Hannibal Eine politische Biographie
Walter Görlitz _________________________
HANNIBAL Eine politische Biographie ____...
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Hannibal Eine politische Biographie
Walter Görlitz _________________________
HANNIBAL Eine politische Biographie ______________________
Voltmedia
ISBN 3-937229-00-0 © Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart Lizenzausgabe: Voltmedia GmbH, Paderborn Gesamtherstellung: Oldenbourg Taschenbuch GmbH, Kirchheim Einbandgestaltung: Oliver Wirth, Bonn Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Inhaltsverzeichnis I.
Karthago und Rom: Der erste Zusammenprall . . . . . 7
II.
Hamilkar Barkas – Retter Karthagos . . . . . . . . . . . . 19
III. Vizekönige in Spanien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 IV. Der große Krieg beginnt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 V.
Die Berge des ewigen Schnees – Marsch über die Alpen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100
VI. Von der Trebia zum Trasimenischen See – Die ersten großen Siege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 VII. Der große Sieg: Cannae . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145 VIII.Von Capua nach Capua – Die politische Entscheidung . . . . . . . . . . . . . . . . . . 174 IX. Hasdrubals Kopf – Die letzte Hoffnung und die letzten Jahre in Italien . . . . . . . . . . . . . . . . . 221 X.
Entscheidungsschlacht in Afrika . . . . . . . . . . . . . . . 238
XI. Gegen Rom – bis zum Tod von eigener Hand Reform in Karthago – Emigrantenschicksal . . . . . 263 Nachwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 301 Anmerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 311
I. Karthago und Rom: Der erste Zusammenprall Als Hannibal im Jahre 218 v. Chr. von Spanien aus über die Alpen nach Italien marschierte, war Alexander der Große etwas mehr als hundert Jahre tot. Das Bild des im Alter von 33 Jahren im Juni 323 verstorbenen Welteroberers, der vom heutigen Balkan, von Makedonien aus, bis nach Zentralasien und Nordwestindien gezogen war, beflügelte aber noch immer den Ehrgeiz und die Phantasie von Männern, die sich zu großen Taten berufen wähnten. Unzweifelhaft hatte auch Hannibal Alexanders Feldzüge studiert, und ebenso sicher erblickte er in Alexander den Prototyp eines Mannes, der für unmöglich gehaltene Taten verwirklicht. Alexander der Große hatte als Sieger über das persische Großreich die damalige zivilisierte Welt umgestaltet; Hannibal war dies nicht beschieden und dennoch zeitigte die Tatsache, daß er der kommenden Weltmacht einen beinahe todbringenden Existenzkampf aufzwang, in ganz anderem Sinne umwälzende Folgen. Es heißt, Alexander habe auch geplant, Karthago und Rom, die Stadtstaaten im zentralen Mittelmeer, in seinen Machtbereich einzubeziehen: für die hellenischmakedonische Welt ‚barbarische‘ Mächte, jenseits der klassischen Zivilisation, deren wirtschaftliches und militärisches Potential aber schon damals nicht zu übersehen war. Als Hannibal 247 oder 246 v. Chr. in Kar-7-
thago geboren wurde, beherrschten noch die drei Nachfolge-Reiche, die von Heerführern Alexanders gegründet worden waren, die Szene: das Reich der Ptolemäer in Ägypten, dasjenige der Seleukiden im Vorderen Orient und das Königreich Makedonien unter der Antigoniden-Dynastie. Mit den Ptolemäer-Königen und ihrer Staatsbank unterhielt man in Karthago gute Beziehungen. Hellenistische Wissenschaft und Kriegskunst strahlten weit nach Westen aus. Dennoch war Karthago, die Tochterstadt des phönizischen Tyros, das nun zum Machtbereich des seleukidischen Herrschers gehörte, wie Rom für diese Großstaaten mit ihrer verfeinerten Zivilisation und ihren wohlgedrillten Söldnerheeren Gebilde minderer Ordnung. Die Handelsstadt am Nordwestrand Afrikas mochte zudem in äußerstem Maße fremdartig erscheinen, weil die hier herrschende Oligarchie zäh an ihren phönizischen, altorientalischen Bräuchen festhielt. Wer aber damals die mittelmeerische Welt von der Byrsa, der Tempelburg Karthagos, aus betrachtete, konnte mit Stolz auf den Reichtum und die Flottenmacht des Stadtstaates verweisen, der zudem im libyschphönizischen Hinterland, dem heutigen Tunesien und Ostalgerien, über eine ertragreiche agrarische Basis verfügte und in jahrhundertelangem Kampf mit dem Griechentum Sizilien wie auch das ganze westliche Mittelmeer seiner Interessensphäre einverleibt hatte. Von -8-
Karthago aus gesehen war Rom mindestens bis zum Krieg von 264 v. Chr. eine Macht zweiter Größe, freilich ein immer ernster zu nehmender Konkurrent, seit Rom die griechischen Stadtkolonien Unteritaliens in seine Bündnispolitik mit einbezog. In früheren Jahrhunderten hatte Karthago danach getrachtet, seine Interessensphäre im westlichen Mittelmeer, vor allem was Seefahrt und Handel betraf, durch Verträge mit der Stadt am Tiber abzuschirmen. Als König Pyrrhos von Epirus, ein Neffe Alexanders des Großen und der Schwiegersohn des Königs Ptolemaios I. Soter von Ägypten, 281 v. Chr., von den griechischen Städten gerufen, in Unteritalien erschienen war, um nach Art des Onkels im südlichen Teil der Halbinsel und auf Sizilien ein neues griechisches Großreich zu gründen, hatten beide Stadtstaaten, wenn auch getrennt, Front gegen den Eroberer gemacht. Pyrrhos wurde sowohl von den Römern wie von den Karthagern auf Sizilien geschlagen. Die Politik der Koexistenz mußte jedoch zu Ende gehen, als sich Rom auf Sizilien in die Wirren in Messana (Messina) einmischte. Karthago hatte auf der Insel gut zweieinhalb Jahrhunderte gegen die Griechen gekämpft, um sich hier eine Basis zu sichern. Weder der phönizische Stadtstaat in Nordafrika noch sein ehemaliger Gegner, das hellenistische Königreich Syrakus, waren jetzt gewillt, das Übergreifen der römischen Macht auf die damals noch äußerst reiche und frucht-9-
bare Insel zu dulden. So brach 264 v. Chr. der erste jener drei Kriege zwischen Karthago und Rom aus, die die Historiker die ‚Punischen Kriege‘ genannt haben. Er zog sich 23 Jahre lang hin, nach damaligen Begriffen fast ein Menschenalter. In der ersten Dekade dieses Kampfes neigte sich die Waage zugunsten Roms. Was niemand für möglich gehalten hätte, wurde Wirklichkeit: Mit Hilfe der Bundesgenossen in Unteritalien vermochte Rom eine mächtige Flotte auszurüsten, die 260 v. Chr. die berühmte karthagische Flotte vor Mylae (Milazzo), an der Nordküste Siziliens, besiegte. Die karthagische Vorherrschaft auf See war zu Ende. Während die karthagische Flotte auf den Rammstoß, auf die Manövrierkunst in der Seeschlacht eingestellt war, führten die Römer unter ihrem Konsul Caius Duilius das System der Enterbrücken ein, so daß sie ihre schwere Infanterie auch auf den Kriegsschiffen zur Geltung bringen konnten. Im Jahre 256 v. Chr. landete eine starke römische Expeditionsarmee unter dem Konsul Marcus Attilius Regulus in Nordafrika und verwüstete das agrarische Hinterland des phönizischen Stadtstaates. Karthago bot den Frieden an, konnte aber die allzu harten Bedingungen des Konsuls nicht akzeptieren. Daraufhin ernannten die karthagischen Oberbehörden einen neuen Strategen (nach dem griechischen Wort strategos, Feldherr), einen Mann namens Hamilkar, dem ein in der hellenistischen Kriegswissenschaft bewanderter Kon- 10 -
dottiere aus Sparta, Xantippos, zur Seite stand. Mit Hilfe eines starken Korps von Kriegselefanten schlugen Hamilkar und Xantippos im Jahre 255 v. Chr. den Konsul Regulus bei Tunes, dem heutigen Tunis. Regulus starb als Kriegsgefangener im Kerker von Karthago. Einer der führenden Männer der karthagischen Oligarchie, Hanno, genannt der ‚Große‘, stellte mit harter Hand die Ordnung im Hinterland wieder her, wo nach dem Erscheinen der Römer unter den zinspflichtigen libysch-phönizischen Bauern auf den Latifundien der Stadtaristokratie Revolten ausgebrochen waren. Im Landkrieg auf Sizilien blieben zwar die Römer im Vorteil, doch errang die karthagische Marine noch einmal einen großen Sieg: Vor Drepana (Trapani) fügte der karthagische Flottenchef Adherbal der römischen Flotte empfindliche Verluste zu. Abermals bot Karthago Frieden an. Diesmal lehnte Rom ab. Die Fortführung des Krieges bewirkte einen allgemeinen Wechsel in den hohen Kommandostellen Karthagos. Welche Gründe dabei im einzelnen eine Rolle gespielt haben, wird in der uns noch zugänglichen dürftigen Überlieferung nicht recht deutlich. In das Jahr 247 v. Chr. fällt jedenfalls die Ernennung eines neuen Strategen auf Sizilien, eines an Jahren noch recht jungen – etwa 30 Jahre alten – Aristokraten. Hamilkar Barkas, der Vater Hannibals, erscheint auf der Bühne. Ob dieser bislang offenbar nicht hervorgetretene Stratege mit dem Sieger über Regulus verwandt war, der - 11 -
gleichfalls einen Sohn namens Hannibal hatte (er wird uns als Mit-Feldherr des Barkas noch begegnen) wissen wir nicht. Für gewöhnlich pflegten die Regenten dieses aristokratisch-großbürgerlichen Gemeinwesens voll Mißtrauen gegen die Befehlshaber ihrer Söldnerarmeen jeweils zwei Strategen zu ernennen. Regelmäßig wurden dem Strategen auch einige Mitglieder der ‚Gerusia‘ (Rat der Alten), des höchsten Gremiums der Oligarchie, als Ratgeber und Kontrolleure zugeteilt. Sie finden sich auch in den Stäben der Barkiden. Das mangelnde Vertrauen zu den Armeeführern war in diesem Handelsstaat traditionell, obwohl die Strategen stets aus den Reihen der herrschenden Aristokratie stammten. Von Hamilkar Barkas, dessen Beiname wohl am ehesten mit ‚Blitz‘ wiederzugeben ist, wird uns nur berichtet, daß er der Sohn eines Mannes namens Hannibal gewesen sei. Titus Catius Silius Italicus, ein römischer Senator und Landherr aus Campanien, zeitweilig auch kaiserlicher Statthalter in Kleinasien, der im 1. Jahrhundert n. Chr. ein siebzehnbändiges Epos über die Punischen Kriege verfaßte, erzählt, Hamilkar Barkas sei ein Abkömmling des sagenhaften Königs Belos von Tyros, der syrischen Mutterstadt Karthagos gewesen. Mag sein, daß das Abklatsch einer barkidischen Familienlegende ist. Viel wahrscheinlicher scheint jedoch, daß Silius Italicus, im Bemühen den Stil Vergils in der ‚Aeneis‘ nachzuahmen, diese Geschichte erfunden hat, um Hannibal eine erlauchte Abstammung zu verleihen.1 - 12 -
Wir können nur erschließen, daß Hannibal etwa um die Jahreswende 247/46 v. Chr. in Karthago geboren worden ist, wahrscheinlich zu einem Zeitpunkt, da der Vater schon als ‚Stratege‘ auf Sizilien weilte. Über die Mutter ist gar nichts bekannt. Es widersprach der altorientalisch-phönizischen Sitte, den Frauen eine besondere Rolle zuzumessen. Wäre sie indes nicht karthagischer Abstammung gewesen, würden die antiken Schriftsteller, Livius oder Cornelius Nepos, dies vermutlich als Besonderheit erwähnt haben. Vor der Geburt Hannibals müssen aus der Ehe Hamilkar Barkas vier Töchter hervorgegangen sein, die um das Jahr 240 schon das heiratsfähige Alter erreicht hatten. Der Vater vermählte eine von ihnen mit einem der Regenten Karthagos, Bomilkar, eine zweite mit einem ihm nahestehenden Politiker, Hasdrubal dem Schönen, zwei andere mit numidischen Prinzen, Berber oder, wie wir heute sagen würden, Kabylen-Fürsten, welch letzteres insofern von Bedeutung war, als die Numider die leichte Reiterei für die karthagischen Söldnerarmeen stellten. Aus dieser Heiratspolitik kann man schließen, daß das Haus Barkas erst mit Hamilkar zu politisch-militärischer Bedeutung im Stadtadel gelangt war und darum ein Interesse daran hatte, seine Position durch solche Eheverbindungen zu festigen. Hannibal folgten noch zwei Söhne, Hasdrubal der Jüngere und Mago. Da beide bei Ausbruch des Zweiten Punischen Krieges schon politische und militäri- 13 -
sche Funktionen übernehmen konnten, muß ihre Geburt etwa in die Jahre 241/238 v. Chr. fallen. Hamilkar Barkas war ein Soldat von außergewöhnlichen Fähigkeiten. Mit eiserner Faust stellte er die Disziplin unter den verwilderten Söldnerverbänden auf Sizilien wieder her. Meuterer wurden geköpft, gehängt oder vor versammelter Mannschaft bei lebendigem Leib ins Meer versenkt. In den karthagischen Heeren der Zeit dienten Griechen aus Sizilien und Unteritalien so gut wie Campaner, Liby-Phönizier aus dem berberischen Hinterland Karthagos, Spanier (Iberer), Kelten, Ligurer und Balearen; dazu kamen die Numider auf ihren schnellen Pferden. Diesem Völkergemisch verstand der neue Oberbefehlshaber nicht nur Gehorsam und Furcht vor seinen Exerziermeistern, sondern auch Vertrauen in sein Können einzuflößen. Die Lage auf Sizilien war schlecht, als Hamilkar das Kommando übernahm. Die römischen Streitkräfte blokkierten die letzten karthagischen Stützpunkte in Westsizilien, Lilybaion (Marsala) und Drepana (Trapani). Hamilkar Barkas konnte infolge der zahlenmäßigen Schwäche der eigenen Truppen nicht daran denken, die Entscheidung in einer Feldschlacht herbeizuführen. Er mußte sich mit kühnen Einzelunternehmungen begnügen, bei denen er Flotte und Landheer in kombinierten Operationen einsetzte. Zunächst bemächtigte er sich durch einen Überraschungsangriff des Eirkte, eines Bergstockes in unmittelbarer Nachbarschaft der frühe- 14 -
ren karthagischen Base Panormos (Palermo), die von den Römern besetzt worden war. Vom Eirkte aus führte er dann Kleinkrieg gegen das römische Nachschubzentrum Panormos und die rückwärtigen Verbindungen des Gegners, um die Abschnürung von Lilybaion und Drepana zu lockern. Etwa um das Jahr 244 v. Chr. wechselte er seinen Hauptstützpunkt und abermals gingen Flotte und Landheer gemeinsam vor: In einem nächtlichen Landeunternehmen bemächtigte er sich des etwa 750 Meter hohen Eryx (Monte San Giuliano) dicht vor Drepana, das noch immer von den Römern belagert wurde. Auf diesem steil aus der westsizilischen Ebene aufsteigenden Berg hatte der Sage zufolge Aeneas einst der Liebesgöttin Aphrodite einen Tempel errichtet. Die Römer hatten den stark ummauerten Tempelbezirk 247 mit Truppen gesichert. Dennoch gewann Hamilkar die Tempelburg für Karthago zurück. Nur im innersten Bezirk vermochte sich eine kleine römische Besatzung zu halten. Vom Eryx aus führte Hamilkar die nächsten drei Jahre hindurch Kleinkrieg gegen die römischen Truppen. Für die Fremdtruppen im karthagischen Heer war diese Art einer sich endlos hinschleppenden Kampfführung ohne große Entscheidungen eine harte Probe, zumal auch der Sold nicht mehr regelmäßig gezahlt werden konnte. Tausend Mann keltischer Reisläufer desertierten und schlossen sich den Römern an. Doch - 15 -
die Masse der Söldner hielt zu dem karthagischen Strategen, ein Zeichen, daß dieser punische Aristokrat ungewöhnliche Gaben in der Kunst der Menschenführung besessen haben muß. Im Grunde genommen war er jedoch selbst auf dem Eryx blockiert, so wie schließlich vier Jahrzehnte später sein berühmter Erbe Hannibal trotz noch so kühner Einzelunternehmen in Unteritalien von den Römern blockiert werden sollte. Die Entscheidung im Ringen zwischen der alten und der neuen Flottenmacht im westlichen Mittelmeer fiel auf See. Rom, das in diesem Krieg vier Flottengeschwader mit rund 650 Einheiten eingebüßt hatte, rüstete eine neue Flotte für die sizilianischen Gewässer aus, und zwar nach dem damals modernsten Schiffstypus: Vor Lilybaion hatte man eine karthagische Pentere, ein Schiff mit fünf Ruderreihen und Segeln erbeutet, mit der ein punischer Kommandant, Hannibal, genannt der ‚Rhodier‘, in den Hafen hatte eindringen wollen. Die römischen Schiffe wurden nun nach diesem Modell gebaut. Die römische Flotte verschärfte die Seeblockade der beiden letzten karthagischen Basen in Westsizilien. Damit wurde auch die Armee des Strategen Hamilkar beim Eryx von jeder Zufuhr abgeschnitten. Die Regenten in Karthago entschlossen sich zu einer großangelegten Entsatzoperation. Gedeckt durch ein Flottengeschwader ging ein Transport-Konvoi nach Westsizilien. Zum Flottenchef ernannte man wieder einen Offizier - 16 -
namens Hanno, möglicherweise einen Angehörigen des Hauses der Hannoniden, dessen Oberhaupt jeweils den Beinamen ‚der Große‘ führte. Am 10. März 241 v. Chr. stellte der römische Befehlshaber, der Konsul Caius Lutatius Catulus, bei der Ziegeninsel Aegusa vor der Westküste Siziliens die Karthager zur Schlacht. Aegusa gehörte zur Gruppe der Aegatischen Inseln. Hier war Homer zufolge Odysseus einst auf die Jagd gegangen. Obwohl der Wind ungünstig stand und der Konsul wegen einer Verletzung den Kampf nur von einem Ruhebett auf seinem Flaggschiff aus leiten konnte, griffen die Römer an. Sie vertrauten auf die Ruderkraft der neuen Penteren und das System der Enterbrücken. Und tatsächlich erlitten die Karthager eine fürchterliche Niederlage. In dieser Stunde war es Hamilkar Barkas, der den Regenten in Karthago riet, Frieden zu schließen. Wenn die römische Flotte endgültig alle Seeverbindungen beherrschte, konnte man den Krieg auf Sizilien nicht mehr lange fortsetzen. Ob er bei diesem Entscheid von der Idee bewegt war, daß man den Krieg beenden müsse, um ihn bei besserer Gelegenheit wieder aufzunehmen, wissen wir nicht. Die römischen und römerfreundlichen Schriftsteller, die unsere Hauptquelle für Hamilkar und Hannibal bilden, haben die Politik des Hauses Barkas so gedeutet. Das aber ist eben nur die römische Version. Im Auftrag der heimischen Regierung führte der Stratege auf Sizilien selbst die Friedensverhandlungen. - 17 -
Die Römer verlangten, die beim Eryx liegende Armee solle bei der Kapitulation ihre Waffen abgeben und sämtliche Überläufer aus dem römischen Lager ausliefern. Hamilkar wies diese Forderung mit der kühlen Bemerkung zurück, es entspräche nicht seiner Denkweise, die ihm anvertrauten Waffen dem Feind zu übergeben, worauf die römischen Unterhändler ihre Forderung zurückzogen. Hamilkar räumte die Stellungen am Eryx und führte den Rest seiner Armee nach Lilybaion zurück. Dort übergab er auf Weisung der karthagischen Behörden das Kommando an einen Offizier aus seiner Schule, Geskon. Die Friedensbedingungen, auf die sich Hamilkar hatte einlassen müssen, waren bitter. Sizilien mußte aufgegeben werden. Innerhalb von zehn Jahren hatte Karthago eine Kriegsentschädigung von 3.200 Talenten aufzubringen. 1.000 Talente, etwa 5,5 Millionen Mark nach unserem Geld, waren sofort zu zahlen. Der nordafrikanische Besitz Karthagos blieb jedoch unangetastet und die Existenz des Stadtstaates als einer freilich nun zweitrangigen Macht neben Rom war nicht in Frage gestellt. Bei den Friedensverhandlungen hatte Hamilkar Barkas bewiesen, daß er nicht nur ein großer Soldat, sondern auch ein guter Diplomat und ein würdevoller Vertreter seiner Heimatstadt war.
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II. Hamilkar Barkas – Retter Karthagos Im Spätsommer oder Herbst des Jahres 241 v. Chr. erschien die Pentere, die den abgedankten Strategen von Sizilien, Hamilkar Barkas, in die Heimatstadt zurückführte, vor Karthago. Ungeduldig mögen seine Gemahlin und der etwa sechs Jahre alte Hannibal auf den Augenblick gewartet haben, da das mit seinen fünf Ruderreihen einem Tausendfüßler gleichende Schiff endlich in den Hafen glitt: Hannibal sollte seinen Vater zum ersten Mal sehen. Münzen, die unter barkidischer Herrschaft in Spanien geprägt worden sind, zeigen neben Götterbildern auch die Köpfe von drei verschiedenen Männern, fraglos Portraits der drei Barkiden, die seit dem Jahre 237 v. Chr. die Herrschaft über Südspanien gewannen. Das Münzportrait eines etwa in den Fünfzigern stehenden Mannes läßt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit als Abbildung Hamilkar Barkas deuten. Es zeigt einen Kopf mit hoher steiler Stirn, stark ausgebildeter Augenbrauenpartie, sehr profilierter Nase und einem kurz gehaltenen Bart, wie ihn auch Nachbildungen von Häuptern der Götter auf karthagischen Sarkophagen aufweisen. Das Antlitz deutet auf einen Mann von großer Entschlossenheit und düsterem Ernst. Als Würdenträger der phönizischen Stadtkolonie trug er ein – wenn auch hier nur angedeutetes – langes dunkles Gewand und eine konische Filzmütze auf dem Haupt. Es läßt sich leicht den- 19 -
ken, daß Hamilkar Barkas von imponierendem, gebieterischem Wesen gewesen sein muß. Er flößte Respekt ein. Die antiken Schriftsteller versichern, daß Hannibal den Vater aufs höchste bewundert habe und daß es stets sein Bestreben gewesen sei, ihm nachzueifern. Hamilkar Barkas kehrte in einen Stadtstaat zurück, der den bisher schwersten Krieg seiner Geschichte verloren hatte. Eine Welle des Mißtrauens und der Kritik schlug ihm entgegen. Der Staatsgerichtshof der ‚Hundertvier‘ hatte gerade den Flottenchef Hanno zum Tod verurteilt und kreuzigen lassen, weil dieser die Schlacht bei der Ziegeninsel verloren hatte. Hamilkar Barkas konnten die Staatskontrolleure jedoch nicht gut vor ihr Gericht stellen: Den Frieden mit Rom hatte er auf Geheiß der Regierung ausgehandelt, nachdem er in aussichtsloser Lage als verantwortungsbewußter Oberbefehlshaber selbst geraten hatte, die Kampfhandlungen zu beenden. Doch die Furcht vor hohen Militärs war in Karthago traditionell. Immerhin kennt die uns oft nur in anekdotischer Verzerrung überlieferte Geschichte der Stadt mehrere Beispiele, bei denen Strategen versucht hatten, sich mit Hilfe von Söldner-Tausendschaften nach sizilianisch-griechischem oder hellenistischem Vorbild zum Tyrannen, zum ‚strategos autokrator‘, aufzuwerfen. Karthago war damals eine Großstadt von vielleicht 300.000 Einwohnern.1 Es kannte auch das Kainsmal moderner Großstädte, die Mietskasernen. Sechs Stock- 20 -
werke hoch, weißgekalkt, säumten sie die drei schmalen Gassen, welche vom Hafen zur Byrsa hinaufführten, der Akropolis des phönizischen Karthago. Auf einem Hügel in der Nähe des zweiteiligen Hafens und des Marktes erbaut, mit eigenen Toren versehen und befestigt, krönte sie das weitgedehnte Stadtgebiet und barg den Tempel des Baal Esmun mit einem kleinen Zypressenhain, Merkmal aller karthagischen Sanktuarien. In düster-altorientalischem Sinn wachten die Götter über der Stadt. Ihre Bewohner glaubten in tiefem Pessimismus, die Herren des Himmels verlangten immer neue Gnadenbeweise durch das Blut unschuldiger Kinder, die Erstgeburt der Vornehmen oder das Selbstopfer hochgestellter Persönlichkeiten. Schon die älteste Stadtsage kennt den rituellen Flammentod der ElissaDido, der legendären Gründerin der Stadt aus dem Königshaus von Tyros. Als der ‚König‘ (griechisch basileus) Hamilkar aus dem berühmten Adelshaus der Magoniden 480 v. Chr. auf Sizilien die Entscheidungsschlacht von Himera gegen die Tyrannen Gelon von Syrakus und Theron von Akragas (Agrigent) verlor, suchte er den Tod auf dem Scheiterhaufen. Eine der ältesten Weihestätten des punischen Karthago, die man ausgegraben hat, birgt Tausende von Tongefäßen mit den verkalkten Aschenresten von Kindern. Man hat sie Tophet genannt, nach jener biblischen Stätte im Himontal bei Jerusalem, wo die alten Israeliten Kinderopfer dargebracht hatten. - 21 -
In alter Zeit galt Melkarth, der Stadtgott der Heimat Tyros, als Höchster unter den Unsterblichen.2 Nach der Schlacht von Himera und dem Sturz des Hauses der Magoniden nahm im 4. Jahrhundert v. Chr. Tanit, Inkarnation der sagenhaften Elissa-Dido, welche die Griechen mit Hera gleichsetzten, seine Stelle ein. Sicher deutet dies auf tiefgreifende Wandlungen hin. Um die gleiche Zeit erlosch der Brauch, alljährlich dem Melkarth von Tyros Tribute zu senden, wurde der Staatsgerichtshof der ‚Hundertvier‘ geschaffen, allmächtiges Kontrollorgan für zivile und militärische Machtträger. Tanit, die Herrin, dachte man sich gern im Balg einer riesenhaften Taube, deren Kopf und Schnabel eine Art von Helm für die große Göttin bildeten. In ihrem Tempel hingen als Sehenswürdigkeit die Felle dreier ‚wilder Weiber‘. Der Seefahrer Hanno, wohl ein Magonide, hatte sie von seiner Reise an die westafrikanische Küste, die ihn bis hinunter nach Kamerun führte, mitgebracht. Vermutlich handelte es sich dabei um Gorillafelle3. Weithin berühmt in der antiken Welt des 3. und 2. Jahrhunderts vor Chr. war der ‚Kothon‘, der künstlich angelegte Binnenhafen. Er bestand aus zwei Teilen, viereckigen Becken mit unmittelbarem Ausgang zum Meer. Das erste Becken diente als Handelshafen. Dahinter lag der Kriegshafen mit von Säulen flankierten Schiffshäusern, die Raum für 220 Penteren boten. In der Mitte befand sich eine kleine Insel mit dem Turm - 22 -
für den Flottenchef. Von dort aus wurde durch Heroldsruf oder Trompetensignale der Schiffsverkehr geregelt. Unweit vom Hafen – soweit unsere Kenntnis noch reicht – befand sich nach griechischen Vorbildern eine Art ‚Agora‘, ein Markt- und Versammlungsplatz mit Säulenhallen. In seiner Nähe ist wohl auch der Justizpalast zu suchen, Sitz der beiden ‚Sufeten‘, der höchsten Rechtsherren in diesem Staatswesen, vielleicht auch der Sitz der ‚Hundertvier‘, der Staatskontrolle. Dahinter und darum zog sich, zum Teil zur Byrsa aufsteigend, ein Gewirr von engen, Kühlung gewährenden Gassen mit hoch aufgestockten Häusern. Hier hauste die Masse der Bevölkerung, Matrosen, Zimmerleute, Färber, Seilmacher, Fischhändler, Töpfer, Werft- und Hafenarbeiter, Schreiber und Rechnungsführer in den Kontoren der Handelsfürsten, oft Sklaven aus aller Herren Ländern von Etrurien und Campanien bis nach Mittelafrika. Nur die Tempel und die vielen Nekropolen mit ihren Hainen boten dem Auge Erholung. Tonmasken aus punischen Gräbern zeigen uns das typische Antlitz der libysch-phönizischen Stadtbevölkerung. Es waren Menschen mit niedriger Stirn, abstehenden Ohren, dicker gekrümmter Nase, starker Kinnpartie, fleischigen Lippen und ein wenig schräggestellten Augen.4 Der Handel über See bis nach Griechenland, Ägypten, Italien, Gallien, Spanien und den britischen Zinngebieten und der Landhandel mit Mittelafrika über die Karawanenstraßen durch die Sahara hatten diese Be- 23 -
völkerung geprägt, die vom Militärdienst außer in Zeiten äußerster Not befreit war. Die altrömische Komödie kannte als feststehenden Typ den ‚gugga‘ (was soviel wie ‚kleine Ratte‘ bedeutete), den punischen Händler, eine schmierige Gestalt in kurzem Rock mit Ringen im Ohr, der mit ein paar Sklaven, die seine Ramschware schleppten, durch die Lande zog. Aus den Vertretern dieser Großstadtmasse setzte sich die Volksversammlung zusammen, die aus den Reihen des Adels die beiden Sufeten zu wählen hatte, die höchsten Zivilbeamten mit vorwiegend juristischen Befugnissen. Ihr Titel bedeutet im Phönizischen ‚schofet‘, Richter. Die Volksversammlung mußte auch die Wahl eines Strategen billigen. Vor der Ära des Hauses Barkas scheint der Einfluß dieses plebeszitären Urparlaments freilich allmählich stark beschnitten worden zu sein. Neben der Volksversammlung hatte sich ein höchst verschachteltes System oligarchisch-aristokratischer Körperschaften etabliert, der Rat der ‚Dreihundert‘, der wahrscheinlich sich aus diesem Gremium durch Zu- oder Nachwahl ergänzende ‚Rat der Alten‘ (Gerusia), der Staatsgerichtshof der ‚Hundertvier‘, von den griechischen Schriftstellern vereinfachend als die ‚Hundert‘ bezeichnet. Wie die Kompetenzverteilung und die Beziehungen dieser Korporationen untereinander geregelt waren, wissen wir nicht. Sicher ist nur, daß zu der Zeit, als Hamilkar Barkas seine Töchter dem amtierenden ‚basileus‘ und einem ari- 24 -
stokratischen Volkspolitiker, Hasdrubal dem Schönen, zur Frau gab, die Volksversammlung eine neue Bedeutung gewann. Das war keine demokratische Revolution; vielmehr mobilisierte hier ein aristokratischer Militär mit Hilfe seines standesgemäßen Clans die Massen gegen die eigenen Standesgenossen, die am oligarchischen Regiment festhielten und überdies einen Krieg verloren hatten. In einer solchen ‚Militärdemokratie‘ sah der hellenisch-römische, sehr aristokratisch-konservativ denkende Historiker Polybios freilich schon den Niedergang Karthagos, während in Rom ihm die Herrschaft der Besten (aristoi) noch gegeben zu sein schien. In allen phönizischen Städten des Orients, in Tyros wie in Sidon oder dem im 20. Jahrhundert wieder ausgegrabenen Ugarit (Ras Shamra) herrschten Stadtkönige. Die griechischen Schriftsteller erwähnen bei der Schilderung der Kriege gegen das sizilische Griechentum wiederholt ‚basileis‘, karthagische Könige, die im Feld das Amt des Strategen innehatten. Bei dem eingefleischten Konservatismus der herrschenden, ehemals phönizischen Schicht in Karthago erscheint es nicht verwunderlich, daß man hier höchstwahrscheinlich das Amt des ‚Stadtkönigs‘ beibehalten hat. Dem HerrscherGott der Heimat Tyros zahlte man durch Jahrhunderte Tribut. Hannibal selbst hat sich in der Stunde der Flucht aus Karthago nach Tyros begeben. Freilich war die Würde des ‚basileus‘ nicht mehr unbedingt erblich, und sie war in den Machtbefugnissen - 25 -
durch die Existenz der oligarchischen Gremien erheblich eingeschränkt. Immerhin war sie zeitweilig wohl an bestimmte Familien gebunden, und der Stadtkönig führte dann auch die Söldnerarmee im Krieg. Auf einer solchen Kombination beruhte die Macht des Hauses der Magoniden im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr.5 Wie eifersüchtig dabei die Oligarchie darüber gewacht haben muß, daß der jeweilige ‚basileus‘ seine Kompetenzen nicht überschritt, lehrt die Geschichte von Malchos-Melek (ein Name, der im Phönizischen einfach ‚König‘ bedeutet). Dieser Stadtkönig strebte im 5. Jahrhundert nach der absoluten Gewalt, nachdem er den Oberbefehl im Krieg geführt hatte: Er bezahlte sein Experiment mit dem Tode. – 307 v. Chr. starb der Stadtkönig Bomilkar, der den in Nordafrika gelandeten Tyrannen von Syrakus, Agathokles, zum Rückzug gezwungen hatte, am Kreuz. Mit Hilfe seiner Söldnerarmee hatte er sich zum Herrn von Karthago aufwerfen wollen. Ein Volksaufruhr zwang ihn nach schweren Straßenkämpfen zur Kapitulation. Es läßt sich leicht denken, daß damals die Aristokratie die Massen gegen den machthungrigen ‚basileus‘ mobilisiert hatte. So bot dieser Stadtstaat mit seiner komplizierten Führungsordnung, mit Stadtkönig, Sufeten, dem Großrat der ‚Dreihundert‘, der ‚Gerusia‘, dem Alten-Rat, dem Staatsgerichtshof der ‚Hundertvier‘ und der Volksversammlung ein buntes Bild. Dazu ist die Existenz - 26 -
von Pentarchien, Fünfer-Ausschüssen, bezeugt, die für bestimmte Ressorts zuständig waren.6 Wie sich die Zusammenarbeit all dieser Gremien vollzog, ist, wie schon erwähnt, infolge der Dürftigkeit der Quellen, nicht mehr klar auszumachen. Der komplizierte Verfassungsmechanismus erinnert an Venedig. Dem Philosophen Aristoteles, dem großen Geographen Eratosthenes erschien er so bemerkenswert, daß sie meinten, man könne ein Volk, das sich eine solche Verfassung gäbe, nicht unter die ‚Barbaren‘ einreihen. Aber dieser auf phönizischer Überlieferung beruhende Mechanismus läßt andererseits auch den engherzigen Geist eines aristokratischen Handelsstaates erkennen, der imperialer, großer Politik abgeneigt war. Fraglos wirkte er sich bei großen Entscheidungen hemmend aus. Doch in der hellenistischen Welt des 3. und 2. Jahrhunderts v. Chr. wirkte das Puniertum in Karthago ohnehin wie ein Fremdkörper, wie ein archaisches, dunklen, blutigen Gottheiten verhaftetes Gemeinwesen, das sich zwar nicht dem technischen, wohl aber dem moralisch-zivilisatorischen Fortschritt verschloß. Das tiefe Unbehagen, das die griechische Welt von jeher gegenüber den Karthagern erfüllte, machte es der römischen Propaganda im Hannibalischen Krieg leicht, die damalige Weltmeinung gegen das habsüchtig-grausame Puniertum zu mobilisieren, mochten hier auch Gestalten erscheinen, die sich, wie Hannibal, weit über das Niveau der Vaterstadt erhoben. - 27 -
Die Barkiden gehörten zu jenen der Zahl nach begrenzten phönizischen Adelsgeschlechtern, die von Tyros aus, vielleicht den assyrischen Militärherrschern weichend, die ‚neue Stadt‘ begründet hatten. Sie waren Handelsherren und Reeder. Die meisten unter ihnen wurden auf dem reichen Boden des Hinterlandes in Tunesien und Ostalgerien auch Latifundienbesitzer. Es scheint, daß die wirtschaftliche Basis der Barkiden im Großgrundbesitz lag. Der Ursprung rationeller Großlandwirtschaft in der Antike lag jedenfalls beim karthagischen Adel. Ein Experte namens Mago verfaßte das im Altertum klassische Lehrbuch für Gutsbesitzer, das auch die Römer übernahmen, obwohl sie sonst für die Vernichtung der karthagischen Literatur Sorge trugen.7 Charakteristisch für diese Aristokratie war die enge Verbindung mit der Priesterschaft. Die ‚kohanim‘, die Diener in den Tempeln des Melkarth, der Tanit, des Baal Esmun, des Baal Hammon, des Baal Shannim gehörten schon dank ihrer Abkunft zur Oberschicht. Silius Italicus schildert uns die Priester (kohanim) des Melkarth von Gades, der ältesten karthagischen Basis in Südspanien. Sie waren kahlgeschoren und bartlos, gingen barfuß, trugen lange weiße, gürtellose Gewänder, mußten sich der Frauen enthalten und durften kein Schweinefleisch essen. Das Zölibat galt freilich nicht für alle hohen Priesterämter.8 Ob diese Aristokratie in ihrer äußeren Erscheinung dem unerfreulichen Typ der libysch-phönizischen Stadt- 28 -
bevölkerung glich, wissen wir nicht. Die altorientalische Tradition verbot die Nachbildung der individuellen Gestalt. Fraglos hat sich die Aristokratie in barkidischer Zeit dann Ausnahmen erlaubt: Wenn die Barkiden in ihrem spanischen Herrschaftsbereich zu Münzprägungen mit echten Portraits übergingen – wie immer diese auch zu deuten sein mögen –, so liegt darin der Ausdruck des Souveränitätsanspruches nach dem Vorbild der hellenistischen Höfe in Syrakus, Alexandria oder Antiochia. Nimmt man jene bereits beschriebene spanische Silbermünze mit dem Kopf eines energischen Fünfzigers als Portraitierung Hamilkar Barkas, so kann man wohl sagen, daß mindestens einige Magoniden oder Barkiden, daß die kühnen Seefahrer vom Schlag der Hanno und Himilko, die bis nach Westafrika und Britannien segelten, von stolz semitischem Aussehen gewesen sein dürften. Ihre Erscheinung blieb dem Griechen freilich immer fremd, schon der schwarzen Tracht und der Filzmützen der ‚rab‘, der hohen Würdenträger wegen; dazu kam noch die Mode, Ohrringe zu tragen oder sich das Haar blau zu färben. Schwerer wog für die Griechen freilich die ihnen unsympathische seltsame Mischung von kommerzieller Schläue und Grausamkeit im Götterkult wie in der Durchsetzung der eigenen Ziele. In jeder Adelsschicht – ganz gleich welcher Zeiten – ist die Namensgebung ein Charakteristikum für die jeweilige geistige Haltung gewesen. In Karthago haben wir eine begrenzte Zahl immer wiederkehrender Na- 29 -
men geschichtlichen Ranges vor uns, alle die Bomilkar, Bodesmun, Geskon, Hamilkar, Hanno, Hannibal, Hasdrubal, Himilko und Mago. Selten wird die Person noch deutlich, die sich hinter dem Namen verbirgt; selten ist eine genealogische Rekonstruktion von Vorfahrenreihen möglich. Die Adelsnamen sind jedoch stets von den Göttern Karthagos abgeleitet oder beabsichtigen, deren Gunstbeweise gleichsam auf magische Art zu erzwingen, was auf die enge Verbindung von adeligen ‚rab‘ und adeligen ‚kohanim‘ zurückzuführen sein dürfte. Hannibal bedeutet in diesem Sinne „derjenige, dem Baal Gunst oder Gnade erweist“. Hamilkar ist „der Diener Melkarths“, Hasdrubal ist derjenige, der die Gnade Baals bannen will. Das Bedürfnis, Name und Wille der Götter für die Familie, für die Erben des Geschlechts zu beschwören, spiegelt jenen tiefeingewurzelten Pessimismus wider, die schreckliche Sitte, Baal Menschen zu opfern, ganz gleich in welcher Gestalt man diesen Herren des Himmels verehrte. Kindesopfer waren zur Zeit Hannibals nicht mehr gebräuchlich, aber an der psychischen Verfassung des Adels hatte sich wenig geändert. Die rationale Philosophie der griechischen Kulturwelt etwa blieb diesen Familien schlechthin unverständlich. Man kann sehr wohl sagen, daß das Haus Barkas letzthin an dieser engen, finsteren Welt gescheitert ist. Verraten die stereotypen Adelsnamen eine unerschüt- 30 -
terliche Übereinstimmung im Selbstverständnis älterer Zeiten, so deuten die Beinamen, die im 2. hellenistischen Jahrhundert in Karthago beliebt werden, entweder auf eine gewisse Individualisierung oder auf die Neigung hin, das Beispiel hellenistischer Soldatenherrscher oder Kondottiere nachzuahmen, die solche Zunamen liebten. Wir begegnen – von Hamilkar mit dem Zunamen Barkas (Blitz) ganz abgesehen – einem Schiffskommandanten Hannibal ‚dem Rhodier‘; im Stabe Hannibals taucht ein Hannibal auf, der ‚Monomachos‘ (Einzelkämpfer) genannt wird, ein Mago, mit dem Beinamen ‚Saunites‘ (der Samnite). Es läßt sich heute allerdings nur noch schwer sagen, was das alles bedeuten sollte. Immerhin wissen wir aber von Heiraten zwischen karthagischen und syrakusanischen Adelsfamilien, vom Connubium zwischen dem Haus Barkas und numidischberberischen Fürstengeschlechtern. Wenn uns ein Hannibal ‚der Sabeller‘ entgegentritt, könnte man auch an Verbindungen mit den Familien unteritalischer Stämme denken, zu denen die Sabeller gehörten. Die Umwelt, in die Hannibal hineingeboren wurde, läßt sich im Gegensatz zur geistigen Sphäre der Karthager noch recht gut erschließen. Im Norden der Hafen- und Geschäftsstadt befand sich, durch eine Mauer abgeschirmt, die Gartenvorstadt Megara, das karthagische Faubourg Saint Germain. Hier besaßen auch die Barkiden ihren Stadtpalast, in dem Hannibal die ersten neun Jahre seines Lebens verbrachte. - 31 -
Aus Grabbildern kennen wir den Typ des karthagischen Gutshauses auf den Latifundien im libysch-phönizischen Hinterland. Das Haus hat einen nach altorientalischer Sitte fensterlosen Unterbau, darüber erhebt sich eine von Säulen getragene Loggia. Das Ganze krönt ein kuppelartiger Turm: Einen solchen ‚Turm‘ hat Hannibal bei Byzacene im heutigen Tunesien besessen. Zu einem solchen Gut gehörten landwirtschaftliche Großbetriebe, deren Kulturen noch die Bewunderung der Römer erregten. Die karthagischen Gutsherren arbeiteten mit Verwaltern und fronpflichtigen Bauern. Für ihre Olivenhaine hatten sie die leistungsfähigste Ölpresse der Antike entwickelt, für die Weizenschläge den besten Dreschwagen. Die Pflege des Granatapfelbaumes und der afrikanischen Feige geht auf sie zurück. Der Frondienst der Bauern und deren Pflicht, den ‚Zehnten‘ an Steuern für die Stadt Karthago zu zahlen, zeitigten allerdings mehrfach Bauern-Revolten, wenn der Stadtstaat in Krisen geriet. Die Stadthäuser der Aristokratie waren sicher weitläufiger und prunkvoller als die ‚Türme‘ auf dem Lande angelegt. Wie sich im karthagischen Tempelbau phönizische, ägyptische, etruskische und griechische Einflüsse kreuzten, so dürfte dies auch in Megara der Fall gewesen sein. Griechische Bildhauer, Künstler und Gelehrte gehörten zumindest im 2. Jahrhundert v. Chr. zur Umgebung karthagischer Oligarchen. Sie finden sich auch in den Stäben der Barkiden. Griechische Münzpräger, - 32 -
möglicherweise aus Sizilien, haben die Prägung der barkidischen Portrait-Münzen beeinflußt. Soweit man in Karthago von der hellenistischen Wissenschaft profitierte, die damals im königlich ptolemäischen Ägypten in hoher Blüte stand, bezog sich dies auf die Technik, von der Kriegskunst bis zur Medizin, nicht auf die Literatur und schon gar nicht auf die Philosophie. Die ‚Diener Melkarths‘ und ‚die in Baals Gunst‘ stehenden Herren Karthagos wußten mit Plato oder Aristoteles nichts anzufangen. Trost fanden sie nur in ihrer Magie. Als Hamilkar Barkas, ehemaliger Stratege auf Sizilien, im Jahre 241 v. Chr. nach Karthago zurückkehrte, war er zunächst Privatmann, einer der großen Landbesitzer der Stadt. Zieht man seine Heiratspolitik in Betracht, kann man allerdings auf politischen Ehrgeiz schließen. Dagegen stellte das Heer, das Hamilkar dem neuen Strategen Geskon übergeben hatte und nun von Lilybaion auf Sizilien nach Nordafrika übergeführt werden mußte, für die Oberbehörden – Stadtkönig, Sufeten, Großrat und Gerusia – ein echtes Problem dar. Was sollte man mit den rund 20.000 Mann beginnen? In dieser Armee dienten nicht nur Kontingente aus der libysch-phönizischen Zinsbauernschaft, die zum Dienst gepreßt worden waren, sondern auch ligurische, sizilianisch-griechische, campanische, keltische und balearische Söldner, die meistens die leichte Infanterie stellten, während in der Reiterei die berühmten Numider, Berber aus dem heutigen Algerien und Marokko, do- 33 -
minierten. Nach dem Friedensvertrag mußte diese Armee, die lange keinen regelmäßigen Sold mehr gesehen hatte, von Sizilien zurückgenommen werden. Die Staatskasse war zweifelsohne leer. Andererseits war dieses Heer unbequem, obwohl ein schwacher Trost darin bestand, daß der Stratege, auf den die Truppe eingeschworen war, den Dienst quittiert hatte. Um behutsam vorzugehen, entschloß man sich, die Verbände in Etappen zu evakuieren. Aber irgendwelche noch so geringen Abschlagszahlungen konnte oder wollte man der Armee nicht zubilligen. Sprecher der Oligarchie in der ‚Gerusia‘ war in jenen Tagen Hanno der Große, der zweite unter den Hannoniden, der diesen Beinamen führte.9 Das Haus Hanno betrachtete die Barkiden mißtrauisch. Das derzeitige Familienoberhaupt hatte nach dem Untergang der römischen Expeditionsarmee in Nordafrika mit rücksichtsloser Gewalt wieder Ordnung unter den libyschen Zinsbauern auf den Latifundien geschaffen. Im übrigen vertrat Hanno der Große eine Politik, die allen äußeren Verwicklungen oder neuen militärischen Abenteuern abgeneigt war. Ihm und seinen Freunden ging es ausschließlich um die Erhaltung des persönlichen Besitzstandes. So kam Ende 241 v. Chr. der Tag, an dem rund 20.000 Söldner die Gassen Karthagos füllten, Veteranen eines langen Krieges, die endlich ihr Geld forderten: Libysches schweres Fußvolk mit rotflammenden - 34 -
Helmbüschen, griechische Drillmeister, Kelten in barbarischer Hosentracht und bunten Schultermänteln mit langmähnigem Blondhaar10, ligurische Wurfschützen aus Norditalien mit Wieselfellmützen. Dazu kam der unvermeidliche Troß der Landsknechte, Dirnen und Soldatenweiber mit ihren Kindern. Die Oberbehörden beschlossen, sich die ganze unheimliche Sippschaft erst einmal vom Halse zu schaffen. Man gewährte der Armee eine Abschlagzahlung, ein Goldstück pro Kopf, und bewog die Truppen, nach Sicca zu marschieren, etwa 200 Kilometer westlich von Karthago. Dort sollte der restliche Sold ausgezahlt werden. Im Kreise um Hanno den Großen legte man keinen Wert mehr auf eine starke, kriegserfahrene Streitmacht, Krieg würde es niemals mehr geben! Die Armee von Sizilien nahm diese Regelung an und schlug vor, die Weiber und Kinder als Geiseln in der Stadt zurückzulassen. Der Stadtkönig und die ‚Gerusia‘ lehnten ab. Was sollte man mit diesem Gesindel in der Stadt? Die Zwanzigtausend marschierten mit Sack und Pack, Weib und Kind durch die ‚chora‘, wie die Griechen das Agrargebiet Karthagos nannten. Sie sahen die ‚Türme‘ karthagischer Landherren, die riesigen, wohlbestellten Güter, sie kamen mit der im Frondienst lebenden Bauernschaft in Berührung. Gefährlicher sozialer Zündstoff häufte sich. Bei Sicca bezog die Armee ein Lager. Die ‚Gerusia‘ knüpfte neue Unterhandlungen - 35 -
an. Bei Hanno dem Großen mag auch die Überlegung im Spiel gewesen sein, daß diese Armee ja im Grunde immer noch auf einen so ehrgeizigen Mann wie Hamilkar Barkas eingeschworen war. Ihm hatte sie die Treue in schwerer Zeit gehalten. Die karthagischen Unterhändler verlegten sich darauf, den Endpreis herabzudrücken. Die Sprecher der Söldner erhoben dagegen nun neue Forderungen: Ersatz für verlorengegangenes Brotgetreide und für die Pferde, die man eingebüßt hatte. Die karthagische Delegation reiste wieder ab. Die Zwanzigtausend marschierten von neuem und erschienen vor Tunes (Tunis), etwa 25 Kilometer von Karthago entfernt, um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Die Furcht, die auf diese Kunde hin in Karthago um sich griff, kann auch dem jungen Hannibal im Palast in Megara kaum verborgen geblieben sein. Die ‚Gerusia‘ schickte eilends den letzten Kommandeur auf Sizilien, Geskon, mit einer Anzahl hamilkarischer Offiziere nach Tunes. Ihr Auftrag lautete: Alle Forderungen, über die man mit den Truppen nicht mehr sprechen könne, seien zu erfüllen. Geskon, ein tüchtiger Soldat und den Söldnern gut bekannt, hätte beinahe Erfolg gehabt: Die Offiziere hörten auf ihn. Doch war die Gärung im Heer selbst so groß geworden, daß ihnen die Truppe den Gehorsam verweigerte. Längst hatten sich Rädelsführer gefunden, die die Parole ausgaben, man müsse sich an Karthago und seinen Geldsäcken rächen. Ein Osker aus Campanien, Spendi- 36 -
os, angeblich der Sohn eines Schenkwirtes und einer griechischen Prostituierten, der als Rudersklave zu den Karthagern desertiert war, der libysche Bauernsohn Mathos, ein weiterer Libyer namens Zarzas und ein Kelte, Autaritos, hatten sich zu Sprechern der Armee aufgeworfen. Sie ließen Geskon und seine Begleiter verhaften. Spendios und Mathos proklamierten sich in eigener Machtvollkommenheit als Strategen der Armee. Das war mehr als eine Meuterei, es war eine Soldaten- und Bauernrevolution: Die libyschen Bauern folgten spontan dem Beispiel ihrer dienenden Söhne und erhoben sich auf den Latifundien. Viele kleinere Landstädte schlossen sich den Aufständischen an. Diese sperrten zunächst am Bagradasfluß die Zufuhren für Karthago. Dann schickten sie Abgesandte nach Sardinien und gewannen die dort stehenden Söldnerkontingente für ihre Sache. Die karthagischen Offiziere auf Sardinien wurden niedergemetzelt, so daß die Insel praktisch in der Hand der Aufständischen war. In diesem Jahr 240 v. Chr. war es sehr die Frage, ob man in Rom der Versuchung widerstehen würde, sich dieser wichtigen karthagischen Bastion im westlichen Mittelmeer zu bemächtigen, um dort die Ordnung wiederherzustellen. Angesichts dieser offenkundigen Gefahr bestimmten die Oberbehörden Karthagos Hanno den Großen zum Strategen, und die Volksversammlung billigte die - 37 -
Wahl. Der reaktionäre Oligarch hatte Erfahrung in der Unterdrückung von Bauernrevolten. Er bot die ‚Heilige Schar‘ auf, eine Garde aus jungen Adeligen. Ferner standen ihm etwa 6.000 Milizen aus der wehrungewohnten Bürgerschaft zur Verfügung sowie die Söldnertruppen, die die Festungswerke sicherten. Das kostbarste Potential waren in dieser Stunde jedoch die 100 Kriegselefanten, die man in den Kasematten der riesigen Stadtmauer hielt. Die karthagischen Militärs hatten diese ‚Waffengattung‘ kennengelernt, als König Pyrrhos von Epirus auf seinen Feldzügen in Unteritalien und auf Sizilien nach hellenistischem Vorbild Kampfelefanten einsetzte und zunächst Rom gegenüber einen beträchtlichen Überraschungserfolg erzielte. Pyrrhos führte noch indische Elefanten mit sich. Die Lenker dieser Ungetüme nannte man daher ‚Indoi‘ (Inder), weil wohl Inder ursprünglich die Lehrmeister solcher Kampfführung gewesen waren. Die Karthager brauchten keinen indischen Import. In den Savannen Algeriens und Marokkos lebte damals noch der nordafrikanische Waldelefant, eine im 4. nachchristlichen Jahrhundert allmählich ausgestorbene Elefantenart, deren Schulterhöhe etwa 2,40 bis 2,60 Meter betrug, die also kleinwüchsiger war als ihre asiatischen Vettern. Der junge Hannibal mag die grauen Riesentiere mit dem ‚Inder‘ im Nacken, dem Panzersattel und dem hölzernen Gefechtsturm, in dem drei oder vier Speerschützen saßen, damals zum ersten - 38 -
Mal gesehen haben, als sie gegen die Revolutionäre geführt wurden.11 Hanno der Große unternahm einen Versuch, Utica zu entsetzen, eine phönizische Kolonialstadt in Nordafrika, die noch älter als Karthago war. Der Angriff wurde abgeschlagen. Dem altgewohnten Brauch entsprechend wählte man in Karthago indes einen zweiten Strategen, Hamilkar Barkas, fraglos ein Resultat der Beziehungen, die dieser zum Stadtkönig und zu volksfreundlichen Politikern geknüpft hatte. Außerdem war der Barkide der beste Soldat, über den die Stadt verfügte. Mit 10.000 Mann und 70 Elefanten sprengte Hamilkar Barkas den Sperriegel der Aufständischen am Bagradas. Zug um Zug gewann der zweite Stratege die Landstädte zurück. Als der Campaner Spendios und der Kelte Autaritos mit 8.000 Söldnern, libyschen Bauernhaufen und numidischen Reitern den Versuch riskierten, die Regierungsarmee einzukesseln, ging im entscheidenden Augenblick der numidische Reiterfürst Naravas mit 2.000 Mann leichter Kavallerie zu den Karthagern über. Hamilkar Barkas gab ihm eine seiner Töchter zur Gemahlin. In der von Bergen umschlossenen Ebene von Nepheris bei Tunes bereitete er den Rebellen die zweite schwere Niederlage. 10.000 Mann von ihnen blieben in der Schlacht, 4.000 Söldner gaben sich gefangen. Viele von ihnen waren Veteranen der Armee von Sizilien. Hamilkar zeigte sich milde, bot ihnen den Über- 39 -
tritt in die eigene Armee an oder gegen Lösegeld freien Abzug in die Heimat. Spendios und Autaritos sahen in dieser Maßnahme eine tödliche Gefahr für den inneren Zusammenhalt der Revolutionsarmee. Um eine solche gütliche Regelung unmöglich zu machen, ließen sie den gefangenen Geskon und seine Offiziere unter schrecklichen Martern hinrichten. Der Krieg ging weiter, die Revolution gewann wieder an Boden. Dazu kamen heimliche Rivalitäten zwischen Hanno dem Großen und Hamilkar Barkas. In dieser kritischen Lage setzte die Partei der Barkas in Karthago eine geradezu revolutionäre Neuerung durch: Die Armee sollte künftig ihren Strategen selbst bestimmen. Und sie wählte Hamilkar Barkas. Hanno der Große hatte keine Chance. Als zweiten Strategen erkor man den Sohn des Siegers über Regulus im Ersten Punischen Krieg, der wiederum den Namen Hannibal führte. Freilich war damit der Krieg noch nicht entschieden. Die Aufständischen erschienen noch einmal vor den Mauern Karthagos. Im Gegenschlag schloß Hamilkar Barkas den Gegner in Tunes ein, unterstützt durch das Korps seines Mitfeldherrn. Diesem Hannibal war freilich kein Glück im Feld beschieden. Sein Korps wurde von den Rebellen zersprengt, er selbst und die ihn begleitenden Gerusiasten gefangengenommen und auf den Mauern von Tunes gekreuzigt. Jetzt gab es keine Gnade mehr in diesem Bürgerkrieg. Hamilkar Barkas gelang es, das Gros der Auf- 40 -
ständischen unter Spendios, Autaritos und Zarzas am Prionfluß einzukesseln. Zum letzten Angriff setzte er die Kampfelefanten ein, die unter den Eingeschlossenen ein furchtbares Blutbad anrichteten. Die drei Rebellenführer wurden lebend ergriffen und hingerichtet. Nach dem Kreuzestod des Hannibal in Tunes mußte wieder ein zweiter Stratege gewählt werden. Noch einmal kam Hanno der Große zum Zuge. Man ermahnte ihn freilich, mit Hamilkar Barkas bessere Fühlung zu halten als in den Vorjahren. Vereint schlugen sie im Jahre 238 v. Chr. das letzte Aufgebot der Rebellen. Der ‚Bauernkönig‘ Mathos geriet in Gefangenschaft und wurde zu Tode gefoltert.12 Karthago konnte aufatmen, die Militär- und Bauernrevolte war buchstäblich in Blut erstickt worden. Als man sich jedoch nun anschickte, verläßliche Truppen nach Sardinien zu entsenden, um dort die Ordnung wiederherzustellen, protestierte Rom und sprach von einer Verletzung des Friedens von 241. Es entsandte vielmehr eigene Truppen nach Sardinien und besetzte die strategisch so bedeutsame Insel, ohne daß Karthago es an dieser Intervention hätte hindern können. Auf einen zweiten Krieg gegen Rom konnte man sich in diesem Jahr 238 v. Chr. nicht einlassen. Und die oligarchische Partei in der Stadt hatte ganz andere Sorgen. Vor der Stadt stand Hamilkar Barkas mit vielleicht 20.000 gut ausgebildeten und im Bürgerkrieg Sieger gebliebenen Söldnern, die ihn zum Feldherrn gewählt hat- 41 -
ten. Durch seine Ehepolitik, durch die Verheiratung zweier Töchter an numidische Fürsten hatte sich dieser unheimliche Mann drinnen wie draußen eine beängstigende Gefolgschaft gesichert.13 In Karthago sorgte sein Schwiegersohn Hasdrubal der Schöne für eine umfangreiche Klientel, die vor allem in der Volksversammlung an Gewicht gewann. Dieser junge Politiker sah so vorzüglich aus, daß die griechischen Schriftsteller ihm nachsagten, er sei Hamilkar Barkas Lustknabe gewesen, ehe ihn dieser der Tochter zum Mann gegeben hatte. Für griechisches Denken war solcher Klatsch typisch. Doch die hellenische Bisexualität gehörte kaum zu den Eigentümlichkeiten des Puniertums. Viel interessanter war, daß die Armee unter Hamilkar Barkas durch das Zugeständnis eigener Strategen-Wahl die Unabhängigkeit von den oligarchischen Verwaltungsgremien und vom Staatsgerichtshof der ‚Hundertvier‘ erlangt hatte.14 Angesichts dieser Umwälzung erstaunt es nicht, daß die Partei der Hannoniden den Versuch unternahm, Hamilkar Barkas doch noch vor die ‚Hundertvier‘ zu bringen. Man klagte ihn an, er habe selbst den eben überwundenen Bürgerkrieg ausgelöst, weil er seinen Söldnern auf Sizilien übertriebene Versprechungen gemacht habe. Das Verfahren kam jedoch nicht zustande: Die breite Masse hatte kein Verständnis dafür, daß man um aristokratischer Rankünen willen den Retter der Stadt vor Gericht ziehen wollte. Frühere Strategen hätten in einer solchen Lage vielleicht einen - 42 -
Militärputsch erwogen. Hamilkar Barkas brauchte ein derartiges Risiko bei seinen Familienbeziehungen gar nicht einzugehen. Hasdrubal der Schöne und seine Klientel setzten durch, daß der Staatsprozeß niedergeschlagen wurde. Während Hanno der Große mit der Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung auf dem flachen Lande sein Militäramt niederlegte, blieb Hamilkar Barkas Stratege für Libyen und die metagonitischen Städte, ein Kommandobereich, der das karthagische Hinterland sowie die karthagischen Stützpunkte an der nordafrikanischen Küste und im südlichsten Zipfel von Spanien einschloß. Die Armee hatte ihn gewählt. Warum sollte er jetzt seine bewaffnete Hausmacht aus der Hand geben? Gewiß, die Volksversammlung hatte den militärischen Wahlakt noch zu bestätigen, aber hier führte Hasdrubal des Schönen Partei das Wort. Im Grunde war als Resultat des revolutionären Geschehens jetzt ein heimliches Heerkönigtum entstanden. Hamilkar Barkas hatte für sich, sein Haus und seine drei Söhne, die ‚Löwenbrut‘ (catuli leoni), wie sie antike Schriftsteller genannt haben15, eine Machtstellung erlangt, wie sie vor den Barkas höchstens noch die Magoniden besessen hatten. Aber war dieser Machterwerb nun Ausdruck eines entschiedenen Revanchestrebens gegenüber Rom, oder war er ausschließlich darauf abgestellt, die Kraft des eigenen Hauses und die Konsolidierung der Vaterstadt zu fördern?16
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III. Vizekönige in Spanien Vor den mächtigen Stadtmauern Karthagos mit den flankierend vorspringenden Türmen stand die Armee des Strategen von Libyen und der metagonitischen Städte zum Abmarsch bereit. Stabsoffiziere in Panzer und Bügelhelm mit dunkelroter Raupe oder weißen und roten Helmbüschen und die schwarzgewandeten Gerusiasten erwarteten Hamilkar Barkas. Manche der Herren aus der ‚Gerusia‘, des Dreißiger-Rates, trugen schwere goldene Ohrringe.1 In langer Kolonne waren die Elefanten aufmarschiert, den ‚Inder‘ im Nacken, die Gefechtstürme vorschriftsmäßig besetzt. Die libysch-phönizische schwere Infanterie trug die hellenistische Hoplitenrüstung, die meist aus den Werkstätten campanisch-italischer Gießer bezogen wurde: Bügelhelm mit Backenschutz, Schuppenpanzer, Beinschienen, große ovale Metallschilde, Schwert und lange Stoßlanze.2 Dazu kamen iberische Fußsöldner3, Schleuderer in Schafspelzen von den Balearen, Speerschützen aus Ligurien und Bogenschützen aus Mauretanien (Marokko). Ungeduldig harrten die Hundertschaften der numidischen Reiterei ihres Oberfeldherrn, mühsam ihre kleinen zähen Rosse bändigend. Jeder Reiter war mit einem Bündel von leichten Wurfspießen bewaffnet.4 Hamilkar Barkas wollte nach Westen abrücken. Im ‚Kothon‘, dem weltberühmten Hafen, machte ein Ge- 44 -
schwader von Penteren und Transportschiffen die Leinen los. Hamilkars Schwiegersohn Hasdrubal der Schöne führte das Kommando über die Begleitflotte. Vorher aber galt es, dem Baal Shannim, dem Herren aller Himmel, ein Opfer zu bringen. Nachdem das Blut der Opfertiere auf dem Altar verdampft war, wies Hamilkar Barkas die ‚kohanim‘ zur Seite, ließ seinen Sohn Hannibal, der ihn diesmal auf seinem Zug begleiten sollte, vortreten und nahm ihm im Angesicht des Herrn aller Himmel einen Eid ab, demzufolge der Erbe niemals mit den Römern ‚in Freundschaft‘ (in amicitia) leben dürfe … Das ist die älteste und einfachste Fassung der Geschichte vom Jugendeid Hannibals. Wahrscheinlich war er damals neun Jahre alt. Erst Jahrzehnte später, als er als Emigrant am Hofe des Seleukiden-Königs Antiochos III. des Großen lebte, hat Hannibal etwa um die Wende der Jahre 193/92 v. Chr. dem mißtrauischen hellenistischen Herrscher davon erzählt – oder soll dies jedenfalls getan haben. Man hat bezweifelt, daß dieser Eid von dem Neunjährigen jemals tatsächlich geleistet worden ist. Der Vater hat ihn dem Sohn in aller Vertraulichkeit abgenommen: Das Gespräch mit dem König fand unter vier Augen statt.5 Ausgeschmückt als Racheschwur gegen Rom, als Verpflichtung zum Revanchekrieg paßte die Legende vom Eid vortrefflich in das römische Konzept, den Karthagern alle Schuld am Zweiten Punischen Krieg und jedes Maß an Rachsucht - 45 -
zuzuschreiben. Sie könnte sehr wohl in römischen Küchen erfunden worden sein. Andererseits sind an Königshöfen Indiskretionen jeder Art möglich. Auch sehr skeptische Gemüter haben nicht in Abrede gestellt, daß der Tempelschwur durchaus stattgefunden haben könnte.6 In der besten, ältesten Fassung besagt der Eid nur dies: Der Erbe des Hauses Barkas gelobte dem Vater, den Römern niemals freundlich gesonnen zu sein. Das entsprach eher einem steten Mißtrauen gegen Rom als der Verpflichtung, um jeden Preis wieder zu den Waffen zu greifen. Unzweifelhaft hatte Hamilkar Barkas die eigene militärische Ohnmacht auf Sizilien sehr bitter empfunden, unzweifelhaft hatte er den Frieden nur ungern abgeschlossen. Aber was sein Mißtrauen gegen Rom noch viel stärker beflügelt haben dürfte, war die römische Intervention bei der angestrebten Wiedergewinnung Sardiniens. In Karthago hatte man in dieser Stunde, unter den Schatten des Bürgerkrieges, sich der Intervention Roms beugen müssen. Damit aber war der Sperriegel im westlichen Mittelmeer unter römische Kontrolle geraten. Nach dem Verlust der sizilianischen Bastion war dies der zweite schwere Schlag. So erscheint es durchaus wahrscheinlich, daß Hamilkar Barkas den Erben so früh zu äußerster Vorsicht verpflichtet hat. Als Hamilkar Barkas mit Armee und Flotte gen Westen aufbrach, lautete sein offizieller Auftrag nur, in der - 46 -
Metagonitis, dem Hinterland der Häfen in Ostalgerien und Marokko, wieder geordnete Verhältnisse herzustellen. Ob sein Übergang nach Spanien, dessen Süd- und Südostküste mit einer ganzen Reihe zum Teil uralter phönizisch-karthagischer Handelsstützpunkte und Faktoreien zu seinem Kommandobereich zählte, im Einvernehmen mit den Regenten in Karthago erfolgte, ist unklar. Überliefert ist uns nur der Protest der Anti-Barkiner in den oligarchischen Ratsgremien: Der Stratege habe seinen Auftrag überschritten und in Spanien Krieg mit Leuten begonnen, die ihnen, das heißt den reaktionären Oligarchen, nichts zu Leide getan hätten. Das aber war nur der Protest der Opposition. Die Antwort des ‚basileus‘ und der Barkiner in den Ratsgremien ist nicht überliefert. Möglicherweise haben sie dazu geschwiegen. Es erscheint jedoch nicht gut denkbar, daß der Stratege bei einem so gewichtigen Schritt gänzlich ohne ein geheimes Einvernehmen mit dem ‚basileus‘ und der Gerusia gehandelt hat. Für die großen Geschäftsleute Karthagos lag die Idee nahe, die noch aus tyrischen Zeiten herrührenden Wirtschaftsbeziehungen mitsamt dem Zwischenhandel mit Silber und anderen Erzen kraftvoll zu aktivieren und sich auf der iberischen Halbinsel neue Rohstoffgebiete zu sichern. Eins ist jedenfalls sicher: Welche Pläne oder Wünsche Hamilkar Barkas, seinen Schwiegersohn und ersten Nachfolger Hasdrubal den Schönen und dann seinen Erben Hannibal in Spanien auch immer bewegt - 47 -
haben mögen – die Eroberung eines großen Kolonialreiches für die Heimat, die Errichtung eines barkidischen Militär-Königtums nach hellenistischem Vorbild, die Gewinnung einer Basis für den nächsten Krieg gegen Rom –, sie konnten die Verbindung mit Karthago niemals völlig abreißen lassen. Hier befand sich das Reservoir für das höhere Offizierkorps, für die besten Truppen ihrer Armee, die schwere libysch-phönizische Infanterie der Fronbauern aus der ‚chora‘, die numidische Kavallerie und die Kampfelefanten, zu deren Ergänzung besondere Fangkommandos in Ostalgerien und Marokko tätig waren. Gewiß gab es das verlockende Vorbild der Marschälle Alexanders des Großen, die sich nach dessen Tod unter wilden Kämpfen eigene Militärstaaten in Makedonien, Ägypten und Vorderasien geschaffen hatten. Doch hatte Hamilkar sicherlich auch das warnende Schicksal des ehrgeizigen Königs Pyrrhos, des Neffen Alexanders, vor Augen, der – auch zum Schaden Karthagos – ein eigenes Soldatenreich in Unteritalien und auf Sizilien hatte gründen wollen. Pyrrhos’ militärische Denkwürdigkeiten waren in der Mittelmeerwelt hinlänglich bekannt und dürften auch im Stab Hamilkars gelesen worden sein. Zwischen diesen Gewaltmenschen der hellenistischen Welt und den Barkiden bestand allerdings ein fundamentaler Unterschied: Erstere wurzelten nicht in den magisch-religiösen Beziehungen, wie sie für die karthagisch-phönizische Aristokratie typisch waren. - 48 -
Die völlige Loslösung von der Heimatstadt hätte für den mit der Priesterschaft so eng verbundenen Adel eine Absage an jene Götter bedeutet, denen die einzelne Familie besonders verpflichtet war, im Falle der Barkas an Baal Shannim, den Herren aller Himmel und die Herrin Tanit. Diese Bande wogen viel schwerer als jede militärisch-politisch-technische Überlegung. Eben diese Verbindung von Magie und hartem Geschäftssinn ließ das punische Wesen den Griechen und Römern so schwer verständlich und unheimlich erscheinen. In jedem Fall ergab sich für Hamilkar Barkas bei seinem Abmarsch nach Westen 237 v. Chr. das bedrückende Bild, daß alle karthagischen Außenposten im zentralen und westlichen Mittelmeer von Sizilien bis Sardinien und Korsika verloren waren. Die früheren Verträge mit Rom über die Abgrenzung der Seehandelsbereiche im Mittelmeer hatten sich längst als chimärisch erwiesen.7 Die einstige Vorherrschaft zur See ließ sich kaum wiederherstellen. Zudem hatte das Vertrauen in die eigene Flottenkraft wohl durch die schweren Niederlagen einen entscheidenden Schlag erhalten. Geblieben war die Stadt, die zu großen Teilen durch den Soldaten- und Bauernaufstand verwüstete ‚chora‘ und das dünne Netz der Stützpunkte an der nordafrikanischen Mittelmeerküste mit Außenposten in Südspanien: Gades (Cadiz) im Südwesten, Malaka (Malaga) und einzelnen Posten bis zum Kap de la Nao an der spanischen Ostküste. Aber gerade Spanien mit seinem - 49 -
Silberbergbau und seinen holzreichen Wäldern bot sich als interessantes Objekt für die Errichtung eines großen Kolonialreiches an. Außerdem lag die iberische Halbinsel zum Großteil außerhalb der römischen Interessensphäre – soweit sich in Karthago der unersättliche Machthunger der Konsuln und Senatoren am Tiber vorausberechnen ließ. In der Sicht der hellenisch-römischen Autoren, Polybios und Livius, die unsere Hauptquelle für das Leben Hannibals bilden, stellte die Errichtung des spanischen Teilimperiums der Barkiden allerdings nur den ersten Schritt für den großen Rachekrieg gegen Rom dar.8 Der Marsch dieses etwa 30.000 Mann starken, bunt zusammengewürfelten Söldnerheeres mit seinem Riesentroß an Packtieren, mit Gepäck und Rüstwagen, mit Schanzzeug und Belagerungsgerät, mit dem unübersehbaren Gewirr von Soldatenweibern und Kindern war Hannibals erste Schule im Kriegshandwerk. Vermutlich im Spätherbst 237 v. Chr. setzte die Armee mit Hilfe der Flotte, die das Heer längs der Küste Algeriens und Marokkos bis zu den Säulen des Herakles, der Meerenge von Gibraltar begleitet hatte, nach Spanien über. Hamilkar Barkas schickte sich an, für Karthago ein neues Reich zu gewinnen. In den acht Jahren, die ihm in Spanien beschieden waren, erweiterte Hannibals Vater – ungeachtet der Opposition der Hannoniden9 – Schritt um Schritt das karthagische Herrschaftsgebiet. Die ersten Operationen erstreckten sich auf das Fluß- 50 -
gebiet des Baetis (Guadalquivir) im heutigen Andalusien. Akra Leuké (Alicante), die ‚Weiße Burg‘, wurde die erste Hauptstadt des neuen Kolonialreiches.10 Wir wissen nicht gerade viel von diesen Feldzügen, aber es müssen Unternehmungen gewesen sein, die ebensoviel Kühnheit wie diplomatische List erfordert haben – Feldzüge, die jenen nicht nachstehen, die Julius Cäsar zweiundeinviertel Jahrhundert später in Gallien führen sollte. Auch der Gegner ist nur noch schattenhaft erkennbar. Selten tauchen Namen von Befehlshabern auf der iberisch-keltischen Seite auf, wie der des keltischen Kondottiere Istolatios, den sich die Stämme am Unterlauf des Baetis als gemeinsamen Feldherrn erkoren hatten. Die iberische Halbinsel war, was den Landschaftscharakter anbetraf, damals noch völlig anders beschaffen als heute. Die Gebirge bedeckte dunkler Wald, in dem Hirsche, Wildpferde, Bären, Wölfe und Luchse beheimatet waren. In den Tälern und Flußebenen lebten, in zahlreiche Stammesgruppen gespalten, die Keltiberer. Der Einfluß phönizischer und griechischer Siedlungen im Süden und an der Ostküste war nur schwach geblieben. Anfangs hatte es auf der Halbinsel vorindogermanische Völker gegeben, deren Reste sich in den Basken erhalten haben. Von Süden her, über die ‚Säulen des Herakles‘ hatten dann die Iberer im heutigen Spanien und Portugal Fuß gefaßt, eine Völkergemeinschaft, die wohl - 51 -
den Berbern verwandt war. Im 4. und 3. Jahrhundert v. Chr. waren dann die indogermanischen Kelten auf ihrer großen Wanderung nach Süden bis auf die Halbinsel vorgestoßen, hier und da durchsetzt auch mit germanischen Stammessplittern. Solche Einsprengsel fanden sich beispielsweise bei den Orissen (Oretanern), im Bereich des mittleren und oberen Guadiana am Nordabhang der Sierra Morena, aus deren Fürstenhaus übrigens Hannibals in den Quellen nur flüchtig erwähnte Gemahlin stammte. Aus diesem Völkergemisch hatten sich die Keltiberer gebildet, ein Schlag, bei dem die Merkmale iberischer Art überwogen. Es waren harte, zähe, unbändig heimatstolze Menschen von dunkler Hautfarbe und krausem Haar11, hervorragende Soldaten, aber befangen in kaum je unterbrochenen Stammeszwistigkeiten, zumal es auch noch rein keltische Stämme neben iberischen Gruppen gab. Zu größerer Staatenbildung war man hier aus eigener Kraft nie gelangt. Hierin lag die große Chance für den karthagischen Strategen. Es war nicht schwer, die heimischen Fürsten und Volksstämme gegeneinander auszuspielen. Verläßliche Bundesgenossen waren diese immens hochmütigen und zänkischen Fürsten allerdings kaum. Für die imperiale Politik der Barkiden war über alle militärisch-politischen Operationen hinaus jedoch ein ganz anderer, wirtschaftlicher Faktor ausschlaggebend. Beim altphönizischen Handelsposten Mastia, unweit des heutigen Cartagena, und bei Castulo (Cazlona) am - 52 -
Oberlauf des Baetis fanden sich reiche Erzvorkommen, vor allem Silber. Die Ausbeutung der Silberschätze wurde planmäßig in Angriff genommen, zur Finanzierung der eigenen barkidischen Macht wie zur Unterstützung der Heimatstadt im fernen Nordafrika. Das spanische Silber, das nach Karthago floß, besänftigte auch die Opposition gegen das Haus Barkas in den adeligen Ratsgremien und erleichterte die Begleichung der Kriegsentschädigung an Rom. In Süd- und Südostspanien festigte sich der neue karthagisch-spanische Herrschaftsverband von Jahr zu Jahr. Wo diplomatische Künste oder Subventionen nichts fruchteten, sprachen die Waffen gegen widerspenstige Fürsten. Vor allem die Kampfelefanten, die den Kelten und Iberern ganz unbekannt gewesen waren, erwiesen sich als Kriegsinstrument von großer psychologischer Bedeutung. Iberische Kontingente verstärkten die barkidische Armee. Die kriegerische einheimische Bevölkerung stellte eine vorzügliche schwere Infanterie und eine nicht minder brauchbare Reiterei. Diese Reiterverbände bevorzugten nach keltischer und germanischer Sitte den Doppelkampf zu Pferde wie zu Fuß, d. h. die Reiter saßen im Kampf ab und fochten zu Fuß weiter.12 Die Verbindung von schier unbesiegbarer militärischer Kraft und politischer Klugheit, die Hamilkar Barkas in Spanien bewies, muß auf den ältesten Sohn großen Eindruck gemacht haben. Die gleiche Taktik sollte - 53 -
Hannibal später beim Krieg gegen Rom anwenden, als er daranging, den Bund zwischen Rom, den italischen Einzelvölkern und den Griechenstädten Unteritaliens zu sprengen. Im Feldlager des Vaters während der Sommerfeldzüge, im Winterquartier auf der ‚Weißen Burg‘ vollzog sich seine Ausbildung zum soldatischen Führer wie zum politischen General. Der Vater nahm den Erben in eine harte Schule. Hannibal mußte, wie man so sagt, von der Pike auf dienen. In Kampagnen gegen iberische und keltische Aufgebote lernte er in den sonnendurchglühten Flußtälern und waldumrauschten Bergen die Wechselfälle des Kleinkrieges kennen, Überfälle aus dem Hinterhalt, den jähen Wechsel in der Parteigängerschaft der heimischen Fürsten und ähnliches mehr. Seltener waren große Treffen, bei denen dann die Elefanten und die schwerbewaffnete, lanzenstarrende Phalanx des Fußvolkes nach hellenistischer Sitte zum Einsatz gelangten. Schon damals muß sich Hannibal die makabre Weisheit eingeprägt haben, daß im Krieg nur eines sicher ist: daß nämlich alles unsicher ist. Sonst hätte er später die Wechselfälle im Krieg gegen Rom nicht mit so stoischem Gleichmut ertragen. Dem ‚Kronprinzen‘ des Hauses Barkas blieb nichts erspart. Der Drill in der Phalanx der schweren libyschphönizischen und nun zum Teil spanischen Infanterie so wenig wie der Reiterdienst bei den Numidern und der neuen spanischen Kavallerie. Er mußte die vielen - 54 -
Sprachen und Dialekte in diesem buntscheckigen Heer lernen, nicht nur das Griechische, das in den führenden Familien Karthagos ohnehin Zweitsprache war. Von noch größerem Wert war für die Zukunft, daß die Offiziere, die Drillmeister, die Söldner vom libysch-phönizischen Bauernsohn bis zum numidischen Reiter oder ligurischen Speerschützen den Sohn des Strategen kennenlernten. Von großen Soldaten geht auf die Mannschaft stets eine eigentümliche, rational kaum erklärbare Ausstrahlungskraft aus. Und Hannibal muß diese Kraft besessen haben, vielleicht weit mehr als der düstere, strenge Vater, sonst wäre ihm sein zusammengewürfeltes Heer unter den Händen zerbrochen, als sich der Krieg gegen Rom in Unteritalien dreizehn Jahre unentschieden hinschleppte. Zur engeren Umgebung Hamilkar Barkas gehörten, was zu jener Zeit, als Hannibal zum Mann heranwuchs, in den großen Familien Karthagos durchaus keine Seltenheit war, Griechen: Sprachlehrer, Hofmeister, Literaten, Militärberater. So fern dem magischen Empfinden der Aristokratie auch das hellenische Gedankengut blieb, so sehr war man bestrebt, die Ergebnisse der hellenistischen Wissenschaft zu nutzen, vor allem was die Kriegskunst betraf: Im Grunde war es ein spartanischer Kondottiere, Xantippos, der 255 v. Chr. die Schlacht gegen das römische Invasionsheer gewann. Aufzeichnungen der beiden Griechen, die später in der Umgebung Hannibals auftauchten – Sosylos aus Sparta und Silenos - 55 -
von Kale Akte auf Sizilien, die beide über Hannibals Feldzüge geschrieben haben – lassen vermuten, daß Sosylos von Sparta vielleicht noch durch die Vermittlung des Xantippos nach Karthago gekommen ist. In jedem Fall hat es an griechischen Literaten in der Umgebung Hamilkar Barkas’ nicht gefehlt. Besonders hervorzuheben ist der Schriftsteller Philinos von Akragas (Agrigent) auf Sizilien, der die Geschichte des Ersten Hamilkarischen Krieges gegen Rom verfaßt hat.13 Eines erscheint an der Schulung Hannibals höchst merkwürdig: Einst hatte es den Söhnen der karthagischen Oligarchie zur höchsten Ehre gereicht, wenn sie in der Schiffsführung und im Seekrieg brillierten. Eine andere Art der Kriegsführung hatten sie nur mühsam im Ringen um Sizilien adaptiert, und oft genug hatten sie dabei verloren. Bei Hannibal können wir nur eine strikt kontinentale Erziehung zur Landkriegsführung feststellen. Die zahlenmäßig schwache Flotte spielte künftig keine Rolle mehr. Karthago hatte zur See abgedankt. Die Vorherrschaft im Mittelmeer war dank der Bundesgenossenschaft mit den italischen Völkern und den Städten Unteritaliens, die noch immer Großgriechenland verkörperten, an Rom gefallen. Das Schwergewicht militärischer Macht hatte sich auf das Landheer verlagert, ein sehr merkwürdiger Umstand, der wahrscheinlich in den Gremien der Heimatstadt niemals völlig durchdacht worden ist. Die Erziehung des jungen Hannibal zu einer bewußt landgebundenen - 56 -
Strategie spiegelt indes den tiefen Bruch mit jeder punisch-karthagischen Tradition bereits deutlich wider. Hatte sich Hamilkar Barkas nach Westen, sozusagen von Rom abgewandt, so hieß das nicht, daß man am Tiber nicht jedes Vorgehen karthagischer Führer aufmerksam verfolgte. Um das Jahr 230 v. Chr. erschien daher eine römische Delegation in Akra Leuké, der ‚Weißen Burg‘. Hannibal war damals 16 oder 17 Jahre alt. Er sah zum ersten Mal die Vertreter Roms, jener Stadtrepublik, der er geschworen hatte, ihr niemals freundlich gesonnen zu sein. Die zwei Konsuln, die alljährlich neu gewählt wurden und die auch im Kriegsfall im Felde kommandierten, hatten damals viele Sorgen: Auf Sardinien und Korsika waren Wirren ausgebrochen; in Oberitalien drohten Verwicklungen mit den Keltenstämmen; in der Adria kämpfte Rom gegen illyrische Piraten und einen hellenistischen Kondottiere, Demetrios von Pharos, der sich hier in Dalmatien ein neues Reich gründen wollte. Um so argwöhnischer horchte man in der Stadt am Tiber auf, als man von den ungewöhnlichen Aktivitäten des karthagischen „Strategen von Libyen und der metagonitischen Städte“ in Spanien erfuhr. An der Rhônemündung in Gallien (Frankreich) gehörte die Griechenstadt Massilia (Marseille) zur römischen Eid-Schutzgenossenschaft. An der nördlichen Küste Ostspaniens gab es Städte wie Sagunt, von den Griechen Zakynthos genannt, die behaupteten, griechische Gründungen zu sein, in Wahrheit jedoch - 57 -
vollkommen iberisiert waren. Alle diese angeblichen oder tatsächlichen Griechensiedlungen sahen voll Mißtrauen auf die Ausbreitung des karthagischen Machtbereiches in Süd- und Südostspanien. Es ist uns nicht überliefert, was damals zwischen den ‚Vätern‘ des römischen Senats, grobschlächtigen Herren mit kantigen Gesichtern in strenger weißer Togatracht, und Hamilkar Barkas besprochen wurde. Vermutlich handelte es sich, von Rom aus gesehen, teils um eine Erkundungsreise, denn es war wichtig, genau zu erfahren, was Karthago hier in Spanien betrieb, teils um eine Goodwill-Tour, um den Mahnungen der Schutzstadt Massilia zu genügen.14 Zu dieser Zeit, etwa 230 v. Chr., war Hamilkar Barkas Herr über das heutige Andalusien, Granada und das Gebiet um Alicante. Ein Jahr, nachdem die verhaßten Gäste aus Rom aufgetaucht waren, operierte er im Bereich der für ihre Schafzucht berühmten Vettonen, in der Estremadura zwischen dem Duero- und dem Tajofluß. Zum Winter schickte er bereits das Gros seiner Armee, die schwere Infanterie und das Elefanten-Korps, in die Quartiere. Auf dem Rückmarsch nach Akra Leuké machte er vor Helike (Elche), landeinwärts von Alicante gelegen, halt, weil sich dort Widerstand geregt hatte. Im Heer Hamilkars befanden sich starke iberische Kontingente in ihren schwarzen Kriegsmänteln aus Ziegenwolle mit rotumbuschter Erzhaube.15 Überdies scheinen ihm Aufgebote der Vettonen und ihrer - 58 -
Verbündeten gefolgt zu sein, im späten Herbst oder zu Anbruch des Winters 229 v. Chr. kam es vor Helike zur Schlacht. Der Gegner war offenbar an Zahl überlegen. Zudem hatten sich die Aufständischen eine besondere Kriegslist ausgedacht. Vor ihrer Phalanx, der Angriffslinie der Infanterie, trieben sie mit dürrer Holzfracht beladene Ochsengespanne einher, die sie dann in Brand steckten, was zur Folge hatte, daß die Ochsen nach vorn durchgingen. Eine Flammenwand wälzte sich auf die Karthager zu. Wahrscheinlich hatte man dieses Manöver ersonnen, um die Kampfelefanten des Feindes scheu zu machen, ohne zu ahnen, daß diese sich nicht mehr beim Heer des Barkas befanden. In der Schlacht wechselte obendrein einer der iberischen Fürsten, ein Orisse, die Partei und schloß sich den Unabhängigkeitskämpfern an. Beim Rückzug blieb Hamilkar Barkas im Kampf. Nach einer anderen Version verschwand er bei dem Versuch, über den Tajo zu setzen. Es hieß auch, er habe sein Leben gegeben, um die Flucht seiner Söhne Hannibal, Hasdrubal und Mago zu decken, die sich in seiner Umgebung befunden hatten.16 Wie dem auch sei: Hamilkar Barkas schied 229 v. Chr. etwas über fünfzig Jahre alt, durch den Tod im Felde aus dem Spiel. Sein Erbe Hannibal war zur Zeit des Todes seines Vaters siebzehn oder achtzehn Jahre alt, also entschieden zu jung, um die Nachfolge antreten zu können. Die Wahl des neuen Oberkommandierenden lag nach dem Gesetz, das Hamilkar den Behör- 59 -
den von Karthago beim Söldnerkrieg abgetrotzt hatte, beim Heer. Und die Armee wählte nun als Nachfolger des ersten Barkiden seinen Schwiegersohn, Hasdrubal den Schönen, Hannibals Schwager. Die Volksversammlung in Karthago hieß die Wahl gut. Allem Anschein nach hat man den neuen Strategen von Libyen und Spanien auch in den ersten Jahren seiner Amtstätigkeit einmal nach Karthago gerufen, um einen Konflikt mit numidischen Fürsten beizulegen.17 Das Schwergewicht der Wirksamkeit Hasdrubals des Schönen lag jedoch im Ausbau der barkidischen Herrschaft in Spanien. Die spanischen Fürsten wählten ihn bald nach seiner Amtsübernahme auf einer besonderen Zusammenkunft zu ihrem ‚König‘, zum ‚strategos autokrator‘. Wie man diesen Akt in Karthago aufgenommen hat, ist nicht überliefert. In früheren Zeiten hätte der Staatsgerichtshof der ‚Hundertvier‘ einen Feldherrn, der sich zum ‚autokrator‘, zum Selbstherrscher, proklamieren ließ, sicher zur Verantwortung gezogen. Doch diese Zeiten gehörten der Vergangenheit an. Die ‚Hundertvier‘ hatten viel von ihrer Machtstellung eingebüßt, in der Volksversammlung gab es eine große probarkidische Fraktion und zudem kontrollierte Hasdrubal die einzige schlagkräftige Armee, über die Karthago verfügte. Der neue Regent des karthagischen Spanien hatte bislang die schwachen Seestreitkräfte befehligt. Seine Gaben lagen weniger auf militärischem, denn auf poli- 60 -
tischem und diplomatischem Gebiet. Ähnlich wie sein Schwiegervater vordem die Position seines Hauses durch Ehebündnisse mit numidischen Fürstenhäusern zu festigen versucht hatte, so suchte Hasdrubal die königliche Stellung der Barkas durch eine neue Heiratspolitik zu sichern. Er selbst, dessen erste Gemahlin inzwischen verstorben war, nahm eine spanische Fürstentochter zur Frau. Und er sorgte auch dafür, daß sein Schwager und präsumptiver Erbe Hannibal diesem Beispiel folgte. Hannibal wurde die Tochter eines Orissen-Fürsten aus Castilo anvermählt. Dem Dichter Silius Italicus zufolge soll ihr Name Imilke gelautet haben. Diese punische Namensbezeichnung bedeutet jedoch im Grunde nichts anderes als ‚Schwester des Königs‘ und dürfte wohl eine freie Erfindung des Poeten sein. Silius Italicus behauptet auch, aus der Ehe sei ein Sohn hervorgegangen. Dies ist jedoch äußerst unwahrscheinlich, da von irgendwelcher Nachkommenschaft Hannibals sonst nirgends die Rede ist. Offenbar ist die Gemahlin des späteren Feldherrn auch früh gestorben, noch bevor dessen große Laufbahn begann.18 Deutet die Heiratspolitik schon auf Hasdrubals Streben hin, die barkidische Familie fest mit Spanien zu verbinden, so tat er noch einen anderen Schritt, der an die Gepflogenheiten hellenistischer Soldatenherrscher im Osten erinnert: Er gab dem karthagischen Spanien eine neue eigene Hauptstadt, ‚Neu-Karthago‘ (Cartagena). Die ‚Neue Stadt‘ entstand in der Nähe der alten - 61 -
Faktorei Mastia an der Südostküste auf einem halbinselförmigen Bergzug, der im Norden und Osten vom Meer umspült war. Bei hohem Wasserstand verwandelte sich der Bergzug in eine Insel. Er wurde auch durch einen breiten Damm mit dem Festland verbunden, der aus Verteidigungsgründen mit einem Durchstich und einer jederzeit abschlagbaren Brücke versehen war. Auf einem Hügel im Osten der Stadtanlage errichtete man dem Baal Esmun einen Tempel. Auf einem zweiten Hügel im Westen ließ Hasdrubal der Schöne für sich und seine Nachfolger einen Palast bauen, den der griechische Schriftsteller Polybios nicht zu Unrecht die ‚Königs-Burg‘ genannt hat. Hier hielt der Barkide nach der Manier hellenistischer Herrscher Hof, umgeben von jedem Luxus, den die punisch-hellenistische Mischkultur kannte. Hierher wallfahrteten die spanischen Vasallenfürsten. Hier wurden die Töchter von Stammesherren, deren Haltung unsicher schien, als Geiseln gehalten. Hasdrubals junger Schwager, der zu wahrhaft spartanischer Bedürfnislosigkeit erzogen war, mag soviel Prachtentfaltung mit Kopfschütteln betrachtet haben. Die königliche Stellung der Barkiden fand auch ihren Niederschlag in der Münzprägung. Auf den Münzen aus dieser Zeit erscheinen neben dem Wahrzeichen Karthagos, einem Roß unter einer Palme, Abbildungen des nordafrikanischen Waldelefanten oder Nachbildungen des gaditanischen Herakles, des Melkarth der Karthager, auch Portraits, vermutlich nach dem Vor- 62 -
bild der hellenistischen Könige von Syrakus. Die Münzportraits zeigen, wie bereits erwähnt (vgl. S. 19) die Köpfe eines bärtigen, etwa 50 Jahre alten Mannes, eines mit dem Diadem, dem Zeichen fürstlichen Ranges, geschmückten jüngeren Mannes und eines bartlosen athletischen Jünglings. Während man in dem bärtigen Kopf das Portrait Hamilkars sehen wollte, könnte das diademgeschmückte Haupt auf Hasdrubal den Schönen gedeutet werden, der Jünglingskopf hingegen auf Hannibal selbst. Bei diesem dritten Portrait handelt es sich um ein sehr ausdrucksvolles Antlitz mit stark entwickelter Augenbrauenpartie, einer Sattelnase und einem energischen Kinn. Die Lippen sind voll und fleischig, das Auge läßt jenes Feuer ahnen, das die antiken Autoren dem großen Karthager zugeschrieben haben. Ließe sich diese Deutung einhellig beweisen, müßte man allerdings konstatieren, daß dieser Jünglingskopf keinerlei typisch punisch-altphönizische Züge aufweist, eher könnte man an eine Beimischung berberisch-numidischen Blutes denken. Daß Ehen zwischen vornehmen karthagischen und numidischen Familien möglich waren, zeigt die Geschichte der Barkiden. Eine 1944 in Volubilis (Cherchel) im heutigen Marokko entdeckte Bronzebüste, die einen diademgeschmückten Jüngling darstellt, weist Ähnlichkeit mit dem dritten der Münzbilder auf, allerdings mit Abweichungen in der Augenpartie. Mit absoluter Sicherheit lassen sich jedoch weder die Münzportraits noch die Büste von Volubilis - 63 -
identifizieren, obwohl der Graveur offenbar die Absicht gehabt hat, seinen Kunstwerken Portraitähnlichkeit zu geben.19 Möglicherweise aber hatten die barkidischen Regenten selbst ein Interesse daran, bei der Münzprägung das Problem der Deutung offenzulassen, so daß man auch glauben konnte, es handelte sich bei diesen Köpfen um Prägungen des gaditanischen Herakles in verschiedener Gestalt. Schließlich bedeutete die Münzprägung mit Herrscherhäuptern nicht nur einen Verstoß gegen die altorientalischen Sitten der Oligarchie, sondern auch eine Hervorhebung des eigenen königlichen Souveränitätsanspruches, was einem revolutionären Akt gleichkam. Ein völliger Bruch mit der Stadt der Väter und den alten Göttern aber lag nicht im Bestreben der Barkiden. Freilich verschoben sich alle Machtverhältnisse. Der Aufschwung, den das ‚Neue Karthago‘ mit seinen in unmittelbarer Nähe liegenden reichen Silberbergwerken nahm20, der sich entfaltende Seehandel und die großen Fischpökeleien der ‚Neuen Stadt‘ machten Karthago in zunehmendem Maß wirtschaftlich von der spanischen Kolonie abhängig. Der Silberstrom aus Spanien scheint sich auf die heimische Produktion an Exportgütern keineswegs günstig ausgewirkt zu haben: Der Export punischer Waren ging zurück, der Import vor allem campanisch-italischer Verbrauchsgüter stieg mit der wachsenden Kaufkraft, wie Grabfunde aus hannibalischer Zeit lehren. Der Silberreichtum machte eher - 64 -
träge, als daß er belebend wirkte. Umgekehrt stärkte der Besitz dieser Gruben wieder die politische Stellung der Barkiden in der Heimat. Rund 40.000 Menschen, meist Sklaven, arbeiteten unter dem Druck punischer Werkmeister in den Gruben bei Neu-Karthago. Der Reinertrag belief sich nach unserem Geld auf etwa 10 Milliarden Mark im Jahr. Glanz und Macht, die von Neu-Karthago ausstrahlten, zogen weite Kreise. Die griechischen Städte im Norden, Ampurias (Emporiae, heute La Escala in der Provinz Tarragona) und das damals noch mächtige Massilia (Marseille) an der Rhônemündung in Südgallien wurden unruhig. Die Furcht vor der karthagischen Konkurrenz im westlichen Mittelmeer war hier seit Jahrhunderten Tradition. Massilia genoß römischen Schutz. Warnende Berichte nach Rom über die bedrohliche Ausbreitung der Macht Karthagos in Spanien können hier nicht ausgeblieben sein. So reiste im Jahre 226 v. Chr. eine zweite römische Gesandtschaft nach Spanien, um die Rolle der Schutzmacht für die iberischen Griechensiedlungen Ampurias, Rhodas und Sagunt (Sagunto) wahrzunehmen. Seit dem Sieg über Karthago und der Gewinnung von Basen auf Sizilien entfaltete man in Rom gern das Banner des Philhellenismus für die ganze angeblich oder tatsächlich hellenische Städtewelt. Was Sagunt betraf, das der Sage nach von Griechen aus Zakynthos gegründet worden sein sollte, war es höchst unsicher, ob es sich - 65 -
wirklich um eine alte griechische Kolonie oder um eine iberische, oberflächlich gräzisierte Stadt handelte. Dem Charakter nach war Sagunt, an dem sich später der zweite große Krieg zwischen Rom und Karthago entzünden sollte, jedenfalls völlig iberisch. Hasdrubal der Schöne empfing die Senatoren vom Tiber auf seiner Königsburg in Neu-Karthago. Hannibal, der inzwischen oberster Kavalleriekommandeur geworden war, sah zum zweiten Mal Repräsentanten jenes Volkes, von dem er dem Vater geschworen hatte, er wolle niemals in Freundschaft mit ihm leben. Die römischen Gesandten verlangten kühl den Abschluß eines Vertrages, in dem sich Hasdrubal der Schöne verpflichtete, niemals den Iberusfluß nach Norden zu überschreiten. Gemeinhin hat man den Iberus für identisch mit dem Ebro, dem größten Strom Spaniens im Norden gehalten. Auf der anderen Seite besagen die antiken Quellen, daß Sagunt nördlich des Iberus gelegen hat. Nach der Karte liegt das alte Saguntum und heutige Sagunto indes südlich des Ebro. Angesichts dieses geographischen Dilemmas bietet sich heute nur eine plausible Erklärung an, die von französischen Gelehrten gegeben worden und ebenso ungewöhnlich wie eingängig ist: Die Römer haben unter dem „Iberus“ 226 v. Chr. einen ganz anderen Strom als den Ebro verstanden, nämlich den Jucar, der in Mittelspanien in den Golf von Valencia einmündet. Ein Vertrag, der den heutigen Ebro als Sicherheitslinie bezeichnete, hätte beispiels- 66 -
weise Sagunt, wo eine romfreundliche Partei am Werk war, gar nichts genutzt. Beim Konflikt um Sagunt haben später die Karthager auch niemals die These vorgebracht, Sagunt hätte in ihrer Einflußzone südlich des Iberus (= Ebro) gelegen! Für Hasdrubal den Schönen wäre es ein Leichtes gewesen, den hoch im Norden fließenden Ebro-Iberus als Demarkationslinie anzuerkennen. Fügte er sich dagegen in die Iberus-(Jucar-)Lösung, so nahm er damit eine klare Begrenzung seines Herrschaftsbereiches auf Süd- und Mittelspanien in Kauf. Trotzdem unterschrieb Hasdrubal der Schöne den Vertrag. Von irgendwelchen Gegenleistungen Roms, etwa einer Nichteinmischungsklausel für den karthagischen Bereich, war nicht die Rede. Der bald zu unseliger Berühmtheit gelangende Iberus-Vertrag war ein Diktat. Hasdrubal hielt auch keinerlei Rückfrage in Karthago, ehe er unterzeichnete. Ein derartiger Schritt hätte die Verhandlungen nur in die Länge gezogen. Im Grunde sprach der Vertrag dem Barkiden gerade jene Rolle ab, König und Schirmherr der spanischen Fürsten zu sein, die ihm diese auf ihrem Fürstentag 229 oder 228 v. Chr. zugedacht hatten. Hannibal hat sich später, allerdings unter ganz besonderen Verhältnissen, nicht an diesen Vertrag gehalten, was darauf schließen läßt, daß er schon 226 v. Chr. der Überzeugung gewesen ist, man dürfe sich nicht einfach von Rom vorschreiben lassen, wie weit man in Spanien gehen dürfe. Aber Hasdrubal dem Schönen war es augenscheinlich aus- 67 -
schließlich darum zu tun, den bisherigen barkidischen Machtbereich zu festigen und sich die römische Intervention vom Halse zu schaffen. Auf einen Waffengang mit Rom wollte er sich auf keinen Fall einlassen. Es kann auch sehr wohl sein, daß es der Eitelkeit des einstigen demagogischen Politikers schmeichelte, jetzt Gesandte der Weltmacht Rom in seiner ‚Königsburg‘ von Neu-Karthago empfangen und mit ihnen über die Abgrenzung der beiderseitigen Interessensphären verhandeln zu können. Keinesfalls aber ging es Hasdrubal um einen plumpen Roßtäuschertrick, um Rom erst einmal zu beschwichtigen und Zeit für die Rüstung zum Revanchekrieg zu gewinnen.21 Auf der ‚Königsburg‘ zu Neu-Karthago nutzte man auch die großen Schwierigkeiten nicht, in die Rom schon im folgenden Jahr geriet und über die man sehr wohl unterrichtet gewesen sein wird. Punische Händler waren damals in der ganzen Mittelmeerwelt vertreten, und mancher von ihnen fungierte auch als Zuträger für die regierenden Herren in Nordafrika wie in Spanien. Im Jahre 225 v. Chr. überschritten die Gaesaten-Könige, keltische Reisläuferfürsten, von Gallien her die Alpen und rissen die mächtigen keltischen Stämme in der Po-Ebene, die Boier und Insubrer, zu einem gewaltigen Vorstoß auf Rom mit sich. Die keltischen Aufgebote erschienen in der Toskana. Erst in der Schlacht von Telamon konnten die römischen Konsuln den Angriff abfangen. - 68 -
Unter den Konsuln, den beiden alljährlich aus den Reihen des Senates neu gewählten höchsten Beamten dieser aristokratischen Republik, denen auch der Oberbefehl im Felde zufiel, fanden sich in den Jahren 226/225 geschworene Feinde Karthagos. Einer der Konsuln von 226, Marcus Valerius Messala, war der Sohn des Siegers von Messina im Ersten Punischen Krieg. 225 bekleidete Caius Attilius Regulus das Konsulat, ein Sohn jenes Regulus, der im karthagischen Kerker gestorben war. Daß diese Männer durchaus mit der Möglichkeit einer Kooperation zwischen Kelten und Karthagern rechneten, beweist die Tatsache, daß man die Garnisonen auf Sardinien und Korsika verstärkte und Deckungstruppen für Sizilien und Unteritalien bereitstellte. Der Kelten-Krieg dauerte noch drei Jahre. Erst 222 v. Chr. errangen die Römer bei Clastidium einen entscheidenden Sieg. Seitdem schoben sie systematisch ihre Militärposten, Militärstraßen und Kolonistenansiedlungen immer weiter nach Norden in die Po-Ebene vor, zum ohnmächtigen Haß der besiegten Boier und Insubrer. Die Spannung an dieser Militärgrenze blieb latent bestehen. Doch nichts deutet darauf hin, daß Hasdrubal der Schöne je ernsthaft erwogen hat, von Spanien aus die Verlegenheiten Roms zu einem Gegenschlag zu benutzen. Dabei fiel natürlich als hemmender Faktor ins Gewicht, daß man den Aufbau einer starken Kriegsflotte gänzlich vernachlässigt hatte. Zur See herrschte Rom. - 69 -
Dafür folgten auf der iberischen Halbinsel Sommer um Sommer militärische Expeditionen gegen noch unbotmäßige oder wieder in Aufruhr verfallene Stämme. Hannibal, nunmehr Anfang der Zwanziger, kommandierte bei diesen Operationen die Reiterei, Numider mit Ledertartsche und dem Bündel Wurfspieße auf kleinen windschnellen Rossen, Iberer auf mittelgroßen, zähen Pferden, deren Ahnen damals noch wild im kastilischen Hochland lebten. Jeder Mann führte zwei Wurfspieße, ein Langschwert und einen Lederschild mit sich, und die Pferde waren darauf abgerichtet, stillzustehen, wenn die Reiter zum Fußgefecht absaßen. Die Regel war im Kampf der schnelle Anritt, der Spießwurf, eine verstellte Flucht und abermaliger Anritt. War der Gegner dann noch nicht erschüttert, fochten die Reiter plötzlich zu Fuß. Hannibal formierte aus dieser nationaliberisch-keltischen Reiterei eine neue schwere Kavallerie in Helm und Panzer, die zu geschlossener Attacke gegen Fußvolk erzogen wurde. Dabei muß man freilich bedenken, daß die Antike keine Kavallerieattacke kannte, wie sie uns aus den Schlachten des 18. und 19. Jahrhunderts geläufig ist. Der Gebrauch des Ledersattels und des Steigbügels war noch unbekannt. Erst diese aber liehen dem einzelnen Reiter jenen festen Sitz, der es ihm erlaubte, die geballte Kraft von Mann und Roß bei der Attacke einzusetzen. Der antike Kavallerist auf seiner Satteldecke, von den Numidern auf ungesattelten - 70 -
Pferden ganz zu schweigen, war im Kampf nur auf die Kraft seines Armes angeweisen. In diesen Sommerkampagnen konnte Hannibal zum ersten Mal seine Führungsgabe unter Beweis stellen. Und der Armee wie den iberischen Fürsten, die seinen Schwager zum ‚König‘ proklamiert hatten, mochte es leicht scheinen, daß dieser junge Reiterführer ein weit besserer ‚strategos autokrator‘ sei als der Regent auf der ‚Königsburg‘. Der römische Historiker Livius22 schildert Hannibal folgendermaßen: „Größte Kühnheit zeigte er zur Übernahme von Gefahren, größte Besonnenheit in ihnen. Durch keine Anstrengung konnte sein Körper ermüdet oder seine Unternehmungskraft geschwächt werden. Bei Hitze und Kälte war seine Ausdauer gleich. Das Maß im Essen und Trinken begrenzte er durch das natürliche Bedürfnis, nicht durch den Genuß. Seine Zeit zum Wachen und Schlafen schied er nicht durch Tag und Nacht, sondern gönnte sich nur soviel Ruhe, wieviel von seiner rastlosen Tätigkeit an Zeit übrigblieb. Den Schlaf brauchte er nicht durch weiche Decken und Stille herbeizulocken; viele sahen ihn vielmehr oft, nur mit einem Militärmantel bedeckt, zwischen den Wachen und Posten auf der nackten Erde liegen. In seiner Kleidung unterschied er sich durch nichts von seinen Kameraden, nur seine Waffen und Pferde lenkten die Aufmerksamkeit auf sich. Unter den Soldaten war er bei weitem der Erste zu Fuß und zu Pferde. Allen - 71 -
voran stürmte er in den Kampf und wich als letzter aus dem Handgemenge …“ Livius vergaß allerdings nicht, diesem leuchtenden Bild eine Schilderung der angeblich typisch punischen Charakterzüge dieses großen Soldaten anzufügen. Er meint, Grausamkeit, Treulosigkeit und mangelnde Furcht vor den Göttern hätten diese großartigen Züge verdunkelt. Ja er, der auch die Geschichte vom Jugendeid kennt, wirft Hannibal sogar mangelnde Eidtreue vor. Römische Historiker schrieben jedoch nun einmal Geschichte zu Ehren Roms, nicht um der Wahrheitsfindung willen. Sein Schwarzweiß-Gemälde vom ebenso kühnen wie schrecklichen Gegner, der sich selbst in den Kampf stürzt, erinnert in manchen Zügen an das herkömmliche Bild von Alexander dem Großen. Daß Hannibal sich selbst am Kampf beteiligt hat, mag noch für die Zeit des Kavallerie-Kommandeurs in Spanien gelten. Bei der Leitung der großen, wohlangelegten Schlachten in Italien erscheint es dagegen schon ganz ausgeschlossen, daß sich der Oberbefehlshaber selbst ins Getümmel warf und damit die Lenkung des Kampfes aus der Hand gab.23 Die Winter auf der ‚Königsburg‘ zu Neu-Karthago galten dem Studium der hellenistischen Literatur24 und dem Gespräch mit Freunden. Zwei von diesen werden flüchtig erwähnt, sie tauchen dann als Kommandeure in der hannibalischen Armee auf, ein Mago mit dem Beinamen ‚Saunites‘, was wohl ‚der Samnite‘ bedeuten - 72 -
sollte, und der Reiteroffizier Maharbal. Dazu kam der bereits für Hamilkar Barkas tätige griechische Literat und Sprachlehrer Sosylos aus Sparta (vgl. S. 56). Über ihn und seine Freunde durfte man in der Königsburg verläßliche Informationen über die Ereignisse in Sparta bezogen haben, die man am barkidischen Hof besonders genau studierte: In dem schon halb ruinierten archaischen Militärstaat auf dem Peloponnes mit seinem Doppelkönigtum und seiner Staatskontrolle, den Ephoren, die sich mit den ‚Hundertvier‘ vergleichen ließen, vollzog sich seit dem Jahre 226 v. Chr. eine umwälzende Reform. Der König Kleomenes III. beseitigte das Fünfer-Kollegium des Ephorats, das allmählich das ganze öffentliche Leben beherrscht hatte. Zweifellos drängten sich gewisse Parallelen auf, zumal Hamilkar und sein Schwiegersohn selbst die Macht der ‚Hundertvier‘ zwar nicht beseitigt, aber eingedämmt hatten und man stets mit der Gegnerschaft der konservativen Oligarchie in der Heimat rechnen mußte. Eine große Rolle spielte das Studium der griechischen und hellenistischen Militärschriftsteller. Der älteste unter ihnen, Ainaias, hatte in seiner ‚Taktik‘ einen Fackeltelegraphen unter Verwendung von Wasseruhren empfohlen. Und wir wissen, daß zur Zeit Hannibals ein solches Signalsystem mit Türmen Spanien und Nordafrika verband.25 Diades, der berühmte Kriegsingenieur Alexanders des Großen, der die Belagerung von Tyros, der Mutterstadt Karthagos, geleitet hatte, - 73 -
war der Verfasser eines Werkes über Belagerungskunst. König Pyrrhos von Epirus hatte seine militärischen Denkwürdigkeiten und Abhandlungen über Taktik geschrieben. Das beliebteste Werk der Zeit auf diesem Gebiet waren jedoch die Aufzeichnungen des Ptolemaios Soter, des ersten Königs des hellenistischen Ägypten, über die Feldzüge Alexanders. Aus diesen Diarien konnte Hannibal die Lehre schöpfen, daß man in der Schlacht die Entscheidung stets auf den Flügeln suchen müsse. Alexander hatte durch einen solchen Angriff vom rechten Flügel aus die letzte große Schlacht gegen den persischen Herrscher bei Arbela (Gaugamela) 331 v. Chr. entschieden. An der Spitze seiner schweren Reiterei war er in die Flanke der persischen Schlachtlinie gestoßen, die unter dem Einsatz von Sichelwagen die makedonische Phalanx hatte aufbrechen wollen. Von da aus war es für einen genialen Kopf dann nur noch ein Schritt bis zu der Überlegung, daß man danach trachten müsse, den Feind auf beiden Flügeln zu fassen und ihn auf dem Schlachtfeld einzuschließen. Die kühnen Züge Alexanders über Tausende und Abertausende von Kilometern hinweg, über Hochgebirge und durch Wüsten, um in das Zentrum der feindlichen Macht vorzustoßen, bargen jedoch auch noch andere Anregungen. Alexander hatte das Unmögliche möglich gemacht. Warum sollte dies nicht auch einem anderen Manne gelingen, der Geist, Einbildungskraft und Mut in sich vereinte? Das Bild vom Alexanderzug - 74 -
hat die damalige Literatur, auch im Roman, noch lange, weit über Hannibal hinaus, beflügelt.26 Noch regierte indes Hasdrubal der Schöne auf der ‚Königsburg‘, und der Vertrag von 226 v. Chr. ließ Verwicklungen mit Rom nicht als wahrscheinlich erscheinen. Doch änderte sich die Lage völlig unerwartet und plötzlich. Auf Befehl Hasdrubals des Schönen war ein spanischer Fürst wegen Verrats hingerichtet worden. Leute aus dessen Umgebung schworen dem Punier Rache, und einem von ihnen, angeblich einem Keltensklaven, gelang es, den ‚König‘ zu ermorden. Der einen Version zufolge geschah dies auf der Jagd, bei der man mit schweren, doggenähnlichen Molosserhunden Hirsche hetzte27, nach einer zweiten Version fand das Attentat auf der ‚Königsburg‘ statt. Der Mörder wurde ergriffen und auf das grausamste zu Tode gefoltert. Die antiken Schriftsteller berichten, bis zur letzten Minute habe er ein triumphierendes Lächeln auf den Lippen gehabt.28 Die Stunde Hannibals brach an. Man schrieb das Jahr 221 vor Christi Geburt.
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IV. Der große Krieg beginnt … Nachdem die prunkvolle Totenfeier für den ermordeten ‚strategos autokrator‘ Hasdrubal begangen war, stand die Armee von Libyen und Spanien, beziehungsweise deren Offizierkorps zum zweiten Mal innerhalb knapp eines Jahrzehnts vor der Aufgabe, den Nachfolger zu wählen. Zwar wissen unsere Quellen diesmal nichts von einem besonderen spanischen Fürstentag, wie er nach dem Tode Hamilkars zusammengetreten war, aber bei dieser Wahl werden auch die iberischen Fürsten, soweit sie Hilfskontingente kommandierten, ein Wort mitzureden gehabt haben. Hannibal war der Schwiegersohn eines der ihren. Es gab keinen anderen Kandidaten als den Sohn des Hamilkar Barkas: den Befehlshaber der Reiterei im Heer. Alle kannten den jungen Mann mit dem profilierten Antlitz.1 Hannibal war zur Zeit seiner Wahl zum Strategen 26 oder 27 Jahre alt. Wir kennen das genaue Datum dieser Wahl nicht, wie wir auch nicht wissen, welche Frist zwischen dem Ableben eines Strategen und dessen Neuwahl durch die Armee vorgesehen war. Immerhin muß die Wahl im Jahre 221 v. Chr. stattgefunden haben. Die Volksversammlung in Karthago hat sie ohne Zweifel gebilligt, wenn auch nicht alle damit einverstanden waren. Für die konservativen Oligarchen in Karthago mochte es ein schwacher Trost sein, daß ständig Vertreter der ‚Gerusia‘ in Neu-Karthago amtierten. Der - 76 -
ermordete Hasdrubal der Schöne hatte sicher Sorge dafür getragen, daß keine Gegner des Hauses mit dieser Aufgabe betraut wurden. Außerdem bestand nun einmal die für die karthagischen Konservativen ebenso materiell erfreuliche wie politisch unerfreuliche Tatsache, daß man durch den Silberstrom in Karthago quasi zum Staatspensionär des Strategen in Spanien geworden war. Der neugewählte Stratege von Libyen und Spanien war als Soldat erzogen worden, im punisch-hellenistischen Sinn, aber eben nur als Soldat. Er war in einem kolonialen Milieu zum Mann gereift, er hatte sich die Gattin aus diesem Milieu gewählt – oder sein Schwager hatte ihm diese im Sinne seines diplomatischen Kurses aufgedrängt. Die Vaterstadt Karthago hatte er 237 v. Chr. als Kind verlassen und sollte sie erst nach 34 Jahren wiedersehen. Das politische Getriebe, der Handelsgeist der Metropole blieben ihm fremd. Nur in der Phantasie, nach Schilderungen des Vaters und des Schwagers oder im Gespräch mit den ‚Gerusiasten‘ in seiner Umgebung konnte er sich ein Bild von der Heimat machen. Umgekehrt kannten die Handelsfürsten und Latifundienbesitzer den Mann im fernen Spanien, der die Armee Karthagos kommandierte, auch nicht aus eigener Anschauung. Die überzeugten Feinde der Barkas um Hanno den Großen waren in dieser Hinsicht also auch nicht schlauer als die gewitzten ‚Barkiner‘ aus der Schule des ermordeten Hasdrubal des - 77 -
Schönen. Beide Fraktionen mußten mit einer nicht bekannten Größe rechnen. Die Wahl zum Strategen stieß in Spanien auf keinen Widerspruch. Lokale Unruhen beim Stamm der Olkaden im Quellgebiet des heutigen Guadiana mit dem Hauptort Althaia (Cartala) vermochte der neue Oberkommandierende rasch beizulegen. Das muß gegen Ende des Jahres 221 v. Chr. gewesen sein. Nichts deutet darauf hin, daß man sich nun im Stabe Hannibals auf der ‚Königsburg‘ in Neu-Karthago sofort Gedanken gemacht hätte, wie man den Revanchekrieg gegen Rom beginnen könnte. Natürlich hatte man Kunde von den Kelten-Kriegen, von dem römischen Plan, die gesamte Poebene unter Kontrolle zu bringen, von dem Vorhandensein zweier Parteien im römischen Senat, dem Clan um die Adelsfamilie der Fabier, wo man für Maßhalten gegenüber Karthago plädierte, und den schroff antikarthagischen Gruppen, etwa dem Clan der Cornelier. Handelsstaaten mit weitgedehnten Geschäftsbeziehungen waren stets gut über ihre Partner und Gegner unterrichtet.2 Karthago, beziehungsweise der karthagische Regent in Spanien hatten nicht interveniert, als Rom die Invasion der Kelten abzuwehren hatte. Dagegen intervenierte Rom jetzt in Spanien. In Sagunt, einer Stadt nördlich des ominösen ‚Iberus‘ (Jucar) warf sich die prorömische Partei zum Herren auf und vertrieb karthagerfreundliche Elemente im Patriziat. Soweit diese nicht erschla- 78 -
gen wurden, flüchteten sie zum Stamm der Torboleten, die sich den Strategen auf der ‚Königsburg‘ in Karthago als Protektor gewählt hatten. Diesen peinlichen Konflikt konnte man im Stabe Hannibals nur mit äußerster Besorgnis notieren. Für das Jahr 220 v. Chr. war jedoch ein großer Feldzug nach Mittel- und Nordwestspanien geplant, welcher der Erweiterung des eigenen Machtbereiches galt. Als Auftakt zum Krieg gegen Rom in Italien lassen sich diese Operationen schwerlich deuten. An der Spitze einer starken Armee marschierte Hannibal über Merida am Mittellauf des Guadiana nach Norden und griff die Vaccaeer an, einen der volkreichsten iberischen Stämme. Ihr Hauptort Salmatis, das heutige Salamanca, wurde im Sturm genommen. Als die Frauen von Salmatis sich tapfer gegen Vergewaltigung und Plünderung zur Wehr setzten, befahl der Mann, dem die griechisch-römischen Schriftsteller später nur zu gern eine typisch punische Grausamkeit zuschrieben, die Plünderung der Stadt einzustellen. Alles geraubte Hab und Gut mußte den Bewohnern zurückgegeben werden.3 Anscheinend ist Hannibal dann noch weiter nach Norden, bis zum Duero etwa oberhalb Zamora, vorgestoßen. Vor Anbruch des Winters trat er, wie üblich, den Rückmarsch in die Winterquartiere an. Als die karthagische Armee das Gebiet der Karpetaner passierte, eines noch mächtigeren Stammes als die Vaccaeer, verlegten ihr starke iberische Stammesaufgebote, verstärkt - 79 -
durch die von neuem rebellierenden Olkaden, in der Gegend des heutigen Toledo den Weg. Angeblich soll dieses Heer, zu dem auch Vaccaeer gehörten, 100.000 Mann stark gewesen sein, eine Zahl, die sicher übertrieben ist; aber wir können annehmen, daß die Gegner Hannibal an Zahl überlegen waren. Hannibal wich aus, setzte bei Nacht über den Tajo – ein schwieriges Unternehmen für eine Armee mit Elefanten und zahlreichem Troß – und bezog eine neue Stellung. Als der Gegner nachfassen wollte und seinerseits im Morgengrauen über den Tajo ging, griff Hannibal an und brachte dem Volksheer eine fürchterliche Niederlage bei. Die Fliehenden wurden bis zum letzten Mann und Roß verfolgt. Die Schlacht im Raum von Toledo, die uns in großen Zügen noch überliefert ist, läßt zum ersten Mal den Feldherrn erkennen: seine rasche und richtige Reaktion bei plötzlich wechselnder Kampflage, seinen Blick für die Ausnutzung des Geländes, seine Fähigkeit zu großen und kühnen Entschlüssen.4 Es war der größte Sieg, den karthagische Truppen bisher in Spanien erfochten hatten. Die Kunde davon eilte wie ein Lauffeuer durchs Land. Die großen Stammes-Fürsten gaben fortan Ruhe. Der neue Stratege, der eine Tochter aus ihren Geschlechtern zur Gemahlin hatte, schien unbesiegbar zu sein. Als Hannibal die Winterquartiere um Neu-Karthago erreicht hatte, lagen schlechte Nachrichten aus Sagunt vor. Die an die Macht gelangte prorömische Partei - 80 -
hatte Rom um Hilfe ersucht. Sagunt, noch immer eine reiche und mächtige Handelsstadt, lag auf einem steilen Hügel über der Küstenstraße nach Norden zum Ebro und besaß erhebliche strategische Bedeutung. Setzte Rom sich hier fest, gewann es im Norden von NeuKarthago einen militärisch höchst bedeutsamen Hafenstützpunkt. Der ‚Iberus‘-Vertrag von 226 v. Chr. schloß eine solche Intervention nördlich oder südlich vom ‚Iberus‘ ja keineswegs aus. Den Buchstaben des Vertragswerkes zufolge konnte man am Tiber nach Belieben handeln. Noch dachte die Mehrheit der Senatoren von Rom allerdings nicht an Krieg. Sie schickten eine neue Gesandtschaft nach Neu-Karthago, wohl auch um das Wesen des neuen Oberbefehlshabers in Spanien zu erkunden. Leiter dieser Delegation war der ehemalige Konsul des Jahres 227, Publius Valerius Flaccus, der als Kenner spanischer Verhältnisse galt. Als Konsul muß er 227 v. Chr. mit der Vorbereitung der diplomatischen Intervention bei Hasdrubal dem Schönen befaßt gewesen sein. Die Gesandten aus Rom gaben sich sehr barsch und anmaßend. P. Valerius Flaccus appellierte an die Götter, was in diesem Fall heißen sollte an die Heiligkeit des geschlossenen Vertrages und verlangte, daß sich Hannibal nicht in die Händel in Sagunt einmischen dürfe. Sie wiesen auch darauf hin, daß der ‚Iberus‘ als Demarkationslinie nicht verletzt werden dürfe. Hannibal erwi- 81 -
derte, nicht er, sondern die Römer hätten sich in Sagunt eingemischt, die Anführer der (prokarthagischen) Volkspartei seien umgebracht worden, und solche Ungerechtigkeit könne er nicht dulden. Die Verteidigung seiner Position war zwar effektvoll, aber die rechtlichen Argumente waren leider schwach. Jetzt zeigte es sich, welches Unheil Hannibals Schwager angerichtet hatte, als er sich 226 bedingungslos dem römischen Ersuchen gefügt hatte. Immerhin müssen die römischen Herren eines erkannt haben: Hier stand ihnen kein schmieriger punischer Händler, kein ‚gugga‘ gegenüber, sondern ein sehr selbstbewußter junger Mann, der sich von dem geschmeidigen, sich für erzschlau haltenden Regenten von 226 in allem unterschied.5 Hannibals Formulierung, es sei nicht Sitte der Karthager, denen Schutz zu versagen, die Unrecht erlitten hätten6, begründete gewissermaßen moralisch den Anspruch, Protektor aller iberisch-keltisch-griechischen Städte und Stämme zu sein. Die Senatoren, deren kehliges Latein den Puniern so unangenehm klang, ließen andererseits durchblicken, daß ein militärisches Eingreifen nördlich des ‚Iberus‘ den Krieg bedeuten könne. Hannibal hatte als Knabe geschworen, den Römern niemals freundlich gesonnen zu sein. Er hatte nie geschworen, um jeden Preis gegen Rom zu ziehen. Aber spätestens zu diesem Zeitpunkt muß er erkannt haben, wie recht sein Vater mit der Forderung gehabt hatte, gegenüber diesem Volk wachsam und mißtrauisch zu - 82 -
sein. Jetzt rückte der Krieg gegen Rom in den Bereich des Möglichen, und auf der ‚Königsburg‘ in Neukarthago muß man sich in diesem Winter 220/219 v. Chr. zum ersten Mal Gedanken darüber gemacht haben, wie man diesen Krieg von Spanien aus ohne eine starke Flotte, überhaupt führen sollte. Solche Überlegungen konnten nur in einer Richtung laufen: Rom, mit seiner mächtigen Flotte die größte Seemacht im Mittelmeer, mit einer Landarmee, deren Gesamtstärke, alle Reserven und bundesgenössischen Kontingente eingerechnet, auf 750.000 Mann veranschlagt werden konnte, war jederzeit imstande, von den Basen auf Sizilien aus den karthagischen Kernbesitz in Nordafrika anzugreifen. Infolgedessen mußte man versuchen, die römische Heereskraft in Italien selbst zu binden, die durchaus nicht festgefügte Bundesgenossenschaft zwischen Rom, den zahlreichen anderen Stämmen und Völkern Italiens und den griechischen Städten im Süden zu zerbrechen und die keltischen Völker, die ein großes Reservoir an wehrtüchtigen Männern boten, zu mobilisieren. Das wiederum hieß, daß man im Landmarsch durch Südgallien über die Alpen in Oberitalien auf dem Plan erscheinen mußte. Daß nunmehr Offiziere aus dem Stab Hannibals, in der Maske punischer Händler, entsandt wurden, um mit den keltischen Völkern in Gallien und Norditalien Fühlung aufzunehmen und das Terrain zu sondieren, ist uns bezeugt und ist bei einem so weitblickenden, kühn, aber nicht unüberlegt dispo- 83 -
nierenden Feldherrn wie Hannibal gar nicht zu bezweifeln.7 Hannibals Schwager hatte den ‚Iberus‘-Vertrag unterzeichnet, ohne Rückfrage in Karthago zu halten. Bis zur Kriegsdrohung von seiten der Römer hatte er es gar nicht kommen lassen. Jetzt war jedoch die Situation ungeheuer ernst geworden. Hannibal und die ihm beigegebenen Gerusiasten schickten Eilkuriere nach Karthago, um den Stadtkönig, die Sufeten und die ‚Gerusia‘ von der neuen Entwicklung zu unterrichten. Obendrein hatten die Antibarkiner nach der Wahl Hannibals zum Strategen wieder gewaltig die Trommel gerührt, weil Spanien gewissermaßen damit zur Erbdomäne des Hauses Barkas geworden war. Ohne die Heimatstadt konnte man jedoch auf der ‚Königsburg‘ in Neu-Karthago jetzt nicht handeln. Andererseits war die Möglichkeit nicht auszuschließen, daß die Antibarkiner die Gelegenheit benutzten, um Hannibal als Kriegstreiber zu desavouieren. Und was Sagunt betraf, so gab es ein düsteres Vorbild. 264 v. Chr. hatte der Krieg zwischen Rom und Karthago damit begonnen, daß sich die Tiberstadt ohne Rücksicht auf karthagische Interessen in den Streit zwischen den Söldnerführern in Messana (Messina) mit dem König von Syrakus eingemengt hatte. Dieser Konflikt war das Signal zum Krieg gewesen. Suchte Hannibal Fühlung mit den Oberbehörden in Karthago, so tat die römische Gesandtschaft unter P. Valerius Flaccus ein gleiches. In Rom wußte man ausge- 84 -
zeichnet Bescheid über den Familienzwist zwischen den Häusern Hanno und Barkas. Machte man jetzt den regierenden Herren in Karthago klar, daß diese keineswegs an den von Hasdrubal unterzeichneten und von Hannibal angeblich verletzten ‚Iberus‘-Vertrag gebunden waren, da diesen nur der Stratege in eigener Machtvollkommenheit geschlossen hatte, konnte man ihnen vielleicht einen Bruch mit Hannibal leichter machen. Die Rechnung der römischen Diplomaten ging nicht auf. In Karthago war man durch Hannibal informiert worden, man sah in dieser Lage keinen Grund, ihm zu mißtrauen. Überdies war man finanziell inzwischen auch völlig vom iberisch-barkidischen Kolonialreich abhängig geworden. Hannibal hütete jenes Silber, das den Herren von Karthago ein luxuriöses Pensionärsdasein ermöglichte. P. Valerius Flaccus und seine Delegation reisten unverrichteter Dinge nach Rom zurück. Und dort tat man erstaunlicherweise vorerst nichts. Die Meinungen, ob Sagunt einen neuen großen Krieg wert sei, waren im Senat durchaus geteilt. Außerdem hatte man noch andere Sorgen. Der Ausbau der Militärposten und des Militärstraßensystems im keltischen Bereich verschlang Geld und Menschenkraft. An der Adria gab es Verwicklungen mit illyrischen Seeräubern und mit dem hellenistischen Abenteurer Demetrios von Pharos. Sagunt wurde in Rom in praxi abgeschrieben. Vielleicht wollte man auch die Reaktionen Hannibals abwarten. Doch dieser war nun in Zugzwang geraten. - 85 -
Ließ er seinerseits die Karthagerfreunde aus Sagunt und die Torboleten im Stich, die diesen Schutz gewährt hatten, war sein Prestige als Protektor der iberisch-keltischen Fürsten Spaniens in Frage gestellt. Daher lud er die Stadtherren von Sagunt und die Torboleten vor sein Schiedsgericht auf der ‚Königsburg‘, um den Streit zu schlichten. Doch die Patrizier von Sagunt weigerten sich, einem karthagischen Richterspruch zu gehorchen. Im Vertrauen auf Rom beharrten sie auf ihrem Standpunkt, nur dieses könne über den Konflikt entscheiden. Darauf ordnete Hannibal die militärische Exekution gegen Sagunt an. In seiner Sicht handelte es sich jetzt ausschließlich darum, dem Rechtsbruch in Sagunt zu begegnen.8 Aber der ‚Iberus‘ – vulgo der Rubikon – war damit überschritten. Sagunt genoß zwar, wie sich die dort herrschende Partei jedenfalls einbildete, die Freundschaft Roms, es gehörte jedoch nicht zur römischen Bundesgenossenschaft in Italien und fiel darum auch nicht unter die Bedingung des karthagisch-römischen Friedens von 241 v. Chr., derzufolge es den Karthagern untersagt worden war, gegen römische Bundesgenossen Krieg zu führen. Zu Beginn des Frühjahres 219 v. Chr. erschien Hannibal mit der Armee vor Sagunt. Da die Stadt auf der äußersten Spitze eines steilen Hügelrückens lag, der über der Küstenebene ins Meer hinausragte, konnte der Angriff nur von Westen her angesetzt werden, wo - 86 -
der Hügelrücken weniger schroff abfiel. So geschah es auch. Mit allen Mitteln der hochentwickelten hellenistischen Belagerungskunst, mit Wurf- und Pfeilgeschützen, Rammwiddern zum Breschelegen, fahrbaren Türmen mit Enterbrücken, versuchte man die Zinnenkrone der Stadtmauer zu erreichen und den Sturmtruppen Gelegenheit zum Infanteriekampf zu geben. Die Saguntiner schickten Kuriere nach Rom, um Hilfe zu erbitten. Doch Rom tat nichts. Angesichts der Riesenentfernungen wäre ohnehin jedes Entsatzkorps zu spät gekommen. Die Saguntiner verteidigten unterdes ihre Stadt mit wilder Verzweiflung. Wenn der karthagische Oberbefehlshaber geglaubt haben mochte, die Exekution würde in ein paar Wochen erledigt sein, so täuschte er sich sehr. Der Sommer verstrich, und die Armee lag immer noch vor Sagunt fest. Von der Zinnenkrone der Stadtmauer schleuderten die Saguntiner ‚falaricae‘ gegen die Belagerer, Spieße mit langer Klinge, die mit pechbestrichenem Werg umwickelt und vor dem Wurf in Brand gesetzt wurden. Hannibal, der in vorderster Linie bei den Sturmtruppen weilte, wurde durch eine solche ‚falarica‘ schwer an der Hüfte verletzt und mußte für etliche Wochen das Kommando seinem Kavallerieführer Maharbal überlassen. Als er genesen war, lagen Meldungen vor, im Gebiet der Orissen (deren Fürstenhaus seine Gemahlin entstammte) und bei den Karpetanern seien karthagische - 87 -
Rekrutierungs-Kommissare auf Schwierigkeiten gestoßen. Er eilte selbst nach Mittel- und Südspanien, um die Streitigkeiten beizulegen. Der Umgang mit den stolzen und reizbaren Stammesfürsten kostete Nerven. Erst im Herbst 219 v. Chr. hatte ein Generalsturm vor Sagunt Erfolg. Rammwidder brachen die Mauer auf, die libysch-phönizische schwere Infanterie drang in die Stadt ein. Gnade hatten die Saguntiner nicht zu erwarten. Die romfreundlichen Herren von Sagunt steckten die Stadt selbst in Brand und stürzten sich nach altiberischer Sitte auf dem Markt in Scheiterhaufen. Die Beute an Gold und Silber, die den Karthagern in die Hand fiel, war ungeheuer. Sagunt war unter den westgriechischen oder gräzisierten Niederlassungen Spaniens und Südgalliens nach Massilia eine der wohlhabendsten Städte gewesen. Hannibal befahl, die gesamte Beute nach Karthago zu schicken. Er ahnte, wie sehr er jetzt auf das Wohlwollen der regierenden Herren daheim angewiesen sein würde. Die Kunde vom Brand und Untergang Sagunts erregte vor allem in Massilia (Marseille) Bestürzung. Die ‚punische Habsucht und Grausamkeit‘ schien vor aller Welt wieder einmal bestätigt worden zu sein. Bevor die Nachricht nach Rom gelangte, vergingen Wochen. Aber auch nachdem man dort wußte, daß Sagunt gefallen war, gab es noch keine klare Entschlußbildung. Am Tiber fragte man sich, was Hannibal beziehungsweise was Karthago jetzt tun würde – oder überhaupt tun konnte. - 88 -
Mit einem Marsch durch Gallien über die Alpen nach Oberitalien rechnete man nicht. Ein solches Unternehmen lag außerhalb des Bereichs aller Kalkulationen. Und von den karthagischen Erkundungsunternehmen scheint man keine Kenntnis erlangt zu haben. Hannibal hatte im Fall der saguntinischen Exulanten und der Torboleten die Rolle des Volksfreundes und Beschützers der kleinen Völker angenommen. Es läßt sich denken, daß er diese Politik gegenüber den keltischen Stämmen, vor allem im Hinblick auf die Unzufriedenheit vieler italischer Stämme und der großen Griechenstädte mit der auch wirtschaftlich immer anmaßender werdenden Vormachtstellung Roms fortgeführt hat. Auch in Karthago hatte der Aufstieg des Hauses Barkas damit begonnen, daß man sich der breiten Masse, der ‚Unterdrückten‘, gegen die eigenen Standesgenossen bedient hatte. Von seinem ermordeten Schwager mag Hannibal genug darüber gehört haben, wie nützlich es sei, die Mehrheit des Volkes, gewissermaßen die öffentliche Meinung, für die eigenen Ziele zu gewinnen. Nach dem Fall Sagunts, nachdem man nun einmal den ‚Iberus‘ überschritten hatte, war man sich im Stabe Hannibals fraglos klar darüber, daß ein Krieg gegen Rom durchaus in den Bereich des Möglichen gerückt war. Noch wußte niemand, wie Rom reagieren würde. Dennoch schien es eine unumgängliche Notwendigkeit, daß man sich ganz Nordostspaniens als Ausgangs- 89 -
basis für einen etwaigen Marsch nach Oberitalien bemächtigte. Der Plan für den Feldzug in Nordostspanien wie der zweite größere Aufmarschplan müssen im Winter 219/18 v. Chr. auf der ‚Königsburg‘ fertiggestellt worden sein, soweit sich im zweiten Fall für einen Zug durch weithin unbekannte Länder im voraus überhaupt Dispositionen treffen ließen. Es heißt, daß in diesem Winter keltische Abgesandte aus der Poebene in Neu-Karthago geweilt hätten, wahrscheinlich aus den Reihen der Boier, die Rom noch immer Widerstand leisteten, während die beiden anderen großen Stämme der Insubrer und Cenomaner sich ruhig verhielten.8 Das Erscheinen keltischer Abgeordneter eröffnete gute Aussichten, ließ aber andererseits auch sicherlich erkennen, daß unter den Kelten in Gallien und Oberitalien genausowenig Einmütigkeit bestand wie unter den Kelten und Iberern in Spanien.9 In diesem Winter leitete Hannibal eine große Umgruppierung seiner Truppenverbände ein. Aus Spanien wurden 16.000 Mann Fußvolk und Reiterei, einheimische Kontingente aus Turdetanern, Orissen und Olkaden, nach Nordafrika verlegt, dazu 4.000 Mann aus den metagonitischen Städten an der mauretanischen Küste. Diese Einheiten sollten die Deckung Karthagos gegen mögliche römische Angriffe übernehmen. Vielleicht aber sollten sie gleichzeitig auch die barkidische Hausmacht in der Stadt repräsentieren. Die spanischen Tausendschaften waren auf Hannibal eingeschworen, nicht - 90 -
auf die Behörden in Karthago. Dafür gingen 12.000 Mann schwere libysche Infanterie, numidische Reiterei, leichte Truppen von den Balearen und aus Ligurien, Schleuderer und Speerschützen nach Spanien. Das waren klare Kriegsvorbereitungen. Bedenkt man jedoch, mit welch langen Transportzeiten, sei es beim Landmarsch oder mit Hilfe der Flotte längs der Küsten, bei solchen Umdispositionen gerechnet werden mußte, so wird es verständlich, daß man Vorsichtsmaßnahmen nur auf sehr lange Sicht treffen konnte. Was Rom tun würde, wußte man auf der ‚Königsburg‘ zu Neu-Karthago noch immer nicht. Die Meinungen im Senat waren nach wie vor geteilt. Ein Teil der maßgebenden Adelsgeschlechter hatte sich seit dem Sieg über Karthago 241 v. Chr. auch kommerziellem Erwerb zugewandt; und gerade diese Kreise hielten Karthago noch immer für einen gefährlichen Konkurrenten, während sie den spanischen Silbermarkt in eigene Regie übernehmen wollten. Die steigende römische Handels- und Produktionskraft rief andererseits unter den Bundesgenossen in Campanien und den Griechenstädten wie Tarent lebhafte Besorgnis hervor. Bisher hatte Rom in diesem Bund die Bauern und Soldaten gestellt, die unteritalischen Bundesgenossen die Flotte sowie Verbrauchs- und Exportgüter. Hielt ein Teil der Optimaten, der Aristokratie, einen neuen Krieg gegen Karthago für unbedingt notwendig und gewinnbringend, mit Ausnahme des Kreises um - 91 -
das Haus der Fabier, so waren in der Masse der Plebejer, der Ackerbürger, Handwerker und Bauern, die die Hauptlast eines Krieges zu tragen hatten, die Mühseligkeiten des Ersten Punischen wie die Beschwernisse des Keltenkrieges noch in zu frischer Erinnerung. Einer der Sprecher der plebejischen Sache war Caius Flaminius, ehemals Verwalter der römischen Basen auf Sizilien, Konsul anno 223 v. Chr., der, obwohl seine Wahl angefochten worden war, den Kelten an der Adda eine schwere Niederlage zugefügt und den Einzug in Rom als Triumphator im Felde durchgesetzt hatte. Im Jahr 220 bekleidete er das Amt des Censors, dem die Steuereinschätzung sowie die Musterung der Bürger für den Wehrdienst oblag. Als Censor begann er mit dem Bau der berühmten Via Flaminia, der großen Militärstraße nach Norden in keltisches Gebiet. Zu Konsuln für das Jahr 218 v. Chr. hatten Senat und Volk von Rom Publius Cornelius Scipio den Älteren und Tiberius Sempronius Longus gewählt. Wie die Sitte es vorschrieb, stammte der erste aus altadeliger Familie, der zweite aus plebejischem Geschlecht. P. Cornelius Scipio d. Ä. verfügte über beträchtliche militärische Fähigkeiten. Etwa im Mai 218 v. Chr. müssen die Konsuln in Rom über Massilia die ersten Nachrichten davon erhalten haben, daß Hannibal inzwischen in Nordspanien den Ebro überschritten hatte. In römischer Sicht hieß dies, daß die Strafaktion gegen Sagunt keine isolierte Maßnahme gewesen war, sondern daß - 92 -
der karthagische Oberkommandierende offenbar überhaupt nicht mehr gewillt war, den ‚Iberus‘-Vertrag noch zu respektieren. Für Rom wurde das Ganze zur Prestigefrage. Den einseitigen Bruch eines bei den Göttern beider Städte beschworenen Vertrages wollte man keineswegs ungestraft hinnehmen. Die Fabier-Partei verlor an Boden. Mit dem Beginn des Frühjahres 218 v. Chr. glich Neu-Karthago einem Heerlager. Hannibal versammelte die Armee zum Vormarsch nach Norden, um zunächst die Ausfallbasis im heutigen Katalonien zu gewinnen: libysche und spanische schwere Infanterie, spanische schwere und numidische leichte Reiterei, leichte Infanterie aus dem heutigen Marokko, aus Ligurien und von den Balearen, dazu ein Korps von 37 Elefanten. Mit 90.000 Mann Fußvolk und 12.000 Reitern marschierte er Ende April nach Norden ab. Den Oberbefehl auf der ‚Königsburg‘ vertraute er seinem Bruder Hasdrubal an, der damals etwa 22 Jahre alt gewesen sein dürfte und trotz seiner Jugend offenbar als sehr ernsthafter, ja sogar ein wenig pessimistischer Mann galt. Die Kontrolle über das barkidische Herrschaftsgebiet wurde durch ein Fackeltelegraphen-System verstärkt, mit Hilfe dessen man jede Veränderung, jede aufrührerische Bewegung über die Kette der Signaltürme mit Feuerzeichen sofort weitermelden konnte. Hannibal selbst nahm den jüngsten Bruder Mago, der etwa 20 Jahre alt war, mit ins Feld, dazu seinen Nef- 93 -
fen Hanno, Sohn des Stadtkönigs Bomilkar. Zum Stab gehörten Hannibal mit dem Zunamen Monomachos (Einzelkämpfer), der Reiterführer Maharbal, abermals ein Offizier namens Hasdrubal, dem vorwiegend das Genie- und Nachschubwesen unterstand, also eine Art Generalquartiermeister, dazu zwei Halbgriechen aus syrakusanischem Adel, der mit karthagischen Familien verschwägert war, Epikydes und Hippokrates, ferner ein Offizier namens Mago mit dem Zunamen Saunites (‚der Samnite‘?) und ein Generaladjutant, Karthalo. Dazu kamen drei Gerusiasten, Barmokar, Bostar und abermals ein Mago, sowie die beiden griechischen Literaten oder Sekretäre, Sosylos aus Sparta und Silenos von Kale Akte. All diese Persönlichkeiten sind für uns infolge der Ungunst der Quellen meist nur schattenhaft erfaßbar. Wir sehen nur, wie dann einzelne dieser Anführer, die Hannibal offensichtlich als besonders tüchtig befunden hatte, immer wieder mit besonderen Aufträgen befaßt oder als Befehlshaber selbständig operierender Korps verwendet werden, der jüngste Bruder Mago Barkas, der Neffe Hanno Bomilkar, die beiden Halbgriechen Epikydes und Hippokrates und Mago Saunites. Von dem letzten ist uns überliefert, er habe sich durch noch größere Habsucht ausgezeichnet als Hannibal selbst. Hannibal Monomachos wiederum wird in der griechisch-römischen Literatur besondere Blutrünstigkeit nachgesagt. Mit solchen anekdotischen Verzerrungen läßt sich wenig beginnen.10 - 94 -
Ende Mai 218 v. Chr. ging die Riesenarmee über den Ebro. Damit hatte Hannibal sich sowohl die Ausgangsposition für einen neuen Alexanderzug durch Gallien und über die Alpen nach Oberitalien gesichert wie eine Verteidigungsbasis, sofern die Römer versuchen würden, mit Hilfe ihrer mächtigen Flotte und der Unterstützung durch Massilia eine Expedition gegen Spanien selbst anzusetzen. Das Ebrogebiet war in solchem Fall für Angreifer die günstigste Invasionsküste. In Rom entschloß man sich zu einer letzten massiven diplomatischen Intervention. Mit Hannibal noch einmal zu verhandeln, erschien sinnlos; jetzt wollte man Karthago selbst zur Verantwortung ziehen. Im Juni 218 v. Chr. reiste eine fünfköpfige Delegation nach Karthago ab, darunter die Konsuln des Vorjahres Lucius Aemilius Paullus und Marcus Livius. Missionschef war Quintus Fabius Buteo, ein Angehöriger der nicht unbedingt kriegslüsternen Fabier. Mit dem Oberhaupt dieses Clans, dem alten, vielerfahrenen Qu. Fabius Maximus, sollte Hannibal das Jahr darauf unliebsame Bekanntschaft im Felde machen. Im Sommer 218 v. Chr. erschien die Gesandtschaft, höchst selbstbewußt auftretend, vor der Regierung von Karthago. Qu. Fabius Buteo verlangt nicht mehr und nicht weniger als die Liquidierung des Feldzuges in Spanien und die Auslieferung Hannibals als eines ‚Friedensbrechers‘. Dieser habe die Zerstörung einer unter römischem Schutz stehenden Stadt auf sich geladen. - 95 -
Wieder erinnert er an die Verletzung des ‚Iberus‘-Vertrages. Vielleicht hatten die römischen Gesandten bei ihrer schroffen Forderung auf die anti-barkinische Partei spekuliert, auf den Zwist zwischen dem Hause Hanno des Großen und den Barkiden. Hanno der Große saß in den Reihen der ‚Gerusia‘. Aber die Sprache dieser ‚Barbaren‘ ist für die karthagischen Herren denn doch allzu laut. Sie verweisen darauf, daß der ‚Iberus‘-Vertrag allein von dem verstorbenen Hasdrubal geschlossen worden sei und man ihn in Karthago niemals ratifiziert habe. Sie beziehen sich darauf, daß im Friedensvertrag von 241 von Spanien überhaupt nie die Rede gewesen sei. Im übrigen pflege man hier in Karthago über die Strategen selbst Gericht zu halten. Quintus Fabius Buteo verliert die Geduld. Er erhebt sich, rafft seine weiße Toga in einem Bausch zusammen, als ob er darin Würfel verberge, und sagt grob: „Hier liegen Krieg und Frieden! Ihr habt die Wahl!“ Die Mehrzahl der Oligarchen ist entrüstet. Wessen erdreistet sich dieser Mensch aus der verhaßten Stadt am Tiber? „Wähle, was Du willst“, entgegnet der Stadtkönig. Der Römer läßt die Toga wieder fallen. Hastig übersetzt der Dolmetscher sein kehliges Latein. „So nehmt, was Ihr gewollt habt – den Krieg!“ Mit dieser Formel hat er den Karthagern noch nolens volens die Schuld am Kriege aufgehalst. Doch die versammelten Herren der Stadt sind in dieser Stunde ei- 96 -
nig. Sie begrüßen den Krieg gegen Rom mit donnerndem Beifall. Unterdes stand Hannibal mit der Armee noch in Nordspanien, im heutigen Katalonien, nicht ahnend, daß inzwischen Rom in der Heimat seinen Kopf gefordert hatte. Zunächst galt es, im jüngsten Kolonialgebiet einigermaßen stabile Verhältnisse zu schaffen. Weiterreichende Entschlüsse konnte man erst fassen, wenn man Klarheit über die Entwicklung in Karthago oder in Rom hatte. Inzwischen war der Krieg erklärt worden. Eilkuriere brachten die Nachricht mit einem Schnellsegler ins Hauptquartier.11 In der Antike erzählte man sich, Hannibal habe vor dem großen Zug nach Norden in Gades (Cadiz) dem düsteren Melkarth, einst dem königlichen Gott von Tyros wie von Karthago, ein Opfer dargebracht. Melkarth, den die Griechen dem Herakles gleichsetzen, besaß in Gades einen uralten Tempel aus Holz. Diese Handlungsweise Hannibals deutet auf den fromm altphönizischen Sinn hin, der trotz aller formalen hellenistisch-wissenschaftlichen Bildung und Kriegskunst die Barkiden erfüllte. Beruhten auch Organisation, Ausbildung und Strategie der hannibalischen Armee auf hellenistischen Vorbildern, so war doch die Bindung an die dunkle, pessimistische Götterwelt der Vorväter in ihm das seelisch bestimmende Element.12 Und ferner kursierte aus jenen Tagen noch eine andere Geschichte, die uns Cicero nach dem verscholle- 97 -
nen Werk des Silenos von Kale Akte über Hannibal überliefert hat. Vor dem Marsch über die Alpen erschien Hannibal im Traum ein junger Gott, der vielleicht mit dem Herrn (Baal) Haddad, dem punischen Mars, gleichzusetzen ist. Der junge Gott bedeutete ihm, auf Geheiß des Herrn aller Himmel (Baal Shannim) möge er nach Italien ziehen. Er wies ihm den Weg und sagte, Hannibal müsse nur folgen und niemals zurückblicken. Hannibal befolgte dies Gebot im Traum nicht und schaute sich um. Da sah er eine riesenhafte Schlange, unter ihrem schuppigen Leib beugte sich alles Gestrüpp. Darauf setzte ein fürchterliches Unwetter ein, mit Blitz und Donner. Der junge Gott erklärte Hannibal, dies bedeute die Zerstörung Roms. Aber ließ sich dieser Traum nicht auch ganz anders auslegen, wie überhaupt alle Traum- oder Spruchorakel der Antike von einer unheimlichen Doppeldeutigkeit sind? Konnte man nicht ebenso schließen, daß das Traumbild mit dem verheerenden Unwetter die Zerstörung des Lebenswerkes dreier Generationen des Hauses Barkas ankündigen wollte? Der junge Gott wies Hannibal an, er möge nur vorwärts gehen, nicht fragen und die Geschicke der Zukunft im Dunkel lassen.13 Unzweifelhaft hat Silenos von Kale Akte diese Geschichte in seinem Buch erzählt, und vermutlich wird ihm Hannibal von diesem merkwürdigen Traum selbst berichtet haben. In jenen Zeiten waren Träume magische Realitäten, die man sehr ernst nahm, und zwar um - 98 -
so ernster, wenn die Deutung Rätsel aufgab. Glaube, Aberglaube und Furcht vor dem Willen der Götter waren gerade im punischen Denken auf das engste verknüpft. Die Furcht vor den eigenen Göttern hatte einst in alten Zeiten dazu geführt, daß der Adel die eigenen Kinder den Göttern opferte, um ihren Willen zu bannen. Die gleiche Furcht bewog den Magoniden Hamilkar den Großen, am Abend der verlorenen Schlacht von Himera sein Leben zur Sühne den Göttern darzubringen. Ein Mann vom hochfliegenden Geist Hannibals mag zunächst aus diesem Traum Kraft geschöpft haben. Aber vielleicht ist ihm am Abend seines Lebens, als alle Pläne gescheitert waren und er selbst den Tod suchen mußte, die Zweigesichtigkeit dieses Traumes zum Bewußtsein gekommen. Im Grunde war das Traumorakel so doppelbödig wie jener Spruch, der dem König Kroisos von Lydien zuteil wurde, als er gegen das Perserreich ins Feld rückte: „Wenn Du über den Halys gehst, wirst Du ein großes Reich zerstören …“
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V. Die Berge des ewigen Schnees Marsch über die Alpen Als Hannibal im Frühjahr 218 v. Chr. die ‚Königsburg‘ zu Neu-Karthago verließ, sagte er zum zweiten Mal der Heimat Valet. Mit neun Jahren hatte er der Stadt der Väter den Rücken gekehrt. Neunzehn Jahre darauf verließ er die Stadt und die Iberische Halbinsel, in der er zum Mann herangereift war. Er sollte sie niemals wiedersehen. In die Stadt der Väter kehrte er nach 34 Jahren zurück – als Feldherr, dessen schönste Hoffnungen getrogen hatten. Die Iberische Halbinsel, das heutige Spanien und Portugal, war zu ihrem größeren Teil Basis barkidischer Hausmacht und Quelle karthagischen Reichtums geworden. Dessen ist sich Hannibal wohl bewußt gewesen. Er ließ die Gemahlin aus spanisch-keltiberischem Fürstengeschlecht offensichtlich als Unterpfand für seine und Karthagos Verbundenheit mit den iberischen Fürsten in Neu-Karthago zurück. Er tat dies, weil er sich unzweifelhaft im klaren darüber war, wie kompliziert die Verhältnisse im Völkertiegel auf der Iberischen Halbinsel waren, wie launisch-hochmütig die Fürstengeschlechter reagierten. Ob ihm die Trennung von der Gemahlin aus dem Fürstenhaus von Castulo viel bedeutet hat, können wir nicht abschätzen. Im allgemeinen spielten Frauen nur eine untergeordnete Rolle im Denken dieser karthagischen Aristokratie. Und Hanni- 100 -
bal selbst war kaum – ungleich Napoleon – ein Mann, der ständig der Frauen bedurfte. Sonst hätten ihm die anti-hannibalischen Schriftsteller der Antike sicherlich eine übergroße Lüsternheit angedichtet.1 Vermutlich im Laufe des Mai 218 v. Chr. überschritt Hannibal den Ebro gen Norden. Der ‚Iberus‘ -Vertrag war vergessen. Die Gerusiasten in seinem Stabe dürften kaum Protest eingelegt haben. Stillschweigend gab man, sicher auch in Karthago, sein Einverständnis zu großzügigem Handeln, mit dem Ziel, die gesamte Iberische Halbinsel unter Kontrolle zu bringen. Unmittelbar vor oder während des Abmarsches der Hauptarmee nach Norden muß es Schwierigkeiten mit Stämmen in Nordwestspanien gegeben haben, von denen uns nur die Namen überliefert sind: Aironesier, Andosiner und Bargusier. Offensichtlich hat sich der Konflikt rasch beilegen lassen. Doch die südeuropäische Basis eines neuen Alexanderzuges blieb schwankend. Die ersten Maßnahmen Hannibals im neugewonnenen nordspanischen Ebro-Bereich, dem heutigen Katalonien, galten der Sicherung dieser Gebiete. Von dem unzähmbaren Revanchedurst der ‚Löwenbrut‘ Hamilkar Barkas, die die Schriftsteller von Polybios bis Livius Hannibal anlasten, ist dabei allerdings wenig zu spüren. Im Feldhauptquartier Hannibals, nördlich des Ebro, hatte man vorerst keine Nachrichten über die neuestmögliche Entwicklung in Karthago wie in Rom. Eilkuriere mit der Meldung von der Kriegserklärungs-Szene - 101 -
in Karthago, bei der sich beide Parteien noch wechselseitig die Kriegsschuld hatten aufladen wollen, können Hannibal kaum vor dem Hochsommer erreicht haben. Damit trat der zweite Teil des Aufmarschplanes in Kraft: Der Marsch durch das südliche Gallien (Südfrankreich) über die Alpen nach Oberitalien, mit dem Ziel, die Volkskraft der Keltenstämme und die Unzufriedenheit mit der Herrin vom Tiber in Unteritalien und bei den italischen Einzelvölkern gegen diese auszuspielen. Hatte Alexander ein Weltreich überrannt, so mußte es doch möglich sein, den Staat der Römer, dieser ‚Barbaren‘ in hellenistischer Sicht, ins Herz zu treffen! In Rom hatte man sich für den ‚casus belli‘ inzwischen vorbereitet. Man gedachte den Krieg sofort offensiv zu führen. Die Konsuln des Jahres kommandierten nach römischem Brauch jeweils eine der beiden Hauptarmeen. Die 1. Konsularische Armee unter P. Cornelius Scipio d. Ä. wurde im Seetransport auf Spanien angesetzt, die Basis des karthagischen Wohlstandes und der Heerkraft. Die 2. Konsularische Armee unter dem Konsul T. Sempronius Longus zog man auf Sizilien zusammen, um von dort aus mit Hilfe starker Flottenkräfte das Kerngebiet Karthagos in Nordafrika zu attackieren. Der Aufmarschplan war gut. Wäre er in die Praxis umgesetzt worden, hätte der ganze Krieg kaum mehr als ein Jahr beansprucht. Was man bei den Konsuln nicht einkalkuliert hatte, war der Umstand, daß dem verhaß- 102 -
ten und für dummschlau erachteten Feind ganz neuartige Schachzüge einfallen könnten. Mit dem Marsch über die Alpen und dem Erscheinen der karthagischen Armee in Oberitalien rechnete keiner. Solche Manöver waren schlechtweg undenkbar. Hannibal traf die ersten Dispositionen. Ein Korps von 10.000 Mann unter Führung eines nicht näher identifizierbaren höheren Offiziers namens Hanno blieb in Katalonien zurück, zum Küstenschutz gegen zu vermutende römische Diversionen wie auch zur Kontrolle der iberischen Stämme. Dies Korps wurde durch landeseigene Verbände verstärkt. Hannibal schloß mit dem Fürsten des mächtigsten Stammes, dem Herrn der Ilergeten, Indibilis (nach griechischen Quellen Andobales) ein Bündnis. Diese Nordbasis in Katalonien war ungeheuer wichtig. Wir können durchaus vermuten, daß Hannibal plante, unter Umständen eine zweite Armee aus Spanien nachzuziehen. Außerdem entschloß er sich, für den interkontinentalen Landmarsch sich des Großteils des umfänglichen Trosses zu entledigen. Fuhrparks, Belagerungsgerät, Pionierzeug, vermutlich auch das schier unvermeidliche Gefolge solcher Söldnerheere: Weiber, Kinder, Dirnen, Marketender wurden in einem Truppenlager bei Kissa nördlich des Ebro zurückgelassen. Etwa im August des Jahres 218 v. Chr. setzte Hannibal mit 50.000 Mann Fußvolk, 9.000 Reitern und 37 Elefanten zum großen Sprung nach Oberitalien an. Ge- 103 -
nerell war jetzt geplant, daß diese für die damalige Zeit sehr starke Armee sich aus dem Lande verpflegen mußte. Trotzdem war es unumgänglich, für die Elefanten Futter mitzuschleppen, für Öl zur Verpflegung wie zur Körperpflege der Mannschaft vor dem Kampf zu sorgen. An ein Relais von Verpflegungsmagazinen von Spanien aus war dabei aus technischen Gründen nicht zu denken.2 Noch weniger konnte man eine Versorgung über See ins Auge fassen. Die überlegene römische Flotte, verstärkt durch Geschwader der verbündeten Griechenstadt Massilia wäre jederzeit in der Lage gewesen, solche Unternehmungen zu unterbinden. Um die Seerüstung hatte sich, wie bereits erwähnt (vgl. S. 56 und S. 69), weder Hamilkar Barkas noch sein Schwiegersohn noch der Erbe Hannibal sonderlich gekümmert – was sich wiederum auch als Beweis dafür deuten läßt, wie wenig man bei den Barkiden auf einen neuen Waffengang mit Rom erpicht war. Bei Kriegsausbruch übergab Hannibal seinem Bruder Hasdrubal 50 Penteren (Fünfruderer), zwei Vier- und fünf Dreiruderer. Ausgebildete Besatzungen waren nur für 32 Penteren und die Dreiruderer (Trieren) vorhanden. Das entsprach dem Bestand eines Küstenschutz-Geschwaders, das nicht einmal imstande war, auf See den Angriff einer römischen Invasionsflotte abzufangen.3 Die erste Gebirgsbarriere, die beim Italienzug überwunden werden mußte, waren die Ostpyrenäen. Eine Küstenstraße gab es nicht. Hannibal zog vermutlich - 104 -
über den etwa 290 Meter über dem Meeresspiegel liegenden Col de Pertus, zwischen dem heutigen Ort Figueras in Nordspanien und Perpignan in Südfrankreich. Hier existierte damals eine Fahrstraße.4 Der Sommer neigte sich dem Ende zu. Von den enormen Schwierigkeiten des Überganges über die Alpen, die sich zehn Wochen später ergeben sollten, hatte man keine klare Vorstellung, außer dem Bewußtsein, daß ja längst vor der hannibalischen Armee immer wieder ganze Völkerschaften die Gebirgspässe überquert hatten, zuletzt die Kelten, die in allen Plänen Hannibals eine so große Rolle spielten. Zwar konnte man in den ‚Ephemeriden‘, den Tagebüchern aus dem Stabe Alexanders des Großen, die Probleme der Überwindung von Hochgebirgen studieren, doch hat jede alpine Welt ihre eigenen Bedingungen. Und der Bericht bei Polybios, der sich noch auf Schilderungen von Sosylos oder Silenos, den griechischen Sekretären Hannibals, stützen konnte, läßt deutlich erkennen, wie sehr manche Erscheinungen, etwa Neuschneefall über verharschter alter Schneedecke, die Karthager verwirrt und erschreckt haben; oft bemächtigte sich der Truppe, die an Hochgebirgsmärsche nicht gewöhnt war, tiefe Niedergeschlagenheit. Vier Wochen nach dem Pyrenäen-Übergang, etwa zu Beginn des September 218 v. Chr., erschien Hannibals Armee am Unterlauf der Rhône, 100 bis 150 Kilometer nördlich von Massilia. Besondere Schwierigkei-
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ten mit den keltischen Stämmen in Südostfrankreich hatte es nicht gegeben, obwohl die Armee sich mehr oder weniger, sei es auf Grund gütlicher Übereinkunft, sei es durch Requisitionen, aus dem Lande verpflegen mußte. Aber jetzt stand man am Ufer eines breiten Stromes, wenn dieser auch an der Übergangsstelle, die Hannibal ins Auge gefaßt hatte, der sogenannten ‚Insel‘ (vermutlich jenem Punkt, an dem die Isère in die Rhône mündet), verhältnismäßig flach war. Und auf dem östlichen Ufer sammelten sich keltische Aufgebote, denen der Durchzug eines so großen Heeres mit ganz unbekannten, seltsamen Riesentieren unbequem war. Die Gelegenheit schien günstig, den Fremden den Weg zu verlegen. Es war nur ein schwacher Trost, daß hier an der Rhône ein keltischer Fürst aus Oberitalien mit einigen Begleitern beim Stabe Hannibals erschien, Magalos aus dem Dynastengeschlecht der Boier – ein Zeichen dafür, welche Kontakte zwischen Neu-Karthago und den Kelten der Poebene längst vor dem großen Marsch angeknüpft worden waren. Magalos stellte sich gleichsam als Verbindungsoffizier zur Verfügung.5 Der keltische Stammesherr kannte natürlich die Alpenpässe, er konnte auch über die – freilich nicht sehr günstige – Stimmung unter den großen Stämmen Oberitaliens berichten. Der wilde Kampfesmut, der Eroberertrieb, der erst vor ein paar Jahren die Gaesaten6 mit ihren Heer- 106 -
haufen, mit Weib und Kind und plumpen Ochsenfuhren über die Alpen geführt hatte, war verraucht. Da der Brückenpark und der Großteil der Handwerker und Techniker, wie sie zum Troß hellenistischer Armeen gehörten, im Lager von Kissa zurückgeblieben waren7, stellte der Übergang über einen breiten Strom im Angesicht feindlicher Heeraufgebote doch ein erhebliches Problem dar. Hannibal befahl daher, bei den Stämmen auf der Westseite der Rhône Kähne aufzukaufen. Die Infanterie mußte Flöße zimmern. Die Kampfelefanten bereiteten besonderes Kopfzerbrechen. Sie weigerten sich, auf die Großflöße zu gehen. Also ließ Hannibal mit Erdwerk bedeckte Molen in den Strom legen, an die die Großflöße gelegt wurden, so daß die Elefanten vermuten konnten, man führe sie auf eine Art von Landbrücke. Um die Kelten auf dem Ostufer zu täuschen, sandte Hannibal seinen Neffen Hanno Bomilkar mit einer Armee-Abteilung etwa 35 Kilometer flußaufwärts mit dem Auftrag, dort über die Rhône zu setzen und dann wieder flußabwärts in den Rücken des Gegners zu marschieren. Dieses Manöver erfüllte seinen Zweck. Durch Rauchsignale, ähnlich dem in Spanien und Nordafrika verwendeten System der Fackeltelegraphie, verständigte Hanno Bomilkar seinen Oheim, daß der Übergang geglückt sei. Darauf setzte Hannibal mit Hilfe seiner behelfsmäßigen Boots- und Floßflottille über die Rhône, wobei mancher der Elefanten noch ein unfreiwilliges Bad nahm.8 - 107 -
Dies spannende Spiel an der Rhône kostete fünf Tage. Als die Armee auf dem Ostufer wieder vereinigt war, zählte sie noch 38.000 Mann Fußvolk und 8.000 Reiter. Das läßt auf außerordentlich hohe Marschverluste schließen, weniger durch Kämpfe oder durch die Schwierigkeiten beim Rhône-Übergang, als durch Krankheiten und Desertion, vor allem bei den keltiberisch-spanischen Einheiten und keltischen, balearischen und ligurischen Tausendschaften. Sie hatten es leicht, hier in Südgallien irgendwo unterzutauchen. Die gallisch-italische Odyssee kostete Opfer, noch bevor man am Ziel dieser Heerfahrt angelangt war. Außerdem verminderte sich die Armee um etliche ausgesuchte Mannschaft, die man in Relaisposten westlich der Rhône zurückließ. Mindestens einen solchen Posten hat man wiederentdeckt.9 Das deutet darauf hin, daß Hannibal mit dem Marsch nach Oberitalien keineswegs alle Brücken hinter sich abbrechen, sondern durchaus die Landverbindung mit dem iberischen Imperium bewahren wollte. Inzwischen war auch der Gegner nicht müßig gewesen. Um die gleiche Zeit, als Hannibal über die Rhône ging, war der Oberbefehlshaber der 1. konsularischen Armee, P. Cornelius Scipio d. Ä., mit zwei Legionen schwerer Infanterie und dazugehörenden leichten Verbänden auf 60 Truppentransportern in Massilia eingetroffen, um auf dem Weg nach Spanien hier Station zu machen. Sein Amtskollege T. Sempronius Longus stand - 108 -
mit der 2. Armee, 40.000 Mann und einer Flotte von 160 Schiffen, auf Sizilien, um die Invasion in Nordafrika vorzubereiten. Die Offensive gegen die beiden Hauptzentren der karthagischen Macht mußte, nach der Rechnung der Konsuln, zu einer baldigen, endgültigen Entscheidung in diesem Krieg führen. In Massilia erwartete Scipio jedoch die Nachricht, der Stratege sei mit einem großen Heer und bei den Kelten noch niemals gesehenen grauen Riesentieren, den ‚elefantoi‘, über die Rhône gesetzt. Es hieß also eilends umdisponieren. Die Meldungen waren verwirrend, ja bestürzend. Scipio schiffte seine Verbände aus und marschierte Rhôneaufwärts, um dem verhaßten Karthager den Weg zu verlegen. Zu Aufklärungszwekken sandte er ein Kavalleriekorps voraus. So vortrefflich die römische schwere Infanterie war, so schlecht war es um die Reiterei bestellt. Und die keltischen Soldreiter der Handelsrepublik Massilia waren nicht viel besser. Am Unterlauf der Rhône prallten zum ersten Mal in diesem Krieg römische Kavallerie-Verbände mit den Pulks der leichten numidischen Reiterei Hannibals zusammen, die die Südflanke des karthagischen Heerzuges deckten. Unter dem Wurfspießhagel der Numider wurden die Römer in die Flucht gejagt … Mit dem Auftauchen römischer Kavallerie an der Rhône muß Hannibal erkannt haben, daß der Gegner entweder versuchen wollte, ihm noch in Gallien den Weg zu verlegen oder aber, was wahrscheinlicher er- 109 -
schien, eine Expeditionsarmee nach Spanien entsandt hatte. An seinem großen Plan war jetzt nichts mehr zu ändern. Traf man zudem den Feind im eigenen Raum, würde dies der beste Schutz für Spanien sein. P. Cornelius Scipio d. Ä. andererseits wollte gleichfalls den Gedanken einer Invasion in Nordspanien nicht aufgeben. Er übergab den Oberbefehl über das Gros des Invasionsheeres seinem Bruder Gnaeus Cornelius Scipio, während er selbst mit Reiter-Einheiten nach Oberitalien eilte, um dort die Deckungsstreitkräfte an der Militärgrenze, drei Legionen (die Legion zu 4.200 Mann) zu einer neuen 3. Armee zusammenzufassen. Hannibal mußte jetzt rasch handeln. Der Gegner hatte erkannt, was als Überraschung geplant worden war. Auch die Jahreszeit drängte. Der Herbst kam. Und der Fürst Magalos wußte genug davon zu berichten, wie früh in dem noch fernen Hochgebirge mit seinen Schründen und Schroffen der Schneefall einsetzen konnte, noch bevor die Pleiaden, das Siebengestirn, nach der griechischen Sage die sieben schönen Töchter des Atlas und der Okeanide Pleione, in den kühlen Nächten am Himmel erschienen. Die Griechen glaubten freilich, ihr Aufgang bedeute Glück für die Schiffsfahrer, während ihr Verschwinden das Einsetzen der schrecklichen Winterstürme auf See anzeige. Diese Weisheit kannten auch Hannibals griechische Sekretäre. Es kam jetzt darauf an, den kürzesten und besten Paßweg über die Alpen auszuwählen. Wir kennen mit - 110 -
Sicherheit den Ausgangspunkt dieses ungeheuer schwierigen Marsches über ein fremdartiges Hochgebirge: das Tal der Isère, eines linken Nebenflusses der Rhône. Und wir kennen den Endpunkt den Abstieg in das Tal der Dora Riparia, im Gebiet der keltischen Tauriner, deren Hauptort das heutige Turin war. Wie weit es zu hannibalischen Zeiten wirklich allgemein verbindliche Namen für Flüsse, Berge und Täler gegeben hat, ist dunkel und zumindest sehr zweifelhaft. Polybios, der sich dabei auf das Buch des Silenos von Kale Akte stützen konnte, erzählt, Hannibal sei über den ‚Tauriner Paß‘ gegangen. Auch andere Ortsbezeichnungen werden in den antiken Quellen erwähnt – der ‚Katzenberg‘ im Gebiet der Allobrogen am Westrand der Alpen, ferner der ‚Weiße Stein‘ in den Hochalpen – und die Tatsache, daß man von der mühsam erklommenen Paßhöhe aus die oberitalische Tiefebene erblicken konnte. Hannibal nutzte diesen Umstand, um dem arg mitgenommenen Heer wieder neuen Mut einzuflößen.10 Bei den Debatten im Stabe Hannibals über Marschweg und Versorgungsprobleme in dem menschenleeren Hochgebirge soll einer der Unterführer, Hannibal Monomachos, allen Ernstes vorgeschlagen haben, man müsse die Leute lehren, Menschenfleisch zu essen, sie könnten sich dann von den umwohnenden Kelten ernähren. Diese trübe Anekdote hat sich aus der Antike erhalten; sie wurde gern benutzt, um die zynische Grau- 111 -
samkeit der Punier zu dokumentieren. Nur entbehrte sie der Logik, denn droben im Hochgebirge gab es eben keine Menschen mehr, die man hätte auffressen können. Es kann aber wohl sein, daß sich hier der unter dem Namen ‚Monomachos‘ bekannte Namensvetter Hannibals tatsächlich einen rohen Scherz erlaubt hat.11 Rüstete man zum Marsch über ein unbekanntes Hochgebirge, auf dessen Höhen es schließlich weder Wald noch Wiesen mehr gab, mußte man erhebliche Mengen an Grün- und Rauhfutter für die Tausende von Kavallerie- und Packpferden und vor allem für die Elefanten mitschleppen, deren Tagesration an Futter und Wasser sehr hoch war. Für die Mannschaften bedurfte es neben Brotgetreide, Wein und Brennholz eines großen Vorrates an Öl, um die Körper geschmeidig zu erhalten. All dies muß einkalkuliert worden sein, sonst wäre der Marsch nie gelungen. Soweit Hannibals Marschroute heute erkennbar ist, marschierte dieser die Rhône aufwärts bis zur Einmündung der Isère und schwenkte dann in west-nordwestlicher Richtung ins Tal der Arc ab. Von hier aus ließ sich der Col du Clapier erreichen, ein heute fast vergessener Nebenpaß im Berggebiet des Mont Cenis.12 Aber der Anmarsch zum Col du Clapier war von vielen Widrigkeiten begleitet. Der Heerwurm mußte das Gebiet der keltischen Allobrogen passieren, die zwischen Rhône, Isère und dem Genfer See saßen, et- 112 -
wa in der heutigen Dauphiné. Zum Glück stritten sich im allobrogischen Fürstenhaus gerade zwei Brüder um die Herrschaft und erbaten Hannibals Schiedsspruch. Der Zank konnte beigelegt werden, was jedoch allobrogische Aufgebote nicht hinderte, dem fremden Heerführer am ‚Katzenberg‘ in den Voralpen den Weg zu verlegen. Die Fremden machten sich durch ihre unablässigen Forderungen nach Getreide, Schlachtvieh und Wein (für dessen Anbau die Allobrogen berühmt waren) weidlich unbeliebt. Der ‚Katzenberg‘ stellte eine günstige Verteidigungsstellung dar. Hannibal, beraten durch Fürst Magalos, ließ die Gepflogenheiten der Allobrogen erkunden. Sie hielten ihre Position – deren genaue Lage nicht mehr zu identifizieren ist – nur bei Tag besetzt. Zur Nacht zogen sie sich in eine benachbarte größere Ortschaft zurück. Nachdem einige planlose Überfälle auf die Marschkolonnen Hannibals abgewehrt worden waren, ließ Hannibal eines Abends in aller Form das Feldlager aufschlagen und Schanzen aufwerfen; er ordnete an, so viele Lagerfeuer wie irgend möglich anzuzünden, um den Gegner in Sicherheit zu wiegen. Mitten in der Nacht, bei brennenden Lagerfeuern, stieß er dann mit der gesamten leichten Infanterie die Anhöhen hinauf und besetzte die Sperrstellung. Als der Tag graute, zog er das Gros mit der Kavallerie und den Elefanten nach, machte dann plötzlich kehrt und faßte den allobrogischen Landsturm mit voller Gewalt. Der Hauptort des - 113 -
Stammes wurde geplündert, wobei man reichlich Getreide, Vieh und Wein erbeutete. Über all diesen Operationen und dem Marsch auf schlechten, zerfurchten Talstraßen standen nun schon, noch über dem Wald, der die Talwände bedeckte, die Firnhäupter der Alpen, eine fremde, unheimliche Welt. Zumeist trotteten jetzt die Elefanten in der Vorhut, weil die Kelten vor diesen Riesentieren die größte Furcht empfanden und weil deren Witterung die keltischen Pferde scheuen ließ. Im Tal der oberen Isère erreichte man das Gebiet der Ceutronen, die für ihre Rinderherden, Käsereien und für ihren Erzbergbau bekannt waren. Die ceutronischen Fürsten nahten mit grünen Zweigen in den ungeschlachten Fäusten, um ihren Friedenswillen zu bekunden und stellten ganz nach Wunsch der Karthager Geiseln, Schlachtvieh und Bergführer für den Weitermarsch ins Hochgebirge. Doch Hannibal und Magalos ließen sich nicht täuschen. Offenbar ging die Absicht der Ceutronen dahin, durch scheinbare Freundwilligkeit ihr Gebiet vor gewaltsamer Requisition zu bewahren, um sich dann, beim nächsten schwierigen Defilée auf dem Marsch in die Berge am Troß der Karthager schadlos zu halten. Für den weiteren Vormarsch zog Hannibal darum den Troß mit den Packpferden und Rüstwagen, die Elefanten und die Reiterei an die Spitze der Kolonnen. Mit der schweren und leichten Infanterie übernahm er persönlich die Deckung des Marsches. In einem engen Tal- 114 -
durchgang, vielleicht schon im Bereich der Arc, geschah, was er erwartet hatte. Der Landsturm der Ceutronen griff an, unter gellendem Kriegsgeschrei, das sich an den steilen Talwänden brach, unter einem Hagel von Wurfgeschossen aller Art. Von den Berghöhen wälzten sie schwere Felsblöcke auf die karthagische Infanterie hinab. Vor allem die letzten rissen tiefe Furchen in die Kolonnen. Aber nun bewährte sich die eiserne Manneszucht, die Hannibal diesem Berufsheer eingeflößt hatte. Auch dieser Überfall wurde abgewehrt, wenn auch unter schweren Verlusten. Vom Tal der Arc aus wand sich dann der Heerwurm empor zum Col du Clapier, der 2.482 Meter über dem Meeresspiegel liegt. Die Marschverluste stiegen, Saumtiere und Packpferde stürzten mitsamt den Treibern in felsige Gründe, in den kalten Nächten erlag mancher Sohn freundlicherer nordafrikanischer Gefilde der Kälte. Die ersten Elefanten verendeten. Noch immer stand das glückverheißende Siebengestirn der Pleiaden am Himmel. Beim sogenannten ‚Weißen Stein‘ auf der Paßhöhe schlug man dann am Abend ein Lager auf, bemüht, aus dem Brennholzvorrat, den die Packpferde heraufgeschleppt hatten, wenigstens den Elefanten durch wärmende Feuer die Kälte erträglicher zu machen. Der Col du Clapier besitzt ein etwa einen Kilometer breites und gute zwei Kilometer langes Hochtaljoch. Hier konnte man rasten. Und von der Paßhöhe aus bot sich auch - 115 -
der bei Polybios erwähnte Blick auf die oberitalische Tiefebene, wenn die Götter einen klaren Spätherbsttag bescherten. Hannibal war ein solcher Tag mit großer Fernsicht beschieden. Er konnte der Mannschaft das verlockende Ziel zeigen – das freilich noch unendlich weit erschien. Schon der nächste Tag brachte dann freilich wieder düstere Wolken, Sturm und Schneefall. Hier oben schmolz der Schnee niemals völlig. Über verharschten Altschnee legte sich eine trügerisch flockenweise neue Decke. Dies Phänomen scheint die Karthager, als nun auf steilen, abschüssigen Pfaden langsam der Abstieg begann, besonders verwirrt zu haben. Abermals waren die Marschverluste schwer. Abermals gingen etliche der Elefanten zugrunde. Nur 20 dieser unersetzlichen Tiere brachte Hannibal ins Tal der Dora Riparia hinab.13 Fünfzehn Tage kostete der Marsch über die Alpen. Mit noch 12.000 Mann schwerer libysch-phönizischer und 8.000 Mann spanischer Infanterie, 6.000 Mann Reiterei und den 20 Kampfelefanten erreichte Hannibal etwa Anfang November 218 v. Chr. das Tal der Dora Riparia. Die dort lebenden Salasser nahmen die fremde Armee nicht unfreundlich auf. Mensch und Tier brauchten jetzt Ruhe, doch war sie ihnen nur für kurze Zeit beschieden. Zwar erschien hier keine römische Armee. Aber beim Weitermarsch zeigte sich, daß der nächste große Keltenstamm, die Tauriner im heutigen Piemont, durchaus nicht gewillt waren, - 116 -
gemeinsame Sache mit den Karthagern zu machen. Ihr Hauptort Taurinum (Turin) mußte im Sturm genommen werden. Immerhin aber stand nun, wenn auch durch den Gebirgsübergang arg mitgenommen und geschwächt, das Heer des karthagischen Oberkommandierenden in der Nordflanke Roms, inmitten einer unfreundlich düsteren Landschaft, durch deren riesige Eichenwälder mit Regen und Nebel der Herbststurm zog.
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VI. Von der Trebia zum Trasimenischen See Die ersten großen Siege Der Kriegsplan Hannibals, Rom auf der italischen Halbinsel zu binden, um die Tiberstadt an Offensiven gegen Spanien oder Nordafrika zu hindern und die römischitalische Eidgenossenschaft aufzubrechen, war mit der Ankunft in der Poebene im Ansatz gelungen. Allerdings hatten die Römer die Expedition nach Nordspanien nicht aufgegeben. Dafür bliesen sie die geplante Invasion in Nordafrika jetzt ab, überantworteten Sizilien dem Schutz des ihnen verbündeten alten Königs Hieron von Syrakus und beorderten die auf Sizilien versammelte 2. konsularische Armee eilends nach Norden zurück. Was Hannibal jetzt brauchte, war eine Schlacht, ein überzeugender Sieg, um die Kelten in der Poebene von seiner Kraft überzeugen zu können. Genau das gleiche galt im Hinblick auf die Haltung der italischen Bundesgenossen für Rom. Die Kelten erwiesen sich als lau. Nach den ersten Zusammenstößen im Anschluß an den Alpenübergang, so wird uns berichtet, griff Hannibal darum zu einem propagandistischen Schaustück. Die ganze Armee mußte antreten. Dann wurden junge keltische Kriegsgefangene aus adeligen Familien vorgeführt. Auf Befehl des Strategen nahm man ihnen die Ketten ab und gab ihnen ihre Waffen, Rüstung, Kriegsmäntel und Pferde zurück. - 118 -
Durch einen Herold ließ Hannibal sie fragen, wer von ihnen zu einem Zweikampf bereit sei. Der Sieger erhalte einen hohen Preis und werde freigelassen, der Unterliegende gewinne durch seinen ruhmreichen Tod die Ehre zurück. Alle Gefangenen meldeten sich. Durch das Los wurden zwei Vorkämpfer bestimmt. Sie tanzten nach keltischer Sitte den Kriegstanz und stürzten sich dann ins Duell, bis einer auf dem Platz blieb. Die anderen Gefangenen sahen schweigend dem Schauspiel zu. Dann ergriff Hannibal selbst das Wort, in ihrer eigenen Sprache, die er schon als junger Offizier erlernt hatte. Die Wahl, die diese beiden Jünglinge getroffen hätten – eben die Wahl zwischen Sieg und Tod – symbolisiere jene Entscheidung, vor die sich jetzt alle keltischen Völker gestellt sähen. Wer mit ihm gegen Rom kämpfen wolle, würde Land in Italien oder Afrika oder Entgelt in Silber erhalten, wie er dies wünsche. Sklaven, die mit ihren Herren gemeinsam ins Feld ziehen wollten, sollten die Freiheit erhalten, ihre Herren eine Entschädigung in doppelter Höhe des Verlustes. Alsdann befahl Hannibal, ihm ein Lamm zu bringen. Er beschwor die Götter Karthagos, Baal Shannim und die Herrin Tanit und rief mit lauter Stimme: Würde er jemals diesen seinen Schwur brechen, so möchten alle anderen so mit ihm verfahren, wie er jetzt mit dem Lamm verfahre … Darauf zerschlug er mit einem schweren Stein dem Lamm den Kopf. - 119 -
Diese merkwürdige und blutige Geschichte stammt aus römischen Quellen.1 Unwahrscheinlich ist sie dennoch nicht, bedenkt man die seelische Abhängigkeit auch eines hellenistisch gebildeten Mannes wie Hannibal von den düsteren Göttern der Heimat und die Notwendigkeit, den ritterlich-romantischen Sinn des unsteten keltischen Adels zu beeinflussen. Nicht überliefert ist, welche Wirkung diese Szene ausgeübt hat. Einstweilen verlegten sich, von den Boiern abgesehen, die keltischen Stammeshäupter aufs Zuwarten. Die dauernden Requisitionen der karthagischen Feldintendantur für die Verpflegung der Armee trugen jedoch sicherlich nicht dazu bei, Begeisterung für den fremden Heerführer zu wecken. Trotz der Bestürzung und Verwirrung, die die Nachricht vom Erscheinen Hannibals in Oberitalien am Tiber hervorgerufen hatte, rüstete Rom sich jetzt zum Gegenschlag. Der Konsul P. Cornelius Scipio übernahm im Raum von Placentia das Kommando über alle irgend verfügbaren Grenzschutzverbände; von der für Spanien bestimmten Expeditionsarmee hatte er außerdem Kavallerie und leichte Infanterie mitgebracht. Die 2. konsularische Armee unter dem Konsul T. Sempronius Longus wurde von Sizilien im Seetransport nach Ariminum (Rimini) an der Adria übergeführt. Allerdings nahm eine solche Verlegung etwa 40 Tage in Anspruch, bevor wenigstens das Gros dieser Verbände bei Ariminum verfügbar war. Den umständlichen Weg von - 120 -
Sizilien längs der süd- und südostitalischen Küste in die Adria hatte man deshalb gewählt, weil die Hafen- und Straßenlage im Raum Ariminum weit besser war als an der Küste von Latium oder Etrurien (Toskana) im Norden. Die beiden amtierenden Konsuln unterschieden sich zwar wenig in ihren politischen Ansichten, standen jedoch persönlich nicht gut zueinander. P. Cornelius Scipio wollte darum mit eigenen Operationen nicht warten, bis sein Amtskollege in Ariminum eingetroffen war. Auch schien es gut, Hannibal sofort vor Augen zu führen, daß Rom sich keineswegs geschlagen gab. So rückte er mit Reiterei und leichter Infanterie Hannibal entgegen, auf halbem Weg zwischen Placentia und Taurinum. Auf einer Ponton-Brücke setzte er über den Ticinus-Fluß (Tessin), etwa in der Gegend des heutigen Pavia. Hannibal erhielt durch seine Kundschafter sehr früh vom Vormarsch des Konsuls Kenntnis und ging diesem mit seiner Reiterei entgegen. Westlich des Ticinus prallten die beiden Kavallerie-Korps aufeinander. Hannibal hielt sein Zentrum, schwere spanische Reiterei, zurück und ließ die Numider auf den Flügeln angreifen, mit Spießwurf, verstellter Flucht und neuerlichem Anritt. Der Konsul handelte ähnlich, ließ die ‚turmae‘ (Schwadronen) der römischen Reiterei verharren und attackierte mit keltischen Reitern und ligurischen Speerschützen zu Fuß. Diese wurden rasch niedergeworfen. Dar- 121 -
auf kam auf beiden Seiten die schwere Kavallerie zum Einsatz, wobei die Iberer Hannibals nach ihrer Landessitte zum Teil absaßen und zum Fußkampf übergingen. Im Getümmel wurde der Konsul schwer verwundet. Schon wähnten die Iberer, ihn fangen zu können, da rettete ihn – römischer Legende zufolge – sein 17jähriger Sohn, Publius Cornelius Scipio der Jüngere, zusammen mit einem ligurischen Speerschützen.2 Der Sieg blieb Hannibal. Der schwer getroffene Konsul wurde hastig über den Ticinus in Sicherheit gebracht, die Schiffsbrücke abgeschlagen, die Brückensicherung, 600 Mann, geriet in karthagische Gefangenschaft. Trotz seiner Verwundung gab der Konsul das Kommando nicht ab. Er zog sich auf das östliche Ufer der Trebia zurück. Hier, rechts des Po, durch einen sehr breiten Strom und die starke Festung Placentia, einen der größten Militärstützpunkte Roms gegen die oberitalischen Kelten, gedeckt, gedachte er das Eintreffen seines Amtskollegen in Ariminum abzuwarten. Entgegen den üblichen Gepflogenheiten ging der Krieg auch im hereinbrechenden Winter weiter. Hannibal sah keine Notwendigkeit, den geschlagenen Konsul erneut in der von diesem eingenommenen günstigen Position anzugreifen, führte jedoch seine Armee bis auf etwa acht Kilometer an den Gegner heran. Clastidium, Ort eines spektakulären römischen Sieges über die Kelten in jüngster Zeit und einer der bedeutsamsten römischen Verpflegungsstützpunkte, fiel in sei- 122 -
ne Hand. Der hier kommandierende Offizier, ein Mann namens Dasius aus Brindisi in Unteritalien, lieferte ihm die Stadt aus und ging zu Karthago über, ein Indiz dafür, welch mannigfaltige geheime Kontakte die Karthager und vor allem Hannibal und sein Stab auf der ‚Königsburg‘ zu Neu-Karthago innerhalb der italischen Eidgenossenschaft Roms hergestellt haben müssen. Nicht umsonst verbreiteten die Römer später wahre Schauermärchen von Hannibals Neigung für Kundschafterdienst und behaupteten, bisweilen sei dieser selbst verkleidet ausgezogen, um römische Stellungen auszuspähen. Der Sieg in der Reiterschlacht am Tessin blieb auch auf die wankelmütigen Kelten nicht ohne Wirkung. Im römischen Lager brach eine Meuterei unter der keltischen Bundesgenossen-Kavallerie aus. Geschlossene Einheiten gingen zu Hannibal über und schleppten zum Beweis ihrer Treue die abgeschnittenen Köpfe römischer Wachtposten mit – ein Zeichen, mit welch barbarischen Methoden dieser Krieg geführt wurde. Obendrein entschlossen sich jetzt die Insubrer, im Raum des heutigen Mailand, auf Hannibals Seite zu treten. 14.000 Mann keltischer Landsturm, darunter 5.000 Reiter, stießen zur hannibalischen Armee. Wieweit beziehungsweise wie lange man sich freilich auf diese neuen Bundesgenossen verlassen konnte, darüber mußte der weitere Verlauf des Winterfeldzuges entscheiden. Ältere Offiziere im Stab Hannibals und die ehrwürdi- 123 -
gen Gerusiasten mochten sich wohl der üblen Erfahrungen erinnern, die man mit den groben blondhaarigen Gesellen aus dem Norden schon gemacht hatte. Zum Plan Hannibals gehörte jedoch als Kernbestandteil die Mobilisierung aller Kelten, und ein Sieg Hannibals würde deren Treue bestätigen. Das war die Lage an der Trebia, dem rechten Nebenfluß des Po, im Dezember 218 v. Chr. Etwa Mitte Dezember traf T. Sempronius Longus, der Amtskollege des noch krank in seinem Feldherrnzelt liegenden Cornelius Scipio d. Ä. mit dem Gros seiner 2. konsularischen Armee auf dem Kriegsschauplatz ein. Sempronius Longus hegte eine eingewurzelte Abneigung gegen den aus dem Uradel stammenden Cornelier, der nun, betreut von griechischen Militärärzten, darniederlag. Endlich ergab sich für T. Sempronius Longus eine treffliche Gelegenheit, den alten Aristokraten auszustechen. Von solchen Rivalitäten abgesehen, lag es auch sonst nahe, daß man auf römischer Seite jetzt eilends versuchen mußte, das ins Wanken geratene militärische Ansehen Roms wieder zu festigen und dem verhaßten Punier in Oberitalien den entscheidenden Schlag zu versetzen. Auf römischer Seite konnte man darauf bauen, daß man an schwerer Infanterie – 36.000 Mann in den Legionen – überlegen war; der Gegner konnte etwa 28.000 bis 29.000 Mann schweren Fußvolks ins Treffen vorzüglicher Reiterei, denen Sempronius Longus nur 4.000 Reiter entgegenstellen konnte – von den Kampf- 124 -
elefanten Hannibals ganz zu schweigen. Doch die ‚lukanischen Ochsen‘, wie die Römer diese Riesentiere genannt hatten, als sie ihnen im Kampf gegen König Pyrrhos von Epirus vor mehr als 70 Jahren zuerst in Lukanien begegnet waren, bewertete man im römischen Stab nicht mehr sehr hoch. Tiberius Sempronius Longus beschloß, Hannibal anzugreifen, der Entschluß fiel um so leichter, als sein am Wundfieber darniederliegender Kollege, militärisch weit erfahrener, ihm riet, den Gegner kommen zu lassen. Sempronius Longus wollte den Feind mit den Legionen, seiner besten Waffe, der schweren Infanterie, im Zentrum treffen und dadurch auseinanderschlagen. Die römische Legion (42.000 Mann stark) marschierte damals mit ihren Manipeln (Kompanien) schachbrettförmig in drei hintereinander gestaffelten Treffen auf, den Principes, Hastati und Triariern. Das erste Treffen war mit dem Pilum, einem schweren, mit langem Eisen versehenen Wurfspieß, ausgerüstet, das zweite mit langen Lanzen. Nach ein bis zwei, exerziermäßig einheitlich geschleuderten Spießsalven griff diese Infanterie dann mit dem Schwert an. Kam die Manipulartaktik voll zum Tragen, war sie der auch im Heer Hannibals eingeführten hellenistischen Phalanx, der geschlossen, tiefgestaffelt ins Gefecht marschierenden Infanterielinie, überlegen. Hannibal hatte jedoch eine völlig andersgeartete Konzeption für den Aufmarsch in der Schlacht bereit. - 125 -
Man mußte im Zentrum mit den weniger gut ausgebildeten Kräften, in diesem Fall den Tausendschaften des keltischen Landsturms, verhalten und die besten Kräfte auf die Flügel ziehen, die libysch-phönizische und spanische schwere Infanterie, die spanische und numidische Kavallerie und die restlichen Elefanten. Obendrein sollte ein ausgesuchtes Streifkorps dem offenbar taktisch nicht sehr einfallsreichen Gegner in den Rükken fallen. Bezeichnenderweise entsprach diese taktische Konzeption im Landkrieg noch genau dem flottentaktischen Prinzip karthagischer Geschwader-Kommodore in den großen Seeschlachten der Vergangenheit. In den Seeschlachten des Ersten Punischen Krieges etwa operierten die karthagischen Flottenchefs stets nach der Regel, im Zentrum zu verhalten und auf den Flügeln anzugreifen – im Rammstoß. Wir wissen, daß Hamilkar Barkas in Spanien seinem Schwiegersohn Hasdrubal dem Schönen die Seestreitkräfte anvertraut hatte, offenbar doch wohl, weil dieser in der Seekriegführung erfahrener war als im Landkrieg. Wahrscheinlich hat es auch theoretische Abhandlungen über diese Fragen gegeben, auch wenn wir heute keine Zeile mehr davon kennen. Daß wiederum Hannibal von seinem Schwager von solchen seetaktischen Dingen gehört haben wird, ist sicher. Daß er diese, beflügelt durch das Studium der Feldzüge Alexanders und Pyrrhos, auf die Landkriegführung übertrug, beweist andererseits wieder den - 126 -
unerschütterlich konservativen Sinn der karthagischen Aristokratie, der er entstammte.3 Um die Wintersonnenwende 218 v. Chr. setzte Tiberius Sempronius Longus mit der 2. konsularischen Armee zum Angriff an der Trebia an. Er bot Hannibal die Schlacht an, genau das, was er brauchte, um sich als Sieger vor den Kelten und den italischen Bundesgenossen Roms bestätigt zu sehen. Das römische Feldlager befand sich auf dem rechten Ufer der Trebia, die infolge der Regen- und Schneefälle des Winters mehr Wasser als gewöhnlich führte. Auf dem linken Ufer, inmitten einer kahlen, nur von ein paar buschumsäumten Bächen durchzogenen Ebene, befand sich das Lager des Puniers. Hannibal schwebte vor, den angreifenden Gegner sozusagen von allen Seiten zu packen. Dies setzte bei seinen, hellenistisch geschulten Abteilungs-Kommandeuren eine ungewöhnlich einheitliche Denkweise voraus, die Fähigkeit, im Rahmen einer Gesamtkonzeption auch auftragsgemäß selbständig zu handeln. Die Schlacht an der Trebia beweist, daß Hannibals Führungskunst es vermocht hatte, seine Unterbefehlshaber in diesem Sinne zu erziehen. Am Abend vor der Schlacht, die der Gegner herbeiführen wollte, wie alle Kundschafterberichte erkennen ließen, befahl Hannibal seinem jüngsten Bruder Mago Barkas, mit je 1.000 Mann leichter Reiterei und Infanterie in umbuschtem Terrain im Süden an der Trebia ei- 127 -
ne verdeckte Stellung zu beziehen, um dem über den Fluß setzenden Angreifer im allerletzten Moment in die linke Flanke fallen zu können. Der Tag der ersten großen Schlacht Hannibals gegen die Legionen Roms fiel in die Zeit zwischen der Wintersonnenwende und Neujahr. Wahrscheinlich fand sie um Weihnachten herum statt. Es war kalt, der Himmel war bleigrau, und es lag Schnee in der Luft. Hannibal ließ die Zahl der Lagerfeuer erhöhen und Öl-Portionen ausgeben, damit die Infanterie aus afrikanischen Gefilden ihre Leiber für den Kampf geschmeidig machen konnte. Die Elefanten, in der nebelkalten Nacht in Decken gehüllt, wurden aufgeschirrt. Noch im Dunkel des Dezembermorgens setzte numidische Reiterei über die Trebia, um den Gegner mit ihrer verwirrenden Taktik von Anritt, verstellter Flucht und neuem Anritt zu irritieren. Zum Angriff mußte Tiberius Sempronius Longus über die Trebia gehen. Er schickte Reiterei und leichte Infanterie voraus, mit geringem Erfolg. Dann gab er den Legionen, in Helm, Panzer und Lederzeug, Befehl, die etwa dreiviertel Meter tiefe Trebia zu durchqueren. Ein Brückenschlag unmittelbar vor dem aufmarschierten Gegner war unmöglich. Langsam setzte Schneefall ein. Hannibal wartete in seinem Lager ab, bis das Geschmetter der römischen Tubae, der Signalhörner, anzeigte, daß der Gegner versuchte, den Fluß zu durch- 128 -
waten. Inzwischen waren Reiterei und leichte Infanterie der Römer von den Pulks der Numider schon aus dem Feld gefegt. Der zweite Konsul mußte jetzt alles was er noch hatte, die Legionen, in den Kampf werfen. Den Legionären geht das eisige Wasser bis zur Brust, als sie durch die Trebia waten. Auf dem anderen Ufer müssen sie erst die komplizierte, dreitreffige Schlachtordnung gewinnen, um einsatzfähig zu sein. Inzwischen vollzieht sich aus dem Lager heraus der Aufmarsch Hannibals, mit schwachem Zentrum und starken Flügeln. Hannibal hat die Entwicklung gut vorausberechnet. Den Legionen gelingt auf dem anderen Trebia-Ufer zwar der übliche Aufmarsch. Sie stoßen, nach der ersten Spießsalve zum Schwert greifend, erfolgreich gegen das Zentrum Hannibals mit dem keltischen Landsturm vor. Darauf gibt Hannibal den FlügelKommandeuren Befehl zum Eingreifen. Unter dem schrillen Trompeten der Elefanten und dem grellen Kampfruf der Numider stürmen die karthagischen Elitetruppen gegen die römischen Flanken vor. Der Konsul setzt sich selbst rücksichtslos ein, aber er verliert im Kampfgewühl völlig den Überblick. Und dann erscheint das Spezialkorps des Mago Barkas unvermutet im Rükken der völlig überraschten Legionen. Fast zeichnet sich für Hannibal die Einkesselung des Gegners ab. Die römische Schlachtlinie nimmt die Form eines nach rückwärts gespannten Bogens an. Der Versuch einer Umfassung scheitert, weil die Kelten im Zentrum - 129 -
Fersengeld geben. Ein Teil der völlig durcheinandergeratenen Legionen bricht noch in die Tiefe der karthagischen Aufstellung durch. Alles andere gerät unter die Auswirkung der Flügelangriffe mit Elefanten, leichter und schwerer Infanterie und der gesamten Reiterei. Das Gemetzel ist fürchterlich. Inzwischen hatte heftiges Schneetreiben eingesetzt, Nebel zog auf, und die Schlacht verlor sich in Blut und winterlicher Düsternis. Tiberius Sempronius Longus war froh, daß er sich selbst und schwache Reste seiner Armee aus dem allgemeinen Debakel nach rückwärts retten konnte. Nach Rom meldete er freilich vorsorglich, nur Nebel und Schnee hätten ihn daran gehindert, den bereits „errungenen Sieg“ voll auszunutzen. Jeder römische Konsul war schließlich nicht nur Armee-Oberbefehlshaber, sondern auch ein von der Volksgunst abhängiger Politiker. Die ‚Weihnachtsschlacht‘ an der Trebia stellte den ersten großen Sieg Hannibals dar. Eine konsularische Armee Roms war zerschlagen worden. Nur Teile der im karthagischen Zentrum durchgebrochenen Einheiten vermochten sich in das ursprüngliche Standlager zu retten. Der noch immer schwer leidende Konsul Cornelius Scipio d. Ä. raffte sich auf, übernahm das Feldkommando und ordnete die Aufgabe der Trebia-Stellung und den Rückzug auf Placentia an. Er selbst ließ sich in einer Maultiersänfte in schneeverhangener Win- 130 -
ternacht nach Placentia bringen. Sein geschlagener Amtskollege hatte es eilig, nach Rom zu gelangen, um die Niederlage, seiner politischen Zukunft wegen, beschönigend darzustellen.4 Hannibal blieb der Sieg in der Feldschlacht – mehr aber nicht. Das Gesamtaufgebot, das Rom und seine Bundesgenossen mobilmachen konnten, ließ sich auf eine Dreiviertel Million Mann veranschlagen. Karthago konnte Söldnerheere ins Feld schicken, aber das Reservoir auch an fremdartigsten Söldnern war begrenzt; die Zwangsrekrutierung iberisch-keltischer Krieger blieb immer umstritten und das Aufgebot an Kelten fragwürdig. Mit der Schlacht an der Trebia hatte man einen der Köpfe einer Hydra abgetrennt. Vorerst bezog nun auch Hannibal Winterquartiere im Raum des heutigen Bologna. P. Cornelius Scipio d. Ä. nahm alle noch vorhandenen Verbände in den Bereich der festen Plätze Placentia und Ariminum zurück. Diese anzugreifen und längere Belagerungen zu riskieren, konnte nicht Hannibals Sache sein. Damit hätte er die eigene Armee festgelegt. Jede Entscheidung mußte auf das nächste Jahr vertagt werden. In Rom herrschte um diese Jahreswende 218/217 v. Chr. erhebliche Nervosität. Theoretisch lag der Weg nach Rom für den Punier im Augenblick offen. Man befragte das Orakel der Sibylle von Cumae. Die Wahrsagerin in ihrer Höhle gab den simplen Rat, man möge große Mengen an Edelmetall für den Kriegsschatz spenden. - 131 -
Im Winterlager bei Bologna bewegten Hannibal unterdes ganz andere Sorgen und Probleme als ein Marsch auf Rom. Um die Kontakte zu den keltischen Stämmen enger zu gestalten, erlernte er in diesem Winter die verschiedenen Dialekte, die in der Poebene gesprochen wurden.5 Unter den römischen Kriegsgefangenen, deren Los gewöhnlich wie das aller Gefangenen im Krieg der Verkauf in die Sklaverei war, ließ er sorgfältig alle Angehörigen von mit Rom verbündeten Völkerschaften aussuchen, Samniter, Lukaner, Bruttier, Campaner, gab ihnen die Freiheit und sandte sie in ihre Heimat zurück. Diese Maßnahme gehörte zur psychologischen Kriegführung, um der Eidgenossenschaft in Italien zu beweisen, daß er ausschließlich gegen Rom und damit für ihre Unabhängigkeit kämpfte. Der Frontwechsel des Brindiseer Edelmannes Dasius und der bundesgenössischen Besatzung von Clastidium hatte gezeigt, welche Früchte solche propagandistisch-politische Arbeit tragen konnte. Der ungewöhnlich kalte und schneereiche Winter in der Poebene hatte aber noch andere Folgen. Bis auf ein Tier erlagen sämtliche Elefanten, die den Alpenübergang und die ‚Weihnachtsschlacht‘ an der Trebia überstanden hatten, den Unbilden der Witterung. Der Elefant, der am Leben blieb, hieß ‚Der Syrer‘ und stammte aus Asien, war also vermutlich indischer Herkunft. Hannibal benutzte ihn künftig gern als Reittier, wenn er seinen Einzug in keltische Ortschaften hielt. Auf kartha- 132 -
gischen Münzen jener Zeit findet sich oft ein Kriegselefant als Symbol der Stadt. Und wenn damals etrurische Städte, offiziell Verbündete, inoffiziell heimliche Feinde Roms, ihre Münzen mit dem Bild des karthagischen Kriegselefanten schmückten, so läßt dies wieder darauf schließen, wie weitverbreitet die Sympathien für den Punier waren, der als Befreier aller Italiker auftrat und wie weit das Netz prokarthagischer Kontaktleute reichte. Freilich war diese psychologisch-politische Kriegführung voll von Unsicherheitsfaktoren. Am schwierigsten waren die Kelten. Die Anlage der Schlacht an der Trebia, bei der die keltischen Landwehren zunächst den Hauptangriff der Römer auffangen mußten, hatte wieder Argwohn unter den Fürsten erweckt, der Punier opfere nur fremde Leute, um die eigene Mannschaft zu schonen. Manche Aufgebote kehrten in ihre Dörfer zurück. Die ständigen Forderungen der Verpflegungskommissare Hannibals nach Brotgetreide, Schlachtvieh, Pferden und Fuhrwerk, Öl und Wein gaben wieder Anlaß zu Mißhelligkeiten. Und wenn die Römer später erzählten, Hannibal, dies Muster an punischer Arglist, sei damals verkleidet und mit einer Perücke auf dem Kopf im eigenen Lager herumgeschlichen, um die Stimmung unter seinen fremden Kontingenten auszuforschen, so mag dies ein schwacher anekdotisch verzerrter Widerhall der Sorgen sein, die den karthagischen Oberkommandierenden in jenem harten Winter erfüllten.6 - 133 -
Dazu kam ein ganzes Bündel schlechter Nachrichten von den anderen Schauplätzen dieses Krieges, der nun die ganze Welt des zentralen und des westlichen Mittelmeeres erfaßt hatte. In Nordspanien hatte die Expedition des Gn. Cornelius Scipio zu einem vollen Erfolg geführt. Der von Hannibal dort eingesetzte Befehlshaber Hanno und der mit ihm kommandierende Ilergetenfürst Indibilis (Andobales) waren vernichtend geschlagen worden. Das große Nachschublager von Kissa war in römische Hand gefallen. Vor Lilybaion auf Sizilien war ein karthagisches Flottengeschwader, das die heimischen Regenten ausgesandt hatten, um durch eine Diversion zur See die Römer und den alten König von Syrakus zu beschäftigen, von überlegenen römischen Seestreitkräften besiegt worden. Römische Flotten- und Landverbände hatten sich der Insel Malta bemächtigt, einem wichtigen Seestützpunkt zur Kontrolle der Verbindungen zwischen Karthago, der griechischen Welt Unteritaliens und den hellenistischen Großmächten im Osten. Das einzige Unternehmen, das glücklich verlaufen war, war ein Vorstoß karthagischer Flotteneinheiten an die Küste von Bruttium (Kalabrien) in Unteritalien, dessen Bewohner eine feindselige Haltung gegenüber Rom einnahmen. Daß solche Aktionen stattfanden, lehrt, daß der Operationsplan Hannibals durchaus mit dem Stadtkönig und der ‚Gerusia‘ in Karthago abgestimmt worden war. Die Revolutionierung Unteritaliens gehörte zum Kernbestand - 134 -
des Planes. Die Friedenspartei der Hannoniden war einstweilen überstimmt. Und der Stadtkönig, wie die ‚Gerusia‘ waren aus guten Gründen karthagischer Innenpolitik, um der Behauptung ihrer eigenen Stellung willen, sicherlich auch nicht gesonnen, dem Barkiden in Italien und Spanien die Kriegführung und den erhofften Sieg ganz allein zu überlassen.7 Für Hannibal gab es zum Frühjahr 217 v. Chr. keine Alternative: Er mußte den Krieg nach Mittelitalien vortragen, um Rom zu einer Entscheidungsschlacht zu zwingen und die Auflösung des Bundessystems herbeizuführen – wofür sich zunächst die günstigsten Aussichten in Etrurien, der heutigen Toskana, und im nördlichen Latium zu bieten schienen. Schloß Rom dann Frieden, so konnte man ihm eine bescheidene Weiterexistenz garantieren. An einen Vernichtungsfrieden im Stil eines Todesurteils, wie dies später der grimme Cato für die Stadt Karthago und deren Einwohnerschaft verlangte, dachte niemand, weder im Stabe Hannibals noch bei den Oberbehörden von Karthago. Unterdes wählte man im Süden in Rom unter Leitung des an der Trebia geschlagenen, politisch jedoch unbesiegten Konsuls Sempronius Longus die neuen Konsuln für das Jahr 217 v. Chr. Für die Volkspartei, die Plebejer, wurde Caius Flaminius Konsul, ein Politiker und Organisator von hohen Graden. Mit militärischen Fähigkeiten hatten ihn die Götter allerdings weniger bedacht. Für die Optimaten, die Aristokratie, über- 135 -
nahm Gn. Servilius Geminus das Amt. Neue Rüstungen wurden ausgeschrieben, neue Legionen ausgehoben, wobei Flaminius zu inflatorischen Maßnahmen greifen mußte, einer erheblichen Verschlechterung des Münzfußes, um die Finanzierung der militärischen Anstrengungen zu sichern. Die Besatzungen in den vorgeschobenen Außenpositionen, auf Sizilien, Sardinien und in Unteritalien, vor allem in der wichtigen Flottenbasis Tarent mit sehr unsicherer griechischer Bevölkerung, erhielten Verstärkungen. Der Feldzug in Nordspanien ging weiter. Dort übernahm der wiedergenesene Ex-Konsul P. Cornelius Scipio d. Ä. gemeinsam mit seinem Bruder den Oberbefehl. Im Apennin errichtete man Sperren, um dem Punier den Weg ins römische Kerngebiet in Mittelitalien zu verlegen. Servilius Geminus bezog mit der 1. konsularischen Armee im Raum Ariminum (Rimini) Stellung, sein Amtskollege Flaminius mit der 2. Armee sollte den Raum von Arretium (Arezzo) sichern. Die weitauseinandergezogene Aufstellung der beiden Heere erklärt sich aus dem Umstand, daß niemand genau wußte, welche Angriffsrichtung Hannibal wählen würde. Hannibal blieb die Trennung beider römischer Armeen dank seines Kundschafterdienstes natürlich nicht verborgen. Er entschloß sich zur Offensive nach Etrurien, um eines der beiden Heere so rasch wie irgend möglich zur Schlacht zu stellen. Trotz der noch ungünstigen - 136 -
Jahreszeit brach er Ende März oder Anfang April 217 v. Chr. auf, verstärkt durch 20.000 Mann Fußvolk und 4.000 Reiter aus keltischen Landwehren. Unter einem fürchterlichen Unwetter mit Blitz und Donner und Hagelschlag überschritt er den Collina-Paß8 im Apennin. Im Raum des heutigen Pistoia gewann er die Ebene. Seine Absicht ging dahin, sich in den Rücken der Armee des Flaminius zu schieben und diese damit von ihren Verbindungen nach Rom abzuschneiden. Um diese Absicht zu verwirklichen, mußte er in Richtung auf Cortona marschieren, mitten durch die in diesem Frühjahr ausgedehnten Überschwemmungsgebiete des Arno und seiner Nebenflüsse. Der an Niederschlägen reiche Winter hatte zur Folge, daß hier weite Landstriche mit trübem, halbversumpftem Brackwasser bedeckt waren. Es war der kürzeste Weg, auf Marschverluste konnte und wollte man keine Rücksicht nehmen. Hannibal, der auf dem letzten, ihm verbliebenen Elefanten, dem ‚Syrer‘, ritt, erkrankte gleich vielen seiner Leute bei dem Zug durch die Sümpfe. Er zog sich eine Augenentzündung9 zu, die ihn schließlich die Sehkraft auf dem rechten Auge kostete.10 Der Konsul C. Flaminius stand indessen noch immer mit seinen 30.000 Mann bei Arezzo. Die Opferzeichen beim Amtsantritt waren ungünstig gewesen. Beim feierlichen Gottesdienst im Tempel hatte sich das Opfertier den Händen der Priester entwunden. Flaminius war ziemlich unbeeindruckt geblieben, was ihm das Volk - 137 -
von Rom sehr verübelt hatte, es bezichtigte ihn seitdem mangelnder Ehrfurcht vor den Göttern. Dann hatte es ein zweites Zeichen gegeben. Beim Abmarsch ins Feld hob ihn sein Stallmeister aufs Pferd, und dieses brach, vom Schlag getroffen, plötzlich zusammen. Flaminius, zornrot im Antlitz, antwortete auf dieses Omen mit einem Fluch und ließ sich ein neues Pferd vorführen. Als er kaum aufgesessen war, meldete man ihm, eines der in den Boden gerammten Feldzeichen im Lager lasse sich nicht herausziehen. Der Konsul schrie, so solle man das Ding doch mit Gewalt herausreißen, auch wenn die Hand des Fahnenträgers dabei zittern möchte … Für ihn zählte nur die harte Tagespolitik. Hannibal, der sich jetzt mit verbundenem Auge in einer Maultiersänfte tragen ließ, deren verhangenes Halbdunkel die Schmerzen linderte11, führte sein Manöver mit Erfolg durch. Flaminius mußte plötzlich erkennen, daß ihn der Gegner überflügelt hatte. Eilkuriere wurden zu Servilius Geminus gejagt, dieser möge sich unverzüglich auf der (von Flaminius erbauten und nach ihm benannten) Via Flaminia mit der konsularischen Armee in Nordetrurien vereinigen. Vorerst befahl er, der Armee Hannibals zu folgen, um diesen zu stellen. Besser, er schlug den Punier ohne die Hilfe seines Kollegen; dies konnte seiner eigenen politischen Laufbahn nur dienlich sein. Auf seinem Eilmarsch nach Süden hatte Hannibal im Rücken der römischen Sperrstellung bei Arezzo das - 138 -
Nordufer des 135 Quadratkilometer großen Trasimenischen Sees, zwischen dem oberen Tibertal und dem Tal der Chiana, erreicht. Die Seeufer stiegen hier zu Hügeln an, die dichter Wald bedeckte. Die Marschstraße führte erst am Nord- und dann am Ostufer des Sees entlang, wo die Höhen dicht an diesen herantraten. Gut neun Kilometer lang existierte ein Engpaß zwischen den Höhen und dem See. Am Ausgang dieses Defilées bog die Heerstraße nach Osten ab, in Richtung auf Perusia (Perugia) zu. Folgte der Konsul dem Punier auf dieser Straße am Nord- und Ostufer des Trasimenischen Sees – und alle Meldungen, die Hannibal erhielt, deuteten darauf hin, dann bot sich hier die ideale Gelegenheit für einen überfallartigen Angriff auf die römischen Marschkolonnen. Flaminius hatte es tatsächlich eilig, wiegte sich in der Annahme, Hannibal sei vor ihm schon weiter nach Süden ausgewichen und verzichtete daher auf jede Nahaufklärung. Wahrscheinlich, so der Konsul, würde es Hannibals Bestreben sein, etwa bei Perusia, einer alten Etruskerstadt, die Vereinigung der beiden römischen Heere zu verhindern. Hannibal dagegen vollzog jetzt den Aufmarsch am Nord- und Ostufer des Sees, in der Hoffnung, der Konsul werde in die Falle hineintappen. Die Reiterei wurde verdeckt in den Waldtälern am Nordufer postiert, die Kelten und die leichte Infanterie auf den Höhen über dem Defilée. Am Ende der Enge, nörd- 139 -
lich der Abzweigung der Straße nach Perusia, nahm Hannibal mit der schweren Infanterie Aufstellung. Der noch immer in seiner Maultiersänfte sitzende Feldherr muß mit seiner Binde über dem verlöschenden Auge einen seltsam düsteren Anblick geboten haben.12 Am Abend des 22. Juni 217 v. Chr. war der Aufmarsch vollzogen. Zur Täuschung des Gegners ließ man auf der Höhe im Süden der Seeenge Lagerfeuer anzünden, Zelte aufstellen und Wachen gehen, die sich unter dem Klang der Signalhörner regelmäßig abzulösen hatten. Der Konsul sollte den Eindruck gewinnen, als stünden hier noch karthagische Nachhuten. In den frühen Morgenstunden des 23. Juni 217 v. Chr. lagen noch Nebelschleier über der Talstraße. Doch je mehr die Sonne durchbrach, enthüllte sich für Hannibal, daß die ganze römische Armee, ohne jede Sicherung, in die Falle ging. Man sah die ReiterSchwadronen, die Tausendschaften leichter Infanterie, die Kolonnen der Legionen. Wie auf dem Marsch üblich, hatten die Legionäre die Erzhaube abgelegt und trugen statt ihrer leichte rostrote Filzhüte. Dahinter trotteten hunderte von Saumpferden, die der schweren Infanterie Koch- und Zeltgerät und grobes Schanzzeug nachschleppten. Den Schluß bildete der Fuhrpark mit Verpflegung und Belagerungsgerät. Inmitten der Legionen ritt der Konsul, weithin kenntlich durch den prachtvollen roten Feldherrnmantel, mit seinem Stab. - 140 -
Die karthagische Kavallerie im Norden des Defilées meldete, der Feind schwenke mit dem Gros in die Talstraße ein. Flaminius erhielt die Nachricht, auf der Südhöhe am Ausgang der Talenge befänden sich noch karthagische Wachen und Zelte. Er war’s zufrieden, denn dies mußte die Nachhut Hannibals sein. Darauf gab Hannibal das Zeichen zum Angriff. Im Norden faßte seine Reiterei den riesigen Train der Römer, im Zentrum prasselte von den Höhen der Geschoßhagel der leichten Infanterie und der Kelten auf die Kolonnen der Legionäre hinab. Im Süden setzte Hannibal seine schwere Infanterie ein. Keine römische Einheit konnte sich mehr zur Schlachtordnung entfalten. Jeder focht und fiel, wo er sich gerade befand. Scheugewordene Saumtiere erhöhten die allgemeine Verwirrung. Binnen drei Stunden wurden 15.000 Römer am Seeufer niedergehauen, 10.000 Mann streckten die Waffen. Im allgemeinen Gewühl stach ein keltischer Reiter, ein Insubrer aus jenem Volksstamm, dem Flaminius in besseren Tagen eine schwere Niederlage beigebracht hatte, den Konsul vom Pferd. Dessen Landsleute hatten ihm das Wort in den Mund gelegt, nicht Gelübde und Gebete zu den Göttern, sondern nur das Schwert bahne den Weg in der Schlacht. Nun bezahlte dieser Verächter altrömischen Glaubens seine trotzigen Reden mit dem Tod. Maharbal mit der Reiterei wurde zur Verfolgung angesetzt. Noch einmal kapitulierten 6.000 vom Schlacht- 141 -
feld entkommene Römer. Auch die Vorhut des zweiten Konsuls, die bei Perusia auftauchte, wurde geschlagen. Von den rund 50.000 Mann, die Hannibal in die Schlacht gebracht hatte, waren nur 1.500 Mann, zumeist Kelten, gefallen. Hannibal gab sich nach dem Sieg äußerst human. Er ordnete an, man solle nach dem Leichnam des gefallenen Konsuls suchen, um diesen mit militärischen Ehren bestatten zu können. Der Leichnam konnte nicht mehr gefunden werden, dafür erhielten 30 in der Schlacht gebliebene Senatoren ein ehrenvolles Begräbnis. Wiederum, wie nach der Schlacht an der Trebia, wurden alle Angehörigen italischer, mit Rom verbündeter Stämme unter den Gefangenen herausgesucht und in die Heimat entlassen. Vermutlich handelte man auch so bei dem Hilfskorps des Königs von Syrakus, das sich bei der römischen Armee befunden hatte, 1.000 Mann schwerer Infanterie und 5.000 kretischer Bogenschützen.13 Mit vielen dieser Gefangenen unterhielt sich Hannibal vor ihrer Entlassung eingehend, um ihnen klarzumachen, daß er nur gegen Rom Krieg führe, nicht gegen die von Rom zur Allianz gezwungenen, unterdrückten Völker Italiens. Von der Auswirkung solcher psychologischen Propaganda-Kriegführung hing jetzt mehr ab als vom spektakulärsten Sieg in der Feldschlacht. Die militärische Aktion konnte in diesem Ringen nur Wegbereiter des politischen Sieges sein. Mit ausschließlich militärischen Mitteln war der Sieg kaum zu erringen. - 142 -
Hannibal hat sehr wohl gewußt, wie begrenzt die Kraft des Schwertes war. Seine stillen Kontakte zu einflußreichen Persönlichkeiten oder Gruppen in der italischen Eidgenossenschaft Roms reichten fraglos weit. Bald nach dem Sieg am Trasimenischen See zeigt sich – quasi im Rückspiegel – eine der Auswirkungen des hannibalischen Erfolges im weit entlegenen, gleichwohl Karthago wie Rom durch Handelsbeziehungen eng verknüpftem Bereich – in Campanien, dem leistungsfähigsten Fabrikations- und Export-Zentrum Unteritaliens. Campanien mußte jetzt die römische Konkurrenz bei Fabrikationsvorgängen ebensosehr fürchten wie die Vernichtung Karthagos, seines besten Absatzgebietes. Bald nach der Kunde von der jüngsten römischen Niederlage entwickelte der ‚Meddix tuticus‘, der höchste Magistratsherr von Capua, der campanischen Hauptstadt, Pacuvius Calavius, als ‚Meddix‘ nominell Oberhaupt aller campanischen Gemeinden, eine merkwürdige Aktivität. Er redete dem Senat von Capua ein, das Volk würde sich erheben – gegen Rom – und alle Senatoren abschlachten. Darum sei es besser, ihm, dem ‚Meddix‘ alle Gewalt anzuvertrauen, weil nur er mit dem Volk fertigwerden könne. So geschah es. Nur verlegte Pacuvius Calavius sich dann wieder aufs Zuwarten, um den Moment abzupassen, da er mitsamt Capua und Campanien auf die Seite Hannibals übergehen konnte.14 - 143 -
All dies gehörte zu den Unwägbarkeiten dieses Krieges, nach einem schönen Sieg im Feld – gegen Rom.
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VII. Der große Sieg: Cannae In wenigen starken Tagesmärschen konnte Hannibal nach dem Sieg am Trasimenischen See nunmehr im Sommer 217 v. Chr. durch Etrurien hinab bis zum Tiber vorstoßen und vor Rom erscheinen. Mancher Offizier seines Stabes, vor allem der Reiter-Befehlshaber Maharbal, mag ihm damals dazu geraten haben.1 Aber eine überfallartige Attacke gegen Rom war noch immer ein Vabanquespiel, niemand konnte sich einbilden, daß man eine so große, wohlbefestigte Stadt im Handstreich nehmen konnte. Hannibal war davon überzeugt, daß die Entscheidung in diesem Ringen nur in der Mobilisierung der italischen Völker gegen Rom liegen konnte, daß man die Tiberstadt isolieren mußte. Dazu gehörte freilich auf militärischem Gebiet wieder die Notwendigkeit, jede Armee, die die Römer noch aufboten, im freien Feld zu schlagen. In Rom war man in den letzten Juni-Tagen noch ohne Nachricht vom Schicksal der Armee des Flaminius. Erst als vereinzelt Soldaten ohne Schild eintrafen, was für den Krieger antiker Zeiten als größte Schande galt, erfuhr man von der fürchterlichen Niederlage und vom Tod des Konsuls. Eine große Volksmenge lief auf dem Forum zusammen, darunter viele Frauen, deren Männer im Heer des Konsuls gestanden hatten; ihr Geschrei erfüllte das ganze Forum. Gegen Abend trat endlich einer der höchsten Justitiare der Republik, der Praetor - 145 -
Marcus Pomponius, aus dem Senatspalast und verkündete mit dumpfer Stimme, man habe eine große Schlacht verloren. Viele sahen darin die Strafe für die mangelnde Götterfurcht des gefallenen Konsuls. Im Augenblick war Rom ohne Staatschefs. Indes nahte von Nordwesten her der überlebende Konsul Servilius Geminus mit der 2. konsularischen Armee, zwei Legionen, leichte Infanterie und der Rest der von den Numidern Maharbals bereits arg zugerichteten Kavallerie. Diese Armee war immerhin in der Lage, Rom zu decken, falls der Punier es wagen sollte, sich der Hauptstadt zu nähern. Wie es in der Stunde der Not seit gut einem Vierteljahrtausend üblich war, wählte der Senat einen Diktator, um die Regierungsgewalt in einer Hand zu vereinigen. Zum Zeichen, daß der Diktator unumschränkter Herr über Leben und Tod sei, schritten ihm, wenn er öffentlich auftrat, 24 Liktoren (Amtsdiener) mit Rutenbündeln und Henkersbeilen voran, während einem Konsul nur 12 solcher Liktoren zustanden. Die Wahl fiel auf den greisen Fabius Maximus, der bereits fünfmal das Konsulat bekleidet und ehrenvoll in den Kriegen gegen Pyrrhos und Karthago gedient hatte. Bis zum Jahre 218 war er der Mann der Nichtintervention in Spanien und des Maßhaltens gegenüber Karthago gewesen, was ihm viele adelige Heißsporne als Schwäche angekreidet hatten. Jetzt sollte dieser außergewöhnlich fromme Greis den Staat retten. Der überlebende Konsul trat automatisch unter seinen Be- 146 -
fehl. Wie es Brauch war, mußte dem Diktator ein zweiter Befehlshaber, der ‚Magister equitum‘ (Befehlshaber der Reiterei) zugeteilt werden. Hierzu wählte man einen Mann der Plebejer-Fraktion, Marcus Minucius Rufus, der des Fabiers Bedachtsamkeit seinerseits für völlig unangebracht hielt.2 Der hünenhafte alte Fabier war gewiß kein Genie, wohl aber ein schlauer Rechner. Hannibal, so kalkulierte er, konnte sich mit seiner großen Armee in dem fremden Land nur halten, wenn er sich eine breite Basis schuf und jedes römische Heer aus dem Felde schlug, um Rom gewissermaßen politisch zu zernieren. Folglich mußte man alles tun, um ihn auszumanövrieren, bei Vermeidung jeder neuen Schlachtentscheidung. Gebiete, die man Hannibal überlassen mußte, sollten vor der Räumung planmäßig verwüstet werden, um der hannibalischen Armee die Verpflegung zu erschweren. Er hatte sich also für eine Ermattungsstrategie und eine Taktik der ‚verbrannten Erde‘ entschieden. Damit begann die weitreichende Verwüstung der Landschaft Mittel- und Süditaliens, die mehr als ein Jahrzehnt andauerte und einschneidende Folgen für die Agrar- und Sozialstruktur des späteren römischen Reiches haben sollte. Der Niedergang des römisch-italischen Bauerntums setzte ein. Hannibal bediente sich in gleicher Weise der Taktik der ‚verbrannten Erde‘, soweit er auf seinen Zügen Gebiete mit römischen Militärkolonien besetzte. Dagegen war er ostentativ bemüht, das Territorium ita- 147 -
lischer Völker zu schonen, die er für seine Sache zu gewinnen hoffte. Fabius Maximus ordnete die Aushebung zweier neuer Legionen an, die zusammen mit den beiden Legionen der 1. konsularischen Armee die Deckung Etruriens und Roms gegen mögliche karthagische Angriffe zu Lande oder von See her gewährleisten sollten. Die karthagische Flotte war in diesem Jahr, soweit ihre Mittel reichten, zur Offensive übergegangen – was wiederum auf die Generalabstimmung aller Planungen zwischen Stadtkönig, ‚Gerusia‘ und dem ‚Strategen von Libyen und Spanien‘ vor der großen Offensive in Italien schließen läßt. Ein karthagisches Geschwader von 70 Schiffen kaperte vor Pisa einen großen römischen Geleitzug mit Truppen für Nordspanien. Andere karthagische Flottengruppen operierten von den Liparischen Inseln aus vor den Gestaden Campaniens, Siziliens und Bruttiums (Kalabrien), doch vermochten sie kaum Erfolge zu erzielen. Es gelang der hauptstädtischen Flotte niemals, Truppentransporte der Römer nach Nordspanien völlig zu unterbinden. Noch ungünstiger verlief die karthagische Invasion auf Sardinien. Der dort mit See- und Landstreitkräften operierende karthagische Befehlshaber Hanno (für uns nicht mehr identifizierbar) und der mit ihm verbündete Sarden-Fürst Hampsicoras, die die karthagische Kontrolle über Sardinien wiederherstellen sollten, sahen sich durch eine Aktion des zweiten Konsuls Servillius Ge- 148 -
minus paralysiert. Die karthagischen Schiffseinheiten wurden bis nach Pantellaria zurückgetrieben. Gemäß der neuen Ermattungsstrategie des Fabius Maximus gab man in Rom zwar den Plan auf, von Sizilien aus die Invasion in Nordafrika einzuleiten. Aber im Verlauf des Jahres 217 hatte die Flotte Karthagos solche Einbußen erlitten, daß sie nicht einmal mehr imstande war, den alten König Hieron von Syrakus daran zu hindern, Rom über See (nach Ostia an der Tibermündung) abermals ein Korps von 1.000 kretischen Bogenschützen zu Hilfe zu schicken. Der hoch in den Achtzigern stehende König Hieron II. von Syrakus erwies sich im großen Spiel Hannibals um die Gewinnung der Verbündeten Roms mehr und mehr als Schlüsselfigur von fataler Bedeutung. Er war noch ein Nachkomme des Tyrannen Gelon von Akragas, der vor mehr als 250 Jahren bei Himera Karthago eine der schlimmsten Niederlagen seiner Geschichte zugefügt hatte. Die Abneigung gegen das Puniertum saß fest in der Seele dieses hellenistischen Herrschers. Er hatte auf Rom gesetzt und sah wohl jetzt die Sache Roms für höchst gefährdet an. Die Entsendung der Tausendschaft Kreter war nur eine symbolische Geste, obwohl der römische Diktator in jenen Tagen jede schlagkräftige Truppe als Verstärkung nur zu gut gebrauchen konnte. Darüber hinaus mahnte der alte König in einer Botschaft an den Senat mit allem Nachdruck, man möge doch den Krieg nach Afrika tragen, - 149 -
um das Übel an der Wurzel auszurotten. Derartige Mahnungen stießen allerdings bei dem alten Fabier auf taube Ohren. Hannibals Hauptziel mußte jetzt im Grunde Campanien sein, wo der ‚Meddix‘ von Capua alles für die Sezession von Rom vorbereitet hatte. Die Frage war nur, wie er mit seinen Truppen unbemerkt in den Süden von Rom gelangen konnte. Hannibal wählte einen weiten Umweg. Durch Etrurien marschierte er zunächst nach Osten ab. In den Städten Etruriens verhielt sich die an sich Rom abgeneigte Oberschicht abwartend. Die Gallier im karthagischen Heer, die sich nur mühsam von der gewohnten Brandschatzung fremden Gebietes abhalten ließen, standen hier seit dem großen Keltenkrieg von 225 v. Chr. noch in schlechtem Ansehen. Ein Versuch, sich im Handstreich Spoletos zu bemächtigen, scheiterte am Widerstand der hier stationierten römischen Garnison. Auch Narnia hielt sich dank römischer Besatzung. Durch Umbrien gelangte die Armee Hannibals in den ‚picentinischen Acker‘ an der Adria, wo kriegsgefangene keltische Senonen aus der Poebene angesiedelt worden waren, die den Punier nun als ihren Befreier begrüßten. Die Senonen waren noch auf Befehl des gefallenen Konsuls Flaminius hierhergebracht worden. Hannibal gewann in diesem Bereich eine gute Verpflegungsbasis für seine inzwischen wieder 50.000 Mann starke Armee mit rund 10.000 Kavalleriepferden - 150 -
und einer nicht schätzbaren Menge von Saumtieren und Fuhrgespannen. Der Sorge, Futter und Wasser für ein Elefanten-Korps aufzubringen, war man freilich vorläufig ledig. Aber Kampfelefanten wären bei diesem Manöverkrieg ohnehin nutzlos und sinnlos gewesen. Der neue feindliche Oberbefehlshaber vermied konsequent die Schlacht. Daß man über den alten Fabius Maximus im Stabe Hannibals wohl informiert war, dafür bürgten die alten Beziehungen zwischen der FabierClique und karthagischen Aristokraten wie auch karthagische Agenten in Rom. Einer dieser Kundschafter wurde in diesem Jahr von den römischen Behörden verhaftet, wobei man herausfand, daß der Spion zwei Jahre hindurch in Rom gearbeitet hatte. Man schlug ihm die Hände ab und jagte ihn aus der Stadt.3 An der Adriaküste zog Hannibal nach Süden. Von Hadria aus ging zu Schiff ein Bericht nach Karthago – soweit uns überliefert ist, der erste Versuch direkter Kontaktaufnahme mit den heimischen Regenten. Allerdings lassen die bereits erwähnten Operationen der karthagischen Flotte darauf schließen, daß man daheim im Schatten der Byrsa sehr wohl wußte, wessen die Armee in Italien bedurfte, zumal natürlich dauernde Verbindung mit dem barkidisch-spanischen Hauptquartier in Neu-Karthago bestand. Das waren: Sicherung der karthagischen Hauptbasen in Nordafrika und Spanien, Kontrolle über die sizilischen und westitalischen Kü- 151 -
stengewässer und Unterbindung der Truppentransporte nach Nordspanien.4 In Nordspanien stand die Sache Karthagos beziehungsweise der Barkiden einstweilen schlecht. Nach dem Sieg über Hannibals Befehlshaber in Katalonien, Hanno, bemächtigte sich Gn. Cornelius Scipio der Griechenstadt Emporion. Eine Gegenoffensive Hasdrubal Barkas mit Land- und Seestreitkräften scheiterte, das Geschwader von Neu-Karthago wurde an der Ebromündung von römischen und massaliotischen Flottenverbänden geschlagen, wobei die zwar kleinen, aber sehr gut geführten Kriegsschiffe Massilias für die Sache Roms den Ausschlag gaben. Die beiden Brüder Scipio stießen in der Folgezeit bis nach Sagunt vor, eroberten die Stadt und befreiten zahlreiche dort von den Barkiden festgehaltene vornehme Geiseln, denen sie die Freiheit wiedergaben. Durch das ganze barkidische Herrschaftsgebiet zog eine Welle von Unruhen, gleichzeitig drohte zeitweilig eine Meuterei auf der geschlagenen Spanien-Flotte der Barkiden – ein Zeichen, wie unsicher die spanische Basis tatsächlich war. In Italien marschierte Hannibal unterdessen bis Nordapulien vor, dem Südostteil der italischen Halbinsel. Die dort lebende Bevölkerung illyrischen Ursprungs war zwar seit hundert Jahren mit Rom verbündet, doch hatte die Zwangsföderation die freundlichen Gefühle für die Herren am Tiber nicht gerade vermehrt. Damals war diese Landschaft außerordentlich fruchtbar - 152 -
und wohlbebaut, so daß für das karthagische Heer gute Verpflegungsmöglichkeiten bestanden. Plünderung oder gewaltsame Requisitionen wurden den Söldnern streng untersagt. Hannibal schlug für eine Weile sein Hauptquartier in Luceria (Lucera) auf, bis dato eine römische Militärkolonie, die allerdings liquidiert wurde. Diese Operation an der Grenzlinie zwischen Mittelund Süditalien führte den Punier bereits in den Kernbereich des national-italischen Widerstandes gegen Rom. Breit nach Südosten wie nach Südwesten dehnte sich westlich von Luceria das Territorium der außerordentlich kriegstüchtigen Samniter aus, erbitterte Gegner Roms, wenn sie sich auch beim Ausbruch des Zweiten Punischen Krieges still verhalten hatten. Die Samniter hatten einst ein römisches Heer zu schimpflicher Kapitulation gezwungen.5 Diese weitausholenden Bewegungen Hannibals veranlaßten endlich den Diktator Fabius Maximus, seinerseits zu marschieren, um die Adler, die Feldzeichen der Legionen, wieder im Felde zu zeigen. Mit den zur Verfügung stehenden vier Legionen erschien er im samnitischen Land, bei der Stadt Maluentum, die die Römer in Beneventum (Benevent) umbenannt hatten. Es war ein für Rom glückverheißender Ort. Hier, wo die Straße Rom-Benevent aus den Apenninbergen trat, hatte anno 275 v. Chr. der Konsul M. Curius Dentatus den König Pyrrhos von Epirus mit seinen ‚lukanischen - 153 -
Ochsen‘ geschlagen, einen jener hellenistischen Militärlehrmeister, die auch Hannibal studiert hatte. Hannibal ging von Luceria aus den römischen Legionen entgegen und bot die Schlacht an, doch Fabius Maximus wich aus. Daraufhin entschloß sich Hannibal, ohne sich weiter um den unbehilflichen Gegner zu kümmern, zum Stoß von Apulien aus nach Nord-Campanien. Campanien, wo die karthagische Seite fraglos bereits über zahlreiche Kontakte verfügte, war das wichtigste, landwirtschaftlich wie fabrikationstechnisch reichste Gebiet der italischen Halbinsel. Vor dem Abmarsch aus dem Raum Benevent erfuhr dieses römische Militärkolonialgebiet noch das Grauen der ‚verbrannten Erde‘. Die Söldner durften wieder sengen und brennen, wie dies zur Berufsregel gehörte. Bauern, die Widerstand leisteten, wurden am Wegrand nach gut karthagischer Sitte gekreuzigt.6 Hannibal nahm den großen römischen Verpflegungsstützpunkt Telesia, wo die Römer aus preisgegebenem Land noch große Vorräte an Korn, Schlachtvieh, Wein und Öl gestapelt hatten, und rückte alsdann im Falerner Land ein. Der Falerner Wein war eines der begehrtesten Exportgüter Campaniens. Eben darum hatte Rom das Weingebiet unter seine Kontrolle gebracht, zum Ärger der Campaner. Hier, zwischen dem Fluß Volturnus und den Massiker-Bergen, hatte sich die römische Aristokratie die lukrativsten Besitzungen angeeignet. Auch Fabius Maximus besaß hier ein großes - 154 -
Landgut. Stadtrömischer Adelsbesitz wurde ausdrücklich von Hannibal zur Brandschatzung freigegeben, das Latifundium des Fabiers dagegen gesperrt und durch besondere Wachen gesichert. Das entsprang weniger kavaliersmäßiger Noblesse, obwohl Hannibal solch aristokratisches Denken keineswegs abging und einer seiner Stabsoffiziere, Karthalo, den Fabier persönlich gekannt hatte, als politisch-psychologischer Berechnung. Der Clan der Fabier hatte Beziehungen zum Clan der Hannoniden in Karthago unterhalten – wie schlau, wenn die Barkas sich jetzt nicht dadurch an den Hannoniden rächten, daß sie ihren alten Freund schamlos ausplündern ließen. Zum anderen konnte diese Maßnahme zum Schutz des persönlichen Besitzes des Diktators auch Mißtrauen in Rom gegen den greisen Gewaltherrn wecken. Ohnehin gab es dort genug Leute, die sich über dessen geradezu krankhafte Kampfscheu aufregten. Fraglos waren dies höchst hintergründige Überlegungen, und die Römer, die später den historisch-literarischen Markt beherrschten, haben nicht verfehlt, diese Politik als eine den Puniern, den ‚guggas‘, eigene abgefeimte Schläue zu brandmarken. Noch regte sich in den campanischen Städten keine offene Rebellion gegen Rom beim Erscheinen Hannibals. Auch der ‚Meddix tuticus‘ in Capua verlegte sich weiter aufs Zuwarten. Und Hannibal ging es im Augenblick darum, den merkwürdig ausweichenden Gegner dennoch zur Schlacht zu zwingen. Er bezog eine - 155 -
Stellung in den Bergen über Sinuessa, an der Nordgrenze Campaniens zu Latium, dem römischen Kerngebiet. Mußte Fabius Maximus jetzt nicht zuschlagen? Der alte Mann tat ihm diesen Gefallen nicht. Dafür sperrte er ihm den günstigsten Flußübergang über den Volturnus, falls der Punier, des herannahenden Winters halber, wieder nach Apulien ausweichen wollte. In der Tat befahl Hannibal im Spätherbst den Abmarsch nach Nordapulien. Römische Erkundungsergebnisse sagten Fabius Maximus keineswegs die Unwahrheit, wenn sie Meldungen brachten, die Armee des Puniers sei ungeheuer schwerfällig geworden. Sie führe Vorräte für den Winter, darunter große Herden requirierten Schlachtviehs, mit sich. Eben dies machte die Malaise solcher Söldnerheere aus, denen ihr Oberbefehlshaber einmal aus psychologisch-taktischen Gründen die Plünderung besetzter Gebiete freigab und darauf wieder unter Androhung drakonischer Strafen untersagte. Um den Rückmarsch des Puniers zu blockieren, hatte Fabius Maximus im Raum Casilinum den Paß von Callicula gesperrt, die für Hannibal günstigste Straße. Welcher Paß hier gemeint ist, läßt sich heute nicht mehr eindeutig feststellen. Jedenfalls hielten römische Verbände die Paßhöhe von Callicula besetzt. Hannibal griff zu einer Kriegslist, die die antiken Schriftsteller tief beeindruckt hat. Er gab Befehl, 2.000 der kostbaren Schlachtochsen, die man im Troß mitführte, zu opfern, - 156 -
ließ ihnen pechgetränkte Fackeln an die Hörner binden und stellte leichte Infanterie ab, um diese Ochsenphalanx zu begleiten. Die Fackeln wurden angezündet. Begleitet von Speerschützen wurde diese Fackellinie auf den Paß von Callicula vorgetrieben. Die römische Sperrbesatzung, vom Lichtermeer verwirrt, verließ ihre Stellungen und rückte der seltsamen Erscheinung entgegen, im Glauben, das karthagische Heer setze zum Nachtangriff an. Dies am späten Abend eingeleitete Manöver, befohlen vielleicht in Erinnerung an die iberische OchsenPhalanx, die dem Vater Hannibals 229 den Tod in der Schlacht gebracht hatte, führte zu vollem Erfolg. Der Kommandeur der leichten Infanterie, dessen Schützen einen ungeheuren Kampflärm entfalten mußten, ließ die Ochsen los, als die niederbrennenden Fackeln auf die Hornwurzeln übergriffen. Die vor Schmerz rasenden Tiere gerieten in die erwünschte Panik und rannten blindlings vorwärts, zum Teil setzten sie den Bergwald am Paß in Brand. Die karthagischen Speerschützen gewannen die Paßhöhe. Hannibal rückte mit dem Gros und dem Troß nach. Als die Römer endlich ihren Irrtum erkannten, kehrt machten und die Nachhut des Puniers attackierten, drehte dieser Verbände schwerer spanischer Infanterie ab, um die Arrièregarde herauszuhauen. Der Paß von Callicula war gewonnen. Im Raum von Gerunium in Nordapulien bezog Hannibal Winterquar- 157 -
tiere. Zuvor befahl er noch eine große Getreide-Einbringungsaktion. Die Römer störten diese Erntearbeit nicht mehr. Gerunium, das den Römern treu geblieben war, mußte im Sturm genommen werden. Für die Politik Hannibals war es bezeichnend, daß er die Winterquartiere seiner Armee in Bereiche verlegte, die gleichsam Strafe verdient hatten, nicht in Landschaften, deren Bewohner die Verbündeten von morgen bilden sollten. Die Kunde vom Nachtgefecht beim Paß von Callicula, von der bösartigen List des Puniers, brachte die Opposition gegen die Kriegführung des Diktators zur Siedehitze. Längst hatte man ihm den Beinamen ‚Cunctator‘ (Zauderer) gegeben und spottete über sein häßliches Antlitz mit der dicken Warze auf der Oberlippe.7 In der fabischen Familie, so erinnerten sich die Kritiker, hatte man den alten Herrn früher ‚ovicula‘ (das Schäfchen) genannt; und an Schafsdummheit hatte er es ja nun auch wahrlich nicht fehlen lassen … Nach dem Nachtgefecht von Callicula begab sich Fabius Maximus wieder nach Rom, um den Göttern zu opfern, da das Jahr sich dem Ende zuneigte. Er war ein sehr frommer Mann. Seinen Kritikern hielt er entgegen, manch kluger Arzt heile eine böse Krankheit besser durch Schonung des Patienten als durch Geschäftigkeit bei der Wahl der Medikamente. Hannibal gleiche einer hochauflodernden Flamme, die wieder in sich zusammensinke, sobald das Feuer seine Nahrung verzehrt - 158 -
habe. Solche Altersweisheiten wollten allerdings die wenigsten hören. Außerdem ging die Amtszeit des ‚Cunctators‘ zu Ende. Ein Diktator durfte nur ein halbes Jahr regieren. Viele Leute meinten jetzt, für diesen Brauch könne man nur den Göttern danken. In der den aristokratischen Clans abgeneigten plebejischen Partei führte nun ein Fleischermeistersohn das große Wort, ein ungeheuer betriebsamer Politiker, Caius Terentius Varro. In der römischen Ämterlaufbahn wechselten stets politische und militärische Dienststellungen. So hatte auch Terentius Varro militärische Erfahrungen sammeln können. Da die spätere römische Geschichtsschreibung jedoch fast ausschließlich von Adligen betrieben wurde – einer der ersten, der über den ‚Hannibalischen Krieg‘ schrieb, war ein Neffe des Fabius Maximus, Fabius Pictor –, halste man dann gern die Schuld an Niederlagen den Vertretern der Plebejer auf. Dies Schicksal wurde auch Terentius Varro zuteil, obwohl er keineswegs ein ausgemachter Dummkopf war, sondern nur ein allzu heißblütiger, auf rasche Entscheidungen drängender Politiker. Zur Partei des Terentius Varro aber gehörte auch der ‚Magister equitum‘ des Diktators, Minucius Rufus. Während sein Vorgesetzter in Rom mahnte, Ruhe zu halten, unternahm Minucius Rufus mehrere Aktionen gegen den in die Winterquartiere gegangenen Punier. Es gelang ihm, karthagische Verpflegungskommandos zusammenzuschlagen. Darauf erschien Hannibal mit star- 159 -
ken Kräften auf dem Plan und fügte dem Beigeordneten des Diktators eine schwere Niederlage zu. Fabius Maximus mußte noch einmal im Feld erscheinen. Jetzt wich Hannibal aus. Als er sich nach Gerunium zurückzog, bemerkte er scherzend zu seinen Stabsoffizieren: „Habe ich es Euch nicht oft prophezeit, daß diese ewig auf den Bergen liegende Wolke noch einmal mit Sturm und Ungewitter auf uns herniederplatzen würde?“8 Für den Winter erloschen damit die militärischen Aktionen auf beiden Seiten, während die politische Aktivität beiderseits zunahm. Das Hauptquartier Hannibals in Gerunium wurde zum Treffpunkt zahlloser Agenten, teils karthagischer, teils italischer Provenienz. Militärisch genommen, mußte man das kommende Jahr abwarten. Daß die Führung in Rom turnusmäßig wechselte, wußte man. Die Amtszeit des Diktators ging zu Ende. Neue Konsuln würden gewählt werden, und nach den Kundschafterberichten aus Rom mußte ein ungewöhnliches Doppelgespann die Wahl gewinnen: C. Terentius Varro, der vor Ehrgeiz barst, Hannibal endlich schlagen zu können, und für die Optimaten-Fraktion Lucius Aemilius Paullus, ein in den Feldzügen gegen die Illyrer in Dalmatien und gegen den Abenteurer Demetrios von Pharos bewährter Kriegsmann, der die Taktik des alten Fabiers für vollkommen richtig hielt. Und die beiden schafften es auch. Doch wie sollten sie sich auf einen gemeinsamen Aktionsplan einigen? - 160 -
Rückten die beiden Konsuln gemeinsam ins Feld, wie dies jetzt geplant wurde, führte der Tradition nach der Kriegerfahrenere – in diesem Fall Aemilius Paullus – den Oberbefehl. Der ehrgeizige Varro setzte es jedoch durch, daß man von dieser Regel abging und daß der Oberbefehl tagtäglich wechselte. Somit war die politisch-militärische Führung Roms für den Feldzug des Jahres 216 v. Chr. schlecht geordnet. Um so imponierender wirkte das neue Aufgebot Roms. Acht Legionen (zu je 4.200 Mann) wurden bereitgestellt, dazu kamen leichte Infanterie, Reiterei und bundesgenössische Kontingente. Insgesamt 80.000 Mann rückten ins Feld. Auch nach Spanien ging ein neuer Geleitzug mit Truppen und Nachschub. Für die Flotte wurden 25 Penteren auf Kiel gelegt. An den König von Makedonien, Philippos V., richtete man das Ersuchen, endlich den Raubfürsten Demetrios von Pharos an Rom auszuliefern. Damit wollte man in Rom unterstreichen, daß man den Hof in Pella, das Reich der Antigoniden auf dem Balkan, scharf im Auge behielt: schien doch der ehrgeizige Philippos V. ein idealer Bundesgenosse für Hannibal zu sein. Die beiden so ungleichen Konsuln an der Spitze einer Armee von 80.000 Mann gegen Hannibals 50.000, wurden von einer Reihe erfahrener Militärs ins Feld begleitet, dem Ex-Konsul Servilius Geminus, dem bisherigen Reiter-Befehlshaber Minucius Rufus, einem Mann der Partei Varros, und anderen. Im Arpi im nördlichen - 161 -
Apulien übernahmen die Konsuln die Armee. Aemilius Paullus hielt eine markige Ansprache an die Legionen. Der Tenor lautete, hier kämpfe ein Heer des Volkes, den Göttern seiner Stadt treu, gegen feile, fremde Mietlinge … Hannibal wußte sehr gut, wie das Dioskurenpaar der neuen feindlichen Oberbefehlshaber geartet war. Der eine, Terentius Varro, würde mit Sicherheit wieder eine Schlacht riskieren. Solche Entscheidung im freien Feld war dringend erforderlich, bislang hatte die Politik, die italischen Völker gegen Rom aufzubieten, trotz vielversprechender Kontakte, kaum praktische Erfolge zu verzeichnen gehabt. Da der Raum von Gerunium jedoch für ein Heer, dessen Hauptstärke jetzt in der glänzenden Kavallerie lag, für große Kampfhandlungen nicht günstig war, marschierte Hannibal in südöstlicher Richtung ab, in die apulische Ebene, zum Aufidus, dem heutigen Ofanto, der hier, im samnitisch-lukanischen Grenzgebirge entspringend, in mancherlei Windungen der Adria entgegenfloß. Bei dem Orte Cannae, den karthagischen Streifscharen schon im Vorjahr einmal heimgesucht hatten, dessen Stadtburg jedoch in römischer Hand geblieben war, schlug er auf dem linken Flußufer sein Lager auf. Die Burg von Cannae wurde gestürmt, und mit ihr fiel ein großes römisches Verpflegungslager in Hannibals Hand: Die Römer hatten hier Proviant für den Feldzug des neuen Jahres gespeichert. - 162 -
Wie Hannibal angenommen hatte, rückten die Römer nach, Legion für Legion in den braunen Lederpanzern mit erzenem Schulter- und Schenkelschutz, gefolgt von dem Riesentroß an Packpferden und Rüstwagen, mit Schanz-, Zelt- und Kochgerät sowie Verpflegung. Es war nun schon Hochsommer, und gewaltige Staubwolken zeigten auf den ausgetrockneten Straßen den Zug dieses Heerwurmes an. In zwei Tagesmärschen erreichte die römische Armee von Arpi aus den Raum von Cannae. Aemilius Paullus hielt nicht viel von der ganzen Operation. Hier verfügte der Gegner über allzu günstiges Terrain für seine Reiterei. Sein Amtskollege Varro hingegen plädierte für den Angriff auf den verhaßten Punier. Schließlich, so meinte er, könne das Volk von Rom dies von seinen Konsuln erwarten. Inzwischen tauchte bereits leichte Infanterie und Reiterei des Puniers auf; unter gellendem Geschrei jagten numidische Reiter heran, eine Legion mußte sich plötzlich mitten im Marsch zum Kampf formieren. Unterhalb von Cannae9 schlugen die Römer ihre Lager am Aufidus auf, wie stets mit Erdwall und Palisaden befestigt. Das größte Lager wurde in Sichtweite der Armee Hannibals auf dem linken Flußufer angelegt, ein zweites, kleineres auf dem rechten Flußufer. Damit erhoffte man, jede mögliche Bewegung des Gegners auf beiden Ufern blockieren zu können. Zudem bestand hier bei Cannae auf dem Aufidus, der im Altertum weit - 163 -
höher hinauf als heute schiffbar war, Verbindung nach der See hin. Hannibal verfügte bei Cannae damals über 20.000 Kelten, deren Kampfmoral nicht allzu hoch zu veranschlagen war. Dazu kamen 5.000 Mann schwerer spanischer Infanterie in ihren weißen gesteppten Leibröcken mit rotem Saum und schwarzen Ziegenmänteln, und 7.000 Mann schwerer libysch-phönizischer Infanterie in der traditionellen makedonisch-hellenistischen Rüstung. Die Römer behaupteten allerdings später, er habe diese Truppe mit am Trasimenischen See erbeuteten römischen Rüstungen ausstatten lassen, um die eigene Niederlage zu bemänteln.10 Daran reihten sich 8.000 Mann leichten Fußvolks, Schleuderer von den Balearen in ihren Sisyrnen, Schafspelzen, Ligurer mit Wieselfellkappen und Kelten mit ihren phantastischen Helmzierden, die Wisenthörner, Wolfsfratzen und Adlerköpfe zeigten. Die Elite dieser Armee bildeten die 10.000 Mann schwerer und leichter Kavallerie. Bot der Gegner hier die Schlacht an, so gedachte Hannibal anzugreifen, gegen alle Regeln der Kriegskunst mit schwächeren Kräften.11 Zwei Tage standen sich beide Heere am Aufidus gegenüber. Die römische Führung war sich nicht klar, was sie tun oder lassen sollte. Im Kriegsrat wurde Varro immer wieder von Aemilius Paullus und Servilius Geminus ermahnt, er möge die Schlacht vermeiden. - 164 -
Am dritten Tag, dem 2. August 216 v. Chr., führte Varro wieder den Oberbefehl und beschloß, zu handeln. Numidische Späher, die das römische Lager auf dem linken Ufer des Aufidus beobachteten, galoppierten eilends zurück und meldeten, am römischen Feldherrnzelt sei der rote Mantel ausgehängt, das Zeichen, daß der Oberkommandierende befohlen hatte, sich kampfbereit zu machen. Alle Bewegungen ließen vermuten, daß der Römer den infolge des Sommerwetters nur niedriges Wasser führenden Aufidus überqueren und auf dem rechten Ufer aufmarschieren wollte, um die Karthager möglicherweise von ihrem Lager wegzulocken. Hannibal gab seiner leichten Infanterie Befehl, gleichfalls über den Fluß zu gehen, und begab sich zu Pferd mit seinem Gefolge auf das rechte Ufer, wo er auf einem kleinen Hügel dicht bei der Stadtburg haltmachte. Je deutlicher erkennbar wurde, daß der Feind einen Uferwechsel vornehmen wollte, um so klarer wurde ihm, daß dieser einen schweren Fehler beging. Dem römischen Reglement nach marschierte Legion für Legion nebeneinander, in drei Treffen gestaffelt auf. Die Manipel standen mit kleinen Zwischenräumen, in Schachbrettform hintereinander in den Treffen geordnet. Jeder Manipel, 120 Mann stark, stellte sich in sechs Gliedern auf. Normalerweise konnte man bei dieser Dreitreffentaktik hoffen, daß das erste, und möglichst auch noch das zweite Treffen zum exerziermä- 165 -
ßigen Pilenwurf in Salvenform gelangten, bevor sie zum Nahkampf mit dem Schwert ansetzten. Terentius Varro, der Oberkommandierende an diesem 2. August, schien indes anderes im Sinn zu haben. Um die Stoßkraft seines Zentrums zu erhöhen und die Masse seiner Legionäre beim Sturm im Nahkampf voll zur Geltung zu bringen, verringerte er seine Frontbreite und ließ die Manipel zwölf Mann tief aufmarschieren. Gelang es diesmal, das karthagische Zentrum mit voller Wucht zu zerschmettern, mußten alle möglichen listigen Flankenund Umgehungsmanöver, wie sie der Punier an der Trebia probiert hatte, zu spät kommen. Hannibal beobachtete mit großer Sorgfalt, wie umständlich der Gegner sich zur Schlacht entfaltete, wie dieser alle Kräfte in der Mitte zu massieren suchte. Einer seiner Stabsoffiziere, Geskon mit Namen, bemerkte, die Riesenzahl der Feinde, die sich da ausbreite, komme ihm wunderlich vor. Hannibal erwiderte lächelnd, Geskon lasse einen anderen Umstand außer acht, der noch wunderlicher sei. Als Geskon fragte, was er damit meine, sagte Hannibal: „Nun, dies, daß unter all denen, so viel ihrer auch sind, kein einziger Geskon heißt.“12 Alle lachten, die Zuversicht stieg. Der Stratege mit dem erloschenen Auge pflegte selten zu scherzen. Unterdes formte sich in seinem Kopf der Plan für den Tag. Soweit ihm die hellenistische Militärliteratur geläufig war13, betrachtete man dort die ‚schiefe Schlachtordnung‘, die Operation mit einem stärkeren Flügel zur - 166 -
Erzwingung der Entscheidung, als höchsten Trumpf. So hatte der Thebaner Epaminondas vor beinahe 200 Jahren die Spartaner besiegt, so Alexander bei Gaugamela 331 die Perser. Es mußte möglich sein, mit zwei starken Flügeln, bei Verhalten im Zentrum, den Gegner im freien Felde zu umfassen. So wählte Hannibal die entgegengesetzte Form jener auf die Landkriegführung übertragenen karthagischen Flottentaktik, die er schon an der Trebia erprobt hatte. Die ganze Armee marschierte auf dem rechten Ufer des Aufidus auf. Das Zentrum, keltische Fußaufgebote und spanische Infanterie, nach Tausendschaften gemischt aufgestellt, wurde in Form eines Halbmondes weit vorgebogen geordnet. Die Flanken dieser sichelförmigen Aufstellung wurden treppenweise zurückgestuft. Weit im Rückhalt auf den Flügeln wurde je ein Korps zu 3.500 Mann schwerer libysch-phönizischer Infanterie postiert. Die Reiterei kam auf die Außenflügel: rechts die Numider unter Hanno Bomilkar, links die Spanier unter dem Generalquartiermeister Hasdrubal. Hannibal nahm im Zentrum Aufstellung. Hatte sich noch Alexander selbst in den Kampf gestürzt, sobald sein Schlachtplan vollendet war, so war dies jetzt bei einer so komplizierten Schlachtlenkung undenkbar geworden. Der Feldherr konnte sich unmöglich selbst des Überblickes berauben, soweit im Gewühl der Infanterieschlacht in Staub und Dunst überhaupt noch ein Überblick möglich war. - 167 -
Die Schlacht rollte mit der Genauigkeit eines Uhrwerkes ab. Die karthagische Armee wartete stehenden Fußes den Anmarsch der Römer ab. Diese brauchten Zeit, um die Verbände nach der Durchquerung des Aufidus wieder zu ordnen. Dann nahten die Legionen, überragt von den Feldzeichen der Manipel, im Marschschritt: vor der Front Schwärme leichten Fußvolks, die Reiterei auf den Flügeln. Im Zentrum ritt der Ex-Konsul, auf dem linken Flügel befahl Terentius Varro. Nachdem das Gewölk der Leichtbewaffneten aus dem Feld gefegt war, nahten die Legionen, nunmehr im Geschwindschritt, starr in gewohnter Ordnung vorrükkend. Wie es Hannibal berechnet hatte, schleuderte das erste Treffen seine Pilensalve, die zum Teil ins Leere ging. Darauf fielen die Legionäre in Sturmschritt. Dem keltischen und spanischen Fußvolk im vorgeschobenen Halbmond war eingeschärft worden, sie könnten langsam fechtend ausweichen, dürften aber auf keinen Fall flüchten. Die römische Schlachtlinie gerät infolge der bogenund treppenartigen Aufstellung des Gegners in Unordnung. Alles drängt zur Mitte, wo in Kampfgeschrei, Staub und Gewühl die Infanterieschlacht mit voller Gewalt tobt. Langsam wird der Halbmond der Karthager eingedrückt, ein Durchbruch in die Tiefe scheint den Römern nicht zu gelingen. Unterdes hat sich auf den Flügeln das Schicksal schon zugunsten Karthagos entschieden, die römische - 168 -
Reiterei ist geschlagen. Die beiden Reiter-Kommandeure Hannibals führen ihre Hundertschaften in den Rükken der römischen schweren Infanterie. Für einen Augenblick schwankt die Waage im Zentrum. Keltische Einheiten versagen, werfen Schild und Schwert weg und flüchten. Hannibal gelingt es jedoch, die Front wieder zu schließen. Der Durchbruch in die Tiefe bleibt den Römern versagt. Hannibal sieht den Augenblick gekommen, um seine beiden Flügelkorps loszulassen. Die hellenistisch-karthagischen Phalangen nahen, mit wehenden roten Helmbüschen, gedeckt durch große Erzschilde, mit den langen Stoßlanzen. Ihr Stoß geht in die tiefe Flanke der durcheinandergeratenen Legionen. Terentius Varro wird schwer verwundet, läßt sich jedoch wieder aufs Pferd heben. Aemilius Paullus fällt im Kampf. Und dann naht im Rücken der Römer die karthagische Reiterei und vollendet den Sieg. Von 80.000 Mann bleiben 50.000 auf dem Schlachtfeld, darunter 80 Senatoren, die Offiziersstellen in der Armee bekleideten. Terentius Varro rettet sich mit einem Trupp von 50 Reitern aus diesem Debakel. Es war der größte Sieg – und der letzte große Sieg –, der Hannibal im Felde gegenüber Rom beschieden war. Die erste und auch vollendetste Umfassungsschlacht im freien Felde in der Kriegsgeschichte war geschlagen worden. Clausewitz, der preußische Kriegsphilosoph, lehrte später, dem Schwächeren gezieme konzentrisches Handeln nicht. Napoleon lehrte, der Schwächere - 169 -
dürfe niemals auf beiden Flügeln zugleich die Umfassung versuchen. Der preußische Generalstabschef Graf Schlieffen suchte vor dem Ersten Weltkrieg nach seiner Verabschiedung Trost im Studium von Cannae, um sich selbst zu beweisen, sein großer Umfassungsplan gegen Frankreichs Armeen könne Aussicht auf Erfolg haben.14 Hannibals eigene Verluste in dieser Schlacht betrugen rund 5.000 Tote, meist Kelten, die im Zentrum geblieben waren. Ein Versuch römischer Einheiten, das große karthagische Lager auf dem linken, dem Nordufer des Aufidus, zu nehmen, war vereitelt worden. Aus dem römischen Lager gegenüber den Karthagern retteten sich ein paar tausend Mann vor der Gefangennahme. Hannibal hatte als Soldat den höchsten, verwegensten Einsatz gewagt und alles gewonnen. Das größte Wehrpflichtheer, das Rom bislang je aufgeboten hatte, war so gut wie ausgelöscht. Aber hatte er damit nun den Krieg gewonnen? Kein Wunder, daß am Abend dieses 2. August ihn seine Stabsoffiziere und Kommandeure bedrängten, er möge nun auf Rom marschieren. Man wollte sich die Schiffsschnäbel der karthagischen Penteren wieder holen, aus denen nach dem ersten großen Seesieg der Römer bei Mylae vor 44 Jahren, 260 v. Chr., die Rednertribünen auf dem Forum der Tiberstadt gezimmert worden waren, wie man sich in Karthago erzählte. Am lautesten plädierte der Reiter-Obrist Maharbal für den - 170 -
Marsch auf Rom. Als Hannibal abwinkte, soll er gesagt haben: „Ich sehe wohl, die Götter verleihen ein und demselben nicht alle Gaben zugleich. Du verstehst zu siegen, Hannibal, aber den Sieg zu nutzen verstehst Du nicht!“ Livius hat diese berühmt gewordenen Worte in die klassische Formel gekleidet: „Vincere scis Hannibal, victoria uti nescis.“15 Es war der erste Schatten, der, vielleicht noch am Abend dieses 2. August 216, auf den Sieg fiel. Denn seit diesem Ausspruch verschwindet Maharbal aus den uns noch zugänglichen Quellen. Fiel er in Ungnade? Hat der dem Alter nach wohl viel jüngere Stratege den brüsken Ausspruch eines seiner Unterbefehlshaber hart bestraft? Oder ist er einer Verwundung erlegen, die er 216 beim Sturm auf Casilinum erlitten hat? Aber bei dem eingewurzelten Stolz der karthagischen Aristokratie läßt sich sehr wohl denken, daß allzuviel Freimut gegenüber hochgestellten Persönlichkeiten als unangemessen empfunden wurde. Anstelle Maharbals erscheinen zwei andere ReiterBefehlshaber in Hannibals Gunst. Karthalo16, den er nach dem Tag von Cannae als Unterhändler nach Rom entsandte, und Myttones aus Hippo Diarrythos, einer libysch-phönizischen Kolonialstadt. Muttines, wie ihn die Römer später nannten, ein Mann, der auf Hannibal und das Haus Barkas eingeschworen, jedoch keineswegs gesonnen war, sich anderen karthagischen Oligarchen zu beugen, wie die Zukunft lehren sollte.17 - 171 -
Ohne dies zu ahnen, hatte Maharbal vermutlich einen neuralgischen Punkt in den Überlegungen Hannibals getroffen. Im Felde verstand er, den Sieg an die Feldzeichen Karthagos zu heften, in der Politik meinte er wohl, den richtigen Weg zu wissen, den er einschlagen mußte. Nur hing der Erfolg der Politik von Imponderabilien ab, die schwer zu beurteilen waren. Rom jetzt im Handstreich zu nehmen, war militärisch nicht möglich, eine lange Belagerung der Riesenstadt am Tiber mit ungesichertem Hinterland wäre noch größerer Unsinn gewesen. Rein militärisch war der ganze Krieg überhaupt nicht zu gewinnen. Doch der Sieg von Cannae bot jetzt die Möglichkeit, Rom, dessen Feldheer für mindestens ein bis zwei Jahre ausgeschaltet war, von seinen Bundesgenossen zu trennen. Hannibals politische Planungen gingen noch weiter. Man mußte die ganze hellenistische Welt von Griechenland mit seinen Städtebünden bis zum Seleukidenreich im Orient gegen Rom mobilisieren. Der nächste mächtige, potentielle Bundesgenosse konnte der ehrgeizig-unruhige König Philippos V. aus dem Haus der Antigoniden in Makedonien werden, der Rom wegen dessen Intervention in der Adria und in Dalmatien mit Abneigung betrachtete. Erschien eine makedonische Armee in Italien, so würde dies eine erhebliche Entlastung bedeuten. Jahrhunderte hindurch hatte Karthago mit der hellenischen Welt im Streit gelegen. Die Griechen hatten das punische Wesen ver- 172 -
achtet oder gehaßt. Im Grunde genommen schmiedete jetzt ein neuer Gegner beide Repräsentanten der alten Zeit zusammen: Rom. Das hat Hannibal sehr deutlich gespürt. Aber konnte dies seltsame politische Spiel überhaupt jemals gelingen? Oder barg der größte Sieg seiner Feldherrnlaufbahn zugleich den Keim für die politische Niederlage?
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VIII. Von Capua nach Capua Die politische Entscheidung Nach dem überwältigenden militärischen Sieg bei Cannae stellte sich Hannibal die Frage, wie man diesen Sieg für die Beendigung des Krieges nutzen könne. Ein Marsch auf Rom schien unrealistisch, also blieb nur der Versuch, mit Rom ins Gespräch zu kommen. Mit dieser Aufgabe betraute Hannibal den bei ihm in hoher Gunst stehenden Reiter-Befehlshaber Karthalo, der aus nicht mehr ersichtlichen Gründen über Beziehungen zur römischen Aristokratie verfügte, vor allem zum Hause des greisen Ex-Diktators Fabius Maximus.1 Offiziell lautete Karthalos Auftrag, über die Freigabe der bei Cannae in Gefangenschaft geratenen Römer – gegen Lösegeld – zu verhandeln. Die Kriegsgefangenen aus den Reihen der römischen Klientelvölker waren nach Hannibals Gepflogenheit sofort in die Heimat entlassen worden. Tatsächlich hatten schon früher Beziehungen zwischen Kreisen des karthagischen und des römischen Adels bestanden. Bei Hannibal wird auch hin und wieder das Bestreben deutlich, unter dem Adel beider Stadtstaaten einen gewissen Stil aufrechtzuerhalten.2 Und was Karthalo, vermutlich einen bereits älteren Offizier, anbetrifft, so kann man annehmen, daß dieser möglicherweise als junger Mann im Ersten Punischen Krieg in römische Gefangenschaft geraten war und in Rom das ‚paternum hospitium‘ (Livius) erlangt - 174 -
hatte, die ‚väterliche Gastfreundschaft‘ der Fabier-Familie. Ähnlich wie Hannibal nach Cannae hatte König Pyrrhos von Epirus nach seinem großen Sieg über die Römer bei Ausculum 279 v. Chr. gehandelt, als er den Römern Friedensverhandlungen anbot. Ähnlich waren der Stadtkönig und die ‚Gerusia‘ von Karthago verfahren, als sie sich 249 v. Chr. während des Ersten Punischen Krieges im Besitz des Sieges wähnten. Doch bislang hatten sich die Römer niemals auf vorzeitige Friedensverhandlungen eingelassen. Unterdes hatte sich die Kunde von der Vernichtung der römischen Feldarmeen wie ein Lauffeuer in ganz Italien verbreitet. Der überlebende Konsul Terentius Varro sandte einen Eilkurier nach Rom, meldete den Tod seines Amtskollegen und gab an, er wolle im Raum Canusium-Venusia (das heißt südwestlich von Cannae) eine neue Armee sammeln. Nach Canusium (Canosa di Puglia), das auf einem Hügel über dem Aufidus lag, hatten sich ein paar tausend Soldaten und Offiziere der Armee von Cannae gerettet. Unter den jungen aristokratischen Offizieren machte sich Mutlosigkeit breit. Der Staat, meinten sie, sei verloren, man müsse nach Osten auswandern … Zwei Standesgenossen, Angehörige der cornelischen und der claudischen Familie, wandten sich scharf gegen solchen Defaitismus. Der erste von ihnen war Publius Cornelius Scipio der Jüngere, der Sohn des von Hannibal am Ticinus geschla- 175 -
genen Konsuls, der bei Cannae als Militärtribun (Stabsoffizier) einer Legion gekämpft hatte. Er sollte sehr bald noch viel von sich reden machen. In Rom selbst mahnte Fabius Maximus, jetzt gelte es, die Ehre zu wahren. Dem Glauben der Väter entsprechend befragte man das Orakel der Sibylle von Cumae. Ihr Spruch lautete, um die Götter zu versöhnen, möge man ein griechisches und ein keltisches Paar, jeweils Mann und Weib, opfern, um abtrünnige Völker zu bestrafen. Die Römer, die die Karthager stets und ständig wilder Grausamkeit bezichtigten, befolgten das Orakel. Vier Menschen, ein Grieche und eine Griechin, ein Kelte und eine Keltin, Sklaven oder Kriegsgefangene, wurden bei lebendigem Leibe begraben. Daneben ergriff der Senat sofort Maßnahmen, um die Niederlage auszugleichen. Nachdem wieder wie im Vorjahr einer der Konsuln gefallen war, wurde abermals ein ‚Diktator‘ ernannt: M. Junius Pera, Konsul von 230 v. Chr. und damals Sieger über die Ligurer. Der überlebende Konsul Varro wurde mit allen Ehren in Rom empfangen. Eine Legion, die als Marine-Infanterie für das vor Ostia an der Tibermündung liegende Kriegsschiffgeschwader bestimmt war, wurde nach Rom gezogen. Ihr Kommandeur, der Praetor Marcus Claudius Marcellus, Konsul von 222 v. Chr. und damals Sieger über die keltischen Insubrer, erhielt den Auftrag, mit diesem Verband und den Resten der Armee von Cannae die Deckung Roms an der Grenze von Latium, - 176 -
dem Kerngebiet der Tiberstadt, und Campanien zu übernehmen. Er nahm bei Teanum (Teano) an der Straße von Rom nach Neapel Aufstellung. Als Karthalo mit ein paar Begleitern und etlichen vornehmen, gefangengenommenen Römern, die sich bereit erklärt hatten, als Vermittler zu fungieren, in Rom eintraf, fand er eine zwar höfliche, aber kühle Aufnahme. Von Friedensgesprächen war keine Rede. Einen Freikauf der Gefangenen lehnte der Senat ab. Die Römer, die sich Karthalo zur Verfügung gestellt hatten, mußten mit der karthagischen Gesandtschaft zusammen die Stadt wieder verlassen; man sah in ihnen Verräter. Rom hatte zwar abermals eine fürchterliche Niederlage erlitten, aber der Krieg, das wußte man recht gut, war damit noch lange nicht verloren. Man behauptete die Herrschaft auf dem Meer, trotz mancher karthagischen Einzelaktion, und in Spanien stand der Krieg recht günstig.3 Obwohl es Hannibal gelungen war, Rom in Italien fürs erste in die Defensive zu drängen, mangelte es den Römern keineswegs an Möglichkeiten, auf anderen Kriegsschauplätzen wieder zur Offensive überzugehen oder bereits begonnene Unternehmen fortzusetzen: in Nordspanien, auf Sardinien, auf Sizilien, jenseits der Adria in Griechenland und in der Poebene gegen die Kelten. Der Praetor M. Valerius Laevinus, der die politischmilitärischen Aktionen in der Adria und in Griechen- 177 -
land leitete, nahm Verhandlungen mit dem ‚Aitolischen Bund‘, einem der beiden griechischen Stadtbünde, auf, den Gegnern des Königs Philippos V. von Makedonien, dem potentiellen Alliierten Hannibals in Italien. In der Poebene erlitt man freilich einen neuen Rückschlag. Der dort operierende Praetor L. Postumius, designierter Konsul für das Jahr 215 v. Chr., wurde mit seinem Korps im Litana-Wald überraschend angegriffen und fiel im Kampf. Die ganze Truppenabteilung wurde niedergemacht. Der Schädel des Postumius diente, in Gold gefaßt, künftig keltischen Priestern als Trinkgefäß beim Opfer. Für Hannibal besaß die Poebene noch immer Bedeutung als Rekrutierungsgebiet wie als mögliches Durchzugsgebiet, wenn es gelingen sollte, im Landmarsch eine zweite Armee aus Spanien nach Italien zu schicken. Wichtiger für ihn jedoch war die Gewinnung Unteritaliens und damit die Auflösung der römischen Eidgenossenschaft. Nach dem Sieg von Cannae schwenkten tatsächlich die großen Stämme der Samniter und Lukaner, die campanischen Städte, die Zwölf-Stämmegemeinschaft der Bruttier im heutigen Kalabrien zu Hannibal über. Der Abfall von Rom grassierte wie eine Seuche. Aber für Hannibal blieb es ein halber politischer Erfolg. Es gelang ihm nicht, die wichtigen Häfen von Cumae und Neapel an der campanischen Küste, die Basen der römischen Seemacht, zur Übergabe zu bewegen. Und auch die Hafenstädte Süditaliens, Lo- 178 -
kroi, Kroton, Rhegion und Tarent, wurden von den Römern fürs erste behauptet. Das interessanteste Gebiet war für Hannibal Campanien mit seinen großen Erzgießereien und Töpferwerkstätten. Hier unterhielt Hannibal mutmaßlich bereits Beziehungen zum ‚Meddix tuticus‘ von Capua, Pacuvius Calavius, der prokarthagischen Sezessionspartei in Capua und anderen campanischen Städten. Der ‚Meddix‘ und seine Freunde sahen ihre Stunde nach dem Sieg Hannibals bei Cannae gekommen. Der Punier selbst marschierte mit der Armee von Apulien nach Campanien. Auf dem Zug nach Capua schloß sich eine Reihe wichtiger Städte der Sache Karthagos, d. h. der Sache der Freiheit von Rom, an: Arpi, Herdonea, Salapia. Der Vertrag, den der ‚Meddix tuticus‘ und die aristokratischen Sezessionisten in Capua mit Hannibal abschlossen, ist uns überliefert. Capua sicherte sich die Wiederherstellung seiner Unabhängigkeit und seiner früheren Vormachtstellung unter den campanischen Städten sowie die Befreiung von allen Kriegslasten. Von aktiver militärischer Unterstützung der hannibalischen Armee war nicht die Rede. Die neuen Herren von Capua waren in erster Linie Geschäftsleute und wußten jeden erdenklichen Vorteil zu ergattern. Nichtsdestotrotz war die Sicherung dieses reichen Agrar- und Fabrikationsgebietes ein Vorteil für Hannibal, was die Versorgung seiner Armee anbelangte. Wenn er aller- 179 -
dings gehofft haben mochte, der Verlust Campaniens könne zu einer Erschütterung der Finanz- und Wirtschaftskraft Roms führen, so täuschte er sich. Dessen eigenständige Wirtschaft war bereits so groß geworden, daß Rom auch diesen Verlust überstand. Eben in dieser Tatsache lag ein Gutteil der Beweggründe für die Erhebung der Aristokratie von Capua. Sie fürchtete die übermächtig gewordene Konkurrenz der Tiberstadt. Von Campanien aus sandte Hannibal eine Truppenabteilung unter Hanno Bomilkar zu den Zwölf-Stämmen von Bruttium, im heutigen Kalabrien. Die Bruttier, vorwiegend Holzfäller, Köhler, Hir