Science Fiction Ullstein Buch Nr. 31036 im Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M - Berlin - Wien Titel der Originalausgabe:...
55 downloads
1185 Views
667KB Size
Report
This content was uploaded by our users and we assume good faith they have the permission to share this book. If you own the copyright to this book and it is wrongfully on our website, we offer a simple DMCA procedure to remove your content from our site. Start by pressing the button below!
Report copyright / DMCA form
Science Fiction Ullstein Buch Nr. 31036 im Verlag Ullstein GmbH, Frankfurt/M - Berlin - Wien Titel der Originalausgabe: HIGH DESTINY Aus dem Englischen übersetzt von Klaus Weidemann Umschlagillustration: Blair Wilkins Alle Rechte vorbehalten Copyright © 1973 by Dan Morgan Printed in Germany 1982 Gesamtherstellung: Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh ISBN 3 548 31036 2 Januar 1982
CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek Morgan, Dan: Herrscher der 13 [dreizehn] Welten / Dan Morgan. [Aus d. Engl. übers, von Klaus Weidemann]. - Frankfurt/M; Berlin; Wien: Ullstein, 1982. (Ullstein-Buch; Nr. 31036: Ullstein 2000: Science Fiction) Einheitssacht.: High destiny
ISBN 3-548-31036-2 NE:GT
-1-
Dan Morgan
Herrscher der dreizehn Welten Roman Dieses E-Book ist Freeware und nicht für den Verkauf bestimmt
Herausgegeben von Walter Spiegl Science Fiction scanned by: crazy2001 corrected by: stumpff -2-
Für Gordon O. und John P., die dabei waren, als diese Geschichte begann.
-3-
»Die Setzlinge sind nun ausgewachsen -. Von geradem Wuchs, schön anzuschauen, Jeder des andern Zwilling, Stehen sie tapfer im Sonnenlicht, Doch des Schnitters Messer ist nahe.« Isere Das Lied Annriths, der Schönen
Erster Teil HALDOR
l Haldor, der Herrliche – auch als »der Unsterbliche« bekannt –, Kaiser der Dreizehn Welten. Der Überlieferung zufolge regierte Haldor von Belphar aus, dem dritten Planeten des Marischinisystems, über eine Zeitspanne von etwa drei Jahrhunderten nach dem Zusammenbruch des Ersten Imperiums (vgl. Majestät Annrith, die Schöne). Die Unterlagen aus diesem Zeitabschnitt sind bekanntlich unzuverlässig, und obgleich an der Existenz einer Person wie Haldor kein Zweifel bestehen kann, hält man es doch für wahrscheinlicher, daß seine angebliche Unsterblichkeit sich am besten durch die Theorie erklären läßt, daß eine Anzahl Herrscher auf ihn folgten, welche bei der Thronbesteigung jeweils den Namen Haldor übernahmen. Es ist gemeinhin bekannt, daß das unwissende gemeine Volk dieses dekadenten Zeitalters nur zu gern an solche »Zaubereien« und »Wunder« glaubte. Eliphas Lilie FINSTERE TAGE DES IMPERIUMS GALACTIC PRESS DE. 8675
-4-
»Bei den Göttern! Ich dachte schon, sie gingen überhaupt nicht mehr«, sagte Lingard, als sich die Tür hinter dem letzten säumigen Höfling schloß. »Ich hatte vergessen, wie sehr einem diese Katzbuckelei auf die Nerven gehen kann. Auf den äußeren Welten ist man nicht so förmlich.« Er ließ sich auf einem goldgrün gewirkten Polsterstuhl nieder, der zierlich wirkte im Vergleich zu seinem massigen Körper, und schenkte sich aus einer Kristallkaraffe Wein in einen Kelch. Haldor blieb am offenen Balkonfenster stehen. Am westlichen Horizont wich das Rot des Sonnenuntergangs einer purpurnen Abenddämmerung. Tantar, der kleinere von Belphars zwei Monden, war schon sichtbar und zog seine Bahn, die ihn von Nord nach Süd am Himmel entlanghuschen ließ. Der Palast, hoch oben auf dem Berg erbaut, welcher Largol, die Hauptstadt, überblickte, ruhte auf einem Sims, der aus dem gewachsenen Fels herausgehauen war, und grenzte hinten an eine Steilklippe aus rotem Sandstein, die tausend Meter hoch ragte. In den Tagen des alten Imperiums war er das Heim des Vizekönigs des Reichs gewesen und hatte als uneinnehmbar gegolten. Bis zu jener Nacht, als er, Haldor, fünfhundert ausgesuchte Kämpfer die unbezwingbare Klippe hinabgeführt und die Festung von innen angegriffen hatte. Der Überfall auf den Palast, unterstützt von Lingards Ablenkungsmanöver vor den Haupttoren, hatte zum Erfolg geführt, doch es war nur ein Schritt in dem langen Kampf gewesen, das System vom Joch des Imperiums zu befreien. In der Dämmerung flackerten nun die Lichter von Largol auf. Leuchtstreifen folgten den gewundenen, terrassierten Straßen, die zwischen alten würdevollen Gebäuden hinunter zum Hafen führten. Aus den vielfältigen Gerüchen der Stadt spürte Haldor den angenehm frischen Duft des Meeres heraus. Weit draußen in der Bucht konnte er das grelle Leuchtfeuer sehen, das die Insel Sardnat war, der wichtigste Raumhafen auf dem Planeten. Sowohl Stadt als auch Raumhafen waren schon uralt gewesen, als er und Lingard in der Blüte ihrer ersten Jugend dem sterbenden, aber noch machtvollen
-5-
Imperium den Kampf angesagt hatten. Über mehr als dreißig blutige Kriegsjahre hinweg hatten sie ihre Kräfte in diesen Kampf gesteckt, hatten Schulter an Schulter gefochten, jeder dem anderen ein dutzendmal das Leben gerettet. Und jetzt – Haldor unterdrückte den Anflug von Traurigkeit, der seine Entschlossenheit zu erschüttern drohte, und wandte sich seinem alten Kameraden zu. »Es ist schön, dich wieder hier zu haben«, sagte er. »Du warst viel zu lange fort.« »Bin den Geschäften meines Kaisers nachgegangen. Und hin und wieder meinen eigenen – die Frauen von Eristar sind übrigens immer noch so talentiert. Du hättest dabeisein sollen.« Haldor musterte Lingard, der einen tiefen Schluck aus dem Weinkelch nahm. Lingard war ein kraftstrotzender Riese von einem Mann, mit dem Appetit eines solchen. Er liebte die sinnlichen Dinge des Lebens und war zugleich von einer solchen Arglosigkeit beseelt, daß er seinen Gelüsten frönen konnte, ohne sichtliche Gewissensbisse dabei zu verspüren. Von Lingard durfte man nicht erwarten, Schuld wegen seiner ausschweifenden Lebensweise zu empfinden; das war ebenso sinnlos wie einen Löwen zu schelten, weil er ein Reh gerissen hatte. Es lag halt im Wesen des Tiers. Ich dagegen, dachte Haldor, mache mir vielleicht mehr Gewissensbisse als nötig, mehr, als ein Kaiser bequem mit leben kann. Und eben weil er soviel Sensibilität besaß, fiel ihm nicht leicht auszusprechen, was faktisch ein Todesurteil für seinen ältesten Kameraden und teuersten Freund war. Lingard leckte sich die Lippen. Eine riesenhafte Gestalt, das gewohnte Grinsen aufgesetzt, mit dem immer noch kohlrabenschwarzen Bart, der von seiner rosigen Gesichtshaut abstach, war er ein Mann der Tat in der Blüte seiner Jahre. Haldor fiel es schwer, sich diesen großen, bärenstarken Körper welk und vom Alter gebeugt vorzustellen. Schwieriger noch, sich auszumalen, wie der Alterungsprozeß sich auf den Verstand eines Mannes auswirken mochte, der immer so stolz
-6-
auf die Leistungsfähigkeit und Kraft dieses Körpers gewesen war. »Und du? Wie ich höre, warst du auch nicht gänzlich untätig im Schlafgemach während meiner Abwesenheit«, sagte Lingard. »Was ist das für ein Gerede von einer Heirat? Ich hätte nicht gedacht, daß ein verschlagener alter Fuchs wie du die Freuden des Abwechslungsreichtums irgendeiner politischen Liaison opfern könnte. Du überraschst mich nach all den Jahren.« »Meine Heirat hat nichts mit Politik zu tun«, entgegnete Haldor ruhig. »Dann muß diese Frau ja etwas ganz Besonderes sein. Ich brenne darauf, sie kennenzulernen. Ist sie hier im Palast?« Haldor nickte. »Alles zu seiner Zeit. Im Moment müssen du und ich eine Sache besprechen, die sich zwangsläufig auf unser beider Zukunft auswirken wird.« Lingard furchte die Stirn. »Du hast recht, ich war zu lange fort. Du fängst an, dich so rätselhaft wie Folcho und seine Bande auszudrücken. Vorgeplänkel dieser Art gibt es normalerweise zwischen uns nicht.« Der Vorwurf zwang Haldor, endlich zur Sache zu kommen. »Ich wollte mit dir über den Transfer reden«, sagte er. Lingards Augen weiteten sich, dann lachte er schallend. Als er sich wieder beruhigt hatte, sagte er: »Das steckt also dahinter, du alter Bock! Deshalb druckst du so herum. Du willst dich für diese Heirat in Schale werfen, in einen neuen, zwanzig Jahre alten Körper schlüpfen.« Er zuckte die Achseln. »Nun, ich kann dich deswegen nicht tadeln. Wenn deine Zukünftige etwas so Besonderes ist, wird sie das Kompliment zu schätzen wissen. Außerdem gibt es da noch etwas. Mein Eindruck von Paradon heute abend war, daß er die Operationen nicht mehr lange wird durchführen können. Je eher wir sie also hinter uns bringen, desto besser. Ich nehme an, du möchtest, daß ich mich auch diesmal als erster zur Verfügung stelle, um sein Können zu testen?« Es war ausgesprochen typisch für Lingard, die Situation auf
-7-
diese Weise aufzufassen und seine arglosen Witze darüber zu reißen. »Nein, Lingard, du verstehst mich falsch. Was ich dir sagen wollte, ist, daß es für keinen von uns beiden einen zweiten Transfer geben wird.« Das breite Grinsen auf Lingards Gesicht erstarb. »Ich verstehe nicht. Hat sich Paradon geweigert, die Operationen auszuführen?« »Nein. Wenn ich sie ihm befehle, würde er sich nicht weigern«, erwiderte Haldor. »Ich bin jedoch zu der Auffassung gekommen, daß eine zweite Transferoperation aus mehreren Gründen von Übel wäre.« Finster dreinblickend, erhob sich Lingard. »Wenn das ein Scherz sein soll, Haldor, dann ist er nicht nach meinem Geschmack.« »Ich versichere dir, es ist mir noch nie ernster gewesen.« »Aber warum? Erst sagst du mir, daß du heiraten willst, und im nächsten Atemzug, daß du des Lebens müde bist. Das paßt nicht zusammen.« Lingard schüttelte den Kopf. »Wie immer man es sieht, das Leben ist dem Tod und Altwerden in jedem Fall vorzuziehen. Es gibt immer etwas, für das es sich zu leben lohnt, auf das man sich freuen kann – der nächste Kampf, die nächste Mahlzeit, die nächste Frau –« »Glaubst du wirklich, solche Ziele rechtfertigen es, sich eine faktische Unsterblichkeit anzumaßen?« »Rechtfertigen? Ich sehe keine Notwendigkeit für eine Rechtfertigung. Und wenn es sie gäbe, würde das, was du und ich beim Aufbau und der Einigung des Imperiums geleistet haben, nicht vollauf genügen?« Haldor seufzte. Das Gespräch erwies sich als noch schwieriger, als er erwartet hatte. »Das ist erledigt und vorbei«, sagte er. »Jetzt gilt es, andere Dinge anzupacken. Es mag sein, daß wir die Gründerväter dieses neuen Imperiums sind, aber wir müssen an jene denken, die nach uns kommen.« »Indem wir das Geschenk der ewigen Jugend wegwerfen?« »Eine Begriffsverwirrung - etwas Unmögliches«, sagte Haldor. »Selbst wenn wir uns weiterhin auf unbegrenzte Zeit
-8-
einen zwanzigjährigen Körper nach dem anderen zulegten, würden wir dennoch altern. Ein Mensch ist mehr als sein Körper. Was ihn in erster Linie ausmacht, ist die Gesamtheit seiner Erfahrungen, also sein Verstand. Jemand hat einmal gesagt, daß man Alter an der Größe des Schuldbewußtseins mißt. Ein Transfer des Verstandes in einen anderen Körper kann diese Bürde nicht einfach zum Verschwinden bringen. Du verstehst doch, wovon ich rede? Du mußt im Laufe der letzten zwanzig Jahre ebenfalls einen allmählichen Desillusionierungsprozeß durchgemacht haben. Ich weiß, daß du nach wie vor deinen Vergnügungen nachgehst, aber wenn du einmal in aller Ruhe darüber nachdenken würdest, darauf wette ich, würdest du erkennen, daß du diesen Anwandlungen eher gewohnheitsmäßig nachgibst und nicht so sehr, weil du echten Genuß daraus ziehst. Bei solchen Dingen spielen Illusionen eine große Rolle – und sei es nur die Illusion, das Vergnügen an sich habe einen Sinn.« »Du weißt sehr gut, daß ich für solche philosophischen Wortklaubereien nichts übrig habe. Was das angeht, haben du und Paradon mit eurem puritanischen Gewissen weit mehr gemein.« Lingard schwieg und sah seinen Freund prüfend an. »Aber hinter dieser Entscheidung steckt mehr als eine bloße Gewissensregung, nicht? Deine Braut, die kandarianische Schönheit – welche Rolle spielt sie dabei?« »Wir haben niemals über das Thema Transfer gesprochen«, entgegnete Haldor. »Wie könnte ich ihr auch sagen, daß sie statt des Mannes, den sie sieht, in Wahrheit einen gräulichen Klumpen Gehirnmasse in einem gestohlenen Körper heiraten wird?« »Gestohlener Körper – was für ein Unsinn!« rief Lingard. »Der Körper, den du jetzt bewohnst, ist von Paradon aus einer Kultur deiner eigenen Zellen geschaffen worden, eigens für den Zweck, dem er nun dient.« »Gut, für diesen Körper will ich dir das vielleicht noch zugestehen«, sagte Haldor. »Aber hast du bedacht, was beim nächsten Transfer geschehen würde? Dieser Körper ist in
-9-
einem Zustand der Denkuntätigkeit künstlich zur Reife gebracht worden. Er war eine Zombie-Kreatur, ohne eigenes Ich, unfähig, ein selbständiges Leben zu führen. Zugegeben, der nächste wäre auch ein Klon-Körper. Aber wie du weißt, hat man diese Körper natürlich aufwachsen lassen. Jeder ist zu einem eigenständigen Individuum herangereift und besitzt ein denkendes, zwanzig Jahre altes Gehirn mit dem Willen zum Leben.« »Individuen, die ihre Existenz einzig und allein deinen Zellen verdanken«, entgegnete Lingard. »Jedes hat sich zwanzig Jahre lang des Lebens erfreut, zwanzig Lebensjahre, die es ohne dieses dein Geschenk unmöglich hätte haben können. Sie sind dein rechtmäßiger Besitz, auf den du jederzeit Anspruch erheben kannst.« »Wenn man deiner Argumentation folgte, könnte man ebensogut das Leben des eigenen Sohnes verlangen«, sagte Haldor. »Das wäre dann auch rechtens.« »Keineswegs. Zwischen dir und deinem Sohn würde ein echtes Gefühlsband bestehen. Hier aber handelt es sich um ein Klon-Geschöpf, das auf einem anderen Planeten, Millionen Meilen entfernt, aufgewachsen ist. Es und seine Artgenossen sind eigens zu dem Zweck geschaffen worden, einen anderen Körper für dich bereitzustellen.« Haldor erkannte, daß jedes Argument, das er vorbringen mochte, unzulänglich sein würde. Mit Lingard über solche Dinge zu sprechen, war so zwecklos, wie einem Blinden die Schönheit der Sterne anschaulich machen zu wollen. »Aber bestimmt siehst du ein, daß man solche Argumente unmöglich vor einer empfindsamen Frau rechtfertigen könnte?« »Du mußt ja sehr verliebt in dieses kandarianische Mädchen sein, wenn du ihretwegen soviel aufzugeben bereit bist.« »Ich werde weit mehr gewinnen als verlieren«, sagte Haldor. »Gut, unterstellen wir einmal, dieses Mädchen ist wirklich etwas ganz Außergewöhnliches«, meinte Lingard
-10-
nachdenklich. »Trotzdem ist und bleibt sie eine Frau.« »Ich verstehe nicht – « »Vielleicht habe ich bei meiner Jagd nach Vergnügungen zumindest eines gelernt«, entgegnete Lingard. »Überleg dir folgendes. Glaubst du im Ernst, es würde diesem Mädchen etwas ausmachen, wenn du dreihundert Jahre alt wärest und ein Dutzend Transfers hinter dir hättest – vorausgesetzt, du machtest ihr die ewige Jugend und Schönheit zum Hochzeitsgeschenk? Es hat noch keine Frau gelebt, die nicht eben diese Dinge ersehnt hat und nicht ihre unsterbliche Seele dafür verkaufen würde.« »Nein. Das wage ich nicht, selbst wenn Paradon einverstanden wäre.« »Ah, langsam kommen wir der Sache auf den Grund. Der verdammte Heilerpriester! Er hat eine Religion erfunden und glaubt jetzt seine eigenen Märchen. Ich hätte mir denken können, daß er hinter allem steckt.« »Du irrst«, sagte Haldor. »Vor zwanzig Jahren gab es gute Gründe, warum wir beide einen Transfer annehmen sollten, denn das Imperium mußte noch gefestigt werden, und das erforderte viel Arbeit. Dieses Werk ist jetzt im wesentlichen vollbracht, und Stabilität und Beständigkeit sind das Gebot der Stunde. Eine solche Stabilität kann nicht unbegrenzt von einem Mann gewährleistet werden, und wenn jemals der Verdacht aufkäme, daß derselbe Mann, der sich die Krone angeeignet hat, auch noch das Geheimnis der Unsterblichkeit für sich zurückbehält – « »Es besteht kein Anlaß für derartige Befürchtungen«, widersprach Lingard. »Die Sache lief damals glatt über die Bühne. Nirgends hat sich Skepsis geregt, als du nach dem Transfer zurückgekehrt bist und ich bekanntgab, du wärest dein eigener Sohn, der bewußt im verborgenen, auf einem anderen Planeten, großgezogen worden war, weil er nicht durch Mordanschläge gefährdet und durch die Verlockungen und Schmeicheleien des Lebens am Hof verwöhnt werden sollte.«
-11-
»Ein Sohn, der keine Mutter vorzeigen konnte?« fragte Haldor. »Ich gebe zu, daß es das einemal gut funktioniert hat, aber die Zeiten haben sich geändert. Ich glaube, was das Reich heute wirklich braucht, ist eine Königsfamilie – eine Kaiserin, deren Kinder unter aller Augen allmählich in ihre Rolle als Thronfolger hineinwachsen. Eine solche Familie könnte vom Volk weitaus mehr Zuneigung und Treue erheischen als ein einzelner Mann.« »Demnach soll das kandarianische Mädchen deine Kaiserin werden und ihre Kinder deine Erben?« »Ja.« »Und dafür bist du gewillt, in vielleicht dreißig Jahren an Altersschwäche zu sterben?« »Wenn ich meiner potentiellen Unsterblichkeit nicht entsage, wird sie stets als Trennwand zwischen Annrith und mir stehen. Im übrigen, darauf hast du selbst hingewiesen, wird Paradon wahrscheinlich nicht mehr lange leben und weitere Transferoperationen durchführen können.« »Dann muß man ihn dazu bringen, jemand anderen in der Methode zu unterweisen«, sagte Lingard. »Sein Stellvertreter Kronak ist ein fähiger Chirurg.« »Er ist aber auch bestechlich. Was immer man Paradon vorwerfen mag, das kann man ihm nicht nachsagen. Ich bezweifle, daß Kronak, wenn er in das Geheimnis der Transfermethode eingeweiht würde, der Versuchung widerstehen könnte, dieses Wissen zur Erlangung von Macht und Privilegien einzusetzen. Nein, ich glaube, das beste ist, wenn Paradons Geheimnisse mit ihm sterben.« »Wie kannst du als erklärter Verfechter der Aufklärung den Verlust dieses Wissens mit deinen Grundsätzen in Einklang bringen?« »Weil ich sehe, daß das Geschenk der Unsterblichkeit sich auf lange Sicht als Aufhebung des natürlichen Verlaufs der Geschichte erweisen muß«, erwiderte Haldor. »Ich wage nicht, dieses Geschenk nach und nach auf einen größeren Personenkreis auszudehnen, denn dadurch würde eine neue
-12-
privilegierte Elite entstehen, in deren Händen sich unweigerlich alle Macht und aller Reichtum konzentrieren würden. Um solche Übel zu beseitigen, haben wir gegen das alte Imperium gekämpft – hast du das vergessen?« »Ich weiß nichts vom Verlauf der Geschichte«, sagte Lingard. »Aber ich habe keine Lust, diesen Kadaver zu bewohnen, bis er um mich herum verfault und zerfällt und ich, weil er Tag für Tag immer schwächer wird, schließlich dankbar ins Grab wanke.« »Dazu sind die Menschen seit undenklichen Zeitaltern geboren worden«, sagte Haldor mit Nachdruck. »Vielleicht. Aber ich habe einen kleinen Vorgeschmack von der Unsterblichkeit gehabt.« »Verstehst du nicht, daß der Tod ein notwendiger Teil des Lebens ist?« fragte Haldor. »Bestimmt hast du folgendes Axiom von Paradon gehört: ›Der Tod zerstört den Menschen, aber der Gedanke an den Tod richtet ihn auf‹? « »Habe ich gehört. Aber ich werde, verdammt noch mal, nie begreifen, was es bedeuten soll«, sagte Lingard aufgebracht. »Dann sieh es einmal so«, sagte Haldor. »Die schönsten Dinge sind jene, welche keinen Bestand haben. Eine Rose ist vor allem deshalb schön, weil wir wissen, daß sie eines Tages welken muß.« »Poetisches Geschwätz!« schnaubte Lingard verächtlich. »Alter bedeutet Häßlichkeit und Leid. Wenn du das nicht glaubst, geh einmal auf den Marktplatz der Stadt und sieh dir die verhutzelten alten Weiber an, die einst, in unserer ersten Jugend, hübsche junge Mädchen waren. Frag sie, was sie für das Geheimnis geben würden, das du in der hohlen Hand hältst und so leichtfertig wegwirfst. Ich habe dir in der Vergangenheit stets treu gedient und dein Urteil respektiert. Die Tatsache, daß ich dir eigenhändig die Krone aufgesetzt habe, sollte Beweis genug dafür sein. Aber diesmal irrst du dich, davon bin ich fest überzeugt! Dieses kandarianische Mädchen muß etwas mit deinem Gehirn angestellt, dich verhext haben.« Er drehte sich abrupt um und ging zur Tür. »Wo willst du hin?« fragte Haldor.
-13-
Lingard blieb stehen. »Mit Paradon reden. Wir hatten zwar oft Streitigkeiten in der Vergangenheit, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß er dein selbstmörderisches Vorhaben wirklich unterstützt.« Haldor zuckte müde mit den Schultern. »Wie du willst. Aber ich kann dir versichern, daß du nur deine Zeit verschwendest. Paradon hatte schon seit geraumer Zeit schwerwiegende moralische Bedenken wegen eines zweiten Transfers. Er und ich haben das Thema ausführlich erörtert, bevor ich meine Entscheidung traf.« »In meiner Abwesenheit«, sagte Lingard. »Jetzt will ich die Argumente von ihm selbst hören und ihn zwingen, sich die meinen anzuhören.« Haldor schaute stumm zu, wie sein alter Kamerad aus dem Zimmer stürmte. Er wußte, wie sehr Lingard Leben und Vitalität schätzte, und konnte seine Empörung darüber, daß eine solche Entscheidung in seiner Abwesenheit gefällt worden war, vollauf verstehen. Aber er war zuversichtlich, daß die Bande der Freundschaft und Treue, die im Laufe von fünfzig Jahren geknüpft und gefestigt worden waren, dieser Prüfung ebenso standhalten würden wie in der Vergangenheit anderen Belastungen. Zumindest auf Lingard konnte man sich verlassen.
-14-
2 Annrith rutschte unbehaglich in ihrem Sessel herum, als der Botschafter die Stimme erneut erhob. Sie hatte Bolmas schon immer für einen faden, geschwätzigen Wichtigtuer gehalten, und heute abend fügte er sich genau in dieses Bild. » – der Ehre für Sie und Ihren Heimatplaneten und der Verantwortung, die damit in Ihre Hände gelegt wird, nur zu bewußt. Wie Sie wissen, haben zwischen Kandar und Belphar schon immer besondere Beziehungen bestanden, ja, die Bande der Treue reichen zurück bis zum Kampf gegen die Tyrannei des alten Imperiums. Es ist unser ernster Wunsch, daß diese Verbindung – « Bolmas hatte sich in seine Lieblingsbeschäftigung, das Reden, so hineingesteigert, daß sein fleischiges Gesicht puterrot angelaufen war. Offensichtlich hatte er alles bis auf den Klang der eigenen Stimme vergessen. Die zwei anderen Personen mit ihm im Raum waren nicht weiter wichtig. Annrith tippte darauf, daß er im Geist die wesentlich größere Zuhörerschaft der Nachwelt vor sich sah. Sie setzte eine leicht gelangweilte Miene auf und blickte nach rechts, zu der Stelle, wo ihr Vater stand. Olan Therys, ein zierlich gebauter Mann, knapp mittelgroß, machte eine warnende Handbewegung, aber sie glaubte dennoch, einen Anflug von Belustigung in seinen dunklen Augen zu entdecken. Sie fragte sich, inwieweit dieser ruhige sanfte Mann die vertauschten Rollen genießen mochte. Vor wenigen Wochen noch war er ein unbedeutender Beamter in Bolmas Stab gewesen, und nun behandelte ihn der Botschafter mit Ehrerbietung und umschmeichelte seine Tochter, jene Frau, deren Schönheit den Kaiser in den Bann gezogen hatte. Olan war kein nachtragender Mensch, aber unter diesen Umständen konnte man es ihm kaum verdenken, daß er eine gewisse Genugtuung empfand. Für Bolmas hingegen mußte die Situation doppelt peinlich sein, denn er und seine fette blonde Frau hatten in den vergangenen zwei Jahren vergeblich versucht,
-15-
ihre drei schwergewichtigen Töchter auf den Heiratsmarkt des belphargianischen Hofs an den Mann zu bringen. » – Ehre und Pflicht«, fuhr der Botschafter fort. »Und ich glaube, wir können als gesichert annehmen, daß der Kaiser nun, da der Regent von seiner Rundreise zu den äußeren Welten zurückgekehrt ist, seine Verlobung in Kürze formell bekannt geben wird. Dann kann im Höchstfall noch eine Verzögerung von zwei Monaten eintreten, bis die Vorbereitungen für den großen Tag getroffen sind.« Nach zehn Minuten eines ununterbrochenen Redeflusses war Bolmas endlich zum Thema seiner Ausführungen gekommen, und er hielt nun inne, ein wenig atemlos, aber selbstzufrieden wirkend, und schenkte Annrith ein strahlendes Lächeln. »Zwei Monate«, wiederholte Annrith. »Das ist nur eine Schätzung, mein Kind«, erklärte Bolmas salbungsvoll. »Aber Ihr Vater wird Ihnen bestätigen, daß ich mich in solchen Dingen selten irre. Meine jahrelange Erfahrung – « »Wir haben Ihnen für diese Nachricht zu danken, Exzellenz«, warf Olan Therys ein, ehe Bolmas sich abermals in rhetorischen Ausschweifungen ergehen konnte. »Der Kaiser hat Lingard von seiner Absicht zu heiraten unterrichtet?« »So verlautet es aus meinen Quellen.« »Und wie hat Lingard die Nachricht aufgenommen?« »Aufgenommen? Ich verstehe nicht – «, sagte Annrith stirnrunzelnd. Bolmas lächelte gönnerhaft in ihre Richtung. »Ihr Vater spielt auf die Tatsache an, daß Lingard in den ganzen Jahren der einzige rechtmäßige Thronfolger gewesen ist. Eine Heirat muß auf eine Veränderung seines Status in dieser Beziehung hinauslaufen.« »Nun?« beharrte Olan Therys. Des Botschafters Lächeln schwand. »Leider liegen mir zu diesem Punkt keine Informationen vor«, sagte er. »Aber es sollte Ihnen ein Trost sein, daß Lingard bekanntlich niemals nach der Krone getrachtet hat und seine Loyalität zum Kaiser
-16-
über jeden Zweifel erhaben ist. Überdies weiß jedermann, der den Regenten kennt, daß er ein offener Mensch, ein Mann der Tat ist, dem Arglist und Intrigen fremd sind. Jedoch – « Bolmas hielt inne. »Fahren Sie fort«, drängte Olan Therys, dessen schmales Gesicht angespannt war. »Nun, ich hielte es für ratsam, wenn Ihre Tochter die frühestmögliche Gelegenheit wahrnähme, um Lingard kennenzulernen und seine Sympathie zu gewinnen«, sagte Bolmas. »Zwar würde sich der Regent vielleicht widerspruchslos mit der Situation abfinden, ließe man ihn sich eine eigene Meinung bilden, aber es gibt Gruppierungen innerhalb des Hofes, die ein Interesse daran haben könnten, ihn zu einer anderen Überzeugung zu bringen. Zum Beispiel müssen Sie die Haltung des herrennitischen Botschafters und seines Gefolges berücksichtigen. Die Wahl einer kandarianischen Braut seitens des Kaisers wird sie zwangsläufig zu einer Reaktion veranlassen.« Herren war Kandars äußerer Nachbarplanet, eine öde Welt und Heimat einer stolzen, erbarmungslosen Rasse von Kriegern, die im Befreiungskrieg auf Seiten des alten Imperiums gekämpft hatte und erst ganz zuletzt, in der Schlacht von Bak Duru, in der ihre Raumwaffe von der vereinten Streitmacht von sieben Planeten zerschmettert worden war, in die Knie gezwungen werden konnte. Kandars Beteiligung an diesem Konflikt mochte ein ausschlaggebender Faktor gewesen sein oder auch nicht, jedenfalls hatten die Herrscher von Herren diesen, wie sie es sagen, Dolchstoß in den Rücken niemals verziehen. Trotzdem erschien es Annrith völlig absurd, daß ein so weit zurückliegendes Ereignis sich in irgendeiner Form auf ihre Heirat mit Haldor auswirken könnte. »Alten Feindschaften ist schwer beizukommen«, pflichtete Olan Therys bei. »Aber aus dem gleichen Grund kann ich mir kaum vorstellen, daß die Herrenniter sich mit Lingard verbünden. Immerhin führte er das Kommando über Haldors Streitmacht bei Bak Duru.«
-17-
»Als aufrechter Soldat, der mit dem angeblichen Verrat von Kandar nicht das geringste zu tun hatte und der hinterher die Tapferkeit der Herrenniter lobte«, entgegnete Bolmas. »Die Herrenniter respektieren Lingard, und seine mangelnde Erfahrung in Fragen der Politik kann ihnen nicht entgangen sein. Nichts deutet daraufhin, daß er eine höhere als seine gegenwärtige Position anstrebt, aber es gibt Gruppierungen, welche lieber ihn auf dem Thron sähen als Haldor, der ihrer Meinung nach zu stark von seinem strengen Berater Paradon beeinflußt wird. Diese Kreise könnten in der Heirat, aus der ja sicherlich künftige Thronfolger hervorgehen werden, eine mögliche Vereitelung ihrer Pläne sehen.« »Wollen Sie damit andeuten, daß sie vielleicht etwas unternehmen werden, um die Heirat zu verhindern?« fragte Olan Therys mit sorgenvoller Miene. Der Botschafter zuckte mit den massigen Schultern unter seinem scharlachroten Amtsumhang. »Wer weiß? Ich kann Ihnen nur raten, wachsam und auf der Hut zu sein und äußerste Vorsicht bei Ihren Äußerungen und Handlungen walten zu lassen. Selbstverständlich werde ich die Augen und Ohren offenhalten und mein möglichstes tun, um Sie vor etwaigen Gefahren zu warnen.« »Vielen Dank, Exzellenz«, sagte Olan Therys. »Wir werden Ihren Rat beherzigen und uns auch in Zukunft ganz auf Sie verlassen.« Bolmas neigte den Kopf. »Nichts liegt mir mehr am Herzen, als dem Kaiser und unserem schönen Planeten Kandar zu dienen. Einen guten Abend, Therys – Mylady.« Annrith wartete, bis sich die Tür hinter dem Botschafter geschlossen hatte, ehe sie sich einen Kommentar erlaubte. »Nichts liegt mir mehr am Herzen als – « äffte sie Bolmas schwülstige Worte nach. »Was für ein blasierter alter Narr!« Das Gesicht ihres Vaters war unverändert ernst. »Blasiert, ja«, sagte er. »Aber unterschätze ihn nicht. Er ist ein gewiefter Politiker mit einem feinen Gespür. Offensichtlich hat er Grund zu glauben, daß sich etwas zusammenbraut.«
-18-
»Nimmst du diese dunklen Andeutungen auf mögliche Verschwörungen etwa ernst?« fragte Annrith. »Das muß ich, mein liebes Kind«, sagte Olan Therys. »Zumindest bis zu der Hochzeit trage ich eine schwere Verantwortung. Danach wird dein Ehemann dich beschützen.« »Mein Ehemann – «, wiederholte Annrith gedankenvoll. »Ich frage mich, wer das sein wird.« »Ich verstehe nicht.« Ihr Vater runzelte die Stirn. »Haldor wird dein Ehemann sein.« »Haldor, der Kaiser, oder Haldor, der Mann?« Er sah gut aus, war freundlich und sanft, und sie konnte nicht leugnen, daß sie von ihm beeindruckt war, aber – selbst in Gedanken fiel es ihr schwer, ihre Zweifel zu artikulieren. Es war, als trennte sie etwas, eine unsichtbare Wand, deren Natur sie nicht zu ergründen vermochte und die zwischen einem Mann und einer Frau, die im Begriff waren zu heiraten, eigentlich nicht bestehen durfte. Konnte sie sicher sein, daß sich diese Wand unter dem Eindruck des intimen Zusammenseins einer Ehe auflösen würde? Und wenn nicht, was dann? Dann wäre es schon zu spät, und sie würde zeit ihres Lebens eine Gefangene sein. »Du liebst den Kaiser doch?« fragte ihr Vater besorgt. »Alle seine Untertanen lieben den Kaiser. Das ist ihre Pflicht.« »Du machst dich über mich lustig, Kind.« »Erraten«, sagte sie mit gespielter Fröhlichkeit, während sie spürte, daß ihr die Tränen kamen. »Verzeih mir, aber zwei Stunden mit diesem alten Esel Bolmas – « Sie stand auf. »Es wird Zeit, daß ich ins Bett komme.« »Selbstverständlich, meine Liebe«, murmelte ihr Vater, als sie ihm die Wange zum Kuß bot. »Schlaf gut und zerbrich dir nicht den Kopf über Bolmas Warnungen. Es wird sich alles zum Guten wenden, das verspreche ich.« Sie verließ rasch das Zimmer, denn sie befürchtete, die aufwallenden Tränen nicht mehr lange zurückhalten zu können. Im Schlafzimmer wartete Marinda, ihre Zofe, ein
-19-
hübsches, etwas stämmiges Mädchen mit blondem Haar und heller Haut – beides seltene äußere Merkmale auf Kandar, wo eine schlanke, dunkelhaarige Schönheit wie Annrith als Idealtyp galt. Sie riß erschrocken die Arme hoch, als ihre Herrin sich aufs Bett warf und anfing zu schluchzen. »Mylady, was ist geschehen?« »Nichts, Marinda. Bitte mach kein Theater. Laß mich allein.« »Aber Ihre Toilette, Ihr Haar – «, protestierte Marinda. »Kann mich dieses eine Mal selbst darum kümmern«, sagte Annrith. »Geh jetzt bitte. Ich brauche dich heute nicht mehr.« Zögernd entfernte sich Marinda. Der Weinkrampf hörte schließlich auf. Annrith war jetzt entspannter, sich ihrer Situation aber nicht weniger bewußt. Nur drei Tage nach ihrer Ankunft auf Belphar, auf ihrem ersten Ball im Palast, war sie in einen Strudel von Ereignissen geraten, der sie nun mit wachsendem Schwung mitriß, jenem Tag entgegen, da sie die Frau des Kaisers werden würde. Die erste Begegnung, als sie mit Haldor getanzt, die Nähe seines kraftvollen Soldatenkörpers gespürt, in die hageren, feingeschnittenen Züge aufgeschaut hatte. Er hatte ein unvergleichliches Gesicht, wie sie noch nie eines gesehen hatte: gezeichnet und gehärtet von den Winden der Zeit und Mühsal. Es wirkte wie ein Monolith aus Sandstein. Und doch waren die Augen – golden, fest in ihrem Blick – die eines Dichters. Sie stand vom Bett auf, ging zur Frisierkommode und begann sachte, ihr dunkles, rostbraun getöntes Haar zu bürsten. Ihr Spiegelbild starrte sie aus den noch tränennassen Augen leicht spöttisch an. War sie nicht ein undankbares, störrisches Kind, daß sie vor einer Gelegenheit zauderte, um die jede Frau auf den Dreizehn Welten sie beneidet hätte? Aber sie konnte nicht an gegen ihre heimlichen Gedanken und Befürchtungen. Wenn sie wenigstens jemanden hätte, dem sie sich anvertrauen könnte! Aber ihr Vater kam dafür nicht in Frage. Kein Mann würde solche Dinge verstehen. Ihre Mutter
-20-
vielleicht – aber die war nur eine schattenhafte Erinnerung, versunken im Nebel ihrer Kindheit, eine sanfte Stimme, eine dunkelhaarige Schönheit und der Wohlgeruch kandarianischer Fuchsien. Vielleicht würde sie sich am Ende doch an ihren Vater wenden müssen. Aber sie spürte, daß es ein Fehler war. Er war fürsorglich und verständnisvoll, aber auch er würde ihr Dilemma nicht in seiner genauen Beschaffenheit begreifen. Wenn er zu der Überzeugung kam, daß sie Haldor nicht liebte, würde er bestimmt darauf drängen, daß sie sich die Heirat aus dem Kopf schlug. Es war aber auch möglich, daß sie in dieser Beziehung eine Überraschung erleben mochte. Immerhin war auch ein fürsorglicher Vater nicht mehr als ein fehlbarer Mensch. Bolmas hatte von den allgemeinen Vorteilen gesprochen, die Kandar aus der Bindung erwachsen würden, aber die Aussicht, Schwiegervater des Kaisers zu werden, und der damit verbundene gesellschaftliche und berufliche Aufstieg, mußte für einen Mann, der bislang nur ein untergeordneter Diplomat gewesen war, geradezu überwältigend sein. Sie versuchte den widerwärtigen unerwünschten Gedanken beiseite zu schieben, doch er blieb beharrlich in ihrem Verstand und brachte ihr erneut mit aller Schärfe zu Bewußtsein, wie allein und ausgesetzt sie auf dieser fremden Welt war.
-21-
3 Die Unterredung mit Paradon war negativ verlaufen. Wie ein zorniger Bär schritt Lingard über den Marmorplattenboden seiner Gemächer, denn die in seinem massigen Körper angestaute Wut verlangte, daß er sich durch Bewegung Luft machte. Die höfliche Weigerung des Heilers, irgendeines seiner Argumente zu akzeptieren, hatte ihn schließlich veranlaßt, das Gespräch abrupt zu beenden, indem er wortlos hinausging. Er hatte sich zu diesem Schritt gezwungen gefühlt, aus Angst, wenn er bliebe, dem wachsenden Drang nicht widerstehen zu können, Paradons dürren Hals in die Hände zu nehmen und ihn wie einen trockenen Zweig zu zerbrechen. Wenn Lingard etwas besaß, das einem religiösen Glauben nahekam, dann war dies ein Vertrauen in die Stärke seines rechten Arms und die Überzeugung, das Leben müsse um seiner selbst willen, Augenblick für Augenblick, gelebt werden. Unter dem vorherigen Regime waren Priester Werkzeuge der Unterdrücker gewesen, und so hatte er wenig Verständnis für Haldors Behauptung gezeigt, die Zerstörung der alten Religion hätte eine ernstzunehmende Lücke im Dasein des Volkes hinterlassen. Weniger noch hatte ihn Haldors Entscheidung begeistert, daß eine neue Religion geschaffen werden mußte, um dieses Vakuum auszufüllen. Andererseits empfand er es nur als gerecht, daß Paradon mit einer verantwortlichen Position im Rahmen der neuen Ordnung belohnt werden sollte. Am Ende des dreißigjährigen Krieges waren sie beide, Lingard und Haldor, ausgebrannt gewesen und hätten die neuen Aufgaben, die der Friede mit sich brachte, unmöglich bewältigen können, wären sie nicht durch die Künste dieses Mannes jeder in den Besitz eines neuen starken Körpers gelangt. Die Heilerreligion, welche die metaphysischen und medizinischen Erkenntnisse vieler Jahrhunderte miteinander verknüpfte, war ein durchschlagender Erfolg überall auf den Dreizehn Welten gewesen, und eine Zeitlang hatten sich sogar
-22-
Lingards Befürchtungen gelegt. In den unvermeidlichen Nachkriegswirren, den Hungersnöten, Krankheiten und Leiden der Verletzten, hatten die Menschen die Dienste Paradons und seiner Kollegen dringend nötig gehabt, und zugleich hatten sie den ihnen gespendeten geistlichen Trost dankbar angenommen. Letztendlich beruhten alle Religionen auf von Menschen gemachten Lügen, aber im Fall der Heilerreligion, das mußte selbst Lingard zugeben, waren diese Lügen so sorgfältig ausgesucht worden, daß sie den größtmöglichen Segen brachten und den geringstmöglichen Schaden anrichteten. Die meisten biblischen Schriften, Gebote und religiösen Riten hatte Paradon selbst niedergeschrieben, und weil Originalität in diesem Fall keine Tugend war, hatte er nicht gezögert, sich das Positive aus den alten Religionen herauszusuchen und ein zusammenhängendes Ganzes daraus zu formen. Das Flickwerk aus Hinduismus, Brandol, Zionismus, Helganismus und einem Dutzend anderer Weltanschauungen aus der menschlichen Vergangenheit war im Laufe der letzten dreißig Jahre gut zusammengewachsen, hatte die Nahtstellen abgestreift und war zu einem organischen Ganzen von solcher Überzeugungskraft geworden, daß die Menschen es fraglos mit Leib und Seele als die einzige Religion akzeptiert hatten. Lingards Zweifel hatten sich vor kurzem erst wieder zu regen begonnen, als er, wie ihm schien, deutliche Anzeichen dafür erkannte, daß Paradon eine Art Glaubenskrise durchmachte. Wenn man den alten Dramen-Kristallen glauben durfte, war es durchaus keine Seltenheit gewesen, daß Priester vergangener Religionen von einer Zerrüttung ihres Glaubens bedroht wurden. Aber bei Paradon schien es sich genau umgekehrt zu verhalten. Vielleicht bestand das Problem nur darin, daß er alt wurde, aber Lingard war schon vor seiner ausgedehnten Rundreise zu den äußeren Planeten klar gewesen, daß Paradon anfing, an das Lügengebäude zu glauben, das er selbst geschaffen hatte. Dieser Prozeß schien jetzt abgeschlossen zu sein, und so
-23-
war Lingard in der aussichtslosen Lage gewesen, mit einem Mann logisch argumentieren zu wollen, der sich für göttlich inspiriert hält und somit von der Unfehlbarkeit seiner Entscheidungen in allen Fragen überzeugt ist. Paradon hatte keinen Zweifel daran gelassen, daß er nicht beabsichtigte, die Transferoperation zu wiederholen. Zwar räumte er ein, daß die ursprünglichen Operationen sich moralisch vielleicht rechtfertigen ließen, weil Haldor und Lingard dadurch ihr Befreiungswerk hatten vollenden können, aber die Konzeption fortgesetzter Transfers, die den Betreffenden eine faktische Unsterblichkeit verleihen würde, könne nur als blasphemischer Verstoß gegen die Lehren der einzig wahren Religion gewertet werden. Das Leben war heilig, und die einzige Form von Unsterblichkeit, die dem Menschen offenstand, lag, Paradon zufolge, in der Weitergabe seines Blutes und seiner Ideale an seine Nachkommen. Alles andere war ein Verstoß gegen die natürliche Ordnung und mußte göttlichen Zorn auf alle Beteiligten lenken. Gegen solche starren Excathedra-Verkündungen waren logische Argumente machtlos. Um so schmerzlicher war für einen Mann von Lingards Temperament die Erkenntnis, daß mit direkter physischer Gewalt noch weniger auszurichten war. Der schon alte und gebrechliche Paradon würde, körperlichem Zwang ausgesetzt, bestimmt zusammenbrechen und das kostbare Wissen und Geschick, das allein er besaß, nie wieder anwenden können. Nach zwanzig Jahren eines sorgenfreien Lebens in, wie er es verstand, ewiger, zu erneuernder Jugend sah sich Lingard unverhofft mit der Aussicht auf den Tod konfrontiert. Plötzliche Vernichtung im Kampf war eine Sache, Teil jenes Spiels des Zufalls, das dem Leben Würze gab, aber der Gedanke an ein allmähliches, unausweichliches Absinken in die Schwäche des Alters und ins Grab entsetzte ihn. Er hatte sogar schon beschlossen, so etwas nicht zu erdulden. Wenn er sicher war, daß ihn die Kräfte verließen, würde er schnell und sauber Schluß machen, statt sich erbärmlich ans Leben zu klammern, wie er es bei so
-24-
vielen alten Menschen gesehen hatte. Aber es mußte – »Ja? Was ist denn?« Ärgerlich wirbelte er herum, als die Zimmertür aufging und einer seiner Bediensteten erschien. »Mylord, der Haushofmeister ersucht um eine Audienz.« Lingard kniff die buschigen Augenbrauen zusammen. »Gut, laß ihn vor.« Lingard ging durch den Raum zu einem Lehnsessel, der mit dem Rücken zu dem offenen Fenster stand, und setzte sich gerade rechtzeitig, um den Eintritt des Haushofmeisters zu erleben und jenen Schauer der Abscheu zu empfinden, den der Anblick der Häßlichkeit dieses Mannes regelmäßig hervorzurufen pflegte. Folcho bewegte sich mit der für ihn charakteristischen schleichenden, krebsartigen Gangart über den Marmorfußboden. Die prächtige grüngoldene, juwelengezierte Uniform, die seinen unansehnlichen, fetten Körper umgab, unterstrich nur das Groteske an seiner Erscheinung, lenkte den Blick auf den kugelrunden haarlosen Kopf, der, einem Wurm gleich, stets einen feuchten Schimmer aufwies, auf die glitzernden kleinen Augen, die wie widerliche Insekten in ihren Nestern aus Fettgewebe krochen, auf die verkümmerte Knopfnase und den feuchten, rotlippigen Mund, der jetzt aufstand und ein einschmeichelndes Lächeln und Zähne zeigte, so kräftig, ebenmäßig und weiß wie die eines Raubtiers. »Mylord, ich hoffe, Ihr werdet die Störung zu so später Stunde entschuldigen, aber ich hielt es für erforderlich, gewisse Dinge mit Euch zu besprechen.« Die schrille, unterwürfig klingende Stimme war so würdelos wie der Körper, zu dem sie gehörte. Zwischen dem lächerlichen Äußeren und dem Verstand mußte jedoch ein scharfer Trennungsstrich gezogen werden, wie Lingard sehr wohl wußte. Obgleich er der Haushofmeister genannt wurde, war Folchos wirkliche Funktion viel komplexer und weitreichender, als der Titel vielleicht ahnen ließ. Von Natur
-25-
aus ein Voyeur, der von einer unersättlichen Neugier über das Tun und Lassen seiner Mitmenschen besessen war, hatte Folcho diese Eigenschaften, die bei einigem Wohlwollen als schlechte Angewohnheiten hätten gelten können, in ein Instrument für sein eigenes Vorwärtskommen verwandelt. In den vergangenen acht Jahren hatte er einen umfassenden und höchst leistungsfähigen Nachrichtendienst aufgebaut, der sich über jede der Dreizehn Welten erstreckte. Folcho rühmte sich, im Höchstfall binnen eines halben Tages von jeder wichtigen Neuigkeit im ganzen Imperium unterrichtet zu sein. Lingard hatte wenig übrig für diese Schattenseite des Regierens, wenngleich er Haldors Versicherung glaubte, daß solche Aufgaben auch in Zeiten des augenscheinlichen Friedens und der Stabilität erledigt werden mußten. Was ihn anging, so war Folcho ein Mistkäfer, der von Schmutz und Schande der Menschheit lebte. Zuweilen überkam ihn jedoch ein gewisses Unbehagen, und er ertappte sich bei der Überlegung, wie wirksam Folchos Augen und Ohren das erfaßten und aufzeichneten, was sich im Palast selbst, in seinen und Haldors Privatgemächern abspielte. Trotz mehrerer gründlicher Durchsuchungen hatten seine Bediensteten das Vorhandensein solcher Geräte nie nachweisen können, aber manchmal hatte Lingard in einem entlegenen Winkel seines Verstandes eine bestehende Vision, in der er Folcho mit dem besessenen Eifer eines Schmetterlingsjägers in seiner riesigen Bibliothek von Speicherkristallen menschliche Seelen aufzeichnen, aufspießen und seine Sammlung einverleiben sah. »Was hätten wir wohl miteinander zu besprechen, Folcho?« entgegnete Lingard und sah in das schwitzende Vollmondgesicht, als der Haushofmeister vor ihm stehen blieb. »Ihr müßt Euch irren. Wie Ihr wißt, habe ich wenig übrig für Eure Arbeit.« »Das ist nur zu begreiflich, denn Ihr seid ein Mann der Tat.« Aufseufzend ließ Folcho seinen kugelrunden Körper in
-26-
den Sessel gegenüber Lingard sinken. »Doch ich sehe voraus, daß Ihr in naher Zukunft noch Grund zum Dank für die Früchte meines Fleißes haben werdet.« »Dank?« »Niedere Geschöpfe wie ich, leben vom Dank mächtiger Männer, wie Ihr es seid.« Folcho beugte sich vor, und Lingard nahm einen scharfen Schweißgeruch wahr. »Kommt gefälligst zur Sache, Mann!« fauchte er, angeekelt von der kriecherischen Selbstdemütigung des anderen. »Mylord, Ihr werdet gleich sehen, daß ich nur in dieser Angelegenheit an Euch herantrete, weil ich weiß, daß Ihr der treueste Freund und beste Kamerad unseres geliebten Kaisers seid. Wäre es nicht so, würde ich nicht wagen, das Thema auch nur anzuschneiden – « »Was Ihr bisher versäumt habt«, warf Lingard unwirsch ein. Folcho war sichtlich betroffen über den Mangel an Taktgefühl des Regenten, denn ein Zucken durchlief eine seiner juwelengeschmückten Epauletten. »Mylord, ich muß vorausschicken, daß es hier um eine äußerst heikle Angelegenheit geht. Darum bitte ich Euch, mir zu glauben, daß alles, was ich sage, aus tiefster Sorge um des Kaisers Zukunft als auch der Euren gesagt wird. Nachdem ich dies klargestellt zu haben glaube, hoffe ich, daß Ihr mich nicht der Respektlosigkeit oder gar des Verrats bezichtigen werdet, wenn ich die Absicht äußere, daß der Kaiser während Eurer langen Abwesenheit – keinesfalls durch eigenes Verschulden – unter den Einfluß gewisser Personen geraten ist und dadurch vielleicht zu Fehlentscheidungen in Fragen von erheblicher Bedeutung veranlaßt wurde.« Lingard versteifte sich in seinem Sessel, als ihm plötzlich dämmerte, worauf Folcho mit seinen weitschweifigen Ausführungen hinauswollte. Es konnte nur eine kürzlich getroffene Entscheidung Haldors geben, die wichtig genug war, um Folcho zu seinem merkwürdigen Erscheinen hier zu veranlassen, obgleich der Zweck seines Besuches auch dann
-27-
noch alles andere als klar war. Wenn seine Vermutung zutraf, war es kein Wunder, daß der Haushofmeister zögerte und zauderte. »Wie Ihr vielleicht schon vermutet habt«, fuhr Folcho fort, »rede ich von der Entscheidung des Kaisers, sich keiner zweiten Transferoperation zu unterziehen.« »Bei den Göttern!« rief Lingard zornig. »Mylord, ich flehe Euch an, laßt mich ausreden.« Folchos Stimme klang unterwürfig und jämmerlich, und sein blasenähnlicher Kopf war mit Schweißperlen übersät. »Ich glaube, daß diese Entscheidung nicht Eure volle Zustimmung findet.« »Soso, Ihr glaubt«, sagte Lingard gefährlich ruhig. »Ihr wißt es! Ihr müßt ein vertrauliches Gespräch zwischen mir und dem Kaiser belauscht haben. Allein für dieses Verbrechen könnte ich Eure öffentliche Hinrichtung durch Ausweiden anordnen.« »Mylord, Ihr tut mir unrecht«, winselte der zitternde Folcho. »Ich würde meine Befugnisse überschreiten, wenn ich in der angedeuteten Form in Eure und die Privatsphäre des Kaisers eindränge. Ich versichere Euch, meine Kenntnis der Lage stammt aus einer ganz anderen Quelle.« »Selbst wenn das wahr wäre, könntet Ihr schwerlich erwarten, daß man Euch am Leben läßt, nachdem sich herausgestellt hat, daß Ihr von einem so sorgfältig gehüteten Geheimnis wißt«, erwiderte Lingard. Folcho zuckte die Achseln. »Mylord, wer einen Beruf wie den meinen ausübt, erkennt früher oder später, daß Geheimhaltung ein Ding der Unmöglichkeit ist, das allenfalls in der Einbildung von selbstgefälligen Narren existiert. Bedenkt zum Beispiel, daß in diesem Augenblick ein Dutzend gesunde junge Männer auf drei Planeten verteilt lebt, von denen sechs unverkennbare Ebenbilder unseres Kaisers sind, und die übrigen Euch so sehr ähneln, daß ein jeder Euer Zwillingsbruder sein könnte. Bedenkt ferner, daß Herkunft und Abstammung dieser jungen Männer in Rätsel gehüllt sind,
-28-
daß jeder erstmals als vermeintliches Findelkind in den Armen eines Heilerpriesters gesehen wurde, welcher es Pflegeeltern in seiner Gemeinde in die Obhut gab. Bedenkt auch, daß jeder dieser Priester von Paradon persönlich beauftragt wurde, das Kind ständig im Auge zu behalten und regelmäßig Berichte über seine Entwicklung anzufertigen. Verknüpft man nun solche Fakten mit einer genauen Prüfung der mikrobiologischen Verfahren der Vergangenheit und Gegenwart, und geht man dann noch mit einer kritischen Fragestellung an die Ereignisse der jüngsten Geschichte heran, könnte man dann nicht eine fundierte Hypothese über den Zweck eines so sorgfältig geplanten und durchgeführten Unternehmens aufstellen?« Obwohl er Folcho verabscheute, konnte Lingard nicht umhin, die Raffinesse zu bewundern, mit der er die Mosaiksteinchen zu einem Bild zusammengefügt hatte. Wie und wo konnte er diese Suche begonnen haben? Wenn nicht – »Es scheint fast, als wäre die Treue von Paradons Priesterschaft nicht so unverbrüchlich, wie wir uns das vorgestellt hatten.« »Auch Priester sind nur Menschen mit Wünschen und Begierden, ungeachtet ihres Schwurs«, entgegnete Folcho. »Selbst der Lauterste ist nicht gegen Versuchungen gefeit, und vielleicht wird in diesem Fall das Imperium noch einmal dankbar sein, daß dem so ist. Anscheinend ist sogar der Patriarch nicht ganz frei von der Sünde des Stolzes. Ich wüßte nicht, aus welchem anderen Grund er seine Aufzeichnungen über die Transferoperation hätte aufbewahren sollen. Schließlich handelte es sich um ein Verfahren, das er schwerlich vergessen konnte, und es war nicht seine Absicht, es an andere weiterzugeben.« Lingard beugte sich, von einer wachsenden Erregung erfüllt, in seinem Sessel vor. »Diese Aufzeichnungen existieren noch?« »Gewiß«, sagte Folcho. »Kronak hat sie gesehen und kopiert.«
-29-
Kronak! Natürlich! Es lag auf der Hand, daß sich Paradons Stellvertreter, insbesondere als der Patriarch immer älter und vergeßlicher geworden war, Zugang zu diesen Unterlagen verschafft haben konnte. »Aber warum hätte Kronak Euch ins Vertrauen ziehen sollen, nachdem er dieses Wissen erlangt hatte?« forschte Lingard. Folcho setzte ein selbstzufriedenes Lächeln auf und enthüllte dabei sein perfektes Gebiß. »Habe ich nicht deutlich gemacht, daß auch Priester ihre Gelüste haben? Kronak ist ein besonders interessantes Beispiel. Vielleicht entsinnt Ihr Euch noch, daß vor etwa achtzehn Monaten das Verschwinden der Tochter eines Politikers Schlagzeilen machte. Ein wunderschönes Mädchen mit rotem Haar und einem zarten blassen Teint – eine Jungfrau, sagt man. Sie verschwand und wurde nie wieder gesehen. Es kursierte lediglich eine Geschichte über ein paar Fischersleute, welche draußen vor Sardnat auf Fang gingen und in ihren Netzen noch etwas anderes als Fische bargen. Es soll eine aufgedunsene, phosphoreszierende Leiche gewesen sein, welcher die Augen fehlten, aber deren Haar wie feines rotes Seegras im Wasser trieb. Dann war da ein Küchenmädchen, schlank, kaum sechzehn, mit jadegrünen Augen und einem Antlitz von düsterer Schönheit. Die Palastwachen waren ganz verrückt auf sie, aber sie wollte mit keinem etwas zu tun haben. Sie war ein ernstes und frommes Mädchen, das eine unheilbar kranke, verwitwete Mutter versorgen mußte. Sobald sie von dieser Verantwortung entbunden war, wollte sie ins Kloster gehen und ihr Leben dem Heilerglauben weihen. Ihr Verschwinden fand in den Zeitungen weniger Beachtung, als das der Politikertochter. Wer, außer den Palastwachen, interessiert sich schon für das Schicksal eines Küchenmädchens? Vor drei Monaten erst hat man sie in einem Bordell im Zigeunerviertel der Stadt entdeckt: an Syphilis erkrankt, zugrunde gerichtet und wahnsinnig; von ihrer Schönheit keine Spur mehr. Soll ich fortfahren?«
-30-
»Um der Götter willen, nein!« rief Lingard, der der Aufzählung mit wachsendem Entsetzen zugehört hatte. »Habt Ihr Beweise dafür?« »Genug, um jemanden hängen zu lassen, Mylord. Ich könnte Euch einen der Kristalle vorführen, wenn Ihr das wünscht.« Und Haldor und ich haben die alte Priesterschaft zerschlagen, weil wir sie für korrupt hielten, dachte Lingard. »Wenn Ihr von alledem wußtet, warum habt Ihr dieses Ungeheuer nicht angezeigt?« »Mylord, ich verstehe Eure Empörung«, sagte Folcho. »Aber bei meiner Arbeit tauchen solche kleinen Überraschungen ständig auf. Wenn ich jeden Fall den Behörden melden würde, bliebe mir keine Zeit mehr für meine eigentlichen Aufgaben; ich würde zu wenig mehr als einem unbezahlten Informanten. Hinzu kommt, daß solche Erkenntnisse häufig nutzbringender eingesetzt werden können, wie in diesem Fall. Einer unserer Vorfahren hat einmal gesagt: ›Wissen ist Macht‹, und dieses Axiom gilt, auf die Handlungen und Beweggründe von Menschen angewandt, in verstärktem Maß. Wenn man weiß, warum ein Mensch tut, was er tut, hat man den Schlüssel zu seinen geheimen Träumen und Sehnsüchten – und vor allem, man kennt seine Schwächen. Mit Hilfe dieses Wissens kann man nahezu jeden gefügig machen, und Kronak könnte in der Situation, der wir gegenüberstehen, von größter Wichtigkeit sein, wie Ihr meinen Ausführungen sicherlich entnommen habt.« »Seid Ihr sicher, daß Kronak die Transferoperation durchführen kann?« »Ah, Mylord, das habe ich nicht gesagt«, erwiderte Folcho glattzüngig. »Er hat Paradons Unterlagen genau studiert, aber es gibt gewisse technische Feinheiten – kleine Handgriffe, aber in der Konsequenz möglicherweise verhängnisvoll, wie Ihr verstehen werdet – , die er nur dann vollkommen in den Griff bekommen könnte, wenn er Gelegenheit hätte, die Operation einmal zu beobachten. Als Stellvertreter des
-31-
Patriarchs, würde selbstverständlich er als Assistent ausgewählt – « »Verdammter Narr!« fauchte Lingard, seinem Ärger Luft machend, daß die langatmigen Ausführungen ein enttäuschendes Ende nahmen. »Paradon hat unmißverständlich klargemacht, daß er die Transferoperation nicht wiederholen will. Ich habe die Entscheidung vor weniger als einer halben Stunde aus seinem Mund vernommen.« Folcho neigte den Kopf. »Gewiß. Aber auch Paradon könnte unter bestimmten Umständen zu einem Sinneswandel bewegt werden.« Das ruhige Selbstvertrauen des anderen nötigte Lingard widerwillige Bewunderung ab. »Ihr würdet sogar den Patriarchen erpressen?« »Das wäre natürlich die ideale Lösung für dieses Problem«, entgegnete Folcho. »Aber meine Akten über Paradons Vergangenheit bescheinigen ihm eine tadellose Lebensführung nach dem Moralkodex seiner Religion. Sein standhafter Glaube und seine Treue zum Kaiser sind die Grundzüge seines Charakters.« »Was nicht einmal Ihr als Schwächen auslegen könntet.« »Ich fürchte, da muß ich Euch widersprechen«, sagte Folcho. »Starre Grundsätze, und seien sie noch so moralisch, machen den Betreffenden erfahrungsgemäß verwundbar, eben wegen ihrer Starrheit. Der Überlebenstyp ist ein Mensch, der spürt, woher der Wind weht, der seine Einstellungen sich wandelnden Bedingungen anpassen kann.« »Verschont mich mit Euren Weisheiten«, sagte Lingard barsch. »Sagt mir lieber, worauf Ihr hinauswollt.« »Wie Ihr wünscht. Ich nehme an, wir stimmen überein, daß an Paradons Ergebenheit zum Kaiser kein Zweifel bestehen kann?« »Natürlich nicht.« »Dann könnte man doch als wahrscheinlich voraussetzen, daß er seinen Beschluß revidieren würde, wenn der Kaiser ihn selbst darum ersuchte?«
-32-
»Bei den Göttern, Mann!« rief Lingard, der Verzweiflung nahe. »Da hat die Sache doch angefangen. Ihr habt Euch trotz Eurer raffinierten Ideen im Kreis gedreht. Haldor hat beschlossen, sich keinem Transfer mehr zu unterziehen. Das, und nichts anderes, hat zu der gegenwärtigen Situation geführt.« »Zugegeben, aber selbst unser geliebter Kaiser könnte seine Meinung ändern, wenn er begreift, daß er durch schädlichen Einfluß einem Irrtum erlegen ist. Ich würde sogar die Behauptung wagen, daß die kandarianische Hexe und ihre Verbündeten niemals solche Macht über sein Denken erlangt hätten, wäret Ihr nicht so lange fortgewesen. Aber da Ihr nun zurück seid und ihm mit weiserem Rat zur Seite stehen könnt, sollte es möglich sein, diese Macht zu brechen, bevor es zu spät ist. Ich muß Euch nur bitten, darauf zu vertrauen, daß alle Maßnahmen, die ich ergreife, einzig und allein Eurem und des Kaisers zukünftigem Wohl dienen.« »Was für Maßnahmen?« »Dazu kann ich mich im Moment nicht äußern«, sagte Folcho. »Ich hielte es ohnehin für ratsam, wenn Ihr nicht mit derartigem Wissen belastet würdet.« »Als erstes muß doch sicherlich diese Heirat verhindert werden«, sagte Lingard. »Ganz meine Meinung, Mylord. Ich denke, Ihr könnt es getrost mir überlassen, die kandarianische Hexe zu beseitigen.« Lingard spürte einen Anflug von Mitleid für die Frau, die er noch gar nicht kennengelernt hatte, als er die hämische Vorfreude auf dem feisten Vollmondgesicht sah. Gleichzeitig erkannte er, daß in Folchos Zurückhaltung über seine Zukunftspläne eine gewisse Weisheit lag. Es war merkwürdig, aber nichtsdestoweniger wahr, daß er, der im direkten Kampf viele Dutzend Menschen getötet haben mußte, zu einer so skrupellosen Tat, wie Folcho sie in die Wege leiten würde, schlicht unfähig war. Vermutlich war es tatsächlich besser, wenn er gar nicht erst wußte, was geschah. Blieb noch eine
-33-
Frage. »Ihr habt vorhin von Dank gesprochen«, begann er vorsichtig. »Vielleicht bin ich ein wenig naiv in diesen Dingen, aber ich gehe doch wohl richtig in der Annahme, daß Euch etwas Handfesteres vorschwebt als ein eventuelles Dankeschön von mir und Haldor?« »Mylord, es ist noch zu früh, um solche Fragen zu erörtern.« Folcho schien die Maske des abgebrühten, selbstsicheren Meisterintriganten abgelegt zu haben und wieder in die übliche Rolle des kriecherischen Speichelleckers zurückzufallen. »Folcho, so geht das nicht«, sagte Lingard entschlossen. »Wenn es eine Vereinbarung zwischen uns geben soll, einen Vertrag, auch wenn es kein schriftlich fixierter ist, muß ich von Anfang an wissen, welche Verpflichtungen ich eingehe.« »Eine kleine unwichtige Sache – « Folcho grinste einfältig, sein unförmiger Körper wabbelte gallertartig im Sessel. »Heraus mit der Sprache!« herrschte Lingard ihn an. Folcho schwieg einen Moment, und nur die dunklen, hin und her huschenden Augen zwischen ihren Fettpolstern verrieten seine Unruhe. Dann schien er einen Entschluß zu fassen, erhob sich und trat vor. Er brachte die Arme in Hüfthöhe und stand vor Lingard wie ein groteskes Mannequin: der kugelrunde Körper lächerlich in seinem Aufputz, darüber der unverhältnismäßig große Kopf mit den Zügen einer Fastnachtsmaske. »Seht mich an, Mylord«, sagte er mit zornerstickter Stimme. »Seht Euch dieses Ding an, diese Masse stinkenden, mißgestalteten Fleisches, in der ich gefangen bin, und versucht Euch vorzustellen, wie so ein Leben sein muß. Bedenkt, daß auch ich ein Mann bin und die Wünsche und Sehnsüchte eines Mannes habe, und daß selbst die abgebrühtesten Huren vor körperlichem Kontakt mit einem so abgrundtief häßlichen Geschöpf zurückschrecken.« Lingard blieb das Schauspiel rätselhaft. »Was soll ich dazu
-34-
sagen? Ich müßte lügen, wollte ich, was Ihr gesagt habt, bestreiten, aber ich verstehe nicht – « »Erlösung! Freiheit!« keuchte Folcho. »Das Verfahren, das Euch und Haldor mit jungen starken Körpern versehen wird, kann mir dasselbe ermöglichen.« »Aber es gibt keine Klon-Ableger von Euren Zellen.« »Kronak hat mir versichert, daß solche Ableger nur nötig sind, wenn das Aussehen beibehalten werden soll. Nun verbieten es die Götter, daß ich einen Transfer in eine jüngere Version dieses Zerrbildes einer Menschengestalt begehren sollte. Es gibt Gewebemodellierungs- und Zellanpassungsverfahren, welche mir die Wahl anderer Körper ermöglichen würden.« Lingard wußte wenig über diese Dinge, aber wenn das Wunder eines Transfers in einen Klon-Körper möglich war, so schien ihm, sollte auch das leicht abgewandelte Wunder eines Transfers in einen anderen Körpertyp vollbracht werden können. Er hielt sich nicht zu lange bei der Frage auf, wo ein solcher Körper wohl aufzutreiben war, aber er konnte sich gut vorstellen, daß Folcho dieses Problem schon berücksichtigt hatte. »Ich verstehe«, sagte er. »Und ich nehme an, daß Ihr mit Kronak schon übereingekommen seid, einen solchen Transfer durchzuführen, sobald er die nötigen Kenntnisse hat. Und in diesem Fall verstehe ich nicht ganz, wozu Ihr meinen Dank braucht.« »Aber Mylord, Euer Wohlwollen ist für das Gelingen des Projekts in mehrfacher Hinsicht entscheidend«, sagte Folcho. »Zunächst einmal werde ich Kronak während der Operation und der Genesungszeit – ein ganzer Monat unter Narkose – auf Gedeih und Verderb ausgeliefert sein. Er brauchte nur eine von tausend Gelegenheiten zu nutzen, um sich meiner zu entledigen. Wenn er jedoch wüßte, daß ich unter Eurem Schutz stehe, würde er sich das zweimal überlegen. Hinzu kommt, daß ich bei meiner Rückkehr ins aktive Leben eine andere Identität annehmen muß, wenn das Geheimnis gewahrt
-35-
werden soll. Wenn ich Euch und unserem geliebten Kaiser weiterhin dienen soll – was mein innigster Wunsch ist –, muß dieser Fremde zu Folchos Nachfolger ernannt werden. Man müßte dann bekanntgeben, der alte Haushofmeister sei verschieden.« Lingard schwieg und dachte nach über den Mann, der vor ihm stand, und über die Konsequenzen des Gesagten. Positiv zu Buch schlug die Garantie seines und Haldors Transfers, wenn der Kaiser erst einmal zu einem Sinneswandel bewegt werden konnte. Aber die Situation war erheblich komplizierter. Bekam Folcho seinen neuen Körper, würde er sich mit der Vorstellung, zu altern und zu sterben, kaum bereitwilliger abfinden als er selbst. Nach einiger Zeit würde er noch einen Transfer verlangen, und noch einen. In Zukunft würde man sich also einem weniger grotesken, dafür aber potentiell unsterblichen Folcho gegenübersehen, und dieser Gedanke mußte nachdenklich stimmen, wenn man bedachte, wie dieser Mann in nur einer Lebensspanne seine Macht- und Einflußsphäre ausgedehnt hatte. Dann war da Kronak, der sich sicher nicht damit begnügen würde, anderen das Geschenk der erneuerten Jugend zukommen zu lassen, ohne selbst nach diesem Privileg zu trachten. Folglich würde es unumgänglich sein, noch einen Heiler in der Transfermethode zu unterweisen und den Kreis der Geheimnisträger nochmals zu erweitern. Ihm fielen Haldors Worte ein, die er vor kurzem noch so energisch zurückgewiesen hatte, und nun erst sah er die Logik darin. Von seiner Antwort in diesem Raum an Folcho mußte es abhängen, ob die neue bevorrechtigte Elite entstand, es zu jener Aufhebung des unnatürlichen Geschichtsverlaufs kam, welche Haldor fürchtete. Aber die Alternative, die seinen Tod in zwanzig, bestenfalls dreißig Jahren zur Folge hätte, war dennoch dringlicher und unerträglicher. Er tröstete sich mit dem Gedanken, daß sie nach einem zweiten Transfer ein neues Leben vor sich haben und dann die Zeit finden würden, die Entstehung dieser neuen Elite zu verhindern und dafür zu
-36-
sorgen, daß das Geheimnis des Transferverfahrens ausschließlich verantwortungsbewußten, moralischen Personen anvertraut wurde. Er zögerte nicht, sich einzugestehen, daß Haldor in solchen Dingen normalerweise viel weitsichtiger war als er. Aber das Problem, mit Kronak und Folcho fertig zu werden, mußte warten, bis der Kaiser überzeugt worden war und sie gemeinsam, gewappnet durch ihre erneuerte Jugend, allen fremden Einfluß abgeschüttelt hatten. Bis dahin blieb ihm nichts anderes übrig, als die schlechte Gesellschaft zu akzeptieren, die ihm die Umstände aufgezwungen hatten. »Nun gut, Folcho«, sagte er ernst. »Tut, was getan werden muß, und ich gewähre Euch den Schutz, der mir möglich ist.« Der groteske Körper auf den spindeldürren Beinen verbeugte sich. »Mylord, ich verlange nichts mehr. Ihr werdet Euren Entschluß nicht bereuen, das versichere ich Euch.«
-37-
4 Annrith schaute auf in das Gesicht des Mannes, vor dem sie eben einen Knicks gemacht hatte, und spürte ein flaues Gefühl im Magen, eine ungewisse Angst, als sie dem unbewegten Blick der dunklen Augen begegnete. Ihr schien, daß er in vieler Hinsicht das genaue Gegenteil von Haldor verkörperte. Beide Männer waren groß, aber Haldor war schlank, Lingard hingegen ein Koloß – nicht etwa fett wie Bolmas, der sie auf den Balkon geführt und sich eben entfernt hatte, sondern ein schwergewichtiger Riese, der aus massiven Muskeln und Knochen bestand. Während Haldor blond und glattrasiert war, waren Haar und Bart dieses Mannes dicht und schwarz wie die Nacht. Seine Kleidung, hervorstechend durch ihre Schlichtheit in solch prunkvoller Gesellschaft, war das Olivbraun einer Soldatenuniform. Ihr einziger Schmuck war ein breiter, goldziselierter Gürtel um seine Taille, an dem in einer juwelengeschmückten Scheide ein langer gebogener Dolch baumelte. Sie vermutete, daß selbst dieser Hauch von Glanz eher dem Zufall als einer Absicht entsprang. Solch ein Mann trug einen Dolch aus Gewohnheit, für praktische statt Repräsentationszwecke. »Mylord Regent, ich bin hocherfreut, Euch endlich kennenzulernen«, sagte sie. »Der Kaiser hat mir viel von Euch erzählt, was meine Neugier aber nur erhöht hat.« Der dunkle Riese sah schweigend auf sie herab, und mit einemmal wurde sie sich des Klanges ihrer hellen dünnen Stimme unangenehm bewußt. Bolmas und die anderen hatten sie mit Ratschlägen überhäuft, wie sie sich bei dieser ersten Begegnung verhalten sollte. Sie war gewarnt worden, daß Lingard ein ungeschliffener Kerl war, der die Feinheiten der höfischen Umgangsformen verachtete; daß er die Gesellschaft attraktiver Frauen schätzte, aber für intellektuelle nichts übrig hatte; auch, daß er kein Nachsehen mit Dummköpfen hatte und angeblich so in Wut geraten konnte, daß selbst der Kaiser vor ihm zitterte. Außerdem hieß es, er sei ein Wüstling, der sich oft in
-38-
den verrufensten Kneipen und Bordellen der Stadt amüsierte, ganz, wie seine Launen es ihm diktierten. Wie Würfel in einem Knobelbecher klapperten diese Informationsbruchstücke in ihrem Kopf, als sie in das erschreckende finstere Gesicht aufschaute und das Schweigen sich in die Länge zog. Es war Haldor, der sie schließlich aus der peinlichen Lage rettete. »Nun, Lingard, hat dir die Schönheit meiner kandarianischen Perle die Sprache verschlagen?« Der Riese zuckte die Achseln. »Gute Knochen und Zähne. Beides wichtige Merkmale. Aber der erste Eindruck kann täuschen. Man braucht Zeit, um die Qualität eines Pferdes oder einer Frau zu beurteilen.« »Ich glaube, du solltest diesen Vergleich lieber nicht weiterverfolgen«, sagte Haldor lachend. »Annrith hat eine beschützte, vornehme Erziehung genossen, und vermutlich braucht sie eine Weile, um sich an deinen derben Soldatenhumor zu gewöhnen.« Als die harten düsteren Augen sie endlich freigaben und Lingard den Kopf Haldor zuwandte, hatte Annrith das seltsame Gefühl, daß sie plötzlich aufgehört hatte zu existieren. Zwischen diesen beiden Männern herrschte eine so tiefe und innige Vertrautheit, ein ganzes Leben gemeinsamer Erfahrungen und gemeinsam durchstandener Gefahren, daß sie glaubte, niemals in diese ihre Welt eindringen zu können. Nur einen Moment lang schwebte sie über diesem Abgrund der Verzweiflung. »Laßt Euren natürlichen Neigungen ruhig freien Lauf, Mylord Regent«, sagte sie bissig. »Ich habe wohl gehört, daß Ihr Euer Quartier lieber in den Kneipen des Barrio Libre aufschlagt, statt Euch mit den Feinheiten eines Lebens am Hof zu plagen, und ich möchte keinesfalls, daß Ihr Euch meinetwegen Zwang antut.« Sie verstummte abrupt, errötete und wandte sich verwirrt ab. Ihr Zorn verflog so rasch, wie er gekommen war. Bolmas hatte es für unerläßlich gehalten, daß sie die Sympathie dieses Mannes gewann, statt dessen schlug sie schon in den ersten paar Sekunden ihrer Bekanntschaft scharfe Töne ihm gegenüber an.
-39-
Sie schaute vom Balkon herab auf die Szenerie unten auf dem Palasthof, wo die Gäste des Kaisers, eine glitzernde Ansammlung von hochgestellten Persönlichkeiten von allen Planeten der Dreizehn Welten, plaudernd im Schein der frühen Nachmittagssonne umherschlenderten. Irgendwo in der Menge war ihr Vater, doch konnte sie ihn im Moment nicht sehen. Das war nur gut, denn vermutlich wäre sie zu ihm gerannt, hätte sich in seine Arme geflüchtet und ihn gebeten, sie von hier fortzubringen. »Ich bewundere Eure Offenheit, Mylady. Allerdings bezweifle ich, daß Eure Auftraggeber solche Spitzen gutheißen würden, wo sie doch honigsüße Worte verordnet haben müssen.« Annrith drehte sich um und sah, daß sie mit dem schwarzbärtigen Riesen allein auf dem Balkon war. Haldor war wieder in den Salon gegangen; er stand etwa fünf Meter entfernt, offensichtlich in ein Gespräch mit dem Patriarchen Paradon vertieft. »Meine Auftraggeber?« »Mylady, wir brauchen einander doch nichts vorzumachen. Ihr seid eindeutig gut unterrichtet über meine persönlichen Gewohnheiten. Zweifellos hat man Euch auch gesagt, daß ich Offenheit in allen Dingen schätze. Ich halte es für besser, wenn wir von Anfang an eingestehen, daß wir Feinde sind, anstatt vorzugeben, Freunde zu sein.« Annrith zögerte. Selbst die schlimmsten Warnungen vor Lingard hatten sie nicht auf diese kalte Dusche vorbereitet. Wenn sie auf seine Worte einging, akzeptierte sie damit ihr eigenes Versagen; aber sie durfte nicht versagen, sondern mußte es weiter versuchen, wenn schon nicht um ihrer selbst, dann um Haldors willen, den ganz unverkennbar starke Gefühle mit diesem Mann verbanden. »Vergebt mir meine Dummheit, aber ich sehe nicht, weshalb wir Feinde sein sollten«, sagte sie. »Wirklich nicht?« Er sah spöttisch zu ihr hinab, den zottigen Kopf ein wenig schräg gestellt, fast wie ein seltsamer
-40-
Bär. »Und ich verstehe auch nicht, was dieses Gerede von ›Auftraggebern‹ soll«, fügte sie hinzu und spürte, wie der Zorn in ihr wieder wuchs. »Kuppler wäre vielleicht ein besserer Ausdruck gewesen«, sagte er mit festem, hartem Blick. »Die heimlichen Drahtzieher, die die Falle ausgelegt und mit einem so verlockenden Köder versehen haben, müssen in diesem Moment sehr mit sich zufrieden sein. Sagt mir, seid Ihr für diese Rolle besonders geschult worden, oder hat man Euch wegen eines schon bekannten und bewährten Talents ausgewählt? Wie dem auch sei, Ihr müßt schon etwas Besonderes an Euch haben, daß es Euch gelungen ist, Haldor einzufangen, der sein größtes Vergnügen stets darin gefunden hat, eine Vielzahl von Frauen zu besitzen. Ich entsinne mich noch an den Tag, als wir uns mit Nan Kadath vergnügten. Solche Frauen, Frauen, die ihren wahren Platz und ihre Aufgabe kennen, jede dienstbeflissen und keine eifersüchtig auf ihre Schwestern – « »Verschont mich mit Euren ehemaligen Orgien«, sagte Annrith, ohne ihre Abscheu zu verbergen. »Ehemalig?« Ein spöttisches Lächeln umspielte Lingards bärtige Lippen. »Glaubt Ihr wirklich, vorausgesetzt, diese Heirat findet überhaupt statt, daß Ihr Haldor für Euch in Beschlag nehmen, Euch gegen die Tausenden von Frauen behaupten könnt, die begierig sind, ihr Gedächtnis mit der Erinnerung zu bereichern, daß sie einmal vom Kaiser persönlich beglückt worden sind? Doch nein, Eure Auftraggeber müssen Euch das schon klargemacht haben. Eure wichtigste Aufgabe wird zweifellos sein, einen Thronfolger hervorzubringen, dann zur Sicherheit vielleicht noch ein zweites Kind. Sobald Ihr diese Verpflichtung erfüllt habt, wird man Euch zweifellos nahelegen, Euch mit Haldors sexuellen Ausschweifungen abzufinden.« Annrith spürte, daß sie sehr blaß war. Die Spannung ihrer unterdrückten Wut vibrierte in ihr, einer riesigen Stimmgabel
-41-
gleich, und drohte ihre Vernunft zerspringen zu lassen. Sie machte sich keine Illusionen darüber, daß Haldor in jeder Beziehung ein Mann war. Als Kaiser hätte er ihr am Abend ihrer ersten Begegnung befehlen können, sich ihm zu fügen. Statt dessen hatte er sie umworben, sich völlig korrekt benommen und sich die althergebrachte Zurückhaltung und Förmlichkeit im Umgang zwischen Mann und Frau auferlegt, die heutzutage selbst in den kleinen Dörfern auf Kandar kaum noch beachtet wurde. Er schien fest entschlossen, sie in keiner Weise zu kompromittieren, und ihr war natürlich klargewesen, daß Millionen Mädchen es als Auszeichnung betrachtet hätten, vom Kaiser so hofiert zu werden. Desgleichen hatte er ihren Vater mit Respekt behandelt, obwohl er auch hier hätte befehlen können. Zugegeben, Bolmas und die anderen waren sofort aufmerksam geworden, hatten mit Schmeicheleien und Ratschlägen nicht gespart, und ganz offensichtlich wollten sie für sich selbst, und vielleicht auch für Kandar im allgemeinen, Nutzen aus der Verbindung ziehen. Doch als finsteres Komplott, wie es Lingard mit seinem Gerede von »Auftraggebern« nahelegte, konnte man das nicht bezeichnen. Sie sah ihm kühn ins Gesicht, ihren Zorn fest unter Kontrolle haltend. »Mir scheint, wenn Ihr wirklich der Freund des Kaisers wäret, hättet Ihr mit Eurem Urteil ruhig etwas länger warten können. Und wäre es dann immer noch dasselbe gewesen, so hättet Ihr besser daran getan, es für Euch zu behalten.« »Leute, die ein schlechtes Gewissen haben, hören selten gern die Wahrheit«, entgegnete Lingard. »Ihr habt vorhin auf meine Vorliebe für Vergnügungen angespielt, und dazu will ich Euch eins sagen: die Huren des Barrio Libre sind ehrlicher in ihrer Einstellung zum Leben als Ihr, Mylady. Sie wissen, was sie sind, und machen kein Hehl daraus. Und wenigstens verkaufen sie sich für Geld!« Unter normalen Umständen hätte eine solche Beleidigung sie fassungslos verstummen oder in Tränen ausbrechen lassen, aber in der gegenwärtigen Situation gab sie ihrem sich
-42-
herauskristallisierenden Entschluß den letzten Anstoß. »Nun gut, Lingard«, sagte sie mit fester, bewußt gleichgültiger Stimme. »Ihr habt mich überzeugt. Was immer es mich kosten mag, seid versichert, daß ich keinen weiteren Versuch machen werde, Eure Freundschaft zu gewinnen.« Bevor er etwas erwidern konnte, drehte sie sich um und ging rasch durch die Balkontür in den Empfangssalon. Die Spannung fiel unvermittelt von ihr ab, und sie zitterte jetzt. Ihr einziger Wunsch war, einen Ort zu finden, wo sie allein sein und sich von der eben durchstandenen Zerreißprobe erholen konnte. Sie eilte durch den Raum, darauf bedacht, den Gruppen der Plaudernden auszuweichen, von denen einige sich unterbrachen und zu ihr herübersahen. Sie war im Begriff, einen schmalen Bogengang zu passieren, hinter dem ein Korridor zu den Privatgemächern des Palasts führte, als sie sich unverhofft einer großen gebeugten Gestalt in einem schlichten schwarzen Talar gegenübersah, dessen einzige Zierde eine auf die linke Brust über dem Herzen gestickte silberne Schlange und ein Stabemblem waren. »Annrith, mein Kind. Ihr seht bedrückt aus. Kann ich Euch irgendwie helfen?« fragte Paradon, dessen zerfurchte, asketische Züge Sorge ausdrückten, als er zu ihr hinabblickte. »Es ist nichts weiter, Heiligkeit – nur leichte Kopfschmerzen«, log sie. Paradon war immer freundlich zu ihr gewesen, aber sie wollte jetzt unbedingt allein sein. Sie lächelte höflich und tat einen Schritt vor. Er trat zur Seite, aber als sie den Korridor betrat, bemerkte sie, daß er immer noch da war und neben ihr herging. »Erlaubt, daß ich Euch etwas dagegen verschreibe«, sagte er. »Kleine Unpäßlichkeiten können der Anfang einer ernsten Krankheit sein, und wir müssen sichergehen, daß Ihr morgen bei bester Gesundheit seid.« »Morgen?« Sie blieb wie angewurzelt stehen und schaute fragend zu ihm auf. »Der Kaiser hat beschlossen, seine Verlobung bei der Eröffnung des diesjährigen Konzils der Dreizehn Welten
-43-
bekanntzugeben«, erklärte der Heiler. »Er hat mich erst vor wenigen Minuten davon unterrichtet, wenngleich ich gestehen muß, daß ich etwas Ähnliches schon seit einiger Zeit erwartet habe.« »Und nach der Bekanntgabe? Wie lange noch?« »Bis zur Trauung?« Paradon lächelte. »Wenn meine Diagnose richtig ist, wird Haldor nicht allzu lange leiden. Ihr habt ihn sehr glücklich gemacht, mein Kind, und ich glaube, er liebt Euch sehr. Ihr werdet ein gutes Paar abgeben.« »Ich danke Euch für Euer Vertrauen, Heiligkeit. Aber es gibt Personen, die da anderer Meinung sind. Wenn nun auch das Konzil sich dagegen ausspricht?« »Unsere Verfassung schreibt vor, daß der Kaiser vor seiner Heirat seine Minister um Erlaubnis bittet – schließlich ist die Frage der Thronfolge für sie von Belang – , aber in der Praxis ist die Bekanntgabe nur eine Formalität«, versicherte Paradon ihr. »Der Kaiser tut, was ihm gefällt, und sobald die Hochzeitsfeier vorüber ist, ist Eure Stellung gefestigt.« »Meine Ungeduld kommt Euch sicher sonderbar vor«, sagte sie. »Aber nun, da – « Er legte seine blasse Chirurgenhand sanft auf ihren Arm. »Ich sah Euch eben auf dem Balkon mit dem schwarzen Bär reden. Er brummt viel, aber nehmt ihn nicht zu ernst.« »Er hat gemeine Dinge zu mir gesagt.« »Das mag sein. Aber bedenkt, daß er sie Euch ins Gesicht gesagt hat«, erwiderte Paradon. »Er ist ein offener Mensch ohne jede Arglist, und Ihr werdet immer wissen, woran Ihr bei ihm seid. Die Feinde, vor denen Ihr Euch in acht nehmen solltet, sind jene, die lächeln.« – »Habe ich denn solche Feinde?« »Könnt Ihr daran zweifeln, angesichts der menschlichen Natur? Aber vergeßt nicht, daß Ihr auch Freunde habt.« Sie schaute lächelnd auf in das freundliche alte Gesicht. »Wißt Ihr, ich glaube, meine Kopfschmerzen sind plötzlich wie weggeblasen. Gehen wir wieder in den Salon?«
-44-
5 Irgendwo unten in der Stadt schlug eine ferne Turmuhr dreimal. Die Glockentöne tasteten sich zögernd durch die dunstige Nacht in den düsteren Hof, wo Vernal Gein Wache stand. Verärgert über das Jucken des Schweißbächleins, das langsam über seine Brust unter dem Brustharnisch seiner Zeremonien-Uniform rann, verlagerte er das Gewicht von einem Fuß auf den anderen und dachte sehnsüchtig an ein großes kühles Glas Bier. Er schnitt eine Grimasse, wütend über seine eigene Dummheit, und versuchte das Bild und die Vorfreude auf das prickelnde, überschäumende goldgelbe Getränk und auf die angenehme Kühle in seinem Bauch zu verdrängen. Welchen Sinn hatte es, sich mit solchen Vorstellungen zu peinigen, wenn mindestens noch zwei schleppende Dienststunden verstreichen mußten, ehe er sich den Wunsch erfüllen konnte? Zu dumm! Alles in dieser Armee war dumm, die starre Disziplin, die viehischen Strafen. Er selbst war dumm, weil er auf das Gerede von glorreichen Schlachten gegen die Feinde des Kaisers auf fernen Planeten hereingefallen war und den Unsinn geglaubt hatte, Mädchen könnten beim Anblick einer Uniform nicht widerstehen. Die Wirklichkeit hatte sich als grau und eintönig erwiesen. Fünf Jahre diente er jetzt in der Palastwache, und das waren fünf Jahre stumpfsinniger Routine und unsinniger Befehlsausführung. Blut hatte er bisher einmal zu Gesicht bekommen, als er sich beim Rasieren geschnitten hatte. Das Gewehr in seinen schwitzenden Händen war noch nie im Kampf abgeschossen worden, und die einzigen Mädchen, die sich zu seiner Uniform hingezogen fühlten, waren die billigen Huren, die in der Zahlnacht vor den Kasernentoren herumlungerten. Er spie aus. Seine Zunge fühlte sich an wie ein Stück rauhes Leder in seinem trockenen, ausgedörrten Rachen. Zu dumm! Wozu Wache stehen auf diesem dämmrigen Hof auf der Rückseite des Palasts? Ein Eindringling müßte, um
-45-
hierher zu gelangen, erst einmal die Haupttore überwinden und sich dann durch einen Irrgarten aus Hallen und Korridoren kämpfen, und das, ohne von mehreren hundert Wachen bemerkt zu werden. Der einzige andere Weg in den Palast war der die tausend Meter hohe Sandsteinklippe hinab. Einmal, vor langer Zeit, in den alten heroischen Tagen war ein Angriff auf diese Weise geführt worden, vom ersten Kaiser persönlich. Vielleicht war deshalb die Klippe nun in Flutlicht getaucht, eine gewaltige, helle Mauer, auf der sich die Silhouetten der Brustwehren des Palasts abzeichneten und die von den Straßen unten in der Stadt einen eindrucksvollen Anblick bot. Aber ein Eindringling, der unter den heutigen Bedingungen einen Abstieg versuchte, mußte schon verrückt sein; verrückt oder dumm. Vernal löste die Finger der rechten Hand von dem klammen Gewehrkolben und wischte sie an seiner Uniformhose ab. Nach den Vorschriften mußte er die Waffe alle zehn Minuten schultern und im Kreis über den Hof marschieren, forsch und zackig, wie es von den Leibwachen des Kaisers erwartet wurde, immer im Kreis herum, wie ein Tier in einer Tretmühle. Blödsinn, bei dieser Hitze und ganz allein herumzumarschieren. Wonach sollte er eigentlich Ausschau halten? Wenn man so begierig wissen wollte, was auf diesem Hof geschah, warum war dann niemand so schlau gewesen, hier ein paar Scheinwerfer und versteckte Kameras zu installieren? Zum Henker damit! Für heute war er genug marschiert. Es war einfach zu heiß. Solange er die Ohren offenhielt und darauf achtete, ob der Sergeant kam, brauchte er sich nicht sinnlos zu verausgaben. Er lehnte sich mit dem Rücken gegen die Steinsäule und entspannte sich, aber nur ein wenig. Vor einem Monat hatte Kolbe dasselbe getan, und die blutigen Striemen auf seinem Rücken von den strafenden Peitschenhieben waren immer noch nicht verheilt. Von hier konnte er den größten Teil des Hofs sehen, die dunklen Umrisse von Türen und Fenstern, die Schatten, die sich in den
-46-
Mauerecken zu rußender Schwärze verdichteten. Alles war still und unbeweglich, kein Lufthauch fuhr durch die warme Nacht. Aus einem Türeingang rechts von ihm löste sich eine Schattenpartie und bewegte sich auf die gegenüberliegende Mauer zu. Jedenfalls kam es ihm so vor. Vielleicht fingen seine Augen, müde vom Starren in das ewige Dunkel, auch nur an, ihm Streiche zu spielen. Er rieb sie sich mit dem Handrücken, blinzelte und versuchte Einzelheiten an dem formlosen Ding auszumachen. Das war wieder so ein Unfug. Wenn es einen besonderen Grund gab, warum der Hof nicht beleuchtet werden sollte, hätte man ihm dann nicht wenigstens eins der Nachtsichtgläser geben können, die zur Standardausrüstung von Einsatzpatrouillen gehörten? Vielleicht hatte man ihm solche Hilfsmittel deshalb versagt, weil seine Vorgesetzten sicher waren, daß er sie nie brauchen würde. Was normalerweise auch stimmte, aber – er spähte angestrengt in das Dunkel. Es war schon vorgekommen, daß Männer auf Nachtwache auf Schatten geschossen hatten, auf Gespenster, die ihnen ihr vor Langeweile abgestumpftes Gehirn vorgegaukelt hatte. Aber Vernal hatte immer noch den Eindruck, daß da etwas war, daß sich etwas verstohlen an der Mauer, etwa dreißig Meter entfernt, entlangschlich. Eine Katze vielleicht? Nein, dieses Ding, sofern es überhaupt existierte, war zu groß für eine Katze. Er packte das Gewehr fester, als die Schattengestalt mit der Dunkelheit nahe der Ecke jenes Gebäudes verschmolz, in dem die Bediensteten ihre Unterkünfte hatten. Was jetzt? Sollte er hingehen und nachsehen? Oder die Gestalt von hier aus anrufen? Die Entscheidung wurde ihm abgenommen. Zum erstenmal, seit er der Bewegung der Schattengestalt gefolgt war, vernahm er ein Geräusch, ein metallisches Klicken und dann einen leisen Summton. Die Ursache des Summens wurde erkennbar, als die Gestalt wieder zum Vorschein kam. Sie schwebte langsam aus dem Dunkel über die Mauerkrone
-47-
hinweg in den verhältnismäßig hellen Himmel, und zum erstenmal sah er sie ganz deutlich; an ihrer Existenz konnte kein Zweifel mehr bestehen. Vernal lief mitten auf den Hof. »Halt! Kommen Sie herunter, oder ich schieße!« Er erhielt keine Antwort. Nur das Summen des Flugaggregats wurde lauter, als der Unbekannte seine Geschwindigkeit erhöhte, er war schon über dem Dach der Bedienstetenunterkunft, deutlich erkennbar als schwarze Silhouette gegen die angestrahlte Klippe, und ganz eindeutig hatte er nicht die Absicht, dem Anruf Folge zu leisten. Vernals fünfjährige Ausbildung in der Armee ließ ihn automatisch reagieren. Er legte das Gewehr an, zielte und schoß. Einen Moment lang glaubte er, verfehlt zu haben. Er drückte den Finger bereits gegen den Abzug, um einen zweiten Schuß auszulösen, als das Fluggerät plötzlich außer Kontrolle geriet. Es heulte auf unter einem gewaltigen Beschleunigungsstoß und wurde, sich überschlagend, ungefähr fünfzig Meter hoch in die Luft geschleudert. Dann stürzte es ab, kam, immer schneller werdend, herunter, bis der hilflos zappelnde Körper seines Trägers mit dem Kopf voran auf die Steinplatten des Hofs krachte, nur wenige Schritte von Vernal entfernt. Das ekelerregende Knirschen berstender Knochen hallte noch in seinen Ohren, als er zu der Stelle lief. Als er sie erreichte, flammte an einem nahen Turm ein Scheinwerfer auf und enthüllte ein grausiges, blutiges Ding aus zerschmettertem Fleisch und Knochen. Vernal ließ das Gewehr fallen und sank schluchzend neben seinem Opfer auf die Knie. Die Schritte hinter sich nahm er nur am Rand wahr. Zum erstenmal in seinen fünf Dienstjahren begann er wirklich zu verstehen, was es hieß, ein Soldat zu sein. Und es gefiel ihm nicht. »Es tut mir leid, Mylord«, sagte der schnurrbärtige Sergeant. »Dieses Verhalten ist für Palastwachen unentschuldbar. Er wird selbstverständlich ausgepeitscht.« »Das will ich hoffen.« Folcho sah verächtlich zu, wie der
-48-
weinende Vernal Gein von zwei seiner Kameraden abgeführt wurde. Dann wandte er sich der Leiche zu, die mit dem Gesicht nach unten, vor ihm auf dem Boden lag. Er setzte vorsichtig den rechten Fuß darunter und rollte sie herum. Die Schädeldecke des Toten war von der Wucht des Aufpralls eingedrückt worden, aber die Gesichtszüge waren, von den zwei Blutrinnsalen abgesehen, die aus den Nasenlöchern liefen, vollständig erhalten geblieben. Es war ein typisch largolianisches Gesicht, ohne besondere Kennzeichen, wie man es in den Straßen der Hauptstadt zu Tausenden sehen konnte. Der Körper wirkte durchtrainiert und war mit einem enganliegenden, einteiligen schwarzen Anzug bekleidet. Das um die muskulösen Schultern geschnallte Fluggerät war ein Standardmodell für Kommandoeinheiten, ebenso die Provianttasche auf der Brust. Keuchend vor Anstrengung bückte sich Folcho und löste den Riemen der Tasche. Dann steckte er die Hand hinein und brachte ein paar Holzsplitter zum Vorschein. Es waren flache Bruchstücke, etwa einen Zentimeter stark, von dunkler Farbe, auf der einen Seite poliert, auf der anderen mit einer Einlegearbeit aus Perlen und Halbedelsteinen versehen. Die Einlegearbeit hatte ein eigentümliches Muster, das Folcho sofort als charakteristisch für ein bekanntes belphargianisches Handwerkserzeugnis, das Gualcanarkästchen, erkannte. Er langte noch einmal in die Provianttasche, fand aber nur noch mehr dieser Holzscherben. Ein Einbrecher? Jeder gewöhnliche Einbrecher würde sich hüten, in den Kaiserlichen Palast einzudringen. Und wagte es doch einer, dann würde er sich bestimmt nicht damit begnügen, ein einzelnes ornamentiertes Kästchen von der Sorte zu stehlen, wie sie die Geschäfte und Basars der Stadt zu Hunderten feilboten. Wenn es kein Einbrecher war, dann vielleicht ein Attentäter? Aber das ergab keinen Sinn, denn der Mann hatte keine Waffe bei sich, nur diese zertrümmerten Überreste von Touristenramsch. Folcho schürzte die dicken Lippen und sah sich noch einmal den zerschmetterten Schädel
-49-
des Toten an. Es war äußerst zweifelhaft, ob einem so stark beschädigten Gehirn unter postmortaler Sondierung noch nützliche Informationen entlockt werden konnten, aber man mußte es probieren. Sein Gedankengang wurde von dem Schrei einer Frau unterbrochen, einem so verzweifelten Entsetzensschrei, daß er sich ruckartig aufrichtete. »Ihre Pistole, Sergeant!« befahl er. Ungeduldig wartete er, bis ihm die Waffe überreicht wurde, dann watschelte er davon, so schnell sein plumper Körper es erlaubte. Der Sergeant und zwei Wachen folgten ihm. Annrith erwachte aus unruhigem Schlaf. Beide Monde waren untergegangen, und im Zimmer war es so dunkel, daß das Fenster zu ihrer Rechten gerade noch als finsteres Rechteck, nicht ganz so schwarz wie die Wand, zu erkennen war. Es war eine erdrückend schwüle Nacht. Träge sogen ihre Lungen die feucht-warme Luft ein – und trotzdem zitterte sie vor Eiseskälte. Die bösen Träume hätten nun, da sie wach war, vergehen sollen, aber der Alpdruck ließ sie nicht los. Alle ihre Sinne waren unnatürlich angespannt, und in ihrem Verstand flackerte eine helle Flamme des Grauens. Als sie das Geräusch hörte, wußte sie plötzlich, daß sie davon aufgewacht war. Ein kaum vernehmbares Scharren in der Dunkelheit, und doch ein alptraumhaftes Geräusch. Im Zimmer war etwas, bewegte sich auf sie zu – etwas Unsichtbares und Tödliches. Die Angst lähmte sie, und sie vermochte nicht die Hand auszustrecken und die Lampe neben ihrem Bett anzuknipsen. Das Geräusch, lauter diesmal, rief eine fast schon vergessene Kindheitserinnerung wach. Die leisen Klapperund Scharrlaute kamen näher, und sie lag immer noch bewegungsunfähig da, zitterte in stummem Entsetzen. Damals auf Kandar, sie war noch ein kleines Kind gewesen, hatte sie dieses Geräusch schon einmal gehört, und – Der Schrei löste sie schließlich aus ihrer Erstarrung. Ganz in der Nähe erklang ein unartikuliertes schrilles Heulen, aus
-50-
dem das nackte Entsetzen sprach, durchfuhr sie wie ein Schock und brach den Bann, der sie gelähmt hatte. Noch bevor der Schrei abbrach, hatte sie die rechte Hand ausgestreckt und suchte verzweifelt den Schalter. Dann wurde das Zimmer unvermittelt in grelles Licht getaucht. Sie sah sie, kaum daß ihre Sicht sich klärte. Eine Anzahl kleiner krebsähnlicher Tiere, etwa fünf Zentimeter im Durchmesser, von blasser Färbung, scharf umrissen gegen das Tiefrot des Teppichs, näherte sich ihr in geschlossener Formation, einer gut gedrillten Kompanieabteilung gleich. Das leise Klappern, das sie gehört hatte, wurde von den gepanzerten Beinen der Tiere verursacht. Sie kauerte sich am Kopfende des Bettes zusammen und beobachtete den langsamen, unerbittlichen Vormarsch der Tath, deren zuckende Fühler sich nun zielstrebig auf sie ausrichteten. Die Langsamkeit des Vormarschs war trügerisch. Wenn ein Tath in Sprungweite war, konnte es blitzschnell zuschlagen, und sobald seine Kiefer sich in ungeschütztes Fleisch gruben, sonderte es ein Gift ab, welches das Opfer augenblicklich lähmte. Der Biß war nicht tödlich. So schnell oder unkompliziert tötete das Tath nicht. Das Gift sollte das Opfer nur bewegungsunfähig machen, während die Vorbereitungen für den eigentlichen Zweck des Überfalls getroffen wurden. Und weil keine Ohnmacht eintrat, konnte das Opfer das entsetzliche Geschehen bei vollem Bewußtsein miterleben. Das Tath suchte sich eine Körperöffnung, drang ein und grub sich von dort mit seinen winzigen, messerscharfen Scheren, die für diesen Zweck ideal waren, einen Weg zur Milz. Darin legte es seine Eier ab, aus denen nach kaum drei Stunden die Larven schlüpften. Danach wurde das Opfer von ungefähr einer Million hungriger Mäuler bei lebendigem Leib aufgefressen. Das Gehirn wurde bis zuletzt verschont, so daß das Opfer praktisch bis zum letzten Stadium bei Bewußtsein blieb. Wer Glück hatte, verlor lange vorher den Verstand. Die Tiere waren jetzt nur noch wenige Zentimeter vom
-51-
Fußende des Betts entfernt. Sie bewegten sich mit der hirnlosen Automatik von winzigen Spielzeugmechanismen. Ihr Rückenschild war dünn und gebrechlich und konnte mit einem kräftigen Schlag leicht zertrümmert werden. Aber Annrith trug nur ein hauchdünnes Nachthemd, und die Tiere würden sofort angreifen, sobald sie Menschenfleisch witterten. Wenn sie jetzt aus dem Bett sprang, konnte sie sie vielleicht zertreten, aber wenn es nur einem gelang, sein Gift in ihren Blutstrom zu spritzen, war es aus mit ihr. Noch vor dem Morgengrauen würden die Tathlarven sie innerlich zerfressen haben. Die Fühler der Tiere bewegten sich jetzt aufgeregter, als sie die Nähe eines Menschen spürten. Annrith drückte den Rücken fest gegen das Kopfende des Betts, zog sich die Decke bis an den Hals und starrte die Tiere gebannt, mit vor Entsetzen geweiteten Augen an. Das Kratzen und Scharren der gepanzerten Gliedmaßen beherrschte ihr Denken, lähmte ihren Verstand. Ihr aufgerissener Mund bewegte sich stumm, brachte keinen Laut hervor, denn die Angst schnürte ihr die Kehle zu. Eines der Tath verließ die Formation und trippelte allein vor. Es sprang unglaublich hoch, scharrte mit den Klauen haltsuchend über das glatte, goldgelbe Seidenbettuch, das über die Bettkante hing, und fiel dann zurück auf den Teppich. Es lag auf dem Rücken, klackte mit den Beinen, zeigte seinen obszönen Bauch voller Eier. Bevor das Tier sich wieder aufgerichtet hatte, sprang ein anderes. Es landete genau auf der Bettkante am Fußende, schwankte einen Moment, mit den Beinen krampfhaft über den Stoff scharrend, um das Gleichgewicht zu bewahren, und fand Halt – Entsetzt beobachtete Annrith, wie die sich windenden Fühler zur Ruhe kamen. Langsam begann das Ding auf sie zuzukriechen, scharrte mit den winzigen Klauen über die seidene Bettdecke, näherte sich ihr wie eine kleine tödliche Präzisionsmaschine von der Farbe eines ausgebleichten
-52-
Schädels. Tod. Ihr Tod. Die Vorstellung von der Qual, langsam innerlich zerfressen zu werden, hatte sich schon in ihr festgesetzt, sie des Willens beraubt, gegen ihr Schicksal anzukämpfen. Sie war so fixiert auf das kleine weiße Ding vor sich, daß sie nichts anderes sah und hörte. Der Palast hätte einstürzen können, ohne daß sie etwas bemerkt hätte. Der winzige Mörder auf ihrem Bett schlug sie so in den Bann, daß sie sein Verschwinden zunächst gar nicht fassen konnte, bis sie endlich bemerkte, daß eine Hand sie sachte an der Schulter rüttelte. Sie schaute auf und sah in Folchos schwitzendes Vollmondgesicht. Im Zimmer waren plötzlich lauter uniformierte Männer. »Beruhigt Euch, Mylady. Die Gefahr ist gebannt. Natürlich müssen wir noch alles gründlich durchsuchen.« Folcho hob sie mit unvermuteter Kraft vom Bett hoch und trug sie aus dem Zimmer. Sie ließ es widerstandslos geschehen. Sie sah noch, wie die Wachen die Tath mit ihren Stiefeln zertraten, die blassen Körper mit ekelerregendem Knirschen in den purpurroten Teppich stampften. »Was geht hier vor?« Ihr Vater erschien in der Tür; sein graues Haar war zerzaust, sein Gesicht leichenblaß. »Meine Tochter – « »Ihr ist nichts geschehen«, beruhigte ihn Folcho. »Bitte bleibt vorläufig noch draußen. Es könnten noch welche unterm Bett sein.« Er ging an Olan Therys vorbei und legte Annrith behutsam auf die Couch im Wohnzimmer. Als sie dort kauerte und der Schock allmählich nachließ, kam ihr zu Bewußtsein, daß sie praktisch nackt war. »Vater – « Sie streckte zitternd die Hand aus. Olan Therys erriet sofort, was seine Tochter wollte, trat zu ihr und bedeckte sie mit seinem Umhang. »Den Göttern sei Dank, sind wir gerade noch rechtzeitig gekommen«, sagte Folcho. »Wenn sie nicht geschrieen hätte – «
-53-
»Aber ich habe nicht geschrien – «, murmelte Annrith verwundert. Dann glitt ihr Blick zu der verschlossenen Tür, die in das Schlafzimmer neben dem ihren führte, und sie erriet die Antwort auf ihre unausgesprochene Frage. »Marinda!« rief sie und sprang auf. »Euer Exzellenz, bitte haltet sie zurück!« sagte Folcho eindringlich. Olan Therys trat seiner Tochter sofort in den Weg und hielt sie mit sanfter Gewalt fest. Folcho riß die Tür des anderen Schlafzimmers auf und verschwand darin, gefolgt von drei Wachen. Und wieder hörte Annrith das Stampfen von Füßen und das Knirschen berstender Tathkörper. »Laß mich zu ihr!« schrie sie und versuchte sich loszureißen. »Sei vernünftig, mein Kind, und warte noch«, sagte ihr Vater beschwichtigend. Nach kurzer Zeit erschien Folcho wieder in der Tür. »Hol einen Heiler!« befahl er einer Wache. »Beeilung, Mann!« »Was – was ist mit Marinda?« fragte Annrith ängstlich. Folcho sah zu Boden. »Mylady, anscheinend hat man die Tath in ihrem Zimmer zuerst losgelassen.« »Losgelassen ?« hauchte Olan Therys verblüfft. Folcho spreizte die dicken Finger. »Euer Exzellenz, das Erscheinen der Tath kann kein Zufall sein. Die Tiere sind in so großer Zahl aufgetreten und in zwei, allem Anschein nach verschlossene Räume eingedrungen, daß – « Annrith nutzte die Verwirrung ihres Vaters, um sich von ihm loszureißen, und lief zu der offenen Tür. Marinda lag nackt auf dem Bett, das blonde Haar wirr über dem Kopfkissen ausgebreitet, den Mund zu einem unhörbaren Schrei geöffnet. Ihr starrer Körper zeigte bereits die blaß-blaue Färbung einer Tathvergiftung. Nur ihre Augen wirkten noch lebendig – dunkle Fenster, die ihre Angst und Qual erkennen ließen, während das unsichtbare Tath sich durch ihren schutzlosen Körper bohrte. »Annrith, bitte. Du kannst ihr doch nicht helfen«, sagte ihr
-54-
Vater. »Aber der Heiler – « »Er wird gleich hier sein, aber ich fürchte, daß auch er wenig mehr tun kann, als ihr die Qualen zu lindern.« »Da sollte ich jetzt liegen«, stieß Annrith hervor. »Der Anschlag galt mir.« »Die Götter bewahren, Mylady«, sagte Folcho. »Aber ich glaube, Ihr habt recht.« »Für meine arme Marinda ist das ein schwacher Trost. Ich bleibe bei ihr, bis der Heiler endlich kommt.« »Nein!« widersprach ihr Vater energisch. »Du hast heute schon genug mitgemacht. Außerdem würdest du bei dem, was hier getan werden muß, nur im Weg sein. Komm, wir gehen in meine Gemächer.« Sie spürte, daß sie nicht mehr die Kraft und den Willen zum Widerspruch hatte. Plötzlich von Schwäche übermannt, ließ sie sich von ihrem Vater aus dem Zimmer führen. Wie im Traum hörte sie noch Folchos Stimme: »Euer Exzellenz, der Heiler ist an sein Gelübde gebunden, Leben zu bewahren. Wenn er sagt, daß er nichts für das Mädchen tun kann, soll ich ihr dann ein schnelles Ende bereiten?« Und die Antwort ihres Vaters: »Ich danke Euch, Folcho. Tut, was Ihr für richtig haltet.« Der Wortwechsel hätte ebensogut in einer ihr fremden Sprache stattfinden können. Ihr tauber Verstand begriff nichts. Erst spät am folgenden Morgen, als sie aus künstlich verlängertem Schlaf erwachte, verstand sie. Zu diesem Zeitpunkt war Marinda seit über acht Stunden tot, und von ihrem verseuchten Körper war nur eine Handvoll graue Asche geblieben.
-55-
6 Haldor stand in voller Größe vor dem zitternden Folcho. Er glühte vor Zorn. Durch das Fenster hinter ihm sah man, ebenfalls glühend, die Morgensonne und darunter die Bucht, in der das Meer wie flüssiges Gold wogte. Die Nachricht von dem heimtückischen Attentat auf Annrith, ausgerechnet am Vorabend der geplanten Bekanntgabe seiner Verlobung vor dem Ministerrat, hatte ihn zutiefst erschüttert und zugleich sehr nachdenklich gestimmt. War seine Einschätzung der politischen Situation im Imperium vielleicht zu stark von Selbstgefälligkeit geprägt gewesen? Er hatte wohl gewußt, daß die bevorstehende Heirat in einigen Lagern Rivalitäten ausgelöst hatte, aber er hätte nie für möglich gehalten, daß eine dieser Gruppen zu einer solchen Schandtat fähig war. »Warum bin ich nicht eher über das Geschehen unterrichtet worden?« fragte er scharf. »Euer Majestät, wir glaubten, es habe keinen Sinn, Eure Nachtruhe zu stören, solange keine genaueren Informationen vorlagen.« »Meine Nachtruhe! Während die Frau, die ich heiraten will, in Lebensgefahr schwebte!« »Ich versichere Euch, die Gefahr ist gebannt.« »Ich habe schon zu viele Eurer Versicherungen gehört. Ihr sagtet mir, der Palast wäre absolut sicher. Ich habe Euch, wissen die Götter, alle Mittel für diesen Zweck an die Hand gegeben.« »Euer Majestät, der Attentäter ist von einem Wachtposten beim Fluchtversuch erschossen worden – « »Aber erst, nachdem er sein Teufelswerk vollbracht hatte«, bohrte Haldor unnachgiebig. »Ich weiß, es gibt keine Entschuldigung dafür«, bekannte Folcho, dessen schwitzender Blasenkopf im Sonnenlicht glänzte. »Mich trifft die volle Verantwortung. Ich möchte jedoch darauf hinweisen, daß der Anschlag durch mein persönliches Eingreifen vereitelt worden ist. Nur eine
-56-
unbedeutende Dienerin verlor das Leben.« »Was eher dem Zufall als weiser Voraussicht zu verdanken ist, wenn Ihr mich richtig unterrichtet habt«, sagte Haldor. »Hätte man die Tath in Annriths Zimmer zuerst ausgesetzt, so wäre sie jetzt tot. Aber das ist schon vier Stunden her. Was habt Ihr inzwischen unternommen?« »Ich war die meiste Zeit bei meinem Psychensondenstab. Wir haben versucht, dem Gehirn des Attentäters so viele Informationen wie möglich zu entreißen, leider mit geringem Erfolg. Nachdem die Wache sein Fluggerät durch eine Gewehrkugel beschädigt hatte, stürzte er mit dem Kopf voran aus etwa sechzig Metern Höhe auf den Hof. Ich ließ die Leiche unverzüglich ins Labor bringen, aber das elektrochemische Restpotential der Gehirnzellen war nur noch ein heilloses Durcheinander. Unter diesen Umständen war selbst die Feststellung seiner Personalien sehr schwierig.« »Ihr wißt, wer der Attentäter war?« Folcho nickte. »Ja, Euer Majestät, aber ich glaube kaum, daß uns das viel nützen wird. Er war ein ehemaliges Mitglied der Palastwache namens Bunin. Den Akten nach wurde er vor etwa sechs Monaten wegen wiederholter Trunkenheit im Dienst entlassen.« »Das würde erklären, warum er sich im Palast auskannte. Ohne dieses Wissen hätte man den Anschlag schwerlich durchführen können«, bemerkte Haldor. »Was wißt Ihr noch über ihn?« »Seit seiner Entlassung hat er im Hafenviertel der Stadt gelebt«, erwiderte Folcho. »Er soll häufig die Stellung gewechselt haben. Meistens behielt er eine Arbeit nur bis zum Zahltag, um sich dann sinnlos zu betrinken, bis ihm das Geld ausging. Ansonsten ist wenig über ihn bekannt, nur, daß er von der Polizei mehrmals wegen Verdachts auf Raubüberfall festgenommen wurde. Soviel wir bis jetzt wissen, hat er sich nie politisch betätigt oder politische Ansichten irgendeiner Art geäußert.« »Wer ein derartiges Leben führt, braucht politische
-57-
Ansichten genausowenig wie ein Gewissen«, bemerkte Haldor. »Dieser Mann war eindeutig nur ein Werkzeug, der sein Können und Wissen für Geld verkauft hat. Ihr solltet diejenigen suchen, die ihn für diese Tat bezahlt haben.« »Meine Überlegungen gehen in genau dieselbe Richtung, Euer Majestät. Aber Ihr müßt verstehen, daß solche Nachforschungen nicht einfach sind. Sie kosten viel Zeit und Mühe. Ich habe fünfzig Leute auf das Hafenviertel angesetzt, die Bunins Leben während der letzten zwei Wochen genauestens zu rekonstruieren versuchen: was er tat, wohin er ging, mit wem er sprach. Früher oder später – « »Früher, Folcho, nicht später, sofern Ihr Wert auf Eure Stellung legt«, schnitt Haldor ihm schroff das Wort ab. »Und jetzt geht mir aus den Augen! Ich will nichts mehr von Euch sehen, ehe Ihr nicht ein Ergebnis vorweisen könnt.« Folcho zog sich linkisch zurück, sichtlich erleichtert, daß die Audienz zu Ende war. Haldor bedeutete einem Diener, der eben eingetreten war und sich höflich nach seinen Wünschen zum Frühstück erkundigte, sich zu entfernen. Er mußte jetzt unbedingt wissen, wie sich Annrith von dem Schock erholte. Sie war sicherlich ein mutiges und beherztes Mädchen, aber der Alptraum, den sie durchgemacht hatte, konnte einen schon um den Verstand bringen. Er verließ seine Suite und stürmte durch den Palast, ohne die zahllosen Wachtposten zu beachten, die in den Korridoren standen und bei seinem Anblick Haltung annahmen. Zwei-, dreihundert dieser Männer taten ständig Dienst im ganzen Palast, und trotzdem konnte ein solches Attentat geschehen. Das also war Folchos vielgerühmte Sicherheit. Und trotzdem erkannte er, daß im Grund nicht der Haushofmeister, sondern er selbst verantwortlich war. Über Sicherheit bestimmte letztlich nicht ein Aufgebot an Waffen und Posten, sondern vielmehr die Stimmung, die im Reich herrschte. Das Volk mußte dem Kaiser, seinem obersten Herrscher, soviel Treue und Zuneigung entgegenbringen, daß all das kleinliche
-58-
Gezänk und die Eifersüchteleien unwichtig wurden. In Notzeiten wie damals, als er und Lingard gegen das korrupte alte Imperium gekämpft hatten, war diese Treue leichter zu gewinnen und zu bewahren. Vermutlich, überlegte er, barg die Stabilität, auf die er so angestrengt hingearbeitet hatte, den Keim ihrer eigenen Vernichtung schon in sich. Weder im physikalischen Universum noch in der Gedankenwelt konnte es eine Statik geben. Alles war einer dynamischen Veränderung unterworfen, die entweder in die eine oder die andere Richtung ging, hin zum Wachstum oder hin zum Verfall. Olan Therys war schon angekleidet, als Haldor sein Gemach betrat. Sein hageres Gesicht war angespannt und seine Augen rotumrändert von zu wenig Schlaf. »Euer Majestät, ich war im Begriff, Euch aufzusuchen«, sagte er. »Folcho, dieser Narr, hat mich eben erst unterrichtet«, entgegnete Haldor. Er blickte unruhig um sich. »Wo ist Annrith?« »Sie schläft noch«, antwortete Therys. »Der Heiler hat ihr auf meine Bitte ein starkes Beruhigungsmittel verabreicht.« »Ich muß zu ihr.« »Es wäre mir lieber, wenn Ihr sie nicht stören würdet«, sagte Therys mit Nachdruck. »Der Heiler sagte, daß sie sich eher von dem Schock erholen wird, wenn man sie durchschlafen und von allein aufwachen läßt.« Haldor zügelte seinen Ärger auf den kleinen drahtigen Mann vor sich, der sich anmaßte, dem Kaiser Befehle zu erteilen. Offensichtlich entsprang sein Verhalten nur dem Wunsch, für das Wohl seiner Tochter zu sorgen. »Wie lange kann das dauern?« »Der Heiler wußte es nicht genau«, antwortete Olan Therys. »Anscheinend spielt die Stärke des erlittenen Schocks dabei eine Rolle. Der Schlaf kann vierundzwanzig bis achtundvierzig Stunden dauern.« »Ich beabsichtige, heute mittag den Ministern meine
-59-
Verlobung bekanntzugeben«, erklärte Haldor. »Danach, so verlangt es das Protokoll, soll die zukünftige Kaiserin vorgestellt werden.« »Als ehemaliger Diplomat weiß ich nur zu gut, was das Protokoll verlangt, Euer Majestät«, erwiderte Olan Therys. »Aber Ihr müßt schon entschuldigen, wenn ich Euch sage, daß mir das Wohlergehen meiner einzigen Tochter sehr viel wichtiger ist. In dieser Angelegenheit wollte ich Euch übrigens auch aufsuchen.« »Therys, ich habe heute morgen viel zu tun – « »Ich weiß, aber ich muß darauf bestehen, daß Ihr Euch zuerst anhört, was ich zu sagen habe. Kommt mit auf die Terrasse, dort steht Kaffee bereit.« Das Erlebnis, daß jemand darauf bestand, er solle etwas tun, war für Haldor so neu, daß er trotz der ernsten Situation beinahe lauthals gelacht hätte. Beinahe. Dieser tadellos gekleidete kleine Mann strahlte eine so ruhige, ernste Würde aus, daß er ihm den Wunsch einfach nicht abschlagen konnte. Sie traten auf die sonnenbeschienene Terrasse hinaus und setzten sich einander gegenüber an einen runden Marmortisch, auf dem Kaffee und Obst bereitstanden. Therys schenkte Haldor und sich eine Tasse voll ein, dann lehnte er sich zurück und sah den Kaiser mit seinen dunklen Augen aufmerksam an. »Ich danke Euch, daß Ihr mich anhören wollt«, sagte er ruhig. »Es ist wichtig, daß Ihr und ich allein miteinander sprechen, und vielleicht ergibt sich keine zweite Gelegenheit. Bolmas kann von dem Vorfall heute nacht noch nichts gehört haben, aber sobald er die Neuigkeit erfährt, wird er im Nu hier auftauchen und uns mit seinem aufgeregten Geplapper belästigen.« Haldor, der den Zucker in seinem dunklen kandarianischen Kaffee umrührte, nickte zustimmend. »Obwohl böse Zungen am Hof das Gegenteil behaupten, bin ich kein ehrgeiziger Mensch«, fuhr Olan Therys fort. »Es sei denn, man nennt es Ehrgeiz, wenn ich mir für meine Tochter Glück und für mich selbst einen ruhigen Lebensabend
-60-
auf meiner Heimatwelt wünsche. Verschiedentlich wird auch behauptet, ich hätte eine Heirat zwischen Euch und Annrith zu arrangieren versucht. Was immer man sagt, Ihr und ich wissen, daß eine solche Absicht nicht vorhanden war. Meine Tochter hat Euch kennengelernt und sich in Euch verliebt; sie hätte sich ebensogut in einen anderen verlieben können. Über diese Dinge entscheidet das Schicksal. Daß Ihr der Kaiser wart, war für sie unwichtig. Was mich angeht, so könntet Ihr ein einfacher Leutnant der Palastwache sein, wenn Ihr sie nur lieben würdet und fest entschlossen wärt, sie glücklich zu machen.« »Zweifelt Ihr daran?« fragte Haldor. Die rotumränderten Augen im angespannten Gesicht des anderen sahen ihn fest an. »Ich zweifle nicht an Eurem Vorsatz, aber ich habe schwere Bedenken, ob es Euch gelingen wird. Das Leben meiner Tochter ist mir wichtiger als alles andere, und heute nacht wäre sie wegen ihrer Beziehung zu Euch beinahe gestorben.« »Ein vereinzelter Anschlag – «, protestierte Haldor schwach. »Dem vielleicht noch weitere folgen werden?« fragte Olan Therys. »Ich hatte geglaubt, daß Bolmas mit seinem Gerede über die Rivalitäten und Widerstände, die diese Heirat hervorrufen würde, übertrieb, aber jetzt befürchte ich langsam, daß er vielleicht vorausschauender war, als ich ihm zugetraut hätte. Ich weiß, Annrith liebt Euch, aber das Leben ist noch wichtiger als die Liebe.« Haldor wurde von wachsender Unruhe erfaßt, als er Therys Gedankengang zu folgen versuchte. »Was wollt Ihr damit sagen?« »Ich habe mir die Sache gründlich überlegt«, sagte Therys. »Und ich würde Euch raten, die geplante Bekanntgabe vor dem Ministerrat zu unterlassen. Ich habe nämlich beschlossen, innerhalb der nächsten Tage mit Annrith nach Kandar zurückzukehren.« »Damit wäre sie nie und nimmer einverstanden!«
-61-
»Sie ist ein gehorsames Kind, und sie wird sich meinen Wünschen fügen«, sagte Therys fest. »Vielleicht. Aber sie wird Euch dafür hassen.« »Das muß ich in Kauf nehmen«, erwiderte Therys. »Es ist mir lieber, sie lebt und haßt mich, als daß sie hier auf Belphar stirbt. Wie ich schon sagte, ihr Leben ist mir wichtiger als alles andere.« »Nein! Das erlaube ich nicht.« »Euer Majestät. Ihr seid der Kaiser«, sagte Olan Therys mit ruhiger Autorität, »aber ich bin ihr Vater.« Haldor konnte sich nicht mehr beherrschen. Er stand auf und schritt auf der Terrasse auf und ab. »Therys, ich verstehe und respektiere Eure Gefühle, aber die Bekanntgabe kann nicht mehr verschoben werden. Der ganze Hof weiß, daß sie heute stattfinden soll. Ein Verzicht darauf würde mir als Schwäche ausgelegt, als ein Signal, daß ich dem Druck politischer Verschwörer nachzugeben bereit bin.« »Wie Ihr Euer Gesicht wahrt, ist Eure Sache«, sagte Therys. »Mich interessiert nur, daß meine Tochter am Leben bleibt.« »Tatsächlich? Dann schlage ich vor, daß Ihr die Sache ein wenig gründlicher durchdenkt«, sagte Haldor grimmig. »Glaubt Ihr im Ernst, man wird Euch und Annrith auf Kandar in Frieden lassen, selbst wenn ich auf die Bekanntgabe verzichte? Das wird die Verschwörer, die Annrith umbringen wollen, kaum davon überzeugen, daß unsere Beziehung endgültig beendet ist. Die Macht dieser Leute ist groß, und auf Kandar seid Ihr nicht mehr unter meinem unmittelbaren Schutz, so unzulänglich er Euch im Moment auch erscheinen mag.« »Was Ihr sagt, mag richtig sein«, gab Therys zu. »Aber was könnte ich sonst tun?« »Laßt mich die Bekanntgabe wie geplant machen«, sagte Haldor. »Normalerweise würden mindestens zwei Monate bis zur Trauung verstreichen, aber anstatt so lange zu warten, heiraten wir sofort. Wenn Annrith erst einmal Kaiserin ist,
-62-
werden die Verschwörer sich hüten, ihr auch nur ein Haar zu krümmen.« Olan Therys verschränkte die Arme und dachte stirnrunzelnd über Haldors Worte nach. »Ich muß gestehen, daß ich gespannt darauf war, wie Ihr auf meine Entscheidung reagieren würdet«, sagte er schließlich. »Immerhin seid Ihr der Kaiser und hättet mich zum Gehorsam zwingen können. Weil Ihr das aber nicht versucht habt, glaube ich nun, daß Ihr es völlig ehrlich meint. Außerdem muß der gestrige Vorfall Eure Sicherheitskräfte ziemlich aufgescheucht haben, so daß sie jetzt sicher doppelt so wachsam sind.« Er lächelte plötzlich, und seine dunklen Augen glitzerten. Er schien ein jüngerer, unbekümmerterer Olan Therys zu sein, der nun zu Haldor trat und ihm beim Arm nahm. »Also gut, mein Sohn. Geh und mach deine Bekanntgabe.«
-63-
7 Einen Moment lang blieb Lingard vor dem Eingang stehen und gönnte sich einen Blick auf die glitzernde Pracht der Szenerie. Wie jedesmal, wenn er das tat, empfand er einen gewissen Stolz auf das Reich, auf dieses Wunderwerk, für das er und Haldor so lange gekämpft hatten. Die Mitglieder des Ministerrats, die höchsten Repräsentanten der Dreizehn Welten, ihre Botschafter und deren Gefolge, saßen bereits auf ihren angestammten Plätzen zu beiden Seiten des mit einem purpurnen Teppich ausgelegten Mittelgangs. Jede Gruppe schien die andere in der Pracht ihrer zeremoniellen Gewänder übertreffen zu wollen. An das Hellorange der thiskianischen Delegation schloß sich das Himmelblau der Repräsentanten von Gonyl an, daran das fluoreszierende Lindengrün von Aldar, dann das Scharlachrot von Boryl, das Gold-Silber von Kadath und so fort. Ein schillerndes Kaleidoskop aus lebenden Farben. Die Luft war von einem Stimmengewirr in hundert verschiedenen Sprachen und Dialekten erfüllt. Lingard straffte die muskulösen Schultern unter der Jacke seiner schlichten gelbbraunen Uniform und betrat den Saal. Das Summen der Stimmen schwoll vorübergehend an, mäßigte sich, dann trat Stille ein, als auf beiden Seiten des Gangs die Gesichter sich ihm zuwendeten, um seinen Eintritt zu verfolgen. Er überlegte, wo er vielleicht stehengeblieben wäre, wem er ein Lächeln geschenkt hätte, ein Nicken oder gar ein kurzes Grußwort. Er war der Regent, neben dem Kaiser der mächtigste Mann im Reich, und das kleinste Zeichen seiner Gunst war eine begehrte Auszeichnung für diese Diplomaten und Politiker, von denen jeder die Aufgabe hatte, dem Planeten und Volk, deren Repräsentant er war, jeden möglichen Vorteil zu sichern. Der Gedanke mißfiel ihm. In der Anfangszeit des Imperiums, als er noch ein einfacher Soldat war, ohne ein Gespür für solche Feinheiten, hatte sich Lingard bei solchen Anlässen zu offenen Gunstbezeugungen hinreißen lassen. Er war jetzt älter und klüger, und die Erfahrung und die
-64-
Ratschläge Haldors und Paradons, die von Natur aus mehr diplomatisches Geschick besaßen als er, hatten ihn Zurückhaltung gelehrt. In der lockeren, rhythmischen Gangart eines Soldaten schritt er den Gang entlang, sah trotz des freundlichen Lächelns alter Freunde weder nach rechts noch nach links und erreichte schließlich das Podium, auf dem der große purpur-goldene Thron stand. Er stellte sich auf die rechte Seite des Throns, seinen traditionellen Platz, drehte sich zu der Versammlung herum und nahm den stürmischen Applaus und die Hochrufe entgegen, die in dem gewölbten Saal donnernd widerhallten. Nur zu gern hätte er diese Ehrenbezeugungen gegen einen festen Händedruck oder einen ehrlichen Blick eingetauscht. Das war die Einsamkeit der Mächtigen, überlegte er. Es war kaum zu bezweifeln, daß auch Haldor Bedauern darüber empfand, daß solche Barrieren zwischen Menschen errichtet werden mußten. Vielleicht war diese Heirat nur ein Zeichen für sein Bedürfnis nach engerem menschlichen Kontakt, wenngleich er hier in eine Falle tappte. Und seine Blindheit dagegen offenbarte, daß er trotz seiner Weisheit nicht unfehlbar war. Das Mädchen war wohl schön, aber ihre dunklen Augen und ihre Schlagfertigkeit ließen eine berechnende Schläue erkennen. Und dann waren da noch ihre Auftraggeber. Ein Fanfarenstoß unterbrach seinen Gedankengang. In der Halle wurde es wieder still, und alle Augen richteten sich auf den Eingang. Haldor, in seine prachtvollen purpur-goldenen kaiserlichen Gewänder gehüllt, kam gemessenen Schrittes den Mittelgang entlang. Wie immer bei solchen Anlässen wurde Lingard von Stolz und Zuneigung für diesen hochgewachsenen Mann ergriffen. Seine edlen Gesichtszüge, seine Statur und seine gelbbraune Löwenmähne machten Haldor zu einer eindrucksvollen Erscheinung, die eines Kaisers würdig war. Er strahlte eine solche Macht und Würde aus, daß absolut niemand seine Autorität in Frage stellen konnte.
-65-
Zwei Schritte hinter ihm, in auffälligem Kontrast zur Jugendhaftigkeit und Vitalität des Kaisers, sah man eine gebeugte Gestalt in einem schwarzen Talar: Paradon, die dritte Säule des Imperiums. Er würde während der feierlichen Ansprache an die Versammlung seinen Platz an der linken Seite des Throns einnehmen. Ihm folgten Haldors Berater und die Kabinettsmitglieder der hiesigen planetarischen Regierung. In Habachtstellung sah Lingard die Prozession an der erwartungsvollen, reglosen Menge zu beiden Seiten des Gangs vorüberschreiten und über den langen purpurnen Teppich auf sich zukommen. Haldor war noch etwa zwanzig Meter entfernt, als er auf eine plötzliche Bewegung in der goldsilbern gekleideten Delegation von Kadath aufmerksam wurde. Irgendein Narr, der nicht einmal zwei Minuten stillstehen konnte, dachte er ärgerlich – Der Gedanke wich schlagartigem Entsetzen, denn eine Gestalt löste sich aus der Zuschauermenge, sprang mitten in den Gang und richtete eine Waffe auf den Kaiser. Für einen Augenblick schien die Zeit stillzustehen. Alles war wie erstarrt: Haldors bestürztes Gesicht, als er den goldsilbern gekleideten Fremden anstarrte, die erschrockenen Gesichter der Zuschauer. Es herrschte eine so vollständige Stille, daß man versucht war, zu glauben, das ganze Universum habe seine Explosion für einen Moment eingestellt. Dann zerrissen zwei kurz aufeinanderfolgende Schüsse diese Stille. Der Kaiser zuckte zweimal zusammen und trat einen Schritt zurück. Dann verzerrte sich sein Gesicht qualvoll, und sein hochgewachsener Körper sank langsam auf den Teppich nieder. Lingard stürzte sich mit schon gezücktem Dolch auf den Attentäter, nun nichts anderes als ein todbringender Koloß, der nur die Vernichtung eines Feindes im Sinn hatte. Doch der Attentäter, der ihm noch den Rücken zukehrte, brach, nur Sekundenbruchteile nach seinem Opfer, ebenfalls zusammen,
-66-
obgleich niemand außer Lingard die Hand gegen ihn erhoben hatte.« Während Lingard unschlüssig auf den reglosen Körper starrte, geriet die Versammlung in Bewegung. Paradon kniete bereits neben Haldor und rief nach einer Tragbahre; ein junger Hauptmann wies die Wachen an, einen Schutzring um den Ort des Geschehens zu bilden. Lingard bückte sich, den Dolch immer noch in der Rechten, und ergriff das Handgelenk des Attentäters. Er fühlte keinen Puls, und die Muskeln waren kalt und starr wie tiefgefrorenes Fleisch. Sonderbar – er betrachtete das Gesicht. Blasse Haut, keine auffälligen Kennzeichen. Schließlich lieferten ihm die Augen, deren Weiß mit grünen Punkten durchsetzt war, den gesuchten Hinweis. Er griff der Leiche unters Kinn und riß ihr mit einem Ruck die hauchdünne Kunststoffmaske vom Gesicht. Die grüngesprenkelten, eingefallenen Züge eines Ffrinjesüchtigen starrten ihm entgegen. Ffrinje war ein beliebtes Genußmittel der Swoorn, einer Rasse von Reptilien, die zwei Planeten in der Nähe des von den Kadathanern beherrschten Sektors der Dreizehn Welten bewohnten. Auf die Swoorn hatte Ffrinje eine leicht anregende Wirkung, ähnlich wie Koffein, aber für den menschlichen Metabolismus war es ein starkes Rauschgift, das schon nach der ersten geringfügigen Gabe süchtig machte. Ffrinje erzeugte eine physische Abhängigkeit, die zur ständigen Einnahme zwang, denn ein Entzug führte zu einer unerträglich schmerzhaften Entzündung der Hautnervenenden. Die Wirkung auf die Psyche war nicht minder intensiv, und nach den ersten Höhen des Rausches bemerkte das Opfer sehr rasch, daß es auf die Droge nicht verzichten konnte, wenn es ein halbwegs normales Leben führen wollte. Bei regelmäßiger Einnahme konnte der Süchtige noch einige Jahre weiterleben, bis sein Nervensystem durch die ständige Reizung schließlich ausbrannte, aber wenn ihm die Droge versagt blieb, konnte es vorkommen, daß er Selbstmord wider Willen beging, weil die
-67-
Schmerzen der entzündeten Hautnerven ihn zur Raserei brachten und er sich eigenhändig buchstäblich entzweiriß. Wer das Pech hatte oder töricht genug war, ffrinjeüchtig zu werden, war seinem Drogenlieferanten hilflos ausgeliefert und folglich ein williges Werkzeug für Aufgaben wie etwa einen Mordanschlag. Lingard steckte den Dolch in die Scheide und drehte sich um. Paradon und zwei andere Heiler knieten neben Haldor und entfernten die blutdurchtränkte Kleidung von seinem Unterleib. Lingard hatte in dem jahrzehntelangen Krieg viele Verwundete gesehen, aber der Anblick dieses zerfetzten Fleisches schnürte ihm die Kehle zu. »Wird er – leben?« stieß er hervor. Paradon schaute kurz auf und sah ihn grimmig an. »Das kann ich erst sagen, wenn ich ihn auf dem Operationstisch hatte. Und je eher wir ihn dorthin bringen, desto größer sind die Chancen. Seht bitte nach, wo die Träger bleiben, ja?« Froh, etwas Nützliches tun zu können, zwängte sich Lingard an den Wachen vorbei in das Gedränge, wo er sofort mit ängstlichen Fragen bestürmt wurde. »Den Göttern sei Dank, der Kaiser lebt noch«, rief er. »Sagt das weiter und macht hier bitte Platz.« Er arbeitete sich durch den Menschenauflauf zum Haupteingang und fand dort die Bahrenträger, die sich vergeblich bemühten, in den Saal zu gelangen. Seinen massigen Körper als Rammbock benutzend, bahnte er einen Weg für sie und geleitete sie zu Paradon. Besorgt verfolgte er jede Bewegung der Heiler, die seinen schwerverletzten, bewußtlosen Freund auf die Bahre legten. Dann wurde Haldor hochgehoben und, von Wachen umringt, zum Ausgang getragen. »Mylord, wenn der Kaiser stirbt, werde ich ihn nicht lange überleben, das schwöre ich.« Folcho watschelte unablässig auf und ab, das schwitzende Vollmondgesicht zu einer Maske äußersten Entsetzens verzerrt. »Wie konnte ich nur so versagen! Zweimal innerhalb von vierundzwanzig Stunden!
-68-
Dabei wollte ich nur das – « »Wenn Ihr nicht zu jammern aufhört, werdet Ihr allerdings sterben, und zwar mit Sicherheit vor dem Kaiser«, fuhr Lingard ihn an. »Nehmt Euch zusammen, Mann! Wie immer die Sache ausgeht, es wird viel Arbeit geben, und ein großer Teil davon fällt Euch zu.« »Nichtswürdiger Narr, der ich bin!« jammerte Folcho. Lingard wandte sich angewidert ab und sah aus dem Fenster auf die Dächer des Zentralkrankenhauses von Largol. Er verabscheute Orte wie diesen. Der Gestank von Antiseptika, die stillen Gänge, in denen jeder Schritt hallte, die Kittel der Ärzte – all das ließ an Schwäche und Tod denken. Und trotzdem hätte er nicht anders gekonnt, als in diesen Augenblicken hier zu sein. Es würde viel Arbeit geben, wie er Folcho eben gesagt hatte, aber ehe er nicht wußte, was im Operationssaal geschehen war und was Paradons Geschick vermocht hatte, war alles andere bedeutungslos. Wichtig war nur eins: daß Haldor lebte. Mögen die Götter, sofern es sie wirklich gibt, ihr Wohlwollen dadurch bekunden, daß sie ihn leben lassen, dachte er in einem für ihn typischen halbherzigen Gebet. Er sah auf seine Armbanduhr. Haldor lag schon über drei Stunden auf dem Operationstisch. Müßte eine Entscheidung nicht bald fallen? Aber was sollte werden, wenn Paradons Künste versagten und Haldor wirklich starb? Er wagte nicht, sich diese Katastrophe auszumalen, aber es lag auf der Hand, daß der Tod seines Freundes ihm eine gewaltige Verantwortung auferlegen würde. Vor kurzem noch, als Haldor von seiner bevorstehenden Heirat und der Thronfolge gesprochen hatte, schien das eine Sache zu sein, die der fernen Zukunft angehörte und kaum einen Realitätsbezug besaß. Aber jetzt trennte ihn lediglich ein falsch angesetztes Skalpell, das kleinste Versehen des Chirurgen von der Krone des Reichs. Von jener Krone, die er Haldor vor langer Zeit eigenhändig aufgesetzt hatte, ohne jemals selbst danach zu trachten.
-69-
Laßt ihn leben! Ganz unwillkürlich betete er diesmal ehrlicher und mit echter Demut. Laßt ihn leben und das kandarianische Mädchen heiraten und seine Nachkommen zeugen, wenn er das will. Ich werde ihnen so treu dienen, wie ich ihm gedient habe. Lingard begann wieder zu grübeln. Dann war da der Mordanschlag auf das Mädchen, von dem Folcho ihn erst vor ein paar Stunden unterrichtet hatte, überlegte er. Was war plötzlich los mit diesem Imperium, das gestern noch so stabil gewirkt hatte, als müsse es eine Ewigkeit überdauern? Das gescheiterte Attentat auf Annrith konnte das Werk einer jener Gruppierungen sein, die einen Grund hatten oder zu haben glaubten, den Aufstieg von Kandar zu verhindern. Er war sicher, daß zum Beispiel die Herrenniter praktisch alles tun würden, um ihren Erzfeinden einen Strich durch die Rechnung zu machen. Dennoch hatte er starke Zweifel, daß sie sich solch heimtückischer Methoden bedienen würden. Die Herrenniter waren tapfere und unbarmherzige Krieger, die einen strengen Moralkodex besaßen. Solche Soldaten töteten keine Frauen. Das heutige Attentat, der Mordversuch an Haldor, war ihnen schon eher zuzutrauen – aber er glaubte nicht, daß wirklich sie dahintersteckten. Die Herrenniter hatten vom Tod des Kaisers nichts zu gewinnen, es sei denn – der Gedanke traf ihn mit der Wucht eines Schlages in die Magengrube. Er wußte, soweit man das als Außenstehender beurteilen konnte, daß er den Respekt und das Wohlwollen der Herrscher von Herren besaß. War es denkbar, daß sie, konfrontiert mit der Aussicht auf die ihnen verhaßte Heirat, Haldor auszuschalten versucht hatten, um ihn, Lingard, zum Kaiser zu machen? Aber wie paßte dann die Tatsache ins Bild, daß der Attentäter die Kleidung eines Mitglieds der kadathanischen Delegation getragen hatte? Wie jedermann wußte, waren die Delegierten von Kadath, durchweg Männer, nichts als austauschbare Marionetten, und ihr Drahtzieher, das selphardische Matriarchat, schreckte bekanntlich vor Mord nicht zurück, um seine Ziele zu erreichen. Allerdings
-70-
entsprach es ganz und gar nicht seinem Stil, offenen Verdacht auf sich zu lenken. Die selphardischen Frauen waren überall auf den Dreizehn Welten für ihre Schönheit berühmt. Sie hatten sich aller weiblichen Listen und Kniffe bedient, um an die Macht zu kommen, und lenkten die Geschicke von Kadath nun seit mehreren Jahrhunderten, schon seit den Zeiten des alten Imperiums, und sie strebten ständig danach, ihre Einflußsphäre zu erweitern. Aber wenn sie tatsächlich in diese Intrigen verwickelt waren, dann war ihnen der Anschlag auf Annrith schon eher zuzutrauen, insbesondere, wenn sie geglaubt hatten, die Kandarianerin vielleicht durch eine selphardische Kaiserin ersetzen zu können. Er seufzte, in einen Sumpf von Spekulationen verstrickt, die sein ungeübter Verstand nicht zu entwirren vermochte. Solche Überlegungen waren eher typisch für Folchos labyrinthische Gehirnwindungen. Er drehte sich um und sah den fetten Haushofmeister in einem der Sessel, die drei Wände des Zimmers säumten. Er saß zusammengesunken da und starrte trübe vor sich hin. »Habt Ihr nichts Besseres zu tun, als hier herumzuhocken?« fuhr Lingard ihn an. »Mylord, ich brächte es nicht fertig, mich anderen Dingen zuzuwenden, bevor ich nicht weiß, wie die Sache ausgeht«, erwiderte Folcho. »Aber die Untersuchungen – « »Sind schon im Gange«, sagte Folcho. »Ich habe einen tüchtigen und zuverlässigen Stab zusammengestellt, der die ersten Schritte durchaus selbständig einleiten kann. Zunächst einmal habe ich angeordnet, daß alle Konferenzteilnehmer unterhalb des Botschafterranges vorläufig festgehalten werden. Das Verhör wird sich über mehrere Stunden hinziehen. Nachher werde ich mir die Empfehlungen meiner Beamten ansehen und mir die nächsten Maßnahmen überlegen.« »Habt Ihr schon eine Theorie?« »Mehrere Dutzend«, entgegnete Folcho. »Meine Arbeit
-71-
bringt es mit sich, daß man alle Möglichkeiten und Eventualitäten in Betracht zieht. Aber es hat keinen Sinn, sich schon auf etwas festzulegen. Man muß geduldig abwarten. Früher oder später wird sich der eine oder andere Hinweis ergeben, der Licht in das Dunkel bringt.« »Habt Ihr eine Gehirnsondierung des Attentäters angeordnet?« »Das wäre Zeitverschwendung, selbst wenn man unterstellt, daß er die wahre Identität seiner Auftraggeber kannte«, sagte Folcho und verzog angewidert das Gesicht. »Er hat sich mittels des selphardischen Gehirntoxins getötet, das sich in einer Kapsel in einem seiner Backenzähne befand. Bei diesem Gift tritt der Tod augenblicklich ein, und das Gehirn zerfällt innerhalb von zwei Minuten zu einer formlosen Masse, der auch nicht mehr die geringste Information zu entlocken ist.« »Und die Identität des Mannes?« »Werden wir bald in Erfahrung bringen, Mylord. Dann kann die eigentliche Suche beginnen. Ihr könnt – « Folcho brach ab und erhob sich schwerfällig, denn die Zimmertür ging auf. Lingard wirbelte herum und sah Paradon, der noch einen blutbespritzten Chirurgenkittel und eine Gesichtsmaske trug. »Wie geht es ihm?« stieß Lingard hervor und ging dem Heiler eilig entgegen. »Er wird leben«, erwiderte Paradon müde. »Mehr wage ich im Augenblick nicht zu sagen. Beide Schüsse trafen ihn in den Unterleib; einer hat die Nervenzentren des unteren Rückgrats schwer beschädigt. Ich habe sie nach besten Kräften repariert, aber wir werden erst mehr wissen, wenn er wieder zu sich kommt.« »Wird – wird er gelähmt sein?« Der Gedanke, dieser große, aufrechte Körper könne zum Krüppel werden, entsetzte Lingard. »Das kann man zu diesem Zeitpunkt nicht ausschließen«, sagte Paradon. »Es besteht auch die Möglichkeit, daß
-72-
anhaltende Schmerzen zurückbleiben, was bei Verletzungen dieser Art häufig vorkommt.« Schmerzen, Lähmung, was auch immer, Haldors Zukunft sah düster aus. Ein Mann wie er, mit dem Herzen eines Löwen und einem wachen Verstand, eingesperrt in einem kränkelnden Körper, der seinem Willen nicht mehr gehorchte – Oder gab es noch Hoffnung? Lingard kam plötzlich ein Gedanke. Er wandte sich an den Haushofmeister. »Folcho, Ihr habt gehört, was es zur Zeit zu berichten gibt«, sagte er. »Der Patriarch und ich haben eine vertrauliche Angelegenheit zu besprechen. Laßt uns bitte allein.« »Mylord Regent – Mylord Patriarch – «, Folcho zog sich zurück. Lingard wartete, bis die Tür zu war, dann wandte er sich erregt an den Heiler. »Paradon – wenn Haldor in seinem jetzigen Körper aller Voraussicht nach nur unter Schmerzen leben wird, könnte man ihm dann nicht einen neuen zur Verfügung stellen?« Paradon schüttelte ernst den Kopf. »Nein, Lingard. Das kann in diesem Stadium nicht die Lösung sein.« »Warum nicht?« fragte Lingard mit wachsendem Ärger. »Es wäre doch unsinnig, an Eurer Entscheidung, keine Transferoperationen mehr durchzuführen, festzuhalten. Ich weiß, daß es Haldor völlig ernst damit war, aber die Voraussetzungen sind jetzt andere. Es ist doch klar, daß er, anstatt zu leiden und auf Dauer gelähmt zu sein, einen Transfer vorziehen würde.« »Das mag richtig sein«, gab Paradon zu. »Aber ein Transfer ist vorläufig völlig ausgeschlossen. Es wäre eine kriminelle Dummheit, Haldor einer solchen Operation zu unterziehen, bevor er sich von dem Schock erholt hat. Sie würde aller Voraussicht nach zu einer dauernden geistigen Umnachtung führen.« Anscheinend gab es für Haldor nur zwei Möglichkeiten: entweder mit gesundem Verstand in einem verstümmelten Körper gefangen zu sein, oder in einem neuen gesunden
-73-
Körper ohne den Funken eines Verstandes dahinzuvegetieren. Lingard gefiel keine der beiden Aussichten, aber es stand außer Frage, daß Haldors geistige Gesundheit erhalten werden mußte. Doch es schien noch einen Hoffnungsschimmer zu geben. »Sagtet Ihr nicht – vorläufig?« Paradon nickte. »Wenn Haldor genesen ist, wird die Transferoperation möglich sein – wenn er das will.« »Das wird er«, sagte Lingard zuversichtlich. »Und Ihr – werdet Ihr die Operation ausführen?« »Wie in der Vergangenheit werde ich den Wünschen meines Kaisers selbstverständlich nachkommen«, entgegnete Paradon würdevoll. »Und jetzt entschuldigt mich bitte. Ich bin sehr müde, und meine Arbeit ist noch nicht beendet.« Er ging schleppenden Schrittes aus dem Zimmer. Lingard blieb eine Weile reglos stehen und sinnierte über diese seltsame Ironie des Schicksals. Er bezweifelte nicht, daß Haldor sich schließlich doch einem Transfer in einen jüngeren, gesunden Körper unterziehen würde, selbst wenn er Annrith immer noch heiraten wollte. Bei näherem Hinsehen machte die Heirat seine Entscheidung für den Transfer sogar noch wahrscheinlicher. Das Mädchen oder sonst jemand brauchte nichts von dem Geheimnis zu erfahren. Man würde einfach bekanntgeben, Haldor sei auf wundersame Weise durch die Künste der Heiler von seinen Verletzungen genesen. Die Heiler, Paradon – und Kronak. Kronak, der dann, laut Folcho, in der Lage sein würde, die Transferoperationen selbständig durchzuführen. Kronak, der im Gegensatz zu Paradon keine moralischen oder religiösen Bedenken kannte, sondern ein skrupelloses Monstrum war. Lingard schob den Gedanken von sich. Zunächst einmal mußte Haldor wieder gesund werden. Der zweite Schritt war, die heimtückischen Verschwörer zu vernichten. Wenn diese Angelegenheiten geregelt waren, konnte er sich mit der Frage seines eigenen Transfers befassen.
-74-
8 Lingard verkrampfte sich unwillkürlich, als er sah, wie behutsam sich Haldor in den Sessel sinken ließ. Schon der Anblick dieser Vorsicht, die deutlich machte, daß jede Bewegung eine Qual sein mußte, war Lingard unerträglich. Das war der Mann, der einst stark wie ein Löwe gewesen, in hundert Schlachten Schulter an Schulter mit ihm seinen Mann gestanden hatte. Es war eine Sünde wider die Natur, Haldor so gedemütigt zu sehen. Kein Wunder, daß der Kaiser während der letzten Wochen praktisch ein Einsiedlerdasein geführt hatte. Ein einziges Mal war er unter sorgfältig vorbereiteten Umständen in der Öffentlichkeit aufgetreten, um dem Volk zu zeigen, daß er noch lebte. Seitdem hatte er sich ständig in seinen Privatgemächern aufgehalten und niemanden bis auf die drei Personen, die auch jetzt bei ihm waren, zu sich vorgelassen. Botschafter und Staatsoberhäupter hatten den Palast aufgesucht, um ihm ihre Aufwartung zu machen und ihre Treue zu bekunden, aber sie waren auf seinen Befehl von Paradon abgewiesen worden, der, einem alternden Wachhund gleich, dem Kaiser nie von der Seite wich. Lingard hatte sich im Palast ein wenig umgehört und war auf zahlreiche Gerüchte und Spekulationen gestoßen: der Kaiser, so wurde gemunkelt, sei furchtbar entstellt worden oder nur zeitweise im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte. Solche Hirngespinste ärgerten ihn zwar, aber die traurige Wirklichkeit war für ihn viel schlimmer. »Setz dich zu mir, Lingard.« Haldors Stimme riß ihn aus seinen trübsinnigen Gedanken. »Und hör, um der Götter willen, endlich auf mit dieser Grübelei. Vielleicht kann Folcho uns etwas zeigen, das deine düstere Stimmung ein wenig aufhellt.« »Ich glaube kaum, daß Ihr die Vorführung amüsant finden werdet«, sagte der Haushofmeister, der seine Einstellungsarbeiten an dem Stereoprojektor unterbrach und
-75-
zu ihnen aufschaute. »Aber sie könnte uns helfen, Antworten auf einige Fragen zu finden.« »Dann werdet endlich fertig und laßt sie uns sehen«, sagte Paradon, der schon neben Haldor Platz genommen hatte. Folcho neigte den blasenartigen Kopf und lächelte unterwürfig. »Bitte habt Geduld, Mylord Patriarch. Ich bin in technischen Dingen wenig bewandert, aber weil dies eine höchst vertrauliche Angelegenheit ist, hielt ich es für das beste, die Rolle des Operateurs selbst zu übernehmen. Was ich Euch vorzuführen habe, ist ein Zusammenschnitt der Aufzeichnung eines Verhörs, welches gestern in meinen Amtsräumen beendet wurde.« »Ein Zusammenschnitt?« fragte Lingard. »Mylord, ein Verhör kann eine langwierige und ermüdende Sache sein, selbst wenn es von Experten vorgenommen wird«, erläuterte Folcho. »Die meiste Zeit geschieht fast nichts, und wenn der Verhörte seinen Widerstand endlich aufgibt, stellt sich oft heraus, daß er eine erfundene Geschichte erzählt hat, um sich weitere Schmerzen zu ersparen. In diesem Fall zog sich das Verhör über drei Tage und Nächte hin. Wollte ich es Euch in voller Länge zeigen, müßte ich Euch einer unsagbaren Tortur aussetzen. Um Euch das zu ersparen, führe ich Euch nur diesen Zusammenschnitt vor. Aber wenn Ihr darauf besteht, lasse ich selbstverständlich die vollständige Aufzeichnung aus meinem Archiv kommen.« »Das erübrigt sich«, sagte Haldor ungeduldig. »Fahrt bitte fort.« »Vielen Dank, Euer Majestät.« Folcho dämpfte die Beleuchtung. Einen Augenblick später leuchtete die Projektionskugel milchig weiß auf. Das Weiß im Innern geriet in fließende Bewegung und formte ein dreidimensionales Bild von einem hell erleuchteten Raum, der wie ein Operationssaal aussah. Die zwei Männer, die zu beiden Seiten des verstellbaren Tischs standen, trugen jedoch keine Ärztekittel, sondern die schwarzen Uniformen von Folchos Sicherheitskräften, und
-76-
ihre Gesichter waren von grotesken Masken verdeckt, wie man sie zur Faschingszeit in den Straßen auf ganz Belphar sehen konnte. Eine war ein Clownsgesicht mit riesigen Kulleraugen und einer großen roten Knollennase, die andere ein albern grinsender, langohriger Kaninchenkopf wie aus einem Bilderbuch für Kinder. »Anonymität ist für Vernehmungsbeamte sehr empfehlenswert«, erläuterte Folcho. »Manchmal kommt es vor, daß Freunde oder Bekannte des Verhörten sich an ihnen rächen, und könnte man die Betreffenden leichter identifizieren, würden sich diese Zwischenfälle zweifellos häufen.« Lingard rutschte unbehaglich in seinem Sessel herum. Hatten er und Haldor das alte Imperium nicht bekämpft, um die Dreizehn Welten von solchen Repressalien zu befreien? War er der einzige, der sich daran noch erinnerte? Oder war er einfach zu zimperlich? Vielleicht mußte man solche Methoden tolerieren, wenn das Reich, das sie geschaffen hatten, nicht von Mord- und Terroranschlägen erschüttert werden sollte. Er konzentrierte sich wieder auf das Geschehen in der Projektionskugel, die jetzt eine Nahaufnahme vom Operationstisch zeigte. Ein nacktes Ding lag darauf, kaum noch als Mensch zu erkennen, weil man ihm die Haut abgezogen hatte, eine geschundene, verstümmelte Kreatur, die um Gnade winselte und unartikuliertes Zeug aus dem zerschmetterten, zahnlosen Mund von sich gab. Die Gestalt mit dem Kaninchenkopf nahm eine Injektionspistole aus einem nahen Instrumentenkasten und schoß dem Verstümmelten ein Mittel in das zuckende, bloßgelegte Fleisch des Brustkorbs. »Eine schmerzstillende Droge«, erläuterte Folcho. Nach einigen Sekunden hörte das wirre Geplapper des Gefolterten auf. Er starrte seine Peiniger wortlos an; aus seinem einen noch intakten Auge sprach ein stummes Entsetzen, das seine Qual viel deutlicher zum Ausdruck brachte als sein vorheriges Gestammel. »Na Golbleen, das ist angenehmer, wie?« sagte Kaninchen-
-77-
kopf in einem Tonfall, als redete er mit einem Kind. »Du hast ungefähr eine halbe Stunde, bevor die Wirkung nachläßt. Wenn du brav den Mund aufmachst, bekommst du vielleicht noch einen Schuß.« »Golbleen?« fragte Haldor. Folcho drückte die Stopp-Taste, und die Szene in der Projektionskugel erstarrte. »Ein gualcanarischer Kaufmann, der Waren von den äußeren Welten importiert – hauptsächlich aldarianische Parfüms, seethische Pelze und Yondolwurzeln. Er wurde zweimal wegen Ffrinjehandels angeklagt, konnte sich der Verurteilung aber beide Male entziehen, indem er als Kronzeuge gegen seine Komplizen aussagte. Den Ermittlungen meiner Agenten nach, hat er als letzter Kontakt mit Bunin gehabt, der ehemaligen Palastwache, die nach dem Mordanschlag auf Lady Annrith beim Fluchtversuch ums Leben kam.« »Ich dachte, Ihr würdet dem Mordanschlag auf den Kaiser nachgehen«, warf Lingard unwirsch ein. »Ich sehe nicht, welche Bedeutung – « »Geduld, Lingard«, sagte Haldor. »Folcho hat mir versichert, daß zwischen beiden Anschlägen ein Zusammenhang besteht. Fahren wir fort?« Folcho ließ die Stopp-Taste ausrasten, worauf das Bild in der Kugel wieder in Bewegung geriet. Der Vernehmungsbeamte mit der Clownmaske nahm ein aufblitzendes Skalpell aus dem Instrumentenkasten und prüfte im Schein der Lampe seine Schneide. »Weißt du, ich glaube, er braucht das eine Auge nicht mehr«, sagte er nachdenklich, mit sanfter Stimme. »Es sieht ja auch irgendwie komisch aus. Was meinst du, machen wir reinen Tisch?« Ein Entsetzensschrei entrang sich dem blutigen Mund des vom Tod Gezeichneten, das letzte Aufbegehren eines Menschen, den man gequält und gedemütigt und aller Hoffnung und Würde beraubt hatte. »Um der Götter willen, tötet mich!«
-78-
»Dich töten?« Der Vernehmungsbeamte tat verwundert. »O nein Golbleen, noch lange nicht. Wir haben noch viele Leckerbissen für dich parat, ehe wir mit dir Schluß machen. So leicht kommen uns unsere Gäste nicht davon. Aber wenn du endlich den Mund aufmachst und uns nicht länger hinhältst, könnte uns vielleicht ein Schnitzer unterlaufen – aber keine Lügen! Du mußt schon mit der Wahrheit herausrücken. Nun, was hältst du davon, Golbleen?« Der Unglückselige reagierte auf das Versprechen. Sich an die Hoffnung auf einen baldigen Tod klammernd, begann er stockend, zuweilen Blut hervorwürgend, die Geschichte zu erzählen. Er hatte hundert Kilogramm Ffrinje bekommen sollen – genug, um ihn steinreich zu machen, wenn er sie zu den gegenwärtigen Marktpreisen verkaufte – wenn er jemanden fand, dem es gelang, die Tath in Annriths Zimmer auszusetzen. Der Mann, der ihm das Angebot unterbreitet hatte, war ein Außerweltler gewesen, hatte mit fremdartigem Akzent gesprochen und ihn eines späten Abends in seiner Lagerhalle auf Sardnat aufgesucht. Von welcher Welt der Fremde stammte, wußte er nicht, aber ein kadathanisches Schiff hatte zu dieser Zeit im Hafen gelegen, und Kadath war bekanntlich jener Planet der Dreizehn Welten, der dem System der Swoorn am nächsten lag. Trotz des verlockenden Angebots hatte sich Golbleen zunächst geweigert, weil er mit einer Sache, die an Hochverrat grenzte, nichts zu tun haben wollte. Aber der Fremde war über seine geschäftlichen Transaktionen offensichtlich genauestens unterrichtet und hatte gedroht, den Behörden gewisse Informationen zuzuspielen. So steckte der Kaufmann in der Klemme und ihm blieb nichts anderes übrig, als seinerseits Bunin zu erpressen, der große Schulden bei ihm hatte und dringend Geld brauchte. In der Nacht vor dem Anschlag begegnete er dem Fremden dann ein zweitesmal und bekam von ihm das Fluggerät und das Gualcanarkästchen ausgehändigt, in welchem sich die Tath befanden. Das war alles, was er wußte, schwor er. Er sei nichts weiter als ein Un-
-79-
glücksrabe, den man betrogen und gegen seinen Willen zu einem Verbrechen gezwungen hatte. Den Fremden hatte er nie wieder gesehen, noch das versprochene Ffrinje erhalten. Golbleen bat seine Peiniger flehentlich, ihn von seinen Qualen zu erlösen – und wurde erneut betrogen. In den Herzen dieser anonymen, grotesk maskierten Inquisitoren regte sich kein Funke von Mitgefühl. Das einzige, was sie taten, war, ihn seine Geschichte vom Anfang bis zum Ende wiederholen zu lassen – nicht einmal, sondern wieder und immer wieder, und wenn er einmal zögerte oder nicht wollte, folterten sie ihn. Schließlich konnte es Lingard nicht mehr ertragen zu sehen, wie ein Mensch so erniedrigt wurde. »Um der Götter willen!« rief er. »Müssen wir uns das weiter ansehen? Welchen Sinn hat das?« Folcho drückte die Stopp-Taste und unterbrach Golbleens zehntes Geständnis. »Mylord, ich habe Euch gewarnt, daß diese Vorführung nicht unterhaltsam sein würde«, sagte er. »Die ständigen Wiederholungen haben den Sinn, Golbleen mehr Einzelheiten zu entlocken. Sicher ist Euch nicht entgangen, daß seine Beschreibung des Fremden mit jedem Mal genauer wird und die Hinweise auf Kadath sich häufen.« »Ich bezweifle, daß dem irgendeine Bedeutung zukommt«, wandte Lingard ein. »Der Mann war eindeutig von Sinnen. In seinem Zustand konnte er Phantasie und Wirklichkeit nicht mehr unterscheiden.« »Eben darauf zielt diese Verhörmethode ab, Mylord«, erwiderte Folcho in sanftem Ton. »Die verschiedenen Geständnisse werden miteinander verglichen, auf ihre Unstimmigkeiten hin untersucht, richtige von falschen Aussagen getrennt, bis man der Wahrheit allmählich auf den Grund kommt. Psychiater wenden bei ihrer Arbeit ganz ähnliche Methoden an, wie Euch der Patriarch sicherlich bestätigen wird.« »Ihr könnt durchaus recht haben«, sagte Haldor. »Aber ich bin wie Lingard der Meinung, daß wir genug gesehen haben. Es wäre vielleicht zweckmäßiger, wenn ich selbst mit diesem
-80-
Golbleen reden würde. Es könnte irgendein Detail – « »Euer Majestät, das ist leider unmöglich.« Die Projektionskugel trübte sich wieder zu einem stumpfen Weiß, und Folcho stellte die Zimmerbeleuchtung an. »Golbleen starb unmittelbar im Anschluß an die Szene, die wir eben gesehen haben.« »Das überrascht mich nicht«, bemerkte Lingard. »Sein Tod war sicherlich kein Verlust für die Menschheit und für ihn sogar ein Segen«, erwiderte Folcho. »Er hatte viel gelitten.« »Euer Mitgefühl kommt ein bißchen spät«, sagte Paradon ätzend. »Es fällt mir sehr schwer, an die Notwendigkeit solcher grausamen Methoden zu glauben.« »Mylord, wenn es um die Sicherheit des Kaisers geht, schrecke ich vor nichts zurück. Meine Pflicht ist mir wichtiger als mein Seelenheil – « »Schon gut, Folcho, das genügt«, sagte Haldor leicht gereizt. »Der Patriarch hat es gewiß nicht nötig, sich von Euch über Moralphilosophie belehren zu lassen. Aber Ihr habt vorhin von einem Zusammenhang zwischen dem Mordanschlag auf Lady Annrith und dem Attentat auf mich gesprochen.« »Euer Majestät, dieser Zusammenhang ist unverkennbar«, sagte Folcho. »Wie Ihr Euch entsinnt, war der Attentäter ffrinjesüchtig. Ist das nicht ein weiterer deutlicher Hinweis darauf, daß die Kadathaner, die bekanntlich gute Handelsbeziehungen mit den Swoorn pflegen, die Schuldigen sein könnten?« »Ein recht mageres Indiz statt eines deutlichen Hinweises, würde ich meinen«, bemerkte Haldor. »Es wäre nützlicher gewesen, wenn Ihr die Identität des Attentäters oder Golbleens mysteriösen Fremden hättet aufdecken können.« »Ich bedaure, daß mir bis jetzt in keinem der beiden Fälle Erfolg beschieden war«, sagte Folcho. »Aber meine Agenten stellen sowohl hier als auch im ganzen Imperium minutiöse Nachforschungen an.«
-81-
»Dann dürfen wir Euch nicht länger von Eurer Arbeit abhalten, denn sicherlich müßt Ihr ihre Anstrengungen koordinieren«, sagte Haldor. »Euer Majestät?« »Ihr könnt gehen, Folcho«, sagte Haldor scharf. Er wartete, bis der Haushofmeister die Zimmertür hinter sich geschlossen hatte, dann wandte er sich an seine beiden Gefährten. »Nun, wie hat euch die kleine Komödie gefallen?« fragte er. Lingard runzelte die Stirn. »Vielleicht haben wir nicht ganz denselben Humor, aber ich fand die Sache gar nicht komisch«, sagte er. »Oh, Lingard!« Haldor schüttelte den Kopf; ein grimmiges Lächeln umspielte seinen schmerzverzerrten Mund. »Aus dir wird nie und nimmer ein Verschwörer – den Göttern sei Dank!« »Wie meinst du das?« »Den Worten des heiligen Escablaugh zufolge, kann Naivität unter bestimmten Umständen als Todsünde gelten«, bemerkte Paradon freundlich. Lingard sprang wutentbrannt auf. »Da ich anscheinend ein solcher Dummkopf bin, legt ihr sicherlich keinen Wert mehr auf meine Gesellschaft!« »Da irrst du dich«, sagte Haldor. »Deine Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit machen dich zu einem der Grundpfeiler, die das Imperium tragen. Der unerschütterliche Fels bedarf nicht der politischen Raffinesse.« Lingards Zorn legte sich ein wenig. »Ich verstehe immer noch nicht.« »Dann will ich es dir, so gut ich kann, erklären«, erwiderte Haldor. Er wies auf den Stereoprojektor. »Die Vorführung, die wir eben gesehen haben – überleg einmal, was bei genauerem Hinsehen an greifbaren Fakten übrigbleibt. Praktisch nichts, meine ich. Es drängt sich nur der Eindruck auf, daß der gute Folcho der ihm anvertrauten Aufgabe mit gewohnter
-82-
Tüchtigkeit und Zielstrebigkeit nachgeht. Und das war natürlich der Zweck der Übung.« »Willst du damit sagen, daß die ganze Sache ein Schwindel war?« fragte Lingard. »Laß es mich einmal so ausdrücken«, sagte Haldor. »Folcho hat einen messerscharfen Verstand und ist für seinen Posten wie geschaffen. Aber dieser Posten bringt es mit sich, daß ein Großteil der Arbeit im verborgenen geschehen muß. Folcho darf nicht einmal mir, seinem Herrn, anvertrauen, was er wirklich unternimmt. Das stellt ihn vor ein Problem, denn er fühlt sich verpflichtet, mir gelegentlich Erfolge vorzuweisen. Ich bezweifle keineswegs, daß der unglückselige Golbleen existiert und dieses Geständnis gemacht hat, das wir eben gesehen haben. Aber würde ein dermaßen gepeinigter Mensch nicht alles Mögliche gestehen? Insbesondere, wenn er glaubt, dadurch sein Leben retten zu können?« »Du hältst die Aufzeichnung also für eine Fälschung?« fragte Lingard. »Nein. Sagen wir lieber, Folcho hielt es für angebracht, unseren Verdacht in eine bestimmte Richtung zu lenken, und hat sich dazu dieser Aufzeichnung bedient. Es ist durchaus denkbar, daß Kadath in die beiden Attentate verwickelt ist, aber vorläufig gibt es noch keinen Beweis dafür. Folcho möchte es uns lediglich glauben machen, um, sagen wir, zu verbergen, daß er selbst vor einem Rätsel steht.« »Ich würde dem zustimmen«, sagte Paradon. »Allerdings mit der Einschränkung, daß ich Euer Vertrauen in Folchos sogenannte Tüchtigkeit nicht teile. Ich glaube, man macht es sich zu leicht, wenn man stillschweigend unterstellt, die Kadathaner seien die Schuldigen. Die gegenwärtige Situation hat noch viele andere Rivalitäten und mögliche Gefahrenquellen entstehen lassen. Gonyl, zum Beispiel, drängt auf eine Erhöhung der Entwicklungshilfe für den Kontinent auf seiner Südhalbkugel, und die Regierung auf Aldar ist stark gefährdet. Sollte die dortige Separatistenbewegung an die Macht kommen, könnten wir uns zum Eingreifen gezwungen sehen,
-83-
zumindest in Form einer Demonstration der Stärke.« Lingard schüttelte fassungslos den Kopf. »Und ich Narr habe geglaubt, dieses unser Imperium würde ewig währen.« »Alles Leben ist einer ständigen Veränderung unterworfen«, sagte Haldor. »Es gibt immer Spannungen, für die Kompromißlösungen gefunden werden müssen. Unsere Aufgabe ist es, das politische Gleichgewicht zu bewahren.« Zeig mir den Feind, und ich bekämpfe ihn, dachte Lingard. Aber ein politisches Gleichgewicht bewahren? Was sollte man sich konkret darunter vorstellen? Überrascht stellte er fest, daß er die Antwort darauf wußte. »Mir scheint, daß dein Rückzug aus dem öffentlichen Leben zu einem großen Teil für die gegenwärtige Situation verantwortlich ist«, sagte er zu Haldor. »Die meisten Menschen sehen in dir die Verkörperung des Imperiums, und ohne dein Auftreten – « »Lingard hat recht«, sagte Paradon. »Wenn Ihr Euch zunächst hier auf Belphar mehrmals der Öffentlichkeit zeigen und dann allen Planeten des Reichs einen Staatsbesuch abstatten würdet, kämen die wuchernden Gerüchte zum Erliegen, und die Aufwiegler und Intriganten würden ihren Rückhalt verlieren.« Haldor stützte sich mit den Händen auf die Sessellehnen und richtete sich vorsichtig auf. Er machte ein paar Schritte, nur mühsam das Gleichgewicht haltend, fast wie jemand, der auf Eiern geht, und drehte sich zu ihnen herum. Der Schweiß auf seiner Stirn und sein schnellerer Atem kündeten von der schmerzhaften Anstrengung, die ihn die Bewegung gekostet hatte. »Wenn das die Verkörperung des Imperiums ist, dann helfen uns die Götter«, sagte er, auf seinen Körper deutend. »Glaubt ihr im Ernst, unsere Probleme ließen sich dadurch lösen, daß man dem Volk dieses Wrack vorführt?« »Dann laßt mich mit den Vorbereitungen für einen Transfer beginnen«, drängte Paradon. »Die Operation nach dem Attentat konnte nur eine zeitweilige Lösung sein, wie ich Euch
-84-
schon hundertmal erklärt habe. Früher oder später werdet Ihr Euch mit der Tatsache abfinden müssen, daß Ihr diesen Körper nicht behalten könnt. Er würde Euch für den Rest Eures Lebens Schmerzen bereiten. Warum wollt Ihr unnötig leiden?« »Wie kommt es zu diesem plötzlichen Sinneswandel?« fragte Haldor leicht sarkastisch. »Ich kann mich entsinnen, daß Ihr vor wenigen Wochen noch ganz andere Töne angeschlagen habt.« »Im Prinzip bin ich immer noch gegen fortgesetzte Transfers«, erklärte Paradon. »Aber die Lage hat sich geändert. Damals schien das Imperium gefestigt und sich einem dauerhaften Gleichgewichtszustand zu nähern, so daß wir mit Recht annehmen konnten, Eure integrierende Funktion als Herrscher würde nach einigen Jahren nicht mehr benötigt. Es schien nichts dagegen zu sprechen, Euch von Eurer schweren Verantwortung zu entbinden und sie Euren Erben zu übertragen, ohne befürchten zu müssen, daß Euer Lebenswerk vernichtet werden würde.« »Aber es gibt keine Erben, und auch keine Aussicht darauf«, sagte Haldor. »Und die vermeintliche Stabilität, auf die wir hingearbeitet haben, hat sich als Mythos erwiesen.« »Du könntest immer noch heiraten«, bemerkte Lingard. »Eine kaiserliche Hochzeitsfeier hätte vermutlich eine ähnlich stabilisierende Wirkung wie die Staatsbesuche, die Paradon vorgeschlagen hat.« »Noch ein plötzlicher Umschwung?« Haldor lächelte ironisch. »Wenn ich mich recht entsinne, warst du von meiner Heirat mit Annrith nicht sehr begeistert.« »Mach dich bitte nicht über mich lustig, Haldor«, sagte Lingard. »Du weißt genau, daß ich nur dein Bestes will.« »Du willst also mein Bestes. Wollt Ihr es ihm sagen, Paradon, oder muß ich es selbst?« fragte er in gequältem Ton. Dann drehte er sich plötzlich um und ging mit stockenden, vorsichtigen Schritten zum Balkon. Lingard sah den Patriarchen fragend an. »Die Schüsse des Attentäters haben, wie Ihr wißt, den
-85-
Unterleib getroffen«, sagte Paradon zögernd. »Neben der Rückgratverletzung haben sie auch – « »Seid, um der Götter willen, nicht so umständlich, Paradon!« Ärgerlich drehte sich Haldor um. »Was er dir sagen will, ist, daß ich ein impotenter Krüppel bin, unfähig, den Akt der Ehe zu vollziehen.« Lingard war einen Augenblick sprachlos angesichts der brutalen Wahrheit. Dann regte sich wieder Zorn in ihm, auf die Verschwörer, die für diese grauenhafte Tat verantwortlich waren. »Dann mußt du auf Paradons Vorschlag eingehen und dich sofort einem Transfer unterziehen«, sagte er. »Das ist die einzige vernünftige Lösung.« »Ich würde einwilligen, wenn mich nicht eines daran hindern würde«, entgegnete Haldor. »Im Moment bin ich hier unabkömmlich. Und wie du weißt, würde eine Transferoperation bedeuten, daß ich mich für mindestens einen Monat um nichts mehr kümmern könnte.« »Es wäre möglich, die Rekonvaleszenzperiode zu verkürzen«, warf Paradon ein. »Vielleicht war ich in der Vergangenheit übervorsichtig. Drei Wochen – « »Drei Wochen, in denen mein Lebenswerk zerstört werden könnte!« schnitt Haldor ihm unwirsch das Wort ab. »Welchen Sinn hätte es, wenn ich mich einem Transfer unterzöge und nach dem Erwachen aus der Narkose feststellen müßte, daß alles in die Brüche gegangen ist?« »Habt Ihr so wenig Vertrauen in Eure Stellvertreter?« fragte Paradon. »Ich habe volles Vertrauen in euch beide«, erwiderte Haldor. »Aber ich bin fest entschlossen abzuwarten, bis die Anschläge aufgeklärt und die heimtückischen Verschwörer vernichtet sind.« »Ist Euch Eure Rache wichtiger als Euer Leben?« fragte Paradon. Haldors Gesicht verfinsterte sich. »Werde ich denn bald sterben?«
-86-
»Das ist nicht gesagt«, antwortete Paradon. »Im Moment scheint Eure körperliche Verfassung relativ stabil zu sein. Wie lange das so bleiben wird, kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber wenn sich Euer Gesundheitszustand verschlechtert, könnten Begleiterscheinungen auftreten, die sehr ernst zu nehmen sind.« »Ernster als der Tod?« »Es könnte zu Zerfallserscheinungen des Gehirns kommen«, sagte Paradon. Lingard wurde von kalter Angst gepackt. Ein Transfer des Verstandes in einen anderen Körper hatte nur dann Sinn, wenn das Gehirn des alten Körpers gesund und intakt war. Das Gelingen der Operation hing letztlich von dieser Unversehrtheit des Gehirns ab. Das war die eine Anforderung, über die sich auch das Transferverfahren nicht hinwegsetzen konnte. Von allen Körperzellen unterlagen allein die Nervenzellen nicht der allmählichen Verkümmerung der Gene, welche den Alterungsprozeß hervorrief, aber wenn sie erst einmal abzusterben anfingen, mußte trotz ihrer großen Zahl, die in die Milliarden ging, und trotz Paradons ZerfallsHemmern früher oder später der Punkt ohne Wiederkehr erreicht werden. Wenn nach Überschreiten dieses Punktes operiert wurde, erhielt man einen stumpfsinnigen Greis, der einen jungen, gesunden Körper bewohnte. Lingard war von dieser Vorstellung entsetzt. Der Tod wäre so einem Leben bei. weitem vorzuziehen. »Gibt es denn schon Anzeichen für diese Zerfallserscheinungen?« fragte Haldor. »Im Moment nur geringfügige«, erwiderte Paradon. »Aber bei solchen Fällen ist äußerste Vorsicht geboten. Eine tägliche enzephalografische Untersuchung – « »Würde eine gefährliche Verschlimmerung sofort anzeigen?« »Theoretisch ja. Aber wenn uns der kleinste Irrtum unterliefe – « »Ich verlasse mich auf Eure Wachsamkeit«, sagte Haldor.
-87-
»Wenn es nichts mehr zu besprechen gibt, möchte ich Euch bitten, mich jetzt allein zu lassen. Ich muß mit den Kräften dieses Körpers sparsam umgehen.« »Laßt mich Euch ein Schmerzmittel geben«, drängte Paradon. »Nein! Meine Sinne bereiten mir derzeit wenig Freude, aber ich bin nicht gewillt, sie zu betäuben«, sagte Haldor fest. Paradon stand auf. »Noch etwas«, sagte er. »Olan Therys möchte Euch sprechen. Er macht sich große Sorgen um die Zukunft seiner Tochter.« Haldor nickte. »Dazu hat er allen Grund.« »Wollt Ihr ihn empfangen?« »Nein. Das würde zu viele Erklärungen erfordern«, entgegnete Haldor. »Wie geht es Annrith?« »Ich fürchte, sie kommt sich ziemlich überflüssig vor. Kein Wunder, wenn man bedenkt, daß Ihr Euch hartnäckig weigert, sie zu sehen.« Haldor schnitt eine Grimasse. »Das wäre in der Tat eine höchst ungewöhnliche Tortur.« »Therys will nach Kandar zurückkehren, obgleich ich ihn darauf hingewiesen habe, daß man das als einen treuelosen Schritt ansehen würde.« »Therys Treue gilt in erster Linie seiner Tochter, wofür ich ihn respektiere«, sagte Haldor. »Er bekam ihren Schutz von einem Kaiser versprochen, der, wie sich gezeigt hat, nicht einmal sich selbst schützen konnte. Vielleicht ist es wirklich das beste, wenn sie auf ihren Heimatplaneten zurückkehren und zumindest vorläufig dort bleiben.«
-88-
Zweiter Teil DIE ENTBEHRLICHEN
9 Ich habe das Problem der optimalen Zahl von Klonen sowohl unter religiösen als auch praktischen Gesichtspunkten ausführlich durchdacht, bin mir aber auch heute noch unschlüssig. Wenngleich wir davon ausgehen müssen, daß die Hände von uns Sterblichen beim Schaffen von Leben von den Göttern gelenkt werden, können wir der persönlichen Verantwortung für Erfolg oder Mißerfolg nicht entsagen. Das Leben, ob nun künstlich geschaffen oder auf natürliche Weise entstanden, muß uns heilig sein, wenn wir unserem Schwur als Heiler gerecht werden wollen. Daraus ergibt sich, daß wir sowohl bei seiner Erschaffung als auch seiner Beendigung gewissenhaft zu Werke gehen müssen. Unter Berücksichtigung dieser Überlegungen schuf ich damals sechs Klone, die mir ausreichend Gewähr für eine gesicherte Thronfolge des Kaisers Haldor zu bieten schienen. Jedes davon wuchs in einer Umgebung auf, die geeignet schien, das dem Embryo innewohnende Entwicklungspotential zur vollen Entfaltung zu bringen. Selbstverständlich war voraussehbar, daß im natürlichen Verlauf des Geschehens eines, vielleicht auch zwei dieser Klone infolge eines Unglücksfalls oder einer Krankheit als Träger für die Thronfolge ausfallen könnten. Die Möglichkeit einer Intervention von anderer, völlig unerwarteter Seite ist bei meinen damaligen Überlegungen nicht berücksichtigt worden – PARADON - DAS GEHEIME BUCH Die Sonne war schon untergegangen, als der Vortrupp
-89-
unter Führung von Sidi und Teryl die Oase erreichte. Auf ihren Reittieren sitzend, beaufsichtigten die beiden Männer die Frauen und Diener, welche eilig die Zelte aufschlugen. Bald würde die Finsternis hereinbrechen, sich wie ein ausgeworfenes Tuch urplötzlich über die Wüste legen, und Orak, das alternde Stammesoberhaupt, würde schrecklich wüten, wenn kein Schutz vor den Nachtwinden für ihn bereitstand. Er würde ohnehin schlechter Laune sein, wenn er sah, daß schon eine andere Reisegruppe ihr Lager drüben zwischen den Palmen aufgeschlagen hatte, die das Wasserloch umstanden. Orak, dessen Geisteskräfte immer mehr nachließen, lebte noch in den alten ruhmreichen Zeiten, als man Fremde um der Nahrung und des Wassers willen erbarmungslos getötet und jede solche Begegnung als Geschenk der Götter angesehen hatte. Die Bundesregierung hatte neue Gesetze gemacht und setzte sie mittels leistungsfähiger, mobiler Truppen durch, welche Sandwagen und Flugzeuge neben den Kamelen benutzten, die das traditionelle Transportmittel waren. Man erzählte sich, daß die Häupter von über hundert alten Stammesführern die Eisenspitzen auf den Mauerbrüstungen der Festung bei Japthor geziert hatten: blutige Mahnmale. Aber ein Volk, dessen Sprache nicht zwischen ›Fremder‹ und ›Feind‹ unterschied, sondern nur das Wort fekkarim für das eine wie für das andere kannte, gab seine alten Gewohnheiten nicht so leicht auf. Der Wüstentreibsand begrub seine Toten wie eh und je, und ein fekkarim war nach wie vor eine mögliche Gefahr – oder Beute. Müde und ungeduldig lauschte Teryl den Argumenten des jüngeren Mannes. Sie waren den ganzen Tag in der glühendheißen Sonne geritten, und sein schmerzender Körper verlangte nach kühlem Wasser und Ruhe. »Nun gut«, seufzte er schließlich. »Geh und sprich mit den fekkarim, wenn du unbedingt mußt. Aber halte dein Gewehr bereit und sei zurück, ehe Orak kommt.« Sidi nickte, trieb seinem Reittier die Sporen in die Flanken
-90-
und ritt auf das andere Lager zu. Er war ein hochgewachsener, gutgebauter junger Mann mit einer helleren Haut, als sie das Wüstenvolk besaß, und gelbbraunem, welligem Haar, das mit den glatten schwarzen Strähnen seiner Stammesbrüder nichts gemein hatte. Trotz dieser Andersartigkeit hatte Teryl stets alle die Pflichten eines Vaters ihm gegenüber erfüllt, und Sidi seinerseits respektierte den wortkargen, hakennasigen Krieger und gehorchte ihm willig. Parya, eine von Teryls Frauen, hatte ihn großgezogen, und als er das Jünglingsalter erreicht und die notwendigen Prüfungen bestanden hatte, hatte er seinen Platz als Sohn an der Seite des älteren Mannes eingenommen. Dennoch überkam ihn zuweilen ein Gefühl, gegen das er nicht an konnte und das ihm sagte, daß er in mancher Hinsicht selbst ein fekkarim war. Er hatte früh gelernt, solche Gedanken für sich zu behalten, aber wenn eine Begegnung mit Fremden bevorstand, so wie jetzt, war er immer ganz aufgeregt, von einer halb eingestandenen Mischung aus Hoffnung und Furcht erfüllt, daß der Schleier, der seine wahre Herkunft so lange vor ihm verborgen hatte, endlich gelüftet werden könnte. Im Geist sah er Teryl vor sich, der ihn schalt, solche Gedanken seien kindisch und dumm. Ein Mann ist, was er sein muß, und sein Lebensweg ist vorgezeichnet und so unwandelbar wie die Bewegungen der Sterne. Er konnte jetzt erkennen, daß das Zelt der fekkarim nicht wie die der meisten Wüstenstämme aus Tierhäuten bestand, sondern aus einem dunklen, seidig glänzenden Material. Er sah nirgends Reittiere, aber hinter dem Zelt befand sich eine Flugmaschine von ganz ähnlicher Form wie die der Regierungspatrouillen, jedoch ohne irgendwelche Hoheitsabzeichen. Er hielt vor dem Zelt an und rief seine Bewohner im Namen Oraks, des Wüstenadlers, auf herauszukommen. Er erhielt keine Antwort. Nach kurzem Warten stieg er ab und näherte sich vorsichtig dem Zelteingang. Die Nacht brach jetzt schnell herein, und hinter sich konnte er ferne Rufe hören, die Oraks Ankunft in dem neuen Lager ankündigten.
-91-
Aus dem Zelt vor ihm drang kein Laut – Er spürte, wie sein Nackenhaar sich sträubte, und sein Gefühl sagte ihm, daß es ein Fehler gewesen war, abzusteigen. Trotz des Gewehrs, das seine Hände fest umklammerten, begann er unruhig zu werden. Wenn die fekkarim weitergezogen wären, dann bestimmt nicht ohne ihr Zelt und ihr Transportmittel. Selbst fekkarim konnten nicht so dumm sein, die Wüste zu Fuß durchqueren zu wollen. Das nächste Wasserloch war über achtzehn Meilen entfernt. Sie mußten im Zelt sein, sich wie verschreckte Jerots darin verstecken oder – auf der Lauer liegen? Das war zwar unwahrscheinlich, aber er durfte nichts riskieren. Seine Ausbildung zum Wüstenkrieger hatte ihn Vorsicht gelehrt. Das Gewehr in der Rechten haltend, zog er mit der anderen Hand den langen Dolch aus der Scheide und schlich geräuschlos um das Zelt herum. Als er die Rückwand erreichte, hob er den Dolch und trennte die Zeltbahn mit einem raschen Hieb auf. Das Material gab der messerscharfen Klinge sofort nach. Helles Licht drang aus der Öffnung. Sidi setzte mit einem Sprung hindurch, kam federnd auf und stand kampfbereit in der Mitte des Zelts. Er sah sich zwei fremdartig gekleideten, hellhäutigen Männern gegenüber, deren Haar eine ähnliche Farbe wie sein eigenes besaß. Sein plötzliches Auftauchen schien sie nicht sonderlich zu überraschen; sie standen nur da und beobachteten ihn interessiert. Der Mann rechts von ihm hatte etwas in der Hand, das wie eine Pistole aussah, aber viel zu klein war, um mehr als ein Spielzeug sein zu können. Trotzdem, vor fekkarim mußte man sich in acht nehmen. Sidi bereitete sich auf den Angriff vor. »Das ist er«, sagte der Mann zu seiner Linken. »Bei diesen Augen und dieser Haut- und Haarfarbe ist ein Irrtum ausgeschlossen. Los, mach schon!« Die Spielzeugpistole summte kurz und spie einen weißen, unerträglich hellen Blitz aus, der ein kleines kugelrundes Loch in Sidis breite Stirn bohrte.
-92-
Der Mann mit der Waffe trat vor und drehte den leblosen Körper mit dem rechten Fuß auf den Rücken. »Guter Schuß«, sagte der andere. »Verschwinden wir lieber, bevor die ganze Bande über uns herfällt.« Arnol fluchte, als die Ochsen mit ihren Beinen im Schlamm am Feldrand herumstocherten, um Halt zu finden. Es war ein nasser Winter gewesen, und der bedeckte Himmel sah ganz danach aus, als würde es noch mehr Regen geben. Aber der Boden mußte jetzt gepflügt werden, wenn das Getreide rechtzeitig ausgesät werden sollte. Und er war der einzige, der diese Arbeit verrichten konnte, denn Baryn war nun viel zu schwach dafür. Während die Ochsen verharrten und geduldig warteten, daß die Arbeit weiterging, stieß er kräftig mit dem Fuß aus, um seinen Stiefel von dem Matsch zu befreien. Weiter vorn hatte sich ein Schwarm krächzender, schwarzweiß gefleckter Möwen in den frischen Ackerfurchen im Lehmboden verteilt, wo die Tiere hungrig nach Würmern und Insekten wühlten. Ein Bauernjunge mit einer Pflugschar – das mochte ja eine recht ehrenvolle Arbeit sein, aber es mußte doch noch andere, lohnendere und interessantere Aufgaben für einen jungen Mann mit seiner Intelligenz und seinen Fähigkeiten geben. Die anderen Dorfbewohner sahen nichts Entwürdigendes in dieser Arbeit, aber welchen Sinn hatte es, ewig in diesem Dreck zu wühlen, dem man gerade das Lebensnotwendige entreißen konnte? In den Städten im Süden war das Leben bestimmt besser. Aber die Städte waren für ihn ein unerreichbarer Traum. Er war hier gebunden. Hani und ihre beiden heranwachsenden Töchter konnten den Hof ohne ihn nicht bewirtschaften. Und es war undenkbar, daß er diese Familie, die für ihn von klein auf gesorgt hatte, obwohl er nicht ihr eigen Fleisch und Blut war, einfach im Stich ließ. Er riß an den Zügeln, rief den Ochsen zu und begann die neue Furche zu ziehen. Das Leben war ja nicht immer so beschwerlich wie jetzt. Es gab die langen warmen
-93-
Sommertage, den lieblichen Duft von Blumen. Aber wogen diese kurzen Wochen den Gestank von Tierkot auf, die ewige Plackerei, die er während des restlichen Jahres erdulden mußte? War es ihm wirklich bestimmt, dieses Dasein sein Leben lang zu ertragen? Er hörte plötzlich Hufgetrappel hinter sich, und als er sich umschaute, sah er zwei Männer auf Pferden, die über das Feld auf ihn zuritten. Er hielt die Ochsen an und schaute zu ihnen herüber. Beide trugen die prächtig aussehenden Gewänder von Städtern. Er hielt sie für Edelmänner oder reisende Kaufleute, die vermutlich die Dorfschenke suchten. Sie zügelten ihre Pferde und kamen zum Stehen, der eine links, der andere rechts von ihm. Als er in ihre strengen, irgendwie abweisenden Gesichter aufschaute, empfand er plötzlich eine unerklärliche Angst. Diese Männer hatten irgend etwas Vertrautes an sich, das er nicht genau bestimmen konnte, aber er hatte beinahe das Gefühl, sie irgendwo schon einmal gesehen zu haben. »Guten Tag, Junge«, sagte einer der Fremden. Seine Aussprache war rauh und metallisch, ganz anders als der sanfte, melodische Dialekt der Bewohner der ländlichen Gegend. Trotzdem kam ihm auch das seltsam bekannt vor. »Guten Tag, Mylord«, erwiderte Arnol vorsichtig. Der andere Mann sagte nichts. Er hatte etwas aus seiner Jackentasche gezogen, das wie eine quadratische Spielkarte aussah, und betrachtete sie forschend, wobei er Arnol von Zeit zu Zeit einen Blick zuwarf. »Kein Zweifel«, sagte er schließlich zu seinem Begleiter. »Wir haben ihn auf Anhieb gefunden.« »Gut. Wenn du dir sicher bist, wollen wir die Sache hinter uns bringen«, entgegnete der andere. Etwas in der Art, wie er das sagte, warnte Arnol. Alles das war irgendwo schon einmal passiert. Vielleicht hatte er es nur im Traum erlebt, aber er wußte, daß er in Gefahr schwebte – in tödlicher Gefahr. Er ließ die Zügel los und fing an zu laufen. Er wußte, daß
-94-
Weglaufen keinen Sinn hatte, aber was hätte er, unbewaffnet wie er war, anderes tun können? Als er keuchend die Furche entlangrannte und mit jedem Schritt tief in die nasse Erde unter dem grauen Himmel einsank, kam ihm der Gedanke, daß er das schon sein Leben lang tat – daß dieser Matsch ihn zeit seines Lebens festgehalten, gehemmt und zu sich hinabgezogen hatte. Hinter ihm ertönte ein schwaches Geräusch, leiser noch als das Platzen einer Eierschale. Die Welt explodierte in einem grellen weißen Blitz. Ein paar aufgescheuchte Möwen flogen empört krächzend auf, als er in den Schlamm fiel. Orf folgte den Spuren eines Weißbären, einem Männchen, den großen Abdrücken nach zu urteilen. Es gab nicht viele Jäger, die es allein und mit den spärlichen Waffen, die er bei sich hatte, mit diesem Tier aufnehmen würden, aber Orf hatte keine Zeit, sich den Kopf über seine unzureichende Ausrüstung zu zerbrechen. Sein einer Speer mit der Knochenspitze und die Handvoll Pfeile mußten eben genügen. Wenn er ins Dorf zurückging, um Hilfe zu holen, bestand die Gefahr, daß ein neuer Schneefall die Spuren zudeckte und die kostbare Beute verlorenging. Pitan und die Kinder brauchten dringend etwas zu essen, und der Bär würde reichlich Nahrung liefern. Wenn sie sein Fleisch sorgfältig lagerten und vor den räuberischen Wildhunden schützten, würde es ihnen bis zum Beginn der Schneeschmelze reichen, und dann gab es wieder Fisch- und Schildkrötenfleisch. Aber Bären waren listige und schlaue Tiere und selbst auf Beute aus. Ein einsamer Jäger konnte leicht zum Gejagten werden, besonders in dieser zerklüfteten Berglandschaft. Orf blieb am Fuß eines Eisgletschers stehen, durch den sich eine schmale Schlucht wand. Die Spuren führten in die Schlucht hinein und verloren sich hinter der ersten Krümmung, aber konnte er wissen, ob der Bär nicht in irgendeiner Spalte lauerte, um ihn mit einem Hieb seiner mächtigen Pranken niederzustrecken? Ein Weißbärmännchen konnte einem
-95-
Menschen mit einem einzigen Hieb den Schädel zertrümmern oder ihm mit seinen scharfen Klauen wie einem Fisch den Bauch aufschlitzen. Orf überlegte. Feigheit und Besonnenheit waren zwei verschiedene Dinge. Er würde ungefähr eine Dreiviertelstunde brauchen, um ins Dorf zu gelangen und Hilfe zu holen. War es nicht klüger, das Risiko in Kauf zu nehmen, daß der Bär in dieser Zeit entkam, statt sich in die Schlucht zu wagen und vielleicht getötet zu werden? Was sollte aus Pitan und den Kindern werden, wenn er starb? Eine Dreiviertelstunde. Würde der Bär so lange warten? Ein ungewohntes Geräusch bereitete seinen Überlegungen ein Ende. Es war ein Brummen, das direkt vom Himmel zu kommen schien. Als er nach oben schaute, bemerkte er einen dunklen Fleck, der sich aus der Richtung des Dorfs näherte. Verwundert kniff er die Augen zusammen und erkannte ihn als Flugmaschine. Solche Maschinen kamen in regelmäßigen Abständen und brachten Regierungsbeamte und Heiler ins Dorf. Die Besucher waren den Dorfältesten nicht immer willkommen. Schließlich hatten die alten Sitten dem Stamm seit vielen Jahrhunderten das Überleben ermöglicht. Welches Recht hatten diese verweichlichten, blaßgesichtigen Menschen aus dem Norden, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen? So argumentierte Honwe, aber Orf mochte ihm da nicht ganz folgen. Die alten Sitten waren ja schön und gut, aber konnte man zuweilen nicht auch ein paar neue Ideen gebrauchen? Allerdings behielt er solche ketzerischen Gedanken für sich, denn die Ältesten wachten eifersüchtig über ihre Macht, und er war schließlich – zumindest dem Aussehen nach – eine Mißgeburt mit seinem gelbbraunen Haar und seinen goldenen Augen. Man argwöhnte, er sei ein Rückschlag zu einer lange zurückliegenden Paarung zwischen einer Frau des Volkes und einem blaßgesichtigen Mann aus dem Norden, obwohl keine Frau des Stammes zugegeben hatte, dieses Kind mit der merkwürdigen Haut- und Haarfarbe zur Welt gebracht zu
-96-
haben, als man ihn, in ein Fellbündel eingewickelt, neben dem Eingang zur Versammlungshütte gefunden hatte. Nur der Umstand, daß er ein Knabe gewesen war, hatte ihm das Leben gerettet. Honwes Frau Sarnel, die nun schon seit vielen Jahren tot war, hatte sich seiner angenommen und ihn großgezogen. Die Flugmaschine setzte jetzt zur Landung an. Er sah sie etwa fünfzig Meter entfernt auf der verkrusteten Schneedecke niedergehen. Vorige Woche erst hatte ein solcher Besuch stattgefunden, und der nächste war frühestens in einem Monat fällig. Orf konnte sich die Landung der Maschine nur so erklären, daß man irgendeine Nachricht oder ein Geschenk für ihn hatte, obwohl das höchst unwahrscheinlich war. Auf jeden Fall war ihm ihre Ankunft willkommen. Wenn er die Männer aus dem Norden überreden konnte, ihm bei der Jagd auf den Bären zu helfen, war sein Problem gelöst. Als die Tür der Maschine aufging und zwei Männer in den Schnee traten, lief er ihnen eilig entgegen. Beide hatten die unglaublich dünne Kleidung an, wie sie die Regierungsbeamten meistens trugen. Einmal hatte er einen von ihnen gefragt, wie so leichte Gewänder sie vor den strengen Frostgraden schützen konnten, die auf dem antarktischen Kontinent herrschten, worauf der Mann ihm die Funktionsweise der Anzüge zu erläutern versucht hatte. Orf hatte jedoch feststellen müssen, daß das Konzept einer unsichtbaren Wärmequelle, von dem in der Erklärung die Rede gewesen war, sein Begriffsvermögen überstieg. Wärme war für ihn etwas, das man entweder durch Feuer oder durch Sonnenschein erhielt. Aus der Ferne hatten die Gesichter der Männer hinter den dunklen Schneebrillen anonym gewirkt, und auch jetzt, als er näher kam, konnte er nichts Vertrautes in ihren Zügen erkennen. Sie standen reglos da und hatten beide eine jener blassen Energiewaffen in der Hand, die einen Weißbären mit einem Schuß fällen konnten. Er war nur noch wenige Schritte entfernt, als ihm plötzlich auffiel, daß die Flugmaschine das gewohnte Regierungsabzeichen – die symbolische Darstellung eines
-97-
gefalteten Händepaars – vermissen ließ. Diese Beobachtung und etwas in der Haltung der beiden Männer veranlaßten ihn, abrupt stehenzubleiben. Die Menschen, die in Flugmaschinen aus dem Norden kamen, hatten sich stets als freundlich erwiesen, aber diesmal sagte ihm sein scharfer Jägerinstinkt, daß von diesen Burschen etwas Unheilvolles ausging. Er packte seinen Speer fester. Einer der Männer richtete ein paar hastige Worte an seinen Begleiter, um dann die Waffe auf Orf zu richten. Aus der Mündung blitzte eine helle Flamme auf. Orf hatte sich sofort zur Seite geworfen und noch im Sprung den Speer geschleudert. Der Schütze ließ seine Waffe fallen und zog, den Mund zu einem stummen Schrei geöffnet, kraftlos an dem Speerschaft, der aus seiner Brust ragte. Ein Blutstrom quoll aus seinem Mund, dann brach er zusammen. Orf ließ sich auf ein Knie nieder, brachte hastig einen Pfeil in Anschlag und spannte die Bogensehne, um auf den anderen Fremden zu schießen. Die zweite Pistole summte wiederholt und spie todbringende Flammen aus. Orfs durchlöcherter Körper wurde zurückgeschleudert und sank tief in eine Schneewehe. Das letzte, was er von der Welt sah, waren ein weißer Wirbel und der blaue Himmel.
-98-
Dritter Teil ROMAN
10 Annrith, die Schöne – Gemahlin von Haldor, dem Herrlichen, Kaiser der Dreizehn Welten (s. o.). Eine sagenumwobene Gestalt, der zahlreiche romantische Dichtungen gewidmet sind, von denen sich einige auf ihrem Heimatplaneten Kandar bis auf den heutigen Tag erhalten haben. Hervorzuheben sind hierbei die epischen Gedichte von Isere, dessen LIED VON ANNRITH, DER SCHÖNEN angeblich ihre Lebensgeschichte erzählt. Wie schon an anderer Stelle vermerkt, sollte man die Praxis, diese Mythen als historische Wahrheiten anzuerkennen, nicht zu streng verurteilen. Eliphas Lilie FINSTERE TAGE DES IMPERIUMS GALAKTIC PRESS DE. 8675 Sie näherten sich der Bucht von Osten her und umschifften die Mandafs-Perlen, eine Inselkette aus schwarzen Felskegeln vulkanischen Ursprungs. Das kleine Boot hob und senkte sich wie eine Nußschale in der wogenden See, aber Nok, der wie gewöhnlich am Ruder war, hielt es auf einem steten Kurs. Roman war mit Tontin am Bug, wo sie die Netze säuberten und zusammenlegten. Der Fang war heute mager gewesen. Das war immer so zu dieser Jahreszeit, wenn die Schwärme von der Küste der Mietroveloren nach Süden zogen. Jedermann wußte, daß die Abwanderung der Fische eine von vielen Naturgegebenheiten war, aber Nok in seinem mürrischen Wesen sah darin nur einen weiteren Beweis für die Tücke des Schicksals, von dem er sich besonders benachteiligt glaubte.
-99-
»So ein reicher Angeber aus der Stadt will sich anscheinend den Bauch aufschlitzen«, sagte Nok mit einem wölfischen Grinsen. Sein dunkles, unrasiertes Gesicht spiegelte hämische Vorfreude wider. Roman drehte sich um und schaute in die Richtung, die Nok anzeigte. Er mußte das fremde blau-weiße Schiff schon vor einer ganzen Weile gesehen haben, ohne ein Wort zu sagen. Es steuerte die Bucht im rechtem Winkel zu ihrem Kurs an. Seinen Konturen und dem blitzenden Äußeren nach konnte es kein Fischerboot sein. Es machte ziemlich schnelle Fahrt, obwohl die Segel gerefft waren, und Roman vermutete, daß es einen starken Hilfsmotor besaß. Wenn es seinen jetzigen Kurs beibehielt, würde es dicht am Westrand der Mandafs-Perlen vorbeikommen. Offenbar wußte der Steuermann nicht, daß er dort genau in die Felsenriffe geraten würde, die sich unterseeisch bis auf hundert Meter Nähe an die westliche Landzunge erstreckten. »Idiot! Geschieht dem Angeber recht«, pflichtete Tontin seinem Vater bei, während er mit der linken Hand den Oberschenkel seines verkrüppelten Beines massierte. »Was wagt er sich auch in die Gewässer von Hispar, wenn er sich hier nicht auskennt.« »Wir können ihn doch nicht ins Verderben rennen lassen«, protestierte Roman und kam zum Heck. »Was du nicht sagst.« Nok hielt die Ruderpinne fest in seiner knorrigen Hand. »Wenn wir die Abkürzung entlang der Perlen nehmen, können wir in Rufweite sein, ehe er in Gefahr gerät«, meinte Roman. Noks Antwort war typisch. Er spuckte gezielt leewärts. »Wir riskieren nichts dabei«, drängte Roman. »Du hast die Bucht dein Leben lang befahren und kennst sie wie deine Hosentasche.« »Möglich. Aber was schert mich dieser Angeber?« Roman sah zu dem fremden Schiff. Es steuerte immer noch seinem Verderben entgegen. Wenn sie nicht sofort eingriffen
-100-
und innerhalb der nächsten Sekunden den Kurs änderten, war die Katastrophe nicht mehr zu verhindern. »Dreh ab auf die Inseln«, sagte er und sah Nok in die Augen, die hart und finster waren wie die Felsen. Nok war ein engstirniger, voreingenommener Mensch, der in seinen Mitmenschen, und besonders in Fremden nichts als Feinde sah. Selbst seine Angehörigen behandelte er brutal und feindselig, verlangte strikten Gehorsam von ihnen und verprügelte sie, wenn sie sich seinem Willen nicht beugen wollten. Als Adoptivkind hatte Roman viel von ihm erdulden müssen, obgleich Daleen sich immer wieder schützend vor ihn gestellt hatte. Die Prügel hatten erst aufgehört, als er Nok, sich seiner wachsenden Stärke bewußt, bei einem heftigen Streit niedergeschlagen hatte. Das war kurz vor seinem sechzehnten Geburtstag gewesen, und seither war Nok einer direkten Auseinandersetzung zwischen ihnen aus dem Weg gegangen. Aber Roman spürte, daß sich der Groll seines Adoptivvaters gegen ihn von diesem Tag an zu blindem, tiefverwurzeltem Haß verhärtet hatte. »Kommt nicht in Frage. Du hast mir überhaupt nichts zu sagen«, knurrte er. »Ich will nicht mit dir streiten, Nok, dazu ist keine Zeit.« Roman ging auf ihn zu. »Wenn du das Boot nicht hindurchsteuerst, übernehme ich das Ruder.« »Du würdest uns nur ertränken«, sagte Nok unwirsch. »Du kennst die Fahrrinnen nicht.« »Das Risiko muß ich eingehen.« »Nicht mit meinem Boot«, protestierte Nok. »Tontin, hilf mir diesen Wahnsinnigen aufzuhalten, bevor er uns alle umbringt.« »Er ist stärker als ich, Vater«, sagte der verkrüppelte Junge. »Außerdem hat er vielleicht gar nicht so unrecht. Jemand, der so ein schönes Boot besitzt, zahlt bestimmt eine tüchtige Belohnung, wenn man ihn vor dem Schiffbruch bewahrt.« Das schien selbst Nok einzuleuchten. Er riß das Ruder herum und steuerte das Fischerboot nach Backbord auf einen
-101-
neuen Kurs. Nok mochte engstirnig und bösartig sein, aber er war unbestreitbar ein guter Steuermann. Er brachte sie sicher durch das unterseeische Riff, und nach einigen Minuten hatten sie die Gefahrenzone passiert und näherten sich rasch dem fremden Schiff. Als sie noch etwa dreißig Meter entfernt waren, konnte Roman den Steuermann sehen, einen kräftigen Mann in makelloser Segelsportkleidung und mit einer weißen Schirmmütze auf dem Kopf. Er stand im Ruderhaus seiner Jacht und schaute gleichgültig nach vorn. Roman fuchtelte mit den Armen und rief. Der Fremde reagierte nicht. In seinem Ruderhaus abgekapselt, hatte er sein Rufen gar nicht gehört, ja nicht einmal die Anwesenheit des Fischerbootes bemerkt. Er steuerte sein Schiff weiterhin auf das unterseeische Riff zu, seinem sicheren Ende entgegen. Roman mußte erkennen, daß seine Bemühungen zwecklos waren. Er drehte sich zu Nok um. »Geh näher heran – so dicht wie du kannst.« »Weshalb? Was hast du vor?« »Die Jacht hat zuviel Fahrt und ist schon zu nahe, um jetzt noch beidrehen zu können«, erklärte Roman. »Es gibt nur noch eine Chance: ich muß an Bord gelangen und versuchen, sie heil durchs Riff zu bringen. Komm schon, Nok. Du kannst näher heran, wenn du nur willst!« »Wenn sich der Wind dreht, stoßen wir mit ihr zusammen«, knurrte Nok, zog die Ruderpinne aber um mehrere Striche herüber. Roman setzte sich auf das Dollbord und spannte alle Muskeln an. Er hatte nur einmal Gelegenheit zum Sprung. Wenn er sich verschätzte und den richtigen Zeitpunkt nicht genau abpaßte, stürzte er in die wogende See. Obgleich er ein guter Schwimmer war, bezweifelte er, daß er sich gegen die tückischen Strömungen zwischen den Mandafs-Perlen behaupten und das Ufer erreichen konnte. Die beiden Schiffe waren einander jetzt schon ziemlich nahe, und der Abstand zwischen ihnen schmolz rapide. Eben noch schien die Jacht ein gutes Stück entfernt, im nächsten
-102-
Moment ragte der weiße Schiffsrumpf Steuerbord neben ihrem Bug auf. Er war höher, als Roman erwartet hatte. Er knirschte mit den Zähnen und sprang. Die Arme hatte er lang ausgestreckt, um irgendwo Halt zu finden. Für einen Sekundenbruchteil sah er undeutlich das Gesicht des Fremden mit dem überrascht aufgerissenen Mund, dann landete er krachend auf dem Vorderdeck. Er hatte keine Zeit, seine Verletzungen zu untersuchen. Er rappelte sich auf, lief zum Ruderhaus, packte den Türknauf und drückte. Wertvolle Sekunden vergingen, bis er plötzlich auf die Idee kam, die Druckrichtung zu ändern. Die Tür glitt zügig zur Seite, und Roman stolperte ins Ruderhaus. Im Innern befanden sich Instrumententafeln mit beleuchteten Skalen, Bildschirmen und Schaltern, über deren Funktion er nicht einmal mutmaßen konnte. In seinem ganzen Leben hatte er noch keine so komplizierten Apparaturen gesehen. »Was wollen Sie denn hier?« Der Fremde ließ das Steuerrad los und starrte Roman verblüfft an. »Ich versuche schon die ganze Zeit, Sie zu warnen«, sagte Roman. »Vor uns liegt ein unterseeisches Riff, das wir in wenigen Sekunden erreichen werden. Lassen Sie mich ans Ruder. Vielleicht kann ich uns noch hindurch bringen.« »Ein Riff?« Der Fremde blickte auf einen der Bildschirme. »Ach ja, ich sehe, was Sie meinen«, sagte er gelassen. »Um der Götter willen, Mann!« rief Roman. Er trat ans Steuer. Der Fremde zuckte die Achseln und lächelte unergründlich. »Wenn es Sie beruhigt, bitte sehr. Schaden können Sie ohnehin nicht anrichten.« Der Mann mußte entweder verrückt oder betrunken sein, dachte Roman. Er nahm das Steuerrad in die Hände, blickte von Backbord nach Steuerbord und versuchte die Position des Schiffs in bezug auf die Inseln abzuschätzen. Das Felsenriff konnte nur noch wenige Meter entfernt sein, und zum Abdrehen war keine Zeit mehr. Er konnte die Jacht nur noch auf Kurs halten und hoffen, daß er sich nicht verschätzt hatte.
-103-
Wenn seine Berechnungen stimmten, würden sie gerade noch so zwischen der dritten und vierten Felszacke abseits der letzten Insel hindurchscharren. Ein schönes Schiff, überlegte er traurig, als er das Vibrieren von starken Maschinen im Deck unter seinen Füßen spürte. Viel zu schade, um als zerschmettertes Wrack auf dem Grund der Bucht zu enden. Wie von einer gewaltigen Flutwelle nach oben getragen, ruckte die Jacht plötzlich hoch. Roman blickte seitlich auf die See, konnte aber keine solche Welle entdecken. Sein Magen zog sich zusammen. Die Jacht schwamm nicht mehr im Wasser, vielmehr schien sie an die zwei Meter über dem Meeresspiegel zu schweben. Das war natürlich unmöglich, aber – Erleichtert bemerkte er, daß sich das Schiff langsam senkte und die Wellen wieder gegen den Rumpf klatschten. Er blickte durch die naßgespritzte vordere Scheibe und sah, daß sie an dem Riff vorbei waren und sicher auf das sanft abfallende sandige Ufer der Bucht zusteuerten. »Ich habe Ihnen ja gesagt, daß nichts passieren kann«, meinte der Fremde liebenswürdig. »Die Sicherheitsautomatik hat das Hindernis erkannt und das AG-Aggregat eingeschaltet. Aber trotzdem danke. Sie haben ja Kopf und Kragen riskiert, um mir zu helfen.« »AG-Aggregat?« fragte Roman. »Tja, von den Dingern habt ihr in dieser Gegend wohl nicht allzu viele. Ich bin kein Techniker, aber selbst wenn ich einer wäre, würden Sie meine Erklärung kaum verstehen. Man macht diese Schiffe eben narrensicher, so daß sich sogar eine Landratte wie ich, als echter Seemann aufspielen kann. Vermutlich sind Sie jetzt ein bißchen enttäuscht, aber man erspart sich eine Menge Unglücksfälle dadurch. Ich heiße übrigens Kalamry, Dorin Kalamry – und Sie?« »Roman«, sagte er und drückte die weiche plumpe Hand mit seinen harten, von der Arbeit gestählten Fingern. Für einen Sekundenbruchteil schien in Kalamrys Augen so
-104-
etwas wie Überraschung aufzuflackern, aber der Eindruck verschwand sofort wieder. »Und das da ist Ihr Schiff?« fragte er, den Kopf in Richtung des Fischerboots neigend, das auf gleicher Höhe mit ihnen zum Ufer segelte. »Nein. Es gehört Nok«, erwiderte Roman. »Und er wird nicht sehr erbaut sein, wenn er erfährt, daß ich es ihn unnütz aufs Spiel habe setzen lassen.« Kalamrys wache Augen betrachteten Roman forschend. »Klar, ich hätte mir denken können, daß das Ihre Idee war. Aber keine Sorge. Ich überlasse Ihrem Freund Nok ein paar Sachen, die ihn über sein schlimmes Erlebnis hinwegtrösten werden. Sie können das Steuer übrigens ruhig loslassen, wenn Sie wollen. Das Schiff ist darauf programmiert, den Hafen anzulaufen.« Roman nahm die Hände vom Ruder. Auf diesem Schiff war man anscheinend so sicher wie zu Hause im eigenen Bett. »Von wo kommen Sie?« fragte er. »Aus Alminar«, antwortete Kalamry. »Das soll eine schöne Stadt sein, sagt man. Ich war noch nie dort.« »Was! Das sind doch nur achtzehn Meilen die Küste entlang.« »Die Menschen von Hispar reisen nicht viel«, erläuterte Roman. »Alles, was sie brauchen, finden sie hier in der Bucht: Fische, Berghänge zum Getreideanbau, Weiden für das Vieh, das ihnen Milch und Fleisch liefert.« »Das einfache Leben.« Kalamry nickte. »Ja, ich glaube, das hat etwas für sich – vielleicht sogar sehr viel, wenn man sich ansieht, wie manche Rassen auf den anderen Welten leben.« »Andere Welten?« »Nun aber.« Kalamry nahm seine weiße Mütze ab und fuhr sich mit der Hand durch sein schon leicht schütteres, rötliches Haar. »Ich weiß ja, daß diese Küstengegend noch ziemlich rückständig ist, aber Sie haben doch bestimmt schon mal gehört, daß Kandar nicht der einzige Erd- und Wasserball ist, der sich um unsere Sonne dreht?«
-105-
»Natürlich weiß ich, daß es andere Planeten gibt«, sagte Roman so würdevoll wie möglich. »Aber ich bin noch niemandem begegnet, der sie besucht hat.« »Habt ihr eine Schule in Hispar?« fragte Kalamry. »Sendol, der Heiler, lehrt die Kinder das Lesen und Schreiben, wenn Sie das meinen. Aber wenn ein Junge kräftig genug ist, lernt er praktischere Dinge: wie man Boote und Netze herstellt und repariert.« »Ja, ich glaube, mehr braucht man nicht zu wissen, wenn man sein Leben lang Fischer oder Bauer ist«, sagte Kalamry. »Aber das ist ein ziemlich begrenztes Dasein, finden Sie nicht? Ein intelligenter junger Mann wie Sie hat doch bestimmt Größeres im Sinn. Möchten Sie nicht mal raus aus dem Dorf?« »Eines Tages gehe ich nach Alminar, hoffe ich«, erwiderte Roman. »Alminar – bis dahin sind's nur ein paar Schritte«, sagte Kalamry. »Ich meine etwas anderes. Hätten Sie nicht Lust, um die ganze Welt zu reisen – vielleicht sogar zu ein paar anderen Planeten? Ich hätte durchaus Verwendung für einen so jungen Mann mit Ihrem Schneid, und ich komme viel herum. Sie bekämen etwas von der Welt zu sehen.« Roman betrachtete den Fremden und überlegte, seit wie vielen Jahren er auf so eine Gelegenheit gewartet und dafür gebetet hatte, dem starren, traditionsgebundenen Leben im Dorf zu entkommen. Er seufzte. »Wenn ich frei wäre, würde ich Ihr Angebot mit Freuden annehmen«, sagte er. »Frei?« Kalamry sah ihn stirnrunzelnd an. »Noks Frau Daleen – sie war mir immer eine gute Mutter«, setzte er zu einer Erklärung an. »Ich schulde ihr viel. Als sie letzten Winter starb, rief sie mich an ihr Bett und bat mich, ihre Tochter Eera zu beschützen, bis sie verheiratet ist.« »Beschützen? Aber wenn ihr Vater noch lebt, weshalb sollen dann Sie sie beschützen?« »Danach habe ich nicht gefragt«, erwiderte Roman. »Aber ich muß Daleens letzten Wunsch erfüllen, um wenigstens
-106-
einen kleinen Teil meiner Schuld zu begleichen.« Er hielt es für wenig sinnvoll, Kalamry zu erklären, daß eine der Gefahren, vor denen er Eera beschützen sollte, ihr eigener Vater war. Dieser Fremde, der aus einer ganz anderen Welt kam, schätzte die Menschen von Hispar schon gering genug ein. Kalamry nickte. »Ja, das verstehe ich. Wie alt ist das Mädchen denn?« »Sie wird jetzt sechzehn.« »Und wann wird sie heiraten?« »In ein, zwei Jahren, schätze ich«, erwiderte Roman. »Sie ist zwar keine Schönheit, aber sie hat ein frohes Wesen und drückt sich nicht vor der Arbeit. Sie hat viel von ihrer Mutter.« »Haben Sie eine Frau?« fragte Kalamry. »Was könnte ich einer Frau schon bieten? Ich habe kein Haus, kein Boot – « Natürlich spielten noch andere Überlegungen eine Rolle, aber er verspürte wenig Neigung, seine romantischen Träume dem Spott dieses kultivierten Fremden preiszugeben. Er wollte die Frau, die er liebte, nicht wie Daleen enden sehen: ausgezehrt und vorzeitig gealtert durch Geburten und schwere Arbeit. Vielleicht hatte er, weil er ein Findelkind war, immer das Gefühl gehabt, anders zu sein als die übrigen Kinder im Dorf. Nicht nur insofern, als er statt ihres schwarzen Haars gelbbraunes und statt ihres dunklen Teint eine helle Hautfarbe besaß, sondern vor allem, weil er allein das traditionsverhaftete, bäuerliche Leben in Hispar, das seit Jahrhunderten seinen unveränderten Gang nahm, in Frage zu stellen schien. Viele dieser Traditionen kamen ihm unsinnig und dumm vor, zum Beispiel die Vorschrift, daß Netzmaschen eine bestimmte Größe haben mußten, obwohl dadurch viele der kleineren Fische entkommen konnten, die man gerade in der fangarmen Jahreszeit gut hätte gebrauchen können. Es gab so viele Dinge, die das Leben im Dorf hätten erleichtern können, wenn die Menschen nur zu Veränderungen bereit wären. Aber sie hielten blind an den alten Sitten fest. Er hatte noch einen Traum, der mit seiner geheimnisvollen
-107-
Herkunft zusammenhing. Niemand hatte ihm erklären können, wie und woher er an diesen Strand gekommen war, wo Sendol ihn gefunden hatte. Dieses Rätsel hatte seine kindliche Phantasie zu zahlreichen Hirngespinsten inspiriert, und eines davon haftete sogar heute noch in einem entlegenen Winkel seines Verstandes – das Märchen, er sei der verlorene Prinz irgendeines fernen Königreichs, und daß er eines Tages – »Das ist also Hispar.« Kalamrys Stimme ließ Roman aus seinen Gedanken hochfahren. Die Jacht lief gerade in den Hafen ein. Am Kai hatten sich schon mehrere Dorfbewohner versammelt, die das fremde Schiff neugierig anstarrten. »Sie können vorläufig den Liegeplatz neben Noks Boot benutzen«, sagte er. »Ich mache die Taue fest. Aber dann muß ich Tontin helfen, den Fang zu entladen.« »Kann Nok das nicht machen?« »Nok ist das Familienoberhaupt und der Steuermann«, erklärte Roman. »Diese Arbeit wäre unter seiner Würde.« Kalamry lachte. »Ich sehe schon, ich muß noch viel lernen, wenn ich euch Dorfbewohner begreifen will.« »Sendol wird Ihnen zweifellos dabei behilflich sein«, sagte Roman, als er die vertraute, schwarzgekleidete Gestalt an der Anlegestelle stehen sah. »Sie täten gut daran, auf ihn zu hören. Er ist ein sehr weiser und erfahrener Mann.« »Das bezweifle ich keinen Moment«, sagte Kalamry mit einem hintergründigen Lächeln. »Ich freue mich schon, ihn kennenzulernen. Aber ich würde mich gern noch mit Ihnen unterhalten, wenn Sie mit Ihrer Arbeit fertig sind. Ich habe Ihnen ein paar interessante Vorschläge zu machen.« »Ich komme nach dem Abendessen wieder hierher«, versprach Roman. Nok stand am Kai vor der Anlegestelle und paffte seine alte, schwarz gewordene Pfeife. Er sah ungerührt zu, wie Tontin sich mit den Körben abmühte, in denen der Fang war. »Na, wo ist die Belohnung?« knurrte er. »Erzähl mir ja nicht, daß wir unseren Hals umsonst riskiert haben.« »Wir haben nicht über Geld gesprochen«, entgegnete
-108-
Roman schroff. Er ließ seine Abscheu über die Habsucht seines Adoptivvaters deutlich erkennen. »Verdammter Narr! Ich rede mit Sendol. Er wird schon dafür sorgen, daß wir unseren gerechten Lohn bekommen.« Er schlurfte davon und überließ es Roman, Tontin zu helfen. »Was ist denn das für eine Höllenmaschine?« fragte der verkrüppelte Junge, während er einen schweren Korb hochwuchtete, um ihn Roman zu reichen. »Ich hab das Ding wie einen Darkanara aus dem Wasser springen und dann federleicht wieder eintauchen sehen.« Roman gab keine Antwort. Er dachte noch über Kalamrys Angebot nach, das ihm die Chance bot, diesem mühseligen, undankbaren Dasein zu entkommen. So eine Gelegenheit kam vermutlich nicht so schnell wieder, und er bereute es fast, daß er abgelehnt hatte. Aber er konnte Hispar nicht verlassen, solange Eera noch unverheiratet war. Daleen hatte seinetwegen zuviel erleiden müssen, als daß er sein Versprechen an sie einfach hätte brechen können.
-109-
11 Obgleich der magere Fang schnell entladen war, zögerte sich das Abendessen noch lange hinaus. Nok hatte Sendol aufgesucht und kam und kam nicht zurück, und es wäre ein Unding gewesen, mit dem Essen anzufangen, ehe das Oberhaupt der Familie nicht am Tisch saß. Neuigkeiten sprachen sich in einer kleinen Gemeinde schnell herum, und Eera hatte schon von Romans Abenteuer mit dem fremden Schiff gehört und bedrängte ihn, ihr mehr zu erzählen. Tontin, dem es anscheinend an Interesse mangelte, hatte sich mürrisch zurückgezogen, und sie waren allein in der Küche. Eera hörte Roman aufmerksam zu, und ein bewunderndes Leuchten trat in ihre braunen Augen, als er ihr sein Erlebnis in allen Einzelheiten schilderte. Kalamrys Angebot verschwieg er allerdings. Eera wußte nichts von dem Versprechen, das er ihrer Mutter am Sterbebett gegeben hatte, aber er hätte ihr auch so nicht erzählt, daß er mit dem Gedanken spielte, Hispar zu verlassen. Das hätte sie nur unnötig aufgeregt. Es war schon fast dunkel, als Nok endlich nach Hause kam. Der Geruch seines Atems und seine schleppende Sprechweise machten deutlich, daß er unterwegs in der Dorfschenke eingekehrt war. Der Alkoholgenuß hatte seine finstere Stimmung nicht aufzuhellen vermocht, und er schimpfte wütend auf Sendol, der seine Forderung nach einer Belohnung, die ihm seiner Meinung nach zustand, weil er Kalamrys Schiff vor dem Untergang bewahrt hatte, offensichtlich zurückgewiesen hatte. Das Essen, das Eera für sie zubereitet hatte, rührte er nicht an. Er saß mürrisch am Kopfende des Tischs, schaute finster drein und trank ein Glas Wein nach dem anderen. Roman wußte, daß Nok in diesem Zustand so unberechenbar und gefährlich wie eine verwundete Ratte sein konnte, und er war froh, aus dem Haus herauszukommen. Als er am Hafen ankam, mußte er feststellen, daß Kalamrys Jacht nicht mehr an ihrem Anlegeplatz war. Er schlenderte den Kai entlang, starrte angestrengt in das Dunkel, konnte das
-110-
Schiff aber nirgends entdecken. Er war überrascht und enttäuscht. Er hatte sich darauf gefreut, dieses wundervolle Schiff genauer zu erforschen. Nach einer Weile machte er sich verdrossen auf den Heimweg. Er war sich schmerzhaft bewußt, daß er heute nachmittag, als er Kalamrys Angebot ausgeschlagen hatte, vermutlich die Chance seines Lebens verpaßt hatte. Auf dem Weg durchs Dorf hörte er plötzlich jemanden leise seinen Namen rufen. Er blieb stehen und sah Sendol im Eingang seines Hauses stehen. »Komm herein, Roman«, sagte der Heiler. »Ich sehe dich in letzter Zeit nur noch selten, und ich glaube, wir sollten einmal miteinander reden.« Nach den Geschehnissen des heutigen Tages war Roman kaum dazu aufgelegt, Konversation zu machen, aber eine Einladung von Sendol war so ungewöhnlich, daß er sich verpflichtet fühlte, ihr nachzukommen. Er folgte dem Heiler ins Haus. Sendol führte ein recht einsiedlerisches Leben; er wohnte allein und hielt sich meistens in seinen vier Wänden auf. Das Wohnzimmer wurde von einer gewöhnlichen Petroleumlampe erhellt und war überraschend sauber und gemütlich. Es gab sogar einigen Komfort: kleine Webteppiche zierten den Fußboden, und die Stühle waren weich gepolstert statt wie üblich aus blankem Holz. »Setz dich, Roman.« Sendol war ein hochgewachsener, schmal-gesichtiger Mann unbestimmten Alters. In den ganzen zwanzig Jahren, die Roman ihn nun schon kannte, schien er nicht die Spur gealtert zu sein. Er war ein sonderbarer Mensch, der sich in vielen Dingen von den anderen Dorfbewohnern unterschied, aber von allen respektiert wurde. Er war Lehrer, Beichtvater und Arzt zugleich. Roman kam der Aufforderung nach und sah zu, wie der Heiler Wein in zwei langstielige Gläser goß, die ebenso wie die Karaffe aus geschliffenem Kristallglas bestanden. So feingeformte Trinkgefäße sah man in keinem gewöhnlichen hisparianischen Haushalt. »Wie ich höre, hast du dir heute den Ruf eines Helden
-111-
erworben«, sagte Sendol. Er reichte seinem Gast ein Glas und setzte sich ihm gegenüber. »Sagen wir lieber, ich habe mich zum Narren gemacht«, erwiderte Roman verdrossen. »Kalamrys Schiff war durch das Riff vor der Bucht nicht im mindesten gefährdet.« Der Heiler lächelte flüchtig. »Das mag sein. Trotzdem war es eine mutige Tat. Sie hätte dich leicht das Leben kosten können.« »Und Nok sein Boot, wie er Euch zweifellos in allen Einzelheiten geschildert hat«, entgegnete Roman. »Nok ist ein habgieriger alter Narr«, sagte Sendol. »Er hat dem Dorf noch nie viel Ehre gemacht, und seit Daleens Tod – « Er ließ den Satz in der Luft hängen und sah Roman mit seinen grauen Augen forschend an. »Dieser Kalamry – was hat er dir von sich erzählt?« »Sehr wenig. Er sagte nur, daß er viel reist, auch zu anderen Welten.« »Hat er dir nicht gesagt, aus welchem Grund er nach Hispar gekommen ist.« »Soviel ich seinen Äußerungen entnehmen konnte, hat er nur einer Laune nachgegeben«, erwiderte Roman. »Von einem bestimmten Grund war nicht die Rede.« Er verstand selbst nicht ganz, warum es ihm widerstrebte, Kalamrys Angebot zu erwähnen. Vielleicht fürchtete er die Mißbilligung des Heilers. Immerhin käme es einem Bruch mit der Tradition gleich, wenn er das Dorf verließ. »Glaub mir, Roman«, sagte Sendol, »Männer wie Kalamry tun nichts ohne einen Grund.« Roman zuckte die Achseln. »Was immer er im Sinn hatte, er hat mir nichts davon gesagt. Aber Ihr habt doch selbst mit ihm gesprochen. Welchen Grund hat er Euch denn genannt?« »Besucher können manchmal eine zersetzende Wirkung auf eine abgeschiedene Gemeinde wie die unsere haben«, sagte Sendol, ohne auf Romans Frage einzugehen. »Sie führen den Menschen vor Augen, daß es in der Außenwelt anders zugeht als hier, und das kann leicht Unruhe stiften.«
-112-
»Habt Ihr Kalamry deshalb fortgeschickt?« Sendol beugte sich vor, so daß sein knochiges, altersloses Gesicht deutlich im Schein der Petroleumlampe zu sehen war. »Das war ein Grund.« »Gibt es denn noch andere?« »Er ist – zu bereitwillig gegangen«, sagte Sendol ernst. »Wie meint Ihr das?« »Das kann ich dir nicht erklären«, erwiderte Sendol. »Ich kann dich nur bitten, mir zu vertrauen und mir sofort Bescheid zu geben, wenn du Kalamry wiedersehen solltest.« »Glaubt Ihr denn, daß er zurückkommt?« »Er oder jemand, der ihm gleicht. Das ist durchaus möglich«, sagte Sendol. Er schwieg einen Moment und trank von seinem Wein, die grauen Augen weiterhin auf Roman gerichtet. »Roman, ich habe dich seit dem Tag, als ich dich in Daleens Obhut gab, beobachtet und deine Entwicklung über die vielen Jahre hinweg verfolgt. Ich weiß, daß du mit dem Leben im Dorf oft unzufrieden warst, seit du ein Mann geworden bist. Das brauchst du nicht abzustreiten, ich weiß, daß es stimmt – und vielleicht verstehe ich deine Unzufriedenheit besser als irgendein anderer. Ich weiß auch, daß du dich oft gefragt hast, ob du wirklich hier hingehörst und warum du dich in so vielen Dingen von den anderen unterscheidest.« Roman wurde von einer wachsenden Erregung gepackt. Erinnerungen aus seiner Kindheit regten sich in ihm. Verwundert überlegte er, ob Sendol ihm an diesem Abend vielleicht Aufschluß über einige der Fragen geben würde, an denen er so lange herumgerätselt hatte. »Das sind durchaus keine ungewöhnlichen Gedanken für einen jungen Mann von deiner Intelligenz«, fuhr Sendol fort. »Besonders, wenn man die sonderbaren Umstände deiner Herkunft bedenkt. Deshalb möchte ich, daß du mir versprichst, mich sofort zu unterrichten, falls Kalamry oder ein anderer Fremder erneut versucht, sich mit dir in Verbindung zu setzen.«
-113-
Roman entsann sich plötzlich des flüchtigen, überraschten Blicks in den Augen des Fremden, als er ihm seinen Namen genannt hatte. »Wollt Ihr damit andeuten, Kalamry sei nur deshalb hierher gekommen, um mich kennenzulernen? Warum hätte er das tun sollen?« Sendols Gesichtsausdruck spiegelte eine seltsame Mischung aus Stolz und Traurigkeit wider. »Roman, mein Junge, die Zeit ist noch nicht reif. Du mußt dich noch eine Weile gedulden. Aber eins kann ich dir schon sagen: du hast eine große Zukunft vor dir, die alle deine Träume in den Schatten stellt!« Er stand auf. »Für heute haben wir genug geredet. Es ist schon spät, und ich muß noch verschiedene Dinge erledigen, bevor ich zu Bett gehe. Denk an meine Worte, und komm sofort zu mir, wenn etwas Ungewöhnliches geschieht.« Draußen auf der schlecht gepflasterten Straße blieb Roman erst einmal stehen und blickte zu den Sternen. In seinem Kopf drehte sich alles. Eine große Zukunft... die alle deine Träume in den Schatten stellt, hatte Sendol gesagt. Aber hier in Hispar hatte er keine solche Zukunft. Wo also dann? Und wann und wie? Das Gespräch mit dem Heiler war wenig aufschlußreich gewesen und hatte seine Unzufriedenheit mit dem Leben im Dorf eher noch verstärkt. Er trottete langsam den Hang hinauf, dachte über seine kindlichen Phantasiegebilde nach und versuchte sie irgendwie mit den neuen rätselhaften Fragen in Einklang zu bringen, die die Ereignisse des heutigen Tages aufgeworfen hatten. In den Straßen war es still. Es war kurz vor Mitternacht, und die schwer arbeitenden Menschen von Hispar schliefen größtenteils schon. Noks Haus stand für sich auf steinigem Grund am Ende der Dorfstraße. Roman war noch ein gutes Stück davon entfernt, als er plötzlich Stimmen hörte. Die eine, heiser und trunken, war eine Männerstimme. Die andere, jammervoll und flehentlich, gehörte einer Frau – Er ging schneller. Er stieß die Haustür auf, betrat die Küche, die nur von der schwachen Glut des ausgehenden
-114-
Feuers erhellt wurde, und schaute sich um. Es gab noch zwei weitere Räume. Einen teilten sich Tontin und Nok. Er hatte sein Bett in einer Ecke in der Küche, und Eera schlief seit Daleens Tod allein in dem zweiten Zimmer. Beide Türen waren zu, aber als Roman sich näherte, erkannte er, aus welchem Raum die Stimmen drangen. Er stieß die Tür zu Eeras Schlafzimmer auf. Das Mädchen stand mit dem Rücken zur gegenüberliegenden Wand und hatte die Augen entsetzt aufgerissen. Das Weiß darin schimmerte in der Dunkelheit. Sie war nur mit einem Nachthemd bekleidet und hatte schützend die Arme vor die Brust gerissen. Vor ihr stand Nok, einen schweren Ledergürtel in der rechten Hand. Sein dunkelhäutiger, drahtiger Körper war bis zur Taille entblößt. »Deine Mutter, diese ewig kranke Kuh, war in den letzten Jahren zu nichts zu gebrauchen, aber du kannst dich nicht herausreden«, lallte er trunken. »Los, leg dich wieder aufs Bett, du Miststück, sonst gerbe ich dir das Fell.« Keiner der beiden hatte Romans Anwesenheit bemerkt. Das Mädchen starrte wie hypnotisiert ihren Vater an, und Nok sah und hörte nichts vor lauter Wollust. »Bitte tu das nicht«, schluchzte Eera. »Auch noch Widerworte? Ich werde – « Nok schwang den Gürtel, um damit zuzuschlagen. Roman sprang vor, packte sein Handgelenk und riß ihn von dem Mädchen weg. »Loslassen!« brüllte Nok und versuchte sich dem Griff zu entwinden. Mit der freien Hand schlug er auf Roman ein, verfehlte ihn jedoch in seiner blinden Wut. Roman gelang es, Nok die Arme auf den Rücken zu drehen. »Mach die Tür zu und schließ ab!« befahl er Eera, während er Nok aus dem Zimmer stieß. »Roman, du kannst doch nicht so mit ihm – « »Halt den Mund!« sagte er schroff. »Das hat er sich selbst zuzuschreiben.« Nok versuchte erneut, sich seinem Griff zu entwinden.
-115-
Roman ließ ihn los und versetzte ihm einen Stoß, daß er nach vorn stolperte und lang auf den Steinfußboden in der Küche aufschlug. Roman nutzte die Gelegenheit und drehte die Petroleumlampe hell, die von einem Deckenbalken herabhing. Als er wieder zu Nok blickte, sah er ihn halb geduckt auf sich zukommen. Den Gürtel, dessen schwere Messingschnalle nach unten hing, hatte er jetzt in der linken Hand und in der rechten ein breites, scharfschneidiges Messer, wie man es zum Zerlegen von Fischen verwendete. »Was mischst du dich hier ein!« Nok fletschte die verfärbten Zähne. »Nichts als Ärger machst du. Ich wünschte, Daleen hätte dich nie in dieses Haus gebracht. Aber diesmal mache ich dich fertig.« »Versuch das lieber nicht, Nok«, sagte Roman, den Blick auf das Messer gerichtet. »Denk daran, wie die Sache letztes Mal ausgegangen ist, und da warst du nüchtern.« Nok gab keine Antwort, sondern kam in geduckter Haltung näher. Er atmete pfeifend durch die zusammengebissenen Zähne. Roman war keineswegs so gelassen, wie er sich nach außen hin gab. Er wußte zwar, daß er Nok körperlich überlegen war, aber das Messer war eine ernstzunehmende Gefahr. Wenn es in Hispar ernste Streitigkeiten gab, wurden sie nach alter Tradition mit dem Messer ausgetragen, und obgleich Nok betrunken war, durfte man ihn nicht unterschätzen, wenn er so eine Waffe in der Hand hatte. Roman hatte als Kind vielen Messerduellen zugesehen, aber eines hatte ihn nachhaltig beeindruckt, und die Erinnerung daran schob sich nun unaufgefordert in sein Bewußtsein. Tontin und er hatten damals im Kreis der Zuschauermenge gestanden und den Kampf fasziniert verfolgt. Einem der beiden Kontrahenten war dabei die rechte Hand fein säuberlich vom Gelenk abgetrennt und dann ein Messerstich in die Kehle versetzt worden. Danach war er nur noch blindlings umhergetorkelt und hatte die Schaulustigen
-116-
mit einem dicken Blutstrahl bespritzt. Der grinsende Sieger, der den Todeskampf seines Opfers weidlich genossen hatte, war niemand anderer als Nok gewesen. Seither hatte Roman eine Abneigung gegen Messer entwickelt. Noks rechte Hand im Auge behaltend, ging er Schritt für Schritt um den schweren Holztisch herum. »Na, was denn«, sagte Nok höhnisch. »Hast wohl keine Lust, dich zerlegen zu lassen?« »Leg das Messer weg, Nok«, sagte Roman fest. »Sonst wird einer von uns sterben.« Nok grinste siegessicher. »Das hättest du dir vor deiner Einmischung überlegen sollen.« Roman blieb stehen, unschlüssig, was er tun sollte. In dem großen dunklen Eichenschrank dicht hinter ihm befanden sich noch mehr Messer, aber wenn er sich umdrehte und die Schublade aufriß, um eines herauszunehmen, gab er Nok genügend Zeit, um den Tisch herumzukommen und ihn anzugreifen. Anscheinend blieb ihm nichts anderes übrig, als Nok zu entwaffnen, aber das hieße, sich in die Reichweite der rasiermesserscharfen Klinge zu begeben, was ohne irgendein Schutzschild leicht tödlich ausgehen konnte. Vielleicht konnte er sich so ein Schild beschaffen. Er schob sich langsam nach rechts, auf die Ecke zu, wo sein Bett stand. Wenn er das Bettuch an sich riß und es um den linken Arm wickelte, konnte er Noks Messer damit abwehren, während er selbst angriff. Der Plan hatte allerdings den Nachteil, daß er seinen Gegner aus den Augen lassen mußte. »Keine Sorge, mein Junge«, spöttelte Nok. »Ich werde dich ganz langsam zerlegen, damit du das Erlebnis voll auskosten kannst.« Er näherte sich jetzt zielstrebig. »Soll ich dir zuerst die Ohren abschneiden? Oder vielleicht ein Stück von deiner hübschen Nase?« Roman entschloß sich zu einer Verzweiflungstat. Er befand sich jetzt dicht am Kopfende des Tischs, während Nok im Begriff war, das andere Ende zu umrunden, um sich ihm von der gegenüberliegenden Seite her zu nähern. Er blieb stehen
-117-
und ließ die Hände in Höhe der Tischkante sinken. »Alter Mann, du redest zuviel«, sagte er. »Wenn du wirklich so gut mit deinem Messer wärst, hättest du mich schon längst erledigt. Du kannst nur Frauen und Kinder verprügeln - das hast du zur Genüge bewiesen -, aber gegen einen richtigen Mann kommst du nicht an, und wenn du noch so viele Waffen hast.« Nok knurrte wütend und schlug mit dem Gürtel. Die schwere Schnalle pfiff dicht an Romans Ohr vorbei und knallte auf die Tischplatte, wo sie eine tiefe Kerbe in dem alten dunklen Holz hinterließ. Roman rührte sich nicht von der Stelle und ließ seine Finger unter die Tischkante gleiten. »Du mußt dir schon etwas Besseres einfallen lassen, Nok«, stichelte er. »Greif doch an. Aber dazu bist du ja zu feige. Wie heute nachmittag, als du gejammert hast, wir würden alle ertrinken – « Die Provokation verfehlte ihren Zweck nicht. Nok setzte zum Angriff an. Das Messer erhoben, dessen Klinge im Schein der Lampe blitzte, rannte er um die Ecke des Tischs. Das war der Augenblick, auf den Roman gewartet hatte. Er nahm die Tischkante fest in die Hände und stemmte sie mit aller Macht hoch. Sein Plan war, den Tisch umzukippen und Nok den Weg zu versperren, um ihn gegen den Schrank zu drücken. Die verzweifelte Anstrengung hätte gelingen können, wäre der Tisch nicht so schwer gewesen. Roman mußte den Plan aufgeben und zurückspringen, denn Nok war gefährlich nahe gekommen und stieß mit dem Messer nach ihm. Die Gürtelschnalle sauste abermals durch die Luft, streifte seine rechte Wange und traf seine Schulter mit solcher Wucht, daß sein Arm taub wurde. Er taumelte zurück und mußte sich jetzt eingestehen, daß seine Lage verzweifelt war. Wenn er immer nur zurückwich, würde Nok ihn bald in eine Ecke gedrängt haben und ihn erledigen. Aber schließlich hatte er keine Waffe, mit der er einen Gegenangriff hätte führen können. Als der Gürtel erneut durch die Luft pfiff, reagierte Roman
-118-
mit einer Schnelligkeit, die ihm die Macht der Verzweiflung verlieh. Er griff mit beiden Händen zu, bekam das Leder zu fassen und zog mit aller Kraft daran. Nok, von der unerwarteten Wendung überrascht, geriet ins Wanken und mußte den Gürtel loslassen, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Er erholte sich jedoch rasch. Mit einer Behendigkeit, die man ihm nicht zugetraut hätte, wirbelte er herum und führte einen Messerhieb, der Romans Hemd aufschlitzte. Roman spürte einen brennenden Schmerz entlang der linken Brusthälfte. Nok hatte ihm die erste Wunde beigebracht. Die Zeit des Zurückweichens war jetzt vorbei. Er ließ den Gürtel fallen, der auf diese Entfernung nur hinderlich war, und griff mit bloßen Händen an. Er mußte Noks rechtes Handgelenk zu fassen bekommen, bevor sein Gegner zu einem zweiten Hieb ausholen konnte. Erst schloß sich seine rechte, dann seine linke Hand um den sehnigen, knochigen Unterarm. Er verdrehte ihn mit der Kraft der Verzweiflung und legte sein ganzes Körpergewicht hinter den Druck. Nok stieß einen Schmerzensschrei aus. Er verlor das Gleichgewicht und stürzte zu Boden. Das Messer fiel aus seiner gebrochenen Hand und schlug klingend auf dem Steinfußboden auf. Roman hob es auf und beugte sich über den reglos Daliegenden. »Tu es nicht, Roman!« schrie Eera von der Tür ihres Zimmers. Die kalte Wut verging, der Bann war gebrochen. Es wäre kaltblütiger Mord gewesen, Nok jetzt zu töten. Er war zu so einer Tat nicht fähig. Er drehte sich um, ging zu dem Mädchen und hielt ihr das Messer mit dem Griff voran entgegen. »Heb das gut auf. Und wenn das Schwein dich noch einmal belästigt – wehr dich damit!« Nok stand schwerfällig auf. Die Kampflust schien ihm vergangen zu sein. Sein rechter Arm hing schlaff und nutzlos
-119-
herab. »Du hast mich zum Krüppel gemacht«, sagte er wehleidig. »Du hast es nur deiner Tochter zu verdanken, daß ich dich nicht umgebracht habe«, sagte Roman schroff. »Geh jetzt auf dein Zimmer und bleib dort.« »Aber mein Arm!« jammerte Nok. »Geh morgen früh zu Sendol. Er wird sich darum kümmern. Und jetzt verschwinde!« »Roman, du blutest ja«, sagte Eera, als sie allein waren. Er schaute auf sein zerrissenes, blutdurchtränktes Hemd. »Ist nur ein Kratzer.« »Vielleicht. Aber die Wunde muß gereinigt werden«, sagte sie fest. Er fügte sich widerspruchslos. Jetzt, da der Kampf vorüber war, fühlte er sich abgeschlafft und unendlich müde. Eera wusch seine blutige, schweißnasse Brust mit kühlem Wasser und strich sehr vorsichtig Heilsalbe auf die frische Wunde. Roman fühlte sich in einen Zustand völliger Entspannung abgleiten. Halb im Traum bildete er sich ein, er sei wieder ein Kind und Eera sei Daleen, die wie immer mit zärtlichen Händen seine Schmerzen linderte. »Roman – « Er hörte ihre Stimme nur leise, wie durch einen Nebel. »Das kann ich dir nie vergelten, aber ich verspreche, es irgendwie zu versuchen. Nok wird weder dir noch mir verzeihen, was heute nacht vorgefallen ist. Wissen die Götter, welche Gemeinheiten er ausheckt, um sich zu rächen. Warum gehen wir nicht fort von hier? Wir könnten die Küste entlang nach Turat oder sogar bis nach Alminar gehen. Wir haben zwar kein Geld, aber wir sind beide stark und können arbeiten.« »Das ist nicht nötig, Eera«, versicherte er ihr verträumt. »Ich kann dich vor Nok beschützen, bis du ein eigenes Zuhause hast.« »Ein eigenes Zuhause?« »Aber ja doch«, sagte er, die Augen immer noch geschlossen. »Du bist ein reizendes Mädchen, Eera, fast schon
-120-
eine Frau. Eines Tages wirst du einen netten jungen Mann kennenlernen und – « Er unterbrach sich, als er sie plötzlich erstickt schluchzen hörte. Er schlug die Augen auf und sah, wie sie hastig fortging. »Eera!« rief er ihr nach. Aber sie war schon in ihrem Zimmer und machte, ohne sich noch einmal umzudrehen, die Tür zu. Obwohl er völlig erschöpft war, lag er noch lange Zeit wach und machte sich Vorwürfe wegen seiner Dummheit und Ignoranz. Am Rand seines Bewußtseins mußte er schon seit einer ganzen Weile gewußt haben, daß Eeras Gefühle für ihn in letzter Zeit über die einer Schwester hinausgewachsen waren, aber er hatte dieser Tatsache keine Beachtung geschenkt. Dabei lag es auf der Hand, daß ein Mädchen in ihrem Alter unmöglich damit zufrieden sein konnte, den ganzen Tag nichts anderes zu tun, als für die drei Männer ihrer Familie den Haushalt zu führen. Sie war keine Schönheit, aber ihr kräftiger, jugendlicher Körper hatte durchaus seine weiblichen Reize. Zweifellos hatten sich schon mehrere Jungen aus dem Dorf für sie interessiert, und der Grund für ihre ablehnende Haltung war nun allzu offensichtlich. Die Situation wäre vielleicht nie entstanden, wenn er selbst eine Bindung mit einem Mädchen aus Hispar eingegangen wäre. So aber hatte Eera sein mangelndes Interesse an anderen mit weiblicher Logik als Zeichen seiner Festlegung auf sie interpretiert, statt es als das zu erkennen, was es wirklich war, nämlich ein Ausdruck seines Gefühls, nicht hierhin zu gehören. Und dieses Gefühl war jetzt, da er von der großen Zukunft wußte, die fern von Hispar auf ihn wartete, noch stärker geworden. Kein Bauernmädchen konnte so ein Leben mit ihm teilen. Er liebte Eera wegen ihres freundlichen Wesens und der gütigen Frau, die ihnen beiden eine Mutter gewesen war – aber seine Liebe war die eines Bruders, nichts mehr.
-121-
12 Am nächsten Morgen beobachtete Roman bedrückt, wie Eera mit gesenktem Kopf ihre gewohnten Küchenarbeiten verrichtete. Auf eine Art war er froh über die Anwesenheit von Nok und Tontin, die ein vertrauliches Gespräch mit ihr unmöglich machte. Er bezweifelte, daß er in dieser emotionsgeladenen Situation die rechten Worte gefunden hätte, und die Vorstellung, sie noch mehr zu kränken, war ihm unerträglich. Er konnte nur hoffen, daß sie sich nach einiger Zeit mit den Tatsachen abfinden und ihn nicht allzu sehr hassen würde. Aber gleichgültig, welche Gefühle sie ihm schließlich entgegenbrachte, eines stand jetzt fest: er mußte sein Daleen gegebenes Versprechen halten, selbst wenn dadurch die ›große Zukunft‹, die laut Sendol auf ihn wartete, hinausgeschoben wurde. Diese Gedanken bedrückten ihn, und er empfand es fast als Erleichterung, als sie schließlich aus dem Haus gingen, obgleich Eera zum erstenmal seit seinem Gedenken nicht mit an die Tür kam, um ihm nachzuwinken. Es war ein trüber, stiller Morgen, und die Berggipfel waren in einer dunklen Wolkendecke verborgen. Die drei Männer gingen schweigend den Hügel hinab und kamen an Sendols Haus vorbei, wo Nok sich von ihnen trennte, um seinen verletzten Arm behandeln zu lassen. Tontin mußte von seinem Zimmer aus gehört haben, was gestern nacht vorgefallen war, und Roman rechnete so halb damit, daß er sich dazu äußern würde, sobald sein Vater fort war – Eera war immerhin seine Schwester – aber er blieb still, und sie gingen schweigend durchs Dorf hinunter zum Hafen. Die Fischerboote waren noch an ihren Liegeplätzen, und die Mehrzahl der Männer stand in Gruppen um die ältesten und erfahrensten Fischer, die einen bevorstehenden Wettersturz vorhersagten. Nachdem Tontin sich diese düsteren Prophezeiungen angehört hatte, wollte er von der Idee, ohne Nok auszulaufen, nichts mehr wissen und lieber bis morgen
-122-
warten. Aber Roman war strikt dagegen, obwohl er sich der möglichen Gefahren durchaus bewußt war. Wenn sie heute nicht auf Fang gingen, gaben sie damit indirekt zu, daß Nok unentbehrlich war – was der Alte ihnen bei jeder passenden Gelegenheit unter die Nase reiben würde. Außerdem gefiel ihm der Gedanke, seine Kraft und Geschicklichkeit einmal mit den Naturgewalten zu messen. Wenn er so beschäftigt war, brauchte er auch nicht ständig über Eera nachzugrübeln, die mit ihren Sorgen allein zu Hause war. Schließlich gab Tontin nach, und sie liefen aus. Eine kräftige Brise vom Ufer her trug sie aus dem Hafen und an den Mandafs-Perlen vorbei. Sie hatten einen guten Fang, und Roman mußte sogar Tontin von seinem Platz an der Ruderpinne herbeirufen, damit er ihm half, die vollen Netze an Bord zu hieven. Der verkrüppelte Junge beobachtete ständig die finstere Wolkenbank, die sich von den Bergen her näherte, und als sie genug gefangen hatten, wollte er umkehren. Aber Roman setzte sich stur über ihn hinweg und bestand darauf, daß sie diese Glückssträhne ausnutzten und dem Schwarm folgten. Ihr Kurs führte sie aufs offene Meer, wo sie etwa fünf Meilen von den Perlen entfernt von dem angekündigten Sturm überrascht wurden. Ihre Lage wurde noch dadurch verschlimmert, daß die Netze gerade aushingen, als das Unwetter über sie hereinbrach. Tontin mußte am Ruder bleiben und das Boot ständig in Windrichtung halten, so daß Roman nichts anderes übrigblieb, als sich allein mit ihnen abzumühen. Er wurde von Windstößen und heftigen Wellen hin und her geschleudert und vom Schaukeln des Boots ständig aus dem Gleichgewicht gebracht, aber schließlich gelang es ihm, die Netze einzuholen; allerdings wurden sie dabei beschädigt und der größte Teil des Fangs ging verloren. Auf der Rückfahrt nach Hispar wütete der Sturm mit solcher Gewalt, daß die Wanten zu reißen drohten. Erst als sie die Landzunge erreichten, legte er sich allmählich, und als sie in den Hafen einliefen, hörte er ganz auf, und es herrschte nur
-123-
noch eine leichte Brise. Nachdem sie angelegt hatten, luden sie den Fang aus. Sie waren beide müde, und Tontin war schlechtgelaunt und streitlustig und schimpfte wegen der beschädigten Netze. An Land mußte Roman wieder an Eera denken, die er mit seinen ungeschickten Worten tief verletzt hatte. Vielleicht war es das beste, wenn er sich doch mit ihr aussprach und ihr seine Gefühle für sie zu erklären versuchte. Er beschloß, es wenigstens zu probieren, damit sie beide wieder Ruhe fanden. Er überließ Tontin, der mürrisch die Netze auslegte, um sie auszubessern, seiner Arbeit und ging ins Dorf. Als er an der Schenke vorbeikam, sah er mehrere Männer darin sitzen, sich unterhalten und Karten spielen, darunter auch Nok, der den Arm jetzt in der Schlinge trug. Von ihm war also kaum eine Störung während der bevorstehenden Aussprache mit Eera zu erwarten. Als er weiterging und sich langsam dem Haus näherte, wurden seine Schritte immer schleppender, und eine böse Vorahnung beschlich ihn. Er konnte sich dieses merkwürdige Gefühl, das sich wie ein schwarzer Nebel über seinen Verstand gelegt hatte, nicht erklären, aber es war da, und er konnte es nicht ignorieren. Er versuchte sich einzureden, daß er ja nur mit Eera reden würde, seiner kleinen Schwester, die er seit ihrer Geburt kannte. Aber ein anderer Teil seines Verstandes hielt ihm entgegen, daß es die »kleine Eera« nicht mehr gab. Das Mädchen war jetzt eine Frau, empfand wie eine Frau und reagierte wie eine Frau, wenn man sie abwies – Schließlich kam er am Haus an und stieß die unverschlossene Vordertür auf. Zu dieser Tageszeit bereitete Eera gewöhnlich das Abendessen zu, aber die Küche war leer, und das Feuer, das sie stets mit größter Sorgfalt hütete, war zu einem Häufchen weißer Asche niedergebrannt. Er stand einen Moment da und sah sich verwirrt in der sauberen Küche um. Ihre Abwesenheit war so ungewöhnlich, daß sich seine böse Ahnung verstärkte. Er rief ihren Namen. Gestern nacht hatte sie vorgeschlagen, daß sie beide in ein anderes Dorf zögen, um
-124-
Noks Haß zu entgehen. Hatte sie dieses Vorhaben vielleicht allein in die Tat umgesetzt, weil sie nun nicht nur vor Nok, sondern vor allem vor ihm fliehen wollte? Es war durchaus möglich, daß sie in ihrer Verzweiflung keinen anderen Ausweg aus der ihr unerträglich erscheinenden Situation gesehen hatte. Zwar entsprach so ein einsamer Entschluß ganz und gar nicht Eeras Charakter, aber in ihrer Verwirrung – Er rief sie noch einmal. Wenn sie im Haus war, mußte sie ihn hören und würde bestimmt antworten. Es sei denn, sie versteckte sich absichtlich. Er ging zu Noks und Tontins Zimmer und machte die Tür auf. Die Betten waren gemacht und das Zimmer aufgeräumt. Hier hatte Eera gewissenhaft für Ordnung gesorgt. Er ging wieder in die Küche und blieb vor Eeras Zimmer stehen. Dann stieß er die Tür auf. Und hier fand er sie. Sie lag in ihrem eigenen Blut auf dem Fußboden neben dem Bett. Ein paar Kleidungsfetzen bedeckten notdürftig ihren Oberkörper. Ansonsten war sie nackt, und ihr Unterleib war scheußlich zugerichtet. Jemand hatte sie wie ein Stück Vieh abgeschlachtet, ihr den Leib vom Brust- bis zum Schambein aufgeschlitzt. Roman starrte die Leiche eine volle Minute fassungslos an. Sein Verstand weigerte sich zu begreifen, was seine Augen sahen. Dann traf ihn die Erkenntnis wie ein Schock. Sein ganzer Körper erzitterte wie vom Fieber geschüttelt, und er mußte sich am Türrahmen festhalten. Er begann zu würgen. Halb blind von den Tränen in seinen Augen stolperte er zur Hintertür auf den Hof hinaus. Den sauren Geschmack des Erbrochenen noch im Mund, zwang er sich ein paar Minuten später, wieder hineinzugehen und sich der Aufgabe zu stellen, die erledigt werden mußte. Es war das letzte, was er für Eera noch tun konnte. Er bückte sich, hob die schlaffe Leiche hoch und legte sie aufs Bett. Das klebrige Blut, das auf seinen Armen und seiner Kleidung scharlachrote Flecken hinterließ, bemerkte er nicht. Er deckte den Unterleib mit einem Laken zu, denn er konnte den
-125-
Anblick des schrecklich verstümmelten jungen Körpers nicht ertragen. Das Gesicht schien um Jahre gealtert und in einer stummen Bitte zu ihm aufzuschauen. Impulsiv kniete er sich hin und küßte die kalten Lippen. Plötzlich meinte er, ein Geräusch zu hören. Er sprang auf und lief in die Küche. Weder hier noch draußen vor der Haustür war jemand zu sehen. Als er sich umdrehte, bemerkte er die blutigen Fußstapfen, die aus Eeras Zimmer führten und die er selbst verursacht hatte. Er sah an sich hinab und stellte fest, daß er über und über mit Blut beschmiert war. Aber es hatte keinen Zweck, sich zu waschen und umzuziehen, ehe er nicht die Spuren des scheußlichen Gemetzels in Eeras Zimmer beseitigt hatte. Er ging nochmals auf den Hinterhof und suchte sich Eimer und Scheuerlappen. Er war fast fertig mit der Arbeit, als er vor dem Haus näherkommende Schritte hörte. Es waren Nok und Tontin, und sie hatten ein halbes Dutzend Männer aus dem Dorf bei sich. »Da ist das Schwein!« rief Tontin, dessen Gesicht bleich vor Zorn war. »Seht nur, das Blut meiner Schwester klebt noch an ihm!« »He, das ist ein Mißverständnis!« rief Roman empört. »Ich habe sie so gefunden, als ich nach Hause kam. Ihr glaubt doch nicht, daß ich fähig wäre, Eera so etwas anzutun?« »Hört euch diesen elenden Heuchler an«, fauchte Nok. »Schon seit einem Monat war er hinter ihr her wie ein brünstiger Bulle.« Er wies auf seinen verletzten Arm. »Den hat er mir letzte Nacht gebrochen, als ich sie vor ihm beschützen wollte.« »Das ist nicht wahr!« begehrte Roman auf. »Es war genau umgekehrt. Ich habe sie vor ihm beschützt.« »Das kannst du alles bei der Verhandlung sagen«, erklärte Balmon, einer der Dorfbewohner. Er hatte ein zusammengerolltes Seil bei sich. »Aber wenn ich du wäre, würde ich mir eine bessere Ausrede einfallen lassen. Was ist, kommst du freiwillig mit?«
-126-
Roman musterte die steinernen Gesichter. In keinem zeigte sich ein Funke von Mitgefühl. Für diese Männer war er schon abgeurteilt und für schuldig gesprochen, und sie brannten darauf, ihren gerechten Zorn an ihm auszulassen, sollte er auch nur den geringsten Widerstand leisten. Er konnte nur hoffen, daß bei der Verhandlung, die Sendol leiten würde, die Wahrheit ans Licht kam. Zumindest der Heiler mußte erkennen, daß er zu so einem Verbrechen nicht fähig war. Sich an diese schwache Hoffnung klammernd, trat Roman vor, streckte die Hände aus und ließ sich widerstandslos fesseln. Romans Verhandlung wurde im Gemeindeklassenzimmer abgehalten. Der uralten Tradition gemäß waren nur die Männer des Dorfes anwesend. Als Roman den Blick über die Reihen der zerfurchten, grimmigen Gesichter schweifen ließ und die Voreingenommenheit darin sah, spürte er, daß der Urteilsspruch schon feststand, noch bevor Nok und Tontin ihre Zeugenaussagen machten. Seine einzige Hoffnung ruhte auf Sendol, aber selbst der Heiler würde gegen die Entscheidung der Mehrheit wenig ausrichten können. Tontins Aussage lieferte die Erklärung für das rätselhafte Geräusch, das Roman beim Knien an Eeras Bett gehört hatte. Der Junge war nach Hause gegangen, um Garn zu holen, das er zum Ausbessern der beschädigten Netze brauchte. Dort hatte er dann die blutige Szene in Eeras Schlafzimmer gesehen. Als Roman herausgekommen war, um die Ursache des Geräuschs zu ergründen, hatte er sich hinter der Tür des gegenüberliegenden Zimmers versteckt, um dann, nachdem Roman wieder in Eeras Zimmer gegangen war, den Hügel hinunter zur Dorfschenke zu laufen. Nok spielte die Rolle des trauernden Vaters überzeugend und forderte Rache für seine brutal ermordete Tochter. Er machte sichtlich einen tiefen Eindruck auf sein Publikum. Er untermauerte den Verdacht, der durch Tontins Aussage schon auf Roman gefallen war, indem er von mehreren frei erfundenen Zwischenfällen berichtete, bei denen er Eeras Ehre energisch vor Roman hatte verteidigen müssen, und stellte
-127-
dabei seinen verletzten Arm weidlich zur Schau, um die Heftigkeit dieser Auseinandersetzungen zu unterstreichen. Anschließend bekräftige Tontin, vermutlich aus Haß auf den Mann, den er für den Mörder seiner Schwester hielt, und um sicherzugehen, daß dieser seiner verdienten Strafe nicht entging, die Richtigkeit der Beschuldigungen seines Vaters, wobei er sich nicht scheute, einen Meineid zu schwören. Schließlich, als Sendol ihn mit ernster Miene fragte, was er auf die Anklagepunkte zu entgegnen hätte, bekam Roman Gelegenheit zum Sprechen. Es war nicht leicht, etwas zu seiner Verteidigung zu sagen. Die abgestimmten Aussagen von Nok und Tontin klangen überzeugend. Wenn er die beiden der Lüge bezichtigte, verschlimmerte er seine Lage wahrscheinlich nur. »Ich kann nur wiederholen, daß ich unschuldig bin«, sagte er schließlich. »Eera war schon tot, als ich das Haus betrat.« »Wenn du sie nicht getötet hast, wer war es dann?« fragte Sendol. Roman sah Nok in die haßerfüllten, blutunterlaufenen Augen. Wenn er eine Gegenklage vorbringen wollte, dann mußte er das jetzt tun. Aber er sah nicht, wie er so eine Anklage überzeugend hätte aufbauen können. Abgesehen davon, daß Nok leicht ein Dutzend Männer finden würde, die bereit wären zu schwören, daß er die Schenke seit dem Morgen nicht verlassen hatte, glaubte Roman selbst nicht so recht, daß Nok seine Tochter getötet hatte. Er hatte höchstens versucht, sie unter Gewaltandrohung zur Inzucht mit ihm zu zwingen, wenn er die Gelegenheit gehabt hätte, aber daß er sie auf derart bestialische Weise umgebracht hatte, mochte Roman selbst Nok nicht zutrauen. »Ich kann es mir nur so vorstellen, daß ein Fremder das Verbrechen begangen hat«, sagte er. »Das Haus liegt am Dorfrand. Jemand, der den Bergpfad hinunterkam, hätte – « Tontin sprang auf; sein schmales Gesicht war blaß vor Wut. »Wollt ihr euch diesen Unsinn von einem geheimnisvollen Fremden noch länger anhören? Der Mörder
-128-
steht vor euch, und das Blut meiner Schwester klebt noch an ihm. Was für Beweise braucht ihr denn noch?« Tontins Worte brachten die allgemeine Stimmung zum Ausdruck. Aus der Menge kamen ungeduldige Rufe. »Tontin hat recht«, sagte Balmon. »Ich habe die Gruppe angeführt, die Roman festgenommen hat, und ich habe nicht den geringsten Zweifel. Wir wollen uns nicht noch länger mit dieser Sache aufhalten. Ich spreche ihn schuldig! Wer noch?« Obwohl er etwas Ähnliches erwartet hatte, packte Roman beim Anblick dieses Waldes von erhobenen Armen die nackte Verzweiflung. Seine letzte Hoffnung war nun Sendol, der schweigend und mit grimmiger Miene am Tisch des Vorsitzenden saß. »Das Blut meiner Schwester schreit nach Rache!« rief Tontin. »Wer geht mit mir an den Strand und errichtet den Scheiterhaufen?« Endlich reagierte Sendol. Er schlug mit der Faust auf den Tisch und rief zur Ordnung. »Halt! Das kann ich nicht zulassen. Roman mag schuldig sein, aber wir haben kein Recht, ihn hinzurichten. Er muß nach Alminar gebracht werden. So lautet das Gesetz.« »So mag das Gesetz der Zentralregierung lauten, aber nicht das Gesetz der Menschen von Hispar«, widersprach Balmon. »Ihr wißt so gut wie ich, wie solche Hinrichtungen seit alters her bei uns stattfinden. Er muß morgen früh bei Ebbe verbrannt werden, damit die Flut seine Überreste verschlingt und das Dorf von seiner Untat reinigt. Wenn wir diesen Brauch mißachten, wird der Geist des Mädchens keine Ruhe finden und Unglück über das ganze Dorf bringen und uns viele Menschenleben und Boote kosten.« »Das war der alte Brauch, ich weiß«, sagte Sendol. »Aber es hat seit mehr als zehn Jahren keine solche Hinrichtung mehr gegeben.« »Aber auch kein solches Verbrechen!« rief Tontin. »Eure Einwände sind zwecklos, Sendol. Wir tun, was die Tradition verlangt, das ist unser gutes Recht.«
-129-
Eine Stunde später lag Roman gefesselt und hilflos auf dem schmutzigen Fußboden eines Schuppens am Hafen. Es gab keine Fenster, war pechschwarz im Innern und stank nach verwestem Fisch. Hinaus kam man nur durch die eine Tür, und die wurde von zwei mit langen Messern bewaffneten Männern aus dem Dorf bewacht. Das also war seine ›große Zukunft‹, die Sendol prophezeit hatte, dachte Roman sarkastisch, während er an seinen Fesseln zerrte. Seine Bemühungen waren vergebens, wie alles andere, was er seit der Entdeckung von Eeras Leiche unternommen hatte. Die Seile schnitten ihm jetzt nur schmerzhaft ins Fleisch der Handgelenke und Fußknöchel. Die Fischer von Hispar waren keine Stümper, wenn es Knoten zu binden galt. Das bornierte, fast tierische Leben im Dorf war ihm jetzt fremder denn je – aber er brauchte es ja nicht mehr lange zu ertragen, der Scheiterhaufen und das Treibholzfeuer warteten schon. Wenn er Glück hatte, schnitt ihm jemand rasch und schmerzlos eine Schlagader auf, so daß er vielleicht starb, ehe die Flammen ihn erreichten. Aber sein Gefühl sagte ihm, daß niemand in Hispar sich bereitfinden würde, ihm diese Gnade zu gewähren. Er würde langsam und qualvoll im Feuer sterben, bei lebendigem Leib verbrennen, zusehen, wie sein Fleisch vom Körper abbröckelte. Seine Hinrichtung würde in der Geschichte des Dorfs ein wichtiges Datum setzen und den in dieser Hinsicht gewiß nicht verwöhnten Bauern endlich einmal eine Sensation bieten. Sie würden diesen Tag als Festtag begehen und noch viele Jahre später davon reden. Später, nach seinem Tod. Tod war bis zu diesem Moment nur ein Wort gewesen – etwas, das anderen zustieß. Nun gewann es plötzlich neue Dimension, rückte in greifbare Nähe. Er stand am Rand des Abgrunds, allein in diesem nach Fisch stinkenden Schuppen. Beten wäre in diesen Augenblicken vermutlich ein Trost gewesen, aber er brachte es nicht fertig, hatte es noch nie fertiggebracht, das Pantheon der Fischer anzurufen. Ihre Götter waren nicht die seinen, ebensowenig wie ihre Lebensweise. Er war ein Außenseiter,
-130-
ein Wildwuchs. »Immer noch der Traum von der eigenen Größe?« dachte er mit einem Anflug von Selbstverachtung. Er hatte in jeder Beziehung versagt. Sein Versprechen an Daleen nicht gehalten, sich seine Zukunft nehmen lassen. Morgen früh, wenn er auf dem Scheiterhaufen am Meeresufer stand, kam die Stunde der Wahrheit, und mit den Träumen war es dann aus und vorbei. Der Klang von Stimmen draußen vor dem Schuppen riß ihn aus seinen trübsinnigen Gedanken. Er lauschte angestrengt, konnte aber nicht verstehen, was gesagt wurde. Sein Mund war ausgedörrt, und er hatte furchtbaren Durst, aber ein Rest Stolz blieb ihm noch, und er war fest entschlossen, seine Peiniger um nichts zu bitten. Gerade als er wieder an den Fesseln riß, hörte er draußen einen überraschten Schrei. Dann prallte etwas gegen die Schuppenwand und schlug dumpf auf dem Erdboden auf. Einen Augenblick später ging leise die Tür auf, und die Silhouette eines kräftigen Manns zeichnete sich gegen den Nachthimmel ab. Roman schoß ein greller Lichtstrahl ins Gesicht und er mußte blinzeln. »Bratfertig verschnürt!« hörte er eine bekannte Stimme. »Keine Sorge, gleich bist du frei.« »Kalamry! Was tun Sie denn hier?« »Sagen wir mal, ich mag's nicht, ein tüchtiges potentielles Besatzungsmitglied zu verlieren«, erwiderte Kalamry. Er bückte sich und schnitt die Fesseln durch. Roman stand mühsam auf, und versuchte die Blutzirkulation in seinen steifen, gefühllosen Gliedern wieder in Gang zu bringen. »Was ist mit den Wachen?« fragte er. »Mach dir keine Sorgen um sie«, sagte Kalamry. Er schlug gegen die Waffe in seinem Gürtel. »Ich habe ihnen nur eine schwache Ladung verpaßt, aber sie kommen frühestens in einer halben Stunde wieder zu sich. Dann sind wir schon meilenweit weg – oder möchtest du lieber hier