Zyklus der Nebelreiche
Band 1
Roman-Reihe von
Renate Steinbach Otto-Stabel-Str.2 67059 Ludwigshafen Alle Rechte vorbe...
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Zyklus der Nebelreiche
Band 1
Roman-Reihe von
Renate Steinbach Otto-Stabel-Str.2 67059 Ludwigshafen Alle Rechte vorbehalten © 1986 - 1997
S
chweißgebadet erwachte Cynesta durch den Ruf desMorgenvogels, dessen fröhlicher Laut die Priester und Priesterinnen im Tempel des Friedens zum Tagwerk rief. "Ich werde Zyrenis berichten müssen," murmelte das Mädchen, das ob seiner Träume Schuldgefühle empfand. Aber würde Zyrenis, ihre persönliche Leiterin auf dem Pfad zum Priestertum, denn verstehen? Sie blickte immer so ernst, duldete an sich selbst keinen Regelverstoß, erschien Cynesta in allem so vollkommen. Und wie konnte sie auch Verständnis erwarten? Als Priesterin im dritten Grad durfte sie doch keinen Groll mehr hegen wegen längst vergangener Dinge. In Gedanken versunken trat Cynesta zu dem kleinen Fenster, schaute blickleer hinab zu den Tempelgärten, wo die dünnen Nebelschleier des frühen Tages die Blüten befeuchteten. Ihr schien, als sei sie wieder das zehnjährige Mädchen, das vom eigenen Vater an die Tempel verkauft wurde. Sie erinnerte sich wohl an die Tränen der Mutter und den Kummer des Vaters, als man sie den fremden Priestern übergab. Ihr eigenes Flehen beachtete niemand. Das Geräusch rasch nahender Pferde rief die Priesterin in die Wirklichkeit zurück. Drei Reiter zügelten ihre Tiere am Portal. "Schwarztempler," entfuhr es Cynesta. Viel wußte sie nicht vom Schwarzen Tempel, doch galt er als verrufener Ort. Einst ein Tempel des Lichts, der den Vorzug besaß, die reifsten der Menschengeister des Nordreiches zu erziehen und zu den Priesterweihen zu führen, war
er nun seit über dreissig Jahren als wirksamer Tempel nicht mehr anerkannt. Offiziell wurden dort keine Priester mehr ausgebildet, wenngleich der alte Stamm der Götterdiener dort noch leben sollte. Cynesta vergaß ihren Traum. Das Kommen der Schwarztempler erschien ihr wie eine persönliche Bedrohung. Eine fremde, unergründliche Furcht befiel sie. Wie unter einem Hieb zuckte das Mädchen zusammen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte. Sie fuhr herum und starrte geradewegs in die undurchschaubaren dunklen Augen ihrer Leiterin. "Verzeiht mir, Zyrenis," murmelte Cynesta schuldbewußt, "ich war unaufmerksam." "Wie gewöhnlich," erwiderte die ältliche Frau, "kleide dich an, Tochter." Cynesta wollte sofort gehorchen, doch als sie nach ihrer braunen Tunika griff, schüttelte Zyrenis nachdrücklich den Kopf. "Gäste sind angekommen," erklärte sie, "die dich zu sehen wünschen." "Die Schwarztempler?" erkundigte sich Cynesta angstvoll. Sollte ihr Gefühl des Unbehagens doch nicht grundlos sein? "Ich habe mit dem Schwarzen Tempel nichts zu schaffen. Weiß die Falla davon?" "Die Falla`s wissen beide Bescheid," antwortete die Leiterin mit emotionsloser Stimme, "das muß dir genügen. Wähle deine besten Festtagsgewänder und eile dich." Hilflos schwankte Cynesta zwischen anerzogenem Gehorsam und seelischem Aufruhr. Vom Schwarzen Tempel konnte nichts Gutes kommen! Ihre Furcht wuchs. Ein leises
Zittern befiel sie, Tränen der Ohnmacht suchten ihren Weg. Da legte Zyrenis ihr beide Hände auf die Schultern, sah sie, wie immer, sehr ernst an und sagte leise, doch zugleich auch beruhigend: "Fürchte dich nicht, Tochter, du bist Priesterin, nicht Sklavin. Gegen deinen Willen kann nichts geschehen. Doch ist es deine Pflicht, die Gäste anzuhören. Deinetwillen unternahmen sie eine weite und beschwerliche Reise. Erinnere dich der Kraft deines Geistes und bezwinge deine Furcht. Auch sie sind Priester, auch sie dienen den Göttern." Cynesta zitterte noch immer. "Ich lasse dich allein," entschied Zyrenis da, "erwirb deine Ruhe, kleide dich festlich und komme dann in die Säulenhalle der Kraft."
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it sich allein ließ sich Cynesta auf dem Boden ihrer Kammer nieder, verschränkte die Beine und kreuzte die Arme. Sie zwang sich, ruhig, langsam und bewußt zu Atmen und mit dem gesteuerten Atem zwang sie ihrem Körper Gelassenheit auf. Und die Gedanken, die tausend Befürchtungen malen wollten, konzentrierte sie auf einen Punkt. Amarra! Auf dieser kleinen Insel im Osten stand der Tempel des Priesterkönigs; dort herrschte der Than als oberster aller Priester und zugleich als Souverän der Könige aller sieben Reiche. Seltsam beruhigt fühlte sich die junge Priesterin beim Gedanken an Amarra. Es konnte ihr nichts geschehen. Welche Pläne immer die Schwarztempler hegen mochten, sie war ihnen nicht untertan. Wenn auch die Falla vom Tempel des Friedens sie dem Schwarzen Tempel ausliefern wollten, sie hatte die Macht, sich zu wehren. Als Priesterin des dritten Grades lag es in ihrem Bereich, Amarra selbst um Hilfe zu bitten. Das mochte man ihr, wenn es schlimm kam, vielleicht verwehren wollen. Doch wer konnte den telepathischen Hilferuf aufhalten; verhin-
dern, daß er Amarra erreichte? Nein, was immer die Schwarztempler begehrten, sie konnte es ihnen verweigern. Cynesta kleidete sich in die hellgrüne Tunika und legte den bestickten Schulterkragen um. Die Schwarztempler sollten ihren Grad sofort erkennen. Intensiv bürstete sie das hüftlange, gelockte Haar, dessen helles Braun fast schon an sehr dunkles Gold erinnerte. Sie empfand Stolz auf ihr feines, doch fülliges Haar und wieder einmal wünschte sie, das Recht zu haben, es offen zu tragen. Doch dieses Recht blieb den Priestern der oberen Grade und den Herrschern vorbehalten. So flocht sie eben Zöpfe und legte sie als Haarkranz um ihr Haupt. Schmuck besaß sie keinen, doch im Bewußtsein ihrer gleichmäßigen Züge und ihres wohlgeformten Leibes konnte sie darauf leichten Herzens verzichten.
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uhigen Gemütes betrat Cynesta die lichte Halle der Kraft. Entfernt sah sie die Schwarztempler ins Gespräch vertieft und ehe sie sich ihnen nahte, registrierte sie sehr genau die äußeren Zeichen. Zyrenis stand etwas abseits, woraus Cynesta schloß, daß diese Männer ihr überlegen waren. Eine für das Mädchen erstaunliche Tatsache, zeigte die Leiterin doch kaum den Falla des Tempels gegenüber größeren Respekt. Die Templer trugen die ihnen eigene schwarze Tunika, darüber lange, schwarze Capes. Zwei von ihnen hatten das lange Haar zum Zopf geflochten; der Dritte trug es offen. Auf ihn konzentrierte sich Cynesta, als sie sich langsam den Männern nahte und die vorgeschriebene Verbeugung vor Ranghöheren ausführte. Der Schwarztempler mit dem offenen Haar erfaßte rasch ihre Oberarme, richtete sie auf. Ein sanftes Lächeln spielte um seine schmalen Lippen, Freundlichkeit strahlte aus seinen braunen Augen. "Ich bin Kilmanaos," stellte er sich ruhig vor, während er seine Hände von ihr nahm, "Diener des Schwarzen Tempels und gekommen, mit dir zu sprechen. Fürchtest du dich,
Cynesta?" "Ich bin Dienerin im Tempel des Friedens," erwiderte sie mit erstaunlich ruhiger Stimme, "ich fürchte weder euch, Falla, noch einen andern Sterblichen." Sie hoffte, indem sie ihm die ehrenwerte Anrede gab, die sonst nur den obersten Führern der Tempel zustand, der Schärfe ihrer Aussage den Stachel zu nehmen. Der Schwarztempler reagierte mit einem leisen Lachen. "Mögen die Götter dir diese Kraft erhalten," sagte er dann aber sehr ernst, "mögen sie sie mehren und stärken." "Werde ich sie brauchen?" Cynesta wunderte sich über ihre eigene Ruhe und hoffte sehnlichst, sie würde für die Dauer des Gespräches nicht von ihr weichen. Statt einer Antwort ergriff Kilmanaos ihre Hand und führte sie wie ein kleines Mädchen zu den Steinbänken an den Wänden. Er setzte sich; forderte sie mit einer Handbewegung auf, es ihm gleich zu tun. "Was weißt du vom Schwarzen Tempel?" erkundigte er sich. "Genug, um dort nicht dienen zu wollen." Wieder ertönte sein leises Lachen, halb belustigt, halb spöttisch. "Wenn ein Tempel des Lichts seine Klarheit verliert und zum dunklen Tempel wird," fuhr Cynesta ärgerlich fort, "wenn dies geschieht, was nie zuvor geschah, dann wäre es besser, einen solchen Tempel einzureißen." "Nun," erwiderte Kilmanaos ruhig, "diese Ansicht vertrat der einstige König des Nordens auch."
"Er hätte seine durchsetzen sollen."
Macht
benutzen
und seinen Willen
"Gegen die Intervention Amarras?" Cynesta ärgerte sich über den herablassenden Tonfall des Priesters. Er schien sie nicht ernst zu nehmen, ein kleines Kind in ihr zu sehen, keine Priesterin des dritten Grades. "Erstaunlich," entfuhr es ihr, "daß unser Than in Amarra gegen den Neubau eines anderen Tempel des Lichts nicht Einspruch erhob. Ein vergessener Tempel wäre besser zerstört." "Das Ziel Amarras ist Frieden," antwortete Kilmanaos mit einem Mal sehr ernst, "und damals war der Frieden in Gefahr. Der Nordkönig hätte jede weitere Einmischung zum Anlaß genommen, seine Armee gegen Amarra zu führen." Cynesta erschrak wider Willen. Allein die Vorstellung, bewaffnete Krieger könnten auf Amarra einfallen, bedeutete ihr ein Sakrileg. Amarra galt nicht umsonst als der Ort absoluten Friedens. Sollte dort einmal Blut fließen, so mußte die bestehende Ordnung zerbrechen. "Die andern Könige der Reiche," sagte sie mehr hoffend als wissend, "würden in diesem Fall Amarra schützen. Sie haben doch alle Amarra die Treue gelobt." "Sie alle sind auch Priester," bestätigte Kilmanaos, "du vermutest richtig, wenn du ihnen diese Solidarität zugestehst." "Dann hat Amarra keinen Grund, irgend Könige in Belangen der Tempel nachzugeben."
einem
der
"Es ist Grund genug," antwortete Kilmanaos hart, "wenn damit ein Krieg zwischen den Reichen verhindert werden
kann. Soll das Blut unzähliger Menschen fließen, nur, damit unser Tempel den Namen des Lichtes behält?" "Ich bin kein Kind mehr," fuhr Cynesta ihn jetzt an, "redet nicht so mit mir. Es geht nicht um Namen, es geht doch auch um Macht und um Recht. Nur ein Tempel des Lichts hat das Recht, den künftigen Herrscher zum Priester zu weihen." "Wohl gesprochen, Cynesta, doch was nützen Rechte, wenn niemand sie in Anspruch nimmt? Willst du wie eine Frau und nicht wie ein Kind behandelt werden, dann denke demgemäß. Ich bin nicht hier, um dich zu erziehen, sondern hoffe, daß Zyrenis nicht versagte." Unwillig sprang Cynesta auf. Sie war fest entschlossen, diese unangenehme Begegnung zu enden. Ohne Gruß, ohne Verbeugung strebte sie dem Ausgang zu. Doch mit unglaublich raschen Bewegungen kam einer der andern beiden Schwarztempler herbei, versperrte ihr den Weg. Cynesta wandte sich Kilmanaos zu. "Bin ich eure Gefangene ?" herrschte sie ihn an, "Wer gibt euch Vollmacht über eine Priesterin?" Zyrenis hob zu einer Antwort an, doch eine kurze Geste des schwarzen Priesters ließ sie verstummen. Kilmanaos erhob sich, trat zu Cynesta und suchte ihren Blick. Doch die Priesterin wich ihm aus, heftete ihre Augen fest auf seine Nasenwurzel. "Nein, Kilmanaos," sagte sie fest, keine Beeinflußung meines Geistes."
"ich
erlaube
euch
"Also doch kein unmündiges Kind mehr," stellte der Priester fest und in seiner Stimme schwang so etwas wie Erleichterung.
"Wenn ihr gekommen seid, um mit mir zu reden, so tut es ohne weitere Umwege," verlangte Cynesta nun, "redet offen und klar." "Ich versuchte es, Cynesta." "Ihr habt vom Schwarzen Tempel gesprochen und ich nehme nicht an, daß ihr die weite Reise unternahmt, um mir dessen Geschichte zu erzählen." "Natürlich nicht, doch ist eben diese Geschichte der Anlaß all dessen, was dir geschehen wird." Cynesta unterdrückte die bei diesen Worten aufkeimende Furcht und verlangte: "Dann redet nun, aber macht es kurz." Kilmanaos sah nicht sehr glücklich aus, als er sich wieder zu den Bänken begab. Er wartete geduldig, bis Cynesta sich neben ihm niederließ, suchte dann fast mühsam nach Worten. "Als vor gut dreissig Jahren der einstige Nordkönig den Tempel verließ und seine Macht in Anspruch nahm, wählte er sich überraschend schnell ein Weib. Er nahm keine Priesterin zu sich, sondern zeugte seinen Erben, den heutigen König Ariston, mit einer Frau aus dem Volk. Kaum, daß der Knabe ihm geboren war, ordnete er den Bau eines neuen Tempels des Lichts an und verwehrte dem Schwarzen Tempel, wie er seither heißt, alle priesterlichen Befugnisse." "Er erhielt in diesem Tempel seine eigene Priesterweihe?" "Ja, Cynesta, doch wurde er nur zu den kleinen Weihen zugelassen, was seine Eitelkeit derart verletzte, daß er auf Rache wider den Tempel sann. Seinen Sohn ließ er nicht nach der Sitte im Tempel erziehen."
"Ariston ist kein Priester?" "Er wurde weder nach den Regeln der Tempel gezeugt noch erzogen, sondern allein nach der Willkür seines Vaters. So wird der Norden heute von einem Mann beherrscht, dem die Geheimnisse und der Willen der Götter fremd sind." "Ich wüßte nicht," sagte die junge Priesterin leise, "daß dies unserm Reich Schaden brachte. Man sagt, daß Ariston Nodher beliebt sei und auch gerecht." "Wer würde es wagen, offen etwas anderes zu behaupten?" hielt ihr Kilmanaos entgegen. "Ich sehe noch immer nicht, was ich damit zu tun habe." Kilmanaos zögerte kurz, ehe er fortfuhr: "Wir haben zuverlässige Kunde erhalten, daß Ariston nun gewillt ist, wie sein Vater zu handeln und sich ein Weib zu nehmen, das ihm den Erben gebären soll. Die Priester des Lichts mahnten ihn zwar, die Gesetze zu achten und seinen Sohn in den Tempeln zu zeugen, doch er verlachte sie. So ist nun für uns die Zeit gekommen, endlich einzugreifen." Cynesta schwieg. Irgendeine Ahnung sagte ihr, daß diese Eröffnungen sie ganz direkt betrafen, daß ihr Leben vor einer entscheidenden Wende stand. Aber sie wollte nun nicht fragen, war sich sicher, daß der Schwarzpriester von selbst reden würde, ja, reden mußte. "Im Interesse aller Tempel," fuhr Kilmanaos leise fort, "muß verhindert werden, daß Ariston seinen Willen erfüllt. Jeder Sohn seiner rechtmäßigen Frau wäre Erbe seines Titels und seiner Macht. Darum wurde beschlossen,
daß du, Cynesta, das Opfer bringen sollst und dich Ariston vermählen." Seltsamerweise blieb die Priesterin ganz ruhig. Sie dachte an Amarra und ihr Recht, dort Schutz zu fordern. Niemand konnte sie zwingen und so erschien ihr dieses Ansinnen eher grotesk als bedrohend. "Du sagst nichts," wunderte sich Kilmanaos laut, "bist du also einverstanden?" "Braucht ihr mein Einverständnis?" spöttelte sie leise, "habt ihr nicht schon entschieden? Unter allen Priesterinnen des Reiches habt ihr mich erwählt, um dem König seinen Bastard zu gebären, nur, um euch später brüsten zu können, daß der Erbe des Nordens wenigstens von einer Priesterin geboren sei. Ihr vergeßt dabei nur, daß der Balg noch immer ein Sohn der Lust ist und kein selbstloses Opfer für das Reich. Erklärt euch, Kilmanaos. Weshalb ich?" "Weil du dazu gezeugt wurdest." Mit jeder Antwort hatte Cynesta rechnen können, nicht damit. Konnte Kilmanaos ihr dies beweisen, so würde sie schwerlich ausweichen können. Wer für einen bestimmten Dienst gezeugt wurde, schuldete den Göttern die Erfüllung dieses Dienstes. "Meine Eltern," stammelte sie darum, "sie waren einfache Leute. Sie verstanden sich auf das Färben der Stoffe. Ich war ihr drittes Kind und sie haben mich an den Tempel verkauft. Verkauft wie ein Stück Vieh." Kilmanaos entging nicht die Bitterkeit in ihrer Stimme. Er warf Zyrenis einen vorwurfsvollen Blick zu, ergriff dann Cynestas Hände und hielt sie mit einer zärtlichen Geste fest.
"Es wäre die Pflicht deiner Leiterin gewesen, diese Last von dir zu nehmen," erklärte er leise. "Ich wußte nichts von diesem Denken," mischte sich Zyrenis nun ein, wagte aber nicht, unter dem drohenden Blick des Priesters mehr zu sagen. "Du wurdest im Schwarzen Tempel gezeugt," erklärte Kilmanaos mit ruhiger, fast begütigender Stimme, "und du wurdest den Färbern als Kind auf eine gewisse Zeit anvertraut. Damals wurde der Schwarze Tempel vom König sehr genau überwacht. Das Zeugen und Erziehen von Kindern war uns verboten - ist es noch. Vor zehn Jahren forderten wir dich von deinen Zieheltern zurück." "Ihr gewiß nicht," stellte Cynesta fest, "ich habe den Schwarzen Tempel nie gesehen." "Das war nicht nötig. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt genug unserer Leute im Tempel des Friedens eingeschmuggelt, um gewährleisten zu können, daß deine Ausbildung unseren Regeln entspricht." Hilfesuchend starrte Cynesta auf Zyrenis, doch die senkte nur schweigend schuldbewußt das Haupt. Ihre sonst so strengen Züge wirkten schmerzvoll. "Ja," gab Kilmanaos zu, "auch Zyrenis ist Schwarztemplerin. Im Grunde bist du selbst es auch, denn deine Ausbildung hat nie den Regeln dieses Tempels entsprochen." "Aber ich habe die Weihen empfangen," entfuhr es Cynesta, "euer Betrug wäre dort entdeckt worden." "Deine Weihen empfingst du stets vom Falla des südlichen Lichttempels, der unseren Plan kannte und billigte. Dies war für uns der Hauptgrund, dich in diesen Tempel zu bringen. Da er genau zwischen den Quellen von Tiath und
Siath steht, bildet er wie diese Flüsse die Grenze zwischen den beiden Hauptreichen der Inseln. In diesem Tempel hier hat der Süden dasselbe Recht wie der Norden." "Dann sind meine Weihen eine Farce?" Ungläubig starrte sie den Schwarztempler an. "Keineswegs," wehrte der ernst ab, "sie sind wahrhaft und wirksam und in die Bücher eingetragen. Die Regeln unseres Tempels wurden nie aufgehoben und sind auch in Amarra anerkannt." "Wie dem auch sei," wehrte sich Cynesta, "ihr könnt keine Priesterin zwingen, ihre Weihen zu verleugnen und eines Mannes Weib zu werden. Die Behauptung, ich sei zu diesem Zweck gezeugt, erscheint mir nur Mittel zu sein. Wo ist der Beweis?" "Frag' deine Mutter," antwortete Kilmanaos knapp und deutete mit dem Kinn auf Zyrenis. Da brach die Alte förmlich zusammen. Sie warf sich vor Cynesta auf die Knie, umfaßte deren Beine und weinte haltlos; unfähig, auch nur ein Wort zu sagen. "Rede schon," herrschte der Schwarztempler sie an. "Es stimmt alles so, wie er sagte," rang sich die Leiterin unter Schluchzen ab, "aber ich mußte heilige Eide schwören, dir die Wahrheit zu verbergen. Das war die einzige Möglichkeit, mit dir zusammen zu sein." "Torheit genug," murmelte Kilmanaos. "Ich wollte dich leiten," fuhr Zyrenis fort, seinen Einwurf überhörend, "ich wollte verhindern, daß du ganz ausgeliefert bist."
Bei diesen Worten packte Kilmanaos die Alte fast brutal am Haar, zerrte sie hoch und herrschte sie an: "Was hast du verhindert? Rede, Weib, oder du wirst es bereuen." Cynesta erhob sich rasch. Eingedenk ihrer eigenen Fähigkeiten legte sie die Rechte zwischen die Brüste, während sie mit der Linken des Schwarztemplers Unterarm berührte. Der verspürte den Kraftstrom wohl, denn er ließ Zyrenis los. "Hütet euch," warnte Cynesta mit Nachdruck, "meine Leiterin zu bedrohen, sondern bedenkt, daß ich als ihre Schülerin verpflichtet bin, sie auch zu schützen." "Schülerin?" forschte Kilmanaos aufmerksam, "nicht Tochter?" "Was geht's euch an?" antwortete Cynesta mit einer Gegenfrage, "es steht euch nicht zu, eine anerkannte Leiterin über ihre Lehren auszuforschen. Hätten die Lehren den Regeln widersprochen, wären mir keine Weihen zuteil geworden. Und vor allem," fügte sie voll Selbstbewußtsein hinzu, "hütet euch davor, je wieder einer Frau mit rein körperlicher Überlegenheit zu drohen." Zu ihrer Überraschung wandte sich Kilmanaos fast ruhig ab und sprach, als er sich wieder setzte: "Ich nehme deinen Tadel hin, Cynesta, eingedenk der Tatsache, daß mir zwar deine priesterliche Macht unterlegen ist, du als meine künftige Königin aber meinem Tempel vergelten könntest, was ich fehle. Genügt das?" "Nein, aber mehr kann ich wohl nicht verlangen. Im Übrigen seid ihr mir zu sicher, daß ich diese Aufgabe annehmen werde."
"Daran allerdings gibt es keinen Zweifel,"antwortete der Templer, "es ist von Anfang an deine Bestimmung." "Ihr könnt mich nicht zwingen, Kilmanaos,"wehrte sie ab, "und so, wie es aussieht, könnt ihr mich auch nicht überzeugen. Oder gibt es Argumente, die ihr mir bisher verschwiegen habt? Angenommen, ich stimme eurem Plan zu und weiter angenommen, der König ist aus irgendeinem Grund so töricht, eine Priesterin zu heiraten, was gewinnt ihr dadurch? Einen Thronerben, der eine Priesterin zur Mutter hat, der aber dennoch weder nach den Tempelregeln gezeugt ist noch in diesen unterrichtet, geschweige denn, daß er ein Priester wäre." "Deine Aufgabe," erklärte Kilmanaos, "erschöpft sich darin, das Weib des Königs zu werden und ihm kein Kind zu gebären." "Dann wollt ihr, daß der Thron verwaist?" "In gewisser Hinsicht, ja. Als Priesterin bist du wohlfähig, deine fruchtbaren Tage zu erkennen und zugleich deinen Gemahl daran zu hindern, an diesen Tagen in dich einzudringen." Wider Willen schlich Cynesta nun Schamröte ins Gesicht. Kilmanaos sah es, stutzte und starrte sie dann ungläubig an. "Du bist doch nicht etwa noch Jungfrau?" Er wandte sich Zyrenis zu und sagte leise: "Närrin, warum hast du ihr verwehrt, ihren Schoß zu öffnen? Glaubst du, es wird ihr dadurch leichter? O ja, ich kenne dich, Zyrenis. Du hast ihr eingeimpft, daß alle Männer, so sie nicht Priester sind, auf der Stufe der Tiere stehen und selbst die Priester nur ein notwendiges Übel sein können. Und so lieferst du sie Ariston aus."
"Ich wußte nicht, daß Zyrenis entschuldigend.
so
wenig
Zeit
ist," murmelte
"Zehn Jahre sind Zeit genug," lehnte Kilmanaos ab. Zu Cynesta aber sagte er: "Es steht dir frei, Zeit zu erbitten, um mit einem Mann deiner Wahl zusammen zu sein. Doch viel Zeit kann ich dir nicht gewähren, denn Ariston wird nur zwei Tage in Palt sein, wo du ihm begegnen kannst." "Ich will und werde ihm nicht begegnen," erinnerte ihn die Priesterin, "und ich öffne meinen Schoß, wann und wem ich will." "Das ist dein Recht," gab der Schwarztempler zu, "nur fürchte ich, daß Ariston wenig rücksichtsvoll sein wird. Und deinem eigenen Gemahl kannst du dich kaum auf Dauer verweigern, ohne dein Priestertum zu entdecken." "Er soll nicht wissen, wessen Standes ich bin?" "Nein, natürlich nicht. Er ist kein Narr und meidet alle Priesterinnen." "Dann verstehe ich alles nicht," murmelte Cynesta, "er soll unwissentlich eine Priesterin heiraten und unfruchtbar sein. Wozu das alles?" "Es wäre besser, du würdest nicht fragen," bat Kilmanaos sanft, "was du nicht weißt, kannst du Ariston nicht entdecken. Vertraue unserer Weitsicht." "Ich vertraue weder euch noch euren Mitwissern," spottete Cynesta, "und ich habe auch keinen Anlaß hierzu. Und nun erlaubt, daß ich mich entferne." Stolz warf sie den Kopf zurück und strebte dem Ausgang zu.
"Cynesta," rief Kilmanaos da mit scharfer Stimme, "du hast keine Wahl. Du gelobtest Amarra unbedingten Gehorsam. Brichst du den Eid, verlierst du deine Weihen. Die Kraftzentren in dir werden zerstört und das, was übrig bleibt, als Sklavin verkauft." Amarra! Cynesta begriff nicht, was der heilige Bezirk mit all dem zu tun hatte. Amarra war ihr Hort der Hoffnung, nicht Ausgangspunkt von Gefahr und Unterdrückung. Sollte esmöglich sein, daß selbst der Than, der Priesterkönig, in dieses schmutzige Spiel verwickelt war? Sie schwankte, beherrschte sich aber mit aller Kraft, um ihre Schwäche zuverbergen. Sie spürte einen fremden Geist in ihren Gedanken, fühlte, wie der sie abtastete und belauschte. Nur kurz blieb der Eindringling. Verwirrter denn zuvor fragte sie sich, woher Kilmanaos diese Macht nahm. Sie zweifelte nicht an seinem hohen Rang und auch nicht an seinen telepathischen Fähigkeiten, doch dieses Eindringen geschah so sanft, so unaufdringlich, fast unbemerkt, daß darin mehr als nur Außergewöhnliches verborgen lag. Nicht auszuschließen, daß sie in dieser Stunde schon mehrmals so überwacht wurde. Sie empfand fast Ekel bei dem Gedanken an diese geistige Vergewaltigung. Das stand Kilmanaos einfach nicht zu. Hilflosigkeit und Zorn herrschten in ihr, gepaart mit Ohnmacht. "Ihr droht nur," stammelte sie, hoffend, daß Kilmanaos die Pression entschärfen würde. Kalt kam seine Antwort: "Keineswegs. Du mußt dich fügen." Es fehlte nicht viel und Cynesta wäre in Tränen ausgebrochen und hätte ihre Beherrschung verloren. Doch da nahm das Gespräch einen unerwartet anderen Verlauf.
"Genug nun. Laßt uns allein." Die junge Priesterin wandte sich nach dem Besitzer dieser ruhigen, doch durch und durch selbst- und machtbewußten Stimme um. Überrascht starrte sie den Schwarztempler an. Bisher hatte sie ihm keinen Blick gegönnt. Er erschien ihr wie sein Begleiter als ein Vasall Kilmanaos, hielt er sich doch bisher im Hintergrund und sagte kein einziges Wort. Nun trat er einen knappen Schritt vor, richtete einen herausfordernden Blick auf Kilmanaos. Und er, ranghoch in der Hierarchie der Tempel, verneigte sich tief vor seinem Begleiter und verließ gehorsam die Halle. Der andere Schwarztempler tat es ihm gleich und auch Zyrenis suchte unter mehreren unterwürfigen Verbeugungen das Weite. Cynesta wußte sich diesem Schwarztempler ausgeliefert, der nun zum Zeichen seines Ranges sein Haar löste, das hell über seine Schultern fiel. Doch sie fühlte sich nun jetzt auf seltsame Art befreit und beschützt zugleich. "Komm zu mir," forderte der Templer sie freundlich auf. Sie gehorchte zögernd, aber willig. Er mochte etwa zwanzig Jahre älter sein als sie. Die Freundlichkeit im hellen Blau seiner Augen schien ehrlich, obgleich Cynesta dahin ter auch sehr viel Kraft und Ernsthaftigkeit erkannte. Sie stand nun einen Schritt von ihm entfernt und sah zu ihm, der sie um mehr als einen halben Kopf überragte, auf. "Ich bin Xalares, der Pala des Than," stellte er sich freundlich vor und öffnete zugleich seine Rechte, ihr so das Siegel aus Amarra zeigend. Cynesta erkannte das Zeichen des Siebensterns. Wie es der Sitte entsprach, ging sie auf die Knie. Dieser Mann gab sich den Titel des Pala, was soviel wie Bruder, wie inniger Freund bedeutete. Wenn er dem Priesterkönig so nahe stand,
galt sein Wort so viel, als sei es Amarras Weisung. Cynesta erkannte, daß dieser in ihren Geist eindrang. Das beruhigte sie. Wenn Amarra Macht ausübte, konnte nichts Übles darin sein. "Du bist recht wunderlich, Cynesta," stllte Xalares mit durchaus freundlicher Stimme fest, während er ihr die Hände reichte und sie aufhob, "stark bist du, doch ohne Mut. Du wehrst dich gegen Kilmanaos, doch ohne Kraft. Du stellst dich vor Zyrenis, doch ohne Liebe. Du verehrst Amarra, doch du rufst seine Hilfe nicht an." Sie erwiderte nichts, denn sie wußte keine Antwort. Sie fühlte sich durchschaut, aber nicht gedemütigt. Endlich flüsterte sie scheu: "Wenn ihr befehlt, Gebieter, werde ich gehorchen." Xalares lachte leise. Ein freundliches, sanftes Lachen voll Verständnis und Zuneigung. Er legte ihr in einer äußerst selbstverständlichen Geste den Arm um die Schultern, führte sie quer durch die Halle, hinaus in die Gärten, wo er sich unter einem mächtigen Pejuk-Baum auf s dichte Moos lagerte. Auf seinen Wink hin kniete Cynesta an seiner Seite, hockte sich auf ihre Fersen und wartete schweigend auf seine Befehle.Sie empfand Dankbarkeit dafür, daß er sie aus der kalten, schmucklosen Halle führte. Die Gärten liebte sie, hier fühlte sie sich immer wohl. In diesem Moment kam die Falla des Tempels heran. "Sei ganz ruhig," mahnte innere Verkrampfung spürte.
Xalares,
der Cynestas
Er wartete die tiefe Verneigung der Falla ab und bat sie dann, etwas Speise und Trank bringen zu lassen, nannte sie dabei Schwester und schmeichelte ihr so.
"Es ist unklug," meinte er dann freundlich, "wichtige Gespräche in einem hungrigen Leib zu führen." "Ich hatte keine Zeit für ein Frühmahl. Es ist ohnehin unverzeihlich, daß ich euch warten ließ, Gebieter." Er nahm die Anrede eines Herrschers mit solchem Gleichmut und solcher Selbstverständlichkeit hin, daß Cynesta mehr und mehr in ihm einen Abgesandten des Than erblicken konnte. Eine Priesterin brachte auf einem Tablett ein kleines Mahl,stellte es ab und entfernte sich rasch. "Iß und trink," forderte Xalares die Priesterin an seiner Seite auf. "Das Mahl ist für euch gedacht," wandte sie ein, gehorchte aber doch gern. Xalares lehnte sich gegen den Stamm des Baumes, schloß die Augen und ließ ihr Zeit. Cynesta schirmte dennoch vorsichtshalber ihren Geist ab, um sein telepathisches Eindringen zu verhindern. Er lächelte. "Ich spüre die Mauer auch dann, wenn ich sie nicht einreißen will," sagte er, ohne die Augen zu öffnen, "vergeude deine Kräfte nicht, Mädchen." Auf ihre Bitte um Vergebung reagierte er nicht. Nach geraumer Zeit erst öffnete Xalares die Augen, sah sie freundlich an und meinte: "Willst du dich nicht bequemer setzen? Wir haben ernsthaft miteinander zu reden und da solltest du keine körperliche Ablenkung dulden." Er wartete, bis Cynesta gehorchte,ehe er fortfuhr: "Kilmanaos hat dich im Namen Amarras bedroht und er hatte kein Recht dazu. Ich will, daß du ganz ohne Furcht bist."
"So hat meine Weigerung keine Folgen?" vergewisserte sich Cynesta hoffnungsvoll. "Keine, die in Kilmanaos' Macht stehen und auch keine, die Nymardos, der Than, anordnet. Aber Folgen hätte es gewiß, sowohl für das Reich als auch für dich." "Welche Strafe müßte ich hinnehmen?" "Die Verachtung, die du dir selbst erweisen würdest, Cynesta, indem du nicht bereit bist, dich einer größeren Angelegenheit zu opfern. Und die Verachtung einiger Menschen,die sich auf dich verlassen haben." "Würdet," erkundigte sie sich da zögernd und mit einem Male hing von dieser Antwort viel für sie ab, "würdet auchihr mich verachten, Gebieter?" "Ja." Cynesta senkte das Haupt. "Gebieter, könnt ihr euch denn überhaupt vorstellen, wases für mich bedeuten würde, mich den viehischen Instinkten dieses selbsternannten Königs auszuliefern?" Xalares sah sie ernst an. "Ariston hat sich nicht selbst ernannt," stellte er richtig, "er ist rechtmäßiger Herrscher des Nordens. Auch gilt er durchaus als Ehrenmann und mir ist nicht bekannt, daß sich je eine Frau über ihn beschwerte. Was du viehische Instinkte nennst, Cynesta, das ist genau derselbe Trieb, der Bauern und Sklaven, aber auch Priester zu den Weibern lockt. Wenn deine Mutter dich lehrte, daß nur Priester treffliche Liebhaber seien, so hat sie dich schlicht und einfach belogen. Deine Ängste sind in dieser Hinsicht also grundlos."
"Nur in dieser Hinsicht?" "Es ist nicht auszuschließen, daß Ariston deine vermeintliche Unfruchtbarkeit irgendwann nicht mehr ertragen kann. Da er einen Erben braucht und dich vielleicht nicht verstossen will, ist nicht auszuschließen, daß dein Leben einmal in Gefahr gerät. Aber es liegt an dir, wie lange dies dauert. Als Priesterin muß es dir möglich sein, seine Liebe zu erwecken und über einige Jahre hindurch konstant zu halten." "Und danach? Danach soll ich akzeptieren, daß ich nicht mehr gebraucht werde und mich töten lassen," murmelte Cynesta bitter, "ihr verlangt viel, mein edler Herr. Mein Leben scheint nicht viel zu bedeuten." Xalares ergriff ihre Hände, sah sie ernst an und erwiderte: "Wäre Amarra dein Leben nichts wert, hätte ich mich kaum auf die Reise begeben. Ich bin nicht nur gekommen, um dich für diese Aufgabe zu gewinnen, sondern auch, um die Verantwortung für die künftigen Schritte zu übernehmen. Halte du Ariston nur drei, längstens fünf Jahre hin und danach wird er seine Macht verlieren, ohne, daß der Frieden gefährdet werden kann." "Wie sollte das möglich sein?" "Verlangst du wirklich von mir darauf eine Antwort, Cynesta? Ich bin Pala des Than und gewohnt, daß mein Wort genügt. Sagtest du nicht, daß dir mein Befehl ausreichend sei? Halte meine Freundlichkeit nicht für Schwäche, Mädchen. Du gelobtest Amarra Gehorsam und nun ist Amarra hier, diesen zu fordern." Da traten Tränen in ihre Augen, denn obwohl seine Rede gleichbleibend freundlich blieb, fühlte sie sich doch getadelt, ja, angegriffen und verletzt.
Xalares schüttelte sacht das Haupt. "Närrin," sagte er sehr leise, "bist du nur stur oder jetzt auch stark? Du bist der erste Mensch, der mir widersteht. Aber vermutlich ist nur deine Angst größer als deine Treue zu Amarra." "Amarra," fauchte sie nun wütend, "Amarra und nichts als Amarra. Damit erpreßt ihr mich, damit wollt ihr alle mich zwingen. Ja, ich gelobte Treue und Gehorsam. Aber hat der Priesterkönig das Recht, dieses Opfer von mir zu verlangen? Steht nicht das Recht der Frau, ihren Gemahl frei und nach eigenem Willen zu wählen, dagegen? Hat nicht auch Amarra einst gelobt, neutral und ohne Eigennutz immer den von den Göttern eingeräumten Rechten zur Wirksamkeit zu verhelfen? Ich achte und ehre euch als den Pala des Than, mein Gebieter, aber ich verzichte nicht auf meine Rechte, die auch Amarra anerkennen muß. Mit Repressalien jeder Art verletzt sich Amarra selbst. Ich fürchte mich nun nicht mehr und mache von meinem Recht als Priesterin Gebrauch. Ich rufe die Götter an als..." "Halt," unterbrach Xalares sie scharf, dann aber sofort wieder mit gelassener Stimme weitersprechend: "Sei nicht voreilig, Cynesta. Die Götter anzurufen, das hieße den Dingen einen Gang aufzuzwingen, der niemandem nützt keinem, außer Ariston. Dir gebe ich mich nun geschlagen und erkläre mich für besiegt. Amarra wird es werten." Und traurig fügte er hinzu: "Nie zuvor mußte ich Amarra enttäuschen."
Cynesta war aufgesprungen und einige Schritte in den Garten hineingelaufen. Sie wollte allein sein, jedes bedrückende Gefühl und jedes Ansinnen abschütteln. Der betäubende Duft der großen Blüten wirkte beruhigend, dennoch dauerte es, bis sie Fassung und Ruhe wieder erlangte. Endlich gelang es ihr, vernünftig zu überlegen.
Nein, im Grunde fürchtete sie das Triebleben der Männer nicht, auch, wenn es ihr persönlich nie begegnete und daher wie eine unbekannte Größe wirkte. Doch Zyrenis lehrte sie, ihren Körper nach Belieben zu verlassen und so konnte nichts ihre Seele verletzen oder ihren Geist beschmutzen, das ihrem Körper geschah. Bedrohlich erschien ihr das Ausgeliefertsein an einen Herrscher. Ob sein Weib oder seine Sklavin, das machte keinen großen Unterschied. Doch am Schlimmsten wirkte ihr der Verlust ihres fast kindlichen Vertrauens in Amarra. Sie fühlte sich verraten und ausgeliefert und darin auch unendlich einsam. Zu diesem Zweck gezeugt...; Cynesta hielt sich diese Behauptung immer wieder vor. Unsinnig erschien ihr dies keineswegs. Daß in den Tempeln Menschen ins Leben gerufen wurden, die einen bestimmten Platz einzunehmen hatten, war sinnvoll und gut. So konnten diese Menschen, ungeboren noch, eine Aufgabe wählen und bejahen. Aus diesem Grund mußten ja auch die Herrscher in den Tempeln gezeugt werden, frei von Liebe, Lust und Leidenschaft. Nicht menschliche Bande sollten die Mächtigen bestimmen, sondern allein ihr Werk. Bestand ihr Werk nun darin, Ariston an seinen Plänen zu hindern, so konnte niemand denn sie diese Aufgabe vollkommen lösen. Wenn sie aber so wichtig war, warum behandelten die Templer sie dann herablassend, ohne Achtung und Respekt? Cynesta dachte an Xalares und fragte sich, ob er ihr zürnte. Sie besaß nicht das Recht, so von ihm zu laufen. Er als Mann der Macht konnte sie bestrafen; war ihr Benehmmen doch nicht nur anmaßend, sondern auch unwürdig. Sie müßte ihn um Verzeihung bitten, doch sie konnte sich dazu nicht überwinden. Denn gerade von ihm fühlte sie sich verraten. Ein wenig fürchtete sie, er könne sie jetzt suchen lassen, denn damit wäre sie vor allen Tempeldienern bloßgestellt. Sie wollte nicht wie eine Verbrecherin vor den Mann aus Amarra gezerrt werden. 'Vielleicht,' dachte sie, 'ist es klug, wenn ich den Tempel heimlich verlasse. Ich besitze genug Kenntnisse und
Fähigkeiten, um draußen überleben zu können.' Und während sie noch überlegte, erschien ihr die Flucht mehr und mehr als einzige Möglichkeit, sich ihr Menschsein zu bewahren, denn als Spielball der Mächtigen wollte sie nicht dienen. Auf Umwegen gelangte sie ungesehen in ihre Kammer. Doch wie erschrak die junge Priesterin, als sie Xalares erblickte, der auf einem Stuhl sitzend auf sie wartete. Sein forschender Blick ruhte auf ihr, während sie rasch ihren Geist abschirmte, um ihre Fluchtgedanken zu verbergen. Leise umspielte ein wissendes Lächeln seine Lippen. Trotzig stand sie im Türrahmen, unbewußt die Hände zu Fäusten geballt. "Ich verstehe deinen Zorn und deine Entrüstung," sagte Xalares da freundlich, "dennoch erwarte ich auch von dir den mir gebührenden Respekt." Erst jetzt kam ihr ihre sittenwidrige Körperhaltung zu Bewußtsein. Cynesta sank auf die Knie, doch sie empfand dabei weder Demut noch Ergebenheit. "Verzeiht, mein Gebieter," erwiderte sie, noch immer trotzig, "es lag nicht in meinem Bestreben, euch zu beleidigen Doch euer Hiersein überrascht mich." "Sollte ich dich wie eine entlaufene Sklavin suchen lassen?" erwiderte er, halb belustigt und halb betroffen, "erwartest du nur Übles von mir, Cynesta? Ich sehe, wie aufgewühlt du bist, wie verwirrt und wie verunsichert. Ariston wird in zwei Tagen in Palt eintreffen, darum mußt du dich morgen entscheiden. Ruhe dich aus, schlafe ein wenig, überdenke alles. Morgen bei Sonnenaufgang komm zu mir. Dann wollen wir wie vernünftige Menschen miteinander reden." Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern erhob sich und verließ mit großen Schritten ihren Raum. Rasch schloß Cyne-
sta die Tür, lauschte, ob er nach Wäch tern rief. Doch Xalares dachte nicht daran, sie wie eine Gefangene zu behandeln.
Müde dehnten sich die Stunden. Cynesta, noch immer zur Flucht entschlossen, wartete auf die Dunkelheit. Sie trug nun eine sandfarbene Tunika, aber keinen Kragen. Draußen sollte sie niemand als Priesterin erkennen. Das Haar war gelöst, am Hinterkopf mit einem schmalen Band zusammen gehalten. Gepäck brauchte sie keines. Etwas Kleidung band sie zu einem Bündel, mehr gab es nicht mitzunehmen. Endlich paarte sich dichter Nebel mit undurchdringlicher Dunkelheit. Leise floh die junge Priesterin aus dem Tempel des Friedens, der ihr zehn Jahre hindurch Heimstatt war. Die Feuchtigkeit der Nachtnebel drang durch ihr Cape; enger zog sie den groben, doch dichten Stoff um ihren schlanken Leib. Zu dieser Jahreszeit blieben die Nebel gleichbleibend warm, schadeten der Gesundheit nicht. Und sie störten auch nicht, denn in den Königreichen der Nebel kannte man keinen wirklich klaren Tag mit freiem Blick auf die Gestirne; so wenig, wie wirklicher Regen je geschah. Die Nebel spendeten die notwendige Feuchtigkeit und sie taten dies in solchem Übermaß, daß die Felder fruchtbar blieben. Cynesta hastete fort vom Tempel, ohne Ziel, ohne Plan. Sie suchte die Freiheit. Amarra mochte sich ein anderes Opfer wählen.
X
alares aber stand hinter einer Säule und beobachtete ihr Verschwinden. Mit einer einzigen Geste hinderte er Kilmanaos daran, Cynesta aufzuhalten. Der Schwarztempler gehorchte, doch stumm mochte er seine innere Rebellion nicht ertragen.
"Mein Gebieter möge mir verzeihen," forderte er mit leicht erhobener Stimme, "doch im Interesse Amarras müssen wir Cynesta zwingen, das Opfer zu tun." "Amarra braucht dich nicht, Kilmanaos," erwiderte Xalares und in seiner Stimme schwang eine Spur von Verachtung, "wenngleich wir einen etwas anderen Verlauf der Dinge begrüßt hätten. Wir haben deine diplomatischen Fähigkeiten überschätzt." "Cynestas Weigerung kann mir nicht angelastet werden," entfuhr es dem Schwarztempler, "hättet ihr mich gewähren lassen, so müßte sie gehorcht haben." "Erpressung, Priester, ist nicht Amarras Metier," wies ihn Xalares zurecht, "die Freiheit des menschlichen Willens wird vom Than nie angetastet." "Worte!" rief Kilmanaos aus, "nichts als Worte. Eben diese Freiheit muß beengt werden. Wie sonst sollte Ariston eine Frau unserer Wahl nehmen? Wir müssen Cynesta aufhalten." "Hütet euch," verlangte Xalares jetzt mit scharfer Stimme, "das Mädchen zu verfolgen. Ihr habt eure Chance gehabt und vertan. Morgen begebt ihr euch in euren Tempel. Wenn wir euch brauchen, werdet ihr Weisung erhalten. Handelt ihr aus eigenem Entschluß, wird Amarras Fluch euch treffen." Kilmanaos wurde bleich. Diese Drohung betaf ihn existenziell und er konnte nicht wagen, hier ein Risiko einzugehen. Innerlich gab er alle Schuld an seinem Versagen Zyrenis, doch noch ehe er sich seine Rache ausmalen konnte, sprach Xalares weiter: "Zyrenis wird in einem Tempel, den ich ihr anweise, Dienst tun, ebenso die anderen Schwarztempler, die bisher um Cynesta waren. Geht nun."
Mit dieser Aufforderung verhinderte er jede weitere Widerrede. Kilmanaos verneigte sich und ging. Zorn und Haß bebten in seinem Innern, doch er sah keine Möglichkeit, diesen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Xalares aber sah lächelnd in die Dunkelheit. "Geh deinen Weg, Mädchen," murmelte er leise, "mögen die Götter dich geleiten und dir deine schwere Aufgabe erleichtern."
A
riston Nodher, König des Nordreichs, Herr über Leben und Tod, befand sich mit seinem Gefolge auf dem Weg von den Ufern des Tiath nach Salis, der größten der Städte seines Reiches. Er wollte dort einige Dinge regeln, ehe er den Heimweg zu seiner Burg antrat. Sie kamen nur langsam vorwärts, doch gab es ja auch keinen Anlaß zur Eile. Ariston wandte sich auf seinem Pferd um, sah zurück. Fast am Ende des Zuges erkannte er die Sänfte, in der seine künftige Gemahlin die Reise genoß. Er lachte leise, ehe er sein Pferd mit kurzem Schenkeldruck zu schnellerer Gangart anspornte. Er konnte durchaus zufrieden sein. Der Gedanke an den Zorn der Priester amüsierte ihn. Mit voller Absicht war er, der Herrscher, den sie nicht anerkennen wollten, nach Palt geritten, um dort aus der Gruppe der unverheirateten Frauen und Mädchen seine Braut zu wählen. Denn in Palt wurde seine eigene Mutter geboren und indem er seine Königin dort nahm, bestätigte er den längst verstorbenen Vater. Was kümmerte es ihn, ob Kalara, seine Braut, ihn liebte; ob er sie je lieben würde. Sie sollte ihm den Erben gebären, mehr nicht. Ihre wirklich ungewöhnliche körperliche Schönheit erleichterte seine Entscheidung, bewirkte sie aber nicht. Im Grunde blieb es ihm gleichgültig, wer ihm den Erben gebar, solange die Frau nur nie in einem Tempel Dienst leistete. Beritt, der Freund seines Herzens, lenkte sein Pferd neben ihn. "So eilig, mein Gebieter," meinte er in freundschaftlichem Ton, "könnt ihr es nicht erwarten, Kalara zu eurer Königin
zu machen? Oder ist sie es, die danach drängt, euch in ihrem Bett zu empfangen?" Ariston verlangsamte den Ritt und sah Beritt offen an. Keinem anderen Menschen erlaubte er solch offene, ja, unverfrorene Rede und es kam auch vor, daß er manches Mal seinen Ärger beherrschen mußte, wenn Beritt sich zuviel erlaubte. Doch Ariston wußte sehr genau, wie wertvoll ein wahrer Freund blieb und wie selten ein solcher war. "Es wundert mich," fuhr Beritt fort, "daß ihr euch Kalara noch nicht nahtet. Ihr habt sie erwählt und seither, soweit ich weiß, nicht ein Wort mit ihr gesprochen. Dabei ist sie sehr schön." "Das ist sie," stimmte Ariston zu, "doch werde ich mich sehr wohl zu beherrschen wissen. Nichts käme den Tempeln gelegener, als wenn sie mir nachweisen könnten, daß ich meinen Erben vor der Ehe zeugte. Nein, ich gebe ihnen keine Gelegenheit, meinem Sohn die Macht zu rauben." Da wurde Beritt sehr ernst. "Verzeiht," bat er leise, "ich wollte euch nicht kränken. Und ich weiß, daß jeder Gedanke an Amarra euch schmerzt. Ich wünschte, der Than könnte erkennen, welch guten König das Reich in euch erhielt." "Kein Herrscher,"erwiderte Ariston ernst und auch ein wenig bitter, "wird von Amarra anerkannt, wenn er nicht Priester ist. Ein Tyrann darf er ein, ein Dummkopf, ein Idiot; alles ist verziehen dem Priestertum." Beritt bereute schon aufrichtig, dieses Thema auch nur angeschnitten zu haben und so versuchte er, den Freund mit einem Scherz aufzumuntern.
"Nun, wenn sich Kalara zu sollte vielleicht ich sie trösten."
einsam
fühlt
inzwischen,
"Ich schenke sie dir," erwiderte Ariston gutmütig, "doch erst, nachdem mein Erbe geboren ist. Solange mußt du dich gedulden. Ich weiß sehr wohl, wie sehr sie dir gefällt." Beritt schüttelte den Kopf, sagte jedoch nichts. Wie sollte er dem Freund auch entdecken, wie sehr ihm Kalara gefiel und wie wenig er sie ihm im Grunde gönnte. Es tröstete ihn nur, daß Kalara sich geehrt fühlte und sich freute auf Macht und Einfluß. Sie würde nicht leiden dabei und dies mußte ihm genug sein. Einer der Gardisten, die vorausritten, um ihrem Herrn den Weg frei zu halten, kam angesprengt. Er zügelte sein Pferd hart bei Ariston, legte ehrerbietig die Rechte auf sein Herz und senkte den Kopf. Ohne Aufforderung durfte niemand den Herrscher ansprechen. Er wartete. "Was gibt es, Hector?" Ariston kannte die Menschen seiner Nähe alle mit Namen und wenn es auch hin und wieder den Anscheinhaben mochte, als seien sie ihm gleichgültig, so fühlte er sich doch verantwortlich auch für ihr persönliches Wohlergehen. "Mein Gebieter," begann der Gardist, vom scharfen Ritt noch etwas außer Atem, "ich bitte euch, wählt einen andern Weg. Die Schwingungen des Todes liegen vor euch; kreuzt sie nicht." Aufmerksam hob der Herrscher den Kopf. 'Ich bin kein Priester,' dachte er, 'nicht sensitiv genug für solchen Unsinn.' Laut aber verlangte er Aufklärung. "Wir fanden eine Frau," erzählte Hector, "der wohl Gewalt angetan wurde. Sie liegt im Sterben."
"Zeige mir die Stelle," verlangte Ariston impulsiv und rief laut nach Moryn, dem Wundarzt, der im hinteren Teil des Gefolges ritt. "Gebieter," stammelte Hector, "jede Hilfe kommt ohnehin zu spät. Vielleicht könnten ihr die magischen Fähigkeiten eines Priesters noch helfen. Wenn ihr es wünscht, bringen wir sie in den Tempel der Kraft. Er ist weniger als einen Tagesritt entfernt." Ariston Nodher sah den Gardisten streng an. Er sagte nichts zu dem stummen Vorwurf, daß er eben kein Priester sei, doch Hector spürte durchaus den Zorn seines Herrn. Darum riß er sein Pferd herum und ritt dem Herrschenden voraus. Beritt hielt sich zurück, beschloß, Kalara alles zu erklären. Sie sollte sich nicht sorgen, weil ihr Bräutigam sie zurückließ.
E
s bereitete Ariston keine Pein, Blut sehen zu müssen. Zwar wurde im Alltag alles Negative von ihm ferngehalten, doch hatte er bei den Kämpfen gegen die stets aufrührerischen Rebellen vom Stamm der Tarden, die in den östlichen Bergen des Reiches lebten, genug Schmerz, Blut und Tod gesehen. Er beugte sich über die verletzte Frau, tastete geschickt ihren Leib ab und atmete auf, als er keine Knochenbrüche feststellen konnte. Sie mochte zwanzig Jahre alt sein, jedenfalls nicht viel älter. "Ihr Blick ist leer, sie ist halb ohnmächtig," stellte Moryn fest, noch ehe er vom Pferd stieg. Den Soldaten, die in Anwesenheit ihres Herrschers jetzt knieten, murmelte er grollend zu: "Habt ihr Idioten nichts besseres zu tun gehabt, als den nackten Leib zu betrachten. Holt Wasser her." Mit dem Dolch zerschnitt er die Fetzen des Gewandes und legte auch die letzten Wunden bloß. Er hieß einen Gardisten, ein bestimmtes Kraut zu suchen, doch eilte der
erst, als er ob seines Zögern von Ariston angeherrscht wurde. "Wird sie überleben?" fragte der König. Moryn flößte der Frau einen schmerzstillenden Trank ein, während er antwortete: "Die Wunden stammen ausnahmslos von Peitschenhieben, Gebieter. In meiner Jugend sah ich hin und wieder Sklaven, die so zerfetzt wurden. Gestorben ist keiner daran, wenn ein Wundarzt ihm half. Vielleicht ist ein Dorf in der Nähe, wo man das Mädchen pflegen kann." "Es ist unter deiner Würde, ihr zu helfen," stellte Ariston fest, leicht erstaunt, war der alte Moryn doch bisher frei von Vorurteilen. "Vergebt, Gebieter," erwiderte der ernst, "doch bin ich euer Wundarzt und habe Pflicht, in eurer Nähe zu sein. Wir können das Mädchen nicht auf ein Pferd setzen." "Und ein Dorfarzt kann ihr helfen?" "Die Gefahr, daß die Wunden sich entzünden, ist groß, Gebieter. Es wäre besser, ihr würdet erlauben, daß sie zum Tempel gebracht wird." Das Mädchen stöhnte laut auf. "Kein Tempel," flüsterte sie kaum hörbar, "bitte kein Tempel." Ariston nahm ihr Gesicht in beide Hände. "Hab' keine Furcht," bat er eindringlich, "sei ganz ruhig. Niemand wird dich in einen Tempel bringen. Ruhig, ruhig, es wird alles gut."
Inzwischen brachten Soldaten die verlangten Kräuter und Wasser, so daß Moryn beginnen konnte, die Wunden des Mädchens zu reinigen und mit heilendem Kräuterbrei zu bedecken. Er hatte seine Arbeit schon getan, als der Rest des Gefolges nahte. "Ich wage nicht," gestand der Arzt, "die Wunden zu verbinden. Es sollte viel Luft daran, damit die Kräuterdämpfe den Körper nicht vergiften. Wenn ihr erlaubt, Gebieter, so bitte ich eure künftige Gemahlin um ein Cape, um das Mädchen einzuhüllen." "Laß es," hielt ihn Ariston zurück, da er sich schon der Sänfte nahen wollte. Der Herrscher löste seinen bodenlangen Umhang von den Schultern und warf ihn Moryn zu. "Das ist gegen alle Regeln," wehrte sich der verblüfft, und doch wartete er keinen weiteren Befehl ab, sondern hüllte den verletzten Körper behutsam ein. Beritt half Kalara aus der Sänfte, die von zwei Pferden getragen wurde. Es mochte nicht die bequemste Reiseart sein, doch da Ariston Wege befahl, die kein Wagen nehmen konnte, mußte sie damit eben vorlieb nehmen. Sie reckte sich und genoß die bewundernden wie begehrlichen Blicke der Männer. Dann kam sie zu Ariston, neigte sich leicht und trat zu der Verletzten, etwas distinguiert auf sie herab blickend. Sie beugte sich nicht über sie, sondern betrachtete sie in der Art, in der ein seltsames Tier oder eine fremde Pflanze womöglich betrachtet wurden. Kalara spürte nicht, wie genau Ariston sie beobachtete. Er nahm ihr ihre flüchtige Verbeugung übel, mehr aber noch die Überheblichkeit, die sie jetzt bewies. "O mein Gebieter," sagte sie übertrieben betroffen, "das da beschmutzt euren kostbaren Umhang. Ihr
solltet euch nicht herablassen, euch dem einfachen Pöbel zuzuwenden." Beritt begriff sofort, daß Kalara im Begriff stand, die Gunst Aristons zu verspielen. Er trat rasch herbei und suchte zu vermitteln. "Herrin," sagte er leise, "dankt Mildtätigkeit eures Gemahls."
den Göttern für die
Kalara erkannte ihren Fehler. "Gewiß, gewiß," beeilte sie sich, zu versichern, "ich befehle einer meiner Dienerinnen, bis zu ihrer Gesundung bei der Kranken zu bleiben." Ariston wandte sich halb ab. Kalara besaß keine Dienerinnen, noch nicht und nicht auf dieser Reise. Auf ihr Bitten hin hatte er erlaubt, daß einige ihrer Freundinnen sie begleiten sollten. Damals sprach sie von Liebe zu diesen Mädchen, nicht von Dienst und Abhängigkeit. Plötzlich kamen ihm Zweifel daran, ob er seinem Kind eine solche Mutter wünschte. "Moryn," befahl er nachdenklich, "laß die Verletzte in die Sänfte bringen. Wir nehmen sie mit uns. Du achte auf sie und heile ihren Leib." "Gebieter..." Beritt unterbrach Kalara, indem er hart ihr Handgelenk umfaßte. Nur Ariston und ihr verständlich flüsterte er rasch: "Herrin, Zeugen zu
es geziemt sich widersprechen."
"Es geziemt sich fast gleichmütig fest.
nicht,
überhaupt
dem
nicht,"
Herrscher vor
stellte
Ariston
Er ging zu der Quelle, die nahe des Pfades sprudelte, beugte sich über sie und trank aus seiner hohlen Handfläche. Er hörte das Nahen von Kalara und Beritt und seine Züge verhärteten sich. Kalara ging auf die Knie. "Mein edler Gebieter," sagte sie leise, "verlangt ihr wirklich von mir, die Sänfte mit diesem Mädchen zu teilen? Ich werde den Gestank des Blutes nicht ertragen können." Ariston hob sie nicht auf. Seine Antwort kam ruhig, fast kalt, und keinen Widerspruch duldend: "Die Sänfte ist reiten müssen."
zu
eng für zwei, Kalara. Du wirst also
"Ich kann nicht reiten, Gebieter." "Dann wird man dich auf dem Pferd festbinden." "Warum quält ihr mich? Bin ich nicht eure Frau?" "Noch nicht, Kalara. Wenn du es je sein willst, dann befleisige dich eines anderen Verhaltens. Ich erwarte einiges von der Königin des Reiches." "Einen Sohn erwartet ihr und den werdet ihr bekommen," erwiderte Kalara aufbegehrend, "was sonst noch?" "Wenn es dir genügt, Mutter meines Erben zu sein, nichts weiter mehr. Willst du aber Recht und Macht einer Königin, so benimm dich wie eine solche." "Indem ich wie ein Mann reite?" "Indem du dich nicht über die Menschen meines Volkes erhebst," stellte er richtig, "ein wenig Besorgnis deinerseits für die verletzte Frau hätte mich die Sorge um deine Bequemlichkeit nicht vergessen lassen. Forderst du mich
wieder heraus, gehst du vielleicht zu Fuß. Genug nun, geh." Sie wollte noch einmal aufbegehren, aber wieder trat Beritt schützend zwischen sie und den Herrscher. Indem er Ariston ins Gespräch verwickelte, blieb Kalara unbeachtet und so mußte sie sich entfernen. Kaum allein, erlaubte sich Beritt die gewohnt offene Rede. "Ihr seid zu streng mit ihr, Herr," klagte er, "sie ist ein Kind des Volkes und keinen Umgang mit Mächtigen gewohnt. Sie braucht Zeit, um zu lernen." "Und inzwischen soll die Fremde verbluten, Beritt?" "Ich rügte nicht eure Anordnungen," murrte der, "ich bat euch nur um Nachsicht und Milde für Kalara. Es würde ihr schon helfen, wenn ihr wenigstens die Reise langsamer fortsetzen wolltet." Ariston lächelte. "Ich hoffe," meinte er versöhnt, "es macht dir nichts aus, im anderen Fall mit Kalara die Nachhut zu bilden." Beritt verstand die Anspielung wohl, aber er preßte die Lippen zusammen und schwieg.
A
riston hatte Orales zu sich gerufen. Als Teju befehligte der die gesamte Garde. Der König schätzte diesen Offizier, der voll Umsicht zu handeln vermochte und in schwierigen Situationen auch Weitsicht bewies. Überdies mißbrauchte er bisher seine Macht nicht und genoß das Vertrauen seiner Untergebenen. Orales war einer der wenigen Menschen, welche sich vor dem König nicht auf die Knie zu begeben hatten. Der Teju stand unverkrampft neben seinem Herrn. Nur die Rechte legte er, wie stets, auf sein Herz.
"Siehst du eine Möglichkeit, den oder die Männer zu finden, die dem Mädchen das antaten?" erkundigte sich Ariston. Orales zögerte. Er gehörte nicht zum Volk des Nordens, sondern stammte aus Moras, dem Königreich der Sümpfe. Dort galten Frauen nicht übermäßig viel. Zwar blieb auch in Moras Vergewaltigung nach dem Gesetz verboten, doch im Zweifelsfall standen die Richter doch auf der Seite des Mannes. Ariston besaß keine telepathischen Fähigkeiten, doch genug Einfühlungsvermögen, um den Grund des Zögern seines Offiziers zu erraten. "Soll ich die Sache in andere Hände legen?" bot er an. Das brachte den Teju zur Besinnung. "Vergebt mir, Gebieter, ich diene in allem eurem Willen." "Nun, dann rede." "Moryn sagte, daß die Wunden des Mädchens von Peitschen stammen. Das ist ein Hinweis, wenngleich es besser wäre, das Mädchen könnte seine Peiniger beschreiben." "Ich fürchte, es werden Tage vergehen, ehe sie so weit bei Besinnung ist." "Es gibt ja nicht viele Menschen, welche das Recht haben, eine Peitsche zu tragen," mutmaßte Orales, "und wir befinden uns in einer Gegend, die nicht sehr dicht besiedelt ist. Wenn ihr es wünscht, suchen wir die Täter. Die Sache muß in der vergangenen Nacht geschehen sein und bestimmt sind die Kleider der Schurken blutbeschmutzt." "Suche sie, Orales. Es wird dich etwas mehr zu einem Mann des Nordens machen."
Der Teju nickte zustimmend und entfernte sich. Ariston sah ihm nicht nach, sondern bestieg sein Pferd und setzte die Reise fort. Nur kurz überlegte er, ob es klug war, Orales nie danach zu fragen, weshalb er seine Heimat verließ. Es gab keinen Grund, an seiner Treue zu zweifeln und keinen Anlaß, wider seinen Willen in ihn zu dringen.
A
ls die Nacht hereinbrach, erreichte die Gruppe ein Dorf von etwa zwanzig Häusern. Ariston schickte Hector zum größten der Gebäude, ließ die Bewohner ausquartieren und entlohnte sie großzügig für ihre Unannehmlichkeiten. "Seit wann bezahlt ein König in solchem Fall," spöttelte Beritt, der sich doch nicht nur bei Kalara hielt, "es ist doch euer Recht, ein Haus zu requirieren." "Mein Recht wohl, nicht aber meine Pflicht," erwiderte Ariston gutgelaunt, "mir liegt wenig an der Furcht meines Volkes." In seinem Herzen aber dachte er, daß gerade darin seine beste und vielleicht auch einzige Waffe wider Amarra lag. Ohne die Treue und Zuneigung seines Volkes würden die Tempel ihn wohl zu entmachten wissen. Und doch entging ihm nicht, wie die Frauen und Mädchen den Dorfes sich vor ihm verbargen. Alte Männer begrüßten ihn linkisch und unbeholfen, aber kein weibliches Wesen wurde sichtbar. Er kannte dies. Zwar nahm er nie eine Frau mit Gewalt, hatte dies bisher auch nicht nötig, doch schienen die Weiber schon diese bloße Möglichkeit zu fürchten. Immerhin besaß er die Macht auch dazu. Als Priester wäre er weniger gefürchtet. Ariston wollte allein sein. Nach einem eher bescheidenen Mahl verließ er das Haus, heimlich, um von seinen Gardisten nicht begleitet zu werden, die immerhin für sein Leben Verantwortung trugen. Er spazierte auf einem schmalen Pfad entlang eines Baches und ließ seinen Gedan-
ken freien Lauf. Mit freier Sicht könnte man den Tempel der Kraft schauen. Er wollte keinen Tempel sehen, hatte nie einen betreten. Ariston erinnerte sich seiner Kindheit. Darum suchte er diese Gedankenstille, um vor dem Schlaf sich zu erinnern. Er wollte die schweren Träume von sich fernhalten. Sieben Jahre zählte er, als sein Vater ihn und die Mutter mitnahm auf eine Reise. Es ging nach Amarra! Aber dort angekommen, verweigerten die Priester ihm und seiner Mutter das Betreten der Insel. Auf dem Schiff mußten sie warten, bis der Vater wiederkam. "Warum darf ich nicht an Land gehen, Mutter?" fragte der Knabe, "es ist eine so schöne Insel." "Nur Priester dürfen sie betreten, mein Sohn." "Ist Vater denn ein Priester, Mutter?" "Das ist er." "Dann will ich auch ernsthaft beschlossen.
ein
Priester werden," hatte er
Da umarmte ihn die Mutter und Tränen rannen über ihre Wangen. Leise sagte sie: "Du wirst nie Priester sein, Ariston, denn deine Mutter hat dich entweiht. Man wird dir nie verzeihen, daß du nicht in den Tempeln gezeugt und geboren wurdest." Er wollte das nicht glauben, damals noch nicht. Am andern Tag sprang er über Bord und schwamm nach Amarra. Er glaubte, nie zuvor fruchtbareres Land gesehen, größeren Frieden verspürt zu haben. Und dann entdeckten ihn einige Priester. Sie jagten ihn wie ein Tier, holten ihn ein. Sie zeigten sich nicht gerade unfreundlich, doch von so unpersönlicher
Art, daß das Kind sich gedemütigt fühlte. Sie ruderten ihn zum Schiff zurück, gaben ihm nicht einmal ein Wort des Abschieds. Nie vergaß er diese Demütigung, nie den Kummer, den er damals empfand. Jahre später eröffnete ihm der Vater, daß er damals nach Amarra reiste, um für seinen Sohn die Aufnahme in den Tempel des Lichts zu erbitten. Man bot ihm jeden anderen Tempel, nur diesen verwehrte man. Und so entstand die tiefe Kluft zwischen den Herrschern des Nordens und Amarra.
V
iele Tage später erreichte Ariston mit seinem Gefolge Salis. Vor dem Stadttor stieß Orales zu ihnen. Erschöpft, schmutzig und staubbedeckt hielt er sich abseits, denn sein Aufzug war ganz dazu angetan, das Auge seines Herrn zu beleidigen. Doch Ariston rief ihn herbei und achtete nicht auf solche Äußerlichkeiten. Zerknirscht erstattete der Teju Bericht: "Ich habe die ganze Umgebung abgesucht, Gebieter, und auch unzählige Menschen befragt. Aber ich gestehe mein Versagen. Es gelang weder mir noch einem meiner Männer, auch nur einen Hinweis auf die Verbrecher zu erhalten." Er senkte den Blick. In seinen Zügen arbeitete es, doch er wußte einfach nicht, wie er seinen Gedanken Ausdruck geben sollte. Schließlich fügte er leise hinzu: "Ich schwöre euch, Herr, daß ich, trotz meiner Abstammung aus Moras, alles versucht habe." "Ich zweifle nicht an dir," beruhigte ihn Ariston, "und ich will nicht, daß du an dir zweifelst. Wir werden nun einige Tage in Salis bleiben und du hast Gelegenheit, dich auszuruhen." "Ich danke euch," erwiderte der Teju einfach und fügte hinzu: "Lebt das Mädchen noch?"
"Sie schwebt noch immer zwischen Leben und Tod," gab der Herrscher Auskunft, "aber deine Frage beweist, daß du lange nicht mehr nach Moras gehörst." "Und doch habe ich versagt, Gebieter." "Sprich nicht so, Orales," wehrte Ariston ab und legte die Rechte auf den Unterarm seines Offiziers, "ich habe keinen besseren Mann als dich." Der Statthalter von Salis kam nun seinem König entgegen und begrüßte ihn wortreich. Untertänigst huldige er Kalara, was diese geschmeichelt hinnahm. Wortreich bedanke sie sich für die Ehrung des Statthalters Taros. Endlich gelang es Ariston, Kalara mit einem Blick zum Schweigen zu bringen. Der kleine, eher wohlbeleibte Statthalter starrte Kalara so unverhohlen an, daß sie mit etwas weniger Eitelkeit seinen feisten Blick kaum als Huldigung empfunden hätte. Dabei wirkte Taros fast lächerlich, denn, von Natur aus haarlos, war ihm die Perücke etwas verrutscht. Taros führte seine Gäste in die besten Räume seines Domizils, stellte eine Unmenge Diener für sie ab und bot beständig neue Annehmlichkeiten und Ablenkungen an. "Genug nun," endete Ariston endlich seinen Wortschwall, "es ist uns heute nicht nach Vergnügungen zumute." "Nach der eintönigen Reise wäre etwas Unterhaltung aber sehr angenehm," widersprach Kalara, "ich bitte meinen Gebieter, mir die Freude zu machen." "Nun, dann soll entschied Ariston.
Beritt
heute
dein Begleiter sein,"
Ohne weiteres Wort verließ er den Raum. Kalara begriff zu spät, daß sie wieder einmal einen Fehler machte. Der König des Nordens schlief tief und fest, als Moryn Einlaß begehrte. Die von Taros abgstellten Diener weigerten sich energisch,
den Gebieter zu wecken und duldeten auch kein Eindringen des Arztes. Der Lärm des Disputs weckte endlich Orales, der wie immer im Zimmer neben dem König nächtigte. "Was gibt es für Lärm," fuhr er die Männer an, "ist euch der Schlaf unseren Herrn nicht heilig? Schert euch fort, alle." Schlaftrunken erkannte er nun erst Moryn. "Ist das Mädchen tot?" fragte er rasch. "Sie ist im Fieberwahn," erwiderte der alte Arzt, "und ich fürchte, sie stirbt. Ich nahm an, daß unser Gebieter dies wissen sollte." Orales seufzte. Es paßte ihm gar nicht, daß er Ariston stören sollte. Aber er glaubte, seinem Herrn so wenigstens beweisen zu können, daß er dessen Sorge um die Bürgerin ernst nahm. Leise betrat er das Gemach des Königs, kniete an dessen Lager nieder und legte ihm sanft die Hand auf die Stirn. Es dauerte nicht lange und Ariston erwachte. Der König lächelte. "Unbekleidet und kniend sehe ich dich selten, Orales," stellte er fest, "noch seltener aber so scheu. Bringst du schlechte Nachricht?" Der Teju nickte und erzählte, was Moryn befürchtete. "Dank dir für dein Kommen," lobte ihn Ariston, während er sich erhob, in seinen Umhang hüllte und den Raum verließ. Moryn erwartete ihn; führte ihn wortlos zu der Verwundeten, die stöhnend und schmerzgepeinigt auf ihrem Lager nicht zur Ruhe kam. Ariston vernahm Wortfetzen ihres Fieberwahns, verstand jedoch nicht. Jetzt wünschte er von ganzem Herzen, selbst ein ausgebildeter Priester zu sein, um wahrhaft helfen zu können. Er schickte mit einer Geste alle Menschen hinaus, denn auch er begriff, daß der Tod
nach dem Mädchen trachtete. Ohne Zeugen konnte er alle Würde vergessen. Er kniete am Lager des Mädchens nieder. Er fühlte sich für sie verantwortlich; warum sonst hätten die Götter ihrer beiden Wege gekreuzt? "Nein, nein," stammelte das Mädchen. Ariston ergriff ihre Hände, die bisher so ruhelos über ihren Körper glitten. Kraftvoll, doch sanft hielt er sie fest. Er kannte keine magischen Praktiken, doch in seiner Sorge ließ er unbewußt viel von sich auf das Mädchen übergleiten. Ganz langsam wurde sie ruhiger. "Nichts kann dir geschehen," sagte Ariston eindringlich. Er wußte, daß er ihr Bewußtsein durch das Fieber hindurch nicht erreichen konnte, doch er hoffte, daß ihr Geist verstand. Darum fuhr er fort, beruhigend zu sprechen. "Ich schütze dich," versprach er, "du bist unantastbar. Fürchte nichts, vertraue. Vertraue nur." Die Stunden vergingen, während er sprach, doch irgendwann lag sie ruhig. Noch immer im Fieber, wurde ihre Stimme doch klarer, wenn sie stöhnend um Nachsicht bat. "Wer hat dir das angetan?" fragte der König sanft, "vor wem muß ich dich schützen?" Angstvoll riß sie die Augen auf. Trübe blieb aber ihr Blick und ihr Geist verwirrt. "Templer,"stammelte sie, "nein, nein." Ein gellender Schrei schloß sich an, dann wieder leises Gestammel. Ariston versuchte, in sie zu dringen, doch stellte er seine Fragen behutsam und leise mit beruhigender Stimme.
"Der Pfeil, der den Pfeil teilt," flüsterte sie in verzweifelter Angst, "laßt mich gehen." Sie weinte nun hemmungslos. Da ließ Ariston ihre Hände los. Er setzte sich auf ihr Lager und nahm sie wie ein kleines Kind in die Arme, wiegte sie sanft hin und her, vermittelte ihrem verwirrten Geist so alle Geborgenheit. "Er kommt," rief das Mädchen angstvoll. "Niemand kann herein," versicherte der König, "wen fürchtest du, Mädchen? Ruhig, ich schütze dich." "Er ist stärker," stammelte sie ängstlich, "er ist so mächtig." Und weiter hielt er sie umfangen. "Der Diener der Pfeile will mich töten," erklärte sie da, um danach wieder zu weinen. Aber endlich beruhigte sie sich doch. Ihr Kopf sank an seine Brust und ihr Fieber wich dem Schlaf. Als Ariston sie auf ihr Lager betten wollte, hielt sie seinen Umhang fest. "Bleib da," flüsterte sie im Schlaf, "laß mich nicht allein. Ich fürchte mich." So hielt er sie fest, Stunde um Stunde, bis der Ruf des Morgenvogels ertönte. Da endlich erreichte ihr Schlaf jene Tiefe, in die äußere Ängste nicht vordringen können. Leise verließ Ariston das Zimmer.
Z
u seiner eigenen Verwunderung empfand er keine Müdigkeit. Das Bewußtsein, dieses Mädchen den Klauen Raaki's, dem Gott des Todes, entrissen zu haben, gab ihm ein gutes Gefühl. Mehr, das wußte er, hätte auch ein
ausgebildeter Priester nicht erreichen können. Als ihn ein Bote des Stadthalters zum Frühmahl lud, sagte er darum zu. Orales kam, während er sich noch ankleiden ließ und den Bart scheren. "Du hast nicht geschlafen," stellte Ariston mit einem kurzen Blick fest, "habe ich dich nicht zur Ruhe gemahnt." Aber noch ehe der Teju sich entschuldigen konnte, fügte er hinzu: "Dank dir, Orales, daß du wachtest." "Lebt sie noch, Gebieter?" Es war einer der seltenen Augenblicke, in denen der Teju an der Seite seines Königs niederkniete - nicht demütig und unterwürfig, sondern voll Vertrauen und Zuneigung. Darum ließ ihn Ariston gewähren. "Raaki gab auf," beruhigte er seinen Offizier, "hättest du mich nicht geweckt, wäre es anders gekommen. Und vermutlich mußtest du mich die ganze Nacht hindurch vor Störern schützen." Orales sah ihn lächelnd an. "Sie schrie so schlimm, Herr. Ich wünschte, ich könnte ihre Peiniger entdecken. Gebt mir Vollmacht und ich werde sie doch noch finden." "Wir finden sie gemeinsam," versicherte Ariston ernst, "doch Eile schadet nur. Bist du müde oder willst du mich zum Frühmahl begleiten?" "Keine Müdigkeit könnte mich je hindern, an eurer Seite zu sein." Zu seiner Überraschung verlangte Ariston später, daß er mit am Tisch sitzen und mit ihnen speisen solle.
"Wodurch hat sich ein Soldat diese verdient," spottete der Statthalter Taros.
Auszeichnung
"Durch Treue und Dienst," erwiderte Ariston ernst, "was du mir noch schuldig bist, Statthalter." Es entging Ariston nicht, wie vorwurfsvoll Kalara ihn immer wieder ansah und er bemerkte auch, daß Beritt sie mehr als nur einmal am Reden hinderte. Gegen Ende des Mahl erinnerte er darum Taros an seine Pflichten und forderte ihn so indirekt auf, sich zu entfernen. Der begriff zwar nicht sofort, doch Beritts deutliche Sprache überzeugte ihn endlich doch. Jetzt konnte Kalara sich nicht mehr beherrschen. "Mein Gemahl geruhte, die Nacht bei seinem Schützling zu verbringen," stellte sie beleidigt fest, "hatte das arme Mädchen keine Schmerzen dabei?" Noch ehe Beritt ihre Worte entschärfen konnte, hatte Ariston schon ausgeholt und ihr kräftig die flache Hand ins Gesicht geschlagen. Kalara wollte aufspringen, doch mit eisernem Griff packte Ariston schmerzhaft ihr Handgelenk, ihr Wimmern ignorierend. "Hältst du mich für ein Tier," fragte Ariston mit gefährlich leiser Stimme, "daß du wähnst, ich fiele über verwundete Weiber her? Hüte dich, Kalara. Wenn du mich auch nur noch ein einziges Mal beleidigst, wenn du noch einmal Sitte, Anstand oder Regel vergißt, so werde ich nicht zögern, dir eine Strafe zuzumessen, wie du sie nicht ertragen kannst." Ohne seinen Griff zu lockern, sah er Beritt an, verhinderte so dessen Worte und sagte: "Und du, mein Freund, wirst auf Dauer wählen müssen, wem deine Liebe gilt. Ich weiß wohl," fügte er versöhnlicher
hinzu, "daß du nur zu vermitteln trachtest. Doch allmählich zweifle ich daran, ob sie den Aufwand wert ist." Beritt senkte schweigend den Kopf. Selten sah er den Freund so erzürnt. Er fürchtete sich nicht vor Ariston, der ihn nie gefährden würde, doch er wollte die Nähe und die Liebe seines Herrn nicht riskieren. Auch spürte er, daß Orales dem König gerade sehr nahestand. Er empfand keine Eifersucht darüber, nur ein Schuldgefühl, weil er nicht erreichbar blieb. Während er mit Kalara Zerstreuung genoß, brauchte Ariston einen Menschen. Orales war da, er nicht. "Ich habe meine Wahl vor Jahren getroffen," murmelte Beritt endlich, "ich bedauere, euch Anlaß gegeben zu haben, daran zu zweifeln, Gebieter." Kalara weinte lautlose Tränen körperlichen Schmerzes, so fest hielt Ariston ihr Handgelenk umfangen, während er nur Beritt ansah und sie ignorierte. Da überwand der Mann aus Moras seine Scheu. Zögernd nur legte er die Hand auf den Unterarm seines Herrn, ihn mit dieser Berührung ermahnend. Da ließ Ariston Kalara los. Sie wartete auf kein Wort, sondern sprang auf und flüchtete förmlich aus dem Zimmer. Orales erhob sich. "Laß sie," verlangte Ariston hart. "Vergebung, Gebieter," erwiderte der Teju ernst, "doch ich muß meiner Pflicht gehorchen." Überrascht sah Ariston ihm nach, als er den Raum verließ. Orales schloß nicht die Tür hinter sich und so hörte der König, wie er nach einem seiner Männer rief. Orales erteilte mit knappen Worten Befehle, kam dann zurück, wagte aber nicht, wieder Platz zu nehmen. Beritt trat zu ihm.
"Hier meine Hand, Mann," sagte er impulsiv, "ergreift sie als die eines Freundes." Als er Aristons überraschten Blick bemerkte, fügte er hinzu: "Ich fürchte, es war klug, dem verletzten Mädchen Leibwächter zu geben. Kalaras verletzte Eitelkeit könnte ziemlichen Schaden bewirken." "Kommt mir mir, beide," befahl Ariston. Er ging in die ihm zur Verfügung gestellten Gemächer. Den Dienern erteilte er Weisung, jede Störung fern zu halten. "Die Götter," erklärte er seinen Begleitern dann, "haben mir dieses Mädchen gesandt, damit ich es schütze. Seid ihr anderer Meinung?" "Gewiß nicht," versicherte Beritt rasch, "doch liegt alles in eurem Ermessen, Gebieter." "Und was schlägst du vor?" "Der Wundarzt des Stadthalters könnte sie doch heilen," erwiderte Beritt, "und mit entsprechenden Befehlen von eurer Seite würde Taros auch künftig um ihr Wohlergehen bemüht sein." "Nein," rief Orales da, zu seinem Herrn tretend und dessen Hände erfassend. Fest sah er Ariston an. "Nein, Gebieter, das genügt nicht. Ich habe ihre Schreie gehört, bin Zeuge ihrer Angst. Sie wird verfolgt. Jemand trachtet nach ihrem Leben. Ich bin sicher, daß nur die Vorhut eures Gefolges durch ihr Nahen verhinderte, daß sie totgeprügelt wurde. Es ist eure Pflicht, mehr zu tun." "Was redest du von Pflicht vor deinem Herrn," fuhr ihn Beritt an.
Orales blieb fest. "Es ist Herrscherpflicht, bedrohtes Leben zu bewahren. Ihr habt gegen Raaki gewonnen, Gebieter, nicht aber gegen diese feigen Meuchelmörder." "So ist es," stimmte Ariston zu, jeden weiteren Einwand Beritts verhindernd, "und während ich mit Raaki rang, erhielt ich wertvolle Hinweise auf die Täter." "Zu welchem Kreis gehören sie?" forschte Orales sofort, "was habe ich übersehen?" "Nichts, das du dir vorwerfen mußt, Teju. Das Mädchen fürchtet sich vor Templern." "Lächerlich," entfuhr es Beritt. Auch Orales sah recht ungläubig drein. "Es ist so," beharrte Ariston. Er erzählte von den Wortfetzen, die er vernahm. Ruhig schloß er: "Der Pfeil, der den Pfeil zerteilt, ist ein entscheidender Hinweis. Es ist bekannt, daß jeder Tempel ein geheimes Zeichen besitzt, mit dem sich die Priester untereinander ausweisen und einander ihre Herkunft entdecken. Wißt ihr, welcher Tempel einen Pfeil als geheimes Sigel trägt?" Sie wußten es nicht. Ariston ließ nach Taros schicken und fragte ihn, ob irgendwelche Priester in der Stadt seien. Der Statthalter besaß keine Information darüber. "Wenn es hier auch nur einen Priester gibt, finde ich ihn," gelobte Orales da und entfernte sich.
Ariston, der Anlaß genug hatte, mit der Arbeit des Statthalters unzufrieden zu sein, nützte die Stunden des Wartens, um dessen Werk zu überprüfen. Am späten Nachmittag erhielt er Kunde, daß eine Abordnung der Bürger um Gehör bitte und so widmete er sich den Sorgen und Nöten seines Volkes. Orales kam erst am späten Abend zurück und wurde sofort empfangen. Der König schickte alle Fremden hinaus, begrüßte den Teju mit einem einzigen Blick und wandte sich dann dem Mann zu, den er mit sich führte. "Ich bin Lorin, Priester vom Tempel des Schweigens und ich protestiere gegen meine Gefangennahme," sprach der, ohne dem König die Ehrbezeugung zu erweisen. "Du magst sein, was du willst," knurrte Orales düster, "wenn du aber weiter unsern Herrscher beleidigst, zerschlage ich deine Kniegelenke." Diese Drohung wirkte sofort. Der Priester ging auf die Knie, doch seine weitere Körperhaltung blieb abwehrend. Ariston verschränkte die Arme vor der Brust und schwieg. Er sah den Priester nur an, nicht wissend, daß er dessen telepathisches Eindringen in seinen Geist durch eine Mauer von Macht- und Selbstbewußtsein verhinderte. Auch ohne Priester zu sein, war er doch stark genug, schwächere Geister abzuwehren. Als Lorin dies endlich begriff, senkte er, mit einem Mal furchtsam, den Blick. Ariston schwieg weiter und das Schweigen zermürbte den Knieenden, bis endlich dessen innerer Widerstand zerbrach. "Womit kann ich meinem Gebieter dienen?" fragte Lorin da leise. "Nenne mir die Siegel der Tempel," verlangte Ariston, in dessen Stimme keinerlei Emotion mitschwang.
"Niemals," entfuhr es Lorin, der den König verblüfft anstarrte. "Bin ich dein König?" "Ihr seid es, Gebieter." "Und was befehlen betreffend? Rede!"
die
Regeln deines Tempels, mich
"Achtung, Gehorsam, Dienst," erwiderte Lorin widerwillig. Ariston schwieg wieder, hatte er doch schon erkannt, daß Lorin so am schnellsten zu besiegen war. Es dauerte auch nicht lange, bis dieser sprach: "Die Siegel sind geheime Zeichen, Gebieter, nur für eingeweihte Priester und - und Könige bestimmt." "Laßt uns allein," bat Ariston da Orales und Beritt, die nur widerwillig gehorchten. Lorin wollte sich erheben, doch der König erlaubte es nicht. "Nun rede," verlangte er, "rasch und offen, Lorin. Meine Geduld ist nicht unerschöpflich." Leise, als verriete er ein Geheimnis, sprach der Priester: "Das Siegel Amarras ist der Siebenstern, Symbol der Vereinigung der sieben Reiche. Die Priester des Lichts entdecken sich durch das Siegel der Sonne, dem Kreis mit dem Punkt in der Mitte." "Weiter!" "Der Tempel des Friedens Spitze zum Erdreich zeigt."
trägt das Schwert, dessen
"Weiter, Mann." "Das Siegel vom Tempel der Weisheit ist der erste Buchstabe des Alphabets; vom Tempel der Kraft das Zeichen geknickten Pfeiles und vom Tempel des Schweigens ein Kreis mit waagrechter Linie." "Weiter." "Es gibt nicht mehr Tempel, Gebieter," entrüstete sich Lorin, "jeder kleinere Tempel ist einem von diesen unterstellt." Ariston rief Orales. "Teju, laß dem Priester Geleit in die Stadt geben. Er diente willig seinem Herrn." Und kaum, daß Lorin den Raum verließ, lachte der König böse auf. Einen Tempel gab es noch, aber einen, der nicht mehr genannt wurde. "Immer und immer wieder ist es der verfluchte Schwarze Tempel, von dem Unheil ausgeht," murmelte er, "ein Wunder, daß Amarra ihn schützt."
A
ndern Tags ritt Ariston in Begleitung seiner gesamten Garde aus Salis. Sie übernachteten drei Mal unter freiem Himmel, ehe der Schwarze Tempel ins Blickfeld kam. Ariston zügelte sein Pferd, sprang ab. "Orales," rief er, "laß meine Flagge wehen und sende Boten in den Tempel, die mein Nahen künden sollen. Und ihr alle kleidet euch in eure besten Uniformen, legt Waffen und Schmuck an und seid eingedenk, daß ich auch Herr des Tempels bin."
Er selbst legte volles Ornat an, wählte den feinsten Umhang. Beritt band ihm den Turban und befestigte den großen Amethysten daran; Zeichen der Herrscherwürde. Ariston liebt die Zaddelärmel seines Wamses nicht, doch er kannte die Wirkung derselben. Keiner der Schwarzen Priester sollte auch nur einen Moment lang seine Macht in Frage stellen. Dann rief er seine Männer zu sich. "Wir begeben uns in einen Tempel und wir kommen nicht unbedingt als Freunde," erklärte er, "aus diesem Grund ist es ratsam, sich gegen eine geistige Beeinflußung, die auf priesterlicher Macht beruht, zu schützen. Ich will, daß jeder von euch unter seinem Band einen solchen Stein auf seiner Stirn befestigt." Mit diesen Worten gab er seinen Soldaten je einen Beryll, dessen Farbe gleich dem Auge der großen Katzen schillerte. "Ihr habt aber nichts fürchten," fuhr er fort, "eure Aufgabe erschöpft sich darin, mir Handlungsfreiheit zu sichern und notfalls körperliche Bedrohung abzuwenden."
G
ladurk, der Falla des Schwarzen Tempels, erkannte sofort das Banner des Königs. Niemand sonst trug die Welle, aus der sich, von einem Baum gekrönt, ein Berg erhob, auf gelbem Grund. Rasch gab er Anweisung, den König mit allen Ehren zu empfangen. Eines unangenehmen Gefühls konnte er sich freilich nicht erwehren. Wenn Ariston einen Tempel betrat, so mußte mit dem Schlimmsten gerechnet werden. In der großen Halle des Lichts trat er seinem Herrscher entgegen. Er neigte sich tief, berührte aber, wie es seinem Rang zukam, nur mit einem Knie den Boden. Mit einem raschen Blick stellte Ariston fest, daß alle Schwarzen Priester sich neigten. Er hob Gladurk auf. "Ich bin," stellte er lächelnd fest, weniger freundlichen Empfang gewohnt."
"von Priestern
"Als mein Herrscher und Gebieter habt ihr Anspruch auf jede Ehrbezeugung," erwiderte Gladurk, "und ich hoffe, daß euer Kommen nur freundlich gemeint ist." Das Mädchen fürchtete einen Herrn der Pfeile und doch erschien es Ariston kaum glaubhaft, daß von diesem weißhaarigen Greis eine Bedrohung ausging. Mit einer verhaltenen Handbewegung schickte er die Gardisten etwas zurück. Er befand sich nun mit Gladurk allein in der Mitte der weiten Halle. Solange sie die Stimmen nicht erhoben, konnte niemand ihre Worte verstehen. Es war nicht anzunehmen, daß Gladurk seinen Leuten einen telepathischen Kontakt erlaubte. "Ich sehe jeden der Priester hier eine Peitsche tragen," bemerkte Ariston. "Ein rituelles Werkzeug," erwiderte Gladurk vorsichtig, "keine Waffe. Das Tragen von Waffen ist uns seit dreissig Jahren verwehrt." "Auch Peitschen können töten." Ehrlich entrüstet erwiderte der Falla: "Wir waren einst Priester des Lichts und sind es im Herzen noch immer, Gebieter. Wir schützen Leben, wir nehmen es nicht." "Und es ist ausgeschlossen, daß einer deiner Männer anders denkt? Überlege genau, Gladurk, denn ich spaße nicht." "Sollte dies der Leben verwirkt."
Fall
sein,
hätte der Betreffende sein
"Du würdest ihn mir ausliefern?"
"Jederzeit, Gebieter, denn er wäre nicht länger ein Priester. Doch ist dies doch wohl nur eine hypothetische Frage." Lauernd standen sie einander gegenüber, mißtrauisch und vorsichtig. Ariston schüttelte langsam den Kopf. "Es ist eine Tatsache," widersprach er, "und ich bin gekommen, die Verbrecher zu fordern. Neunzehn Tage nach der Sonnwende wurde auf dem Weg zwischen den Tempeln des Friedens und der Kraft, nahe am Ufer des Tiath, eine junge Frau von Priestern dieses Tempels überfallen und fast zu Tode geprügelt mit Hilfe eurer rituellen Waffen. Nicht genug, daß es den Schwarztemplern verboten ist, sich weiter als eine Tagesreise von ihrem Tempel zu entfernen, sie nützen eine Reise anscheinend auch für blutrünstige Taten." Gladurk senkte den Blick. "Wenn es sich so verhält," sagte er leise, "so kann ich euch nur bitten, nicht dem Tempel anzulasten, was einzelne seiner Diener getan." "Wenn es sich so verhält? Zweifelst du an meinem Wort?" Der Falla des Tempels schüttelte das Haupt. Langsam ging er zu den rings an den Wänden knieenden Priestern, blieb kurz vor jedem Einzelnen stehen, stumm eine geistige Zwiesprache haltend. Es dauerte lange, bis er endlich zwei Priester aussonderte; junge Burschen von noch nicht einmal zwanzig Jahren. Mit einer einzigen Geste befahl er ihnen, sich vor ihrem König nieder zu werfen. Sie gehorchten ohne ein Zögern, doch mit unglaublicher Angst im Blick. Gladurk trat zu Ariston. "Sie waren ausgesandt," erklärte er, "um die Kranken der umliegenden Dörfer zu heilen. Von ihrem Verrat war mir nichts bekannt. Sie gehören euch, Gebieter."
Ariston entging der lauernde Blick des Alten nicht, doch er wußte, daß er sich zufrieden geben mußte. Auf seinen Wink hin ergriffen Gardisten die beiden Jungen. "Ein schlechter Falla, der sich so hintergehen läßt," urteilte der Herrscher hart, "höre ich erneut von Unheil, dessen Ausgangspunkt dieser Tempel ist, kehre ich zurück." "Amarra schützt den Tempel," erinnerte Gladurk. "Den Tempel, ja - die Priester, nein," antwortete Ariston leise, doch fest, "und ein Tempel ohne Priester mag Amarra dienen, wie er will." Ohne weiteres Wort wandte er sich um. Langsam, betont ruhig verließ er die Halle und den Tempel. Doch er atmete auf, als er das letzte Tempeltor passierte. Zufriedenheit empfand der König des Nordens nicht. Er spürte, daß er genarrt wurde; doch er vermochte nicht, den Anlaß dieses Gefühls zu ergründen. Während der Rückreise verhörte er die beiden jungen Priester mehrmals und er ging nicht sehr sanft mit ihnen um. Sie aber bestätigten Gladurks Aussage und behaupteten, allein und aus eigenem Antrieb die Grausamkeit begangen zu haben. Es war Orales, der bei seinem König Milde erwirkte für die Jünglinge und ihnen das Leben erhielt. Ariston verurteilte sie dazu, den Rest ihres Lebens auf der weit im Süden liegenden Insel der Läuterung zu verbringen, wo sie als rechtlose Sträflinge in den Kupferminen zu schuften hatten, bis Raaki kam, sie zu erlösen.
C
ynesta hatte einen Entschluß gefaßt. Sie wollte nach Salis ziehen, überzeugt davon, daßsie im Trubel der größten Stadt des Reiches am leichtesten untertauchen konnte. Der Weg mochte auch weit sein, nichts trieb sie zur Eile. Bis die Zeit der kalten Nebel kam, würde sie dort schon lange Unterkunft besitzen. Ihre Kenntnis der heilenden Kräuter sollte Grundlage ihres Auskommens bilden. Irgendwie fühlte sich die junge Priesterin sehr glücklich. Es war ihr Leben, das sie in die Hand nahm. Sie wollte die Verantwortung dafür schon tragen und nicht mehr anderen - Zyrenis, der Falla oder Amarra - überlassen. Auf der langen Wanderschaft gab es keinen Mangel, denn die Früchte der Wiesen, der Felder und der Wälder stillten allemal die Bedürfnisse ihres Leibes. Und lieber als Freie ein einfaches Mahl denn als Sklavin königliche Speisen genossen. Cynesta nächtigte auf dichten Moospolstern, als nahende Schritte und leise aufkeimende Stimmen ihr Furcht einflösten. Sie lauschte, doch der dichte Nebel packte jedes Geräusch wie in Watte. Noch hoffte sie, nicht entdeckt zu werden, als der harte Tritt eines Schuhes sie in die Seite stieß. Hoch aufgerichtet stand Kilmanaos da. "Cynesta, Täubchen, habe ich dich gefunden," spottete er, "glaubtest du wirklich, mir entkommen zu können?" Sie sprang auf, doch derb stieß er sie wieder zu Boden. "Deinethalben verachtet mich Amarra," fuhr er sie an, "alle Pläne meines Lebens hast du zerstört."
"Wer gab euch ein Recht, über mein Leben zu bestimmen," wehrte sie sich, mühsam die Angst unterdrückend. "Es ist das angestammte Recht des Erzeugern," höhnte er. Cynesta schrie angewidert auf. "Ihr lügt." Zyrenis als Mutter war ja noch zu ertragen, doch Kilmanaos als Vater, das erschien ihr zuviel des Üblen. "Ihr lügt, Kilmanaos. Zyrenis haßt euch." "Ja," gab er überheblich zu, "doch nur, weil es ihr so verdammt viel Spaß gemacht hat. Zuerst empfand sie es als Ehre, auserwählt zu sein von Amarra, aber als sie dann bemerkte, daß ihr das keinen Vorteil brachte, grollte sie. Wie dem auch sei, auch sie hat versagt. Xalares wird sie richten." "Wie euch auch," triumphierte Cynesta, "gewonnen habe nur ich. Jetzt geht und bedroht mich nicht länger." Er lachte gemein, bückte sich nieder und zerriß ihre Tunika. Gier flammte in seinen Augen. "Schön bist du," murmelte er, "und wirklich zu schade für Ariston." "Wenn ihr mich anrührt," drohte sie hilflos, "entdecke ich dem König euren Plan." Sie hätte es besser nicht gesagt, denn Kilmanaos' Gier wich grenzenlosem Haß. Wie hingezaubert lag mit einem Mal die rituelle Peitsche in seiner Hand und unentwegt hieb er auf sie ein. Sein Begleiter unterstützte ihn. Cynesta empfand Schmerz und Todespein, doch sie wagte nicht,
jetzt ihren Körper zu verlassen, fürchtend, für immer dann der Ebene der Lebendigen zu entrücken. Zuerst schrie sie vor Schmerz, dann reichten die Kräfte dazu nicht mehr aus und es blieb nur ein Röcheln und Stöhnen. Wie aus weiter Ferne vernahm sie Hufschlag. Die rasche Flucht ihrer Peiniger bemerkte sie nicht mehr.
D
urch den Nebel von Schmerz und Fieber erinnerte sie sich an eine warme Stimme voll Geborgenheit; an eine Brust, an der sie lag. Ewigkeiten mochten seither vergangen sein. Und nun schlief sie Stunde um Stunde, Tag um Tag und schöpfte neue Kräfte. Hin und wieder sah ein alter Mann nach ihr, der sich als kundiger Arzt erwies und mit Namen Moryn vorstellte. Er brachte ihr Nahrung und Trank, kümmerte sich rührend um sie. An diesem Morgen fühlte sich Cynesta zum ersten Mal wieder wohl und klar. Sie fragte Moryn nach den Umständen ihrer Rettung und ihrem Aufenthalt. Der Alte lächelte sie gütig an. "Da du gerettet bist, Mädchen," sagte er sanft, "wäre es angebracht, alle Fragen deinem Retter zu stellen, der weit mehr für dich tat, als seine Pflicht ihm gebot." "Wer ist er und wo ist er? Ich will ihm gern danken." "Bald wird er kommen," versprach Moryn, "hab Geduld." Der Wundarzt wußte nichts vom Stand und der Vergangenheit des Mädchens und wollte sie nicht ängstigen mit der Eröffnung, daß sie dem König selbst begegnen sollte. Vielleicht wirkte es weniger wie ein Schock, wenn Ariston dies tat. Cynesta schlief bald wieder. Angenehme Träume hüllten sie ein; Träume, in denen eine warme Stimme ihr Schutz und Geborgenheit verhieß. Das leise Knarren der Tür weckte sie auf - oder gehörte das zu ihrem Traum? So mußte es sein, denn Antares selbst, die Göttin des Lichts, trat an ihr Lager. Cynesta sah erwartungsvoll in die
wunderschönen, von einer Fülle goldenen Haares gerahmten Züge. "Göttin," flüsterte befehlt ihr, Göttin."
sie ergeben, "ihr kommt zu mir? Was
Und Antares lächelte sie huldvoll strahlend an. "Ich bringe dir den Trank der Heilung," verhieß sie und reichte Cynesta einen Achatpokal, "trink und sei heil." Lautlos entschwand die Göttin. Cynesta setzte sich auf. Welch wundervoller Traum, welch herrliche Verheißung! Doch halt, es konnte kein Traum sein, denn sie hielt den Pokal in Händen, in dem eine goldgelbe Füssigkeit schimmerte. Das Gefäß war so herrlich gearbeitet, daß es nur von den Künstlern aus dem Königreich Thara oder eben von den Göttern stammen konnte. Cynesta trank noch nicht, sonnte sich noch in dem Gefühl, von der Göttin erwählt zu sein. Ganz langsam aber funktionierte der Verstand wieder. Wenn sie erwählt war, wozu? Sie stellte den Pokal beiseite, versuchte, sich zur Meditation zu zwingen. Doch da hörte sie Schritte und gleich darauf trat ein ihr fremder Mann bei ihr ein. "Erschrick nicht," bat er, "ich will dir nichts Übles." Sie erkannte die Stimme und lehnte sich entspannt auf ihrem Lager zurück. "Wie könnte ich vor meinem Retter erschrecken," erwiderte sie mit sanftem Lächeln, "gehört mein Leben dir nicht ohnehin, da du es erhieltest?" Ariston trug eine einfache Tunika, wie er sie zu Zeiten der Ruhe bevorzugte. Nichts an ihm verriet seinen Rang, abgesehen von dem offenen Haar. Er begriff, daß Cynesta, deren Namen ihm Moryn mitteilte, ihn nicht erkennen
konnte. Die Priesterin registrierte das offene Haar auch nicht, sonst würde sie diese Anrede nicht gewählt haben. Sie betrachtete ihn ohne Scheu und sie gestand sich durchaus ein, daß ihr dieser Mann gefiel. Er war anders, als die Priester, die sie kannte. Gewiß, auch bei ihnen gab es kräftige Männer von schlankem Wuchs und ebenmäßigen Zügen. Selbst die Farbe des Haares, dieses samten schimmernde Braun, stellte keine Besonderheit dar. Außergewöhnlich war offensichtlich nichts. Doch Gestik, Mimik und Haltung unterschieden den Fremden von anderen Männern und auch die offene Freundlichkeit seines Blickes. "Sagst du mir, wo ich mich befinde?" bat sie leise. "Moryn hat dir wohl nichts erzählt,"stellte Ariston fest, während er sich an ihre Seite setzte, "du bist in Salis im Haus des Statthalters Taros." Zögernd sah sie nun auf seine Haartracht. "Ihr seid der Statthalter?" erkundigte sie sich, mit einem Male sehr scheu. Leise lachend ergriff Ariston ihre Hände, beruhigend, wie in der Nacht ihres Fieberwahns. "Taros ist fett, klein und glatzköpfig," wehrte er ab. "Bitte, erzählt mir doch, wie ich gefunden wurde, welche glückliche Fügung euch zu mir führte," bat Cynesta, "ich spüre doch, daß Moryn mir etwas verschwieg. Er ist ein so ausgezeichneter Arzt, daßich fürchten muß, in einem Tempel zu sein." "Dorthin wollten wir dich bringen," gab Ariston voll Freundlichkeit zu, "doch selbst im Fieber hast du dich dagegen gewehrt. Nein, Mädchen, Moryn gehört zum
Gefolge Nodhers und warum sollte des Königs Wundarzt untauglich sein?" Verwundert stellte er fest, wie Cynesta erschrak bei seinen Worten und sich verkrampfte. "So dient auch ihr Ariston, dem Beherrscher des Nordreichs?" stammelte sie. "Oh, ich bitte euch, verhindert, daß ich ihm begegnen muß." "Kennst du ihn denn?" "Nein, mein Retter, aber ich fürchte ihn. Bitte fragt mich nicht, dringt nicht in mich." Ihr schmaler, von der langen Krankheit noch ausgezehrter Leib zitterte so sehr, daß Ariston in Sorge um ihre eben erst erworbene Gesundheit geriet. "Still," bat er leise, "hab' keine Furcht. Du mußt keinem Menschen begegnen, den du nicht sehen willst." "Habt ihr die Macht, es zu verhindern?" forschte sie angstvoll und hoffend zugleich. Doch sein Lächeln beruhigte sie. "Ich falle euch sehr zur Last, nicht wahr?" stellte sie, schon wieder ruhig, fest, "dabei wißt ihr nichts von mir. Und ich kenne nicht einmal euren Namen." "Meine Mutter nannte mich Tonis," erwiderte Ariston wahrheitsgemäß, "so magst du mich auch nennen. Aber denke nicht, daß du mir beschwerlich seist. Ich bin sehr froh, dich so kräftig zu finden." Da fiel sein Blick auf den Pokal aus edlem Achat und seine Züge verhärteten. Cynesta entging die Veränderung nicht.
"Was ist euch, Tonis?" "Wer brachte diesen Trunk?" wollte er, eine Spur zu herrisch wissen und darum sofort sanfter hinzu fügend: "Sag' mir, wer bei dir war." Cynesta zögerte. Sie schämte sich, von der Göttin zu reden, aber sie wollte ihren Retter auch nicht belügen. "Vielleicht war es ein Traum," murmelte sie darum, "mir erschien sie wie die Göttin Antares. Sie befahl mir, zu trinken, um heil zu werden." "Hast du davon getrunken?" Besorgt sah er sie an, Unheil ahnend. "Ich wagte es nicht," gestand Cynesta, "denn ich bin keine Wohltat der Götter wert." Erleichtert gab Ariston seinem nächsten Impuls nach. Er führte die Hände Cynestas an seine Lippen und küßte sie. "Es wird kaum die Göttin selbst gewesen sein," meinte er lächelnd. "Sie sah so aus," zweifelte die Priesterin nun ihren eigenen Traum an, "ich dachte es im Halbschlaf." "Wie sah sie aus, Mädchen? Groß, schlank, bezaubernd schön, mit ganz, ganz hellem Haar und reich geschmückt?" "So habt ihr sie gesehen, erneuter Fieberwahn?"
Tonis?
Dann
war es kein
"Ein Fieberwahn bestimmt nicht, Cynesta. Denke nicht weiter darüber nach."
Ariston starrte den Pokal an, den er aus Cynestas Kammer mitgenommen hatte. Unruhig ging er in seinem Gemach auf und ab. Er tadelte sich selbst, weil er dem Mädchen seine Identität verbarg. Ihre Furcht vor seinem Rang erschien ihm nur natürlich, begegnete er ihr doch immer wieder in den Augen der jungen Frauen. Was ihn verwunderte, war sein eigenes Verhalten. Gewiß, er empfand eine zärtliche Zuneigung zu Cynesta; ein Gefühl, wie es ihm selbst neu und beglückend blieb. Doch rechtfertigte dies keine Lüge. Sie verdankte ihm ihr Leben, nicht nur damals auf dem Pfad, als er sie fand, sondern auch und gerade durch jenen Kampf während der Krise ihrer Krankheit. In diesem Wissen müßte sie ihre Angst besiegen können. Ariston gab sich zu, daß er ihre Zurückweisung fürchtete. Denn erstaunte ihn, denn er begehrte nicht das Weib in ihr. Er wollte die Nähe bewahren, welche in jener Fiebernacht entstand, als er einen Menschen im Arm hielt, der ihm ganz vertraute, ohne um seine Macht zu wissen. Moryn war angewiesen, keinen Fremden zu Cynesta zu wissen und ihr seinen wahren Namen zu verbergen. Er mußte nun entscheiden, was mit Kalara geschehen sollte. Manche Unverschämtheit verzieh er ihr; doch nicht diesen Mordversuch. Und Beritt? Würde er das verkraften, es ihm verzeihen oder ungebührlich darunter leiden? Orales aus Moras beobachtete seinen Herrn besorgt. Endlich sagte er leise: "Verzeiht mein unverlangtes Reden, Gebieter. Ihr quält euch selbst, obwohl die Schuld bei andern liegt. Jedes Urteil aus eurem Mund ist gerecht." Ariston hielt inne. "Kannst du mir raten, Orales? Deine Führung ließ mich damals den Weg wählen, der Cynesta rettete. Deine Weitsicht bestellte ihr Leibwächter, ohne diese Kalara sie wohl schon vor Tagen tötete. Immer und überall bist du es, der mich leitet."
"Eure Worte ehren mich nicht nur," lenkte Orales bescheiden ein, "denn ohne meinen Rat, Gebieter, währt ihr Kalara vielleicht schon glücklich vermählt." "Bedauerst du, mich vor einem Fehler bewahrt zu haben? Nein, Teju, mein Lob hat keine Einschränkung. Daß Kalara nie die Mutter meines Erben sein wird, weiß ich nun. Doch wie vergelte ich ihre Tat, ohne Beritt zu quälen?" "Euer Pala liebt Kalara sehr," gab Orales zu, "doch weiß er noch nichts von ihrer frevelhaften Tat, Gebieter." Ariston lachte leise, doch ohne Herzlichkeit. "Ich bin Beritt zugetan," berichtigte er, "doch den Titel Pala verlieh ich ihm nicht. Und ich bezweifle, daß er wissend nicht zu Kalara stünde." "Dann vergebt ihr, Gebieter," schlug Orales vor. Ariston schüttelte nur den Kopf. "Sie würde wieder versuchen, Cynesta zu töten," vermutete er. "Bald reisen wir zu eurer Burg," erinnerte ihn Orales, "das Mädchen ist nicht in Gefahr, wenn viele Tagesreisen zwischen ihr und Kalara liegen." "Es fragt sich nur, welche der beiden Frauen mich begleiten wird. Nein, Orales, so einfach darf ich's mir nicht machen. Rufe mir Beritt, denn er soll es von mir erfahren und noch ehe ich mich entschied." Der Teju verneigte sich knapp, ehe er gehorchte. Es befriedigte ihn sehr, daß sein Herr nicht mehr gewillt blieb, Kalara zur Königin zu erheben. Cynesta würde diesen Platz besser ausfüllen.
Beritt wurde bleich, als er von Kalaras Tat vernahm. Aber er stellte keine Forderung, sondern ergab sich seinem Herrn: "Es geschehe allein nach eurem Willen, Gebieter." Wenig später lag Kalara vor Ariston auf dem Boden. Sie versuchte, seine Knie zu umfassen, doch er wich einen knappen Schritt zurück; duldete keine Berührung. Sie suchte, sich wortreich zu entschuldigen, erklärte ihre Tat mit Liebe, die sie für empfand, mit Eifersucht, die sie quälte. Und fast wäre es ihr gelungen, Ariston zu erweichen. Doch wie so oft, zerstörte sie sich ihre Chancen durch törichte Worte, als nun sagte: "Ist es denn nicht das Recht einer Königin, für ihre Liebe zu kämpfen? Hat eine Königin nicht auch Macht über das Leben der Buhle ihres Gemahls?" "Genug," fuhr Ariston sie da an, "das Mädchen ist nicht meine Buhle und wäre sie es, so stünde sie über dir. Denn du bist nichts, Kalara, weder meine Geliebte noch meine Königin. Und niemals wirst du eines von Beidem sein." Flehend sah sie nun zu Beritt. Ariston staunte, daß sie ihn nicht um Hilfe bat. Ganz langsam begriff er, daß Kalara den Freund liebte und ihn darum nicht zwang, sich gegen ihn zu stellen. Er dachte noch darüber nach, als Kalara sich erhob und nach dem Pokal griff, bereit, sich selbst den Tod zu geben, den sie Cynesta zudachte. Beritt wandte sich entsetzt und ohnmächtig ab, während Tränen in seine Augen traten. Orales aber hielt Kalara auf, nahm ihr den Pokal ab. Fragend sah er zu Ariston, bereit, Kalara den giftigen Trunk erneut zu reichen. "Wenn Cynesta mir vergeben würde," stammelte Kalara die Formel des Aufschubs, "so dürfte das Recht gnädig verfahren."
Indem der Mörder sein Opfer zum Richter erhob, unterstellte er sich der Gnade und Ungnade des Geschädigten und dessen Familie. Zwar zwang diese Formel Ariston nicht bindend, Kalara nachzugeben, doch nickte er zustimmend. "Es sei, Kalara, doch ist Cynesta noch zu schwach, um in dieser Angelegenheit gehört zu werden. Muß ich dich binden lassen oder wirst du aus freiem Willen auf dein Urteil warten?" "Sie wartet," versprach verbürge mich dafür."
Beritt
an ihrer Stelle, "ich
T
onis war für Cynesta ein Rätsel. Sie schätzte seine Besuche über die Maßen, genoß seine Nähe, fühlte sich bei ihm geborgen und sicher. Aber nie nahte er ihr als Weib. Er versuchte nicht, sie für sich zu gewinnen. Und es wäre ihm wahrhaft leicht gewesen. "Seid ihr vermählt, mein Retter?" wollte sie darum einmal wissen. Da er verneinte, schossen ihr Tränen in die Augen. "Cynesta," rief er erschrocken, "was quält dich? Wäre es dir denn lieber, hätte ich ein Weib zu mir genommen?" "Nein, nein," wehrte sie ab, "nur muß ich jetzt glauben, daß ich euch nicht gefalle. Seid ihr nur bei mir, weil es Retterpflicht ist?" "Närrin," schalt er zärtlich, "weißt du es nicht besser? Und wenn du es nicht weißt, so mußt du es doch spüren." Er legte den Arm um sie, ging weiter mit ihr durch die Gärten. Seit fast drei Wochen trieb er das Spiel nun schon und noch immer weigerte sich Cynesta, über Ariston
zu sprechen. Es fiel ihr nicht auf, daß sie in den Stunden, die Tonis bei ihr verbrachte, nie einem Menschen begegnete. Ein Soldat, Orales, schien zwar immer in der Nähe zu sein, doch niemand sonst. So viele Stunden hatten sie schon im Gespräch verbracht, sich darin einander genaht und geöffnet. Doch das Ende jedes Beisammenseins blieb kurz, fast abrupt. Tonis sprach irgendwann bei jeder Begegnung von seinem König. Dann verkrampfte sich Cynesta, wurde ablehnend, ängstlich und kühl. Gleich darauf verließ er sie. Ariston litt darunter. Er liebte Cynesta inzwischen und begehrte sie auch. Doch die Lüge stand zwischen ihnen und ihre Furcht vor dem Herrscher verhinderte täglich sein Geständnis. Lange konnte es so nicht mehr gehen, denn sein Aufenthalt in Salis mußte enden. Er gehörte auf die Burg Nodher, dort lag seine Pflicht und seine Aufgabe, dort war sein Platz. Es half nicht, die Abreise jeden Tag zu verschieben. Cynestas Tränen bewiesen ihm, was er ohnehin wußte. Auch sie liebte ihn, wollte sich ihm ganz öffnen. Natürlich stand es in seiner Macht, ihr die Nähe auch zu dem König zu befehlen. Doch was nützte körperliche Nähe, wenn das Herz woanders weilte? Seine Liebe zu Cynesta überzeugte ihn davon, daß er sich von ihr trennen mußte. Tonis liebte sie wohl, doch Ariston würde sie stets ebenso fürchten wie verachten. "Ich darf dich nicht begehren," gestand er darum, "denn ich muß mit Ariston nach Nodher ziehen." "Wann?" fragte sie bang. "Bald schon, vielleicht morgen. Es gibt keinen Weg zwischen dir und mir, Cynesta." "Verbietet der König euch, eine Gemahlin zu wählen?" Ariston lächelte wehmütig. "Nicht einmal stellte er richtig.
seinen Sklaven verbietet er dergleichen,"
"Dann, dann ist es euch Auch um meinetwillen nicht?"
unmöglich, ihn zu verlassen?
Er nahm ihr Gesicht in die Hände, liebkoste sie mit Blicken. "Es ist unmöglich, Cynesta." "Ich verstehe," erwiderte sie, nur mühsam beherrscht, "ihr liebt den König mehr als mich." Ehe er etwas darauf entgegnen konnte, wandte sie sich ab und lief davon. Beritt weilte bei Kalara. Und wieder war es Orales, der schweigend, zuhörend und voll echter Teilnahme seinen Herrn mit seiner Anwesenheit tröstete.
A
m Abend suchte Orales Cynesta auf. Er fand sie, weinend auf ihrem Lager liegend, das Gesicht in den Kissen vergraben. Mit leisem Räuspern machte er sich bemerkbar. "Wollt ihr mich anhören?" bat er, sich eine andere Anrede nicht zugestehend. Etwas ängstlich erkannte Cynesta an der Uniform den Dienst des Teju, dennoch nickte sie, unbewußt Hilfe erhoffend. "Ihr quält euch, Cynesta," sagte Orales mit nüchterner Stimme, "und ihr quält den Mann, den ihr liebt. Oder spielt ihr nur mit ihm?" "Ich liebe ihn," gestand sie leise, "er ist es, der nicht genug empfindet. Er liebt seinen König, ist ihm treu und bereit, mich deshalb zu verlassen." "Ich verstehe eure Furcht vor Ariston," erwiderte Orales, "wenngleich ich sie nicht billige, denn sie ist töricht, kindisch und beruht auf Vorurteilen."
"Was wißt ihr schon," flüsterte sie tränenerstickt, "wenn ich dem König begegne und er mich begehrt, was dann? Kann Tonis mich dann schützen?" Cynesta blieb überzeugt, daß Amarras Macht bis Nodher reichte. Ein einziger Blick zwischen ihr und dem König mußte Amarra zum Sieg verhelfen. Aber wie sollte sie dies jemandem erzählen? "Seit drei Jahren diene ich Ariston," erzählte Orales, "ich bin täglich um ihn und glaube, ihn zu kennen. Darum versichere ich euch, daß er niemals eine Frau mit Gewalt nehmen wird. Nichts geschieht gegen euren Willen, Cynesta, ihr habt mein Wort darauf." Irgendwie traute sie dem Teju zu, sein Wort zu halten. Es ging etwas von ihm aus, das ihr Vertrauen einflöste. "Vorausgesetzt," fuhr Orales fort, "ihr liebt Tonis wirklich, dann muß eure Liebe stärker sein als eure kindische Furcht. Ist er einen Augenblick der Angst nicht wert, daß ihr euch weigert, dem Herrscher zu begegnen?" Sie schüttelte den Kopf. "Er ist alles wert, Teju, jedes Opfer. Gebt mir Zeit." Orales aber nutzte die Stunde. "Nein, Cynesta, ihr hattet Zeit genug. Ihr müßt euch jetzt, hier und heute entscheiden." "So beginnt der König morgen die Heimreise," vermutete sie leise, "dann habe ich wahrlich keine Zeit. Ich danke euch, Teju, für euer Kommen. Doch bitte helft mir nun. Ich kann doch nicht einfach bei Ariston eindringen und er wird keinen Anlaß haben, mich zu empfangen."
"Ihr wollt zu ihm?" Obgleich sie große Furcht verspürte, blieb sie fest. "Ich will's," bestätigte sie, "ich will ihn bitten, mich in seinem Gefolge mitreiten zu lassen und Tonis zu gestatten, sich mir zu vermählen." "Dann sorge ich dafür, daß Ariston euch empfängt. Haltet euch bereit, Cynesta. Man wird euch holen." "Wartet," hielt sie ihn zurück, "was muß ich tun, wie mich verhalten. Er ist ein Mann der Macht. Ich habe keine Erfahrung in solchem Umgang. Eine einzige falsche Geste könnte doch alles verderben." Orales lächelte nachsichtig. Sie erschien ihm wie ein kleines Kind, wie ein ängstliches Mädchen von acht Jahren. Ruhig versicherte er: "Ariston ist kein Tyrann, sondern nachsichtig und voll Verständnis. Stellt euch einfach vor, Cynesta, ihr wäret eine Priesterin und würdet auf Amarra dem Than begegnen. Diese Art von Respekt und Achtung erweist Ariston und ihr begeht keinen Fehler." Damit ließ er sie allein.
C
ynesta wusch sich rasch das Gesicht, kleidete sich um. Wirklich festliche Gewänder besaß sie nicht, nur eben das, was Tonis ihr zukommen ließ. Doch als Bittstellerin ziemte ihr ohnehin eher einfache Kleidung. Voll Dankbarkeit dachte sie an Orales. Dieser Soldat half ihr viel, mehr, als er selbst ahnen konnte. Der Vergleich zwischen Amarra und Ariston sagte ihr mehr, als Orales ahnen konnte. O ja, sie kannte jede Bewegung, die in einer Begegnnung mit dem Than vorgeschrieben war. Dieselbe Achtung für Ariston erschien ihr zwar übertrieben, doch
mochte es besser sein, dem König zu schmeicheln, statt ihn zu kränken. Sie würde sich erniedrigen und sie würde noch weitaus mehr tun, wenn sie nur Tonis nicht verlieren mußte.
O
rales aus Moras suchte inzwischen Ariston auf, fand Beritt bei ihm und fühlte seinen Plan gestört. Er wollte keinen Mitwisser und keinen Zeugen. Der König spürte bald die Unruhe seines Teju. "Was bedrückt dich, Orales?" "Vergebt," erwiderte der Teju rasch, "es ist nicht der Moment, darüber zu sprechen, Gebieter." Ariston lächelte. "Ich denke," stellte er gelassen fest, "du bist mir bisher zu treu gewesen, als daß ich deinen Kummer auch nur eine Stunde länger als nötig dulden sollte. Laß uns allein, Beritt, vielleicht fällt es meinem Teju dann leichter, sich seinem Herrn anzuvertrauen." Kaum, daß Beritt das Gemach verließ, kniete Orales an Aristons Seite nieder. Fest ergriff er dessen Hand, führte sie nach kurzem Zögern flüchtig an die Lippen. "Bist du ein Sklave?" tadelte Ariston liebevoll, "ich kenne dich nicht wieder. Was hast du angestellt, Orales? Ist es so schlimm, daß du dich erniedrigen mußt, ehe du offen sprechen kannst?" "Ich war bei Cynesta," gestand Orales, der nun doch etwas unsicher wurde. Ariston entzog ihm die Hand, sagte aber kein Wort. "Gebieter, hört mich an," bat Orales.
"Zuerst sage mir, ob du ihr meinen Namen entdecktest." "Nein, mein Herr, wie könnte ich das wagen! Doch ich ertrug eure Pein nicht länger, darum mußte ich handeln. Ich überzeugte sie davon, daß ihr die Liebe gebieten muß, mit dem König über Tonis zu sprechen." "Dazu ist sie bereit?" "Ja, Gebieter. Sie wartet auf einen Boten, der sie zu euch bringt." Ariston umfaßte die Schultern des Mannes aus Moras. "Wenn das wahr ist, Orales, dann bring' sie zu mir. Sofort," verlangte er mit bewegter Stimme. "Ich bitte wiederum um Verzeihung," wehrte Orales ab, "doch gebe ich zu Bedenken, daß sie Ariston, nicht Tonis sehen will." "Da ist kein Unterschied," rief Ariston aus. "Und doch, wenn ihr Cynesta die demütigende Begegnung mit dem König erspart, dann wird stets eine Kluft zwischen euch sein, Gebieter. Ich fürchte, sie muß sich erniedrigen, um die Notwendigkeit eurer Täuschung zu verstehen." Offen sah er seinem Herrn in die Augen. Ehrlich besorgt wünschte Orales nichts mehr, als daß Ariston die Fülle des Glückes erfahren möge. Orales führte Cynesta zu Aristons Gemächern. Er spürte die Angst, die innere Aufgewühltheit der jungen Frau, empfand Mitleid, wußte aber nicht, wie er ihr helfen sollte. Orales aus Moras kannte die Menschen, wußte sie instinktiv richtig einzuschätzen und ihre Reaktionen zu berechnen. Er zweifelte nicht daran, daß Cynesta dem Geliebten die Lüge nicht verzeihen würde, es sei denn,
sie erkannte selbst deren Notwendigkeit. Der Teju billigte allerdings die Täuschung seines Herrn nicht. In der ersten klaren Stunde der Kranken wäre es Aristons Pflicht gewesen, sich als Herrscher zu erkennen zu geben. Daß es ihm danach nicht mehr möglich sein konnte, war abzusehen. Ein leises Lächeln huschte über das gebräunte Gesicht des Soldaten, als er daran dachte, daß Cynesta immerhin nur deshalb den König zu lieben lernte, weil er ihr als Mensch nahte. Im andern Fall wäre allein Dankbarkeit von ihrer Seite aus vorherrschend gewesen und auch Ariston würde keine Chance haben, die Tiefe des Mädchen zu erfahren. Nur durch vertrauensvolle Offenheit konnte Liebe entstehen. Es blieb zu hoffen, daß Cynesta diese Liebe durchzutragen verstand. Vor der Tür zu Ariston blieb Cynesta stehen. "Ich kann nicht," flüsterte sie, "helft mir, Teju." Der Gardist ergriff fast zärtlich ihre Hand, führte sie ins Gemach und ließ sie erst los, nachdem sich die Tür leise hinter ihm schloß. Ariston stand am Fenster, wandte ihnen den Rücken zu. Während Orales sich gegen die Tür lehnte, trat Cynesta ein paar wenige hilflose Schritte vor. Sie starrte auf den bodenlangen glitzernden Umhang, auf den perfekt gebundenen Turban des Herrschers. Nach dem Willen Amarras war dies ihr Gemahl. Sie verachtete Xalares, Kilmanaos, den Than und sie empfand Verachtung für den König, der scheinbar gleichgültig aus dem Fenster sah und sie nicht beachtete. Orales riet, diesem herzlosen Mann denselben Respekt zu erweisen, wie er dem Than in Amarra zukam. Um Tonis' Willen wollte sie auch dies erdulden. Und doch kostete es sie große Überwindung, sich lang auf dem Boden auszustrecken, die Arme ausgebreitet, das Gesicht nach unten. Die Stille quälte sie. Für Orales empfand sie Dankbarkeit und Zuneigung, als sie seine Stimme hörte: "Gebieter, Cynesta ist hier."
Kalt und abweisend kam die Antwort: "Sie soll reden." Sie spürte, wie der Herrscher zu ihr trat und dicht vor ihr stehen blieb. "Sprich," verlangte er knapp, "was begehrst du?" "Herr," erwiderte sie, obwohl es mehr ein Stammeln war, "ich bin eure gehorsame Dienerin, dankbar für die Gnade, empfangen zu werden, hoffend, ihr werdet mir meine unbescheidene Bitte verzeihen." Ariston erwiderte nichts. So fuhr sie fort: "Ich bin eurem Gefolgsmann Tonis in Liebe zugetan und erbitte die Gnade, in Nodher aufgenommen zu werden." Sie konnte nicht sehen, wie Ariston sie aufheben wollte und wie Orales ihn mit nachdrücklichem Kopfschütteln davon abhielt. "Und warum, Cynesta, spricht Tonis selbst? Fürchtet er seinen Herrn so sehr?"
nicht
für
sich
"Nein," erwiderte sie erschrocken, fürchtet, ihr Kommen könne Tonis schaden, "nein, Gebieter. Er liebt euch und setzt sein ganzes Vertrauen in eure Person. Bitte, glaubt nicht, daß er mich sandte. Oft wollte er mit euch reden, doch meine Furcht vor eurer Macht hielt ihn zurück. Er wußte, daß er mich verlieren würde, wenn er mich zwang, euch zu begegnen." "Du also fürchtest mich? Warum?" Da begann sie lautlos zu weinen. Sie konnte Ariston nicht die Wahrheit sagen, nicht ihr Priestertum entdecken. Womög-
lich entsprach der König nicht so sehr Kilmanaos' wenig schmeichelhafter Beschreibung und eher Xalares' freundlicherer Ansicht, dennoch blieb er ein Feind Amarras, dem sie sich opfern sollte. "Keine Antwort?" forschte Ariston, betroffen von der Tiefe ihrer Furcht, die aus ihren Tränen sprach, "so weißt du nicht, wer dir in der Stunde der Notbeistand?" "Ich bin Tonis auch denkbar," murmelte sie. "Tonis? Erzähle du, Teju, dem törichten Mädchen die Wahrheit," forderte Ariston Orales auf. Der kam dieser Aufforderung gern nach. Er berichtete ihr, wie Ariston eine Befleckung durch ihr Blut nicht fürchtete, wie er ihren Körper untersuchte, aufatmend, als er keine Knochenbrüche feststellen konnte. Er erzählte, wie er der Empörung anderer zum Trotz sie in seinen Umhang hüllte, wie er sie in der Sänfte reisen ließ und endlich auch, wie der König selbst um ihr Leben kämpfte in jener Nacht der Krise. Als Orales schwieg, fragte Ariston sanfter: "Liebst du Tonis nun weniger, da du weißt, daß nicht er all dies für dich tat?" Sie wagte noch immer nicht, den Herrscher anzusehen, doch sie erkannte schon, wie grundlos sie ihn verachtete. "Gebieter," flüsterte sie unter Tränen, "ich liebe Tonis nicht aus Dankbarkeit. Meine Liebe zu ihm wuchs in den vergangenen Wochen, in denen er mir seine Zeit widmete und in vielen Stunden offener Gespräche meinem Herzen näherkam. Daß ich aber so tief in eurer Schuld stehe, das wußte ich nicht. Verfahrt mit mir nach eurem Willen." "Wofür erwartest du Strafe, Mädchen?" forschte der König.
Er brauchte Orales' Rat nicht mehr, begriff nun selbst, wie tiefverwurzelt Cynestas Angst gründete. Wenn es ihm nicht jetzt gelang, die Ursache dieser Angst zu erkennen, würde immer etwas Trennendes zwischen ihnen sein. Sie hatte es Tonis nie erklärt, sie mußte sich also Ariston öffnen. "Ich habe euch beleidigt, indem ich euch fürchte," murmelte Cynesta schwach, "ich hielt es nie für möglich, daß ihr ein guter Mensch sein könntet, Herr. Aber ich sehe, daß ich es nicht wert bin, auf Nodher zu leben und erbitte nur die Gnade, Tonis meine Torheit nicht zu vergelten." Ariston schwieg und wie so oft zwang er im Schweigen sein Gegenüber, sich zu offenbaren. Auch Cynesta ertrug die Stille nicht lange, mußte sprechen, um das Unerträgliche der Situation zu entschärfen. Nicht ihre Demütigung quälte sie, nicht die unterwürfige Haltung, sondern das Herandämmern der Erkenntnis, daß Amarra Unrecht tat. Wenn aber Amarra fähig war, Fehler zu begehen, auf wen konnte dann noch Verlaß sein? "Meine Mutter," erzählte sie stammelnd, stockend und auch schuldbewußt, "sie lehrte mich, daß ein König, der kein Priester ist, von den Göttern verworfen sei. Ein solcher Herrscher ist abgrundtief schlecht, böse und verdorben. Ich hatte immer Angst vor euch, Gebieter, weil ich nicht glauben konnte, daß ein Mächtiger auch ohne Priesterweihe gerecht und gütig sein kann. Ich war überzeugt..." Da mußte sie die Worte enden, weil ihr Weinen sie erstickte. Haltloses Schluchzen schüttelte ihren schmalen Körper und noch immer wagte sie nicht, aufzusehen. Jetzt rechnete sie wirklich mit Strafe, doch nun wußte sie sich auch schuldig. Orales stellte dabei betroffen fest, wieviel Schmerz sich in den Zügen seines Herrn spiegelte. Der Teju begriff, wie sehr Ariston selbst unter dem Mangel der Weihen litt. Kein anderer Vorwurf hätte den König so zu treffen vermocht. Leise verließ der Gardist den Raum.
Ariston ertrug kaum die Eröffnung der Geliebten. Jetzt begriff er, weshalb sie die Begegnung mit dem König fürchtete, weshalb sie nicht einmal über ihn reden wollte. Herrschte diese Ansicht bei seinem Volk vor? Bitterkeit stieg in ihm auf. Amarras Arm reichte wahrhaft weit. Dann aber gab es nur noch Cynesta für ihn. Was scherte ihn die ganze Priesterkaste, wenn er dieses Mädchen aus dem Volk für sich gewann? "Cynesta," sagte er leise, "weine nicht. Ist es so unerträglich, in deinem König den Menschen zu erkennen?" Schluchzend umfaßte sie seine Füße. "Gebieter," hauchte sie, "wenn ihr mir vergeben könnt, so will ich eure willigste Dienerin sein. Ich schwöre euch jeden Eid der Treue, Herr. Nie würde ich dulden, daß jemand schlecht von euch spricht." Sie meinte das ehrlich. In dieser Stunde brach sie mit Amarra, das sie täuschte und belog. König Ariston mochte kein Priester sein, doch auch ohne Weihen blieb er allen anderen Herrschern der Nebelreiche ebenbürtig. Sie bezweifelte, daß ein Priesterkönig so selbstverständlich für eine verletzte Bürgerin sorgte und so nachsichtig grundlose Beschimpfung hinnahm. "Es ist gut, Cynesta," ertönte Aristons warme Stimme, die mit einem Male so sehr an Tonis erinnerte, "es geschieht dir kein Leid. Wenn wir morgen nach Nodher aufbrechen, wirst du an meiner Seite reiten. Du kannst doch reiten? Dann ist alles geregelt. Schlafe gut." Fast fluchtartig verließ er den Raum. Er konnte ihre Demütigung und ihr Weinen nicht mehr ertragen und er fürchtete sich davor, sich nun zu erkennen zu geben. An der Grenze ihrer Kraft mochte das zuviel für sie sein.
C
ynesta schlief wirklich gut. Sie fühlte sich wie von einem Alpdruck befreit. Nichts würde sie nun von Tonis zu trennen vermögen und selbst seine Liebe zu Ariston konnte sie nun teilen. Früh am andern Tag brachte ihr eine Dienerin Reisekleidung. Cynesta wunderte sich über den feinen Stoff der Hosen, die sorgsamen Stickereien der Bluse und die edle Verarbeitung des Überkleides. Solch kostbare Bekleidung erschien ihr übertrieben und unverdient, doch wollte sie dies vor der Dienerin nicht zeigen. Das Mädchen bürstete ihr Haar sehr intensiv, band es aber nicht zusammen. Ein schmales Stirnband wand sie ihr um, in dessen Mitte ein großer Lasurstein strahlte. Während Cynesta dann allein ihr Frühmahl zu sich nahm, wunderte sie sich voll Sehnsucht darüber, daß Tonis nichts von sich hören ließ. Endlich trat Orales bei ihr ein und sie freute sich darüber, verdankte sie diesem Mann doch ihr neues, befreites Sein. Der König hatte seinem Teju erklärt, weshalb er Cynesta sich nicht entdecken konnte und ihm auch seine Sorge entdeckt, wie sie die Wahrheit nun vor Zeugen ertragen mochte. Immerhin hoffte er, daß die Gegenwart des ganzen Gefolges Cynestas Seelbstbeherrschung fördern mochte. "Alles ist bereit, Cynesta, und wartet auf euch," erklärte der Soldat. "Weiß Tonis, daß ich mitkomme?" Orales nickte nur. Er führte sie hinaus, half ihr aufs Pferd. Sie spürte die neugierigen Blicke der Menschen umher, aber ihr Auge suchte nur den Geliebten. Als sie ihn nicht entdecken konnte, empfand sie Furcht. Nur das freundlich beruhigende Lächeln des Mannes aus Moras signalisierte ihr die Abwesenheit allen Unheils. Vorn im Troß ritt der König an und der Zug setzte sich in Bewegung. Orales hielt sich an Cynestas Seite, plauderte freundlich mit ihr, erklärte ihr, wie die Kleidung der Menschen ihren Stand und ihre Aufgabe verriet.
"Wo ist Tonis, Teju?" wollte sie endlich wissen. "Eine Frage, die euch nur der König beantworten kann," erwiderte Orales. "Er würde mir kaum verzeihen, wenn ich zu ihm ritte und um Auskunft bäte," vermutete sie. "Gewiß will er nur testen, ob ich ihm wirklich vertraue. Sagt mir wenigstens, ob es Tonis gut geht." "Warum seid ihr nur so scheu, Cynesta? War unser Herr nicht freundlich zu euch? Wenn ihr es nicht wagt, mit ihm zu sprechen, beweist ihr nicht gerade dadurch euern Mangel an Vertrauen?" Beritt wollte sein Pferd heranlenken, doch schickte ihn Orales mit einer knappen Handbewegung fort. "Wer ist das?" erkundigte sich Cynesta, "er starrt mich schon die ganze Zeit an. Ist er mein Feind?" "Alles mag Beritt sein, dies aber nicht," antwortet Orales sofort, der wußte, daß Beritt eine Gelegenheit suchte, für Kalara zu bitten, der nicht erspart blieb, wiederum zu reiten. Er erzählte ein wenig von Beritt und damit gleichzeitig wieder von Ariston. Endlich fragte Cynesta: "Seid ihr sicher, daß mir der König ein unerlaubtes Nahen verzeihen wird? Ihr habt mir bisher immer gut geraten, Teju, helft mir nun auch." "Ich werde euch immer helfen," versprach Orales fest, "geht nur zu ihm. Aber vergeßt nicht, er ist der König. Er hat euch erhöht, indem er euch so einkleiden ließ, euch diesen Schmuckstein schenkte und verbot, euer Haar zu binden. Benehmt euch also in allem ganz wie eine Herrin und tadelt
seine Entscheidung nicht nur unbedachtes Verhalten." Cynesta begriff die Notwendigkeit dieser Mahnung nicht, versprach es aber. Sie trieb ihr Pferd vorwärts, lenkte es neben den Herrscher und wunderte sich, weil die an seiner Seite reitenden Soldaten sofort davonsprengten. Mit gesenktem Haupt ritt sie neben ihm. "Noch immer voll Furcht?" erkundigte er sich freundlich. Diese Stimme! Cynesta erschrak bis ins Innerste, als sie die Stimme des Geliebten erkannte, doch mit eiserner Beherrschung verhinderte sie das Zügeln ihres Tieres. Sie starrte Ariston an, mit weit aufgerissenen Augen und sprachlos halb geöffnetem Mund. Ihr Herz drohte zu zerspringen, als sie im König den Geliebten erkannte. Ariston lenkte sein Pferd nahe neben ihr Tier, ergriff mit der Rechten ihre Hand, hielt sie mit sanftem Druck. "Ich wußte nicht, wie ich es dir sagen sollte," gestand er leise, "ich habe mich vor diesem Moment gefürchtet. Kannst du mir verzeihen, Cynesta? Ich habe nicht mit dir gespielt. Ich liebe dich und ich will mich dir vermählen. Aber du hast mich so verachtet und gefürchtet, daß ich dir die Wahrheit einfach nicht offenbaren konnte. Sag' doch etwas, Liebes, bitte." So flehend sah er sie, selbst nun furchtsam ihr Urteil erwartend. Leise erwiderte sie: "Tonis liebe ich." "Nicht aber Ariston," erkannte er traurig. "Zürnst du mir, weil ich dich gestern erniedrigte?" "Ich habe mich selbst erniedrigt," widersprach sie leise, "und ich fand darin Befreiung von Vorurteilen."
"Also bist du mir nicht böse?" hoffte er, ihre Hand noch immer festhaltend, "und doch so fremd jetzt, so scheu?" Sie sah ihn voll an Verwirrung und Zuneigung.
und ihrem Blick paarten sich
"Ihr seid zu groß für mich," flüsterte sie. Ariston lächelte befreit, froh erkennend, daß er sie nicht verlor. Er bewunderte ihre Selbstbeherrschung und dachte einen flüchtigen Augenblick an Kalara, die in solcher Situation die Aufmerksamkeit aller erweckte. Nicht so Cynesta. Sie ritt neben dem Herrscher, als gäbe es keine Mißverständnisse, fast so, als sei dies ihr angestammter Platz. Und sie dachte wieder einmal an Amarra. Ja, ihre Liebe war ungebrochen. Sie fühlte sich schuldig, weil sie Ariston lange zwang, sich selbst vor ihr zu verleugnen. Doch durfte sie nun sein Weib werden? Wenn sie es tat, erwartete Amarra, daß ihm kein Sohn geboren wurde. Es mangelte ihr nicht an Mut zum Ungehorsam, doch sie fürchtete die Folgen. Ariston sprach leise mit ihr, erzählte von sich und seiner Arbeit; versicherte sie seiner Liebe und versprach, sie in Ehren zu halten und ihr die Achtung einer Königin zu gewähren. Mit keinem Wort erwähnte er den erwarteten Erben, nicht einmal sprach er von der Notwendigkeit eines Sohnes. Cynesta begriff, daß seine Liebe ihr galt, ihrer Person, nicht ihrer möglichen Mutterschaft. Er sprach auch von Kalara; nicht von deren Mordversuch, sondern von seiner Freude, sie nicht geheiratet zu haben. Er wollte keine Geheimnisse vor ihr.
S
ehr viel später ritt Orales heran, sah an ihr vorbei zu seinem Herrn und las in dessen Blick. Da neigte der Mann aus Moras das Haupt vor ihr. "Erlaubt, daß ich der Erste bin, der euch Treue schwört, Herrin."
"Ich danke euch," erwiderte sie nur. Ariston lachte leise. "Du bist nun Herrin und Gebieterin, Cynesta," sagte er ruhig, "es gibt wenige, denen du die Anrede der Höherstehenden gewähren mußt." Beschämt senkte sie den Blick. "Hab' keine Furcht," bat er da rasch, "bald wird alles wie selbstverständlich für dich sein."
W
ährend der Reise hielt Ariston alles von ihr fern, das auch nur im Geringsten geeignet schien, sie zu verwirren oder zu überfordern. Zwangen ihn die Umstände, sich von ihrer Seite zu lösen, so nahm Orales wortlos und ohne Verzögerung seinen Platz ein. Nicht einmal Beritt fand Gelegenheit, mit ihr zu sprechen. Cynesta lernte ihren künftigen Gemahl während des Ritts erst richtig kennen. Sie sah, mit welchem Ernst er um die Belange des Volkes bemüht blieb, wie wenig Unterschied er zwischen den Ständen machte. Selbst Sklaven verhalf er zu ihrem Recht, ungeachtet, ob er sich dabei gegen Bürger oder gegen Adlige stellen mußte. Sie sah aber auch die Scheu und das Mißtrauen, das ihm, trotz einer gewissenen Verehrung zuteil wurde. Voll Achtung nahten sich die Männer des Reiches ihrem Herrn mit ihren Anliegen, doch die Weiber hielten sich im Hintergrund. Ihr Ritt führte durch die Stadt Surs, die schon nahe der Burg lag, und kaum, daß sie das Stadttor durchquerten, trat eine Abordnung der Bürger zu Ariston, um die Bitten der Stadt vorzutragen. Während er interessiert lauschte, wanderte Cynestas Blick über die Gesichter am Straßenrand. Verbittert stellte sie wieder einmal fest, daß kaum eine junge Frau darunter weilte. Die Alten drängten sich nach vorn, glotzten neugierig, und auch die Kinder zeigten sich ohne Scheu. Einige hielten sogar Blumen in Händen. Halb hinter einem Torpfosten verborgen entdeckte Cynesta da eine junge Frau. Sie konnte nur wenig unter zwanzig Jahren zählen. Obwohl sie sich gewaschen hatte, erkannte Cynesta die unzähligen Tränen der vergangenen Zeit. Diese Frau litt und doch wagte sie es nicht, ihren König
um Hilfe zu bitten. Sie kämpfte zwar mit sich, doch ohne Kraft. "Herrin?" Orales beugte sich auf seinem Pferd zu ihr. Wie stets, so hatte er sie auch jetzt sehr genau beobachtet und ihm entging nicht Cynestas aufkeimendes Interesse. "Ariston würde ihr bestimmt helfen," murmelte Cynesta. Sie sprach sehr leise, um den Geliebten nicht zu stören. "Gebieterin," mahnte Orales da, "manchmal muß eine Königin tun, was dem König verwehrt ist. Steht ihr dem Mädchen bei und gewinnt so die Weiberherzen für Ariston." "Was kann ich schon tun?" murmelte sie nur. Orales winkte einen seiner Männer herbei, bedeutete ihm, dieFrau hinter dem Torpfosten zu holen. Die begriff sofort, daß sie Aufmerksamkeit erregte, wandte sich zur Flucht um und wagte dann doch keinen Schritt. Der Gardist ergriff sie am Arm, führte sie durch die Menge. Er tat dies mit Nachdruck, doch so sanft als möglich. Und dann lag sie vor Cyneste auf den Knien und die mühsam beherrschten Tränen rollten über ihre Wangen. "Steh' auf," verlangte Cynesta. Vom Pferd aus sah sie auf das nun stehende Mädchen nieder. Innerlich herrschte Aufruhr in der Priesterin, doch sie ließ nichts davon erkennen. Sie fürchtete ein wenig Aristons Unwillen über ihren Alleingang, zugleich aber empfand sie tiefes Mitleid für die junge Frau. "Wie heißt du?"
"Ich werde Hedi gerufen, Herrin." Cynesta wartete, doch da Hedi schwieg, fuhr sie fort: "Ich sehe, daß du Kummer hast. Wenn du dein Leid nicht entdecken willst, magst du gehen. Erhoffst du aber gerechte Hilfe, oder auch nur Gnade, so sprich." Plötzlich herrschte Stille bei den Männern. Sie alle starrten Cynesta an und sie spürte, ohne sich umzuwenden, den stillen Vorwurf ihrer Anmaßung, der aber nicht von Ariston ausging. Einer der Stadtgesandten sprang zu Hedi, schlug sie ins Gesicht, stieß sie zu Boden. "Verschwinde, Tochter," herrschte er sie an. Kaum, daß sie wieder stand, wollte er erneut nach ihr schlagen, doch da trieb Cynesta ihr Pferd zwischen die Beiden. In unbeherrschtem Zorn packte sie den Mann am Haar, zerrte ihn herum und stieß ihm den Fuß vor die Brust. Der taumelte zurück, strauchelte und fiel. Er konnte sich nicht mehr erheben, denn Aristons Degenspitze deutete mit nur wenig Abstand auf seine Stirn. Der König sprach kein Wort, ließ Cynesta gewähren. Da er sie aber zumindest vor all diesen Zeugen unterstützte, war sie geradezu verpflichtet, nun nicht zu schweigen. Mochte er ihr im Herzen vielleicht zürnen, offiziell stand er zu ihr. Und es erschien Cynesta wichtig zu sein, wenn er sie auch als handelndes Wesen begriff. Er wußte so wenig von ihr und das Meiste durfte er ohnehin nicht erfahren. Sie winkte Hedi herbei. "Sei ohne Furcht," bat sie freundlich, "willst du dich mir anvertrauen?" Das Mädchen ergriff ihre Hand, küßte sie unter Tränen und erzählte endlich stammelnd und stockend, wie sehr sie den Gemahl fürchte, den der Vater ihr bestimmte. Zwar sei sie,
wie sie sagte, keinem Mann von Herzen zugetan, doch verabscheue sie den Bräutigam, ekle sich geradezu vor ihm und jeder seiner Berührungen. "Es ist das Recht jeder Frau," sagte Cynesta ernst, "den Gemahl selbst und aus freiem Willenn zu wählen. Was nützen euch aber alle Rechte, wenn ihr sie nicht in Anspruch nehmen wollt?" "Gebieterin," schluchzte das Mädchen, "was soll ich denn tun? Der Vater schlägt mich und in der Stadt ist keiner, der mich schützt." "Gibt es in Surs keinen Richter?" "Wohl, doch ist er ein Mann und denkt wie die Männer. Nie würde er einer Frau zu ihrem Recht verhelfen wider die Interessen seines Geschlechts." "Dann ist er ein schlechter Richter, seines Amtes nicht würdig," fauchte Cynesta, "du aber verdienst kaum Hilfe, da du nicht wagst, sie zu fordern. Ein schlechter König," fuhr sie die verzweifelte Hedi an, "da er dir Hilfe verwehrt, wie? Soll euer Herr in eure Herzen eindringen, weil ihr zu feige seid, sie ihm zu öffnen." Und mitleidsvoll fügte sie dann sanfter hinzu: "Niemand kann dich zwingen, Hedi. Und wenn du willst, so komm mit mir und bediene mich." Kaum gesagt, bereute sie dies Angebot schon. Würde Ariston es billigen? Hedi küßte dankbar ihren Fuß und da drängten sich andere Frauen heran, um des Königs Begleiterin Rat zu erbitten. Für Cynesta gab es in den kommenden Stunde kaum eine Atempause. Als Ariston seine Angelegenheiten längst regelte, schienen die ihren erst zu beginnen. Wohl oder übel mußte in Surs übernachtet werden, denn es dunkelte schon, als auch Cynesta endlich Ruhe fand.
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riston stand ihr den Tag über nicht bei, ließ sie gar allein. Nur Orales blieb in ihrer Nähe und ein Schreiber, der ihren Willen notierte. Als sie nun den Geliebten zum Abendmahl aufsuchte, empfand sie wieder Scheu. Eben noch so stark und selbstbewußt, fürchtete sie nun sein Urteil. Er aber kam ihr entgegen. Es gab keine Zeugen; so nahm er sie herzlich in die Arme und küßte sie. "Kein Wort, Geliebte," bat er dann zärtlich, "du bist eine Königin und es ist gut, wenn du so handelst." "Es ist nicht üblich." "Natürlich nicht, wenn die andern Priesterkönige den Zorn der Götter fürchten und ihre Gemahlin nicht herrschen lassen. Ich bin heute sehr glücklich, Cynesta, weil du nicht nur meine Liebe, sondern auch stark bist." "Und Hedi?" "Ist es nicht dein Recht, dir deine Dienerinnen selbst zu wählen, wie auch deine Freundinnen - und Freunde? Bin ich dein Herr oder dein Gemahl?" "Beides doch wohl, Ariston." "Ich will nur dein Liebster sein," versicherte er ihr, "nicht dein Beherrscher. Willst du mir nicht vertrauen?" "Ich habe euer Urteil gefürchtet," gab sie offen zu, "doch als ihr um meinetwillen die Waffe nahmt, habe ich euch mehr denn je geliebt. Laßt mir ein wenig Zeit, Geliebter. Es ist alles so neu für mich." Und doch dachte sie daran, daß ihre Tempelerziehung eben dieser Aufgabe gewidmet war. Sie begriff, weshalb sie über die weltlichen Gesetze belehrt wurde, über Recht und Sitte; ein Wissen, das im Tempel keinen Nutzen brachte.
Und sie ahnte, daß nicht alles, was sie lernte, in Amarras Willen lag. Zyrenis erzog sie zu einer ebenbürtigen Partnerin des Königs und verhinderte auch auf diese Weise, daß sie sich ihm völlig ausliefern mußte. Sie konnte sie ihm anvertrauen, doch sie nötigte ihm zugleich auch Achtung ab.
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n Nodher angekommen, mußte sie Ariston dann teilen. Er konnte ihr nicht mehr so viel seiner Zeit widmen, was sie zwar akzeptiere, worunter sie sich aber dennoch etwas überflüssig vorkam. Der König ging auf solche Regung jedoch nicht ein, überspielte sie und wies ihr Möglichkeiten der eigenen sinnvollen Beschäftigung. So oft es ihm möglich war, suchte Ariston sie auf oder ließ sie zu sich rufen. Eines Tages wandelte sie, in Gedanken versunken, durch die Burg; kam in Bereiche, die ihr bisher fremd blieben. Sie liebte Ariston, doch sie schämte sich auch dafür, daß sie ihm ihre Vergangenheit nicht entdeckte. Die letzte Tiefe des Vertrauens brachte sie ihm nicht entgegen, denn sie fürchtete tatsächlich, daß er sie als Priesterin verstoßen würde. Das Schlimme daran war, daß sie Grund zu dieser Befürchtung hatte. Ariston mied die Gesellschaft der Priesterkaste. Nicht ein Templer befand sich auf Nodher; nicht ein Bote Amarras konnte ihm raten, ihn auch nur über den Willen der Götter informieren. Und Cynesta wußte nicht, ob dies ein gutes oder schlechtes Zeichen sein konnte. Die Menschen, die ihr begegneten, verneigten sich tief und entfernten sich eilig. Es war nicht so, daß man sie fürchtete, doch sie stand Ariston zu nahe, als daß sie nicht mit Scheu betrachtet worden wäre. Im Grunde war Cynesta sehr einsam. Zwar diente ihr Hedi fast hingebungsvoll und erwiesen ihr auch die anderen Dienerinnen größten Respekt, doch vertrauensvolle oder auch nur interessierte Gespräche konnte sie mit den Vasallen nicht führen. Und Orales, dem sie vertraute, sah sie kaum, hielt ihn sein Dienst doch stets in der Nähe seines Herrn.
Noch war sie Ariston nur anverlobt, doch würde auch die vollzogene Eheschließung keine Änderung bringen. Der Sitte entsprechend hatte der König die andern Beherrscher der Nebelreiche zu seiner Hochzeit geladen, allerdings nicht, ohne Cynesta darauf hinzuweisen, daß die Verachtung, der er ausgesetzt blieb, die Priesterkönige wohl kaum kommen ließ. Wer sich hier als Gast nahte, billigte dadurch seine Wahl und wie sollten Amarras Vasallen dies tun? Ihr wäre die große Tür zu ihrer Linken entgangen, hätte sich der Posten davor nicht so betont unauffällig vor den Griff geschoben. Was lag hier verborgen? Sie trat hinzu. "Vergebung, Herrin, doch der sagte der Posten, nicht weichend.
Raum
ist
verboten,"
Da warf sie stolz den Kopf zurück, sah den Mann herausfordernd an und erwiderte kalt: "So muß ich den König bitten, mir zu öffnen?" Weniger Neugierde begehrte nun Einlaß, sondern mehr Trotz. Wenn sie schon als Herrscherin hier leben sollte und die Nachteile dieses Amtes hinnehmen, so wollte sie doch wenigstens das Gefühl der Freiheit empfinden dürfen, daß ihr Wille etwas galt. War es nicht Ariston selbst gewesen, der ihr riet, Zerstreuung und Ablenkung zu suchen und der ihr alles zur Verfügung stellte? Der Türposten wurde unsicher. Herrisch legte sie die Hand auf den Dolch an ihrem Gürtel. "Zur Seite, Mann!" Da gehorchte er, sich tief verneigend. Cynesta ließ die Waffe los. Fürchtete der Kerl tatsächlich, sie würde ihn tätlich angreifen? Zwar gab es weder in der Bekleidung noch in der Ausstattung sittenhafte Unterschiede zwischen den
Geschlechtern, doch blieben die Frauen selten, welche die Waffen, die zu tragen sie berechtigt waren, auch beherrschten. Cynesta konnte durchaus mit Dolch, Degen und Peitsche umgehen und vermochte auch, Pfeile ins Ziel zu lenken, doch war ihr dies ja nicht anzusehen. Sie vermutete eher, daß der Posten nicht wagen würde, sich gegen sie zu verteidigen und daß er darum nachgab. Wie dem auch sei, sie war nun gezwungen, diesen verboteten Raum zu betreten und sie tat es. Kaum, daß sie die Tür schloß, befand sie sich in ziemlicher Dunkelheit. Etwas entfernt brannte ein kleines Licht, doch so schwach, daß es den fensterlosen Raum nicht auszuleuchdem ten vermochte. Zaghaft ging sie hinzu und nahm das Tuch von dem Flammenden Kristall, der Lichtquelle der Nebelreiche. Der fast runde Raum wurde nun matt ausgeleuchtet. Die künftige Königin sah sich um. An den Wänden stapelten sich auf tiefen Regalen Schriftrollen und Bücher und als Cynesta die Schriften genauer besah, begriff sie, weshalb der Raum verboten blieb. Hier fand sie nicht nur das Wissen der Reiche festgehalten, sondern auch unzählige Werke, wie sie nur den Tempeln vorbehalten blieben. Es dauerte nicht lange, und die Priesterin fand das System der Ablage. Die Regeln vom Tempel des Friedens waren von jenen der anderen Tempel getrennt, wie auch ansonsten jede Richtung ihr eigenes Regalabteil fand. Sie vergaß die Zeit. Das Wissen ihres eigenen Tempels nahm sie gefangen. Es entsetzte sie, hier bestätigt zu finden, was Kilmanaos sprach. Nein, sie war keine Priesterin des Friedens, wie sie bisher annahm. Die Lehren der Liara, der Göttin des Friedens, unterschieden sich von dem Wissen, das ihre Leiterin Zyrenis ihr vermittelte. Fast fieberhaft suchte sie jetzt die Quelle ihres Seins. Minosante, der Gott der Kraft, hatte sie ebenso unterrichtet wie Tabalke, der Gott des Schweigens, wie Antares, die Göttin des Lichts und Saake, die zweigeschlechtliche Gottheit der Weisheit. Das Wissen von Raaki, dem Gott des Todes, fand sie im Fach des Schwarzen Tempels. Auch Teile seiner Lehre gehörten zu ihrer Ausbildung, wie sie bald begriff. Die
Schriften hier deuteten ihr allerdings erst an, wie tief ihr Wissen und wie groß ihre priesterliche Macht sich gestaltete. Amarras Werk oder Zyrenis' Verdienst? Sie fand Lücken in den Schriften, Fehlinterpretationen, aber sie erkannte sehr wohl den unschätzbaren Reichtum dieser Bibliothek. Sie verlor sich darin.
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riston inzwischen befand sich in großer Sorge um die Geliebte. Er machte sich die heftigsten Vorwürfe, weil er sie so oft allein ließ. Seit Stunden suchten seine Männer auf Nodher nach Cynesta. Es gab keine Spur von ihrem Verbleib, niemand besaß Nachricht über sie. Der König machte sogar Hedi die heftigsten Vorwürfe, weil sie ihre Herrin nicht besser hütete. Erst Orales' sachte Berührung erinnerte ihn daran, daß er dem Mädchen Unrecht tat. Kaum mit dem Teju allein, bemühte er sich nicht weiter um Selbstbeherrschung. Vor dem Mann aus Moras verbarg er seine Angst nicht. "Ich weiß nicht, was ich geschah," murmelte Ariston.
tue,
wenn
ihr
ein Leid
In diesem Moment vergaß Orales den Rang des anderen. Jetzt war er nichts mehr als ein geliebter Freund, der litt. Er umarmte den König wie einen Bruder, preßte ihn fest an sich und küßte seine Wange. "Beruhigt euch," sagte er leise, "ich bitte euch, Gebieter. Besser als Sorge ist Handeln. Kommt, wir wollen selbst nach Cynesta suchen." Er legte seinem Herrn den Arm um die Hüfte und führte ihn durch die Gänge, gab aber die vertrauensvolle Nähe sofort auf, als Diener der Burg ins Blickfeld gerieten. Unten im Burghof zögerte er. "Wohin, Orales?" fragte Ariston leise, "wo suchen wir?"
Der Mann aus Moras wirkte einen Moment lang abwesend, so, als sei er im Traum. Dann gab er sich einen inneren Ruck. Mit einem Male sehr zielsicher schlug er den Weg am Brunnen vorbei ein. Sie kamen an einen düsteren, schmucklosen Gang, folgten ihm. Der Posten des verbotenen Raumes warf sich schon zu Boden, als er seinen König noch von Weitem nahen sah. Das sichtbar schlechte Gewissen des Mannes offenbarte Ariston die Entweihung seines Geheimnisses. Obwohl sein Siegel, der vom Baum gekrönte, aus einer Welle heraussteigende Berg auf gelbem Grund, an der Tür prangte, schien jemand hier eingedrungen zu sein. Diesen Frevel zu rächen war wichtiger als die Suche nach Cynesta. Der Herrscher trat ein. Er schloß nicht die Tür hinter sich, denn voll Überraschung sah er die Geliebte, selbstvergessen über eine Schrift geneigt. Um dies dem Teju zu sagen, wandte er sich um und sah, wie Orales bestürzt und verblüfft auf die Regale starrte. Nun, da er dieses Geheimnis schon sah, gab es für Ariston keinen Grund mehr, ihn auszusperren. Der am Boden liegende Posten wußte nicht, welchen Schatz er bewachte und in seiner Furcht sah er auch jetzt nicht auf. Auch dies registrierte der König mit Befriedigung. "Komm rein," bat er Orales und schloß hinter dem Teju die Tür. Cynesta fühlte sich gestört, sah auf. Rasch erhob sie sich und trat zu dem Geliebten. In ihren Augen schimmerte ein ihm fremdes Licht. "Ariston," sagte sie leise, "ich wußte nicht, wie sehr euch auch nach solchem Wissen dürstet." Sie bemerkte seine innere Abwehr, da er nur vor ihr stand, sie nicht in die Arme schloß, sie anstarrte wie eine Verbrecherin. Kleinlaut fügte sie darum hinzu: "Sollte ich dies nicht sehen?"
"Niemand sollte es sehen," erwiderte er hart, "vergeßt ihr beide, daß es diesen Raum gibt. Wenn meine Posten nichts taugen, werde ich andere Maßnahmen ergreifen müssen." Da aber griff Orales ein, dem Posten zur Seite stehend: "Mein Gebieter mag verzeihen, doch der Mann draußen hätte unter Einsatz seines Lebens jedem den Zutritt verwehrt, wie es seine Pflicht und seine Aufgabe ist. Doch wie sollte er wagen, die Königin zu bedrohen?" "Schweig," fuhr ihn Ariston da an. Orles preßte die Lippen zusammen, legte die Rechte an sein Herz, neigte sich tief und blieb in dieser Haltung, seinem Herrn so schweigend den Zorn vorwerfend. Von ihm keine Unterwürfigkeit gewohnt, begriff Ariston den Inhalt dieser Geste und hob Orales mit sanfter Berührung auf. Zu Cynesta sagte er: "Mir war nicht bekannt, daß du belesen bist. Wenn du es willst, lasse ich dir die Schriften der beiden hinteren Regale zur Verfügung stellen. Sie betreffen die Reiche, ihre Macht, ihre Sitten, ihre Gestalt." "Aber die Schriften der Tempel soll ich nicht lesen, mein Gemahl? Ist es mir verwehrt, euer Wissen mit euch zu teilen? Oder fürchtet ihr, ich entdecke Amarra diesen Schatz?" "Ich bin Amarra nicht untertan," fauchte er sie da böse an, "geh in deine Gemächer und warte auf mich. Teju, begleite deine Herrin." Allein begann er, die von Cynesta eingesehenen Schriften an ihren alten Platz zu legen. Er überflog sie selbst dabei, weil er wissen wollte, was sie las, was sie interessierte. Dann bedeckte er den Flammenden Kristall, verharrte aber noch
lange in der Düsternis. Er überlegte: "Was bedeutet mir Cynesta? Ich behandle sie fast wie eine Vasallin, klammere sie aus meinem Alltag aus und verbiete ihr die innersten Kammern meiner Seele. Ich habe mich ihr genaht, weil sie mich nicht als Herrscher erkannte und darum so offen und natürlich war. Ich habe mich in sie verliebt, weil die vielen vertrauten Gespräche in Salis mir das Gefühl gaben, als Mensch vollwertig zu sein. Nur deshalb? Begehrt habe ich sie nie, sonst hätte ich mich ihr längst genaht. Es ist nicht ihr Leib, es ist ihr Geist, der mich anzieht. Aber zieht sie mich nur an, oder liebe ich sie wirklich? Ich würde alles tun und auch alles opfern, um sie glücklich zu sehen. Aber das Wissen der Tempel bringt kein Glück. Es ist schwer zu tragen, so schwer. Wahrscheinlich fürchte ich nur, meine verwundete Seele zu offenbaren. Und so verletze ich die, die ich liebe auch Orales, der mir wahrhaftig mehr ein Freund als Beritt ist." Er verließ den Raum. Dem Türposten machte er die heftigsten Vorwürfe und bedrohte ihn mit Enthauptung, sollte er nochmals säumen.
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chweigend geleitete Orales die Priesterin in ihre Gemächer. Cynesta schickte ihre Mädchen hinaus, bot dem Teju einen Trunk an und eröffnete ihm endlich: "Es waren Tempelschriften." Der Teju ergriff ihre Hände, zog sie an seine Brust, sah sie ernst an und erwiderte: "Euer Gemahl, Herrin, leidet darunter, kein Priester zu sein. Er spricht nicht darüber, nie, und er wird auch keine Frage danach erlauben."
"Wenn ich ihm nur helfen könnte, Orales. Ich bin ja gar nicht gekränkt durch sein Verhalten, nur fühle ich mich hilflos und klein." "Eure Liebe hilft ihm," versicherte der Mann aus Moras. Er ließ sie los, als er nahende Schritte hörte und als Ariston den Raum betrat, hielt er schon gebührlichen Abstand. Jetzt schloß der König die Geliebte in die Arme. "Ich weiß, Cynesta, daß du dich langweilst," begann er, "für jede Aufgabe hier gibt es mindestens einen Bediensteten, sie zu erfüllen. Hab' ein wenig Geduld, Liebes. Sobald unsere Verbindung anerkannt ist, wirst du wirklich die Königin sein. Dann werden sich die Menschen aus dem Volk auch an dich wenden und deiner Hilfe bedürfen. Nütze die Zeit dahin, um dich mit allem vertraut zu machen." "Ich will es versuchen," erwiderte Cynesta, doch sie bedauerte, daß er nicht von den Tempelschriften sprach. Ariston küßte sie innig, wandte sich dann ab und ließ sie allein. Orales folgte ihm. Er blieb bei seinem König, als der sich den Berichten seiner Statthalter zuwandte und als er bemerkte, wie wenig Ariston sich zu konzentrieren vermochte, wünschte er nichts mehr, als daß ihm offene Rede erlaubt sei. Ariston bemerkte bald seine Unruhe. "Wenn wir allein sind," sagte er darum, "gelten nicht alle Regeln für dich, Orales. Warum sprichst du nicht, wenn dir danach zumute ist?" "Es ist schwer," erwiderte der Teju, "den Wert der Zeit zu erkennen. Was ihr, Gebieter, mir zugesteht, das mag euch zu einer anderen Stunde erzürnen." Ariston lächelte etwas schwermütig.
"So launisch bin ich, so wankelmütig?" Orales senkte den Blick und schwieg. "Bist du des Dienstes an mir müde?" erkundigte sich Ariston da, nur Freundlichkeit in die Stimme legend. Rasch trat der Teju da zu ihm. Er wollte an seiner Seite niederknien, doch Ariston ließ es nicht zu. Er ergriff seine Schultern, erhob sich dabei zugleich und sah dem treuesten seiner Diener ins Gesicht. "Gab ich euch Anlaß, an mir zu zweifeln?" murmelte Orales bestürzt, "verzeiht mir, Herr, wenn ich mich falsch verhielt." Kein Wort erwähnte bisher die feste Umarmung zwischen den beiden Männern und der König sprach auch jetzt nicht davon, obwohl er wußte, daß Orales' Frage darauf abzielte. "Was beschäftigt dich?" wollte er statt dessen wissen, "ich habe deinen Unmut erregt, ohne aber zu wissen, wodurch. Bist du nachtragend wie ein altes Weib, wenn ich einmal zu streng mit dir bin? Muß ich dich um Verzeihung bitten, Orales?" "Nein, mein Herr," erwiderte der leise, doch fest, "nur fällt es manchmal schwer, euch zu verstehen." Er spürte aber nun, daß es besser war, nicht von den Schriften zu reden und hoffte, es ergäbe sich einmal eine bessere Stunde dafür.
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ynesta hatte das Angebot angenommen, in den Schriften der Reiche zu lesen und dieser Lernstoff befriedigte sie durchaus. Vieles erfuhr sie, das die Tempel sie in der
Kürze der Zeit nicht lehren konnten. Je mehr sie in diesem Studium so etwas wie Erfüllung erfuhr, desto näher kam sie Ariston wieder. Nicht nur, daß nur er Zutritt zur Bibliothek besaß und ihr immer wieder neue Schriften bringen mußte, sie besaßen nun auch viel Gesprächsstoff, der sie einander näherbrachte. Sie las gerade ein Buch, in dem die Grundlage des Schiffsbaues des Reiches Khyon beschrieben wurden, als auf dem Gang vor ihrem Zimmer Waffenlärm ertönte. Sie hörte den Klang sich kreuzender Klingen und eilte zur Tür. Cynesta erschrak, als sie Orales mit Beritt im Duell erblickte und seltsam erleichtert atmete sie auf, als sie die Überlegenheit des Mannes aus Moras erkannte. Orales handhabte den Säbel, als sei er mit ihm verwachsen; als habe er nie anderes getan. Beritt wehrte sich mit der Kraft der Verzweiflung, wurde aber von Orales gegen die Wand getrieben. Er tauchte unter der Waffe des Teju hinweg, doch strauchelte er dabei, stolperte ein, zwei Schritte und ehe er sich zu erheben vermochte, trat Cynesta mit festem Tritt auf seine Waffe. "Genug," schimpfte sie, "oder wollt ihr euch einander den Tod geben. Steckt die Waffen ein." Orales neigte sich leicht vor ihr und gehorchte sofort, während Beritt sie noch anstarrte, die Waffe fest umkrampft. "Ich will euch sprechen, Cynesta," murrte er. Ein fast fremder Gedanke mahnte sie, solche Rede nicht zu dulden und so fuhr sie ihn wütend an: "Du willst, Mann? Du bittest nicht? Und du nennst mich beim Namen? Waffe weg, sofort!" Beritt regte sich nicht. Sein Blick fraß sich in Cynestas Augen fest; kalt, berechnend, entschlossen. In diesem Moment kam Ariston aus einem der Räume am andern Ende des Ganges. Sein Erscheinen enthob Orales eines
Eingreifens. Beritt bemerkte nicht einmal, wie sein Herr sich nahte. Er wurde völlig überrumpelt, als ein harter Hieb mit der Handkante seinen Hals von hinten traf, ihm fast gleichzeitig der Säbel entrissen wurde und ein brutaler Griff ins Haar ihn zu Boden schleuderte. Ariston trat ihm fest auf den Hals, hinderte seinen Atem dabei. Nie zuvor sah Beritt seinen Herrn so hart, so zornig. Er bangte jetzt um sein Leben. Vergessen die einstige Nähe, verloren die Zuneigung. Beritt wußte die Schuld daran bei sich, denn seit Wochen nahte er nicht mehr seinem König. Sein Herz, seine Gedanken und seine Zeit gehörten Kalara. Nur ihr. Er keuchte mühsam, wähend Orales mit leiser Stimme Bericht erstattete. Danach trat Ariston zurück. Fast traurig sah er Cynesta an, als er sagte: "Wir waren Freunde." "Wir sind es nicht mehr, Gebieter?" forschte Beritt, sich erhebend, "ich war nie mehr als euer Freund als heute." Ariston schüttelte den Kopf. "Niemand darf sich meinen Freund nennen, der meine Gemahlin bedroht und beleidigt." "Noch ist sie nicht Königin," erinnerte Beritt frech. "Sie wird es sein," fuhr ihn Ariston an, "wer wollte es hindern?" "Die Wahrheit, mein Herr," erwiderte Beritt, der sich in die Enge getrieben sah, "wenn ihr sie hören wollt." Im Grunde plante er nur, von Cynesta Kalaras Leben mit seinem Wissen zu erpressen, doch in der gewandelten Situation mußte er auch um sein Leben bangen. Er fühlte sich alles andere als wohl dabei, zumal ihn Orales und Cynesta so forschend anstarrten, als könnten sie in seinen Gedanken
lesen. Ariston ergriff Cynestas Hand. "Fort mit ihm, Orales," befahl er seinem Teju. "Nein," rief Beritt entsetzt, "hört mich an." Doch Ariston wandte sich ab. Es war Cynesta, die den König aufhielt mit den Worten: "Hat unsere Liebe eine Wahrheit zu fürchten, Gebieter? Schenkt ihm Gehör und erspart euch dadurch spätere Gedanken, die vielleicht Zweifel erregen könnten." Sie empfing Orales' warnenden Blick, mißdeutete ihn aber, indem sie annahm, er wolle sie ermahnen, Ariston nicht mit offenem Widerspruch zu kränken. Doch Ariston gab ihr nach. Er betrat mit Cynesta ihr Studierzimmer und winkte Orales, damit dieser Beritt mitführe. Der wand sich, als sein König ihn zum Reden aufforderte. Er verfluchte sein voreiliges Handeln und seine unbedachten Worte, war er doch nun gezwungen, sein einziges Druckmittel, das ihm Kalara erhalten konnte, aus der Hand zu geben. Doch vielleicht erwies ihm Ariston dann Dankbarkeit und schenkte ihm das Leben der Geliebten. Er kniete vor dem Herrscherpaar. Orales stand hinter ihm, breitbeinig, lauernd, hoffend, daß Beritt ihm Anlaß gab, getötet zu werden, noch ehe er redete. "Beritt," sagte Ariston streng, "ich habe dir manches nachgesehen und viel verziehen in den Jahren unserer Nähe. Aber baue nicht darauf, daß ich weiterhin milde mit dir bin. Sprich jetzt, es könnte deine letzte Gelegenheit dazu sein." Nach kurzem Zögern erzählte der: "Euer Interesse für Cynesta umnebelte eure Umsicht, mein Gebieter. Darum habe ich, schon von Salis aus, Nachforschungen anstellen lassen über sie. Zu meinem Erstaunen ist sie in allen Dörfern der Gegend, da wir sie
fanden, völlig unbekannt. Niemand hat sie je gesehen, niemand kennt ihren Namen. Meine Boten suchten selbst die einsamsten Hütten auf, ja, einige überquerten den Tiath und forschten im Südreich." Cynesta wollte etwas sagen, doch Ariston verbot es ihr mit einem Blick. Er selbst schwieg, starrte reglos auf Beritt nieder, der endlich fortfuhr: "Es gibt nur einen Ort, von dem sie stammen kann, Gebieter. Wir fanden sie nahe des Tempels der Kraft, dessen Priesterin sie sein muß." Ariston schwieg noch immer. Kein Muskel zuckte in seinem Antlitz und doch bemerkte Cynesta, wie er sich verkrampfte. "Gebieter," sagte Beritt nun mit fester Stimme, "die Tempel haben euch eine Falle gestellt. Wenn ihr eine Priesterin heiratet, liefert ihr euch Amarra aus. Es tut mir nur leid, daß ich es sein muß, der euch diese schmerzliche Botschaft zu bringen genötigt ist." "War das alles?" fragte Ariston nach geraumer Pause. Seine Stimme verriet nicht den Aufruhr seines Herzens, er wirkte kühl und fest. "Nicht genug?" rief Beritt verzweifelt, "kann euch ein Freund mehr Liebe erweisen, als euch vor einem Fehler zu bewahren?" "Sprich nie wieder von Freundschaft," warnte Ariston kalt, "nicht du." Und doch nagte schon der Schatten eines Zweifels in ihm. Darum urteilte er milder als erwartet.
"Orales, laß ihm das Mal des Geächteten auf die Stirn brennen, ihn entkleiden und aus der Burg jagen. Dann komm' zu mir." Beritt schrie auf. Er fürchtete den Schmerz des Brandeisens, die Einsamkeit des Verstoßenen und mehr als dies die Trennung von Kalara. Er warf sich nach vorn, wollte Aristons Beine umfassen, doch Orales packte ihn mit festem Griff und stieß ihn aus dem Gemach. In wenigen Minuten erteilte er seine Befehle und kehrte dann sofort zurück. Cynesta stand etwas hilflos inmitten des Zimmers und starrte auf Aristons Rücken. Der Geliebte sah aus dem Fenster, regte sich nicht. Endlich fragte er sie, ohne sich jedoch umzuwenden: "Darf Orales bleiben?" Nie zuvor erkundigte er sich in dieser Hinsicht nach ihren Wünschen und indem er es jetzt tat, offenbarte er seine Furcht vor Einsamkeit. Sollte er sie verstoßen müssen, so wollte er wenigstens den Teju um sich haben. "Es ist mir lieb, wenn er bleibt," erwiderte sie ehrlich, denn auch sie empfand die Nähe des Soldaten als hilfreich und beruhigend. Und dann schwiegen sie beide in ihrer Hilflosigkeit, nicht wissend, wo sie beginnen sollten. Da sprach Orales das erste Wort: "Seid ihr aus dem Tempel der Kraft, Gebieterin?" "Das bin ich nicht," antwortete sie wahrheitsgemäß, worauf Ariston sich sofort umwandte und an ihre Seite trat. Lange sah er sie an, ehe er leise sagte:
"Ich liebe dich, Cynesta, wer immer du bist und wo immer du herkommst. Ich liebe dich und ich werde dich lieben, solange ich lebe. Wenn es aber etwas gibt, das ich wissen muß, so sage es mir. Ich kann dir alles verzeihen und es gibt keine Strafe, die du von mir befürchten mußt." Sie verstand. Er liebte sie und er würde ihr auch ihr Priestertum verzeihen, wenngleich er sie dennoch dann verstoßen mußte. Er würde darunter leiden und es ertragen, so, wie es für sie Leid bedeuten mußte. Aber ein Leben ohne ihn mochte wahrhaftig sein, erträglich jedoch nicht. Sie wollte ihn nicht belügen und konnte ihm doch die Wahrheit nicht enthüllen. "Eine halbe Wahrheit mag eine ganze Lüge sein," schoß es ihr durch den Kopf, "wenn Ariston damit zufrieden ist, wird alles gut. Nicht jede Frau der Tempel ist Priesterin." Sie wollte seine Hand ergreifen, seine Nähe spüren, doch er entzog sich ihr. Sie ertrug kaum den Schmerz des Zweifels in seinen Augen. Leise erzählte sie die harmlosere Hälfte der Wahrheit: "Meine Mutter war Priesterin des Schwarzen Tempels." Er trat einen Schritt zurück. "Hört mich an, mein Gebieter," bat sie, als sie seine Ablehnung spürte, als sei schon alles gesagt. Doch ihre Worte erreichten ihn nicht und so war es wiederum Orales, der vermittelnd eingreifen mußte. Er trat zu seinem Herrn, legte die Rechte auf seinen Unterarm und drückte ihn sacht. "Verhärtet euer Herz nicht vorschnell, mein Gebieter," sagte er leise, doch mahnend, "und wenn ihr auch nicht vertrauen könnt, so seid doch gerecht. Ist sie weniger als
Beritt, dem ihr wenigstens Gehör schenktet?" Ariston legte wortlos die Hand auf Orales' Rechte und wartete, nun etwas offener, auf Cynestas weiteren Bericht. "Im Schwarzen Tempel ist es ein Verbrechen, ein Kind zu gebären, darum gab meine Mutter mich in fremde Hände. Ich lebte zehn Jahre im Haus eines Färbers und dessen Familie, wo ich wie eine Tochter gehalten wurde. Ich war glücklich dort," fügte sie wehmütig hinzu, "und ich liebte meine vermeintlichen Eltern und Geschwister. Vor zehn Jahren aber forderten mich die Priester zurück. Ich wurde in den Tempel des Friedens gebracht, wo ich zu dienen hatte. Als man mich zwingen wollte, einen mir fremden Mann zu heiraten, floh ich und auf dieser Flucht wurde ich von Schwarztemplern fast zu Tode geprügelt. Der Rest meiner Geschichte ist euch bekannt, mein Gebieter. Ich führte ein trauriges Leben und es ist schwer für mich, darüber zu sprechen. Wäre dem nicht so, ich erzählte es euch schon vor Wochen. Aber gefragt habt ihr nie danach." Sie schwieg. Ariston überprüfte im Geiste kurz ihre Worte. Er wußte es. In den Tempeln lebten viele Menschen, denen das Priestertum verschlossen blieb. Sie wurden gehalten wie rechtlose Wesen, waren teils wirklich Sklaven, teils aber auch nur geistig mißgestaltet und unfähig, außerhalb der Tempel ein Auskommen zu finden. Es war unmöglich, daß eine Priesterin verheiratet werden sollte. Wenn sie selbst danach verlangte, so mochte man es ihr gestatten, doch sie dazu gar zwingen, widersprach eines jeden Tempels Regel. Er zweifelte Cynestas Rede nicht an. Wenn sie floh, um einem ungeliebten Mann zu entkommen, dann konnte sie keine Priesterin sein. Trotzdem stellte er noch ein paar Fragen, nach der Stätte ihrer Kindheit, nach ihrem Tempeldienst. Sie antwortete rasch und ehrlich, denn während ihrer Ausbildung leistete sie auch körperlichen Arbeitsdienst und so mußte sie ihn wenigstens nicht direkt belügen.
Orales wußte die Situation entschärft und atmete auf. Er sah dieUnsicherheit seines Herrn, der nicht wußte, wie er sich verhalten sollte und gewahrte dasselbe bei Cynesta. Er kniete vor Cynesta und küßte den Saum ihres Gewandes; eine Huldigung, wie sie nur einem Menschen der Macht zustand. Da weinte sie, hob ihn auf dabei und barg das Gesicht an seiner Brust. "Ich wünschte," sagte sie dabei, "du wärest nicht Teju und von Pflichten bestimmt, sondern frei für den Dienst deines Herzens. Denn niemand kann mehr Freund sein als du." Plötzlich schloß Ariston sie beide in seine Arme. "Ich bin ein Narr," murmelte er bewegt, "daß ich den Reichtum der Liebe nicht erkenne, der mir zuteil wird. Verzeiht ihr beide mir, daß ich so oft nur Herr, so selten aber liebend bin."
E
s beunruhigte Cynesta, daß Orales am andern Tag die Burg verließ und nicht zurückkehrte. Bisher hatte sie kaum Zeit mit ihm verbracht und doch schätzte sie ihn als Helfer und liebte sie ihn als Freund. Nun fragte sie sich besorgt, ob Ariston vielleicht ihre Geste der Nähe mißdeutete, da sie ihr Haupt an seiner Brust barg. Immerhin gab es in der Vergangenheit Stunden des Alleinseins mit dem Mann aus Moras und der Geliebte mochte falsche Gedanken hegen und darum den Teju verbannen. Doch sie schalt solche Gedanken Torheit, vermochte aber nicht, sie zum Schweigen zu bringen. Als sie einige Tage später hörte, wie er im Burghof einem ihr fremden Mann ein "Berichte mir später, Teju" zurief, wurde ihre Sorge um Orales zu erdrückend, als sie diese weiter ignorieren konnte. Ja, sie glaubte, daß Eile geboten sei, um Orales vielleicht zu helfen. Zum ersten Mal sandte sie einen Boten zu Ariston mit der Bitte, daß er sie empfangen möge.
Sie wurde sehr rasch zu ihm vorgelassen. Allein mit ihm spürte sie seinen Unmut. "Cynesta," verlangte er fest, "erniedrige dich und mich nie wieder vor unserer Dienerschaft. Du bist meine Königin und hast dich nicht anzumelden wie ein Bote." Weicher fügte er dann hinzu: "Ich werde immer für dich Zeit haben." Dann nahm er sie in die Arme, küßte sie und atmete beglückt den Duft ihres Leibes ein. "Was bedrückt dich, Liebste?" "Orales aus Moras ist verschwunden und ihr habt einen neuen Teju erwählt," sagte sie zögernd, "geschah dies meinetwegen?" "Was meinst du?" "Bin ich ihm zu nahe gewesen, zu vertraut, Gebieter? Habt ihr vielleicht befürchtet, daß ich ihn lieben könnte?" Ariston lachte leise und freundlich. "Befürchtet nicht, eher gehofft. Ich weiß wohl, was du meinst, Cynesta. Aber seit wann ist Treue in den Reichen eine Sache der Körper? Könnte ich dir zürnen, wenn es dich danach verlangt, bei einem anderen Mann zu liegen? Ich bestimme bei meinen Stuten, welcher Hengst zu ihnen darf. Aber du bist nicht mein Eigentum, Geliebte. Du bist frei in deinem Wünschen und Handeln und wirst es immer sein, so, wie es die Götter bei der Erschaffung der Reiche bestimmten. Wenn dich also nach Orales verlangt, so ist dies dein Recht." "Mich sollte nach einem Mann verlangen, wenn ich mich noch nicht einmal meinem Geliebten öffnen durfte?"
Er hielt sie weiter fest, zärtlich und sanft. "Du weißt, warum ich mich dir bisher nicht nahte," hoffte er und fuhr, da er ihren Zweifel erkannte, fort: "Es ist mir nicht entgangen, daß das Siegel deines Schoßes noch nicht erbrochen ist. Ich liebe dich, Cynesta, darum bist du mir für rein körperliche Entspannung viel zu schade. Ich begehre dich auch, denn du bist schön. Aber solange du mir im Herzen nicht gleich bist, werde ich Abstand halten, denn ich will keine Frau, die sich mir unterordnet. Ja, ich habe gehofft, daß du schneller erstarkst, aber da ich nun weiß, daß du dich erst als Königin fühlen wirst, wenn du es anerkanntermaßen bist, habe ich Geduld. Nicht mehr lange, Cynesta, dann halten sich Tag und Nacht die Waage, sind gleich in ihrer Dauer. Dann werden wir unser Bündnis besiegeln, ob unsere Gäste erscheinen oder nicht." Er küßte sie, ließ sie aber los, als er erkannte, daß ihre Unruhe nicht wich. "Ich habe Orales nie begehrt," sagte sie leise, "ich daß ihr das wißt. Und ich gestehe auch, daß ich seine machtung nicht begreifen kann. War er euch nicht ergeben? Er war euch so treu und so vertraut, wie anderer Mensch, der euch seit eurer Kindheit dient."
will, Enttreu kein
"Seit meiner Kindheit? Ich sah Orales vor drei Jahren zum ersten Mal. Beim Tardenaufstand geriet ich während der Kämpfe in arge Bedrängnis, da ich von meinen Männern abgeschnitten wurde. Meine Gegner waren mir zahlenmäßig überlegen und mein Leben im Grunde verloren. Da sprang Orales von einem Felsblock herab und er säbelte so wild und entschlossen, daß wir beide die Gegner in die Flucht schlagen konnten. Er hat mir das Leben gerettet, Cynesta. Ich freute mich, als er in meinem Dienst blieb und ich konnte ihn aufgrund seiner hervorragenden Fähigkeiten schon ein Jahr später zum Teju ernennen. Es gibt nichts, das ich ihm vorwerfen kann, denn er verhielt sich stets korrekt." Er
unterbrach sich leise lachend, fuhr fort: "Fast immer jedenfalls und wo nicht, so handelte es sich um Situationen, wo seine Korrektheit mir eher schadete." "Und doch habt ihr einen anderen Teju ernannt? War das sein eigener Wunsch?" "Orales weiß es noch nicht," gab Ariston zu, "und es war dein Wunsch, Geliebte. Warst nicht du es, die in ihm nicht weiter einen Mann der Pflicht sehen wollte?" Überrascht sah sie ihn an. "Ihr habt mich mißverstanden, Gebieter," sagte sie leise, "denn nichts lag mir ferner, als ihm zu schaden. So ist er auf immer verbannt?" "Du verstehst nicht, Cynesta. Orales ist in meinem Auftrag unterwegs, mir einen Dienst zu tun. Er wird wiederkommen in einigen Tagen. Aber es freut mich, daß du mir deine Zweifel offenbarst. Wir müssen lernen, einander zu vertrauen." Und in Gedanken fügte er hinzu: "Vor allem ich muß es lernen."
W
ütend starrte Dorina die Priesterin vom Tempel der Kraft an, die mit kundigen Händen ihrer Schwägerin bei der Entbindung half. Es war keine leichte Geburt und die Hilfe der Priesterin mochte Mutter und Kind das Leben retten. Aber Dorina haßte die Templer und sie weigerte sich, der Hebamme jetzt zu helfen. Zornig schlug ihr Bruder sie da ins Gesicht, stieß sie aus dem Haus. Seit er heiratete, empfand er seine kleine Schwester nur noch als Last. Oft schlug er sie, doch selten mit Anlaß wie heute. Er fürchtete um das Leben seiner Frau und er nutzte die Chance, seiner Angst durch Brutalität Raum zu schaffen. Dorina floh aus dem Haus, doch der Bruder holte sie rasch ein und prügelte sie unbeherrscht. Ein paar Leute des Dorfes sahen herüber, doch sie wandten sich ab. Es erschien ihnen besser, sich nicht einzumischen. Außerdem liebte keiner die selbstbewußte Göre, die ihnen so offen ihre Charaktermängel nannte. Dorina war sechszehn Jahre alt, aber sie fühlte sich erwachsen. Immerhin arbeitete sie seit dem Tod der Eltern vor acht Jahren mit ganzer Kraft. Der Bruder verdankte ihr einiges, aber er hatte es vergessen. Er hielt nun einen ihrer langen, roten Zöpfe fest und ohrfeigte sie ohne Unterlaß. Aus einer kleinen Platzwunde an der Schläfe rann ein schmaler Blutstreifen über ihr sommersprossiges Gesicht; stumme Tränen sammelten sich an der Stupsnase, ehe sie zu Boden tropften. Wehrlos der körperlichen Überlegenheit des starken Bruders ausgeliefert, hoffte sie nicht einmal auf Hilfe. Und doch hielt der Bruder plötzlich inne; seine Bewegungen schienen eingefroren. Sie begriff nicht sofort, doch dann erkannte sie durch den Schleier der Tränen hindurch ein gebräuntes, kantiges Gesicht mit dunklen Augen und schma-
len Lippen. Sie sah den Säbel in der Hand des Fremden, dessen Spitze den Hals des Bruders berührte. "Loslassen," verlangte der Fremde mit herrischer Stimme. Der Bruder gab Dorinas Haar frei. "Was meinst du, "soll ich zustoßen?"
Mädchen?"
wollte ihr Retter wissen,
"Nein," rief sie entsetzt, "man würde euch vors Tribunal zerren. Der Kerl ist mein Bruder." "Das gibt ihm kaum das Recht, dich so zu verprügeln. Was hast du angestellt?" "Ich habe drinnen der Hebamme und ihren Helferinnen nicht assistiert. Wozu auch, wer kann es Priestern schon recht machen?" Der Fremde lachte auf eine seltsame Art, die sowohl Zustimmung als auch Tadel bedeuten konnte. "Du bist Dorina, die Färberin?" "Woher wißt ihr das?" "Ich habe mich erkundigt," bekannte er gelassen, "denn ich kam, um dir und deiner Familie den Lohn zu bringen, der euch für die Erziehung des Mädchens Cynesta zusteht." "Mir steht der Lohn zu," rief der Bruder dazwischen, "denn nach dem Tod der Eltern bin ich der Erbe." "Cynesta?" Dorina verbarg ihre Freude nicht. "Oh, sagt mir, ob es ihr gut ergeht? Ich hatte schon die Hoffnung aufgegeben, je wieder von ihr zu hören."
Der Fremde steckte den Säbel ein. "Ich bin Orales aus Moras, Gesandter aus Nodher," stellte er sich, allerdings nur Dorina zugewandt, vor, "deine Ziehschwester lebt in der Burg." "Das ist so weit weg," murmelte das Mädchen traurig, "wie gern hätte ich sie gesehen." Ihr Bruder fragte nach dem Lohn, aber Orales übersah ihn so deutlich, daß er endlich schwieg. "Ich bringe dich zu ihr, Dorina," versprach Orales, "wie lange brauchst du, um zu packen?" "Nichts nimmt sie mit," fuhr jetzt ihr Bruder dazwischen, "sie lebt eh nur auf meine Kosten." Orales lachte schallend. Er schickte Dorina ins Haus, wo sie eilig ein wenig Kleidung zum Bündel band. Hier wegzukommen, fiel nicht schwer. Endlich, endlich fort aus diesem Haus, das seit Cynestas Fortgang dunkel schien. Die innige, kindliche Liebe der Schwestern wurde von Dorina nie vergessen. Noch immer zehrte sie von Cynestas Zuneigung und Zärtlichkeit, die sie danach von keinem Menschen mehr in diesem Maß erfuhr.
O
rales hatte ihr Bündel hinter seinem Sattel befestigt, war aufgestiegen und hob sie vor sich aufs Pferd. Er ritt an. Dorinas Bruder wußte kaum, wie ihm geschah. Nie zuvor hatte ihn ein Mensch so bedeutsam übersehen. Sie waren nicht weit, als sie den Schrei des Neugeborenen hörten. Dorina sah nicht einmal zurück. Sie drang beredt in Orales, bis er endlich von Cynesta erzählte. Nur deren Rang verschwieg er noch, um das Kind nicht zu erschrecken. Kind? Im Laufe des Tages merkte er sehr wohl, daß dies kein Kind mehr war, auch wenn Dorina wild und ungestüm
wirkte und sich ohne Scheu in seine Arme schmiegte. Die Nebel fielen zu rasch und so waren sie gezwungen, im Freien zu übernachten. Dorina entzündete ein Feuer, während er die dicht beblätterten Zweige einiger Büsche zusammenband, dergestalt eine Höhle bauend, die sie vor der Feuchtigkeit schützen konnte. Dorina lag in seinem Arm, aber sie schlief noch nicht. Sie spürte seine Erregung und sie fürchtete sich ein wenig, auch vor sich selbst, denn sie fühlte sich wohl. "Ihr seid aus Moras?" fragte sie, nicht nur, um überhaupt etwas zu sagen, sondern weil auch sie Gerüchte von dort vernahm, die von Vergewaltigung und dergleichen erzählten. "Nenne mich beim Namen," bat er, alles andere als gelassen, "ich stehe nicht über dir. Ja, ich bin aus Moras." "Man sagt, daß die Männer dort sehr triebhaft seien." Sie war es gewohnt, die Dinge beim Namen zu nennen. Orales amüsierte sich über ihre Wortwahl, doch er verstand auch ihre Furcht. "Man sagt es," gab er zu, "und es wird schon etwas daran sein." "Ich hab' Angst," gestand sie nach kurzer Pause, blieb aber an seine Seite gekuschelt. "Ich kann dir nichts tun," beruhigte er sie da rasch, "es wäre mein eigenes Verderben. Deine Ziehschwester Cynesta ist die Braut unseres Herrschers und sie würde es mir übel vergelten, wollte ich dich verletzen." Dorina drehte sich auf den Rücken, wandte ihm ihr Gesicht zu und fragte offen, ob dies stimme. Orales bestätigte es und berichtete ihr, was er bisher verschwieg.
"Ich bin so froh, daß Cynesta glücklich ist. Und daß sie mich nicht vergaß, ist das Schönste überhaupt." Auch die folgende Nacht verbrachten sie im Schutz von Zweigen. Orales wollte in einem Dorf nächtigen, doch Dorina drängte vorwärts und so gab er ihr nach. "Ich hab' keine Angst mehr vor dir," versicherte sie ihm im Schutz der Dunkelheit, "und ich glaube, ich würde es auch wollen." "Was willst du?" Sie drängte sich an ihn, schlang die Arme um seinen kräftigen Körper, bot ihm die Lippen zum Kuß. "Nein," sprach er da hart, "nicht jetzt, nicht hier." Da weinte Dorina und er küßte die Tränen von ihren Wangen. "Verstehe," bat er, "es wäre nicht gut. Mein König vertraut mir ein Mädchen an und ich sollte sein Vertrauen mißbrauchen; weniger stark sein als er, der sich seit Wochen beherrscht? Sei mir nicht böse, Dorina, es fällt mir nicht leicht." Und wie um sie zu trösten, streichelte er ihren jungen Leib, liebkoste er ihre kleinen Brüste. Dorina lag still, die ihr fremde Regung in ihrem Körper genießend, leise erzitternd unter seinen streichelnden Bewegungen.
I
n Nodher angekommen, übergab er Dorina einer Zofe, damit sie das Mädchen neu einkleide. Auch Orales erfrischte sich und legte die Reisekleidung ab, ehe er Dorina holte, um sie zu Ariston zu bringen. Auf dem Weg zu dessen Räumen begegneten sie dem neuen Teju. Orales stand still, als sei alles Leben aus ihm gewichen. Er begriff nicht, wodurch
er sich des Königs Vertrauen verscherzte; welche Handlung ihn degradierte. Der Teju musterte seinen einstigen Vorgesetzten verlegen. Er empfand nichts wider Orales und bedauerte dessen vermeintlichen Sturz selbst. Endlich sagte der Mann aus Moras: "Unser Herrscher erwartet dieses Mädchen." Er wollte sich abwenden, fortgehen. Ohne Aristons Vertrauen hielt ihn nichts in der Burg und wenn er versagte, so blieb nur der Rückweg nach Moras. Doch der Teju hielt ihn zurück: "Unser Herrscher erwartet auch euch, Orales. Er sah euch in den Burghof reiten. Ich habe Befehl, euch zu ihm zu bringen. Bitte, leistet keinen Widerstand." "Widerstand?" entfuhr es Orales mit einem Anflug von Bitterkeit. "So bin ich euer Gefangener?" "Ich weiß es nicht," gestand der Teju hilflos. "Schon gut, Mann. Meldet uns dem Herrscher." Nicht lange danach kniete er vor Ariston, während sich Dorina an seiner Seite längs zu Boden warf. Sie zitterte ein wenig furchtsam, aber sie dachte auch, daß Cynesta den König wohl nicht lieben könne, wäre er nicht gut. Orales hielt den Blick fest gesenkt, sah den Herrscher nicht an. Wenn Ariston ihn stürzte, so wollte er keine Nähe dulden, auch nicht die des offenen Blickes. Sein Verhalten verwirrte den König zunächst, dann aber begriff er. Lächelnd hob er Orales auf. "Narr," sagte er so leise, daß Dorina es nicht verstehen konnte, "warte ein wenig."
Dann wandte er sich dem Mädchen zu, hieß es, aufzustehen, gab ihr ein paar freundliche Worte und erklärte ihr, daß sie Cynesta erst am Tage der Hochzeit begegnen solle als eine freudige Überraschung. Schließlich rief er schon wartende Frauen herbei, in deren Obhut er Dorina übergab mit deutlichem Befehl, daß es dem Mädchen an keiner Annehmlichkeit mangeln solle. Allein mit dem Mann aus Moras schenkte er mit eigener Hand zwei Becher voll Sajik-Wein, reichte einen Orales und sagte: "Du zögerst? Trinkst du nicht mit mir?" Rasch setzte Orales da den Becher an die Lippen, leerte ihn trotzig in einem Zug. "Ich gebe zu," meinte Ariston leichthin, "daß dein Nachfolger nicht die Spur deiner Qualitäten besitzt." "Trotzdem gefiel es euch, mich meines Ranges zu entheben," stellte Orales fest, "wünscht ihr, daß ich Nodher verlasse, Gebieter?" "Sollte ich denn, Orales?" "Euer Wille entscheidet, Herr. Ich bin mir keines Versäumnisses bewußt. Habt ihr etwas wider mich, so sagt es mir und wenn es Unrecht ist, will ich's beweisen. Gab ich euch Grund, an mir zu zweifeln, so laßt's mich wissen, mein Gebieter. Doch seid versichert, daß meine Liebe zu euch ungebrochen ist." Ariston trat nahe zu ihm. "Liebe? Bisher sprachst du nur von Treue, von Pflicht, von Dienst und von Gehorsam."
"Vergebung, Herr," antwortete Orales rasch, "von mehr zu sprechen ist auch jetzt mir nicht erlaubt. Mir wär' es besser, liebte ich euch weniger." Ariston ergriff seine Hände, hielt sie fest. "Auch in deiner Seele brennen Wunden, Freund," erkannte er in diesem Augenblick, "und wenn deine Liebe zu mir für dich Leid bedeutet, so weiß ich wahrlich nicht, was tun. Ist es dein Wunsch, aus meiner Nähe zu entkommen?" Orales entzog sich ihm, wandte sich halb ab. "Verstoßt mich, Herr," entfuhr es ihm rauh, "nennt mich nicht Freund. Ich bin kein Glück für euch." "Kein Glück? Was warst du bisher anderes als dies? Orales, sag' es mir. Bin ich dir unerträglich?" Orales kämpfte mit sich einen stummen Kampf. Erst nach einer langen Pause sprach er wieder, doch ruhiger nun und überlegt. "Ihr seid mir unerträglich, Herr," gestand er offen, "ihr seid es, weil ihr euer Herz ummauert habt. Und nun erlaubt mir, daß ich gehe, denn wenn ich weiter spreche, beleidige ich euch." "Sprich weiter," verlangte aber Ariston, den diese Worte nicht verletzten, "ich weiß um diese Mauer; weiß, daß ich mich nicht öffnen kann. Und trotzdem hast du dich in mich verliebt." "Vielleicht deshalb," schränkte Orales ein, "denn ich war zu oft Zeuge eures Leidens, hilflos dabei."
"Nein, Freund, denn immer, wenn du dessen Zeuge warst, gewährte deine Gegenwart mir Hilfe. Was weißt du denn, wie einsam ich einst war und wie verzweifelt, ehe ich dich kennenlernte. Die Stunden absoluter Nähe waren selten, Orales, doch habe ich sie nie gewehrt." Der Mann aus Moras wandte sich erneut dem Herrscher zu. "Warum verstoßt ihr mich, wenn dies die Wahrheit ist? Ist euch die Nähe eines Mannes unerträglich, der auch um eure Schwachheit weiß? Ich weiß davon, um darin an eurer Stelle stark zu sein, nicht, um die Wunden zu vertiefen. Gebieter, laßt mich bei euch bleiben, und sei es, daß ich euch wie ein Sklave diene." Er liebte Ariston, sah ihn fast flehend an. Nie wieder konnte Moras ihm die Heimat sein, erkannte er mit Schrecken. Er hatte sich an diesen Mann verloren und wenn sein Leben einen Sinn behalten sollte, mußte er in Nodher sein. "Verstehst du nicht, daß ich dich nicht verstoßen will," erwiderte ihm Ariston voll Zuneigung, "siehst du denn nicht, wie ich um deine Freundschaft werbe? Du bist der erste Mensch, den ich mit Freuden Pala nennen möchte und der vor allem Volk auch diesen Titel führen soll. Ein Teju ist immer austauschbar, ein Pala aber nicht. Orales, nie wollte ich dich erniedrigen. Ich habe dich erhöht, zu mir gezogen, und teile meine Macht mit dir in diesem Reich. Teile du mit mir zum Ausgleich deine Stärke. Wenn die zwei Menschen, die ich in diesen Welten liebe, du und Cynesta, zu mir stehen, so trotze ich den Göttern selbst, wenn es erforderlich." Fast fluchtartig wandte sich Orales da um und rannte förmlich aus dem Raum. Das war nicht nur mehr, als er erwarten konnte, das war sogar zuviel. Er mußte die Entscheidung treffen. Stellte er sich nun zu Ariston, so gab es keinen Weg zurück.
Der Teju trat zu ihm, den Säbel in der Hand. "Du läufst vor unserm Herrn davon, Orales? Wer gab dir das Recht zur Flucht? Zurück mit dir." Da lachte Orales aus Moras, laut und von Herzen. Der Teju stand ja vor der Tür, sah ihn nur fliehen, wußte nicht, was drinnen vor sich ging. Da er nun mit gezückter Waffe ihm den RUckweg gebot, erschien er Orales wie ein Bote der Götter, gekommen, ihm den Weg zu weisen. So war sein Lachen nur befreiend, weil er den eignen Weg erkannte. Der Teju deutete dies Lachen falsch. Er winkte seinen Männern, die ihre Säbel zogen. "Kerkert ihn ein," befahl er laut. Kurz erwog Orales, sich zu wehren, doch waren diese Männer seine Kameraden; ihm lieb geworden in den letzten Jahren. Er mochte nicht gegen sie kämpfen und ihr Blut nicht fliesen sehn. "Ariston!" Laut rief darum den Namen des Mannes, den er liebte und den er nie in dessen Gegenwart genannt. Der Herrscher kam sofort aus seinem Raum. Ehrerbietig traten die Soldaten zurück. "Verzeiht die Störung, Ariston," sprach Orales laut, viel Fröhlichkeit in seiner Stimme, "doch weiß die Garde nicht, wie euer Pala zu behandeln ist. Der Teju weist den Kerker mir zu als mein Quartier." "Er ist in deiner Hand," erwiderte Ariston ernst, den Teju ihm so ausliefernd. Der begriff und neigte sich, um Vergebung bittend, vor Orales, der diese ihm recht gern gewährte.
"Bringt ihr mich zu der Königin?" bat er danach den Herrscher, "oder soll sie es jetzt noch nicht erfahren?" Gemeinsam suchten sie Cynesta auf, die Orales bald voll Freude in die Arme schloß.
P
osaunenklänge kündeten das Nahen hoher Gäste an. Der König von Thara folgte Aristons Einladung und kam, Zeuge der Eheschließung zu sein. Er brachte kostbare Gaben aus Achat, dem Reichtum seines Landes. Dann kam der Beherrscher von Khyon, der eine kostbare Barke seiner Werft als Hochzeitsgabe brachte. Zwei Tage später kam Moras' Herr, bald darauf König Sion, der Herr des Südreichs; endlich der Beherrscher von Sarai und zuletzt auch jener von Wyla, dem Reich des Waldes, das an der Westküste der beiden großen Reiche des Nordens und des Südens lag. Ein jeder Priesterkönig war gekommen, mit, so vorhanden, Weib und Kind, in jeweils prächtigem Gefolge. Nur Amarra sandte keinen Boten, doch war der Than auch nicht geladen worden. "Schau sie dir an, Cynesta," spöttelte Ariston in einem unbemerkten Augenblick, "wie stolz sie auf die Kinder ihrer Liebe sind. Nur ihre Erben zeugen sie im Tempel und lassen sie dann dort wie eine Kostbarkeit. Siehst du die Königin des Südens dort? Fein hat sie sich geputzt, doch ungelenk sind ihre Schritte. Sie ist nicht Herrscherin, nur Gattin eines Herrschers. Und dort, die Königin von Moras. Sie senkt den Blick, sobald ein Mann ihr naht, eingedenk der eignen Minderwertigkeit. Schau Khyons Herrin an, sie ist die Mutter von des Königs Halbgeschwistern und fürchtet sich vor ihm. Thara hat keine Herrin jetzt. Ah, dort kommt Sarais Herrscher. Die Anmut seines Weibes ist bezaubernd. Er liebt sie noch und hält sie wert, doch hat sie sich ihm so weit ausgeliefert, daß eigenes Denken ihr schon fremd. Dort, Wyla, wild im Blick. Die Königin ist fast ein Mann in ihrem Wesen; sie wird geachtet und verehrt. Des Waldes Menschen
waren schon immer etwas freier. Sie ordnen sich Amarra unter, doch nur so weit, als es sich nicht vermeiden läßt. Es dauert nicht mehr lange, bis daß sich Tag und Nacht die Waage halten. Kümmere dich solange um die Weiber der Gefolge und sorge für ihr Wohlergehen. Vergiß nicht, Liebes, du bist ihnen allen überlegen. Laß sie es ruhig spüren, damit sie meine Wahl verstehn." Cynesta gehorchte ihm gern. Kaum blieb ihr eine freie Stunde, doch fühlte sie sich wohl dabei.
A
m Abend vor der Hochzeit ging sie im kühlen Nebel durch die Gärten. Zu Zeiten schätzte sie die Einsamkeit, den ungestörten Fluß ihrer Gedanken. Jäh wurde sie aus diesen gerissen, als dicht neben ihr ein Pfeil sich in den Stamm eines Baumes bohrte. Erschrocken wandte sie sich um. Da warf sich schon die Schützin vor ihr nieder und küßte ihres Kleides Saum. "Vergebt mir, Herrin," bat sie, "ich wollte euch nicht schaden." Cynesta schickte den Gardisten fort, der voll Entsetzen die Unglückliche ergreifen wollte. "Steh auf," verlangte sie. Die Frau vor ihr stammte aus Wyla, war groß und schlank, trug langes, schwarzes Haar, zum dicken Zopf geflochten. Sie zählte etwa fünfundzwanzig Jahre, trug Lederkleidung nach des Waldes Art. "Rosalla ist mein Name," sagte sie, "ich bitte euch um Gnade. Wenn meine Herrschaft dies erfährt, bin ich des Todes, Herrin."
"Das hättest du verdient," erwiderte Cynesta ernst, "im Nebel spielt man nicht mit Waffen." "Ich übte nur." "Auf jeden Fall zur falschen Zeit, am falschen Ort. Ist Nodher dir Bedrohung, daß du hier üben mußt?" "Nein, Herrin, ganz gewiß nicht. Doch ich langweilte mich allein. Was kann ich tun, um euch milde zu stimmen?" Aus dem Nebel tönte fester Schritt. Die Königin von Wyla kam heran. Bei ihrem Anblick warf Rosalla sich zu Boden. Die Herrin sah auf sie, den Pfeil, dann auf Cynesta. Bisher sprach sie kaum mit der geheimen Priesterin, doch nun trat ein Lächeln in ihr Gesicht. Ihre harten Züge wirkten nun sehr weich. "Hat dieses Unding euch erschreckt, Cynesta? Nehmt sie von mir an als Geschenk. Rosalla ist eine Sklavin, was sie nur manches Mal vergißt. Macht mit ihr, was ihr wollt. Doch kommt nun, die Nebel sind schon kühl. Ich freue mich für den Norden, daß er eine Frau, nicht bloß ein Weib zur Königin erhält. Amarras Zorn ist harmlos, denn Ariston beugt kein Recht. Seid ihr auf Morgen vorbereitet?" Bis spät in die Nacht plauderte sie mit Cynesta völlig unbefangen und die Jüngere fühlte sich geborgen wie seit mehr als zehn Jahren nicht mehr.
E
s war sehr spät geworden, doch Schlaf mied Cynesta noch. Gern spräche sie mit Aariston, doch wollte sie den Schlummer des Geliebten nicht stören. Auf Nodher herrschte noch Ruhe. Bald würde leise der Küchenlärm erklingen, bald der Morgenvogel rufen. Geräuschlos öffnete sich ihre Tür.
"Kann mein Gebieter auch nicht schlafen?" empfing sie Ariston erfreut. Er setzte sich zu ihr. "Wie sollte ich, Cynesta? Sag', wer ist das Mädchen, das vor deiner Tür schläft?" Sie lief und schaute nach, kam rasch zurück. "Sie heißt Rosalla," erklärte sie, "ist Sklavin von Wylas Herrscherin. Das heißt, sie war es, denn sie ist ein Geschenk an mich." "Willst du sie denn behalten?" "Behalten? Das klingt so kalt." Er legte den Arm um sie, genoß ihre Nähe. "Als Sklavin hat sie nicht viele Rechte. Wenn du es willst, muß sie dir dienen." "Ich weiß ja nicht einmal, wie ich mit einer Sklavin reden sollte, Gebieter. Ich glaube, ich will es auch nicht lernen." "Torheit," tadelte er sanft, "drei deiner Dienerinnen sind vom Stand der Sklaven. Und du hast es nicht bemerkt, den Kupferarmreif ihres Standes nicht gesehen? Ich fürchte, daß Wylas Herrscherin gekränkt ist, wenn du ihr Geschenk mißachtest. Es steht dir frei, Rosalla freundlich zu begegnen." "Dann soll es sein, Gebieter," gab sie nach. Ariston küßte sie sacht. Es schmerzte ihn die fremde Anrede, die sie ihm gab, aber er wußte, daß sie sich ihm nicht ebenbürtig fühlte.
Sie ordnete sich unter und er wußte nicht, ob dies aus Liebe oder Furcht geschah. Als sie ihn noch für Tonis hielt, sprach sie von Liebe. Seither kein Wort davon. Er wollte sie nicht zur Frau nehmen, solange es noch den geringsten Zweifel gab, daß sie ihn auch als König liebte. Die letzten Stunden sprach er mit Orales nur darüber, der ihn dann überzeugte, daß Antwort nur Cynesta geben konnte. Sie schmiegte sich an ihn. "Gebieter," bekannte sie, "ich bin sehr froh, die Priesterkönige gesehen zu haben." "Weshalb dies? Weil ihr Kommen unsere Verbindung ehrt?" "Nicht deshalb," wehrte sie lächelnd ab, "sondern, weil ich jetzt noch mehr euren Wert erkenne. Sie mögen ihre Qualitäten haben und gute Menschen sein. Aber es gibt nichts, worin sie euch überlegen wären. Ich liebe euch heute mehr denn je." Er küßte sie stürmisch, um zu verbergen, wie er bestürzt erkannte, daß viel zu wenig seiner Zeit nur ihr gehörte. Es müßte keine Zweifel geben, wenn er nicht selbst die Mauern baute. "Schlaf' noch ein wenig, Liebes," bat er und wollte gehen; fuhr ihr noch einmal übers Haar. Schon bei der Tür, wurde er doch zurückgehalten. "Bleibt bei mir, Gebieter," flehte sie, "haltet mich fest." Er nahm sie wieder in die Arme und er spürte nun ihr Verlangen, fühlte, wie ihr Leib sich gegen den Seinen preßte. Fast krampfhaft preßte er sie fest an sich. Sie küßte ihn mit heißer Leidenschaft. "Geht nicht," bat sie wieder, "ich bitte euch. Ariston, stoßt mich jetzt nicht zurück."
Freudig erregt vernahm er seinen Namen, barg sein Gesicht an ihrer Brust. Wie im Fieber öffnete er ihr leichtes Nachtgewand. Seine Lippen liebkosten die Quellen künftiger Mutterschaft, seine Hände streichelten die Öffnung ihres Schoßes. Sie zog ihn aus, liebkoste seine Haut. Die Wellen der Erregung ergriffen beide. Cynesta öffnete die Schenkel. Sie kannte keine Furcht zu dieser Stunde, nur die unendliche Sehnsucht, dem Geliebten ganz nahe, ganz vereint zu sein. Ariston hielt sich sehr zurück. Nicht ungestüm wollte er in sie dringen, deren Siegel noch nicht erbrochen war. Sanft wollte er sein, zärtlich und ohne Hast. Erst, als ihre Lust begehrlich wurde, als ihres Körpers Ungeduld nach ihm verlangte, drang er ganz in sie ein. Beim ersten Schrei des Morgenvogels versanken beide in der Ekstase ihrer Wonnen. Für ihn trug sie in diesem Augenblick nun Raakis Züge, Antares Schönheit, Tabalkes Hoheit, Minosantes Macht. Sie verkörperte die Freundlichkeit Liaras und in ihren Augen erkannte er die Klugheit von Saake. Und sie erkannte in ihm Saake, die Gottheit, die weder Mann noch Frau allein; sah das ernste Wesen Raakis, ergab sich Minosantes Kraft. Sie küßte einer Göttin, Liaras, Lippen und tauchte in den schönen Blick Antares' ein. Es war Tabalke, der sich mit ihr vereinte. Sie stöhnte lustvoll auf. Still lagen sie beieinander, noch immer nah', noch immer fast vereint. "Was war das nur," murmelte Ariston verstört, "noch nie habe ich es so erlebt." Sie weinte leise. Es waren Tränen des Glückes. Dann sah sie Orales. Er stand vor der geschlossenen Tür und blickte auf sie beide mit frohem Lächeln. Wie lange stand er da? War er ganz Zeuge ihres Glücks gewesen? Cynesta hoffte es und auch der König wünschte es sich. Orales sah sich bemerkt und kam zu ihrem Lager, setzte sich an den Rand. Wortlos neigte er sich über das Paar, küßte Cynesta auf die Stirn.
Ariston entging das Zögern des Freundes nicht. Er half ihm, legte die Hand um dessen Haupt, zog ihn heran und küßte innig seinen Mund. Wie sehr Orales in ihrer beiden Einheit eingeschlossen wurde, das konnte nur er selbst erkennen. Und er fand keine Grenzen. "Du weinst, Freund," stellte Ariston erstaunt fest. Orales warf sich ganz aufs Lager, lag über beiden, hielt sie fest umarmt. Er küßte Cynesta, Ariston, dann wieder sie und wieder ihn. Er barg sein Gesicht im Kissen; die Wangen der Freunde preßten sich gegen die seinen. Endlich sprach er: "Ich bin verwirrt wie du, Ariston. Alle Gottheiten haben sich in Cynesta für dich vereint und in dir für sie. Die Götter haben euren Bund gesegnet. Und Amarra weiß es nicht." Cynesta öffnete den Gürtel seiner Tunika. "Nein, Herrin," bat Orales. "Doch, Freund," stand ihr der König bei, "wie sollst du fern sein, da die Götter nahe sind." Wer vereinte sich mit wem? Wer streichelte, liebkoste nun wessen Körper? Wer küßte welchen Mund? Es war egal. Die Woge der alles verschlingenden und alles vereinenden Glücksseligkeit brach über alle drei herein. Die Gottheiten vereinten sich in ihnen zu einem Gott, zu einem Sein. Alle Grenzen erloschen ins Nichts. Auf Ebenen, die keines Menschen Geist allein erringen kann, verschmolzen sie zu einer Einheit, deren Wesen göttlich war.
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ie Vögel des Tages schienen mit ihren Liedern in den Alltag rufen zu wollen, als sanft das tiefe Erleben der Freunde ausklang. Sie kleideten sich an, halfen dabei einander, denn keiner wollte jetzt Diener um sich sehen.
Dann aber mußten sie sich trennen, um sich für das nun bald beginnende Fest zu schmücken. Orales geleitete Ariston. "Gebieter," sprach er dabei leise, "verzeiht, wenn ich mit euch wie mit meinesgleichen sprach. Ich wollte euch nicht kränken." Ariston hielt inne, erfaßte fest den Freundes Hand und sah ihn an. "Still," bat er, "zerstöre nicht das Wunder. Zum ersten Mal in meinem Leben bin ich heil. Errichte du nicht Mauern, wo keine Schranken sind. Und rede immer mit mir, wie dein Herz befiehlt."
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er Akt der Eheschließung dauerte nicht lang. Festlich geschmückt trat zuerst Cynesta vor, erklärte mit fester Stimme vor den Gästen, daß sie aus freiem Willen ihren Gemahl erwählte. Sie lächelte Ariston befreit an, ehe sie jenen Satz anfügte, der zwar nicht vorgeschrieben war, der aber ihren Bund auch in den Büchern, wo er verzeichnet blieb, vertiefte. "Ich habe aus Liebe ihn gewählt und werde ihn in Liebe halten." Mit diesem Satz verzichtete sie auf das Recht der Scheidung. Von ihrer Seite gab es nun keinen Weg, den Bund zu lösen. Leises Gemurmel ertönte aus den Reihen der Gäste; weniger, weil diese Formel nicht erwartet wurde, sondern vielmehr, weil jedermann erkannte, daß Cynesta sie freiwillig sorach. Ariston trat nun neben sie, sprach ebenfalls die Worte der Verbindung betonend, daß er aus freiem Willen sich entschied und daß Cynestas Kinder als Seine gelten sollen. Und danach ehrte er sie, wie sie ihn. "Aus Liebe wählte ich sie aus, in Liebe werde ich sie halten."
Er ignorierte die Unruhe der hohen Gäste, sondern umarmte seine Frau und küßte sie. Die Ehe war geschlossen. Natürlich konnten die Herrscher der Nebelreiche ihren Unwillen kaum verbergen. Daß eine Königin, ein Weib, die Liebesformel sprach, war man gewohnt. Doch wo verzichtete ein Herrscher auf sein Recht zur Scheidung? "Sie sind böse auf euch," flüsterte Cynesta ihrem Gatten zu, "nur der König aus Wyla scheint fröhlich." "Wir schmeicheln ihm," erklärte Ariston, "denn auch er gelobte seinem Weib die Liebe öffentlich. Bei den Waldleuten sind Ehen selten, aber fest." Das Fest nahm seinen Lauf. Es wurde reich getafelt; Musikanten spielten auf, dazwischen zeigten Schausteller ein wenig ihrer Kunst. Die Atmosphäre entkrampfte sich, Fröhlichkeit gewann die Oberhand. "Ich habe ein Geschenk für dich," sagte Ariston zu Cynesta, deren unbeschwertes Glück ihn so erfreute. Er gab Orales einen Wink und der entfernte sich, kam bald zurück, mit sich ein junges Mädchen führend. Cynesta starrte ihr entgegen. Sie tastete nach der Hand ihres Gatten und drückte sie. "So rotes Haar sah ich nur einmal," erinnerte sie sich. "Es ist Dorina," nahm Ariston ihr jeden Zweifel. "Als Geschenk? Ist sie nicht frei?" Er zog sie an sich. "Närrin," schalt er, "ich bringe dir ihre Nähe zum Geschenk, nicht ihre Freiheit. Hast du mir nicht erzählt, wie glücklich durch sie deine Kindheit war? Freut es dich nicht,
sie hier zu sehen? Ich glaubte, daß du dich nach einer schwesterlichen Freundin sehnst." Orales legte des Arm um Dorinas Seite, führte und schützte sie sogleich. Er spürte ihre Unruhe, ihre Erregung. "Wie muß ich die Königin begrüßen?" fragte sie ihn leise. Doch Cynesta enthob ihn jeder Antwort, als sie nun zu Dorina trat und diese voll herzlicher Freude in die Arme schloß. "Schwesterchen," murmelte sie ihr ins Ohr, "hast du etwa Angst vor mir? Ich bin so froh, daß du da bist. Du mußt mir so viel erzählen." Sie zog Dorina beiseite, winkte einem Diener, damit er Wein bringe, reichte der Schwester dann den Becher. Sie stellte viele Fragen nach dem verlorenen Daheim, erfuhr vom Tod der Zieheltern und den Gemeinheiten des Bruders. "Muß ich wieder zurück?" fragte Dorina dann bang. "Es wäre schön, wenn erwiderte Cynesta sofort.
du
bei
mir
bleiben willst,"
"Aber wird der König euch das erlauben?" "Wie sprichst du denn mit mir?" rief da Cynesta aus, "hast du vergessen, wie wir als Kinder zusammen spielten? Wir waren uns so nahe, Dorina, und ich habe mich all die Jahre hindurch nach dir gesehnt. Willst du fremd sein, nur weil ich einem König mich vermählte? Und wie sprichst du von Ariston? Er ließ dich holen, will, daß ich glücklich bin. Hast du noch nicht mit ihm gesprochen?" "Doch, das schon. Aber nur sehr kurz, Cynesta. Ich glaube, er hat gemerkt, daß ich Angst vor ihm habe. Sei mir nicht
böse, ja? Woher sollte ich wissen, ob du mich noch lieb hast? Es ist so lange her. Ich habe oft an dich gedacht und mich nach dir gesehnt. Aber ich dachte, daß du für immer in einem Tempel verschwunden wärst." "Sprich nicht davon, Dorina," bat die Priesterin leise, "nur das Heute zählt jetzt noch. Bist du schon lange auf der Burg?" "Ein paar Tage, aber der König wollte nicht, daß ich dir begegne. Es ging mir aber sehr gut. Ich habe ein schönes, helles Zimmer erhalten und andere Mädchen waren da, mich zu zerstreuen. Manchmal kam auch Orales und sprach mit mir." Scheu brach sie ab. Cynesta wußte um die ungesprochenen Worte, spürte sie, ohne den Geist der Schwester zu belauschen. "Du hast ihn gern?" Dorina nickte nur. "Warum bist du dann traurig, Schwester?" "Er behandelt mich wie ein Kind," stieß sie da hervor, "er ist freundlich und lieb, aber er nimmt mich nicht ernst. Ich weiß, daß er zwanzig Jahre älter ist als ich, aber muß er deshalb nur wie ein Vater zu mir sein?" "Soll ich mit ihm reden?" "Bloß nicht," entfuhr es Dorina und rasch ergriff sie die Hände der Schwester, "du bist seine Königin. Wenn er bemerkt, daß du etwas willst, gehorcht er dir doch sofort. So hatte ich es mir nicht vorgestellt. Laß nur, Cynesta, so schlimm ist es ja nicht für mich. Nicht wahr, jetzt muß ich mich nicht mehr verstecken und dauernd in meinem Zimmer
sein? Ich möchte doch so gern alles hier sehen." "Ich werde Ariston bitten, dir einen Raum in meiner Nähe zuzuweisen, Dorina. Wir werden viel Zeit füreinander haben."
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riston plauderte mit seinen Gästen. Hin und wieder sah er zu der Geliebten hin, erkannte das Glück, das ihr Dorinas Nähe bedeutete, und war's zufrieden. Cynesta hielt sich jetzt nicht an seiner Seite, doch er wußte, daß ihre Freude sie ihm noch tiefer verband. Vielleicht, so hoffte er, bewirkte Dorinas Anwesenheit, daß Cynesta die Burg als Heimat schätzen lernte. Spät in der Nacht fand er Gelegenheit, mit Orales vertraut zu reden. "Ich sehe, Freund," begann er unumwunden, "wie dein Sinnen bei Dorina ist. Bist du etwa verliebt?" Orales lächelte ihn offen an. "Ich weiß es nicht," gab er zu, "aber ich staune über euer Einfühlungsvermögen. Es ist sehr schwer, euch etwas zu verbergen." "War das denn deine Absicht?" "Gewiß nicht, Ariston. Nur plante ich auch nicht, über Dorina zu reden." "Ist es dir unangenehm?" "Das wieder nicht. Aber da ich mir über mein eigenes Wollen nicht im Klaren bin, fühle ich mich etwas hilflos. Sie ist ja noch ein Kind." "Ich glaube es nicht, Orales. Schau, wie sie mit Cynesta spricht. Sie ist ganz bei der Sache, ihr Körper redet, was die
Lippen formen. Dorina hat Temperament, doch auch Tiefe. Du wirst sie besser kennenlernen." "Nur ich? Und ihr?" "Mich fürchtet sie," stellte Ariston mit einem Anflug des Bedauerns fest, "ich denke, vorläufig wird sie meine Nähe fliehen. Also halte ich mich fern. Es genügt doch, daß Cynesta glücklich ist und daß die Schwestern beieinander sind. Und beide werden sich immer über deine Gesellschaft freuen."
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ls Tage später auch der letzte Gast die Burg verließ, um vor der Zeit der kalten Nebel noch daheim zu sein, bedauerte der König dies. Cynesta aber atmete auf. Sie war froh, nicht mehr im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses zu stehen; nicht mehr lauernd beobachtet zu werden. Das Gleichmaß des Alltags zog sie vor. Ariston hatte, noch ehe sie ihn darum bat, Dorina zwei Zimmer zugewiesen, die ihren Räumen gegenüber lagen. Viel Zeit verbrachte Cynesta mit der Schwester, lehrte sie nun auch auf deren Bitten hin die Schrift. Rosalla, die Sklavin aus dem Waldreich, wurde ihr bald unentbehrlich. Zwar versah sie ihren Dienst mehr ungelenk, doch mit solcher Herzlichkeit, daß Cynesta ihr nichts übelnahm. Sie war nun wirklich Königin. Manchmal erreichte sie ein Bittschreiben aus dem Volk, worin eine Frau ihre Hilfe erflehte. Zwar blieb die Kenntnis der Schrift nicht allen offen, doch gab es in jedem größeren Ort mindestens einen Menschen, der des Schreibens kundig sich mit diesem Werk sein Brot verdiente. Wenn sie es konnte, erwirkte sie Gerechtigkeit und linderte die Not. Ariston gab in allem ihren Willen nach. Doch eines Tages sandte er ihr ein Urteil doch zurück. Wie stets, so hatte er auch hier ihre Entscheidung überprüft, noch ehe sie die Burg verließ. Cynesta empfand Traurigkeit bei der Zurückweisung. Dorina empörte sich darüber.
"Bist du Königin oder nicht?" schimpfte sie vor der Schwester, "Wieviel Macht hast du denn, wenn er dich immer überprüft? Ich denke doch, du solltest auch allein entscheiden können. Ich würde mir von meinem Mann jedenfalls nichts vorschreiben lassen." "Ariston ist nicht nur mein Mann, sondern auch mein König," wehrte Cynesta ab, "und es ist der Herrscher, der mich überwacht, nicht der Gatte." "Kannst du das wirklich trennen? Wenn er dich liebt, dann zählt das doch nicht mehr. Würde er dich wirklich lieben, dann könnte er dich gar nicht mehr beherrschen wollen." "Still." "Ach was, Cynesta, es ist die Wahrheit." Sie bemerkte nicht, wie Ariston den Raum betrat, weshalb die Schwester sie zur Stille mahnte. "Denkst du wirklich, daß ein liebender Gemahl jede Entscheidung seiner Frau kontrollieren wird? Hast du dich ihm so weit ausgeliefert, daß dir deine eigene Freiheit nichts mehr bedeutet? Er ist kein Priester, also ist er ein Tyrann." Ariston lachte leise. Die Empörung des Kindes amüsierte ihn mehr, als ihre Worte ihn verletzten. Dorina fuhr herum, starrte ihn erschrocken an und verneigte sich endlich zaghaft. Als er einen Schritt auf sie zutrat, riß Dorina die Hände vors Gesicht. "Nicht schlagen," rief sie angstvoll, "bitte nicht." Betroffen ließ er die halb erhobenen Hände sinken, mit denen er sie doch nur sacht umfassen wollte. Cynesta hob Dorina auf, legte den Arm um ihre Schultern und sagte leise: "Laß uns allein. Wir beide reden später weiter."
Dorina fand nicht den Mut, zu gehen. So führte Cynesta ihre Schwester zur Tür und schob sie sanft hinaus. "Verzeiht ihr," bat sie Ariston, "sie redet oft, was sie im Herzen gar nicht denkt." "Von diesen Worten war Dorina überzeugt," wehrte er ab, "doch ist es unnötig, wenn du mich für sie bittest. Wie könnte ich einem Menschen schaden wollen, den du liebst?" Er küßte sie auf seine sanfte Art. Sie saßen beieinander; er hielt ihre Hände in den Seinen. "Ich hoffe, du zweifelst nicht an meiner Liebe," begann er, "obwohl ich dir dieses Mal nicht nachgeben darf. Dein Urteil ist falsch, Cynesta." "Ich habe Mitleid mit der Frau, die mich um Hilfe bat. Ihr Gemahl verprügelt sie und ich verstehe, daß sie die Scheidung will." "Ich weiß zwar nicht, warum der Mann die Frau verprügelt, doch billige ich es keineswegs. Jedoch, aus freien Stücken hat sie bei der Eheschließung auf das Recht der Scheidung ganz verzichtet. Sie hat ihr Wort gegeben und kann es nun nicht zurücknehmen." "Damals liebte sie ihn sterben," murmelte Cynesta.
gewiß,
doch kann auch Liebe
"Eingedenk dieser Tatsache hält unser Recht die Scheidung jedem offen, der nicht bewußt darauf verzichtet," erinnerte sie Ariston, "auch du hast dies getan, auch ich. Wenn auch unsere Liebe stürbe, Cynesta, unser beiden Leben bliebe doch verflochten." "Dafür fürchte ich mich nicht," sagte sie lächelnd, "ich weiß, daß ihr mich nie quälen würdet. Aber diese Frau..."
Er schüttelte den Kopf. "Nein, Cynesta, das Recht läßt sich nicht beugen. Es steht dem Weib frei, den eigenen Gemahl vors Tribunal zu bringen; sogar, nicht weiter in einem Haus mit ihm zu wohnen. Aber sie kann sich nicht scheiden lassen und niemals einen anderen Gemahl sich wählen." Cynesta senkte den Kopf und schwieg. Versöhnlicher fuhr er da fort: "Die Götter selbst haben bestimmt, was Recht ist und was Recht bleiben muß. Wer herrscht, der ist verpflichtet, der Götter Ratschluß zu verteidigen. Dein Mitleid ehrt dich, Cynesta, aber nur davon bestimmt darfst du nicht sein." Sie zog seine Hände an ihre Lippen. "Ich beuge mich eurem Willen, Gebieter, und ich bin froh darüber, daß ihr mir helft. Nie wollte ich die Götter selbst beleidigen. Von dieser Warte aus hab' ich das Ganze nicht besehen. Doch müßt ihr nicht so viele Worte machen. Ich gehorche euch auch ohne die." Ariston schloß sie in seine Arme. "Geliebte, du sollst mir nicht gehorchen. Ich möchte, daß du mich verstehst. Im andern Fall würde Dorina Recht behalten. Ich bin nur dann Tyrann, wenn du mich so empfindest." "Ich liebe euch." Sie fuhr ihm durchs Haar, nahm seinen Kopf in ihre Hände, küßte ihn, erst sanft, dann fordernd, gab sich ihm hin. Sie verschmolzen zu einer Einheit, wurden einander gleich. An ihn geschmiegt, sprach sie von früher, von jener Zeit, in der sie ihm begegnete. Jetzt erfuhr sie von den beiden jungen Schwarztemplern, die sich des Mordversuches schuldig bekannten und nun auf der Insel der Läuterung das Kupfer abbauen mußten.
"Was erschreckt dich daran?" Ariston spürte, wie sie sich anspannte. Doch sie gab keine Antwort, küßte ihn statt dessen innig. Sie wollte ihm nicht entdecken, daß sie den Täter, Kilmanaos, kannte. Da sie von dem nichts hörte, nahm sie an, daß sie vergessen sei. Ariston berichtete der Geliebten nun auch von Kalara, die noch immer auf ihr Urteil wartete. "Dich rief sie zur Richterin an," endete er, "sie ist in deiner Hand." "Das will ich nicht, Ariston. Versteht, daß ich nicht über Menschenleben entscheiden kann. Ich kann mich kaum an sie erinnern. Wenn sie mich töten wollte, so nur, weil sie euch an mich verlor." "Sie konnte mich zu keiner Zeit verlieren, da sie mich nie besaß, Cynesta. Sie fürchtete nur um den Reichtum, um das angenehme Leben, das sie erwartete." "Sie begehrte wohl auch Macht." "Möglich, doch wußte sie von Anfang an, daß ich ihr niemals Macht einräumen würde. Vermutlich konnte sie nur die Erkenntnis nicht verkraften, daß ihre körperliche Schönheit mich nicht blendete. Beritt erlag ihr sofort, verlor sich ganz an sie. Ich bedauere dies sehr, denn er war kein übler Kerl. Als er sich gegen dich wandte, wollte er Kalara damit helfen. Es liegt jetzt an dir, zu entscheiden, was aus Kalara werden soll." "Entscheidet ihr," bat sie, "mir ist es einerlei. Wenn ihr meint, daß sie sterben muß, soll es geschehen." "Du willst es aber nicht?"
"Wie könnte ich einem Menschen den Tod geben wollen, wenn sich in meinem Schoß gerade neues Leben regt?" Ariston richtete sich bei dieser Eröffnung halb auf. Kurze Zeit hindurch starrte er sie nur ungläubig an. Dann schloß er sie unglaublich zart in seine Arme. Er bettete ihr Haupt an seine Brust, streichelte ihr langes Haar. Er war keines Wortes fähig. Cynesta lag ganz still, genoß die warme Nähe seiner nackten Haut. "Ich weiß es erst seit gestern," sagte sie endlich leise, "und überlegte, wie ich es euch sagen soll. Es sollte nicht so plump geschehen. Vergebt ihr mir?" Da legte er die Hand unter ihr Kinn, hob ihr Gesicht. Sein Kuß war voll innerer Bewegung, ganz durchglüht von Dankbarkeit.
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riston verbrachte nun sehr viel Zeit bei Cynesta. Er hielt auch alles von ihr fern, was sie erregen konnte. Kalara ließ er zu ihren Eltern senden, ohne Strafe. Er gab ihr sogar ein paar Geschenke mit, auf daß sie nicht wie eine Versagerin vor ihren Leuten erscheinen mußte. Auch sorgte er nun dafür, daß die Bittgesuche des Volkes zuerst von ihm eingesehen werden konnten. Er enthielt ihr zwar nicht ein Schriftstück vor, doch wo der Inhalt sie erregen konnte, wo ihre Entscheidung durch die Tragweite derselben sie beunruhigen mochte, notierte er ihr im voraus manchen Rat. Viel spazierte er mit ihr durch die Gärten der Burg. "Warum," fragte sie ihn einmal dabei, "ist das Tor zum Tempelgarten von Nodher durch euer Siegel verschlossen?" Im Bereich jeder Herrscherburg der Nebelreiche lag damals ein Garten, in dessen Mitte ein kleiner Tempel stand. Dort lebten auserwählte Priesterinnen und Priester, um dem König als Amarras Boten stets zur Verfügung zu sein. Nodhers Tempel war verwaist. "Der Garten ist verwildert," erwiderte er, "und mancherlei giftiges Getier haust dort. Das Siegel soll nicht den Tempel schützen, sondern die Menschen hier." "So zerfällt der Tempel?" "Vermutlich, doch was geht's mich an? Amarra rief die Tempeldiener vor zweiundzwanzig Jahren ab und seither war kein Priester mehr in diesen Gärten."
"Amarra rief die Priester ab?" murmelte sie erstaunt, "nicht euer Vater schickte sie fort?" "Mein Vater hat den Priestern die Burg verwehrt," erklärte Ariston, "aber ihre Tempel rührte er nie an. Natürlich waren sie so überflüssig, denn der kleine Tempel wirkte so nicht mehr wie Amarras Arm. Doch du wirst müde, gehen wir zurück." "Ich bin nicht müde," wehrte sie sich rasch, "seid nicht gar so besorgt um mich. Das Kind ist noch zu klein, um mich zu belasten." "Du mußt dich dennoch schonen," verlangte er zärtlich, "ich will nicht, daß dir etwas geschieht." "Mir ist nur kalt." Die Zeit der kalten Nebel herrschte und ihre Kühle durchdrang auch dichten Stoff. Ariston führte seine Frau in die Burg zurück. In ihrem Gemach brannte nun Tag und Nacht ein kleines Feuer, das den Raum erwärmte. Aber wirklich geborgen fühlte sie sich durch seine Fürsorge. Seine Liebe erwärmte ihr Herz.
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orina beobachtete dies alles mit Eifersucht. Vorher hatte Cynesta so viel Zeit für sie. Doch jetzt konnte sie nur mit der Schwester reden, wenn Ariston gerade abwesend war und dies geschah ihr viel zu selten. Im Herzen nahm sie dem König übel, daß er die Schwester schwängerte. Wie konnte er es wagen, eine Frau, die er angeblich liebte, zu zwingen, ihren Körper zur Gebärmaschine zu degradieren? War Cynesta denn ein Vieh? Sie hatte es ja erlebt. Der Bruder hielt sein Weib nur zu diesem Zweck. Dorina erinnerte sich mit Schaudern daran, daß der ganze Wert der Schwägerin sich im Austragen von Kindern erschöpfte. Dem Bruder war es egal, ob sie dabei ihre Schönheit verlor,
ob sie unbeweglich wurde und endlich stumpf. Und Dorina erinnerte sich an die Stunde der Geburt, an die Schreie der werdenden Mutter, an Schweiß und Blut und den ekelhaften Geruch, der die kleine Kammer erfüllte. Auch das kaltherzige Wesen der Hebamme vergaß Dorina nicht. Wie konnte Ariston also Cynesta all dies zumuten? Konnten Männer nicht wirklich lieben? War Orales etwa ebenso? Dorina sah mit Schrecken, wie sich der Schwester Bauch schon etwas wölbte und schrie leise auf. Sie weinte. "Cynesta," rief sie, die Schwester umarmend, "wie tust du mir leid. Das Ding in dir tut sicher furchtbar weh." Cynesta wollte die Jüngere beruhigen, beschwichtigen. Sie erzählte, wie sehr sie sich auf das Kind freute. Als sie Dorinas Hand zu ihrem Bauch führen wollte, damit die Schwester das nahende Leben erahnen könne, sprang die auf. "Das ist grausam," rief Dorina, jetzt nur böse, "und wenn es raus will, wird es fürchterlich." "Schwesterchen, das ist der Weg der Natur. Auch du bist so gekommen." "Ariston hätte dir das nicht antun dürfen," schimpfte Dorina aber, "es ist nicht fair. Ich wollte, ich könnte es verhindern." "Was verhindern?" "Daß es groß und geboren wird. Es müßte gleich raus, jetzt, wo es dir noch nicht weh tun kann." Ariston war wieder einmal bei einem ihrer Ausbrüche unbemerkt eingetreten. "Beherrsche dich, Dorina," verlangte er zwar leise, doch sehr nachdrücklich, "im andern Fall wirst du Cynesta meiden
müssen, bis ihre Stunde kam. Ich dulde nicht, daß du sie jetzt erregst." Sie rannte hinaus, bitterlich weinend.
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osalla hatte Cynesta die letzten Darreichungen des Tages getan, ihr den Schlaftrunk gebracht und gewartet, bis die Königin in sanftem Schlummer lag. Jetzt schlüpfte sie rasch aus dem Zimmer und eilte in die Gärten. Unten wartete irgendwo ein Mann auf sie. Als Sklavin durfte sie sich nicht ganz so frei entscheiden und sie zog es vor, heimlich bei einem Mann zu sein, als erst lange zu fragen. Dabei wußte sie, daß Cynesta es ihr ohnehin nicht verbieten würde. So befand sie sich im Rausch der wilden Lust, als in den Räumen der Königin ein entsetzter Schrei ertönte. Hedi, die Dienerin, kam sofort gelaufen; fand ihre Herrin mit irrem Blick aufrecht im Bett sitzend, mit gespreizten Beinen, die Arme abwehrend von sich gestreckt. Rasch lief sie, holte Moryn, den Arzt und Maranis, die Ärztin, die Ariston als Hebamme nach Nodher holte. Cynesta merkte kaum, was mit ihr geschah. Als Moryn endlich Hedi aufforderte, den König zu verständigen, war sie noch immer wie im Traum. Hedi weigerte sich, dem Herrscher die Botschaft zu überbringen. Moryn schrie sie an, schlug sie ins Gesicht. Da lief sie hinaus. Sie fürchtete Aristons Zorn, überbrachte darum Orales die Nachricht, der sich sofort zu seinem Freund begab. Ariston schlief noch nicht. In Gedanken befand er sich wieder an der Küste Amarras. Er würde es nie vergessen! Orales legte ihm die Hand auf die Schulter und als Ariston sich umwandte und in seine Augen sah, begriff er sofort. Wieder wunderte sich Orales über das Einfühlungsvermögen des Freundes. "Ist Cynesta wohlauf?" rang Ariston sich endlich Worte ab, doch wartete er nicht auf Orales' Bericht.
Er eilte zu der Geliebten, fand sie im Trance. Besorgt kniete er an ihrem Bett, ergriff ihre kalten Hände. Fragend sah er Maranis an. "Sie hat das Kind verloren, Herr," sagte die Ärztin leise, "es muß sehr rasch gegangen sein. Doch ist die Königin unversehrt. Sie kann wieder schwanger werden, braucht nur ein wenig Zeit." Orales schickte alle hinaus, kniete an der anderen Seite von Cynestas Lager nieder. Gequält sah er das Leid in Ariston, den Schmerz und die Verzweiflung. Tränen standen in des Königs Augen, als er den Freund ansah. "Sie kann noch Kinder bekommen," murmelte Orales, "gebt die Hoffnung nicht so schnell auf." "Wie kann ich an Kinder denken, die ich nicht habe, wenn die Frau, die ich liebe, nicht bei Sinnen ist, Orales? Sieh Cynesta an! Wo ist ihr Geist?" Orales legte die Rechte auf die Stirn der Königin, vermittelte ihr seinen Lebenswillen. Cynesta seufzte tief und fiel in Schlaf.
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och früh am Morgen kam Dorina zur Schwester, um mit ihr das Frühmahl einzunehmen. Sie sah Ariston und Orales an ihrem Bett knien und erschrak. "Was ist passiert?" Orales hob den Kopf. "Sie hat das Kind verloren." Dorina starrte ihn traurig, so unendlich
bestürzt an. Das klang so maßlos tief betrübt. Liebte Orales Cynesta
denn auch? Dann traf ihr Blick auf den von Ariston. Der König sah fast durch sie hindurch. "Ich war's nicht," rief sie da, "ich hab' ihr nichts getan." "Verlaß die Burg," verlangte Ariston rauh und beachtete sie nicht weiter. All sein Sinnen galt Cynesta. Orales aus Moras ließ die Freunde allein. Bald mußte Cynesta erwachen. Er wollte nicht stören. Dorina fand er verzweifelt schluchzend auf dem Boden in einer Ecke ihrer Zimmer vor. Er hob sie auf, drückte sie in einen Sessel, wischte ihr die Tränen von den Wangen. "Was geschah?" König und dir?"
forschte er, "was gibt es zwischen dem
Dorina weinte nur, doch sie wollte sich ihm anvertrauen. Nur, wie sollte sie vergessen, daß er Cynesta liebte und nicht sie? Endlich überwand sie sich und erzählte von ihrem Wutausbruch und ihrem bösen Wunsch. "Nicht wahr," schloß sie, "wäre es größer gewesen, dann hätte Cynesta mehr Schmerzen gehabt?" Fest packte Orales ihre Handgelenke, tat ihr fast weh dabei. "Kann das Wort 'Kind' nicht über deine Lippen kommen, Dorina? Ist es für dich nur ein Ding, ein Fremdkörper, der lästig ist? Begreifst du nicht, wie sehr Cynesta und Ariston das Kind schon liebten, noch ehe es geboren war? Kannst du dir eine geistige Verbindung nicht vorstellen, die schon vor der Geburt beginnt? Was bist du für ein Mensch!" Er stieß sie zurück, beherrschte nur mühsam seine Erregung. Dorina weinte nicht mehr. Sein Zorn überraschte sie, zugleich aber wuchs ihr Trotz.
"Was gibt euch Männern das Recht, uns Frauen zu zwingen, Kinder zu gebären?" rief sie böse, "Hatte Ariston Cynesta denn gefragt, ob sie es will? Natürlich nicht! Er ist ja der Herrscher. Er befiehlt und alles muß gehorchen." "Cynesta hat sich auf ihr Kind gefreut," erwiderte Orales nun sehr gefaßt, "sie liebt ihren Gemahl und dieses Kind war Ausdruck dieser Liebe. Aber du verstehst das nicht, Dorina. Du liebst nur dich selbst, siehst nur dich." Der Vorwurf traf sie hart. "Das ist nicht wahr, denn auch dich liebe ich," sagte sie so leise, daß er es kaum verstand. Orales schüttelte den Kopf. "Was du Liebe nennst, das ist nichts weiter als die Lust des Kindes an seinem Spielzeug." "Weiß Ariston, daß du Cynesta liebst?" Sie wollte ihn treffen, seine Ruhe zerstören. Wenn er sie verletzte, so sollte auch er Schmerzen spüren. Doch Orales läachelte nur. "Natürlich weiß er es, Dorina. Wie könnten wir Freunde sein, ohne auch die Liebe zu teilen. Ich liebe Cynesta, aber ich begehre sie nicht. Doch auch wenn es so wäre, könnte es nichts zerstören." "Der König tötet dich, wenn du mit der Königin zusammen bist," drohte Dorina, "das wagst du nie." "Ariston liebt Cynesta und betrachtet sie nicht als Eigentum. Nur du verwechselst Liebe mit Besitz."
"Würde er sie lieben, dann könnte er mich nicht verbannen," rief Dorina da und weinte wieder. Nachdenklich sah der Mann aus Moras auf sie herab. Er mochte sie, doch er billigte nicht ihre Art. Und er liebte Ariston wirklich, trug den Titel des Pala zurecht. "Seit du auf Nodher bist, hetzt du gegen den Mann, der dich holen ließ," stellte Orales fest, "du versäumst keine Gelegenheit, um vor Cynesta an seiner Liebe zu zweifeln. Du mißachtest und beleidigst ihn und nun, da er die Schadenfreude über seines Kindes Tod nicht hinnehmen willst, erhebst du auch deine Verbannung zu einer Frage der Liebe. Du sagst, daß du Cynesta nichts angetan hast. Aber kannst du das beweisen? Eben dieses Unheil hast du ihr doch zugedacht. Vielleicht war es dein Fluch, der wirksam wurde. Soll Ariston dich weiterhin auf Nodher dulden und das Wagnis eingehen, daß du ihm und Cynesta wieder schadest?" "Ich wollte ihr nichts Böses." "Ihr nicht, doch ihm," blieb Orales fest. "Wenn er ein Priesterkönig wäre ..." "Dann hättest du schon bei der ersten Beleidigung bezahlen müssen," unterbrach sie der Pala, "du weißt das ganz genau. Was hast du mit den Priestern auch zu schaffen? Du magst die Tempel nicht." "Bist du mir böse?" Einschmeichelnd sah sie ihn an, doch Orales wandte sich zur Seite. "In dieser Sache," sagte er fest, "bin ich des Königs Mann. Dein Verhalten heiße ich nicht gut."
"Und was soll ich jetzt machen? Muß ich wirklich gehen? Und wohin?" "Dein Weg steht dir frei, Dorina." "Ich will aber nicht fort. Ich will bei Cynesta bleiben." Ihr Trotz wich dem Kummer. Ganz leise sagte sie: "Orales, hilf mir doch. Der König hört auf dich. Wenn du für mich bittest, dann darf ich bestimmt bleiben. Ich verspreche dir, daß ich mich bessern werde." "Nein," kam hart seine Antwort, "ich stehe dir nicht bei. Wenn du den König bitten willst, so tue es selbst." "Soll ich wieder vor ihm auf dem Boden liegen?" Das klang nicht stolz, nur schüchtern, furchtsam. "Es ist keine Schande." "Aber demütigend, Orales. Ich will mich nicht erniedrigen. Du mußt das doch verstehen. Auch du beugst dich kaum einmal vor ihm." "Ich empfinde es nicht als Erniedrigung, wenn ich meinem König den Respekt erweise," erwiderte Orales ernst, "er ist es, der das von mir nicht will. Mir ist es einerlei, so oder so. Handle du nach deinem Belieben, Dorina. Doch klage nicht über die Folgen. Er erwies dir Freundlichkeit, die du ihm schlecht vergolten hast. Es wäre wirklich besser, du wolltest Nodher rasch verlassen." "Was wird aus Cynesta? Sie braucht mich doch." "Nein, du brauchst sie," berichtigte der Pala, "sie wird nicht ärmer, wenn sie dich verliert."
"Aber sie liebt mich," beharrte Dorina, mehr hoffend als gewiß. "Sie liebt Ariston," stellte Orales richtig, "und wenn du ihm unerträglich bist, will sie dich auch nicht halten. Hat es ihr etwa Freude gemacht, deine Beschimpfungen ihres Gatten anzuhören? Was hast du ihr je Gutes getan?" Dorina weinte wieder leise. "Es stimmt ja alles, was du sagst," gab sie zu, "ich tauge einfach nichts. Aber ich hab' Cynesta wirklich lieb. Ich wollte sie nie kränken und wenn ich über Ariston schimpfte, so nur, weil er sie beherrschen kann. Ich möchte nicht, daß meine Schwester jemandem dienen muß. Verstehe, Orales, für mich ist Cynesta der beste Mensch und ich will nur ihr eigenes Glück. Wenn du sagst, daß sie sich auf ihr Kind freute, dann will ich's dir glauben. Bestimmt habe ich ihr dann auch weh getan, wenn ich darüber schimpfte. Aber das wollte ich nie. Ich wollte ihr auch nicht weh tun, wenn ich Ariston beleidigte. Aber ich kann nicht glauben, daß sie ihn wirklich liebt. Er ist so stolz, so unnahbar. Wenn er es ihr befiehlt, dann muß sie ihm zu Willen sein. Und wenn er etwas verbietet, muß sie gehorchen. Das hat doch nichts mit Liebe zu tun. Einen Herrscher kann man nicht lieben. Aber wenn es sie verletzt, daß ich die Wahrheit sage, dann bin ich eben still. Nur bei ihr bleiben will ich." So flehend sah sie ihn jetzt an, daß Orales sie am liebsten in die Arma nähme. Doch er beherrschte diese Regung, fürchtend, das Mädchen könne sie mißdeuten. "Ich kann dir nicht helfen," sagte er nur, "wenn du bleiben willst, mußt du Ariston darum bitten. Und es gibt keine Garantie, daß er dir diese Bitte erfüllt. Denke nach darüber, Dorina, und sei nicht unbedacht." "Aber er hat gesagt, daß ich sofort gehen muß."
"Du kannst bis morgen bleiben," entschied Orales nach kurzer Überlegung, "doch wehe dir, du nahst dich der Königin. Wenn du dieses Zimmer verläßt, so nur, um zu deinem König oder für immer fort zu gehen." Er ging zur Tür. "Nicht einmal zu Cynesta darf ich?" "Versuchst du es, bin ich es, der dafür sorgt, daß du nie wieder die Burg und deine Schwester siehst." "Wie hart du bist, Orales." Er ging hinaus. Mehr gab es nicht zu sagen.
C
ynesta kehrte aus dem Reich des Schlafs zurück. Erst Aristons besorgter Blick erinnerte sie an den Schrecken dieser Nacht. Sie warf sich zur Seite, vergrub ihr Gesicht in den Kissen und weinte. Er streichelte ihr Haar, küßte ihren Nacken. "Wenn ich dein Leid nur wirklich teilen könnte," flüsterte er, wollte sie zu sich umwenden, doch sie wehrte sich. Sie sah ihn nicht an, als sie endlich sprach: "Verachtet ihr mich nun?" Ehe er etwas erwidern konnte, sprudelten die Worte aus ihr heraus, stammelte sie ihre Seele in die Kissen: "Ich wollte euer Kind behalten, Ariston. Ich hatte mich darauf gefreut. Mein Leben gäbe ich, wenn es nur ungeschehen wäre. Was nützt euch eine Frau, die kein Kind gebären kann? Nie hättet ihr den Liebeseid mir schwören dürfen. Nun könnt ihr mich nicht einmal verstoßen. Ich
schäme mich, oh, wie ich mich schäme." Er warf sich über sie, drehte sie auf den Rücken, erstickte die Flut ihrer sinnlosen Selbstanklagen mit verzweifelt gequälten Küssen. "Ihr weint ja," stammelte sie, als sie es bemerkte. Fest hielt er sie im Arm. Sie weinten beide lange Zeit. "Ich liebe dich, Cynesta. Sprich nie wieder so mit mir, wenn du mich nicht quälen willst. Ich habe nie an dir gezweifelt, auch nicht an deiner Weiblichkeit." "Und wenn ich wirklich nie ein Kind bekomme?" "So bang, Geliebte? Was immer sein wird, nichts ist stärker als unsere Liebe. Versuche doch, mir zu vertrauen." Cynesta aber zermartete sich weiterhin mit Selbstvorwürfen. Sie war gezeugt, um ihm kein Kind zu schenken. Womöglich war sie unfruchtbar; unfähig, ein Kind zur Lebensreife hinzutragen. Doch diese Gedanken mußte sie vor ihm verbergen. Wie sollte sie ihm ihre Lebenslüge je gestehn?
D
orina kämpfte den ganzen Tag, die ganze Nacht mit sich. Nein, sie würde sich nicht demütigen können, nicht um Verzeihung bitten. Ehe sie Nodher verließ, hätte sie so gern noch einmal mit Cynesta geredet. Hilflos stand sie vor deren Tür. Sie wagte es nicht. Orales' Zorn war bestimmt fürchterlich. Sie zuckte leicht mit den Schultern. Dorina versuchte, aufrecht zu gehen, nur ja keine Träne zu erlauben. Im Burghof begegneten ihr Reiter. Ariston und Orales kehrten zurück vom Morgenritt, zügelten bei ihrem Anblick ihre Tiere.
"Hieß ich dich nicht gestern gehen?" fuhr der König das Mädchen an. "Ich gab ihr diesen Aufschub," gestand Orales rasch. "Dazu hattest du kein Recht," rief Ariston da unbeherrscht, doch rasch ergriff er, wortlos um Verzeihung bittend, des Freundes Hand. "Fort mit dir, Dorina." Diener führten die Pferde fort. Dorina stand noch unbewegt. Der Schreck lähmte sie, auch die Furcht. Ariston ging an ihr vorbei, übersah sie nun bewußt. "Närrin," schalt Orales bedauernd, ehe er dem Freund folgte. Es war so weit nicht bis zum nächsten Dorf. Dorina hoffte, noch vor Abend dort zu sein. Ihre Fertigkeit als Färberin mochte ihr helfen. Die Abendnebel senkten sich schon nieder, es herrschte trübes Dämmerlicht, als sich Dorina dem Dorf nahte. Sie ging sehr langsam, dachte nach. Ob Ariston ihr nachgegeben hätte? Ob sie die Schwester nur durch eigene Schuld verlor? Rechts von ihr in der Düsternis ertönten leise Weiberstimmen. Unwillkürlich blieb Dorina stehen. "Du hast deine Sache gut gemacht, Rosalla," sagte jemand, "hier ist dein Lohn." Dorina hörte, wie ein paar Solare klimperten. "Und wenn sie wieder schwanger wird, Kalara? Noch einmal kann ich diesen Trank bestimmt nicht verwenden. Das fiele auf. Und außerdem besteht auch die Gefahr, daß ich telepathisch überwacht und so entdeckt werde."
"Blödsinn. Es sind ja keine Priester in der Burg. Nein, wenn Cynesta jetzt noch nicht verstoßen wird, wenn sie wirklich nochmals schwanger wird, dann melde ich mich schon. Es gibt noch manches Mittelchen." Dorina zitterte und fürchtete Entdeckung. Reglos blieb sie in eine Mulde gekauert, bis die beiden Frauen sich entfernten. Was sie da hörte, mocht sie nicht glauben. Zwar hatte sie die Fehlgeburt gwünscht, doch niemals so, es nicht einmal wirklich ernst gemeint. Was sollte sie jetzt tun? Sie durfte doch nicht in die Burg. Und wem könnte sie es dort schon sagen? Cynesta? Nein, die war noch zu geschwächt. Doch Orales konnte sie vertrauen. Wenn sie sich also heimlich in die Burg begabg, würde er sie nicht verraten. Sie wollte ja auch nicht bleiben, sondern nur verhindern, daß Cynesta nochmals Leid geschah. Dorina begann in der Dunkelheit den Rückweg. Ein Fuhrwerk rumpelte vorbei, das Waren brachte nach Nodher. "Nehmt mich mit," rief sie dem Kutscher zu. Bald saß sie auf dem Kutschbock neben dem Alten, ließ sich manchen derben Spaß gefallen, machte gute Miene zum bösen Spiel und war froh, als das Burgtor aus dem Nebel aufragte.
A
riston stand am Fenster, sah auf den Burghof und gewahrte Dorina, wie sie vom Kutschbock sprang. Rasch erteilte er Befehl, das Mädchen zu ihm zu bringen. Zwei Gardisten packten sie grob, zerrten sie mit sich. Dorina wehrte sich mit aller Kraft. "Laßt mich los," fauchte sie kratzend und um sich tretend, "ich will nicht, nein." Sie wußte schon, wohin die Kerle sie bringen wollten.
"Bringt mich zum Pala," bettelte sie dann, doch die Soldaten blieben bei ihrem Flehen ebenso unbewegt wie bei ihrem Zorn. Die Gardisten stießen Dorina hart in eines der kleineren Privatgemächer des Königs. Sie wollte sich bestimmt nicht demütigen, aber sie stolperte über den Rand des Teppichs und fiel direkt vor Ariston nieder. Im ersten Impuls wollte aufspringen, aber da er nur abwartend die Beine leicht spreizte, wagte sie es doch nicht mehr. So blieb sie, halb knieend noch, liegen, auf den rechten Unterarm gestützt. Sie starrte auf die Spitze seines Schuhes und schwieg aus Trotz, doch nicht aus Höflichkeit. Als ihr klar wurde, daß ihr das erste Wort ohnehin nicht zustand, sprach sie: "Ich wollte zu Orales, nicht zu euch." Ob er ihr diese Frechheit übelnahm, wußte Dorina nicht. Doch sie fühlte sich bedroht durch sein Schweigen, und so entschuldigte sie sich: "Verzeiht, Gebieter." Aus ihrem Munde klang diese Anrede wie ein verachtungsvolles Wort. Ariston dachte an Amarra. Als ihn die Priester damals dort fingen, beleidigte er sie. Es war der Ausdruck seiner kindlichen Angst gewesen, nicht mangelnder Respekt. Auch Dorina schien sich sehr zu fürchten. "Darf ich jetzt aufstehen?" verlangte sie trotzig. "Nein," antwortete er knapp, "nicht, ehe ich es dir erlaube." Er setzte sich an einen kleinen Tisch, ergriff die Schrift, in der er vorher las, vertiefte sich in sie und beachtete die liegende Dorina nicht mehr.
Ihre Haltung wurde unbequem. Als sie die zu verändern suchte, donnerte er sie an: "Bewege dich nicht." Sie zuckte förmlich zusammen, gehorchte aber. Dorina sah nicht, wie er sie aus den Augenwinkeln heraus genau beobachtete. Ariston registrierte jede Zuckung ihrer Muskeln. Es bereitete ihm kein Vergnügen, die kleine Ziehschwester der Geliebten so zu quälen. Viel lieber nähme er das Mädchen in die Arme, verzieh ihr alles um Cynestas Willen. Aber da Dorina ihn schon nicht ehren wollte, sollte sie ihn wenigstens achten und wo nötig, auch ein wenig fürchten. Natürlich dachte Ariston nicht daran, sie wirklich zu verbannen. Nach einer Zeit der Trennung hätte er nach Dorina geschickt. Da sie selbst kam, forderte sie ihn allerdings heraus; mehr aber noch durch ihren Trotz und ihre offene Ablehnung. Im Grunde war sie nicht wichtig. Aber da Cynesta durch ihre Fehlgeburt an sich selbst und auch an seiner Liebe zweifelte, mußte Ariston Dorinas lose Zunge zähmen. Dorina mochte jung und kindlich sein, schwach war sie keineswegs. Sie trotzte ihrem König. Verbissen schweigend blieb sie in der unbequemen Lage, obwohl der Arm schon schmerzte und die Beine fast gefühllos wurden. Es ärgerte sie maßlos, daß der König las und sie so einfach übersah. Und solange sie sich ärgerte, ertrug sie es. Aber die Schmerzen des so unnatürlich verspannten Körpers wurden stärker, übertönten ihren Ärger nun. Sie preßte die Lippen zusammen. Ariston schenkte sich einen Becher voll und trank. Dorina begriff, daß er das stundenlang ertragen konnte, sie aber bald zusammenbrechen würde. Er sollte sie nicht weinen sehen. "Darf ich reden, Gebieter?"
Jetzt klang ihre Stimme nur noch schwach, mühsam den eigenen Schmerz beherrschend. "Bist du jetzt sanfter?" "Es tut mir leid," murmelte sie und verwünschte die zwei Tränen, die sich aus ihren Augen stahlen. Ariston legte die Schrift weg, wandte sich ihr zu, erhob sich jedoch nicht. "Wenn du dich lang ausstreckst," sagte er fast freundlich, "wird dein Blut bald wie gewohnt fließen und die Schmerzen vergehen." Sie schüttelte nur den Kopf. Nein, diesen Triumph gönnte sie ihm wirklich nicht. Ariston lachte leise. "Gut, dann steh auf." Dorina fürchtete schon eine Falle. Wennn sie dies tat, konnte er darin eine Beleidigung sehen. Wahrscheinlich wartete er nur darauf, einen Grund zu finden, um sie zu bestrafen. Trotzdem war auch dies besser als die Erniedrigung. Sie wollte sich erheben, doch ihre Füße trugen ihren Körper nicht. Sie knickten einfach weg. Dorina weinte jetzt aus Zorn über ihre eigene Schwäche, als sie sich auf dem Boden ausstreckte. "Du wolltest reden," erinnerte sie Ariston. "Herr, glaubt ihr fragte Dorina leise.
wirklich, daß ich Cynesta Böses tat?"
"Natürlich nicht." "Warum habt ihr mich dann verstoßen?"
"Weil du ihr zu wenig Gutes getan hast, Dorina. Aber ich nehme nicht an, daß du deshalb in die Burg gekommen bist. Was ist der Grund dafür?" "Das sag' ich nur Orales." Auch das klang schon nicht mehr trotzig, eher furchtsam. Ariston griff wieder nach der Schrift. Er dachte nicht daran, mit diesem Kind zu streiten. Er hatte Zeit. Ehe er zu lesen beginnen konnte, sagte Dorina sehr rasch: "Ich weiß, wer Cynesta vergiftet hat. Ich bin bloß gekommen, um das Orales zu sagen, damit er ihr helfen kann." "Und warum soll ich das nicht wissen, Dorina?" "Euch ist es doch egal, was aus meiner Schwester wird," platzte es da aus ihr heraus, "wenn sie jetzt keine Kinder mehr bekommt, braucht ihr sie ja nicht mehr. Orales liebt Cynesta mehr als ihr." Ariston erhob sich, trat zu ihr. Dorina begriff, daß sie zu weit ging. Ihre Hände krallten sich in der Erwartung von Hieben in den Teppich. "Steh auf," verlangte Ariston aber. Er sprach nicht freundlich, eher unpersönlich und abweisend. Ganz langsam gehorchte sie. Als sie sich auf die Knie aufrichtete, ergriff er sie an den Oberarmen und zog sie hoch. Sein Gesicht befand sich nahe dem Ihren. Dorina bemerkte das zornige Funkeln in seinen Augen, während er mit unverändert beherrschter Stimme sprach: "Ich habe nicht die Absicht, dich von meiner Liebe zu Cynesta zu überzeugen, dumme Göre. Aber wenn ich dich noch einmal so sprechen höre, ich schwöre dir, bereust du es.
Jetzt geh' zu Orales und dann verschwinde." Er ließ sie los und drehte ihr den Rücken zu. "Darf ich Cynesta sehen?" "Sie schläft. Nein." "Und morgen?" "Morgen bist du nicht mehr hier. Du hast nur eine Stunde Zeit." Dorina ging zur Tür. Sie kämpfte mit sich einen stummen Kampf. Endlich sagte sie sehr leise: "Was muß ich tun, damit ich bleiben darf, Gebieter?" Ariston sah sie an. Diese Frage hatte erwartet. Langsam kniete Dorina nieder.
er nicht mehr
"Laßt mich bei Cynesta bleiben," bat sie, "ich werde auch versuchen, euch nicht mehr zu erzürnen." Ariston fand keine Worte. Dorina deutete sein Schweigen falsch, fuhr darum fort: "Die Sklavin Rosalla aus Wyla gab Cynesta einen Trank, der das Kind aus ihrem Körper trieb. Ich habe gehört, wie sie sich dafür bezahlen ließ von einer anderen Frau. Sie hieß Kalara, Herr." Hastig wischte sie zwei Tränen fort. "Bitte, schickt mich nicht fort, Gebieter." "Genug, Dorina, du kannst bleiben. Ich hoffe sehr, daß du mich nicht enttäuschst. Morgen darfst du Cynesta sehen. Doch verschweige ihr, wer ihr das angetan. Sie ist noch schwach und soll sich nicht erregen. Auch weiß sie nichts von unserm Zwist."
"Ich bitte euch, sagt es ihr nicht," bettelte Dorina, "sie würde es mir übelnehmen, daß ich euch erzürnte."
C
ynesta erholte sich rasch, doch war sie nun etwas ernster als zuvor. Erst, als Ariston ihr von Rosallas Verrat, von deren und Kalaras Tod erzählte, entschwand die Angst vor der Unfruchtbarkeit. Mit einem Male war sie sicher, daß sie dem Geliebten den Erben schenken würde. Ariston aber drängte nicht. Er hielt sich selbst zurück in den Tagen ihrer Fruchtbarkeit. Erst sollten alle Wunden heilen. Dorina ging ihm aus dem Weg, doch sie beherrschte sich und sprach nicht übel über ihn. Ansonsten aber blieb sie unverändert, laut, ungestüm und sehr direkt. Orales hatte sie gezwungen, mehrmals bei einer Entbindung zu assistieren und freute sich insgeheim, als Dorina zum ersten Mal das Neugeborene einer Dienerin freiwillig herzte. Als die Zeit der heißen Nebel nahte, begab sich Ariston wie jedes Jahr auf Reisen. Um die Zeit der Sonnenwende besuchte er stets eine Reihe von Städten und Dörfern, um sich vor Ort zu informieren. Er wollte nicht nur aus der Ferne herrschen, sondern seinem Volk bekannt sein. Cynesta mußte lange bitten, ehe er ihr erlaubte, ihn zu begleiten. Er wollte sie wie immer schonen, doch als er dann sah, wie glücklich sie an seiner Seite ritt, mit wieviel Freude sie all das Neue aufnahm und mit welcher Begeisterung sie manchmal galoppierte, freute er sich, überredet worden zu sein. Zwar vermißte sie Dorina, die auf Nodher bleiben mußte, da sie nicht so gut reiten konnte, doch blieb sie unbeschwert. Das Volk des Nordens begrüßte seinen König, wohin immer er auch kam, voll unverfälschter Herzlichkeit. Daß er vermählt war, machte ihn in den Augen der Leute menschlicher und daß seine Frau, wie sich herumsprach, von ihm nicht unterdrückt wurde, sondern geliebt und geachtet wurde und, wie er, wenn auch in Grenzen, herrschte, brachte ihm Sympathien ein. Auch sein Pala fand Gefallen und wer nicht wagte, sich dem König selbst zu nahen, der
suchte bei Orales offene Ohren. Meist nächtigten sie in festen Häusern, doch konnte es auch geschehen, daß Zelte aufgeschlagen wurden, um über Nacht Quartier zu sein. Dann trennte auch der Schlaf die Freunde nicht. In einer solchen Nacht schlief Cynesta schon lange tief an Aristons Seite, als sie vom Zucken seines Körpers erwachte. Sie schlug die Augen auf und sah Orales, der sein Lager schon verlassen hatte und sich besorgt über den Freund neigte. "Er träumt," erklärte der Mann aus Moras der Königin, "es scheint ein übler Traum zu sein." Ariston stöhnte, stammelte. Sie verstanden nur Wortfetzen: "Nein - auch Priester - Vater - Amarra." Plötzlich setzte er sich mit einem Ruck auf. Schweiß glänzte auf seiner Stirn, doch klar blieb sein Blick. "Habe ich euch erschreckt?" nichts. Schlaft nur wieder."
fragte
er leise, "es war
Orales setzte sich zu ihm. "Wenn das nichts war, mein Freund, bin ich ein Tor. Der Traum kommt tief aus deinem Innern. Aber wenn du uns nicht vertrauen willst, verstehen wir's." "Es ist nicht alles eine Frage des Vertrauens, Orales," wehrte sich Ariston, "wenn du es aber so verstehst, muß ich ja wohl berichten. Ich träume diesen Traum nicht selten. Als Knabe von sieben Jahren begleitete ich meinen Vater auf eine Fahrt nach Amarra. Ich durfte die Insel des Than nicht betreten, da ich weder Priester noch Priesterschüler bin. Heimlich schwamm ich an Land, doch die Priester dort fingen mich ein und brachten mich aufs Schiff zurück. Das ist schon alles, Freund."
"Ich wußte nicht, daß ihr je in Amarra wart," staunte Cynesta. "Nur sehr kurz, keine Stunde lang. Damals war ich wütend, aber ich fürchtete mich auch. Ich wollte zu der Zeit noch Priester werden und es war schlimm für mich, zu hören, daß mir das verboten blieb." "Ihr wolltet Priester werden?" Cynesta sah ihn zweifelnd an. Das hatte man ihr verschwiegen im Tempel des Friedens. Orales küßte Ariston auf die Stirn. "Im Herzen bist du es," sagte er fast feierlich.
C
ynesta dachte oft an diese Nacht. Sie konnte nicht verstehen, weshalb Ariston damals der Tempel verwehrt wurde. Sie grübelte darüber nach und kam zu keinem Ergebnis. "Was beschäftigt dich, Liebes?" wollte der Herrscher wissen, dem dies natürlich nicht entging. Nur zaghaft gab sie Antwort, fürchtend, ihn zu verletzen. "Seltsam, Orales denkt darüber nach wie du. Wie ihm, so will ich's dir auch sagen. Mein Vater reiste damals nach Amarra, um mich dem Tempel zu unterstellen. Doch hochmütig wiesen ihn die Priester zurück. Mir stünde, hieß es, wie jedermann ein jeder Tempel offen. Nur der Tempel des Lichts sei mir verwehrt. Amarra denke nicht daran, meine unwürdige Geburt in dieser Art zu rechtfertigen. Es stünde meinem Vater schließlich frei, noch immer seinen Erben in den Tempeln zu zeugen. als Kind der Lust dürfe er mich ja behalten, ganz, wie es üblich ist."
"Das muß sehr schlimm gewesen sein." "Mein Vater war nicht sehr empfindlich. Er blieb zwar noch zum Fest der heißen Lichtwende, aber danach verließ er Amarra und kehrte nie mehr dorthin zurück. Er lobte sein Leben lang den guten Wein dort und er schimpfte auch lautstark über Amarras Arroganz. Ich glaube nicht, daß ihn das alles belastete." "Euch belastet es." "Jetzt nicht mehr so sehr, Cynesta. Durch deine Liebe und Orales' Treue bin ich weniger verletzlich nun. Ich habe dir ja schon gesagt, daß wir Amarra trotzen werden." Er nahm sie lächelnd in den Arm. "Als der alte Than seine Macht an seinen Nachfolger Nymardos in Amarra übergab," erzählte er, "da überlegte ich ernstlich, ob ich die alte Bitte wiederholen solle." "Ihr habt es nicht getan?" "Natürlich nicht, Cynesta. Wozu sollte ich eine weite Reise unternehmen, wenn ich die Insel nicht betreten darf. Außerdem wurde ich nicht eingeladen, die andern Herrn der Nebelreiche jedoch schon. Amarra gab mir so zu verstehen, daß ich verachtet bin." "Das ist nicht Recht." "Es ist Amarras Recht," widersprach er, "es ist nur nicht richtig. Im Grunde verstehe ich durchaus, warum Amarra hier so hart ist. Das Erbrecht der Herrschenden soll davor bewahrt werden, von Söhnen in Anspruch genommen zu werden, deren Geist nur schwach ist und die nicht lernten, sich selbst, wo nötig, zu besiegen. Darum soll der Erbe, frei von Lust, allein im Trance in den Tempeln
gezeugt werden, damit der Geist, der sich dann inkarniert, dies nicht aus Leidenschaft gezogen tut." Cynesta war entsetzt. "Glaubt ihr denn, weil ihr ein Kind der Lust seid, seid ihr deshalb weniger wert als Tempelkinder?" Er strich sanft über ihr Haar, küßte ihre Nasenspitze. "Es geht dabei doch nicht um Wert und Unwert," stellte er fest, "aber je größer die Leidenschaft, desto stärker der Wirbel, der den neuen Geist zur Erde zieht. Ein Herrscher soll, so meint Amarra, nicht gezogen sein, sondern aus freiem Willen inkarnieren. Ich heiße dies im Grunde gut. Nur bin ich überzeugt, daß Amarra Liebe und Lust verwechselt und bloße Leidenschaft der Liebe gleichstellt. Was liebend angezogen wird, muß aber immer denen, die da ziehen, auch entsprechen." "Und unser Kind, Ariston? Wenn wir je ein Kind haben, wird es Amarra trotzen können?" Er legte den Arm erneut um sie, führte sie zum Fenster des Hauses, in dem sie nächtigten. "Schau," sagte er sanft, "dies ist unser Volk. Wir beide mögen Amarra unterlegen sein. Doch diese Macht dort draußen ist nicht zu unterschätzen. Wäre es nicht so, würde Amarra schon lange versuchen, mich zu vertreiben." "Amarras Pläne sind rätselhaft," flüsterte sie und sie verspürte Furcht dabei.
C
ynesta wurde wieder schwanger und freute sich, als Dorina nicht aufbegehrte. Sie schien sich gar zu freuen, nahm ihr die kleinsten Wege ab und versuchte alles, um der Schwester hilfreich zu sein. Täglich kam die Ärztin Maranis. Sie hatte schon so vielen Schwangeren geholfen, daß sie alle unnötige Aufregung vermied. Cynesta sollte ihrer Meinung nach sich viel bewegen und beschäftigen. Die junge Königin war sehr gesund und auch kräftig. Es gab keinen Anlaß zur Sorge. Nur Orales schien davon nicht ganz überzeugt zu sein. Er beobachtete Cynesta sehr genau, blieb stets, sofern es möglich war, in ihrer Nähe, immer aufmerksam gespannt. Aber nach einigen Wochen ließ seine Sorge nach. Er fand keine Bedrohung für Cynesta. Alles ging seinen gewohnten Gang. Im sechsten Monat setzten die Wehen ein. Moryn und Maranis taten, was sie konnten. Dorina ließ es sich nicht nehmen, dabei zu helfen. Und Ariston hielt Cynesta fest und wußte, was geschah. Seine Tochter wurde tot geboren. Er weinte wie ein Kind, hielt dabei Cynesta fest umschlossen, deren Tränen ebenfalls kein Ende fanden. Zum ersten Mal schlich Dorina nicht fort. Daß Ariston so viel Verzweiflung zeigte, überraschte sie. Denn er weinte nicht um das Kind, sondern um Cynesta und ihr Leid. Zaghaft legte sie die Hand auf seine Schulter. Er bemerkte den schwachen Versuch des Trostes nicht einmal. Orales aus Moras aber sah mit wie versteinertem Gesicht auf die Szene. "Amarras Fluch," hämmerte es in ihm, "das ist Amarras Fluch. Ich ahnte es. Weit reicht der Arm Aamarras."
Waren das nun seine Gedanken oder nahm er auf, was ein anderer fühlte? Dachte Cynesta so, oder Ariston? Oder doch nur er? Oder dachten sie es alle drei? Orales erinnerte sich an jene Nacht der Einheit. Damals hatten sich die Götter selbst in ihnen zu einem Gott verwoben und er war überzeugt gewesen, daß sie den Bund der Freunde segneten. Konnte er sich so getäuscht haben? Ihn betrübte die Veränderung, die daraufhin mit Ariston geschah. Der Freund war niemals sehr ausgelassen gewesen, immer mehr beherrscht. Doch nun fand er ihn nur noch bedrückt, von tiefem Ernst und auch ohne jene heitere Spur der Freundlichkeit, die er an ihm so liebte. Cynesta erholte sich weit besser, gewann die alte Festigkeit zurück. Ihre Liebe zu Ariston wuchs durch das gemeinsame Leiden. Solange er zu ihr stand, konnte sie alles ertragen. Die gemeinsamen Abende der vertrauten Gespräche belasteten Orales mehr als sie ihn bereicherten. Er wartete. Er spürte, wie in Ariston ein Plan zur Reife kam und endlich enthüllte der Freund: "Je mehr ich überlege, desto mehr erkenne ich, daß Amarras Arm bis Nodher reicht. Amarra ist es, das mir mein Glück mißgönnt und dich, Cynesta, so verwundet. Ich mag nicht weiter kämpfen. Ehe die Priester dein Leben noch gefährden, Cynesta, gebe ich lieber auf. Sie sollen Nodher haben. Ich weiß, daß du mit mir an jedem Ort der Reiche leben kannst." Cynesta sah ihn lange an. Er sprach aus, was sie befürchtete. Amarra hielt sie unfruchtbar. Doch aufgeben deshalb und feige fliehen? Sie wollte selbst nicht kämpfen. Nur durfte sie erlauben, daß Ariston alles aufgab, was bisher sein Leben bestimmte? "Nein, Ariston," sagte sie langsam, "du wirst das Nordreich nicht Amarra überliefern. Hast du mir nicht versprochen, den Göttern selbst zu trotzen? Ich liebe dich. Amarra
tastet mein Leben nicht an, denn mein Sterben wäre kein Gewinn. Da bist eher du bedroht." Der Herrscher hörte nicht, wie sie vertraut zum ersten Mal nun mit ihm sprach. Nur ihre Weigerung vernahm er. "Ich bin so müde," murmelte er nur. "Gib nicht vorschnell auf," bat da Orales, "wenn es einen Weg gibt, werden wir ihn finden. Wo nicht, wollen wir es Amarra wenigstens nicht zu leicht machen." Da betrat Dorina das Zimmer. Sie verbeugte sich tief vor Ariston und es war ihr anzusehen, wie sie sich überwinden mußte, jetzt zu kommen. Sie hielt das rote Haar zu einem Zopf gebunden und hochgesteckt, wodurch sie sehr zerrechlich wirkte. Die großen, grünen Augen schauten bang. "Ich habe lange nachgedacht," begann sie stockend, "und ich verstehe jetzt vielleicht, weshalb ein Kind für euch so wichtig ist." Sie starrte nur Ariston an. "Wenn aber Cynesta es jetzt nicht kann, dann, vielleicht - ich bin wie ihre Schwester. Wenn ihr es wollt, ich könnte euch ein Kind gebären. Niemand würde je erfahren, daß nicht Cynesta seine Mutter ist." Angstvoll wartete sie auf seine Reaktion. Beleidigte sie ihn jetzt oder ging er darauf ein? Sie fürchtete im Grunde beides, doch wollte sie dies Opfer bringen. Cynesta wurde durch einen raschen Blick Orales' am Sprechen gehindert, während der König sich erhob und zu Dorina trat. Er faßte sie bei den Schultern, sah sie aufmerksam an. Dann zog er sie an sich, küßte ihre Stirn. "Ich weiß sehr wohl, was das für dich bedeutet," sagte er dann rauh, "und ich danke dir. Amarra aber wüßte sehr schnell, wer des Kindes Mutter ist. Nein, Dorina, das ist keine Lösung."
In diesem Augenblick begriff Orales, daß dieses Mädchen schon erwachsen war. Um ihres Mutes Willen liebte er sie nun. Da sie sich opfern konnte, war er entschlossen, ihrem Werben nachzugeben. Doch dann rief er sich zur Ordnung. Jetzt war nicht Zeit, an sich zu denken. Zuerst, das wußte er, mußte sein König Frieden finden. Ariston hieß Dorina, sich neben ihn zu setzen, ließ sie jetzt nicht gehen. Steif gehorchte sie. Begriff der Mann denn nicht, daß sie nur Cynesta helfen wollte? Er hatte keinen Anlaß, sich zu freuen oder nun freundlicher zu sein. Sie verzieh ihm nicht, wie er sie quälte, obwohl sie wußte, daß es nötig war. Da er ihre Scheu aber überspielte, kam sie nicht umhin, etwas lockerer zu werden. Als er so weinte, mochte sie ihn fast. Vielleicht, so dachte sie, ist er so übel nicht.
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ls Ariston viele Tage später seine geheime Bibliothek aufsuchte, fand er Orales vor, wie der gerade Tempelschriften einsortierte. "Was tust du hier?" fragte er streng. Nie erlaubte er das Betreten dieses Raumes. Der Vertrauensbruch des Freundes schmerzte ihn. "Ich suche etwas," antwortete Orales geistesabwesend, ohne auch nur aufzusehen. "Du hast hier nichts zu suchen," schrie ihn Ariston da an, "hinaus mit dir, aber rasch! Geh' mir aus den Augen." Fast überrascht sah Orales nun auf. "Warum so zornig, Freund?" "Nenne mich nicht deinen Freund," fuhr ihn der König an, "wer mein Vertrauen so wie du mißbraucht, ist ein Verräter. Auf die Knie mit dir!"
Wütend starrte er Orales an, der zwar gehorchte, aber nicht begriff. Er wollte Ariston nicht reizen. "Darf ich's erklären?" fragte er ruhig. "Kein Wort, Mann aus Moras. Ich sollte dich blenden lassen, damit du nicht mehr in Versuchung kommst, zu lesen, was für dich nicht bestimmt ist. Hinaus jetzt, fort mit dir! Ich will dich nicht mehr sehen." Orales erhob sich. Nahe stand er vor dem König, sah ihn offen an. "Ihr tut mir Unrecht," stellte er dann fest. Da hieb ihm Ariston die Faust ins Gesicht. "Hinaus!" Vom Lärm gerufen kamen nun Wachen angelaufen. Orales zog es darum vor, zu gehen. Er deutete noch eine Verneigung an, ehe er den Raum verließ. Die Lippe war vom Hieb ihm aufgesprungen, es tropfte Blut auf sein Gewand. Der Mann aus Moras wusch sich das Gesicht und kleidete sich um. Vermutlich würde Ariston sich schnell beruhigen. Er wartete auf den Freund, mit dessem Kommen er fest rechnete. Als seine Tür geöffnet wurde, stand jedoch der Teju da. "Unser Herr erwartet euch, Orales." Der Mann aus Moras stellte mit einem Blick fest, daß der Teju Bewaffnete mit sich führte. Also zürnte Ariston so sehr, daß er die Liebe, die Freundschaft vergaß. Orales stellte sich gehorsam, folgte dem Teju. Völlig überraschend warf er sich dann herum und lief davon. Er kannte die Burg gut genug, um sich zu verbergen und auch, um umgesehen durch das Tor zu kommen. Man suchte ihn. Der Mann aus Moras
aber stahl sich in der Dunkelheit ein Pferd und floh. Ariston bedauerte, wie stets, sehr schnell sein eigenes unbeherrschtes Wesen. Orales würde es verstehen. Sein ganzes Leben hindurch war sein Wille Gesetz. Kein Mensch wagte es, seine Wünsche nicht zu respektieren, sich ihm zu widersetzen, ihm zu widersprechen. Ja, die Mutter zügelte seinen Machtwillen und ordnete sich ihm auch nicht unter, obwohl der Vater oft genug darauf bestand. Dennoch begehrte sie gegen den Sohn auf und verlangte sogar Gehorsam von ihm. Ariston liebte diese Frau, die aus einfachsten Verhältnissen stammte, aber in ihrem Herzen eine Hoheit trug, die er erst nach ihrem frühen Tod erkannte. Ohne den erzieherischen Einfluß seiner Mutter wäre er vermutlich der Mann, den Amarra und die Priesterkaste in ihm sah. Und ausgerechnet den Stand der Mutter lastete man ihm an. Auch den Vater liebte er, doch in anderer Art. Er war ganz ein Herrscher gewesen und wollte, daß auch der Sohn wie er stark sei. Denn Stärke gehörte durchaus zu seinen Tugenden. Er vermochte auch, brutal zu sein und wehe dem Menschen, der sich ihm nicht völlig unterwarf. Nur von Ariston duldete er keine Ergebenheit. Er wollte in seinem Sohn das Bewußtsein züchten, daß nichts und niemand über ihm stände. Der König dachte mit gewissem Bedauern daran, denn diese Prägung verursachte seine Unbeherrschtheit. Er lächelte bei dem Gedanken, daß der Vater ihn loben würde für den Hieb, den er Orales gab. Er aber schämte sich. Orales aus Moras war ihm ein wirklich wahrer Freund und verdiente diese Härte nicht. Eine ruhige Zurechtweisung würde ihn ebenso daran erinnert haben, wie sehr dieser Raum der Schriften verboten blieb. Und er müßte sich nun nicht entschuldigen. Ariston war zwar noch erregt, als er seinen Teju zu Orales sandte, doch schon nicht mehr wütend. Er fürchtete nur, daß er die Nähe zwischen dem Freund und sich vielleicht zerstörte und hoffte, sein Pala könne ihn verstehen. Ariston bereitete sich innerlich auf die Begegnung vor. Er war
auch bereit, sich vor Orales zu erniedrigen. Unter Freunden blieben solche Gesten immer erlaubt. Als der Teju ihm dann von Orales' Flucht berichtete und er ihn herrisch zu genauerem Bericht auf