RUDYARD KIPLING
KIM Neu übersetzt und herausgegeben von GISBERT HAEFS
HAFFMANS VERLAG
»KIM« ERSCHIEN ZUERST 1901 BE...
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RUDYARD KIPLING
KIM Neu übersetzt und herausgegeben von GISBERT HAEFS
HAFFMANS VERLAG
»KIM« ERSCHIEN ZUERST 1901 BEI DOUBLEDAY, PAGE & CO. NEW YORK, UND MACMILLAN & CO. LONDON
ALLE RECHTE AN DIESER NEUEDITION UND NEUÜBERSETZUNG VORBEHALTEN COPYRIGHT © 1987, 2001 BY HAFFMANS VERLAG AG ZÜRICH ISBN 3 251 20319 3
»Und wer sind deine Leute, Freund der ganzen Welt?« »Dieses große und wundervolle Land«, sagte Kim und schwenkte die Hand rund um den kleinen Raum mit Lehmwänden, wo die Öllampe in ihrer Nische träge durch den Tabakrauch glomm. »Und außerdem möchte ich meinen Lama wiedersehen. Und außerdem brauche ich Geld.« »Das braucht jeder«, sagte Mahbub traurig. Die Abenteuer eines englischen Waisen in Indien – Kiplings reifstes Prosawerk, das zu einem Klassiker der englischen Indienliteratur geworden ist.
KIM
KAPITEL I
Oh ye who tread the Narrow Way By Tophet-flare to Judgment Day, Be gentle when “the heathen“ pray To Buddha at Kamakura! [Ihr, die ihr geht bei Höllenglast den Schmalen Pfad zum Jüngsten Tag, seid milde, wenn »Die Heiden« beten zu Buddha in Kamakura!]
Er saß, allen behördlichen Anordnungen trotzend, rittlings auf der Kanone Zam-Zammah auf ihrem Ziegelsockel gegenüber dem alten Ajaib-Gher – dem Wunder-Haus, wie die Eingeborenen das Museum von Lahore nennen. Wer ZamZammah besitzt, jenen »feuerspeienden Drachen«, der besitzt den Punjab, denn das große Geschütz aus grüner Bronze ist immer wichtigstes Beutestück des Eroberers. Es gab eine gewisse Rechtfertigung für Kim – mit den Füßen hatte er Lala Dinanaths Sohn von den Schildzapfen gestoßen –, da die Engländer den Punjab besaßen und Kim Engländer war. Zwar war er schwarzgebrannt wie nur irgendein Eingeborener; zwar benutzte er mit Vorliebe die Umgangssprache und seine eigene Muttersprache nur in einem verstümmelten, ungewissen Singsang; zwar verkehrte er mit den kleinen Jungen des Basars auf völlig gleichem Fuß; aber Kim war ein Weißer – ein armer Weißer, einer von den allerärmsten. Die halbblütige Frau, die sich um ihn kümmerte (sie rauchte Opium und gab vor, an dem Platz, wo die billigen Droschken stehen, einen Laden mit
gebrauchten Möbeln zu betreiben), erzählte den Missionaren, sie sei die Schwester von Kims Mutter; aber seine Mutter war Kindermädchen in der Familie eines Obersten gewesen und hatte Kimball O’Hara geheiratet, einen jungen Fahnensergeanten von den Mavericks, einem irischen Regiment. Später nahm er eine Stellung bei der Sind-PunjabDelhi-Eisenbahn an, und sein Regiment kehrte ohne ihn in die Heimat zurück. Seine Frau starb in Firozpur an Cholera, und O’Hara begann zu trinken und mit dem dreijährigen Kind, das lebhafte Augen hatte, die Bahnlinie entlang zu stromern. Gesellschaften und Geistliche, die sich um den Jungen sorgten, suchten ihn einzufangen, aber O’Hara trieb weiter, bis er der Frau begegnete, die Opium nahm, und von ihr lernte er den Geschmack daran und starb, wie arme Weiße in Indien sterben. Beim Tod bestand sein Besitz aus drei Papieren – das eine nannte er sein »ne varietur«, weil diese Wörter auf dem Papier unter seiner Unterschrift standen; das zweite sein »Klarierungs-Zeugnis«. Das dritte war Kims Geburtsschein. Diese Dinger, pflegte er in seinen glorreichen Opiumstunden zu sagen, würden aus dem kleinen Kimball noch einmal einen Mann machen. Kim solle sich auf keinen Fall von ihnen trennen, denn sie seien Teil einer großen Magie – solch einer Magie, wie Männer sie drüben hinter dem Museum betreiben, in dem großen blau-weißen Jadoo-Gher – dem Zauber-Haus, wie wir die Freimaurer-Loge nennen. Alles würde, sagte er, irgendwann in Ordnung kommen, und Kims Horn würde erhöht werden zwischen Säulen – ungeheuren Säulen – der Schönheit und Kraft. Der Oberst selbst, auf einem Pferd sitzend, an der Spitze des feinsten Regiments der Welt, würde sich um Kim kümmern – den kleinen Kim, der es besser haben sollte als sein Vater. Neunhundert erstklassige Teufel, deren Gott ein Roter Stier auf einem grünen Feld sei, würden sich um Kim kümmern, wenn sie O’Hara nicht vergessen hätten – den
armen O’Hara, der Rottenführer auf der Firozpur-Linie gewesen war. Dann pflegte er bitterlich zu weinen, in seinem zerbrochenen Binsenstuhl auf der Veranda. So kam es, daß die Frau nach seinem Tod Pergament, Papier und Geburtsschein in eine Amulettscheide aus Leder nähte, die sie Kim um den Hals hängte. »Und irgendwann«, sagte sie, wobei sie sich verworren an O’Haras Prophezeiungen erinnerte, »wird deinetwegen ein großer Roter Stier auf einem grünen Feld kommen, und der Oberst auf seinem großen Pferd, ja, und« – hier fiel sie ins Englische – »neunhundert Teufel.« »Ah«, sagte Kim, »ich werde daran denken. Ein Roter Stier und ein Oberst auf einem Pferd werden kommen, aber zuerst, hat mein Vater gesagt, kommen die beiden Männer, die den Boden für diese Dinge bereiten. Genauso, hat mein Vater gesagt, haben sie es immer gemacht; und überhaupt ist es immer so, wenn Männer Magie machen.« Wenn die Frau Kim mit diesen Papieren zum örtlichen JadooGher geschickt hätte, wäre er natürlich von der Provinz-Loge aufgenommen und ins Freimaurer-Waisenhaus in den Bergen geschickt worden; aber was sie von Magie gehört hatte, machte sie mißtrauisch. Kim hatte ebenfalls seine eigenen Ansichten. Als er in die Flegeljahre kam, lernte er, Missionare und ernst dreinblickende weiße Männer zu meiden, die wissen wollten, wer er war und was er machte. Denn Kim machte mit großem Erfolg gar nichts. Er kannte zwar die wunderbare, umwallte Stadt Lahore vom Delhi-Tor bis zum äußeren Festungsgraben, war bestens vertraut mit Männern, deren Dasein merkwürdiger war als alles, was einst Harun al-Raschid träumte, und selbst lebte er ein Leben, das so fantastisch war wie das in Tausendundeiner Nacht, aber Missionare und Sekretäre mildtätiger Gesellschaften waren blind für die Schönheit dieses Daseins. Kims Spitzname im Viertel war »Kleiner Freund der
ganzen Welt«; und da er geschmeidig und unauffällig war, übernahm er oft Botengänge für gewandte und feine junge Herren, nachts, auf den dicht belebten Hausdächern. Natürlich ging es um Liebeshändel – das wußte er wohl, so wie er von allem Übel wußte, seit er sprechen konnte –, aber was er daran liebte, war das Spiel um des Spieles willen – verstohlen durch dunkle Kanäle und Gassen streifen, Wasserrohre hinaufkriechen, Anblick und Klang der Frauenwelt auf den Dachterrassen und die jähe Flucht von Dach zu Dach im Schutz des heißen Dunkels. Dann gab es da heilige Männer, aschebeschmierte Fakire neben ihren Schreinen aus Ziegeln, unter den Bäumen am Flußufer; mit ihnen war er gut bekannt – er begrüßte sie, wenn sie von Bettelreisen zurückkehrten, und wenn niemand in der Nähe war, aß er mit ihnen aus einer Schüssel. Die Frau, die sich um ihn kümmerte, bedrängte ihn unter Tränen, europäische Kleidung zu tragen – Hosen, ein Hemd, einen abgeschabten Hut. Kim fand es einfacher, in Hindu- oder Mohammedanertracht zu schlüpfen, wenn er mit gewissen Geschäften befaßt war. Einer der feinen jungen Herren – und zwar jener, der in der Nacht des Erdbebens tot auf dem Grund eines Brunnens gefunden wurde – hatte ihm einmal eine komplette Hindu-Ausstattung geschenkt, die Kleidung eines Straßenjungen aus niedriger Kaste, und Kim verwahrte sie in einem geheimen Versteck unter einigen Balken von Nila Rams Zimmerplatz, hinter dem Obersten Gerichtshof des Punjab, wo die duftenden Deodarstämme zum Auswittern liegen, nachdem sie den Ravi herabgetrieben sind. Wenn Geschäfte oder Unfug angesetzt waren, holte Kim seine Besitztümer hervor; im Morgengrauen kam er dann zur Veranda zurück, völlig erschöpft davon, daß er am Ende einer Hochzeitsprozession gejubelt oder bei einer Hindufeier gejohlt hatte. Manchmal gab es im Haus etwas zu essen, häufiger
nichts, und dann ging Kim wieder los, um mit seinen eingeborenen Freunden zu essen. Während er mit den Fersen gegen Zam-Zammah trommelte, wandte er sich manchmal von seinem Wer-ist-der-Herr-derBurg-Spiel mit dem kleinen Chota Lal und Abdullah, dem Sohn des Zuckerwerk-Verkäufers, um dem einheimischen Polizisten, der am Museumstor neben Reihen von Schuhen Wache stand, eine Frechheit zuzurufen. Der dicke Punjabi grinste nachsichtig: Er kannte Kim schon ewig. Ebenso der Wasserträger, der aus seinem Schlauch aus Ziegenfell Wasser auf die trockene Straße rieseln ließ. Ebenso Jawahir Singh, der Tischler des Museums, der sich über neue Packkisten beugte. Überhaupt kannten ihn alle in Sichtweite, außer den Bauern aus dem Hinterland, die zum Wunder-Haus hinaufliefen, um die Dinge zu betrachten, die Leute in ihrer eigenen Provinz und anderswo verfertigten. Das Museum war indischen Künsten und Handwerkserzeugnissen gewidmet, und jeder, der Weisheit suchte, konnte den Kurator um Erklärungen bitten. »Runter! Runter! Laß mich rauf!« rief Abdullah; er kletterte Zam-Zammahs Rad hinauf. »Dein Vater, der bäckt Zuckerwerk, deine Mutter klaut das ghi«, sang Kim. »Alle Moslems sind längst von Zam-Zammah runtergefallen!« »Laß mich rauf!« kreischte der kleine Chota Lal mit seiner goldbestickten Kappe. Sein Vater war vielleicht eine halbe Million in Sterling wert, aber Indien ist das einzige demokratische Land der Welt. »Die Hindus sind auch von Zam-Zammah runtergefallen. Die Moslems haben sie runtergeschubst. Dein Vater, der bäckt Zuckerwerk…« Er hielt inne; um die Ecke, vom lärmenden Moti-Basar her, kam nämlich mit schleppenden Schritten ein Mann, wie Kim, der alle Kasten zu kennen glaubte, ihn noch nie gesehen hatte.
Er war beinahe sechs Fuß groß, gekleidet in Falten über Falten eines schmutzigbraunen Stoffs, ähnlich einer Pferdedecke, und keine einzige dieser Falten konnte Kim einem ihm bekannten Gewerbe oder Beruf zuschreiben. An seinem Gürtel hingen ein langer, durchbrochen gearbeiteter Federbehälter aus Eisen und ein hölzerner Rosenkranz, wie heilige Männer ihn tragen. Auf dem Kopf trug er eine spitze Mütze mit Ohrenklappen. Sein Gesicht war gelb und runzlig wie das von Fook Shing, dem chinesischen Stiefelmacher im Basar. Seine Augen bogen sich an den Winkeln hoch und sahen aus wie schmale Schlitze aus Onyx. »Wer ist das denn?« sagte Kim zu seinen Kameraden. »Vielleicht ist es ein Mensch«, sagte Abdullah; er hatte einen Finger im Mund und starrte. »Ohne Zweifel«, erwiderte Kim; »aber er ist kein Mensch aus Indien, wie ich ihn je gesehen hab.« »Vielleicht ein Priester«, sagte Chota Lal; er entdeckte den Rosenkranz. »Sieh mal! Er geht ins Wunder-Haus!« »Nein, nein«, sagte der Polizist; dabei schüttelte er den Kopf. »Ich verstehe Eure Rede nicht.« Der Constable sprach Punjabi. »O Freund der ganzen Welt, was sagt er?« »Schick ihn her«, sagte Kim; er rutschte von Zam-Zammah herab und schwenkte dabei seine bloßen Füße. »Er ist ein Fremder, und du bist ein Büffel.« Der Mann wandte sich hilflos ab und kam langsam zu den Jungen. Er war alt, und sein wollener Kaftan roch noch nach dem stinkenden Beifuß der Gebirgspässe. »O Kinder, was ist dies große Haus?« sagte er in sehr gutem Urdu. »Das Ajaib-Gher, das Wunder-Haus!« Kim redete ihn nicht mit einem Titel an – etwa Lala oder Mian. Er konnte nicht erraten, welchem Glauben der Mann angehörte. »Ah! Das Wunder-Haus! Darf jeder eintreten?« »So steht es über der Tür geschrieben – jeder darf hinein.«
»Ohne Bezahlung?« »Ich gehe ein und aus. Bin ich ein Bankier?« Kim lachte. »Ach! Ich bin ein alter Mann. Ich wußte es nicht.« Dann tastete er nach seinem Rosenkranz und wandte sich halb zum Museum um. »Was ist Eure Kaste? Wo steht Euer Haus? Kommt Ihr weit her?« fragte Kim. »Ich bin über Kulu gekommen – von jenseits des Kailas – aber was wißt ihr denn? Aus den Bergen, wo« – er seufzte – »die Luft und das Wasser frisch und kühl sind.« »Aha! Khitai [ein Chinese]«, sagte Abdullah stolz. Fook Shing hatte ihn einmal aus dem Laden gejagt, weil er den Götzen über den Stiefeln angespuckt hatte. »Pahari [ein Bergmensch]«, sagte der kleine Chota Lal. »Ja, Kind – ein Bergmensch aus Bergen, die du niemals sehen wirst. Hast du schon mal von Bhotiyal [Tibet] gehört? Ich bin kein Khitai, sondern ein Bhotiya [Tibeter], wenn ihr es wissen müßt – ein Lama – oder auch, in eurer Sprache, ein Guru.« »Ein Guru aus Tibet«, sagte Kim. »So einen Mann habe ich noch nie gesehen. Die Leute in Tibet sind dann also Hindus?« »Wir folgen dem Mittleren Pfad und leben in Frieden in unseren Lamaklöstern, und ich bin aufgebrochen, um die Vier Heiligen Stätten zu sehen, bevor ich sterbe. Jetzt wißt ihr, die ihr Kinder seid, so viel wie ich, der ich alt bin.« Er lächelte gütig auf die Jungen hinab. »Hast du gegessen?« Unbeholfen tastete er im Gewand vor seiner Brust herum und zog einen abgenutzten, hölzernen Bettelnapf hervor. Die Jungen nickten. Alle Priester, die sie kannten, bettelten. »Ich will noch nicht essen.« Er drehte seinen Kopf wie eine alte Schildkröte in der Sonne. »Ist es wahr, daß es viele Bildwerke gibt im Wunder-Haus von Lahore?« Er wiederholte
die letzten Wörter wie jemand, der sich einer Adresse versichern will. »Das stimmt«, sagte Abdullah. »Es ist voll von heidnischen bûts. Du bist auch so ein Götzendiener.« »Kümmer dich nicht um den da«, sagte Kim. »Das Haus gehört der Regierung, und es gibt darin keine Götzendienerei, sondern nur einen Sahib mit weißem Bart. Komm mit, ich zeig es dir.« »Fremde Priester essen kleine Jungen«, flüsterte Chota Lal. »Und er ist ein Fremder und ein bût-parast [Götzendiener]«, sagte Abdullah, der Mohammedaner. Kim lachte. »Er ist was Neues. Rennt ihr doch zu euren Müttern und kriecht ihnen auf den Schoß; da seid ihr sicher. Komm!« Kim ließ das zählende Drehkreuz klicken; der alte Mann folgte und blieb verwirrt stehen. In der Eingangshalle standen die größeren Gestalten der gräko-buddhistischen Bildhauerei, angefertigt vor so langer Zeit, daß nur die Gelehrten es wissen, von vergessenen Handwerkskünstlern, deren Hände nicht ohne Geschick versucht hatten, den geheimnisvoll vermittelten griechischen touch zu erfühlen. Da gab es Hunderte von Stücken, Friese mit Gestalten in Relief, Fragmente von Statuen und von Figuren wimmelnde Platten, die einmal die Ziegelwände der buddhistischen stupas und viharas des Nordlands bedeckt hatten und nun, ausgegraben und etikettiert, der Stolz des Museums waren. Staunend und mit offenem Mund wandte sich der Lama hierhin und dorthin, und schließlich hielt er verzückt und hingerissen inne vor einem großen Hochrelief, das eine Krönung oder Apotheose des Buddha darstellte. Der Meister saß in dieser Darstellung auf einem Lotos, dessen Blätter so tief unterhöhlt waren, daß sie beinahe losgelöst schienen. Es umgab Ihn eine anbetende Hierarchie von Königen, Ältesten und Buddhas der Vorzeit.
Unter ihnen waren lotosbedeckte Gewässer mit Fischen und Wasservögeln. Zwei dewas mit Schmetterlingsflügeln hielten ein Blumengewinde auf Sein Haupt; über ihnen stützten zwei weitere einen Sonnenschirm, den der juwelenbesetzte Kopfschmuck des Bodhisat überragte. »Der HErr! Der HErr! Es ist Sakya Muni selbst«, sagte der Lama beinahe schluchzend, und mit verhaltender Stimme begann er die herrliche buddhistische Anrufung: „To Him the Way, the Law, Apart, Whom Maya held beneath her heart, Ananda’s Lord, the Bodhisat.“ [Sein sind allein Pfad und Gesetz, den Maya unterm Herzen barg: Anandas HErr, der Bodhisat.]
»Und Er ist hier! Das Höchst Vortreffliche Gesetz ist auch hier. Meine Pilgerreise hat gut begonnen. Und welch ein Kunstwerk! Welch ein Kunstwerk!« »Da drüben ist der Sahib«, sagte Kim; er verdrückte sich zur Seite, zwischen die Schaukästen des Flügels der Kunst- und Handwerkserzeugnisse. Ein weißbärtiger Engländer schaute den Lama an, der sich würdevoll umwandte, ihn grüßte und nach einigem Tasten ein Notizbuch und ein Stück Papier hervorzog. »Ja, das ist mein Name.« Der Engländer lächelte über die unbeholfene, kindliche Druckschrift. »Einer von uns, der die Pilgerreise zu den Heiligen Stätten gemacht hat – er ist jetzt Abt des Klosters Lung-Cho –, gab es mir«, stammelte der Lama. »Er sprach von diesen Dingen.« Seine hagere Hand wies bebend rundum. »Dann sei willkommen, o Lama aus Tibet. Hier sind die Bildwerke, und hier bin ich«, – er blickte in das Gesicht des Lamas –, »um Wissen zu sammeln. Komm zunächst einmal
mit in mein Arbeitszimmer.« Der alte Mann zitterte vor Erregung. Das Arbeitszimmer war nur ein kleiner hölzerner Verschlag, abgetrennt von der mit Skulpturen gefüllten Galerie. Kim legte sich auf den Boden, das Ohr an einem Spalt in der Tür aus Zedernholz, das durch die Hitze rissig geworden war; er gehorchte seinen Instinkten und streckte sich aus, um zu lauschen und zu beobachten. Der größte Teil des Gesprächs war für ihn viel zu hoch. Zunächst stockend berichtete der Lama dem Kurator von seinem eigenen Kloster Such-zen, gegenüber den Bunten Felsen, hundertzwanzig Tagesmärsche entfernt. Der Kurator holte ein großes Buch mit Fotos hervor und zeigte ihm das Kloster, hoch auf seinem schroffen Felsen, wie es das gewaltige Tal mit den vielfarbigen Gesteinsschichten überschaute. »Ja, ja!« Der Lama setzte eine Hornbrille chinesischer Fertigung auf. »Hier ist die kleine Tür, durch die wir vor dem Winter das Holz tragen. Und du – die Engländer wissen von diesen Dingen? Der, der nun Abt von Lung-Cho ist, hat es mir gesagt, aber ich konnte es nicht glauben. Der HErr – der Erhabene – auch hier genießt Er Verehrung? Und man weiß von Seinem Leben?« »All dies ist in die Steine gemeißelt. Komm und schau, wenn du ausgeruht bist.« Der Lama schlurfte hinaus in die große Halle, und mit dem Kurator an seiner Seite ging er durch die Sammlung, mit der Ehrfurcht eines Gläubigen und der feinfühligen Wertschätzung eines Kunsthandwerkers. Jede einzelne Begebenheit der wunderschönen Geschichte identifizierte er auf dem verwitterten Stein; hie und da stutzte er angesichts der ungewohnten griechischen Darstellungsweise; bei jedem neuen Fund war er jedoch
entzückt wie ein Kind. Wo die Reihenfolge unvollständig war, wie bei der Verkündigung, ergänzte der Kurator sie aus dem Berg seiner französischen und deutschen Bücher, mit Fotografien und Reproduktionen. Hier war der fromme Asita, Entsprechung des Simeon in der christlichen Geschichte, der das Heilige Kind auf den Knien hielt, während Mutter und Vater lauschten; und da waren Begebenheiten aus der Legende vom Vetter Devadatta. Hier war die schlimme Frau, die den Meister der Unreinheit bezichtigt hatte, nun völlig beschämt; da war die Predigt im Gazellenhain; das Wunder, das die Feueranbeter verblüffte; dort der Bodhisat in königlichem Gepränge als Prinz; die wundersame Geburt; der Tod in Kusinagara, wo der schwache Jünger ohnmächtig wurde; allenthalben fanden sich Wiedergaben der Meditation unter dem Bodhi-Baum; und die Anbetung der Almosenschale war überall zu sehen. Binnen weniger Minuten begriff der Kurator, daß sein Gast kein bloßer rosenkranzleiernder Bettler war, sondern ein bemerkenswerter Gelehrter. Und sie gingen alles noch einmal durch; dabei schnupfte der Lama, wischte seine Brillengläser und sprach im Eilzugtempo eine verwirrende Mischung aus Urdu und Tibetisch. Er hatte von den Reisen der chinesischen Pilger Fahsien und Hsüan-tsang gehört und war begierig zu erfahren, ob es Übersetzungen ihrer Berichte gab. Er atmete tief, während er hilflos die Seiten von Beal und Stanislas Julien durchblätterte. »Alles ist hier. Ein versperrter Schatz.« Dann faßte er sich, um ehrfürchtig Bruchstücken zu lauschen, die der Kurator hastig ins Urdu übersetzte. Zum ersten Mal hörte er von der mühsamen Arbeit europäischer Gelehrter, die mit Hilfe dieser und hundert anderer Dokumente die Heiligen Stätten des Buddhismus identifiziert haben. Danach wurde ihm eine riesige Karte gezeigt, voll gelber Punkte und Linien. Hier war Kapilavastu, da das Reich der Mitte, und dort Mahabodhi,
das Mekka des Buddhismus; und hier Kusinagara, traurige Stätte von des Heiligen Tod. Der alte Mann beugte für eine Weile schweigend das Haupt über die Blätter, und der Kurator zündete sich eine neue Pfeife an. Kim war eingeschlafen. Als er erwachte, strömte das Gespräch noch immer reißend schnell, war aber nun eher innerhalb seines Begreifens. »Und so kam es, o Springquell der Weisheit, daß ich beschloß, zu den Heiligen Stätten zu reisen, die Sein Fuß betreten hat – zum Ort der Geburt, selbst nach Kapila; dann nach Mahabodhi, was Buddh Gaya ist – zum Kloster – zum Gazellenhain – zur Stätte Seines Todes.« Der Lama senkte die Stimme. »Und ich komme allein hierher. Seit fünf – sieben – achtzehn – vierzig Jahren habe ich bei mir erwogen, daß das Alte Gesetz nicht wohl befolgt wird; es ist, wie du weißt, von Teufelswerk, Amuletten und Götzendienerei überdeckt. Wie sogar das Kind draußen eben erst sagte. Ja, genau wie das Kind es gesagt hat, bût-parasti.« »So ergeht es jedem Glauben.« »Meinst du? Ich habe die Bücher meines Klosters gelesen, und sie waren vertrocknetes Mark; und das Ritual, mit dem wir, die Anhänger des Erneuerten Gesetzes, uns später beladen haben – auch das hatte in diesen meinen alten Augen keinen Wert. Sogar jene, die dem Erhabenen folgen, tragen Fehde um Fehde miteinander aus. All das ist Trug. Ja, maya, Trug. Aber ich habe ein anderes Verlangen« – das gefurchte gelbe Gesicht näherte sich bis auf drei Zoll dem des Kurators, und der lange Nagel des Zeigefingers tippte auf den Tisch. »Mit diesen Büchern sind eure Gelehrten den Seligen Füßen auf allen Wanderungen gefolgt; aber es gibt Dinge, die sie nicht zu wissen gesucht haben. Ich weiß nichts – nichts weiß ich –, aber ich werde mich vom Rad der Dinge befreien, und dazu gehe ich eine breite, offene Straße.« Er lächelte in ganz schlichtem Triumph. »Als Pilger zu den Heiligen Stätten erwerbe ich
Verdienst. Aber da ist noch mehr. Lausche einer Sache, die wahr ist. Als unser gütiger HErr noch ein Jüngling war und eine Gefährtin suchte, sagten die Leute am Hof Seines Vaters, Er sei noch zu zart für eine Heirat. Du weißt es?« Der Kurator nickte, neugierig auf das, was folgen würde. »Also machten sie die dreifache Kraftprobe gegen alle Bewerber. Und bei der Bogenprobe zerbrach unser HErr den Bogen, den sie Ihm gaben, und verlangte nach einem Bogen, den keiner zu spannen vermöchte. Du weißt es?« »So steht es geschrieben. Ich habe es gelesen.« »Und der Pfeil flog über alle von anderen erreichten Ziele hinweg, immer weiter und weiter, außer Sicht. Endlich fiel er zu Boden, und wo er die Erde berührte, brach ein Wasserstrom hervor, der alsbald zum Fluß wurde; und durch die Gnade unseres HErrn und jenen Verdienst, den Er erwarb, ehe Er sich befreite, ist der Fluß in seinem Wesen so beschaffen, daß einer, der darin badet, sich so jeden Makel und Flecken der Sünde abwäscht.« »So steht es geschrieben«, sagte der Kurator traurig. Der Lama tat einen tiefen Atemzug. »Wo ist dieser Fluß? Springquell der Weisheit, wo fiel der Pfeil nieder?« »Ach, mein Bruder, ich weiß es nicht«, sagte der Kurator. »Nein, du hast es sicher nur vergessen – das einzige, was du mir nicht gesagt hast. Gewiß mußt du es doch wissen? Schau, ich bin ein alter Mann! Ich frage mit meinem Haupt zwischen deinen Füßen, o Springquell der Weisheit. Wir wissen, daß Er den Bogen spannte! Wir wissen, daß der Pfeil fiel! Wir wissen, daß das Wasser schwoll! Wo also ist der Fluß? Mein Traum hieß mich ihn finden. Deshalb kam ich. Nun bin ich hier. Aber wo ist der Fluß?« »Wenn ich es wüßte, glaubst du denn, ich würde es nicht hinausschreien?«
»Durch ihn erreicht man Befreiung vom Rad der Dinge«, fuhr der Lama achtlos fort. »Der Fluß des Pfeils! Denk noch einmal nach! Irgendein kleiner Bach vielleicht – ausgetrocknet in der Hitze? Aber der Heilige würde niemals einen alten Mann so betrügen.« »Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.« Der Lama brachte sein Gesicht mit den tausend Runzeln noch einmal eine Handbreit nah an das des Engländers. »Ich sehe, daß du es wirklich nicht weißt. Da du dem Gesetz nicht angehörst, ist diese Sache dir verborgen.« »Ja – verborgen – verborgen.« »Wir sind beide gefesselt, du und ich, mein Bruder. Aber ich« – er erhob sich mit einem Schwung des weichen dicken Gewands – »ich gehe, mich loszuschneiden. Komm mit!« »Ich bin gebunden«, sagte der Kurator. »Aber wohin gehst du?« »Zuerst nach Kashi [Benares]: wohin sonst? Dort werde ich einen vom reinen Glauben treffen, in einem Jain-Tempel der Stadt. Auch er ist insgeheim ein Suchender, und von ihm kann ich vielleicht lernen. Vielleicht geht er mit mir nach Buddh Gaya. Von dort nördlich und westlich nach Kapilavastu, und da werde ich den Fluß suchen. Nein, überall werde ich suchen, während ich wandere – denn der Ort, wo der Pfeil fiel, ist nicht bekannt.« »Und wie willst du reisen? Nach Delhi ist es weit, und noch weiter nach Benares.« »Auf der Straße und mit Zügen. Von Pathänkot, wo ich die Berge verließ, bin ich in einem te-rain hierher gekommen. Er fährt schnell. Zuerst haben mich die hohen Pfosten am Straßenrand verwirrt, die ihre Fäden immer wieder aufraffen« – er illustrierte das Neigen und Schwirren eines Telegrafenmastes, der am Zug vorübersaust. »Aber später
fühlte ich mich eingezwängt und wollte nur wandern, wie ich es gewöhnt bin.« »Und du kennst deinen Weg bestimmt?« sagte der Kurator. »Ach, da braucht man nur zu fragen und Geld zu bezahlen, und die zuständigen Personen schicken jeden an den gewünschten Ort. So viel wußte ich schon in meinem Kloster, aus zuverlässigen Berichten«, sagte der Lama stolz. »Und wann wirst du reisen?« Der Kurator lächelte über die Mischung aus uralter Frömmigkeit und modernem Fortschritt, die das Kennzeichen des heutigen Indien ist. »So bald wie möglich. Ich folge den Stätten Seines Lebens, bis ich zum Fluß des Pfeils komme. Außerdem gibt es ein geschriebenes Papier mit den Stunden der Züge, die nach Süden gehen.« »Und Nahrung?« Lamas haben gewöhnlich einen guten Geldvorrat irgendwo bei sich, aber der Kurator wollte sichergehen. »Auf der Reise begnüge ich mich mit dem Bettelnapf des Meisters. Ja. Genau wie Er wanderte, so wandere ich, und ich entsage der Muße meines Klosters. Als ich die Berge verließ, war ein chela [Jünger] bei mir, der für mich bettelte, wie die Regel es verlangt, aber als wir eine Weile in Kulu haltmachten, hat ihn ein Fieber befallen, und er ist gestorben. Nun habe ich keinen chela, aber ich will die Almosenschale halten und so den Mildtätigen den Erwerb von Verdienst möglich machen.« Er nickte tapfer. Gelehrte Doktoren eines Lamaklosters betteln nicht, aber der Lama war auf seiner heiligen Suche ein Enthusiast. »So sei es«, sagte der Kurator lächelnd. »Dann laß zu, daß nun ich Verdienst erwerbe. Du und ich, wir sind beide kunstfertige Männer vom gleichen Fach. Hier ist ein neues Buch mit weißem englischen Papier; hier sind gespitzte
Bleistifte, zwei und drei – dick und dünn, alle gut für einen Schriftgelehrten. Nun laß mich deine Brille sehen.« Der Kurator schaute durch die Gläser. Sie waren arg zerkratzt, aber von fast der gleichen Stärke wie die seiner eigenen Brille, die er dem Lama in die Hand gleiten ließ; dabei sagte er: »Versuch diese.« »Eine Feder! Wahrlich eine Feder auf dem Gesicht!« Der alte Mann wandte entzückt den Kopf hin und her und legte die Nase in Falten. »Wie wenig ich sie spüre! Wie deutlich ich sehe!« »Die Gläser sind aus bilaur [Kristall] und bekommen niemals Kratzer. Mögen sie dir zu deinem Fluß verhelfen, denn sie sind dein.« »Ich will sie und die Bleistifte und das weiße Notizbuch annehmen«, sagte der Lama, »als Zeichen der Freundschaft zwischen Priester und Priester – und nun…« Er zerrte an seinem Gürtel, löste den durchbrochen gearbeiteten Federkasten aus Eisen und legte ihn auf den Tisch des Kurators. »Dies ist zum Andenken zwischen dir und mir – mein Federkasten. Er ist etwas Altes – genau wie ich.« Es war ein Stück nach alter Art, chinesisch, aus einem Eisen, wie es heutzutage nicht mehr geschmolzen wird; und das Sammlerherz in der Brust des Kurators hatte sich ihm von Anfang an zugeneigt. Alle Überredungskunst war vergebens; der Lama wollte sein Geschenk nicht zurücknehmen. »Wenn ich den Fluß gefunden habe und zurückkehre, werde ich dir ein geschriebenes Bild von der Padma Samthora bringen – eines, wie ich sie im Kloster auf Seide zu machen pflegte. Ja – und vom Rad des Lebens«, – er kicherte – »denn wir sind kunstfertige Männer vom gleichen Fach, du und ich.« Der Kurator hätte ihn gern zurückgehalten: Es gibt nur wenige auf der Welt, die noch das Geheimnis der alten buddhistischen Pinselfeder-Bilder kennen, die gewissermaßen
halb geschrieben und halb gemalt sind. Aber der Lama schritt aus, hocherhobenen Hauptes, und nachdem er einen Moment vor der großen Statue eines Bodhisat in Meditation haltgemacht hatte, eilte er durch das Drehkreuz. Kim folgte wie ein Schatten. Was er heimlich gehört hatte, machte ihn wild vor Aufregung. Bei all seiner Erfahrung war dieser Mann etwas völlig Neues, und er wollte ihn weiter erforschen, genau wie er ein neues Gebäude oder ein seltsames Fest in Lahore erforscht hätte. Der Lama war sein Fund, und er gedachte, ihn in Besitz zu nehmen. Auch Kims Mutter war ja aus Irland gekommen. Der alte Mann blieb bei Zam-Zammah stehen und sah sich um, bis sein Auge auf Kim fiel. Die Inspiration, seine Pilgerreise, hatte ihn für den Moment verlassen, und er fühlte sich alt, verloren und sehr leer. »Man darf sich nicht unter diese Kanone setzen«, sagte der Polizist hochnäsig. »Schuhu, du Eule!« Kim antwortete an Stelle des Lamas. »Setz dich ruhig unter die Kanone, wenn es dir gefällt. Wann hast du der Milchfrau die Pantoffeln gestohlen, Dunnoo?« Das war eine völlig grundlose Bezichtigung, in diesem Moment aus der Luft gegriffen, aber sie brachte Dunnoo zum Schweigen; er wußte, daß Kims helles Gellen wenn nötig Legionen böser Basarjungen herbeirufen konnte. »Und wen hast du da drin angebetet?« sagte Kim freundlich; er hockte sich neben dem Lama in den Schatten. »Ich habe niemanden angebetet, Kind. Ich habe mich vor dem Vortrefflichen Gesetz verneigt.« Kim akzeptierte diesen neuen Gott gelassen. Er kannte schon etliche Dutzend. »Und was machst du jetzt?« »Ich werde betteln. Mir fällt nun ein, daß es lange her ist, seit ich etwas gegessen oder getrunken habe. Wie sind in dieser
Stadt die Gebräuche der Mildtätigkeit? Schweigend, wie wir Tibeter es tun, oder laut redend?« »Wer schweigend bettelt, verhungert schweigend«, sagte Kim mit einem Sprichwort der Einheimischen. Der Lama versuchte sich zu erheben, aber er sank wieder zurück und seufzte nach seinem Jünger, der im fernen Kulu und tot war. Kim schaute zu – den Kopf auf die Seite gelegt, abwägend und interessiert. »Gib mir den Napf. Ich kenne die Leute in dieser Stadt – alle, die mildtätig sind. Gib ihn mir, und ich bringe ihn dir gefüllt zurück.« Schlicht wie ein Kind reichte der alte Mann ihm den Napf. »Ruh du dich aus. Ich kenne die Leute.« Er machte sich davon zum offenen Laden einer kunjri, einer Gemüsehändlerin niedriger Kaste, gegenüber der Ring-Tram am Moti-Basar. Sie kannte Kim seit langem. »Oho, bist du ein yogi geworden, mit deinem Bettelnapf?« rief sie. »Nein«, sagte Kim stolz. »In der Stadt ist ein neuer Priester – ein Mann, wie ich ihn noch nie gesehen hab.« »Alter Priester – junger Tiger«, sagte die Frau unwirsch. »Ich habe neue Priester satt! Sie hocken sich auf unsere Waren wie die Fliegen. Ist der Vater meines Sohnes denn ein Brunnen der Mildtätigkeit, daß er allen geben soll, die betteln?« »Nein«, sagte Kim. »Dein Mann ist eher yagi [übellaunig] als yogi [ein heiliger Mann]. Aber dieser Priester ist neu. Der Sahib im Wunder-Haus hat mit ihm geredet wie mit einem Bruder. O meine Mutter, füll mir diesen Napf. Er wartet.« »Ausgerechnet diesen Napf, ja? Diesen kuhbäuchigen Korb! Du bist ungefähr so liebenswürdig wie Shivas heiliger Bulle. Er hat heute früh schon den größeren Teil aus einem Zwiebelkorb gefressen; und jetzt soll ich auch noch deinen Napf füllen. Da kommt er schon wieder.«
Der riesige, mausfarbene Brahmanenbulle des Viertels schob sich mit wiegenden Schultern durch die vielfarbige Menge; eine gestohlene Pisangfrucht hing aus seinem Maul. Er hielt geradenwegs auf den Laden zu, im Bewußtsein seiner Privilegien eines heiligen Tiers, senkte den Kopf und prustete heftig die Reihe der Körbe entlang, bevor er seine Wahl traf. Kims harte kleine Ferse flog hoch und traf ihn auf die feuchte blaue Schnauze. Er schnaubte indigniert, stampfte quer über die Trambahnschienen von hinnen, und sein Widerrist zitterte vor Zorn. »Siehst du! Ich habe dir mehr gespart, als der Napf dreimal gefüllt kostet. Jetzt, Mutter, ein bißchen Reis und trockenen Fisch darauf – ja, und ein bißchen Gemüsecurry.« Ein Grollen drang aus dem Hintergrund des Ladens, wo ein Mann lag. »Er hat den Stier verjagt«, sagte die Frau halblaut. »Es ist gut, den Armen zu geben.« Sie nahm den Napf und gab ihn mit heißem Reis gefüllt zurück. »Aber mein yogi ist keine Kuh«, sagte Kim würdevoll; mit den Fingern machte er ein Loch in die Spitze des Berges. »Ein wenig Curry kann nicht schaden, und er hätte bestimmt nichts gegen einen heißen Kuchen und ein bißchen Eingemachtes, glaub ich.« »Das Loch ist so groß wie dein Kopf«, sagte die Frau verdrossen. Aber trotzdem füllte sie es mit gutem dampfenden Gemüsecurry, klatschte einen heißen Kuchen darauf und ein Stückchen geklärter Butter auf den Kuchen, klitschte einen Klumpen säuerlicher eingemachter Tamarinde an den Rand, und Kim blickte liebevoll auf die Ladung. »Das ist gut. Wenn ich im Basar bin, wird der Stier nicht zu diesem Haus kommen. Er ist ein unverschämter Bettler.« »Und was bist du?« Die Frau lachte. »Aber sprich nicht schlecht über Stiere. Hast du mir denn nicht erzählt, daß eines
Tages ein Roter Stier aus einem Feld kommen wird, um dir zu helfen? Jetzt halt alles grade und bitte den heiligen Mann, daß er mich segnet. Vielleicht weiß er ja eine Heilung für die kranken Augen meiner Tochter. Frag ihn auch danach, o du Kleiner Freund der ganzen Welt.« Aber Kim war längst vor dem Ende des Satzes davongetanzt; er wich streunenden Hunden und hungrigen Bekannten aus. »So betteln wir, die wir die Sache verstehen«, sagte er stolz zum Lama, der angesichts des Napfinhalts die Augen aufriß. »Iß jetzt, und – ich esse mit dir. Ohe, bhisti!« rief er dem Wasserträger zu, der die Krotonen am Museum begoß. »Bring uns Wasser. Wir Männer haben Durst.« »Wir Männer!« sagte der bbisti lachend. »Ob denn wohl ein einziger Schlauch für so ein Paar reicht? Also trinkt, im Namen des Allerbarmers.« Er ließ einen dünnen Strahl in die Hände von Kim rinnen, der wie ein Eingeborener trank; der Lama jedoch mußte aus seinem unerschöpflichen Obergewand einen Becher hervorziehen und mit geziemender Feierlichkeit trinken. »Paráesi [ein Fremder]«, erklärte Kim, als der alte Mann in einer unbekannten Sprache etwas sagte, was offenbar ein Segen war. In großer Zufriedenheit aßen sie gemeinsam und leerten den Bettelnapf. Danach nahm der Lama Schnupftabak aus einer wunderbaren hölzernen Kürbisflasche, ließ seinen Rosenkranz eine Weile durch die Finger gleiten und fiel dann in den leichten Schlaf des Alters, während Zam-Zammahs Schatten länger wurde. Kim schlenderte zum nächsten Tabakverkäufer hinüber, einer sehr lebhaften jungen Mohammedanerin, und erbettelte eine stinkende Zigarre von der Sorte, wie man sie den Studenten von der Punjab-Universität verkauft, die englische Sitten nachahmen. Dann rauchte er und dachte nach, unter dem
Bauch der Kanone, die Knie am Kinn, und das Ergebnis seines Denkens war ein jäher und verstohlener Aufbruch in Richtung von Nila Rams Zimmerplatz. Der Lama erwachte nicht, bis das abendliche Leben der Stadt begonnen hatte, mit dem Anzünden von Laternen und der Heimkehr weißgekleideter Schreiber und Unterbeamter aus den Regierungsbüros. Benommen starrte er in alle Himmelsrichtungen, aber niemand schaute ihn an, außer einem Hinduknirps mit schmutzigem Turban und isabellfarbener Kleidung. Plötzlich ließ er den Kopf auf die Knie sinken und begann zu wehklagen. »Was ist denn?« sagte der Junge, der vor ihn trat. »Hat man dich bestohlen?« »Es ist, weil mein neuer chela [Jünger] von mir gegangen ist, und ich weiß nicht, wo er ist.« »Und was für ein Mann war dein Jünger?« »Es war ein Junge, der für den, der gestorben ist, zu mir kam, wegen des Verdienstes, das ich mir erworben habe, als ich mich da drinnen vor dem Gesetz verneigte.« Er deutete auf das Museum. »Er ist zu mir gekommen, um mir einen Weg zu zeigen, den ich verloren hatte. Er hat mich in das WunderHaus geführt und durch sein Reden ermutigt, mit dem Hüter der Bildwerke zu sprechen; das hat mich getröstet und gekräftigt. Und als ich schwach war von Hunger, da hat er für mich gebettelt, wie es ein chela für seinen Lehrer tun würde. Plötzlich ist er geschickt worden. Plötzlich ist er gegangen. Ich hatte ihn auf dem Weg nach Benares im Gesetz unterweisen wollen.« Kim stand völlig verblüfft da, denn er hatte das Gespräch im Museum belauscht und wußte, daß der alte Mann die Wahrheit sagte, etwas, was ein Eingeborener selten einem Fremden auf der Straße darbringt.
»Aber nun weiß ich, daß er nur zu einem bestimmten Zweck gesandt worden ist. Daran erkenne ich, daß ich einen gewissen Fluß, nach dem ich suche, finden werde.« »Den Fluß des Pfeils?« sagte Kim mit überlegenem Lächeln. »Ist dies denn noch eine Sendung?« rief der Lama. »Zu keinem habe ich über meine Suche gesprochen, außer zum Priester der Bildwerke. Wer bist du?« »Dein chela«, sagte Kim einfach; er Ueß sich auf die Hacken nieder. »Jemand wie dich hab ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen. Ich geh mit dir nach Benares. Und außerdem glaub ich, daß ein Mann, der so alt ist wie du und der nach Sonnenuntergang jedem Hergelaufenen die Wahrheit sagt, einen Jünger sehr nötig hat.« »Aber der Fluß – der Fluß des Pfeils?« »Ach, das hab ich gehört, als du mit dem Engländer geredet hast. Ich hatte mich vor die Tür gelegt.« Der Lama seufzte. »Und ich dachte schon, du seist mir als Führer gewährt worden. Solche Dinge geschehen manchmal – aber ich bin nicht würdig. Du kennst den Fluß also nicht?« »Ich doch nicht.« Kim lachte gezwungen. »Ich bin auf der Suche nach… nach einem Stier – einem Roten Stier auf einem grünen Feld, und er soll mir helfen.« Wenn ein Bekannter Pläne schmiedete, war Kim wie jeder Junge gleich mit einem eigenen dabei; und wie ein Junge hatte er tatsächlich zwanzig Minuten hintereinander an die Prophezeiungen seines Vaters gedacht. »Wobei soll er dir helfen, Kind?« sagte der Lama. »Das weiß Gott, aber mein Vater hat es mir so erzählt. Ich habe deine Rede im Wunder-Haus gehört, über all diese neuen, seltsamen Orte in den Bergen, und wenn einer, der so alt ist und so wenig… so sehr daran gewöhnt, die Wahrheit zu sagen, wenn so einer wegen so etwas Kleinem wie einem Fluß auszieht, dann, hab ich mir gedacht, muß ich auch auf die
Reise gehn. Wenn es uns bestimmt ist, diese Dinge zu finden, dann werden wir sie auch finden – du deinen Fluß; und ich meinen Stier und die Großen Säulen und noch andere Sachen, die ich vergessen hab.« »Es sind keine Säulen, sondern ein Rad, von dem ich frei werden möchte«, sagte der Lama. »Das ist alles eins. Vielleicht machen sie einen König aus mir«, sagte Kim, der in seiner Gelassenheit auf alles vorbereitet war. »Auf dem Weg werde ich dich andere und bessere Wünsche lehren«, erwiderte der Lama im Tonfall der Autorität. »Laß uns nach Benares gehen.« »Nicht in der Nacht. Diebe treiben sich herum. Warte, bis es Tag wird.« »Aber es gibt keinen Ort zum Schlafen.« Der alte Mann war die Ordnung seines Klosters gewohnt, und wenn er auch auf dem Boden schlief, wie die Regel es vorschreibt, legte er bei diesen Dingen doch Wert auf Schicklichkeit. »Wir werden im Kaschmir-Serai gutes Quartier kriegen«, sagte Kim; er lachte über die Besorgnis des Lamas. »Ich habe da einen Freund. Komm!« Die heißen, wimmelnden Basare loderten von Lichtern, als sie sich ihren Weg durch das Gedränge aller Rassen Oberindiens bahnten, und der Lama nachtwandelte hindurch wie einer, der träumt. Es war seine erste Begegnung mit einer großen, gewerbetreibenden Stadt, und der überfüllte Tramwagen mit seinen unausgesetzt quietschenden Bremsen erschreckte ihn. Halb gestoßen, halb gezerrt erreichte er das große Tor des Kaschmir-Serai: jenes riesigen offenen Gevierts gegenüber der Eisenbahnstation, umgeben von Bogengängen, wo die Kamel- und Pferdekarawanen einkehren, wenn sie aus Zentralasien zurückkommen. Hier fanden sich alle möglichen Leute aus dem Norden; sie versorgten angebundene Ponys und
kniende Kamele, luden Ballen und Bündel auf und ab, schöpften für das Nachtmahl Wasser mit den knarrenden Brunnenwinden; sie schütteten den schrill wiehernden, wildäugigen Hengsten Heu auf, knufften die rauhen Karawanenhunde, entlohnten Kameltreiber, stellten neue Knechte ein, fluchten, schrien, stritten und feilschten auf dem übervollen Platz. Die Bogengänge, die man über drei oder vier gemauerte Stufen erreichte, waren Häfen der Zuflucht um diese aufgewühlte See. Die meisten von ihnen waren an Händler vermietet, wie bei uns die Bögen eines Viadukts; der Raum zwischen Pfeiler und Pfeiler war mit Ziegeln oder Brettern in Kammern unterteilt, die von schweren Holztüren und sperrigen Vorhängeschlösser einheimischer Machart gesichert wurden. Verschlossene Türen zeigten an, daß der Besitzer abwesend war, und ein paar grobe – manchmal reichlich grobe – Kritzeleien mit Farbe oder Kreide gaben bekannt, wohin er gegangen war. Etwa so: »Lutuf Ullah ist nach Kurdistan gereist.« Darunter, in plumpen Verszeilen: »O Allah, der du duldest, daß Läuse leben im Rock eines Kabuli – warum nur lassest du diese Laus Lutuf so lange leben?« Kim beschirmte den Lama zwischen erregten Männern und erregten Tieren und drückte sich seitwärts die Bogengänge entlang, hin zum äußersten Ende nahe dem Bahnhof, wo Mahbub Ali der Pferdehändler hauste, wenn er aus dem geheimnisvollen Land jenseits der Pässe des Nordens nach Lahore kam. Kim hatte in seinem kurzen Leben schon viel mit Mahbub zu tun gehabt – vor allem zwischen seinem zehnten und seinem dreizehnten Jahr –, und der große kräftige Afghane, der seinen Bart scharlachrot gefärbt hatte (denn er war schon älter und wollte nicht, daß man seine grauen Haare sah), kannte den Wert des Jungen als Nachrichtenquelle. Manchmal trug er Kim auf, einen Mann, der gar nichts mit Pferden zu tun hatte, zu
beobachten: ihm einen ganzen Tag lang zu folgen und sich jeden zu merken, mit dem er redete. Kim entledigte sich dann abends seiner Geschichte, und Mahbub pflegte zuzuhören, ohne ein Wort oder eine Geste. Es ging um irgendein Ränkespiel, das wußte Kim; aber der Reiz der Sache war, daß er zu niemandem ein Sterbenswörtchen sagen durfte, außer zu Mahbub, der ihm herrliche Mahlzeiten dafür gab, noch ganz heiß, aus der Garküche am Kopfende des Serai, und einmal sogar ganze acht Annas in Münzen. »Er ist da«, sagte Kim; dabei schlug er einem übellaunigen Kamel auf die Nase. »Ohe, Mahbub Ali!« Er machte bei einem düsteren Bogen halt und schlüpfte hinter den verwirrten Lama. Der Pferdehändler, den tiefsitzenden, bestickten BucharaGürtel nicht gelöst, lag auf zwei Satteltaschen aus seidenem Teppichstoff und sog träge an einer riesigen silbernen hookah. Bei dem Ruf wandte er kaum den Kopf, und als er nur die hohe, stumme Gestalt sah, kam tief aus seiner Brust ein kicherndes Glucksen. »Allah! Ein Lama! Ein Roter Lama! Es ist weit von Lahore nach den Pässen. Was machst du hier?« Der Lama streckte mechanisch den Bettelnapf aus. »Gottes Fluch über alle Ungläubigen!« sagte Mahbub. »Ich gebe keinem lausigen Tibeter was; aber frag meine Baltis, da drüben, hinter den Kamelen. Vielleicht legen die Wert auf deinen Segen. He, Burschen, hier ist ein Landsmann von euch. Vielleicht hat er Hunger.« Ein geschorener, geduckter Balti, der mit den Pferden aus den Bergen gekommen und angeblich Anhänger eines ziemlich verkommenen Buddhismus war, katzbuckelte vor dem Priester und ersuchte den Heiligen mit dicken Kehllauten, sich an das Feuer der Pferdeknechte zu setzen. »Geh!« sagte Kim; er stieß ihn sanft an, und der Lama schritt davon und ließ Kim am Rand des Bogengangs zurück.
»Geh!« sagte Mahbub Ali. Er wandte sich wieder seiner hookah zu. »Verschwinde, kleiner Hindu. Gottes Fluch über alle Ungläubigen. Du kannst die von meinem Anhang anbetteln, die deines Glaubens sind.« »Maharadsch«, wimmerte Kim. Er verwendete die unter Hindus übliche Form der Anrede, und die Situation machte ihm großen Spaß. »Mein Vater ist tot, meine Mutter ist tot, mein Magen ist leer.« »Bettle bei meinen Pferdeknechten, sag ich dir. Bei den Leuten müssen ein paar Hindus sein.« »Oh, Mahbub Ali, bin ich vielleicht ein Hindu?« sagte Kim auf Englisch. Der Händler zeigte kein Erstaunen, sondern blickte nur unter zottigen Augenbrauen. »Kleiner Freund der ganzen Welt«, sagte er, »was soll das?« »Nichts. Ich bin jetzt der Jünger von diesem heiligen Mann, und wir machen zusammen eine Pilgerreise – nach Benares, sagt er. Er ist ziemlich verrückt, und ich habe Lahore satt. Ich brauch andere Luft und anderes Wasser.« »Aber für wen arbeitest du? Warum kommst du zu mir?« Die Stimme war harsch vor Argwohn. »Zu wem soll ich sonst gehen? Ich habe kein Geld. Es ist nicht gut, ohne Geld zu reisen. Du wirst den Offizieren viele Pferde verkaufen. Es sind feine Pferde, die neuen: Ich habe sie gesehen. Gib mir eine Rupie, Mahbub Ali, und wenn ich zu meinem Reichtum komme, geb ich dir einen Schuldschein und bezahle.« »Mhm!« machte Mahbub Ali; er überlegte schnell. »Du hast mich noch nie belogen. Ruf diesen Lama – und stell dich da ins Dunkel.« »Ah, er wird dasselbe sagen«, sagte Kim lachend. »Wir gehen nach Benares«, sagte der Lama, sobald er begriffen hatte, in welche Richtung Mahbub Alis Fragen
zielten. »Der Junge und ich. Ich will einen bestimmten Fluß suchen.« »Mag sein – aber der Junge?« »Er ist mein Jünger. Ich glaube, er ist mir geschickt worden, damit er mich zu diesem Fluß leitet. Ich saß unter einer Kanone, als er plötzlich gekommen ist. Solche Dinge sind Glücklichen geschehen, denen Führung gewährt wurde. Aber jetzt erinnere ich mich, er hat gesagt, er sei von dieser Welt – ein Hindu.« »Und wie heißt er?« »Das habe ich ihn nicht gefragt. Ist er denn nicht mein Jünger?« »Sein Land – seine Rasse – sein Heimatdorf? Moslem – Sikh – Hindu – Jain – niedrige oder hohe Kaste?« »Wozu sollte ich das fragen? Auf dem Mittleren Pfad gibt es weder hoch noch niedrig. Wenn er mein chela ist – soll, will, kann dann jemand ihn mir nehmen? Denn, siehst du, ohne ihn werde ich meinen Fluß nicht finden.« Er schüttelte feierlich den Kopf. »Niemand wird ihn dir nehmen. Geh, setz dich zu meinen Baltis«, sagte Mahbub Ali, und der Lama wandelte davon, beruhigt durch das Versprechen. »Ist er nicht ziemlich verrückt?« sagte Kim; er trat wieder vor, ins Licht. »Warum sollte ich dich belügen, Hadschi?« Mahbub paffte schweigend an seiner hookah. Dann begann er, beinahe flüsternd: »Ambala liegt am Weg nach Benares – wenn ihr beide wirklich dorthin geht.« »Tck! Tck! Ich sag dir doch, er kann gar nicht lügen – was wir beide sehr gut können.« »Und wenn du für mich eine Botschaft bis nach Ambala mitnimmst, gebe ich dir Geld. Es geht um ein Pferd – einen weißen Hengst, den ich einem Offizier verkauft habe, als ich das letzte Mal von den Pässen zurückgekommen bin. Aber
damals – komm näher und halt die Hände hoch, wie zum Betteln – war der Stammbaum des weißen Hengstes noch nicht völlig geklärt, und dieser Offizier, der jetzt in Ambala ist, hat mich gebeten, das zu klären.« (Hier beschrieb Mahbub Ali das Haus und das Äußere des Offiziers.) »Also, die Botschaft an den Offizier lautet: ›Der Stammbaum des weißen Hengstes ist vollständig ermittelt.‹ Daran wird er erkennen, daß du von mir kommst. Er wird dann sagen: ›Welchen Beweis hast du dafür?‹, und du wirst antworten: ›Mahbub Ali hat mir den Beweis gegeben.‹« »Und all das bloß für einen weißen Hengst«, sagte Kim; er kicherte, und seine Augen flackerten. »Den Stammbaum gebe ich dir jetzt – auf meine eigene Weise – und ein paar grobe Worte dazu.« Ein Schatten strich hinter Kim vorbei, und ein kauendes Kamel. »Allah! Meinst du, du wärst der einzige Bettler in der Stadt? Deine Mutter ist tot. Dein Vater ist tot. Das sagen alle von sich. Na gut…« Er drehte sich um, tastete neben sich auf dem Boden und warf dem Jungen einen Fladen weichen, fettigen Moslembrots zu. »Jetzt geh und schlaf diese Nacht bei meinen Pferdeknechten – du und der Lama. Morgen gebe ich dir vielleicht eine Arbeit.« Kim schlich beiseite, die Zähne im Brot, und wie er erwartet hatte, fand er ein Stückchen Seidenpapier, in Öltuch gewickelt, und drei silberne Rupien – ein dickes Geschenk. Er lächelte und stopfte Geld und Papier in seine lederne Amulettscheide. Der Lama, prächtig bewirtet von Mahbubs Baltis, schlief bereits in einer Ecke eines der Ställe. Kim legte sich neben ihn und lachte. Er wußte, daß er Mahbub Ali einen Dienst erwiesen hatte, und nicht eine Sekunde glaubte er an die Geschichte vom Stammbaum des Hengstes. Kim ahnte jedoch nicht, daß Mahbub Ali, bekannt als einer der besten Pferdehändler im Punjab, als reicher und
wagemutiger Handelsherr, dessen Karawanen bis weit in unbekannte Länder vordrangen, in einem der weggesperrten Bücher des Indischen Vermessungsamts als C.25.I.B geführt wurde. Zwei- oder dreimal im Jahr pflegte C.25 eine kleine Geschichte einzuschicken, schlecht erzählt aber höchst interessant, und im allgemeinen der Wahrheit entsprechend – man überprüfte die Geschichten anhand der Berichte von R.17 und M.4. Die Geschichten betrafen alle möglichen entlegenen Fürstentümer in den Bergen, Forscher, die keine Engländer waren, und den Handel mit Gewehren – sie waren, kurz gesagt, ein kleiner Teil der großen Menge »eingegangener Informationen«, auf Grund derer die Indische Regierung handelt. Vor kurzem waren jedoch fünf verbündete Könige, die sich nicht zu verbünden hatten, von einer liebenswürdigen Macht im Norden informiert worden, daß durch ein Leck Neuigkeiten aus ihren Territorien nach Britisch Indien sickerten. Dies verdroß die Premierminister jener Könige ernstlich, und sie unternahmen Schritte auf orientalische Art. Unter vielen anderen verdächtigten sie auch den polternden rotbärtigen Pferdehändler, dessen Karawanen, bis zum Bauch im Schnee, ihre befestigten Lande durchzogen. Jedenfalls war seine Karawane dieses Mal bei der Heimreise zweimal aus dem Hinterhalt überfallen und beschossen worden; dabei hatten Mahbubs Männer drei fremde Strolche erledigt, die vielleicht, vielleicht aber auch nicht für diese Sache bezahlt worden waren. Deshalb hatte Mahbub darauf verzichtet, in der ungesunden Stadt Peshawar halt zu machen, und war ohne Unterbrechung bis nach Lahore weitergezogen, wo er, da er die Leute seines Landes kannte, mit seltsamen Entwicklungen rechnete. Und Mahbub Ali trug etwas bei sich, das er keine Stunde länger als nötig zu behalten wünschte – ein Stückchen eng gefalteten Seidenpapiers, in Öltuch gewickelt –, ein
unpersönlicher, nicht adressierter Bericht, mit fünf mikroskopischen Nadelstichen in einer Ecke, der die fünf verbündeten Könige, die teilnahmsvolle Macht im Norden, einen Hindu-Bankier in Peshawar, eine belgische Firma, die Gewehre herstellte, und einen bedeutenden, halbautonomen mohammedanischen Herrscher weiter im Süden schmählichst verriet. Letzteres war die Arbeit von R.17, und Mahbub hatte es jenseits des Dora-Passes übernommen und leitete es für R.17 weiter, der aus Gründen, die sich seiner Kontrolle entzogen, seinen Beobachtungsposten nicht verlassen konnte. Dynamit war sanft und unschädlich neben diesem Bericht von C. 25; und sogar ein Orientale mit orientalischen Auffassungen vom Wert der Zeit konnte sehen, daß es desto besser war, je früher der Bericht in die richtigen Hände geriet. Mahbub lag nicht sonderlich viel daran, gewaltsam zu sterben, denn jenseits der Grenze lagen noch zwei oder drei unerledigte Familienangelegenheiten – Blutfehden – in seinen Händen, und sobald diese Rechnungen beglichen waren, wollte er sich als mehr oder weniger tugendhafter Bürger zur Ruhe setzen. Seit seiner Ankunft vor zwei Tagen war er noch nicht aus dem Tor des Serai getreten, hatte jedoch mit auffälligem Gehabe Telegramme verschickt – nach Bombay, wo er einen Teil seines Geldes hinterlegt hatte; nach Delhi, wo ein Sub-Partner von seiner Sippe dem Agenten eines Rajputana-Staats Pferde verkaufte; und nach Ambala, wo ein Engländer aufgeregt nach dem genauen Stammbaum eines weißen Hengstes verlangte. Der öffentliche Briefschreiber, der das Englische beherrschte, verfaßte treffliche Telegramme wie etwa: »Creighton, Laurel Bank, Ambala. – Pferd wie schon gemeldet Araber. Verzögerung Stammbaum bedauerlich, wird übermittelt.« Und später, an die gleiche Adresse: »Verzögerung sehr bedauerlich. Werde Stammbaum übermitteln.« An seinen Sub-Partner in Delhi drahtete er: »Lutuf Ullah. – Zweitausend Rupien
telegrafisch überwiesen, dein Konto, Luchman Narains Bank.« Das war vollkommen geschäftsmäßig, aber jedes dieser Telegramme wurde von Interessenten, die sich für davon betroffen hielten, wieder und wieder diskutiert, bevor sie von einem einfältigen Balti, der unterwegs alle möglichen Leute lesen ließ, zur Bahnstation gebracht wurden. Als Mahbub in seiner eigenen bildhaften Sprache die Brunnen der Nachforschung mit dem Stab der Vorsicht getrübt hatte, war Kim ihm in die Hände gefallen, wie vom Himmel gesandt; und da er gleichermaßen schnell entschlossen wie gewissenlos war, hatte Mahbub Ali, gewöhnt daran, jede jähe Möglichkeit zu nutzen, ihn auf der Stelle in seinen Dienst gepreßt. Ein wandernder Lama und ein Junge aus niedriger Kaste als Diener mochten auf dem Weg durch Indien, das Land der Pilger, einen Moment lang Interesse erregen; aber niemand würde sie verdächtigen oder, was wichtiger war, berauben. Er rief nach einer neuen Glutkugel für seine hookah und begrübelte die Angelegenheit. Wenn es zum Allerschlimmsten kam und dem Jungen etwas zustieß, würde das Papier niemandem Scherereien eintragen. Und er würde sich dann in aller Ruhe nach Ambala begeben und – mit einem gewissen Risiko, frischen Verdacht zu erregen – seine Geschichte den betroffenen Personen mündlich vorbringen. Der Bericht von R.17 war jedoch der Kernpunkt der ganzen Affaire, und es wäre entschieden ungelegen, wenn er nicht in die richtigen Hände geriete. Aber wie auch immer, Allah ist groß, und Mahbub Ali fand, er habe alles getan, was er im Augenblick tun könne. Kim war der einzige Mensch auf der Welt, der ihn noch nie belogen hatte. Das wäre ein verhängnisvoller Fleck auf Kims Charakter gewesen, wenn Mahbub nicht gewußt hätte, daß Kim für seine eigenen
Absichten oder Mahbubs Geschäfte lügen konnte wie ein Orientale. Dann stampfte Mahbub quer über das Serai zum Tor der Harpyien, die ihre Augen anmalen und den Fremden einfangen, und er hatte einige Mühe, jenes Mädchen zu finden, das, wie zu vermuten er Gründe hatte, eng befreundet war mit einem glattgesichtigen kaschmirischen pandit, der seinem einfältigen Balti wegen der Telegramme aufgelauert hatte. Es war ein vollendet unsinniges Unterfangen, denn sie begannen, wider des Propheten Gesetz parfümierten Branntwein zu trinken, und Mahbub wurde herrlich betrunken, und die Gatter seines Mundes öffneten sich, und er stellte der Blume der Wonne auf Füßen des Rausches nach, bis er platt in die Kissen fiel, wo die Blume der Wonne ihn mit Hilfe eines glattgesichtigen kaschmirischen pandits von Kopf bis Fuß überaus gründlich untersuchte. Etwa zur gleichen Stunde hörte Kim leise Füße in Mahbubs verlassenem Verschlag. Der Pferdehändler hatte, was seltsam genug war, seine Tür nicht abgeschlossen, und seine Männer waren völlig damit beschäftigt, ihre Rückkehr nach Indien mit einem ganzen Schaf zu feiern, das Mahbub in seiner Großmut gestiftet hatte. Ein geschmeidiger junger Gentleman aus Delhi, bewaffnet mit einem Schlüsselbund, den die Blume vom Gürtel des Bewußtlosen gelöst hatte, untersuchte jede einzelne Kiste, jedes Bündel, jede Matte und Satteltasche in Mahbubs Besitz noch weit systematischer, als die Blume und der pandit es mit dem Besitzer taten. »Und ich glaube«, sagte die Blume eine Stunde später verächtlich, wobei sie einen ihrer rundlichen Ellenbogen auf den schnarchenden Kadaver stützte, »er ist nichts weiter als ein Schwein von einem afghanischen Pferdehändler, ohne andere Gedanken als an Weiber und Pferde. Außerdem hat er es
vielleicht schon abgeschickt – wenn es überhaupt je so ein Ding gegeben hat.« »Nein – in einer Sache, die die Fünf Könige betrifft, würde er so etwas nahe an seinem schwarzen Herzen tragen«, sagte der pandit. »War da gar nichts?« Der Mann aus Delhi lachte und rückte seinen Turban zurecht, als er eintrat. »Ich habe zwischen den Sohlen seiner Pantoffeln gesucht wie die Blume in seinen Kleidern. Das ist nicht unser Mann, sondern ein anderer. Mir entgeht so leicht nichts.« »Sie haben nicht gesagt, daß er genau der Mann ist«, sagte der pandit nachdenklich. »Sie haben gesagt: ›Seht nach, ob er der Mann ist, denn wir sind unschlüssig in unseren Beratungen.‹« »In diesem Nordland gibt es so viele Pferdehändler wie Läuse in einem alten Rock. Da ist Sikander Khan, dann Nur Ali Beg, und Farrukh Shah – alles Häupter von kafilas [Karawanen], und alle machen da oben Geschäfte«, sagte die Blume. »Die sind noch nicht zurück«, sagte der pandit. »Du mußt sie später verstricken.« »Puh!« sagte die Blume mit tiefem Abscheu; sie rollte Mahbubs Kopf von ihrem Schoß. »Ich verdiene schon mein Geld. Farrukh Shah ist ein Bär, Ali Beg ein Großmaul, und der alte Sikander Khan – yaie! Geht! Ich will jetzt schlafen. Das Schwein hier wird sich nicht vor dem Morgen rühren.« Als Mahbub erwachte, redete die Blume ihm streng ins Gewissen, die Sünde des Trunks betreffend. Asiaten zwinkern nicht, wenn sie einen Feind überlistet haben, aber als Mahbub Ali sich räusperte, den Gürtel enger zog und im Licht der Sterne des frühen Morgens hinaustaumelte, war er nahe daran, es doch zu tun. ›Was für ein alberner Trick!‹ sagte er sich. ›Als ob den nicht sogar jedes Mädchen in Peshawar kennt! Aber es war nett
gemacht. Nun weiß Gott allein, wie viele noch auf der Straße sind, die den Auftrag haben, mich zu überprüfen – vielleicht mit einem Messer. Es steht also fest, der Junge muß nach Ambala – und zwar mit dem Zug – das Schreiben ist nämlich sehr dringend. Ich bleibe hier, folge der Blume und trinke Wein, wie es einem afghanischen Pferdehändler zusteht.‹ Er blieb beim zweitletzten Verschlag vor seinem eigenen stehen. Dort lagen seine Männer in tiefem Schlaf. Von Kim oder dem Lama war nichts zu sehen. »Auf!« Er rüttelte einen der Schläfer. »Wohin sind die gegangen, die am Abend hier gelegen haben – der Lama und der Junge? Ist etwas geschehen?« »Nein«, grunzte der Mann. »Der alte Verrückte ist beim zweiten Hahnenschrei aufgestanden und hat gesagt, er geht jetzt nach Benares, und der Junge hat ihn weggeführt.« »Allahs Fluch über alle Ungläubigen!« sagte Mahbub aus vollem Herzen und kletterte in seinen eigenen Verschlag; dabei knurrte er in den Bart. Aber es war Kim, der den Lama geweckt hatte – Kim, der mit einem Auge am Astloch in der Bretterwand gesehen hatte, wie der Mann aus Delhi die Kisten untersuchte. Das war kein gewöhnlicher Dieb, der da Briefe, Rechnungen und Sättel durchwühlte – kein einfacher Einbrecher, der ein winziges Messer von der Seite zwischen die Sohlen von Mahbubs Pantoffeln steckte und so geschickt die Säume der Satteltaschen auftrennte. Zuerst hatte Kim Alarm geben wollen – das langgezogene choor! choor! [Dieb! Dieb!], das nachts das Serai aufschreckt; aber er schaute dann noch genauer hin, legte die Hand an sein Amulett und zog seine eigenen Schlüsse. ›Es muß um den Stammbaum dieser an den Haaren herbeigezogenen Pferdelüge gehen‹, sagte er sich, ›das Ding, das ich nach Ambala bringe. Besser, wir gehen sofort. Wer
Sättel mit Messern durchsucht, durchsucht vielleicht bald auch Bäuche mit Messern. Bestimmt steckt eine Frau dahinter.‹ – »He! He!« flüsterte er dem alten Mann ins Ohr, der einen leichten Schlaf hatte. »Komm! Es ist Zeit – Zeit, nach Benares zu gehen.« Der Lama erhob sich gehorsam, und wie Schatten verließen sie das Serai.
KAPITEL II
And whoso will, from Pride released, Contemning neither creed nor priest, May hear the soul of all the East About him at Kamakura. [Und wer dies will, von Stolz erlöst, nicht Glauben und nicht Priester schmäht, mag wohl des Ostens Seele fühlen um sich in Kamakura.]
Sie betraten den festungsartigen Bahnhof, schwarz am Ende der Nacht; Stromkabel zischten über den Güterschuppen, wo der große Getreideumschlag des Nordens abgewickelt wird. »Das ist Teufelswerk!« sagte der Lama; er schauderte zurück vor der hohl widerhallenden Dunkelheit, dem Glitzern der Schienen zwischen den gemauerten Bahnsteigen und dem Balkenlabyrinth in der Höhe. Er stand in einer riesigen steinernen Halle, die mit Leichen in Tüchern ausgelegt schien – Passagieren der dritten Klasse, die ihre Karten am Vorabend gekauft hatten und in den Wartesälen schliefen. Für Orientalen sind alle vierundzwanzig Stunden gleich, und entsprechend ist ihr Passagierverkehr geregelt. »Da kommen die Feuerwagen her. Ein Mann steht hinter dem Loch da«, – Kim deutete auf den Fahrkartenschalter – »und der gibt dir ein Papier, das dich nach Ambala bringt.« »Aber wir wollen nach Benares«, erwiderte der Lama verdrossen. »Das ist eins. Von mir aus Benares. Schnell: Er kommt!«
»Nimm du die Börse.« Der Lama war mit Zügen doch nicht so vertraut, wie er behauptet hatte, und er schrak zurück, als der nach Süden gehende Frühzug, der 3:25, hereingebraust kam. In die Schläfer fuhr Leben, und die Station füllte sich mit Lärm und Gebrüll, den Rufen der Wasser- und Kuchenverkäufer, Schreien eingeborener Polizisten und schrillem Gellen von Frauen, die ihre Körbe, Familien und Männer zusammensuchten. »Das ist der Zug – nur der te-rain. Er geht schon nicht auf uns los. Warte!« Verblüfft über die ungeheure Einfältigkeit des Lamas (er hatte ihm einen kleinen Beutel voll von Rupien gegeben), verlangte und bezahlte Kim eine Karte bis Ambala. Ein verschlafener Beamter grunzte und warf ihm eine Karte zur nächsten Station hin, gerade sechs Meilen entfernt. »Nein«, sagte Kim; er musterte die Karte mit einem Grinsen. »Mit Bauern kann man so etwas machen, aber ich wohne in der Stadt Lahore. Schlau gemacht, Babu. Jetzt gib mir die Karte nach Ambala.« Der Babu schnitt eine finstere Grimasse und legte die richtige Fahrkarte hin. »Jetzt noch eine nach Amritsar«, sagte Kim, der keineswegs die Absicht hatte, Mahbub Alis Geld auf etwas so Unwichtiges wie eine Fahrkarte nach Ambala zu verschwenden. »Das kostet soundsoviel. Und soviel bekomme ich wieder raus. Ich kenne mich mit dem te-rain aus… Niemals hat ein yogi so sehr einen chela gebraucht wie du«, fuhr er fröhlich fort, an den verwirrten Lama gewandt. »Wenn ich nicht wäre, hätten sie dich in Mian Mir aus dem Zug geworfen. Hier entlang! Komm!« Er gab ihm das Geld zurück und behielt nur einen Anna von jeder Rupie, die die Karte nach Ambala gekostet hatte, als Provision – die seit Urzeiten übliche Provision Asiens.
Angesichts der offenen Tür eines übervollen Wagens dritter Klasse scheute der Lama zurück. »Wollen wir nicht lieber wandern?« sagte er schwach. Ein stämmiger Sikh-Handwerker streckte seinen bärtigen Kopf heraus. »Hat er Angst? Du brauchst keine Angst zu haben. Ich kann mich noch erinnern, daß ich auch mal Angst vor dem te-rain hatte. Steig ein! Das Ding hier ist Regierungswerk.« »Ich habe keine Angst«, sagte der Lama. »Habt ihr noch Platz für zwei?« »Nicht mal für eine Maus«, keifte die Frau eines wohlhabenden Landwirts, eines Hindu-Jat aus dem reichen Distrikt von Jullundur. Unsere Nachtzüge werden nicht so gut beaufsichtigt wie die am Tag, in denen man die Geschlechter streng getrennt in verschiedenen Wagen fahren läßt. »Oh, Mutter meines Sohnes, wir können Platz machen«, sagte der Gatte, der einen blauen Turban trug. »Nimm das Kind auf den Schoß. Das ist ein heiliger Mann, siehst du?« »Und mein Schoß ist schon voll von siebzigmal sieben Bündeln! Warum forderst du ihn nicht gleich auf, sich auf meine Knie zu setzen, du Schamloser? Aber Männer sind nun mal so!« Sie sah sich beifallheischend um. Eine Kurtisane aus Amritsar, die am Fenster saß, zog hinter ihrem schmückenden Kopfschleier scharf die Luft ein. »Steig ein! Steig ein!« rief ein fetter Geldverleiher, ein Hindu; er trug sein Kontobuch in ein Tuch gewickelt unter dem Arm. Mit öligem Grinsen: »Es ist gut, freundlich zu den Armen zu sein.« »Ja, zu sieben Prozent monatlich und mit einem Pfandschein auf das ungeborene Kalb«, sagte ein junger Dogra-Soldat, der auf Urlaub nach Süden fuhr, und alle lachten. »Fährt er denn wirklich nach Benares?« sagte der Lama.
»Ganz bestimmt. Weshalb wären wir sonst hier? Steig ein, oder wir bleiben hier sitzen«, rief Kim. »Seht mal!« kreischte das Mädchen aus Amritsar. »Er ist noch nie in einen Zug gestiegen. Seht euch das bloß an!« »Nein, helft lieber«, sagte der Landwirt; er streckte eine große braune Hand aus und zog ihn herein. »So wird es gemacht, Vater.« »Aber… aber… ich will mich auf den Boden setzen. Es ist gegen das Gesetz, auf einer Bank zu sitzen«, sagte der Lama. »Außerdem macht es mir Krämpfe.« »Ich sage immer«, begann der Geldverleiher, wobei er seine Lippen vorstülpte, »es gibt keine einzige Regel eines geziemenden Lebens, die diese te-rains uns nicht zu brechen zwingen. Zum Beispiel sitzen wir neben allen möglichen Kasten und Leuten.« »Ja, und neben überaus schändlichen und schamlosen dazu«, sagte die Gemahlin; sie warf dem Mädchen aus Amritsar, das dem jungen Sepoy schöne Augen machte, finstere Blicke zu. »Ich habe ja gleich gesagt, wir hätten mit dem Karren auf der Straße fahren und dabei noch einiges Geld sparen können«, sagte der Gatte. »Ja – und zweimal so viel wie wir sparen unterwegs für Essen ausgeben. Wir haben das doch zehntausendmal besprochen.« »Ja, und zwar mit zehntausend Zungen«, knurrte er. »Die Götter sollen uns armen Frauen beistehen, wenn wir nicht mal mehr reden dürfen. Aha! Er gehört zu der Sorte, die weder mit einer Frau reden noch sie anschauen darf.« Den Forderungen seiner Regel entsprechend nahm der Lama nämlich von ihr keinerlei Notiz. »Und sein Jünger ist genauso?«
»Nein, Mutter«, sagte Kim sehr schnell. »Nicht, wenn die Frau gut aussieht und vor allem mildherzig zu den Hungrigen ist.« »Die Antwort eines Bettlers«, sagte der Sikh lachend. »Die hast du dir selbst zuzuschreiben, Schwester.« Kim hatte seine Hände flehend gekrümmt. »Und wohin fährst du?« sagte die Frau; sie reichte ihm die Hälfte eines Kuchens aus einem fettigen Päckchen. »Bis nach Benares.« »Seid ihr vielleicht Gaukler?« meinte der junge Soldat. »Kennt ihr irgendwelche Tricks, um uns die Zeit zu vertreiben? Warum antwortet der gelbe Mann da nicht?« »Weil er heilig ist«, sagte Kim stolz, »und über Dinge nachdenkt, die dir verborgen sind.« »Das kann schon sein. Wir von den Ludhiana-Sikhs« – er sang es förmlich mit tiefer Stimme – »plagen uns die Köpfe nicht mit Lehren. Wir kämpfen.« »Der Sohn des Bruders meiner Schwester ist naik [Korporal] in dem Regiment«, sagte der Sikh-Handwerker ruhig. »Es soll da auch ein paar Dogra-Kompanien geben.« Der Soldat blickte böse drein, denn ein Dogra gehört einer niedrigeren Kaste an als ein Sikh, und der Bankier kicherte. »Mir sind sie alle gleich«, sagte das Mädchen aus Amritsar. »Das glauben wir gern.« Die Frau des Landwirts schnaufte boshaft. »Ich meine doch, daß alle, die dem Sirkar mit der Waffe in der Hand dienen, wie eine große Bruderschaft sind. Es gibt eine Bruderschaft der Kaste, aber noch darüber steht doch« – sie blickte schüchtern um sich – »die Gemeinschaft des pulton – des Regiments – oder?« »Mein Bruder ist in einem Jat-Regiment«, sagte der Landwirt. »Dogras sind tüchtige Männer.«
»Deine Sikhs wenigstens waren dieser Meinung«, sagte der Soldat; er warf dem gleichmütigen alten Mann in der Ecke einen scheelen Blick zu. »Deine Sikhs waren davon überzeugt, als wir ihnen mit unseren beiden Kompanien zu Hilfe gekommen sind, am Pirzai Kotal, gegen acht Afridi-Standarten auf dem Berg. Das ist noch keine drei Monate her.« Er erzählte die Geschichte eines Grenzgefechts, bei dem sich die Dogra-Kompanien der Ludhiana-Sikhs gut geschlagen hatten. Das Mädchen aus Amritsar lächelte, denn sie wußte, daß die Geschichte erzählt wurde, um ihren Beifall zu gewinnen. »O weh!« sagte die Frau des Landwirts am Schluß. »Dann sind also ihre Dörfer verbrannt und ihre kleinen Kinder heimatlos gemacht worden?« »Sie hatten unsere Toten verstümmelt. Sie haben bitter dafür bezahlt, nachdem wir von den Sikhs es ihnen gezeigt hatten. So ist es gewesen. – Ist das Amritsar?« »Ja, und hier knipsen sie unsere Fahrkarten«, sagte der Bankier; er suchte in seinem Gürtel. Die Lampen wurden schon bleich in der Morgendämmerung, als der halbblütige Schaffner seine Runde machte. Fahrkarten kontrollieren ist ein langsames Geschäft im Osten, wo die Leute ihre Karten an allen möglichen merkwürdigen Stellen verstecken. Kim zeigte seine vor und wurde hinausgewiesen. »Aber ich fahre nach Ambala«, protestierte er. »Ich gehöre zu diesem heiligen Mann.« »Von mir aus kannst du nach der Dschehenna fahren. Die Karte gilt nur bis Amritsar. Raus!« Kim brach in eine Flut von Tränen aus und beteuerte, der Lama sei für ihn Vater und Mutter, er selbst sei die Stütze der schwindenden Jahre des Lamas und der Lama werde ohne seinen Beistand sterben. Der ganze Wagen bat den Schaffner, gnädig zu sein – der Bankier war hier besonders beredt –, aber
der Schaffner beförderte Kim auf den Bahnsteig. Der Lama blinzelte – er kam mit den Ereignissen nicht mit –, und Kim erhob seine Stimme und weinte vor dem Abteilfenster. »Ich bin ganz arm. Mein Vater ist tot – meine Mutter ist tot. O ihr Barmherzigen – wenn ich hier zurückbleibe, wer soll sich dann um diesen alten Mann kümmern?« »Was – was ist das?« sagte der Lama mehrmals. »Er muß nach Benares reisen. Er muß mit mir kommen. Er ist mein chela. Wenn Geld bezahlt werden muß…« »Oh, sei doch still«, flüsterte Kim; »sind wir denn Radschas, daß wir gutes Silber aus dem Fenster werfen, wo die Welt doch so mildtätig ist?« Das Mädchen aus Amritsar stieg mit ihren Bündeln aus, und sie war diejenige, an der Kims wachsames Auge hing. Damen dieses Bekenntnisses waren großmütig, wie er wohl wußte. »Eine Fahrkarte – ein kleines tikkut bis Ambala – o Brecher in der Herzen!« Sie lachte. »Hast du kein Erbarmen?« »Kommt der heilige Mann aus dem Norden?« »Von ganz, ganz weit im Norden kommt er«, rief Kim. »Aus den Bergen.« »Es liegt Schnee zwischen den Fichtenstämmen im Norden – in den Bergen liegt Schnee. Meine Mutter war aus Kulu. Hol dir eine Karte. Bitte ihn um einen Segen.« »Zehntausendfacher Segen«, kreischte Kim. »O heiliger Mann, eine Frau hat uns barmherzig gegeben, damit ich mit dir kommen kann – eine Frau mit einem goldenen Herzen. Ich renne, wegen dem tikkut.« Das Mädchen schaute zu dem Lama auf, der Kim automatisch auf den Bahnsteig gefolgt war. Er neigte den Kopf, um sie nicht zu sehen, und murmelte etwas auf Tibetisch, während sie mit der Menge fortging. »Leicht verdient – leicht verschenkt«, sagte die Frau des Landwirts giftig.
»Sie hat Verdienst erworben«, erwiderte der Lama. »Ohne Zweifel war das eine Nonne.« »Von der Sorte Nonnen gibt es allein in Amritsar zehntausend. Komm zurück, alter Mann, sonst fährt der Zug noch ohne dich ab«, rief der Bankier. »Es hat nicht nur für die Karte gereicht, sondern auch für ein bißchen Essen«, sagte Kim; er hüpfte an seinen Platz. »Nun iß, heiliger Mann. Schau. Der Tag kommt.« Golden, rosenfarben, safrangelb und rosa verdampften die Morgennebel weit über die flache grüne Ebene hin. Der ganze reiche Punjab lag da im Glanz der hellen Sonne. Der Lama zuckte ein wenig, als die Telegraphenmasten vorüberhuschten. »Gewaltig ist die Geschwindigkeit des te-rain«, sagte der Bankier mit herablassendem Grinsen. »Seit Lahore sind wir schon weiter gefahren, als du in zwei Tagen gehen könntest; am Abend werden wir nach Ambala kommen.« »Und das ist noch weit von Benares«, sagte der Lama müde; er knabberte an den Kuchen, die Kim ihm reichte. Alle öffneten ihre Bündel und nahmen ihr Morgenmahl ein. Dann stopften der Bankier, der Landwirt und der Soldat ihre Pfeifen und hüllten das Abteil in beißenden, stickigen Rauch; sie spuckten und husteten und ließen es sich Wohlsein. Der Sikh und die Frau des Landwirts kauten pan; der Lama nahm Schnupftabak und betete die Perlen seines Rosenkranzes, während Kim mit untergeschlagenen Beinen dasaß und lächelte, wegen des Behagens, das ein voller Magen bewirkt. »Welche Flüsse habt ihr denn bei Benares?« sagte plötzlich der Lama, an den ganzen Wagen allgemein gewandt. »Wir haben Ganga«, erwiderte der Bankier, als das leise Kichern verstummt war. »Welche noch?« »Welche sollte es noch geben, neben Ganga?« »Ach, ich hatte an einen bestimmten Fluß des Heils gedacht.«
»Das ist Ganga. Wer in ihr badet, wird dadurch rein gemacht und kommt zu den Göttern. Dreimal bin ich zu Ganga gepilgert.« Er blickte stolz umher. »Es war wohl nötig«, sagte der junge Sepoy trocken, und das Gelächter der Reisenden wandte sich gegen den Bankier. »Rein – um wieder zu den Göttern zu kommen«, murmelte der Lama. »Und von neuem in die Abfolge der Leben einzugehen – noch immer auf das Rad gefesselt.« Er schüttelte mürrisch den Kopf. »Aber vielleicht gibt es da einen Irrtum. Wer hat denn Ganga im Anfang erschaffen?« »Die Götter. Welchem der bekannten Glauben gehörst du eigentlich an?« sagte der Bankier erschrocken. »Ich befolge das Gesetz – das Höchst Vortreffliche Gesetz. Dann waren es also die Götter, die Ganga erschaffen haben. Welche Art von Göttern war das denn?« Der ganze Wagen blickte ihn völlig verblüfft an. Es war unvorstellbar, daß jemand nichts von Ganga wissen sollte. »Was – was ist denn dein Gott?« sagte der Geldverleiher schließlich. »Hört!« sagte der Lama; er schob sich den Rosenkranz über die Hand. »Hört: Denn ich rede nun von Ihm! O Leute von Hind, lauscht!« Er begann auf Urdu mit der Geschichte des HErren Buddha; von seinen Gedanken fortgetragen, geriet er jedoch bald ins Tibetische und in langwierige, monotone Texte aus einem chinesischen Buch über das Leben des Buddha. Die sanftmütigen, duldsamen Leute sahen ehrfürchtig zu. Ganz Indien ist voll von heiligen Männern, die in seltsamen Zungen frohe Botschaften stammeln, erschüttert und aufgezehrt von den Feuern ihres eigenen Eifers; Träumer, Schwätzer und Visionäre: wie es von Anfang an war und bis zum Ende sein wird.
»Hm!« machte der Soldat von den Ludhiana-Sikhs. »Ein mohammedanisches Regiment hat gleich neben uns am Pirzai Kotal gelegen, und einer von ihren Priestern – es war, wenn ich mich recht erinnere, ein naik – hat Prophezeiungen ausgestoßen, wenn es ihn überkam. Aber alle Wahnsinnigen sind in Gottes Obhut. Seine Offiziere haben dem Mann vieles nachgesehen.« Der Lama fiel wieder ins Urdu zurück, als er sich daran erinnerte, daß er in einem fremden Land war. »Hört die Geschichte vom Pfeil, den unser HErr von seinem Bogen abschoß«, sagte er. Das war viel eher nach ihrem Geschmack, und sie lauschten neugierig, während er erzählte. »Nun, o Leute von Hind, reise ich, um diesen Fluß zu suchen. Wißt ihr etwas, das mich leiten könnte, denn wir alle sind Männer und Frauen in einer üblen Hülle.« »Es gibt Ganga – und nur Ganga –, die die Sünde abwäscht«, rann das Murmeln durch den Wagen. »Obwohl wir ohne Frage auch bei uns in Jullundur gute Götter haben«, sagte die Frau des Landwirts; sie schaute aus dem Fenster. »Seht, wie sie die Ernten gesegnet haben.« »Jeden einzelnen Fluß im Punjab aufzusuchen ist keine Kleinigkeit«, sagte ihr Mann. »Für mich ist ein Strom genug, der guten Schlamm auf meinem Land zurückläßt, und ich danke Bhumia, dem Gott der Heimstätte.« Er hob eine knotige, bronzene Schulter. »Glaubst du, daß unser HErr so weit nach Norden gekommen ist?« sagte der Lama; er wandte sich Kim zu. »Das kann sein«, antwortete Kim besänftigend, während er roten pan-Saft auf den Boden spuckte. »Der letzte der Erhabenen«, sagte der Sikh gewichtig, »war Sikander Julkarn [Alexander der Große]. Er hat die Straßen von Jullundur gepflastert und eine große Zisterne nahe Ambala
gebaut. Das Pflaster hält heute noch, und auch die Zisterne ist noch da. Von deinem Gott habe ich nie gehört.« »Laß dein Haar lang wachsen und sprich Punjabi«, sagte der junge Soldat scherzhaft zu Kim; das war ein Sprichwort aus dem Norden. »Das ist alles, was einen Sikh ausmacht.« Er sagte dies aber nicht sehr laut. Der Lama seufzte und sank in sich zusammen, eine dunkelbraune formlose Masse. Wenn sie in ihrem Gespräch Pausen machten, konnten sie das leise tiefe Summen – »Om mani padme hum! Om mani padme hum!« – und das dicke Klicken der Holzperlen des Rosenkranzes hören. »Es schmerzt mich«, sagte er schließlich. »Die Schnelligkeit und das Rattern schmerzen mich. Außerdem, mein chela, glaube ich, daß wir den Fluß vielleicht schon überquert haben.« »Ruhig, ruhig«, sagte Kim. »War denn der Fluß nicht in der Nähe von Benares? Davon sind wir noch weit entfernt.« »Aber – wenn unser HErr in den Norden gekommen ist, dann kann es jeder dieser kleinen Flüsse gewesen sein, die wir überquert haben.« »Ich weiß es nicht.« »Aber du bist mir doch geschickt worden – bist du mir nicht geschickt worden? – wegen des Verdienstes, das ich mir dort oben in Such-zen erworben hatte. Von der Kanone bist du gekommen – mit zwei Gesichtern – und zwei Gewändern.« »Still. Über solche Dinge sollte man hier nicht reden«, flüsterte Kim. »Ich war doch nur einer. Denk nochmal nach, dann wirst du dich erinnern. Ein Junge – ein Hindujunge – neben der großen grünen Kanone.« »Aber war da denn nicht auch ein Engländer mit weißem Bart – heilig zwischen Bildwerken –, und hat er selbst mich nicht noch sicherer gemacht in meiner Sicherheit über den Fluß des Pfeils?«
»Er ist – wir sind zusammen ins Ajaib-Gher in Lahore gegangen, um dort vor den Göttern zu beten«, erklärte Kim der unverhohlen lauschenden Gesellschaft. »Und der Sahib vom Wunder-Haus hat mit ihm geredet – ja, das ist die Wahrheit – wie mit einem Bruder. Er ist ein sehr heiliger Mann, von weit hinter den Bergen. Nun ruh dich aus. Wir werden rechtzeitig nach Ambala kommen.« »Aber mein Fluß – der Fluß, der mich heilt?« »Und dann, wenn du magst, werden wir diesen Fluß zu Fuß suchen. Damit wir nichts verpassen – nicht mal den kleinsten Bach am Feldrand.« »Aber du bist doch selbst auch auf einer Suche?« Der Lama – sehr zufrieden, weil er sich so gut erinnerte – setzte sich bolzengerade hin. »Ja«, sagte Kim, um ihm eine Freude zu machen. Der Junge war restlos glücklich damit, hier zu sitzen, pan zu kauen und neue Leute in der großen gutgelaunten Welt zu sehen. »Es war ein Stier – ein Roter Stier, der kommen und dir helfen wird – und dich tragen – wohin? Das habe ich vergessen. Ein Roter Stier auf einem grünen Feld, oder?« »Nein, er wird mich nirgendwohin tragen«, sagte Kim. »Das ist bloß ein Märchen, das ich dir erzählt hab.« »Was ist das?« Die Frau des Landwirts beugte sich vor; die Spangen an ihrem Arm klirrten. »Träumt ihr etwa beide Träume? Ein Roter Stier auf einem grünen Feld, der dich zu den Himmeln tragen wird – oder was? War das eine Vision? Hat jemand das geweissagt? Wir haben in unserem Dorf, hinter Jullundur, einen roten Stier, und der grast mit Vorliebe auf dem grünsten unserer Felder.« »Gib einer Frau ein Altweibermärchen und einem Webervogel ein Blatt und einen Faden, dann werden sie die wunderlichsten Dinge weben«, sagte der Sikh. »Alle heiligen
Männer haben Träume, und indem sie den heiligen Männern folgen, erlangen ihre Jünger auch diese Gabe.« »Ein Roter Stier auf einem grünen Feld, nicht wahr?« wiederholte der Lama. »Vielleicht hast du in einem früheren Leben Verdienst erworben, und der Stier wird kommen, um dich zu belohnen.« »Nein – nein – das war nur eine Geschichte, die mir jemand erzählt hat – wohl, um sich einen Spaß zu machen. Aber ich werde bei Ambala nach dem Stier suchen, und du kannst dich nach deinem Fluß umsehen und dich vom Rattern des Zugs erholen.« »Vielleicht weiß der Stier Bescheid – vielleicht wird er geschickt, um uns beide zu leiten«, sagte der Lama, hoffnungsvoll wie ein Kind. Dann wandte er sich an die Reisegefährten, wobei er auf Kim deutete: »Dieser ist mir erst gestern geschickt worden. Er ist, glaube ich, nicht von dieser Welt.« »Bettler habe ich haufenweise getroffen, und heilige Männer dazu, aber noch nie so einen yogi und auch nie so einen Jünger«, sagte die Frau. Ihr Mann faßte sich sanft mit einem Finger an die Stirn und lächelte. Aber als der Lama das nächste Mal essen mochte, beeilten sie sich, ihm von ihrem Besten abzugeben. Und endlich – müde, verschlafen und staubig – erreichten sie den Bahnhof von Ambala. »Wir bleiben hier wegen eines Gerichtsverfahrens«, sagte die Frau des Landwirts zu Kim. »Wir wohnen beim jüngeren Bruder des Vetters von meinem Mann. Auf dem Innenhof gibt es auch für de’menyogi und für dich Platz. Ob er – ob er mich wohl segnet?« »O heiliger Mann! Eine Frau mit einem goldenen Herzen gibt uns Unterkunft für die Nacht. Das ist ein freundliches Land,
hier im Süden. Sieh nur, wie sehr man uns seit dem Morgengrauen geholfen hat!« Der Lama neigte das Haupt zum Segen. »Also, das Haus des jüngeren Bruders meines Vetters mit Herumtreibern zu füllen…« begann der Mann, als er seinen schweren Bambusstab schulterte. »Der jüngere Bruder deines Vetters schuldet dem Vetter meines Vaters noch etwas von der Hochzeitsfeier seiner Tochter«, sagte die Frau scharf. »Er soll das, was die beiden essen, auf diese Rechnung schreiben. Der yogi wird ja sicher betteln.« »Ja, ich bettle für ihn«, sagte Kim; ihm lag nur daran, den Lama für die Nacht gut unterzubringen, damit er Mahbub Alis Engländer suchen und den Stammbaum des weißen Hengstes loswerden konnte. Als der Lama im Innenhof eines anständigen Hinduhauses hinter den Kasernen vor Anker gegangen war, sagte Kim: »Ich gehe jetzt eine Weile fort, um – um uns im Basar etwas zu essen zu kaufen. Geh nicht weit fort, bis ich zurückkomme.« »Du kommst zurück? Du kommst ganz bestimmt zurück?« Der alte Mann faßte ihn am Handgelenk. »Und du kommst in derselben Gestalt zurück? Ist es schon zu spät, um heute abend noch nach dem Fluß zu suchen?« »Zu spät und zu dunkel. Sorge dich nicht. Denk mal, wie weit du schon gekommen bist – hundert kos schon seit Lahore.« »Ja – und noch weiter von meinem Kloster. Ach, es ist eine große und schreckliche Welt.« Kim stahl sich hinaus und fort, die unauffälligste Gestalt, die wohl je ihr eigenes Schicksal und das einiger zigtausend anderer Menschen um den Hals gebunden trug. Mahbub Alis Beschreibungen ließen ihm wenig Zweifel über das Haus, in dem sein Engländer lebte; und ein Knecht, der einen dog-cart, vom Club heimfuhr, machte ihn vollends sicher. Nun mußte er
nur noch seinen Mann identifizieren, und Kim schlüpfte durch die Gartenhecke und versteckte sich in einem Büschel Federgras nahe der Veranda. Das Haus war taghell erleuchtet, und Diener bewegten sich zwischen Tischen, die mit Blumen, Glas und Silber gedeckt waren. Bald schon trat ein Engländer aus dem Haus; er war in Schwarz und Weiß gekleidet und summte eine Melodie. Es war zu dunkel, um sein Gesicht sehen zu können, also versuchte Kim es wie ein Bettler mit einem alten Trick. »Beschützer der Armen!« Rückwärts näherte sich der Mann der Stimme. »Mahbub Ali sagt…« »Hah! Was sagt Mahbub Ali?« Er machte keinen Versuch, den Sprecher zu sehen, und das zeigte Kim, daß er Bescheid wußte. »Der Stammbaum des weißen Hengstes ist vollständig ermittelt.« »Welche Beweise gibt es?« Der Engländer hieb mit seinem Stöckchen nach der Rosenhecke neben der Auffahrt. »Mahbub Ali hat mir diesen Beweis gegeben.« Kim warf das Päckchen gefalteten Papiers in die Luft, und es fiel auf den Weg, neben den Mann, der seinen Fuß darauf stellte, als ein Gärtner um die Ecke kam. Als der Diener vorübergegangen war, hob er es auf, ließ eine Rupie fallen – Kim konnte das Klirren hören – und ging ins Haus, ohne sich auch nur einmal umzuschauen. Kim hob schnell das Geld auf; trotz all seiner Gewohnheiten war er jedoch von Geburt genügend Ire, um Silber für den geringsten Teil eines Spiels zu halten. Was er sehen wollte, war die sichtbare Wirkung einer Handlung; statt sich zu verdrücken, legte er sich daher platt ins Gras und schlängelte sich näher an das Haus heran. Er sah – indische Bungalows sind durchgehend offen – den Engländer zu einem kleinen Ankleidezimmer zurückkehren, in
einer Ecke der Veranda, das zur Hälfte auch Arbeitszimmer war, übersät mit Papieren und Depeschentaschen; dort setzte er sich, um Mahbub Alis Botschaft zu untersuchen. Sein Gesicht, genau im Strahl der Kerosinlampe, veränderte und verdüsterte sich, und Kim, gewohnt an die genaue Beachtung von Gesichtszügen, wie jeder Bettler es sein muß, bemerkte es wohl. »Will! Will, Liebling!« rief eine Frauenstimme. »Du solltest endlich in den Salon kommen. Sie müssen jeden Moment hier sein.« Der Mann las noch immer konzentriert. »Will!« sagte die Stimme fünf Minuten später. »Er ist da. Ich kann die Reiter in der Auffahrt hören.« Der Mann stürzte barhäuptig hinaus, als ein großer Landauer mit vier eingeborenen Kavalleristen dahinter an der Veranda hielt und ein großer, schwarzhaariger Mann, aufrecht wie ein Pfeil, sich herausschwang; ein fröhlich lachender junger Offizier ging ihm voran. Kim lag flach auf dem Bauch; er berührte beinahe die hohen Räder. Sein Mann und der schwarzhaarige Fremde wechselten zwei Sätze miteinander. »Natürlich, Sir«, sagte der junge Offizier sofort. »Wenn es um ein Pferd geht, hat alles andere zu warten.« »Wir werden höchstens zwanzig Minuten brauchen«, sagte Kims Mann. »Machen Sie doch die Honneurs – halten Sie sie bei Laune, Sie wissen schon.« »Sagen Sie einem der Männer, er soll warten«, sagte der große Mann, und beide gingen zusammen ins Ankleidezimmer, während der Landauer davonrollte. Kim sah, wie sich ihre Köpfe über Mahbub Alis Botschaft beugten, und hörte die Stimmen – die eine leise und achtungsvoll, die andere scharf und bestimmt.
»Das ist keine Frage von Wochen. Es geht um Tage – beinahe Stunden«, sagte der Ältere. »Ich hatte seit einiger Zeit damit gerechnet, aber das hier« – er tippte auf Mahbub Alis Papier – »klärt es endgültig. Grogan kommt doch heute abend zum Dinner her, oder?« »Ja, Sir, und Macklin auch.« »Sehr gut. Mit denen rede ich selbst. Die Sache wird natürlich dem Rat vorgelegt, aber das ist wohl ein Fall, in dem man mit Recht davon ausgehen kann, daß wir sofort handeln werden. Alarmieren Sie die Brigaden in Pindi und Peshawar. Das wird alle Sommer-Ablösungen durcheinanderbringen, aber da kann man nichts machen. Das haben wir davon, daß wir sie nicht beim ersten Mal gründlich erledigt haben. Achttausend müßten reichen.« »Wie steht es mit Artillerie, Sir?« »Das muß ich mit Macklin klären.« »Dann bedeutet es also Krieg?« »Nein. Bestrafung. Wenn ein Mann durch die Taten seines Vorgängers gebunden ist…« »Aber C. 25 könnte gelogen haben.« »Er bestätigt die Informationen des anderen. Im Prinzip haben sie schon vor sechs Monaten ihre Karten aufgedeckt. Aber Devenish hat ja darauf bestanden, daß es doch noch eine Friedenschance gibt. Das haben sie natürlich genutzt, um sich zu verstärken. Schicken Sie diese Telegramme sofort ab – im neuen Code, nicht im alten –, meine und Whartons. Ich glaube, wir brauchen die Damen nicht länger warten zu lassen. Den Rest können wir über den Zigarren regeln. Ich habe es kommen sehen. Bestrafung – kein Krieg.« Als der Soldat davongaloppierte, kroch Kim zur Rückseite des Hauses; nach seinen Erfahrungen aus Lahore ging er davon aus, daß es dort Essen gab – und Informationen. Die Küche
war voll aufgeregter Küchenjungen; einer von ihnen trat nach ihm. »Aie«, sagte Kim; er tat, als ob er weinte. »Ich will doch nur Teller waschen, für einen Bauchvoll.« »Ganz Ambala will das gleiche. Verschwinde. Jetzt wird die Suppe hineingebracht. Meinst du, wir, die wir Creighton Sahib dienen, brauchen fremde Küchenjungen, damit sie uns bei einem großen Dinner helfen?« »Es ist ein sehr großes Dinner«, sagte Kim; er betrachtete die Teller. »Kein Wunder. Der Ehrengast ist niemand anderes als der Jang-i-Lat-Sahib [der Oberkommandierende].« »Ho!« sagte Kim mit dem richtigen Kehllaut des Erstaunens. Er hatte erfahren, was er wissen wollte, und als der Küchenjunge sich umdrehte, verschwand er. ›Und all diese Mühe‹, sagte er sich, wobei er wie üblich auf Hindustani dachte, ›wegen dem Stammbaum eines Pferdes! Mahbub Ali hätte zu mir kommen und ein bißchen lügen lernen sollen. Bisher, wenn ich für ihn Botschaften überbracht hab, ist es immer um eine Frau gegangen. Jetzt sind es Männer. Schon besser. Der lange Mann hat gesagt, sie wollen eine große Armee losschicken und jemand bestrafen – irgendwo – die Nachricht geht nach Pindi und Peshawar. Kanonen gibt es auch dabei. Wenn ich doch näher rangekrochen wär. Das sind große Neuigkeiten!‹ Bei seiner Rückkehr fand er den jüngeren Bruder des Vetters des Landwirts vor, der den Rechtsstreit der Familie in allen Aspekten mit dem Landwirt und seiner Frau und ein paar Freunden beredete, während der Lama döste. Nach dem Abendmahl reichte jemand ihm eine Wasserpfeife, und Kim fühlte sich ganz als Mann, als er an der glatten Kokosnußschale zog, die Beine im Mondlicht gespreizt; bisweilen warf er mit klickender Zunge Bemerkungen ein.
Seine Gastgeber waren äußerst höflich; die Frau des Landwirts hatte ihnen nämlich von seiner Vision des Roten Stiers erzählt und von seiner vermutlichen Abkunft aus einer anderen Welt. Außerdem war der Lama eine große und ehrwürdige Rarität. Der Familienpriester, ein alter toleranter Sarsut-Brahmane, schaute später herein und begann natürlich mit einem theologischen Streitgespräch, um die Familie zu beeindrucken. Vom Glauben her waren zwar alle auf der Seite ihres Priesters, aber der Lama war der Gast und die Neuheit. Seine sanfte Freundlichkeit und seine beeindruckenden chinesischen Zitate, die wie Zaubersprüche klangen, machten ihnen viel Freude, und in dieser sympathischen, schlichten Umgebung entfaltete er sich wie des Bodhisat eigener Lotos und sprach von seinem Leben in den großen Bergen von Such-zen, »bevor ich«, wie er sagte, »mich erhob, um Erleuchtung zu suchen.« Dann kam heraus, daß er in jenen weltlichen Tagen ein Meister im Stellen von Horoskopen und Nativitäten gewesen war; und der Familienpriester brachte ihn dazu, seine Methoden zu beschreiben; beide gaben den Planeten Namen, die die anderen nicht verstehen konnten, und deuteten nach oben, wo die großen Sterne über die Dunkelheit segelten. Die Kinder des Hauses zupften an seinem Rosenkranz, ohne dafür zurechtgewiesen zu werden, und er vergaß ganz die Regel, die das Anschauen von Frauen verbietet, während er von ewigem Schnee, Erdrutschen, blockierten Pässen, den fernen Felsen, wo Männer Saphire und Türkise finden, und jener wunderbaren Hochland-Straße sprach, die am Ende ins Große China führt. »Was hältst du von ihm?« sagte der Landwirt leise zum Priester. »Ein heiliger Mann – wirklich ein heiliger Mann. Seine Götter sind nicht Die Götter, aber seine Füße sind auf Dem
Pfad«, war die Antwort. »Und seine Methoden, die Nativität zu stellen, sind weise und sicher, aber das ist zu hoch für dich.« »Sag mir«, sagte Kim träge, »ob ich meinen Roten Stier auf einem grünen Feld finde, wie es mir versprochen wurde.« »Was weißt du von deiner Geburtsstunde?« fragte der Priester; er blähte sich vor Wichtigkeit. »Zwischen dem ersten und zweiten Hahnenschrei der ersten Nacht im Mai.« »In welchem Jahr?« »Das weiß ich nicht; aber in der Stunde, als ich zum ersten Mal schrie, ereignete sich das große Erdbeben in Srinagar, was in Kaschmir liegt.« Das hatte Kim von der Frau, die sich um ihn gekümmert hatte, und sie wiederum hatte es von Kimball O’Hara gehört. Das Erdbeben war in Indien zu spüren gewesen und im Punjab lange Zeit als Bezugsdatum genommen worden. »Ai!« sagte eine Frau aufgeregt. Das schien Kims übernatürliche Herkunft noch sicherer zu machen. »Ist da nicht auch die Tochter von Soundso geboren…« »Und ihre Mutter gebar ihrem Mann vier Söhne in vier Jahren – lauter ansehnliche Jungen«, rief die Frau des Landwirts, die außerhalb des Kreises im Schatten saß. »Kein im Wissen Unterwiesener«, sagte der Familienpriester, »wird je vergessen, wie in dieser Nacht die Planeten in ihren Häusern standen.« Er begann im Staub des Hofs zu zeichnen. »Jedenfalls hast du gute Ansprüche auf das halbe Haus des Stiers. Wie lautet deine Prophezeiung?« »Eines Tages«, sagte Kim, begeistert über das Aufsehen, das er erregte, »werde ich durch einen Roten Stier auf einem grünen Feld groß werden, aber zuerst werden zwei Männer kommen, um alles vorzubereiten.« »Ja; so ist das immer, wenn eine Vision beginnt. Dichtes Dunkel, das sich langsam aufhellt; bald tritt jemand mit einem Besen ein, um den Platz zu bereiten. Dann beginnt das
Schauen. Zwei Männer, sagst du? Ja, ja. Die Sonne verläßt das Haus des Stiers und tritt in das der Zwillinge. Daher die beiden Männer der Prophezeiung. Darüber muß man nachdenken. Hol mir einen Zweig, Kleiner.« Er runzelte die Brauen, kratzte, glättete und kratzte wieder geheimnisvolle Zeichen in den Staub – zum Erstaunen aller, nur nicht des Lamas, der sich mit feinem Instinkt vor einer Einmischung hütete. Nach einer halben Stunde warf der Priester mit einem Knurren den Zweig fort. »Hm! Das sagen die Sterne. Innerhalb von drei Tagen kommen die beiden Männer, um alles bereitzumachen. Nach ihnen kommt der Stier; aber das Zeichen, unter dem er steht, ist das des Kriegs und bewaffneter Männer.« »Im Abteil von Lahore an war wirklich ein Mann von den Ludhiana-Sikhs«, sagte die Frau des Landwirts hoffnungsvoll. »Tck! Bewaffnete Männer – viele Hunderte. Was hast du mit Krieg zu schaffen?« sagte der Priester zu Kim. »Dein Zeichen ist ein rotes und böses Zeichen von Krieg, der sehr bald losbrechen wird.« »Nichts davon – nichts«, sagte der Lama ernst. »Wir suchen nur Friede und unseren Fluß.« Kim lächelte; er dachte an das, was er im Ankleidezimmer belauscht hatte. Er war entschieden ein Günstling der Sterne. Der Priester fegte mit dem Fuß über das grobe Horoskop. »Mehr als das kann ich nicht sehen. In drei Tagen kommt der Stier zu dir, Junge.« »Und mein Fluß, mein Fluß«, klagte der Lama. »Ich hatte gehofft, sein Stier würde uns beide zum Fluß führen.« »Ach, dieser wundersame Fluß, mein Bruder«, antwortete der Priester. »Solche Dinge sind außerhalb des Gewöhnlichen.« Obwohl man sie zu bleiben drängte, bestand der Lama am nächsten Morgen darauf, abzureisen. Sie gaben Kim ein großes
Bündel mit gutem Essen und fast drei Annas in Kupfer für die Bedürfnisse der Straße, und mit vielen Segenswünschen sahen sie den beiden nach, als sie nach Süden ins Morgengrauen gingen. »Es ist betrüblich, daß diese und solche wie sie nicht vom Rad der Dinge befreit werden können«, sagte der Lama. »Nein, dann würden nur schlechte Menschen auf der Erde übrigbleiben, und wer sollte uns dann Essen und Obdach geben?« sagte Kim. Unter seiner Last schritt er fröhlich aus. »Da drüben ist ein kleiner Fluß. Wir wollen nachsehen«, sagte der Lama und ging voran, von der weißen Straße quer über die Felder, in ein wahres Hornissennest streunender Hunde hinein.
KAPITEL III
Yea, voice of every Soul that clung To Lite that strove from rung to rung When Devadatta’s rule was young, The warm wind brings Kamakura. Buddha at Kamakura. [Ja, Stimme jeder Seele, die sich klammerte an Leben, das von Stufe zu Stufe strebte, als Devadattas Herrschaft noch jung war, bringt der warme Wind nach Kamakura.]
Hinter ihnen fuchtelte ein verärgerter Bauer mit einem Bambusrohr. Er war ein Markt-Gärtner, Arain der Kaste nach, pflanzte Gemüse und Blumen für Ambala, und Kim kannte die Sorte gut. »Solch einer«, sagte der Lama, der die Hunde nicht beachtete, »ist unhöflich zu Fremden, zügellos in seiner Rede und hartherzig. Laß dir sein Benehmen eine Warnung sein, mein Jünger.« »Ho, unverschämte Bettler!« schrie der Bauer. »Weg da! Verschwindet!« »Wir gehen«, erwiderte der Lama mit gelassener Würde. »Wir gehen fort aus diesen ungesegneten Feldern.« »Ah«, sagte Kim; er sog hörbar die Luft zwischen den Zähnen ein. »Wenn deine nächste Ernte schlecht wird, kannst du die Schuld nur deiner eigenen Zunge geben.«
Der Mann trat in seinen Pantoffeln unbehaglich von einem Fuß auf den anderen. »Das Land wimmelt von Bettlern«, begann er halb entschuldigend. »Und woran hast du gesehen, daß wir dich anbetteln wollten, o Mali?« sagte Kim schroff; er verwendete die Anrede, die ein Markt-Gärtner am wenigsten hören mag. »Alles was wir wollten war, einen Blick auf den Fluß da drüben hinter dem Feld werfen.« »Fluß, wie!« grunzte der Mann. »Aus welcher Stadt kommt ihr denn, daß ihr einen Kanal für einen Fluß haltet? Er läuft gerade wie ein Pfeil, und ich bezahle für das Wasser, als wenn es geschmolzenes Silber wäre. Weiter drüben gibt es einen Flußarm. Aber wenn ihr Wasser braucht, das kann ich euch geben – und Milch.« »Nein, wir gehen zu dem Fluß«, sagte der Lama. Er machte große Schritte. »Milch und ein Mahl«, stammelte der Mann; er schaute auf die fremdartige, hohe Gestalt. »Ich… ich möchte mir und… und meiner Ernte kein Übel zuziehen. Aber es gibt so viele Bettler in diesen harten Zeiten.« »Beachte es wohl.« Der Lama wandte sich an Kim. »Durch den Roten Nebel des Zorns ist er verleitet worden, barsche Worte zu sagen. Nun, da dieser sich von seinen Augen hebt, wird er höflich und mildherzig. Seine Felder seien gesegnet! Hüte dich, Menschen zu schnell zu beurteilen, o Bauer!« »Ich habe Heilige gekannt, die dich und alles, was dein ist, vom Herd bis zum Stall verflucht hätten«, sagte Kim dem verlegenen Mann. »Ist er nicht wirklich heilig und weise? Ich bin sein Jünger.« Hochmütig streckte er die Nase in die Luft und stieg mit großer Würde über die schmale Feldumrandung. »Stolz gibt es nicht«, sagte der Lama nach einer Pause. »Stolz gibt es nicht bei denen, die dem Mittleren Pfad folgen.«
»Aber du hast doch gesagt, daß er von niedriger Kaste und unhöflich ist.« »Von niedriger Kaste habe ich nicht gesprochen; wie kann denn sein, was nicht ist? Nachher hat er seine Unhöflichkeit gutgemacht, und ich habe die Beleidigung vergessen. Außerdem ist er, wie wir, auf das Rad der Dinge gebunden; aber er geht nicht den Weg der Befreiung.« Er blieb an einem kleinen Rinnsal zwischen den Feldern stehen und betrachtete die von Hufen zernarbte Böschung. »Wie willst du denn deinen Fluß erkennen?« sagte Kim; er hockte sich in den Schatten hohen Zuckerrohrs. »Wenn ich ihn finde, wird mir sicher eine Erleuchtung gegeben. Das hier, fühle ich, ist nicht der richtige Ort. O Kleinstes unter den Wassern, wenn du mir nur sagen könntest, wo mein Fluß fließt! Aber sei gesegnet und laß die Felder viel Ertrag bringen!« »Sieh mal! Sieh!« Kim sprang zu ihm hin und zerrte ihn zurück. Ein braungelber Streifen glitt aus den purpurnen raschelnden Stengeln zur Böschung, reckte den Hals zum Wasser, trank und lag still – eine große Kobra mit starrem lidlosen Auge. »Ich hab keinen Stock – ich hab keinen Stock«, sagte Kim. »Ich such einen und brech ihr den Rücken.« »Warum? Er ist auf dem Rad wie wir – ein absteigendes oder aufsteigendes Leben – sehr weit von der Befreiung. Großes Übel muß die Seele angerichtet haben, die in diese Gestalt geraten ist.« »Ich hasse alle Schlangen«, sagte Kim. Keine einheimische Erziehung kann je den Abscheu des Weißen vor der Schlange ausmerzen. »Laß ihn sein Leben zu Ende leben.« Das geringelte Ding zischte und öffnete seine Haube halb. »Möge deine Erlösung
bald kommen, Bruder!« fuhr der Lama mild fort. »Weißt du vielleicht durch Zufall von meinem Fluß?« »Solch einen Mann, wie du es bist, hab ich noch nie gesehen«, flüsterte Kim überwältigt. »Verstehen denn sogar Schlangen, was du sagst?« »Wer weiß?« Er ging nur einen Fuß am schwebenden Kopf der Kobra vorbei. Sie legte ihn flach zwischen die staubigen Windungen. »Komm, du!« rief er über seine Schulter. »Ich nicht«, sagte Kim. »Ich mach einen Bogen.« »Komm. Er tut dir nichts.« Kim zögerte einen Moment. Der Lama unterstrich seine Aufforderung durch ein tief gesummtes chinesisches Zitat, das Kim für einen Zauberspruch hielt. Er gehorchte und sprang über den Fluß, und tatsächlich machte die Schlange keine Bewegung. »Nie hab ich so einen Mann gesehen.« Kim wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Und jetzt, wohin gehen wir?« »Das mußt du bestimmen. Ich bin alt und hier fremd – fern von meiner Heimat. Wenn dieser rêl-Wagen nicht meinen Kopf mit dem Lärm von Teufelstrommeln erfüllte, würde ich jetzt in ihm nach Benares gehen… Aber dabei könnten wir den Fluß verfehlen. Laß uns einen weiteren Fluß suchen.« Wo der vielgeplagte Boden drei oder sogar vier Ernten im Jahr trägt – durch Felder mit Zuckerrohr, Tabak, langen weißen Rettichen und nol-kol wanderten sie den ganzen Tag weiter; jedem flüchtigen Blick auf Wasser gingen sie nach; zur Mittagszeit weckten sie Dorfhunde und schlafende Dörfer; der Lama beantwortete Salven von Fragen mit unbeirrbarer Schlichtheit. Sie suchten einen Fluß – einen Fluß von wunderbarer Heilkraft. Ob jemand etwas über solch einen Strom wisse? Männer lachten manchmal, aber öfter hörten sie sich die Geschichte bis zum Ende an und boten ihnen einen
Platz im Schatten, einen Trunk Milch und ein Mahl. Die Frauen waren immer freundlich, und die kleinen Kinder, wie Kinder auf der ganzen Welt sind, abwechselnd schüchtern und vorwitzig. Der Abend fand sie rastend unter dem Dorfbaum eines kleinen Orts mit Lehmwänden und Lehmdächern, wo sie mit dem Dorfältesten redeten, während das Vieh von den Weideplätzen heimkehrte und die Frauen das letzte Mahl des Tages bereiteten. Sie hatten den Gürtel der Markt-Gärten rund um das hungrige Ambala verlassen und befanden sich im meilenweiten Grün des Ackerlandes. Der alte Mann war weißbärtig und umgänglich und nahm oft Fremde auf. Er schleppte eine aus Schnüren geknüpfte Bettstatt für den Lama heraus, setzte ihm warmes, gekochtes Essen vor, stopfte ihm eine Pfeife, und als die abendlichen Zeremonien im Dorftempel beendet waren, sandte er nach dem Ortspriester. Kim erzählte den älteren Kindern Märchen über die Größe und Schönheit Lahores, über Eisenbahnreisen und derlei städtische Dinge, während die Männer redeten, langsam wie ihr Vieh wiederkäute. »Ich kann es nicht begreifen«, sagte der Älteste schließlich zum Priester. »Wie deutest du diese Rede?« Der Lama, der seine Geschichte erzählt hatte, fingerte schweigend die Perlen seines Rosenkranzes. »Er ist ein Sucher«, antwortete der Priester. »Das Land ist voll von ihnen. Denk an den, der erst letzten Monat hier war – der Fakir mit der Schildkröte.« »Ja, aber der Mann hatte Recht und Richtung, denn Krishna selbst ist ihm in einer Vision erschienen und hat ihm das Paradies versprochen, ohne Scheiterhaufen, wenn er nur nach Prayag pilgert. Dieser Mann hier sucht keinen Gott, von dem ich etwas weiß.«
»Friede; er ist alt; er kommt von weither, und er ist verrückt«, erwiderte der glattrasierte Priester. »Hör mich an.« Er wandte sich dem Lama zu. »Drei kos [sechs Meilen] westlich von hier verläuft die große Straße nach Kalkutta.« »Aber ich wollte nach ßenares – nach Benares.« »Und nach Benares geht sie auch. Sie überquert alle Ströme in diesem Teil von Hind. Mein Rat für dich, Heiliger, ist, hier bis morgen auszuruhen. Danach nimm die Straße« (er meinte die Grand Trunk Road) »und untersuch jeden Strom, über den sie führt; wenn ich es recht verstehe, liegt nämlich die Kraft deines Flusses nicht nur in einem Becken oder an einer Stelle, sondern in seiner ganzen Länge. So kannst du sicher sein, daß du, wenn deine Götter es wollen, deine Befreiung finden wirst.« »Das ist gut gesprochen.« Der Lama war von dem Plan sehr beeindruckt. »Wir werden morgen damit beginnen, und dir ein Segen, weil du alten Füßen solch eine nahe Straße gezeigt hast.« Ein tiefer chinesischer Sprech-Singsang beschloß den Satz. Sogar der Priester war beeindruckt, und der Älteste fürchtete einen bösen Zauber; aber keiner, der das schlichte, eifrige Gesicht des Lamas sah, konnte ihm lange mißtrauen. »Siehst du meinen chela?« sagte er; dabei holte er eine große Portion aus seiner Schnupftabaksflasche. Es war seine Pflicht, Höflichkeit mit Höflichkeit zu vergelten. »Ich sehe ihn – und höre ihn.« Der Älteste rollte seine Augen dorthin, wo Kim mit einem Mädchen in Blau plauderte, während sie knisternde Dornen auf ein Feuer legte. »Auch er ist auf einer Suche. Kein Fluß, sondern ein Stier. Ja, ein Roter Stier auf einem grünen Feld wird ihn eines Tages zu Ehren erhöhen. Er ist, glaube ich, nicht ganz von dieser Welt. Er wurde mir plötzlich gesandt, um mir bei meiner Suche zu helfen, und sein Name ist Freund der ganzen Welt.«
Der Priester lächelte. »Ho, da, Freund der ganzen Welt«, rief er durch den beißenden Rauch, »was bist du?« »Der Jünger dieses Heiligen«, sagte Kim. »Er sagt, du bist nur ein bût [Geist].« »Können bûts essen?« sagte Kim zwinkernd. »Ich habe nämlich Hunger.« »Das ist kein Scherz«, rief der Lama. »Ein bestimmter Astrologe in der Stadt, deren Namen ich vergessen habe…« »Das ist nur Ambala, wo wir letzte nacht geschlafen haben«, flüsterte Kim dem Priester zu. »Ja, Ambala, nicht wahr? Er hat ein Horoskop gestellt und erklärt, daß mein chela innerhalb von zwei Tagen finden werde, was er sucht. Aber was hat er noch über die Bedeutung der Sterne gesagt, Freund der ganzen Welt?« Kim räusperte sich und sah die Graubärte des Dorfes um sich an. »Die Bedeutung meines Sterns ist Krieg«, erwiderte er hochmütig. Jemand lachte über die kleine zerlumpte Gestalt, die auf den Ziegelplatten unter dem großen Baum herumstolzierte. Wo ein Eingeborener sich niedergelegt hätte, brachte sein weißes Blut Kim auf die Beine. »Jawohl, Krieg«, antwortete er. »Das ist eine sichere Prophezeiung«, grollte eine tiefe Stimme. »An der Grenze ist doch immer Krieg – soviel ich weiß.« Es war ein alter verwitterter Mann, der in den Tagen der Meuterei der Regierung als eingeborener Offizier in einem neugebildeten Kavallerieregiment gedient hatte. Die Regierung hatte ihm ein gutes Grundstück im Dorf gegeben, und wenn ihn auch die Ansprüche seiner Söhne, inzwischen selbst graubärtige Offiziere, arm gemacht hatten, war er doch noch immer eine wichtige Person. Englische Beamte – sogar Deputy Commissioners – bogen von der Hauptstraße ab, um ihn zu
besuchen, und bei diesen Anlässen legte er die Uniform der alten Tage an und stand stramm wie ein Ladestock. »Aber dies wird ein großer Krieg sein – ein Krieg von achttausend.« Zu seinem eigenen Erstaunen schrillte Kims Stimme über die schnell wachsende Menge. »Rotröcke oder unsere eigenen Regimenter?« schnarrte der alte Mann, als frage er einen Gleichgestellten. Sein Ton flößte den Männern Respekt vor Kim ein. »Rotröcke«, sagte Kim auf gut Glück. »Rotröcke und Kanonen.« »Aber… aber davon hat der Astrologe nichts gesagt«, rief der Lama; in seiner Aufregung schnupfte er verschwenderisch. »Aber ich weiß es. Das Wort ist mir gekommen, der ich der Jünger dieses Heiligen bin. Ein Krieg wird sich erheben – ein Krieg von achttausend Rotröcken. Aus Pindi und Peshawar werden sie abgezogen werden. Das ist gewiß.« »Der Junge hat Basargerede gehört«, sagte der Priester. »Aber er war immer an meiner Seite«, sagte der Lama. »Wie soll er es denn dann wissen? Ich habe nichts davon gewußt.« »Aus dem wird ein gerissener Gaukler, wenn der alte Mann erst tot ist«, murmelte der Priester dem Ältesten zu. »Was für ein neuer Trick ist das?« »Ein Zeichen. Gib mir ein Zeichen«, rief der alte Soldat plötzlich donnernd. »Wenn es Krieg gäbe, hätten meine Söhne es mir gesagt.« »Wenn alles bereit ist, werden deine Söhne es bestimmt erfahren. Aber es ist ein langer Weg von deinen Söhnen zu dem Mann, in dessen Hand die Dinge liegen.« Kim erwärmte sich für das Spiel, denn es erinnerte ihn an Erlebnisse bei seinen Botengängen, wenn er tat, als wisse er mehr, als er wußte, sobald es um ein paar Pais ging. Aber nun spielte er um größeren Einsatz – schiere Erregung und das Gefühl von Macht. Er holte tief Luft und fuhr fort.
»Alter Mann, gib du mir ein Zeichen. Bestimmen Untergeordnete über das, was achttausend Rotröcke tun – mit Kanonen?« »Nein.« Noch immer antwortete der alte Mann, als sei Kim ein Gleichgestellter. »Weißt du denn nun, wer Er ist, der den Befehl gibt?« »Ich habe Ihn gesehen.« »Würdest du Ihn wiedererkennen?« »Ich habe Ihn gekannt, seit Er ein Leutnant der top-khana [Artillerie] war.« »Ein großer Mann. Ein großer Mann mit schwarzem Haar, der so geht?« Kim machte ein paar steife, hölzerne Schritte. »Ja. Aber das kann jeder gesehen haben.« Bei diesem ganzen Wortwechsel war die Menge atemlos still. »Das stimmt«, sagte Kim. »Aber ich will dir mehr sagen. Schau genau her. Zuerst geht der große Mann so. Dann denkt Er so.« Kim fuhr sich mit seinem Zeigefinger über die Stirn und weiter nach unten, bis er neben dem Kinn hielt. »Dann bewegt Er die Finger so. Dann schiebt Er seinen Hut unter seine linke Achsel.« Kim illustrierte die Bewegung und stand wie ein Storch. Der alte Mann ächzte, sprachlos vor Verblüffung, und die Menge schauderte. »So – so – so. Aber was tut Er, wenn Er gleich einen Befehl geben will?« »Er reibt sich die Haut in seinem Nacken – so. Dann fällt ein Finger auf den Tisch, und Er macht ein leises schnaufendes Geräusch durch die Nase. Dann spricht Er und sagt: ›Setzt das und das Regiment in Marsch. Schafft diese Kanonen hin.‹« Der alte Mann erhob sich steif und salutierte. »›Denn‹« – Kim übertrug die entscheidenden Sätze, die er im Ankleideraum in Ambala gehört hatte, in die Umgangssprache
– »›denn‹, sagt Er, ›wir hätten das schon längst tun sollen. Es ist kein Krieg – es ist eine Bestrafung. Snff!‹« »Genug. Ich glaube dir. So habe ich Ihn im Rauch der Schlachten gesehen. Gesehen und gehört. Das ist Er!« »Rauch hab ich keinen gesehen« – Kims Stimme wurde zum verzückten Singsang des Straßenwahrsagers. »Ich sah dies in der Dunkelheit. Es kam zuerst ein Mann, um alle Dinge zu erhellen. Dann kamen Reiter. Dann kam Er und stand in einem Kreis aus Licht. Das weitere folgt, wie ich es sagte. Alter Mann, hab ich die Wahrheit gesprochen?« »Das ist Er. Ohne jeden Zweifel, Er ist es.« Die Menge tat einen langsamen bebenden Atemzug und starrte abwechselnd auf den alten Mann, immer noch in Habacht-Stellung, und den zerlumpten Kim vor dem purpurnen Zwielicht. »Habe ich es nicht gesagt – habe ich nicht gesagt, daß er aus der anderen Welt ist?« rief der Lama stolz. »Er ist der Freund der ganzen Welt. Er ist der Freund der Sterne!« »Jedenfalls geht es uns nichts an«, rief ein Mann. »O du junger Wahrsager, wenn du jederzeit über diese Gabe verfügst – ich habe eine rotscheckige Kuh. Sie könnte eine Schwester deines Stiers sein, nach allem, was ich weiß…« »…und was mich nicht kümmert«, sagte Kim. »Meine Sterne befassen sich nicht mit deinem Vieh.« »Nein, aber sie ist wirklich sehr krank«, warf eine Frau ein. »Mein Mann ist ein Büffel, sonst hätte er seine Worte besser gewählt. Sag mir, wird sie gesund werden?« Wenn Kim ein gewöhnlicher Junge gewesen wäre, hätte er das Spiel fortgesetzt; aber man kann nicht die Stadt Lahore und wenigstens alle Fakire am Taksali-Tor seit dreizehn Jahren kennen, ohne auch etwas vom Wesen des Menschen zu wissen. Der Priester schaute ihn von der Seite an, ein wenig bitter – ein trockenes und vernichtendes Lächeln.
»Gibt es im Dorf etwa keinen Priester? Ich dachte, ich hätte eben noch einen gesehen, und zwar einen großen«, rief Kim. »Ja… aber…« begann die Frau. »Aber du und dein Mann, ihr hattet gehofft, daß eure Kuh für eine Handvoll Dankeschöns geheilt wird.« Das saß: Die beiden waren im Dorf als das geizigste Paar bekannt. »Es ist nicht gut, die Tempel zu betrügen. Gib deinem eigenen Priester ein junges Kalb, und wenn deine Götter nicht so erzürnt sind, daß sie sich nicht mehr beschwichtigen lassen, wird sie innerhalb eines Monats Milch geben.« »Ein Meisterbettler bist du«, schnurrte der Priester beifällig. »Auch die Gerissenheit von vierzig Jahren hätte es nicht besser machen können. Bestimmt hast du den alten Mann reich gemacht?« »Ein bißchen Mehl, ein bißchen Butter und einen Mundvoll Kardamom«, gab Kim zurück, von dem Lob geschmeichelt, aber immer noch vorsichtig. »Wird man davon reich? Und wie du sehen kannst: Er ist verrückt. Aber es reicht für mich, und immerhin lerne ich dabei die Straße kennen.« Er wußte, wie die Fakire vom Taksali-Tor waren, wenn sie unter sich redeten, und er ahmte noch den Tonfall ihrer liederlichen Schüler nach. »Ist denn nun seine Suche Wahrheit oder ein Mantel, um andere Zwecke zu verhüllen? Vielleicht geht es um einen Schatz.« »Er ist verrückt – viele Male verrückt. Es ist nichts anderes dahinter.« Hier humpelte der alte Soldat herbei und fragte, ob Kim seine Gastfreundschaft für die Nacht annehmen wolle. Der Priester empfahl es ihm, bestand aber darauf, daß die Ehre, den Lama zu beherbergen, dem Tempel zukomme – worauf der Lama arglos lächelte. Kim blickte von einem Gesicht zum anderen und zog seine eigenen Schlüsse.
»Wo ist dein Geld?« flüsterte er, während er dem alten Mann winkte, ihm ins Dunkel zu folgen. »An meiner Brust. Wo sonst?« »Gib es mir. Gib es mir schnell und unauffällig.« »Aber wozu? Hier gibt es doch keine Fahrkarten zu kaufen.« »Bin ich dein chela oder bin ich es nicht? Schütze ich nicht auf den Wegen deine alten Füße? Gib mir das Geld, und am Morgen geb ich es dir zurück.« Er schob die Hand über den Gürtel des Lamas und zog den Geldbeutel heraus. »Sei es so – so sei es.« Der alte Mann nickte. »Dies ist eine große und schreckliche Welt. Ich habe nie gewußt, daß so viele Menschen in ihr leben.« Am nächsten Morgen war der Priester sehr schlecht gelaunt, der Lama aber ganz fröhlich; und Kim hatte einen sehr interessanten Abend mit dem alten Mann verbracht, der seinen Kavalleriesäbel hervorholte, ihn auf seinen dürren Knien wiegte und Geschichten erzählte von der Meuterei und jungen Hauptleuten, die seit dreißig Jahren im Grab lagen; bis Kim einschlief. »Ganz gewiß ist die Luft dieses Landes gut«, sagte der Lama. »Ich habe einen leichten Schlaf, wie alle alten Männer; aber diese Nacht habe ich bis zum Morgen geschlafen, ohne wach zu werden. Ich bin sogar jetzt noch benommen.« »Trink ein bißchen heiße Milch«, sagte Kim, der nicht selten solche Medizin zu Opiumrauchern seiner Bekanntschaft gebracht hatte. »Es ist Zeit, sich wieder auf den Weg zu machen.« »Den langen Weg, der alle Flüsse von Hind überquert«, sagte der Lama munter. »Laß uns gehen. Aber was hältst du davon, chela, diesen Leuten und vor allem dem Priester ihre große Güte zu vergelten? Sie sind zwar bût-parast, aber vielleicht werden sie in anderen Leben Erleuchtung erlangen. Eine Rupie für den Tempel? Das Ding, das nicht mehr ist als Stein und
rote Farbe, aber das Herz des Menschen müssen wir anerkennen, wenn und wo es gut ist.« »Heiliger, bist du je allein den Weg gegangen?« Kim blickte ihn scharf an, wie die indischen Krähen, die so eifrig in den Feldern beschäftigt waren. »Natürlich, Kind: von Kulu bis Pathänkot – von Kulu, wo mein erster chela starb. Wenn Menschen freundlich zu uns waren, haben wir ihnen Gaben gegeben, und alle Menschen überall in den Bergen waren uns wohlgesinnt.« »In Hind ist das anders«, sagte Kim trocken. »Ihre Götter sind vielarmig und böswillig. Laß sie in Ruhe.« »Ich möchte dich gern ein Stück auf den Weg bringen, Freund der ganzen Welt – dich und deinen gelben Mann.« Der alte Soldat kam auf einem hageren Pony mit scherenartigen Fesseln die Dorfstraße herauf, die unter den Schatten des frühen Morgens lag. »Diese Nacht hat die Springquellen des Erinnerns in meinem ausgedörrten Herzen aufbrechen lassen, und es war mir ein Segen. Wirklich, es liegt Krieg in der Luft. Ich kann ihn riechen. Schau! Ich habe mein Schwert mitgebracht.« Mit hängenden Beinen saß er auf dem kleinen Tier, das große Schwert an der Seite – die Hand auf den Knauf gelegt –, und starrte grimmig über das flache Land nach Norden. »Sag mir noch einmal, wie Er in deiner Vision aussah. Komm her, setz dich hinter mich. Das Tier kann zwei tragen.« »Ich bin der Jünger dieses Heiligen«, sagte Kim, als sie aus dem Dorftor traten. Die Dorfleute schienen fast traurig, daß sie gingen, das Lebewohl des Priesters war jedoch kalt und zurückhaltend. Er hatte Opium an einen Mann vergeudet, der kein Geld bei sich trug. »Das ist wohlgesprochen. Ich bin nicht sehr an heilige Männer gewöhnt, aber Respekt ist immer gut. In diesen Zeiten gibt es keinen Respekt – nicht einmal, wenn ein Commissioner
Sahib mich besuchen kommt. Aber warum sollte einer, dessen Stern ihn zum Krieg führt, einem heiligen Mann folgen?« »Aber er ist wirklich ein heiliger Mann«, sagte Kim ernst. »Heilig in Wahrheit und in dem, was er sagt und tut. Er ist nicht wie die anderen. So einen wie ihn hab ich noch nie gesehen. Wir sind keine Wahrsager oder Gaukler oder Bettler.« »Du bist keiner. Das sehe ich wohl. Aber den anderen da kenne ich nicht. Immerhin marschiert er gut.« Die erste Frische des Tages trug den Lama vorwärts mit langen, mühelosen kamelartigen Schritten. Er war in tiefer Meditation und ließ mechanisch den Rosenkranz klappern. Sie folgten den Karrenspuren der ausgefahrenen Landstraße, die sich zwischen den großen dunkelgrünen Mangowäldern durch die Ebene wand; die Linie der schneegekrönten Himalayas war im Osten schwach zu sehen. Ganz Indien arbeitete auf den Feldern, zum Knirschen der Brunnenräder, zum Geschrei der Pflüger hinter ihren Ochsen und dem Gezeter der Krähen. Sogar das Pony verspürte den guten Einfluß und setzte sich fast in Trab, als Kim eine Hand an den Steigbügelriemen legte. »Ich bereue, daß ich dem Schrein keine Rupie gegeben habe«, sagte der Lama bei der letzten seiner einundachtzig Perlen. Der alte Soldat knurrte in seinen Bart, so daß der Lama erstmals auf ihn aufmerksam wurde. »Suchst auch du den Fluß?« sagte er; dabei wandte er sich zu ihm um. »Der Tag ist jung«, war die Antwort. »Wozu brauche ich einen Fluß, außer, um an ihm vor Sonnenuntergang mein Pferd zu tränken? Ich komme mit, um dir einen kurzen Weg zur Großen Straße zu zeigen.«
»Das ist eine Höflichkeit, deren man gedenken soll, o Mann guten Willens. Aber wozu das Schwert?« Der alte Soldat blickte verlegen wie ein Kind, das bei einem Tagtraumspiel ertappt wird. »Das Schwert«, sagte er; er betastete es. »Ach, das war nur so eine Idee – der Einfall eines alten Mannes. Die Befehle der Polizei sind zwar, daß niemand in ganz Hind Waffen tragen soll, aber« – sein Gesicht hellte sich auf, und er klopfte auf den Griff – »alle Constables der Gegend kennen mich.« »Es ist kein guter Einfall«, sagte der Lama. »Welchen Nutzen hat es, Männer zu töten?« »Sehr wenig – wie ich gut weiß; aber wenn man böse Menschen nicht hin und wieder tötete, wäre es keine gute Welt für waffenlose Träumer. Ich rede nicht ohne Erfahrung; ich habe das Land von Delhi nach Süden mit Blut überspült gesehen.« »Welcher Wahnsinn war denn das?« »Die Götter allein wissen es; sie haben ihn als Heimsuchung geschickt. Wahnsinn zerfraß die ganze Armee, und sie wandten sich gegen ihre Offiziere. Das war das erste Übel, aber noch hätte es Heilung gegeben, wenn sie sich damit begnügt hätten. Aber sie sind darauf verfallen, die Frauen und Kinder der Sahibs zu töten. Dann kamen die Sahibs von jenseits des Meeres und haben sie zu strenger Rechenschaft gezogen.« »Irgendein derartiges Gerücht, glaube ich, hat mich vor langer Zeit erreicht. Es wurde das Schwarze Jahr genannt, soviel ich mich erinnere.« »Welche Art Leben hast du denn geführt, daß du Das Jahr nicht kennst? Ein Gerücht, ha! Die ganze Erde wußte es und bebte.« »Unsere Erde hat nur einmal gebebt – an dem Tag, da Der Vortreffliche Erleuchtung empfing.«
»Umph! Ich habe zumindest Delhi beben sehen; und Delhi ist der Nabel der Welt.« »Dann haben sie sich also gegen Frauen und Kinder gewandt? Das war eine böse Tat, und dafür ist Bestrafung unausweichlich.« »Viele haben es versucht, aber mit sehr geringem Nutzen. Ich war damals in einem Regiment der Kavallerie. Es ist zerbrochen. Von sechshundertachtzig Säbeln blieben dem Salz, das sie gegessen hatten, treu – wieviele, meinst du? Drei. Ich war einer von ihnen.« »Um so größer ist das Verdienst.« »Verdienst! In diesen Tagen haben wir es nicht für Verdienst gehalten. Mein Volk, meine Freunde, meine Brüder fielen von mir ab. Sie sagten: ›Die Zeit der Engländer hat sich vollendet. Soll jeder sehen, daß er etwas für sich herausschlägt.‹ Aber ich hatte geredet, mit den Männern aus Sobraon, aus Chilianwala, aus Mudki und Ferozeshahr. Ich sagte: ›Wartet ein Weilchen, der Wind wird sich drehen. Auf diesem Werk liegt kein Segen.‹ In diesen Tagen ritt ich siebzig Meilen mit einer englischen Memsahib und ihrem Baby vor mir auf dem Sattel. (Uau! Das war ein Pferd für einen Mann!) Ich habe sie in Sicherheit gebracht und bin zu meinem Offizier zurückgekehrt – dem einen von unseren fünf, der nicht getötet worden war. ›Gib mir Arbeit‹, sagte ich, ›denn ich bin ein Ausgestoßener in meiner eigenen Sippe, und das Blut meines Vetters ist noch feucht auf meinem Säbel.‹ ›Beruhige dich‹, sagte er. ›Große Arbeit liegt vor uns. Wenn dieser Wahnsinn vorüber ist, kommt der Lohn.‹« »Ja, es gibt einen Lohn, wenn der Wahnsinn vorüber ist, oder?« murmelte der Lama halb zu sich selbst. »In jenen Tagen hat man Leute nicht mit Orden behängt, nur weil sie zufällig eine Kanone hatten feuern hören. Nein! In neunzehn offenen Schlachten war ich; in sechsundvierzig
Reitergefechten; und in kleinen Scharmützeln ohne Zahl. Neun Wunden trage ich; eine Medaille, vier Spangen und die Medaille eines Ordens, denn meine Hauptleute, die nun Generale sind, erinnerten sich an mich, als die Kaisar-i-Hind fünfzig Jahre ihrer Herrschaft vollendet hatte und das ganze Land jubelte. Sie sagten: ›Gebt ihm den Orden von BritischIndien.‹ Ich trage ihn nun um meinen Hals. Ich habe auch mein jaghir [Anwesen] aus der Hand des Staats – eine freie Gabe an mich und die meinen. Die Männer aus den alten Tagen – sie sind jetzt Commissioners – kommen zu mir durch die Felder geritten – hoch zu Roß, so daß das ganze Dorf es sieht –, und wir reden von den alten Gefechten, und der Name eines toten Mannes führt zum nächsten.« »Und danach?« sagte der Lama. »Ach, danach reiten sie wieder fort, aber nicht, ehe mein Dorf sie gesehen hat.« »Und was wirst du am Ende tun?« »Am Ende werde ich sterben.« »Und danach?« »Das mögen die Götter besorgen. Ich habe Sie nie mit Gebeten gequält. Ich glaube nicht, daß Sie mich quälen werden. Sieh, in meinem langen Leben habe ich gefunden, daß die, die ewig jene oben mit Klagen und Berichten und Gebrüll und Geheule behelligen, sehr früh und eilig zum Rapport bestellt werden, wie unser Oberst immer nach den Männern aus dem Hinterland geschickt hat, die schlappe Kinnbacken hatten und zuviel redeten. Nein, ich habe die Götter nie belästigt. Sie werden daran denken und mir einen ruhigen Platz geben, wo ich meine Lanze in den Schatten stoßen und darauf warten kann, meine Söhne willkommen zu heißen: Ich habe nicht weniger als drei – Rissaldar-majors alle – bei den Regimentern.«
»Und auch sie, gebunden auf das Rad, gehen von Leben zu Leben – von Verzweiflung zu Verzweiflung«, sagte der Lama leise, »heiß, ruhelos, gierig.« »Ja.« Der alte Soldat kicherte. »Drei Rissaldar-majors in drei Regimentern. Alle ein bißchen Spieler, aber das bin ich auch. Sie müssen gut beritten sein; und man kann sich Pferde nicht nehmen, wie man in den alten Tagen Frauen nahm. Nun ja, mein Besitz kann für alles aufkommen. Was meinst du? Es ist ein gut bewässertes Landstück, aber meine Leute betrügen mich. Ich weiß nicht, wie ich etwas von ihnen fordern soll, außer mit vorgehaltener Lanze. Ugh! Ich werde wütend und verfluche sie, und sie heucheln Reue, aber ich weiß, daß sie mich hinter meinem Rücken ›zahnloser alter Affe‹ nennen.« »Hast du nie Anderes begehrt?« »Ja – ja – tausendmal! Noch einmal einen geraden Rücken und ein kraftvolles Knie; ein schnelles Handgelenk und ein scharfes Auge; und das Mark, das den Mann macht. O die alten Tage – die guten Tage meiner Kraft!« »Diese Kraft ist Schwäche.« »Das ist daraus geworden; aber vor fünfzig Jahren hätte ich das Gegenteil beweisen können«, gab der alte Soldat zurück; dabei trieb er die Kante des Steigbügels in die magere Flanke des Ponys. »Aber ich kenne einen Strom von großer Heilkraft.« »Ich habe Ganga-Wasser bis zum Rand der Wassersucht getrunken. Alles, was ich davon bekam, war Durchfall, aber keine Kraft.« »Es ist nicht Ganga. Der Fluß, den ich kenne, wäscht allen Makel der Sünde ab. Wenn man das jenseitige Ufer erreicht, ist man der Freiheit gewiß. Ich kenne dein Leben nicht, aber dein Gesicht ist das eines Ehrenhaften und Höflichen. Du hast dich an deinen Pfad geklammert und Treue gegeben, als sie schwer zu geben war, in jenem Schwarzen Jahr, von dem mir jetzt
noch mehr Geschichten wieder einfallen. Betritt nun den Mittleren Pfad, der der Weg zur Befreiung ist. Höre das Höchst Vortreffliche Gesetz und folge keinen Träumen.« »Dann sprich, alter Mann.« Der Soldat lächelte, dabei salutierte er halb. »In unserem Alter schwatzen wir alle gern.« Der Lama hockte sich in den Schutz eines Mangobaums, dessen Schatten wie ein Schachbrett über seinem Gesicht spielte; der Soldat saß steif auf dem Pony; und Kim legte sich in die Gabel der verdrehten Wurzeln, nachdem er sicher war, daß es keine Schlangen gab. Kleines Leben summte ringsum einschläfernd im heißen Sonnenschein, Tauben gurrten, und über die Felder klang das schläfrige tiefe Knarren von Brunnenrädern. Langsam und gewichtig begann der Lama. Nach zehn Minuten glitt der alte Soldat von seinem Pony, um besser zu hören, wie er sagte, und saß da, die Zügel um sein Handgelenk gelegt. Die Stimme des Lamas setzte aus – die Abstände wurden länger. Kim war damit beschäftigt, ein graues Eichhörnchen zu beobachten. Als das kleine zapplige Pelzbündel eng an den Ast gedrückt verschwand, waren Prediger und Zuhörer eingeschlafen; der scharfgeschnittene Kopf des alten Offiziers ruhte auf seinem Arm, der Kopf des Lamas weit zurückgelehnt am Baumstamm, von dem er sich wie gelbes Elfenbein abhob. Ein nacktes Kind tapste herbei, starrte und machte dann in einem plötzlichen Anfall von Ehrfurcht eine feierliche kleine Verbeugung vor dem Lama – aber das Kind war so kurz und fett, daß es seitlich umpurzelte, und Kim lachte über die pummeligen Zappelbeine. Erschreckt und empört schrie das Kind laut. »Hai! Hai!« sagte der Soldat; er sprang auf. »Was ist los? Welcher Befehl?… Es ist… ein Kind! Ich habe geträumt, es wäre ein Alarm. Kleines – Kleines – weine nicht. Habe ich geschlafen? Das wäre wirklich unhöflich!« »Ich hab Angst! Ich fürchte mich!« brüllte das Kind.
»Was ist hier zu fürchten? Zwei alte Männer und ein Junge? Wie soll aus dir denn je ein Soldat werden, Prinzchen?« Auch der Lama war erwacht, nahm aber keine direkte Notiz von dem Kind und ließ seinen Rosenkranz klicken. »Was ist das?« sagte das Kind; es brach einen Schrei in der Mitte ab. »So was hab ich noch nie gesehn. Gib es mir.« »Aha«, sagte der Lama lächelnd; er ließ eine Schlinge des Rosenkranzes über das Gras schleifen und sang: »Eine Handvoll Kardamom, Ein Klümpchen ghi dabei, Pfefferschoten, Hirse und Reis, Welch ein Schmaus für uns zwei!«
Das Kind kreischte vor Freude und schnappte nach den dunklen glänzenden Perlen. »Oho!« sagte der alte Soldat. »Woher hast du das Lied, du Verächter dieser Welt?« »Ich habe es in Pathânkot gelernt – als ich auf einer Türschwelle saß«, sagte der Lama verlegen. »Es ist gut, freundlich zu kleinen Kindern zu sein.« »Wenn ich mich recht erinnere, hattest du mir, bevor der Schlaf über uns kam, erzählt, daß Heirat und Gebären das wahre Licht verfinstern und Stolpersteine auf dem Pfad sind. Fallen denn in deinem Land die Kinder vom Himmel? Ist es der Pfad, ihnen Lieder zu singen?« »Kein Mensch ist ganz vollkommen«, sagte der Lama ernst; er rollte den Rosenkranz zusammen. »Nun lauf zu deiner Mutter, Kleines.« »Hör ihn dir an!« sagte der Soldat zu Kim. »Er schämt sich dafür, daß er ein Kind glücklich gemacht hat. An dir ist ein sehr guter Hausvater verlorengegangen, mein Bruder. Hai, Kind!« Er warf dem Kleinen ein Pai zu. »Zuckerwerk ist immer süß.« Und als die kleine Gestalt in den Sonnenschein
forthüpfte: »Sie wachsen und werden zu Männern. Heiliger, ich bin bekümmert, daß ich mitten in deiner Predigt eingeschlafen bin. Vergib mir.« »Wir sind zwei alte Männer«, sagte der Lama. »Es war mein Fehler. Ich habe deiner Rede von der Welt und ihrem Wahn gelauscht, und ein Fehler führte zum nächsten.« »Hör ihn dir an! Welchen Schaden erleiden deine Götter, wenn du mit einem kleinen Kind spielst? Und das Lied hast du sehr schön gesungen. Laß uns weitergehen, und ich will dir das Lied von Nikal Seyn vor Delhi singen – das alte Lied.« Und sie brachen aus dem Dämmer des Mangohains auf; die hohe, schrille Stimme des alten Mannes scholl über das Feld, als er in langgezogenen Klagetönen die Geschichte von Nikal Seyn [Nicholson] ausbreitete – das Lied, das Männer bis heute im Punjab singen. Kim war begeistert, und der Lama lauschte in tiefer Anteilnahme. »Abi! Nikal Seyn ist tot – er starb vor Delhi! Lanzen des Nordens, nehmt Rache für Nikal Seyn.« Er dehnte die zitternden Triller lange aus und markierte sie mit der flachen Seite des Schwerts auf dem Rumpf des Ponys. »Und jetzt kommen wir zur großen Straße«, sagte er, als er Kims Komplimente entgegengenommen hatte; der Lama war betont still. »Es ist lange her, daß ich zuletzt diesen Weg geritten bin, aber dein Jungengerede hat mich aufgewühlt. Schau, Heiliger – die Große Straße, die das Rückgrat von ganz Hind ist. Zum größten Teil ist sie beschattet, wie hier, von vier Baumreihen; die mittlere Straße – ganz hart – ist für den schnellen Verkehr. In den Tagen vor den Eisenbahnwagen reisten die Sahibs hier zu Hunderten auf und ab. Nun sind hier nur noch Landkarren und derlei. Links und rechts ist die rauhere Straße für schwere Karren – Korn und Baumwolle und Holz, Futter, Kalk und Felle. Ein Mann mag hier in Sicherheit gehen – denn alle paar kos ist eine Polizeistation. Die
Polizisten sind Diebe und Erpresser (ich würde die Straße mit Kavallerie patrouillieren – junge Rekruten unter einem starken Offizier), aber wenigstens dulden sie keine Rivalen. Alle Kasten und Arten von Menschen bewegen sich hier entlang. Schau! Brahmanen und chumars, Bankherren und Kesselflicker, Barbiere und bunnias, Pilger und Töpfer – alle Welt kommt und geht. Für mich ist es wie ein Fluß, dem ich wie ein Baumstamm nach einer Flut nicht mehr angehöre.« Und wirklich ist die Grand Trunk Road ein wunderbares Schauspiel. Sie läuft gerade und trägt ohne Gedränge Indiens Verkehr fünfzehnhundert Meilen weit – ein Fluß von Leben, wie es ihn nirgends sonst in der Welt gibt. Sie betrachteten die schattenfleckige Länge mit den grünen Bögen, die weiße Breite, gesprenkelt von langsam schreitenden Leuten, und die Polizeistation aus zwei Räumen genau gegenüber. »Wer trägt Waffen gegen das Gesetz?« rief ein Constable lachend aus, als er das Schwert des Soldaten erblickte. »Ist die Polizei nicht genug, um Übeltäter zu vernichten?« »Gerade wegen der Polizei habe ich es gekauft«, war die Antwort. »Steht alles gut in Hind?« »Rissaldar Sahib, alles steht gut.« »Ich bin wie eine alte Schildkröte, weißt du, die ihren Kopf vom Ufer ausstreckt und wieder zurückzieht. Ja, das ist die Straße von Hindustan. Alle Menschen kommen hier vorbei…« »Sohn eines Schweins, meinst du etwa, der weiche Teil der Straße sei dazu gedacht, daß du dir den Rücken kratzt? Vater aller Töchter der Schande und Gatte von zehntausend Tugendlosen, deine Mutter war einem Teufel ergeben, und ihre Mutter hat sie ihm zugeführt. Seit sieben Generationen haben deine Tanten keine Nasen mehr gehabt! Deine Schwester… Welcher Eulenwahn hat dich dazu gebracht, deine Karren quer über die Straße zu schleppen? Ein gebrochenes Rad? Dann
nimm einen zerbrochenen Kopf dazu und setz beide gemütlich zusammen!« Die Stimme und ein wütendes Peitschenknallen kamen aus einer Staubsäule fünfzig Yards entfernt, wo ein Karren zusammengebrochen war. Eine dünne, hohe Kathiawar-Stute mit flammenden Augen und Nüstern schoß schnaubend und zuckend aus dem Gewühl; ihr Reiter jagte sie quer über die Straße hinter einem schreienden Mann her. Er war groß und graubärtig und saß auf der beinahe rasenden Stute, als wäre er ein Stück von ihr; dabei peitschte er zwischen den Sätzen seines Tiers sein Opfer mit wissenschaftlicher Genauigkeit. Das Gesicht des alten Mannes wurde hell vor Stolz. »Mein Kind!« sagte er knapp und mühte sich, den Hals des Ponys mit den Zügeln in einen angemessenen Bogen zu bringen. »Muß ich mich vor den Augen der Polizei schlagen lassen?« schrie der Fuhrmann. »Gerechtigkeit! Ich will Gerechtigkeit…« »Muß ich mir denn den Weg versperren lassen von einem brüllenden Affen, der einem jungen Pferd zehntausend Säcke vor die Nase fallen läßt? So ruiniert man eine Stute.« »Er sagt die Wahrheit. Er sagt die Wahrheit. Aber sie gehorcht dem Reiter prächtig«, sagte der alte Mann. Der Fuhrmann rannte unter die Räder seines Karrens und drohte von da mit allen möglichen Formen von Rache. »Das sind starke Männer, deine Söhne«, sagte der Polizist gelassen; er stocherte zwischen seinen Zähnen herum. Der Reiter ließ seine Peitsche noch einmal gehässig aufzucken und kam in kurzem Galopp herbei. »Mein Vater!« Er zügelte das Pferd, daß es zehn Yards zurücktänzelte, und stieg ab. Der alte Mann war in einem Moment von seinem Pony herunter, und sie umarmten einander, wie Vater und Sohn es im Osten tun.
KAPITEL IV
Good luck, she is never a lady, But the cursedest quean alive, Tricksy, wincing, and jady – Kittle to lead or drive. Greet her – she’s hailing a stranger! Meet her – she’s busking to leave! Let her alone for a shrew to the bone And the hussy comes plucking your sleeve! Largesse! Largesse, O Fortune! Give or hold at your will. If I’ve no care for Fortune, Fortune rnust follow me still! The Wishing-Caps [Das Glück ist niemals ne Dame, nein, die übelste Dirne die’s gibt, liederlich, mutwillig, unstet – stur, ob du ziehst oder schiebst. Grüß sie – sie winkt einem Fremden! Stell sie – sie zappelt, will gehn! Läßt du sie, weil sie nur zickig ist, stehn – schon läuft das Flittchen dir nach! Großzügigkeit, oh Fortuna! Gib – oder nicht; wie du willst. Wenn ich Fortuna nicht achte, Muß mir Fortuna doch folgen! Die Wünschelhüte]
Dann senkten sie die Stimmen und sprachen miteinander. Kim blieb ruhesuchend unter einem Baum stehen, aber der Lama zupfte ihn ungeduldig am Ellenbogen. »Wir wollen weitergehen. Der Fluß ist nicht hier.« »Hai mai! Sind wir nicht für eine Weile genug gelaufen?
Unser Fluß rennt uns schon nicht weg. Nur Geduld, dann wird er uns ein Almosen geben.« »Dieser da«, sagte der Soldat plötzlich, »ist der Freund der Sterne. Gestern hat er mir die Nachrichten gebracht. Nachdem er den großen Mann selbst gesehen hatte, in einer Vision, wie Er Befehle für den Krieg erteilte.« »Hm!« sagte sein Sohn ganz tief in der breiten Brust. »Er hat Basargeschwätz aufgeschnappt und genutzt.« Sein Vater lachte. »Immerhin ist er nicht zu mir geritten gekommen, um mich um ein neues Schlachtroß und die Götter mögen wissen wie viele Rupien anzubetteln. Stehen die Regimenter deiner Brüder auch unter der Order?« »Ich weiß es nicht. Ich habe Urlaub genommen und bin schnell zu dir gekommen, für den Fall…« »Für den Fall, daß sie dir beim Betteln zuvorkommen könnten. O all ihr Spieler und Verschwender! Aber du bist noch nie in einer Attacke mitgeritten. Dazu braucht man wirklich ein gutes Pferd. Und einen guten Gefolgsmann und ein gutes Pony für den Marsch. Mal sehen – mal sehen.« Er trommelte auf den Knauf. »Das ist nicht der Ort, um Berechnungen aufzustellen, mein Vater. Laß uns zu deinem Haus gehen.« »Dann bezahl wenigstens den Jungen; ich habe kein Pai bei mir, und er hat gute Nachrichten gebracht. Ho! Freund der ganzen Welt, ein Krieg steht bevor, wie du gesagt hast.« »Nein, es ist, wie ich weiß, der Krieg«, erwiderte Kim gelassen. »Eh?« sagte der Lama; er befingerte seine Perlen und sehnte sich nach der Straße. »Mein Meister bemüht die Sterne nicht für Bezahlung. Wir haben die Nachrichten überbracht – du bist Zeuge, wir haben die Nachrichten überbracht, und jetzt gehen wir.« Zur Seite hin krümmte Kim verstohlen die Hand.
Der Sohn warf eine Silbermünze durchs Sonnenlicht und brummte dabei etwas über Bettler und Gaukler. Es war ein Vierannastück und würde sie einige Tage lang gut nähren. Der Lama, der den Blitz des Metalls gesehen hatte, summte einen Segen. »Geh deinen Weg, Freund der ganzen Welt«, rief der alte Soldat mit hoher Stimme. Er wandte sein dürres Reittier. »Einmal im Leben habe ich nun doch einen wirklichen Propheten getroffen – der nicht in der Armee war.« Vater und Sohn schwenkten gemeinsam; der alte Mann saß so aufrecht wie der jüngere. Ein Punjabi-Constable in gelber Leinenhose schlurfte über die Straße. Er hatte das Geldstück gesehen. »Halt!« rief er in eindrucksvollem Englisch. »Wißt ihr nicht, daß eine takkus von zwei Annas pro Kopf, das macht vier Annas, von denen zu entrichten ist, die die Straße von diesem Nebenweg aus betreten? Das ist ein Befehl des Sirkar, und das Geld wird zum Pflanzen von Bäumen und zur Verschönerung der Wege benutzt.« »Und für Polizistenbäuche«, sagte Kim; er sprang außer Reichweite. »Denk mal einen Moment nach, du Mann mit Lehmkopf. Meinst du, wir kommen aus dem nächsten Teich wie der Frosch, dein Schwiegervater? Hast du je den Namen deines Bruders gehört?« »Und wer soll das gewesen sein? Laß den Jungen in Ruhe«, rief ein älterer Constable begeistert; er hockte sich nieder, um auf der Veranda seine Pfeife zu rauchen. »Er hat den Aufkleber von einer Flasche belaitee-pani [Sodawasser] genommen, an eine Brücke gehängt und einen Monat lang von allen, die vorbeikamen, Steuern eingenommen und gesagt, es sei ein Befehl vom Sirkar. Dann ist ein Engländer gekommen und hat ihm den Schädel eingeschlagen. O Bruder, ich bin eine Stadtkrähe, keine Dorfkrähe!« Der
Polizist zog sich verlegen zurück, und Kim verhöhnte ihn quer über die Straße. »Hat es je einen solchen Jünger gegeben wie mich?« rief er dem Lama fröhlich zu. »Die ganze Welt hätte dir schon zehn Meilen von Lahore alle Knochen aus dem Leib gestohlen, wenn ich dich nicht beschützt hätte.« »In meinem Geiste wäge ich, ob du ein Geist bist, manchmal, oder manchmal eher ein böser kleiner Teufel«, sagte der Lama mit einem langsamen Lächeln. »Ich bin dein chela.« Kim fiel an seiner Seite in Schritt – die unbeschreibliche Gangart aller Langstrecken-Wanderer in der ganzen Welt. »Nun laß uns gehen«, murmelte der Lama, und zum Klicken seines Rosenkranzes wanderten sie schweigend Meile um Meile. Der Lama war wie üblich in tiefer Meditation, aber Kims helle Augen waren weit offen. Dieser breite, lächelnde Fluß von Leben, dachte er, war doch weitaus besser als die gedrängten und beengten Straßen von Lahore. Bei jedem Schritt gab es neue Menschen und neue Anblicke – Kasten, die er kannte, und Kasten, die ihm noch niemals begegnet waren. Sie begegneten einem Trupp langhaariger, strengriechender Sansis mit Körben voller Eidechsen und anderen unreinen Nahrungsmitteln auf dem Rücken und hageren Hunden, die an ihren Hacken schnüffelten. Diese Leute blieben auf der ihnen vorbehaltenen Seite der Straße, bewegten sich in schnellem verstohlenen Trott, und alle anderen Kasten machten einen großen Bogen um sie, denn der Sansi ist schlimme Befleckung. Noch von der Erinnerung an seine Beinketten behängt, ging hinter ihnen breitbeinig und steif durch die scharfen Schatten ein frisch aus dem Gefängnis Entlassener; sein voller Bauch und die glänzende Haut zeigten, daß die Regierung ihre Gefangenen besser verpflegte, als die meisten ehrlichen Menschen sich selbst verpflegen konnten. Kim kannte diese
Gangart sehr gut und machte derbe Scherze darüber, als sie vorbeigingen. Dann stelzte ein Akali vorüber, ein wildäugiger wildhaariger fanatischer Sikh in der blaugewürfelten Kleidung seines Glaubens; Scheibchen aus poliertem Stahl glitzerten vom Kegel seines hohen blauen Turbans; er kehrte heim von einem Besuch in einem der unabhängigen Sikh-Staaten, wo er auf englischen Colleges ausgebildeten jungen Prinzen in Stulpenstiefeln und weißen Cordhosen vom alten Glanz der Khalsa gesungen hatte. Kim hütete sich, diesen Mann zu reizen, denn der Akali ist nicht langmütig und hat einen schnellen Arm. Fröhlich gekleidete Einwohnerschaften ganzer Dörfer auf dem Weg zu irgendeinem nahen Jahrmarkt begegneten ihnen hier und da oder überholten sie; die Frauen, mit Babys auf den Hüften, gingen hinter den Männern, die älteren Jungen stolzierten auf Zuckerrohrstöcken, zogen einfache Modell-Lokomotiven aus Messing hinter sich her, wie man sie für einen halben Penny kaufen kann, oder blitzten Erwachsenen mit billigen Spielzeugspiegeln Sonne in die Augen. Mit einem Blick konnte man sehen, was jeder gekauft hatte; und wenn es noch Zweifel gab, brauchte man nur die Frauen zu beobachten, wie sie die braunen Arme nebeneinanderhielten und die neuerworbenen Armbänder aus mattem Glas verglichen, die aus dem Nordwesten kommen. Diese Festteilnehmer gingen langsam, unterhielten sich laut rufend und blieben bisweilen stehen, um mit Zuckerwerkverkäufern zu feilschen oder ein Gebet zu sprechen vor einem der Schreine am Wegrand – manchmal hinduistisch, manchmal moslemisch, die die niedrigen Kasten beider Religionen in wunderbarer Unvoreingenommenheit miteinander teilen. Dann kam eine dichte blaue Reihe, steigend und fallend wie der Rücken einer hastigen Raupe, durch den bebenden Staub schaukelnd näher und trabte unter schnellem Geschnatter vorüber. Das war eine Gruppe von changars – den
Frauen, die alle Dämme aller Eisenbahnen des Nordens unter ihre Obhut genommen haben –, ein plattfüßiger, dickbusiger, starkknochiger, blauröckiger Clan von Erdträgerinnen, wegen Nachrichten über neue Arbeit eilig auf dem Weg nach Norden und nicht bereit, am Straßenrand Zeit zu vergeuden. Sie gehören zu einer Kaste, bei der Männer nicht zählen, und sie gingen mit abgespreizten Ellenbogen, schaukelnden Hüften und hocherhobenen Köpfen, wie es Frauen zukommt, die schwere Lasten tragen. Ein wenig später kam eine Hochzeitsprozession auf die Grand Trunk Road, mit Musik und Geschrei, und der Duft von Ringelblumen und Jasmin war kräftiger als selbst der Gestank des Staubs. Als verschwommener Fleck von Rot und Rauschgold war die Brautsänfte zu sehen, wie sie durch den Dunst schwankte, während das bekränzte Pony des Bräutigams sich zur Seite wandte, um ein Maulvoll von einer vorüberfahrenden Futterkarre zu schnappen. Dann beteiligte Kim sich am Kreuzfeuer guter Wünsche und schlechter Witze und wünschte dem Paar hundert Söhne und keine Töchter, wie man so sagt. Noch interessanter und noch mehr Anlaß zu Geschrei war es, wenn ein wandernder Gaukler mit ein paar halbgezähmten Affen oder einem keuchenden schlappen Bären oder einer Frau, die sich Ziegenhörner an die Füße band und damit auf einem durchhängenden Seil tanzte, die Pferde scheu machte und die Frauen zu schrillen, langgezogenen Trillern des Staunens brachte. Der Lama hob kein einziges Mal die Augen. Er bemerkte weder den Geldverleiher auf seinem Pony mit Gänserumpf, der vorüberhastete, um grausamen Zins zu kassieren, noch die kleine, immer noch militärisch formierte Gruppe eingeborener Soldaten auf Urlaub, die mit tiefen Stimmen ausdauernd grölten und es genossen, Uniformhosen und Gamaschen los zu sein, und den ehrbarsten Frauen, die sie sahen, die unfeinsten
Dinge sagten. Nicht einmal den Verkäufer von Ganges-Wasser sah er, während Kim erwartet hatte, er werde wenigstens eine Flasche dieser Kostbarkeit kaufen. Er blickte beharrlich auf den Boden und ging ebenso beharrlich Stunde um Stunde weiter; seine Seele war anderswo beschäftigt. Aber Kim war im siebten Himmel der Freude. Die Grand Trunk Road war an dieser Stelle auf einem Damm angelegt, um gegen Winterfluten aus den Vorbergen geschützt zu sein, so daß man gewissermaßen ein wenig über dem Land ging, einen stattlichen Korridor entlang, und ganz Indien links und rechts ausgebreitet sah. Es war herrlich, die vieljochigen Korn- und Baumwollkarren zu sehen, die über die Landwege krochen: Eine Meile weit konnte man ihre Achsen klagen, dann näherkommen hören, bis sie schließlich mit Schreien und Gellen und Flüchen die steile Böschung erklommen und unter gegenseitigen Beschimpfungen der Fuhrleute auf der harten Hauptstraße landeten. Genauso herrlich war es, die Leute zu beobachten, kleine Klumpen von Rot und Blau und Rosa und Weiß und Safran, die seitlich abbogen, um zu ihren Dörfern zu gehen, sich zerstreuten und zu zweit und dritt auf der flachen Ebene immer kleiner wurden. Kim empfand all das, wenn er seine Gefühle auch nicht ausdrücken konnte, und deshalb begnügte er sich damit, geschältes Zuckerrohr zu kaufen und das Mark großzügig ringsum auf den Weg zu spucken. Von Zeit zu Zeit nahm der Lama eine Prise Schnupftabak, und schließlich konnte Kim das Schweigen nicht mehr ertragen. »Das ist ein gutes Land – das Land des Südens!« sagte er. »Die Luft ist gut; das Wasser ist gut. Eh?« »Und sie alle sind auf das Rad gebunden«, sagte der Lama. »Gebunden von Leben zu Leben. Keinem von diesen ist der Pfad gewiesen.« Er schüttelte sich selbst in diese Welt zurück.
»Und nun sind wir müde und weit gewandert«, sagte Kim. »Bestimmt kommen wir bald zu einem parao [Rastplatz]. Sollen wir dort bleiben? Sieh, die Sonne neigt sich.« »Wer wird uns heute abend aufnehmen?« »Das ist ganz gleich. Das Land ist voll von guten Menschen. Außerdem« – er ließ die Stimme zu einem Flüstern sinken – »haben wir Geld.« Die Menge wurde dichter, als sie dem Rastplatz näherkamen, der das Ende ihrer Tagesreise markierte. Eine Reihe von Verkaufsständen mit sehr einfachem Essen und Tabak, ein Stapel Feuerholz, eine Polizeistation, ein Brunnen, ein Pferdetrog, ein paar Bäume und darunter zertrampelter Boden, bestreut mit der schwarzen Asche alter Feuer, sind alles, was einen parao an der Grand Trunk Road ausmacht; wenn man absieht von den Bettlern und Krähen – beide hungrig. Inzwischen schob die Sonne breite goldene Speichen durch die unteren Äste der Mangobäume; die Sittiche und Tauben kamen zu Hunderten heim; die Sieben-Schwestern, graurückig und plappernd, beredeten die Abenteuer des Tages, indem sie fast unter den Füßen der Reisenden zu zweit und zu dritt hin und her trippelten; und Schubsen und Schuckern in den Zweigen zeigte an, daß die Fledermäuse bereit waren, die Nachtwache zu übernehmen. Schnell sammelte sich das Licht, malte für einen Moment die Gesichter und die Karrenräder und die Hörner der Ochsen blutrot. Dann senkte sich die Nacht, ließ die Luft sich anders anfühlen, zog einen niedrigen ebenen Dunst gleich einem blauen Gazeschleier über das Gesicht des Landes und hob scharf und deutlich den Ruch von Holzrauch und Vieh hervor und den guten Duft von Weizenkuchen, in Asche gebacken. Die Abendpatrouille stürzte aus der Polizeistation, mit wichtigtuerischem Gehuste und wiederholten Befehlen; und eine wabernde Holzkohlenkugel in der hookah-Schale eines Fuhrmanns am Wegrand glomm rot,
während Kims Auge mechanisch das letzte Flackern der Sonne auf der Messingzange beobachtete. In kleinerem Maßstab glich das Leben des parao sehr dem im Kaschmir-Serai. Kim tauchte in das fröhliche asiatische Chaos, das einem, wenn man nur genug Zeit hat, alles bringt, was ein einfacher Mann braucht. Er brauchte nicht viel zu entbehren, denn da der Lama keine Kastenskrupel hatte, reichte gekochtes Essen vom nächsten Stand; aber um des schieren Luxus’ willen kaufte Kim eine Handvoll Dungfladen für ein Feuer. Ringsumher kamen und gingen Männer um die kleinen Flammen, riefen nach Öl oder Korn oder Zuckerwerk oder Tabak, drängelten einander beiseite, während sie darauf warteten, am Brunnen an die Reihe zu kommen; und unter den Männerstimmen hörte man aus stehenden, verhängten Wagen das hohe Quietschen und Kichern von Frauen, deren Gesichter nicht öffentlich gesehen werden sollten. Heutzutage sind gebildete Eingeborene der Meinung, wenn ihre Frauen reisen – und sie machen viele Besuche –, sei es besser, sie in einem geziemend abgeschirmten Abteil schnell mit der Eisenbahn fahren zu lassen; und diese Sitte breitet sich aus. Aber es gibt immer noch die vom alten Schlag, die sich an die Bräuche ihrer Vorfahren halten; und vor allem gibt es da immer die alten Frauen – konservativer als die Männer –, die am Ende ihrer Tage auf eine Pilgerfahrt gehen. Da sie welk und nicht mehr begehrenswert sind, haben sie unter bestimmten Umständen nichts dagegen, sich zu entschleiern. Nach ihrer langen Abgeschlossenheit, in der sie immer geschäftlich mit tausend auswärtigen Interessen in Berührung waren, lieben sie die Umtriebe und Aufregungen der offenen Straße, die Versammlungen an den Schreinen und die unendlichen Möglichkeiten, mit gleichgesinnten Witwen zu klatschen. Sehr oft ist es einer schwergeprüften Familie nur
recht, daß eine alte Dame mit kraftvoller Zunge und eisernem Willen sich auf diese Weise in Indien tummelt; denn gewiß sind Pilgerfahrten den Göttern wohlgefällig. Daher findet man in ganz Indien, an den entlegensten wie an den zugänglichsten Stellen, Knäuel ergrauter Diener mit symbolischer Zuständigkeit für eine alte Dame, die mehr oder minder versteckt und hinter Vorhängen in einem Ochsenkarren sitzt. Solche Männer sind gesetzt und diskret, und wenn ein Europäer oder ein Eingeborener von hoher Kaste in der Nähe ist, umgeben sie die ihnen Anvertraute mit einem Netz höchst ausgetüftelter Vorkehrungen; aber für die gewöhnlichen Zufallsbegegnungen einer Pilgerreise werden diese Vorkehrungen nicht getroffen. Schließlich ist die alte Dame ja überaus menschlich und lebt, um das Leben zu betrachten. Kim merkte einen bunt verzierten ruth vor, einen FamilienOchsenkarren mit einem bestickten Baldachin aus zwei Kuppeln, wie ein zweihöckriges Kamel, der eben in den parao gezogen worden war. Sein Gefolge bestand aus acht Männern, und zwei von ihnen waren mit rostigen Säbeln bewaffnet – sichere Zeichen dafür, daß sie einer vornehmen Person folgten, denn das einfache Volk trägt keine Waffen. Anschwellendes Gegacker von Beschwerden, Befehlen und Scherzen und für europäische Begriffe schlimmen Ausdrücken kam hinter den Vorhängen hervor. Hier war offenbar eine kommandogewohnte Frau. Kritisch musterte Kim das Gefolge. Die Hälfte von ihnen waren dünnbeinige graubärtige Ooryas vom flachen Land. Die andere Hälfte bestand aus Bergbewohnern des Nordens mit dicker Wollkleidung und Filzhüten; und diese Mischung sprach für sich, selbst wenn er nicht das unaufhörliche Gezänk zwischen den beiden Teilen gehört hätte. Die alte Dame fuhr nach Süden zu einem Besuch – wahrscheinlich bei einem reichen Verwandten, höchstwahrscheinlich bei einem
Schwiegersohn, der ihr als Zeichen seines Respekts eine Eskorte entgegengeschickt hatte. Die Bergbewohner gehörten wohl zum Volk der alten Dame – Leute aus Kulu oder Kangra. Es war ganz klar, daß sie nicht ihre Tochter zu deren Hochzeit brachte, sonst wären die Vorhänge fest verschnürt gewesen, und die Wache hätte niemanden in die Nähe des Wagens gelassen. Eine fröhliche und lebhafte Dame, dachte Kim, während er in der einen Hand den Dungfladen, in der anderen das gekochte Essen balancierte und den Lama mit leichten Schulterstößen vorwärtslotste. Aus der Begegnung ließe sich vielleicht etwas machen. Der Lama würde nichts dazu beitragen, aber als gewissenhafter chela bettelte Kim sehr gern für zwei. Er machte sein Feuer so nah am Wagen wie möglich und wartete darauf, daß einer von der Eskorte ihn fortwies. Der Lama ließ sich müde auf die Erde nieder, ganz wie eine von vielen Früchten überschwere Fledermaus kauert, und kehrte zu seinem Rosenkranz zurück. »Geh weiter weg, Bettler!« Einer der Bergbewohner brüllte den Befehl in gebrochenem Hindustani. »Hah! Das ist ja nur ein pahari [Bergmensch]«, sagte Kim über die Schulter. »Seit wann besitzen denn die Bergesel ganz Hindustan?« Die Antwort war eine schnelle und prachtvolle Skizze von Kims Vorfahren der letzten drei Generationen. »Ah!« Kims Stimme war süßer denn je, während er den Dungfladen in geeignete Stücke brach. »In meinem Land nennen wir so etwas den Anfang von Liebesgeflüster.« Ein hartes dünnes Kichern hinter den Vorhängen spornte den Bergbewohner zu einem feinen zweiten Ausfall an. »Nicht schlecht – gar nicht schlecht«, sagte Kim gelassen. »Aber sieh dich vor, mein Bruder, sonst könnten wir – wir, sage ich – auf den Gedanken kommen, dir einen Fluch oder
derlei zurückzugeben. Und unsere Flüche sind immer unangenehm treffsicher.« Die Ooryas lachten; der Bergbewohner sprang drohend vor. Der Lama hob jäh den Kopf und brachte dabei seine ungeheure Pilgermütze voll ins Licht von Kims jungem Feuer. »Was ist denn?« sagte er. Der Mann blieb stehen wie zu Stein erstarrt. »Ich… ich… bin vor einer großen Sünde bewahrt worden«, stammelte er. »Endlich hat der Fremde einen passenden Priester gefunden«, flüsterte einer der Ooryas. »Hai! Warum wird dieser Bettlerlümmel nicht gehörig verprügelt?« rief die alte Frau. Der Bergbewohner zog sich zum Wagen zurück und flüsterte dem Vorhang etwas zu. Zuerst herrschte Totenstille, dann wurde gemurmelt. ›Das sieht gut aus‹, dachte Kim; er tat, als höre und sehe er nichts. »Wenn… wenn… er gegessen hat«, – der Bergbewohner wandte sich demütig an Kim – »dann… dann möge der Heilige einer Person, die mit ihm reden möchte, die Ehre des Sprechens erweisen.« »Wenn er gegessen hat, wird er schlafen«, gab Kim erhaben zurück. Er konnte noch nicht so recht absehen, welche neue Wendung das Spiel genommen hatte, war jedoch entschlossen, daraus Nutzen zu ziehen. »Jetzt will ich ihm sein Essen beschaffen.« Der letzte Satz, laut gesagt, endete mit einem Seufzer wie von Erschöpfung. »Ich… ich und die anderen von meinem Volk werden uns darum kümmern… wenn es erlaubt ist.« »Es ist erlaubt«, sagte Kim, hochmütiger als je zuvor. »Heiliger, diese Leute werden uns Essen bringen.« »Das Land ist gut. Das ganze Südland ist gut – eine große und schreckliche Welt«, murmelte der Lama schläfrig.
»Laßt ihn schlafen«, sagte Kim, »aber sorgt dafür, daß wir gut zu essen haben, wenn er aufwacht. Er ist ein sehr heiliger Mann.« Wieder sagte einer der Ooryas verächtlich irgend etwas. »Er ist kein Fakir. Er ist kein Bettler aus dem Flachland«, fuhr Kim streng fort, an die Sterne gewandt. »Er ist der heiligste aller heiligen Männer. Er ist über allen Kasten. Ich bin sein chela.« »Komm her!« sagte eine flache dünne Stimme hinter dem Vorhang; und Kim kam, wohl wissend, daß Augen, die er nicht sehen konnte, ihn anstarrten. Ein dürrer brauner Finger, schwer von Ringen, lag auf der Kante des Wagens, und das Gespräch verlief so: »Wer ist dieser Mann?« »Ein überaus heiliger Mann. Er kommt von weither. Er kommt aus Tibet.« »Woher in Tibet?« »Von jenseits des Schnees – von einem sehr fernen Ort. Er kennt die Sterne; er macht Horoskope; er liest Nativitäten. Aber er tut es nicht für Geld. Er tut es aus Güte und großem Erbarmen. Ich bin sein jünger. Ich werde auch Freund der Sterne genannt.« »Du bist kein Bergmensch.« »Frag ihn. Er wird dir sagen, daß ich ihm von den Sternen gesandt wurde, um ihm das Ziel seiner Pilgerreise zu zeigen.« »Humph! Denk dran, du Lümmel, daß ich eine alte Frau bin, keine vollendete Närrin. Lamas kenne ich und ehre sie auch, aber du bist so viel ein echter chela, wie mein Finger hier die Wagendeichsel ist. Du bist ein kastenloser Hindu – ein dreister und schamloser Bettler und hast dich wohl deshalb an den Heiligen gehängt, weil es dir Gewinn bringt.« »Arbeiten wir denn nicht alle für Gewinn?« Kim wechselte sofort seinen Ton und paßte sich der veränderten Stimme an.
»Ich habe gehört…« – diesen Bogen spannte er auf gut Glück – »ich habe gehört…« »Was hast du gehört?« fuhr sie ihn an; dabei klopfte sie mit dem Finger. »Nichts, woran ich mich genau erinnern könnte, nur Gerede aus dem Basar, und zweifellos sind es Lügen, daß nämlich sogar Radschas – kleine Radschas aus den Bergen…« »Aber trotzdem von gutem Rajput-Blut.« »Natürlich von gutem Blut. Daß sogar sie die hübscheren von ihren Frauen um Gewinn verkaufen. Im Süden verkaufen sie sie – an zemindars und derlei Leute in Oudh.« Wenn es in der Welt etwas gibt, wovon die kleinen BergRadschas nichts wissen wollen, dann ist es dieser Vorwurf; aber er ist zufällig das, was die Basare glauben, wenn sie über Indiens geheimnisvollen Sklavenhandel reden. Mit eindringlichem empörten Flüstern erklärte die alte Dame Kim, welche Sorte und Machart von bösartigem Lügner er genau sei. Wenn Kim dies angedeutet hätte, als sie ein Mädchen war, so wäre er noch am selben Abend von einem Elefanten zu Tode getrampelt worden. Das war die reine Wahrheit. »Ahai! Ich bin doch nur ein Bettlerlümmel, wie das Auge der Schönheit gesagt hat«, jammerte er in übertriebenem Entsetzen. »Auge der Schönheit, was! Wer bin ich denn, mir von dir Bettlerzärtlichkeiten zuwerfen zu lassen?« Und dennoch lachte sie über das längst vergessene Wort. »Vor vierzig Jahren hätte man das von mir sagen können, und es wäre wahr gewesen. Ja, noch vor dreißig Jahren. Aber das kommt von dieser Herumzieherei hin und her durch Hind, daß eine Königswitwe mit sämtlichem Abschaum des Landes zusammenstoßen und sich von Bettlern verspotten lassen muß.« »Große Königin«, sagte Kim prompt, denn er hörte sie vor Empörung zittern, »ich bin genau das, was die Große Königin
von mir sagt; aber trotz allem ist mein Meister heilig. Er hat noch nicht den Befehl der Großen Königin gehört, daß er…« »Befehl? Ich soll einem Heiligen – einem Lehrer des Gesetzes – befehlen, daß er herkommt und mit einer Frau redet? Niemals!« »Erbarme dich meiner Dummheit. Ich dachte, es wäre ein Befehl gewesen…« »Das war es nicht. Es war eine Bitte. Erklärt das hier endlich alles?« Eine Silbermünze klirrte auf der Wagenkante. Kim nahm sie und verneigte sich tief. Die alte Dame begriff, daß er, als Auge und Ohr des Lamas, günstig gestimmt werden mußte. »Ich bin nur der Jünger des Heiligen. Wenn er gegessen hat, wird er vielleicht kommen.« »Ah, du Schuft und schamloser Schurke!« Der juwelenbesetzte Zeigefinger bewegte sich vorwurfsvoll hin und her, aber Kim konnte das Kichern der alten Dame hören. »Nun, worum geht es?« fragte er; dabei fiel er in seinen schmeichelndsten und vertraulichsten Ton – jenen, dem nur wenige widerstehen konnten, wie er wohl wußte. »Ist… ist es, weil in deiner Familie ein Sohn fehlt? Sprich offen, denn wir Priester…« Letzteres war das direkte Plagiat eines Fakirs vom Taksali-Tor. »Wir Priester! Du bist noch nicht alt genug, um…« Sie unterbrach den Witz durch neues Lachen. »Glaub mir, o Priester, hin und wieder denken wir Frauen an anderes als an Söhne. Außerdem hat meine Tochter ihr Mannkind bereits geboren.« »Zwei Pfeile im Köcher sind besser als einer, und drei sind noch besser.« Kim zitierte das Sprichwort mit einem gedankenvollen Husten und schaute dabei diskret auf den Boden.
»Wahr – wie wahr. Aber das kommt vielleicht. Jedenfalls sind diese Flachland-Brahmanen völlig nutzlos. Ich habe ihnen Geschenke und Geld und nochmals Geschenke geschickt, und sie haben prophezeit.« »Ah«, sagte Kim, langgedehnt und kehlig und mit unendlicher Verachtung. »Sie haben prophezeit!« Ein echter Priester hätte es nicht besser machen können. »Und erst, als ich mich an meine eigenen Götter erinnerte, sind meine Gebete erhört worden. Ich habe eine günstige Stunde gewählt, und – vielleicht hat dein Heiliger vom Abt des Klosters Lung-Cho gehört. Er war es, dem ich die Sache vorgelegt habe, und siehe da, zu bestimmter Zeit hat sich alles so ergeben, wie ich es gewünscht hatte. Der Brahmane im Haus des Vaters vom Sohn meiner Tochter sagte hinterher, das läge alles an seinen Gebeten – was ein kleiner Irrtum ist, wie ich ihm auseinandersetzen werde, wenn wir unser Reiseziel erreicht haben. Und deshalb reise ich hinterher nach Buddh Gaya, um shraddha für den Vater meiner Kinder abzuhalten.« »Wir gehen auch dahin.« »Doppelt verheißungsvoll«, zwitscherte die alte Dame. »Endlich ein zweiter Sohn!« »O Freund der ganzen Welt!« Der Lama war erwacht und rief nach Kim, so einfach wie ein Kind, das sich verblüfft in einem fremden Bett wiederfindet. »Ich komme! Ich komme, Heiliger!« Er stürzte ans Feuer, wo er den Lama schon von Schüsseln mit Essen umgeben fand; die Bergbewohner beteten ihn sichtlich an, und die Leute aus dem Süden blickten sauer drein. »Geht fort! Zieht euch zurück!« rief Kim. »Essen wir etwa öffentlich wie Hunde?« Sie beendeten das Mahl schweigend, jeder ein wenig vom anderen abgewandt, und Kim krönte es mit einer einheimischen Zigarette.
»Habe ich nicht hundertmal gesagt, daß der Süden ein gutes Land ist? Hier ist die tugendhafte und hochgeborene Witwe eines Bergradschas; sie sagt, sie ist auf einer Pilgerfahrt nach Buddh Gaya. Sie ist es, die uns diese Schüsseln schickt; und wenn du dich ausgeruht hast, würde sie gern mit dir sprechen.« »Ist das wieder dein Werk?« Der Lama griff tief in seine Schnupfdose. »Wer sonst hat dich denn seit Beginn unserer wundervollen Reise behütet?« Kims Augen tanzten, während er den stinkenden Rauch durch die Nase blies und sich auf dem staubigen Boden ausstreckte. »Habe ich es versäumt, für dein Wohlbefinden zu sorgen, Heiliger?« »Einen Segen über dich.« Der Lama neigte sein feierliches Haupt. »In meinem ach so langen Leben habe ich viele Männer gekannt und nicht wenige Jünger. Aber zu keinem unter den Menschen, wenn du denn wirklich von einer Frau geboren wurdest, ist mein Herz so hingegangen wie zu dir – fürsorglich, klug und höflich; aber du hast auch etwas von einem kleinen Teufel.« »Und ich habe nie einen Priester wie dich gesehen.« Kim musterte das gütige gelbe Gesicht Runzel um Runzel. »Es ist nicht einmal drei Tage her, daß wir zusammen aufgebrochen sind, und doch ist es, als wären es hundert Jahre.« »Vielleicht ist es mir in einem früheren Leben erlaubt gewesen, dir irgendeinen Dienst zu erweisen. Vielleicht« – er lächelte – »habe ich dich aus einer Falle befreit oder in den Tagen, da ich noch nicht erleuchtet war, in den Fluß zurückgeworfen, nachdem ich dich mit einem Haken gefangen hatte.« »Vielleicht«, sagte Kim leise. Er hatte diese Art Spekulation wieder und wieder aus dem Mund solcher Menschen gehört, die von den Engländern für fantasielos gehalten wurden. »Was
nun die Frau in dem Ochsenkarren angeht, so glaube ich, daß sie einen zweiten Sohn für ihre Tochter braucht.« »Das ist nicht Teil des Pfads.« Der Lama seufzte. »Aber immerhin, sie ist aus den Bergen. Ah, die Berge, und der Schnee der Berge!« Er erhob sich und stelzte zum Wagen. Kim hätte seine Ohren dafür gegeben, mitkommen zu dürfen, aber der Lama forderte ihn nicht dazu auf; und die wenigen Wörter, die er aufschnappte, waren in einer unbekannten Zunge, denn sie redeten eine in den Bergen verbreitete Sprache. Die Frau schien Fragen zu stellen, die der Lama in seinem Kopf hin und her wandte, ehe er antwortete. Hin und wieder hörte er die Singsang-Kadenz eines chinesischen Zitats. Es war ein seltsames Bild, das Kim unter gesenkten Lidern betrachtete. Der Lama, sehr gerade und aufrecht, die tiefen Falten seiner gelben Kleidung zerschlitzt von Schwärze im Licht der pamoFeuer, ganz wie ein knotiger Baumstamm von den Schatten der tiefstehenden Sonne zerschlitzt wird, sprach zu einem lackierten Rauschgold-ruth, der im gleichen Ungewissen Licht wie ein vielfarbiges Juwel flammte. Die Muster auf den golddurchwirkten Vorhängen liefen hinauf und hinab, schmolzen und bildeten sich neu, wie die Falten sich im Nachtwind verwarfen und bebten; und als das Gespräch ernster wurde, schnippte der juwelenbesetzte Zeigefinger Lichtfünkchen zwischen den Stickereien hervor. Hinter dem Wagen war ein Wall Ungewissen Dunkels, gesprenkelt von kleinen Flammen und belebt von halberblickten Gestalten und Gesichtern und Schatten. Die Stimmen des frühen Abends hatten sich zu einem besänftigenden Summen gesetzt, dessen tiefster Ton das gleichmäßige Malmen der Ochsen über ihrem Häckselstroh war und dessen höchster das Sirren der Sitar eines bengalischen Tanzmädchens. Die meisten Männer hatten
gegessen und sogen tief an ihren gurgelnden, grunzenden bookahs, die bei vollem Zug wie Ochsenfrösche klingen. Endlich kam der Lama zurück. Ein Bergbewohner ging hinter ihm, mit einer wattierten Steppdecke, und breitete sie sorgfältig am Feuer aus. ›Sie hat zehntausend Enkel verdient‹, dachte Kim. ›Trotzdem – ohne mich wären diese Geschenke nicht hergekommen.‹ »Eine tugendhafte Frau – und klug.« Der Lama erschlaffte, Gelenk um Gelenk, wie ein gemächliches Kamel. »Die Welt ist voller Barmherzigkeit für jene, die dem Pfad folgen.« Er warf gut die Hälfte der Decke über Kim. »Und was hat sie gesagt?« Kim wickelte sich in seinen Anteil. »Sie hat mir viele Fragen gestellt und viele Probleme vorgelegt – die meisten davon waren eitle Geschichten, die sie von Teufelspriestern gehört hatte, die vorgeben, dem Pfad zu folgen. Einige habe ich beantwortet, von anderen habe ich gesagt, sie seien töricht. Viele tragen das Gewand, aber wenige verharren auf dem Weg.« »Wahr. Das ist wahr.« Kim verwandte den nachdenklichen, vermittelnden Ton jener, die etwas Vertrauliches erfahren möchten. »Aber für ihre Möglichkeiten ist sie überaus rechtschaffen. Sie wünscht sehr dringend, daß wir mit ihr nach Buddh Gaya gehen, da ihre Straße, wenn ich es recht verstehe, für viele Tagereisen nach Süden die unsere ist.« »Und?« »Ein wenig Geduld. Hierzu habe ich ihr gesagt, daß meine Suche allem anderen vorgeht. Sie hatte viele närrische Legenden gehört, aber nie diese große Wahrheit über meinen Fluß. So sind die Priester der minderen Berge! Sie kannte den Abt von Lung-Cho, aber sie wußte nichts von meinem Fluß – auch nichts über die Geschichte vom Pfeil.«
»Und?« »Deshalb habe ich über die Suche und über den Weg gesprochen, und über Dinge, die förderlich sind; sie aber wollte nur, daß ich sie begleite und um einen zweiten Sohn bete.« »Aha! ›Wir Frauen‹ denken an nichts außer an Kinder«, sagte Kim schläfrig. »Da nun unsere Straßen eine Weile zusammengehen, glaube ich nicht, daß wir irgendwie von unserer Suche abweichen, wenn wir sie denn begleiten – wenigstens bis… ich habe den Namen der Stadt vergessen.« »Ohe!« sagte Kim; er wandte sich um und redete in scharfem Flüsterton einen der Ooryas an, die wenige Yards entfernt waren. »Wo steht das Haus deines Herren?« »Kurz hinter Saharanpur, zwischen den Obstgärten.« Er nannte das Dorf. »Das war der Ort«, sagte der Lama. »So weit können wir immerhin mit ihr gehen.« »Fliegen gehen zum Aas«, sagte der Oorya wie beiläufig. »Für die kranke Kuh eine Krähe; für den kranken Mann einen Brahmanen.« Ganz unpersönlich hauchte Kim das Sprichwort zu den Schattenwipfeln der Bäume empor. Der Oorya knurrte und schwieg. »Dann gehen wir also mit ihr, Heiliger?« »Gibt es einen Grund dagegen? Ich kann immer noch zur Seite gehen und alle Flüsse prüfen, über die die Straße führt. Sie wünscht,, daß ich mitkomme. Sie wünscht es sehr dringend.« In der Steppdecke erstickte Kim ein Lachen. Wenn sich diese gebieterische alte Dame erst von ihrer natürlichen Ehrfurcht vor einem Lama erholt hatte, dachte er, würde es vermutlich einiges wert sein, ihr zuzuhören.
Er war fast eingeschlafen, als der Lama plötzlich ein Sprichwort zitierte: »Die Gatten der Geschwätzigen ernten im künftigen Leben großen Lohn.« Dann hörte Kim ihn dreimal schnupfen und schlief immer noch lachend ein. Der diamanthelle Dämmer weckte Menschen und Krähen und Ochsen zugleich. Kim setzte sich auf und gähnte, schüttelte sich und schauerte vor Wonne. Das war der wirkliche Anblick der Welt; das war Leben, wie er es mochte – Getriebe und Geschrei, das Schnallen der Gürtel und Schnalzen der Ochsentreiber und Schnarren der Räder, Feueranzünden und Essenkochen und neue Anblicke, wohin das Auge auch beifällig schaute. Die Morgennebel zerrissen zu quirlendem Silber, die Papageien schossen in kreischenden grünen Heeren zu einem fernen Fluß davon; alle Brunnenräder in Hörweite gingen ans Werk. Indien war erwacht, und Kim war mitten darin, wacher und erregter als alle anderen; er kaute auf einem Zweig, den er gleich als Zahnbürste benutzen würde, denn er bediente sich zur Rechten wie zur Linken von allen Gebräuchen des Landes, das er kannte und liebte. Es war nicht nötig, sich um Essen zu sorgen – nicht nötig, auch nur eine kauri an den umlagerten Ständen auszugeben. Er war der Jünger eines heiligen Mannes, den eine willensstarke alte Dame annektiert hatte. Alles würde ihnen bereitet werden, und sobald man sie ehrerbietig einlud, würden sie sich setzen und essen. Im übrigen – Kim kicherte hier, während er sich die Zähne reinigte – würde ihre Gastgeberin das Vergnügen an der Reise eher noch erhöhen. Kritisch inspizierte er ihre Ochsen, als sie grunzend und schnaufend unter dem Joch herbeikamen. Wenn sie zu schnell gingen – das war nicht wahrscheinlich –, gäbe es für ihn einen angenehmen Sitz auf der Deichsel; der Lama würde neben dem Fahrer sitzen. Die Eskorte würde natürlich zu Fuß gehen. Genauso natürlich würde die alte Dame sehr viel reden, und nach dem, was er bisher gehört
hatte, würde diese Unterhaltung gut gesalzen sein. Sie war jetzt schon dabei, zu befehlen, Reden zu halten, zu rüffeln und, das muß gesagt werden, ihre Diener wegen Verzögerungen zu verfluchen. »Bringt ihr ihre Pfeife. Im Namen der Götter, bringt ihr die Pfeife und stopft ihr den unheilvollen Mund«, rief ein Oorya, der seine formlosen Bettenbündel schnürte. »Sie und die Papageien sind gleich. Sie kreischen im Morgengrauen.« »Die Leitochsen! Hai! Paß auf die Leitochsen auf!« Sie drängten nach hinten und drehten sich, als die Achse eines Kornkarrens ihre Hörner erfaßte. »Sohn einer Eule, wohin fährst du denn?« Das galt dem grinsenden Fuhrmann. »Ai! Yai! Yai! Das da drin ist die Königin von Delhi, die um einen Sohn beten geht«, rief der Mann über seine hohe Ladung zurück. »Macht Platz für die Königin von Delhi und ihren Ersten Minister, den grauen Affen, der an seinem eigenen Schwert hochklettert!« Ein weiterer Karren, beladen mit Borke für eine Gerberei im Hinterland, folgte dicht dahinter, und der Fahrer fügte einige Komplimente hinzu, während die ruthOchsen wieder und wieder nach rückwärts drängelten. Von jenseits der ruckenden Vorhänge kam eine Salve von Beschimpfungen. Sie dauerte nicht lang, aber in Art und Beschaffenheit, in ätzender, beißender Trefflichkeit ging sie weit über alles hinaus, was selbst Kim je gehört hatte. Er konnte sehen, wie die nackte Brust des Fuhrmanns vor Verblüffung einsackte, als der Mann sich ehrerbietig vor der Stimme verneigte, von der Deichsel sprang und der Eskorte half, ihren Vulkan auf die Hauptstraße zu ziehen. Hier erzählte die Stimme ihm noch wahrheitsliebend, welche Sorte Frau er geheiratet hatte und was sie in seiner Abwesenheit trieb. »Oh, shabash!« murmelte Kim, unfähig, an sich zu halten, als der Mann fortschlich.
»Gutgemacht, ja? Es ist eine Schmach und Schande, daß eine arme Frau nicht reisen kann, um zu ihren Göttern zu beten, ohne vom gesamten Auswurf Hindustans angerempelt und beleidigt zu werden – daß sie gâli [Schimpf] essen muß, wie Männer ghi essen. Aber wenigstens habe ich noch etwas auf der Zunge – ein oder zwei gutgesagte Wörter, die zum Anlaß passen. Und noch immer habe ich meinen Tabak nicht! Wer ist der einäugige und glücklose Sohn der Schande, der meine Pfeife noch nicht fertig hat?« Ein Bergbewohner schob sie hastig durch die Vorhänge, und Rinnsale dicken Rauchs auf beiden Seiten zeigten, daß der Friede wiederhergestellt war. War Kim am Vortag als Jünger eines heiligen Mannes stolz marschiert, so schritt er heute mit zehnfachem Stolz im Zug einer nahezu königlichen Prozession, mit einem anerkannten Platz unter der Gönnerschaft einer alten Dame von bezaubernden Umgangsformen und unerschöpflichem Einfallsreichtum. Die Eskorte, mit nach Landessitte umwickelten Köpfen, setzte sich zu beiden Seiten des Wagens schlurfend in Gang und wirbelte gewaltige Staubwolken auf. Der Lama und Kim gingen ein wenig abseits; Kim kaute auf seinem Zuckerrohr und wich niemandem aus, der nicht mindestens den Status eines Priesters hatte. Sie konnten die Zunge der alten Dame klappern hören, so stetig wie ein Reisschäler. Sie forderte die Eskorte auf, ihr zu erzählen, was sich auf der Straße ereignete; und sobald sie den Bereich des parao verlassen hatten, schlug sie die Vorhänge zurück und spähte hinaus, das Gesicht zu einem Drittel verschleiert. Ihre Männer sahen sie nicht direkt an, wenn sie mit ihnen sprach, und so blieb die Schicklichkeit mehr oder minder gewahrt. Ein fahlgelber Distrikt-Superintendent der Polizei in makelloser Uniform, ein Engländer, trabte auf einem müden
Pferd vorbei, und da er an ihrem Gefolge sah, welche Art Persönlichkeit sie war, neckte er sie. »O Mutter«, rief er, »macht man das so in den zenanas? Angenommen, ein Engländer käme vorbei und sähe, daß du keine Nase hast?« »Was?« schrie sie schrill zurück. »Deine eigene Mutter hat keine Nase? Mußt du das denn unbedingt auf offener Straße erzählen?« Es war ein guter Gegenschlag. Der Engländer hob die Hand mit der Geste eines Mannes, der bei Schwertkampf getroffen wurde. Sie lachte und nickte. »Ist das denn ein Gesicht, mit dem man die Tugend auf Abwege locken kann?« Sie zog den Schleier ganz beiseite und starrte ihn an. Das Gesicht war keineswegs lieblich, aber während der Mann die Zügel wieder aufnahm, nannte er es Mond des Paradieses, Verstörer der Redlichkeit und belegte es mit einigen weiteren fantastischen Bezeichnungen, bis sie sich vor Wonne krümmte. »So ein nat-kat [Schuft]«, sagte sie. »Alle Polizei-Constables sind nat-kats; aber die Polizeiwallahs sind die schlimmsten. Hai, mein Sohn, das hast du bestimmt nicht alles gelernt, seit du aus Belait [Europa] gekommen bist. Wer hat dich gesäugt?« »Eine pahareen – eine Bergfrau aus Dalhousie, meine Mutter. Schirme deine Schönheit – o Walterin der Wonnen«, und fort war er. »Das ist die Sorte« – sie schlug einen feinen kritischen Ton an und stopfte sich den Mund voll pan – »das ist die Sorte, die über die Gerechtigkeit wachen sollte. Sie kennen das Land und seine Gebräuche. Die anderen, ganz frisch aus Europa, gesäugt von weißen Frauen, die, die unsere Sprachen aus Büchern lernen, die sind schlimmer als die Pest. Sie fügen Königen Leid zu.« Dann erzählte sie der Welt im allgemeinen eine lange, lange Geschichte über einen unwissenden jungen
Polizeibeamten, der den Frieden eines kleinen Bergradschas gestört hatte, eines ihrer Vettern neunten Grades, nur wegen eines unwichtigen Streits um Ländereien; sie schloß mit einem Zitat aus einem keineswegs frommen Werk. Dann wechselte ihre Stimmung, und sie befahl einem von der Eskorte zu fragen, ob der Lama neben ihr hergehen und religiöse Fragen diskutieren möge. Also fiel Kim im Staub zurück und wandte sich wieder seinem Zuckerrohr zu. Eine Stunde oder länger war die Pilgermütze des Lamas wie ein Mond im Dunst zu sehen; und aus allem, was er hören konnte, schloß Kim, daß die alte Frau weinte. Einer der Ooryas entschuldigte sich halb und halb für seine Grobheit in der Nacht und sagte, er habe seine Herrin nie in einer derart milden Stimmung gesehen, und das schreibe er der Anwesenheit des fremden Priesters zu. Zwar glaube er persönlich an Brahmanen, obwohl er wie alle Einheimischen genau über ihre Gerissenheit und Gier Bescheid wisse. Aber wenn Brahmanen die Mutter der Frau seines Herren durch ihr forderndes Gebettel doch nur ärgerten und wenn sie sie dann fortschickte, worüber diese so erbost seien, daß sie das gesamte Gefolge verfluchten (was auch der wahre Grund dafür sei, daß vorn rechts der zweite Ochse lahmte und eine Nacht zuvor die Deichsel gebrochen war), dann sei er bereit, jeden Priester jeder Sekte inner- oder außerhalb Indiens hinzunehmen. Dem stimmte Kim mit weisem Nicken zu und bat den Oorya, zur Kenntnis zu nehmen, daß der Lama kein Geld annehme und daß die Kosten für sein und Kims Essen hundertfach durch das Glück vergolten würden, das hinfort mit der Karawane sein werde. Außerdem erzählte er Geschichten aus der Stadt Lahore und sang ein oder zwei Lieder, die die Eskorte zum Lachen brachten. Als Stadtmaus und gut vertraut mit den neuesten Liedern der feinsten Komponisten – die meisten von diesen sind Frauen – hatte Kim Männern aus einem kleinen
Obstbauerndorf hinter Saharanpur entschieden einiges voraus; er überließ es jedoch ihnen, dies zu bemerken. Mittags bogen sie zum Essen von der Straße ab, und das Mahl war gut, reichhaltig und fein auf sauberen Blättern als Teller serviert, mit allem Anstand und außerhalb des wallenden Staubs. Die Reste gaben sie bestimmten Bettlern, um allen Vorschriften zu genügen, und setzten sich dann zu langem schwelgerischen Rauchen. Die alte Dame hatte sich hinter ihre Vorhänge zurückgezogen, beteiligte sich aber sehr freimütig am Gespräch, wobei ihre Diener mit ihr stritten und ihr widersprachen, wie Diener es überall im Osten tun. Sie verglich die Kühle und die Kiefern der Berge von Kangra und Kulu mit dem Staub und den Mangos des Südens; sie erzählte eine Geschichte von irgendwelchen alten Ortsgöttern am Rand des Machtbereichs ihres Mannes; unverblümt schmähte sie den Tabak, den sie gerade rauchte, lästerte alle Brahmanen und spekulierte ohne jede Zurückhaltung über die Ankunft zahlreicher Enkel.
KAPITEL V
Here come I to my own again – Fed, forgiven, and known again– Claimed by bone of my bone again, And sib to flesh of my flesh! The fatted calf is dressed for me, But the husks have greater zest for me… I think my pigs will be best for me, So I’m off to the styes afresh. The Prodigal Son [So komm ich zu den Meinen heim, genährt, vergeben und wieder erkannt, aufgenommen vom eigenen Blut und neu verwandt mit dem eigenen Fleisch! Das gemästete Kalb ist bereitet für mich, doch bergen die Schoten mehr Würze für mich… Meine Schweine sind wohl das beste für mich, drum geh ich zu den Koben zurück. Der verlorene Sohn]
Wieder setzte sich die träge, verschnürte, schlurfende Prozession in Gang, und die alte Dame schlief bis zum nächsten Rastplatz. Es war ein sehr kurzer Marsch, und bis zum Sonnenuntergang blieb noch eine Stunde; deshalb suchte Kim nach Möglichkeiten, sich zu amüsieren. »Aber warum willst du nicht sitzen und dich ausruhen?« sagte einer von der Eskorte. »Nur die Teufel und die Engländer laufen ohne Grund hin und her.«
»Schließ nie Freundschaft mit dem Teufel, einem Affen oder einem Jungen. Keiner weiß, was sie als nächstes machen«, sagte der neben ihm. Voller Verachtung wandte Kim ihnen den Rücken zu – er hatte keine Lust, sich die alte Geschichte anzuhören, wie der Teufel einmal mit Jungen spielte und es bereute – und schlenderte langsam landeinwärts. Der Lama schritt hinter ihm her. Den ganzen Tag hatte er, sooft sie einen Fluß überquerten, die Straße verlassen, um das Wasser zu betrachten, aber in keinem Fall hatte er ein Zeichen empfangen, daß er seinen Fluß gefunden habe. Außerdem war es angenehm, mit jemandem in einer vernünftigen Zunge sprechen zu können und von einer hochgeborenen Frau als ihr geistlicher Ratgeber geziemend gewürdigt und geachtet zu werden, und das hatte seine Gedanken ein wenig der Suche entwöhnt. Ferner war er darauf vorbereitet, in Gelassenheit Jahre auf seine Suche zu verwenden, da er nichts von der Ungeduld des Weißen, wohl aber großen Glauben besaß. »Wohin gehst du?« rief er Kim nach. »Nirgendwohin – es war ein kleiner Marsch, und all das« – Kim winkte mit den Händen – »ist mir neu.« »Ohne jede Frage ist sie eine kluge und scharfsichtige Frau. Aber Meditieren ist schwierig, wenn…« »Alle Frauen sind so.« Kim sprach, wie Salomon hätte sprechen können. »Vor dem Kloster war eine breite Plattform«, murmelte der Lama; er entrollte den abgegriffenen Rosenkranz. »Aus Stein. Darauf habe ich die Abdrücke meiner Füße hinterlassen – auf und nieder, auf und nieder, mit diesen.« Er ließ die Perlen klicken und begann die Om mani padme hums seiner Andacht, dankbar für Kühle, Stille und das Fehlen von Staub.
Viele verschiedene Dinge nacheinander lockten Kims müßige Augen über die Ebene. Dieses Schweifen hatte kein bestimmtes Ziel, abgesehen davon, daß die Bauweise der nahen Hütten ihm neuartig schien, und das wollte er untersuchen. Sie kamen auf einen breiten Streifen Weidelands, braun und purpurn im Abendlicht, mit einem schweren Klumpen von Mangobäumen in der Mitte. Es erschien Kim seltsam, daß an einem so gut geeigneten Platz kein Schrein stand; bei derlei Dingen war der Junge aufmerksam wie jeder Priester. Weit auf der Ebene gingen nebeneinander vier Männer, klein in der Entfernung. Unter seinen gekrümmten Handflächen blickte Kim scharf hin und sah etwas metallisch blinken. »Soldaten. Weiße Soldaten!« sagte er. »Laß uns nachsehn.« »Immer sind Soldaten da, wenn du und ich allein unterwegs sind. Aber weiße Soldaten habe ich noch nie gesehen.« »Sie tun einem nichts, außer, wenn sie betrunken sind. Bleib hinter dem Baum da.« Sie traten hinter die dicken Stämme im kühlen Dunkel des Mango-Hains. Zwei kleine Gestalten hielten an; die beiden anderen kamen zögernd näher. Sie waren der Voraustrupp eines Regiments auf dem Marsch, wie üblich ausgeschickt, um das Lager zu markieren. Sie trugen fünf Fuß lange Stäbe mit flatternden Flaggen und unterhielten sich rufend, während sie sich auf der flachen Erde voneinander entfernten. Schließlich kamen sie mit schweren Schritten in das MangoWäldchen. »Hier oder hier rum – Offizierszelte unter den Bäumen, schätz ich, und der Rest von uns draußen. Harn die hinten was für die Packwagen markiert?« Wieder riefen sie ihren Kameraden in der Ferne etwas zu, und die grobe Antwort kam schwach und mild an. »Dann steck den Wimpel hier rein«, sagte einer.
»Was bereiten sie dort?« sagte der Lama ganz verwundert. »Dies ist eine große und schreckliche Welt. Was bedeutet das Bild auf der Flagge?« Wenige Fuß von ihnen entfernt rammte ein Soldat eine Stange in den Boden, knurrte unzufrieden, zog sie wieder heraus, beriet sich mit seinem Kameraden, der in der schattigen grünen Höhle hin und her blickte, und brachte sie dann wieder an die erste Stelle zurück. Kim starrte mit aufgerissenen Augen; er atmete kurz und scharf durch die Zähne. Die Soldaten stapften davon, in den Sonnenschein. »O Heiliger!« ächzte er. »Mein Horoskop! Die Staubzeichnung des Priesters in Ambala! Weißt du noch, was er gesagt hat? Zuerst kommen zwei… ferashes, um alles zu bereiten – an einem dunklen Platz, wie immer zu Beginn einer Vision.« »Aber dies ist keine Vision«, sagte der Lama. »Es ist der Trug der Welt, sonst nichts.« »Und nach ihnen kommt der Stier – der Rote Stier auf dem grünen Feld. Sieh! Er ist es!« Er deutete auf den Wimpel, der keine zehn Fuß entfernt in der Abendbrise knatterte. Es war nichts als ein gewöhnlicher Markierungs-Wimpel; aber das Regiment, beim Herausputzen immer auf Form bedacht, hatte ihn mit dem Regimentswappen geschmückt, dem Roten Stier, dem Wappentier der Mavericks – der große Rote Stier auf einem Grund von Irisch-Grün. »Ich sehe es, und nun erinnere ich mich«, sagte der Lama. »Gewiß ist dies dein Stier. Ebenso gewiß sind die beiden Männer gekommen, um alles zu bereiten.« »Sie sind Soldaten – weiße Soldaten. Was hat der Priester gesagt? ›Das Zeichen über dem Stier ist das Zeichen des Kriegs und bewaffneter Männer.‹ Heiliger, das hier betrifft meine Suche.«
»Das stimmt. Es ist wahr.« Der Lama blickte starr auf das Wappen, das wie ein Rubin in der Dämmerung flammte. »Der Priester in Ambala hat gesagt, dein Zeichen sei das des Krieges.« »Was ist nun zu tun?« »Warten. Laß uns warten.« »Jetzt hellt sich auch das Dunkel auf«, sagte Kim. Es war nur natürlich, daß die sinkende Sonne schließlich zwischen die Baumstämme schien, quer durch den Hain, und ihn ein paar Minuten lang mit mehligem goldenen Licht füllte; aber für Kim war es die Krone der Prophezeiung des Brahmanen aus Ambala. »Horch!« sagte der Lama. »Man schlägt eine Trommel – weit fort!« Zunächst ähnelte der Ton, verdünnt von der stehenden Luft, dem Klopfen einer Arterie im Kopf. Bald kam Schärfe hinzu. »Ah! Die Musik«, erklärte Kim. Er kannte den Klang einer Regiments kapelle, aber den Lama verwirrte es. Am anderen Ende der Ebene kroch eine schwere, staubige Kolonne in Sicht. Dann brachte der Wind die Melodie: We crave your condescension To tell you what we know Of marching in the Mulligan Guards To Sligo Port below! [Wir bitten um Erlaubnis, euch alles zu erzählen vom Marsch mit den Mulligan Guards hinab nach Sligo Port!]
Hier brachen die schrillen Querpfeifen hinein:
We shouldered arms, We marched – we marched away. From Phoenix Park We marched to Dublin Ray. The drums and the fifes Oh, sweetly they did play, As we marched – marched – marched – with the Mulligan Guards! [Gewehre über sind wir fortmarschiert vom Phoenix Park bis hin zur Dublin Bay. Die Trommeln und die Pfeifen, schön haben sie gespielt, auf dem Marsch – Marsch – Marsch mit den Mulligan Guards!]
Es war die Kapelle der Mavericks, die das Regiment ins Lager spielte; denn die Männer befanden sich auf einem Übungsmarsch mit ihrem Gepäck. Die wellige Kolonne schwenkte in gerade Linie – die Wagen dahinter –, teilte sich nach links und rechts, wuselte wie ein Ameisenhaufen herum, und… »Aber das ist Hexerei!« sagte der Lama. Die Ebene sprenkelte sich mit Zelten, die fertig gespannt aus den Wagen zu wachsen schienen. Ein weiterer Schwung von Männern drang in den Hain, schlug schweigend ein riesiges Zelt auf, daneben noch acht oder neun kleinere, förderte Kochtöpfe, Pfannen und Bündel zutage, von denen ein Haufen eingeborener Diener Besitz ergriff; und der Mangowald verwandelte sich zusehend in eine ordentliche Stadt. »Laß uns gehen«, sagte der Lama; er wich ängstlich zurück, als die Feuer aufblinzelten und weiße Offiziere mit klirrenden Degen ins Messezelt stapften. »Bleib im Schatten stehen. Niemand kann weiter sehen, als das Licht vom Feuer reicht«, sagte Kim; seine Augen hingen noch immer am Wimpel. Er hatte nie zuvor gesehen, mit
welcher Routine ein erfahrenes Regiment in dreißig Minuten ein Lager aufschlägt. »Sieh! Sieh! Sieh!« Der Lama gluckste. »Dort kommt ein Priester.« Es war Bennett, der anglikanische Kaplan des Regiments; in verstaubtem Schwarz kam er dahergehinkt. Eines seiner Schäfchen hatte eine grobe Bemerkung über den Eifer des Kaplans gemacht; und um ihn zu beschämen, war Bennett diesen Tag Schritt für Schritt mit den Männern marschiert. Das schwarze Gewand, das goldene Kreuz an der Uhrkette, das unbehaarte Gesicht und der weiche schwarze Schlapphut hätten ihn überall in Indien sofort als heiligen Mann kenntlich gemacht. Er ließ sich am Eingang zum Messezelt auf einen Feldstuhl fallen und streifte die Stiefel ab. Drei oder vier Offiziere sammelten sich um ihn und lachten und witzelten über seine Heldentat. »Die Rede weißer Männer ermangelt jeglicher Würde«, sagte der Lama, der nur nach dem Tonfall urteilte. »Aber ich habe das Antlitz dieses Priesters bedacht und ich glaube, er ist ein Gelehrter. Ob er wohl unsere Sprache versteht? Ich möchte mit ihm von meiner Suche reden.« »Sprich nie mit einem Weißen, solange er nicht gegessen hat«, sagte Kim, ein bekanntes Sprichwort zitierend. »Sie werden jetzt essen, und – und ich glaube nicht, daß man bei ihnen gut betteln kann. Laß uns zum Rastplatz zurückgehen. Wenn wir gegessen haben, kommen wir wieder her. Es war ganz sicher ein Roter Stier – mein Roter Stier.« Sie waren beide merklich geistesabwesend, als das Gefolge der alten Dame ihnen ihr Mahl vorsetzte; daher störte niemand sie in ihrer Zurückhaltung, denn es bringt Unglück, Gäste zu verärgern. »Nun wollen wir zu diesem Ort zurückgehen«, sagte Kim; er stocherte in seinen Zähnen. »Aber du, o Heiliger, mußt ein
Stückchen weiter weg warten, denn deine Füße sind schwerer als meine, und ich möchte unbedingt mehr von dem Roten Stier sehen.« »Aber wie kannst du denn die Rede verstehen? Geh langsam. Der Weg ist dunkel«, erwiderte der Lama besorgt. Kim ließ die Frage unbeantwortet. »Ich habe mir eine Stelle nahe bei den Bäumen gemerkt«, sagte er, »wo du sitzen kannst, bis ich rufe. Nein«, – als der Lama einen Einwand versuchte – »erinnere dich daran, dies ist meine Suche – die Suche nach meinem Roten Stier. Das Zeichen in den Sternen war nicht für dich. Ich weiß ein wenig über die Gebräuche weißer Soldaten, und ich bin immer begierig, Neues zu sehen.« »Was weißt du denn nicht von dieser Welt?« Gehorsam hockte sich der Lama in eine kleine Bodensenke, keine hundert Yards entfernt von den Mangobäumen, einem dunklen Buckel vor dem sternbesprühten Himmel. »Bleib bis ich rufe.« Kim huschte ins Halbdunkel. Er wußte, daß aller Wahrscheinlichkeit nach Posten um das Lager aufgestellt sein würden, und lächelte vor sich hin, als er die schweren Stiefel eines Mannes hörte. Ein Junge, der in einer mondhellen Nacht über die Dächer von Lahore schleichen und den kleinsten Fleck und Winkel von Dunkelheit nutzen kann, um seine Verfolger zu täuschen, wird sich kaum von einer Kette gut ausgebildeter Soldaten aufhalten lassen. Er machte ihnen ein Kompliment, indem er genau zwischen zwei Posten hindurchkroch, und dann näherte er sich, rennend und anhaltend, kauernd und plattliegend, dem erleuchteten Messezelt, wo er sich dicht hinter den nächsten Mangobaum preßte und darauf wartete, daß ein zufälliges Wort ihm einen verfolgbaren Faden in die Hand gäbe. Das einzige, was er nun im Sinn hatte, war, mehr über den Roten Stier zu erfahren. Nach allem, was er wußte, – und Kims Beschränkungen waren ebenso seltsam und jäh wie seine
Unumschränktheiten – mochten die Männer, die neunhundert vollendeten Teufel aus der Prophezeiung seines Vaters, nach Beginn der Dunkelheit dieses Tier anbeten wie Hindus die Heilige Kuh. Dies wäre jedenfalls ganz in Ordnung und logisch, und der Pater mit dem goldenen Kreuz wäre demnach der Mann, den man in einer solchen Angelegenheit zu Rat ziehen sollte. Andererseits erinnerte Kim sich an die Patres mit den nüchternen Gesichtern, denen er in Lahore aus dem Weg gegangen war, und dieser Priester hier mochte ein zudringlicher Quälgeist sein und von ihm verlangen, daß er etwas lerne. Aber hatte sich nicht in Ambala erwiesen, daß sein Zeichen hoch am Himmel Krieg und bewaffnete Männer bedeutete? War er denn nicht der Freund der Sterne ebenso wie der der ganzen Welt, bis an die Zähne vollgepfropft mit furchtbaren Geheimnissen? Letztlich – und zuerst, als Unterströmung all seiner schnellen Gedanken – war das Abenteuer, wenn er dieses Wort auch nicht kannte, ein prachtvoller Spaß – eine herrliche Fortsetzung seiner früheren Fluchten über die Hausdächer und dazu noch die Erfüllung einer erhabenen Prophezeiung. Er lag flach auf dem Bauch und schlängelte sich zum Eingang des Messezelts, eine Hand auf dem Amulett an seinem Hals. Es war, wie er vermutet hatte. Die Sahibs beteten zu ihrem Gott; denn mitten auf dem Messetisch – und sein einziger Tafelschmuck, wenn sie auf dem Marsch waren – stand ein goldener Stier, hergestellt aus altem Plündergut aus dem Sommerpalast von Peking – ein rotgoldener Bulle mit gesenktem Kopf, sprungbereit auf einem Feld von Irisch-Grün. Ihm hielten die Sahibs ihre Gläser entgegen und riefen wild durcheinander. Nun verließ der Reverend Arthur Bennett die Messe immer nach dem Trinkspruch, und da er von seinem Marsch ziemlich müde war, waren seine Bewegungen jäher als sonst. Mit leicht
erhobenem Kopf starrte Kim noch immer sein Totem auf dem Tisch an, als der Kaplan auf sein rechtes Schulterblatt trat. Kim zuckte unter dem Leder zurück, rollte zur Seite und brachte den Kaplan zu Fall, der ihn, immer ein Mann der Tat, an der Kehle packte und fast zu Tode würgte. Darauf trat Kim ihm verzweifelt in den Magen. Mr. Bennett ächzte und krümmte sich, ließ jedoch nicht los, wälzte sich herum und zerrte Kim schweigend zu seinem Zelt. Die Mavericks waren unheilbar vernarrt in Streiche; und dem Engländer schien es, als wäre Schweigen das Beste, bis er ganz sicher war. »Was, das ist ja ein Junge!« sagte er, als er seine Beute unter das Licht der Laterne an der Zeltstange geschleppt hatte; er schüttelte ihn heftig und rief: »Was hast du da gemacht? Du bist ein Dieb. Choor? Mallum?« Sein Hindustani war sehr begrenzt, und der zerzauste und angewiderte Kim gedachte, diese ihm vorgeschriebene Rolle beizubehalten. Während er wieder zu Atem kam, erfand er schon eine wunderbar glaubwürdige Geschichte über seine Beziehungen zu einem Küchenjungen, und dabei hielt er das Auge aufmerksam auf und ein bißchen unter die linke Achselhöhle des Kaplans gerichtet. Die Chance kam; er tauchte zur Tür, aber ein langer Arm reckte sich und langte nach seinem Nacken, zerriß die Amulettschnur und schloß sich um das Amulett. »Gib es mir. O, gib es mir. Ist es fort? Gib mir die Papiere.« Die Wörter kamen auf Englisch – dem blechernen, zersägten Englisch der Eingeborenen, und der Kaplan fuhr empor. »Ein Skapulier«, sagte er, als er die Hand öffnete. »Nein, irgendein heidnischer Zauber. Aber – wieso sprichst du Englisch? Kleine Jungen die stehlen werden verprügelt. Weißt du das nicht?« »Ich hab nicht… ich hab nicht gestohlen.« Kim tanzte in Todesangst wie ein Terrier vor einem erhobenen Stock. »Oh, gib es mir. Es ist mein Zauber. Stiehl es mir nicht.«
Der Kaplan beachtete ihn nicht, sondern ging zur Zelttür und rief laut etwas. Ein dicklicher, glattrasierter Mann erschien. »Ich brauche Ihren Rat, Pater Victor«, sagte Bennett. »Den Jungen hier habe ich im Dunkeln vor dem Messezelt gefunden. Normalerweise würde ich ihn züchtigen und laufen lassen; ich halte ihn nämlich für einen Dieb. Aber er scheint Englisch zu sprechen und legt einigen Wert auf einen Zauber, den er am Hals getragen hat. Ich dachte, Sie könnten mir vielleicht helfen.« Zwischen ihm und dem römisch-katholischen Kaplan des irischen Kontingents lag, wie Bennett glaubte, ein nicht zu überbrückender Abgrund; es war jedoch auffällig, daß die Kirche von England, so oft sie es mit einem menschlichen Problem zu tun hatte, dazu neigte, die Kirche von Rom hinzuzuziehen. Bennetts amtlicher Abscheu gegen Das Weib in Scharlach und all ihre Eigenarten kam nur sein privater Respekt vor Pater Victor gleich. »Ein Dieb der Englisch kann? Lassen Sie mal seinen Zauber sehen. Nein, das ist kein Skapulier, Bennett.« Er streckte die Hand aus. »Aber haben wir denn das Recht, es zu öffnen? Eine gesunde Tracht Prügel…« »Ich hab nicht gestohlen«, protestierte Kim. »Du hast mich überall getreten. Nun gib mir meinen Zauber, dann geh ich.« »Nicht so eilig. Erst wollen wir mal sehen«, sagte Pater Victor; gemächlich rollte er das »ne varietur«-Pergament des armen Kimball O’Hara auf, seine Entlassungsurkunde und Kims Taufschein. Auf letzteren hatte O’Hara – in der wirren Vorstellung, er tue Wunder was für seinen Sohn – Dutzende Male gekritzelt: »Kümmert euch um den Jungen. Bitte kümmert euch um den Jungen.« Darunter hatte er seinen Namen und die Nummer des Regiments voll ausgeschrieben.
»Mächte der Finsternis in der Tiefe!« sagte Pater Victor; er reichte alles an Mr. Bennett weiter. »Weißt du, was es mit diesen Sachen auf sich hat?« »Ja«, sagte Kim. »Sie gehören mir, und ich will fortgehen.« »Ich verstehe das nicht ganz«, sagte Mr. Bennett. »Er hat sie doch wohl absichtlich hergebracht. Das kann irgendein Bettlertrick sein.« »Dann hab ich aber noch nie nen Bettler gesehn, der es so eilig hat, seine Gesellschaft zu wechseln. Das sieht mir aus wie n nettes Geheimnis. Glauben Sie an die Vorsehung, Bennett?« »Ich hoffe doch.« »Also, ich glaub jedenfalls an Wunder, und das kommt aufs gleiche raus. Mächte der Finsternis! Kimball O’Hara! Und sein Sohn! Aber der hier ist ein Eingeborener, und ich hab selbst gesehn, wie Kimball Annie Shott geheiratet hat. Wie lang hast du die Sachen schon, Junge?« »Seit ich kleines Kind war.« Pater Victor machte einen schnellen Schritt nach vorn und öffnete Kims Obergewand an der Brust. »Sehn Sie, Bennett, er ist nicht besonders schwarz. Wie heißt du?« »Kim.« »Oder Kimball?« »Vielleicht. Laßt ihr mich gehen?« »Wie heißt du weiter?« »Sie nennen mich Kim Rishtike. Das heißt Kim von den Rishti.« »Was bedeutet das – ›Rishti‹?« »Az-rishti – das war das Regiment – von meinem Vater.« »Irisch, aha, ich verstehe.« »Ja. So hat mein Vater es mir gesagt. Mein Vater, der hat gelebt.« »Wo hat er gelebt?« »Er hat gelebt. Aber natürlich ist er tot – weggegangen.«
»Oh! Drückst du sowas immer so knapp aus?« Bennett unterbrach. »Es ist möglich, daß ich dem Jungen unrecht getan habe. Er ist ganz klar ein Weißer, wenn auch offensichtlich vernachlässigt. Bestimmt habe ich ihm arg wehgetan. Ich glaube nicht, daß Alkohol…« »Dann geben Sie ihm ein Glas Sherry und lassen Sie ihn auf der Pritsche hocken. So, Kim«, fuhr Pater Victor fort, »keiner tut dir was. Trink das aus und erzähl uns von dir. Die Wahrheit, wenns dir nichts ausmacht.« Kim hustete ein wenig, als er das leere Glas absetzte, und überlegte. Es schien die Zeit für Vorsicht und Fantasie zu sein. Kleine Jungen, die sich in Lagern herumtreiben, werden in der Regel geprügelt und weggejagt. Er hatte aber noch keine Striemen abbekommen; offenkundig wirkte das Amulett zu seinen Gunsten, und es schien, als ob das Horoskop von Ambala und die wenigen Worte aus den Faseleien seines Vaters, an die er sich noch erinnern konnte, ganz wunderbar zusammenpaßten. Warum sonst sollte der dicke Pater so beeindruckt sein, und warum sonst das Glas mit dem scharfen gelben Getränk von dem Hageren? »Mein Vater, der ist in Lahore-City tot, seit ich ganz klein bin. Die Frau, sie hat einen kaharri-Laden gehabt, nahe von wo die Mietwagen stehn.« Kim stürzte sich einfach hinein; er wußte noch nicht recht, wie weit die Wahrheit ihn bringen würde. »Deine Mutter?« »Nein!« – mit einer Geste des Abscheus. »Die ist weggegangen, als ich geboren wurde. Mein Vater, der hat diese Papiere vom Jadoo-Gher – wie sagt ihr das?« (Bennett nickte.) »Er war da nämlich in – gutem Ansehen. Wie sagt ihr das?« (Wieder nickte Bennett.) »Mein Vater hat mir das erzählt. Er hat auch gesagt, und der Brahmane auch, der vor zwei Tagen in Ambala die Zeichnung im Staub gemacht hat,
der hat gesagt, daß ich einen Roten Stier auf grünem Feld finde und daß der Stier mir hilft.« »Ein phänomenaler kleiner Lügner«, knurrte Bennett. »Mächte der Finsternis in der Tiefe, was für ein Land!« murmelte Pater Victor. »Weiter, Kim.« »Ich hab nicht gestohlen. Außerdem bin ich jetzt der Jünger von einem sehr heiligen Mann. Er sitzt draußen. Wir haben zwei Männer kommen sehn, mit Flaggen, die den Platz bereitet haben. Das ist immer so in einem Traum, oder wenn es um eine… eine Prophezeiung geht. Deshalb wußte ich, daß es in Erfüllung geht. Ich hab den Roten Stier auf dem grünen Feld gesehn, und mein Vater hat gesagt: ›Neunhundert pukka Teufel und der Oberst auf einem Pferd werden sich um dich kümmern, wenn du den Roten Stier findest!‹ Ich hab nicht gewußt, was ich tun soll, als ich den Stier gesehn hab, aber ich bin weggegangen und wiedergekommen, als es dunkel war. Ich wollte den Stier wiedersehn, und ich hab ihn wiedergesehn mit den… den Sahibs, wie sie ihn angebetet haben. Ich glaube, der Stier wird mir helfen. Der heilige Mann hat das auch gesagt. Er sitzt jetzt draußen. Tut ihr ihm weh, wenn ich ihn jetzt rufe? Er ist sehr heilig. Er kann alles bezeugen, was ich sage, und er weiß, daß ich kein Dieb bin.« »›Sahibs, die einen Stier anbeten!‹ Was um alles in der Welt machen Sie daraus?« sagte Bennett. »›Jünger eines heiligen Mannes!‹ Ist der Junge verrückt?« »Das ist O’Haras Junge, ganz sicher. O’Haras Junge im Bund mit allen Mächten der Finsternis. Ganz genau was sein Vater getan hätte – wenn er betrunken war. Wir sollten wohl den heiligen Mann herholen. Vielleicht weiß er was.« »Er weiß nichts davon«, sagte Kim. »Ich werd ihn euch zeigen, wenn ihr mitkommt. Er ist mein Meister. Danach können wir dann gehn.«
»Mächte der Finsternis!« war alles, was Pater Victor sagen konnte, als Bennett losmarschierte, eine Hand fest auf Kims Schulter. Sie fanden den Lama dort, wo er sich niedergelassen hatte. »Die Suche ist für mich zu Ende«, rief Kim in der Landessprache. »Ich habe den Stier gefunden, aber nur Gott weiß, was als nächstes kommt. Sie werden dir nicht wehtun. Komm zum Zelt des fetten Priesters, mit diesem dünnen Mann, und sieh, wie es ausgeht. Alles ist neu, und sie können kein Hindi. Sie sind bloß ungestriegelte Esel.« »Dann ist es nicht gut, ihre Unwissenheit zu verspotten«, erwiderte der Lama. »Ich bin glücklich, wenn du dich freust, chela.« Würdevoll und ohne Argwohn schritt er in das kleine Zelt, grüßte die Kirchen wie ein Kirchenmann und setzte sich neben die offene Holzkohlenpfanne. Im Widerschein des Lampenlichts machte die gelbe Auskleidung des Zelts sein Gesicht goldrot. Bennett betrachtete ihn mit der dreifach verschanzten Gleichgültigkeit jenes Glaubens, der neun Zehntel der Welt in den Topf mit der Aufschrift »Heiden« wirft. »Und was war das Ende deiner Suche? Welche Gabe hat der Rote Stier gebracht?« Der Lama wandte sich an Kim. »Er sagt: ›Was wollt ihr nun tun?‹« Bennett starrte Pater Victor unsicher an, und höchst eigennützig übernahm Kim das Amt des Dolmetschers. »Ich sehe nicht, was dieser Fakir mit dem Jungen zu tun haben soll, der entweder von ihm an der Nase herumgeführt wird oder mit ihm unter einer Decke steckt«, begann Bennett. »Wir können doch nicht zulassen, daß ein englischer Junge… Angenommen, er ist wirklich der Sohn eines Freimaurers, je eher er dann ins Freimaurer-Waisenhaus kommt, desto besser.«
»Ah! Das meinen Sie als Sekretär der Regimentsloge«, sagte Pater Victor; »aber wir können dem alten Mann ruhig sagen, was wir tun wollen. Er sieht mir nicht aus wie ein Schurke.« »Meiner Erfahrung nach ist der orientalische Geist niemals auszuloten. Also, Kimball, ich möchte, daß du diesem Mann sagst, was ich jetzt sage – Wort für Wort.« Kim faßte die Bedeutung der folgenden Sätze zusammen und begann so: »Heiliger, der dünne Narr, der aussieht wie ein Kamel, sagt, daß ich der Sohn eines Sahibs bin.« »Aber wieso?« »Ach, das stimmt schon. Ich habe es seit meiner Geburt gewußt, aber er mußte erst das Amulett von meinem Hals reißen und die ganzen Papiere lesen, um es herauszufinden. Er meint, einmal ein Sahib ist immer ein Sahib, und die beiden überlegen sich jetzt, ob sie mich bei diesem Regiment halten oder in eine madrissah [Schule] stecken sollen. Das sollte ich früher auch schon. Ich habe mich immer darum drücken können. Der fette Narr will etwas, und der kamelige etwas anderes. Aber das ist ohne Bedeutung. Vielleicht verbringe ich eine Nacht hier und vielleicht noch die nächste. Das ist schon einmal so gewesen. Dann laufe ich fort und komme zu dir zurück.« »Aber sag ihnen doch, daß du mein chela bist. Sag ihnen, wie du zu mir gekommen bist, als ich schwach und verwirrt war. Erzähl ihnen von unserer Suche, und dann lassen sie dich sicher sofort gehen.« »Ich habe es ihnen schon erzählt. Sie lachen und reden von der Polizei.« »Was redet ihr da?« fragte Mr. Bennett. »Och. Er sagt nur, wenn ihr mich jetzt nicht gehen laßt, stört ihn das bei seinem Vorhaben – seinen dringlichen Privaaatangelegenheiten.« Letzteres war eine Erinnerung an
Gespräche mit einem eurasischen Schreiber im Kanaldepartement, aber es rief nur ein Lächeln hervor, was Kim ärgerte. »Und wenn ihr wüßtet, was sein Vorhaben ist, hättet ihr es nicht so schrecklich eilig, euch einzumischen.« »Worum gehts denn?« sagte Pater Victor nicht ohne Mitgefühl; er betrachtete das Gesicht des Lamas. »Es gibt einen Fluß in diesem Land, den er ganz driiingend finden will. Der Fluß ist von einem Pfeil gemacht worden, der…« Kim stampfte ungeduldig mit dem Fuß, während er im Geiste aus der Umgangssprache in das unbeholfene Englisch übersetzte. »Aah, er ist gemacht worden von unserem HErrn Gott Buddha, wißt ihr, und wenn man sich darin wäscht, werden einem alle Sünden abgewaschen, und dann ist man weiß wie Baumwollwatte.« (Kim hatte gelegentlich Missionarsgerede gehört.) »Ich bin sein Jünger, und wir müssen diesen Fluß finden. Es ist so driiinglich wichtig für uns.« »Sag das nochmal«, sagte Bennett. Kim gehorchte, mit Ausschmückungen. »Aber das ist grobe Gotteslästerung!« rief die Kirche von England. »Tck! tck!« sagte Pater Victor teilnahmsvoll. »Ich gäb was dafür, wenn ich die Landessprache könnte. Ein Fluß, der Sünden abwäscht! Und wie lang sucht ihr zwei schon danach?« »Oh, viele Tage. Jetzt möchten wir gehn und wieder danach suchen. Hier ist der Fluß nicht, wißt ihr.« »Ja, ich verstehe«, sagte Pater Victor ernst. »Aber er kann nicht weiter mit dem alten Mann rumziehn. Es wär was anderes, Kim, wenn du nicht der Sohn eines Soldaten wärst. Sag ihm, daß das Regiment sich um dich kümmert und aus dir nen Mann machen wird, der so gut ist wie dein… nen sehr
guten Mann machen wird. Sag ihm, wenn er an Wunder glaubt, dann muß er auch glauben, daß…« »Sie brauchen nicht mit seiner Leichtgläubigkeit zu spielen«, unterbrach Bennett. »Ich tu nichts dergleichen. Er muß glauben, daß es eine Art Wunder ist, daß der Junge hergekommen ist – zu seinem eigenen Regiment – auf der Suche nach seinem Roten Stier. Bedenken Sie, wie unwahrscheinlich das ist, Bennett. Ausgerechnet dieser von allen Jungen in Indien, und von allen Regimentern auf dem Marsch ausgerechnet unseres, auf das er hier trifft! Das ist ganz offensichtlich vorherbestimmt. Ja, sag ihm, es ist kismet. Kismet, mallum [Verstehst du]?« Er wandte sich dem Lama zu, dem er ebensogut etwas über Mesopotamien hätte erzählen können. »Sie sagen« – das Auge des alten Mannes leuchtete bei Kims Rede auf –, »sie sagen, daß die Bedeutung meines Horoskops sich jetzt erfüllt hat und daß ich jetzt, wo ich einmal zu diesen Leuten und ihrem Roten Stier geführt worden bin – aber du weißt ja, daß ich aus Neugier gegangen bin –, daß ich jetzt unbedingt in eine madrissah gehen und zu einem Sahib gemacht werden muß. Ich tue jetzt so, als ob ich einverstanden wäre; schlimmstenfalls bedeutet das nämlich nur ein paar Mahlzeiten, die ich ohne dich esse. Dann entwische ich und folge der Straße nach Saharanpur. Deshalb, Heiliger, bleib bei dieser Kulu-Frau – geh auf keinen Fall weit von ihrem Wagen weg, bis ich wiederkomme. Ohne Frage ist mein Zeichen das von Krieg und bewaffneten Männern. Sieh, wie sie mir Wein zu trinken gegeben und mich auf ein Bett der Ehre gesetzt haben! Mein Vater muß eine große Persönlichkeit gewesen sein. Wenn sie mich in Ehre erhöhen, gut. Wenn nicht, auch gut. Wie auch immer das ausgeht, ich komme zu dir zurückgelaufen, wenn ich es satt habe. Aber bleib bei der Rajputni, sonst finde ich deine Füße nicht wieder… Oah,
yess«, sagte der Junge. »Ich hab ihm alles gesagt, was ich ihm von euch sagen soll.« »Und ich sehe nicht ein, weshalb er noch länger warten müßte«, sagte Bennett; er tastete in seiner Hosentasche herum. »Die Einzelheiten können wir später besprechen – und ich werde ihm eine Ru…« »Geben Sie ihm lieber Zeit. Vielleicht hängt er an dem Jungen«, sagte Pater Victor; er hinderte den anderen Geistlichen daran, seine Bewegung auszuführen. Der Lama zerrte seinen Rosenkranz hervor und zog den Rand der riesigen Mütze über seine Augen. »Was kann er jetzt wollen?« »Er sagt« – Kim hob eine Hand. »Er sagt: Seid still. Er will ganz allein mit mir reden. Wißt ihr, ihr versteht ja kein einziges Wort von dem, was er sagt, und ich glaub, wenn ihr jetzt redet, gibt er euch vielleicht ganz schlimme Flüche. Wenn er seine Perlen so anfaßt, seht ihr, dann will er immer, daß es ganz still ist.« Die beiden Engländer saßen überwältigt da, aber in Bennetts Augen war ein Blick, der nichts Gutes für Kim versprach, sobald dieser dem religiösen Arm ausgeliefert sein würde. »Ein Sahib und Sohn eines Sahibs…« Die Stimme des Lama war schroff vor Schmerz. »Aber kein weißer Mann kennt das Land und die Gebräuche des Landes wie du. Wie kommt es, daß dies wahr ist?« »Was bedeutet das schon, Heiliger? – aber bedenke, es ist nur für eine Nacht oder zwei. Bedenke, ich kann mich schnell verwandeln. Alles wird sein wie es war, als ich das erste Mal zu dir gesprochen habe, unter Zam-Zammah der großen Kanone…« »Als ein Junge in der Kleidung der weißen Männer – als ich zum ersten Mal zum Wunder-Haus gegangen bin. Und beim zweiten Mal warst du ein Hindu. Was wird die dritte
Inkarnation sein?« Er kicherte trübe. »Ah, chela, du hast unrecht getan an einem alten Mann, denn mein Herz ging hin zu dir.« »Und meines zu dir. Aber wie konnte ich denn wissen, daß der Rote Stier mich zu so etwas bringen würde?« Der Lama bedeckte erneut sein Gesicht und rasselte nervös mit dem Rosenkranz. Kim hockte sich neben ihn und faßte eine Falte seines Gewands. »Nun heißt es, daß der Junge ein Sahib ist?« fuhr der Lama mit dumpfer Stimme fort. »Solch ein Sahib wie jener, der die Bildwerke im Wunder-Haus hütete.« Seine Erfahrungen mit weißen Männern waren begrenzt. Er schien eine Lektion aufzusagen. »Dann ist es also für ihn nicht ziemlich, anderes zu tun als die Sahibs. Er muß zu seinem eigenen Volk zurückkehren.« »Für einen Tag und eine Nacht und noch einen Tag«, flehte Kim. »Nein, das tust du nicht!« Pater Victor sah Kim zur Tür rutschen und schob ein kräftiges Bein dazwischen. »Ich verstehe die Gebräuche der weißen Männer nicht. Der Priester der Bildwerke im Wunder-Haus zu Lahore war höflicher als der dünne hier. Man wird mir diesen Jungen nehmen. Sie werden einen Sahib aus meinem Jünger machen? Weh mir! Wie soll ich denn meinen Fluß finden? Haben sie denn keine Jünger? Frag sie.« »Er sagt, er ist sehr trauriiig, weil er jetzt den Fluß nicht mehr finden wird. Er sagt, warum habt ihr keine Jünger und hört auf, ihn zu stören? Er will von seinen Sünden reingewaschen werden.« Weder Bennett noch Pater Victor fanden eine schnelle Antwort darauf. Nun sagte Kim auf Englisch, bekümmert ob der Qual des Lamas: »Ich glaub, wenn ihr mich jetzt gehn laßt, werden wir
ganz still fortgehn und nicht stehlen. Wir werden diesen Fluß suchen wie als ich noch nicht gefangen war. Ich wollt, ich wär nicht hergekommen um den Roten Stier und alles andere zu finden. Ich will das nicht.« »Es ist das Beste, was du je für dich getan hast, junger Mann«, sagte Bennett. »Lieber Himmel, ich weiß nicht, wie man ihn trösten kann«, sagte Pater Victor, der den Lama sehr aufmerksam beobachtete. »Er kann den Jungen nicht mitnehmen, und doch ist er ein guter Mann – ich bin sicher, er ist ein guter Mann. Bennett, wenn Sie ihm diese Rupie geben, wird er Sie mit Stumpf und Stiel verfluchen!« Sie hörten einander beim Atmen zu – drei – fünf volle Minuten. Dann hob der Lama den Kopf und blickte über sie hinweg in Raum und Leere. »Und ich bin ein Befolger des Pfads«, sagte er bitter. »Mein ist die Sünde, und mein ist die Bestrafung. Ich habe mir selbst eingeredet – denn jetzt begreife ich, es war nur eine Einbildung –, daß du mir gesandt worden seist, um mir bei der Suche zu helfen. Also ist mein Herz zu dir hingegangen, wegen deines Mitleids und deiner Höflichkeit und der Klugheit deiner wenigen Jahre. Aber jene, die dem Pfad folgen, dürfen das Feuer eines Begehrens oder einer Bindung nicht zulassen, denn all das ist Trug. Wie geschrieben ist…« Er zitierte einen uralten chinesischen Text, belegte ihn durch einen zweiten und bekräftigte beide durch einen dritten. »Ich bin vom Pfad abgewichen, mein chela. Es war nicht deine Schuld. Ich habe mich ergötzt am Anblick des Lebens, an den neuen Menschen auf den Straßen und an deiner Freude über den Anblick dieser Dinge. Ich war glücklich über dich und hätte doch meine Suche und nichts als meine Suche bedenken sollen. Nun bin ich voll Trauer, denn du wirst mir genommen und mein Fluß ist weit. Das Gesetz ist es, das ich gebrochen habe.«
»Mächte der Finsternis in der Tiefe!« sagte Pater Victor; durch den Beichtstuhl geschult hörte er die Qual in jedem Satz. »Ich kann jetzt sehen, daß das Zeichen des Roten Stiers für mich ebenso ein Zeichen war wie für dich. Alles Begehren ist rot – und übel. Ich will Buße tun und meinen Fluß allein finden.« »Geh wenigstens zu der Kulu-Frau zurück«, sagte Kim, »sonst wirst du dich auf den Straßen verlieren. Sie wird dich ernähren, bis ich zu dir zurückgelaufen komme.« Der Lama machte eine Handbewegung, um zu zeigen, daß die Angelegenheit für ihn endgültig erledigt war. »Was« – sein Tonfall änderte sich, als er sich Kim zuwandte – »werden sie nun mit dir machen? Vielleicht kann ich wenigstens, indem ich Verdienst erwerbe, geschehenes Böses auslöschen.« »Sie werden einen Sahib aus mir machen – glauben sie. Übermorgen komme ich zurück. Sei nicht traurig.« »Was für einen Sahib? Einen wie diesen oder jenen Mann?« Er deutete auf Pater Victor. »Einen wie die, die ich heute abend sah – Männer, die Schwerter tragen und mit den Füßen stampfen?« »Vielleicht.« »Das ist nicht gut. Diese Männer folgen dem Begehren und erlangen Leere. Du darfst nicht von dieser Art sein.« »Der Priester in Ambala hat gesagt, daß mein Stern Krieg ist«, warf Kim ein. »Ich will diese Narren fragen – aber es ist wahrlich nicht nötig. Ich laufe noch diese Nacht fort, so sehr ich auch Neues sehen wollte.« Kim stellte Pater Victor zwei oder drei Fragen auf Englisch und übersetzte dem Lama die Antworten. Dann: »Er sagt, ›Ihr nehmt ihn mir weg und könnt nicht sagen, was ihr aus ihm machen werdet‹. Er sagt, ›Sagt es mir,
bevor ich gehe, denn es ist nichts Geringes, ein Kind zu erziehen‹.« »Du wirst auf eine Schule geschickt. Später sehen wir dann weiter. Kimball, ich nehme an, du willst gern Soldat werden?« »Gorah-log [Weißes-Volk]. Nein! Nein!« Kim schüttelte heftig den Kopf. So wie er beschaffen war, hatten Drill und Routine keinerlei Reiz für ihn. »Ich will kein Soldat werden.« »Du wirst das werden, was man dir sagt«, sagte Bennett; »und du solltest dankbar dafür sein, daß wir dir helfen.« Kim lächelte mitleidig. Wenn diese Männer sich der Illusion hingaben, er werde etwas tun, wozu er keine Lust hatte, um so besser. Wieder folgte langes Schweigen. Bennett rutschte ungeduldig hin und her und schlug vor, einen Posten zu rufen, um den Fakir wegführen zu lassen. »Wird bei den Sahibs Wissen geschenkt oder verkauft? Frag sie«, sagte der Lama, und Kim übersetzte. »Sie sagen, man zahlt dem Lehrer Geld – aber das Regiment wird dieses Geld geben… Wozu? Es ist doch nur für eine Nacht.« »Und – je mehr Geld gezahlt wird, desto besseres Wissen wird gegeben?« Der Lama kümmerte sich nicht um Kims Pläne für eine baldige Flucht. »Es ist kein Unrecht, für Wissen zu zahlen. Den Unwissenden zur Weisheit zu verhelfen ist immer ein Verdienst.« Der Rosenkranz ratterte wild wie ein Rechenbrett. Dann wandte er sich seinen Bedrückern zu. »Frag sie, für wieviel Geld sie kluge und angemessene Unterweisung erteilen? Und in welcher Stadt diese Unterweisung erteilt wird?« »Na ja«, sagte Pater Victor auf Englisch, als Kim übersetzt hatte, »kommt drauf an. Das Regiment würde für dich die ganze Zeit zahlen, die du im Militärwaisenhaus bist; oder du könntest auf die Liste vom Punjab-Freimaurer-Waisenhaus
kommen (nicht, daß einer von euch beiden verstehen würde, was das heißt); aber die beste Ausbildung, die ein Junge in Indien kriegen kann, wäre natürlich auf St. Xavier-in-Partibus in Lucknow.« Es dauerte einige Zeit, dies zu übersetzen, weil Bennett die Sache abbrechen wollte. »Er will wissen wieviel«, sagte Kim gelassen. »Zwei- oder dreihundert Rupien im Jahr.« Pater Victor war längst jenseits aller Verblüffung. Bennett, ungeduldig, verstand nichts. »Er sagt: ›Schreibt den Namen und das Geld auf ein Papier und gebt es ihm.‹ Und er sagt, ihr müßt euren Namen darunter schreiben, weil er euch in ein paar Tagen einen Brief schreiben wird. Er sagt, du bist ein guter Mann. Er sagt, der andere Mann ist ein Narr. Er geht jetzt.« Der Lama erhob sich plötzlich. »Ich folge meiner Suche«, rief er und war fort. »Er wird mitten in die Posten hineinrennen«, rief Pater Victor; er sprang auf, als der Lama hinausstapfte. »Aber ich kann doch den Jungen nicht alleinlassen.« Kim wollte ihm schnell folgen, hielt dann aber inne. Draußen hörte man keinen Anruf. Der Lama war verschwunden. Kim ließ sich gemessen auf dem Feldbett des Kaplans nieder. Immerhin hatte der Lama versprochen, er würde bei der Rajput-Frau aus Kulu bleiben, und alles andere war sehr unwichtig. Es machte ihm Spaß, daß die beiden Patres so offenkundig aufgeregt waren. Sie redeten lange leise miteinander; Pater Victor drängte auf ein bestimmtes Verfahren, doch Mr. Bennett schien ungläubig. All das war sehr neu und faszinierend, aber Kim war müde. Sie holten Männer ins Zelt – einer von ihnen war ganz sicher der Oberst, wie sein Vater prophezeit hatte – und stellten ihm unendlich viele Fragen, vor allem über die Frau, die sich um ihn
gekümmert hatte, und Kim beantwortete alles wahrheitsgemäß. Sie schienen die Frau nicht für einen guten Vormund zu halten. Letzten Endes war dies nur die neueste unter seinen Erfahrungen. Früher oder später konnte er, wenn er wollte, in das große graue formlose Indien entkommen, jenseits von Zelten und Patres und Obersten. Bis dahin würde er, wenn die Sahibs unbedingt beeindruckt sein wollten, sein Bestes tun, um sie zu beeindrucken. Auch er war ein weißer Mann. Nach vielem Gerede, das er nicht begreifen konnte, wurde er einem Sergeanten ausgehändigt, der die strikte Anweisung erhielt, ihn nicht entwischen zu lassen. Das Regiment würde weiter nach Ambala marschieren, und Kim würde man, teils auf Kosten der Loge, teils mit Subskriptionsbeträgen des Regiments, zu einem Ort namens Sanawar schicken. »Es ist über alles Wundergeschrei hinaus wunderbar, Oberst«, sagte Pater Victor, nachdem er zehn Minuten lang ununterbrochen geredet hatte. »Sein buddhistischer Freund ist auf und davon, nachdem er von mir Name und Adresse notiert hat. Ich bin mir noch nicht klar, ob er für die Erziehung des Jungen bezahlen will oder ne Art Hexerei auf eigene Faust ausheckt.« Dann, zu Kim: »Du wirst deinem Freund, dem Roten Stier, noch mal dankbar sein. In Sanawar werden wir nen Mann aus dir machen – selbst um den Preis, daß du Protestant wirst.« »Sicher – ganz sicher«, sagte Bennett. »Aber ihr werdet nicht nach Sanawar gehn«, sagte Kim. »Aber wir gehn wohl nach Sanawar, kleiner Mann. Das ist der Befehl vom Oberkommandierenden, der ein bißchen wichtiger ist als O’Haras Sohn.« »Ihr werdet nicht nach Sanawar gehn. Ihr geht in den Krieg.« Das volle Zelt brach in schallendes Gelächter aus. »Wenn du dein eigenes Regiment erst ein bißchen besser kennst, wirst du Marschlinie und Gefechtslinie nicht mehr
verwechseln, Kim. Wir hoffen, daß wir irgendwann einmal in ›den Krieg‹ ziehen.« »Aah, das weiß ich doch alles.« Kim spannte seinen Bogen wieder einmal auf gut Glück. Wenn sie nicht in den Krieg zogen, wußten sie doch wenigstens nicht, was er von dem Gespräch auf der Veranda in Ambala wußte. »Ich weiß, ihr seid jetzt nicht in dem Krieg; aber ich sag euch, sobald ihr nach Ambala kommt, werdet ihr in den Krieg geschickt – den neuen Krieg. Es ist ein Krieg von achttausend Mann, außerdem Kanonen.« »Das ist deutlich. Kannst du neben deinen anderen Talenten auch noch prophezeien? Nehmen Sie ihn mit, Sergeant. Besorgen Sie ihm nen Anzug von den Tambourjungen und passen Sie auf, daß er Ihnen nicht durch die Finger glitscht. Wer sagt denn, daß es keine Wunder mehr gibt? Ich glaub, ich geh jetzt schlafen. Mein armer Kopf läßt langsam nach.« Still wie ein wildes Tier saß Kim eine Stunde später am anderen Ende des Lagers, überall frisch gewaschen, in einem furchtbaren Anzug aus Wollstoff, der ihm Arme und Beine zerkratzte. »Toller junger Vogel«, sagte der Sergeant. »Taucht hier mit nem gelbköpfigen quasselnden Brahmanenpriester auf, hat die Looschenpapiere von seim Vater am Hals un redt weiß Gott was nich alles über nen roten Stier. Der Brahmane verduftet ohne was zu saang, un der Junge sitz kreuzbeinich auf m Bett vom Kaplan un prophezeit alle Mann nen blutigen Kriech. Indien is schon n wildes Land für nen gottesfürchtigen Kerl. Ich glaub, ich bind ihm s Bein an die Zeltstange, daß er nich durchs Dach abhaut. Was haste da vom Kriech gesacht?« »Achttausend Mann, außerdem Kanonen«, sagte Kim. »Du wirst es sehr bald sehn.«
»N feiner kleiner Teufel biste. Leg dich da zwischen die Trommler, in die Heia. Die beiden Jungs passen auf dein Schlaf auf.«
KAPITEL VI
Now I remember comrades – Old playmates on new seas – Whenas we traded orpiment Among the savages. Ten thousand leagues to southward, And thirty years removed – They knew not noble Valdez, But me they knew and loved. Song of Diego Valdez [Ich denk an Kameraden – alte Freunde auf neuen Seen – da wir mit Rauschgelb handelten unter den Wilden dort. Zehntausend Meilen südwärts und dreißig Jahre her – sie kannten den edlen Valdez nicht, doch kannten und liebten sie mich. Lied von Diego Valdez]
Sehr früh am Morgen wurden die weißen Zelte abgebrochen und verschwanden; die Mavericks nahmen eine Nebenstraße nach Ambala. Sie berührte den Rastplatz nicht, und Kim, der neben einem Gepäckwagen dahintrottete, unter dem Beschuß der Bemerkungen von Soldatenfrauen, war nicht mehr so zuversichtlich wie in der Nacht. Er stellte fest, daß man ihn scharf beobachtete – Pater Victor einer-, Mr. Bennett anderseits. Am Vormittag hielt die Kolonne an. Eine Ordonnanz zu Kamel reichte dem Obersten einen Brief. Er las ihn und sprach
mit einem Major. Eine halbe Meile zurück hörte Kim rauhes und freudiges Geschrei, das durch den dicken Staub über ihn hinwegrollte. Dann schlug jemand ihm auf die Schulter und rief: »Sag uns, woher du das gewußt hast, du kleiner Satansbraten? Lieber Pater, schaun Sie, ob Sie das aus ihm rauskriegen.« Ein Pony tauchte neben ihm auf, und er wurde auf den Sattelbug des Priesters gehoben. »Jetzt, mein Sohn, ist deine Prophezeiung von gestern abend in Erfüllung gegangen. Wir haben Befehl, uns morgen in Ambala für den Bahnmarsch zur Front verladen zu lassen.« »Was ist das?« sagte Kim, denn »Bahnmarsch« und »Front« waren neue Wörter für ihn. »Wir gehen in ›den Krieg‹ wie du ihn genannt hast.« »Natürlich geht ihr in den Krieg. Das hab ich letzte nacht doch schon gesagt.« »Hast du, ja; aber, Mächte der Finsternis, woher hast du das gewußt?« Kims Augen funkelten. Er preßte die Lippen zusammen, nickte und sah unaussprechlich geheimnisvoll drein. Der Kaplan ritt durch den Staub vorwärts, und Gemeine, Sergeanten und Leutnants machten einander auf den Jungen aufmerksam. Der Oberst, an der Spitze der Kolonne, musterte ihn neugierig. »Wahrscheinlich war das ein Basargerücht«, sagte er; »aber selbst dann…« Er schaute auf das Blatt in seiner Hand. »Teufel auch, das alles ist doch erst in den letzten achtundvierzig Stunden entschieden worden.« »Gibts in Indien noch viele wie dich?« sagte Pater Victor, »oder bist du sowas wie ein lusus naturae?« »Jetzt wo ich es euch gesagt hab«, sagte der Junge, »laßt ihr mich da zu meinem alten Mann zurück? Wenn er nicht bei dieser Frau aus Kulu geblieben ist, hab ich Angst, daß er stirbt.«
»Nach dem, was ich von ihm gesehn hab, ist er genausogut im Stand für sich selbst zu sorgen wie du. Nein. Du hast uns Glück gebracht, und wir machen nen Mann aus dir. Ich bring dich jetzt zu deinem Gepäckwagen zurück, und heut abend kommst du zu mir.« Den Rest des Tages fand sich Kim als Objekt respektvoller Achtung von einigen hundert Weißen. Die Geschichte seines Auftauchens im Lager, der Entdeckung seiner Abstammung und seiner Prophezeiung hatte beim Weitererzählen nichts verloren. Eine dicke, unförmige weiße Frau auf einem Haufen Bettzeug fragte ihn geheimnisvoll, ob er glaube, ihr Mann werde aus dem Krieg zurückkommen. Kim dachte feierlich nach und sagte, er werde zurückkehren, und die Frau gab ihm zu essen. In vieler Hinsicht ähnelte diese große Prozession, die in Abständen Musik machte – diese Menschenmenge, die so leicht redete und lachte –, einem Festumzug in Lahore. Bis jetzt gab es keinerlei Anzeichen für harte Arbeit, und er beschloß, dem Schauspiel seine Gönnerschaft zukommen zu lassen. Am Abend zogen ihnen Musikkorps entgegen und spielten die Mavericks ins Lager nahe dem Bahnhof von Ambala. Das war eine interessante Nacht. Männer von anderen Regimentern kamen die Mavericks besuchen. Die Mavericks ihrerseits machten auf eigene Faust Besuche. Ihre Patrouillen rückten eilig aus, um sie zurückzuholen, und trafen dabei Patrouillen anderer Regimenter mit gleicher Order; und nach einer Weile bliesen die Hörner wie toll nach weiteren Patrouillen mit Offizieren, um den Tumult unter Kontrolle zu bringen. Die Mavericks hatten den Ruf besonderer Lebhaftigkeit zu verteidigen. Aber am nächsten Morgen traten sie in bester Verfassung und vorschriftsmäßigem Zustand auf dem Bahnsteig an; und Kim, der mit den Kranken, Frauen und Troßjungen zurückblieb, ertappte sich dabei, daß er bei der Abfahrt der Züge begeistert Lebewohl schrie. Bis jetzt war das
Leben als Sahib amüsant; er ging aber nur sehr behutsam damit um. Dann ließen sie ihn unter der Aufsicht eines Tambourjungen zu leeren, gekalkten Kasernen zurückmarschieren, deren Böden mit Abfall, Schnüren und Papier bedeckt waren und unter deren Decken sein einsamer Schritt widerhallte. Wie ein Eingeborener rollte er sich auf einer nackten Pritsche zusammen und schlief ein. Ein verdrossener Mann stampfte über die Veranda herbei, weckte ihn und sagte, er sei Schulmeister. Das war für Kim genug, um sich in sein Gehäuse zurückzuziehen. Er konnte gerade eben die verschiedenen englischen Polizeibekanntmachungen in Lahore entziffern, weil sie die Bequemlichkeit seines Lebens beeinträchtigen mochten; und unter den vielen Gästen der Frau, die sich um ihn kümmerte, war ein wunderlicher Deutscher gewesen, der Dekorationen für ein wanderndes Parsi-Theater malte. Er hatte Kim erzählt, er sei »anno achtundvierzig auf den Barrikaden« gewesen, und deshalb – so jedenfalls war es Kim erschienen – wolle er dem Jungen Schreiben beibringen, als Gegenleistung für Essen. Bis zu den einzelnen Buchstaben war Kim damals mühsam gelangt, hegte aber keine freundlichen Gefühle für sie. »Ich weiß nichts. Geh weg!« sagte Kim; er witterte Unheil. Daraufhin packte der Mann ihn am Ohr, zerrte ihn zu einem Raum in einem entlegenen Gebäudeflügel, wo ein Dutzend Tambourjungen auf Bänken saß, und befahl ihm, wenn er sonst nichts könne, wenigstens ruhig zu sein. Das brachte Kim mit Erfolg zustande. Mit weißen Strichen auf einem schwarzen Brett erklärte der Mann irgendwas, mindestens eine halbe Stunde lang, und Kim setzte sein unterbrochenes Nickerchen fort. Die augenblickliche Lage der Dinge mißbilligte er sehr, denn das war genau die Schule und Disziplin, der zu entgehen er sich zwei Drittel seines jungen Lebens kräftig bemüht hatte.
Plötzlich kam ihm eine prachtvolle Idee, und er wunderte sich, daß er nicht eher daran gedacht hatte. Der Mann entließ sie, und der erste, der über die Veranda in den offenen Sonnenschein sprang, war Kim. »Eh, du! Halt! Stop!« sagte eine hohe Stimme gleich hinter ihm. »Ich muß auf dich aufpassen. Ich hab Befehl, daß ich dich nich aus die Aung laß. Wo willze hin?« Es war der Tambourjunge, der schon den ganzen Vormittag an ihm geklebt hatte – feist, vierzehnjährig und mit Sommersprossen, und Kim verabscheute ihn von den Stiefelsohlen bis zu den Bändern an seiner Kappe. »Zum Basar – Süßigkeiten holen – für dich«, sagte Kim bedächtig. »Also, der Basar is für uns gesperrt. Wenn wir dahingehn, dann krieng wir was zu hörn. Komm wieder her.« »Wie nah dürfen wir denn an ihn ran?« Kim wußte nicht, was »für uns gesperrt« heißen sollte, aber er wollte höflich sein – vorläufig. »Wie nah? Wie weit, meinze! Wir könn bis zum Baum da unten anner Straße gehn.« »Dann geh ich dahin.« »Na schön. Ich geh nicht. Is zu heiß. Ich kann dich ja von hier aus sehn. Wechlaufen is sinnlos. Wennze wechläufs, erkenn se dich an deine Klamotten. Das is Regimentszeuch, waste anhas. In Ambala gips kein Posten wo dich nich schneller wieder herbringt wieste wechläufs.« Das beeindruckte Kim weniger als das Wissen, daß die Kleidung ihn ermüden würde, wenn er zu rennen versuchte. Er latschte zu dem Baum an der Ecke der kahlen Straße, die zum Basar führte, und musterte die Eingeborenen, die vorbeigingen. Die meisten waren Kasernendiener von der niedrigsten Kaste. Kim rief einen Kehrer an, der ihm prompt eine unnötige Grobheit an den Kopf warf, natürlich überzeugt davon, daß der
europäische Junge ihm nicht würde folgen können. Die leise schnelle Antwort belehrte ihn eines Besseren. Kim legte seine gebundene Seele hinein, dankbar dafür, daß er endlich jemanden in der Sprache beschimpfen konnte, die er am besten beherrschte. »Und jetzt geh zum nächsten Briefschreiber im Basar und sag ihm, er soll herkommen. Ich will einen Brief schreiben.« »Aber… aber was für eine Art von Sohn eines Weißen bist du denn, daß du einen Briefschreiber vom Basar brauchst? Gibt es denn in der Kaserne keinen Schulmeister?« »Doch, und die Hölle ist auch voll von der Sorte. Tu, was ich dir sage, du – du Od! Deine Mutter hat unter einem Korb geheiratet! Diener von Lal Beg« (Kim kannte den Gott der Kehrer), »lauf, wie ich dir gesagt hab, oder wir sprechen uns wieder.« Der Kehrer schlurfte hastig fort. »Unter einem Baum an der Kaserne wartet ein weißer Junge, der kein weißer Junge ist«, stotterte er dem ersten Briefschreiber zu, dem er im Basar begegnete. »Er braucht dich.« »Kann er zahlen?« sagte dieser feinsinnige Schreibkünstler; er packte Pult, Federn und Siegelwachs zusammen, alles in bestem Zustand. »Ich weiß es nicht. Er ist nicht wie andere Jungen. Geh und schau. Es lohnt sich.« Kim tanzte vor Ungeduld, als der schlanke junge Kayeth in Sicht kam. Sobald seine Stimme ihn erreichen konnte, beschimpfte er ihn wortreich. »Zuerst will ich mein Geld«, sagte der Briefschreiber. »Schlimme Wörter haben den Preis erhöht. Aber wer bist du, daß du in dieser Art Kleidung diese Art Reden führst?« »Aha! Das steht in dem Brief, den du schreiben sollst. Solch eine Geschichte hat es noch nie gegeben. Aber ich hab es nicht
eilig. Ein anderer Schreiber tut es auch. Ambala ist genau so voll von ihnen wie Lahore.« »Vier Annas«, sagte der Schreiber; er setzte sich und breitete sein Tuch im Schatten eines verlassenen Kasernenflügels aus. Mechanisch hockte Kim sich neben ihn – hockte, wie nur die Eingeborenen hocken können –, trotz der widerlich engen Hosen. Der Schreiber schaute ihn von der Seite an. »Das ist der Preis, den man von Sahibs verlangt«, sagte Kim. »Jetzt mach mir einen richtigen.« »Anderthalb Annas. Wie soll ich sicher sein, daß du nicht wegrennst, wenn ich den Brief geschrieben habe?« »Ich darf nur bis zu diesem Baum, und dann ist da noch die Marke zu bedenken.« »Vom Preis der Marke bekomme ich keine Provision. Noch einmal, was für eine Art von weiße