen; schon gar nicht dürfe man, was sie wissen und treiben, zu den „freien Künsten“ rechnen, es diene ja alles dem Gelderwerb, was die Freiheit und Ehrbarkeit stark beeinträchtige. Blosse ars mechanica (Invect. 1,13) sei das alles, stehe also auf einer ordinären Stufe. Damit beantwortet Petrarca eine Frage, die neu aufgeworfen wurde und ihn besonders ärgert. Denn es gibt nun tatsächlich Leute, die behaupten, die Medizin sei edler als die Poesie (Invect. 1,33 ff.), was natürlich eine völlige Umkehrung der richtigen Ordnung
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menschlicher Werte voraussetzt. Und dass die Mediziner aus der Heilkunst eine Redekunst gemacht haben, ohne von dieser das Geringste zu verstehen (vgl. z. B. Invect. 1,12 und 13; Fam. 9,5) und ohne damit eine Genesung zu fördern, ist so unerträglich, dass es immer von neuem beanstandet werden muss (Sen. 3,8; 5,3; 5,4 etc.), auch vor befreundeten Ärzten, deren Petrarca viele hat, auch solchen, die er denn doch gebildet und höflich nennt, und vor einem, den er sogar als ausgezeichneten Redner rühmt (Fam. 16,6; 22,12). Doch im selben Brief 6 muss er sich noch gegen einen anderen Angriff verteidigen. Einer will unter anderem wissen, er, Petrarca, habe sagen wollen (vgl. Fam. 15,5), der Stuhl Petri stehe in Rom und nirgends sonst. Das ist empörend. Es gilt, was er wirklich gesagt hat; niemand kann wissen, was er sagen wollte. Natürlich muss er für sicher annehmen, dass der an ihn gerichtete Vorwurf von einem Franzosen stammt, von einem Kurialen; ähnliche Anwürfe hat der Italiener in Avignon auch bei anderen Gelegenheiten von seiten der Franzosen vernommen und zurückgewiesen, so in Sine nom. 4 (Aufrufe 184 f.). Seine Neider dort wollen nicht wahrhaben, dass er als sehr patriotisch denkender Italiener in Fragen des Papsttums und der Stadt Rom eine richtige Meinung vertreten könne. Doch kein vernünftiger Mensch kann von ihm annehmen, er sei so leichtsinnig gewesen, sich zu verraten, wenn er sich etwas Gefährliches zu denken erlaubte. Er ist ein viel zu guter Kenner des Kirchenrechts und der kirchlichen Lehren ganz allgemein und sich auch der Risiken einer lockeren Rede allzu klar bewusst, als dass er die Sorgfalt im Formulieren vernachlässigt hätte. Mögen sie doch „delirieren“, wie sie wollen! Er hat gesagt, was er gesagt hat (10). Und länger geht er auf die Sache nicht ein. Während er nun immer weiter in der Provence ausharrt, kann er noch längere Zeit für die Überlegung aufwenden, wo in aller Welt er seinen Wohnsitz wählen solle. Zu den Briefen, die dieser Frage gewidmet sind, gehört auch Brief 15,7, der nicht genauer zu datieren ist, doch höchst wahrscheinlich ins Jahr 1352 gehört. Ein Überblick über die damalige bekannte Welt mit ihren politischen Verhältnissen beweist ihm selber und soll auch den Adressaten Stefano in St-Omer davon überzeugen, dass weder in Italien, noch sonst irgendwo im Abendland, ja auch weder in Asien oder Afrika ein Flecken zu finden ist, wo einem Studienbeflissenen die ihm nötige Ruhe und Freiheit gewährt werden. Wozu er den Adressaten ermuntert, schärft er in erster Linie sich selber ein: Verkriechen muss man sich in seine eigene Behausung und seine Türe vor der ganzen Welt verschliessen, um mit sich allein zu sein (19 f.). In aller Schroffheit wird hier ein Gedanke ausgesprochen, den er in seinem Werk De vita solitaria immer neu und gründlicher, wenn auch milder gestimmt, darlegt. Und bald wird er auch vor Karl IV. die selbe Auffassung wiederholen und sich nicht davon abbringen lassen, das Einsiedlerleben sei die vorzüglichste unter den verschiedenen Lebensweisen. Das allerdings sieht er ein, dass die beste Art sich nicht für jedermann im selben Masse eignet. Das Einsiedlerleben ist
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ihm selber ein nicht immer gleich erstrebenswertes und immer nahes, fast schon erreichtes Ziel, ausser er betrachte es als eine Geisteshaltung, als eine Einsamkeit in medio animi (20). Diese – so meint er – ist von der Aussenwelt unabhängig und bindet an keinen Ort. Und indem er seine Überlegungen niederschreibt, klären und ordnen sich seine alten Vorstellungen und erlauben ihm, einen Wechsel zu neuen zu vollziehen. Am Ende des Briefes denkt er offenbar weniger an eine Verankerung in Vaucluse als vielmehr an eine Trennung davon, wie die fingierte Einsamkeit sie erlaubt. In Brief 15,8 schaut er erneut, jetzt aber recht hoffnungsvoll in die Welt hinaus, obwohl er seine Ansicht von ihrem trostlosen Zustand nicht geändert hat. Seinem Freund Lelio schickt er am 24. April 1352 einen Brief nach Rom (1 ff.), in dem er sein Missfallen an den Zuständen in allen Provinzen nochmals deutlich ausdrückt, doch dann zu einem Entschluss kommt: „Wenn man trotzdem noch leben muss“(7), würde er nirgends lieber sein als in Rom (6). Nebenbei gesagt, hat die Datierung die Frage aufgeworfen, ob dieser Brief Fam. 15,8 nicht etwa Fam. 15,1 vorausgehe. Doch kann das nicht völlig einleuchten. Man müsste dann annehmen, dem vielbeschäftigten Dichter, der mit Lelios Schreibfaulheit zu rechnen gewohnt war, sei die angedeutete Zeitspanne zwischen 24. April (von Fam. 15,8) bis 8. November (von Fam. 15,1), also die Frist von einigen Monaten, als eine überraschend lange Pause im Briefkontakt erschienen. Wie dem sei: In Fam. 15,8,8 bittet Petrarca um Auskünfte über die Lage in Rom, ja er bittet den Freund um einen wohlüberlegten Rat, ob er sich da, wo er immer am liebsten hätte sein und bleiben wollen, sich niederlassen könne und solle (9). Er informiert Lelio über die Einladungen, die er aus Neapel, Paris und andern Höfen erhalten hat, muss aber jeweils anfügen, was er da oder dort zu befürchten hätte, in Neapel die Hitze, in Paris das ihm fremde Wesen und so fort. Erwartet wird er auch in Norditalien (14), so weiss er, und dorthin wird er sich wahrscheinlich wenden, wenn Lelio nach Rom zu kommen abraten sollte. Hierauf ist ihm einen Augenblick lang wieder so zumute, als könnte er auf alle Zeit an der Sorgue verbleiben, um da ein „vollendeter Waldmensch“ zu werden, und das tönt schon fast wie eine Drohung (14), doch ist diese sinnlos, weil Lelio sie gewiss nie ernst nehmen könnte. Sonnenklar ist diesem, dass eine feste Bleibe an der Sorgue gar nicht in Frage kommt. Es fehlt Petrarca (was er doch wohl selber weiss) das meiste, um ein echter oder auch nur halbechter Einsiedler zu sein. Ganz abgesehen davon, dass die ihm auflauernde Melancholie es nicht zulässt, gestattet es auch nicht sein Wunsch nach Umgang mit Freunden, sein angeborenes soziales Pflichtgefühl, sein Bedürfnis, zur Rettung Italiens, zur Bildung der Gesellschaft, zur Gestaltung der Welt so viel beizutragen, als in seinen Kräften liegt. Und im Geheimen nährt er angesichts der politischen Entwicklung jetzt erneut, wie ganz offenkundig ist (vgl. Fam. 15,5), die Hoffnung, Karl von Böhmen werde die Italienfahrt doch noch – und vielleicht sogar bald – unter-
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nehmen, dann aber werde er sich vielleicht irgendwie nützlich machen können (vgl. Fam. 15,5). Und wenn Karl nach Rom kommen und dort den Sitz Caesars einnehmen würde, wie, wenn er dort anwesend wäre! Von solchen geheimen Gedanken verrät er nichts, doch schärft er dem Freund am Ende ein: Halte soviel fest: Habe ich einmal die heilige Stadt betreten, verlasse ich sie niemals mehr. Wenige Tage später schreibt er Lelio aus Vaucluse einen neuen Brief als Fortsetzung, das ist Fam. 15,9. Zwei Fragen beschäftigen Petrarca in erster Linie: Wie wird die Menge, die Öffentlichkeit urteilen, wenn er, der ruhmvolle, allbekannte Dichter, sich in Rom niederlässt? Und wie kann er die Stadt Rom vor jenen Klägern rechtfertigen, die ihm gegenüber behaupten, eben dieses Rom sei Babylon, die von Gott verworfene Stätte, nicht Avignon, wie er behaupte, verdiene diesen Namen, der soviel wie Confusio bedeute. Petrarca muss also „die Königin der Welt“, wie er schon oft getan, – besonders auch in den Briefen Sine nomine – verteidigen und zugleich sich selber, der dieses geschmähte Rom allen anderen Orten vorzieht. Seine Feinde berufen sich auf Augustinus, denn sie wissen, diese herausragende Autorität unter den Kirchenvätern hat Rom als zweites Babylon bezeichnet, und ihnen gegenüber muss Petrarca darstellen, was Augustinus damit ausgesagt hat. Rom, ein zweites Babylon, das hiess, dass die Machtfülle der östlichen Königsstadt an Rom überging, ja dass Rom darüber hinaus von Gott den Auftrag erhielt, die ganze Welt (nicht bloss den Osten) zu unterwerfen (7 ff.), dabei die ungeordnete Vielfalt, die Confusio, die mit dem Wort Babylon bezeichnet werde, zu überwinden, und der Vermischung von Kulturen und Religionen ein Ende zu setzen. Rom habe diesen Auftrag erfüllt, als es sich für das Christentum entschied (17), die Götter verjagte und alles dem Christentum unterordnete. Damit war dargelegt, dass Augustins Meinung über Rom keinen Vorwurf enthielt oder dass der Vorwurf längst seine Berechtigung verloren hatte. Mit diesem Kirchenlehrer verständigt sich Petrarca wie immer leicht, doch muss er sich in einem zweiten Teil des Briefes auch mit Hieronymus auseinandersetzen und zeigt dabei (15 ff.) einige Kampflust bei etwas verringerter Ehrerbietung. Was will dieser Kirchenlehrer der Stadt Rom denn vorwerfen, wenn er feststellt, das Kapitol sei oft durch Blitze vom Himmel getroffen worden, so fragt er herausfordernd und erklärt: Das kommt ja weniger von Gottes Zorn als von der Natur (19), wobei das „weniger“ doch wieder seine übliche Vorsicht ausdrückt, weil er eine Kundgebung Gottes durch Naturerscheinungen nicht rundweg zu leugnen vermag (vgl. Fam. 15,3). Mit einiger Keckheit spottet er dann über eine gute Zahl abergläubischer Bedenken, die ein Donner oder Erdbeben da und dort und zu verschiedener Zeit hervorgerufen hat, mildert allerdings seinen Widerspruch gegen religiöse Deutungen und seine natürlichen Erklärungen wiederum ganz regelmässig mit einschränkenden „fast“ oder „eher“, und ist trotz dieser theoretischen Vorsicht persönlich von allen religiösen Ängsten gerade jetzt, wo er nach Rom gehen will,
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durchaus frei. Vom göttlichen Auftrag Roms ist er so fest überzeugt, dass ihm alle seine Sehnsucht nach der Königsstadt eben deswegen edel, ja heilig vorkommt. Er wird sich da geborgen fühlen und vor keinem Blitz sich fürchten, ja er wird eben da, wie er sagt, in Gottes Hand sein (26–27). Aber noch immer ist er in Vaucluse. Und bei dieser Angabe braucht man sich um die Frage, ob der Brief richtig datiert sei, nicht sonderlich zu kümmern; besser ist, Petrarcas Anordnung der Briefe gelten zu lassen, selbst wenn man damit möglicherweise auf eine (beabsichtigte?) Täuschung hereinfällt. Man kann sich vorstellen, und soll das wohl wirklich tun, dass die vorausgehenden Schreiben und auch dieser Brief 15,10 in der Zeit nach jener ersten rasch abgebrochenen Abreise verfasst wurden, nämlich als er sich erneut in Vaucluse so gut wie möglich versteckt hielt, um sich doch bald – wiederum von Freunden unbemerkt – davonzumachen. Es kann aber auch sein, dass das Schreiben 10 in die Zeit vor den genannten Reiseversuch fiel, denn da hatte er in Vaucluse auch schon versteckt gelebt. Jedenfalls sagt der Brief, er verkehre mit dem Bischof von Cavaillon und auch wieder mit Ponzio Sansone, dem Vorsteher der Kirche dort, von dem er sich schon einmal verabschiedet hat. Er ist jetzt dankbar für ein Angebot, sich im Haus des Geistlichen sogar in seiner Abwesenheit der einen und andern Sache bedienen zu dürfen (1). Vielleicht benötigt er gerade jetzt eher als früher eine Leihgabe; möglich ist ja, dass die vorausgeschickten Diener von seiner Habe schon manches mitgenommen haben (Fam. 15,2 und 3), was ihm jetzt entgegen aller Erwartung fehlt. Seine Bücher allerdings hat er noch bei sich (oder zurückgebracht), aber so ganz zu Hause fühlt er sich nicht mehr, weil da Aufbruchstimmung herrscht. Was übrigens mit seinem anhänglichen Hund geschehen wird (Fam. 13,11), wenn er Vaucluse verlässt, kann man nur vermuten. Der hat sich mittlerweile wohl an die Familie des Wirtschafters gewöhnt. Aber noch immer ist er Petrarcas treuer Begleiter, und schon in Brief 12 wird er nochmals erwähnt. Von den Unstimmigkeiten, die bei einem Vergleich zwischen den Anordnungen der Briefe und ihren Inhalten hervortreten, lassen sich manche wohl nie beheben oder erklären. So ist manches auch im Schreiben 15,11 nur dann begreiflich, wenn es vor dem Schreiben 2 (mit der Schilderung der in Cavaillon verbrachten Regennacht) verfasst worden ist. Mehrere Auskünfte in diesem Brief 11 haben keinen Sinn, wenn sie später geschrieben wurden als Brief 2. Denn der Adressat von Brief 2, der Bischof von Cavaillon, hat in jener abenteuerlichen Regennacht schon alles erfahren, hat also nicht nötig, sich in Brief 11 über die Verhältnisse des Dichters, über seine Rückkehr in sein Versteck und seine Pläne unterrichten zu lassen. Wichtig ist, dass er sich einprägt: Petrarca lebe in Vaucluse versteckt und wolle von niemand entdeckt werden. So ernsthaft wie scherzend wird er durch Petrarca vor jedem leisesten Verrat gewarnt. Würde er versagen, müsste er eine Strafe erdulden, wie man sie in Märchen, in fabulis vernimmt; das heisst: Petrarca würde entschwinden.
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Doch während dieser die Warnung ausspricht, weiss er, dass der Freund jetzt so zuverlässig sein wird, wie er eh und je gewesen ist und selbst in schwierigeren Augenblicken zu sein pflegt. Von seinem Vertrauen zu ihm spricht Petrarca erneut in Brief 15,12. Der Bischof wird mit verschiedenen Gaben beschenkt, so mit einer Forelle und zudem mit einer Ente, die der unglaublichen Behendigkeit des mehrmals erwähnten Hundes zu verdanken ist (1). Doch er wird auch gebeten, Ausführungen zu lesen, die dem Verfasser (wie dem Empfänger) gefährlich werden könnten, und deshalb soll er sie sogleich mit einer Beurteilung zurückschicken. Kein Zweifel: Ein Brief sine nomine wird ihm zur Begutachtung vorgelegt. In Brief 15,13 von Mitte Dezember wird der Bischof um einen ähnlichen Dienst und Rat gebeten. Doch von einer Bedenklichkeit kann nicht mehr die Rede sein. Petrarca zeigt dem Freund eine Abhandlung, weil er seiner Fähigkeit misstraut, einen Priester, der im Ruf der Heiligkeit steht, so zu ehren, wie er es verdient. Ob er auf des Bischofs Ratschlag Änderungen vornahm oder nicht: Jedenfalls ist der nächste Brief 15,14 nichts anderes als eben dieses Erzeugnis von Petrarcas Feder und bildet den prunkvollen Abschluss von Buch 15. Gewürdigt wird darin der Bischof Ildebrandino Conti von Padua, der kurz zuvor, am 2. November 1352, gestorben ist. Er gehört zu den bedeutendsten Persönlichkeit seiner Kirche, und Petrarca hat mit ihm – als Kanoniker der genannten Stadt – einst vertrauten Umgang pflegen dürfen. In diesem Nekrolog zuhanden der Geistlichkeit von Padua zeichnet der Dichter das Ideal eines Gottesverehrers und Seelenhirten. Ildebrandino, der während seines Lebens auf Erden dank seiner Gottesverehrung schon im Himmel gelebt hat, ist zur gleichen Zeit ein treu besorgter Hirte seiner Herde gewesen und hat sich mit letzter Hingabe und Weisheit um sie gekümmert. Noch in seinem Tod ist er nicht um sich, sondern einzig um die ihm Anvertrauten besorgt gewesen, indem er an der Kurie den denkbar geeignetsten Mann zum Vorsteher für seine Kirche zu gewinnen unternahm (19 ff.). Diese Sorge für einen guten Nachfolger zu unterstreichen, ist Petrarca besonders bemüht. Allzu häufig wird sie vernachlässigt; das weiss er dank seinen Erfahrungen, und er kennt auch die bösen Absichten, die ein solches Versagen fördern. Doch es drängt ihn (30 ff.), von seinen eigenen Begegnungen mit dem Hochverehrten zu sprechen. Er hat dessen Zuneigung in manchen Gesprächen erleben dürfen und bereut zu spät, dass er eine seiner Ermahnungen nicht beachtet hat. Als die Kurie ihn nach Avignon zurückrief, bat ihn der Bischof von Padua dringend, nicht darauf zu hören (34); doch er ging hin und schrieb später dem Freund voller Scham von dieser seiner Unvernunft (vgl. Sine nom. 8). Wie er sich der päpstlichen Anordnung hätte widersetzen dürfen, sagt er nicht. Die Autorität des Heiligen hätte ihm zur Entschuldigung zweifellos genügt. Und sicher ist, dass sein neuer Aufenthalt in der Provence mit verschiedenen üblen Folgen auch die bescherte, dass er den alten Priester entgegen seiner Erwartung nicht wiedersah. Das alles berichtet Petrarca mit Worten grosser Verehrung und mit solchen
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des Dankes für viel gütiges Verständnis. Trotz aller Wortkunst, deren er sich bedient, ist sein Lob von überzeugender Ehrlichkeit. Und selten ist wohl ein Heiliger ausser mit christlichen Vorbildern auch mit so mancher heidnischen Idealgestalt rühmlich vereint und verglichen worden. Zudem hat Petrarca in diesem Heiligenleben eine schöne Verbindung von vita activa und vita contemplativa dargestellt. Er hat sie freilich nicht bewusst zum Thema gemacht, sie zeigt sich in seinem Nekrolog wie von selbst.
Das Buch 15 wirkt in sich einheitlich. Es umfasst einen Zeitraum von ungefähr Dreivierteljahr und zeigt einen Unentschlossenen, der seine Reise nach Italien abbricht und sich darauf mit der Frage beschäftigt, wo er einen geeigneten Wohnsitz finde, um seinen Studien nachzugehen, dabei am liebsten an Rom denkt. Überall meint er eher verweilen zu können als im neuen „Babylon“; doch auch in Italien und allerorten erkennt er Unruhen, die grösste in sich selber und bezeichnet diese als Krankheit. Auf Angriffe eines Mediziners antwortet er mit Invektiven, und auch gegen Vorwürfe gewisser Franzosen verteidigt er sich. Die Hoffnung, mit Kardinal Guy de Boulogne Karl IV. abzuholen, zerschlägt sich. Er lebt versteckt in seiner Einsiedelei und pflegt da den Umgang mit dem Bischof von Cavaillon, dem er Schriften zur Begutachtung vorlegt. Eine von ihnen ehrt den verstorbenen Bischof Ildebrandino von Padua. Bei aller bewussten Absonderung wünscht er doch weiterhin, am Leben der Gesellschaft und an der Politik beteiligt zu sein, wie auch Buch 12 für das selbe Jahr beweist.
In Buch 16 dient Brief 1 wie alle Schreiben der selben Zahl der Auszeichnung einer bestimmten Person oder Sache. Er berichtet von einem Verlust in Vaucluse unter dem Datum: Avignon, am 5. Januar (1353). Petrarca, der in seinem Winkel aufgespürt worden ist, hat sich erneut an die Kurie begeben müssen, und kaum dort angelangt, wird ihm der plötzliche Tod seines Wirtschafters gemeldet. Es ist jener tüchtige Mann, der in Fam. 13,8 höchstes Lob empfangen hat. Seither ist etwa ein halbes Jahr vergangen. Die Bitte um Urlaub, die Petrarca sogleich an die beiden Kardinäle Guy und Talleyrand richtet, liegt uns zweifellos nicht in der ursprünglichen Fassung vor, die wie jeder Notruf das Wichtigste in eine knappe Formulierung zusammenfassen musste, sondern in einer Überarbeitung, die im ersten Teil den beiden Prälaten die Genehmigung so geistreich scherzend nahelegt, dass sie nicht allein geneckt, sondern geradezu belustigt sein mussten. Aber im zweiten Teil steht ein schönes Gebet und ein dankbarer Nachruf auf den hochgeschätzten, überaus zuverlässigen und klugen Diener. Er hat Petrarca manche Stunde erleichtert,
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und zwar nicht zuletzt mit seiner ehrfürchtigen Sorge für Bücher, ja mit seiner kindlichen Freude an ihnen. Sehr oft hat Petrarca über Diener wie über eine wahre Last geklagt; doch das darf nicht zur Annahme verleiten, er habe nie gute gefunden oder er habe keinerlei Verständnis für sie aufgebracht. Er war gewiss selber im Umgang mit ihnen schwierig, aber aufs Ganze gesehen eher zu nachsichtig und weich, allein schon deshalb unfähig, sie im Zaum zu halten. Sein psychologischer Spürsinn pflegte ihn diesen einfachen Leuten gegenüber im Stich zu lassen. Um so kostbarer war für ihn ein rühriger Helfer und kundiger Ratgeber, als welcher der Verstorbene sich bewährte, und als ein Glück musste er es ansehen, dass jetzt dessen Söhne die Leitung des kleinen Gutes übernahmen. Weiter zurück liegt die Begebenheit, die Brief 16,2 von Ende 1352 festhält. In Gedanken kehrt Petrarca zu Bischof Ildebrandino zurück (vgl. Fam. 15,14); er sitzt wieder in dessen Stube und begegnet da zwei Kartäusern, die, ohne ihn zu kennen, vieles aus der Pestzeit, vor allem viel Rühmliches von Gherardo berichten, wie dieser seine Ordensbrüder umsorgt und zu Grabe getragen und wie er schliesslich als einziger Überlebender das Kloster vor Räubern bewahrt und darauf neu begründet habe. Gross war da am Ende des Berichts die Überraschung der Erzähler, als sie im unbekannten Zuhörer den Bruder des von ihnen gelobten Ordensmannes entdeckten. Petrarca selber musste, da er von soviel wunderbarer Selbstaufopferung und von einer fast unglaublichen Errettung seines Gherardo hörte, um so heftiger danach brennen, ihn, den ohnehin Geliebten und lange nicht Gesehenen, am Ort seines asketischen Lebens zu besuchen. Was er längst im Sinn hatte, vor seiner Italienreise sich nach Montrieux zu begeben (vgl. Fam. 15,2), das auszuführen konnte er nun nicht mehr lange aufschieben. Doch inzwischen bringt ihm sein Versteck im Abseits nur halb so viel Nutzen als er hätte hoffen mögen. Brief 16,3 vom 28. März 1353 gibt zu verstehen, dass es Freunde gibt, die es noch nicht lassen können, ihm einträgliche Stellen anzupreisen. Ihre Zähigkeit wirkt nun wahrhaftig erstaunlich, da man bei ihm bisher nichts anderes erreichte, als eine immer schroffere Ablehnung. Er hat alles, was er braucht; er hat so viel, dass selbst der Kaiser nicht mehr hat (5). Zu seinem Wohlergehen rechnet er den Umstand, keine Feinde zu haben, doch dann besinnt er sich auf eine Weisheit, an die er oben in Fam. 14,4 nicht denken wollte: Keine Feinde und Neider zu haben, das wäre ungesund. Man benötigt sie, um sich an ihnen blank zu reiben. Denn da gibt es eine gewisse Analogie zwischen den Bedürfnissen der Individuen und denen eines Staatswesens (16,3,7; vgl. 5,11,3; 12,2,5; 14,5,7 etc.); unangefochtene Ruhe schadet; das hat jeder zu bedenken. Jetzt aber ist Petrarca eine andere Einsicht wichtiger; diese muss den Freunden, die sich als Feinde aufführen, eingebleut werden. Sie kreist um das Verlangen nach Wohlstand, und sie lehrt, so betont er, dass das Bedürfnis nach Habe allen, die es hegen, nichts Besseres als ein stets wachsendes Verlangen und eine immer grössere Unruhe beschert, ihnen
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dadurch zur unablässigen Folter wird. Solche und ähnliche Überlegungen Petrarcas zur nämlichen Sache kennt man längst; er variiert sie immer neu und spricht jetzt vor seinen Freunden kurz und präzis, ja feindselig aus, was er anderswo weitschweifiger, doch als nüchterne Theorie darlegt (Fam. 8,4,27 f.; 11,5,1; 20,14,19 ff. und oft). Man soll ihn in Ruhe lassen; er darf nach seinem eigenen Verständnis „reich“ sein. Da wird ihm gar noch verkündet, vom neuen Papst Innozenz VI. dürfe er Bedeutendes erwarten; denn dieser „liebe die Guten.“ Nach solcher Beteuerung kann der Dichter seinen Brief nur unwirsch schliessen; denn was geht ihn das alles an! Er will nichts! Und er gehört nicht zu den „Guten“! Man wird nicht vermuten, er habe in seinem Versteck in der Erwartung günstiger Umstände zum Abreisen weniger emsig gearbeitet als sonst. Er beschäftigt sich offenbar wechselweise mit mehreren seiner einst begonnenen Werke, so mit De viris illustribus, De vita solitaria, De otio religioso, und dass er nicht vorzugsweise tadelt und Kritik übt, ergibt sich aus seinen mit grosser Liebe geschriebenen, oben genannten Episteln über das Leben von Ildebrandino, über die Zuverlässigkeit seines Verwalters, die fromme Nächstenliebe seines Bruders und anderes, wozu auch die nun folgende, in 16,4 vom 29. März 1353 festgehaltene tiefsinnige Darlegung eines Kernstücks christlichen Glaubens gehört. Er hat das Verlangen, einem Freund bedenkliche Grübeleien auszutreiben. Unerträglich sei es, so betont er, etwas leugnen zu wollen, was in Tat und Wahrheit längst geschehen ist. Gott hat gezeigt, dass er den Mensch retten kann und will (3 ff.). So erbärmlich der Mensch auch sein mag, Gottes Erbarmen und Macht sind stets grösser. Eine schwerere Schuld gibt es nicht, als die offenkundige, die rettende Macht und den gnädigen Willen Gottes zu bezweifeln (18 f.). Das in einem möglichst guten Latein auszusagen, muss Petrarca ein wichtiges Ziel gewesen sein, obwohl er das nicht hervorhebt. Sein noch wichtigeres Anliegen besteht darin, christliche Offenbarung ehrfürchtig im biblischen Sinn zu deuten, also nicht wie zeitgenössische Theologen nach der Art moderner Philosophen zu spekulieren. Das drückt er hier allerdings ebenso wenig aus, er handelt einfach danach und äussert sich anderswo darüber (Fam. 16,14,12; 17,1, 5 ff.). Dort heisst es, die Theologen hätten ihre Wissenschaft zur Dialektik der üblen Art verkommen lassen und an die Stelle von Gottesweisheit menschliche Torheit gesetzt. Als gläubiger Christ will also Petrarca das vermeiden, und wo er die richtige Haltung und die gute theologische Redensart finden kann, weiss er: Teils in der Bibel selber, nämlich vor allem in den Psalmen (vgl. Fam. 22,10,7), dann auch bei seinem verehrten Lehrmeister Augustinus. Von ihm, als dem tüchtigsten Deuter eben der Psalmen, zitiert Petrarca in seinem Brief 16,4 entscheidende Sätze, wie er sie für seine Unterweisung selbstverständlich benötigt. Denn wie vertraut ihm David auch geworden ist (den er für den Dichter des ganzen Psalteriums hält), so würde er sich doch niemals anmassen, den allegorischen Gehalt seiner Gesänge ohne die Anleitung eines überragenden christ-
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lichen Kirchenlehrers ergründen und die eigene Deutung wie eine Autorität vortragen zu wollen. Im Besitz von Augustins gewaltigem Psalmenkommentar ist er freilich im Jahr 1353 noch kaum. Es vergehen wohl zwei Jahre, bis er ihn zu seiner überschwenglichen Freude von keinem geringeren als Boccaccio geschenkt erhält (Fam. 18,3). An den Brief mit theologischem Inhalt fügt er in Brief 16,5 vom März 1353 einen moralisierenden. Was er darlegt, betrifft einen Grundpfeiler seines persönlichen Lehrgebäudes oder eher das Salz für seine vulgärphilosophischen Speisen. Kaum dass er mit einem Gedanken daran streift, und das geschieht sehr oft, gerät er in einen Eifer, der sich in die Materie zu verbeissen droht, denn jedem Leser soll die eminent wichtige Einsicht zu seinem grossen Vorteil eingetrichtert werden, dass sie bis in die Knochen geht. Besonders freundlich wirkt es nicht, wenn er nun einem Genesenden, der eben wieder wagt, sich seiner neuen Gesundheit zu freuen, unvermittelt einschärft, selbst jetzt, wo „Du ins Leben zurückzukehren meinst“, eilst Du dem Tod entgegen (1). Denn so ist es: Wir alle eilen ohne geringsten Aufenthalt, ob wir wollen oder nicht, nein wir rennen stets in der selben Richtung, und nur kurz ist die Lebensstrecke, gleich sind wir an ihrem Ende; und der Tod kommt uns entgegen, unausweichlich (vgl. z. B. Fam. 1,3,2 f.; 4,12,29 ff.; 8,4,14 ff. 24,1–21). Wenn Petrarca seinen Freund aufschrecken wollte, wusste er gewiss, dass er es ihm zumuten durfte. Dies um so mehr, als seine Warnung nur eine Vorbereitung zu einem, nein zum einzigen wahren Trost bedeutet: Was wir Leben heissen, ist ja blosses Sterben, hingegen ist das, was wir Sterben nennen, das Tor zum Leben, zum einen wahren und ewigen. „So pflege ich zu sagen“, heisst es am Schluss (5); und er hat recht, das pflegt er zu tun. Denn er ist überzeugt, darin steckt die Wahrheit, die dem sterblichen Menschen das Leben auf dieser Welt erträglich macht. Vollkommen echt ist seine Erleichterung, ja Freude jedesmal, wenn er hört, dass sich jemand den Tod zum Freund erkoren hat (Fam. 23,5,4). Sobald einer das erreicht, braucht Petrarca für ihn nichts mehr zu befürchten. Obwohl das nächste Schreiben Fam. 16,6 vom 15. Februar 1353 völlig anderer Art ist, lässt sich denken, Petrarca habe es, ohne auf Chronologie zu achten, bewusst an Nr. 5 angereiht. Es hat immerhin mit dem vorangehenden das Eine gemein, dass es sich an einen Genesenden wendet. Diesem, einem Bischof von Viterbo, kann Petrarca jedoch nicht mit der erwähnten Lehre vom Tod unvermittelt auf den Leib rücken, das könnte schlimme Folgen zeitigen. Er hat nicht einmal die Gewissheit, wie weit die Genesung des Angesprochenen gediehen ist; denn er muss sich auf blosse Gerüchte und auf eine Mitteilung stützen, die der Vater des Adressaten ihm gemacht hat. Dieser ist Arzt in Avignon und steht ganz offensichtlich mit Petrarca in freundschaftlicher Beziehung, denn den Ärzten ist Petrarca, wie schon angedeutet, nicht grundsätzlich feind. Er kann sagen: „Die Ärzte, meine Freunde“ (Sen. 3.5; vgl. etwa Sen 3,8; Fam. 22,12), was ihn natürlich nicht davon
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abhält, von ihnen unter Umständen keine Hilfe zu erwarten, sondern einzig auf Gott zu vertrauen (ebenda). Der uns unbekannte Arzt in Avignon, so weiss nun Petrarca dem Sohn in Viterbo zu melden, beeilt sich eben, von Angst beflügelt ihn aufzusuchen. Seine Bedenken hat er auf den Dichter übertragen, ihn wohl auch ausdrücklich gebeten, an den jungen Mann zu schreiben. Aufmuntern soll ihn Petrarca und ihm gute Ratschläge erteilen. Wirklich gibt sich der Dichter alle Mühe, aus seinem Saiteninstrument wie einst ein David vor König Saul immer neue und schönere Töne hervorzulocken, hoffend, den Kranken aus seiner Schwermut – denn an eine solche muss er denken – herauszulocken. Zögernd bringt er sogar ein kurzes Wort des Mitleids hervor, das in seinen Trostworten stets sparsam verwendet wird (8), um jedoch sogleich daran zu erinnern, dass eine herzhafte Aufforderung zu gesunder Selbstschätzung und zu mutigen Taten weit richtiger sein könnte (12). Am Ende bemüht er sich, dem Genesenden mit einer wunderbaren Anpreisung seiner Einsiedelei eine Einladung dahin schmackhaft zu machen. Petrarca und sein Freund Sokrates freuen sich längst auf seine Ankunft und werden versuchen, ihm angenehme Gastgeber zu sein. Liest man im Brief überdies, was alles der Bischof in Vaucluse nicht zu befürchten hat, errät man leicht, was diesem in Viterbo unerträglich geworden ist. Es herrschen da offene Kämpfe und heimliche Intrigen. Für das Amt ist der Adressat wohl ohnehin zu jung, vielleicht dafür auch zu wenig begabt. Die Hilfsbereitschaft Petrarcas ist aber um so höher anzuschlagen, als er eigentlich für gar nichts Zeit hat und am liebsten schon abgereist wäre. Er weiss wohl nicht recht, was er sich auferlegt, fragt auch nicht darnach, denn der Kranke tut ihm wirklich von Herzen leid. Er will für ihn alles tun, was in seinen Kräften steht. Eine Fortsetzung der Geschichte erfährt man in Brief 16,7 vom 1. April 1353, der an Sokrates abgeht. Der geladene Bischof trifft tatsächlich in Vaucluse ein, und Petrarca beschreibt ausgezeichnet, wie er ihn empfängt, ihm alle erdenkliche Aufmerksamkeit schenkt, auf seine Wünsche umsichtig eingeht (2) und unverzüglich gegen alle Erwartung erlebt: Der Gast ist verschwunden, er ist unauffindbar. Jetzt vergeht er vor Angst und berichtet die Geschichte eben in diesem selben Brief 16,7 nach Avignon und hat nur eine Frage: Wo ist er? Dass seine Schilderung vollkommen wahrheitsgetreu ist, das leuchtet dem Leser ein, und dennoch ist dieser Brief an Sokrates in der Fassung, wie er vorliegt, auch wieder ein Kunstprodukt, das erst entstand, als dieser Freund bereits über alles unterrichtet war und Petrarca auch. Selbstverständlich hat der Dichter in seiner Angst nur rasch eine Notiz hingekritzelt und sie einem Boten aufgedrängt, der nach Avignon eilen und mit einem mündlichen Bericht die nötigen Massnahmen veranlassen sollte. Hierüber vernehmen wir nichts, auch nichts über den weiteren Verlauf der Krankheit. Moderne Psychiater werden vielleicht sagen, selbstverständlich habe es so kommen müssen. Aber auch Petrarca ist, so legt sein Schreiben nahe, wiewohl ob der drohenden Gefahr entsetzt,
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dennoch nicht wirklich erstaunt über den Misserfolg. Er hat sich um einen Versuch nicht herum drücken und die Hoffnung für den Kranken nicht vorzeitig aufgeben wollen. Denn es war gewiss so, wie er sagte: „Je härter sein Schicksal, desto liebenswerter der Mann“ (1). Der Bischof hat weitergelebt, doch wir wissen nicht wie. Nach so manchen Berichten über Erlebnisse, die den Dichter noch immer in der Einsiedelei festhalten, vernimmt man endlich im Brief 16,8 vom 24. April 1353 fast erleichtert, dass er sich aufgemacht hat und nach Italien unterwegs ist. Zu seiner freudigen Überraschung kommt ihm eine beträchtliche Schar Frauen entgegen, von denen er schon von weitem weiss: Diesen Gang und diese Gestalt haben nur die Römerinnen. Er spricht sie an; und alles, was er an ihnen sieht und von ihnen hört, beglückt ihn: ihr natürlicher Anstand, ihre Zutraulichkeit und Klugheit, ihre Auskunft über die Lage in Rom, auch über seinen Freund Lelio, der ihnen bekannt ist. Endlos hätte er mit ihnen plaudern wollen (3 ff.). Von ihm etwas anzunehmen, das weisen sie freundlich zurück; auch das ist echt römische Art. Nur beten soll er für ihre glückliche Heimkehr. Sie verabschieden sich, und er erwacht wie aus einem Traum; ihm ist, als hätten die edelsten Frauen der Antike vor ihm gestanden (9). Gewiss, um sich von einer solchen Begegnung so begeistern zu lassen, muss man ein Petrarca sein. Ihm verwandelt sich die Antike immer leicht in Gegenwart, er kennt sie vorzüglich mit Verstand und Herz, und in seiner Phantasie verklärt er sie wunderbar. Vor allem jetzt, wo die Reise nach Italien schon heran rückt, wirkt eine Vorfreude mit und befähigt ihn erst recht, das ersehnte Rom sich vor die Augen zu zaubern. Deshalb erhält diese einfache Begegnung auch so hohen Wert, dass sie unter den sorgfältig ausgewählten Familiares einen Platz finden kann. Nicht das geringste Erstaunen äussert er darüber, dass die Frauenschar, die doch schon eine lange Strecke zurückgelegt und eine lange noch vor sich hat, weder von Geistlichen noch Mönchen begleitet ist. Man wird sich vielleicht fragen, ob er „Emanzipierte“ vor sich hatte. Doch gehörten die Pilgerinnen wahrscheinlich einer religiösen Gemeinschaft an und hatten sich genügend darauf vorbereitet, den touristisch gut erschlossenen Pilgerweg allein zu wagen. Ungewöhnlich war das im Mittelalter – trotz vielen Verboten – nicht. Doch könnte auch sein, dass Petrarca den Mönch oder Priester geflissentlich übersah; das antike Bild hätte er nur gestört. Und nicht dass er jetzt nach Italien weitergereist wäre. Er schreibt von dieser Begegnung, die noch auf französischem Boden stattfand, wiederum an der Sorgue. Er hat nur seinen geliebten Bruder besucht (10 f.), was mehrere Tage beanspruchte (vgl. Fam. 18,5,7). Immerhin ist er jetzt entschlossen, so unverzüglich zu reisen, dass er jeder noch so leisen Gefahr eines Aufschubs zuvorkommen könne (8). Etwas Wichtiges erledigt er allerdings noch vorher. Wenn er in der Epistel 16,9 vom April 1353 über die ihn beglückenden Stunden in der Mönchsgemeinschaft von Montrieux nur kurzen Bescheid gibt, nimmt er sich um so längere Zeit, um von der höchst misslichen Lage des Klosters zu berichten, und zwar nicht an
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irgendeine Adresse, sondern an die einzig richtige, einzige hoffnungspendende. Er wendet sich an den Hof von Neapel, freilich nicht direkt an den König, sondern an seinen Humanistenfreund Zanobi da Strada. Dieser soll dafür besorgt sein, dass Petrarcas Brief in die Hand von Acciaiuoli und durch diesen weiter hinauf bis zum Thronfolger jenes Anjou gelange, auf dessen provenzalischem Boden zwei Genuesen das Doppelkloster einst gegründet hatten. Den Schutzbrief, von Carlo II., König von Sizilien, der frommen Gemeinschaft ausgestellt, hatte diese später in friedlichen Tagen – ein klassisches Beispiel für die Art von Rechtsverlusten – infolge ihrer kurzsichtigen Vertrauensseligkeit nicht erneuern lassen. Das müssen die Kartäuser jetzt sehr büssen. Denn an Räuberbanden, von deren Unwesen schon in einem früheren Schreiben berichtet wurde, ist die Gegend noch immer äusserst fruchtbar, „feracissima“ (vgl. Fam. 16,2,7), und frechste Übergriffe auf klösterliche Güter erlauben sich auch die ringsum angesiedelten Herren (wie früher sogar die Kirche von Marseille), ohne das Geringste befürchten zu müssen. Wie viel oder wie wenig nach dem Pestjahr und während der Anfangskrisen im Hundertjährigen Krieg, wo in der kirchlichen wie weltlichen Gesellschaft die Verwahrlosung überhandnimmt, ein Schutzbrief der Anjous nützen könne, mag sich auch Petrarca gefragt haben. Er tut jedoch für seine Klosterfreunde, was immer er vermag und dies mitten unter Geschäften, die ihn beinah erdrücken. Er hat das Glück gehabt, diese „engelgleiche“ Gemeinschaft (8) zu besuchen und hat feststellen müssen, was er nie hätte vermuten wollen, dass auch sie nicht reine Himmelsfreuden geniessen. Erst im letzten Augenblick vor dem Abschied haben die Mönche von der grossen Bedrängnis durch ihre Feinde gesprochen. Es sind „äussere“, wie man sieht, und einige Anfeindung von aussen haben vielleicht auch Kartäuser nötig, damit im Klosterinnern eitel Frieden herrsche. Petrarca aber erkennt ein Übermass an Missetat, dem ein Ende gesetzt werden muss. Was er in Neapel mit seiner Bittschrift erreicht, hält er in den Familiares nicht fest. Doch arbeitet er jetzt und noch später an seinem Werk de otioso religioso, und von den Erlebnissen in Montrieux (vgl. Fam. 10,3) muss man darin einen Widerschein entdecken können. Einen erdrückenden Haufen von Geschäften erwähnt Brief 16,10 vom 28. April 1353, der wiederum an Zanobi abgeht. Petrarcas Kraft ist am Ende, so gibt er zu verstehen. Einen Brief kann er nie dort beenden, wo er ihn anfängt; stets wird er weggerufen. In Neapel soll man ihn also entschuldigen, wenn er sich von einer Verpflichtung freispricht (1–3). An eine ganz ungewöhnliche Überbeanspruchung hat schon im vorangehenden November eines seiner Schreiben (Fam. 14,8) erinnert; und darauf hat die Belastung offenbar noch zugenommen. An der Kurie hat der Tod von Clemens VI. einen Streit um Reformpläne entfacht, dann zu Vorbereitungen einer schwierigen Papstwahl, zur Wahl selber und zu einem überraschenden Regierungsanfang von Innozenz VI. geführt. Währenddessen besitzt Petrarca kaum die Möglichkeit, sich Aufträgen seiner beiden Kardinäle zu entziehen, wenn sie
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seine Dienste beanspruchen. Sie sind auch geneigt, ihn dem neuen Papst zu empfehlen, doch diesem Ansinnen weicht er aus (Fam. 16,3,11; Sen. 1,4); dem Reformeifer von Innozenz misstraut er vorerst, und hinter seiner Jurisprudenz vermutet er Mangel an Bildung. Dass gewisse unfreundlich gesinnte Kardinäle ihn wegen seiner Vergillektüre als Magier verschrien und Gehör gefunden haben, das kann er nicht vergessen (Sen. 1,4; 1,2; Wilkins, Studies 104); kurz: Das Mass ist voll. Überdies tönen Berichte aus Italien jetzt günstiger. In etwa acht Tagen wird sich Petrarca auf den Weg machen, das ist sein fester Entschluss, den teilt er Zanobi mit. Und was alles schliesst doch seine Bemerkung ein, die weitaus grösste Mühe berechne er für die letzte Vorbereitung, nämlich gut die Hälfte der ganzen Reisezeit! Man male sich die Fuhre und Karawane aus, die eine Alpenüberquerung bestehen und dabei jede Art Wetter gewärtigen muss, überdies an einem nicht klar bestimmten Ort alles, was zur dauernden Niederlassung nötig ist, abladen soll. Doch vieles, auch einen geringen Teil seiner Bibliothek, lässt Petrarca noch jetzt in Vaucluse zurück. Den Söhnen des verstorbenen Wirtschafters kann er sein Haus und seine Gärtlein anvertrauen; ab und zu wird aber auch Sokrates in Vaucluse nach dem Rechten schauen und etwa auch selber Hand anlegen. Die Hoffnung, die liebe Einsiedelei eines Tages wieder aufzusuchen, hält Petrarca wach. Doch das Schreiben an Zanobi, eben Fam. 16,10, ist das letzte, das er in der Provence verfasst und abschickt. Wirklich, die nächste Epistel aus der Sammlung Familiares sendet er in Italien ab. Es ist Brief 16,11 mit dem Datum Mailand am 23. August (1353). Zum Adressaten hat er Francesco Nelli, und ein Hiat von etwa vier Monaten trennt ihn vom vorausgehenden. Die genannte Zeitspanne lässt sich nur dürftig mit einer kurzen Meldung überbrücken, die im Brief Var. 7 wohl vom Mai zu lesen ist und wahrscheinlich ebenfalls für Nelli bestimmt war, wenn sie sich nicht an Zanobi richtete. Petrarca meldete in wenigen Zeilen, er habe sehr gehofft, von nun an mit seinen Freunden zu leben, doch sei er vom Erzbischof Giovanni, dem Stadtherrn von Mailand, so völlig überraschend wie eindringlich gebeten worden, er möge sich bei ihm niederlassen, dass eine Ablehnung völlig ausgeschlossen gewesen sei. Musse und Freiheit seien ihm zugesichert worden, und sie, die Freunde, wüssten ja, wie sehr er sich nach beidem sehne. Im Geiste bleibe er den Freunden verbunden. Kurz angebunden musste das Schreiben wirken, aber wäre es länger gewesen, es hätte die Bestürzung der Freunde kaum gemildert. Schon bald müssen alle benachrichtigt gewesen sein, und sie, die ganze „Schlachtpläne ausgeheckt hatten“, um sich der Person Petrarcas zu bemächtigen (vgl. Fam. 15,3,8), fühlten sich betrogen, und wenn sie Florentiner waren, auch verraten. Denn der Erzbischof Giovanni Visconti war ihnen mit seiner energisch betriebenen Expansionspolitik trotz einem Vertrag von Sarzana (vom vorangehenden 31. März) ein wahrhaft gefährlicher Feind. Das war allbekannt, und der Dichter wusste es auch. Wie viele und wie heftige Einsprachen bald darauf in Mailand bei ihm eintrafen, wissen wir nicht. Es könnte sein,
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dass Boccaccio, als er sich an Petrarca wandte, im Auftrag vieler sprach (Epist. 10). Er vertrat dabei den florentinischen Standpunkt, ging jedoch vorsichtig diplomatisch vor, versetzte nämlich die herrschenden politischen Verhältnisse und die dafür verantwortlichen Personen ins Reich der Bukolik und berichtete von den unerhörten Verfehlungen eines Hirten Silvanus in einer Art, als könnte damit die Schuld des wahren Sünders nicht nur bemäntelt sondern auch bewältigt werden. Fast mit Händen konnte der Dichter den guten Willen und das Entgegenkommen der Freunde greifen. Sein Mangel an Rücksicht auf gegenwärtige Umstände und auf Wünsche der Freunde wurde in dem kleinen Meisterstück klar dargelegt und getadelt, dies jedoch mit einer Schonung, die jeder Gefahr eines harten Zwistes vorbeugte. Der schon erwähnte Brief 16,11 aus Petrarcas Feder bezieht sich nur vage auf ein bestimmtes Schreiben des Florentiners Nelli (Epist. 10; verschiedene haben sich gar nicht erhalten), zudem scheint er aus zwei verschiedenen Teilen etwas gar zu künstlich zusammengesetzt zu sein. Das philosophische Thema, die knapp bemessene Zeit, wird zuerst abgehandelt und endet mit der Ankündigung, von jetzt an werde Nelli nur noch kurze Briefe zu erwarten haben (1–6 vgl. Fam. 15,1,1 ff ), gerade als fühlte sich der Dichter in Mailand schon ziemlich beengt. Dann deutet in Abschnitt 7 eine Bemerkung auf gewisse Befürchtungen Nellis hin. Dieser denkt offenbar weniger an eine Verstrickung Petrarcas in die Politik der Visconti als vielmehr an eine bedeutende Einschränkung seiner literarischen Studien. Doch er trifft beim Dichter auf grossen Optimismus. Für diesen ist der Erzbischof Giovanni maximus iste italus, was man offenbar auch in Florenz begreifen sollte. Seine Freundlichkeit ist es, die Gehorsam verlangt; das wird hier wie in Var. 7 betont. Die von ihm gemachten Versprechen werden erfüllt werden, daran ist nicht zu zweifeln. Und was Nelli überdies noch nicht wissen kann, wird ihm sogleich in den schönsten Farben geschildert. Der Dichter wohnt ganz abseits und unbehelligt am Stadtrand bei der Kirche Sant’Ambrogio und fühlt sich da im Schutz dieses verehrten Kirchenvaters wahrhaftig gut aufgehoben (11). Tatsächlich wird er sich sieben Jahre lang hier geborgen fühlen, nämlich bis ihn denn doch einige lumpige Räuber von da vertreiben (Fam. 22,12). Während sich die Freunde mit Petrarcas Ortswahl nicht sogleich abfinden, erfasst er deren Vorteile unverzüglich, falls er sie nicht sogar zum voraus, als noch alles unentschieden war, ins Auge gefasst hat. Seine Nachgiebigkeit gegenüber dem Erzbischof erspart ihm eine längere Unentschlossenheit. Die Stadt Mailand hat eine für ihn günstige Lage. Er ist da für Freunde recht leicht erreichbar, aber ihrem Zudrang nicht ausgeliefert. Dass sie nicht sehr fern dem Po liegt, weiss er ebenfalls zu schätzen; die Bequemlichkeit von Schiffreisen auf Flüssen (nicht auf dem Meer) lässt er sich gern gefallen und empfiehlt sie auch anderen (Sen. 7). Angenehm ist ihm die schon länger bestehende Beziehung zu Angehörigen der Familie Visconti; schon mit Luchino stand er gut (Fam. 7,15). Ihre feste Hand, die Ordnung schafft
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und sichert, weckt in ihm Vertrauen, und den Gedanken an ein lombardisches Königreich unter ihrer Führung weist er nicht von sich (vgl. Fam. 3,7; 7,15,13). Wenn er über Verhandlungen zwischen dem Erzbischof Giovanni und dem Böhmenkönig oder auch der Kurie nichts Genaues weiss, kann er doch für sicher nehmen, dass sie lebhaft geführt werden und dass von ihrem Ausgang zu einem guten Teil abhangt, ob und wann die Italienfahrt des zukünftigen Kaisers statthaben werde. Verlockend ist daher (vgl. Fam. 15,5), in Mailand eine Weile abzuwarten, wie die nächste Zukunft Italiens sich entwickeln werde. Über die Dauer des Aufenthaltes war nichts verabredet worden. Die Kritik an seiner Niederlassung eben da, lässt ihn dennoch nicht unberührt. Aus seinem Brief 16,12 vom 27. August geht hervor, dass er Nelli nochmals beruhigen muss, weil dieser die Sorgen um seine momentane Lage und um seine Zukunft nicht ablegt, ihm vielmehr neue Ratschläge unterbreitet. Sie bedürften „reiflicher Überlegung“, sagt Petrarca darauf (4), lässt aber von einer gedanklichen Anstrengung nichts verspüren. Zwei Dinge sind ihm klar: Vieles wird der Zufall (Fortuna) entscheiden; daran kann man nichts ändern, und in der grossen Menge wird jeder etwas an Petrarcas Entscheidung auszusetzen haben; das ist er längst gewohnt; und im übrigen hat er getan, was er verantworten kann (5). Anders als zuversichtlich darf er sich gar nicht äussern, er muss sich den Anschein der Sicherheit geben; das verlangt sein natürlicher Stolz. Die Freunde sind wieder einmal geneigt, ihn nach ihren eigenen Einsichten und Wünschen zu lenken; das kann er nicht dulden. Zwar der liebevollen Sorge eines Nelli will er sich nicht völlig entziehen, aber an die Adresse vieler unbedachter Besserwisser schreibt er noch Brief 16,13, wo er die prächtige Fabel vom Müller und seinem Esel erzählt. Da sieht man, wozu es führt, so schliesst er, wenn man es allen recht machen will. Darauf läuft die Zeit weiter, und jeder lässt sich herab, das schon Entschiedene fürs erste zu akzeptieren. Deshalb kann man zu ganz anderen Problemen übergehen. Eines bietet Nelli an. Ihm unterläuft in einem Schreiben an Petrarca ein Versehen, ja ein Lateinfehler, den er zu spät bemerkt; das ist ihm unangenehm, denn Petrarca wird ihn entdecken und sich das Seine denken. Gewiss, das tut er. Aber in Brief 16,14 vom 16. September, der das Buch 16 abschliesst, lacht Petrarca herzlich über solchen Kummer. Von eigenen Fehlern dieser Art sagt er nichts, aber er weist darauf hin, dass sogar Cicero mit der oder jener grammatikalischen Regel im Streit lag (2 und 8 ff.). Den Vorfall nimmt er zum Anlass, das Schuldgefühl der Menschen zu prüfen und hält fest: Gegen die Grammatik, gegen Menschensatzungen zu verstossen, hüten sie sich ängstlich; aber um Gottes Gebote kümmern sie sich wenig. Er hätte auch sagen können: Die Menschen wollen für wissenschaftliche Leistungen gerühmt werden, von sittlicher Meisterschaft versprechen sie sich nicht viel. Um das zu erläutern, nimmt sich Petrarca eine Disziplin nach der anderen vor und zeigt, zu welchem Verlust an Frömmigkeit und Sittlichkeit der falsche wissenschaftliche Ehrgeiz
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geführt hat (9 ff.). Ein grimmiger Zorn erfasst ihn vor allem im Gedanken an die zur Dialektik verkommene Theologie (vgl. Fam. 17,1). Namen von einigen zu seiner Zeit geschätzten Theologen kann man von ihm nicht erwarten. Ein Vorurteil hat ihn vielleicht gehindert, je eine ihrer Schriften zu lesen. Thomas von Aquin ist 1323 in Avignon heilig gesprochen worden; doch Petrarca wird ihn nicht geschätzt haben. Für Lehrer in Paris wie Franciscus de Bacho, Gregorio von Rimini und Michele von Cesena hat er kaum Sympathie aufgebracht. Auch nicht für Jean de Mirecourt oder für Ockham und seine Mitstreiter, denen man in Avignon den Prozess machte. Buridan war wenigstens nicht Theologe, doch was wusste Petrarca von ihm? Von Juristen, die zu seiner Studienzeit in Bologna dozierten, dachte er günstiger, obwohl er die erste Möglichkeit ergriff, den Ort zu verlassen. Das Facit seiner Übersicht lautet: „Sieh da, wie tief die Studien der Menschen gefallen sind!“ (13). Dann aber fügt er eine Bemerkung über seinen eigenen Zustand an, die neue Erfahrungen verrät. Was alles hat er sich von der Musse erhofft! Er hat sie jetzt genossen, länger hat sie gedauert, als üblich, aber sie hat nicht ausschliesslich gute Früchte gezeitigt; sie hat ihn verwöhnt. Ihre Unterbrechung empfindet er jetzt als etwas fast Beleidigendes, und er gesteht: „Allzu glücklich bin ich gewesen und allzu lange frei“ (14 f.). Einsamkeit, Musse, Freiheit sind nur den vollkommenen Seelen förderlich, so heisst es weiter, für andere haben sie etwas Gefährliches: „Schmutzige Gedanken tauchen auf“, obsceni subeunt cogitatus usf. (14). Die alte sprichwörtliche Wahrheit vom Müssigang, der alle Laster fördert, erfährt Petrarca erneut an sich selber, was ihn verwundert, denn er hatte sich geschmeichelt, gute Fortschritte gemacht zu haben (16). Unterbrochen aber wird seine Musse Mitte September durch die Ankunft des Kardinals Albornoz, der mit dem Erzbischof Visconti vieles zu besprechen hat. Zu seinen Aufgaben gehört ja als wichtigste die Wiederherstellung des Kirchenstaates, und wenn Mailand sie nicht dulden will, ist die Aussicht auf einen guten Erfolg sehr klein. Da die halbe Stadt dem Kardinal entgegengeht, reitet auch Petrarca aus, wie die blosse Höflichkeit ihm gebietet; und nachher gelangt er auch heil wieder nach Sankt Ambrogio zurück, obwohl er – samt seinem Pferd in riesigen Staubwolken geradezu erblindet – (Var. 56) sich erst im letzten Augenblick vor dem Sturz in einen Graben bewahrt hat. Nur nicht von Zufällen sprechen, warnt er sich, das wäre Undankbarkeit gegen Christus, der allein ihn gerettet hat (ebenda).
Buch 16 umfasst zwei Teile. Der erste berichtet über die Monate von Februar bis August 1353. Unsicherheiten über die Zukunft quälen Petrarca, während er seine Abreise herbeisehnt und aufschiebt. Er hält sich fast immer in Vaucluse auf und pflegt da Beziehungen fast ausschliesslich mit dem Bischof von
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Cavaillon. Von seinen damals verfassten Familiares sind der über Glaubenszweifel, die beiden über Versuche einer Krankenheilung und der über die Bedrängnis der Kartäuser in Montrieux von besonderem Interesse. Seinen Bruder besucht er in eben diesem Kloster, bevor er von der Provence Abschied nimmt. Der zweite Teil enthält Mitteilungen über bloss drei Wochen von Ende August bis Mitte September, während welcher sich Petrarca in Mailand einlebt und Proteste seiner Freunde gegen seine Ortswahl pariert. Eine längere Mussezeit, die ihm einige Bedenken schafft, wird durch den Besuch des Kardinals Albornoz in Mailand unterbrochen.
Von den Werken, mit denen er sich gleichzeitig beschäftigt, vernimmt man in diesem Buch wenig. Sicher arbeitet er an den Invektiven gegen Mediziner, an der Schrift de vita solitaria und verfasst Briefe sine nomine. Im Buch 17 schliesst Brief 1 vom 7. November 1353 gedanklich an das letzte Schreiben von Buch 16 an. Überhaupt deutet nichts auf irgendwelche beabsichtigte Abgrenzung, eher für ein bewusstes Verklammern der Bücher. Petrarca hat von seiner Niederlassung in Mailand alles Nötige schon in Buch 16 mitgeteilt. Das Ereignis ist nicht würdig, den Anfang eines neuen Buches zu markieren. Vielleicht hätte er nicht ungern dem geschätzten Erzbischof Visconti einen Ehrenplatz eingeräumt, hat aber sicher Gründe, etwa mit Rücksicht auf seine Florentiner Freunde, solches zu unterlassen. Verbindend wirkt vom einen Buch zum andern auch das Thema, nämlich eine Betrachtung der Wissenschaften, zudem der Name des Adressaten von Brief 1. Mit dem Bruder Gherardo hat sich der Dichter seit seinem Beschluss zur Rückreise nach Italien in Gedanken besonders oft beschäftigt. Jetzt wendet er sich ihm erneut zu, um ihn für seine erstaunlich rasch erworbene Gelehrsamkeit zu loben und ihm zu beteuern, dass er sowohl wahre Philosophie wie auch echte Kenntnis der Gesetze viel besser in seinem abgelegenen Kloster als auf den Universitäten hat erwerben können (7). Eben diese Beteuerung erinnert an Gedanken von Fam. 16,14; sie entspricht seiner eingefleischten, oft bekundeten Abneigung gegen allen zeitgenössischen Schulbetrieb (vgl. Fam. 16,14,6 ff.) und gegen den Geist einer modernen Wissenschaft. Was unter wahrer Philosophie zu verstehen ist, legt er dem Bruder an Hand von Texten aus der Heiligen Schrift vor und – wie sich zum vornherein ahnen lässt – mit Zitaten seiner anderen drei grössten Autoritäten: solchen von Augustin, Platon und Cicero. Philosophie ist nicht ein Lehrgebäude, so betont er, sie ist eine Anweisung für ein sittliches Leben, ja sogar die Kunst zu Leben, ars vitae (10); das gehört zum Wichtigsten, was er zu sagen hat. Darauf fällt ihm leicht zu beweisen (15 ff.), dass sie Liebe zur Weisheit meint, dass die Weisheit mit Chris-
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tus gleichzusetzen ist und dass der wahre Philosoph daher ein Christ sein muss (20 ff.). An dieser Logik gibt es nichts zu rütteln. Seine anschliessende Ausführung zur Jurisprudenz (23 ff.) nimmt einen ähnlichen Verlauf. Auch diese Wissenschaft muss ganz auf Christus gegründet sein. Christus ist der Urheber des ewigen Gesetzes; dieses ist allen Menschenherzen eingepflanzt (29 ff.–34), es darf da nicht verkümmern. Alle anderen Gesetze, selbst das mosaische, unterstehen dem ewigen, das eben von Christus stammt. Eine Verheissung, die im mosaischen Gesetz lag, hat Christus geoffenbart. Er ist es, der dieses Gesetz erfüllt und überholt hat (25). Er allein ist Richter, und jede andere Richtergewalt versinkt neben diesem Felsen der Gerechtigkeit Christus (41 ff.). All das schreibt Petrarca nicht in erster Linie für den schon sehr weisen Bruder, sondern für alle, die in ihrer Torheit an den Universitäten grosse Wissenschaft zu erwerben hoffen, dann auch zum Zweck, sich sein Herz zu erleichtern. „Oh wenn Du wüsstest“, hat er kurz vorher an Nelli geschrieben, als er sich wegen des „Niedergangs der Wissenschaften“ auch schon ereiferte, „…welche Schreibwut mich drängt, über diesen Gegenstand endlos weiter zu streiten.“ (Fam. 16,14,13). Er legt einen neuen Versuch vor, über tiefste Geheimnisse der Theologie in der Frömmigkeit eines Christen nachzudenken, wie er das schon früher mehrmals, so vor allem auch in Fam. 16,4 getan hat. Dass der dialektischen Theologie ein rasches Ende bereitet werde, das muss er hoffen, und dass er an Gherardo und anderen Mönchen tüchtige Mitstreiter habe, erwartet er mit guten Gründen. So viel Freude er an diesem Bruder erlebt, so viel Kummer schafft ihm sein Sohn, an den sich Brief 17,2 vom Herbst 1353 wendet. Wahrscheinlich ist nicht mehr als ein Jahr vergangen, seit er den jungen Giovanni als Kanoniker zwei Freunden in Verona zur Unterweisung empfohlen hat (Fam. 13,2 und 13,3); aber schon seit geraumer Zeit straft er ihn mit Stillschweigen, weil er von ihm nichts Rühmliches vernehmen kann, und denkt nun an eine Einschränkung seiner bisherigen Freigebigkeit. Dass er den etwa sechzehn- oder siebzehnjährigen Kanoniker sogar an ein Rütlein erinnert, verstösst vielleicht nicht gegen die damals übliche Erziehungsmethode, aber ihren Nutzen für den bestimmten Fall muss man bezweifeln. Immerhin darf man aus grosser Distanz über das Verhältnis zwischen Vater und Sohn kein Urteil fällen. Der Vater ist allerdings streng, und nicht alle seine Bekannten loben diese Haltung. Man errät, dass es in Verona mindestens eine Person gibt, die beim Vater für den Sohn ein gutes Wort eingelegt, jedoch nur wenig Gehör gefunden hat, weil sein Urteil „auf Liebe gründet“ (2). Und einem Urteil der Liebe gegenüber hat Petrarca so oft grosses Misstrauen bekundet, dass man es kaum zu zählen vermag. Jetzt hofft er auf ein zuverlässigeres Zeugnis, um glauben zu können, dass Giovanni auf einer guten Strasse voranschreite, und mit einiger Bitterkeit malt er sich aus, dass er auch in Zukunft von seinem Sohn nicht viel Erfreuliches hören werde. An ein eigenes Verschulden, das dem Sohn das Leben möglicherweise erschwert, scheint er nicht zu denken; er selber hatte heitere Schul- und Studien-
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jahre verbracht (Sen. 10,2), dabei manchen Freund für’s ganze Leben gewonnen und sich durch hohe Begabung und Lerneifer ausgezeichnet. Von Giovanni kann man nichts Ähnliches vernehmen. Eine lustvolle Veranlagung für Studien hat er nie gezeigt (Fam. 7,17 und 13,2), und trotzdem weiss ihn Petrarca auf keinen anderen Weg zu weisen – in Wirklichkeit gibt es für ihn wohl keinen andern – als auf den des Klerikerstandes; und wenn ihm dieser zwar nicht ungewöhnliche Probleme stellt, so doch gewiss solche, die drückend genug sein können. Die beste Erziehung will Petrarca seinem Sohn ermöglichen, und er denkt nicht zuletzt an die Notwendigkeit, ihn vor Armut zu bewahren (Fam. 13,2), aber einen herzlichen Dank in Wort und Tat kann ihm der Sohn dafür nicht bieten. Von Vatersorgen lenkt ihn ein politisches Ereignis ab, das herbeizuführen er vor kurzer Zeit hat mithelfen wollen (Fam. 14,6). Davon spricht 17,3 vom September 1353. Der Leser jedoch, der das Schreiben noch nicht überblickt, begreift nicht leicht, wo Petrarca mit seinen Reden hinaus will. Dass ein knappes Wort über das grosse Elend auf der Welt sogleich eine weitschweifende Klage auslöst (2 ff.), ist wenig aufschlussreich. Die Mahnung an Guido Sette, man dürfe nicht verzweifeln oder sich gar den Tod anwünschen (3 ff.), lässt auch noch keine klare Spur erkennen. Eindrücklich wird dargetan, weshalb dem Menschen verboten ist, sich das Leben zu nehmen; warten muss er wie ein Diener auf das Gebot seines Herrn und seinen Posten nur auf Befehl verlassen (5 ff.). Mit dem Abschnitt 11 wird der Leser, der sich etwas ratlos seine Gedanken macht, mit der Frage überrascht, weshalb der Freund Sette noch immer nicht abgereist sei und auf seine Ankunft warten lasse. Petrarca warnt ihn dann vor Ehrgeiz und Habgier und vermutet gar, diese Laster könnten ihn verführt haben, in Avignon zu verbleiben (12 ff.). Hat sich Petrarca aber in dieses Thema fast verloren, macht er eine Kehrtwendung (15) und erschreckt nun mit der unerwarteten Meldung von dem soeben erfolgten grauenhaften Ausgang einer Seeschlacht. Es folgt der Satz, der das Vorausgehende mit dem Nachfolgenden zusammenknüpft: Nicht die Habsucht, eher die Vorsehung hat Sette am Kommen gehindert. „Weh,“ sagt Petrarca zum Freund, „Glück hast Du noch im Unglück.“ Dank dem Aufschub Deiner Reise musst Du vom trostlosen Zustand in der Heimat nur hören, musst ihn nicht auch noch ansehen (15); gnädig geht das Schicksal mit Dir um. Die Genuesen sind in der Tat mit einer bedeutenden Flottenmacht gegen König Pedro von Aragon ausgefahren, wie Petrarca ihnen wärmstens empfohlen hatte (Fam. 14,6), doch Pedro hatte mittlerweile die Venezianer zur Teilnahme an einer Schlacht überredet und der Verbindung dieser Gegner sind die Genuesen unterlegen. Die Erschütterung Petrarcas – und in allen Ländern – ist gross. Jetzt rüttelt Gott die Schlafenden auf (17). Der Krieg der Genuesen gegen einen äusseren Feind ist erneut zu einem inneren, nämlich wieder zu einem mit Venedig entartet (33 ff.). Doch die Katastrophe wäre wohl ausgeblieben, wenn in Genua innerer Friede
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geherrscht hätte; es ist nicht zuletzt der Zwist und Hass der Parteien in der Stadt, der das Unheil verschuldet (35). Auch haben sie mit Übermut und Anmassung das Schicksal herausgefordert (18), haben sich für Götter gehalten (22) und müssen jetzt einsehen, dass sie sterblich sind und dass bei den Sterblichen nichts Bestand hat. Damit ist das Thema für die nächsten Abschnitte angeschlagen: Grosse Reiche erschlaffen, und ihre Macht geht an andere tüchtige über; das fordert ein ewiges Gesetz. Vergehen wird jedes Reich, da selbst die römische Republik, so gewaltig sie war, dem Untergang nah ist (42,ff.; vgl. Fam. 14,5,19; 15,9,9). Ein gewisser Trost liegt für die Genuesen darin, dass ihr Geschick nicht einmalig sondern gewöhnlich ist und dass der ewige Wechsel nicht immer bloss schmerzlich ist, sondern auch Annehmlichkeit schafft (26; vgl. Fam. 8,5,15; 12,1,8). Ein sehr schönes Pathos belebt und eine Vielzahl rhetorischer Kunstgriffe schmückt diese Ausführungen, und an einer Schnittstelle (36) lässt Petrarca den Freund jene gewaltige Erschütterung mitempfinden, die ihn in der Nacht überfiel, als ihn die mit Spannung erwartete Nachricht vom Ausgang der gewaltigen Seeschlacht erreichte. Ermannen muss man sich nun in der Hoffnung auf das eine ewige Reich. Freilich ist es „nicht von dieser Welt“ (7 ff.; 48). Das erwähnte Ereignis ist auf den 27./28. August 1353 gefallen. Im September hat Petrarca dem Freund Sette den eben besprochenen Trostbrief zugeschickt. Und nun setzt er im Oktober – ungewiss an welchem Tag – wiederum für den Genuesen in Avignon einen Brief auf, das ist 17,4, um ihm „die Folter“ langen Wartens abzukürzen. Hierin kann er nun einiges beschreiben, was er als Augenzeuge miterlebt hat. Denn die Genuesen sind zur grossen Überraschung der Welt nach Mailand gepilgert, um sich in ihrer Not dem Schutz des Erzbischofs Visconti (dem mächtigen Gegner Venedigs) zu unterstellen und ihm, den sie doch als ihren Feind zu betrachten gewohnt waren, sich und all ihr Gut anzuvertrauen. Am Tag, an dem unter grosser Feierlichkeit die Übergabe erfolgt, sitzt Petrarca im glanzvollen Regierungsgebäude neben dem Anführer der genuesischen Delegation und kann unmittelbar aus dessen Mund vernehmen, wie es zu dieser unerhörten Selbstverleugnung der Stadt hat kommen können (5 ff.). Es ging zu, wie er vermutet hat: Die Bürgerschaft, ohnehin seit langem gespalten, war nach der erlittenen Katastrophe in sich so völlig zerfallen, dass eine Umwälzung bevorstand; und es war das einfache Volk, das die Übergabe an Mailand erzwang. Fragt sich nun, ob Mailand das Vertrauen verdient, das eine völlig vernichtete Macht ihm entgegenbringt. Petrarca überlegt sich das und vermag auf Giovanni Visconti grosse Hoffnungen zu setzen. Die Rede, in welcher dieser seine Hilfe verspricht, macht ihm wie allen Zuhörern einen tiefen Eindruck (9); man meint aus ihr eine Verpflichtung gegenüber dem Himmel herauszuhören. Dennoch bleibt der Optimismus beschränkt. Entscheidend ist, so betont Petrarca, ob der Erzbischof noch eine gute Weile am Leben bleibt; alles hängt davon ab: in hoc enim rerum tota vis vertitur (9). Und im übrigen gilt: „Wir
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müssen auf alles gefasst sein“, eben auch darauf, dass Genua vergeht wie alle irdischen Reiche. „Gott wacht über Jerusalem,“ so zitiert er aus einem Psalm, und er interpretiert den Satz in dem Sinne, dass einzig das Reich Jerusalem, weil von Gott bewacht, ewig bestehen wird. Der zweite Teil seines Schreibens beschäftigt sich weniger mit den Fehlern, die Genua begangen hat, als mit den Mitteln, deren es zur Festigung der Republik in der Zukunft bedarf. Empfohlen wird erneut die Einherrschaft auf republikanischer Grundlage; sie gilt Petrarca stets als die beste Regierungsform (10). Nicht viel später, am 21. Oktober 1353, schreibt er an Guido Sette den Brief 17,5. Von ihm weiss er, dass er sich nun an der Sorgue aufhält, denn wie er ein gutes halbes Jahr zuvor dem kranken Bischof von Viterbo seine Einsiedelei als wahres Paradies empfohlen hat (Fam. 16,6), so hat er jetzt gegenüber dem von Sorgen beschwerten Genuesen getan, und wie damals ist auch Sokrates wiederum dort und bereit, dem Gast das Leben im Abseits angenehm zu machen. Ihnen beiden gibt der Dichter Anweisungen, wie sie Bäume oder Sträucher pflanzen sollen, und malt sich aus, dass er mit ihnen vielleicht – und wie sehr möchte er das wünschen – einst den Rest seines Lebens eben da verbringen werde. Auch er ist der Stadt und den politischen Sorgen entflohen. Im Augenblick befindet er sich in San Colombano und geniesst eine Aussicht, wie er aus geringer Höhe noch nie gesehen zu haben meint. Hier ist er fern von Avignon, hier ist er in Italien und hier hat er die so oft ersehnten wunderbar weiten Täler unter sich; hier liegt er nicht wie in Vaucluse unter einem Baum, irgend einem, sondern ruht unter einer prachtvollen Kastanie so recht „königlich“ (15). Was sollte er sonst noch wollen! Doch gerade hier überfällt ihn die eben angedeutete Sehnsucht. „Merke Dir“ so sagt er zu Freund Guido, „dass ich nie eine schöne Gegend betrachte, ohne sogleich an mein Bauerngut zurückzudenken und an die Freunde“ – und er wiederholt den geäusserten Wunsch – „mit denen ich gar zu gerne meinen Lebensrest verbringen wollte.“ Er ist fähig, das eine wie das andere im selben Augenblick gleichermassen zu lieben, und nicht wenig wird es ihn bekümmern, wenn er bald (wohl Anfangs 1355) vernehmen muss, rohe Banden hätten Vaucluse mit Feuer und Brand verwüstet und da gestohlen, was sie erlangen konnten. Längst nicht alles zerstören sie; sein Haus brennt nicht nieder; seine Bücher bleiben erhalten. aber etwas rauben sie dem Tal, was er dort von ihm empfangen hatte: die Sicherheit, das Gefühl der Geborgenheit; damit auch ein ruhiges ungestörtes Verweilen in einer menschenleeren Natur. Davon spricht Petrarca besonders in Brief Var. 25 (vgl. Sen. 10,2), in dem er allerdings Boccaccio halb belustigt fragt, wo in aller Welt er denn leben sollte. Selbst Vaucluse erliegt dem Wechsel! Ein warmer Herbsttag ist es, an dem er jene Zeilen in Brief 5 verfasst. Brief 17,6 aber ist ans Ende des Jahres oder in den folgenden Februar 1354 zu datieren, wo ein anderes Wetter herrscht. Petrarca hat dem Statthalter des Erzbischofs Visconti in
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Como, nämlich Bernardo Anguissola (einem Bruder des lang schon bekannten Lancellotto; Fam. 7,18) einen Besuch versprochen, muss ihm jedoch erklären, wie ihm oft geschieht, weshalb er nicht kommen kann. Sein Los besorgt ihm wieder einmal für den Zeitpunkt, da er reisen möchte, einen sintflutartigen Regen (Fam. 15,2). Aber wichtiger ist, dass der Herr von Mailand ihn gebeten hat, mit einer Gesandtschaft nach Avignon zu reisen (3). Dort soll der Streit zwischen Venedig und Genua (das jetzt unter Mailands Schutz steht) vor dem Papst geschlichtet und sollen auch Spannungen zwischen Venedig und Mailand, zudem solche zwischen Mailand und dem Papst, dem Herrn des Kirchenstaates, besprochen werden. Kaum mehr als ein halbes Jahr ist vergangen, seit ihm Musse und Freiheit zugesichert wurden, und schon soll er auf Wunsch gerade des Garanten eine lange Reise unternehmen und das verhasste „Babylon“, das er doch nie wieder hätte sehen wollen, aufsuchen, dies gar im Winter über verschneite Alpen. Man kann sich kaum ausdenken, welche Gefühle dieser Auftrag bei ihm geweckt hat, und vor manchen Freunden darf er nicht einmal klagen, weil er zum voraus ihre wenig tröstliche Antwort kennt, man habe das alles voraussehen können. Helfen muss er sich ganz allein, und während er einen Trost auch wirklich sucht, nämlich im Gedanken an den Nutzen der Gesandtschaft für das Vaterland (3), trifft die Meldung ein, die Reise finde vorläufig nicht statt, die Verhandlung werde verschoben. Bei solchen Wechseln werden die Mängel seines Nachrichtendienstes besonders auffällig, denn die Briefe, die grössere Distanzen überwinden müssen, können die Adressaten weniger denn je „auf dem Laufenden“ halten, selbst im Fall, dass sie ungehindert und in guter chronologischer Reihenfolge eintreffen. Freund Barbato in Neapel ist dadurch sehr benachteiligt, obwohl er eben von Petrarca nacheinander zwei Briefe in Versform erhalten hat. Schildert der eine Brief die Wohnstätte des Meisters in Mailand als einen Hort ungestörten Friedens, wo sich alle erdenklichen Wünsche erfüllen (Metr. 3,18), so meldet der zweite nachher (Metr. 3,19) unter viel Weh und Ach von dem entsetzlichen Ungemach einer Alpenüberwindung im eisigen Winter. Da beruhigt sich der Neapolitaner vielleicht genau dann, wenn Petrarca in Schrecken lebt, und entsetzt sich, wenn Petrarca seine Furcht schon wieder hat begraben dürfen. Mit Bernardo Anguissola, dem Adressaten von Brief 17,6, pflegt Petrarca übrigens weiterhin einen schriftlichen Kontakt, wie Brief 17,7 (wohl vom Juli 1354) andeutet. Er darf von ihm ab und zu eine Dienstleistung erwarten (1), so mehrmals Hilfe für Reisende, die von Italien aus einen Weg über die Alpen in den Norden suchen. Nun empfiehlt er dem Statthalter in Como einen jungen Mann, der in Italien zur Begleitung des schon genannten Kardinallegaten Albornoz gehört hat, aber vorzeitig nach Hause zurückkehren will (2). Er ist in grosser Sorge um seine Mutter, und er hat Heimweh. Pietas gegenüber den eigenen Eltern ist eine der wichtigsten menschlichen Pflichten, was Petrarca zu jeder Zeit vertritt; was aber die Liebe zur Heimat angeht, so hat sich die Haltung des Dichters im Verlauf der Jahre öfters
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in dieser oder jener Richtung geändert. Dem Vaterland schuldet man schlichtweg alles, so hat er mehrfach erklärt (vgl. Fam. 11,16,8); und damit ist klar, dass es ein Vaterland gibt. In jungen Jahren hat er dieser Auffassung allerdings – wohl unbewusst – gewissermassen widersprochen: Er verkündete damals gerne in philosophischer Strenge, der kluge, der tapfere Mann sei Kosmopolit und fühle sich überall zu Hause; ja er predigte das mit Vorliebe den aus ihrer Heimat Verbannten (Fam. 2,1,14; 2,3 und 2,4). Empfand er selber Sehnsucht nach Italien, meinte er, sich dieser Schwäche schämen zu müssen (Fam. 4,1,18), war freilich überzeugt, dass seine Heimat Italien schöner sei als jedes andere Land (Fam. 19,14; 23,2,6), und von gebildeten Freunden im Ausland meinte er, so viel Einsicht erwarten zu dürfen, dass sie die besondere Schönheit Italiens anerkennen müssten (Fam. 9,13,14 f.). Dann versuchte er, den Böhmen Karl IV. davon zu überzeugen, dass seine Heimat Italien heisse, und wichtiger: dass Italien, dass Rom die allen Menschen gemeinsame Heimat sei: omnium est patria; vera patria Roma (Fam. 32,2,34). Sich gegenüber war er später in mancher Hinsicht sehr viel nachsichtiger als in der Jugend; und da sein Vaterland das schönste aller Länder war („sofern ich mich nicht irre“), musste er’s doch wohl vor allen anderen lieben (Fam. 23,2,5 f.), wie hätte es anders sein dürfen. Mit zunehmendem Alter ist er vermehrt bereit, in vielen Fragen, so auch in der des Vaterlandes, „zu denken wie die Menge“. Und jetzt in diesem Brief 17,7 fällt ihm der stoische Kosmopolit schon gar nicht ein, vielmehr lässt er sogar die Meinungen der Barbaren gelten, eben was die Heimatliebe angeht, und zwar ohne korrigierende Worte anzufügen. Nicht bloss begriffen hat er es, nein er findet es auch in Ordnung: Jeder findet seine Heimat schön, ja wohl schöner als Italien, und läge sie in noch so barbarischer Gegend. Das ist zu respektieren, nicht zu bedauern. Und das soll der Freund – es wird scherzend betont – dem Heimreisenden gegenüber nur ja nicht vergessen. Um jene Zeit wird Petrarca eben auch in Como, wohl weil der genannte viscontische Statthalter seinen Namen im Munde führt, weiteren Kreisen vertraut. Da gibt es einen Ordensbruder, der sich mit Bitten um bestimmte Bücher an ihn wendet, vielleicht sogar aufgemuntert durch den Statthalter. Der Dichter muss ihm in Brief 17,8 erklären, dass er das Gewünschte nicht besitzt, bemüht sich aber, die Enttäuschung zu mildern. Er schickt ihm einen langen wohlformulierten Brief, denn für jeden ist es schmeichelhaft, vom Lorbeergekrönten einen erhalten zu haben, und dies insbesondere dann, wenn er eine gewisse Länge hat und gar noch einiges Lob enthält. Der Mönch ist also mit Petrarca gewiss zufrieden. Ähnlich behandelt Petrarca den uns schon bekannten Marco von Genua. Eine Antwort versagt er ihm nicht, doch ist diese in Brief 17,9 abschlägig und vermischt Lob mit Tadel. Denn wie so oft muss der Dichter bitten, man möge ihn nicht aus lauter Liebe überschätzen, man schade ihm bloss. Ganz abweisend bis zur Unfreundlichkeit geht er freilich nicht; er kann blinde Liebe gelten lassen, sofern die Blindheit diagnostiziert ist
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(3). Gleichzeitig will er dazu beitragen, dass Freunde klar sehen können, wenn sie die Augen öffnen; er ist bereit, ihnen alles zu zeigen. Seine Türen stehen für sie offen (3). Das ist ein-für alle mal gesagt, und es gehört zu seiner Art Ehrlichkeit. Diese Bemerkung führt zum nächsten Brief, der Buch 17 abschliesst. Aufrichtig und ehrlich zu sein, nämlich in allen wesentlichen Dingen, verlangt Petrarca von sich selber mit einer oft geradezu verbissenen Unnachgiebigkeit. Es stehen in seinen Schriften nicht selten Konfessionen, die einer Wahrheitssuche gleichkommen. Kaum hat er etwas bekannt, stutzt er, widerspricht sich, zieht dann auch die Korrektur in Frage, verbessert die Verbesserung und lässt auch diese oft nur gelten, wenn er noch eine Wendung: „so ich mich nicht täusche“ nachschiebt (Fam. 4,1,18 ff.). Ganz auffällig häufig sind solche Einschübe. Freilich ist das stufenweise Suchen nach dem Richtigen oft ein rhetorisches Mittel, um Spannung zu schaffen; zeugt überdies von Kenntnis juristischer Verfahren. Petrarca weiss, wie bohrend die Fragen eines Inquisitors sind. Aber auch der Ehrgeiz verlockt ihn zur unerbittlichen Selbstkritik; er gibt gerne zu verstehen, dass die Fehler, die er zu hören bekommt, ihm selber bereits bekannt sind. Daher wundert man sich bei der Lektüre des Briefes 17,10 nicht über eine reiche Mischung von Dankbarkeit gegenüber Anklägern, von aufrichtiger Zerknirschung, bereitwilliger Annahme der Vorwürfe und überlegener Selbsterkenntnis, ja es wirkt auch nicht überraschend, wenn die Selbstkritik schliesslich in Besserwisserei umschlägt, die den Sünder befähigt, die anderen, die vor ihm stehen und auch Sünder sind, darüber zu belehren, woher es denn komme, dass sie alle miteinander sonderbar falsch zu handeln gewohnt sind. Er und sie, ja alle Menschen wollen, so sagt Petrarca, das Gute, und dennoch tun sie alle das Nicht-Gute. Da hat nun dieser Freund Aghinolfi dem Dichter Petrarca ins Gewissen geredet, und zwar in grosser Sorge um das weitere Gedeihen seines Werkes. Mailand kann ihm nur hinderlich sein. Und sofort weiss der Dichter: „Der hat mir die Stricke der Wahrheit gebracht“ (3); fliehen kann ich nicht mehr.“ Auch hat von jenseits der Alpen Freund Sokrates ihm – „so hart wie höflich“ – zugesetzt, dass er die „Schläge noch an seinem Kopf verspürt“ (6). Von ihm hört er Tadel ebenfalls wegen seines Aufenthalts in Mailand. Man hat ihn in die Zange genommen, und sich daraus zu befreien, ist unmöglich. Nun denke man aber nicht, dass einem Petrarca die ihm vorgelegte Wahrheit fremd gewesen wäre. Ihm ist längst bewusst, dass er ein „Dummkopf“ ist und dass er Schaden durch sich selber leidet (5). Ja, und die andern, die wissen noch gar nicht, wie sehr sie recht haben und wie schlimm die Folgen seiner Dummheit sind. Das kann ihnen Petrarca erst noch sagen. Ihnen ist nicht bekannt, dass er sogar über die Alpen geschickt werden soll, auch nicht, von wem: „Von mir selber, der ich sein Eigentum geworden bin“! (8) Und dass er sich von diesem Mann, der ihn an seiner Aufgabe hindert, jetzt nicht befreit, obwohl er es könnte, das ist das Unbegreiflichste von allem. Hat Petrarca das festgehalten,
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geht er zur Belehrung über und erläutert den Anklägern, wie es auch um sie und überhaupt um alle Menschen bestellt ist. Er sündigt in bester Gesellschaft, und an diese Gesellschaft klammert er sich. Er braucht das Richtige nur zu wollen; und er will es ja sogar, und er tut es doch nicht. Ein gewaltiges Problem ist das, und Petrarca nimmt Augustinus zu Hilfe, um es mit ihm von verschiedenen Seiten anzugehen. Ein Meisterstück ist sein Brief, und zwar nicht zuletzt dank der geschickten Zusammensetzung einer sehr lebendigen, fast bis an Komik streifenden Situationsschilderung mit einer Belehrung anhand einschlägiger Zitate aus den Confessionen, wo vom freien, unfreien Willen des Sünders gehandelt wird. Frei ist unser Wille, so hält Petrarca am Ende fest, doch durch unsere sündige Gewohnheit ist die Freiheit beschränkt. Dass er selber gewillt ist, zu wollen, (24), das ist eine aufrichtige Aussage, die er am Ende „vor Christi Ohr“ auszusprechen wagt. Und damit löst er sich aus dem Knäuel dieser Problematik. Er fügt aber noch eine weitere Frage an, die mit der ersten mindestens zusammenhängt. Er leidet unter einem Übel, von dem er nicht weiss, bedeutet es Schuld oder Schicksal. Schon oft hat er darauf hingewiesen, aber noch nie so deutlich: Er ist zu früh berühmt geworden und ist allzu berühmt, er ist durch seinen Lorbeer so sehr gekennzeichnet, dass er sich nie verstecken kann. Und wo er sich zeigt, greift man nach ihm und hält ihn fest wie jetzt in Mailand. Die Frage nach der Schuld bleibt unbeantwortet. Dennoch wird er, und damit schliesst er seinen Brief, nie von den Versuchen lassen, sich seine Freiheit zurückzuerobern, gemeint ist eine tätige Musse, die ihm erlauben würde, seinen dichterischen Auftrag zu erfüllen (28). Denn dass er das tue, wird auch von seinen Freunden energisch gefordert. Datiert ist das Schreiben vom 1. Januar (1354), und Janus ist der Gott des Anfangs.
Im Buch 17 geht der Brief an Petrarcas Bruder als Nr. 1 allen anderen voran, obwohl er wahrscheinlich später verfasst wurde. Petrarca wünscht Gherardo Glück zu seinen Fortschritten in wahrer Wissenschaft und nennt ihm die Quelle echter Philosophie und Rechtskenntnis. Ein Brief an den Sohn verlangt Abkehr von der Trägheit und spricht von Enttäuschung. Für fast alle Briefe kann man als Abfassungsort Mailand annehmen. Hier gewinnt Petrarca neue Freunde, hier vernimmt er von der Niederlage der Genuesen, erlebt die Übergabe Genuas an die Visconti und schreibt über den ewigen Aufstieg und Niedergang der Mächte. Hier wird er beauftragt, nach Avignon zu reisen, um an Verhandlungen gegnerischer Mächte teilzunehmen, doch wird die Reise verschoben. Die ihm vom Erzbischof zugesicherte Freiheit wird dennoch eingeschränkt. Von Freunden nimmt Petrarca Ermahnungen entgegen, sich von den Visconti zu lösen. Er gesteht ihnen die Schwäche seines Willens.
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Ereignisse aus der kurzen Zeit vom September 1353 bis zum Jahresende hat Petrarca in anderen Werken festgehalten, so in Var. 56 den feierlichen Empfang des Kardinals Albornoz in Mailand. Er arbeitet an seinen Werken De viris illustribus und De otio religioso. Kaum einmal hat er auf längere Zeit unterlassen, seine Werke zu bearbeiten, sie zu erweitern, zu kürzen und sonstwie zu verbessern. Am Anfang von Buch 18 lenkt Petrarca seinen Leser von seiner Person auf die Politik hinüber und versetzt ihn damit auch vom Jahresanfang 1354 auf den vergangenen 23. November 1353 zurück. Der zukünftige Kaiser Karl muss hier wie schon in Buch 10 und Buch 12 den Ehrenplatz einnehmen; er hat auf Petrarcas Aufruf geantwortet, und zwar vor längerer Zeit, doch hat sein Brief nur auf beträchtlichen Umwegen den Adressaten erreicht. Dieser, beglückt das Schreiben in den Händen haltend, fühlt sich sogleich berechtigt, ja berufen, den König aufs neue zur Erfüllung seiner Pflichten zu ermahnen, verströmt Worte der Hochachtung und Liebe zum Kaisertum und widerlegt Punkt für Punkt alles, was Karl zur Rechtfertigung seiner Aufschiebung der Romfahrt vorgebracht hatte. Wenn kürzlich einem einfachen Mann aus dem Volk (Cola di Rienzo) die Wiederherstellung der Freiheit Roms beinah geglückt ist (17 ff.), wie könnte ein gleicher Versuch einem Kaiser misslingen (30)! Das Imperium auszuschlagen, ist nicht mehr möglich (34); es jetzt aufzurichten, ist dringende Notwendigkeit und nicht schwieriger als zur Zeit der alten Kaiser (37). Legionen hat Petrarca nicht zur Verfügung, um sie Karl entgegenzuführen; er hat jedoch seine Stimme, und somit wird er nicht aufhören zu rufen: „Komm, und komm sogleich!“ Denn jetzt weiss er: Torheit ist es nicht, den König zu ermutigen (vgl. Fam. 15,5,7). Er hat zweifellos seine Gunst gewonnen. Der Fürst, dem er als gefeierter, im Volk beliebter, von Herren umworbener Dichter (vgl. Fam. 17,10,26) längst bekannt ist, hegt, wie andere auch, das Verlangen, ihn persönlich kennen zu lernen und ihn an sich zu binden. Die Datierung des Briefes an den Kaiser auf Ende 1353 mag richtig sein, doch die folgenden Schreiben von Buch 18 übergehen das Jahr 1354 fast völlig; sie stammen zum guten Teil aus dem Jahr 1355 und gehören in die Zeit von Karls IV. Italienzug, des von Petrarca heiss ersehnten, der das Ereignis allerdings noch nicht erwähnt. Man vernimmt von ihm erst in Buch 19. Vorerst wird nur ganz Privates mitgeteilt. Von einer persönlichen Überraschung meldet immerhin am 10. Januar 1354 Brief Fam. 18,2. Jener byzantinische Würdenträger, der im Januar 1348 mit zwei Begleitern über Venedig nach Avignon gereist war, um mit Papst Clemens VI. über eine Einigung der Kirchen und einen Kreuzzug zu verhandeln, hatte in Verona mit Petrarca Gespräche geführt und ihm einen Homer in griechischer Sprache zu besorgen versprochen. Er war damals dem weltweiten Unheil der Pest entkommen, und wahrhaftig, jetzt, vier oder fünf Jahre später, kommt Homer bei
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Petrarca in Mailand an. Überschwenglich danken will dieser, dass ihm ein so grosser Wunsch in Erfüllung gegangen ist. Der Griechischlehrer Barlaam allerdings, der ihm einst Anfangskenntnisse beigebracht hat, ist ihm längst abhanden gekommen und dann gestorben (7 f.), grosse Kenntnis des Griechischen hat er nie erlangt, doch sagt er sich wieder vor, was er so häufig in seinem Leben sich und anderen eingeschärft hat: Lernen kann man selbst im hohen Alter, ja man soll es tun bis zum letzten Tag (12; vgl. z. B. Fam. 17,84 ff.). Vorerst beglückt ihn das Buch etwa so, wie es seinen verstorbenen Verwalter in der Vaucluse beglückt hätte, und er wird sich seiner erinnert haben, als er folgenden Satz aufs Papier setzte: „Nur schon im Anschauen des Buches schätze ich mich selig, drücke es häufig an mich und spreche seufzend mit ihm…“ (10). Denn ungefähr das selbe kann man in Fam. 16,1,6 f. nachlesen, wo die ehrfurchtsvolle Bücherliebe des Analphabeten Raymond Moret geschildert wird. Die Grösse von Petrarcas Freude über den Erwerb einer Homerausgabe kann heute wohl niemand mehr auch nur vage ermessen oder gar mitempfinden. Wir gehören zu der grossen Menge, von welcher er überzeugt war, dass sie kaum Sinn für geistige Werte besitze (2,9), und wir schätzen sie heute in dem Mass geringer ein, als sie leichter zu finden sind. Ihm aber bringt das nächste Bücherpaket noch einmal ein wahres Glück. Was ihm Boccaccio bereits angekündigt hatte, trifft am 10. April 1355 ein: Augustins Psalmenkommentare, die Enarrationes in psalmos. Brief Fam. 18,3 vom 11. April des genannten Monats ist eine sozusagen strahlende Dankesbezeugung. Diese Gabe ist nun nicht eine bloss zum Anschauen, sondern eine, der sich Petrarca sogleich und häufig und bis zur Erschöpfung widmen wird (3,4), denn wenn er nun gefahrlos wie auf einem tüchtigen Schiff und mit einem bewährten Steuermann auf das hohe Meer hinausfahren kann, so muss er das auch wirklich tun. Seit langem ist ihm in der ganzen Bibel fast nichts so tröstlich wie sein David (Fam. 22,10,7), das heisst, das Psalterium, das er als ganzes dem König zuschreibt. Dabei kann ihm niemand als Erklärer der dunkeln Stellen grösseres Vertrauen einflössen als sein Augustinus. Das bestätigt er vor dem Spender der kostbaren Gabe. Und was er nun an eigenen Schwimmkünsten schildert, mit denen er sich bisher nur mühsam über Wasser gehalten habe, ist so recht zur Erheiterung eines oft missvergnügten Boccaccio ersonnen. Ihm, der für sprachliche Fragen weit grösseres Verständnis besitzt als andere Freunde, schuldet Petrarca auch immer wieder besonders freundschaftliche Aufmerksamkeit. Eine Notiz, die er in Boccaccios Handschrift einfügt, nennt den genauen Tag, an dem er diese empfing, so dass seine Antwort ausnahmsweise aufs Jahr und fast genau auf den Tag datiert werden kann. Und nur wenige Monate vergehen, bis er noch einmal ein Bücherpaket vom selben Spender erhält. Anfangs Dezember 1355 dankt er ihm in Brief 18,4 fast überwältigt von so grosser Freigebigkeit. Einen wertvollen Schatz hat Boccaccio kürzlich im Kloster Monte Cassino ausgehoben, und einen schönen Teil gibt er davon wei-
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ter, darunter ein von ihm entdecktes Werke Varros und einiges von Cicero, alles in eigenhändiger Abschrift. Ähnliches hat er gewiss nicht oft für andere geleistet. Aber einen verlässlichen Kopisten zu finden, wäre ihm nicht leicht gefallen, einen, der fähig und geduldig genug gewesen wäre, die alten Schriften (in schlechtem Zustand) mit ihren zahlreichen Abkürzungen richtig zu entziffern und sie dann gar noch so schön und fehlerfrei zu präsentieren, dass sie einen Petrarca befriedigen, ja beglücken konnten! Fehler in Freundesbriefen kann dieser lachend entschuldigen (Fam. 16,14,1 ff.); aber an Kopisten stellt er Anforderungen, von denen er weiss, dass er selber ihnen nicht ohne weiteres genügt. Weil aber der Florentiner sich eine beträchtliche Zeit hindurch abgemüht hat, den Freund mit guten Arbeiten zu beschenken, hat man erst recht keinen Grund zur Annahme, Petrarcas Niederlassung in Mailand im August 1353 habe zu einer Verstimmung zwischen den beiden geführt. Im Brief 18,5 vom 25. April (1354) wird hierauf vom Geschenk eines Buches gesprochen, das Petrarca gibt, nicht entgegennimmt. Er hatte seinem Bruder Gherardo bei seinem Besuch im vergangenen April (Fam. 16,8,10 und 16,9) Augustins Confessiones versprochen und stellt sie ihm jetzt zu. Es handelt sich um sein eigenes Buch (meus fuit), und abgeschrieben hat es jener Angestellte (das wird nebenbei angemerkt), den Gherardo von jenem Besuch in Montrieux her kennt, ein junger Mann mit eher flinken Fingern als gutem Verstand (7). Solche Kopisten sind leichter zu finden als die mit hervorragender Lateinkenntnis, doch selbst mittlere Talente aufzutreiben wird – wie spätere Briefe klagen – immer schwieriger. Dass der geschenkte Band nicht fehlerfrei sei, hält der Dichter für sicher; kann aber bei seinem Bruder die Lateinkenntnisse voraussetzen, die ihm für eine Verbesserung des Textes nötig sein werden. Und eine ihm bekannte Erfahrung möchte er ihm zuletzt auch noch zu bedenken geben: Gerade die hohen Geister findet man im allgemeinen nicht unter den sorgfältigsten Abschreibern (ihn selber auch nicht); sie sind eben mit Gescheiterem beschäftigt als mit Strich und Punkt und müssen ihre kostbare Zeit für Besseres nützen (4 ff.). Recht breit wird das erläutert und auf eine Art, dass offen bleibt, ob die hohen Geister in Anbetracht ihrer geringeren Aufmerksamkeit bei langweiliger, mühseliger Schreibarbeit – alles in allem verrechnet – eher zu entschuldigen oder eben doch zu tadeln sind. Sehr erfreut zeigt sich dann der Dichter in Brief 18,6 vom 15. März (1354/55). Er hat wieder einmal ein Wort von Forese Donati vernommen, und obwohl es Vorwürfe ausspricht, ist es überaus liebenswürdig. Da fällt dem Dichter auf: Mögen viele das Selbe tun, nie ist es das Selbe; das Eine und Gleiche kann einmal angenehm und einmal abstossend sein. Dafür bringt er hübsche Beispiele, ohne sich um philosophischen Scharfsinn zu bemühen, und erstaunt mit der vortrefflichen Schilderung eines sehr sonderbaren Mitbewohners, der trotz tierähnlichem Verhalten ein Mensch ist (3). Solche Wesen also duldet er in seiner näheren Umgebung. Der
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Adressat war Petrarca als Begleiter des florentinischen Bischofs Acciaiuoli ein guter Freund in Avignon gewesen, und ihm versichert er nun, er werde ihn nie vergessen, lässt aber durchblicken, dass auch in Zukunft von ihm nicht viele Briefe zu erwarten seien, indem er von Übermüdung und Überbelastung spricht: genauer von digitis fatigatis… animo occupato (7). Das vernimmt man jetzt zunehmend häufiger. Petrarca ist etwa fünfzig Jahre alt und schreibt fast Tag für Tag viele Stunden mit eigener Hand, ja wohl häufiger und länger. Und will man diese Mühe richtig einschätzen, hat man sich neben anderem auch die Art Feder und Tinte, die er benützt, die Art von Stuhl und Schreibtisch, die üblichen Mängel an Bequemlichkeit und seine Kost vorzustellen. Dabei behält er von jedem abgesandten Brief eine Abschrift zurück, wie er das auch anderen anrät (Var. 38), und dies, obwohl – wie oft geklagt – die Zahl guter Kopisten abnimmt und Petrarca so viele, als er benötigt, nur selten hat (Var. 15). Man kann erklären, Brief 18,6 gehöre im eigentlichen Sinn zu den Kleinigkeiten, nugae, um ein Wort Petrarcas zu verwenden. Doch das angedeutete Thema von der Verschiedenheit beim Einen und Gleichen wird im nächsten Brief 18,7 vom 1. April (1355) gewissermassen abgewandelt, weil Petrarca eine Entschuldigung Nellis aufgreift und den Reiz hervorhebt, den sogar das Nachlässige, Ungepflegte nicht selten ausüben kann. Besonders die Liebe kann solches schätzen, so legt er dar und spricht dieser Liebe für einmal eine gewisse Urteilsfähigkeit zu. Eine Nebenbemerkung übrigens hält fest: Manche Briefe erreichen die Adressaten spät oder gar nicht. Sie werden von irgendwelchen Leuten abgefangen, und wenn das möglich ist, haben natürlich auch die „Briefboten“ (oft Freunde oder Bekannte) versagt. Von Brief 7 nimmt Petrarca jedoch später an, er sei eingetroffen und schickt Nelli zu dessen Erläuterung einen weiteren Brief. Das ist 18,8 Darin erinnert er sich, wie er das Liebenswerte am Unvollkommenen eben gelobt hat, betont nun, dass er von Freunden niemals tadellose Briefe erwarte, da er selber auch nicht im Sinn habe, an sie in möglichst gepflegtem Stil zu schreiben. Ihn freue, das unterstreicht er, seine Freunde als ein anderes Ich zu betrachten (2), mit ihnen also zu sprechen, wie mit sich selber, eben ohne ehrgeizige Anforderungen an einen Stil. Er wünsche ja sehr, dass die Freunde Schritt für Schritt an seiner Suche nach dem Richtigen und Wahren teilnähmen (11 f.), und würde es geradezu für grotesk ansehen, wenn er ihnen bloss fertige, sichere Ergebnisse seiner Nachforschungen vorlegen wollte, sie also nicht als Mitsuchende und Ratende, sondern bloss als Empfänger von Wissen ansehen könnte. Dass Cicero es ebenso hielt, hat er wie durch Zufall entdeckt, und um so mehr freut ihn sein gleichartiges Verlangen (15). Eingefügt sind in diese Ausführungen Gedanken über echte Freundschaft (3 und 10 ff.), und gross ist Petrarcas Sicherheit, dass er von seinen Freunden stets nichts als Freundschaft erhofft hat, so wie auch diese die Freundschaft nur um ihrer selbst willen suchen. Und wer dürfte behaupten, er habe sich geirrt! Dennoch ist der über-
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legene Meister seinen Freunden kaum dieses wunderbare andere Ich gewesen, das er so gerne verherrlicht, und ihnen nie als solches zur Verfügung gestanden, dass sie bei ihren eigenen Fragestellungen dank ihm als ihrem anderen Ich eine Wahrheit um so sicherer hätten finden können. Eher war es so, dass er gern und leicht andere sich selber, seinem Ich anverwandelte, sich dieses Glückes freute und der Freunde dabei dankbar gedachte, dies mit gutem Grund, da sie ihm jedenfalls stets die sehr kostbare Hilfe der Ermunterung und begeisterten Anerkennung boten, der er zweifellos in hohem Mass bedürftig war. Anzunehmen ist, dass man im Freundeskreis sich diese Art Einseitigkeit gefallen liess, hierüber gar nicht nachdachte oder dann – vielleicht nüchterner denkend – ein weiteres Bedürfnis nicht anmeldete. Wie dem sei: Was das schrittweise Suchen nach Wahrheit in der Gemeinsamkeit mit Freunden angeht, spürt man den letzten Fassungen der Familiares, so wie sie ediert wurden, kaum an, dass und wo sich der Dichter bei seinen geistigen Anstrengungen auf irgendwelche Mitdenker gestützt hätte. Selbst dort, wo in seinen Texten Einwürfe zu lesen sind, die zum besseren Verstehen anleiten, fehlt es an der Notwendigkeit, eine echte Auseinandersetzung unter verschiedenen Personen anzunehmen (Fam. 2,1,6 ff.; 11,8,29). Es wird sich meist um rein literarische Kunstgriffe zur Belebung der Darstellung gehandelt haben. Und erst recht sind die von ihm erwähnten morgendlichen Begegnungen mit Freunden (am Frühstückstisch?) und der mündliche Gedankenaustausch zu seinen in der Nacht verfolgten Gedankengängen (13) nicht für bare Münze zu nehmen. Man ahnt ja, wie einsam Petrarca lebt, wie gut er seine Einsamkeit hütet, wie genau er seinen Tag einteilt und wie fraglos selbstverständlich er stets als der überlegene Lehrer auftritt (Fam. 11,6,1 f.; 13,8; 16,11,6; 24,2,2; 24,13,8). Was der Dichter beschreibt, ist ein Ideal, dem er wohl höchst selten und immer nur für einzelne Tage nahe kommt. Seine Ausführungen über Freundschaft und Freundschaftsdienste, an denen er sich leicht berauscht, münden im eben zu besprechenden Brief in die Bitte, Nelli möge im vorausgehenden Schreiben einen Satz so korrigieren, wie ihm auf einem Zettel angegeben wird (17). Der Dichter will nämlich ausnahmsweise, wie er hervorhebt, durch eine nachträgliche Verbesserung grösste Präzision erreichen und bietet – ohne Absicht – eines der seltenen Beispiele für die Art von Hilfeleistung, die er von Freunden (erheblichere vor allem von Boccaccio) in aller Wirklichkeit erwarten kann und auch erhält. Zudem macht er ebenda klar, dass der vorausgehende Freundschaftsbrief 7, so vertraulich er auch tönt, zur Veröffentlichung bestimmt ist wie die meisten andern. Sonst hätte er Nelli die Mühe dieses Korrekturnachtrags ersparen können. Auch Brief 18,9 gehört zur Korrespondenz mit Nelli und enthält viel Freundliches für den Adressaten und einige abwertende Bemerkungen auf Florenz, das seine bedeutendsten Bürger nicht zur Kenntnis nehme. Vor Petrarca steht denn auch ein Bote aus der Arnostadt, der von Nellis Ansehen nie etwas gehört hat und mit seiner Verblüffung den Dichter zum Lachen reizt (3). Dabei ist er nicht etwa ein „witzlo-
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ser Mann“, wie ihm zugestanden wird (ebenda). Im übrigen kennt ihn Petrarca ganz offensichtlich nicht. Man kann sich vorstellen, dass er im Dienst irgendwelcher Kaufleute von Florenz nach Mailand gekommen ist und da verschiedene Aufträge erledigt und entgegennimmt. In der Stadt spricht man von ihm; im Gerede hört man, er sei bereit, Briefe zu befördern, und schon hat er seine Brieftasche voll. So ungefähr lässt sich vermuten. Auch steht er wahrscheinlich im Ruf, zuverlässig zu sein. Ob das, was Petrarca ihm aushändigt, identisch ist mit Brief 18,10, bleibt unsicher. Immerhin kann dieser aus den selben Tagen stammen, an denen die Begegnung zwischen Petrarca mit dem „Boten“ stattfand; er führt die Korrespondenz mit Nelli fort. Bei ihm haben sich einige Freunde zu einem kleinen Festmahl vereint, und der Brief trifft eben noch rechtzeitig ein, dass der Dichter den Versammelten Glück wünschen und ihnen versichern kann, er wohne in Gedanken ihrer Zusammenkunft bei. Fortuna, so sagt er, und das Wort bedeutet hier so viel wie Zufall, hat ihm wenigstens diese Gunst geschenkt, das heisst; hat ihm erlaubt, den Freunden den Brief zuzustellen. Durch wen denn, so fragt man, ist das geschehen. Vielleicht eben durch den verblüfften Florentiner, den man aus dem vorangehenden Schreiben kennt. Auf diesen Brief 10 antwortet Nelli mit einem Schreiben, das von Cochin als Epist. 13 aufgeführt wird. Datiert wird es auf den 10. August 1355, ist gut formuliert, zeugt von Kenntnis der Antike, aber vor allem von so überschwenglicher Bewunderung für den Meister und jedes seiner Werke, dass Petrarca bei der Lektüre gut daran tut, sich an sein oft zitiertes Wort zu klammern, Amor sei ein schlechter Richter. Wie dem sei: Von der Korrespondenz, die eifrig weitergeführt wird, findet eine Bitte vom 14. November 1355 in den Familiares als 18,11 ihren Platz: Nelli soll ein Werk Ciceros an Lapo Castiglionchio (Giacopo von Florenz) weiterleiten; der hat es Petrarca vor Jahren geliehen, doch wo er sich jetzt befindet, ist unsicher. Dass die Unruhen, die Parteiungen, die Kriegsgefahr ihn aus seinem Studienort Bologna (um das die Visconti und Albornoz kämpfen) vertrieben haben, ist anzunehmen. Ein Schreiben an den Besitzer des zurückgesandten Werkes wird beigelegt, und dieses folgt in den Familiares als 18,12. Darin muss Petrarca erklären, weshalb der kleine Sammelband mit Schriften Ciceros erst nach vier Jahren den Weg zum Besitzer zurückfinde. Der Hauptgrund ist rasch genannt: Viel Zeit verging, bis sie abgeschrieben waren. Es gibt eben – die Klage ist zu wiederholen – wenige wirklich fähige Kopisten (1). Sie fehlen nicht allein Petrarca sondern ganz allgemein, und ihr Mangel hat längst einen gewaltigen Verlust an wertvollster Literatur herbeigeführt, der nun nicht zu beheben ist. Das die Überzeugung Petrarcas. Abschreiben ist nicht seine Sache und nicht anderer gelehrter Männer Aufgabe, das steht schon im Schreiben an den Bruder Gherardo (Fam. 18,5); dazu sind Geister mit geringerem Höhenflug besser geeignet. Und
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dennoch hat Petrarca nun eine Methode gefunden und selber angewandt, dank welcher man das entsetzlich mühsame Kopieren, rem suapte natura tediosissimam (8) erträglich, ja, sofern die Arbeit einem vorzüglichen Text von Cicero gilt, sogar erfreulich macht (6 f.). Enorm viel Zeit hat er dafür geopfert, und für niemanden ausser für dieses sein bestes Vorbild hätte er so grosse Mühe aufgewendet (10). Ein Hinweis auf seine müden Finger kann hier wiederum nicht fehlen: fatigatos hos digitos hat er zu solcher Arbeit angehalten, aber fast hätte er das Unternehmen als unausführbar vorzeitig aufgegeben. Mit dieser Bemerkung wird vom Hauptthema Petrarcas abgelenkt, nämlich eben von seinem ihm teuersten Vorbild. Von ihm spricht er nun auch in den Briefen 18,13 und 18,14 vom August/September 1355. Er ist zu seiner Zeit nicht der einzige Humanist, der für den antiken Redner und Philosophen eine Vorliebe hegt, da gibt es zum Beispiel in Bergamo einen Grammatiker Cro(t)to, der Werke von ihm besitzt, die Petrarca noch fehlen (18,13). Er wird um eine Ausleihe gebeten, der berühmte Dichter erhält sie unverzüglich, und schon ist eine neue Freundschaft geschlossen (18,14). Petrarca bedankt sich mit einem langen Schreiben, in dem er Herkules und die unglaublichen Taten seiner Körperkraft den grandiosen Leistungen von Ciceros geistigem Vermögen gegenüberstellt. In den „Tusculanen“, so meint er, lassen sich Buch für Buch Entsprechungen zu den ruhmvollsten Bravourstücken jenes Helden finden. Er legt das dar und zieht hierauf den erwarteten Schluss, dass Cicero einen Herkules in dem Mass überragt, als das Geistige das Körperliche übersteigt (3 ff.). Und hat er sich zu seinen Argumenten beglückwünscht, erlaubt er sich den nächsten Schritt, allerdings nicht ohne Hilfe der hervorragenden Autoritäten Seneca und Quintilian (8 ff.). Sie liefern ihm die Worte für die Behauptung, dass einem Cicero kein anderer Redner und Philosoph gleichkommt. Petrarca äussert sich zaghaft und hält für sein Bekenntnis zu Cicero eine Unterstützung durch die genannten Autoritäten für unerlässlich. Erst etwas später, im Dezember 1355, und bezeichnenderweise gegenüber Boccaccio, wird er es wagen, ohne fremde Autoritäten zu bemühen und durchaus mit eigenen Worten, ein Bekenntnis abzulegen und es dem Freund „ins linke Ohr zu flüstern“ (vgl. Fam.18,15); bekannt ist es schon aus Fam. 18,4,4. Man störe sich nicht an der Zählung der Briefe oder man verzichte darauf, von früher und später zu sprechen, da die Zeitenfolge der Briefe stellenweise kaum anzugeben ist. Wären die Briefe durch Petrarca gemäss sehr überlegter Datierung geordnet worden, hätte 18,4 in der Reihe hinter 18,14 einen Platz finden und in der Reihe unmittelbar vor den Brief 18,15 eingesetzt werden müssen (Irrtum der Gelehrten vorbehalten). Nun hat Petrarca seit einiger Zeit den Eindruck, Boccaccio sei verstimmt, behauptet aber in Brief 18,15 eben vom 20. Dezember (1355), nicht recht zu wissen, weshalb. Gar nicht verstehen kann er, dass er, der Boccaccio einen Poeten
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genannt hat (vgl. Fam. 18,4,2), nun schroff zurechtgewiesen wurde (Fam. 18,15,2). So kann er nur sprechen, weil er einiges, was er weiss, nicht verraten will. Denn Gründe für Boccaccios Verstimmung muss er gekannt haben. Man beachte die Datierung des Briefes. Im vorausgehenden Sommer 1355, so meint Boccaccio, und so erfährt man aus einem seiner Briefe (Epist. 9), sei er bei einem Besuch in Neapel von Acciaiuoli schlecht behandelt worden. Mit Zanobi da Strada, den er seinen Freund genannt hat, ist er zerfallen; und dies nicht zuletzt darum, weil Acciaiuoli ihn seit Jahren bevorzugt und eben noch für seine Dichterkrönung gesorgt hat. Das verschweigt Petrarca, und manches andere auch, das er für eine spätere Mitteilung aufspart, obwohl es schon hier in Buch 18 hätte stehen können. Wie schon angedeutet, erwähnt er hier weder Karls Italienfahrt noch dessen Kaiserkrönung, noch gibt er hier an, dass es eben der neue Kaiser war, der am 24. Mai in Pisa Zanobi da Strada den Dichterlorbeer aufs Haupt gedrückt hat. Doch ob Petrarca das mitteilt oder nicht: Der tüchtige Beamte Zanobi, dem er einst ganz privat mit dem Poetentitel geschmeichelt hat (Fam. 13,9,2 f.), ist nun dank kaiserlicher Gunst feierlich und offiziell bestätigter Poet mit allen zugehörigen Rechten, doch von den Kennern der Dichtkunst ist vor dieser Dichterkrönung keiner zu Rate gezogen worden. Nicht erstaunlich also, wenn es in Boccaccio, der als bedeutendes Talent übergangen wurde, gewaltig rumort. Was soll der Titel bedeuten, wenn er so leicht zu haben ist und irgendwo (im bestimmten Fall in Pisa) durch irgend jemand, sogar einen Ausländer verliehen werden kann! Auch Nelli in Florenz reagiert ungemein entrüstet auf die Auszeichnung Zanobis und unterstreicht vor allem das Unrecht, das damit Petrarca angetan wird (Epist. 17, 13 bei Cochin), während dieser vorerst als der überlegene Philosoph dem Geehrten gratuliert (Metr. 3,8) und erst später seine Verwunderung darüber ausdrückt, dass ein Germanicus, „sich nicht gescheut hat, die Intelligenz von uns Italienern zu beurteilen“ (so zu lesen im Vorwort zu den Invectiven gegen Mediziner). Im Brief des Dichters an Boccaccio steht also von all dem nichts. Immerhin wird der Freund darin getröstet, der wahre Dichter sei vom Lorbeer völlig unabhängig und könne unter jedem anderen Baum dichten, so viel er wolle (2). Doch es gibt noch etwas anderes, was für Aufregung gesorgt hat. Die Briefe, mit denen Petrarca für die Sendung der wertvollen Schriften dankte (vgl. Fam. 18,3 und 4), sind beim Adressaten nicht eingetroffen! Das aber hat gerade noch gefehlt, um Boccaccios Lebenslust völlig zu verbittern. Irgendwo sind sie hängen geblieben, wie Petrarca vermutet. Er wird sie Boccaccio in neuer Auflage übermitteln; ja er schickt ihm jetzt einen jungen zuverlässigen Boten zu, und von dem kann er erklären, „er liebt mich und ist auf Dich begierig“(4). Dieser wird den Freund über alles genau unterrichten, so ist er geheissen, damit der Empfänger vernehme, was Petrarca „nicht nur tut“, sondern auch – besonders wichtig – „was er denkt“. Ja das zu hören, ist Boccaccio bestimmt sehr begierig.
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Und um Buch 18 würdig abzuschliessen, greift der Dichter nach einem Brief, der an ein hochpolitisches Ereignis jener Tage erinnert und auch seine Stellungnahme dazu hervorhebt, weil er brennend wünscht, dass sein Verhalten in der bestimmten Sache niemals verkannt werde. Gelingt es, zwischen den Seemächten Genua und Venedig Frieden zu stiften und kann der Streit zwischen Venedig und Mailand (jetzt Schutzmacht Genuas; vgl. Fam. 17,4) entschärft werden, das ist die grosse Frage, die Oberitalien 1353–1355 in Spannung hält. Die antimailändische Liga hofft auf ein Eingreifen Karls IV., und Petrarca hat guten Grund, diesem König zu beteuern, jetzt sei der Weg nach Italien besonders eben und leicht und nichts fehle als der Mann, der ihn beschreite. So ist es in seinem Aufruf mit dem Datum vom 23. November 1353 zu lesen (Fam. 18,1,15). Seither ist klar geworden: Mailand selber, von der feindlichen Liga bedrängt, wünschte eine Schlichtung des Streites mit Karls Hilfe; aber noch immer lässt Karl auf sich warten. Die Verhandlungen zwischen den Mächten, die im Winter 1353 vor der Kurie in Avignon hätten stattfinden sollen (Fam. 17,6), werden nun durch andere ersetzt, und Petrarca soll, nachdem ihm die winterliche Alpenüberquerung erspart worden war (ebenda), als Sprecher einer mailändischen Gesandtschaft jetzt, im Frühjahr 1354, nach Venedig reisen. Er übernimmt die Aufgabe, weil er nicht Nein sagen kann. Aber seine persönliche Freundschaft mit dem Dogen Dandolo kann ihm den Zweifel, ob er sich für diese diplomatische Aufgabe eigne, nicht ausreden (7 f.). Ganze vier Wochen weilt er in der Hafenstadt, um immer neue Gründe für einen Frieden vorzutragen; erreichen kann er nichts. Als inefficax tractator pacis kehrte er nach Mailand zurück, erfüllt von Schmerz und Scham. Und wie die Kriegsvorbereitungen immer vorangetrieben werden (6), da will er, von Vorahnungen gequält, ein Letztes zur Vermeidung des Entsetzlichen unternehmen, um nur ja nichts unversucht zu lassen, was in seiner bescheidenen Macht liegt. Er schreibt in der verzweifelten Hoffnung auf eine bessere Einsicht des Dogen diesen Brief Fam. 18,16 vom 28. Mai 1354 voller Beschwörungen, und eine eigentliche Katastrophe für ganz Italien voraussehend, fleht er den Dogen nochmals an, „seiner eigenen Natur zu folgen“ und nicht „ein schlechter Mensch zu werden“ (26), niemals dem Wahnsinn der grossen Menge zu erliegen (28). An der riesigen Schuld, die der Doge sich aufladen würde, will Petrarca nicht den geringsten Anteil haben; und die Gegenwart wie die Nachwelt soll es wissen, dass er seinen Adressaten mit allen Kräften vom „Verderben Italiens“ hat abziehen wollen. Gott muss es bezeugen, zugleich muss dieser sein Brief ihm zum unwiderlegbaren Beweise dienen, dass er den Dogen „mit lautem Wehruf und gewaltigem Aufschrei“ zurückruft. Was er befürchtet, geschieht dann im folgenden Herbst (Fam. 19,9). Doch der Doge wird es nicht mehr erleben.
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Buch 18 wird durch die zwei Briefe an die beiden Mächte König Karl und Republik Venedig eingefasst, die zusammen mit Mailand und Avignon in den Jahren 1353–1355 das Schicksal Oberitaliens bestimmen. Diese Briefe 1 und 16 schliessen Schreiben persönlicher Art ein, die mit geringen Ausnahmen über Büchererwerbungen, Ausleihen, Abschriften, Stilrichtungen und Korrekturen berichten, auch Verluste an antiker Literatur und Schwierigkeiten bei ihrer Beschaffung oder Übersendung beklagen. Petrarca stellt dabei seine eigene Ansicht von der richtigen Schreibweise in Freundesbriefen vor: Seine Adressaten betrachtet er als sein anderes Ich; sie sollen an seiner Wahrheitsfindung teilnehmen. Auf die Dichterkrönung Zanobis und auf Boccaccios Zurückstellung wird kaum hingedeutet, und um eine gewisse Einheit zu erreichen vernachlässigt Petrarca die Zeitfolge besonders stark, indem er die Italienfahrt Karls völlig ausblendet Kein Wort verliert er über das Schicksal seines ehemaligen Idols Cola di Rienzo, von dem er die Wiederherstellung der römischen Freiheit erwartet hatte. Dieser kam in der Begleitung des Kardinals Albornoz nochmals nach Rom, erlangte nochmals die Senatorenwürde, wurde jedoch schon zwei Monate später nach fürchterlichen Unruhen und Machenschaften in der Stadt am 8. Oktober 1354 vom Volk niedergemetzelt. In Buch 19 ist der Brief 1 von Mitte Oktober 1354 dem von Petrarca lang ersehnten Ereignis gewidmet: König Karl von Böhmen kommt; er hat schon italienischen Boden betreten und befindet sich in Udine oder schon tiefer im Land, dies um die Zeit, da in Rom – wie eben erwähnt – der Senator Cola di Rienzo Opfer eines Aufruhrs wird. Gewiss übertreibt der Dichter nicht, wenn er sagt, die Ankunft des oft Gerufenen benehme ihm den Atem. Viel anderes kann er nicht hinzufügen. Selbst wenn schon seit einiger Zeit überall Vorbereitungen zum Empfang getroffen worden sind, greift doch erst im letzten Augenblick eine erregte Geschäftigkeit zur Erledigung der geplanten Massnahmen um sich. In Mailand besteht eine besondere Aufregung, weil soeben, nämlich am 5. Oktober, Erzbischof Giovanni gestorben ist und seine drei Neffen, welche sich in die Regierung teilen sollen, noch nicht fest im Sattel sitzen. Der zukünftige Kaiser jedoch, der am 10. November in Mantua angekommen ist, lädt zum Zweck von Verhandlungen Abgeordnete der antimailändischen Liga zu sich; und sobald er von ihnen die Ermächtigung zum Abschluss eines Waffenstillstands mit Mailand besitzt, ersucht er, immer noch von Mantua aus, Petrarca – als Privatperson – sich zu ihm zu verfügen. Im Brief 2 vom 27. Dezember 1354 berichtet der Dichter davon kurz seinem Freund Zanobi, weil er bei seiner Rückkehr nach Mailand ebenda mehrere Briefe
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von ihm vorfindet. Er vertraut ihm von Gesprächen mit Karl IV. allerdings sehr wenig an, verbleibt vielmehr beim Allgemeinen, auch beim Wetter, das wirklich so ausnehmend kalt ist, wie man es seit Menschengedenken nicht erlebt zu haben meint (Fam. 20,14; 21,7). Ein Thema bildet wiederum der Verlust vieler Briefe; Zanobi hat umsonst auf Petrarcas Antworten gewartet (so wie sich etwas später auch Boccaccio um Dankesbriefe betrogen sieht; vgl. Fam. 18,15). Sie wurden auf halbem Weg abgefangen. Nun hoffen die Freunde auf eine Begegnung und auf einen gemeinsamen „stillen Tag“ (ebenda), doch bleibt offen, was das besagen soll. Möglicherweise hat Petrarca vernommen, Zanobi da Strada sei vom Hof in Neapel dazu bestimmt worden, an den Feierlichkeiten zu Ehren des neuen Kaisers teilzunehmen oder ihn zu begleiten. Unvergleichlich ausführlicher schreibt Petrarca von der Begegnung mit Karl IV. seinem Lelio in Brief 19,3 ungefähr einen Monat später, also im Februar 1355. Auch dieser Freund ist dazu ausersehen, als Vertreter einer politischen Macht dem Kaiser Ehre anzutun. Er hat sich von Rom aus, wo er seit Jahren lebt (Fam. 15,1; 15,8; 16,8. 20,2) nach Avignon verfügt, er wird von dort aus nach Pisa reisen, im Gefolge des Kardinals Pierre Bertrandi, des Bischofs von Ostia, Karl IV. nach Rom begleiten und bei der Krönung, die der Kardinal in Vertretung des Papstes vornehmen wird, ein Amt bekleiden. Mit welchen Empfindungen Petrarca mit seinem Pferd an vier eisigen, finsteren Nebeltagen den hart gefrorenen Weg nach Mantua zurücklegt, um einem neuen Cäsar vor die Augen zu treten, das versuche man sich vorzustellen (8 ff.). Mag sein, dass die Kälte und Mühe seine Gemütserregungen dämpfte. Ohne Eifersucht befürchten zu müssen, kann er nachher dem Freund von den Gunsterweisen, die er vom Kaiser empfing, scherzhaft sich brüstend erzählen, vor allem von den vertraulichen Gesprächen, die er Abende lang mit ihm allein führen durfte, auch von dem ganz erstaunlichen Interesse, das seiner Person entgegengebracht wurde (12 ff.). Dass sich König Karl, der künftige Kaiser, von ihm das Werk über ruhmreiche Männer erbat (12), war das wenigste; Petrarca durfte sich erkühnen, ihm offen ins Gesicht zu sagen, dass er sich einen Platz in diesem Buch erst noch verdienen müsse. Er durfte mit ihm darüber streiten, ob das Leben in der Einsamkeit, die vita solitaria, dem Leben in der Welt vorzuziehen sei und am Schluss noch behaupten, er, Petrarca, habe über den Kaiser, obwohl dieser glänzend argumentierte, gesiegt (19 f.). Er durfte ihm alte Kaisermünzen schenken und dabei erleben, dass die Kostbarkeiten den Empfänger in helle Freude versetzten; und am Ende konnte er sich die Teilnahme an der Romfahrt ersparen und sich dabei heimlich an der Ehre erlaben, dass der Kaiser ihn geradezu umworben und bis zum letzt möglichen Augenblick mit allen Mitteln zur Mitreise gedrängt hatte (23). Weshalb er die Romfahrt nicht mitmachen will, hat manche Gründe, so darf man vermuten. Er scheut die neue Strapaze des Weges, den Zeitverlust zum Schaden seiner Studien,
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die aufwendigen Festlichkeiten, die Komplikationen durch politische Machenschaften, den Neid und hundertfältigen Klatsch. Kurz: Er will sich die vita solitaria wahren. Lelio, der von Auszeichnungen Petrarcas durch Karl gerüchteweise sogar mehr gehört hat, als der Wahrheit entsprach, hatte ihn um einen Empfehlungsbrief gebeten, und wirklich verfasst ihm Petrarca einen sehr kunstvollen und für den König wie für Lelio höchst schmeichelhaften und schickt ihn am 25. Februar 1355 ab. Als Fam. 19,4 liegt er uns vor. Er wird nach Pisa abgeschickt, wo Lelio ihn entgegennehmen und dem hohen Gast übergeben kann. Beste Aussichten auf Erfolg sind ihm zum vornherein sicher. Denn Lelio stammt von hohem römischem Adel ab; er war mit all den früheren kaisertreuen Colonna, die einst den Grossvater Karls, das war Heinrich VII., begünstigt hatten, zu ihrer Lebzeiten eng verbunden gewesen, und er ist auch jetzt mit den französischen Verwandten Karls liiert. Wirklich wird Lelio vom Kaiser begünstigt und mit ehrenvollen Ämtern betraut werden (vgl. Anm. zu Fam. 19,4). Was der Dichter in Rom nicht miterlebt, schildert er nicht. Er hat indessen Zeit, seine persönlichen Studien weiterzuführen und sich um andere politische Angelegenheiten zu kümmern. Fam. 19,5 vom 1. Mai (1355) hat zum Empfänger einen Grammatiker namens Moggio, den er als seinen Freund bezeichnet und dem er vor Jahren seinen Sohn anvertraut hatte. Man würde meinen, Giovanni müsse sich als Kanoniker von Verona in dieser Stadt befinden (Fam. 13,2 und 17,2), doch er weilt eben in Mailand, hat von da aus seinem früheren Lehrer eine Einladung ins väterliche Haus geschrieben, und Petrarca Vater beeilt sich, diese Einladung in einem besonderen Schreiben zu bestätigen. Der Grammatiker wird sehr freundschaftlich darauf hingewiesen, welche Vorteile er geniessen und welchen Nutzen er dem Hause und insbesondere Giovanni verschaffen würde. „Entweder er lernt von Dir oder von niemand“, heisst es da (5). Nur dieses eine Mal sieht man Vater und Sohn beieinander unter dem selben Dache und gar noch (wenn zwar je für sich, so doch) im selben Sinne handeln. Und veranlasst hat diese Gemeinsamkeit mehr als ein Jahr zuvor ein missglückter Umsturz in Verona. Am 17. Februar 1354 war er in Abwesenheit von Cangrande II. della Scala gewagt und am 25. Februar mit dessen Rückkunft zum Scheitern gebracht worden. Wer damals einer Mitschuld verdächtigt wurde, tat gut daran, möglichst rasch zu fliehen, und zu diesen gehörten vor allem Azzo da Correggio und mit manchen anderen der genannte Grammatiklehrer, der Kinder Azzos unterrichtete, auch Giovanni, der bei Moggio ein- und ausging. Wie erinnerlich, ist Petrarca mit Azzo seit langem befreundet. Mit ihm ist er einst von Avignon zu König Roberto nach Neapel gereist, dank seiner Gastfreundschaft hat er 1341 monatelang in Parma geweilt, sich auch zwischen 1343 und 1345 eben dort aufgehalten, nämlich bis zum Zeitpunkt, als Parma der Familia Correggio im Streit mit den Visconti verloren ging. Azzo, seit Jahren in Verona
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gleichsam exiliert, hat möglicherweise zu den Umtrieben ebenda seinen Teil beigetragen; doch von Moggio und Giovanni ist das kaum anzunehmen; ihnen aber schadete ihre Beziehung zu Azzo (vgl. Vatasso, 1,74 f.). Das Kanonikat hat der junge Besitzer verloren, doch während er beim Vater Zuflucht gefunden hat, gestalteten sich die Verhältnisse für Moggio schwierig. Aus einer Nachschrift zu Fam. 19,5 ergibt sich, dass er sich mit Azzo getroffen hat. An diesen bleibt er nun wenigstens eine Zeit lang gebunden, und aus dem schönen Plan der beiden Petrarca, ihn bei sich zu beherbergen, wird nichts. Das entscheidet sich, wie angegeben, im Frühling 1355. Bei einer Lektüre der nächsten Familiares könnte man nun meinen, Petrarca habe den Italienzug Karls IV. kaum oder mit geringem Interesse verfolgt; er schweigt von ihm, da ohnehin wenig Rühmliches zu vermelden wäre. Im Brief 19, 6 wohl vom Dezember (1355) bittet er seinen Freund Nelli in Florenz, einem Rompilger Hilfe zu leisten und in Brief 19,7 dankt er dem selben Nelli einige Monate später für Nachrichten über jenen Pilger. Beide Schreiben, besonders das sechste sind wahrhaft „vertraulicher“ Art, sehr herzlich, mitfühlend, auch fromm im schönen und nüchternen Sinn der Bibel. Klagen über ein Zuviel an Pflichten und ein Zuwenig an Ruhe fehlen nicht (2 f.). Aber vielleicht gehört schon der frühere der beiden Briefe dem Jahr 1356 an; ihre Datierungen bleiben unsicher. Nach Nelli wird Guido Sette mit einem Brief bedacht, der ebenso schlecht zu datieren ist, nämlich mit 19,8. Da antwortet Petrarca auf eine Bitte, die ihm nur allzu oft, zwar nicht immer so offenherzig, nahegelegt wird: Einen Platz möchte man in seinen Schriften erhalten, womöglich einen recht ehrenvollen. Wahrscheinlich spricht sich herum, dass der Dichter soeben eine Auswahl seiner Briefe zu einer Sammlung verbinde. Nun erwidert Petrarca dem Freund mit einer Richtigstellung, und dies weniger zurechtweisend als gewandt und überlegen, ja mit einem Anflug von Humor. Einen guten Platz möchte man haben? Was das denn heissen könne! Keinen besseren Platz gibt es als den „unter guten Menschen“. Und er, Petrarca, kann nichts anderes geben, als was er hat. „Wäre ich Cicero, würde ich Euch in Cicerobriefe setzen, nun aber setze ich Euch in meine“ (6). Dass er geliebt und verehrt wird, bedeutet ihm allerdings einen schmeichelhaften Trost. Das kann gar nicht anders sein! Und er benötigt ihn zum Leben (1 f.). Das nächste Schreiben 19,9 lässt sicht wieder einmal – was selten genug vorkommt – auf Jahr und Tag datieren. „Mailand, am 24. April“ setzt Petrarca an dessen Ende, und vom Ereignis, das er mitteilt, erklärt er mit ungewöhnlicher Feierlichkeit: „Es geschah im Jahr 1355 nach Christi Geburt, und als Tag nennt man den achtzehnten April“ (26 f.). Er meint nämlich, in Italien werde es nicht bald einen ebenso gewaltigen und weittragenden Umsturz mit so unheilvollen Folgen geben, wie er soeben in Venedig stattgefunden habe (22 ff. bis 27), wozu er noch anmerkt, dass er über die Verhältnisse sehr vieler Städte und Gebiete des Landes zu
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gut Bescheid wisse, um sich leichtfertig täuschen zu können. Überall von Sizilien über Neapel und Rom bis Bologna und zu den Orten Oberitaliens gibt es Umwälzungen, Aufruhr, Bürgerkrieg, und mitten unter gehässigen Auseinandersetzungen noch als das Schlimmste: die Söldnerheere aus dem Ausland, die eigentliche Räuberbanden sind. Da Petrarca solches am 24. April 1355 niederschreibt, kann man sich wundern, dass er kein Wort für Friedensbemühungen des neuen Kaisers und für politische Erfolge seiner Italienfahrt übrig hat. Am 5. April ist der Fürst in Rom gekrönt worden und in den seither vergangenen Wochen hätte ein Mann wie Petrarca dank besten Beziehungen rasch von irgendeiner aufsehenerregenden, aufrüttelnden Verfügung, von Kundgebungen, von einem ermutigenden politischen Plan zur Förderung des Friedens oder von etwas Ähnlichem vernehmen wollen. Doch eben: Da ist nicht viel anderes zu vernehmen, als der Kaiser habe Rom wieder verlassen und ziehe nordwärts. In seiner Umgebung befindet sich der venezianische Amtsträger Neri Morando, der seinem Freund Petrarca Nachrichten zu übermitteln sehr gerne bereit ist (Fam. 20,1; 20,2; 21,10; Sen. 3,7 und Var. 32). Doch weitgehend ungestört durch die kaiserliche Reise nehmen in manchen Städten die besonderen Entwicklungen auf ihren längst festgelegten Bahnen ihren Verlauf. So auch in Venedig (vgl. Fam. 18,16). Auf diese Stadt also hält Petrarca sein Auge gerichtet, ihr Schicksal ist es, das ihn jetzt vor allem beschäftigt, da er lange genug bemüht gewesen war, sie von ihrer verhängnisvollen Kriegslust abzuziehen (Fam. 18,16). Somit teilt er im genannten Brief Fam. 19,9 dem Genuesen Guido Sette nach Avignon mit, was er davon weiss, und schaut zuerst ins Vorjahr zurück, um der katastrophalen Niederlage zu gedenken, die den Venezianern zu ihrer grössten Überraschung im September 1354 von den Genuesen beigebracht wurde (18 ff.). Dann erwähnt er die Verhandlungen der Stadt mit dem Papst in Avignon, die Wahl des Diplomaten Marino Falier(o) für das Dogenamt und sein nach kürzester Amtsdauer grauenhaftes Ende, das eine verzweifelte Volksmenge auf Grund von Gerüchten ihm bereitet hat. Was er nun sagen solle, fragt er sich und den Freund (28) und urteilt vorsichtig, weil er manche Einzelheit nicht kennt. Fern liegt ihm, daran zu erinnern, mit wie viel Recht er Vernunft gepredigt hatte. Und eine ähnliche Zurückhaltung legt er auch dem Freund aus Genua nahe. Gewiss, auch in Venedig muss man nun einsehen, was vorher die Genuesen haben lernen müssen (Fam. 17,3), dass sie nämlich Menschen sind und nicht Götter. Doch bedenken wollen auch die beiden Freunde, was sie selber zu tun haben: „Bemühen wir uns doch, möglichst bescheiden, modestissime, unsere eigenen Sachen zu ordnen“ (30). Dieser Anstand sei hervorgehoben. Brief 19,10 unterbricht den erwarteten Ablauf der Dinge. Seine Abfassung muss in den Sommer 1358 angesetzt werden. Sich über drei Jahre hinwegzusetzen, nachher ohne weiteres in den Mai 1356 zurückzukehren, erlaubt sich Petrarca, um drei Schreiben, die an den selben Empfänger Guido Sette gerichtet sind, nebeneinander
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aufzuführen. Im genannten Brief 10 ist dieser Freund nicht allein Adressat, sondern auch einziger Gegenstand des Interesses. Sein Wunsch, in Petrarcas Werk erwähnt zu werden (Fam. 19,8), wird erfüllt, wie er hat vernehmen können, und jetzt empfängt er einen Glückwunsch, weil er zum Erzbischof erwählt worden ist, eben im Jahr 1358, und zwar für seinen Geburtsort Genua. Sehr vieles verbindet ihn mit dem Dichter und diesen mit ihm. Von frühester Jugend auf, die sie in der Provence verbrachten, haben sie gegenseitig ihren Werdegang verfolgen und einer an dem des andern Anteil nehmen können. Ihm gegenüber ist Petrarca nicht stets der Lehrer; oft gibt er bereitwillig Antwort auf die Frage, wie es ihm an Leib und Seele ergehe (Fam. 5,16–18 und 17,9; 19,16 und 19,17), wobei er offensichtlich auf gütiges Verständnis baut. Wie schon gesagt (Fam. 17,5,10 ff.), hätte er Sette gerne mit drei anderen Freunden aus der Provence zu Mitbewohnern seiner Einsiedelei gemacht. Nun wird aber der Erzbischof nicht mehr lange zögern dürfen, der von ihm geforderten Residenzpflicht nachzukommen. Er wird 1360/6l in der Nähe von Genua die Benediktiner Abtei Cervera gründen, die rasch den Ruf asketischer Strenge erlangen wird. Und eben da wird er 1367 seine Grabstätte finden. Doch es gilt mit Brief 19,11 ins Jahr 1356 (oder gar 1355) zurückzuschauen. Petrarca schickt ihn am 26. Mai an den venezianischen Kanzler Benintendi dei Ravagnani, dem er sowohl in Venedig wie später auch in Mailand mehrmals begegnet, nämlich als einer Vertrauensperson des verstorbenen Andrea Dandolo. Ihm muss er zuerst freundlich, aber ganz entschieden erklären, dass seine Lobeserhebungen übertrieben und deshalb höchst peinlich, vor allem völlig unnötig seien, wenn es darum gehe, seine Freundschaft zu gewinnen. Diese stehe ihm ohnehin längstens offen. Darauf zeigt er sich gerne für einen Austausch von Büchern bereit und dankt ihm für die Zusendung eines Schreibens aus der Feder des verstorbenen Dogen. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Kopie desjenigen Briefes, den sich der Doge sterbend noch abgerungen hatte, um vor Petrarca den eigenen Standpunkt ein letztes Mal zu verteidigen (Fam. 18,16 und Wilkins, Eight years 96 und 120). Nur weinend kann dieser die Zeilen lesen, weiss er doch, unter welchen quälenden Ahnungen sein geschätzter Freund gestorben ist. Gegen das Ende des Schreibens werden zwei Musiker Vater und Sohn als Boten erwähnt, und von ihnen wird erklärt, dass sie hoffen, in Venedig „die Ruhe zu finden, die sie bisher nirgends entdeckt haben“ (10 mit Anm.). Man hört das und staunt. Doch Petrarca scheint sich selber nicht zu wundern, als stünden da naive Phantasten vor ihm, welche die letzten politischen Wendungen in Venedig gar nicht beachtet hätten. Dabei ist (wenn die Datierungen stimmen) bloss ein Jahr vergangen, seit in Venedig jene entsetzlichen Tumulte stattfanden, die er – äusserst besorgt um Venedigs Zukunft – so genau datiert hat wie nur wenige Ereignisse! Venedig erholt sich rasch und gedeiht. Petrarca selber nimmt es zur Kenntnis, und hat auch in den nächsten Jahren manche Gelegenheit, die Stadt aufzusuchen und sich da von ihrem regen kulturellen
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und angenehmen Leben zu überzeugen. Vorläufig kann er sich zwar von Mailand noch nicht trennen und wünscht es auch nur halbwegs. Aber langsam freundet er sich mit dem Gedanken an, auch selber „die noch nirgends gefundene Ruhe in Venedig zu suchen“. Dann wird er eben bei Benintendi anfragen, ob man ihm eine Wohnstätte anbieten könnte; er selber würde der Stadt seine Bibliothek überlassen. Davon wird man in den Familiares nicht viel vernehmen, sondern das meiste erst in der späteren Briefsammlung der Seniles. Denn es vergehen bis zu dieser Neuorientierung noch etwa acht Jahre. Indessen bleibt Petrarca – um ins Jahr 1355 zurückzukehren – über die Handlungen und Absichten des Kaisers wochenlang im Unklaren. Immerhin scheint er Ende Mai von seiner Rückkehr nach Deutschland sicheren Bescheid erhalten zu haben. Anfangs Juni befindet sich auch der Kardinal Pierre Bertrandi, der die Krönung in Rom vollzogen hat, auf seiner Rückreise. Er macht einen Halt in Mailand und führt dort Gespräche mit Politikern und auch mit dem Dichter. Dies vermeldet der kuriale Sekretär Giovanni Porta (Wilkins, Eight years 97), indem er anfügt, wie „der grösste aller Poeten, die je geboren wurden,“ den Prälaten gründlich über die Rechte des römischen Volkes unterrichtet habe. Zwar kann man sich denken, wie eindringlich der Dichter dem hohen Geistlichen diese Rechte zur Beachtung empfahl, und ebenso, wie wenig der Unterrichtete von einer solchen Lektion erbaut war. Doch was tat’s! Die Kurie hatte ihre Wünsche durchgesetzt. Auch Lelio trifft in Mailand ein; er bringt dem Freund einen Gruss des Kaisers und dazu als dessen Geschenk eine Schaumünze des wahren Caesars mit. Ganz lächerlich nimmt sich diese Gegengabe zu Petrarcas Geschenk aus (Fam. 19,3,14), und wie wenig sie den Dichter erheitern konnte, ist dem Brief 19,12 zu entnehmen, der im Juni 1355 an den Kaiser abgeht. „Alles ist voll Trauer,“ sagt Petrarca. Das Werk, das Heinrich, der Grossvater Karls, bis zu seinem Tod unter gewaltigen Mühen zu retten versucht hat, wird vom Enkel, obwohl es leicht zu vollenden und zu retten war, nachlässig aufgegeben. Vom „Abschiednehmen“ spricht der Dichter, als dächte er nicht daran, sich je wieder an den König zu wenden, weil durch sein Versagen ohnehin alle Aussicht auf eine Wiederherstellung der Kaisergewalt mit ihrem Sitz in Rom geschwunden sei. Trotzdem fügt er die Bitte an, Italien nicht zu vergessen. Dass er weder die politischen Verhältnisse seines Landes noch auch die Möglichkeiten des Kaisers richtig hat beurteilen können, sei hier nur angemerkt. Eine der Bedingungen, unter denen die Kurie die Krönung in Rom erlaubt hat, ist ihm lange unbekannt geblieben, wie aus späteren Briefen hervorgeht. Hingegen erfährt er schon bald vom zweiten Aufenthalt des Kaisers Karl in Pisa und von der Dichterkrönung, deren er Zanobi da Strada würdigt (vgl. Bemerkungen zu Fam. 18,15). Schliesslich hört er noch, was den Kaiser in Pisa zur fluchtartigen Abreise zwingt: Mitten in einem unerwarteten bewaffneten Aufruhr, unter anderem wegen eines Gerüchts, Karl habe Lucca an die Florentiner verkauft, ist im Palast, den der
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Kaiser bewohnte, Feuer ausgebrochen. Wie wenig die kaiserlicher Macht und Würde in Italien vermöge, meint Karl daraufhin begriffen zu haben. An manchen Orten hat er gegen Bezahlung kaiserliche Vikare bestellt, aber im Gegensatz zu Petrarca sieht er ein, dass hiermit unter gegebenen Verhältnissen seine Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Seine Entfernung über die Alpen ist den italienischen Mächten nur recht, auch wenn sie, kaum dass er fort ist, neue Anstrengungen machen, sich seine Unterstützung auch für die Zukunft zu sichern. In der Folge davon wird Petrarca schon 1356 erneut in die Politik der Visconti eingebunden. Sie haben gegen schweres Geld das Reichsvikariat erworben; doch in einem ärgerlichem Mass fühlen sie sich dadurch beengt, dass der Markgraf Giovanni von Monferrat (Paleologo), der sehr bemüht ist, sein Gebiet auszudehnen, das kaiserliche Vikariat ausgerechnet über die Stadt Pavia erlangt hat; denn Pavia beanspruchen sie ganz entschieden für sich selber. Und schon bald wird gerüchteweise bekannt, dass sie vom Dichter fordern könnten, den Kaiser im Norden aufzusuchen. Ein Kardinal namens Jean Camaran verklagt ihn denn auch in Avignon als einen Freund und Gefährten von Tyrannen, was Petrarca sogleich widerlegen muss. Ohne den Übelredner zu benennen, schreibt er noch 1355 eine wütende „Invective“ gegen eine „hochgestellte Person ohne Kenntnis und Verdienst“ (nullius scientie aut virtutis) und verteidigt darin nicht allein sich persönlich sondern auch die drei jungen Regenten (vgl. Wilkins, Eight years 101): Sie sind keine Tyrannen, haben die Herrschaft nicht usurpiert, sie gewähren Freiheit und Sicherheit, und er, Petrarca, geniesst unter ihnen alle Musse, Ruhe und Unabhängigkeit, die er sich nur wünschen kann. Auf seine Ratschläge sind die Visconti nicht angewiesen; in ihren Palast wird er nicht gerufen; vielmehr hat er am Rand ihrer Stadt seine Einsiedelei und seinen Wald, um da unbehelligt seinen Studien zu obliegen. Das also kann man in der Invective schwarz auf weiss lesen. Von der genannten Einsiedelei hat er – wie erinnerlich – schon früher an Barbato da Sulmona in einem metrischen Brief hoch Erfreuliches berichtet, er wohnt da noch immer, aber es beschleichen ihn einige Zweifel, wie lange dieser angenehme Zustand noch anhalten werde. Er schickt also schon im Oktober 1355, während er mit der Rechtfertigung gegen den besagten Kardinal beschäftigt ist, nochmals einen Boten nach Neapel; denn nun möchte er durch den selben Barbato erfahren (Wilkins, Studies 243), ob der GrossSeneschal Acciaciuoli bereit wäre, ihm einen stillen abgelegenen, für Studien geeigneten Ort zuzuweisen, wo er nach seinem stürmischen Leben in einem stillen Hafen sterben könnte (Misc. 11). Er macht sich also trotz anders lautenden Beteuerungen keine Illusionen über die politischen Spannungen, welche ihn in eine sehr peinliche Lage bringen können. Die antimailändische Liga besteht nach wie vor, und unter den drei Visconti übernimmt der kämpferische Bernabò die Führung. Genau diesem ist er besonders verpflichtet. Er wurde schon 1354 gebeten, seinem ersten Sohn Marco Pate zu sein, und hat nicht gezögert, den Wunsch des Vaters zu erfüllen.
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Im April 1356, also ein Jahr nach Karls Kaiserkrönung, ist nun dieser Bernabò zur Eroberung Pavias entschlossen, ohne sich an die Drohgebärden der oberitalienischen Liga und des Markgrafen von Monferrat zu kehren. Eher beunruhigt ihn Marquard von Randeck, den der Kaiser als Stellvertreter in Oberitalien zurückgelassen hatte. Taucht aber die Frage auf, durch wen er den Kaiser am ehesten günstig stimmen könne (und wen er an seinem Hof am wenigsten vermissen werde), ist die Antwort rasch gefunden. Wie Fam. 19,13 angibt, weiss Petrarca im Mai 1356 sehr genau, was ihm bevorsteht: Er hat die Reise zum Kaiser nach Prag anzutreten. Die Visconti wünschen es; er wird aber nicht bloss ihren Auftrag erfüllen, so plant er, vielmehr wird er auch „Legat seiner selbst sein“ (3), das heisst, er wird für Italien eintreten und Karl die kaiserlichen Pflichten mündlich ins Gesicht aufzählen. Dieses Vorhaben schafft ihm eine gewisse Genugtuung. Aber entsetzlich ist ihm diese Reise „bis fast ans Ende der Welt“ trotz allem; sie fordert von ihm einen Aufwand, wie er ihn bisher nie hat erbringen müssen (2). So schreibt er seinem Francesco Nelli am 19. Mai, während schon sein Gepäck verschnürt wird, und bittet ihn um ein Gebet für eine gute Rückkehr. Dank einem späteren Schreiben wissen wir, dass er in allen Schwierigkeiten durch unwirtliche, von Kriegsvolk und Räuberhorden bedrohte Gegenden eine grosse Hilfe an seinem Gefährten Sagremor, dem französischen Ritter und Dienstmann der Visconti, empfing. Etwa drei Monate beansprucht die Mission insgesamt; einen Monat lang hält er sich in Prag auf. Und was er dort erreicht, bleibt ein Geheimnis. Inzwischen belästigt jedoch der genannte Vertreter der kaiserlichen Rechte mit Namen Marquart von Randeck die Visconti mit Truppen der antimailändischen Liga, freilich ohne den erwünschten Erfolg. Kaum ist Petrarca im September 1356 in Mailand zurück, meldet er seine Ankunft mit bloss knappen Worten wiederum seinem Freund Nelli und versichert ihn im Brief Fam. 19,14 vom 20. des Monats, er werde über alles Erlebte berichten. Das ist ein Vorsatz, wie man ihn oft von ihm hört: Ausführen wird er ihn nie. Er findet nur just soviel Zeit, um auf Italien ein Loblied anzustimmen, denn nun gerät selbst seine Einsiedelei am Rand Mailands in den Strudel der politischen Ereignisse. Nach einem Sieg über den genannten Marquart und nach seiner Gefangennahme im November 1356 findet die Stadt noch keine Ruhe, und erst vom 30. Mai des Jahres 1357 datiert der nächste Brief in der Sammlung der Familiares. Auch dieses Schreiben lässt nichts von Erlebnissen in Deutschland verlauten, nichts von Prag mit seinen eben errichteten grossartigen Bauten und aufgehäuften Kunstschätzen. Was hat Petrarca also gesehen? „Wie schön Italien ist, das habe ich in Germanien erfahren“ betont Fam. 19,15, und nicht viel mehr hat er früher auf seinen Jugendreisen an den Rhein zur Kenntnis genommen (Fam. 1,4 und 1,5). Ein uneingeschränktes Lob auf seine Heimat kann er sich ehrlicherweise freilich nicht erlauben. Mit wahrem Schmerz bricht er (19,14,2) rasch in einen Wehruf
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über die ewigen Gährungen und Intrigen unter ihren Bewohnern aus. Er erlebt sie Tag für Tag, und seit er in Mailand zurück ist, hat er „keinen Augenblick zum freien Atmen“ gefunden (19,15,2). Nicht weniger als zu Zeiten Augustins (19,15,3), so meint er, ist Mailand fortwährend von Kriegswirren erschüttert, und erst seit wenigen Tagen vermag Petrarca zu hoffen, es werde bald ein besserer kommen, wo er nach dem noch anhaltenden Sturm „zum Hafen der ersehnten Ruhe gelangen“ könne (4). Er denkt vielleicht an eine Wendung im Streit Mailands mit der römischen Kirche, weil auf Kardinal Albornoz ein neuer päpstlicher Legat, Abt Androin von Cluny, gefolgt ist, mit dem die Visconti im Frühling 1357 um das Streitobjekt Bologna verhandeln, oder er hofft auf ein Ende des Kampfes um Pavia. Etwas heitere Ruhe verbreitet nun wirklich das spätere Schreiben 19,16 (vom Juni/August 1357). Es richtet sich an Guido Sette und besteht aus zwei Teilen. Der erste ist in Mailand geschrieben worden, der zweite an einem ländlichen Ort Garegnano. Man kann auch eine andere Zweiteilung feststellen; denn zuerst hört man von Petrarca eine jener oft variierten Selbstprüfungen, die zwar nichts Handgreifliches vorbringen, aber eine Vielzahl an Grübeleien wiederholen: ob er seinen Leib bessere zügle als früher, ob er seinen Pflichten genüge, die Zeit richtig nutze, sich auf den Tod vorbereite, um dann auf Gottes Hilfe zu hoffen und sich gleichzeitig stoische Gelassenheit zu predigen, dies vor allem bezüglich der Frage, ob ihm einst Ruhm beschieden sein werde oder nicht (1–12). Wie klug durchdacht und lesenswert das alles ist: Vergnüglicher ist der zweite Teil (13 ff.), wo Petrarca auf Äusserlichkeiten in seinem mailändischen Alltag zu sprechen kommt und damit konkreter wird. Man hört von der Gunst, die er bei Gross und Klein geniesst, und man darf vermuten, er selber lache über sich bei seiner Beschreibung, wie er vornehm grüssend an seinen ehrfürchtigen Mitbürgern vorbeizieht. Gerne hört man, wie er’s mit dem Essen und Schlafen hält, wie lebhaft er im Kreise seiner Freunde schwatzt, während er sonst in Stummheit versinkt. Schliesslich lässt man sich besonders leicht zur Mitfreude an seinem Ferienaufenthalt in Garegnano verlocken (23 ff.). Eine ländliche Idylle stellt er vor, wo sich Bächlein in spielende Nymphen verwandeln, die Bewohner miteinander wetteifern, ihm Fischlein, Entchen, Böcklein und anderes zu bringen und wo auch die Kartause ihre feierliche Strenge ablegt, da die Ordensmänner freudig die Türe öffnen (26), um den Dichter wie einen Mitbruder an Gottesdiensten, Gesprächen und Mahlzeiten teilnehmen zu lassen. Nur wenig ist es, was Petrarca hier vermisst, denn er kann hier auch in aller Stille seinen Studien nachgehen. Doch zu dem wenigen, das er entbehrt, gehören wieder sein Adressat, eben Guido Sette selber, und Sokrates, die ihm auf der Höhe von San Colombano auch schon gefehlt haben, während er andere, wie er sagt, leichter entbehren kann (27). Es sind – wie schon bemerkt – die beiden, die er zusammen mit den zwei Freunden aus Cavaillon, dem Bischof und dem Vorsteher
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dort, in der Einsiedelei von Vaucluse einst bei sich haben wollte, wenn ihm ein ruhiges Lebensende vergönnt sein sollte (Vita solitaria 2,10). Der Brief 19,17 bildet die Fortsetzung zum vorangehenden. Denn der Freund Sette verlangt von ihm weitere Mitteilungen. Noch immer geht ein Gerücht um, Petrarca sei reich geworden, er, der jedes einträgliche Amt und allen Reichtum stets von sich gewiesen hat. Petrarca gesteht, dass er über mehr Mittel verfügt als früher, beteuert jedoch, er sei trotzdem nicht reicher geworden. Denn er verfügt über seine Habe ungefähr so, wie er es bei den alten Lobrednern des goldenen Mittelmasses, zum Beispiel bei Horaz, gelernt hat. Das entspricht auch biblischen Lehren, wie er weiss, und es ist auch gewissen Grundsätzen moderner Ökonomie vergleichbar: Man lasse das Geld wandern, man häufe es nicht in der Kasse. Viele Arten gibt es, mit ihm umzugehen; Petrarca zählt sie in prägnanter Weise auf (7); aber von sich selber weiss er nur dies (scio), dass sein Geld aus seinem Beutel weitergeht. Hierauf geht er zur zweiten Frage über; er hat Auskunft über seinen Sohn Giovanni anzufügen. Seine Worte sind aufschlussreich; an jedes sollte man sich erinnern, wenn man drei Jahre später jenen ernsten Brief überliest, den er an Giovanni richtet und nochmals später in seine Familiares aufnimmt (Fam. 22,7). Wird 19,17 richtig auf 1357 datiert, was man bezweifeln darf, dann ist der junge Mann jetzt etwa 20 Jahre alt, denn mit etwa 15 Jahren soll er ja im Jahr 1352 Kanoniker in Verona geworden sein (Fam. 13,2). Er habe das Zeug, ein guter Mensch zu werden, meint Petrarca zuversichtlich; über seine Begabung könne er sich freuen. Doch leider sei er auch träge; von Studien wolle er nichts wissen. Wolle er aber ein Bauer oder Fischer oder Hirte werden, sei das auch nicht schlecht, sofern er gute Sitten pflege. Hierauf fällt wieder das Wort Rütlein (ferula); es hat bisher so wenig genützt als Bitten, liebe Worte und freundliche Mienen (nil…valuere). Das allerdings möchte man wahrhaftig nicht annehmen, dass Petrarca gegenüber seinem Sohn von zwanzig Jahren noch an leibliche Züchtigung irgendeiner Art gedacht hat. Es gibt noch verschiedene weitere Familiares, die mit guten Gründen auf 1357 datiert werden und dem Leser andeuten, womit sich Petrarca damals auch sonst noch beschäftigt. Doch er fügt sie nicht hier in Buch 19 ein (s. Fam. 20,3 und 21,1 bis 21,4). Er springt in den Frühling 1359 hinüber und hat dafür seine eigenen Gründe. Schon im Zusammenhang mit seiner Reise nach Prag sind neben anderen Projekten der Visconti jene Eroberungspläne erwähnt worden, die auf Pavia zielten; und jetzt wird Pavia ins Zentrum der Betrachtung gerückt. Nach ersten Angriffen auf die Stadt schon 1356 und nach monatelangen Belagerungen waren die Mailänder zum Abzug gezwungen worden. Fam. 19,18 vom 25. März (1359) verweist auf die Endphase des Krieges, berichtet von den erbitterten Kämpfen und deutet auf den Sieg voraus, den die Visconti erringen werden. Das Schreiben spricht den Anführer der Stadtbevölkerung an, das ist ein Augustinereremit namens Bussolari, selber aus Pavia gebürtig, der sich bei seinen An-
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strengungen um eine religiöse und sittliche Reform in politische Wirren verstrickt hat. Längst muss er die Freiheit Pavias und sein Reformwerk mit eisernem Willen nicht mehr bloss gegen eine einzige Macht sondern gegen verschiedene Herrschaften, jedoch noch immer in erster Linie gegen Mailand zu retten versuchen. Dass Petrarca in seiner Handschrift notiert, er habe seinen Brief an Jacopo Bussolari im Auftrag seines Herrn Bernabò geschrieben – er, der es vorzieht, Aufträge höchstens anzudeuten –, gibt zu denken. Er möchte wohl eine Schuld von sich weisen, aber in der späteren Edition wird der Auftraggeber nicht mehr aufgeführt. Abgeschickt hat er den Brief am 25. März (1359). Er spricht Bussolari als Bruder an, erwähnt Freundesliebe und mahnt ihn, seines Standes und seiner Aufgabe zu gedenken. Dann beweist er ihm schonungslos, in wie entsetzlicher Weise er, der Augustiner, das Gegenteil vollbringe, seinen Stand verleugne, seine Aufgabe verkehre und statt Frieden einen grauenhaften Krieg, furchtbare Zerstörung und ein Verderben ohne Ende schaffe. In seine heftigen Vorwürfe mischt er reichlich Spott und Hohn (35 f. und passim); ja er wirft dem Mönch, um ihn erst recht lächerlich zu machen, offenbar allen Ernstes vor, er wolle nicht allein Feldherr und Stadttyrann sein (16 ff.), sondern vor allem auch als einer der grossen Redner in die Geschichte berühmter Männer eingehen (18 ff.). Mit seinen beissenden Worten muss er Bernabò genügen und wohl auch sein Gewissen beschwichtigen. Niemals früher, so liest man weiter, hat ein Mönchlein, so ein fraterculus (19), sich dreist unter Behelmte und Gewappnete gemischt, doch so gefalle er sich, und so wolle er gesehen werden. Grossartig seien seine Triumphe und gewaltig die Scharen seiner Gefangenen (34 ff.), so ruft er dem Gescholtenen zu, der kaum noch weiss, wie er die Stadt und sich selber vor dem Schlimmsten bewahren kann. Dieser Ton wirkt abstossend und, vergleicht man ihn mit dem in den Mahnschreiben an die Genuesen oder gar an den Dogen von Venedig, kann man einen Unterschied nicht überhören: Dort wurde das Pathos von der ernsten, ja drückenden Angst vor einem gewaltigen Verhängnis getragen, im Fall des Dogen sogar von echter Liebe zum Angesprochenen erwärmt. Hier hingegen fällt die Sachlichkeit stellenweise aus und erstickt der Hohn den Gedanken an mitfühlende Sorge. Noch ein zweites Schreiben schickt Petrarca an Bussolari im Auftrag des Visconti, nämlich im Oktober 1359; es steht jedoch nicht unter den Familiares. Pavia ist bereits weitgehend entvölkert, teils verödet, und die restliche Bevölkerung nah dem Verhungern, weshalb ihr Anführer den Befehl erteilt, die Hunde zu töten. Und eben das bricht dem Hundefreund und Jäger Bernabò nun das Herz. Was bleibt da Petrarca anderes übrig, als den Unmenschen nochmals im Auftrag seiner Herren zu warnen und anzuhalten, diese Hunde eher nach Mailand schaffen zu lassen. Hier meldet die Unterschrift: Francesco Petrarca im Namen des Herrn Bernabò (Misc. 7; Wilkins, Eight years 197 f.). Etwas später, am 13. November 1359, muss sich die Stadt ergeben, und hierauf büsst Bussolari seine Schuld mit vierzehnjähriger Haft im Augustiner Konvent von Vercelli, zwei-
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fellos auf Verlangen eines Visconti (vgl. Anm. zu Fam. 19,18), wohl Galeazzos, des neuen Stadtherrn der eroberten Stadt. Erst spät befreit ihn ein päpstlicher Befehl, der zugleich den bestimmten Visconti exkommuniziert. Friede herrscht nun freilich, doch der des unerwünschten Eroberers.
Das Buch 19 beginnt Petrarca mit einem Brief zum Empfang Karls IV. in Italien. Es folgen Berichte von Begegnungen mit dem König Ende 1354, aber keine von der Italienfahrt, der Krönung oder von Verhandlungen des neuen Kaisers. Erwähnt wird ein Aufstand in Verona. Auch meldet Petrarca dem Genuesen Sette vom Umsturz in Venedig. Er schliesst Freundschaft mit dem Kanzler dieser Stadt. Den Kaiser tadelt er nach seinem Abzug aus Italien, und kurz darauf meldet er seine Abreise an den Kaiserhof zu Prag im Auftrag der Visconti, dann seine Rückkehr 1356. Zu 1357 gibt er Auskunft über seine Lebensführung und rechtfertigt diese mit einem Lob auf das Mittelmass. Mehr und mehr verpflichtet ihn Bernabò Visconti zu politischen Aufgaben, so 1359 im Kampf um Pavia. Manche Ereignisse aus dem Zeitraum von 1354 bis 1357 berücksichtigt der Dichter weder hier noch in späteren Büchern.
Mit Buch 20 wird der Leser erneut an den Anfang der Italienfahrt Karls IV. zurückversetzt. Das Schreiben 1 hat Petrarca nicht datiert, doch setzt man seine Abfassung mit guten Gründen auf den Juni 1355 fest. Sein Adressat Neri Morando aus Forlì, schon oben (S. 67*) kurz erwähnt, gehört zu den Grossen Venedigs und ist beauftragt, mit dem Kanzler Benintendi und anderen Abgeordneten der Hafenstadt den neuen Kaiser durch Italien zu begleiten; er ist mit Petrarca befreundet und hat ihm einige Nachrichten über Begebnisse auf dieser Reise zukommen lassen. Dass er gleich zu Beginn des Buches mit einer Antwort geehrt wird, hebt die Würde seiner Person hervor, doch betont Petrarca gleichzeitig die Wichtigkeit seines eigenen für ihn verfassten Briefes. Über den Verlauf des kaiserlichen Unternehmens ist er schon recht gut unterrichtet; was ihm bekannt geworden ist, treibt ihn zum düsteren Moralisieren. Aber der neue Brief des Freundes rüttelt ihn aus dumpfem Dahinbrüten auf; er kann seinen Jammer nun aussprechen (1 ff.) und hält fest: Die Zeit ist schlecht; doch die kommenden Zeiten werden noch schlechter sein. Zu hoffen gibt es nichts auf dieser Welt. Unter allen gegenwärtigen Übeln ist aber keines so verhängnisvoll wie die sittliche Verkommenheit; sie ist die Wurzel aller übrigen. Von der lasterhaften Menge wird der anständige Mensch erdrückt (11 ff.), und jede Seele gleicht einer belagerten Stadt, ist wie ein Troia, über dessen Mauern die Feinde bereits hereinbrechen (15 und 16). So anschaulich schildert das Petrarca,
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dass er an bildliche Darstellungen einer Psychomachie erinnert. Besonders angewidert zeigt er sich durch die Macht des Goldes; dabei steht er offenbar unter dem Eindruck der Mitteilungen, die ihm Neri Morando gemacht hat. Dieser wusste, was auch zeitgenössische Chronisten festhielten, dass mit dem Kaiser überall um Rechte und Freiheiten gefeilscht worden war, dass zum Beispiel die Visconti für schweres Geld als Reichsvikare anerkannt worden waren und dass die Florentiner für ihre Unabhängigkeit 100`000 Florenen bezahlt hatten. Fast „Allmacht“ wagt Petrarca dem Geld – mit halb unterdrücktem Bedenken – zuzuerkennen: omnipotens pene est aurum (25 ff.). Könige und selbst Päpste unterwerfen sich seiner Gewalt. Eine zornige Anstrengung, das Ärgernis mit literarischen Mitteln plastisch vor sich hinzustellen, als liesse es sich dann packen, dehnt den Brief zu besonderer Länge. Dem Schreiben 20,2, das wiederum einen Brief des Neri Morando beantwortet, kann man entnehmen, dass Petrarca über die Vorgeschichte zur Italienfahrt des Kaisers besser informiert ist als früher. Von Bedingungen, an welche die Päpste ihre Erlaubnis zur Romfahrt geknüpft hatten, ist ihm Wichtiges nicht bekannt gewesen. Um so grösser sind jetzt seine Entrüstung und sein Schmerz. Dass Karl sich so entscheidende Beschränkung hat gefallen lassen, das begreift er nicht; doch er findet dafür einen Grund: Den Nordländern fehlt die feurige Begeisterung, deren ein Kaiser bedarf (3), und das kann sie gewissermassen entschuldigen; doch weit besser wäre es, die höchste Gewalt den Südländern vorzubehalten. Ganz unerträglich und unentschuldbar ist dagegen der Machtanspruch der Kurie, die darauf beharrt, einem Kaiser den ihm angestammten Sitz in Rom zu verwehren (6 f.). Zwei ebenbürtige Mächte vertragen sich nicht nebeneinander (5); das heisst, eine muss sich der andern unterordnen. Was das für Rom bedeuten würde, das führt Petrarca nicht aus. Wahrscheinlich hat er sich darüber vor dem päpstlichen Legaten Bertrandi geäussert, als er ihn bei einer Begegnung in Mailand „über die Rechte des römischen Volkes“ unterrichtete (vgl. oben Anm. zu Fam. 19,11 und 19,12). Doch seine Überzeugung ganz rückhaltlos darzulegen, hat er sich kaum erlaubt. Wäre er über die reiche einschlägige Literatur zum selben Thema nicht gründlich orientiert gewesen, hätte ihn allein schon der Gedanke an das Geschick von Dantes Buch „Über die Monarchie“ zu grosser Vorsicht anhalten können. Von seinem Abschiedsbrief an den Kaiser Fam. 19,12, der in die selbe Zeit fällt, also in den Sommer 1355, ist oben gesprochen worden. Viel heftiger hat sich Petrarca über den fluchtartigen Abzug Karls in anderen Werken, so im Buch de vita solitaria ereifert (2,4 c. 3). Er kann sich mit der Enttäuschung, die Karl IV. ihm bereitet hat, nicht abfinden, und wie ihn die Visconti 1356 an den Hof in Prag senden, damit er dort ihren politischen Standpunkt vertrete, denkt er vor allem daran, wie in Fam 19,14 und 19,15 schon berichtet, dem Kaiser nochmals tüchtig ins Gewissen zu reden, dass er sich seinen Pflichten nicht entziehe. Seit der selben Zeit
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haben sich die politischen Konstellationen Oberitaliens weiter gewandelt, und jener ehrgeizige Graf von Monferrat, den die Visconti zu ihren unangenehmsten Feinden rechnen, hat sich erfolgreich der Stadt Genua genähert, um diese eben den Visconti, ihren Schirmherren, abspenstig zu machen. Wirklich fällt die Stadt von ihnen ab. Petrarca kann das nicht erstaunen. Er hatte schon bei der Übergabe Genuas an Mailand 1354 geahnt und es auch ausgedrückt, dass eine günstige Entwicklung dieses schwer geschädigten Gemeinwesens ganz und gar davon abhange, ob „der Erzbischof am Leben bleibe“ (Fam. 17,4,9). Der Erzbischof ist bald nachher, Anfangs Oktober, gestorben, darauf hat unter der Bevölkerung der Hafenstadt der Parteienkampf wieder grösste Ausmasse angenommen; der vom Erzbischof eingesetzte Vikar hat dort weichen müssen, und mancher Parteigänger der Visconti ist in die Verbannung gezogen. An diese Ereignisse erinnert das Schreiben 20,3 mit dem Datum Mailand, 18. Dezember (1357). Petrarca richtet es an einen Genuesen mit Namen Galeotto Spinola, der in Mailand in der Verbannung lebt, und ermahnt ihn mit erstaunlicher Bestimmtheit, die Leitung seiner zerrütteten Vaterstadt zu übernehmen. Er sei der richtige Mann dafür, „Gott und die Tugend und das adelige Blut haben Dich zum Princeps gemacht“ (2). „Jung“ ist Spinola nicht mehr; doch „die Tugend kennt kein Alter“, richtiger: Sie hat ein Alter, „das Früchte trägt“ (3). Mit Namen vornehmlich aus der Antike kann Petrarca belegen, wie oft gerade betagte Männer ein Heer oder Volk aus grosser Not hinausgeführt haben. In Genua also soll der verehrte Freund „die Glieder des Gemeinwesens so ordnen, dass die Besseren die weniger guten lenken“ (4). Diese Aufforderung zu einem ungemein kühnen Unternehmen lässt sich einigermassen begreifen, wenn man annimmt, dass Spinola und Petrarca in Mailand seit längerer Zeit miteinander Gespräche über die Zustände in Genua geführt und sich dabei recht gut kennen gelernt haben, dabei das Intrigenund Interessenspiel der um Genua bemühten Parteien einigermassen überschauen. Spinola kann von sich aus zur Überzeugung gelangt sein, er sei der richtige Mann, eine Neuordnung herbeizuführen, oder jemand kann ihm das eingeredet haben, lange bevor Petrarca es zu tun unternahm: jedenfalls benötigt er Helfer, und sicher hat er einigen Grund für die Hoffnung, diese in Mailand zu finden. Denn die Visconti hegen den Wunsch, den verlorenen Einfluss auf die Hafenstadt zurückzugewinnen, und um das zu erreichen, sind sie zweifellos bereit, jedes günstige Mittel zu ergreifen. Den Edelmann Spinola bei seinen Versuchen zur Machtergreifung zu unterstützen, ist wohl nicht das schlechteste. Gemeinsam mit ihm würde man die Pläne des verhassten Grafen von Monferrat durchkreuzen können. Eben dieser hat kurz zuvor dem früheren Dogen Boccanegra (dem aus Genua verbannten) zur Rückkehr in die Stadt und zum Rückgewinn des Dogats verholfen. Dass er sich an der Macht halten könne, ist jedoch höchst unsicher. An Gegnern, die ihn stürzen wollen, fehlt es nicht. Es fragt sich nur, wer von diesen Gegnern seinen Platz ein-
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zunehmen vermöchte. Spinola, der Freund Mailands und der Visconti, hätte gewiss nicht schlechtere Aussichten als ein anderer, wenn er mit kluger Diplomatie vorzugehen verstünde. Solche Überlegungen sind Petrarca durch den Kopf gegangen; einige davon könnte ihm sein genuesischer Freund Guido Sette eingeflüstert haben. Deshalb kann er Spinola zurufen: „Handle“, und ihn als vir ingens, als „gewaltigen Helden“, preisen (5), ja er kann sich auch bereit erklären, ihm „jeden erwünschten Dienst zu leisten“. Damit beendet er seinen Brief. Von einem weiteren Kontakt mit Spinola hört man nichts mehr. Boccanegra kann dank Eroberungsversuchen auf Korsika einen Erfolg verzeichnen, der ihm aber wenig hilft. Die Parteikämpfe in der Hafenstadt halten an; sie sind mit daran schuld, dass die Stadt ihren erstaunlichen Sieg über Venedig von 1354 nicht nützen kann. Denn sie hat ihn dank der Schutzmacht Mailand errungen und darauf die ihr nützliche Schutzmacht viel zu rasch wieder abgeschüttelt. Boccanegra hält sich in seinem Amt noch einige Jahre, bis er 1363 vergiftet wird. Nochmals an einen Genuesen richtet sich das nächste Schreiben 20,4, doch ist die Herkunft des Adressaten kaum von Bedeutung. Petrarca antwortet dem selben Marco, der schon Adressat von Fam. 3,12 und 17,9 war, dabei erfährt man jetzt dank verschiedenen Handschriften seinen Familiennamen, er heisst Portunarius. Einst hatte er dem Dichter von seinen Skrupeln gesprochen, wie man mit öffentlichen Ämtern ein Leben der Frömmigkeit und Eingezogenheit vereinen könne (Fam. 3,2), und jetzt bittet er um eine Ermunterung zum Ausharren im Rechtsstudium. Ganz jung kann er nicht mehr sein; er hat den bestimmten Pfad „spät betreten“ (27); um so entschlossener soll er – wie Petrarca ihn ernstlich ermahnt – vorangehen und sich nicht immer neue Fragen über seinen Werdegang vorlegen (36; 38). So lautet das Fazit der Ermahnung. Doch der Dichter bietet weit mehr, nämlich eine höchst lesenswerte, weil geistreiche (den lateinischen Text sollte man vornehmen), ausgezeichnet formulierte Geschichte der Jurisprudenz, freilich eine aus dem subjektiven und für Petrarca bezeichnenden Gesichtswinkel skizzierte. Sie beginnt mit der Nennung berühmtester Namen bei der frühesten Antike in Griechenland und Rom (8 ff.), als die Rechtswissenschaft noch mit der edelsten Redekunst eine wunderbare Einheit bildete, führt zu einer weniger anspruchsvollen, die sich von der genannten Einheit allmählich löst und die Redekunst zurückstellt. Sie ist noch immer grossartig und vollbringt erstaunliche Leistungen, dies vor allem bei den Römern, welche über die Griechen hinaus wachsen (17 ff.). Später beginnt ein allmählicher Niedergang, der bis in die Gegenwart anhält (22 ff.). Der frühere Ernst und die hohe Auffassung von Gerechtigkeit und Recht sind geschwunden, die Lust am Forschen ist verkümmert und die gründliche Kenntnis einer schwatzhaften Ignoranz gewichen. Die moderne Handhabung von Paragraphen dient nun dem Gelderwerb, und damit hört die Rechtswissenschaft auf, eine „freie“ zu sein; sie ist nicht mehr eine der artes liberales, und nur noch als ars mechanica kann man sie gel-
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ten lassen (21 ff.). Will man Petrarca glauben, so hatte er selber nicht etwa das Rechtsstudium geflohen, sondern die Notwendigkeit, sich damit den Lebensunterhalt zu verdienen (Fam. 24,1,20). Einige Gedanken in dieser historischen Entwicklung erinnern an Petrarcas Ausführungen zur Medizin: Der Wandel und Abstieg endet für die beiden Wissenschaften gleicherweise in Unkenntnis, im Gelderwerb, im Schwatzen, im Verlust jenes freien Geistes, der eine ars liberalis beseelen muss. Man könnte erklären, ein so weites Ausgreifen sei in einer einfachen Ermahnung zum Ausharren im Studium recht überflüssig; aber Petrarca denkt hierüber anders. Die grossen Vorbilder der alten Zeit muss man kennen, an ihnen muss man sich messen und sich von ihnen begeistern lassen, damit das eigene Streben die richtige Spannkraft besitze. Marco wird angehalten, in der modernen und schlechten Zeit unter Fachgenossen einer der besten zu sein, indem er sich eben an den grossartigen Rechtsgelehrten der Vorzeit orientiere. Bezeichnend ist übrigens, dass in diesem historischen Abriss eine Bemerkung über die Dichtkunst nicht fehlt. Petrarca hat seine ganz persönlichen Gründe darauf hinzuweisen, dass nicht jeder bedeutende Rechtsgelehrte sie verächtlich behandelt habe. Gerade der weiseste von allen, Solon, hatte im hohen Alter sich von der Rechtskunde abgekehrt und der Dichtkunst zugewandt (8). Das unterstreicht der Dichter, denn in Bologna sollte man beachten, was das für alle Zeit zu bedeuten habe. Die Dichtkunst ist von höchstem Wert; ja sie ist – für Petrarca – bereits die freie Kunst par excellence Auf dieses Schreiben 20,4, für das man kein bestimmtes Jahr vorschlagen kann, folgt ein Brief an den Freund Barbato von Sulmona, doch bleibt unsicher, ob man ihn eher auf 1357 oder auf 1358 datieren soll (vgl. Wilkins, Studies, cap. 9). Hierauf gleitet Petrarca, sofern kein Irrtum vorliegt, ins Jahr 1359 weiter, nachher wieder zurück, um erneut aus dem Jahr 1358 zu berichten. Eine Korrespondenz mit dem Hof von Prag, die im Jahr 1357 stattfindet, hat er hingegen erst ins Buch 21 eingefügt, ohne dass ein triftiger Grund dafür sichtbar wäre. An diesen Briefen ist für die Leser einer späten Generation nicht allein das Datum ziemlich gleichgültig, sondern auch ihr Inhalt von bloss beschränktem Interesse. Es sieht so aus, als habe Petrarca das Briefeschreiben damals gewissermassen vernachlässigt, wie man das auch einer Klage Nellis entnehmen könnte, der bei Petrarca nachfragt, weshalb er keine Nachrichten empfange (Fam. 20,6 und 20,7). Der Dichter ist in Studien vertieft, über die er in den Familiares keine Auskunft gibt. Dieser Mangel über eine längere Zeitspanne hinweg gibt Gelegenheit für einen Einschub, nämlich über zwei Persönlichkeiten aus Petrarcas Freundeskreis ein Wort zu sagen, die ihn zwischen 1355 und 1359 in Mailand mehr als sonst beschäftigen und die er trotzdem in den Briefen dieser Zeitspanne nicht erwähnt, so dass man erst später mit einiger Überraschung erfährt, dass der eine schon lange Zeit mit dem Dichter Kontakt gepflegt und der andere seinen Kontakt mit dem Dichter nie auf längere Zeit abgebrochen hatte.
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Pandolfo Malatesta von Rimini ist die eine der beiden Persönlichkeiten (vgl. Wilkins, Eight years, 126 f.; 135 ff.; 148 f.). Er tritt 1356 als Heerführer in den Dienst der Visconti und lässt sich in Mailand nieder. Hier findet er den persönlichen Zugang zum Dichter, den er aber schon lange verehrt. Unmittelbar vorher sind seine Familie, sein Vater, seine Brüder und er selber in Kämpfen um die von ihnen beanspruchten Städte in der Romagna vom päpstlichen Feldherrn Albornoz schwer bedrängt worden, sie haben die Exkommunikation auf sich gezogen und erst am 2. Juni 1355 einen Waffenstillstand mit der römischen Kirche abgeschlossen, wonach sie von der kirchlichen Strafe befreit wurden. Von diesem Pandolfo, der an Gedichten, vor allem an volkssprachlichen, Gefallen findet, empfängt Petrarca seit Jahren manche Aufmerksamkeiten, ja auf seine Anweisung hin ist schon früher ein Maler bei ihm eingetroffen, der ihn porträtieren sollte, und später spricht ein anderer Maler auf Verlangen des selben Mannes mit dem selben Auftrag bei Petrarca vor. Da der Condottiere als tüchtig gilt, dabei Sonette zu dichten weiss, im Rufe steht, gebildet zu sein und einen soliden Charakter zu besitzen (vgl. R. Weiss), erstaunt es nicht, dass Petrarca ihn rasch zu seinen Freunden rechnet, ihn, wenn er krank wird, häufig besucht und auch sonst seine Höflichkeiten gerne erwidert. Die Beziehungen mit ihm nehmen jedoch bald ein vorläufiges Ende, weil Bernabò Visconti wegen einer Liebesaffäre 1357 gegen ihn einen wohl unberechtigten Verdacht schöpft, in Wut gerät und ihn einkerkert. Der Condottiere kann entkommen, sucht Schutz beim Kaiser in Prag, hetzt da tüchtig gegen die Visconti, setzt sich dann nach London ab, wo ihn Sagremor als Dienstmann der Visconti einholt und vergebens zum Zweikampf fordert, kehrt darauf nach Italien zurück, um sich in Venedig niederzulassen, und kann sich da unter den Feinden der Visconti geehrt und sicher fühlen. Petrarca, der das alles genau erfährt und doch nichts darüber schreibt, ist nicht der Mann, eine geschlossene Freundschaft aufzulösen (Fam. 19,11,6; 20,13,15; Sen. 3,3 und oft). Dank späteren Briefen, die Pandolfo erwähnen, weiss man denn auch, dass er den Malatesta in Venedig trifft, ja nochmals später sogar von seiner Rückkehr nach Mailand vernimmt und mit ihm überhaupt dauernd verbunden bleibt. Daher wird von diesem Condottiere noch später die Rede sein. Neben Pandolfo darf auch Azzo da Correggio nicht so lange beschwiegen werden, bis man kaum noch weiss, was Petrarca ihm verdankt. Als Herr von Parma war er einst sein Gönner gewesen, und daran ist in einer Notiz zu Fam. 19,5 an Moggio von Parma erinnert worden. Dass er sich 1354 (ein halbes Jahr bevor Karl IV. seine Italienfahrt antritt) infolge eines Aufruhrs gegen Cangrande II. aus Verona entfernen und darauf dessen feindselige Verfolgung fürchten muss, ist für ihn doppelt schlimm; denn die Visconti, die ihm Parma entrissen haben, bleiben seine machtvollen Feinde und sind mit der Familie della Scala von Verona liiert. Bedrängt von beiden Seiten, wie er ist, weckt er bei Petrarca grosses Mitgefühl. Sogleich ist dieser gewillt, ihm nach Möglichkeit zu helfen (Wilkins, ebenda
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165 f.). Immer wieder wendet er sich an Bernabò Visconti und an Cangrande della Scala mit der Bitte um Nachsicht, Versöhnung und Entgegenkommen; mehrmals drängt er auch Azzo, auf Angebote einzugehen, wenn dieser sich mit einer Entschädigung nicht abfinden will. Inzwischen hält sich der Vertriebene in Ferrara, dann in Venedig auf. Doch verhältnismässig rasch kommt der Dichter seinem Ziel näher. Im Herbst 1358 darf er vernehmen, dass Azzo gewisse Güter im Gebiet von Parma zurückerhält und sich damit zufriedengibt, und 1359 hört er, dass Azzo, auch er, sich in Mailand zeigen darf und auf ein gutes Einvernehmen mit Bernabò hoffen kann. Dort stirbt er nur wenig später im Sommer 1362 (Var. 19 und 28), vom Dichter heftig betrauert und hoch gefeiert. Ohne die Bemühungen Petrarcas wäre aber eine Versöhnung kaum zustande gekommen. Für persönliche Freunde notfalls einen bedeutenden Einsatz an Zeit, auch Mut und Unbeirrbarkeit aufzubringen, hat er nie gescheut. Denn er darf sich immer wieder davon überzeugen, dass die Herren ihm gegenüber einige Gründe haben, diesem und jenem Bittgesuch gewissermassen zu entsprechen. Dabei greifen seine persönlichen Beziehungen oft gefährlich in politische Spannungen hinein, und nur weil er sie sozusagen entladen und neutralisieren kann, gelingt es ihm, Freunden in diesem Kräftefeld einen Weg zu bahnen. Sie haben davon einen wahren Nutzen, während er selber schadlos davonkommt. Nach diesem Einschub ist nun ein Wort zum erwähnten Brief 20,5 vom 27. August (1358) an Barbato da Sulmona nachzuholen. Dankbar spricht Petrarca von der Freude, die er regelmässig beim Empfang seiner Nachrichten verspürt. Die Korrespondenz zwischen den beiden ist recht rege, doch ist davon verhältnismässig wenig in die Familiares, einiges dagegen in die Sammlung metrischer Briefe eingegangen oder sonstwie erhalten geblieben. Petrarca hat dem neapolitanischen Hofmann schon vor Jahren eben diese Briefe gewidmet; er hat ihm später den Widmungsbrief zugeschickt, ihn über seine Lebensweise in Mailand orientiert, ihm dann (vgl. oben S. 70*) die Frage vorgelegt (Misc. 11), ob in Neapel ein abgelegener, ruhiger Wohnsitz zu haben wäre. Seither hat Barbato dem Dichter vom Tod des gemeinsamen Freundes Barrili berichtet (vgl. Fam. 12,14), ihm einige Briefe geschickt, die verlorengingen, auch ein Paket mit Scheren zugestellt, das jedoch nicht ankam (Wilkins, Studies 240 f.). Nun muss, nachdem sich irgendwelche Personen bei Barbato als Freunde Petrarcas vorgestellt und als solche Geschenke in Geld empfangen haben, dieser entschieden Vorsicht predigen (2 f.). Er betont, ihre Freundschaft und ihre Korrespondenz seien im weiten Umkreis so gut bekannt, dass gegenüber solchen Geld heischenden Freunden Zurückhaltung am Platz sei. Wieder vernimmt man, wie leicht Aussenstehende nach ganz persönlichen Postsachen greifen und in eine Privatsphäre eindringen können. Allerdings hat der Hofmann selber manches zu diesem Übel beigetragen. Denn er gehört nicht nur zu den grössten Lobrednern Petrarcas, sondern versteht es auch besonders gut, sich in
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dessen Ruhm zu sonnen, indem er ziemlich sorglos seine Briefe (auch solche an irgendwelche Adressaten) zirkulieren lässt und sich damit Freunde verschafft. Auf freundliche Worte dieses sympathischen Neapolitaners fällt Petrarca stets von neuem herein. Jetzt ist in seinem Brief 20,5 noch vom Verlangen nach einem Wiedersehen die Rede. Petrarca denkt an eine Romreise – im Jubeljahr 1350 haben sich die beiden in Rom ja verpasst – (Fam. 12,7,4), fügt aber gleich darauf einen Verhinderungsgrund an, wie man das von ihm gewohnt ist. Einmal erdrücken ihn seine Pflichten, einmal herrschen ganz ungewöhnliche Kriegswirren; diesmal gilt beides. Eingefügt wird in den Brief ein Wort über den „vortrefflichen Mann“, an dem sich Petrarca „in einzigartiger Weise freut“ und den er mit Barbato vereint zu sehen glaubt, als gehörten sie zusammen (1; vgl. die Formulierung in Fam. 15,3,15 an Zanobi). Gemeint ist Niccolò Acciaiuoli. Denn auch davon hat Barbato seinen Nutzen, dass Petrarca unverdrossen an einer schwärmerischen Heldenverehrung für den Gross-Seneschall festhält, ohne sich um bissige Bemerkungen zu kümmern, die Boccaccio über diesen Mann gelegentlich fallen lässt (z. B. in Epist. 10). Mit keinem Wort wird Zanobi erwähnt. Dabei befindet er sich noch immer in Neapel. Denn erst 1359 nimmt er in Avignon das einträgliche Amt eines päpstlichen Sekretärs an, obwohl sich das für einen Lorbeergekrönten, wie Petrarca meint, sehr wenig ziemt (Sen. 6,6). Hierauf gelangt man dank dem Brief 20,6 ziemlich genau zu jenem Monat zurück, in welchem Petrarca – wie aus Fam. 19,18 bekannt – seinen scharfen Tadelbrief an Bussolari, den mönchischen Verteidiger Pavias abgesandt hat, nämlich zum März 1359. Nach einem Blick in verschiedene Schreiben, einer sorgfältigen Deutung ihrer Inhalte und einem Vergleich zwischen ihnen, erklären gründliche Forscher wie Wilkins (Eight years, 177. 184), der Dichter habe sich in den vergangenen Wintermonaten vorübergehend in Venedig und Padua aufgehalten (das machen ihm seine vielfältigen persönlichen Beziehungen ja leicht), er sei vor kurzem nach Mailand zurückgekehrt, habe da eine Reihe von Freundesbriefen, vor allem solche aus der Feder Nellis vorgefunden und sich sogleich daran gemacht, sie zu beantworten. Über Nelli ist aus anderen Schriften zu erfahren, dass er im Frühling 1357 in einer Angelegenheit der Kirche von Florenz nach Avignon habe reisen müssen. Auch ihm bleibt also eine solche Wallfahrt ad limina apostolorum nicht länger erspart, und er, der im Rufe stand, immer daheim zu sitzen, lernt jetzt wie die andern, einmal diesem, einmal jenem Ruf zu folgen. Nun hat er sich bei Petrarca beklagt, er habe schon lange nichts mehr von ihm gehört, und nimmt dann zur Kenntnis, das lange Schweigen habe seinen Grund im Studieneifer des Meisters (1). Zudem wird er daran erinnert, dass viele Briefe abgefangen würden, und wirklich kann ihm das mit einem erstaunlichen Beispiel aus jüngst vergangenen Tagen belegt werden; denn Petrarca hat etwas Abgefangenes zurückgefangen (6). Ein weiterer Grund für das Stocken des Briefverkehrs liegt aber darin, dass
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Petrarca einige Briefe an Nelli, weil sie voller allgemein verhasster Wahrheiten seien, klugerweise gar nicht abgeschickt hat (2). Heute findet man diese längst in der Sammlung Sine nomine, dort selbstverständlich ohne irgendeine Namennennung. Sich entschuldigt zu haben, genügt dem Dichter. Auf einige Mitteilungen, die Nelli aus Avignon geschrieben hat (darunter Epist. 18 und 19), geht er nicht im mindesten ein. Dabei hat er aus solchen erfahren können, dass der Freund sich in Avignon mit Giovanni Petrarca getroffen hat. Eben da befindet sich dieser, weil er nach seiner Flucht aus Verona das Verweilen zu Hause nicht lange hat aushalten können. Nelli aber hat sich oft und gern mit ihm unterhalten, ja er rühmt sein angenehmes und bescheidenes Wesen, bevor er die Bitte vorbringt, Petrarca möge von seinem Sohn doch nicht verlangen, „dass er schon von Kindheit auf ein Greis sei“ (Epist. 19,2). Noch mehrere Worte fügt Nelli zu Gunsten Giovannis an; ihm gehöre alle seine Liebe, und somit empfehle er ihn der väterlichen Milde. Das war deutlich gesprochen, und dass der unüberhörbare Vorwurf Petrarca früher oder später recht beeindruckt habe, ist höchst wahrscheinlich. Im Augenblick jedoch, da er Nellis Schreiben empfängt, ist er viel zu sehr und viel zu angenehm beschäftigt (7), um an einen Kummer zu denken. Er hat seit etwa Mitte März Boccaccio bei sich zu Besuch, bespricht mit ihm manches, arbeitet mit ihm und lobt vor Nelli begeistert das „wunderbare Beisammensein“. Nur dauert es nicht mehr lange, wie er vorausblickend abmisst. Er hat einen zuverlässigen Boten, der Nelli über alles berichten wird, und dieser Bote ist Boccaccio in Person. Denn er ist schon im Begriff, wieder nach Florenz zurückzureisen. Nach einem sorgfältigen Aufsuchen einzelner Hinweise lässt sich denken, was die beiden Freunde während ihres Zusammenseins in Mailand zur Sprache bringen. Unter anderem die Frage nach Petrarcas Wohnsitz: Soll er wirklich verbleiben, wo er ist. Jetzt lässt sich sogar Boccaccio überzeugen, dass unter den waltenden Umständen Mailand ein recht günstiger Ort ist (vgl. Var. 25). Dann unterhält man sich über einen Leonzio Pilato, den Petrarca soeben bei seinem Aufenthalt in Padua kennen gelernt und von dem er eine Prosaübersetzung vom Anfang der Ilias erhalten hat. Zu wünschen wäre, diesen Mann für eine längere Tätigkeit in Italien zu gewinnen. Weiter ist das Epos Afrika Gesprächsgegenstand. Boccaccio drängt – wie er 1362 in Epist. 12 gegenüber Barbato da Sulmona versichern wird – mit allen Kräften darauf, vires omnes exposui, dass es unverzüglich herausgegeben werde; doch ist alles umsonst. Weiter spricht man über die Hirtengedichte. Petrarca nimmt die Gelegenheit wahr, Boccaccio einige Texte vorzulegen und ihn um Rat zu bitten (vgl. Fam. 22,2). Schliesslich fällt ein Wort über Dante. Boccaccio rühmt den Dichter in so hohen Tönen, dass er hinterher fürchten wird, Petrarca zu nahe getreten zu sein, was jedoch ganz abwegig ist (vgl. Fam. 21,15). Eine völlig andere gemeinsame Beschäftigung notiert Petrarca mit besonderem Vergnügen in sein Notizbuch zu jenem Frühling 1359: Er hat mit Boccaccio im Garten gearbeitet,
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hat „am Samstag, dem 16. März, um die neunte Stunde“ und „bei abnehmendem Mond“ Lorbeerbäumchen gesetzt; hoffend, dass es ihm jetzt glücke, sie hochzuziehen. Boccaccio, eben angekommen, hat ihm beim Pflanzen geholfen, „was zum Gelingen entscheidend beitragen muss“ (vgl. Wilkins, Eight years 182). Dass ihm bei solcher Gärtnerarbeit stets die Mondphase zu beachten wichtig ist, geht schon aus früheren Anweisungen hervor (Fam. 17,5,9). Ein ganz besonders schöner Tag muss dieser 16. März für beide gewesen sein. Seit Jahren haben sie, soweit man feststellen kann, eine ähnliche gemeinsame Freude nicht erlebt. Ein neuer Brief an Nelli, Fam. 20,7, folgt am 11. April 1359. Boccaccio ist abgereist, Petrarca noch in heiterer Stimmung, obwohl sich bei ihm schon die Sorge regt, wie bei dem waltenden abscheulichem Wetter die Strecke nach Florenz zu überstehen sei. Einen Winter mit ganz ungewöhnlichen Schneemassen auf den Höhen und selbst bis in die Niederungen hat man eben hinter sich gebracht (vgl. Fam. 20,14,3), und jetzt giesst es in Strömen, während infolge der Schneeschmelze die Flüsse überborden. Hat Boccaccio diese Gefahr überstanden, muss er noch den Apennin überwinden (2 ff.), so dass Petrarca keine Ruhe finden wird, bevor er Nachricht von der Ankunft des Freundes erhalten hat. Auffällig häufig berichtet Petrarca von ähnlich schlechtem Wetter; schönes notiert er kaum; es ist offenbar das selbstverständliche. Im Augenblick hat er als Helfer übrigens „einen geistreichen Mann und Freund“ bei sich; denn jetzt, wo er (wie vermutet) keine bedeutenden Briefe schreibt, ist er damit beschäftigt, die schon geschriebenen zusammenzustellen, nämlich die Sammlung der Familiares auszuarbeiten. Sie wird ihn noch Jahre lang grosse Mühe kosten. Ganz abgesehen davon, dass ihm die Auswahl aus einem riesigen Haufen von Schreiben nicht leicht fällt und er jeden Brief zu einem Kunstwerk vollenden will, bleibt auch immer die Not bestehen, dass gute Hilfskräfte eine Rarität sind. Den „gescheiten Freund“, welcher ihm jetzt beisteht, kann er, wie das üblich ist, nicht auf lange Zeit behalten, und Kopisten muss er immer von neuem suchen. Dabei meint er natürlich, ein schöner Codex weise vom ersten bis zum letzten Blatt eine immer gleiche vortreffliche Schrift auf. Aus dem Kreis der Florentiner Humanisten, dessen geistiges Haupt Boccaccio ist, führt Brief 20,8 vom 13. April 1359 hinaus. Nach dem Tod von Petrarcas Freunden aus der Familie Colonna hört man eher selten von einem Fortbestehen einer Beziehungen zu ihren noch lebenden Gliedern. Wollte man aber annehmen, von den Abkömmlingen der Grossfamilie Colonna sei ihm keiner wirklich nahe gestanden, dann würde man durch den eben bezeichneten Brief anders belehrt. Der Adressat Agapito ist ein Enkel jenes Sciarra Colonna, der 1303 Papst Bonifatius gefangengenommen und als Vertreter des römischen Volkes König Ludwig den Bayern 1328 (ohne Rücksicht auf päpstliche Proteste) zum Kaiser gekrönt hatte. Sciarra aber war ein Bruder Stefanos des Älteren, mit dessen Söhnen Petrarca bis zu ihrem Tod eng befreundet gewesen war. Immer hegt er Bewunderung für die
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Colonna und ihren stolzen, edlen Mut; besonders an Stefano dem Alten hat er die altrömische Würde verehrt (11; vgl. Fam. 5,3,8; 8,1). Beschlossen lag in dieser Verehrung eine Kritik am Papsttum, von welcher er manches oft genug wiederholt hat, nicht zuletzt in seinen Briefen an Karl IV. Dem jungen Agapito jedoch, dem Adressaten des genannten Briefes, hat er offenbar von früh auf grosse Zuneigung geschenkt; ein Lehrer-Schüler-Verhältnis wird im Brief angedeutet, an das Petrarca mit Freuden zurückdenkt (3 f.), weil er an dem Römer hohe Intelligenz, grossen Eifer für das Studium und rasche Fortschritte zu jener Reife beobachtete, die er mit dem Wort Virtus zu verherrlichen pflegt. Bestürzt ist er nun allerdings, dass er von Agapito ein Schreiben erhält, das er nicht deuten kann. Es spricht Worte der Liebe und Dankbarkeit am Anfang aus und wechselt dann rasch zu neidvollen und bitteren Vorwürfen. Völlig unbegreiflich sind sie dem Dichter; fast könnte er sie für schlechte Scherze halten (6). Er soll reich geworden sein und prächtige Häuser besitzen – offenbar sorgen Neider für Gerüchte (vgl. Fam. 19,17 an Guido Sette) –; auch soll er Agapito angeschuldigt und zudem mit seinem Namen in einen „Baum der Eitelkeiten“ eingefügt haben. So lauten die wichtigsten Anklagen (6 ff. bis 21). Doch Petrarca hat nie einen Baum der Eitelkeiten erdichtet, und die übrigen Behauptungen entbehren der Wahrheit nicht weniger. Was aber den Reichtum betrifft, so antwortet dieses Schreiben mit Variationen früherer Ausführungen, die jeweils angeben, was man unter Reichtum zu verstehen habe (vgl. z. B. Ausführungen in Fam. 19,17); und am Geschick des jungen Klerikers hat der Lehrer keine Schuld. Verwundern wird nicht, dass beide ihren Aufenthalt in Avignon wie ein schreckliches Unwetter auf hoher See überstanden haben (7); man hat allen Grund zur Annahme, dass viele andere die Kurie nicht anders erlebten. Was Agapito dann als spätere Erfahrung andeutet, dass ihm nämlich die kirchliche Laufbahn (trotz seiner bedeutenden Fähigkeit und adligen Abkunft) nur eine bescheidene Existenz erlaube, ist auch nicht aussergewöhnlich. Er muss zwar, wie Petrarca hört, sogar mit einem schlechten Dach, das ihn kaum vor dem Regen schützt, Vorlieb nehmen (ebenda), doch auch ein Bischof von Cavaillon hat zur Zeit kein besseres Dach über sich; das hat uns der Dichter mitgeteilt, weil er eine Novembernacht bei ihm unter tropfender Decke zugebracht hatte (Fam. 15,2). Zum Gerücht, er sei reich, könnte Petrarca freilich etwas beigetragen haben, doch davon sagt Fam. 20,8 nichts. In einem früheren Brief aus Avignon hat er dagegen die Vermutung geäussert, man schliesse wohl von seiner Kleidung, die etwas besser sei als die übliche, auf geheime Schätze (Fam. 14,4,19). Und später, da er sich in Mailand aufhält, gesteht er einem Freund, dass er auf ein besseres Gewand noch immer ungern verzichte (Fam. 21,13,12). Dass er aber Häuser von besonderer Schönheit besitze und davon gar eine Mehrzahl (6), kann er rundweg bestreiten. Wer ihn kennt, weiss übrigens, dass ihm bei der Wahl einer Wohnstätte etwas anderes als Schönheit viel wichtiger ist: Sie muss gesund sein und sich an einem gesun-
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den Ort befinden. In Mailand ist sie sogar ganz ausserordentlich gesund, saluberrima (Fam. 16,11,11), auch seine früheren Häuser, wie das in Parma, waren gesund (7,1,11 und 8,5,6), und das in Venedig wird später wieder so hervorragend gesund sein wie das in Mailand (Sen. 3,1 letzter Teil). Denn seine Gönner beachten seinen diesbezüglichen Wunsch. Darauf kommt Brief 20,8 nicht zu sprechen. Insofern aber ein gutes Dach zu einem gesunden Haus gehört, muss Petrarca für das seine allerdings eben ihm Frühling 1359 speziell dankbar sein. Noch einmal sei an den vergangenen Winter mit seinen unerhörten Schneemassen und an die nachfolgende Regenzeit erinnert: Riesige Schäden haben sie überall angerichtet, nicht zuletzt auch in Bologna, wie der Chronist Matteo Villani festhält (9,4). Und genau da in Bologna hat der Archidiakon Agapito seine Behausung. Daher lässt sich denken, er habe – sonst ein recht zufriedener Mann – für einmal aufgeseufzt: Ein Petrarca müsste man sein! Die Vermutungen seines Lehrers gehen freilich in eine andere Richtung (21). Ein Kurzbrief ist 20,9 vom 1. Januar (1358) und beinah wäre er gar nicht zustande gekommen: „Lieber gar nicht schreiben, als so wenig,“ hat sich Petrarca gesagt. Doch dann besinnt er sich, drei Freunden, die ihm gemeinsam einen Brief geschickt haben, zu antworten. Er muss ihnen mitteilen, was ihn im höchsten Mass erstaunt. Er hatte immer gemeint, nichts, gar nichts könnte ihm Avignon liebenswert machen, und jetzt wollte er dort sein, weil Freunde dort leben und gesellig miteinander verkehren. Dass ihrer drei ihm geschrieben haben und von ihm eine Antwort erhalten, heisst natürlich nicht, es hätten keine weiteren sich daselbst aufgehalten. Nelli, von dem schon gesagt wurde, dass er vom Frühling 1357 bis zum Herbst 1358 dort weilte, meldete im September 1357 nach Mailand, mit welchen Freunden er zusammenkam und nannte Guido Sette, Lelio, Stefano Colonna und Sokrates (Epist. 18). Im Jahr 1359 wird dann auch Zanobi in Avignon eintreffen, um das Amt eines päpstlichen Sekretärs anzutreten, doch wird er von den eben aufgezählten Klerikern vielleicht bloss noch Sokrates vorfinden. Der Verkehr zwischen Italien und der Provence ist allerdings sehr lebhaft, seit Rom an der Rhone liegt; ein ständiges Hin und Her findet statt. Dabei wählt natürlich ein Grossteil der Reisenden den Weg über das Ligurische Meer, der für angenehm gilt (Fam. 6,3,66 f.) und der sich gerade auch für die Florentiner empfiehlt. Dagegen hätte Petrarca den Seeweg wohl nicht einmal dann gewählt, wenn er von Mailand aus rascher erreichbar gewesen wäre. Er scheut die Seekrankheit und ist zudem überzeugt, er sei oft und deutlich genug vor Meerstürmen gewarnt worden (vgl. Fam. 5,5,19); man dürfe Gott nicht versuchen! So oder so zieht es ihn eher den Po abwärts oder jedenfalls nach Osten, wo er Freunde hat und wo auch seine Pfründe liegt. Ob der Brief 20,10 am 27. Januar 1358 oder 1359 geschrieben wurde, lässt sich nicht sagen. Wilkins ist von seinen Argumenten für die Datierung auf 1358 selber
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nicht wirklich überzeugt. Wie dem sei: Petrarca gibt Giovanni Aretino, das ist Aghinolfi, der Kanzler der Gonzaga in Mantua, eine kurze und allgemeine Auskunft über sein Befinden und bedauert, dessen Einladung auf ’s Land nicht annehmen zu können. Mailand führt Kriege, einen gegen Pavia, wie man längst weiss; doch das erlaubt keine sichere Datierung. Krieg bezeichnet einen mailändischen Dauerzustand (vgl. die Anmerkungen zum Text). Wären die Aussagen Petrarcas buchstäblich zu nehmen, müsste man glauben, er verfolge den Kriegsverlauf aus nächster Nähe, ja stehe dem Kriegsherrn Bernabò zur Seite (3); jedenfalls gibt es da Vergleiche, die man so deuten könnte, denn es heisst da unter anderem: „Ich sitze zu Füssen des Steuermanns“. Hier, sagt er, beobachte er die Winde, den Kurs, den das Schiff nimmt, das Treiben anderer Schiffe, bleibe aber mitten in der Gefahr „unerschrocken“. Er würde also nicht, wie das seiner Gewohnheit entspricht, abgesondert am Stadtrand in Studien vertieft seine Zeit verbringen, wo ihn manche Nachrichten gar nicht erreichen (Fam. 20,6,1 und 20,8,23) und von wo er selten in den Palast der Visconti gerufen wird (Fam. 19,16,16); vielmehr würde er ausgehen und sich Nachrichten verschaffen und vielleicht gerufen oder ungerufen den Palast aufsuchen und da Ratschläge erteilen. Doch wie dem sei: Sein Vorbild in der schwierigen Lage ist Cato Uticensis, von dem Brutus sagte: „Voller Angst für alle, unbesorgt für sich“ (4). Ihm hätte Perarca gleich sein wollen. Doch er lebt statt in der Antike in einer bösen Zeit. Einige seiner Fähigkeiten erinnern dennoch an sein altes Vorbild: Seine Disziplin beim Arbeiten, seine Wissbegier und seine Ausdauer nehmen noch immer zu. Das wiederholt er in den Familiares mehrmals, und es ist zweifellos wahr. Unmöglich ist allerdings, anders als vermutungsweise anzugeben, welchen Werken er sich 1358/59 vorzüglich widmet. Wenn er ein wenig geheimtuerisch andeutet, ein Schreiben sei mit Vorsicht zu behandeln, da es unliebsame Wahrheiten enthalte, errät man leicht, dass er einen Brief sine nomine über Zustände an der Kurie in Avignon meint. Jenem mehrfach erwähnten Stefano Colonna, Vorsteher von StOmer, der in Avignon mit Nelli verkehrt (vgl. oben zu Fam. 20,9), beteuert er in Fam. 20,11 (vom 1. Mai 1358) sozusagen hinter vorgehaltener Hand, wie gut er gewissen Personen ins Herz sehe, ob sie wollten oder nicht, und prophezeit, dass deren Taten schon in der ganzen Welt bekannt seien und von der Welt schon bald nicht mehr hingenommen würden. Eben damit ist klar, woran er denkt. Wenn der Tag angebrochen ist, an dem man das Treiben der Kurialen nicht mehr duldet, werden seine anklagenden Briefe ans Licht kommen, so wird er im Vorwort zu den gesammelten Briefen sine nomine später drohen. Er ist aber vorerst wohl mit den Nummern 17 und 18 beschäftigt, und wenn er sie in berechtigter Vorsicht kaum einmal aus den Händen gibt, spricht er darin dennoch ein Du an, das keinen anderen meinen kann als Nelli, um den er sich wegen seines Aufenthalts in Avignon sehr besorgt zeigt. Das Schicksal hat dem Freund „die Ruhe missgönnt“,
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als es ihn an die Rhone verschlug. Wirklich entsetzt sich nun auch dieser Freund über die Zustände, die er da wahrnimmt, und ganz im Sinne Petrarcas schreibt er: „Wolfsrudel“ streifen da umher; Aufgeblasenheit und Dünkel herrschen; der Ort hat sich in eine „Kloake der Welt“ verwandelt (Epist. 19). Petrarca liest solche Reden, die sein Urteil bekräftigen, mit grosser Genugtuung, doch hat er selber ähnliche Bilder in einem weit besseren Latein und zu weit schöneren Kadenzen aneinandergereiht. Und immer wieder schickt er an Freunde Grüsse, von denen man denken könnte, sie seien nicht nötig und nur wer viel Zeit übrig habe, nehme sich dazu die Mühe. Die nächsten zwei Briefe in Buch 20 schickt er an Lelio, der seit einiger Zeit nicht in Rom, sondern – wie angedeutet – wieder in Avignon weilt. Im Schreiben 20,12 vom 1. Mai 1358 macht er sich die Aufgabe, dem Freund, an dem er eine tiefe Verstimmung zu bemerken glaubt, mit etwas Tadel auch etwas an Ermunterung zu verabreichen; und gut fügt sich, dass er ihm einige drollige Eigenheiten eines hochbetagten Freundes referieren kann, der früher mit ihnen beiden verkehrt hatte. Er beschreibt den Alten ausgezeichnet; er sieht ihn bei sich im Haus als fast ständigen Gast und hat ihn gut beobachtet. Bis zu seinem letzten Tag gilt er ihm in seiner liebenswürdigen Verschrobenheit eher als angenehme Zerstreuung denn als Last; ja er hat ihn lieb gewonnen (12,4 ff.). Man wird sich erinnern, dass Petrarca in einem anderen Brief einen offensichtlich geistig behinderten Mann als einen Mitbewohner vorstellte (Fam. 18,6,3), als wäre er an dessen sehr sonderbares Benehmen gewöhnt. Doch die beiden haben unter sich kaum irgendwelche Ähnlichkeiten; der frühere war eine schwerfällige Missgeburt, der spätere leidet, so pfiffig er noch ist, an seiner Senilität. Weshalb und während wie vieler Jahre er bei Petrarca ein- und ausging, wird nicht gesagt. Angedeutet wird nur, dass für seinen Lebensunterhalt gesorgt wurde. Denken lässt sich, dass diesem Haushalt immer wieder oder gar beständig unbemittelte oder irgendwie bedürftige Menschen in irgendeiner Funktion oder ohne solche eingegliedert wurden; die Schar der Mitbewohner war ohnehin gross, da der Dichter stets etwa 6 Diener (Hausleute Knechte) oder mehr, auch Kopisten um sich hatte und ausserdem oft zahlreiche Gäste an seinem Tische verköstigte, wie Var. 15 aus späterer Zeit berichtet. Aus diesem Umstand, den er kaum sonderlich schätzte, scheint er sich eine Tugend gemacht und sich in der Folge als grosszügigen Gastfreund bewährt zu haben. Er hatte es ja ausgesprochen: Wo grössere Habe ist, da gibt es auch mehr Esser, das lasse sich nicht vermeiden (Fam. 19,17,6). Doch sein Haushalt funktionierte nicht zum besten, weil die Diener oft wenig taugten (vgl. Fam. 4,14; 19,16,25; 22,12) und gute selten waren. Jene Perle, die ihm Nelli einmal vermitteln wollte, nämlich als eine famulam doctam (Epist. 15), wehrte sich für ihre Freiheit so feurig wie Petrarca für die seine: adiurat illa se liberam esse velle (Epist. 16,10). Somit kann man sich fragen, wie oft und wie lang er Tag für Tag in seinen vier Wänden die ihm
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nötige Ruhe fand. Zwar werden so alte Leutlein, wie der geschilderte Kleriker, die sich nicht bloss zum Essen einfanden, sondern ihn, wie es scheint, auch sonst aufsuchten, nie in grosser Zahl vorhanden gewesen sein; und dennoch muss man für wörtlich nehmen, wenn er feststellt, seine Tage seien voller Unruhe und er arbeite am liebsten nachts oder richtiger: Seine Studien liebten die Nacht (19,7,3). Eine Fortsetzung zu diesem Brief 20,12, der Lelio ermuntern sollte, stellt Brief 13 vom 30. Juli 1358 dar. Petrarcas Ahnung, Lelio sei schwer verstimmt, erweist sich als richtig. Er vernimmt durch eine Drittperson auch den Grund dafür und kann sich kaum fassen. Die beiden Freunde Lelio und Sokrates haben sich zerstritten und entzweit. „Und ich bin der Grund dafür“(3). Doch das stimmt natürlich nicht. Schuld daran trägt ein Verleumder, und Schuld trägt auch Lelio, der dem Verleumder Gehör geschenkt hat. Dieser hat Lelio einzureden vermocht, der Freund habe ihn bei Petrarca schlecht gemacht (20), und um diesen nicht zu betrüben, hat man ihm alles verschwiegen (2 f.). Dadurch aber ist die Sache grotesk geworden, weil die wenigen Worte, mit welchen der Dichter die Verleumdung hätte entlarven können (6 f.; 10.22 f.), unausgesprochen blieben. Nun zeigt sich der Dichter geradezu verzweifelt, und wiewohl er sich schon mehrmals viel Zeit genommen hatte, Gedanken über die wahre und edle Freundschaft vorzutragen, bringt er nochmals eine Schilderung zu Papier, denn Freundschaft gehört nun einmal zu seinen bevorzugten Themen, und die neue Gelegenheit, sie abzuhandeln, lässt er sich nicht entgehen. Was er jetzt niederschreibt, ist wieder nicht frei von rhetorischem Überschwang, aber die Rhetorik ist hier weniger Kunst als natürlicher Erguss starker Gemütsbewegung. Es fehlt daher unter anderem jene Überfülle antiker Beispiele, von der man in anderen Briefen oft vieles als störende Geschichtskunde streichen möchte. Freilich wird auch hier die Freundschaft bis zum Göttlichen erhoben und unter flehentlichen Beschwörungen eine Unbeirrbarkeit des Vertrauens und der Neigungen gefordert, dass man kaum weiss, wie sie mit dem lebendigen Leben zu vereinen wäre (13 ff.). Auffallend in dieser Charakterisierung der Freundschaft ist eine Einzelheit, die einen unausrottbaren Fehler in Petrarcas Patriotismus aufdeckt: Lelio, der Italiener, versagt, eben das ist klar, und sein schuldloses Opfer ist Sokrates. Dennoch lässt sich dieses Nordländers unverbrüchliche Treue und edle Gesinnung nicht anders als mit seiner ihm anerzogenen italienischen Geistesart erklären; und es sind seine italienischen Freunde, just Lelio und andere, die ihm die bessere, höhere Gesinnung beigebracht haben (7). Nicht das erste Mal ist es, dass Petrarca sich in dieser Weise gerade über Sokrates ausdrückt (vgl. Fam. 9,2,7; 17,10 Anm. 4). Doch es lohnt sich nicht, ihm das zu verübeln; die Kritik am Charakter italienischer Wesensart bleibt bei ihm nicht dauernd aus. „Wenn nicht Liebe mich täuscht“, dieses Wort, so häufig von ihm verwendet, und manche andere Einschränkung stehen nicht selten neben Lobreden auf die Vorzüglichkeit seiner Heimat, allerdings häufiger in späten als in frühen Briefen (Fam.
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17,7,4; 19,14,2; 21,9,14; 4,12,35 etc.). Daneben urteilt er über die Deutschen ab und zu auch günstiger als über seine Landsleute (Fam. 1,5,11 f.), und dies nicht zuletzt, wenn er just von der Freundschaft spricht. Die Deutschen nämlich, so meint er, indem er ein Wort des Kaisers Friedrich II. aufgreift und „die beiden wichtigsten Nationen miteinander vergleicht“ (Sen. 2,1 vom Jahr 1363), nörgeln nicht ständig an ihren Freunden herum wie die Italiener, sondern fühlen sich in ihrer Freundschaft gut aufgehoben und suchen darin nichts anderes als Liebe. Das ist wahrhaftig ein grosses Lob, und man fragt sich bloss, wo und dank welchen Bekanntschaften Petrarca die Erkenntnis jenes Kaisers an sich selber erproben konnte. Vielleicht denkt er an Studienkameraden in Bologna. Ja die Deutschen, so zitiert er Friedrich überdies, schätzen einen vertraulichen Umgang, während die Italiener mit Achtung behandelt werden wollen (ebenda), und zum Beleg für die Richtigkeit solcher Meinungen hätte er, wie angedeutet, gerade den Streit zwischen Lelio und Sokrates beiziehen können. Es vergeht offenbar eine ziemlich lange Zeit, bis Petrarca vernimmt, wie Lelio seine Vorwürfe und Ermahnungen aufnahm und ob er sich mit Sokrates versöhnte. Der nächste Brief an Lelio ist 20,14 und datiert vom 9. Februar 1359; kein früherer sagt etwas über eine Wandlung der gefährdeten Beziehung aus. Petrarca ist soeben von einem längeren Aufenthalt in Padua nach Mailand zurückgekommen, findet ein Schreiben des Freundes vor und ergreift die Feder, steif vor Kälte (2), meldet noch, wie schneereich der Winter in Italien ist, bevor er an sein eigentliches Thema herangeht, und zeigt sich dann glücklich über die herrliche Leistung, die Lelio vollbrachte, indem er das Misstrauen ablegte und den lange gehegten Zorn verscheuchte (14,8 und 14,13 ff.). Wunderbar einig sind sich die beiden, dass der Zorn durch und durch ein Übel sei (11), und bestätigen sich zu ihrer Genugtuung, dass sie damit gegen Aristoteles antreten (10 ff.). Darauf schwelgt der Dichter im Ausmalen der vorausgehenden Versöhnungsszene, erlebt tief bewegt, wie die Freunde sich weinend in die Arme stürzen, wie die Zeugen Tränen vergiessen, ja er denkt sich aus, wie er selber gleichsam als Quell all dieser Ergiessungen sich in die Umarmungen einfügt (13). Das weiss er: Nie hat er Lelio eine grössere Freude zu verdanken gehabt (ebenda). Nun hat aber der Brief einen zweiten Teil (oder ist aus zwei verschiedenen Briefen zusammengesetzt), und da geht es um eine geradezu geschäftliche, ja unangenehme Sache. Kein Zufall, dass sie gerade von Lelio vorgebracht wird, denn er ist es, der sich an der Kurie unablässig und getreu um Petrarcas Anliegen kümmert; er ist dafür berühmt (Fam. 20,13,22). Erneut gerät Petrarca nun aber in Erregung. Denn wahrhaftig haben seine Freunde in Avignon noch immer nicht begriffen, dass es sinnlos ist, ihm ein einträgliches kirchliches Amt anzupreisen. Obwohl er vor Jahren gemeint hat, er habe ein für allemal deutlich gemacht, dass er niemals Ämter und Würden annehmen werde, steigert man nun das Angebot und legt den
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Kardinalshut vor ihn hin, weil er das Amt des päpstlichen Sekretärs auch jetzt wieder abgelehnt hat (15 ff.). Nun fehlen ihm die Worte, um seine Verachtung für solche Zumutungen auszudrücken. Er weiss nichts anderes zu tun, als Gott zum Zeugen zu nehmen und zu beteuern– wahrhaftig tollkühn und unbedacht –, dass er „sich eher den Kopf abschlagen, als einen Kardinalshut darauf setzen würde“ (16). Glauben soll man endlich, dass er nicht will und ewig nicht will, und mit seinem vollen und ganzen Willen nicht will. Seinem Ärger muss er sich Luft verschaffen und sich über seine Freunde und Feinde gewaltig entrüsten, bevor er zur Ruhe zurückfinden kann. Erst nachher vermag er scherzhaft zu spotten. Und über wen zuerst, wenn nicht über Zanobi, der – wie schon oben kurz gemeldet (Überblick zu Fam. 20,5) – in Avignon jetzt eben das kirchliche Amt übernimmt, das Calvo von Neapel innegehabt hat und das er, Petrarca, vor Jahren, weil für den Kurialstil unbegabt, nicht übernehmen musste und noch immer ablehnt (Fam. 13,5 und 13,6). Zanobi hat Neapel schon verlassen, was völlig seiner früheren Neigung widerspricht. Er wird es noch bereuen (25 ff.), sagt Petrarca halb drohend, halb lachend, und geniesst es, wie sonst selten, seiner Vorteile in Mailand zu gedenken (26 f.). Gut lebt er da, wahrhaftig. Gleichzeitig kann er einen Dankesbrief von Sokrates entgegennehmen und beantwortet ihn am folgenden Tag mit Fam. 20,15. Sie haben sich lange Zeit nicht mehr geschrieben; sie haben einander schon alles gesagt und nichts mehr anzufügen, so stellt er fest. Das deutet jedoch nicht auf eine Verminderung der Liebe. So etwas würde Petrarca niemals zugestehen. Dann weist er allen Dank für seine Bemühung um die Versöhnung zurück und verlangt statt dessen Dank gegenüber Gott; fügt noch ein Lebewohl an, als sollte es für lange Zeit gelten, und irrt sich dabei. Schon über kurzem werden Sokrates und er sich erneut einiges mitzuteilen haben (Fam. 21,9).
Buch 20 beginnt mit einem Rückblick auf die Flucht des Kaisers 1355 und mit einer finsteren Zukunftsvision. Der Herkunftsort des Adressaten, das ist Forlì, weist auf ein politisches Umfeld, dem Petrarca bisher nur wenig Interesse geschenkt hat. Er kümmert sich 1357 noch um die Politik der Genuesen, wendet sich jedoch sogleich den Jahren 1358/59 zu und beschäftigt sich in zehn Briefen mit persönlichen Angelegenheiten bestimmter Freunde. Einen Studenten belehrt er über die Rechtswissenschaft; auch führt er die Korrespondenz mit dem Hofmann Barbato in Neapel und mit Francesco Nelli in Florenz weiter. Anregend und genussreich ist für ihn vor allem ein Besuch Boccaccios in Mailand. Einige Bemerkungen lassen erkennen, dass er an Briefen zu den Übelstände an der Kurie arbeitet und die Sammlung der
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Familiares für einen Abschluss vorbereitet. Erneut muss er sich gegen ein Gerücht, dass er reich geworden sei, verteidigen. Angelegentlich müht er sich um eine Versöhnung zwischen den Freunden Lelio und Sokrates in Avignon. Neuen Bemühungen, ihn an die Kurie zurückzuholen, begegnet er schroff abweisend. Alle Briefe datieren aus Mailand.
Die Ehrenstelle im Buch 21 hat Petrarca dem Erzbischof von Prag Ernst von Pardubitz zugedacht. Der Hof in Prag dominiert die erste Hälfte dieses Buches, und da ist es nur richtig, dass die Spitze seiner kirchlichen Hierarchie zuerst genannt wird. Brief 1 wird von Mailand aus durch den immer selben zuverlässigen französichen Ritter Sagremor de Pommiers, für den Petrarca grosse Achtung hegt, zum Adressaten gebracht. Dem Erzbischof, doch auch dem Boten kann er wegen ihrer redlichen Gesinnung sogar ganz geheime Wahrheiten, die in anderen Händen gefährlich sein könnten, bedenkenlos ausliefern (1), und das erlaubt er sich eben jetzt, indem er dem Schreiben wohl Briefe mit der Bezeichnung Sine nomine beifügt. Näheren Umgang mit Pardubitz hat er, wenn nicht anlässlich von Karls Romfahrt, so doch während seines etwa vier Wochen dauernden Aufenthalts am Kaiserhof im Jahr 1356 gepflegt, und somit hat er von diesem entschlossenen Ratgeber und Mitstreiter Karls eine recht klare Vorstellung, auch wenn ihm nicht alle seine Charakterzüge und Wirkungsfelder bekannt geworden sind. Gestreng ist dieser geistliche Herr, und ausgezeichnet hat er sich als Förderer der Bildung und vor allem als Reformator in dem Sinn, dass er überall für gute Ordnung gesorgt, Grenzen sichtbar gemacht und Gesetze erläutert hat. Neue Beachtung verschaffte er ihnen auch dadurch, dass er sie sichtete und sammelte, Synoden abhielt und das Amt der Correctores cleri einrichtete. Berühmt wurde er für seine Ketzerverfolgung, für die er dank der Unterstützung durch Karl IV. eine gut organisierte Inquisition ausbauen und bezahlen konnte. Dem hochgebildeten Italiener Petrarca bestätigte er damals in Prag so oft und so mitleidsvoll, er sei „in die Barbarei“ verschlagen worden, dass sich dieser jetzt recht gerührt daran erinnert und ihm so höflich und entschieden widerspricht, wie man das von ihm hatte wünschen mögen: Prag liegt nicht in der Barbarei, sagt der Dichter; hervorragende Männer hat er da getroffen; wie im antiken hochgebildeten Athen ist er sich vorgekommen (4). Es folgt das Schreiben 21,2 an den Kanzler Karls IV., an Johann von Neumarkt (Jan ze Streda). Es ist so zu datieren, wie das an den Erzbischof verfasste, und natürlich durch den selben schon genannten Ritter Sagremor überbracht worden. Der Ton ist hier in doppelter Hinsicht von dem des vorausgehenden verschieden, weil Petrarca im Umgang mit hohen Persönlichkeiten nicht allein deren je besondere und distanzierende Stellung beachtet, sondern noch rascher und spontan die Per-
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son, welche den bestimmten Rang einnimmt, mit ihren individuellen Eigenarten ins Auge fasst, deshalb in natürlicher Art auf den besonderen Menschen eingeht, völlig losgelöst vom geringsten Gedanken an Formelbücher. Diese Bemerkung drängt sich auf, weil von dieser Natürlichkeit der Sprache in der böhmischen Kanzlei nichts zu entdecken ist. In einem früheren Schreiben an Johann von Neumarkt, in Fam. 10,6, spielte Petrarca vor Jahren den hoch Geschmeichelten; er sagte, dass er aus dem fernen Norden ausnehmend kunstvolles Lob vernehme, und versicherte dann schlau, er halte es für ratsam, „auf eine Bezahlung in gleicher Münze“ zu verzichten. Nachher erhielt er vom Böhmen weitere Briefe (einige findet man bei Piur); dann unterhielten sich die beiden Männer 1354 in Mantua miteinander und später, 1356, fanden sie Gelegenheit dazu auch in Prag. Sehr rasch scheint Petrarca bei seiner enormen sprachlichen Sensibilität in Johanns Redeweise etwas persönlich Ansprechendes entdeckt zu haben, war sein Stil auch sonderbar gekünstelt, schwülstig und aus mythologischem Zierat gedrechselt, und dann scheint er dank wenigen Begegnungen das Gemüt dieses Mannes, man könnte vermuten: eine kindliche Seele, erspürt zu haben. Er spricht ihn heiter vertraulich an, fragt etwa in leichtem Ton: „Was lachst Du?“ quid rides? (21,2,5), und fügt an: „Ich scherze mit Dir.“ Auf fast spielerische Art und mit natürlichem Taktgefühl, so lässt sich vermuten, habe er Johann, der vor dem grossen Dichter vor Bewunderung verging, dazu helfen wollen, den eigenen Wert zu bejahen und die Geduld zur Entdeckung der eigenen Sprache aufzubringen. Schon bald liest er Johanns Geständnis: „Der Stil eines Kanzlers hat mit der Äusserung einer menschlichen Sprache nichts zu tun“ (Piur, Nr. 15), worin sich mit der Einsicht in eigenes Unvermögen der Wunsch nach einer besseren, einer menschlichen Sprache ankündigt. Mit unverhohlener Freude hört Petrarca in einem anderen Brief wohl des selben Jahres 1357 (Piur, Nr. 12) zwar nochmals vom Bedauern über eigenes Versagen, aber dann sogleich den schlichten Satz: „Dieses eine verspreche ich Dir als etwas ganz Sicheres: Die liebe Erinnerung an Francesco wird sich nie von Johann lösen.“ Mit grosser Herzlichkeit hat Petrarca dieses Liebesgeständnis angenommen. Er beteuert ermunternd, dass er wahrhaftig klar erkenne, wie gut ihm der Freund gesinnt sei; und dass es Johann nicht möglich gewesen wäre, „so zu sprechen, wenn er es nicht zuvor in seinem Herzen empfunden hätte“ (3). Das also gilt ihm als echte Sprache, was Ausdruck des Herzens ist, und nichts deutet darauf hin, dass er sich eine wesentlich bessere Sprache hätte vorstellen können. Unangenehm ist ihm die verschrobene, unmässige Bewunderung für seine Sprachbeherrschung. Er stellt sie nicht als vorbildlich hin, vielmehr lobt er Johann geradezu für seine ihm eigene Redeweise. Dabei schätzte er an ihr unter anderem wohl das, was er als echt deutsch hätte bezeichnen können. Zu wiederholen ist jedenfalls das schon oben zitierte Wort (Fam. 20,13), „Italiener wollen ehrfürchtig behandelt sein, Deutsche vertraulich-freundschaftlich“ (Sen. 2,1). Ob die Aussage zutrifft oder nicht: Das Gemüt-
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hafte hört er aus der Kanzleisprache und erst recht aus dem Briefstil des Böhmen heraus. Nicht aus Höflichkeit sondern in wahrer Anerkennung versichert er dem Kanzler, nichts sei reizvoller als sein Brief, und höre man recht hin, sei auch die Rede des Ritters Sagremor iocundissimus, so recht herzerquickend (1 und 9). Doch im nächsten Schreiben 21,3 beschäftigen ihn wieder Unruhen in Italien. Zwei Briefe hat Petrarca früher an Neri Morando aus Forlì gerichtet, jetzt wendet er sich an den Kanzler des Stadtherrn Ordelaffi von Forlì, einen gebildeten Mann namens C(h)ecco. Forlì ist für einen Humanisten wie Boccaccio ein angenehmer Aufenthaltsort, und dieser erduldet soeben ein ähnliches Schicksal wie Rimini unter den Malatesta; denn beide liegen im nordöstlichen Zipfel des alten Kirchenstaates, haben sich von ihm gelöst und werden von Kardinal Albornoz unerbittlich bedrängt, sich zu ergeben. Nun hat Checcho an Petrarca ein Gedicht gesandt und eine Bitte angefügt, er möge militärische Hilfe erwirken, gemeint ist: bei den Visconti, obwohl der Name ausgespart wird. Die Antwort trägt das Datum 16. Oktober (1357) und deutet auf eine äusserst schwierige Lage der genannten Stadt hin. Die Malatesta von Rimini sind schon bezwungen worden und haben die von ihnen eroberten Städte in den Marken herausgegeben; andere Stadtherren haben den Mut ebenso verloren, doch die Ordelaffi, die Herren von Cesena und Forlì leisten noch erbitterten Widerstand. Sie sind im Frühling 1357 erneut von päpstlichen Truppen angegriffen worden. Cesena hat sich am 21. Juni für besiegt erklärt, nur Forlì wehrt sich noch immer. Zwar wird es heimlich von den Visconti tatsächlich unterstützt, dies freilich nicht in zuverlässiger Weise, denn diese Herren verhandeln gleichzeitig mit Avignon wegen eines Rückkaufs von Bologna, dann auch mit dem Nachfolger des Kardinals Albornoz, mit einem Abt Androin von Cluny, und wollen sich mit der römischen Kirche daher nicht erneut zerstreiten. Nichts anderes kann man unter solchen Umständen von Petrarca erwarten als Zurückhaltung, da jede Einmischung völlig sinnlos wäre! Wer von den Streitenden ein grösseres Recht verfechte, scheint er nicht entscheiden zu wollen, doch seine Liebe gehört den Ordelaffi (2), wie er ja auch den Malatesta von Rimini gegenüber wohlgesinnt ist, ungeachtet dass der Papst sie wegen ihres Widerstandes gegen kirchliche Ansprüche exkommuniziert hat. Er ist vom Geist der Colonna geprägt, wie schon mehrfach gesagt. Aller weltliche Besitz des Papstes ist ihm verdächtig, und dass dem Kirchenstaat vieles entrissen wird, kann ihm nur recht sein, solange solche Verluste nicht auch dem Volk von Rom und seiner Republik zum Schaden gereichen. Eineinhalb Jahre nach seinem Brief an Checco wird er vernehmen, dass endlich auch Ordelaffi kapituliert, nämlich am 4. Juli 1359, Forlì der Kirche Roms zurückerstattet und sich mit einer Entschädigung wohl oder übel zufrieden gibt. Vom Adressaten des Schreibens 21,4 kann man nichts weiter erfahren, als was Petrarca darin ausspricht. Es zeugt wie manches andere für das Ansehen des Dichters bei jung und alt, ja für die verbreitete, gut begründete Zuversicht, man dürfe
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sich ohne Umstände an ihn wenden und hoffen, seinen Freunden zugezählt zu werden. Völlig unbekannt ist Petrarca der junge Mann, der ihm offenbar mehrmals geschrieben hat und nicht begreift, dass er keine Antwort erhält, sich dann das Schweigen des Angesprochenen zu seinen Gunsten erklärt und gleich einen weiteren Brief abschickt. Dem jungen Verehrer wird für seine Liebenswürdigkeit gedankt, doch auch klar gemacht, dass der Altersunterschied einer engeren Beziehung im Wege steht. Immerhin darf er, wenn er Hilfe benötige, sich vertrauensvoll an Petrarca wenden. Ein schönes Zugeständnis ist das! Und viel wird dem jungen Mann ohnehin schon gelten, im Besitz eines Petrarcabriefes zu sein. Doch mit Brief 21,5 vom Anfang 1358 wendet sich der Dichter wiederum an Johann von Neumarkt. Hauptperson ist darin jener französische Ritter Sagremor de Pommiers, der im Dienst der Visconti sowie des Kaisers steht und auf deren Befehl die lange Strecke zwischen Mailand und Prag hin- und zurücklegt, so oft sie es befehlen, und der auch jetzt wieder der Überbringer von Petrarcas Schreiben ist. Je nach Umständen beansprucht nur schon die eine Strecke zu Pferd damals im Mittel etwa drei Wochen (Wilkins, Eight years 122), und doch kommt es vor, dass der Ritter die Reise hin und her, wie Petrarca sich in höherem Alter erinnert, bis zu sieben Mal im Jahr bewältigt, „was man kaum zu glauben vermag“ (Sen. 10,1). Neben den ritterlich-sportlichen Leistungen Sagremors kann er auch seine menschlichen Vorzüge ermessen; er hat ihn zu gemeinsamen Unternehmungen oft genug getroffen. Mit ihm zusammen ist er in bitterster Winterkälte auf eisigem Boden von Mailand nach Mantua zu Karl gereist, und ihn hat er 1356 auch auf der eben genannten gefahrvollen Strecke zwischen Mailand und Prag zum Reisegefährten gehabt. Eine solche „Höllenfahrt“, iter illud tartareum (ebenda), ein zweites Mal durchzustehen, hätte er sich um alles in der Welt ersparen wollen. Unmöglich, dass er unter so schwierigen Bedingungen den wahren Wert dieses Mannes nicht erkannt hätte (3). Nun empfiehlt er ihn dem böhmischen Kanzler eindringlich, und nicht von Ungefähr wird dabei das Wort Liebe vielfach wiederholt. „Heilige Liebe“, das bedeutet der Name des Ritters; solche Liebe sollte der Kanzler erwidern, auf welche Weise, das wird nur angedeutet, lässt sich jedoch leicht erraten. Darauf tadelt Petrarca seinen böhmischen Freund wie schon früher für seine übertriebene Bewunderung und erlaubt sich wieder ein Scherzwort, wie man es sonst in seinen Briefen kaum liest: „Suche Dir einen andern, ihm solches aufzubinden“, quere alium cui hoc imprimas (5). Darauf hat er ihm einen Dank auszusprechen. Ein Pfalzgrafendiplom in einer goldenen Bulle hatte er vom Kaiser erhalten, das Gold hatte er höflich aber rasch zurückgesandt, nun aber, da es ihm erneut überbracht worden war, nimmt er es an. Schliesslich erinnert er Johann an jenes ihm versprochene dauernde Gedenken (Fam. 21,2,2) und zeigt damit, dass es ihm kostbar ist. Der Kanzler soll das wissen. Doch schreibt er am selben Tag, nämlich am 25. März 1358, Brief 21,6, um dem Erzbischof Ernst Pardubitz mit anderen Worten eine gleiche Empfehlung Sagremors
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vorzulegen. Der Ritter, der bisher sowohl den Visconti wie dem Kaiser gedient hat, möchte von jetzt an einzig dem Kaiser angehören. Zu dieser Absicht will und kann sich Petrarca nicht äussern (1), erinnert hingegen an einen Dank, welcher der treuen Dienstleistung des Ritters geschuldet wird. Das führt er nicht aus, weil der hohe geistliche Herr ohnehin weiss, was die Menschlichkeit, die humanitas, ihm gebietet. Gleich wendet er sich mit der selben Sorge in Brief 21,7 auch noch direkt an den Kaiser und versucht nun, die höchste Hürde zu nehmen. „Kühn“ muss er sein, wenn er das wagt (1), und noch kühner als Jahre zuvor, als er beim Kaiser für seinen Freund Lelio eingetreten ist (Fam. 19,4), denn er kann jetzt nicht wie damals eine Schar hochadliger, kaisertreuer Personen als bestbewährte Bürgen aufzählen. Er muss dem Fürsten einprägen, dass Sagremor sich selbst empfiehlt, und ihn deshalb ganz entschieden an einzelne besondere Verdienste und an seine besondere Ergebenheit erinnern. Deshalb schildert er eindrücklich jenen eisigen Wintermorgen, an dem der Bote ihn, Petrarca, an der Adda abgeholt hatte, um ihn nach Mantua zu begleiten. Voller Begeisterung für den Kaiser und das hohe Ideal einer Kaiserherrschaft war er gewesen und hatte deshalb die grosse Anstrengung für nichts erachtet (5 ff.). Ist Karl „wahrhafter und heiliger Gesalbter des Herrn“, ein neuer „Christus“ (4), so ist Sagremor, dies Petrarcas Folgerung, gewissermassen dessen Vorläufer Johann Baptist, der ihm „den Weg ebnet“ (7). Er müsste also unter die Schar jener hervorragenden Männer eingereiht werden, an denen ein edler Fürst reich sein sollte (9). Nachdem das vorgebracht wurde, bleibt nichts anderes übrig als zu warten, inwiefern der Hof diese inständigen und kühnen Vorstösse beherzigen werde. Dass die Visconti ihren Diener freilassen, wenn der Kaiser es fordert, scheint Petrarca vorausgesetzt zu haben. Von sich aus hätten sie es kaum getan. Ein Ritter, der bis London reiste, um dort von einem ihrer Widersacher einen Zweikampf zu fordern (vgl. im Überblick die Angaben zu Pandolfo Malatesta), war auch für sie nicht leicht zu ersetzen. Durch den immer selben Boten empfängt Petrarca damals aus Prag auch ein kleines Schreiben der siebzehnjährigen Kaiserin Anna von Schweidnitz. Persönlich meldet sie ihm die Geburt ihres ersten Kindes, und persönlich erhält sie von ihm eine Antwort in Fam. 21,8 vom 23. Mai 1358. Es ist nicht das erste Mal, dass Petrarca aus einem vornehmen Haus eine Geburtsanzeige erhält. Wie schon angedeutet, hatten Bernabò Visconti und seine Gattin Beatrice della Scala (Tochter des mit Petrarca bekannten Mastino della Scala von Verona), ihn zum Paten ihres ersten, am 26. November 1353 geborenen Sohnes erwählt, und er hatte sich sogleich auf einen passenden Namen für das Kind und auf seine Kunst besonnen, um zu Ehren des Täuflings eine Epistel in Versform vorzulegen: „Edler Knabe, von Gott geliebt“. Marcus sollte er heissen, wie Cicero und wie viele hochberühmte Männer, die der Dichter ihm vorstellt. Für die Kaiserin Anna und ihre Tochter denkt sich Petrarca eine Ehrung ähnlicher Art aus. Da kein Thronerbe zur Welt gekommen ist, tröstet der Dichter lie-
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benswürdig, auf den bescheidenen Anfang werde bald etwas Besseres folgen (3 ff.). Dann macht er sich ein Vergnügen daraus, eine Reihe hervorragender Frauen der Vorzeit seiner Adressatin bekannt zu machen. Mit einigem Stolz gebärdet er sich als Anwalt des weiblichen Geschlechts, um es gegen seine Verächter zu verteidigen. Frauen, die sich durch Weisheit oder Kunstfertigkeit auszeichneten, wie etwa Carmentis (8,5), oder heldenhafte Königinnen, wie Tomyris, die sich in grosser Gefahr bewährten, Gattinnen berühmter Feldherren und Könige, Semiramis, Hypsikrateia u. a. 8 ff., die grosse Treue bewiesen, stellt er mit wenigen Worten unter Angabe ihrer rühmlichsten Taten dar, findet sogar aus dem Mittelalter eine Italienerin, die er einer Ehrung für würdig hält (15). Auch rühmt er Beispiele grösster Opferbereitschaft (16 ff.) und entdeckt seiner Briefempfängerin am Ende, dass nicht von ungefähr sämtliche Weltteile und viele Städte nach Frauen benannt sind; es unterstreicht die hohe Bedeutung ihres Geschlechts (22 f.). Allerdings findet man die verehrungswürdigsten aller Frauen – wie könnte es anders sein – unter den Römerinnen, und die Beste der Besten ist Livia; treue Gattin und kluge Mitberaterin war sie dem grossen Kaiser Augustus (29). Christliche Märtyrerinnen und andere Heilige setzt Petrarca als bekannt voraus; bei ihnen hält er sich absichtlich nicht auf, und dass er keine deutsche Kaiserin hinzufügt, hat wohl verschiedene Gründe; die richtige unter ihnen zu treffen, die am Böhmenhof geschätzt wäre, schon das hätte eine Vorkenntnis erfordert, die er kaum besass. Überdies sollte keine Frau einer Livia den Vorrang streitig machen, und keine andere sollte der neuen Kaiserin zum Vorbild dienen als die beste. Eine letzte Auszeichnung aber, die Petrarca für die junge Mutter bereithält, ist wahrhaftig nicht die schlechteste, obwohl ihr das niemals bekannt wird: Kaiserin Anna, von Petrarca mit einem Gratulationsbrief geehrt, darf in seiner lateinischen Briefsammlung als einzige Frau neben den männlichen Adressaten einen würdigen Platz einnehmen; und in der Adresse steht sogar ihr persönlicher Name. Keine andere Zeitgenossin hat der Dichter bei ihrem Namen genannt (seiner hohen Liebe gedenkt er Fam. 2,9,18 allerdings mit dem Hinweis auf den Lorbeer), ja auch von den Männern, die ihm begegnen, bezeichnet er (wenn nicht alles täuscht) nur jene mit ihrem Namen, die er zu seinen geschätzten Freunden rechnet; sein Sohn zum Beispiel gehört nicht in ihren Kreis. Mit der eben besprochenen Gratulation geht die kurze Abfolge der ins Jahr 1358 datierten und an den Kaiserhof gerichteten Briefe zu Ende. Und wenn die eruierten Daten stimmen, wird der Leser erneut ins Jahr 1359 versetzt. Im Januar hat Petrarca gemeint, seinem Sokrates gegenüber feststellen zu müssen, dass sie einander schon alles mitgeteilt und nun nichts mehr zu sagen hätten (Fam. 20,15), doch es war ein unbedachtes Wort gewesen. Schon am 23. Juni sieht sich der Dichter gedrängt, in Fam. 21,9 den Freund, der sich von einem unerwarteten Schicksalsschlag bedroht fühlt, tüchtig zuzureden. Dem alternden Mann scheint der Verlust seines Amtes und gar eine Ausweisung „aus seinem Vaterland“ bevorzustehen.
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„Meinetwegen“, sagt Petrarca „wirst Du verfolgt,“ so jedenfalls sei ihm gemeldet worden (17). Neider seien am Werk. Jetzt gelte es, standhaft zu bleiben, wie das mit Gottes Hilfe möglich sei (5 ff.). Schon habe er „jenem hochstehenden Freund“ geschrieben, auf dessen Hilfe man bauen dürfe (21), und gerne lade er ihn nach Mailand ein, wo er hochwillkommen sei (23 f.). Diese und andere Freundlichkeiten sind da zu lesen und zeugen von Petrarcas echter Hilfsbereitschaft, mit welcher er nie hätte geizen wollen. Und dennoch befriedigt das Schreiben nicht, sondern scheint an einem beträchtlichen Fehler zu kranken. Möglich, dass eine Überarbeitung es ganz aus dem Lot gebracht hat. Höchst unpassend nämlich wirkt darin eine monströse Wucherung von Kernsprüchen (6–16). Petrarca wird ja nicht im Ernst geglaubt haben, ein gebildeter Mann, der im Freundeskreis seiner Reife und Besonnenheit wegen als Sokrates galt, habe einer wahren Salve trivialer Sentenzen bedurft, mit der man einen ganzen Kalender ausstaffieren konnte. Beleidigend hätte eine solche Vermutung sein müssen, eher kaltherzig als tröstlich. Doch wie verfehlt dieses Kunstprodukt in seiner letzten Fassung erscheinen mag, so steht es nun als Brief in den Familiares und erinnert daran, dass Sokrates noch lebt und in seiner Not von Petrarca nicht im Stich gelassen wird. Die Einladung nach Mailand nimmt er nicht an, es gehört ja zu seinem Unglück, dass er recht sehr unter seinem Alter leidet (23 f.). Rasch geht er jedoch auf die Ermahnung ein, sich an die Sorgue zu begeben. Dass er sich dort aufhält, vernimmt man später in Fam. 22,5,19. Und in diesem Tal verweilt er vielleicht eine längere Zeit, möglicherweise bis nah an den baldigen Tod im Jahr 1361. Ist der eben besprochene Brieftraktat nicht nach jedermanns Geschmack, empfiehlt sich um so besser das Schreiben 21,10 vom 15. Oktober 1359. Sein Adressat Neri Morando von Forlì, schon aus Fam. 20,1 und 2 bekannt, hat Petrarca seine Genesung gemeldet, und Petrarca wünscht ihm nicht allein Glück zu dieser guten Wendung, sondern fügt noch den Ratschlag hinzu (10,5 ff.), sich vom Waffenhandwerk abzukehren und sich seiner eigentlichen Bestimmung, nämlich den literarischen Studien zu widmen. Für seine Ermahnung hat er gute Gründe, ist doch der Freund schon infolge seiner Bindung an die genannte Gegend und an Ordelaffi sehr geneigt, sich an Kämpfen für ihn oder gegen seine Feinde zu beteiligen. Doch eine wichtige Kriegsentscheidung ist, wie oben gesagt, schon gefallen, da der genannte Stadttyrann sich im Juli den Truppen des Kardinals Albornoz ergeben hat. Sich vom Kriegswesen abzuwenden, wäre der Augenblick günstig. Bei seinen Ratschlägen vermeidet Petrarca diesmal übermässige Längen, und dann berichtet er über sich selber, über seine Liebe zu Cicero, die er wieder einmal verteidigt (8 ff.), berührt dabei das Problem der Vorsehung, die es Cicero versagt hat, Christus zu kennen, und erzählt schliesslich in einer dem Leser angenehmen Breite, welches Schicksal ihm ein Riesenkodex mit Cicero-Werken beschieden hat (16). Dabei deckt er kleine Besonderheiten der Einrichtung seiner Wohnung, seiner alltägli-
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chen Gewohnheiten, seines vertraulichen Umgangs mit seinem liebsten Freund aus der Antike auf, verrät etwas von seiner Art, mit Dienern zu verkehren und muss auch gestehen, dass er entgegen seiner entschiedenen Neigung die Hilfe von Ärzten hat beanspruchen müssen. Cicero, der vor langer Zeit sein Herz verwundet habe, trage nun auch die Schuld an der Verwundung des linken Beines. Die Vernachlässigung der kranken Stelle zwingt Petrarca schliesslich dazu, nicht bloss einem Arzt, sondern mehreren Ärzten zu gehorchen, also genau das zu tun, wovor er einst Papst Clemens VI. sehr ernsthaft gewarnt hatte (Fam. 5,19). Auch auf das Fatum kommt er zu sprechen, von dessen Eigenheiten er jetzt manches besser zu verstehen meint (22) als früher, und weiter auf den Aberglauben bei der Deutung von Links und Rechts (25). Damit ist dieser Brief abwechslungsreich und bietet eine vorzügliche Mischung von Abstraktem wie Konkretem, von Allgemeinem und Anschaulichem. Dass er ohne die kundige Pflege von Medizinern dem Tod kaum entronnen wäre, ist anzunehmen. Allzu lange hat er gezögert, die Verletzung ernst zu nehmen. Eine gewisse Kenntnis der Medizingeschichte lehrt aber, dass im 14. Jahrhundert die Kunst der Ärzte auf gewissen Gebieten gute Resultate erzielte, vornehmlich bei der Heilung von Wunden und bei chirurgischen Eingriffen, also genau bei jenen Übeln, die Petrarca verhältnismässig häufig an sich erlebte. Doch macht nicht die Wunde mit ihrer Heilung das Hauptthema des Briefes aus, sondern der Mann, der die Wunde herbeiführte, eben Cicero. Und sogleich im folgenden Brief 21,11 vom 15. Oktober (1359), der wiederum an Neri Morando gerichtet ist, wird Cicero nochmals geehrt, wenn auch mittelbar, nämlich in der Schilderung eines ihm gewidmeten begeisterten Kultes. Petrarca, der grosse Dichter, der die Verehrung antiker Helden und Gelehrter verbreitet und unter ihnen Cicero als den unvergleichlichen Meister der Sprachkunst bis zum Himmel erhebt, pflegt Beziehungen zu dem in Bergamo lebenden Grammatiker Crot(t)o, den man als Adressaten der Briefe Fam. 18,13 und 18,14 kennt (vgl. 20,11,1). Auch dieser ist ein Lobredner Ciceros; ja er hegt, wie schon angegeben, in seiner Bibliothek einige seiner Werke, so die Gespräche von Tusculum und lässt sich nicht lange bitten, wenn Petrarca ihm einen Bücherwunsch vorträgt. Von diesem Grammatiker ist in Brief 21,11 nicht die Rede, jedoch von einem anderen in Bergamo lebenden Mann, der Croto kennt, von einem einfachen, literarisch kaum gebildeten Goldschmied, den aber die Begeisterung für die Antike bis zum Verzicht auf alles, was er ist und erreicht hat, hinreisst. Kaum hat er von Petrarca, seinen Kenntnissen und seinem Ruhm gehört, hegt er keinen grösseren Wunsch, als den Dichter kennen zu lernen, seiner Gunst und seiner Freundschaft gewürdigt zu werden (3) und als sein gelehriger Jünger sich dem Studium der antiken Literatur hinzugeben. Ihm attestiert Petrarca hervorragende Kunstfertigkeit und einen ausgeprägten Sinn für das wahrhaft Schöne (2). Seinem Werben vermag er auf die Dauer nicht zu widerstehen (3), und seinen geradezu unbegreiflichen Lerneifer
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kann er nicht bändigen. Somit gibt Enrico Capra von Bergamo sein Kunsthandwerk auf, geht trotz seinem beträchtlichen Alter zur Schule (6) und hofft dabei, den Tag zu erleben, der seine ganze Erdenzeit verherrlichen würde, das heisst den Tag, an dem Petrarca, gleichsam als Verkörperung des Geistes der Antike, sein Haus in Bergamo mit seiner Gegenwart beehren werde. Wie nun der Wunsch des Anbeters zu dessen überschwenglicher Beglückung erfüllt wird, das erzählt der genannte Brief wunderbar lebendig. Petrarca, der vorerst unsicher war, ob sein wenig gebildeter Freund aus dem Handwerkerstand in seiner lateinischen Briefsammlung einen Platz zu finden würdig sei (7), hat ihm schliesslich mit gutem Grund einen recht breiten eingeräumt. Besser hätte nicht veranschaulicht werden können, wie gewaltig der Ruhm des Dichters sogar auf die breite Bevölkerung wirkte und wie mächtig sein Beispiel zur Beschäftigung mit der Antike über Jahre hinweg aufmunterte. Man erinnere sich an Fam. 13,7, wo zu lesen war, wie die moderne „Schreibwut“ den Mann, der sie verursacht hatte, zu ihrem Opfer machte. Den selben Einfluss übt die Autorität Petrarcas noch immer aus. Und mit einer gesunden Mischung von würdevoller Zurückhaltung und liebenswürdigem Entgegenkommen erfüllte er jetzt selbst den naivsten Wunsch gemäss seiner Möglichkeit. Ob es viel oder wenig Zeit war, die er sich das kosten liess: Jedenfalls trug sie ganz allmählich schöne Früchte, und ganz übersehen konnte er das nicht. Einen besonderen Reiz besitzt Fam. 21,12 vom 13. November (1359) an Francesco Nelli. Man entdeckt ihn nicht gleich am Anfang, sondern, wie so oft in den Schreiben Petrarcas, erst im zweiten Teil; jedenfalls wird es dem modernen Leser so vorkommen, weil er auf moralischen Unterricht weniger begierig ist als der Meister, ihn zu erteilen. An einer Fülle sich folgender Sentenzen fehlt es in Fam. 21,12 wiederum nicht, doch sind diese nun weniger knapp gefasst als in Fam. 21,9 und weniger dicht aneinandergefügt. Das Thema von der Kürze der Zeit behandelt Petrarca hier wahrhaftig nicht zum ersten Mal, doch nun legt er das Hauptgewicht auf das Sparen der Zeit und verbreitet sich über seine persönliche Methode des Sparens. „Alles hängt von einer genauen Zeiteinteilung ab“, so betont er (12,10), hierbei sei es nötig, die Augen für alle Möglichkeiten offen zu halten und alle Kräfte aufzubieten (14 ff.). Die Gefahr grossen Zeitverlusts rüttelt Petrarca vom Schlaf auf; und mit welchem Schrecken er oft mitten in der Nacht auffährt, schildert er nicht ohne ein kleines Lachen über die sonderbare Lage, die sich daraus ergibt. Bei der Dreiteilung eines Tages, die er vornimmt, gehört ein Drittel seinen „Kompetitoren“, das heisst: den Ansprüchen des Leibes auf erstens das Ausruhen und zweitens das Essen, und zwei Drittel des Tages rettet er für sich selber, das heisst für seine Studien. Dass er das aushalten werde, lässt er sich nicht ausreden. Er wird bei dieser Dreiteilung bleiben, so gibt er zu verstehen, und recht besehen, hat er sich schon seit längerer Zeit darin geübt. Denn er schildert (25 ff.) seinen Esstisch, auf dem unter verschiedenen Gegenständen seine Schreibfeder aufragt, dann die Ausstattung seines Bet-
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tes, welche Aufzeichnungen in nächtlicher Dunkelheit ermöglicht, und teilt voll Genugtuung mit, wie er sogar hoch zu Ross seinen Studien nachgeht. Erstaunen kann nach all dem nicht, dass er diesen Brief 21,12 um die Mitte einer langen Winternacht, nocte media, beendet, man kann sich denken: in einem kühlen Zimmer bei spärlichem Lampenlicht, doch vielleicht im gut ausgerüsteten Studienbett. Nicht von sich aus, sondern auf eine Frage seines Freundes Nelli gibt Petrarca im Brief 21,13 vom 7. Dezember zusätzliche Auskunft über seine Nahrung und Kleidung. Offen will er ihm gegenüber sein wie immer, doch ganz leicht fällt ihm das nicht. Etwas ist zwar allezeit gleich geblieben: Seine Abneigung gegen Prunk und Festgelage (4) ist ihm sozusagen angeboren, wie er unterstreicht, und kaum ein Werk der Tugend. Doch er ist älter geworden, er betrachtet im Spiegel seine müden Augen mit Verwunderung und mit einem Anflug von Rebellion (7). Nicht ganz klar ist, was er damit sagen will. Klar ist hingegen die Aussage, dass er in Mailand nicht mehr wie auf seinem Landgütchen, nämlich nicht wie ein Landbewohner lebt. „Dort habe ich,“ sagt er, „nach meiner Natur gelebt,“ „hier lebe ich nach dem Beispiel“ (11). Und um den Einfluss einer Ortsveränderung auf die Gesittung eines Menschen zu illustrieren, zieht er nicht irgendwelche Beispiele, sondern ehrenwerte Exempel aus der Antike bei (8 ff.); denn immer noch „sündigt“ er „lieber in Gesellschaft bedeutender Gestalten“ als in der Menge geringer Menschen (vgl. Fam. 17,10,5 und 10). Schliesslich gelangt er zum Eingeständnis, dass er nach Überwindung grosser Mängel sich nun schwer tut mit geringen. Wer kennt das nicht, wird man ihm erwidern. Am schwersten tut er sich mit der Eitelkeit, die es ihm verwehrt, einfache Kleider zu tragen. Auf dem Land war ihm die bescheidene Gewandung völlig vertraut und angenehm gewesen, jetzt würde er sich einer solchen schämen, und schon gar nicht wollte er in einem Philosophengewand auftreten (12 f.). Von Kampf ist die Rede und dass noch vieles zu tun bleibe, bis er die erstrebte Gelassenheit in allen Dingen erreicht habe (11). Doch nur ungern hört man sich immer wieder eine solche Gewissenserforschung der stoischen Art an und fragt sich dabei, ob unter seinen Freunden denn keiner war, der ihm diese selbstquälerische Prüfung und Konfession verwies. Gerade von Nelli zum Beispiel hätte man es doch wohl erwarten dürfen. Über eine Ortsbezeichnung jedenfalls wird sich dieser im Brief 21,13 gewundert haben. Jetzt erfährt er von einem Umzug Petrarcas und hört von einem Grund dafür. Der neue Ort hat gegenüber dem alten den Vorteil einer kleinen Hintertüre, durch die man, wenn unerwünschter Besuch kommt, aufs freie Feld entwischen kann (3). Dass es für den Wohnungswechsel noch andere Gründe gibt, ist selbstverständlich, aber Petrarca nennt sie hier nicht (vgl. Fam. 22,12), und Vorteile der genannten Art rühmt er nicht lange, weil ihn auffälligerweise mehr sein Verhalten gegenüber den „Eigentümern“ der Häuser, die er wechselt, beschäftigt. Er kommt zum Schluss, dass er weder den einen noch den andern beleidigt habe. Mit dem
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früheren, mit Ambrosius, wird er im Geiste verbunden bleiben (5), und der neue, das ist Simplicianus, hat mit dem anderen stets in grosser Freundschaft gelebt, beide also billigen den Wechsel. Das tönt wie spielerische Unterhaltung, hat aber im Munde Petrarcas den Beigeschmack echter Heiligenverehrung. Öfters hat er angedeutet, dass sein Haus bei der Kirche Sant’Ambrogio ihm etwas Tröstliches biete. Er fühlte dort die Nähe des Kirchenvaters, und zu seinem Bildnis in der Kirche pflegte er „voll Verehrung aufzublicken“, dies um so lieber, als er, ohne viel zu fragen, einer Beteuerung Glauben schenkte, es sei ein getreues Abbild des Heiligen (Fam. 16,11,11). Natürlich rechnete er damit, dass Nelli seine Gefühle verstehe. Das selbe setzte er auch beim Grammatiker Moggio voraus, denn als er ihn in sein Haus einlud, meinte er, sein Angebot werde ihm auch darum angenehm sein, weil ihm „Ambrosius benachbart sein werde“ (Fam. 19,5,9). Gelangt er nun zu seiner neuen Wohnung beim Kloster San Simpliciano, will er sogleich über dessen Leben unterrichtet werden; und dass man ihm nur das billige Machwerk eines Stümpers in die Hand drückt, ärgert ihn gewaltig. Christen können sich an diesem Vorbild nicht erbauen, wenn sie es nur in bedeutender Entstellung zu sehen bekommen (6 ff.), so lautet seine Kritik. Er ist jedoch auch enttäuscht, dass er persönlich über den alten Bischof nichts erfährt, ausser was er dank den Confessionen Augustins schon weiss, und eben das hält er in seinem Brief jetzt fest. Er sucht nicht nach irgendwelchen Heiligen, aber er schätzt die der Bibel und hat für die Kirchenlehrer und Mönche des frühen Christentums eine Vorliebe, ja fügt seinen Werken über das einsame Leben und über klösterliche Beschaulichkeit auch Gestalten des Mittelalters ein. Es sind immer sehr ernste würdige und reife Männer, die vor Gott und den Mitmenschen ihre Pflicht erfüllen. Und mit dem volkstümlichen Heiligenkult des Spätmittelalters hat er nichts gemein. Da er beim Aneinanderreihen seiner Briefe verschiedene Rücksichten wahrnimmt, ohne sie anzugeben, und von vielen seiner Regeln keine strikt befolgt, gestattet er nicht, dass man für eine Zuordnung und Angliederung regelmässig gute Gründe wenigstens erahnen könne. Immerhin leuchtet manche seiner Platzanweisungen ganz unmittebar ein. Der Brief 15, der Buch 21 beschliesst, ist dessen Krönung. Dante, Petrarca und Boccaccio sind da zu einem Dreigestirn so sichtbar vereint, wie in keinem anderen Text der Sammlung. Boccaccio, der dem Freund Petrarca gegenüber seine grosse Verehrung für Dante bekann hat (Notiz zu Fam. 20,6), befürchtet im nachhinein, eine Unhöflichkeit begangen zu haben und entschuldigt sich, hört dann aber von Petrarca selber auch Worte der Hochschätzung für den selben überragenden Dichter und zugleich eine Rechtfertigung der eigenen Person. Es ist eine unverständige Menge, die ihn des Neides verdächtigt. Petrarca verteidigt sich nüchtern und überzeugt um so leichter, als er dabei Charakterschwächen seiner Jugendzeit nicht verschweigt (11–13) und schliesslich auch bekennt, dass er ganz allgemein von Neid vielleicht nicht immer so völlig frei war, wie er das
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einst von sich geglaubt hat (5 und 20). Dante gegenüber, das allerdings weiss er gewiss, hat er nie Neid verspürt, es fehlten dafür, so legt er dar, die Voraussetzungen, ja es gab eigentliche Hinderungsgründe (21 ff.). Die Palme für volkssprachliche Dichtung reicht er ihm freudig ohne irgendwelche Einschränkung. Aufschlussreich und einleuchtend sind seine Angaben zu seiner frühzeitigen Abkehr von der Lektüre Dantes. Es entspricht seiner Wesensart, dass ihn die Angst vor Imitation und vor Unfreiheit davon abhielt und ihn schliesslich zum Entschluss bewog, auf volkssprachliche Dichtung möglichst zu verzichten. Was Dante erleben musste, dass nämlich sein Werk in allen Kneipen und auf Marktplätzen zitiert und besprochen wurden: inter ydiotas in tabernis et in foro (15), das will Petrarca sich und seinen Werken ersparen. Immer hat er es ausgesprochen, dass er die grosse Menge und ihr Urteil verachtet. Einzelne aus der Menge, wie Enrico Capra (Fam. 21,11) hat er allerdings freudig zur Kenntnis genommen und gerne gefördert. Hart abweisend sind seine Äusserungen über die stets anmassenden literarischen Urteile der unkundigen Schreier (14 ff.); vor ihnen graut ihm sogar, wenn sie ihn loben, wie vor gezielten schweren Beleidigungen. Und grosses Bedauern empfindet er für jeden Dichter, dessen Kunst in die Hand von Dilettanten gerät und da notwendigerweise zerrissen und zerstört wird (17). Er, Petrarca, hätte einen Dante gerne verteidigt, und zwar eben gegen seine lächerlichen Lobhudler, diese perfekten Ignoranten, wie er meint, „die weder verstehen, was sie preisen, noch verstehen, was sie tadeln“ (16 ff.); er erlebt ja zu seiner Qual an seinem eigenen Leib und Werk ein ähnliches grobes Unrecht wie jener. Was er jetzt nur andeutet, wird er breit in Altersbriefen darlegen (vgl. z. B. Sen. 2,1). Hier aber, in Fam. 21,15,26, fordert er kurz die Übelredner und Intriganten auf, endlich von Verdächtigungen zu lassen und seiner Verteidigung zu glauben. Dann wendete er sich rasch einem erfreulichen Thema zu, nämlich um Boccaccio für seine Freundschaft zu danken. Vor kurzem hat er ihn – wie man weiss – bei sich beherbergt (Fam. 20,6 und 7) und geniesst eben noch den Gedanken daran. Doch erinnert er sich jetzt besonders gern an ihre erste wunderbare Begegnung, als er endlich zum ersten Mal seine Vaterstadt Florenz betreten durfte. In seinen Worten bebt noch die Erregung, die ihn bei dieser Heimkehr gepackt, und etwas vom Jubel nach, den Boccaccios stürmischer Empfang ihm damals geschenkt hat. Niemals möchte er ihm an Wohlwollen und Liebe weniger zurückgeben, als die berühmtesten und besten Freunde der Antike sich gegenseitig einst zu schenken vermocht haben.
Im Buch 21 datieren 4 Briefe vom Jahr 1357, 4 folgende von 1358 und die übrigen von 1359. Von den insgesamt 15 Schreiben richten sich ihrer 6 an die höchsten Persönlichkeiten am Kaiserhof in Prag, nämlich 2 an den Erz-
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bischof Ernst, 2 an den Kanzler Johann, 1 direkt an den Kaiser und 1 an die Kaiserin. Beharrlich empfiehlt Petrarca den Ritter Sagremor der Gunst des Hofes. In Freundesbriefen findet man Mitteilungen über Petrarcas häusliches Leben, über Tageseinteilung, veränderte Gewohnheiten, über den neuen Wohnort bei San Simpliciano. Für das Ansehen des Dichters beim Volk spricht die Begeisterung eines Goldschmieds, ihm gewährt Petrarca einen Ehrenplatz in seinen Briefen. Boccaccio veranlasst ihn zu Äusserungen über Dante. In einer Verteidigung der Dichtkunst geisselt Petrarca die anmassenden Urteile der ignoranten Menge.
Im Buch 22 trägt die Überschrift des Briefes 1 den Namen „Pandolfo Malatesta der Jüngere“. Am 11. September, wohl im Jahr 1362 wurde er verfasst und dennoch unter die Familiares eingereiht, nicht unter die Seniles. Denn das Todesjahr 1361 von Sokrates, dem die erste Sammlung gewidmet ist, bedeutet für Petrarca keine klare Trennungslinie zwischen den beiden. Er wünscht, Pandolfo möge in der früheren geehrt werden, weil er kurz vor ihrer Veröffentlichung gar nicht weiss, ob die soeben neu begonnene während seines Lebensrestes etwas Ansehnliches werden könne (vgl. Fam. 23,20 und 24,13). Ihm sogar den Platz am Buchanfang einzuräumen, das verlangt sein hoher Rang. Pandolfo wurde in dieser Übersicht schon genannt, jedoch noch in keinem Brief des Dichters. Kurz sei daran erinnert, dass er 1356 als Condottiere im Dienst der Visconti stand und in Mailand mit Petrarca verkehrte, dann von dort floh und sich bald darauf in Venedig niederliess, um da wie überall gegen die Visconti zu agitieren. Diese wollten eine solche Feindseligkeit nicht einfach hinnehmen, begnügten sich aber vorerst damit, Aldobrandino d’ Este, den Herrn von Modena und Ferrara, gegen ihn aufzuwiegeln. Das besorgte in ihrem Auftrag wenigstens teilweise der Dichter, der die Aufforderung nicht abzulehnen wagte, dabei aber wohl zum vornherein annahm, der Freund werde ihn nicht missverstehen (R. Weiss 83 f.). Dieser nahm die Tat nicht übel auf. Er trat bald in den Dienst von Florenz und war siegreich in einem Gefecht gegen die Scharen des berüchtigten Söldnerführers Landau, kämpfte dann auch im Sold des Kardinals Albornoz bis 1363 und beteiligte sich am Streit um Bologna, das schliesslich im März 1364 den Visconti weniger abgekämpft als vielmehr abgekauft wurde. Wann Petrarca mit ihm neuen Kontakt aufnahm, wissen wir nicht. Er wandte sich noch vor dem Friedensabkommen zwischen der römischen Kirche und Bernabò Visconti an den Kanzler Benintendi in Venedig mit der Bitte um einen Wohnsitz in jener Stadt (vgl. oben), und genau von dort datiert das Schreiben an den Condottiere, das den Familiaren eingereiht wurde: Venedig, am 11. September
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(1362). Petrarca schreibt nicht von sich aus sondern in Beantwortung einer Frage. Einen Rat erbittet sich Pandolfo, er möchte von ihm hören, ob er – kinderlos, wie er ist – noch einmal heiraten solle. Nun legt ihm Petrarca nahe, eine Ehe einzugehen, dies jedoch einzig mit Rücksicht auf seine Verpflichtungen gegenüber seiner Verwandtschaft und seinem Vaterland (8), wobei er ihn warnend an eine Weisheit des Sokrates erinnert und annimmt, dass sie ihm bekannt sei; er darf bei ihm ja eine ziemliche Bildung voraussetzen (1). Pandolfo beherzigt alle seine Ratschläge, was man dank anderen Quellen weiss. Er heiratet tatsächlich, und er sucht sich, gemäss einer anderen Empfehlung Petrarcas, eine Gattin nicht in der Nachbarschaft, sondern eine in der Ferne. Seine Erwählte ist eine Römerin, eine Tochter des Bertoldo Orsini (schon oben zum Jahr 1353 erwähnt), und wir dürfen hoffen, dass sie „in seiner ehelichen Liebe so zufrieden ruhte,“ wie es der Dichter (weniger zu ihrem als zum Glück ihres Gemahls) von ihr erwartete. Sie schenkte ihm jedenfalls die erwünschten Kinder, und wie gut er für deren Bildung und Erziehung sorgte, wussten verschiedene Zeitgenossen sehr zu loben (vgl. R. Weiss). Mit Petrarca blieb er verbunden (vgl. Fam. 23,20) bis zu seinem Tod 1373. Dass er sich trotz allen früheren Hetzreden gegen die Visconti später an ihrem Hof in Mailand wieder zeigen durfte, ist gewiss wenigstens zum Teil als ein Verdienst des Dichters anzusehen, der sich als Friedensstifter wahrlich einen Namen gemacht hat. Doch jetzt sei einzig noch an jene Versöhnung erinnert, die er zwischen Azzo da Correggio und den Visconti zustande gebracht hat (vgl. oben). Das Schreiben an Pandolfo wirkt in der Reihe der Familiares als ein Einschub. Es sprengt nicht allein den zeitlichen Rahmen, den Petrarca seiner Sammlung gegeben hat, es trennt auch zwei wichtige Briefe an Boccaccio, die unter sich durch ihre ähnlichen literarische Gedanken verbunden sind und beide im Jahr 1359 geschrieben wurden. Von diesen könnte man meinen, sie sollten in Buch 20 stehen, wo unter den Nummern 6 und 7 vom Besuch Boccaccios in Mailand berichtet wurde. Selbstverständlich aber hat Petrarca die etwas sonderbare Trennung des Zusammengehörigen gewollt und wird seine Gründe gehabt haben. In Brief 22,2 vom 8. Oktober wiederholt er also, wie sehr ihn die Abreise des Freundes beunruhigt habe (vgl. Fam. 20,7,4), und dann berichtet er über die Arbeiten, die ihn seither beschäftigen. Indem er seine Eklogen verbessert, fallen ihm sowohl Mängel wie auch Vorzüge seiner verschiedenen Lektoren auf, und will er das Facit seiner Vergleiche knapp zusammenfassen, kann er es zu einem Widerspruch zuspitzen: Die besten sind nicht die besten. Er meint aber, dass schwerfällige, gar stumpfe Lektoren oft kleine Unstimmigkeiten aufdecken, welche geistig regsame Leser, wie Boccaccio, leicht übersehen (4 ff.), und bringt zu dieser seiner Entdeckung gute Vergleiche aus dem Alltag. Manches, was er hier überlegt, ähnelt überdies den Ausführungen in Fam. 18,5,4. Er notiert verschiedene Fehler in den Texten auf einem besonderen Blatt und bittet Boccaccio, die nötigen Verbesserun-
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gen vorzunehmen (7). Hierauf verrät er, wie und weshalb er sich manches Gelesene tief einprägt oder was er bloss im Vorbeigehen zur Kenntnis nimmt, worauf er ihm eine weitere Sonderbarkeit anvertraut: Was das Gedächtnis besonders gut festhält, das kann am leichtesten täuschen. Eben erst ist ihm das bewusst geworden (2,8 ff.). Und diese Täuschung besteht darin, so führt er aus, dass man etwas dem Kopf so fest einprägt und so gut festhält, bis man es als ein eigenes Erzeugnis oder eine eigene Formulierung ansieht, obwohl man es von einem anderen bezogen hat. Sehr bezeichnend ist, dass Petrarca diese Entdeckung sehr wichtig nimmt. Denn zu jeder Zeit plagt ihn die Furcht, er könnte, ohne es zu beachten, für etwas Eigenes ausgeben, was nicht von ihm stammt, oder es könnte jemand vermuten, er habe etwas mit Absicht übernommen, und er sei unfähig, sich unabhängig von andern in einer eigenen Sprache auszudrücken. Sein peinliches Vermeiden aller Anleihe und Nachahmung muss er daher immer neu unterstreichen (13 ff. und 20 f.); die Skrupelhaftigkeit gehört zu seinem Wesen, aber sie wächst in der Angst vor den Neidern, die ihn streng beobachten. Ehrlichkeit, aber nicht sie allein, sondern auch Stolz fordern von ihm noch immer gegen jede Art von Imitationen den Gebrauch jener Schutzmassnahmen, die er in früher Jugend gegen Dantes Einfluss angewandt hat (21,11 ff.), und eben so ängstlich wie selbstbewusst meidet er auch später jede Gefahr des Nachahmens, solange er lebt. Daraus ergibt sich auch immer wieder ein Grund, sich über Originalität zu äussern, nämlich vor allem anzugeben, wie man sie erwirbt. Wie kann man etwas übernehmen und sich so aneignen, dass es nicht gestohlen ist und dass es etwas Neues unverfälscht Eigenes wird. Jetzt fasst er kurz und mit neuen Worten das zusammen, was er in Fam. 1,8 in früheren Jahren breit und mit Hilfe sehr schöner Bilder ausgeführt hat. Besser kann er den Weg zur Originalität aber nicht bezeichnen als mit dem Bienengleichnis, das schon Seneca gekannt hat (ebenda). Hierauf versucht er seine eigene dichterische Besonderheit zu bestimmen (18 ff.). Und erst nach dieser Abschweifung gibt er endlich den eigentlichen Zweck seines Briefes an: Tatsächlich hat er mit Hilfe des etwas schwerfälligen Lektors in einem Hirtengedicht, das Boccaccio mit sich nahm, zwei Formulierungen entdeckt, von denen er plötzlich erkennt: Die sind nicht sein Eigentum; die muss er irgendwo aufgegriffen haben. Und sein glänzendes Gedächtnis, mag es ihn zuerst gefoppt haben, muss ihm am Schluss dennoch dienen. Es gibt ihm an, woher er die Wendungen bezogen hat, worauf er diese ausstreicht und durch eigene ersetzt. Boccaccio aber wird gebeten, die alten im angegebenen Sinn zu ändern. Glücklich wird er immer sein, so betont er, wenn ihn andere auf solche Fehler aufmerksam machen, und das um so mehr, als die Neider jedes Versehen falsch und zu seinem Nachteil zu deuten bereit sind. Doch selbst die Vorwürfe solcher Feinde wollte er annehmen, erklärt er noch, sofern sie nur einen kleinen Kern von Wahrheit enthielten (29). Dass Boccaccio alles Anbefohlene zuverlässig ausführt, darauf kann er bauen.
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Wiederum von Korrekturen handelt 22,3. Im März (1363 oder gar 1364?) meldet Petrarca einem anderen Freund, nämlich Barbato, nach Neapel von seiner Beunruhigung, die ihn bei einer Überprüfung von Texten befallen hat. Ihm hat er einst die Sammlung der „Briefe in Versen“ zugesprochen (Fam. 1,1,11), dann hat er ihm einige frühe Gedichte auf häufiges Betteln hin unter der Bedingung ausgeliefert, dass er sie niemandem zeige, meinend, er könne Zuverlässigkeit erwarten. Mit gutem Grund deutet Petrarca jetzt auf Barbatos Mangel an nüchterner Kritik hin (vgl. Var. 22 an Barbato), macht dann klar, jene dichterischen Werke könnten einer strengen Beurteilung kaum genügen, und unterdrückt auch seinen Ärger nicht, dass Barbato einige der schon empfangenen metrischen Briefe herumgeboten habe. Ändern lässt sich das nicht mehr, aber dass es bedauerlich ist, muss Petrarca vor dem Freund betonen. Er wird eine verbesserte Fassung vorlegen und darauf bestehen, dass alle früheren, verstreuten, auch kopierten und verfälschten metrischen Briefe nach der neuen Fassung verbessert (oder vernichtet) werden. „Ich schenke Dir, was ich Dir lieber verweigern wollte“, sagt er abschliessend, und ist klug genug, dafür zu sorgen, dass samt seinen Gedichten auch diese seine Worte mit der in ihnen liegenden Selbstkritik an die Öffentlichkeit gelangen. Was er immer wieder erlebt, nämlich einen Übereifer unzuverlässiger Freunde, das erduldet er, wie angedeutet, besonders häufig von diesem Barbato. Schlechte Erfahrungen hatte er mit ihm schon 1341 in Neapel gemacht, denn kaum war dort von der Africa gesprochen worden, hatte sich der Hofmann unter vielem Drängen die Kopie eines schon vorhandenen Stückes von 34 Versen verschafft und schon damals sein Versprechen, niemandem etwas davon zu zeigen, gebrochen. Ähnlich hatte er später gehandelt, und einzig sein oft geäussertes Verlangen nach der Herausgabe der ganzen Africa ist immer eisern zurückgewiesen worden (Fam. 12,7,5; vgl. Boccaccios Epist. 12). Seine Bewunderung für alles, was von Petrarca stammte und seine wiederholten Bitten um Zusendung von Werken, sind aber ein geeignetes Thema gewesen, die Korrespondenz der Freunde immer neu zu beleben. Im Gegensatz zu Brief 22,3 enthält Fam. 22,4 vom April (1363 oder eher 1364, falls Barbato erst im späteren Jahr verstarb; vgl. Doti, Vita 374) im Datum die Ortsangabe Venedig. Der Empfänger, wiederum Barbato, schliesst daraus voreilig (sofern die Jahreszahl stimmt), Petrarca habe sich endgültig von Mailand gelöst und jubelt über diese Wendung der Verhältnisse (Wilkins, Studies 247 f.). Nun empfängt er eine neue Freude, weil ihm der Dichter eine ungemein grosse Anhänglichkeit ausdrückt und gar von einer grossen Sehnsucht berichtet. Möglich, dass sie sich einmal entgegen aller Erwartung wiedersehen (9), so lautet da Petrarcas Hoffnung. Jedenfalls gibt es ein Trostmittel in der Trennung, sagt er, und nennt das selbe, das er auch anderen Freunden empfohlen hat (so vor allem dem alten Dominikaner Giovanni Colonna Fam. 2,6,3 und besonders 6,3,64): Wahre Freunde müssen wissen, dass sie zu jeder Zeit geistigerweise beisammen sind. Was
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man von Petrarca schon früher gehört hat, das wird nun ganz phantastisch bis in Einzelheiten ausgemalt: „Das Buch, das der eine zur Hand nimmt, wird der andere öffnen; was der eine ins Auge fasst, wird der andere lesen;“ usf. (4); damit vermögen dann die beiden Freunde die Grausamkeit des Schicksals, fortune violentiam, zu mildern (9). Nach so viel Liebesbezeugung ist der Neapolitaner nicht weniger als je bemüht, sein altes Ziel zu erreichen, und hat er einst (Wilkins, Studies 250) in seinem Garten grosse Verehrer des Dichters (wie Zanobi und Boccaccio), auch mehrere Hofleute wie Acciaiuoli, Orsini versammelt, weil er meinte, ihren vereinten Kräften und mit einem allgemeinen Aufruf an die Adresse des Dichters werde es endlich gelingen, ihn zur Herausgabe seiner Werke zu zwingen, ja ihm endlich das wichtigste unter allen, die ungeduldig erwartete und den Zeitgenossen längst geschuldete Africa zu entreissen, hofft er nun Jahre später, in einem neuen Anlauf werde es gelingen. Aber Boccaccio hält die ganze Unternehmung für aussichtslos, wie er Barbato mitteilt (Epist. 12), und im Herbst 1363 (oder 1364) stirbt die treibende Kraft Barbato selber. Wenn er mit seinem Drängen und seinen Grossaufgeboten zur Überwindung von Petrarcas Widerstand etwas erreichte, so war es am Ende dessen gewaltige Entrüstung über den Streich, den er ihm gespielt hatte. In Sen. 2,1 an Freund Boccaccio (wohl von 1364) schilderte der Dichter endlich in nicht geringem Zorn, wie dem jungen Barbato damals im Jahr 1341 geglückt war, vierunddreissig Verse der Africa an sich zu bringen, und wie er in der Folge es verschuldete, dass diese Verse durch Kopisten jämmerlich verpfuscht und zerrupft wurden. Das also musste ihm, dem skrupelhaft besorgten Dichter, der grosse Verehrer antun! Dessen ungeachtet wahrte er jenem seine Liebe auch über den Tod hinaus. Nur einen Nekrolog wollte er für ihn nicht verfassen und konnte es auch gar nicht. Er sagte, ihm fehle die hierzu nötige Kenntnis; er wisse nichts von seiner Lebensweise, nichts von seinen häuslichen Einrichtungen, auch nichts von seiner „Familie“, oder von seinen Ämtern, rein nichts von den Werken, die der bedeutende Literat doch wohl verfasst haben müsse (Sen. 3,4)! In den zweiundzwanzig Jahren des schriftlichen Kontakts – und einen anderen erlangten sie in dieser Zeit ja nicht – war von all diesen Dingen niemals die Rede gewesen. Im Ruhm Petrarcas war Barbato aufgegangen, und Petrarca hatte es ihm gegönnt, ohne sich rechtzeitig zu fragen, wie sehr ihm das schaden könne. Ein Tadelbrief ist auch das folgende Schreiben, zeugt von echter Freundschaft, hat aber im Gegensatz zu den eben erwähnten Schreiben an Barbato trotz seiner sehr überlegten Sprache nichts Gemachtes und Geschraubtes an sich. In Fam. 22,5 vom August 1360 freut sich Petrarca, weil er vernommen hat, dass Bischof Philippe von Cavaillon, dem Vaucluse und sein eigenes kleines Gut untersteht, von einer Reise im Auftrag des Papstes in seine Diözese zurückgekehrt ist. Er hat schon früher, als er noch in der Provence weilte, die Abwesenheit des Bischofs mehrmals bedauert, so nach 1343, als dieser eine päpstliche Mission in Neapel auszuführen
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hatte (Fam. 5,3,12,ff.), dann wieder 1351, als er einen anderen, unbekannten Auftrag der Kurie erledigte (Fam. 11,15), und schon damals hatte er es für richtig angesehen, den Bischof zu ermahnen, sich von seiner Diözese nun nicht mehr zu entfernen. Doch erneut ist der Bischof von der Kurie ausgesandt worden, und jetzt setzt Petrarca ihm härter zu. Kein anderer Bischof hat seine Herde so häufig betrübt hinterlassen (8). Die Aufgabe, die der Papst ihm gestellt hat, sind viele andere ebensogut zu erfüllen befähigt (5). Als Geldeintreiber war er eben jetzt in Deutschland tätig gewesen; und gerade das steht einem Bischof besonders schlecht an; und zudem – das zu betonen, gibt es ebenso gute Gründe – ist dieser Auftrag gefährlich (13); jedermann weiss, dass wütende Angriffe auf die Geld fordernden Beamten nicht selten sind, schon gar nicht, wenn sie von der Kurie kommen. Wofür überhaupt Geld benötigt werde, das möchte er denn doch wissen, denkt Petrarca, aber er hätte einiges wenigstens vermuten können; denn ausser für die allzeit üblichen Ausgaben der Kirche benötigte man jetzt besondere Summen zum Beispiel für einen geplanten Kreuzzug und dann auch für die Wiederherstellung des Kirchenstaates. An Geldmangel an der Kurie zu glauben, fällt dem Dichter allerdings nicht leicht, weil er sich zu gut daran erinnert, für welch grossartigen Lebensstil dort Geld verschwendet wird. Mit vollem Recht unterstreicht er dagegen die Pflicht der Bischöfe, in ihren Diözesen anwesend zu sein und da als Seelsorger zu amten. Um dieser Aufgabe nachzukommen, so gestattet er sich zu behaupten, dürfe man sich Befehlen des Papstes entziehen, und wäre es mit Hilfe von Listen und Verstellungen (9 f.). Dass der sittenstrenge Priester ihn missverstehen könnte, braucht er in der Tat nicht zu befürchten. Doch am Schluss zeigt er ein herzliches Bedürfnis, noch einen Wunsch für seine eigene Person anzubringen. Die Art, wie er ihn ausdrückt, erinnert an Formulierungen im vorangehenden Schreiben an Barbato (22,4,9), und doch ist der Ton ein völlig anderer. Vielleicht könnte er doch noch irgendeinmal, ja „wenn es am wenigsten zu erwarten ist“, beim Vater Philippe auftauchen, gleichsam mitten unter seinen Büchern – wunderbar wäre das –, und dann am grünen Ufer der Sorgue entlang gehen, bis dorthin, wo sie rauschend vom Felsen herabstürzt. Diese Sehnsucht ist echt und lebendig, eine nach wahrer Heimat und wäre niemals durch eine erkünstelte Vergegenwärtigung zu besänftigen. Dass sich eben zur selben Zeit sein Sokrates in der Vaucluse aufhält, weil Petrarca ihm diesen stillen Ort vor kurzem zur Erholung, ja als Zufluchtstätte empfohlen hat (21,9,22), verstärkt wohl sein Verlangen, auch dort zu sein. Doch obwohl er noch vierzehn Jahre weiter leben und sogar nochmals nach Frankreich reisen wird, gelingt ihm nicht, sein Tal und sein Haus wieder zu besuchen. Der Bischof, so bittet er, möge dem alten Freund alles Liebe tun, was immer er ihm, Petrarca, zu tun gewohnt gewesen. Und dann erlebt er – wie Brief 22,6 vom 17. August (1360) verrät – dass ihm ein anderer sehnlicher Wunsch in Erfüllung geht. Davon berichtet er an Zanobi,
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der jetzt in Avignon ist. Niccolò Acciaiuoli, der Regent Neapels, von ihm seit Jahren aus der Ferne sozusagen angebetet, kommt nach Mailand und verachtet es nicht, den Weg zu seinem Haus unter seine Füsse zu nehmen. Der hohe Gast, Maecenas tuus, wie Petrarca zu Zanobi sagt, hat sich eben nicht allein für einen Visconti, also für Augustum meum, sondern sogar für Petrarca und für eine Besichtigung seiner Bibliothek einige Zeit genommen. In allem, was er sagte und tat, war er so vornehm, so würdig und zugleich so bescheiden gewesen, dass nicht allein Petrarca, so jedenfalls meint er, sondern auch den anderen Anwesenden beinah die Tränen aufstiegen. Da er sich als Feldherr bewährt hat und zugleich edle Studien fördert, kann er mit dem grossen Pompeius verglichen werden (2), und da er nun den Philosophendichter Petrarca besucht, ergibt sich folgerichtig, wer als ein zweiter Poseidonios zu betrachten ist. Nie wird bei solchen und ähnlichen Gegenüberstellungen klar, ob damit das 14. Jahrhundert erhöht oder die Antike erniedrigt wird; klar ist nur, welches Ziel Petrarca in seiner Phantasie aufstellt. Zur Verherrlichung seines Idols spricht er eine Zukunftsvision aus: Von nun an wird das bestimmte Haus am Stadtrand Mailands von allen Liebhabern wahrer Mannhaftigkeit, Tüchtigkeit und hoher Gesinnung aufgesucht werden. Und wenn er nun in seiner Bibliothek steht und solchen Gedanken nachhängt, ist er kaum weniger berauscht von dankbaren Gefühlen als sein eigener liebenswürdiger Verehrer Enrico Capra es war, als er einmal ihn, Petrarca, bei sich aufnehmen durfte (Fam. 21,11). An der gewaltigen Ehre übrigens, die Acciaiuoli dem Dichter erweist, bekommt der einst in Neapel geschätzte Zanobi da Strada reichlichen Anteil, denn Petrarca, der vom grossen Ereignis Kunde gibt, betont dabei, von ihm vor allem sei beim besagten Besuch gesprochen worden: precipuus de te sermo (3). Sollte dieser Satz auch Boccaccio bekannt geworden sein, dem die Vorliebe des Regenten in Neapel für Zanobi einst lästig gewesen war (Epist. 9 vom Jahr 1353), wird er alles auf seine Weise gedeutet und sich kaum noch aufgeregt haben. Mag der modernen Nüchternheit die phantasievolle Verklärung eines zwar tüchtigen, aber durch Reichtum verwöhnten und selbstbewussten Gross-Seneschalls reichlich fremd vorkommen, so wird sie doch das nächste Schreiben 22,7 ganz unmittelbar berühren. Der hier ausgedrückte Schmerz eines Vaters über das feindselige Verhalten des eigenen Sohnes erfordert Mitgefühl. In manchen anderen Schreiben gesteht Petrarca zu irgend einem traurigen Ereignis, dass ihm Tränen in die Augen steigen; hier hingegen fehlt ein solcher Hinweis, weil die Gemütsregungen des Schreibenden zu stark sind, um gleichzeitig eine Selbstbeobachtung zuzulassen. Der Anfang nimmt sich wie eine Fortsetzung von Streitreden zwischen Vater und Sohn aus. Aber Giovanni ist nicht da; er ist vom Vater weggegangen (oder geschickt worden), und ob ihm jetzt die erbetene Erlaubnis zur Rückkehr gegeben werden soll, ist eine Frage, die Petrarcas alten Zorn hoch aufwallen lässt und wahre Verzweiflung auslöst. Wie kann man einen Sohn aushalten, wenn er all dem, was
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der Vater ist und tut und hochhält, schamlos seine Andersartigkeit entgegensetzt und ihm mit Hohn begegnet (5)! Seine Geduld ist aufgebraucht (7 ff.), die lange Marter hat den alten Mann gebrochen. Ganz genau erinnert er sich vor allem auch an alle Äusserlichkeiten, die er an seinem Sohn nicht ausstehen kann, etwa die Art zu gehen, den Körper zu bewegen, mit dem Kopf zu nicken und anderes mehr (8 ff.)! Alles das ist Ausdruck der Überheblichkeit, und der junge Mann muss es ablegen, bevor er dem Vater wieder unter die Augen kommt. Ein Meisterstück ist diese Darstellung, und es dürfte schwierig sein, in der Literatur zum Vater-SohnKonflikt auf ebenso wenigen Zeilen etwas ebenso Eindrückliches zu finden. Petrarca wäre übrigens sich selber untreu, wenn er das ihn aufwühlende Problem, das sein Sohn ihm stellt, in der zweiten Hälfte des Briefes nicht von einer ganz anderen Seite angehen würde. Er wirft nun einen Blick auf sich und findet für seine harte Beurteilung unter anderen Ursachen eine grosse Liebe. Eben sie ist vielleicht allzu fordernd und zu streng; denn das Geliebte soll vollkommen sein. Zugleich sucht er nach jener Macht, die Sünden vergeben kann, und verweist den Sohn an diese (11 ff.), zeichnet ihm aber den langen Pfad einer Bekehrung vor, weil es nicht sein darf, dass sich Giovanni den Bussgang als etwas Einfaches vorstelle. Und schliesslich kann er nicht anders, als sich auf seine eigenen Mängel zu besinnen, da er solches ja gewohnt ist, und so gesteht er denn, dass er einem Knecht „als ein Mitknecht“ vergeben muss, um vom gemeinsamen Herrn die Verzeihung, deren er selber auch bedarf, erlangen zu können. Seine Vertrautheit mit dem Neuen Testament erfordert das (Mt. 18,27 ff. und das Gebet des Herrn). Der ganze Gedankengang ist mit sicheren Strichen scharf und überzeugend gezeichnet, ohne dass ein falscher Ton sich einmischen könnte. Entschlossene Strenge wahrt sich Petrarca bis ans Ende. Er wiederholt: Seinem Sohn gegenüber ist er zu gutmütig und zu weich gewesen (5 und 23), und diesen Fehler wird er nicht noch einmal begehen. Deshalb bleibt dem Leser ein Zweifel, ob er Giovanni wieder bei sich aufnehmen werde oder nicht, und auf eine Antwort muss er warten (vgl. Fam. 22,9). Das eben angeführte Schreiben ist in Mailand, am 30. August (1359) verfasst worden. Das folgende, nämlich 22,8, ist auf Januar/März 1360 anzusetzen. Petrarca, so scheint es, will etwas völlig anderes rein zur Unterhaltung einschieben. Er beschreibt seinem Sokrates in Avignon einen Gast, den er lieber gehen als kommen sieht, und spottet über sich selber, weil er ihn wegen eines heftigen Regens zum Bleiben aufmuntert, wo er ihn doch lieber gleich fortschicken wollte. Dass der Kerl, um den es sich handelt, recht unangenehm ist, weiss Sokrates dank eigener Erfahrung, denn sein Übername wird ihm nicht verschwiegen; es handelt sich um einen „Bolanus“, wie er im Buche steht. Und nun gleich darauf die unerwartete Ankunft seines Freundes Lelio! „Welch ein Unterschied zwischen Gast und Gast“, ruft er aus. Mit dem neuen verändert sich die Einsiedelei aufs schönste, und der Regen bedeutet nun einen Segen, weil er den Freund zum Verweilen anhält. Freilich dau-
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ert die Freude nicht länger als wenige Tage, und kaum ist Lelio gegangen, macht sie Platz einem grossen Schmerz und „ist nicht mehr da.“ Wie eine eingeschobene Anekdote liest sich das zur reinen Unterhaltung. Doch weshalb Petrarca den Brief der Sammlung einfügt und gerade hier, erfährt man nur dank einigen Nachforschungen von Arnaldo Foresti. Der genannte Bolano bringt Petrarca nämlich einen Brief mit; der stammt von Sokrates, an den Petrarca in Fam. 22,8 sich wendet, und enthält eine wichtige Meldung. Lelio, der kurz nach Bolano eintrifft, bringt hierauf, was der Brief aus Bolanos Hand angekündigt hat, nämlich Giovanni Petrarca in Person. Wochen und wohl Monate sind vergangen, seit der Sohn den Tadel des Vaters gelesen hat, und nun sind die besten Freunde des Dichters, wie man sieht, bereit, den beiden ihr erstes Zusammentreffen zu erleichtern. Die Geschichte des ernsten Zwistes wird durch die Abfolge der Briefe weder abgebrochen, noch unterbrochen. Das nächste Schreiben berichtet davon noch einiges mehr. Denn Fam. 22,9, wiederum an Sokrates geschickt, berichtet vom Ergebnis der gewiss äusserst schwierigen Unterredung, die Petrarca mit Giovanni geführt hat. Und der Briefanfang tönt nicht gut; denn schmeichlerisch und verlogen, aufrührerisch und drohend sei der junge Mann, ist da zu lesen. Strenge, dann Mitleid und wieder Rückbesinnung auf alle begangenen Sünden des Sohnes und etwas wie Rachsucht wechseln in Petrarcas Kopf und Herz, bevor die nüchterne Vernunft überhand nimmt und zur Begnadigung führt. Dass die Nachsicht schliesslich siegt, gesteht Petrarca wie eine Schwäche mit der Bitte, Sokrates möge sie ihm vergeben. Damit ist auch der Leser, den Petrarca nicht zu vergessen pflegt, aufgefordert, Verständnis aufzubringen. Doch allzu gross ist das Entgegenkommen des Vaters nicht. Seine Gnade gilt nur auf Bewährung, und wie Giovanni sich an die ihm gestellten Bedingungen halten könnte, ist fast unvorstellbar. Die Wesensverschiedenheit bleibt ja bestehen und manche Gewohnheit dazu. Der Hass auf Bücher, den Giovanni als Kind empfunden hat (Fam. 13,2,2), hat sich vielleicht gemässigt, doch das Missverständnis zwischen den Hadernden ist noch da (vgl. Fam. 23,12,15). Aus dem Anklagebrief des Vaters spürt man die Ablehnung des Jungen gegen des Vaters Gehaben, gegen dessen dichterische Allüren, Eitelkeiten, Verstiegenheiten. Sein Lachen über des Vaters Freundschaftskult (5) ist nicht ganz verfehlt, so könnte man meinen, wenn man z. B. jenen eben besprochenen Brief an Barbato (Fam. 22,4) oder das jeweilige Lamento nach dem Tod eines Freundes bedenkt. Vieles wird vom Sohn gefordert, doch seine Bewährungszeit dauert nicht lange, und man weiss nicht, soll man von einer Erlösung sprechen. Er lebt nur noch ein Jahr und einige Monate und stirbt am 9. oder 10. Juli 1361 in Mailand an der Pest, während der Dichter in Padua weilt. Vom Tod wird später in Sen. 1,2 Francesco Nelli unterrichtet und dieser wird die Nachricht unter vielen Tränen lesen und zu Petrarca sagen: „Ihr habt Euch nie
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gekannt“ (Epist. 29). Darauf wird Petrarca sagen: „Recht hast Du zu weinen, „denn hätte er Dich verloren, er hätte Dich betrauert als seinen liebevollen Vater.“ (Sen. 1,2). An einen Jüngling wird er sich erinnern, der gesittet und mit gesenkten Augen neben Erwachsenen am Tische sass und zu sprechen sich scheute, doch wenn der Name Francesco Nelli fiel, vor sich hin lächelte und plötzlich doch das Wort hervorstiess, das er nicht länger zurückhalten konnte, eines der liebevollen Verehrung (Sen. 1,3). Eine liebevolle Schilderung ist das, aber Petrarcas Gefühle für Giovanni bleiben schwankend auf lange Zeit oder auf immer. Wenn er gar daran denkt, wie sehr er gehofft hatte, an Giovanni einst eine Stütze im Alter und einen tüchtigen Kopisten zu haben (Fam. 13,12,15), überfällt ihn Bitterkeit und grosses Mitleid mit sich selber. Sein Schreiben 22,10 zeigt ihn bei seiner üblichen Beschäftigung, unter der er manchen Kummer vergessen kann. Mit Genugtuung zeichnet er den Wandel seiner literarischen Ausrichtung und den Trost, den er jederzeit aus seinen Studien gewonnen hat. Dabei unterstreicht er den Gegensatz zwischen Einst und Jetzt, und spricht von einer neuen Neigung, deque affectu novo (1), was jedoch verwundern kann. Wer seine früheren Äusserungen im Gedächtnis hat, wird einwenden, so neu sei die von ihm geschilderte Sache wohl nicht, und hierauf kann er feststellen, dass auch Petrarca so denkt. Nelli hat ihm als besonders schöne stilistische Eigenheit seine Mischung von Säkularem und Sakralem gerühmt; das freut Petrarca, aber die neue Neigung ist denn doch, wie er anfügt, „schon kräftig verwurzelt, das heisst also, sie hat sich allmählich ausgebildet und ist von früher Zartheit zur vollen Kraft der Reife gelangt. Nicht rasche und schroffe Wendungen sind in Petrarcas Werdegang charakteristisch, ob man ihn nach der religiösen, moralischen oder literarischen Eigenheit untersuche. Nie hat sich der Dichter von einer bestimmten Zielsetzung radikal und brüsk abgekehrt, aber er hat mit der Zeit immer besser verstanden, sein Leben zu ordnen und gleichzeitig verschiedene Literaturgattungen, eben auch die säkulare und die sakrale, gut zusammenzufügen, sie zu schönem Einklang zu bringen und dabei seiner christlichen Überzeugung einen deutlichen Vorrang zu sichern. Schon als er 1349 seinem Bruder, dem Kartäuser, einen Sinn für die Poesie einpflanzen wollte und sein erstes Hirtengedicht zuschickte (Fam. 10,4), war ihm klar, dass christliche Theologie und weltliche antike Weisheit sich nicht ausschliessen; ja schon in einem Brief vom Jahr 1336 an seinen besten Jugendfreund Bischof Giacomo Colonna hatte er seine feste Überzeugung ausgedrückt, dass seine Freude an der antiken Literatur seinem christlichen Glauben keinen Abbruch tue und er trotz seiner Hinwendung zu Augustinus sich noch immer in die Schriften Ciceros vertiefen dürfe (Fam. 2,9,14). Dennoch gehörte damals zur Voraussetzung seiner grosse Begeisterung für Vergil und für die anderen alten Klassiker eine spontane Glücksempfindung, die er bei der Lektüre biblischer Texte nicht erlebte; er sagte es in dem genannten Hirtengedicht klar durch den
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Hirten Silvius (daran erinnert er jetzt unter Abschnitt 7), dass er seinen brennenden Wunsch nicht aufgebe, dem Sänger Vergil zu folgen und den grossen Helden Scipio zu besingen. Die Gesänge Davids überliess er damals dem frommen Bruder. Manches hatte sich seither gewandelt. „Damals“, so sagt er, „habe ich gelesen, was freut, jetzt lese ich, was nützt“, und das Nützliche ist ihm auch Freude geworden. Und dann korrigiert er sich sogleich: Recht besehen sei das schon früher nicht anders gewesen (6). Übrigens hat seine allgemeine Vorliebe für das Einfache, Urwüchsige, die bei ihm – wie er sagt – nicht Tugend sondern Natur war (Fam. 21,13,5 f.), sich immer deutlicher auf seinen literarischen Geschmack ausgewirkt, nicht zuletzt dank der Einsicht, dass man von sich nicht mehr fordern dürfe, als was einem gegeben sei (Fam. 1,8,12). Das hilft ihm unter anderem dazu, die Sprache der Bibel gelten zu lassen, so wie sie ist. Hat er unter dem Einfluss seines Bruders sich einmal vorgenommen, jeden Tag Psalmen zu beten, sich also den Gesängen Davids zu widmen (Fam. 10,5,28), werden sie ihm im höchsten Masse vertraut und lieb. Und nimmt dann auch seine Vorbereitung auf den Tod einen immer grösseren Ernst an, ist auch damit eine immer intensivere Beschäftigung mit dem sakralen Schrifttum gegeben. Mit wachsender Sicherheit, so meint er, verstehe er, Profanes und Sakrales so zu verwenden, wie man in einem Haushalt die verschiedenen Gefässe je nach ihrem bestimmten Zweck zu gebrauchen pflegt (8 f.). David, Paulus und die Kirchenväter hebt Petrarca über die antiken Dichter hinaus, aber diese bleiben das wunderbare Fundament, auf das man Gutes aufbauen kann und soll (5 ff.). Um die „eingebildeten Leute“, welche die Bibel verachten, kümmert er sich nicht (2). Das heisst, dass er auch immer ausschliesslicher Gott preisen wird, statt dass er für eine Huldigung der Grossen der Welt kostbare Zeit aufbringen wollte (3). Und die Psalmen zieht er schliesslich allen anderen biblischen Schriften vor und sagt zu seinem Freund Nelli, der die genannte Mischung von Sakralem und Profanem eben gelobt hat, er möchte, dass sie bei seinem Tode „unter meinem Kopfkissen ruhen“(11). Denn das ganze Psalterium hält er, wie damals üblich, für ein Werk Davids, und der Gedanke an die Lebensgeschichte des Königs, dieses Sünders und Heiligen, trägt, so darf man annehmen, viel zur Stärkung dieser Vorliebe bei. Dass er unter all seinen Sorgen auch die Bedürfnisse seines lerneifrigen Goldschmieds nicht vergisst (vgl. Fam. 21,11), beweist Brief 22,11. Er empfiehlt Enrico Capra am 17. April 1360 von Padua aus seinem alten Freund Guglielmo da Pastrengo, der als tüchtiger Jurist in Verona im Dienst der Scaliger steht und über solide Kenntnisse der lateinischen Literatur verfügt. Genannt wurde er schon oben als „Gärtnergehilfe“ in Vaucluse (vgl. zu Fam. 13,3 und Dotti, Vita 65). Er ist wohl der richtige Mann, auch einem Sonderling wie Capra Verständnis zu zeigen und ihm für eine Bücherbeschaffung Rat zu erteilen (2). Denn die richtige Wahl zu treffen, dazu ist der Anempfohlene, ohne Richtlinien zu empfangen, gewiss nicht
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imstande. Doch eben dazu hat er sich auf den Weg gemacht, um sich, wie Wilkins meint (Eight years 205), in Verona nach solchen umzusehen. Das war am 17. April 1360 gewesen. Das nächste Schreiben 22,12 trägt das Datum: Mailand, 26. Oktober (1360). Zu diesem Zeitpunkt kann man sich nicht mehr darüber täuschen, dass eine neue Pestwelle Europa überflutet. Es ist wie früher: Längst nicht jeder Ort wird von ihr schwer heimgesucht. Aber erstaunlicherweise gehört diesmal Mailand zu den stark betroffenen Städten, und eben da wird etwas später – wie angedeutet – an der Pest auch der Sohn des Dichters sterben. Petrarca wird frühzeitig von einem ihm befreundeten Arzt Albertino ermuntert, zu ihm an den Langensee zu kommen, wo er ärztlich gut betreut werden solle, und wie erwartet, antwortet Petrarca darauf mit einer freundlichen Absage, ja zeigt sich dabei so durchaus fatalistisch, wie er im Gedanken an die räumliche Ausdehnung und den zeitlichen Verlauf der früheren Pest fast notgedrungen sein muss. Fliehen wollen, ist sinnlos. Wo es vom Fatum bestimmt ist, da wird man vom Tod eingeholt. So steht es im zweiten Teil des Schreibens. Der erste Teil handelt jedoch von etwas völlig anderem. Hier schildert Petrarca dem Arzt, weshalb er seinen Wohnort gewechselt und von Sant’Ambrogio nach dem Kloster San Simpliciano umgezogen ist. Von diesem Umzug war schon in Brief Fam. 21,14 die Rede, aber von dem Skandal, den jetzt der Arzt vernimmt, stand dort kein Wort. Gleich nach einer kurzen Einleitung (4) spricht der Dichter eine Einsicht aus, die man von ihm nicht oder kaum erwartet hätte: Er sei zum Ökonomen nicht besser geeignet als zum Politiker. Dabei hätte man denken können, seine Unfähigkeit, einen Haushalt zu leiten, habe er viel früher entdeckt als seine Mängel am politischen Verständnis. Launig berichtet er, wie tüchtig seine Diener (man sollte wohl eher von Knechten sprechen) ihn ausgeraubt haben, nämlich erstens völlig ungestört und zweitens unerhört gründlich. Nur eben die Bücher sind dem Dichter erhalten geblieben (6), wenn man seinen Worten glauben will. Dass diese Frechheit möglich war, verschuldete Petrarca, wie er weiss, mit seiner Unachtsamkeit teilweise selber, doch trug dazu auch die einsame Lage seines Hauses und dessen enorme Weitläufigkeit bei. Liebe zur Einsamkeit und zur Freiheit seien ihm zum Verhängnis geworden, den Schurken jedoch zum Vorteil, fährt er fort, nun aber wohne er in einem kleineren Haus (7) und sei da vor Räuberei sicherer. Selbstverständlich war der Arzt nicht die einzige Person, die von der Geschichte erfuhr; ihm wird gedankt, dass er sie gutgläubig für wahr hält (2 f.), während die grosse Menge nicht alles für bare Münze genommen hatte. Zuviel habe er darüber geschrieben, tadelt sich Petrarca darauf, da seine Feder „für Besseres bestimmt ist“ (9), und wendet sich diesem Besseren zu, schreibt nämlich – wie angedeutet – eine Abhandlung über die Sinnlosigkeit, dem Tod und überhaupt allem, was das Fatum bestimmt hat, entgehen zu wollen. Die Jahrhunderte liefern dafür unzählige Beispiele; er aber hält sich, wie immer, an die besten und weiss, wie immer, wo man sie findet.
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Doch für seinen Verzicht auf eine Reise nach Cannobio hätte er dem Arzt auch einen anderen Grund angeben können als die Vergeblichkeit einer Flucht vor der Pest. Er weiss, dass die Visconti ihm eine neue Mission zugedacht haben; und wie bald er sie wird ausführen müssen, das deutet ihm eine Hochzeit zwischen einer elfjährigen französischen Prinzessin und dem achtjährigen Sohn Galeazzos an; sie wird im Oktober in Mailand gefeiert. Gleich hernach werden die Vorbereitungen für eine Gesandtschaft nach Paris vorangetrieben, und Petrarca soll ihr Sprecher sein. In der französischen Hauptstadt wird er König Jean le Bon vorfinden, denn zwischen diesem und Eduard III. von England ist ein Friede geschlossen worden, und zu den dringendsten Aufgaben des aus der Gefangenschaft Entlassenen gehört nun, gewaltige Summen zu beschaffen, damit unabsehbar grosse Schulden, nicht zuletzt das Lösegeld für seine eigene Person und das für viele vornehme Geiseln, die in England zurückgehalten werden, bezahlt werden können. Die Visconti sind bereit, eine Summe vorzustrecken, um zur Verminderung solcher Lasten einiges beizutragen. Im Dezember reist Petrarca auf ihren Wunsch mit fünf Begleitern von Mailand ab, und am 13. Januar 1362 hält er im Königspalast in Paris seine Rede, und zwar auf Lateinisch, nachdem er sich dafür mit einer ungenügenden Kenntnis des Französischen entschuldigt hat. Von all dem und von den Gegenständen der Verhandlungen steht in seinem Brief 22,13 so gut wie nichts, obwohl sein Inhalt seine Gesandtschaftsreise zum Thema hat. Zu politischen, zu finanziellen Problemen sich zu äussern, war gewiss nicht seine Aufgabe. Dagegen unterstreicht er den grossen Eindruck, den seine Rede auf den König und dessen Sohn, den Herzog Charles ausübte, und spricht vom Interesse, das die Frage nach dem Wesen und der Macht Fortunas auslöste. Denn obwohl Petrarca betonte, dass eine himmlische Kraft alle menschlichen Dinge und vor allem auch das Königreich der Franzosen zu ihrem Nutzen lenke, war es doch eben das Wort „Fortuna“, das eine ausnehmend grosse Faszination auf den schwer gedemütigten Adel ausübte; es versetzte vor allem den König und seinen Sohn Charles in eine solche Spannung, dass der Sprechende sie an ihrer Körperhaltung und ihrem Blick unmittelbar ablesen konnte (2 ff.). Bis zum Abend des nächsten Tages fühlte Petrarca hierauf ein beträchtliches Unbehagen, so berichtet er selber, weil er befürchten musste, er werde auf Wunsch des Herzogs Charles das Thema Fortuna, das ihm jetzt besonders heikel vorkam, gründlich mit französischen Gelehrten diskutieren müssen. Doch wie man sich denken kann, erforderten dringende Geschäfte des König weit mehr Zeit, als man vorausgesehen hatte, weshalb sich die Furcht vor einem gefährlichen Disput als überflüssig erwies. Der Brief, in dem er das festhält, also Fam. 22,13 vom September 1361, hat zum Adressaten einen Humanisten, der am französischen Hof ein- und ausgeht, einen ausgezeichneten Kenner und Übersetzer des Livius, wohl vermerkt, nämlich Pierre Bersuire (Berchorius), den Prior von St-Eloi in Paris. Ihn kannte Petrarca seit vielen
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Jahren, und mit ihm führte er während der genannten Ereignisse mehrmals Gespräche, wie das unter alten Freunden natürlich ist. Deshalb wagte er ihm gegenüber ganz privat, seine Meinung über das Wesen Fortunas knapp zu erläutern. (6 f. und 11). Aber er machte sich nach dem Abschied von Paris noch über ein ganz anderes Thema Gedanken, das zwischen ihm und besagtem Prior erörtert worden war. Sie hatten Gedanken über die gegenwärtige historische Lage ausgetauscht; und als ausnehmend gute Kenner der alten Geschichte hatten sie neue und alte Zeiten miteinander verglichen. Und vielleicht wusste Petrarca noch einiges mehr über die römische Vergangenheit als der andere, dann nämlich, wenn er sich in der Historia Augusta besser auskannte, was jedoch nicht erwiesen ist. Er legte darauf seinem Schreiben vom September 1361 an den Prior ein zweites bei, das er schon viel früher, nämlich auf der Rückreise über verschneite Berge verfasst haben will. Datiert ist es auf den 27. Februar 1361 und handelt nochmals von Fortuna, nämlich insofern als sie die Ursache oder die Beherrscherin einer neuen Kriegsart zu sein schien. Und wirklich gibt Brief 22,14, das ist der in 22,13 eingeschlossene Brief, Auskunft über alte und moderne Kriegführung, ein hochaktuelles Thema. Petrarca hat sich daran gewöhnt, in Oberitalien grossen Verwüstungen zu begegnen und ist bei ihrem Anblick entsetzt. Trifft er Verwüstungen jedoch auf französischem Boden, erschrickt er wie über eine unerwartete böse Überraschung, teils weil sie da gebietsweise noch schlimmer sind, teils weil sein Gedächtnis das Bild eines blühenden Frankreich festgehalten hat. Schrecklich ist der Anblick des flachen Landes und beängstigend auch der von Paris (2–4). Ihn bedrückt aber vor allem der Gedanke an die Zukunft und die Frage, wie die Kriege beendigt werden könnten, wobei er kaum zu hoffen vermag, dass sie je aufhören werden. Nationen, die bisher zu schwach waren, sich mit starken Nationen zu messen, bezeigen nun eine überlegene Tüchtigkeit, wenn sie sich in Kriege einmischen (1 ff.). Zu alten Kampfarten gesellt sich eine neue; denn obwohl seit Jahrhunderten in der Schlacht neben dem Schwert auch das Geschoss eingesetzt wird, hat die Schusswaffe jetzt eine viel höhere Bedeutung gewonnen (5). In Italien übt man sich zwar noch nicht so tüchtig wie in England im Umgang mit leichten Bogen, aber in seinen Städten bildet man Scharen von Armbrustschützen aus, um sie in Gefechte einzusetzen. Das weiss Petrarca, auch wenn er nur mit wenigen Worten daran erinnert (5). Länger hält er sich bei der alten Doktrin auf, dass die Geschicke der Staaten an den Wandel ihrer sittlichen Kraft gebunden sind und die Vormacht stets vom weniger tüchtigen zum tüchtigeren wechselt (6); darüber hat er sich oft geäussert, eindrücklich in Schreiben an Genua (Fam. 14,5,19 und 17,3,26 ff.). So ist es und so wird es bleiben. Fragt Petrarca darauf nach der Tüchtigkeit Italiens und Frankreichs oder auch anderer Reiche, beschränkt er seinen Blick auf ihre militärische Fähigkeit und liest an dieser ab, was sie vermögen und was sie wert sind. Wie ein Land sich aufrecht hält, sich sichert und gegen Fremde schützt, das verfolgt er an ihrer bewaffneten Verteidi-
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gung. Geschichte zeigt er im genannten Brief einzig als eine der Kriege. Die modernen Mächte entbehren der Kraft; sie wehren sich nicht mit ihren eigenen Bürgern sondern nehmen Fremde in Dienst, einige aus dem eigenen Land, aber immer häufiger Ausländer, Barbaren in grossen Scharen. Man findet sie leicht; sie sind die Überlebenden jüngst vergangener Kriege, aber sie sind nicht etwa Feinde des Krieges und Freunde des Friedens, denn sie leben vom Krieg (18 ff.). Das gehört zum Entsetzlichsten der Neuzeit, dass man nicht mehr kämpft, um Frieden zu erlangen, sondern um vom Krieg angenehm zu leben und von ihm vieles zu gewinnen. So sind denn ganze Heere zu schrecklichen Horden von Raufbolden und Saufbrüdern entartet. Eine Kriegszucht trifft man bei den Anführern nicht, und erst recht nicht bei ihren Truppen (14 ff.). Hat sich Petrarca schon früher gegen das Söldnerwesen ereifert (so in Fam. 11,8,28 ff.), so geisselt er es jetzt grimmiger, weil es sich gewaltig ausgedehnt hat, eine alles beherrschende Macht geniesst und mit seinen widerlichsten Eigenheiten die verheerendsten Folgen zeitigt. Sogar reiche und angesehenste Herren vermögen sich nicht zu schützen, wenn sie nicht mit riesigen Summen solche Kriegsknechte in Scharen kaufen. Es ist auch kaum anders möglich, als dass gerade sie mit ihrer Allgegenwart die neue Pest besonders weit verbreiten und ihr Absterben verhindern. Wie anders war das Kriegswesen in der Antike! Welch grossartige Disziplin in den Heeren geherrscht habe, das zu schildern schafft Petrarca grosse Genugtuung. Eine Reihe hervorragender Kriegsführer, die sich durch eiserne Selbstdisziplin auszeichneten und ihre Heere mit unerbittlicher Strenge zur Befolgung militärischer Vorschriften anhielten, führt er vor. Dabei zeigt er, wie sie Heldentaten belohnten und Feigheit bestraften, auf diese Weise Glanzleistungen förderten und Roms Imperium stärkten. Er kennt erstaunlichste Beispiele der Tüchtigkeit nicht nur dank seinem hochverehrten und viel studierten Livius, er weiss von anderen aus der Zeit Hadrians und seiner Nachfolger (bis 285), weil er 1356 in Verona eine Handschrift eben der genannten Historia Augusta hat erwerben können. Darin greift er eine gute Zahl der gestrengsten und erfolgreichsten Heerführer heraus und schildert an ihnen ein grossartiges Römertum. Zudem hat er Valerius Maximus gewiss hundertmal konsultiert, auch bei ihm von Treue, Tapferkeit und Selbstzucht höchst Eindrückliches gelesen, aber auch viel Unmenschliches vernommen, das man ohne Zögern als Grausamkeit bezeichnen müsste, wenn es nur gestattet würde. Petrarca warnt aber davor. An seinen Helden, an Scipio und anderen, einen grossen Makel zu tadeln, vermag er selber um so weniger, als eben auch Valerius es verbietet. Im Krieg, so betonte dieser Römer, beruhen alle Kräfte auf den Waffen, und sie würden alles niederdrücken, sofern man nicht selber sie erdrückte (50). Dass nun Petrarcas eigene Zeit so harte und entschlossene Männer hervorbringen könnte, die sich selber bezwingen und deshalb auch andere bezwingen können (66 ff.), also Männer voll Heldenmut, eiserner Entschlossenheit und asketischer Lebensart, die
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als Vorbilder die Heere in Zucht halten, das vermag er nicht zu hoffen. Und was könnte man daraus schliessen, wenn nicht einzig dies, dass der Krieg ewig dauern wird. „Und wundern darf man sich nicht, dass das eine Volk sich erhebt und das andere gestürzt wird, jenes darauf erliegt und dieses sich erneut erhebt“, so in unaufhörlichem Wechsel (73). Damit ist Fortuna, das Schicksal für alle Zukunft, beschrieben. Es hat auf den Untergang des weltumfassenden römischen Imperiums folgen müssen. So schliesst Petrarca seine Ausführungen. Er sagt nichts von der Abfolge der Weltreiche, deren letztes eben das römische sei. Doch der gewisse Traum Daniels (2,31–45; vgl. Fam. 17,3,47) und seine spätere Ausdeutung kann er unmöglich vergessen haben. Das letzte aller Reiche geht an sich selber zugrunde, ist eine mächtige Ruine, die auseinanderbröckelt und über kurzem in sich zusammenfällt (74).
Im Buch 22 ist der 1. Brief an Pandolfo Malatesta gerichtet. Im Datum weist die Jahreszahl 1362 über den zeitlichen Rahmen der Briefsammlung hinaus, und die Ortsangabe Venedig ebenda sowie der Name des Adressaten deuten auf eine gelockerte Bindung an Mailand. Die folgenden Briefe haben zum Inhalt literarische Fragen und solche zu Korrekturarbeiten; sie wenden sich an Freunde in Italien und verraten, dass Petrarca den Kontakt mit Neapel weiter pflegt. Über seinen Wandel in der schriftstellerischen Orientierung äussert sich Petrarca in Brief 10. Die Briefe 5 bis 9 gehen in die Provence ab; unter ihnen sind die zum Konflikt zwischen Vater Petrarca und Sohn hervorzuheben. Brief 12 beschäftigt sich mit Gedanken zur Ausbreitung der Pest und zur Unentrinnbarkeit des Schicksals. Fortuna, das Schicksal, ist hierauf Hauptthema im Brief über die Gesandtschaft nach Paris und tritt im Schreiben 14 über das moderne Kriegswesen als die unausweichliche Macht hervor, welche das Imperium endgültig zerstören wird.
Im Buch 23 und da im 1. Brief ruft Petrarca die besten Feldherren der alten Römer einen um den andern wie in einer Heiligenlitanei um Hilfe an, richtiger: er möchte sie in die Gegenwart hereinziehen und weiss: Es ist unmöglich. Damit knüpft er an den letzten Brief des vorangehenden Buches an, wo er das entsetzlich verkommene Kriegswesen schilderte, das statt Frieden letztes Verderben bringt. Der Brief wird für Karl IV. bestimmt gewesen sein, doch wurde er ihm kaum zugeschickt. Dass der Kaiser Italien im Stich lässt, das ist es, was den Dichter zwingt, sich nach anderen Helfern umzusehen. „Wenn Du noch lebtest,“ sagt er beschwörend zu jedem, bevor er mit einem Rest an Hoffnung einen Unbekannten anfleht. In welches Jahr das Schreiben anzusetzen ist, lässt sich nicht genau sagen. Der Dichter sagt hier
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nichts vom masslosen Überhandnehmen der Söldner- oder Räuberheere, er kennt aber einige der berüchtigten Bandenführer, und in einer früheren Fassung von Brief 1 nennt er wenigstens einen Namen: Annichino (Hans Bongard). Er muss 1364 auch von einem Aufruf des neuen Papstes Urban V. gehört haben, der die Herren und Kommunen beschwor, auf solche Banden zu verzichten, ja später auch von Bannbullen und Infamerklärungen, die der selbe Papst 1366 gegen alle aussprach, die solche Banden anheuerten. Wie wenig das fruchtete, erlebten die folgenden Jahrhunderte. Da der Brief 23,2 mit dem Datum Mailand, 21. Mai (1361) nun wirklich an den Kaiser adressiert ist, könnte man denken, hierin werde Petrarca mit dem Hinweis auf die grosse Plage der Söldnerheere die selbe Bitte um Hilfe vorbringen wie im ersten Brief an den „Ungenannten“, der nur Karl IV. meinen konnte (Fam. 23,1,14). Von den Söldnern ist hier aber nicht die Rede, allerdings erneut vom Prinzipat, das dem Kaiser übertragen worden ist und dem gerecht zu werden, er unbedingt verpflichtet ist. Petrarca schreibt übrigens nicht von sich aus, sondern in Beantwortung von Briefen aus Prag. Sie teilen ihm unter anderem mit, dass ein Thronfolger geboren worden sei, wiederholen die Einladung in die Königsstadt und tragen die Bitte vor, er möge zu einem Dokument ein Gutachten schreiben. Von diesem Dokument sei hier zuerst gesprochen, vielmehr von dem Gutachten, das Petrarca sogleich vorlegt, jedoch in einem gesonderten Schreiben, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sein sollte (43). Wer es lesen will, muss zu Sen. 16 (15) greifen (vgl. auch Aufrufe und Piur), dann wird er sehen, dass es das berühmt-berüchtigte Privilegium maius betrifft, die Fälschung, die sich Karls Schwiegersohn, der Herzog Rudolf von Habsburg, erlaubt hat, um für Österreich bedeutende Freiheiten zu erschleichen. Die Lügen, die er da aufgetischt hat, sind von so primitiver Art, dass der Königshof sie sogleich erkennt und den Humanisten eigentlich nicht hätte bemühen müssen. Das vermutet Petrarca unverzüglich und macht sich dennoch daran, einen wissenschaftlichen Beweis zu erbringen. Mit welchem Geschick er seine Aufgabe erfüllt, welch exaktes historisches (und juristisches) Wissen er mit leichter Hand aus seinem Schatz hervorholt, um das Dokument als lächerliches Flickwerk zu brandmarken, das zu lesen lohnt sich. Denn man wird aus dem 14. Jahrhundert kaum etwas anderes dieser Art von ebenso hoher Qualität finden können. Doch im genannten Brief 23,2 gestattet sich Petrarca zuerst, seine persönlichen Bedürfnisse zu nennen, bevor er auf die Wünsche des Kaisers eingeht. Er dankt in herzlichem Ton für seine menschenfreundlich Herablassung (1 ff.), mit welcher er ihn zu sich einlädt, darf nebenbei aber darauf hinweisen, dass auch König Jean le Bon ihn bei sich zu empfangen wünsche (7), spricht von seiner Heimatliebe, die ihn an Italien bindet, und betont dann ohne Scheu, dass Karl ihn niemals in gleicher Weise zu einer Reise nach Prag zu verpflichten vermöge, wie umgekehrt das Prinzipat ihn, den König, zu einer Unternehmung in Italien fordere (9). Ange-
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widert, die alte Mahnung zu wiederholen, weiss er sich nur noch mit einer langen Reihe dichterischer Zitate zu behelfen. Nicht vergessen soll der Kaiser, dass Italien seine eigentliche Heimat sei, ja dass Italien – was man nicht überhören darf – jedem Menschen als wahre Heimat zu gelten habe (34). Ansprüche werden damit angedeutet, die klar zu umreissen Petrarca allerdings nicht wagt, weil er leicht viele Gegner, nicht zuletzt die französischen Legisten zum lauten Widerspruch gereizt hätte, solche nämlich, die längst leugnen, dass Rom das Haupt der Welt und dass der Sitz des Papstes in Rom sein müsse (39; Fam. 15,6,7; 15,9,4; Sine nom. 3 etc.). Soviel aber sagt er klar heraus: Karls Herrschaftssitz sei in Rom. Dass ihm ein Papst den ihm angestammten Sitz verwehre, dürfe nicht geduldet werden (35 ff.). Und dann erwähnte er zum wiederholten Mal eine besondere kaiserliche Aufgabe: Einen Kreuzzug zur Errettung Jerusalems (40). In Avignon plant man einen solchen längst; König Jean le Bon schwärmt geradezu davon, einen anzuführen; die Kirche erhebt den Kreuzzugszehnten; die Kardinäle Talleyrand und Guy de Boulogne haben schon 1336 das Kreuz genommen (Guillemain 247 ff.), und aus Byzanz verstärken sich die Hilferufe, weil die Türken vorrücken. Auch reist König Peter von Zypern seit 1359 in Europa von Hof zu Hof und zu den Regierungen wichtigster Städte, um überall von der Notwendigkeit eines Kreuzzuges zu sprechen. Petrarca ist also ein Mahner unter vielen anderen und seine Hoffnung, der Kaiser werde sich zur Rettung des heiligen Landes seiner Würde entsprechend an die Spitze eines riesigen Heeres stellen, drückt die Erwartung vieler Mächte und vieler einfacher Menschen aus. Alle die Soldaten, die im christlichen Europa entsetzlichen Schaden anrichteten, könne man zur Verteidigung des Christentums versammeln, so lautete eine verbreitete Meinung, und wenn 1364 der genannte König von Zypern in Prag erscheinen wird, bekundet ihm Karl IV. in der Tat grosse Begeisterung für ein solches Unternehmen. Nach seiner Abreise allerdings überzeugte er sich erneut, dass er dringendere Sorgen habe, und ist damit so klug wie jeder andere Fürst. Vorher, im Jahr 1361 oder 1363, legt Petrarca in Brief 23,3 dem Kaiser noch eine andere alte Bitte vor, und zwar wieder zu Gunsten jenes treuen Ritters Sagremor, der noch immer unablässig zwischen Mailand und Prag hin und her geht „Ich sage es und wiederhole es Dir, Cäsar, Du schuldest ihm viel“, beteuert der Schreibende. Und dann fügt er noch eigentliche Beschwörungen an. Von irgend etwas sollte der alternde Mann leben können; er hat es wahrhaftig verdient. Und obwohl der Brief von nichts anderem handelt (oder gerade deswegen) soll er, kurz wie er ist, vor der Nachwelt ein Zeugnis ablegen. Aber ob und wie der Kaiser diese Bitte berücksichtigt, steht nirgends. Ein Alter in Ehren: Vielleicht bahnte der Gedanke den Weg zu den nächsten Schreiben. 23,4 und 23,5 vom Januar und Februar (1362), die beide den selben Adressaten Bonincontro ansprechen, gehören auch inhaltlich zusammen. An Weltpolitik wird kaum erinnert. In den Hafen ist dieser Freund Petrarcas – bildlich
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gesprochen – eingelaufen, die Stürme seines tätigen Lebens, das heisst wohl: seiner Laufbahn in Avinon, hat er hinter sich. Gelandet ist er „in seinem Vaterland“, also in Italien (4,1 und 2), und da wandert er nun unangefochten – wohin, wenn nicht zum „eigentlichen Vaterland,“ zu dem man im Tod gelangt. Soviel sagt Brief 4. Vom Alter und von der Beschäftigung mit dem Tod handelt hierauf der 5. Brief. Petrarca wandelt ab, was er schon oft, einmal länger, meist kürzer ausgesprochen hat: Er liebt es, die Vorzüge der letzten Lebenszeit zu betonen, da sie zu Unrecht geschmäht werde (vgl. z. B. Fam. 8,4,12 ff.; 21,4,2; 21,12,30 f.; 22,5,6), es ist ihm auch ein grosses Anliegen, dass sich jeder der Kürze der Lebensfrist bewusst sei (Fam. 6,3,12; 9,14,5 f.; 17,3,7 f.; 24,1), denn die Vorbereitung auf den Tod verhilft zu einem guten Lebensende (14,1,39 ff.). Besonders das frühere Schreiben 21,12 an Nelli hat schon manchen Gedanken, den er jetzt vorträgt, vorausgenommen und abgehandelt. Aber Petrarca darf sich wiederholen. Wenn er an die Weisheit der ars moriendi auch nur streift, muss er einhalten und sie loben, bevor er seinen Weg weiterverfolgt. Und nichts beglückt ihn an seinem Freund Bonincontro so sehr wie seine Fähigkeit, „gut entgegen“, wie sein Name sagt, und furchtlos auf den Tod zuzugehen (4). Dazu erzieht er sich auch selber, wie er eben Nelli schon früher mit Genugtuung mitgeteilt hat (Fam. 21,12,5). Obwohl jünger als Bonincontro ist er bereit, ihn nachzuahmen und ihm statt nur zu folgen, gar voranzugehen, eben in den Tod (16). Und wenn er von Plotin wenig gelesen hat, so doch den Satz, den er seinem Text einverleibt: Sterben ist für den Menschen ein Glück; danken muss er „dass Gott ihm Fesseln gegeben hat, die sterblich sind“; denn nur dank ihrer Sterblichkeit kann er sich für das ewige Leben befreien. Ob zu Petrarcas Zeit schon viele Schriften über „die Kunst zu sterben“ herauskamen, wäre zu untersuchen. Grosse Beliebtheit wird das Thema wohl erst im 15. Jahrhundert erlangen, wenn auch die Darstellungen des Totentanzes sich vermehren. Jetzt wechselt Petrarca seinen Blickwinkel und kehrt zu seinem früheren Thema zurück. Er verfasst im März 1361 Brief 23,6, den er an den Kaiserhof schickt. Der Ritter und Bote Sagremor ist zwischen Mailand und Prag erneut hin- und hergereist und hat nicht allein den Herren Visconti sondern auch Petrarca Verschiedenes ausgehändigt. Ein Schreiben des Kanzlers, des Bischofs von Olmütz (vgl. Piur, Brief 21), strotzt wie frühere Briefe von Formulierungen der Selbstkritik und der Zerknirschung wegen des eigenen stilistischen Unvermögens. Ängstliches Zaudern gestattet dem Verfasser kaum, die Feder zu ergreifen. „In den Fluten seiner Zweifel sucht er nach einem Anker; und siehe, da findet er die „liebe Freundschaft seines Francesco.“ Diesen bittet er um die Zusendung seines Werkes „Von berühmten Männern“. Auf diesen Brief antwortet der Dichter mit ernster Zurückweisung aller Lobeserhebungen, tadelt die Gewohnheit, andere über sich hinaus zu erheben und erlaubt dem Kanzler dennoch: „Mach aus mir, was Dir beliebt“. Doch fügt er bei, was man ihm gerne glaubt: „An mir ist es, mich richtig einzuschätzen, und nie-
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mand wird mich leicht von meinem Urteil über meine Person abbringen.“ Von dem erbetenen Werk über berühmte Männer ist nicht die Rede. Es könnte sein, dass Petrarca die Neugier des Kaisers fürchtet. Denn er hatte einst versprochen, ihn in dieser Sammlung nicht zu vergessen, sofern – und diese Bedingung hat sich nicht erfüllt – sofern er sich der darin geschilderten Gestalten würdig erweise (Fam. 19,3,13). Dagegen schickt er dem Kanzler die Hirtengedichte, das Bucolicum carmen, und beteuert, noch niemand sonst habe es als ganzes zu sehen bekommen. Teile davon hat allerdings – wie wir wissen – Boccaccio 1359 aus Mailand mitgenommen und dann auf Weisung des Verfassers korrigiert (Fam. 22,2,22 ff.). Und sogleich wird in Brief 23,7, wann immer er geschrieben sein mag, wiederum der Kanzler angesprochen. Er möge, so wird er gebeten, für jemanden beim Kaiser einstehen, nämlich für einen jungen Italiener. Der wird im Auftrag seines Onkels an den Hof von Prag reisen, und dort möchte er mit Genehmigung des Kaisers gerne „einer der Deinen“ werden. Sonst vernimmt man nichts über ihn. Es sei denn, im letzten Brief an den Kanzler (Fam. 23,16,4) betreffe die Andeutung eines abgewiesenen Wunsches die genannte Angelegenheit. Auffällig ist jedenfalls – wie Petrarca sagt – der Bekanntheitsgrad, den sein gutes Einvernehmen mit dem Kanzler schon in weiten Kreisen erlangt hat. Das schürt den Eifer, mit dem eine grössere Zahl strebsamer junger Leute sich dem Norden zuwendet, und Petrarca wird dabei nicht schont. Dann folgt ein Schreiben an Kaiser Karl, das ist Fam. 23,8, welches das Datum Padua, 18. Juli (1361) trägt. Petrarca hat seinem hohen Gönner zuerst für einen goldenen Becher zu danken und dann gleich anschliessend eine erneute Einladung nach Prag zu würdigen. Er tut es, um diese dennoch abzulehnen. Wie früher kann er sein grösseres Recht geltend machen, den ihn Einladenden umgekehrt nach Italien einzuladen, und ihn erneut zur Wahrnehmung seiner Pflicht aufzurufen. Er nimmt sich auch wieder die Freiheit, seine persönlichen Hinderungsgründe für die Absage aufzuzählen, nämlich sein zunehmendes Alter, die Beschwerden der Reise und anderes mehr. Dabei wendet er gewisse Listen an, die er schon anderen empfohlen hat: Man darf übertreiben, so weit als etwas glaubwürdig bleibt und nicht direkt der Wahrheit entgegensteht; so hatte er dem Bischof von Cavaillon zugeredet (Fam. 22,5,7 ff.), und so handelt er jetzt selber, wie er später einem besorgten Boccaccio gegenüber bekennt, um ihn zu überzeugen, dass es ihm nicht so schlecht gehe, wie er dem Kaiser dargetan hatte (Piur, Anhang 10,3,239). Die kaiserliche Aufmunterung ist nicht erhalten geblieben; doch wie verbindlich ihre Worte auch getönt haben mögen, sie setzen den Dichter einem starken Druck aus, dem er sich nur halbwegs mit dem Hinweis auf einen nötigen Aufschub entzieht. Später werde es möglich sein, sagt Petrarca, später, und hofft, dass die Zeit zu seinen Gunsten arbeiten werde (2). Es vergeht kein Jahr, bis Petrarca in Brief 23,9 am 21. März (1362) gesteht: „Gesiegt hast Du, Cäsar!“ und mit dem entscheidenden Wort schliesst: Ich komme,
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venio. Eben das Schreiben mit dem neuen Begehren Karls, dem sich Petrarca endlich beugt, hat sich nun aber erhalten; es äussert nicht nur grosse Zuneigung, sondern auch „mächtige Sehnsucht“ nach dem Dichter. Denn von seinen Sittenlehren möchte der Kaiser hören, mit ihm Gespräche führen und an seiner schönen Sprache sich erbauen (Piur, Nr 28; vgl. Aufrufe 532 f.). Da bleibt es dem Leser überlassen, ob er hinter den von Karl geäusserten Motiven nach tieferen Gründen graben wolle. Gebeten wird der Dichter, doch ja zu bedenken, dass der Kaiser niemals mit solcher Dringlichkeit (sub tanti fervoris instancia) schreiben würde, wenn ihn nicht ein so besonderes und persönliches Bedürfnis dazu vermöchte, um diesen Trost zu bitten. Und bedenken möge er auch, was er dem Imperium an Liebe schulde. Das wird einfach und klar vorgetragen, weshalb man sich beinah fragen muss, ob der Kanzler Johann so habe schreiben können; denn auf verschrobene Wendungen wird hier verzichtet. Der Hauptunterschied erklärt sich jedoch wohl damit, dass Neumarkt, wenn er einen Brief im Namen des Kaisers verfasst, sich einer gequälten Selbsterniedrigung und einer krampfhaften Verklärung des Meisters enthalten muss. Er spricht jetzt die Sprache des Kaisers, und die verbietet ihm manches, wie man schon aus einem früheren Kaiserbrief an Petrarca erkennen kann. Denn dass Cola di Rienzo jenen geschrieben habe, ist bloss eine Vermutung. Am selben Tag wendet sich Petrarca wie an den Kaiser wieder an eben den Kanzler, und zwar in 23,10. Auch hierin steht: Ich komme. Er braucht hier nicht zu wiederholen, was er dem Kaiser mitteilt, weil Johann als Vorleser amtet und das Gelesene mit hört. Von einem Reisetermin ist nicht die Rede. Und dass er sich beeilen werde, verspricht Petrarca nicht, im Gegenteil. Er pflege nicht zu fliegen, sondern wie eine Schildkröte voranzugehen (10,6), betont er. Einiges hat er vorher zu erledigen. Von den Visconti hat er sich noch nicht verabschiedet. Und dass in Avignon Veränderungen bevorstehen und Innozenz VI. an eine Rückkehr nach Rom denkt (der Kirchenstaat ist einigermassen befriedet), kann ebenfalls dazu mahnen, die Pragerreise nicht zu überstürzen. Einen neuen Besuch in Paris, dort sehr gewünscht, will Petrarca sich jetzt nicht einfach aus dem Kopf schlagen. Alles will überlegt sein. Ohnehin muss man überall mit Söldnerscharen rechnen, welche die Wege versperren. Als ein undatierbares Schreiben folgt Fam. 23,11. Möglich ist, dass sein Adressat, ein Rechtsanwalt aus Bergamo, eine Fahrt nach Jerusalem zu jener Zeit plante, als der oben genannte König Peter von Zypern einen neuen Ritterorden gründete und durch Europa reiste, um zu einem Kreuzzug aufzurufen. Annehmen kann man auch, die Fahrt sei nicht nach 1363 geplant worden, denn eine Reise nach Jerusalem wurde nach dem angegebenen Jahr ein gewagtes Unternehmen und für einen Wallfahrer eine Enttäuschung, weil nach der fürchterlichen Plünderung Alexandriens durch Kreuzfahrer die erbitterten Mohammedaner das Heilige Grab auf mehrere Jahre geschlossen hielten. Dass aber ein Bürger von Bergamo an den heiligen Stätten den Ritterschlag zu empfangen hoffte, entsprach damals einer schon
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alten Gewohnheit, wie Petrarca selber feststellt (4). Billigen will er das nicht und begründet seine Ablehnung mit frommen Überlegungen, die ihn ehren. Wie kann ein Christ, so argumentiert er, an der Stelle, wo sein Herr unter grösster Schmach für ihn und die ganze sündige Menschheit sich geopfert hat, mit grossem Stolz und Pomp auftreten wollen (3 ff.)! Als andächtiger und bescheidener Pilger soll man hingehen oder dann als demütiger Kreuzfahrer in der Nachahmung eines Gottfried von Bouillon. Denn eben dieser sei, so erklärt der Dichter, das grosse Vorbild für alle, die das Kreuz nehmen wollten. Petrarca selber war 1358 zu einer Reise ins Heilige Land aufgemuntert worden, hatte jedoch abgelehnt, wohl aus manchen Gründen und nicht zuletzt mit Rücksicht auf die lange Zeit, die das Unternehmen ihn gekostet hätte. Abgeraten aber hatte er eine solche Reise damals nicht, sondern ein Itinerarium syriacum zuhanden von Freunden verfasst, für das er seine Kenntnisse aus der Bibel und aus weltlichen Büchern zusammensuchte. Solche Itinerarien waren nicht leicht zu haben, doch gerühmt und verbreitet wurde vor allem das eines Wilhelm von Boldensele vom Jahr 1336, das der von Petrarca geschätzte Kardinal von Talleyrand in Auftrag gegeben hatte. Dieser hoffte ja eben zu jener Zeit, mit den Königen von Frankreich und Aragon den geplanten Kreuzzug auch wirklich auszuführen. Welch grosse Scharen von Händlern, Touristen, Wallfahrern Jahr um Jahr mit dem selben Reiseziel Jerusalem aufbrachen, lässt sich kaum ausdenken. Aber Petrarca hatte völlig recht: Der Kult an der Gedenkstätte wurde schon damals durch den Reiseverkehr und die modische Ritterromantik mit ihren teils lächerlichen Auswüchsen seinem wahren und frommen Sinn eher entfremdet als näher gebracht. Brief 23,12, der das Datum 1. Dezember (1360) trägt, ist in jener Zeit geschrieben worden, in der sich Petrarca in Mailand für die von ihm verlangte politische Mission nach Paris vorbereitete. Davon ist am Ende des Buches 22 berichtet worden, und in diese Zeit wird der Leser zurückversetzt. Mitten unter den Vorbereitungen zur Alpenüberquerung hat sich also – wenn die Datierung stimmt – der Dichter noch die Zeit genommen, an Guido Sette einen Trostbrief zu schicken, und zwar einen überaus langen, wie er ihn nicht jedermann hätte zumuten dürfen. Von dem bestimmten Freund hingegen glaubte er zu wissen, dass er einen von grossem Umfang besonders schätze (27). Guido Sette, der einstige Schulfreund Petrarcas in Carpentras, seit 1358 Erzbischof von Genua, klagt über seine Gicht und verleitet damit den Dichter zu philosophischen Überlegungen über das Gute und Nicht-Gute, das Üble und Böse. Strenge Definitionen des Stoikers Poseidonios legt er vor (5), die verbieten, einen blossen leiblichen Schmerz als ein Übel zu bezeichnen. Welcher Kranke dürfte sich also beklagen! Aber rasch wird klar, dass Petrarca seine Belehrung für diesmal nicht so ernst meint, als es scheint, und dass er in der Praxis jetzt lieber nicht Stoiker ist und auch nicht als Anhänger des Poseidonios gelten will; er leidet selber an Gicht.
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Ganz nach gängiger Manier will er jetzt reden, das heisst, als ein Übel das bezeichnen, was die Menge dafür hält (7 und 11). Weil selber krank, könne er dem Kranken richtigeren Bescheid geben als einer, der bei bester Gesundheit an einem Krankenbett disputiere. Eine sehr schöne Einleitung ist das, und führt zu einem Lieblingsthema Petrarcas, zur Geduld (8.12.14.19). Sie ist das beste Heilmittel in jeder Not. Soeben hat er eine Schrift darüber verfasst, die trägt den berühmt gewordenen Titel De remediis utriusque fortunae (Heilmittel in Glück und Unglück), und der Erzbischof könnte sie in Empfang nehmen, wenn dem Dichter nur nicht Kopisten und jede Hilfe zur Fertigstellung der Arbeit fehlten (13 f.). Bis zu dieser Bemerkung ist der Dichter mit gutem Humor gelangt; aber kaum fällt ihm seine Arbeitslast ein, bricht sein Jammer aus ihm heraus, der weit schlimmer ist als die Gicht: Er ist allein, niemand steht ihm bei, auch die Freunde nicht, ja auch nicht sein Sohn (15). Was Petrarca in einem früheren Brief an den selben Erzbischof (Fam. 19,17,9) über den jungen Mann ganz zuversichtlich geschrieben hat, muss gestrichen werden; denn das Gegenteil ist wahr geworden; Giovanni hat in jeder Hinsicht versagt. Wenn die Datierung dieses Briefes auf Ende 1360 stimmt und auch die vorausgehenden Briefe über die Rückkehr des Sohnes zum Vater richtig datiert sind (Fam. 22,7 und 22,9), ist der früher geschilderte Versöhnungsversuch nicht im mindesten geglückt und treibt der junge Mann beim Vater das selbe Unwesen wie eh und je. Mit erschreckender Bitterkeit spricht Petrarca seine Vorwürfe aus. Doch wäre es nur richtig, die altera pars anzuhören, am besten Francesco Nelli, den entschlossenen Verteidiger des Abgeurteilten (vgl. oben zu Fam. 22,7 und 9). Petrarca denkt nicht daran. Nur mit Anstrengung richtet er sich nach seinen Anklagen wieder auf, und zwar um sich zu ermannen und die gepredigte Geduld in eigener Person sogar jetzt, mitten unter diesem grössten Leiden zu üben (16 ff.). Er hofft auf die Hilfe des Himmels, denn das sieht er ein, ohne dieses Himmelsgeschenk kann nicht einmal die gepriesene Geduld gefunden werden und tröstlich sein. Und dann kehrt er zu seinem eigentlichen Thema, zur Gicht und zu den anderen Altersbeschwerden, zurück. „Es will Abend werden“, sagt er (23 ff. nach Lc 24,29), und frohlockt nun wieder, wenn er bedenkt, mit welcher Tapferkeit der Freund Guido seine Übel erträgt (25). Ob seine grosse Freude ganz echt oder vor allem Rhetorik sei: Jedenfalls wird er bald einem anderen alternden Freund im Hinblick auf eine eben solche Gelassenheit eine eben so grosse Freude bezeugen (Fam. 23,5,5). Der Greis, der in Geduld seine Leiden aushält, ist ihm ein hohes Ideal und ein echter Trost. Doch auch diese frohe Anwandlung verfliegt rasch, weil seine Überlegungen ihn zu jenen Vätern hinüber locken, die in ihrem Alter unter ihren Söhnen leiden. Sie hätten ihr ganzes geistige Erbe ihnen vermachen wollen und erleben, dass jene unfähig sind, ein solches Erbe zu ergreifen. Wie manche grausame Enttäuschung durchgestanden werden muss, wie viele kostbarste Mühe verhöhnt wird, erläutert Petrarca mit dem Schicksal einer Reihe antiker Gelehrter und am Ende mit einem Hinweis auf Cice-
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ro. Dieser hervorragende Mann hatte einen Sohn, der nichts Besseres wurde als ein Bibulus, ein Trinker. Das ist unfassbar und dennoch wahr. Am Unglück dieses seines grossen Freundes ermisst Petrarca sein eigenes, und wie er im Schreiben innehält, merkt er auf und hält es fest: „Geweint habe ich mit Cicero, als wäre er gegenwärtig.“ Gut, so wird man sagen, dass er sogleich mit dem schon genannten Auftrag der Visconti nach Paris verreisen muss; das wird ihn zwingen, sich anderen Gedanken zuzukehren. Doch der Dichter versteht ohnehin auch jetzt, neuen Mut zu fassen. Er hat Freunden in verschiedener Weise helfen dürfen; mit seinen Schriften anderen wahren Trost geschenkt (26). Selbst was scheinbar nutzlos vertan war, hat später Früchte gezeitigt, wie er eben vernehmen durfte und wie er das öfters erfahren hat. Das ist eine Freude, die er nicht geringschätzen will. Diese letzten Gedanken von Fam. 23,12 findet man variiert in Brief 23,13, der wie ein Anhang wirkt. Sokrates, der Musiker auch er ein alter Mann, schaut auf sein Lebenswerk zurück und konstatiert, dass ein anderer erntet, was er gesät hat; davon war schon in früheren Briefen einiges gesagt worden (vgl. Fam. 21,9). Ähnlich wie Petrarca hat er irgendeinen Erben, doch es ist nicht der gewünschte, nicht einer, der ihm nahe steht, nicht einer, der einen Dank ausspricht. Dass man leer ausgeht, so sagt nun Petrarca, das ist zwar ein grosses Übel, aber ein ganz alltägliches; es ist sogar meistens etwas Unvermeidliches. Fast jeder stellt etwas her, was er weitergibt, etwa so, wie der Mann, der ein Tuch webt, womit sich ein anderer kleidet, oder wie eine Frau, die einen Sohn gebiert, den sie einer anderen Frau als Gatten überlassen muss. Wer, so fragt Petrarca, dürfte sich da aufregen (4 f.)! Es wäre ein Vergehen gegen die Vorsehung, nichts weniger als das. Annehmen darf man, dass er mit dieser Belehrung sich auch selber gut zuredet und nicht bloss seinem Freund. Nicht zuletzt erinnert er auch daran, wie zufrieden man sein muss, wenn man zu essen und sich zu kleiden hat, wie das schon Salomon betonte. Und schliesslich ist ihm gewiss auch recht, wenn ein späterer Leser vernimmt, dass er seinen Sokrates wirklich nicht im Stich gelassen hat. Dieser hat ihm einen Dankesbrief geschickt; jetzt ist er in Vaucluse, wie ihm der Freund geraten hat (Fam. 21,9,22), erhält dort alles, was er benötigt, und hat keine andere Leistung zu vollbringen, als mit seinen alten Tagen zufrieden zu sein. Petrarca aber lehnt jeden Dank ab, weiss er doch, dass Helfen-Dürfen auch ein Geschenk ist (Ende). Mit Brief 23,14 wendet sich Petraca erneut dem Kaiserhof zu. Nun befindet er sich seit dem Herbst 1362 in Venedig, wo ihm der Kanzler Benintendi auf seinen Wunsch hin ein Haus zur Verfügung gestellt hat. Es ist der Palazzo Molin an der Piazza degli Schiavoni. Hier also nimmt er am 11. März 1363 die Korrespondenz mit dem Kanzler Johann von Neumarkt wieder auf und stellt ihm eine Frage zur Veränderung einer stilistischen Gewohnheit; er begreift nämlich nicht, weshalb sie sich gegenseitig nicht mehr mit Du ansprechen sollen, wie sie das unter sich gewohnt waren. Gern hatte er sich ja gerühmt, das in der Antike Übliche für jeder-
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mann wieder eingeführt zu haben. Mehr noch scheint er sich zu wundern, dass seine Briefe, die er nach Prag geschickt hat, dort nicht angekommen sind. Bei den fortwährenden Kriegswirren hätte es ihn jedoch kaum erstaunen müssen. Eben diese grossen Unruhen haben ja auch ihn selber gehindert, längere Distanzen zurückzulegen; und schliesslich war ihm deswegen nichts anderes übrig geblieben, als sich in der Hafenstadt festzusetzen. Von seinen Versuchen, dem Wunsch Karls IV. nachzukommen, hat er 1362 mehrmals verschiedenen Personen Auskunft gegeben, so Boccaccio (Sen. 1,4 nach anderer Zählung 5) und Nelli (Sen. 1,2 oder 3). Aus einem Vergleich der Briefe geht hervor, dass er am 10. Januar 1362 von Padua aus nach Mailand aufgebrochen ist und dort auf Briefe des Papstes Innozenz VI. gewartet hat, und zwar in der Meinung, er werde zuerst nach Avignon reisen, um dort gewisse Pflichten gegenüber der Kurie zu erfüllen, dass er hierauf, weil er alle Wege gegen Westen hin versperrt gefunden hat, wieder gegen Osten umgekehrt ist, um einen offenen Weg zu den Alpen in dieser Richtung zu suchen, dies freilich im Wunsche, es möge ihm nicht gelingen. Er ist eben sehr darauf bedacht gewesen, sich jetzt von Mailand ganz zu befreien, sich dadurch aber keinesfalls dem Zugriff des Kaisers auszuliefern. Und für einmal ist ihm das Geschick günstig gewesen. Dem Kanzler Johann versichert er wahrheitsgemäss, dass er sich nicht etwa mit dem Reiseziel Venedig von Mailand verabschiedet habe, obwohl er sich jetzt eben da befinde; vielmehr sei Prag sein Ziel gewesen. Den zuverlässigen Boten, den er gefunden hat, bezeichnet er am Ende, als „den Deinen, der auch der meine geworden ist“, was man vielleicht auf den Ritter Sagremor beziehen kann, da dieser noch immer in Italien festgehalten wird und erst 1366 nach Frankreich zurückkehren kann, um da bei den Zisterziensern seine letzte Lebenszeit zu verbringen. Wie man geradezu erwarten muss, folgt auf den Brief an den Kanzler mit 23,15 einer an den Kaiser selber. Von einer Reise an den Kaiserhof oder von einer Entschuldigung, dass sie noch nicht erfolge, hört man darin nichts. Möglicherweise wird der Bote beauftragt, in Prag über die damit verbundenen Schwierigkeiten zu berichten. Ein Geleit hat Petrarca nicht erhalten können, und das Unwesen der Söldnerbanden hat sich nicht verringert. Es ist also richtig, dass der Kaiser endlich nach Italien kommt. Er kann keine Gründe für ein Fernbleiben vorbringen, weil es keine gibt, und Petrarca hat sich nach ihm ganz heiser geschrien und vermag sein immer gleiches „Komm!“ deshalb kaum noch „auszuhauchen“. Sehr eindrücklich ist nun seine Rhetorik, und völlig echt tönt auch sein „nacktes Wort“ und in diesem beschlossen sein „nacktes Gefühl.“ In Venedig hat er übrigens im Herbst 1362 vom Tod des Papstes Innozenz VI. gehört; hier hat er von der Wahl des neuen Papstes Urban V. vom 28. Oktober vernommen, und nicht lange danach muss zwischen ihm und dem neuen kirchlichen Oberhaupt, einem französischen Benediktiner und Rechtsgelehrten, ein Briefwech-
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sel eingesetzt haben. Der Dichter schöpft selbstverständlich sogleich Hoffnung auf die Rückkehr des Neugewählten nach Rom, und der Kaiser kann nicht umhin, es als seine Pflicht anzusehen, mit dem Papst in Verbindung zu treten. Wie bei jeder Neubesetzung eines hohen Amtes gerät manches in Bewegung. Einen besonderen Anlass hat der Kaiserhof zwar vorerst nicht, sich an Petrarca zu wenden, immerhin soll der Kontakt mit ihm erhalten bleiben. Somit trifft im August (1363) nochmals ein Schreiben des Kanzlers in Venedig ein, und der Dichter beantwortet es am 27. des Monats mit Fam. 23,16. Kein politisches Problem wird angesprochen, sondern nur vage an persönliche Wünsche erinnert, von denen Johann mitteilen muss, der Kaiser habe sie zu erfüllen abgelehnt (vgl. Fam. 23,7). Die Angelegenheit hatte den Bittsteller nicht persönlich berührt, weshalb es ihm leicht fällt, von einer immer gleichen Dankesschuld zu sprechen und dann einen eigenen neuen Wunsch anzubringen, den aber der Kanzler selber erfüllen kann. Petrarca legt ein gutes Wort für einen Studenten ein. Dieser kehrt sich eben von Padua ab, um an der neuen Universität Prag zu studieren. Für eine kleine Handreichung des Kanzlers wird er dankbar sein. Denn dort wird er nicht manchen Landsmann antreffen und erst recht wenige andere italienische Studenten. Doch immerhin: Eine Umorientierung beginnt; und sie gelingt am Anfang am besten jenen Südländern, die im Norden nahe Verwandte haben. Wirklich ist der dem Kanzler Empfohlene halb Deutscher, halb Italiener. Übrigens wünscht er, dort nicht allein zu lernen, sondern auch zu lehren, dicendi avidus, docendique (6), und das wird ihm wohl nicht verwehrt werden. Unter der Abfassung dieses Schreibens wirkt der Dichter nicht heiter; er fühlt sich in Venedig von der Welt zu sehr abgetrennt (3 f.), wie er sagt, und bittet den Kanzler geradezu um Briefe, weil solche ihm notwendig seien (1). Doch er erlebt an seinem neuen Wohnort, wie man einigen Seniles entnehmen kann, recht viel Angenehmes. Das geschäftige Treiben am Hafen und die auslaufenden Schiffe betrachtet er mit staunendem Gefallen. Vom April bis zum Ende Juni 1363 lebt übrigens Boccaccio bei ihm, und während dieser Zeit (Sen. 3,1) fehlt es ihm weder an anregenden Gesprächen, noch an willkommenen Begegnungen, auch nicht an Gondelfahrten mit dem Kanzler Ravagnani Benintendi. Auch Leonzio Pilato, der Homerübersetzer aus Kalabrien, gesellt sich zu ihnen, man spricht von dessen Homer-Übersetzungen und Lehrtätigkeit und hat davon seinen Nutzen, auch wenn er ein finsterer Mensch ist. Dann freilich reist Boccaccio ab, und gleich danach treffen Trauernachrichten ein, so die Meldung vom Tod des geliebten Freundes Lelio, zu dessen Vorzügen es gehört hatte, schöne Erinnerungen an die Familie Colonna und an Rom lebendig zu erhalten, kurz darauf die vom Tod des ihm besonders vertrauten Francesco Nelli, der ihm ein Simonides war und dem er die Sammlung seiner Altersbriefe gewidmet hat. Diese Todesfälle mögen Petrarca um so stärker berührt haben, als er jetzt öfters leidend ist und eben hat erfahren
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müssen, dass ein Gerücht ihn entschieden für tot erklärte, weshalb Papst Urban seine Pfründen sogleich weiter verlieh. Sie wurden ihm freilich zurückgegeben, und gleichzeitig verbesserte sich auch wieder sein Gesundheitszustand. Dass aber sein Urteil über sein neues Zuhause in Venedig sehr bald schwankt, kann niemanden erstaunen, da er sich ja nirgends auf längere Dauer behaglich fühlt. Später, 1365, trägt der Tod des Kanzlers Benintendi einiges dazu bei, dass er gerne auswärtige Freunde aufsucht. Häufige Ortswechsel, die er einst als Hilfsmittel gegen „seine schwere geistige Krankheit“ bezeichnet hat (Fam. 15,4), werden ihm von Gönnern und Freunden immer leicht gemacht. Eingeladen wird er von Galeazzo Visconti, der seit der Einnahme von Pavia 1359 diese Stadt beherrschte. Auch unterhält er nach wie vor Beziehungen zu Francesco da Carrara von Padua, der eifersüchtig darüber wacht, nicht vergessen zu werden. Den Freunden in Florenz, die ihn zu sich einladen, winkte er ab und zieht es trotz allem vor, in Venedig zu bleiben, und erst 1368 entscheidet er sich, festen Wohnsitz im Gebiet von Padua zu nehmen. Doch mit solchen Angaben greift man voraus. Wenigstens einige Jahre muss man wie so oft zurückgehen. Nicht sicher datierbar ist zwar Brief 23,17 an einen Hofmann Ugo von San Severino in Neapel, aber manches spricht dafür, dass er 1362 geschrieben wurde, nämlich nicht lange nach dem Tod des Königs Lodovico, des Gatten der Königin Giovanna. Wirklich scheint Petrarca von grossen Intrigen im Königreich gehört zu haben, die ihn aufs lebhafteste an die entsetzlichen Übelstände nach dem Tod des Königs Roberto erinnern. Er hat sie damals klar vor seinen eigenen Augen gehabt und meint jetzt, Monstren, wie man sie aus der Geschichte Ägyptens kenne (2) und wie sie 1343 in Neapel wüteten, könnten ebenda auch jetzt wieder mörderische Werke verrichten (Fam. 5,1 mit Anm. 22; vgl. Fam. 5,3,8 und 15 ff.; 6,5,3–9). Der Anlass zu diesem Schreiben bleibt unklar, doch kennt Petrarca den Empfänger seit früheren Zeiten, und von ihm hat er lang erwartete Auskünfte endlich erhalten. Diese betreffen offensichtlich Petrarca persönlich. Von früheren Gunsterweisen des Hofes ist die Rede (1 und 3) und von einem grossherzigen Verhalten der Königin. Petrarca hat keine Wünsche an sie; er fühlt sich als ihr Schuldner (1). Dem Grafen dankt er, selbst wenn er einen Vorwurf an ihn nicht unterdrückt (4). Ihm gegenüber betont er, in seiner Armut sei er reich (5), worauf er ihn vor den „Hofhunden“ warnt; er solle sich ja vor ihren Bissen hüten und sich ihnen nicht zugesellen. Was immer ihn bewog, das Schreiben in die Familiares aufzunehmen: Sicher ist, dass er die Entwicklung im südlichen Königreich stets angelegentlich verfolgt hat. Über missliche Zustände am Hof ist er zur angegebenen Zeit gewiss dank Barbato, Boccacccio, ja auch dank Nelli informiert. Und dass sich diese drei eben da in Neapel aufhalten und mit Acciaiuoli zusammentreffen, ist für ihn Grund genug, sich dieser Stadt zuzukehren. Der Brief Fam. 23,18 aus Padua und vom 8. Juni (1362) wirkt deshalb wie eine Fortsetzung von 23,17, wenn auch in beschränktem Sinn. Er spricht den Gross-
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Seneschall an und erwähnt den vor kurzem erfolgten Tod des Königs Lodovico, den jedoch nur nebenbei am Ende des Schreibens (7). Ein masslos hochgeschraubtes Lob auf den Adressaten, wie man es ungern von einem Moralisten wie Petrarca vernimmt, macht die erste Hälfte des Schreibens aus; die Sprachkunst eines Homer wünscht sich der Briefschreiber, um den Taten des Gefeierten gerecht zu werden. Doch bald darf man mit einiger Erleichterung vermuten, dass man eine scherzhafte, übertreibende Antwort auf eine ebenso scherzhaft gemeinte Bitte des hohen Herrn vor sich habe. Acciaiuoli hatte an der oben erwähnten Zusammenkunft im Garten Barbatos teilgenommen, bei welcher die Förderung der Herausgabe von Petrarcas Werken beschlossen worden war (Wilkins, Studies 248 f.), und seither zeigt er sich bereit, im genannten Sinn mit den Freunden zusammenzuwirken. Nun hat er den Dichter soeben um lang ersehnte Briefe gebeten (hoffend, wie er verrät, es tauche da und dort sein eigener Name auf ), und sein Schreiben (Cochin, Epist. Anhang I), das heisst: sein Briefchen, hat er für einmal lateinisch abgefasst, deshalb aber guten Grund, sich darüber lustig zu machen, weiss er doch, dass es kein Meisterwerk ist. „Möchte es doch gefallen, o utinam placeret, so liest man darin, und fast scheint es, jemand sei ihm bei der Abfassung beigestanden. Doch geschrieben hat er es manu propria, wie er betont, und das ist die Hauptsache. Und wirklich, es gefällt! Petrarca lobt seine Redegewandtheit, die sich darin offenbart, wie er auch alle anderen Fähigkeiten des Regenten zu würdigen weiss, und wären seine Wendungen nicht sehr nahe dem, was er sonst in allem Ernst an Ruhmredigkeit vorbringt, so wäre sein Schreiben ein wahrer Spass (vgl. Fam. 11,13 und 12,15). Er spricht dann auch von Nelli (5), und eben dieser könnte dem Gross-Seneschall bei der Verfertigung seines lateinischen Elaborats geholfen haben. Denn was man nicht erwartet hätte, trifft zu: Er befindet sich seit einiger Zeit in Neapel, weil er ebenda die Stelle übernommen hat, die Zanobi, als er päpstlicher Sekretär wurde, vakant zurückgelassen hatte. Selten genug hat man dank der Lektüre der Familiares das Vergnügen, ein paar Freunde mit oder ohne Petrarca bei einer angenehmen, heiteren Beschäftigung beisammen zu sehen (so in Fam. 18,10 und 20,9), und so freut man sich denn um so mehr, dass unerwartet ein Theatervorhang aufgeht und den Ausblick auf einen Platz in Neapel freigibt, auf dem sich das erwünschte Gruppenbild zeigt. Doch eben: Am erstaunlichsten ist, dass sich auch Nelli da befindet, von dem man eher gedacht hätte, nach seinen Geschäften in Avignon werde er sich erst recht in sein Haus in Florenz vergraben. Er hatte sich aber von Acciaiuoli in den Süden entführen lassen, was ihm selber sehr sonderbar vorkam und was überhaupt jedermann überraschte: „Du wirst Dich wundern“, hatte er Petrarca gemeldet (Cochin. Epist. 27), nachdem er sich in Neapel eingelebt hatte. Nun wird er dem Gross-Seneschall durch den Dichter wärmstens empfohlen. Was dieser für ihn tun soll, kann man sich dennoch nicht denken. Es wird alles viel zu geheimnisvoll behandelt. Hauptsache aber: Nelli bleibt in Neapel. Ja, er bleibt da
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bis zu seinem Tod, der allerdings nicht lange auf sich warten lässt. Er kommt im Spätsommer 1363. An Boccaccio richtet Petrarca darauf Fam. 23,19 mit dem Datum 28. Oktober (1366). Von ihm hätte man schon zu den vorangehenden Schreiben manches melden können, da er ja auch wieder in Neapel gewesen ist, dort mit Barbato der Africa wegen korrespondiert und an dessen Bemühungen um die Herausgabe von Petrarcas Werken teilgenommen hat. Später – das ist schon oben angemerkt worden – hat er sich monatelang in Venedig aufgehalten. Was Brief 23,19 ihm nun darstellt, ist nicht ein bloss jüngstes Ereignis vielmehr ein mehrjähriges häusliches Glück. Petrarca hat vor einiger Zeit einen Kopisten gefunden, wie er ihn nicht besser hätte wünschen können; er ist nur etwa 19 Jahre alt; sein Name, von Petrarca nicht verraten, lautet Giovanni Malpaghini. Überaus begabt ist der junge Mann und im höchsten Mass bereit, zu arbeiten und zu lernen. Nun hat er in kurzer Zeit seine Talente sehr schön entwickelt. Vor allem seine dichterische Fähigkeit veranlasst Petrarca, ihm eine grosse Zukunft zu prophezeien (3 f. und 9 ff.), doch rühmt er auch das alltägliche Leben, das er mit ihm führt. Er hält ihn wie seinen eigenen Sohn (6), arbeitet mit ihm um die Wette und wacht und fastet mit ihm um die Wette (5). Kostbar ist Petrarca nicht zuletzt das exakte Gedächtnis des Kopisten. Vor seinen wissbegierigen Ohren erläutert er unter anderm die Frage der Imitation und Originalität und kommt dabei auf Anleihen und Diebstahl zu sprechen (9 ff.). Nun aber wirkt es wie eine Ironie des Schicksals, wenn ihm, der aufs ängstlichste jede Anleihe meidet und seinen Schüler vor solchen warnt, ganz sachlich erklärt wird, nämlich von eben dem Schüler, wie man Anleihen mache, das habe er vor allem ihm abgeschaut (14 ff.). Petrarca hört das fassungslos, erkennt aber, dass sein Kopist tatsächlich eine versehentliche Anleihe bemerkt hat, die auch Boccaccio entgangen war. Diesem wird das nun mehr spottend als tadelnd vorgehalten. Korrigieren kann man nichts mehr, nur feststellen kann man, es sei den früheren Mängeln einer der ähnlichen Art zuzufügen (Fam. 22,2), der beweise, wie leicht ein Literat gerade durch eine genaue Kenntnis der grossen Autoren irregeleitet werden könne, weil er nicht mehr unterscheidet, was dem eigenen Schatz angehört und was einem fremden entstammt. Aber Malpaghinis Hauptleistung liegt nicht in solchen Nachweisen, sondern in seiner Fähigkeit, nach der Anleitung seines Lehrers eine wahrhaft elegante, gut lesbare Schrift aufs Papier zu setzen (19,7 ff.) und Texte fehlerlos zu transkribieren. Die Sammlung der Prosabriefe, von so vielen Kopisten stückweise abgeschrieben und wieder liegen gelassen, hat er allein nun fertiggestellt (7), und schon freut sich Petrarca darauf, den Band in seiner tadellosen Ausführung Boccaccio vorzulegen. Soviel zu diesem Brief 23,19. Aus späteren Briefen hört man von weiteren Leistungen Malpaghinis. Er schreibt die von Leonzio Pilato verfertigte Übersetzung der Ilias und der Odyssee ab, weiter den etwa fünfzigseitigen Brief an Papst Urban V.
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und danach aus dem Canzoniere ein Gedicht ums andere ohne Unterbrechung. Dann tritt er, wie Petrarca berichtet, vor seinen Lehrer hin und sagt: Ich schreibe nicht mehr, ich gehe. Und was der bestürzte Dichter auch raten mag: Der junge Mann ist von diesem Entschluss nicht abzubringen (Sen. 5,5 an den früheren Lehrer des Kopisten, Donato Albanzani; vgl. auch Sen. 5,6). Seine wunderbare Willfährigkeit hat sich in Nichts aufgelöst, und unter heissen Tränen beteuert er nur immer aufs neue, es sei nun genug, er könne nicht mehr, er wolle keine Betreuung, keine Wohltaten; er sei nichts und wolle etwas werden. Das ereignet sich im Frühling 1367. Petrarca, der ihn zurückzuhalten versucht, treibt ihn damit in eine abenteuerliche Flucht, die ihn fast das Leben kostet und deshalb zur Umkehr zwingt. Darauf verhilft ihm Petrarca mit Empfehlungen zu einer neuen Anstellung, und so gelangt sein Schützling nach Rom. Denn eben jetzt, 1367, hat Papst Urban V. trotz allen Protesten der Kurialen und des französischen Königs sich dorthin verfügt, genau wie viele Christen es gefordert und auch Petrarca es in jenem von Malpaghini kopierten Brief verlangt hat. Bei Francesco Bruni, dem neuen päpstlichen Sekretär, findet er tatsächlich einen Weg, etwas zu werden. Einige Jahre später besteigt er ein Katheder an der Universität von Florenz und wird dort als ein neuer Cicero gefeiert. Doch publiziert er nie eine Schrift von grösserer Bedeutung. Etwa vier Jahre also hat Malpaghini bei Petrarca ausgeharrt, und dann ist es zum Bruch gekommen, obwohl er alle die Talente besass, die Petrarcas Sohn hatte vermissen lassen. Die beiden jungen Leute, ein Giovanni wie der andere, versuchen sich mit etwa 23 bis 25 Jahren unter grossem Aufwand zu befreien, denn sie halten die von ihnen geforderte Last nicht mehr aus. Vielleicht lässt sich daraus etwas zu Gunsten des Sohnes ableiten. Doch der Sache länger nachzugehen, fehlt hier der Raum. Dagegen ist etwas von Malpaghinis neuem Arbeitgeber anzufügen, denn er ist, obwohl unter Petrarcas Freunden bisher unbekannt, der Adressat des nächsten Briefes. Und nicht allein Adressat ist er, vielmehr auch die Hauptperson von Fam. 23,20. Denn Petrarca schildert ihm einen soeben erlebten Gaunerstreich, den die Herren Pandolfo Malatesta und Francesco Carrara ihm gespielt haben, und zwar zu keinem anderen Zweck, als um ihn zur Kenntnisnahme des ihm völlig unbekannten Francesco Bruni zu zwingen, ja ihm sogar anzuempfehlen, diesen Mann in seine Freundesschar aufzunehmen. Die sehr lebendige Schilderung muss man im Brief nachlesen. Kurz gesagt, teilt Petrarca ihm mit: So und so hat sich die Geschichte zugetragen, und nun nehme ich Dich eben mit offenen Armen in meine Freundschaft auf, wie es dem Befehl jener Herren und Deinem eigenen Wunsch offenbar entspricht. Da aber der Band meiner Freundesbriefe soeben abgeschlossen wird, kommst Du gerade noch recht, den letzten Platz ganz zuhinterst einzunehmen. Es bestehen gute Aussichten, dass Du noch weitere Briefe von mir erhalten wirst, solche nämlich der Sammlung Seniles, heisst es doch, dass das hohe Alter besonders geschwätzig ist (8). Darauf entlässt Petrarca den neuen Freund mit einem Glück-
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wunsch, hält aber später sein Versprechen, ihm weitere Briefe zu senden, und tut dies um so lieber, als Bruni, dieser Rhetor aus Florenz, ein sehr fähiger Gelehrter und zuverlässiger Helfer ist, dabei an der Kurie als Vertrauensperson gilt, die über vieles Bescheid weiss. Über seine Dienste wird Petrarca oftmals froh sein, und wenn sich Gelegenheit bietet, werden ihm die Mittel nicht fehlen, sich erkenntlich zu zeigen, zum Beispiel so, dass er ihm, Bruni, während seiner Aufenthalte in der Provence sein ganzes Haus an der Quelle der Sorgue mitsamt der Olivenernte überlässt, nicht ohne anzumerken, er habe die meisten Bäume einst mit eigener Hand gepflanzt (Sen. 6,3). Und oft wird er Pandolfo Malatesta und Francesco Carrara dafür danken, dass sie ihm diesen kostbaren Mann geradezu aufgedrängt haben. Aber das Buch 23 muss mit einem Schreiben an einen wahrhaft erhabenen Adressaten und mit einer teuren Erinnerung an die immer selbe politische Hoffnung auf eine glückliche Wendung schliessen. Zwei Jahre lang, so scheint es, hat Petrarca nicht mehr an den Hof von Prag geschrieben, doch hört er indessen von den wichtigsten geschichtlichen Ereignissen, so auch von den Verhandlungen, die Karl IV. 1365 bei einem Besuch in Avignon persönlich mit Papst Urban V. führt. Und wohl im selben Jahres rafft er sich auf, den ewigen Zauderer in Prag mit Fam. 23,21 noch einmal daran zu mahnen, endlich für den Frieden Italiens besorgt zu sein. Gleichzeitig verfasst er jenen schon genannten Aufruf an den Papst, in dem er ihn zu kommen heisst und die vielfältigen Bedenken der Kardinäle als das brandmarkt, was sie sind: als lächerliche Ausflüchte einer pflichtvergessenen, völlig verweltlichten Gesellschaft (Sen. 7; Auszüge lat und dt. in Aufrufe). Davon ist in den Familiares nicht mehr die Rede Man muss also in den Seniles nachschauen, um zu erfahren, was Petrarca und Seinesgleichen als Ankündigung einer besseren Zeit hätten ansehen wollen. Einige Genugtuung darüber, dass er den Widerstreit unter den Mächten nicht bloss schweigend verfolgt habe, empfindet er 1367 aufs neue, indem er – zwar aus der Ferne – das erstaunliche Ereignis der Umsiedlung der Kurie verfolgt. Im April des folgenden Jahres 1368 erlebt er wahrhaftig die Ankunft des Kaisers in Italien und kann ihn im Gefolge des Herrn Francesco Carrara in Udine begrüssen. Ja er kann während mehrerer Tage mit Karl IV. und mit dem Kanzler Johann verkehren, bevor sie in Richtung Rom weiterreisen (Sen. 11,2). Um die selbe Zeit verabschiedet er sich von Venedig und bezieht seinen Alterssitz im Schutz des Herrn von Padua. Und von der Rückkehr des Papstes nach Avignon wird er ebenda vernehmen.
Buch 23 beginnt mit einem Hilferuf an Ungenannt, Italien von Söldnerbanden zu befreien, und es endet mit einem ebensolchen Ruf an den Kaiser. Ausser diesen beiden Briefen richten sich zehn weitere an den Kaiserhof; alle dre-
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hen sich um Pflichten des Herrschers, nebenbei um dessen Begehren, Petrarca nach Prag zu ziehen. Der thematische Schwerpunkt des Buches ist damit angegeben. In zweiter Linie tritt in mehreren Briefen das Thema des hohen Alters auf. Petrarca erkennt dessen Vorzüge und Beschwerden und predigt Geduld. Seine Freunde vermehren umsonst ihre Anstrengungen, die Herausgabe der Africa zu erwirken. Fertiggestellt wird die Sammlung der Familiares. Nacheinander treten zwei neue Helfer auf: der Kopist Malpaghini und der florentinische Rhetor Francesco Bruni. In einem Brief wird das Problem der Jerusalemfahrt und der Kreuzzüge angedeutet. Den Kontakt mit dem GrossSeneschall in Neapel wahrt Petrarca bis zu dessen Tod. Die Bindung an Mailand lockert sich. Ab 1362 ist Petrarca zuerst die meiste Zeit in Venedig, dann vermehrt in Padua, wo er noch immer ein Kanonikat innehat und mit seinem Gönner Francesco Carrara verkehrt.
Das Buch 24, das letzte der Familiares, wollte Petrarca, weil es für Briefe an berühmteste Schriftsteller der lateinischen Antike vorgesehen war, von den vorausgehenden absondern, aber er suchte offensichtlich nach einer Möglichkeit, zwischen ihm und den voraussgehenden eine Brücke zu schlagen. Der 1. Brief des Buches 24 scheint die gewünschte Funktion zu übernehmen. Petrarca richtet ihn nicht an einen Vertreter der Antike, sondern an einen Zeitgenossen, mit dem er besonders vertrauten Umgang pflegt und der ihn „von Anfang an gekannt“ hat (1,22); das ist sein kirchlicher Oberherr von Vaucluse, Bischof Philippe von Cavaillon. Er wird ein guter Zuhörer sein; und vor ihm, der ihm väterlich zugetan ist, darf sich der Dichter selber vorstellen. Denn darauf kommt es ihm jetzt an. Nicht der Adressat des Briefes ist das Bindeglied zwischen zeitgenössischen und antiken Freunden, sondern die im Brief dargestellte Person, die sowohl die einen wie die andern angesprochen hat, er, der Verfasser aller Briefe insgesamt. Petrarca will sich vorstellen, jedoch nicht durch Hinweise auf Äusserlichkeiten; er versucht vielmehr sein Wesen zu zeigen, nämlich mit den Besonderheiten (17), die sein einmaliges geistiges Profil ausmachen, und mit Kernsätzen seiner Lehre, mit denen er den Freunden in den Ohren gelegen ist. Zu seinen Merkmalen zählt Petrarca eine frühe philosophische Reife, die ihn sogleich zwingt, das Menschenleben ernsthaft zu betrachten und darauf zu merken, was Dichter und Denker darüber sagten. Schon immer, so kommt ihm vor, hat er das Wesentliche erfasst; denn schon immer ist er sich der Kürze des Lebens bewusst gewesen, schon immer hat er den Gehalt von Gedichten und Prosaschriften antiker Gelehrter ernst genommen, sich nicht bloss an ihrer Sprache ergötzt (10), vielmehr gerade in ihnen die selbe Lehre von der Kürze des Lebens vernommen und von
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ihnen gelernt, an den Tod zu denken, sich mit ihm zu befreunden und zu begreifen, dass das Leben ein fortwährendes Sterben ist. Deshalb hat er auch früh aufgehört, etwas vom Leben zu erhoffen. Manches hat er erlangt, ohne es zu erhoffen; zu Wohlstand ist er gekommen, ohne ihn zu wünschen (19). Gleichzeitig sind ihm viele Mühen erspart geblieben, so die Beschwerden des Ehelebens (20). Jurist zu werden, hat er abgelehnt, weil ihn anwiderte, mit seinem Beruf einen Gewinn zu erzielen. Die Gefährten, denen er die Kürze des Lebens umsonst einzuschärfen versuchte, hat er sterben sehen und hat einsam weitergelebt (17 f.). Gestehen muss er freilich, dass sein zuerst klarer Blick sich einmal getrübt hat (12 f.); leichtsinnig ist er geworden, und danken muss er dem Licht, das in seine Dunkelheit geleuchtet hat. Recht besehen hat sich jedoch seine Einsicht nie geändert. Was Petrarca in früher Jugend vorausahnte, ist später Gegenwart geworden (13 und 23), und was er einst dank Dichtern und Gelehrten verstand, das weiss er später dank eigener Erfahrung. Belehrung durch andere hat er längst nicht mehr nötig (24). Darin besteht der ganze Unterschied zwischen früher und später Erkenntnis: „Was ich gelesen habe, sehe ich“; quod legebam video“. Mit dem immer Gleichen verbindet sich der ewige Wandel, wie die Einsicht ihn jederzeit gelehrt hat. Alles wandelt sich weiter ohne Unterlass, und alles läuft und rennt einem Ende zu. Ein Anhalten gibt es nicht; auch ein Verlangsamen nicht, kein Umkehren und kein Neubeginnen. Indem Petrarca das wiederholt und ausführt, ist ihm bewusst, dass er nichts Neues vorbringt, nur Altes leicht variiert, indem er noch besser zu sagen versucht, was er oft versucht hat. Vor allem soll sich der Leser von der steten Gleichförmigkeit der Bewegung, von dem unablässigen Weitergehen überzeugen. Die Zeitgenossen haben das nicht begriffen; es muss ihnen eingebleut werden, damit sie sich keinen Illusionen hingeben, nicht vom Tod überrascht werden und bei seiner Ankunft nicht fassungslos erschrecken. Also beharrt Petrarca darauf, von diesem ewig gleichen Vorwärts zu sprechen; und indem er nachdenkt, wie er es noch besser veranschaulichen könnte, fällt ihm auf, dass er an seinem Schreibtisch sitzt und tut, „wie man so tut“, nämlich wenn man im Schreiben innehält und nachdenkt. Wirklich, das Schreibrohr hat er umgekehrt, und er klopft damit regelmässig auf das leere Papier: papirum vacuum inverso calamo feriebam (26). Und plötzlich weiss er: Genau so ist es; so läuft die Zeit. Er meint fast, sie zu hören; und was er misst, ist das dauernde Sterben. Und was er dann niederschreibt, tönt wie ein Begleitvers zu seinem Klopfen: Ambo morimur, omnes morimur, nunquam vivimus… In den Stuben jener Zeit tickt noch keine Uhr. Doch am Ende ist die Lehre vom eiligen immer gleichen Lauf in den Tod mindestens missverständlich. Sie ist ergänzungsbedürftig. Und die Ergänzung muss Petrarca schliesslich nachliefern. Das Klopfen hat etwas Beruhigendes, weil das Laufen zum Tod zur Befreiung führt. Knapp genug wird das ausgedrückt, doch immerhin fehlt es nicht: Das dauernde Sterben führt zum ewigen Leben (26 f.).
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Indem er das sagt, bringt er den Schlussakkord zum Trauermarsch. Darum endet der Brief mit der Ermunterung, mit Gottes Hilfe den kurzen Lebensrest mutig zu ertragen. Ein Nichts ist die kleine Strecke, und die Kürze ist wirklich eine Verheissung; ja sie ist selber ein Glück. Sie ist ein Nichts im Vergleich zum ewigen Leben; sie ist das kurze Sterben, das man leicht überwindet. So schreibt er wohl ums Jahr 1360, das heisst: bei einem neuen Ausbruch der Pest. Der 2. Brief von Buch 24 hat zum Adressaten einen Notar namens Pulice aus Vicenza und berichtet von einem Streitgespräch unter Freunden, das sich um Cicero dreht. Er führt also noch immer nicht zur erwarteten Begegnung mit den Gestalten der Antike, rückt aber immerhin den Leser näher an die erste unter allen heran. Eben in Vicenza, wo Petrarca auf einer Durchreise kurz anhält (1), wird er von Freunden erkannt und sogleich in ein Gespräch verwickelt. Eine ganze Gruppe gelehrter Männer ist mit Cicero so vertraut, dass sie mit seinem besten Kenner über ihn disputieren darf; ja ein Herr von hohem Alter hegt eine so überschwengliche Liebe für den grossen Redner, dass sich auch Petrarca (5 ff.) sehr wundert. Die entscheidende Frage unter den Freunden lautet: Ist Cicero so vollkommen, dass jede Kritik vor ihm verstummt, oder hat sogar er einige Mängel, die man tadeln darf, ja sogar soll? Petrarca schildert den Verlauf des Gesprächs mit einer Frische und Anschaulichkeit, dass niemand es besser gemacht hätte. Mit einem kritischen Wort hat er selber eine grosse Erregung hervorgerufen, und mit dem Vorzeigen seiner zwei Briefe an den antiken Gelehrten – er holt sie aus seinem Köfferchen hervor (6) – steigert er die Heftigkeit der Reden. Die Nacht bricht herein, noch bevor man sich beruhigt oder gar geeinigt hat. Man muss sich trennen, aber vom Dichter wird verlangt, dass er Kopien der Briefe sende, damit man in Vicenza über der bestimmten Frage noch länger brüten könne. Der Adressat von 24,2, also Pulice, hat am Gespräch teilgenommen, und eben an ihn schickt Petrarca die von ihm verlangten umstrittenen zwei Schreiben, ja er fügt noch eines an Seneca dazu und deutet damit auf weitere Probleme. Was also Pulice vom Boten empfängt, sind vier Briefe: ausser dem eben zu besprechenden auch Fam. 24,3 bis 5. Und faltet er unseren Brief auseinander (Fam. 24,2), fallen ihm und uns die nächsten Schreiben an Cicero und Seneca entgegen. Eleganter hätte Petrarca den Übergang von dem Gespräch in Vicenza zu seinen Grüssen ins Jenseits nicht gestalten können. Übrigens nennt er dem Notar gleich noch die beanstandeten Mängel seines hochgeschätzten Meisters Cicero und liefert damit eine Inhaltsangabe zum Schreiben, das in Buch 24 als das dritte folgt. Dann schliesst er mit einer Warnung an die Gelehrten in Vicenza, die sich wie ein grossartiger Triumph anhört: Niemand kann Richter über Cicero sein, der nicht sämtliche seiner Briefe gründlich gelesen hat. Ja, wer hatte das getan ausser ihm! Darauf folgt nun tatsächlich die erste Epistel an Petrarcas „liebsten Freund unter allen Menschen“ (Fam. 24,2,4). „Francesco grüsst seinen Cicero“, so beginnt Brief
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24,3 und rechnet damit, dass Cicero beim Empfang sofort begreife, wer dieser Francesco sei, der sich an ihn wendet. Schon im ersten Satz teilt Petrarca ihm mit, er habe lang gesuchte Briefe aus seiner Feder ganz unerwartet entdeckt, und wir wissen, dass ihm eben dies 1345 auf seiner Flucht aus Parma in Verona geglückt ist. Das Datum lautet auf den 16. Juni, was mit der genannten Jahreszahl zu ergänzen ist, sofern Petrarca gleich nach der Lektüre des gefundenen Schatzes in die Unterwelt davon melden wollte. Er schreibt jedenfalls noch in Verona alles mit eigener Hand ab, hat also rasch mehr als eine bloss vage Ahnung vom Inhalt. Innerlich ist er aufgewühlt, weil er an dem Hochverehrten peinliche Schwächen entdeckt, an die er nie gedacht hat, und reagiert vielleicht im ersten Augenblick kaum vernünftiger als jener Alte in Vicenza, der die Wahrheit anzunehmen sich aus allen Kräften sträubte. Doch dann nimmt er das Unleugbare an. „Mit unglaublicher Unverfrorenheit,“ so bekennt er später (Fam. 1,1,42 f.), habe er dem berühmten Redner einen Tadelbrief ins Jenseits geschickt. Ob aber das Schreiben, das er etwa fünf Jahre später etlichen Freunden in Vicenza vorlegt und das er seiner Briefsammlung einfügt, mit dem Entwurf seiner ersten Entrüstung identisch ist, wissen wir nicht. Nachprüfen kann man nichts, einiges spricht dagegen, vor allem muss man mit seiner Gewohnheit rechnen, an seinen Schriften immer neue Änderungen vorzunehmen. Im Verlauf der Jahre war ihm möglich, die historischen Vorfälle der Zeit Ciceros genauer zu studieren und ruhiger zu beurteilen, während er sich auch immer gründlicher in die wichtigsten ethischen Schriften Ciceros, so weit er sie erlangte, vertiefen konnte (6). Geschah dies, so vermochte er mit den Maximen des Redners auch besser seine sittlichen Handlungen zu vergleichen. Jedenfalls war ein Urteil über Ciceros Verhalten im 14. Jahrhundert weit gewagter als heute und als Petrarca sich vorstellte. Denn dank grösserer historischer Kenntnis und dank kritischerem Denken wird man heute wenn nicht richtiger so doch hoffentlich vorsichtiger urteilen. Aufrichtig ist aber Petrarcas Erklärung, es sei wahre Liebe und Trauer gewesen, die ihn zum Tadeln gedrängt habe (6). Dabei hätte er allerdings die Zerrissenheit im römischen Volk, den entsetzlichen Machtkampf der militärischen Führer, den persönlichen Hass eines Catilina und die gehässigen Verdächtigungen des Volkstribunen Clodus schärfer ins Auge fassen und zur Entlastung Ciceros stärker gewichten müssen; er hätte dagegen dessen Aufopferung für das Vaterland und seine Bemühungen um Versöhnung der Gegner wohl etwas höher veranschlagen dürfen. Doch wie dem sei: Wenn Petrarca datiert: „am 16. Juni des Jahres 1345 nach der Erscheinung jenes Gottes, den Du nicht kanntest,“ versteckt sich hinter diesen Worten ein grösserer Schmerz als der über Ciceros Schwächen, einer, der durch göttliche Freiheit bewirkt wurde. Die letzte Wahrheit ist Cicero unzugänglich geblieben, er ist vor Christi Geburt gestorben; und „dass er Heide war, ist so sicher wie schmerzhaft“. So äussert sich Petrarca anderswo (Fam. 2,1,21; vgl. z. B. Fam. 6,2,2) und wagt nicht, die Folgerungen, welche die Theologen seiner Zeit
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daraus zogen, laut zu bezweifeln. Auch am Ende von Fam. 24,4 hat er den selben Schmerz wenigstens angedeutet. Der nächste Brief, 24,4, der sich ebenso an Cicero richtet, trägt das Datum: Avignon, 19. Dezember im selben Jahr 1345. Wirklich hat Petrarca damals seine Flucht aus Parma fortgesetzt und ist von Verona aus über den Reschenpass nach Deutschland, von da weiter nach der Provence zurückgereist und scheint, eben dort angekommen, beschlossen zu haben, Cicero nochmals zu schreiben, ihn aber nicht erneut zu kränken, sondern ihm die zugefügten Wunden zu salben (1). Doch beginnt er damit nicht eben geschickt, wenn er dem Adressaten erklärt: „Du hast als Mensch gelebt, als Redner gesprochen, als Philosoph geschrieben.“ Denn damit leugnet er im Grunde, dass Cicero ein wahrer Philosoph ist. Anderswo unterstreicht er nämlich mit aller Deutlichkeit, dass Philosophie nicht eine Wissenschaft ist, die man in Büchern festhält, um sich weiter nicht um sie zu kümmern, sondern just Lebenskunst meint, nämlich die richtige Art, so zu leben, dass man das letzte Gut und die vollendete Seligkeit erreicht. Und wie klar Cicero selber diese Meinung vertritt, dass man nämlich den Philosophen an seinem Leben erkennt, weiss Petrarca – wenn nicht schon immer, so doch eines Tages. Er reiht ihn ja als Kronzeugen unter die Autoritäten ein, die seine persönliche Auffassung von Philosophie bekräftigen. Ein schönes Zitat just aus den Tusculanae disputationes bietet Petrarca die beste Stütze für diese Lehre, denn da liest man, dass es nur wenige echte Philosophen gibt. Sagt doch Cicero: „Wie manchen kann man unter den Philosophen denn finden, der sich so verhielte, dass sich sein Leben und seine Sitten nach dem richten würden, was die Vernunft erfordert? Oder wo ist einer, der sein Lehrfach statt als ein Prunken mit Wissen als eine Richtlinie für sein Leben verstünde, sich selber im Zaume hielte und seine eigenen Vorschriften befolgte…“? (Tusc. 2,4,11–12 in Fam. 17,1,9). Man ist also ein Philosoph im Leben oder man ist keiner. Möglich, dass Petrarca 1345 die Tusculanen noch wenig kannte, obwohl er im Jahr 1355 dem Grammatiker Crot(t)o in Bergamo, der ihm ein Exemplar des Werkes übersandte, versicherte, er habe dieses Buch „schon immer“ hochgeschätzt (Fam. 18,14,11). Wie dem sei: Vorsichtiger hätte Petrarca formulieren können und dann das Richtige getroffen. Denn wirklich war es Cicero nicht in jedem Augenblick gegeben, seinem hohen Ideal des Philosophen im erwünschten Mass zu genügen. Aber rasch rettet sich Petrarca auf einen festen Boden, indem er dazu übergeht, den „wahren Vater der römischen Redekunst“ zu feiern und ihm als sein Schüler grössten Dank auszusprechen, wie er das seiner Lebtag halten wird. Als Redner ist er auch Philosoph. Das geht eben aus dem erwähnten Brief an Crotto hervor (Fam. 18,14), da Petrarca hier die Tusculanen sogar mit den Heldentaten, ja Wohltaten des Herkules vergleicht und beweist, dass Cicero dank grossartigen geistigen Erzeugnissen jenen Kraftmenschen weit überragt. Da wie dort zitiert er überdies aus Seneca Vaters Schrift Controversiae, um seinem Lob Nachdruck zu verleihen,
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eine Stelle, die er auch sonst anführt, um Cicero über alle anderen lateinischen Prosaschriftsteller herauszuheben (Contr. 1, praef. 6–7 in Fam. 3,18,6; 13,5,18; 18,14,8 f.; 24,4,4 und 6). An dieser Wahrheit darf nicht gerüttelt werden. Allerdings muss dann Cicero, und das darf nicht fehlen, auch über seine Grenzen belehrt werden: Auch er vermag nicht alles im höchsten Mass; neben ihm steht als der beste lateinische Dichter Vergil, und dieser hat höchste Schaffenskraft in der gebundenen Sprache bewiesen wie Cicero in der ungebundenen (7 ff.). Gleich drängt sich bei dieser Feststellung (und zwar im Land Italien der Antike wie in dem des Mittelalters) unumgänglich noch ein Vergleich mit Vergils Vorbild, mit Homer, auf, und eine neue Frage schliesst sich an, die man in eifersüchtigem Patriotismus zu seinem eigenen Vorteil zu beantworten geneigt ist. Es kann ja wohl nicht anders sein, als dass der Lateiner dem Griechen überlegen war, die Ilias von der Aeneis übertroffen wurde und nicht umgekehrt (9 f.). Doch eine gewisse Scheu verhindert eine abschliessende Antwort. Es folgt im letzten Teil des Schreibens noch kurz, was man erwartet hat: Eine Reihe lauter Klagen über den Verlust der wertvollsten Schriften und über den entsetzlichen Niedergang der Kultur. Und an Rom will Petrarca nicht einmal erinnern. Selbst wenn sich Cicero im Himmel befände, aber er ist wohl in der Unterwelt (16), müsste er Tränen vergiessen, würde er vom wahren Zustand der alten Königsstadt Kunde erhalten. Seneca ist von Petrarca unter den Verehrern Ciceros als wichtigster erwähnt worden. Und nun schreibt er auch diesem einen Brief ins Schattenreich, nämlich Brief 24,5. Unter den Gelehrten der nicht-christlichen Antike ist er ihm zeit seines Lebens der best vertraute Ratgeber in moralischen Fragen, der verehrte Stoiker, dem er vieles verdankt. Er findet bei ihm ein Gedankengut, das mit seinem eigenen, dem ihm sozusagen „angeborenen“, erstaunlich gut harmoniert. Ähnlich ist bei beiden (und Petrarca ist nicht einfach sein gelehriger Schüler) die fundamentale Lehre von der Notwendigkeit einer steten Betrachtung über die Kürze der Lebensfrist, wie man sie eindrücklich eben in Fam. 24,1 (mit Zitaten aus Werken Senecas) hat lesen können, ebenso ist der Rat, sich einer unablässigen Beschäftigung mit dem Sterben zu befleissigen, beiden eminent wichtig wie überhaupt das Streben nach Gelassenheit und nach Ablehnung all der weltlichen, von Fortuna verwalteten Dinge. In seinem Senecabrief geht der Dichter denn auch recht vorsichtig dem Wendepunkt entgegen, an dem das Lob dem Tadel weicht, und auch da noch holt er sein Bündel der beanstandeten Mängel nur in der Hülle bewundernder Verehrung hervor (4 ff.), die wegzuheben er sich nicht beeilt. Endlich tut er es in der Sicherheit, sich auf zuverlässige Berichterstatter zu stützen, und das ist nun allerdings ein Irrtum, dem er allzu rasch erliegt. Er überschätzt den zitierten Sueton bei weitem, da dieser Historiker eine Vorliebe für Klatsch und Skandalgeschichten hegt, um mit solchen ein grösseres Publikum anzusprechen. Bedauern muss man folglich, dass dem Dichter die Annalen des Tacitus unbekannt waren und dass er
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auch nichts von dessen Hauptquellen für die Zeit Neros wusste. Tacitus benützt nämlich neben Senatsakten vor allem den Historiker Cluvius Rufus, dann Cn.Domitius, aber auch Fabius Rusticus, diesen jedoch mit einiger Zurückhaltung, in der Meinung, er „neige dazu, Seneca zu loben“ (Ann. 13,20,2). Sueton kennt jenen Cluvius, nennt ihn aber nur nebenbei im Kapitel 21, und bloss weil er als Konsular im Jahr 65 seinem Kaiser Nero während öffentlicher Auftritte in Rom zu Diensten stehen und ihn im Jahr 67 zu seiner Schaustellung nach Achaia begleiten musste. Überhaupt ist, was er über den Philosophen aussagt, sehr dürftig. Er kennt einige Einzelheiten, so den Traum, der ihn erschreckte (7,3; vgl. 10), das Begehren, sich des Kaiserdienstes zu entledigen (35,11), überdies den Tod auf Befehl des Kaisers (35,11). Dazu fügt er Senecas Absicht, dem Schüler die Kenntnis alter Redner vorzuenthalten (52,1; vgl.13). Wichtig ist diesem Biographen nur Nero, den er in keiner Weise schonen will, wogegen ihn Seneca kaum interessiert. Dennoch meint nun Petrarca im Glauben an Suetons Autorität, sogar die hier zuletzt genannte Aussage als Wahrheit übernehmen zu sollen, die er ebenso gut als eine Unterstellung hätte tadeln können. Denn wer hätte zu beweisen vermocht, Seneca habe seinen Schüler vom Studium der alten Redner zum Zweck abgehalten, ihn desto länger an sich zu binden (52,1)? Als hätte der Lehrer nicht einen bestimmten Erziehungsund Studienplan befolgen können, der ihn anhielt, auf die Reife des Schülers Rücksicht zu nehmen. Darauf fügt Petrarca sogleich noch an – offenbar als freie eigene Behauptung –, Seneca habe die Lehrerstelle am Kaiserhof von sich aus recht eigentlich erstrebt (aus Ehrgeiz?) und könne keinen Menschen und kein Geschick für die fatalen Folgen verantwortlich machen (14). Auch dies hätte er zu sagen kaum gewagt, hätte er die Darstellung des Tacitus vor sich gehabt. Dieser kann zwar reine Sachlichkeit so wenig erbringen als irgendeiner, bemüht sich aber in hohem Mass darum. Er berichtet, die Mutter Neros, das ist Agrippina, habe im Einverständnis mit ihrem Gatten Claudius den allseits geschätzten Philosophen zum Lehrer ihres Sohnes, des Thronfolgers, bestellt und damit Verschiedenes zu erreichen gehofft, nicht zuletzt eine Beschwichtigung des Volkes, das sich über die fürchterlichen Übelstände am Hof empörte (Ann. 12,8). Diese Aussage hätte ohne weitere Deutung übernommen werden können; ja glaublich wäre die Ansicht gewesen, dem Philosophen sei gar keine andere Wahl geblieben, als das Amt eines Prinzenerziehers anzunehmen, ob es ihm beliebte oder nicht. Höchst lesenswert sind zudem des Tacitus Schilderungen vom Rücktrittsgesuch Senecas und von seinem höchst würdigen Verhalten bei dem ihm auferzwungenen Sterben (Ann. 14,53 und 15,60–64). Petrarca hätte bei der Lektüre dieser Stelle in der Trauer um den Freund seinen Tränen freien Lauf gelassen. Auch wäre er von sich aus, ohne von Sueton beeinflusst zu sein, kaum auf die Idee gekommen, Seneca eine Mitschuld an den Schandtaten seines Schülers aufzuladen, da er doch selber froh war, nicht vor ein Sittengericht gezogen zu werden, nämlich wegen all des Fehlverhaltens in
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seiner Umgebung, sowohl in Avignon wie auch in Mailand und an anderen Orten, wo er wie ein zweiter Seneca mit Lehren und Ratschlägen ganz vergeblich für das Richtige eintrat. Allerdings ist wahr, dass nicht einzig Suetons Bericht über Kaiser Nero Petrarca dazu hinriss, sich in einen Zorn über Seneca hineinzureden. Das bewirkten ebenso sehr die von ihm angeführten Werke des Philosophen selber, die Tragödie „Octavia“ und die Schriften „Von der Güte“ und „Vom Trost“. Wie diese zu beurteilen wären, kann hier nicht einmal angedeutet werden; viel zu schwierig ist ihre Bewertung. Doch eben deshalb kann man sagen, Petrarca habe sich die Sache zu leicht gemacht. Dies zum Teil aus jugendlicher Streitlust. Vor die angesehensten Schriftsteller hinzutreten, um sie für einmal nicht bewundernd anzuhören, sondern um von ihnen ausnahmsweise Gehör zu verlangen, ja um sie mit Vorwürfen herauszufordern und sich mit ihnen zu messen, das hatte für ihn einen unwiderstehlichen Reiz. „Es wird nicht unverschämt sein,“ so schrieb er (und das allein tönt schon fast unverschämt), „wenn ich wenigstens einmal (semel) von Euch gehört werden möchte“ (2). Der Dichter, der schon um 1350 mit der Briefsammlung beginnt und im Widmungsbrief seine Epistel an Seneca erwähnt, ist natürlich stolz und nicht beschämt, wenn er sich zu seiner Kritik bekennt. Jugendlich war sie und „zänkerisch, beleidigend und leichtfertig verwegen“ heisst es da; „doch zurückhalten konnte ich sie nicht“ (Fam. 1,1,42), und sie hat ihm in der innersten Seele wohlgetan. Das weiss er noch im hohen Alter. Als dritte Gestalt aus der Antike wird nun Terentius Varro mit dem Brief 24,6 beehrt, und das entspricht Petrarcas Lob in seinem (vulgärsprachlichen) Triumphus Famae (3,37 f.), wo es heisst, als ein drittes Leitgestirn besitze das lateinische Volk den „duce Varrone“; er sei „il terzo gran lume romano.“ An seinem Leben hat er nichts auszusetzen, denn mit grossem Geschick hat dieser Mann nach dem Tod seines besonderen Gönners Pompeius sich aus der Politik weitgehend herausgehalten. Eine Güterkonfiskation wurde ihm zwar trotzdem nicht erspart, aber sein Leben wurde gerettet, weshalb er auf einem Landgut noch bis ins Jahr 27 weiterleben und weiterarbeiten konnte, also genau das zu tun vermochte, was Petrarca dem Zeitgenossen und „Mitschüler“ Cicero von Herzen gewünscht hätte. Die hohe Achtung, die er dem Gelehrten schenkt, gründet auf dem Urteil seiner Autoritäten aus der Antike. Wenn Cicero jenen mit Superlativen pries, weiss Petrarca, was er zu denken hat, und dann findet er seine Meinung auch durch Seneca (Helv. 8,1) wie durch Quintilian (Inst. 10,1,95) bestätigt. Sicher besitzt er Varros Schrift De lingua latina, soweit erhalten, denn Boccaccio hat sie in Montecassino gefunden, für Petrarca abgeschrieben und ihm 1355 zugeschickt (vgl. Fam. 18,15). Aber das ist im Vergleich zur Gesamtsumme aller Schriften des Gelehrten, wie er richtig vermutet, ungemein wenig. Mit Leichtigkeit kann ein modernes Lexikon 52 Werktitel Varros aufzählen und zu jedem notieren, wie viele Bücher er umfasst. Ein Titel zählt 41 Bücher, ein anderer 76 Bücher (vgl. Antiquitates und Logistorici); doch gibt es auch
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einen, der es bloss auf 29 und einen anderen, der es auf weit weniger bringt, so eben Lingua latina. Von besonderer Bedeutung ist seine Schrift Disciplinae (mit allerdings bloss 9 Büchern), denn darin leistet Varro eine Vorarbeit für ein Erziehungs- und Schulsystem; er legt ein Lehrbuch vor, das die verschiedenen Disziplinen in die 7 Artes liberales einteilt, wie das ganze Mittelalter sie weitergibt. Petrarca vermisst, wie er angibt, vor allem die Antiquitates. In seinen Familiares zitiert er ausser de lingua latina mehrmals de re rustica, einmal de poetis und einmal die Saturae Menippeae (vgl. Personenreg.). Das sind genau die Werke, die noch Kindlers Literaturlexikon von 1986 den Gebildeten zur Lektüre empfiehlt. Rerum rusticarum libri tres ist aber die einzige vollständig erhaltene Schrift. Ein guter Kenner Varros, ein befugter Kritiker seiner Schriften, für den man Egidius Schmalzriedt ausgeben darf, weist in der Besprechung des zuletzt genannten Werkes auf manche Absonderlichkeiten des „versponnenen“ Autors hin und weiss, dass dieser in mancher Hinsicht pedantisch ist und einiges „an Tiefe“ vermissen lässt. Doch er schätzt die Lebendigkeit des Dialogs, die grosse Zahl vieler amüsanter Eigenheiten, mancherlei Witze und dramatische Effekte, würdigt den Alltagston der Umgangssprache und eine „uritalische Frische“. Das ist wahrhaftig eine Empfehlung. Als vigilantissimus wird Varro von Petrarca gelobt, und zweifellos hat er Tag und Nacht mit wachem Geist nach Wissenswertem aussgeschaut und in unendlich vielen Nachtwachen sich bemüht, seine grossen Kenntnisse zu notieren und weiterzugeben. An Quintilian richtet sich Brief 24,7. Petrarca datiert ihn auf den 7. Dezember 1350 und verrät ausserdem, dass er sich innerhalb der Mauern von Florenz befinde. Nie vorher war er dort gewesen, im Jubeljahr kam er zum ersten Mal dahin, eingeladen von Boccaccio, mit dem er bis dahin nur wenige Briefe getauscht hatte. Dass er in seiner Vaterstadt den von ihm lang schon gesuchten Quintilian zu Gesicht bekam, verdankte er einem anderen Freund, dem schon mehrfach genannten Lapo da Castiglionchio (vgl. Personenreg.), und in welchem Zustand sich das erwünschte Werk befand, deutet sein Schreiben schon gleich zu Anfang an; zerrissen und zerfetzt war es. Doch immerhin auf weite Strecken lesbar, sonst hätte Petrarca das Buch nicht so schön und zutreffend charakterisieren können. Ein ausgezeichneter Lehrer ist Quintilian gewesen, der sich trotz Rechtsstudium, hohem Kunstverstand, überragender Allgemeinbildung und sicherem Geschmack nicht zu gut war, neben angehenden Rednern auch Kinder zu unterweisen. Und natürlich traf es sich gut, dass es in Rom für diese Lehrbegabung aus Spanien eine erste besoldete Lehrstelle gab. Man spürt es den Worten Petrarcas an, mit welchen freudigen und wohl auch etwas wehmütigen Gefühlen er daran dachte, bei wem er gerne in jungen Jahren zur Schule gegangen wäre, um rascher und sicherer den Weg zur schönsten Sprachkunst zu finden. Doch, wie angedeutet, las er nur Teile des ganzen Werkes; der Wunsch, das ganze zu erlangen, konnte zu seiner Zeit nicht in Erfüllung gehen. Erst der draufgängerische Humanist Poggio Bracciolini, auch er ein päpstlicher
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Sekretär, brachte dank seinem unbändigen Entdeckerdrang nach manchen anderen vermissten Schriften erst im Jahr 1416 einen vollständigen Quintilian ans Tageslicht, als er während des Konzils von Konstanz einen Ausflug zum Kloster St. Gallen unternahm und dort ein Kellerloch durchwühlte. Heute verstaubt Quintilians Hauptwerk auf den Regalen der Universitätsbibliotheken; man braucht es nicht mehr, so scheint es. Denn ganz abgesehen davon, dass man sich daran gewöhnt hat, an einem Redner ziemlich alle Unarten zu dulden, hat man auch keinen Sinn mehr für die jenem Sprachlehrer höchst wichtige Überzeugung, dass Herzensbildung eine ihr würdige Äusserung in einer edlen Sprache benötige und suche, wie umgekehrt auch die gute sprachliche Äusserung kräftigend und ordnend auf die Herzensbildung zurück wirke, dass also richtige Sprachschulung zugleich Schulung des Geistes sei. Quintilian verfolgte ein kulturelles und damit auch ethisches Ziel: den sprachkundigen, sittlich guten Menschen; und unterschrieben hätte er die Meinung, dass man an einer guten Redeweise die Kultur eines Volkes ablesen könne. Ähnliche Gedanken äusserte Petrarca schon in den Briefen Fam. 1,7 und 8, die auf 1338 zu datieren sind, aber deutlich von Quintilian abhängen. Vermuten lässt sich, dass sie uns nicht in der ersten Fassung vorliegen, sondern von Petrarca, nachdem er Quintilian tüchtig studiert hatte, überarbeitet wurden; es haben ja auch fast alle anderen Briefe aus diesem oder jenem Grund mehrfache Änderungen erlebt. Titus Livius kann unter den Adressaten Petrarcas nicht fehlen. An ihn ist Brief 24,8 gerichtet, und zu den Freundlichkeiten, mit denen er darin geehrt werden soll, gehört das umständliche Datum. Am Geburtsort und Sterbeort des Adressaten, also in Padua, ist der Brief verfasst worden, ja vor dessen Grab (heute sagt man „dem vermeintlichen“) in der Vorhalle der Kirche von Santa Giustina. Auch die Jahreszahl anzugeben, ist Petrarca diesmal wie nur selten wichtig. Er schreibt zuerst: 22. Februar 1350, korrigiert aber später und schreibt 1351, ohne zu fürchten, dass der tote Historiker ihm sein Belieben verübelt. Er hat in diesem späteren Jahr – das die Ursache der Änderung – in Padua (wo er Kanoniker ist), einen hochgeschätzten Freund zu Besuch gehabt, nämlich Boccaccio, und ihn hat er zum Grab des Livius geführt und es ihm gezeigt. Durch den Besuch eines solchen Freundespaares kann Livius in der Unterwelt sich besondere rasch überzeugen lassen, wie hoch er noch immer bei verständigsten Leuten geschätzt wird. Mit ihm hat sich der Dichter selbstverständlich von Jugend auf beschäftigt, schon in Avignon zusammen mit anderen jungen Leuten, und hat keine Mühe gescheut und viel Scharfsinn darauf verlegt, mit dem Kopieren und Vergleichen verschiedener Manuskripte ein besseres und weniger lückenhaftes vorzulegen. Daraus ist dann Harleiano 2493 (im Britischen Museum) geworden. Nirgends nämlich waren die Italiener fester entschlossen, die Geschichte ihrer alten Heldenzeit zu erforschen als in ihrem Exil, im französischen Königreich, und das hatte seinen guten Grund. Denn die Franzosen waren geneigt, auf sie herabzuschauen, weil sie das Papsttum ihnen geraubt und
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das Kaisertum entwertet hatten. Ihre Legisten legten neue Lehren vor und liessen solche von französischen Päpsten bestätigen, und so wusste man denn, dass der französische König in seinem Reich Princeps sei und über sich keine weltliche Macht zu dulden habe (Decretale per venerabilem 10,4,17,13). Die Reaktion darauf war ganz spontan. Mit Hilfe der Lektüre des Livius konnten die Italiener ihren alten Glauben am Leben erhalten, dass die römische Macht auf einem wahren göttlichen Auftrag beruhe, die Welt zu erobern und zu einem Friedensreich zu gestalten; und wie sehr dieser Glaube Petrarcas eigenen Wünschen und Überzeugungen entgegenkam, braucht nicht mehr dargelegt zu werden. Sein geplantes Hauptwerk Africa, mit der Verherrlichung des grössten Helden Scipio verbunden, sollte solche Gedanken vertiefen und verklären, und um es auszuführen, bedurfte er umfassender historischer Kenntnisse, die er bei Livius in einer Fülle fand, wie bei niemand sonst. Dass Petrara am Wert der Forschungen jenes Historikers je ernsthaft gezweifelt hätte, ist nicht anzunehmen. Er dankt Livius in seinem Brief 24,8 nicht für besonders zuverlässige Nachrichten aus der Antike, jedoch für die unschätzbare Leistung, einen Weg durch viele Jahrhunderte angebahnt und den „Erdkreis“ bekannt gemacht zu haben (1). Hierdurch ist dem Dichter möglich geworden, alle die Idealgestalten, die Helden, die Staatenlenker und die grossen Philosophen der hehren Vergangenheit als Gesellschaft um sich zu sammeln und darüber die Zeitgenossen, die unerträglichen, zu vergessen. „Du des historischen Gedächtnisses bester Verwalter“ heisst es zum Schluss. Und natürlich reiht Petrarca den Historiker unter „die ruhmvollen Männer“ ein, deren glanzvolle Namen und Taten zu kennen er zum guten Teil eben ihm verdankt. Von Asinius Pollio, der 1353 aus Mailand den Brief 24,9 empfängt, hat Petrarca kaum eine grössere Kenntnis, doch ihm imponiert, dass dieser bedeutende Redner eine schöne Sammlung griechischer und lateinischer Werke zusammenbrachte und solche als erster in Rom in einer Bibliothek allgemein zugänglich machte. Vielleicht schon früh denkt er selber daran, seinen Bücherschatz zu gegebener Zeit einem grossen Publikum zur Verfügung zu stellen, wie er das bei seiner Übersiedlung nach Venedig dem Kanzler Benintendi dei Ravagnani dann wirklich anbietet. Auch gefallen ihm geistreiche und schlagfertige Reden, die von Pollio überliefert wurden, und geradezu herausgefordert fühlt er sich durch den einflussreichen Mann deshalb, weil er sich laut in die Diskussion über guten und schlechten Stil einmischte und sich dabei immer wieder erlaubte, sich abfällig über Cicero zu äussern. Er gehörte zu den extremsten Vertretern des alten, des „attizistischen“ Stils, die meinten, wie die alten Römer, wie Cato und Seinesgleichen sprechen zu sollen, und die das echt Catonische dadurch leicht verfehlten. Alles Griechische lehnten sie ab. Sie verlangten eine kurze, nüchterne Redeweise ohne Perioden, schlossen alles Überflüssige aus, um jede Wendung mit viel Sinngehalt zu befrachten. Hohe Töne waren ihnen so lästig wie ein Rhythmus, und die von ihnen geforderte Kargheit
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nannten sie „gesund“, während ihnen das Andersgeartete dekadent vorkam. Auf solche Grundsätze konnte sich Cicero niemals verpflichten; er liebte nicht das Extreme, das heisst, er war nicht abgeneigt, gewisse Eigenheiten des Asianismus zu übernehmen, war nicht ein entschiedener Gegner alles Griechischen, Asiatischen, verwarf nicht jedes Pathos, nicht allen Schmuck, nicht jedes ungewöhnliche Wort. Er liebte das Natürliche, Gefällige, den Wohlklang, die fliessende Rede, die gut geformte Periode und einen gewissen Rhythmus, bemühte sich dabei um Klarheit, Ordnung, Sachlichkeit und um ein gutes Mass in allem, ja er nahm auch Rücksicht auf rednerische Ansprüche des Volkes. „Jener grosse Nörgler“, so ist Pollio von Eduard Norden charakterisiert worden (Antike Kunstprosa), „dem es keiner recht machte, der es aber selbst auch keinem recht machte“, er wurde zu seiner Zeit eher gefürchtet als geschätzt, und sehr verärgert hat ihn später Seneca Vater abgelehnt, just wegen seiner Attacken gegen Cicero (Suas. 6,25), während Tacitus, obwohl ein strenger Stilist, ihn „hart und trocken“ nannte (Dial. 21; vgl. Norden). Petrarca urteilt in seinem Brief zurückhaltend. Er denkt eben von seiner eigenen Kunst nicht sehr hoch, wie er im Brief an Quintilian zu erkennen gibt. Über Stilverschiedenheiten ein sicheres Urteil abzugeben, scheut er sich und fürchtet, von sogar unbedeutenden Richtern beurteilt zu werden (Fam. 24,7,8 f.). Aber einer Sache ist er völlig sicher: Einen Cicero hätten Pollio und sein Sohn gegen Anwürfe verteidigen müssen; und ein unbestreitbar grosses Vergehen war es, jenem den höchsten Rang der Redekunst absprechen zu wollen. Das war aperta nimis iniuria (8). Und es war auch ein völlig sinnloses Bemühen. Denn das unanfechtbare Urteil war längst gefallen. Es anzuzweifeln war einzig der schwärzesten Missgunst möglich (9), und in Petrarca sträubt sich alles gegen die Annahme, ein erhabener Geist wie der des Asinio könnte so niedrigen Lastern einen Zugang gestattet haben. In Brief 24,10 und 24,11 kehrt er sich von der Prosa ab und bietet seinem Leser die in der Sammlung Familiares einzigen beiden Proben metrischer Briefe, womit er übrigens anzeigt, mit wessen Hilfe und nach wessen Vorbild er sich geschult hat. Denn der eine metrische Brief richtet sich an Horaz, der andere an Vergil. Zweifellos hat sich Petrarca alle Mühe gegeben, seinen verehrten Dichtern im Jenseits zu zeigen, dass er von ihnen etwas gelernt hat, dass er also nicht ein Stümper ist, der sie mit einem gutgemeinten Geschenk bloss beleidigen könnte. Er will jedoch auch vermeiden, ein knechtischer Imitator zu sein, vielmehr will er sich auf seine eigene Art darstellen. Die gute Form ist ihm jetzt wichtig, aber wie immer bleibt ihm noch wichtiger der Inhalt. Dass er sich darauf versteht, gute lateinische Hexameter zu verfassen, das hat er zur Zeit, da er solche direkt an Vergil abschickt – man meint um 1349/50 – schon bewiesen, nämlich in anderen metrischen Briefen, in Eklogen und vor allem auch in seinem epischen Hauptwerk. Asklepiadeische Verse, für die er sich möglicherweise schon 1337 entschied, um Horaz würdig anzusprechen, hat er damals längst im Ohr, und die Silben richtig nach Längen und Kürzen zu schei-
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den, ist er gewohnt; es fehlt ihm nichts an der Technik. Dagegen mangelt ihm vielleicht die Zeit, die man benötigt, um einen reichlich grossen Stoff in ein festes Gerüst metrischer Vorschriften zu verstauen. Ihm geht es darum, die angesprochenen Meister der Poesie durch Wiedergabe vielsagender oder besonders schöner Stellen und mit Hinweisen auf ihre Leitgedanken zu charakterisieren, ihnen mit seiner grossen Kenntnis zu huldigen und natürlich auch zu imponieren. Auch vergisst er dabei keinen Augenblick ein Leserpublikum, das er zu den alten Meistern hinführen möchte, weshalb er sie in der verehrungswürdigsten, liebenswertesten Gestalt vorzeigt. Aus dem leicht überschaubaren Werk des Horaz knüpft er farbenfrohe Miniaturen zusammen und versucht, etwas von des Dichters „süss-bitterem Ton“ einzufangen (vgl. Gedichtende). Er mahnt an seinen Götter- und Heldenkult, zeigt einige Ausschnitte aus bukolischen Bildern und entnimmt seinem Schatz an sittlichen Vorstellungen, Mahnungen und Warnungen, was er zu einem bunten Strauss zusammenbinden kann. Dagegen ist das Werk Vergils viel zu umfangreich, um es in der selben Weise einzuschnüren. Petrarca heftet seinen Blick vor allem auf die Aeneis und hier auf die Schilderung der Unterwelt, während er an sein „Hirtengedicht“ und seinen „Landbau“ nur scherzend und kurz erinnert, um dem längst Verschiedenen zu beteuern, dass beim Vieh und auf dem Acker noch immer alles zum besten bestellt sei. Eine besondere Freude hat er, seinem liebsten Dichter mitzuteilen, dass er, Petrarca, soeben in der Umgebung von Mantua auf seinen Spuren wandere, um sich überall, wo er gehe, von allen Winkeln und Bächlein sich etwas über ihn berichten zu lassen. Beide metrischen Familiares zeugen von der heiteren Stimmung, die ein gebildeter Mensch in der vertrautesten Gesellschaft bester Freunde von ähnlicher Bildung und Gesinnung geniessen kann. Ein prächtiger Einfall verlockt Petrarca darauf zur Abfassung von Brief 24,12. Wer ihn gehabt und wer ihn ausgeführt hat, ist nicht sicher, doch empfängt Petrarca (oder tut, als empfange er) wahrhaftig von Homer einen Brief, unterschrieben von ihm persönlich. Der alte Fürst der Dichter hat sich aus dem Elysium entfernt, um der Nachwelt durch Petrarca seine ihn quälenden Beschwerden vorzutragen und um durch ihn eine Rechtfertigung und einigen Trost zu erlangen. Und nun antwortet Petrarca gewissenhaft auf seine Vorwürfe oder auch Mitteilungen. Ein gewisser Scherz seines Briefes liegt offenbar darin, dass dieser Homer, den er anspricht, in Wirklichkeit entweder wie Boccaccio oder Pietro da Muglio oder wie ein anderer Humanist heisst, der sich daran ergötzen kann, wie der Dichter auf seine Phantasien eingehe. Wenn nun Homer damit gerechnet hatte, dass ihm in Versform gehuldigt werde, so kann ihm Petrarca zu seinem Erstaunen dartun, dass hierzu kein Grund bestehe (5), wenn er aber seine Klagen vorbringt, so zeigt sich Petrarca nicht überrascht, denn sie stimmen ja ziemlich genau mit seinen eigenen überein (10 f.). Dummheit und Trägheit moderner Generationen haben die grossartigsten Werke verderben lassen, so gerade auch die Homers. Petrarca hat eben
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deshalb trotz eifrigster Anstrengung, mit ihm ins Gespräch zu kommen, dieses Glück bisher nicht gehabt und von seinen Werken so wenig gefunden, dass er die wahre Gestalt Homers noch immer nicht zu erkennen vermag (2). Wenig hält Petrarca von lateinischen Übersetzungen, das heisst: „In einem lateinischen Gefäss hat man ihm kürzlich kredenzt, was etwas wie griechischen Wohlgeschmack verriet,“ doch das hat bloss seinen Durst nach dem echten Getränk vermehrt (3). Aufrichtig dankt Petrarca dem Dichterfürsten (heisst er Boccaccio?) aus der Unterwelt für interessante Mitteilungen, z. B. über seine Lehrer oder über sein Lebensende, denn davon ist zu seiner Zeit viel zu wenig bekannt (7 ff. und 13); hingegen ist man allgemein über Imitatoren Homers informiert und weiss auch, dass der alte Grieche deren Undankbarkeit schwer beklagt, aber am meisten die Vergils, der ihn sogar ausgeraubt und in der Aeneis nirgends erwähnt hat (15 ff.). Ein oft besprochener Vorwurf ist das. Nun muss der Lateiner verteidigt werden (19). Sorgfältig beweist Petrarca (22 ff.), dass Vergil von Homer nichts gestohlen und dass er an ihm auch nicht undankbar gehandelt hat; freilich ist sein früher Tod seinem letzten Dankeswort zuvorgekommen. Übrigens hat Homer guten Grund, neuen Mut zu fassen. Niemand macht ihm seinen Ehrenplatz streitig, so behauptet Petrarca (doch vielleicht nicht mit dem besten Gewissen); von allen Verständigen wird er als der Fürst der Dichter anerkannt (26 ff.). In Italien wird er überdies in verschiedenen Städten hochgeschätzt; Petrarca zählt alle Wohnorte auf, in denen Humanistenfreunde leben, und rühmt insbesondere Florenz, wo soeben Leonzio Pilato Vorlesungen über den Dichterfürsten hält (30 ff.). Für die Zukunft darf ihm Petrarca eine weite Verbreitung seiner Werke und neue hohe Anerkennung versprechen, und persönlich schenkt er dem Griechen eine Hochschätzung sondergleichen, indem er ihn als philosophischen Poeten weit über die blossen Philosophen hinaus hebt (28). Gleichsam geblendet von seiner Strahlkraft entreisst er sich der erhabenen Gestalt, die wie ein Traumbild vor ihm steht (42), äussert dann noch einige Bedenken wegen der im finsteren Orkus bestehenden Schwierigkeit, Briefe zu schreiben und zu lesen, verabschiedet sich und beschliesst den Brief mit einem Gruss an die schriftstellernden Gefährten eben dort. Zu datieren ist das Schreiben auf 1360. Zwei Jahre vorher hatte Petrarca in Padua ein griechisches Manuskript Homers angeboten erhalten, es aber zu kaufen gezögert (Var. 25), da er früher von Sygeros ein besseres erhalten hatte (vgl. Fam. 18,2). Eben auch in Padua hatte er jenen, eben genannten Kenner der griechischen Sprache, Leonzio Pilato getroffen, den er für einen Byzantiner hielt, der aber aus Kalabrien stammte. Und auf diesen Leonzio setzten er und Boccaccio grosse Hoffnungen (Fam. 20,6). Sie brachten ihn an die Universität von Florenz, ermunterten ihn zu Homer-Übersetzungen, empfingen ihn in Venedig und entliessen ihn nach Konstantinopel, sobald er meinte, dort seinen Vorteil zu finden. Dann vernahmen sie von seinem tödlichen Unglück auf der Reise nach Venedig
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zurück (Sen. 6,1) und waren hierauf infolge mancher Hindernisse jahrelang in der Unsicherheit, ob ihnen einmal die ganze Ilias und Odyssee in lateinischer Sprache vorliegen würden oder nicht. Petrarca übernahm für manche Kopistenarbeiten die Bezahlung (Sen. 3,6), hatte 1366 einen Teil des Gewünschten in der Hand und erst 1367 die ganze Ilias und die ganze Odyssee, die hierauf sein oben genannter Kopist Malpaghini abschrieb und damit vorlegte, was heute in Paris als Par. lat. 7880 1–2 aufbewahrt wird. Dass Petrarca dank einer gründlichen Lektüre seine Kenntnisse Homers bedeutend vermehrt hätte, ist nicht anzunehmen; doch bemühte er sich zweifellos so sehr darum, als seine Arbeit es zuliess. Hochgeschätzt hatte er ihn schon von Jugend auf, selbst ohne Kenntnis seiner Werke. Im Fam. 6,3 aus der Zeit vor 1343 kann man lesen, wie er in der Erinnerung an den blinden Dichtergreis alle sein eigenen Sorgen vergessend selige Ruhe finden konnte: in illius ceci senis memoria conquiescam (6,3,16). Der Ruhm des Dichters für sich allein genügte zur Überzeugung, dass er als die eine strahlende Sonne Griechenlands neben der anderen Sonne Platon gleichsam anbetend zu verehren sei (vgl. Fam. 13,6,4; 18,11,1; 19,18,12; 20,4,6; 21,15,15.22 ff.; 22,10,5 ff.). Die beiden Leuchten in der Welt der Lateiner, nämlich Vergil und Cicero (vgl. die selben Stellen), schätzte Petrarca freilich um nichts weniger, wenn er nicht gar versucht war, sie ganz im Geheimen vorzuziehen (Fam. 24,4,10 und 20,10,5 ff.). Doch verzichtete er immerhin darauf, für seine Privatmeinung in aller Öffentlichkeit eine Stütze zu suchen. Daher lässt sich denn auch nicht denken, dass Petrarca die Reihe der alten Dichter und Denker im Buch 24 mit dem Lateiner Vergil hätte abschliessen wollen. Für die höhere Ehrwürdigkeit Homers sprachen nicht zuletzt sein Greisenalter und der nach innen gewandte Seherblick seiner Blindheit. Was im Brief 24,13 noch folgt, ist bloss das zweite Teilstück der Klammer, welche die Sammlung Familiares zusammenhält. Es stellt eine Bestätigung des ersten Briefes Fam. 1,1, dar, der so viel wie eine Widmung an Sokrates bedeutete. Im ersten wie im letzten Schreiben sucht Petrarca nach einer Rechtfertigung seines Werkes, das zwar eine gewisse chronologische Ordnung erstrebte, jedoch mit seiner starken Mischung verschiedener Themen auf einen festen inneren Zusammenhalt verzichtete. Vom literarischen Wert der Sammlung ist er nicht durchaus überzeugt und erlaubt sich daher, einen guten Teil der Verantwortung auf seine Freunde abzuladen, die stets gierig darauf achteten, dass keines der Schreiben verlorenging. Ihnen hatte er versprochen, Briefe bis zu seinem Tode zu schreiben, und weil der Freund Sokrates, dem er die Sammlung gewidmet hat, gestorben ist (im Spätsommer 1361), wird er eine neue Sammlung beginnen, deren Briefe den Namen seines höheren Alters tragen, also Seniles heissen sollen. Er widmet sie dem Freund Francesco Nelli, der ihm längst besonders wert und ein Simonides geworden ist (Sen. 1.1). Petrarca spricht zuerst seinen Adressaten Sokrates an, als lebte er noch (1); doch sobald er seine zweite Sammlung erwähnt (6 f.), wendet er sich an seine sodales, um
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sich zu versichern, dass da immer noch Freunde sind, die von ihm Briefe begehren, so wie er bereit ist, sie ihnen zu schenken (7). Immer war es ja die Liebe, die den Dichter bewog, Briefe zu schreiben; das soll man bedenken; und er hat es getan, ohne auf seinen guten Ruf zu achten, womit er bewiesen hat, dass er die Freunde nicht in noch höherem Masse hätte lieben können (2). So soll es auch weiterhin bleiben. Denn nichts ist Petrarca wertvoller als die Freundesliebe. Und dennoch muss er die Freunde dazu ermahnen, in der Liebe zu ihm das richtige Mass einzuhalten, damit sie ihm nicht schade und ihn nicht seinen Neidern und strengen Richtern ausliefere (8). Was Petrarca hier darlegt, das hat nicht zuletzt der Leser zu beachten, der völlig unvoreingenommene oder ahnungslose (candidissimus), der am Ende aufgerufen wird (9). An ihn richten sich Bitten und Beschwörungen, nun seinerseits die Liebe walten zu lassen, die zu den humanistische Studien, und er soll daher die besonderen Umstände, unter denen die Briefe geschrieben wurden, wohlwollend erwägen. Diesen seinen Wunsch möchte er nicht vergeblich geäussert haben. Seine Unsicherheit und Selbstkritik, verbunden mit einer Schuldzuweisung an andere, zeugen von seinen grossen Zweifeln, die seinem Selbstbewusstsein stets als lästige Begleiter gefolgt sind.
In Buch 24 stellt Petrarca im 1. Schreiben sich selber vor und schafft damit eine Brücke zwischen den früheren Büchern und dem letzten. Dann lenkt er im 2. Brief mit der Erzählung eines Gesprächs unter Freunden zum Thema Cicero über. Es folgen die zwei Briefe an Cicero selber, dann der Reihe nach acht Briefe an andere Gelehrte der Antike, mit denen sich Petrarca beschäftigt. Horaz und Vergil werden mit je einem metrischen Brief geehrt, Homer in Prosa als Fürst der Dichter anerkannt. Der 13. Brief erläutert und entschuldigt die Sammlung der Familiares und weist dabei auf ihren Widmungsbrief in Buch 1 zurück.
Der Abschluss der Sammlung Familiares und der Beginn der Sammlung Seniles markieren den Übergang vom einen Lebensabschnitt zum andern, jedoch nicht wie eine Linie, sondern wie einen breiten Grenzbereich, in dem sich von rechts und links her Gestalten begegnen. Hier erheben sich auffällig viele Kreuze über Freundesgräber, denn es herrscht wiederum eine Pest, ja eine besonders lang andauernde. Daran erinnerte in Petrarcas Brief an den Bischof von Cavaillon der Satz: „Und auf der letzten Strecke unter unzähligem Missgeschick, wenn meine Gefährten von ihrer Reise ermattet und mitten auf ihrer Strasse hinsanken, blickte ich in die Runde und fand mich allein“ (Fam. 24,1,16). Es starben also im Mai 1361 Sokrates, im Juni 1361 Philippe de Vitry, dann der Sohn Giovanni im Juli 1361, im
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Hochsommer 1361 Zanobi da Strada. Im Jahr 1362 folgte Azzo da Corregio, neben ihm wohl auch Guglielmo da Pastrengo. Eine weitere Reihe verschied (noch immer an der Pest) im Jahr 1363, nämlich: Lelio dei Tosetti, Bartolomeo Papazzurri, und eben auch Francesco Nelli, dem – wie gesagt – die Seniles gewidmet waren, wogegen Barbato da Sulmona wahrscheinlich im folgenden Jahr verschied. Viel zu alt fühlte sich Petrarca, indem er erlebte, wie sich der Freundeskreis noch immerfort lichtete. Es verschieden Kardinal Talleyrand 1364 und der Kanzler Benintendi dei Ravagnani von Venedig 1365. Ebenfalls 1365 starb Acciaiuoli. Bis 1367 lebte sein einstiger Jugendfreund, der Erzbischof Guido Sette von Genua, 1371 verlor er Philippe von Cavaillon (als Kardinal und Patriarch von Jerusalem), und ein Jahr vor Petrarca starben Pandolfo Malatesta und der Kardinal Guy de Boulogne, während sein Bruder, der Kartäuser Gherardo, ihn wohl kurz überlebte. Für einen guten Kontakt mit der römischen Kurie (ob in Avignon oder Rom) bewährte sich dauernd Francesco Bruni, und immer kostbarer wurde dank Anregungen und Hilfe bei Nachforschungen Freund Boccaccio, der Petrarca um ein Jahr überlebte. Auch Johann von Neumarkt überlebte ihn; er starb 1380. Petrarca arbeitete trotz häufigen Krankheiten bis zum letzen Tag wie die grossen Vorbilder Karneades und Solon getan (Fam. 17,8); darauf beharrte er eigensinnig; und bis zum letzten schrieb er Briefe. (Sen. 17,2). Er wurde nicht der Sonderling, der sich die Menschen vom Leibe hält. Da er immer ein guter Gastgeber gewesen war, blieb er das bis in seine letzten Tage (Fam. 19,17,6 8 und 8), was vor allem ein Schreiben von 1371 an Francesco Bruni belegt (Var. 15, Fracassetti 3,332 f.).
Übersetzung der Briefe Buch 13 bis Buch 24
Fam. 13,1, an Guy de Boulogne, Kardinal-Bischof von Porto1 Trostbrief zum Tode seiner Mutter. 1. Petrarca vertraut auf Nachsicht des Adressaten. 2. Einen Trostbrief für einen Sohn zum Tod seiner Mutter hat Petrarca noch nie geschrieben, doch hat er selber seine Mutter früh verloren. 4. Die Mutter des Angesprochenen hat grösstes Glück erlangt. 10. Sie ist zur besten Zeit gestorben. 11. Die natürliche Ordnung ist gewahrt worden. 12. Beispiele trauernder Eltern beim Tod ihrer Kinder. 13. Kinder weinen beim Tod ihrer Eltern wenig; so will es die Ordnung der Natur. Avignon, am 14. Mai (1352).
1. Ich weiss, wem ich schreibe. Ihm, der mir immer ein wohlwollender Gutachter und gütiger Deuter meines Schaffens war und dem überdies meine Treue – das weiss ich – bestens bekannt ist, werde ich meine Feder angelegentlich zu empfehlen nicht sonderlich bemüht sein, da ohnehin meine zeitliche Beschränkung es verwehrt. Dies mein Herz ist gewohnt, mit Dir sogar im Schweigen zu sprechen, und so hoffe ich denn, Du werdest wissen und überzeugt sein, dass es niemals froh ist, wenn Du trauerst. Kommt dazu, dass ich, weil in fast jeder Art Jammer erfahren, nur um so beherzter und rascher zur Feder greife. 2. Wie immer die Beschwerden und wie immer die Schmerzen aussehen mögen, keine gibt’s, die ich nicht kenne. Und bin ich meinem Wesen nach zu solcher Kenntnis ungeschickt, hat doch Fortuna mich geschickt gemacht. Nur Eines hat, wenn nicht meinem Schmerz, so doch meiner Feder bis heute gefehlt. Nie bin ich einem Sohn beim Tod seiner Mutter ein Tröster gewesen; dieses Stück bedrückender Aufgabe ist mir bis heute erspart geblieben. Denn noch war keiner der mir lieben und werten Menschen dieser Art Gefälligkeit bedürftig. Und dabei habe ich selber in frühester Jugend einen eben solchen Verlust erlitten. 3. Doch um zur Sache zu kommen: Ich hörte gestern, Vater, als es schon gegen Abend ging, ein betrübliches und klagendes Gerücht; ich hörte von Deiner Trauer und von den Zeugen aussergewöhnlicher Sohnesliebe, will sagen von Deinen Tränen, die mir nicht etwa missfallen, nein sogar in hohem Masse gefallen. Nur sollten sie bald versiegen und nüchtern und mässig sein. Und so wenig denke ich, sie zu tadeln, dass mich weniger die schon hereinbrechende Dunkelheit zurückhielt, gleich nach Empfang der Nachricht zu Dir zu eilen, als vielmehr diese meine Überlegung: Geben wir dem so berechtigten Schmerz diese Nacht, geben wir der Sohnesliebe Raum. Strömen sollen die Tränen wie nächtlicher Regen, damit der morgige Tag um so heller erscheine. 4. Was aber soll ich nun sagen? Wie kann ich am besten an diese so frische Wunde Deines Herzens herangehen? Gewiss, Deine liebenswerteste Mutter ist Dir gestorben.2 Doch wirklich, hätte sie in ihrem Leben nichts Frohes und Seliges erlebt ausser dies: einen solchen Sohn
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wie Dich geboren zu haben, könnte mir niemand bestreiten, dass sie im höchsten Mass glücklich gewesen sei. Als Cornelia, diese glänzende Gestalt, die Tochter des Africanus, die Mutter der Gracchen,3 ihre grausam hingeschlachteten Söhne vor sich sah und dabei die ringsum stehenden Frauen wehklagen und mit weibischem Geheul ihr Unglück immer aufs neue verkünden hörte, sagte sie: „Ich aber werde mich niemals unglücklich heissen, da ich solche Söhne geboren habe.“ 5. Wenn jene nach der Ermordung ihrer Söhne so sprach, wie hätte Deine Mutter da klagen dürfen, solange Du lebtest und gesund warst? Sie ist es, die Dich im schwangeren Mutterleib unter Beschwerde und Mühe bis zum zehnten Monat getragen hat; sie ist es, die Dich unter Freude und Schmerz geboren, später in die Wiege gebettet und mit schmeichelndem Summen zum Schlafen bewogen, in weiche Windeln gehüllt und, wenn Du weintest, als liebe Last an sich gedrückt hat. Das kriechende Kind hat sie eilfertig, das noch unsicher schreitende ängstlich, das mit Gleichaltrigen spielende unruhig, den Knaben, der zur Schule ging, besorgt, und den Halbwüchsigen, der zurückkam, heiter betrachtet. 6. Ihr war der bald zum Jüngling, bald zum Mann, bald zum Weisen und bald zum Gelehrten Herangereifte, der bei Gott und den Menschen Gefallen weckte, eine unermessliche Freude. Für sie bedeutete der schon bald rechtmässig, dank seinen Verdiensten aber vorzeitig gewählte Vorsteher der Kirche von Lyon ein aussergewöhnlicher Ruhm,4 und schliesslich warst Du ihr als Kardinalpriester der römischen Kirche ein höchstes Glück und zuletzt als Bischof von Porto5 fast all ihrer Wünsche Endziel und Erfüllung. Wie also soll ich über diesen Tod einer Mutter, die überdies ein hohes Alter erreichte, denn denken? 7. Wirklich, bei ihren Anlagen, bei ihrem hochangesehenen Gatten, bei der Zahl und Begabung ihrer Kinder, vor allem bei Deinen Titeln und Deiner Anhänglichkeit war sie eine glückliche Mutter; ja glücklich in einem Mass, dass sie auf Erden kaum hätte glücklicher werden können. Sie wurde also im günstigsten Augenblick aus diesem gebrechlichen und kurzen Leben6 in die ewige Freude versetzt, wo sie nun nach dem Sieg über die Zufälligkeiten des sterblichen Lebens im Himmel triumphiert. Sie ist ihrem Gatten7 gefolgt und ihren Kindern dorthin vorangegangen, wo diese nach dem glücklichem Ablauf ihrer Lebenszeiten auch anlangen werden. 8. Und sollte sie vielleicht, gefesselt von einer leiblichen Bindung, den Himmel noch nicht erreicht haben, kann man ihr besser mit gläubigen Gebeten als mit Tränen behilflich sein. Jene erwartet sie von Dir; Du wirst sie ihr als eine besonders liebe Gabe gewähren. Bete, bitte, aber trauere nicht! Und hast Du sie zu ihrer Lebenszeit geliebt, ruhmreichster Vater, wirst Du jetzt gelassen ertragen, dass sie von einer zwar hohen Stufe irdischen Wohlbefindens zum höchsten Gipfel himmlischen Glückes hinaufsteige.8 9. Was hätte sie hier noch tun sollen? Welche Erhöhung hätte sie an Dir noch erleben und welche für Dich noch erwarten können, ausser vielleicht, Dich als
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römischen Bischof9 zu sehen? Wirklich, ich meine, es sei besser, man sterbe, wenn man Freude in der Gegenwart geniesst und für die Zukunft noch Hoffnung hegt, als wenn man nach aufgezehrter Hoffnung und nach Erreichung all des auf Erden Begehrenswerten und Wünschbaren schon merken muss, wie der Hoffnung die Furcht entgegen kriecht. Dank der lehrreichen Natur ist ja leicht ersichtlich, dass den Wünschenden die Hoffnung auf Besitz, wie auch den Besitzenden die Furcht vor Verlust nicht fehlen kann. 10. Deshalb also meine ich, zu keiner Zeit sei es für Deine Mutter günstiger gewesen, zu den Himmlischen hinüber zu gehen als jetzt, wo sie Dich lebend, ja glücklich lebend zurückliess, wie es denn dem doppelten Anliegen der Eltern entspricht zu wissen, dass ihr teuerster Sohn an Leib und Seele kräftig und gesund, im besten Alter, in gehobener Stellung und in glücklichem Fortschreiten begriffen sei. Beweine sie also nicht untröstlich, sonst scheinst Du die Ordnung der Natur anzuklagen. Denn notwendigerweise musste entweder die Mutter Dich überleben oder Du sie. Und eben das letztere hat sie sich gewünscht; es gebührte dem Gesetz der Natur, und es traf ein. 11. Tröste Dich also, Du Hochgesinnter, und klage nicht über ein Ereignis, dessen Gegenteil Deine Mutter in unaussprechliche Traurigkeit gestürzt hätte. Möchte die Natur doch andern gegenüber die rechte Ordnung eben so gut beachten, wie sie bei Euch getan hat! Oft nämlich lesen und hören wir von Müttern, die beim Begräbnis ihrer Kinder einer erdrückenden Trauer verfallen, und seltener findet man eine übermässige Trauer beim umgekehrten Verhältnis. 12. Da hört man von einer Mutter, die ob ihrem Jammer über ihr totes Kind in mütterlich leidenschaftlicher Aufwallung dem eigenen Schmerz ein Ende setzte. Dann wieder hört man von einer andern, die den Tod ihres Kindes bis zum letzten Tag ihres Lebens unablässig beweinte, ihre Ohren verstopfte und für die Worte der Tröstenden nicht zugänglich war. Zwei Beispiele unter hochberühmten Frauen führe ich an: Livia, die Gattin des Augustus, und dessen Schwester Octavia. An beide hat Seneca10 in seinem Schreiben an seine Martia erinnert. 13. Cicero aber hat masslos seine Tullia betrauert und beim Tod der so geliebten Tochter in der Niederschrift eines ganzen Buches Trost gesucht.11 Ihn nachahmend hat später Ambrosius12 nach dem Tode seines Bruders einen Band der Tröstungen veröffentlicht. Daran ist nichts neu noch ungewöhnlich, dass man beim Tod von Kindern oder Brüdern aufstöhnt und dass Gebildete in ihrer Trauer sich zu trösten versuchen. Dass hingegen Kinder das Ende ihrer Mutter sehr schwer beklagten, lässt sich, sofern mein Gedächtnis nicht trügt, mit kaum mehr als einem einzigen berühmten Beispiel belegen. Dabei hat es an Anhänglichkeit nicht gefehlt, vielmehr hat die Ordnung der Natur dem Weinen Einhalt geboten. 14. Beweint hat unser Augustinus seine liebenswerteste Gebärerin, die ihm über Länder und Meer gefolgt war, alle seine Wege mit treuen und sorgenvollen Tränen besprengt und ihn dem Leibe nach zwar ein einziges Mal, dann
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aber tausend Mal im Geiste geboren hatte.13 Er beklagte sie so herzlich, dass er noch heute nach so vielen Jahrhunderten jenen, die davon lesen, Tränen entlockt, und doch weinte er über diese ihn lebenslang beweinende Mutter nur einen einzigen Tag. Und seine Trauer, die er mit Ermunterung seiner selbst und mit Tadel auf die eigene Weichheit vergebens zu unterdrücken versuchte und die er weder mit seiner Vernunft – wie er sich erinnerte14 – noch mit einem Bad zu lindern vermochte, sie erstickte schliesslich der Schlummer. 15. Eben daran habe ich mich erinnert, als ich Dich nicht sogleich aufsuchte und Dir auch nicht unverzüglich schrieb; ich wollte Dir nicht gleichsam die Lust am Trauern – denn wirklich hat ja das Klagen seine zwar schmerzliche Lust – vorzeitig entreissen. Eine einzige Nacht habe ich Dir absichtlich zugestanden, damit sie mit des Erhabenen hilfreicher Rechten Deine Tränen abwische. Und diese Tropfen – wie ich sagte – tadle ich nicht, vielmehr lobe ich sie entschieden, freilich nur dann, wenn Du, wie ich wünsche, Mass übst und ein Ende findest. 16. Doch weil die Zeit mir fehlt, so viel zu schreiben, als die Sache an sich fordert, will ich in der Furcht, es könnte eine zweite Nacht Dir unter Tränen dahingehen, eilig das Schreiben beenden. Ich bitte Dich also, in Deiner unüberwindbaren Herzensstärke Dir selber zu helfen und das Verlangen zu weinen – wie heftig es sein muss, weiss ich aus Erfahrung – mit männlichen Gedanken zu bezähmen. Zugleich bitte ich Jenen, der für unsere Sünden sterbend vom Kreuz herab seine Mutter zu trösten bemüht war, er möge aus dem unerschöpflichen Quell seines Mitleids und Trostes Dir beim Begräbnis Deiner Mutter Erleichterung schenken. Avignon, am 14. Mai (1352).15
Anmerkungen 1 Von diesem Kardinal hat Petrarca schon früher mit grosser Achtung gesprochen; vgl. Fam. 9,13, 6 ff. und passim. Übrigens hat er ihm auch später verschiedene Briefe im Ton der Verehrung geschrieben. Das widerspricht seinem Hass auf die Kurialen, die er ohne Ausnahme der Sintflut übergeben wollte; vgl. z. B. Sine nom. 11, lat. und dt. in Petrarca, Aufrufe 262, und 16 ebenda 310. Zur Datierung der Sine nom. vgl. Wilkins, Studies 179 f.; zur Person vgl. Fam. 9,13, das Personenreg. und Übersicht. 2 Die Mutter des Adressaten war Marie von Flandern, verheiratet mit Robert VII. von BoulogneMontfort und Auvergne. 3 Vgl. Personenreg. unter Cornelia. 4 Die Würde eines Erzbischofs von Lyon erhielt Guy de Boulogne schon 1340 mit 27 Jahren, wenn sein Geburtsdatum richtig angegeben wurde. 5 Kardinalpriester wurde er 1342 und Kardinalbischof von Porto 1350. Als solcher hatte er unter allen suburbikarischen Bischöfen den höchsten Rang nach Ostia. 6 Der Hinweis auf ein kurzes Leben ist nur scheinbar ein Widerspruch zum vorher Gesagten. Petrarca betonte immer, dass selbst das längste Leben auf dieser Welt nur kurz sei; vgl. z. B. Fam. 23,5,13.
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7 Vgl. Anm. 2. 8 Petrarca rechnet stets mit der Notwendigkeit einer Läuterung der Seelen nach dem Tod. Er empfiehlt daher auch regelmässig, für Verstorbene zu beten. Vgl. z. B. Fam. 2,1,26. 9 Das Wort Papst gebraucht Petrarca nicht; es gehört nicht ins altrömische Vokabular. 10 Sen. Dial. 6,2,3–5. 11 Von seinem Schmerz sprechen vor allem sein Werk Consolatio, dann Ad Att. 12,12,1; 12,23,1; Fam. 4,6. 12 Ambr. De obit. Sat. fr. 13 Dies ein Hinweis auf ihre jahrelang täglichen Gebete für eine Bekehrung ihres Sohnes zum Christentum; vgl. Conf. 5,9,16. 14 Conf. 9,12,29 ff. 15 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Petr. corresp. 70 und Studies 91.123. 172. 177. Angaben zu den Briefen Petrarcas findet man immer auch bei Dotti, Vita leicht mit Hilfe des Indice dei luoghi petrarcheschi.
Fam. 13,2, an den Dichter Rinaldo von Verona1 Empfehlung eines jungen Mannes, den Petrarca dem Adressaten zur Unterweisung schickt. 1. Jener hat eine Zeit lang in Parma den Unterricht Gibertos genossen. 2. Petrarca kann seine Begabung nicht beurteilen. 4. Er hat ihn aber mit sich nach Avignon genommen. 6. Auch hat er vom Papst ein Kanonikat in Verona für ihn erlangt. 7. Ebenda möchte er ihm beim Adressaten eine Unterkunft sichern. An der Quelle der Sorgue, am 9. Juni (1352).
1. Wie eng der Jüngling, den ich zu Dir sende, mir durch sein Blut verwandt ist,2 brauche ich Dir nicht zu sagen; es sei denn, das unerwartet rasche Wachstum, wie es in seinem Alter oft eintritt, hindere Dich, Deinen Schüler wiederzuerkennen. Hast Du ihn erkannt, dann weisst Du auch, wie sehr er mir teuer ist oder wie sehr ich wünsche, dass er gut werde. Er hat, nachdem sein Schicksal ihn noch recht jung Deiner Schule entrissen hatte,3 einige Zeit bei Giberto von Parma, einem recht angesehenen Grammatiker,4 zugebracht. 2. Seine Veranlagung ist, wie ich vermute, nicht übel; doch beurteilen kann ich sie nicht; so sehr wird er durch meine Gegenwart oder durch das Bewusstsein seiner Unkenntnis verwirrt, dass er unter meinen Augen hartnäckiges Schweigen wahrt. Nur das Eine lässt er mich nicht bezweifeln: Niemand ist mir je begegnet, der vor Geschriebenem heftiger zurückschreckt; nichts hasst und fürchtet er ausser das Buch; es ist sein einziger Feind. 3. „Schlecht“, wirst Du sagen, „tönt Dein Anfang“. Schlecht, sage ich, aber richtig. Nicht ein Heldengedicht habe ich in Händen, und nicht einen hervorragenden Jüngling denke ich Dir zu schildern, sondern den unsern. In Parma und in Verona wurde er unterrichtet und dazwischen auch in Padua. Oft pflege ich ihn mit beissendem Scherz zu necken: „Schau zu, dass Du nicht etwa Deinen Nachbarn Vergil5 um seinen Ruhm bringst“. 4. Dann senkt er den Blick zu Boden und ist plötzlich von Röte übergossen. Wenigstens soviel kann er nicht verbergen. Die eine Hoffnung bleibt: Er wirkt überaus schüchtern und ist noch weich wie Wachs,6 geeignet, nach dem Gutdünken eines Lehrers in jede Form gegossen zu werden. Aber nebst allem anderen gereicht ihm zum Nachteil, dass er, kaum bis zur Pubertät gelangt, auf meine Veranlassung hin – was Dich wundern wird – aus dem Gymnasium7 von Parma entfernt wurde; er sollte mit mir an die Kurie reisen,8 die man die römische nennt. Dort hat er nun schon beinahe ein Jahr verloren. 5. Ein unersetzlicher Verlust, wie ich gestehe; und wenn da eine Schuld besteht, bin eben ich der Schuldige. Ich habe das gewollt; allerdings nicht, weil ich das von Horaz9 genannte Ziel verfolgt hätte: „…zuerst hat man Geld zu erwerben, Fähigkeit erst danach“…,
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sondern weil ich fürchtete, wenn mir irgend etwas Menschliches zustiesse, würde er, meines Schutzes beraubt, grausamer Armut verfallen. Diese ist eine Feindin der Studien und ein Hindernis für alle, die sich aufrichten wollen, und zwar nicht weniger als der übermässige Reichtum, sondern eher noch mehr. Denn die Bürde des Reichtums kann man abwerfen, sofern man will (wie viele hochberühmte Männer getan haben), während nicht in unserer Macht steht, die Last der Dürftigkeit abzuschütteln. 6. Und eben deshalb habe ich angeordnet, dass er mich begleite; er sollte zu jeder Stunde mir gegenwärtig sein, um mich an seinen Zustand zu erinnern und mich, selbst wenn er schweigt, durch seine blosse Nähe aus meiner Trägheit10 aufzurütteln. Unterstützt hat den menschlichen Plan die göttliche Güte, weshalb er als Kanoniker von Verona wohlhabend genug zu Dir zurückkehrt,11 dem er schon die Unterweisung seiner Kinderjahre verdankt. Nimm ihn auf, ich bitte Dich, in Deiner allbekannten Menschlichkeit; und wenn sich ein Weg zeigt, dann dringe darauf, dass er, wie spät aufbrechende Wanderer tun, den Verlust der Morgenfrühe mit der Eile des Nachmittags wettmache. 7. Was soll ich sonst noch sagen? Ich überlasse diesen Menschen Dir, damit Du ihn, wie ich hoffe, „als einen besseren mir wiedergebest,“ wie das Sokrates einst einem Aischines versprochen hatte.12 Und damit Du solches noch lieber gewährst, sage ich zu Dir, was einst Philippos13 zu Aristoteles sagte, nämlich wie sehr es mich freut, dass der junge Mann „zu Deiner Zeit geboren wurde“ und durch Dich etwas werden kann, sofern es dank menschlicher Hilfe überhaupt möglich ist. Und ich verhehle Dir nicht, dass ich – ängstlich mich um ihn sorgend und alles ringsum überprüfend – nichts höher veranschlage als Dich und Deine Fähigkeiten, und eben deswegen ihm eine Wohnstatt in Verona bestimmt habe, obwohl ich anders hätte tun können.14 Lebe wohl! An der Quelle der Sorgue am 9. Juni (1352); in welcher Eile, verrät das Aussehen des Briefes.15
Anmerkungen 1 Der Adressat – Rinaldo Cavalchini da Villafranca – war Grammatiklehrer und Dichter in Verona und stand seit längerer Zeit in Kontakt mit Petrarca; vgl. M. Feo, La prima corrispondenza poetica fra Rinaldo da Villafranca e Francesco Petrarca, in: Quaderni petrarcheschi 1985. Weitere Literatur zu Rinaldo in DBI 22,644 ff. Metrische Briefe Petrarcas an diesen Freund findet man als Metr. 2,15 und 3,2 bei Schönberger lat. und dt. 203 ff. und 229 ff. Auch Sine nom. 11 richtet sich wohl an den selben Freund und steht lat. und dt. in Petrarca, Aufrufe 260 ff. 2 Giovanni war Petrarcas unehelicher Sohn. Zu seiner Person vgl. Arnaldo Foresti, Il figlio di Francesco Petrarca, in: Archivio storico per le province parmensi, N. S. 24, 1934, 363–390. – Luigi Muttoni, Giovanni di Francesco Petrarca, canonico a Verona, in: Italia medioevale e umanistica 1982, 381–388. Vgl. auch das Personenreg. mit dem Hinweis auf andere Stellen.
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3 Petrarca hatte den Sohn 1348 wohl nicht zuletzt wegen der Pestgefahr von Verona mit sich nach Parma genommen. 4 An diesen Grammatiker hat Petrarca seines Sohnes wegen Fam. 7,17 geschrieben. 5 Als Nachbarn bezeichnete Petrarca den Vergil, wenn er und sein Sohn in der Nähe von Mantua weilten, denn bei Mantua war der römische Dichter geboren worden. 6 Vgl. Hor. Ars 163. 7 Parmensi etiam gimnasio ereptus steht im Lateinischen für Gibertos Lateinschule, wo Giovanni wohl auch wohnte. 8 Auf Verlangen des Papstes reiste Petrarca im Sommer 1351 nach Avignon zurück. 9 Epist. 1,1,53–54. 10 Tarditas gehört zu den Untugenden, deren sich Petrarca mehrfach bezichtigt; vgl. Fam. 9,15,2; 11,13,1 und 12,7,4. 11 Clemens VI. verlieh dem Jüngling ein Kanonikat in Verona am 20. März 1352. Vgl. oben Anm. 1 und Wilkins, Studies 103 und 127. 12 Vgl. Sen. De ben. 1,8,2. 13 Der König von Makedonien, der Aristoteles zum Lehrer seines Sohnes Alexander bestellte. 14 Ähnliche Empfehlungen an andere Lehrer finden sich in Fam. 7,17 und 13,3. 15 Vgl. den folgenden Brief. Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 91 und 127–128. 172. 177 und Petr. corresp. 70; zu allen Familiaren jeweils übrigens Dotti, Vita die Stellen gemäss seinem Indice dei luoghi.
Fam. 13,3, an Guglielmo da Pastrengo von Verona1 Zum selben Thema. Petrarca empfiehlt dem Adressaten einen Jüngling zur Erziehung. Am 9. Juni (1352).
Den vor Dir erscheinenden Jüngling übergebe ich zur Ausbildung seines Verstandes unserem Rinaldo,2 zur Formung seiner Sitten aber Dir, und ich handle so, obwohl jeder von Euch mit gutem Recht beide Fähigkeiten für sich beanspruchen kann. Ich hielt aber für gut, ihn solcherart unter zwei Freunde zu teilen. Bemühe Dich um ihn, ich bitte Dich. Findest Du eine gute Anlage vor, kräftige diese; wenn anders, pflanze ihm eine solche ein, um sie dann zu kräftigen, damit sie Dir zur Genugtuung sei, wenn Du sie als Deiner Hände Werk bezeichnest. Der weichen Brust wirst Du leicht, was immer Dir beliebt, einprägen. Sie lerne, Dich lieben, Dich verehren und schliesslich nach einem Ratschlag Vergils3: „…Dich von Kindheit auf recht bewundern“. Was weiter? Hast Du mich immer wie einen Bruder geschätzt, so halte diesen nun wie einen Sohn! Und lebe wohl! Am 9. Juni (1352).4
Anmerkungen 1 Genaue Angaben über Guglielmo unter diesem Namen in DBI 61, 18–21. Vgl. auch Fam. 9,15–16 und 22,11, dazu Metr. 3,3; 3,11; 3,12; 3,20 und 32,34 bei Schönberger, sowie die an ihn gerichteten Variae 13.30 und 35. 2 Vgl. den vorangehenden Brief. Petrarcas Freund Nelli äusserte mehrfach ein freundliches Wort über Giovanni Petrarca, den er in Avignon traf, so z. B. in Epist. 18 und 19 bei Cochin 244 und 250. 3 Aen. 8,517. 4 Jahreszahl wie beim vorangehenden Brief. Vgl. Wilkins, Studies 127–128. 172. 177 f.
Fam. 13,4, an den päpstlichen Protonotar Francesco il Calvo von Neapel1 Über das Leben der Vielbeschäftigten. 1. Petrarca bemitleidet den Adressaten. 2. Das Leben der Hochgestellten ist ehrenvoll, aber ruhelos. 9. Für ihre Mühen dankt man ihnen mit noch grösseren Mühen. 10. Dass Tüchtigkeit und Ruhm nur gegen grossen Einsatz zu haben sind, lässt sich mit Beispielen belegen. 19. Petrarca wünscht jedoch nicht den Verzicht auf das Streben nach Ruhm. 20. Er ermuntert bloss zum Masshalten und schildert das ideale, vernünftige Leben eines Bildungsbeflissenen. 27. Dass er hierüber schreiben könnte, ist ihm aus guten Gründen gerade an der Quelle der Sorgue eingefallen. An der Quelle der Sorgue, am 10. Juni (1352).
1. Die grössere Kühnheit überdecke die geringere, ja entschuldige sie. Du wirst es mit Gleichmut ertragen, hochansehnlicher Herr, wenn ich Dir nun ausspreche, was ich früher dem weit grössten der Menschen2 gegenüber nicht ohne dessen Zustimmung gesagt zu haben mich erinnere. Während Dich nämlich beinahe alle beneiden, empfinde ich Mitleid mit Dir, und wenn mir bisher öfters einfiel, ich sollte es Dir sagen, so eben heute besonders. Denn indem ich – wie gewohnt – selbst als Abwesender bei Dir war, schwoll beim Gedanken an Deine Beschäftigungen das Wohlbehagen meines Einsiedlerlebens so mächtig an, dass meine Hand – mir fast unbewusst – von sich aus zur Feder griff. 2. Ich bin nicht so ganz ungebildet und bäurisch, dass ich unfähig wäre, zwischen einem Angesehenen und einem Unbedeutenden oder zwischen einem Grossen und einem Geringen zu unterscheiden, und trotzdem halte ich Deine Stellung nicht allein für ehrenvoll und glänzend, sondern auch für ruhelos und aufreibend. Fast nichts von allem, was Dein Eigen zu sein scheint, ist Dein. Und was unersetzlicher Verlust ist: Nicht einmal die Zeit gehört Dir, weil sie, freilich nicht aus Sorglosigkeit vertan, aber – um mit Seneca3 zu sprechen – Dir entwendet oder gar entrissen und fremden Vorteilen geopfert wird. 3. Kein Tag wird Dir, keine Nacht Dir überlassen, nie wirst Du einen stillen Winkel aufspüren können. Deine Gärten, Dir zur Zuflucht und zur Erquickung nach der Arbeit erworben, überschütten Dich bereits mit viel mehr Arbeit als mit Kräutern und Blumen, mit viel mehr Mühen als mit Blättern. Schlafgemach und Bett, zur Erholung nach menschlicher Erschöpfung erfunden,4 widerhallen immerfort vom Stimmengewirr der lästigsten Individuen, und aufgestört wirst Du tausendmal. Doch schlimmer als alles ist dies: Du magst noch so lange und tüchtig geschwitzt haben: Es bleibt, was Du begonnen, unfertig liegen oder es tauchen gleich andere Aufgaben auf, so dass Du unter den Mühen kein Ende und unter den Stürmen keinen Hafen in Sicht hast. 4. Schwing Dich auf den Rücken eines trabenden Pferdes: Die nacheilende Sorge hat mit ihren Krallen sich eingehakt.5 Flieh auf ein Schiff: Auf dem selben Steg klettert
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die Unruhe mit Dir hinauf. Hast Du schliesslich ein Meer überquert, findest Du jenseits wieder Dich selber und merkst, wie Flaccus6 richtig gesagt hat: Den Ort hast Du geändert, nicht aber Deine Person. Daher also stammt mein ungewöhnliches Mitleid mit Deinem Glück. Denn wer wollte dieses Leben ein wahrhaft glückliches heissen? Wer wird es nicht eher als ein trauriges Schicksal bezeichnen, weil es, wiewohl mit Annehmlichkeiten angehäuft, doch voll ist von Anstrengung, leer an Ruhe, auf andere gerichtet und seiner selbst vergessend? 5. Für Geschäftige ist das ganze Leben ein Krieg ohne Waffenstillstand. Den Seelenfrieden entbehren sie, und scheinen sie ruhig zu sein, brodelt es in ihrem Innern. Schleicht sich der Schlummer heran, bleibt dennoch hellwach der Verstand. Auf die geschlossenen Augen stürmen Bilder Deiner Pflichten ein, und Deine Ruhe zerflattert in Träumen. Ein unentwirrbares Geflecht fangen sie im Wachen an und weben sie im Schlafen weiter. Wie oft sie aber vielerlei beginnen und immerfort mit sich schleppen: Sie beenden es im Wachen nie und niemals im Schlafen. Des Sisyphos7 Stein, der stets zurückfallen will, rollen sie vor sich her, auf dem Radwerk des Ixion8 werden sie umgewälzt, gegen die Hydra9 teilen sie Streiche aus, und meint man, sie verende, ersteht sie, Köpfe erzeugend, von neuem. 6. Inzwischen verfliegen die Jahre, entgleitet die liebliche Jugend, beschleunigt das Alter seine Schritte; dieses verkürzt der Tod oder folgt ihm nach. Was tun sie nun in ihrer Angst? Wohin sollen sie sich wenden? Mit welchen Künsten sich behelfen? Sie spüren, dass alles von Tag zu Tag schwindet und dass sie mit aller Welt auch selber vergehen. Einzig ihre drückende Last ist ewig und vergrössert sich unter ihren Händen gar täglich, und nutzlos suchen sie nach Feile und Messer; denn hart ist sie wie Stahl. 7. Vieles zusammenhäufend vergeuden die Beschäftigten ihre Zeit, und während man meint, sie erledigten alles, unterlassen sie immerfort das Eine und Beste, nämlich zu leben. Überall sind sie, nur nicht bei sich. Sie sprechen oft mit andern, und niemals zu sich. Dem Glück widersetzt sich, was die Menge ein Glück nennt, und dies um so stärker, je schwächer die Hoffnung auf eine Beendigung der Mühen ist. Wie nämlich die Kürze einer Notlage ihre Widrigkeit erleichtert, so entmutigt und bezwingt die Endlosigkeit eines Übels selbst Tapfere. 8. Es bemüht sich der Heerführer, es bemüht sich der Soldat; doch der eine zielt auf Sieg und Triumph, der andere hofft auf verdienten Sold, auf die Heimkehr zu den Penaten10 und auf Ruhe. Es bemüht sich der Landmann, denkt jedoch an den Winter, an die Festtage und seine Freude über volle Scheunen. Hart müht sich der Schiffer, hart der rastlose Reisende; doch das lockende Ende des Weges hindert beide, die Last des Augenblicks zu spüren. Hart arbeitet auch der Goldgräber; doch in den schwarzen und schrecklichen Höhlen vermag er seine kurze Beschwerde in der Hoffnung auf grossen Gewinn zu dämpfen, und das verhasste Dunkel mit der Vorfreude auf das liebe Licht zu erhellen.
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9. Du aber, ich bitte, hoffst worauf? Je mehr Du geleistet hast, mit um so mehr wirst Du belastet, und gleich unterwirfst Du Dich einem um so härteren Joch. Wahrhaftig eine schwere Lage ist das, wenn der Nachlässigkeit Unehre und der Emsigkeit Lohn in der Knechtschaft bestehen! Ungerecht ist das und keineswegs neu, am wenigsten für jene, deren Leben nicht vom eigenen Willen, sondern vom Befehl ihrer Fürsten oder ihres Gemeinwesens abhängt. Vielen aber schadet ihr eigener Eifer. Er schadet, sage ich, freilich nicht ihrem Ruhm, aber der Musse und Ruhe, das heisst, er schadet einem höchsten und für alle Gebildeten unschätzbaren Wohlbehagen. 10. Zur Ruhe gelangt wäre der Alkide,11 hätte er bei seinem unbändigen Mannesmut12 sich mit seinen zwölf Aufgaben begnügt und sich nicht, wie man berichtet, bei noch tausend anderen ertüchtigt. Zur Ruhe wäre Odysseus gelangt, hätte ihn seine unerfüllbare Sehnsucht nach allumfassender Kenntnis nicht zu allen Küsten und Ländern fortgerissen. Ein unermüdlicher Mannesmut ist das, was ihre Eigentümer nicht ruhen lässt, ein ermüdender, sage ich, doch auch ein ruhmreicher, herrlicher, welcher wie Mühe so Liebe und Bewunderung erzeugen kann. 11. Dieser hat Odysseus, wenn das Gerede nicht lügt, aus dem Versteck seiner vorgetäuschten Raserei, und hat Achilles aus dem seiner heimlichen Liebe hinaus gezerrt und bis nach Troia geführt.13 Nichts nützte dem einen die eigene Schlauheit, nichts dem andern die List seiner Mutter. Mannesmut, den langen Überlegungen feind, durchbricht alle Verstellung. Es können hervorragende Männer sich nicht leichter verstecken als hochragende Berge. Wer ein einzigartiges Naturgeschenk zu eigen hat, führt ein Leben ständiger Anstrengungen, und ist er geräuschvollen Geschäften entronnen, verfolgen sie ihn selbst bis mitten in seine Abgeschiedenheit. 12. Nicht aus Kleinem ergibt sich Grosses. Wer immer durch die Schönheit des Mannesmuts verlockt wird und eine Hausgemeinschaft mit ihm begehrt, muss wissen, dass er das Grösste verlangt, das nicht billig zu haben ist, sondern als Preis den ganzen Menschen erfordert. Damit Du aus Vorbildern recht grosse Freude gewinnen könnest, lege ich Dir besonders gesicherte und solche aus unserer eigenen Reihe vor:14 Fabricius15 hätte in seinem Hause, wie eng es auch war, Curius in seinem, mit eigener Hand gepflegten Gärtlein, Serranus Quinctius Atilius16 auf seinem ihm gehörenden Äckerlein altern können, und es hätte auch Camillus im Frieden dahinzuleben vermocht, ohne sich mit herrlichem Ruhm den Neid der Bürger und die Verbannung zuzuziehen, wäre da nicht der hoch angesehene Mannesmut gewesen, welcher die genannten für den Streit gegen Pyrrhos, Samniter, Karthager, Gallier und gegen die von überall hereinstürzende Masse von Kriegen als Heerführer aufstellte, damit sie – weil der Republik verpflichtet und notwendig – ihre ganze Lebenszeit in Waffen zu verbringen gezwungen seien. 13. Auch die Scipionen hätten in Rom sehr angenehm und brüderlich verweilen und dann in ihren Grabmä-
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lern ihre Ruhe finden können;17 doch all ihr Eifern für Mannesmut hat ihnen acht glorreiche Jahre glanzvoller Taten in Spanien beschieden und sie nachher als Kriegsgefallene mit fremder Erde überschüttet. Was soll ich insbesondere von den beiden „Afrikanern“18 sagen? Der erste von ihnen hat, als in Italien kaum einer seines Lebens sicher war, nach Afrika überzusetzen sich nicht gescheut und ist nach der Niederlage der im Vaterland Verbliebenen als glorreicher Sieger aus dem feindlichen Lande heimgekehrt. Der spätere der beiden hat in Afrika und in Spanien zwei, dem römischen Reich ungemein feindliche Städte, wie Cicero19 sagt, nämlich Karthago und Numantia, dem Erdboden gleich gemacht, nachdem er weit und breit herum geschweift und mit grossem Ruhm viele Provinzen bereist hatte. 14. Wer verbot einem Marius in Ruhe zu leben, wenn nicht der Mannesmut und Ruhm? Eben sie verhinderten das, weil nach dem Wort eines angesehenen Historikers20 die Hoffnung und Rettung der Stadt Rom einzig in diesem Mann begründet lag. Sein glanzvoller Ruf stellte ihn den Afrikanern, Teutonen und Kimbern entgegen, und deshalb siehst Du ihn einmal gefangene Könige aus dem Süden wegführen, einmal einen unglaublichen Haufen Gefangener aus dem Norden vor seinem Triumphwagen her treiben, dann, obwohl siegreich, im Kerker liegen und in Sümpfen sich verstecken. Kaum wirst Du, ohne zu ermatten, auch nur anhören, was er an Mühen mit unermüdlicher Tapferkeit ausgehalten hat. 15. Wie aber steht es um Cato? War ihm nicht möglich, sein eigenes Haus zu pflegen? Er zog es vor, in dürren Wüsten umherzuwandern und sein Leben den Schlangen Libyens auszusetzen, so sehr war er von Mannesmut und Liebe zur Freiheit begeistert; viel zu eng war ihm sein Haus. Und wie steht es um Pompeius, gross nach Tat und Namen? Hat er nicht seine ausgedehnten und reich ausgestatteten Wohnsitze und dazu seine Heimat, in welcher er Princeps war, verlassen, ist auf dem ganzen Erdenrund siegreich umhergezogen und hat auf Ruhe verzichtet, um Ruhm zu erwerben? Was ist mit Iulius Caesar und Augustus? Was mit Vespasian und Titus? Was mit Traian und unzähligen andern, von denen ich schweige, um dem unendlichen Stoff nicht zu erliegen? Eher nähme der Tag ein Ende als die Reihe unserer Exempel. 16. Doch wiederum wollen wir den fremdländischen Beispielen Platz einräumen. Berühmt war bei den Karthagern der Bürger Hannibal, und um noch berühmter zu werden, zog er über das Meer, durchquerte Spanien, Gallien, Italien, und als er die Höhen der Pyrenäen im Rücken hatte, durchbrach er mit Feuer, Essig und Eisen die Alpen,21 überstieg nach Überwindung der Ströme Ebro, Rhone und Po auch das Joch des Apennin, worauf er sogar vor den Stadtmauern Roms als grauenerregender Sieger erschien. 17. Was verharre ich bei Einzelheiten? Oftmals Sieger und endlich besiegt, gab er dennoch die Hoffnung nicht auf, erneuerte den Krieg mit fremden Streitkräften und durchquerte nach eigenem Plan Syrien und Bithynien. Sein Ende gehörte dem Schicksal, doch der feurige Geist blieb zweifellos sein Eigentum. Und gefragt wird hier nicht nach dem Mass seines Rechtsinns, son-
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dern bewiesen wird, wie ich meine, das von mir Behauptete: dass nämlich seine bestimmte, die Mitbürger überragende Stellung ihm eine Ursache für viele Grosstaten und Gefährnisse war. 18. Wie aber steht es um den tüchtigsten Helden der Spartaner Leonidas?22 Wie um den Thebaner Epameinondas,23 diesen Ruhm seines Vaterlandes? Wie um den Achaier Philopoimen,24 einen der besten Heerführer? Wie um den kekropischen Themistokles,25 der als der berühmteste Mann in Griechenland gilt?26 Was hat diesen allen ein beschwerliches und sorgenvolles Leben beschieden, wenn nicht der Mannesmut? Dasselbe gilt von Pyrrhos, dem König der Epiroten, von Alexandros, dem König der Makedonier, von Masinissa, dem König der Numidier, von Kyros, dem König der Perser und auch von vielen andern. Doch genug von dieser Art Exempel!27 19. Es hätte ein Pythagoras in Samos, ein Demokrit in Abdera, in Athen ein Platon und in Rom ein Varro verbleiben können, wäre nicht eine unstillbare Lernbegier mächtig genug gewesen, sie über alle Weltgegenden zu treiben. Es hätte Plinius in Verona28 und Vergil in Mantua sterben können; doch den einen hat die Lust am Forschen in der Asche Deines Vesuvs begraben; den andern, von den Stacheln des Ruhmes gereizten,29 hat der Tod, wie alle edlen Menschen beklagen, vorzeitig weggerafft, und seine Asche, von Tarent oder Brindisi geraubt, besitzt jetzt Dein wie sein Parthenope.30 Erwartest Du zu hören, was diese Fülle von Beispielen bezwecke? Werde ich etwa verlangen, Du möchtest träge werden, um bequem zu leben? Gewiss nicht! Begehrenswerter ist eine Mühe mit Ruhm, und auch der Tod mit Ruhm ist begehrenswerter als ein ruhmloses Leben. Ich habe nur die Absicht zu zeigen, dass die Ehre niemals kostenlos zu haben sei, vielmehr müsse man sie mit vielen Anstrengungen sowohl suchen wie bewahren. 20. Jene scheinen mir immerhin ein beinah glücklicheres Leben zu führen, die bei irgendeinem edlen Studium eine nur massvolle Arbeit mit einem nüchternen Lebensgenuss verbinden, dabei den Tag so verbringen, dass sie aus ihrem Verhalten einen rechtzeitigen und angenehmen, wenn auch kurz bemessenen Schlaf gewinnen, sich so beschäftigen, dass sie eine notwendige Erholung nicht ausschliessen, zwar einsam leben, es jedoch verstehen, wenn die Sache es verlangt, unter Menschen zu verweilen, wobei sie immerhin, wenn sie wählen können, die Einsamkeit der Gesellschaft und das Land den Städten vorziehen und sich am Laub des Waldes und an grünenden Wiesen nicht weniger freuen als an goldverzierten und marmorgeschmückten Palästen. 21. Sie zielen nach Hohem und streben nach Ruhm, ohne jemandem lästig zu fallen; sie freuen sich dabei weniger, ihn zu erlangen, als ihn zu verdienen, sind auch stets bereit, ihn ganz gleichmütig zu entbehren, solange sie nicht annehmen müssen, dass sich daraus eine nachteilige Entwicklung ergebe. Mögen sie zuweilen vom Wunsch nach Ansehen und nach einer Bestätigung durch Nachkommen berührt werden, sehen sie doch ein, dass es ihnen nichts anhaben
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kann, wenn die Späteren ihre Leistungen verschweigen, wie sie die früheren verschwiegen haben, obwohl diese, wie Cicero31 meint, nicht weniger zahlreich, dabei fraglos tüchtiger waren. 22. Sie überlassen unnötigen Putz den Frauen, ergötzen sich an Ehrenvollem und Männlichem; auch gilt ihnen nicht für schimpflich, im Schatten eines Baumes oder am Ufer eines Flusses zu schlafen. Heiter vermögen sie einen guten Teil des Tages auf grasreichen Hügeln zu verbringen, das Mittagessen auf den Abend zu verschieben und das Abendessen zu vergessen, die Nacht, wenn es sich gibt, schlaflos und mit Vergnügen unter Büchern zu durchwachen; tropfende Höhlen nicht weniger als Schlafgemächer von Ebenholz und Elfenbein, ein Blumenbeet nicht weniger als eine Lagerstatt aus Purpur zu lieben.32 23. Sie schätzen eine natürliche Armut; und Reichtum ist ihnen weniger verhasst als verächtlich, während Gold sie nicht abschreckt und nicht beeindruckt. Tafelbilder, Statuen, korinthische Gefässe, Gewänder aus Kos, Edelsteine, sidonische Stoffe betrachten sie nicht als einen Schmuck ihrer Besitzer, sondern als Naturwunder oder Kunstwerk, und gebrauchen oder entbehren sie mit Gleichmut. 24. Wie einst bei unseren Vorfahren, bei diesen besten und wahren Männern Brauch war, bezeichnen sie als den unnützesten unter den Dienern den Koch;33 und den Gaumen und den Bauch wagen sie mit langem Fasten wie halsstarrige und faule Knechte zu bändigen. Hartes und grobes Brot aus aller Art Getreide haben sie zum täglichen gemacht; ein Schluck aus reiner Quelle ist ihnen nicht schrecklich, und Feldfrüchte, Gaben der Mutter Erde, ohne Zutun gewachsen, Kräuter, Beeren an Sträuchern und Obst von Bäumen erzeugen ihnen nicht Unlust. Sie können zeitweise leben, ohne Tieren ans Leben zu gehen, und zur Heilung eines trägen und krankenden Bauches bedürfen sie nicht einer Menge ausgesuchter Leckereien, sondern der Enthaltsamkeit, des Hungers und der körperlichen Betätigung. Schliesslich haben sie gelernt, dem Leib nicht zu dienen, sondern Gesetze zu geben und zu befehlen. 25. Dieser Schar mich zuzuzählen, wage ich nicht. Doch bemühe ich mich darum, und um ein weniges bin ich wohl vorwärtsgekommen. Um anderes zu übergehen, leugne ich nicht, dass ich von Natur aus im höchsten Masse ruhmsüchtig bin,34 doch habe ich mich mit Fleiss so weit erzogen, dass ich nach Ruhm zwar ausgreife, wenn er da ist, aber wenn er mangelt, ohne Trauer auf ihn verzichte, zwar bereit, meinen Namen mit der Gunst des Schicksals weit herum bekannt zu machen, aber auch bereit, ganz unbekannt in der Enge eines kleinen Landgutes zu weilen. Bin ich von Natur ein Demosthenes, will ich mit Hilfe der Nachahmung ein Demokritos werden. Der eine verzehrte sich, so lesen wir, im Verlangen nach Berühmtheit, und der andere war ihr Verächter. 26. Damit jedoch die Schaffenskraft nicht gar im Stillstand erlahme, übe ich inzwischen die Augen im Lesen, die Finger im Schreiben und fessle den Geist ans Denken. Am Ende versuche ich nach Kräften mein Ziel zu erreichen, doch so, dass ich bei einem anderen Ausgang für besser halte, dass es misslungen ist.
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So also ist mein Leben, und dieses glaubte ich Dir zur Beurteilung schildern zu dürfen, weil im Augenblick nichts anderes vorliegt, was ich schriftlich festhalten könnte. 27. Der Zufall wollte es, dass ich spät abends allein bei den Quellen in mancherlei Überlegungen stehen blieb und mit meinem Ohr jenes unendliche Schallen in mich einsog, unter welchem die Sorgue, aus ihren Kerkern befreit, gegen die ringsum ragenden Felsklüfte aufspringt. Da geschah es, dass mir plötzlich jenes andere Lärmen in den Sinn kam, das ohne Unterlass von überall her in Deine Ohren gellt. Da habe ich denn zu mir gesagt: Sieh, damit hast Du, wovon Du jenem vortrefflichen Menschen schreiben kannst. Hat er es gelesen, kann er so, wie Du seine prunkende Knechtschaft bedauerst, an der Freiheit Deines Einsiedlertums sich erfreuen. 28. Und zum Schluss noch dies: Wenn Deine Augen, gewöhnt an kunstvolle Schriftzüge, durch eine ungepflegte Schreibweise gekränkt werden, so hast Du meinem wackeligen Felsensitz, meiner eingetrockneten Tinte, dem Papier aus Sumpfpflanzen und dem Hirtenrohr die Schuld zuzuweisen. Lass hingegen mich entschuldigt sein und meinen Finger Gnade finden bei Deiner städtischen Vornehmheit! Lebe wohl und bleibe gesund! An der Quelle der Sorgue, am 10. Juni (1352).35
Anmerkungen 1 Francesco il Calvo („der Kahlköpfige“) von Neapel war päpstlicher Sekretär seit einer Zeit, da Petrarca sie ein erstes Mal ausschlug. Er gehörte zum engeren Bekanntenkreis Petrarcas in Avignon. Einen anderen Brief an ihn hat Petrarca nicht aufbewahrt, doch in Fam. 20,14,15 wird Calvo nochmals genannt und knapp charakterisiert, und zwar als Inhaber der dem Dichter einst zugedachten Stelle. Vgl. Fam. 13,5 und Wilkins, Studies 66 f. 128.172.177 f., auch Überblick. 2 Lateinisch: longe hominum maximo; es kann hier nur der Papst gemeint sein. 3 Sen. Ad Lucil. 1,1. 4 Vgl. Fam. 8,9,13. 5 Hor. Carm. 3,1,40; Sat. 2,7,115. 6 Hor. Epist. 1,11,27. 7 Sisyphos, König von Ephyra, die berühmte Sagengestalt, die zur Strafe im Jenseits ewig einen Felsblock einen Abhang hinauf wälzt und ewig wieder hinunterkollern sieht. 8 Ixion, König der Lapithen, ewig unersättlich in seinen Begehren; der seinen Frevel gegenüber Zeus auf einem feurigen Rad büsst, das ihn ewig durch die Lüfte dreht. 9 Wasserschlange mit 7 (oder mehr) Köpfen, lässt einen neuen nachwachsen, wenn einer abgeschlagen wird. Herkules überwältigte sie. 10 Das heisst: zu seinen Hausgöttern, oder einfach: nach Hause. 11 Alkeides ist eine Bezeichnung für Herkules, da man ihn für einen Enkel des Alkaios hielt. 12 Im Lateinischen wird nun mehrmals das Wort virtus wiederholt; man könnte oder sollte es vielleicht verschieden übersetzen, so mit Tatkraft, Mannesmut, hoher Gesinnung etc. Aber das immer selbe Wort hält den Gedankengang besser zusammen.
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13 Odysseus soll sich gegenüber Menelaos und Agamemnon wahnsinnig gestellt haben, als sie ihn für den Krieg gegen Troia zu gewinnen suchten. Achilles wurde von seiner Mutter als Mädchen verkleidet und bei Lykomedes versteckt, damit er der Teilnahme am Krieg entgehe. 14 Auf griechische Vorbilder sollen römische folgen. Weiter unten kehrt Petrarca zu griechischen zurück. 15 Vgl. zu den folgenden, schon oft genannten Namen das Personenreg. in Bd. 1. 16 Gemeint ist At(t)ilius Regulus Serranus, Gaius. 17 Diese Brüder, Gnaeus Cornelius und Publius Cornelius, sind nicht zu verwechseln mit den „Afrikanern“. Die beiden besiegen 215 Hasdrubal, Sohn Hamilkars, am Ebro; 212 nehmen sie Sagunt ein. Berühmt war das Familiengrab der Scipionen an der Via Appia. 18 Gemeint sind Scipio Africanus Maior und Scipio Africanus Minor. 19 Manil. 20,60. 20 Sall. Iug. 114,4; vgl. Personenreg. in Bd. 1. 21 Zu Hannibals Alpenüberquerung vgl. Liv. 21,32 ff.; zur Zersetzung des Gesteins mit Feuer und Essig; vgl. auch Liv. 21,37. 22 Der berühmte spartanische König, 488–480, todesmutiger Anführer im Kampf gegen die Perser bei den Thermopylen 480. 23 Thebanischer Feldherr, berühmt für seine Schlachtordnung; führte die Thebaner im Kampf gegen die Spartaner, vertrieb diese in der Schlacht von Leukra 371 aus Böotien und fiel 362 in der siegreichen Schlacht von Manteneia. 24 Philopoimen war Feldherr und Staatsmann (* 253); er setzte sich für die Einigung der Peloponnes im achäischen Bund ein, wehrte sich gegen eine Abhängigkeit von Rom durch Neutralität im 2. Makedonischen Krieg 200–197, dann durch Anlehnung an Ägypten, wurde 183 auf einem Heereszug gefangen und vergiftet. Vgl. Liv. 39,50,10–11. 25 Kekrops: Schutzgeist der Königsburg auf der Akropolis Athens. 26 Cic. Lael. 12,42; vgl. Fam. 4,2,7. 27 Unter den Beispielen folgen nach den Feldherren die Philosophen. 28 Petrarca meinte offenbar, dass Plinius aus Verona stammte; vgl. Fam. 12,5,7. 29 Vergil war 19 v. Chr. im Begriff, nach Griechenland zu reisen, als ihn in Brindisi der Tod ereilte. 30 Das sind die Orte mit den Grabstätten von Plinius bez. Vergil. Parthenope steht für Neapel. Vergil selber erhielt den Namen Parthenias, dies jedoch im Hinblick auf seine Schamhaftigkeit. 31 Cic. Rep. 6,21,23; Somn. Scip. 7,17. 32 Mit dieser Schilderung schwärmt Petrarca für seine eigene Lebensführung. 33 Vgl. Fam. 8,4,1. 34 Ruhmsucht ist ein Hauptthema im Secretum Buch 3. 35 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 91 und 172. 177 und Petr. corresp. 70.
Fam. 13,5, an Francesco Nelli, Vorsteher der Kirche der Heiligen Apostel1 Von den Erfolgen an der römischen Kurie und von den drei Stilen. 1. Petrarca ist einem Ruf nach Avignon gefolgt. 3. Besser war es, zu gehen, als sich schleppen zu lassen. 5. Er fasst die Rede seiner Selbstverteidigung zusammen. 6. In der Jugend war er wegen seiner und mancher Freunde Armut auf kirchliche Ämter angewiesen, jetzt ist er es nicht mehr. 9. Noch im Alter nach Reichtum verlangen, ist lächerlich. 11. Seiner Verschwiegenheit wegen will man ihn zum päpstlichen Sekretär machen. 12. Seinen Schreibstil soll er jedoch ändern. 16. Es gibt drei Stilarten. 19. Petrarca stellt Anforderungen an den eigenen Stil und an die Aufmerksamkeit der Leser. Am 9. August (1352).
1. Zum Weinen und zum Lachen ist, was Du hören sollst. Man rief mich an die Kurie, und ich kam an diese Kurie, die von Rom nichts als den Namen behält, und ich kam in völliger Unkenntnis dessen, was man ebenda mit mir vorhabe, und wäre, will man mir glauben, in Kenntnis der Sache nie gegangen. „Was denn,“ so wirst Du fragen, „hat Dich dazu bewogen?“ Wahrhaftig nichts anderes als die Freundesliebe,2 denn, was mich betrifft, habe ich vor langem einem Grossteil der Begehrlichkeiten ein Ende gesetzt. 2. Daher bin ich schon eher damit beschäftigt, das Raubgut Fortunas abzuwerfen und auszuteilen als aufzuhäufen,3 und so habe ich denn mit der Kurie schon rein nichts mehr gemein. Niemals stimmten unsere Sitten überein, und war mir etwas an Begehrlichkeit eigen, ist es verflogen. Sie freilich hält uns, wofern unsre Hoffnung ihr beisteht, oft selbst an verhassten Orten zurück. Hoffnung und Begehrlichkeit stellen zusammen die Kette her, mit der die menschliche Seele gefesselt und dem Machtbereich der Vernunft entrissen wird, worauf sie dann viel Hartes und Unwürdiges leiden muss. 3. Ich kam also sonder Begierde und ohne irgendwelche Hoffnung, aber gezogen von der Caritas, wie ich sagte. Ich kam in Kenntnis des Ortes, in Unkenntnis der Sache, jedoch nicht ohne Gedanken an das Wort des Annaeus:4 „Schimpflich ist, statt zu gehen, sich schleppen zu lassen und mitten unter verworrenen Umständen sich zu verwundern: Wie bin ich denn hierher gekommen?“ Daran also erinnerte ich mich genau, und unter der Zurüstung zur Reise fiel mir nichts anderes häufiger ein. 4. Doch was konnte ich tun? Jene beiden Kirchenfürsten, welche die Herde des Herrn wie zwei ringsum herrschende „kraftstrotzende Stiere“5 auf den Weiden Christi nun hat, sie riefen mich um die Wette, und dabei hatte mich der eine vor langer Zeit mit Benefizien, der andere mich als einen ihm Unbekannten – und einzig auf das Zeugnis meines Rufes vertrauend – mit unerwarteter, neuer Wohltat verpflichtet.6 Als Hochmut hätte gegolten, die Rufe solcher Männer zu überhören, vor denen Könige und Fürsten sich neigen, und dies erst recht, da es hiess, in ihnen ertöne die Autorität des höchsten Hirten.7 Und dennoch: Wäre ich
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bereits, was ich werden möchte und erstrebe und – um die Wahrheit zu sagen – noch immer erhoffe, hätte ich all das verachten müssen, um mir wenigstens die Seelenruhe zu erhalten. 5. Du wirst dennoch nicht hören, was hätte geschehen sollen, sondern was geschah. Und das war? Die ganze Szenerie der Machenschaften zeigte sich mir gleich bei der Ankunft unverhüllt. Wollte ich alle Arten von Umwegen aufzählen, derentwegen – zu meiner Entrüstung und unter dem Seufzen meiner Freunde – mir eben da, wo ich durchaus nicht wollte, ein ganzes Jahr verstrich, so würde die Geschichte lang. Denn alle mühten sich mit grösstem Aufwand, mich zwar reich, aber geschäftig und betriebsam, nein vielmehr arm, elend und unglücklich zu machen, während ich, ganz auf mich allein gestellt, heftig widersprach und ausschlug gegen das goldene Joch wie gegen eines aus Holz oder Blei. 6. Bei Gott und den Menschen beteuerte ich, dass man mir meine Freiheit und Musse raube, obwohl das Verlangen nach diesen beiden mir unter allem, was die Natur mir schenkte, das Beste sei, und obwohl nach deren Gewinn auch das Los mir nichts Erfreulicheres zugeteilt habe. Ich sagte weiter, dass man mir gewaltsam mein Glück und alle Annehmlichkeit des Lebens und das Bisschen Schriftstellerei entwinde, wo ich doch ohne solche, wie immer sie sei, kaum leben zu können fürchtete; dass ich übrigens schon in der Jugend ein Verächter des Goldes gewesen, obwohl ich damals wenig besessen und auf vieles für lange Zeit hätte verzichten können, sofern in der Enge des sterblichen Lebens etwas für lang gelten dürfe; 7. dass mir ein Hunger nach Gold für die Zukunft durchaus grässlich erscheine, weil ich jetzt vieles besässe und ein Alter erreicht hätte, das die Leidenschaften zu beschwichtigen und zu milderen pflege, während die Begehrlichkeit eben dann um so schmählicher werde, wenn die Dürftigkeit schon geringer und kürzer sein könne; man müsse sich die Wegzehrung wünschen, die der Länge der Reise entspreche;8 ich aber hätte schon die Mittagszeit und die rauheren Wegstrecken im Rücken und darum nicht weniger die Unterkunft als die Weiterreise zu bedenken. 8. Überdies sei zu beachten, dass ich einst mehrere und recht bedürftige Freunde gehabt, denn die Liebe zu ihnen habe ein Verlangen nach Besitz und Erwerb wohl zu entschuldigen vermocht;9 vor allem habe ein Bruder damals vieles benötigt, der jetzt aber durchaus nichts mehr vermisse, weil er um Christi willen längst alles geringschätze.10 Den Bedürfnissen der Meinen habe also teils der Tod, teils ein recht gütiges Geschick und teils ein genügsames Ordensleben abgeholfen. Wenn ich – nun beinah vereinsamt, in den Tagen weit fortgeschritten und reichlich begütert – anfangen wollte zu verlangen, was ich als geselliger junger und ärmlicher Mann nicht verlangt hätte, so müsste ich das für schlecht und für meiner unwürdig ansehen; ich besässe nun an Habe genug; doch sie werde mir mangeln, sobald ich der Begehrlichkeit Zutritt gewährte. 9. Entbehrungen und schwer drückende Sorgen pflegten ja samt dem Reichtum heranzuschleichen. Schliesslich verlegte ich
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mich aufs Bitten und Beschwören, man möge doch dulden, dass ich meinen Lebensweg, so wie ich ihn begonnen, nach meiner Weise zu Ende ginge; man möge meinen schon ermüdeten, nach dem Ziel ausschreitenden Füssen keine Hindernisse bereiten, mir vielmehr Kummer ersparen, ja Schande ersparen, damit ich nicht gezwungen sei, wegen einer unguten Wandlung meines Bemühens ein Schauspiel seniler Habgier zu werden; es dürften eben jene, in deren Begleitung ich eine heitere und freie Jugend verlebte,11 nicht als Autoritäten mich zwingen, in ein trauriges, dienstpflichtiges Alter zu treten. 10. Sinnlos sei es, unnötige Mühen samt den Ursachen der Mühen mit so viel Aufwand zu fordern; schon stehe vor ihrer und meiner Türe die Ruhe. Und eben der Tag, für den sie so gewaltig sich abmühten, sei vielleicht der letzte, sicher dem letzten nicht fern. Jene Stunde eile herbei, die den Sorgen und eitlen Wünschen der Menschen das Ende aufdränge. 11. Solcherart habe ich mich verteidigt, oft entrüstet, oft aber flehentlich und beinah unter Tränen. Entgegen standen mir die Scharen hartnäckiger Freunde, aber auch Ratschläge und Bitten vieler anderer und die – stets an der Oberfläche haftende – Auffassung der grossen Menge. Indessen gelangte ich bis zu den Füssen dessen, der mit seinem Finger den Himmel auftut und mit seiner Kopfzier den Sternen gebietet.12 Er zeigte sich über meine Ankunft erfreut, sagte aber manches, was mir deutlich machte, dass er nicht meine Unabhängigkeit, sondern die Meinung aller begünstige. Was halte ich Dich hin? Auf mich allein gestellt, vermochte ich gegen die vielen, die Hartnäckigen und Beredten, nur wenig, und schon brachte ich mich fast dazu, besiegt und mutlos das Joch auf mich zu nehmen, als mir ein besseres Los ein Hilfsmittel reichte. 12. Die Einschätzung meiner Redeweise, die besser sei als die gewöhnliche, aber in weit höherem Mass der Ruf meiner Verschwiegenheit und Verlässlichkeit hatte die Gemüter beeindruckt, und ob zu Recht, das mögen jene überdenken, die solche Auffassung ausstreuten. Jedenfalls war es das Amt eines päpstlichen Geheimschreibers, für das ich geeignet zu sein schien, und dazu hatte man mich gerufen.13 Nur das Eine sei zu beanstanden, hiess es, dass mein Stil erhabener sei, als die Einfachheit14 der römischen Kurie es erfordere. Als ich solches aus dem Munde jener vernahm, die mehr als andere um mein Wohlergehen besorgt waren, packte mich zuerst ein Schrecken, und ich fürchtete, man wolle mit ironischen Reden auf mein bescheidenes Können anspielen, denn ich bin mir vieler Mängel bewusst, besonders auch hinsichtlich der Redekunst. 13. Doch als sie mir hierauf sogar unter Eidesleistung beteuerten, so laute die wahre Ansicht des Papstes und die des Kardinalskollegiums und man verlange von mir nichts weiter, als dass ich mir angewöhnte – ich verwende ihre Worte –, eine „einfachere Denkart zu pflegen und meine Ausdrucksweise zu mässigen,“ und als ich ausserdem das, was ich zuerst von nur zwei Personen gehört hatte, auch von vielen aus dem Stand der erwählten Väter vernahm, erfüllte mich eine so gewaltige Freude, wie sie kaum ein Gefangener erlebt, der an der
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Schwelle seines verhassten Kerkers unerwartet seinen Befreier erblickt. Ich meinte, hier öffne sich der Weg zum Entkommen, und ich täuschte mich nicht. 14. Ich wurde also gebeten, etwas zu schreiben, was beweisen würde, dass ich mich möglichst nah dem Boden zu halten und mich einfachen Redeweisen anzugleichen verstünde,15 denn – so versicherten mir jene beharrlich, die mich in den zwar erhabenen, aber engen Kerker zu zwingen versuchten – das werde mir überaus leicht fallen. Doch kaum lag mir das zu behandelnde Thema vor, da entfaltete ich mit all meiner Macht die Flügel meines Bisschen Geist, um mich vom Boden zu erheben, wie Ennius und nach ihm auch Maro gesagt hat,16 und so hoch zu fliegen, dass meine Häscher mich womöglich nicht mehr zu sehen vermöchten. 15. Die Musen schienen mir beizustehen, obwohl es ihrer am wenigsten bedurfte. Man hätte meinen können, unser Apollon17 schenke mir seine Gunst. Mein Erzeugnis war dann einem guten Teil zu wenig verständlich, obwohl es von letzter Klarheit war; einigen kam es griechisch oder eher barbarisch vor, woraus Du ersehen kannst, was für Geistesgrössen man sogar Wichtigstes anvertraut! 16. Drei Stilrichtungen kennen wir dank Tullius,18 die er selber als Figuren bezeichnet: Die feierliche, die er gewichtig nennt, die mässige, die er die mittlere, und die bescheidene, die er gering heisst.19 Die erste unter ihnen ist zu unserer Zeit fast niemandem eigen, die zweite nur wenigen, die letzte aber vielen. Was darunter ist, steht nicht auf der Stufe einer gepflegten Sprache, sondern ist eher plebejischer, bäurischer und knechtischer Worterguss. Und obwohl dieser in tausendjähriger, unablässiger Anwendung gebräuchlich wurde, kann er doch niemals die Würde, die ihm von Natur aus fehlt, bloss dank zeitlicher Dauer erwerben. 17. Wenn jedenfalls ich nach meinem Urteil beim Briefe-Schreiben mich passenderweise der bescheidenen Rede bediene, ist das in Ordnung; und wenn ich höher zu steigen ermahnt werde, beachte ich die Stufen, die ich besteigen soll, und bemühe mich darum, so weit es die Schwerfälligkeit meines Geistes erlaubt. Werde ich aber hinunter zu steigen geheissen, obwohl ich zuunterst stehe, nimmt man mir die Fähigkeit zu gehorchen. Was also ist’s, was sie mich heissen? Kein Zweifel: Das mir zur Anwendung Empfohlene und von ihnen als Stil bezeichnete, ist kein Stil. 18. Was denn, ich bitte, würde Iuvenal20 heute sagen, er, der klagte, dass zu seiner Zeit die Hoffnung auf tüchtige Schulung erstorben sei, und was würde der gewaltige Redner Seneca sagen,21 der jammerte, nach Cicero habe die Beredsamkeit Schaden erlitten, oder was Cicero selber,22 diese schönste Blüte der Redekunst, der immerhin an einer Stelle wegen des Niedergangs dieser Fähigkeit aufseufzt? Zum Glück hören die genannten, denen ein winziger Schritt aus höchster Höhe wie ein gewaltiger Absturz vorkam, nichts von den Albernheiten der Jetztzeit! 19. So also ist, um zu mir zurückzukehren, die Sache verlaufen. Man hat mir eine Frist gegeben, etwas zu lernen, nämlich dies (und würde ich dazu doch unfähig
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bleiben!), leichtfertig, gehaltlos und verächtlich zu reden. Man heisst mich in meinem höheren Alter genau in jene Schulen zu gehen, die ich als Jüngling schon immer geflohen habe. Doch lassen wir’s gut sein! Denn inzwischen bin ich frei dank der widerwilligen Erlaubnis jener, die mir eine Dienststelle anboten. Und hält man die Bedingung aufrecht, die der Erfüllung harrt, bleibe ich in Ewigkeit frei, und kann der Freiheit um so froher sein, je näher ich der Knechtschaft gewesen bin. 20. Übrigens ist die Freiheit um so süsser, je ehrenhafter ihre Ursache. Eines nur fürchte ich: Diese könnte falsch sein. Doch angenommen, sie sei wahr: Was könnte ich Herrlicheres wünschen, als ich sei just darum entkommen, weil ich zu hoch zu fliegen schien, um von jenen gesehen zu werden, die sich selber als die Erhabensten betrachten? Ich freue mich, ein solcher Kerl zu sein, falls ich ein solcher bin. Und andernfalls? Wie dürfte ich nicht wünschen, ein solcher zu werden, da ja der Grund dazu im erhabenen Stil, und nicht etwa im unverständlichen liegt? Mich freut, von wenigen entdeckt zu werden; und je weniger es sind, desto teurer bin ich mir selber. Ich wollte nicht, dass Rang und Reichtum einem Lesenden hilfreich wären; dagegen möchte ich, dass ein Pontifex oder König ihre Aufmerksamkeit darauf richtete, wie übrigens auch jeder andre, und sogar um so eifriger, je geringer vielleicht sein Verständnis wäre. 21. Ein einziges Beispiel, das die Sache erläutern kann und das ich dem allzu heftig drängenden Papst entgegenhielt, will ich hier wiederholen. Du erinnerst Dich, dass Alexander von Makedonien23 seinen Geometrielehrer anhielt, ihm gewisse geheimere Dinge seiner Kunst besonders gründlich darzulegen, und was ihm der Gefragte antwortete: „Diese Dinge“, so sprach er, „sind für alle Leute gleich dunkel.“ – 22. Ganz vorzüglich! Nicht das Diadem, sondern die Begabung, unterstützt durch Bemühung, fördert das Erfassen des Geschriebenen, sonst wäre eine Königsherrschaft recht wünschenswert. Dagegen gibt es manches, wofür die Königswürde und Kaisergewalt nicht allein unnütz, sondern gar schädlich sind. Eines mächtigen und hochmütigen Lesers bin ich nicht wert, so meine ich, und jedenfalls laufe ich einem nörgelnden Verstand und leicht verletzlichen Ohr nicht nach. Werde ich von Bescheidenen gelesen und nicht getadelt, habe ich damit eine köstliche Frucht meiner Bemühung erlangt. Ich strenge mich nicht an, dunkel zu reden,24 sondern klar, und ich möchte verstanden werden, jedoch von Menschen mit Verstand, und nicht ohne deren Eifer, nicht ohne geistige Anstrengung (nicht ängstliche, sondern vergnügliche). Einen Reichen, der am Lesen ganz unbefangen Freude empfindet, weise ich nicht ab, sofern er immerhin bedenkt, dass der Reichtum nichts dazu beiträgt. 23. Wozu viele Worte? Schriebe ich einem andern, würde ich mich weniger ereifern. Nun aber schreibe ich meinem Francesco, das heisst, mir selber. Ich nämlich will, ja ich will, dass wer immer mich liest, ganz mich allein, und nicht auch die Hochzeit seiner Tochter, nicht auch die Nacht mit seiner Freundin, nicht auch die
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Ränke seines Gegners, nicht seinen Gerichtstag, nicht sein Haus, nicht seinen Acker oder seinen Geldschatz im Kopf habe, sondern dass er, wenigstens so lang er liest, einzig bei mir sei. Hat er dringende Geschäfte, so schiebe er die Lektüre auf später auf; macht er sich an die Lektüre, werfe er die Last der Geschäfte und die Sorge um häusliche Dinge von sich und richte seine Gedanken auf das, was er vor sich hat. Missfällt ihm diese Bedingung, so verzichte er auf die ihm nutzlosen Schriften. Ich will nicht, dass er gleichzeitig geschäftig sei und studiere; ich will nicht, dass er ganz ohne Anstrengung aufnehme, was ich nicht ohne Anstrengung hinschrieb! 24. Aber Du erwartest das Ende? Schliesslich habe ich knapp die Erlaubnis erhalten, was mein ist, zu verteidigen, und ich werde sie so gebrauchen, dass ich von jetzt an in den wichtigsten Dingen mir niemanden vorziehe, mich durch keine Bitten der Freunde umstimmen lasse, keinem Versprechen und keiner Bitte nachgebe, die meine Freiheit aufs neue gefährden. Das, lieber Freund, wollte ich Dich wissen lassen, damit Du die gegenwärtige Lage beklagen und belächeln kannst, doch auch Jenem mit mir dankst, der mich vor einer einträglichen und zwar glänzenden, aber drückenden Amtsstelle – immerhin manchem wünschenswert! – bewahrt hat. Lebe wohl! Am 9. August (1352).25
Anmerkungen 1 Vgl. die Briefe an Nelli Fam. 12,4–5 und 12,9–13; dazu auch Cochin, Henry, Un ami de Pétrarque: lettres de Francesco Nelli à Pétrarque, Paris 1892; weiter Metr. 3,22 und 3,33, Schönberger lat. und dt. 279 ff. und 323 ff. Vgl. Dotti, Vita, hier: Indice dei luoghi, überdies Wilkins, Studies Kapitel 8 und Eight Years passim und ebenda vor allem Appendix 254 ff. zur Korrespondenz zwischen Petrarca und Nelli. 2 Hier verwendet Petrarca wie auch sonst für Freundesliebe das Wort caritas und meint nicht zuletzt ein hilfsbereites Wohlwollen. 3 Vgl. Fam. 14,4,24 über Petrarcas Verteilung von Benefizien. 4 Ad Lucil. 37,5. 5 Das Wort erinnert an Ps. 21,13. 6 Es handelt sich um die Kardinäle Guy de Boulogne und Elie de Talleyrand; vgl. die beiden Briefe Fam. 13,1 und Fam. 14,1, auch Wilkins, Studies Kapitel 1: Petrarch’s Ecclesiastical Career, mit der Aufzählung der dem Dichter angebotenen Pfründen; vgl. unten Anm. 15. 7 Gemeint ist der Papst Clemens VI. 8 Cic. De sen. 18,66. Vgl. 14,4,17; 14,7,8; 17,8,8; 20,8,18. 9 Vgl. Wilkins, Studies Kapitel 1 über Pfründen Petrarcas, zum Brief auch Übersicht. 10 Der Bruder Gherardo war Kartäuser geworden. 11 Hier eine Andeutung, dass verschiedene Freunde Petrarcas die Bemühungen der Kurie unterstützten, den Dichter für ein Amt zu gewinnen; vgl. unten Abschnitt 11 und Fam. 20,14,15 ff.
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12 Vgl. Stat. Theb. 1,305. Gemeint ist der Papst als Nachfolger des Apostels Petrus und damit als Besitzer der kirchlichen Schlüsselgewalt. 13 Vgl. Fam. 13,4, Anm. 1. 14 Das Wort Einfachheit steht hier für humilitas; entsprechend steht im folgenden Text: einfach sein und einfach reden. 15 Vgl. Fam. 14,1,1 und 14,2,4 ff., wo ähnliche Forderungen des Kardinals Talleyrand angeführt werden. 16 Nach dem Epitaph des Ennius bei Verg. Georg. 3,9; Cic. Tusc. 1,15,34; 1,49,117. 17 Unser Apollon sagt Petrarca, wenn er Christus meint. 18 Ad Her. 4,8,11. 19 Lateinisch: grandiloquum, quem gravem appellat; moderatum, quem mediocrem vocat; atque humilem, quem extenuatum dicit. 20 Sat. 7,1. 21 Seneca Maior, Controv. 1, praef. 7. 22 Vielleicht ein Hinweis auf die Schrift Brutus? 23 Die Quelle kann nicht angegeben werden. 24 Hor. Ars 25–26. 25 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 172 und 177, sowie ebenda 212, auch Petr. corresp. 71.
Fam. 13,6, an Francesco Nelli1 Über das Wort Poesie und seine Profanation durch Ungebildete. 1. Petrarca führt die Darstellung des vorangehenden Schreibens fort. 3. Die Poesie ist göttlichen Ursprungs. 4. Man spricht über sie trotz grosser Unkenntnis sehr viel. 5. Cola di Rienzo ist als Gefangener in Avignon. 12. Er hat sich von löblichen Plänen abgewendet und hat die gute Sache verraten. 22. Das Volk aber hält ihn für einen Dichter und verlangt daher für ihn Schonung. 26. Ein Dichter ist Cola nicht. 30. Selbst einer der würdigsten Kardinäle kennt die einfachsten Begriffe der Poesie nicht. 35. Petrarca belehrt ihn über Grundsätzliches. An der Quelle der Sorgue, am 10. August (1352).
1. Was erwartest Du zu hören, wenn nicht die Fortsetzung des kürzlich Dir zugesandten Briefes, damit Du weinen und lachen kannst?2 Nichts Wichtigeres, wahrhaftig, hätte ich zu tun? Im Gegenteil, sogar vieles! Doch sich Wichtigerem zu widmen, verbietet die Zeit, die in ihrer Kürze nicht einmal gehörig frei, sondern von erstaunlichen Hindernissen durchsetzt ist. Ja auch ich selber bin ganz und gar in Bewegung, und vieles stürmt von aussen auf mich ein; ich bin gleichzeitig hier und dort und folglich nirgends: ein vertrautes Übel all derer, die von einem Ort zum anderen ziehen. 2. Unser jüngstes Babylon3 habe ich verlassen und an der Sorgue Halt gemacht, im allbekannten Hafen meiner Stürme. Hier warte ich auf Weggefährten4 und auf das Ende des Herbstes oder wenigstens auf die von Maro5 beschriebene Jahreszeit, wenn „…schon kürzer der Tag und milder der Sommer“. Doch damit inzwischen mein Landaufenthalt nicht nutzlos verstreiche, sammle ich Bruchstücke verschwendeter Gedanken, denn jeder Tag soll, so weit als möglich, entweder einem grösseren Beginnen etwas beifügen oder etwas Kleines erledigen. 3. Den heutigen Ertrag wirst Du in diesem Schreiben als Mitteilung an Dich empfangen. Die Poesie also, dieser göttliche Auftrag an nur wenige Menschen, hat sich bereits der Menge auszuliefern, ja fast würde ich sagen: sich zu entweihen und zu entehren begonnen. Nichts gibt es, was ich so verärgert ertrüge, und Du, Freund, könntest, wenn ich Deine Reizbarkeit kenne, dieses Ärgernis wohl in keiner Weise ertragen. 4. Niemals ist in Athen oder Rom, niemals zu Zeiten Homers und Vergils so viel von Sehern die Rede gewesen wie am Ufer der Rhone in dieser Epoche, während ich doch meine, nie habe es an irgendeinem Ort und zu irgendeiner Zeit so gar nichts an Kenntnis der Sache gegeben. Nun möchte ich, Du würdest den Verdruss mit Gelächter lindern und lernen, bei Betrüblichem zu scherzen. 5. Da kam zur Kurie neulich, doch nein, kam nicht, wurde vielmehr gefangen herbeigeführt, jener Cola di Rienzo,6 einst weit herum gefürchteter Tribun von Rom, jetzt unter allen Menschen der erbärmlichste und – was den höchsten Grad
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des Übels ausmacht – vielleicht im Mass, als er erbärmlich ist, des Erbarmens unwürdig, weil er, der auf dem Kapitol in so grosser Ehre hätte sterben können, den Kerker in Böhmen und darauf den von Limoges7 zu ertragen auf sich nahm, dies gar zu seiner eigenen wie auch zu des römischen Namens und Gemeinwesens Verhöhnung. 6. Wie sehr diese Feder ihn zu loben und zu ermahnen sich hervortat, ist vielleicht bekannter, als ich wollte. Ich liebte die Mannhaftigkeit, ich lobte das Vorhaben, und ich bewunderte den Mut dieses Mannes. Ich beglückwünschte Italien; ich sah schon die Weltherrschaft der segensreichen Stadt und die Ruhe aller Länder bevorstehen. Eine so vielen Wurzeln entspriessende Freude zu verhehlen, war mir unmöglich. Ich glaubte, grosser Glorie teilhaftig zu sein, wenn ich dem Laufenden die Sporen gäbe, und diese hat er, wie seine Boten und seine Briefe mir bezeugen,8 aus meinen Worten in ihrer grössten Heftigkeit herausgespürt. 7. Um so stärker brannte ich und schärfte ich meinen Verstand, ob ich wohl etwas auszudenken vermöchte, geeignet, das Feuer seines Mutes zu schüren. Und da ich wohl wusste, dass sich ein hochgesinntes Herz vor allem an Ruhm und Ehren entzünde, sparte ich nicht mit mächtigem Lobpreis, und dieser war vielleicht nach dem Urteil mancher übertrieben, doch nach meiner eigenen Ansicht durchaus berechtigt. Und indem ich das Getane guthiess, mahnte ich, es zu vollenden. 8. Es existieren einige Briefe aus meiner Feder an ihn, deren ich mich heute nicht gänzlich schäme. Zu weissagen pflege ich nicht, und hätte nur er selber nicht geweissagt. In der Tat aber, was er, während ich schrieb, ausführte und weiterzuführen vorgab, war nicht bloss meiner eigenen Billigung und Bewunderung, sondern auch der des ganzen Menschengeschlechts durchaus würdig. Ob aber meine Briefe einzig darum zu vernichten seien, weil er lieber schimpflich leben als ehrenvoll sterben wollte, weiss ich nicht. Jedenfalls gibt es bei Unmöglichem kein Erwägen. Selbst wenn ich jene auszutilgen sehr wünschte, vermöchte ich es nicht. Was in die Öffentlichkeit gedrungen ist, hat aufgehört, mein Eigen zu sein. Ich nehme also den Faden wieder auf. 9. Er betrat die Kurie erniedrigt und verachtet, er, der einst die Schlechten in der ganzen Welt ängstigte und schreckte, die Guten dagegen mit frohester Hoffnung und Erwartung erfüllte. Und er, einst vom gesamten römischen Volk und von den Grossen der italischen Städte begleitet, kam jetzt – zur Linken und Rechten von zwei Schergen bedrängt – unselig daher, während das Volk ihm entgegen lief, begierig das Angesicht dessen zu sehen, den man ihm eben noch rühmend erwähnt hatte. 10. Er aber war vom römischen König zum römischen Bischof gesandt worden. „Oh wunderbarer Handel!“9 Ich scheue mich, was folgt, auszusprechen, und selbst dieses hätte ich nicht sagen wollen, sondern das, was ich begonnen habe. Kaum also war er angekommen, als der Papst dreien aus der Zahl der Kirchenfürsten die Rechtssache zur Entscheidung übergab. Ihnen wurde auferlegt zu überdenken, welcher Art von Strafe jener würdig sei, der für die Republik volle Freiheit
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begehrte! „Oh Zeiten, oh Sitten“,10 oh Ausruf mir ständig abgenötigt! 11. Ist doch jener, so erkläre ich, gerade deswegen jeder Strafe würdig, weil er das ursprünglich Gewollte nicht so ausdauernd wollte, als er sollte und die Lage und die Bedrängnis es erheischten. Er hat ja, wiewohl er die Verteidigung der Freiheit verkündet hatte, die Feinde der Freiheit in eben jenem Augenblick, als er sie insgesamt zu unterdrücken in der Lage gewesen wäre (eine Gelegenheit, die kein Herrscher je zuvor von Fortuna erlangt hat), bewaffnet entkommen lassen!11 12. Oh dieser entsetzliche finstere Nebel, der oft mitten in den Anstrengungen um grösste Erfolge sich den Sterblichen auf die Augen legt! Und wäre es wirklich seine Absicht gewesen, bloss dem zweiten seiner beiden Zunamen Geltung zu verschaffen und nicht auch dem für die Krankheit der Republik notwendigen ersten (er wollte ja „Severus“ und „Clemens“ heissen), und hätte er folglich gegen öffentliche Hochverräter Nachsicht üben wollen, so wäre ihm immerhin möglich gewesen, sie aller unheilbringender Mittel zu berauben und ihnen vor allem ihre stolzen Burgen zu entreissen. Damit hätte er, indem er sie am Leben liess, aus Feinden der Stadt Rom römische Bürger oder aus fürchterlichen Feinden rein verächtliche zu machen vermocht. 13. Darüber habe ich ihm, ich erinnere mich, einen sehr kämpferischen Brief geschrieben,12 und hätte er ihn beherzigt, so stünde es um die Republik jetzt anders und wäre Rom heute nicht Sklavin und er selber nicht Gefangener. 14. Gewiss, weder für diese Sache noch für die folgende weiss ich eine Entschuldigung vorzubringen, denn er hat zwar den Schutz der Guten und die Vernichtung der Schlechten sich zur Pflicht gemacht, aber nicht lange darnach plötzlich seinen Sinn und seine Sitten gewandelt. Er mag den Grund kennen, ich habe ihn später nicht mehr gesehen; aber eine Rechtfertigung des Unrechts kann es, selbst wenn ein grosser Redner irgendeine erfände, in Wahrheit nicht geben. Gleich hat er – zur grossen Gefährdung und Befürchtung der Guten – begonnen, die Schlechten zu begünstigen und sich ihnen gänzlich anzuvertrauen. Und hätte er doch unter den Schlechten nicht gar die Schurken bevorzugt! Davon handelt ein anderer meiner an ihn gerichteten Briefe aus der Zeit, als die Republik noch nicht eingestürzt, aber schon schwankend war.13 Doch genug davon. 15. Ich spreche ja allzu erregt, und bei jedem Abschnitt meiner Schilderung halte ich ein, niedergeschlagen, wie Du siehst. Denn ich hatte in jenen Mann meine letzte Hoffnung auf die Freiheit Italiens gesetzt und ihn, der mir schon lange vorher bekannt und teuer war,14 nach der Vollendung des herrlichsten Werkes mehr als andere zu ehren und zu bewundern versprochen. Je mehr ich also erhoffte, desto mehr betrübe ich mich jetzt nach dem Verlust der Hoffnung, und ich bekenne: Wie immer das Ende aussehen mag, ist mir doch heute noch unmöglich, den Anfang nicht zu bewundern. 16. Er kam jedoch nicht in Fesseln (dies eine fehlte zur öffentlichen Schande), übrigens in einer Kleidung, die keinen Gedanken an Flucht gestattete. Schon bei
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diesem Einzug in die Stadt hat er nach mir gefragt, der Unglückliche, ob ich an der Kurie sei; dies entweder weil er irgendeine Hilfe von mir erwartete (doch habe ich, soviel ich jedenfalls wüsste, keine zu bieten) oder weil er der alten, an eben diesen Orten einst geschlossenen Freundschaft gedachte. 17. Nun also ist die Rettung dieses Mannes, von dessen Hand die Rettung und Unversehrtheit so mancher Völker abhingen, hinwiederum von fremden Händen abhängig. Sein Leben und sein Ruf sind gefährdet. Man wird aber kaum aufhorchen, wenn man vernehmen muss, er sei unter dem Strahl des Urteilsspruchs ehrlos geworden oder gar dem Tod verfallen. Töten kann man jeden sterblichen Leib, und wäre der noch so geheiligt; aber weder den Tod noch den Rufmord fürchtet die Tugend, denn sie ist unverletzlich, durchaus keinem Unrecht und keinen Pfeilen erreichbar. 18. Hätte nur nicht er selber seine Ruhmestat durch Vernachlässigung oder Wandlung seines Planes entstellt! Denn dann hätte er von solchem Richterspruch – ausser leiblichen Schaden – für sich nichts zu befürchten gehabt, zumal ihm nicht einmal jetzt irgendeine Trübung des Rufes von seiten jener droht, die wahren Ruhm und falsche Schande nicht nach gewöhnlicher Auffassung, sondern nach besser gesicherten Kennzeichen untersuchen und die Leistungen hervorragender Männer unter Beachtung der Tüchtigkeit, aber nicht des Zufalls bewerten. 19. Dass es sich so verhält, ist an der Beschaffenheit der Anklage abzulesen. Nichts nämlich von dem, was allen Rechtschaffenen an diesem Mann missfällt, wird behandelt, und vor allem ist er nicht seiner letzten Taten, nein der ersten wegen angeklagt. Nicht das wird ihm vorgeworfen, dass er sich schliesslich den Schlechten zugesellt, die Freiheit verraten und das Kapitol im Stich gelassen hat, da er doch nirgends ehrenvoller leben, nirgends glorreicher hätte sterben können. 20. Was denn? Einzig das wird ihm zur Last gelegt, wodurch er mir sogar nach einer Verurteilung, nicht etwa unehrenhaft, vielmehr als ein mit ewigem Ruhm Gekrönter erscheinen wird. Er wagte ja zu denken, er wolle dafür sorgen, dass die Republik heil und frei werde und dass über die römische Herrschaft und die römischen Gewalten nirgends als in der Stadt Rom entschieden werde. 21. Oh welch grosses, mit Kreuzestod und Geierfrass zu sühnendes Verbrechen, wenn da ein römischer Bürger trauerte, weil er seine Vaterstadt, die rechtmässige Herrin der Welt, gemeinsten Menschen Sklavendienste tun sah! Das freilich ist des Frevels Inbegriff, deshalb verlangt man die schwerste Strafe. 22. In diesem Zustand – auf dass Du endlich hörest, weshalb ich schreiben wollte, und dann nach dem Verdruss auch lachen könnest – bleibt ihm als einzige Hoffnung auf Rettung, wie ich aus Freundesbriefen ersehe, der Umstand, dass im Volk das Gerücht überhandnimmt, er sei ein hochberühmter Dichter,15 und deshalb scheine es ein Unrecht zu sein, diesen Menschen von so grossem und so heiligem Bemühen zu entehren. Ja ins Volk sei schon die höchst beachtenswerte Auffassung gedrungen, auf die sich Cicero zu Gunsten seines Lehrers Aulus Licinius Archias vor den Richtern gestützt hat.16 23. Diese Rede führe ich hier nicht an, ist sie doch
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in Eurem Besitz und lest Ihr sie doch begierig, wie ich Briefen entnehme; denn ich habe sich ja einst aus den fernsten Grenzen Germaniens geholt, als ich in jenen Gegenden im jugendlichen Drang, sie zu besichtigen, herumreiste, und habe sie im folgenden Jahr auf Euren Wunsch in die Heimat gesandt.17 24. Was aber soll ich nun sagen? Ich freue mich gewiss, und mehr, als ich sagen kann, bin ich beglückt, weil den Musen selbst heute noch und erstaunlicherweise sogar von ganz unmusischen Leuten, so grosse Ehre zuteil wird, einen Mann, der im übrigen just bei den Richtern verhasst ist, durch blosse Titelverleihung zu retten. Besseres hätten sie nicht einmal unter Kaiser Augustus verdienen können, als sie höchsten Ruhm erlangten, nämlich anlässlich jener Zusammenkunft der Sänger aller Landschaften in Rom, denn bei diesem Anlass war ihnen allen vergönnt, das strahlende Antlitz des einzigartigen Fürsten und Dichterfreundes und Herrn der Könige zu schauen. 25. Was aber, bitte, hätte man den Musen in jener früheren Zeit darüber hinaus noch gewähren können, als dies: Einen Menschen (gleichgültig, wie sehr verhasst, da jedenfalls verhasst, gleichgültig, welchen Vergehens beschuldigt, da jedenfalls beschuldigt und überführt und geständig, um nach einhelligem Spruch der Richter zum Tod verurteilt zu werden), eben ihn der Todesgefahr zu entreissen! Nochmals will ich sagen: Ich freue mich und beglückwünsche ihn und die Musen, ihn nämlich zu solchem Schutz und die Musen zu solcher Ehre. Und dem Angeklagten von zweifelhafter Hoffnung missgönne ich in seiner schlimmsten Lage den Dichtertitel nicht. 26. Dennoch, wenn Du mich fragst: Cola di Rienzo ist ein höchst sprachgewandter Mann, zu überzeugen fähig und für die Redekunst begabt, als Schriftsteller liebenswürdig und gefällig, zwar von nur einfachem, aber wohllautendem, farbigem Ausdruck. Die Dichter, meine ich, die man gemeinhin kennt, hat er alle gelesen. Dennoch ist er ebensowenig ein Dichter, als jener ein Weber ist, der einen von anderer Hand gewobenen Mantel trägt. 27. Und wenn, den Dichtertitel zu verdienen, ein einziges Gedicht nicht ausreicht und wenn durchaus wahr ist, was Horaz gesagt hat:18 „…es sei nämlich Verse zu schmieden Nimmer genug, wie Du sagst, und schriebe auch einer, wie wir tun, Flüssig wie Tagesgespräch, so gälte er doch nicht als Dichter“, so hat jener eben nicht einmal ein einziges Gedicht, das mir zu Ohren gekommen wäre, geschmiedet; und er hat darauf auch keine Neigung verwandt, ohne die nicht das Geringste ohne weiteres glücken kann. 28. Dies wollte ich Dir gerne mitteilen, damit Du das Verhängnis dieses einstigen Anwalts eines allgemeinen Nutzens beklagen, seiner unverhofften Rettung Dich erfreuen, doch über den Grund der Rettung mit mir sowohl höhnen wie lachen und nachdenken möchtest. Wenn nun aber – und dass es doch geschehe! –
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unter dem Schild der Dichtkunst Cola so grossen Gefahren entrinnen sollte, weshalb sollte da nicht auch Maro entrinnen? Doch dieser würde unter den selben Richtern aus einem anderen Grund sein Leben verlieren, nämlich deshalb, weil er eben nicht als Dichter, sondern als Geisterbeschwörer betrachtet wird.19 29. Ich will anfügen, worüber Du noch tüchtiger lachen magst. Gerade auch ich, der aller Wahrsagerei und Magie so feind ist als irgendeiner, werde nicht selten bei diesen tüchtigen Weltenrichtern ob meiner Freundschaft mit Maro als ein Geisterbeschwörer bezeichnet. Darum sieh nur, in welche Tiefe unsere Bildung gestürzt ist! Oh dieses hassenswerte und läppische Geschwätz! Und damit Du an mehrfachen Proben die gesamte Lage erkennen und was von Geringeren zu halten ist, am Beispiel von Grösseren ablesen könnest, will ich eine Lächerlichkeit von vornehmerer Art anfügen. 30. Einen angesehenen Freund habe ich hier in Babylon,20 wert, mit besonderer Hingabe gehegt zu werden. Ich bediene mich ja einer alten, freimütigen Sprache, gemäss welcher Cicero den Pompeius Magnus „seinen Vertrauten“ nennt und Plinius Secundus „seinem Vespasian“ einen Gruss entbietet;21 denn müsste ich die moderne, also unterwürfige und schmeichlerische Sprache verwenden, hätte ich einen „einzigartigen, ehrfurchtgebietenden Herrn“. 31. Doch wie immer ich mich ausgedrückt habe: Soviel kann ich in Wahrheit behaupten, dass er einer wie wenige ist, ein Fürst unter Fürsten, ein Hervorragender unter Höchsten, dem römischen22 Kardinalat eine leuchtende Zier, ein Mann seltener Klugheit, nach dessen Ratschlag sich wahrscheinlich sehr leicht das ganze Erdenrund leiten liesse, überdies ein Büchergelehrter mit ausserordentlichem Verstand. Doch wahr ist, was Sallust gesagt hat: „Der Verstand ist tüchtig, wo man ihn hinlenkt“.23 32. Jener hochbedeutende Mann also pflegte in vertraulichen Gesprächen (deren er mich oft würdigt), sobald der Name irgendeiner Person fiel, von der er gehört haben mochte, sie habe zum Volk drei Wort gesprochen oder einen Brief für ein sicheres Geleit ausgestellt, mich gespannt, um nicht zu sagen „gebannt“, in ungefähr dieser Art auszuforschen: „Ist jener, von dem wir sprechen, nicht ein Dichter?“ Ich jedoch pflegte zu schweigen, denn was anderes konnte ich tun? 33. Doch als er mich dasselbe immer wieder wegen gewisser Scholastiker gefragt hatte, die Schwülstiges und Abgestandenes eher formelhaft als vernünftig ausdrückten, und als ich eines Tages mein Lachen nur mit Mühe verbarg, bemerkte er das Zucken meines Mundes als ein Mann scharfer Beobachtung und begann daher mehr und mehr darauf zu bestehen, ich solle ihm sagen, was das bedeute. 34. Da habe ich denn in der Vertrautheit, in der ich mit ihm getrost alles zu besprechen gewohnt bin, weil er es so will, die Unkenntnis einer so herrlichen Sache bei einem so grossen Verstand ehrerbietig getadelt, da er eine Ahnung nicht einmal von den grundlegenden und allgemeinsten Begriffen jener Kunst besitze, in welcher doch, wie feststehe, einst gerade die mit öffentlichen Aufgaben betrauten Herren der Welt ihre höchste Begabung
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begierig und sorgfältig geübt hätten. 35. Ich legte ihm einige Beispiele vor, derer Du nicht bedarfst, und habe in dem Sinn geschlossen, dass ich ihm zeigen wolle, es gebe weniger Dichter als er glaube. Und so weit es die Zeit erlaubte, habe ich einiges in knappen Worten über den Ursprung der Dichtkunst,24 über die Arten, den Begriff und in erster Linie über die unglaubliche Seltenheit der Dichter erörtert, welch letzten Punkt Tullius25 in seinem Werk „Vom Redner“ berührt hat. Nachdem der bedeutende, in anderen Dingen gelehrte und in eben diesen nicht ungelehrige Mann das alles mit aufmerksamem Ohr angehört und, wie es scheint, durstig eingesogen hatte, kam er später häufig auf Einzelnes zurück, hat aber nach diesem Tag sich ähnlicher Fragen enthalten. 36. Du lebe glücklich und bleibe gesund! Und wenn es Dir richtig erscheint, so schicke diesen Brief von heute und denjenigen von gestern, nachdem Du sie gelesen, nach Neapel zu unserem Zanobi, damit er und auch Barbato,26 sofern dieser vom Hafen Sulmonas zu den Stürmen Parthenopes zurückgekehrt ist, an unserem Spass und unserem Ärger teilnehmen können. An der Quelle der Sorgue, am 10. August (1352).27
Anmerkungen 1 Fam. 13,6 findet sich lat. und dt. auch in Petrarca, Aufrufe 164—178. Zu Nelli vgl. Fam. 12,4, Anm.1 und das Personenreg. 2 Vgl. den vorangehenden Brief Fam. 13,5. 3 Das ist Avignon. 4 Gefährten für die Reise nach Italien. 5 Verg. Georg. 1,312. 6 Cola traf Anfangs August 1352 in Avignon ein; vgl. Paul Piur, Briefwechsel des Cola di Rienzo, Vom Mittelalter zur Reformation, Bd. 2, Teil 5,435 f. 7 Das war der Kerker des Papstes Clemens VI. 8 Vgl. ausgewählte Briefe, lat. und dt., Petrarca, Aufrufe 76–221. 9 Wort aus der katholischen Liturgie vom Fest der Beschneidung des Herrn (1. Jan.), in 1Vesperis Antiphon 1. 10 Cic. Verr. 1,2; De dom. 137; Deiot. 11,31. 11 Hinweis auf die Freilassung der gefangenen Barone durch Cola Mitte September 1347. 12 Dieser Brief hat sich nicht erhalten. 13 Das ist Fam. 7,7. 14 Hinweis auf eine Begegnung Petrarcas mit Cola in Avignon wohl im ersten Halbjahr 1343; Cola trat damals an der Kurie als Vertreter des vom Adel bedrückten römischen Volkes auf. 15 Zur angeblich dichterischen Tätigkeit Colas vgl. Piur, Briefwechsel des Cola di Rienzo 2. Teil 5, 439–443. 16 Archias aus Antiochia gehörte zum Freundeskreis Ciceros und wurde von diesem 62 gegen die Anklage verteidigt, er habe das römische Bürgerrecht erschlichen. Dabei wurde kräftig seine dichterische Begabung unterstrichen und die göttliche Inspiration der Dichter ganz allgemein betont; vgl. insbesondere Cic. Arch. 8,18 f.
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17 Von dieser Reise sprechen Fam. 1,4 und 1,5. 18 Hor. Sat. 1,4,40–42. 19 Vergil galt im Mittelalter vielen als Zauberer; vgl. G. Comparetti, Vergilio nel medio evo, Florenz 1943. 20 Mit dem hier charakterisierten Bekannten könnte vielleicht Kardinal Bernard von Albi gemeint sein (vgl. die an ihn gerichteten Metr. 2,2–2,4 wohl aus dem Jahr 1345, bei Schönberger lat.und dt. 119 ff.). Dagegen spricht aber wohl, dass Petrarca nicht erwähnt, der Gemeinte habe sich (später) selber im Dichten geübt, wie Kardinal Bernard tat. Denken kann man auch an Guy de Boulogne oder eher noch an Elie de Talleyrand. Das grosse Lob in Fam. 13,6,31 auf eine ungemeine allgemeine Begabung bei völliger Unkenntnis der Dichtkunst deutet am ehesten auf diesen, und übrigens ist auch das Datum des Briefes am ehesten mit Talleyrand zu verbinden. Dass Petrarca für ihn keine Briefe in Gedichtform schrieb, ist einleuchtend; denn eben für Gedichte hatte jener keinen Sinn. Vgl. Fam. 14,1 und Fam. 14,2,4 ff. 21 So Plinius in der Widmung seiner Naturgeschichte. Der Angesprochene ist aber der Sohn Vespasians, nämlich Titus. 22 Lateinisch: romuleique clarum decus cardinis. 23 Sall. Cat. 51,3. 24 Vgl. Fam. 10,4,1 ff. 25 Cic. De or. 1,3,11. 26 Zu Zanobi und Barbato vgl. die an sie gerichteten Briefe und das Personenreg. Zanobi war durch Petrarca aufgemuntert worden, einem Ruf aus Neapel zu folgen; vgl. Fam. 12,3. 27 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 128–130. 138–139. 172 und 177–178. 212; auch Petr. corresp. 71.
Fam. 13,7, an Pierre aus der Auvergne, Abt des Klosters Saint-Bénigne1 Über die Lust am Schreiben und die ansteckende Schreibkrankheit. 1. Petrarcas Schreibwut. 4. Ein Geschichtlein belegt sie. 7. Petrarca trägt eine grosse Verantwortung für die Verbreitung dieser Seuche. 11. Er wird von Dichtern scharenweise überfallen und mit Gedichten eingedeckt. 13. Über falsche Dichtkunst. 16. Petrarca hat ein schlechtes Gewissen. 16. Spasshaft übertreibende Schilderung seiner Lage. 18. Der Adressat soll zur Nachsicht bewogen werden, weil Petrarca auf Briefe nicht schriftlich geantwortet hat. Er gehorcht aber dem Befehl, die Abreise zu verschieben. 21. Nun harrt er in Vaucluse aus. Die genannte Schreibwut droht auch hier einzudringen. (Vaucluse 8.–11. November 1352)
1. Sonderbar zu sagen! Ich möchte schreiben und weiss nicht was und wem. Und – oh eisernes Verlangen! – Papier, Feder, Tinte und Nachtwachen sind mir lieber als Schlaf und Ruhe. Was soll’s? Ich quäle mich immer und langweile mich, ausser während ich schreibe, und – eine neue Verkehrtheit! – mühe mich in der Ruhe und ruhe in der Mühe. Hart wie Fels ist dieses Herzensbedürfnis; man meint, es stamme aus den Steinen Deukalions.2 Wenn man rückhaltlos über Pergamenten brütet und Finger und Augen anstrengt, spürt man weder Kälte noch Hitze, fühlt sich wohlig in weichsten Daunen, fürchtet Ablenkung und klammert sich an widerspenstige Glieder. 2. Wird man durch eine Notwendigkeit gezwungen, das Schreiben zu lassen, dann erst beginnt man sogleich zu ermatten und bequemt sich zu einer Pause, jedoch nicht anders als ein müdes Eselchen unter allzu schwerer Bürde, wenn es geheissen wird, einen holperigen Bergpfad hinaufzusteigen. Sogleich kehrt man darauf zum Begonnenen nicht weniger begierig zurück als das ermattete Tier zu seiner vollen Krippe, und kräftigt sich dann bei langen Nachtwachen nicht weniger als das Tier bei seinem Ruheplatz und Futter. Was also, wenn ich weder vom Schreiben lassen, noch Ruhe ertragen kann? 3. Ich schreibe Dir nicht, weil das alles sonderlich Dich anginge, vielmehr weil jetzt kein anderer in meiner Nähe ist, der nach Neuigkeiten (besonders solchen von mir) kräftiger begehrte, Geheimnisse tüchtiger erforschte, Schwierigkeiten sicherer begriffe, Unglaubwürdiges gründlicher prüfte. Einen Teil meines Zustandes und meiner Herzensplagen hast Du vernommen. Und nun füge ich ein Geschichtlein an, das Dich erst recht verblüffen und Dir gleichzeitig beweisen wird, dass ich die Wahrheit gesagt habe. 4. Ich hatte einen Freund auf der höchsten Stufe edelster Freundschaft. Dieser wohnte bei mir zu jener Zeit, als ich die Africa eben in Angriff genommen hatte,3 und zwar mit einem so brennenden Eifer, dass Afrika niemals so feurig brannte, auch nicht, wenn die Sonne im Löwen stand. Es war das Werk, das schon allzu lange unter meinen Händen ist und einmal, so meine ich, wenn es irgend eine
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Hoffnung auf Gedeihen gibt, einzig und allein den Durst meiner lechzenden Brust sei’s lindern, sei’s löschen wird. Als jener mich von übermässiger Arbeit erschöpft sah, unterbrach er mich unerwartet, erbat von mir einen Dienst, einen ihm angenehmen und mir gewiss sehr leichten. 5. Und als ich ohne zu fragen zustimmte, um dem nichts zu verweigern, der mich zweifellos in freundlichster Gesinnung anging, fuhr er fort: „Gib mir die Schlüssel zu Deinem Kasten.“ Verwundert händigte ich sie aus, worauf er sogleich alle meine Bücher und mein ganzes Schreibzeug darein versorgte, unter Riegel verschloss und sich mit den Worten zum Gehen wandte: „Ich auferlege Dir zehn Tage Ferien und verbiete Dir, während dieser Zeit etwas zu lesen oder zu schreiben.“ 6. Ich liess mir den Scherz gefallen. Für unbeschäftigt hielt er mich, für gelähmt ich mich selber, als ich zurückblieb. Was erwartest Du ? Vorüber ging jener Tag, als dauerte er ein Jahr und war nicht ohne Langeweile. Am nächsten Tag schmerzte mir vom Morgen bis zum Abend der Kopf, und als der dritte Tag anbrach, begann ich einige Fieberschübe zu verspüren. Der Freund kehrte zurück, und da er meinen Zustand erkannte, gab er mir die Schlüssel zurück. Sogleich genas ich, und weil jener einsah, dass ich – wie er sagte – mich an der Arbeit ernähre, unterliess er fortan ähnliche Bitten.4 7. Was also soll ich sagen? Stimmt etwa nicht, dass gleich jeder bösartigen Seuche auch die Schreibwut unheilbar ist, wie der Satiriker5 meint, und dass sie ansteckend wirkt, wie ich hinzufüge? Wie vielen, was meinst Du, habe gerade ich, der ich zu Dir spreche, meine Krankheit durch Berührung übertragen? So weit ich mich besinne, waren es früher nur wenige, die Gleichartiges schrieben; heute schreibt jeder, und selten schreibt einer über anderes.6 Was die Zeitgenossen betrifft, so liegt, wie manche glauben, ein recht grosser Teil der Schuld eben bei mir. 8. Das habe ich von vielen gehört. Und möchte ich doch einmal für andere seelische Krankheiten7 – für diese da fehlt jede Hoffnung – die ersehnte Genesung erlangen, da ich, durch tausend Anzeichen gewarnt und aufgeschreckt, endlich mühsam einsehen lerne, es sei wohl wahr, dass ich trotz meinem Verlangen, mir und andern zu nützen, absichtslos mir und vielen anderen schade! Ja dass vielleicht die Klage eines alten Familienvaters nicht ungerecht gewesen sei, der einst betrübt und fast weinend mich unverhofft aufgesucht und gesagt hatte: „Ich für meine Person habe Dich immer geschätzt; doch schau nur her, welchen Dank Du mir erstattest! Dass sich mein einziger Sohn ins Unglück stürzt, ist Deine Schuld.“ 9. Ich erschrak damals sogleich voller Scham; mich rührten das hohe Alter des Mannes und seine von grossem Schmerz geprägten Züge. Doch ich überlegte hierauf, was an der Sache sei, und antwortete, weder er noch sein Sohn seien mir bekannt, worauf der Alte sagte: „Was liegt daran, ob Du ihn kennst; jedenfalls kennt er Dich; und als ich ihn unter hohen Kosten für das Studium des Zivilrechts bestimmt hatte, erklärte er, lieber auf Deinen Spuren gehen zu wollen; und nun sehe ich mich um eine grosse Hoffnung betrogen. Er wird, wie ich annehmen muss, weder als Rechts-
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berater noch als Poet je etwas taugen.“ Mit diesen Worten brachte er mich und die Anwesenden zum Lachen; er aber ging nicht im geringsten erheitert davon. 10. Und nun begreife ich, dass er nicht Lachen sondern Mitleid und Ratschlag verdiente und dass seine und ähnlicher Leute Klagen nicht unbegründet sind. Die Söhne besserer Familien waren einst mit Rücksicht auf ihre Angehörigen und Freunde gewohnt, das ganze Geschrei um eigene Geschäfte, Handelswaren, Juristengeschwätz und Akten aufzuzeichnen. Jetzt hingegen tun wir alle das Eine und Gleiche; jetzt ist vollkommen wahr, was Flaccus gesagt hat:8 „Ob wir gelehrt oder nicht, wir schreiben gleich tüchtig Gedichte.“ Eine bittere Art Trost ist die Erkenntnis, dass man seine Plagen mit vielen teile! Doch allein zu leiden, wäre mir lieber. Mich plagen nun sowohl die eigenen Übel wie auch die von andern, und möchte ich aufatmen, werde ich daran gehindert. 11. Denn täglich regnet es Briefe, täglich Gedichte aus jedem Winkel dieser Erdengegend auf mein Haupt; und – damit nicht genug – überschütten mich auch von auswärts, nicht bloss aus Gallien, nein auch aus Griechenland, Deutschland und Britannien, wahre Gewitterstürme von Schriftstücken, soll ich doch aller Talente Begutacher sein, meines eigenen nicht kundig. Antworte ich auf alles einzelne, bin ich unter sämtlichen Sterblichen der meist beschäftigte, verurteile ich, bin ich ein verhasster Kritiker, lobe ich, ein schmeichlerischer, lügenhafter, schweige ich aber, gar ein anmassender, überheblicher. 12. Man fürchtet wahrscheinlich, ich könnte mich allzu langsam verzehren, doch entspreche ich ihrem Wunsch, teils wegen ihres Drängens und teils wegen meines eigenen Feuers. Und all das hätte nicht genügt, wäre die Krankheit nicht endlich auch – wer hätte solches erwartet! – heimlich über die römische Kurie hereingeschlichen. Was, meinst Du, treiben da jetzt die Juristen, was die Mediziner?9 Justinian und Äskulap10 haben sie vergessen, und ihre heulenden Klienten und Kranken hören sie nicht mehr an; aufgeschreckt durch die Namen Homer und Vergil sind sie taub geworden und schweifen beim Brausen der Quelle des Aon11 durch die waldigen Täler von Kirrha.12 13. Was verweile ich bei geringeren Wunderdingen? Auch Wagner, Walker und Bauern13 haben ihren Pflug und die Geräte des Handwerks weggelegt und schwatzen nun über die Musen und Apollon. Nicht zu beschreiben, wie weit diese Seuche schon um sich greift, der vor kurzem nur wenige Menschen verfallen waren! Willst Du wissen, weshalb? Das Ding hat einen ungemein süssen Geschmack. Aber nur von recht seltenen Geistern wird es wirklich gekostet. Es verlangt Gleichgültigkeit, ja ausnehmende Verachtung gegenüber allen anderen Dingen, einen erhabenen und losgelösten Geist, ja auch eine durchaus geeignete Naturanlage. Die Erfahrung und die Autorität bester Kenner hat nämlich bewiesen, dass in keiner anderen Kunst so wenig durch Studien erreicht wird wie in dieser.14 14. Darum findet man – was Dir
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vielleicht erfreulich erscheint, mir dagegen Ekel erregt – alle Poeten auf den grossen Plätzen, dagegen auf dem Helikon15 fast keine. Sie alle kosten den Honig des Musenberges nur mit der Zungenspitze, und keiner verdaut ihn.16 Und doch! Wie wunderbar – ich bitte Dich –, wie beglückend muss die Kunst für ihre wahren Inhaber sein! Vermag sie doch wie im Traum selbst betriebsame, ja geizige Leute so zu entzücken, dass sie gezwungen sind, Geschäfte und Gelderwerb zu vergessen!17 15. Mitten in all den vielen Eitelkeiten unserer Epoche und all der verlorenen Zeit gibt es etwas, wozu ich meiner Vaterstadt18 Glück wünsche: Unter ihrer Jugend nämlich wachsen, wenn meine Liebe nicht täuscht, mitten im unseligen über die Erde verbreiteten Lolch und sterilen Hafer einige glücklichere Talente auf, und diese werden nicht ohne Gewinn aus der Quelle der Kastalia trinken.19 Auch Dir, Du Musensitz Mantua,20 Dir, Padua, Dir, Verona, Dir, Vicenza, Dir, mein Sulmona,21 wünsche ich Glück, und auch Dir, Neapel, Stätte Vergils, während ich anderwärts neue Herden von Dichterlingen auf unsicheren Pfaden, immer dürr und immer durstig, umherirren sehe. 16. Dieser Umstand quält, wie ich sagte, mein Gewissen, als würde ich zu einem guten Teil ganz allein diesen Absonderlichkeiten Nahrung verschaffen und vielen mit meinem Beispiel schaden, was unter allen Arten der Schädigung nicht die letzte ist. Und ich fürchte, die Blätter meines Lorbeers, die ich allzu begierig von allzu jungen Ästen gepflückt habe,22 verschaffen mir und vielen andern – entgegen der Behauptung, dass sie prophetische Träume erzeugen,23 – eine lügnerische Traumlosigkeit und zur Herbstzeit jenen Frühschlaf, den das elfenbeinerne Tor entsendet.24 17. Doch recht so! Ich schlage mich mit meinen eigenen Sünden! Denn zu Hause lebe ich voller Aufregung und vor der Öffentlichkeit wage ich kaum zu erscheinen. Von allen Seiten laufen mir ja die Verrückten entgegen, forschen mich aus, packen mich, belehren mich, disputieren, streiten und reden von Dingen, welche sogar der Hirte von Mantua25 und der mäonische Alte26 nicht wussten. Ich staune, lache, erbarme mich, gerate in Zorn, und schliesslich packt mich die Angst, die Behörde schleppe mich vor Gericht, als hätte ich die Zerrüttung des Gemeinwesens verschuldet. 18. Wohin lasse ich mich treiben? Ich sagte oben, ich hätte nichts zu schreiben, und sieh da: Einen Text aus lauter Lappalien hast Du vor Dir. Ich sagte, ich wüsste nicht, an wen ich schreiben könnte; und dann bestimmte ich Dich als den für diese Lektüre bestens geeigneten. Und fragst Du weshalb, so habe ich einen Grund schon genannt und füge nun einen zweiten hinzu. Du wirst – um von Scherzreden zu Ernsthaftem zu wechseln – desto rascher bereit sein, mir zu verzeihen, wenn ich vor Dir als der erscheine, der allen Gedichten und Poeten der Welt verpflichtet und ausgeliefert ist. Denn unser gemeinsamer Herr27 und Du habt auf der Reise an mich geschrieben, aber auf Eure Zeilen habe ich nicht geantwortet, es sei denn durch Beachtung des Inhalts. Entdeckt habe ich in Eurer Epistel sicherste Anzeichen seiner Anhänglichkeit und Deiner Liebe. 19. Und seinen Befehl und Rat-
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schlag habe ich befolgt; obwohl ich schon zum Aufbruch bereit war. Als Euer Machtwort mir entgegentrat, hielt ich inne und wartete danach unruhig, so lange ich konnte.28 Aber, Gott ist mein Zeuge, nicht so, als hätte ich aus eben den Briefen irgendwelche Hoffnung gewonnen. Ich schäme mich nicht, vor Dir zu prahlen, mir sei kein Mensch bekannt, der einem erwartungsvollen Begehren weniger zugänglich wäre als ich. Denn ich erhoffe fast nichts, und Du kennst den Grund: Ich wünsche auch fast nichts. Immerhin wartete ich darauf, das mir verehrungswürdige Haupt jenes hochangesehenen und besten Mannes – um vor Dir nicht auch über Dich zu sprechen! – wenigstens noch einmal zu sehen, bevor ich verreise. Denn bin ich einmal verreist, werde ich vermutlich auf lange Zeit das unangenehme Gefühl der Entbehrung zu erleiden haben. 20. Indem ich da, wo mich die Briefe fanden, zuwartete, gingen mir zwei Monate verloren. Doch als der Ekel vor der Kurie schliesslich überhand nahm, gab ich, wie ich gestehe, auf und entfernte mich, jedoch nicht weiter als bis zur Einsiedelei, die ich an der Quelle der Sorgue besitze und wo ich mich, erschöpft von kurialen Sorgen, mit erfreulichster Abwechslung zu erquicken pflege. 21. Hier also bin ich noch; hier werde ich, soweit äusserste Dringlichkeit es gestattet, auf Euch warten. Und obwohl ich da seit frühester Jugend viele Jahre verbracht habe, ist bisher – weshalb weiss ich nicht, aber vielleicht weil die Luft da ausschliesslich solche Lebewesen ernährt, die sich fremden Eindrücken fast völlig entziehen, oder vielleicht weil das völlig abgeschlossene Tal, das ja mit vollem Recht Vaucluse genannt wird, keinen auswärtigen Lüften Zutritt gewährt – ist also bisher noch keiner, angesteckt durch uns, zum Dichter geworden. Doch nein, eine Ausnahme macht einer meiner Diener,29 der als alter Mann eben anfängt, „… sich am doppelten Joch des Parnass zu üben,“ wie Persius30 sagt. Sollte sich das nun auch hier ausbreiten, ist alles aus. Dann werden Hirten, Fischer, Jäger, Bauern und schliesslich auch die Ochsen lauter Gedichte muhen und lauter Gedichte wiederkäuen. Du aber lebe wohl, denke an uns und bleibe gesund! (Vaucluse, 8.-11. November 1352)31
Anmerkungen 1 In Fam. 9,9,6, geschrieben in Mantua, charakterisiert Petrarca diesen Petrus Alvernus (Pierre aus der Auvergne) als seinen neuen Freund und empfiehlt ihn seinem Sokrates in Avignon. Sicher ist von ihm auch in Fam. 9,10,4 die Rede, und übrigens richtet Petrarca Fam. 15,5 und 15,6 an ihn. Zu den im Text erwähnten Namen vgl. das Personenreg.
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2 Deukalion und seine Gattin Pyrrha, die allein aus der Sintflut gerettet wurden, warfen Steine hinter sich, die zu Menschen wurden. 3 Das war ungefähr 1338. 4 Dass Anstrengung ernähren, kräftigen (alere) kann, sagt Petrarca auch Fam. 13,11,6. 5 Iuv. Sat. 7,51–52. Die moderne Schreibseuche nennt Petrarca schon in Fam. 1,2,3. 6 Zu hoc scribere und aliud scribere fehlen klare Bezüge. Gemeint ist wohl das Schreiben eines Literaten und Dichters über Literarisches und Poetisches im Gegensatz zu Abhandlungen wissenschaftlicher Art und zu Aktenmässigem; vgl. unten Abschnitt 9. 7 Petrarca denkt an sittliche Mängel, wohl insbesondere an Acedia (Trübsinn, Melancholie), deren er sich im Secretum 2,13,1 und an anderen Stellen besonders eindrücklich anklagt. 8 Epist. 2,1,117. 9 Dass es an der Kurie neben Juristen auch besonders viele Mediziner gab, lernt man z. B. aus Fam. 5,19. 10 Das sind Autoritäten der Jurisprudenz und Medizin; vgl. Personenreg. 11 Aon: Sohn des Poseidon; nach ihm benannte man eine Landschaft nahe dem Helikon; die dort siedelnden Nymphen waren die Aonides. Vgl. z. B. Verg. Ecl. 10,12 und Georg. 3,11. 12 Das ist Krisa, die Ebene von Itea. 13 Vgl. Fam. 21,15,16 ff. zum Einfluss von Dantes Dichtung. 14 Vgl. Cic. Pro Arch. 8,18. Von der auf natürlicher Veranlagung beruhenden Redegabe spricht Petrarca mehrmals, so auch Fam. 13,9,3. 15 Der Musenberg in Böotien. 16 Man vgl. Fam. 1,8,17 über das Gleichnis vom Honigsammeln der Bienen. 17 Vgl. Fam. 21,11,6 zu Enrico Capra. 18 Petrarca denkt an den Dichterkreis um Boccaccio in Florenz. Vgl. den Brief an Homer, Fam. 24,12, 31 vom Jahr 1360. 19 Das ist eine Quelle am Parnass, geweiht dem Apoll und den Musen. 20 Petrarca denkt bei Mantua an Vergil, bei Padua an Livius, bei Verona (wegen eines Irrtums) an Plinius, bei Vicenza wohl an Remmius und bei Sulmo(na) an Ovid. 21 „Mein“ setzt Petrarca zu Sulmona, weil einer seiner besten Freunde, Barbato, von daher stammte. 22 Ähnliches Bedauern über allzu grosse (allzu frühe) Ehrung auch anderswo, z. B. Fam. 17,10,24 ff.; 19,16,12. 23 Das Kauen von Lorbeer gab der Pythia in Delphi die Kraft der Weissagung; und gemäss einem verbreiteten Aberglauben vermittelten die Blätter des Lorbeers weissagende Träume, wenn man sie unter das Kopfkissen legte. 24 Vergil spricht bei der Schilderung der Unterwelt von einer Türe aus Horn, die wahre Schatten aussendet, und von einer zweiten aus Elfenbein, die falsche Träume entlässt; so in Aen. 6,893–897; vgl. Fam. 24, 11 Verszeile 20. 25 Das ist Vergil, der Hirtengedichte und eine Dichtung über Landbau verfasste. 26 Das ist Homer; vgl. Fam. 24,11 letzte Verszeile und Anm. 27 Gemeint ist der Kardinal Guy de Boulogne. Dieser hatte Petrarca zuerst erlaubt abzureisen, darauf aber befohlen, seine Rückkehr abzuwarten; dabei hatte er Gunsterweise angedeutet; vgl. Fam. 14,7,1. 28 Das sagt Petrarca alles in der Vergangenheit, obwohl er noch immer wartet. Allerdings wartet er – wie aus der folgenden Bemerkung hervorgeht – nicht mehr in Avignon sondern in Vaucluse. Seine Beteuerungen wiederholt er fast wörtlich in einem Brief an den Kardinal Guy de Boulogne selber in Fam. 14,7,4; dieser wird auf den 8. November 1352 datiert. 29 Das ist Raymond Monet; vgl. Fam. 16,1,5. Viel Lobendes sagt von ihm und seiner Frau Fam. 13,8,8 und 12. 30 Pers. Sat. prol. 2. 31 Zur Datierung vgl. Wilkins, Studies 133–138; 142 und den Index der Briefe ebenda; auch Petr. corresp. 71.
Fam. 13,8, an Francesco Nelli1 Über das ländliche Leben in der Einsiedelei von Vaucluse. 1. Petrarca übt sich im Kampf gegen Anfechtungen seines Leibes. 4. Lobrede auf seine Wirtschafterin. 8. Vorzüge seines Wirtschafters. 9. Der Dichter greift gern zur Angel. 10. Die Kleidung hat er geändert. 12. Ein Wort über seine Gärtlein und sein Haus. 15. Schilderung des für Studien bestens geeigneten Ortes. (An der Quelle der Sorgue, Juni/August 1352)
1. An der Quelle der Sorgue verbringe ich den Sommer. Schon weisst Du, selbst wenn ich schweige, was daraus folgt; und verlangst Du, dass ich’s sage, erledige ich’s in Kürze. Meinem Leib habe ich Kampf angesagt.2 Nun helfe mir Jener, ohne dessen Beistand ich erliegen müsste. Denn Gaumen, Bauch und Zunge, auch Ohren und Augen gebärden sich oft nicht als meine Glieder, sondern als grausame Feinde. 2. Wie mancher Schaden von ihnen ausging, ist mir gegenwärtig; besonders von den Augen, die auf jedem Weg zum Absturz die Führung übernahmen. Ihnen untersage ich so strikte alles Ausschweifen, dass sie ausser Himmel, Berge und Quellen fast nichts erblicken, nicht Gold, nicht Edelstein, weder Elfenbein noch Purpur, nicht Pferde, ausser zwei ganz unansehnliche, die mich mit einem einzigen Knecht in den umliegenden Tälern umherführen. 3. Schliesslich sehen sie auch niemals ein Frauengesicht ausser das meiner Wirtschafterin, das Dir, könntest Du es sehen, wie die libysche oder äthiopische Wüste erschiene; so völlig ist es vertrocknet und so ganz von der Glut der Sonne verbrannt. Nichts ist ihm geblieben an Kraft und nichts an Saft; und hätte die Tyndaride Helena3 ein ähnliches besessen, würde Troia noch stehen; und hätte das von Lucretia und Virginia ihm geglichen, wäre weder Tarquinius aus dem Reich verjagt worden, noch Appius in einem Kerker verschieden.4 4. Doch nach der Beschreibung ihres Äussern darf das verdiente Lob auf ihre Sitten nicht fehlen! Denn so düster ihr Gesicht, so hell ist ihre Seele! Ein prächtiges Beispiel bietet sie dafür, dass die Unschönheit einer Frau ihrer Seele nicht schadet. Und darüber wollte ich wohl einiges sagen, hätte Seneca im Hinblick auf seinen Claranus dieses Thema nicht ausgiebig in Briefen erörtert.5 Doch zum Besonderen meiner Wirtschafterin gehört, dass sie den Mangel an körperlicher Wohlgestalt, die doch vor allem ein Vorzug der Frauen und nicht ebenso der Männer ist, kaum vermissen lässt; ja man könnte versucht sein zu denken, Unschönheit stehe ihr gut an. Nichts ist getreuer, nichts bescheidener, nichts arbeitsamer. 5. Unter der glühendsten Sonne, wenn kaum die Zikaden die Hitze ertragen, arbeitet sie ganze Tage auf den Feldern und kümmert sich bei ihrer schon ledernen Haut weder um den Krebs noch den Löwen.6 Kehrt aber das Mütterchen spät nach Hause zurück, wendet es sein unermüdliches und ausdauerndes Körperlein so munter den häuslichen Geschäften zu, dass man sagen könnte, da komme ein junges Ding eben aus dem Bette. Bei all
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dem nichts von Murren, nichts von Klagen, kein Anzeichen geringster Verstimmung, vielmehr unglaubliche Sorge um den Mann und die Kinder, um meine Hausbewohner und meine mich besuchenden Gäste bei unglaublicher Selbstvergessenheit. 6. Dem steinharten Weiblein dienen als Lager auf dem Boden ausgebreitete Reiser, als Nahrung ein fast erdiges Brot, als Getränk ein essigartiger Wein, den sie mit Wasser übergiesst. Legt man ihr etwas Bekömmlicheres vor, nennt sie infolge langer Entwöhnung alles Wohltuende hart. Doch genug von meiner Wirtschafterin. Ausser in diesem ländlichen Schreiben war für sie kein Platz zu entdecken.7 7. In angedeuteter Weise also zügle ich meine Augen. Und was sage ich von meinen Ohren? Gesang, Flöte und Geige, die mich früher mit ihren schmeichelnden Tönen hinzureissen pflegten, fehlen mir. Diese ganze Seligkeit ist im Lufthauch zerstoben. Nichts höre ich ausser ein seltenes Muhen der Rinder oder Blöken der Schafe, das Singen der Vögel und das unablässige Rauschen des Wassers. Und wie steht es um die Zunge, mit der ich oftmals mich selber und bisweilen wohl auch andre ermunterte? Jetzt regt sie sich nicht; und oft ist sie vom Morgen bis zum Abend still. Ansprechen kann sie niemanden ausser mich. 8. Schon habe ich übrigens den Gaumen und den Bauch so weit erzogen, dass oft das Brot meines Rinderhirten auch mir genügt, ja oft gar behagt, und dass das weisse, das mir von anderswo geliefert wird, die Überbringer selber verspeisen. Schon ist mir die Gewohnheit eine Lust. Zudem habe ich auch am Wirtschafter8 einen äusserst ergebenen Diener, der – obwohl auch seinerseits wie aus Stein – mir niemals in irgend einer Sache widerspricht, ausser es betreffe meine Lebensart, von welcher er meint, sie sei allzu hart, als dass man sie lange ertragen könne. 9. Ich dagegen spüre, dass man eine solche Lebensart länger erträgt als eine weichliche, welche Überdruss bereitet und keine fünf Tage dauern kann, wie der Satiriker sagt.9 Trauben, Feigen, Nüsse und Mandeln sind mir eine Köstlichkeit, und die Fischlein, an denen der Fluss überreich ist, geniesse ich sehr, und zwar am meisten, während man sie fängt. Ich beobachte das aufmerksam, und schon vergnügt es mich, selber mit Angel und Netz umzugehen.10 10. Und die Kleider und Schuhe? Alles hat sich verändert!11 Nichts bleibt von meiner früheren Tracht. Ich sage „meiner“ wegen ihrer grossen Besonderheit, mit der – freilich unter Beachtung des Schicklichen und Geschmackvollen, wie ich glaube, – unter Meinesgleichen aufzufallen mir einst geschmeichelt hat. Einen Bauern oder Hirten würdest Du mich heissen, obwohl auch heute noch das Ausgesuchte am Gewand nicht fehlt. Für die Veränderung der Kleider gibt es aber nur den einen Grund: Was am ehesten gefällt, missfällt auch am ehesten. 11. Gelöst sind die Bande, die mich fesselten, geschlossen sind die Augen, denen ich zu gefallen begehrte; und wären sie noch offen, so hätten sie ihre alte Herrschaft über mich wohl verloren. Den eigenen Augen gefalle ich am besten, wenn ich unabhängig und frei bin.
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12. Und was sage ich von der Wohnstätte? Du würdest sie als Haus eines Cato oder Fabricius12 ansehen. Darin wohne ich mit einem einzigen Hund13 und mit nur zwei Dienern. Die übrigen habe ich nach Italien entlassen.14 Und hätte ich sie doch nach Indien geschickt, auf dass sie niemals wiederkehrten! Sind sie doch für meine Ruhe ein einziger Sturmwind.15 Mein Wirtschafter hingegen wohnt in einem angrenzenden Haus, immer zu kommen bereit, wenn man ihn braucht. Und droht seine Dienstbereitschaft lästig zu werden, ist es eine Kleinigkeit, ihn mit einem Türlein auszuschliessen. 13. Zwei kleine Gärtlein habe ich hier erworben, und sie entsprechen meinem Können und Wollen aufs denkbar beste. Wollte ich sie schildern, so fände ich kein Ende. Kurz gesagt, gibt es auf der ganzen Erde kaum etwas ähnlich schön Gelegenes; und soll ich einen weibischen Leichtsinn gestehen, so ärgert mich bloss, dass etwas dieser Art sich ausserhalb der Grenzen Italiens befindet.16 14. Diesen Ort pflege ich unseren transalpinen Helikon17 zu nennen. Das eine der Gärtchen ist schattig, ganz zu Studien geeignet und unserem Apoll geweiht.18 Es neigt sich über die Quelle der Sorgue und hat über sich nichts anderes als Felsen und das Weglose, das einzig wilden Tieren und Vögeln offensteht. Das andere Gärtchen ist nahe am Haus, von besser gepflegtem Aussehen und dem Bacchus teuer. Es liegt – kaum zu glauben! – mitten im reissenden, herrlichen Fluss.19 Und daneben, bloss auf einer kurzen Brücke erreichbar, hängt am hintersten Teil des Anwesens ein Gewölbe aus rohen Steinen, das eben jetzt die sommerliche Hitze zu spüren verhindert. 15. Es ist ein Ort, der zum Studieren befeuern kann, und ich vermute, er sei nicht ungleich jenem kleinen Atrium,20 in dem Cicero zu deklamieren pflegte; nur dass eine vorübergleitende Sorgue dort gefehlt hat. Unter diesem Gewölbe verbringt man den Mittag, den Morgen auf den Hügeln und den Abend auf den Matten oder im rauheren Gärtlein an der Quelle, wo mir ein Kunststück durch Überwindung der Natur einen Sitzplatz unter hohem Felsen und mitten in den Wellen verschafft hat, zwar einen engen, aber voll von bezaubernden Reizen, die selbst einen trägen Geist zu höchster Anstrengung hinzureissen vermöchten. 16. Was willst Du? Ich könnte hier wohl mein Leben verbringen, wenn Italien nicht so fern und Avignon nicht so nah wären. Wozu soll ich diese doppelte Schwäche meiner Seele verbergen? Die Liebe zum einen umschmeichelt und lockt mich, der Hass auf das andere kränkt und erbittert mich. Ach dieser schreckliche, die ganze Welt verpestende Gestank! Wen wundert’s, dass er bei der allzu engen Nachbarschaft auch die reine Unschuld dieses Gütleins beschmutzt? Er wird mich von hier verdrängen; das spüre ich! Indessen siehst Du, wie ich hier lebe.21 Nichts wünsche ich herbei ausser Dich zusammen mit den rar gewordenen Freunden.22 Nichts fürchte ich ausser die Rückkehr in die Städte. Lebe wohl! (An der Quelle der Sorgue, Juni-August 1352)23
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Anmerkungen 1 Vgl. Fam. 12,4 Anm. 1 und Personenreg., auch Überblick. 2 Davon sprechen ausgiebig auch frühere Briefe; so z. B. Fam. 2,9,17 an Giacomo Colonna; Fam. 5,18,1 ff. an Guido Sette; Fam.10,3,26 f. und 10,5,18 ff. an den Bruder Gherardo; vgl. unten Anm. 21. 3 Tochter des mythischen Königs von Sparta Tyndareos, Gattin des Königs Menelaos, die der Troer Paris entführte und damit den Troerkrieg heraufbeschwor. 4 Vgl. das Personenreg. 5 Ad Lucil. 66,1–4. 6 Gemeint sind die beiden sommerlichen Zeichen des Tierkreises. 7 Petrarca beachtet seinen Vorsatz, in seinen lateinischen Briefen nur kulturell und politisch Wichtiges und Männliches zu berichten. 8 Der Wirtschafter hiess Raymond Monet; er stammte aus Clermont. Seine Nachkommen führte Petrarca in seinem Testament auf. Vgl. Fam. 16,1, aber auch Dotti, Vita 50. 9 Iuv. Sat. 11,206–208. 10 Petrarca hatte schon früher in Vaucluse eher Fischer als Jäger werden wollen; vgl. Fam. 5,14,7. 11 Vgl. Fam. 9,3. 12 Vgl. Personenreg. im 1. Bd. 13 Einen Hund hatte Petrarca vom Kardinal Colonna geschenkt erhalten; vgl. Metr. 3,5; später hinterliess ihm ein Freund einen Hund; vgl. Fam. 13,11. 14 Das Datum des Briefes ist zu beachten. Dieses verrät, dass er zwischen Fam. 15,1 und 15,2 einzusetzen wäre. 15 Über die Schwierigkeit, zuverlässige Diener zu finden, sprechen z. B. Fam. 4,14; 5,14; 10,3,30 und 22,12,4 ff. Die Absendung von Dienern nach Italien erwähnt Petrarca auch Fam. 15,3,5. 16 Petrarca hatte schon früher auch in Parma seine Gärten gepflegt, wie aus Notizen in seinem Exemplar Palladius, De agricultura hervorgeht; vgl. Dotti, Vita 216. Auf seinen Garten eben dort verweist übrigens Fam. 5,7,12. 17 Einen italienischen Helikon hatte Petrarca in der Nähe von Parma; vgl. die vorangehende Anm. 18 Unser Apoll: so bezeichnet Petrarca oft Christus. 19 Vgl. hierzu Fam. 16,6,23 und 16,7,3. 20 Seneca Maior, Controv. 1, praef. 11. 21 Beschreibungen seines früheren und späteren Einsiedlerlebens findet man vor allem Fam. 15,3,10; 16,11,11; 17,5,5 ff.; 19,16,23; 21,12,10 ff.; 22,21,4 ff. 22 Eine beträchtliche Zahl war an der Pest gestorben. 23 Zur Datierung vgl. Wilkins, Studies 93 f. 128. 177. 206. 212 und Petr. corresp. 71; auch bei Dotti, Vita 264 Anm. mit dem Hirnweis auf Metr. 3,33.
Fam. 13,9, an den florentinischen Grammatiker Zanobi1 Petrarcas Ratschlag fand in Neapel Beachtung. 1. Zanobi habe sehr rasch gehorcht. 3. Seinen Brief und den von Acciaiuoli habe Petrarca erhalten. Der des Gross-Seneschalls scheine zu beweisen, dass Redekunst eine Naturbegabung sei. 4. Die Kritik an einem Vers habe Zanobi gut aufgenommen. 5. Er wird gebeten, seinerseits den Werken des Dichters gute Dienste zu leisten. 7. Petrarca wird von Neidern verfolgt. 9. Er freut sich, mit seiner Feder die Versöhnung von Hofleuten gefördert zu haben. An der Quelle der Sorgue, am 10. August (1352).
1. Wie hoch ich es werte, Dir so wert zu sein, fiele mir schwer zu sagen. Veranlasst habe ich Dich, Deine Vaterstadt auf Zeit und die Grammatikschulen auf immer zu verlassen, und gehorcht hast Du meinem Wort fast zu eilig und hast sehr kräftige Knoten, die Liebe zum Heimatboden und die Macht der Gewohnheit, grossmütig zerrissen.2 2. Die Dir geschuldete Freiheit hältst Du jetzt, weil recht spät, desto lieber umfangen,3 denn wie niemandem der Herrendienst so bitter ist wie einem, der die Freiheit gekostet hat, so ist auch keinem die Freiheit so köstlich wie jenem, der sich des vergangenen Herrendienstes erinnert. Der allmächtige Gott segne sowohl meine Beratung wie Deine Beherzigung; er wird es tun, so hoffe ich. In einem erquickenden Schatten hast Du Dich niedergelassen; Du wirst Dich kräftiger und munterer wieder erheben. Für mich bist Du nun schon grösserer Ehre würdig und schönerer Titel wert; und schon bist Du mir nicht mehr bloss Grammatiker sondern Dichter. 3. Den Brief jenes besten und würdigsten Mannes4 habe ich mit dem Deinen empfangen. Wie ich mit jenem umgehen soll, ist mir unklar. Antworte ich, was ich denke, fürchte ich, was ich am wenigsten wollte, nämlich als Schmeichler dazustehen; sage ich weniger, gelte ich als Undankbarer; sage ich anderes, als Dummkopf, und sage ich gar nichts, als Hochmütiger. Ich werde jedenfalls gemäss der Redeweise antworten, in der die Briefe geschrieben sind,5 jenem, was mir einfällt, und Dir – über seinen Brief – dies eine: Es gibt meines Erachtens nichts Angenehmeres, nichts Knapperes, nichts Eindrücklicheres, nichts Urbaneres! Weshalb der Zweifel, sofern ich ihn jemals hegte, heute überwunden ist, nämlich dass die Beredsamkeit zu einem guten Teil eine natürliche Begabung ist und weit weniger als andere Künste durch Studium erlangt wird.6 Das ist keine unbedeutende Frage, keine für unsere Zeitknappheit und diese Stelle. Ich wende mich Deinem Schreiben zu. 4. Meinen Hinweis auf einen geringen Fehler, der Dir in einem Gedicht zweifellos nur aus Unachtsamkeit unterlaufen ist,7 hast Du nicht bloss geduldig, sondern auch dankbar und heiter angenommen, nämlich wie gewohnt und wie es Deiner Begabung geziemt. Damit legst Du den deutlichsten Beweis für einen gelehrten und bescheidenen Menschen vor. Wirklich, nie hättest Du so gesprochen, wärst Du nicht so geartet, und nie hätte ich Dich ermahnt, wüsste ich nicht, dass Du so geartet bist.
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5. Doch wenn Du nun als Verteidiger meiner Werke und als ihr Herold auftrittst, tust Du, was mir nützt und was Dich ehrt. Doch glaube mir, es ist nichts Leichtes. Grosse Mühe bürdest Du Dir auf; aber bitte fahre fort und handle so! Denn obwohl Du das Gegenteil sagen wirst und wohl auch fühlen magst – weil die Liebe glänzend zu überreden versteht –, spüre ich selber, dass alles, was ich tue, die Unterstützung meiner Freunde und die Geduld meiner Zuhörer benötigt.8 Denn zerbrechlich und roh ist alles, und häufig geschah, dass ein mit anderen Dingen stark belasteter Kopf etwas hinwarf. 6. Was Du also freiwillig tust, das tu gebeten: Das Zerbrechliche stütze, so gut als Du kannst, das Rohe veredle; das Zerfallene kitte zusammen. Tu das erste mit den Kräften des Geistes, das zweite tu mit der Rede, ob in mildem oder scharfem Ton, und das dritte mit der Kunst des Gestaltens. Deine Waffen, mit denen Du mir helfen kannst, zeige ich Dir an; und weder Dir noch mir wirst Du einreden, Hilfe sei nicht nötig. Nie wird es – so meine ich – an Leuten fehlen, die einzig dazu scharfsinnig sind, dem Scharfsinn anderer nachzustellen. 7. Ich selber habe weder mit Schlupfwinkeln noch mit Einsiedlerleben und Musse oder mit betonter Bescheidenheit gegen andere soviel zu verdienen vermocht, dass die Missgunst ihre scheelen Augen von meinen Wegen abgewandt hätte. Gar alles habe ich getan, was man gegen diese Seuche vorkehren kann, ausser das eine, das ich weder getan habe, noch je zu tun gedenke: Weder dem Schlaf noch der Mutlosigkeit habe ich mich ergeben. Übrigens weiss ich nicht, was sie sonst noch herbeiwünscht, wenn nicht vielleicht meinen letzten Lebenstag. Doch wenigstens dann, so möchte ich hoffen, werde die Scham die unerbittlich nachdrängende Missgunst von meiner Grabstätte fernhalten. 8. Bis dahin, Freund, wirst Du meinen Ruf – nicht ohne eigenen Ruhm – beschützen! Deinen brennenden Eifer würde ich, selbst wenn ich seiner nicht bedürfte, hoch loben; doch, wie ich sagte, bin ich seiner bedürftig. Den Mächtigen zu dienen, ist eine alltägliche Gunst, doch wahre Grösse des Geistes ist es, den Schwachen beizustehen. Einen hilflosen Angeklagten zu schützen, verdient besonderes Lob, und die wahre Eloquenz eines Advokaten erkennt man in der Verteidigung einer schwierigen Sache. Darum ertönt in den Hallen der Grammatiker nicht ohne Beifall der Zuhörer das Sprüchlein:9 „Kraft verlieh dem schwachen Beweis die Redegewandtheit“. Und obwohl die dazugehörige Geschichte von Lucan erfunden wurde und Tullius nie auf thessalischen Schlachtfeldern gewesen ist,10 meinte der Dichter nicht zu Unrecht, einzig jener wäre geeignet gewesen, die Stimmungen und Wünsche aller Beteiligten dem Ohr jenes Feldherrn vorzutragen. 9. Bleibt noch mir und dieser Feder hier, die Genugtuung auszusprechen, dass wir miteinander, wie Du meldest, zur Wiederherstellung der Freundschaft unter den grossherzigen Männern mehr vermochten, als wir – sieht man von unserer
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nackten Ergebenheit ab – jemals verdient hätten.11 Und wie ich gestehe, bin ich den beiden weit über die Fülle ihrer früheren Verdienste hinaus gerade dafür verpflichtet, dass sie so leicht sich gewinnen liessen. Wenn Du zuletzt noch bittest, ich möchte dem hochansehnlichen und freigebigen Herrn an Deiner Stelle danken, so wird es geschehen, da ich erkenne, dass es wirklich Dein Wille ist. Lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 10. August (1352).12
Anmerkungen 1 Zu Zanobi vgl. das Personenreg. in Bd. 1 und die früheren Briefe Petrarcas an ihn; dazu Metr. 3,8 und 3,9 bei Schönberger lat.und dt. 249 ff. Am Hof von Neapel befand sich Zanobi erst seit kurzer Zeit. 2 Vgl. Fam. 12,3, wo Petrarca den Adressaten auffordert, seine Tätigkeit in Florenz aufzugeben und einem Ruf des Gross-Seneschalls Acciaiuoli in Neapel zu folgen. 3 Gemeint ist Befreiung vom Schuldienst. 4 Gemeint ist Acciaiuoli. 5 Acciaiuoli drückte sich lieber in der Vulgärsprache als lateinisch aus. In Fam. 12,15,1 dankte ihm Petrarca für ein Schreiben, das den Stil des Sekretärs Barbato verriet; jetzt scheint der Gross-Seneschall auf fremde Hilfe verzichtet zu haben. Vgl. Metr. 3,14 bei Schönberger lat. und dt. 261 ff. 6 Eine ähnliche Ansicht äussert Petrarca z. B. Fam. 13,7,14. 7 Vgl. Fam. 12,17,1. 8 Ähnliche Bitten um Korrekturvorschläge äussert Petrarca auch sonst, so z. B. in Fam. 7,16 gegenüber Lapo da Castiglionchio. 9 Luc. Phars. 7,67. 10 Cicero war 48 nicht im Lager bei Pharsalos, sondern blieb in Dyrrhachium zurück, hat also entgegen der Darstellung Lucans am Schlachtort keine Rede gehalten. 11 Zum Versuch, Acciaiuoli und Barrili miteinander zu versöhnen, vgl. Fam. 12,14–12,17 und Metr. 3,13 und 3,21 bei Schönberger lat.und dt. 259 ff. und 277 ff. sowie 3,14, ebenda 262 ff. 12 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 130 und Petr. corresp. 71.
Fam. 13,10, an denselben Zanobi Erklärung zu einem vorangehenden Schreiben. 1. Menschliche Werke sind nie vollkommen. 2. Petrarca hat bei der Aufzählung von Freundespaaren gewisse mit Absicht weggelassen. 4. Für diese Weglassung gibt er Gründe an. An der Quelle der Sorgue, am 25. August (1352).
1. Nichts Unvollkommenes, Freund, soll Dir an mir missfallen. Ich spreche aber nur von auffälliger Unvollkommenheit, denn im übrigen ist nicht bloss bei mir, sondern auch bei jenen, die gemeinhin für durchaus vollkommen gelten, alles unvollkommen. Und für sehr richtig halte ich eines Grammatikers Ausspruch, der mehr ist als grammatikalisch:1 „An den Erzeugnissen der Menschen ist nichts in jeder Hinsicht vollkommen.“ Und richtig ist auch das andere aus der Lyrik:2 „…nichts ist auf jeder Seite vortrefflich“. 2. Wie ich zugebe, habe ich in meinem Schreiben an jene illustren Männer,3 denen ich wünsche, ihr Ruhm und ihre Freundschaft möchten ewig dauern, bei der Aufzählung berühmter Freundespaare von einem vielgenannten geschwiegen, von Nisos nämlich und Euryalos, geadelt durch die Dichtung Vergils.4 Das habe ich nicht aus Versehen getan, sondern wohlüberlegt. 3. Und die Gründe sollst Du erfahren. Erstens war es nicht meine Absicht, alle aufzuspüren und aneinander zu reihen; und übrigens tat ich es nicht, weil ich die edlen Herzen just mit der ausnehmenden Seltenheit der Sache zur Nachahmung anfeuern wollte. Nur wenige miteinander zu verbinden, genügte mir; vor allem waren es ihrer immer noch mehr als bei Cicero, der ja in seinem Buch mit dem Titel „Laelius“5 von der wahren Freundschaft handelt und ohne Namen anzugeben erklärt, in allen Jahrhunderten liessen sich kaum drei oder vier Freundespaare nachzählen. 4. Als weiterer Grund kam dazu, dass ich wünschte, zwischen unsern Bekannten werde die Freundschaft – nach ihrer Erneuerung unter glücklichen Auspizien – ewig dauern, und dass ich dabei zwei tüchtige Männer ansprach, die mit ihren leuchtenden Vorzügen bedeutende Übereinstimmung aufweisen. Da die Freundschaft von Nisos und Euryalos jedoch bloss eine kurze Weile dauerte und etwas Unstimmiges und Absonderliches an sich hatte (Euryalos war ja noch ein Kind gewesen), zudem einen ganz unglücklichen Ausgang fand, musste ich vor ihrer Erwähnung wie vor einem traurigen Omen zurückschrecken und es vermeiden, sie auch bloss namentlich zu erwähnen. An ihnen war eben nichts für glücklich und gedeihlich zu schätzen ausser ihr Herold Vergil. 5. Die sehr unbesonnenen Freundschaften der Gracchen6 kenne ich ebenfalls sehr wohl und übrigens auch das, was Lucius Reginus dem Gefangenen Caepio
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und was nach dem Tod des Lucullus ein Volumnius7 als treue Freunde leisteten. Es hat ja der eine, um den Freund zu befreien, weder den eigenen Verlust an Ehren noch die Vertreibung gefürchtet, und es hat der andere in glühender Anhänglichkeit den Tod auf sich genommen, nur um dem Geliebten in die Unterwelt zu folgen, obwohl das dem armen Freund nichts nützte. 6. Ich weiss auch, was Petronius einem Publius Caelius, und was Servius Terentius einem Decimus Brutus8 bedeutete. Doch in diesen Freundschaften wurde entweder die persönliche Liebe der allgemeinen vorgezogen oder fand die ungewöhnliche Treue ein trauriges, ja tödliches Ende. Auch Hephaistion ist,9 ganz abgesehen davon, dass er mit der Freundschaft Alexanders sich etwas völlig Unangemessenes zuzog, an einen Menschen geraten, mit dessen Sitten das Fundament einer Freundschaft nicht leicht zu festigen war. Und was Achilles angeht,10 so weiss ich nicht, wie ich die Trübung deuten soll, die seiner Freundschaft anhaftete. 7. Und nun ist für den Fall, dass Dich etwas befremdet hat, darüber genug gesagt. Denn jenes Paar aus Makedonien, verherrlicht durch einen plebejischen Dichter,11 halte ich neben so vielen lichtvollen Gestalten der Antike nicht einmal der Erwähnung wert. Wir alle, die wir mit einer kunstlosen Feder über trüben Membranen sitzen, sind ja schon nicht mehr bloss Nachahmer, sondern Affen der Alten geworden. Du aber lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 25. August (1352).12
Anmerkungen 1 2 3 4 5 6
Woher das Zitat stammt, kann ich nicht sagen. Hor. Carm. 2,16,28. Gemeint sind Acciaiuoli und Barrili; vgl. Fam. 12,14–17 und Fam. 13,9,9. Vgl. Aen. 5,294 ff. und 9,177–445. Lael. 4,15. Die folgenden Freundespaare findet man bei Val. Max. im Abschnitt 4 über Freundschaft. Euryalos: Sagengestalt. Junger Troer, berühmt für seine Schönheit und für seine Freundschaft mit Nisos. Mit dessen Hilfe siegt er in einem Wettlauf; gemeinsam finden sie den Tod bei einem Zusammenstoss mit Rutulern, einem Volk in Latium. Das erfindet Vergil in der Aeneis. Lucius Reginus verhilft als Volkstribun dem Freund Caepio, der mit Kerkerhaft bestraft wurde, zur Flucht und begleitet ihn. Vgl. Val. Max. wie oben Anm. 6. 7 Lucullus, Sohn eines Lucius, wurde als Parteigänger des Brutus von M. Antonius umgebracht; sein Freund Volumnius stellt sich Antonius; er will neben dem toten Lucullus erschlagen werden. Vgl. Val. Max. a. a. O. 8 Publius Caelius Caldus ist 87 Kommandant vor Piacenza; er läuft Gefahr, in die Hand der Marianer zu fallen, daher verlangt er Tötung durch den Freund Petronius, dem er einst zum Ritterstand verholfen hat. Dieser tötet ihn und sich. Servius Terentius gibt sich für den geflohenen Freund D. Brutus Albinus aus, wird aber erkannt. Vgl. Val. Max.
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9 Hephaistion unterstützt entschieden die Perserpolitik Alexanders des Grossen, rückt 327 mit seiner Heerestruppe in Indien ein, gründet viele Städte, wird Schwager Alexanders; † 324; seine Freundschaft mit dem Fürsten wird Gegenstand vieler Gerüchte. Vgl. Val. Max. 10 Bester Freund des Achilles war Antilochos, Sohn Nestors. Memnon brachte ihn um, und Achilles rächte ihn an eben diesem. Vgl. Val. Max. 11 Dieser Dichter ist offenbar nicht allein minderwertig, sondern auch ein Epigone der Spätzeit. Sonst wäre die Beziehung zum nächsten Satz unverständlich. 12 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 130 und Petr. corresp. 71.
Fam. 13,11, an den Archidiakon Matteo Longhi von Bergamo an der Kirche von Lüttich1 Über die Natur und Treue der Hunde. 1. Der Hund des Adressaten stutzt, weil er seinen Herrn nicht vorfindet. 3. Beispiele für die besondere Abhängigkeit der Hunde vom Menschen und für ihre Anhänglichkeit. 8. Über das Verhalten des vom Adressaten zurückgelassenen Hundes. An der Quelle der Sorgue, am 25. August (1351/1352).
1. Dein Hund, schwärzer als das Pech, behender als der Wind, ja treuer sogar als der Hund,2 stand nach Deinem Weggang „Stutzig und zweifelnd, wohin er sich wende…“ wie Vergil von Creusa sagt.3 Doch dass er sich, wie es weiter heisst „vor Ermattung gesetzt hätte“, vermute ich nicht. Kein Lauf, kein schwieriges Gelände, keine Wildnis würden ihn, der den Vogel und den fliehenden, in der Luft sich überschlagenden Hasen mit unglaublicher Schnelligkeit einzuholen versteht, je erschöpfen. Edle Lebewesen macht Anstrengung kräftig, zu viele Ruhe tötet sie.4 2. Es war also zweifellos zur Vermeidung eines Irrgangs und nicht einer Anstrengung, dass er vom Weiterlaufen absah. Als er die Spuren, auf denen er Dir folgen wollte, verloren hatte und nicht wusste, was tun in seiner grossen Betrübnis, hätte er sich in die Wälder begeben und sich da nach eigenem Begehren Nahrung suchen können; und das wäre ihm leicht und mühelos gelungen, hätte sich nicht die angeborene Natur widersetzt. Sie lässt es ja nicht zu, dass dieses Lebewesen abgeschieden vom Menschen überlebe. Von allen Tieren, die dem Menschen gehorchen, ist keines anhänglicher als der Hund, wie man sagt, und zögert keines länger, sich vom Menschen zu trennen. 3. Bekannt ist, dass gewisse Völker in ihren Gefechten ganze Rudel von Hunden an Stelle von Söldnern bei sich hatten, und dass diese im Notfall höchst zuverlässig und tapfer kämpften, ohne ein Gefecht jemals zu behindern. Wir lesen von gewissen Hunden, sie hätten sich zum Schutz ihres Herrn in den Tod gestürzt, und von andern, sie hätten ihren Herrn hartnäckig und erfolgreich vor Gewalttaten gerettet, 4. wieder von andern, sie hätten nicht minder getreu, aber weniger glücklich die Ihren vor Unrecht beschützt, bis sie selber durchbohrt waren und einzig ihr Tod die Ausführung der Untat erlaubte. Wir hören von solchen, die ihren getöteten Herrn zwar überlebten, aber trotz eigener Verwundung bei ihm ausharrten und den geliebten Leib, den vor Menschen zu retten missglückt war, wenigstens gegen Angriffe von Bestien und Vögeln verteidigten. 5. Andere sollen Getötete gerächt, und wieder andere sollen vergrabene Leichen mit ihren Krallen pflichtbewusst ausgescharrt und die unter Zuschauern versteckten Mörder mit wiederholtem Zubeissen, Winseln und Heulen verraten und zum Geständnis gezwungen haben. Über-
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dies vernehmen wir von einigen, sie hätten sich nach dem Verscheiden ihres Herrn zu Tode gehungert. 6. Eben diese Treue hat kürzlich in Padua ein mir bestens bekannter Hund jenem vorzüglichsten Menschen geleistet, an dessen Leben und Asche und Gedächtnis mich grosse Verpflichtung bindet. Es war nach dessen grausamem Tod, der mich noch immer zu Tränen rührt.5 Auch hören wir von Hunden, die starrsinnig bei einem Grabstein verharrten und da verhungerten, bevor man sie wegreissen konnte; von andern, welche auf die Scheiterhaufen ihrer brennenden Herren sprangen und mit diesen verbrannten. 7. Sonderbares wird uns durch Plinius und Solinus6 berichtet: Ein König der Garamanten7 habe aus seinem Exil ganze zweihundert abgerichtete Hunde zurückgebracht, damit sie ihn gegen seine Widersacher verteidigten. Noch Sonderbareres wird aus Rom gemeldet: Ein Hund sei seinem verurteilten Herrn bis ins Gefängnis gefolgt, was man ihm schwerlich habe verwehren können; und nach der Hinrichtung seines Herrn habe er seinen Schmerz durch unendliches Heulen bekundet; ja als darauf eine mitleidige Menge ihn habe zum Essen bewegen wollen, habe er die dargereichte Speise zum Munde seines Herrn gebracht, und als die Leiche in den Tiber geworfen wurde, habe er nachschwimmend versucht, die geliebte Last auf sich zu nehmen und zu tragen. Und nicht ohne guten Grund sei, um ein Wort des Plinius8 anzuführen, „eine grosse Menge zusammengelaufen, um die Treue des Tieres mit eigenen Augen zu sehen.“ 8. Zahllos sind die Zeugnisse für eine, wenn ich so sagen darf, hundeartige Treue. Doch wo sollte nun Dein Hund sich hinbegeben, da er Dich verloren hatte? Wo er doch aufgrund seiner Natur und im Gedanken an seinen Herrn vor dieser Einsamkeit zurückschreckte, gleichzeitig aber gegen die Herrschaft irgend eines Fremden sich sträubte? Der Arme hat das Einzige getan, was ihm übrig blieb. Er ging zu dem ihm vertrauten Haus zurück, wo er unter Deiner Leitung fröhlich gelebt und wohin er oft von einem rühmlichen Lauf eine Siegespalme zurückgebracht, oft blutige Böcklein oder Hasen gelegt hatte. Da er aber von Deinen Leuten dort keinen mehr vorfand, sprang er winselnd an der verschlossenen Türe hoch und weckte bei allen Umstehenden Mitleid für sich und bei allen auch Verlangen nach Dir. 9. Denn erst jetzt begannen wir unseren Verlust zu spüren und zu begreifen, dass Du, während wir Dich für anwesend hielten, nicht mehr da seist. Als er jedoch mich erblickte, begann er zu schnauben; und als ich ihm schmeichelnd zusprach, wedelte er mit dem Schwanz und kam willig zu mir. Jetzt begleitet er mich in die Wälder, tut Dienst nach meinem Befehl, macht sich unter meiner Aufsicht über grosses Getier her und bringt mir oft sehr willkommene Beute. Er ist bereit, wenn Du es verlangst, zu Dir zurückzukehren, doch auch zufrieden mit dem Geschick, das ihn zur Schwelle eines Freundes getrieben hat.9 Lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 25. August (1351 oder 1352).10
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Anmerkungen 1 Matteo Longhi (Longo) war ein Neffe des Kardinals Guglielmo Longhi (Longo). Petrarca hatte ihn während seiner Studien in Bologna kennen gelernt und blieb mit ihm befreundet. An den gleichen Adressaten ist Sen. 13,8 gerichtet; vgl. Dotti, Vita, das Register. 2 Lateinisch: vento lenior cane fidelior. 3 Aen. 2,739. Creusa, Kreusa, bei Vergil Gattin des Aeneas in Troia. 4 Das selbe deutet Petrarca Fam. 13,7,6 an und denkt dort an sich. 5 Gemeint ist die Ermordung des Giacomo von Carrara; vgl. Fam. 11,2. 6 Vgl. Plin. Nat. 8,40,143 und 8,40,145, wo auch die andern angeführten Beispiele stehen, und Solin. Coll. 15,9. 7 Das ist ein berberischer Volksstamm. 8 Nat. 8,40,145. 9 Den Hund im eigenen Haushalt erwähnt Petrarca auch Fam. 13,8,12. Einen Hund hatte ihm früher Kardinal Colonna geschenkt; vgl. Metr. 3,5, lat. und dt. bei Schönberger 238 ff. 10 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 93.95.176–177 und Petr. corresp. 71.
Fam. 13,12, an den Abt von Corvaria1 Das Begehren nach neuen Werken ist mit Geduld und Mässigung zu zügeln. 1. Der Dichter freut sich, dass der Adressat aus den Stürmen des Lebens gerne zu ihm flüchten wollte. 2. Er spricht von dessen Durst nach Bildung und weiss, dass dem Durstigen jede Quelle recht ist. 5. Das vom Abt begehrte Werk Afrika kann ihm noch nicht vorgelegt werden. Er hat sich zu gedulden. 7. Das weite Land muss weiterhin bearbeitet werden und bedarf der Obhut eines Pflegers. An der Quelle der Sorgue, am 1. September (1352).
1. Nicht leicht fällt mir zu sagen, wie freudig ich höre, Du, ein sehr bedeutender Mann, könnest die Annehmlichkeit meiner kleinen Welt2 so stark empfinden, dass Du nach einer sehr genauen Überprüfung Deines eigenen Zustandes (vorgenommen mit Dir selbst oder eher mit mir, nein mit uns beiden) den Kahn Deines wogenden Herzens hierher wenden wolltest, weil Du meintest, aus den vielen Stürmen des Lebens könntest Du zu dieser einsamen und bäuerlichen Behausung und zu mir wie zu einem sicheren Hafen fliehen.3 2. Wäre es doch eine gute Wahl! Aber dem starken und brennenden Durst ist es eigen, einen Trunk aus keinerlei Quelle zu verschmähen. Du weisst, dass Pythagoras und Platon ihre Lehre, die sie über die ganze Erde ausgossen, zuerst an den Ufern Ägyptens und darauf an denen Italiens schluckweise erbettelten. 3. Wie gross muss also Dein Durst nach Kenntnis sein, wenn er Dich zwingt, das dünne und trübe Bächlein meiner Verstandeskraft aufzusuchen! Belehrt zu werden, das forderst Du von mir, wo ich doch begieriger bin, zu lernen als zu lehren! Daran aber denkst Du nicht, sondern brennend in ehrenvoller Begierde, pochst Du immer wieder mit Zunge und Griffel an meine ausgetrocknete Wohnstatt. 4. Und schau, ich öffne Dir die Türe! Findet sich irgend etwas bei mir, was diesen Durst lindern kann, so nimm es nach Deinem Belieben; wenn nicht, so handle wie unbefangene Gäste: Bewerte die Gesinnung des heiteren Gastgebers und nicht die Speisen. Ich möchte, wie Anneus sagt,4 „alles in Dich verströmen.“ 5. Du aber, so scheint mir, bist so erfüllt von einem bestimmten Begehren, dass Du einzig mit „Scipio“ und „Afrika“ Dich beruhigen wirst, nämlich als ein Freund der Mannhaftigkeit mit grösstem Verlangen nach Bildung. Aber noch ist mein Scipio in meinem Epos nicht zur Vollendung gelangt, und die Africa – zwar schon lange mein fester Besitz und mit grösserer Mühe beackert, als ich vorsah – ist noch immer nicht mit der feinsten Hacke bearbeitet. Noch habe ich lästige Schollen nicht mit den Karsten zerrieben, noch habe ich die Egge nicht über die Haufen des höckerigen Äckerleins geführt, noch habe ich als ein Laubscherer die wuchernden Ranken und struppigen Hecken nicht mit der Hippe zurückgestutzt. 6. In allem anderen steht’s, wie’s beliebt; und nur in dem einen Punkt musst Du Dich gedulden, denn bevor ich Dich auf den Besitz meines afrikanischen Feldes führe, will
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ich, so lang als ich kann, darin noch umhergehen und (so viel als diesem müden und schwächlichen Verstand gegeben ist) nachschauen, ob da noch etwas sei, was (ich sage nicht „Deinen Augen“, die ja alles das Unsrige gutheissen, sondern) gestrengeren Lesern unangenehm auffallen müsste, und ob darin (das zu entscheiden halte ich für das Schwierigste) mehr an Gefälligem sei als an Stossendem. 7. Ein höchst fruchtbarer Erdteil, so sage ich, ist Afrika; und der Männer Bester ist Scipio. Doch kein Mann besitzt so grosse Tugend und kein Land so grosse Fruchtbarkeit, dass kein Bedürfnis nach einem sorgfältigen Pfleger bestünde. Und einmal zu pflegen, reicht nicht; vielmehr muss man immer dabei verharren, wenn man eine ausgezeichnete Frucht sei’s des Ackers, sei’s des Geistes begehrt. 8. Schliesslich bleibt noch zu bitten: Wäge eilig Geschriebenes nicht allzu peinlich, sondern lege, was immer Du liest, zum Guten aus und bedenke meinen Mangel an Zeit.5 Dass ich nicht auf alles Einzelne geantwortet habe, verzeih bitte im Hinblick auf meine Pflichten.6 Wären diese allen bekannt, gäbe es niemanden, der mich nicht schonte. Viele würden mich bemitleiden, etliche aber vielleicht beneiden. Lebewohl! An der Quelle der Sorgue, am 1. September (1352).7
Anmerkungen 1 Zum Abt von Corvar(i)a vgl. Dotti, Vita 263 die Anm. mit dem Hinweis auf C. Piana, Identificato un anonimo corrispondente del Petrarca: „l‘abbas Corvarie Bononiensis“ in: IMU 1977,351–365. 2 Lateinisch: eam rerum mearum sentire dulcedinem. 3 Lateinisch: ad hoc solitarium atque agreste domicilium…confugere. Die Rede ist zweideutig. Aus dem folgenden Text ergibt sich, dass die Wendung bildlich gemeint ist. Zum Dichter und Denker und zu seiner Gedankenwelt wünscht der Abt zu fliehen. 4 Sen. Ad Lucil. 6,4. 5 Da Petrarca seine Afrika dem Freund noch vorenthält und da er von rascher Niederschrift und Zeitmangel spricht, bezieht sich seine Mahnung nicht auf das genannte Hauptwerk. Wie man ganz allgemein seine Schriften lesen solle, steht vor allem in Fam. 13,5,22 f. 6 Lateinisch: occupationibus meis. Das Wort occupationes wird Beschäftigungen meinen, die Petrarca sich selber auferlegt, auch wenn er sich hier wie sonst oft so äusserte, als stünde er unter einem Druck, der ihm von andern auferlegt wäre. 7 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 132 und Petr. corresp. 71.
Fam. 14,1, an den Kardinal Talleyrand, den Bischof von Albano1 Von den Schwierigkeiten und Gefahren im Leben der Höhergestellten. 1. Petrarca ist bereit, auf Wunsch des Kardinals etwas Einfaches klar zu behandeln. 3. Gegenstand der Ausführung sollen die Sorgen der Menschen auf ihrem Weg zum Ziel sein. 5. Sie gehen auf verschiedenen Ebenen, und die auf der höchsten sind am meisten gefährdet. 13. Die Gefahren, denen niemand entgehen kann, sind bei Vergil im Vorhof zur Hölle angesiedelt. 22. Doch jede Ebene hat ihre besonderen Gefahren, und wer immer nur auf der einen und gleichen wandelt, kann die der anderen nicht beurteilen. 23. Dennoch will Petrarca dem Kardinal den höchsten Stand charakterisieren. 25. Hier haben bedeutendste Menschen schwerstes Ungemach erlitten, wie Beispiele beweisen. 30. Gefahren der Mächtigen werden aufgezählt. 37. Petrarca nennt Vorzüge und Vorrechte des Kardinals und gibt ihm Ratschläge für seinen Alltag. 40. Er nennt die drei wichtigsten Tugendwerke. 44. Ob Petrarcas Stil einfach genug war, möge der Kardinal entscheiden. An der Quelle der Sorgue, am 22. September (1352).
1. Mich um einen klaren Text zu bemühen,2 befiehlst Du; und in allem zu gehorchen, bin ich bereit. Doch wenigstens in einem Punkt stimmen wir nicht völlig überein: Du nennst klar, was möglichst nahe dem Boden ist; ich aber halte etwas für um so klarer, je höher es steht, sofern es sich nicht in seine Wolken hüllt.3 Nun aber bist Du der Vater, Du der Herr und Du der Lehrende; dass ich Dir entgegenkomme und nicht Du mir, ist somit richtig. Das freilich erreiche ich kaum auf eine andere Art besser, als indem ich von der allgemeinen Lebensweise der Menschen spreche. 2. Denn so oft die Feder die gewundene Strasse der Geisteswissenschaft oder den geheimen Weg der Naturwissenschaft einschlägt, wundert es nicht, dass vielbeschäftigte Köpfe sogleich bedächtiger folgen. Hat man aber diese Engpässe wieder verlassen und das Feld moralisierender Rede erreicht, wer wäre da so begriffsstutzig, dass er nicht leicht verstünde, was er von andern hört und was ihm ja bekannt ist, ohne dass jemand davon spricht, und was er, so wie es an andern zu sehen ist, auch an sich selber erfährt, ja wofür er vor Augen und in Gedanken Beispiele hat. 3. Von dieser Sache also will ich sprechen, über die noch keiner ausreichend zu sprechen vermocht hat und keiner es jemals vermag, oder richtiger: über die keiner nicht genügend spricht, aber keiner nicht zu wenig nachdenkt.4 Von daher kommt es, dass schön gefügten Worten völlig andersartige Handlungen folgen und dass – wie Cicero5 sagte – „die Rede dem Leben ganz sonderbar widerstreitet.“ Wo aber soll ich beginnen, wenn nicht bei dem, was, glorreicher Vater, Dein Leben und auch das meine am heftigsten umbraust, damit Du einsehen möchtest, wie ich, obwohl von vielen Sorgen umgarnt und erdrückt, oft mein Auge zu Dir hin wende und bisweilen – selbst wenn die Menge mich vielleicht gefühllos nennt – die Anstrengung des Weges verspüre und sein Ende bedenke. 4. Wir alle, die da leben, sind ja – was niemand deutlicher sieht als Du – Wanderer, der Rauheit unseres Weges völlig gewiss, unserer Unterkunft aber ungewiss.
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Und diesem Umstand entgeht wahrlich niemand, sei er ein ungeschlachter Bauer, ein verwahrloster Hirte, ein umherziehender Kaufmann oder ein fest verwurzelter Einsiedler, ein niedergebeugter Bettler oder ein hochtrabender Reicher; ja auch nicht der König der Gallier und nicht der römische Kaiser, nicht ein bescheidener Priester, nicht ein aufgeblasener Archidiakon, nicht ein hoher Prälat oder einer, der wie Du den Rang des Kardinalats erreicht hat, ja schliesslich auch nicht der oberste Bischof, dem das Volk voll Bewunderung den Titel Papst verliehen hat. 5. Alle, so sage ich, sind wir in gleicher Weise Wanderer, dies mit dem einzigen Unterschied, dass Ihr auf einer bedeutenden, weit herum sichtbaren Höhe, wir dagegen auf einem niedrigeren Pfad auf das Ziel hingehen, während es aber auch noch tiefer und unter unseren Füssen eine ungeheure, unbeschreibliche Menge von Wanderern gibt, so dass diese zutiefst in dunkeln Tälern, Ihr hingegen über hochragende und beschwerliche Gipfel, wir in der Mitte und gleichsam entlang den Berghängen, alle auf verschiedenen Bahnen, jedoch mit der selben Gefahr unserem einen und gleichen Ende entgegen keuchen. 6. Denke scharf und angestrengt darüber nach, und gestatte nicht, dass Dein glanzvoller Vorrang sich einem richtigen Urteil widersetze! Dann wirst Du erkennen – und was ich vom einen sage, gilt von allen desselben Standes und Ranges –, Du wirst also erkennen, sage ich, wie wenig Du, obwohl ausgezeichnet mit grossen Ehren und mit dem Glück, das auf Erden zu haben ist, dennoch den allgemeinen Zufällen und Gefahren unterworfen bist, ja vielleicht um so grösseren, als der Sturz aus der Höhe besonders verhängnisvoll ist und die Absturzgefahr die über Abgründen Wandernden besonders jäh überrascht. 7. Dazu kommt als nicht geringstes Übel, dass alles, was Dein ist, nach keiner Seite hin versteckt bleibt, weil aller Augen auf Dich gerichtet sind. Während also jedermann mit grosser Mühe zu kämpfen hat, musst Du die grösste aufbringen, um auf Deiner Strasse vor Gott und den Menschen Deine Schritte richtig und untadelig zu setzen, nirgends auszugleiten und nirgends abzuweichen, nirgends zu schwanken, nirgends anzuhalten, nirgends zu ermüden, ja zum voraus nichts an Dich heranzulassen, was Du verbergen möchtest. 8. Was immer Du ganz allein getan haben magst, gleich werden alle es wissen. Darin besteht eine Busse für illustre Herren: Nichts bleibt bei ihnen verborgen, durchaus alles sickert nach aussen. Voller Ritzen ist das Haus der Mächtigen und hält nichts bei sich zurück; alles ergiesst sich in die Menge. Man weiss, was sie am Mittag speisen und was am Abend, was sie bei Tisch und was im Schlafzimmer sprechen. Und was ihrem Mund entfällt, wird eifrig aufgehoben, jedes Wort als Grundsatz verbucht, jedem Versehen eine Absicht unterschoben und jedes leichte Spiel ins Ernstgemeinte verdreht. Schliesslich bleibt dieser Menge, die Dich ringsum ausspäht und Deine Gesinnung Dir von der Stirne abliest, nicht einmal das, was Du denken magst, verborgen.
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9. Fragst Du, was ich also rate? Was anderes als dies: Fortwährend so zu leben, als wär’s in der Öffentlichkeit, so zu handeln, als sähen Dich alle, so zu denken, als wären die Gedanken sichtbare Strahlen, dabei Dein Haus als Volksbühne und Deine Brust als Tempel Gottes zu betrachten. Das empfehle ich nicht allein Dir, sondern überhaupt allen, doch in erster Linie den hochgestellten Herren! Denn andernfalls werden sie weder der Gewissensqual, noch dem Urteil der Menge oder dem lauten Geschrei des Gerüchts entgehen. 10. Wenn sie nicht bei jedem einzelnen Schritt fortwährend zum voraus überlegen, was sie tun und sagen wollten, aber auch das, was andere Leuten über sie denken könnten, werden sie notwendigerweise eines Tages sogar bei schmutzigsten Leuten von Mund zu Mund herumgereicht werden. Davor hat nämlich niemals irgend ein Glückszustand zu bewahren vermocht. Nein, nur die Mittellosen und unbeachteten Leute verrichten fast alles, was sie wollen, verschwiegen und im Dunkeln, wogegen es für Bessergestellte keine Verstecke und keine Verschwiegenheit gibt.6 11. „…Geheimnisse hätten die Reichen? Könnte das sein? Wenn die Dienerschaft schweigt, dann reden die Ochsen, Hunde und Pfosten…“ „…Verschliesse das Tor, und stelle die Lampe Weg! Dann fort mit allen hinaus! Hier nächtige niemand! – Dennoch, was immer Du tust: Beim zweiten Schrei eines Hahnes Wird es schon lang vor dem Tag der Krämer vernehmen…“. Was diese Worte des Satirikers ausdrücken, trifft, wenn auf irgendeine Zeit, dann auf unsere am genausten zu. 12. Die römischen Ratsversammlungen pflegten wichtige Beschlüsse in tiefes Schweigen zu hüllen und nicht früher hervorzuholen, als bis das im geheimen Gemach Verhandelte in herrlichen Taten vollbracht wurde. Daher vernahmen die Völker häufig, es werde ein gewaltiger Krieg geführt, noch bevor sie hörten, nötig sei, einen zu führen, und ebenso ging oft die Rüstung zum Krieg dem Gerücht eines Krieges voraus. Unsere Senatsgremien dagegen kennen heute diese Verschwiegenheit nicht mehr; alles wird einem auf den Plätzen durch das Geschwätz der Weiber als vollendetes Ereignis gefeiert, selbst wenn es noch aussteht, und was noch lächerlicher ist, selbst vieles wird genannt, was nie zur Ausführung gelangt. Doch besser ist, ich kehre zum Thema zurück, statt mit einer Abschweifung niemanden zu bekehren, aber viele zu beleidigen. 13. Von mancherlei, bester der Männer, was das sterbliche Leben mit sich führt, befreit weder der mittlere Stand, noch der niedrige und auch nicht der hohe. Und dabei gibt es an Bitterem sehr viel mehr als an Süssem, so dass man glauben könnte, nicht zu Unrecht sage man, im Vorhof des Lebens stünden zwei Fässer, ein sehr kleines mit Süssem und ein gewaltiges mit Bitterem. Und mit Rücksicht auf verschiedene Geistesrichtungen wäre es vielleicht nicht ungereimt, jenes Wort Davids bei-
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zuziehen: „Ein Becher puren Weines in der Hand des Herrn, voll von gemischtem,“7 so als enthielte der göttliche Kelch, aus dem wir Arme in dieser Verbannung zu trinken bekommen, etwas wie reinen und süssen Wein, und als wäre dennoch das Gesamte mit bitteren Gewürzen gemischt. 14. An Süssem ist da, wie gesagt, nur wenig und rasch getrunken: kurz die Freude, kurz das Vergnügen, kurz das Lachen, kurz schliesslich alles, was behagt. Das wird jeder bestätigen, der auch nur eine kleine Strecke auf diesem steilen Pfad der Pilgerschaft voranging. Hingegen wird niemand ohne weiteres angeben, wie lang und schwer die Schlachten Fortunas sind, wie vielfältig die Plagen, wie zahlreich und mannigfach die Formen des Kummers, und niemand wird die unendliche Reihe in eine knappe Abhandlung einsammeln. 15. Doch bekannt ist die Sache, und Zeugen muss man nicht aus der Ferne herbeiholen. Jeder hat das Bewusstsein seiner Schmerzen und Mühen zum persönlichen Beweis, und um nachzuspüren, was ausser den bekannten offenkundigen Beschwerden noch an heimlichen Qualen, an Wunden und Geschwüren vorkommt, kann keine Mühe genügen. Über den Zustand der Hölle hat der Mund Vergils in einem hochtönenden Gesang8 vieles verkündet, und das übertragen dann gewisse Gelehrte auf das Leben hier auf Erden; denn – wie sie sagen – ist dieses Leben hier im Vergleich zum himmlischen Leben eine Hölle. Und weil es da für das ganze Gebäude einen einzigen gemeinsamen Vorhof gibt, werden an eben diesen Ort in einem nicht unpassenden Bild – sofern richtig gedeutet wird – die Dinge niedergelegt, welche, weil allgemeiner Art, sich fast allen beim Eintritt ins Leben entgegenstellen. In den inneren Kreisen des Gebäudes finden sich dann die andern, nicht allen gemeinsamen Beschwerden und die nicht allen gemeinsamen Straftaten. 16. Denn, um Beispiele anzuführen, begegnet es nicht jedem, „wegen Ehebruchs ermordet zu werden“ oder „ins Schlafgemach seiner Tochter einzudringen,“ „sich an einem ungerechten Kampf zu beteiligen,“ „Gesetze für Geld zu erlassen und für Geld aufzuheben,“„für Gold das Vaterland zu verkaufen“ oder „den eigenen Herren den Treuschwur zu brechen.“9 Gott bewahre uns vor diesen Seuchen. Verzweifelt stünde es um die Lage der Menschen, würde das jedermann zustossen. Die Schicksale jedoch, die genau am Tor des Lebens stehen, werfen sich – obwohl sie bisweilen zu irgendeinem Teil dank Gottes alleiniger Gnade umgangen werden – unterschiedslos allen Geborenen entgegen. 17. Welche das sind, möchtest Du wissen. Gestatte gnädig, dass Vergil vor Dir erscheine, hast Du es doch soeben Iuvenal gestattet. Auch wenn der genannte Dichter bisher ob Deiner unzähligen und würdevollen Beschäftigungen Dir nicht vertraut werden konnte, ist er an Verstand dennoch hoch bedeutend, ja einer der ersten, und steht in der Sprachkunst keinem nach. Und hast Du einmal begonnen, ihn zu kosten, wirst Du durch seinen Wohllaut vielleicht bezaubert werden und dann bedauern, ihm nicht früher begegnet zu sein. Wer aber hätte die Lehre von
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den Übeln mit anderen Worten je verständlicher ausgedrückt? Eben er soll Deine Frage mit folgenden Versen beantworten:10 18. „Hier ist der Vorhof, sieh! In den ersten Grüften der Hölle Finden das Trauergeheul und das Rachebegehren ein Lager; Krankheiten bleichen Gesichts sind da und das traurige Alter, Furcht und schimpfliche Not und zu Bösem verleitender Hunger; Scheusslich zu sehen hierauf die Gestalten von Tod und Bedrängnis, Dann von des Todes Geblüt der Sinne Verlust, ja des Irrsinns Lachen und drüben beim Tor das Wüten des mordenden Krieges.“ 19. Du hörst, verehrter Vater, wie hart und mit welch grossen Nöten der Weg bestückt ist, den wir eingeschlagen, und welch unausweichlichem Haufen gewaltiger Bedrängnisse wir gleich auf der Schwelle begegnen. Nichts nützt es, ein reicher Mann, nichts nützt es, als König geboren zu sein; selbst den gewaltigsten Reichtümern folgt äusserste Dürftigkeit, und oft geschah, dass gemäss den Worten des Psalmisten:11 „die Reichen Mangel litten und hungerten.“ 20. Auch in Purpurgemächer zieht Trauer ein; auch zu den stark befestigten Burgen steigen Sorgen, Angst, Krankheit und Mühsal hinauf; auch schwerreiche Könige werden durch Kriege gestürzt, auch wachsamste Geister werden bei feurigsten Taten von Betäubung, ähnlich dem Tod, übermannt, und die Gleichmütigsten werden, ob sie wollen oder nicht, durch ungestümen Jubel genarrt. Am Ende folgt nach den lustvoll verbrachten Tagen unversehens das Alter, und der mit Gemmen gezierte Scheitel wird vom Tode verhöhnt. Niemand wird verschont; von Missgeschicken Urlaub zu nehmen, wird keinem vergönnt. Jeder hat zu Hause, was ihn betrübt, was er hasst, was er betrauert, was er beklagt. 21. Selten also hat eine gehobene Stellung vor solchem geschützt, und häufig hat diese geschadet. Denn sie ist offener und den Stürmen daher um so gänzlicher ausgesetzt. Es hat seine Belästigung auch der mittlere Stand, und mit beissendem Juckreiz quält die Armut. Dabei strotzt der Reichtum von besonders giftigen Stacheln, und das widerwärtigste Dorngestrüpp hat die weltliche Gewalt. Dass es so ist, weiss jeder, der sowohl Glück als auch Unglück erfahren hat. 22. Wolltest Du, Vater, nicht bemüht sein, Deinen Mangel an Erfahrung mit Deinem Verstand zu ergänzen, könntest Du über die geringeren Stände nicht urteilen. Du bist in einem sehr wohlhabenden und hochangesehenen Haus geboren, unter Reichtümern und Genüssen erzogen worden und gewohnt, stets der Erste zu sein und niemals der Zweite. Über fast alle Stufen der Würden hast Du in glücklichster Weise, indem einmal Deine Tüchtigkeit, einmal die himmlische Güte Dich emporhob, die letzte Nähe zur höchsten erreicht. Du bist daher kein geeigneter Richter über ein recht bescheidenes Los. Doch zur Beurteilung des höheren gibt es keinen besseren, ob man dafür die hervorragende Lehrmeisterin Erfahrung
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oder die Gabe sorgfältiger Beobachtung und Nachforschung oder auch die Kraft des Verstandes und die Raschheit des Begreifens erfordere. 23. Nun aber möchte ich, wie viel ich darüber auch gesagt habe, noch etwas Beträchtliches hinzufügen und einen Gegenstand, obwohl Du ihn weit besser kennst als ich, mit Dir weiter erörtern, wenn Du es nicht ablehnst. Ich möchte aussprechen, was Du, so meine ich, als richtig anerkennen musst, und ich möchte so ganz vom Kern der Sache ausgehen, dass Du, hättest Du von meiner Person keine Kenntnis, mich für einen der Mächtigen halten müsstest. Zuerst also bedenke, wie viel Ärger und Verdruss der gehobene Stand mit sich führt! Da bejammern die Mächtigen ihre Ohnmacht und oft bei einfachsten Geschäften den mühsamen Anfang, die schwierige Fortführung, das unerwartete Ergebnis und die geschwundene Hoffnung. Wenn sie weniger vermögen, als man glaubt, und weniger gefürchtet werden, als sie wünschen, oder wenn einfache Leute sich etwas gegen sie herausnehmen, sind sie zutiefst entrüstet, und diese Entrüstung gehört zu ihrem Alltag! 24. Wer wäre denn überhaupt so mächtig (oder es je gewesen), dass er nicht häufig schweres Unrecht erlitte, nämlich von untersten Schichten, von Dienern, Angestellten oder auch Freunden? (Von jenen Freunden sage ich das, welche das Wort Freundschaft missbrauchen; denn wahre Freunde sind selten, und Unrecht begehen sie keines; doch für Nebensächliches haben wir keine Zeit; ich will Wichtigeres behandeln). 25. Wie riesig ist doch die Zahl der Aufrührer, an denen dieser höchste Stand übervoll ist! Iulius Caesar, der grösste unter allen, die sich je in Kriegen hervortaten – so steht von ihm geschrieben12 und Tatsachen bezeugen es –, er hat in seiner letzten Zeit beschlossen, die Perser mit Krieg zu überziehen und die Rebellen wie auch die nach Thrakien ausschwärmenden Daker mit Waffen zu bezähmen, und wäre nicht der Tod dazwischengetreten, der ihn zwang, diese und noch andere grossartige Pläne fallen zu lassen, so hätte er es getan. Denn der für alle Welt furchterregende Mann, der Germanien bezähmt, ganz Gallien und Britannien unterworfen, die beiden Spanien und auch Afrika, Ägypten, Ponto, Syrien und Armenien und überhaupt fast den ganzen Erdkreis bezwungen und zuletzt – den höchsten aller Siege erringend – die römische Republik erobert und besetzt, ja die Stadt Rom, die Herrin der Welt, sich, als ihrem Bürger, und seinem Befehl unterworfen hatte, er musste endlich in Parthien und Dakien etwas finden, was er zu fürchten oder (es heisst ja, er habe nichts gefürchtet) zu überdenken genötigt war. 27. Und Kaiser Augustus, der erhabenste unter allen Sterblichen, vernahm eben auf dem Gipfel seines Glücks von den in Germanien vernichteten Legionen des Feldherrn Quinctilius Varus,13 und wie schwer und erschüttert er unter dieser öffentlichen Katastrophe gelitten hat, ist bekannt.14 Ein grosser Haufe neuer und alter Exempel fällt mir jetzt ein. Denn wo fände sich ein Volk oder ein Fürst mit so andauernd schönen Erfolgen, dass ihm nicht stracks von überall unerwartete Kriege angedroht
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werden könnten? Wo wäre ein Fürst, den nicht die Furcht vor plötzlicher Zerstörung plagte oder der, wenn die Furcht ihm fehlte, nicht desto grösseren Gefahren ausgesetzt wäre, je geringere Vorsicht er walten liesse? 28. Wenn Du an der Hinfälligkeit eines glücklichen Geschicks etwa zweifeln solltest, dann betrachte vor allem das römische Imperium. Wann hätte einer gedacht, es könnte von so hohem Gipfel in so tiefen Abgrund hinabsteigen? Doch hinabgestiegen ist es. War das Imperium auch unermesslich, war es immerhin Menschenwerk; ewig also konnte es nicht sein. Und kein anderes Volk erlebte im Innern wie von Aussen ebenso gewaltige Auflehnung. 29. Daher hat es zu Hause wie im Krieg mit dem schönen Erfolg immer auch Schwierigkeiten, immer auch Gefahren wachsen sehen, bis es nun dahin gelangt ist, wo fast keine Gefahr mehr besteht, es könnte in noch grössere Tiefe fallen. Und eben dieses Imperium, von allen Völkern unbesiegt, konnte durch sich selber besiegt und aufgezehrt werden! Alle übrigen wurden besiegt durch andere.15 Doch um Dich nicht in lange und alte Geschichten zu verstricken, wollen wir uns dem, was wir selber erlebt haben, zuwenden 30. Unser Zeitalter hat hervorragende Könige gehabt. Ihnen und auch anderen schien, dass sie mit dem Scheitel den Himmel berührten. Plötzlich wurden sie in Kriegen, von denen sie nichts Dergleichen befürchteten, von ganz niedrigen Leuten nicht bloss angegriffen, sondern – was früher niemand zu ahnen vermocht hätte –, einmal und immer wieder verjagt, und obwohl sie ihre Gebiete hartnäckig verteidigten, schliesslich im Krieg überwunden und bei den Feinden ins Gefängnis geworfen. Ja, das alles haben wir gehört und gesehen.16 Und was wäre so entmutigend wie dieser Wechsel des Schicksals, der zwar in jedem Rang vorkommt, aber beim höheren besonders jäh und gewaltsam abläuft, weil, wie Sachverständige sagen,17 das Herabsteigen aus eben der höchsten Höhe allemal ein Stürzen ist. 31. Was soll ich in diesem Zusammenhang vom Unglück in unserer eigenen Geschichte berichten? Die beiden schon genannten strahlenden Namen sind zu wiederholen. Denn eben Iulius Caesar hat, um ein Wort Senecas18 zu verwenden, „den Sieg grosszügiger als jeder andere genutzt,“ musste aber rings um seinen Sitz die gezückten Schwerter eigener Leute aufblitzen sehen und wurde von den Truppen, die er mit Sieg und Gold beschenkt und übrigens aus angeborener Nachsicht geschont hatte, umzingelt und hingestreckt. Augustus, der mildeste aller Fürsten und der Liebe des ganzen Menschengeschlechts im höchsten Masse würdig, hat infolge der Verschwörungen unter den Seinen in beständiger Unruhe gelebt. Bekanntes, unter Historikern längst Abgedroschenes bringe ich vor. 32. Doch beachte weiter, wie schwer die Zerwürfnisse, Spannungen und Wortgefechte wiegen, wenn nur schon jede unbefangene Äusserung empfindliche Ohren beleidigt! Man schämt sich, nachzugeben, man schämt sich, besiegt zu werden! Mag das in allen Rängen vorkommen, so ist doch wahr, was Sallust gesagt hat,19
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dass nämlich der Hochmut „das allgemeine Übel des Adels“ ist. Und gerade da ist grössere Reizbarkeit, wo auch grössere Vornehmheit. Eingepflanzt sei den Herzen ein Wort Caesars,20 man müsse den Anfängen wehren, es sei eben „schwieriger, Fürsten vom ersten Rang in den zweiten als vom zweiten in den untersten zu verstossen.“ 33. Und beachte ausserdem, welch ein Wettstreit ebenda um Prunkentfaltung besteht, welch ein Aufwand an Kleidern, welch eine Verschwendung bei Gastmählern, welche Künstlichkeit im Benehmen, welche Unfreiheit im Reden und welche anhaltende Unterdrückung der Gefühle! Ein mühsames Geschäft ist das Grosstun eines Menschen, wenn er entweder scheinen will, was er nicht ist, oder verdecken will, was er ist! Eine doppelte Anstrengung ist das, zwei Mal gegen die Natur zu siegen, da ein einziges Mal zu siegen, schon überaus schwierig ist. Und was soll das Verlangen nach der Erhöhung seines Ansehens und nach der Gunst der Nachwelt, die man in unablässiger Anstrengung sucht? Was soll die Fürsorge für Kinder und Enkel und was soll die Unsicherheit über den Weiterbestand eines alten Geschlechts, diese ungeheure Sorge adliger Herzen? Was soll die Lenkung einer zügellosen Hausgemeinschaft und der Hass niedrigster Sklavenseelen, der sich oft versteckt, doch sich nicht selten auf das Haupt des Herrn entlädt? 34. Hartes Geschick, wenn man gezwungen ist, jene zu ernähren, denen man verhasst ist und die einem vielleicht zum Verderb, jedenfalls zum sicheren Verdruss gereichen!21 Ja hart, wenn man nicht so oft für sich allein ist, als man möchte, sondern stets von häuslichen Feinden belagert wird, während man doch weiss, dass man die Beute vielfältiger Begehrlichkeit ist und weit häufiger aus Berechnung denn aus Hingabe umsorgt und häufiger auf seinen Wert geprüft, als geliebt wird, weil andere den Reichtum, nicht aber die Person veranschlagen! Ja hart, wenn man für viele furchterregend und nur wenigen genehm ist und dabei auch nicht sicher weiss, wessen Liebe unwandelbar ist, weil ja das Wort jenes spanischen Sängers sich bewahrheitet:22 „Glück hat, wer nichts weiss von Liebe…,“ während man weiss, dass sein Tod mit Gebeten erfleht, seine Erbschaft begehrt, seine Tage gezählt und der Ablauf der Zeit als träge getadelt wird. 35. Meinst Du frei von Gefahr zu sein? Drei Dinge vor allem, wenn wir ohne Belästigung leben wollen, hat uns der philosophische Unterricht, erinnere ich mich recht, zu meiden gelehrt: Hass, Neid und Verachtung.23 Vom letzten der drei bist, Vater, Du frei, weil Reichtum, Macht, Würde, Wissen, Adel und Tüchtigkeit Dich gegen solche beschirmen. Doch mit welchen Künsten willst Du Dich der beiden anderen erwehren? Ohne oftmals viele zu verletzen, kann das nicht geschehen, da Du immer den Vorsatz gehegt hast, Dich als Beschützer der verlassenen Gerechtigkeit zu bewähren. Notwendigerweise muss ja der Freund der Gerechtigkeit allen Feinden der Gerechtigkeit verhasst sein. 36. Und wie könnte es übrigens sein, dass
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Dich bei so grosser Gunst Fortunas, bei so grossem Ruhm und so glanzvollen Ehren die Missgunst nicht mit scheelen Blicken verfolgte? Alles ist eher möglich, als dass ein glückliches Gelingen dem Neid entginge. Füge dem Aufgezählten noch Gewissensbisse an, auch aller Art geistige Unruhe wie Scham, Reuegefühl, Hoffnung, Schmerz und versteckte Ängste! Das sind Qualen, die zwar uns allen, aber besonders den Fürsten vertraut sind. 37. Unter solchen Unannehmlichkeiten also haben wir alle zu leben, doch in erster Linie müssen es jene Hochgestellten ertragen, die entweder das Schicksal oder die Tüchtigkeit verherrlicht. Und fallen sie uns allen lästig, widerstreben sie doch in besonderem Masse eben Deinem Vorsatz. Denn sie lenken Deinen auf höhere Ziele gerichteten Sinn zurück. Ich kenne ja, weil es Dir gefällt, die feurigen Regungen Deiner Seele und Deine herrlichsten Bestrebungen, das Bücherstudium, die Schulung des Geistes, die Liebe zum Mittelmass, die Neigung zur Religion, den Wunsch nach Einsamkeit. Doch Dein Geschick und Dein Vorsatz, sie befeinden sich gegenseitig. Was Dich zum Handeln verpflichtet, ist etwas völlig anderes, als was Dir bekömmlich ist und Dich erfreut. 38. In solcher Lage überdenke ich Deine geistige Anstrengung; und den Sturm in Deiner Brust ermesse ich dank einem Vergleich mit dem Fluten meiner eigenen Wogen. Suchst Du nach einem Hilfsmittel, so habe ich eines: Ist Dir nicht vergönnt, dem äusseren Anschein nach das zu sein, was Du möchtest, so sei eben im Innern, was Du sollst. Dein Wohlstand möge vor der Aussenwelt seinen Pomp entfalten; Du aber birg in Deiner Brust die Bescheidenheit. Wohnst Du in Deinem Palast, so wandere Dein Geist in der Einöde. Unter Reichtümern liebe die Armut, unter Gastmählern das Fasten. Es glänze das Gold auf Deiner Tafel, an den Fingern der Ring; doch heller in Deinem Innern die Verachtung für das alles. 39. Der Leib trage Purpur, doch Dein Herz ein Bussgewand. Reitend auf einem reich gezierten Rassenpferd, denke an Christi Esel und die wunden Füsse der Apostel. Bedeckst Du den Kopf mit dem roten Kardinalshut, dann betrachte die Dornenkrone des Herrn, und auf goldverziertem Lager ruhend, erinnere Dich des Grabes Christi und des Deinen. Was immer Du tust, halte Dir den letzten Tag Deines Lebens vor Augen; ob er der heutige oder morgige ist, bleibt unsicher, doch fern ist er sicher nicht. So gross die Vielfalt der Zufälle, so gross auch die Kürze des Lebens! Damit des Todes unerwartete Ankunft nicht erschrecke, muss man sich dauernd mit ihm beschäftigen, um schon jetzt eine gewisse Vertrautheit mit ihm zu erlangen. 40. Grossartig sind wahrhaftig diese drei Werke der Tugend: Das Vergnügen meiden, die Armut lieben, den Tod nicht fürchten. Sei gewiss: Nichts macht glücklicher als das letzte. Über die beiden andern habe ich folgende Meinung: Nicht weniger verdienstvoll ist es, ein Vergnügen in seiner Gegenwart geringzuschätzen, als es der Sicherheit wegen von sich fernzuhalten. Oder die Armut unter Reichtümern zu pflegen, als in Wirklichkeit ein Armer zu werden. Unzählige Arme gibt es,
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für welche eben die Armut eine Marter ist; doch nicht wenige sind im Blick auf Christus freiwillig aus Reichen zu Armen geworden; und für diese ist die Armut ruhmvoll und anziehend. 41. Freilich, wo findest Du mir einen, der mitten unter seinem Reichtum „arm ist im Geiste“ ?24 Etwas Grosses ist es, durch Überwindung von Hindernissen auszubrechen. Doch ruhmvoller ist es, einen gegenwärtigen Feind zu erschlagen, als einen heranrückenden zu meiden. Von schönerer Gesinnung zeugt, eine Lustbarkeit zu verachten, als eine zu umgehen, Prunk im Beschauen zu verhöhnen, als sich seinem Anblick zu entziehen. In jeder Lage kann man die Tugend lieben, und je mehr da an Mühe ist, um so mehr auch an Lob und Verdienst. Menschen wirst Du begegnen, die Dich mit Schmeicheleien ehren und Deinen Stand bis zum Himmel erheben. Das sind die Verkünder der allgemein gültigen Grundsätze, und sie werden Dir raten, Dich selber und das Deine zu bewundern, Deine Würde künstlich zu schützen, Deines edlen Blutes zu gedenken, Deinen Reichtum zu zählen und Deine Macht zu beachten. Schliesslich werden sie Dich mit ihren Reden fast zum Unsterblichen machen. 42. Ich aber rate Dir, von den genannten Vorteilen zwar keinen zu vergessen, aber für sie und für das viele andere, womit Gott Dich als einen unter wenigen heraushob, eben ihm zu danken, mit all diesen Dinge Dich nicht zu brüsten, sondern nur im Herrn Dich zu rühmen,25 auf Ihn zu vertrauen, Ihm alle Deine Hoffnungen und Deine Sorgen zu übergeben, gleichzeitig Dich selbst und das Vergängliche zu vergessen und, was das Heilsamste wäre, stets an Dein Ende zu denken. Nichts anderes kann die Missachtung von Leben und Tod so wirkungsvoll fördern. 43. Ob Du also dieses Lebens Jammer aufmerksam beobachtest und, wie ich meine, weder ein langes Leben begehrst, noch vor dem Tod erschreckst, oder ob Du des Lebens Kürze bedenkst und weder um das Bittere noch um das Süsse dieser kurzen Frist Dich sehr kümmerst, dagegen mit grossem Mut das Bittere ebenso wie das Süsse gleichmütig hinnimmst: Du wirst erkennen, dass die Verbannung kurz aber schwierig ist, weil das Gedeihliche täuscht und das Widrige lügt. Doch Du wirst die Schwierigkeiten alle leicht überwinden, wenn Du die Beschwerden des Exils mit dem Gedanken an seine Kürze erleichterst und stets nach der Heimat Dich sehnst,26 der Du, sofern Du es willst, als Bürger eingeschrieben bist und wo alles so vollkommen wie ewig ist. 44. Damit hast Du, mein Herr, was ich zu schreiben für richtig hielt. Fällt mir etwas anderes ein – es pflegt mir täglich vieles einzufallen –, so benötige ich einen zweiten Tag. Was den Stil angeht, so schau Du zu. Die Sache jedenfalls ist zweifellos klar. Und sollte der Stil Dir nicht zusagen, wirst Du den Inhalt nicht ablehnen. Lebe glücklich, Du unsere Zier! An der Quelle der Sorgue, am 22. September (1352).27
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Anmerkungen 1 Zu diesem Brief vgl. N. P. Zacour, Petrarch and Talleyrand, in: Speculum 31,1956, 683–703. Vgl. auch Fam. 11,16 und den andern an Talleyrand gerichteten Brief Fam. 16,1, überdies den folgenden Brief Fam. 14,2. Allgemeines zur Person nennt das Personenreg. in Bd. 1; ebenso Guillemain, La cour pontificale (s. dort das Register). Über seine Beziehung zu Petrarca findet man Verschiedenes auch bei Dotti, Vita und bei Wilkins, Studies mit Hilfe der Register. 2 Im Lateinischen: Clarum fieri stilo. Das ist vieldeutig. Aus dem Zusammenhang ergibt sich, dass Petrarca in einem einfachen Stil über ein allgemein verständliches Thema schreiben soll. Aber Petrarca würde das Wort clarum gern als schön und erhaben deuten, wie aus dem folgenden Satz hervorgeht. Vgl. die Anm.3. 3 Fam. 13,5,12 ff. berichtet, wie die Kurie den Dichter zu einem einfachen Stil anhalten wollte. 4 Das heisst, dass jeder zwar genug davon spricht, aber jeder zu wenig darüber nachdenkt. 5 Tusc. 2,4,12. 6 Das folgende Zitat ist ungenau und der Text ist verderbt; die Übersetzung folgt deshalb dem ursprünglichen Wortlaut bei Iuv. Sat. 9, 102–8. 7 Ps. 74, 9. In der Vulgata: Calix in manu domini vini meri plenus mixto. In der Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift von 1982 steht: „Ja, in der Hand des Herrn ist ein Becher/herben, gärenden Wein reicht er dar.“ Es folgt: „Ihn müssen alle Frevler der Erde trinken,/müssen ihn samt der Hefe schlürfen.“ 8 Iuv. Sat. 11,180 f. 9 Verg. Aen. 6,612–613; 621–623. 10 Verg. Aen. 6,273–279. 11 Ps. 33,11 (Zählung wie immer nach der Vulgata). 12 Solin. Collect. 1,106. 13 Hinweis auf die Schlacht im Teutoburgerwald 9 n. Chr. 14 Suet. Aug. 23,4. 15 Diesen Gedanken hat Petrarca mehrfach geäussert; vgl. z. B. Fam. 14,5,21 und 17,3,47. 16 Zu denken ist an Friedrich den Schönen, besiegt bei Mühlberg und gefangengenommen 1322; an Eduard II. von England, der 1327 abdankte und im Gefängnis ermordet wurde; an Andrea, den ungekrönten Gemahl der Königin Giovanna von Neapel, ermordet 1345; an den Schottenkönig David Bruce, besiegt im Kampf gegen England 1346 und in den Tower geworfen; an Jaime II. von Mallorca, 1343 verbannt, 1349 im Kampf umgebracht. Das berühmteste Beispiel stand noch aus, denn der Franzosenkönig Jean le Bon ist 1356 in englische Gefangenschaft gebracht worden, also erst nachdem Petrarca Fam. 14,1 geschrieben hatte. Offensichtlich hat der Dichter den Brief überarbeitet. 17 Z. B. Sen. Nat. quaest. 4, praef. 22. 18 Sen. De ira, dial. 5,30,4. 19 Iug. 64,1. 20 Suet. Caes. 29. 21 Zu den häufigen Klagen über die eigenen Diener und Knechte vgl. die Angaben in Fam. 13,8, Anm.14. 22 Luc. Phars. 7,727. 23 Vgl. Sen. Ad Lucil. 14,10. 24 Vgl. Mt. 5,3. 25 Vgl. Rom. 5,11; 1Cor. 1, 31 und 2Cor. 10,17. 26 Gemeint ist der Himmel. 27 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 135.137.158; Petr. corresp. 72. Angaben über Briefe Petrarcas findet man bei Dotti, Vita leicht mit Hilfe des Indice dei luoghi petrarcheschi.
Fam. 14,2, an seinen Sokrates1 Der Adressat möge den vorangehenden Brief seinem Adressaten übergeben. 1. Nur der Papst steht über dem Kardinal. 3. Dieser hat Petrarca gebeten, einfach und klar zu schreiben. 4. Seine Begabung ist erstaunlich, doch versteht er einzig die Sprache der Legisten. 4. Er bittet, Petrarca möge verständlich schreiben. 8. In der Diskussion unterwirft sich der Dichter oft seinen Wünschen. An der Quelle der Sorgue, am 22. September (1352).
1. Den hochgesinnten und überragenden Mann, über dem in der Rangordnung der streitenden Kirche2 niemand steht ausser einzig der römische Pontifex, kennst Du natürlich; und müsste ich nicht fürchten, dem Erwähnten Neid und mir selber den üblen Ruf eines Schmeichlers zu verschaffen, würde ich nicht einmal ihn ausnehmen, denn es ist doch gewissermassen etwas Grösseres, Päpste aufzustellen als einer zu sein.3 Schweigt der Genannte davon, so redet die Fama, und leugnet er’s, so bestätigen es doch alle, dass er zwei mal einen Pontifex geschaffen hat.4 Und wollte einer kühn behaupten, die Gewählten seien solcher Gunst eingedenk und erzeigten sich dankbar, würde die ganze Kirche solches bestreiten. Er aber – wie seine Zunge verrät und an seiner Stirne zu lesen ist – verachtet die Undankbarkeit bei andern grossherzig und versucht nur dafür zu sorgen, dass nicht ein fremder Fehler seinen Tugenden etwas anhaben könne.5 2. Soviel wollte ich über die Grösse dieses Mannes festhalten, jedoch möglichst knapp, weil die Sache ohnehin allgemein bekannt ist und weil an sie erinnert zu werden, ihm, wie ich merkte, nicht angenehm ist. Seine Zuneigung zu mir brauche ich vor Dir gewiss nicht zu erwähnen; er schenkt sie ja nicht allein mir, sondern auch Dir und übrigens allen den Meinen. 3. Dieser Prälat, so mächtig und uns so zugetan, bittet nun, obwohl er uns nach seinem Recht befehlen könnte, tagtäglich, für ihn etwas zu schreiben, wobei er stets hinzu setzt, klar solle ich schreiben.6 Und übrigens meint er, ich solle –, was aber mit der von ihm verlangten Klarheit7 kaum zusammengeht – etwas von Dichtern einfügen. An ihnen sich zu freuen, lernt er eben unter meiner Anweisung,8 jedoch nicht, um sich bei ihnen aufzuhalten, sondern um mit ihrer Hilfe eigenen Zwecken zu dienen und mit den Farben der Pieriden seine zivilrechtliche Beredsamkeit, in der er sich ungemein hervortut, zu würzen und zu schmücken. Diese Sache hat nun allerdings ihre nicht geringe Schwierigkeit, denn ich merke: Die Plattheit der Legisten9 hat von ihm so völlig Besitz ergriffen, dass er alles, was anders gesagt wird, für unverständlich hält. Und dennoch muss es nun einmal anders gesagt werden, weil es auf gleiche Weise zu sagen, schlichtweg unmöglich ist. 4. Wahrhaft wunderbar! Dank seiner Fassungskraft für „alles, was der Himmel zusammenhält“, wie Plinius10 von Caesar gerühmt hat, und dank seinem ganz überragenden und durchdringenden Verstand erlangte er nicht allein eine unge-
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Fam. 14,2
meine Geschicklichkeit in Geschäften und ein einzigartiges höchstes Ansehen in der Beratung, vielmehr hat er eben auch das Zivilrecht, das zu bewältigen ein langes Leben der beständigen Forschung kaum ausreicht, in kurzer Frist sich so gänzlich zu eigen gemacht, dass er jedem beliebigen Rechtsberater unserer Zeit an Ruhm entweder ebenbürtig oder überlegen ist. Und vor allem ist bewunderungswürdig, dass er solches unter den vielfältigen Beschäftigungen mit ganz entscheidenden Fragen und sogar in eben der Stellung erlangt hat, in welcher die Menschen nicht zu lernen, vielmehr zu verlernen pflegen. Er kam zum Kardinalat ja einigermassen unwissend.11 5. Ausgestattet also mit natürlicher Begabung, so sage ich, auch äusserst gebildet in seinem eigenen Fach, für Verstandesfragen im weitesten Sinn geeignet und rasch im Begreifen, zeigt er sich einzig im Umgang mit Worten allzu nachlässig und schaudert gar vor jedem Stil, der nicht der seine, nämlich nicht der des Zivilrechts ist, wie vor einem barbarischen zurück.12 Darum also seufzt er häufig: „Mach, dass ich Dich so gut verstehe wie einen Gesetzestext!“ Hierauf antworte ich ihm, ein Gesetzestext von der Art, wie ich sie als Kind studiert habe, sei nicht für jeden so verständlich wie für ihn, vielmehr sei er für viele zweifellos schwieriger, als für ihn der allerschwierigste sei, und alles sei leicht für Fachleute und alles schwierig für Laien. 6. Dann sagt er: „Mach, dass jedermann Dich mühelos verstehe.“ Und ich erwidere, das sei ganz billig und schäbig, was man ohne jede geistige Anstrengung verstehe.13 Dann füge ich hinzu, was ich einst Clemens VI. auf eine ähnliche und oft wiederholte Forderung sagte,14 übrigens nicht ohne all das andere, was zur Klärung der Sache etwa beitragen kann, nämlich unter anderem auch dies: Lieber sei mir, bei nur wenigen Verständnis und Schätzung zu finden, als von allen verstanden und von niemand geschätzt zu werden. An Gelehrten habe es immer nur wenige gegeben und zu unserer Zeit gebe es fast keine, und wenn die göttliche Vorsehung nicht vorbeuge, werde es bald überhaupt keine mehr geben. 7. Solange jedoch wenigstens einige vorhanden seien – ich rechnete ja für die Zukunft nicht mit vielen, weil es eine Menge niemals gegeben habe –, wollte ich’s dulden, von ihnen beurteilt zu werden; dagegen habe das Urteil der vielen, das heisst der Menge, für mich früher wie später so gar kein Gewicht, dass mir lieber sei, sie verstehe mich nicht, als sie lobe mich. Das Lob der Menge bedeute für Gelehrte ohnehin einen Schimpf. Oft zitiere ich darüber hinaus eine Meinung Ciceros, die in seinen Tusculanen steht:15 „Ein ausgezeichneter Grundsatz ist es, all das nicht umständlich gelehrt zu sagen, was selbst von Ungelehrten leicht verstanden und gebilligt wird.“ 8. Am Ende jedoch erdrückt mich die Autorität des Erwähnten, und nach langem Kampf erliege ich, und oft unterwerfe ich meine Auffassung seinem Willen, weswegen ich ihm gefalle und mir missfalle. Doch um nicht sogar eine Menge zu beleidigen, greife ich zu einem neuen Brauch: Ich schreibe ihm, ohne davon Kopien aufzubewahren. Jetzt allerdings habe ich für einmal seiner anhaltenden und
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drängenden Bitte entsprochen, indem ich seinen Wunsch, ich solle klar reden, erfüllte, und zwar in einem Mass, dass ich fürchte, er werde nun sagen, allzu gut sei ihm gehorcht worden. Doch wie immer er urteilen mag: Du wirst ihm diese ungeheuer lange Epistel überreichen. Ich meinte ja, sie Dir deshalb senden zu sollen, dass Du Gelegenheit fändest, jenen aufzusuchen, von dem keiner je anders als besser oder fröhlicher wegging. Lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 22. September (1352).16
Anmerkungen 1 Vgl. die früheren Briefe an Sokrates und Informationen über seine Person im Personenreg. Vgl. auch zu Talleyrand die Bemerkungen über einen Kirchenfürsten in Fam. 13,6,30 ff. 2 Allgemein verwendeter Ausdruck für die Kirche auf Erden im Gegensatz zur triumphierenden Kirche im Himmel. 3 Hier das Wort Papst, das Petrarca in der Regel bewusst vermeidet; vgl. Fam. 14,1,4. 4 Da Fam. 14,2 mit gutem Grund in den September 1352 datiert wird, kann Talleyrand vorher nur an zwei Papstwahlen, der Benedikts XII. 1334 und der Clemens’ VI. 1342 beteiligt gewesen sein. 5 Wenn nicht Kardinal Guy de Boulogne jener einzige Kirchenfürst in Avignon war, den Petrarca vor der Sintflut beinahe gerettet hätte, könnte man an seine Stelle wohl am ehesten Talleyrand setzen. Vgl. Sine nom. 11, lat. und dt. in Petrarca, Aufrufe 262. 6 Vgl. Fam. 14,1 Anfang und Ende. 7 Klar reden, das heisst für Talleyrand, wie schon Fam. 14,1 verdeutlicht, allgemeinverständlich. Ihm gilt jedoch offenbar einzig das als allgemeinverständlich, was sein Gesetzbuch trocken, verkürzt und im Juristenjargon ausdrückt. Dass übrigens die Dichter die Klarheit bewusst vermeiden, sagt Petrarca mehrmals, z. B. Fam. 10,5,12. 8 Vielleicht tut er es so, wie Fam. 13,6,31 ff. darstellt. Dort wird der Belehrte nicht genannt, jedoch mit ähnlichen Worten gepriesen, wie Talleyrand im vorliegenden Brief 9 Lateinisch: planities legistarum. Hiermit deutet Petrarca an, dass sich der Kardinal nicht einmal um die unterste Stufe einer kultivierten Sprache bemüht; vgl. Fam. 13,5,16. 10 Plin. Nat. 7,25,91. 11 Kardinal wurde Talleyrand mit dreissig Jahren. 12 Zum folgenden Text vgl. Fam. 13,5,12 ff. 13 Vgl. Fam. 13,5,23 f. 14 Vgl. Fam. 13,5,12 f. 15 Tusc. 4,3,7. 16 Jahreszahl wie im vorangehenden Schreiben an Talleyrand, was sich aus dem Inhalt ergibt.
Fam. 14,3, an den Priester Luca von Piacenza1 Trostbrief zum vorzeitigen Tod eines jungen Mannes. 1. Petrarca erlaubt sich keine Tränen. 2. Der Tod erinnert erneut an die Ungewissheit menschlichen Schicksals. 3. Aufzählung leiblicher und geistiger Vorzüge; dem Freund hat keiner gefehlt. 6. Er ist nicht gestorben, sondern täglichem Sterben entronnen; er wird auferstehen. 8. Seine Tugend lebt weiter, Petrarca hat eben diese geliebt. An der Quelle der Sorgue, am 25. September (1352).
1. Hätte ich nicht schon früher meine Augen getrocknet, meinen Seufzern den Weg verschlossen und meiner Seele eingeprägt, über das Sterben der Sterblichen solle man nicht trauern, dann wäre mir der Inhalt Deiner Epistel zum Anlass vieler Tränen geworden. Nur mühsam habe ich sie zurückgehalten, dass sie nicht – in ihrer so tröstlichen Weise eindringend – die ihnen gewohnte Grenze in aller Stille erreichten. So sonderbar und unglaublich (wäre überhaupt etwas unglaublich, was sich nach der Anordnung der Allmutter Natur ereignet), auch so ganz unzeitig und hart (wäre für die Zahlung des Tributs an den Tod ein bestimmter Tag festgesetzt),2 und schliesslich so ganz plötzlich und überstürzt ist mir der Ruin unseres Freundes vorgekommen! 2. Diese in ihrer Jugend so herrliche Blüte, diese lichtklare Gestalt ist auf der höchsten Höhe, wie es scheint, auf der kräftigsten Stufe fruchtbarer Jahre und bei bester Gesundheit in weniger als drei Stunden – so sagst Du – zerstört worden, um mich mit einem neuen, sichersten und eindrücklichsten Beispiel daran zu erinnern, es sei wahr, was wir täglich mit Worten wiederholen (allerdings nicht auch mit unserer Lebensweise oder Anstrengung verkünden), dass man auf Vergängliches keine Hoffnung setzen dürfe und dass gegen den Tod nicht das geringste Heilmittel, es wären denn Verdienste des Lebens und Reinheit des Gewissens, zu finden sei. 3. Was wollen mir die Ärzte versprechen? Wir sehen sie ja ringsum auch selber sterben und immer wieder – was schon sprichwörtlich wird – erblassen und nicht seltener erkranken als andere Leute? Einzig die Tugend weiss nichts von Untergang. Was also hat unser Freund, so frage ich, nicht besessen, und was hat ihm seine Jugend genützt, was seine schöne Gestalt, die feine Lebensart, die Körperpflege, der Purpurglanz, die ausgesuchte Vielfalt der Kleidung, die elegante Haltung, die so beglückende Stimme und der schmelzende Gesang? Was die Anmut seiner Rede, die engelgleiche Grazie beim Gehen, Speisen, Schlafen und bei Spiel und Ernst? Konnte er mit all den Vorzügen seine Todesstunde um einen Augenblick verzögern? 4. Oh zweifelhaftes Menschengeschick, oh überraschender Lebensschluss, oh trügerische Hoffnung und flüchtiges Glück, oh Freude, hangend am dünnsten Faden! Oh stets unberechenbarer, den Sterblichen stets unheimlicher und furchtbarer Schicksalstag! Doch was tue ich? Sieh, schon begebe ich mich Schritt für Schritt ins Meer hinein, obwohl kaum sicher am Ufer! Also muss ich umkehren.
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5. Unser Freund ist gestorben. Nichts Wohlgefälligeres hatte unsere Stadt hervorgebracht. Er galt so viel, wie in Rom Scipio, in Sparta Leonidas, in Athen Alkibiades.3 Keine Begabung pflegte ich stärker zu bewundern als die seine; und wie ich ihn schätzte, wie ich ihn liebte und wie teuer er mir war, erkannte ich nie klarer als jetzt im Verlust. Ein solches Geschick konnte ich nicht schweigend ertragen; doch ist das eben kein Grund, sich langes Jammern zu gestatten. 6. Unser Freund ist gestorben. Nein, er hat für sein Sterben ein Ende gefunden. Er ist vergangen, nein, er ist dahin gegangen, wo er weiterbesteht, ohne noch ein neues Verscheiden erahnen und befürchten zu müssen. Er ist dahin gegangen, nein zurückgegangen, woher er ausgegangen und von wo er zur Pilgerschaft und Verbannung aufgebrochen war. Er ging zu Jenem zurück, welcher ihn in die Hut eines hinfälligen, wenn auch herrlichen Leibes entlassen hatte. Er ist gestorben; nein, er hat sich von uns unablässig Sterbenden getrennt, um endlich zu leben. Er wurde beerdigt; nein, er wurde schweren Ketten entwunden und gab der Erde das Ihre und dem Himmel das Seine zurück. 7. Sein Leib ruht freilich entseelt, und den Augen all jener, die er zu entzücken pflegte, bereitet er nun Schrecken. Doch seine Seele, von ihrem leiblichen Kerker befreit, ist schon heiterer, an Schönheit sich überbietend und erst recht lebendig – begleitet von ihren Tugenden – zu den Sternen aufgestiegen. Dort wohnt sie schon, wie ich hoffe, um zur rechten Zeit den der Erde anvertrauten Leib um vieles herrlicher zurück zu empfangen. 8. An ihm wurde so glücklich gehandelt, dass sein Los zu beweinen vielleicht weniger ein Akt des Mitleids als der Missgunst ist,4 an mir hingegen sehr ungemäss, wie Laelius beim Tod seines Africanus klagte.5 Denn richtig wäre gewesen, dass ich, weil früher ins Leben getreten, auch früher daraus verschieden wäre.6 Doch ich tröste mich mit einem Wort des selben Laelius. „Die Tugend dieses Mannes, die nicht gestorben ist, habe ich geliebt; wäre es anders, müsste ich in untröstlichen Klagen vergehen.“7 9. Obwohl ich, wie gesagt, nach der Lektüre Deines Schreibens eine unendliche Trauer mit aller mir verfügbaren Vernunft bezwang, konnte ich doch den Schmerz nicht bezwingen. Denn Schmerz empfand ich, das gestehe ich und verstecke vor Dir meine Schwäche nicht. Schmerz, sage ich, und davon sogar mehr, als ich zu verspüren mir noch zutraute. Doch ich beklage nicht die Wandlung seines Geschicks, sondern den Verlust einer seltenen Zierde unserer Vaterstadt, das Erlöschen eines gleichsam glänzenden Gestirns in unserer Nachbarschaft und den Wegfall eines sehr wohltätigen Trostes für unsere Sorgen. 10. Doch weil ein wahrer Schmerz nur unter Gewaltanwendung aufhört und das Aufbegehren wegen nie gutzumachender Schäden nichts anderes ist als ein Zuwachs an Schaden und Schmerz, lasse ich davon ab und wende mich jenem Teil Deines Briefes zu, wo Du mich anhältst, für ihn zu beten. Deine Ermahnung lobe ich, doch Du selber bist Priester, und somit liegt es an Dir zu beten.8 Ich für meine
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Person bin des Verstorbenen wie des Überlebenden Freund, flehe also Dich an für ihn, weil ihm zur Seligkeit etwas mangeln kann! Und eben Du selber wirst für ihn zum gemeinsamen Herrn Christus flehen! Lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 25. September (1352).9
Anmerkungen 1 Vgl. die früheren Briefe an diesen Adressaten und zu seiner Person das Personenreg. Um wen hier getrauert wird, bleibt unbekannt. 2 Hier Aufzählung von Gedanken, die Petrarca bei Todesfällen und auch sonst oft wiederholt. Vgl. z. B. Fam. 2,1,7; 4,12,39 ff. 3 Vgl. das Personenreg. 4 Vgl. andere Trostbriefe an Hinterbliebene, so wiederum Fam. 2,1, Abschnitt 28 oder Fam. 4,12,25. 5 Vgl. Cic. De am. (Laelius) 4,14,15 und 3,10. 6 Auch dies ein mehrfach wiederholter Gedanke, dass der Tod oft die natürliche zeitliche Ordnung der Kreaturen störe. Vgl. z. B. Fam. 7,12,12 und 13,1,11. 7 Vgl. Anm. 5. 8 Petrarca war Kleriker mit nur niederen Weihen. 9 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 91.135 ff. und Petr. corresp. 72.
Fam. 14,4, an den Priester Luca von Piacenza1 Antwort auf verschiedene Verleumdungen durch Neider. 1. Der vorgebrachte Tadel ist ungerecht. 4. Das Kläffen der Menge macht Petrarca keinen Eindruck. 7. Seine Gegner suchen nach Gründen für seinen Aufenthalt in Avignon und für sein Weggehen von dort und ertragen beides nicht. 13. Einige werfen ihm Unbeständigkeit vor. 14. Andere beschuldigen ihn des Geizes und der Habgier. 17. Petrarca will die Vorwürfe widerlegen. 18. Er macht eine Verfügung nach Art eines Testaments. 21. Einige sprechen von Argwohn; der Vorwurf ist unhaltbar. 24. Petrarca gibt Rechenschaft über ein Kirchengut und wie er es verschenkt hat. 30. Richtig ist der Vorwurf der Entrüstung. Petrarca definiert sie. An den Flüssen Babylons, am 19. Oktober (1352).
1. Zwei Briefe habe ich von Dir gleichzeitig empfangen; einen aufmunternden, der mir höchst willkommen und in den Ängsten und Ärgernissen dieser Zeit nicht nur erfreulich, sondern beinahe notwendig ist, und einen vorwurfsvollen, der mir gewiss nicht weniger gefiele, wenn der Vorwurf gerecht wäre. 2. Dieser aber stammt, wie Du sagst, nicht von Dir, vielmehr von der grossen Menge, und er rührt, obwohl er die Ohren verletzt, nicht ans Herz. Denn so wenig diese Art Verleumdung mir neu ist – Du weisst ja, dass ich solche oft erdulde –, so wenig ist mir verwunderlich, dass ich dem Volk missfalle, und eher wundert mich, wenn ich bisweilen höre, es feiere mich mit ganz unverhofften Lobhudeleien. Da der erste Beweggrund zur Liebe in der Ähnlichkeit besteht, war ich immer so viel als möglich dafür besorgt, mich von der grossen Menge durchaus zu unterscheiden, und sollte mir das je vollkommen gelingen, wollte ich mich endlich überaus glücklich schätzen. 3. Wie könnte ich also jenen gefallen, denen zu missfallen ich stets unter grösster Anstrengung bemüht bin? Wo doch sogar Volksverführer, die mit umgekehrter Anstrengung und mit entgegengesetztem Zweck das einfache Volk umschmeicheln, mit all ihren Listen kaum einmal das von ihnen Erstrebte zu erreichen vermögen! Schon ihrer viele haben, nachdem sie mit beschämenden Kniffen nach Ansehen gejagt sind, bei plötzlich verlorener Volksgunst nicht allein Schande, sondern ähnlich wie Tierbändiger, welche Panther, Tiger und Löwen mit Lockmitteln abrichten, einen Aufruhr im geköderten Volk und dessen Hinterhältigkeit erfahren. Doch kehren wir zur eigenen Angelegenheit zurück. 4. Wundere Dich nicht, wenn die grosse Menge wie gegen ihre Freunde auch gegen mich, ihren notorischen Feind, von ihrem Recht Gebrauch macht. Ein tüchtiger und gut ausgerüsteter Wanderer wird aber durch Hundegebell nicht beunruhigt. Wirklich, ich bleibe ruhig, und oft fällt mir jenes Wort Ciceros2 ein: „Was die Menschen über Dich sagen, müssen sie selber verantworten“, und etwas später: „Willst Du Dich in die Höhe recken, so achte nicht auf die Reden der Menge, und setze die Hoffnung für Dein Fortkommen nicht auf eine Belohnung durch Menschen.“ Und Seneca3 sagt: „Schlecht reden die Menschen über mich; sie tun nicht, was ich
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verdiene, doch was bei ihnen Brauch ist.“ Was bellen sie wie faule und unnütze, ausgehungerte, räudige Hunde den Mond an? 5. Was quälen sie sich um die Angelegenheiten und Absichten eines Menschen, der ja kein einziges Mal über ihr Leben und Sterben oder auch nur über irgend etwas sie Betreffendes nachgedacht hat, ausser höchstens wie über – ich will nicht sagen ‚Tiere‘, sondern – über eine gleiche Anzahl Leichen? 6. Aber vielen tut es wohl, gegen andere zu wüten, unter Vernachlässigung der eigenen Angelegenheiten die Geheimnisse einer fremden Brust auszuspionieren und in der Tiefe anderer Gemüter heimliche Winkel aufzustöbern, was doch die schwierigste aller Nachforschungen ist. Erahnen sie wenigstens, was menschlichem Bemühen zu wissen versagt ist? Was für ein Apoll,4 ich bitte, hätte sich auf der Flucht aus Delphi in die Brust von Toren verströmt? Wirklich wunderbar! Das Eigene verkennend, kennen sie das Meine, obwohl ich’s vor ihren Augen denkbar fern – wie Aeneas seine Hausgötter – „im abseitigen Talgrund versteckt halte.“5 7. Doch was sie sagen, lohnt sich zu überprüfen.6 Schon sind wir nämlich Schritt für Schritt bei der Ursache ihres Geredes angelangt. Vor allem verargen sie dem Mann, dessen Abreise aus Italien sie fürchteten, als könnte sie ihnen verhängnisvoll und verderblich sein,7 nun auch seine, wie Du sagst, ihnen vorzeitig bekannt geworden Rückkehr dorthin. Anmassend verlangen sie jetzt, jener solle nirgendwo sein (obwohl er selber sie nicht hindert, überall zu sein); oder aber sie bedauern wie Wahnsinnige gleichzeitig beides, nämlich sein Fortgehen wie sein Herkommen. 8. Was aber soll ich dazu sagen? Wenn ich noch heute über meine Handlungen Rechenschaft abzulegen habe – die Pflicht verlangt ja, nichts zu tun, wofür man sich nicht rechtfertigen könne –, so will ich zwar nicht der Menge, aber gewiss Dir sowohl über meine Abreise wie über meinen Aufenthalt, ja auch über meine Rückreise und über die Hauptsache meines Vorhabens kurzen Bescheid geben. Ich kam, wie Du weisst, kürzlich an die Kurie; nein, nach Babylon kam ich. Dass ich aber daran denke, wieder fortzugehen, darüber wundern sie sich8 und staunen, obwohl ich doch, was Gott und mein Gewissen bezeugen und was Du oft von mir gehört hast, hier nie anders als unglücklich und widerwillig gewesen bin, ja schon zur Zeit, als mich kräftigere Bande da festhielten!9 Wie dem sei: ich kam! 9. Und wären sie nicht wahre Narren, hätten sie überlegen können, dass ich nicht anders als aus einem wichtigen Grund (der ihnen allerdings verborgen ist und bleibt) und nicht bloss infolge eines Versehens an einen Ort übersiedelte, der mir von Jugend auf sowohl bekannt als auch verhasst ist. Die mir angenehmste Stätte hätte ich also auf unbekannte Zeit verlassen und das Einsiedlerleben aufgegeben, obwohl sich nach einem solchen kein anderer je heftiger sehnte als ich, sofern ich mich gründlich kenne? Auch hätte ich mich von unserem italischen Helikon10 getrennt und auf das ungestörte Studium der Literatur verzichtet, das niemandem schädlich, manchem allerdings verdächtig und – wie ich allmählich erkenne – vielen sogar verhasst ist?11 Alles das, um einem grossen und guten Seelenfrieden die
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lästige Geschäftigkeit und das unentwirrbare Labyrinth der Kurie vorzuziehen? 10. Möglich wäre das nur gewesen, wenn mich Armut oder Reichtum, diese beiden Beschwerden der Sterblichen, oder Feindschaft, Misshelligkeit oder (was für hoch gesinnte Seelen vor allem belastend ist) Verachtung von dort vertrieben hätten! Wirklich, meine Gegner hätten nach Belieben etwas Derartiges argwöhnen können, wäre ich nicht immer bemüht gewesen, von grossem Reichtum wie von kümmerlicher Dürftigkeit gleichermassen fernzubleiben! Ja wäre ich nicht überdies von all den guten Menschen, mit denen zu leben mir vergönnt ist, wie auch von solchen, die in weiter Ferne leben, immer geschätzt und mit ausnehmendem Wohlwollen gefördert worden! Ja hätten nicht auch in Italien bedeutendste Herren mich mit Bitten zurückzuhalten versucht und meinen Weggang bedauert, weswegen sie nun mit grösster Begierde auf meine Rückkunft warten!12 Ja da gab es eben, so meine ich, einen ganz anderen und geheimeren Grund! Der aber hat mich angespornt, ohne Rücksicht auf die mir Widerstehenden zu gehen und von den mich Festhaltenden mich loszureissen! 11. Und was wissen denn jene Leute, ob das Geschäft, dessentwegen ich kam, schon abgeschlossen ist oder ob es sich gar nie abschliessen lässt? Beides wäre ein genügender Grund, endlich zurückzugehen. Und wiederum: Wie wissen sie denn, ob ich hier länger zu bleiben und sie derweil zu verlachen gedenke? Schon habe ich den Grund für ihren Schmerz und damit den Ort des Schlüssels gefunden! Das ist es, was sie bedrückt: Nicht dass sie meine Abwesenheit von dort bedauern, nein, dass sie meine Anwesenheit hier fürchten! Bin ich dort, verletze ich lediglich ihre Ohren und Augen,13 bin ich hier, erfahren sie von mir weit Schlimmeres. So bin ich denn nicht allein den Guten liebenswert, wie ich immer gewünscht hatte, sondern auch, was ich nie im mindesten gewollt hätte, den Albernen zum Schrecken geworden. 12. Eine neue Art von Bosheit sollst Du hören – es hat ja auch der Unverstand seine Spitze und seine Stacheln. Sie fürchten und verwünschen eine allzu lange Dauer meines Aufenthaltes eben hier, und just deswegen geben sie heuchlerisch vor, sie fürchteten, mein Aufenthalt werde zu kurz sein, und wollen damit erreichen, was sie bezwecken. Sie wissen ja, dass ich ihrer Meinung immer aus ganzem Herzen widerspreche und mich regelmässig auf die Meinung versteife, die ihnen und ihrer Verrücktheit entgegensteht, bin ich doch überzeugt, dass man auf keinem Pfad leichter zur Wahrheit gelangt, als indem man die krummen und abschüssigen Wege der blinden und torkelnden Menge vermeidet. 13. Sehen wir uns doch an, was für einen Anstrich sie uns mit ihrer Phantasterei zu verleihen gedenken. Allerdings sind sie unter sich nicht einmal in diesem Punkt einig, weil es eben zum recht gebräuchlichen Übel eines solchen Gesindels gehört, dass ihr Wahnsinn mit sich selber entzweit ist. Einige also laden die Schuld an meiner verschobenen Rückreise (und wenn sie doch sogleich stattfände, zwar nicht zur Verminderung ihrer Furcht, aber zur Besänftigung meines Verlangens!), sie laden also
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die Schuld meinem Wankelmut auf, als wüssten nicht alle, die mich kennen, dass kein anderer Makel so schlecht zu meinem Charakter passt wie dieser und dass ich von unfreundlichen Kritikern eher den Vorwurf der Hartnäckigkeit als den der Wandelbarkeit zu befürchten habe. Andere schreiben, wie Du selber angibst, die „Ungeheuerlichkeit einer übereilten Abreise“ meinem Geiz zu, und diesen Leuten wird, wenn ich schweige, mein Leben antworten. Wer nämlich hätte je einen Habsüchtigen gesehen, der reich hätte sein können, aber arm zu sein vorzog? Begehren und Abwehren schliessen sich aus. Diese in Missgunst Erblindeten beachten aber nicht, dass sie Widersprüchliches behaupten, und obwohl sie selbstzufrieden mich als Allesverächter zu bezeichnen gewohnt sind, nennen sie mich doch auch einen Geizhals, sooft es ihre Lippen danach gelüstet. 15. Was geht es mich an? Mögen sie mich doch Dieb, Räuber, Testamentsfälscher heissen! Ich werde all das so wenig werden, als jene gerecht, grossherzig, nüchtern und klug wären, wenn mir einfiele, von ihnen das zu behaupten, nämlich mit nicht geringerer, doch mit höflicherer Lüge. Alt ist diese Dreistigkeit, Personen zu verlästern, die man eben noch gelobt hat; alt ist diese Schamlosigkeit, alt diese Unbekümmertheit im Lügen, jedoch vielleicht beinah entschuldbar, weil sie den Hunden eigen ist, denen diese Leute gleich zu werden versuchen, und also kläffen, ohne zu fragen, in welcher Art und ob im Verein oder nicht. 16. Es sei denn, man könne die letzte Anschuldigung eher gerecht nennen, weil der Geiz immerhin zwei Gesichter hat, von denen das eine als ein massloses Verlangen und das andere als ein massloses Abwehren zu verurteilen wäre. Ich würde dann nicht etwa der ersten Art, sondern der zweiten beschuldigt, und zwar so, als wagte ich oder vermöchte ich die bodenlose Unersättlichkeit der Kurie nicht auszuhalten. Würde das zuletzt Genannte zutreffen, läge die Schuld nicht bei mir sondern bei Fortuna, und von der ersten Verdächtigung würde mein väterliches Erbe mich freisprechen, das sich mit den Jahren nicht vergrössert, sondern eher verringert hat. Ich vertraute nämlich darauf, dass man immer nur wenig benötige und beim nahenden Ende fast nichts mehr. 17. In Fleisch und Blut ist mir ein Wort Ciceros14 übergegangen; er sagte: „Geiz bei einem Greis, ich weiss nicht, was der soll. Kann etwas verschrobener sein, als dies, für eine immer kürzere Strecke immer mehr Reisegeld zu beschaffen?“ Zuversichtlich will ich sagen, es liege da eine Dichtung der feindseligen und ausgeklügelten Verleumdung vor. Der letzte Tag wird die Rechtfertigung bringen, wenn mir, dem Hinscheidenden, versagt ist, etwas wegzutragen oder zu verstecken. Doch es sei, dass ich – unangefochten von meinem Gewissen und meinem Angeber – mit meinen ungetreuen Anklägern getreulich ein bestimmtes Abkommen treffe und diese meine Epistel zur Verteidigungsschrift, Dich aber und alle, denen sie in die Hand gerät, zu Zeugen erkläre! 18. Wenn heute oder am Tag meines Verscheidens ausser Büchern, die für mich fast alle Erholung nach der Arbeit und fast allen Trost im Leben bedeuten, und aus-
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ser einem bescheidenen Hausrat samt dem für den täglichen Gebrauch Notwendigen (an dem es mir bisher nie oder nur selten gefehlt hat), wenn also ausser den genannten Dingen bei mir an ausgegrabenem Gold und zusammengerafftem Geld die Berge gefunden werden, die ihre Missgunst erdichtet, so sollen sie ungehindert alles Vorhandene auseinanderreissen und unter sich aufteilen, obwohl mir für mein Erbgut kein anderes Ende verhasster sein könnte. 19. Das setze ich mit dieser vorliegenden Schrift testamentarisch für meinen Erben fest, damit er nur ja nichts Gegenteiliges zu mucksen wage. Und wie dann im begehrten Schatz die Schande jener Leute bestehen soll, so im Ruf der Raffgier meine eigene, während der Erbe nichts haben soll als eine blosse Erwähnung und eine leere Erwartung. Wirklich, da jene Ankläger mich vielleicht weniger dürftig gekleidet sehen als sich selber und gleichzeitig wissen, dass sie ihrerseits etwas an verborgenem Geld besitzen, vermuten sie, ich müsse im Boden vergleichsweise ungeheure Schätze versteckt halten, denn sie sind unfähig zu denken, dass ich nicht von irgendwoher mir Reichtum beschaffe, während sie doch ihre eigenen Schätze fast aus dem Nichts vermehren. Dummdreiste und ungerechteste Richter sind sie, da sie das Mass ihrer eigenen Bedürfnisse der Gesinnung eines anderen andichten, mag diese in jeder Hinsicht noch so verschieden sein. 20. Sie hoffen nämlich, ewig zu leben, wo sie doch nicht allein sterblich, sondern beständig am Sterben sind, während ich bedenke, dass ich wohlbehalten, doch sterblich bin und eine nur kurze Lebensfrist, ja, wie Dein Seneca15 sagt, eine ungewisse habe. Jene fürchten gewaltig, es werde ihnen einst alles fehlen, während ich alles zur Genüge zu erhalten vertraue. Ihr Irrtum16 kann mir freilich unter der Bedingung willkommen sein, dass er sie wirklich zu täuschen vermag und sie foltert. Ist er aber bloss geheuchelt, zersetzt sich mein Vergnügen zum grössten Teil, da es nur darin besteht, ihre Seelen feierlich den giftigen Bissen des Neides und den versteckten Stacheln des Kummers als eben so vielen Folterknechten und Schindern zu weihen! 21. Doch nun wollen wir noch hören, was andere dichten und denken. Es geschehe aus Argwohn, sagen sie, wenn ich zurückkehre.17 Doch um wessen Argwohn geht es, ich bitte? Wem wäre denn unbekannt, dass zu dieser Zeit kein anderer Mensch mit so geringen Glücksgütern hierher kam und dennoch – um ganz oben zu beginnen – sowohl vom römischen Bischof wie von den höchsten und bedeutendsten Würdenträgern mit wahrhaft grosser Lebhaftigkeit und herzlicher Freude empfangen zu werden schien. Rühmen muss man sich, jedoch im Herrn,18 der mir gewährte, grosse und seltene Gunst sei’s verdienen zu können, sei’s ohne Verdienst zu erlangen. Zur grossen Verwunderung vieler und vor allem auch meiner eigenen habe ich bemerkt, wie sehr sogar jenen meine Ankunft angenehm ist, die ich nie gesehen, und solchen, sage ich, die als Leuchten im römischen Kardinalat aus ihrer Höhe auf alle andern ohne Unterschied herab schauen und weltliche Fürsten und Herren zu verärgern pflegen.19 Und mit so heiterer Stirn und so gewinnenden Wor-
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ten, mit so viel wohlwollendem Benehmen bezeugen sie mir ihre Gunst, dass ich kaum glauben kann, es habe mein Ruf so vieles vermocht. Da gibt es also keinen Argwohn und keinen Grund zum Argwohn. 23. Glaube mir, Grosses dürfte ich erhoffen, so es mir beliebte. Doch ich wünsche mir nichts ausser Seelenfrieden, und weil ich nichts wünsche, erhoffe ich nichts. Und wenn das alles Glaubwürdige zu übersteigen scheint, ist es doch wenigstens Dir, so ich mich nicht täusche, oft und unter verschiedenen Hinweisen bezeugt worden und kann nun mit einem einzigen und neuen, Dir noch nicht bekannten Sachverhalt dargetan werden. 24. Wie Du weisst, ist mir einst ein ererbtes Gut der Kirche20 von vier ungefähr gleichen Teilen verliehen worden.21 Vom kirchlichen Stand22 zu leben, ist ja unser Los, ob wir ihn gemäss der Vorsorge unserer Eltern oder nach unserer eigenen in frühester Jugend gewählt haben. Da ich annahm, es könnten vom genannten Kirchengut zwei Teile mir ausreichen, habe ich die anderen beiden zwischen zwei alte und verdienstvolle Freunde so aufgeteilt, dass bis zu jenem Zeitpunkt ich reicher war als sie und jetzt jeder der beiden reicher ist als ich. Und ein so freudiges Gefühl verschafft mir der Gedanke an diese Tat, dass meine Verleumder kaum ein vergleichbares Missbehagen zu verspüren bekämen, wenn sie etwas Derartiges – ich sage nicht ‚tun wollten‘, denn es soll nicht aussehen, als setzte ich Unmögliches voraus, sondern ich sage – zu tun gezwungen würden. 25. Zu diesem Erbgut der Kirche, von dem ich spreche, kam ein fünfter kleiner Teil hinzu, und obwohl geringer als die andern, schien dieser doch besonders gut für Dich geeignet zu sein, weil er in Deiner Nähe liegt. Diesen mir kürzlich angebotenen habe ich vom meinigen getrennt, um ihn Dir zu geben, und deshalb erhältst Du durch eben diesen Boten ein apostolisches Schreiben, in dem Du lesen kannst, Du seist Kanoniker von Modena geworden, dazu ein Schreiben von mir, weil ich für gut hielt, Dich dem Herrn der Stadt23 zu empfehlen. Wie sehr er mich schätzt, das weisst Du sehr gut. 26. Schau nun, und urteile in aller Stille, wie grossen Glauben man jenen Übelrednern und wie grossen meiner Verteidigung schenken kann. Bekannt sind Dir die Parteien, das rechtmässige Gerichtsverfahren und die geeichte Waage.24 Fragst Du aber nach meinem Urteil, so höre Seneca.25 Nichts weiter bedeuten mir ihre Worte als „Blähungen ihres Bauches.“ Was denn tut es zur Sache, aus welchem Körperteil es hässlich töne? Denn wirklich, es gibt bei den Toren nichts Schmutzigeres als ihren Mund. 27. Wozu aber jagen diese wütenden und hungrigen Hunde mit lästigem Gebell einen Mann von völlig anderer Geistesrichtung? Hassen sie ihn vielleicht und bringen ihren Hass im Reden zur Vollendung? Feige und faul ist diese Menge, wenn ihre Waffe aus nichts anderem als aus ihrer schmutzigen Zunge besteht. Doch weshalb hassen sie überhaupt, wenn sie durch kein Unrecht gereizt wurden? Es wäre denn, dass sie meine andere Sitte und Lebensweise ins Unrecht ziehen! Oder sind sie neidisch? Doch es heisst, der Neid pflege just unter Gleichartigen zu herrschen. Oder duseln sie als Betrunkene und schwatzen im Rausch?
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Das möchte ich am ehesten vermuten und am liebsten glauben, denn der Rausch erklärt den Wahnsinn. Vieles sagen und tun die Betrunkenen, woran sie sich nicht erinnern, wenn sie wieder nüchtern sind; und freilich gibt es viele, deren Leben bis ans Ende ein Rausch bleibt. 28. Das, mein Freund, schreibe ich Dir so peinlich genau unter dem Diktat meines Zornes. Denn Du sollst, nachdem Du meinen Ruf zu verteidigen übernommen hast, diese – wenn das Wort ‚Hund‘ vielleicht beleidigt – diese entsetzlich geschwätzigen Elstern schärfer anpacken und das immer Gleiche verlangen: Sie sollen die Augen auf sich selber richten und nicht wie schwarze Raben über die Mängel der Schwäne herfallen. Dann wird ihnen verleiden, die Sitten selbst jener durchzuhecheln, die ihnen kaum dem Aussehen nach bekannt sind. Aufhören werden sie, über fremde Angelegenheiten zu plappern, wenn sie im eigenen Haus ein Übermass an Gesprächsstoff finden, und wenn sie eine reichliche Zahl an eigenen Mängeln und Wunden entdecken. 29. Und um heute ja nichts von meinen Vermutungen zu übergehen, so scheinen mir jene der Wahrheit näher zu kommen, die als Grund für meine Rückkehr meine ‚Entrüstung‘ erwähnen. Auch diesen Ausdruck fand ich ja in Deinem Schreiben. Die ihn vorbringen, sind nicht gar so verrückt und haben wohl tiefer in meine Seele hinab geschaut, sofern sie überhaupt wissen, was ‚Entrüstung‘ bedeutet. Diese darf man definieren, und wie richtig ich das tue, magst eben Du beurteilen. 30. Die Entrüstung ist doch wohl nichts anderes als die aussergewöhnliche Erregung einer edlen Gesinnung über unwürdige menschliche Verhältnisse. Diese Erregung ist, das gebe ich zu, mir selten oder sogar niemals fern und wird heftiger, wo sich der Stoff dazu vermehrt. Doch genug der Rede über eine geringe Sache, ja über eine geringste, ja gar keine. 31. Sollen sie doch bellen, soviel sie wollen, und sich den aufgewirbelten Staub in die eigenen Augen treiben! Wir wollen sie verlachen, wie sie es verdienen, und ihnen Mitleid schenken, wie sie es nicht verdienen, dabei unser Unternehmen weiterführen, wie wir begonnen haben, um uns die Vernunft nach unserem Vermögen als Lenkerin unseres Lebens zu bewahren. Was mich persönlich betrifft, gehe ich immer vorwärts und lasse mich durch einen summenden Mückenschwarm von meinem Vorsatz nicht abschrecken. Habe ich einmal mit taubem Ohr dieses sinnlose Treiben überstanden, wird es mir entweder gelingen, dahin zu kommen, wohin ich ziele, oder mindestens zu verhüten, dass mein Versagen zum Triumph der grossen Menge werde. 32. Das also hoffe ich, mir zu verschaffen, und meine Pläne, die ich vor den vielen verborgen zu halten trachte, werden, so meine ich, inzwischen von Dir und den anderen Freunden gebilligt werden, obwohl mir in allen Dingen das Zeugnis meines Gewissens genügen kann. Lebe wohl! An den Flüssen Babylons, am 19. Oktober (1352).26
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Vgl. den vorangehenden Brief an den selben Adressaten, auch die Briefe Fam. 9,6–7 und 14. Somn. Scip. 7,18 in De rep. 6,23,25. Ps.-Sen., De rem. fortuit. 7,2. Apoll steht hier für Spürsinn, Ahnungsvermögen, Wahrsagung. Verg. Aen. 2,748. Zu den folgenden Anklagen vgl. Fam. 9,5, hier besonders 39 ff., dann auch Fam. 9,6 und 9,7, später 19,17,1 ff. und 20,8,5 ff. Luca hat Petrarca gemeldet, wie seine Feinde in Parma über ihn klagen. Die Rede ist von Petrarcas schon erfolgter Rückkehr aus Italien nach Avignon und von seinem bevorstehenden Wegzug von Avignon. Petrarca spricht hier in erster Linie von seinen Feinden in Avignon, doch nicht allein von diesen, sondern auch von andern, die er überall, nicht zuletzt in Italien, gar in Parma hat; vgl. Anm. 6 und 13. Das war vor der Pest; einige Freunde Petrarcas und auch Laura gehörten zu ihren Opfern. Das ist die Einsiedelei bei Parma. Man vgl. zum ganzen Brief die Rechtfertigung Petrarcas gegenüber Bischof Rossi von Parma in Fam. 9,5. Dass Vergil bei manchen als Magier gelte, sagt Petrarca Fam. 11,5,15 und 13,6,28 f. Zu denken ist vor allem an die Herren von Verona, Padua, Mantua, Mailand und auch an den Gross-Seneschall von Neapel. Petrarca unterscheidet zwischen istinc und hinc, wie zwischen istic und hic; wobei istic, istinc auf den Ort verweisen, wo sich der Adressat Luca aufhält, dagegen hic und hinc auf Avignon. Ein Satz lautet: istic enim aures eorum atque oculos duntaxat offendo, hinc ex me graviora concipiunt. Das heisst: „Dort beleidige ich bloss ihre Ohren und Augen, aber hier …“. Das gibt nur einen Sinn, wenn Petrarca sowohl von Feinden in Parma wie solchen in Avignon spricht oder von solchen, die ihren Aufenthaltsort von da nach dort gewechselt haben. Der Adressat Luca, der ihre Anklagen dem Dichter nach Avignon mitteilt, verkehrt mit dem Bischof Rossi von Parma und kennt die Feinde des Dichters ebenda. De sen. 18,66. Vgl. Fam. 13,5,7. Ad Lucil. 114,27. Nämlich der Irrtum über Petrarcas Vermögen. Lateinisch: redeo. Das Wort redire kommt mehrmals vor, und nur der jeweilige Kontext zeigt an, ob damit Zurückkommen oder Zurückgehen gemeint sei. Vgl. 1Cor. 1,31 und 2Cor.12,1. Vgl. Fam. 13,1 und 14,1. Im Lateinischen: hereditatem ecclesiasticam. Petrarca meint die vier Kanonikate in Lombez, Pisa, Parma und Padua. Die zwei erstgenannten gab er weiter. Er erwarb dann, wie er gleich angibt, noch eines in Modena; vgl. Wilkins, Studies in Kapitel 1, Seite 6 ff. Im Stand der Kleriker. Wilkins, Studies 25. Vgl. Fam. 9,1 vom Jahr 1347 an den Stadtherrn Manfredo Carpi. Jetzt, 1352, war Herr von Modena Aldobrandino d’Este von Ferrara. Hier ein Hinweis auf die Waage der Gerechtigkeit. Sen. Ad Lucil. 91,19. Ps. 136,1. Vgl. zur Jahreszahl Wilkins, Studies 91.138. 172 und Petr. corresp. 72.
Fam. 14,5, an den Dogen von Genua1 Ermahnung zum Frieden mit Venedig und zu bürgerlicher Eintracht. 1. Petrarca hat den richtigen Augenblick zum Schreiben abgewartet. 4. Die Genuesen sollen sich mit dem errungenen Sieg begnügen. 7. Ihre Tapferkeit in der Schlacht auf dem Bosporus war eine unerhörte Leistung. 11. Mit dem auswärtigen Feind hat Petrarca kein Mitleid, denn er hat Unrecht begangen; zu bedauern ist allerdings das arme Volk. 12. Hoffnung auf Sieg über die häretischen Griechen. 14. Der Kampf der Italiener solle sich gegen die Ungläubigen richten. 15. Den echten Sieg gewinne man durch gute Gesinnung. 17. Äussere Feinde zu haben, sei nützlich. Zu vermeiden seien innere Spannungen. 19. Beispiele für den Niedergang von Städten infolge moralischer Schwächen und Parteiungen in den eigenen Mauern. 22. Schilderung Genuas in seiner Glanzzeit. 27. Erinnerung an seinen Niedergang. 29. Rettung der Stadt durch die Wahl eines Dogen. Avignon, am 1. November (1352).
1. Gestatte mir, bitte, hochansehnlichster Doge, und Ihr, strahlende Leuchten des Rates, erlaubt, zu Euch vertraulich zu sprechen. Dabei fürchte ich ja nicht, es könnte so aussehen, als schickte ich dieses Schriftstück zu früh ab, wurde es doch in reiflicher Überlegung eine Zeitlang zurückgehalten. Bisher nämlich, so sage ich, wartete ich angstvoll den Ausgang ab, den das Schicksal so aufwendigen Kriegsrüstungen verleihen werde; denn während es unmenschlich gewesen wäre, die von Zorn und Hass entbrannten Herzen mit Worten anzufeuern, hielt ich auch für verfehlt, zum Zeitpunkt, wo die Krieger schon bewaffnet und in Schlachtordnung standen, sie zu warnen und von den Waffen wegziehen zu wollen. 2. Wusste ich doch, dass ein Behelmter den Kampf zu spät bedauert. Zudem glaubte ich, meiner Pflicht schon genügt zu haben. Denn noch vor Beginn dieses Krieges, durch welchen der Osten und der Westen gleichzeitig erschüttert wurden, und noch vor der Ausfahrt der beiden Flotten aus ihren Häfen, wandte ich mich an den ruhmreichen Dogen der Veneter, der mir besonders gut bekannt ist und damals benachbart war,2 um mit inständigen Bitten und beinah unter Tränen dafür einzutreten, dass er die auflodernden Flammen des Hasses ersticke. Den Vorwurf aber der Einmischung in fremde Angelegenheiten fürchtete ich dabei nicht, da keinem Menschen schlecht ansteht, wenn ihn menschliches Leid, und auch keinem Italer, wenn ihn italisches so betroffen macht, dass er nach seinen Kräften dagegen ankämpfen möchte. Und in dieser Hinsicht stehe ich, ausser ich täusche mich, an Eifer niemandem nach. 3. Nun endlich, da die Streitsache sich schon dem Ende zuneigt und mit beträchtlich viel Blut – wie ich meine – die Aufwallungen des Hasses gedämpft sind, denke ich, nicht zur Unzeit zu handeln, wenn ich gleichsam zum Rückzug blase.3 Das könnte ich allerdings nicht so vertrauensvoll tun, wäre mir der Charakter meiner Briefempfänger nicht bekannt. Kein anderes Volk ist im Kampf ungestümer und keines im Sieg menschenfreundlicher und milder. Gesiegt habt Ihr,
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kommt nun zur Ruhe! Niemand soll denken, Ihr hättet Eure gute Gesittung vergessen. 4. Nicht allein erlauchte Männer und Völker, sondern auch das edle Wild hat Genügen am Sieg; nur den Unedlen schafft es Lust, noch länger zu wüten; nur bei ihnen wird der Blutdurst nicht durch den Sieg gelöscht. Möchtet jedoch Ihr, da Eure Herzen im höchsten Masse menschlich sind, Eure siegreichen Hände vom Blut nun zurückziehen! Mag ein Kriegsunternehmen jene als Opfer gefordert haben, die im Gemetzel fielen, und mag das von kriegerischer Tüchtigkeit zeugen: Dennoch verträgt sich mit Eurer Milde nicht, Überlebende mit Waffen zu verfolgen. 5. Dabei fällt es ja keineswegs leicht, unter dem Haufen schwirrender Geschosse in reiflicher Prüfung Einzelnes abzuwägen, wen man etwa mit tropfendem Schwert verwunde oder wovon man die Hände zurückhalte;4 denn alles vermengt die hitzige Raserei der Kämpfenden. Hat sich diese jedoch gelegt und ist die Seelenruhe zurückgekehrt, stellt sich auch die verbannte Unbefangenheit des Urteils wieder ein, worauf man gleich die Streitlust zügeln und in einer offen bezeigten Menschlichkeit sich des Sieges würdig erweisen muss. Nicht leicht wird das einer leisten, dem der Siegesrausch etwas Neues und Ungewohntes ist, denn von einem übermässigen Freudentaumel lassen sich unbesonnene Wesen rasch hinreissen, und den Zügel der Vernunft schüttelt eine überraschende Freude ab. Euch jedoch ist das Siegen schon zur Gewohnheit geworden. So gross die Zahl genuesischer Kriege rings auf Erden, so gross auch die Zahl genuesischer Siege! Die Meere fast aller Völker habt Ihr mit Euren Triumphen und Siegen verherrlicht,5 so das Tyrrhenische, Adriatische, Euxenische,6 Ionische, Afrikanische und Ägäische. Eure Flaggen fürchtet auch der Ozean, und glücklich schätzt sich der Indus,7 da ja unmöglich sei, ihn mit Schiffen zu erreichen. Nur dies Eine fehlte bisher: Noch hatten wir den Bosporus nicht vom Blut Eurer Feinde schäumen sehen. Doch jetzt haben wir ihn so gesehen!8 7. Welcher Unterschied bestand nun zwischen uns, die wir davon lesen und eben den Kriegern? Nur dieser, dass sie in ihrem grossen Mut unter dem Kämpfen die Gefahr ohne Schrecken ertrugen und uns andere unter dem Lesen der Schrecken umfing selbst ohne Gefahr. 8. Wessen Herz hätte nicht ein Entsetzen befallen, ob er nun las oder hörte, was in jener grauenhaften Nacht geschah, als gegen Abend bei heftig brausendem Südwind zwischen Konstantinopel und Chalkedon drei der tüchtigsten Völker einen Angriff gegen Euch wagten? Vom Süden her – denn bei Gallipoli9 hatten sie die Anker gelichtet – kamen sie, beschleunigt vom Wind, mit geblähten Segeln geflogen, während Ihr Euch der Feinde, des Windes und des Meeres erwehrtet! Ein so verbissener Kampf entstand, dass weder das gewaltige Unwetter, noch die folgende Finsternis ihm Einhalt geboten. 9. Was war das für ein Sturmwind, was für ein Knarren der Taue, Schallen der Trompeten, Schreien und Stöhnen der Kämpfenden, was für ein Aufprall der Schiffe und Klang der Schwerter und Pfeifen der im Finstern sausenden Geschosse? Die ganze Nacht hindurch
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währte die Schlacht, weshalb das folgenden Verspaar in allen Stücken auf sie zutrifft:10 „Wer aber schildert die Nacht, das Gemetzel, den Tod und die Leichen; Wer ihre Not und zollt dem Verlust die gebührenden Tränen?“ 10. Schliesslich hielt man den Kampf bis zur nächsten Taghelle ununterbrochen aufrecht, und zwar – was die Nachwelt erst völlig erstaunen wird – durch die Länge gar einer Winternacht, wonach der folgende Tag der Fortsetzung des Streites diente. Wer hätte je Ähnliches vernommen, wer je Ähnliches gesehen oder gelesen? Einen grossen Teil des einen und einen grossen Teil des nächsten Tages und die Nacht dazwischen dauerte das Ringen mit den Wogen, dem Wind und den Feinden! Da widerstanden Euch drei Heere aus verschiedenen Weltteilen, da waren drei Nationen aus weit von einander entfernten Ländern in ein einziges verschlungen, und da war mitten unter ihnen allein auf sich gestellt die Tapferkeit der Genuesen! Der Genuesen alleiniges Schicksal! 11. Und über die ausländischen Feinde trauere ich nicht. Was mischen sie ihre Geschosse in Gefechte der Italer? Ein käufliches Geschlecht, vertragsbrüchig und anmassend ist das! In einen langen und unseligen Krieg hat sie der Mammon verlockt, so dass sie den mit Euch feierlich geschlossenen Frieden vergassen.11 Freilich, das räume ich ein, gebührt dem schwer betroffenen und armen Völklein12 Mitleid, wenn auch Zorn seinen Führern,13 die mit schändlichem, menschenunwürdigem Handel das Blut ihrer Nation gegen kleine Summen verkauften. 12. Und über die betrügerischen und feigen Griechlein, die nicht bereit sind, etwas Tüchtiges selber zu wagen, trauere ich schon gar nicht. Nein, ich freue mich ihretwegen sehr; und dass ihr unrühmliches Imperium und der Sitz ihrer Häresien14 durch Eure Hände zerstört werde, das wünsche ich, sofern Euch Christus etwa zu Rächern ihrer Frevel erwählt und Euch eben die Vergeltung auferlegt hat, die vom ganzen rechtgläubigen Volk übel verzögert wird. 13. Am Leid unserer Italer hingegen nehme ich von Herzen Anteil. Hätten jene nur meinen treuen Ermahnungen rechtzeitig geglaubt!15 Oh wolltet Ihr beide – was ich offen kaum auszudrücken wage – dank einer Eingebung des Himmels endlich überdenken, dass Ihr gleicherweise Italer seid, Freunde wart und sein könnt! Oh wolltet Ihr doch nicht wegen schwerer Beleidigungen, vielmehr – wie ja seit je den nach höchstem Rang ausgreifenden Mächtigen eigen war und ist – um Ruhm und besondere Tüchtigkeit16 einen Wettstreit unternehmen! 14. Und wolltet Ihr Euch doch rasch ermannen, um von diesem italischen und inneren Krieg zu einem äusseren überzugehen und um gemeinsam die rächenden Waffen gegen treulose Aufrührer zu richten! Und hättet Ihr sie mit Schwert und Schlinge und Ertränken umgebracht – was in einem einzigen Augenblick geschehen könnte –, oh wolltet Ihr dann auch unverzüglich ein frommes Unternehmen zur Befreiung des Heiligen
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Landes wagen, um in der segensreichen Nachfolge Jesu Christi ein Schauspiel zu bieten, das in der ganzen Welt und bei den späteren Geschlechtern unendliches Wohlgefallen fände! Doch ich nehme den Faden wieder auf. 15. Ihr habt gesiegt, tapfere Helden! Beweist nun allen Sterblichen, dass Ihr mit Italern nicht aus Hass und Begehrlichkeit, sondern für den Frieden gekämpft habt. Zwingt Eure Feinde, wenigstens schweigend zu bekennen, sie seien von Euch weniger durch Eure Waffen als durch Eure Sitten besiegt worden. Wer sich fürchtet vor Eurer Gewalt, möge Eure Tugend verehren und lieben. Richtigerweise wird als Überlegener bezeichnet, wer seinen Gegner dank höherer Gesinnung, nicht dank dem Schwert übertrifft. Ein wahrer Sieger ist, wer sein Verlangen besiegt und sich durch Vernunft besiegen lässt, Erregung meistert, Siegergebaren mildert und seinen Zorn bezwingt. Eines häufigen Sieges ist würdig, wer im Siegen sich adelt. Den höchsten Kriegsruhm besitzt, wer im Unglück nicht ermattet, im Glück sich nicht aufbläht. 16. Im einen Geschick habt Ihr Euch unter den Beschwerden des Krieges soeben bewährt; im andern sollt Ihr Euch jetzt nach errungenem Sieg erst noch auszeichnen, damit die Welt erkenne, wie Ihr in jeder Lage der selben Gesinnung seid und damit die Zierde der Unerschütterlichkeit und Ausdauer sich Euren Vorzügen zugeselle. Nichts von dem, was zur Vollendung der Glorie erwünscht ist, sollt Ihr im Frieden und Krieg entbehren. 17. Nun komme ich zu jener Sorge, die mich am meisten bedrückt und beunruhigt. Und würde Eure Bescheidenheit mich davon befreien, könnte in Eurem Staatswesen nichts mehr sein, was mich ängstigt. Es pflegt gleich wie die äussere Gesundheit eines mächtigen Körpers auch die Ruhezeit grosser Städte verborgene Schwächen im Überfluss zu haben und nach der Unterdrückung der augenscheinlichen Übel noch an den Eingeweiden im Innern zu leiden. Sobald eine Krankheit auftritt, lässt sich unverzüglich erkennen, dass es besser ist, sie bleibe aussen auf der Haut, als sie wandere in die Gegend des Herzens. 18. Wie für schwere Leiber anhaltende Übungen, so sind auch für mächtige Völker Kriege oftmals ein Heilmittel. Und wie übermässige Ruhe einen Leib belastet und krank macht, so schwächt eine allzu lange Ruhezeit ein Gemeinwesen. Im Leib erzeugt sie verschiedene Säfte und im Volk vielfache Spannungen, ungeordnete Regungen und Streitsucht. Eine massvolle Bewegung ist der guten Gesundheit förderlich, doch die sorglose Ruhe macht eine geschwächte Gesundheit für Krankheiten empfänglich. 19. Nie wäre die römische Tüchtigkeit erlahmt, hätte Karthago unbeschadet weiterbestanden. Dass jener Schrecken vom römischen Nacken wegfiel, ebnete fremden Lastern wie Bürgerkriegen den Weg; und damit wurde das Ende einer grossen Beschwerde zum Anfang einer grösseren. Und was soll den Athenern geschadet haben? Zweifellos ging die herrliche Stadt nicht vor allem infolge ihres andauernden Kampfes mit äusseren Feinden oder ihrer bei Syrakus zerstörten Flot-
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te,17 sondern wegen ihres unseligen Bürgers Alkibiades und wegen der ungestümen Raserei ihrer eigenen dreissig Tyrannen18 zugrunde. 20. Leichter schützt man sich vor äusseren Gefahren als vor den im Innern verborgenen, wie denn überhaupt bei jeder Krankheit das versteckte Übel am gefährlichsten ist. Deshalb, so bitte ich, richtet darauf die Schärfe Eures Weitblicks, durch den Ihr Euch glänzend hervortut. Das tut ohne Unterlass! Und dass wegen Eures Sieges die Kühnheit nicht leichtsinnig überborde, das verhütet mit grösster Umsicht! Das Beste ist, in Frieden zu leben, und wird das nicht geschenkt, ist weit eher der Streit mit einem äusseren Feind als der mit einem Mitbürger zu wünschen. 21. Ich habe keinen prophetischen Geist, und aus dem Lauf der Gestirne verspreche ich Euch keine Kenntnis der Zukunft; doch so weit sich mit Hilfe der voraussehenden Vernunft aus der Vergangenheit auf die Zukunft schliessen lässt, werden Euch Tüchtigkeit und Schicksal soviel zugestehen, dass Ihr in auswärtigen Kriegen unbesiegt bleibt. Keinen Feind ausser den inneren und kein Schwert ausser das Eures Bürgers habt Ihr zu fürchten. Rom war durch nichts zu besiegen ausser durch sich selbst,19 und eben das werdet auch Ihr erleben, wenn Ihr unterlasst, Euch rechte Bürgertugend und bescheidene Wesensart anzueignen. Doch wenn Ihr das tut, werdet Ihr immer erfolgreich und stets unbesiegbar bleiben. Eure Flotte wird, darf sie sich selbst vertrauen, furchterregend vor allen Küsten erscheinen. 22. Mit vielen Worten könnte ich zeigen, welche Städte, von Feinden unbesiegt, sich durch lauernde Zwietracht im Innern zerstörten. Doch bei so allbekannter Sache meine ich, wenige Beispiele, und von allen die berühmtesten, nämlich solche aus der Antike, können genügen. Aus unserer eigenen Zeit finde ich nirgends ein besseres Exempel als das Eure. Ruft Euch jene Zeit in Erinnerung, in der Ihr unter den Völkern Italiens das glücklichste gewesen seid! 23. Ein Kind war ich damals,20 und ich erinnere mich daran kaum anders als wie an ein Traumgesicht. Jene Bucht Eurer Küste, nach Sonnenaufgang und -untergang offen, schien nicht eine irdische, sondern eine himmlische Stätte zu sein, gleich jener, welche die Dichter mit den elysischen Feldern zusammen erwähnen:21 Hügelige Joche mit anmutigen Pfaden, darunter grünende Täler und in den Tälern selige Geister! 24. Wer hätte nicht von der Höhe herab die Türme und Paläste bewundert und die mit Kunst gebändigte Natur und die steilen Anhöhen, bekleidet mit Zeder, Rebe und Ölbaum? Und unter hohen Felsen Gebäude aus Marmor, schön wie die der Könige und für keine Stadt nicht begehrenswert? Wer hätte nicht überrascht jene heitersten Winkel betrachtet, wo zwischen den Klippen auf goldverzierten Balken Gewölbe standen, dröhnend im Wogen des Meeres und tropfend im Sturm. Mit ihrer Schönheit zogen sie das Auge der Seefahrer auf sich, und gebannt von ihrem unerhörten Anblick hielten die Schiffer ihre Ruder in der Schwebe. 25. Und wenn einer den Landweg nahm, packte ihn da nicht mächtige Verwunderung, wenn er an Männern und Frauen ein ehrfurchtgebietendes und
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mehr als menschliches Gehaben erkannte? Welcher Wanderer hätte nicht mitten auf seinen Wegen gestutzt, wenn er auf Waldplätzen und abgelegenen Landstücken Herrlichkeiten entdeckte, die er nicht einmal in Städten hatte vorfinden können? Und wenn er endlich die Stadt selber erreichte, die wahrhaft königliche, wie auch von Rom gesagt wird, da musste er glauben, den Tempel des Glücks und die Pforte der Freude überschritten zu haben. 26. Nicht viel früher, nach Eurem ersten in gewaltiger Schlacht errungenen Sieg über die Pisaner,22 habt Ihr sogleich ein Seegefecht mit den Venetern ausgestanden.23 Fragt Eure Alten – es sind da noch einige, die beide Schlachten erlebt haben –, welch eine Erregung in den Häfen, welch eine Ehrfurcht in der Menge, welch ein Getöse an den Küsten bei der Ankunft der siegreichen Flotte entstanden, dies zu einer Zeit, da ohne Eure Erlaubnis auf dem ganzen Meer kaum einer sich regte! 27. Wendet allmählich Gedanken und Erinnern jener anderen Epoche zu, in der die Gefährten des Erfolges, nämlich Luxus, Neid und Stolz, in die glückliche Stadt und die siegreiche Bevölkerung eindrangen und diese, was fremde Hände nie vermocht hätten, in so grosses Elend stiessen, dass die Stadt vernachlässigt und verwahrlost und schmutzig dastand und jene Zierde an den Ufern, weil von den prachtvollen Hallen jede in eine Spelunke von Räubern verwandelt war, den Vorüberziehenden Furcht und Schrecken einjagte. 28. Schliesslich wurde die Stadt von ihren Verbannten umstellt,24 welche mit Hilfe der Mailänder sie in einem lang andauernden verheerenden Krieg zermürbten. Damals war es, dass König Roberto von Sizilien seligen Angedenkens, das strahlendste Gestirn seiner Zeit, zu Hilfe herbeieilte25 und darauf fast ein volles Jahr eingeschlossen in ihren Mauern verbrachte, während täglich – was als Ungeheuerlichkeit zu berichten ist und niemals sonst vernommen wurde – gleichzeitig sowohl zu Wasser wie zu Land, ja auch in der Luft und unter der Erde gekämpft wurde. 29. Nachher gab es bei Euch während vieler Jahre nichts an Frieden und nichts an Sicherheit, obwohl Ihr doch nichts anderes als die siegreiche Macht Eurer eigenen Bürger und deren wohlbekannte Waffen zu fürchten hattet. Das dauerte solange, bis Ihr durch Schaden belehrt, in der Wahl eines einzigen gerechten Dogen Hilfe suchtet.26 Und diese Regierungsform ist gewiss für eine Republik die beste. Wirklich erschlafften damals zum ersten Mal die Spannungen; es erneuerte sich Euer Erfolg; und als die Nebel des Grams verscheucht waren, lebte auch die ersehnte Heiterkeit wieder auf. Es erstand mit dem Frieden zu Hause die ihm stets freundlich verbundene Gerechtigkeit, hierauf eine wohltuende Eintracht der Bürger, ein durchaus sicherer Aufschwung der Bürgergemeinden. Und keine anderen Siege gab es als einzig solche über äussere Feinde. 30. Angesichts dieser Umstände wird die kluge Vorsorge für die Zukunft wohl leicht ergriffen. Alt ist das Wort, vieles gerate eben darum schlecht, weil es bloss einmal geschehe und den einmal Irrenden kein Neubeginn zustehe. Ihr aber seid zur einen und gleichen Zeit zweimal glücklich. Was Euch kopfüber stürzte und was
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Euch einst des ersten Glückes beraubte, daran erinnert Ihr Euch; es ist ja nicht lange her, und durch die eigene Vergangenheit wie durch ein frisches Beispiel seid Ihr belehrt worden. Wo besonders viel Glück herrscht, ist um so mehr Wachsamkeit nötig. Sehr anfällig ist die menschliche Wohlfahrt; gefährdet ist sie und schlüpfrig. 31. Ihr habt erfahren, dass nichts als Eure eigenen Waffen und Eure innere Zwietracht Euch Schaden zufügten. Doch seht, von neuem beginnt Ihr zu leben! Beachtet Eure Schritte und hütet Euch, auf den alten Spuren ins frühere Unglück zu gleiten. Wenn Ihr Euch davor hütet, ist alles Übrige sicher. Siegreich werdet ihr aus allen Schlachten zurückkehren. Liebt Euch gegenseitig! Liebt die Gerechtigkeit, liebt den Frieden! Und wenn das Verlangen nach Kriegszügen anhält, geht in den Krieg mit Glück, – denn an Feinden wird es nie fehlen! Auf Bürgerkriege aber verzichtet! Avignon, am 1. November (1352).27
Anmerkungen 1 Da das Schreiben wohl aus dem Jahr 1352 stammt, ist anzunehmen, dass der Befehlshaber von Genua, an den Petrarca sich wendet, Giovanni Valente heisst. Dieser war 1350 auf Giovanni di Murta gefolgt. Doch da Petrarca den „Dux“ ohne Namen anspricht, mag das darauf hindeuten, dass er über die momentane Lage in den Bürgerkämpfen Genuas ungenügend orientiert war. Vgl. unten Anm. 24. Vom Jahr 1351 datiert ein Schreiben Petrarcas an den Dogen Andrea Dandolo von Venedig, das vom Krieg mit Genua abmahnt; vgl. Fam. 11,8, auch vorn die Notiz im Überblick. 2 Fam. 11,8,16. 3 Petrarca schreibt seinen Brief an Genua offenbar einige Monate nach der Schlacht auf dem Bosporus vom 13./14. Februar 1352; vgl. unten Anm. 8. 4 Damit erinnert Petrarca vielleicht an die unentschiedene Frage, welche Partei gesiegt habe. 5 Die folgenden Ausführungen sind nicht frei von Übertreibungen. Doch Genuas Grösse wurde 1261 begründet, als der byzantinische Kaiser Michael VIII. mit ihm einen Vertrag abschloss, um sich leichter der Venezianer zu erwehren. 1266 drang Genua ins Schwarze Meer ein. Es erhielt 1267 Quartier in Galata, einem Vorort Konstantinopels. 1284 gelang ihm der entscheidende Sieg über die Seemacht Pisa bei Meloria. 1294 ff. führte es mit wechselndem Glück Krieg gegen Venedig um die Meerengen. Es befestigte Galata. 1304 bemächtigte es sich der Insel Chios, verlor sie wieder und eroberte sie 1346 erneut. 1349 geriet es mit Byzanz in Streit wegen Zolleinnahmen in Galata, versuchte, die Kontrolle über den Handel im Schwarzen Meer zu erlangen und stellte nun für Byzanz eine grössere Bedrohung als Venedig dar. Weil Kaiser Kantakuzenos sich deshalb entschieden Venedig zuwandte und dessen militärische Hilfe suchte, machte sich Genua ab 1350 auf einen neuen Kampf auch gegen diese Macht bereit. 6 Gemeint ist das Schwarze Meer. 7 „… timet Oceanus, gaudetque Indus…“ Vielleicht hat Petrarca, da er vorangehend nur Meere aufzählte, auch unter Indus eher ein Meer als einen Fluss verstanden. Der Indus war schon in der Antike schiffbar; aber zu Petrarcas Zeit war das Indische Meer von Europa aus nicht mit Schiffen erreichbar. 8 Am 13. Februar 1352 fand die Schlacht auf dem Bosporus zwischen Genua einerseits und Venedig, Byzanz, Morea und Aragon anderseits statt. Die genuesische Flotte stand unter dem Kommando eines Paganino Doria; beide Parteien sprachen sich den Sieg zu; in den Heeren kämpfte viel ange-
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Fam. 14,5 heuertes Volk; vgl. oben Anm. 4. Angaben zu Paganino Doria findet man im Dizionario biografico degli Italiani (DBI) Bd. 43. Die Stadt liegt am Übergang vom Marmara-Meer zu den Dardanellen. Verg. Aen. 2,361–362. Zur Gefahr Genuas für Byzanz vgl. oben Anm. 5. Im Lateinischen: misero popello. Gemeint sind Anführer von Söldnerheeren. Der Westkirche galt die Ostkirche für häretisch seit dem 1054 besiegelten Schisma. Gemeint sind die Venezianer; vgl. Fam. 11,8. Im Lateinischen: de gloria et superioritate certamen. Petrarca denkt an eine geistige, sittliche Überlegenheit. Das führt er im Abschnitt 15 aus. Das war 413 v. Chr. unter Alkibiades. 405 anerkannte Athen die Vorherrschaft Spartas und führte eine Oligarchie von 30 Vornehmen ein. Eine oft geäusserte Überzeugung Petrarcas; vgl. z. B. Fam. 14,1,29. Wahrscheinlich befand sich Petrarca mit seinen Eltern nach der Vertreibung aus Florenz und einem Aufenthalt in Arezzo 1311 in Genua, als Heinrich VII. die Stadt besuchte. Viele Verbannte suchten damals den König auf, weil sie von ihm eine Befriedung erhofften. Wirklich konnten damals wenigstens die Ghibellinen Genuas in ihre Stadt zurückkehren. Vgl. Verg. Aen. 6,676–680 und Eutropius, Breviarium 2,13,3. So 1284; vgl. oben Anm. 5. 1298 siegte Genua über Venedig bei Curzola (Korkyra im Archipel). Einen „ewigen“ Frieden schlossen Genua und Venedig 1299. Mit 1299 ging Genuas Glanzzeit zu Ende. Genua zersetzte sich infolge von Familienfehden, besonders infolge des Streites zwischen der guelfischen und der ghibellinischen Partei. Marco Visconti unterstützte die vertriebenen Ghibellinen monatelang durch Belagerung der Stadt. Roberto von Neapel verteidigte die vorwiegend guelfisch gewordene Stadt 1318 als Inhaber der Signorie. Simone Boccanegra, ein Popolane und Ghibelline, war am 23. September 1339 als „erster Doge“ auf Lebenszeit gewählt worden. Er dankte infolge starker Befehdung durch Adelskreise 1344 ab, wurde jedoch nach seiner Rückkehr aus seinem Exil 1356 erneut als Doge akklamiert, starb 1363 wohl durch Vergiftung. Zu seiner Person vgl. DBI Bd. 11,37 ff. Zur Datierung vgl. Wilkins, Studies 141. 177.
Fam. 14,6, an die Genuesen1 Aufmunterung zum Krieg gegen auswärtige Feinde. 1. Die Genuesen verlegen ihren Kriegsschauplatz von Osten nach Westen. 2. Ihr Gegner ist meineidig. 4. Entgegen seiner Gewohnheit ermuntert Petrarca zum Kampf. 7. Aus Goldgier hat sich der Gegner mit den Venezianern verbunden. 8. Kriege mit äusseren Feinden helfen den Genuesen, inneren Streit zu überwinden. (Februar oder kurz nachher 1353)
1. Was ich wünschte, habe ich vor Augen: Vom Osten wendet Ihr Eure Siegeszeichen zum Westen zurück.2 Hier legt Euch ins Zeug! Dies, tapfere Männer, erbitte ich von Euch! Das tut! Das ist frommer, das gerechter, das heiliger, das ist nicht im mindesten italischer Krieg. Hier Kriegskunst und Tapferkeit zu üben, hier Eurem Ungestüm zu gehorchen, das rate ich! Hier habt Ihr die uranfängliche Wurzel aller Übel mit Euren Äxten auszurotten! 2. Eben hier steht der meineidige König!3 Ihm, der einst nach gerechten Kriegsgründen jagte, als er Euch den Krieg ansagte, habt Ihr geantwortet (ich weiss nicht, ob mehr zornig oder mehr wahr), dass seine Gründe hohle Worte seien und dass der wahre Grund für seine Wut in seiner Habgier liege; er verkaufe zu geringem Preis seine Ehre und das Blut der Seinen, und was er jetzt beginne, werde er über kurzem in einer allzu späten Reue verdammen. 3. Seht da, die angedrohte Zeit ist gekommen. Auf dem Tyrrhenischen und Afrikanischen Meer wird eingebracht, was auf dem Hellespont nicht zu haben war. Das westliche Meer raucht vom Gemetzel und gleisst in seinen Feuerbränden. Und seid Ihr einmal an Land gegangen, dann verwüstet mit Flammen und Schwert die Hütten der bedürftigen Räuber! Fahrt fort, ich bitte Euch und lasst nicht davon! „Verfolgt Eure Feinde und fangt sie ein und wendet Euch nicht ab, bevor sie erlahmen,“ wie der Psalmist4 sagt, „zerbrecht sie; stehen können sie nicht; zu Euren Füssen werden sie hinfallen.“ Die vor kurzem in einem fernen Kampf hingestreckt wurden, überwältige man jetzt auf ihrem eigenen Boden. Erkennt die Macht des Euch günstigen Schicksals! 4. Ich pflegte zu mahnen: „Zügelt die Kühnheit, bändigt den Zorn, mildert die Siegeslust!“ Die Lage hat sich geändert; ich ändere meine Rede und rufe: „Hetzt die Erschreckten, holt die Flüchtenden ein, versagt den Erschöpften ein Atemholen, bringt diesen Kampf zur letzten Vollendung! Weicht nicht zurück vor dem Königstitel!5 Was nach aussen glänzt, ist im Inneren oft lichtlos. Besser als ein Königreich ist die Züchtigung königlichen Hochmuts. Keinen König habt Ihr, doch königlichen Mut. Klein war Rom zur Zeit der Könige; kaum der Könige ledig, war es gewaltig. Und die Stadt, die ein einziger König geknechtet hatte, begann ohne Könige zu herrschen. 5. Fallt auch Ihr über diesen König her! Weder geben noch nehmen die Zepter die Tüchtigkeit. König ist er, doch Mensch, doch sterblich und
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Euch ein vielfacher Schuldner; dem gerechten Richter wird er die gehörige Busse entrichten. Schliesslich bleibt er – was wir immer von ihm denken – bloss Einer! Und wie viele gibt es in Eurem Volk, die weit tüchtiger sind? Und wie viele sind es, die von Heldentaten herrlicher strahlen und auf ihrem Scheitel ein Diadem von schönerem Lichtglanz tragen? 6. Geht also furchtlos voran! Mit einem blossen Titel führt Ihr Krieg. Ihr habt lebendige Leiber überwunden,6 wie solltet Ihr vor Schatten erschrecken? Geht mit Glück! Ihr zieht nicht in den Krieg, Ihr zieht zur Beute des Krieges! Geht in Eile, so lang die Gelegenheit währt. Weiss man gegen Bürger einen Sieg zu nutzen, ist es Grausamkeit; weiss man ihn gegen Feinde nicht zu nutzen, ist es Unverstand. 7. Da ist also der anmassende König, der Verächter der Verträge und Versprechen! Da ist auch das Volk, das den Frieden nicht erträgt; da auch die verruchte und grausame Flotte! Sie sind Euch und allen Menschen feind. Rächt Euch und rächt die Republik, und zwingt diese Barbaren zur Einsicht, dass es Wahnsinn war, gegen Gerechtigkeit und bewaffnete Männer einen ehrlosen, rechtlosen Krieg anzufangen, bestrickt vom Gold der Veneter, blind gierend nach fremden Schätzen und der eigenen Lage vergessend.7 In aller Öffentlichkeit mögen sie den tollen, überstürzten Beschluss einer Minderheit bereuen und ihre unseligen Geschosse, die sie gegen Euch erprobten, auf ihre Verräter wenden. Ewig sollen sie sich fürchten, und nicht bloss vor Euren Waffen, nein auch vor Eurem Namen. 8. Ich spreche ganz gegen meine Gewohnheit. Auf Entflammte schütte ich Feuer, und Laufenden gebe ich die Sporen. Was ich rate, habt Ihr längst begonnen; und schon winkt dem schönen Beginnen Fortuna. Folgt ihrem Rufen mit unerschöpflicher Manneskraft. Obwohl sonst ein Lobredner des Friedens, erkläre ich jetzt voll Zuversicht: Förderlich ist Euch, dass solche und ähnliche Kriege nicht sterben. Der Rost des bürgerlichen Lebens wird im Ringen mit fremden Feinden abgewetzt. Eure Absichten kenne ich nicht; doch mich entrüstet das Euch angetane Unrecht. Daher wollte ich verderben, könntet Ihr in diesem Schreiben den leisesten Gedanken an Frieden entdecken. Einen unblutigen Sieg wünsche ich Euch über den meineidigen Gegner! (Februar oder kurz nachher, 1353)8
Anmerkungen 1 Vgl. Fam. 14,5 an den Dogen und den Rat von Genua, aber auch Fam. 17,3–5 zu den Niederlagen der Genuesen im Jahr 1353. 2 Im vorangehenden Brief war von Kämpfen im östlichen Mittelmeer, vorwiegend in byzantinischen Gewässern die Rede; jetzt gedenkt Petrarca eines Krieges der Genuesen gegen Pedro IV. von Aragon um Sardinien. Die Genuesen, die Sardinien in langen Jahren bis 1336 erobert und nachher an Ara-
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gon verloren hatten, verbanden sich im Februar/März 1353 mit Aufständischen auf der Insel, um sich dort alte Recht zurückzuerobern. Vgl. die vorangehende Anm. 2. Ps. 17, 38–39. Pedro IV. hiess der „Feierliche“; er galt als skrupellos und verschlagen, war dabei erfolgreich in seinen Unternehmungen zur Expansion, während welcher er unter anderem Sardinien an sich brachte. Dies ein Hinweis auf frühere sehr blutige Kämpfe mit tüchtigen Gegnern wie den Venezianern. Aragon hatte sich mit Venedig 1351 verbunden, nicht zuletzt wegen seiner Kämpfe mit Genua um Sardinien. Das Datum berücksichtigt das Bündnis Genuas mit sardinischen Aufständischen; vgl. Anm 2. Von der Seeschlacht bei Alghero sprechen Fam. 17,3–5.
Fam. 14,7, an Guy de Boulogne, Kardinal-Bischof von Porto1 Vergebliches Warten auf die Rückkehr des Kardinals. 1. Eine erteilte Erlaubnis zur Abreise hat der Kardinal zurückgenommen; er will für den Dichter etwas Bedeutendes erwirken. 4. Petrarca wartet vergeblich auf den Kardinal. 7. Dann macht er sich in Vaucluse zur Italienreise bereit. Er bittet den Kardinal, das für ihn Bestimmte seinen Freunden zukommen zu lassen. An der Quelle der Sorgue, am 8. November (1352).
1. Die Erlaubnis zur Abreise, mir bei Deinem Abschied mündlich zugesagt, hast Du auf Deiner Reise in einem mir zugesandten Schreiben zurückgenommen.2 Wie es Deiner wunderbaren Güte entspricht, „bittest“ Du darin und „rätst“; ich jedoch nehme, wie es meiner dienstbereiten Niedrigkeit ziemt, Deine Bitten und Deinen Rat als Befehle an. Du also bittest, so sage ich, und rätst, mich nicht vom Ort zu entfernen, bis Du entweder zurückkämest oder mir von einer bedeutenden Sache geschrieben hättest, die, wie Du sagst, meine Lage betreffe. Diese nach allen Kräften zu fördern, bietest Du Dich in Deiner bewundernswerten Menschlichkeit und Grosszügigkeit an. 2. Wer würde da meine Freude fassen und meine Verehrung ermessen? So Gutes von so Grossem für den so Geringen! Und was das Löbliche verdoppelt: Ich habe durchaus nichts veranlasst oder auch bloss geahnt, wobei ich allerdings von Dir niemals anderes als Gütiges und Herrliches erwartete. Ohne unser Zeitalter beleidigen zu wollen, möchte ich sagen, das entspreche nicht moderner Gewohnheit! 3. Und eben deswegen sehe ich mich erst recht gezwungen, Deinen Charakter zu bewundern und mein Geschick zu preisen. Ob anwesend oder abwesend, vergisst Du die Deinen niemals und hörst nie auf, ihnen Erleichterungen und Ehrungen zu verschaffen. Habe ich einer der Deinen zu sein verdient, bin ich glücklich; denn niemand kann das ohne Hilfe der Tüchtigkeit verdienen. Ist es mir aber ganz ohne Verdienst zugefallen, sehe ich mich, wie man sagt, durch ein mir günstiges und freundliches Gestirn bevorzugt. 4. In meinem Verlangen, Dir zu gehorchen, habe ich indessen nicht bloss einen Monat, wie Du ihn für Deine Abwesenheit bestimmt hast, nein ganze zwei vergeblich gewartet und meine Abreise in der Schwebe gehalten, nichts anderes mehr erhoffend und begehrend, als Dich noch einmal zu sehen, den ich immerfort sehe.3 Doch indem ich meine verlangenden Augen und Dein gestirntes Angesicht bedenke, muss ich wohl vermuten, dass ich nach meiner Abreise Dir nicht bald wieder begegne. Gerne habe ich deshalb versucht, einem aufsteigenden Verlangen vorzubeugen. 5. Was aber nun? Jener grösste der Könige,4 Dir in Liebe und auch durch Blut verbunden, sowie Dein Paris und die sanft strömende Seine halten Dich, der sein Versprechen vergass, längere Zeit zurück, als Du zum voraus geplant hast. Mich
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dagegen vermochten das schreckliche Avignon und die aufbrausende Rhone nur mit Mühe bis jetzt zu halten. Endlich erschöpft und der kurialen Geschäfte überdrüssig und länger zu warten unfähig, habe ich eben heute Reissaus genommen, doch nicht um weit weg zu gehen. Denn ich werde, so lang als möglich, hier an der Quelle der Sorgue noch warten, ob vielleicht ein angenehmes Gerücht von Deiner Rückkehr hierher dringe. 6. Doch wenn Du weiterhin wegbleibst, werde ich von hier heimlich und wortlos verreisen, meine Freunde hintergehend. Sie wollten ja, wenn sie nur könnten, trotz meinem Widerstreben und trotz ungünstiger Lage, mich auf ewige Zeiten zum Bleiben zwingen, wobei sie ohne Rücksicht auf mich einzig ihre eigenen Wünsche verfolgen. Dabei hat doch eben meine Freundesliebe5 zu ihnen mich dazu angespornt, vieles zu ertragen, wozu mein Ehrgeiz mich niemals gedrängt hätte; ja sie hat Hand an mich gelegt und meinen erschöpften Leib lange an diesen Ort gebunden, wo meine Seele nicht war. 7. Schliesslich kam noch, wie gesagt, Dein gewichtiger Befehl hinzu und legte meinem schon ausgestrecken Fuss seine Fesseln an. Und wenn jede Mühe und jede Schwierigkeit im Mass, als sie dem Ende näher rückt, desto schwerer fällt, so wirst Du begreifen, dass diese Verzögerung von zwei Monaten in eben dieser Gegend mir länger als ein ganzjähriger Aufenthalt vorkam. Im Hinblick auf dieses mein Verdienst bitte ich, weil andere fehlen, um eine letzte Gunst, nämlich meine künftige Abwesenheit so zu beurteilen, dass es meinen Freunden nicht schade. Wenn Du für mich etwas Bedeutendes unternommen hast – und etwas Geringes entspricht nicht Deiner Gewohnheit –, würdest Du mir die grösste Freude bereiten, wenn das für mich Bestimmte an jene gelangte. Sie könnten dann, solange Du hier bist, mein Wegsein verschmerzen. 8. Mir als einem Einzelnen kann für den sehr kurzen Weg meines restlichen Lebens eine Wegzehrung genügen,6 ja mehr als genügen, ja übergenug sein. Nichts weiter begehre ich. Du aber, mildester Vater, ich beschwöre Dich, verzeih, dass ich, so gerne und freudig ich Dir gehorchte, wann immer es möglich war, jetzt endlich traurig und ungern der Notwendigkeit willfahre. Ihr beugen sich ja auch Fürsten und Könige! Lebe wohl, Du Ruhm der Kirche. An der Quelle der Sorgue, am 8. November (1352).7
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Vgl. Fam. 13,1 und das Personenreg. Vgl. Fam. 13,7,18 ff. Ein von Petrarca häufig geäusserter Hinweis auf das Sehen mit einem geistigen Auge. König Jean le Bon, 1350–1364. Hier wie häufig das lateinisch Wort caritas für Freundesliebe. Zur Wegzehrung für das Lebensende vgl. z. B. Fam. 13,5,7; 14,4,17.
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7 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 133–137.175 und Petr. corresp. 72. Der Gelehrte rechnet mit einer einmaligen Rückkehr nach Vaucluse; doch ist Petrarca offenbar später, nachdem er einen ersten vergeblichen Versuch zur Abreise gemacht hatte, ein zweites Mal nach Vaucluse zurückgegangen (vgl. Fam. 15,2. 15,3 und 15,11 mit Anmerkungen).
Fam. 14,8, an Ponzio Sansone, Vorsteher von Cavaillon1 Bitte um Entschuldigung wegen einer grusslosen Abreise. 1. Petrarca hat zum voraus mit der Nachsicht des Vorstehers gerechnet; er ist stark beschäftigt. 3. Er stellt aber den Wert seiner eigenen Studien in Frage. 5. Jetzt teilt er seine bevorstehende Italienreise mit. An der Quelle der Sorgue, am 18. November (1352).
1. Es verzeihe mir, bitte, Deine gütige Menschlichkeit, Du Bester, dass ich grusslos davonging; das hätten mir die Schuld einer alten Zuneigung und die eines neuen Versprechens eigentlich verboten.2 Nichts aber gibt es, was sich ein Herz, das sich sehr geliebt weiss, nicht herausnähme, und deshalb habe ich auf Dein Verständnis gehofft, so gebe ich zu, und mir gesagt: „Er kennt meine Gewohnheiten, meine Geschäfte und mein Herz; Verzeihung wird er mir in Anbetracht meiner Arbeitslast nicht versagen.“ 2. Da Du mich in letzter Zeit wegen einer neuen und ungewohnten Art von Beschäftigungen3 als den stets meist beschäftigten Mann kennst, bin ich in diesen Tagen, wenn über dem Superlativ noch ein höherer Grad besteht, sogar noch geschäftiger als ich selber. Deshalb wundere ich mich, ärgere ich mich und frage bei mir selber: „Wozu sollen die Sterblichen in einem so kurzen Lebenslauf sich um so vieles bekümmern? Was will ihre so ängstliche Betriebsamkeit?“ Dennoch schmeichle ich mir nicht selten, indem ich mir einrede, meine Beschäftigungen stammten nicht vom Haufen der alltäglichen und vulgären Art, sondern aus einer recht edlen Quelle. Und ich würde meine Arbeit mit diesem Trost auch beschönigen, wenn ich nicht genau wüsste, dass wir, solange wir leben, uns gern im Urteil über eigene Leistungen täuschen. 3. Höchst wahrscheinlich ist also, dass während ich über viele Leute und ihre Anstrengungen lache, auch selber von vielen verlacht werde. Die Meinung der Menge habe ich freilich stets verhöhnt und von ihr verhöhnt zu werden, nicht bloss für nichts erachtet, sondern auch als beträchtlichen Teil meiner Glorie angesehen. Stärker beeindruckt mich etwas anderes, dass nämlich ich meine Studien und Nachtwachen öfters kaum selber billigen kann, und mir dann vorkommt, es wäre klüger, nur jenes Eine zu tun, was ich schon lange im Sinn habe, da ich seinetwegen in dieses kurze und elende Leben gekommen bin, somit alles das fahren zu lassen, wofür ich Mühe verschwende, ja auch Zeit, obwohl ich doch an beträchtlichem Zeitmangel leide. 4. Doch nach dieser Überlegung tritt oft eine gegenteilige auf: Es seien meine Studien jenem genannten Vorsatz gar nicht abträglich, sondern womöglich gar förderlich. Verhält es sich so, ist es einzig der Mangel an Zeit, der den Zweifel und Zögernden aufwühlt, woraus sich ergibt, dass ich unter der Anstrengung, mich frei zu machen, um so angespannter und beschäftigter werde.4 Indessen wird unter solchem Hin- und Herraten der schwankenden Einsicht die Wahrheit ihre Rolle wohl aufrechterhalten! Ich kehre zu meiner begonnenen Entschuldigung zurück.
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5. Es haben mich also gewisse nicht geringe Geschäfte, wie ich meine, nach Hause gerufen. Klar war mir soviel, dass ich, einmal bei Dir angekommen, mich nur langsam von Dir losreissen würde, während doch die Pflichten Eile verlangten. Es floh der rasche und kurze Tag, es drängte die bevorstehende Nacht und erreichte mich noch auf dem Weg, obwohl ich auf einem keuchenden Pferde ritt. Darum verzeih mir, bitte! Du sollst nicht neuen Stoff zum Klagen erhalten. Nimm zur Kenntnis, dass ich beabsichtige, in diesen nächsten Tagen nach Italien zu reisen, um im Winter auszuführen – Vorhaben trügen ja oft –, was ich schon im Herbst zu tun beschlossen hatte. Selbst wenn ich nach Indien ginge, würde ich doch immer und überall bei Dir sein. Lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 18. November (1352).5
Anmerkungen 1 Ein zweiter Brief Petrarcas an diesen Adressaten ist Fam. 15,10. Der Geistliche wird auch in der Vita solitaria 2,10,1 erwähnt. Vgl. Wikins, Studies 93 f. 2 Anzunehmen ist, dass Petrarca in Cavaillon seinen Bischof Philippe besucht hatte und es dann entgegen seinem Brauch unterliess, auch noch Sansone, den Vorsteher in der gleichen Stadt, aufzusuchen. 3 Lateinisch: insueto nunc occupationum genere; Petrarca spricht immer wieder von der drückenden Last seiner Beschäftigungen; und doch erkennt man keinen klaren Grund, um von eigentlichen „Verpflichtungen“ zu sprechen. 4 Lateinisch: Inter hec dubium atque hesitantem sola temporis turbat inopia; ita ego unde me expedire molior, interdum intentior et occupatior fio. 5 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 123. 143 f. und Petr. corresp. 72.
Fam. 15,1, an seinen Lelio1 Aufmunterung, die Regierung der römischen Republik kraftvoll zu leiten. 1. Petrarca entschuldigt sein langes Schweigen. 3. Er arbeitet bei zunehmendem Alter mit vermehrtem Eifer. 6. Von der Tätigkeit des Freundes in Rom hat er vernommen. Er ist im Gegensatz zu vielen überzeugt, dass dem Freund daraus grosse Verdienste erwachsen. 9. Dieser darf jedoch nicht vergessen, was ein erfahrener Greis über die Kirche geäussert hat. (Vor dem 8. November 1352)
1. Wohl hat die alte, vielmehr die stets neue Liebe, unfähig, unter uns je zu vergreisen – da sie uns von früher Jugend auf mit unlösbaren Knoten verknüpft hält –, mich in diesen Zeiten oftmals ermahnt, Dir zu schreiben und damit zur unterbrochenen Gewohnheit zurückzukehren. Doch ich habe darauf verzichtet, weil mir entweder das Geflecht meiner Plagen oder Dein Schweigen hinderlich war. Denn wer ausser höchstens ein Dummkopf unterhält sich gern mit einem Tauben? 2. Leute gibt’s, die es nicht verdriesst, Worte zu vergeuden, und diese mögen jenen Ausspruch Ovids2 heranziehen: „Worte verlieren ist leicht“, doch wer immer die Zeit in ihrer Kürze und Eile betrachtet, erkennt, wie sparsam, wie nüchtern sie verteilt werden muss und wie man sie nicht bloss vor überflüssigen Taten, sondern auch vor eben solchen Reden zu bewahren hat. 3. Ein Familienvater scheut angesichts der sich nähernden Armut vor unnötigen Ausgaben zurück. Und merkt ein Wanderer, dass der Tag sich neigt, verdoppelt er seine Schritte. Ein Landmann treibt sogar erschöpfte Ochsen voran, wenn eine schwere Wolke über ihm Regen ankündigt, und pflügt dann die Erde entschlossener als sonst. Legt sich der Wind, so sammelt der Schiffer die erschlaffenden Lüfte eifrig in den verengten Bausch seines Segels ein; und gehen Freunde auseinander, beeilen sie sich bis zum letzten Augenblick, um in unablässiger Rede sich noch vieles zu erzählen, und dulden dabei nicht den mindesten Zeitverlust. Fast in jeder Lage erkennst Du Ähnliches. 4. Wir lieben unser Hab und Gut eben dann, wenn es beschleunigt zu Ende geht, und dass alle Alternden das selbe erfahren, sofern sie nicht vor Schwäche schon dement sind, das weisst Du. Sie lieben ihre Zeit, und haben sie deren Erstlingsblüten achtlos ausgestreut, suchen sie doch die restlichen sorgfältig zusammen. Auch mir ist die Zeit jetzt teurer als früher, und sie scheint mir je schneller desto unersetzlicher zu sein. Ich sehe ihre Flucht ohne Rückkehr; ich erkenne ihre Betrügereien, und ihren Schmeicheleien misstraue ich sehr. Ich spüre, wie ich von Stunde zu Stunde näher an ihr Ende gelange, und raffe mich auf, um ihren Rest zu einem besseren Nutzen zu verwenden. Und dass es einmal gelinge, sei’s auch unter grosser Bemühung, daran verzweifle ich nicht. Nur wollte ich, es wäre mir schon in der
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Jugend eingefallen! Dann könnte ich wohl nach erfüllten Pflichten des Lebens jetzt die sichere Ruhe geniessen, was unter allem das Schönste ist.3 5. Doch um zur Sache zu kommen: Geschrieben habe ich Dir sehr oft, und immer – es mag das Deine Beschäftigung oder Deine Trägheit verschulden, denn in einer Freundesbrust wie der Deinen kann ich keinen Hochmut befürchten4 –, immer, sage ich, erfuhr ich, dass Du im Antworten schwerfällig und schwierig bist. Derweil verdiente ich oft – um nach meinem guten Recht vor Dir, als wär’s vor mir selber, zu prahlen –, Briefe und andere Schreiben gar von Königen und Herzogen zu empfangen!5 6. Als ich mir das überlegte, gönnte ich der nutzlos ermüdeten Feder in Deiner Hinsicht Ferien, und dass sie nun die Arbeit wieder aufnehme, dazu zwingt sie das herrliche Gerücht Deiner Grosstaten! Gemäss meinem eigenen Gutdünken spreche ich. Denn bei den Mächtigen dieser Welt gilt dieses Gerücht für eine schwere Schande und ein untilgbares Verbrechen!6 Wisse, dass sie überzeugt sind, es geschehe alles, was immer im neuen Senat oder von irgendwelcher Person unternommen wird, auf Deinen Ratschlag hin. 7. Das entspricht der grossen Meinung, die sich alle von Deiner geistigen Überlegenheit gebildet haben, ich aber erst recht, weil sie mir besonders vertraut und bekannt ist. Wirklich, ich erhoffe von Deinen Schultern eine kräftige Unterstützung für das wenige, was jene anmassenden Köpfe zurechtrückt (sie halten eben einzig das für Unrecht, was ihren Begehren widerspricht, und einzig das für Recht, was ihren Gelüsten entgegenkommt); ich erhoffe solche aber erst recht für die Wiederherstellung der eingestürzten und darniederliegenden Republik! Diese muss sich freilich Deinen Ratschlägen vertrauensvoll öffnen, während Du für Deine Person – nach einem Verzicht auf alle Deine Neigungen – Dich ganz auf den öffentlichen Vorteil auszurichten hast. 8. Ich aber unterscheide mich von der Meinung vieler und hochgestellter Personen dadurch, dass sie Schimpf und Schande für Dich genau aus dem Grund vorausahnen, von dem ich für Dich höchste Ehre ableite, und dass jene genau das zum Anlass nehmen, unter zweideutigem Tuscheln mit einem weltlichen Gerichtsurteil zu drohen, was mich ermutigt, Dir unvergängliches Ansehen zu versprechen. Und vermöchte nur diese meine müde und vielbeschäftigte Feder hierzu einiges beizusteuern! Doch Du wirst das Ansehen, wenn Du fortfährst, wie begonnen, mit eigener Tüchtigkeit verdienen. Zwar verlangt die Tüchtigkeit zur Belohnung keines, doch sogar wenn sie darauf zu verzichten geneigt wäre, könnte sie es nicht ganz vermeiden. Denn7 „wie dem Körper der Schatten, so folgt der Tugend der Ruhm.“ 9. Was jene Personen betrifft, so habe ich Dir nichts Wichtiges zu raten. Du weisst alles. Nur das eine Wort solltest Du nie vergessen, das Du oft aus dem Munde jenes hochgesinnten und ungemein klugen Greises (welcher unseren Vorhaben freilich entgegenstand) vernommen hast.8 Nicht weil es gewandt formuliert wäre, aber wegen der Wahrheit seines Inhalts wird es der Erinnerung wert sein. So
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nämlich sagte der Erwähnte als einer, der es gründlich erfahren hatte: „Die römische Kirche ist gewohnt, die Gewalthaber9 zu schätzen.“ Nichts kann man kürzer, nichts richtiger sagen. 10. Wenn Ihr demnach unter den Völkern berühmt und wenn Ihr – was wünschenswerter ist – von Gott geliebt zu sein verlangt, dann, Ihr Römer, pflegt die Tüchtigkeit, liebt die Religion, wahrt die Gerechtigkeit und nützt Eure altbewährte Kunst,10 indem Ihr „Unterworfene schont und Stolzen mit Waffen begegnet.“ Und wollt Ihr dieser Kirche teuer sein, dann habt Ihr nichts anderes nötig als Gewalt, ohne welche Ihr allerdings, das glaubt mir, bei aller Tüchtigkeit nichts ausrichtet. 11. Zu all dem, was Euch betrifft, sage ich nur soviel: Ich habe dem einen der beiden, die zu unserer Zeit nach der Leitung des Gemeinwesen haschten, vieles geschrieben, dem anderen aber nichts. Denn der eine hat in mir eine grosse, wenn auch verfrühte Hoffnung geweckt und der andere wahrhaftig keine.11 Wenn aber Du ausharrst, das Zischeln der Schlangen und ihre Drohgebärde nicht fürchtest, brüte ich vieles und Verschiedenes aus, was ich zu seiner Zeit gebären werde. Jetzt genügt eine blosse Ermahnung: Wer diesen Weg beschritt, durfte weder lau noch hitzig sein, sonst nahm er gleichermassen Schaden. Du hast für beides sowohl häusliche wie frische Exempel vor Augen.12 So hat ja Naso13 gesagt: „In der Mitte gehst Du am besten.“ Lebe wohl! Du bist ein Mann; darum zeige Dich als Mann.14 (Vor dem 8. November 1352).15
Anmerkungen 1 Zu Lelio di Pietro Stefano dei Tosetti vgl. Fam. 3,19 und die andern an den selben Adressaten gerichteten Briefe, dazu auch das Personenreg. und die Register bei Wilkins, Studies und Dotti, Vita. Vgl. auch Überblick. 2 Heroid. 7,6. 3 Dieses Thema hat Petrarca oft variiert, so in Fam. 16,11,6 ff.; 21,12. 4 Lelio stammte aus vornehmen römischen Adelskreisen, und dass Stolz ein Hauptmerkmal des Adels, zumal des römischen sei, meinte Petrarca erfahren zu haben; vgl. Fam. 11,16,17 ff. 5 Petrarca hatte bei seiner Dichterkrönung einen Brief von König Roberto von Neapel erhalten; Antworten auf dieses Schreiben und auf Briefe der Dogen von Venedig und Genua stehen in der Sammlung der Familiaren. Ein Brief Karls IV. von Böhmen, des späteren Kaisers, abgesandt im Jahr 1351, gelangte erst im November 1353 an Petrarca, doch bei einer Überarbeitung des Briefes 15,1 kann der Dichter ihn berücksichtigt haben. Über Beziehungen zu Königen spricht gegenüber Lelio auch Fam. 15,8,11 ff. 6 Rom war nach der Flucht von Cola di Rienzo 1347 nicht zur Ruhe gekommen. Im Dezember 1351 hatte Papst Clemens VI. auf Wunsch der Römer einen Bürger Roms mit dem Namen Cerroni als Rector der Stadt bestätigt. Dieser liess sich jedoch durch Schwierigkeiten, die ihm vor allem Luca Savelli bereitete, rasch entmutigen und entfernte sich von Rom. Die folgenden Senatoren Bertoldo Orsini und Stefanello Colonna, am 10. Oktober 1352 durch das Volk zu Senatoren gewählt, wurden vom Papst nicht bestätigt, vielmehr mit der Exkommunikation bedroht. Um diese Zeit hatte
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Fam. 15,1
sich Petrarcas Freund Lelio, dessen Familie den Colonna nahestand, in Rom Einfluss verschafft, was ihm in Avignon schwere Anschuldigungen eintrug; vgl. Fam. 16,8,3 ff. Da die Zustände sich auch in der folgenden Zeit nicht verbesserten, sandte Papst Innozenz VI. mit Kardinal Albornoz, der den Kirchenstaat neu ordnen sollte, im Sommer 1354 auch Cola di Rienzo, der vor dem Papst Reue gezeigt hatte, nach Rom. Dieser konnte sich aber nur ungefähr zwei Monate halten und wurde am 8. Oktober 1354 ermordet. Vgl. Gregorovius, Gesch. der Stadt Rom und oben Notiz im Überblick. Cic. Tusc. 1,45,109; vgl. auch Sen. Ad Lucil. 79,13. Gemeint ist der Vater von Petrarcas früherem Herrn Kardinal Colonna, also Stefano Colonna, der einstige Gegner des Papstes Bonifaz VIII.; er, ein Gegner der Umwälzungen in Rom, war 1348 ungefähr neunzigjährig gestorben; vgl. den Brief an ihn, Fam. 8,1. Genaue Auskünfte über die einzelnen Glieder der Familie Colonna gibt der Dizionario biografico degli Italiani (DBI) Bd. 27 unter Colonna. Lateinisch: potentes. Gleich wird Petrarca auch potentia anempfehlen. Verg. Aen. 6,852–853. Vgl. Anm. 6. Bei lauem Handeln denkt Petrarca wohl an Giovanni Cerroni, (später an Karl IV.), bei hitzigem gewiss an Cola di Rienzo. Ov. Metam. 2,168. Zu Lelios späterem Lebenslauf vgl. Fam. 15,8; 15,9; 16,8 etc. Zur Datierung vgl. Wilkins, Studies 140.172 und 177 f. und Petr. corresp. 72–73. Gemäss der Auffassung von Wilkins ging Fam. 15,8 diesem Schreiben voran. Angaben zu den Briefen Petrarcas findet man auch bei Dotti, Vita leicht mit Hilfe des Indice dei luoghi petrarcheschi.
Fam. 15,2, an Francesco Nelli1 Über Hindernisse zu Beginn einer Reise. 1. Petrarca hat selten das Glück, bei gutem Wetter zu reisen. 3. Er übernachtet während sintflutartigem Regen beim Bischof von Cavaillon. 6. Ein Weg wird durch Kriegsleute versperrt, alle Wege sind überschwemmt. 10. Notgedrungen kehrt er an die Sorgue zurück. An der Quelle der Sorgue, am 18. November (1352).
1. „Die Nacht bringt Rat.“ Alt ist dieses Sprichwort und, wie ich erfahre, auch richtig. An der Quelle der Sorgue hatte ich meine Bündel zusammengestellt, die ich zu dieser Zeit nur zu häufig herumtrage, und brach dann am 16. November auf, nämlich im Vertrauen auf ein winterlich klares Wetter, obwohl es ja unbeständiger und ungewisser als alles ist. Hoffnung schaffte mir der Umstand, dass man während der ganzen Herbstzeit und nachher bis zum genannten Tag keine Wolke und erst recht keinen Regen gesehen hatte. Schrecken jagte mir dagegen mein allgemein bekanntes Los ein, das mir bestimmt, ohne Hitze oder Regen nicht zu reisen. Denn es war ja im höchsten Masse wahrscheinlich, dass der Himmel, was er lange zurückgehalten, endlich auszugiessen gedenke. 2. Was erwartest Du? Kaum hatte ich den Fuss vors Haus gesetzt,2 sieh da ein vorerst bedächtiges dünnes Sprühen, fast nur ein Nebelnetzen, darauf gleich ein rechtschaffener Regen! Ich, mein Schicksal erkennend, bin gleich verärgert, schaue bisweilen zurück, fasse den Entschluss umzukehren, doch wie üblich ist, wendet der Geist sich um, geht aber der Leib immer vorwärts. In diesem Zwiespalt verblieb ich nicht lange. Der Tag ging zur Neige, und ein erster Hafen war ganz nahe.3 3. Ich gelangte nach Cavaillon, einer benachbarten Stadt, klein aber sehr alt. Dort wurde ich von Philippe, dem Bischof des Ortes,4 dem besten aller Männer (und treuer um mein Wohlergehen und meine Ehre besorgt, als sonst jemand, selbst ich nicht), wie jedesmal nicht als Mensch, sondern als Engel Gottes5 begrüsst und aufgenommen. Vor Freude liefen ihm beinah die Tränen herunter. Er war aber krank, was ich nicht gewusst hatte, 4. und nun glaubte er und drückte es aus, mit mir sei über die Schwelle seines Hauses das Heil in Person und das Heilmittel für jede Krankheit getreten. Doch wie er hörte, ich sei zu ihm nicht zum Bleiben, sondern zu einem letzten Abschied gekommen, wurde er unglücklich, und alle seine Freude verwandelte sich in Klagen. Nach seinem Recht6 drängte er mich, bei seinen Laren,7 nein, wie er immer erklärt und mit Taten beweist, bei den „meinen“ zu verweilen und ihm die kommende Nacht zu schenken, auf dass er „etwas an Scherereien“ (wie ich sagte),“ ein Restlein ersehnten Trostes“ (wie er meinte) empfange. 5. Ich gehorchte nicht widerwillig, da bereits die Stunde der ersten Fackel bevorstand8 und nicht mehr ein Regen, sondern eine ungeheure Flut herunterplatschte.
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Fast gar nichts wurde in dieser Nacht geschlafen. Zudem vernahm man ein Gerücht, zuerst leise, dann im Verlauf der Stunden immer deutlicher, bis es schliesslich hartnäckig und laut im Getuschel der Diener, die den kranken Bischof umsorgten, das ganze Haus erfüllte: Ein Kampf zwischen irgendwelchen Älplersippen9 habe sich bis hinunter nach Nizza10 am Varo ausgebreitet und schon sei wegen der umher schweifende Spione der Weg unterbrochen. 6. Das hielt ich zuerst für ein Märchen des ungemein besorgten Vaters, erdichtet zum Zweck, mich zurückzuhalten; denn dass grosse Liebe höchst erfinderisch ist, weiss man aus Erfahrung. Doch dann vernahm ich von meinen Leuten, die ich auf Erkundigung ausgeschickt hatte, die Sache sei keineswegs erfunden, sondern schon allgemein und ringsum bekannt. 7. Schon schwankte ich in meinem Innern, überlegte mancherlei hin und her und besprach mich mit dem Bischof, der mehr und mehr darauf beharrte, ich möchte doch, um mich und ihn vor Unheil zu bewahren, auf mein Unternehmen verzichten, während ich auf dem Vorhaben abzureisen bestand. Immerhin liess ich mich leicht zu einer Änderung meines Weges ermuntern, denn auf einem besonders beschwerlichen und ganz beträchtlichen Umweg zu reisen, hatte mich einzig der Wunsch verlockt, meinen Bruder zu besuchen, den ich schon fünf Jahre nicht mehr gesehen hatte und der nicht fern eben dieser Strasse Christus dient.11 8. Während ich das mit mir und mit dem besten Vater besprach, wuchs aber die Sintflut fortwährend an. Mit müdem Kopf begab ich mich ins Schlafzimmer und nachdem ich, wie ich meine, kaum eine volle Stunde geschlafen hatte, riss ich mich gleich aus dem Bett, um nach meinem Brauch die Matutin12 zu Gottes Lob zu verrichten; tat es aber früher als sonst, da wegen gelockerter Ziegel schon alles überschwemmt war. Dann wandte ich mich an den schlaflosen Bischof und darauf wieder und wieder an mich selber mit der Frage, was ich tun und welchen Rat ich im äussersten Fall ergreifen sollte! Der eine Weg war durch die Fehde verschlossen und jeder durch die Sintflut. 9. Was weiter? Das Ganze führte allmählich, um mit Historikern13 zu sprechen, religiöse Skrupel herauf. Mir schien, Gott habe an meiner Reise kein Gefallen. Dazu gesellte sich die Angst, meine Bücher, also ein guter Teil meiner Fahrhabe, könnten verderben. Ich erfuhr, wie ein Besitztum die Freiheit beschränkt, denn „fürchtend für mein Gepäck“, wie Maro14 sagt, war ich furchtlos für meine Person. Weitergereist wäre ich in der Tat, wäre da nicht meine Habe gewesen; nun aber blieb ich. 10. Auf die Beschwörungen des Bischofs hin änderte ich meine Pläne, schickte einen Teil meiner Leute nach Italien und kehrte an die Quelle der Sorgue zurück. Hier bin ich nun beinah allein und zweifle nicht, dass der Aufschub irgendeinen unerwarteten Vorteil bringe oder irgendein unvorhergesehenes Übel verhindere. Auf menschlichen Rat nur wenig vertrauend, habe ich wie ein von der Flut besieg-
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ter Schiffer das Gefährt meines Lebens nicht den Winden und Wellen, sondern Gott überlassen, da unter seiner Lenkung sich kein Schiffbruch ereignen kann. Lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 18. November (1352).15
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Vgl. die früheren Schreiben an diesen Freund Petrarcas, vor allem den ersten Fam. 12,4. Petrarca gab selten an, dass er zu Pferde reiste. Es war der Erwähnung offenbar nicht wert. Portus: Hafen im Sinn von Zufluchtsort. Vgl. die verschiedenen Briefe an diesen Freund Petrarcas und das Personenreg. im 1. Bd. Vgl. das Wort über Gastfreundschaft bei Hebr. 13,2. Petrarca meint weniger das Recht des für die Diözese zuständigen Oberhirten und eher das Recht der Freundschaft, das er häufig anführt. Laren sind Schutzgötter, jedes Haus hatte seine eigenen; das Wort steht für Haus, Wohnung, Herd. Die Zeit, da man das Licht anzündete; sie wechselte natürlich nach der Jahreszeit. Lateinisch: bellum quarundam alpinarum gentium: hier das Beispiel einer Sippenfehde, wie sie im Mittelalter und bis in die jüngste Zeit häufig waren. Nizza ist seit Napoleon III. französich: Nice. Der Bruder Gherardo lebte in der Kartause von Montrieux in der Nähe von Saintes-Baumes östlich von Marseilles; vgl. Fam. 15,3,2; 16,9. Das ist das Morgengebet der Mönche und Geistlichen. Res ad religionem …vertere ceperat; Liv. 26,11,4. Verg. Aen. 2,729 und 11,550. Zur Datierung vgl. Wilkins, Studies 172. 178. 212. Vgl. auch die letzte Anm. zu Fam. 15,11 und Notiz im Überblick.
Fam. 15,3, an den Grammatiker Zanobi aus Florenz1 Über eine verhinderte Reise. 1. Petrarca will berichten, wo er sich entgegen seinen Plänen aufhält. 5. Die Verhinderung der Reise nach Italien versteht er als Hinweis auf Gottes Willen. 8. Er wird durch einen Diener vor den Umtrieben gewarnt, die in Italien auf ihn warten. 10. Er beschreibt seine Lebensweise in Vaucluse; das Tal ist ihm Rom und Athen. 14. In Gedanken verkehrt er mit allen Freunden, auch mit den Toten aus allen Zeiten. An der Quelle der Sorgue, am 22. Februar (1353).
1. Ich weiss, Du wunderst Dich und sagst bei Dir:2 „An welchen Ufern der Welt rauft sich wohl unser Soldat?“ Ausser es habe unser beider „Ander-Ich“ – nämlich das mir durch Sache und Namen verbundene3 –, das uns während unserer Wanderschaften das Nest im Vaterland warm hält, meinen ihm zugesandten Brief von Florenz zu Dir nach Neapel weiter geschickt, denn so lautete mein Wunsch. Sofern das geschehen ist, bringt Dir dieser hier keinen Nutzen. Doch weil ich des Freundes Arbeitslast fürchte und Deine Begierde mir bekannt ist, habe ich bei aufsteigendem Zweifel für besser erachtet, eine Stunde zu verlieren, indem ich Überflüssiges schreibe, als geizend mit der Zeit dem Freund eine notwendige Schilderung meiner Lage vorzuenthalten. 2. Wo ich bin, was ich denke, was ich tue, wirst Du vernommen haben; es ging das Gerücht um, ich reiste auf der Flucht vor den Stürmen der Kurie nach Italien zurück, wo „die Geschicke ruhige Wohnsitze anzukündigen schienen.“4 Wirklich hatte ich schon die Richtung nach Genua eingeschlagen, und zwar aus keinem anderen Grund, als um meinen einzigen Bruder (dessen Vorzüge mir wichtiger sind als sein Blut) wenigstens im Vorbeigehen zu besuchen. Denn er hat nahe der genannten Strasse den einsamen und waldigen Ort namens Montrieux gewählt, um da Christus zu dienen und seinen Leib zu kasteien,5 und ich habe ihn ein ganzes Lustrum6 nicht mehr gesehen. Doch ich erfuhr, dass ungefähr an der Westgrenze Italiens am Varo7 die Strasse wegen Kriegswirren unzugänglich sei, denn gewisse Bewohner der Alpen hätten sich bewaffnet bis zur Küste hinunter zerstreut. 3. Durch solche Gerüchte und durch Bitten von Freunden bewogen, änderte ich meine Pläne und beschloss, einen anderen Weg zu wählen; und obwohl bereits unterwegs zu den Cevennen,8 wandte ich mich nach links, als sieh da, ein plötzlicher Platzregen alles überflutete. Dabei hat doch vorher wie nachher am Himmel und auf Erden eine solche Trockenheit geherrscht, wie wir sie nie zuvor erlebt hatten und auch kaum aus Büchern kennen. Ängstlich habe ich angehalten, und selten habe ich deutlicher begriffen, was Vergil9 meinte, wenn er sagte: „Da fürchtet der Leib für seine Bürde.“4. Überaus kostbar war mir ja das Büchergepäck mit den Werken der Alten, vermischt mit dem bisschen Zugabe an eigenen Spielereien. Mit solchen schreibe ich „ägyptische Papiere“10 nicht etwa darum voll, weil das zu tun
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das Beste wäre, sondern weil anderes schwieriger ist, während gar nichts zu tun das Übelste, mir übrigens unmöglich und ungewohnt bleibt. In dieser Lage fürchtete ich nicht für meinen Buckel, den abgehärteten, der seit langem alles, nicht bloss Regen, sondern auch Eis, Hitze und Hagel zu ertragen versteht und keiner Mühen und Gefahren unkundig ist. Ja, ich fürchtete, anders als Aeneas,11 nicht sowohl für meine Haut als für meine Last, sondern wie ein Metabus12 einzig und allein für meine Last, und ich gestehe: Mir war Angst um mein liebes Gepäck. 5. Was sollte ich tun? Da ich „alle meine Habe“, wie einer sagte,13 „bei mir trug“, kam mir vor, in gewisser Weise offenbare sich hier Gottes Wille mit einem Verbot, jetzt zu reisen. Und beinah als eine sündige Vermessenheit kam mir vor, gegen ein solches Verbot, als wäre ich mein eigener Herr, zu verstossen. Da mir das Wort des Kleanthes einfiel:14 „Den Willigen leiten die Geschicke, den Widerwilligen zerren sie“, gab ich willig nach, um nicht widerwillig nachgeben zu müssen, schickte einige Diener nach Italien voraus,15 weniger zum Zweck, dass sie dort persönlich für das häuslich Nötige sorgten, als dass mir hier dank ihrem Weggang die Einsamkeit behaglicher und die Musse friedlicher werde. 6. Kaum waren sie also glücklich weggegangen und so weit entfernt, dass ein Zurückrufen oder Einholen nicht mehr möglich war, schau, da fand sich auch das schöne Wetter wieder ein, und dieses dauert nun schon viele Monate an, wie es auch vorher viele Monate gedauert hatte und wahrscheinlich weiterhin dauern wird, falls nicht der Lenker der Gestirne seinen Ratschluss ändert oder (da Gottes Ratschluss ja ewig gilt) mit neuen Auswirkungen etwas anderes anzeigt.16 Je länger ich also nachdenke, um so besser leuchtet mir ein, dass Gott, menschlichen Gefahren vorbeugend, durch Hindernisse am Himmel und am Boden mein Verlangen, das mich nach Italien hinzog, gezügelt habe. Uns ist ja der Gegenstand unserer Begehren bloss angenehm; Gott aber ist er bekannt. 7. Wie sollte ich nicht so denken? Ein Krieg ebenda, wo es seit Menschengedenken keinen gab, und ein Platzregen, einmalig in diesem Jahr, haben am bestimmten Tag und genau zur Stunde meines Aufbruchs stattgehabt! Durch sie gehindert, bin ich zur Quelle der Sorgue wenige Tage nach meinem Weggang zurückgekehrt. Und bevor der eilige Mond seine unermessliche Strasse zwei Mal durchlaufen hatte, traf einer jener Diener, die ich, wie gesagt, vorausgeschickt hatte, wieder bei mir ein. 8. Und „ach,“ sagte er, „was hast Du nur vor? Du meidest die Charybdis und steuerst den Kahn zur Skylla.17 Dich entsetzen die Geschäfte der Kurie, und nicht ohne Grund; weisst Du aber nichts von der Masse der Geschäfte, die Dir zufallen werden, sobald Dein Fuss den italienischen Boden betreten hat? Weisst Du nicht, welche Schlachtreihen Deine Freunde schon jetzt auf das blosse Gerücht Deiner Rückkunft hin gebildet haben? Kennst Du nicht die Vielzahl der Parteien, für welche Du Deine Schaffenskraft – statt sie nach Deinem Willen zu einen – wirst verzetteln müssen? Auch nicht, wie sehr Du statt für eigene Geschäfte für jene Deiner
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Freunde wirst schwitzen und wieviel Zeit, obwohl Du daran arm bist und viel benötigst, für sie wirst vergeuden müssen? Weisst Du nicht, wie viele Belästigungen Du erdulden wirst, um den Begehren der vielen zu genügen?“ 9. Nachdem er solches kurz und knapp gesagt hatte, erklärte er sorgfältig alles im Einzelnen, brachte sonnenklare Beweise vor und fügte manches hinzu, was besser zu verschweigen ist. Wozu halte ich Dich auf? Nicht wie ein Diener, nein wie ein Philosoph, ja wie eine Gottheit schien er zu sprechen. Daher überlegte ich bei mir vieles hin und her, und wo ich einen Hafen zu sehen geglaubt, sah ich ein aufgewühltes Meer, zog ernüchtert das Schiff meines Herzens aus eben diesem Unwetter heraus, wickelte die Schiffsseile auf, warf Anker, drückte das Steuer zurecht und band das in Stürmen ermattete Gefährte zwischen den Felsen fest, um zu warten, bis ein Hafen sich zeige, weder gewillt, an die Kurie zurückzukehren noch nach Ausonien18 zu reisen, bevor etwas Besseres zu vernehmen wäre. 10. Fragst Du, was ich hier tue? „Lebe ja noch.“ Und vielleicht erwartest Du das Ende des Verses: „und in äusserster Not verbring’ ich dies Leben.“19 Nein keineswegs! Vielmehr lebe ich, bin gesund und vergnügt, und was viele unglücklich macht, übersehe ich. So gestaltet sich mein Leben: Um Mitternacht stehe ich auf; zur ersten Morgenstunde verlasse ich das Haus, doch bin ich auf den Feldern nicht weniger fleissig mit Studieren, Lesen, Denken und Schreiben beschäftigt und halte, so weit als möglich, den Schlaf meinen Augen, die Schlaffheit meinem Leib, die Sinnlichkeit meinem Geist und die Schläfrigkeit meiner Arbeit fern. 11. Jeden Tag gehe ich rings an trockenen Berghalden, taufrischen Tälern und Höhlen hin und her, wandere immer erneut den beiden Ufern der Sorgue entlang, ohne dass mir einer begegnet, habe niemanden zum Begleiter oder Führer ausser meine Sorgen, die aber von Tag zu Tag weniger stechen und weniger quälen. Ich schicke sie voraus und zurück, und im Gedanken an Vergangenes überlege ich Kommendes; mit welchem Gewinn, das bestimmt Jener, von dem gesagt wurde:20 „In Deinem Licht erkennen wir das Licht.“ Ohne Ihn schaut die triefäugige Menschheit sich umsonst in der Finsternis um. 12. Auf seine Führung baut alle meine Hoffnung. Freilich, so viel ich vermag, stütze auch ich mich auf und biete eine willige Seele an, um nach meinem Vermögen mit dem Apostel21 „das Vergangene vergessend mich auszustrecken nach dem, was vor mir liegt.“ Ein bestimmter und mächtiger Trost ist mir in jedem Exil gegeben: Ich habe mir diesen Ort vertraut gemacht und werde, wenn nötig, jeden andern mir vertraut zu machen imstande sein, wenn er nur nicht Avignon heisst und nicht über die hoch brausenden und tobenden Wassermassen der Rhone hinaufragt.
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13. Dass Dir all das länger unbekannt bleibe, Freund, wollte ich nicht leiden (falls es Dir bis heute überhaupt unbekannt war). Es sollen nicht etwa Deine Briefe auf der Suche nach mir auf unsicheren Bahnen dahin und dorthin schweifen. An der Quelle der Sorgue bin ich, wie ich sagte, und weil Fortuna22 das beschlossen hat, begebe ich mich nun an keinen anderen Ort und werde es auch nicht tun, bis jene, wie sie gerne tut, ein anderes Gebot erlässt. 14. Inzwischen aber setze ich im Geiste hier Rom, hier Athen, hier auch mein Vaterland fest, hier überdies alle meine Freunde, die ich besitze oder besass, nicht allein die in vertrautem Zusammenleben erprobten oder gleichzeitig mit mir lebenden, sondern auch die vor vielen Jahrhunderten verstorbenen, die mir einzig dank einer Wohltat der Literatur bekannt sind. An ihnen bewundere ich die Taten und den Geist oder die Sitten und das Leben oder die Sprache und Erfindungsgabe, und aus allen Gegenden und aus jedem Jahrhundert ziehe ich diese Verstorbenen alle immer wieder in dieses enge Tal herein und verkehre mit ihnen dann begieriger als mit den andern, die immer dann zu leben vermeinen, wenn sie auch nur irgend etwas Stinkendes aushauchen und in der kalten Luft eine Spur ihres Atems zu erkennen glauben. 15. So gehe ich denn frei und sicher herum, ganz allein mit solchen Gefährten, und bin, wo ich will, ja möglichst oft bei mir allein, oft aber auch zusammen mit Dir und mit jenem besten und bedeutendsten Mann,23 dem ich, ohne ihm je begegnet zu sein – das ist wunderbar – zu jeder Stunde begegne und bei dem mein Name, so lange Du mit ihm sprechen kannst, niemals vergreisen soll! Lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 22. Februar (1353).24
Anmerkungen 1 Zanobi (oder selten Zenobi); vgl. Fam. 12,3 und die andern an ihn gerichteten Schreiben, dann auch das Personenreg. im 1. Bd. 2 Hor. Epist. 1,3,1. 3 Lateinisch: noster alter ego re et nomine. Gemeint ist Francesco Nelli, mit dem sich Petrarca dank dem Namen und nicht allein dank ähnlicher Geisteshaltung verwandt fühlte; vgl. Fam. 15,2. Den Plural des Fürworts gebraucht Petrarca oft für sich allein. 4 Verg. Aen. 1,205–206. 5 Vgl. Fam. 15,2,7. 6 Das ist ein Zeitabschnitt von fünf Jahren. 7 Grenzfluss auf italienischem Boden; vgl. Fam. 15,2,5. 8 Gegen den Montgenèvre zu. 9 Aen. 1,205–206. 10 Vgl. Luc. Phars. 10,4–5, wo eindeutig ägyptisches Papier gemeint ist. 11 Aen. 2,729 und 11,550; vgl. Fam. 15,2,9. 12 Der Volskerkönig war einzig besorgt um seine Tochter Camilla; vgl. Aen. 11,550–551. 13 Vgl. Aen. 11, 550 f. Der gewisse Mann ist der griechische Philosoph Bias.
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Sen. Ad Lucil. 107,11; vgl. das selbe Zitat Fam. 2,4,32; 6,3,17; 24,5,11. Wohl in sein Haus in Parma. Lateinisch: novis aliud ostendat effectibus. Besser wäre vielleicht zu übersetzen: „Du kommst vom Regen in die Traufe.“ Die folgende Rede des Dieners tönt aber so gewählt humanistisch (nämlich nach der Sprache Petrarcas), dass man im Zweifel bleibt. Das Wort, das zuerst nur Süditalien meint, wird hier wie oft für ganz Italien verwendet. Verg. Aen. 3,315. Ps. 35,10. Paulus, Phil. 3,13. Fortuna ist hier nicht die Feindin, nämlich Spenderin trügerischer Gaben, deren man sich strikte erwehren muss (vgl. Fam. 5,18,3 f.), sondern eine Dienerin Gottes, die seinen Willen vollstreckt (vgl. Fam. 8,1,15). Gemeint ist der Gross-Seneschall am Hof Neapels, Niccolò Acciaiuoli; vgl. das Personenreg. und Überblick. Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 149, 155–157; Petr. corresp. 73.
Fam. 15,4, an Andrea Dandolo, den Dogen von Venedig1 Rechtfertigung der häufigen Ortswechsel. 1. Der Doge wundert sich über Petrarcas häufige Ortswechsel. 2. Dieser verweist auf die Vorteile des Reisens. 7. In der Jugend war der Dichter darauf begierig, jetzt sucht er bloss einen ruhigen Ort zum Verweilen. 10. Doch er kann ihn nicht finden. 11. Sein Leben ist ihm ein hartes Bett, das er nur dank Veränderungen seiner Lage aushält. 14. Leichte Beweglichkeit deutet auf himmlische Abkunft des Menschen. 15. Aber Petrarcas Reisen zeugen von einer Krankheit. An der Quelle der Sorgue, am 26. Februar (1352).
1. Was ich in aller Stille vermutete, jetzt hör’ ich’s. Du wunderst Dich, dass ich so unstet einmal da und einmal dort bin, mich nirgends zuversichtlich niederlasse und noch keinen festen Sitz fürs Leben gewählt zu haben scheine, da ich kaum je ein volles Jahr in Italien verbracht habe, aber alle zwei Jahre aus Italien nach Gallien und wieder aus Gallien nach Italien zu reisen pflege. Weil ich das nicht abstreiten kann, muss ich es Dir, damit Du mich bedauerst, anderen Gutgesinnten, damit sie mir verzeihen, und der Menge, damit sie nicht lästert, begründen.2 2. Ich weiss, jenes Wort Senecas ist wahr, gemäss welchem „das erste Anzeichen einer wohl geordneten Vernunft darin besteht, stillsitzen und bei sich selber verweilen“ zu können.3 Doch auch jene Aussage kenne ich, dass manche die Grenze ihres kleinen Landgutes nie überschritten, jedoch im Geist und in Gedanken ohne Unterlass ruhelos umherschweiften, während wieder andere sich auf ewiger Wanderschaft befanden, dabei aber tiefernste Männer von grösster Beständigkeit waren. Herumgereist sind hochbedeutende Kriegsführer und grosse Philosophen,4 an welche Du Dich bestens erinnerst, wogegen ein Vatia5 schon bei Lebzeiten auf dem eigenen Landgut versteckt und begraben lag, ein Buta Tag für Tag schnarchte, ganze Nächte durchwachte und nie das Schlafzimmer verliess. Noch mehrere kennst Du, denen Seneca6 mit seinen Briefen grosse Bekanntheit und spottend einen ewigen Namen verschaffte. 4. Herumgezogen sind die Apostel und durch weit auseinander getrennte Gegenden barfuss gewandert; denn der eine ist nach Ephesus, ein anderer nach Syrien, wieder einer nach Achaia gesandt worden; einige übrigens nach Rom, wieder einer nach Indien und einer nach Ägypten. Sie wanderten dem Leibe nach durch rauheste Gegenden und wurden zu Wasser und zu Land herumgetrieben, derweil ihre Herzen am Himmel hafteten. Umgekehrt ruhen jetzt die Leiber unserer Apostel in goldverzierten Gemächern, während ihre Herzen weit über Länder und Meere schweifen. 5. Da frage ich nun: Welchen von diesen allen wollen wir das genannte „Anzeichen einer wohl geordneten Vernunft“7 denn zusprechen? Jenen, die am Wohnsitz oder vielmehr jenen, die am Vorsatz festhalten? Auch das ist mir nicht entfallen,
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was ich oft erwähnt habe und nun freudig wiederhole. Es hat ein griechischer Dichter und es hat – seinen Spuren folgend – auch der unsere8 die Geisteshaltung und Gesittung eines vollendeten Menschen geschildert; und kein Philosoph hat die menschlichen Verhältnisse aus höherer Warte betrachtet als diese beiden. Sie haben diesen Menschen über die Erde reisen und überall etwas Neues hinzulernen lassen, weil sie glaubten, dass er im ständigen Verweilen an einem einzigen Ort niemals so geworden wäre, wie sie ihn mit der Feder zu verherrlichen bemüht waren.9 6. Weil aber solche Argumente mich vielleicht nichts angehen, halt’ ich mich bei der Rechtfertigung von Ruhmvollen und Beneideten nicht auf, sondern führe etwas anderes an, das Dich zum Mitleid ermahnen soll. Dir, Du aller guten Männer liebenswertester, der Du einst auf Deinen Reisen Kenntnisse vieler Gegenden und Ereignisse gesammelt, nun aber endlich dank Deiner Tüchtigkeit vorzeitig und zu Deinem grossen Ruhm in der edelsten Republik den höchsten Rang gewonnen hast, doch mit Rücksicht auf die Unabhängigkeit aller Bürger freiwillig in einem prächtigen, doch unentrinnbaren Kerker ausharrst, Dir also, höre wohl, werde ich grossen Dank zu erstatten wissen, wenn ich nach einem unsteten Kriegsdienst dieses Lebens mich einst daran mache, in Deiner Nähe ein Lager aufzuschlagen, um da in Ruhe den Rest meiner Tage zu verbringen. 7. Ja höre, dass mir nichts lieber, nichts wünschenswerter, übrigens auch nichts schwieriger zu sein scheint. Ich habe mein Steuer bereits dorthin gerichtet, doch reisst mich, wie sehr ich mich wehre und widersetze, der stürmische Wellengang in andere Richtung. Und weil ich Deine freundliche Gesinnung und Milde kenne, in welcher Du Dein stark beschäftigtes Ohr den Reden sogar bescheidener Freunde nicht unwillig leihst, füge ich an: In meiner Jugend war es mein Verlangen, nach der Meinung der Dichtung Homers die „Sitten vieler Menschen und Städte“10 zu beschauen und voller Neugier unbekannte Gegenden, höchste Gebirge, vielgepriesene Meere, hochgelobte Seen, verborgene Quellen, berühmte Flüsse und die vielfältigen Lageverhältnisse verschiedener Orte zu erkunden. 8. Ich meinte, so könnte ich mühelos, rasch und ohne Langeweile, ja mit Vergnügen allseitige Bildung erwerben, was mir immer unter allen Wünschen der erste war. Gewissermassen in der Bewegung von Geist und Leib glaubte ich meine Unwissenheit verscheuchen zu können. Doch nun bin ich lange genug herumgeirrt, lange genug auf der Suche gewesen, auch lange genug meiner Sehnsucht gefolgt; und endlich ist die Zeit gekommen, zum Fahnenträger meiner Seele so zu sprechen, wie einst ein römischer Befehlshaber zu dem seinen:11 „Fähnrich, richte Dein Feldzeichen auf; hier ist gut sein.“ 9. Und wirklich hat das Wandern und Umherziehen in vielen Gegenden endlich ein Genügen bewirkt, hat auch die jugendliche Begeisterung sich gemildert und allmählich in Lauheit und Bequemlichkeit umgeschlagen. Daraus entstand hierauf ein Verlangen nach Sesshaftigkeit, die ich übrigens der Natur und meiner Aufgabe schulde, und all das bringt das Begehren nach Umherziehen und Schweifen an ein Ende.
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10. Doch was soll ich tun? Es glaube mir, wer mir immer etwas glauben will: Könnte ich irgendwo unter dem Himmel einen guten Ort entdecken oder dann einen nicht üblen – um vom schlechtesten zu schweigen –, ich wollte begierig und ausdauernd daselbst verbleiben. Jetzt liege ich gleichsam auf härtestem Schragen, wende mich einmal so und einmal anders, kann aber mit allen meinen Versuchen die gewünschte Ruhe nicht finden. Ich komme daher meiner Mattigkeit, weil es mit einem angenehmen Bett nicht geschehen kann, wenigstens mit einem ständigen Wechsel zu Hilfe. Ich kehre mich hierhin und dorthin, vergleichbar einem immerfort Reisenden. 11. Bin ich der Härte der einen Stelle müde, begebe ich mich zu einer andern, denn selbst wenn die neue nicht angenehmer als die frühere ist, wird doch die Widerwärtigkeit dank der veränderten Lage zeitweilig gelindert. So jage ich herum, wohl wissend, dass es hier keine ruhige Stätte gibt, sondern nur Seufzen und Stöhnen nach Ruhe. Also nur ewiges Klagen! Und als das Schlimmste von allem erkläre ich mit gutem Grund, dass man mitten unter so vielen Qualen und so mannigfachen Ängsten des Lebens noch ewige Bedrückung und endlose Ängste und immerwährende Qualen befürchten muss.12 12. „Was soll das“, wird einer fragen. „Es sind doch ihrer viele, die an den selben Stellen, wo Du Dich herumwirfst, Ruhe finden und unbeweglich verweilen?“ Diesem antworte ich mit der Frage: „Und wie viele sind es, die an den selben Stellen noch unruhiger leben und sich noch häufiger wenden?“ 13. Ich spreche nicht von einem „himmlischen Ursprung der Seelen“, wie Vergil,13 und sage auch nicht wie Cicero,14 wir hätten „die Seele aus jenen unsterblichen Feuern“ empfangen, die wir „Himmelskörper und Sterne“ heissen; ich versuche auch nicht im Hinblick auf eine gewisse Ähnlichkeit der Bewegungen, von der Seneca spricht,15 mit der grossen Beweglichkeit der himmlischen Feuer die Beweglichkeit unserer Seelen zu rechtfertigen, als stammten diese aus jenen. Doch ich sage folgendes: Die geschaffenen und gleichzeitig den Körpern eingehauchten Seelen stammen von Gott, und „Gottes Thron“ ist „im Himmel“, wie der Psalmist16 sagt. Der Himmel aber ist in steter Bewegung, wie wir mit unseren Augen feststellen, und somit ist es nicht zum Verwundern, wenn wir eine gewisse Ähnlichkeit von dorther bezogen haben, wo unser Schöpfer wohnt. 14. Ich weiss nicht, woher sie kommt, doch weiss ich, welcher Art die den Seelen angeborene Neugier, insbesondere die der edleren Geister ist, unbekannte Orte aufzusuchen und von Gegend zu Gegend zu wandern. Dass man sie mit Vernunft zu beschränken und zu zügeln hat, leugne ich nicht; aber glaube mir – und als ein Mann mit Erfahrung wirst Du mir besonders leicht glauben –: Etwas Lustvolles und zugleich Lästiges hat diese Neugier, ganze Provinzen zu durchstreifen. Dagegen hat der auf dem einen, immer gleichen Sitz Verweilende bei aller Ruhe einen eigentümlichen Überdruss. Was schliesslich in diesen und anderen Sorgen der Menschen das Beste ist, kennt wohl niemand als Gott. Und freilich, wollte einer die menschliche Tugend
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nicht in die Seele, sondern in die Örtlichkeiten setzen und folglich die Unbeweglichkeit als Beständigkeit bezeichnen, dann müssten ihm die Gichtkranken für sehr beständig gelten, doch als noch beständiger die Toten und als am beständigsten die Gebirge. 15. Darüber nur soviel. Man wirft mir vielleicht vor, dass ich Gründe zur Entschuldigung meiner Krankheit zusammensuche. Ich bestreite also immerhin nicht, dass ich krank bin, und zwar an einer nicht geringen Geisteskrankheit. Und möge sie nur nicht tödlich sein! Und ich lade den ganzen Schimpf meiner Krankheit auch nicht so ganz meinem Lager auf, dass ich mich selber freisprechen wollte. Ich wiederhole, was sich, selbst wenn ich schweige, verrät: Ich bin krank. Mach mich also gesund; ich ertrage es dann tapferer! Aber selbst dann wird mein Bett weder weich oder passend sein. Nein, das Bett des Lebens, auf dem ich ermattet liege, ist vielmehr rauh, unerquicklich, unsauber, unbequem, kratzend und überhaupt von der Art, dass es sogar ausnehmend Gesunden aufs ärgste zusetzt. 16. Weshalb auf ihm dennoch einige Leute ausruhen können, weiss ich nicht. Es könnte sein, dass sie tiefer schlafen und deshalb das nicht verspüren, was mich drückt, oder dass sie an dem mir Widerwärtigen eine mir unbekannte Lust entdecken. Aber was hindert mich, frei zu vermuten, dass mich an der Seele ein Fieber packte, jene dagegen gesund sind? Von Gebildeten könnte ich das leichthin vermuten, dass aber das Volk geistig gesund sei, das werde ich weder mir noch einem anderen je glauben. Nein es ist unempfindlich und stumpf. Übrigens mögen andere die Gründe ihrer Ruhe kennen, mir genügt, Gründe für meine Unrast aufgeführt zu haben. 17. Entweder täusche ich mich oder ich bin immerhin nicht dermassen krank (obwohl ich es sehr bin), dass ich keine Ruhe fände, sobald ich frei wäre von all den Beschwerden, die mir von der Rauheit meiner Umstände und Lage beschert werden.17 Ein Heilmittel besonderer Art, das ich anderen empfohlen habe, würde mir gut tun, wenn ich es zu meinem eigenen Nutzen zu verwenden verstünde. Den Frieden, den ich äusserlich nicht gefunden habe, kann ich im Innern suchen, und die Ruhe, die ich an meinen Aufenthaltsorten nicht finde, kann ich in der Seele, vielmehr in meinem Spender des Lichts und Herrn der Seele erlangen. Darüber an anderer Stelle mehr! Dir aber, Du klügster aller Dogen, den einzig die Freundesliebe18 gedrängt hat, über meine Lebensweise nachzudenken und Dich zu wundern, sei hiermit eine Antwort gegeben. Lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 26. Februar (1352).19
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Anmerkungen 1 Vgl. Petrarcas Schreiben an den Dogen Fam. 11,8 und 18,16, dazu auch die bei Dotti und Wilkins erwähnte Literatur zu den von Dandolo handelnden Stellen, vor allem Lino Lazzarini, Francesco Petrarca e il primo umanesimo a Venezia, in: Umanesimo europeo e veneziano, a cura di V. Branca, Florenz 1963. Ders. Dux ille Danduleus, in: Petrarca, Venezia e il Veneto, a cura di G. Padoan, Florenz 1976. Viele Einzelheiten berichtet der Dizionario biografico degli Italiani (DBI) Bd. 32 unter Dandolo, Andrea. 2 Zur locorum mutatio äussert sich Petrarca auch im Secretum 3,8,7 und passim. 3 Ad. Lucil. 2,1. 4 Zur Wichtigkeit des Reisens vgl. vor allem Fam. 9,13. 5 Vatia identisch mit Vatius; erwähnt bei Sen. Ad Lucil. 5,5. 6 Ad Lucil. 55; 122,10–13 über Schlemmer, die ihr ganzes Vermögen mit Wohlleben und Faulenzen vertrieben. 7 Vgl. oben Abschnitt 2 das Seneca-Zitat. 8 Eine Meinung Homers, dargelegt in seiner Odyssee, wird von Vergil übernommen und in der Aeneis ausgeführt. Vergil ist der lateinische Dichter schlechthin. 9 Vgl. Fam. 9,13,27. 10 Hor. Ars 142. 11 Liv. 5,55,1. 12 Furcht vor ewigen Strafen hat Petrarca immer wieder geäussert; vgl. z. B. Fam. 8,7,26; 10,3,42; 14,1,13 f. 13 Aen. 6,730. 14 Somn. Scip. 3,6, bei Cic. De rep. 6,15,15. 15 Ad Helviam 6,7–8. 16 Ps. 10 (11),4; 102 (103),19. 17 Zu diesen Aussagen vgl. Secretum 3,8,7 über Ortsveränderung, aber auch 2,13,1 über Trübsinn. 18 Im Lateinischen wie oft für Freundesliebe: caritas. 19 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 171 und 176; auch Petr. corresp. 73.
Fam. 15,5, an Pierre d’Auvergne, Abt von Saint-Bénigne1 Über Persönliches und über den Aufschub der Italienfahrt des Cäsars.2 1. Der Angesprochene kann sein langes Schweigen nicht mit seinem Schreibstil entschuldigen. 3. Petrarca dankt für eine Ermahnung. 4. Er bedauert eine verspätete Herausgabe seiner Invektive gegen die Mediziner. 6. Auch ist er enttäuscht, weil Karl IV. seine Italienfahrt aufschiebt. 9. Für die Erhaltung Italiens wird Gott selber besorgt sein. An der Quelle der Sorgue am 3. April (1352).
1. Ein prächtiges und wahrhaft neuartiges Kunststück hast Du angewendet, als Du, geschätzter Vater, statt Deine Briefschulden mit Schreibfaulheit oder vielen Beschäftigungen zu erklären, mit einem Hinweis auf Deine „gewisse Ehrfurcht vor meinem Stil“ Dich ganz bestaunenswert entschuldigt hast. Indem Du mit sorgfältigster Wortwahl und ausgesuchter Höflichkeit mir etwas von Deiner „Bewunderung für meine Feder“ erdichtetest, wurde ich gezwungen, über die Deine mich nicht wenig zu wundern. 2. Entweder merkst Du nicht oder hoffst, dass ich nicht merke, wie Du – was vielen oftmals unterläuft – vom eigenen Scharfsinn hintergangen wirst und Dich durch Deine Entschuldigung mehr als durch etwas anderes zum Schuldigen erklärst. Dein Schreiben bezeugt mir nämlich für die Zukunft, dass Du nicht bloss mir, sondern auch Cicero gegenüber grossartig auf alles antworten kannst, und es bezeugt mir für die Vergangenheit, dass Dir nichts anderes als Zeit oder Lust gefehlt hat, mir zu antworten. Ich wusste, dass es so sei, doch Dein Schreiben hat erreicht, dass Du es niemals wirst leugnen können! 3. Lassen wir das für den Augenblick! Dir (jetzt Vater,3 vorher Bruder) sage ich für die mir übersandten Bücher überströmenden Dank. Aber weitaus am meisten danke ich Dir für die äusserst knapp gefasste Ermahnung, mit welcher Du mich gegen das, was mir bevorsteht, zu einem guten Teil wappnest und stärkst, und Deinen Hinweis nehme ich mir zu Herzen. Ich hatte das selbe früher auch verspürt und mir schweigend gemerkt, aber vieles vermag bei einer schwankenden Einsicht die Autorität eines Belehrenden. 4. Was ich vermutete, weiss ich. Meine Abhandlung an die Adresse jener modernen Anhänger des Galenos,4 welche meinen, Gesundheit, Krankheit, Tod und Leben der Menschen müssten ihrem Scharfsinn unterstehen,5 wird also den Bestimmungsort erst später, als vorgesehen, erreichen. Das vernehme ich ungern. Ich kenne ihre Verrücktheit. Sie sind überzeugt, etwas Grossartiges ausgesprochen zu haben, und reden sich leichtfertig ein, ich hätte, um sie zu widerlegen, lange und reichlich geschwitzt. Aufgeblasene, hohle Kreaturen sind das, sehr geneigt, sich ein Urteil über sich zuzutrauen und vor sich eine sonderbare Hochachtung zu haben und zu nähren. Was sie aber in Wirklichkeit sind, das erfahren die Menschen dank ihrer Leichtgläubigkeit tagtäglich in der Gefährdung ihres Lebens. 5. Mögen sie
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doch vermuten, was sie wollen! Gering wird dieser Irrtum im Vergleich zu grösseren sein. Du jedenfalls weisst von einem Teil der Schrift so gut wie ich, und die Wahrheit weiss es von der ganzen,6 dass ich nicht mehr als einen Tag, ja nicht einmal einen ganzen, und von einer einzigen Nacht nur die letzten Stunden aufgewendet habe, wonach die Arbeit allerdings mehrere Tage in den Händen des Kopisten hängen blieb. 6. Was nun die Italienfahrt unseres Herrn,7 auch die Deine und die von uns allen betrifft und die ich nahe wähnte, werde ich durch Deine Nachricht eines andern belehrt. Dass mir meine falsche Hoffnung genommen wird, bin ich froh, doch dass sie falsch war, bekümmert mich. Glorreich schien dieser Italienzug ja zu werden und nützlich für die Welt, aber „das Schicksal verwehrt es“, um das Wort eines Dichters zu verwenden.8 Auch fürchte ich, unserem Cäsar genüge es zu leben, indem er das dem heiligen Scheitel geschuldete Diadem verachte, auch keine Neigung verspüre, für das Imperium zu sorgen und einen besonders strahlenden Ruhm zu erwerben. 7. Was tut er denn und was denkt er? Wirklich, wenn er – zufrieden mit seinem Germanien und mit den Gliedern des Imperiums – das Haupt der Welt, Italien, im Stich lässt, kann er ein deutscher König sein, ein römischer Kaiser aber nicht. Ich hoffte wie ein Dummkopf, mit meiner doppelten Aufmunterung,9 die ich für ihn, freilich ohne viel Kunst, aber vertrauensvoll und mit grossem Feuer verfasst hatte, ihn aufgerüttelt, um nicht zu sagen ‚entflammt‘ zu haben. Doch wenn ihn weder überragende Ehre noch unermesslicher Nutzen und auch nicht der günstige Zeitpunkt zur Übernahme der höchsten Herrschaft bewegen, wie wäre da verwunderlich, wenn blosse Worte ihn kalt lassen? 8. Ich wäre völlig niedergeschlagen, hätte ich nicht durch viele Erfahrung gelernt, um Vergängliches solle man sich nicht bekümmern. Beinahe alle Hoffnungen und Befürchtungen, nicht allein die meinen, sondern auch die der Sterblichen insgesamt, erwartet das selbe Schicksal: Sie enden im Nichts. Fast wie Spinnengewebe ist alles, was unter der Sonne gewebt wird. Was soll ich sagen? „Nicht alles können wir alle,“ wie Maro meint.10 „Wer es fassen kann, der fasse es!“11 Wahrhaftig wäre nämlich den Regenten eine heroische Tugend nötig, welche Vergil12 eine „brennende“ und Lucan13 eine „feurige“ nennt. Wird diese aber nicht bei der Geburt vom Himmel her geschenkt, ist sie schwerlich zu erlangen. 9. Was also entrüste ich mich? Ich ein bloss kleinstes Teilchen der Republik! Was quäle ich mich? Was betrübe ich mich? „Ein Fremdling bin ich und ein Pilger auf Erden wie alle meine Väter.“14 Ein Ausgestossener und ein ängstlicher Wanderer auf kurzer Strasse. Ich lebe und weiss nicht, wie lange, und sterbe und gehe zu meinem wahren Vaterland. Italien wird am Fuss der Alpen und zwischen zwei Meeren weiterbestehen, wie es seit Anfang der Welt bestanden hat. Und wenn ihm die Hilfe eines weltlichen Königs fehlen
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sollte, wird es das Erbarmen des ewigen Kaisers erflehen. Glaube mir aber, Vater: Etwas Grosses ist es, auf dem Stuhl Petri zu sitzen, und etwas Grosses auf dem Stuhl Caesars!15 Lebe und lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 3. April mit dem Hirtenrohr (1352).16
Anmerkungen 1 Der Adressat gehörte zum Gefolge des Kardinals Guy de Boulogne. Zur Person vgl. Fam. 9,9; 9,13 und 15,6, sowie das Personenreg. 2 Als Cäsar bezeichnet Petrarca den deutschen König Karl IV. regelmässig schon vor Empfang der Kaiserkrönung; zum Kaisertum ist dieser als König der Römer bereits bestimmt. Wo die Bezeichnung Caesar nicht Eigenname, sondern Titel ist, wird sie in diesen Texten deutsch (mit ä) geschrieben. 3 Schon in Fam. 9,9,6 wird Pierre als Abt bezeichnet; er war es damals noch nicht; Petrarca setzt aber in die Überschriften seiner Briefe oft die erst später erworbenen Titel. 4 Petrarca schreibt Galienos; er meint die Mediziner ganz allgemein als Schüler des bedeutenden Mediziners Galenos aus Pergamon, 129–199 n. Chr. Vgl. Fam. 15,6,1–6. 5 Vgl. Fam. 5,19 passim und speziell 6 ff. 6 Die ganze Wahrheit ist Gott. 7 Petrarca schreibt nostri ducis. Damit ist der Kardinal Guy de Boulogne gemeint, der zusammen mit Abt Pierre, Petrarca und andern Personen den Böhmenkönig Karl abholen sollte; vgl. Wilkins, Studies 107–111; zum Kardinal vgl. Fam. 13,1 und 14,7. 8 Verg. Aen. 4,440. 9 Vgl. Fam. 10,1 und 12,1 an Karl IV. 10 Verg. Ecl. 8,63. 11 Mt. 19,12. 12 Aen. 6,130. 13 Phars. 9,7. Vgl Fam. 20,2, wo den Nordländern dieses Feuer, die Begeisterung für die Herrschaft, abgesprochen wird. 14 Ps. 38,13; dazu vgl. 2 Cor. 5,6 f. 15 Der Franzose Pierre wird über die beiden Stühle anders gedacht haben als der Italiener; vgl. Fam. 15,6,7 ff. 16 Zu diesem Brief 15,5 vgl. Wilkins, Studies 107–111 und 119–123; und Petr. corresp. 73.
Fam. 15,6, an den vorgenannten Abt Pierre1 Gegen feindselige Interpreten. 1. Petrarca streitet nicht mit allen Ärzten, aber mit den schlechtesten. 3. Er nimmt sich einen bestimmten vor. 5. Dieser hat gegen Petrarca eine Schrift verfasst, die von Unkenntnis zeugt. 6. Ihn ausfindig zu machen, war schwierig. 7. Aus den Kreisen der selben Gegner kommt Kritik zu Worten Petrarcas über den Stuhl Petri. Doch sie sollen den Worten nichts unterschieben. 9. Petrarca zitiert den Kirchenlehrer Hieronymus. An der Quelle der Sorgue, am 17. April (1352).
1. Einen mächtigen Streit führe ich mit den Ärzten. „Wie kann man?“ wirst Du fragen, „hast Du keine Angst vor dem Fieber?“ Ich fühle mich nicht durchaus sicher, doch von diesen Ärzten da erhoffe ich nichts. „Und was denn,“ fragt wohl einer, „hast Du mit ihnen zu schaffen?“ Überhaupt nichts, ausser dass ich ihre Gefühle mit der Wahrheit verletzt habe und diese Verletzung nicht bereue. In der Tat, wenn die Wahrheit Feinde erzeugt, werde ich entweder immerzu schweigen oder niemals von Feinden frei sein. 2. Doch dass ich nicht mit allen, sondern nur mit den schlechtesten Krieg führe, zeigt schon die Überschrift meiner Abhandlung; es ist der unverschämte und verrückte Arzt, an den sie sich wendet.2 Und wer sich betroffen fühlt, ja der ist nun allerdings dieser unverschämte und verrückte Arzt, den ich anspreche. Nicht dass es bloss einen einzigen dieser Art gäbe; aber oft wirkt die Einzahl eindrücklicher, und oft hat aus einer Herde ein einzelner sich zum Anführer des Wahnsinns aller gemacht. 3. Diesem also musste ich mich in einem Einzelkampf stellen und an diesem einen die Unverschämtheit der vielen zurückweisen. Es sind da nämlich mehrere, die ob der massvollen Zurückhaltung ihres Gegners triumphieren und aus dessen Schweigen die Keckheit zum Reden schöpfen. Ein unerträgliches Geschlecht ist das und ein Gesindel von Zänkern, das man eben mit Zänkereien entkräften muss. Wie es im Augenblick um den literarischen Streit bestellt ist? Willst Du es wissen, kann ich Dir aufs genaueste zeigen, was in meinem Lager geleistet wird. 4. Die Streitsache wird jetzt mit Spott behandelt und der geschwätzige, hilflose Gegner dem Gelächter preisgegeben, ganz so, wie ich im längeren Brief am Ende gesagt habe: Meine Stacheln habe ich nicht abgeworfen; spüren wird das jeder, der sich etwa regen sollte. Will sich einer rächen, wird er begreifen, man behellige meine Feder nicht ungestraft. Jener Gewisse wird, so meine ich, wünschen, er hätte nicht begonnen. Doch was geschehen ist, wird durch Reue nicht behoben; aufzugeben ist für ihn beschämend, und weiter zu streiten ist für ihn peinlich. Daher kann man sehen, wie der Kerl nun zittert und bebt. 5. Weil er sich aufs Reden nicht versteht, geht er im Stadtgebiet herum und sucht sich zur Hilfe das Almosen eines diktierenden Plebejers; denn, wie ich kürzlich vernommen habe, ist jene Schrift, die
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Du gesehen hast und in der er mich erstmals mit schamlosesten Worten angriff, das Fabrikat eines mir unbekannten Stümpers aus den Bergen. Mir tut dieser Wahnsinn ja leid, und oft, so gestehe ich, fällt mir ein, ich sollte freundlicher handeln und jenem ohne Beschimpfungen zeigen, wer er ist. Wäre das möglich, würde damit auch sein aufgeblasener Hochmut herabgedrückt; doch ist es sehr schwierig, einer verhärteten Brust eine neue Lehre einzuflössen. Zuerst müsste er den Irrtum ablegen, damit im vollbesetzten Kopf endlich Raum für die Wahrheit entstünde. Daher habe ich verzweifelt aufgegeben. 6. Anfänglich wusste ich übrigens nicht, wo der Kampf mit dem Feind statthaben sollte. Ich konnte in der Finsternis sozusagen von Nisos durchbohrt werden und, ohne es zu wissen, mit gezückter Feder „gegen Euryalos vorgehen“.3 Ich hatte allerdings meine Vermutungen und täuschte mich nicht in der Voraussage, woher die Pfeile des Wortgefechts auf mich ausgeschickt würden. Kaum waren die Hinterhalte aufgedeckt, hatte ich gleich die Gestalt des schlecht getarnten Gegners vor mir; und genau hinschauend, las ich im Gesicht dieses Mannes gewisse Zeichen einer sturen und anmassenden Ignoranz. Schon meine ich, das eherne Haupt zu kennen, und ich weiss, dass man manche eher zerbrechen als beugen kann. Somit überlasse ich ihn sich selber und wahre mir meine alte Gewohnheit, um nichts verwegen zu behaupten. Jener aber wahre die seine, nämlich begierig zu streiten und vertrauensvoll über Unbekanntes zu richten. 7. Was also willst Du? Verlangst Du etwa noch einen anderen Nachweis für Frechheit? Ich habe Dir kürzlich einen Brief geschrieben und mit Rücksicht auf ein brennendes Thema am Ende hinzugefügt:4 „Etwas Grosses ist es, auf dem Stuhl Petri, etwas Grosses, auf dem Stuhl Caesars zu sitzen.“ Hier hat Dein Bekannter, welchem Du den Brief gezeigt hast, aufbegehrt. Was soll’s? Habe ich etwas Falsches gesagt? Man frage jene, welche die Sitze besetzen! Sie werden, wie ich vermute, behaupten, man könne nichts Richtigeres sagen. Doch wie legt der boshafte Deuter die Rede aus? Er sagt, ich wollte behaupten, dass der Stuhl Petri in Rom sei und nicht anderswo. 8. Doch wirklich, es geht gar nicht um die Frage, was ich sagen wollte, sondern was ich sagte.5 Denn was ich hätte sagen wollen, das könnte man, so glaube ich, selbst mit den Prognostika des Hippokrates6 nicht herausfinden. Ich weiss, dass der Stuhl Petri dort war, wo immer Petrus seinen Sitz hatte, und dass er jetzt da ist, wo sein Nachfolger sitzt. Auch ist mir nicht unbekannt, dass Petrus in Antiochien seinen Sitz hatte, bevor er nach Rom kam. Und obwohl kein Zweifel besteht, dass der eine Ort unvergleichlich heiliger und gesünder ist als der andere, ist es doch Sache des Herrn zu wählen, in welcher Gegend sein Haus zu stehen hat. Und könnte es anderswo vielleicht ehrenvoller sein, wird dennoch jeder Ort, den er zu seinem Sitz gewählt hat, eben dadurch geehrt sein. 9. So meine ich, und von all dem, was der missgünstige Kritiker mir vorwirft, habe ich unter dem Schreiben
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überhaupt nichts gedacht. Auch habe ich keinen Ort vorgeschrieben, wo der notwendigerweise zu sitzen habe, welcher ja der Herr über alle Orte ist. Und obwohl ich mich nicht den Bächlein der Dekrete nähern möchte, habe ich immerhin aus der Quelle des Hieronymus7 folgendes Wort geschlürft: „Wenn man nach Autorität fragt, so ist der Erdkreis grösser als Rom; und wo immer der Bischof ist, sei’s in Rom oder in Gubbio, in Konstantinopel oder in Reggio, in Alexandrien, in Theben oder in Worms, besitzt er die selbe Bedeutung und das selbe Priesteramt.“8 10. Und eben weil ich all das sehr wohl weiss, halte ich mir jene Art von Albernheit vom Leibe. Nur das eine wollte ich sagen und habe ich gesagt: Etwas Grosses sei es, auf dem Stuhl Petri zu sitzen, wo immer er stehe.“ Und ich tat es nicht vorbedacht, sondern zufällig. Denn um Caesars Sitz war’s mir zu tun und nicht um den des Petrus, wie Du weisst. Beachte also, dass die Auslegung eher von einem böswilligen als scharfsinnigen Denker stammt. Jener kläfft und würde viel lieber beissen, wenn ihm die Zähne nicht fehlten. Du aber lebe glücklich und lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 17. April (1352).9
Anmerkungen 1 Vgl. Fam. 15,5,4 und Überblick. 2 Das Schreiben spricht zum procaci et insano medico und machte wohl einen Teil des ersten Buches Invectarum in medicum aus. 3 Zum Gemetzel der beiden Freunde in der Finsternis eines Waldes, das zu irrtümlicher Tötung führte, vgl. Verg. Aen. 9,424; auch Fam. 13,10, Anm. 4. 4 Vgl. Fam. 15,5 Ende. Das Thema betraf die Kaiserkrönung Karls IV. 5 Die Deutung des Kritikers war naheliegend; vgl. Sine nom. 17; lat. und dt. in Petrarca, Aufrufe 196–212. 6 Genannt wird der berühmteste Arzt der Antike, ca. 460–370, und hingewiesen auf seine Schriftgruppe Prognostikon. Der Kritiker, dem Petrarcas Brief gezeigt wurde, stand vielleicht auf der Seite der Ärzte. 7 Epist. 146,1,7. 8 Lateinisch: …ubicunque fuerit epyscopus, sive Rome, sive …, eiusdem meriti est et eiusdem sacerdotii. Decr. Gratian. pars 1, dist. 93,24. 9 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 109 f. und Petr. corresp. 73.
Fam. 15,7, an Stefano Colonna, Prior von St-Omer1 Von den Wirren fast in der ganzen Welt. 1. Lage in Rom. 3. Lage im cisalpinen Gallien bis zum Rubicon. 4. Lage in Venezien. 5. Lage in Tuszien. 6. Kämpfe zwischen Venedig und Genua. 8. Unruhen in der Gegend von Piceno, Ascoli und Ancona. 9. Lage in der Campagna von Latien bis Terra di Lavoro, Capua und Neapel. 10. Der Niedergang des Reiches Neapel. 11. Zustände in Gallien, Germanien, Britannien und Spanien. 13. Über Sardinien und die andern Inseln im Mittelmeer. 14. Über das häretische Griechenland. 14. Verlust der Heiligen Stätten in Jerusalem und Verluste des Christentums in Asien und Afrika. 16. Unerwartete Entwicklungen bei den Mächten Europas. 19. Ratschlag, den Wohnort nicht zu wechseln. 21. Von der Kunst, im Versteck zu leben. (1352)
1. Entweder ich täusche mich oder es steht fast alles, was sich irgendwo in der Welt entdecken lässt, Deinem Planen und Erwägen, Du Hochgesinnter, entgegen. Schau Dir die Roma an, die gemeinsame Heimat,2 unsere Mutter; sie liegt darnieder und wird (welch unwürdiger Anblick!) von all den Mächten zu Land und Meer getreten, die sie einst selber mit siegreichem Fuss getreten hat. Und wenn sie sich auf dem Lager ab und zu vielleicht aufstützt, als wollte sie sich erheben, sinkt sie gleich wieder zurück, gestossen nicht von fremden, sondern von den Händen der Ihren. 2. Ob nun gar keine oder immerhin eine geringe Hoffnung bestehe: Jedenfalls fürchte ich sehr, deren ganze Erfüllung liege jenseits unseres Zeitalters. Erbarmen wird sich vielleicht, ja erbarmen über die heilige Stadt Jener, der sie zum Sitz seiner Nachfolger erwählte und der, nachdem Er sie zum weltlichen Haupt des Erdkreises erkoren hatte, auch zum Fundament des religiösen Lebens bestimmte. Erbarmen wird er sich dereinst, jedoch in so später Zeit, dass sich unser kurzes Leben nicht bis dahin erstrecken kann. Und so gibt es eben da für Deine Augen und für Deine Seele nichts Erfreuliches. 3. Was sage ich vom übrigen Italien? Seine Städte und seine anderen Orte aufzuzählen, wäre zu zeitraubend, weshalb wir ganze Provinzen zusammenfassen. Das cisalpine Gallien, wo sich das Gebiet befindet, das beim Volk Lombardei heisst und von den Gelehrten Ligurien, Aemilien und Venezien genannt wird, fast alles, was zwischen Alpen, Apennin und der alten Grenze Italiens am Rubicon liegt, wird, wie gross seine Ausdehnung sei, von niemals endender Tyrannei beherrscht. Und dessen nach Westen gewendeter Teil am Fuss der Berge (ach entsetzliche Fortuna!) wurde zum Tor für Tyrannen aus dem jenseitigen Gallien.3 4. Daher wirst Du nicht einmal in dieser Gegend einen Platz finden, wo ein Liebhaber hoher Gesittung und Beschaulichkeit zu ruhen vermöchte;4 mit Ausnahme der edelsten Stadt der Veneter, die allerdings, obwohl bis heute ein einzigartiger Tempel der Freiheit und Gerechtigkeit, jetzt von schrecklichen Kriegswirren erschüttert wird5 und überdies in der Hoffnung, ihren alten Frieden zurückzugewinnen, sich zuneh-
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mend stärker dem Handelswesen statt den Musen anbequemt,6 so dass ich zweifle, ob Dir gefallen könnte, da Deinen Wohnsitz zu nehmen. 5. Von Tuszien, dem einst blühendsten aller Gebiete, berichtet Livius,7 der Ruhm seines Namens und seiner Schätze habe einst die ganze Welt erfüllt. Dass es schon lange vor dem römischen Imperium sich grosser Erfolge freute, dafür gibt es viele Zeugnisse, vor allem auch dieses, dass ihm als einziger Macht, ja mit Duldung aller andern, vergönnt wurde, beiden Meeren, die Italien umgürten und deren Ufer zahlreiche Volksgruppen bewohnen, auf unbegrenzte Dauer seinen Namen zu geben.8 Heute indessen geht Tuszien mit schwankenden Schritten zwischen einer gefährdeten Freiheit und einer gefürchteten Knechtschaft nur stolpernd voran,9 und auf welche Seite es fallen werde, ist ihm ungewiss. 6. Die maritimen Ligurer, die nach einem Wort des Florus10 zwischen Varo und Magra wohnen und deren Hauptstadt einmal Albenga war, heute aber Genua ist, treiben ihre Geschäfte und teilen ihre Zeiten gemäss ihrer schon alten Unsitte auf eine Art, dass das Ende eines auswärtigen Krieges den Anfang eines inneren anzeigt. Damit sich das nicht eben jetzt wiederhole, habe ich sie kürzlich in einem Schreiben ermahnt! Und wäre dieses nur so wirksam wie gutgemeint!11 7. Bis heute wüten dieser Landstrich und jener, der auf der anderen Seite Italiens gegenüber Illyrien liegt, in einem gewaltigen Donnerwetter an Kriegen und einem wahren Platzregen an Verheerungen gegeneinander. Denn noch immer, wie Du siehst, stehen Genuesen und Veneter12 unter Waffen. Damit nämlich von unserem Brauchtum nur ja nichts verloren gehe, zerfetzen wir einander und zerfleischen uns gegenseitig.13 8. In der ganzen Gegend von Piceno, wo heute Ancona Hauptstadt ist, und wo einst, gemäss dem selben Florus,14 Ascoli diesen Rang innehatte, tobt unter hochgehenden Wogen unablässiger Parteihader und führt zum heftigsten Zusammenprall; und die natürliche Fruchtbarkeit des hervorragenden Bodens wird durch die schlechte Gesinnung der Landbewohner vernichtet. 9. Jene herrliche Campagna, wo einst Plotin,15 dieser grossartige Mann, sich einen Sitz zur edlen Musse gewählt hat (nämlich dort, wo man sowohl gegen die Herniker wie gegen den Algidus16 blickt), ist als Philosophenwinkel nicht mehr geeignet, ja nicht einmal für Reisende sicher, weil besetzt von stets herumstreifenden Strassenräubern. Und im Grenzgebiet von Capua und Neapel, wo das Land als wahrhaft zutreffendes Omen den Namen „Terra di lavoro“17 annimmt, haben die Einwohner dasselbe Los wie die von Apulien, Brutien, Kalabrien und das ganze Königreich Sizilien:18 Innerhalb und ausserhalb zersetzt es sich und reibt sich auf.19 10. Dabei hatte jene Region als eine eigene Sonne ihren Roberto besessen, jenen hervorragendsten Menschen und König, der – wie einst von Platon20 gesagt wurde – am Tag, da er das Zeitliche überwand, „gleich der Sonne vom Himmel zu scheiden schien.“ Willst Du mir nicht glauben, so frage die Bewohner seines Reiches, wie lange die Sonne schon ausbleibt und wie da weit und breit alles in der Finsternis abscheulich und trostlos ist.21 11. Und über den Ort, an welchem Du
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selber wohnst, über das „Kleine Rom“, wie man sagt, das letzte Babylon, wie ich auszuschreien pflege,22 braucht man kein Wort zu verlieren, so ganz und gar ist nicht allein bei den nächsten Nachbarn, sondern auch bei den Arabern und Indern die Sache bekannt. 12. Schweife im Geist aber weiter! Ganz Gallien und jener äusserste Rand unserer Zone und das darüber hinaus geworfene Britannien schwächen sich mit gewaltigen Kriegen.23 Germanien krankt nicht minder als Italien an innerem Aufruhr und verzehrt sich in seinen eigenen Bränden.24 Spaniens Könige kehren ihre Waffen gegeneinander.25 Mallorca hat kürzlich mitangesehen, wie sein König verbannt, darauf niedergemetzelt wurde und schliesslich nichts war als ein verstümmelter Kadaver.26 13. Sardinien leidet unter unwirtlichem Klima und schändlicher Knechtschaft. Korsika, fürchterlich und schmutzig, ist wie andere kleinere Inseln unseres Meeres wegen der Piratenüberfälle berüchtigt und verachtet. Ganz Trinakrien27 gleicht dem brodelnden Aetna, lodert in den heftigen Flammen des Hasses, weiss nicht, ob es eher italienisch oder spanisch28 sein will, ist daher keines von beidem, von unbeständiger Gesinnung, in unbestreitbarer Knechtschaft, die es nicht verdient, ausser es verdiene sie, weil es nicht nach Freiheit verlangt. 14. Rhodos, des Glaubens Schild,29 liegt am Boden, unverwundet und ruhmlos. Kreta, die alte Heimstatt des Irrglaubens,30 lebt für Fremde; dagegen irrt Griechenland für sich, wandelt für sich, drescht für sich,31 weidet nur sich und hat – die Speise des Heils nur schlecht wiederkäuend – unsere Futterkrippe verlassen.32 In den übrigen Teilen Europas ist Christus teils unbekannt, teils ungeliebt. Zypern, dem ein bewaffneter Gegner fehlt,33 erliegt der waffenlosen und weichlichen Musse, der Wollust, der Ausschweifung, diesen übelsten Feinden, und ist für den mutigen Mann kein Wohnsitz. Klein-Armenien, ringsum von Feinden des Kreuzes umzingelt, schwankt zwischen zeitlichem und ewigem Tod.34 15. Der Garten und das Grab des Herrn, zweifacher Hafen und Ruhestätte der Christen, wird von Hunden35 zertreten, und ein sicherer und freier Zugang zu ihnen ist für Pilger nicht offen. Das ist ein gewaltiger Frevel unseres Jahrhunderts und eine ewige Schmach. Sind wir etwa schon tot, dass wir nicht lieber zu sterben, als diese Schande zu ertragen bereit sind? Ich übergehe ganz Asien und Afrika. Obwohl zuverlässige Geschichtswerke und das Zeugnis der Heiligen dafür bürgen, dass jene sich Christi Joch einstmals beugten, ist ihr Verlust im Verlauf der Zeit uns wertlos, ja verächtlich geworden, und statt sie mit Waffen zurückzuerobern, geben wir sie dem Vergessen anheim und suchen Trost im Verschweigen. 16. Näher liegendes Unglück bedrückt uns schwerer. Wer hätte denn geglaubt, dass eine unbedeutende Flotte feindlicher Genuesen mit ihren Schiffen einst bis zum Lido der Veneter gelangen36 und dass die Briten mit bloss einer kleinen Schar in Gallien einbrechen würden?37 Doch von beidem haben wir innerhalb kurzer Zeit vernommen. Wo gäbe es, ich bitte, ein sicheres Verweilen? Venedig und Paris
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schienen von allen Städten unserer Erdkreise die sichersten zu sein; die eine war für die italischen Gebiete, die andere für die im Norden der Alpen eine Feste. Da wie dort ist vor kurzem nach einem ungehinderten Überfall der Feinde ein ungeheurer Aufruhr entstanden.38 17. Und wer hätte je vorausgeahnt, dass der König der beiden Gallien39sein Leben in englischer Haft verbringen und da vielleicht gar sterben werde?40 Sieh, schon wissen wir über den Kerker Bescheid und warten in Furcht auf ein Ende. Und wer hätte geweissagt, ein Heer der Engländer werde vor den Toren von Paris erscheinen? Sieh, schon hat es sich ereignet.41 Und doch, wie sollte einer (ausser er wisse nichts von Geschichte) über die Haft eines Königs und die Belagerung einer Hauptstadt erstaunt sein? 18. Ein römischer Kaiser hat in persischer Haft und elender Knechtschaft sein Lebensende zugebracht.42 Selbst Rom hat vor sein Tor beim Quirinal den kampfbereiten Hannibal mit seiner Heerschar heranrücken sehen,43 und hätte die Stadt diesen Schrecken mit grösseren verglichen, wäre er erträglicher erschienen, denn wirklich wurde sie ja nach vielen Jahrhunderten von den Goten eingenommen und war schon früher von den Senonen besetzt worden.44 Doch mit diesen Beispielen will ich nur eines sagen: In der Geschichte der Sterblichen ist nichts dermassen jammervoll, dass es nicht auch den angeblich sehr Glücklichen zustossen könnte. 19. Da es sich so verhält, bester der Männer, verstehst Du, wie Du zu handeln hast. Ich komme daher vielleicht als überflüssiger Ratgeber, doch auch als getreuer, und lege Dir nahe, was ich mir selber eingeschärft haben möchte. Tu, was gewisse reinliche Menschen zu tun pflegen, ja nicht nur Menschen, sondern auch säuberliche Tiere, die sich vor Schmutzigem fürchten und nach dem Verlassen ihrer Höhlen, sobald sie ihren Umkreis von Kot bedeckt sehen, ihren Fuss zurückziehen und sich erneut in ihrem Schlupfwinkel verstecken. 20. Da Du auf dem ganzen Erdenrund nirgends einen Ort der Ruhe und Erholung finden kannst, kehre zu Deinem Lager und zu Dir selber zurück! Wache mit Dir, rede mit Dir, schweige mit Dir, wandere mit Dir und verweile mit Dir! Und fürchte nicht, allein zu sein, wenn Du bei Dir selber bist. Wenn Du nämlich nicht bei Dir wärst, müsstest Du sogar inmitten der Menschen allein sein. Bereite Dir mitten in Deinem Innern einen Ort, wo Du geborgen bist, wo Du Dich freust und, ohne gestört zu werden, ruhst, wo aber Christus bei Dir wohnt, der Dich in Deiner Jugend dank dem heiligen Priesteramt zu seinem Vertrauten und Gefährten gemacht hat. 21. „Und mit welcher Kunst“, so fragst Du, „kann ich das erreichen?“ – Die Tugend allein ist mächtig, das alles zu gewähren. Durch sie erreichst Du, überall heiter und glücklich zu leben und inmitten von Übeln keinem Übel Zutritt zu gewähren. Nichts sollst Du begehren, als was glücklich, nichts sollst Du abwehren, als was elend macht. Sei gewiss: Durch nichts als durch Deine Gesinnung wirst Du glücklich oder elend, denn alles Äussere ist nicht Dein Eigenes, und alles Deine ist bei Dir. Dabei kann Dir nichts Fremdes gegeben, Dir nichts Eigenes genommen
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werden, und welchen Lebensweg Du Dir wählst, liegt bei Dir. Achte darauf, die Meinungen der Menge zu meiden und Grundsätze der Wenigen zu befolgen, mit hohem Sinn Fortuna zu verachten, da sie ohnehin mehr Heftigkeit als Wirkung zeige und häufiger drohe als zuschlage, seltener den Weg verbaue als aufbegehre, gegen Deine Güter45 nichts, mit ihren eigenen nichts nicht vermöge. Befleissige Dich, ihre Schmeicheleien zu überhören und ihre Geschenke nur als Leihgabe zu behandeln. 23. Würdest Du aber irgendeinmal zu einem höheren Rang aufsteigen, wäre das der göttlichen Milde zuzuschreiben, und geschähe das nicht, wäre gleichmütig zu bedenken, dass im Reich Fortunas die Guten unterdrückt und die Schlimmsten gefördert werden. Dann würdest Du erkennen gemäss dem Psalmisten,46 „welches Ende sie nehmen“, und Dich erinnern, dass wir hier einen Weg der Entbehrungen haben, nicht aber das Vaterland der Belohnungen. Lebe wohl! (1352)47
Anmerkungen 1 Zum Adressaten des Briefes – dem Römergeschlecht der Colonna angehörig –, vgl. Claude Cochin, Recherches sur Stefano Colonna, in: Revue d’histoire et de littérature religieuses 10, 1905,352–383.Dotti, Vita, Index und DBI Bd. 27, auch die andern an Stefano gerichteten Briefe Fam. 20,11; Sen 15,1–2 und Var. 52. Saint-Omer liegt im Dép. Pas-de-Calais; der Adressat hielt sich aber zumeist in Avignon auf. 2 Petrarca war Römer dank einem ihm bei der Dichterkrönung verliehenen Privileg. Übrigens war gemäss seiner Überzeugung Rom die Heimat aller Menschen. 3 Im Piemont waren die Anjou mächtig geworden, Mailand drängte gegen das Gebiet vor; Ansprüche erhoben da auch die französischen Könige aus dem Haus der Valois, schliesslich auch die Markgrafen von Monferrat. 4 Es scheint, dass Petrarca die verschiedenen Höfe (von Verona, Padua, Mantua, Modena etc.) in den genannten Gebieten, wo die herrschenden Familien mit ihm befreundet waren, nicht ausnimmt. 5 Vgl. den Brief Petrarcas an die Gegnerin Venedigs, an Genua Fam. 14,5. 6 Vgl. den Brief an Andrea Dandolo Fam. 11,8,31 und 15,4. 7 Liv. 5,33,7. 8 Das eine Meer ist das tuskische mit dem Namen Tuscum, das andere das adriatische, entstanden aus Atria Tuscorum. 9 Florenz (um von andern Orten des Gebiets zu schweigen), war durch innere Parteiungen zerstritten. Um sich gegen Mailand und andere ghibellinische Mächte zu wehren, suchte es immer wieder Hilfe bei anderen guelfischen Mächten; bekanntestes Beispiel: Gautier de Brienne, Stadtherr 1343–1345. Vorher war zeitweilig König Roberto von Neapel Signore der Stadt gewesen. Vorübergehend war sie 1354 auch bereit, Hilfe von Karl IV. anzunehmen, um sich vor Mailand zu schützen. 10 Flor. 1,19,4. 11 Fam. 14,5,17. 12 Vgl. Fam. 14,5 und 6. 13 Über die feritas der Italiener klagt Petrarca mehrfach; vgl. etwa Fam. 15,8,4. 14 Flor. 1,14,19. 15 Neuplatoniker, * 204, † 270; lebte zeitweilig in der Campagna.
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16 Der Algidus gehört zum südöstlicher Teil der Albanergebirge in Latien. Die Hernikerberge liegen im Nordosten von Latien. 17 Ursprünglich mit der Bedeutung von „gut geeignet für Ackerbau“, aber von Petrarca anders gedeutet. 18 Das Königreich auf dem Festland ohne die Insel Sizilien, die den Namen Trinakrien führte und Aragon unterstand; vgl. unten. 19 Hier steht im Lateinischen laborat, zur Kennzeichnung von Terra di lavoro. 20 Io. Saresb. Policraticus 7,6; vgl. Fam. 5,1,3. 21 Berichte zu Übelständen in Neapel gibt es in Fam. 5,1; 5,3; 5,6; 6,5; 7,1. 22 Vgl. vor allem die Briefe Sine nom. 23 Den Anfang des „Hundertjährigen“ Krieges zwischen England und Frankreich datiert man im Allgemeinen auf 1337/1339 (Kämpfe um die Picardie). 24 Karl IV. hatte sich seine Krone nur mit Mühe gesichert; sein Gesetz über die Königswahl stand zur Zeit, da Petrarca den vorliegenden Brief verfasste, noch aus. Als König von Böhmen war er hauptsächlich mit seinem Reich und dem Ausbau seiner Hausmacht beschäftigt. 25 Die alten Rivalitäten zwischen den Königen von Kastilien und Aragon verschärften sich infolge der Expansionspolitik von König Pedro dem Feierlichen von Aragon, auch wegen des Hundertjährigen Krieges, als sich Frankreich mit Aragon, aber England mit Kastilien verband. Einbezogen in die Auseinandersetzungen wurden vor allem Navarra und Portugal. Zudem herrschten in den verschiedenen Reichen immer wieder schwere Kämpfe um die Thronfolge. 26 Der König Jaime II. von Mallorca fiel im Kampf um sein Reich in einer Schlacht vom 25. Oktober 1349. 27 Alter Name für die Insel Sizilien. 28 Beansprucht wurde es von Aragon. 29 Rhodos stand seit 1310 unter der Herrschaft des Johanniterordens, der sich dem Kampf für das Christentum gegen den Islam verschrieben hatte. 30 Gegen den Irrglauben der Kreter kämpfte schon der Apostel Paulus; vgl. Tit. 1,12 ff. Später, einmal unter der Herrschaft der Sarazenen, dann wieder der Byzantiner, standen sie der abendländischen Kirche fern, auch als sie an Venedig kamen. 31 Anspielung an 1Tim 5,18. 32 Der vollständige Bruch zwischen der griechischen Kirche (Ostkirche) und der abendländischen erfolgte 1054. Aber neue Einigungsversuche mehrten sich später regelmässig bei zunehmender Türkengefahr. 33 Über den moralischen Nutzen eines auswärtigen Feindes sprechen z. B. Fam. 14,5,31 und 14,6,8. Zypern beteiligte sich 1344 an einer Unternehmung gegen Smyrna und eroberte 1361 Attalia. 34 Ewiger Tod droht, so denkt Petrarca, für Abfall vom Glauben, zeitlicher Tod bei Angriffen durch politische Feinde. 35 Dies eine gebräuchliche Beschimpfung der Glaubensfeinde, denen man das Heiligtum hatte überlassen müssen; vgl. Mt. 7,6. 36 Der Hinweis ist vielleicht späterer Zusatz. Grosses Staunen überfiel die Venezianer, als die Genuesen 1353 vor dem Lido ihrer Stadt auftauchten, und desgleichen im Frühling 1355. Vgl. die Briefe Petrarcas an die beiden Städte. 37 Das kleine Heer Engländer vernichtete 1346 das grosse Ritterheer von Philippe VI. Valois bei Crécy. Zu den folgenden Angaben vgl. eine Reihe ähnlicher in Fam. 14,1,27,11. 38 Das Bürgertum erhob sich und verlangte Reformen in der Regierung und Verwaltung. 39 Im Lateinischen wird Gallien in der Mehrzahl gebraucht Aber Petrarca denkt hier nur an das gallische Gebiet im Norden der Alpen, also an Frankreich, nicht auch an das italienische. Vielleicht berücksichtigt er die alte Teilung Galliens im Hinblick auf Forderungen des englischen Königs auf Gebiete in Frankreich.
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40 Jean le Bon geriet in englische Gefangenschaft 1356 in der Schlacht von Maupertuis bei Poitiers und blieb 4 Jahre lang Gefangener, teils in London. Der vorliegende Brief, wenn wirklich schon 1352 geschrieben, muss später durch Petrarca Zusätze erhalten haben. 41 Es geschah nach der Niederlage der Franzosen in der Schlacht von Maupertuis bei Poitiers; vgl. Anm. 40. 42 Gemeint ist Valerianus, Kaiser von 253–260, über den Lactantius, De mortibus persecutorum in einem eigenen Kapitel berichtet. 43 Im Jahr 212 v. Chr. rückte Hannibal von Capua her gegen Rom vor, kehrte aber am Anio im Sabinerland um. 44 Rom wurde von den Westgoten unter Alarich 410 n. Chr. geplündert und war von den Senonen schon im 4. Jh. v. Chr. eingenommen worden. 45 Gemeint sind die eigentlichen, die geistigen Güter, die man nicht Fortuna, sondern sich selbst (vielmehr Gott) verdanke. 46 Ps. 72 (73),17. 47 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 120–123 und Petr. corresp. 73. Spätere Zusätze, wie man sie hier feststellen muss, sind bei Petrarca häufig.
Fam. 15,8, an seinen Lelio1 Beratung über die Wahl eines geeigneten Wohnortes. 1. Kein Platz auf Erden kann Petrarca gefallen, doch redet er sich ein, er befinde sich wohl, wo er ist. 4. Am liebsten wäre er in Rom; jetzt lebt er zu nahe bei Babylon. 7. Er wünscht Auskünfte über die Lage in Rom. 11. Aber verschiedene Höfe laden ihn zu sich. 15. Lautet die Antwort von Lelio ungünstig, wird er für immer an der Sorgue leben. 19. Es bleibt aber dabei, dass er in Rom zu leben wünscht. An der Quelle der Sorgue, am 24. April (1352).
1. Ich schreibe, was Dir auf den ersten Blick sonderbar vorkommen wird. Wenn Du aber Deine Gedanken der Vergangenheit zukehrst und meine Lebensweise (Dir von Jugend auf bekannt) und mein Ziel betrachtest, wird da nichts sonderbar bleiben. Hier die Hauptsache: Kein Ort auf der Welt gefällt mir. Wohin ich meinen müden Leib auch bette, kommt mir alles dornig und hart vor. Ich glaube, jetzt wäre es an der Zeit, ins andere Leben hinüber zu gehen; hier nämlich, so sage ich, fühle ich mich schlecht, ob das nun an mir liegt oder an den Orten oder an den Menschen oder an allem insgesamt. 2. Darüber habe ich recht ausführlich unserem hochangesehenen Stefano2 geschrieben, bin eben darum seit langer Zeit auf Erden ein Wanderer und habe mich deshalb vor kurzem auch selber vor dem Dogen von Venedig, dem erlauchten Andrea Dandolo, entschuldigt.3 Beide Schreiben schicke ich zugleich mit diesem an Dich, denn mit der Sache, derentwegen ich Dich um Rat bitte, haben wohl beide einiges zu tun. Gewiss bezweifle ich nicht, dass man gegen mich vieles vorbringen kann! Doch dass auch möglich sei, auf alles sachlich zu antworten, darauf baue ich. 3. Ein einziges Trostmittel habe ich mir unter so vielen Widerwärtigkeiten mit nicht geringem Aufwand und nicht eben leichter Verstandesarbeit zusammengebraut: Wo immer ich auf Erden wäre, und zwar recht übel, ja sogar schlecht, wollte ich mir doch einreden, es gehe mir gut, und wollte mich selber hintergehen und mich dazu zwingen, nicht zu spüren, was ich spüre. Das ist ein oft nützliches, ja notwendiges und letztes Mittel gegen seine Plagen. Was könnte es helfen, gegen ein unentrinnbares Fatum zu kämpfen und mit innerer Ungeduld und mit Widerwillen all das Lästige seiner Aufenthaltsorte zu vermehren? 4. Wirklich, Du kennst mein Herz. Ist auf Erden etwas zu finden, was mir gefällt, so liegt es in Italien. Und das kann Dich nicht wundern. Denn da ist unsere Heimat, und da sind die Gegenden von einer Beschaffenheit, die selbst Fremde, ja solche von barbarischem Wesen4 erfreut. Umgekehrt ist da allerdings entweder mein Geschick oder dann die Heissblütigkeit der Einwohner von einer Art, dass ich schon lange Zeit fern diesem Land und freiwillig in der Verbannung weile5 und– was Dich wiederum erstaunen könnte, würde es Dir als etwas Neues und zum ersten Mal gesagt6 – oft an der Quelle der Sorgue mich erhole, nämlich auf
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diesem armen, engen, jedoch einsamen, stillen Stück Land, das, weil vergleichsweise wenig fruchtbar, kaum anderen als jenen begehrenswert ist, welche den edlen und beschaulichen Studien obliegen. 5. Was diesen Ort angeht, könnte ich hier höchst geruhsam leben, würde ich nicht durch die von aussen eindringenden Stürme erschüttert. In diesem Hafen schaue ich mich in der Furcht vor mancherlei um, entsetze mich dabei am meisten vor dem benachbarten Babylon, das man römische Kurie nennt, was sonderbar ist, weil es ja, nichts weniger als römisch, nichts heftiger befeindet als Rom.7 Seine Nachbarschaft, sein Anblick, ja sein schrecklicher Gestank sind einem gedeihlichen Zustand durchaus verderblich. Er allein könnte genügen, mich von hier zu vertreiben! Und schweigen will ich von den Nachwehen früherer Stürme, die, aus der nächsten Nachbarschaft blasend, mein geborstenes Lebensschiff bis in diesen Hafen verfolgen! 6. Meine ganze Beratung führte zu folgendem Ergebnis, das Dir – hast Du es nicht vergessen – schon vor zwanzig Jahren bekannt war: Nirgends wäre ich lieber als in Rom und wäre da schon immer gewesen, hätte mein Schicksal es gestattet. Sagen lässt sich mit keinen Worten, wie hoch ich die ruhmvollen Überreste der Königin aller Städte und ihre mächtigen Ruinen und so zahlreichen, herrlichen Spuren mannhafter Grösse verehre, die allen, die da wandeln am Himmel und auf Erden, eine Leuchte vorantragen, um sie zu einem höchsten Ziel zu geleiten. Und ich würde jetzt noch begieriger als früher in eben dieser Stadt – ich möchte sagen können: „der halb zerstörten“ – das Bisschen Rest meines Lebens verbringen. 7. Nachdem ich schon fast alles erprobt habe, neige ich auf keine Seite stärker als dahin; denn wo ich oft als Fremder gewesen, möchte ich endlich ein Einwohner sein, und nachdem ich der Irrgänge durch des Reiches Glieder rings auf Erden jetzt müde bin, wollte ich endlich bei seinem Haupt mich niederlassen und, soweit es hier8 möglich ist, zur Ruhe gelangen. Muss ich noch weiterleben, so werde ich das kaum an einem anderen Ort besser tun; und gewiss wollte ich nirgendwo lieber beerdigt sein.9 Schon schaue ich voraus auf mein Ende und denke an meine allerletzte Behausung. Alles dreht sich schliesslich darum, ob ich tun kann, was ich wünsche. Bei allem Nachdenken erkenne ich ja nicht, was mir an Schwierigkeiten entgegenkommt. Aber wer etwas beginnt, pflegt alles für schwierig anzusehen. Und umgekehrt ist auch wahr, dass manches schwieriger ist, als es aussieht. 8. Bei so gegensätzlichen Sorgen werfe ich meine ganze Last auf Dich. Du, Bruder, hast eine gründliche Kenntnis von meinen Umständen, meinen Fähigkeiten, meiner Habe. Rom kennt niemand besser als Du. Die gegenwärtigen Verhältnisse dort betrachtest Du als Augenzeuge. Würde daselbst von drei Personen auch nur eine einzige noch leben, nämlich entweder jener wunderbare Greis oder jener ruhmvolle junge Mann oder jener hochherzig Heranwachsende,10 und müsste uns nicht scheinen, dass wir aller unserer und des Vaterlandes Leuchten beraubt zu wer-
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den verdienen, dann bestünde für mich kein Zweifel und dann hörtest Du nicht eine Bitte um Rat, nein, dann sähest Du mich persönlich vor Dir. 9. Nun aber bin ich des Rates bedürftig und frage vor allem: Was unternimmt nun Roma, die uns allen gemeinsame Mutter? Und weiter: Wie denkt darüber unser andere heranwachsende Mann,11 auf den die Hoffnung der hochangesehenen Familie überging? Was legt er an Früchten der Tugend, was an Ruhmestaten vor? Wie sehr bestimmt ihn das Ansehen seiner Vorfahren, und wie sehr begeistern ihn ihre Beispiele? Wie denkt er von uns? Wie liebt er die Seinen? Man pflegt in seinem Alter die Zuneigung zu den Seinen leicht zu verlieren. Schliesslich wünschte ich sehr zu wissen, ob Du beschlossen hast, eben da bis ans Lebensende zu bleiben. Das ist für meinen Entscheid von nicht geringer Bedeutung. Wenn Du bleibst, will ich es loben; wenn nicht, muss ich mich wundern. 10. Lange genug sind wir Pilger gewesen, um nicht von Herumgejagten zu reden. Richtig ist, gegen Abend Halt zu machen und Anker zu werfen, damit die Nacht uns nicht als Verirrte überrasche. Was mich angeht, so hast Du schon damals, als die Kurie Babylons noch weniger abscheulich war als heute und wir selber noch kindischer handelten, sehr wohl erkannt, in welchem Mass sie mich beglückte. Nachher hat sich im Verlauf der Zeit bei mir eine Entrüstung12 dazugesellt, während jene einen Zustand erreichte, dass viele, die früher gierig da verharrten, jetzt noch gieriger auseinander fliehen. 11. Doch nichts bleibe vor Dir verborgen, damit Du desto reiflicher überlegst. Ich werde zur einen und selben Zeit von verschiedenen Seiten umworben und zu kommen aufgemuntert. Nach Neapel ruft man mich zum sizilianischen König.13 Doch verdächtig ist mir dort die Witterung. Gesund mag sie sein für die Bevölkerung dort, wie es deren körperliches Wohlbefinden und ausnehmend schönes Äussere andeuten, für mich aber ist sie heisser, als ich wünschte. Auch ist da ein neuer König,14 und kann man auf ihn vielleicht ein Wort Lucans15 beziehen: „…sehr sanft ist das Schicksal, Steht ein Reich unter neuem Herrn…,“ so muss ich doch beim Gedanken an den früheren König fortwährend seufzen. Alles andere würde mir ohne weiteres zusagen; die Küste ist herrlich, und mir wird, weil sich herumsprach, was ich vor allem begehre, eine unbeschränkte Musse und Einsamkeit versprochen, und zwar von jenen,16die ihr Versprechen zu halten vermögen und für ihre Worte mit gutem Recht Glauben verdienen. 13. Überdies werde ich nach Paris zum König der Franzosen gerufen,17 zu diesem besten und mildesten Fürsten, der mir, wie Du weisst, so zugetan ist, als wäre ich ihm kein Unbekannter.18 Doch weder entspricht mir dort die Gesittung der Einwohner, noch ihm bis heute sein Schicksal. Auch ist mir nachteilig, dass ich einst dorthin gerufen wurde, um den Lorbeer zu empfangen,19 und ablehnte. Wenn ich nun hingehe, könnte ich vor den Richtern, die ein ihnen fremdes Leben
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begutachten, den Anschein erwecken, obwohl zweimal gerufen, hätte ich nur einmal gehorcht, und zwar nicht damals, als die Stadt von mir – wenn jemals – Ruhmvolles erwarten durfte, sondern erst heute, wo es für mich darum gehe, von dieser Stadt ausnehmend grossen Nutzen zu ziehen. Und von neuen Plänen nur soviel. Was nun folgt, betrifft die alten. 14. In eben der Gegend Italiens werde ich nun erwartet, in der ich einst manche Jahre verbrachte, als mir ein guter Teil meiner Geschicke verborgen war.20 Es könnte mir daselbst alles gefallen, würde nur den Feindseligkeiten unter den Bürgern nicht gar so vieles erlaubt! Gerufen werde ich auch an die benachbarte Kurie;21 da aber bekommt mir nun gar nichts und missfällt mir alles. Ob so vieler Schwierigkeiten bin ich ängstlich bei diesen Klippen an Land gegangen. Hier bleibe ich hangen, ohne zu wissen, wohin ich die Segel am ehesten wenden soll. Und wenn sich der Aufenthalt hier in die Länge zieht, wird aus mir ein vollendeter Waldmensch.22 15. Was ich tue, hast Du gehört. Und nun höre, was ich überlege. Auf Deine Antwort will ich warten. Wenn Du nach Rom zu kommen abrätst, werfe ich unverzüglich das Steuer nach jener eben erwähnten Seite herum und werde zwischen den Alpen und dem Apennin erfahren, ob entweder Fortuna oder die Vernunft mir mitten unter Meeresfluten einen ruhigen Ort zu gewähren vermöge. Scheint mir die Fahrt sehr gefährlich zu werden, will ich hier, wo ich bin, nicht allein Anker werfen23 und das Schifflein anbinden, sondern, wie man nach dem Schrecken eines Schiffbruchs oder im Ekel vor dem Meer zu tun pflegt, das Gefährt aufs Land ziehen, unter einem Dach verstauen oder vielleicht gar verbrennen, damit ich nach einer Änderung meiner Absicht nur ja nicht wieder ausfahren könne. 16. Und sollten mich hier das nahe Getöse der unheiligen Stadt und ihr Rauch noch so sehr belästigten: Ich werde die Ohren und Augen zuhalten und die angenehme Musse und das begehrte Alleinsein geniessen, wie ich schon tue. Und sollte, was ich nicht verbieten kann, ein Störenfried eindringen, wird er zu spüren bekommen, dass ich hier in den Wäldern die städtischen Sorgen vergass und nicht im geringsten an sie denke. Dann wird er sagen, er habe zu einem Tauben gesprochen; denn gar nichts werde ich hören und auf überhaupt nichts antworten, was meinem eigenen Vorhaben fern liegt. Ich werde umhergehen, allein und frei, wie ich schon tue, doch wird es einen bestimmten Unterschied geben: Während ich jetzt von dieser Gegend aus an den Tiber und den Po denke, ja auch an den Arno, die Etsch und den Tessin, werde ich später mit nichts anderem als einzig mit der Sorgue beschäftigt sein, um unter Bauersleuten zu leben und da mich begraben zu lassen und um einst am jüngsten Tag zwar jenseits der babylonischen Verwirrung – der jetzt schon zudringlichen –, aber immerhin in ihrer Nähe aufzuerstehen. 18. Endlich ist diese Abhandlung im Verlangen zu reden lange genug geraten. Und auf alles, Bruder, was hier zu einem Ganzen zusammengefasst wurde und
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selbst auf alles, was ich im vorliegenden Brief vielleicht zu sagen vergass, antworte bitte, was ich gemäss Deiner Meinung richtigerweise tun soll. Doch das Eine darfst Du nicht übersehen, dass ich nämlich bei freier Wahl die Stadt Rom allen anderen Orten bei weitem vorziehen würde.24 Das habe ich in Worten stets ausgedrückt und hätte es auch in Taten bezeugt, wäre ich mein eigener Herr gewesen. 19. Ich stand aber unter der Herrschaft Fortunas, der auch die Könige und Fürsten der Erde unterworfen sind und der sich von allen menschlichen Belangen gar nichts entzieht ausser die unverbrüchliche und vollendete Tugend, die ich allerdings nicht besitze. Nun werde ich in einer Sehnsucht, die um so heftiger brennt, je stärker sie gedehnt wird, dahin gezogen. Merke Dir also genau und schreibe es Dir ins Herz: Habe ich die heilige Stadt einmal betreten, werde ich sie nie mehr verlassen, mögen mich Iuno nach Samos, Venus nach Knidos und Iupiter nach Kreta locken.25 Lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 24. April (1352).26
Anmerkungen 1 Vgl. die früheren Briefe an den selben Adressaten, so Fam. 3,19, und für den engeren Zusammenhang Fam. 15,1 und 15,9. 2 Fam. 15,7. 3 Fam. 15,4. 4 Im Lateinischen steht wie so oft neben alienigenas noch die andere Bezeichnung barbaros, nämlich für die ferneren Ausländer. 5 Über freiwilliges und unfreiwilliges Exil sagt Petrarca manches in Fam. 2,3,1 ff. 6 Lateinisch: quod forte miraberis – nisi quia nec idipsum novum audis – nec etiam, ut sepe alias… Eine von Petrarca geschätzte Häufung der Negationen. 7 Vgl. die Briefe im Buch Sine nomine. 8 Hic: das heisst wohl: hier auf Erden. 9 Petrarca denkt hier nicht an seine einst oft wiederholte stoische Lehre, der Mensch sei überall zu Hause, und es sei lächerlich, sich um den Ort seines Begräbnisses zu kümmern; vgl. z. B. Fam. 2,1,15 ff.; 2,4,14 ff.; 2,7,9 ff. 10 Die drei Personen sind verstorbene Glieder des Hauses Colonna. Lelio war diesem eng verbunden. Vgl. im Personenreg. Colonna 11 Im Lateinischen steht hic alter adolescens noster; es handelt sich also nicht um den selben adolescens, von dem im vorausgehenden Satz die Rede war, vielmehr denkt Petrarca an Stefanello, einen anderen Nachkommen des Hauses Colonna; dieser und Bertoldo Orsini hatten sich damals während grosser Unruhen in Rom zu Senatoren ausrufen lassen; vgl. Fam. 15,1. 12 Petrarca hat seiner Entrüstung im „Buch ohne Namen“ harte Worte geliehen und sich damit Feinde und Freunde erworben. Zur Entrüstung vgl. Fam. 14,4,30. 13 Der König Lodovico von Neapel hielt seinen Anspruch auf die Insel aufrecht, und sein wichtigster Ratgeber Acciaiuoli schien zu einer Rückeroberung fähig zu sein.
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14 Die Ehe der Königin Giovanna von Neapel mit Lodovico von Tarent war 1348 anerkannt worden, und dieser galt seit 1352 als König. Mit dem „früheren König“ meint Petrarca Roberto d’Angiò (Anjou). 15 Phars. 8,452–453. 16 In erster Linie von Niccolò Acciaiuoli, doch auch von Barbato da Sulmona und Giovanni Barrili; vgl. Fam. 12,15,5 f., auch DBI und das Personenreg. 17 Das ist seit dem Sommer 1350 Jean II le Bon. 18 Vgl. Fam. 19,4,8; 22,13 und 22,14; 23,2,7. 19 Vgl. Fam. 4,4 und 4,5. 20 Erwartet wurde er an verschiedenen Höfen Norditaliens. Ausser in Parma auch in Verona, Mantua und Padua. In Parma hatte Petrarca die Gunst des Bischofs Rossi verscherzt; vgl. Fam. 9,5. 21 Also nach Avignon; vgl. Fam. 11,6. 22 Als Silvanus oder Silvius hatte sich Petrarca in seiner Jugend gerne vorgestellt; vgl. z. B. Fam. 10,4,20. 13–16. 23 Vgl. Fam. 15,3,9. 24 Vgl. Fam. 15,9. 25 In Samos, dem Geburtsort der Hera (Iuno) befand sich ein Heiligtum dieser Göttin. In Knidos stand das Heiligtum der Aphrodite (Venus) mit dem Bildnis der Göttin von Praxiteles. Sehr frühe Zeugnisse für den Kult des Zeus (Jupiter) haben sich in Knossos erhalten. 26 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 115 Anm. 44, 121; und Petr. corresp. 73. Dieser Brief wurde nach Wilkins Auffassung ganz gewiss zum angegebenen Zeitpunkt geschrieben. Nach seiner Meinung ging er Fam. 15,1 zeitlich voran.
Fam. 15,9, an seinen Lelio1 Erörterung gewisser Ansichten, die gegen den Ruhm der Stadt Rom vorgebracht werden. 1. Petrarca rechtfertigt seine Ortswahl. Diese ist ehrenwert. 4. Getadelt wird sie von jenen, die Rom mit Babylon gleichsetzen. 5. Inwiefern Augustinus Rom als ein zweites Babylon bezeichnen konnte. 8. Dieser anerkennt immerhin die Auserwählung Roms zur Weltherrschaft. 11. Hieronymus hält Blitzschläge und anderes Unglück, das die römischen Hügel traf, für Strafen Gottes. 15. Petrarca setzt sich mit den beiden Kirchenlehrern auseinander. 17. Die Blitze und Erdbeben sind keine Beweise für Gottes Zorn. 26. Petrarca hält an seiner Ortswahl fest. (An der Quelle der Sorgue, im April 1352)
1. Schon hatte ich Lebe wohl gesagt, das Tagesdatum angefügt und den Brief gefaltet, als heimlich eine neue Überlegung heranschlich und das Schreiben zu ergänzen mahnte. Was tun? Das Blatt Papier war voll, für einen Zusatz fehlte ein Platz, denn schon „…klebt ja der letzte Vers am unteren Blattrand,“ wie Naso sagte.2 Selbstverständlich will ich nun, was dort wegblieb, hier ausführen. 2. Und dabei werden wir alles um so sorgfältiger zu behandeln haben, als es sich jetzt dem Urteil einer grösseren Menge wird unterziehen und sich ständig zwischen Neid und Ignoranz wird bewegen müssen. Nicht im mindesten ist zu vernachlässigen, was im früheren Brief3 zu meiner Rechtfertigung begonnen wurde, nämlich anders Denkenden, so weit als möglich, klar zu machen, dass mich ein grosses, aber auch durchaus würdiges Verlangen nach Rom zieht. 3. Ich schweige von Bürgerkriegen und von Begehrlichkeiten der dort unversöhnlichen Bevölkerung. Ich übergehe viele Übel, welche die Stadt mit dem ganzen Erdenrund gemein hat. Ich spreche nicht von den Belustigungen, die weit und breit im Schwange sind, denn ich suche nicht eine Vergnügungsstätte, sondern einen ehrenhaften Wohnsitz, dies im Gedanken an Scipio, der in seinem Exil das schreckliche Literno4 den Schwelgereien von Baiae vorzog und dafür gelobt wurde.5 Ich komme zu dem einen Thema, zu dem mir eben meine neue Überlegung verholfen hat. Es reisst mich jetzt über das Ziel des früheren Schreibens hinaus, wie Du gehört hast. 4. Mir fiel also ein, dass sich meiner Ortswahl die Meinung6 jener Menge widersetzt, die unter Babylon Rom versteht und – um im Zorn zu reden – seine Leistung für schmutzig und seinen Ruhm für schmählich erklärt. Und leugnen möchte ich nicht, dass diese Auffassung ihre bedeutenden Vertreter hat.7 5. Denn sogar Augustinus hat bei seiner Abfassung des Gottesstaates,8 als er bis zur Zeit der Geburt Abrahams gelangt war, Folgendes gesagt (da ja wirklich feststeht, dass sie in die Regierungszeit des Assyrers Ninos9 fiel): „Ninos hatte sein dreiundvierzigstes Regierungsjahr erreicht, als Abraham geboren wurde, und es entsprach ungefähr
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dem Jahr eintausendzweihundert vor der Gründung Roms.“ Nun wollte ich, das Nachstehende hätte er verschwiegen, doch er sagt:10 „Wie ein zweites Babylon im Abendland“. 6. Und nicht zufrieden, es einmal gesagt zu haben, wiederholte er das an anderer Stelle, nämlich da, wo er durch die Reihenfolge der Albaner und durch das Geschlecht ihrer Könige bis zu Romulus gelangte. Er sagt:11 „Ich fasse mich kurz: Rom wurde im Abendland als ein zweites Babylon gegründet.“ Und sieh, er bleibt nicht einmal beim früher Gesagten stehen, sondern geht darüber hinaus: „Gleichsam als Tochter des älteren Babylon.“ 7. Und an eben dieser Stelle wollte ich nun gar nicht, er hätte das Folgende verschwiegen; es lautet: „Denn Gott gefiel es, durch eben diese Stadt den Erdkreis zu unterwerfen, ihn zu einer einzigen Gesellschaft nach den Gesetzen eines Gemeinwesens zu gestalten und ihn im ganzen Umfang zu befrieden.“ Du hörst also, die mütterliche Stadt ist zwar im Namen Babylon verrufen, aber dank ihrem Ursprung und ihrer ausnehmenden Würdigung durch die himmlische Vorsehung glorreich! Es sagt ja Augustinus: „Da es Gott gefiel, durch sie den Erdkreis zu unterwerfen.“ Das hätte Gott auch durch eine andere Stadt vermocht, doch er wollte, dass es durch diese geschehe, und wirklich hatte er sie mit grossem Aufwand als die geeignetste unter allen von Ewigkeit her ausersehen.12 8. Und es war gewiss kein unbedeutendes Unternehmen, dem ungebändigten und zügellosen Erdkreis ein Haupt zu geben, und Augustinus hat hier nichts vorgetäuscht, da er seine Meinung mit der Überlegung bekräftigte: „Die Völker waren schon stark und kühn und die Stämme in den Waffen geübt, weshalb sie nicht leicht zurückwichen und es vielmehr nötig war, sie unter ungeheuren Gefahren und Verwüstungen und mit nicht geringer und entsetzlicher Anstrengung zu unterdrücken.“ 9. Sieh, mit welch gewaltigem Bemühen die göttliche Vorsehung das römische Imperium errichtet hat, damit es das Haupt der Erde sei! Dass hinwiederum dem assyrischen Reich teils wegen seiner engeren Grenzen, teils wegen der rohen und unkriegerischen Art der zu bändigenden Barbarenstämme fast wie von selbst die Rolle zufiel, das Haupt – nicht des Erdenrundes, aber – Asiens zu sein, hat der selbe Augustinus in langer Ausführung klargemacht. 10. Dem römischen Reich freilich, welchem Grösseres und Schwierigeres zu erledigen blieb, wollte Gott eine Besonderheit verleihen, wie es die riesige Zahl an Mühen und die Schrecken der zu bewältigenden Aufgaben forderten. Und in alledem gibt es, wie ich glaube, bis hier nichts Dunkles ausser dem Namen Babylon. Ihn haben viele verwendet, vor allem tat es in der Geschichtsschreibung als Nachfolger Augustins jener Aufstapler irdischen Unglücks Orosius.13 11. Gewiss hat Hieronymus14 in einer Abhandlung, worin er sein beschauliches und stilles Betlehem lobte, darauf hinweisen wollen, dass sein armseliger Ort Gott liebenswerter sei als die Burg auf dem Kapitol samt ihren zahlreichen Siegeszeichen.
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Eben deshalb sagte er zudem, diese Burg sei oftmals durch Blitze vom Himmel getroffen worden, und er täuschte sich nicht, wie jeder beim blossen Überfliegen der Geschichtsbücher sogleich feststellt. Auch bestreite ich nicht, dass ausser der genannten Burg auch alle anderen römischen Burgen von einem gleichen Schimpf getroffen werden können, unter ihnen insbesondere der hochragende Monte Celio,15 jedoch nicht infolge von dessen eigenem Versagen und nicht wegen eines hasserfüllten Blitzeschleuderers, vielmehr wegen seiner leidigen Sichtbarkeit! Ist es doch eben diese, die oft das, was bei andern ein geringes Unglück war, zum aussergewöhnlichen machte. 12. Und diesen Hügel, von dem ich rede, konnte allein schon das betrübliche und entsetzliche Ende des römischen Königs Tullus Hostilius16 in Verruf bringen. Dieser soll ja, nachdem sein ganzes Leben bis ans Ende ein einziges Blitzen und Donnern gewesen, am selben Ort durch einen Blitzschlag – wie stimmt doch das Lebensende mit dem ganzen Leben der Menschen überein! – mitsamt seinem ganzen Hause verbrannt sein. Ich übergehe andere, die den römischen Namen verspotten; es sind ihrer ja nicht wenige, teils alte, teils neue und einige auch aus unserer Zeit,17 und ihrer mehrere lassen sich, wie aus ihren Worten hervorgeht, nicht so sehr durch das Verlangen nach Wahrheit, sondern weit mehr durch Hass und Neid gegen diese Stadt hinreissen. Ihnen braucht man wohl nicht zu antworten; es genügt, dass ihr eigenes Gift sie verzehrt. 13. Denn sind sie gebildete Menschen und lesen sie die Geschichtswerke, so zwingt sie, wie ich glaube, der ihnen auf jeder Zeile begegnende glanzvolle Name Roms zu ständigem Aufseufzen, und zwar, was Verfälschungen ausschliesst, bei Büchern, die nicht von römischer Hand, sondern von fremder geschrieben wurden. Im römischen Volk gab es nämlich, wie Crispus18 sagt, niemals eine grosse Zahl Schriftsteller; man hielt es eben für ehrenhafter und rühmlicher, andere über sich berichten zu lassen, als selber über andere zu berichten, und man wünschte sich eher Taten und einen guten Ruf für Taten als einen für Worte zu erwerben. 14. Kurz gesagt: Welches Ende der Stadt Rom einst beschieden sein mag: Ihr Name lebt solange als die Erinnerung an die griechische und lateinische Bildung weiter besteht, und nie wird es den Neidischen an etwas fehlen, das sie innerlich aufzehrt. Einem Augustinus und Hieronymus immerhin, die man nicht geringschätzen darf, sei in folgender Weise geantwortet! 15. Dass Rom als ein zweites Babylon im Abendland gegründet wurde, gebe ich zu. Auf Gottes Befehl sollte eben das östliche Imperium, das viele Jahrhunderte in Babylon bestanden hatte, dort beseitigt und allmählich in den Westen überführt werden, wo zweifellos Rom bestand. Doch nicht alles stimmte überein. Die Lebensart der Städte war verschieden; zudem entstand aus dem morgenländischen Imperium nicht ein abendländisches, sondern ein universales, und zwar in der Art einer einzigen allumfassenden und wahrsten Monarchie. 16. Weil sich nun aus dem ganzen gebändigten Erdkreis ein Zustrom in eine einzige Stadt und eine
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grösste Vermischung aller Kulturen und vor allem auch eine der grössten Götterscharen und der heiligen Gegenstände ergab, sprach man von Babylon, und dass man das tun konnte, bestreite und verwerfe ich nicht; denn der Name bedeutet „Konfusion“, Vermischung. Dabei wage ich aber zu behaupten, dieser Name sei an jenem Tage von der Stadt abgeglitten, als sie die falschen Götter fort wies, den Kult und Namen des einen wahren Gottes einführte und – um ein Wort des Papstes Leo19 zu übernehmen – „aus einer Lehrmeisterin des Irrtums zu einer Jüngerin der Wahrheit wurde“. 17. Wenn dann noch behauptet wird, jener Felsen des Kapitols sei häufig von Blitzen getroffen worden, und dies zum Beweis dafür dienen soll, dass der Ort unserem Gott missfalle, so will ich in gutem Frieden dem heiligsten und gebildetsten Lehrer20 erwidern, jene Ereignisse seien nicht dem göttlichen Zorn zuzuschreiben, sondern der Natur. Andernfalls würde unter allen Völkern Ägypten von Gott besonders geliebt. Es ist zwar ein Sitz aller Gottlosigkeit und allen üblen Aberglaubens, hat nicht allein Isis und Osiris, sondern auch Apis und Serapis und das Krokodil angebetet und verehrt und betet heute zu Mahommed – kaum heiliger als das Krokodil21 –, aber dennoch, wie das Gerücht sagt, donnert es dort selten oder nie. 18. Umgekehrt würde Gott die Pyrenäen hassen, obwohl man da Christus anbetet. Denn wie entsetzlich und häufig es da donnert, wer könnte das besser wissen als wir,22 die in kräftigerem Alter einen ganzen Sommer da verlebten und sehr häufig von den Flammen des Blitzes die Felder gar rauchen sahen! 19. Wenn nun zwar jede Überlegung und jede Meinung nützlich und lobenswert ist, insoweit sie eine fromme und nüchterne Furcht erweckt, kommen dennoch jener Schall und jenes Feuer nicht so sehr vom Zorn, als von der Natur, sind zufälliger Art und stürzen mit rasenden Winden zur Erde, um ein Wort des Satirikers23 zu verwenden. Und der Grund dafür liege in der edlen24 Art der Luft, so behaupten einige, unter ihnen Plinius Secundus, ein sehr grosser Gelehrter. Und wäre das wahr, könnte man denken, die Luft eben in der Gegend der Pyrenäen sei ganz sonderlich vornehm. 20. Und der selbe Gelehrte erwähnt das auch als Grund für das häufige Donnern in Italien, und wäre das wiederum richtig, so wäre mir für meinen Teil wahrhaftig am liebsten, diese Vornehmheit könnte man in einem Tauschhandel mit Ägyptern oder Irländern loswerden, da es bei ihnen ja nur ganz selten und gelinde donnert, wie das von jenen bezeugt wird, die davon schreiben und von dorther stammen. Doch ich kehre zu Rom zurück. 21. Es liebt also Gott den Tarpeischen Felsen25 nicht, glorreicher Hieronymus! Er – um einen Vers des Maro26 zu zitieren –: „Hauchte ja flammenden Wind ihm zu und schlug ihn mit Feuer.“ Gestattet sei aber, bitte, mit Dir ehrfürchtig über Wahrheit zu sprechen. Es liebt also Gott den Tarpeischen Felsen nicht? Warum er dennoch das Haupt des Erdkrei-
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ses dort festsetzen wollte, wundert mich sehr, und dabei wirst Du’s selber nicht abstreiten. Was Du mir darauf aber antworten wirst, sehe ich voraus, weshalb ich auf dieses Bollwerk mich zu stützen verzichte. Dagegen erkläre ich: Gut, es gelte! Gott hasse jenen Ort, der freilich, ohne dass Gott ihn liebte, gar nicht bestünde.27 Doch ja, er hasse ihn, und dies sei in Erfahrung gebracht worden! Und folgerst Du nicht hieraus, dass Gott ihn mit Blitzen zu verfolgen schien? Dann beachte, bitte, die Kraft Deines Beweises! 22. Ich will Exempel nicht von ferne herholen, das ist nämlich auch nicht nötig. Denn in der Tat, wenn Gott den Tarpeischen Felsen nicht liebt, den er mit Blitzen schlug, und wenn er – was ich eher als ein Zeichen für göttlichen Hass ansähe –, oftmals und auch zu unserer Zeit ertragen hat, dass das Haupt der Erde zu einem Schlupfloch von Räubern werde, dann liebt er doch wenigstens seinen Wohnsitz im Lateran und wenigstens die Kirchen der Jungfrau Maria und seiner Apostel. Ob er diese aber geschont hat, das können wir feststellen. 23. Der Lateran ist zu unserer Zeit ein Raub der Flammen geworden und wird nun mit grosser Mühe und unendlichen Kosten wiederaufgebaut.28 Da wird einer vielleicht sagen, dies sei nicht durch Gottes Hass geschehen, sondern durch die Schuld der Menschen. Vier Jahre sind es her, dass bei einem entsetzlichen Erdbeben29 die Kirche des Apostels Paulus fast bis auf den Grund zerstört und die Kirche der Jungfrau auf dem höchsten Hügel30 schwer erschüttert wurde. Kann sein, dass einer sagt, ein Erdbeben sei kein so deutliches Zeichen für ein Gericht des himmlischen Zornes wie der Blitzstrahl. 24. Sieh demnach, was das heurige Jahr erlebt hat: Der Turm des Apostels Petrus brannte und brach unter dem Blitzschlag so völlig ein – es ist kaum glaubhaft zu sagen –, dass von dem mächtigen Bauwerk fast keine Spur mehr besteht und auch niemand, der es nie gesehen hatte, sich vorstellen kann, dass da je ein Turm gestanden hat. Was übrigens viele in Schrecken und Aberglauben stürzt: Die hochberühmte Glocke, das Werk von Bonifaz VIII., das seinen Namen trägt, soll derart geschmolzen sein, dass nicht die geringste Spur davon übrigblieb! 26. Das letzte Ereignis erzähle ich nicht, als hätte ich es gründlich erforscht, und rede nicht wie ein Wissender zu einem Nichtwissenden, sondern ich erfrage es als ein Nichtwissender von einem Wissenden. Wir haben einem Gerücht eben das geglaubt, was Du persönlich nachprüfen kannst.31 Ich war nämlich seit dem Jubeljahr, das nun drei Jahre zurückliegt, nicht mehr in Rom.32 Wenn jedoch wahr ist, was darüber alle Rompilger bei ihrer Heimkehr wie aus einem Munde behaupten (solche Übereinstimmung lügt selten), dann hat der Tarpeische Fels vorher zweifellos nie etwas Ähnliches erduldet.33 Was mich angeht, so glaube ich, Gott hasse nichts von allem, was er geschaffen hat. Liebt er aber den einen Ort mehr als einen andern, dann glaube ich, er liebe besonders den Ort, wo er sich besonders geliebt weiss, doch schlage er bisweilen sogar sakralste Orte, um profane zu erschrecken.34
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26. Kommt dazu, dass mich Donnerschläge jetzt weniger ängstigen, sei’s, dass ich den Tod dank zunehmendem Alter weniger fürchte oder sei’s, dass mir seit meinem Versuch, das Gewissen von verborgenen Sünden zu entlasten, vor äusseren Tumulten und Drohungen nicht mehr bangt. Und würde geschehen, was ich plane, so wählte ich mir den Tarpeischen Felsen nicht zum Wohnsitz, jedoch unterliesse ich’s aus einem andern Grund, als um einer Verdächtigung durch das Volk zu entgehen, wie wir das von Publicola lesen,35 sondern um nicht als ein Opfer des Überdrusses unbedacht dahin zurückzufallen, von wo ich zu fliehen gewillt bin. Du weisst aber, welcher der sieben Hügel, die über alle Berge und Täler gesetzt waren, mir weitaus am meisten zusagen würde und für meine Studien am besten geeignet wäre. 27. Um also zur Hauptsache zurückzukehren und zu schliessen: Ich rücke von meiner Meinung nicht ab. Meine grosse Sehnsucht nach der Stadt Rom lässt mich nicht los. Was geschehen wird, liegt in Gottes Hand. Gewiss, wenn ich je die heilige Stadt betreten habe, wirst Du für wahr erklären, was der frühere Brief versprochen hat. Lebe wohl! (An der Quelle der Sorgue, im April 1352)36
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Vgl. den vorangehenden Brief an den selben Adressaten. Ov. Metam. 9,565. Vgl. Fam. 15,8. Ein in der Wildnis gelegener Sitz des Helden. Gelobt z. B. von Seneca im Brief ad Lucil. 51,11; 57,1 ff. Vgl. Fam. 5,4,9. Der nachfolgende Satz verlangt hier die Einzahl „Meinung“, nicht Meinungen, obwohl im lateinischen Text sententias steht. Zu den genannten Urhebern gehörte neben Augustinus auch Ambrosius; vgl. Sine nom. 10, lat. und dt. in Petrarca, Aufrufe 257.259. Gemeint ist: bei der Niederschrift des Werkes De civitate Dei. Begründer des assyrischen Reiches und der Stadt Ninos (Ninive), Gatte der Semiramis. De civ. 16,17. De civ. 18,22. Petrarcas Überlegungen gründen auf der traditionellen Auslegung zur Stelle beim Propheten Daniel 2,31 f., wo die einander folgenden Weltreiche aufgezählt werden. Das römische sollte demnach das letzte und endgültige sein. Adv. pag. 2,1–3; 7,2. Epist. 46,11,2. Der Caelius mons mit einer Höhe bis zu 49 m und schon früh stark überbaut, wurde 27 n. Chr. zu einem guten Teil durch Feuer verheert. Tull(i)us Hostilius, dritter römischer König, nahm seinen Wohnsitz auf dem Monte Celio; vgl. Liv. 1,30 und hinten im Personenreg. Petrarca meint zweifellos unter andern die französischen Kardinäle in Avignon; diese allerdings dachten zuerst an den Papstsitz in Rom, erst dann an die Residenz des Kaisers; vgl. Sine nom. 2 und 3, Petrarca, Aufrufe 128 ff. und 17 ebenda 297 ff.
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Sall. Catil. 8,5. Serm. 82,1. Gemeint ist Hieronymus; vgl. oben. Das Krokodil genoss in Ägypten in einigen Kreisen Verehrung. Die Beschimpfung Mohammeds war in der Zeit der Kreuzzüge bei Christen üblich. Ihnen blieben die Araber nichts schuldig, nannten sie freches Gesindel, wünschten, dass Gott sie verdamme etc., wie jeder in zeitgenössischen arabischen Quellen nachlesen kann (vgl. z. B. Die Kreuzzüge aus arabischer Sicht, Zürich/München 1973). Wir: das sind Lelio und Petrarca 1330 im Gefolge des Bischofs Giacomo Colonna von Lombez. Vgl. Iuv. Sat. 13,225–226. Das Zitat ist sehr ungenau. Nat. 2,50,135–136. Petrarca las nobilis; in modernen Ausgaben steht die gewiss richtige Lesart mobilis! Fels am Kapitol, genannt nach Tarpeius, einem Gegner des Romulus, oder nach Tarpeia, welche den Zugang zur Burg dort den Feinden öffnete und als Verräterin von diesen umgebracht wurde. Verg. Aen.2,649. Vgl. unten 15,9,25. Besonders verheerend war der Brand von 1308. Vgl. zum folgenden Text die Hinweise in Fam. 11,7,4 ff. Da spricht Petrarca selber von Zeichen des göttlichen Zornes, freilich nicht des Hasses. Die Kirche auf der höchsten Erhebung des Kapitols war S. Maria d’Aracoeli. Petrarca spricht hier mit dem Adressaten Lelio. Das Jubeljahr fiel auf 1350. Petrarcas Schreiben müsste entsprechend seiner Angabe also auf 1353 datiert werden, weshalb dann mindestens auch 15,8 ins selbe Jahr zu datieren wäre. Soviel ich sehe, ist aber die Datierung auf 1352 (vgl. Wilkins, Studies 122–123) bisher nicht angefochten worden. Sonst wäre von ihm so wenig wie vom Turm des Apostels eine Spur zu entdecken. Lateinisch: loca sanctissima ferire ut profana perterreat. Das profana erfordert als Ergänzung loca, auch wenn man lieber den Bezug zu Menschen angeben wollte. Publicola riss sein Haus ab, um dem Verdacht, er erstrebe die Alleinherrschaft, zu entgehen; vgl. Fam. 6,2,8 und das Personenreg. unter Valerius. Zur Jahreszahl vgl. oben Anm. 32 und Petr. corresp. 73.
Fam. 15,10, an Ponzio Sansone1 Dank für eine Gabe. Petrarca weiss, er hätte den Freund aufsuchen sollen und hätte es in Bälde auch wirklich getan. (Sommer 1351-September 1352)
1. Die einmal entbrannte Freundesliebe2 kennt keine Zügel. Das habe ich, wenn je einmal, in Deinen überaus herzlichen und ungemein menschlichen Zeilen verspürt. Wundern müsste ich mich, wäre Deine mehr als brüderliche Zuneigung zu mir ganz neu, nicht schon in zarter Kindheit entstanden und bis auf heute ständig gewachsen! Ich danke Dir und nehme keck Dein Angebot an, um zur guten Zeit von Deinen Sachen Gebrauch zu machen, als wären es meine. Deine Entschuldigung zeigt mir meine Schuld: Nicht Du hättest mich, sondern ich hätte Dich aufsuchen sollen. Und hättest Du länger gewartet, wäre ich gekommen, um den zu sehen, den ich immerzu sehe.3 2. Gerne würde ich mehreres schreiben, doch Deine Boten, mir zur Bekräftigung Deines zwar sehr beredten Schreibens gesendet, warten schweigend und zählen die Buchstaben, seufzen heimlich und blicken zum Himmel, während die Sonne entflieht. Darum fürchte ich, ihnen lästig zu fallen, wenn ich handle, wie mir gefiele. Lebe wohl und denke an uns! (Sommer 1351-September 1352)4
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Vgl. das Schreiben an den selben Adressaten Fam. 14,8 zur bevorstehenden Abreise nach Italien. Im Lateinischen: caritas. Im Lateinischen: veniam quem semper video visurus. Zur Datierung vgl. Wilkins, Studies 122–123 mit Anm; Petr. corresp. 73.
Fam. 15,11, an Bischof Philippe von Cavaillon1 Vor dem Neid muss man sich verstecken. 1. Petrarca kann nicht herausfinden, was er sowohl kann wie auch will. 3. Er verlässt Avignon, als würde er nach Italien verreisen, verbirgt sich jedoch in Vaucluse. (Vaucluse, November1352)
1. Höchst Sonderbares wirst Du hören, aber Wahres. Ich weiss nicht, wie es anderen ergeht, aber ich selber bin in diesem meinem Alter noch immer unfähig, mit mir einig zu werden, was ich will. Nicht weil mir mein Wille unbekannt wäre, sondern weil meinem Wunsch sich vieles widersetzt. 2. Ich kann also nicht vollkommen wollen, da ich vergeblich zu wollen scheine. Daraus erwachsen mir Mühe und grenzenlose Verworrenheit aller Dinge; und täglich beeindruckt mich stärker jenes Wort des jüdischen Weisen,2 das kurze und gewichtige, das die meisten trockenen Fusses hinter sich bringen, während ich, sooft ich es lese, innehalte und seufzend zwei-, drei- oder viermal wiederhole: „Alle Dinge sind schwierig.“ Schau doch, wie gross ist die Schwierigkeit selbst bei kleinen Dingen! Was ich wollte, kann ich nicht, was ich könnte, will ich nicht, und was ich sowohl könnte wie wollte, ja das suche ich und finde ich nicht. 3. Inzwischen werde ich bei vielem Ratschlagen wie von Fluten umhergeworfen, hoffend, dass die Sache etwa eine Ende nehme. Während das falsche Gerücht meiner Abreise umlief,3 entfernte ich mich heimlich aus Babylon, als ginge ich nach Italien, und kehrte hierher zurück, und ich wäre sogleich zu Dir gekommen, dies weniger zur Befriedigung Deiner Augen als vielmehr der meinen, die fast nach nichts anderem so brennend verlangen wie nach Deiner Gestalt. Aber beachte, dass ich hierher kam, um versteckt zu sein und um womöglich nicht bloss vor andern, sondern auch vor mir selber zu fliehen, das heisst, vor den Lastern und Fehlern, die mich von Kind auf bis ins hohe Alter verfolgen. 4. Höchst wichtig ist mir überdies, dem Neid zu entkommen, der mir in allen Ländern entgegentritt, und könnte ich mich einzig in diesen Winkeln gegen ihn und alle Sterblichen schützen und sonst nirgends, wäre ich bereit, alle Freunde, die mir das Liebste sind, gleichzeitig mit dem Neid, der mir das Grässlichste ist, zu entbehren. 5. Denn wirklich käme mir der Winkel auf Deinem ländlichen Gebiet,4 wie er immer tat, als der für mein Vorhaben geeignetste Ort vor. Dulde also, dass ich hier unter Deinen Flügeln mich berge! Und halte das geheim, ich bitte Dich! Handelst Du so, wirst Du mich oftmals zum Gast haben, sowohl zur Nacht wie bei Regenwetter5 als ein Gefährte zweifelhafter Art, doch sicher als einer, der Dir dankbar ist. Andernfalls wird geschehen, was wir in Märchen hören: Machst Du das Geheimnis bekannt, verlierst Du mich. Lebe wohl! (Vaucluse, November 1352)6
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Anmerkungen 1 Vgl. die anderen Briefe an den selben Adressaten, aufgezählt bei Wilkins, Petr. corresp. 21. Es gehören zu ihnen neben den Familiares mehrere Seniles und einige Variae nebst zwei Sine nom. 2 Ecclesiastes 1,8. 3 Vom Gerücht einer Abreise Petrarcas spricht Fam. 15,3,8, datiert auf den 22. Februar (1353). Vgl. auch zur Abreise aus Vaucluse Fam. 14,7 und 14,8; 15,1 und 15,2; 15,3. 4 Vaucluse gehörte zur Diözese des Bischofs. 5 Man könnte meinen, hier eine Anspielung an die beim Bischof verbrachte und in Fam. 152 erwähnte regnerische Nacht beim ersten Reiseversuch zu lesen. Eine genaue Lektüre weckt aber die Vermutung, dass dieses Schreiben 15,11 dem Schreiben Fam. 15,2 vorangehe. Diese Meinung vertritt Wilkins, Studies 142.172 und 178. Laut 15,11 hat Petrarca den benachbarten Bischof längere Zeit nicht mehr gesehen, und dieser hat noch nichts von einer bevorstehenden Reise des Dichters vernommen, auch noch nichts von einem heimlichen Aufenthalt in Vaucluse. Es wird ihm alles als etwas Unbekanntes mitgeteilt (vgl. Fam. 14,7,6). 6 Zur Datierung vgl. Anm. 5.
Fam. 15,12, an Bischof Philippe von Cavaillon1 Petrarca schickt dem Adressaten drei Geschenke. 2. Den von ihm verfassten Brief möchte er jedoch zurückerhalten. An der Quelle der Sorgue, am 14. Dezember (1352).
1. Drei Geschenklein, Vater, von ganz verschiedener Art erhältst Du von mir. Eines ist ein Fisch, golden schimmernd und gefleckt mit silbernen Schuppen. Die einen nennen ihn Torrentina, die andern Turtra.2 Angenehmer wird jedoch sein, seinen Geschmack als seinen Namen zu kennen. Ihn hat der Sohn meines Wirtschafters, Dein Knecht, heute in den leuchtendsten Wellen gefangen. Dann ist da eine fette Ente, schon lange Bewohnerin der lieblichen Quelle. Gegen meinen aussergewöhnlichen Hund von seltener Rasse3 hat ihr weder die Luft einen Weg noch der Fluss ein sicheres Versteck geboten, und deshalb war ihr weder schwimmend noch fliegend zu entrinnen gestattet. Drittens ist da eine neue Epistel; die habe ich kürzlich selber gefischt, nämlich für Dich auf Deinem Land mit der Angel meiner kraftlosen Fähigkeit und zwischen den Wogen meines Geistes und den Klippen meines Alltags. 2. Die anderen Sachen kommen, um bei Dir zu verbleiben, sie aber will zu mir zurück. Errätst Du den Grund? „Wahrheit ruft Feindschaft hervor.“4 Wenn das schon zur Zeit des Terenz zutraf, was meinst Du etwa von heute? Lies sie durch, wenn Du magst, aber ganz geheim, und lass sie mich wiederhaben, bis wir wissen, was Gott oder Fortuna der Welt bescheren werde. Dann wollen wir beraten, was mit ihr geschehen soll,5 ob wir sie den Flammen übergeben oder ihren Schwestern zugesellen. Inzwischen wisse und ermiss daran mein Vertrauen, dass ich sie keinen anderen Augen zu zeigen vorhabe ausser den Deinen. Lebe wohl, Du meine Zierde. An der Quelle der Sorgue, am 14. Dezember in der Stille der späten Nacht (1352).6 Anmerkungen 1 Vgl. die anderen Schreiben an den Bischof, besonders den vorangehenden. 2 Vgl. das italienische Trota, Forelle. 3 Einen Hund hatte Petrarca 1337(?) von seinem Herrn Kardinal Colonna erhalten; der wird aber mittlerweile seine Behendigkeit eingebüsst haben; vgl. Metr. 3,5; lat. und dt. bei Schönberger. Einen anderen Hund hatte ein Freund vor seiner Abreise in Vaucluse zurückgelassen, und um diesen hatte sich hernach Petrarca gekümmert; vgl. Fam. 13,11. 4 Ter. Andria 1,1,41 (= 68) 5 Es handelt sich gewiss um ein Schreiben Sine nom.; fraglich bleibt vor allem, um welches; vgl. Wilkins, Studies 146 f. 6 Vgl. Wilkins, ebenda 147.
Fam. 15,13, an Bischof Philippe von Cavaillon1 1. Der Bischof hat Petrarcas Brief wunschgemäss zurückgesandt. 2. Er soll einen neuen erhalten, um dessen Inhalt zu beurteilen. 3. Wichtig ist vor allem, ob Petrarca die geistige Fähigkeit habe, dem Stoff gerecht zu werden An der Quelle der Sorgue, am 15. Dezember (1352).
1. Den drei Geschenklein von gestern möchte ich nun ein viertes anfügen. Meine Epistel hast Du gelesen und sogleich zurückgeschickt.2 Bestimmt hatte ich sie für Dich, weil ich Dich als einen Hauptfeind der Laster kenne, und dass sie Dir sehr gefallen hat, freut mich. Dank Deinem Urteil kommt sie mir nun tauglicher und erfreulicher vor. 2. Nun schicke ich Dir eine andere, die ich dem Klerus der Kirche von Padua geschrieben habe, und zwar über den Hinschied ihres Bischofs Ildebrandino3 seligen Angedenkens. Ich weiss, dass Du ihn zu loben und zu bewundern pflegtest, obwohl er, so sage ich, alle menschliche Bewunderung dank dem Wunder seiner göttlichen Tugend überstiegen hat. Du liebtest ihn, nein Du liebtest seine Tugend, hattest aber mit ihm, wie ich meine, keine andere Gemeinsamkeit, als die notwendig daraus folgende, dass nämlich der Verächter der Sünde eins ist mit dem Verfechter der Tugend. 3. Bei einem Vergleich der beiden Briefe wirst Du, Vater, entscheiden, ob der Feder irgend eine Kraft für die so völlig verschiedenen Aufgaben innewohnt, nämlich sowohl für das Rügen wie für das Loben. Und dabei wirst Du bedenken, dass der Mangel, der dem einen wie dem anderen Brief anhaften mag, ein Versagen meines Verstandes beweist, dass hingegen für das Gefällige, das darin vielleicht sein könnte, ein Lob dem Gegenstand gebührte und nicht der Feder. Wer verstünde denn nicht, den einen zu preisen und den anderen zu tadeln? Es sei einer bei jedem Gesprächsstoff noch so stumpf; könnte er aber bei diesen beiden anders als beredt sein?4 Lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 15. Dezember, frühmorgens (1352).5
Anmerkungen 1 2 3 4
Vgl. die übrigen Briefe an den selben Adressaten, besonders den vorangehenden. Vgl. Fam. 15,12. Vgl. den folgenden Brief Fam. 15,14. Die Aussage des lateinischen Textes scheint mir nicht sonderlich klar zu sein. Petrarca fragt wohl, ob er für das Loben und Tadeln zweier bestimmter Personen die erwünschte besondere Kraft besitze; zugleich sagt er aber auch, dass jedermann beim Loben und Tadeln beredt sein könne, das sei freilich sicher. 5 Zur Datierung vgl. den vorangehenden Brief.
Fam. 15,14, an den Klerus von Padua1 Vom Hinschied und Ruhm des Kirchenvorstehers Ildebrandino. 1. Die Kirche von Padua hat ihren Bischof in den Himmel vorausgeschickt. 10. Dort gedenkt er der Kirche und tritt vor Gott für sie ein. 14. Sterbend hat er die Kurie um einen geeigneten Nachfolger gebeten. 15. Die meisten Menschen denken sterbend nur an sich. Beispiele. 19. Das Problem der Nachfolge stellte sich für Könige wie David und für manchen römischen Kaiser. 20. Verwerflich ist, schwache Nachfolger guten vorzuziehen. Beispiele für pflichtbewusste Vorsorge. 29. Petrarca denkt nicht daran, dem Verstorbenen zu schmeicheln. 30. Er beschreibt seinen früheren Umgang mit dem Bischof. 34. Dieser hatte umsonst versucht, ihn von der Reise nach Avignon abzuhalten. 36. Nun ermahnt Petrarca den Klerus von Padua, an Lehren und Gebräuchen des Verstorbenen festzuhalten. (Padua, November/Dezember 1352)
1. Verloren haben wir, liebenswerteste Brüder, unseren Vater, nein, vorausgeschickt haben wir, um ihm später zu folgen, unseren Hirten, unseren Führer, unseren Trost, unsere Zier, ja wahrlich „das Licht und die Leuchte für unsere Füsse und unsere Wege.“2 2. „Ausgelöscht“ hat nun, ach, der Herr unser „Licht und die Lampe Israels,“3 um sie anzuzünden in den Himmeln, nämlich unseren Praesul Ildebrandino.4 Und ob ich ihn einen irdischen Engel oder einen himmlischen Menschen nennen soll, weiss ich nicht. Vorausgeschickt haben wir ihn, Brüder, wohin auch uns auf den Spuren eben dieses unseres Vaters und unter Christi Geleit zu gehen bestimmt ist. Vorausgeschickt haben wir ihn, damit er uns dort im himmlischen Reich eine Wohnstatt bereite und den durch unsere Sünden beleidigten König mit seinen Fürbitten gnädig stimme. 3. Jener ging glücklich, und was könnte ich sonst noch sagen? Alles, was ich mir ausdenke, ist viel zu gering, als dass es der Verkündigung seiner Ehre genügte. Sage ich: „Er verliess die Erde“? Er war aber niemals hier, es sei denn dem Leibe nach, das heisst, mit einem einzigen und geringsten Teil seines Wesens. Sage ich aber: „Er verstiess seinen Leib“? Nein, er hat seinen Leib stets wie einen Kerker bewohnt. Sage ich: „Er entrann seinem Leib“? Das scheint vielleicht die angemessenste Rede zu sein. Doch auch sie trifft nicht das Richtige. Denn wie könnte von ihm gesagt werden, er sei ihm entronnen, hat er sich doch, „solange er im Leibe war“, um ein Wort Ciceros5 anzuführen, „über sich selber hinaus gelehnt“, um in der Betrachtung dessen, was ausser ihm war, sich stets so weit als möglich dem Leib „zu entziehen“? 4. Sage ich: „Er ging in den Himmel ein“? Doch immer schon wohnte er mit seinen heiligen Gedanken im Himmel, selbst wenn er hier unter uns zu verweilen schien. Sage ich: „Er ging zu den Gestirnen“? Wahrhaftig, er war auf dieser Erde selber das strahlendste Gestirn. Sage ich: „Er ging zu Gott“? Aber ohne Gott war er niemals; ist doch die Seele des Gerechten ein Sitz des Herrn.6 Und – was im Munde eines Heiden besonders herrlich tönt – „Gott kam zu den Menschen“, wie Seneca7 sagt, und „kein Herz ist gut ohne Gott.“ Ist das richtig, wie konnte dann dieser mildeste Vater unserer Seelen ohne Gott sein?
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5. Was also sage ich? Er ging zweifellos zu Ihm, der bei ihm war und der überall ist. Zu Jenem ging er und liess dabei den Leib, den er verachtete, und uns, die seiner Seele teuer sind, zurück, nachdem er hier die Verbannung mit uns für kurze Zeit leiblich geteilt hatte. Und mit welchen Worten, Du heiligster Praesul,8 – ich sage, was niemanden kränken kann – Du erhabenste Zierde aller Praesuln unserer Zeit, mit welchen Worten wünsche ich Dir Glück zu Deiner Seligkeit und klage ich ob unserer Vereinsamung? Du selber, so bitte ich, komm, weil Du es vermagst, der unzulänglichen Feder, der ihrer Aufgabe erliegenden, mit Deinen Gebeten zu Hilfe! 6. Es ging also unser Praesul, als der Anführer unserer Kriegerschar, zu den Himmlischen auf dem ebensten Pfad dahin. So völlig hatte er sich alles Hindernde und Höckrige gerade gemacht9 und den harten Weg mit dem Hammer feuriger Tugendwerke geglättet, dass ich meine, nichts sei ihm begegnet, was den Fuss des Schreitenden verletzte.10 Er ging also voran unter dem grössten Jubel seliger Geister, unter dem wonnigsten Engelsgesang, der die Gestirne und den Himmel umschmeichelt, um in den Schoss Abrahams11 aufgenommen, nein von Christi Armen umfangen zu werden. 7. Wenn irgendeine Hoffnung, irgendein Glaube wahr ist, dann hat unser Bischof das Empyräum12 erreicht, in welchem er schon immer sinnend verweilt war, und der Unterschied zwischen früher und jetzt liegt einzig darin, dass er nun dort, wohin er all sein Trachten gerichtet hatte, mit seiner ganzen Seele lebt und von der Knechtschaft des Leibes und – vom irdischen Karzer befreit – heiter und im Besitz des Ersehnten dort wohnt, wohin er einst viele heilige Seufzer vorausgeschickt hatte. 8. Dort ist er, von wo ihn nichts wegzieht, keine feindliche Gewalt, kein lastender Überdruss, kein Greisenalter, kein Tod. Dort, wo keine Krankheiten quälen, kein Mangel beengt, keine Sattheit beschwert, keine Sorgen zermürben, keine Kriege erschrecken; dort, wo kein Zorn die Herzen entflammt,13 kein Hass sie in Brand steckt; keine Üppigkeit schade, keine Gaumenlust reizt, keine Schwermut zernagt, kein sinnloser Wohlstand verwöhnt, keine Widrigkeit sticht, keine Lust überbordet, kein Hochmut sich bläht, keine Hoffnung betört,14 keine Furchtsamkeit drückt, kein Schmerz überwältigt, keine Traurigkeit aufzehrt, keine Verzweiflung zu Boden wirft. 9. Gegen diese Übel war die heiligste Seele, die schon hier auf Erden ein himmlisches Leben führte, gewappnet, und blieb dennoch von ihnen unmöglich ganz unberührt, weil sie unter menschlichem Elend zu leben hatte und deshalb nicht selten, ob auch selber bei bester Gesundheit, die Krankheit anderer mit zu erleiden, sie mitzufühlen, zu pflegen, zu heilen, zu lindern und sich dabei abzuquälen genötigt war. Nun endlich ist sie vollkommen glücklich dort, wo sie weder von eigenen noch von fremden Ängsten gemartert wird, ja, wo sogar die eigene unendliche Glückseligkeit an fremder Glückseligkeit weiter wächst. 10. Eines gibt es, so meine ich, was in so grossen Freuden den innig liebenden Vater immerhin bekümmert; denn er hat ja bei seinem Abschied die Kirche als Witwe15 zurückgelassen und uns ohne Haupt. Wer wird mir nun mit Worten das
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Verknotete in den Schriften entwirren? Wer wird Verriegeltes aufschliessen? Wer Rätsel erklären? Wer Finsternis erhellen? Wer wird auch Sitten formen, Laster ausrotten, Tugenden säen? Wer wird Gefallene aufrichten, Schwankende stützen und Aufrechte ermuntern? 11. Wer wird Niedrige erheben, Stolze niederdrücken, Verwegene schrecken, Nichtswürdige beschämen, Heuchler entlarven und Ehrbare mit Lobreden würdigen? Wer wird Verdiente belohnen, Sündige strafen, Verbrecher zertreten? Wer wird Rechtgläubige bestärken, Irrende zurechtweisen, Häretiker16 niederschlagen und von Christi Schafstall die Diebe fernhalten?17 Wer wird schliesslich18 Witwen und Waisen beschützen, Hungernde speisen, Nackte kleiden? Wer wird Traurige trösten, Kranke besuchen, Tote begraben? Und wer wird den Armen insgesamt Vater sein? 12. All dieses Gute haben wir, geliebteste Brüder, mit ihm verloren, oder besser, wie ich schon sagte, von einem Ort zum andern gesendet. Wir hatten auf Erden einen Lehrer, jetzt haben wir im Himmel einen Vermittler bei Christus, dem zu gefallen er zeit seines Lebens innigst bestrebt war und vor dem er, wie ich hoffe, nicht vergeblich für uns eintritt. 13. Und was vor allem wird er wohl erbitten, wenn nicht das, was jeder auch nur halbwegs gute Hirte erbäte, dass er nämlich seine Herde – wohl bewahrt vor einbrechenden Wölfen, vor Dieben und vor jedweder Krankheit – im Hause des Herrn, wohin er, weil gerufen, vorausging, wiedersähe? 14. Was anderes erbittet er nun von Gott im Himmel, als was er von dessen Stellvertreter hier auf Erden erbat? Er hat wenige Tage vor seinem Tod, als er sein Ende schon kommen sah, dem Inhaber des römischen Stuhles und einigen Kardinälen einen Brief von mehr als menschlicher Nächstenliebe und Umsicht gesandt, worin er – nur unter Tränen kann ich daran denken – kniefällig um einen geeigneten Nachfolger bat.19 Und wie ein sterbender Vater höchst besorgt seine heiratsfähige Tochter der Obsorge eines zuverlässigen Freundes empfiehlt, so hat er der Verlässlichkeit jener Kirchenmänner seine verwitwete Kirche empfohlen. Wirklich, welch vortrefflichste und heiligste Seele, welch wahrhaft vollkommener Mann und welch umsichtiger, wachsamer Bischof und Hirte! Zum Zeitpunkt, da andere nach Ärzten schicken und Wahrsager beiziehen oder umständliche Testamente aufsetzen, abändern oder überhaupt nichts mehr tun, ausser dass sie wortlos stöhnen, auf dem Lager weinend und jammernd sich wälzen oder erschreckt und bewegungslos ob der Nähe des Todes erstarren, da hat er sich nicht des eigenen, sondern des Zustandes seiner Kirche erbarmt, um einen zukünftigen Bischof angehalten und es abgelehnt, seine teuerste Angetraute, mit welcher er sieben Lustren verbracht hatte,20 bei seinem Hinschied sich selbst zu überlassen. 16. Wer würde solche Treue nicht loben, wer eine solche Gesinnung nicht wünschen, wer eine solche Charakterstärke im Sterben nicht bewundern? Von Iulius Caesar hält die römische Geschichte unter manch anderem fest, dass er sterbend, um eine Entblössung seines Unterleibs zu verhindern und in seinem Sturz die Ehrbarkeit zu wahren, den gefalteten Bausch seiner Toga hinab fallen liess.21 Gelobt
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wird auch Pompeius, dass er in seinem Tod um seine Ehre besorgt war. Und bei den Griechen berichtet man von der Königin Olympias,22 der Mutter Alexanders, sie habe bei ihrer Ermordung23 in gleicher Art die gefaltete Toga fallen lassen, was freilich bei der Schamhaftigkeit einer Frau weniger verwundert, während ihr Starkmut um so erstaunlicher ist. 17. Epameinondas aus Theben jedoch, unter den Griechen mehr als andere gepriesen, hat nach einer Verwundung in der Schlacht24 sterbend gefragt, ob sein Schild in der Hand des Feindes sei, und auf die Antwort, er sei unbeschadet, sogleich nach ihm geschickt und ihn dann mit einer Art kriegerischer Wollust wie einen Zeugen seines Heldentums umarmt, worauf er – unter Freudentränen ihn küssend – heiter verschied. Um wie viel besser ist da unser Bischof, da er weder um seine Toga, noch um seinen Schild, vielmehr um seine Seele und seine Kirche besorgt war! Sehr ähnlich einem Martin25 hat er den Tod nicht gefürchtet und hätte doch auch ein längeres und mühevolles, lästiges Leben nicht von sich gewiesen, wäre es seinem Volke von Nutzen gewesen. Das zu entscheiden überliess er der göttlichen Vorsehung und tat inzwischen, was an ihm lag, betete zu Gott und beschwor die Menschen, soweit er vermochte, seiner Angetrauten in ihrer Witwenschaft und Verlassenheit beizustehen. 19. Sich um eine Nachfolge gesorgt zu haben, das lesen wir auch von andern; denn wer hätte an einen Nachfolger überhaupt nicht gedacht? Um die Herzen zu rühren, halten wir uns an die berühmtesten Beispiele. König David, längere Zeit unschlüssig, machte nach einem wohlüberlegten und klar gefassten Entscheid seinen von ihm gezeugten Sohn zum Erben des Königreichs,26 einen sehr weisen Mann, wie sein Ruf behauptet. Der göttliche Vespasianus hatte als römischer Kaiser zwei Söhne, die ihm nacheinander im Imperium folgten, der eine von ihnen war tüchtig, schlecht aber der andere. Es heisst, er habe das vorausgeahnt und auch öffentlich bekundet.27 20. Deren Nachfolger Nerva28 konnte nicht ähnlich handeln, da ihm Söhne fehlten; er adoptierte Traianus,29 einen tüchtigen und energischen Mann, welcher der Republik nützlich war. Dieser adoptierte einen andern und dieser wieder einen andern, und für lange Zeit herrschte im römischen Reich die Nachfolgeregelung durch Adoption. Von dieser hatten auch schon früher die ersten Kaiser Gebrauch gemacht, wie denn einem Iulius Caesar der adoptierte Augustus folgte und wie auch dieser seinen Stiefsohn Tiberius aus Mangel an eigenen Söhnen adoptierte und zu seinem Nachfolger in der Reichsgewalt machte. 21. Und obwohl ich recht gut weiss, dass er verdächtigt wurde, eine solche Wahl willentlich und wissentlich deshalb getroffen zu haben, um nach seinem Tod dem Volk noch teurer und unvergesslicher zu werden, meine ich doch, eine solche Überlegung sei eines so grossen Fürsten unwürdig gewesen, sofern die Sache überhaupt wahr ist; denn sie wirkt unwahrscheinlich, und es befreien den Herrscher von solcher Verdächtigung recht angesehene Historiker.30 Kein Zweifel besteht allerdings, dass man die Tüchtigkeit von Verstorbenen dann besonders stark vermisst, wenn
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ihre Nachfolger unfähig sind; denn je mehr man deren Leistung herabsetzt, um so höher erhebt man den Ruhm ihrer Vorgänger. 22. Mit gutem Grund ist deshalb der Feldherr Philopoimen aus Achaia31 zu loben. Denn als ihn seine Feinde gefangen hatten, um ihn mit einem Gifttrank umzubringen, und als er das todbringende Getränk schon in der Hand hielt, fragte er, ob Likortas, der stärkste Mann in Achaia nach ihm und damals der zweite Praetor eben da, noch am Leben sei; und als er hörte, ja er lebe, erklärte er: „Gut so; an ihm hat das Vaterland einen tüchtigen Führer,“ und starb darauf zufrieden und unerschrocken. 23. Unser Praesul aber, um zu ihm zurückzukehren, erwirbt sich in der Tat einen Nachfolger, den ihm weder die Natur noch die Adoption gewährt hat, mit blossen Bitten, wobei er nicht etwa auf den eigenen Ruhm, sondern auf den Vorteil seiner Kirche bedacht ist. Und nicht den geringsten Zweifel habe ich, dass er, wäre die Entscheidung bei ihm gelegen, nicht einen Unfähigen verlangt hätte, um damit sein eigenes Lob zu steigern, sondern eher den wiedergeborenen Ambrosius oder geradezu einen Prosdokimos.32 Er wusste ja, dass die vom eben Erwähnten gegründete und mit seinen Lehren gefestigte Kirche schon zur ersten Zeit unseres Glaubens geblüht hatte. 24. Weil nun aber, wie wir annehmen, die Tage der Zeitlichkeit sich dem Ende zuneigen, wünscht er sich von den „späten Arbeitern des göttlichen Weinberges“33 gewiss gerade den Besten, wer immer er sei, und erbittet jetzt, da er im Besitz der Unsterblichkeit ist, von Christus als erste Gabe, er möge ihm einen Nachfolger verleihen, der mit leuchtenden Werken und mit dem Licht des Lebens seinen Ruf eher verdunkle als verkläre. Das freilich bittet er wohl umsonst. 25. Es möge doch Verona seinen Zeno schicken, Modena den Geminianus, Ravenna den Severus, Nola den Paulinus, Capua den Germanus, Aquitanien den Prosper! Es schenke Afrika Cyprian und Spanien Isidor!34 Wähle Dir, Padua, aus dieser heiligen Zahl nach Deinem Wunsch Deinen Bischof. Er wird strahlender sein als die Sonne, aber dennoch niemals den glänzenden Ruhm Deines Ildebrandino verdunkeln, den der Bischof von Rom Dir einst schickte wie er auch einen Ambrosius der Stadt Mailand geschickt hat. 26. Niemals wird sterben, was der Lebende im Himmel als seinen lebendigen Ruhm auf Erden zurückliess. Und wollte er nun – obwohl unaussprechliche Güter verströmend – Gunst und Beifall des Volkes ablehnen, da er solches schon hier, noch im Fleische lebend, in hoher Gesinnung verachtet hat, so könnte er doch, soviel er sich dagegen wehrte, es nicht entbehren. Dies ist der Glorie eigen: Die Fliehenden verfolgt sie, verherrlicht sogar die Widerstrebenden, lässt jedoch oft die masslos nach ihr Gierenden fliehend im Stich. 27. Wie könnte ein Fluss vertrocknen, der aus einer ewigen Quelle herabströmt? Oder wie könnte einem festen, vom Sonnenstrahl getroffenen Körper der Schatten entschwinden? Wo immer eines Menschen Ruhm seinen Ursprung habe und wem immer der Ruhm als Schatten folge: Die Tugend selber stirbt nicht.35 Ich handle also, Brüder, in diesem Schrei-
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ben, wie die Autorität des göttlichen Wortes befiehlt:36 Ich lobe den Menschen nicht bei seinen Lebzeiten, sondern wie Ambrosius sagt, lobe ich erst nach vergangener Gefahr. Ich verherrliche den Geretteten; ich preise den seligen Weltensegler als einen, der im Hafen des Himmels vor Anker liegt; ich preise den Kriegsführer, der im irdischen Kampf sich bewährt hat und jetzt triumphiert im himmlischen Königssaal unter dem Triumphbogen des Äthers. 28. Nicht dass mich gar sehr die Überlegung bedrängte, es könnte den Gepriesenen der Hochmut befallen; denn ihm öffnete er nie einen Zugang zu seinem Herzen, das als eine Burg der Bescheidenheit galt. Ich glaube auch nicht, der Lobredner könnte mit einer Schmeichelrede sich selber schaden, spricht er ja, so fürchte ich, zu wenig und recht frostig zum Lob dieses Mannes, weil an die Heiligkeit eines Besten die Rede eines Sünders nicht heran reicht.37 Freilich, die Wahrheit zu sagen, das hoffe ich! Ja das weiss ich, dass ich nicht lüge! 29. Wie sollte ich übrigens dem Beerdigten schmeicheln wollen, wo ich’s doch dem Lebenden nicht getan habe? Oder wie wagte ich vor ihm zu lügen, der nun den All-Sehenden ansieht?38 Ich habe ja, als er noch im leiblichen Kerker gefangen sass und vielleicht nach Menschenart getäuscht werden konnte, solches nicht gewagt. Gott sei mein Zeuge: Zum Bischof pflegte ich nie anders zu sprechen als in der Annahme, er erkenne wie mein Äusseres so auch meine Seele. Und ich dachte so, obwohl er mir mit seiner vertraulich wohlwollenden Zuneigung, soweit an ihm lag, viel Sicherheit einflösste. Ich weiss aber nicht, was Göttliches in diesem Menschen war; denn während er sich mir gefällig zeigte, ja sich mir recht eigentlich anbequemte, erfüllte er mich doch in zunehmendem Mass mit Ehrfurcht und Staunen. 30. Er pflegte meinen Namen oft in meiner Anwesenheit und häufiger in meiner Abwesenheit mit Lobreden – und wären sie zutreffend! – zu schmücken. Daraus empfing ich Freude und einen nicht geringe Ansporn, mir Ruhm zu erwerben. Doch viel grösser war meine Verwunderung, wie es denn komme, dass die Liebe, die blinde, wie man sagt, das Urteil selbst eines so vortrefflichen und bedeutenden Mannes verfälsche. Er war mir, soweit als erlaubt, der nachsichtigste Vater; ich aber drang tiefer als sich denken lässt, in sein innerstes Wesen wie in das Allerheiligste vor.39 Das hatte zur Folge, dass mir meine eigene Person nur immer lieber wurde und dass ich von ihm mit besonderer Gewissheit spreche. 31. Er liebte mich, während er lebte, als sähe er in seinem Geist das Feuer meines Herzens, und ich glaube, seine Zuneigung zu den Seinen ist im Tode nicht erkaltet. Niemals hegte ich grössere Hoffnung auf seine Hilfe als heute, wo ich vertraue, dass er nicht weniger helfen wolle als früher, aber es besser vermöge. Und weil schon die blosse Erinnerung an hervorragende Männer beglückend ist, verweile ich bei dieser Schilderung noch länger. 32. Seine Liebe gewann ich vor mehreren Jahren, als er wegen einiger kleiner Werke sich herabliess, mich zu Rate zu ziehen, und mein Verstand dabei bisweilen
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wohl etwas entdeckte, was er billigte. Nicht dass ein so geschickter Meister eines so bescheidenen Ratgebers bedurft hätte! Aber ihn freute ein Gespräch, und der Kopf wichtigerer Leute war, wie das üblich ist, mit ganz anderen Sorgen beschäftigt. Als ich schliesslich an die Kirche von Padua kam,40 „nahm mich der Mann Gottes väterlich auf,“ wie Augustinus von seinem Ambrosius sagt,41 „und würdigte meine Pilgerschaft in echt bischöflicher Weise.“ Darauf wurde er mir recht eigentlich mein Ambrosius, richtete meinen Geist auf und kräftigte ihn mit Worten nicht besser als mit dem Leben. 33. Übrigens kam ich später zu ihm, als ich wollte. Sonst hätte ich mehr Zeit gehabt, aus dem engelhaften Umgang Nutzen zu ziehen. Denn niemand hat sich je von ihm verabschiedet, ohne sich gebessert zu haben; und dass ich, so lange es möglich war, nicht fleissiger Gebrauch davon machte, beschämt und betrübt mich. Doch eine Hoffnung auf sein längeres Leben hat mich getäuscht; auf sein Alter achtete ich nicht, obwohl es schon bedeutend dem Ende zuneigte, vielmehr auf seine Mässigkeit in allen Gewohnheiten und auf die Reinlichkeit und Gesundheit seines greisen Körpers, und so widerfuhr mir seinetwegen, was vielen, ja fast allen widerfährt: Was einen beglückt, verspricht man sich auf lange Zeit. 34. Und mit wie vielen und wie umsichtigen Ratschlägen er sich doch abmühte (so als sähe er in die Zukunft), mich von der Reise abzuhalten,42 zu der ich mich rüstete und derentwegen ich – was ich am wenigsten vermutete – das verehrte Angesicht des heiligen Mannes auf Erden nicht nochmals sehen sollte, das wiederhole ich mir jetzt bekümmert. Und wie ich ihm für alles danken könnte, weiss ich nicht; denn ich habe nichts ausser mein Andenken, meine Liebe und mein Vertrauen, in dem ich ihn um seine Fürbitte anflehe. Umgekehrt würde ich das Gebet eines Sünders für einen überaus heiligen Mann nicht allein für überflüssig, sondern geradezu für anmassend halten.43 35. Doch meine persönliche Trauer soll mich nicht, weil ich meinen Vorsatz vergesse, von der allgemeinen Trauer ablenken, und so kehre ich mich denn erneut an Euch, teuerste Brüder. Freilich, was soll ich nun sagen? Ich vermag von der Erinnerung an jenen Mann nicht abzulassen; denn je mehr ich an ihn denke, desto heftiger brennt mein Herz; und je mehr ich sage, desto mehr möchte ich anfügen; und je weiter ich aushole, desto weiter dehnt sich das Feld und desto weniger finde ich den Schluss. Doch es fordert jedes Schreiben ein Ende. 36. Ich wage also nicht, Euch zu ermahnen, den Hinschied eines solchen Mannes zu beweinen, nein eher wage ich, es zu verbieten. Denn es könnte ja scheinen, dass gemäss einem Ausspruch Ciceros44 eher der Neid als die Liebe über den Glücklichen trauere. Wer denn ausser ein Neidischer wird einen Freund beklagen, der vom Fleischlichen zum Geistigen, von der Erde zum Himmel, von der Arbeit zur Ruhe, vom Sterben zum Leben, von zeitlicher Beschwerde zu ewiger Seligkeit hinüber ging?45 Umgekehrt wage ich Euch nicht zu verbieten, den grossen und unersetzbaren Verlust für die Kirche zu beklagen. Was ich zweifelsfrei tun kann, das
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rate und bitte ich: Wahrt die Erinnerung an Euren Vater, und bemüht Euch, seine Spuren nicht zu verlassen, Euren Glauben hochzuhalten, die von ihm tradierten heiligen Gebräuche zu beachten, auch fortzuführen, was er begonnen, und zu vollführen, was er begründet hat, dies zu jeder Zeit, vornehmlich aber jetzt, wo die Kirchenstelle vakant ist, Euer Gebet inständig und demütig an Gott zu richten, damit Er uns immerfort Hirten sende, die Ildebrandino ähnlich sind. Seid überzeugt, dass er in unserer Mitte eher als Engel Gottes denn als Mensch gewohnt hat. 38. Du aber, edles Padua, fruchtbar auf Deinem Erdenfleck unter einem freundlichen Himmel, in der Nähe des Meeres und von Flüssen umspült, reich an fettem Acker, bekannt für die Klugheit der Einwohner und hochberühmt dank dem Glanz Deines alten Namens,46 glaube mir, unter Deine Bischöfe und in den glorreichen Reigen Deiner heiligen Bekenner wirst Du Deinen Ildebrandino niemals als den hintersten einordnen. (Padua, November/Dezember 1352)47
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Vgl. das vorangehende Schreiben an Bischof Philippe von Cavaillon und unten Anm. 4. Ps. 118,105. Reg. 2 (Sam.), 14,7; 21,17. Vgl. den an Ildebrandino gerichteten Brief Metr. 3, 25, lat. und dt. bei Schönberger 287 ff. Vgl. Note sull’attività politico-diplomatica di Ildebrandino Conti, amico del Petrarca, in: Archivio Veneto 46–47,1950,16–44 und weitere Literatur DBI, Bd. 28. Der Genannte war Bischof von Padua 1319–1352; von der römischen Kurie wurde er für verschiedenste Missionen bestimmt. Unter ihm fand im Mai 1350 eine Provinzialsynode statt, während welcher die Überführung der Gebeine des Antonius von Padua aus der Kirche Maria Maggiore in die nach dem Heiligen benannte Kirche erfolgte. Davon spricht Petrarca schon in Fam. 9,13,32. Anwesend war damals von der römischen Kurie der mit Petrarca befreundete Kardinal Guy de Boulogne. In somn. Scip. 9,21; Cic. De rep. 6,26,29. Entspricht 1Cor. 3,16. Sen. Ad Lucil. 73,16. Der Heide spricht eine christliche Lehre aus; vgl. z. B. 1Cor. 3,16. Liest man die folgenden Sätze, könnte man vermuten, Petrarca habe beim Wort praesul, Vorsteher, nebenbei an den ursprünglichen Sinn gedacht, also an einen sakralen Vortänzer. Is. 62,10; Lc. 3,5. Ps. 90,12; Mt. 4,6. Lc. 16,22 f. Gemeint ist der oberste, feurigste Himmel. Hier treten unter verschiedenen Übeln die sieben Hauptsünden auf: Ira, invidia, luxuria, gula, acedia, avaritia, superbia. Hier folgen die wichtigsten Stimmungen und Gefühlslagen des Menschen. Anspielung an die in der Kirche allgemeine Auffassung vom Verhältnis eines Bischofs zu seiner Kirche Das wären Irrende, die sich der Belehrung widersetzen. Hinweis auf Jo.10,1 f. Vgl. zu den folgenden Fragen die Reden Christi beim jüngsten Gericht; Mt. 25,34 ff.; dazu Is. 58,7; Tob. 1,20; etc.
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19 Anwärter für den Bischofssitz von Padua gab es zweifellos sehr viele von verschiedenster Art; Petrarca vollendete diesen Brief vor der Wahl des Nachfolgers. 20 Das ist seine Kirche, seine Diözese. Ein Lustrum hat fünf Jahre. 21 Suet. Caes. 82. 22 Olympias, 357 mit Philippos II. von Makedonien verheiratet; herrschsüchtig, rachsüchtig, zerfiel mit ihrer Familie und mit dem Reichsverweser Antipatros. 23 Das war 316 v. Chr. 24 Das Urteil über den Feldherrn äusserte Cic. Tusc. 1,2 und de orat. 3,139. Zur folgenden Erzählung vgl. Iust. 6,8,11 ff. Epameinondas war berühmt für seine Siege gegen Sparta dank der „schiefen Schlachtordnung“; er fiel in der Schlacht bei Mantineia 362 v. Chr. 25 St. Martin von Tours, † 399. Vgl. Sulp. Sev. Epist. 3,12–13. 26 David selber war noch durch den Propheten Samuel gewählt worden; vgl. 1Reg. 16. Zum Nachfolger bestimmte er Salomon; vgl. 3 Reg. 2. 27 Die Söhne waren Titus und Domitian; vgl. Personenreg. 28 Nerva wurde nach der Ermordung Domitians 96 n. Chr. mit 66 Jahren Kaiser und regierte bis 98. Er adoptierte Traian im Jahr 97 und machte ihn zum Mitregenten. 29 Zu Traian vgl. das Personenreg. 30 Suet. Tib. 21. Das ungünstige Urteil über Tiberius, vorgelegt von Historikern seiner Zeit und später übernommen von Tacitus, wurde erst durch die moderne Forschung korrigiert. 31 Philopoimen wurde mit 70 Jahren, als er zum 8. Mal Stratege war, 183 v. Chr. umgebracht. 32 Eine höchst zweifelhafte Vita aus dem 12. Jh. machte diese Gestalt zu einem Schüler des Apostels Petrus und zum ersten Bischof von Padua, also der Kirche, der Ildebrandino vorstand. 33 Das sind gemäss der Parabel Christi die zuletzt berufenen Arbeiter der elften Stunde; vgl. Mt. 2,1–15 und Is. 5,1–7. 34 Aufgezählt werden die berühmtesten der ersten Bischöfe aus den genannten Städten. 35 Vgl. Cic. Tusc. 1,45,109. Deutlicher zitiert Petrarca in Fam. 15,1,8. 36 Der Schluss des Abschnittes 27 hält sich vage an Eccli. 11,2 und Ambr. Enn. in Ps. 37, § 52; vgl. die Anm. von Rossi zur Briefstelle Petrarcas. 37 Vgl. die entsprechenden Skrupel Petrarcas in Fam. 14,13. 38 Die Anschauung Gottes war zur Zeit Petrarcas ein viel besprochenes Problem auch im Kreis der Päpste Johann XXII. und Benedikt XII. in Avignon. Dazu gehörten Erörterungen über Wahrheitserkenntnis durch Anschauung Gottes. 39 Sancta sanctorum, eine Bezeichnung für eine Schatzkammer voll kostbarster Reliquien aus der Urzeit des Christentums im früheren Lateranpalast in Rom, Ort der Fusswaschungen durch den Papst am Gründonnerstag in der Nachahmung Christi. 40 Petrarca übernahm 1349 ein Kanonikat in Padua. Als er im Juni 1351 auf Verlangen von Clemens VI. nach Avignon reiste, übergab er die Geschäfte einem Prokurator; vgl. Wilkins, Studies 22. 41 Conf. 5,13,23. 42 Diese Briefstelle erlaubt die Vermutung, Petrarcas Brief Sine nom. 8 habe sich an Ildebrandino gerichtet. Denn dort wird auf beschwörende Warnungen des ungenannten Adressaten vor einer Rückkehr nach Avignon hingewiesen; vgl. den Text lat. und dt. in Petrarca, Aufrufe 250. 43 Petrarca denkt also im bestimmten Fall nicht daran, für den von ihm verehrten Verstorbenen zu beten, damit er von Sündenlast rascher befreit werde; im allgemeinen aber unterstützte er die betreffende Ermahnung der Kirche. 44 De am. 4,14. 45 Der Gedanke fehlt kaum einmal in Petrarcas Nekrologen. 46 Padua galt als Gründung des Troers Antenor. 47 Die Datierung berücksichtigt den Todestag des Bischofs, den 2. November 1352; vgl. Wilkins, Studies 144.
Fam. 16,1, an die Kardinäle Elie de Talleyrand und Guy de Boulogne1 Bitte um Beurlaubung aus einfachem, doch triftigem Grund. 1. Petrarca verweist auf Urlaubsgesuche antiker Feldherren und nennt als Grund für sein Gesuch den Tod seines Wirtschafters. 3. Er ist mehr um seine Bibliothek besorgt als um seine Anbaufläche. 4. Dem Verstorbenen spendet er grösstes Lob für seine Zuverlässigkeit. Dieser hatte trotz mangelnder Bildung eine grosse Verehrung für Bücher. 8. Der Dichter wünscht ihm ewige Ruhe. Avignon, am 5. Januar (1353).
1. Wenn jener früheste Schrecken der Karthager, ich meine Marcus Atilius Regulus,2 von Afrika aus, wo er mit einem bedeutenden und gefährlichen Staatsgeschäft für die Republik betraut war, in einem Schreiben an den Senat seine pflichtschuldige Bitte um Urlaub mit dem Tod seines Verwalters zu begründen nicht errötete (denn dieser war im Umkreis Roms für seine paar Joche Ackerland besorgt gewesen), wie sollte da ich erröten, der ich nur ein geringes privates Geschäft, und schon gar kein öffentliches betreibe, von Euch, einem Doppelgestirn der Kirche, einen Urlaub mit dem nämlichen Grund zu erflehen? Denn mein Wirtschafter, Euch nicht unbekannt und für mich bisher in ähnlicher Weise um ein paar Joche trockenen Erdbodens besorgt, ist gestern gestorben.3 Ich fürchte ja nicht, dass einer von Euch mir jetzt eben den Bescheid gebe, den damals Atilius vom Senat erhielt, nämlich er solle bei seiner Aufgabe ausharren, man werde sich selber der verlassenen Landwirtschaft annehmen! Der Acker jenes Römers war immerhin in Rom, während der meine an der Quelle der Sorgue liegt, Euch einzig dank einem vagen Gerücht bekannt. 3. Übrigens gesellt sich bei mir ein anderer Grund hinzu, wichtig genug, mich zu beunruhigen. Ich sorge mich nämlich nicht wie der Obengenannte bloss um einen Flecken unbebauten Boden. Jenes andere Werkzeug der Zerstörung Afrikas, ich meine Gnaeus Scipio,4 hat von Spanien aus, wo er höchst erfolgreich tätig war, um seine Entlassung darum gebeten, weil seiner Tochter ein Heiratsgut fehle, und ich meinerseits verspüre – damit die Gründe der beiden hochberühmten Feldherren sich bei mir, einem einzigen, vermischen – für meine Bibliothek, die ich als meine Tochter adoptierte, nun den Mangel eines Wächters. 4. Mein Wirtschafter war zwar ein bäurischer Mensch, aber ausgestattet mit einer mehr als gewöhnlichen Umsicht und Urbanität, und ich glaube, ein getreueres Lebewesen als ihn hat die Erde niemals hervorgebracht. Was sonst? Aller meiner Diener Verstocktheit und Verschlagenheit, über die ich mich täglich beklage und gelegentlich auch schriftlich beschwerte,5 hat er für sich allein mit seiner ausserordentlichen Verlässlichkeit gelindert und wettgemacht. 5. Deshalb hatte ich mich samt meinen Angelegenheiten und meinen hier in Gallien befindlichen Büchern ganz und gar ihm anvertraut, und obwohl ebenda an Büchern aller Gattung eine grosse Vielfalt vorhanden ist, auch allerkleinste sich zwischen dicken Schmökern
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verstecken, habe ich trotz häufiger Abwesenheit und wenn ich erst nach drei Jahren zurückkam, niemals bemerkt, dass eines entfernt oder auch bloss vom Platz verschoben worden wäre. 6. Obwohl ohne Schriftkenntnis, war er ein feuriger Liebhaber von Schriften, und die Bücher, von denen er wusste, dass sie mir besonders wertvoll seien, hütete er mit noch peinlicherer Wachsamkeit.6 Dank einem längeren Umgang mit ihnen gelangte er auch dahin, Werke der Alten benennen zu können und meine eigenen Werklein von ihnen zu unterscheiden. Er strahlte völlig, wenn ich ihm, was oft geschah, irgendein Buch in die Hand legte, und drückte es seufzend an seine Brust, sprach auch nicht selten mit leiser Stimme den Autor des Buches an.7 Verwunderlich, wie er durch blosse Berührung oder schon durch den Anblick eines Werkes sich gelehrter und glücklicher zu sein schien! 7. Mit einem solchen Wärter meiner Kostbarkeiten pflegte ich also während ganzer drei Lustren meine Sorgen zu teilen und habe ihn – wie man sagt – nie anders denn als einen Priester der Ceres8 und sein Haus nicht anders denn als einen Tempel der Treue betrachtet. Doch er, den ich vorgestern, indem ich auf Eure Forderung von hier wegging, als einen leicht erkrankten zurückzulassen meinte – er war zwar schon alt, aber hatte, wie Maro sagt, „ein unverwüstliches und blühendes Alter“9 – hat mich gestern abend verlassen und ist zum Dienst eines besseren Herrn hinübergeführt worden. 8. Möge ihm dieser nach so vielen körperlichen Mühen die eine ewige Seelenruhe gewähren. Denn nur „eine Bitte brachte er vor den Herrn, nur die eine hatte er.“10 Und diese, Christus, wirst Du nicht überhören, nämlich „dass er wohne“ nicht etwa in meinem Hause, sondern „im Hause des Herrn, alle Tage seines Lebens,“ das schon aufgehört hat, sterblich zu sein; „auf dass er nicht meinen Willen „erkenne“, vielmehr „den Willen des Herrn“ und „seinen Tempel besuche,“ aber nicht meinen Acker, auf dem er viele Jahre lang in Frost und Hitze seinen abgehärteten Körper gestählt hat. Möge er, der in meinem Dienst sich erschöpfte, in Deinem, so bitte ich, ausruhen! Zu Dir kommt er auf Dein Geheiss, von seinem alten Kerker11 befreit. 9. Einer meiner Diener, der bei seinem Verscheiden zufällig anwesend war, lief aufgeregt zu mir, die traurige Meldung zu überbringen, und erst tief in der Nacht kam er mit der Botschaft an, jener habe sein Leben ausgehaucht, nach mir rufend und Christi Namen unter Tränen anflehend. Das schmerzt mich, und noch schwerer würde es mich schmerzen, hätte ich wegen des hohen Alters dieses Menschen das Ereignis nicht schon lange vorausgeahnt. Nun muss ich hingehen; gestattet es, so bitte ich, glorreichste Väter. Gebt Eurem Bittenden Urlaub; der Stadt ist er nutzlos, doch dem Land unentbehrlich, und dort mehr um seine Bücher als um ein Äckerlein besorgt. Euch wünsche ich ein geruhsames und glückliches Leben. Avignon, am 5. Januar (1353).12
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Anmerkungen 1 Vgl. die früheren Briefe an diese Kardinäle, besonders Fam. 14,1 und 14,7. 2 Zu At(t)ilius vgl. Sen. Ad. Helv. 12,5; Val. Max. 4,4,6. Seine Gesandtschaft nach Rom zurück fällt auf 250 v. Chr. 3 Vgl. Fam. 13, 8, 9. Der Wirtschafter hiess Raymond Monet. 4 Vgl. Sen. Ad Helv. 12,6; Val. Max. 4,4,10. 5 Vgl. Fam. 4,14; 5,14; 10,3,30–35 etc. 6 Ein Beispiel dazu findet man Fam. 12,6,6. 7 Vgl. Fam. 13,7,21, wo Petrarca vielleicht an seinen Wirtschafter denkt. 8 Ceres; Göttin der Fruchtbarkeit und des Ackerbaus. 9 Verg. Aen. 6,304. 10 Alles frei nach Ps. 26,4. 11 Gemeint ist der sterbliche Leib. 12 Zum Briefinhalt und zur Datierung vgl. Wilkins, Studies 91.149 und Petr. corresp.74. Angaben zu den Briefen Petrarcas findet man bei Dotti, Vita leicht mit Hilfe des Indice dei luoghi petrarcheschi.
Fam. 16,2, an den Bruder Gherardo, den Kartäusermönch1 Ermahnung an den Bruder Gherardo, den Kartäuser.2 1. Petrarca war beim Bischof von Padua zu Gast, als zwei Kartäuser bei diesem vorsprachen. 3. Die beiden berichteten von Gherardos tapferem Verhalten während der Pest. 6. Er pflegte die erkrankten Brüder. 7. Er schützte das Kloster vor Räubern und sorgte für seine Erneuerung. 10. Die Erzählenden erkennen plötzlich in Petrarca den Bruder des Gelobten. (November 1352/Mai 1353)
1. Ich speiste einmal bei dem heiligsten und besten Mann Ildebrandino, dem Vorsteher der Kirche von Padua, der zu seiner Zeit mit seinen mannigfachen Tugenden diese Stadt verherrlichte, jetzt aber als neues Gestirn am Himmel aufging. Und sieh, da brachte der Zufall zwei Prioren Deines Ordens daher, einen Italer und einen Transalpinen. Der eine war Leiter im Haus von Casula, das an der Küste von Albenga in Ligurien hängt, und der andere Leiter im Haus Vallebuona, das nicht weit vom rechten Ufer der Rhone liegt. 2. Nachdem der Bischof – über die Ankunft solcher Gäste erfreut – die beiden seinem Brauch gemäss liebevoll aufgenommen hatte, erkundigte er sich bei ihnen in einem Gespräch, das sich bis zur Abendstunde hinzog, nach vielem und nicht zuletzt nach dem Grund, der sie nach Padua geführt habe. Sie antworteten, ihr Orden habe sie geschickt, damit sie auf dem Territorium von Treviso ein Kartäuserkloster errichteten;3 vor allem der Bischof, doch auch manche Bürger jener Örtlichkeit, gute und fromme Männer, begünstigten die Sache. Wie weit das Werk nun gediehen ist oder gedeihen wird, weiss ich nicht. 3. Indem nun der Gastgeber, beispielhaft im Leben wie heilig in Wissenschaft und Lehre, ein Wort aus dem andern hervorlockte, unter anderem auch Dich erwähnte und fragte, wie es Dir gehe und ob Du mit Deinem Los und Deiner Berufung zufrieden seist, stürzten sich die beiden wetteifernd auf diesen Gesprächsstoff und meldeten, was grossartige Gerüchte von Dir berichten, und sonderlich Folgendes: 4. Als jene Pest, die über alle Länder und Meere hinwegfegte, unvermeidbar auch zu Euch gelangte und in Euer Lager, wo Du für Christus streitest, eindrang,4 da habe Dein Prior, sonst von frommem und glühendem Eifer, wie ich selber weiss, im Entsetzen über das unerwartete Verderben zur Flucht geraten; Du aber habest ihm christlich und philosophisch geantwortet, der Ratschlag würde Dir gefallen, wenn irgendwo ein dem Tod unzugänglicher Ort bestünde. Darauf habe jener um nichts weniger eindringlich die Notwendigkeit der Abreise betont, worauf Du heftiger gesprochen, er möge gehen, wohin ihn gut dünke, Du aber wolltest auf Deinem Dir von Christus anvertrauten Wachtposten ausharren. 5. Und auf seine immer neuen Beschwörungen, mit denen er Dir manche Schrecken und schliesslich auch das Fehlen einer Bestattung androhte, habest Du gesagt, das sei unter
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allen Sorgen Deine letzte, denn nicht Du müsstest Dich darum kümmern, wie Du einst liegen solltest, sondern die Überlebenden. Hierauf habe er sich endlich zu den Penaten5 seiner Väter davongemacht, und nicht viel später habe der Tod, ihn verfolgend, dort eingeholt, während Du dank Deinem Beschützer, bei welchem „der Quell des Lebens“6 ist, verschont geblieben seist. Freilich habe dort der Tod in wenigen Tagen vierunddreissig Insassen weggerafft und Du seist im Kloster als einziger übrig geblieben. 6. Auch das Folgende fügten jene noch an: Du habest ohne Furcht vor Ansteckung Deinen sterbenden Brüdern Hilfe geleistet, ihre letzten Worte und Umarmungen entgegengenommen, ihre erkalteten Leiber gewaschen, oft an einem einzigen Tag ihrer drei und mehr in unermüdlicher Hingabe auf Deinen Schultern hinausgetragen und mit eigenen Händen bestattet, da sonst niemand gewesen sei, der ein Grab geschaufelt oder bei den Sterbenden ausgeharrt hätte. 7. Am Ende, als Du allein mit einem einzigen Hund noch da warst, habest Du ganze Nächte durchwacht und nur einen bescheidenen Teil des hellen Tages der nötigen Ruhe gegönnt, denn mittlerweile hätten nächtliche Räuber, an denen jene Gegend ungemein fruchtbar ist, in der Stille der tiefsten Nacht oft jenen Ort überfallen und seien durch Dich, richtiger durch Deinen Beistand Christus, teils mit friedlichen, teils mit scharfen Worten zurückgewiesen worden, so dass sie an den geweihten Gebäuden keinen Schaden anrichten konnten.7 8. Als aber jener schreckliche Sommer zu Ende war, habest Du zu den Dienern Christi in den benachbarten Niederlassungen geschickt, bittend, man möge Dir für Dein Kloster einen Wächter senden. Darauf seist Du zur Chartreuse gezogen8 und dort vom Prior, dem nun einzigen Vertreter des Ordens in jener Gegend,9 und von dreiundachtzig fremden Prioren als Nicht-Prior mit ganz ungewöhnlichen einmaligen Ehren empfangen worden und habest erlangt, dass man Dir einen Prior und Mönche gab, die Du aus verschiedenen Konventen auswähltest, um das nach dem Tod Deiner Brüder leerstehende Kloster zu erneuern. Und so seist Du wie in einem herrlichen Triumphzug hochbeglückt zurückgekehrt. 9. Auf diese Weise sei durch Deine Bemühung, Klugheit und Treue das einst verehrungswürdige, dann verlassene Kloster Montrieux wiederhergestellt worden. Auch seien Dir unter den genannten und vielen anderen Schwierigkeiten Deine kräftige Konstitution des Leibes und beste Gesundheit erhalten geblieben, ja auch die einem Mönch geziemende ansehnliche Gestalt. Das würde bei mir Staunen erregen, wüsste ich nicht, dass einer gesagt hat, heilige Männer hätten oft durch ihre Tugend körperliche Vorzüge erwirkt.10 In der Tat schützt eine gute Gesundheit des Geistes oft die Gesundheit auch des Leibes, kräftigt die Glieder und verleiht ein schönes Äussere. 10. Als nun unter diesem Bericht und anderen Dich betreffenden Reden der Bischof mit freudigen und feuchten Augen nach mir blickte, der ich vielleicht tro-
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ckene Augen, aber sicher kein trockenes Herz hatte, wandten sich jene beiden plötzlich mir zu und erkannten – sei’s auf göttliche Eingebung oder sei’s dank einer Ahnung ihres Geistes – in meinem Gesicht das Deine, umarmten mich unter innigem Aufseufzen und sagten jubelnd: „Wie bist Du glücklich in der frommen Unbeirrbarkeit Deines Bruders!“11 Noch manches andere fügten sie an, wovon ich am besten mit Verschweigen berichte. Du aber lebe wohl! Und da dies alles niedergeschrieben steht, handle, ich beschwöre Dich, mein Bruder, wie begonnen, auf dass Du Dich „bewährest bis ans Ende“.12 (November 1352/Mai 1353)13
Anmerkungen 1 Der Kartäuser Gherardo lebte im Kloster Montrieux; vgl. die früheren Briefe an den selben Adressaten Fam. 10,3–5 und Wilkins, The Making 337–338. 2 Die sehr knappe Inhaltsangabe in der von Rossi bevorzugten Handschrift enthält als das wichtigste Wort Exhortatio. Zutreffender ist, was in der von Fracassetti benutzten Handschrift steht: Bericht von seiner vortrefflichen Leistung, den Petrarca durch zwei Kartäuser vernahm. 3 Der Orden, der von seinen Mitgliedern ein strenges Einsiedlerleben in den Zellen einer gemeinsamen Siedlung fordert, war 1084 von Bruno von Köln mit Gefährten gegründet worden und erlebte besonders im 14.-15. Jh. eine starke Ausbreitung. 4 Hier die gängige Lehre, dass der Mönch ein miles Christi sei; vgl. die ersten Sätze der Regel Benedikts. 5 Penaten sind Hausgötter und stehen für das Zuhause; ihre Erwähnung wirkt hier spöttisch. 6 Prov. 13,14; 14,27; 16,22. 7 Selbst in den Klöstern streng asketischer Orden gab es dank freigebigen Spendern Schätze genug, die einen Überfall lohnten. 8 Es wird das von Bruno von Köln gegründete Kloster nordöstlich von Grenoble gemeint sein, La Grande Chartreuse. 9 Im Lateinischen steht ab illo, religionis nunc cultore unico in terris, priore. Das Wort religio heisst hier Orden, so wie religiosus oft Ordensmann, Mönch heisst; vgl. unten im Abschnitt 9 und Fam. 16, 9,18. 10 Rossi verweist in seiner Anm. zu Fam. 16,2, Bd. 3, 179 auf Parmenides, den Boethius, Cons. phil. 4 zitiere. Die Angabe ist zu knapp, und meine Nachprüfung kann die Behauptung nicht erhärten. 11 Frei nach Verg. Aen. 3,480. 12 Vgl. Mt.10,22 und 24,13 und Mc.13,13. 13 Wilkins, Studies 150–151.172 datiert auf Januar/Februar 1353.
Fam. 16,3, an seinen Sokrates1 Gegen Freunde, welche Begehren schüren. 1. Petrarcas Abwehr richtet sich gegen einen gemeinsamen Freund, dessen Ratschlag schädlich ist. 3. Er bekräftigt seinen Vorsatz, mit seiner Habe zufrieden zu sein. 5. Er zählt seine Güter auf. 10. Seine Freunde sollen seine Freiheit respektieren. 11. Vom neuen Papst begehrt er für sich nichts. An der Quelle der Sorgue, am 28. März (1353).
1. Vieles hätte ich Dir heute zu schreiben, was ich absichtlich übergehe; es wird sich nämlich offener und leichter mündlich ausdrücken lassen. Meine Zunge, die in der Einsamkeit lange unbewegt und stumm war, wird die ermüdeten Finger entlasten.2 Nur das Eine will nicht aufgeschoben sein; es geht aber nicht Dich selber an, sondern unseren gemeinsamen Freund, der eben jetzt nach seinem eigenen und auch verbreiteten Brauch mich bald in einem eigenen Schreiben, bald in einem fremden aufreizt und von seinem Willen nicht absteht, mich, der ich gegen Habsucht völlig kalt bin, zu entflammen, indem er, wie Horaz3 formuliert hat, „liebend zu schaden beeilt ist.“ Das entspricht einem üblichen Fehler einer gewöhnlichen Freundschaft. 2. Obwohl meine Liebe zu diesem Freund unbeschadet bleibt, hat sich doch meine Schätzung vermindert, und wie Brutus4 von seinem Cicero sagt, „wurde an Liebe nichts entzogen, an Achtung aber reichlich.“ Gewiss, wenn ich einerseits einem Mann von grosser, bewährter Treue, der mir in dauerhafter Freundschaft verbunden ist, meine Liebe keineswegs entziehen kann, so ist mir anderseits unmöglich, seine am Boden haftende Gesinnung mit ihren entarteten Grundsätzen nicht zu hassen. 3. Ihr solltet also beachten, nämlich Du und die Meinen, wo sie auch seien, ja alle, die mir Untüchtigkeit vorwerfen:5 Ich habe meinen Wünschen ein Ziel gesetzt und will mich um alles, was mir das Leben noch bringen kann, wenig sorgen; und begehren will ich schon gar nichts. Ich habe so viel zum Leben, als ein achtbarer Mensch benötigt, um mit Fortuna6 einen Vertrag zu schliessen und zufrieden zu sein. Weniger besass Quinctius,7 weniger Curius, weniger Fabricius, weniger Atilius,8 welche Könige und Völker besiegten und – was ihr herrlichster Triumph war – auch sich selber, ja die aufrührerischen Regungen ihres Herzens überwanden. 4. Und was sollte daraus werden? Niemals könnte ich, sofern ich auf die Habsucht hören wollte, so viel erlangen, dass ich aufhörte, vielen anderen und mir selber als ein armseligster Bettler zu erscheinen. Verschwendungssucht, Habgier und Ehrgeiz sind mit keinen Grenzen zufrieden; von falschen Meinungen strotzt alles, und wenn man sich ihnen nicht widersetzt, verstossen sie einen ins äusserste Elend. Sich ihrer zu erwehren, ist schwierig; ihnen nachzugeben, tödlich, und wer sich ihnen ausliefert, wird nicht stehen bleiben, wo er möchte. 5. Ich habe das Lebensnotwendige, wie man allgemein zu sagen pflegt. Ja ich habe sogar manches, was ich besser entbehren würde. Ich habe, um zu verschwen-
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den. Was heisst Ihr mich, mehr zu verlangen, was heisst Ihr mich, mehr zu erhoffen? Ich hätte, wenn nötig, genug für ein Grab auf einem eigenen Grundstück, so sage ich, sofern man hier9 überhaupt etwas zu eigen hat. Ich habe hier, wo ich kurze Zeit, ja wo ich lange Zeit wohnen kann; ich habe, um zu essen, um zu trinken, habe für Schuhe und Kleider, habe, wer mich bedient, wer mich begleitet, habe, um zu reiten,10 und habe, um mich zu decken, mich hinzulegen, mich zu ergehen, mich zu vergnügen. Hat der römische Kaiser etwa mehr? 6. Ich habe einen gesunden Leib, gebändigt mit grosser Mühe und mir daher nicht länger ein so störrischer Knecht wie früher. Zudem habe ich aller Art Bücher als den nicht geringsten Teil meines Reichtums. Weiter habe ich meinen Verstand, wie klein er auch sein mag, dann die Liebe zu den Büchern, die meine Seele mit wunderbarem Vergnügen weidet und ohne Langeweile ertüchtigt. Dazu kommt Ihr, meine Freunde, die ich zu meinen grössten Gütern zähle, solange meine Freiheit, ohne die ich nicht lange leben wollte, durch Eure Ratschläge nicht Schaden nimmt. 7. Überdies habe ich als beträchtliches Gut die Sicherheit. Ich habe auf Erden, so weit ich wüsste, keinen einzigen Feind, ausser die mir vom Neid bescherten. Diese verachte ich mit gutem Grund, und sie entbehren zu wollen, wäre wohl kein kluger Gedanke. Dazu kommt das öffentliche Ansehen bei allen Guten auf unserem Erdteil, auch bei jenen, die mich wohl niemals sahen und kaum je sehen werden. Das hat mir, so bekenne ich, himmlische Gunst, nicht etwa eigenes Verdienst erworben. 8. Für gering schätzt Ihr diese Reichtümer? Ihr wollt, dass ich Wucher treibe; Ihr wollt, dass ich Seereisen mache,11 Ihr wollt, dass ich auf dem Marktplatz schreie und eine käufliche Seele und Zunge habe? Oder was soll ich sonst noch tun, um mich zu bereichern? Ihr empfehlt mir also, unter Entbehrungen zu leben, um unter Reichtum zu sterben? Ihr ratet, umher zu betteln und zu sammeln, was ein anderer dann sitzend verschleudere? Unter Schmerzen soll ich nach etwas suchen, worüber sich ein mir Unbekannter einst freue? Unter Mühen soll ich finden, was ich unter Kummer verliere und unter Ängsten bewache? 9. Glaubt mir, aus grosser Besorgnis habt Ihr Euch harte Bemühung auferlegt, um die Habsucht zu sättigen. Unersättlich ist sie und unbezähmbar. Nach allem lechzt sie, alles verschlingt sie; und ein Boden fehlt ihr. Der Bestrafung von aussen bedarf das menschliche Begehren nicht; es ist sich selbst eine Folter. Scheitern seine Bemühungen, ist es unglücklich; fangen sie an, sich zu lohnen, entbrennt es; erreichen sie vollen Erfolg, dann vollends zittert es vor Angst und ist wahrhaft mittellos und elend. Doch lassen wir diese Philosophie, die allen verhasst, wenn auch wahr ist, und kehren wir zurück zum Alltäglichen. 10. Gelte ich Reichen als Armer, so doch mir selber als reich. Was ratet Ihr ? Soll ich schwitzen, bis ich sogar ihnen für wohlhabend gelte? Kein Ende wird das haben, auch nicht, wenn ich Länder und Meere besitze. Solange etwas Wünschbares übrig-
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bleibt, wird der Habgier nichts genügen. Gestattet mir, reich zu sein nach eigenem Urteil; es geht ja um das Meine. Wozu braucht es hier ein fremdes Urteil? Welcher freie Mann ernährt sich nach dem Geschmack eines andern? Behaltet Eure Meinungen für Euch, und lasst mir die meinen, das bitte ich. Vergeblich rupft ihr an ihnen; sie wurzeln in härtestem Stein! 11. Und was ist es denn, was Dein Schreiben zuletzt erwähnt und woraus mir unser Freund eine neue Hoffnung zurechtschustern möchte?12 In der Tat, selbst wenn es stimmt, was er sagt – dessen ich aber nicht im mindesten sicher bin –, was folgert er daraus? Sei es doch: Der neue Bischof von Rom13 liebe die Guten! Was geht mich das an? Wirklich, wenn er keine anderen liebt, dann liebt er wenige, und von diesen bin ich keiner, wollte es freilich eher sein als ein Pontifex. Lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 28. März (1353).14
Anmerkungen 1 Vgl. die im Personenreg. angeführten früheren Schreiben an diesen Freund Petrarcas. 2 Hindeutungen auf ermüdete Finger sind bei Petrarca nicht selten; vgl. z. B. Fam. 18,6,7; 18,12,3 und 22; 19,14,1; 23,12,14. 3 Frei formuliert nach Hor. Carm. 1,8,2–3. 4 Ad Brut. 1,17,6. 5 Lateinisch: quibus segnior appareo. 6 Hier steht Fortuna als Verwalterin zeitlicher, materieller Güter. 7 Gemeint ist Quinctius Cincinnatus. Er und die folgenden Gestalten werden von Petrarca oftmals als die grossen Vorbilder für Genügsamkeit nebeneinander aufgeführt; vgl. Personenreg. 8 Vgl. zu Regulus Fam. 6,2,8; nicht zu verwechseln mit 16,1 Anm. 2. 9 Lateinisch: hic, das ist hier auf Erden. 10 Lateinisch: qui me vehat. Petrarca reiste meistens zu Pferd. 11 Gedacht ist wohl – so legt der Textzusammenhang nahe – an Handelsreisen zu grossem Gewinn oder an eine Pilgerfahrt ins heilige Land, wie sie längst Mode war. 12 Dass Petrarcas Freunde noch lange nicht darauf verzichteten, ihm eine hohe Würde aufzudrängen, ergibt sich aus Fam. 20,14,15 ff. 13 Das ist Innozenz VI. Er folgte auf Clemens VI. durch die Wahl vom 18. Dezember 1352 und galt als sittenstreng, fromm und als Mann des Ausgleichs. Doch Petrarca vermisste bei ihm eine höhere Bildung. Sich von ihm zu verabschieden, weigerte er sich; vgl. Sen. 1,4. 14 Zum Inhalt des Briefes und zu seiner Datierung vgl. Wilkins, Studies 158–160. 172.
Fam. 16,4, an einen Freund1 Über Glaubenszweifel. 1. Zweifel an der Erlösung des Menschen sind unerträglich. 2. Allerdings ist der Mensch, seit Gott es bereute, ihn geschaffen zu haben, nicht besser geworden. 4. Gottes Menschwerdung ist scheinbar überflüssig gewesen. Doch mit zunehmender Unwürdigkeit des Menschen wächst Gottes Grossmut. 5. Dafür schuldet man vermehrten Dank. 6. Zu beherzigen ist, was Augustinus über das Werk der Erlösung gesagt hat. 9. Die Schuld und die Strafe wurden uns genommen. 14. Jeder Glaubensartikel der Kirche zeigt Mittel, die unserer Erlösung dienen. 16. Sowohl Gottes Macht wie auch Gottes Güte sind unendlich. 18. An der Verzeihung zweifeln heisst, entweder seine Allmacht oder seine überragende Güte leugnen. Kain und Judas haben dieses grösste Unrecht begangen. 21. Nicht Zweifel, sondern Dankbarkeit müssen wir hegen. Am 29. März (1353).
1. Ich übergehe manches, worüber wir, so hoffe ich, zu sprechen eine Gelegenheit finden werden. Nur zur einen Frage, die wegen ihrer besonderen Gefährlichkeit keinen Aufschub duldet, will ich schreiben. Deine misstrauischen Zweifel an unserem letzten Heil ertrage ich schlecht; das habe ich Dir oft ins Gesicht gesagt, doch wie ich sehe, weniger oft, als ich sollte und als nötig wäre, um Dein hartes Herz zu brechen. 2. Was, so überlege ich, würde mitten auf den verschlungenen Wegen der Welt und unter den Betrügereien des Teufels den Geist eines Denkenden völlig beanspruchen,2 wäre es nicht das eine Unleugbare, dass das Menschengeschlecht dessen unwürdig ist, was ihm vom Himmel her bereitet wird und was wir gemäss unserem Glauben als etwas schon Geschehenes betrachten? Da ist einer ein Dieb, ein anderer ein Meineidiger, der dritte ein Ehebrecher, und da ist die ganze Erde voll eines Gesindels gleich jenem, das – wie wir lesen – den Schöpfer einst zu den Worten bewegte:“Mich reut, den Menschen geschaffen zu haben.“3 Wie nur tut der Grosse so Grosses für solche Wichte?4 3. Das eben sagst Du nun wohl zu Dir selber. Doch achten soll man darauf, dass die Überlegung nicht Unglauben, vielmehr Demut und Dankbarkeit bewirken muss. Gewiss, nur wenige sind der Wohltaten Gottes würdig, nein keiner ist es, ausser Er selber habe ihn würdig gemacht. Doch um so grösser ist sein Wohlwollen, um so herrlicher seine Grossherzigkeit und um so offensichtlicher seine Milde! 4. Noch eine weitere Schwierigkeit hat vielleicht Dein Misstrauen geschürt. Denn allgemein ist auch unbestritten, dass einerseits schon vor der Ankunft Christi sehr viele geistvolle und sittlich hochstehende Menschen gelebt haben, und dass anderseits uns zur Jetztzeit – wäre es doch weniger klar erkennbar! – Tugenden und Geisteskraft gründlich mangeln. Deshalb schwankt nun der Verstand, und wenn er den Grund nicht erkennt, weshalb etwas geschehen sei,5 glaubt er gar nicht, dass es geschehen sei. Doch diese Schwierigkeit deutet das Selbe an und ist wiederum von
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der Art, dass sie sowohl Frömmigkeit wie Liebe mehren müsste, nicht aber Unglauben hervorbringen dürfte. Je entschiedener wir uns für unwürdig erkennen, desto inniger müssen wir Gottes spendefreudige Grossherzigkeit gegen uns hochpreisen und bestaunen, jedoch nicht in einem Mass bestaunen, dass wir sie gar leugnen. 5. Wer ausser ein völlig verdorbener Kerl wird, nachdem er ohne Verdienste von seinem Herrn hoch geehrt wurde, gegen solchen sich auflehnen oder der empfangenen guten Gabe vergessen? Welcher würde nicht eher sagen: ‚Grundlos hast Du mich geliebt und einen Unwürdigen den Besseren vorgezogen. Habe Dank, ich anerkenne in Dir den getreuen Herrn, anerkenne das mir von Dir geschenkte herrliche Geschick. Den Lohn der Tugendreichen empfange ich, wiewohl der Tugend bar. Glücklich wurde ich ohne mein Zutun, und was ich nicht mit eigener Anstrengung, vielmehr dank Deinem Wohlwollen erwarb, schulde ich weder mir noch einem andern als einzig Dir.‘ 6. Was in der ganzen Lehre über Christus (uns überliefert durch Menschen, welche die Wahrheit, das heisst eben Christus, lieben), was in all dem, so frage ich, ist entweder Gott unmöglich oder uns nicht glaubhaft? Freilich offenbart sich da eine so grosse Selbstlosigkeit und Hingabe Gottes und ein so grosses Verzeihen Gottes gegenüber den Menschen, dass der Menschenverstand es kaum fassen kann. Und durchaus wahr ist, was Augustinus6 zum Psalm 147 erklärt hat: „Obwohl das, was uns beglückt, ganz sicher ist, wird es kaum geglaubt.“ 7. Da hast Du also, sterbliches Wichtlein, weshalb Du zuerst Deine Ungläubigkeit abzulegen und dann zur Danksagungen überzugehen hättest. Glücklicher bist Du geworden, als Du Dir auszudenken imstande wärest. Glaube, was geschehen ist! „Die Weisheit Gottes“ in Person, der einzige mit dem Vater wesensgleiche und ewige Sohn,7 ist Dich zu erlösen gekommen. Er hätte doch vom Thron seiner Herrlichkeit herab befehlen können, und mit Notwendigkeit wäre im Himmel und auf Erden gehorcht worden. Er wollte jedoch wirkungsvoller handeln und selbstloser; darum „liess er sich herab, den ganzen Menschen anzunehmen“, wie Augustinus sagt.8 „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt“.9 8. Hierauf folgt die Begründung. „Damit nämlich,“ so sagt Augustinus, „zeigte er den fleischlichen Wesen, die unfähig sind, die Wahrheit im Geist zu erkennen, vielmehr ihren leiblichen Sinnen erliegen, welch erhabenen Ort die Menschennatur unter den Geschöpfen einnimmt. Das zu erreichen, erschien er nicht allein sichtbar – wie er das in irgend einem ätherischen, der Schwäche unserer Augen dennoch erträglichen Körper hätte tun können –, sondern unter den Menschen als wahrer Mensch.“ Und auf dieses Wort folgt eine weitere Begründung: „Gerade die Natur hatte er anzunehmen, die zu erlösen war.“ So weit Augustinus. 9. So hat denn Gott, als er Dich, mein Freund, gefährdet sah, Dein Verderben nicht geduldet. Und als er Dich nach Deinem Fall mit einem Wort hätte aufrichten können, tat er es lieber mit seiner Hand, und nach Art der leidenschaftlich Lieben-
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den beugte er sich zur Erde, wo Du lagst, hob Dich empor und barg Dich in seinen Schoss, und die Last, die Dich am schwersten drückte, nahm er auf sich und bürdete sich Deine Sünden auf. Erfüllt hat sich die Prophezeiung Davids:10„So weit der Aufgang dem Untergang fern steht, so weit hat er von uns unser Unrecht entfernt.“ 10. Erreichen konnte er das, wie ich sagte, mit einem Wort, doch er tat es mit seinem Blut, wie denn einer gesagt hat:11 „Sieh, dies Bündnis ward mit Dir im Blute geschlossen.“ Achte nur, es nicht zu verletzen! Er nämlich ist der zuverlässigste Wahrer seiner Versprechen. Bist Du einmal sicher, dass er Dich freimachen konnte, was zweifelst Du noch, dass er es wollte? Warum zauderst Du zu glauben, was Dir notwendig, dem Spendenden leicht und seiner Hoheit am würdigsten ist? Warum fürchtest Du, was Du heiss ersehnst, in Deine Seele einzulassen? Einzig darum, weil, wie ich sagte, der beschränkte Sinn die grosse Freude nicht fassen kann und Du des grossen Geschenkes Dich unwürdig fühlst. 11. Freue Dich endlich aus ganzem Herzen! Denn Grund dazu hast Du. So gross ist der Stoff zur Freude, dass Du ihn kaum begreifst; doch richtig ist, grösseren Mut zu fassen, nicht aber, weniger zu glauben. Du bist unwürdig, er ist gütig. Du bist Sünder, er ist barmherzig. Erkenne seine Fürsorge! Umfange seine Gnade! Zerstreue die Verdächtigungen! Eine lange Strafe ohne Ende hast Du verdient, und ewige Herrlichkeit steht für Dich bereit, ausser Du lehnst sie ab. Einen strengen Richter hast Du gefürchtet; einen liebevollen Vater hast Du gefunden. 12. „Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so hat Gott sich aller erbarmt, die ihn fürchten.“12 Nicht weil unsere Sünden es verdienten, sondern weil „er unsere Beschaffenheit kennt und sich erinnert, dass wir Staub sind.“ Über unsere Sünden also zürnt er weniger, als er sich unserer Gebrechlichkeit erbarmt und uns Bedürftigen Hilfe bringt. 13. Das ist so überwältigend, dass es fast unglaubwürdig zu sein scheint. Für Böses wird Gutes, für Beleidigung Gnade eben von Jenem geboten, den zu beleidigen ganz schändlich ist, und der sich aufs leichteste zu rächen vermöchte. Dennoch muss man es zweifellos glauben und das Erbarmen unseres Erretters erkennen. Denn man kann in dem tiefgründigen, vom Vater Augustinus verfassten Buch „Von der wahren Religion“13 auch noch Folgendes lesen: „Schon jene hochheilige Annahme des Menschen14 und die Jungfrauengeburt und der Tod des Gottessohnes für uns, ebenso die Auferstehung von den Toten und die Auffahrt in den Himmel und das Sitzen zur Rechten des Vaters und der Nachlass der Sünden und der Tag des Gerichts und die Auferweckung der Leiber – dies alles ist in der Erkenntnis der ewigen Trinität und der wandelbaren Schöpfung nicht allein Gegenstand unseres Glaubens, sondern auch Beweis der Barmherzigkeit des höchsten Gottes, die er dem Menschengeschlecht entgegenbringt.“ 15. Daher, Freund, sind all dieser Dinge
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wegen unendliches Verwundern, heilbringendes Staunen und fromme Furcht zu erwecken und festzuhalten. Denn in Wahrheit ist „der Herr in der Höhe wunderbar.“15 Und er ist „wahrhaft gross und furchterregend für alle, die ihn rings umstehen,“16 wahrhaft „erschreckend in seinen Beschlüssen über die Söhne der Menschen,“17 aber dennoch auch „freundlich und mild und von grossem Mitleid gegen alle, die ihn anrufen.“18 Er ist „ein Erbarmer und ein barmherziger Herr, langmütig und mitleidsvoll“19 und „geduldig und von grossem Mitleid und wahr.“20 Ja liebevoll und gerecht ist der Herr und gibt denen ein Gesetz, die den Weg verlassen,“21 ein Gesetz nämlich, damit sie zum Weg zurückkehren und gerettet werden. 16. Was heisst das? Eben dies, dass niemand furchtbarer ist als er, doch auch niemand mitfühlender als er und niemand von grösserer Gelassenheit. Viele zwingt er, sich abzumühen, auf dass sie nicht auftrumpfen; einige lässt er Gefahr laufen, um sie zur Einsicht zu bringen; keinen will er verderben lassen; und alles unternimmt er, um uns zu retten. Daher muss man die Verzweiflung von sich weisen, die Verstocktheit abwerfen, die Gottlosigkeit verbannen, die Ungläubigkeit aufgeben. Kein Vernünftiger wüsste nicht, dass für Gott nichts unmöglich, ja nichts auch nur schwierig ist. Und kein Frommer bezweifelt, dass ihm gar nichts für beschwerlich gilt, was zur Rettung seiner Schöpfung etwas beitrüge. Einen krankhaften Sinn verrät, wer etwas anderes vermutet und daher sagt, sich erbarmen und Sünden tilgen, das wolle Gott nicht oder könne er nicht. Aus eben solcher Behauptung und aus keiner anderen Quelle pflegt die Verzweiflung hervorzugehen. Denn mit der einen Aussage leugnet man, dass er gut und mit der andern, dass er allmächtig ist, und beide sind eine Lästerung des heiligen Geistes, die weder in dieser Welt noch in der zukünftigen vergeben wird.22 Denn hiermit wird dem Mächtigsten und dem Gütigsten entweder Ohnmacht oder dann Missgunst gegenüber unserer Rettung vorgeworfen. 18. Eben diesem Übel, so glaubt man, ist Kain verfallen, als er sagte: „Zu gross ist mein Unrecht, als dass ich Verzeihung empfangen kann.“23 Die Erbärmlichkeit des Geschöpfs konnte aber nicht grösser sein als das Erbarmen des Schöpfers. Dem selben Unheil verfiel auch der unselige Judas, als er die Silberlinge in den Tempel geworfen hatte und hinging, sich zu erhängen.24 Sogar wenn er weit mehr sündigte als Kain, war ihm doch einzig seine Verzweiflung ein Hindernis, Erbarmen zu finden; und hätte er solches von Christus erbeten, wäre es ihm geschenkt worden, wie Ambrosius vermutet.25 Nun aber erbat er sich das Erbarmen nicht, sondern bekannte vor jenen Hohenpriestern26 bloss, gesündigt zu haben, und diese freuten sich seiner Sünde und scherten sich nicht um seine Strafe. Am Ende hat er Christus, gemäss Hieronymus,27 mit der Verzweiflung tiefer verletzt als mit dem Verrat, was sehr zu beherzigen ist. 20. Was also vermag Gott? Alles, was er will! Er will aber alles, was er als etwas uns Heilsames ansieht. Und eben daran hat man mit sicherem Glauben und uner-
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schütterlicher Zuversicht festzuhalten. Aufhören müssen eitle und ängstliche Grübeleien. Fromme Ohren müssen verstopft sein gegen Deuteleien der Dämonen: ‚Etwas Grosses wäre es28 wenn ein Gott unseretwegen auf eine gewissermassen wunderbare Art geboren würde, noch grösser, wenn er in unseren Bedürfnissen und Armseligkeiten leben und am grössten, wenn er in einer einzigartigen – unseren gewöhnlichen Tod übersteigenden – für uns erbarmungsvollen, doch für ihn erbärmlichen Weise sterben würde.‘29 21. Dass das wundersame und unaussprechliche Merkmale göttlicher Liebe sind, wer wollte das leugnen? Aber soll deswegen die Grösse der Gnadengabe uns zur Undankbarkeit verleiten? Fern bleibe frommer Gesinnung solcher Wahnsinn! Einsehen müssen wir, dass wir der grossen Gnade nicht wert sind. Und dass unser Wort, um würdig zu danken, bei weitem nicht ausreicht, das müssen wir einsehen. Und dass unsere Gebrechlichkeit durch Gottes Milde besiegt ist, müssen wir zugeben und im Geiste, so viel wir vermögen, dankbar und lenkbar, gläubig und getreu sein. Und obwohl es um Grosses geht und wir unwürdig sind, dürfen wir, weil ja seine Macht unerreichbar und seine Hilfsbereitschaft unermesslich ist, niemals, als hätte er für uns besorgt zu sein nicht vermocht oder nicht gewollt, verzweifeln. Lebe wohl! Am 29. März (1353).30
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Über die Person ist nichts bekannt. Lateinisch: quid aliud…inter ambages rerum et fallacias dyaboli animum cogitantis involvere… Gen. 6,6–7. Quomodo ergo talia Tantus tam indignis. Vgl. Fam. 14,7,2: talia tantus tam pusillo. Gemeint ist eben die Ankunft Christi und das Erlösungswerk. In Psalm 147, 17. Das sind die Artikel aus dem Glaubensbekenntnis der katholischen Messe; vgl. Aug. De vera rel. 16,30. Ebenda. Jo. 1,14. Ps. 102,12. Psalmenzählung hier wie immer gemäss der Vulgata, die fast regelmässig um die Zahl 1 hinter anderen Zählungen nachhinkt. Luc. Phars. 9,1011. Ps. 102,13–14. De vera rel. 8,14. Hominis sacrosancta susceptio: gemeint ist die Menschwerdung des Gottessohnes. Es folgen die Hauptartikel aus dem Credo. Ps. 92,4. Ps. 88,8. Ps. 65,5. Ps. 85,5.
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19 Ps. 102,8. 20 Ps. 85,15, und 108–109. 21 Ps. 24,8. Eine Reihe von Psalmenstellen zum Thema Barmherzigkeit findet sich in Sine nom. 12 vielleicht aus dem selben, nicht sicher bestimmbaren Jahr; vgl. den Text lat. und dt. in Petrarca, Aufrufe 266 ff. 22 Mt. 12,32; Lc.12,10; 23 Gen. 4,13. 24 Mt. 27,5. 25 Epist. 67,10. 26 Im Lateinischen steht bloss apud illos, doch kannte der Adressat die folgenden Worte: principes autem sacerdotum; sie können sinngemäss ergänzt werden. 27 Vgl. Hier. Tract. de Ps. 108 oder besser Pseudo Hier. Breviarium in Ps., das den Traktat enthält. 28 Lateinisch: magnum fuerit; das Folgende davon abhängig im Akkusativ plus Infinitiv. Der Konjunktiv als Potentialis verstanden, nämlich als eine coniectura der Zweifler: Etwas Grosses wäre es, wenn… 29 Lateinisch: ad nos misericordi, in se autem miserabili more mori. 30 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 91.160 und Petr. corresp. 74.
Fam. 16,5, an einen Ungenannten 1. Man geht auf den Tod zu, selbst wenn man ins Leben zurückzukehren meint. 2. Man gehe unerschrocken. Das Tor zum Leben steht offen. 4. Was wir Tod nennen, gilt den Philosophen als Ende des Todes. (Vor oder nach Ende März 1353)
1. Von der Pforte des Todes seist Du zurück, so höre ich. Doch Du eilst, was sonderbar tönt, zu ihm zurückzukehren. Richtiger würde ich sagen: Wir alle eilen dahin, wer immer wir seien, sobald wir den Weg dieses Lebens betreten haben. Wir eilen, sage ich, und nirgends1 bleiben wir stehen. Selbst wenn wir meinen, zu ruhen, laufen wir; ja, zu wenig habe ich gesagt: Wir laufen nicht, wir fliegen. Eben darum können wir dem Tod nicht mehr fern sein. 2. Doch seien wir guten Mutes, und gehen wir unerschrocken und ohne Zögern; denn vielleicht ist die Pforte nicht die des Todes, sondern die des ewigen Lebens, zwar durch unsere Frevel vermauert, aber durch Christi Blut aufgetan und in seinen Wundmalen offen.2 Oh dass uns zukäme, in jene Ruhe einzugehen, wiewohl dessen unwürdig! Oh dass wir in eben diesem Frieden schlafen dürften und, nachdem wir lange und viel uns abgemüht, endlich ausruhten in Ihm, der auf einzigartige Weise uns in der Hoffnung verankert hat, die als sein Geschenk nicht trügerisch sein kann. 3. Ich aber freue mich über die Dir neu geschenkte gute Gesundheit; und bisher wünsche ich nicht, dass wir im Exil dieses Lebens getrennt werden. Und dennoch, wo immer wir auseinandergerissen würden, müssten wir schliesslich doch unter dem Schutz unseres ewigen Lenkers zum selben Ziele gelangen. Weil übrigens des Menschen Herz sich dem Zufälligen viel freundlicher zuneigt als der natürlichen Ordnung, bin ich glücklich, dass mir Deine Gefahr nicht früher bekannt wurde als das Ende Deiner Gefahr.3 Sofern denn Krankheit und Sterben wirklich eine Gefahr und nicht einen Weg zu wahrer und dauernder Sicherheit bedeuten! 4. Bedenke aber dies: Nicht nur bist Du unter dem bestimmten Gesetz, dass Du sterblich bleibst, gesund geworden, sondern Du musst auch weiterhin zu jeder Stunde dem Tod entgegengehen und zu jeder Stunde unablässig sterben. Denn was bei der grossen Menge als Tod gilt, ist bei den Philosophen das Ende des Todes. Wahrlich, ein sonderbarer Stoff für einen Glückwunsch: die Verlängerung des Todes!4 Das für die Zukunft Befürchtete, geschieht eben jetzt, da wir sprechen, und – oh gewaltige Bestürzung – es graut uns gleichzeitig vor beidem, nämlich vor dem Tod und vor des Todes Ende; das anhaltende5 ziehen wir vor, während wir das plötzliche verfluchen.6 Allerdings nutzlos! 5. Es wird geschehen, jawohl, dem Du entflohen zu sein glaubst.7 Es geschieht um einiges später, dennoch sogleich, dennoch jetzt!8 Da gibt es keinen Raum für Versteckspiele, um es ein wenig aufzuschieben. Wie lange zögerst Du, dahin zu gehen, wohin man notwendigerweise gehen
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Fam. 16,5
muss und wo man, ist man zurückgekehrt, sich wundert, dass man gleichzeitig wegging und zurückkam?9 Genau das ist es, was ich zu sagen pflege: Hinausgeschoben ist der Tag der Auflösung, doch nicht aufgehoben ist die Schuld der natürlichen Verpflichtung, die man bei der Geburt auf sich genommen und die man im Sterben zu begleichen hat.10 Lebe wohl! (Vor oder nach Ende März 1353)11
Anmerkungen 1 Lateinisch: nusquam; Petrarca unterscheidet nicht genau zwischen nusquam und nunquam. Hier stünde vielleicht besser: „niemals“ statt „nirgends“. 2 Der Tod ist überwunden, ist längst Pforte zum ewigen Leben dank Christi Tod für die Sünder. Daher der Hinweis auf die Wundmale Christi, die seinen Sühnetod bezeugen. Zu ihrer Bedeutung für die Erlösung vgl. z. B. auch Fam. 18,16,29. Der Kult der Wundmale verbreitete und verstärkte sich nach der Stigmatisation des Franz von Assisi besonders vom 14. Jahrhundert an. 3 Natürlich und der zeitlichen Ordnung entsprechend wäre gewesen, zuerst von der Krankheit und erst dann von der Gesundung zu vernehmen. 4 Das heisst, es sei sonderbar, ein langes Leben zu wünschen, da das Leben auf der Welt gemäss philosophischer Auffassung ein fortwährendes Sterben sei. 5 Gemeint ist der exitus, der Ausgang, das Ende. 6 Der Sinn dieses Satzes ergibt sich aus den vorangehenden Sätzen; unser irdisches Leben ist anhaltendes Sterben; was wir Tod nennen, ist Anfang des wahren Lebens. 7 Im Lateinischen steht fiet; grammatikalisch genau hiesse das: „es wird geschehen“. 8 Die Kürze der Lebenszeit, die Distanz bis zum Tod ist soviel wie nichts. 9 Lateinisch: cum redieris, digressum simul reversum te stupeas. Das heisst wohl: Das Ausgehen vom Tod und das Zurückgehen zu ihm fallen zusammen, sind ein und das selbe, wie man bei der endgültigen Ankunft an der Pforte des Lebens mit Verwunderung feststellt. 10 Vgl. Fam. 2,1,7. 11 Zur Datierung vgl. Wilkins, Studies 91.160 und 178.
Fam. 16,6, an den Bischof Niccolò von Viterbo1 Ermunterung des Kranken 1. Der Bischof hat im Heer Christi eine Führerstellung übernommen. 5. Der Angriffe gibt es viele, und eine hohe Stellung schützt dagegen nicht. 7. Bis in die Einsiedelei des Dichters ist die Nachricht von der Krankheit Niccolòs gedrungen. 9. Dessen Vater leidet in seinem Sohn und befindet sich auf der Reise zu ihm. 12. Mannhaftigkeit und Gottvertrauen sollen zur Genesung beitragen. 14. Über den Schmerz urteilen die Peripatetiker richtiger als die Stoiker. 17. Als Mediziner kann der Bischof sein Leiden beurteilen; er kennt auch die Wirkung seelischer Zustände auf körperliches Befinden. 19. Niccolò wird von Petrarca und seinem Freund Sokrates in die Einsiedelei Vaucluse eingeladen, damit er sich da erhole. (15. Februar 1353)
1. Ein starker Mann bedarf keiner Ermahnung, um unerschrocken auf einen bekannten Feind und auf eine gewohnte Kampfweise zuzugehen. Dem Angreifer schreitet er entgegen, des Sieges fast sicher und vollends sicher eines Lobes. Er freut sich, öfters erprobt zu werden und zieht es vor, unter Widerwärtigkeiten die Tüchtigkeit zu stählen, als in weichlicher Bequemlichkeit zu erschlaffen. Deshalb verweilt er unter Staub und Schweiss, unter Schwertern und Wunden nicht bloss frei von Trauer, sondern oft gar mit Lustgefühl. Er spürt das Gegenwärtige nicht, streckt sich einzig nach der Vollendung aus und ruht selbst bei ermattetem Leib im Frieden seines Herzens und in der Hoffnung auf Anerkennung. 2. Und Du, mir in Liebe ein Bruder, an Alter ein Sohn, an Würde aber ein Vater, bist schon vor der Zeit dank Deiner Tüchtigkeit vom Kinde zum Mann und dank Deiner Würde vom Jüngling zum Betagten gereift2 und hast eine lange Erklärung nicht nötig, um zu begreifen, was in den Heiligen Schriften zu lesen steht: „Ein Heeresdienst ist das Leben auf Erden“,3 nein, nicht bloss ein Heeresdienst, sondern ein unablässiger Krieg, ein todbringender, einer ohne Waffenstillstand und Friedensschluss. 3. Diesen Kampf hast Du als Christi Soldat auf Dich genommen und hast schliesslich verdient, einer unter seinen Anführern zu werden.4 Tüchtig damit begonnen zu haben, ist aber nicht genug; denn wenn Du die Krone des Sieges erlangen willst,5 musst Du vom Morgen bis zum Abend in der Schlachtreihe stehen und gegen den Feind, der zur Rechten und Linken wütet, den Schild unermüdlicher Tapferkeit hochheben. 4. Mit mannigfaltigen Geschossen werden wir angegriffen: Von hier droht drückende Armut, von dort beschwerlicher Reichtum, dann wieder ein unerwartetes eigenes Unglück oder eines unserer Freunde, einmal ein im Kummer sich verzehrendes Herz, ein krankes Gemüt, ein kranker Leib, und immer wieder sind es andere, neuartige Schläge Fortunas, die, ich sage nicht „zu ertragen“ sondern schon aufzuzählen beschwerlich sind. 5. Nichts hat der Menschen, was irgendwo sicher wäre. Oft scheint auf der Oberfläche des Meeres grösste Stille zu herrschen, aber in der Tiefe wütet ein
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Sturm. Gerade wenn die Welt am freundlichsten schmeichelt, legt sie ganz heimlich ihren Hinterhalt. Jeder Weg ist mit Netzen besetzt, jeder Zweig mit Vogelleim bestrichen und der ganze Boden mit Kletten und Gestrüpp überwuchert.6 Kaum einmal wirst Du den Fuss bedenkenlos aufsetzen. 6. Da nützt es gar nichts, eine höhere Stelle einzunehmen; wohin Du Dich kehrst, droht gleiche Gefahr und ähnliche Mühe; nein sie wächst, weil eine Stellung im Mass, als sie höher liegt, gegen Geschosse Fortunas auch offener ist.7 Auf diesem Feld des Lebens, zu dem wir, um zu kämpfen, hinabgestiegen sind, gibt es also keine Hoffnung auf Flucht, keinen Unterschlupf zur Erholung. Unsere Rettung gründet einzig auf dem Beistand des Himmels und auf dem unbesiegten Starkmut unseres Herzens. 7. Doch kommen wir zur Sache. Ich habe gehört, Vater, und bis in die Winkel meiner Einsiedelei ist die traurige Nachricht gedrungen, dass Dir eine schwere körperliche Krankheit zu schaffen macht. Doch nicht, dass ich Dich als Leidenden ansprechen würde! Ich hoffe ja, Du seist seit dem Zeitpunkt, da das Gerücht Deiner Krankheit bis hierher drang, schon wieder gesund, und dieser Brief werde, wenn er bei Dir eintrifft, von der Krankheit keine Spur mehr entdecken. Daher verbreite ich mich etwas freier. 8. Ich gestehe Dir eine eigene Schwäche ein. Bei der ersten Ankunft des betrüblichen Geredes – merke Dir nur, dass ich eher Mensch als Philosoph bin – habe ich nach Menschenart so geklagt, dass sich die vorher heitere Ruhe meiner Musse ganz plötzlich in Trübsinn verwandelte und ich mein weiches Herz mehrmals hart zurechtweisen musste. 9. Um die Wahrheit zu sagen, habe ich jedoch nicht so sehr mit Dir, der zweifellos alles bescheiden und tapfer ertragen hat und ertragen wird, sondern mehr mit Deinem Vater recht grosses Mitleid empfunden. Er nämlich krankt jetzt in Deinen Gliedern,8 und zwar, wie ich vermute, schwerer als Du selber, denn – wie ich sagte – bist Du vielleicht schon befreit von aller Gefahr und bedauerst, dass wir unnötige Sorgen und Ängste hegen. Er aber wird nicht gesund sein, bevor er sieht, dass Du gesund bist. 10. Zu Dir eilt er und stellt alles andere zurück. Die Obliegenheiten vernachlässigt er, denen er sich sonst hingebend widmet und deren Last und Vielzahl Dir bekannt sind. Sein Haus steht verlassen, das Meer scheut er nicht, die Alpen schätzt er für nichts, den Winter beachtet er nicht; alle Schwierigkeiten, alle Dinge, seine Sorgen und sich selber vergisst er als treu bekümmerter Vater, der einzig an Dich denkt. Was also bei Vergil9 der Vater zum Sohn gesagt hat, wird jetzt in wahrhaft zutreffender Weise der Sohn dem Vater zurufen: „Treue besiegt den beschwerlichen Pfad…“ 11. Daran zu denken, wird wohl viel zu Deiner Kräftigung beitragen! Zu Herzen muss Dir gehen, dass Dein Vater in Dir lebt, in Dir auch leidet; ganz zu schweigen von Deiner Mutter und von Deinen Brüdern, desgleichen von Deinen Schwestern
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und Deinen Freunden, denen ich mich nicht als letzten zuzurechnen wage. Denn wir alle können, wenn Du krank bist, nicht gesund sein. Wer nur hätte einen so kräftigen Körper, dass er bei siechem Herzen gesund wäre? 12. Eben hat es mir Freude bereitet, Dir ein paar warmherzige Worte zu sagen;10 und beinah hat das Mitgefühl mich zu Tränen gerührt. Jetzt aber muss ich Dich männlicher ansprechen, denn Du darfst nicht vergessen, dass es an Dir selber liegt, hohen Mutes das Vergängliche zu erdulden und es geringzuschätzen, das Gegenwärtige zu bestehen, Besseres zu erwarten, der Welt zu misstrauen – sie ist trügerisch! –, Dich und Deine Geschicke Gott zu empfehlen, auf ihn Deine Hoffnungen und Sorgen abzuwerfen, auch zu beachten, dass Du seit Deinem Eintritt in diese Welt, nicht zum Geniessen sondern zum Kämpfen bestimmt bist, ja zur Krankheit, Bedrängnis und Plackerei. 13. Bedenke auch, dass Du, was immer Dir zustösst, siegreich überwinden kannst, wenn Du nur willst, also nicht etwa die Waffen wegwirfst, nicht Dein Herz verwirrst und nicht gar Dich fallen lässt, denn Du weisst ja, dass geboren werden und leben und erkranken und altern und sterben zum Wesen der Natur gehört, dass aber tapfer und mit gleicher Miene und gleicher Haltung das alles zu ertragen, eine Gabe der Tugend ist. 14. Ich sage nicht, was gewisse Leute behaupten, es bestehe zwischen höchster Lust und bitterstem Schmerz kein Mittelding. Allzu sehr scheint mir diese Auffassung von Starrheit und Gefühllosigkeit zu zeugen. Auch sage ich nicht, was ich die hochvornehmen Kreise der Stoiker behaupten höre, dass nämlich der Schmerz des Körpers kein Übel sei.11 Obwohl sie mit Worten darlegen, dass das Übel nicht etwas an sich selber meine, sondern nur das dem Guten Entgegengesetzte und dass nichts anderes das Gute sei als die Tugend, welcher jedoch nicht etwa der Schmerz sondern das Laster gegenüberstehe, so bleibt für sie eben doch überaus schwierig, das mündlich Dargelegte mit der Sache zu beweisen. 15. Daher ziehen wir vor, eher wie die Menge zu sprechen und auf die Peripatetiker12 zu hören; denn gemäss ihrer Auffassung ist der Schmerz ein Übel, allerdings nicht das grösste Übel; und obwohl ein grosses Übel, so doch eines innerhalb des Guten und Nützlichen.13 Darin nämlich stimmen sie alle überein. Und gewiss ist das Ehrenvolle dann besonders herrlich, wenn es durch eine bedeutende Härte geläutert wurde, und ist der gute Ruf dann um so strahlender, wenn er einem recht traurigen Schicksal entsprungen ist. Zu ruhen, zu jubeln, zu schmausen, sich in Wollust zu ergehen, das verstehen alle; doch unermüdlich zu arbeiten, sich in der Krankheit zu gedulden, sich unter fürchterlichen Umständen tapfer zu bewähren und, wenn nötig, unerschrocken zu sterben, das ist wahrhaftig das Werk eines Mannes. Ist aber das Durchhalten bitter, so ist doch beglückend, daran zurückzudenken. 16. Allgemein bekannt ist ja das Wort Vergils14: „Später erinnern wir uns wohl gern dieser Prüfung…“
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es ist, so gestehe ich, mir unter bedrückenden Umständen öfters eingefallen und nützlich gewesen. Doch im Augenblick fehlt mir die Zeit, ausführlich zu schreiben. Die Hauptsache besteht im Folgenden: Setze Deine Hoffnung auf Gott und verlange Dir vom Allmächtigen Beistand; gegen alles, was Du duldest oder zu dulden vermagst, stärke und härte Deine Seele, damit sie gleichsam eine dicke Schutzhaut gegen ihre Anfechtungen überziehe, wie abgehärtete Menschen sie meist an ihren Gliedern haben. 17. Das rate ich Dir für Deine Seele. Dir ausserdem Sorge für Deinen Leib anzuraten, ist wohl überflüssig, denn Deine bischöfliche Würde hat Dir die Kunst der Medizin ja nicht entzogen. Du bist Mediziner und Sohn eines bekannten Mediziners, jedoch nicht einer wie viele andere, die ihre Wissenschaft missbrauchen, fremdem Leben nachstellen und einzig den Türen der Reichen Beachtung schenken. Somit sind Dir, wie ich vermute, die Ursachen Deiner Krankheit und nicht minder auch die Heilmittel bekannt; denn wenn ein Wort Ciceros15 wahr ist, glauben die Ärzte, sobald man die Ursache der Krankheit erkannt habe, sei sogleich die Arznei bereit. 18. Erlaube mir aber, noch etwas anzufügen, obwohl es jenseits meiner Grenzen liegt: Was zufällige Seelenzustände für den Leib in Hinsicht des Guten wie des Übeln bedeuten, ja was die Freude und was der Schmerz vermögen, das bestätigt eine Fülle berühmter Exempel; doch ich begnüge mich mit den zwei weitaus berühmtesten. Beim älteren Africanus förderte die Freude seiner Seele die Genesung seines Leibes. Er freute sich über seinen Sohn, und Du könntest Dich nun freuen über Deinen Vater. Zu jener Zeit führte umgekehrt bei König Philipp von Makedonien (ich meine den Kriegsgegner der Römer)16 ein Seelenschmerz zu Körperkrankheit und Tod. 19. Doch in der Tat, wenn es niemals einen Menschen geben wird, dem die Welt durchaus jeden Grund zur Trauer erspart, so gehörst Du in Anbetracht der Dir vom Himmel freigebig gespendeten Gaben zur Schar jener, für die sich ziemt, sich zu freuen. Lass deshalb nicht einen bloss geduldigen Sinn erkennen, sondern einen sogar heiteren. Und bedenke neben anderem auch dies: Vielleicht geschieht alles zum Zweck, Dich nicht allein daran zu erinnern, dass Du bei all den Gaben Gottes, die Dich schon frühzeitig schmücken17 (freilich nicht bevor Du sie verdient hast), ein Mensch mit hinfälligem Körper bist, sondern darüber hinaus, dass Du nach der gegenwärtigen Krankheit die Gesundheit nur um so höher schätzen und den Freunden nur noch teurer sein werdest. 20. Schliesslich möchte ich Dich noch mit dem Gedanken vertraut machen, dass, so meine ich, mit dem Einsiedlerleben hier, wo unser Sokrates18 und ich recht sehnsüchtig auf Dich warten, nichts zu vergleichen ist. Du könntest ebenda mit Gottes Hilfe leicht Deinen Körper kräftigen und Dein Gemüt erheitern. 21. Denn da gibt es keinen drohenden Tyrannen,19 keinen aufmüpfigen Bürger, keinen wütenden Ehrabschneider mit allzu bissiger Zunge, nicht Zorn, nicht politische
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Parteiung, nicht Beschwerden noch Nachstellungen, nicht Geschrei, nicht Menschengedränge, nicht Trompetengeschmetter oder Waffenlärm;20 ja auch nicht Habsucht, nicht Missgunst, überhaupt keinen Ehrgeiz, auch keine Notwendigkeit, unter Zagen die Türe eines Stolzen aufzusuchen. 22. Vielmehr findet man da Freude, Einfachheit und Unabhängigkeit und zwischen Reichtum und Armut die wünschenswerte Mitte, ein nüchternes und bescheidenes Bauernwesen, ein unbescholtenes Geschlecht, ein unbewaffnetes Volk, eine friedvolle Gegend, deren kirchlicher Vorsteher21 der beste Mensch und ein grosser Freund aller Guten ist, woraus folgt, dass er Dich wie einen Bruder aufnehmen wird, während er uns22 für seine Kinder hält. 23. Was soll ich sonst noch schildern? Die Luft ist weich, und der Wind ist mild, die Erde trocken. Klare Quellen sind da, ein fischreicher Fluss, ein schattiger Wald, feuchte Höhlen, grasreiche Winkel und lachende Matten. Man hört da das Muhen des Viehs, der Vögel Singen und das Säuseln der Bäume. Völlig abgelegen und gemäss seinem Namen Vaucluse ist das Tal: abgeschlossen und lieblich. 24. Im Umkreis hingegen erheben sich Hügel; sie wetteifernd im Dienst an Bacchus und Minerva.23 Doch weil ich bei allem, was zum Essen und Trinken gehört, nicht wie die Schmarotzer geradezu lustvoll verweile, füge ich bloss kurz noch Folgendes an: Was immer da aus dem Erdboden oder dem Wasser hervorkommt, ist so herrlich, dass man denkt, es sei ein Erzeugnis des Paradieses, wie die Theologen sagen, oder – wie die Dichter sagen – der elysischen Gefilde. Sollte dennoch dem Flecklein Bauernland irgend etwas fehlen, weil ein Menschenherz oft eine besondere Lust verspürt, wird man es aus der Überfülle der Nachbarschaft leicht nachliefern können. 25. Und um nicht endlos mit Einzelheiten fortzufahren: Hier bekommst Du die ersehnte Ruhe, die begehrte Stille und – was einer lernbegierigen Seele lieber ist als jeder andere Reichtum – an Büchern eine unabsehbare Fülle, dazu die Gesellschaft getreuer und ergebener Freunde; auch Umgang mit Heiligen, Philosophen, mit Dichtern, Rednern und Historikern wirst Du haben.24 Wir beide aber werden, so lang es Dir nicht lästig fällt, Dich zu beiden Seiten begleiten, und schon jetzt eilen wir in unserem Geist Dir entgegen und sind bemüht, jenem, der aus den Unwettern eines geschäftigen Lebens heimwärts flieht, einen besonders ruhigen Hafen zu bereiten. 26. Inzwischen befindet sich Dein Vater klagend und angstvoll auf der Reise zu Dir, und bei jedem Schritt sagt er seufzend die Worte Davids:25 „Wer leiht mir Flügel wie der Taube, auf dass ich fliege und ruhe ?“ Wann finde ich meinen Erstgeborenen, den Sohn, den ich mir zum Vater26 gemacht habe, und wann bin ich glücklich, ihn wohlauf zu finden? 27. Wir aber, die mit grösstem Verlangen auf Dich warten, handeln gleich Liebenden: Wir zählen beflissen jeden Tag und spitzen die Ohren, ob uns von Dir eine fröhlichere Nachricht erreiche. Und unter den Segenswünschen der Deinen,
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liebenswürdiger Vater, lebe, ich bitte, glücklich und gesund und komme, ja eile! Erhebe Deinen Geist hoch über Deine Kräfte hinaus und sage Dir oft und mit all Deinem Vermögen jenen hochberühmten Vers vor:27 „Harret nur aus, und bewahret das Herz auf sorglose Tage.“ (15. Februar 1353)28
Anmerkungen 1 Der Adressat ist Niccolò di Paolo dei Vetuli. Zum Brief existiert noch ein Autograph des Entwurfs; vgl. Wilkins, Studies 154 f.; Rossi 3, 215; auch Überblick. 2 Lateinisch: dignitas senem fecit ex iuvene. 3 Job 7,1. 4 Nämlich als Bischof den Gläubigen voranzugehen. 5 Zur Krone als Zeichen des Sieges vgl. ähnliche Wendungen in 1Cor. 9,25; 1Petr. 5,4 und oft. 6 Sehr ähnliche Wortfolge in Var. 48 an Cola di Rienzo; vgl. Petrarca, Aufrufe 78. 7 Nicht allein den Schicksalsschlägen ist der Hochgestellte besonders stark ausgesetzt, sondern auch der allgemeinen Kritik; dies eine von Petrarca oft wiederholte Bemerkung; vgl. Fam. 4,12,42; 14,1,6 f. und 9. 8 Vielleicht Anspielung an 1Cor. 12,26. 9 Aen. 6,688. 10 Der uns erhaltene Briefentwurf zeigt an, dass Petrarca die richtigen Worte nicht ohne Mühe fand. 11 Vgl. Fam. 23,12,11. 12 Das sind die Anhänger der aristotelischen Philosophie. 13 Lateinisch: Quamlibet magnum malum dolor sit, intra virtutem est. Das Übel Krankheit wird vom Guten nicht ausgeschlossen. 14 Aen. 1,203. 15 Tusc. 3,10,23. 16 Philippos V., 221–179 v. Chr. 17 Der Angesprochene hat offenbar seine Würde dank einem Privileg schon vor dem kirchlich festgesetzten Alter erlangt. 18 Das ist der Übername für Petrarcas besten Freund in Avignon, Ludwig van Kempen (van Be(e)ringen). 19 Die folgende Aufzählung weist sichtlich auf schwierige Verhältnisse in Viterbo hin, denen der junge Bischof nicht gewachsen war. 20 In Viterbo herrschten damals Geschlechterkämpfe zwischen Gatti und Vico. 21 Gemeint ist der oft genannte Bischof Philippe von Cavaillon, zu dessen Diözese Vaucluse gehörte. 22 Das sind Sokrates und Petrarca. Dagegen ist jeder Bischof dem andern ein Bruder. 23 Das heisst: geeignet für Weinreben und Oliven; zu Minerva vgl. Fam. 3,22,11. 24 Das heisst: mit deren Schriften. 25 Ps. 54,7. 26 Dies ein Hinweis auf die väterliche Würde eines Bischofs. 27 Verg. Aen. 1,207. Von Bischof Niccolò handelt auch der folgende Brief Fam. 16,7. 28 Zum Datum vgl. Wilkins, Studies 172 und 178, auch Petr. corresp. 74–75.
Fam. 16,7, an seinen Sokrates1 Sorgen nach dem Weggang eines Freundes. 1. Petrarca hat den von Sokrates gesandten Freund mit Freuden bei sich aufgenommen. Er hat ihm sein Gut gezeigt. 3. Der Freund zeigte Lust, eine Insel aufzusuchen und lehnte Begleitung ab. 4. Zurückgekehrt ist er nicht, und Petrarca lebt in Angst. An der Quelle der Sorgue, am 1. April (1353).
1. Gekommen ist unser Freund, wie Du versprochen hattest.2 Nachdem wir Grüsse getauscht, fragte ich, ob er von Dir etwas weniges an Schriftlichem bringe, und als er sagte: „Nichts,“ da überlegte ich mir, dass nach einem Brief zu fragen, wo man mündlich sprechen könne, überflüssig sei. Höre in Kürze: Nichts war mir angenehmer als seine Ankunft. Du weisst, worüber ich mich zu freuen pflege. Je härter sein Schicksal, desto lieber er selber, und je verächtlicher er vor sich und in den Augen der Stolzen, um so teurer mir. 2. Ich empfing ihn so gut ich konnte und der Ort es gestattete: bäurisch hinsichtlich der äusseren Gaben, doch in der Dienstbereitschaft meines Herzens königlich. Und ich zeigte ihm von meiner gebirgigen Einsiedelei soviel, als die Zeit erlaubte, also das in diesen Tagen an Geistesarbeit Geleistete, sowie das im Gärtlein und das auf dem Äckerlein Gesäte oder Geerntete. 3. Als wir so beisammen waren und ausser Deiner Gegenwart uns nichts zu fehlen schien, jedoch bei jedem Gegenstand uns Dein Name einfiel, packte ihn das jeder kranken Seele eigentümliche Verlangen, ein wenig herumzugehen. Er sagte, er würde herzlich gern die Insel aufsuchen, die in einer Entfernung von dreitausend Doppelschritten3 liegt und – von der Sorgue bespült und umplätschert – voll lieblicher Reize ist. 4. Das hiess ich gut und mahnte ihn, von meinen Knechten einen als Wegbegleiter mitzunehmen. Er aber bat mich, seinen Ausflug, von dem er sich eine grosse seelische Erleichterung versprach, nicht durch einen Gefährten zu belasten; ihm sei in seinem Zustand nichts angenehmer, als allein sein zu dürfen. Gewundert hat mich das nicht. Denn wie sehr ich selber die Einsamkeit liebe, wissen alle, denen ich bekannt bin. Daher liess ich ihn gehen; und er ging mit der Versicherung zum Essen zurück zu sein. Doch er kehrte nicht wieder, und jetzt ist er schon den zweiten Tag fort. 5. Was soll ich tun? Wie soll ich es erklären? Wie lange soll ich auf ihn warten? Oder wohin soll ich jemanden nach ihm schicken? Soll ich annehmen, er sei zu Dir zurückgekehrt? Oder ist er weiter fortgegangen? Dort, wo er hingehen wollte, ist er nicht, und was ich vermuten soll, ist mir rätselhaft. Mit Schrecken denke ich an seine bekannten Übel. Einem bedrückten Gemüt bekommt die Einsamkeit schlecht. Wenn Du etwas Genaueres von ihm weisst, erlöse mich aus meiner gewaltigen Verwirrung. Nichts anderes kann ich anfügen als einen Vers Ovids:
178 „Liebe ist eben ein Ding
Fam. 16,7
voll der Bedenken und Qual“4
Und etwa noch: „Und wächst, hat einer sich entfernt“, wie Flaccus5 den Naso ergänzen mag. Lebe wohl. An der Quelle der Sorgue, am 1. April (1353).6
Anmerkungen 1 Vgl. die früheren Briefe an diesen Freund Petrarcas, aber besonders den vorausgehenden Fam. 16,6 an den Bischof von Viterbo. Als solcher wurde dieser 1353 zum letzten Mal erwähnt. Er starb 1385. 2 Der Brief ist ein Kunstprodukt. Zweifellos schickte Petrarca zu Sokrates einen Boten. 3 Das macht etwa 5 Kilometer. 4 Her. 1,12. Vgl. Fam. 22,12,1. 5 Epod. 1,18. 6 Zur Jahreszahl vgl. den vorangehenden Brief und Wilkins, Studies 160 und Petr. corresp. 75.
Fam. 16,8, an seinen Lelio1 Über Römerinnen und die Lage in Rom. 1. Auf einer Reise spricht Petrarca römische Pilgerinnen an. 3. Sie geben ihm Auskunft über die Lage in Rom und insbesondere auch über Lelio. 4. Petrarca tadelt die Fehler des gestürzten Senators. 5. Das edle Benehmen der Pilgerinnen hält er für eine römische Besonderheit. 9. Er erkennt an ihnen die Würde antiker Frauen. 10. Er besucht den Bruder und Kartäuser Gherardo und unterhält sich mit ihm über vieles, nicht zuletzt über Lelio. An der Quelle der Sorgue, am 24. April (1353).
1. Am 19. April befand ich mich zwischen der Römerkolonie Aquae Sextiae und dem Haus, das Sankt Maximin geweiht ist,2 auf der Strecke, die mich „zu meinem, zu unserem, vielmehr zum Bruder Christi,“ wie einer gesagt hat,3 führen sollte. Da kam mir mitten auf dem Weg zufällig eine ansehnliche Schar römischer Frauen entgegen.4 Sonderbar! Schon von fern erkannte ich an ihrer Erscheinung und Gangart ihre Herkunft und ihre Vaterstadt; 2. und dennoch reizte mich, nachzufragen, ob meine Vermutung etwa falsch sei. Als ich aber schon beinah vor ihnen stand und die Stimmen der Sprechenden hörte, blieb mir kein Zweifel. Ich hielt an und nicht recht wissend, ob ich sie in der Vulgärsprache oder eher in derjenigen Vergils anreden solle, fragte ich: „Sagt, wer Ihr seid und woher“.5 Beim ersten italienischen Wort blieben sie fröhlich stehen, und die Älteste6 unter ihnen antwortete: „Römerinnen! Von Rom her kommend gehen wir zur Kirche Jakobs in Spanien.7 Und Du? Bist Du vielleicht ein Römer und gehst nach Rom?“ – „Wahrhaftig,“ sagte ich, im Herzen bin ich Römer, doch jetzt gehe ich keineswegs nach Rom. 3. Und als sie sich vertraulicher um mich geschart hatten, berichteten sie über alles Mögliche ganz offenherzig. Ich fragte sie in erster Linie nach dem Zustand der Republik, und sie erzählten Frohes und Trauriges durcheinander. Sobald wir zu Einzelheiten gelangt waren, hielt ich nichts für selbstverständlicher, als nach Dir zu fragen. Sie meldeten, es gehe Dir gut; Du habest Dein Ansehen durch eine glückliche und ehrenvolle Heirat vermehrt und seist Vater eines schönen Kindes.8 Darüber freute ich mich nun, wiewohl mir alles im Einzelnen schon bekannt war, als hörte ich es zum ersten Mal und sähe Dich und Deine Gattin und den Knaben vor mir. Sie fügten noch einiges über Deine Gefährdung an, und obgleich das vergangen ist, vernahm ich es mit Zittern; so sehr erneuerten sie mir mit ihren Reden den Schrecken. Aber der Ausgang war ja, Gott sei Dank, glücklich.9 4. Als ich darauf nach dem Zustand unseres jungen Mannes fragte,10 vernahm ich, welcher Bedrohung er sich zu entziehen vermochte, während der Senator Ber-
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toldo, sein Amtskollege, der Volkswut verfiel und, wie sie sagten, von Steinen bedeckt verschied. Sogleich erinnerte ich mich der Verse Lucans:11 „Strafe zahlt Ihr der jammernden Stadt mit dem eigenen Blute, Sühnen müsst Ihr am Strick für die Waffentaten, Ihr Herren.“ Da ich aber auch den Grund für seinen Sturz gehört hatte, dachte ich an das Wort Salomons:12 „Wer Getreide versteckt, wird vom Volk verflucht.“ Schlecht hat jener die Mahnung Caesars verstanden:13 „… höchstes Gefallen Wird mit Getreide erlangt…“ und überdies: „…Weiss nicht, dass die Plebs vor dem Fasten zurückschreckt.“ 5. Ich fragte noch, ob ich etwas für sie erledigen solle; denn ich beabsichtigte, im Gedanken an Gott, an Tugend, an’s Vaterland und an Dich, wenn sie einen Wunsch hätten, ihn nach Kräften zu erfüllen und mit ihnen mein Reisegeld zu teilen. Du weisst, ohne dass ich es verrate, was sie einstimmig erwiderten. Sie wollten durchaus nichts, ausser etwa, ich möge für sie zu Christus beten, dass er ihnen eine glückliche Heimkehr und am Ende einen leichten Zugang zum himmlischen Jerusalem gewähre. Für alles übrige sei hinlänglich gesorgt. 6. Ich versuchte nun immer aufs neue, sie zur Annahme einer Gabe zu bewegen; es war jedoch umsonst. Was willst Du? Ich erkannte daran die natürliche Veranlagung der Römerin und vergnügte mich beim Gedanken, dass viele Frauen anderer Nationen nicht nur Angebotenes nicht abwiesen, sondern gar Verweigertes aufdringlich forderten. Aber „verhasst ist die Wahrheit.“14 Darum wollen wir niemanden nennen. 7. Unsere Römerinnen hingegen haben sich dankbar meine Zuneigung gefallen lassen, doch das Geld in edler Art abgelehnt. Da möge doch sagen, wer will: „Lästig beim Bitten und ohne Dank nach Empfang!“ Ohne den hochgeschätzten Übelredner15 kränken zu wollen, will ich erklären, dass ich jedenfalls Römer kenne, die im Verschmähen einer Gabe hohe Gesinnung und nach Empfang einer Gabe Dankbarkeit zeigen, und zwar nicht allein Männer, sondern auch Frauen, obwohl sie von Natur aus geiziger sein sollen. 8. Ich will Dich heute mit diesem Brief nicht so lange hinhalten, wie ich jene auf ihrem Reiseweg aufhielt und gern sogar bis zum Abend aufgehalten hätte, obwohl kaum die dritte Stunde gekommen war. Aber ich fürchtete, den heiligen Schwung ihrer weiblichen Frömmigkeit zu hemmen, und zudem drängte ich darauf, nach meinem Besuch bei meinem Bruder unter Gottes Leitung die etwas längere Reise nach Italien zu unternehmen. Dies möglichst rasch auszuführen, war ich entschlossen, indem ich hoffte, mein Schicksal lasse sich durch Beharrlichkeit beugen, so
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dass ich nicht unter der Vorbereitung zur Abreise aufs neue gezwungen würde, sie auf den Juli oder Dezember zu verschieben.16 Somit trennten wir uns nach einem Abschiedsgruss.17 9. Und erst nachher merkte ich, wo ich war. Denn während des Gesprächs war ich in Rom und meinte Caecilia vom Haus der Meteller, Sulpicia von dem der Fulvier, Cornelia von dem der Gracchen zu sehen, auch Catons Martia und Scipios Aemilia und die ganze illustre Schar der Frauen der Antike vor mir zu haben. Oder um schicklicher zu sprechen und wie sich für unsere Zeit gebührt, die römischen Jungfrauen Christi: Prisca, Praxedis, Pudentiana, Caecilia und Agnes.18 10. Ich zog weiter und besuchte am nächsten Tag meinen Bruder. Er ist, sofern nicht die Liebe mich täuscht, von allen mir persönlich Bekannten der glücklichste Seefahrer in den elenden Stürmen der Welt und so sehr über Irdisches hinaus entrückt und in sich selber so wohlgeordnet, dass im Leben dieses Menschen Gott verherrlicht wird und ich – nach Vorsatz und Sitten ihm nicht im mindesten vergleichbar – zwar erröte, vom jüngeren übertroffen zu werden, aber mich dennoch freue und rühme, mit einem solchen Mann des selben Blutes zu sein und am selben Schoss Anteil gehabt zu haben. 11. Da hat nun zwischen uns Brüdern nach einer Trennung von fünf Jahren ein um so längeres und lebhafteres Gespräch stattgefunden. Wir haben vieles über vieles vorgebracht, doch über nichts anderes mehr als über unseren Lelio, nämlich wie Fortuna mit Dir umgehe und wie Du mit ihr; was Du treibest und wo, welchen Lebensweg Du gehest, welchen Fortgang, welches Ziel Du Dir setzest und wie Du Dir ähnlich bleibest. Als ich ihm auf alles Einzelne geantwortet hatte, liess ich ihn heiterer zurück, als ich ihn getroffen. Und wie sehr er Dir das Beste wünscht, weisst Du, ohne dass ich es sage. Lebe wohl! An der Quelle der Sorgue, am 24. April (1353).19
Anmerkungen 1 Zum Inhalt und zur Datierung des Schreibens vgl. Wilkins, Studies 161 f.; dazu auch die früheren Briefe an Lelio, besonders Fam. 15,1 mit Hinweisen auf dessen Tätigkeiten in Rom. 2 Das heisst: zwischen Aix-en-Provence und dem kleinen Dorf Saint-Maximin. Dieser Heilige galt als erster Bischof von Aix; und in der Kirche dort bewahrt man angeblich ausser Reliquien dieses Heiligen auch solche von Maria Magdalena. 3 Hieronymus, Epist. 60,1; verkürzte Formulierung in Fam. 12,5,6. 4 Petrarca muss wie üblich geritten sein, während die Frauen zu Fuss unterwegs waren. 5 Petrarca setzt in seinen Brief die lateinischen Worte, die er von Verg. Aen. 8,114 übernimmt: Quem genus, unde domo. 6 Lateinisch: natu maior. Es war kein Titel gemeint.
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7 Gemeint ist Santiago de Compostela. Die Reise dorthin gehörte im Mittelalter zu den beliebtesten Pilgerfahrten, und Dante verstand unter einem eigentlichen Pilger eben jenen, der nach Santiago ging; vgl. Vita nova 41. 8 Vgl. Verg. Aen. 1,75. 9 Vgl. die folgende Anm. 10 Vgl. zu dieser Stelle Fam. 15,1, Anm. 4, wo bereits vom Umsturz in Rom die Rede ist. Der Senator Bertoldo Orsini versuchte in Rom nach Art des Cola di Rienzo wie ein Volkstribun zu amten. Doch während einer Teuerung beschuldigte ihn das Volk im Februar 1353, er halte Getreide zurück, und begrub ihn unter einem Steinhagel. Sein Amtskollege war der junge Stefanello, Sohn von Stefano Colonna dem Jüngeren, der verkleidet aus einem Fenster des Senatorenpalastes entfloh. An ihn wird mit dem Wort: „unser junger Mann“ erinnert, weil Lelio und Petrarca eng mit der Familie Colonna verbunden waren. Auch Fam. 15,1,6 und 15,8,9 erwähnen ihn. 11 Phars. 4, 805–806. 12 Prov. 11,26. 13 Luc. Phars. 3,55–56. 14 Ter. Andria 1,1,41. 15 Bernhard von Clairvaux, De consideratione ad Eugenum III. 4,2,2; vgl. bei Rossi, Le Familiari die Anm. zu Fam. 16,8,7. 16 Von solchen Verschiebungen der Rückkehr nach Italien sprechen Fam. 15,2 und 15,3. 17 Dass eine Frauenschar im 14. Jahrhundert eine Wallfahrt oder wenigstens ein gutes Teilstück ohne Männerbegleitung macht, ist nicht ungewöhnlich. Es wird sich hier aber wohl um eine religiöse Gemeinschaft gehandelt haben. 18 Das sind Märtyrerinnen. Vgl. das Personenreg. 19 Zur Jahreszahl vgl. Wilkins, Studies 161–163 und Petr. corresp. 75.
Fam. 16,9, an Zanobi da Strada1 Empfehlung der Kartause von Montrieux. 1. Bericht über die Klostergründung durch Handelsleute. 6. In der Kartause hat Petrarca seinen Bruder besucht. 9. Er erfährt von schweren Anfeindungen der Mönche durch Kleintyrannen der Umgebung. und durch die Kirche von Marseille. 12. Einst hatte Carlo d’ Angiò den Kartäusern Schutzbrief und Protektion genehmigt. 13. Sich eines solchen Beistands auf Dauer zu versichern, haben sie in ruhigeren Tagen vernachlässigt. 17. Petrarca entspricht einem Wunsch der Mönche, sich am Hof von Neapel für das Kloster einzusetzen. (April 1353)
1. Wer vom jüngsten Babylon nach Nizza2 am Varo und weiter nach Italien reist, hat auf halber Strecke zu seiner Rechten in der Entfernung von zehntausend Doppelschritten zwischen waldigen Bergen und Bergbächen einen abgelegenen Ort, der seinen Namen wohl von seiner Lage hat. Mons Rivus, Montrieux nämlich heisst er und bezeichnet eine alte Kartause nah dem Mutterhaus dieses Ordens.3 2. Es habe einmal zwei Brüder gegeben, so sagt man, nach Herkunft Genuesen, nach Beruf Seefahrer und „Wechsler“, um ein Wort Lucans4 zu verwenden, hervorragende Warenhändler, der eine im Westen, der andere im Osten tätig. Andere erzählen die Sache allerdings anders, und die Verantwortung tragen, wie man zu sagen pflegt, die Urheber des Geredes; i