Christian Schwarz
Hexenfluch Version: v1.0
Nachdenklich starrte Peter Jones über die kleine Bucht. Seine B...
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Christian Schwarz
Hexenfluch Version: v1.0
Nachdenklich starrte Peter Jones über die kleine Bucht. Seine Blicke galten Oxwich Manor. Der uralte Herrensitz derer von Oxwich erhob sich trutzig auf moosbewachsenen Klippen, genau auf der anderen Seite des Wassers. Und weil Peters Sitz etwas erhöht war, konnte er auch das restliche Gelände von Oxwich Manor gut überblicken. Er sah auf einen lang gezogenen, wunderbar gepflegten Park mit einem weißroten Fachwerkhaus darin. Das war seine Heimat von Kindesbeinen an. Peter seufzte leise und zog seine Knie fester ans Kinn heran. Die schönste Frau der Welt begehrte ihn. Er erwiderte ihre Leidenschaft – und war gerade deswegen ein äußerst unglücklicher junger Mann …
Weil er gute Augen hatte, konnte er beobachten, wie seine Großmutter Delyth soeben vor das Fachwerkhäuschen trat und einen Eimer Wasser ausleerte. Sein Blick wurde einen Moment lang weich. Grandma Del, wie er sie nannte, war seine einzige verbliebene Verwandte. Seine Mutter war längst tot und seinen Vater hatte er nie gekannt. Peter liebte seine Großmutter sehr. Die alte Dame war 91, hatte das Herz aber immer noch auf dem rechten Fleck. Neben ihm schnaubte Samantha und scharrte mit den Hufen. »Na, was ist?«, fragte Peter in Richtung der wunderbaren englischen Vollblutstute, auf deren Rücken er immer das Gefühl hatte zu fliegen. Da raschelte es hinter ihm und er erkannte, auf was Samantha reagierte. Peter schaute über die Schulter und sein Herz fing wieder heftig zu pochen an. Er schluckte. Isabelle Brangwyn kam aus dem Wäldchen, so nackt wie er selbst es war. Sie war nur kurz beim Austreten gewesen und kam jetzt mit laszivem Hüftschwung auf ihn zu. Heiliger Owain Glyndwr, dachte er in Anspielung auf den heute noch populären walisischen Fürsten, dessen Aufstand gegen das englische Joch um 1404 fehlgeschlagen war. Isabelle war in der Tat die schönste Frau, die er je gesehen hatte. Lange, rote Haare, dunkelgrüne Augen. Ihr engelgleiches Lächeln verwirrte ihn zutiefst und ihre perfekte Figur erregte ihn zugleich. Sie setzte sich neben ihn, streichelte kurz über seinen schwarzen Haarschopf – und schon wieder lag ihre Hand auf seinem Knie. »Ich begehre dich wie nichts sonst auf der Welt, Peter Jones, weißt du das?«, flüsterte sie heiser. Seine Erregung wuchs ins Unermessliche – aber auch sein schlechtes Gewissen. Vilma, bitte vergib mir, dachte er schwermütig.
Vilma war Hausmädchen auf Oxwich Manor gewesen, ein fröhliches, unbeschwertes junges Reh, in das sich Peter Hals über Kopf verliebt hatte. Und sie sich in ihn. Sie hatten sich verlobt und … Zwei Tage später war Vilma tot gewesen, von einer Klippe gestürzt, ein furchtbarer Unfall. Peter war fast umgekommen vor Schmerz. Zwei Monate war das jetzt her. Und was tat er? Er lebte seine Trauer mit Isabelle aus, die als Vilmas Nachfolgerin auf Oxwich Manor arbeitete. Sie hatte sich umgehend an Peter herangemacht und ihm unverblümt zu verstehen gegeben, wie sehr sie ihn begehrte. Und Peter hatte sich ihr nicht entziehen können, ihre Reize machten ihn fast wahnsinnig. Warum will sie gerade mich?, fragte sich Peter immer wieder verzweifelt. Vilma war auch hübsch gewesen, aber so anders hübsch. Sie hatte zu ihm gepasst. Nicht so wie Isabelle, die unheimlich weit weg war für Peter, eine normalerweise unerreichbare Göttin für einen durchschnittlich aussehenden Mann wie ihn. Isabelle hätte sicher ein berühmtes Model sein und jeden Mann haben können, den sie wollte. Aber sie war Hausmädchen auf Oxwich Castle und begehrte nur ihn. Wie verrückt konnte die Welt sein? Unter anderen Umständen hätte er ihre Leidenschaft genossen, so aber brachte sie ihm mehr Unglück als Erfüllung. »Schau, da unten, meine Grandma Del«, sagte er mit kratziger Stimme, um abzulenken. »Sie war ihr ganzes Leben lang hier auf Oxwich Manor. Wir Jones arbeiten schon seit Generationen für die Herrschaften von Oxwich, hauptsächlich als Pferdepfleger.« Er schüttelte sich und starrte auf die Gänsehaut, die plötzlich seinen Körper überzog. Daran war aber nicht etwa der auffrischende Wind schuld, der die Dämmerung ankündigte, sondern Isabelles Fingernägel, die sanft und verlangend über seinen Oberschenkel strichen.
»Lass deine Grandma mal machen«, gurrte sie ihm ins Ohr. »Ich brauche dich momentan viel dringender.« Sie legte sich auf den Boden und zog ihn über sich. Er wollte nicht und konnte doch nicht anders … Zwanzig Minuten später war es dunkel und die beiden jungen Menschen noch immer schweißüberströmt ineinander verschlungen. Plötzlich riss die rücklings daliegende Isabelle die Augen weit auf. Sie starrte über Peters Schulter und stieß einen grässlichen Schrei aus. Im nächsten Moment versuchte sie, Peter mit panischen Armbewegungen von sich herunter zu stoßen. Auch Samantha hatte Angst. Sie wieherte furchtsam, stieg hoch, riss sich los und galoppierte davon, als sei der Teufel hinter ihr her. »Was …?«, schnaubte Peter und unterstützte Isabelles Bemühungen, indem er sich freiwillig von ihr rollte. Nun lag er ebenfalls auf dem Rücken und starrte auf das Unfassbare, das sich vor ihnen aufgebaut hatte. Er spürte, wie ihm das Grauen langsam den Rücken hinunter kroch, wie sich eisige Kälte in jede Zelle seines Körpers vorarbeitete. »Das … das gibt es nicht!«, krächzte er leise. »Heiliger Owain Glyndwr, ich träume wohl …« Er schlug zweimal das Kreuzzeichen. Das schien die Gestalt, die zwei Meter hoch in der Luft schwebte, nicht im Geringsten zu beeindrucken. Peter, der durch die Erzählungen seiner Grandma Del mit allerlei übersinnlichem ›Viehzeug‹ groß geworden war, aber nie wirklich daran geglaubt hatte, zitterte jetzt wie Espenlaub. Sein Blick fraß sich förmlich fest an der nackten, dämonisch schönen Frau. Ihr alabasterweißer Körper war von zahlreichen hässlichen roten Flecken bedeckt, die ihn dennoch nicht entstellten. Und das war ziemlich seltsam. Genauso seltsam wie die Tatsache,
dass das Etwas dort in der Luft aus sich selbst heraus einen Umkreis von gut fünf Metern fast taghell erleuchtete. Es war ein gespenstisches kaltes Licht, das förmlich das Grauen aus der Seele kitzelte. Hätte man Peter erzählt, dass es direkt aus der Hölle käme, er hätte keinen Penny dagegen gewettet. Im selben Moment war dem jungen Mann klar, dass das schwebende Monstrum vor ihm eine Hexe war – ohne die geringste Ahnung zu haben, woher dieses Wissen kam. Einen Augenblick lang schaute die Hexe völlig ruhig und mit spöttisch verzogenem Mund auf die beiden Menschen hinab. Sie begann, noch immer frei schwebend, sich langsam in den Hüften zu wiegen. Eine Kunst, die sie noch weitaus besser als Isabelle beherrschte. Ihre Bewegungen wurden schneller und obszöner. Plötzlich verzerrte sich ihr schönes Gesicht zu einer hasserfüllten Fratze. Gleichzeitig stieß sie ein Lachen aus, so grausam und schrill, dass es Peter durch Mark und Bein ging. Er zuckte zusammen und versuchte unwillkürlich, auf allen vieren nach hinten zu kriechen. Erst jetzt bemerkte er, dass sich Isabelle in seinem Arm festgekrallt hatte. Er konnte nicht zurückweichen. »Da bist du ja endlich, mein Opfer«, sagte die Hexe mit überraschend sanfter Stimme. »So lange musste ich auf dich warten, mein lieber Peter, so lange. Viel zu lange. Aber nun werde ich dich holen. Nicht heute und nicht morgen. Vielleicht übermorgen. Oder erst in zwei Wochen? Wer weiß …« »Wer … wer bist du? Was willst du von mir?« Peter war sicher, dass jeden Moment sein Herz aussetzen würde. Er bekam kaum Luft vor lauter Angst. »Hast du es mit den Ohren, mein lieber Peter?«, fragte die Hexe und schüttelte den Kopf wie eine Mutter, die voller Nachsicht ihr Kind tadelt. »Ich sagte, dass ich dich holen werde. Deine Uhr ist abgelaufen, Peter, dein bisschen armseliges Leben gehört längst mir.
Und wer ich bin? Merke dir den Namen Gwenllian gut. Er wird das Letzte sein, was du hörst, bevor du zur Hölle fährst.« Und wieder verwandelte sich ihr Gesicht in eine derart gierige und lasterhafte Fratze, dass Peter unwillkürlich aufschrie. Neben ihm rappelte sich Isabelle hoch. Mit gekreuzten Mittel‐ und Zeigefingern trat sie der unheimlichen Erscheinung entgegen. »Weiche von uns!«, rief sie glockenhell und deutlich. Peter sah, dass die Hexe zurückzuckte und fast ängstlich auf Isabelle starrte. War das tatsächlich so oder bildete er es sich nur ein? Jedenfalls bewegte sich Gwenllian plötzlich wie ein Irrwisch hin und her – so schnell, dass Peters Augen ihr nicht mehr folgen konnten – und löste sich auf wie feiner Nebel in der Sonne. Ihr grässliches Lachen verklang im Nichts. Mit einem Schlag war es völlig finster. Isabelle suchte Peter und presste sich zitternd an ihn. Nur langsam löste sich ihre Anspannung und sie begann hemmungslos zu schluchzen. Peter hätte sie gerne getröstet und danke gesagt. Er war nicht dazu imstande …
* Da Samantha momentan unauffindbar blieb, mussten Peter und Isabelle zu Fuß zurück nach Oxwich Manor. Das war kein Vergnügen, denn am Himmel hing die schmale Sichel des Neumondes und spendete kaum Licht. Das machte den Weg über die schroffen Klippen nicht eben sicherer. »Peter, bitte sag mir, was das war«, brach Isabelle schließlich das konzentrierte Schweigen, mit dem sie sich ihren Weg über die nächtlichen Klippen suchten. »Das … das kann es doch nicht geben! Haben wir beide geträumt? Oder hat uns jemand einen Streich
gespielt?« Peter blieb stehen. »Glaub ich nicht. Wie sollte das gehen? Und warum sollte jemand so etwas tun? Außerdem habe ich gleich von Anfang an so ein komisches Gefühl gehabt. Ich meine, ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass diese grauenhafte Hexe echt ist. Das war einfach da.« Isabelle nickte nachdenklich. »Ja, genau wie bei mir. Du sagtest Hexe? Komisch. Ich habe auch sofort gewusst, dass diese Gwenllian eine Hexe ist.« »Sie ist also echt. Das heißt wohl, dass sie mich demnächst tatsächlich holen wird.« Peter spürte ein heftiges Ziehen im Magen und eine nie gekannte Schwäche in den Beinen. Am liebsten hätte er sich hingesetzt und einfach geschlafen. Aber das hätte niemandem geholfen. »Warum bloß will sie mich umbringen? Wer ist diese Frau?« »Ich weiß es so wenig wie du«, murmelte Isabelle. »Aber wir müssen es herausfinden, wenn wir etwas gegen sie unternehmen wollen. Wir müssen herumfragen, ob jemand den Namen Gwenllian kennt. Und ich werde in der alten Familienchronik nachschauen, ob ich da etwas finde. Könnte doch sein. Da stehen immer die interessantesten Sachen drin.« Peter fühlte sich jetzt so elend, dass er nicht einmal mehr nicken konnte. Er hatte das dumpfe Gefühl, dass sich eine Schlinge um seinen Hals gelegt hatte, die sich ganz langsam zuzog …
* Peter hatte kein Auge zugetan. Den ganzen Morgen mistete er die Ställe aus, danach ging er mit dem Vollblut auf die kleine Rennbahn, die Sir Robert, der Vater des heutigen Sir Edwards, ein Stück hinter Oxwich Manor hatte anlegen
lassen. Aber Peter konnte sich nicht konzentrieren und fiel dem Pferd direkt vor die Hufe. Das war ihm höchst peinlich, denn Sir Edward hatte ihm schon eine ganze Weile zugeschaut und bekam den Sturz hautnah mit. Er näherte sich Peter mit großen Schritten, streckte ihm die Hand hin und zog ihn hoch. »Na, mein Junge, geht’s wieder?«, fragte er fürsorglich und legte den Arm um Peters Schulter und drückte ihn väterlich an sich. »Was ist heute nur los mit dir? Ich denke, du solltest Schluss machen für heute und dir einen freien halben Tag nehmen.« »Danke, Sir«, stammelte Peter. »Ja, ich glaube, das werde ich tun. Nochmals danke, Sir.« »Schon gut«, sagte Sir Edward lächelnd und gab ihm einen Klaps auf die Wange. Peter mochte seinen Brötchengeber ziemlich gerne. Sir Edward war ein kleiner, leicht dickbauchiger Mann in den Fünfzigern, den seine Haare längst verlassen hatten. Jedenfalls die meisten. Sir Edward lächelte oft, sein Wesen hatte etwas durch und durch Positives. Und wenn er sich mit Peter unterhielt, lächelte er besonders oft. Das war Peter schon des Öfteren aufgefallen. Und anderen auch. Vor allem Lady Amalia, Sir Edwards Frau, hatte ihn deswegen schon auf seltsame Art und Weise gemustert. Auf sehr seltsame Art und Weise. Peter konnte sich keinen Reim darauf machen. Er marschierte durch den Park von Oxwich Manor zum Fachwerkhäuschen, das inmitten eines gepflegten Stücks Rasen und zahlreichen bunten Blumenbeeten lag. Grandma Del wartete schon mit dem Essen auf ihn. Peter schnupperte und sein Gesicht hellte sich auf. Die feine alte Dame hatte mal wieder ›Lady Llanovers walisische Salzente, heiß, in Zwiebelsauce schwimmend‹ auf den Tisch gezaubert, ein traditionelles Rezept, das im übrigen Britannien unbekannt war,
dem walisischen Gaumen aber ausgezeichnet mundete. Trotz der anfänglichen Freude stocherte Peter aber eher lustlos in seiner Portion herum. Und das lag beileibe nicht daran, dass Grandma Del heute ein bisschen zu viel Meersalz erwischt hatte, mit dem Lady Llanovers Salzente ausschließlich behandelt wird, wenn sie denn eine echte sein soll. »Was ist heute mit dir los, mein Junge?«, fragte Großmutter Delyth dann auch irritiert und schob die Brille auf die Nasenspitze. Ihr einst schönes Gesicht war heute unendlich faltig, aber ihre blitzenden Augen verrieten noch einen wachen Geist. »Nun ja … Grandma? Ich will dich etwas fragen. Sagt dir der Name Gwenllian etwas?« Erstaunt sah Peter, dass Grandma Del mit einem Schlag kalkweiß wurde und ihren Löffel so in die Zwiebelsoße fallen ließ, dass das Tischtuch plötzlich ein wunderhübsches Sprenkelmuster aufwies. »Gwenllian?« Ihre Augen waren weit aufgerissen, sie schlug furchtsam drei Kreuze. »Um Gotteswillen, Junge, warum fragst du das? Woher hast du diesen Namen?« So durcheinander hatte Peter seine Grandma erst einmal gesehen: Damals vor acht Jahren, als seine Mutter Erin gestorben war. Ansonsten ruhte Grandma Del kraft ihrer 91 Jahre in sich selbst. So schnell brachte sie nichts mehr aus der Fassung. Der Name Gwenllian tat es aber wohl. Und wie! Peter wusste, dass Grandma Del Zeit ihres Lebens an die Welt des Übersinnlichen geglaubt hatte. Und so entschloss er sich, ihr rückhaltlos sein gestriges Erlebnis anzuvertrauen. Sie zitterte nach seinem Bericht so stark, dass Peter befürchtete, nach dem Löffel könnte nun auch ihr Gebiss jeden Moment in der Zwiebelsoße landen. »Grandma, was hast du, was ist denn los?«, fragte er besorgt, fast panisch.
»Aber das kann nicht sein«, flüsterte sie eher zu sich selbst, als dass sie auf Peters Frage reagiert hätte. »Das ist ein schrecklicher Irrtum. Es muss einer sein. Die Hexe holt sich doch immer nur einen Oxwich. Niemanden sonst. Einen Oxwich! Sie muss doch Sir Edward holen. Nicht Lady Amalia, die wohl nicht. Aber Sir Edward, der müsste es sein …« »Was redest du da, Grandma?«, fragte Peter wie fiebrig. »Du sagst, dass sie eine Hexe ist? Das habe ich dir nicht erzählt.« Er schüttelte sie fast und blickte sie flehend an. »Du kennst sie also. Los, sag mir, wer sie ist! Bitte, Grandma, sag’s mir! Beim heiligen Owain Glyndwr, sag es!« Grandma Del schien wie aus einem Traum zu erwachen. »Was? Nein, mein Junge, ich darf nicht darüber sprechen. Man kann das Unglück herbeireden, wusstest du das nicht?« Sie seufzte. »Aber du musst dir keine Sorgen machen. Die Hexe wird ihren Irrtum noch einsehen. Und dann wird der arme Sir Edward zur Hölle fahren.« Sie biss sich ihren Handknöchel blutig, aber Peter bekam kein weiteres Wort mehr aus ihr heraus. Da hatte er des Rätsels Lösung greifbar vor sich, aber seine geliebte Grandma schaltete auf stur. Das ärgerte ihn ungemein. Warum sollte sich die Hexe wohl irren? Diesen Eindruck hatte er nämlich nicht gehabt, als er ihr gegenübergestanden hatte. Na ja, gegenübergelegen traf die Sache besser. Aber Peters Erfolgserlebnis ließ nicht allzu lange auf sich warten. Nachdem Isabelle Feierabend hatte, besuchte sie ihn in den Stallungen, wo er seine Sorgen mit Pferdearbeit bekämpfte. Isabelle war sichtlich aufgeregt. »Komm mich nachher in meinem Zimmer besuchen«, sagte sie leise. »So in einer halben Stunde. Ich habe etwas herausgefunden.« Peter erlebte die längste halbe Stunde seines Lebens. Schließlich trat er ins Gesindehaus, wo Isabelle eine geräumige Kammer für sich allein hatte.
»Hör zu!«, forderte sie als Begrüßung. »Ich habe in der Chronik gekramt. Darin kommt tatsächlich eine Gwenllian vor.« »Und?«, fragte Peter atemlos. »Sag schon, Isabelle. Meine Grandma kennt die Hexe nämlich auch.« »Ja«, nickte Isabelle. »Sie ist eine Hexe. Gwenllian hat im 12. Jahrhundert hier auf Oxwich Manor gelebt. Sie war ein Hausmädchen, genau wie ich. Und der damalige Sir Clough ap Oxwich hat sie sich zur Geliebten erwählt. Sie musste es werden, sie hatte gar keine andere Wahl.« Isabelle schüttelte sich. »Ob Sir Clough wohl ein schöner Mann war? Puh, wenn ich dran denke, ich müsste Sir Edward zu Willen sein … Eine grässliche Vorstellung. Aber vielleicht hat Gwenllian es ja gerne gemacht? Vielleicht musste er sie gar nicht wirklich zwingen?« »Was war dann?«, drängte Peter. »Lady Mabel, Sir Cloughs Frau, hat von dem Verhältnis Wind bekommen. Die gute Mabel muss eine nicht sehr umgängliche Zeitgenossin gewesen sein. Sie hat die unschuldige Gwenllian entführen und im Verlies von Oxwich Manor Wochen lang grausam foltern lassen. Danach hat sie sie höchstpersönlich umgebracht.« »Weiter.« »Die Chronisten schreiben, dass sich Gwenllian heimlich mit Hexerei beschäftigt und kurz vor ihrem Tod einen fürchterlichen Rachefluch ausgestoßen habe. Sie wollte alle 77 Jahre wiederkehren und sich einen aus dem Geschlecht der Oxwich holen.« »Und das hat sie dann gemacht.« »Hat sie wohl. Sonst wäre sie nicht jetzt wieder aufgetaucht. Ich muss das erst noch nachlesen, wenn’s denn drinsteht in der Chronik.« Isabelle schüttelte den Kopf. »Was, um Himmel willen, will die Hexe dann von dir?« Peter sagte nichts. Nachdenklich starrte er durchs Fenster zur Pferderennbahn hinüber. Er war bisher der Meinung gewesen, seinen Vater nie gekannt zu haben. Stimmte das?
Peter dachte an die fast väterliche Behandlung, die ihm Sir Edward von Zeit zu Zeit angedeihen ließ. Eine eisige Hand krampfte sich um sein Herz. Bin ich ein Oxwich?, fragte er sich und betrachtete das kleine Goldkettchen, das er immer um den Hals trug, weil es ihm einst seine Mutter geschenkt hatte. Darauf war das Wappen derer von Oxwich eingraviert. Ich bin wohl einer. Er vertraute Isabelle seine geheimsten Gedanken an …
* Am nächsten Tag musste Peter nach Swansea fahren. In einem Reitsportgeschäft, das in der Nähe der neun Kilometer langen Docks zu finden war, tätigte er verschiedene Einkäufe und hatte anschließend noch in der Innenstadt zu tun. Nach Abschluss aller Erledigungen gönnte sich Peter noch ein gutes Essen im Cymru Inn, seinem Swanseaer Lieblingspub. Nirgendwo sonst bekam man so gute Brithyll a cig moch wie hier, nicht mal bei Grandma Del. Und Forelle mit Speck gehörte zu seinen absoluten Lieblingsessen. Als er den Fisch in sich hineinschaufelte, empfand er endlich wieder so etwas wie inneren Frieden. Einen Moment lang war die tödliche Bedrohung durch Gwenllian ganz weit weg. Als er sich auf den Heimweg machte, war es bereits dunkel. Peter fuhr die alte, wenig befahrene Küstenstraße entlang. Auf Höhe des Oystermouth Castle war plötzlich ein anderer Wagen hinter ihm, dessen Scheinwerfer ihn blendeten. »Idiot!«, fauchte Peter und blickte in den Rückspiegel. Da sah er sie! Wie hingezaubert saß sie auf dem Rücksitz – bleich, schön, nackt und grausam. Sie verzog den Mund zu einem dämonischen
Grinsen. Gleichzeitig hörte Peter ein leises, hässliches Kichern, das ihm das Blut in den Adern gefrieren ließ. Böser hatte er noch nie jemanden kichern hören. Er schrie sich die Seele aus dem Leib, aber das konnte seine Panik nicht dämpfen. Gleichzeitig riss er so stark am Steuerrad, dass der Range Rover gefährlich ins Schlingern geriet. Die Scheinwerferkegel vor ihm veranstalteten einen irren Tanz. Peter wollte sich umdrehen – um instinktiv nach der Hexe zu schlagen, die er nach wie vor im Rückspiegel sah –, musste aber doch nach vorne schauen, um das Schleudern wieder unter Kontrolle zu bekommen. Mehr als einmal kam der Abgrund der Steilküste gefährlich nahe, aber er konnte den Rover jedes Mal abfangen. Er schrie noch immer, alles ging blitzschnell. Die Hexe auf dem Rücksitz begann nun wieder, dieses unheimliche weiße Licht zu verstrahlen, das alle Ängste auf einmal weckte, die jemals in Peters Seele geschlummert hatten. Als er gegen den Felsen knallte und ihm die Hexe ihre totenstarre Klaue auf die Schulter legte, war das eins. Peter spürte starke physikalische Kräfte auf sich einwirken. Und er hatte gleichzeitig das Empfinden, das Monstrum hinter ihm würde ihm die Seele aus dem Leib reißen. Er wimmerte wie ein waidwundes Tier, als ihn der Aufprall nach vorne riss. Noch nicht, Peter, noch nicht, hörte er sie gierig flüstern. Dann folgte der Aufprall auf die Scheibe. Und der Blackout …
* Der Fahrer des nachfolgenden Wagens leistete Erste Hilfe. Aber Peter war nicht viel passiert. Die Platzwunde am Kopf schmerzte zwar, war aber nicht gefährlich. Der Range Rover war allerdings
Schrott. Peter rief in Oxwich Manor an und Sir Edward persönlich holte ihn ab. »Mach dir nichts draus, Junge«, sagte er gönnerhaft. »Blech kann ersetzt werden. Hauptsache, dir ist nichts passiert. Du machst aber einen so verwirrten Eindruck. Kann ich dir irgendwie helfen?« Er legte ihm die Hand auf die Schulter. »Nein, Sir, es geht schon wieder, danke«, murmelte Peter. Oder soll ich Vater sagen? Über die Mittagszeit des nächsten Tages traf sich Peter wieder mit Isabelle. Sie zeigte sich unendlich erleichtert, dass die erneute Konfrontation mit der Grauenhaften so glimpflich ausgegangen war und wartete mit Neuigkeiten auf. »Ich weiß jetzt einiges mehr über sie«, erzählte sie atemlos. »Lady Mabel hat Gwenllian mit einem Galgenstrick erhängt, mit dem zuvor schon ein Magier vom Leben zum Tod befördert wurde. Gwenllian könnte genau deswegen und weil sie sich mit Hexenkunst beschäftigt hatte, zur Wiedergängerin geworden sein. Tatsächlich ist sie alle 77 Jahre erschienen und hat grausam unter den Oxwichs gewütet. Ihre Opfer hat sie zuvor Wochen lang auf übelste Art und Weise gequält und sie dann umgebracht. Alle 77 Jahre wird so ein Fall in der Chronik beschrieben. Und der letzte Todesfall, der mit der Hexe in Zusammenhang gebracht wird, hat sich 1928 ereignet. Addiere 77, dann sind wir ganz heiß dabei. Es ist tatsächlich wieder ihre Zeit.« »So, so«, murmelte Peter nachdenklich. Dann ruckte plötzlich sein Kopf nach oben. »Mensch, das war mir bisher ja gar nicht bewusst. Aber meine Grandma Del muss das letzte Auftreten Gwenllians noch live mitbekommen haben. Damals war sie 14 Jahre alt. Das ist wohl der Grund, warum sie so gut Bescheid weiß.« Peter war plötzlich ganz aufgeregt, obwohl er nicht hätte sagen können, wie ihm diese neue Erkenntnis weiterhalf.
»Ja.« Isabelle nickte. »Damals hat sich die Hexe den Onkel von Sir Edward geholt, Sir Roberts Bruder Dafydd. Man fand ihn, auf einen Eisenzaun gespießt.« »Hör auf!«, verlangte Peter scharf. »Ich kann’s nicht hören. Die Frage ist doch viel eher: Können wir etwas tun, um die Hexe an ihrem Vorhaben zu hindern?« »Ich denke schon. Ich bin da auf etwas gestoßen.« »Auf was? Sag schon!« »Es ist noch nicht spruchreif, eher so eine vage Idee. Lass mir Zeit bis morgen, ja? Dann weiß ich sicher mehr. Jetzt könntest du mich allerdings noch ein Viertelstündchen verwöhnen. Willst du?«, fragte sie – und stieg auch schon aus den Kleidern. Peter wollte eigentlich nicht. Der äußerst seltsame Gedanke stieg in ihm hoch, dass ihm vielleicht seine Vilma aus dem Reich der Toten heraus helfen könnte. Aber er verwarf ihn sofort wieder. Falls Vilma tatsächlich in der Lage war, ihn zu kontaktieren, hatte sie sich sicherlich längst voller Entsetzen abgewandt. Nein, wirklich tatkräftige Hilfe konnte er sich eher von Isabelle erhoffen …
* Drei Tage lang geschah nichts mehr, was in Zusammenhang mit der schrecklichen Hexe gebracht werden konnte. Am späten Vormittag des vierten Tages sattelte Peter Samantha. Er wollte einen langen Ritt mit ihr unternehmen und sie ausgiebig galoppieren lassen. Peter war ein begeisterter Reiter, seit er vier Jahre alt war. Damals hatte ihm Sir Edward ein Pony geschenkt. Und heute war er der Einzige, dem es Sir Edward neben sich selbst erlaubte, die unvergleichliche Stute zu reiten.
Weil ich dein Sohn bin, Papa Edward?, dachte Peter und musste unwillkürlich lächeln. Klingt doch gar nicht schlecht. Peter lenkte die Stute über die grünen Hügel der Halbinsel Gower. Die Sonne schien warm und veranstaltete wunderbare Lichtspiele auf der Keltischen See, die er über die Klippenkanten sehen konnte. Weit draußen zog ein großes Schiff seine einsame Bahn. Ein leichter, nach Meersalz riechender Wind ging, den schreiende Möwen als Spielplatz zum Segeln nutzten. Alles war so hell, ruhig und friedlich. Peter atmete tief durch und lenkte Samantha hinunter zu den breiten Sandstränden, die Gower wie ein Gürtel umgeben. Sie scharrte ungeduldig mit dem Vorderhuf. Und schon ging sie los, die wilde Jagd. »Hey! Hey!«, trieb Peter sie an und beugte sich tief über den Pferdehals. Immer schneller wurde die Stute, der feine Sand unter ihren Hufen spritzte nach allen Seiten weg. Gut einen Kilometer ging es so im gestreckten Galopp. Peter genoss das Trommeln der Hufe, das im Sand dumpf klang, das rhythmische Schnauben der Stute und den stärker werdenden Geruch nach Pferdeschweiß. Das machte Spaß! Plötzlich hatte er von einem Moment zum anderen das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Sein Nacken zog sich schmerzhaft zusammen. Gefahr!, signalisierte sein sechster Sinn. Peter spürte, dass er nicht mehr alleine auf dem Pferd saß. Er spürte den Druck eines zweiten Körpers an Rücken und Gesäß. Eisige Kälte strömte auf ihn über, es stank auf einmal fürchterlich. Mit einem schrillen Schrei fuhr Peter herum. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Gwenllian hinter ihm saß, ihre langen schwarzen Haare flatterten. Ein höhnisches Lachen
verzerrte ihr Gesicht. Einen Moment lang sah Peter zwei der roten Punkte, die ihren Körper überzogen, ganz aus der Nähe. Einer lag auf dem Wangenknochen, einer auf der Stirn direkt über dem Auge. Es waren Wunden, das registrierte er trotz seiner kreatürlichen Angst genau. Im nächsten Augenblick lagen auch schon ihre Hände um seinen Hals und drückten unbarmherzig zu. Alles geschah in gespenstischer Lautlosigkeit. Peter röchelte, seine Augen traten aus den Höhlen. Die Finger der Hexe waren wie Schraubstöcke. Er schlug mit den Armen um sich und versuchte, sich aus dem Todesgriff der Unheimlichen zu befreien. Ohne die geringste Chance … Und wieder wurde das Gefühl, seine Seele zu verlieren, übermächtig in ihm. Eine furchtbarere Erfahrung als diese konnte es nicht geben. Gleichzeitig fing Samantha an, panisch zu wiehern. Sie stieg und buckelte, schlug seitlich und nach hinten aus, um das unbegreifliche Etwas loszuwerden, das sich da aus dem Nichts heraus auf ihre Hinterhand gesetzt hatte. Doch was immer die Stute auch anstellte, es klappte nicht. Peter und die Hexe dahinter saßen wie angewachsen auf dem Pferderücken fest. Der junge Mann sah bereits rote, explodierende Kreise, seine Lungen schrieen nach Sauerstoff, der aber nicht kam. Die Beklemmung in seiner Brust wurde übermächtig, er schloss mit dem Leben ab. Aus, dachte er. Plötzlich strömte der Sauerstoff wieder. Peter schnappte danach wie ein Ertrinkender, die frische Luft peinigte seine fast schon
erschlafften Lungen wie mit tausend Nadelstichen. Er japste und sah wieder etwas klarer. Gleichzeitig spürte er, wie sich Gwenllian nach vorne beugte und ihren eiskalten Mund an sein Ohr brachte. Wieder hörte er dieses leise, böse Kichern, das ihn beinahe irre machte. »Na, mein lieber Peter, wie gefällt dir das?«, flüsterte sie. »Ich kann dich holen, wann immer ich will. Bei Nacht, bei Tag, es macht keinen Unterschied.« Sie krallte die Hand in seine Haare und zog ihm den Kopf so weit nach hinten, dass es in den Nackenwirbeln knackte. Unvermittelt war die Todesangst wieder da. »Aber noch ist es nicht so weit«, fuhr sie fort. »Noch haben wir viel Zeit. Du hast noch lange nicht genug gewinselt, Peter, weißt du das? Ich will dich noch viel mehr leiden sehen. Ich will, dass deine Angst unerträglich wird, bei jedem Schritt, den du machst. Das ist mein Lebenselixier und meine Rache. Du und deine Brut, ihr müsst vor Grauen vergehen. Bis ans Ende aller Zeiten.« Unvermittelt lachte sie. Und noch immer versuchte Samantha verzweifelt, ihre böse Last loszuwerden. Sie stieß Laute aus, die Peter noch nie bei einem Pferd gehört hatte. »Warum ich?«, röchelte er und sprach damit die Hexe zum allerersten Mal direkt an. »Du irrst dich in mir, ich bin nicht der Richtige!« Er glaubte es selbst nicht. Einen Moment lang glaubte Peter so etwas wie Verblüffung bei seiner Peinigerin zu spüren. Dann lachte sie gellend, mit einem Unterton von Hysterie. »Du bist der Richtige und du weißt es auch«, antwortete sie. Von einem Moment zum anderen war Gwenllian wieder weg – und damit die unheimliche Kraft, die sie und ihr Opfer auf dem bockenden Pferd gehalten hatte. In weitem Bogen flog Peter auf den Sand. Stöhnend blieb er liegen.
Ein Stück weiter vorne sah er Samantha stehen, mit hängendem Kopf und bebenden Flanken. »Lieber Gott im Himmel«, krächzte er in den unendlichen blauen Himmel hinauf, an dem kleine weiße Wölkchen aufgezogen waren. »Wenn es dich gibt, dann beschütze mich vor diesem Monstrum, ich flehe dich an. Beschütze meine Seele!« Als Antwort formte eine größere Wolke direkt über ihm Gwenllians höhnisch lächelndes Gesicht nach. Und die berühmten Worte aus Dante Allighieris ›Göttlicher Komödie‹ brannten sich wie ein Fanal in seinen Geist: Lass alle Hoffnung fahren!
* Peter nahm Samantha am Zügel und ging nach Hause wie im Traum. Als ihn Isabelle inmitten aufgeschichteter Strohballen sitzend fand, hatte er eine halbe Flasche besten schottischen Whiskeys vernichtet und lallte nur noch vor sich hin. Zwei Eimer eiskaltes Wasser sorgten für seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Peter prustete und schüttelte sich. Seine Lebensgeister kehrten langsam wieder. Stockend erzählte er ihr, was heute Vormittag passiert war. »Es ist alles so sinnlos, ich habe keine Chance mehr«, sagte er schließlich unter schwersten Depressionen. »Was immer wir tun, sie bekommt mich doch.« »Lass dich jetzt bloß nicht hängen, Peter«, beschwor ihn Isabelle. »Glaubst du, ich mache mir die ganze Arbeit, damit du in Selbstmitleid versinkst? Ich sage dir, es gibt noch Hoffnung. Ich habe eine ganze Menge neuer Dinge herausgefunden. Vielleicht können wir der Hexe ja doch ein Schnippchen schlagen.« »So? Ich denke mal, dass meine bedauernswerten Vorgänger auch
alles Menschenmögliche versucht haben, um ihrem Schicksal zu entgehen. Und was hat es ihnen genutzt?« Er lachte sarkastisch. »Und ausgerechnet uns sollte es gelingen? Lächerlich!« »Jetzt hör mir doch erst mal zu: Du hast absolut Recht, auch deine Vorgänger haben versucht, die Hexe zu bekämpfen. Dabei haben sie sich aber nicht so memmenhaft verhalten wie du.« »Woher willst du das wissen?«, fuhr er auf. Sie hatte ihn an seiner Ehre gepackt. Isabelle lächelte. »Gwenllian hat sie alle erwischt, das ist wahr. Aber sie haben doch einiges über die Hexe herausgefunden. Und ich weiß auch das eine oder andere. Also, pass auf. Sir Dafydd, der als Letztes dran glauben musste, hat gewusst, wie man die Hexe vernichten kann. Sie muss durch die gleiche Todesart umkommen wie beim ersten Mal.« »Ach ja? Und woher hatte er seine Weisheiten?« »Er hat eines der bekanntesten übersinnlich begabten Medien seiner Zeit konsultiert. Emma Clarke bekam diese Information aus dem Jenseits. Wahrscheinlich direkt von Lady Mabel. Du weißt schon. Das ist die, die Gwenllian beim ersten Mal erhängt hat.« Peter starrte sie an wie ein Mondkalb. »Lady Mabel, ja? Na gut, ich glaube momentan alles. Es ist also ganz einfach. Wir müssen Gwenllian nur erhängen, fertig.« »Das müssten wir in der Tat.« Isabelle starrte nachdenklich vor sich hin. »Aber zuerst müssen wir noch etwas anderes tun.« Sie deutete auf das Goldkettchen seiner Mutter, das er um den Hals trug. »Das da musst du sofort ablegen. Ich weiß nämlich, dass echtes Gold Hexenkräfte ins Unendliche verstärkt, weil Gold ein typisches Hexenmetall ist. Und weil in dem Anhänger ein Stückchen deiner Lebenskraft und damit ein Stück von dir selbst steckt, solltest du es an einem heiligen Ort verstecken, damit sie es nicht weiterhin gezielt benutzen kann.« »Wie meinst du das?«
»Nun, ich denke, dass ihr der Goldanhänger an deinem Hals geholfen hat, besser zu dir zu finden. Nur so konnte sie hinter dir auf dem Pferd auftauchen. Im Gold können Hexen ihre Kräfte manifestieren und sich dadurch orientieren.« »Und so was gibt es tatsächlich«, murmelte Peter. »Aber ich beginne, dich zu verstehen. Wenn Gwenllian den Anhänger nicht mehr auf diese Art und Weise nutzen kann, könnte sie versuchen, ihn anders gegen mich einzusetzen.« Isabelle lächelte. »Bingo. Hundert Punkte. Also, das ist unsere erste kleine Maßnahme. Die zweite ist folgende …« Sie fummelte in ihrem Dekollete herum und Peter befürchtete schon das Schlimmste. Dafür wäre er momentan nun wirklich nicht in der Lage gewesen. Aber Isabelle holte einen seltsamen Gegenstand aus ihrem Ausschnitt. »Äh, ich habe es direkt auf dem Herzen getragen, um es dadurch mit positiver Energie aufgeladen.« »Was, beim heiligen Owain Glyndwr, ist das?« »Na was wohl. Ein Drudenfuß, den ich aus Schierlingskraut geflochten habe. Hexen hassen Schierling. In Form eines Drudenfußes kann er sie sogar kurzzeitig bannen. Trag ihn ab jetzt immer um den Hals.« Fast andächtig nahm Peter den magischen Gegenstand entgegen und hängte ihn sich um, nachdem er seinen Goldanhänger in der Tasche hatte verschwinden lassen. »Du gibst mir ein wenig Hoffnung zurück«, sagte er. »Danke. Aber …« Er zögerte kurz. »Warum tust du das alles für mich?« Isabelle kicherte und einen Moment lang war die Unbeschwertheit wieder eingekehrt. »Ganz einfach. Weil ich dich begehre wie nichts sonst auf der Welt, Peter Jones. Ich glaube, das habe ich dir bereits gesagt. Und damit das noch lange Jahre so bleiben kann, ist mir keine Mühe zu viel.« »Heiliger Owain Glyndwr …«
* Peter und Isabelle deponierten den goldenen Anhänger in einer Altarnische der kleinen Kirche von Port Einon. »Woher weißt du eigentlich all diese Dinge?«, fragte Peter auf dem Rückweg. »Ich meine, du hast ein riesiges Wissen über Magie und Hexen und Zaubermittel und so.« Unwillkürlich umklammerte er den Drudenfuß aus Schierlingskraut, der frei vor seiner Brust baumelte. »Weißt du, ich komme aus dem wilden Teil von Wales, aus einem kleinen Dorf in den Black Mountains. Da leben die Menschen noch ursprünglicher. Es gibt alte Leute bei uns im Dorf, die noch sehr viel über die unsichtbare Welt wissen.« Sie stockte einen Moment. »Sie wissen, dass es das Böse gibt und sie wissen, wie man es bekämpfen muss. Mein Großvater war auch so eine Art Schamane und hat mir viel erzählt.« »Hm …«, machte Peter nur. Isabelle ging mit ihm ins Fachwerkhäuschen. Sie hatten beschlossen, zusammen noch ein Bad zu nehmen. Das ging ohne Probleme, weil Grandma Del ihren abgeschlossenen Wohnbereich hatte und ihr Enkelsohn ebenso. Peter zündete Kerzen an und sorgte für heimelige Atmosphäre. Während Isabelle im Wohnzimmer zwei Cocktails mischte, ließ er das Wasser in die Badwanne laufen und zog sich dabei schon mal aus. Den Drudenfuß hängte er an den Kleiderständer. Als er sich über die Wanne beugte, um Badezusatz hinein zu geben, betrachtete er nachdenklich sein Gesicht, das sich im Wasser spiegelte. Seine Mundpartie, hatte sie nicht Ähnlichkeit mit Sir Edward? Und seine Augen: das waren doch deutlich Oxwich‐Augen. Warum war ihm das nie zuvor aufgefallen? Plötzlich spiegelte sich ihr verzerrtes Gesicht direkt neben seinem.
Peter zuckte zusammen und wollte hochfahren, er wollte schreien und um sich schlagen. Zu mehr als einem heiseren Röcheln reichte es nicht. Dann hatte ihn Gwenllian bereits gepackt und in die Wanne geworfen. Gnadenlos drückte sie ihn unter Wasser, das plötzlich eisig kalt wurde. Peter wollte sich wehren, aber ihre Kräfte waren den seinen weit überlegen. Er schnappte nach Luft, Wasser drang in seine Lungen. Er wollte husten und würgen und konnte es nicht. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er die grinsende Hexe an. Durch die Wellenbewegungen schien ihr Gesicht zu zerfließen, ihre Arme, ihr nackter Oberkörper, die roten Punkte darauf. Dumpf rauschte es in Peters Ohren. Urplötzlich ließ die Hexe ihn los. Er tauchte auf, schnappte verzweifelt nach Luft, hustete und würgte das Wasser aus den Lungen. Da er voll und ganz mit dem eigenen Überleben beschäftigt war, bekam er nur am Rande mit, dass Isabelle im Bad stand und Gwenllian ein Stück vor ihr zurück wich. Die junge Frau machte einen Schritt auf den Kleiderständer zu, schnappte sich den Drudenfuß und reckte ihn dem Monster entgegen. Damit schlug sie die Hexe endgültig in die Flucht. Gwenllian riss die Augen auf und verflüchtigte sich als feiner Nebel, der sich mit den Dampfschwaden im Bad mischte. Zehn Minuten später lag Peter erschöpft auf dem Bett. »Hast du’s gesehen?«, fragte Isabelle triumphierend. »Sie ist geflüchtet, sie hatte richtige Angst vor uns. Wir waren ihr zum ersten Mal überlegen. Ich glaube, wir sind auf dem richtigen Weg.« »Sie hatte Angst vor dir, nicht vor uns«, stellte Peter fest. »Wer, beim heiligen Owain Glyndwr, bist du?« »Isabelle Brangwyn, die Enkelin eines alten und weisen Mannes«, entgegnete sie lächelnd.
* »Grandma«, wagte Peter beim Mittagessen einen neuen Vorstoß. »Du hast mir doch neulich gesagt, dass sich diese Hexe in mir irren würde. Aber das glaube ich nicht. Ich denke vielmehr, dass sie mich deswegen angegriffen hat, weil ich in Wirklichkeit ein Oxwich bin.« Wie immer, wenn sie erstaunt war, schob Großmutter Delyth ihre Brille auf die Nasenspitze. Nach einigem Zögern sagte sie: »Du willst ein Oxwich sein, mein Junge? Seltsamer Gedanke. Wie kommst du nur darauf?« Peter erzählte ihr von der Vorzugsbehandlung, die der derzeitige Herr von Oxwich Manor ihm seit Jahren angedeihen ließ. »Ich bin mir ganz sicher, dass ich Sir Edwards Sohn bin. Meine Mutter war seine Geliebte«, fuhr er fort. »Weißt du davon? Auf jeden Fall musst du mir endlich sagen, was du über die Hexe weißt. Vielleicht ergibt sich daraus etwas, mit dem ich das Monstrum bekämpfen kann. Sonst ermordet es mich.« Er berichtete Grandma Del von den weiteren Angriffen der Hexe, die er ihr bisher verschwiegen hatte. Und wieder nahm Großmutter Delyths altes Gesicht eine ziemlich ungesunde Farbe an. »Nein, es ist nicht möglich. Gwenllian irrt sich, ganz sicher. Du kannst nicht Sir Edwards Sohn sein, das ist völlig unmöglich.« »Ach ja. Und warum? Meine Mutter war eine sehr schöne Frau.« Grandma Del nickte. »O ja, das war sie. Und sie hatte viele Männer. Leider Gottes zu viele. Aber Sir Edward war nicht darunter. Ich verrate dir jetzt ein Geheimnis, Junge, das nur wenige hier wissen. Sir Edward ist …« Sie senkte unwillkürlich ihre Stimme und verzog den Mund, als rede sie über etwas ganz und gar Abscheuliches. »Sir Edward ist durch und durch homosexuell. Er
hat sein ganzes Leben lang noch niemals eine Frau angesehen, geschweige denn angefasst, wenn du … äh … wenn du weißt, was ich meine.« Peter starrte sie an wie einen Geist. Er schluckte schwer. Sir Edwards deutliche Zuneigung zu ihm, seine vielen ›väterlichen‹ Berührungen … Das war anders gemeint! »Aber, aber … Lady Amalia«, stammelte er und war jetzt völlig durcheinander. »Sie sind doch verheiratet.« Großmutter Delyth nickte. »Sir Edward ist die Ehe nur eingegangen, um den gesellschaftlichen Schein zu wahren. Lady Amalia war einverstanden, weil sie dafür mit einem Leben in Luxus abgefunden wird. Du bist kein Oxwich, mein Junge. Und du solltest künftig aufpassen, wenn dich Sir Edward mal wieder bevorzugt behandelt.« Dieser Rat war angesichts seines bevorstehenden Todes sicher gut gemeint, aber höchst überflüssig. »Wenn ich kein Oxwich bin, warum greift mich die Hexe dann an?«, überlegte Peter laut. »Ich weiß es nicht, mein Junge. Ich weiß nur, dass sie sich irrt.« Danach forschte Peter viele Stunden im Internet. »Heiliger Owain Glyndwr!«, flüsterte er irgendwann. Es lief ihm eiskalt über den Rücken …
* »Ist das wirklich wahr?«, kicherte Isabelle. »Sir Edward ist schwul? Dann bist du also doch kein Oxwich? Irgendwie schade. Das hat mir einen noch größeren Kick gegeben … Jetzt schau nicht so, das war doch nur ein Scherz. Damit bleibt die Frage, was dann Gwenllian von dir will. Ich glaube auf jeden Fall nicht, dass sie sich irrt. In
diesen Dingen irren Hexen eigentlich niemals. Warum auch immer sie gerade dich will, sie wird nicht von dir lassen. Deswegen müssen wir sie weiterhin bekämpfen.« »Aber wie bloß?« »Nicht verzagen, Isi fragen. Ich habe mir da einen Plan zurechtgelegt. Heute Nacht war ich in den Verliesen von Oxwich Manor …« Peter runzelte die Stirn. »Wo warst du?« »In den Verliesen. Ich habe die alte Folterkammer gesucht und gefunden. Du wirst es nicht glauben, aber da drinnen hängt tatsächlich noch der Galgenstrick, mit dem Lady Mabel einst Gwenllian erhängt hat.« »Woher willst du das so genau wissen?« »Ich spüre … ich meine, welcher sollte es sonst sein«, verbesserte sie sich schnell. Peter sah sie seltsam an. »Ich denke mal, dass uns das irgendwie nützt, so, wie ich dich seit Neustem kenne.« »Bingo. Hundert Punkte. Mein Plan ist ganz einfach. Wir locken Gwenllian in die Folterkammer und hängen sie dort erneut auf.« »Das meinst du so, wie du es sagst, oder?« »Klar, mein Lieber«, bestätigte Isabelle. »Ich habe meinen Vater angerufen. Er versteht auch ein bisschen was von magischen Gesetzmäßigkeiten. Und er hat mir ein todsicheres Mittel verraten, wie man eine Hexe anlocken kann. Man kann Zwang auf sie ausüben, dem sie sich nicht widersetzen kann.« »Und was braucht man dazu?« »Fledermausblut.«
*
Wie schon zuvor, erfolgte auch die nächste Attacke der Hexe wie aus dem Nichts. Peter kam gerade aus Swansea, wo er sich den ganzen Morgen aufgehalten hatte, um ein Juweliergeschäft und einen Pfarrer zu besuchen. Er war gerade aus dem Auto gestiegen, als er hinter sich ein leises Zischen hörte. Erschrocken fuhr er herum und sah das, was er erwartet hatte. Vier Schritte vor ihm stand die nackte, alabasterweiße Hexe im Schatten der Scheune und fletschte die Zähne wie ein Wolf. Das Zischen wurde zu einer Art Knurren. Peter nestelte am Kragen, um den Drudenfuß aus dem Hemd zu ziehen. Er war jedoch viel zu langsam. Blitzschnell war Gwenllian bei ihm und packte ihn an den Oberarmen. Ihr dämonisches Gesicht war jetzt ganz nahe an seinem, der pestilenzartige Gestank, der von ihr ausging, raubte ihm den Atem. Und diese unglaubliche Kälte, die sie verströmte, schien sogar die Sonnenhitze fressen zu können. Er starrte in Gwenllians pechschwarze Augen und glaubte, durch sie direkt in die Hölle zu fallen. Und doch nicht dort anzukommen, weil der Fall eine Ewigkeit lang dauerte. Peter zitterte und schrie vor Grauen, er konnte nicht anders. Da fühlte er sich auch schon hochgehoben. Die Hexe flog mit ihm aufs Scheunendach und brauchte dazu noch nicht einmal einen Besen. Auf dem Dachfirst schüttelte sie ihn so kräftig durch, dass er glaubte, sein Genick würde brechen. Verzweifelt versuchte er, an den Drudenfuß zu gelangen. Die Hexe ließ ihm keine Chance. Sie lachte wild – und stieß ihn plötzlich von sich. Peter knallte auf die Dachschindeln, rutschte auf der Schräge nach unten, wollte sich festhalten, überschlug sich und verpasste die Dachkante, nach der er im Vorbeirutschen greifen wollte. Plötzlich gab es nur noch freien Fall.
Und gute sieben Meter unter ihm den gepflasterten Hof … Jetzt hat sie mich, dachte er panisch, als sich der Boden rasend schnell näherte. Kurz vor dem Aufprall schloss er die Augen – und fühlte sich plötzlich hart an der Hüfte gepackt. Gleichzeitig spürte er wieder diese höllische Kälte und den Würgereiz erzeugenden Gestank. Gwenllian hatte ihn kurz über dem Boden abgefangen und warf ihn brutal in ein Gebüsch. »Nein, mein liebes Opfer, auch heute noch nicht«, säuselte sie. »Noch macht mir das Spielen mit dir zu viel Spaß. Aber das könnte schon das nächste Mal anders sein. Bereite dich also langsam auf deine Höllenfahrt vor, Peter Jones. Ich bin unbesiegbar, denn mit mir ist der Teufel, die stärkste Macht des Universums.« Und weg war sie …
* Peter drängte Isabelle, sofort etwas zu unternehmen, aber die junge Frau blieb gelassen. »Wir müssen etwas warten, die Sterne stehen noch nicht günstig für uns«, sagte sie. »Und ich glaube nicht, dass sie dich bereits beim nächsten Mal töten wird. Denn sie quält ihre Opfer über viele Wochen hinweg. So, wie es Lady Mabel einst auch mit ihr gemacht hat. Außerdem muss ich noch etwas besorgen.« Zwei Tage später war es so weit. »Heute Nacht gilt es«, sagte Isabelle zu Peter. »Heute Nacht wird sich entscheiden, ob wir die Hexe besiegen können.« Eine Stunde vor Mitternacht trafen sie sich bei den Klippen. Das Wetter hatte umgeschlagen, es war bewölkt und nieselte leicht. Dementsprechend war es ziemlich finster. Als Peter dort ankam, war Isabelle bereits da. Sie war genauso
dunkel angezogen wie er selbst. Schemenhaft sah er, dass sie etwas in den Händen hielt, ein Säckchen oder etwas in der Art. »Warum gerade hier?«, wollte Peter wissen. »Wirst du gleich sehen. Komm!« Sie zog ihn hinter sich her. Zwischen zwei steilen Klippen ließ sie eine Taschenlampe aufflammen. »Was, beim heiligen Owain Glyndwr, ist das?« Peter starrte verblüfft auf die hölzerne Falltür, die dort in den Boden eingelassen war. »Ein uralter Geheimgang, den die Herren von Oxwich wohl einst als Fluchtgang angelegt haben«, klärte ihn Isabelle auf. »Ich habe ihn heute Abend schon mal etwas freigelegt. Du musst jetzt nur noch den Deckel hochheben, das schaffe ich nicht alleine.« »Aber … aber, das ist doch nicht möglich. Ich habe mein ganzes Leben hier verbracht und keine Ahnung von diesem Geheimgang gehabt. Und ich wette, jeder andere hier auch nicht. Wie konntest du ihn so einfach finden?« »Einfach? Das war es nicht, das kannst du mir glauben. Ich sagte dir ja, dass ich in den Verliesen war. Aber sollen wir uns hier verplaudern oder doch lieber dein Leben retten?« »Schon gut«, murmelte er. Wie, beim heiligen Owain Glyndwr, konnte Isabelle von dem Gang wissen? Peter wuchtete die vermoderte Falltür hoch. Durch einen uralten, gemauerten Gang, von dessen Wänden das Wasser tropfte und in dem zahlreiche Ratten unterwegs waren, drangen sie in Richtung Oxwich Manor vor. Die Luft war schlecht, ließ sich aber atmen. Wahrscheinlich gab es verborgene Lüftungsschächte. Dann riss der Lichtkegel der Taschenlampe mächtige Steinquader aus der muffigen Finsternis. Überall hingen Spinnweben in den Ecken, deren Besitzerinnen sich in der unverhofften Lichtflut schleunigst versteckten.
Mit traumwandlerischer Sicherheit führte Isabelle Peter durch einen schmalen, flachen Gang, an dem sich der junge Mann mehr als einmal den Kopf stieß. Dann traten sie durch eine Tür am Ende des Ganges. Isabelle ließ die Taschenlampe kreisen. »Wow«, entfuhr es Peter, der in diesem Teil von Oxwich Manor noch niemals zuvor gewesen war. Der Lichtkegel riss allerlei fürchterliche Folterinstrumente aus der Finsternis. Peter konnte ein Würgeeisen erkennen. Daneben stand eine Streckbank, auf der kreuz und quer diverse Zangen und Brandeisen lagen. Überall waren dunkle Flecken zu sehen, wohl das Blut der bedauernswerten Opfer. Ob auch Gwenllians Blut dabei ist?, fragte sich Peter. Es gab zudem ein leeres Kohlebecken, alte, verrostete Messer und Spieße und – Peter stockte fast der Atem – eine echte ›Eiserne Jungfrau‹. Dabei handelte es sich um eine Art Sarg, bei dem die Innenseite des Deckels mit lauter langen, spitzigen Eisendornen besetzt war, die fast bis zum Boden reichten. Wehe dem Menschen, über dem sich dieser Deckel geschlossen hatte. Momentan war das Mordinstrument allerdings geschlossen. Peter starrte auf die Vorderseite, die einer nackten Frau nachempfunden war, deren Gesicht sich gerade zu einem furchtbaren Schrei verzog. So richtig schauderte es ihn aber erst, als er die Galgenschlinge bemerkte, die von einem Holzbalken baumelte. Isabelle legte derweil das Säckchen auf den Boden. Peter hatte das Gefühl, als bewege sich etwas darin. Dann holte sie zehn Kerzen aus einer Tasche, entzündete sie nacheinander und klebte sie mit dem entstehenden Wachs auf dem Boden fest. Peter erkannte das Muster sofort. Es entsprach dem Drudenfuss aus Schierling, den er umhängen hatte. Fünf Kerzen bildeten die Spitzen dieses uralten, Dämonen bannenden Symbols, das auch als
Pentagramm bekannt war, fünf Kerzen standen dort, wo sich die Linien des Drudenfusses überkreuzten. Peter zog ihn in Gedanken nach und kam zu dem Ergebnis, dass Isabelle verblüffend genau arbeitete. Sie malte mit Kreide einen Kreis direkt ins Zentrum des Drudenfusses. »So«, sagte sie schließlich. »Unser Schutzkreis ist fertig. Darin muss die Hexe erscheinen. Und sie wird uns nicht angreifen können.« Isabelle öffnete das Säckchen, das sie mitgebracht hatte. Im unheimlich flackernden Kerzenlicht sah Peter, dass sie plötzlich eine wild zappelnde Fledermaus in der Hand hielt. Gleichzeitig stellte sie eine kleine Schüssel auf den Boden, die wohl auch im Säckchen gewesen war. Ohne zu zögern riss Isabelle dem Tierchen den Kopf ab. Peter wurde fast schlecht, als er das Fledermausblut in die Schale rinnen sah. Er enthielt sich aber jeglicher Bemerkung. Aus der Hosentasche holte Isabelle einen weißen Zettel, den sie in den gemalten Kreis legte und glatt strich. »Jetzt wird es ernst«, sagte sie. »Tauch deinen Finger in das Fledermausblut und schreibe Gwenllians Namen auf das Papier. Dann tritt blitzschnell zurück. Das ist nämlich ein mächtiger Zauber, dem sich die Hexe nicht widersetzen kann. Sie wird umgehend hier auftauchen. Kriegt sie dich zu fassen, bist du tot.« Peters Herz raste wie nie zuvor. Er tauchte seinen zitternden Finger in das noch warme Fledermausblut und schrieb. Vier Mal musste er den Vorgang wiederholen, dann prangte der Name Gwenllian auf dem Zettel. Etwas Blut war noch übrig. Blitzschnell trat Peter zurück. Die Blutbuchstaben schienen nach allen Seiten auseinander zu fließen. Feiner Nebel bildete sich im Kreis, der sich umgehend verdichtete. Aus den Schemen formte sich Gwenllians Körper. Die Hexe gebärdete sich wie irr. Sie tobte und schrie und drohte
den beiden Menschen furchtbarste Höllenqualen an. Peter wäre am liebsten weggerannt, blieb aber stehen, als er sah, wie ruhig Isabelle blieb. »Fluch du nur, Hexe«, sagte die junge Frau. »Wir haben dich und das weißt du. Du kommst nicht mehr hier weg, bis das Fledermausblut völlig getrocknet ist. Diese Zeit sollte uns aber reichen.« Isabelle nahm das restliche Fledermausblut und bestrich damit die Henkersschlinge. »Was tust du da?«, kreischte Gwenllian und tobte gegen den magischen Bannkreis an. Vergeblich. Kaum klebte das letzte Tröpfchen Fledermausblut am Henkersstrick, begann dieser blutrot zu leuchten. Gleichzeitig ging das Kreischen der Hexe in ein irres Brüllen über. Peter beobachtete fasziniert, wie ein Sog entstand, gegen den sie sich stemmen wollte. Aber dieses Mal war sie die Schwächere. Ganz langsam schwebte sie zur Schlinge empor, die nun grellrot strahlte. Als Gwenllian die Schlinge erreicht hatte, legte sich diese wie von selbst um ihren Hals und zog sich zu. Die Hexe zuckte noch ein paar Mal, ihre Augen quollen aus den Höhlen, desgleichen ihre Zunge aus dem Mund. Endlich hing sie still und das grellrote Leuchten des Henkersstrickes erlosch abrupt. »Jaaaa!«, jubelte Isabelle und veranstaltete einen wahren Veitstanz. »Ich hatte Recht. Sie musste sich auch dem zweiten Blutzauber beugen, den Rest hat die magisch aufgeladene Schlinge von alleine erledigt. Du weißt, man hat damit schon mal einen Magier erhängt. Du bist frei, Peter, frei. Sie kann dir nie wieder etwas tun, der Fluch ist gebrochen.« Peter konnte es noch gar nicht richtig glauben. Vorsichtig umarmte er Isabelle, die ihn fest an sich drückte und lachte.
»Was ist los, Peter?«, fragte sie, als sie seine Zurückhaltung registrierte. »Freust du dich gar nicht? Wir haben sie besiegt!« »Doch, natürlich, ich bin nur … sprachlos vor Glück.« Dann begann auch er zu lachen und beide drückten und umarmten sich. Peter reckte beide Arme in die Höhe und sah nach oben. »Frei!« Er erstarrte mitten in der Bewegung, seine Arme fielen herab. Mit Isabelle ging eine erschreckende Verwandlung vor sich. Ihre Gestalt verschwamm, formte sich um zu einem alabasterweißen Körper, der von zahlreichen roten Flecken bedeckt wurde. Gleichzeitig löste sich der Körper in der Henkersschlinge auf. Gwenllian stand vor ihm und lachte derart schauerlich, dass sich das Echo vielfach in dem düsteren Verlies brach und Peter fast körperlich peinigte. Wie vom Blitz gefällt sackte er zusammen. Leise wimmernd blieb er auf dem Boden liegen. »Deine Zeit ist nun gekommen, mein liebes Opfer«, sagte Gwenllian sanft. »Ich werde dich jetzt töten, Peter Jones. Du hattest niemals eine Chance, mir zu entkommen. Weißt du, dass ich deine Vilma getötet und dann als Isabelle deren Stelle in Oxwich Manor eingenommen habe? Und weißt du auch, warum?« Gwenllian starrte höhnisch auf das zitternde Bündel Mensch zu ihren Füßen. »Schon damit habe ich angefangen, dich zu quälen, weil du meinen Verführungskünsten erlegen bist, ohne es zu wollen. Hauptsächlich aber sollte Isabelle dir Hoffnung machen, deinem Schicksal entkommen zu können. Du solltest glauben, dass dich Isabelle mit ihrem umfangreichen magischen Wissen doch noch retten kann. Und als du mich dann am Galgenstrick hängen sahst und dich gerettet glaubtest, habe ich dich endgültig ins Nichts gestoßen. Dieses grausame Spiel der zerstörten Hoffnungen hat damals auch Lady Mabel mit mir getrieben und so tue ich es nun mit meinen Opfern.« »Aber du und Isabelle ihr seid doch gleichzeitig aufgetreten«, flüsterte Peter.
»Ein kleiner Trick, weiter nichts. In meiner Gestalt als Isabelle kann ich jederzeit einen Geistkörper entstehen lassen, der mich in meiner wahren Pracht und Herrlichkeit zeigt.« »Aber warum ich, Gwenllian, warum ich? Ich bin kein Oxwich!« »Natürlich bist du einer. Du warst nur zu dumm, es zu erkennen. Deine Großmutter hatte einst ein Verhältnis mit Sir Robert. Daraus ging deine Mutter hervor, die also Sir Edwards Halbschwester war. Das hat nie jemand gewusst. Außer mir. Und nun genug geredet. Fahr zur Hölle, Peter Jones!« Gwenllian beugte sich zu ihm hinunter, um ihn langsam zu erwürgen. Peter zog etwas aus der Tasche, drückte es ihr gegen die Stirn und – jetzt war es die Hexe, die übergangslos zusammenbrach. Peter nahm das Eichenblatt, das er mit echtem Gold hatte überziehen lassen und hängte es der Hexe um. Gwenllian war zwar bei Bewusstsein, konnte sich aber nicht rühren. Hasserfüllt starrte sie ihn an. Er atmete durch. »Weißt du, Hexe, ich bin auch ein ganz guter Schauspieler. Und ich hatte schon längst Verdacht geschöpft, dass etwas nicht stimmt. Es waren mehrere Dinge, die mich misstrauisch gemacht haben.« Peter verschob das goldene Eichenblatt so, dass es direkt auf dem Herzen der Hexe lag. »Weißt du, ich habe die Oxwich‐Chronik auch schon gesehen. Sie ist in einem derart altertümlichen Keltisch geschrieben, dass es heutzutage nur noch Schriftgelehrten möglich ist, sie zu lesen, aber nicht einem einfachen Hausmädchen. Zudem ist die Chronik normalerweise weggeschlossen. Nur ganz wenige Personen kommen an sie heran. Tja und selbst wenn man sie lesen könnte, dann wäre es einem normalen Menschen, zumal wenn er fremd ist, schlichtweg unmöglich, ihr in derart kurzer Zeit all die Details über die Hexe Gwenllian zu entnehmen, wie das Isabelle getan hat. Und von dem Henkersstrick in der Folterkammer hätte sie schon gar
nichts wissen dürfen, weil die Oxwichs die Verliese fürs Personal gesperrt haben. Zudem hat Isabelle ungeheures Wissen um magische Zusammenhänge gehabt.« Er dachte einen Moment lang nach. »Ich habe mich selbst im Internet informiert und bin dabei auf Ungereimtheiten gestoßen. Warum hatte mir Isabelle Schierlingskraut als Hexenabwehrmittel angetragen, obwohl Schierling ein Kraut ist, das Hexen gerne zum Zaubern verwenden? Jetzt ist es mir klar: Du wolltest dich bei deinem Spielchen hier unten nicht selber schwächen, Hexe. Und warum hat Isabelle darauf gedrängt, dass ich das goldene Kettchen meiner Mutter ablege? Nicht, weil es die Hexenkräfte verstärkt, sondern weil es sie im Gegenteil behindert. Ja, Hexe, ich weiß das jetzt alles. Gold ist ein Sonnenmetall und gilt als optimales Abwehrmittel gegen finstere Mächte. Vollends misstrauisch bin ich geworden, als Isabelle mir erzählte, Gwenllian sei von Lady Mabel aufgehängt worden. Dabei weisen doch die vielen Wunden an deinem Körper eindeutig darauf hin, dass sie dich in einer Eisernen Jungfrau umgebracht hat. Ich schätze mal, in dieser hier.« Er deutete zu dem Mordinstrument hinüber. »Seit ich das hier unten gesehen habe, bin ich mir völlig sicher. Jetzt ist mir urplötzlich auch klar, warum du die Komödie, die mir den endgültigen Sieg über dich vortäuschen sollte, mit dem Galgenstrick abgezogen hast. Hättest du mir nämlich deinen zweiten Tod in der Eisernen Jungfrau demonstriert, wäre er tatsächlich eingetreten. Ich schätze mal, dass die Information dann wohl richtig ist, dass du ein zweites Mal durch die gleiche Todesart umkommen musst.« Der Hass in Gwenllians Augen explodierte. Gleichzeitig glaubte Peter, so etwas wie Angst darin zu sehen. »Also, ich habe Isabelle für deine Helferin gehalten, du Ungeheuer. Dass ihr beide ein‐ und dieselbe Person wart, konnte ich nicht ahnen. So habe ich mir vorsichtshalber dieses goldene Eichenblattamulett machen und weihen lassen. Schließlich gilt neben Gold auch das Eichenblatt als Abwehrmittel gegen Hexen. Damit wollte ich mich so gut wie
möglich schützen, weil ich mir schlussendlich nicht wirklich über Isabelles Rolle im Klaren war.« Peter schaute Gwenllian in die Augen. »Es wird Zeit, du Monstrum, dass wir den Spieß umdrehen. Ich sehe, dass dich das Eichenblatt nicht mehr lange bannen kann. Du kannst schon wieder deine Finger bewegen.« Rasch trat er zur Eisernen Jungfrau und wuchtete den Deckel auf, der sich zwar mit einem schauerlichen Quietschen, aber überraschend leicht öffnen ließ. Die Kerzen flackerten jetzt stärker und malten unheimliche Schattenmuster an die Wände. Einen Moment glaubte Peter, all die verdammten Seelen, die die Hexe auf dem Gewissen hatte, seien zu Gwenllians Totentanz angetreten. Mit rasendem Puls fasste Peter die Hexe unter den Armen und schleppte sie zur Eisernen Jungfrau. Es war ihm, als hätte er ein Stück Eis in den Händen. Er keuchte und stöhnte, aber er schaffte es. Gwenllian in die Eiserne Jungfrau zu wuchten war das geringere Problem. Noch immer konnte sich die Hexe nicht richtig bewegen. Immerhin schaffte sie es, ihre Finger zu Klauen zu formen. Ihre Augen waren nur noch zwei Seen aus purer Todesangst. Jetzt wusste Peter endgültig, dass er richtig lag. Er atmete tief durch – und ließ er den Deckel der Eisernen Jungfrau fallen. Ein hässliches, durchdringendes Geräusch ertönte, als sich die Eisendornen in das Hexenfleisch bohrten. Gleichzeitig ertönte ein derart grässlicher Todesschrei, dass Peter einen winzigen Moment lang bewusstlos wurde. Er sah gerade noch, wie sich eine Nebelwolke aus der Eisernen Jungfrau löste, sich in sich selbst verdrehte und in einem Lichtblitz verging. Als der junge Mann vorsichtig den Deckel wieder öffnete, lag eine schwarz verkohlte Mumie darin, die nun vollends zu Staub zerfiel. Peters Anspannung löste sich in einem Weinkrampf. Er hatte den
Fluch besiegt … ENDE