Robert Girardi
Madeleines Geist
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Ein junger Historiker auf der Suche nach Liebe. Ein h...
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Robert Girardi
Madeleines Geist
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Ein junger Historiker auf der Suche nach Liebe. Ein hartnäckiger Priester auf den Spuren einer Heiligen. Ein ruheloser Geist voll Sehnsucht nach Erlösung. Und eine Südstaatenschönheit, die der Spiegel all dieser Träume ist. ISBN: 3-442-43966-3 Original: Madeleine’s Ghost Aus dem Amerikanischen von Michaela Link Verlag: Goldmann Erscheinungsjahr: 1998 Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagfoto: AKG, Berlin
Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!
Buch Ned Conti ist ein junger Historiker mit einer gehörigen Portion Weltschmerz. Sein Promotionsstipendium läuft aus; die einzige Frau, die er je liebte, hat ihn schon vor einiger Zeit verlassen; und zu allem Überfluß treibt auch noch ein Poltergeist in Neds Wohnung in Brooklyn sein Unwesen - eine Tatsache, die den eingefleischten Rationalisten schier um den Verstand bringt. Doch dann findet Ned Arbeit bei Pater Rose in St. Basil: In der Krypta der Kirche soll er einen Wust von Aufzeichnungen daraufhin durchsehen, ob sich darunter geeignetes Material zur Seligsprechung der 1917 verstorbenen wundertätigen Nonne Januarius befindet. Eine gefährliche Reise in die Vergangenheit beginnt. Dem Tod nahe, kommt Ned schließlich einem alten Familiengeheimnis seiner großen Liebe Antoinette auf die Spur, das in mysteriöser Weise mit dem Lebensweg von Schwester Januarius verstrickt ist… Ein zauberhafter Roman über alte Leidenschaften und junge Lieben, magische Momente und die unvergängliche Macht der Menschlichkeit.
Autor Robert Girardi studierte Malerei an der University of Virginia in Charlottesville, bevor er sich vor allem dem Schreiben widmete. Der ehemalige James-MichenerStipendiat lebt in Washington, D.C. »Madeleines Geist« ist sein erster Roman.
Erst die Geschichte lehrt uns hoffen. ROBERT E. LEE
TEIL I EINE HEILIGE FÜR BROOKLYN
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teine fallen von der Decke meiner Wohnung. Erst einer, dann zwei, dann Dutzende. Ich suche Zuflucht unter dem Küchentisch, während sie ringsum tanzen und springen, den Toaster zerbeulen und das alte Linoleum auf dem Fußboden ramponieren. Die Steine fallen wie ein Hagelschauer, was hier in meiner Küche etwas so Absurdes ist, daß ich am liebsten lachen würde. Der erste Stein schlug vor fünf Minuten mit einem großen Plumps auf der Armlehne des orangefarbenen Naugahyde-Sessels auf, bevor er mir in den Schoß rollte. Er war eiförmig, glatt und feucht, als käme er geradewegs vom Grund des Flusses. Ein zweiter Stein traf den Fernseher und fiel hinter die Gasheizung im Kamin. Ich zählte noch fünf weitere, wie warnende Trommelschläge, dann rannte ich zum Tisch. Jetzt hüpfen und springen sie mit großem Radau überall herum. Sie scheinen aus dem Nichts zu kommen. Es gibt keine Löcher in der Decke; die Steine schießen einfach so unter dem Deckenfries hervor und fallen zu Boden, als kämen sie aus großer Höhe. Der ganze Spuk dauert etwa zehn Minuten. Ich warte noch fünfzehn Minuten, bevor ich mich vorsichtig wieder unter dem Tisch hervorwage. Die glatten Steine liegen haufenweise in der Küche, im Wohnzimmer auf dem Teppich, auf dem Sofa und auf dem Fernseher, der keinen Schaden genommen zu haben scheint. Im Bad und im Schlafzimmer liegen keine Steine, aber als ich die Tür von Molesworths ehemaligem Zimmer öffne, erwartet mich dort der größte Steinhaufen von allen. 5
Ich brauche ungefähr anderthalb Stunden, um alle Steine in den Garten zu schaffen. Dieses Unternehmen erfordert acht oder neun Ausflüge mit einem vollen Koffer, den ich im hintersten Winkel des Gartens unterhalb der verrotteten Weinlaube leere. Da liegt jetzt ein ganz hübscher Berg, genug, um damit einen kurzen Gehweg zu bepflastern. Entnervt versetze ich dem Steinhaufen einen Tritt und gehe wieder nach oben, um auf dem Sofa zusammenzubrechen. Das ist jetzt das zweite Mal in den letzten drei Wochen.
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s ist ungefähr zwei Uhr nachmittags, Dienstag, Mitte Juni, die Sonne scheint mir heiß auf den Rücken, und der Himmel sieht verdorrt und bräunlich aus. Mein Hemdkragen ist schweißnaß. Nur einen Häuserblock von hier entfernt hört man die Manhattan Bridge in der Hitze bedenklich knarren, ihre Stützpfeiler altersgeschwärzt und gewaltig wie die Pyramiden. Ich trage ein wenig sommerliches Tweedjackett, eine olivgrüne Kordhose, ein schweres, taubenblaues Baumwollhemd und eine Krawatte in den Farben irgendeines Regiments - das einzig präsentable Outfit in meinem Kleiderschrank. Ich bin rasiert und nüchtern und auf dem Weg zu Pater Rose im Pfarrhaus der St.-Basil-Kathedrale in der Jay Street in Brooklyn. Eine Frau mit breitflächigem Gesicht und dicker Brille kommt vorsichtig an die Tür und preßt ihre Nase gegen das Guckloch, wie ein Tiefseetaucher, der aus einem altertümlichen Messinghelm auf den Boden des Ozeans späht. «Ich möchte den Priester sprechen», sage ich. «Der Pater empfängt im Augenblick keine Besucher. Er ist beschäftigt», sagt sie und macht sich daran, das Guckloch wieder zuzumachen. «Moment, ich habe einen Termin.» Die Frau runzelt die Stirn und mustert mich von oben bis unten. Mich beschleicht der Eindruck, daß die Streifenkrawatte nicht ganz ihr Fall ist. Dies ist ein schlechtes Viertel, im Osten von denselben Sozialbauten überragt, die mein eigenes heruntergekommenes Viertel 7
gegen Süden abschließen. Schließlich nickt sie, schiebt den Riegel beiseite und öffnet die Tür. Ein gräßlicher Geruch erfüllt solche Häuser - Pfarrhäuser, Kasernen, Häuser, die ausschließlich von Männern bewohnt werden: Ammoniak, gekochter Kohl und lange, schreckliche Sonntagabende ohne den Klang einer weiblichen Stimme. Wir gehen durch einen schmalen Korridor und eine Treppe hinauf; an den düster getäfelten Wänden hängen verblaßte Drucke aus dem 19. Jahrhundert: Heilige, Jesus beim Gebet im Garten von Gethsemane, Apostel, die hinter ihm im Gras schlafen. Dann betreten wir einen kleinen Warteraum, in dem zwei alte Kirchenbänke stehen und einige durchgesessene Sessel. Auf einem Beistelltischchen liegen vergilbte Ausgaben des Catholic Digest und der Schönsten Geschichten für Kinder. Ich entscheide mich für letztere und mache es mir mit den Abenteuern von Goofus und Gallant gemütlich, während die Frau geht, um den Priester vorzuwarnen. Als ich kurz darauf in sein Zimmer geführt werde, übt Pater Rose sich gerade im Putten. Er steht am Rand eines Grüns aus Kunstrasen, und das Loch ihm gegenüber ist eine komische Konstruktion, die aussieht wie ein großes Gänseblümchen aus Aluminium. «Pater Rose?» sage ich. «Ich bin Ned Conti. Ich habe gestern angerufen…» Das ist nicht der rechte Augenblick, um ihn zu stören. Der Priester, der meine Gegenwart kaum wahrnimmt, puttet zu Ende. Der Ball verfehlt das Loch und rollt nach links unter einen Stuhl. Der Priester stößt einen kleinen, erstickten Schrei aus und läßt seine Schultern sinken. Während ich darauf warte, daß er sich erholt, sehe ich mich im Zimmer um. Es ist hell und freundlich, frei von 8
der religiösen Düsternis, die das restliche Pfarrhaus erfüllt. Golftrophäen stehen staubgeschützt hinter Glas auf der einen Seite des Raumes. Signierte Fotos von Jack Nicklaus und Arnold Palmer flankieren das abstrakte Kruzifix aus den Sechzigern, das neben einem Fenster hängt, von dem aus man das asphaltierte Handballfeld auf der anderen Straßenseite sehen kann. «Das Putten ist eine Gottesgabe», sagt der Priester müde und wischt den Kopf seines Putters mit einem Taschentuch ab. Er ist ein hagerer Typ mit einem langen Gesicht, und er sieht aus wie eine Art liebenswürdiger Charlton Heston. «Es ist wie mit der Gnade. Das einzige beim Golf, was man nicht wirklich lernen kann. Man muß es eben im Gefühl haben.» Er deutet mit dem Putter auf ein geblümtes Sofa. Ich setze mich, und er läßt sich mit der mühelosen Eleganz eines Mannes, der sein ganzes Leben auf dem Golfplatz verbracht hat, auf der Kante seines Schreibtisches nieder. Sein Gesicht ist sonnengebräunt, seine Handgelenke übersät mit Sommersprossen. Er schlägt die Beine übereinander, und ich kann sehen, daß er teure, zweifarbige Golfschuhe trägt (die Spikes abgeschraubt), obwohl seine schwarze Soutane fadenscheinig ist und von einem einfachen braunen Gürtel mit viereckiger Schnalle zusammengehalten wird - ganz nach Art der Jesuiten, die einst die strenge Schmucklosigkeit ihrer priesterlichen Gewänder bis an die Grenze der Eitelkeit kultivierten; schließlich gibt es nichts Edleres als schlichtes Schwarz. «Also, was kann ich für Sie tun, Mr. Conti?» fragt Pater Rose. «Ich komme wegen Ihrer Anzeige im U.S. Catholic Historian», sage ich. «Historische Forschung. Das ist mein Fach. Ich bin Geschichtswissenschaftler. Haben Sie viele Bewerbungen bekommen?» 9
Pater Rose betrachtet seinen Putter. «Sind Sie Golfspieler?» Ich bekenne, daß ich keiner bin. «Ich bin danach süchtig.» Er nickt in Richtung Trophäenvitrine. «Vielleicht zu süchtig.» Plötzlich stößt er sich vom Schreibtisch ab und läuft im Zimmer hin und her, hält dabei den Putter mit einer Hand hinterm Rücken - eine Pose, die ich sofort als charakteristisch erkenne. «Letztes Jahr», sagt er, «habe ich mir mit Erlaubnis des Bischofs einige Monate freigenommen, um an der PGATour teilzunehmen. Wissen Sie, auf dem College war ich der beste Golfspieler, aber in unserer Familie wird traditionellerweise der jüngste Sohn Priester. Hat gut fünfundzwanzig Jahre gedauert, bis ich dann wieder an einem Wettbewerb teilnahm. Im großen und ganzen habe ich mich für einen alten Kerl gar nicht so schlecht gehalten, vielleicht, weil ich so klug war, jeden Ball einem anderen Heiligen zu widmen. Nach Abzug der Unkosten ist mir ein Nettogewinn von fünftausendsiebenhundert Dollar geblieben. Diese Preisgelder habe ich für ein besonderes Forschungsprojekt beiseite gelegt.» «Aha», sage ich und versuche so zu klingen, als brauchte ich das Geld eigentlich gar nicht. «Was für ein Projekt ist das denn?» «Es hat eine große geistige Bedeutung für die Zukunft Brooklyns. Das ist alles, was ich im Augenblick dazu sagen will.»
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ir gehen hinunter auf den Kirchhof, um in der Hitze zwischen den Gräbern spazierenzugehen. Pater Rose beschäftigt sich einige Minuten lang schweigend mit meinen Referenzen, den Putter unterm Arm, die Lippen voller Konzentration geschürzt - eine Haltung, die einem Mann, der gewichtige Angelegenheiten bedenkt, wohl ansteht. «Bachelor of Arts, Loyola University of the South», liest er in der nachmittäglichen Friedhofshitze aus meinem Lebenslauf vor. «In New Orleans soll es ja ein wenig wild zugehen, wie man hört. Es heißt, die Jesuiten lassen es sich da unten wohl sein.» Ich zucke unbestimmt die Achseln. «Kennen Sie die Stadt gut?» Er sieht zu mir herüber und schützt mit der Hand die Augen vor dem Sonnenlicht. «Es ist lange her», sage ich. «Aber ich denke, ich würde mich immer noch zurechtfinden.» «Ich kann Ihnen ruhig sagen, daß einige Aspekte meines Projekts mit New Orleans zu tun haben. Eine gewisse Ortskenntnis könnte sich als nützlich erweisen.» «Dann bin ich der Mann, den Sie suchen», sage ich. Er ignoriert diese Feststellung und wendet sich wieder meinem Lebenslauf zu. «Katholische Grundschule, katholisches Gymnasium… und jetzt Promotionskandidat in französischer Geschichte an der Georgetown University. Tja, eine exzellente katholische Erziehung, Mr. Conti.» Er faltet mein Curriculum vitae zusammen und steckt es in eine Tasche seiner Soutane. «Sie müssen ein Mann von festen Überzeugungen sein.» 11
«Ich gebe mir alle Mühe, Pater», sage ich und bedenke ihn mit einem routinierten breiten Lächeln. Genaugenommen legt meine Erziehung eher Zeugnis für den Glauben meiner Eltern ab als für meinen eigenen. Ich habe die katholischen Schulen gehaßt. Die Nonnen haben mich an den Haaren gezogen und mit Linealen geschlagen. Meine Mutter hat mich gezwungen, die zwölfte Klasse durchzustehen, danach erhielt ich katholische Stipendien. «Und wie geht es mit Ihrer Doktorarbeit voran?» «Die ist fast fertig», lüge ich. «In einem Monat schicke ich sie an den Promotionsausschuß.» In Wahrheit bin ich am Anfang gut zurechtgekommen, dann aber irgendwo vom Weg abgeirrt. Seit neun Monaten habe ich meine Doktorarbeit - «Tschakos und Epauletten: Militärmode und Militärdoktrin im Premier Empire» nicht mehr angerührt. Hinter dem großartigen Titel verbirgt sich ein dicht bekritzelter Papierstoß voller halbgarer Thesen zur Wirkung phantastischer Uniformen auf die Entwicklung imperialistischer Vorstellungen im napoleonischen Frankreich. Das Ganze liegt als wüster Haufen von Fußnoten, Kaffeeflecken, Krümeln und Zigarettenstummeln auf dem Küchentisch in meiner Wohnung. Jeden Abend nehme ich mir vor, wieder damit anzufangen, und jeden Abend finde ich einen anderen Grund, es nicht zu tun. Zuerst war es die nervenaufreibende Anwesenheit meines Ex-Zimmergenossen Molesworth - eines lauten, unausstehlichen Lumpen von einem Louisianer mit schlechten Manieren und gewaltigem Bierbauch. Jetzt gebe ich die Schuld diesen merkwürdigen Störungen, die seit seinem Auszug in meinem Apartment vorgefallen sind; Störungen, die ich nur den Taten eines Poltergeistes zuschreiben kann. Ich bin ein vernünftiger Mensch, aber 12
wie sonst soll man sich von der Decke fallende Steine und andere Absonderlichkeiten erklären? Es ist mir unmöglich, mich inmitten dieses Spuks auf meine Arbeit zu konzentrieren. Spuk. Das ist das einzige Wort, das mir zu dem schrecklichen, erdrückenden Gefühl einfällt, das in meinen Räumen Einzug gehalten hat. Man hat mir sechs Jahre gegeben, um meine Doktorarbeit fertigzustellen und vor den Promotionsausschuß in Georgetown zu treten. Die Zeit läuft ab; es bleiben mir kaum noch sechs Monate. Vielleicht - wenn der Geist verschwände? Ich überlege, ob ich Pater Rose gegenüber den Spuk erwähnen soll. Er könnte vielleicht etwas tun, einen Exorzismus arrangieren, falls man so etwas heute noch macht. Aber ich verwerfe die Idee wieder. Zweifellos schlechter Stil, bei einem Vorstellungsgespräch über Geister zu diskutieren. Wir folgen einem holprigen, mit Steinplatten ausgelegten Pfad zwischen den Gräbern und gelangen zu einem kunstvollen, von einem Obelisken aus schwarzem Marmor gekrönten Grabmal, das nicht so recht zu den bescheideneren Grabsteinen seiner Umgebung passen will. Sackgasse. Auf dem Sockel erkenne ich eine französische Inschrift, dann machen wir wieder kehrt. Schließlich setzen wir uns auf eine flache Gedenktafel am Tor, und Pater Rose schlägt mit seinem Putter nach dem Unkraut zwischen den Steinen. Die an die Tillary Street grenzende Mauer ist mit Glasscherben und Stacheldraht ausstaffiert. Ein Flugzeug dröhnt am heißen Himmel, nimmt im Sinkflug Kurs auf den John-F.-Kennedy-Flughafen. «Jede Nacht höre ich Gewehrschüsse», sagt er nach einer Weile, und seine Stimme klingt müde. «Letztes Jahr haben sich zwei schwarze Jungen von höchstens zwölf Jahren auf den Kirchstufen eine Schießerei mit Maschinenpistolen geliefert, genau wie in einem 13
Gangsterfilm. Einer von ihnen ist in meinen Armen gestorben. Die Blutflecken auf dem weißen Marmor sind immer noch da. Und dann kommen die jungen Mädchen aus den Decateur-Wohnblocks zu mir, um Babys taufen zu lassen, die keine Väter und keine Namen haben. ›Bist du katholisch?‹ frage ich. Sie sind nicht katholisch, kennen kein einziges Gebet und haben nur vage mal von Gott gehört. Ich taufe ihre Babys klammheimlich, was soll’s? Aber die Situation ist tragisch. Überall um uns herum Unwissenheit und Laster und Armut. Es scheint keine Lösung zu geben bis auf die eine, die Gott für uns alle am Ende bereithält.» Er verstummt und lehnt sich auf seinen Putter wie ein alter Soldat. Unablässig dröhnt in der Ferne der Verkehr auf dem Brooklyn-Queens-Expressway. «Darf ich Ihnen eine persönliche Frage stellen, Mr. Conti?» «Nur zu, Pater», sage ich. «Nach all diesen Jahren auf katholischen Schulen glauben Sie da an Gott?» Er scheint den Atem anzuhalten, während er auf meine Antwort wartet. Ein schwaches Licht flackert in seinen Augen auf. Er hat mich überrumpelt. Wie soll man auf die Frage lügen? Ich weiß nicht, was ich sagen soll. «Manchmal», bringe ich schließlich heraus. Der Priester will mehr. Ich schüttle den Kopf. Um ehrlich zu sein, begegnete ich bis vor kurzem spirituellen Angelegenheiten mit zynischem Skeptizismus. Ich glaubte an nichts, was ich nicht sehen konnte. Der Geist in meiner Wohnung hat da eine grundsätzliche Änderung bewirkt. Es ist zwar immer noch schwer, die Existenz Gottes aus der Erscheinung eines einzigen Phantoms abzuleiten, aber schon ein Geist könnte auf ein ganzes unsichtbares 14
Universum von Geistern, Dämonen, Heiligen und Wundern hindeuten. Der Gedanke hat für mich etwas Erschreckendes. Ich ziehe den Urknall vor, die gasartigen Wolken von Elektronen und Protonen, die urzeitlichen Aminosäuresuppen. Schließlich legt Pater Rose eine Hand auf meinen Arm. «Ich glaube, ich verstehe Ihr Zögern», sagt er freundlich. «Gott ist für die meisten von uns ein zu großer Gedanke. Wie kann man zu einem Wesen beten, das man sich nicht vorstellen kann, einem Wesen, das überall und nirgends ist? Selbst Christus in seiner Makellosigkeit kann sehr einschüchternd sein. Aber denken Sie doch an die Fürsprache der Heiligen! Ein Heiliger ist ein menschliches Wesen, das sündigte und mit Schwierigkeiten kämpfen mußte und all das überwunden hat, um ganz in den Dienst Gottes zu treten. Was Brooklyn jetzt braucht, ist ein Heiliger. Ein Heiliger, der sich unsere Gebete anhört und bei Gott ein gutes Wort für uns einlegt.» Ich nicke und versuche, ein ernstes Gesicht zu machen, aber ich bin nicht so ganz sicher, worauf er hinauswill. Brooklyn braucht einen Heiligen. Ich brauche die Stelle, die im Catholic Historian annonciert ist. Ich bin jetzt seit fünf Monaten arbeitslos, total pleite und darauf angewiesen, zwischendurch mal ein oder zwei Tage in irgendwelchen Büros einen Aushilfsjob zu bekommen, den mir eine Agentur in Manhattan vermittelt - ich lege Akten ab, gehe ans Telefon, tippe mitunter ein paar Briefe. Demütigend für einen Mann meiner Qualifikation, einen Mann, der alle Kurse absolviert hat, die man für die Promotion braucht. Obwohl ich zu dem Schluß gekommen bin, daß Qualifikationen und eine Promotion in dieser Welt nur Verpflichtungen bedeuten. Einen Augenblick später erhebt sich Pater Rose mit einem Seufzer und streicht sich den Rock seiner Soutane 15
glatt. Er hat eine Verabredung mit zwei älteren Gemeindemitgliedern, denen er die Beichte abnehmen soll. Jeder, der heutzutage zur Beichte kommt, ist mindestens sechzig, erzählt er mir. Die Jungen, so scheint es, glauben nicht mehr an die Sünde. Wir gehen zusammen zu dem schweren, schmiedeeisernen Tor am unteren Ende des Kirchhofs. Er schiebt einen eisernen Riegel von der Dicke meines Handgelenks zurück und läßt das Tor zur Jay Street hin aufschwingen. Ein Bus tuckert vorbei, und wir werden von Dieselabgasen eingenebelt. Er schüttelt mir die Hand. «Sie haben meine Telefonnummer», sage ich hustend. Ich trete durch das Tor und bin schon halb auf dem Gehweg, als er mich zurückruft.
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eute abend ist der Geist eine atmosphärische Störung, ein Sturm am Horizont. Überall in meiner Wohnung finde ich, ein Fremder in meinen eigenen vier Wänden, seine Handschrift: Im Schrank sind Kleider von den Bügeln gerissen, auf meiner Kommode liegen Münzen, zu einem seltsam vertrauten, mondsichelförmigen Muster angeordnet, und die Möbel sind quer zu den Wänden gerückt worden. Die Kühlschranktür steht einen Spalt offen, Milch ist verschüttet, Käse an den Rändern vergammelt. Ich schlüpfe schnell in Shorts und T-Shirt und höre den Anrufbeantworter ab. Ich habe nicht die Absicht, lange zu bleiben. Mittlerweile bin ich fast nur noch zum Schlafen und Duschen hier. Der Geist überzieht meine Handflächen mit einer ungesunden Klebrigkeit, und ich kriege das große Schlottern. Ich brauche ein Gegenmittel: eine Nachricht von Antoinette. Alles würde anders aussehen, schon der Klang ihrer Stimme aus dem fernen New Orleans würde reichen. Antoinette, sage ich laut, Antoinette. Aber es ist eine nutzlose Beschwörung. Es sind keine Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Wir sind jetzt nur noch Freunde. Sie ruft nie an. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit nehme ich die Linie F nach Manhattan und betrinke mich auf der gewohnten Runde durch die Lower-East-Side-Spelunken und stolpere dann zur Abwechslung rüber nach Soho, wo ich in einer Weinbar eine blonde Frau kennenlerne, die an Geister glaubt. Sie ist Sachbearbeiterin bei Carstairs and White und nicht gerade häßlich, wenn man die Augen zusammenkneift. Nach etwa einem Dutzend Gläser eines 17
sanft prickelnden Pouilly-Fuissé ist sie betrunken genug, um mich mit nach Hause zu nehmen, und ich bin betrunken genug, um mitzugehen. «Es ist der Geist», erkläre ich. «Ich kann unmöglich heute nacht in meiner Wohnung schlafen.» Sie nickt verständnisvoll, und wir steigen in ein Taxi und fahren zu ihrer Eigentumswohnung in einem Hochhaus Ecke 93. Straße und Third Avenue. Es ist ein gut ausgestattetes Apartment im zweiundvierzigsten Stock mit einem Panoramafenster, das sich über die ganze Wand des Wohnzimmers erstreckt und einen Blick auf die Lichter der Stadt bietet. Nach kurzer, zwangloser Schmuserei auf der Couch genehmigen wir uns eine Portion mittelmäßigen Sex und ziehen dann zu einem Nachschlag vom selben Kaliber ins Bett um. Gegen Morgengrauen schlafe ich schließlich ein, glücklich darüber, dem Geist für eine Nacht entkommen zu sein. Aber dann träume ich, daß ich wieder in Brooklyn bin, und unsichtbare Hände tragen mich die Treppe hinauf in die Dunkelheit meiner Wohnung. Ich werde in die Küche gebracht und wieder an den Tisch gesetzt und gezwungen, mich umzusehen, und dort, vor dem Fenster, sehe ich eine formlose Wolke so voller Verzweiflung, wie eine Gewitterwolke voller Regen und Wetterleuchten ist. Dann bewegt sich etwas Weißes in der Wolke, und ein Paar Hände taucht auf, die weißen Hände einer Frau mit Ringen an allen Fingern, und Grauen erfüllt mich. Schweißgebadet wache ich auf und stelle fest, daß es kurz nach elf Uhr morgens ist und ich allein in der Wohnung bin. Ich stehe auf, ziehe mich an und finde einen Notizzettel und eine Visitenkarte neben einem Glas Orangensaft und einem butterbestrichenen, kalten Muffin auf dem Glastisch im Wohnzimmer. 18
«War schön gestern nacht», steht auf dem Zettel. «Ruf mich an. Wollte dich nicht wecken. Du findest schon allein raus.» Ich finde wirklich allein hinaus und trete mit dem Lift die Reise zweiundvierzig Stockwerke nach unten an. Die Straßen hier sind von auffälliger Sauberkeit. Ein paar Stunden lang streife ich durch die unvertraute Gegend, fühle mich schrecklich und verkatert und überlege, ob der Geist mir in das Bett einer Frau gefolgt ist, quer über den Fluß und dreiundneunzig Häuserblocks weit durch lichtüberflutete Straßen.
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igentlich hätte ich von Anfang an wissen müssen, daß mit der Wohnung etwas nicht stimmt. Eine Freundin von mir, Chase Zingari, hat sie vor fünf Jahren für mich gefunden, und Chase ist eine merkwürdige junge Frau, die an Geister glaubt, an das zweite Gesicht und an dämonische Besessenheit. Sie ist halb rumänische Zigeunerin, halb entstammt sie dem Ostküstenestablishment; ihr Gesicht ist von einer Knochenmißbildung zerstört und sieht aus wie aus einem billigen Horrorfilm. Ich war neu in der Stadt und ging gerade durch jene Hölle, die man eben erlebt, wenn man sich in der Voice ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft sucht. Da hörte Chase von einer Dreizimmerwohnung in einem düsteren Industrieviertel namens Molasses Hill in Brooklyn. Ich weiß immer noch nicht, wie sie da rangekommen ist - ein Bekannter, ein Fremder in der Bar -, aber wir bekamen den Schlüssel in der Zentrale einer von der Mafia kontrollierten Müllfirma auf der Lower East Side und fuhren mit der F unter dem Fluß durch, um mal einen Blick zu riskieren. Ich erinnere mich, im ersten rötlichen Licht der Abenddämmerung durch leere Straßen gelaufen zu sein. Nach dem Lärm von Manhattan wirkte die Ruhe hier geradezu unheimlich. Nur einen Häuserblock entfernt glitten dunkle Lastkähne lautlos über den East River. Grillen zirpten aus dem Unkraut, das zwischen den Pflastersteinen wuchs. Der blutrote Sonnenuntergang spiegelte sich in den zerbrochenen Scheiben der Fenster von leerstehenden Lagerhäusern. Vor den drei oder vier 20
baufälligen Mietskasernen gegenüber dem Elektrizitätswerk gaben sterbende Feigenbäume der Schwerkraft nach, nur aufrecht gehalten von Halteseilen aus Draht. Ich sah einen Kolibri, der eben noch an verfaulenden Früchten gepickt hatte, auf das Licht im Westen zuschießen. Ich war bezaubert. Frisch aus dem Wohnheim für Jungakademiker in Georgetown wußte ich nichts von der Gewalttätigkeit und den Verbrechen in South-Brooklyn. Und die Miete war extrem niedrig, direkt ein Wunder. «Also, wo liegt der Haken?» fragte ich Chase. Wir hatten die Wohnung inspiziert und standen nun in dem leeren Wohnzimmer, dessen Holzboden unter unseren Füßen knarrte. Die Schornsteine des Elektrizitätswerks vor dem Fenster sahen aus wie die Finger einer riesigen Hand. «Muß denn immer alles einen Haken haben?» fragte Chase zurück. «Versuch doch einmal in deinem Leben, etwas einfach zu glauben.» Dann führte sie eine Art Tanz mit dem Staub auf, wirbelte durch die leeren Zimmer und kam wieder zu mir zurück. «Es ist ein verdammt toller Fang», sagte sie atemlos. «Dreifünfundsiebzig für zwei Schlafzimmer - ein großes und ein klitzekleines-, ein vernünftiges Wohnzimmer, eine separate Küche und ein Badezimmer, das eine Badewanne in normaler Länge hat. Und sieh mal hier…» Wir traten ans Schlafzimmerfenster. Während wir durch die schmutzige Scheibe nach draußen blickten, verfing sich das letzte Tageslicht auf den Furchen und Narben ihres Gesichts. «Ein Hinterhof!» Und wirklich, hinterm Haus lag ein überwuchertes, eingezäuntes Stückchen Land mit einem lädierten, aus Ziegelsteinen gemauerten Grill. Hinter dem Zaun und der nächsten Reihe Mietskasernen erhoben sich acht oder 21
neun gewaltige Wohntürme in den sich verdunkelnden Himmel. «Was sind das da für Dinger?» fragte ich. «Die Decateur-Wohnblocks, glaube ich», sagte Chase und tanzte in die Küche davon, um sich dort am Gasbrenner ihre Zigarette anzuzünden. «Warte mal, du meinst Sozialbauten?» Ich folgte ihr über das schmutzige Linoleum zum Herd. Motten huschten um die nackte Birne, die von der Decke baumelte. «Wie ist denn die Gegend hier so?» Sie zuckte mit den Achseln. «Irgendwie melancholisch. Paßt zu dir.» «Ich meine, wie sicher ist es hier?» «Du bist jetzt in New York!» «Was ist aus dem früheren Mieter geworden?» «Ausgezogen.» «Chase…» «Ach, komm schon!» Sie zeigte mit ihrer Zigarette auf den Kamin im Wohnzimmer. «Wirf einen Blick auf das einzige, was der Mann hier zurückgelassen hat!» Über dem Kaminsims hing, auf ein Stück Pappe geklebt, eine Zeitungsreproduktion des unvollendeten Porträts des Kaisers von J. L. David. «Dein Held, Napoleon!» Chase schrie die Worte fast. «Das ist ein Zeichen, daß du diese Wohnung nehmen sollst! Also! Wen schert schon die Nachbarschaft? Wir könnten alle morgen tot sein. Scheiße, du mußt einfach einziehen, ich kann’s nicht erklären. Ich kriege dieses kribbelige Gefühl in meinen Beinen. Es ist die richtige Wohnung für dich, ich weiß es einfach!» «Werd mir jetzt bloß nicht intuitiv», sagte ich so ruhig wie möglich. «Sieht ein bißchen gruselig aus hier. Diese F-Haltestelle in Knox…» 22
«Schön», unterbrach mich Chase, «wenn du die Wohnung nicht nimmst, tu ich’s.» Eine Woche später zog ich ein. Jetzt weiß ich, daß ich selbst in diesen ersten Monaten, bevor Molesworth aus Louisiana heraufkam, etwas in der Wohnung spürte, eine stille Erwartung, die Gegenwart eines unsichtbaren Etwas. Aber als Molesworth kam, wurden diese vagen Ahnungen von seinem ungeheuren Menschengestank überlagert. Molesworth allein war genug, um jedwede Erscheinungen zu verdrängen, so ganz und gar wie er dieser Welt angehört, immer noch umwabert von dem ranzigen Gestank der Sümpfe Louisianas. Er war viel zu körperlich, zu robust für Jenseitiges. Sein massiger, rundlicher Leib schwitzte aus allen Poren irdisches Vergnügen; der Geruch seiner Zigarren kräuselte sich unter der Tür seines Zimmers hindurch - und das, obwohl ich ihm ausdrücklich das Rauchen von Zigarren in der Wohnung verboten hatte. Seine Dixiebierflaschen türmten sich, geleert bis auf das letzte kleine Schlückchen, in einer Größenordnung von anderthalb Koffern pro Woche in der Küche auf. Und dann diese Frauen mit ihren wogenden Mähnen und ihrem knalligen Schmuck, die er samstags abends meistens aus der einen oder anderen Bar anschleppte; ihr Gekicher und Gekreische und Lustgestöhn drangen durch die dünnen Wände, während ich mich auf meinem schmalen Bett von einer Seite auf die andere warf. Ich nehme an, der Geist konnte dieses lärmende, verkommene Leben nicht ertragen. Vielleicht versteckte er sich mit den Termiten und den Spinnen im Gebälk oder schlief mit den Ratten zwischen den Mauern. 23
Dann, vor drei Monaten, machte Molesworth sich aus dem Staub und ging zurück nach Mamou in Louisiana; er schuldet mir noch eine Monatsmiete und sechshundert Dollar für Ferngespräche, aber das Geld kann ich natürlich abschreiben. Eines Morgens wachte ich auf, fand sein Zimmer leer und etwas, das wie eine vorbereitete Erklärung klang, auf dem Anrufbeantworter. «Lieber Niggerarsch», ertönte sein breiter, gedehnter Südstaatenakzent. «Umstände, die sich meiner Kontrolle entziehen, haben sich verschworen, mich nach Louisiana zurückzurufen. Und wenn du den alten Molesworth um seine Meinung fragst, wird es höchste Zeit, daß du selbst dich ebenfalls in andere Breiten begibst. Dein Leben in New York ist in eine Sackgasse geraten. Du läßt dich treiben, du hast keinen Plan! Mir liegt es fern, dir einen Rettungsanker hinzuwerfen, aber du solltest vielleicht mal wieder an dein altes Jagdrevier denken. Ich hoffe, du nutzt meinen Abgang nicht aus und masturbierst zuviel. Das war’s für heute von Lyle Molesworth.» Molesworth hatte die beiden Wochen unmittelbar vor seinem mitternächtlichen Verschwinden pausenlos mit einem Rechtsanwalt in Shreveport telefoniert und über Testamente, Hypothekarkredite und Schankerlaubnisse geredet. Sein Großvater Duploux war im Januar gestorben, und Molesworth hatte mitten im Bayou Dessaintes eine Bar auf Stelzen geerbt. Allen Beschreibungen nach geht es in diesem Lokal, das seit Generationen im Besitz seiner Familie ist, ziemlich rauh zu. Es gibt keine Toiletten dort, nur Löcher im Fußboden direkt über dem schwarzen Wasser, in dem es von Alligatoren und Mokassinschlangen nur so wimmelt. Aber aus irgendeinem Grund finden sich in der Bar regelmäßig die unterschiedlichsten Leute ein, zu denen von Zeit zu Zeit auch Johnny Cash und der Gouverneur 24
persönlich zählen, und daneben natürlich die üblichen Heerscharen von Cajun-Raufbolden und Rowdies von den Ölfeldern. Der Legende nach hat sich Hank Williams 1947 dort betrunken auf der Bühne übergeben, und das, was als das ausgespiene Dinner des großen Mannes gilt, wird immer noch aufbewahrt - ein im Laufe der Jahre grün und schwarz gewordener, undefinierbarer Klumpen, der in einem Steinkrug auf dem Regal über der Jukebox ruht. Nach Molesworths Verschwinden machte der Geist da weiter, wo er vor fünf Jahren aufgehört hatte. In den ersten Tagen gab es nichts Konkretes, nichts, worauf ich den Finger hätte legen können: ein leises Scharren, nicht lauter als Blätter, die von einem toten Baum fallen, oder der Atem eines schlafenden Kindes. Nach etwa einer Woche begann ich, ein Seufzen zu hören, und zwar immer in dem Augenblick, bevor ich einen Raum betrat, um bei Anbruch der Dämmerung die Lichter einzuschalten; und einmal fiel mir in dem Grün im hinteren Teil meines Badezimmerspiegels ein seltsames Flackern auf. Aber jetzt haben wir bereits jeden Tag deutlich über dreißig Grad, uns steht ein heißer, elender Sommer bevor, und der Geist gibt sich nicht mehr mit Kleinigkeiten ab. Er läßt Steine von der Decke fallen und verrückt Möbelstücke. Er ist kühner geworden mit dem steigenden Quecksilber, als würde er gleich einer Treibhausorchidee in der Hitze erst richtig gedeihen. Jetzt fegt er wie ein rachsüchtiger Wind durch die Wohnung. Was will der Geist von mir? Geister wollen immer irgend etwas. Nach dem, was ich gelesen habe, sind sie die Kinder der spirituellen Welt; Wesen, die immer an den Rockzipfeln der Lebenden zupfen. Sie wollen Trost, sie wollen Aufmerksamkeit, sie wollen, daß wir wissen, wie sie gestorben sind. Und bin ich wirklich sicher, daß es ein Geist ist? Es gibt Tage, da habe ich meine Zweifel. Könnte 25
es sich nicht um ein ungewöhnliches, elektrisches Phänomen handeln, eine Störung im Magnetfeld der Wohnung, verursacht durch das Elektrizitätswerk direkt gegenüber? Die Hochspannungstransformatoren drüben zischen und fauchen in regelmäßigen Abständen und schleudern Schweife blauer, statischer Elektrizität in die Sommerabende. Oder vielleicht ist die Antwort auch noch einfacher. Vielleicht werde ich verrückt. Es wäre nett, verrückt zu werden, absolut wahnsinnig, frei von den Banalitäten und Verpflichtungen des Lebens; jeder Tag ein Feiertag. Unglücklicherweise bin ich so normal wie eine Scheibe Toast.
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n der Krypta der Kirche riecht es nach alten Knochen und Kampfer. Wir gehen durch die überwölbte Düsternis, vorbei an Gedenktafeln, zu einer kleinen, unvollendeten Kapelle, die durch ein eisernes Gitter vom Rest des Gewölbes abgetrennt ist. Eine nackte Glühbirne hängt über einem ziemlich lädierten Holztisch. Überall stehen vermodernde Umzugskartons herum. Etwa dreißig sind an den rauhen Steinwänden aufgestapelt. Ein weiteres Dutzend steht in der Mitte des Raumes. «Das sind die Unterlagen, von denen ich gesprochen habe», sagt Pater Rose und zeigt mit seinem Putter auf die Kartons. «Man hat sie hierhergebracht, als St. Catherine diesem koreanischen Einkaufszentrum weichen mußte.» Ich öffne einen der Kartons. Ein staubiges Rechnungsbuch, in Leder gebunden und mit verblichenem Goldrand, zeigt das Datum 1849; ein Brief, geschrieben in der krakeligen Handschrift eines anderen Zeitalters, ist aus seinem Umschlag und auf einen Wust ähnlicher Briefe gefallen. Hier in diesen Kartons liegen Tausende von Dokumenten, Hunderttausende von Manuskriptseiten. Meßbüchlein, Predigten, Quittungen, Wäschezettel, persönliche Briefe, Rechnungen und was weiß ich noch, alles gezeichnet von der Feuchtigkeit und den Jahren. Pater Rose zieht einen wackligen Stuhl aus dem Berg in der Krypta, bringt ihn her und bietet ihn mir an. Er selbst hockt sich, seinen Putter über der Schulter, auf den Boden; seine Augen sind halb geschlossen. Als er zu sprechen beginnt, kommt ihm ein merkwürdiger Singsang über die Lippen, so als hätte er das Folgende auswendig gelernt. «1846 kam eine junge Nonne aus New Orleans in diese 27
Gemeinde. Man kannte sie als Schwester Januarius. Wie ihr bürgerlicher Name lautete, wissen wir nicht. Es war eine Regel ihres Ordens, daß die Novizinnen den Namen eines männlichen Heiligen oder Märtyrers annahmen. In diesen schwierigen Zeiten damals war vieles genauso wie jetzt. Gewalt und Armut und Unwissenheit. Allein in der Umgebung der Marinewerft fanden sich mehr als hundert Bordelle und eine ähnliche Anzahl von Spelunken und Spielhöllen. Wegen der Flut ungewaschener irischer Emigranten nahm die Antipathie gegen die Katholiken immer größere Ausmaße an. Mörderbanden fremdenfeindlicher Raufbolde, die sogenannten KnowNothings, die ‹Nichtswisser›, streiften des Nachts durch die Straßen, und kein Katholik war vor ihnen sicher. Der Gemeindepriester wurde eines Tages mitten im Gottesdienst verschleppt, brutal zusammengeschlagen und nackt und blutend auf der High Street liegengelassen, und die erste Holzkirche wurde niedergebrannt… Schwester Januarius kam zwei Wochen nach diesem Zwischenfall hier an. Weil die Situation so schlimm war, legte der Bischof von New York ihr nahe, zu ihrem Orden, den Barmherzigen Schwestern vom Heiligen Kreuz, zurückzukehren. Sie weigerte sich. Sie sagte, in der Nacht seien ihr der heilige Benedikt und die heilige Theresa von Ávila erschienen - in der Gestalt von Kolibris - und hätten sie angewiesen zu bleiben. Es gilt als gesichert, daß sie von einem unwiderstehlichen religiösen Fieber gepackt wurde. Sie klopfte an jede Tür in der Gemeinde, bekehrte viele Menschen zum katholischen Glauben und ließ binnen drei Monaten die Zahl der Gemeindemitglieder von St. Basil auf das Doppelte anwachsen. Nach einem Jahr stand eine neue Kirche an der Stelle der alten, und innerhalb von fünf Jahren war es ihr möglich, den Bau der Kuppel, des Kirchturms und der Querschiffe zu 28
überwachen. Fünf Jahre danach erhielt sie von Papst Pius IX. die Erlaubnis, die Kathedrale zu errichten, wie Sie sie jetzt vor sich sehen, die erste auf Long Island. Das sind die Taten einer energischen Frau, werden Sie jetzt vielleicht sagen, aber Schwester Januarius besaß noch andere, geheimnisvollere Fähigkeiten. Die Kranken kamen an ihre Tür und wurden durch eine einzige Berührung geheilt; die Hungrigen wurden zu Hunderten gespeist, und das an Tagen, an denen die Vorratskammern der Kirche vollkommen leer waren. Nach einem ganzen Leben im Dienst der Gemeinde starb sie 1917 im Alter von hundertundeinem Jahr. Es war ein friedlicher Tod während der Vesper, und jene, die zugegen waren, erzählten später, Engel hätten, hart an der Grenze der Sichtbarkeit, über ihrem Bett geschwebt und darauf gewartet, ihre Seele ins Paradies zu geleiten…» Bei diesen Worten richtet Pater Rose sich auf und schwingt den Putter in meine Richtung, sein Gesicht erleuchtet von einer Art Wahnsinn. Ein paar Mörtelkrümel bröckeln von den Steinwänden ab und fallen in einen halb geöffneten Karton mit vergilbten Papieren. «Das sind keineswegs Ausgeburten meiner Phantasie, Mr. Conti! In den zwanziger Jahren entstand eine kurze Monographie, die privat veröffentlicht wurde und die nüchternen Daten ihres Lebens sowie eine Darstellung einiger ihrer vielen Wunder enthielt. Bis vor kurzem hatten wir einen Band davon oben in der Bibliothek. Leider ist er irgendwie verlegt worden, und ich kann kein anderes Exemplar ausfindig machen. Aber ich hoffe, daß der Rest von Schwester Januarius’ Geschichte vielleicht hier in diesen Papieren begraben ist. Ganz besonders interessiere ich mich für zeitgenössische Berichte über die Wunder. Ich bin davon überzeugt, daß wir hier eine unentdeckte Heilige haben, eine der Gesegneten, die eines 29
Kultus, wie ihn die Kirche vermittelt, würdig ist. Wie ich schon sagte, Brooklyn braucht einen Heiligen. Brooklyn ist verzweifelt, seine Gefängnisse sind voll, seine Menschen leben ohne Licht. Sie werden eine Heilige für uns finden, eine Heilige, die beim Allmächtigen Fürsprache für uns einlegt.» «Okay», sage ich und versuche, vernünftig zu klingen. «Und wie soll ich es anstellen, eine Heilige für Sie zu finden?» «Das geschieht in einem Gerichtsverfahren, dessen Ablauf genau festgelegt ist. Vor dem Tribunal der Ritenkongregation in Rom findet ein Prozeß statt. Diese Kongregation ist ein ständiger Ausschuß von Kardinalen, die in solchen Angelegenheiten mit den Nachforschungen betraut sind. Aber der oberste Richter in Fragen der Heiligsprechung ist natürlich der Pontifex persönlich.» Für mich ist der Papst nicht mehr als ein frommer Mann mit einem komischen Hut, aber ich kann nicht dagegen an: Mir läuft ein Schauer über den Rücken. «Das Verfahren ist voller Formalitäten und Rätsel», sagt der Priester einen Atemzug später. «Die Verteidigung, wenn Sie so wollen, muß drei verschiedene Beweise für die Heiligkeit der betreffenden Person beibringen. Als erstes muß gezeigt werden, daß der Kandidat bereits den Ruf der Heiligkeit genießt. Der zweite Schritt besteht darin, die Besonderheit der Tugenden nachzuweisen, die der Heiligzusprechende besaß. Und als drittes müssen natürlich Beweise für das Wirken von Wundern vorgelegt werden.» Mißtrauisch beäuge ich die dreißig Kartons mit Papieren, von denen die meisten mehr als hundert Jahre alt sind, unleserlich und verstaubt. In letzter Zeit leide ich unter diversen Allergien. Meine Nase juckt schon bei dem 30
bloßen Gedanken an eine solche Arbeit. Es gelingt mir gerade noch rechtzeitig, mein Taschentuch aus der Hosentasche zu ziehen, bevor ich niesen muß. «Gesundheit», sagt Pater Rose. «Also, um ehrlich zu sein, Pater, das Ganze scheint mir ziemlich weit hergeholt», sage ich. «Und ohne jede Garantie. Die Geschichte hat die lästige Angewohnheit, unsere Erwartungen zu widerlegen.» Er nickt, läuft, seinen Putter auf dem Rücken, zum anderen Ende des kleinen Raumes und wieder zurück. «Ich erinnere mich», sagt er, «als junger Priester in den Archiven von St. Catherine über einen Brief gestolpert zu sein, in dem ausführlich über ein von Schwester Januarius gewirktes Wunder berichtet wird. Man brachte ein blind geborenes Kind zu ihr. Seine Augen waren nach innen gedreht, und nur ein kleines Stückchen der Hornhaut war im weißen Teil der Augen zu sehen. In Anwesenheit von Zeugen nahm Schwester Januarius mit bloßen Händen die Augen des Kindes heraus, setzte sie richtig herum wieder ein, und das Kind konnte zum ersten Mal in seinem Leben sehen. Wenn dieser Brief existiert - und ich erinnere mich ganz deutlich an ihn -, dann gibt es gewiß noch andere. Diese Briefe brauchen wir als Beweise für Rom. Außerdem hat es wahrscheinlich auch Zeitungsartikel gegeben, und möglicherweise finden sich weitere Briefe bei Privatleuten, aber das ist Ihre Angelegenheit. Brooklyn zählt auf Sie, Mr. Conti.» Mit diesen Worten verläßt mich der Pater, und ich bin allein in der Krypta, und ich muß wieder niesen, dreimal hintereinander. Die Steinmauern schwitzen, alter Mörtel sickert wie Sand durch die Ritzen. Sechs Forscher würden ein ganzes Jahr brauchen, um dieses Durcheinander gründlich zu sichten, um jede Seite zu lesen und zwischen 31
den Zeilen nach Informationen zu suchen. Pater Rose glaubt an göttliche Vorsehung, an das Eingreifen der Heiligen zugunsten einer sündigen Menschheit. Ich bin nach wie vor skeptisch. Trotzdem greife ich jetzt in den nächstbesten Karton und ziehe einen Brief heraus. Seine dünnen, unleserlichen Blätter zerfallen in meinen Händen.
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olasses Hill ist der Hitze des Nachmittags preisgegeben. In den stillgelegten Docks rosten alte Mastenkräne vor sich hin. Die Schornsteine des Elektrizitätswerks puffen flaumig weiße Rauchwolken in den blauen Himmel. Im Sonnenlicht sieht der East River frisch und unverdorben aus wie ein Bergflüßchen. Ich laufe durch die leeren Straßen, und meine Schritte hallen von den Backsteinmauern der Lagerhäuser wider. Die Gegend hier macht in diesem Licht einen so unschuldigen Eindruck, wirkt so friedlich. Das ist ein Trugschluß. Unweit von hier ragen die DecateurSozialbauten auf wie eine feindselige Gottheit, die sich anschickt, die Opferung von Jungfrauen zu verlangen. Wenn man einem Artikel im New York Times Magazine vom letzten Monat Glauben schenken darf, gibt es in diesen acht Türmen pro Kopf mehr Opfer von Gewalteinwirkung als bei den US-Bodentruppen während des Vietnamkriegs. Jeden Abend hört man Sirenen und Gewehrschüsse. Mord und Totschlag gehören hier zum Alltag, und jeden Monat tauchen irgendwo drei oder vier Leichen auf. Kaum eine Woche, nachdem ich eingezogen war und meine Koffer ausgepackt hatte, fanden die Cops eine Frauenleiche im Müllcontainer um die Ecke, in Stücke gehackt und in stabile Einkaufstaschen gepackt. Einige Jahre später bekam Molesworth, während er in Unterwäsche auf der kleinen Veranda vorm Haus seine Zigarre paffte, von zwei jungen Gangstern mit Strumpfhosen überm Gesicht eins übergebraten. Dann zwangen sie ihn mit vorgehaltener Waffe die Treppe 33
hinauf, nahmen das Stereogerät, die Mikrowelle und einen noch verschlossenen Karton mit braunen Zimttörtchen mit. Ich habe bisher Glück gehabt und der Statistik ein Schnippchen geschlagen. Meine Zeit wird kommen. In einer anderen Stadt würde man umziehen. Nicht in New York, nicht bei diesen Preisen. Letzten Monat habe ich bei dem Versuch, einen Hinweis auf die Identität des Geistes zu finden, eine halbe Woche in den Archiven der Stadtbibliothek von Brooklyn zugebracht. Ich habe nichts über den Geist erfahren, aber einiges über die Gegend, in der ich wohne. Auf den Namen Molasses Hill wurde sie wegen der Fässer voller Melasse getauft, die früher zu Tausenden den kleinen gepflasterten Abhang zum Fluß hinuntergerollt, auf Schiffe verladen und irgendwo gegen Sklaven eingetauscht wurden. In den späten vierziger Jahren des 18. Jahrhunderts verdrängten irische Immigranten die vormaligen holländischen und angelsächsischen Händler. Die Italiener kamen kurz vor der Jahrhundertwende. Sankt Cecilia von Livorno, eine ziemlich große italienische Kirche voller Marmorstatuen und Skulpturen, stand früher einmal nur zwei Häuserblocks von der Kreuzung Jade und Blount entfernt. Einige der noch erhaltenen Bauten stammen aus der Zeit um 1820 und gehören zu den ältesten Häusern in SouthBrooklyn, sind aber für einen Kunsthistoriker nur von geringem Interesse. Sie verfügen über keine wie auch immer gearteten Verzierungen, keine Oberlichter im Stil der dreißiger Jahre, keine eisernen Rokoko-Geländer. Es sind niedrige, häßliche Unterkünfte mit schmucklosen Fassaden, die Schiffszimmerleute aus einheimischen Steinen und Schindeln erbaut haben. Im Innern dieser ehemaligen Heime für Hafenarbeiter und Seeleute 34
vermitteln niedrige Decken, in unregelmäßigen Abständen verstreute Türen und düstere Flure ein klaustrophobisches Gefühl - wie im Frachtraum eines Schiffes. Meine Spukwohnung liegt im obersten Geschoß eines solchen Hauses; es ist ein altes, dreistöckiges Gebäude in der Portsmouth Street, zwei Häuser von der Jade Street entfernt, Hausnummer 624. Irgendwann gegen Ende der sechziger Jahre machten die letzten italienischen Familien den augenblicklichen Bewohnern Platz, abgerissenen, heruntergekommenen Bohémiens, die die Gegend wie Küchenschaben überschwemmen: gescheiterte Künstler, Alkoholiker, Schriftsteller, Fotografen, denen die Dunkelkammerausrüstung aus Kastenwagen gestohlen wurde, die sie schon vor langem verkaufen mußten, um die Miete zu bezahlen, Musiker, die jahrelang keinen Club mehr von innen gesehen haben. Heutzutage ist dieses Viertel eine Art Endstation. Der letzte Ort, an dem man strandet, wenn man strauchelt, wenn man seinen Mut verloren hat - billige Mieten und begrabene Hoffnungen, der richtige Ort, um über dem Trümmerhaufen seines Lebens zu brüten. Die von der Mafia kontrollierte Müllfirma, der die meisten Grundstücke hier gehören, hat St. Cecilia vor zehn Jahren abreißen lassen, einen Zaun um das Grundstück gezogen und es in eine Müllkippe verwandelt. Daher rühren auch die verdammten Krankheitserreger, die an heißen, stickigen Sommertagen wie eine Wolke über uns schweben. Aber Chase hatte recht. Die Atmosphäre hier draußen paßt zu meiner Gemütsverfassung, zu diesen kleinen Trägheiten, die mein Leben seit dem Studium beherrschen. Mitten im Leben, wie der Dichter sagt, kam ich vom rechten Wege ab und fand mich wieder in einem finsteren und schrecklichen Wald… 35
Oder eben in Molasses Hill in Brooklyn, nur eine Haltestelle mit der F von Manhattan entfernt. Ich liege noch nicht ausgezählt am Boden, ich muß nur meine Doktorarbeit beenden. Aber es wird Zeit.
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as Zählwerk meines Anrufbeantworters steht auf fünf, aber die Ziffer blinkt, was bedeutet, daß etwas schiefgegangen ist. Ich drücke die Play-Taste, um festzustellen, daß der Geist sich auf meinem Anrufbeantworter breitgemacht hat. Die erste Nachricht ist ein langes Schweigen mit unheimlichen Klopfgeräuschen im Hintergrund, die zweite ein Brausen wie im Innern einer Muschel, das mit einem leisen, kindlichen Wimmern endet. Ich höre es mir an, und die Haare in meinem Nacken stehen zu Berge. Einen Augenblick lang bin ich sicher, daß jemand direkt hinter mir steht. Ich fahre herum, sehe einen leeren Raum, sehe Staub, fingerdick auf jedem Möbelstück. Das ist unerträglich. Da höre ich das regelmäßige Klappern einer Schreibmaschine aus der Wohnung unter mir. Rust ist zu Hause. Jim Rust kommt mit nackten Füßen an die Tür, und er hat das dicke blaue Arbeitshemd und die Jeans an, die er das ganze Jahr über trägt. «Beschäftigt?» frage ich. Er zuckt mit den Schultern, wischt sich seine Drahtgestellbrille am Ärmel ab. «Du siehst furchtbar aus. Besser, du kommst rein.» Ich trete in die winzige, ordentlich aufgeräumte Wohnung, deren Wände von der Decke bis zum Fußboden mit sorgfältig alphabetisch geordneten Büchern bedeckt sind. Der einzige Ziergegenstand ist eine Indianerdecke, die über dem Kamin hängt. «Lakota Sioux, mindestens hundert Jahre alt», erzählte er mir einmal. «Hab ich geerbt, 37
als mein Bruder von der Regierung der USA getötet wurde.» Und das war alles, was er dazu sagte. Wie andere Leute aus dem Westen, die ich kennengelernt habe, ist Rust äußerst wortkarg und hat die Angewohnheit, wenn irgend etwas in ihm vorgeht, zum Horizont hinüberzuschielen, selbst wenn kein Horizont da ist. Er hat ein wind- und wettergegerbtes Gesicht, in dem vor allem die Augen auffallen, mattblau, wie Kaktusblüten. Geboren auf einer Farm in Wyoming, hat er schon vieles gemacht: Zuckerrüben angepflanzt, in mehreren großen, leeren Staaten draußen im Westen Pferde zugeritten und in den frühen Siebzigern sämtliche Rodeos in Mexiko abgeklappert. Dann, eines Tages, beschloß er zu schreiben. Er verkaufte seinen kleinen Lieferwagen, sein Pferd und seinen Wohnwagen und kaufte eine Schreibmaschine - eine altertümliche, geräuschlose Remington Rand, die ungefähr so geräuschlos ist wie ein Laster, der im dritten Gang eine Steigung nimmt. Dann zog er nach New York City. Rust behauptet, diese Stadt zu lieben, und ich glaube ihm. Er liebt sie mit der Wildheit eines Menschen, der an einem Ort mit zuviel Himmel aufgewachsen ist. Er kaufte sich eine schwarze Lederjacke, eine Zehn-Jahres-Karte für das Museum of Modern Art, trat einem sozialistischen Schriftstellerverband bei und besucht Ballettvorstellungen im Lincoln Center und Aufführungen des No-Theaters bei der Japanischen Gesellschaft. Aber trotz all dieser Kultur ist er im Herzen immer noch ein netter Ex-Cowboy, der es nicht über sich gebracht hat, sich von seinem Hut oder seinen Stiefeln zu trennen. Der Hut, ein zerbeultes schwarzes Ding mit flachem Rand und angelaufenen Silbermünzen, die an einer Kette an der Hutkrone baumeln, hängt über seinem Schlafsack und den Bücherregalen im Schlafzimmer. Die ausgelatschten 38
Stiefel aus rotem und schwarzem Leder und Eidechsenhaut lümmeln sich mit ihrer ausgefallenen Goldstickerei wie ein alter Freund in der Ecke. Ein kleines Stück über dem Knöchel eines dieser Stiefel befindet sich ein geflicktes Loch von der Größe einer 45er Pistolenkugel. Ein berühmter mexikanischer Stiefelmacher in Durango hat sie seinerzeit eigens für Rust angefertigt. Bezüglich des Pistolenlochs äußert er sich nicht genauer. «Hol dir ein Bier», sagt er jetzt und zeigt auf die zerbeulte Coleman-Kühlbox, die er für Leichtverderbliches benutzt. Er geht durchs Zimmer, um seine Arbeit wegzulegen, und ich wühle im Eismatsch nach einer Flasche Vera Cruz. «Du auch?» frage ich. «Warum nicht? Ich glaube, ich war sowieso fast fertig», sagt er, obwohl ich weiß, daß er seine Schreibmaschine gerade erst aus dem Schrank genommen hat. Er schreibt im Stehen, die Schreibmaschine thront dabei auf einer hochkam gestellten alten Seekiste, und daneben liegen, sorgfältig arrangiert, zwei Stapel Papier, einer beschrieben, der andere leer. Wir setzen uns mit unserem Bier im Schneidersitz auf den Fußboden wie zwei Indianer. Rust lebt in dieser Wohnung, als kampiere er draußen im Busch. Keine Möbel, kein Herd, kein Kühlschrank, keine wirklichen Besitztümer. Bis auf die Bücher könnte man alles, was ihm gehört, auf dem Rücken eines Maultiers unterbringen. Über unseren Köpfen eiert der Deckenventilator. Er sieht gefährlich aus. Wir öffnen unsere Flaschen und trinken, und das einzige Geräusch in der Wohnung ist unser leises Schlürfen. «Wie geht es mit dem Roman voran?» erkundige ich mich nach einer Weile und stelle die Bierflasche auf das 39
blaugestrichene Holz. Es ist eine dumme Frage, von der ich weiß, daß Rust sie bestimmt nicht zufriedenstellend beantworten wird. «Es ist nicht direkt ein Roman», sagt er. «Was ist es dann?» «Kann ich nicht sagen. Geschreibsel. Wirres Geschreibsel.» «Na und, wie geht es voran?» Er hält inne und schielt zum Horizont. «So leidlich.» Wir trinken noch etwas mehr, und Rust fragt aus Höflichkeit nach meiner Doktorarbeit. «Kann mich nicht konzentrieren», sage ich. «Der Geist. Versuch du mal, deine Doktorarbeit mitten in einem Spuk zu schreiben. Es ist unmöglich. Und die Stille. Sie ist so verdammt geladen. Unheilgeschwängert, wenn ich so sagen darf.» «Ich hätte eine Idee», sagt Rust und beugt sich vor. «Mach das Radio an, dann hörst du die Stille nicht mehr. Du wirst das Radio hören.» «Ja schon, aber das Radio…» «Einen klassischen Sender. Etwas Mozart. Vivaldi. Eine von diesen ollen Kamellen. Wirkt Wunder, du wirst überrascht sein.» Rust glaubt an den Geist, obwohl er eher ein Skeptiker und Rationalist ist. Er war es auch, der die Erscheinung als erster beim Namen nannte: Ein paar Tage nach Molesworths schmählicher Flucht nach Mamou bat ich Rust nach oben und schloß ihn in der Wohnung ein, während ich auf dem Flur wartete und an einem kalten Stück Peperonipizza aus seiner Kühlbox kaute. Zehn Minuten später kam er zurück und schielte nach einem 40
Horizont, den sonst niemand sehen konnte. «Und?» frage ich. Er nickt. «Irgend etwas. Macht Ohrensausen.» «Was ist es deiner Meinung nach?» «Ein Geist.» «Genau.» Jetzt greift Rust nach dem wildledernen Tabakbeutel und rollt sich mit Hilfe des Zubehörs, das er in seiner Brusttasche aufbewahrt, eine Zigarette. Er bietet mir auch eine an, aber ich schüttle den Kopf. Dieser Tabak, den er da raucht, eine billige mexikanische Mischung, die ein Freund ihm aus Chiapas schickt, schmeckt wie verbrannter Seetang. «Ich war mal ein paar Tage in einer Hütte in Colorado», sagt er, während er das Streichholz heftig hin und her bewegt, um die Flamme auszumachen. «Gehörte meinem Onkel, dem Bruder meiner Mutter. Weiß nicht mehr, was ich da gemacht habe, wahrscheinlich gearbeitet, an einem anderen Buch geschrieben. Vier oder fünf Nächte bin ich in der Hütte geblieben, oben in den Hügeln über Tabernash. Pumaland. Man konnte diese großen Katzen nachts heulen hören, ganz in der Nähe, in einem Kiefernwäldchen. Und höllisch kalt war’s, so minus fünfzehn Grad Außentemperatur, sogar zu kalt, um zu schneien. Aber nach der ersten Nacht habe ich trotzdem draußen geschlafen, eingerollt in meinen Schlafsack und ein halbes Dutzend Büffelfelle. In der Hütte war es noch schlimmer. Hatte dieses seltsame prickelnde Gefühl, genauso wie man’s da oben kriegt. Konnte nicht schlafen. Keine Ahnung, wie du da oben schläfst.» «Tu ich gar nicht», sage ich. «Nicht gut jedenfalls. Ich habe komische Träume und werfe mich im Bett hin und her.» 41
«Na ja, ich habe jedenfalls später herausgefunden, daß vor ungefähr dreißig Jahren irgendein Scheißkerl eine Frau in dieser Hütte umgebracht hat. Hat ihr die Kehle durchgeschnitten, sie ausgenommen, gehäutet und zum Trocknen aufgehängt und das Fleisch geräuchert. Als sie ihn verhaftet haben, war er gerade dabei, ihre Leber zu zerstampfen, um Wurst daraus zu machen. Solche Sachen, die liegen noch jahrelang in der Luft, weißt du.» Rust hat so eine Art, den Nagel auf den Kopf zu treffen. Der letzte Schluck Vera Cruz schmeckt plötzlich wie Blei. Welche Greuel haben wohl auf meinem Ofen gebrutzelt? frage ich mich. Welche schrecklichen Fleischbrocken haben dort im Kühlschrank gelegen? Und diese morbiden Überlegungen führen zu weiteren Gedanken: Plötzlich geht mir auf, daß ich nicht auf mich achtgebe, daß ich mich verkommen lasse. Daß ich älter werde, dreiunddreißig im November, daß ich nicht genug esse, daß ich keine Krankenversicherung habe, daß ich meine vielversprechenden Talente vergeudet habe, daß es niemanden in der Stadt gibt, der mich liebt. Und genau in diesem Augenblick, wie eine schauerliche Bestätigung meiner Gedanken, bläst das Elektrizitätswerk Dampf in den Nachthimmel. Vorm Fenster erhebt sich eine weiße Wolke, und ein gewaltiges mechanisches Klirren schallt über die Dächer von Brooklyn.
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reitag, bei Einbruch der Dunkelheit. Ich bin in Manhattan, um den letzten Scheck von meinem Zeitarbeitsbüro abzuholen. Dann, um dem Gedränge in den Straßen zu entkommen, mache ich im Crescent City Grill auf ein Bier halt. Das ist eine miese PseudoLouisiana Bar auf dem East Broadway, in der freitags zwischen vier und acht Uhr abends eine Flasche Abita nur zwei Dollar fünfundzwanzig kostet. So viel ich weiß, ist das der einzige Ort jenseits der Mason-Dixon-Linie, wo man Abita bekommt, das Heimatgebräu von New Orleans. Louisiana ist zur Zeit in New York ziemlich in. Es gibt jede Menge nachgemachter Cajun-Saloons, pseudokreolischer Cafés und teurer East-Side-Restaurants, die sich durch eine südliche Küche auszeichnen - ländliche Speisen zu lächerlich städtischen Preisen. Die New Yorker sind wie die Franzosen, wenn es um ihre kindliche Begeisterung für alles geht, was als echt amerikanisch gilt: für Country-Musik, Cowboystiefel, kleingeschnittenes und fritiertes Alligatorfleisch, Whisky und noch allerhand ähnlichen Hinterwäldler-Unfug. Das liegt daran, daß New York in Wirklichkeit eine eigene kleine Nation ist, mit Inselcharakter und provinziell in dem Sinne, daß die Einwohner keine Ahnung davon haben, was außerhalb ihrer fünf Stadtbezirke vor sich geht. Daher sind Dallas oder Baton Rouge für einen New Yorker genauso fremd und exotisch wie für einen Pariser oder Berliner. Der Crescent City Grill ist ebenso eine Fälschung wie Disneyland, mit imitierten Mardi-Gras-Köpfen aus Pappmache, mit gebügelten Rebellenflaggen, die von der Decke hängen, und mit dem ausgeschlachteten Fahrgestell 43
eines 59er Ford-Lieferwagens, der dem Discjockey als Kabine dient. Der Barkeeper ist ein Ire aus Cork. Aber ich bin derjenige, der sich wie ein Hochstapler vorkommt in dem zerknitterten Hemd und der schmutzigen Krawatte inmitten all dieser geschniegelten Happy-Hour-Yuppies, die sich hierbei mit Budweiser Light gefüllten Bierkrügen treffen. Sie könnten überall sein, es spielt keine Rolle. Dies ist das Land der Strichcodes und Computerbilanzen und Marketingstrategien und Wareneinheiten. Ich brauche etwas anderes. Später, an der Ecke Houston und Mercer, bewegen sich die Passanten wie im Traum unter dem seltsam lavendelfarbenen Zwielicht. Ich bleibe stehen und blicke auf und kann es beinahe als eine Berührung auf meinem Gesicht spüren. Dieses Licht ist wunderbar, hat die Farbe von Sehnsucht und Nostalgie, von Frauenlippen, die man um Mitternacht im Neonlicht einer verlassenen Bar küssen will, in einer Stadt, die man nicht gut kennt. Nach ein paar Abitas im Crescent City Grill kann ich nichts mehr dagegen tun. Ich denke an New Orleans und Antoinette, und das, obwohl ich vollkommen nüchtern bin und versuche, dem Impuls zu widerstehen. Einmal habe ich unter Antoinettes Fenster im Faubourg Marigny gestanden und gesungen. Zu ihrem Schlafzimmer gehörte ein winziger, vergitterter Balkon. Es war drei Uhr morgens und wir hatten abgemacht, daß wir uns in dieser Nacht nicht sehen wollten, aber sie kam verschlafen und nur mit einem Slip bekleidet heraus und beugte sich träge und lächelnd über das Geländer, während ich mit einem passablen italienischen Tenor, den ich von meinem Vater geerbt habe, «Rose von San Antonio» schmetterte und Molesworth mich, die Mandoline gegen seinen Bauch gepreßt, mit ausdruckslosem Gesicht begleitete. «Mond in all deiner Pracht», sang ich, «so einsam ist 44
mein Herz. Hol meine Rose zurück, die Rose von San Antonio…» Der Himmel glüht nicht lavendelfarben, sondern grün über New Orleans und dem Golf von Mexiko, über Kuba und den Tortugas, die irgendwo da draußen am Horizont herumdümpeln, und vom Mississippi weht in dieser entschwundenen Stunde der Pfiff eines vorübergleitenden Tankers herüber wie die leise Klage der Sehnsucht.
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in kleines Straßencafe ist auf dem Asphaltdreieck zwischen der Houston und der East First aus dem Boden geschossen, keine zwanzig Schritt von dem gelben Eingang der Second Avenue F. Bunte Lichter baumeln über einem Dutzend Tischen in einem durch ein Seil abgesperrten Bereich; gegenüber dem Maschendrahtzaun, der den Basketballplatz abteilt, spielt ein Jazztrio. Lastwagen donnern die Houston Street herunter auf die gotischen Zinnen der Williamsburg Bridge zu; Taxis fädeln sich mit quietschenden Reifen in den Verkehr ein. Ein halbes Dutzend Penner, schmutzig und nach Urin stinkend, versammelt sich am Rand, um Zigaretten zu schnorren. Es scheint ein ziemlich unmöglicher Platz für ein Café zu sein, aber die meisten Tische sind voll besetzt mit junkiedürren East-VillageTypen, die von der Siebziger-Nostalgie geprägte Kleider tragen und Schuhe mit zehn Zentimeter hohen Plattformsohlen. Ihre weit ausgestellten Hosen flattern um Fußknöchel herum, die ich mit Daumen und Zeigefinger umfassen könnte. Ich beschließe, auf ein Bier haltzumachen, einfach aus Lust an der ungewöhnlichen Idee, es auf einer Verkehrsinsel zu trinken, und weil Freitag abend ist. Der Kellner, ein Engländer mit einem Mund voller schlechter Zähne, kommt mit einer Flasche Fuller’s herbei, auf der ein Plastikbecher thront. «Das ist alles, was wir im Augenblick haben», sagt er. «Entweder das hier oder Wasser, und Sie können nicht Wasser trinken und hier sitzen. Wenn Sie die Musik hören wollen, ohne etwas zu trinken, müssen Sie zu denen da 46
rübergehen.» Er zeigt mit dem Daumen auf die Penner; die orangefarbenen Spitzen ihrer geschnorrten Zigaretten glimmen in der Dunkelheit. Ich nicke, und der Kellner setzt das Bier ab und geht weiter. Das Trio ist in eine gelbe Verlängerungsschnur eingestöpselt, die zu einem Mietshaus auf der anderen Straßenseite führt. Die Leadsängerin, eine übergewichtige junge Frau, deren scharfe Gesichtszüge etwas Griechisches haben, schnipst mit den Fingern und beginnt, den Text von «Birdland» ins Mikrofon zu hauchen, als plötzlich von irgendwoher Funken stieben und die ganze Anlage den Geist aufgibt. Die bunten Lichter flackern kurz und verlöschen, und wir versinken in der fluoreszierenden Düsternis der Straße. Ein erschöpftes Seufzen geht durch die Menge. Der englische Kellner stellt sich auf einen Stuhl und gestikuliert wild. «Nicht weggehen, Leute», sagt er. «Nur eine Frage der Sicherungen. Gestern abend war’s dasselbe.» Dann springt er herunter und verschwindet in dem dunklen Eingang des Mietshauses auf der anderen Straßenseite. Ich betrachte in der Dunkelheit meine Nachbarn. Zu meiner Linken sitzt eine Frau mit streichholzkurzem Haar und Bodypiercing und raucht wie eine europäische Intellektuelle eine Zigarette, den Handballen ans Kinn gepreßt. Es ist nicht schwer, sich ihr Leben vorzustellen: die Katzen, der Freund in einer Avantgarde-Band, gelegentlich Drogen, die vagen künstlerischen Ambitionen, die heruntergekommene Wohnung im fünften Stock in einem Haus ohne Fahrstuhl, die sie sich mit sechs weiteren jungen Männern und Frauen teilt, die ihr ziemlich ähnlich sind. Aber was geht in ihrem Kopf vor? Sie trägt ein großes Kruzifix, aber ich glaube nicht, daß sie an Gott glaubt. Glaubt sie statt dessen vielleicht an Mode? 47
Daß das Aussehen mehr über einen Menschen aussagt als das, was er tut? Ich bin noch ganz in diese geistreichen Erwägungen versunken, als ich an einem Tisch vor dem Seil an der Second-Avenue-Seite eine vertraute Silhouette ausmache. Diese vorgebeugten Schultern und die seltsame Haltung des Kopfes, als würde der Hals wie eine dicke, steife Röhre direkt aus dem Rückgrat herausragen. Und selbst aus dieser Entfernung und in dem schlechten Licht und halb abgewandt kann man sehen, daß mit dem Gesicht irgend etwas nicht stimmt. Es ist eingefallen, ungleichmäßig, eine schlechtgemachte Maske: Chase. Sie zeichnet mit ihrer Zigarette einen verzweifelten Wirbel in die Düsternis, unterstreicht Worte eines Gesprächs, das ich nicht hören kann. Alles, was ich von der Frau sehe, die ihr gegenüber im Schatten sitzt, ist ein blasser, knochiger, tätowierter Arm. Chase ist in letzter Zeit extrem depressiv. Im Frühling ist sie dreißig geworden und - wie sie so gerne betont - hat damit bereits vier Jahre länger gelebt als der Dichter John Keats. Als wir uns zum ersten Mal trafen, hatte sie gerade ihr Studium an der Brown University abgeschlossen und war voller exzentrischer Intelligenz und nervöser Energie, voller Respektlosigkeit und Aufmüpfigkeit. Man konnte nie wissen, was sie als nächstes sagen würde. Die weinerliche Seite war zwar bereits vorhanden, aber verdeckt von dem schützenden Mantel der Jugend. Jetzt sieht es so aus, als bestünde ihr Leben nur noch aus Tiefpunkten. Ihr einziges noch verbliebenes Gesprächsthema kreist darum, daß sie noch Jungfrau ist und daß ihr Gesicht sie um ein Leben in der Welt betrogen hat. In Wahrheit bin ich Chase in letzter Zeit aus dem Weg gegangen und habe es auch versäumt, auf die letzten drei 48
oder vier Nachrichten zu reagieren, die sie auf meinem Anrufbeantworter hinterlassen hat. Ich fühle mich schuldig deswegen, aber das ist im Augenblick das einzige, was ich tun kann, um nicht unterzugehen. Trotzdem… alles ist besser, als an einem Freitagabend ganz allein vor sich hin zu saufen. Ich gehe, mein Fuller’s und den Plastikbecher in der Hand, an ihren Tisch. «Hallo, Chase…» Sie dreht sich um und registriert meine Anwesenheit mit einem kurzen, mißbilligenden Blinzeln. «Ned», sagt sie ohne Enthusiasmus. Ihre Begleiterin ist eine klapperdürre junge Frau mit exquisiten Gesichtszügen und hellblondem Haar. Ich brauche einen Augenblick, um Jillian Summer zu erkennen, eine alte Freundin von Chase aus gemeinsamen Brown-Zeiten. Ich bin schockiert. Als ich Jillian das letzte Mal gesehen habe, war sie üppig und sexy und wog mindestens vierzig Pfund mehr als heute abend. Sie sieht aus, als hätte sie gerade sechs Monate in einem Käfig in Transsilvanien verbracht, wo sie von Rattenflügeln und Wasser leben mußte. «Soll das eine neue Mode sein, Jillian?» erkundige ich mich. «Weißt du nicht, daß der Gruftilook ein wenig passé ist?» Jillian blickt höhnisch zu mir auf. «Der Bastard ist da», sagt sie und zeigt mit ihrer Zigarette auf den Stuhl zwischen ihnen. «Setz dich, Bastard.» Chase schüttelt den Kopf. «Ich spreche im Augenblick nicht mit ihm», sagt sie. «Scheiß drauf», sagt Jillian. «Ich unterhalte mich ab und zu ganz gern mit einem Bastard. Würde gerne hören, was der Bastard zu der Sache zu sagen hat.» 49
Ich sehe, daß sie beide betrunken sind. Jillian lallt. Der Tisch ist übersät mit leeren Fuller’s-Flaschen. Ziemlich starkes Zeug. Chase erzählt mir, daß sie schon seit vier Uhr nachmittags trinken. «Wir waren die ersten Kunden hier», sagt sie stolz. Jillian zerrt am Saum meiner Khakihose und zieht mich unsanft auf den Stuhl herunter. Es gilt als anerkannte Tatsache, daß Jillian und ich einander nicht ausstehen können. Das stimmt nicht ganz; es ist mehr eine Frage ästhetischer Differenzen. Irgendwo unter dem Firnis von bohemegeprägtem Zynismus und Angst glaube ich immer noch an Verantwortung, Ehre, frisch gemähten Rasen, die Segnungen der amerikanischen Kultur und die Vorzüge des Ehelebens - das ganze bürgerliche Repertoire. Jillian glaubt an gar nichts. Ihre Geschichte ist traurig, typisch verkorkstes Kind aus reichem Haus: Mit neunzehn war sie eine kühle Blondine aus einer wohlhabenden Ostküstenfamilie mit MayflowerBackground. Sie verfügte über ein klassisches Aussehen, ein großes Treuhandvermögen, eine wunderschöne Stimme und eine glänzende Zukunft an der Oper. Ich habe sie einmal im Solarium in Providence ein Stück aus Puccinis Madame Butterfly singen hören. Es war atemberaubend, hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Zehn Jahre später ist ihr Treuhandvermögen futsch, sie drückt genug Heroin, um als Süchtige durchzugehen, gibt sich überall an der Eighth Avenue für Peepshows her und verdient sich unter dem Namen April Storm gelegentlich ein Zubrot mit Pornofilmen. Vor einer Weile und aus Gründen, die ich lieber nicht näher beleuchten möchte, kriegte ich die Nachmittagsvorstellung von Jillians jüngstem Film mit, 50
Anal Annie’s Ecstasy Girls, im Paramour in der 42. Straße. In einer besonders denkwürdigen Szene schnallt sie sich einen riesigen fleischfarbenen Penis um, rollt eine dralle Rothaarige mit dem Hintern nach oben und macht sich mit fröhlicher Hingabe daran, die kreischende junge Frau von hinten zu bearbeiten. Man kann nur hoffen, daß Jillians Pilgrim-Ahnen in ihrem protestantischen Himmel von solchem Treiben barmherzigerweise nichts erfahren. Hätten sie nur gewußt, welches Schicksal ihre Nachkommenschaft an diesen grünen Küsten erwartete, als sie 1620 ihren schnallengestiefelten Fuß auf Plymouth Rock setzten, hätten sie die Mayflower eigenhändig und von tiefem Entsetzen erfüllt in der Massachusetts Bay versenkt. «Wir haben uns gerade über dich unterhalten, Bastard», sagt sie jetzt und wendet sich von mir ab, um sich eine neue Zigarette anzuzünden, obwohl die vorige immer noch im Aschenbecher glüht. Im Profil sieht sie Grace Kelly ähnlich, und mein Herz seufzt. «Und was habt ihr gesagt?» erkundige ich mich, obwohl ich es eigentlich nicht wissen will. «Wir haben gesagt, daß ich dich in den vergangenen zwei Wochen sechs verdammte Male angerufen habe», sagt Chase, «und du hast nicht ein einziges Mal zurückgerufen.» «Ich habe keine Nachrichten von dir bekommen», lüge ich. «Erzähl mir doch nichts», sagt Chase. «Wirklich, der Anrufbeantworter ist irgendwie im Eimer.» Diese letzte Behauptung ist wahr; der Geist hat sich in dem Ding breitgemacht. «Und du wolltest dem Bastard lediglich helfen, das macht mich wirklich sauer», sagt Jillian zu Chase. «Er ist 51
nicht nur ein Bastard, er ist auch noch ein egoistischer Bastard.» «Ich laß euch zwei Trunkenbolde jetzt wohl besser allein», sage ich und will zu meinem Tisch zurückgehen, als Chase eine trockene Hand auf meinen Arm legt. «Irgend jemand von der anderen Seite versucht Kontakt zu dir aufzunehmen», sagt sie. Ihre Augen sind dunkel und ernst. In meinem Nacken stellen sich die Haare auf. Ich habe Chase kein Wort von dem Spuk gesagt, hauptsächlich deswegen, weil ich jahrelang über ihren Glauben an Geister gespottet habe. Gerade in diesem Augenblick holpert ein Kleinlaster voller Drahtkleiderbügel über ein Schlagloch auf der Houston Street, und ein paar von den verrosteten Metalldingern scheppern klirrend auf den Bürgersteig. Das verschafft mir einen Augenblick Zeit, um mich wieder zu fassen. «Was für eine andere Seite?» bringe ich heraus. «Meinst du New Jersey?» «So ist es richtig, benimm dich nur wie ein Bastard, Bastard», sagt Jillian und springt vom Tisch auf. «Ich geh mir Zigaretten holen.» «Aber du hast doch schon welche», sagt Chase und deutet auf den Aschenbecher. «Egal», erwidert Jillian, stolpert hinüber zu der Seilschranke und verschwindet in der Nacht. Als von Jillian nichts mehr zu sehen ist, richtet Chase ihre dunklen Augen wieder auf mich. Ihr mißgestaltetes Gesicht sieht im gelben Licht der Straßenlaternen wie ein Totenschädel aus. «Ich hatte diese Träume», sagt sie. «Sehr lebendig, sehr klar. Irgend jemand will mit dir reden. Ich hatte sechs Träume und habe dich jedesmal angerufen. Und zum Schluß, im letzten Traum, habe ich einfach deine 52
Telefonnummer aufgeschrieben und sie dieser Hand gegeben, die aus einer Wolke herausragte. Eine Frauenhand mit vielen Ringen. Irgendwelche merkwürdigen Anrufe gekriegt in letzter Zeit?» Ich halte mich an der Tischkante fest, um nicht zu zittern. «Nur die Geldeintreiber», sage ich durch zusammengebissene Zähne. «Collegedarlehen. Sie werden langsam ziemlich aggressiv.» «Und sie sagt, du kennst ihre Cousine oder so. Ich bin nicht ganz durchgestiegen. Das ist alles, was ich dir im Augenblick erzählen kann.» «Chase, können wir bitte über etwas anderes reden?» Endlich gehen die Lichter wieder an, der englische Kellner kehrt zurück, und die Musik setzt wieder ein. Wir warten darauf, daß Jillian zurückkommt, aber nach zwei Stunden ist immer noch nichts von ihr zu sehen; sie ist wahrscheinlich losgezogen, um etwas Heroin aufzutreiben. Dann bin ich betrunken, und Chase ist noch betrunkener, und wir gehen rüber zu Stella’s auf der Second Avenue und dann zur Telephone Bar, bis wir schließlich im Blue and Gold in einer der Nischen in der Nähe des Billardtisches landen. Die Bälle krachen über den abgeschabten Filz, und aus der Jukebox schrillen Question Mark und die «96 Tears» der Mysterians, und der Mann in der Jägerjacke auf dem verblichenen Jagdbild aus den Fünfzigern, das mir gegenüber an der Wand hängt, kommt seiner Beute niemals auch nur einen Schritt näher, und Chase läßt den Kopf auf meine Schulter sinken und fängt wieder mit der alten Leier an, daß sie ihr Leben nicht ertragen kann. «Ich meine es ernst», sagt sie. «Ich komme langsam an den Punkt, wo ich von der Brooklyn Bridge springen und der ganzen erbärmlichen Angelegenheit ein Ende machen 53
möchte.» Dann bittet sie mich, sie zu küssen, aber ich kann nicht, weil ihre Lippen total schief sind, eigentlich überhaupt keine richtigen Lippen, sondern irgend etwas, das die plastische Chirurgie aus einem Stück Haut von ihrem Hintern gemacht hat. «Ist schon in Ordnung», sagt Chase, als ich den Kopf hängen lasse. «Ich mache dir keinen Vorwurf. Scheiß drauf! Wir sitzen sowieso alle in der Scheiße mit Kurs auf irgend etwas Unheimliches und Schreckliches. Das ist noch etwas, was ich aus meinen Träumen weiß. Du und ich und Jillian…» Aber plötzlich verlöscht das Licht in ihren Augen, und sie sinkt ohnmächtig und mit geöffnetem Mund in sich zusammen. Ich sitze im Taxi, auf dem Rückweg nach Brooklyn. Der haitianische Fahrer flucht leise vor sich hin, überfährt rote Ampeln und läßt Voodoo-Musik aus dem Radio plärren sie fahren alle nur äußerst ungern über die Brücken -, aber schon bald sind wir in der Canal Street, und ich höre das vertraute Rumpeln von Reifen auf Eisengittern, und wir sind hoch oben über dem Fluß; New York liegt unter uns, von allen Seiten eingehüllt in falschen Flitter und flackernde Lichter, so rein und unverdorben im hellen Mondlicht wie die Stadt Gottes in der Vision des heiligen Augustinus. Und für einen kurzen Augenblick und Chase’ düsterer Prophezeiung zum Trotz scheint es, daß wir doch eine Chance haben, daß unser Leben sich am Ende noch zum Guten wenden wird.
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ieder ein Montagabend, kurz nach elf, und der Himmel ist schwarz von dem Unwetter über Brooklyn und den großen Schornsteinen des Elektrizitätswerks auf der anderen Straßenseite, und ich sitze in dem orangefarbenen Naugahyde-Sessel in meinem Wohnzimmer und versuche eine Schale Fruit Loops zu essen, aber ich bin wie gelähmt vor Angst. Die Lichter in der Wohnung haben sich in einer Art übernatürlicher Verdunkelung abgedämpft, und der Geist beschäftigt sich damit, Möbelstücke zu verrücken. Ich hatte mir gerade die Elf-Uhr-Nachrichten angesehen, als der Fernseher zu rauschen und zu flimmern begann und die Möbel anfingen zu knarren wie der Rumpf eines alten Schiffes. Jetzt stehen mir die Haare zu Berge, und ich habe Ohrensausen. Es ist so, als säße man mitten in einer Dekompressionskammer, in der der Druck sich ständig verändert. Zu meiner Linken fällt der Schreibtischstuhl um, als hätte ihn eine Sturmböe erwischt. Dann öffnet sich mit einem leisen, schmatzenden Laut die Kühlschranktür. Im schauerlichen weißen Licht leuchten mir Ketchup, Bierflaschen und tagealte Bagels aus dem Inneren entgegen. Der Poltergeist hat schon vorher Möbel verrückt, aber auf das, was jetzt passiert, bin ich nicht vorbereitet: Das schwere Bücherregal auf der anderen Seite des Zimmers neigt sich knarrend dem Boden zu, und die Bücher poltern auf den Teppich. Plötzlich macht das Regal einen kleinen Hüpfer, dann noch einen, und alles, was mir dazu einfällt, sind die lebendigen, tanzenden Teetassen in Walt-DisneyFilmen. Mit einer übelkeiterregenden Parodie 55
menschlicher Bewegungen hopst das Bücherregal fast zwei Meter auf mich zu, zögert einen Augenblick lang mit einer Geste, die irgendwie feminin wirkt, und kippt dann mit einem gewaltigen Krachen vornüber. Im nächsten Moment flackern die Lichter wieder auf, der Druck in meinem Nacken läßt nach, das Fernsehbild formiert sich zitternd wieder zu dem gewohnten Bild des Nachrichtensprechers, und Normalität kehrt ein. Ich seufze und nehme noch einen Löffel Fruit Loops, die mittlerweile matschig geworden sind. Da kommt es mir in den Sinn, daß der Geist, wenn er Bücherregale voller historischer Schriften durchs Zimmer hüpfen lassen kann, diese Bücherregale genausogut dazu benutzen könnte, um mir damit den Kopf einzuschlagen. Und mit der Endgültigkeit eines Schlüssels, der ins Schloß gleitet, wird mir klar, daß der Geist mit jedem Tag stärker wird und daß er vielleicht versucht, mich zu töten.
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egen Mittag treffe ich Pater Rose, der auf dem Kirchhof seinen Schlag übt. Er hockt auf einer niedrigen Grabplatte, die Spikes seiner Golfschuhe in die Sandsteintafel gebohrt, ein Eisen-9 in der Hand. Die Taschen seiner Soutane sind zum Bersten voll mit Übungsbällen. Sie geben einen leisen, pfeifenden Ton von sich, wenn er sie in hohem Bogen durch die Luft sausen läßt, ein weißes Schwirren im heißen Wind, bis sie von ihrem Ziel abprallen, dem schwarzen Obelisken, der etwa zwanzig Meter weiter weg steht. «Mr. Conti», sagt er, als ich die schmale Treppe von der Krypta hinaufkomme, «bitte halten Sie mich nicht für respektlos jenen gegenüber, die hier liegen.» Er klettert von dem Stein herunter, streift sich die Golfhandschuhe aus italienischem Leder ab und schüttelt mir die Hand. «Dieser Gedanke ist mir nicht gekommen, Pater», sage ich. Er zwinkert mir zu. Unsere Beziehung hat etwas Verschwörerisches angenommen, so als versuchten wir beide mit vereinten Kräften, dem Papst etwas unterzujubeln. «Ich denke eher, daß die Toten wohl nichts gegen ein wenig Gesellschaft einzuwenden haben.» Ich blinzele in das grelle Licht und niese. Nach der Dunkelheit der Krypta brennt mir die Sonne in den Augen, und meine Allergien spielen verrückt. Jeder Karton mit Dokumenten scheint seine eigene Spezies von Schimmelsporen zu haben. Einige lassen mir die Augen tränen, andere bringen mich zum Husten, und wieder andere bescheren mir einen wahren Niesrausch. Ich niese noch einmal; Pater Rose wünscht mir Gesundheit und fuchtelt mir mit dem Eisen-9 vor dem Gesicht herum. 57
«Sehen Sie das?» «Ja», sage ich. «Ein Eisen-9; ich übe heute meinen Chip», sagt er, nimmt seine Vortragspose ein und fährt in dem priesterlichen Tonfall fort, den er für Golf und Gott reserviert hat. «Der Chip ist einer der am wenigsten geübten Schläge, von guten Golfern enorm unterschätzt, einfach weil gute Golfer tief drinnen das Gefühl haben, ihr Spiel sollte nur aus dem Drive und dem Putt bestehen. Man schlägt einen Ball mit ein, zwei Drives auf das Grün, man puttet. Einfach, oder? Natürlich sind nicht einmal die Besten von uns talentiert genug, den Ball jedesmal mit perfekten Drives aufs Grün zu bekommen. Unser Ball landet im Rough, ein winziges Stückchen vom Grün entfernt, oder, Gott behüte, in einem Hindernis. In diesem Fall ist der Chip unser größter Verbündeter. Wenn man den vom Kurs abgekommenen Ball mit der Sünde vergleicht - Sie gestatten mir diese unbeholfene Metapher -, dann wird der Chip zu einer Art notwendiger Buße. Und den Chip zu ignorieren, ist eine große Eitelkeit, die wiederum eine Todsünde darstellt. Verstehen Sie, worauf ich hinauswill?» Ich bejahe. Pater Rose lächelt, die Augenlider halb geschlossen, heiter und gelassen wie ein Kardinal. Dann folgt er mir hinunter in die Krypta und läßt sich zu einem Lagebericht auf dem ramponierten Stuhl nieder. Er ist eigentlich kein mißtrauischer Mensch, aber er ist vorsichtig und kontrolliert zweimal wöchentlich meine Fortschritte im Archiv. «Also, wie geht es voran?» fragt er jetzt. Ich wate wie ein Fischer in Anglerstiefeln durch das Chaos. Eine Fliege summt um die nackte Glühbirne an der Decke herum, während ich ein dickes gelbes Blatt ans 58
Licht halte. «‹… und obwohl unser Leben in diesem neuen Land voller Entbehrungen ist›», lese ich laut vor, «‹ und man immer häufiger davon hört, daß Siedlungen in unserer Nähe überfallen werden, glauben mein Mann und ich trotzdem, daß dieses weite Land eine wahre Labsal für die Seele darstellt. Besser hier unter Wilden und schreienden Eulen und Raubtieren als zu Hause im Osten, umgeben von den Bewohnern der falschen und sündhaften Städte, die wir hinter uns gelassen haben. Sonntags gehe ich in Ermangelung einer Kirche und eines Gottesdienstes in den Feldern spazieren, inmitten von Gottes wunderbarer Schöpfung…› Ein schöner Gedanke, nicht wahr, Pater?» Er runzelt die Stirn. «Was ist das?» «Ein Brief von einem Gemeindemitglied, das um 1846 in eine Siedlung im Wilden Westen ausgewandert ist. Von einigem Interesse als historisches Dokument, würde ich meinen.» «An wen adressiert?» Die Augen des Priesters leuchten auf. «Weiß man nicht», sage ich. «Die erste und letzte Seite fehlen.» «Ah.» Er dreht sich um und blättert geistesabwesend einen Stapel Gasrechnungen aus den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts durch. «Wie Sie dort sehen, ist das Pfarrhaus 1876 auf Gaslicht umgestiegen», sage ich. «Und elektrische Leitungen sind erst ziemlich spät hinzugekommen, Anfang dieses Jahrhunderts.» «Das ist ja alles sehr interessant», sagt Pater Rose mit einer ungeduldigen Schärfe in der Stimme. «Aber nicht das, wonach wir suchen. Ich fange gerade an, den Papierkram für die Ritenkongregation vorzubereiten. Ich 59
habe einen Brief an den Bischof geschrieben. Es ist eine sehr komplexe Prozedur. Ich brauche etwas Konkretes. Bald.» «Tut mir leid, Pater, keine Wunder. Aber ich habe bereits eine Menge Papier durchgesehen.» Ich zeige auf die säuberlich gestapelten Häufchen, die überall herumliegen. «Und ich werde mir noch sehr viel mehr ansehen. Außerdem war ich bei der Historischen Gesellschaft von Brooklyn und in den Archiven der Erzdiözese. Es ist fast so, als hätte die Geschichte unsere Heilige mit Haut und Haaren verschlungen. Ich habe sogar in historischen Fachzeitschriften inseriert. Ein Aufruf mit der Bitte um Briefe, Informationen, irgend etwas. Bisher ohne Ergebnis.» Ich sehe, daß er enttäuscht ist. Er macht einen zaghaften Schritt auf das Eisengitter zu, durch das man in die Krypta gelangt. In der Grabesdüsternis da draußen kniet eine alte Frau vor einer in die Wand eingelassenen Gedenktafel. Eine elektrische Votivkerze flackert in einer Nische neben einem Schwarzweißporträt von einem jungen Mann, das in einem Oval aus durchsichtigem Zelluloid steckt. Im Hintergrund hört man wie immer, sogar durch diese dicken Mauern, die Verkehrsgeräusche. «Pater?» Er dreht sich wieder um. «Ob ich Sie wohl in einer anderen Angelegenheit um Rat fragen dürfte?» Wir gehen nach oben, in sein helles Büro im dritten Stock des Pfarrhauses, und umgeben von Golftrophäen erzähle ich ihm von dem Geist. Es macht mich nervös, darüber zu reden, und ich unterdrücke den Drang, niederzuknien und ein Bußgebet zu sprechen wie ein Zehnjähriger bei seiner 60
ersten Beichte, so als hätte ich den Geist mit meinen eigenen unverziehenen Sünden selbst über mich gebracht. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück und legt die Fingerspitzen zusammen. «Glauben Sie, es handelt sich um eine feindselige Erscheinung?» fragt er schließlich. «Schwer zu sagen, Pater. Zuerst die Steine, jetzt die Möbel. Und ich habe immer das Gefühl, als würde mir jemand über die Schulter sehen. Es ist wirklich sehr bedrückend.» «Warum erzählen Sie mir das alles, Mr. Conti?» «Ich dachte, Sie hätten vielleicht eine Idee, wie ich ihn loswerden kann», sage ich. «Eine Umsiedlung sozusagen.» Unglücklich rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her. «Gespenster fallen nicht mehr in den Zuständigkeitsbereich der Kirche, fürchte ich. Nur Geister.» «Gibt es da einen Unterschied?» «Natürlich. Sie kennen das Zweite Vatikanische Konzil?» «Sicher.» «Im Zweiten Vatikanischen Konzil wurde mit vielen alten Praktiken kurzer Prozeß gemacht. Der Exorzismus war eine davon. Ich sage nicht, daß es ihn überhaupt nicht mehr gibt. Nur eben extrem selten. Und es gibt eine Strömung, die solche Aktivitäten aufs Schärfste mißbilligt. Zur Zeit obliegt es den jeweiligen Bischöfen, ob sie in ihren Diözesen Exorzismen zulassen oder nicht. Bischof Allen lehnt sie ganz entschieden ab. Heutzutage glaubt die Kirche an Psychologie und verdrängte Erinnerungen. Unsere Interessen gelten Freud und der Psychotherapie, 61
nicht mehr Geistern und Dämonen.» «Was ist mit Heiligen?» Diese Frage ignoriert er. «Wenn ich in meiner Gemeinde einen Exorzismus genehmigen würde und es dem Bischof zu Ohren käme», sagt er, «würde man mich zur Erholung auf eine Ferienranch in Arizona schicken, im Verein mit all den anderen überspannten Priestern, die die Finger nicht von den Meßdienern lassen können. Und das ist nicht die Art von Gesellschaft, mit der ich gern für zehn oder zwölf Monate eingesperrt sein möchte.» Ein sanfter Lichtschein umgibt die blankpolierten Trophäen in ihren Vitrinen. Arnold Palmer lächelt wohlwollend auf uns herab. Hier, in dieser Umgebung, fällt es schwer, an die gespenstische Stille meiner Wohnung um drei Uhr morgens zu glauben, in der der Geist in der Dunkelheit wie eine Motte gegen das Fliegenfenster flattert. Pater Rose steht auf und nimmt seinen Putter aus der karierten Golftasche in der Ecke. «Sonst noch etwas?» Ich zögere. «Ein Rat? Hilfreiche Hinweise?» Er beugt sich vor und zielt mit dem Schläger auf einen der Übungsbälle, die auf dem Teppich verstreut liegen. Dann richtet er sich auf und heftet seine schwarzen Augen auf mein Gesicht. «Ja. Sie leben in einer schrecklichen Gegend, in einem Apartment, das ungewöhnlichen Störungen ausgesetzt ist. Mein Rat ist sehr einfach. Ziehen Sie um.»
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m Donnerstag nehmen Rust und ich die U-Bahn, um uns im Kino an der Ecke Fünfunddreißigste und Dritte eine in voller Länge wiederhergestellte Version von Nicholas Rays 55 Tage in Peking anzusehen. Der Film ist schrecklich, ein miserabel konzipiertes Epos über die Belagerung des europäischen Viertels in Peking während des Boxeraufstands von 1900 mit Charlton Heston, Ava Gardner und David Niven in den Hauptrollen. Er strotzt nur so von der für die Fünfziger typischen Hysterie, von Pappchinesen, schlechter Schauspielerei und mißverstandenen historischen Tatsachen, aber ich nehme kaum Notiz davon. Ich kann mich nicht auf die Handlung konzentrieren, weil ich immer noch über den Rat des Priesters grübele. Ich grübele jetzt schon seit zwei Tagen. Ich habe die Kleinanzeigen in der Voice immer wieder durchgelesen, aber die Schlußfolgerung ist stets die gleiche: das hier ist New York, selbst ein Korridor wird hier für fünfhundert Dollar im Monat vermietet. Und solange es mir nicht gelingt, die erste und die letzte Miete zuzüglich der Kaution zusammenzusparen - ungefähr zweitausend Dollar -, kann ich mir einen Umzug nicht leisten. Nach dem Film warten wir an der Fünfunddreißigsten auf dem leeren Bahnsteig zwei Ebenen tiefer auf die F nach Brooklyn. Wir warten ziemlich lange, aber von der F ist keine Spur zu sehen. Der Gestank und die Wärme hier unten sind schier unerträglich. Ratten huschen zwischen Müll und schwarzen Wasserpfützen die Trassen entlang. Von irgendwoher kommt ein langsames, tröpfelndes Geräusch. Ich fühle mich wie ein Statist in einem Sergio63
Leone-Western, hängengeblieben in einer dieser gewaltigen Cinemascope-Großaufnahmen von Desperados, die auf den Santa-Fe-Expreß warten, um einen der Fahrgäste zu töten. Rust schlurft an der Bahnsteigkante entlang. Dann wirbelt er plötzlich auf seinem Stiefelabsatz herum und sieht mich an. «Ich will dir eine Geschichte erzählen», sagt er. Ich rolle mit den Augen. «So ungefähr vor zwanzig Jahren war ich als Rancharbeiter auf einer Hazienda in Mexiko, im Bundesland Chiapas. Die Leute waren sehr reich, alteingesessene Grundbesitzer. Die von König Carlos von Spanien unterzeichnete Urkunde hing in einem großen Rahmen in der Halle der Hazienda. Consuela, die dreizehnjährige Tochter, war mit einem Poltergeist geschlagen, so wie du. Wenn sie in der Nähe war, schleuderte das Ding den Leuten Schüsseln voller Chili an die Köpfe, warf Gemälde von den Wänden, ließ Türen zuknallen. Einmal hat der Geist bei einem Tanzabend, den sie im Ballsaal veranstalteten, die Katze in ein Faß mit Tequila-Punsch geworfen. Das wäre ja alles noch ganz komisch, wäre da nicht das Ende der Geschichte. Eines Nachts verschwand das Mädchen. Am nächsten Morgen war sie einfach nicht in ihrem Zimmer. Eine Woche lang haben wir nach ihr gesucht. Wir Rancharbeiter mußten die ganze Umgebung durchkämmen. Wenn es dunkel wurde, nahmen wir Taschenlampen mit in die Hügel hinauf. Aber gefunden haben wir sie schließlich auf andere Weise. Gefunden haben wir sie wegen der Vögel.» «Vögel», sage ich mit einem Kloß in der Kehle. «Was für Vögel?» «Ganz plötzlich versammelten sich Geier auf dem Dach 64
der Hazienda. Sie sind niemandem besonders aufgefallen, bis es irgendwann ein halbes Dutzend war; große, böse, schwarze Vögel, die auf uns herabstarrten. Schließlich lehnte Luis eine Leiter an die Dachtraufe und kletterte hinauf, und da war sie, die arme Kleine, beziehungsweise das, was noch von ihr übrig war. Die Augen und alle weichen Teile hatten die Geier gefressen. Mit der linken Hand hielt sie eine Flasche Rattengift aus der Küche umklammert. Bei der Gerichtsuntersuchung hieß es, daran sei sie gestorben; ihre Zunge war ganz schwarz von dem Zeug. Es ging als Selbstmord durch. Aber wie sie aufs Dach raufgekommen war, konnte niemand sagen. Einige Leute meinten, es sei der Geist gewesen, der Poltergeist, der sie irgendwie dort hinaufbrachte und ihr das Gift in die Hand drückte. Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, daß es nicht gut tut, mit diesen verdammten Dingern zu leben. Es ist, als lebe man mit einer undichten Gasleitung. Früher oder später muß es einfach knallen.» Ich öffne den Mund, um etwas zu sagen, bin aber plötzlich total erschöpft. Ich möchte nicht mehr daran denken. Jetzt warten auch einige andere Fahrgäste auf dem Bahnsteig. Ein tadellos gekleideter alter Mann führt hitzige Selbstgespräche; zwei schwarze Teenager, die trotz der Wärme Lederparkas tragen, hängen über einem tragbaren Recorder, aus dem Rap-Musik plärrt; eine dünne, traurig aussehende Frau starrt angestrengt auf das dritte Gleis. Plötzlich blickt Rust auf, und in diesem Augenblick spürt man einen heißen Wind aus dem Tunnel, gefolgt von einem gewaltigen Dröhnen. Bei diesem Geräusch kommen ungefähr zwanzig junge Puertoricaner von dem Nahverkehrszug-Gleis eine Ebene über uns heruntergestampft, und der Bahnsteig ist voll. Aber als der Zug einfährt, geht ein Stöhnen durch die Menge. Es ist ein Dienstwagen, an den 65
Längsseiten mit schwarzen und gelben Streifen bemalt wie ein Pestschiff, die Fenster vergittert. Aus unerklärlichen Gründen steht der Dienstwagen die nächsten fünfzehn Minuten auf dem Bahnsteig. In dem einzigen Waggon des Zuges huschen Männer in hellblauen Uniformen hin und her. Im Zugbegleiterwagen stapeln sich kaputte Drehkreuze, Eisenschrott und sonstiger Müll. Schließlich fährt eine Ebene über uns ein anderer Zug ein, und auf der Treppe ertönen die Schritte schwerer Stiefel. Fünf Bahnarbeiter, ausgerüstet mit Pistolen, laufen hastig den Bahnsteig hinunter. Sie haben zwei nervöse Männer in Anzügen im Schlepptau, die kleine schwarze Aktenkoffer bei sich tragen. Die Türen öffnen sich, die Wachen und die beiden Männer treten in das gelbe Licht, und eine Sekunde später ist der Dienstwagen verschwunden, davongeschlingert in die Dunkelheit des Tunnels. Ich blicke hinüber zu Rust. Er zuckt mit den Schultern. «New York», sagt er. «Da weißt du nie, was los ist. Nicht wirklich. Wir wissen nur, was man uns erzählt. Und man erzählt uns nicht viel.» Er hat recht. Diese Stadt ist eine einzige riesige Verschwörung, ein Rätsel, dessen Lösung geschickt vor uns verborgen wird. Es gibt da etwas, das wir nicht mitkriegen, obwohl gewisse Hinweise unübersehbar sind: Dampf erhebt sich über den Straßen, das Pflaster vibriert. Das Grundgestein unter unseren Füßen ist durchschossen mit Tunneln und Geheimgängen, Arterien, die in die Finsternis unter den Wolkenkratzern führen, zu einer geheimen Endstation, wo das Herz der Stadt bloß liegt, pulsierend und schrecklich, liebevoll umsorgt von Bahnarbeitern wie eine Ameisenkönigin von den Arbeiterinnen - die Kammern seiner mechanischen Pumpe befeuert mit Dampf und Blut und den zerstörten Hoffnungen von Millionen. 66
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onntag. Chase gibt in ihrem Loft östlich von Carroll Gardens eine Dinnerparty für Jillian. Ich spiele mit dem Gedanken, nicht hinzugehen, aber Sonntage sind schlimm: lange, leere Nachmittage voller Flüstern und schalem Sonnenlicht, gefolgt von unbarmherzigen Abenden, die wie eine Eiswand vor einem aufragen. Es ist nicht das Essen - Chase ist eine hervorragende Köchin, bewandert in verschiedenen, auch ziemlich unbekannten asiatischen Kochstilen -, es sind ihre Freunde: eine kunterbunte Schar von Filmleuten, die sich was darauf einbilden, zur Szene zu gehören, sowie drogensüchtige junge Burschen in Stulpenstiefeln, Hexen, Kommunisten und Performancekünstler. Rüde Bohémiens mit einer leidenschaftlichen Antipathie gegen Tischmanieren und die alltäglichen Liebenswürdigkeiten, die das Getriebe des bürgerlichen Lebens geschmeidig halten. Als die Dunkelheit vom Fluß heraufsteigt, gehe ich die Tide Street hinauf und kriege in der Knox Street die F zur Bergen Street. Die Gegend hier ist mittlerweile überwiegend spanisch, aber in ein oder zwei Häuserblocks leben immer noch Italiener; es gibt eine Reihe italienischer Restaurants und einige wenige sichere Straßen, in denen wahrscheinlich Mafia-Leute die Runde machen. Chase’ Loft liegt an der Ecke Smith und Baltic in einer alten Episkopalkirche, St. John the Baptist. Die Kirche wurde vor zehn Jahren, nachdem der letzte Episkopale Brooklyns geflüchtet oder gestorben war, in ein Wohnhaus umgewandelt. Die massiven, mit Eisennägeln beschlagenen Türen auf 67
der Seite zur Baltic Street hin sind mit einem Eisenklopfer von mittelalterlichen Proportionen ausgestattet. Durch die gotischen Buntglasfenster schimmert Licht, und ich höre das Dröhnen einer alten, auf volle Lautstärke gestellten Sob-Sister-Aufnahme. Nach einigen Sekunden öffnet Jillian mir die Tür, in der Hand ein Whiskyglas. Sie hat sich ihr blondes Haar heute abend weiß ausgebleicht und mit Gel nach hinten gestrichen, und sie sieht ungesund aus und sogar noch dünner als bei unserer letzten Begegnung. Sie trägt ein langärmeliges Strickoberteil, das wie ein nasser Badeanzug an ihrem Körper klebt, und ihre Rippen stehen hervor wie die Rippen auf einem Dürer-Porträt des gekreuzigten Christus. «Scheiße. Es ist der Bastard», sagt sie. Einen Augenblick lang sieht es so aus, als würde sie mich nicht reinlassen. «Jillian, schön, dich wiederzusehen», sage ich, nehme die Flasche billigen kalifornischen Chablis in die linke Hand und halte ihr die rechte hin. «Schon gut», sagt sie, macht eine wegwerfende Geste, dreht sich um und überläßt es mir, die Tür zu schließen und abzusperren. Ich sehe einen Moment lang zu, wie ihr knochiger Hintern die Treppe hinaufwackelt und kann nicht umhin, mit einer gewissen Wehmut an seine ehemals üppigen Proportionen zurückzudenken. Wieder einmal eine schöne Frau vor die Hunde gegangen, dank Heroin und New York City. Aber das ist eigentlich nicht fair. In meinen Augen ist der Rock ’n’ Roll an allem schuld. In den frühen Achtzigern, damals an der Brown University, gründeten Chase und Jillian zusammen mit einer Kunststudentin eine Frauenband. Chase zupfte den Baß, Jillian übernahm die Leadgitarre und sang, und die Kunststudentin hämmerte auf irgend etwas herum. In 68
jenen Tagen war der Punk das allgemein übliche Ausdrucksmittel der Gegenkultur, und Jillian war schon bald bekannt für ihre grellen Tätowierungen, ihr mißtönendes Kreischen und ihre Mißachtung aller Regeln des Anstands. Bei der Vorführung ihrer berüchtigten Nummer «Fuck me blind», ihrem Markenzeichen, zog sie sich nackt aus und masturbierte auf der Bühne mit dem Kopf des Mikrofons. Das Obszönste daran waren die feuchten, glucksenden Laute, die über die alten VoxVerstärker kamen. Drei Jahre lang hatte Sob Sister eine Reihe berühmtberüchtigter Auftritte in der Umgebung von Providence und in Boston. Die Mädchen wurden achtmal verhaftet und für kurze Zeit von der alternativen Plattenschmiede Dischord Label unter Vertrag genommen. Als alles vorbei war, war Jillians Stimme - ausgebildet für die Oper von den besten Gesangslehrern, die man mit Geld kaufen konnte - unwiederbringlich ruiniert. In der Mitte des Loft steht direkt unter einem gotischen Eiszapfen, der von der Decke herunterzeigt, ein langer Tisch aus ausrangierten Türen, hübsch gedeckt. Ich zähle zwölf schwarze, achteckige Teller, zwölf Sets bewußt durcheinandergewürfelter Silberbestecke. Ein Arrangement schwarzer Papierblüten treibt auf einer makellos sauberen, stählernen Bettpfanne in der Mitte des Tisches. Ich schenke mir etwas Wein ein und gehe voller Bewunderung für die einzelnen Gedecke an der langen Stuhlreihe entlang. Jede Serviette ist zu einem OrigamiVogel gefaltet, jeder Vogel anders als die anderen. Auf den Türknäufen balancieren Aschenbecher, gestohlen aus einem japanischen Hotel. «Hast du dich jemals gefragt, was in dieser Stadt mit den Türen geschieht?» rufe ich Chase zu. «Die Leute werfen 69
sie einfach weg! Man kann sie überall sehen, in Müllcontainern und Seitengassen; sie liegen einfach auf dem Bürgersteig rum. Dann mietet man eine Wohnung und muß feststellen, daß sämtliche Türen fehlen.» Chase, die hinter den Glasbacksteinen des Küchenbereichs über einen riesigen Wok voller Gemüse gebeugt ist, ignoriert mich. Sie hat genug zu essen gemacht, um eine Armee satt zu kriegen, aber bisher ist außer Jillian und mir nur Byron Poydras da. Er lümmelt sich auf der Ledercouch auf der anderen Seite des Zimmers, vollkommen vertieft in eine Ausgabe von Gnarl. Poydras ist auch einer von diesen Künstlerfreunden von Chase, bei denen ich nicht genau sagen könnte, was sie eigentlich tun. Ich gehe über die kahle Holzfläche hinüber zu der Couch. «Eins würde ich gerne mal wissen, Poydras», sage ich. «Was fängst du eigentlich mit deiner Zeit an?» Er blickt von seinem Comic auf, träge wie eine Katze. «Herumbummeln, meistens», erwidert er. «Okay. Und wo bummelst du rum?» Ein nichtssagendes Schulterzucken muß mir als Antwort genügen. Er ist ein langgliedriger Bursche von etwa siebenundzwanzig Jahren, einer von diesen schlaksigen Don Quichottes aus dem Süden. Ein Vorhang blonden Haares hängt permanent vor seinem Gesicht, die Knöpfe an seinen Manschetten stehen grundsätzlich offen. Das macht mich rasend. Ich möchte sie zuknöpfen, sein Haar mit einem Kamm bearbeiten. Statt dessen setze ich mich neben ihn und lese über seine Schulter hinweg mit. Gnarl ist ein Avantgarde-Comic, das Benito Mussolini als gerissenen Pandabären und Gabriele d’Annunzio und den Rest der Schwarzhemden als bösartige Waschbären porträtiert. 70
«Ned», sagt er ein paar Seiten später, «hör auf, über meine Schulter mitzulesen. Das macht mich nervös.» Es ist schwer vorstellbar, daß irgend etwas Poydras nervös machen könnte, aber ich ziehe ab, um mein Weinglas nachzufüllen. Im Gegensatz zu den meisten von Chase’ Freunden haben Poydras und ich etwas, das nach Boheme-Maßstäben als herzliches Verhältnis durchgehen kann. Er stammt aus New Orleans und hat einmal durch merkwürdige Umstände auf der Louisiana State University eine von Antoinettes Schwestern kennengelernt. Obwohl er selbst hetero ist, steckt er bis über beide Ohren in der Transvestitenszene, die ein Hauptbestandteil des Lebens im East Village zu sein scheint. Ich habe festgestellt, daß viele der hierher verpflanzten Louisianer an diesen perversen Spektakeln teilnehmen, die jeden August im Wigstock Festival im Tompkins Square Park gipfeln - eine ganztätige Angelegenheit, in deren Mittelpunkt Transvestiten, Frauenimitatoren und sexuelle Verwirrung stehen. Vielleicht ist es das Erbe von Mardi Gras, das die Louisianer in New York zu solchen Exzessen verleitet. Immerhin verkleiden sich mittlerweile seit mehr als einem Jahrhundert in den Karnevalsvereinen die Männer als Frauen und die Frauen als Männer. Wir warten eine Stunde lang, aber kein weiterer Gast trifft ein. Chase ist mit den letzten Vorbereitungen so beschäftigt, daß sie es nicht bemerkt, aber um halb elf ist alles fertig, und sie sieht sich in ihrer beinahe leeren Wohnung um, und ihre schiefstehenden Augen füllen sich mit Tränen. «Nicht schon wieder», sagt sie mit einem schrillen, unglücklichen Ton in der Stimme. «All das verdammte Essen.» «Es sind deine lausigen Freunde, Chase», rufe ich aus. «Sie finden es schick, nicht aufzutauchen. Es ist einfach 71
nicht cool, dort zu sein, wo man gesagt hat, daß man sein würde. Da draußen ist eine ganze neue Generation von Beatniks, die glauben, eingehaltene Verabredungen seien ein Zeichen unterschwelliger Mittelklassetendenzen.» «Du bist ein scheißelitärer Bastard.» Jillian wedelt mit ihrem whiskygefüllten Glas von der anderen Seite des Zimmers in meine Richtung. In der ganzen letzten Stunde ist sie nervös auf und ab gelaufen, hat Whisky verschüttet und Selbstgespräche geführt. Jetzt sind ihre Augen rot, ein hübscher Kontrast zu dem ungesunden Grün ihrer Haut. Sie kommt zu mir herüber und stößt mir einen Finger ins Gesicht. «Wieso glaubst du eigentlich, daß du was Besseres bist?» sagt sie. «Ich habe eine Neuigkeit für dich, du Scheißer - du säufst ab, genauso wie wir alle!» Ich bin erschrocken über ihre Worte und weiß nicht, was ich sagen soll. Einen Augenblick lang sind ihre Augen, rot und anklagend, alles, was ich sehen kann. «Ha», sagt sie und reißt, Whisky verspritzend, die Hände hoch. Aber in diesem Moment greift Chase ein. «Kommt schon, ihr zwei», sagt sie müde. «Laßt uns essen.» Das Essen heute abend ist indonesisch mit einem Hauch Thai. Als Appetithäppchen bekommen wir mit Curry zubereitete Shrimps, dann eine Kokosnußsuppe mit Limonengras, einen kalten Brokkoli-Muschel-Salat und schmackhaftes, erst gekochtes, dann gebratenes Hühnchen Jakarta. Von den halb geöffneten Buntglasfenstern, die auf die Baltic Street hinausgehen, bläst mir ein warmer Wind in den Nacken. Das Fenster, das mir am nächsten ist, zeigt Johannes den Täufer in seinem Eselsfell in der Wüste; das Bild daneben stellt den heiligen Andreas dar, wie er, ans Kreuz geschnallt, über einer kleinen Flamme aus buntem 72
Glas geröstet wird. Von irgendwo da draußen weht der Wind die klagenden Laute einer Tuba zu uns herüber. «Hört doch», sage ich und zeige mit der Gabel über meine Schulter. «Was sollen wir hören?» fragt Chase. «Ich muß es euch sagen», beginnt Poydras plötzlich von seinem Ende des Tisches. «Ich fixe. Habe mir drei Schüsse gesetzt, bevor ich heute abend ins Taxi gestiegen bin.» Dann lächelt er dämlich, wie ein Kind, das sich gerade in die Hosen gepinkelt hat. «Warum nimmst du vor meiner Dinnerparty Stoff?» fragt Chase ihn. «Das macht die ganze Erfahrung des Essens kaputt. Das Essen sollte für sich stehen.» «Die Musik», sage ich. «Hört denn niemand die Musik von draußen?» Chase schüttelt den Kopf. Aber meine Ohren sind schon immer sehr gut gewesen. Ich kann Babys über einen ganzen Häuserblock weg schreien hören; Paare, die sich im Nebenzimmer lieben, leise wie Kirchenmäuse; Uhren, die in den stillen Stunden des Morgens ticken, gleichmäßig wie ein Metronom. Eine Zeitlang essen wir, ohne zu reden. Da bemerkt Chase, daß Jillian ihren Teller nicht angerührt hat. «Jillian», sagt sie und klingt verletzt, «du hast versprochen, du würdest essen.» Jillian schiebt ihr Whiskyglas mit einer diktatorischen Geste zurück und erhebt sich vom Tisch. «Tyrannisier mich nicht, ja! Sag jetzt bloß kein Wort mehr!» faucht sie, einen hysterischen Ton in der Stimme, und dann stürzt sie zur Toilette am anderen Ende der Wohnung. Einen Augenblick später hören wir das Keuchen und Husten, mit dem sie sich hinter dem dünnen 73
grünen Vorhang erbricht, der die Toilette vom Rest der Welt abschirmt. «Gütiger Himmel», sage ich, und das Essen bleibt mir im Halse stecken, «was ist denn los mit ihr?» Ich denke, ich kenne die Antwort, denke, sie liegt unter den langen Ärmeln verborgen, aber ich bin überrascht zu hören, daß es etwas ganz anderes ist. Jillian ist magersüchtig geworden und kann sich deswegen nicht mehr mit Peepshows oder Pornofilmen durchschlagen; sie ist gezwungen, ihre reichen Eltern um Hilfe zu bitten. «Magersüchtig?» frage ich. «Was ist aus dem Heroin geworden?» Chase lächelt beinahe. «Das Heroin hat sie schon vor einem Jahr aufgegeben. Jetzt nimmt sie nichts mehr außer Single-Malt Scotch. Nicht mal was zu essen. Ab und zu trinkt sie einen Vitaminsaft, meistens gemischt mit Whisky. Es ist wie Milch, nur dicker und ekliger.» «Habe ich das richtig verstanden», sage ich laut, «du hast eine Dinnerparty für eine Magersüchtige gegeben?» Chase zuckt mit den Schultern. «Ich dachte, ich könnte sie dazu bewegen, etwas zu essen. Sie sagte, sie würde es versuchen. Ich habe mich geirrt.» Eine Viertelstunde später taucht Jillian wieder auf und setzt sich ganz ruhig hin, als sei nichts geschehen. Chase serviert das Dessert, eine Safraneiscreme, und dazu einen vietnamesischen Kaffee, mit Kondensmilch gesüßt. «Ich habe gerade mit Inge telefoniert», bemerkt Jillian. «Sie kommt auf einen Happen rüber. Ich dachte, bei all dem Essen, das übriggeblieben ist…» Mit gesenktem Kopf, demütig wie ein Dienstmädchen, nickt Chase und setzt sich wieder auf ihren Stuhl am Ende 74
des Tisches. Inge ist eine große Deutsche Mitte Zwanzig, rothaarig, mit sehr blasser Haut, einem etwas schiefen Lächeln, einem Pferdegebiß und Brüsten von der Größe des Matterhorns. Sie poltert die Stufen hinauf, küßt Jillian auf den Mund, bedenkt den Rest mit einem teutonischen Nicken, stürzt sich auf den Tisch und beginnt mit Begeisterung zu essen. Jillian lächelt, während Inge ißt. Vielleicht ißt Inge für sie beide. In sich gekehrt sitzt Chase vor ihrem Kaffee, raucht eine Zigarette, zwei Finger an die Stirn gelegt. Die Konversation, die bisher schon eher trostlos war, kommt vollkommen zum Erliegen, und wir alle sehen Inge beim Essen zu. Ab und zu blickt sie auf, lächelt uns an und wendet sich wieder ihrem Teller zu. Ihr Appetit ist gewaltig. Sie macht einer großen Platte Hühnchen den Garaus und hat die Muscheln mit Brokkoli schon zur Hälfte erledigt, als mir einfällt, wo ich sie schon einmal gesehen habe, und ich bin gerade betrunken genug, um es auszuposaunen. «Du hast einen Film gemacht, stimmt’s?» frage ich. «Du und Jillian. Ich hab ihn im Paramour gesehen. Ihr habt eure Sache wirklich gut gemacht, alle beide.» «]aha», strahlt Inge. «Wir hatten eine Szene zusammen in einem Fuck-Film. So haben wir uns kennengelernt.» Mit diesen Worten beugt sie sich über den Tisch und küßt Jillians eingefallene Wange. Chase funkelt mich durch den Rauch ihrer Zigarette wütend an, aber Jillian scheint es nichts auszumachen. «Und hast du dir einen runtergeholt, während wir es getrieben haben?» erkundigt sich Jillian und sieht mir direkt in die Augen. «Nein», sage ich und zucke zusammen. «Natürlich 75
nicht.» «Ich meine, ich könnte es verstehen, wenn du dir einen runtergeholt hättest; Inge und ich waren nämlich echt scharf zusammen.» «Jaha», sagt Inge lächelnd. «Später hat sich rausgestellt, daß Inge es gerne von hinten hat», fährt Jillian fort. «Als die Kamera abgestellt war, wollte sie, daß ich weitermache. Also haben wir an diesem Abend bei Florent gegessen, ich habe sie dann mit nach Hause genommen, und wir haben es noch mal versucht, ohne die Mannschaft und die Lichter. Du wärst überrascht, wie viele Frauen es so mögen. Von hinten.» «Sehr gut fürs Fucken», stimmt Inge ihr zu. «Faxen?» frage ich perplex. «Fucken.» «Was?» «Ficken, um Himmels willen, Ned», sagt Chase ärgerlich und drückt ihre Zigarette im Aschenbecher aus. «Oh.» Genau in diesem Augenblick erreicht uns wieder diese getragene, klagende Musik von der Straße. Es hört sich an wie eine Beerdigungsprozession in einem mexikanischen Dorf. «Hey, Ned», sägt Poydras, und seine Augen leuchten und sind gleichzeitig von einer Art Wahnsinn erfüllt. «Jetzt hör ich’s auch. Ich hör die Musik!» Die Musik wird lauter, scheint die Baltic Street heraufzukommen, ein lakonisches Klagelied - Tuba und Posaune, dazu das stetige Dröhnen einer Trommel und das zurückhaltende Klirren von Triangeln. Wie aufs Stichwort stehen wir alle vom Tisch auf und treten ans Fenster, Inge noch immer mit vollem Mund. 76
Es ist Mitternacht, und unten ist soeben eine italienische Kirchenprozession um die Ecke gebogen. Ich sehe eine kleine Blaskapelle, ein Dutzend langmähniger, italienischer Mädchen in engen schwarzen Kleidern, die auf ihren Stilette-Absätzen ein wenig wacklig wirken. Ihnen folgen sechs oder sieben Kerle mit an den Schultern ausgepolsterten Anzügen, die auf einer schwarzverhüllten und mit billigem Silbertand behängten Sänfte eine fünf Meter hohe Gipsstatue der heiligen Jungfrau tragen. Im Schlepptau dieses heiligen Bildnisses mühen sich ein paar alte Italienerinnen, über ihre Rosenkränze gebeugt, auf den Knien das Pflaster entlang. «Wow», sagt Poydras. «Was ist das, die Beerdigung von irgendwelchem Gesindel?» fragt Chase. «Guckt euch doch nur diese Flittchen mit ihren langen Haaren an.» «Es ist das Fest der Jungfrau von Palermo», erwidert Jillian leise. «Fing vor ein paar hundert Jahren mit einem einfachen Schuster in Sizilien an. Banditen hatten - in einer Vendetta - seine Kinder entführt, und er ging in die Basilika und versprach der Jungfrau Maria, auf Knien durch die ganze Stadt zu rutschen und dabei den Rosenkranz zu beten, wenn seine Kinder gesund und munter zu ihm zurückkämen… Na ja, er bekam seine Kinder zurück, aber in Stücke gehackt wie ein Haufen Steaks. Also packte er ihre blutigen Leiber in eine Schubkarre und schob sie am nächsten Tag zum Entsetzen der Gemeinde während der Messe in die Basilika. Dort ließ er sich auf die Knie fallen und flehte die heilige Jungfrau an, seine Kinder wieder ins Leben zurückzurufen. Vor den Augen der versammelten Gläubigen fügten die blutigen Stücke sich wieder zusammen und die Kinder hüpften aus der Schubkarre, flink wie Pinocchio, lachend und plappernd und so gut wie 77
neu.» «Was für eine Scheiße die Leute doch so glauben», sagt Chase. Jillian zuckt mit den Schultern. «Als die Gegend hier noch italienisch war, gab es immer Tausende von Leuten, die dieser Statue folgten, die meisten von ihnen auf den Knien. Aber die Puertoricaner haben nichts übrig für die Jungfrau von Palermo. Sie haben ihre eigenen Heiligen.» «Woher weißt du das alles?» fragt Poydras voller Ehrfurcht. «Stand heute morgen im Lokalteil der Times», erwidert Jillian. Als die Prozession unter unserem Fenster vorüberzieht, erkenne ich auch die Melodie. Es ist eine alte italienische Weise. «He, Jillian», sage ich, «kennst du die Melodie? Es ist eine Arie aus…» «Ja, ich weiß, aus Massenets Manon.» Sie zieht einen Stuhl ans Fenster, stellt sich drauf und beginnt, in einem klaren, hohen Sopran zu singen, der bis zu der Prozession auf der Straße hinunterdringt. Die Leute blicken überrascht auf, und als sie Jillian im Licht des Kirchenfensters singen sehen, brechen sie in Jubelrufe aus. Einige Sekunden lang erklingt ihre Stimme glockenhell. Ich beobachte ihr Gesicht und habe den Eindruck, machtvolle Emotionen dort vorüberziehen zu sehen: Bedauern, Scham, eine Sehnsucht nach Reinheit. Aber nach wenigen Augenblicken bricht ihre Stimme, sie gerät ins Stocken und ringt nach Luft, und dann marschiert die Prozession an uns vorbei, hinein in die Nacht.
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eute abend wird Brooklyn von Regengüssen gepeitscht. Der Fluß riecht wie ein nasser Hund. Moskitos tanzen über die Wände, aber ich bin zu müde, um mich auf die Jagd nach ihnen zu machen. Statt dessen döse ich zur Wiederholung einer alten Folge von Enterprise vor mich hin, schlafe in dem orangefarbenen Naugahyde-Sessel vorm Fernseher ein und habe einen sehr lebhaften Traum. In dem Traum stehe ich auf der oberen Galerie eines großen Hauses mit Blick auf einen Fluß; dieser Fluß ist braun und bewegt sich träge dem Horizont entgegen. Eine lange, zu beiden Seiten von immergrünen Eichen gesäumte Auffahrt führt zum Ufer hinunter, und ein Stück weiter weg sind Männer und Frauen in weißen Kleidern auf den Feldern bei der Arbeit. Die Sonne brennt vom Himmel und wirft die dicken, schwarzen Schatten der schweren Säulen auf das polierte Holz der Galerie. Eine Gruppe von Reitern versammelt sich unten vor den Treppenstufen in der Auffahrt. Ich kann das Schnauben der Pferde hören und die Männer, die lachen und plaudern, und eine unerfreuliche Wolke von Zigarrenrauch steigt in der stickigen Luft zu mir auf. Es ist sehr heiß, und mein Herz schlägt so schnell. Ich halte den Atem an und spüre das Hämmern in meinen Ohren. Kurz darauf brechen die Männer auf; die Hufe ihrer Pferde klingen hohl im Staub, und die Halfter klirren. Ich bin froh, daß sie fort sind, denn ich warte auf einen anderen. Ich warte eine ganze Stunde lang, verstecke mich in den heißen Schatten unter der Dachtraufe, und es liegt eine so furchtbare Vorahnung in der Luft, daß mir ganz 79
schwindlig wird, und die Hitze ist schrecklich. Endlich sehe ich eine einsame Gestalt auf einem Pferd die Straße entlangkommen. Sie reitet auf das Haus zu, und ich trete aus dem Schatten heraus und lege meine Hand auf das Geländer, und da plötzlich sehe ich, daß meine Hand weiß und zart ist und zwei kunstvolle Ringe auf den beiden mittleren Fingern stecken, einer davon ein Rubin von antikem Schliff und mit Diamanten umgeben, die im Sonnenlicht glitzern und funkeln. Es ist eine Frauenhand. Da höre ich einen Mann die Treppe heraufkommen und seine Stimme, die meinen Namen ruft, und mein Herz rast wie verrückt, denn es scheint mir, als hätte ich so lange auf ihn gewartet, so lange… An dieser Stelle weckt mich die Nationalhymne im Fernsehen, und mein Hals und meine Schultern sind schweißnaß. Hinter mir nehme ich ein leises, raschelndes Geräusch wahr, aber ich drehe mich nicht um, denn ich habe Angst vor dem, was ich dort finden würde. Ich bleibe in dem orangefarbenen Sessel sitzen, unbeweglich und steif, bis das Rascheln aufhört. Dann stehe ich ganz vorsichtig auf - immer noch, ohne mich umzudrehen -, gehe ins Bett und ziehe mir die Decke über den Kopf, und ich mache weder die Lichter im Wohnzimmer noch den Fernseher aus, der bis zum Morgen vernehmlich knackt und zischt.
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ie Tide Street ist ein langer, dunkler Canon. Zwei noch funktionierende Straßenlaternen senden ihr purpurfarbenes Flackern in die Düsternis; die übrigen sind kaputt. Ich komme spät von der Arbeit nach Hause und halte mich ganz nah an den dunklen Backsteinmauern der Lagerhäuser, wende mich dann nach links und mache einen Umweg die Tyler Street hinunter, um den Tippelbrüdern und den wilden Hunden aus dem Weg zu gehen, die von den wochenalten Pitataschen in den Müllcontainern vor der Bäckerei Damascus leben. Dann gehe ich durch die schmale Gasse zwischen den Lieferwagen der Bäckerei hindurch, die schweigend und schwarz wie düstere Kolosse dort lauern. Irgend etwas krampft einem an dieser Stelle das Herz zusammen, nicht eigentlich Furcht, sondern eher die Gewißheit, daß man es nicht schaffen wird, daß heute nacht die Nacht ist; ein paar gesichtslose Gangster, eine Kugel, auf der dein Name steht - und jetzt, als ich aus dem Schatten heraustrete, bleibt mir das Herz stehen: Ich mache eine Gestalt aus, vielleicht zwei, die sich ein ganzes Stück vor mir zwischen den Lieferwagen auf mich zu bewegen. Ich erstarre. Dann höre ich ein vertrautes Knurren, und die Gestalten werden deutlicher. Zu meiner ungeheuren Erleichterung ist es der «Angsthase mit den Hunden» . Das war Molesworths Bezeichnung für einen chronisch verängstigten Nachbarn, dessen wirklicher Name Geoff Pulaski ist. Geoff ist ein großer, magerer Mann Ende Dreißig, der das ganze Jahr über schwarze Ledersachen trägt und zudem einen verblüffenden, vorzeitig ergrauten 81
Haarschopf hat, der von seinem Hinterkopf absteht, sowie ein weißes, angespanntes Gesicht, das aus einem Holzschnitt von Edvard Munch stammen könnte. Geoff nimmt, als wir auf gleicher Höhe sind, die Leine kurz und sieht mich in der Dunkelheit prüfend an. Die Hunde knurren und scharren auf den Pflastersteinen, zerren an ihren Ketten, um mir an die Kehle gehen zu können. Es sind Mastiffs, größer als Rottweiler und noch tödlicher, gezüchtet für die Bärenjagd im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Sie sind nicht anders als die vielen anderen Tiere in unserer Gegend: große Savoyarden, russische Wolfshunde und einige wenige dänische Doggen, alle angeschafft von nervösen Bohémiens, die kaum Geld genug haben, um sich selbst durchzubringen geschweige denn Tiere, die in zwei Tagen ihr Eigengewicht an Hackfleisch verschlingen. Statt den Rest des Heimwegs allein zurückzulegen, beschließe ich, Geoff zur Hundepromenade nach Brooklyn Heights zu begleiten. Er begreift sofort, aber unglücklicherweise ist es nicht möglich, schweigend nebeneinander herzugehen. Wir müssen miteinander reden, um die Illusion aufrechtzuerhalten, Freunde zu sein und nicht nur zwei verängstigte Ratten, die sich um der Sicherheit willen zusammengerottet haben. Als wir wieder in die Tide Street einbiegen, dort, wo die Lagerhäuser stehen, halten die Hunde ihre Nasen in die saure, nach Brotteig riechende Luft, und ich erkundige mich höflich nach Geoffs Job. Er ist Produktionsassistent bei einem Nachrichtenmagazin einer Kabelsendergruppe, der Aramco Group; Zielgruppe sind homosexuelle Teenager. In seinem Job läuft alles prima. Er erkundigt sich nach meinem Job. In meinem Job läuft alles prima. Dann wendet sich das Gespräch wie immer dem einzigen Thema zu, das wir wirklich gemeinsam haben: 82
das Viertel, in dem wir wohnen, und die sichersten Wege hinein und hinaus. Jeder hat da seine Theorie, untermauert von Intuition, schlechten Erfahrungen oder Gerüchten. Es gibt zwei Wege, die hineinführen: mit der F bis zur Haltestelle Knox, dann die Tyler runter zur Tide, oder mit der A nach Brooklyn Heights und dann über Straßen, die nur aus Schlaglöchern zu bestehen scheinen, zur Portsmouth Street. Geoff vertritt die Schule, die die F an der Knox Street meidet; sie ist zwar die nächste U-Bahn-Haltestelle, bedeutet aber gleichzeitig auch einen zehnminütigen Marsch durch verlassene Straßen. Seiner Meinung nach fahren die Schlägertypen aus den Sozialbauten mit dieser U-Bahn und machen in der Dunkelheit unter der Manhattan Bridge Jagd auf die Fahrgäste, die in Knox ausgestiegen sind. Die A dagegen, sagt er, die einen noch um sieben Minuten längeren Fußweg notwendig macht, gehört nicht zum Revier dieser Schläger. In Wahrheit ist es eine reine Glückssache. Dein Schicksal wird dich ereilen, wenn es dich ereilen will, in der A oder der F oder irgendwo sonst auf einer dieser dunklen Straßen. Aber wir finden solche Theorien tröstlich; sie vermitteln uns die Illusion, die Dinge irgendwo noch unter Kontrolle zu haben. «Du kennst doch Ang Dong, hm?» fragt Geoff. «Wohnt zwei Häuser weiter als du. Ein koreanischer Künstler, macht Skulpturen aus Kaffeesatz.» Ich nicke, obwohl ich von dem Typ noch nie etwas gehört habe. «Ang war wie du, er dachte, die F sei okay. Es ist ja auch eine vielbenutzte Linie, nicht wahr? Immer überfüllt. Irrtum. Sie heißt schließlich nicht umsonst ›Todeslinie‹. Er wurde unvorsichtig, ist letzte Woche nach Einbruch der 83
Dunkelheit mit der F nach Hause gekommen, und da haben sie sich ihn geschnappt. Du weißt ja, wie vorsichtig sie sind, wenn es darum geht, Koreaner zu überfallen, aber sie haben sich ihn trotzdem geschnappt.» Es ist eine allgemein anerkannte, aber unbewiesene Theorie, daß die Schläger sich nicht gern an Koreaner heranmachen, denn im Gegensatz zu den Weißen, die mehr Geld als Mumm haben, beherrschen die Koreaner oft ziemlich gut die asiatischen Kampfsportarten, und sie gelten allgemein als ernstzunehmende Gegner. Ich glaube das zwar nicht, aber trotzdem, ich bin erschüttert. «Vielleicht war es dunkel. Vielleicht konnten sie nicht sehen, daß er Koreaner war», sage ich. «O nein. Sie wußten es sehr wohl. Sie haben ihn trotzdem gekriegt. Haben ihn sich gegriffen, ihm einen Arm um die Kehle gelegt, und zack, war er bewußtlos. Es wird immer schlimmer. Von den Iren hast du natürlich schon gehört. Zum Teufel auch, sie wohnen in unserem Haus…» Mittlerweile sind Geoff und ich unter dem großen Bogen der Manhattan Bridge angelangt, deren gesperrte Gehwege mit orangefarbenen Baunetzen verhangen sind. Früher einmal konnte man von hier zur Canal Street in Chinatown rüberlaufen, so wie man auf der Brooklyn Bridge von den Heights zum Bankenviertel kommt. Die alten Fußgängerwege der Manhattan Bridge hängen eine Ebene tiefer als der Hauptbogen über dem Fluß, die Brücke verfügt über mittlerweile unbenutzte Aussichtsplattformen zu beiden Seiten des Turms, halbkreisförmige Terrassen, die in längst vergangenen Tagen mit Eisenbänken und kunstvollen Gaslaternen ausgestattet waren. Ich habe alte Fotos gesehen. Jenseits der Jay Street befindet sich immer noch ein terrassenförmig angelegter Park, der zum Aufgang der 84
Brücke hinführt, aber der Park ist jetzt mit Stacheldraht abgesperrt und quillt über von Schutt, und die Holzplanken des Gehwegs enden irgendwo auf halbem Wege hoch über den kabbeligen Wassern des East River im Nichts. Bevor wir die Pearl Street erreichen, bleibt einer von Geoffs Mastiffs plötzlich am Straßenrand stehen, stößt ein kehliges Jaulen aus, und plötzlich brechen alle drei wie auf Kommando in gräßliches Gebell aus - ein bösartiges Geräusch, das von den Stützpfeilern der Brücke widerhallt. Geoff kann die Ungeheuer kaum im Zaum halten. Auf seiner Stirn bilden sich Schweißperlen, und er rollt in der Dunkelheit mit den Augen, eine Karikatur der Angst. In eben diesem Augenblick entsteigen zwei ausgemergelte schwarze Frauen dem Durcheinander von Kabeln und ausgeschlachteten Maschinen unterhalb eines Brückenbogens, der etwa zwanzig Meter von uns entfernt liegt. Vorsichtig und in einem weiten Bogen kommen sie auf uns zu und bleiben ein kurzes Stück außerhalb der Reichweite der beiden Hunde stehen. «O mein Gott», flüstert Geoff mir zu, «was ist, wenn sie Waffen haben?» Der Gedanke ist wirklich absurd. Die Frauen sind nur noch Haut und Knochen, so schwach wie Kinder. Die eine trägt zerrissene Jeans und ein schmutziges T-Shirt mit der Aufschrift «Virginia gehört den Liebenden»; die andere hat eine Art gesteppten Hausmantel an und trägt eine Mülltüte aus Plastik unterm Arm. Ohne die Hunde aus den Augen zu lassen, kippt die zweite Frau den Inhalt der Mülltüte aufs Pflaster. Ich sehe einige Kleidungsstücke für Männer, einen Gürtel und ein paar schwarz gewordene Laufschuhe auf dem Boden vor mir liegen. «Wollen Sie ’n Hemd kaufen?» fragt die Frau in Jeans. 85
«Hab hier ein hübsches Hemd für Sie alle beide.» Sie zieht einen unkenntlichen Lappen aus dem Durcheinander heraus. «Ganz bestimmt nicht!» Geoff scheint ehrlich empört zu sein, als hätte ihn in New York noch nie jemand angebettelt. «Sind die Hündchen da bissig?» fragt die andere Frau mit schriller, erschrockener Stimme. Die Frau in Jeans kniet sich hin und durchstöbert den Kleiderhaufen, bis sie ein gelbgestreiftes Baumwollhemd findet, das früher einmal von guter Qualität gewesen sein muß, jetzt aber schmutzig und zerfetzt ist. «Na kommen Sie schon, Mister, wie wär’s denn hiermit? Zwei Scheine. Hat man da, wo Sie herkommen, nicht mal zwei lumpige Scheine übrig?» Ich erkenne ihren Akzent auf der Stelle. Neunter Bezirk. «Kommen Sie aus New Orleans?» Argwöhnisch schaut sie von dem Kleiderhaufen auf. «Wer will das wissen?» Geoff seufzt gereizt und manövriert die Hunde um die beiden herum zurück aufs Kopfsteinpflaster. «Ich warte da vorne auf dich», sagt er und geht ein Stück weiter die Pearl Street hinunter. «Ziemlich weit weg von zu Hause», sage ich zu der Frau und denke einen Augenblick lang über das seltsame Geschick nach, das sie hierhergeführt hat, über die Drogen, die falschen Entscheidungen, das Pech, die verzweifelte Armut. Wie weit bin ich von ihrem Los entfernt, wie weit sind wir alle von diesem Los entfernt? Die Frau steht, das Hemd an die Brust gepreßt, einen Moment lang still da. «Ja, Mister, weit weg von zu Hause», sagt sie mit brüchiger Stimme. «Hätte nie 86
gedacht, daß ich mal so weit nach Norden kommen würde. Ich bin nicht direkt aus New Orleans, müssen Sie wissen, geboren bin ich Richtung Algier. Aber als meine Mama gestorben ist, sind wir übern Fluß gezogen. Haben bei meinem Opa gelebt. Er hat in einer Band Zugposaune gespielt. Der alte Mississippi ist rot wie Schlamm, und manchmal grün, hängt vom Regen ab. Nicht so wie dieser Fluß hier…» Das Hemd noch immer in der Hand, zeigt sie auf den Manhattan River, der auf der anderen Seite des Hafenbeckens in dem dämmrigen Licht dahinfließt, stoisch, unerreichbar. «Nein, Mister, dieser Fluß hier hat ein schwarzes Herz, schwarz wie die Nacht…» Ihre Stimme verliert sich, und sie sieht mir ins Gesicht, und ihre Augen sehen in dem düsteren Licht milchig und krank aus. «Vermissen Sie New Orleans nicht?» Ich nicke und spüre plötzlich einen seltsamen stechenden Schmerz in der Brust. «O doch. Ich bin eigentlich nicht von da. Aber ich vermisse es trotzdem.» «Die Leute sind nett da unten in Louisiana», sagt sie. «Sie haben Zeit, wissen Sie? Sie sollten zurückgehen. Jede Menge hübscher Mädchen da unten für einen glücklichen, jungen Mann, wie Sie einer sind. Ich kann nicht zurück, aber was ist mit Ihnen?» Es ist eine Frage, die ich lieber nicht beantworte. Am Ende kaufe ich ihr das Hemd für fünf Dollar ab, und die beiden Frauen verschmelzen wieder mit ihrem unvorstellbaren Leben unter der Brücke. «Worüber hast du dich mit dieser Frau unterhalten?» fragt Geoff, als ich ihn einen Häuserblock weiter einhole, das zerlumpte Hemd in meiner geballten Faust. «Sie hat mir einen guten Rat gegeben», sage ich und belasse es dabei.
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eute abend sieht man aus dem hinteren Fenster meiner Wohnung die Sozialbauten, hell erleuchtet wie ein Piratenschiff, und in der Luft hängt ein seltsamer süßer Duft, wie das Parfüm einer Frau. Dieser Geruch hält einige Tage vor, bewegt sich von Zimmer zu Zimmer, und ich zerbreche mir den Kopf, woher er kommt, bis mir klar wird, daß es ein Phantomduft ist, das Werk des Geistes. Der Duft stört mich nicht sehr - er riecht nach frisch gewaschener Haut und sauberem Haar, nach Magnolienblüten und Verbenen -, aber irgend etwas daran erinnert mich stark an Antoinette, und das ist schlecht für meine Gemütsverfassung. Plötzlich erscheint mir mein Leben unerträglich. Ich kann mich an keinen glücklichen Tag erinnern, an keine glückliche Stunde, keine Minute, in der die Hoffnung etwas anderes zu sein schien als eine Folter. Dann überlege ich, ob ich Antoinette in New Orleans anrufen soll, zweitausend Meilen entfernt von hier, aber ich rufe sie nicht an. Was würde das schon nützen? Wir würden uns freundlich unterhalten, so wie wir es ab und zu tun, ein wenig über die alten Zeiten lachen, und danach würde ich tagelang nicht schlafen können. Aber der Geruch wird nur noch stärker und vertrauter, und die Sehnsucht wird schlimmer, und Antoinettes Gegenwart greifbarer als die des Geistes in meiner Wohnung, und ich melde ein Gespräch an, zu einer Zeit am Nachmittag, von der ich weiß, daß sie nicht zu Hause sein wird, einfach nur, um zu wissen, daß in ihrem Apartment im Faubourg Marigny das Telefon klingelt. Ich war seit zehn Jahren nicht mehr in New Orleans. In New 88
Orleans war ich glücklich. Die Welt schien freundlich zu sein, und ich war verliebt. Diese letzten zehn Jahre waren hart, eine Aneinanderreihung von Kämpfen und Enttäuschungen und gescheiterten Beziehungen. Nach diesem törichten Anruf weiß ich mir nicht mehr zu helfen, also nehme ich mir ein Sixpack Koch’s Golden Reserve mit aufs Dach und strecke mich auf dem Liegestuhl aus, den ich dort eigens für solch melancholische Gelegenheiten hingestellt habe, ziehe mir meine alte New-Orleans-Saints-Mütze tief über die Augen und überlasse mich meinen Erinnerungen.
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TEIL II NEW ORLEANS UND DIE VERGANGENHEIT Heute, während die Sonne über Brooklyn untergeht, denke ich an New Orleans. Ich denke an das A und P und an Amors Bogen, hineingewoben in das Eisengeländer der Pontalba Apartments; ich denke an den Fluß, der sich braun und schlammig im Regen dahinwälzt, und an den grünen Himmel über der Stadt. Ich denke an Antoinette. Wir liegen zusammen unter dem Moskitonetz in ihrem Himmelbett, und wir haben uns gerade geliebt. Es ist die Zeit der Hurrikans. Unheilverkündendes gelbes Licht dringt durch die Jalousien vor den Fenstern, und draußen auf den Straßen des Faubourg Marigny hört man das Gejaul des Verkehrs, dünn und hohl wie die Geräuscheffekte in einem Theaterstück…
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n jenen Tagen bewohnten Molesworth und ich ein rosafarbenes Haus an der Ecke Mystery und Fortin Street. Das schon ziemlich verwohnte Gebäude lag direkt neben dem Maschendrahtzaun des Fairgrounds, der Pferderennbahn, und verfügte über einen unkrautüberwucherten Garten, dessen größten Teil ein kleiner 1949er Lieferwagen von International Harvester einnahm. Das Vehikel gehörte einem von Molesworths Cousins aus der Stadt. Unsere Wohnung bestand aus einem kleinen Schlafzimmer, einer erbärmlichen Miniküche mit einem Gasherd, der zu Lebzeiten von Kingfish Huey Long als neu durchgegangen wäre, sowie einem schmalen Wohnzimmer, das an einem Ende ein Erkerfenster mit Blick auf den berstenden Asphalt der Mystery Street hatte. Durch irgendein Druckmittel, welches weiß ich nicht mehr, bekam ich das Schlafzimmer, und Molesworth quartierte sich auf der Schlafcouch im Wohnzimmer ein. Aber innerhalb weniger Tage nach unserem Einzug hatte er allem seinen Stempel aufgedrückt. Sein Zeug lag überall herum, selbst im Badezimmer und in der Küche: ungelesene Lehrbücher, schmutzige Unterwäsche, Bierflaschen, Zigarettenkippen, Haschischstummel, vergilbende Stapel der Times-Picayune und gelegentlich ein billiges Pornomagazin, dessen abscheuliche Schwarzweißfotos einige der häßlichsten nackten Frauen, die ich je gesehen hatte, von allen denkbaren Blickwinkeln aus zur Schau stellten. Nach einer Woche gab ich es auf, hinter ihm herzuräumen, und wir hausten in für Studenten typischer Verwahrlosung - schmutziges Geschirr in der 91
Spüle und Abfall, der in Mülltüten auf der Veranda langsam verweste. Wir waren in unserem ersten Semester auf der Loyola Zimmergenossen gewesen, eine jener seltsamen Schicksalsfügungen, die den Lauf eines ganzen Lebens verändern können. Als uns im zweiten Jahr freigestellt wurde, auch außerhalb des Campus zu wohnen, bekam Molesworth über seinen Cousin dieses Haus, und wir teilten uns die hundertachtzig Dollar Monatsmiete, Wasser und Elektrizität inklusive. Damals erschien mir das ziemlich teuer, aber für einen Studenten ist alles teuer. Während der nächsten drei Jahre bestand unsere Beschäftigung einzig und allein aus Trinken. Ich erinnere mich an verkaterte Vormittage, an denen ich zu spät zur Vorlesung kam; an Lautsprecher von der Rennbahn, die bis in meine unruhigen Träume hinein das dritte Rennen verkündeten; an das Dröhnen der Pferdehufe und die leuchtenden Seidenblousons der Jockeys. Das Trinken war Molesworths Hobby und seine Leidenschaft. Andere Männer spielen Golf oder Rackett oder bauen Schiffe in Flaschen; Molesworth saß gern in Bars und trank. Er sammelte Bars wie andere Leute Briefmarken. Kein Etablissement war ihm zu schäbig oder zu entlegen. Es war unmöglich, mit Molesworth zusammenzuleben und ihn nicht auf seinen Sauftouren zu begleiten. Wie alle Männer, die von einer Leidenschaft besessen sind, konnte er sehr beredt und sehr überzeugend sein, aber er war kein Alkoholiker: allein oder heimlich zu trinken hätte ihm keinen Spaß gemacht. Irgendwann legte er sich schließlich einen alten, zerbeulten britischen Landrover zu, ein Originalmodell mit offenen Seiten und Rechtssteuerung sowie einem schlecht sitzenden Leinenverdeck und durchsichtigen Plastikfenstern, die mit Druckknöpfen über den Türen befestigt wurden. Wenn es regnete oder die Temperatur 92
unter zehn Grad Celsius fiel, mußten wir die Zündkerzen herausnehmen und sie in einer Bratpfanne auf dem Herd vorwärmen. Mit diesem klapprigen, unsicheren Vehikel donnerten wir durch ganz New Orleans und Umgebung, immer auf der Suche nach Kneipen, wo es einen Bourbon und ein gut gezapftes Jax zu einem ordentlichen Preis gab. Da ich bereits während des Grundstudiums ein rundes Dutzend Prüfungen recht gut hinter mich gebracht hatte, wurde ich mit meinem B. A. ein Semester vor der Zeit fertig. Ein Stipendium und ein günstiges Darlehen der Historischen Fakultät veranlaßten mich, auch mein Promotionsstudium an der Loyola zu absolvieren, und das Leben ging ziemlich genauso weiter wie zuvor. Noch mehr Bars und lange Nächte, und die Trompete, die die Vollblüter in der verschlafenen Stille des Mittags direkt vor meinem Fenster an den Start rief. Falls ich jemals ein Rennpferd erwerben sollte, so schwor ich mir, würde ich das Tier Tylenol nennen. Vor kurzem entdeckte ich unter meinen Papieren eine Liste der Bars, die wir damals besucht haben, hingekritzelt auf die Rückseite einer Cocktailserviette: Clayton’s, Laffite’s Westpark Grill, The Arabi Ale House, St. Bernard’s, The Broad Street Tap, Tad Bourbon’s Bourbon Street, The Loyola Blue Jay, The Sazerac House, Feret’s, Tchoupitoulas Inn, Bar Les Revés, The Natchez Parlor, The Paris Lunch, Mulaudon’s Café, The Seminóle Trail, St. Claude’s Cocktail Hour, The Happy Time, Club Tomorrow, The Academy Grooto, Café Girod, The Melpomene Café, Claudelle’s Toledano Street Saloon, Harry’s Louisiana Emporium, The Irish Channel, The Gin Mill, Beauregard’s Rest, The Contreras House Bar, Prytania Station, McDonough’s Pelican North, McDonough’s Pelican South (Lakeside), The Louisiana Drinking Society, The Pup and Oyster, Mad Jack’s Bayou 93
Getaway… Die Liste geht weiter, aber der Rest ist unleserlich, ausgelöscht von dem runden, verräterischen Fleck, den irgendeine dunkle, hochprozentige Flüssigkeit vor vielen Jahren dort hinterlassen hat. In den Bars von Louisiana kann man viel über das Leben lernen. Zum einen bieten sie natürlich ein ordentliches Training für die Leber, aber daneben noch etwas anderes, das sich nicht näher bestimmen läßt. Das Erlebnis, das einem morgens um vier zuteil wird, wenn man betrunken neben einer durchtriebenen Blonden aus Gretna hockt, die man zwei Stunden zuvor noch nicht kannte; der Augenblick vor der letzten Bestellung, in dem alles möglich scheint.
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m Mitternacht, mitten in einer verregneten Woche gegen Ende meines ersten Jahres als Doktorand, nahm Molesworth mich mit ins Spanish Town. Das Spanish Town war eine neue Bar, die einer von Molesworths Freunden aus Bayou Dessaintes einen Monat zuvor eröffnet hatte. Es war ein freistehendes Haus an einer schlaglochübersäten Straße mit Lagerhäusern nahe des Flusses, dort, wo die Tchoupitoulas Street an der Felicity Street auf den Deich trifft. Über die ganze Vorderfront erstreckte sich eine Kolonnade, und davor stand, im Regen glitzernd, eine Reihe von Harley Davidsons, ganz Chrom und wulstige Benzintanks. Dunkle Gestalten lungerten unter dem Säulengang herum, ihre Zigaretten eine glühende Drohung oder ein Versprechen, wie die Leuchtkäfer, die angeblich über den anonymen Gräbern schweben, die im Süden auf den Äckern verstreut liegen. Aus dem offenen Eingang zur Bar hörte man das Hämmern und Klirren von Zydeco-Musik, die mit voller Lautstärke auf den Deich hinausplärrte. Das Innere der Bar wirkte primitiv und erst halb fertig. Noch war es dem vertrauten Gestank von bierverdünntem Urin, der in den Bars der Südstaaten vorherrscht, nicht gelungen, den Geruch von Fensterkitt und Farbe zu übertönen. Ich hatte halbwegs erwartet, Kastagnetten, Sangria und Flamenco vorzufinden, aber das Spanish Town hatte absolut nichts Spanisches. Vielmehr war es genau die Art von Spelunke, die von schwarzem Abschaum und rauflustigem Sumpfgesindel heimgesucht wird. Eine bis auf halbe Höhe lackierte alte Theke voller geschnitzter Meerjungfrauen, von deren Schuppen sich 95
das falsche Gold abschälte, erhob sich auf höchst seltsame Art und Weise mitten in dem großen, luftigen Raum der Lagerhalle - wie eine hölzerne Festung in der Prärie. Von den Leitungsrohren an der Decke baumelte die blaue Pelikan-Flagge Louisianas. Für einen Mittwoch herrschte ziemlicher Andrang; jeder wollte einen Platz direkt an der Theke. Ich ließ mich an einem Tisch in der Nähe der Tür nieder, und Molesworth kehrte mit zwei Flaschen Jax vom Tresen zurück. Er reichte mir meine Flasche herüber und ließ sich schwer auf den Stuhl fallen, der unter seiner Körperfülle bedenklich knarrte. Schon damals wog er über neunzig Kilo. «Eins muß man ihm lassen. Dieser Niggerarsch hat hier ein gutes Ding laufen, aber es läuft aus den total falschen Gründen.» «Von welchem Niggerarsch redest du, Molesworth?» Manchmal konnte er ziemlich geheimnisvoll tun. «Ich spreche von diesem Niggerarsch Dothan», sagte er. Dothan Palmier war Molesworths Freund aus dem Bayou, der Besitzer und Gründer des Spanish Town, ein undurchschaubarer Gangstertyp, von dem ich zwar einige Geschichten gehört, den ich aber persönlich nie kennengelernt hatte. «Dieser Hurenbock hatte ein schönes Haus draußen im Bayou und ein schönes kleines Geschäft, in dem Porsche zerlegt und in Einzelteilen nach Mexiko verkauft wurden.» Molesworth beugte sich vor, stützte seine Unterarme, die so massig waren wie die von Popeye, auf den Tisch, und das Bier tröpfelte seinen rötlichen Bart herunter. «Außerdem hat er gewaltige Mengen Drogen an die Einheimischen verkauft. Cajun-Produktion. Guter Stoff. Und er hatte diese Felder auf einigen Inseln mitten im 96
Sumpf. Hat Kanäle um sie herum gegraben und mit Alligatoren gefüllt. Mann, was für ein Ding!» «Vielleicht wollte er ja ehrlich werden», sagte ich. «Was ist daran so schlimm?» «Du kapierst nicht. Dothan hat seinen Anteil an seinen Bruder verkauft, ist hier runter gekommen und hat diese blödsinnige Bar eröffnet, nur um einer Frau nachzulaufen. Wenn das nicht der schlechteste Grund ist, um irgend etwas zu tun.» «Ist sie schön?» «Nicht mein Geschmack, aber entscheide selbst.» Molesworth machte eine ruckartige Kopfbewegung. «Dothan hat sie jetzt hinterm Tresen stehen.» Ich blickte hinüber, konnte aber nur die in Leder oder buntkarierten Hemden steckenden Rücken der Gäste sehen. «Jeder muß sich mal eine Schwäche gönnen», sagte ich. Molesworth grunzte, kippte sein Bier hinunter und ging die nächste Runde holen. Ich nippte an meinem Glas und dachte nach. Ich wohnte mit einem Mann zusammen, der mit Dieben und Drogenhändlern auf vertrautem Fuß stand. Sein Werdegang an der Loyola war verblüffend. Er war jetzt in seinem sechsten Jahr und machte keinerlei Anstalten, irgendwann fertigzuwerden. Ich hatte ihn immer zu laut für das gesetzte Jesuiten-Institut gefunden, und seine Zensuren entsprachen keineswegs den Erwartungen. Einmal hatte ich ihn gefragt, wie es ihm gelungen war, die Zulassung zu bekommen und darüber hinaus sogar einen Erlaß der Studiengebühren. Es war eines jener Arrangements, für die Louisiana so berühmt ist: Anscheinend hatte sein Onkel, der Pastor einer schäbigen kleinen Gemeinde in Plaquemines, ein paar schmutzige Einzelheiten gegen Bischof Mulready von der 97
Kirchengemeinde New Orleans in der Hand, der seinerseits einen wichtigen Platz im Aufsichtsgremium der Loyola innehatte. Fünf Minuten später kehrte Molesworth mit zwei Dixies zurück und machte mich auf eine Tür in einer dunklen Ecke auf der anderen Seite des Raumes aufmerksam. Dort in der Dunkelheit stand ein ausgestopfter Grizzlybär, der mir bisher nicht aufgefallen war, hoch aufgerichtet auf seinen Hinterbeinen, die Klauen ausgestreckt, die Zähne gebleckt. Unter dieser Tür wurde eine dünne Linie gelben Lichtes sichtbar. «Komm mit», sagte Molesworth. «Laß uns mit Dothan reden.» Aber als wir uns am Rand der Menge auf diese Tür zubewegten, erhob sich plötzlich wildes Gejohle, und eine junge Frau kletterte auf die metallene Oberfläche der Theke. Sie trug ein enges rotes Kleid mit einem Plisseerock, der fünf Zentimeter über ihren Knien endete, sowie schwarze Cowboystiefel und hatte sich eine weiße Rose zwischen ihre Brüste geklemmt. Mit einer verachtungsvollen Geste schnippte sie ihre Zigarette einer der hölzernen Meerjungfrauen entgegen und begann, zu dem Lied, das gerade aus der Jukebox kam, zu tanzen. Ich kannte das Lied, eine muntere Nummer von Papa Languenbec und seinen Cajún Allstars über einen Jungen, der seine Mutter bis zum Wahnsinn liebt, voller Akkordeon und Fiedel und obszönen Anzüglichkeiten, und das Ganze gesungen in einem nasalen, unverständlichen Cajun-Französisch. Ich blieb in Reichweite der Bärenklauen stehen, um ihr beim Tanzen zuzuschauen. Jenseits der Bogenfenster, wo in der Sommerhitze einer vergangenen Ära einst die Baumwollballen gedampft hatten, hatte es mittlerweile aufgehört zu regnen, und über dem Fluß lag eine Art 98
grüner Schimmer. Umrahmt von dieser schwachen Beleuchtung ließ die junge Frau ihre Hüften kreisen, wirbelte ihr dichtes schwarzes Haar von einer Seite zur anderen, stampfte mit ihren schwarzen Stiefeln im Rhythmus der Musik auf die Theke und schüttelte, was sie zu schütteln hatte, und das war wahrhaftig nicht wenig. Sie hatte duende. Sie war das Spanische im Spanish Town. Die Louisiana-Spießer und die Motorradrowdies zu ihren Füßen pfiffen und grölten, warfen ihr Geld zu und hämmerten mit Fäusten, die die Ausmaße von Schweinshaxen hatten, auf die Theke. Dann spürte ich Molesworths Hand schwer wie das Gesetz auf meiner Schulter. Er drehte mich zu sich um und schüttelte den Kopf. «Ist sie das?» fragte ich, aber ich war nicht in der Lage, das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken. «Was glaubst du?» «Gütiger Gott, wie konntest du sagen, sie sei nicht schön? Sie ist…» «Das habe ich nicht gesagt, Niggerarsch», fiel er mir ins Wort. «Ich habe lediglich gesagt, sie sei nicht mein Geschmack, und das bedeutet, daß ich keine Lust auf eine Ladung Schrot zwischen den Augen habe.» Widerwillig folgte ich ihm durch die Tür und hinein in einen riesigen, neonüberfluteten, unfertigen Küchentrakt. Stahltöpfe, groß wie Badewannen, standen hier und dort herum. Jemand hatte einen riesigen Abluftventilator und zwei noch in ihre Kisten verpackte Kochherde an die Wand geschoben und überall Verpackungsmaterial verstreut. Ich trat über einen offenen Kasten mit Löffeln von der Länge meines Armes hinweg. «Dothan hat vor, ein bißchen in Catering zu machen», erklärte mir Molesworth. «Er will vielleicht etwas von 99
seinem Jambalaya nach Norden verkaufen. Chicago oder New York oder so. Du weißt ja, wie die da auf solche Sachen stehen.» Dothan Palmier saß in seinem Büro über einen Kartentisch gebeugt und ging mit dem bleistiftkauenden Eifer eines Zehnjährigen bei den Mathe-Aufgaben die Rechnungen durch. Ein schmaler Schießschartenschlitz von einem Fenster gab den Blick auf den Deich und die Lichter von Marrero jenseits des Flusses frei. Als wir eintraten, blickte er mit schmalen Augen auf und klappte das große, rote Rechnungsbuch zu. «Hi, Dothan», sagte Molesworth. «Wie läuft’s, alter Niggerarsch?» «Lyle», sagte er. Er stand auf, schüttelte Molesworth die Hand und schnitt eine Grimasse, die wohl ein Lächeln sein sollte. Er trug enge schwarze Jeans, spitze Cowboystiefel, die sich an den Zehen nach oben bogen, und ein einfaches, weißes Hemd mit aufgerollten Ärmeln über dicken Bizeps, wie ein Farmerssohn, der mit seinen Muskeln protzt. Molesworth machte uns bekannt, und wir schüttelten uns die Hände. Seine Pranken waren von schwerer Arbeit gezeichnet, übergroß, hart und vernarbt. Die Tätowierung einer Python schlängelte sich aus dem Dschungel drahtigen schwarzen Haares auf seinem linken Unterarm und verschwand unter dem goldenen Band seiner Armbanduhr. Er war schätzungsweise fünfunddreißig und auf eine dunkle Cajun-Art attraktiv, außerdem klein, vielleicht einssiebzig. Aber irgend etwas an ihm machte es einem schwer, ihn zu ignorieren, und er besaß eine gefährliche, undurchschaubare Ausstrahlung. Dothan holte aus einem ramponierten Aktenschrank in der Nähe des Fensters eine Flasche Early Times und drei 100
kleine Whiskygläser und schenkte ein. «Hübsche Bude hast du hier», sagte Molesworth und hob sein Glas. «Laß uns darauf anstoßen.» «Scheiße, ich habe noch einen weiten Weg vor mir. Sieh dir nur die Ruine da draußen an.» Er zeigte auf die Küche. «Laß uns besser nicht drüber reden. Trinken wir lieber darauf, daß du vor Ende des Jahrzehnts dein Studium beendest.» Molesworth schüttelte den Kopf und lachte; ein tiefes, dröhnendes Geräusch aus dem Bauch. «Keine Chance», sagte er. «Wartet», sagte ich, «laßt uns auf das schöne Mädchen hinterm Tresen trinken. Sie ist einfach umwerfend.» Beide Männer sahen mich an. Molesworth schien erschrocken, und sein Kiefer hing schlaff herab wie bei einem Bernhardiner. Dothan fixierte mich einen Augenblick lang, ohne mit der Wimper zu zucken und völlig ausdruckslos. «Du meinst Antoinette», sagte er ruhig. «Er weiß es nicht, Dothan», unterbrach Molesworth ihn. «Der Blödmann hat keinen blassen Schimmer.» «Schon gut», erwiderte Dothan. «Sie ist eine schöne Frau. Das kann auch der Dümmste sehen.» «Also dann» - ich hob mein Glas - «auf Antoinette…» Wir tranken. Dothan leerte sein Glas und wandte sich nach vielleicht einer Minute angespannten Plauderns mit Molesworth abrupt wieder seinen Rechnungsbüchern zu. «Wenn ihr zwei mich jetzt bitte entschuldigt», sagte er. Molesworth und ich gingen durch die Küche und hinaus in die Bar. «Du bist ein richtiger Niggerarsch», sagte er, als er sicher sein konnte, daß wir außer Gefahr waren. «Dieser Bursche da hinten hat einem Mann in Chalmette 101
für weniger als das, was du da drin gemacht hast, ein Messer zwischen die Rippen geschoben.» «Mach dich nicht lächerlich», sagte ich. «Und außerdem ist eine solche Frau ein bißchen Ärger wert.» «Jetzt redest du wirklich Blech», sagte Molesworth und wandte sich mit schweren Schritten dem Ausgang zu. «Noch eine Runde», sagte ich. «Auf mich.» Molesworth zögerte eine Sekunde, zuckte dann mit den Schultern und schaffte uns mit seinem massigen Körper Platz am Tresen. Er war ein praktisch veranlagter Mensch. Er würde sich sogar vom Teufel persönlich ein Bier spendieren lassen. Ein paar Augenblicke später kam Antoinette an unser Ende des Tresens, eine halb zu Asche verglommene Zigarette im Mundwinkel. Ohne sie herauszunehmen, beugte sie sich über die Theke und küßte Molesworth auf seine dicke Wange. «Hallo Lyle», sagte sie. Molesworth nickte. «Antoinette.» «Was darf ich den Herren bringen?» «Teufel auch, dieser Niggerarsch gibt einen aus», sagte Molesworth. «Mach mir irgendwas Tolles, Teures. Mit dem Mixer.» «Na schön, einen Frozen Bastard… Und was ist mit dir?» Sie ließ ihre Augen zu einer schnellen Musterung über mich hinweggleiten. Ich lehnte mich ein wenig überrascht zurück. New Orleans ist wie London; man kann jeden Einheimischen auf ein oder zwei Straßen genau einschätzen, wenn man weiß, worauf man achten muß. Ich hatte tiefstes Bayou erwartet, wie bei Dothan mit seinem schleppenden Lafayette-Akzent, aber was ich hörte, war 102
geschliffen, städtisch: St. Jerome’s Academy for Girls, Haus im Garden District und die Sommer auf einer Yacht im Golf von Mexiko. «Also?» «Frozen Bastard», krächzte ich. Da lächelte sie unerwartet und verschwand mit einer schnellen Pirouette hinter dem Mixer am anderen Ende der Theke. Wir alle haben unsere Augenblicke. Wie jene seltenen Nächte, in denen wir die Hand ausstrecken und das Unwahrscheinliche so real wird wie die Münzen in unserer Tasche. Als Antoinette die Drinks brachte - zwei peinlich pinkfarbene Angelegenheiten mit Papierschirmchen und Ananasscheiben -, machte ich ein paar improvisierte Witze, und sie lachte und ließ sich auf ein neckisches Geplänkel mit mir ein, während Molesworth neben mir über seinem Glas brütete. Am anderen Ende des Tresens schwenkten ein paar ungehobelte Burschen ZwanzigDollar-Scheine, um Antoinettes Aufmerksamkeit zu erregen. Sie war der erklärte Liebling der Kneipe, die Göttin des Hauses. Aber sie ignorierte die anderen, hatte alle Zeit der Welt. Abgesehen von den offensichtlichen Symmetrien, die allen schönen Frauen gemein sind, hatte ihr Gesicht etwas seltsam Vertrautes. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen, ein wahrer Geniestreich. «Im Presbytère», sagte ich, «im Louisiana State Museum…» «Das Museum ist im Cabildo», erwiderte sie. «Was ist damit?» «Da hängen doch diese historischen Gemälde. An eins erinnere ich mich besonders: eine hübsche junge Frau in einem weißen Kleid, zirka 1825. Mein Gott, sie sieht genauso aus wie du. Sie könnte deine Schwester sein. Mir fällt nur der Name nicht ein. Aber…» Antoinette schien beeindruckt. «Ich weiß, von welchem 103
Bild du sprichst», meinte sie. «Ein Foto davon hängt in meiner Wohnung. Irgend jemand hat das Gemälde auf dem Dachboden im Haus meiner Tante Tatie auf der Esplanade im Vieux Carré gefunden. Als Tante Tatie dann das Zeitliche segnete, haben wir es dem Museum geliehen. Die Frau auf dem Gemälde ist irgendeine meiner Vorfahren. Wir sind Kreolen, zu hundert Prozent. Die Familie meiner Mutter hat schon immer hier gewohnt. Wir hatten flußabwärts Plantagen. Ein paar Leute haben mich schon auf die Ähnlichkeit hingewiesen, aber ich kann da nichts feststellen.» «Es sind vor allem die Augen. Sie hat dieselben Augen. Welche Farbe haben deine Augen?» Ich griff plötzlich nach ihrer Hand und beugte mich über die Theke hinweg zu ihr hinüber. Antoinette war überrascht, wehrte mich jedoch nicht ab. «Manchmal blau», sagte sie beinahe flüsternd, «manchmal grau. Kommt auf die Stimmung an.» «Nein», sagte ich. «Sie haben die Farbe von Regenwasser.» Es entstand eine Pause, meine Nase kaum einen Zentimeter von dem glimmenden Ende ihrer Zigarette entfernt. Molesworth zu meiner Linken stöhnte hörbar. Antoinettes Hand fühlte sich in der meinen kühl und klein an. Dann machte sie sich sanft frei und trat einen Schritt zurück. «Dein Freund hier ist betrunken, Lyle», sagte sie zu Molesworth. «Betrunken, aber süß. Bring ihn wieder her, wenn er nicht so betrunken ist.» Dann wandte sie sich dem Tumult am anderen Ende des Tresens zu. «Du bist ein blöder Hurenbock», sagte Molesworth, als sie gegangen war. «Ich wasche meine Hände jedenfalls in Unschuld», fuhr er fort und rieb sich die Hände, als finge er schon mal damit an. 104
Plötzlich von so etwas wie Glück erfüllt, lachte ich, leerte meinen Drink mit einem einzigen Zug und versuchte, mir nichts daraus zu machen, als Molesworth mir seinen Ellbogen in die Rippen stieß und ich mich umdrehte und Dothan direkt vor dem Eingang zur Küche stehen sah, eine dunkle Gestalt in dem harten, gelben Licht unter den Tatzen des Bären.
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n Herzensangelegenheiten ist Glück das A und O. Ich war nie ein besonders vom Glück begünstigter Mensch, das heißt, das Schicksal hat es nur einmal gut mit mir gemeint und mich dann nie mehr eines Blickes gewürdigt. Zwei Wochen nachdem Molesworth mich ins Spanish Town mitgenommen hatte, lief ich im Museum in der Gibson Hall in der Tulane Street zufällig Antoinette über den Weg. Ein trüber, grauer Himmel hing straff gespannt wie eine Trommel über dem Audubon Park, und die Palmen entlang der St. Charles Avenue ließen schlaff die Blätter hängen. Bei so bedrückendem Wetter kann man sowieso nichts tun, unmöglich, sich zu konzentrieren, also schlenderte ich zum Museum hinüber, um mir die gelben Schädel und die indianischen Relikte in ihren staubigen Glaskästen anzusehen. Das Museum ist ein seltsamer, vernachlässigter kleiner Kasten mit wenig Besuchern und einer Fülle nicht zueinander passender Kuriositäten: schmuddelige Knochen rätselhaften Ursprungs, Schnüre mit Glasperlen aus Hügelbauten, zwei ägyptische Affenmumien aus dem Mittleren Königreich, alte, auf Menschenhaut geschriebene Handschriften und goldene Ornamente, die die Konquistadoren - vielleicht der wackere Cortez persönlich - aus den blutigen Städten der Azteken geraubt hatten. Antoinette stand in einem wenig der Jahreszeit entsprechenden ärmellosen Kleid vor einer Vitrine mit aztekischen Artefakten. Sie zitterte, und das Haar fiel ihr in nassen Locken den Rücken hinunter. Auf ihren nackten Armen waren blaue Flecken zu sehen, und als ich näherkam, sah ich, daß sie bis auf die Haut durchnäßt war. 106
«Antoinette?» sagte ich. Sie drehte sich mit leerem Blick zu mir um. Ihre Pupillen schienen geweitet zu sein. Ich war seit meinem ersten Besuch noch zweimal im Spanish Town gewesen und hatte jedes Mal versucht, mit ihr zu reden, obwohl ich sehen konnte, daß sie mich nicht erkannte. «In deiner Bar», sagte ich. «Ich bin ein paarmal dagewesen…» «Dothans Bar.» Sie runzelte die Stirn, und in ihrer Stimme lag eine gewisse Schärfe. Sie war zu vollgepumpt mit irgendwelchem Zeug, um echten Ärger zu zeigen, aber als ich darüber nachdachte, daß vielleicht etwas zwischen ihnen vorgefallen war, verspürte ich eine boshafte, prickelnde Freude. «Ist alles in Ordnung mit dir?» Ich trat näher an sie heran. «Stimmt irgendwas nicht?» Sie ignorierte meine Frage und zeigte auf die Vitrine. «Sieh sich einer mal dieses Zeug da an», sagte sie. «Das ist wirklich irre.» Hinter dem dicken Glas lag auf einem Streifen roten Samtes eine große Klinge aus Obsidian, um deren Heft goldene Drahtschnüre gewickelt waren. Ich las das Etikett und schauderte. «Die Aztekenpriester benutzten es, um den Menschen, die sie ihren Göttern opferten, das Herz aus dem Leib zu schneiden», sagte sie mit einem dumpfen, monotonen Tonfall. «Sie glaubten, die Sonne sei ein schwächlicher alter Mann, der menschliches Blut brauche, um zu überleben und sich am nächsten Tag erheben zu können. Also standen die Menschen an den Fundamenten dieser steinernen Tempel Schlange, Tausende von ihnen, und manchmal kamen sie freiwillig. Einer nach dem anderen kletterten sie hinauf, um sich mit diesem Stück 107
blankpoliertem Stein das Herz herausschneiden zu lassen. Dann rollten die Priester ihre Körper zur anderen Seite hinunter, wo ihnen die Haut abgezogen wurde. Scheiße, stell dir vor, man schneidet dir bei lebendigem Leib das Herz raus, und du wärst noch in der Lage, diese Leute zu sehen, wie sie es hochheben - diesen blutigen Fleischklumpen-, in diesem letzten Sekundenbruchteil, bevor es dir schwarz vor Augen wird.» Sie drehte sich zu mir um, als erwarte sie eine vernünftige Antwort. «Scheußlich», sagte ich und schnitt eine Grimasse. «Nein. Eigentlich nicht. Verdammt, ich wäre auch freiwillig hingegangen. Ich glaube, es wäre gar nicht so schlecht, sich das Herz rausschneiden zu lassen. Wer braucht schon ein Herz?» «Jeder braucht ein Herz», sagte ich, als spräche ich zu einem Kind. Sie schüttelte den Kopf und öffnete den Mund, um etwas zu erwidern, aber statt dessen beugte sie sich plötzlich vor, legte ihre Hände und ihre Stirn auf das Glas und ließ ein leises Stöhnen hören. «O Mann», sagte sie. «Das ist schlimm. Ich komme runter. Schnell.» Dann begann sie zu zittern und kleine Krämpfe schüttelten ihren Körper. Ich berührte ihre nackte Schulter, spürte die Krämpfe wie Elektroschocks durch sie hindurchlaufen und bekam es mit der Angst zu tun. Ihre Zähne begannen zu klappern. Ich legte meine Bücher auf den Boden, zog meinen Mantel aus, legte ihn um ihre Schultern und stand, ohne zu wissen, wie es weitergehen sollte, einen Augenblick lang in dem schummerigen Licht des Museums. Aus einer Vitrine in meiner Nähe grinsten die schwarzen Affengesichter der Mumien, grinsten mich durch eine Glasscheibe und über eine Entfernung von dreitausend Jahren hinweg an. 108
«Wir müssen dich zu einem Arzt schaffen oder etwas in der Art», sagte ich schließlich. Sie preßte ihre Kiefer zusammen, damit man das Klappern ihrer Zähne nicht mehr hören konnte. «Nein», sagte sie. «So was ist mir schon mal passiert. Bloß ein schlechter Trip. Hör zu, du mußt mir helfen, nach Hause zu kommen. Wirst du das tun?» Dann stieß sie sich von der Glasscheibe ab und stand eine Sekunde lang benebelt auf ihren eigenen Füßen, bevor sie in meinen Armen zusammensank.
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ntoinette wohnte im Faubourg Marigny, einem Vorort in Nord-Villere, einen Block entfernt von den Elysian Fields. Durch das runde Fenster im Treppenhaus konnte man die Kapelle St. Roche sehen. Ich zerrte sie mit einiger Mühe die beiden Stockwerke hinauf in ihr Apartment, wo sie auf ein abgenutztes viktorianisches Sofa aus gelbem Satin kroch und eine Decke über sich zog, die zusammengeknüllt auf dem Boden gelegen hatte. Die Wohnung war das reinste Chaos. Ein bißchen schlimmer noch, falls das möglich war, als mein eigenes rosafarbenes Haus in der Mystery Street. In jeder Ecke lagen Kleiderhaufen, und ein teurer orientalischer Teppich war mit französischen Modezeitschriften, offenen Lippenstiften, Apfelkerngehäusen, halb verzehrten, kalorienreduzierten Fertiggerichten, leeren Magerjoghurtbechern und anderem Müll übersät. Auf dem Fußboden stand ein Aquarium ohne Wasser, und schief zwischen den Glastüren, die auf den Balkon führten, hing ein großes gerahmtes Foto von dem Porträt, das ich im Cabildo gesehen hatte. Antoinettes Lippen waren ganz weiß, und sie sah, die Decke bis ans Kinn hochgezogen, mit glasigen Augen zu, wie ich ihre Küchenschränke durchstöberte auf der Suche nach irgend etwas, das ihr helfen würde: ein Aspirin, ein Kräutertee. Als ich mich an das oberste Regal machte, warf ich ein Glas mit getrockneten roten Bohnen auf den gefliesten Fußboden; jetzt lagen überall auch noch Bohnen und Glasscherben herum. «Bitte», sagte sie vom Sofa aus, wobei ihre Lippen sich 110
kaum bewegten. «Komm her.» Ich kehrte dem Chaos den Rücken und kniete neben ihr nieder. Es war deutlich zu sehen, daß sie unter der Decke zitterte. «Ein Arzt wäre vielleicht doch keine so schlechte Idee», meinte ich. «Du siehst furchtbar aus.» Aber das stimmte nicht. Selbst krank und zitternd war sie noch immer eine der schönsten Frauen, die ich je gesehen hatte. «Nein», sagte sie in einem rauhen Flüsterton. «Ein Arzt würde vielleicht zur Polizei gehen oder, schlimmer noch, zu meinen Eltern. Ich habe einen Schuß zuviel genommen. Der Stoff gehört Dothan. Selbstgemachtes Zeug von diesem halbverrückten Chemiker oben in Dessaintes. Man weiß nie, wie man drauf reagiert. Diesmal ist es wie ein Eisblock. Es ist, als säße ich nackt auf einem Eisblock.» Dann streckte sie den Arm aus, griff nach meinem Handgelenk und zog mich zu sich heran. Ihr Atem stank. «Ich möchte dich etwas fragen, und du mußt mir die Wahrheit sagen.» Ich nickte. «Du hast ein nettes Gesicht, aber das haben auch viele Menschen, die in Wirklichkeit gar nicht nett sind. Kann ich dir vertrauen?» «Ich wohne mit Molesworth zusammen», sagte ich. «Falls du dich nicht mehr daran erinnerst.» «Doch, ich erinnere mich, aber das war nicht meine Frage. Bist du ein Gentleman?» In ihrer Frage schwang keine Spur von Ironie mit, und sie war in demselben Tonfall gestellt, den vielleicht die Frau auf dem Porträt an der Wand hundertfünfzig Jahre zuvor benutzt hätte. «Ja», sagte ich. «Das bin ich.» Sie schloß die Augen. «Okay», sagte sie. «Ich kann nicht 111
aufstehen. Ich kann mich kaum bewegen. Ich bin festgefroren. Du mußt etwas für mich tun…» Ich ging ins Badezimmer, und eine Sekunde lang stand ich nur glotzend da. Das Badezimmer, gebaut für eine andere Ära, war so groß wie die ganze übrige Wohnung zusammen und beherbergte eine alte klauenfüßige Badewanne, ein Bidet und ein Waschbecken mit zwei Wasserhähnen, einen für kaltes Wasser, einen für heißes. Sämtliche Armaturen bestanden aus abgegriffenen Messingfischköpfen. Der Raum war bis auf Schulterhöhe mit Fliesen aus der Zeit der Jahrhundertwende gekachelt. Durch ein Oberlicht konnte man den Verkehr draußen auf der Straße beobachten. Ich ließ die Jalousien ein kleines Stück aufspringen, gerade weit genug, um dem grauen Nachmittag Eintritt zu gewähren. Dann ließ ich ein Bad ein, so heiß, wie es mir möglich war, ohne mir den Ellbogen zu verbrennen. Als alles soweit fertig war, ging ich zurück in das kleine Wohnzimmer und stellte mich vor sie hin. «Bitte», sagte ich. «Dein Bad ist fertig.» «Du mußt mir helfen, mich…» Ich schüttelte den Kopf. «Bitte», sagte sie. Es klang wirklich mitleiderregend. «Verläßt du dich immer so auf die Freundlichkeit von Fremden?» sagte ich, aber sie verstand die Anspielung nicht und hielt mit großer Kraftanstrengung die Arme hoch. Ich half ihr ins Badezimmer und zeigte mit der Hand auf das grünliche Badewasser, das unter den fischköpfigen Leitungshähnen dampfte. «Da», sagte ich mit einer lässigen Handbewegung. «Ich schaffe es nicht.» Mit klappernden Zähnen drehte 112
sie sich zu mir um. «Meine Kleider. Bitte…» Ihre Haut sah in dem fahlen Licht grau aus und fühlte sich an wie Eis. Ich begann sie auszuziehen, blinzelnd, als schälte ich eine Zwiebel. Steif und ohne mit der Wimper zu zucken, stand sie vor mir, während ich den Reißverschluß an ihrem Kleid öffnete und es zu Boden fiel. Dann kniete ich mich hin, zog ihre Schnürsenkel auf, hielt sie an den Knöcheln fest, zog ihre kalten Füße aus den Schuhen, stand auf und machte einen Schritt rückwärts. «Der Rest», sagte sie. «Was macht das jetzt noch aus?» «Okay», sagte ich. «Betrachte mich als deinen Arzt.» Aber als ich den Verschluß ihres BHs öffnete, schloß sie die Augen und hielt sie auch noch geschlossen, während ich ihre Unterhose über die Wölbung ihrer Hüfte streifte. Ihre Nacktheit glitzerte vor dem Hintergrund der Fliesen. Ich versuchte jeden Gedanken auszuschalten, nahm ihre Hand und führte sie zur Badewanne. Sie hob einen Fuß über den Rand, aber als ihr Zeh die Wasseroberfläche berührte, zog sie ihn mit einem leisen Aufschrei zurück. «Ich kann nicht», sagte sie. «Es ist zu heiß.» «Du mußt», sagte ich. «Ich kann nicht.» «Langsam.» Während sie durch zusammengebissene Zähne die Luft einsog, setzte sie einen Fuß ins Wasser, Millimeter um Millimeter. Dann, eine Hand auf meine Schulter gelegt, tauchte sie den anderen Fuß ein. Eine Träne rollte über ihre Wange, und ohne meinen Arm loszulassen, ging sie in die Hocke, und Dampf stieg von ihrem kalten Fleisch auf. Ich versuchte, nicht hinzusehen, aber es war unmöglich. Ich schaute weg und sah sie trotzdem, in dem versilberten Spiegel auf der gegenüberliegenden Wand. Ihre Brüste 113
trieben auf dem Wasser. Schließlich tauchte sie ganz unter, und ihr schwarzes Haar breitete sich wie Tinte auf der Oberfläche aus. Eine Luftblase stieg nach oben, dann noch eine, und schließlich kam sie schwer atmend wieder hoch und lehnte ihren Kopf an den Rand der Badewanne. «Okay», sagte sie. «Ich glaube, ich komme jetzt zurecht.» «Gut», sagte ich. «Ich hatte nämlich nicht die Absicht, dir auch noch den Rücken zu schrubben.» Ohne ein weiteres Wort ging ich aus dem Badezimmer, zog meinen Mantel an und raffte meine Bücher zusammen. Aus dem Badezimmer hörte man jetzt tiefe Atemstöße und die typischen Wannengeräusche von spritzendem Wasser. «Antoinette», rief ich zu ihr hinein, «ich mach mich jetzt auf den Weg.» Die Badegeräusche setzten einen Herzschlag lang aus. «Nein, bitte nicht», rief sie. «Warte, bis ich rauskomme. Bitte.» Sie saß lange Zeit in der Wanne und entspannte sich. Ich hörte, wie sie frisches Wasser einlaufen ließ - einmal und danach noch einmal. Ich setzte mich in meinem Mantel aufs Sofa und versuchte den Text zu lesen, den ich für ein bevorstehendes Geschichtsexamen brauchte, Frankreich und das Zeitalter Napoleons von Hervé Surgère. Es war eine trockene Lektüre, geschrieben von einem Mann, der keinerlei Gefühl hatte für die Grandiosität der Ära, aber der Text enthielt dennoch einige unvergeßliche Anekdoten. Ich las, wie der Kaiser nach seiner Rückkehr von Elba für jene hundert Tage, die in Waterloo gipfelten, seinen Marsch auf Paris begann und auf dem Weg dorthin eine große Schar Anhänger um sich versammelte. Die neue 114
royalistische Regierung schickte ihm eine Armee entgegen, die aus Veteranen von Austerlitz und Marengo und anderen Feldzügen bestand. Die Männer, die ihn aufhalten sollten, wurden von geckenhaften Adligen angeführt, die 1793 das Land verlassen hatten und nach der Abdankung des Kaisers wie ein Heuschreckenschwarm wieder in Frankreich eingefallen waren. Sie trafen auf einem Feld in der Nähe von Grenoble aufeinander, Napoleon und seine Truppe aus einigen hundert Getreuen gegen eine Armee von Tausenden. Ganz allein ging der Kaiser über das offene Feld, näherte sich der feindlichen Armee so weit, daß ihre Gewehre ihn mühelos hätten treffen können. Dann blieb er stehen, breitete die Arme aus, heftete seinen Blick auf den blauen Himmel und auf die fernen Gipfel des Zentralmassivs und schaute in die Mündungen der Musketen, die auf sein Herz zielten. «Soldaten!» rief er. «Wollt ihr auf euren Kaiser schießen?» «Feuer!» befahlen die Offiziere. «Feuer!» Aber die Männer warfen ihre Waffen weg und stürmten mit Tränen in den Augen auf Napoleon zu. Aus dem Badezimmer war jetzt weiteres Plätschern zu hören und dazu ein unmelodisches Summen. Mit einem Seufzer klappte ich das Buch zu und schnüffelte ein wenig in Antoinettes Apartment herum. Es hatte früher zu einer viel größeren Wohnung gehört, war vielleicht im letzten Jahrhundert die Zweitwohnung eines kreolischen Gentleman gewesen. Stuckmedaillons an der Decke wechselten sich ab mit billigen Preßspanplatten, und hoch an den Wänden zogen sich phantasievolle Weinranken entlang, jäh unterbrochen von Pappmachewänden, die später eingebaut worden waren. In dem winzigen Schlafzimmer war kaum Platz genug für das alte Himmelbett aus dunklem Holz. Es hatte das 115
schwere, solide Aussehen von Möbelstücken, die von Sklavenhandwerkern gefertigt worden waren. Aus den zerdrückten Kissen lugte, die Füße voraus, ein brauner Stoffbär hervor. Auf der Kommode stand ein Messingkasten, bis zum Rand gefüllt mit Ohrringen und einer Unmenge von gerahmten Familienfotos, die mehrere Generationen zurückreichten. Außerdem stand dort einer von diesen Plastikwürfeln, in dem lauter Fotos von Dothan steckten: Dothan und Antoinette an einem Strand am Golf von Mexiko; Dothan rittlings auf einer großen Harley, seine tätowierte Hand auf dem Gashebel, seine Augen verborgen hinter einer verspiegelten Sonnenbrille; Dothan ohne Hemd, ein Fuß auf dem Kotflügel eines alten gelben Lieferwagens, den Kolben einer Schrotflinte auf die Hüfte gestützt, im Hintergrund ein kleiner Schuppen aus Teerpappe und das wilde Grün des Sumpflands. Ich hatte den Würfel gerade mit den Fingerspitzen hochgehoben und ihn ins Licht gehalten, als Antoinette ins Zimmer kam, barfüßig und nüchtern, eingehüllt in einen dicken weißen Frotteemantel, ein blaues Handtuch wie ein Turban um ihr Haar geschlungen. «Das ist Dothan», sagte sie, an den Türrahmen gelehnt. «Aber das weißt du ja.» Ich legte den Würfel sorgfältig zu den anderen Fotos zurück. «Fühlst du dich jetzt besser?» «Mir geht es gut», sagte sie ein wenig verdrossen und bahnte sich durch das Chaos auf dem Boden ihren Weg zum Bett. Dort Setzte sie sich im Schneidersitz auf die Decke und verschränkte die Arme. Danach folgte ein verlegenes Schweigen, währenddessen ich auf das Brausen des Verkehrs lauschte, der in Richtung des Pontchartrain Expressway durch Marigny strömte. Sie sprach als erste. «Ich weiß, was du denkst…», 116
begann sie. «Vergiß es», unterbrach ich sie. «Wenn es dir jetzt wieder besser geht, gehe ich.» Ich stieß mich von der Kommode ab und machte ein paar Schritte auf die Tür zu. «Warte!» sagte sie, aber als ich stehenblieb und mich zu ihr umdrehte, wandte sie den Blick ab und biß sich errötend auf die Lippen. «Ich möchte nur, daß du mich noch eine Weile im Arm hältst, bevor du gehst.» Und nach einer weiteren Sekunde des Schweigens fuhr sie mit sehr leiser Stimme fort: «Bitte. Das ist das letzte, worum ich dich bitten werde.» Ich ging hinüber zum Bett, setzte mich hin und streckte die Arme nach ihr aus. Sie beugte sich vor, legte ihren Kopf auf meinen Mantel, drückte ihr Gesicht in den Tweed und schlang ihre Arme um meinen Hals. So blieben wir etwa eine Viertelstunde lang sitzen, ohne ein Wort zu sprechen. Wir lauschten dem Verkehr und dem Regen, und das graue Licht des Nachmittags dunkelte der Abenddämmerung entgegen. Ich spürte ihren warmen, feuchten Leib durch den Frotteemantel, und ich spürte ihr Zittern. Dann war sie ganz still, und einen Augenblick lang dachte ich, sie sei eingeschlafen. Aber schließlich nahm sie meine Hand, küßte sie sanft und setzte sich aufrecht hin. «Es ist schon spät», sagte sie. «Du solltest besser gehen.» Da mir nichts anderes einfiel, erwiderte ich: «Okay. Ich hoffe, es geht dir jetzt besser.» Dann stand ich auf, ging hinaus in den Regen und versuchte, nicht an ihren Körper zu denken und an ihr schwarzes Haar und daran, wie sie nackt und zitternd im Badezimmer auf mich gewirkt hatte. Dann ging ich ins French Quarter in ein Lokal, das allgemein unter dem Namen Twenty Naked 117
Girls bekannt ist, und zwar wegen eines Neonschilds an der Vorderseite, das diesen Namen rechtfertigt. Die Stripperinnen, die dort auf der Bühne stehen, haben nichts außer G-Strings zwischen sich und der Welt. Ich bestellte mir einen wäßrigen Bourbon und sah zu, wie eine Frau mit riesigen Brüsten ihre Kleider auszog und mit der Hand zwischen ihren Beinen herumfummelte, aber ich fühlte mich beschissen, einfach beschissen. Ich ging, ohne mein Glas auszutrinken, und lief die Orleans Street hinauf, durch den Congo Square rauf zur Broad Avenue, wo ich in den Bus stieg, der mich an der Ecke Gentilly und Marepas absetzte, nur ein paar Schritte entfernt von den Tribünen des Fairgrounds. Als ich heimkam, stand Molesworths Landrover nicht in der Einfahrt, und das Haus war leer. Ich ging in mein Zimmer, legte mich, noch immer im Mantel, aufs Bett und starrte in die Dunkelheit. Draußen zog der Regen, von Windböen gepeitscht, über die schlammige Rennbahn jenseits des Maschendrahtzauns, zog über die Autos hinweg, die Richtung Covington fuhren, zog über die Grabsteine hinweg, die sich in dem Teich auf dem Friedhof von Métairie spiegelten. Und ich wußte, es regnete auch auf das Flachdach von Antoinettes Apartmenthaus, während sie in ihrem großen Bett lag und schlief, ihre Haut noch feucht unter ihrem Bademantel; ich wußte, daß es auf die braunen Fluten des Flusses regnete, der sich stetig dem Meer entgegen wälzte.
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wei Tage später, am Freitagnachmittag, klopfte es in unserem rosafarbenen Haus in der Mystery Street an der Tür. Molesworth hievte sich argwöhnisch vom Sofa hoch, da unsere einzigen regelmäßigen Besucher Schuldeneintreiber und Gerichtsbeamte waren, die versuchten, den vorherigen Mietern Vorladungen zuzustellen. Aber auf der kleinen Veranda vor dem Haus stand ein Teenager, ein Botenjunge von Marche Florists, im Arm zwei Dutzend gelbe, cellophanverpackte Rosen. «Ich glaube, du hast dich im Haus geirrt, Partner», sagte Molesworth und machte Anstalten, die Tür zu schließen, aber der Junge ließ nicht locker. «Mystery Street Nummer vierundzwanzig, stimmt’s? Mr. Ned Conti. Sind Sie das?» «Niggerarsch», rief Molesworth über seine Schulter hinweg, «der Junge hier hat was für dich.» Ich kam, noch an einem Käsesandwich kauend, aus der Küche, unterzeichnete für die Blumen und stand mit dem Strauß im Arm ziemlich töricht mitten im Wohnzimmer, während aus dem Fernsehen die Blödeleien von Wile E. Coyote plärrten. Noch nie hatte mir jemand Blumen geschickt, und ich hatte keine Ahnung, was ich mit ihnen anfangen sollte. «Als erstes schneidest du die Stengel ein», sagte Molesworth gelassen. «Dann stellst du sie ins Wasser. Und dann, das Wichtigste überhaupt, liest du die Karte und stellst fest, wer blöd genug war, dir diese Unmenge Blümelein zu schicken.» Ich tat, was er sagte. Ich schnitt die Stengel ein, 119
verfrachtete den Strauß in unseren Plastikwasserkrug und stellte ihn auf den Kaminsims, wo er inmitten der Verkommenheit unserer Wohnung glitzerte und funkelte wie die personifizierte Hoffnung. Dann las ich die Karte. «Das hier ist für dich», stand da. «Ich werde um acht Uhr heute abend im Napoleon House sein.» «Na und?» fragte Molesworth, der seinen Blick eine Sekunde lang vom Fernseher abwandte. «Die Blumen sind von meiner… ähm… Mom», sagte ich. «Von deiner Mom?» Er hob eine Augenbraue. Dann schüttelte er den Kopf. «Ganz wie du willst, Niggerarsch», sagte er und wandte sich wieder seinem Zeichentrickfilm zu.
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m acht Uhr waren die Straßen des French Quarter total überlaufen, voller Touristen und Pferdekutschen. Ich fuhr mit dem Bus zur Ecke Dauphine und St. Louis und ging den Rest des Weges zu Fuß durch die Menschenmengen. Die Austernrestaurants waren bis auf den letzten Platz besetzt, und vor den Bars standen die Gäste bis auf die Straße hinaus Schlange: betrunkene Geschäftsleute aus dem mittleren Westen auf Sauftour, Hochzeitsreisende Arm in Arm, leicht beschwipst von zwei Hurricanes bei Pat O’Brien und ein wenig benommen von allem. Obwohl ich erst knapp fünf Jahre in der Stadt war, hatte ich mir die Verachtung der Einheimischen für diese käsegesichtigen Legionen zu eigen gemacht, die keinen Alkohol vertrugen. Es war ein milder Abend; die Bogenfenster des Napoleon House standen zur Chartres Street hin offen. Ich ging hinein, bestellte mir aus einer Laune heraus einen Sazerac Cocktail, setzte mich an den Tresen und wartete. Etwa gegen halb neun kam der Kellner, ein steinalter Schwarzer mit schmutziger roter Jacke und schiefsitzender Fliege zu mir und tippte mir auf die Schulter. «Mr. Ned Conti?» fragte er. «Ja», sagte ich überrascht. «Folgen Sie mir bitte.» Ich nahm mein Glas und folgte ihm um den Tresen herum, einen schäbigen Korridor entlang und vorbei an einem Schild, auf dem Patio geschlossen stand. In der Mitte des Innenhofs gab es einen Springbrunnen, der aber nicht in Betrieb war. Bananenbäume und andere Pflanzen 121
in großen Tontöpfen umringten ein halbes Dutzend schwarzer Eisentische. Antoinette saß an einem Tisch auf der anderen Seite des Springbrunnens vor einem Martini. Zwei Kerzen auf alten Cognacflaschen beleuchteten ihr Gesicht und ließen die Straßsteine auf der Brosche an ihrem grünsamtenen Cocktailkleid funkeln. Sie sah gut aus, ihre Augen blitzten und verrieten nichts mehr von den Qualen, die sie einige Tage zuvor ausgestanden hatte. «So, da wären wir, Sir.» Der Kellner deutete auf einen Stuhl ihr gegenüber. Antoinette blickte auf und lächelte. «Vielen Dank, Henri», sagte sie zu ihm, bevor sie mich begrüßte. «Darf ich Ihnen etwas bringen, Sir?» fragte der Kellner. «Ja, am besten noch einen Sazerac», erwiderte ich und blickte in mein Glas. Antoinette zog ein Gesicht. «Du bist wohl ein Tourist», sagte sie. «Sazerac!» «Tja, ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist. Ich hatte einfach Lust auf was Ausgeflipptes», sagte ich und versuchte, ihren Busen in dem tief ausgeschnittenen Kleid zu ignorieren. «Hmm…» Sie schürzte die Lippen und wandte sich dann an Henri. «Au hon gout, Henri. Lo vrai fai por loui. Et lo même por moi», sagte sie, und es klang so, als spräche sie Gombo-Französisch, den aussterbenden alten Dialekt von New Orleans. Ich hatte ihn noch nie zuvor von irgend jemandem gehört. «Bon, bon ’zelle Toinette.» Henri nickte und ging langsam über den Hof zurück in die Bar. «Ich habe ihm gesagt, er soll dir einen ordentlichen Drink machen», erklärte mir Antoinette. «Nicht dieses widerliche Zeugs aus der Flasche, sondern richtig 122
handgemixt.» «Du scheinst ja einigen Einfluß hier zu haben», sagte ich mit Blick auf die leeren Tische. «Sieht so aus, als hätten sie den Patio eigens für dich geöffnet.» «Papa hat genau hier in diesem Hof um Mamas Hand angehalten», sagte sie. «Ich bin sozusagen hier geboren. Das Essen ist zwar nicht mehr so gut wie früher, aber ich liebe dieses Lokal.» Als Henri die Drinks brachte, kostete ich den Sazerac, und er rann wie Feuer meine Kehle hinunter. «Verdammt», sagte ich, «wirklich ein höllischer Drink.» Der alte Kellner lächelte erfreut und ging davon. «Henri war früher Chef-Barkeeper hier, bis man fand, er sei zu alt dafür», sagte Antoinette. «Aber er ist einer der wenigen Leute, die immer noch einen handgemixten Sazerac machen können. Du weißt schon, Absinth, Bourbon, süßer Wermut, Zucker und Angostura. Das Geheimnis besteht darin, daß man den Absinth im Glas schwenkt und ihn dann wegschüttet, bevor man die anderen Sachen hinzufügt. Heutzutage kriegt man natürlich keinen Absinth mehr. Aber Pernod geht auch.» Ich nickte sprachlos. Antoinette rückte mit ihrem Metallstuhl näher zu mir heran. «Laß mich mal probieren.» Sie kostete den Sazerac und zog eine Grimasse. «Haut ganz schön rein.» Dann legte sie mir eine Hand auf den Arm und senkte ihre Stimme. «Hör zu, ich möchte die Sache sofort hinter mich bringen, denn das Ganze ist ein wenig peinlich. Ich bin dir wirklich dankbar für das, was du neulich getan hast. Ich hatte total die Kontrolle verloren und brauchte jemanden, der mir half, und du warst da, und ich bin dir wirklich…» «Du brauchst nicht…», begann ich. 123
«Bitte, laß mich weiterreden. Ich bin dir wirklich dankbar für das, was du getan hast, und dafür, wie du es getan hast - so lieb. Also, das ist für dich…» Sie beugte sich vor, küßte mich auf die Lippen, während ihre Hand immer noch auf meinem Arm lag, und ich war zu verblüfft, um ihren Kuß zu erwidern. «Du schmeckst nach Sazerac», sagte sie, aber als ich nichts erwiderte, lehnte sie sich zurück und sah mich durch schmal gewordene Augen wartend an. Ich muß weiß wie ein Laken gewesen sein, denn nach einer Weile meinte sie: «Scheiße, ich wollte dir keinen Schreck einjagen.» «Nein, ich bin nur überrascht.» «Wenn du nicht möchtest, daß ich dich küsse, brauchst du’s nur zu sagen.» «Das ist es nicht», sagte ich, zog sie plötzlich an mich und küßte sie heftig auf die Lippen, küßte sie ein zweites Mal und versuchte, sie noch näher zu mir herüberzuziehen, fegte statt dessen aber nur ihr Martiniglas vom Tisch, das auf dem Pflaster zerbrach. «Schon gut.» Sie lachte und schob mich, eine Hand flach auf meine Brust gelegt, von sich weg. «Du solltest besser vorsichtig sein.» Rückblickend ein Ratschlag, den ich hätte beherzigen sollen. Aber statt dessen lehnte ich mich, während sie sich auf die Suche nach Henri machte, in dem Metallstuhl zurück und blickte hinauf in den Himmel, der von einer so wunderbaren Grün-Blau-Schattierung war, daß es an ein Wunder grenzte.
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rgendwo gegen vier Uhr morgens, wir hatten erst getrunken, dann was zu Abend gegessen, dann noch mehr getrunken und ein halbes Dutzend Touristenbars abgeklappert, endeten wir schließlich bei Lafitte’s, dessen von Sklaven gezimmerte Wände einen guten Meter tief in den Boden eingesunken waren. Es war jetzt eine Pianobar mit grellem Licht über dem Stutzflügel, Glastischen und Sitzgruppen aus rotem Leder, aber früher einmal, in einem anderen Zeitalter, hatte das Haus dem Piraten Lafitte als Tarnung für seinen illegalen Sklavenhandel gedient, und noch immer haftete ihm der Ruch seiner kriminellen Vergangenheit an. Antoinette und ich saßen aneinandergelehnt auf einem Ecksofa, halbleere Dixie-Flaschen vor uns auf dem Tisch. Der übergroße Cognacschwenker auf dem Flügel an der gegenüberliegenden Seite des Raumes war vollgestopft mit Dollarscheinen, und die Frau davor heulte gerade ihre letzte Nummer, aber das Lokal würde erst in einer Stunde schließen. Über der Stadt lag eine Ahnung der Morgendämmerung. «Es gibt da noch ein paar Kleinigkeiten, die ich dir gern sagen möchte», begann Antoinette. «Schieß los.» «Aber du wirst dich hinterher nicht mehr dran erinnern. Du bist betrunken.» «Keine Sorge», erwiderte ich. «Ich werde mich schon erinnern.» «Das French Quarter», sagte sie. «All diese Touristenbars. Was glaubst du, warum ich heute abend 125
unbedingt im Quarter bleiben wollte? Glaubst du, es gefällt mir, hier rumzuhängen?» «Ich weiß», sagte ich. «Die Bar im Hyatt. Die Plastikalligatoren, die da von der Decke hängen. Großer Gott.» Sie umklammerte meinen Arm, und ihre Stimme war plötzlich vollkommen ernst. «Meine Freunde gehen nicht hierher, deine Freunde gehen nicht hierher. Dothan geht nicht hierher. Verstehst du, was ich meine?» Während ich über ihre Worte nachdachte, beugte sie sich tief über den Tisch. Ihre Haut sah in dem dämmerigen Licht weich und glatt aus wie Elfenbein. Ihr schwarzes Haar lockte sich um die Perlen an ihren Ohren. Auf der Straße stolperten Betrunkene vorbei. Alles, was ich durch das niedrige Fenster von ihnen sah, waren ihre Schuhe. «Ich meine, daß es am Anfang gefährlich sein könnte für dich», fuhr Antoinette leise fort. «Dothan reagiert nicht immer vernünftig, und er hat in der Vergangenheit einige verrückte Sachen gemacht. Wir müssen uns heimlich treffen. Nicht, daß mir das gefällt, aber wir haben keine andere Wahl, bis ich mir überlegt habe, wie ich mit ihm Schluß machen kann. Ich werde vollkommen ehrlich zu dir sein, denn ich mag dich, und du bist ein netter Kerl. Ich versuche schon seit einer ganzen Weile; von Dothan wegzukommen. Er ist einfach zuviel für mich. Er will zuviel. Aber ich bin schwach, und ich schaffe es nicht allein. Ich rufe ihn an, wenn ich ihm gesagt habe, daß wir uns mal eine Weile nicht sehen sollten; ich rufe ihn an, weil ich mich einsam fühle oder weil ich mich langweile. Und wenn er nicht in der Nähe ist und wenn ich mich einsam fühle oder langweile, mache ich Dummheiten, so wie neulich. Das war wirklich blöd. Also brauche ich deine Hilfe.» Sie vermied es, mich anzusehen, und als ich 126
ihr Gesicht anhob, standen Tränen in ihren Augen. «Ich verspreche nichts», sagte sie. «Ich möchte, daß du das nicht vergißt. Aber ich möchte…» Ich hielt den Atem an. «Ich möchte, daß du mein Liebhaber wirst. Willst du mein Geliebter sein?» Ich hätte über die Dinge, die sie sagte, nachdenken sollen, aber ich habe überhaupt nicht nachgedacht. Statt dessen nahm ich sie in die Arme und küßte sie. «Mit dem Teufel persönlich», flüsterte ich. «Für dich würde ich es mit dem Teufel persönlich aufnehmen.» Und draußen in dem grünen Firmament über der Stadt ertönte das langgezogene Heulen eines Güterzugs, des Illinois Central, der nach Norden fuhr und jetzt in die sumpfige Düsternis entlang des Flusses tauchte.
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ir waren vorsichtig. Wir gingen in Touristenbars, die keiner von unseren Bekannten freiwillig betreten hätte, und liebten uns in Hotelzimmern im Quarter - im Lasalle, im Landmark French Quarter, im Monteleone -, mischten uns in den Strom der Kongreßbesucher und der Hausfrauen aus Akron, deren erkahlenden Ehemännern die Hypotheken ins Gesicht geschrieben standen. Die Hotels waren alle gleich: harte Doppelbetten, billige Auslegeware auf dem Boden, triste Filme für eine Extragebühr, gedruckte Blumenstilleben an den Wänden, der Geruch von Anonymität und jenseits der dicken Spiegelglasfenster die Lichter von Algiers. Wir hatten unsere Routine und unsere kleinen Spielchen. Sie hinterließ mir eine Nachricht in Flournoys Des Indes à la planète Mars in meiner Lesenische in der Bibliothek an der Loyola. (Ich arbeitete damals an einem Forschungsprojekt über das Phänomen des automatischen Schreibens im 19. Jahrhundert, und bei dem Buch handelt es sich um ein berühmtes Werk, das angeblich von einem jenseitigen Wesen à la planchette geschrieben wurde. ) Die Nachrichten - die ich auswendig lernen und dann zerstören sollte wie eine Figur aus Kobra, übernehmen Sie - waren kleine Schnipsel gelben Papiers, auf denen der Name eines Hotels stand, eine Stunde des Tages oder der Nacht, eine Zimmernummer und als Unterschrift lediglich ein Herz. Sie traf alle Vorbereitungen, bezahlte alles mit einer Kreditkarte, die ich nie zu Gesicht bekam, und saß immer schon in der Hotelbar, wenn ich kam, oder in unserem 128
Zimmer, frisch gebadet und die Haare wie Scheherezade in ein Handtuch gewickelt. Meinem Mantel haftete noch der Geruch der Außenwelt an, wenn wir einander in die Arme fielen wie zwei junge Tiere. Eine Weile war das genug. Ich stellte keine Fragen, und wir sprachen nicht von Dothan. Eine Weile waren da nur ihr Körper und ihr Geruch und das Gefühl ihrer Haare in meinen Händen, und danach rauchten wir wie zwei Figuren aus einem Film und bestellten den Zimmerservice: Cheeseburgers mit Schinken oder lauwarme Gumbosuppe um drei Uhr morgens. Ich war noch jung und hatte nicht viel Erfahrung mit Frauen, aber ich wußte, daß etwas fehlte, daß ihr Herz ihrem Körper nicht folgte, wenn wir uns liebten. Daß ihr Geist kalt und beobachtend im Zentrum aller Ereignisse lauerte. Ich will nicht sagen, daß es ihr an Begeisterung mangelte. Davon hatte sie mehr als genug, und ich lernte von ihr ein paar Dinge im Bett, die mir später bei farbloseren Frauen gut zustatten kamen, aber etwas Wesentliches fehlte. Dann, eines Nachts, nachdem wir miteinander geschlafen hatten und Antoinette an meiner Schulter vor sich hindöste, traf es mich wie ein Schlag: Es war nicht Liebe, was wir da machten; es war Sex. Ich weckte sie und sagte es ihr. Sie sah mich mit verschlafenen Augen an. Dann stemmte sie sich hoch, gab mir einen ironischen Kuß auf den Mundwinkel und sagte: «Baby, versuch einfach zu schlafen.» Aber ich konnte nicht schlafen, und so grübelte ich bis zum Morgengrauen darüber nach. Einige Tage später, im Bett von Zimmer 247 im alten River Mark Hotel, brachte ich das Thema abermals zur 129
Sprache. Durch die dünnen Wände drangen das Gejohle und die Pfiffe einer Junggesellenparty. In der Suite nebenan hatten sie eine Stripperin zu Gast. Ich hatte dieses dralle Geschöpf mit dem Aufzug hochkommen sehen, eingehüllt in einen langen Regenmantel und begleitet von einem hünenhaften Mann. Der Fernseher in unserem Zimmer dröhnte, um den Lärm dieser Orgie zu übertönen. «Du kannst den Fernseher ruhig ausmachen», sagte Antoinette schließlich, während sie sich von mir wegdrehte. «Er funktioniert nicht.» Ich stand auf und schaltete den Apparat aus, aber statt wieder zurück ins Bett zu gehen, setzte ich mich nackt auf den Schreibtischstuhl ihr gegenüber. Sie blinzelte mich neugierig an. Ihre grauen Augen funkelten in dem dämmerigen Licht der Schreibtischlampe wie die einer Katze. Das Gejohle nebenan brandete von neuem auf, und von der anderen Seite des Zimmers kam das Geräusch einer Klospülung. «Tut mir leid, daß das so ein lausiges Hotel ist», sagte Antoinette und legte sich ein Kissen über den Kopf. Als sie wieder hochkam, um Luft zu schnappen, und mich immer noch auf dem Stuhl sitzen sah, streckte sie mir einladend die Arme entgegen. Ich schüttelte den Kopf. «Wir müssen reden», sagte ich. Sie war einen Augenblick still. «Okay, warum reden wir nicht im Bett?» fragte sie schließlich. «Das wird nicht funktionieren.» Also seufzte sie und drehte sich auf den Rücken, ihre Brüste zu beiden Seiten ihres Körpers ausladend wie ein Fluß, der über die Ufer tritt. Sie faltete ihre Hände zwischen ihnen - eine Heilige in Ruhestellung. Es war nie leicht mit ihr gewesen, wenn es ans Reden ging; Worten traute sie nicht. 130
«Na schön, wenn du also reden willst», sagte sie, den Blick zur Decke gerichtet, «warum ziehst du dann nicht deine Hose an?» Es wäre wohl wirklich seltsam gewesen, ein ernstes Gespräch nackt zu führen, also stand ich auf, zog meine Jeans an und mein T-Shirt und setzte mich wieder auf den Stuhl. «Dann mal los.» Ich zögerte, blickte aus dem Fenster über die Stadt hinweg, nur ein Schemen in dem grünen Licht, und schaute dann wieder zu Antoinette hinüber, die immer noch an die Decke starrte. Das Hotel schien plötzlich furchtbar still zu sein. Ich wußte, daß ich viel zu verlieren hatte, aber ich konnte nicht anders. «Ich habe keine Lust mehr auf Hotelzimmer», sagte ich. «Diese ganze Sache fängt langsam an, ein bißchen billig zu wirken.» «Ich gebe zu, dieses Hotel ist ein Drecksloch, aber es war alles, was ich für heute abend bekommen konnte, Baby», sagte sie. «Das Quarter war total ausgebucht. Aber dir gefällt doch das Holiday Inn Château LeMoyne, stimmt’s? Mit dieser großen Jacuzzi-Badewanne, erinnerst du dich?» «Du verstehst nicht, worum es mir geht, Antoinette», sagte ich. «Erstens ist das alles furchtbar teuer. Hotelzimmer drei, vier Nächte die Woche. Mein Gott! Und das alles verschwindet sang- und klanglos auf deiner Kreditkarte. Ich finde das nicht richtig.» «Geld», sagte sie mit einer abschätzigen Handbewegung. «Mach dir deswegen mal keine Gedanken.» Die Party nebenan wurde leiser und wieder lauter, wie ein Radiosender, der ab- und wieder angedreht wurde. «Antoinette», sagte ich sanft, «laß uns das nächste Mal zu dir gehen. Oder zu mir.» «Nein», sagte sie. 131
«Warum nicht?» «Du bedrängst mich. Hör damit auf. Laß es einfach eine Weile so weiterlaufen.» «Antoinette, schläfst du immer noch mit Dothan?» «Frag mich das nicht», erwiderte sie scharf. «Das geht dich nichts an, verdammt noch mal.» «Okay», sagte ich. «Ich gehe jetzt wohl besser.» Ich weiß nicht, woher ich den Mut nahm, aufzustehen, in dem Chaos von Kleidern auf dem Fußboden herumzuwühlen, meine Socken anzuziehen, meine Schuhe zuzuschnüren, meinen Gürtel zu schließen, meinen Mantel zu holen und zur Tür hinüberzugehen. Ich legte meine Hand auf den Knauf und drehte mich halb zu ihr um. Sie lag reglos auf dem Bett, die Hände immer noch zwischen den Brüsten gefaltet, den Blick zur Decke gerichtet. «Ich bin verrückt nach dir», sagte ich. «Das weißt du. Aber ich brauche jetzt etwas. Ein Wort. Irgend etwas, um so weitermachen zu können. Sonst ist es nur Sex. Und ich bin wohl immer noch zu sehr Katholik, um zu glauben, daß so etwas gut ist.» Ich stand da wie ein Narr und sah sie an. Sie sagte kein Wort. Nach einer Weile drehte ich den Türknauf um, trat hinaus auf den mit Teppich ausgelegten Flur und stand von neuem zusammen mit der Stripperin und ihrem Bodyguard im Lift. Dieses Mädchen, ein oder zwei Jahre jünger als Antoinette, war zweifellos auf dem Weg zu einem anderen Auftritt in einem anderen Hotel auf der anderen Seite der Stadt, und ich konnte sie mir in dem harten, weißen Licht ziemlich genau ansehen. Ruhig, blaß, gefaßt und kein einziger Schweißtropfen deutete auf das Spektakel hin, das sie gerade hinter sich gebracht hatte.
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ch wartete die ganze Woche auf Antoinettes Anruf, aber sie rief nicht an. Es war eine der schlimmsten Wochen meines Lebens. Ich schwankte zwischen Verzweiflung und Selbstbeweihräucherung darüber, wie ich mit der Situation fertig geworden war. Das sei genau das Richtige gewesen, sagte ich mir, genau das Richtige. Aber dann brach ich zusammen und betete zu irgendeiner geheimen Gottheit der Liebenden, daß Antoinette zu mir zurückkehren möge. Diese Sache schien mir keine Angelegenheit für den katholischen Gott zu sein, den Gott der Keuschheit und Abstinenz und der Strafe, den Gott auf dem Kreuz, der Maria Magdalena niemals auch nur mit einem Finger berührt hatte und der durch den Apostel Paulus zu uns sprach, um uns zu sagen, daß die körperliche Liebe selbst innerhalb der heiligen Schranken der Ehe bestenfalls ein sündhafter Kompromiß mit den bösen Verlockungen des Fleisches war. Statt dessen betete ich voller Leidenschaft und Verzweiflung zu einem ganz anderen Wesen, zu einer weiblichen Gottheit in einem mit Samt ausgeschlagenen Boudoir; zu einer Göttin des Lachens und des Rascheins von Seide und der langen Nachmittage in den Armen einer Frau, deren Mann anderswo war. Um mir die Zeit zu vertreiben, trank ich. Molesworth wurde der Organisator und Führer meiner Flucht. Ich präsentierte mich ihm wie ein Büßer, und im Landrover machten wir bis drei oder vier Uhr morgens die Runde durch die Stadt. Molesworth war ein Mann, der keine Fragen stellte. Irgendwann in seiner fernen Vergangenheit hat einer seiner hinterwäldlerischen Verwandten wohl alle 133
natürliche Neugierde aus ihm herausgeprügelt, oder vielleicht gehörte er auch zu den wenigen Glücklichen, die es einfach zufrieden waren, nichts zu wissen. Aber ein Mann, der keine Fragen stellt, bekommt trotz alledem oft Antworten. Wir hatten uns in einer der stinkenden, bierklebrigen Nischen ganz weit hinten im Stew Pot niedergelassen und waren über zwei Flaschen Jack’s in düsteres Schweigen versunken, als ich ihm mein Herz ausschüttete. Molesworth hatte den ganzen weiten Weg hierher auf sich genommen, um von seinem Bekannten, einem argwöhnischen Ex-Sträfling, ein paar Tüten einheimisches Gras zu erstehen. Der Deal ging in einer der Kloboxen vonstatten, während ich für den Fall, daß die Polizei auftauchen sollte, die Tür im Auge behielt, mein Bier trank und versuchte, so unschuldig auszusehen, wie es in dieser Situation möglich war. Das Stew Pot ist eine wenig frequentierte Spelunke draußen am Rand von Belle Chasses auf der anderen Seite des Flusses und typisch für die Etablissements, wie man sie in Plaquemines findet. Das übliche zähe CajunKrokodilfleisch, in billigem Fett fritiert, die üblichen Countrysongs aus der Jukebox und zur Zierde des Ganzen Konföderiertenflaggen und ausgestopfte Fische. Lediglich eine bemerkenswerte Ausnahme unterschied diese Kneipe von anderen: über der Theke hing ein riesiges Porträt von Judah P. Benjamin in Gehrock und grauem Bart, irgendwann gemalt während des Bürgerkriegs. Das Porträt war fleckig, vom Alter geschwärzt und an einer Ecke eingerissen, aber trotz alledem ein Museumsstück. Wie es ins Stew Pot gelangen konnte, überstieg meine Vorstellungskraft. Als der Barkeeper, ein typischer armer Schlucker aus dem Bayou, mit einer neuerlichen Runde zu uns kam, fragte ich ihn, ob er etwas über das Bild wisse. 134
Er zuckte mit den Schultern. «Irgend ’n Geschenk von irgend ’nem alten Arschloch», sagte er. «Woher kommt es?» «Teufel soll mich holen, wenn ich das weiß. Hing schon hier, als ich hier anfing.» «Das ist Judah P. Benjamin», sagte ich. «Wer?» «Er war Jude.» Der Bayou-Bursche glotzte mich an und drehte sich argwöhnisch zu dem Porträt um. «Oh», sagte er. «Ein Jude.» Als er wegging, hob Molesworth eine Augenbraue. «Judah P. Benjamin wurde, obwohl er als Jude in einer Zeit großen Antisemitismus lebte, unter Jefferson Davis Außenminister der Konföderation», dozierte ich. «Man nannte ihn oft das Gehirn des Südens. Er führte ein unstetes Wanderleben. Geboren in Westindien als Sohn eines Rabbis, kam er nach Yale und ging dann nach dem Krieg lieber ins Exil, als einen Eid auf die Union zu schwören. Schließlich wurde er in England als Rechtsanwalt berühmt, bevor er in Frankreich in den Armen seiner französischen Mätresse auf einem Landsitz außerhalb von Paris starb. Nach New Orleans, der Stadt, die er über alles liebte, kehrte er nie zurück.» «Und wen interessiert das?» «Das ist Geschichte, Molesworth. Dich sollte es interessieren. Jeden sollte es interessieren. Judah P. Benjamin im Stew Pot. Unglaublich.» «Mir ist das scheißegal», sagte Molesworth. «Machen wir, daß wir hier rauskommen.» «Und wohin?» «Zurück in die Zivilisation. Laß uns ins Spanish Town 135
gehen. Bin schon eine Weile nicht mehr dagewesen. Wir können Dothan Hallo sagen und auch dieser schönen Hexe, die er hinterm Tresen stehen hat.» Alles Blut wich aus meinem Gesicht. «Nein», sagte ich. «Ich kann nicht ins Spanish Town.» «Du kannst nicht?» fragte Molesworth überrascht. «Frag mich nicht.» Molesworth zuckte mit den Schultern, wandte sich wieder seinem Bier zu und machte mit dem unteren Ende seiner Flasche eine grüßende Geste in Richtung Judah P. Benjamin, der ihm zuzunicken schien, während ein Lächeln voller wohlwollender Autorität um seine bärtigen Lippen spielte. Nach einer Weile sagte ich: «Und, willst du mich nicht fragen?» Er schüttelte den Kopf. «Nee.» «Okay», seufzte ich. «Ich erzähl’s dir.» Ich sagte ihm alles und ließ nur jene intimen Details aus, die ein Gentleman aus Gründen der Diskretion niemals in einer Kneipe wiederholen würde. Als ich fertig war, setzte er seine Bierflasche mit einem entschlossenen Klicken auf den Tisch, und in seinen Augen stand so etwas wie Enttäuschung. «Habe ich dir denn gar nichts beigebracht, Niggerarsch?» fragte er. «All diese Jahre, und du bist immer noch derselbe YankeeNiggerarsch, der du warst, als du ins Wohnheim eingezogen bist. Diesmal hast du’s wirklich geschafft, wahrhaftig.» Dann holte er mit seiner dicken Hand zu einer vagen Geste aus. «Was geschafft?» fragte ich und versuchte, in meinen Worten keine Panik durchklingen zu lassen. Er beugte sich zu mir herüber, seine Stimme war 136
plötzlich rauh und tief, und sein Atem roch nach Bier und schlecht geputzten Zähnen. «Es gibt Scheißkerle, und es gibt Scheißkerle. Dothan gehört zu den letzteren. Er kommt aus einer Familie von lauter Scheißkerlen. Ich will nicht sagen, daß er nicht ein anständiger Kerl ist. Er ist vollkommen vernünftig, nicht wie sein Bruder Curtis. Aber, mein Gott, wenn dieser Hurensohn durchdreht…» Auf dem Weg zurück in die Stadt, den Belle Chasse Highway hinauf durch die grünlichen Nebel des späten Abends, flog eine Schnepfe ganz niedrig über den Kühlergrill des Landrovers hinweg und glitt auf ihren großen Schwingen in die Dunkelheit davon in Richtung des Bayou Barriere County Clubs. Molesworth hupte dem Vogel hinterher und machte eine wilde Geste mit seinem Styroporbecher voller Bourbon und Soda. In jenen Tagen, bevor sich eine zudringliche nationale Gesetzgebung breitmachte, gehörte Louisiana zu den wenigen Staaten, die zivilisiert genug waren, um ihren Bürgern zu gestatten, zu trinken und Auto zu fahren und eine Waffe bei sich im Wagen zu haben, und das alles gleichzeitig. «Wenn ich ein alter Römer wäre», sagte Molesworth, «würde ich diesen Vogel als Omen nehmen. Als schlechtes Omen.» «Du bist aber kein alter Römer, Molesworth», rief ich über das Dröhnen des Motors. «Die Auguren, du weißt schon. Die Leute, die die Zukunft aus dem Flug der Vögel vorhersagen konnten. Mit solchen Sachen hatten’s die alten Römer. Denk nach, wann hast du zum letzten Mal nachts eine Schnepfe fliegen sehen?» «Keine Ahnung», sagte ich. «Tagaktiv, diese Vögel, nicht nachtaktiv.» Molesworth kannte sich, wenn er auch sonst nur wenig wußte, in der 137
Tier- und Pflanzenwelt der Sümpfe Louisianas so gut aus wie niemand sonst. «Und sie sind Flußvögel. Wir sind ein gutes Stück vom Fluß entfernt hier draußen. Ein Omen, Niggerarsch!» «Okay», sagte ich. «Ich geb auf. Was will dieser bestimmte Vogel uns sagen?» Er schwieg für einen Augenblick, nahm einen Schluck von seinem Bourbon, sein Pferdegebiß blitzte im Halbdunkel kurz auf, und dann wies er mit dem Kopf auf die Windschutzscheibe. Auf Kurzwelle kam jetzt das klagende Wimmern einer Cajun-Geige. «Dieser kleine Vogel sagt mir, daß du ein Narr bist, Ned.» Für einen Moment schien eine ungewöhnliche Note des Mitleids in seiner Stimme mitzuschwingen, ein Umstand, der mir mehr Angst einjagte als alles andere, was ich heute abend gehört hatte. «Es wird ein schlimmes Ende nehmen mit dir. Eine Frau wie die. Was für ein Narr ist das, der seinem Unglück so in die Arme läuft?» Mehr war nicht aus ihm herauszubringen. Eine Weile fuhren wir schweigend weiter, begleitet nur vom Motorengeräusch. Als wir nach Gretna und auf den West Bank Expressway kamen und etwas langsamer wurden, nutzte ich das verminderte Dröhnen, um beinahe im Flüsterton zu sagen: «Aber sie ist so schön. Sie ist die schönste Frau, die ich je gesehen habe. Ohne sie schleppen die Tage sich dahin, leer und dumpf. Sie ist wie die Sonne, Molesworth. Ohne sie ist die Stadt dunkel, das ganze Land. Dunkle, leere Straßen voller fremder Menschen.» «Hübsch gesagt, Niggerarsch», meinte Molesworth. «Aber laß mich dir eine kleine Geschichte erzählen. Da war dieser griechische Niggerarsch, der aus irgendeinem Grund Paris genannt wurde, obwohl ich nie begreifen werde, warum man einem Griechen den Namen einer 138
französischen Stadt gegeben hat. Na jedenfalls, eines Tages ging er mit dieser tollen Puppe auf und davon, du weißt schon, die mit irgendeinem anderen armen Hurensohn verheiratet war. Aber Paris hatte die Wahl in dieser Angelegenheit. Es ist nicht so, als hätten die Menschen keine Wahl. Er hätte es vorziehen können, der tollste Mann auf der Welt zu sein, der reichste Mann auf der Welt, oder aber mit dieser Puppe davonzulaufen. Und er hat sich für die Puppe entschieden. Was als nächstes passiert ist, weißt du... Scheiße. Der Rest ist Geschichte, und das fällt in dein Gebiet. Jede Menge Ärger.» Weiter sprachen wir nicht darüber. Er zerknautschte den Styroporbecher und warf ihn zu dem übrigen Müll auf den Boden, und kurz darauf waren wir auf der New Orleans Bridge und näherten uns der Stadt, deren Lichter, wenn man Molesworths Auguren-Prophezeiung Glauben schenken durfte, ein tragisches Schicksal beleuchteten.
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wei Tage später klopfte es in der Mystery Street an unsere Tür, und der Junge von Marche Florists brachte einen zweiten Rosenstrauß von Antoinette. Diese hier waren weiß, um die Reinheit ihrer Absichten zu zeigen, und auf der Karte stand: «Es tut mir leid. Alles. Hab dich vermißt. Ich werd’s versuchen. Bitte, komm heute abend in mein Apartment. 177 Marigny Nummer 3, falls du’s nicht mehr weißt. A.» Molesworth war irgendwohin gefahren, also versteckte ich die Rosen unter einer Decke in meinem Schlafzimmer, verließ das Haus und ließ mir in einem salvadorianischen Frisiersalon auf der Esplanade bei DeSoto einen Haarschnitt verpassen. Es war einer von diesen Salons, wo man fünf Dollar bezahlt und nachher aussieht wie ein Gaucho aus einem alten Film. Anschließend ging ich wieder nach Hause, zog mich um und schlenderte dann hinüber zum Delgado-Museum, wo ich geistesabwesend durch die Räume streifte, bis es Zeit war, den Bus stadteinwärts zu nehmen. Der Verkehr auf den Vorortstraßen war spärlich. Durch die Fensterläden von Antoinettes Apartment drang bleiches, einladendes Licht. Ohne ein Wort zu verlieren, drückte sie auf den Summer, und ich stieg, immer zwei Stufen gleichzeitig, die schmale Treppe hinauf. Die Tür stand offen, und aus dem Inneren der Wohnung kam tiefe, langsame Jazzmusik. Es war genau acht Uhr. Als ich eintrat und meinen Mantel auszog, bemerkte ich das Glitzern von Silber und Kristall. Der kleine Tisch im Wohnzimmer war fürs Abendessen gedeckt. Genau in diesem Augenblick kam Antoinette mit einer Flasche 140
Wein und zwei Gläsern aus der Küche. Sie lächelte. «Ich wußte, du würdest pünktlich sein», sagte sie. «Aber sieh mich an, ich bin nicht mal umgezogen.» Sie trug einen neuen Bademantel aus rotem Plüsch, der bis auf den Boden reichte, und das Haar fiel ihr lose und feucht über die Schultern. Irgend etwas hatte sich in der Wohnung verändert. Ich sah mich kurz um, erblickte das Sofa, dessen gelbe Kissen sorgfältig aufgeschüttelt waren, den orientalischen Teppich, das Foto von dem alten Gemälde, das nun gerade zwischen den Glastüren hing. «Wow, du hast aufgeräumt», sagte ich. «Nur für mich?» «Naja, sozusagen. Ich habe ein Dienstmädchen.» Sie trat an den Tisch, um den Wein zu öffnen, aber ich versperrte ihr den Weg, nahm ihr die Flasche ab und legte meine Hand unter dem Bademantel auf ihre Brust, küßte sie und machte mich daran, sie ins Schlafzimmer zu ziehen. «Hey», sagte sie, «was wird aus meinem Abendessen? Es ist fast fertig, Langusten-Étouffée, Salat, Wein…» Ich blieb in der Tür stehen und drückte sie gegen den Rahmen. Sie legte ihr Gesicht an meine Schulter, und in der Luft schwebte der Duft von Parfüm und Seife und Shampoo und der ureigene Geruch ihres Körpers. «Du hast mir also verziehen», sagte sie, ihr Gesicht noch immer an meiner Schulter. «Klar», sagte ich und zog ihr mit einer geschickten Handbewegung den Bademantel von den Schultern, zog sie vollends ins Schlafzimmer und schloß die Tür hinter uns, obwohl wir allein im Apartment waren.
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päter lagen wir auf dem Himmelbett einander in den Armen und lauschten dem leisen Murmeln der in die Dunkelheit getauchten Stadt jenseits der Fensterläden. Die Jazzplatte auf dem Plattenteller wiederholte sich zum xten Mal. Wir waren zu träge, um aufzustehen und sie umzudrehen. Ich schob mein Gesicht in ihre Achselhöhle und atmete den angenehm bitteren Duft ihres Körpers ein. «He», sagte sie und gab mir einen leichten Klaps mit dem Handrücken auf die Nase. Draußen im Wohnzimmer hob sich die Nadel wieder einmal von der Platte und ging zurück an den Anfang. «Irgend jemand müßte die mal umdrehen», sagte sie. «Mhm.» «Und mein Étouffée wird bald nicht mehr genießbar sein.» «Wir essen es zum Frühstück.» «Hast du Hunger?» «Ja», sagte ich, «aber nicht direkt auf das Étouffée.» Sie lächelte und zog mich an sich. Nachdem wir uns abermals geliebt hatten, setzte Antoinette sich im Bett auf und zündete sich eine Zigarette an. Sie bot mir ebenfalls eine an, aber ich schüttelte den Kopf. «Erinnert mich zu sehr an diese Motelzimmer», sagte ich. «Oh.» Hastig drückte sie die Zigarette im Aschenbecher aus und legte ihren Kopf auf meine Brust. «Ich verspreche immer noch nichts. Ich werde 142
versuchen, die Dinge anders zu regeln. Ich möchte, daß du das weißt», sagte sie. «Aber du wirst mir zeigen müssen, was ich tun soll, denn das ist etwas Neues für mich. Was möchtest du, daß ich tue?» Ich dachte einen Augenblick lang nach. Dann sagte ich: «Ich möchte, daß du mir von Dothan erzählst.» Sie versteifte sich, rollte sich von mir weg, und eine lange Zeit war es sehr still im Zimmer, bis sie schließlich sagte: «Na schön, ich erzähle dir von Dothan.» Und mit sehr leiser Stimme fuhr sie dann fort: «Dothan und ich haben am Mittwoch miteinander geredet. Er ist für die nächsten drei Monate in Südamerika. Vor allem Kolumbien. Dann Venezuela und Peru. Ich weiß nicht, was er da unten tut, und ich will es auch nicht wissen, aber ich kann es mir denken. Nun, wir haben uns jedenfalls vorgenommen, seine Abwesenheit zu nutzen, um über einiges nachzudenken, und wenn er zurückkommt, steht uns also diese große Aussprache bevor.» «Was wirst du zu ihm sagen?» «Ich weiß nicht.» «Hast du ihm von mir erzählt?» Sie zögerte. Ich konnte ihre Augen in der Dunkelheit nicht sehen. «Hast du?» «Ja.» «War es schlimm?» Sie zündete sich eine weitere Zigarette an und stieß den Rauch durch die Nase aus wie eine Gangsterbraut. In den wenigen Sekunden, die sie brauchte, um ihre Zigarette anzuzünden, hatte ihre Stimmung sich gewandelt. «Es gibt vieles von Dothan und mir, was du noch nicht weißt», sagte sie ein wenig rauh. 143
«Okay.» «Ich meine, ich habe ihn geliebt. Ich habe ihn wirklich sehr geliebt.» «Liebst du ihn immer noch?» «Willst du wirklich die ganze Story?» «Ja.» «Na schön», sagte sie und inhalierte tief. «Papa hatte eine Hütte oben in Bayou Dessaintes, in der Nähe von Mamou. Eine Fischerhütte, eigentlich kaum mehr als ein Schuppen. Papa liebte die Hütte und war glücklich, wenn er da oben sein konnte und fischen durfte, mal ohne Mamas Gesellschaftsdamen und den ganzen Scheiß im Garden District. Von uns Mädchen war ich sein Liebling. Einmal erzählte er mir, ich würde ihn an seine Schwester erinnern, die starb, als sie noch jung und schön war und bei den Nonnen zur Schule ging. Na ja, wie dem auch sei, Papa hat mich jedenfalls immer mitgenommen, wenn er zum Wochenende rauf fuhr. Er hat geangelt, und er hat mir erlaubt, Bier zu trinken und zu rauchen. Einmal, ich war so etwa zehn, da hat er mir sogar zwei Bier zu trinken gegeben, und ich war sturzbesoffen. Papa hat nur gelacht. Dann hatte er immer diese Pokerrunden mit ein paar Jungs aus dem Ort, und ich saß in meinem Nachthemd auf einem Stuhl dabei - nichts wirklich Aufregendes, nur ein altes Flanellding, das bis oben hin zugeknöpft war -, ich saß da neben Papa und sah ihm zu und sagte ihm, welche Karten er behalten und welche er ablegen sollte. Weiß der Teufel, sie haben bis vier Uhr morgens gespielt, aus dem Radio kamen alte Cajun-Sachen, Hank Williams und so weiter, und sie haben getrunken und geredet, wie Männer aus dem Bayou es eben tun, und schmutzige Witze gerissen, aber Papa fand nichts dabei, denn sie waren immer höflich zu mir. Bis auf den heutigen Tag, das kann ich dir sagen, bin 144
ich eine ziemlich gute Pokerspielerin. Außerdem verstehe ich mich auch aufs Angeln und kann einen Außenbordmotor mit einem Gummiband, Klebstoff und etwas Spucke wieder in Ordnung bringen.» «Na klar - jagen, fischen, zocken», unterbrach ich sie. Sie bestrafte mich mit einem Rippenstoß für meinen Sarkasmus und fuhr dann mit ihrer Erzählung fort. «In einem Sommer also fuhren Papa und ich für zwei Monate rauf in die Hütte, denn er hatte wirklich schwer gearbeitet und mußte mal für eine Weile raus. Aber diesmal, verstehst du, war ich dreizehn und schon ziemlich gut entwickelt. Ungefähr genauso vollbusig wie meine Schwester Jolie, die siebzehn war und in ihrem letzten Jahr auf der St. Jerome’s Academy. Man könnte sagen, daß ich mein Leben in zwei deutliche Abschnitte einteile, v. B. und n. B. - das heißt vor dem Busen, als ich noch ein kleines Mädchen war, und nachher, als ich ziemlich schnell erwachsen wurde und ein paar Sachen tat, die vielleicht noch eine Weile hätten warten sollen.» Hier hielt sie einen Augenblick inne und sagte dann schließlich: «Moment mal», legte ihre Zigarette auf den Rand des Aschenbechers, ging hinaus und drehte die Platte um. Plötzlich begann es zu regnen, so wie es das in Süd-Louisiana so oft tut: Der Regen peitscht von Algiers herüber und fegt mit Tropfen, die leicht gegen die Fensterläden schlagen, über die tieferliegenden Viertel der Stadt hinweg. Bevor sie wieder ins Bett kam, zog Antoinette die Vorhänge weit auf und öffnete das Fenster für die Sintflut, wobei sie die Läden jedoch geschlossen ließ. Feuchte Luft drang ins Zimmer und mit ihr der Geruch des Flusses und des Schlamms und der fruchtbaren Bayous des Deltas. Als sie wieder neben mich kroch, hatte sich eine leichte Kühle über ihren Körper gelegt. 145
«Halt mich fest», sagte sie. Ich hielt sie in den Armen, bis sie wieder warm war, und beobachtete dabei über ihre Schulter hinweg die Zigarette im Aschenbecher, die allmählich bis zum Filter herunterglomm und schließlich erlosch. Ein paar Minuten später rollte sie sich von mir weg, holte tief Luft und fuhr fort. «Irgendwann tauchte also dieser jüngere Mann bei Papas Pokerrunden auf, ein Kind im Vergleich zu den anderen, damals vielleicht so fünfundzwanzig, würde ich sagen, aber er war ein Wahnsinns-Pokerspieler und - mein Gott! eins der allerschönsten menschlichen Wesen, die mir je vor Augen gekommen waren, abgesehen vielleicht von Peter Frampton mit seinem offenen Hemd auf dem Cover von Frampton Comes Alive, in den ich damals ernstlich verknallt war. Dieser pokerspielende Junge war der Sohn von Claude Palmier, einem Cajun-Fährtensucher aus Mamou, den Papa immer angeheuert hat, wenn er Freunde aus New Orleans zu Jagdausflügen mitnahm. Dothan war sein Name. Ein unheimlicher Name, irgendwas Biblisches, aber er sah aus wie eine Mischung aus Elvis und Richard Burton, und da stand ich nun, dreizehn Jahre alt, mit diesen brandneuen Brüsten und drehte fast durch, wann immer er das Zimmer betrat. Papa ließ mich von diesem Sommer an auch nicht mehr im Nachthemd rumlaufen, denn ich wurde ja, wie er es ausdrückte, ›langsam, aber sicher eine junge Dame‹. Aber vergiß nicht, wir befinden uns in den Siebzigern. Statt meines züchtigen Flanellnachthemds trug ich hautenge Jeans und so eine Art Bikinioberteil. Die Haare in der Mitte gescheitelt wie Laurie Partridge, und alle möglichen Teile von mir hingen aus meinen Klamotten raus. Alles in allem hätte das Nachthemd wohl weniger tiefe Einblicke gewährt… Nach einer Weile merke ich also, wie Dothan mir über 146
seine Karten hinweg verstohlene Blicke zuwirft, aber nicht so deutlich, daß irgend jemand anders ihn dabei hätte erwischen können. Er hat es sehr geschickt gemacht. Immer die richtigen Augenblicke abgepaßt. Ich hab versucht, nicht hinzusehen, aber das war unmöglich. Er hat einfach nur dagesessen mit diesen schwarzen Augen, die mich ansahen, als wüßte er Dinge von mir, die ich nicht mal selbst wußte. Wahrscheinlich hatte er keine Ahnung, daß ich erst dreizehn war, aber ich glaube, letzten Endes hätte das auch keine große Rolle für ihn gespielt. Dann, eines Nachts, als das Spiel ziemlich hoch herging, setzte Dothan eine Runde aus, um die Außentoilette zu benutzen. Er ging hinaus auf die Veranda und von dort in den Garten, schlich sich aber ganz leise zurück und stand nun auf der anderen Seite, direkt vor der Fliegentür. Irgend etwas ließ mich aufsehen, und er lächelte, winkte mir zu und trat wieder zurück in die Dunkelheit. Also erzählte ich, mir sei plötzlich furchtbar heiß, und ging hinaus auf die Veranda, wo er im Schatten stand und rauchte. Er warf die Zigarette fort, preßte mich gegen die Hauswand und fing an, mich wie verrückt zu küssen, und seine Hände waren überall auf meinem Körper, seine Gürtelschnalle drückte sich in meinen nackten Bauch, und er flüsterte mir Sachen ins Ohr, die ich noch nie zuvor gehört hatte. Schließlich hängte ich meinen Ellbogen um seinen Hals und preßte mich an ihn, als hätte ich mein Leben lang nichts anderes getan, und küßte ihn ebenfalls, und wahrscheinlich hätte er mich gleich an Ort und Stelle vorm Haus flachgelegt, wären da nicht die Männer drinnen gewesen, die immer noch Karten spielten.» «Mein Gott!» sagte ich leicht schockiert. «Hattest du keine Angst?» Sie überlegte einen Augenblick. «Nein, ich hatte keine Angst», antwortete sie. «Ich wußte genau, was er wollte, 147
und ich wußte, was ich ihm geben wollte. Ich bin die jüngste von fünf Schwestern, und du weißt ja, wie Schwestern sind.» «Und wann ist es dann passiert?» «Warum erzähle ich dir das alles eigentlich?» Ich zuckte mit den Schultern. «Weil es mich interessiert?» «Du bist gefährlich. Frauen liegen im Bett und erzählen dir Sachen, die sie dir lieber nicht erzählen sollten…» Für eine Minute sah es danach aus, als würde Antoinette mit ihrer Erzählung aufhören, aber dann fuhr sie doch fort. «Es ist zwei Wochen später auf dem Rücksitz seines Lieferwagens passiert. Er hat mich mit Wein betrunken gemacht, und außerdem wollte ich es, also haben wir es getan. Danach kriegte ich schließlich doch Angst, und ich habe geweint, weil ich wußte, daß es kein Zurück mehr gab. Aber er hat mich geküßt und mir gesagt, daß er mich liebe und mich haben wolle und mich immer würde haben wollen, weil ich in seinen Augen so schön wie die Sterne sei, und er schwor, er würde mich heiraten und mich von Papa wegbringen, und wir würden zusammen in einem großen Haus in den Sümpfen leben, und, bei Gott, er meinte es ernst. Jedes einzelne Wort. Dothan mag zwar manchmal ein ziemlicher Ganove sein, und er schmuggelt vielleicht auch ein bißchen und was weiß ich noch alles, aber wenn er etwas sagt, dann meint er es ernst. Also schliefen wir den ganzen Sommer lang miteinander, und ich erwärmte mich langsam dafür. Ich schlich mich kurz vor der Morgendämmerung aus der Hütte, direkt nachdem Papa ins Bett gegangen war, und Dothan und ich schliefen miteinander. In seinem Wagen, den er auf einem der Trampelpfade im Bayou geparkt hatte. Oder in den Ruinen einer alten spanischen Festung, wo man zusehen konnte, wie die Sonne sich langsam über die verfallenen Steinmauern erhob. Als ich im Herbst nach New Orleans zurückkehrte, kam Dothan am Wochenende 148
immer mit seinem kleinen Lieferwagen runter, und wir haben uns draußen in Arabi oder sonst irgendwo ein Hotelzimmer gemietet. Meinen Eltern habe ich dann erzählt, ich schliefe bei einer Freundin, während Dothan und ich in Wirklichkeit in irgendwelchen Vorortbars herumhingen, wo die Leute nicht zu heikel waren, was Ausweise betrifft, und Dothan hat den Hinterwäldlern aus den Sümpfen erzählt, ich sei seine Frau…» Antoinette saß für eine Weile schweigend da und rauchte; ihre Augen waren ganz dunkel. «Soll ich weitermachen?» fragte sie schließlich. «Ja.» «Irgendwann haben meine Eltern es natürlich rausgekriegt. Ich hatte ein regelrechtes Lügennetz aufgebaut, und das ist schließlich Knall auf Fall gerissen. Jolie hat mich verpetzt, dieses Miststück. Sie sagte, es sei nur zu meinem Besten, aber ich glaube, sie hat es getan, weil sie eifersüchtig war. Weil sie auch einen Freund haben wollte, der so schön war wie Dothan. Als Papa herausfand, um wen es sich handelte, wurde er fuchsteufelswild. Meinte, ich dürfe Dothan nie wiedersehen. Niemals. Denn er war ein Cajún, um Gottes willen, eine Bayou-Ratte. Nicht gut genug für seine Tochter. Zwischen den Kreolen und den Cajuns hat es schon immer nicht zum besten gestanden. Die Kreolen waren Aristokraten, Nachfahren französischer und spanischer Adliger. Plantagenbesitzer. Und die armen Schweine von Cajuns, na ja - das waren Habenichtse aus den Sümpfen. Opossumfressender Abschaum, Leute, die aus Kanada weggelaufen sind, als die Briten ihnen zugesetzt haben.» «Plantagenbesitzer?» Ich hob skeptisch eine Augenbraue, eine Angewohnheit, die ich von Molesworth übernommen hatte. «Hatte deine Familie früher wirklich 149
eine Plantage?» «Ja, eine ziemlich große sogar unten am Fluß hinter English Turn. Mit Sklaven und allem Drum und Dran.» «Was ist daraus geworden?» «Während des Bürgerkriegs niedergebrannt, das ist daraus geworden, wie alles andere auch. Wir haben immer noch etwas Land da unten, total verwildert. Aber das ist Mamas Familie. Papas Familie war in Wirklichkeit gar nicht so viel anders als die von Dothan. Sie waren zwar Kreolen, aber arm. Fischer oder so, draußen auf Grand Isle. Papa ist auf die harte Tour nach oben gekommen. Ging im Zweiten Weltkrieg zur Armee und hat dann auf Staatskosten, weil er ja schließlich GI war, die Ingenieurschule besucht. Hat ’ne Menge Geld auf den Ölfeldern gemacht mit irgendeiner Erfindung. Das Haus in der Pyrtania Street mit diesen ganzen alten Bildern und den staubigen alten Büchern, das kommt alles von Mama. Hast du das Haus schon mal gesehen?» Ich schüttelte den Kopf. «Wirst du noch», sagte sie, beugte sich vor und küßte mich sanft auf die Lippen, bevor sie ihre Geschichte fortsetzte. «Nachdem er die Sache mit Dothan rausgefunden hatte, wollte Papa nicht mehr mit mir reden. Kein Wort. Drei Wochen lang bin ich in meinem Zimmer geblieben, bin nicht zur Schule gegangen. Gegessen habe ich so gut wie gar nichts. Ich habe nur geweint und geweint. Es war schrecklich. Mama kam zu mir, um mit mir zu reden, aber ich wollte nicht mit ihr reden, und ich wollte auch mit sonst niemandem reden. Ich habe nur geweint, weil sie mich alle die ganze Zeit beobachtet haben und ich nicht zu Dothan konnte. Schließlich habe ich es geschafft, ihn von einer Telefonzelle aus heimlich 150
anzurufen, und er kam in seinem Lieferwagen runter und hat direkt vorm Haus geparkt und an die Tür geklopft. Ich habe ihn durchs Fenster gesehen, bin aber nicht runtergegangen. Bis nach oben in mein Zimmer konnte ich die Brüllerei von unten hören und splitterndes Glas. Dothan hat Papa erklärt, er wolle mich heiraten. Heute weiß ich, wie lächerlich das war, aber damals schien es mir wie direkt aus Romeo und Julia. Ich war kaum vierzehn Jahre alt, auf meinem ersten Jahr in der St. Jerome’s Academy. Scheiße! Natürlich hat Papa nein gesagt. Und dann sagte er noch, wenn er Dothan jemals wiedersähe, würde er die Polizei verständigen und dafür sorgen, daß er wegen Unzucht mit Minderjährigen hinter Gitter käme. Dann sagte Dothan irgend etwas, und Papa warf eine halbvolle Flasche Old Grand Dad nach ihm, aber Dothan ging in Deckung, und die Flasche krachte in Mamas Porzellanschrank und zerdepperte jede Menge von ihrem kostbaren, alten Geschirr. Ich habe ihn wegfahren sehen, aber da hatte ich schon aufgehört zu weinen, weil ich wußte, was ich tun würde. Eine Woche später beschloß ich, wieder zur Schule zu gehen, und ein paar Tage danach wartete Dothan in seinem Wagen auf mich. Ich hatte meine Schuluniform an. Ich erinnere mich noch gut daran: blauer Blazer mit dem Kreuz und der Krone auf der Brusttasche, weißes Hemd mit kleiner Fliege, blauer Faltenrock, Schnürschuhe. Ich legte einfach meine Bücher an den Straßenrand und stieg, ohne noch einen Gedanken darüber zu verschwenden, in den Wagen. Jolie sah uns wegfahren und rannte schreiend hinter uns her, aber ich habe mich nicht umgeschaut. Wir sind dann runter zum Fluß gefahren, zu den Getreidesilos am Deich, und haben uns an Ort und Stelle im Wagen geliebt. Dann sind wir weiter nach Baton Rouge. Dothan hatte da schon eine Wohnung in Spanish Town gemietet, 151
nicht weit entfernt von der Uni. Das ist auch der Grund, warum er die Bar Spanish Town genannt hat, nach den sechs Monaten, die wir dort waren und gelebt haben, als wären wir verheiratet.» «Sechs Monate? Und wie fanden deine Eltern das?» «Meine armen Eltern waren verzweifelt. Sie haben die Polizei hinzugezogen, sie haben das FBI hinzugezogen, sie haben überhaupt jeden hinzugezogen. Es wurde eine Fahndung nach Dothan ausgelöst. Die Staatspolizei hat überall im Land nach ihm gesucht. Es war sogar in der Zeitung und im Fernsehen. Die Rede war von Kidnapping, aber Dothan hatte keine Angst. Wir würden drei Jahre lang miteinander so leben, sagte er. Dann, wenn ich siebzehn war und dem Gesetz nach ehemündig, würden wir heiraten. Er hat den Lieferwagen verkauft, sich von einem seiner Gaunerfreunde einen gefälschten Führerschein unter anderem Namen besorgt und einen Job in einem Elektronikgeschäft angenommen, wo er Stereoanlagen verkaufte. Dothan in einem Elektronikladen, schon allein der Gedanke ist verrückt! Wir hatten eine ganze Weile unseren Spaß. Dothan spielte Ehemann, und ich spielte Ehefrau, und wir rauchten Pot und bestellten uns jeden Abend Brathähnchen und Pizza, hingen in den Bars rum und schliefen nachher miteinander. Aber ich war zu jung dafür, wirklich. Ich vermißte meine Familie und meine Freunde in der Schule. Also rief ich eines Samstags, als Dothan weg war, um irgendwo etwas Gras zu schnorren, Mama an, und sie weinte und weinte. Sagte, sie liebe und vermisse mich. Sie wollte, daß ich nach Hause kam. Dann war plötzlich Papa am Telefon, und auch er weinte. Das hat mich wirklich erschüttert, Papa weinen zu hören. Es war schrecklich. Ich habe an Ort und Stelle ein Abkommen mit ihnen geschlossen. ›Erlaubt mir, weiter 152
mit Dothan zu gehen‹, sagte ich, ›bringt ihn nicht in Schwierigkeiten, und ich komme nach Hause und gehe wieder zur Schule.‹ Sie waren einverstanden. Am nächsten Tag packte Dothan meine Sachen zusammen und fuhr mich zurück nach New Orleans. Er hatte Angst, aber Papa hielt Wort und regelte die Sache mit der Polizei irgendwie so, daß Dothan keine Schwierigkeiten kriegte. Dothan und ich sind seither immer zusammengewesen, seit zehn Jahren jetzt. Wir hatten unsere Höhen und Tiefen, und einmal haben wir fast ein Jahr lang nicht miteinander gesprochen. Ich bin mit ein paar Männern ausgegangen. Einige von denen habe ich sogar mit nach Hause gebracht, aber sie waren nichts im Vergleich zu Dothan, und als wir uns wieder versöhnten, wär's einfach toll. Und seither ist es auch toll gewesen, bis vor kurzem. Bis er von Mamou hierherunterkam und seine Bar eröffnete. Und das ist so ziemlich die ganze Geschichte. Aus, Ende.» Anschließend schwieg Antoinette ein paar Minuten lang, rauchte ihre Zigarette und stieß den Qualm durch die Nase aus. Der Regen setzte wieder ein, und der Wind klapperte an den Fensterläden. Sie stand auf und schloß das Fenster, zog ihren Bademantel an und drehte sich zu mir um, um mich durch schmal gewordene Augen anzusehen. «Komm, essen wir endlich das Étouffée», sagte sie. Ich stand auf und zog ihren zweiten Frottee-Bademantel an, und wir gingen ins Wohnzimmer. Das Étouffée war ausgetrocknet, nachdem es so lange auf dem Herd gestanden hatte, und der Reis klebte, aber der Salat war gut und der Wein wunderbar. Es war ein schweigsames Essen. Seite zwei der Jazzplatte war nun an der Reihe, sich endlos zu wiederholen. Schließlich blickte Antoinette mir direkt in die Augen. 153
«Okay», sagte sie. «Was sonst noch? Da ist doch noch was?» Ich schaute hinunter auf den Teller. «Wie ist er?» fragte ich. «Du bist eifersüchtig?» «Nein. Ein bißchen.» Sie nahm einen Schluck von ihrem Wein und seufzte. «Er ist irre. Er tut einfach, was ihm in den Sinn kommt und scheißt auf den Rest der Welt. Du mußt dir klarmachen, daß ich mit ihm aufgewachsen bin. Ich habe alles mit ihm zusammen getan, vor Dothan war ich ein kleines Mädchen. Er nimmt eine Menge Drogen, in letzter Zeit mehr, also habe ich das auch gemacht, denn es gab eine Zeit, da haben wir alles zusammen getan. Ich finde Drogen nicht so schlimm, solange das Zeug der Entspannung dient und keine Macht über dein Leben hat.» «Ist er gefährlich? Molesworth meint, er sei gefährlich.» «Ich nehme an, er kann ziemlich gemein sein. Zu mir war er nie gemein. Er hat mich nie geschlagen. Weiß der Himmel, ich habe ihn hundert Male geschlagen. Habe ihm einmal ein blaues Auge verpaßt, nachdem mir zu Ohren gekommen war, daß er mit irgendeinem Weibsbild in Shreveport war. Ich liebe ihn. Ich werde ihn immer lieben. Es ist nur so, daß…» Ihre Stimme verlor sich. «Was?» «Er ist derselbe geblieben. Er wird immer derselbe sein. Ich glaube nicht, daß er jemals erwachsen wird. Er wird immer derselbe Hitzkopf bleiben, derselbe gute, alte Junge. Ich war am Anfang jünger als er, und er wußte alles. Dann habe ich ihn eingeholt, und ein oder zwei Jahre hatten wir jede Menge Spaß. Aber jetzt bin ich älter als er. Ich bin aufs College gegangen - na ja, mehr oder weniger , ich müßte noch ein Jahr oder so auf der Dominican hinter 154
mich bringen. Ich weiß Dinge, die er nicht weiß, und ich sehe mittlerweile, daß viele Dinge, die er tut, schlicht und einfach dumm sind. Wir driften auseinander. Er wird sich nie ändern. Ich glaube, Veränderung ist eine gute Sache. Und ich würde gern eine Weile mit jemand anders gehen.» Sie richtete ihre hellen Augen auf mich, und ich sah, daß es ihr ernst war mit dem, was sie gesagt hatte, und ich spürte einen Stich in meinem Herzen für diesen Mann, der sie liebte und der sie von Anfang an geliebt hatte. Männer können so sein, beständig und blind, während ihre Frauen sich in den dunklen Stunden, in denen sie nicht hinsehen, verändern, gerade dann, wenn sie glauben, es könne ihnen nichts passieren. Die Frauen streifen ihre alte Haut ab, wenden sich ab und werden vollkommen anders und das innerhalb einer Woche, eines Tages, einer Stunde. Antoinette setzte ihr Weinglas ab, beugte sich über den Tisch und griff nach meiner Hand. «Nachdem ich dir jetzt das alles erzählt habe», sagte sie, «möchte ich, daß du es vergißt. Ich möchte, daß du mit mir schläfst und während der nächsten drei Monate weiter mit mir schläfst. Und wenn Dothan zurückkommt, möchte ich so weit wie nur möglich von ihm weg sein. Einfach nicht mehr da. Okay?» Ich wollte etwas sagen, aber Antoinette legte ihre Finger auf meine Lippen und griff nach meiner Hand, und wir gingen ins Schlafzimmer und stiegen wieder in das hohe Himmelbett, wo wir für die nächsten drei Tage blieben. Wo wir uns liebten und in dem sanften Licht leise miteinander redeten, während der Regen über die Stadt zog, der braune Fluß schäumend über die Deiche brodelte, die Sandsäcke im unteren Delta platzten und das Wasser sich unter dem wildgelben Sommerhimmel über die schwarze, reiche Erde der Baumwollfelder ergoß. 155
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it einem Schlag trat ich aus dem verstohlenen Leben von Motelzimmern und Touristenbars im French Quarter in eine Welt, von der ich vorher kaum gewußt hatte, daß sie existierte. Die Art, wie Antoinette mit ihrer Kreditkarte umging, und ein oder zwei Kommentare von Molesworth hatten in mir den Eindruck erweckt, daß ihre Eltern ziemlich gut betucht sein mußten, aber sie waren weit mehr als das: Sie waren stinkreich. Laut Louisiana Magazine war Antoinettes Vater, Charles Gaston Rivaudais, ein genialer Ingenieur und der Hauptaktionär der Louisiana Gulf Company und einer der zwölf reichsten Männer im Land. Ihre Mutter, Hélène d’A