FRANCO CARDINI
Europa und der Islam
Geschichte eines Mißverständnisses
Aus dem Italienischen
von Rita Seuß
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FRANCO CARDINI
Europa und der Islam
Geschichte eines Mißverständnisses
Aus dem Italienischen
von Rita Seuß
VERLAG C. H. BECK
MÜNCHEN
Titel der italienischen Originalausgabe: Europa e Islam. Storia di un Malinteso © Laterza, Rom-Bari 1999
Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Cardini, Franco: Europa und der Islam: Geschichte eines Mißverständnisses /
Franco Cardini. Aus dem Ital. von Rita Seuß. –
München: Beck, 2000 (Europa bauen)
Einheitssacht.: Europa e islam (dt.)
ISBN 3 406 46387 8
Für die deutsche Übersetzung
© Verlag C. H. Beck oHG, München 2000
Satz: Fotosatz Janß, Pfungstadt
Druck- und Bindearbeiten:
Franz Spiegel Buch GmbH, Ulm-Jungingen
Printed in Germany
www.beck.de
Franco Cardini, Professor für mittelalterliche Geschichte an der Uni Florenz, zeichnet die Beziehungen zwischen Europa (verstanden als christliches Abendland) und dem Islam im Mittelmeerraum nach. Er geht streng chronologisch vor mit der Islamisierung der Iberischen Halbinsel, den Kreuzzügen, der Reconquista und schließlich den Türken auf dem Balkan. Im Mittelpunkt stehen die politischen und auch kriegerischen Auseinandersetzungen oder auch Gemeinsamkeiten. Cardini schreibt gut verständlich und geradezu spannend, dabei absolut fundiert und seriös. Neben vielen Büchern, die einzelne Aspekte der Beziehung Islam-Christentum behandeln – z. B. A. Brissaud: „Islam und Christentum“ besonders das Alltagsleben oder G. Schweizer: „Islam und Abendland“ die kulturwissenschaftliche Thematik – nimmt Cardinis Werk in seinem umfassenden Überblick eine ganz eigene Stellung ein.
Europa bauen
Europa wird gebaut. Getragen von großen Hoffnungen. Doch erfüllen werden sie sich nur, wenn sie der Geschichte Rechnung tragen. Ein geschichtsloses Europa wäre ohne Herkunft und ohne Zukunft. Denn das Heute entstammt dem Gestern, und das Morgen entsteht aus dem Vergangenen. Dieses Vergangene soll die Gegenwart jedoch nicht lähmen, sondern sie befähigen, bei allem Bewahren eine andere und im Fortschritt eine neue Gestalt zu gewinnen. Unser zwischen Atlantik, Asien und Afrika gelegenes Europa besteht ja schon seit sehr langer Zeit, so wie die Geographie es gezeichnet, die Geschichte es modelliert hat, seit die Griechen ihm diesen Namen gaben, der stets beibehalten wurde. Auf dieses Erbgut, das seit der Antike, ja seit prähistorischer Zeit dieses Europa befähigt hat, gerade wegen seiner Einheit und Vielfalt einen solchen Reichtum an Kulturgut, eine solch außergewöhnliche Kreativität zu entfalten, muß sich die Zukunft stützen. Die aus der Initiative von fünf Verlegern unterschiedlicher Sprache und Nationalität entstandene Reihe «Europa bauen» will die Gestaltung Europas und seine nicht zu unterschätzenden Erfolgschancen erhellen, ohne die überkommenen Schwierigkeiten zu vertuschen. Daß dieser Kontinent in seinem Streben nach Einheit so manch internen Zwist, so manchen Konflikt, so manches Trennende und Widersprüchliche erst überwinden mußte, soll in dieser Reihe nicht verschwiegen werden, denn wer sich auf das Unternehmen Europa einlassen will, muß die gesamte Vergangenheit kennen und eine Zukunftsperspektive besitzen. Daraus erklärt sich der «aktive» Titel unserer Reihe. Es scheint
uns in der Tat nicht an der Zeit, eine Universalgeschichte Europas zusammenzufügen. Wir wollen das Thema mit Essays umkreisen, die von den besten zeitgenössischen Historikern stammen, wobei es für uns unerheblich ist, ob sie Europäer oder Nicht-Europäer, ob sie schon berühmte oder noch kaum bekannte Autoren sind. Sie werden die entscheidenden Themen europäischer Geschichte aufgreifen – im wirtschaftlichen, politischen, sozialen, religiösen, kulturellen Bereich – und sich dabei auf die lange, von Herodot begründete historiographische Tradition und zugleich auf die in Europa entwickelten neuen Konzeptionen stützen, die die Geschichtswissenschaft im zwanzigsten Jahrhundert und insbesondere in den letzten Jahrzehnten von Grund auf erneuert haben. Durch ihr Bemühen um Klarheit sind all diese Essays für jedermann verständlich. Wir setzen unseren ganzen Ehrgeiz darein, all denen, die am Aufbau und Ausbau Europas beteiligt sind, aber auch jenen in der Welt, die sich dafür interessieren, Bausteine zur Beantwortung der fundamentalen Frage «Wer sind wir? Woher kommen wir? Wohin gehen wir?» zu liefern. Jacques Le Goff
Vorwort
Ziel dieses Buches ist es, die Beziehungen Europas zum Islam nachzuzeichnen und die Motive, den historischen Verlauf dieser Begegnung sowie die Vielzahl der Aspekte, Vorstellungen und Vorurteile, Desinformationen und Irrtümer zu untersuchen, die die europäische Sicht des Islam im Laufe der Geschichte prägten. Bewußt wurde auf die Darstellung der islamischen Gegenperspektive verzichtet, obwohl gelegentliche Hinweise und Bezüge unvermeidlich waren. (Zur Vertiefung vgl. Arbeiten wie zum Beispiel B. Lewis, Die Welt der Ungläubigen, Berlin 1983.) Vorrangiger Gegenstand der Betrachtung ist der Islam im Mittelmeerraum. Das ist legitim und unter den Voraussetzungen der hier behandelten historischen Verläufe sogar geboten, denn die Europäer traten in früher Zeit vor allem mit dem mediterranen Islam in Kontakt. Ferner darf man nicht vergessen, daß der Islam kein homogenes Ganzes ist. Wie im Christentum, so gibt es auch im Islam eine Vielzahl von Strömungen, die zwar in der tieferen Einheit der umma aller Gläubigen wurzeln, sich aber in unterschiedlicher Weise historisch entwickelt haben. Die historisch-philologische Tradition und Kultur des südeuropäischen Raums richtete ihr Interesse nicht selten ausschließlich oder in verengter Sicht auf die türkischen, nahöstlichen und nordafrikanischen Ausprägungen des Islam, die im übrigen in enger Beziehung zueinander stehen. Eine aufmerksame Betrachtung anderer europäischer Regionen, in denen sich eine andere historische und auch politische Perspektive entwickelt hat, ist daher von Südosteuropa aus dringend erforderlich. In Deutschland,
Polen, Rußland (in mancher Hinsicht auch im Baltikum und in Mitteleuropa) richtete sich die Aufmerksamkeit seit dem 18./19. Jahrhundert auch auf den Mittleren Osten sowie auf Zentralasien und in England, Portugal und Holland auch auf Indien und Ostasien – Weltregionen, die im südeuropäischen Raum gewöhnlich ausgeblendet bleiben. Der Kenntnisstand hier war durch das scholastische Wissen und die Propaganda geprägt. Wir unterscheiden in diesem Buch daher sehr genau zwischen Nahem, Mittlerem und Fernem Osten – entgegen der italienischen Unart, den gesamten Raum zwischen östlichem Mittelmeer, Euphrat und Arabischer Halbinsel pauschal als «Medio Oriente» (Mittlerer Osten) zu bezeichnen. Natürlich stellt sich die Frage, ob solche Begriffe nicht «eurozentristisch» sind, doch gelten dieselben Bedenken auch für die Bezeichnungen «Westasien», «Zentralasien» und «Ostasien». Denn der Begriff des «Kontinents» an sich ist bereits das Ergebnis der westlichen Kulturtradition. Politische Korrektheit ist womöglich hier noch unangebrachter als sonst. Ist doch die Sprache selbst der mehr oder weniger akzentuierte Ausdruck eines kulturellen Ethnozentrismus mit einem tief verwurzelten Wortschatz und ausgeprägten sprachlichen Strukturen. (Vgl. zu diesem Problem die von uns geteilten Überlegungen von G. Vercellin, Fine della storia, storia Orientale e orientalistica, in: Studi storici, 32, 1, 1991, S. 97 – 110.) Mein besonderer Dank gilt Jean-Pierre Bardos für seine aufmerksame und kluge Lektüre.
1
Ein Prophet und drei Kontinente
Europa und Asien, Christentum und Islam:
Vergleiche und Mißverständnisse
Europa und Islam – diese Gegenüberstellung hat immer etwas Konfrontatives. Das mag daran liegen, daß man noch heute explizit oder wenigstens implizit in den Kategorien einer Fortsetzung, womöglich auch Wiederaufnahme der Auseinandersetzungen zwischen Christentum und Islam denkt. Andererseits dürfte es schwierig sein, heutzutage etwa Novalis mit seinem Hendiadyoin Christenheit oder Europa zu zitieren und die beiden Begriffe zur Ausdrucksverstärkung bedeutungsgleich zu verwenden. Der Prozeß der mit der abendländischen Moderne untrennbar verbundenen Säkularisierung erlaubt es nicht, Europa weiterhin mit der Christenheit oder auch nur einer Christenheit gleichzusetzen. Auch ist die westliche Welt ihrerseits nicht einfach ein Synonym für Europa, so wenig wie der Islam mit seinen vielen Facetten als «fundamentalistisch» bezeichnet werden kann. Doch seit der Westen die Ausbreitung der unzutreffend als «fundamentalistisch» etikettierten islamischen Bewegungen mit wachsender Sorge beobachtet, wird in Europa der Islam zunehmend als ein zumindest potentieller Gegner gesehen. Diese neue Tendenz verstehen viele Europäer jedoch als ein «Revival», ein Déjà vu – Wiederkehr eines uralten, gewissermaßen natürlichen Gegensatzes, der auf tiefere
geographisch-historische und strukturelle Gegebenheiten hinzudeuten scheint. Man muß sich also fragen, ob das Begriffspaar Europa und Islam, soweit es als Gegensatz überhaupt definier- oder faßbar ist, nicht fälschlich mit dem Begriffspaar Westen und Islam gleichgesetzt wird (beziehungsweise Moderne und Islam – eine nicht weniger heikle Begrifflichkeit, die Ausdruck der Gleichsetzung von Westen und Moderne ist). Vielleicht aber sieht man darin auch die Fortsetzung eines klassischen und uralten «Kampfes» zwischen Europa und Asien, den bereits Aischylos in den Persern darstellt und Hippokrates (De aeribus) in Begriffen des klimatischen und biologischen Raumes und als Folge politischinstitutioneller Verhältnisse beschreibt: Mildes Klima und monarchische Herrschaft seien die Ursache für die friedliche Disposition der Asiaten, rauheres Klima und freiheitliche Institutionen dagegen machten die Europäer aktiv und kriegerisch. Aristoteles wiederum spricht in der Politik von «natürlichen» Wesensunterschieden. Wenn bereits die Gleichsetzung von Christenheit mit Europa als problematisch, ja falsch gelten muß, dann erst recht eine Reduzierung Asiens auf den Islam oder umgekehrt: Asien ist bekanntlich nicht zur Gänze muslimisch, und der dar al-Islam, das «Gebiet des Glaubens» erstreckt sich weit über die Grenzen des asiatischen Kontinents hinaus. Die «Asymmetrie» der Begriffe «Europa» und «Islam» liegt auf der Hand: Der eine bezeichnet einen Kontinent, der andere eine Religion. Einen ersten Ausweg aus unserem Dilemma zeigt uns Bernard Lewis, wenn er schreibt: «Diese Asymmetrie ist aber eher eine scheinbare. Europa ist ebenso eine europäische Vorstellung wie das ganze System der Kontinente, von denen Europa der erste war. Europa hat Europa erdacht und gemacht; und Europa hat Amerika
entdeckt, benannt und in einem gewissen Sinne ebenfalls gemacht. Schon Jahrhunderte früher hatte Europa sowohl Asien als auch Afrika erfunden, während die Bewohner dieser Gebiete – bis zum Zeitalter der europäischen Weltvorherrschaft im neunzehnten Jahrhundert – nichts wußten von diesen Benennungen, diesen Identitäten, ja diesen Klassifikationen, die die Europäer für sie ersonnen hatten. […] Der Islam ist keine Weltgegend; er ist eine Religion. Aber Muslime verbinden das Wort ‹Religion› nicht mit derselben Vorstellung, mit der Christen das heute tun oder bereits im Mittelalter getan haben. ‹Religion› bedeutet für die Muslime mehr und zugleich weniger, als das terminologische Äquivalent für die Christen bedeutet. […] Für Muslime ist der Islam nicht bloß ein System des Glaubens und der Andacht. […] Der Islam ist für sie das Ganze des Lebens; seine Vorschriften umfassen Zivilrecht, Strafrecht und sogar, was wir Verfassungsrecht nennen würden» (B. Lewis, Kaiser und Kalifen. Christentum und Islam im Ringen um Macht und Vorherrschaft, München 1996, S. 15f.). Die Gegenüberstellung von Europa und Asien beziehungsweise das Begriffspaar Orient und Okzident basiert auf einer langen geographisch-historischen und geopolitischen Tradition, die älter ist als die Spannungen zwischen Europa und dem Islam. Dennoch gibt es Stimmen, die behaupten, daß in manchen Epochen – beispielsweise zur Zeit der Kreuzzüge oder der osmanisch-türkischen Vorherrschaft im östlichen Mittelmeerraum und auf dem Balkan – die europäisch asiatischen und west-östlichen Auseinandersetzungen eine Form annahmen, die man vereinfachend (und sehr ungenau, aber immerhin symbolisch zugespitzt) als «Kampf zwischen Kreuz und Halbmond» charakterisieren kann. Fragen wir uns heute – ohne den Rückgriff auf die antiken Geographen –, wie und wann das moderne Bewußtsein Europas und der
europäischen Identität entstanden ist, so müssen wir erkunden, in welchem Maße und bis zu welchem Punkt der Islam – und sei es ex negativo – einer der Faktoren war, die dieses Bewußtsein zu definieren halfen. Der wiederholte muslimische Ansturm auf Europa (zwischen dem 7./8. und dem 10. und dann wieder zwischen dem 14. und dem 18. Jahrhundert), ein Ansturm, der jedenfalls von den Europäern als solcher gedeutet wurde, war eine «gewalttätige Geburtshelferin» Europas. Und wenn Historiker (paradoxerweise?) den Propheten mitunter als den «Gründungsvater» Europas betrachteten, so muß man sich fragen, ob den türkischen Sultanen Mehmed II. und Süleyman dem Prächtigen nicht eine vergleichbare Bedeutung zufällt. Sie zwangen den Kontinent, sich zu verteidigen und Mittel und Wege des gemeinsamen Handelns zu finden. Erst dadurch gelangte Europa zu einer genaueren Definition seiner selbst in Abgrenzung zu dem «Anderen».
Die Muslime jenseits des «Maghreb al-Aqsa» Daß Europa (wenn auch nicht ausschließlich) der Hort des Christentums sei, war eine falsche, wenngleich von allen mittelalterlichen Autoren geteilte Ansicht. Mit dieser Vorstellung war der Gedanke verbunden, daß alle, die auf europäischem Territorium lebten, aber keine Christen waren, als Fremde und Invasoren gekommen waren. So begrüßte der anonyme toledanische Geistliche, der um die Mitte des 8. Jahrhunderts mit seiner Continuatio Hispanica die Historiae des Isidor von Sevilla fortsetzte, die fränkischen Sieger der Schlacht von Poitiers 732 (die anderen Angaben zufolge in Wahrheit im Jahr 733 stattfand) als Europenses. Aber man darf sich fragen, ob er selbst sich als Europensis verstand, weil er
ein Christ war, oder einfach nur, weil die Iberische Halbinsel nach römischem Geographieverständnis zu Europa gehörte. Oder ob er – womöglich mit wehmütigem Bedauern – sich selbst nicht mehr als Europensis sah, seit die Araber und Berber die iberische Halbinsel erobert und dem «Gebiet des Glaubens» (dar al-Islam) einverleibt hatten. Das wiederum würde bedeuten, daß es bewegliche Grenzen und gleichzeitig eine strikte Trennung zwischen Europa und dem dar al-Islam gab; dann könnte man die vom Islam eroberten Territorien und die von muslimischen oder neu zum Islam übergetretenen Gruppen besiedelten Gebiete nicht als «muslimisches Europa» bezeichnen. Veraltet und müßig ist die Diskussion, ob Poitiers die muslimische Invasion des europäischen Kontinents zum Stillstand brachte oder ob nicht vielmehr die Invasoren müde waren und ihnen der Elan fehlte, weiter vorzudringen. Die Bedeutung dieser Schlacht wird heute allgemein als begrenzt eingeschätzt, und in Anbetracht der islamischen Expansion im 7. – 10. Jahrhundert erscheint es unangemessen, überhaupt von einer Invasion zu sprechen. Die Araber hätten innerhalb ihrer Gemeinschaft niemals über genügend Kämpfer verfügt, um in wenigen Jahrzehnten ein in west-östlicher Richtung von den Säulen des Herkules bis zum Indus und zum Syr Darja und in nord-südlicher Richtung vom Kaukasus bis nach Nubien reichendes Territorium zu erobern. Seit den Feldzügen der Kalifen, den unmittelbaren Nachfolgern des Propheten, also seit den dreißiger Jahren des 7. Jahrhunderts, hatte die Ausbreitung des Islam zu keinem Zeitpunkt den Charakter einer entfesselten und unaufhaltsamen militärischen Eroberung (und auch nicht den einer Völkerwanderung). Es handelte sich eher um einen nicht immer kohärenten und kontinuierlichen Eroberungsprozeß und um eine im Kern niemals erzwungene und von außen auferlegte Konversion von Angehörigen erschöpfter oder krisengeschüttelter Gesellschaften. Dies gilt
für die monophysitischen Christen Syriens und Ägyptens, die der Basileus von Byzanz mit unerbittlicher Härte regierte, nicht weniger als für die vom sassanidischen Shah unterworfenen Völker, die gerne bereit waren, eine altersschwache und bröckelnde Herrschaft abzuschütteln, neuen Antrieben zu folgen und sich einem Gott zu unterwerfen, dessen Wort von seinem rasul Muhammad verbreitet wurde. Trotzdem – viele zogen es vor, ihrem Glauben treu zu bleiben und die Kopfsteuer (dschizya) sowie die Grundsteuer (kharadsch) der Nichtmuslime zu bezahlen. Sie waren dhimmi, was soviel heißt wie «beschützt», aber auch «unterworfen». Ihnen war die Herrschaft der Ungläubigen lieber als die ihrer Glaubensgenossen. Der Mythos von Poitiers, dem Edward Gibbon in seinen Schriften Auftrieb gab, trug jedenfalls dazu bei, die gesamte Geschichte Europas als die Geschichte der Auseinandersetzung mit dem Islam zu betrachten. Ohne Poitiers und den Heroismus Karl Martells, so wurde behauptet, würden Muezzins den Namen Allahs von den Türmen Oxfords herabrufen, in der berühmten Universität würde man den Koran studieren, und die gesamte Weltgeschichte wäre anders verlaufen. Es verspricht wenig, die Bedeutung der Schlacht von Poitiers neu zu bemessen. So richtig der Hinweis ist, mit Zurückstufungen und Entmythisierungen vorsichtig zu sein – heute glaubt niemand mehr daran, daß es die Schlacht von Poitiers war, die das Blatt wendete. Der «Mythos» dieser Schlacht hat sich jedoch bis heute vor allem als massenmedialer Topos bewahrt, und ein solcher Topos ist schwer zu zerstören. Wir wissen, daß die fränkische und päpstliche Propaganda die Bedeutung des Siegs in der Schlacht zwischen Tours und Poitiers wenige Kilometer nordöstlich des Zusammenflusses von Vienne und Creuse hochspielte, um den Ruhm der Franken als «erstgeborenes Volk der Kirche Roms»
zu mehren. Gleichzeitig stand die Absicht dahinter, die Verdienste des byzantinischen Basileus Leon III. Isaurikos in den Schatten zu stellen. Er hatte es im Jahr 718 geschafft, daß die Muslime die im Jahr zuvor begonnene Belagerung Konstantinopels aufgaben; er stellte sich deren Seemacht entgegen, verteidigte seine Hoheit über das Schwarze Meer, die Ägäis und das zentrale Mittelmeer und stoppte die Muslime lange Zeit in ihrem weiteren Vordringen auf die Anatolische Halbinsel. Doch für die Anhänger der römischen Kirche war es undenkbar, die Verdienste Leons III. eines Ikonoklasten, anzuerkennen. Später machten sie ihm auch seine Zugehörigkeit zum byzantinischen Kulturkreis zum Vorwurf. Die byzantinische Welt galt einem hartnäckigen westlichen Vorurteil zufolge lange als niederträchtig, dekadent und degeneriert. Der Mythos von Poitiers hat uns aus dem Blick geraten lassen, daß es nur sehr spärliche und ungenaue zeitgenössische Quellen zum Islam gibt – wenn sie nicht sogar ganz fehlen. Die Epoche der großen muslimischen Eroberungen fiel allerdings in eine Zeit des Niedergangs der europäisch-abendländischen Welt: Fehlende oder unzureichende Berichte sind daher in erster Linie auf Desinformation und mangelndes Wissen zurückzuführen. Richtig ist jedoch auch, daß es im damaligen geistigen Klima schwierig und im Grunde sinnlos war, zwischen Muslimen und anderen Eroberern und Angreifern zu unterscheiden. Auch hätte es keinen Sinn gehabt, den Muslimen eine Sonderstellung einzuräumen. Es wurde gesagt, das Weströmische Reich sei in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts «lautlos in sich zusammengestürzt». Für das Europa zumindest des 8. Jahrhunderts vollzog sich das Vorrücken des Islam wohl nicht weniger lautlos. Oder vielmehr, das Getöse ging in anderem Lärm unter. Muslimische Quellen etwa bezeichnen die Schlacht von Poitiers als «Balat al-Shuhada», «Weg der
Märtyrer», und messen ihr eine (wenn auch nur durchschnittliche) Bedeutung bei. Über die Wahrnehmung des Islam durch den im Niedergang begriffenen europäischen Westen darf man sich nicht wundern. Selbst aus den ansonsten gut informierten byzantinischen Quellen geht hervor, daß man in den Muslimen erst relativ spät keine gewöhnlichen barbaroi sah. Auch dort also war man sich über die Bedeutung des Islam als neuer Religion nicht sofort im klaren. Auf dem Weg über Byzanz fällt dem frühmittelalterlichen Europa ein unerwartetes und beunruhigendes Geschenk zu. Ein magisches Wort: sarraceni, das später in Sarazenen korrigiert (und damit gleichsam nobilitiert) und in einer sehr ungenauen Lesart als «Kinder Saras» gedeutet wurde. Diese Interpretation ist unrichtig, denn der Begriff bezeichnet ursprünglich ein Volk, dessen gesicherter Ursprung in Arabia felix liegt. In diesem Volk sah man – unter Berufung auf das biblische Buch Genesis – die Nachkommenschaft des Patriarchen Abraham – allerdings nicht aus der Verbindung mit seiner rechtmäßigen Frau Sara, sondern mit seiner ägyptischen Sklavin Hagar. Wenn also eine festgefügte Tradition die Wüstenvölker als die Kinder des Patriarchen mit seiner Sklavin ansah (die damit durch deren Sohn Ismail – nach dem die Ismailiten benannt sind – die Stiefgeschwister des Volkes Israel sind), wäre der korrektere Name Hagarener. Die Ableitung der Bezeichnung Sarazenen von Sara könnte eine nachträgliche pseudoetymologische Erklärung sein, die sich aus der Semihomophonie und dem Mißverständnis eines aus dem Arabischen oder Syrischen stammenden Wortes ergab. Der Name wurde aber auch mit arabischen Bezeichnungen in Zusammenhang gebracht. Eher unwahrscheinlich ist, daß er auf sharq, «Osten», zurückgeht, da die erste Welle der muslimischen Expansion, die Syrien erreichte, wohl aus dem
Süden kam (falls der Begriff nicht ägyptischen Ursprungs ist). Sehr plausibel erscheint ein Zusammenhang mit dem Wüstenwind Sharuq (nicht zu verwechseln mit Sharqiyya, dem Schirokko). Andere Etymologien wiederum betonen die große Zahl der Wüstenbewohner oder ihren Zusammenschluß zu Stämmen, um ihre Raubzüge gezielter durchzuführen: Denn shark bedeutet auch «Volk, das sich zusammenschließt», und sharika «Gesellschaft», «Gemeinschaft». Sehr wahrscheinlich ist jedoch, daß die Sarazenen ihren Namen von den seßhaften Völkern hatten, die ihre Gegenspieler und nicht selten auch ihre Opfer waren: In diesem Fall wäre der Bezug zu sarq («Raub», «Diebstahl») und zum Verb saraq («rauben») denkbar, dementsprechend zu den Begriffen sariq, «Dieb», und sarraq, «Räuber», «Taschendieb». Die Bezeichnungen Ismailiten, Hagarener oder Sarazenen tauchen bald auch in unseren Quellen auf. Allerdings wissen wir zu wenig von der gegen Papst Martin I. (649 – 653) vorgebrachten Anklage, er habe den Kontakt mit den Sarazenen gesucht, um den Basileus Konstans II. und dessen Monotheletismus zu bekämpfen. In jedem Fall gaben die Sarazenen die erste Kostprobe einer islamische Eroberung des Mittelmeerraums und beunruhigten damit Byzanz. Im Westen trat ein zusammengewürfelter Haufen unterschiedlicher Völker das Erbe der Pars occidentis des Römischen Reiches an. Dieser Westteil war aus den politischen Maßnahmen des Theodosius Ende des 4. Jahrhunderts hervorgegangen. Zu diesem Erbe traten «barbarische» Einflüsse und Elemente der von diesen «Barbaren» gegründeten Monarchien. Diese «Westeuropäer», wie wir sie jetzt bereits nennen können, verfügten Ende des 7. und Anfang des 8. Jahrhunderts nicht über Mittel und Möglichkeiten, um gegen den Sarazenensturm gewappnet zu sein, der wenige Jahrzehnte später auch ihre Küsten und Meere bedrohte.
Aber das Abenteuer der islamischen Eroberung des Mittelmeers hatte bereits begonnen. Nachdem zwischen 633 und 640 Syrien und Palästina und zwischen 639 und 646 auch Ägypten von den Arabern erobert worden war, nahmen die syrischen und ägyptischen Seeleute entweder den neuen Glauben an oder stellten sich (als mehrheitlich monophysitische Christen, die von der kaiserlich byzantinischen Verwaltung verfolgt und diskriminiert wurden) vermutlich nicht ungern in den Dienst der Nachfolger des Propheten. Im Jahr 649 griff ein für das Amt des Kalifen ausersehenes Stammesoberhaupt Zypern an. Es handelte sich um den Gouverneur Syriens, Muawiya ibn Abi Sufyan, einen Vetter des Kalifen Uthman, der später die UmayyadenDynastie begründete. Im Jahr 652 gab es bereits in bescheidenem Umfang Einfälle in Sizilien, das noch Teil des unter byzantinischer Herrschaft stehenden Territoriums war. Drei Jahre später wurde nach einer großen Schlacht unweit der lykischen Küste die Meereshoheit Ostroms in Frage gestellt. Konstans II. der die aus 500 Schiffen bestehende Flotte kommandierte, wurde besiegt. Von allen diesen Ereignissen hatten die Völker des im Niedergang begriffenen Westeuropa jener Zeit keine Ahnung, und sie hätten auch deren Tragweite gar nicht begriffen. Sie waren noch weitgehend auf das Mittelmeer ausgerichtet; die westliche Grenze bildete der Rhein, die nördliche Grenze der Oberlauf der Donau. Aber lassen wir die These von der (zweifellos auch vorhandenen) Unkenntnis des Islam in abendländischen Quellen einmal außer acht. Der Mangel oder die Spärlichkeit an Informationen könnte auch auf Desinteresse beruhen. Der unter dem Namen Fredegar bekannte fränkische Chronist berichtet um 658 von astrologischen Prophezeiungen, die zur Zeit des Basileus Herakleios im Byzantinischen Reich im Umlauf waren. Diesen
Weissagungen zufolge würde die byzantinische Herrschaft niedergeschlagen werden und die Macht von einem Volk von Beschnittenen erobert. Fredegar scheint also über die erste Phase der Ausbreitung des Islam in Kleinasien durchaus Bescheid gewußt zu haben. Anfang des 8. Jahrhunderts übersetzte im fränkischen Reich vielleicht der syrische Mönch Petras einen Text aus dem Griechischen ins Lateinische, dessen syrisches Original aus dem nördlichen Mesopotamien stammte. Es handelte sich um die Revelationes des sogenannten Pseudo-Methodios, ein Text, der später in der politisch-eschatologischen Propaganda immer wieder eine Rolle spielen sollte. Diesem Text zufolge sollen die aus der Wüste «Ethribum» (Yathrib oder Medina, der Lieblingsstadt des Propheten) stammenden Ismailiten den Orient erobert und Sizilien angegriffen haben. Dann seien sie bis nahe Rom vorgedrungen und in Wäldern, Bergland und Städten eingefallen. Dieser Eroberungszug der Ismailiten, so heißt es, gehe der Ankunft des Antichristen unmittelbar voraus. Doch am Ende werde ein christlicher Herrscher die feindlichen Truppen besiegen. Kurz: Man wußte zwar etwas, machte sich dieses Wissen aber kaum systematisch zunutze. Die muslimische Eroberung der Iberischen Halbinsel und Septimaniens (der Languedoc) im zweiten Jahrzehnt des 8. Jahrhunderts veränderte die Situation. Im westgotischen Spanien, von den Auseinandersetzungen mit dem Arianismus und den Machtkämpfen innerhalb der Aristokratie gezeichnet, war man schon seit geraumer Zeit durch die Kunde vom Vorrücken der Araber entlang der nordafrikanischen Küste vorgewarnt. Auf dem Konzil von Toledo im Jahr 694 schürte König Egika die Angst. Es verbreitete sich das Gerücht, daß die Juden, der Schikanen müde, den von Osten heranrückenden neuen Barbaren ihre Dienste anboten. In dem Bürgerkrieg, der um die Macht in Toledo entbrannt war, wandte sich offenbar
auch einer der gotischen Thronprätendenten an die Mauren (die arabischen Eroberer) um Hilfe, ebenso an die mit ihnen zusammenlebenden arabisierten und islamisierten Berber. Von da an und für immer waren sie los Moros, die wilden und faszinierenden Gegenspieler und Verbündeten der christlichen Spanier. In Spanien und in Septimanien – wie bereits in einem Großteil der von den Muslimen eroberten einstigen byzantinischen Territorien – wurden diese Eroberer von Teilen der Bevölkerung durchaus willkommen geheißen. Sie zogen die weniger drückende und weniger schmerzliche Unterwerfung unter die neuen Herrscher dem Joch der despotischen christlichen Fürsten vor. Die antike römische Provinz Africa, die die Araber Ifriqiya nannten (Tripolitanien, Tunesien und Algerien innerhalb ihrer heutigen Grenzen) war bereits im Jahr 647 von den Muslimen erobert worden. Doch erst fünfzehn Jahre später begann der Widerstand der Byzantiner und vor allem der Berber zu bröckeln. Die Araber unterschieden in den eroberten Gebieten drei ethnisch-soziale Gruppen: die rum (aus dem griechischen Romaioi), womit hauptsächlich die Byzantiner gemeint waren, aber auch die Gruppen römischen Ursprungs oder wenigstens lateinischer Sprache an der afrikanischen Küste nördlich von Sirte; die afriki, autochthone christianisierte Gruppen; und schließlich die Berber (vom lateinischen barbarus), die außerhalb der römischen Zivilisation standen und sich nur teilweise und erst in jüngerer Zeit christianisiert hatten. Diese übernahmen zwar den Islam, assimilierten sich aber nicht an die Araber, und sie waren, wie diese, seeuntüchtig. Doch mit Hilfe syrischer und ägyptischer Seeleute richteten sie ihr Interesse bald auf das Mittelmeer. Schon ab 665 benutzten die Muslime den Seestützpunkt Dschalula, den sie von den Byzantinern erobert hatten. 670 gründeten sie die Stadt Kairuan, deren Name von dem arabischen Wort für
Militärlager abgeleitet ist. Seit 700 entstand in Tunis ein gut ausgebauter Hafen, und hier ließen sich an die hundert ägyptische Schiffbauer mit ihren Familien nieder. Innerhalb von fünf Jahren war ganz Nordafrika bis in das von den Arabern «Ferner Okzident» (al-Maghrib al-Aqsa) genannte Marokko erobert, und es begann der mühselige Prozeß der Islamisierung und Arabisierung der Berber. Wahrscheinlich Ende Juli 711 landete eine große muslimische Flotte unter dem Kommando des Berbers Tariq ibn Ziyad in der Bucht von Algeciras, die schon im Jahr zuvor geplündert worden war. Die arabisch-berberische Streitmacht war an die 10000 Mann stark. Nach der Vernichtung des Gotenheeres unter König Roderich rückten die Invasoren unverzüglich nach Sevilla vor, eroberten Cordoba, 713 Toledo und im Jahr darauf Aragon. Im Jahr 720 hatten die Muslime auch Katalonien und Septimanien, also alle Territorien der westgotischen Monarchie südlich und nördlich der Pyrenäen, eingenommen. Aufgrund dieser Blitzgeschwindigkeit, mit der die Araber das von ihnen so genannte al-Andalus eroberten (in Afrika hieß es noch «Land der Vandalen»), wurden die Juden des Paktierens mit den Häretikern und der Roderich feindlich gesinnten gotischen Fraktion verdächtigt. Nach der Einnahme von Narbonne im Jahr 718 rückten arabische Stoßtrupps im Jahr 721 bis nach Toulouse vor und eroberten 725 Nimes und Carcassonne. Die ganze Provence einschließlich des Rhone-Beckens war mittlerweile zum Schauplatz der arabischen Eroberung geworden. 725 (anderen Angaben zufolge 731) wurde Autun in Brand gesteckt. Von Spanien und Septimanien aus war es nur noch ein kleiner Schritt ins südliche Gallien. Es wurde seit Anfang des 6. Jahrhunderts von den Franken beherrscht, doch seine Institutionen waren brüchig und seine sozialen Strukturen erschüttert. Der römische Bischof Gregor II. der die Geschicke
des Frankenvolkes, des «Erstgeborenen» seiner Kirche, aufmerksam verfolgte, ermutigte im Jahr 721 Oddon, den Herzog von Aquitanien, den Muslimen vor Toulouse entgegenzutreten. Als Weihe- und Segenszeichen schickte er dem Herzog Tücher vom Altar der Peterskirche. In kleine Fetzen zerrissen, schluckten sie die christlichen Krieger als quasi sakramentale Glücksbringer. Aber die Sarazenen eroberten keineswegs die gesamte Iberische Halbinsel. In den rauhen Landschaften der Pyrenäen und Kantabriens behaupteten sich weiterhin Reste christlichen Widerstands. In Asturien errichtete der Gote Pelagius 720 ein Fürstentum, das zwanzig Jahre später zum Königreich wurde und später das 760 gegründete Oviedo zu seiner Hauptstadt machte. Die Basken und Navarrer, die schon den Westgoten Widerstand entgegengesetzt hatten, bewahrten ebenfalls ihre Unabhängigkeit. So entstand im dritten und vierten Jahrzehnt des 9. Jahrhunderts das kleine Fürstentum Navarra, das rund hundert Jahre später zum Königreich wurde. In ihm lebten Galizier, Kantabrer und Asturier, unterstützt von einer Handvoll westgotischer Krieger, die sich hierher geflüchtet hatten. Von Asturien, Navarra und dem nördlichen Aragon aus sollte bald die Reconquista ihren Anfang nehmen. Die Schlacht von Poitiers selbst ist von geringerer Bedeutung als der Mythos, den sie begründete. Betrachten wir aber den Kontext anderer, vielleicht wichtigerer Ereignisse, in den diese Schlacht eingebettet ist. So ließ sich beispielsweise der Berberführer Munnuz oder Musura in der Cerdagne in den östlichen Pyrenäen nieder und heiratete eine Tochter des Herzogs Oddon von Aquitanien, ehe er im Jahr 729 vom Emir von Cordoba besiegt wurde, gegen den er rebelliert hatte. Der Patricius Maurontius öffnete im Jahr 734 den Muslimen die Tore der Stadt Avignon.
Poitiers hatte die Muslime also nicht aufhalten können: Im Jahr 734 eroberten sie Avignon, plünderten Arles und zogen durch die Provence. Im Jahr 737 gelangten sie nach Burgund, von wo sie eine große Anzahl von Sklaven nach Spanien brachten. Dies rief Karl Martell auf den Plan, der zwischen 736 und 739 gegen die Muslime im südlichen Gallien zu Feld zog. Doch es wurde weiterhin ein doppeltes Spiel getrieben, es herrschte Verrat, und keine dieser Militäraktionen war wirklich erfolgreich. Die Raubzüge der Araber und Berber waren Teil eines umfassenden politischen Kampfes. Ihm wurden erst viele Jahrzehnte später auch religiöse Motive unterstellt – von einem durch Heldenepen genährten und womöglich erst durch diese entstandenen kollektiven Bewußtsein. Diese Ereignisse rechtfertigen die Besorgnis, die etwa in der lateinischen Übersetzung des Pseudo-Methodios (im Benediktinerkloster Saint-Germain entstanden) oder in Schriften des Beda Venerabilis zum Ausdruck kommt. In seiner Historia ecclesiastica gentis Anglorum, die er 735, kurz vor seinem Tod, überarbeitete, rekapitulierte er voller Sorge das Vorrücken der Sarazenen und erwähnte auch die Schlacht von Poitiers. Angelsächsische Quellen zeigen, daß man über den Islam womöglich mehr wußte, als man gemeinhin glaubt, auch wenn diese Kenntnisse nur verworren und bruchstückhaft waren. Aus zwei im angelsächsischen Raum 786 abgehaltenen Synoden erfährt man beispielsweise, daß die Tradition des Ramadan vage bekannt war – wahrscheinlich durch Berichte päpstlicher Gesandter und durch Kunde der überall auf der Insel wirkenden Benediktinermönche. In der jahrhundertealten Geschichte des Islam gab es, wie wir wissen, nur kurze und seltene Momente einer echten Einheit. Im Mittelalter aber glaubte man, daß sich die Muslime in einer Weise einig wären, die die Einheit der Christen bei weitem überbot. Uns dagegen, die wir aus der Distanz die Dinge besser
beurteilen können, scheint es, als sei diese Fehleinschätzung des mittelalterlichen Europa beinahe – wenn auch bloß zufällig – gerechtfertigt: Die islamische Expansion in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts umfaßte ein von al-Maghrib al-Aqsa (dem «Fernen Okzident», also Marokko) bis zur Grenze Chinas und von Anatolien bis zum Horn von Afrika reichendes Gebiet. Im Jahr 717 belagerten die Araber (wie schon vierzig Jahre zuvor) erneut die Stadt Konstantinopel. Maslamah, der Bruder des Umayyaden-Kalifs, stand an der Spitze ihres Heeres. Der Basileus Leon III. hatte es nur mit Mühe und dank des «griechischen Feuers» zurückzuschlagen vermocht. In den ersten fünfzehn Jahren des 8. Jahrhunderts unterwarf der Gouverneur Mesopotamiens al-Hadschadsch Chorezm, überschritt den Oxus (den heutigen Amu Darja), eroberte Buchara und Samarkand und gelangte bis nach Belutschistan: Das mächtige persische Kaiserreich, das jahrhundertelang Römern und Byzantinern widerstanden hatte, löste sich auf wie Schnee, der in der Sonne schmilzt. Nach der Schlacht am Talas 751 wurde das Altai-Gebiet aufgeteilt und die Grenzen zwischen den muslimischen und den chinesischen Eroberungen der Tang-Dynastie festgelegt. Um die Mitte des Jahrhunderts geriet dieser Vorstoß jedoch überall ins Stocken. Die Byzantiner hatten dank der unermüdlichen Anstrengungen Leons III. dem muslimischen Druck in Kleinasien standgehalten. Der Vorstoß nach Osten kam an der Grenze zum chinesischen Reich zum Stillstand. Die Araber und Berber, die die Iberische Halbinsel erobert hatten (und denen sich zahlreiche einheimische, zum Islam konvertierte Christen anschlossen), waren in ihrem Elan erschöpft. Der muslimische Kommandant Abd ar-Rahman hatte im Jahr 732 oder 733 zwischen Tours und Poitiers nur ein Ziel: die Plünderung eines Nationalheiligtums, der Kirche des heiligen Martin. Aller Wahrscheinlichkeit nach wollte er gar
nicht weiter vordringen, er verfügte auch gar nicht über die entsprechenden Mittel. Im Jahr 759, nur wenige Jahre später, vertrieben die Franken unter Führung von Pippin dem Kurzen, dem Sohn des Siegers von Poitiers, die Ungläubigen aus Narbonne und verfolgten sie bis in die Pyrenäen. Diese kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Franken und Muslimen jener Zeit lieferte (neben der in ihrer Bedeutung überschätzten Schlacht von Roncesvalle im Jahr 778 und den unmittelbar darauffolgenden Ereignissen) den Stoff für berühmte Epen, die allerdings erst etwa dreihundert Jahre später schriftlich fixiert wurden. Nach dem Sieg in der Schlacht von Poitiers jedenfalls ließen sich die Franken Austriens nach Aquitanien locken – und damit vollendete sich ein Prozeß, in dessen Verlauf Aquitanien seine stärkste Identität als aktiver «Puffer» zwischen Franken und Muslimen erlangt hatte. Schwer zu sagen, inwieweit der blutige Wechsel der Kalifatswürde von den Umayyaden an die Abbasiden im Jahr 750 für die Stockung dieser ersten islamischen Eroberungswelle mitverantwortlich war. Jedenfalls gewann die Anhängerschaft des abgesetzten Kalifen von Damaskus auf der Iberischen Halbinsel die Oberhand – allerdings erst nach einem erbitterten Kampf gegen die Gefolgsleute der neuen Dynastie. Und das stark legitimistisch geprägte Emirat von Cordoba hatte keinen leichten Stand. Auch die Zersplitterung innerhalb des Islam, das Auftreten neuer Kalifen, eine Offensive der schiitisch-ismailitischen «Sekten» und die brutale Unterdrückung durch die Abbasiden trugen entscheidend zur Spaltung der muslimischen Glaubensgemeinschaft, zur allgemeinen Krise und zum Stillstand der islamischen Expansion bei.
Karl der Große zwischen al-Andalus und Bagdad Im Jahr 777 befand sich der fränkische König Karl, Pippins Sohn, auf sächsischem Territorium in Paderborn, mitten in einem Feldzug, als Sulaiman ibn al-Arabi, der muslimische wali von Barcelona, Gerona und Zaragoza, bei ihm vorstellig wurde. Er hatte – leider wissen wir nicht, auf welcher Route und unter welchen Umständen – das gesamte fränkische Reich durchquert, um die Hilfe seines mächtigen christlichen Nachbarn gegen die Tyrannei des Emirs von Cordoba zu erbitten. Er versprach die Übergabe vieler Orte südlich der Pyrenäen, angefangen mit seiner eigenen blühenden Stadt. Das muslimische Spanien, so versicherte Sulaiman, sei tief gespalten und daher eine leichte Beute. In der späteren Geschichtsschreibung und in der epischen Dichtung wurden diese Ereignisse religiös verbrämt, doch scheinen beide Kontrahenten keinerlei Berührungsängste gekannt zu haben – trotz ihres unterschiedlichen Glaubens und trotz der Tatsache, daß die muslimischen Feinde des Emirs von Cordoba an der Seite der Christen gegen ihre eigenen Glaubensgenossen kämpfen sollten. Ostern 778 brach die fränkische Expedition mit dem Segen des Papstes Hadrian I. nach Spanien auf. Alles schien nach Plan zu verlaufen, und die muslimischen Gegner des Emirs von Cordoba hielten Wort: Der wali von Zaragoza schlug die Truppen des Emirs, und andere walis schlossen sich ihm an. Aber als sich die Franken in Zaragoza einquartieren wollten, um von da aus einen Feldzug entlang des Ebro zu beginnen, rebellierte die Stadt offenbar gegen sie und den eigenen Herrscher. Vielleicht aber war der auch plötzlich umgeschwenkt, beunruhigt von den großen Erfolgen der Ungläubigen oder unsicher, ob die Bevölkerung den Aufstand
gegen den Emir weiter mittragen würde. Karl blieb nichts anderes übrig, als den Rückzug anzutreten, nachdem er aus Rache die Stadtmauern von Zaragoza (zumindest teilweise) dem Erdboden gleichgemacht hatte. Während des Rückzugs (der glaubhaftesten Überlieferung zufolge am 15. August) kam es in der Schlucht von Roncisvalle zum Massaker an der fränkischen Nachhut durch wilde baskische Bergbewohner. Die poetische Umdeutung zu einer Schlacht gegen die Mauren verschaffte diesem bescheidenen Scharmützel über die Jahrhunderte hinweg einen Platz in der christlichen epischen Dichtung. Der Emir Abd ar-Rahman I. verzichtete auf einen Vergeltungsschlag gegen den Eindringling jenseits der Pyrenäen. Aber sein Sohn Hisham (788 – 796) begann im Jahr 793 eine heftige Offensive gegen das fränkische Septimanien, das damals von Herzog Wilhelm, einem Vetter des Königs, regiert wurde. Der muslimische Ansturm richtete sich erneut gegen Narbonne, das aber nicht erobert wurde, danach gegen Carcassonne. Trotz der Verluste war der von al-Hakam, dem Sohn des Emirs, angeführte Feldzug erfolgreich: Mit der Beute der Raubzüge wurde offenbar teilweise der Wiederaufbau der großen Moschee von Cordoba finanziert – eine großartige Investition. Doch unterdessen kam es an den Küsten von alAndalus und von den Grenzen des Maghreb her zu ersten Überfällen durch Sarazenenschiffe auf die Balearen, deren Bevölkerung den fränkischen Kaiser um Hilfe ersuchte. Im Zuge dieser Ereignisse unternahm Karl der Große jenen Feldzug, der zur Gründung der «Mark Spanien» führte. Hauptakteur des Unternehmens war Herzog Wilhelm, der im Jahr 801 Barcelona eroberte. Es gelang ihm aber nicht, bis zum Ebro vorzudringen und in Tortosa, der Stadt an der Mündung des Flusses, eine feste Niederlassung zu gründen. Vielmehr entstand zwischen Barcelona und Tortosa ein
«Niemandsland», und dies änderte sich erst im 12. Jahrhundert mit einem neuen aragonesi-schen Vorstoß. Seine diplomatischen Beziehungen zum wali von Barcelona und der Kaiserin von Byzanz, der Basilissa Irene, haben dem neuen christlichen Kaiser die Weiträumigkeit und Komplexität der Welt wohl besser vor Augen geführt als die gelehrten Gespräche mit Alkuin von York und Paulinus von Aquileia. Er sah sich nach neuen Gesprächspartnern um, die ihm direkt oder indirekt behilflich sein konnten, seine Beziehungen zu Spanien zu verbessern. Und er fand sie. Die karolingische Monarchie, Erbin des merowingischen Königtums und Verbündete des Papsttums und damit geographisch und kulturell mit beiden verbunden, hatte nur eine beschränkte Vorstellung von den Mächten der euro asiatischen und mediterranen Welt des 8. Jahrhunderts, doch anderswo gab es weitaus scharfsinnigere Beobachter. Beispielsweise in Konstantinopel und in Bagdad, die sich gegenseitig genau beobachteten und im damaligen politischen Spannungsfeld nach potentiellen Verbündeten oder potentiellen «Freunden der Feinde» (und damit objektiv gesehen Gegnern) Ausschau hielten. Der Kalif hatte kurz zuvor in der neuen mesopotamischen Hauptstadt, wenige Meilen vom antiken und glanzvollen Ktesiphon entfernt, Residenz genommen; 762 gegründet, erhielt der Ort zunächst den bedeutungsvollen arabischen Namen Medinat as-Salam, «Stadt des Friedens». Und am Hof von Bagdad zeigte sich bereits jenes Desinteresse an nichtislamischen Kulturen, das typisch war für die aus der religiösen Revolution Muhammads hervorgegangene Kultur und auf lange Sicht einer der Gründe für die moderne Krise des Islam. Man blickte nach Byzanz, nach Indien und China, ohne sich weiter um die Barbaren im äußersten Nordwesten zu kümmern, die keiner Beachtung wert schienen (zum damaligen Zeitpunkt keineswegs zu Unrecht).
Doch bald schon sollte man spüren, daß sie den Umayyaden in Cordoba, die die Autorität des Kalifen nicht anerkennen wollten, und dem Reich Rum, das wir Byzanz nennen, zumindest Schwierigkeiten bereiten konnten. Schon zwischen 765 und 768 hatten der abbasidische Kalif Abu Dschafar al-Mansur (754-775) und Pippin Gesandtschaften ausgetauscht. Pippins Sohn hatte zwei gute Gründe, zum abbasidischen Kalifat wieder Beziehungen aufzunehmen. Der neue Kalif war der große Harun ar-Rashid (786 – 809), der Herrscher aus Tausendundeiner Nacht. Der erste Grund war die politische Lage auf der Iberischen Halbinsel; hier hielten die Auseinandersetzungen zwischen den Emiren von Cordoba, die sich noch auf die alte UmayyadenDynastie beriefen (oder zumindest unter diesem Vorwand Politik zu machen und ihr eigenes religiöses Prestige zu wahren suchten), und den walis weiterhin an. Diese walis richteten ihren Blick lieber auf den im fernen Mesopotamien residierenden «Herrscher der Gläubigen» beziehungsweise nahmen ihren Loyalismus als bequemen Vorwand, um sich der nach al-Andalus verpflanzten Umayyaden-Dynastie nicht unterwerfen zu müssen. Im Jahr 799 hatte der sarazenische Gouverneur von Huesca Karl in Aachen Ehrengeschenke überbringen lassen und ihm das Versprechen gegeben, die Stadt Huesca auszuliefern, falls Karl zu einem neuen Feldzug jenseits der Pyrenäen bereit sei. Ein zweiter Grund war die Stadt Jerusalem, die zwar von den Abbasiden kontrolliert, aber von einer wachsenden Zahl von Pilgern aus dem Westen aufgesucht wurde. Bestrebt, in bezug auf die heiligen Stätten Jerusalems und der Christenheit ein Wörtchen mitzureden (denn er war keinesfalls bereit, den byzantinischen Basileis das Feld zu überlassen), hatte der fränkische König eine Gesandtschaft des Patriarchen von Jerusalem empfangen, von der er Reliquien und Segenswünsche erhalten hatte und die er
erwiderte. Die Annales regni Francorum sprechen sogar von der «Übergabe der Schlüssel» der Auferstehungskirche und der Kapellen des Kalvarienberges sowie des Heiligen Grabes, womit sie vielleicht nur einen diplomatischen Austausch von Höflichkeiten in seiner Bedeutung aufbauschten. 797, knapp vier Jahre nach dem Einfall von al-Hakam und zur Zeit des Aufbaus der Mark Spanien, hatte Karl auch dem Kalifen Gesandte geschickt: die Nichtgeistlichen Lantfrid und Sigismund sowie den Juden Isaak. Einem Dokument aus dem Kloster Reichenau zufolge, den Miracula sancti Genesii, wurden sie auf der Hinreise von zwei von Gebhard, dem Grafen von Treviso, ausgewählten Geistlichen begleitet, die den Auftrag hatten, die Reliquien der Heiligen Genesius und Eugenius aus dem Heiligen Land zu holen. Der Kaiser residierte zu jenem Zeitpunkt in Pavia und hatte knapp zwei Monate zuvor die Boten des Prälaten von Jerusalem verabschiedet. Im Juni 801 erhielt er die Nachricht, daß die Abgesandten des Kalifen von Bagdad im Hafen von Pisa gelandet seien. Sie brachten die Antwort auf seine vier Jahre zuvor geschickte Nachricht. Es waren ein Abgesandter des Kalifen und ein Gesandter des Emirs von al-Abbasiya (dem heutigen Fostat in Tunesien), die ihm ausrichteten, daß der Jude Isaak, der einzige Überlebende jener drei Gesandten, die Karl im Jahre 797 an den Hof von Bagdad geschickt hatte, mit den Geschenken des Herrschers der Gläubigen auf dem Rückweg nach Europa sei. Er hätte jedoch an der afrikanischen Küste Halt machen müssen, da eines der Geschenke ziemlich sperrig sei. Daraufhin hatten die Franken Isaak Schiffe geschickt, und im darauffolgenden Oktober konnte dieser in Portovenere an Land gehen – im Gepäck unter anderem das Geschenk, das der Kaiser bereits mit großer Neugier erwartete: den Elefanten Abu Abbas. Aber es machte keinen Sinn, dem riesenhaften
Tier die winterliche Überquerung der Alpen zuzumuten, zumal der Kaiser bereits in seine Residenz nach Aachen zurückgekehrt war. Also mußte sich Karl bis zum Juli 802 gedulden, bevor er jene Spezies zu Gesicht bekam, von der in römischen Texten so oft die Rede war, von der es aber seit Jahrhunderten keine Exemplare mehr im Westen gab. Leider hielt Abu Abbas dem rauhen Klima am Rhein nicht lange stand. Seine Heimat war das warme Indien, aus dem die gezähmten Elefanten gewöhnlich nach Persien importiert wurden. Er starb im Juni 810, schmerzlich betrauert von dem Frankenherrscher, der ihn liebgewonnen hatte, und unter reger Anteilnahme der Bevölkerung, die darauf wartete, daß sich seine Knochen in Elfenbein verwandelten, wie man damals glaubte. Wahrscheinlich hatte Härün außer dem Elefanten noch ein weiteres Geschenk für Karl vorgesehen: die Einräumung von – wenn auch nur formellen – Sonderrechten am Heiligen Grab in Jerusalem – offenbar ein strategischer Schachzug, der die traditionelle auctoritas des byzantinischen Basileus über die heiligen Stätten der Christenheit abschwächen sollte. Das Hauptproblem war aber wohl Spanien – doch darüber schweigen sich die arabischen Quellen aus. Eher unwahrscheinlich ist, daß auch über wirtschaftliche Fragen gesprochen wurde: Die pallia fresonica, gute Wollstoffe, die Karl dem Kalifen Harun zum Geschenk machte, konnten mit Sicherheit nicht mit dem höfischen Glanz der Kalifenresidenz in Bagdad konkurrieren. Und die zahlreichen muslimischen Waren und Münzen, von denen der Chronist Teodulf von Orleans im Jahr 812 im südlichen Gallien (mit dem großen Hafen Marseille) berichtet, belegen keineswegs besonders enge Beziehungen zum Orient – auch weil, abgesehen von den Perlen, die dort gefundenen muslimischen Waren allesamt von der Iberischen Halbinsel oder aus Nordafrika stammten. Im
Jahr 807 empfing Karl eine weitere Gesandtschaft des Kalifen und im selben Jahr eine Delegation des Patriarchen von Jerusalem. Beunruhigt über die diplomatischen Beziehungen zwischen Aachen und Bagdad und die ständigen Aufstände in seinem Reich, die inzwischen auch auf Cordoba und Toledo übergegriffen hatten, mußte sich der umayyadische Emir alHakam (796-822) damit abfinden, daß die Grenze zum Frankenreich bis zum Ebro reichte. Zwischen 810 und 812 kam es zu Verhandlungen zwischen ihm und Karl. Aber die Rebellionen im muslimischen Spanien dauerten an. Der Aufstand in Cordoba 814 wurde von der Garde des Emirs, den Kriegssklaven oder «Mamluken», blutig niedergeschlagen. Auch unter seinem Nachfolger, dem Emir Abd ar-Rahman II. (822-852) wurde es nicht besser. Unter ihm kam es zu Aufständen in Merida und Toledo, und er versuchte vergeblich, Barcelona zurückzuerobern: ein ungeschickter Schachzug, der (nicht zuletzt durch das erbitterte Zurückschlagen des Herzogs Bernhard von Septimanien) zum Entstehen einer katalanischen Identität führte. Doch am mittelmeerischen Himmel und damit auch im südlichen Europa ballten sich schon neue dunkle Wolken zusammen. Die Normannen, die in diesem und Anfang des folgenden Jahrhunderts die europäischen Küsten heimsuchten und verwüsteten, müssen neben den Angriffen der Sarazenen mit ihren Schiffen und denen der Ungarn zu Land als entscheidende Verursacher der Krise jener Zeit betrachtet werden. Eine Zeit, die außerdem vom Machtzerfall in den unter der Herrschaft der Karolinger stehenden Gebieten, vom Kampf zwischen den Reichen der sogenannten «Heptarchie» in England und von sozialern und wirtschaftlichem Niedergang gekennzeichnet war. Dabei muß man sich gleichzeitig vergegenwärtigen, daß auch der Islam eine sehr schwierige
Phase durchmachte: Das Kalifat von Bagdad verlor zunehmend die Kontrolle über die weiträumigen und reichen Territorien in den Randregionen westlich des Sinai und nordöstlich von Persien. In Tunesien hatten sich Anfang des 9. Jahrhunderts die Aghlabiden unabhängig gemacht und fielen ab 827 in Sizilien ein; fünfundsiebzig Jahre später hatten sie die Insel in ihrer Gewalt. 869 erlangten die Tuluniden die Herrschaft über Ägypten. Das riesige Gebiet Transoxanien, Khwarizm und Sistan (zwischen Syr Darja, dem Aralsee und dem Indischen Ozean) geriet sukzessive unter die Kontrolle der Tahiriden, Saffariden und Samaniden, und Ende des 9. Jahrhunderts zerstörte ein Aufstand der «häretischen» Qarmaten in Bahrein an der arabischen Küste des Persischen Golfs den Handel von und nach Basra und damit die Wirtschaft der Hauptstadt; der Verkehr der für Ägypten, das Mittelmeer und Byzanz bestimmten Waren aus dem Fernen Osten verlagerte sich ans Horn von Afrika und ans Rote Meer. Die Normannen, die an den europäischen Küsten einfielen, verschonten auch die Küsten von al-Andalus nicht. Im Jahr 844, nach einem Angriff auf Nantes, der Umfahrung der atlantischen Küste der Iberischen Halbinsel und der erfolglosen Plünderung Lissabons, tauchten fünfzig gewaltige Schiffe an der Mündung des Guadalquivir auf. Von da aus brachen mehrere Schiffe Richtung Cadiz auf, der Großteil der Flotte jedoch fuhr den Fluß aufwärts nach Sevilla. Die Normannen eroberten, plünderten und verwüsteten die Stadt, mußten sich dann aber dem Druck der iberischen Muslime beugen, die die Angreifer besiegten und sie zum überstürzten Rückzug zwangen. Viele der bei dieser Gelegenheit gemachten Gefangenen verschmolzen im Laufe von Generationen mit der großen Bevölkerungsgruppe der spanischen Muslime mit blondem Haar und blauen Augen. Zu den Erben der Wandalen und Goten kamen mit der Zeit auch die vielen aus der
slawischen Welt stammenden Sklaven hinzu (das Wort «Sklave» verweist ja im übrigen auf die slawische Herkunft). Unter dem Eindruck der normannischen Angriffe in den Jahren 844 und 845 ließ der umayyadische Emir die ribat oder Küstenbefestigungen erbauen. Sie waren den alten und legendären «Sarazenentürmen» nicht unähnlich, die die europäische Küste von der Languedoc bis zur Ägäis säumten. Die ribat wurden mit Freiwilligen oder murabitun bewehrt, die sich in der Nähe niederließen, sich den Aufgaben des Heiligen Krieges (dschihad) widmeten und ansonsten ein kontemplatives Leben im Gebet führten. Dank dieser murabitun konnten die Normannen von den Küsten alAndalus’ ferngehalten werden. 859 gelang es ihnen dennoch, die Moschee von Algeciras in Brand zu stecken, und im Jahr 966, gut hundert Jahre später, fügten die Dänen unter Führung keines Geringeren als Harald Blatand («Blauzahn») den Muslimen bei Lissabon eine weitere schmerzliche Niederlage zu. Die Muslime waren also durchaus nicht die einzigen, die die südeuropäischen Küsten und die Mittelmeerinseln unsicher machten. Diese Einfälle – die schlimmsten in der Geschichte Europas – prägten die beiden Jahrhunderte bis zum Ende des frühen Mittelalters. Auch die Muslime waren also manchmal Opfer solcher Angriffe. Die Europäer sahen jedoch in den «Hagarenern» ihren Hauptfeind und die Hauptverantwortlichen sämtlicher Attacken. Im historischen Rückblick wurden die Angriffe im Mittelmeerraum und die Kriege auf der Iberischen Halbinsel in ihrer Bedeutung mehr und mehr übertrieben; die epische Erzähltradition nahm das Thema auf und dramatisierte die Ereignisse, bis sie – zu Recht oder Unrecht – als «Herausforderung» erlebt wurden, auf die die Kreuzzüge eine «Antwort» liefern sollten.
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Zwischen zwei Jahrtausenden
Ein Wettstreit auf Meeren, Inseln und an Küsten Die Kontroverse um Henri Pirennes berühmte These ist nie wirklich zur Ruhe gekommen. Ihr zufolge zerbrach unter dem jähen Ansturm des Islam die Einheit Europas, dessen Zentrum das Mittelmeer gewesen war. Westeuropa wurde auf sich selbst zurückgeworfen und entwickelte einen ländlichen Charakter. Mit der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts und nicht mit dem Zerfall des Weströmischen Reiches begann Pirenne zufolge das «Mittelalter». Unbestritten aber ist heute, daß sich bereits vor dem 7. Jahrhundert in Wirtschaft und Handel eine Krise abzuzeichnen begann und daß zwischen dem 6./7. und dem 9./10. Jahrhundert der Handel und der Lebensstandard insbesondere im mittelmeerischen und westlichen Europa stark zurückgingen. Dies blieben jedoch allmählich verlaufende Prozesse, die vielfältige Ursachen hatten. Daher ist es inakzeptabel, diese Krise einzig und allein auf den Druck der sarazenischen Seemacht zurückzuführen. Pirennes These wurde im Kern bestätigt, ihre historische Herleitung aber gilt als widerlegt. Denn in der Tat, die seeräuberischen Aktivitäten der Muslime bleiben ein wichtiger, wenn nicht der entscheidende Faktor für die Krise und deren sozioökonomische, geistige und kulturelle Folgen: für den drastischen Rückgang der maritimen Aktivitäten, den Verfall, ja das Verschwinden der christlichen Häfen und
Küstenzentren, die überall grassierende Armut, den Rückgang der Geldwirtschaft und die weitverbreiteten Ängste. Die Überfälle auf die christlichen Inseln und Gestade des westlichen Mittelmeers nahmen von den Küsten des islamisierten Spanien und Afrika ihren Ausgang. Seit dem 8. Jahrhundert waren nicht nur die griechischen Inseln davon betroffen, sondern auch Sizilien und Sardinien. Diese Raubzüge führten zum Niedergang der Siedlungszentren im Küstenraum und zur Flucht der Bevölkerung in das unwegsame, aber sicherere Inselinnere. Ziel der Angriffe war der schnelle Beutezug (die Razzia), der Raub vorwiegend junger Menschen für den Sklavenhandel, die gelegentliche Einforderung von Tribut und Lösegeld. Seltener hatten die Beutezüge die Errichtung eines «Korsarennestes», einer kleinen Militär- und Handelskolonie, zum Ziel. Wir wissen, daß bereits ab 798 die Balearen immer wieder Ziel der Angriffe waren, auch wenn deren endgültige Eroberung durch ein islamisch-iberisches Oberhaupt erst im Jahr 902 erfolgte. Die Eroberung Siziliens durch den aghlabidischen Emir Ziyahad Allah I. im Jahr 827 markierte den entscheidenden Wendepunkt für zwei Jahrhunderte sarazenischer Seeherrschaft im riesigen Raum zwischen Iberischer Halbinsel, Italienischer Halbinsel und Maghreb. Die Byzantiner stellten sich dem Vorrücken der Muslime auf Sizilien zuerst noch tapfer entgegen, besonders in deren östlichem Teil, dessen Eroberung erst Anfang des 10. Jahrhunderts abgeschlossen war. Aber die Einnahme Kretas 827 und Maltas 870 hatten Byzanz die Möglichkeit genommen, im östlichen Mittelmeer wirkungsvoll zu operieren: Sie waren daher gezwungen, Sizilien und Sardinien ihrem Schicksal zu überlassen. In der Vergangenheit wurden die Angriffe der Sarazenen, ihre Siedlungspolitik und selbst sporadische Versuche der
Landnahme zu oft als Ausdruck ihres autonomen Willens zur Expansion nach sehr präzisen strategischen Überlegungen gewertet. Das war aber nicht immer der Fall. Im Gegenteil. Oft mischten sich die Sarazenen in lokale Konflikte ein und machten sich wechselnde Bündnisse zunutze; und nicht selten wurden sie von dem einen oder anderen der Kontrahenten um Waffenbeistand gebeten. Zur Zeit ihrer Eroberung Siziliens beispielsweise, kurz nach der Einnahme Palermos, rief der Herrscher der Stadt Neapel die Sarazenen mehrmals gegen die Langobarden und die Byzantiner zu Hilfe. Äußerst geschickt in der Taktik, sich die Wirren und die Schwäche der verschiedenen Machthaber nutzbar zu machen, die in Süditalien einander bekämpften, stellten sich die Sarazenen skrupellos in den Dienst des einen oder anderen und wurden dabei selbst die politischen Herren. Sich ungestraft der Araber und Berber bedienen zu können war ein Irrglaube, dem die kampanischen Städte zu lang anhingen. Sie verbündeten sich mit den Langobardenfürsten, um vom römisch-deutschen Kaiser Lothar (840-855) erneut Hilfe zu erbitten. Der hätte wohl keinen Finger gerührt, wenn nicht die Sarazenen im Jahr 846 auf der Halbinsel bis nach Ostia vorgestoßen, den Tiber aufwärts gefahren wären und die Basilika Sankt Peter geplündert hätten. Damit war das Maß voll. Mit Unterstützung des Dogen von Venedig, der Herzöge von Spoleto und Neapel sowie des Papstes Sergius II. (844 – 847) zog Ludwig, der Sohn von Kaiser Lothar, mit einem Heer aus Franken, Burgundern und Provenzalen nach Süditalien. Unterdessen hatte der Herzog von Benevent seinerseits schon muslimische Söldner angeworben, die marodierend und plündernd umherzogen und sogar bis auf das Gebiet des Klosters von Montecassino vorstießen.
Dennoch wollte Adelchi von Benevent auf die Dienste der sarazenischen Söldner nicht verzichten. Er zwang Bari, das ihm treu geblieben war, sich unter den Schutz des Berberoberhaupts Khalfun zu stellen, der vermutlich über Tarent aus Sizilien gekommen war. Als Gegenleistung gestattete er den Berbern, sakrale Gebäude zu plündern und in Brand zu stecken. Die Berber machten die Stadt Capua (die später wieder aufgebaut wurde) praktisch dem Erdboden gleich. Im Jahr 848 war Khalfun endlich Herr über die schöne apulische Hauptstadt. Ludwig, der genau zu diesem Zeitpunkt in Süditalien eintraf, konnte lediglich Benevent aus der Hand der Söldner befreien und zwischen den streitenden langobardischen Fürsten Frieden stiften. Er war der Garant für die Aufteilung des beneventischen Territoriums in die beiden Fürstentümer Benevent und Salerno und die Grafschaft Capua. Es war dies keine ehrenvolle Lösung. Weder beruhigt noch zufrieden war Papst Leo IV (847 – 855), der um Sankt Peter eine Mauer errichten und das Territorium in eine Zitadelle verwandeln ließ, damit sich die Schändung von 846 nicht wiederholen konnte. Unter seinem Pontifikat schlug im Jahr 849 eine von den Kampanern aufgestellte Flotte die Sarazenen vor Ostia auf dem offenen Meer. Gedrängt von den Äbten von Montecassino und San Vmcenzo am Volturno, zog Ludwig II. der inzwischen die Kaiserkrone erhalten hatte, erneut gegen Bari. Aber die langobardischen Fürsten unterstützten ihn so halbherzig und unaufrichtig, daß er sich empört und unverrichteter Dinge zurückziehen mußte. Bari wurde auch weiterhin von einem Emir regiert, der von den Klöstern Montecassino und San Vincenzo Güter erpreßte und sich mit den lokalen Machthabern arrangierte. Den europäischen Pilgern, die seine Stadt passieren mußten, um sich ins Heilige Land einzuschiffen, gewährte er gegen Zahlung eines Tributs sicheres Geleit, und die wohlhabende und gebildete jüdische
Gemeinde von Oria behandelte er mit ausgesprochenem Wohlwollen. Kaiser Ludwig II. jedoch hatte die Schmach, die ihm in Apulien zugefügt worden war, nicht vergessen. Sobald er die Alleinherrschaft innehatte, unternahm er, gedrängt vom Abt von Montecassino und den langobardischen Herrschern von Benevent und Capua (der Herrscher von Salerno lag mit ihnen in Streit), einen neuen Eroberungszug. Der Plan für dieses Unternehmen, der in der Constitutio von 865 niedergelegt war und für März des Folgejahres einen Truppenaufmarsch in Lucerna vorsah, ist erhalten geblieben. Es dauerte aber noch ein Jahr, bis der Kaiser das Mißtrauen zerstreuen und das Doppelspiel seiner treulosen langobardischen und kampanischen Untertanen hintertreiben konnte. Der Feldzug von 867 endete nach turbulenten Ereignissen vier Jahre später, im Jahr 871. Unter Beteiligung auch der fränkischen Truppen seines Bruders Lothar II. (die jedoch von einer Pestepidemie heimgesucht wurden), unterstützt außerdem von einer byzantinischen und einer venezianischen Flotte mit kroatischer und dalmatinischer Verstärkung sowie mit militärischer Hilfe des beneventischen Fürsten Adelchi und der Bevölkerung Gaetas (aber nicht Neapels, das ganz im Gegenteil seine Häfen den sarazenischen Schiffen öffnete) besiegte der Kaiser Sadwan, den Emir von Bari. Dieser hatte sich mutig geschlagen und sogar die Wallfahrtskirche des Erzengels Michael auf dem Monte Gargano geplündert. Er mußte sich nach Benevent zurückziehen – in einen goldenen Käfig unter der Obhut des ihm freundlich gesinnten Adelchi. War der Großmut des Kaisers gegenüber dem Emir ein Fehler gewesen? Gewiß, Bari war zurückerobert – ein Sieg, der dem Kaiser großes Ansehen einbrachte. Nach langer Krise und dank der energischen und skrupellosen Bemühungen von Basileios I. (867-886), dem Begründer der makedonischen
Dynastie, organisierte sich das Byzantinische Reich unterdessen neu. Mit seiner Flotte hatte Basileios zum Sieg Ludwigs, des «Königs der Teutonen», beigetragen, hütete sich aber, ihm gleichen Rang einzuräumen. Auf keinen Fall wollte er zulassen, daß dieser seine Macht über jenes Süditalien festigte, das die Basileis von Konstantinopel seit der Rückeroberung der Italienischen Halbinsel durch Justinian als ihr Territorium betrachteten. Es umfaßte eine Reihe bedeutender Hafenstädte, die den Zugang zur Adria sicherten und kontrollierten und wo die griechische Kultur so tief verwurzelt war. Die Taktik Basileios’ I. und Sadwans hatte den erhofften Erfolg. Nach einem Aufstand der Langobarden von Benevent wurde der Kaiser zwischen August und September 871 fast zwei Monate lang gefangengesetzt, während der Emir von Kairuan neue Invasionstruppen (diesmal rund 20000 Mann) nach Apulien schickte und Kalabrien und Kampanien angriff. Ludwig II. brachte die Kraft auf, erneut gen Süden zu ziehen. Im Jahr 873 besiegte er die Muslime in Capua, starb aber zwei Jahre später. Die Sarazenen operierten unterdessen weiter von der ihnen verbliebenen Festung Tarent aus, der ein wichtiger Umschlagplatz für den Sklavenhandel war. Von dort aus bedrohten sie Apulien und Kampanien bis hinauf zum Volturno. Bari sah jetzt keinen Grund mehr, sein Bündnis mit Ludwig II. weiter aufrechtzuerhalten. 876 wandte sich die Stadt an die byzantinischen Behörden von Otranto und erreichte, daß sie die Hauptstadt des Thema Langobardien wurde. Im Jahr 880 eroberten die Byzantiner auch Tarent zurück, aber es gelang ihnen nicht, die Muslime im Adriatischen Meer zu stoppen, die mit ihren Raubzügen sogar Comacchio und Grado heimsuchten. Ein Sieg über die Araber und Berber war also in weite Ferne gerückt. 878 war die Eroberung Siziliens, 902 die Einnahme
Taorminas abgeschlossen, und jetzt drangen sie weiter nach Kampanien vor. Sie verbündeten sich mit Capua und Salerno, besetzten erneut vom Bischof von Rom kontrolliertes Territorium und zwangen ihn zur Tributzahlung. Sie zerstörten die Klöster San Vincenzo am Volturno und Montecassino, errichteten im Jahr 882 einen Stützpunkt an der Mündung des Garigliano, von dem aus sie auch die Stadt Rom angreifen konnten. Erst im Jahr 915 war dieser Alptraum vorbei. Nachdem sich die kalbitischen Emire unter der formellen Oberhoheit der fatimidischen Kalifen von Kairo in Sizilien angesiedelt hatten, konnten sie im Laufe des 10. Jahrhunderts systematisch die süditalienischen Küsten angreifen, besonders die Küsten Apuliens und Kalabnens. Bastionen (wie Agropoli in Kampamen und Santa Severma in Kalabrien) leisteten lange Zeit Widerstand. Der Versuch des Sachsenkaisers Otto III. der, ähnlich wie sein Vorgänger Ludwig II. hundert Jahre vorher, eine neue entschlossene Kampagne begann, scheiterte 982 bei Capo Colonna. Jetzt kannte die Sarazenenoffensive in Süditalien bis zum Tod des Emirs al-Akhal im Jahr 1036 keinen Halt mehr. Danach jedoch zerbröckelte die Herrschaft des Islam in Sizilien unaufhaltsam. Sardinien und Korsika blieben bis Anfang des 11. Jahrhunderts Niemandsland; nur dessen Häfen wurden von den Sarazenen kontrolliert. Unterdessen verstärkte man die Stützpunkte an der maghrebinischen Küste, die für die muslimische Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer eine wichtige Rolle spielten. Zwischen 915 und 920 errichteten die Muslime, etwa auf der Höhe der Insel Pantelleria, die Festungsstadt al-Mahdiya an der Küste des Sahel. 960 gründete das Berberoberhaupt Buluggi ibn Ziri die Stadt Algier, und 1060 entstand an der Küste zwischen Algier und Bona die Stadt Bujjah. Von ihren Stützpunkten in Spanien und auf den Inseln aus führten die Sarazenen ihre kriegerischen Raubzüge auch im
nordwestlichen Mittelmeer. Gegen 890, beinahe zeitgleich mit der Ansiedlung der Sarazenen am Garigliano, waren Muslime auch an der provenzalischen Küste gelandet. Von da aus gründete eine Gruppe von Angreifern unweit von Saint-Tropez einen Stützpunkt in Fraxinetum (dem heutigen La GardeFreinet), von wo aus sie nicht nur die Küstenstreifen (bis nach Marseille, Toulon und Nizza) und das dazugehörige Hinterland angriffen, sondern auch zu relativ weit entfernten Orten vordrangen – sogar bis an den westlichen Alpenrand, wo sie die durchziehenden Pilger- und Handelskarawanen überfielen. Das Gebiet zwischen dem Golf von Lion und dem Tyrrhenischen Meer wurde auch von Korsaren aus Ifriqiya erobert. Zwischen 934 und 935 griffen Korsaren aus alMahdiya Genua an. Die Korsaren von Fraxinetum, die auch mit einigen domini loci, so zum Beispiel mit Hugo von Provenza, Vereinbarungen schlossen, hatten unterdessen den Bogen überspannt. 972 und 973 brachten sie – möglicherweise zufällig und ungewollt – einen kluniazensischen Mönch in ihre Gewalt, um Lösegeld zu fordern. Es handelte sich aber um den heiligen Maiolus, den großen Abt von Cluny. Eine solche Unverfrorenheit zwang die provenzalische Aristokratie, einzugreifen und das Korsarennest in Fraxinetum ein für alle Mal zu zerstören. Waren die Gründer, die Strategen dieser sarazenischen Küstenstützpunkte, die oft auch weiträumige Gebiete im Landesinnern kontrollierten, nur Freibeuter? Ihre Vorgehensweise unterschied sich jedenfalls nicht von der Strategie der Seestädte an der italienischen Küste. Die Ähnlichkeiten sind groß, obwohl die Muslime zweifellos zu einem früheren Zeitpunkt zu agieren begannen. Für das Wiedererstarken (wenn nicht überhaupt das Entstehen) der christlichen Küstenstädte Westeuropas bedeutete die Ausbreitung des Islam einen der Hauptfaktoren. Nicht zufällig
waren die Beziehungen zwischen den christlichen und den islamischen Mächten im Mittelmeerraum (wie stark auch immer sie waren) sowohl von Überfällen und kriegerischen Auseinandersetzungen als auch von gutnachbarschaftlichen Handelsbeziehungen gekennzeichnet. Anfang des 11. Jahrhunderts kehrten sich die Verhältnisse um: Waren bis dahin die sarazenischen Siedlungen aktiver und dynamischer, so gerieten sie von nun an in die Defensive, während die christlichen Siedlungen prosperierten und erstarkten. Wesentliche Triebkräfte für die Entwicklung dieser kleinen «Republiken» muslimischer Seeleute, Korsaren und Händler (bahriyun) waren Sklavenraub und Sklavenhandel. Typisch in dieser Hinsicht war der Aufstieg Almerias im 10. Jahrhundert, der in erster Linie dem Sklavenhandel zu verdanken war. Die saqaliba oder weißen Sklaven galten als heißbegehrte Ware, und um ihre Kastration kümmerten sich die Juden des nahegelegenen Pechina. Anders verlief die Entwicklung im östlichen Mittelmeer. Aufgrund der Gegenoffensive der Basileis der makedonischen Dynastie kamen die Inseln Zypern und Kreta in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts erneut unter byzantinische Herrschaft. Nach der heftigsten Phase der muslimischen Eroberungskriege im Mittelmeer zwischen der zweiten Hälfte des 7. und dem Beginn des 8. Jahrhunderts erholte sich allmählich der Handel. Dennoch waren die Westeuropäer weder die Hauptakteure noch die eigentlichen Profiteure dieses Handels. Um 846 berichtet Ibn Khurdadhbih in seinem Buch der Routen und Reiche von Kaufleuten, die zwar aus Westeuropa kamen und dort lebten, aber eigentlich keine Westeuropäer waren: «Rahdaniten» genannte jüdische Händler (vielleicht aus dem Mündungsgebiet der Rhone), die westliche Waren wie Sklaven, Waffen und Pelze in den Orient brachten, sie in den Häfen des Nildeltas entluden und auf dem Landweg
mit Kamelen ans Rote Meer schafften, um sie zu den arabischen Häfen al-Jar und Dschidda und weiter nach Indien und China zu verschiffen. Aus diesen fernen Ländern brachten sie Moschus, Aloe, Kampfer und Kardamom nach Ägypten und nach Konstantinopel, ja sogar an die vergleichsweise unzivilisierten Höfe Westeuropas. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß der arabisch-muslimische Handel und damit auch die Geographen im 9. und 10. Jahrhundert das Tyrrhenische Meer nördlich von Amalfi und Gaeta sowie die gesamte westeuropäische Welt offenbar gar nicht in Betracht zogen. Diese Tendenz der traditionellen muslimischen Kultur, alles, was fremd ist, gleichsam links liegen zu lassen, prägte bereits die Anfänge des Islam. Doch neben militärischer Konfrontation und reinen Handelsbeziehungen gab es weitere Möglichkeiten einer Kontaktaufnahme – zeitweilige Gefangenschaft etwa oder die Sklaverei. So auch im Fall eines gewissen Harun ibn Yahya (aus dessen Namen sich nicht ersehen läßt, ob er Christ oder Muslim war) Ende des 9. Jahrhunderts. Er machte, wenngleich unfreiwillig, eine ansehnliche Reise, die ihn in das Neue und danach in das Alte Rom führte. Er wurde – möglicherweise bei einem Korsarenüberfall an der Küste Palästinas – gefangengenommen; unklar ist auch, ob er von byzantinischen Korsaren aufgegriffen wurde oder ob er selbst zu einem arabischen Korsarentrupp gehörte (dem durchaus auch Christen angehören konnten) und beim Angriff auf ein griechisches Schiff Pech gehabt hatte. Jedenfalls wurde er als Sklave nach Konstantinopel gebracht. Von dort kam er – wir wissen weder wie noch warum (vielleicht mit einer byzantinischen Gesandtschaft) – auf die Balkanhalbinsel und gelangte über Venedig nach Italien und schließlich nach Rom. Die Wechselfälle seines Schicksals und seine Erfahrungen sind uns durch die Schilderung des Geographen Ibn Rusta aus dem
10. Jahrhundert überliefert. Dem Legendenschema der (viel später entstandenen) Mirabilia entsprechend, die die byzantinische an die islamische Welt weitergegeben hatte, erzählt der Text von bronzenen Uferbefestigungen, die den Tiber eindämmen, vom Wunderwerk des Vogelautomaten auf einer Säule vor der Peterskirche, von den unermeßlichen Reichtümern und der großen Bevölkerungszahl einer Stadt, die im 9. und 10. Jahrhundert freilich ziemlich entvölkert und heruntergekommen war. Realistischer ist die Schilderung des Irakers Ibn Hauqal, der um die Mitte des 10. Jahrhunderts eine lange Reise von Persien nach Spanien unternahm und das muslimische Palermo beschrieb, aber auch in den damals langobardischen und byzantinischen Süden der Italienischen Halbinsel gelangte. Er besuchte Salerno, Melfi und Neapel, wo er persönlich, wie er versichert, die Qualität des Leinens begutachten konnte, eines der wichtigsten Importgüter der Stadt. Zu den begehrtesten der nicht allzu zahlreichen Exportartikel, die die «fränkische» Welt der muslimischen Welt zu bieten hatte, zählte das Eisen. Insbesondere die «fränkischen Schwerter» waren aufgrund ihrer Stärke und Schönheit nur mit dem dschauhar vergleichbar, dem weißglänzenden Schwert der Jemeniten, das, wie es hieß, so schön war wie edles Tuch. Eine weitere sehr geschätzte Ware, die über die Flüsse Rußlands und durch das Schwarze Meer aus dem «Land der Franken» oder auch aus der byzantinischen Welt in den dar alIslam gelangte, war Holz. Es überrascht nicht, daß im Jahr 813 Papst Leo III. Karl den Großen darüber informierte, daß sarazenische Gesandte «in navigiis Beneticorum» (auf venezianischen Schiffen) eine Reise nach Sizilien unternahmen. Diese Nachricht bestätigt nicht nur, daß in der islamischen Welt das Holz knapp wurde – ein großes Problem für die maghrebinische Seemacht –, sondern daß die
Venezianer immer häufiger in muslimische Länder reisten. Ähnlich wie in Byzanz hatten auch Gesetze der Venezianer den Handel mit Alexandria, mit dem von den Muslimen eroberten Ägypten und allgemein mit den von der nejandissima gens Sarracenorum eroberten Territorien lange Zeit verboten. Aber der Raub der Reliquien des Evangelisten Markus aus Alexandrien durch venezianische Kaufleute im zweiten Drittel des 9. Jahrhunderts hatte offenbar endgültig eine Vorschrift obsolet gemacht, die man ohnehin nicht sehr genau nahm. Noch 960 wurde das Verbot des Sklavenhandels und des Transports von fremden Passagieren auf venezianischen Schiffen erneuert. Im Jahr 971 erlaubte man in einem anderen Dokument den Handel mit Holz, Metall und Waffen auf den Märkten von Alexandria. Mit dem Dogen Pietro II. Orseolo (991-1008), dem Eroberer von Istrien und Dalmatien, veränderten sich Wirtschaft und Handel von Grund auf. Mit ihm wurden die Handelskontakte mit Konstantinopel (ersichtlich aus der berühmten kaiserlichen Urkunde aus dem Jahr 992) und mit dem Fatimidenkalifen von Kairo neu definiert. Wir wissen wenig von den Vereinbarungen mit Ägypten, aber schon damals unterhielt Ägypten mit Venedig freundschaftliche Beziehungen, die auch in den nachfolgenden Jahrhunderten unerschütterlich blieben und den Schock der Kreuzzüge, die Niederschlagung des Fatimidenkalifats im 12. Jahrhundert und den Handstreich der Mamluken im 13. Jahrhundert unbeschadet überstanden. Schriftliche Quellen (und wir denken dabei besonders an die wichtigen Zeugnisse in der Geniza von Kairo) zum Handel zwischen der muslimischen und der «fränkischen» Welt im 9. und 10. Jahrhundert sind selten und nur indirekt zu erschließen, doch viele Zweifel werden durch die ebenso erstaunlichen wie zahlreichen Funde der Unterwasserarchäologen (Schiffsrümpfe und Keramiken)
beseitigt, die einen regen Warenverkehr im nördlichen Tyrrhenischen Meer zwischen dem 9. und dem 10. Jahrhundert bestätigen. Die Bedeutung des arabischen Handels im Mittelmeer wird auch durch die große Verbreitung muslimischer Münzen belegt, die sehr bald mehr und mehr den byzantinischen denarius, den berühmten «Hyperperon» oder «Byzantiner», ersetzten. Ähnlich wie der denarius hatte der arabische dinar, von dem wir arabisch-sizilianische Prägungen gut kennen, ein Gewicht von 4,25 Gramm Gold. Noch größere Verbreitung fand jedoch der Vierteldinar oder ruba’i, der unter dem Namen tan («frisch», das heißt frisch geprägt) in Sizilien und auf der süditalienischen Halbinsel rasch Umlauf fand und bis in die neueste Zeit als Bezeichnung für «Münze» üblich blieb. Zu den Silbermünzen zählten insbesondere der dirham (dessen Wortwurzel, über das Persische vermittelt, auf «Drachme» zurückgeht) mit einem Gewicht von 2,90 Gramm, und die kleine kharruba mit einem Gewicht von 0,2 Gramm. Die tan waren derart begehrt und verbreitet, daß die Amalfitaner und Salernitaner im 10. Jahrhundert Imitationen herstellten, die sich durch ihre sogenannten pseudokufischen Schriftzeichen unterschieden; sie ahmten die Buchstaben des arabisches Alphabets nach, aber ohne Sinn und Verstand. Auch in der Rus zirkulierte arabisches Geld – weniger Goldmünzen (die man wahrscheinlich behutsam sammelte, nicht zuletzt deshalb, weil in jener Region Edelmetalle seit jeher knapp waren), dafür viele Silbermünzen. «Die altrussische nogata entsprach dem arabischen dirham und leitete ihren Namen vom arabischen Wort nagd ab, was soviel heißt wie ‹gutes Geld») (F. Kämpfer, Russi e slavi occidentali, in: Storia d’Europa, Bd. III, Il medioevo, hg. von G. Ortalli, Turin 1995, S. 620).
Krise und Umgestaltung des Islam.
Der Orient
Für die Geschichte des Mittelmeerraumes im 8.-11. Jahrhundert ist die Aufeinanderfolge von Handelsbeziehungen und kriegerischen Auseinandersetzungen kennzeichnend, und nicht immer kann man klar und deutlich das eine vom anderen unterscheiden. Zweifellos jedoch haben sich die im 7. Jahrhundert mit der Ausbreitung des Islam im Mittelmeerraum entstandenen Verhältnisse nicht allmählich, sondern diskontinuierlich und mit immer neuen Rückschlägen verändert, insbesondere seit der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts. Eine oberflächliche (aber oft auch substantielle) Kongruenz zufälliger Ereignisse, die den institutionellen und strukturellen Krisen innerhalb des Islam entsprangen, ließ die muslimische Offensive beinahe überall im westlichen Mittelmeer und im angrenzenden Hinterland ins Stocken oder ganz zum Stillstand kommen. Aus vielfältigen und voneinander unabhängigen Gründen trifft dies besonders auf den Zeitraum zwischen Ende des 10. und dem ersten Drittel des 11. Jahrhunderts zu. Mit dem Entstehen zweier konkurrierender Kalifate wurde die Autorität des abbasidischen Kalifats in Bagdad geschwächt: Im Jahr 929 gründeten die sunnitischen Umayyaden in Cordoba ein Kalifat, und im Jahr 910 entstand das schiitisch-ismailitische Kalifat der Fatimiden bei den Berbern im östlichen Algerien, das seinen Sitz jedoch in der 969 gegründeten Stadt Kairo nahm. Der ägyptischen Stadt war eine große Zukunft beschieden. Am Nil gelegen, war sie ein Umschlagplatz für Waren aus dem Jemen, aus Sansibar und Äthiopien, aber auch für wertvolle Gewürze aus Indien und China. Sie wurden nach Aydhab am Roten Meer gebracht und
von dort aus mit Kamelen durch einen kurzen Wüstenabschnitt nilabwärts zu den Häfen im Delta weitertransportiert. In die ägyptische Metropole floß außerdem das Gold aus den Minen Nubiens (die allmählich erschöpft waren) und des Sudan. Es wurde von Beauftragten der Könige von Ghana geliefert, die neben dem wertvollen gelben Metall auch noch das weiße Gold (Elfenbein) und das schwarze Gold (die afrikanischen Sklaven) mitführten. Der Aufstieg Ägyptens zur neuen politischen Macht, die sich vom abbasidischen Kalifen unabhängig gemacht hatte und in Wettstreit, wenn nicht sogar in offener Feindschaft mit ihm lag, war nur ein Aspekt (und in gewisser Weise eines der Symptome) des Niedergangs des abassidischen Kalifats, dem zusätzlich die unaufhörlichen Rebellionen der kharidschitischen und karmatischen «Sekten» zu schaffen machten. Dadurch wurden die Kalifen immer öfter gezwungen, sich unter den Schutz türkischer Söldnerheere zu stellen, die aus Zentralasien gekommen waren, sich im Verlauf des Jahrhunderts islamisiert hatten und ins Innere des Landes eingedrungen waren (nicht zuletzt mit der Hilfe der persischen Samaniden-Dynastie, die mit der Aufgabe betraut war, den Herrschaftsanspruch auch im nordöstlichen Teil des Abbasidenreiches durchzusetzen). Ende des 10. Jahrhunderts hatte sich der türkische Khan Alp-Tegin die Schwäche der Samaniden zunutze gemacht, Ghazna im heutigen Afghanistan erobert und einen Hof gegründet, an dem auch der Wissenschaftler al-Biruni und der Dichter Firdausi lebten. 999 eroberten die karahanidischen Türken die Stadt Buchara und gründeten dort eine neue Dynastie. Die persischen Fürsten und Gouverneure wurden abgesetzt. Auch die Kalifen mußten sich den türkischen Eroberern fügen, die sich zum sunnitischen Islam bekannten und als Neophyten äußerst kompromißlos waren. Innerhalb der Türken drängte schon bald der Stammesverband der Oghuz an die Spitze. Diese Nomaden
hatten sich Mitte des 10. Jahrhunderts an den Weideplatzen nördlich des Kaspischen Meeres und des Aralsees angesiedelt und wurden unter dem Namen ihres halblegendären Stammesoberhauptes Seldschuk als «Seldschuken» bekannt. Um 1040 fegten die seldschukischen Türken die samanidischen Perser hinweg, mit denen sie anfangs gute Beziehungen pflegten, und setzten sich an deren Stelle, indem sie ein von Khorasan bis nach Zentralpersien ausgreifendes «Reich» gründeten. Ein religiöser Umstand – die Tatsache, daß zu jener Zeit der Kalif von Bagdad von einer Dynastie von «Palastherren» schiitischen Glaubens, den Buyiden, als Geisel gehalten wurde – lieferte dem seldschukischen Khan Tughrul Beg dann den Vorwand, im Jahr 1055 in die Hauptstadt einzumarschieren, die türkische Okkupation als «sunnitische Befreiung» hinzustellen und den Kalifen zu zwingen, sich unter seinen Schutz zu stellen. Zum Sultan proklamiert, dem damit das Privileg des Kalifats übertragen war, verkündete der Seldschukenflirst feierlich sein ehrgeiziges Programm der Kriegsführung: Er wollte nicht nur die Abbasiden aus ihrer Krise herausführen, sondern den triumphalen Siegeszug des Islam fortsetzen, der dreihundert Jahre zuvor in Asien zum Stillstand und (wie wir gesehen haben und bald noch deutlicher sehen werden) seit knapp einem Jahrhundert im Mittelmeerraum ins Stocken gekommen war. Inzwischen begannen die «Franken» im Westen bereits mit der Rückeroberung. Die Seldschuken waren entschlossen, den sunnitischen Islam weiter auszubreiten und dessen Eroberungen im Westen noch zu vergrößern. Die ersten, die sich ihnen dabei entgegenstellten, waren die Byzantiner und die schiitischen Kalifen von Ägypten. Gegenüber ihren ägyptischen Konkurrenten im Kampf um die Macht in Syrien und Palästina übten die Türken eiserne
Gewalt aus. Erst die bewaffnete Pilgerfahrt 1096-1099, die wir als «ersten Kreuzzug» zu bezeichnen pflegen, ließ die Feindseligkeiten zwischen Abbasiden und Seldschuken auf der einen und Fatimiden auf der anderen Seite in den Hintergrund treten. Allerdings komplizierte sich die Situation durch die Rivalität zwischen Türken und Arabern. Als die Kreuzritter an der Nordgrenze Syriens auftauchten, schickte ihnen der fatimidische Kalif von Kairo Gesandte, die nach Möglichkeiten suchen sollten, mit den «Franken» ein Bündnis zu schließen oder sie zumindest gegen die Türken zu benutzen. Im Jahr 1071 hatte der neue Sultan Alp Arslan (1063-1072) in Manzikert (heute Malazgirt) am Oberlauf des Euphrat unweit des Van-Sees gegen Byzanz einen großen Sieg errungen. Dieser Sieg führte wenige Jahre später zur Gründung des «Sultanats Rum» mit der Hauptstadt Ikonion (dem heutigen Konya) und damit zur Beherrschung ganz Mittelanatoliens durch die Seldschuken. Mit dem Begriff Rum («Rom») bezeichnete die arabischsprachige und damit islamische Welt das gesamte Territorium, das wir unzutreffend Byzantinisches Reich nennen. Anatolien war also Rum. Jetzt waren die neuen muslimischen Eroberer nur durch die Euxineischen Berge im Norden und das Taurusgebirge im Süden von den Küsten des Schwarzen Meeres bzw. dem Golf von Antalya und dem Golf von Alexandrette im Mittelmeer getrennt, der noch von Byzanz kontrolliert wurde. Aber in der Hauptstadt am Bosporus zitterte man wie seit der Belagerung von 717/718 nicht mehr. Der neue Basileus Alexios I. Komnenos (1081-1118) sah sich bald nach seiner Thronbesteigung gleich drei Angriffswellen der Barbaren gegenüber: Im Westen stießen die Normannen unter Robert Guiscard entlang der epirotischen Küste vor; mit päpstlicher Unterstützung festigte Robert Guiscard seine Herrschaft in Süditalien, während sein Bruder Roger bereits den Feldzug zur
Eroberung Siziliens unternahm. Im Norden hatte das uralaltaische Volk der Petschenegen, später unter dem Namen Kumanen bekannt (die polovzi in den russischen Quellen), den Balkan plündernd durchzogen. Sie waren im Jahr 1090 bis fast vor die Tore Konstantinopels gelangt und nur mit Mühe zurückgeschlagen worden. Im Osten teilten die Türken Zentral- und Ostanatolien untereinander auf – ein Zankapfel zwischen den Seldschuken von Ikonion und den Danischmendiden von Melitene (dem heutigen Malatya). Die massenhafte Bekehrung von Stämmen turkomongolischer Herkunft zwischen dem 9. und dem 10. Jahrhundert, die das Herrschaftsgebiet des dar al-Islam in Zentralasien vergrößerte, hätte die Religionsgeschichte des eurasischen Großkontinents und die Beziehungen zwischen Europa und dem Islam verändern können, wäre die Gelegenheit ergriffen worden, auch die unruhigen indoeuropäischen und turkomongolischen Völker zu bekehren. Die besondere Struktur der muslimischen umma, das Nichtvorhandensein kirchlicher Institutionen und Ämter (die auch im Judentum fehlen) war einer der Gründe für diese verpaßte Gelegenheit. Andere, den Seldschuken und den Karahaniden nahestehende Ethnien waren wahrscheinlich bereit, den islamischen Glauben anzunehmen. Doch erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, nach dem Eroberungssturm der Truppen Dschingis Khans, gelangte der Islam in diese Regionen. Bereits seit Anfang des 10. Jahrhunderts scheint der Islam in einigen Regionen Zentralasiens auf dem Wege des Handels Fuß gefaßt zu haben. Auf diese Weise wurden die Bulgaren von magna Bulgaria in der großen Wolgaschleife sowie die Chasaren islamisiert, deren herrschende Schicht zuvor schon den jüdischen Glauben angenommen hatte. Die Chronik des Mönchs Nestor aus dem 12. Jahrhundert berichtet, daß im Jahr 986 die muslimischen
Bulgaren bei dem noch heidnischen Vladimir, dem Fürst von Kiew, vorstellig wurden und ihm den Übertritt zum Islam anboten. Doch der Fürst lehnte ab, da ihm die Beschneidung und das Verbot, Wein zu trinken und Schweinefleisch zu essen, nicht behagten. Vladimir (der später den Beinamen «der Große» erhielt) entschied sich zwei Jahre später für das griechische Christentum, das ihm die Byzantiner antrugen. Die Motive für diese Entscheidung mögen plump erscheinen; vielleicht auch ist die Darstellungsweise des Chronisten naiv. Aber ungeachtet seines verkürzten Blicks und der mangelnden Weitsicht seiner Leserschaft, an die die Chronik gerichtet war: «Was wären die Folgen für die Geschichte Europas gewesen, wenn die Rus sich zum Islam bekehrt hätte? Das christliche Europa wäre in einem Zangengriff gefangen gewesen: Im Mittelmeer hätten die slawischen Waräger mit ihren Schiffen nicht auf der Seite der Griechen, sondern auf der Seite der Araber gekämpft. Der Islam hätte im Osten Europas ein Bollwerk errichtet und sich möglicherweise noch vor der Ankunft der christlichen Missionare in Skandinavien ausgebreitet!» (F. Kämpfer, Russi e slavi occidentali, in: Storia d’Europa, Bd. III, Il medioevo, hg. von G. Ortalli, Turin 1995, S. 609) Das ist ein weiterer Beweis dafür, daß man die Geschichte im Konditional nicht nur denken kann, sondern muß, mit allem Wenn und Aber. Denn nur so lassen sich die realen Ereignisse in ihrer ganzen Tragweite ermessen. Und nur auf diese Weise lassen sich mögliche Alternativen erwägen, die sich aus dem Wechselspiel zwischen dem Willen des einzelnen und ganzer Gruppen, den historischen Bedingungen und ihrem Umfeld hätten ergeben können.
Krise und Umgestaltung des Islam.
Der Okzident
In Spanien hatte der Emir Abd ar-Rahman III. (912 – 961), der die neoumayyadische Dynastie von Cordoba zu höchstem Glanz geführt und im Jahr 929 die Kalifatswürde für sich in Anspruch genommen hatte, seine Macht auch auf einen Teil des westlichen Maghreb ausgedehnt. Die Stadt Cordoba zählte zu jener Zeit etwa 300000 Einwohner. Die eindrucksvollen Ruinen der Residenzstadt Medinat az-Zahra, der «Stadt der Blumen», bezeugen bis heute diesen Glanz. Sie erstrahlte förmlich von Marmor, Kristall und Mosaiken, für die man die besten byzantinischen Handwerker verpflichtet hatte. Die Legende spricht sogar von einem Brunnen aus «lebendigem Silber», also Quecksilber, in einem Salon aus reflektierendem Gold, der die Besucher mit seinen Funken und Lichtkaskaden in Erstaunen versetzt haben soll. Araber und Berber hatten sich nie miteinander vermischt. Die stolze Aristokratie jener, die sich als die alleinigen Nachkommen des Propheten betrachteten, verachteten die afrikanischen Parvenüs. Allerdings kam es schon früh zu einer bescheidenen, aber fortschreitenden Integration zwischen Arabern und Berbern auf der einen und den Nachkommen der Keltiberer, Iberolateiner und Gotosweben auf der anderen Seite. Das unterscheidende Kriterium bestand einzig und allein in der Zugehörigkeit zu einer der folgenden Gruppen: den muslimischen Nachkommen der Eroberer, den zu unterschiedlichen Zeiten zum Islam übergetretenen Einheimischen (die muwalladun) und den Christen, die ihrer Religion treu geblieben waren, sich aber in Sprache und Lebensweise den Arabern angepaßt, sich also arabisiert hatten, oft aber noch das Lateinische oder vielmehr das daraus
hervorgegangene Vulgäridiom beherrschten. Sie hießen musta’riba und sind im Westen besser bekannt unter dem Namen Mozaraber, der durch das Spanische vermittelt ist. Die Umayyaden hatten der spanisch-muslimischen Welt zunächst die Grundzüge der großen syrischen Kultur übermittelt, von der sie selbst geprägt waren. Im Lauf der Zeit jedoch zeigte sich, wie attraktiv die abbasidische Kultur war, die die Höfe des maghrebinischen Islam ausstrahlten. Dieser unverfälschte geistige Reichtum hatte auch die christlichen dhimmi fasziniert. Bereits im 9. Jahrhundert klagte Alvaro von Cordoba, daß die christlichen Gelehrten ihre Zeit damit vergeudeten, die arabischen Buchstaben nachzuahmen, und darüber die Heilige Schrift und die Werke der Kirchenväter vernachlässigten. Die Beziehungen zwischen den Kalifen von Cordoba und den «Franken» nördlich der Pyrenäen waren aufs Ganze gesehen gut. Im Jahr 953 war Johannes, der Abt von Gorze, ein Abgesandter des deutschen Königs Otto, vom islamischen Herrscher empfangen worden. Er bat den Kalifen um Hilfe gegen die Sarazenen, die am Rand der Alpen ihre «Schlupfwinkel» errichtet hatten. Der Kalif entsandte seinerseits den mozarabischen Bischof Recemond von Elvira zu Otto, der inzwischen Kaiser geworden war. Diesem Recemond hatte Liutprand, der Bischof von Cremona, sein Werk Antapodosis gewidmet. Die Nachfolger Abd ar-Rahmans III. im Amt des Kalifen hatten nicht das Format ihres Vorgängers. In gutem Andenken steht dennoch Hakam II. (961 – 976), der die Stadt Cordoba verschönerte und vergrößerte und das – politisch gesehen zweifelhafte – Glück hatte, über einen Wesir zu verfügen, der so energisch auftrat, als wolle er dessen Stelle einnehmen: Muhammad ibn Abi ‘Amir, der seiner Taten wegen al-Mansur, der «Sieger» (oder in den spanischen Chroniken und in der
spanischen Ependichtung «Almanzor»), genannt wurde. Reinsten arabischen Ursprungs, war der wazir zwischen 978 und 1008 dreißig Jahre lang der eigentliche Herr über Spanien und Marokko. Er machte das christliche Königreich Leon zum Vasallen des Kalifen von Cordoba und griff 997 die Wallfahrtskirche Santiago de Compostela an. Doch nach seinem Tod brachen im Herrscherhaus dynastische Streitigkeiten aus, durch die das ganze muslimische Spanien in mehr als ein Dutzend Emirate aufgespaltet wurde, die sich untereinander bekämpften und in der spanischen Tradition als reinos de taifas (Reiche der Parteiungen oder Teilfürstentümer) bekannt geworden sind. Doch die Fürstenhöfe pflegten weiterhin – wenn auch vielleicht auf niedrigerem Niveau – das Mäzenatentum der Kalifen. Die Westeuropäer ignorierten den Islam östlich von Jerusalem ganz oder teilweise mindestens bis ins 12. Jahrhundert hinein. Im Jahr 906 schrieb Bertha, Gräfin der Toskana, an alMuktafi, den Kalifen von Bagdad, daß sie erst vor kurzem und zufällig (von Gefangenen auf Schiffen aus Ifriqiya) von der Existenz einer muslimischen Dynastie erfahren habe, die mächtiger sei als der aghlabitische Emir von Kairuan. Mit diesem pflegte sie gute Beziehungen, die allerdings den Korsarenkrieg nicht ausschlossen. Umgekehrt wurden für die Westeuropäer die Könige der Teilfürstentümer (reyes de taifas) zunehmend wichtiger. Einer dieser Teilkönige war Mudschahid, der Emir von Denia, der in den ersten Jahren des 11. Jahrhunderts einen umfangreichen und in sich stimmigen politischen Plan schmiedete (und auch beinahe ausgeführt hätte), der ihm die Herrschaft über die Balearen, Korsika und Sardinien sichern sollte und praktisch das ganze nordwestliche Mittelmeer von Valencia bis zum Tyrrhenischen Meer einbezog. Mudschahid hatte bis 1010
seine Macht erweitert, indem er die Krise des Kalifats ausgenutzt hatte und mit Unterstützung von Flottenführern die Balearen kontrollierte. Seine machtpolitischen Ambitionen reichten bis nach Sardinien und zum Tyrrhenischen Meer. Gegen diese Bedrohung verbündeten sich, ermuntert von Papst Benedikt VIII. die Seestädte Genua und Pisa, die in den Jahren zuvor immer wieder von den Sarazenen angegriffen worden waren. Zwischen 1015 und 1021 gelang es ihnen, in einem langen und schwierigen Kampf den Gegner zu besiegen. Die militärische Unternehmung der Pisaner und Genuesen gegen Mudschahid war die erste große Gelegenheit, bei der sich christliche Streitmächte gegen einen gemeinsamen muslimischen Feind verbündeten. Dies hatte implizit wie explizit auch eine religiöse Dimension, wie sich etwa an den im gleichen Jahrhundert im Kloster Cluny aufgeworfenen kirchenpolitischen und religiösen Fragen zeigen sollte. Seit konstantinischer Zeit berief sich die Christenheit auf religiöse Motive, Faktoren, Komponenten und Symbole, um ihre militärischen Unternehmungen zu begründen und zu rechtfertigen, ja zu sakralisieren. Begriffe wie «heilige Truppen» und «heiliger Krieg» waren in Byzanz gebräuchlich, denn alles, was mit der Autorität des Kaisers in Verbindung stand, wurde als heilig betrachtet. Der Kampf gegen die Heiden zur Verbreitung der christlichen Botschaft und des christlichen Glaubens fand auf diese Weise leicht Eingang in die militärische Rhetorik und Symbolik. Die byzantinische Kirche hatte sich aber stets gehütet, Waffen und Kriege zu segnen. Anders in der lateinischen Kirche, wo man sich gedrängt fühlte, jene alten militärischen Traditionen zu akzeptieren (teils zu neutralisieren und teils auszulöschen), die mythisch-religiös verbrämt waren und die die germanischen Völker nur widerstrebend aufgaben. Insbesondere seit der Karolingerzeit hatte die enger und enger werdende Verbindung
zwischen dem hohen Klerus und der politischen Machtausübung zu einer wachsenden Instrumentalisierung von Wertvorstellungen und Gebräuchen geführt. Dies zeigt sich an dem römischdeutschen liturgischen Zeremoniell der Segnung der Waffen und der novi milites, dem Kern ritterlicher Ethik und ritterlichen Handelns. Auf diese Weise konnte ein Krieg gegen die muslimischen Völker leicht auch religiös umgedeutet werden: als eine Art Gottesurteil, bei dem die beiden Religionen ihre Kräfte maßen und bewiesen, welche die stärkere und damit die bessere war. Eine solche Mentalität war allerdings, besonders zu Anfang, nurmehr implizit vorhanden und mehr unter den Laien als unter den Klerikern verbreitet, die sie zwar duldeten, aber nur in seltenen Fällen offen unterstützten. Angefangen mit den Arbeitsgeräten, wurde alles gesegnet. Es gab keinen Bereich des menschlichen Handelns, der nicht in ein vom Sakralen durchdrungenes Universum eingebettet war. Das Zeremoniell der Segnung von Fahnen und Waffen sowie eine mit dem 7. Jahrhundert beginnende Tradition, nicht nur Leben, Hab und Gut pflichtgemäß zu verteidigen, sondern auch Kirchen und Reliquien gegen muslimische Angriffe zu schützen, förderte die Sicht eines solchen Krieges als «gerecht», ja als «heilig». Trotzdem waren «Ismailiten», «Hagarener» oder «Sarazenen» nicht eigentlich ethnische und noch weniger genealogisch definierte Begriffe. Denn sie bezogen sich auf die biblische Geschichte des Geschlechts des Patriarchen Abraham. Mit anderen Worten: Nie wurde der Gegner durch Namen charakterisiert, die negativ die Tatsache hervorhoben, daß dieser Feind ein Nichtchrist war, also denken ließen, man wolle das Motiv zum Kampf aus religiösen Differenzen ableiten. Wenn ein Text aus der Mitte des 8. Jahrhunderts, die Vita des heiligen Eucherius von Orleans, von der Verderbtheit des «unseligen Volks der Ismailiten» spricht,
das «seine Heimat verlassen hat, um in die Provinz Aquitanien vorzudringen und sie zu entvölkern», spielt er in keiner Weise auf den Glauben der Söhne Ismails an. Er betont lediglich deren Grausamkeit, ähnlich wie lateinische Quellen jahrhundertelang von der Grausamkeit der «Barbaren» berichteten. Doch im Laufe des 9. Jahrhunderts ließen die römischen Päpste, unmittelbar bedroht von muslimischen Korsaren, alte Gepflogenheiten Wiederaufleben, wenn auch nur episodenhaft: zum Beispiel Gregor II. der Tücher vom päpstlichen Altar in Rom an den Herzog von Aquitanien schickte, der 721 vor Toulouse gegen die Araber kämpfte; oder Hadrian I. der im Jahr 778 Karl den Großen zu einem Feldzug nach Spanien ermunterte. Doch es wäre allzu gewagt, in der Geste etwa Gregors II. eine Aufforderung zum «heiligen Krieg» zu sehen. Für die fränkischen Soldaten, die diese Tücher zerrissen und kleine Fetzen davon hinunterschluckten, war es ein Akt der religiösen Verehrung hart an der Grenze zum magischen Ritual. Sie hatten aber keineswegs das Bewußtsein, der Kampf gegen die Ungläubigen an sich sei eine im religiösen Sinn verdienstvolle Aktion. Anders im Fall Leos IV, der nach dem Angriff der Sarazenen auf Rom im Jahr 846 all jenen das ewige Leben versprach, die sich für die Verteidigung des Glaubens und der Kirche opferten. Ähnliche Akzente setzten Nikolaus I. (856-867) und Johannes VIII. (872-882). Die Christen Westeuropas wurden in jenen Jahren auch durch Nachrichten erschüttert, die aus einem ihnen wohlvertrauten islamischen Territorium kamen: aus Spanien. Man hatte die Ereignisse um die «Märtyrer von Cordoba» verfolgt, die von jenem Eulogius angeführt wurden, der 848 ausführlich durch das christliche Spanien gereist war, die antiislamischen polemischen Schriften gelesen hatte und dann durch einen Teil Europas zog, um (offenbar Handel treibende) Angehörige
seiner auf dem Kontinent verstreut lebenden Familie zu suchen. Die Geschichte des heiligen Eulogius gibt beredtes Zeugnis dafür, daß Beziehungen und ein Austausch zwischen Europa und dem Islam weitaus gängiger waren und häufiger stattfanden, als man gemeinhin glaubt, wenngleich sie unter Schwierigkeiten abliefen. Um 850 setzten sich rund fünfzig Männer und Frauen in Cordoba über das Verbot hinweg, gegen das Gesetz des Propheten zu predigen, und wurden gemartert. Offenbar stand hinter dieser Provokation weniger ein Sendungsbewußtsein als vielmehr ein starkes Endzeitgefühl: Ist das Evangelium allen Völkern verkündet, so sei der Tag des Jüngsten Gerichts gekommen. Im Jahr 858 gelangten zwei Benediktinermönche aus Saint-Germain, die auf der Suche nach Reliquien des heiligen Vinzenz Spanien bereisten, nach Cordoba und brachten von dort die Leichname dreier Märtyrer mit. Dieser Umstand beeindruckte den Westen und sollte lange Zeit ein Paradigma bleiben – bis hin zu den Franziskanern vierhundert Jahre später. Bis heute wird darüber debattiert, ob und in welchem Maß die Verlautbarungen der Päpste in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts und die «Märtyrer von Cordoba» den Kreuzzugsgedanken oder – noch weiter gegriffen – den Gedanken eines «heiligen Kriegs» überhaupt prägten. Die tunesischen Aghlabiten-Emire, die offenbar von einem byzantinischen Beamten gegen eine feindliche Koalition nach Sizilien gerufen worden waren, brauchten über siebzig Jahre, um die Insel vollständig in ihre Gewalt zu bringen: eine lange Zeit, verglichen mit dem Eroberungssturm, der fast über die ganze Iberische Halbinsel hinwegfegte und sie in kürzester Zeit zu einem großteils islamisierten Subkontinent machte. Dann, nach der Kapitulation Taorminas im Jahr 902, blieb die Insel nahezu zweihundert Jahre lang ein wichtiger Teil des dar al-Islam. Zwar verschwanden die auf den Status von dhmmi
zurückgestuften Christen nicht einfach von der Bildfläche, aber die Arabisierung und Berberisierung brachte ethnisch und sprachlich tiefgreifende Veränderungen. Das ethnische Substrat Siziliens war hochkomplex: Die Insel war bewohnt von «pelasgischen» Präindoeuropäern, Puniern, Hellenen, Lateinern und griechischen Byzantinern, doch der starke arabisch-berberische Einfluß hinterließ im sizilianischen Idiom tiefe Spuren – besonders in der Sprache der Landwirtschaft, der Bewässerungstechnik und der Bodenbewirtschaftung. Die aus den trockeneren muslimischen Regionen kommenden Reisenden staunten über den Wasserreichtum und über die Wälder Siziliens, die das Holz für die Flotten der islamischen Welt lieferten. Im 10. Jahrhundert schrieb Ibn Hauqal in aller Ausführlichkeit über die Insel, die er im Vergleich zum maghrebinischen Islam als Randzone ansah. Palermo, das er im Jahr 973 besuchte, war eine der größten Städte des westlichen Mittelmeerraumes und besaß zahlreiche schöne Kultgebäude und Paläste, erfrischende Brunnen und viele Märkte. Doch von diesem Glanz ist wenig geblieben: kaum mehr als die inzwischen zerstörten Bäder von Cefalü. Doch kulturell und künstlerisch gesehen, florierte das muslimische Sizilien auch im normannischen 12. Jahrhundert. Und die Zisa, die Cuba und die Cappella Palatina erzählen von einer hohen Lebensqualität und einer großen Lebensfreude, wie wir sie auch in den Palästen, Gärten, Bewässerungsanlagen, Moscheen und Medresen Spaniens und des Maghrebs erahnen können. Auch die Zeugnisse aus normannischer Zeit sprechen von einem regen Geistesleben. Auf der Insel wurden theologische, philologische und grammatische Studien betrieben. Sizilien war ein Mittelpunkt des literarischen Lebens und der literarischen Produktion. Dies bezeugen die leider verlorengegangene Anthologie von Ibn al-Qattah und die Verse des Dichters Ibn Hamdis. Ibn Hamdis wurde mehrmals
in die Verbannung geschickt, floh vor der normannischen Eroberung in das von den Almoraviden besetzte Andalusien und starb im Jahr 113 3 in Mallorca oder in Bujjah. Unter dem Himmel Andalusiens beklagte er den Verlust seiner Heimat Sizilien, ähnlich wie vierhundert Jahre später die aus Andalusien in den Maghreb vertriebenen Muslime. Die arabische Dichtung Siziliens ist in der großen Tradition von alAndalus «klassisch» geprägt, steht aber auch der sizilianischen Volksdichtung nahe, die in der Stauferzeit gleichsam aus dem Nichts zur Reife gelangte. Nach dem Ende der Herrschaft des Emirs al-Akhal (1019 – 1036) und dem Ende des Emirats, das die Insel geeint hatte, kam es in Sizilien (wie schon in Spanien unter dem Kalifat von Cordoba) zu einer Zersplitterung der Macht, was den normannischen Eroberern den Weg bereitete. Doch die kleinen lokalen Fürstenhöfe und die reyes de taifas konnten die glanzvolle Tradition und die kulturelle Finesse, die den Hof von Palermo geprägt hatten, noch lange bewahren.
3
Die Antwort Europas. «Reconquista» und Seeschlachten
Der Pilgerweg nach Santiago Die spanischen Mozaraber hatten sich zwar arabisiert und in die muslimische Herrschaft gefügt, dennoch hielt sich ihre Begeisterung für die neuen, wenngleich duldsamen Herren in Grenzen. Viele flüchteten in den Norden, in den nördlich des Ebro gelegenen Teil der Iberischen Halbinsel oder an die kalte und regnerische kantabrische Kordillere Richtung Asturien und Navarra. Hier entstand die typisch mozarabische Architektur mit ihren hufeisenförmigen Bögen, die an islamische Formen erinnern, vielleicht aber auch nach westgotischen Vorbildern entstanden, sowie die Buchmalerei zur Offenbarung mit ihrer intensiven Farbgebung und visionären Darstellungsweise, die Beatus von Liebana bekannt gemacht hat. Der mozarabische Klerus dagegen war eher zu einem Zusammenleben mit den Muslimen bereit. Eliprant hatte Ende des 8. Jahrhunderts die adoptianistische Lehre übernommen, derzufolge Christus nur «Adoptivsohn» Gottes ist, also ein zu Gott erhobener Mensch, und es daher nur eine einzige göttliche Person gibt. Eliprants Wahl zum Erzbischof von Toledo war daher wohl ein Zugeständnis an den strengen islamischen Monotheismus. Im Gegenzug entwickelte sich am nördlichen Rand der Iberischen Halbinsel, der von der muslimischen Eroberung verschont geblieben war, ein stark trinitaristisch
geprägtes Christentum, in dem man durchaus einen Widerstand gegen den Islam sehen kann. Das im Jahr 720 von dem Goten Pelagius um die Hauptstadt Oviedo gegründete Reich hielt an einem christlichen Glauben fest, der stark mit der iberischen Identität verknüpft war. In diesen Zusammenhang muß man die inventio eines Leichnams Anfang des 9. Jahrhunderts im galizischen Compostela stellen, in dem man – anfangs nicht ohne starken Widerstand – den des Apostels Jakobus sah. Der Leichnam soll auf wunderbare Weise entlang der nordwestlichen Küste Spaniens auf dem Meer herangebracht worden sein. Der Überlieferung zufolge gilt der Apostel Jakobus als der Missionar der Iberischen Halbinsel. Dieser Reliquienfund verlieh der Kirche des Königreichs Asturien eine patriarchale Würde (da von einem Apostel «gegründet») und eine herausragende Stellung, die mit dem Gewicht der anderen großen christlichen Kirchen durchaus in Konkurrenz treten konnte: mit Rom, Alexandria, Antiochia und Konstantinopel. (Mit der translatio der Reliquien des Evangelisten Markus aus Alexandria wollten die Venezianer ihrer Kirche ein ähnliches Ansehen verleihen.) Die asturische Monarchie förderte den Kult «Santiagos» (eine neulateinische Kontraktion aus sanctus Jacopus) mit allen Kräften, stellte er doch die Kontinuität mit dem westgotischen Königtum her, das von der arabisch-berberischen Invasion hinweggefegt worden war. Teil dieses «Programms» war eine intensive Siedlungspolitik im Duero-Tal (mit Neugründungen von Städten wie Burgos, das um die Mitte des 10. Jahrhunderts zu einer Grafschaft wurde) sowie die Förderung alter Kulturstätten, die entvölkert waren. All dies verdankte sich – nicht zuletzt im Zuge der allgemeinen Verbesserung der klimatischen Verhältnisse – einem überall in Europa einsetzenden Prozeß des demographischen Wachstums. Das größte Bevölkerungswachstum war zwischen dem 10. und dem
12. Jahrhundert zu verzeichnen, bevor in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts eine Phase der Stagnation einsetzte. Alfons III. der Große (866-910) verlegte die Hauptstadt Asturiens von Oviedo in die aus römischer Zeit stammende Stadt Leon, die dem Königreich seinen neuen Namen gab. Er war bestrebt, die Grenzen seines Herrschaftsgebiets weiter nach Süden auszudehnen und auch die Hochebene der meseta zu besiedeln. Ein weitreichender Angriffsschlag gegen die Sarazenen war zwar nicht möglich, aber immer wieder kam es zu blitzartigen Raubzügen (aceifas). Ähnlich verlief die Entwicklung in Navarra, das im Jahr 926 Königreich wurde und sich später mit Kastilien verband; ebenso in Aragon, seit dem Jahr 1035 Königreich, als nach dem Tod Sancho III. von Navarra Kastilier, Aragonesen und Navarrer endgültig auseinanderstrebten; und schließlich in der katalanischen Grafschaft Barcelona, die aus der karolingischen Spanischen Mark hervorgegangen war. Ende des 10. Jahrhunderts entstand entlang des Flußlaufs des Duero zwischen Muslimen und Christen eine feste Grenze. Am nordöstlichen Rand dieser Grenze versuchten die Katalanen, die zwischen 985 und 1003 immer wieder Angriffe der Mauren in Barcelona zurückgeschlagen hatten, ihr Herrschaftsgebiet zumindest bis Tarragona auszudehnen, das auf halbem Weg zwischen ihrer Hauptstadt und der muslimischen Stadt Tortosa an der Mündung des Ebro lag. Al-Mansur, der Minister Hishams II. war sich bewußt, daß die Angriffe aus dem Norden abgewehrt werden mußten, um dem Kalifat eine gewisse Stabilität zu garantieren. Er reagierte mit einer harten Gegenoffensive, die 996/997 in dem Angriff auf die Stadt Compostela gipfelte, die geplündert und teilweise zerstört wurde, wenn auch die Reliquien des Apostels Jakobus keinen Schaden nahmen.
Es war nicht einfach nur ein mißglückter Angriff. Es war eine demonstrative Geste von großem symbolischen Wert, die jedoch eine vollkommen unvorhergesehene Wirkung hatte. Der wazir hatte die Bedeutung eines neuartigen Phänomens erkannt, das sich in jenen Jahren herauszubilden begann. Jahr für Jahr strömten von jenseits der Pyrenäen immer mehr Pilger an das Grab des Apostels in Compostela, dem wundertätige Wirkung nachgesagt wurde. Was al-Mansur nicht verstehen konnte, war, wie sehr dieser Kult in ganz Europa inzwischen hatte Wurzeln schlagen können. Die Nachricht von der Schändung des Wallfahrtsortes verbreitete keineswegs Angst und Bestürzung oder ließ Compostela in Vergessenheit geraten, sondern rief Entrüstung und religiösen Eifer hervor. Die Schändung des Apostelgrabes war jetzt eine Angelegenheit, die die gesamte Christenheit betraf. Compostela war plötzlich nicht mehr nur eine Pilgerstätte. Es galt, das von den «Heiden» angegriffene Grab des Heiligen zu verteidigen. Vom mächtigen Kloster Cluny aus koordiniert und organisiert, entstand in Deutschland, Italien und Frankreich schon bald ein dichtes Netz von Jakobspfaden, die sich jenseits der Pyrenäenpässe zu einem Hauptweg vereinigten und von da aus über Navarra, Kastilien, Leon und Asturien nach Santiago führten. Am Weg zu diesem berühmten Heiligtum lagen zahlreiche, mehr oder weniger bedeutsame Wallfahrtsorte mit eigenen Heiligenreliquien, Legenden und Wundergeschichten, einer eigenen feria und einem dazugehörigen Markt. Entlang des Jakobwegs wurden Brücken erbaut, Herbergen für die Reisenden errichtet und Bruderschaften gegründet, die sich um Verpflegung und Unterkunft der Pilger kümmerten und sie im Krankheitsfall betreuten. Die neue Spiritualität war vom Geist der Erneuerung der kirchlichen Institutionen und des geistig moralischen Lebens beseelt und wurde von den Reformpäpsten
und dem Kluniazenserorden getragen. Neben den traditionellen Pilgerstätten Rom und Jerusalem wurde die Wallfahrt nach Conipostela schnell zu einem Kristallisationspunkt für ein von demographischem Aufschwung und der Erneuerung in Wirtschaft und Handel belebtes Europa. Der tatkräftige Abt Odilo von Cluny («König Odilo» nannten ihn seine Gegner sarkastisch) setzte sich scharfer Kritik aus, weil er mit wahrer Leidenschaft Expeditionen gegen die Muslime organisierte. Denn Pilgerfahrt und Kampf gegen den Islam in Spanien waren eng aneinandergekoppelt. Die Wallfahrt nach Santiago, deren Anfangsstrecke unweit von jenem «Niemandsland» verlief, das Christen und Muslime voneinander trennte, bekam bald auch eine kriegerische Bedeutung. Der Legende nach kam der Apostel Jakobus den bedrängten Christen in der Schlacht von Clavijo im Jahr 844 zu Hilfe. In strahlendem Gewand betrat er auf einem feuerspeienden Schimmel die Szene und schlug die Feinde in die Flucht. Seither hieß er Matamoros («Maurenschlächter») und stand damit in der großen Tradition jener Herrscher, denen zur Erinnerung an ihre Siege kämpferische Beinamen verliehen wurden. Basileios II. der Kaiser von Konstantinopel, etwa wurde nach seinem Sieg über die Bulgaren Bulgaroktonos genannt. Wir wissen nicht genau, wann diese wehrhaft-kriegerische Funktion des Apostels sein Bild als Pilger und Wundertäter überlagerte. Entsprechende bildliche Darstellungen sind eher jüngeren Datums, und der mit diesem Heiligen verbundene militärische Kult entstand nicht vor dem 12. Jahrhundert. Die Legende war jedoch mit Sicherheit wenigstens seit 1064 bekannt, als christliche, vorwiegend aus Frankreich stammende Krieger die portugiesische Stadt Coimbra angriffen. Im Hintergrund stand vielleicht eine ähnlich legendenhafte Episode, die sich ein Jahr zuvor in der Schlacht zwischen
Normannen und Sarazenen im sizilianischen Cerami ereignet haben soll. In dieser Schlacht sei der heilige Georg – ein weißes Banner an die Lanze geheftet – erschienen und habe sich ins Kampfgetümmel gestürzt. Bei der Eroberung Siziliens durch die Normannen gab es zahlreiche Erscheinungen dieser Art, ebenso während der singulären und beunruhigenden Ereignisse zwischen 1096 und 1099, die man gewöhnlich als «ersten Kreuzzug» bezeichnet. Solche Visionen dienten der Sakralisierung des Kampfes gegen die Sarazenen. Man kann sie leicht der Propagandastrategie kirchlicher Reformkreise zuordnen, doch sind sie Ausdruck einer weit verbreiteten religiösen Begeisterung, einer einzigartigen kollektiven Empfänglichkeit und einer neuartigen Bereitschaft zum Kampf und Märtyrer turn. Nach dem Ende des Kalifats von Cordoba war das muslimische Spanien unter den reinos de taifas in zahlreiche Teilkönigreiche zerfallen und von Auseinandersetzungen zwischen arabischen und berberischen Familien zerrissen. Doch blieb ein instabiles Gleichgewicht gewahrt, denn auch in den christlichen Reichen weiter im Norden herrschten Rivalitäten und Feindseligkeiten. Das änderte sich allerdings im Jahr 1055, als Ferdinand L, seit 1037 König von Kastilien und Leon, das Gebiet am Unterlauf des Duero eroberte. 1064 nahm er Coimbra ein, nachdem er eine Wallfahrt nach Compostela unternommen hatte, um für seinen Feldzug die Hilfe des Apostels zu erbitten. Im Kontext dieser Ereignisse entstand die Legende der Erscheinung von Santiago Matamoros in der Schlacht von Clavijo. Nach dem Tod des Königs Ramiro I. drohte die aragonesische Front beim Angriff auf die Sarazenenfestung Graus zusammenzubrechen. Da der Sohn des Königs, Sancho, noch minderjährig war, mußte Papst Alexander II. die Initiative ergreifen. So wurde die Festung
Barbastro unweit Zaragoza erobert – ein Feldzug, an dem auch zahlreiche französische Ritter teilnahmen und der eine Welle der Kriegsbegeisterung und der religiösen Inbrunst auslöste. Die Eroberung Coimbras und Barbastros waren ein schwerer Schlag für al-Andalus. Die maurischen «Könige» von Zaragoza, Badajoz, Toledo und Sevilla wurden zu Tributzahlungen verpflichtet, und Ferdinand von Kastilien ritt demonstrativ und stolz bis nach Valencia. Aber im Jahr 1065 starb er in Leon, nachdem er in der von ihm erbauten neuen Kathedrale die Reliquien des heiligen Isidor von Sevilla verehrt hatte, die ihm die Mauren überlassen hatten. Die Eroberung Barbastros in den Jahren 1063/1064 war wohl das Ereignis, das die Beziehung zwischen Christen und Muslimen entscheidend veränderte. Die päpstliche Bulle Eos qui in Hispaniam, die Papst Alexander II. aus diesem Anlaß erließ, war das Modell für alle späteren päpstlichen Verlautbarungen zur Absicherung der Kreuzzüge nach kanonischem Recht. In ihr gewährte der Papst allen Teilnehmern am Feldzug die Vergebung der Sünden. Zu ihnen gehörten der Herzog Wilhelm von Aquitanien und Ritter aus allen Teilen Frankreichs. Wahrscheinlich übergab Alexander II. vormals Anselm von Baggio, ein Vertreter des Reformflügels innerhalb der Kurie, dem Herzog von Aquitanien das vexillum sancti Petri, das die Kriegsteilnehmer unter den Schutz der römischen Kirche stellte und gleichzeitig der Kirche ein Vorrecht an den Eroberungen einräumte. Wie im Gebiet des Tyrrhenischen Meeres und in Sizilien entstand auch in Spanien ein besonderes geistiges Klima. Ende des 11. und während des 12. Jahrhunderts erzeugte es das kollektive religiöse Bewußtsein für jene militärischen Unternehmungen, die unter dem (erst im nachhinein gebräuchlichen, verallgemeinernden und reichlich irreführenden) Begriff «Kreuzzug» zusammengefaßt wurden.
Entscheidend ist, daß hier zahlreiche Faktoren zusammenwirkten: die Unumgänglichkeit eines Kampfes gegen die Muslime auf der Iberischen Halbinsel und in Sizilien (und wenig später auch in Syrien); der (falsche, aber nachvollziehbare) Eindruck, daß der Islam ein stabiles und einheitliches Herrschaftsgebiet sei, das sich vom asiatischen Osten bis in den iberischen und maghrebinischen Westen erstreckte; und schließlich das geistige Klima, das, ausgehend von den Reformkräften innerhalb der Kirche, tief ins Bewußtsein der weltlichen und ritterlichen Aristokratie jener Zeit drang. Diese Aristokratie wurde Teil der Bewegung pax Dei oder Gottesfriedensbewegung, die die Adelsfehden der Christenheit im Westen unterbinden wollte und den Kampf gegen die Ungläubigen als eine Chance zur Mobilisierung neuer Ressourcen begriff. Plünderungen sowie die Eroberung von Territorien versprachen Entschädigung für die Verluste durch die zwangsweise Beendigung der Auseinandersetzungen zwischen den milites, die allerorten an der Tagesordnung waren, und der Lösegelderpressung von Kaufleuten und Pilgern entlang der Verkehrsstraßen. Der «Export der militärischen Gewalt» über die Grenzen der Christenheit hinaus und die Befürwortung solcher Militäraktionen durch die Kirche (mittels Sündennachlaß und Übergabe des vexillum) wurden zu wichtigen Faktoren eines neuen dynamischen Prozesses, in dem religiöse, politische und wirtschaftliche Motive zusammenflossen. Denn im Zuge dieser kriegerischen Unternehmungen eröffneten sich auch unerwartete Möglichkeiten für Handel und wirtschaftliche Beziehungen. Die Strategie, die weltliche Aristokratie für die Ziele der kirchlichen Reformbemühungen einzuspannen, umfaßte den Kampf gegen die herrschenden Mächte und die Übernahme kirchlicher Ämter und Güter durch Laien ebenso wie die Kriegführung gegen die Ungläubigen. Eins ging mit dem
anderen Hand in Hand, wenn auch in der Praxis zeitweilige Konflikte daraus entstanden. Gregor VII. zögerte nicht, gegen seinen Widersacher, den römisch-deutschen Kaiser Heinrich IV, die Unterstützung Herzog Wilhelms von Aquitanien, eines treuen Verbündeten der römischen Kirche, zu erbitten. Im Jahr 1074 teilte der Papst dem Herzog seinen Plan mit, den Christen im Orient zu Hilfe zu eilen, die von den heranrückenden Türken bedroht waren. Dies war – beachtenswert genug – zwanzig Jahre nach dem Beginn des Morgenländischen Schismas und drei Jahre nach der Schlacht von Manzikert, in der die Seldschuken den Basileus besiegt hatten. Der Plan des Papstes zielte darauf ab, die Einheit der Kirche wiederherzustellen oder zumindest die Folgen der Spaltung abzuschwächen und sich Konstantinopel wieder anzunähern. Damit strebte der Bischof von Rom zwar nicht nach der Macht, wohl aber nach größerem Einfluß im Osten. Das durch die Popularität Santiagos und die ersten Erfolge der christlichen Gegenoffensive auf der Iberischen Halbinsel entstandene geistig-religiöse Klima blieb für die folgenden Ereignisse im gesamten Mittelmeerraum von entscheidender Bedeutung. Der Tod Ferdinands I. von Kastilien im Dezember 1065 war ein erneuter Rückschlag in jenem langen und unsteten historischen Prozeß, den man als Reconquista zu bezeichnen pflegt. Alfons VI. einem seiner Söhne, gelang es schließlich, Kastilien und Leon zu einigen und den Mauren neue Niederlagen beizubringen. Zu Hilfe kam ihm dabei auch der rasch zur Legende gewordene Rodrigo Diaz de Bivar, genannt El Cid Campeador (campi ductor; doch in Wirklichkeit ist «Cid» vom arabischen «said», «Herr», abgeleitet). Der Bau zweier neuer Kathedralen – in Barcelona 1058 (die alte war bei al-Mansurs Raubzügen gegen die Stadt zwischen 985 und 1003 zerstört worden) und in Santiago ab 1075 – bezeugen
beispielhaft ein geistiges Klima, in dem sich religiöse und militärische Interessen mit dem Versprechen von Reichtum und Wohlstand im Falle eines Siegs verbanden. Andererseits vermitteln die komplizierten Ereignisse um El Cid, den unbequemen und streitsüchtigen Bundesgenossen eines in seinen Plänen nicht immer durchschaubaren Herrschers, eine Vorstellung von dem, was die Reconquista wirklich war: ein Krieg zwischen Mauren und Christen, geprägt von enormem Enthusiasmus, immer wieder aber auch von Phasen skrupelloser Realpolitik. Beim König in Ungnade gefallen und daher 1081 ins Exil geschickt (unter anderem deshalb, weil er sich nicht an Zusicherungen halten wollte, die Alfons den Mauren gemacht hatte), stellte sich Rodrigo in den Dienst des rey de taifa von Zaragoza gegen den rey de taifa von Lerida, der seinerseits von König Sancho von Aragon und von Raimund-Berenguer II. dem Grafen von Barcelona, unterstützt wurde. Derartige Allianzen zwischen Mauren und Christen, die gegen andere maurischchristliche Bündnisse in den Kampf zogen, waren an der Tagesordnung. Alfons VI. selbst gelang die glorreiche Einnahme von Toledo am 6. Mai 1085 nur mit Hilfe des maurischen malik von Badajoz, der mit dem malik von Toledo, al-Qadir, in Streit lag. Die Ermordung von al-Qädir wiederum bewog El Cid, den sarazenischen Freund zu rächen (aber auch im Eroberungspoker mitzumischen) und die Stadt Valencia anzugreifen, die ihn nicht hatte aufnehmen wollen. Nach zwanzigmonatiger Belagerung fiel die Stadt am 15. Juni 1094. Und El Cid, der sich inzwischen mit Alfons versöhnt hatte, behielt Valencia als sein Herrschaftsgebiet bis 1099, dem Jahr seines Todes. Der König überlebte seinen getreuen Vasallen um zehn Jahre. Zum Beweis der engen Verbindungen zu der Welt jenseits der Pyrenäen heiratete er nacheinander drei französische Frauen und verheiratete seine beiden Tochter mit einem Burgunder
bzw. einem Lothringer, die beide in Spanien gegen die Mauren gekämpft hatten. Sein burgundischer Schwiegersohn Heinrich, mit der Infantin Theresa verheiratet, war ab 1094 der erste Sire einer kastilischen Grafschaft im Gebiet zwischen dem Minho und dem Duero, die den Kern des späteren Portugal bildete. Mit seinen muslimischen Nachbarn verfuhr Alfons ebenso korrekt wie mit seinen Verbündeten und Vasallen. Er zwang die Christen von Toledo zur Rückgabe der Moschee an die Sarazenen (die ihnen nach der Eroberung 1085 genommen worden war), und er schritt mehrmals ein, um seine fideles, die gegen die von ihm unterworfenen Sarazenen Gewalt angewendet hatten, zur Zahlung von Entschädigungen zu verpflichten. Doch die Verhältnisse waren nach der Eroberung von Toledo nicht einfach – weder für Alfons, noch für El Cid. Der König war bis zur äußersten Spitze der Iberischen Halbinsel geritten, bis nach Tarifa gegenüber von Afrika. Er hatte seinem Pferd die Sporen gegeben und es ins Meer getrieben, um den finsteren Giganten herauszufordern, der ihm gegenüberstand: den maghrebinischen Islam. Der muslimische Sire von Sevilla, der gebildete und kluge alMutamid, ein qadi, der eine Art aristokratische Notablenrepublik führte, erkannte, daß der Stern von alAndalus allmählich sank. Aber jenseits der Säulen des Herkules hatte sich die Macht der rigorosen Bruderschaft der murabitun («Haus der dem heiligen Kampf Hingegebenen») gefestigt. Die strengen Bewohner der Klosterfestungen in den entlegenen Gebieten jenseits der Wüste an den Ufern des Senegal und des Niger, hatten sich Marokkos und Algeriens bemächtigt: die Almoraviden. Al-Mutamid war mit Sicherheit kein Freund dieser finsteren religiösen Eiferer. Auch behagte es ihm nicht, sich an deren Oberhaupt Yusuf ibn Tashufm wenden zu müssen. Doch wer
ihn nach den Gründen für diese traurige Entscheidung fragte, dem hat er wohl geantwortet: «Lieber bin ich Kameltreiber in Afrika als Schweinehirt in Kastilien.» Der amu al-muslimin kam also übers Meer. Dem König Alfons, der mit ihm verhandeln wollte, soll er mit martialischem Gestus erwidert haben: «Ich habe keinen anderen Trumpf als Schwerter und Lanzen und keinen anderen Abgesandten als ein großes Heer» (Al-Maqqari, Anecdotes sur l’histoire et la litterature des arabes d’Espagne, hg. von R. Dozy, G. Dugat, I. Krehl und W. Wright, Bd. 2, Leiden 1861, S. 674 und 678). Die Schlacht fand am 23. Oktober 1086 unweit La Guadiana in Zallaqa (dem heutigen Sagrajas) statt, und es war eine der verheerendsten Niederlagen der Christen in ihrer ganzen Geschichte. König Alfons kam knapp mit dem Leben davon und zog sich mit wenigen hundert Rittern nach Soria zurück. Die abgeschlagenen Köpfe der Besiegten wurden – ein makabres Schauspiel – zum Zeichen des Triumphs aufgehäuft. Die Christen und die spanischen Muslime sahen sich einem neuen Islam gegenüber, der mit dem Funkeln des Quecksilberbrunnens in Medmat az-Zahra nichts mehr zu tun hatte. Der Preis, den al-Andalus für diesen Sieg zu zahlen hatte, war hoch. Yüsuf zwang alle reyes de taifas, sich seiner Herrschaft zu unterwerfen. Wer Widerstand leistete, indem er sich mit den Kastiliern verbündete (denn es war womöglich ganz und gar nicht erstrebenswert, unter diesem Fürsten Kameltreiber zu werden), wurde gnadenlos verfolgt. Toledo blieb den Christen erhalten, aber alle Eroberungen der vorausgegangenen Jahre südlich des Tejo gingen verloren. In einem Akt religiöser Frömmigkeit und getragen von der Begeisterung für den Sieg unterstützte das einfache Volk in den muslimischen Städten die grausame und frömmlerische Herrschaft der Almoraviden. Die alten Emire von al-Andalus,
die den neuen Herren als korrupt und verweichlicht galten, mußten in die Verbannung gehen. Manche, wie der Dichter und qadi al-Mutamid aus Sevilla, soll in Ketten (und keineswegs als Kameltreiber…) in Afrika gestorben sein. Trotz des barbarischen Wütens der Wächter der ribat mit ihrer mystischen Spiritualität war die Epoche der Almoraviden, deren Herrschaft sich vom Tejo bis zur Sahara erstreckte, eine Zeit des Wohlstands und der Unbeschwertheit. Die wenigen großen Schlachten waren blutig gewesen, hart die anfängliche Unterdrückung. Aber die neuen Herren, die die Vorschriften des Koran peinlich genau beachteten, erlegten den muslimin und den dhimmi nur leichte Steuern und Abgaben auf. Sie förderten die Entwicklung der Städte und erweiterten die erst 1062 von Yusuf ibn Tashufin gegründete Stadt Marrakesch. Sie legten die Stadt Fez planmäßig an und stellten Handel und Manufaktur unter ihren Schutz. Dieses Gewerbe hatte sich insbesondere in afrikanischen Städten wie Tlemcen und Sijilmassa sowie im spanischen Almeria entwickelt. Almeria beschäftigte achthundert Arbeiter in der Seidenweberei, besaß neunhundert Unterkünfte für Reisende sowie Warenlager (khan und funduq), zahlreiche metallverarbeitende Werkstätten und einen Hafen, der von allen Schiffen des islamischen Mittelmeers angefahren wurde. Die Goldmünzen, die in den Prägestellen der almoravidischen Städte geprägt und im Westen «Maradevi» genannt wurden, waren weithin geschätzt und begehrt. Man darf auch nicht denken, daß der Mystizismus der Bruderschaften der ribat das geistige Leben erstickt hätte. Im Gegenteil, es wurden heftige theologische und juristische Dispute geführt. Die Bibliotheken und Medresen von Cordoba nahmen einen Aufschwung, der stärker war als in der Blütezeit des Kalifats. Er bildete die Grundlage für eine kulturelle Entwicklung, die ab dem folgenden Jahrhundert auch dem Westen zugute kam.
Doch auch das Schicksal von Rodrigo Diaz vollendete sich. Wie das kastilische Epos Cantar de mio Cid erzählt, starb der große Krieger am 10. Juli 1099 in Valencia, genau fünf Tage, bevor jenseits des Mittelmeers die bewaffneten fränkischen Pilger, die cruce signati in Jerusalem einzogen. Der Legende zufolge siegte er auch in seinem letzten Kampf, dem Todeskampf, indem er aus dem Tor seiner belagerten Stadt heraustrat und gegen die Mauren zog, die bei seinem Anblick die Flucht ergriffen. Sein treues Pferd Babieca trug auf seinem Rücken den einbalsamierten Leichnam seines Herrn, der von einem in seinem Rücken festgebundenen Holzstock auf dem Sattel geradegehalten wurde. Yusuf marschierte trotzdem gegen die Stadt, die ihm jedoch noch lange Widerstand leistete. Der König von Kastilien versuchte vergebens, die Stadt zu halten. Anfang Mai des Jahres 1102 mußte er abziehen. Rodrigos Frau, Dona Jimena, brachte den Leichnam ihres Mannes nach Burgos, seiner Geburtsstadt, zurück, wo El Cid sein Grab fand. Alfons, der verzweifelt versucht hatte, die Niederlage abzuwenden, wurde 1108 in Ucles zwischen Toledo und Cuenca erneut geschlagen, er verlor seinen einzigen Erben, Don Sancho, der ihm lieb und teuer war. Er war der Sohn aus der Verbindung mit Zaida, einer geflüchteten Sarazenin und Schwiegertochter des qadi von Sevilla. Mit dem Sieg in Toledo war der Zweikampf zwischen Christen und Muslimen entschieden. Für die Christen auf der Iberischen Halbinsel war dies eine schmähliche Niederlage. Anders verliefen die Ereignisse im Mittelmeer, in Italien und Syrien.
Heroen und Märtyrer Hoch sind die Berge und die Täler düster, die Felsen grau und die Engpässe gewaltig. An jenem Tag zogen die Franken mit großer Mühsal dahin: auf fünfzehn Meilen hört man das Getöse. So beginnt die berühmte Laisse LXVI der Chanson de Roland. Die Datierung des Textes mit seinen zahlreichen Varianten ist unsicher. Generationen von Westeuropäern haben diese oder ähnliche Verse gesungen, haben sie auswendig gelernt und voll innerer Bewegung auf den kahlen Pyrenäenwegen zwischen Ostabat und Puente la Reina im Geist nacherlebt. Dort trafen sich die Pilgerstraßen aus Tours, Vezelay und Le Puy und vereinigten sich mit der «südlichen Route» aus Saint-Gilles, um dann über Logrono, Burgos und Leon in das wunderwirkende Campus Stellae, Compostela, zu führen, wo der Apostel Jakobus die Pilger erwartete. Wenn man von einer «europäischen Pilgerstraße» sprechen kann, dann in diesem Fall. Denn nirgendwo sonst entstand europäisches Bewußtsein, wuchs europäische Identität. Roland ist der Protagonist der berühmtesten und bedeutendsten – und wohl auch ersten – epischen chanson in altfranzösischer Sprache, der matière de France, das Ende des 11. Jahrhunderts schriftlich fixiert wurde. Über die historische Identität der Hauptfigur, seit dem 11./12.Jahrhundert einer der wichtigsten Helden in der europäischen Tradition der Ependichtung, wissen wir so gut wie nichts. Der Name steht mit einigen Varianten – Hruodlandus, Rothlandus – für einen Gefolgsmann des karolingischen Königs, stimmt mit dem Schriftzug auf Münzen (aus dem Jahr 781) überein und taucht in Verzeichnissen von
Mitgliedern des Hofes auf. Das wichtigste indirekte Zeugnis sind jedoch die Annales qui dicuntur Einhardi. Dort ist von einem Hinterhalt der Bergbewohner Wascones (Basken oder Gascogner, auf jeden Fall aber Christen) im Tal Roncesvalle die Rede, in den die Nachhut der fränkischen Truppen nach einer erfolglosen Schlacht zwischen Navarra und Aragon geraten ist. Die Annales verraten lediglich, daß in diesem unübersichtlichen, nicht gerade ruhmreichen oder bedeutenden Scharmützel einige der großen Würdenträger des Königs ums Leben kamen. Sie standen an der Spitze einer Nachhut, die in den Hinterhalt geriet. Eginhard griff diese Schilderung in seiner Vita Karoli auf, die zwischen 829 und 836 veröffentlicht wurde, und nannte die Namen dreier bedeutender Persönlichkeiten, die ums Leben kamen: Seneschall Eggihard, Pfalzgraf Anselm sowie Hruolandus, Brittannici limitis praefectus, also Roland, Graf der Bretonischen Mark. Möglicherweise erhielt sich die Erinnerung an das historische Ereignis von 778 bis ins 11. Jahrhundert und fand dann in die Ependichtung Eingang beziehungsweise wurde in der uns heute bekannten Form schriftlich fixiert. Diese Differenzierung ist dringend notwendig; denn die Debatte um das Pro und Kontra der historischen Kontinuität ist bis heute nicht verstummt. Die einen gehen von einer fortlaufenden historischen Entwicklung der chansons de geste aus, beginnend mit den alten, mündlichen cantilenae der Karolingerzeit (von deren textlicher Gestalt wir außer in Form von Erwähnungen keine Kenntnis haben); die anderen halten einen unvermittelten Aufschwung der Epik der matière de France (verbreitet über die Pilgerstraßen und die militärischen Unternehmungen im Rahmen der Reconquista) für wahrscheinlich. Der legendenhafte Kern der Rolandsdichtung liegt jedenfalls in einem tatsächlichen Ereignis, das, wenn auch von minderer
Bedeutung, wenigstens bekannt genug war und historisch als gesichert galt. Wahrscheinlich gleich nach diesem Geschehen, womöglich von Karl dem Großen selbst ausgelöst, begann eine Art «Trauerarbeit», die die militärische Niederlage zum Martyrium hochstilisierte: Dazu verwandelte man christliche Angreifer (dies ist gesichert) in Muslime und verwischte die Tatsache, daß die Angreifer ihr Land gegen die Bedrohung durch eine fremde Streitmacht nur verteidigen wollten. Der militärische Mißerfolg wurde in einen politisch propagandistischen Erfolg umgedeutet. In den nachfolgenden dreihundert Jahren der Kämpfe zwischen Christen und Muslimen im Mittelmeer, auf der Iberischen Halbinsel, in Sizilien und dann auch in Anatolien und in Syrien und Palästina wurde Roncesvalle zum symbolträchtigen Ausgangspunkt eines langen, jahrhundertelangen Kampfes zwischen Christenheit und Islam stilisiert. Roland wurde zum weltlichen Patron, zum fast schon kanonisierten Märtyrer, zu einem Vorbild in der Nachfolge Christi und sein Tod zu einer Passion im eigentlichen Sinn. Zweifellos gab es eine Episode oder eine Episodenfolge, die den konkreten, normsetzenden Kern jener «lang anhaltenden» Auseinandersetzungen bildete (und eben darum chronisch verlief, unspektakulär, wenngleich nicht frei von «akuten» Zuspitzungen). Es könnte der Feldzug von Barbastro sein, der in der christlichen Welt einen starken Widerhall fand. Auch die zeitgleich und später stattfindenden Militärunternehmungen in Italien und Syrien könnten die thematische Gestaltung der chansons de geste beeinflußt haben. In Spanien aber waren die Militärzüge Karls des Großen in Erinnerung geblieben. Von diesem Herrscher, dem Paradigma eines christlichen Kaisers, träumte die erneuerte Kirche als Gegenbild zu jenen korrupten Herrschern, die sich ihr widersetzten. Im Zuge der Reconquista und der Wallfahrt nach Santiago de Compostela entwickelten
sich dann Lehre, Spiritualität, Ästhetik und Rhetorik der Kreuzzüge. Das karolingische Militärunternehmen wurde wiederaufgegriffen, in der Dichtung ausgearbeitet und in vielfacher Hinsicht in seiner historischen Wahrheit auch umgeformt. Das Rolandslied selbst spielt wiederholt auf einen Text an – eine «alte Gesta» oder «Gesta der Franken», auf die es sich als Quelle beruft. Es mag sich aber auch um einen Kunstgriff handeln, um dem Erzählten größere Glaubwürdigkeit und mehr Nachdruck zu verleihen. Überzeugender dagegen sind die Verweise auf Reliquien und heilige Stätten, die man bewundern, ja verehren konnte – in einer geistig-religiösen Grundhaltung und entlang von Routen, wie sie die Pilger von Frankreich nach Santiago nahmen: das Rolandsgrab (das man mit geringer Sicherheit mit den Gräbern von Olivier und Turpin in Zusammenhang bringen kann) in der Kirche des heiligen Roman in Blaye; das Horn Olifant oder Rolandshorn in der Kirche des heiligen Severinus in Bordeaux. Von dieser tuba eburnea ist in einer berühmten Handschrift des 12. Jahrhunderts die Rede, die in der Kathedrale von Santiago als Codex calixtinus aufbewahrt wird. Unglücklicherweise sind durch die Zerstörungen in den Hugenottenkriegen und später im Zuge der Französischen Revolution viele dieser Zeugnisse verlorengegangen. Die schriftliche Fixierung des Roland bezeugt jedenfalls die Existenz von Kultstätten, die mit der Erinnerung an den Opfertod des Roland verbunden sind. Diese Stätten der Verehrung stehen in engem Zusammenhang mit der mündlichen Ausformung epischer Themen, die zu der heute bekannten Fassung des Epos geführt hat. Wilhelm von Malmesbury berichtet in seinen um 1125 verfaßten Gesta regum Anglorum von der Schlacht bei Hastings 1066, in der die normannischen Truppen eine cantilena Rollandi angestimmt hätten. Aber wir wissen nicht,
ob er damit die chanson meint oder nur eine der mündlichen Überlieferungen, die dem Rolandslied vorausgingen und ihm Vorbild und Material lieferten. Die zeitliche Entfernung zwischen den Ereignissen von 1066 und der Fassung der Gesta macht eine genauere chronologische Bestimmung jedenfalls unmöglich. Wir können aber immerhin sagen, daß die Chanson de Roland in ihrem Kern etwa zeitgleich mit dem ersten Kreuzzug entstanden ist, vielleicht etwas früher, vielleicht etwas später. Mit Sicherheit aber haben Epos und Kriegszug (1096 – 1099) einen gemeinsamen kulturellen und geistigen Nährboden, stehen beide miteinander in enger Beziehung. In gewisser Weise liefert die Chanson de Roland auch den interpretatorischen Kanon und den propagandistischen Rahmen der Kreuzzüge und Feldzüge gegen die Sarazenen ab dem 12. Jahrhundert. Sieben Jahre lang kämpfte Karl gegen die Mauren und eroberte ganz Spanien mit Ausnahme der Stadt Zaragoza, deren König Marsilius seinen Gesandten Biancardinus zu dem fränkischen Herrscher schickte. Die Frage, welche Politik man gegenüber den noch in Spanien verbliebenen Sarazenen betreiben sollte, führte zu einer Kontroverse zwischen den Befürwortern des Krieges, an erster Stelle Roland, und den Befürwortern des Friedens, zu denen Rolands Stiefvater Ganelon gehörte. Die Rivalität zwischen beiden führte dazu, daß Ganelon, Verhandlungsführer Karls in Zaragoza, Marsilius gegen den verhaßten Paladin Roland aufhetzt und ihm vorschlägt, Karls Nachhut im Tal von Roncesvalle zu überfallen. Roland stirbt als Held und Märtyrer, Karl kommt zu spät, um den geliebten Neffen zu retten, aber doch noch rechtzeitig, um die Sarazenen in die Flucht zu schlagen. Der besiegte Marsilius empfängt in Zaragoza die Gesandten seines obersten Fürsten Baligant, des Emirs von Babylonien. Er ist auf dem Weg nach Spanien, um sich mit seinem großen Gegenspieler, Kaiser Karl, in der
Schlacht zu messen. (Liegt es nicht nahe, an den Hilferuf der reyes de taifas gegen den almoravidischen amir zu denken?) Die Schlacht zwischen den beiden Herrschern ist in Wahrheit die Konfrontation zwischen Christentum und Heidentum. Karl geht aus dem Kampf als Sieger hervor, Zaragoza wird eingenommen, Marsilius stirbt, Roland wird in Blaye begraben, und Karl kann nach Aachen zurückkehren. Dort stirbt Aude, die Verlobte des Paladins, aus Kummer über die Nachricht, daß ihr Geliebter nicht mehr lebt, und Ganelon erhält die verdiente Strafe. Die Chanson de Roland und die dieses Epos auf die eine oder andere Weise weiterführenden oder ergänzenden Nachdichtungen hatten zwischen dem 12. und dem 16. Jahrhundert einen außergewöhnlichen Erfolg. Und mit ihnen auch die Figur Rolands und die Freundschaft zwischen Roland und Olivier sowie die bildlichen Darstellungen Rolands, vor allem in der Miniaturmalerei zum Sagenkreis um Karl den Großen, aber auch in Skulpturen und in der Glasmalerei. Besonders die Bilddarstellungen Rolands zeigen, daß seine Abenteuer schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt ungemein populär waren, wenn auch bei einigen dieser Darstellungen Zweifel an der Zuschreibung angebracht erscheinen. Einige dieser Darstellungen wurden allzu schnell oder basierend auf einer traditionellen, aber philologisch ungenauen Lektüre als Rolandsdarstellungen bezeichnet. Fast zweifelsfrei stellen jedoch die beiden Statuen am Portal des Doms zu Verona Roland und Olivier dar; die Identifizierung des Paladins ist durch die Inschrift Durindarda auf dem Schwert gesichert. Die Zuordnung zu Olivier ist schon weniger sicher; daher hat man sich gefragt, ab wann genau die Statue mit ihm identifiziert wurde. Mit anderen Worten: Man kann keineswegs ausschließen, daß die beiden Krieger über dem Portal des Doms zu Verona ursprünglich andere Persönlichkeiten
darstellten und daß die wachsende Popularität des Rolandszyklus zu einer nachträglichen Umwidmung geführt hat, indem man den Namen von Rolands Schwert auf der Klinge anbrachte. Denn damit war die Zuschreibung zu Roland eindeutig. Nach einer anderen Deutung repräsentieren beide Krieger die Helden eines anderen Epenzyklus: Wilhelm von Orange und den Sarazenen Renoard. Eine eindeutige und eindrucksvolle Verbildlichung von Motiven des Rolandsliedes zeigen dagegen die Fußbodenmosaiken in der Kathedrale von Brindisi, wo eine Reihe biblischer Szenen in der Mosaikmitte von einem zweieinhalb Meter hohen Streifen eingefaßt ist, der die Geschichte der Niederlage von Roncesvalle erzählt. Leider wurde das Fußbodenmosaik durch zwei Erdbeben in den Jahren 1743 und 1858 stark beschädigt. Zur Deutung seiner Motive müssen wir heute auf ungenaue graphische Reproduktionen zurückgreifen. Die in der matière de France und der matière de Bretagne geschilderten Ereignisse wurden im 12. und 13. Jahrhundert einander angeglichen und miteinander vermischt. Nicht weil längst kontaminierte Fassungen der Karls- und Artuszyklen entstanden waren, sondern weil der erste, ursprünglich epische Zyklus im Lauf der Zeit die für die romanhafte Darstellungsweise des zweiten Zyklus typischen Charaktere und Handlungsverläufe übernommen hatte – mit Liebesabenteuern, Reisen, Wechselfällen und einem magischen und romanhaften Grundton. Im 12. und 13. Jahrhundert unterschied der Dichter Bertrand aus Bar-sur-Aube, der Verfasser des Girart de Vienne und wohl auch der Aymeri de Narbonne, drei Gesta-«Zyklen». Dabei ragen die vierundzwanzig chansons der Geste de Guillaume, die Wilhelm von Aquitanien, einem Zeitgenossen Karls des Großen, gewidmet sind, besonders hervor (man muß sich aber fragen, ob sie nicht auch dem Andenken an den
Helden von Barbastro gewidmet sein können, den Gregor VII. so sehr schätzte). Sie handeln von Vasallen, die einem schwachen und unsicheren Herrscher treu ergeben sind, der im Innern wie von außen gleichermaßen bedroht ist. Epische Überlieferung und historisches Ereignis vermischten sich hier zu einem unentwirrbaren Ganzen.
Tyrrhenische Seeleute und normannische Krieger Ab dem 11. Jahrhundert dehnte sich der Westen über seine bisherigen Grenzen aus. In der Bewertung dieser Ereignisse standen sich lange zwei gegensätzliche Thesen gegenüber: War es eine gleichsam provozierte Expansion – in gewisser Weise von außen hervorgerufen? Oder handelte es sich um einen autonomen Prozeß, dessen Wurzeln und Impulse im europäischen Kontinent selbst zu suchen waren? Der Befürworter der ersten These, Maurice Lombard, hob hervor, daß die Entstehung einer mittelmeerischen (vorwiegend muslimischen) Welt mit zahlreichen konsumhungrigen und rohstoffbedürftigen Metropolen von Cordoba bis Kairo, von Kairuan bis Damaskus, von Palermo bis Bagdad den europäischen Westen zwang, das zu liefern, was er im Überfluß besaß und produzierte: Holz, Eisen, Zinn, Honig, Metalle, Waffen und auf die eine oder andere Weise (und unter Umgehung der kirchlichen Verbote) auch Sklaven. Trotz der Auseinandersetzungen auf dem Meer und der Raubzüge der Korsaren festigte dieser zunehmend intensivere und umfangreichere Handel die Kontakte zwischen den verschiedenen Mittelmeerländern und brachte dem barbarischen, aus dem frostigen Frühmittelalter heraustretenden Europa Reichtum und Vitalität. Die Befürworter der zweiten These (Marc Bloch, Lynn White jr.
Georges Duby und andere) legen dagegen den Hauptakzent auf Nebenursachen wie das Klima oder die demographischen und technologischen Entwicklungen, die einander ergänzten. Selbstverständlich müssen bei einer vielschichtigen Betrachtung dieses komplizierten Prozesses alle diese Gründe mitberücksichtigt und angemessen gewichtet werden, ohne einzelne Ursachen überzubewerten. Mit Sicherheit kam das viele muslimische Gold, das zwischen Ende des 10. und im Verlauf des 11. Jahrhunderts in den christlichen Küstenstädten im Umlauf war, aus sehr unterschiedlichen Quellen. In Barcelona stammte es aus den Zahlungen der arabischspanischen Potentaten an die katalanischen Söldner, aber noch mehr Gold stammte aus dem westeuropäischen Handel, bei dem der Export einen immer größeren Umfang und immer stärkere Bedeutung annahm; und nicht zuletzt stammte das Gold auch aus den Beutezügen. Pisa und Genua blieben Ende des 10. und Anfang des 11. Jahrhunderts von den Raubzügen der Muslime weiterhin nicht verschont. Heute neigt man jedoch zu der Annahme, daß der wirtschaftliche Aufschwung und die Bedeutung dieser Städte als Seemächte bereits begonnen hatte. Im übrigen mußten sie schon bald, nämlich im Jahr 1021, in dem schweren Kampf gegen Mudschahid, den malik von Denia und der Balearen, ihre Stärke beweisen. Seit dieser Zeit entwickelte die Seemacht Pisa (teilweise mit Hilfe der Genuesen, häufiger jedoch ohne sie, denn der Wettlauf um die Vorherrschaft im Tyrrhenischen Meer hatte bereits begonnen) parallel und ergänzend zu ihrer Handels- und diplomatischen Tätigkeit rege militärische Aktivitäten. Akten im Staatsarchiv von Pisa dokumentieren, daß die Beziehungen zu den wichtigsten muslimischen Küstenstädten Afrikas schon früh gut entwickelt waren. Der Benediktinermönch Donizo, der gelehrte Biograph der Markgräfin Mathilde von Tuszien, schrieb voller Empörung,
daß mitten im 11. Jahrhundert der Hafen der toskanischen Stadt von «finsteren» Afrikanern angelaufen wurde. Aber neben kriegerischen gab es auch friedliche Zeiten. 1034 griffen die Pisaner die algerische Stadt Bona und 1063/64 den Hafen von Palermo an. Die Beute ihres Raubzugs wurde für den Bau der Kathedrale verwendet, die, ebenso wie das nahegelegene großartige Baptisterium von Bonanna, exakt nach den Maßen der Grabeskirche in Jerusalem und der Geburtskirche in Bethlehem errichtet wurde. Im Jahr 1087 schließlich griffen die Pisaner den Hafen von al-Mahdiya an, ein Ereignis, das auf der Grundlage einer übelwollenden normannischen Quelle von den Historikern lange Zeit unterbewertet wurde. Denn Roger I. der Eroberer von Sizilien, wollte allzu häufige Kriegszüge gegen die Muslime vermeiden, die seine gutnachbarschaftlichen Beziehungen zu Ägypten und den nordafrikanischen Potentaten gefährdeten. Er lehnte auch die Aufforderung der Pisaner ab, sich am Krieg zu beteiligen. Heute dagegen erkennen die Historiker die ganze Bedeutung dieses Kriegsschlags, der mehr war als nur der Racheakt für ein Vergehen in der Handelsabwicklung oder einen Korsarenraubzug. Al-Mahdiya war wie Mazara eine bedeutende Station im Zentrum der Ost-West-Achse, entlang derer der Handelsverkehr des islamischen Mittelmeers zwischen Almeria und den Häfen am Nil stattfand. Daran läßt sich die Bedeutung dieses Sieges ablesen. In der Tat scheint die mit Waffen, Soldaten und Schiffen gut gerüstete Militärexpedition von langer Hand und sehr sorgfältig vorbereitet gewesen zu sein – nicht zuletzt in Absprache mit Papst Viktor III. der, ähnlich wie Alexander II. bei der Expedition gegen Barbastro, den Teilnehmenden den Ablaß gewährte. Die Pisaner stellten das größte Kontingent, doch die Flotte bestand aus einer Koalition der Pisaner, Genuesen und Amalfitaner. Doch auch andere nahmen teil, so
etwa Benedikt, der Bischof von Modena, der eine führende Rolle spielte. Repräsentierte er den Papst? Zweifellos hatte zumindest seine Funktion in der Entourage der Mathilde von Tuszien politisches Gewicht. Eine Dichtung pisanischen Ursprungs, die in den historischen Fakten zuverlässig zu sein scheint, erzählt von einem Signum des heiligen Petrus auf den scarsellae der Seeleute. Dieses Signum ließe sich von den signa super vestes ableiten, mit denen gewöhnlich das Pilgerschaftsgelübde zur Schau gestellt wurde. Doch es muß mit dem päpstlichen Ablaßversprechen in Verbindung gebracht werden. Dies bestätigt eine Chronik aus dem Kloster Monte Cassino, derzufolge der Papst der Flotte sein vexillum übergab. Damit nahm Papst Viktor, einer Gepflogenheit der Reformpäpste folgend, die als epochal betrachtete Geste Urbans II. um zehn Jahre vorweg: Auf der Synode von Clermont in der Auvergne (einer am Pilgerweg nach Santiago gelegenen Stadt) sollte Papst Urban im Jahr 1095 das Signum crucis all jenen überreichen, die seinem Aufruf zur Verteidigung der von den Ungläubigen bedrohten christlichen Kirche im Osten nachkamen. Dem «ersten Kreuzzug» schlossen sich die Pisaner mit Verspätung an. Sie brachen erst im Frühjahr 1099 von der toskanischen Küste auf und erreichten im September desselben Jahres den syrischen Hafen Laodikeia, als Jerusalem bereits erobert war. Aber die Flotte, die den neuen päpstlichen Gesandten (Daimbert, den Erzbischof von Pisa) ins Heilige Land brachte, hatte sich durch Plünderungen byzantinischer Inseln, die gewiß kein Zufall waren, gewaltig verspätet. Die Pisaner und die Genuesen (und als Nachzügler auch die Venezianer, die nur widerstrebend in den Kampf gezogen waren, da der Kreuzzug das Monopol ihrer Beziehungen zu Byzanz und Alexandria bedrohte) wetteiferten nach dem Ende des Kreuzzugs in der Gründung von Handelskolonien in den
Städten entlang der syrisch-libanesisch-palästinensischen Küste. Wenige Jahre später, zwischen 1113 und 1115, wurden die Pisaner als Verbündete des Grafen von Barcelona, Raimund Berenguer III. die Hauptakteure einer vorübergehenden Eroberung der Balearen (diesmal ohne die Unterstützung der Genuesen). Dieses Ereignis wurde von einer weiteren pisanischen Dichtung gefeiert, dem Liber Maiorichinus. Und auch diesmal hatte der Papst den Anführern der militärischen Expedition sein vexillum überreicht. Die Einnahme der Balearen durch die Christen hatte zwar nicht lange Bestand, kann aber als der Endpunkt einer Phase betrachtet werden, die die Muslime im Mittelmeer mit der Eroberung Ifriqiyas eingeleitet hatten. Aber wie immer in der Geschichte sind Endpunkte immer auch Ausgangspunkte. Abgesehen von Einzelfällen allerdings segelten von da ab in muslimischen Gewässern westlich der Straße von Sizilien bis ins 16. Jahrhundert kaum mehr sarazenische Schiffe. Die normannische Eroberung Siziliens durch den jüngeren Bruder Robert Guiscards, Roger I. von Altavilla (später «der Großgraf» genannt), wurde, ähnlich wie in Spanien, erst durch eine Reihe von Ereignissen ermöglicht: durch die Zerschlagung der Macht des Emirs von Palermo, die Entstehung vieler kleiner Fürstentümer und das Hilfsgesuch eines dieser Potentaten, Ibn al-Thumma, der das Gebiet zwischen Catania, Noto und Syrakus beherrschte. Nach der raschen Einnahme Messinas im Jahr 1061 rückten die Eroberer jedoch relativ langsam vor. Westliche Quellen, denen man im übrigen mit größtem Mißtrauen begegnen muß, versichern, die christliche Bevölkerung der Insel sei den Ankömmlingen gegenüber freundlich gesinnt gewesen. Der Sieg in Cerami im Jahr 1063 jedoch (der nicht zuletzt der Erscheinung des heiligen Georg zu verdanken war, der in voller Rüstung den Normannen zu Hilfe geeilt war) hatte Zuversicht und
Begeisterung ausgelöst. Es waren für die christlichen Truppen zwei «wunderbare» Jahre: Angriff der Pisaner auf den Hafen von Palermo, Feldzug nach Barbastro, Eroberung von Coimbra. Doch erst nachdem im Jahr 1071 Guiscard, der gegen die Byzantiner in Apulien kämpfte, deren Widerstand brechen konnte, gelang es, mit Hilfe neuer Truppen aus dem Kontinent die Sarazenen zu schlagen. Im Januar 1071 fiel Palermo, das seit August des Vorjahres belagert worden war. Der Einzug der Sieger vollzog sich ohne Gemetzel, und die große Moschee wurde in eine Kirche zu Ehren der Jungfrau Maria umgewandelt. Doch die Eroberung der Insel verlief relativ langsam, obwohl die Normannen eine Schreckensherrschaft ausübten. Nachdem der Großgraf Sizilien in seine Gewalt gebracht hatte, zwang er sich, zu seinen muslimischen Untertanen gute Beziehungen zu pflegen. Unter anderem gab er eine Garantie, die Kontakte zu den Nachbarn jenseits der Straße von Sizilien nicht zu verbieten. Man muß allerdings sehen, daß an einem friedlichen Zusammenleben kein Weg vorbeiführte. Zur Zeit der normannischen Eroberung war die Insel beinahe vollständig von Arabern, Berbern und arabisierten beziehungsweise islamisierten Einheimischen bewohnt. Nur in Palermo und in einigen wenigen Gebieten im Nordosten gab es griechisch christliche Gemeinden einer gewissen Größe. Während des Eroberungsfeldzugs hatte Roger I. allen Untertanen Religionsfreiheit zugesichert; auch nahm er zahlreiche Muslime in sein Heer auf. Gleichzeitig aber bemühte er sich um eine Wiederbesiedlung der Insel mit lateinischen Christen. Und als er sich seiner Sache sicherer fühlte, schlug er gegenüber den Muslimen einen rigoroseren politischen Kurs ein.
Doch konnten arabische Beamte während der gesamten Zeit der Normannenherrschaft und noch darüber hinaus im diwan arbeiten, dem Amt, das die Tributzahlungen abwickelte.
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Die Heilige Stadt
Al-Quds Anfang des 7. Jahrhunderts wurde der gesamte Nahe Osten von einer tiefen Krise erfaßt. 614 eroberten die Perser Syrien und zerstörten die großen Basiliken Jerusalems. Der Basileus Herakleios konnte die Stadt jedoch zurückerobern und zog im Jahr 629 barfuß in der Heiligen Stadt ein, die Reliquie des Kreuzes Christi mit sich tragend, die der persische Großkönig Khosrau II. als Kriegsbeute nach Ktesiphon gebracht hatte. Den muslimischen Arabern, die unmittelbar nach dem Tod des Propheten Muhammad im Jahr 632 von der Arabischen Halbinsel aus ihre Offensive begannen, kam die Krise der beiden Reiche sehr gelegen. Binnen weniger Jahre überrannten sie das gesamte Perserreich. Auch das Byzantinische Reich geriet in große Bedrängnis, denn die Muslime standen unmittelbar vor den Mauern Konstantinopels. Der tatkräftige byzantinische Kaiser Herakleios führte jetzt erneut seine Truppen gen Osten, gegen die vorrückenden Araber. Wie schon im Jahr 614 beim Angriff gegen die Perser, hatten die islamischen Eroberer all jene hinter sich, die mit dem drückenden Joch der byzantinischen Herrschaft unzufrieden waren: Juden wie nichtorthodoxe Christen. Doch diesmal waren die Krieger von glühendem religiösem Eifer beseelt, und zahlreiche Christen traten zum Islam über. Die Bekehrung war, so könnte man sagen, die eigentliche treibende Kraft der islamischen Eroberungen in Syrien, Anatolien,
Nordafrika und Spanien. Am Fluß Yarmuk stellte sich Herakleios den Arabern entgegen, mußte sich aber angesichts der militärischen Überlegenheit der Muslime zurückziehen. Das Kreuz Christi sowie andere Reliquien nahm er aus Jerusalem mit fort. 638, nach zweijährigem Widerstand, öffnete die Stadt dem Nachfolger des Propheten, Umar ibn alKhattab, ihre Tore. Bekleidet mit einem schlichten Nomadengewand und in einen geflickten Mantel gehüllt, trat der Kalif auf dem Ölberg dem Patriarchen Sophronios gegenüber. Er sicherte ihm zu, Leben und Besitz der Christen nicht anzutasten und ihre heiligen Stätten nicht anzugreifen, dann ritt er auf einem alten Kamel zusammen mit dem Patriarchen in die Stadt ein. Er besuchte die Anastasis-Basilika (die Grabeskirche), betete aber nicht in der Kirche, um den Muslimen keinen Vorwand zu liefern, sie in eine Moschee zu verwandeln. Er verlangte, an den Ort geführt zu werden, wo sich der Tempel Jerusalems befand. Beim Anblick des zu einer Müllhalde verkommenen Gebäudes wurde er von tiefem Schmerz erfüllt und begann mit seinen Anhängern das Heiligtum freizulegen. Es gibt Quellen, die behaupten, er habe auch den Patriarchen aufgefordert, mit Hand anzulegen. Unter der dicken Schuttschicht kam schließlich der Felsen Moriah zum Vorschein, der den Muslimen als heilig gilt und über dem der Kalif ein schlichtes hölzernes Gebetshaus errichten ließ. Die Muslime nannten Jerusalem seit jeher al-Quds, «die Heilige». Als Mittelpunkt dieses heiligen Ortes betrachten sie den Felsen Moriah, wo nach jüdischer Tradition (die von den Christen eher halbherzig, vom Islam aber mit glühender Inbrunst übernommen wurde) Abraham seinen Sohn Isaak zum Opfer angeboten haben soll. Während einer großen Pestepidemie zur Zeit König Davids soll an dieser Stelle ein Engel vom Himmel herabgestiegen sein, hier, wo angeblich die
Bundeslade, also das Allerheiligste, in dem von König Salomon erbauten Tempel stand; einer anderen Überlieferung zufolge war der Felsen Teil eines Brandopferaltars. Einer auf Sure 17 des Korans («Nächtliche Reise») basierenden Tradition zufolge wurde der Prophet Muhammad eines Nachts im Jahr 619 von Mekka nach Jerusalem gebracht. Vom Felsen Moriah aus stieg er dann auf seinem Pferd alBuraq (ein geflügeltes Mischwesen mit Menschenkopf) in den Himmel auf. Über dem Felsen Abrahams, dort wo Umars Gebetshaus stand, ließ im Jahr 687 der Kalif Abd al-Malik ein Gebäude errichten, die Qubbat as-Sakhra, was soviel wie Felsenkuppel oder Felsendom heißt. Der Felsendom, der mit seiner großartigen vergoldeten Kuppel bis heute die Stadt überstrahlt, wurde von Architekten aus Damaskus errichtet, die aus der byzantinischen Schule stammten, vielleicht aber auch unter Mithilfe einheimischer Handwerker. Die Auftraggeber wollten durchaus mit der Kuppel der Anastasis-Basilika. wetteifern, die Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert auf dem als Kalvarienberg und Heiliges Grab identifizierten Ort hatte errichten lassen. Südlich der großen Moschee, aber noch auf der Haram ashSharif genannten Erhebung, liegt neben dem Königstor aus der Zeit des Herodes die Al-Aqsa-Moschee. Al-Aqsa, eine Bezeichnung, die im Koran für Jerusalem gebraucht wird, heißt soviel wie «die Ferne». Die siebenschiffige Al-AqsaMoschee im byzantinischen Stil mit ihrer silbrigen Kuppel schließt das Ensemble der muslimischen Heiligtümer ab. Ihre Konstruktion und die anschließenden Umbauten dauerten mehrere hundert Jahre, von der umayyadischen bis zur ayyubidischen Zeit (7. – 13. Jahrhundert). Ziel der jüdischen aliah wie auch der christlichen Wallfahrt war der «Aufstieg» zum Tempel in Jerusalem. Diese Tradition
war vielleicht schon in der jüdisch-christlichen Gemeinde lebendig und verband mit dem Aufstieg zum Tempel die Erinnerung an den Messias. Die fromme Gepflogenheit war mit Sicherheit spätestens seit dem 2. Jahrhundert (vielleicht schon früher oder sogar von Anfang an) im neuen Glauben fest verwurzelt. Zwischen dem 4. und dem 5. Jahrhundert wurde der Brauch von den christlichen Kaisern sanktioniert. Der Überlieferung zufolge geht die inventio, die Auffindung des Kreuzes und anderer Reliquien der Passion Christi, auf die Kaiserin Helena zurück. Seither wurden in Jerusalem und überall im Heiligen Land christliche Wallfahrtsorte gegründet, die von Pilgern eifrig besucht wurden. Für die Muslime jedoch ist al-Quds nach Mekka und Medina der dritte heilige Ort des sunnitischen und eine der wichtigsten heiligen Stätten des schiitischen Islam. Wenngleich nicht verpflichtend, wird die Wallfahrt nach Jerusalem im Islam doch empfohlen. Zu Zeiten, als Mekka aus politischen Gründen nicht zugänglich war, wurde die Jerusalem-Wallfahrt als vollwertiger Ersatz der großen hadsch zur Kaaba nach Mekka anerkannt. Die Muslime waren nach der Eroberung Jerusalems fest entschlossen, Juden und Christen zu respektieren, die als «Völker der Schrift» das Recht hatten, ihren Kult auszuüben, wenn auch mit gewissen Einschränkungen. Vom 7. bis zum frühen 11. Jahrhundert erlebte Jerusalem im wesentlichen eine Zeit des Friedens. Die christlichen Pilger besuchten weiterhin ihre heiligen Stätten, was auch durch zahlreiche Reiseberichte in lateinischer Sprache bestätigt wird. Die Stadt wurde in Viertel aufgeteilt, so daß die Gläubigen in der Nähe ihrer jeweiligen Heiligtümer lebten. Die Muslime bewohnten den Nordosten und die Mitte um den Haram ash-Sharif die griechischen, aber auch die lateinischen Christen, die offenbar seit dem 9. Jahrhundert eigene Hospize besaßen, ließen sich im
Nordwesten, in der Nähe der Anastasis-Basilika, nieder; die Armenier und Georgier im Südwesten unweit des Berges Zion und insbesondere im Umkreis eines ihrer Hauptheiligtümer, der großen und prachtvollen Jakobskirche; die Juden im Süden zwischen dem Viertel der Ostchristen und der «westlichen Tempelmauer». Diese ethnisch-religiöse Aufteilung der Stadt wurde mit Ausnahme der Kreuzzugszeit zwischen 1096 und 1187 trotz vielfältiger Konflikte zumindest bis zu den arabisch israelischen Kriegen zwischen 1948 und 1967 beibehalten. Die christliche Wallfahrt, die nach einer langen, durch Kriege erzwungenen Unterbrechung in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts einen neuen Aufschwung nahm, wurde – abgesehen von unbedeutenden Zwischenfällen – weder bekämpft noch behindert. Das Problem war eher die Unregelmäßigkeit des Schiffsverkehrs von und nach dem Orient, der für Westeuropa nur über Süditalien verlief. Doch das Grundverständnis der Pilgerschaft hatte sich geändert, seit die keltischen Wandermönche und ihre Auffassung der Sühnepraxis auch auf dem europäischen Festland Fuß gefaßt hatten. Einer Phase des religiösen Eifers für ein christliches Jerusalem folgte eine neue Welle der Begeisterung, die eng mit der Bußpraxis verknüpft war: Der Pilger wurde jetzt in erster Linie als bußfertiger Sünder angesehen, dessen Rechte und Pflichten die Kirche klar formulierte. Auch die Pilgerrouten von und nach Jerusalem wurden immer verbindlicher, denn sie boten Hilfe und Schutz. Entlang der Straßen gab es, insbesondere in Italien, Hospize und kleinere Wallfahrtsorte, wo man Absolution erlangte und Unterkunft fand. Beschreibungen der Anastasis-Basilika jener Zeit zeigen, daß, verglichen mit Angaben vor dem Persereinfall, die Schäden an dem Gebäude enorm und die Restaurierungsarbeiten überhastet vorgenommen worden waren. Der Mönch Bernhardus, der im Jahr 870 nach
Jerusalem pilgerte, bezeugt, daß zum Ausgleich für die Pilger mit römischem Ritus und lateinischer Sprache unweit des Heiligen Grabes ein Hospiz eröffnet wurde, das identisch mit dem zu sein scheint, das Karl der Große mit Erlaubnis des Kalifen von Bagdad, Harun ar-Rashid, eröffnet hatte. Es wurde gleichzeitig mit der Kirche Santa Maria Latina erbaut, die sehr nahe an der Grabeskirche (etwas südöstlich davon) lag und von den Benediktinermönchen eines angrenzenden Klosters betreut wurde. Aber auch die Heilige Stadt blieb von den Kämpfen innerhalb des Islam, der politischen Zersplitterung der Kalifatsmacht, den dynastischen Kämpfen und Feindseligkeiten zwischen Sunniten und Schiiten nicht lange verschont. Der gesamte Nahe Osten und das Gebiet des sogenannten Fruchtbaren Halbmonds weist seit biblischen Zeiten auch eine geohistorische Besonderheit auf, die in unregelmäßigen Zeiträumen große Bedeutung erlangt. Das zwischen dem östlichen Mittelmeer und dem Jordan, zwischen dem Libanon und dem Roten Meer gelegene und von Karawanen durchzogene Gebiet war unter den Machthabern Syriens, Mesopotamiens und Ägyptens stets heiß umkämpft; auch im 10. Jahrhundert, als Ägypten das Zentrum des fatimidischen Kalifats war. Schon früh fiel Jerusalem den schiitischen Kalifen Ägyptens in die Hände. Einer von ihnen, al-Hakim, der im übrigen als der Begründer der Drusensekte gilt, verfolgte nicht nur die Sunniten, sondern auch Juden und Christen. Er ließ Synagogen und Kirchen schließen, räumte die Klöster und schränkte die Wallfahrt ein. Im Jahr 1009 schließlich befahl er die Zerstörung der Anastasis-Basilika mitsamt der Grabnische unter der Kuppel. Die Anordnungen des Kalifen wurden nur zögernd und unvollständig ausgeführt, nicht zuletzt wohl wegen eines gewissen Widerstands der Muslime Jerusalems, die mehrheitlich Sunniten waren. Das Ausbleiben der
Pilgerströme führte außerdem zu wirtschaftlichen Einbußen. Trotzdem, das Ausmaß der Schäden muß gewaltig gewesen sein, was archäologische Ausgrabungen bestätigen. Nach dem Tod des blindwütigen al-Hakim nahmen die muslimischen Behörden selbst den Wiederaufbau des zerstörten Gebäudes in Angriff und ließen die Wallfahrt wieder zu. Der byzantinische Kaiser Konstantin Monomachos, der natürliche Schutzherr der ortsansässigen Christen (der «Melkiten», «Völker des Königs», vom arabischen malik, der Übersetzung des griechischen Kaisertitels basileus), übernahm die Restaurierung des Heiligen Grabes. Mitte des 11. Jahrhunderts waren die Wiederaufbauarbeiten der Kirche beendet. Die Amalfitaner wiederum, die seit langem eine bedeutende und hochgeschätzte Handelsmacht darstellten, bauten im dritten und vierten Jahrzehnt des 11. Jahrhunderts das alte Hospiz Karls des Großen wieder auf, das nunmehr, auch mit neuen Kirchen ausgestattet, in einem Viertel südöstlich des Heiligen Grabes lag. Dieses Viertel wurde Muristan, «Hospiz», genannt. Doch den dort ansässigen Christen und insbesondere den Jerusalempilgern drohte neues Ungemach: Angesichts des ständigen Wechsels der Macht in Palästina, die im 11. Jahrhundert einmal die Fatimiden und dann wieder die Abbasiden innehatten, setzten die Kalifen von Bagdad türkisch-seldschukische Milizen ein, die neu zum Islam bekehrt waren und ziemlich hart vorgingen. Nachrichten von Raub und Überfällen gelangten zunehmend in den Westen. Allerdings wirken sie oft wie nachträglich ausgeschmückte, legendenumwobene Argumente zur Begründung und Rechtfertigung der Kreuzzüge – wie alle Schilderungen von Übergriffen oder wie jene angeblichen Visionen des Jerusalempilgers Petrus Eremita, die ihn, nach Europa zurückgekehrt, zu seinen Kreuzzugspredigten inspirierten.
Richtig ist, daß Pilger und Reisende in Jerusalem vielfältigen Gefahren ausgesetzt waren. Die Umgebung der Stadt galt als unsicher, Raubüberfälle waren an der Tagesordnung, und um nach Jerusalem und dort zur Anastasis-Basilika zu gelangen, mußte man Wegegeld bezahlen. Dennoch nahm das Pilgerwesen in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts einen neuen Aufschwung, und die Pilger kamen nicht selten in Begleitung einer bewaffneten Eskorte. Die Reiseumstände, insgesamt betrachtet, dürften also zumutbar gewesen sein.
Die Kreuzzüge Die Umwälzungen in Gesellschaft und Umwelt, bedingt durch den Bevölkerungszuwachs und politisch-religiöse Auseinandersetzungen, sowie die allgemeine Erwartung des Weltendes steigerten in der abendländischen Christenheit Furcht und Schrecken. Man blickte mit neuen Hoffnungen auf Jerusalem, wo sich das Schicksal der Menschheit erfüllen sollte. Nach pseudoprophetischen Texten wird hier der letzte christliche Kaiser die Insignien seiner Macht niederlegen und seine Rolle als Stellvertreter an den Herrn der Endzeit abgeben. Weissagungen zufolge, die zu jener Zeit in Umlauf waren, würde dem Zweiten Kommen Christi die Ankunft des Antichrist vorausgehen. Mit dem Jahr 1033 schließlich, der tausendjährigen Wiederkehr des Todes Christi, wurden Endzeiterwartungen und eschatologische Ängste erneut geschürt. Immer größere Massen banger Gläubiger strömten nach Palästina. Die Tatsache guter Beziehungen zum fatimidischen Ägypten allein konnte den Westen nicht beruhigen, wurde doch der wertvollste Schatz der Christenheit, das Grab Christi, von Ungläubigen bewacht. Während sich die gesamte Christenheit
– angefangen vom byzantinischen Kaiser bis zu den Herzögen der Normandie – um den Wiederaufbau der im Jahr 1009 entweihten und zerstörten Grabeskirche bemühte, brachen immer neue Pilgergruppen auf, in der Hoffnung, das Ende der Zeiten im Tal Josaphat zu erleben. Die Angst vor dem drohenden Weltende erfaßte Europa in immer neuen Schüben, und mit Hilfe astronomischer Tabellen und der Schriftdeutung errechneten die Gelehrten fieberhaft dessen genauen Zeitpunkt. Im Jahr 1065, als der Tag der Menschwerdung Christi auf den Karsamstag fiel (den 25. März, nach Berechnungen des alten Kalenders und anderen Traditionen zufolge gleichzeitig der Tag der Erschaffung der Welt), brach eine Pilgergruppe aus Deutschland auf, um den Tag des Jüngsten Gerichts in Jerusalem zu erleben. Losgelöst von diesem Kontext und der langen Geschichte der spirituellen Bedeutung des Wallfahrtsgedankens bleibt die Begeisterung, mit der Europa dann im Jahr 1095 auf den Aufruf Papst Urbans II. reagierte, unverständlich. Die Predigt Papst Urbans II. im November 1095 in Clermont war jedoch keineswegs der Aufruf zu einem «Kreuzzug». Der Begriff fand erst sehr viel später (nicht vor dem 13./14. Jahrhundert) Eingang in den lateinischen Wortschatz und die europäischen Idiome. Papst Urban beschränkte sich vielmehr darauf, einmal mehr die blutige Gewalt zu verurteilen, die die Christenheit bedrängte, insbesondere an die französische Ritterschaft zu appellieren, die Hilferufe der Christen im Osten ernst zu nehmen. Konkret hieß das: Bereitstellung von Söldnern für einen Militärzug, den der Basileus Alexios I. Komnenos gegen die seldschukischen Türken auf der Anatolischen Halbinsel führen wollte. Derartiges war im 11. Jahrhundert gang und gäbe. Die normannischen Krieger hatten sich schon oft zum Militärdienst anwerben lassen, und ihr Kampfeinsatz in Asien nach der verheerenden Niederlage von
Manzikert wurde sehr geschätzt. Diese abendländischen border fighters, die oft eine zwielichtige Identität besaßen und als Vermittler zwischen Christentum und Islam und ethnisch unterschiedlichen Kulturen fungierten, unterschieden sich kaum von den abenteuerlustigen Söldnern, die Spanien zu jener Zeit unsicher machten (und deren berühmtestes Beispiel El Cid ist), oder von den byzantinischen Kriegern aus der epischen Dichtung Dighenis Akrites. Ähnliches gilt auch für die boghatyry, die in den russischen Bylyne die Heiden aus der Steppe zwar bekämpften, ihre Sitten und Eigenarten aber kannten und schätzten; für die Helden des großen georgischen «Ritterromans» des Nationaldichters Chota Rustaveli (Der Recke im Tigerfell) oder für die türkischen ghazi Anatoliens. Der Appell Papst Urbans fand in der europäischen Aristokratie zwischen 1095 und 1096 einen ungeheuren Widerhall. Eine Massenbewegung entstand, angeführt von Ritterheeren, denen sich eine nicht genauer bestimmbare, mit Sicherheit aber große Zahl von pauperes als Jerusalempilger anschlössen. Man hat die Ritter, die an diesem Militärzug teilnahmen, als deracines bezeichnet, die ihr Glück suchten, bzw. als milites, die, durch feudalherrschaftliche Strukturen in Europa zur Sicherung der Abstammungslinie ihres Erbes beraubt, gezwungen waren, den Weg des Abenteuers zu wählen. Dieser Topos, der eine große suggestive Kraft besaß, bildet den Nährboden des Ritterromans, in dem die authentischen und nicht immer sehr rühmlichen Eskapaden («aventure») der Söldner und Kreuzritter sublimiert und idealisiert wurden. In Wahrheit aber waren die Anführer dieser Kämpfer, die nach Konstantinopel und – nach Absprache mit dem Basileus – weiter nach Asien zogen, alles andere als Abschaum der feudalwirtschaftlichen Gesellschaft dieser Zeit. Zu ihnen gehörten Fürsten wie der Markgraf der Provence, Herrscher über einen Großteil Südfrankreichs; Herzog Robert
von der Normandie, Bruder des Königs von England; der Bruder des Königs von Frankreich; der Herzog von Niederlothringen; der Graf von Flandern, der weite Territorien am dicht besiedelten Unterlauf der großen Flüsse beherrschte, die zwischen Frankreich und Deutschland in die Nordsee fließen; und Robert Guiscards ältester Sohn. Es war ein Hochadel in der Krise, der entweder von Verwandten oder schwierigen Potentaten in unmittelbarer Nachbarschaft bekämpft wurde oder im Konflikt zwischen dem Papst und dem römisch-deutschen Reich auf der «falschen Seite» (also auf der Verliererseite) stand. Diese Adeligen brannten darauf, ein paar Jahre lang – oder für immer – eine andere Luft zu atmen und in der Fremde womöglich zu Macht und Reichtum zu kommen – einen «neuen Himmel und eine neue Erde» zu finden, wie es in der Offenbarung heißt. Dieser Exodus von domini und milites begünstigte unter anderem das Entstehen der großen Feudalmonarchien. Es waren Scharen bewaffneter Kämpfer und ursprünglich nur zu ihrer Selbstverteidigung bewaffneter Pilger, die cruce signati genannt wurden – nach dem Symbol der Pilgerschaft und der Buße, das ihnen Urban II. in Clermont verliehen hatte und ein sichtbares Zeichen des zeitlichen und ewigen Sündennachlasses war. In einem zweijährigen Marsch und unter unerhörten Mühen und Entbehrungen durchzogen sie Anatolien und Syrien. Zwischen Frühjahr und Frühsommer 1099 marschierte schließlich das Kreuzfahrerheer nach Jerusalem, durchbrach die Stadtmauer an ihrer schwächsten Stelle im Nordosten und eroberte am 15. Juli desselben Jahres die Stadt im Sturm. Die «Franken», wie die Westeuropäer von Byzantinern, Ostchristen, Juden und Sarazenen genannt wurden, fielen in der Heiligen Stadt ein und metzelten fast alle muslimischen und jüdischen Bewohner nieder. Hätte der sarazenische Gouverneur vor Beginn der Belagerung nicht die
Ostchristen, denen er mißtraute, aus der Stadt vertrieben, wäre ihnen wohl dasselbe Schicksal zuteil geworden, da die Europäer sie von den anderen Bewohnern wahrscheinlich gar nicht hätten unterscheiden können. Die Stadt wurde von den zuvor vertriebenen Ostchristen und von syrischen und armenischen Glaubensgenossen neu besiedelt. Zumindest in der ersten Zeit war Muslimen und Juden der Aufenthalt verboten. In Ermangelung sicherer Beweise hat man sich immer wieder gefragt, ob den Europäern bei der Eroberung der Heiligen Stadt nicht vorschwebte, sie dem Einfluß oder der direkten Herrschaft der Kirche von Rom zu unterstellen. Jedenfalls wurde sofort ein lateinischer Patriarch gewählt. Da das Schisma der beiden Kirchen bereits seit fünfundvierzig Jahren bestand, hielt man es wohl für unangebracht, sich einem griechischen Bischof unterzuordnen. Nach langem Hin und Her einigten sich die Heerführer auf einen gesundheitlich angeschlagenen und nicht sehr tatkräftigen Fürsten, der kaum Macht besaß: Gottfried von Bouillon, Herzog von Niederlothringen. Es war sein Wille (oder der eines ihm vertrauten Prälaten), «nicht an einem Ort die Goldkrone zu tragen, an dem Christus mit Dornen gekrönt worden war». Mit anderen Worten: Nicht ein König wurde gewählt, sondern ein Advocatus Sancti Sepulchri, ein «Beschützer des Heiligen Grabes», der die weltlichen Angelegenheiten der Kirche regelte und dessen Patriarchensitz die Grabeskirche war. Doch im Jahr 1100, nach dem Tod Gottfrieds, ließ sich dessen Bruder Balduin von Boulogne die Königswürde übertragen, auch wenn völlig unklar war, auf welcher Machtgrundlage ein solcher Herrscher überhaupt hätte gewählt werden können. So entstand das «fränkische Königreich Jerusalem», eine Wahlmonarchie von zeitweilig dynastischem Charakter, dessen
Krone auch an weibliche Nachkommen übertragen werden konnte. Acht Könige folgten einander in Jerusalem, bevor sich die Muslime von dem überraschenden Militärschlag des Jahres 1099 erholt hatten und die Stadt zurückgewannen. In der Schlacht von Hattin am See Genezareth im Juli 1187 wurden die Christen so schwer geschlagen, daß sie den Fall Jerusalems hinnehmen mußten. Im Oktober desselben Jahres eroberte der Emir von Syrien und Ägypten, Yusuf ibn Ayyub Salah ad-Din (der «Saladin» der abendländischen Chroniken), die Heilige Stadt. Das Kreuzfahrerkönigreich Jerusalem bestand über diesen Zeitpunkt hinaus weiter, allerdings nurmehr in einem Territorium an der Küste, die noch von den Kreuzfahrern gehalten wurde. Der Hof nahm in dem schönen und befestigten Akkon Residenz. Man hat die Kreuzfahrerstaaten Jerusalem und Akkon (ähnlich wie die spanischen «Kreuzfahrer»-Fürstentümer) als eine Art koloniales Experiment bezeichnet. Doch die wahre Macht in diesem Königreich besaßen die italienischen Städte mit ihren «Handelskolonien» entlang der Küste: Genua, Venedig und Pisa. In diesen Handelsniederlassungen spielten sich die erbitterten Rivalitäten ab, die auch auf dem Kontinent wüteten oder dort sogar ihren Ursprung hatten. Die Niederlassungen an der syrisch-palästinensischen Küste (Beirut, Tyros, Akkon, Haifa, Cäsarea, Jaffa, Askalon) waren wichtige Anlaufstellen für die Karawanen, die über Damaskus, Aleppo und Mosul die Mittelmeerküste mit Innerasien und der «Seidenstraße» verbanden. Die italienischen Kaufleute, die in diesen Handelshäfen ihre Niederlassung hatten, besaßen Zugriff auf die wertvollen orientalischen Handelsgüter, die Gewürze, und kontrollierten deren Verteilung auf den europäischen Märkten. Erst im 13. und 14. Jahrhundert – zeitgleich mit dem
Mongoleneinfall, der Asien eine Zeit des Friedens bescherte – versuchte man, beflügelt vom Missionseifer der lateinischen Kirche, auf den asiatischen Kontinent vorzudringen. Der relativ kurzlebige Kreuzfahrerstaat Jerusalem hatte im 12. und 13. Jahrhundert (zwischen 1187 und 1292 mit Akkon als Hauptstadt) unter den zahlreichen, in Größe und Umfang unterschiedlichen und eigenständigen politischen Zentren zu leiden, die es der Krone schwer machten, ihre Macht de facto auszuüben. Es waren Signorien, die mit weitgehender Immunität ausgestattet waren, Handelskolonien, die als eigenständige Kommunen agierten, und schließlich die geistlichen Ritterorden, Mönchsorden mit einer gewissen Anzahl von Kriegern, die das Gelübde abgelegt hatten, das Heilige Land und die Pilger zu beschützen und zu verteidigen: der Templerorden, die Hospitaliter des heiligen Johannes von Jerusalem und der Orden des Hospitals St. Marien vom Deutschen Hause (der Deutsche Orden). Die ständigen Zwistigkeiten zwischen Signorien, Kommunen und Ritterorden trugen Mitschuld am Niedergang des Kreuzfahrerreiches. Trotzdem entwickelte sich im Lauf der Zeit eine Kultur der Verständigung und des Dialogs mit der muslimischen Welt. Die frisch aus Europa eintreffenden Krieger und Pilger empörten sich über diese Gesellschaft von poulains, von «Bastards», die sich nicht selten mit syrischen und armenischen Familien verschwägert hatten, die arabisch, armenisch und griechisch sprachen und sich ortsüblichen Bräuchen entsprechend kleideten, aßen und lebten. Die Europäer, die jede neue Kreuzzugsexpedition als Kampf ohne Pardon ansahen, betrachteten diese «koloniale» Kreuzfahrergesellschaft als korrupt und islamisiert. Die «überseeischen Franken», die zweihundert Jahre lang immer wieder auf den Beistand ihrer europäischen Glaubensbrüder angewiesen waren, betrachteten wiederum die Europäer als
unkultiviert und gefährlich und bemühten sich lieber um eine möglichst weitgehende diplomatische Verständigung mit den Sarazenen, als den Westen um militärischen, vom Papst sanktionierten Beistand zu bitten. Denn die Anführer der Kreuzfahrer aus dem Westen, Fürsten und Abenteurer, waren eher begierig, Beute zu machen, als den Rat zur Mäßigung anzunehmen. Sie schlugen alle taktischen und logistischen Anregungen in den Wind. Ein intelligenter arabisch-syrischer Schriftsteller, der Emir von Shaizar Usama ibn Munqidh, der Mitte des 12. Jahrhunderts lebte und in diplomatischem Auftrag wie auch privat oft im Kreuzfahrerstaat Jerusalem unterwegs war, hat uns mit seinen Erinnerungen ein lebendiges und eindrucksvolles Bild dieser Gesellschaft hinterlassen. Groß waren die Unterschiede zwischen denen, die sich den orientalischen Gewohnheiten assimiliert hatten und sich dabei wohlfühlten, und denen, die – ob Ritter, Kaufleute oder Pilger – nur für kurze Zeit blieben und sich den Bräuchen und der Mentalität der Einheimischen nicht anpassen konnten. Dank Usama können wir vielleicht die Schwierigkeiten besser erfassen, die wir heute als Ethnozentrismus oder Kulturkonflikt bezeichnen würden. So berichtet er von einem Besuch in dem heiligen Bezirk des Tempels von Jerusalem, dem Hamm ashSharif, der zwar in der Hand der Franken war, den aber zumindest hochrangige Muslime besuchen und als Gebetsstätte nutzen konnten. Die Tempelritter, die die teilweise in eine Kirche, teilweise in ihr Quartier umgewandelte al-AqsaMoschee besetzt hielten und die der Emir als seine Freunde bezeichnete, luden ihn wie gewöhnlich ein, in einem der Moschee benachbarten Gebetshaus nach islamischem Ritus zu beten. Und sie entschuldigten sich, als ein offenbar erst kürzlich aus Europa angekommener Glaubensfanatiker ihn störte und aufforderte, nach christlicher Art zu beten.
Dies ist möglicherweise der Kern eines im westlichen Kulturkreis folgenreichen Vorstellungskomplexes. Der Vorwurf der Sympathie, ja der Komplizenschaft mit den Muslimen gehörte zu jenen Gerüchten und Verleumdungen, die insbesondere in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts über die Tempelritter in Umlauf waren. Philipp IV von Frankreich nahm diese Anschuldigungen zum Anlaß für die Verfolgung der Templer und zu einem Prozeß gegen sie in den Jahren zwischen 1307 und 13 12. Dabei stützte man sich auf angebliche «Beweise» für die ketzerischen Anschauungen der Templer, die offenbar in Feindseligkeiten gegenüber dem Islam beziehungsweise der Gnosis und den Katharern begründet waren. Auch die Bezeichnung ihres Symbols als «Baphomet», das man als Götzenbild brandmarkte, läßt an eine der zahllosen Varianten und Verballhornungen des Prophetennamens in lateinischer Sprache oder in den verschiedenen europäischen Idiomen denken. Solche Vorwürfe waren lächerlich und unhaltbar; doch der Prozeß hatte offensichtlich einen politischen Hintergrund. Die Vorwürfe des Proislamismus und der Ketzerei wurden wohl absichtlich vereinfachend vorgetragen, um die französische Öffentlichkeit aufzuhetzen (Anfang des 14. Jahrhunderts kann man in Städten wie Paris durchaus schon von einer Öffentlichkeit sprechen) und dem Papst gegenüber ein Exempel zu statuieren: Der König wollte den Orden verurteilt und aufgelöst sehen und setzte seinen Willen mit aller Macht durch – auch gegenüber dem Papst. Philipp würde vor nichts zurückschrecken, jeder Versuch der Verteidigung oder Vermittlung durch die Kirche sei zwecklos. Jedenfalls war im 12. und 13. Jahrhundert die Tatsache, daß die aus Europa kommenden Kreuzfahrer den «Franken in Übersee» in der Regel kaum Gehör schenkten, eine der
Hauptursachen für das Scheitern der nach dem ersten Kreuzzug unternommenen zahlreichen weiteren Kreuzzüge. Man neigt heute eher dazu, das Bild des Königreichs Jerusalem als auch in kultureller Hinsicht «steril» und unfruchtbar zu modifizieren. Zweifellos ist es richtig, daß das arabische Wissen hauptsächlich über Spanien an den Westen vermittelt wurde. Denn obwohl Städte wie Damaskus, die eine große geistige Tradition besaßen, nicht weit entfernt lagen, war die syrisch-palästinensische Küste innerhalb der islamischen Welt ein eher provinzieller Raum. Die scriptoria von Jerusalem, Akkon und Tyros entwickelten dennoch eine rege Tätigkeit, deren Verdienste man erst in neuerer Zeit richtig einzuschätzen vermochte. Ein weiteres bedeutendes Zentrum der Gelehrsamkeit war das Königreich Zypern, Ende des 12. Jahrhunderts entstanden und beherrscht von der Familie der Lusignan. Auch die Lusignan waren gezwungen, sich mit den ständigen Fehden der italienischen Seestädte und der rivalisierenden Organisationen des Templerund Johanniterordens zu arrangieren. Jerusalem besaß innerhalb der christlichen Welt eine herausragende symbolische und spirituelle Bedeutung und hatte in der abendländischen Welt eine besondere Beliebtheit als Pilgerstätte erlangt. Daher spielte diese Stadt auch als Vermittlerin zwischen Europa und Islam – in ihren freundlichen wie feindseligen Begegnungen – eine grundlegende Rolle.
Von den Ayyubiden zu den Mamluken Mit dem Tod Saladins im Jahr 1193 zerfiel das Reich, das er gegründet hatte. Seine Nachfolger entzweiten sich; damit trat im Heiligen Land erneut eine uns bereits bekannte
geographiegeschichtliche Besonderheit hervor: Erneut machten sich die Machthaber Syriens (oder Mesopotamiens) und Ägyptens die Vorherrschaft über das Heilige Land streitig. Die Sultane der Ayyubiden-Dynastie, deren Begründer Saladin war, teilten das ererbte Herrschaftsgebiet unter sich auf: Der Ayyubide von Kairo, al-Malik al-Kamil, der in vielerlei Hinsicht auch die Qualitäten Saladins geerbt hatte, erhielt Jerusalem zugesprochen. Intelligent, gemäßigt und dem einmal gegebenen Wort treu, wurde er durch eine Begegnung mit Franz von Assisi berühmt, die wohl tatsächlich stattgefunden hat, auch wenn abendländische Quellen die Begegnung legendenhaft ausgestalten (doch es gibt auch Berichte im muslimischen Raum). Aber sein Ruhm gründet auch in seinem diplomatischen Geschick. Der Sultan handelte mit Kaiser Friedrich II. einen Vertrag aus. Als Herrscher von Sizilien und Süditalien lag diesem viel an gutnachbarschaftlichen Beziehungen zu al-Malik al-Kamil; außerdem teilten beide das gleiche naturwissenschaftliche Interesse. Dieser im Jahr 1229 ausgehandelte Waffenstillstand sah praktisch den Abzug aller Truppen aus der Heiligen Stadt vor, die Rückgabe der christlichen heiligen Stätten an die Christen, aber auch die Beibehaltung der muslimischen Verwaltung des Hamm ash-Sharif. Eine ausgewogene Einigung, die 1240/41 von Richard von Cornwall, einem Bruder des englischen Königs Heinrich III. und beinahe pazifistisch zu nennenden Kreuzfahrer, erneuert wurde. Das Bemerkenswerte dieses Vertrags, der später als ein Musterbeispiel an diplomatischer Klugheit angesehen wurde, war jedoch dessen Fragilität. Das Abkommen stand und fiel nämlich mit den guten diplomatischen Beziehungen zwischen den christlichen Mächten, die im Heiligen Land politische Interessen verfolgten, und den Ayyubiden-Sultanen von Kairo. Doch waren die christlichen Mächte untereinander heillos
zerstritten. Durch den Einfall der Mongolen auf den europäischen Kontinent spitzte sich die Situation weiter zu. Daher bemühten sich einige der Fürsten um Bündnisse mit den Ayyubiden von Damaskus, wodurch das gesamte politische Gleichgewicht ins Wanken geriet. Der Herrscher von Kairo ergriff Gegenmaßnahmen und warb rund zehntausend Söldner aus dem südlichen Zentralasien an, aus Khwarizm am Unterlauf des Amu Darja im Gebiet zwischen dem heutigen Usbekistan und dem heutigen Turkmenistan. Diese stürmten im Juli 1244 Jerusalem, plünderten es, schändeten die heiligen Stätten und töteten die Bewohner. Noch unter dem Schutz Saladins (und in Einklang mit der islamischen Tradition) hatte sich in Jerusalem inzwischen eine große jüdische Gemeinde angesiedelt, mehrheitlich Flüchtlingsfamilien aus Frankreich und England. In England war inzwischen ein Regime an der Macht, das die Juden verfolgte und ihre Rechte einschränkte; wiederholt wurden sie der Hostienschändung und des rituellen Kindermords angeklagt. Zur gleichen Zeit – und aus ähnlichen Gründen – flüchteten zahlreiche Juden vor allem aus Frankreich ins islamische Spanien. Während der Kreuzzüge war Jerusalem auch das Ziel berühmter jüdischer Reisender, etwa des großen Gelehrten Maimonides oder Benjamins von Tudela. In ayyubidischer Zeit wanderte der Spanier Moshe ben Nahman, bekannt unter dem Namen Nahmanides, nach Jerusalem aus und baute dort ein jüdisches kulturelles Leben auf. Die Zerstörung Jerusalems durch die Khwarizmier im Jahr 1244 war einer der Gründe, die den französischen König Ludwig IX. bewogen, gegen das ayyubidische Ägypten einen Kreuzzug zu unternehmen – ein Gedanke, mit dem er sich schon lange getragen hatte. Ludwig wurde besiegt und gefangengenommen. Während seiner Gefangenschaft wurde er im Jahr 1249 Zeuge des Umsturzes, der die Nachfolger
Saladins vom Thron Kairos fegte. An ihre Stelle trat eine neue Dynastie, die Mamluken, ehemals Sklaven zumeist asiatisch kaukasischer Herkunft (Türken, Kurden, Tscherkessen, Tataren), die am Nil als Soldaten lebten. (Mamluk stamt aus dem Arabischen und heißt soviel wie «Sklave».) Die erste Phase der Herrschaft der Mamluken, die Jerusalem fest in ihrer Gewalt hatten, war von zahlreichen Militäraktionen gekennzeichnet. Die Mamluken machten sich die Rivalitäten zwischen den noch verbliebenen Kreuzfahrermächten zunutze, insbesondere die Reibereien zwischen den Venezianern und Pisanern auf der einen und den Genuesen auf der anderen Seite sowie zwischen den Templern und den Hospitalitern. Im Jahr 1260 besiegten die Mamluken die Koalition der Mongolen mit den Kreuzfahrern und unternahmen einen Feldzug zur Vertreibung der letzten «fränkischen» Statthalter aus Syrien und Palästina, die sich in einige Städte an der Küste und Befestigungen der Ritterorden zurückgezogen hatten. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts hatten sie ihr Ziel erreicht: Die letzte Kreuzfahrerfestung Akkon fiel im Jahr 1291. Die Mamluken begannen nun, systematisch die Infrastruktur der Häfen abzubauen. Sie drosselten die landwirtschaftliche Produktivität, was zu Entvölkerung und Verwüstung führte, zur Umleitung des Karawanenverkehrs und damit zu einer Verarmung einer einstmals blühenden Region binnen weniger Jahrzehnte. Dies war keineswegs Nachlässigkeit oder Mißwirtschaft zuzuschreiben, sondern entsprang einer bewußten politischen Entscheidung: Die Mamluken wußten sehr wohl, daß die Christen an Jerusalem ein religiöses und politisches Interesse hatten, aber sie erkannten auch, daß seit mehr als zweihundert Jahren Wirtschaft und Handel mit Religion und Politik Hand in Hand gingen – was immer neue Kreuzzugsexpeditionen rechtfertigte. Wäre erst einmal der wirtschaftliche Anreiz
zerschlagen, könnten die «Franken» daraus keinen Nutzen mehr ziehen. Als Herrscher über Ägypten waren die Mamluken zudem in der Lage, den gesamten Verkehr durch das Rote Meer und den Nil entlang bis zu seinem Delta und zu den Handelshäfen Alexandria und Damiette zu kontrollieren, und der Handel entlang des syrisch-palästinensischen Küstenstreifens war ihnen ein Dorn im Auge. War diese Region unzugänglich, käme das auch dem Handel am Nil zugute. Mit derartigen taktisch-strategischen und wirtschaftlichkommerziellen Schachzügen waren die Mamluken für den (nicht zuletzt auch demographischen) Niedergang der syrischpalästinensischen Welt verantwortlich, der bis heute andauert und dem man erst in den letzten Jahrzehnten entgegengewirkt hat. In Jerusalem erwiesen sich die zu Herrschern gewordenen Militärsklaven als eifrige Förderer des Islam; sie respektierten aber auch die Rechte der Juden und Christen und zeigten Toleranz gegenüber den Pilgern, die zwischen dem 13. und 16. Jahrhundert scharenweise ins Heilige Land reisten. Es wurde sogar eine eigene «Schiffahrtslinie» von Venedig aus eingerichtet, um die Reisenden zu befördern. Auf diese Weise floß Geld auch in die Kassen der Sultane und muslimischen Kaufleute. Die Stadtmauern Jerusalems wurden restauriert, das Gebiet des Hamm ash-Sharif restrukturiert und zahlreiche Medresen erbaut. Um sich die Kontrolle zu erleichtern, spielten die Mamluken die eroberten Gemeinschaften gegeneinander aus. Der Wahrheit halber muß man sagen, daß sie dies auf sehr gemäßigte Weise taten. So begünstigten sie beispielsweise die Christen gegenüber den Juden und waren insbesondere den Franziskanern wohlgesonnen, die von den Herrschern Neapels aus dem Haus Anjou, engen Verbündeten der Mamlukensultane, unterstützt wurden. Im Jahr 1309 erteilte
der Sultan den Minoriten offiziell die Erlaubnis, sich bei der Grabeskirche, auf dem Berg Zion und in Bethlehem niederzulassen. 1333 erwarb Robert, König von Neapel, vom Sultan das Besitzrecht an einem Ort unmittelbar außerhalb der Mauern südlich der Stadt. Diesen Ort, der traditionell mit dem Coenaculum, dem Raum des Letzten Abendmahls, gleichgesetzt wird, trat er im Jahr 1342 an die Minoriten ab. Damit etablierten sich die Franziskaner als Bewacher des Heiligen Landes (der Kustos des Franziskanerkonvents auf dem Berg Zion sollte später der Wächter des Heiligen Landes sein). Der Abendmahlssaal wurde im gotischen Stil in jener Form hergerichtet, in der man ihn heute noch bewundern kann. Doch in der Durchsetzung der rechtlichen Bestimmungen des Islam erwiesen sich die Mamlukenherrscher als rigoros. So wurde beispielsweise eine Restaurierung der Kultstätten der unterworfenen Gemeinden nicht zugelassen. Daher präsentierten sich den Pilgern und Reisenden zahlreiche christliche Kirchen in einem erbärmlichen und verwahrlosten Zustand, was im 19. Jahrhundert dem romantischen Geschmack allerdings sehr entgegenkam. In vielen Beschreibungen und bildlichen Darstellungen des 16. bis 19. Jahrhunderts findet dieser desolate Zustand des gesamten Landstrichs deutlichen Ausdruck. Im Laufe des 15. Jahrhunderts zerfiel die Mamlukenherrschaft in Ägypten, nicht zuletzt aus innenpolitischen Gründen. Eine genaue Lektüre der Tagebücher westlicher Reisender Mitte des 14. bis Anfang des 16. Jahrhunderts zeigt, daß Jerusalem zunehmend verfiel. Die Verwaltung wurde immer nachlässiger und korrupter, die Bevölkerungszahl schrumpfte, die Menschen verarmten infolge Naturkatastrophen wie Hungersnot, Pest und Erdbeben.
Man schätzt, daß die Zahl der Bewohner von 50000 Mitte des 13. Jahrhunderts auf rund 10000 zweieinhalb Jahrhunderte später sank.
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Konfrontationen und Begegnungen im 12. und 13. Jahrhundert
«Gesta Dei per Francos» Wir haben den Begriff «Kreuzzug» bisher nur zurückhaltend verwendet und es vermieden, die übliche Numerierung hinzuzusetzen. Das lateinische Wort cruciata (eine offensichtliche Rückübersetzung aus den Volkssprachen) wird erst spät gebraucht. Für die Zeit vor dem 13./14. Jahrhundert davon zu sprechen ist ein Anachronismus, der allerdings durch die Konventionen der Geschichtsschreibung gerechtfertigt ist. Die Quellentexte zum ersten Kreuzzug sprechen nämlich von cruce signati, bevorzugen aber gleichzeitig präzisere und allgemeinere Termini, beispielsweise peregrini. Weit über das 13. Jahrhundert hinaus, ja bis ins späte 18. Jahrhundert wurden solche Expeditionen zumindest diskutiert und geplant. Diese zahlreichen, jeweils durch einen Aufruf des Papstes legitimierten Expeditionen wurden unternommen, um dem Heiligen Land der Kreuzfahrer zu Hilfe zu eilen oder es zurückzuerobern. Um diese verschiedenen Unternehmungen zu unterscheiden oder um umgekehrt ihre Ziele einander anzunähern (so verschiedenartig der unmittelbare Zweck auch war), verwendeten Päpste und Kanoniker zunächst gewöhnlich Begriffe wie iter («Militärexpedition»), via Hierosolymitana oder peregrinatio («Pilgerschaft»), später auxilium und succursus (um die Dringlichkeit und den
Verteidigungscharakter des Unternehmens zu kennzeichnen) und schließlich passagium in Anspielung vor allem auf den maritimen Charakter der Reise ins Heilige Land. Aufgrund seines starken symbolischen und evokatorischen Werts avancierte insbesondere der Begriff passagium. Er hielt sich als semantisch-sentenzenhafter Ausdruck in einigen europäischen Idiomen. Das passagium konnte particulare sein, wenn das Unternehmen aufgrund der Initiative einzelner geplant war beziehungsweise von Gruppen mit beschränkten Zielen durchgeführt wurde – solange es dem eigentlichen Fernziel, der Befreiung Jerusalems, subsummiert werden konnte; es konnte aber auch generale und universale sein, wenn der Papst selbst die gesamte Christenheit dazu aufrief, einen militärischen oder finanziellen Beitrag zu leisten (durch Abgabe des Kirchenzehnten, durch Almosenspende, Zahlung einer Geldsumme für den Ablaß oder durch den Nachlaß). Mitte des 13. Jahrhunderts prägten Kirchenrechtler wie Heinrich von Susa (besser bekannt als «Kardinal von Ostia») oder Sinibaldo Fieschi den Begriff crux transmarina für die direkt auf die Rückeroberung des Heiligen Landes und die gegen die Muslime und Heiden allgemein gerichteten Unternehmungen (einschließlich der Kreuzzüge in Spanien und der Kreuzzüge gegen die Slawen und die Balten in Nordosteuropa) beziehungsweise den Begriff crux cismarina für alle Züge gegen Ketzer. Ein typisches Beispiel ist der sogenannte «Albigenser-Kreuzzug». Später, Anfang des 15. Jahrhunderts, waren es die Kreuzzüge gegen die Hussiten, gegen die politischen Gegner des Papsttums (so wie im 13. Jahrhundert gegen die Staufer und die Aragonesen oder im 14. Jahrhundert die italienischen Ghibellinen) oder gegen Kräfte, die als gesellschaftsfeindlich beziehungsweise für das Christentum gefährlich betrachtet wurden; beispielsweise die
Stedinger Marschbauern beiderseits der Unterweser, die gegen den Erzbischof von Bremen rebellierten. Im Jahr 1233 erließ Papst Gregor IX. gegen sie die Bannbulle Vox in Rama; oder die Söldnertruppen im 14. Jahrhundert. Die Kreuzzugsunternehmungen wurden im 12. Jahrhundert von den europäischen Herrschern organisiert, bis die Päpste, angefangen mit Innozenz III. die Führungsrolle für sich beanspruchten und das ausschließliche Recht forderten, zu den Kreuzzügen aufzurufen – gewährten sie doch den Kreuzfahrern den vollständigen Sündennachlaß. Damit wurden die Kreuzzüge zu einem außerordentlichen Druckmittel und zu einem rechtlichen, militärischen und finanziellen Machtinstrument des Christentums. Denn derjenige, der sein Kreuzzugsgelübde brach oder nur zögerlich erfüllte, konnte exkommuniziert werden, was praktisch den Verlust aller bürgerlichen Rechte bedeutete. Andererseits wurde auch die Zahlung einer bestimmten Geldsumme oder die Teilnahme an einer anderen Unternehmung von der Kirche als gleichwertiger Ersatz für die Kreuzzugsteilnahme anerkannt. Im Laufe der Zeit wurden in der Sprache des Kirchenrechts und der Konzilien dafür Begriffe wie causa crucis oder negotium crucis geläufig. Der Mißbrauch und die Umdeutung dieser rechtlichen Praxis sowie die Hartnäckigkeit und Anmaßung der Kreuzzugspredigten, die seit dem 13. Jahrhundert den Bettelorden oblagen, führten zu einer gewissen Ermüdung, zu Widerstand und Empörung. Diese kritischen Stimmen lehnten allerdings nicht die Kreuzzugsidee als Kampf gegen die Ungläubigen generell ab. Im Gegenteil: Sie wandten sich gegen die Praxis, zu oft das ursprüngliche und eigentliche Ziel des Kreuzzugsgedankens – die Verteidigung oder Rückeroberung des Heiligen Grabes – aus den Augen verloren und andere, der päpstlichen Kurie genehmere Ziele politischer
oder wirtschaftlicher Art an deren Stelle gesetzt zu haben. In jedem Fall kann man die Kreuzzüge nicht als Religionskriege deuten. Kein Theologe und kein Kirchenrechtler hat jemals explizit den Gedanken geäußert, letztes Ziel der Kreuzzüge sei die Bekehrung der Ungläubigen – notfalls mit dem legitimen Recht, die «Ungläubigen» zu töten. Der Kreuzzugsgedanke ist vielmehr Ausdruck eines geschlossenen und gleichzeitig äußerst vielschichtigen Systems. Er bleibt nur aus seiner inneren Dynamik heraus verständlich und beinhaltet rechtlich strenge und kohärente Regelungen, gliedert sich dabei aber in eine Vielzahl phänomenologisch unterschiedliche Einzelfälle, die sich je nach Zielsetzung, zeitlichem Kontext und historisch konkretem Anlaß voneinander unterscheiden. Es handelt sich also um ein schillerndes Phänomen, gleichsam um den weißen Wal der Christenheit. Der Kreuzzug ist gleichzeitig juristisch politisches Instrument, machtvolle Idee und unerschöpfliche Quelle für Metaphern – ein Mythos, ein endloser Gegenstand von Apologien, Verurteilungen, Polemiken und Mißverständnissen, die sich in unterschiedlichen Situationen immer wieder neu und anders instrumentalisieren lassen. In Clermont waren im November 1095 auch Spanier vertreten. Aber von Anfang an redete ihnen der Papst den Orient aus. Sie kannten die «heidnische» Bedrohung im eigenen Land. Nach der Niederlage von Zallaqa im Jahr 1086 drang die Verzweiflung des Königs von Kastilien bis nach Rom. 1089 hatte Papst Urban II. das Ablaß versprechen über die Jerusalempilger hinaus auch auf jene ausgedehnt, die beim Wiederaufbau Tarragonas mithalfen, um ein Bollwerk gegen die Sarazenen in Spanien zu errichten. Dies wurde auf dem Ersten Laterankonzil im Jahr 1123 kirchenrechtlich sanktioniert. Von der Begeisterung, mit der die Botschaft von Clermont aufgenommen wurde, wohl selbst überrascht und
zudem beunruhigt, daß so viele seiner Anhänger in den Orient aufbrachen (denn der Kampf gegen Heinrich IV. war noch in vollem Gange), bemühte sich der Papst in den folgenden drei Jahren darum, den Strom der Aufbruchwilligen durch Bullen und Gesandtschaften seines Vertrauens in Bahnen zu lenken. Er unterstützte und forderte Militärzüge und Flottenexpeditionen in die Seestädte am Tyrrhenischen Meer, bremste aber entschieden (mit welchem Erfolg, wissen wir nicht) den Aufbruch von Mönchen und Verheirateten, die durch ihre Abreise die sozialen Verhältnisse destabilisierten. Er stellte deren Schicksal dem Ermessen der Äbte und Ehepartner anheim; Älteren und Untauglichen riet er von einer Teilnahme ab. Er war sich bewußt, daß sich der iter des eigentlichen Heeres, den er unterstützte, mit den Pilgerströmen verband, die sich 1096 und 1097 den militärischen Verbänden anschlossen. Dies war keineswegs ungewöhnlich. Denn die Pilgerscharen des 11. Jahrhunderts wurden – zumindest während eines Großteils der Überfahrt – von Bewaffneten begleitet. Doch jetzt kam ein überraschendes und beunruhigendes Phänomen hinzu. Die Haufen von «Pilgern» hinterließen eine Spur der Verwüstung und des Verbrechens. Die Massaker an den jüdischen Gemeinden am Rhein und an der Donau im Jahr 1095 erhellten, daß die durch endzeitliche Erwartungen aufgewühlten Massen unberechenbar waren. Sie zeigten aber auch, daß im Zuge der sozialen Mobilität und der religiös motivierten Ängste jener schwierigen Zeit die Wallfahrt mit den unterschiedlichsten Zielsetzungen verknüpft wurde. Allen Bemühungen zum Trotz, zu den «Wurzeln» und «Ursprüngen» des Kreuzzugsgedankens vorzudringen – es waren Unwägbarkeiten, unvorhersehbare Zufälle und unentwirrbare Motive, die eine solche Euphorie ausgelöst hatten.
Die Nachrichten von dem Kreuzzugsunternehmen, die in den Jahren 1097 und 1098 von der Anatolischen Halbinsel nach Europa drangen, waren so widersprüchlich, daß der Papst erst auf dem Konzil von Bari im Oktober 1098 eine einigermaßen klare Vorstellung davon bekam, was sich an der asiatischen Küste eigentlich abspielte. Beteiligt an diesem Kreuzzug, ja einer seiner Hauptakteure war der italienische Normannenfürst Bohemund von Altavilla, der älteste Sohn Robert Guiscards und Neffe des Großgrafen Roger. Der mochte ihn nicht und mißtraute ihm und war daher froh, daß sich sein Neffe in das Abenteuer in Anatolien und Syrien stürzte. Er rührte aber keinen Finger, ihm zu helfen und dadurch seine guten Beziehungen zu den afrikanischen Potentaten aufs Spiel zu setzen. Um seine Eroberung Siziliens zu vollenden und seine Macht zu konsolidieren, brauchte er Frieden. Daher hatte er im Jahr 1087 das Angebot abgelehnt, sich an der Eroberung al-Mahdiyas zu beteiligen. Der Fall der Stadt hätte dem Großgrafen nach der Beherrschung der sizilianischen Hafenstädte auch die Kontrolle jenes Meeresarms gebracht, durch den der gesamte Schiffsverkehr vom westlichen ins östliche Mittelmeer lief. Doch Roger wußte genau, daß er eine derart bedeutende Eroberung nicht würde halten können, da er sich die Feindschaft der Almoraviden, Ziriden und Fatimiden zugezogen hätte. Entgegen dem Willen des Papstes, der auch den Sizilienfeldzug befürwortet und legitimiert hatte, zeigte Roger daher nicht die geringste Absicht, sich mit dem iter Hierosolymitanum zu kompromittieren. Ibn al-Athir, ein großer irakischer Chronist, der um die Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert lebte, berichtet, die fränkischen Fürsten hätten Roger eingeladen, sich an der Expedition zu beteiligen und seine Häfen als Basis für die Eroberung Afrikas zur Verfügung zu stellen. Doch Roger, unwillig, seine gutnachbarschaftlichen
Beziehungen zu den ziridischen Emiren aufs Spiel zu setzen, hatte seinen kriegerischen Glaubensgenossen geraten, sich lieber Syrien als Ziel zu suchen. Rund hundert Jahre nach diesen Ereignissen stellte der arabische Historiker eine ganz neue und eigenständige Atiologie des Kreuzzugs auf: Die Franken, von sizilianischen Häfen aus bereit, Afrika zu erobern, hätten sich nur durch das Drängen Rogers nach Jerusalem «umdirigieren» lassen. Im übrigen wird die politische Situation des Eroberers von Sizilien mit beachtlicher Scharfsichtigkeit dargestellt. Auf dem Konzil von Troyes im Jahr 1128 erhielt die zuvor bescheidene fraternitas von Rittern, die sich um den «Tempel Salomons» versammelt hatten, um den Pilgern zu helfen und sie zu beschützen, den Status einer militia. Damit war der Weg für die Gründung der geistlichen Ritterorden geebnet. Gleichzeitig gewährten die Päpste erneut den Ablaß, den schon Urban II. den Teilnehmern am Kreuzzug von 1095 dafür versprochen hatte, daß sie dem Kreuzfahrerstaat Syrien Beistand leisteten, in Spanien eingriffen oder pro libertate Ecclesiae gegen die Feinde des Apostolischen Stuhls in Rom kämpften. Letzteres wurde auf dem Konzil von Pisa im Jahr 113 5 sanktioniert, als in Sizilien der Kampf gegen Roger II. im Gange war. Die Causa XXIII des Decretum Gratiani, veröffentlicht um 1140, zielte darauf ab, den Krieg kirchenrechtlich zu legitimieren. Fünf, sechs Jahre später, zwischen 1145 und 1146, entstand die Enzyklika Quantum praedecessores von Eugen III. die zusammenfaßte, was die Päpste seit Alexander II. und dem Feldzug gegen Barbastro für den Kampf gegen die Ungläubigen festgelegt hatten: In zwei unterschiedlichen Fassungen wurden die rechtlichen Grundlagen der Kreuzzüge geschaffen. Mit der Enzyklika Divina dispensatione zwei Jahre später bezog sich der Papst gleichzeitig auf den Kreuzzug ins
Heilige Land, auf den Feldzug in Spanien (nachdem Alfons I. von Aragon, der «Kämpfer», von Zaragoza bis vor Malaga vorgerückt war) und den Kreuzzug gegen die Wenden. Die Militärexpedition in Syrien war ein Desaster, der Krieg gegen die Slawen ineffektiv; aber die Kreuzfahrer Spaniens, darunter auch genuesische und pisanische Seeleute, eroberten Almeria und Tortosa. Almeria allerdings fiel bald wieder (1157) in die Hände der Muslime – wie al-Andalus nach dem Zusammenbruch der Almoravidenherrschaft bereits seit einem Jahrzehnt von Anhängern der neuen, streng religiösen Bewegung der Almohaden (der al-muwahiddin, «Bekenner des einen Gottes») zurückerobert worden war, die überall im Maghreb die Macht errungen hatten. Die geistlichen Ritterorden hatten sich unterdessen nicht nur auf der Iberischen Halbinsel etabliert. Sie hatten auch – wie in Deutschland und in Livland – nationale Orden gegründet, die sich grundsätzlich an dem Vorbild der Templer orientierten. Die Templer und die Johanniter konnten sich zwar in Aragon behaupten, nicht aber in Kastilien, Leon und Portugal. 1157, als die Templer es ablehnten, die Burg von Calatrava zu bewachen, vertraute König Sancho III. von Kastilien deren Verteidigung einer fraternitas von Freiwilligen an, die später von den Zisterziensern aufgenommen wurden: Damit entstand der Ritterorden von Calatrava, dem weitere Gründungen folgten: der Ritterorden von Santiago, Alcantara und Aviz. Weitere Orden, für lokal begrenzte Zwecke gegründet, wurden später den größeren Gemeinschaften einverleibt.
Siege im Okzident, Niederlagen im Orient
Die zweite Hälfte des 12. Jahrhunderts war gekennzeichnet vom Zurückweichen der christlichen Welt gegenüber dem Islam. Auf der Iberischen Halbinsel war mit den Almohaden die Reconquista ins Stocken gekommen, in Syrien wurden seit der Herrschaft Saladins keine Kreuzzüge mehr unternommen. Die großen Kreuzzüge von 1189-1193 unter Führung Kaiser Friedrichs I. (der unterwegs starb), des französischen Königs Philipp II. August und des englischen Königs Richard Löwenherz waren gescheitert. Mit dem Mißerfolg einer Expedition, an der die wichtigsten europäischen Herrscher teilgenommen hatten, mehrten sich Stimmen, die eine strenge innere Läuterung der Christenheit forderten; erst dann könnten die Kreuzzüge zum Erfolg führen. Gleichzeitig hatte Lothar aus dem Grafengeschlecht der Segni, als Papst Innozenz III. (1198 – 1216) auf den Heiligen Stuhl gewählt, das ausdrückliche Recht der Päpste gefordert, sich an die Spitze der Kreuzzugsbewegung zu stellen, ohne für die militärische Durchführung verantwortlich zu sein. Im corpus christianorum regte sich die französische, deutsche, kastilisch-aragonesische nationale Identität, die unter der Oberfläche der «Feudalmonarchien» nach oben drängte. Beim dritten Kreuzzug war die Notwendigkeit der nationalen Differenzierung so dringlich geworden, daß die Ritter, durch ihr Gelübde und das gemeinsame Unternehmen geeint, Kreuze in verschiedenen Farben bei sich trugen (eine Neuheit, die sich schon im Kreuzzug gegen die Wenden durchgesetzt hatte): rot die Franzosen, weiß die Engländer, grün die Flamen. Die Rivalitäten, die im Jahr 1191 vor den Mauern von Akkon
zwischen Philipp von Frankreich und Richard von England ausgebrochen waren, bedeuteten das entscheidende und einleitende Kapitel für einen Jahrhunderte dauernden Kampf. Die Schwachstelle im Pontifikat Innozenz’ III. war der Ausgang des Unternehmens «Kreuzzug», das doch einen Kernpunkt seines Programms bildete. Die 1202 gestartete Expedition endete mit der Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer und die Venezianer sowie der Zerstückelung des Byzantinischen Reiches. Die Kreuzzüge im Baltikum und gegen die «Albigenser» in Südfrankreich endeten allerdings in einer Weise, die den Papst, der sie sanktioniert hatte, nicht zufriedenstellen konnte. Ausgesprochen unsicher ist unser Wissen vom «Kinderkreuzzug» des Jahres 1212, der offenbar den mediterranen Sklavenhändlern nützte. Nur in Spanien führte der Zug gegen die Almohaden zu positiven Ergebnissen. Am 16. Juli 1195 hatte der Almohadenkalif Abu Yusuf Yaqub al-Mansur den kastilischen König Alfons VII. in der großen Schlacht von Alarcos geschlagen. Seit der Niederlage von Hattin und der muslimischen Eroberung von Jerusalem waren kaum acht Jahre vergangen. Die Christenheit fühlte sich gleichsam von allen Seiten umzingelt. Bei der Wahl des Papstes Lothar von Segni spielte das Gefühl unmittelbarer Bedrohung gewiß keine unbedeutende Rolle. Der neue Papst Innozenz III. zeigte sich fest entschlossen, die Kreuzzüge wiederaufzunehmen. Die Aquitanier, die das Gelübde abgelegt hatten, am Kreuzzug ins Heilige Land teilzunehmen, erhielten die Erlaubnis, sich statt dessen einer Expedition nach Spanien anzuschließen. Die Eroberung des Kastells Salvatierra im Jahr 1210 durch die Almohaden veranlaßte den Papst, zu einem neuen Kreuzzug aufzurufen, für den er auch in Frankreich predigen ließ. Diese Expedition, an der der König Alfons von Kastilien und Peter von Aragon teilnahmen, später auch Sancho von Navarra und zahlreiche spanische, portugiesische
und südfranzösische Ritter, endete am 17. Juli 1212 mit dem großen Sieg von Las Navas de Tolosa (zwischen Kastilien und Andalusien). Aufgrund einer jener merkwürdigen geographisch chronologischen Symmetrien, wie sie in der Geschichte häufig zu beobachten sind (und nicht nur in den Beziehungen zwischen Europa und dem Islam), brachte das 13. Jahrhundert im Osten den langsamen Niedergang des einstigen lateinischen Königreichs Jerusalem – oder was davon noch übrig war. Um dieses nur noch nominell vorhandene Königreich trugen Fürstentümer, Handelskommunen und geistliche Ritterorden erbitterte Kämpfe aus. Im Westen dagegen schritt die Reconquista weiter voran. Die Hoffnungen, den Muslimen Jerusalem mit Waffengewalt zu entreißen, schwanden zusehends, zumal nach der Eroberung dieses Territoriums durch die Ungläubigen der christliche Pilgerstrom keineswegs zum Erliegen kam. Die Kreuzzüge der Jahre 1217-1221 (unter Führung des französischen Königs Ludwig IX.) und 1248-1254 richteten sich gegen die Häfen am Nil. Im April 1250 war Ludwig der Heilige von den Muslimen gefangengenommen worden, blieb nach seiner Freilassung aber noch vier Jahre in Akkon an der syrisch-palästinensischen Küste (dem Überbleibsel des Kreuzfahrerstaates). Er setzte die Befestigungsanlagen instand und versuchte zwischen den widerstreitenden Mächten zu vermitteln, die um die Oberherrschaft in diesem mittlerweile unbedeutenden Flecken Erde am Rande des Meeres kämpften. Doch man beschritt auch andere Wege. 1228-1229 hatte Friedrich II. durch einen Waffenstillstand vom ägyptischen Sultan ein zerstörtes und kaum zu verteidigendes Jerusalem erhalten. In den vierziger bis neunziger Jahren des 13. Jahrhunderts hoffte man unbeirrt auf Hilfe durch die Tataren, die einen Großteil Zentral- und Ostasiens bis hinein nach
Südrußland und Persien überrannt und erobert hatten. Doch die Zeit für eine grundlegende politische Umgestaltung des gesamten Nahen Ostens drängte: Im Jahr 1244 stürmten khwarizmische Nomaden das gemäß dem Abkommen zwischen dem deutschen Kaiser und dem ägyptischen Sultan ungeschützte Jerusalem. Sie vertrieben die rund sechstausend Christen und töteten etwa zweitausend von ihnen in einem unvorstellbaren Massaker. 1250 stürzten die Mamluken, die im Dienst der ayyubidischen Sultane standen, ihre Herren, übernahmen durch einen Staatsstreich die Macht und schworen den Kreuzfahrern Rache, die nichts lieber gesehen hätten als den Fortbestand der alten Ordnung. 1258 schließlich eroberten die Mongolen unter Hulagu Khan Bagdad und töteten den letzten Abbasidenkalifen. In wenigen Jahren hatte sich das Gleichgewicht im Gebiet des «Fruchtbaren Halbmonds» grundlegend verändert. Auf dem zweiten Konzil von Lyon im Jahr 1274 bat Papst Gregor X. der als päpstlicher Gesandter lange im Heiligen Land gelebt hatte, um eine ausführliche Erörterung der konkreten Möglichkeiten eines neuen und erfolgreichen Kreuzzugs. Es entstand eine reiche und in vielerlei Hinsicht interessante Literatur de recuperatione Terrae Sanctae mit zahlreichen Argumenten strategischer, taktischer, geographischer, logistischer, wirtschaftlicher und finanzieller Art. Manche Autoren dieser bisweilen ermüdenden Traktate waren bekannte Persönlichkeiten wie der Großmeister des Templerordens Jakob von Molay, der berühmte Hofpublizist Philipps IV. von Frankreich Pierre Dubois, der genuesische Admiral Benedetto Zaccaria und der Venezianer Marino Sanudo Torsello. Sie setzten sich mit den verschiedensten strategischen Möglichkeiten eines Kreuzzugs auseinander: der Blockade der Nilhäfen, um im Gegenzug die Mamlukensultane, die Jerusalem beherrschten, zur Herausgabe
der Heiligen Stadt zu zwingen; der Vereinigung der Ritterorden; mit Fragen der Reorganisation zur Finanzierung zukünftiger Expeditionen. Das alles hielt jedoch die ägyptischen Mamlukensultane nicht davon ab, innerhalb von wenigen Jahren die noch den «Franken» verbliebenen Festungen an der Küste des Heiligen Landes zu erobern. Die letzte, Akkon, fiel im Jahr 1291. Die von Bonifaz VIII. zum Heiligen Jahr 1300 erlassene Bulle war in ihrem Kern offenbar darauf angelegt, die Jerusalempilgerschaft samt dem damit verbundenen vollkommenen Ablaß (eine Praxis, die dennoch beibehalten wurde) zumindest teilweise durch die Rompilgerschaft zu ersetzen. An die Stelle des Besuchs des Christusgrabes sollte der Besuch des Apostelgrabes treten. In diesem denkwürdigen Jahr 1300, als die Pilgerschaft nach Rom ihren Höhepunkt erreichte, verbreitete sich zudem die (falsche) Nachricht, die Mongolen hätten von Persien aus Jerusalem erobert und schickten sich an, der Christenheit die Heilige Stadt zurückzugeben. Eine Zeitlang schenkte man in Europa diesem Gerücht Glauben. Doch entscheidend für die päpstliche Bulle war die Zerschlagung des Templerordens im Zuge der bekannten, aber in ihren Einzelheiten noch immer undurchsichtigen Ereignisse in den Jahren 1307 bis 1312. Nach dem Fall der Kreuzfahrerfestung Akkon hatte der Orden sich selbst überlebt. Im Unterschied zum Johanniterorden, der sich in Rhodos angesiedelt und sich den neuen Verhältnissen angepaßt hatte, war es den Templern nicht gelungen, eine neue Aufgabe zu finden. Die Motive einmal außer acht gelassen, die den König von Frankreich bewogen, den Orden zu verbieten und die Kurie dabei um Hilfe zu bitten, schien der Orden wie ein Relikt aus vergangener Zeit. Anders auf der Iberischen Halbinsel, wo die Templer in Aragon und in Portugal weiterhin
eine bedeutende Rolle spielten und ihre «Abschaffung» eine reine fictio iuris war. Die Verhältnisse in Spanien waren überhaupt ganz anders. Das Bestreben der Könige von Kastilien und Aragon, die Reconquista immer mehr als eine spanische Angelegenheit zu betrachten, wurde nach der Schlacht von Las Navas de Tolosa offensichtlich auch von den Päpsten unterstützt. Aber sowohl Innozenz III. wie auch Honorius III. hatten betont, daß die Militärexpedition in Spanien nicht auf Kosten des Kreuzzugs im Osten gehen dürfe. Auf der Iberischen Halbinsel schien es in der Tat voranzugehen, jenseits des Mittelmeers dagegen verschärfte sich die Lage. Auch die Kreuzfahrer, die von England, den Niederlanden und dem Rheingebiet per Schiff Richtung Syrien aufbrachen und sich vor der portugiesischen Küste sammelten, nahmen unterwegs nicht selten an Eroberungen sarazenischer Küstenplätze teil. Seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts spitzte sich die Lage für die Almohaden daher immer weiter zu. Die Waffenhilfe, die ihnen sonst aus Afrika zuteil geworden war, blieb aus, und das nützte den Kastiliern wie den Aragonesen. Der Almohadenkalif alMamun (1227-1232) war also auf indirekte «Unterstützung» des Königs von Kastilien angewiesen, um in den restlichen taifas von al-Andalus seine Macht zu erhalten. Denn sein Heer verdankte einen Teil seiner Effizienz der starken Präsenz christlicher Söldner. Mit Unterstützung der spanischen Ritterorden und dank des päpstlichen Ablaß Versprechens gelang es Jakob I. von Aragon, zwischen 1229 und 1231 Mallorca und zwischen 1232 und 1253 auch das Königreich Valencia zu erobern. Ferdinand III. von Kastilien, wie Ludwig der IX. später heiliggesprochen, gewann zwischen 1230 und 1248 nacheinander Badajoz, Jerez, Cordoba und schließlich Sevilla. Diese Erfolge brachten ihm großes Ansehen ein. Er war der einzige christliche Herrscher,
der den Islam besiegt hatte, während Muslime und Mongolen scheinbar überall sonst die Oberhand hatten. Die Tatsache, daß im Jahr 1246 der Papst den Kreuzzug erlaubte und segnete, in dessen Verlauf Sevilla erobert wurde (eine der größten Städte der damaligen Welt), obwohl Ludwig IX. zur selben Zeit mit enormem Aufwand seine große Expedition nach Ägypten und ins Heilige Land vorbereitete, belegt einmal mehr, daß sich mit der Vorstellung, die Iberische Halbinsel sei die «westliche Flanke» der Kreuzzugsfront, auch die Ansicht durchsetzte, der Spanien-Kreuzzug sei eine ausschließlich spanische Angelegenheit. Diese neue Sicht führte sogar dazu, daß der heilige Ferdinand seinen Kreuzzug mit den tercias reales finanzieren konnte, also einem Drittel des von der kastilischen Kirche eingesammelten Zehnten. Um die Mitte des Jahrhunderts war auch Portugal von den Muslimen befreit, und damit schien ein neuer Machtausgleich erreicht. Marokko wurde inzwischen von der neuen Dynastie der Meriniden beherrscht, die im Jahr 1269 Marrakesch erobert hatten. Der Merinidensultan Abu Yusuf hatte noch einmal die Garnisonen des verbliebenen al-Andalus verstärkt. Auf kastilischer Seite dagegen erwog man sogar einen Kreuzzug zur Eroberung des Maghreb. Doch Alfons X. (1252-1284), der seinem Vater Ferdinand als König von Kastilien nachfolgte, sicherte lieber seine Eroberungen auf dem Festland, vertrieb die Muslime aus dem Gebiet um Murcia und beließ ihnen vorerst noch die letzte große Stadt von al-Andalus, Granada. Die andalusische Küste zwischen dem christlichen und dem muslimischen Spanien war ein schwer zu kontrollierendes Gebiet. Zwischen 1271 und 1273 unterwarfen sich mehrere christliche Adelige lieber dem maghrebinischen Sultan als Vasallen, als sich Alfons X. zu beugen. Im übrigen waren die Nasridenemire dem Merinidensultan alles andere als gefügig, auch wenn der sich gegenüber den Christen als deren einzige
Hoffnung ausgab. Im Jahr 1279 unterzeichnete der Emir Abdallah Muhammad II. mit der Republik Genua einen Handelsvertrag, der die Gründung einer ligurischen Kolonie in Granada vorsah. Das bewies nicht zuletzt die Anpassungsfähigkeit eines Emirats, das entschlossen war, in der internationalen Politik eine selbständige Rolle zu spielen. Da nun al-Andalus ringsum von kastilischem Herrschaftsgebiet eingeschlossen war, fühlten sich die Aragonesen ihrerseits befreit vom Druck eines spanischen Kreuzzugs; er betraf sie jetzt auch weniger. Ihr altes Streben nach engen Kontakten zu Südfrankreich und zum westlichen Mittelmeer führte dazu, daß sie sich nach anderen Perspektiven im Kampf gegen den Islam umsahen. In dieser Absicht beteiligte sich Jakob I. von Aragon direkt an der Vorbereitung des zweiten Kreuzzugs Ludwigs des Heiligen. Am 1. September 1269 stach der König von Barcelona aus in See, aber ein Sturm zwang ihn zur Rückkehr. Im Dezember landete ein kleines Kontingent aus Aragon in Akkon, mußte aber wenig später unverrichteter Dinge zurückkehren. Auch die Engländer hatten dem König von Frankreich ihre Unterstützung zugesichert, doch der Aufbruch ihres Truppenkontingents verzögerte sich. Am 2. Juli 1270 lichtete Ludwig die Anker – aus bis heute unerforschten Gründen entschlossen, zunächst in Tunis zu landen, bevor er seine Reise ins Heilige Land fortsetzte. Er starb, vielleicht an Typhus, am 25. August 1270 an der tunesischen Küste unweit der Ruinen der antiken Stadt Karthago. Sein Bruder Karl, der am selben Tag im Kreuzfahrerlager eintraf, befahl den Abbruch der Expedition. Kurz zuvor war auch Eduard, Sohn König Heinrichs III. von England, eingetroffen. Anfangs bereit, nach Sizilien zurückzufahren, brach er im April 1271 erneut ins Heilige Land auf und landete Anfang Mai in Akkon. Er blieb knapp ein Jahr dort, um dann entmutigt und krank im
September 1272 zurückzukehren. Eduard war der letzte berühmte Herrscher, der eine Kreuzfahrerexpedition an die Küste des östlichen Mittelmeers führte. Von da ab wurden – trotz intensiver Bemühungen der Päpste Gregor X. und Nikolaus IV – die Reste des Kreuzfahrerstaats ihrem Schicksal überlassen, das im Jahr 1291 endgültig besiegelt war.
«Amors de terra londhana» Anfang des 12. Jahrhunderts stimmte der Geistliche Fulcher von Chartres, ein Augenzeuge des ersten Kreuzzugs, einen leidenschaftlichen Hymnus auf die Lebensfreude an, die die neuen Eroberer nach den entbehrungsreichen europäischen Verhältnissen in Palästina genießen durften. Fast scheint es, als habe er gleichsam nachträglich die genossenen Freuden zum Ausdruck bringen und es jenen pieds noirs aller Zeiten nachempfinden wollen, die fern der Heimat, jenseits der Berge und Meere Glück und Reichtum fanden. Bei Fulcher finden wir auch – beiläufig hingeworfen – die schicksalhaften Begriffe «Orient» und «Okzident». Und wir entdecken bei ihm einen Orient, den man im Geist zwar liebt und erträumt, aber nicht wirklich in Besitz nehmen will. Was haben die Kreuzzüge Europa gebracht? Die Lepra, meinte Monsieur de Voltaire. Was war die süßeste Frucht der Kreuzzüge? Die Aprikose, meinte Jacques Le Goff. Doch einmal abgesehen von den mots d’ésprits enthalten beide Antworten einen wahren Kern. Jedenfalls begreifen sie die Kreuzzüge als politisch-militärisches (und auch «koloniales») Unternehmen isoliert vom historischen Gefüge aus wirtschaftlichen und kulturellen Annäherungen zwischen Europa und Islam, in das sie eingebettet sind. Sie bewerten das rein Militärische getrennt vom Kontext der Wiederaufnahme,
nein, des Beginns enger Beziehungen, die den wirtschaftlichen, finanziellen, technologischen, wissenschaftlichen und geistigen Fortschritt des 13. Jahrhunderts – einer höchst prosperierenden und aufgeklärten Epoche innerhalb der gesamten mediterranen Geschichte Europas – überhaupt erst ermöglichten. Die Kreuzzüge bildeten zwar den militärischen Aspekt dieses Gefüges aus Ursachen und Ereignissen. Aber – wie sich am Beispiel der Wallfahrt zeigt – sie dürfen nicht losgelöst von den sozialen und religiösen Umständen betrachtet werden. Zu den positiven Folgen dieser Entwicklung zählt die schrittweise Entdeckung des «Anderen» durch die abendländischen Christen. Gilt dies auch umgekehrt? Schicken wir voraus, daß Christentum und Islam keinesfalls gleichviel voneinander wußten. Schon der Prophet hatte Kontakte zu christlichen Eremiten gehabt, und die ersten Muslime waren – einmal abgesehen von den Beduinenstämmen, die aus dem heidnischen Synkretismus hervorgingen – großteils christliche Konvertiten. Die vielen altehrwürdigen und blühenden christlichen Kirchen im Osten waren den Muslimen gut bekannt. Und die Christen ihrerseits stellten sich schon früh auf das neue religiöse Phänomen ein. Das änderte sich mit der Entstehung von Hierarchien, mit dem Mönchtum und den griechischen Kirchenlehrern, die indirekt, vor allem über Syrien, erstmals vom Islam Kenntnis erhielten. Jahrzehntelang unterschätzten sie diese neue Religion und betrachteten sie als eine bizarre, eher uninteressante Form der Barbarei. Auch die Muslime, die die rumi kannten oder zumindest viel von ihnen gehört hatten, brachten nicht viel Interesse für die weitentfernten und unkultivierten farandschi auf, mit denen nur die Araber und Berber, die Spanien erobert hatten, in den ersten zwanzig Jahren des 8. Jahrhunderts
Kontakt hatten. Die Tatsache allerdings, daß die farandschi Christen waren, besagte für die Muslime an sich schon viel. Die Europäer im Westen dagegen hatten keine klaren und genauen Anhaltspunkte, die ihnen das Verständnis von Wesen und Denkweise der Eroberer erleichtert hätten. In der lateinisch-antiken Tradition waren die Araber molles, das heißt verweichlicht und korrupt; ihr Land war Arabia felix, das geheimnisvolle Land der Gewürze, der Ort des Mythos von Phönix und der biblischen Geschichte der Königin von Saba. Ein paar Jahrzehnte später änderte sich das teilweise: Die Raubzüge der Sarazenen an den europäischen Küsten und im westlichen Mittelmeer waren mit Sicherheit nicht der ideale Weg, einander kennenzulernen. Dennoch wurden auch bei dieser Gelegenheit Kenntnisse und Informationen erlangt. Der Austausch von Gesandtschaften zwischen Karl dem Großen und den watis von Spanien oder dem Kalifen von Bagdad, der Brief Berthas von Toskana an den Kalifen und selbst die zwielichtigen Beziehungen zwischen sarazenischen Korsaren und Hugo von Provenza sind ausgesprochene Höhepunkte im kulturellen Austausch vor dem Hintergrund einer allgemeinen Unwissenheit, die, wenn auch in unterschiedlicher Gewichtung, durchaus auf Gegenseitigkeit beruhte. Bedeutsam ist beispielsweise 1076 der Austausch von Gesandten zwischen Papst Gregor VII. und dem hamdanidischen Emir an-Nasr, dem Sire von Bujjah, mit Informationen über die christliche Gemeinde in Bujjah. Mit den Worten des Papstes gesprochen, ist man sich deutlich bewußt, daß «… beide, wenn auch in unterschiedlicher Weise, an einen einzigen Gott glauben und ihn jeden Tag lobpreisen und als den Schöpfer und Herrn der Welt anbeten» (Gregorii PP. VII, Registrum, I. III, ep. CL, hg. von E. Caspar, M. G. H. Epistolae selectae, S. 287f.).
All dies berücksichtigt, bleibt man zunächst irritiert über jene Texte, die während oder nach dem ersten Kreuzzug Auskunft über die Muslime geben: Gemeint sind weniger die Chroniken, die diesbezüglich von geringem Aussagewert sind, als vielmehr die Epen. Diese wurden, wohlgemerkt, in einem vorwiegend oder ausschließlich weltlichen Umfeld niedergeschrieben oder gesammelt, und ihre propagandistische Botschaft richtete sich an ein weltliches Publikum von illitterati. Die Kenntnisse, die man in Westeuropa im 11. Jahrhundert über den Islam besaß, waren dürftig, verworren und lückenhaft. Und sie wurden je nach Publikum und Zielsetzung auch noch in unterschiedlicher Weise vermittelt. War innerhalb der gebildeten Geistlichkeit der monotheistische Grundzug der Religion der Sarazenen und deren Verwurzelung im Alten Testament bekannt, so konnte man außerhalb dieser Kreise kaum mit einem solchen Vorwissen rechnen – es sei denn, es gab direkte Kontakte und Erfahrungen, die jedoch äußerst selten waren. In der ältesten epischen Dichtung ist «heidnisch» ein Sammeladjektiv für die Glaubensrichtung derjenigen, die – je nach Zusammenhang und in zahllosen Varianten – Sarazenen, Araber, Mauren, Berber, Türken, Perser, «Azopard» (Äthiopier) genannt oder mit anderen Phantasienamen bezeichnet werden. Die Namen der «heidnischen» Helden weisen gewöhnlich eine Verwandtschaft mit der Welt der Magie und der Dämonen auf: Loquifer, Agrapart, Noiron, Orgueilleux. In den seltensten Fällen besitzen diese Helden unverzerrt menschliche Eigenschaften; es überwiegen phantastische und unmenschliche Charakterisierungen. Oft ist der Heide ein Riese, der an die klassisch-lateinische antike Tradition erinnert, aber auch an Goliath, dessen Riesenhaftigkeit gewöhnlich diabolische Züge trägt. Wenn sie keine Giganten sind, haben die Sarazenen ein monströses, ja
teuflisches Aussehen: Sie sind schwarz, gehörnt, blecken die Zähne (Eigenschaften, die lange auch in bildhaften Darstellungen erhalten bleiben). Auffallend ist die schwarze Hautfarbe der «Heiden». Das mag von den Erfahrungen mit Afrikanern herrühren, die man – als Sklaven oder Soldaten – besonders in Ägypten und in Spanien kennengelernt hat. Erst relativ spät treten zu der dunklen Hautfarbe auch die negroiden Gesichtszüge hinzu (lockiges Haar, wulstige Lippen, flache Nase): Die «Hagarener» sind ebenso schwarz wie die Jemeniten, die Nubier und die Saharabewohner. Doch die schwarze Hautfarbe symbolisiert hier vor allem das Diabolische, und dies geht auf die apologetische und patristische Tradition zurück, jedweden Dämon als Ägypter oder Äthiopier darzustellen. Innerhalb dieser rasch etablierten Vorstellungswelt wurde der Name Maurus nicht nur für die Bewohner Mauretaniens benutzt, sondern diente als Bezeichnung für eine paraethnische Gruppe (die «Mauren», los moros; die «Mohren») und sogar (mit geringen Abweichungen in den neulateinischen Sprachen und im Deutschen) als Synonym für dunkle Haut und dunkle Haare allgemein. Auch die Requisiten, mit denen die christliche Phantasie die Muslime schmückt, sind furchterregend und magisch diabolisch: Die Köpfe der Mauren etwa werden von Schlangen, Drachen und Skorpionen gekrönt. Gelegentlich erscheinen die Heiden auch als Amazonen (beispielsweise auch noch bei Ariost und Tasso) und als sagittarii, Kentauren. Im Rolandslied kommen dem Emir Riesen zu Hilfe. Im Coronemenz Loois, einem zwischen dem ersten und dem zweiten Kreuzzug datierbaren Heldenepos, muß der christliche Held Wilhelm gegen den Emir Corsolt kämpfen, einen Riesen, dessen Reich jenseits des Roten Meeres liegt. Freund und «Waffenbruder» Wilhelms ist der Riese Renoard, der selbstverständlich gut und christlich ist;
aber er ist der Sohn des Sarazenenkönigs Derame, was seine körperlichen Dimensionen erklärt. Daß der Sarazene als ein Adept des Teufels galt, belegen die außerordentlichen Wesen, die ihn in den Tod begleiten: Die Dämonen eilen herbei, um seine Seele zu rauben, wenn er ins Kampfgetümmel gerät. Die Waffen der Christen sind durch die Kraft der Reliquien und des Segens geschützt, die Sarazenen dagegen verdanken ihre Macht Zauberkünsten, Edelsteinen und Kräutern, die geheimnisvolle Kräfte besitzen. Der Islam der epischen Dichtung (und damit der Propaganda) ist böser Irrglaube. Das deckte sich, wie wir noch sehen werden, zuweilen mit dem Kenntnisstand der Gelehrten. Das angedichtete Ausmaß von Aberglauben und Grausamkeit jedoch findet keine Entsprechung in den apologetischen und polemischen Schriften der Gelehrten. Die «Heiden» der epischen Dichtung sind sämtlich Polytheisten und Götzenverehrer. Die Dichtung muß also relativ vage Informationen ergänzt und phantasievoll ausgeschmückt haben. Die Sarazenen der Dichtung beten Ungeheuer als Götzen an, in der Chronik des Pseudo-Turpin zum Beispiel den goldenen Koloß von Cadiz. Sie bekennen sich zum Kult «Mahomets», ihres Gottes, der mit den antiken heidnischen, mit Phantasienamen belegten Gottheiten eine blasphemische «Anti-Trinität» bildet. Die «heidnische» Ethik wurde als das Gegenteil der christlichen Ethik dargestellt, insbesondere, was die fleischlichen Genüsse betraf. Die Sarazenen würden zu jeder Art widernatürlicher Ausschweifung angehalten, da ihr Religionsgründer selbst verabscheuungswürdige Gewohnheiten gepflegt hätte. Um der Schande zu entgehen, habe er seine Laster rechtlich verankert. Anfang des 13. Jahrhunderts stellte Jakob von Vitry die Behauptung auf, die gebildeteren und klügeren Sarazenen, die gute Kenntnisse der
antiken und der christlichen Schriften besaßen, würden zum christlichen Glauben übertreten, wären sie nicht durch die von Muhammad gewollte sexuelle Freizügigkeit an den Islam gebunden. Ähnliche Ansichten vertrat Thomas von Aquin, demzufolge der Prophet die Menschen mit dem Versprechen fleischlicher Lüste verlockt und ihnen per Gesetz alle Arten der Ausschweifung erlaubt hätte. Man darf diese märchenhaft ausgeschmückten, bisweilen komischen und grotesken Inhalte aber keinesfalls als völlig willkürliche Vorstellungen interpretieren. Manche dieser törichten Bizarrerien haben eine durch Autoritäten beglaubigte Basis, entspringen zumindest einer dunklen Ahnung oder einem tief verankerten kollektiven Gedächtnis. Die Vorstellung eines angeblich von den Muslimen praktizierten Teufelskults etwa ließe sich aus der Bedeutungsverschiebung bestimmter Begriffe und Vorstellungen erklären. Als vor dem Auftauchen des Islam die sarraceni noch Beduinen und Wüstenbewohner waren, schrieb der heilige Hieronymus, der sie gut kannte, in der Vita Hilarionis Heremitae, sie hätten sich dem «Luziferkult» verschrieben: Im 4. und 5. Jahrhundert war damit nichts anderes gemeint als der Venuskult. Daß der Sternenkult in Arabien weit verbreitet war, ist allgemein bekannt. Die Göttin Allat beispielsweise wurde mit dem Planeten Venus gleichgesetzt. Andererseits stellte Hieronymus ganz bewußt den Zusammenhang her zwischen dem leuchtenden Morgenstern, also Luzifer, von dem in den Schriften des Propheten Jesaja die Rede ist, und dem Fürsten der rebellischen Engel in der Offenbarung. Im Licht dieser Überlegungen erscheint es weniger merkwürdig, daß nach Niketas von Byzanz Muhammad den Sarazenen die Verehrung eines Götzenbildes anempfohlen hat, das an den Venusstern erinnert, aber auch eine der vielen im Gebiet des Fruchtbaren
Halbmonds und in Arabia felix vor der Christianisierung bekannten und verehrten Muttergöttinnen sein könnte. Als synkretistischer, mit parabiblischer Tradition verbundener Kult hatte sich diese Verehrung der Muttergottheit bei den Nomaden bewahrt. Auch das dämonenhafte, monströse Aussehen der Sarazenen, der heldenhafte und fromme Tod der Paladine und die Tatsache, daß der Held der Dichtung im Kampf gegen dämonische Wesen fällt, verlieh dem Krieg gegen die Heiden einen apokalyptischen Charakter. Derartige Auseinandersetzungen nahmen die entscheidende Schlacht zwischen den Mächten des Lichts und den Heeren der Finsternis vorweg. Das zeigen auch die Legenden von göttlichem Beistand oder der Hilfe von Engeln in den Kriegen in Spanien, Sizilien und Syrien. Der Kampf des heldenhaften Kriegers gegen den Ungläubigen war der Kampf mit den arma lucis, den Waffen des Lichts, von denen der heilige Paulus spricht, der Konflikt, den jeder Gläubige gegen das Böse und die Sünde in sich selbst auszufechten hat. Im 4. Jahrhundert wurde diese pugna spiritualis von dem christlichen Dichter Prudentius allegorisch personifiziert. In seinem Epos Psychomachia beschrieb er in einer Darstellungsweise, die an die Ilias, die Aeneis und Thebais von Statius erinnert, den Kampf zwischen heidnischen Lastern und christlichen Tugenden. Dieses Epos wurden nicht nur für die Literatur, sondern auch für die Bildhauerkunst und Malerei des Mittelalters grundlegend. Es bildete ein Fundament der mittelalterlichen Ritterethik und jener Mentalität, die auch die Kreuzzugsbewegung inspiriert hat. Anfang der vierziger Jahre des 12. Jahrhunderts, unmittelbar nach dem Konzil von Troyes, das den Templerorden innerhalb der Kirche legitimiert hatte, verfaßte Bernhard von Clairvaux den an die Templer gerichteten kurzen Traktat De lande novae
militiae. Darin stellt der Zisterzienserabt zunächst das «neue Rittertum» der Templer dem weltlichen Rittertum gegenüber (wobei eine Verurteilung des ritterlichen Lebensstils durchaus anklang), erläuterte die Aufgaben der novi milites und sodann die spirituelle und allegorische Bedeutung der heiligen Stätten der Christenheit. Heikel war die Frage der Legitimität, den Gegner auch dann töten zu dürfen, wenn das bellum iustum rechtlich nicht in ausreichendem Maß abgesichert war. Es ging nicht darum, einen Krieg zu legitimieren, sondern darum, ob und wie man eine Auseinandersetzung im Geist der «Heiligkeit» führen konnte. Nicht ohne eine gewisse Verlegenheit führt Bernhard in diesem Zusammenhang den Begriff der «Tötung des Bösen» ein. Die Zerschlagung des Feindes ist dann eine notwendige Pflicht, wenn dieser objektiv das Böse und die Sünde bringt, gegen die man sich nur dadurch zur Wehr setzen kann, daß man deren Überbringer vernichtet. Eine gewagte These, die nur in einer Ausnahmesituation gerechtfertigt werden konnte, wie sie die Verteidigung des Heiligen Landes und die Gründung der geistlichen Ritterorden darstellte. Sie wäre aber trotz der theologischen Argumentation unhaltbar gewesen, hätte sie sich nicht auf das Modell der pugna spiritualis berufen. Ähnliche oder analoge Motive finden sich in der dem Thema der Kreuzzüge gewidmeten gesamten epischen Dichtung: in den wenigen zwischen dem 13. und Anfang des 14. Jahrhunderts entstandenen Heldenepen, die die öffentliche Meinung in Europa beeinflußten und den Mythos prägten, der zumindest teilweise mit Gottfried von Bouillon verknüpft ist. Die historischen Grundlagen dieses Zyklus sind dünn und diskontinuierlich, doch muß er im Zusammenhang der Kreuzzugspropaganda der Zeit gesehen werden, in dem die jeweilige chanson verfaßt wurde. Ausdruck der Propaganda, in geringerem Maße aber auch der Begeisterung, der
Desillusionierung und der persönlichen Enttäuschung sind die vielen Kreuzzugsgedichte, die in Frankreich, Spanien, Deutschland, Italien und seltener auch anderswo im 12. Jahrhundert entstanden sind. Sie dienten der Verbreitung des Kreuzzugsgedankens, den Innozenz III. mit viel Energie formuliert hatte und der ab dem 13. Jahrhundert insbesondere von franziskanischen und dominikanischen Predigern aufgegriffen und erneuert wurde. Die inquisitorische Überwachung, der steuerliche Druck und die volkstümliche Predigt waren ab dem 13. Jahrhundert die Waffen der Päpste, die sich des Kreuzzugsgedankens bedienten, um ihren Primat auch im weltlichen Bereich durchzusetzen, die politischen Entscheidungen der weltlichen Herrscher zu steuern, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und die Ketzerbewegungen zu kontrollieren. Dieser komplexe iter beschränkte sich nicht auf Literatur oder Traktate, sondern griff zum Teil auch auf die Chroniken (beispielsweise auf die Kreuzzugschroniken) und die Hagiographie über. Das Scheitern der Kreuzzüge im Heiligen Land und die immer häufigeren Gelegenheiten zum Austausch und zur Annäherung zwischen Christen und Muslimen veränderte allmählich auch die Dämonisierung der Muslime durch die Christen. Jetzt kamen Wertschätzung und Sympathie hinzu. Bereits seit den Heldenepen und den Chroniken des ersten Kreuzzugs wurde immer wieder der Mut und manchmal auch die Aufrichtigkeit der Muslime betont und der Ängstlichkeit und Unlauterkeit der Christen gegenübergestellt. Der anonyme normannische Ritter im Gefolge des Fürsten von Tarent während des ersten Kreuzzugs, der die Gesta Francorum verfaßte, beschreibt anfangs die kämpferischen Qualitäten der Türken und kommt dann auf die Legende zu sprechen, derzufolge Türken und Franken gemeinsam Nachkommen der
Trojaner seien und damit natürliche Gegner der feigen und unaufrichtigen Griechen. Dies ist die erste Nennung eines literarischen Topos, mit dem später die Abneigung gegen das Byzantinische Reich gerechtfertigt wurde – ein Topos, der vom Mittelalter bis zur Neuzeit immer wieder Verwendung fand. Wenn die Türken sich zum Christentum bekehrten, schlußfolgert der anonyme Verfasser, wären sie allen anderen Völkern überlegen. Der Ludus de Antichristo, ein lateinisches Werk aus einem klösterlichen Umfeld in Bayern, das in die fünfziger und sechz