DAVID GERROLD
Raumschiff Enterprise 26 Zwischen den Welten
Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Martlreiter
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DAVID GERROLD
Raumschiff Enterprise 26 Zwischen den Welten
Aus dem Amerikanischen übertragen von Hermann Martlreiter
GOLDMANN VERLAG
Der Goldmann Verlag
ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann
Made in Germany
1. Auflage 3/92
© STAR TREK ® THE GALACTIC WHIRLPOOL
© 1980 by Paramount Pictures Corporation.
Published by arrangement with Bantam Books,
a division of Bantam, Doubleday, Dell Publishing Group, Inc.
© der deutschsprachigen Ausgabe 1992
by Wilhelm Goldmann Verlag, München
Umschlaggestaltung: Design Team München
Umschlagillustration: Luserke/Chaffee, Friolzheim
Satz: IBV Satz- und Datentechnik GmbH, Berlin
Druck: Eisnerdruck, Berlin
Verlagsnummer: 23621 Redaktion: Hermann Urbanek
Lektorat: SN
Herstellung: Peter Papenbrok
ISBN 3-442-23621-5
»Es riecht nach Sommer…«, flüsterte Garcia. Und als wäre es von ihren Worten herbeigerufen worden, schwirrte ein einzelnes Insekt durch das Loch, das sie herausgeschnitten hatten. Sie starrten es erstaunt an: Es war eine Honigbiene. Eine vertraute, schwarzgelb gestreifte Honigbiene. Sie schwirrte einen Augenblick lang neugierig um sie herum und versetzte sie alle mit ihrem Mut in Erstaunen; dann verschwand sie wieder – da sie weder Blumen noch Düfte vorgefunden hatte – durch die Tür zurück in den… Sommer.
VORWORT
Als ich das erste Mal mit David Gerrolds schriftstellerischer Tätigkeit in Berührung kam, schrieb ich bezüglich des Entwurfs, den er für die Geschichte mit dem Titel »The Trouble with Tribbles« vorlegte, in einer Notiz an Gene L. Coon folgenden Kommentar: »Eine schrullige Idee, und bestimmt besser als viele der Arbeiten, die wir bereits in Auftrag haben. Ich schlage vor, die Geschichte zu kaufen und für das Drehbuch einen erfahrenen Schriftsteller zu engagieren…« Während ich diese Zeilen schreibe, fällt mir ein, daß ich David schon seit dreizehn Jahren kenne. Und nicht nur das, er ist immer noch ein enger und lieber Freund. Ich muß diesen Mann ganz einfach mögen. Und ich tue es auch – aber es dauerte eine Weile. Als ich ihn das erste Mal traf, war er ein junger Mann, der gerade das College beendet hatte, und er neigte dazu, etwas unverfroren zu sein, besonders, was seine schriftstellerische Tätigkeit anbelangte. Ich selbst dagegen hatte mich bereits als Schriftstellerin und Redakteurin in der Fernsehindustrie etabliert. Ich hatte ganz unten angefangen und mich nach oben gekämpft, was damals wie heute nicht einfach war, und fest von ihm erwartet, daß er das gleiche tun würde. Nun, auch bei ihm dauerte das eine ganze Weile. Ich konnte aus unmittelbarer Nähe beobachten, wie David auf mühsame Art seine Lektionen lernte, und zwar, wie es sich für einen angehenden Schriftsteller gehörte, indem er schrieb. Zunächst einige Drehbücher, dann Kurzgeschichten und seinen ersten Roman, und schließlich gab er eine Science-fiction-Anthologie heraus und arbeitete zusammen mit Larry Niven an einem weiteren Roman. Gute Freunde wurden wir dann eigentlich in
jener Übergangszeit zwischen dem Ende der STAR TREKSerie Anfang 1969 und dem Beginn der Trickfilmserie 1973, als wir uns bei Diskussionen trafen und auf TREK-Kongressen im ganzen Land Vorträge hielten. Seit dieser Zeit arbeitete David für mich (an STAR TREK/Zeichentrickepisoden, FANTASTIC JOURNEY und LOGAN’S RUN); ich habe für ihn gearbeitet (an LAND OF THE LOST und einer frühen Fassung von BÜCK ROGERS); wir kennen unsere jeweiligen Ausreden, warum die Geschichte zu spät erscheint. (Das passiert eigentlich immer.) David hat sich einen Ruf als Schriftsteller erworben, was vier Nebula- und drei HugoNominierungen – und nicht zuletzt der E. E. Smith Memorial Award for Imaginative Fiction belegen. Was Sie in den Händen halten, ist sein achtzehntes Buch, und zwar STAR TREK-Literatur, die nicht mehr viel mit der »schrulligen Idee«, die es wert ist, dafür ein bißchen Geld zu investieren, gemeinsam hat. Man sagt, daß sich Schriftsteller in ihrer Arbeit zu erkennen geben, und es ist wahr, daß alle Schriftsteller Teile ihrer selbst und ihrer Erfahrung (und manchmal auch ihre Ängste und Träume) zu Papier bringen. Sieht man David auf Kongressen – als Zeremonienmeister oder Teilnehmer eines Kostümwettbewerbs, als gewandter Leiter einer Diskussionsrunde, beim Rezitieren von Stellen aus seinem Werk oder wenn er über den Stand der Science-fiction oder der Technik im allgemeinen spricht – dann erhält man einen Eindruck davon, wer und wie er ist. Aber man würde ihn noch nicht wirklich kennen. Liest man einen Teil seiner Bücher, könnte man meinen, man kenne ihn gut, was aber auch nicht zutrifft. (Immerhin erscheint David persönlich in einem Großteil seiner Bücher, wenngleich auch nur als junger, schmächtiger Fähnrich, der seinen routinemäßigen Pflichten nachgeht.)
Davids Persönlichkeit besteht aus vielen komplexen Teilen, die von Lesern oder Kongreßteilnehmern meist gar nicht wahrgenommen werden. Hier seien einige davon erwähnt: Da gibt es zum Beispiel den David, der es ertrug, bei einem Kongreß drei Stunden lang dazusitzen, bis man ihm das schwierige und unangenehme Make-up von PLANET OF THE APES aufgelegt hatte, damit er bei seinen Auftritten als Zeremonienmeister als »Cornelius« erscheinen konnte. Nach einem langen und anstrengenden Arbeitstag ging er – immer noch als Affe geschminkt und kostümiert, versteht sich – zur Bar hinauf, um sich einen Bananendaiquiri zu bestellen. Der Mann hinter der Theke musterte ihn und antwortete: »Gorillas werden hier nicht bedient.« Worauf sich David würdevoll aufrichtete und den Mann anschnauzte: »Rassist. Ich bin Schimpanse!« Es gibt den David, der, sobald er hört, daß ein Freund oder ein Projekt in Schwierigkeiten steckt, sofort mit den Worten reagiert: »Natürlich. Wie kann ich helfen?« Es gibt den David, den der Tod von Dog, der ihm in seiner frühen Periode als junger, um sein Dasein kämpfender Schriftsteller zur Seite stand, tief traf. Später suchte er das Tierasyl auf, fand einen struppigen, weißen Welpen, zahlte hundertzweiunddreißig Dollar und überbot alle anderen, weil der Welpe wie Dog aussah. David hielt sich für einen reinen Hundeliebhaber, aber als er das Tierasyl mit dem neuen Haushaltsmitglied verließ, bemerkte er eine schmächtige, großäugige Schildpattkatze, die mit ihrem einzigen, orangefarbenen Jungen verlassen in einem Käfig saß. »Die auch«, sagte er zum Leiter – auf diese Weise kam Gerrolds Haushalt zu seinen beiden ersten Katzenbewohnern. Da gibt es den David, der eine Anzahl junger Schriftsteller, unter ihnen Kathleen Sky und Diane Duane, ermutigte, das
Handwerk lehrte und mit konstruktiver Kritik herausforderte. Und nebenbei brachte er ihre ersten Verträge zustande. Es gibt den David, der mich bat, ihn zu begleiten, weil er einen gemeinsamen Freund, der ebenfalls Schriftsteller war, eines Abends zum Essen einladen wollte. Dieser Mann bezahlte grundsätzlich immer für die anderen, und niemand hatte daran gedacht, auch ihn einmal einzuladen. Außer David. Wie ich schon sagte, David hat viele Seiten. In diesem letzten Abenteuer der U.S.S. Enterprise und ihrer Besatzung erleben Sie die Sensibilität, den prickelnden Sinn für Humor, die Intelligenz und die Überraschungen dieses mitreißenden Erzählers. Lehnen Sie sich zurück, und genießen Sie zusammen mit ihm diese Reise. D. C. Fontana
1
Der Weltraum. Die letzte Grenze. Eine tödliche Leere. Billionenfach glüht eine Unzahl von Sternen wie sorgenvolle Sonnenstäubchen auf und wirbelt im Takt der würdevollen Gavotte, die die Zeit mit ihnen tanzt. Wie entfernte Staubpartikel, die von einem silbrigen Mondstrahl erfaßt und erleuchtet werden, sind sie kleine Leuchtsignale und Hoffnungsträger, nicht länger mehr so unerreichbar, so allumfassend. Und dennoch – so weit weg… Der Verstand kann diese Unermeßlichkeit, diese Leere, diese Stille, nicht erfassen… Hier wird selbst der Staub nach der Anzahl seiner Atome pro Kubikkilometer gemessen. Und in dieser unendlichen Leere bewegt sich etwas… Ein unscheinbares Stück Metall. Fast unbedeutend. So allein. So weit von zu Hause entfernt… So weit von allem entfernt – Von einer näheren Perspektive aus betrachtet, entpuppt sich das Stück Metall als ein mächtiges Fahrzeug. Ein Schiff aus Metall und Träumen, das von unweit entfernten Sternen und allzu gähnender Leere umgeben ist. In seinem Innern – träumen vierhundertdreißig Seelen denselben Traum: mutig dorthin zu gehen, wo bisher noch niemand war. Auf der Suche nach neuem Leben. Neuen Welten. So vieles vom Universum ist noch unbekannt. Und soviel davon liegt jenseits jeglichen Wissens…
Und dennoch macht sich die Menschheit auf den Weg, sie sucht und forscht. Das Föderations-Sternenschiff Enterprise. NCC 1701. Sie ist der Stolz der Sternenflotte, der Stolz der gesamten Menschheit. Vor allem aber ist sie der Stolz ihres eigenen Captains, eines gewissen James Tiberius Kirk, ein Mann von einzigartiger Zielstrebigkeit und außergewöhnlichen Fähigkeiten. Falls er nicht der beste Commander in der Flotte ist, so ist er zumindest dem, der nach ihm kommt, meilenweit voraus. Jahre zuvor, an der Akademie, hatte sich eben dieser spezielle Fähnrich, James T. Kirk, in einer ganz besonderen Debatte über die Tugenden einer Republik so sehr hervorgetan, daß ihm seine Klassenkameraden den Spitznamen »Der Letzte der Claudier« gaben, in Anlehnung an die Familie, die die ersten sechs Kaiser des antiken Roms hervorgebracht hatte – Cäsar, Augustus, Tiberius, Caligula, Claudius und Nero. Dieser Spitzname hielt sich nur etwa drei Minuten, bis ein höherer Offizier, ein Engländer namens Graves, der den Geschichtsunterricht für die Kadetten abhielt, bemerkte: »Der letzte der Claudier? Ganz und gar unwahrscheinlich. Ein Claudier ja, aber eher einer der früheren – wie vielleicht Tiberius.« Der Dozent hatte damit auf den einzigen Makel von James angespielt, der sich später einmal bei seinem Urteilsvermögen als Captain als störend erweisen könnte: seiner Ungeduld. Diese Eigenschaft war in dem jungen Mann so stark ausgeprägt, daß sie manchmal kein Gefühl für Mitleid oder ähnliches aufkommen ließ. Kirk betrachtete es als Ermahnung. Wenn er merkte, daß er wütend oder frustriert wurde, sprach er zu sich selbst immer wieder, wie einen Mantra oder eine beruhigende
Konzentrationsübung, die Worte »James Tiberius Kirk… James Tiberius Kirk.« Tiberius war das Zauberwort. Es gebot ihm Einhalt. Und ließ ihn nachdenken. Es war eine unangenehme Assoziation, und die Erinnerung an den Grund, warum man ihm diesen Namen gegeben hatte, war doppelt unangenehm. Immerhin handelte es sich um den Namen eines Mannes, der kein Mitleid gehabt hatte, sondern die Verantwortung, weise über die seiner Regentschaft anvertrauten Leben zu herrschen, mißbraucht hatte. Egal, welche Fehler James T. Kirk jemals in seinem Leben oder während seines Kommandos machen würde, er würde bestimmt nicht denselben Fehler begehen – und niemandem einen Grund geben, ihn mit seinem Namensvetter auf eine Stufe zu stellen. Statt dessen wollte er so rational, intelligent und human wie nur möglich handeln, was bedeutete – und erforderte – so positiv wie möglich zu handeln. Das gab ihm einen Sinn für bewußtes Mitgefühl. Als James Kirk das Kommando der Enterprise übernommen hatte, war dieser Prozeß zu einem psychisch bedingten Reflex geworden. Er dachte ganz einfach »James Tiberius Kirk…«, und der Name – sein Name – erinnerte ihn sofort an seinen hart erkämpften Maßstab von Gerechtigkeit und Moral, einen Maßstab, den er über jeden anderen Verhaltenskodex stellte, selbst über den Ethischen Kodex der Sternenflotte. Die Aktionen eines James Tiberius Kirk würden – mußten – so bewundernswert und untadelig wie ihm überhaupt nur möglich sein, unabhängig von externen und willkürlichen Anforderungen und Bedingungen. Oft stand er neben seinem Kommandosessel und trommelte mit den Fingern geistesabwesend auf der Arm- oder Rückenlehne herum. Sein Instinkt machte ihn zu einem Mann der Tat, einem Problemlöser, der schnell handelte. Er besaß die
Fähigkeit, Entscheidungen treffen zu können, und das machte ihn für die Sternenflotte so wertvoll. Die Flotte besaß zum Beispiel bessere Navigatoren, von denen einer Fähnrich Chekov war. Und bessere, logisch begabtere Denker wie zum Beispiel Mr. Spock. Aber in der gesamten Sternenflotte gab es niemanden, der dieses Talent hatte, in kritischen Augenblicken die richtige Entscheidung zu fällen. Es war seine Menschlichkeit; und weil sie so sehr ein Akt der Selbstkontrolle und ein bewußter Teil seines Entscheidungsprozesses war, konnte er sie auch nicht in einem Wutausbruch verlieren. Da war auch immer dieser gewisse Moment der Bedachtsamkeit. Wenn er ungeduldig mit den Fingern ein zweites Mal auf der Armlehne trommelte, so handelte es sich dabei nicht um Ungeduld wegen einer Entscheidung, sondern Ungeduld über sich selbst, weil er bewußt und vorsätzlich human handeln mußte, anstatt es instinktiv zu tun. Er wünschte sich, es wäre ein Gefühl des Herzens und nicht bloß ein verstandesmäßiger Vorsatz. Schließlich und endlich spielte es jedoch keine Rolle, woher sein Mitgefühl kam – solange seine Handlungsweise davon gesteuert wurde. Und im Fall von James Kirk war die Beurteilung der Sternenflotte korrekt. Hätte er sich bei seinen Entscheidungen auf seinen rein menschlichen Instinkt verlassen, wäre er wohl auf alles, was ihn wütend machte und frustrierte, losgegangen. Wie zum Beispiel jetzt. Ein klingonischer Schlachtkreuzer war ihm bereits dreimal in diesem Sektor gemeldet worden und war immer wieder wie ein Geist durch die Netze der Tiefraumsensoren geschlüpft. Man konnte nicht mit Gewißheit sagen, ob er sich wirklich hier befand oder nicht, und selbst die kompliziertesten Computer der Sternenflotte konnten nur Wahrscheinlichkeitsschätzungen, die nicht besser als bloße Vermutungen waren, aufstellen.
Es gab keine spezielle Bedrohung… jetzt noch nicht. Aber auf Mordred und Guinevere, zwei der Monde des Gasriesen Arthur, gab es Bergbaukolonien, auf dem dritten Mond, Lancelot, der in der Trojanischen Position lag, befand sich eine Forschungsstation, und alle drei Monde waren dem Schutz der Föderation unterstellt, weshalb die Enterprise abrupt zu diesem sonst eher unwichtigen Quadranten geschickt worden war, um diesen Berichten auf den Grund zu gehen. Dieser Auftrag entsprach der wahren Diplomatie des Kalten Krieges. Man mußte Flagge zeigen, um zu demonstrieren, daß die Föderation bereitstand und willens war, ihren rechtmäßigen Einflußbereich zu verteidigen und die Rechte seiner Bürger zu wahren. Wahrscheinlich fischten die Klingonen nur im trüben, sozusagen, um die Abwehrbereitschaft zu testen, aber selbst auf diese Scheinmanöver mußte man reagieren. Denn wenn die Strategen unter den Politikern des Klingonen-Imperiums eine Schwäche der Föderation spürten, würden sie diese sofort zu nutzen wissen. Kirk hatte für seine Mission genaueste Anweisungen erhalten: »Suche nach unbekanntem Schiff oder Schiffen aufnehmen und Ermittlungen anstellen. Falls besagte Schiffe einem neutralen oder verbündeten Einflußbereich angehören, bieten Sie ihnen, falls nötig, jede mögliche Hilfe an. Die Sternenflotte und die Föderation werden Sie dabei voll unterstützen. Sind besagte Schiffe unbekannter Natur, ergreifen Sie die festgelegten Maßnahmen, um friedliche und freundschaftliche Kontakte zu knüpfen. Sind besagte Schiffe jedoch feindlicher Natur, so ist es Ihre Aufgabe, einer eventuellen Bedrohung der Föderation und ihrer Bürger entgegenzutreten und diese zu beseitigen. Sie sind dazu ermächtigt, alle Schritte, die Sie und Ihre beratenden Offiziere in diesem Falle für nötig halten, zu unternehmen, bis hin zur
und einschließlich der Aufbringung und/oder Zerstörung besagter feindlicher Schiffe.« Diesen Befehlen hatte Admiral La Forge die Bemerkung hinzugefügt: »Mögen Sie im Geist der Humanität handeln.« Kirk hatte gelächelt, als er das sah. Der Admiral war ein alter Freund. Seit Admiral George La Forge vor über zweihundertsiebzig Erdenjahren den leichten Kreuzer U.S.S. Detroit in Dienst gestellt hatte, waren aus der La ForgeFamilie immer wieder exzellente Offiziere der Sternenflotte hervorgegangen. Der gegenwärtige Admiral La Forge war es gewesen, der James T. Kirk vor vielen Jahren für eine Berufung an die Akademie empfohlen hatte. Dieses Vertrauen wollte Kirk durch seinen Dienst in der Flotte ehren. Er war gewillt, alles zu tun, was sein Eid an die Sternenflotte von ihm verlangte. Es war jedoch die Untätigkeit, die ihn verrückt machte. Zwölf Tage lang hatten sie jetzt den Quadranten in einer immer breiter werdenden Spirale, deren Zentrum im letzten, bekannten Hochwahrscheinlichkeitsnexus lag, abgesucht, aber wenn es ein klingonisches Schiff – oder irgendein Schiff – in dem Quadranten gab, dann hatten sie es noch nicht gefunden. Nicht einmal die mit Fernsensoren ausgestatteten Tiefraumbojen meldeten irgendeinen Kontakt oder die Wahrscheinlichkeit eines solchen. Es war zum Verrücktwerden. In seiner Ungeduld stellte Kirk sogar die Klugheit der Sternenflotte, die diese Mission befohlen hatte, in Frage. Wenn sie jedesmal, wenn die Klingonen an der Grenze ein Täuschungsmanöver durchführten, einen Kreuzer der Sternenschiff-Klasse losschickte, zog sie Besatzungen und Material aus Gebieten ab, in denen diese dringend gebraucht wurden. Auf diese Weise konnten die Klingonen durch einen
ständigen Ablenkungsprozeß sowohl die Verteidigung als auch die Wirtschaft der Sternenflotte schwächen. Aber die Sternenflotte wußte es am besten. Jedenfalls meistens. Kirk stieß einen sanften, aber deutlich vernehmbaren Seufzer aus. »Sir –?« Es war Leutnant Uhura. »Wie bitte?« »Leutnant?« »Ich dachte, Sie sagten etwas.« »Nein – nein, Leutnant. Ich habe nur nachgedacht, das ist alles.« Er konzentrierte sich wieder auf den großen, vorderen Hauptbildschirm. Darauf war ein vom Computer erstelltes Schema ihrer Suchvektoren über eine Vielzahl von wahrscheinlichen Keilstücken, die je nach ihrer Priorität mit bestimmten Farben gekennzeichnet waren, gelegt. Es hätte ebensogut eine routinemäßige Übung im Simulator der Akademie sein können, mit denselben, substanzlosen Ergebnissen. Kirk merkte, daß er schon wieder mit den Fingern auf der Armlehne trommelte und zwang sich dazu, aufzuhören. Er ging über die Brücke zur Wissenschaftsstation. Mit unbewegtem Gesicht blickte Spock von seinem verkleideten Schirm hoch, als er hörte, daß Kirk näherkam. »Spock…?« Kirks Gesicht drückte Hoffnung aus. »Etwas Neues?« »Negativ, Captain.« Kirk nickte verärgert. »Irgendwo gibt es einen klingonischen Schlachtkreuzer mit einem äußerst selbstzufriedenen Captain. Das scheint wieder eines von Koloths kleinen Manövern zu sein. Der lacht sich wahrscheinlich kaputt über die Eselsjagd, auf die er uns geschickt hat.«
Spock antwortete mit der üblichen, vorsichtigen Gleichgültigkeit. »Es ist eine wohlbekannte Tatsache, Captain, daß Klingonen sich leicht amüsieren.« Kirk hatte sich bereits abgewandt – jetzt drehte er sich wieder um. »Mr. Spock, das klang verdächtig nach einem Scherz.« Spock hob bedächtig eine Augenbraue und erwiderte kühl den starren Blick des Captains. »Entschuldigung, Spock, ich habe mich vergessen.« Es war ein sanftes Spiel, das Kirk mit seinem halbvulkanischen Wissenschaftsoffizier trieb. Indem er Spock tadelte, versuchte er, den menschlichen Teil seiner Seele zu erreichen. Kirk hatte noch nie eine Veranlassung gesehen, sich zu überlegen, ob Spock diese Vorgangsweise überhaupt mochte. Er konnte Spocks Verärgerung dessen Gesichtsausdruck entnehmen. Falls er überhaupt über ihre Beziehung nachdachte, dann war es die implizierte Verneinung von Spocks menschlicher Hälfte, die Kirk zwar nicht für schmerzlich, aber doch irgendwie unlogisch hielt. Falls man dieses Wort überhaupt auf Spock anwenden konnte. Spock senkte nachdenklich seine Stimme. »Captain, da Sie schon hier sind, es gibt eine… Anomalie, die von einer der Tiefraumbojen aufgezeichnet wurde – aber die Ablesungen sind unklar. Die Anomalie befand sich vor einiger Zeit an den äußersten Randgebieten des Sensorennetzes – und es handelte sich um eine Sublichtablesung. Alles, was wir darüber haben, sind Wahrscheinlichkeitsfaktoren.« »Könnte es sich um unsere klingonischen Freunde handeln?« »Das ist bei diesen Ablesungen eher unwahrscheinlich. Ein klingonisches Schiff wäre bei dieser Entfernung nicht registriert worden. Es ist etwas, das entweder sehr groß ist oder eine sehr hohe Sublichtgeschwindigkeit besitzt. Oder beides. Was immer es ist, die Fluktion seiner einzigartigen Hülle
wurde als Ausdruck einer sehr großen, realisierten Masse mit einer spezifischen Vektorqualität registriert.« Leicht amüsiert beobachtete Kirk seinen Ersten Offizier. Wie sehr die Vulkanier es doch liebten, sich fachlich auszudrücken. Was solls, im Moment hatte er andere Probleme. »Aber es ist kein klingonisches…?« »Nein, kein Klingone«, bestätigte Spock. »Wäre es möglich, daß Sie… äh, irgendeine Idee haben, worum es sich bei dem Objekt handeln könnte, Mr. Spock?« »Die Anomalie könnte ein Artefakt sein…« »Aber –?« »Aber es wäre unlogisch, ohne weitere Informationen darüber Vermutungen anzustellen.« »Richtig.« Das war eine der Antworten, die Kirk bereits kannte. Falls Spock eine Idee bezüglich einer Angelegenheit hatte, dann bezog er sie für gewöhnlich in seinem Datenbericht mit ein. Das gehörte zur persönlichen Effizienz, die seine vulkanische Herkunft verlangte – aber Kirks Psyche besaß die ebenso krampfhafte Angewohnheit, eine persönliche Bestätigung haben zu müssen. Er mußte ganz einfach fragen. Kirk hatte schon immer das vage, innere Gefühl gehabt, daß die Vulkanier, was ihr logisches Denken betraf, etwas zu vorsichtig waren, und daß ein Teil dieser Vorsicht sich dagegen wehrte, Informationen freiwillig herauszugeben, obwohl ihm seine langjährige Erfahrung mit Mr. Spock gezeigt hatte, daß dies nicht der Fall war. Zumindest nicht bei Mr. Spock. Kirk begann, laut zu denken. »Wir könnten es überprüfen, oder?« Er legte die Hände lässig auf den Rücken und schaukelte auf den Fersen. Spock nahm eine nicht minder lässige Haltung neben Kirk an – allerdings ohne auf den Fersen zu schaukeln. »Das wäre nicht unlogisch.«
»Immerhin haben wir diesen Quadranten zwölf Tage lang vergeblich nach einem klingonischen Schiff abgesucht… und wir sollten schließlich nicht gänzlich mit leeren Händen zurückkehren.« Spock nickte beipflichtend. »Die Sternenflotte würde in jedem Fall wollen, daß die Anomalie überprüft wird – und da wir schon mal hier sind, können wir ihr die Mühe gleich ersparen…« »Schließlich haben wir einen ziemlich großen Raumsektor abgesucht und trotzdem in diesem Quadranten sonst nichts gefunden…« Außerdem sind wir frustriert und gelangweilt; es wäre eine Abwechslung. Und gut für die Moral. Aber diesen Teil sprach er nicht laut aus. Chekov und Sulu sahen vom Steuer auf. Allmählich wich ihre Belustigung echtem Interesse. Auch Leutnant Uhura blickte von ihrer Kommunikationskonsole hoch. »– andererseits«, fuhr Kirk, der keinen Aspekt des Problems außer acht lassen wollte, fort, »– ist es definitiv nicht unser klingonisches Phantom, oder?« »Das ist äußerst unwahrscheinlich«, meinte Spock. »Dann könnte man es also auch als – «, Kirk suchte vorsichtig nach den richtigen Worten, »- als Pflichtversäumnis betrachten, wenn wir die Suche abbrechen und nachsehen, was diese – diese Anomalie ist, meinen Sie nicht auch?« »Zweifellos.« »Und dennoch – «, fuhr James T. Kirk fort, indem er den Gedanken wie ein Schüler von Sokrates, der sich über einen Zankapfel ärgerte, fortsetzte. »Und dennoch – was ist, wenn diese – diese Anomalie etwas…« er hob die Hände, als ob er den Gedanken damit einfangen wollte, »etwas ist, das über die Erfahrungswerte der Sensorenbojen hinausgeht… Eine neue klingonische Taktik vielleicht?«
Spock neigte den Kopf nachdenklich zur Seite. »Daran hatte ich auch schon gedacht. Es wäre nicht das erste Mal, daß ein klingonisches Kriegsschiff Ausweichmanöver unternimmt, um vor allem die Tiefraumsensorennetze irrezuführen. Ich dachte mir, die Anomalie könnte vielleicht der sensorische ›Geist‹ eines abgeschirmten Schiffs sein…« Kirk griff den Gedanken auf. »Wie stehen die Chancen für diese Möglichkeit, Mr. Spock?« Er schien sich allerdings dafür nicht sonderlich zu interessieren, denn er schaukelte immer noch hin und her, während er auf den Bildschirm starrte. Auch Spock betrachtete tief in Gedanken versunken das Bild. »Immerhin gab es keine der verräterischen Spuren, die auf ein abgeschirmtes Schiff hindeuten ließen – ich würde sagen, die… die Chancen, daß es sich um einen klingonischen Schlachtkreuzer handelt, stehen eins zu tausend.« »Eins zu tausend…« sann Kirk nach. »Eins zu tausend. Selbst dann, selbst wenn es nur- wie war das, eins zu tausend – ist, sollten wir dann keine Nachforschungen anstellen?« Sulu und Chekov sahen sich an. Chekov begann, das Problem auf seinen Astrogationscomputer zu legen. Sulu bereitete sich schon mal darauf vor, den neuen Kurs einzugeben. Spock blieb sachlich: »Wahrscheinlich stehen die Chancen nicht mal eins zu zehntausend…« »Eins zu zehntausend – «. dachte Kirk nach. »Vielleicht nicht einmal eins zu hunderttausend… oder gar zu einer Million-«, fuhr Spock fort. Kirk drehte den Kopf und sah ihn an. »Damit helfen Sie uns nicht weiter, Mr. Spock.« »Tut mir leid, Captain.« Auf Kirks Gesicht lag jedoch ein Lächeln. »Aber würden Sie nicht auch sagen, Mr. Spock, daß, egal, wie die Chancen stehen -sei es nun ein Klingonenschiff oder nicht – wenn wir
es nicht untersuchen, wir überhaupt nicht herausfinden, was es jetzt wirklich ist, oder was meinen Sie?« »So ist es«, gab Spock zu. »Und unsere Mission lautet… neues Leben zu finden…« . »… Und neue Welten«, fügte Spock hinzu. »Dann sind wir uns einig.« Kirk drehte sich zum Steuer. »Mr. Chekov – « »Kurs bereits ermittelt und startbereit, Keptin!« sagte Chekov begeistert. Kirk war keineswegs überrascht. »Mr. Sulu?« »Eingegeben, Sir!« Kirk sah Spock an. Spock betrachtete Kirk mit halberhobener Augenbraue. Es war ein Augenblick gegenseitigen Verstehens. Captain James Tiberius Kirk vom Sternenschiff Enterprise wandte sich wieder seinem Steuermann zu und sagte: »Also gut, Mr. Sulu – sehen wir nach, was es ist.« Sulu erwiderte das Grinsen seines Captains und drückte auf den Startknopf.
2
Tatsächlich hatte Spock bereits seit geraumer Zeit über die Anomalie gegrübelt, bevor er seinem Captain etwas davon erwähnte. Die ganze Sache war äußerst vage, und die Möglichkeit eines Fehlers war so groß, daß Spock einen sicheren Anhaltspunkt haben wollte, bevor er es meldete. Unglücklicherweise war die statistische Wahrscheinlichkeit eines derartigen Artefakts zu gering, um überhaupt so etwas wie Gewißheit aufkommen zu lassen. Das Ding – was immer es auch sein mochte – war definitiv nicht das klingonische Schiff, das sie suchten, dessen konnte er sich sicher sein. Aber worauf die Messungen tatsächlich hindeuteten, war ein Artefakt, das so unwahrscheinlich war, daß seine erste Reaktion darin bestand, die Verläßlichkeit der Sensorensonde, die den Fall gemeldet hatte, nochmals zu überprüfen, um sicherzugehen, daß mehr als nur eine bloße Wahrscheinlichkeit dahintersteckte. Das Problem war, daß die Singularitätshülle der Anomalie so nahe an der Empfindlichkeitsschwelle des Abtastsystems der Sonde registriert wurde, daß es legitime Gründe dafür gab, die Existenz der Anomalie zu bezweifeln. Es gab keine Möglichkeit, festzustellen, ob es sich um eine Fluktion des tatsächlichen Wahrnehmungsvermögens oder lediglich um einen momentanen Ausschlag übriggebliebenen Instrumentenrauschens handelte. Was schließlich für Spock den Ausschlag gab, war eine gründliche Überprüfung des Abtastsystems der Tiefraumboje. Die gesamte, durch Querverweise belegte Empfindlichkeit der Boje lag bei –151 db, ±0,2 db. Die Wahrscheinlichkeitshülle der Anomalie wurde lediglich 0,85 über dieser Schwelle
registriert, aber eine Systemanalyse der Instrumente und der Computerkapazität ließ vermuten, daß selbst eine derart geringe Abweichung der Zuverlässigkeit auch von den Prüfkreisen als meßbare Abweichung der Referenzebenen des Geräts registriert werden würde. Und natürlich hätte eine derartige Abweichung auch ein entsprechendes Gefälle der Informationszuverlässigkeit durch die Logikkreise der Wahrscheinlichkeitsmonitore der Sonde selbst ausgelöst. Daß ein solches Gefälle in den Speichern nicht registriert worden war, war für Spock ein sicheres Anzeichen, daß sich zumindest die Sonde nicht irrte. Die einzig logische Schlußfolgerung war, daß es einen Reizfaktor dafür geben mußte. Soviel war er bereit zuzugestehen. Weit entfernt von der Sonde gab es etwas, das nur schwach geortet wurde, aber dennoch groß und/oder schnell genug war, um eine deutliche Wellenbewegung im Spannungsfeld des Sublichts auszulösen, eine Wellenbewegung, die groß genug war, um von der technischen Ausrüstung einer Tiefraumabtastboje über eine Distanz von mehreren Trillionen Kilometern registriert zu werden. Unglaublich! Es müßte sehr groß sein – vielleicht von der Größe eines kleinen Asteroiden – und/oder sich mit sehr großer Sublichtgeschwindigkeit fortbewegen – vielleicht mit halber Lichtgeschwindigkeit. Einfach unglaublich! Es gab Zeiten, in denen es in der Tat eine schwere Verantwortung für ihn darstellte, die Fassung so zu behalten, wie es seine vulkanische Herkunft vorschrieb. Die Tatsache, daß er noch mehrere Stunden auf weitere Informationen über die Anomalie warten mußte, genügte fast, ihn zu einem Anfall von Ungeduld hinzureißen. Nicht, daß er ein solches Gefühl jemals zeigen würde, aber seine bloße innere Existenz genügte,
um bei ihm Gewissensbisse und möglicherweise Ärger über sich selbst hervorzurufen. Spock benötigte eine halbe Sekunde, um die Existenz solcher Gedanken wahrzunehmen, dann legte er sie in dem Teil seines Gedächtnisses zu den Akten, der dafür vorgesehen war, zusammen mit dem Entschluß, seine Verhaltensregeln zu überprüfen. Vielleicht sollte er zusätzliche Meditationsübungen machen, um seine Emotionen unter Kontrolle zu halten. Er durfte nicht zulassen, daß die menschlichen Einflüsse um ihn herum seinen analytischen Sinn beeinträchtigten, indem sie seine interne Kontrolle schwächten. Für diesen gesamten Prozeß von Analyse und Beschluß hatte er drei Sekunden benötigt, und schon fragte er sich, ob er nicht zu lange gebraucht hatte, um zu den geeigneten Schlußfolgerungen zu kommen – und ebenso, ob dies nicht ein zusätzlicher Hinweis auf die menschlichen Einflüsse sowohl in ihm als auch um ihn herum war. Spock entschloß sich jedoch, diesen Gedanken nicht weiterzuverfolgen – zuviel Selbstanalyse war kontraproduktiv, da sie zuviel wertvolle Zeit verbrauchte, ohne lohnende Resultate zu erzielen. Der vulkanische Satiriker T’Pshaw hatte es folgendermaßen ausgedrückt: »Die Überbetonung der Überprüfung der eigenen Rationalität ist ein Zeichen dafür, daß man seine Rationalität überprüfen lassen sollte.« Der terranische Philosoph Solomon Short hatte es so auf den Punkt gebracht: »Dieses neurotische Trachten nach einem gesunden Verstand macht uns noch alle verrückt.« Das war vielleicht eine unorthodoxe Art der Formulierung, aber der Gedanke war richtig. Nachdem er diese Überlegungen abgeschlossen hatte, wandte sich Spock wieder seiner Wissenschaftsstation zu und begann, spezifische Analyseprogramme für den Zeitpunkt, da sie die Anomalie erreichten, zu erstellen. Vor allem ihr Ursprung würde von besonderem Interesse sein.
Hinter ihm war Captain Kirk wieder zu seinem Kommandosessel zurückgegangen und diktierte gerade eine private Aufzeichnung: »Logbuch des Captains, Sternzeit 4496. i. Wir haben unsere Suche abgebrochen, um das Auftauchen einer… einer sensorischen Anomalie zu überprüfen. Der Erste Offizier Spock betont die äußerste Unwahrscheinlichkeit, daß die Anomalie einen Bezug zum Objekt unserer Patrouille aufweist. Dennoch ist die Anomalie so ungewöhnlich, daß eine Überprüfung… lohnend erscheint.« Er zögerte und runzelte die Stirn. Was gäbe es noch zu sagen? Nichts, entschloß er sich, und schaltete ab. »Leutnant Uhura«, sagte er, »wie groß ist der projizierte Subraumradius bei der Anomalie?« »Hundertdreiundsechzig Stunden, plus oder minus zwanzig Minuten, Captain.« Sie drehte sich in ihrem Sessel zu ihm herum und streckte die Hand reflexartig nach dem Feinbergergerät in ihrem linken Ohr aus. Kirk nickte unzufrieden. Er mochte es nicht, wenn er sich so weit außerhalb des Kommunikationsbereichs der Sternenflotte befand. Es würde fast sieben Tage dauern, bis eine Nachricht per Subraumradio die nächste Sternbasis erreichte, und vierzehn Tage, bis sie eine Antwort erhielten. Er murrte leise etwas vor sich hin, dann sagte er: »Senden Sie ein verschlüsseltes Gutachten über die Situation. Die Enterprise übernimmt für die Dauer der Untersuchung die lokale Rechtsprechung. Wir berufen uns auf den Abschnitt über die Lokale Verantwortung im Kodex der Sternenflotte.« »Jawohl, Captain.« Sie drehte sich zu ihrer Konsole um und verschlüsselte seine Befehle. Der Abschnitt über die Lokale Verantwortung im Kodex erteilte nicht nur eine absolute Vollmacht, sondern verlangte vom Captain eines Schiffs, die Kontrolle über jedwede Situation zu übernehmen, die innerhalb des Einflußbereichs und der Rechtsprechung der Föderation, aber außerhalb der
unmittelbaren Kontrolle oder der beratenden Nähe einer bevollmächtigten Sternbasis lag. Ein Subraumradius von 36 Stunden oder mehr erforderte es automatisch, daß sich der Captain eines Schiffs auf den Abschnitt über die Lokale Verantwortung berief. Das mochte etwas penibel sein, war aber notwendig. Nachdem Leutnant Uhura die Subraumnachricht abgeschickt hatte, widmete sie sich wieder ihrer vorherigen Aufgabe, die darin bestand, eine Anzahl von Kontaktsignalen vorzubereiten, falls es sich bei der Anomalie um ein funktionierendes Artefakt handelte. Es wurden nämlich nicht nur die Standardruffrequenzen, eine Vielzahl von Signalen, die »friedliches Schiff« oder etwas Äquivalentes für alle gegenwärtig bekannten und weltraumfahrenden Gattungen bedeuteten, benötigt, sondern ebenso eine Anzahl primärer Kontaktsignale, falls das Schiff von Mitgliedern einer unbekannten Rasse bemannt war. Es mußte zwar nach einem festen Wortlaut vorgegangen werden, aber ein Kommunikationsoffizier mußte auch in der Lage sein, sich den lokalen Gegebenheiten anzupassen. Zum Beispiel deutete die Tatsache, daß sich die Anomalie mit viertel bis halber Lichtgeschwindigkeit fortbewegte, darauf hin, daß den Erbauern etwas Schnelleres als Lichtgeschwindigkeit unbekannt war, woraus gefolgert werden konnte, daß wahrscheinlich auch kein Subraumradio existierte. Wenn das so war, dann gab es wahrscheinlich auch keine multidigitalen Übertragungsmöglichkeiten (die ja auch von den Menschen erst nach dem Subraumradio entwickelt wurden), was zusätzliche Modifizierungen an der Art des Signals, das gesandt wurde, erforderte. Es gab einfach zu viele Möglichkeiten, Informationen zu senden und zu empfangen, und man konnte nichts voraussetzen. Falls es inner halb des Artefakts Bewohner gab, was noch nicht sicher war, dann
mußte die Enterprise darauf vorbereitet sein, Signale zu senden, die diese nicht nur empfangen, sondern auch übertragen konnten. Es würde zum Beispiel nichts bringen, ein Ultrakurzwellen-Signal mit 100 Megahertz zu senden, wenn das Artefakt lediglich Mittelwellen-Signale mit einer Frequenz um die 100 Kilohertz empfangen konnte. Und unabhängig von FM oder AM, was, wenn die Information digital kodiert war? Wie viele Bits? Und welche Musterrate? Wie viele Kanäle pro Bandbreite? Das alles wurde noch wesentlich komplizierter, wenn man die Probleme erwog, ein Videosignal zu senden. Auf welches Farbspektrum soll man sich beziehen? Wie viele Bilder pro Sekunde? Wie viele Linien pro Abtastung? Werden überhaupt Linien abgetastet? Ist es vielleicht eine Spiralenabtastung? Im Uhrzeigersinn oder entgegen? und so weiter… Chekov hatte es auch nicht leichter. Seine Aufgabe bestand darin, die wahrscheinliche Position der Anomalie zu bestimmen, ihre Flugbahn zu extrapolieren und einen Abfangkurs zu berechnen. Für diese Arbeit besaß er lediglich das bißchen Information von der Tiefraumsonde, nämlich die Vektorqualität, nicht mehr – er hatte keine präzisen Messungen von ihrer Geschwindigkeit. Deshalb arbeitete er mit einem vierdimensionalen (zeitvariablen) Vektorkeil. Die wahrscheinlichen Kurse, die das Objekt einschlagen konnte, ließen sich in einem konisch geformten Fächer darstellen, der sich mit der Entfernung vom Bezugspunkt astronomisch verbreiterte: der Abtastposition der Tiefraumsonde. Er hatte damit begonnen, Sulu einen Kurs zu übermitteln, der vom Abtastbereich der übertragenden Sonde abbog und in die generelle Richtung der georteten Position des Gespensts ging. Von dort aus konnten sie dann beginnen. Es würde eine Weile dauern, diese Entfernung zu überbrücken. In der Zwischenzeit konnte er eine genauere Flugbahn für das Gespenst berechnen.
Ging man davon aus, daß der projizierte Vektorkeil ein genau zu bestimmender, geometrischer Ort war, dann kannten sie zumindest die Grenzen der Gegend, die sie absuchen mußten. Falls es ihnen gelang, bis auf fünf Trillionen Kilometer an das Objekt heranzukommen, würden sie es entdecken. Und je näher sie dran waren, desto besser konnten sie nach Bedarf ihren Abfangkurs korrigieren. Das Problem bestand jedoch darin, daß Chekov wegen Mangels an Informationen über die ursprüngliche Geschwindigkeit des Objekts ein zu großes Areal an Möglichkeiten in Betracht ziehen mußte. Die erste Meldung der Tiefraumsonde über das Gespenst war bereits fast einen Monat alt, und das Objekt konnte sich fast überall innerhalb eines Kegels von 45 Lichttagen Länge und der doppelten Breite an seiner vorderen Oberfläche befinden, einem kreisförmig begrenzten Areal, das sich um eine Lichtminute pro Minute ausdehnte. Selbst das Sonnensystem der Erde hatte nur einen Durchmesser von 14 Lichtstunden. Es konnte gut sein, daß die Enterprise auch dieses Objekt zwölf Tage lang – oder noch länger -jagte, und zwar mit dem gleichen Mißerfolg, den sie bei der Verfolgung der Klingonen gehabt hatten. Das erinnerte den nachdenklich gewordenen Chekov an ein altes russisches Sprichwort, das von einer »wilden Elchjagd« handelte. Er seufzte und entschloß sich schließlich für das, was einige Navigatoren die »Moskaulösung« nannten. Er zielte direkt auf das Zentrum des Ziels, schloß die Augen und betete. In Wirklichkeit hatte er jedoch eine modifizierte Moskaulösung angewandt – er ermittelte den Kurs für eine expandierende Spirale, die durch das Zentrum des Wahrscheinlichkeitskegels ging – aber das Prinzip war dasselbe. Man schloß die Augen und betete. Und vertraute auf sein Glück.
Trotzdem war Chekov mit sich selbst zufrieden, als er das Programm schließlich in den Computer eingab Und es dann an der Anzeigentafel für Mr. Sulu abrief. Sulu grinste Chekov an und startete es.
3
Aller Wahrscheinlichkeit nach gab es überhaupt kein Objekt. Die Chancen dafür, daß es existierte, waren sehr gering. Und falls es tatsächlich ein Objekt gab, dann waren die Chancen, es zu entdecken, noch geringer. Allen logischen Maßstäben zufolge waren die Chancen einer Entdeckung sogar so gering, daß sie phantastisch anmuteten. Das berüchtigte Murphysche Zusammentreffen verschiedenster Umstände nahm sich vergleichsweise unvermeidbar aus. Aber schließlich handelte es sich hier um die U.S.S. Enterprise. Deshalb fanden sie es nach 39.14 Stunden. Und dreiundzwanzig Sekunden. Das war der erste Kontakt. Es würde noch eine Stunde und zweiunddreißig Minuten dauern, bis sie das Objekt eingeholt hatten. Auf der Brücke war Captain Kirk sehr zufrieden. »Ich wußte, daß sie gut sind«, sagte er zu sich selbst. »Ich hatte ganz einfach nur nicht gemerkt, daß sie so gut sind.« Das Objekt besaß gewaltige Ausmaße. Selbst aus dieser Entfernung bestätigten die Instrumente, daß seine Masse mehrere Megatonnen betrug. Und es war schnell. Zumindest für ein Sublichtobjekt. Es bewegte sich mit annähernd einem Drittel der Lichtgeschwindigkeit vorwärts. Das Problem der Enterprise bestand weniger darin, es zu lokalisieren, als es einzuholen. Paradoxerweise waren die meisten modernen Sternenschiffe so konstruiert worden, daß sie sich entweder sehr schnell oder sehr langsam fortbewegten (auf einer kosmischen Skala gemessen). Die Geschwindigkeiten zwischen diesen beiden
Extremen waren nur sehr schwer zu erreichen. Warum sollte sich ein Sternenschiff mit einem Drittel der Lichtgeschwindigkeit fortbewegen, wenn es durch seinen Solantrieb die Fähigkeit besaß, mehrfache Lichtgeschwindigkeit zu erreichen? Und für die Manöver innerhalb eines Sternensystems, wo höhere augenblickliche Geschwindigkeiten unwirtschaftlich und überflüssig waren, war ein Impulsantrieb mehr als ausreichend. Dieser Impulsantrieb war zwar sehr effektiv, aber wie die Ionenantriebstechnologie, auf der er basierte, hatte auch er seine Grenzen. Um ein Sternenschiff auf ein Drittel der Lichtgeschwindigkeit zu bringen, wäre eine mehrtägige Beschleunigung notwendig. Die Alternative bestand darin, die Solgeschwindigkeit abzubremsen, die zwar ein steileres Gefälle darstellte, aber in diesem Fall befände sich die Enterprise wenigstens auf der nach unten gerichteten Seite der Gleichung. Dies konnte erreicht werden, indem man die Solfelder des Sternenschiffs mit einer sorgfältig kalkulierten Diskrepanz neutralisierte. Die Energie dieser Diskrepanz würde sich, anstatt in die MaterieAntimaterieeinheiten zurückgeführt zu werden, direkt auf die Masse der Enterprise und ihrer Insassen übertragen. Wenn sie korrekt gerechnet hatten, erhielten sie das Drittel an Lichtgeschwindigkeit, das sie benötigten, um ihre Flugbahn an das Objekt anzugleichen. Hatten sie sich jedoch geirrt, würde sich die Energie als Hitze manifestieren und das Sternenschiff zusammen mit seiner Besatzung zu Rohplasma verbrennen, noch bevor ihre Nervenenden diese Tatsache registrierten. Das Problem war heikel.
Aber… dies war schließlich die Enterprise. Kirk machte sich
keine Sorgen.
Am Steuer hatte Sulu bereits damit begonnen, mit den Sichtsensoren den vor ihnen liegenden Raum abzutasten, obwohl sie sich im Radius von eintausend Kilometern befinden mußten, um ein genaues Bild zu erhalten. Er blickte eifrig nach vorne. Neben ihm bereitete Chekov schon seine bewußt unausgewogene Neutralisation des Solantriebes vor. »Fünfzehnhundert Kilometer«, sagte Chekov. »Wir arbeiten uns heran.« Er drückte auf die Knöpfe. »Maßnahmen zur Drosselung des Solantriebs eingeleitet. Alle Systeme auf grün.« Es war ein spannungsgeladener Moment. Kirk ging zu seinem Navigator und legte ihm die Hand auf die Schulter. »Gute Arbeit, Mr. Chekov.« »Da ist es – «, sagte Sulu plötzlich. Ein dunkler Fleck im Zentrum des Bildschirms, fast unsichtbar. Mit einem Knopfdruck änderte er das Abtastspektrum. Das Objekt strahlte Hitze aus, weshalb es dunkelrot glühte. Aber das war alles, was es ausstrahlte. »Noch fünf Sekunden bis zur Drosselung«, sagte Chekov. »Achtung, und vier… und drei… und zwei… und eins… und…« DJe Lichter wurden vorübergehend etwas matter, dann leuchteten sie wieder in voller Stärke. An den Bildschirmen war die Geschwindigkeitsänderung des Schiffs abzulesen. » – und wir sind immer noch hier«, sagte Kirk leise. Chekov sah zu ihm hoch. »Hatten Sie etwa daran gezweifelt? Ich erinnere mich, daß wir einmal auf der Gagarinstation eine Simulation hatten, als…« »Später, Mr. Chekov.« Kirk deutete auf einen Monitor. »Sie müssen sich noch um die Feinabstimmung kümmern. Für Kurskorrekturen benutzen Sie bitte den Impulsantneb. Gehen Sie bis auf hundert Kilometer ran und halten Sie diese Position. Leutnant Uhura, leiten Sie die Maßnahmen zur Kontaktaufnahme ein.«
Kirk warf einen Blick auf die Schirme, die über Spock hingen. Deren Informationsgehalt war jedoch Null. Das Objekt zeigte keinerlei Anzeichen, daß es die Enterprise überhaupt wahrnahm. Kein Radar, keine Subraumdetektoren, keinerlei Abtaster. Zumindest nichts, was auf einem der Energiespektren funktionierte, die die Enterprise aufgrund ihrer technischen Ausstattung hätte entdecken können. Und dennoch… »Alarmstufe Rot«, befahl Kirk. »Alle Positionen in Bereitschaft.« Eigentlich war der Befehl überflüssig. Die gesamte Schiffsbesatzung befand sich bereits in Alarmbereitschaft. Sämtliche vierhundertdreißig Personen, die sich auf dem Schiff befanden, waren neugierig und wollten wissen, was sich da abspielte. Das Bild vom vorderen Schirm wurde überall auf der Enterprise übertragen. Als sie sich näherten, berührte Sulu nachdenklich seine Schalter. Als er das Bild in voller Vergrößerung auf den Schirm legte, ging ein hörbares Raunen durch die Besatzungsmitglieder auf der Brücke. Selbst Spock schien verblüfft zu sein. Zumindest nach vulkanischen Maßstäben. Es war dunkel. Und riesig. Es verhüllte die Sterne hinter sich. Und es war ein Artefakt. Ein künstliches Objekt. Jemand hatte es gebaut. Aber auf dem Objekt gab es keine Lichter, die die facettenreichen Oberflächen beleuchtet hätten. Keine glitzernden Fenster oder durchsichtigen Kuppeln. Alles war still und leer, fast trostlos vor dem Hintergrund aus Samt und Juwelen. Hier, so weit entfernt von allem, verloren in der Tiefe zwischen den Sternen, gab es kaum genug Licht, das von einer vereinzelten, metallenen Oberfläche reflektiert worden wäre. Es gab keinerlei Maßstab – und trotzdem war seine bloße
Masse drohend und überwältigend. Seine Präsenz war unbestreitbar. Es war eine Stadt im Weltraum. Verhüllt und riesengroß. Eine schwarze Insel. Ein majestätisches Rad, in Schweigen und Geheimnis gehüllt, das sich langsam in der Nacht drehte. Für einen langen Augenblick erfaßte das Schweigen der Dunkelheit auch die Brücke der Enterprise. Die Männer und Frauen des Sternenschiffs standen still und ehrfürchtig da, fasziniert von dem Schauspiel, das sich ihnen bot. Einige von ihnen waren mit dieser Erfahrung vertraut. Sie erlebte jedesmal eine Neuauflage, wenn sie in die Nähe einer weiteren Facette des universalen Lebenswillens kamen. Ein Artefakt, ein Schiff, ein außerirdisches Wesen – selbst eine Nachricht –, das alles wies auf eine unendliche Vielfalt des Kosmos hin, die sie in stummes Erstaunen versetzte. Es gab ein Sprichwort, das angeblich auf den terranischen Philosophen Solomon Short zurückging: »Es gibt keine Atheisten auf Sternenschiffen.« Da er jedoch in einer Zeit lebte, in der es noch keine Sternenschiffe gab, verstand die Menschheit erst ein Jahrhundert später, was er wirklich gemeint hatte. Und dann wurde die Wahrheit dieses Ausspruchs allen so offenkundig, daß er zu einem Klischee wurde – außer natürlich in Momenten wie diesem. Wieder einmal standen Repräsentanten der Menschheit an der Schwelle zu einer Entdeckung, und die Wahrheit des Klischees, der entscheidende Grund, warum es so war, ließ sich an einer Welle freudiger Emotionen feststellen, einem Gefühlsausbruch, der in den Herzen all derer aufwallte, die vor einem Bildschirm standen und in stillem Staunen lächelnd, grinsend, selbst lachend und applaudierend zuschauten. Außer Spock natürlich. Er brüstete sich damit, einen guten Geschmack zu haben und seine inneren Prozesse nicht zur Schau zu stellen. Wie ekelhaft waren doch die meisten
Gefühle. Sein Gesicht hätte einen Ausdruck des Widerwillens angenommen, wäre das nicht auch wieder eine Zurschaustellung von Gefühlen gewesen. Er hob nachdenklich eine Augenbraue, bemerkte, daß das Objekt auf seine Weise »bemerkenswert« war und wandte sich wieder seinem überdachten Schirm zu. Eine Entdeckung bereitete Spock keine Freude. Sehr wohl aber das Wissen, was daraus zu gewinnen war. Es war nicht das Geheimnis, das ihn reizte, sondern die Lösung. Schließlich setzte Kirk dem Begeisterungstaumel ein Ende. Trotzdem war seine Stimme leiser als sonst. »Mr. Sulu, werfen Sie etwas Licht auf dieses Objekt. Leutnant Uhura?« »Reaktion negativ, Captain.« »Versuchen Sie es weiter. Mr. Chekov, gehen Sie bis auf fünfundzwanzig Kilometer ran. Mr. Spock, senden Sie einen Subraumstrahl, der alle fünfzehn Minuten auf den neuesten Stand gebracht wird, an die Sternenbasis.« Er ging zum Kommandosessel und berührte die Schalter an der Armlehne. »Mr. Scott, Dr. McCoy, auf die Brücke, bitte.« Leise trommelte er mit den Fingern auf die Armlehne. Der erste von Sulus Scheinwerfern beleuchtete das Ding vor ihnen und verwandelte es von einem sperrigen, schwarzen Klotz in eine fantastische Verkettung von Rädern in Rädern, mit einer Spindel aus Eis und Metall und Speichen aus schlanken Türmen. In eine runde Hängebrücke, die sich um einen Zylinder wand und mit den verschiedensten Dingen verziert war. Das Auge konnte die Unmenge von Details und sich krümmender Formen nicht verarbeiten – weitere Scheinwerfer wurden eingeschaltet und sandten neue Schattenmuster über das Gebilde. Und die Fernsonden schickten ebenfalls ihr Licht, dessen Strahlen sich seitwärts über die vielen Oberflächen neigten.
In diesem Lichtbad verwandelte sich das Objekt zu einer gespenstischen Vision. Durch die Lichtreflexe fing es zu lodern an. Metall-, Glas-, Mylar-, Plastik- und Keramikoberflächen glitzerten so hell wie am Tag ihrer Fertigstellung. Das Rad wurde zu einer Stadt, die Stadt zu einer Insel, die Insel zu einer Zivilisation, die sich majestätisch in den dunklen Tälern der Nacht um sich selbst drehte. Spitzen und Türme und Minarette, Brücken und Türmchen und Plattformen. Und das alles passierte in den Schattierungen perlenartigen Glanzes: glitzernde Pastellfarben, rosa, korallenrot und türkis, einem Grau, das rosafarben und mit weißen und gelben Streifen durchzogen war. Purpurrote Schatten fegten über die Ebenen eines blassen Sorbetts. Diamantfarbene Facetten fingen das Licht auf und warfen es zurück; tiefblaues Metall glühte. Das Objekt nahm den gesamten Bildschirm ein und dehnte sich weiter aus, als sie näherkamen. Die Einzelteile wirbelten durcheinander und flitzten an den Augen der Enterprise vorbei, als würden sie ein eigenes Wettrennen veranstalten. Zu schnell, um deutlich wahrgenommen zu werden, verschwommen sie zu Trugbildern von Städten und Dörfern, Flughäfen und Autobahnen, Raffinerien, Häfen – das Auge gaukelte dem Verstand etwas vor; oder war es umgekehrt? Die Oberflächenkonturen dieses – dieses Dings -waren zu verwirrend. Der Verstand übertrug sie aus Mangel an Bezugspunkten in vertraute Begriffe. Kirk mußte sich dazu zwingen, sich vom Bildschirm abzuwenden. Das Schauspiel hatte eine magische Anziehungskraft. »Sulu, dämpfen Sie die Scheinwerfer.« Sein Gesicht verkrampfte sich unmerklich. »Tiberius…« flüsterte er. »Tiberius…« Etwas daran war wie ein Auslöser… so geschichtsträchtig… irgend etwas war da.
Die Tür hinter ihm zischte auf. Er drehte sich um und sah, wie Scotty und Pille zusammen hereinkamen. »Scotty? Was halten Sie davon?« Chefingenieur Montgomery Scott blieb unverbindlich. »Aye, es ist ziemlich groß, soviel ist sicher.« »Ich hätte gerne den Konstrukteur kennengelernt«, sagte Pille. »Ich würde ihm gerne die Hand schütteln… oder die Klaue… oder die Pfote… oder den Fangarm…« »Ich würde lieber die Bauunternehmer kennenlernen«, sagte Scotty. »Das sind die wahren Genies. Sie sind die Burschen, die dafür sorgten, daß es funktioniert.« Kirk drehte sich zu Spock um, der das Trio bereits mit der Gleichgültigkeit vulkanischer Ungeduld betrachtete. »Worum es wirklich geht, Commander Scott, ist die Frage, warum es gebaut wurde. Wer hat es gebaut und warum ist es hier?« Alle drei schauten ihn erwartungsvoll an. »Was vermuten Sie also?« fragte Kirk. »Vulkanier stellen niemals Vermutungen an«, sagte Spock. »Die Fakten sind wie folgt: Es bewegt sich mit einem Drittel der Lichtgeschwindigkeit fort. Daraus läßt sich schließen, daß die Erbauer keinen Solantrieb besaßen. Ebensowenig gibt es Anzeichen von Impulstriebwerken. Nach unseren Maßstäben scheint die Technologie primitiv zu sein. Die Größe des Objekts bildet einen Ausgleich zu seiner Unfähigkeit, sich schneller als das Licht fortzubewegen. Es ist offensichtlich ein interstellares Schiff. Seine Erbauer haben vielleicht erkannt, daß eine solche Reise Jahrhunderte dauern würde, und deshalb vielleicht kein Schiff, sondern eine ganze Welt erbaut. Eine Zivilisation, wenn Sie so wollen. Sie sind seit Jahrhunderten unterwegs und haben noch eine jahrhundertelange Reise vor sich.« Er schwieg kurz und fügte dann hinzu: »Die maschinentechnischen Lösungen einiger ihrer Langzeitprobleme müssen faszinierend sein…«
»Warum gibt es keine Lichter auf ihrem Schiff?« fragte Scotty. »Wer würde sie sehen, Commander? Sie sind Lichtjahre vom nächsten Ort, wo es Leben gibt, entfernt.« »Aber wie sieht es mit der Kommunikation aus?« unterbrach sie Uhura. »Ich habe sie gerufen, seit wir in Reichweite sind, aber bisher keinerlei Antwort erhalten.« »Vielleicht erwarten sie nicht, daß jemand sie hier draußen ruft. Offenbar besitzen sie auch keine Subraumkommunikation.« »Und ein dichtgebündelter Laserstrahl zu ihrer Basis? Die Centaurikolonie und die Erde benutzten diese Art der Kommunikation fast ein ganzes Jahrhundert lang, bevor Subraum entwickelt wurde. Trotz der Zeitverzögerung von viereindrittel Jahren war es besser als gar keine Kommunikation.« »Vielleicht…« meinte Spock, »haben sie niemanden zurückgelassen, mit dem sie sprechen könnten.« »Oder aber – «, unterbrach Kirk, » – das Schiff ist ein Wrack. Vielleicht sind seine Erbauer schon seit langer Zeit tot.« »An diese Möglichkeit hatte ich auch schon gedacht, Captain. Aber im Moment sollten wir uns mehr um die mögliche Gefahr, die davon ausgeht, kümmern. Das Objekt strahlt Hitze aus. Das könnte bedeuten, daß in seinem Innern immer noch lebenserhaltende Bedingungen existieren. Was wiederum voraussetzt, daß etwas im Innern diese Bedingungen aufrechterhält. Etwas Intelligentes.« »Das könnte auch der Bordcomputer sein«, bemerkte Scotty. Kirk fragte: »Spock, welche Ablesungen erhalten Sie über das Innere?« »Sehr konfuse, Captain. Die äußere Hülle ist ziemlich gut abgeschirmt.« Er sah ziemlich verlegen aus und ging zu
seinem Schirm zurück. Spock zeigte nur ungern eine Schwäche. Kirk wandte sich an Scotty. »Können Sie eine Mannschaft hineintransportieren?« Scotty schüttelte den Kopf. »Das möchte ich lieber nicht versuchen. Wenn das Äußere genügend abgeschirmt ist, um die Sensoren zu täuschen, dann bezweifle ich, einen genauen Landeplatz auf einem Zielort erhalten zu können. Und der Umstand, daß sich das Biest auch noch um sich selbst dreht, macht es fast unmöglich, eine Feldstabilität während der Rekonstruktion zu garantieren. Sie könnten, noch bevor Sie ganz angekommen wären, in eine Mauer rutschen, Sir.« Kirk seufzte. »Das hatte ich befürchtet. Also gut – beginnen Sie mit den Vorbereitungen für einen manuellen Eintritt. Nur für den Fall des Falles.« Er drückte den Knopf in der Armlehne. »Leitende Angestellte bitte in den Lagebesprechungsraum.«
4
Den Lagebesprechungsraum eines Raumschiffes stellt man sich im allgemeinen als einen einfachen, kahlen Raum vor, der zwischen Schiffswand und Korridor liegt und nichts außer einem Tisch und Stühlen enthält. Diese Vorstellung ist zwar richtig, aber irreführend. Tatsächlich ist der Lagebesprechungsraum eine zweitrangige Informationszentrale, während die Brücke das Hauptinformationszentrum des Sternenschiffes ist. Die scheinbar kahlen Wände des Lagebesprechungsraums sind in Wirklichkeit großformatige Bildschirme, die Bilder von allen Computerspeichern auf dem Schiff abrufen können. Was Laien dabei nicht ganz verstehen ist, daß diese zweitrangige Informationszentrale auch eine einzigartige und äußerst wichtige Abteilung auf dem Schiff ist, wichtiger sogar als die Brücke; während andere Abteilungen dazu dienen, entweder die Leistung eines Muskels oder eines Sinnesorgans zu verstärken, soll in der Informationszentrale spezifisch die Gehirnleistung erhöht werden. An diesen Ort kommt ein Captain, um schwierige Kommandoentscheidungen zu überdenken, insbesondere solche, die nicht nur seine Besatzung und sein Schiff, sondern auch seine eigene Stärke, Klugheit und Menschlichkeit auf die Probe stellen. Es geht dabei um Probleme, die für einen Mann allein zu groß sind, und die er nicht im stillen Kämmerlein für sich allein entscheiden kann, denn sie erfordern das Vertrauen der Führungsoffiziere – aus diesem Grund sind Lagebesprechungssitzungen nicht leicht zu nehmen. Es gibt ein Motto der Sternenflotte, das jedem neuen Kadetten in der
Akademie vom ersten Tag an eingebleut wird: »Alle deine Probleme werden zuerst im Lagebesprechungsraum gelöst.« Es liegt in der Verantwortung des Captains, Entscheidungen zu treffen. Es ist die Aufgabe der beratenden Offiziere, alle Informationen, die dieser Entscheidung dienlich sind, vorzutragen. Einschließlich ihrer Bedenken und besonders auch ihrer Befürchtungen. Ein Captain braucht nicht nur Informationen, die sein Vorhaben unterstützen. Viel wichtiger sind Informationen, die es einer Prüfung unterziehen, die nicht damit übereinstimmen und so dazu zwingen, das Problem von so vielen verschiedenen Standpunkten aus wie möglich zu betrachten. Das ist eine Tradition der Sternenflotte und nur wenige Männer sind in den Rang eines Captains aufgestiegen, ohne einen gesunden Respekt vor der Weisheit dieser Tradition entwickelt zu haben. Die Qual des halsstarrigen Captains ist mehr als eine freche Hinterzimmerballade: »…Er hat seine Zweifel und zeigt sie nicht; er täuscht sich vielleicht, aber wird es nie wissen!« James T. Kirk zeigte seinen Respekt vor der Tradition der Sternenflotte, alles frei zu diskutieren, nicht nach außen hin. Statt dessen setzte er eine sorgfältig berechnete Maske auf, gab sich bewußt neutral, wie ein unbeschriebenes Blatt. Er lehnte sich mit verschränkten Armen in seinem Stuhl zurück und ließ seine Offiziere die Angelegenheit untereinander diskutieren. Er griff in die Diskussion nur ein, um sie zu einem Konsens und schließlich einer Entscheidung zu führen (es gab Kurse für Gesprächsführung, und ein Captain mußte auch daran teilgenommen haben). Kam es zu einer Übereinstimmung, so war damit gewöhnlich die richtige Entscheidung schon offensichtlich und mußte nicht extra befohlen werden. Manchmal war es erstaunlich, wie gut ein Problem gerade dann gelöst wurde, wenn sich ein starker Befehlshaber mit seinen guten Absichten im Hintergrund hielt. Und auch dazu
gab es ein passendes Motto der Sternenflotte: »Die Fähigkeit eines Captains kann am besten daran beurteilt werden, wie gut sein Schiff ohne ihn auskommt.« Wenn Verantwortung gut verteilt wird, reagiert eine Mannschaft darauf. Spock erläuterte gerade die Alternativen. »Wir können – und wir werden – weiterhin auf allen Frequenzen versuchen, Funkkontakt herzustellen. Die Wahrscheinlichkeit liegt allerdings bei etwas mehr als 73,42%, daß es kein empfindungsfähiges Leben mehr an Bord des Schiffes gibt, wenn wir nicht innerhalb von drei Tagen eine Antwort erhalten. Falls wir eine Antwort erhalten, werden wir natürlich sofort in den Erstkontaktmodus überwechseln und entsprechend dem Standardprogramm so lange fortfahren, bis eine Abweichung davon durch die Umstände erforderlich wird. Erhalten wir keine Antwort, so haben wir zwei Möglichkeiten. Erstens können wir seine Position über Subraumstrahlung mitteilen und zu unserem ursprünglichen Auftrag – der Suche nach dem Raumschiff der Klingonen, das in diesem Quadranten gesichtet wurde – zurückkehren. Diese Möglichkeit wirft natürlich die Frage auf, wie wir von hier zur Sternenflotte zurückkehren, und in diesem Fall muß eine solche Handlungsweise nicht unbedingt als Entscheidungsschwäche betrachtet werden. Dieses Raumschiff befindet sich schon seit langer Zeit im All. Wenn noch einige Wochen oder Monate mehr vergehen, bis wir Kontakt mit ihnen aufnehmen, in denen wir die Situation klären, so hat das keine entscheidende Bedeutung. Wir sind nicht unter Zeitdruck. Außerdem, die ethischen Grenzen einer Verwicklung – « Kirk schaltete einen Moment lang ab. Irgend etwas in seinem Hinterkopf hatte auf einen Satz im Vortrag des WissenschaftsOffiziers reagiert: »…wirft die Frage auf… zur Sternenflotte
zurückkehren…« Nun, wo? Oh, ja! Kirk erinnerte sich jetzt. Truman. Hier endet die Verantwortung. Nein, entschied Kirk für sich; das wäre wie ein Eingeständnis, daß die Enterprise mit einer solchen Situation nicht fertig werden könnte. Und das wäre genauso, als ob man sagen würde, daß James T. Kirk es nicht wert sei, Captain der Sternenflotte zu sein. Aus diesem Grund kam diese Möglichkeit nicht in Frage. Aber er erwartete nicht, daß er das laut sagen mußte. Schließlich war das die Enterprise. Wenn sie nicht damit fertig wurde, wer dann? »Deshalb müssen wir, wenn wir selbst diese Aufgabe übernehmen«, sagte Spock gerade, »die Situation nicht nur von unserem Standpunkt aus betrachten, sondern auch aus der Sicht der Bewohner des anderen Schiffes. Wenn es dort keine Bewohner gibt, ist es natürlich kein Problem; wenn es aber bewohnt ist, dann werden wir, mit Ausnahme der unwahrscheinlichsten Umstände, deren Erfahrungswerten zufolge – und auch gemäß ihres Weltbildes – fremdartige Wesen sein.« »Und einige von uns – «, unterbrach Dr. McCoy mit einem schiefen Lächeln zur Seite, » – sind noch fremdartiger als andere.« »Dr. McCoy«, sagte Spock trocken, »Humor ist gelegentlich der höchste Ausdruck menschlicher Intelligenz; häufiger jedoch ist er letzte Zuflucht für den, dem es daran mangelt.« Er sah ihn mit hochgezogener Augenbraue an. McCoy zog seine eigene Augenbraue ebenfalls hoch. Spock, sichtbar verärgert – soweit so etwas bei einem Vulkanier möglich ist – sagte: »Jeder hier würde es sehr schätzen, wenn Sie sich mit Ihren Äußerungen auf das Problem beziehen würden…« Kirk lächelte innerlich. »Fahren Sie fort, Spock«, forderte er ihn auf. Die Bezeichnung Diskussion war hier manchmal nicht ganz zutreffend. Auseinandersetzungen im
Lagebesprechungsraum konnten auch boshaft, ermüdend und emotional sein. Spock und McCoy zum Beispiel versäumten kaum eine Gelegenheit, die philosophischen Ansichten des anderen aufs Korn zu nehmen. Das war der einzige Weg, wie sie ihre Sympathie füreinander ausdrücken konnten. »Daß wir für sie fremdartige Wesen sein werden«, fuhr Spock fort, »läßt sich schon aus der Tatsache ableiten, daß ihr Schiff sich nicht schneller als mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegen kann. Eine Zivilisation, die den SAL* -Antrieb kennt, würde nicht so viel Energie in den Bau eines Multigenerationenschiffs investieren. Daher ist es berechtigt, davon auszugehen, daß es zu einem schweren Kulturschock kommen kann, ganz gleich, wie wir uns im Verlauf der Kontaktaufnahme mit ihnen verhalten.« Kirk hörte sich Spocks Hypothese aufmerksam an. »Aber es hat sich gezeigt, Spock, daß sich die meisten Kulturen, die den Weltraum erforschen, unabhängig davon, ob sie den SALAntrieb kennen, in der Regel schon der Möglichkeit bewußt sind, daß es andere Lebensformen geben könnte, die sich von ihrer eigenen unterscheiden; sogar schon, bevor es zu ersten Begegnungen kommt – man kann nicht zu anderen Welten reisen, ohne sich vorher zu fragen, was man dort finden wird – und dieses Bewußtsein sollte den Kulturschock beim Erstkontakt bedeutend vermindern.« Spock nickte zustimmend. »Aber die Möglichkeit bleibt. Was wir hier haben, ist eine Zivilisation, die so isoliert war wie keine andere Zivilisation jemals zuvor. Außerdem ist es eine Zivilisation, die Zeit gehabt hat, ihre Strukturen zu festigen; eine Art kultureller Versteinerung, wenn Sie so wollen. Aus der Größe und Konstruktion des Schiffes läßt sich schließen, daß die Schiffsbewohner keine Kenntnis des Einfrierens oder anderer Schlaftechniken hatten. Statt dessen mußten sie sich *
SAL = schneller als Licht/Überlicht
eine vollständige Welt aufbauen, um ihr Leben während ihrer Reise zu erhalten. Daraus ergibt sich auch, daß ihre Lebenszeit begrenzt ist und daß es sich um ein Multigenerationenschiff handeln muß. Und wenn dem so ist, dann bedeutet das, daß seit seinem Start viele Generationen auf diesem Schiff gelebt haben; wir sind Lichtjahre entfernt von jeder Welt, die möglicherweise einmal ihre Heimat gewesen sein könnte. Daher sind wir weit entfernt von der ersten gestarteten Generation. Sie haben nie eine Welt außer dieser gekannt; von dieser Welt ist ihre psychologische Einstellung dem Universum gegenüber geprägt worden. Wahrscheinlich halten sie sich selbst für schwach, einsam – und irgendwie außergewöhnlich in den Augen der Schöpfung. Sie haben nicht mal den psychologischen Einfluß eines Ursterns als Mittelpunkt, der ihrer Kultur Stabilität geben würde. Für die Leute dort drinnen, wer immer sie auch sind, existiert nur diese eine Welt im Universum, abgetrennt von allem und einmalig. Sie können nur eine verzerrte Wahrnehmung ihrer eigenen Bedeutung im Universum haben. Allein schon die Tatsache ihrer Isolierung von allem, was in natürlichem Zustand vorliegt, muß zu solch einer beschränkten Auffassung über die Natur führen – « »Warten Sie eine Sekunde, Mr. Spock – «, das war Chekov. »Das ist alles gut und schön, aber sie haben doch wohl Bücher und Tonbänder.« »Mr. Chekov, Sie haben selbst Bücher und Tonbänder. Glauben Sie daran, daß eine Hexenhütte einfach aufstehen und auf Hühnerbeinen weiterlaufen kann?« Chekov sah überrascht aus. »Natürlich kann sie das nicht – das ist doch nur ein altes Märchen.« »Sie haben aber einige sehr überzeugende Holobänder von dieser Geschichte.« »Aber ich weiß trotzdem, daß es nur eine Geschichte ist.«
»Nicht, wenn Sie auf Baba Yaga leben würden, einer Insel vor der Küste des südwestlichen Kontinents des Planeten Mussourgsky. Während der Regenzeit kommt es in verschiedenen Teilen der Insel zu Überschwemmungen, und es ist oft notwendig, den Wohnsitz zu verlegen; aus diesem Grund gibt es dort keine dauerhaften Strukturen. Statt dessen werden die meisten Gebäude auf beweglichen Stelzen errichtet. Für die Kinder, die dort leben, ist die Hütte der Baba Yaga Geschichte, ein wahres Märchen, und so kennen sie es. Wenn Sie dort aufgewachsen wären, würden Sie auch daran glauben.« Spock schwieg einen Moment lang und sagte dann in einem allgemeineren Tonfall: »Der Punkt ist, es ist gut möglich, daß die Bewohner dieses sonderbaren Schiffes, das sich nur ein paar Kilometer unter dieser Schiffswand befindet, die Geschichte ihrer eigenen Herkunft für einen Mythos halten; trotz der Bestätigung durch Beweise, die sich vielleicht in den Computerspeichern befinden, denn diese Individuen haben nicht die Erfahrung gemacht, daß solche Dinge möglich sind, ebenso wie Mr. Chekov die persönliche Erfahrung mit gehenden Häusern fehlt. Diese Leute können nicht wissen – nur glauben – welche ihrer Bänder der Wahrheit entsprechen und welche Märchen sind; wenn sie überhaupt Vernunft besitzen, werden sie dazu neigen, die Greuelgeschichten als Märchen abzutun, und für diese Leute werden Geschichten über Planeten Greuelgeschichten sein. Ganz gleich, auf welchem bewußten Wissensstand sie sich befinden, ihr unbewußtes Weltbild bestimmt die – entschuldigen Sie den Ausdruck – Reaktionen aus ihrem Bauch.« Spock sah alle Offiziere, die um den Tisch herumsaßen, an. »Aus diesem Grund rate ich hier zu äußerster Vorsicht. Die Umwelt, die sie für sich selbst geschaffen haben, erfordert komplizierte psychologische Anpassungsweisen, und wir werden die
meisten dieser Anpassungsmechanismen untersuchen müssen.« »Anpassungsmechanismen –?« fragte Kirk. »Zum Beispiel sind sie sich zwar sicherlich bewußt, welche Anforderungen ihre künstliche Ökologie stellt, und welche Technik benötigt wird, um sie aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig könnte das aber auch die äußere Grenze ihres Verständnisses der gesamten Ökologiewissenschaft sein. Der Rest wäre natürlich nur Theorie, Computersimulation; sie hätten kaum echte Kenntnisse über Existenzweisen, die nicht streng kontrolliert und am Leben erhalten werden müssen. Begriffe wie »Wildnis« und »Freiheit« könnten bedeutungslos für sie sein. In einer solchen Welt wären Dogmen absolut, denn sie müßten so sein. In einer solchen Welt gäbe es keine Veränderung, denn Veränderung könnte gefährlich sein für die Stabilität der Gesellschaft. Sicherlich gäbe es Ventile wie wechselnde Modestile, Sportwettkämpfe und verschiedene Arten von Wettbewerben, aber das alles wäre Ersatz. Das intensive Interesse einer Kultur an bestimmten Ventilen ist ein guter Beweis dafür, wie wichtig und notwendig es ist, daß sie als Ersatz dienen. Das wesentliche Merkmal einer solchen Kultur wäre ihr Widerstand gegen Herausforderungen, die gegen ihre Grundüberzeugungen gerichtet sind; in diesem Fall, ihre Einmaligkeit. Wir repräsentieren nicht nur eine fremdartige Spezies für diese Kultur, wir repräsentieren auch eine fremdartige Denkweise. Wir könnten so anders sein als alles, was sie bisher in Erfahrung gebracht haben, daß sie vielleicht nicht in der Lage sind, uns in einer vernunftgemäßen Weise wahrzunehmen.« Schweigen herrschte, während die verschiedenen Offiziere, die um den Tisch versammelt waren, über diese Auffassung nachdachten und versuchten, sich mit den Schlußfolgerungen daraus zu befassen.
»Also… Sie behaupten«, fragte Kirk nach, »daß unsere Gegenwart ausreichen könnte, um diese Leute in den Wahnsinn zu treiben…?« Spock sah gelassen drein. »Wahnsinn ist zwar nicht der Ausdruck, den ich gewählt hätte, denn er enthält eine sehr negative Bedeutung, aber der Gedanke ist richtig. »Irrationales Verhalten« wäre eine geeignetere Bezeichnung und sehr wahrscheinlich die Folge. Wenn ich einen Ihrer terranischen Philosophen zitieren darf: »Manchmal ist irrationales Verhalten die einzige rationale Antwort auf eine irrationale Situation.« Wir werden ihre Vorstellungen von der Natur des Universums erschüttern und das Gefühl ihrer Einmaligkeit. Mit Sicherheit zeigt die Tatsache, daß sie auf unsere Versuche, Kontakt aufzunehmen, nicht reagiert haben, deutlich den Grad ihrer Isolation an. Offensichtlich wollen sie andere gar nicht hören, weil sie nicht glauben, daß es überhaupt noch andere gibt.« Spock kam nachdenklich zum Schluß. »Natürlich basiert dies alles auf der unwahrscheinlichen Möglichkeit- die weniger als 27% beträgt –, daß es noch empfindungsfähige Bewohner auf diesem Schiff gibt.« »Warum ist das so unwahrscheinlich?« warf McCoy ein. »Irgend jemand muß es gebaut haben. Wenn sie intelligent genug waren, es zu bauen, warum sollten sie dann nicht klug genug sein, das Schiff und ihr eigenes Leben zu erhalten?« Spock wandte absichtlich seinen Blick vom Doktor ab und fuhr fort, als hätte dieser überhaupt nicht gesprochen. »Maschinen versagen. Besonders Maschinen, die vom günstigsten Anbieter konstruiert wurden. Die Wahrscheinlichkeit eines Versagens an Bord eines Schiffes steigt mit der Länge der verstrichenen Zeit. Nach einer gewissen Zeitdauer ist ein Fehler irgendeiner Form unvermeidlich. Nach Ablauf eines langen Zeitraums macht die Gesamtheit aller einzelnen Fehler, die sich angehäuft haben,
das Überleben der Schiffsbewohner problematisch. Bei 27% handelt es sich um eine großzügige Schätzung.« Mit affektierter, gedehnter Sprechweise meldete sich McCoy erneut zu Wort: »Wenn Sie so denken, was schlagen Sie dann in bezug auf die Enterprise vor?« Spock wandte langsam seinen Kopf zu ihm um und sah den Doktor verächtlich an. »Dr. McCoy, die Enterprise wurde zum Teil von Vulkaniern entworfen… und das sollte für sich selbst sprechen.« Kirk erlaubte sich zu lächeln. »Lassen Sie uns zu dem eigentlichen Thema zurückkehren, ja? Wir haben ein Schiff. Sie antworten nicht auf unsere Versuche, Kontakt mit ihnen aufzunehmen. Wir können uns nicht hineinbeamen, also müssen wir entweder eine Tür finden oder gewaltsam eindringen. Wenn wir einbrechen, ist die Wahrscheinlichkeit groß, daß die Bewohner – falls es welche gibt – eine solche Handlung als feindlich betrachten. Als Invasion vielleicht. Wir müssen auf die Möglichkeit einer… militärischen Reaktion vorbereitet sein. Scotty?« Kirk wandte sich an seinen Chefingenieur. »Welche Waffensysteme werden sie wahrscheinlicherweise besitzen?« »Tja, Captain, es wird eine primitive Bewaffnung sein. Die Hyperlichtgeschwindigkeit ist der Schlüssel zu einem großen Teil der fortgeschrittenen Technologie. Ohne sie besitzen sie wahrscheinlich weder Phaser noch irgendwelche Antimateriewaffen und wahrscheinlich nicht einmal magnetische Disruptoren. Es gibt keine verräterischen Kennzeichen auf der Außenwand des Schiffes. Sie könnten Paralysatoren besitzen – aber das wäre nur dann eine Gefahr für uns, wenn wir uns auf der gleichen DNASchwingungsfrequenz befinden würden wie sie. Es ist möglich, daß sie über Explosivgeschoßwaffen verfügen, aber ich würde solche Waffen nicht an Bord meines Schiffes haben
wollen. Ich wette, daß sie statt dessen Elektrowaffen einsetzen. Betäubungsgewehre oder Feuerwerfer sind am wahrscheinlichsten, aber auch Wurfpfeilgewehre sind möglich. Sie könnten auch verschiedene Giftgas- und chemische Anlagen besitzen, aber die sind selten sofort wirksam und möglicherweise gefährlich für die lebenserhaltenden und ökologischen Systeme des Schiffes; das gleiche gilt auch für biologische Waffen, so daß ich sagen würde, daß hier auch spezifische Vektorwaffen unwahrscheinlich sind. Wenn diese Leute bisher keine Erfahrungen mit menschlichen Wesen gemacht haben, ist es schwer, vorauszusagen, was sie uns entgegenschleudern werden.« Kirk hörte sich den Bericht an. Eine Sache wurde immer klarer. »Es ist offensichtlich, daß wir nicht genügend Informationen über das Schiff und die Leute haben, die es bauten, um zu einer endgültigen Einschätzung zu kommen. Und es sieht so aus, als ob wir nicht sehr Viel mehr Informationen bekommen werden, ohne an Bord zu gehen. Ich gehe nicht gern so vor. Aber wir sind in einer Situation, in der wir nicht entscheiden können, ob wir an Bord gehen sollen, solange wir nicht an Bord gehen und herausfinden, ob wir es tun müssen. Das gefällt mir nicht.« Es war still am Tisch. Auch den beratenden Offizieren gefiel das nicht. Aber abgesehen davon galt immer noch die oberste, geheiligte Regel der Sternenflotte, die über allen anderen stand: Artikel Eins der Sternenflottencharta, der den wesentlichen Auftrag aller, die den Diensteid ablegen, klar festlegt: »…fremde, neue Welten zu entdecken, neue Lebensformen und unbekannte Zivilisationen zu suchen, unerschrocken dorthin zu gehen, wo bisher noch nie zuvor jemand gewesen ist…«
Und das war, nachdem alles andere gesagt und getan worden war, das letzte entscheidende Wort bei jedem Beschluß, und sogar ein Captain mußte sich dem beugen. Aber natürlich gab es niemanden, der Artikel Eins jemals in Frage stellte. Man trat der Sternenflotte nicht bei, wenn man nicht von einem Verlangen besessen war, das mehr als Neugierde war; einem Hunger nach Wissen. Die Offiziere der Sternenflotte machten ihre Arbeit nicht, weil sie es mußten, sondern weil sie es wollten. »Also gut«, sagte Kirk und rückte seinen Stuhl vom Konferenztisch weg. »Packen wir’s an.«
5
Auf dem vorderen Bildschirm der Brücke hatte Mr. Scott eine Abbildung des gigantischen Schiffes erzeugt, die sich fast genauso majestätisch im Kreis drehte wie das nur einige Kilometer entfernte Schiff selbst. »Was wir hier haben«, erklärte Scotty, »ist ein Zylinder mit einem Durchmesser von zehn Kilometern und einer Länge von fast fünfundzwanzig Kilometern. An jedem Ende befinden sich drei Fusionsanlagen. Eine von ihnen arbeitet vielleicht noch. Die Wärmeabstrahlung zeigt einen schwachen Betrieb an – entweder das oder die Anlage ist erst kürzlich abgeschaltet worden –, aber ich glaube, daß sie noch in Betrieb ist, weil ein ausgeklügeltes Wärmeaustauschsystem noch arbeitet; sie verwenden Wasser, um die Restwärme durch die Schiffswand zirkulieren zu lassen.« In Scottys Stimme schwang Bewunderung mit für die Konstrukteure, die bereits seit Jahrhunderten tot waren. Auf dem Bildschirm leuchtete die künstlich erzeugte Abbildung rot auf, um den Standort des noch arbeitenden Fusionsreaktors und die Umrisse des Zirkulationssystems auf dem Schiff anzuzeigen, das sich bis zum Mittelpunkt des Zylinders erstreckte. »Aber nur eine Hälfte des Schiffes wird auf diese Weise geheizt, wie Sie sehen können«, sagte Scotty. »Die andere Hälfte, in der keine der Anlagen mehr arbeitet, ist kalt. Wenn überhaupt noch Wärme in den hinteren Teil des Schiffes gelangt, dann nur das, was vom vorderen, beheizten Teil durchsickert.« Kirk nickte nachdenklich. Spock trat einen Schritt vor und sagte: »Offensichtlich hatten sich die Erbauer dieses Schiffs die Funktionsweise nicht so vorgestellt.«
»Oh, nein«, sagte Scotty. »Das Schiff wird von einer Reihe von Ionentriebwerken gesteuert. Sehen Sie diese vierundzwanzig Säulen, die längs durch den Zylinder verlaufen? Das sind die magnetischen Röhren. Je nach Steuerungsprogramm können sie in jeder Richtung verwendet werden. Genauso klug durchdacht ist, daß das Schiff die gleiche Anzahl von vierundzwanzig Schubleistungstriebwerken an jedem Ende besitzt. Sie können die Geschwindigkeit in einer Flugbahn erhöhen und herabsetzen, ohne daß das Schiff einen Rundflug über den Mittelpunkt machen muß.« Wieder grinste Scotty bewundernd. »Meiner Meinung nach sind zwei Fusionsaggregate nötig, um diese Maschinen zu betreiben und mindestens ein weiterer Reaktor, um Energie für die lebenserhaltenden Funktionen des Schiffes bereitzustellen. Das ist der Reaktor, der jetzt arbeitet. Die Antriebsanlagen sind ausgefallen, wahrscheinlich schon seit einiger Zeit, denn das ganze System ist kalt. Ich meine kalt, Captain. Dort ist kaum noch Restwärme feststellbar. Sie treiben offensichtlich seit langer Zeit im All herum. Legt man die wahrscheinlichste Menge an Wärmeabstrahlung zugrunde, so sind diese Maschinen schon über ein Jahrhundert abgestellt.« »Über ein Jahrhundert!!« Das war Chekov, der sich umdrehte und Scotty mit überraschtem Gesichtsausdruck anstarrte. »Ja«, nickte der Chefingenieur. Kirk erhob langsam eine Hand und unterbrach sie. »Ich schätze Ihr… äh, Interesse, Mr. Chekov, aber als Navigationsoffizier könnten Sie Ihre Talente besser unter Beweis stellen, indem Sie den Kurs des Schiffes zurückverfolgen und nach dem Planeten suchen, von dem sie stammen. Mit dem Wissen, daß sie seit mindestens hundert Jahren herumtreiben, sollte es Ihnen möglich sein, herauszufinden, wo sie sich befanden, als ihre Energie zu Ende
ging. Und wenn Sie die Spur von da aus zurückverfolgen, sollten Sie zu einigen Vermutungen gelangen.« »Die Sache ist nicht so einfach, Captain Kirk«, sagte Chekov mit seinem starken Akzent. »Je mehr Systeme sie seit ihrem Start besucht haben, um so schwieriger wird das Ganze – aber ich werde versuchen, es herauszufinden!« Hastig fügte er hinzu: »Wenn es möglich ist, es herauszufinden.« Kirk verbarg seine Belustigung, indem er sich zu Mr. Scott umdrehte. »Machen Sie weiter, Scotty.« »Also, wie Sie im Vergleich der Abbildung mit dem wirklichen Schiff sehen können, sind dem Grundzylinder viele Dinge hinzugefügt worden; dieser riesige Ring um das Mittelstück beispielsweise, der ihn wie ein Rad aussehen läßt. Das sieht verdächtig nach dem Ring eines Wasserstoffstrahltriebwerks aus. Und wenn es eines ist, dann verwendeten sie ihre Ionenantriebswerke nur, um Antriebsgeschwindigkeit zu erreichen und schalteten dann um. Aber wenn das der Ring für ein Strahltriebwerkssystem ist, was passierte dann mit dem System?« Kirk rieb sein Kinn, während er nachdachte. Er fand jedoch keine Antwort darauf. »Wie steht es mit Eingängen, Scotty?« »Hm, es gibt mehrere – aber Mr. Spock hat sich dazu Gedanken gemacht.« Kirk drehte sich in seinem Stuhl herum. »Mr. Spock?« Der Halbvulkanier und Wissenschaftsoffizier nickte seinem Captain zu. »Wenn sie sich erinnern, Captain, ich habe eine Hypothese über die Schwächen in der Weltanschauung der Bewohner und die Dogmen, die notwendig wären, um eine solche Weltanschauung zu stützen, aufgestellt. Außerdem darüber, welches Potential für mögliche Feindseligkeiten dadurch erzeugt wird. Ich schlage vor, daß wir unmittelbaren Kontakt mit wem oder was auch immer im vorderen Teil des Schiffes vielleicht noch am Leben ist, vermeiden, indem wir
durch das Heck eindringen. Das wird uns die Möglichkeit geben, uns ein Bild von der Lage zu verschaffen, bevor wir uns für ein bestimmtes Vorgehen entscheiden müssen.« »So etwas wie… zuerst bei den Nachbarn durch’s Fenster schauen, bevor man an eine Türe klopft?« »Wie bitte?« Spock sah verwirrt aus, ordnete die Bemerkung dann aber schnell als umgangssprachlichen Ausdruck ein. »Ich glaube, das ist es, was ich sagen wollte, Captain.« Kirk war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, um sich über Spocks Verwirrung zu amüsieren; er sah sich nochmals die Abbildung auf dem Bildschirm genau an. Er bemerkte, daß er geistesabwesend auf dem Knöchel seiner rechten Hand herumbiß und zwang sich, seine Hand herunterzunehmen. Statt dessen begann er, auf der Armlehne herumzutrommeln. Das Problem war, sagte er zu sich selbst, bei jedem Schritt überlegt und vorsichtig vorzugehen – der ganze Verlauf erschien dadurch so mühsam und frustrierend. Sogar wenn Ereignisse in halsbrecherischer Geschwindigkeit abliefen, was fast immer der Fall war, machten gerade der ununterbrochene Entscheidungsprozeß – und die notwendigen Überlegungen dazu – diese Aufgabe zu einer Herausforderung. Aber es gab auch Zeiten – erschreckend kurze Momente – in denen nicht sofort eine klare Lösung für ein Problem zu finden war, jedenfalls nicht für ihn, aber schnell eine Entscheidung getroffen werden mußte. In solchen Momenten – wenn er zwar verschiedene Lösungen sah, aber nicht wußte, welche davon er bevorzugen sollte, – war er am meisten abhängig von der Klugheit und Erfahrung seiner Berater. Jetzt war einer dieser Momente gekommen. Nichts würde geschehen, bis er eine Entscheidung getroffen hatte und er, Captain James. T. Kirk vom Sternenschiff Enterprise, mußte einen Teil seiner Verantwortung an einen anderen abgeben.
Glücklicherweise war diese andere Person Commander Spock, dessen Auffassungen im allgemeinen außergewöhnlich waren; aber schon dieses kleinste bißchen Machtverlust reichte aus, um Kirk zu zermürben. Er bemerkte plötzlich, daß jeder auf der Brücke darauf wartete, daß er etwas sagte. Er sah sich aufmerksam um und meinte dann: »Ja, ich stimme Ihnen zu. Lassen Sie uns also mit dem nächsten Schritt in dieser Richtung weitermachen. Schicken Sie eine Mannschaft runter, Mr. Scott.« »Aye, Captain – wir werden sie auf dem Heck absetzen. Und die ersten beiden werde ich mit einer Raumfähre hinschicken, um die TCP* -Einheit an dieser Stelle zu verankern. Wenn ich zuerst eine Koordinations-Plattform nach unten bringe, wird es keine Transporterprobleme geben.« »Richtig.« Kirk nickte und ging zu seinem eigenen Platz auf der Brücke zurück, um sowohl die Vorbereitung der Raumfähre als auch der Koordinations-Plattform anzuordnen. Die Raumfähre erreichte langsam das riesige Schiff; ein weiteres Beispiel für Kirks überlegtes und vorsichtiges Vorgehen. Fähnrich Kelly saß am Steuer; Praktikant N’Komo war ihr Copilot. Kirk befand sich immer noch auf der Brücke der Enterprise und beobachtete alles von seinem Kommandound Kontrollsessel aus. Das Rendezvousmanöver selbst war eine einfache Aufgabe; Kirk hatte seine beiden rangniedrigen Offiziere damit beauftragt, um zu sehen, wie gut sie der Verantwortung gewachsen waren. Er nickte anerkennend, als Fähnrich Kelly die Raumfähre in eine Position direkt hinter dem Schiff auf dieselbe Rotationsachse brachte und eine Drehbewegung einleitete, die genau mit der Umlaufbewegung *
TCP = Transporter Coordinating Platform = Transporter-KoordinationsPlattform
des größeren Schiffes übereinstimmte. Der große Zylinder mit seinem Rad, das wie ein Gürtel um ihn lag, und die winzige Raumfähre wirbelten gemeinsam im Kreis, als ob sie um eine riesige Spindel gewickelt wären, aber sie waren nicht verbunden. Tatsächlich war es wohl das reinste Nichts, das in diesem oder einem anderen Universum vorhanden war. »Aye«, sagte Scotty, »die hat ein gutes Auge dafür.« Er wandte sich wieder seinem Steuerpult zu. »Lassen Sie die Sonde runter.« Eine kleine Luke öffnete sich am Bug der Fähre. Ein Gerät, das wie eine Spinne aussah, glitt heraus und zog eine silberne Leine hinter sich her. Es bewegte sich ständig vorwärts, auf das Heck des riesigen Schiffes zu, geradewegs in das Zentrum seiner Rotation, der Südpolachse, hinein. Die Sonde berührte das Heck, schien einen Augenblick lang zu zögern und verankerte sich dann selbst. Das Ende der Leine blieb an dem riesigen Schiff befestigt, die Spinne aber begann, zur Raumfähre zurückzuklettern. »Aye, gut…« atmete Scotty erleichtert auf. Er drehte sich zu Kirk um. »Der Kontakttrupp hat sich bereits zur Raumfähre hinübergebeamt, Captain.« Kirk nickte bestätigend. »Sie können weitermachen, Scotty.« Einige Augenblicke später begann sich die Spinne wieder der Leine entlang auf das fremde Schiff zuzubewegen. Diesmal waren zwei Gestalten in Raumanzügen und eine TCP-Einheit an ihr verankert: Mannschaftsmitglied Zweiter Klasse Micah Omara und Mannschaftsmitglied Erster Klasse Ussef Stokely. Die TCP-Einheit hieß George. Die Männer blieben an der Fangleine verankert, als sie die Außenwand des fremden Schiffes berührten. Sie sicherten sofort die TCP-Einheit und aktivierten sie. Auf der Brücke bemerkte Scotty eine Reihe von grünen Lichtern, die
Betriebsbereitschaft anzeigten, und wandte sich zu Kirk um. »Wir haben jetzt den Transporter bekommen, Captain.« »Gut. Der Rest des Forschungsteams soll sich umziehen und bereitmachen.« Er berührte den Kommunikationsknopf auf seiner Armlehne. »Mr. Stokely, Mr. Omara, das war gute Arbeit. Sie können mit der vorläufigen Untersuchung der Schiffsaußenwand beginnen.« »Aye, aye, Sir.« Dann schalteten beide ihre Helmkameras an und gefestigten ihre Halteleinen an der Verankerung; dann machten sie ihre Sicherheitsschlingen von der Verankerung los. Da sich die Verankerung im Rotationszentrum befand, waren sie hier schwerelos; »unten« konnte jede Richtung vom Zentrum aus sein. Und je weiter man sich fortbewegte, um so mehr wurde es »unten«. Stokely und Omara waren zwei menschliche Fliegen auf einem Metallteller in einer rotierenden Nacht; während sie sich aus dem Zentrum herausarbeiteten, verstärkte sich allmählich der Eindruck, daß sie sich an einer riesigen Wand befanden. Sie waren wie zwei Bergsteiger, die sich einen immer steiler werdenden Hang hinunterarbeiteten – während die Empfindung der Schwerkraft mit jedem Schritt zunahm. »Schau nicht runter«, warnte Stokely. »Das ist schwankender Boden unter den Füßen.« Sie arbeiteten sich zu einer der eingedämmten Kuppeln vor, die Scotty als Fusionsanlagen identifiziert hatte. Sie waren in einem gleichseitigen Dreieck um das Schiffsheck angeordnet. Direkt »unter« ihnen schimmerten Lichter auf der Transporter-Koordinations-Plattform, und zwei weitere Gestalten in Raumanzügen tauchten auf, die sofort nach dem Geländer der Plattform griffen, nachdem sie sich materialisiert hatten. Sie verankerten ihre Halteleinen, wie Stokely und Omara es getan hatten und begangen, sich nach außen und unten zu einer der anderen Fusionskuppeln vorzuarbeiten.
Zwei weitere Gestalten fingen fast unmittelbar darauf an, sich zu materialisieren. Auf der Brücke der Enterprise wurden die Bilder, die von den einzelnen Helmkameras aufgenommen wurden, nun von zusätzlichen Bildschirmen übertragen. Die metallische Oberfläche des fremdartigen Schiffes leuchtete nur unter dem Licht der verschiedenen Sondenstrahler und der Enterprise auf. Mr. Spock sah plötzlich von seiner Wissenschaftsstation hoch. »Captain?« Kirk sah zu ihm hinüber. »Spock?« »Das zweite Team hat Mikrofone an der Außenwand des Schiffes angebracht. Ich glaube, Sie sollten sich das anhören.« Er berührte einen Knopf auf seinem Schaltpult und die Geräusche wurden auf der gesamten Brücke verstärkt, Geräusche von Maschinen und andere Töne vermischten sich miteinander: ein mechanisches Surren herrschte vor, etwas Hohes und Winselndes überlagert vom weichen Säuseln von Luft, die in Bewegung war, und einem Geräusch wie von einem Wasserfall. Und ein anderes, leiseres Geräusch, ein tiefes Poltern und etwas Gurgelndes, und etwas, das wie das Tuckern eines altmodischen Motors klang und sehr weit weg, sehr schwach und entfernt, ein Klang wie… Stimmen? Ein entfernter chaotischer Chor. »Es sieht so aus, als ob doch jemand zu Hause ist…« Kirk drehte sich herum, um Uhura anzusehen. »Leutnant Uhura, gibt es schon etwas?« Sie schüttelte ihren Kopf, während sie mit einer Hand das Feinbergergerät in ihrem Ohr berührte. »Tut mir leid, Captain. Immer noch keine Antwort. Ich versuche es weiter.« »Captain – « Das war Scotty. »Wir haben etwas auf der Außenwand gefunden – « Das wacklige Bild auf dem vorderen Bildschirm – es wurde von einer Helmkamera übertragen – zeigte einen tiefen Kreis
auf der Außenwand des Schiffes. Eine Türöffnung. Das Bild schwoll an, als der unsichtbare Träger sein Gesicht so dicht wie möglich an das Glas brachte. Eine gedruckte Zeile auf dem unteren Rand des Bildschirms identifizierte den Träger als Mannschaftsmitglied Stokely. Er leuchtete mit seinem Strahler direkt in die Türöffnung hinein, richtete ihn hierhin und dorthin und versuchte, Einzelheiten auf der anderen Seite der Scheibe zu erkennen. Der Lichtstrahl verschwand in der Dunkelheit – – dann, unerwartet und erschreckend, war da plötzlich etwas am Fenster und starrte sie an. Ein Gesicht, grotesk verzerrt durch die Glasscheibe – mit dem Kopf nach unten und einem fast unbeschreiblichen Gesichtsausdruck – die Augen waren aufgerissen vor Erstaunen oder Entsetzen und rollten hin und her, um von einer der Gestalten im Raumanzug zur anderen zu starren; der Mund war vor Schrecken geöffnet – und die Haut des Wesens war dunkel, faltig und mit verfilzten Haar besetzt. Dann, fast genauso plötzlich, war das Gesicht verschwunden, und sie starrten auf eine leere Türöffnung. Auf der Brücke der Enterprise hatte sich Kirk halb aus seinem Stuhl erhoben; jetzt setzte er sich wieder zurück. »Scotty«, sagte er ruhig, »beamen Sie einen Schneidelaser und eine transportable Schleusenkammer hinüber. Wir gehen hinein. Leutnant Uhura, spielen Sie das Band nochmals ab.« Noch einmal füllte die Türöffnung den Bildschirm aus. Noch einmal erschien das Angst einjagende Gesicht darauf. »Da, frieren Sie es ein«, befahl Kirk. »Nun drehen Sie das Bild, bis das Gesicht von der richtigen Seite her zu sehen ist.« Auf dem riesigen vorderen Bildschirm war das rätselhafte Gesicht mit einem Ausdruck von Bestürzung und Erschrecken eingefroren – aber in diesem Gesichtsausdruck spiegelte sich der der Männer und Frauen auf der Brücke der Enterprise. Die
Bewohner des fremden Schiffes waren Menschen – es war nicht zu leugnen und unglaublich – Menschen!
6
Eine transportable Schleusenkammer ist beim Anbordgehen eines unbekannten Schiffes vorgeschrieben, wenn die Verwendung eines Transporters aus dem einen oder anderen Grund nicht ratsam erscheint. Ohne eine direkte Einladung an Bord eines Schiffes zu gehen, gilt als Verstoß gegen die Weltraumetikette. In den Fällen aber, wenn einem Captain der Sternenflotte nichts anderes übrigbleibt, als diesen Schritt zu unternehmen, ist es ein noch größerer Verstoß gegen die Etikette, die Integrität des anderen Schiffes dadurch zu verletzen, indem man seine Außenwand beim Anbordgehen zum offenen All hin aufbricht. Tatsächlich ist ein solches Vorgehen von einigen Kulturen sogar als feindseliger Akt betrachtet worden und daher nicht besonders empfehlenswert. In solchen Situationen ist die transportable Schleusenkammer daher die geeignetste Lösung. Die Einheit selbst ist ein großer, aufblasbarer Plastiksack mit einer weiten Öffnung an dem einen Ende und einer luftdichten Tür am anderen Ende. Die Öffnung der Pseudoblase wird rasch an der Außenwand des Schiffes versiegelt. Wenn die Außenwand vom Inneren des Sacks aus eröffnet wird, füllt die Atmosphäre aus dem Schiffsinneren die transportable Schleusenkammer aus. Das führt natürlich zu einem geringen Druckabfall innerhalb des aufgebrochenen Schiffes, aber das ist immer noch besser, als die Luft ins Vakuum ausströmen zu lassen. Je größer das Schiff ist, um so weniger macht sich der Druckabfall bemerkbar; tatsächlich ist bei allem, was größer als eine Vergnügungsyacht ist, die Gesamtveränderung des Drucks vernachlässigbar.
Die transportable Schleusenkammer verschafft unmittelbaren Zugang zur Atmosphäre des aufgebrochenen Schiffes. Wenn die Gaszusammensetzung, Spurenelemente, Temperatur, Ionisierung, Feuchtigkeit und Luftdruck bestimmt – und angeglichen – sind, kann ein direkter Zugangsschlauch angeschlossen werden. In der Zwischenzeit muß nach dem Füllen der Schleusenkammer mit Luft als dringendste Maßnahme eine luftdichte Tür in das Loch eingebaut werden, das zuvor in die Außenwand des Schiffes geschnitten worden ist; eine weitere Sicherheitsmaßnahme, die sowohl der gesunde Menschenverstand als auch die Sicherheitsvorschriften der Sternenflotte bei Erstkontakt vorschreiben. Wenn das alles durchgeführt ist, kann die Schleusenkammer endlich ihren Zweck erfüllen, und einzelne Personen können durch die Außentür in die Luftblase hineingehen und von dort aus das Schiff selbst betreten. Nach den Vorschriften der Sternenflotte mußte bei diesem speziellen Kontaktverfahren zuerst der Zugangsschlauch angeschlossen werden, bevor das Schiff betreten werden durfte. Kirk war fast zu ungeduldig, um den Anschluß des Schlauchs von der Raumfähre an die transportable Schleusenkammer abzuwarten. Wenn sie angeschlossen war, konnte sich der Rest des Kontakttrupps direkt zur Raumfähre hinüberbeamen und dann den Zugangsschlauch benutzen und direkt in das fremde Wrack (?) hineingehen, ohne daß sie sich dazu vorher umziehen mußten. Aber das Gesicht am Fenster – das ließ ihn zögern. Fliegendreck. Das war zweifellos ein Beispiel für einen »FliegendreckVorfall«: In der Sternenflottenakademie werden neue Rekruten auf der Lunarstation beauftragt, einen Raumanzug anzulegen und mit einem Geländewagen fünfzig Kilometer südlich zur Feuchtigkeitsgewinnungsanlage zu fahren und anschließend
zurückzukehren. Dem Anschein nach wird dabei getestet, ob der Kadett fähig ist, einen persönlichen Auftrag sicher auszuführen. In Wirklichkeit wird seine Fähigkeit getestet, mit dem Unerwarteten fertig zu werden. Wenn der Rekrut den immer im Schatten liegenden Gernsback-Krater erreicht und sich auf der inneren Böschung bergabwärts bewegt, wird er schnell die Bildung von etwas, das ihm wie eine Ansammlung von Fliegendreck erscheint, auf dem Gesichtsschild seines Helms bemerken. Die meisten Kadetten bemerken die Flecken auf ihren Helmen erst, nachdem sie zwei- oder dreimal versucht haben, sie abzuwischen; dann fangen sie an, sich zu wundern. »Fliegendreck?!! Auf dem Mond?!!« Natürlich ist die Antwort klar. Die Räder des Geländewagens werfen winzige Körnchen von Mondstaub auf, die im Niederschlag der Feuchtigkeitsanlage Klumpen gebildet haben. Aber natürlich wird jemand, der die besonderen und eigenartigen Bedingungen nicht versteht, unter denen es in einer Mondlandschaft zur »Ausfällung« kommen kann, nicht in der Lage sein zu begreifen, was es mit dem Fliegendreck auf dem Gesichtsschild seines Helms auf sich hat. Er wird vergeblich versuchen, ihn zu säubern. In dieser Situation gibt es mehrere Möglichkeiten, wie ein Kadett reagieren kann: Er kann zur Basis zurückkehren. Er kann die Fahrt zur Feuchtigkeitsanlage fortsetzen und die unaufhörliche Bildung von Fliegendreck ignorieren. Oder er kann anhalten und Bericht erstatten. Letzteres wird verächtlich als »Hilferuf« bezeichnet. Kadett James T. Kirk hatte einfach den Geländewagen angehalten, war ausgestiegen, hatte sich kurz die Räder angeschaut, war zur Rückseite des Geländewagens gegangen, hatte zwei Platten aus biegsamem Kunststoff und eine Heftklammerpistole herausgenommen und behelfsmäßige Kotflügel auf die Räder des Geländewagens markiert. Bevor er wieder einstieg, war er nochmals um den
Wagen herumgegangen und hatte ihn betrachtet. Befriedigt darüber, daß er nichts übersehen hatte, war er wieder hineingeklettert und hatte seinen Weg zur Station fortgesetztnur ein bißchen langsamer als vorher. Die Ausbilder, die die Kadetten beurteilten und ihn durch das hochleistungsfähige Teleskop der Feuchtigkeitsanlage beobachtet hatten, gaben ihm eine hohe Punktzahl für Verständnis und Anpassungsfähigkeit in unbekannten Situationen. Niemand, der bei diesem Test durchfällt, wird jemals zum Kommandanten eines Sternenschiffes ernannt werden. Für diese Leute gibt es andere Positionen in der Sternenflotte; die Ernennung zum Kapitän eines Schiffes der Sternenflotte gebührt nur den Männern, die unbekannten und unerwarteten Situationen gewachsen sind. Die Männer, die den Test bestanden haben, müssen Verschwiegenheit schwören; der »Fliegendreck-Vorfall« ist ein vertrauter Begriff unter den Angehörigen der Führungsschicht und bezieht sich auf das unerwartete Ereignis, das nicht mit dem Verstand vorausgesagt werden kann und alle vorherigen Hypothesen über ein Problem völlig über den Haufen wirft. »Insektendreck-VorfallEreignis« verlangt eine sofortige Neueinschätzung der möglichen Vorgangsweisen, einschließlich der Möglichkeit, daß man es mit einer Unterbrechung des rationalen Denkvermögens zu tun haben könnte. Der »FliegendreckVorfall« wird bisweilen auch »eine Überraschung« genannt. Unvernünftigerweise jagte ein bestimmter Gedanke in Kirks Kopf herum. Was auch immer von diesem Augenblick an geschah, welche Erklärung es für die Existenz dieses Wracks gab, dieser einzigartige Moment – das Gesicht am Fenster – würde einer von den Augenblicken sein, über die am meisten geschrieben werden würde; nicht nur in den Geschichtsbüchern für das Laienpublikum, sondern auch und gerade in den Lehrbüchern für Kadetten an der Akademie. Wie
er und die Besatzung der Enterprise in den nächsten Stunden und Tagen vorgingen und welche Entscheidungen sie trafen, würden unzählige Generationen von Raumfahrtstudenten genau untersuchen. Das war eine belastende Erkenntnis. Nichts läßt eine Entscheidung so ungeheuerlich erscheinen wie die Geschichte, die einem dabei über die Schulter schaut. Logischerweise wollte er die Situation in Ruhe überdenken – aber logischerweise wußte er schon, daß es keine logische Einschätzung gab. Während seiner langen Zusammenarbeit mit Mr. Spock hatte er etwas über Logik und ihre Beziehung zu Entscheidungen gelernt. Dies war eine der Situationen, in der die schlechteste Vorgangsweise sein könnte, zu lange zu zögern. Was für intelligente Wesen sich auch immer auf diesem Schiff befanden, sie konnten es nicht wagen, ihnen Zeit zu geben, eine feindliche Reaktion vorzubereiten. Andererseits konnte ein unüberlegtes Stürmen des Schiffes auch Feindseligkeit bei seinen Bewohnern hervorrufen. Aber dritterseits (wie Leutnant Arex sagen würde)… war die transportable Schleusenkammer schon angebracht und mit Luft gefüllt, und der Zugangsschlauch wurde gerade an dem dafür vorgesehenen Platz versiegelt. Tatsächlich hatte er seine Entscheidung schon getroffen. James T. Kirk hatte den Ruf, dort vorzustürmen, wo die Andorianer sich fürchten, ihren Fuß aufzusetzen, und daß diese Schwäche ihn wahrscheinlich eines Tages umbringen würde – aber als er zum Transporter-Raum voranging, erinnerte er sich selbst: »Ich werde keines meiner Besatzungsmitglieder irgendwohin schicken, wohin ich nicht selbst gehen würde.« Das war seine übliche Rechtfertigung dafür, sich in jeder neuen Situation aktiv an vorderster Front zu beteiligen, und manchmal nahm er sogar die Aufgaben des Kontakttrupps vorweg.
Sobald die transportable Schleusenkammer in Betrieb war, wurde eine Flaschenprobe mit Luft aus dem fremden Schiff zur Raumfähre zurückgebracht, um zur Analyse in die Enterprise gebeamt zu werden. Bis der Zugangsschlauch an der Schleusenkammer versiegelt war, würde die genaue Zusammensetzung der Gase und Spurenelemente bekannt sein. Da mit Feindseligkeiten zu rechnen war, war es unbedingt erforderlich, einen schnellen Fluchtweg durch den Zugangsschlauch vorzubereiten. In einem Notfall wird ein Zugangsschlauch direkt an einer Luke des beschädigten Schiffes angebracht oder, wenn keine Luke zur Verfügung steht, an einer »Türschachtmarkierung« auf der Außenwand, wo es möglich ist, einen Notfallausgang herauszuschneiden. Aber das hier war kein Notfall. Für eine Situation wie diese gab es besondere Verfahren, die entwickelt worden waren, um dem Captain eines Sternenschiffes flexibles Handeln zu ermöglichen. Der Zugangsschlauch war ein durchsichtiger Kunststoffschlauch, groß genug für ein durchschnittliches, empfindungsfähiges Wesen, um hindurchzugehen; er war mit einer Glasfaserspirale gerippt, um ihm Festigkeit und Formbeständigkeit unter wechselnden Druckbedingungen zu geben. Er führte vom Bug der wirbelnden Raumfähre zu einem Punkt fast viereinhalb Kilometer von der Rotationsachse entfernt. Das Schiff selbst hatte einen Durchmesser von fast zehn Kilometern und eine Länge von vierundzwanzig Kilometern. Die Speichen des Rades, die um sein Mittelstück angebracht waren, erstreckten sich zehn weitere Kilometer vom Schiffsrumpf nach außen. Und wenn Scottys Vermutung richtig war, so war das alles nur der Überrest eines größeren Gebildes. Interessanterweise hatte Spock berechnet, daß die Simulation der inneren Schwerkraft, die durch die Wirkung der Zentrifugalkraft entstand, von einem Individuum, das auf der
Innenseite des wirbelnden Rumpfes stand, mit einem Wert von annähernd 1,75G empfunden werden würde. Eine Schwerkraft, wie sie auf der Erde herrschte, würde man etwas näher am Rotationszentrum des Schiffes vorfinden. An der Stelle, an der sie den Zugangsschlauch angeschlossen hatten, betrug der Wert der Schwerkraft 1,33G. Der Zugangsschlauch war in einem Winkel von 45 Grad am Schiff angebracht, so daß sein Ansatzstück als Treppe diente. Kirk ging als erster durch den Zugangsschlauch, dicht gefolgt von Spock. Sie zogen sich rasch am Geländer entlang, bis die Empfindung der Schwerkraft stark genug wurde, um die Treppen »hinunterzuhüpfen«, wobei sie zwei oder drei auf einmal nahmen; schließlich zwang die ständig zunehmende Anziehungskraft sie aber, langsamer zu werden und in einem vorsichtigeren Tempo weiterzugehen. Das Gefährliche daran, in einem Zugangsschlauch, zu stürzen, ist, daß die Anziehungskraft auf einen fallenden Körper zunimmt und ihn immer schneller werden läßt. Durch einen unvorsichtigen Schritt sind schon Leute ums Leben gekommen; aus diesem Grund gab es alle zehn Meter Sicherheitsnetze. Unten führten die drei Mitglieder des Installationstrupps – die sich immer noch in der versiegelten Raumfähre befanden – ihre letzten Sicherheitskontrollen an der neuen Luke durch. Hinter ihnen, im Vordeck des Zugangsschlauches, bereiteten Stokely und Omara die Kontakttruppausrüstung für sich selbst und die beiden hochrangigen Offiziere vor, die ausgewählt worden waren, sie zu begleiten. Als Kirk und Spock vorsichtig aus dem Treppenschacht des Zugangsschlauchs in das Vordeck stiegen – sie akklimatisierten sich gerade an die um ein Drittel höhere Schwerkraft – ging Stokely auf sie zu und händigte jedem von ihnen einen Phaser und einen Kommunikator aus; Spock gab er einen wissenschaftlichen Tricorder, der bereits genau einjustiert war.
Kirk nickte und wandte sich dem Installationstrupp zu, der noch in der Schleusenkammer arbeitete. »Wie lange dauert es noch, bis wir es öffnen können?« funkte er hinüber. Durch die transparente Wand konnte er die Kadettin mit dem Prüftricorder sehen. Sie schüttelte ihren Kopf. Kirk erkannte die Frau nicht; sie mußte eine der neuen Praktikantinnen sein. Sie funkte zurück: »Wir warten auf die Analysen, um die Atmosphäre anzugleichen.« Aber noch während sie redete, piepste ihr Kommunikator; es war das Analysenlabor. »Sind Sie sicher, daß diese Atmosphärenprobe aus diesem Schiff stammt?« »Ich habe sie selbst entnommen. Warum?« »Weil es Luft ist.« »Luft?« »Richtig. Sauerstoff, Stickstoff und Spurenelemente.« Die Kadettin sah verwirrt aus. Kirk und Spock wechselten einen Blick. Kirk dachte, daß er eigentlich überrascht sein müßte, aber er war es nicht. Nicht nach diesem Gesicht am Fenster. Irgendwie… schien diese auffallend kleine Überraschung genau richtig zu sein. Das Analysenlabor sagte gerade: »Oh, es gibt einige kleine Unterschiede zwischen ihr und der normalen Erdatmosphäre; der Druck ist ein bißchen niedriger, eine geringfügig andere Zusammensetzung der Spurenelemente und so weiter; aber die Gesamtzusammensetzung ist sehr wohl innerhalb der Grenzwerte und erreicht fast das Optimum der Justman-Kurve – und die verbleibende Differenz könnte leicht eine Folge spezifischer, lebenserhaltender Anpassung sein – aber Sie können die Luft unbesorgt einatmen. Es ist nur zu beachten, daß sie eine geringfügig höhere Konzentration an CO2 enthält, so daß ich vorschlagen würde, zusätzliche Sauerstoffflaschen zusammen mit Energie-Rationen mitzunehmen; Sie werden da drin schneller ermüden – besonders bei diesem Wert von
1,33G. Aber abgesehen davon gibt es keinen Grund dagegen, die Tür einfach zu öffnen und reinzugehen.« Kirk und Spock sahen sich noch einmal an. Kirk sah sich in der Kammer um, der transportablen Schleusenkammer mit ihrer neuinstallierten Luke am einen Ende und der Luke zum Treppenschacht am anderen Ende, so daß sie auch als Notfallschleusenkammer dienen konnte. Er sah durch die Wände auf den Zugangsschlauch selbst, die entfernte Raumfähre, die Transporter-Koordinations-Plattform hoch an der Wand über ihnen – all die sorgfältigen Vorkehrungen, die sie getroffen hatten, um die Unversehrtheit der Atmosphäre an Bord des Schiffes zu erhalten – und sie grinsten sich an. Manchmal sind alle diese Vorkehrungen im Weltall – oh, nur nicht darüber nachdenken. »Öffnen«, befahl er.
7
Sie betraten die Schleusenkammer und öffneten die Luke durch einen Druck auf die Schalttafel. Drei grüne Lampen leuchteten Betriebsbereitschaft signalisierend auf, und die drei ineinander übergehenden Sicherheitstüren öffneten sich geräuschlos. Der Raum vor ihnen lag im Dunkeln. Ein leicht modriger Geruch wehte aus der Öffnung herüber. Omara bewegte sich vorsichtig mit einer Weitwinkelleuchte darauf zu; er neigte sich nach vorn und suchte die Dunkelheit ab. Sie konnten einen Raum erkennen, der nicht größer war als die Schleusenkammer, in der sie standen. An den Wänden war nichts Besonderes zu erkennen. An der gegenüberliegenden Wand gab es eine Tür. Kirk runzelte nachdenklich die Stirn. »Sehen Sie sich die Dicke der Außenwand an, Spock.« »Offensichtlich kannten die Konstrukteure noch keine Schutzschilde für Metall, das unter einer starken Beanspruchung steht; was bedeuten würde, daß sie auch keine Kenntnisse über die Abschirmung von Spannungsfeldern besaßen. Aber das war zu vermuten. Wenn sie Kenntnisse der Spannungsfeldphysik hätten, müßten sie auch einen Hyperlichtgeschwindigkeitsantrieb besitzen.« Nachdenklich fügte er hinzu: »Dieser Schiffsrumpf bildet wahrscheinlich nur eine äußere Schale. Ich wäre nicht überrascht, noch mindestens eine oder sogar mehrere innere Schalen zu finden.« Kirk bestätigte die Bemerkung mit einem Nicken. Er hatte genau das gleiche gedacht. Die Konstruktion dieses Schiffes erwies sich als ausgeklügeltes System von Feinheiten auf einer ursprünglich primitiven Konstruktion. Stokely schnüffelte. »Die Luft riecht verbraucht… muffig.«
»Es ist sicher genug, Männer.« Kirk schritt durch die offene Luke und schaltete dabei seine eigene Handstrahlerleuchte ein. Der Raum war unauffällig und grau. Spock ging geduckt durch die Luke und tastete die Umgebung mit seinem Tricorder ab, gefolgt von Stokely und Omara; sie hatten schon ihre Raumanzüge abgelegt. Stokely war groß und stattlich, Omara klein und dunkelhäutig. Trotz ihres unterschiedlichen Aussehens waren sie einer der besten Kontakttrupps der Sternenflotte. Nun bewiesen sie es. Während Omara schnell im Raum die Runde machte und ihn fachmännisch abtastete, bewegte sich Stokely auf die Tür in der gegenüberliegenden Wand zu. Es gab dort keinen elektronischen Schalter, um sie zu öffnen. Sie hing in einer Metallschiene und war mit einem mechanischen Riegel eingeklinkt. Stokely griff nach dem Schloß und drehte es im Uhrzeigersinn; es gab einen kurzen Widerstand, dann öffnete es sich klickend. Stokely hielt an und starrte dann auf das Schloß, während er über die Bedeutung dessen, was er gerade getan hatte, nachdachte. Er hatte die Tür geöffnet. Ein bißchen zu leicht. Das Schloß hatte sich genau in der richtigen Höhe befunden und sich im Uhrzeigersinn geöffnet, so wie die meisten von Menschen entworfenen Schlösser. Er hatte so sicher gewußt, wie es zu öffnen war, als ob er mit Türen der gleichen Bauweise aufgewachsen wäre. Er sah etwas verblüfft aus, als ihm das klarwurde. Kirk und Spock warfen sich einen Blick zu. Alles paßte zusammen. Kirk begann etwas Bestimmtes zu vermuten… »Machen Sie weiter«, sagte er und schnallte seinen Phaser ab. »Öffnen Sie die Tür.« Die Tür blieb einen Moment lang hängen und quietschte dann protestierend, als Stokely sie aufstieß. Omara ging dicht hinter ihm, um den Raum dahinter auszuleuchten.
Der zweite Raum war größer als der erste, aber genauso unauffällig und grau. Am gegenüberliegenden Ende gab es eine weitere Gleittüre, aber diese stand offen. Der Raum dahinter lag in der Dunkelheit verborgen. Vorsichtig bewegten sie sich darauf zu, während Spock seinen Tricorder wie einen Schutzschild vor sich hielt. Stokely schnallte seine eigenen Strahlleuchte ab, und nun erforschten drei Lichtquellen die Dunkelheit. Kirk erhob eine Hand und gebot Schweigen. »Hört mal…« Sie zögerten. Omara fragte: »Wasser…?« Tatsächlich war der Boden hier feucht und vom Korridor her kam unaufhörlich das Geräusch fallender Wassertropfen. Plötzlich eine Bewegung in der Dunkelheit – Sie wirbelten mit schußbereiten Phasern herum – »Nicht schießen!« Es war ein runder, farbiger Ballon, der einen Meter über dem Boden schwebte. Ein leuchtendroter Ballon?!! Stokely und Omara wechselten einen Blick. »Feiert da jemand eine Geburtstagsparty?« . »Wohl kaum«, sagte Kirk. Alle sahen ihn mit plötzlichem Interesse neugierig an, sogar Spock. »Sie wissen, was das ist?« »Es ist ein Treibballon. So nennt man sie – oder manchmal auch Landstreicher, Vagabunden oder Luftstromer. Es sind heliumgefüllte Blasen. In den Anfängen der Raumfahrt wurden sie auf allen Raumschiffen verwendet. Heutzutage gibt es sie nur noch auf bestimmten Ausbildungsschiffen der Akademie und auf historischen Schiffen. Sie wurden benutzt, um langsam entstehende Lecks zu entdecken. Wenn ein Schiff in irgendeinem Bereich anfängt, Luft druck zu verlieren – langsamer, als es von gewöhnlichen Meßgeräten festgestellt werden kann – wird sich das auf die innere Luftströmung
auswirken; die Landstreicher bewegen sich zu den Lecks hin. Sie suchen die Stelle und sammeln sich dort an. Das nennt man einen Landstreicherdschungel; genau da befindet sich das Leck.« Spock machte einen Schritt nach vorne und fing den Treibball mit einer Hand ein. Er untersuchte ihn sorgfältig und ließ ihn dann ohne eine weitere Bemerkung wieder los. Er hing fast bewegungslos in der Luft und drehte sich nur langsam um sich selbst. Die Atmosphäre dieses Schiffes bewegte sich entgegengesetzt zur Drehbewegung und der Treibballon spiegelte diese Bewegung wider. Omara schritt durch die Tür und drehte sich schnell im Kreis, um mit seinem Handstrahler alle Richtungen abzuleuchten. Stokely deckte ihn mit seinem Phaser; Kirk und Spock folgten ihnen. Sie befanden sich in einem weiten Korridor, der wegen der Kondensation feucht war. Wasser tropfte von den Wänden und bildete Pfützen auf dem Boden. Der Korridor war unbeleuchtet. Ihre Handstrahler konnten die Dunkelheit nur ein kurzes Stück durchdringen. In der Ferne verschwand der Gang in einer Krümmung nach oben in der Finsternis. Da waren schwache Geräusche. – Schwingungen, die durch die Außenwand des Schiffes weitergeleitet wurden. Die Geräusche deuteten auf Maschinen und Stimmen hin; aber sogar mit Spocks Tricorder, der mit einem Verstärker und einer Echtzeitlogistik ausgerüstet war, konnten sie nicht eindeutig feststellen, woher die Geräusche kamen. Vielleicht waren die Computer der Enterprise in der Lage, einen Sinn in diesem Lärm zu erkennen. Kirk richtete seine Handleuchte in die Richtung und anschließend in die Gegenrichtung zur Drehbewegung. Hier und da sahen sie einige ausgebleichte, graue Treibballons im Tunnel hängen. Dünne Wasserrinnsale flossen in Gegenrichtung zur Drehbewegung an ihren Stiefeln vorbei.
In der Mitte des Korridors verliefen vier Metallschienen. Spock bückte sich, um sie genauer zu untersuchen. »Wahrscheinlich für den Transport schwerer Maschinen.« Er richtete sich wieder auf, und sah auf seinen Tricorder. »Captain, irgendwo auf diesem Korridor bewegen sich Wärmequellen.« Kirk nahm die Information ausdruckslos zur Kenntnis. »Phaser auf Betäubung stellen«, ordnete er an. Sein Funkgerät piepte. Er verlagerte sein Gewicht, um die Handleuchte wieder an seiner linken Hüfte festzuschnallen, dann nahm er den Phaser in die linke Hand und schnallte seinen Kommunikator von seiner rechten Hüfte ab. Er wechselte Kommunikator und Phaser in seinen Händen, holte Luft und ließ das Gerät aufschnappen. »Hier Kirk.« »Captain – «. Es war Uhura. Sie berichtete knapp: »Langstreckensensoren orten ein Geisterschiff; es scheint ein Kriegsschiff der Klingonen zu sein, möglicherweise ein Kreuzer der Drachenklasse. Es ist ein sehr schwacher Schatten, nicht einmal eine zuverlässige Aufzeichnung; wir lassen gerade eine ‘Wahrscheinlichkeitsabtastung anfertigen.« »Auf welchem Kurs befindet es sich?« Uhuras Antwort löste sofort Beunruhigung aus. »Es sieht so aus, als ob es absichtlich im Grenzbereich der Reichweite unserer Sensoren bleibt.« »Nahe genug für uns, um es zu sehen, aber zu weit entfernt, um es klar erkennen zu können…«, sagte Kirk zu sich selbst. »Das ist ein alter Trick – «. Er machte seinem Ärger Luft, beugte sich aber schon der Entscheidung, die er zu treffen hatte. Er sprach in den Kommunikator: »Danke, Leutnant. Sagen Sie Leutnant Riley, daß er sich im Transportraum melden und zum Kontakttrupp stoßen soll. Und Mannschaftsmitglied Garcia ebenfalls.« Er drückte auf einen
Knopf auf seinem Kommunikator. »Transporter-Raum, zwei Mann an Bord beamen.« »Sir…?« Der Transporter-Fähnrich sagte zögernd, fast verlegen: »Könnten Sie durch den Zugangsschlauch hinaufsteigen und sich von der Raumfähre aus herüberbeamen lassen? Wir haben hier Schwierigkeiten mit unserem Monitronbrennpunkt – wegen der Außenwand – und wir können nichts hochbeamen, bevor wir ihn nicht neu kalibriert haben. Und sogar dann werden wir einen Koordinationsmodulator oder einen Brennpunktkommunikator benötigen, wenn wir etwas an Bord dieses Schiffes transportieren wollen.« Kirk wollte etwas sagen, aber dann sah er in Spocks unbewegtes Gesicht und sagte lieber nichts. »Bleiben Sie in Bereitschaft, Transporter-Raum. Mr. Spock?« Er schritt durch die Tür, stieg durch die offene Luke und murmelte etwas vor sich hin. Spock folgte ihm pflichtgemäß. Stokely sah Omara an. »Was hat er gesagt?« »Etwas über zwei Burschen mit Namen Murphy und Finagle. Er möchte sie zur Abwasserwartung versetzen.« »Yeah«, stimmte Stokely zu.
8
Leutnant Kevin Riley war gründlich in den Erstkontaktverfahren der Sternenflotte ausgebildet worden; bei Simulationsproblemen hatte er eine höhere Punktzahl erreicht als alle anderen Mitglieder seiner Klasse. Aber dann hatte sich dieser Vorfall mit dem Kapellarnerchor ereignet, und obwohl nichts Bestimmtes behauptet worden war, hatten doch einige das Gefühl, daß Leutnant Riley irgendwie zu den Unstimmigkeiten beigetragen hatte, die in der Folge entstanden waren. Riley war sogar zu Kirk gegangen und hatte ihn um seine Versetzung gebeten; er hatte es zwar nicht so klar ausgedrückt, aber er war der Meinung, er hätte Schande über sein Schiff gebracht und es bliebe ihm nichts anderes übrig, als so zu handeln. Es war eine Ehrensache. Aber Captain Kirk lehnte seinen Versetzungsantrag ohne Kommentar ab. Und so hatte die Sache fast zwei Wochen lang geruht – bis Leutnant Riley in der Sporthalle des Schiffes unerwartet mit dem Captain zusammengestoßen war und Kirk ihn aufgefordert hatte, mit ihm gemeinsam den Kampf Mann gegen Mann zu trainieren. Riley konnte ihn zweimal auf den Boden niederdrücken, aber die anderen sieben Runden gingen an den größeren, erfahreneren Kirk. Anschließend gab Kirk ihm einige technische Hinweise und sie kämpften noch drei weitere Runden. Riley gewann zwei von ihnen – aber obwohl Kirk sich selbst bedeutungsvoll auf den Bauch klatschte und etwas über die zusätzlichen Kilos grunzte, die sich bei ihm angesammelt hatten, hegte Riley immer noch den Verdacht, daß der Captain mindestens eine der Runden absichtlich
verloren hatte. Das gab ihm den Mut, die Ablehnung seines Versetzungsantrags zur Sprache zu bringen. Kirk antwortete nicht sofort; er nahm sich ein Handtuch und ging in die Sauna. Riley folgte ihm. Drinnen schwieg Kirk einen Augenblick, dann sagte er: »Wenn ich Ihrer Versetzung zustimme, Riley, wird dieser Schandfleck Sie während Ihrer gesamten Karriere in der Sternenflotte verfolgen. Niemand wird offen etwas darüber sagen, in keiner Akte wird irgend etwas darüber stehen – aber Sie wissen, wie die Gerüchteküche arbeitet. Wenn ich Ihre Versetzung genehmige, ist das genauso, als würde ich sagen, daß ich kein Vertrauen mehr in Sie habe. Das Beste, was ich jetzt für Sie tun kann, ist, Sie an Bord der Enterprise zu behalten und Sie beweisen zu lassen, daß Sie ein fähiges und zuverlässiges Mitglied der Besatzung sind. Das Beste, was Sie tun können, ist, nicht das Vertrauen in Ihre eigenen Fähigkeiten zu verlieren. Jeder macht Fehler, Riley – selbst ein Captain –, aber diejenigen, die wieder aufstehen und an ihrer Aufgabe weiterarbeiten, sind für die Sternenflotte am wertvollsten.« Er hörte auf zu sprechen, um Riley Gelegenheit zu geben, über das, was er gesagt hatte, nachzudenken. Nach einer Weile fügte er ruhig hinzu: »Kirks Gesetz, Riley, lautet: Das erste Mal kann es ein Unglücksfall gewesen sein, das zweite Mal ein Zufall – aber ein drittes Mal läßt dann auch Ihren Captain wie einen Idioten aussehen.« Er ließ seine Worte nachwirken, dann erhob er sich von der Rotholzbank, verließ die Sauna und ließ Riley zurück, der dort saß und schwitzte. Und nachdachte. Später wurde Riley noch etwas anderes klar. Captain Kirk kam eigentlich nie während der Alphaschicht in die Sporthalle; denn da hielt er sich gewöhnlich auf der Brücke auf. Er nahm sich die Worte des Captains zu Herzen und bewarb sich erneut für den aktiven Dienst im Kontakttrupp der Enterprise; dieser Dienst war eine der heikelsten Aufgaben an
Bord eines Schiffes. Das Verhalten eines Kontakttrupps einer neuen Spezies gegenüber konnte die Art der Beziehungen mit dieser Spezies über Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte danach beeinflussen. Es war eine schwierige Aufgabe und Riley war entschlossen, seinen Captain nicht noch einmal zu enttäuschen. Riley stand mit Stokely, Omara und Garcia im Korridor. Alle waren bewaffnet; ihre Phaser waren auf Betäubung eingestellt. Sie hatten ihre Weitwinkelleuchten an ihren Handgelenken festgeschnallt, um die Hände freizuhaben. Marilyn Garcia aus dem Analysenlabor trug den wissenschaftlichen Tricorder. »Wir müssen dicht beieinander bleiben«, sagte Riley. »Und achten Sie auch auf Rückendeckung.« »Ich wäre nicht so scharf darauf, Leutnant.« Das war Omara. »Sie werden hier Dinge vorfinden, die ganz anders sind als das, was Sie kennen.« Riley sah ihn kühl an. »Wir werden sehen. Gehen wir jetzt nach draußen.« Die anderen nahmen schweigend ihre Positionen ein. Mr. Spock hatte ihnen vorgeschlagen, den Korridor zuerst in Richtung der Drehbewegung zu erkunden und zu versuchen, mit den Lebens formen, die sie vor kurzem entdeckt hatten, Kontakt aufzunehmen. Der Korridor war breit genug für einen Geländewagen; aber die Decke war nur drei Meter hoch. Sie bewegten sich langsam hindurch, während das Licht ihrer Handstrahler sich durch die Dunkelheit bohrte und in der aufwärtsführenden Krümmung des weiten Stollens verschwand. Sie setzten ihren Weg entlang der Wasserflüßchen fort, die die Metallschienen auf dem Boden mit einer schmierigen Schicht glitschigen Schlamms überzogen hatten. Garcia bückte sich, um einige Proben zu entnehmen, die sie sachkundig auf Objektträger aufstrich und dann in einen Behälter fallen ließ, den sie an ihrer Seite trug;
sie lächelte Riley an. »Ich vermute, daß es eine Algenart ist, aber es gibt hier kein Licht. Vielleicht ist es ein Ölfresser, eine maßgeschneiderte Bakterie. Früher wurden solche für industrielle Zwecke benutzt; sie sondern einen Ölrückstand ab, der vor Rost schützt. Aber das ist nur eine Vermutung.« »Das ist interessant«, sagte Riley. Er betrachtete den Schlamm -und Mannschaftsmitglied Garcia – mit neuem Respekt. Aber er würde sich nicht ablenken lassen. Nicht dieses Mal. Er gab ihnen ein Zeichen, weiterzugehen. Auf beiden Seiten des Korridors befanden sich Türen. Einige waren verschlossen. Die offenen Türen führten in Räume verschiedener Größe, die ebenso gleichförmig waren wie der Raum, den sie zuerst betreten hatten. Sie versuchten nicht, eine der verschlossenen Türen zu öffnen. Ab und zu gab es Schächte mit Leitern, die aus ihnen herausführten und oben durch die Decke stießen. Riley sah sie sich von oben bis unten an und entdeckte, daß sie zickzackförmige Ausbuchtungen hatten, die verhindern sollten, daß Gegenstände vom Zentrum des Schiffes zur Außenwand fielen und von dort wieder wegsprangen. Nein, sie würden das nicht erkunden – jetzt jedenfalls nicht; allem, was ihre Sicht behinderte, war nicht zu trauen. Er wies Garcia an, alles mit ihrem Tricorder abzutasten; Scotty würde später jedenfalls die Bilder davon sehen wollen. Eine der ersten Regeln beim Kontaktversuch war, daß alles – ganz gleich, wie klein oder unbedeutend es im Augenblick auch erscheinen mochte – wichtig genug war, um es für die Analyse festzuhalten. Omara hatte ebenfalls einen Tricorder und tastete die Umgebung ab, während sie sich weiterbewegten. Plötzlich kamen sie zu einer Abzweigung des Korridors. Ein Seitengang öffnete sich zu ihrer Linken; er verlief in Richtung des vorderen Teils des Schiffes. Er war ebenso groß wie der Korridor, in dem sie sich befanden und hatte ebenfalls
Schienen, die in der Mitte verliefen. Sie richteten ihre Handstrahler den Gang hinunter und entdeckten dabei einige Treibballons, die hier und da herumschwebten, aber weiter unten wurde das Licht von der Dunkelheit verschluckt. Das Geräusch des Wassers war hier lauter, und es gab seltsame, widerhallende Töne. Wie von Ratten vielleicht, nur größer. Riley schnipste den Kommunikator auf. »Hier Riley. Wir befinden uns an einer Abzweigung. Der neue Gang scheint nach vorne zu führen. Was schlagen Sie vor, Sir?« Mr. Spocks Stimme klang ruhig. »Wir haben eine Netzaufzeichnung Ihrer Position, Leutnant. Sie haben sich um zehn Grad in Drehrichtung weiterbewegt. Bleiben Sie noch einen Augenblick in der gegenwärtigen Position.« Es gab eine Pause – vielleicht beriet sich der Wissenschaftsoffizier mit dem Captain – dann war Spocks Stimme erneut zu vernehmen. »Gehen Sie langsam den Korridor hinauf, Leutnant, aber gehen Sie vorsichtig vor.« »Ja, Sir. Riley Ende.« Er schnallte den Kommunikator wieder fest. Er fragte sich, was auf der Brücke vor sich ging. Kirk hatte das ganze Schiff in volle Alarmbereitschaft versetzt. Wahrscheinlich standen sie alle herum und warteten ab, ob das Geisterschiff der Klingonen etwas unternahm, obwohl sie höchstwahrscheinlich wußten, daß es überhaupt nicht auftauchen würde – und daher richtete der Captain seine gesamte Aufmerksamkeit auf Kevin Riley und sein Kontaktteam. Er wischte sich über die Stirn. Er konnte das Gewicht der Verantwortung fast körperlich spüren. Er schluckte, gab seinem Trupp ein Zeichen weiterzugehen, und sie trotteten vorsichtig den neuen Gang hinunter. Hier floß kein Wasser durch die Mitte; statt dessen bildete es hier und da Pfützen auf dem Boden, dort wo er an die Wand stieß, die entgegengesetzt zur Drehrichtung lag. Auf beiden Seiten der Schienen gab es Gehwege, die einmal mit einem Teppich
ausgelegt gewesen waren. Jetzt waren es nur noch ausgebleichte, harte Matten. Die ursprüngliche Farbe war nicht mehr auszumachen. Über ihren Köpfen waren Reihen von Leuchttafeln angebracht, die schon seit langem erloschen waren. Gelegentlich gab es Entlüfter und Behälter an den Wänden, einige von ihnen waren mit unbekannten Symbolen beschriftet – unbekannt, aber irgendwie… weckten sie dunkel Erinnerungen an etwas. Plötzlich erweiterte sich der Korridor. Es war so etwas wie eine Kreuzung. Der Korridor wurde zu einem weiten, kreisförmigen Schacht; der Seitengang wurde zu einem Balkon, der um ihn herum verlief und sich dann auf der anderen Seite fortsetzte. Ein weiterer Seitengang kreuzte den Korridor im rechten Winkel, und zwischen den größeren waren auch noch einige kleine Gänge angebracht. Aber es war der Schacht selbst, der Rileys Aufmerksamkeit anzog; er ging nach vorne ans Geländer, um sich alles genau anzusehen und wies Omara an, die Szene festzuhalten. Ihre Handstrahler beleuchteten Schienen, die durch den Schacht nach oben in Richtung zum Drehzentrum und nach unten in Richtung zur Außenwand weiterliefen. »Aufzüge?« fragte Garcia. »Vielleicht – sehen Sie, dort könnten sie angehalten haben, dort drüben.« Stokely deutete hinüber. Riley drehte seine Handleuchte in alle Richtungen – sie befanden sich in einem Gewölbe mit Baikonen und Türen an allen Seiten. Es gefiel ihm nicht, das war der perfekte Ort für einen Hinterhalt. Aber als er Garcia ansah, schüttelte sie ihren Kopf. Ihr Tricorder zeigte keine Lebensformen innerhalb der Reichweite des Geräts an. Riley öffnete wieder seinen Kommunikator. »Enterprise? Können Sie mich hören?«
»Bestätigt, Leutnant«, kam Spocks Antwort kühl zurück. Riley wollte Spock gerade fragen, in welcher Richtung sie seiner Meinung nach weitergehen sollten, aber dann fiel ihm etwas ins Auge, was im Lichtstrahl von Stokelys Weitwinkelstrahler zu erkennen war – eine Wendeltreppe, die um die Schachtwände nach oben verlief. Er folgte ihr mit dem Blick weiter und weiter nach oben, wo er einen schwachen, gelben Schimmer bemerkte. Riley sagte langsam: »Wir haben vor, diese Treppe hinaufzusteigen… Sir…« Er gab Garcia ein Zeichen, ihren Tricorder nach oben zu richten. Das Funkgerät schwieg einen Augenblick lang. Dann kehrte Spocks Stimme zurück: »Sie können weitermachen, Leutnant.« Riley atmete tief aus und entspannte sich; dann setzte er sein freundlichstes Lächeln auf und deutete Stokely und Omara an, rechts herumzugehen, während Garcia und er im Kreis nach links gingen. Der Zugang zur Wendeltreppe befand sich fast direkt gegenüber ihrer Position. Die Treppe war ihrer Größe nach für menschliche Wesen gebaut worden. Alle – die drei Männer und die Frau – standen vor den nach oben führenden Stufen und wechselten Blicke voller… Besorgnis. Riley nahm die erste Stufe und schaute dann zu den anderen zurück. »Nun? Kommen Sie?« Sie kletterten langsam hinauf, während sie den Lichtstrahl ihrer Handstrahler ständig im Schacht auf und ab gleiten ließen; sie erforschten jeden Winkel und jeden Spalt – fanden aber nur Winkel und Spalte. Gelegentlich kamen sie an Türen und kleineren Gängen vorbei, aber Riley kletterte auf das Licht in der Ferne zu. Garcia stellte fest, daß sie erst ein Drittel des Weges bis zum Zentrum des Schiffes zurückgelegt hatten. Sie befanden sich immer noch innerhalb der äußersten Schale;
bisher hatten sie noch keinen Beweis dafür gefunden, daß es überhaupt eine innere Schale gab. Es gab Stellen, an denen die Stufen mit Wasser und Schlamm bedeckt waren. Stokely rutschte einmal fast aus, was ihm einige schadenfrohe Bemerkungen von Omara einbrachte. Sie stiegen weiter nach oben und wurden ein- oder zweimal von kleinen, herabfließenden Wasserläufen getroffen, die in den Schacht hinunterstürzten Und unten in der Stille verschwanden. Die Stufen verliefen weiter nach oben bis zu einer anderen Kreuzung wie der, die sie unten verlassen hatten. Garcia und Omara tasteten sie ab, dann gab Riley ihnen ein Zeichen, nach oben weiterzugehen. Sie kamen an zwei weiteren Kreuzungen vorbei, an der dritten ließ Riley sie anhalten, um eine Pause zu machen. Omara keuchte und versuchte immer noch, ruhig zu atmen. »Die Schwerkraft ist hier geringer.« »Sie ist immer noch höher als die, die auf der Erde herrscht. Aus welchem Grund könnte jemand ein Raumschiff mit hohen G-Werten gebaut haben?« klagte Stokely. »Wenn es ein Kolonistenschiff war, wie Mr. Spock annimmt, dann konnten sie nicht unbedingt wissen, welche Art von Planet da auf sie wartete. Vielleicht hatten sie deshalb Ebenen mit höherer Schwerkraft eingerichtet, damit sie anfangen konnten, sich an höhere G-Werte zu akklimatisieren, sobald sie wußten, daß es erforderlich war. Das ist nur eine Vermutung«, sagte Riley. Er öffnete wieder den Kommunikator. »Mr. Spock? Wir befinden uns an der dritten – oder ist es die vierte? – Kreuzung. Ich glaube, es gibt nur noch drei weitere, bis wir oben sind.« »Es ist die vierte Kreuzung, Leutnant. Wir empfangen immer noch starke Signale von Ihnen, aber versuchen Sie bitte, bei Ihrer Zählung etwas genauer zu sein. Haben Sie mit dem Tricorder noch weitere Bewohner des Schiffes entdeckt?«
Riley schüttelte seinen Kopf, dann wurde ihm bewußt, daß der Wissenschaftsoffizier ihn nicht sehen konnte. »Nichts, Sir.« Spock antwortete teilnahmslos: »Sie sind nahezu einen Dreiviertelkilometer innerhalb des Schiffes, Leutnant. Wachsamkeit ist angeraten.« »Aye, aye, Sir – « Ein plötzliches Geräusch, irgend etwas rasselte über den Boden – Riley fuhr herum und zielte mit seinem Phaser in die Richtung – Da war nichts – – nein, einen Augenblick mal, dort! – Eine Armbrust?!! Die auf dem Deck lag –? Er ging darauf zu und – Sie stürzten aus der Dunkelheit und brüllten wie Bestien – Riley war fast zu überrascht, um zu feuern, aber Garcia schoß mit ihrem Phaser über seine Schulter hinweg auf die Umrisse von sieben schwerfälligen Gestalten. Sie ließen sich an Seilen von oben herunterfallen – und sie hatten Gesichter, wie den Alpträumen von Klingonen entsprungen – sie trugen Schuppen, Klauen und Felle und – Dann fand Riley seine Fassung wieder, und sein Finger war am Abzug, noch bevor er sicher war, worauf er schoß – das Aufleuchten der Phaser wirkte wie Schmetterbälle aus Licht in diesem riesigen, finsteren Schacht – von den Wänden hallten die durchdringenden Schreie zurück, und das plötzlich aufblitzende Licht, das die Wände reflektierten, blendete sie. Zwei der riesigen Angreifer stürzten, ein anderer kreischte gellend; etwas krabbelte grunzend in eiligem Rückzug über das Deck – Und dann war es vorbei. Und die Angreifer waren verschwunden. Drei Körper lagen auf dem Deck. Riley sah die
anderen Mitglieder des Kontakttrupps an. Noch keiner von ihnen hatte etwas gesagt. »Sind alle in Ordnung?« Stokely und Omara nickten beide, aber ohne damit aufzuhören, sich ständig im Kreis zu drehen und die Umgebung mit ihren Handstrahlern und einem plötzlich hartgewordenen Gesichtsausdruck abzusuchen. Garcia sah mitgenommen aus, aber sie drehte sich ebenfalls mit ihrem Tricorder im Kreis und tastete ab. »Sie sind jetzt weg«, sagte sie. Riley bestätigte es. Sie näherten sich langsam den drei liegenden Körpern. Der Kommunikator piepste. Riley bemerkte, daß er ihn immer noch geöffnet in seiner Hand hielt. Er hob ihn in Mundhöhe. »Wir sind in Ordnung. Nur ein kleines, äh – Mißverständnis.« »Leutnant Riley, berichten Sie!« »Bleiben Sie dran, Sir«, schnauzte er zurück. Er richtete seinen Lichtstrahl auf einen der Angreifer. Das Ding – die Kreatur – was immer es auch war – schien eine Sammlung der schlimmsten Teile zu sein, die von einem Dutzend verschiedener abscheulicher Wesen stammten. Es hatte die Größe eines Menschen, aber lange Arme wie die eines Bären mit riesigen Metallklauen, einen Schuppenpanzer und Stacheln auf seinem Rücken, und ein Gesicht, das nur aus gefletschten Zähnen bestand. Vorsichtig stieß er die Waffe mit seinem Fuß an – eine Machete. Garcia stellte sich neben ihn und tastete das Wesen mit ihrem Tricorder ab. »Betäubt?« fragte er. »Tot«, berichtete sie. »Dieser hier hat ein gebrochenes Genick.« Sie sah nach oben. Riley folgte ihrem starren Blick
auf ein Seil, das immer noch vor und zurück schwang. »Die beiden anderen – «, sagte sie. »Ich weiß nicht.« »Sicher ist, daß sie häßlich – « begann Riley und verstummte. Garcia hatte sich zu der Kreatur niedergebückt und das Gesicht heruntergezogen. Es war eine Maske. Und der Schuppenpanzer und die Klauen waren ebenfalls ein Teil der Verkleidung. Auch die beiden anderen Schreckenswesen waren nichts als Maskerade. Darunter befanden sich Menschen. Garcias Tricorder zeigte es an. Rileys Gesicht zog sich kurz schmerzlich zusammen, dann schnipste er den Kommunikator auf und begann mit seinem Be richt.
9
Captain James Tiberius Kirk vom Sternenschiff Enterprise war sehr verärgert über einen speziellen namenlosen Kommandanten der Klingonen. Solange dieser Kriegskreuzer innerhalb der Reichweite der Sensoren blieb, konnte er die Brücke seines Schiffes nicht verlassen. Kampfbereitschaft gehörte zu dem Teil seiner Verantwortung, den er nicht an andere delegieren konnte. Aber ebensowenig konnte er die Erforschung dieses seltsamen Wracks aufgeben, um die Verfolgung des Klingonenkreuzers auf zunehmen und ihn abzufangen. An der Akademie hatte es einmal einen Kurs gegeben, der sich mit Situationen dieser Art auseinandersetzte. Es war einer der freiwilligen Kurse, die von den Oberklasseschülern zum Nutzen der Unterklasseschüler angeboten wurden: Es war eine zwanglose Vortragsreihe, deren Ziel es war, die Kunst des kreativen Fluchens zu fördern. Es hatte sich schon seit langem erwiesen, daß ein gewisses Maß an Flüchen und Verwünschungen ein gesundes Ventil war, gut, um sich vom Druck der Macht und Verantwortung zu befreien und dadurch die Belastung zu vermindern, unter der ein Captain steht. Kreatives Fluchen wurde als Vorbeugung gegen Magengeschwüre sehr empfohlen, und mehrere Generationen von Kadetten hatten diese Kunst zu neuen Höhepunkten an Originalität erhoben – und gleichzeitig bewiesen, daß Genies eine Art von Humor haben können, der von Grund auf anders ist als der gewöhnlicher Sterblicher. »Der Große Vogel der Galaxis« beispielsweise war in einer denkwürdigen Sitzung erfunden worden, und daraus war eine
völlig neue Kategorie von Flüchen und Verwünschungen geboren worden. Flüche und Verwünschungen, die obszön und sexuelle oder religiöse Anspielungen enthielten, wurden als amateurhaft betrachtet. Ein Fluch, der Anerkennung verdiente, mußte beim Zuhörer gleichzeitig Empfindungen von Schmerz und Lachen hervorrufen; er mußte bewirken, daß Tränen in die Augen stiegen; in der Tat, ein wirklich einfallsreicher Fluch mußte sogar Spuren im Streßfeld selbst hinterlassen. Und er mußte bewirken, daß sich alle Zuhörer innerhalb von drei Parsek umdrehten und schockiert und bewundernd große Augen machten. Ein gemäßigter Sternenflottenfluch konnte ein Ei in seiner Schale gerinnen lassen, ein starker Fluch schaffte das schon, bevor das Ei überhaupt gelegt worden war. Die verwirrte Fakultät der Akademie hatte diesen von Studenten abgehaltenen Kurs einige Jahre lang toleriert – bis zur Schlacht von Donatu V. Da hatte ein belagerter Captain der Sternenflotte als Antwort auf die Forderung der Klingonen, sich zu ergeben, »Mertz!« entgegnet und damit soviel Verwirrung bei den Translatoren der Klingonen gestiftet, daß die Verstärkungstruppen genug Zeit hatten, einzutreffen und diese Auseinandersetzung für die Föderation zu entscheiden. Seitdem wurde die Teilnahme am Kursus für Kreatives Fluchen aktiv gefördert und Meisterschaft in dieser Kunst wurde als Beweis für eine besondere Begabung an Einfallsreichtum betrachtet, die bis jetzt der Aufmerksamkeit und Analyse entgangen war. Aber alles, was James Tiberius Kirk in diesem Augenblick einfiel zu sagen, war: »Möge sein Maschinenraum ein Testlabor für die siebte Begleiterscheinung des Murphyschen Gesetzes werden.« Spock sah seinen Captain mit hochgezogener Augenbraue an. Uhura drehte sich um und starrte ihn an. Scotty schaute von
seinem Steuerpult auf. Chekov und Sulu tauschten besorgte Blicke aus und drehten sich in ihren Stühlen um, um Kirk anzusehen. Wenn das das Beste war, was ihr Captain zuwege brachte, dann befanden sie sich tatsächlich in ernsten Schwierigkeiten. Offensichtlich war James Tiberius Kirk so verärgert, daß er seine Wut nicht mal in einer richtigen Verwünschung abreagieren konnte. Aber Kirk war nicht so sehr verärgert, sondern vielmehr völlig davon in Anspruch genommen, die Situation zu analysieren. Er wußte ganz genau, daß der Phantomkreuzer nicht näher kommen und weder eine feindliche Handlung noch sonst irgend etwas unternehmen würde. Alles, was er bezweckte war, von der Sternenflotte gesichtet zu werden und sie von ihren anderen Aufträgen abzuhalten. Es war ein sehr hinterhältiges und sorgfältig vorbereitetes Manöver, und einzig und allein dazu gedacht, sie zu ärgern und zu frustrieren. Und es hatte Erfolg. Kirk bemerkte, daß er wieder auf der Armlehne herumtrommelte. »Ich hoffe, dieser Klingone hat viele ehrgeizige Söhne«, sagte er zu sich selbst, dann merkte er, daß Spock abwartend neben seinem Stuhl stand. »Spock?« Spock ließ sich nicht anmerken, ob er die Bemerkung gehört hatte. »Captain, da ist immer noch die Sache mit Leutnant Riley und seinem Kontakttrupp…« »Das habe ich nicht vergessen, Spock.« Tatsächlich übertrugen die oberen Bildschirme überall auf der Brücke ununterbrochen die Bilder aus Stokelys und Garcias Tricordern. Im Idealfall hätte sich Kirk hinübergebeamt, um eine Inspektion vor Ort durchzuführen, aber diese Möglichkeit war ihm durch die Anwesenheit dieses Kriegskreuzers der Klingonen verwehrt, der nur seine Zeit verschwendete. So
blieben ihm nur zwei Möglichkeiten: Entweder Rileys Trupp zurückzurufen oder sie weitermachen zu lassen. Die Erstkontaktverfahren der Sternenflotte basierten auf Wahrscheinlichkeitsberechnungen, und die Kapitäne wurden angewiesen, ihre Kontakttrupps als »entbehrlich, wenn es absolut erforderlich ist«, zu betrachten. Das Problem war, die näheren Umstände zu bestimmen – und das war natürlich dem Ermessen des Captains überlassen. Es war Kirks Entscheidung, und daran ging kein Weg vorbei. Natürlich mußte früher oder später ein Kontakttrupp bis zum vorderen Teil des Schiffes vordringen, um diejenigen zu finden, die diese eine Fusionsanlage, die noch in Betrieb war, warteten – so daß ein Rückzug zu diesem Zeitpunkt das Erforderliche nur verschieben würde. Und gleichzeitig den feindlich gesinnten Wesen Gelegenheit geben würde, eine wirksamere Verteidigung aufzubauen. Es gab daher kein vernünftiges Argument für einen Rückzug, außer vielleicht die Sicherheit des Kontakttrupps zu wahren – und der Kontakttrupp konnte als entbehrlich betrachtet werden. Wenn es absolut erforderlich war. Aber es war auch nicht ratsam, Kontakttrupps verkommen zu lassen. Denn das konnte sowohl das Vertrauen einer Besatzung in ihren Captain schwächen als auch ihre Bereitschaft, in Kontakttrupps zu arbeiten. Er erhob sich aus seinem Stuhl und ging zu einem unbesetzten Steuerpult auf der Backbordseite der Brücke hinüber. Insgeheim ging er noch einmal alle Aufnahmen vom Angriff durch, dann warf er einen Blick auf die Computerauswertung der Leistung jedes einzelnen Mannschaftsmitglieds innerhalb der letzten vierundzwanzig Stunden, aber besonders die von Riley. Es war eine Frage der Kompetenz – nicht so sehr, wie Riley sich in der Vergangenheit bewährt hatte, sondern vielmehr, wie
er sich in der Zukunft bewähren würde –, aber der einzige Blick auf die Zukunft war Rileys Vergangenheit. Alle Daten, alle Kurven, alle Tabellen, die der Computer für ihn erstellen konnte, konnten keine Antwort auf die eine Frage geben, die für Kirk am dringlichsten war – eine Frage, die menschliches Urteilsvermögen erforderte. Aber das war nun mal der Grund, warum Kirk Captain war und nicht der Computer. Und auch nicht Mr. Spock. Es war eine Frage des… von etwas, das er nicht genau fixieren konnte. »Tiberius!« sagte er zu sich selbst – und plötzlich wußte er, was für eine Frage es war. Es war eine Frage des Mitfühlens, des Einfühlungsvermögens. Und als ihm das klarwurde, wußte er auch die Antwort darauf. Er erinnerte sich an ein Gespräch in der Sauna des Schiffes. Es ging nicht nur darum, daß Riley seine Kompetenz beweisen mußte; auch Kirk mußte sein neugewonnenes Vertrauen in den Leutnant beweisen. Es ist leicht, Vertrauen zu haben, wenn es durch nichts in Frage gestellt wird. Erst wenn jemand Grund zum Zweifeln hat, erweist sich der Wert des Vertrauens. Er drehte sich um und sagte: »Leutnant Uhura, sagen Sie Leutnant Riley, er soll weitermachen wie ursprünglich angeordnet.« »Aye, aye, Captain.« Uhura übermittelte es; sie war mit der Entscheidung einverstanden. Kirk konnte sehen, daß seine übrigen Offiziere auf der Brücke ebenfalls zustimmten; er sah erleichtertes Lächeln und fühlte ein allgemeines Nachlassen der Spannung. Gut, dachte er, sie haben verstanden. Wenn Kirk Riley zurückgerufen hätte, hätte er damit gezeigt, daß er dem rangniedrigen Offizier nur vertraute, wenn er ihn unter Kontrolle hatte. Und das hätte wahrscheinlich den letzten Rest von Rileys Glauben an sich selbst erschüttert. Und Captain James T. Kirk hätte sich als Heuchler erwiesen.
Aber der wirkliche Grund, warum Kirk sich dazu entschieden hatte, Riley weitermachen zu lassen, beruhte auf etwas Tiefergehendem. Da war einmal ein gewisser Leutnant James T. Kirk gewesen, der eines Tages einen Fehler begangen hatte – und da hatte es einen gewissen Captain gegeben, der ihm die Chance geboten hatte, diesen Fehler wiedergutzumachen und sich dabei selbst zu bewähren. Die Umstände waren unwichtig, aber Kirk erinnerte sich an das Gefühl, von dem er damals besessen gewesen war: Er wollte lieber sterben bei dem Versuch, sich des Vertrauens seines Captains würdig zu erweisen, als mit dem Schandfleck seines früheren Versagens weiterzuleben. Natürlich war er nicht dabei gestorben, und nachdem er seinen Auftrag erfolgreich abgeschlossen hatte, hatte sein Captain ihn privat in seine Kabine kommen lassen und ihm gesagt, daß er eine wichtige Prüfung bestanden hatte. »Jeder Idiot kann für sein Schiff sterben, James; was wirkliches Genie erfordert, ist das Überleben. Danach suchen wir bei unseren Offizieren – nicht nur nach der Fähigkeit, Probleme zu lösen, sondern ebenso nach der Fähigkeit, zu überleben – so daß er weitermachen kann, das nächste Problem zu lösen und das nächste und das nächste. Denn wozu ist ein Offizier gut, der sich selbst zerstört? Der einzige Weg, wie wir herausfinden können, ob ein Offizier diese Überlebensfähigkeit hat, ist, ihn in Situationen zu bringen, die das direkt auf die Probe stellen. Erinnern Sie sich daran, wenn Sie eines Tages selbst Captain geworden sind.« Kirk hatte sich daran erinnert. Tatsächlich plante er schon, die gleiche kleine Unterredung mit Leutnant Kevin Riley zu führen, wenn dieser zur Enterprise zurückgekehrt war. Wenn er überlebte.
10
Als der Befehl des Captains durchkam, war Rileys erste Reaktion Überraschung – dann breitete sich zögernd ein Grinsen über sein jungenhaftes Gesicht aus. »Yeah…« sagte er, »fangen wir an. Holen wir uns ein Stück vom Kuchen.« Omara blickte ihn finster an. »Meinen Sie? Sie werden bald ein anderes Lied singen, Leutnant Riley.« Riley zögerte einen kurzen Augenblick lang, dann beschloß er, die Bemerkung ganz einfach zu überhören. Er winkte die Gruppe weiter. Noch vorsichtiger als zuvor setzten sie ihren Aufstieg in Richtung des Lichtschimmers fort. Omara schüttelte verwundert seinen Kopf, verlagerte dann sein Gleichgewicht und folgte ihnen nach. Stokely hatte eine Infrarotbrille aufgesetzt, um Wärmequellen in der Dunkelheit erkennen zu können, aber es erfolgten keine weiteren Angriffe, und sie erreichten das obere Ende ohne Zwischenfall. Die Stufen führten über einen letzten Treppenabsatz auf einen verlassenen Platz. Die Lichtquelle war immer noch über ihnen, immer noch zu hoch, um sie deutlich erkennen zu können. »Wie hoch ist die Schwerkraft hier?« fragte Stokely. »Sie scheint geringer zu sein.« »Null Komma sieben neun«, antwortete Garcia. »Wir haben schon einen weiten Weg zurückgelegt.« Die vier Mitglieder des Trupps bewegten sich von dem Treppenschacht weg und überquerten vorsichtig den Platz. Ihre Handleuchten waren hier fast überflüssig; der Lichtschein von oben tauchte den Raum in ein unheimliches Zwielicht. Sie
ließen sie trotzdem brennen, aber Stokely schob die Infrarotbrille auf seine Stirn. Riley dachte auf einmal über diese Brille nach – wenn Stokely sie schon vorher getragen hätte, wären sie vielleicht nicht von diesem Angriff überrascht worden. Stokely erwiderte mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck seinen Blick; seine Hand war in der Bewegung, die Brille auf seine Stirn zu schieben, erstarrt. Er hatte das gleiche erkannt. Aber Riley sagte nichts. Er konnte sehen, daß Stokely sich selbst schon Vorwürfe machte, die viel härter waren als alles, was er jemals sagen konnte. Außerdem wußte Riley genau, was Stokely jetzt fühlte – ein brennendes Schamgefühl, weil er seine Kameraden im Stich gelassen hatte. Riley dachte an Kirk. Und an sich selbst. Und an Stokely. Er sagte: »Stokely, wollen Sie die Spitze übernehmen?« Stokely sah verwirrt aus. »Oh – Yeah, sicher.« Er erlaubte sich ein erleichtertes Lächeln. Riley grinste zurück. Der Platz führte nach allen Seiten in Korridore – die meisten von ihnen waren in Dunkelheit getaucht. Der Kontakttrupp orientierte sich an der Tiefenradarnetzaufzeichnung der Enterprise und begann dann, sich zum Bug des gigantischen Schiffes vorwärtszubewegen. Der Korridor war breit, aber dunkel. Stokely setzte seine Infrarotbrille wieder auf. Dieser Korridor war anders als die, in denen sie vorher gewesen waren. Er war breiter, und die Decke war höher. Und es gab Höhlen auf beiden Seiten, die vielleicht einmal irgendeine Art von Geschäften gewesen waren – jetzt aber nichts weiter als kahle Öffnungen darstellten. Schutt lag auf dem Boden verstreut, und es hingen sogar Spinnweben von den nackten Streben herab. Die Luft war hier trocken – und roch muffig. »Wißt ihr, woran mich das erinnert –?« flüsterte Omara. Keiner antwortete.
»An die Ruinen der Alten Stadt. New York.« Er verstummte. Die Luft machte das Atmen hier schwer. Eine Stimme in Rileys Kopf meldete sich. Er mußte sich konzentrieren, um dahinterzukommen. Etwas, was man ihm früher einmal beigebracht hatte – »Stelle die nächste Frage!« Er dachte darüber nach, während sie vorsichtig weiter über den Korridor schlurften. Schließlich fragte er: »Wieso?« Nach einer Weile gähnte Omara und sagte: »Ich glaube, wegen der Größenverhältnisse von allem hier…« Riley dachte darüber nach. Er gähnte auch. Er hob eine Hand und sagte: »Halt. Leuchtet mal alles rundherum mit euren Strahlern ab.« Sie taten es. »Sie haben recht, Omara, es sieht wirklich wie die Alte Stadt aus, nicht wahr.« Er hustete einmal, um seinen Hals freizumachen – begriff dann, was hier vor sich ging und schaffte es noch, zu keuchen: »etwas ist nicht in Ordnung mit der Luft hier! Setzt eure Sauerstoffmasken auf!« Aber schon die Anstrengung beim Schreien ließ ihn vor Benommenheit taumeln. Er stürzte, während er nach der Maske tastete. Neben ihm war Garcia schon zu Boden gefallen, und Omara brach an der Wand zusammen. Riley schlug hart auf den Boden auf, aber er wehrte sich dagegen, das Bewußtsein zu verlieren; verschwommen erinnerte er sich noch an den Umgang mit der Atemmaske, der ihnen so lange eingetrichtert worden war, bis sie ihn im Schlaf beherrschten. Er atmete langsam und tief. Während er die Atemzüge zählte, rollte er sich herum und merkte, daß er neben Stokely lag – der gerade an seiner Maske herumtastete, um sie in die richtige Position zu bringen. Ihre Blicke trafen sich. Riley nickte zu Garcia hin; sie lag näher bei Stokely. »Ich kümmere mich um Omara.« Und dann mußte er nochmals den Atem anhalten. Er wartete nicht darauf, festzustellen, ob Stokely ihn verstanden hatte; er begann sich zur Wand hinüberzukämpfen. Omara war ohnmächtig
geworden, ohne die Warnung vor der Luft überhaupt zu hören; seine Sauerstoffmaske steckte immer noch in der Tasche seiner Überlebensausrüstung. Riley gelang es nicht, die Maske herauszuziehen, denn seine Finger fühlten sich so dick wie Elefantenbeine an. Aber es gab keine Zeit zu verlieren – Omara schien sich im Koma zu befinden. Riley entsiegelte die Maske von seinem Gesicht und stülpte sie über Omaras Nase und Mund. Die Nervenbahnen in der Maske übernahmen die Kontrolle über Omaras Atmung. Er begann, nach Luft zu schnappen. Rileys Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf Omaras Sauerstoffmaske – aus irgendeinem Grund ließ sie sich nicht aus der Tasche ziehen – etwas klemmte und hielt sie fest; es war der Luftschlauch! Riley riß die Maske mit einem Ruck los und zog sie mit beiden Händen über sein Gesicht. Er brach über Omaras Brustkorb zusammen und saugte gierig an dem zarten Atem des Lebens. Hinter ihnen waren Geräusche zu hören – er zählte fünf Atemzüge, dann fünf weitere, dann stützte er sich auf einem Arm hoch, um nachzusehen. Stokely und Garcia arbeiteten sich zu ihnen vor. Riley deutete mit der Hand nach hinten und der vierköpfige Kontakttrupp begann, auf Händen und Knien denselben Weg, den sie gekommen waren, wieder zurückzukriechen. Sie erreichten den Eingang des Korridors und brachen, immer noch nach Luft ringend, zusammen. »Das ist ein polarisiertes Sauerstoffeld«, keuchte Marilyn Garcia. »Die Luft enthält Sauerstoff – deshalb hat der Tricorder kein Warnsignal gegeben – aber es ist nicht die Art von Sauerstoff, die wir atmen können – « Sie mußte aufhören zu sprechen und vergrub ihr Gesicht wieder in der Sauerstoffmaske.
»Ich bin vertraut mit der Chemie, Garcia«, gelang es Riley zu antworten. Sie lagen einen Augenblick lang da, während die Luft ihre Kehlen reizte. Stokely drehte sich herum, so daß er den offenen Platz überblicken konnte; er hielt seinen Phaser locker vor sich. Als Riley ihn fragend anblickte, sagte er: »Falls diese – feindseligen Wesen – nochmals angreifen – « »Das ist eine gute Idee«, sagte Riley. Omara und Garcia nahmen ebenfalls eine wachsame Position ein. »Ein Sauerstoffeld – «, wunderte sich Omara. »Wow…!« »Jemand will andere unter allen Umständen davon abhalten, diesen Gang hinunterzugehen – «, sagte Garcia. »Wahrscheinlich – die feindseligen Wesen – «, antwortete Riley, und schon bevor er es ausgesprochen hatte, wußte er, daß das die Antwort darauf war. »Wer auch immer sich an dem anderen Ende des Gangs befindet, will keine Besucher. Und offensichtlich verfügen sie auch über die Technik, um das zu bewerkstelligen.« Er atmete tief ein. »Ich schätze, wir werden ihnen einen Besuch abstatten müssen.« »Wer-?« »Wie denn?« »Was-?!!« Riley deutete auf Stokely. »Die Phaser, wenn wir die auf Streustrahlung einstellen, ionisieren wir die Luft. Ionisation zerstört ein Sauerstoffeld. Und wenn wir unsere Sauerstoffmasken an die Flaschen anschließen, statt über Extraktion zu atmen, werden wir keine Probleme bekommen.« Omaras Augen verengten sich. »Das sollten Sie besser zuerst mit dem Captain besprechen, Riley.« »Sicher«, sagte Riley. »Sie haben kein Vertrauen in meine Einschätzung der Situation, nicht wahr? Also gut.« Er lächelte boshaft. »Hören wir uns die Musik an – « Er schnipste den
Kommunikator auf. »Hier Riley. Wir sind in ein Sauerstoffeld gelaufen. Trotzdem haben wir keine Probleme. Wir machen weiter. Ich nehme an, das Sauerstoffeld zeugt von angewandter Intelligenz.« Spocks Stimme kam gedämpft zurück: »Das gesamte Schiff zeugt davon, Leutnant. Wir halten weiterhin die Tricordermonitoraufzeichnung aufrecht, würden es aber schätzen, wenn Sie Ihren verbalen Berichten mehr Aufmerksamkeit widmen würden. Sie können weitermachen.« »Aye, aye, Mr. Spock.« Riley ließ seinen Kommunikator wieder zuschnappen. Er sah Omara an. »Noch irgendwelche Fragen?« Omara hatte absichtlich ein ausdrucksloses Gesicht gemacht; jetzt breitete sich darin widerwillig ein respektvolles Lächeln aus. »Ich glaube, ich habe Sie nicht richtig eingeschätzt, Leutnant – ich dachte – ach, lassen wir das.« Er zuckte die Schultern und grinste: »Darf ich um den nächsten Tanz bitten?« Riley atmete erleichtert auf – konnte er diese Sache denn nie vergessen machen? Er schwang sich auf seine Füße und streckte Omara die Hand hin, um ihm aufzuhelfen. »Es wird keine Probleme geben«, bemerkte er.
11
Mit angelegten Sauerstoffmasken begab sich der Kontakttrupp wieder in den dunklen Korridor hinunter, Omara und Riley Seite an Seite an der Spitze. Riley zählte leise im Rhythmus: » – und eins und zwei und drei – «. Auf »drei« feuerte er seinen Phaser nach vorne ab, eine weitreichende, blaue Feuergarbe, die wie ein Blitz in der Luft sprühte, » – und vier und fünf und sechs – «. Auf »sechs« feuerte Omara nach vorn, und nun zerstörte sein Phaserstrahl das Sauerstoffeld. Und dann fing Riley wieder von vorn zu zählen an. Sie bewegten sich vorsichtig vorwärts und hielten sich unwillkürlich an den Rhythmus von Rileys ständigem Zählen. Das ununterbrochene Aufblitzen ihrer Phaser erleuchtete den Korridor wie ein Signalfeuer, aber sie waren so nah an den Lichtquellen, daß sie nur flüchtige Eindrücke von dem gewinnen konnten, was in der weiten Dunkelheit vor ihnen verborgen lag – beziehungsweise dahinter. Riley überprüfte die Ladung seinem Phasers. Glücklicherweise war nicht viel Energie notwendig, um ein Sauerstoffeld zu zerstören. Fast jede elektrische Ladung war dazu geeignet. Ihre Waffen waren auf die niedrigste Stufe der Betäubung eingestellt. Ein menschliches Wesen, das von dem Strahl getroffen wurde, würde nur ein leichtes Prickeln verspüren – eine Empfindung, die jedem vertraut ist, der schon einmal einen Hochleistungs-Phaser abgefeuert und dabei die intensive elektrostatische Aufladung der Luft in der Umgebung des Strahls gespürt hat. In der Sternenflotte gab es einen alten Witz darüber, daß der Phaser die einzige Waffe war, die einem eine Gänsehaut verursachte, ganz gleich, ob man davor oder dahinter stand.
Jedes Aufblitzen ihrer Phaser hinterließ glitzernde Nadelköpfe aus Licht, die nur für einen Augenblick aufleuchteten, bevor sie schnell erloschen. Der Kontakttrupp bewegte sich durch ein fantastisches Funkeln und Sprühen – unter anderen Umständen wäre dieser Anblick ein Vergnügen gewesen. Als ihre Phaserstrahlen aufhörten, Funken in die Luft zu sprühen, wußten sie, daß sie vor den schlimmsten Wirkungen des Sauerstoffelds in Sicherheit waren. Hier war der Gang mit Schutt bedeckt, und die Wände waren versengt wie durch Explosivwaffen – aber die Spuren waren alt und mit Staub bedeckt. Trotzdem machten sie eine Rast, damit Garcia ihren Tricorder über eine der größeren Aushöhlungen im Boden halten konnte. »Das sieht so aus, als ob es ein Wohngebiet gewesen ist«, sagte Stokely. »Apartments, Innenhöfe – sehen Sie, es gab sogar kleine Höfe, die von der Hauptstraße abgewandt lagen.« Er deutete nach oben. »Und sogar Balkone – Sie müssen Ihr Vorstellungsvermögen ein bißchen gebrauchen, aber man kann sehen, was es mal gewesen sein könnte, nicht wahr?« Garcia betrachtete den Architekturstil mit geschultem Blick. Sie sagte leise: »Das ist keine schlechte Vermutung – aber wir sollten jetzt noch nichts endgültig festlegen.« Plötzlich befanden sie sich am Ende des Tunnels. Er endete einfach in einer Sackgasse. Die Wand war eine leere Fläche, die aussah wie ein Flickwerk aus Metall. Sie standen da und starrten sie an, dann sahen sie sich gegenseitig an. Riley zuckte die Schultern. »Das war zu erwarten.« Er schnipste den Kommunikator auf. »Hier Riley. Wir sind in einer Sackgasse gelandet.« Er betrachtete die Wand von oben bis unten. »Ich vermute, daß das hier nicht zur ursprünglichen Konstruktion gehörte.
Garcia, tasten Sie die Wand bitte ab. Das Metall sieht aus wie ein verrückter Fleckenteppich. Die haben alles, was sie zur Verfügung hatten, mit hineingeschweißt. Das Sauerstoffeld und jetzt diese Wand hier sind wahrscheinlich ihre ersten Verteidigungslinien gegen die Feinde auf dieser Seite.« Er zögerte, dann sprach er es trotzdem aus. »Wir werden sie aufschneiden müssen.« »Verstanden, Leutnant«, antwortete Spock. »Bitte bleiben Sie dran.« Die vier Mitglieder des Kontakttrupps standen da und warteten. Riley zog sich seine Sauerstoffmaske vom Gesicht herunter und sog prüfend die Luft ein. »Scheint in Ordnung zu sein«, sagte er. Omara grinste ihn an. »Ich werde abwarten, wenn Sie nichts dagegen haben, und sehen, ob Sie umfallen oder nicht.« »Was halten Sie davon, Garcia? Können wir die Wand durchschneiden?« Sie sah von ihrem Tricorder auf – sie hatte die Flickwerkmauer aus unmittelbarer Nähe abgetastet. »Kein Problem, Riley. Es handelt sich nicht mal um Metall, sondern um Teile aus geschäumtem Neogips. Es dient hauptsächlich als Baumaterial. Es ist widerstandsfähig, aber wenn man es hoch genug erhitzt, schmilzt es wie Butter.« »Wir sind so weit gekommen«, bemerkte Stokely, »es wäre Zeitverschwendung, jetzt wieder umzukehren.« »Genau das denke ich mir auch«, sagte Riley. »Und außerdem haben wir auf unserem Weg schon ein Loch in ihre Außenwand geschnitten – noch eine weitere Wand aufzuschneiden, macht auch keinen großen Unterschied mehr, oder?« Fast wie eine Antwort darauf piepste der Kommunikator. Er klappte ihn auf und Kirks Stimme kam leise durch. »Riley«, fragte der Captain, »glauben Sie, daß Sie damit fertigwerden?«
»Ja, Sir! Ich bin ganz sicher.« Und dann bemerkte er, daß er ein bißchen zu schnell geantwortet hatte. Er hoffte, daß er sich nicht wie ein Narr angehört hatte. Aber aus Kirks Stimme war nicht herauszuhören, ob er es wahrgenommen hatte. »Also gut, Leutnant. Machen Sie weiter. Und Riley – « »Sir?« »Oh, nicht so wichtig.« »Sir?« »Ich wollte Ihnen nur sagen, daß Sie vorsichtig sein sollen«, gab Kirk zu. »Aber unter diesen Umständen war wohl offensichtlich, daß Sie sich darüber selbst schon im klaren sind.« Und dann fügte er noch hinzu. »Viel Glück.« Riley empfand eine Aufwallung von Stolz. »Danke, Sir.« Er grinste, als er abschaltete. Omara und Stokely wechselten zustimmende Blicke und stellten ihre Phaser neu ein. Omara nahm einen Stift aus seiner Ausrüstung und zeichnete rasch die Umrisse einer Tür auf die Oberfläche der blockierenden Mauer. Als Riley den Kommunikator wieder an seinem Gürtel fixiert hatte, standen die beiden schon bereit und warteten auf seinen Befehl. Und grinsten genauso breit wie er. »Jetzt sagen Sie es schon«, drängte Stokely. Riley nickte. »Sie können feuern, sobald Sie dazu bereit sind, Grisly. Ich glaube, so lautet der entsprechende Befehl, oder?« Omara warnte: »Setzen Sie lieber Ihre Sauerstoffmaske wieder auf, Sir. Man kann nie wissen, was in dieser Wand drin ist. Einige dieser Dinger geben toxische Gase ab, wenn sie brennen.« Er wartete, bis Riley damit fertig war und ihm ein Zeichen mit dem Daumen gegeben hatte, dann drehte er sich zu seinem Partner um und machte eine »Bitte nach Ihnen, mein Herr«-Geste.
Stokely nahm sie wohlwollend zur Kenntnis und richtete dann seinen Phaser mit vorgetäuschter Unbekümmertheit auf die Wand. Ein nadeldünner, blauleuchtender Strahl schnitt im Bogen eine Seite auf, quer hindurch, dann die andere Seite herunter und unten quer zurück. Es entwickelte sich fast kein Rauch, nur ein schwaches Rinnsal schwelender, schwarzer Flüssigkeit, die sich zischend in einen schnell hart werdenden Pudding verwandelte. Riley sah Stokely und Omara fragend an. Der Strahl hatte die äußeren Umrisse einer Tür herausgeschnitten, aber – Omara erhob eine Hand zur »Einen Augenblick, bitte«-Geste. Er ging zur Wand hinüber, lüftete seine Sauerstoffmaske, spitzte seinen Mund und blies mit behutsamer Eleganz sanft dagegen. Der perfekt ausgeschnittene Umriß einer Tür kippte langsam nach innen – und da war Licht! Strahlend und warm und blendend – ein vertrautes gelbes Glühen, das sie verwirrt einen Augenblick lang denken ließ, daß sie eine Tür in eine andere Welt gefunden hatten – – und da war der Duft von Blumen! Und Farnen! Und anderen Dingen, die nicht so einfach zu identifizieren waren, aber jedes von ihnen ebenso wunderbar und verwirrend. Klee! Salbei! Wilder Fenchel! Und Erdbeeren?!! Sie waren umgeben von einem berauschenden Zauber. Alle Arten von Gewächsen hatten ihren Duft in der Luft verbreitet: Ein Geruch von saftigem Grün, reich und holzig und wundersam. »Es riecht nach Sommer…«, flüsterte Garcia. Und als wäre es von ihren Worten herbeigerufen worden, schwirrte ein einzelnes Insekt durch das Loch, das sie herausgeschnitten hatten, und ging auf Entdeckungsflug. Sie starrten es erstaunt an: Es war eine Honigbiene. Eine vertraute, schwarzgelb gestreifte Honigbiene.
Sie schwirrte einen Augenblick lang neugierig um sie herum und versetzte sie alle mit ihrem Mut in Erstaunen; dann verschwand sie wieder – da sie bei dieser näheren Untersuchung weder Blumen noch Düfte vorgefunden hatte – durch die Tür zurück in den… Sommer.
12
Sie gingen in einen Korridor voll Licht hinein.
Es blendete sie – sie setzten ihre Brillen auf, aber immer noch
blinzelten sie gegen das funkelnde, farbige Licht.
Über ihnen schimmerten in großer Höhe weißglühende Lichter wie eine Ansammlung winziger Sonnen – auf allen Seiten waren sie von Grünem umgeben. Die Besatzungsmitglieder bewegten sich langsam weiter – überwältigt – durch ein Labyrinth von Behältern, die ihnen bis zur Brust reichten, jeder von ihnen voll großblättriger Pflanzen, deren holzige Stengel sich gierig dem Licht entgegenstreckten. Es waren riesige Kletterpflanzen, die an den Metallstützen des Raums hochkletterten, und jede von ihnen war mit gigantischen Tomaten beladen. Riley, Stokely, Omara und Garcia starrten verwundert darauf und fühlten sich plötzlich klein. Die Kletterpflanzen waren grüne Säulen, die eine in Felder aufgeteilte Landschaft übersäten. Es gab unendlich viele Behälter; Reihe um Reihe von grünen Behältern und grünen Säulen breitete sich vor ihnen aus und verloren sich in einer weißen Fläche in der Ferne. Auf beiden Seiten sahen sie die Reihen in einer sanften Kurve aufwärts verlaufen, um dann wieder in einem verschwommenen Lichtschein zu verschwinden. Das war nicht nur eine im Weltraum hängende Stadt, die die Enterprise da entdeckt hatte; das war eine ganze Nation! Ein Kontinent! Eine Welt mit Reichtümern und einer eigenen Ökologie! Ihre Tricorder zeichneten alles geräuschlos auf. Riley war der erste, der seine Sprache wiederfand. »Wir haben die Farm gefunden…« flüsterte er.
»Eine von ihnen, jedenfalls«, sagte Garcia. »Es gibt wahrscheinlich noch andere.« Riley sah sie an. »Diese hier baut hauptsächlich Tomaten an. Und einige freundliche Kameraden, wie Basilikum – aber hauptsächlich Tomaten. Das bedeutet, sie müssen andere Farmen für andere Feldfrüchte haben. Sehen Sie, wie die Pflanzen hier Nutzen aus der niedrigeren Schwerkraft auf dieser Ebene ziehen, um an den Stützen hochzuklettern. Diese dort muß mindestens zehn Meter hoch sein – und sehen Sie sich die Größe der Frucht an dieser Kletterpflanze an!« »Eine niedrige Schwerkraft hat auch ihre Vorteile«, sagte Riley. Garcia warf ihm einen Blick zu – vielleicht hatte er nicht erwartet, daß sie es mitkriegen würde, aber sie hatte es – diese besondere Bemerkung war die Pointe einer der schmutzigsten Geschichten in der Sternenflotte (dem Vernehmen nach die genaue Beschreibung eines Vorfalls, der sich zwischen einem bestimmten lüsternen Chefingenieur und der weiblichen Delegierten einer der L 5-Nationen ereignet hatte; aber es war ebensogut möglich, daß die Geschichte frei erfunden war, da es nicht möglich war, in einer höflichen Art und Weise Nachforschungen an der Quelle selbst anzustellen…). Riley schaute schon in eine andere Richtung. »Junge«, sagte Garcia. »Was würde ich dafür geben, mir ihre anderen Farmen anzusehen! Das ist wirklich außergewöhnlich. Einfach erstaunlich.« »Also bitte, Garcia«, sagte Stokely. »Sie haben doch schon Farmen gesehen.« »Ja, aber noch nie so etwas Primitives in einem so großen Maßstab. Das ist keine Museumsausstellung, Stokely. Das Leben dieser Leute hängt von dieser Farm ab. Deshalb verteidigen sie sie auch so tatkräftig vor den Wilden. Ich bin
überrascht, daß wir so leicht hereingekommen sind. Das ist ein sehr deutlicher Beweis. Wir haben es offensichtlich mit einer sehr fähigen – und strukturierten – Gesellschaft zu tun. Sie sind anpassungsfähig und in der Lage, von den Materialien, die sie zur Hand haben, Gebrauch zu machen.« Sie deutete darauf. »Schauen Sie – das wurde nicht als Farm entworfen. Das sind nur die Decksaufbauten des Schiffes, diese Stützen dort. Was auch immer hier vorher war, ist vollständig abmontiert worden, so daß diese Farm angelegt werden konnte – wahrscheinlich noch mehr Geschäfte und Häuser wie die, an denen wir vorbeigekommen sind.« Die Männer warfen sich gegenseitig Blicke zu. Omara sprach die Frage aus. »Aber was ist mit ihren ursprünglichen Farmen passiert, daß sie diese hier aufbauen mußten?« »Vielleicht ist das die einzige«, vermutete Stokely. »Vielleicht wurde sie zusätzlich zu den anderen errichtet – vielleicht, um eine größere Bevölkerung zu versorgen?« »Das bezweifle ich.« Garcia schüttelte ihren Kopf. »Das paßt nicht zu dem, was wir bisher gesehen haben. Ich würde sagen, daß die Sperranlagen des Schiffes Beweis sind für eine Art von – Zusammenbruch; irgendeine physische Katastrophe, oder eine ökologische, vielleicht auch ein sozialer Umbruch. Die Wilden, zum Beispiel – was bringt ein Volk dazu, zu einer primitiven Existenzform zurückzukehren? Diese Farm aber ist ein Beweis dafür, daß jemand etwas Neues auf den Ruinen aufbaut.« Plötzlich hörte sie mit einem überraschten Gesichtsausdruck auf zu sprechen. »Haben Sie bemerkt, was passiert ist?« Sie sah von einem zum anderen. »Was?« »Wann haben wir angefangen, die feindlichen Wesen »Wilde« zu nennen?«
Stokely, Omara und Riley schauten sich an und zuckten verwirrt die Schultern. »Feindliche Wesen, ja – «, sagte Garcia, » – aber wir wissen nicht sicher, daß sie Wilde sind. Wir haben hier eine Behauptung aufgestellt, möglicherweise eine unfaire. Wir erlauben uns außerdem, uns mit denen zu identifizieren, die diese Farm errichtet haben, weil sie über Technologie verfügen.« Riley grinste. »Jetzt hören Sie sich an wie der Captain.« Garcia grinste direkt zurück. »Das muß ich wohl auch. Ich habe bei ihm an der Akademie studiert. Als rangniedriger Offizier hat er den Teilbereich über grundsätzliche Vorgehensweisen bei Erstkontakt mit fremden Lebewesen unterrichtet. Ich fand es faszinierend. Er sagte immer, daß es gefährlich ist, in einer Situation Sympathie zu empfinden – wenn man nicht bereit ist, für beide Seiten Verständnis aufzubringen. Er ist einer der Gründe dafür, warum ich beschlossen habe, in den Kontaktdienst zu gehen und warum ich auf der Enterprise bin.« »Das hier ist eigentlich nicht… fremd – «. Omara deutete auf die nicht zu übersehenden Tomaten um sie herum. »Aus diesem Grund ist es potentiell sogar noch gefährlicher, – es ermutigt uns, die Situation für das zu halten, als was sie uns erscheint – und das sollten wir vielleicht nicht tun. Die erste Regel bei Erstkontakt ist, allen ersten Eindrücken zu mißtrauen; sie sind gewöhnlich falsch.« Garcia bemerkte, daß sie anfing, pedantisch zu klingen. Der Ausdruck auf ihren Gesichtern war… tolerant und belustigt. »Nun gut«, sagte sie. »Der Unterricht ist beendet. Machen wir weiter.« »Ich möchte zuerst einen Bericht abgeben«, sagte Riley und nahm den Kommunikator vom Gürtel. Trotz des Wissens, daß ihre Tricorder ununterbrochen ihre Daten überwachten und an
die Enterprise weiterleiteten, waren die Beobachtungen des Kontakttrupps vor Ort durch nichts zu ersetzen. Aber bevor er seinen Kommunikator aufklappen konnte, sagte Omara: »Warten Sie – « und deutete nach vorne. »Sehen Sie – « Weit entfernt, gerade noch in Sichtweite, bewegte sich etwas. Es war nur ein dunkles Flimmern vor einem Horizont voller Licht, aber es bewegte sich auf sie zu. »Vielleicht haben sie uns noch nicht gesehen – « winkte Riley sie zurück. »Gehen Sie in Deckung.« Die vier zogen sich zurück und teilten sich auf, Riley und Garcia gingen in den linken Seitengang, Stokely und Omara glitten in den gegenüberliegenden Gang. Garcia spähte schon auf die Anzeige ihres Tricorders. »Es sieht so aus, als ob es nur eine Person ist – mit einer Wahrscheinlichkeit von achtzig Prozent.« »Pst«, sagte Riley. Er schnallte seinen Kommunikator wieder fest, machte seinen Phaser los und überprüfte nochmals, daß er auf Betäubung eingestellt war. Omara und Stokely sahen, was er getan hatte und nahmen ebenfalls ihre Waffen zur Hand, aber Riley winkte sie zurück. Jetzt war das Wesen nah genug, um es – nein, sie – klar erkennen zu können. Eine Frau. Eindeutig eine Frau. Sie trug einen kurzen Rock, Sandalen und als Oberbekleidung eine Jacke, die zugleich als Halfter und als Arbeitstasche diente. Sie sah nicht älter als siebzehn aus – aber dieser Eindruck konnte täuschen. Sie konnte auch erst zwölf oder schon fünfzig sein. Da die Alterungsprozesse wahrscheinlich metabolisch kontrolliert wurden, war es unmöglich, sicher zu sein. Als sie näherkam, sprach sie in ein kleines Funkgerät, das sie in der Hand hielt: »Ist sehen Durchbruch, Allrah. Ist nicht sehen Dämonen jetzt.« Sie blieb nur wenige Meter von da entfernt stehen, wo sie sich versteckten. Riley und Omara
wechselten Blicke über den offenen Korridor. Die Frau trug ein sehr gefährlich aussehendes, hochwirksames Wurfpfeilgewehr. Sie drehte sich langsam um und überblickte das ganze Gebiet. »Ist beste rufen Quarantäne. Ganzer Sektor. Sieht aus nicht beschädigt. Ist brauchen Sicherheit und Säuberung.« »Stehnbleiben«, antwortete das Gerät. »Halten Position. Gehen Deckung.« »Check-check«, erwiderte sie und schnallte das Gerät wieder an ihrem Gürtel fest. Sie ließ sich in eine wachsame Position auf ein Knie sinken und hielt ihr Wurfpfeilgewehr vor sich. Riley sank wieder hinter den Behälter zurück. Wenn sich die Frau nur einige Meter vorwärts bewegte, würde sie ihn sehen. Er biß sich nachdenklich in die Unterlippe. Wenn er sich ihr zeigte, würde sie wahrscheinlich einen Wurfpfeil in seine Brust feuern. Die Wahrscheinlichkeit war hoch, daß das eine fatale Wirkung haben würde. Die Bewohner dieses Schiffsteils standen offensichtlich im Krieg mit den Wilden – nein, mit den feindseligen Wesen. Er warf einen weiteren Blick auf sie. Ihr Haar war kurz geschnitten. Sie trug kein Make-up. Ihre Haut hatte eine dunkle Farbe wie Schokolade – aber er konnte nicht sicher sein, ob es ihre natürliche Farbe war oder ob sie vom ständigen Arbeiten unter diesem Licht gebräunt war. Ihre Gesichtszüge waren wohlgeformt; ihre hohen Wangenknochen gaben ihrem Gesicht einen leicht arroganten Ausdruck. Sie drehte sich zu ihm um, und einen kurzen Augenblick lang war Riley fast sicher, daß sie ihn zwischen den Blättern sehen konnte – aber als sie nicht reagierte und fortfuhr, vorn und hinten alles abzusuchen, atmete er langsam aus. Ihre Augen hatten das durchdringendste Blau, das er jemals gesehen hatte. Er ließ sich selbst in eine kniende Position herab und legte einen Finger an seine Lippen, um den anderen anzudeuten, daß
es weiterhin notwendig war, sich ruhig zu verhalten. Er schüttelte nachdrücklich seinen Kopf. Er begann sich zu fragen… ob sie sie entwaffnen konnten? Nein, das könnte riskant sein. Er sah auf den Phaser in seiner Hand. Nein, nur als allerletztes Mittel würde er – Sein Kommunikator piepste. Die Augen der Frau weiteten sich und – – sie wirbelte herum und – – etwas flog pfeifend an Rileys rechtem Ohr vorbei und – – er rollte sich seitwärts über den offenen Korridor, feuerte mit seinem Phaser eine Salve von drei schnellen Blitzen ab und – – kam auf seine Füße hoch und hielt seinen Phaser immer noch schußbereit, aber die Frau war neben ihrer Waffe zusammengebrochen. »Farge!« sagte er. Garcia bewegte sich schon zu ihr. »Sie hat alle drei Schüsse abbekommen – « »Lebt sie noch?« »Gerade noch – « »Sehen Sie –!« wies Stokely sie hin. Weit entfernt bewegte sich eine Gruppe schwarzer Gestalten auf sie zu. Sie rannten. Riley schnipste den Kommunikator auf Transporterraum. »Fünf Leute hochbeamen. Sofort!« »Warten Sie!« rief Stokely und nahm etwas von seinem Gürtel ab. Ein Fernkoordinationsmodul für den Transporter, so daß sie oder ein anderer Trupp an denselben Punkt zurückgebeamt werden konnten. Er befestigte es an der Unterseite eines der Behälter, wo es nicht so leicht gesehen werden konnte. »Beeilen Sie sich«, schnauzte Riley. Er brachte seinen Phaser wieder nach oben, aber er wollte ihn nicht wieder benutzen,
wenn es nicht unbedingt notwendig war; es würde später nur um so schwieriger sein, einen friedlichen Kontakt herzustellen. Aber dieser Sicherheitstrupp, oder was immer es war, kam näher. Sie konnten ihre Schritte auf dem Deck hören. Und sie waren schwer bewaffnet. »Befestigt und in Funktion«, sagte Stokely. »Transporterraum, Energie.« Die Luft um sie herum füllte sich mit Funken und ein Regen von Wurfpfeilen schoß harmlos durch den Raum, wo sie sich gerade noch aufgehalten hatten.
13
Dr. Leonard »Pille« McCoy musterte die bewußtlose junge Frau auf dem Tisch mit dem Blick eines erfahrenen Arztes. Der Schirm am Kopfende des Bettes zeigte an, daß ihre Lebensfunktionen gefährlich niedrig waren. »Wird sie durchkommen?« fragte Riley. Er sah besorgt aus. McCoy wandte den Blick nicht vom Handterminal, das er gerade überprüfte. »Ich sage nicht die Zukunft voraus, Leutnant. Ich versuche lediglich, ihr zu helfen.« Dann fügte er etwas freundlicher hinzu: »Sie hat wirklich eine Chance, denn sie ist ja jung und kräftig. Gehen Sie jetzt und melden Sie sich beim Captain, ich komme schon alleine zurecht.« Dann sagte er zu Schwester Chapel: »Geben Sie ihr Deo-Fünf intravenös mit zweiprozentigem Adrenal-4.« Chapel sah ihn fragend an. »Ich weiß, ich weiß – aber es wird sie nicht umbringen und ihr wenigstens etwas Kraft geben. Solange ich nicht sicher bin, daß ihr Stoffwechsel rein menschlich ist, werde ich nichts Drastischeres unternehmen. Machen Sie einen Abstrich und eine vollständige Untersuchungsreihe; vor allem aber die Aminosäurenreihe, die Protein- und Enzymanalysen, und beginnen Sie mit einem genetischen Diagramm, wenn dazu noch Zeit ist. Das Labor soll mit den Chromosomen 6 und 7 beginnen, und lassen Sie mir die Zahl der Hy-3-Aktivatoren bestimmen.« »Jawohl.« Chapel war schon unterwegs. Allein mit seinem Patienten sank McCoy langsam in einen Stuhl, der neben dem Bett stand und überprüfte nochmals die Anzeigen der Lebensfunktionen. Das alles gefiel ihm ganz und
gar nicht. Er streichelte die Hand der jungen Frau, aber sie bewegte sich nicht. Im Augenblick konnte man nur abwarten. Aber daran war McCoy gewöhnt. Ein Großteil des Heilungsprozesses hängt von der Fähigkeit des Arztes ab, zu erkennen, wann er abwarten, nachdenken und vor allem die Situation neu beurteilen sollte. Anstatt zu heilen, hilft ein guter Arzt in den meisten Fällen dem Kranken, sich selbst zu heilen, und die Begabung eines Arztes läßt sich oft an seiner Geduld messen. Einige Minuten später saß er immer noch da, als Kirk eintrat. »Pille – «, sagte er. »Ich weiß es nicht«, sagte McCoy, »also frag nicht.« »Woher weißt du, was ich fragen wollte?« »Ich lese Gedanken. Du wolltest fragen, wie es ihr geht und wann sie wieder sprechen können wird. Zunächst möchte ich aber sicher sein, daß sie nicht stirbt. Sie ist schrecklich zierlich und hat eine ziemlich kräftige Ladung abbekommen. Du könntest Riley sagen, er braucht das nächste Mal nicht so schieß wütig zu sein.« »Er hatte Angst, Pille. Und wer sagt, daß ein anderer unter den gleichen Umständen nicht dasselbe getan hätte?« Pille sah nicht gerade überzeugt aus. Aber bevor er antworten konnte, piepste das Intercom. Er ging hin. »Hier McCoy.« Eine Frauenstimme: »Hier ist das Labor, Sir. Sie ist ein Mensch. Zu hundert Prozent. Blutgruppe A positiv. Die Details kommen in den Speicher, sowie wir sie ausgebrütet haben.« »Danke«, sagte McCoy und schaltete ab. Er ließ einige Graphiken auf dem Bildschirm aufleuchten und überflog sie, dann wandte er sich wieder Kirk zu. »Wir schaffen es.« Er zog ein Injektionspistole auf und machte sie fertig. Als er damit den entblößten Unterarm der jungen Frau berührte,
zischte es leise. McCoy reckte sich, um nochmals die Anzeigen auf dem Bildschirm zu lesen. Zwei der orangefarbenen Anzeigen waren wieder leicht angestiegen. Eine dritte begann, etwas schneller zu steigen. »Gut«, sagte er. »Sie steht immer noch unter Schock, aber nicht mehr lange. Dieses Zeug wird sie in einen sanften Schlaf versetzen.« »Kannst du sie wecken?« McCoy drehte sich zu ihm um. »Physisch kann sie schon damit fertig werden, Jim – aber hast du schon mal an den mentalen Schock gedacht, den sie kriegen wird?« »Eh?« »Was ist, wenn diese Leute so isoliert waren, daß sie an nichts anderes mehr als ihr eigenes, kleines Universum glauben? Wenn das der Fall ist, wird sie einen ziemlichen Kulturschock davontragen. Und das wird noch das geringste Übel sein.« Kirk atmete lauter als sonst aus, aber es war nicht direkt ein Seufzer. »Du hast ja recht, Pille. Aber wir müssen sie trotzdem befragen.« »Ich weiß«, sagte McCoy gereizt, »- und was ich versuche, dir zu erklären, ist, daß sie im Moment ein Verhör vielleicht nicht verkraften würde.« »Eine Befragung, Pille. Das Wort heißt ›Befragung‹.« »Ich bin Arzt und nicht Semantiker. Ich kann mir nur schwer den Unterschied zwischen Befragung und Verhör erklären.« Kirk wußte, daß es sinnlos war, mit McCoy zu streiten. »Also gut, Pille. Wie lange wird es dauern?« McCoy gab einen mißmutigen Laut von sich. Er wog sämtliche Möglichkeiten ab, dann sagte er: »Ich möchte, daß sie von selbst aufwacht.« Als ob das ein Stichwort gewesen wäre, kam vom Krankenbett ein Geräusch.
Die junge Frau hatte sich auf ihre Ellbogen erhoben und starrte sie neugierig und argwöhnisch an. »Wer ihr?« fragte sie. Als sie die merkwürdige Umgebung wahrnahm, riß sie die Augen auf. »Wo das?« McCoy trat zu ihr ans Bett. »Kein Grund zur Besorgnis, junge Dame. Bald wird es Ihnen wieder gut gehen, und keiner wird Ihnen etwas tun.« Kirk ging an die gegenüberliegende Seite des Krankenbetts. »Sie befinden sich auf dem Föderations-Sternenschiff Enterprise, und ich bin Captain James T. Kirk.« Sie musterte ihn kurz, dann verengten sich plötzlich ihre blauen Augen. »Gibt nur einen Captain!« Kirk nickte sanft. »So sollte es auch sein. Ich bin der Captain dieses Schiffs. Wer ist der Captain Ihres Schiffs, und welchen Namen besitzt es?« »Ist Dämonentrick? Ja! Ihr Dämonen! Ist nicht trauen Schwindlern! Feinde!« McCoy sah zu Kirk hin. »Sie darf sich nicht aufregen, Jim.« Er streckte die Hände nach ihren Schultern aus, um sie sanft aufs Bett zurückzudrücken, aber sie rollte sich zur Seite. Plötzlich drehte sie sich wieder um und versetzte McCoys rechter Wange einen Faustschlag, der ihn zur gegenüberliegenden Wand taumeln ließ. Er sagte noch »Uff«, als ihm durch den Aufprall die Luft aus den Lungen gedrückt wurde, dann sackte er in sich zusammen. Die junge Frau rollte sich vom Bett, landete sicher auf dem Boden und stand, das Bett zwischen ihnen, Kirk gegenüber. Sie ging in Kampfstellung, die Hände drohend verkrampft. Kirk entspannte sich bewußt und hielt die Hände hoch. »Ich bedrohe Sie nicht«, sagte er. »Sie sind unser Gast.« »Ihr Dämonen!« zischte sie. »Ist nicht sterben kampflos.«
»Wer redet denn vom Sterben«, sagte Kirk. »Sie sind hier nicht in Gefahr. Der Mann, den Sie gerade niedergeschlagen haben, ist der Arzt, der Ihnen das Leben gerettet hat.« Sie blickte kurz hinter sich, sah aber dann sofort wieder Kirk an. »Ist Trick! Ja«, sagte sie beharrlich. »Nein«, sagte Kirk sanft. »Ist kein Trick.« »Ist nicht glauben.« »Was kann ich tun, um Sie zu überzeugen?« Sie fing an, nachzudenken. Ein Stirnrunzeln legte sich über ihre düsteren Gesichtszüge. Hinter ihr fing McCoy zu stöhnen an und begann, sich hochzurappeln. Er schnappte sich einen gebrauchsbereiten Injektor von der medizinischen Einheit. Kirk ließ sich nichts anmerken. »Wir wollen Sie nicht verletzen«, sagte er mit bewußt sanfter Stimme. »Ich bin Captain James T. Kirk vom Sternenschiff Enterprise. Sie befinden sich auf der Enterprise. Und nicht mehr auf Ihrem eigenen Schiff. Wir fanden Ihr Schiff – oder besser, Ihre Welt – als treibendes Wrack vor. Ihr Schiff ist mehr als zwanzig Lichtjahre von der nächsten menschlichen Kolonie entfernt. Sie können von Glück sagen, daß wir Sie gefunden haben. Ihr Schiff treibt aus der Galaxis hinaus. Sie befinden sich bereits oberhalb der Ebene der Ekliptik.« »Ist kein Gerede mehr!« unterbrach sie ihn. »Ist Geschwafel. Kindersprache. Märchengeschichte. Ist – ist – « Sie wurde nervös und zögerte. Und McCoy trat hinter sie und drückte ihr die Injektionspistole auf den entblößten Arm. Leise zischte es – Sie wirbelte herum und starrte ihn schockiert, als hätte man ihr Vertrauen mißbraucht, an – – dann taumelte sie langsam nach vorne in seine ausgebreiteten Arme. McCoy fing sie sanft auf und hielt sie fest, als wäre er ihr Vater. Dann strich er ihr übers Haar. »Bald geht es dir wieder gut, kleines Mädchen, spätestens dann, wenn
du aufhörst, dich zu fürchten.« Über ihre Schulter hinweg blickte er seinen Captain an. »Hörst du vielleicht jetzt auf den Rat deines Arztes?«
14
Sämtliche Offiziere und Abteilungsleiter erwarteten den Captain im Lagebesprechungsraum und unterhielten sich angeregt miteinander. Als Kirk hereinschlenderte und seinen Platz am Tischende einnahm, verstummte das allgemeine Gemurmel. »Also«, begann er. »Wir haben alle die Berichte des Kontakttrupps gesehen. Sie haben alle Außergewöhnliches geleistet, wenn man die schwierigen Umstände, unter denen sie arbeiten mußten, berücksichtigt. Nehmen Sie bitte zu Protokoll, daß ich allen eine Belobigung in ihre Akten eintragen lasse. Und jetzt, da es so viele Fragen gibt, hätte ich auch gern ein paar Antworten.« Er blickte in die Runde. »Mr. Chekov, haben Sie den Kurs des Schiffs zurückverfolgt?« Chekov sah etwas verlegen drein. »Äh… ja, Keptin, aber er ist so unwahrscheinlich, daß wir eine zweite Simulationsreihe laufen lassen.« »Die Möglichkeit, daß Sie sich täuschen, besteht natürlich, Mr. Chekov. Diese Erfahrung ist für uns alle etwas Alltägliches. Aber wenigstens für die Akten: welchen Ursprung hat Ihre erste Simulation ermittelt?« »Äh – Sie werden es kaum glauben – ich weiß, ich konnte es mir selbst kaum vorstellen – aber, äh – « »Kommen Sie bitte zur Sache.« » – Äh, die Erde.« »Die Erde?« »Nun, zumindest das Erdsystem. Unsere – äh, Wahrscheinlichkeit liegt bei dreiundfünfzig Prozent. Sie müßten auf ihrem Weg einige andere Sternensysteme besucht haben, eine Schleife um deren Sonnen gemacht haben, um in
eine neue Flugbahn für ihr nächstes Ziel zu kommen – aber die Kurse gleichen sich fast bis aufs Haar mit Mr. Spocks Simulation dessen, was ein Kolonistenschiff tun würde – « Er stockte und warf dem Vulkanier einen hilfesuchenden Blick zu. Spock nickte gelassen. »Falls wir davon ausgehen, daß es sich hier um ein Kolonistenschiff handelt – denn das scheint es tatsächlich zu sein –, dann stellt auch Mr. Chekovs Simulation eine Verkettung mehrerer aufeinanderfolgender, äußerst schlechter Entscheidungen dar. Falls sie, was naheliegt, das Erdsystem vor ungefähr einhundertfünfundachtzig Jahren verlassen haben, müssen sie als erstes Sirius-B angesteuert haben. Da sie keinen Planeten vorfanden, den sie ohne umfangreiches Terraforming, was zur damaligen Zeit ihre technischen Möglichkeiten überstieg, nutzen konnten, hätten sie keine andere Wahl gehabt, als sich auf den Weg zu ihrem nächsten voraussichtlichen Reiseziel zu machen, Wolf 359. Mr. Chekovs Hypothese, der ich zustimme, ist, daß das Fehlen geeigneter Planeten um diese ersten beiden Sterne so offensichtlich war, daß keine entscheidenden Bremsmanöver eingeleitet wurden. Vielmehr wurde das Schiff in eine neuerliche Schleife um die Sonne gebracht, um eine neue Flugbahn zu erhalten und die resultierende Schwungkraft in eine neue Richtung zu leiten. Mit entsprechend großen Segeln hätten sie dann auch den Solarwind nutzen können, um an Schnelligkeit zu gewinnen. Natürlich mit dem Ziel, die Reisezeit bis zum nächsten Stern zu verkürzen. Falls sie das, wie Mr. Chekov meint, mehrere Male in Folge taten, könnten sie eine beträchtliche Geschwindigkeit erreicht haben. Und damit sind wir bei der schlechten Planung gelandet. Wir müssen annehmen«, fuhr Spock fort, »daß die Bewohner des Schiffs, die sich nunmehr in der dritten oder vierten
Generation befanden, früher oder später ungeduldig wurden. Das Grundkonzept bei Generationsschiffen dieses Typs war immer, daß sie die Hälfte der Reise beschleunigen und die andere Hälfte das Tempo drosseln. Aber dieses Konzept setzte immer einen geeigneten und bewohnbaren Planeten in der Nähe des Zielsterns voraus. Mit Abtastungen in großer Reichweite – selbst einfachster und grundlegendster Art – ist es möglich, lange vor Eintritt in ein Sternensystem dessen Eignung festzustellen. Diese Tatsache muß die Kolonisten dazu ermutigt haben, den Drosselungsprozeß so lange hinauszuzögern, bis sie nahe genug herangekommen waren, um entscheiden zu können, ob sie die Energiequellen in die Abbremsung investieren sollten oder nicht. Dies würde zwar einen wesentlich schärferen Bremsvorgang erfordern, aber die Chancen, einen geeigneten Planeten zu finden, waren zu gering, um ein derartiges Glücksspiel zu rechtfertigen. Sah ein Planet vielversprechend aus, leitete man das Bremsmanöver ein, aber keine Sekunde zu früh. Auf diese Weise sparte man sich seine Schwungkraft. Sollte sich das System in jeder Hinsicht als unbewohnbar erweisen, hatte man immer noch seine ursprüngliche Geschwindigkeit. Man zieht eine Schleife um die Sonne und ist bereits mit Höchstgeschwindigkeit auf dem Weg zum nächsten Zielort – während man immer noch beschleunigt. Für die Bewohner des Schiffs muß die Chance, die nächste Etappe der Reise um zehn oder fünfzehn Jahre zu verkürzen – falls der schlimme Fall eintrat, daß sie ihre Reise fortsetzen mußten – sehr verlockend gewesen sein. Für diejenigen, die die Wahl hatten, den Rest ihres Lebens auf dem Schiff zu verbringen oder aber vielleicht doch noch auf einem Planeten herumwandern zu können – etwas, was sie bisher noch nicht kannten und auch nie kennenlernen würden, falls sie nicht die
Gelegenheit beim Schopf packten – mußte es die einzig mögliche Handlungsweise gewesen sein. Da es ihnen aber nicht vergönnt war, einen Planeten zu finden, war ihr Geschwindigkeitszuwachs so groß, daß ein endgültiges Abbremsen innerhalb der nötigen Zeitspanne nicht nur außerordentlich schwierig, sondern praktisch unmöglich war. Wäre ein geeigneter Planet entdeckt worden, wäre es zu spät zum Abbremsen gewesen.« »Aber sie müssen doch bemerkt haben – « meinte Uhura. »An einem bestimmten Punkt, ja. Aber da gibt es zwei Möglichkeiten. Nehmen wir einmal an, sie verloren einen Teil ihres Antriebssystems – zum Beispiel, wenn ein Reaktor ausfällt und es keine Möglichkeit gibt, ihn zu reparieren. Was dann? Sie verlieren einen Teil ihrer Bremskapazität. Bisher deutet alles daraufhin, daß sie mehrere Reaktoren verloren haben. Eine zweite, vielleicht sogar wahrscheinlichere Möglichkeit, wenn man die Umstände als auch den Bericht des Kontakttrupps in Erwägung zieht, wäre, daß es eine Art sozialen Aufstand gab. Eine Meuterei vielleicht.« Bei diesem Wort drehten sich sämtliche Köpfe in Spocks Richtung. Meuterei? Selbst Kirk sah besorgt aus. »Stellen Sie sich doch mal vor…« sagte Spock. »Ein Planet wird entdeckt. Hero’s Star zum Beispiel. Aus der Entfernung sieht er bewohnbar aus. Selbst bei näherer Betrachtung erscheint er vielversprechend. Aber periodisches Aufflackern des Zentralgestirns setzt den Planeten solch intensiver, harter Strahlung aus, daß ein Leben dort bestenfalls in Grenzbereichen möglich ist. Aber – falls Sie in Ihrem ganzen Leben noch nie einen Fuß auf einen Planeten gesetzt haben, und dieser Planet Ihre einzige Chance auf ein endgültiges Zuhause ist, welche Rolle spielt da ein Strahlungsausbruch, der nur alle dreiundzwanzig Jahre einmal auftritt?« Er blickte in die Runde.
Einige der Offiziere starrten auf ihre Hände, die sie auf den Tisch gelegt hatten. Andere waren kreidebleich geworden, weil sie das Ausmaß der Situation noch gar nicht begriffen hatten. »Mr. Spock«, sagte Kirk sanft, »ich wußte gar nicht, daß Sie soviel… Mitleid… haben können…« »Mitleid hat nichts mit Logik zu tun, Captain. Ich extrapoliere lediglich einen möglichen Umstand aus den vorliegenden Indizien – inklusive meines eigenen Wissens über das menschliche Verhalten.« Er erwiderte Kirks spöttischen Seitenblick, indem er ihn kalt anstarrte. »Darf ich fortfahren?« »Bitte.« »Geht man von diesen Vermutungen aus – denn mehr sind es nicht – würde ich sagen, daß die Entscheidung darüber, ob man auf Hero’s Star bleibt oder die Reise zum nächsten Planeten fortsetzt, möglicherweise einen Bürgerkrieg entfacht hat – der vielleicht schließlich zur Meuterei führte. Möglicherweise machte es sich eine Partei zum Ziel, das Schiff manövrierunfähig zu machen, um es an der Weiterreise zu hindern, weshalb es jetzt eben ein Wrack ist. Der Krieg wurde nie entschieden, und die Überlebenden leben in den entgegengesetzten Enden des Schiffs, als Bauern und… Wilde. Natürlich basiert diese Extrapolation lediglich auf den Indizien, die bisher vorliegen, aber das letzte System, das dieses Schiff möglicherweise durchquert haben könnte, war tatsächlich das von Hero’s Star, und die Flugbahnen und Geschwindigkeiten, die Mr. Chekov errechnet hat, passen außergewöhnlich gut zu dieser Hypothese.« Kirk warf einen Blick über den Tisch auf seinen Ersten Offizier. »Danke, Mr. Spock. Eine exzellente Darstellung. Wie hoch… ist die Wahrscheinlichkeitsrate… dieser Hypothese?« Spock blickte ins Leere, während er kalkulierte. »Mindestens neunzig Prozent.«
»Oh«, sagte Kirk augenzwinkernd. »Dann ist es ja nichts weiter als eine bloße Vermutung.« Spock sagte: »Für einen Vulkanier, ja.« Kirk ging nicht weiter darauf ein. Er wollte gerade Mr. Chekov nach seiner zweiten Simulationsreihe fragen, als sich Mr. Scott zu Wort meldete. »Aye, Mr. Spock, eine schöne Geschichte, die Sie da erzählen, aber sie ist nicht viel wert. Es gibt keine Aufzeichnung, daß ein Schiff dieser Art jemals die Erde verlassen hätte. Ich kenne mich mit dem Schiffsbau aus und würde wissen, ob ein solches Schiff in den letzten dreihundert Jahren gebaut wurde. Der Kostenaufwand wäre nicht nur in Megaeinheiten, sondern sogar Makroeinheiten gegangen, und derartige Kosten sowie ein Bauprojekt in dieser Größe lassen sich nicht geheimhalten.« »Wenn Sie meinen, Mr. Scott.« Spock fixierte den Chefingenieur mit ausdruckslosem Gesicht. »Wenn Sie über den Bau dieses Schiffs im erdnahen Raum nichts wissen, dann wissen Sie eben nichts davon. Aber das Schiff ist hier, nur einige Kilometer entfernt. Und die junge Frau in Dr. McCoys Bordlazarett spricht eine veränderte, aber immer noch erkennbare Form Erdsprache. Daher ist eher wahrscheinlich, daß Ihr Wissen und nicht die Herkunft dieses Schiffs fraglich ist.« Er wartete geduldig auf Scotts Antwort. Scotty nahm es nicht persönlich. Aber er verschränkte die Arme vor seiner Brust und hielt Spocks Blick stand. »Wie auch immer, Mr. Spock, aber ein solches Schiff wurde niemals im erdnahen Raum gebaut. Und ich muß es wissen, denn ich war ranghöchster Ingenieur in den San Francisco Docks, als die Enterprise und drei ihrer Schwesterschiffe gebaut wurden. Und das ist das einzige Dock, das die Kapazität besitzt, ein derartiges Schiff überhaupt zu entwerfen – und glauben Sie mir, ich habe des öfteren ältere Aufzeichnungen durchgesehen, um zu lernen, wie meine Vorgänger mit Problemen des
Schiffsbaus fertig geworden sind. Nein, Mr. Spock. Dieses Schiff stammt aus keinem mir bekannten Dock.« Bevor sich jemand zu Wort melden konnte, hob Kirk die Hand. »Meine Herren«, sagte er. »Vielleicht haben Sie beide recht. Ich schlage vor, daß unser nächster, logischster Schritt darin besteht, die Historikabteilung der Enterprise aufzusuchen.« Er blickte einen nach dem anderen fragend an. »Einverstanden?« Er war bereits aufgestanden, ohne auf ihre Antworten zu warten. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihm zu folgen.
15
Trotz bester Absichten von Planern, Gestaltern und Erbauern gibt es bei Sternenschiffen immer wieder einige wenige Teile, die aus irgendeinem Grund letztlich doch wieder modifiziert werden – gewöhnlich, um den besonderen Bedürfnissen oder der Persönlichkeitsstruktur der jeweiligen Besatzung entgegenzukommen. Die Enterprise bildete in diesem Zusammenhang keine Ausnahme. Normalerweise ist die Historikabteilung eines Sternenschiffs, gemessen an der Größe der Schiffsbibliothek, eine kleinere Datei – was nicht zuletzt auch damit zu tun hatte, daß Sternenschiffcaptains dazu tendierten, eher Geschichten zu machen, als sie zu studieren. Aber in dieser Hinsicht war James T. Kirk ebenfalls eine Ausnahme. Bevor er mit der Enterprise auf seine erste Patrouillenfahrt ging, hatte er befohlen, das Niveau der Schiffsbibliothek entscheidend zu verbessern, so daß es nunmehr mit den Speichern des Sternenflottenkommandos vergleichbar war. Der dritte Sportraum des Schiffs war daraufhin umgebaut worden, damit die zusätzlichen Speichertanks untergebracht werden konnten. Als Erklärung hatte Kirk lediglich gesagt: »Wenn man von den Fehlern anderer lernen kann, muß man sie nicht selber machen.« Wann immer also die Enterprise mit einem anderen Schiff oder einer Sternbasis zusammentraf, bat der Schiffsbibliothekar automatisch um neueste Daten für sämtliche Bereiche der Bibliothek und bot als Austausch an, was immer an unklassifizierter Information von ihm erbeten wurde. Die Enterprise sammelte auch routinemäßig die
Bibliotheken von anderen Quellen, speziell diejenigen außerirdischer Kulturen, auf die sie bei ihren Patrouillen stieß. Im ersten Jahr von Kirks Kommando als Captain der Enterprise hielt die Admiralität der Sternenflotte diese Politik für eine interessante Marotte und harmlose Spinnerei. Einige Captains malten, um sich zu entspannen, andere wiederum spielten Schach; James T. Kirk aber sammelte die Summe allen menschlichen Wissens, das im Universum existierte. Und dann kam es zu der berühmten Begegnung mit MacMurray. MacMurray war ein Freibeuter gewesen, der einen bewohnbaren Planeten an einem ziemlich unwahrscheinlichen Ort entdeckt hatte. Er nannte ihn Noah, weil er drei Sonnen hatte. Die Sonnen dagegen benannte er nach seinen drei Katzen: Signpost, Shadow und Fred. Kurze Zeit später errichtete er an der Küste des einzigen Kontinents dieses Planeten für sich selbst ein Kaiserreich – das in Wirklichkeit eine Kolonie von Außenseitern, Unzufriedenen und Ausgestoßenen war, aber MacMurray als Machtbereich genügte. Er und sein Gefolge erklärten sich zu einer unabhängigen Technokratie, hißten eine Flagge über dem Gerichtsgebäude und stellten eine Messingkanone in den Rasen davor. Die Föderation beachtete ihn so gut wie gar nicht. Selbst als Kaiser MacMurray ein Botschafterschiff der Sternenflotte anforderte, um seine diplomatischen Gesandten zur Föderation zu schicken, wurde das schlichtweg ignoriert. Aus irgendeinem Grund wurde die Subraumnachricht nicht einmal bestätigt. MacMurray blieb keine andere Wahl. Diese Brüskierung konnte nicht einfach hingenommen werden. Die Beleidigung mußte vielmehr gerächt werden. Er erklärte der Föderation den Krieg.
Das MacMurray-Kaiserreich kaperte die nächsten drei Handelsschiffe, die in seinen einzigen Hafen einliefen. Das vierte Schiff, das kam, war die Enterprise. Nach einer kurzen Beurteilung der Lage kapitulierte James T. Kirk sofort. Aber er übergab ihm nicht nur die Enterprise, sondern auch die Sternenflotte und die gesamte Föderation. Dann übertrug er ihm die Herrschaft über das gesamte bekannte Universum und sämtliche Bereiche, die erst noch entdeckt werden mußten. Und alles andere, was dabei noch nicht enthalten war. MacMurray war mit dem, was er erreicht hatte, äußerst zufrieden. Er erklärte alle Feindseligkeiten für beendet und ließ sich hochbeamen, um höchstpersönlich das Kommando über die Enterprise zu übernehmen. Bevor er ihm die absolute Befehlsgewalt übertrug, hielt es James T. Kirk für nötig, den neuen Herrscher der Galaxis über den momentanen Stand der Dinge zu unterrichten. Er brauchte sieben Minuten, um all die lokalen Kriege und Unstimmigkeiten, die zum gegenwärtigen Zeitpunkt in offene Feindseligkeiten ausgeartet waren, aufzulisten. Nicht etwa, sie zu erklären, sondern nur, sie aufzuzählen. Er benötigte weitere sieben Minuten, um dem zukünftigen Alleinherrscher beizubringen, wie wichtig es war, daß jedes einzelne der aber und aber Milliarden von Individuen, die auf allen bekannten Planeten lebten – nicht nur die Menschen, sondern alle empfindungsfähigen Rassen – glücklich und zufrieden ein erfülltes Leben führte, wenn er nicht gleich eine Revolution haben wollte. Dann schilderte er ausführlich einige der speziellen Bedürfnisse gewisser Kulturen, und zwar besonders diejenigen bestimmter Fleischfresser, die ihre Beute lebend verspeisten. Schließlich wies er auf diverse Probleme hin, die des Kaisers sofortige Aufmerksamkeit erforderten, und was er ihnen wohl raten würde, in bezug auf selbige zu unternehmen?
Dabei erwähnte er das Scheitern der Verhandlungen über den Romulanischen Vertrag, die besorgniserregenden neuen Bündnisse der Klingonen, den Drogenhandel, dessen Zentrum im Orion lag, und natürlich die Haushaltsplanung für das kommende Budgetjahr und gewisse inflationäre Taktiken, die bereits zu drei Regierungsumbildungen geführt hatten und noch nicht überarbeitet worden waren, da dies viel politisches Fingerspitzengefühl erforderte. Kaiser MacMurray hörte exakt fünfundvierzig Minuten lang zu, dann dankte er ab. Nun, das war nicht ganz der richtige Ausdruck, Kirk weigerte sich, den Rücktritt des Kaisers anzunehmen. So plötzlich führerlos geworden, würde die Galaxis im Chaos versinken. MacMurray überlegte zwei Minuten lang, welche Alternativen er hatte. Dann übertrug er James T. Kirk einen neuen Posten, den er zusammen mit seiner gegenwärtigen Aufgabe als Captain der Enterprise ausüben sollte. Kirk wurde gebeten, die Position eines Königlich-Ministerialen Generalbevollmächtigten, der das Oberkommando im Universum führte, einzunehmen. Und zwar wohlweislich nicht nur des bisher bekannten Universums, sondern auch derjenigen Bereiche, die erst noch entdeckt werden mußten. Er ließ ein Pergament aufsetzen, um die Ernennung kundzutun. Kirk nahm den Posten huldvoll an. Er unterzeichnete sofort ein Dokument, das allen unterstellten Rassen und Planeten die Autonomie, die sie bisher genossen hatten, zurückgab, und wies sie des weiteren an, ihre lokalen Probleme, so gut es ging, selbst zu lösen, da der Kaiser Wichtigeres zu tun hatte. Das Pergament hing er in den Erholungsraum des Schiffs, damit die gesamte Besatzung der Enterprise sah, daß sie es nicht mit einem gewöhnlichen Sternenschiffcaptain zu tun hatte. Und dann wurde zur Feier eine große Fiesta abgehalten.
Der gesamte Zwischenfall hatte weniger als zwei Tage in Anspruch genommen. Die Party dagegen dauerte eine ganze Woche. Niemand wurde getötet. Und niemand verletzt – abgesehen von einigen Katern und zwei Fähnrichen, die in der allgemeinen Konfusion einen Thermalkonverter zerlegt und ihn anschließend mit sich selbst als Inhalt wieder zusammengebastelt hatten. (Zu ihrem eigenen Verdruß und McCoys Ärger hatte man sie Stück für Stück herausbeamen müssen.) Die Handelsschiffe und ihre Besatzungen wurden freigelassen, und zwar vollbeladen mit Noahs Hauptexportartikel, Krystallin-G, einem industriell hergestellten Wachs, als Belohnung für ihren Mut während der Gefangenschaft. Des weiteren wurden ihnen Urkunden ausgestellt, die bekanntgaben, daß sie nunmehr zur Königlichen Handelsmarine gehörten, die dem wohlwollenden Schutz des Kaisers der Galaxis (derzeit abwesend) unterstand. Zum Sternenflottenkommando zurückgekehrt, fand Kirk heraus, daß MacMurrays ursprüngliche Nachricht zwar tatsächlich empfangen worden war, jedoch für einen Jux gehalten wurde. Kurze Zeit darauf änderte man die Vorgehensweise der Sternenflotte: Jetzt mußten alle Nachrichten bestätigt werden, egal, wie fremdartig sie den Offizieren, die sie empfingen, auch vorkommen mochten – außer, diese wurden von einem Offizier, der mindestens den Rang eines Captains innehatte, ausdrücklich dazu ermächtigt, anders zu handeln. In seinem Bericht merkte Kirk an, daß ihm die Idee dazu gekommen war, weil er die Auslandsbeziehungen des 18. Jahrhunderts studiert hatte. Mehrere Schiffskapitäne hatten es für zweckdienlich gehalten, lokalen hawaiianischen und afrikanischen Königen seitens ihrer eigenen Monarchen
Hochachtung zu zollen – obwohl sie sie aufgrund ihrer Bewaffnung hätten ausrotten können – da es bequemer und praktischer war, sich gegenseitig zu respektieren. MacMurray hatte keinen Krieg gewollt, und selbst wenn, dann hätte er keinen führen können – er wollte lediglich beachtet werden. Und respektiert. Das war alles. Wenn man einen alten Mann glücklich machen konnte, indem man ihm etwas vorspielte (und damit auch gleich eine Entschuldigung für eine Party auf einem Planeten, der ansonsten eher als grausam galt, mitlieferte), dann konnte kaum noch davon die Rede , sein, daß man das Raumfahrtrecht nicht zugunsten der Menschlichkeit beugen sollte. Die Sternenflottenadmiralität schloß sich dieser Ansicht an, und Kirk wurde entsprechend belobigt. Er wurde in seinem Amt als Königlich-Ministerialer Generalbevollmächtigter des Kaisers MacMurray bestätigt. Danach schickte die Sternenflotte in regelmäßigen Abständen eine Botschafterdelegation zu Noah (der offiziell als Mündel der Föderation aufgelistet war), um ihm zu melden, daß die Galaxis so gut, wie es unter den momentanen Umständen zu erwarten war, verwaltet wurde. Kaiser MacMurray erkundigte sich stets nach dem Wohlbefinden eines gewissen James T. Kirk, und wenn man ihm versicherte, daß sein KöniglichMinisterialer Generalbevollmächtigter und Oberkommandierender des Universums auf Patrouille war und aktiv seinen Pflichten nachging, dann verkündete er ein neues, königliches Fest und überhäufte alle, die in seiner Nähe waren, mit Geschenken und Titeln. Auch verkauft das Mac-MurrayKaiserreich jährlich genügend Ehrenherzogtümer in der gesamten Galaxis, um den Unterhalt seiner eigenen Botschafterflotte, einem dreiundvierzig Jahre alten, von einem Krieg übriggebliebenen Shuttle, bestreiten zu können.
Außer dem prunkhaften Pergament an der Wand von Erholungsraum Sechs ist James T. Kirks einzige Erinnerung an den Vorfall eine Aktennotiz, daß er der einzige Captain in der Geschichte der Sternenflotte ist, der jemals vor dem Feind kapitulierte. Kurz nach diesem Zwischenfall mit MacMurray ordnete die Sternenflotte an, daß die Bibliotheken sämtlicher Sternenschiffe, Schiffe der Kreuzerklasse und darüber, auf den Stand der Enterprise gebracht wurden. Außerdem wurde der freie Austausch von Bibliotheken, wie er von der Enterprise praktiziert wurde, zum Modell einer Sternenflottenpolitik, die sich »Verbreitung menschlichen Wissens« nannte und von den Schiffen sämtlicher Föderationsmitglieder durchgeführt wurde. James T. Kirk war sich niemals sicher, ob es eine direkte Beziehung zwischen dem einen und dem anderen Vorfall gab, aber trotzdem war es ein interessantes Zusammentreffen.
16
Die Schiffsbibliothek befand sich gleich gegenüber dem Lagebesprechungsraum. Wegen der Symmetrie, nach der die Scheibe entworfen worden war, besaß der Raum dieselbe Größe und Form, aber statt eines einzelnen großen Tisches im Zentrum war er in Computerstationen aufgeteilt, von denen jede einzelne einen nach Fachgebieten geordneten Zugang zur Bibliothek ermöglichte. Eigentlich konnte jeder Terminal der Enterprise (und davon gab es in jedem Raum mindestens einen und mehrere in den verschiedenen Korridoren) als Zugang zur Bibliothek, die in den Speichertanks untergebracht war, benutzt werden. Der Raum, den man allgemein »die Bibliothek« nannte, war deshalb weder ein Lagerhaus noch als Zugang absolut notwendig, sondern vielmehr ein Hauptkontrollzentrum für den Umgang mit Informationen auf breitgefächerter Basis: eine Anzahl von Terminals mit spezifischen Datenverarbeitungsfunktionen. Der Raum diente zusätzlich als Videokontrollstudio für die internen Schiffskanäle und gelegentlich als sekundäre Einsatzkontrolle für spezialisierte Operationen. So, wie die »Historikabteilung« angelegt war, handelte es sich weniger um einen realen Ort als um einen mentalen Zustand. Von der Bibliothek getrennt gab es einen Datentank, der aus einem kleinen Theater bestand, das zehn Sitzgelegenheiten und eine Kontrollkonsole im hinteren Teil besaß. Ein großer Wandbildschirm beherrschte den vorderen Teil des keilförmigen Raums. Der Schiffshistoriker bevorzugte eben diesen Raum als Hauptterminal, weil der große Bildschirm das Überprüfen von
Details visueller Daten wie Fotografien oder Bilder erleichterte. Gelegentlich benutzte er ihn auch, um einige der alten Spiele in der Schiffsbibliothek, wie zum Beispiel Space War und Dungeon, zu spielen. Er war von der Vergangenheit fasziniert – vielleicht, weil sie ihm im Vergleich zur nüchternen Gegenwart so schrecklich romantisch erschien. Er war ein dünner Bursche, hager, mit einem wirren, braunen Haarschopf. Für den Dienst in der Sternenflotte schien er zu jung zu sein, aber offenbar glich er diesen Umstand durch seine Fähigkeiten aus. Die Konkurrenz an der Akademie war groß, so daß sich weniger geeignetes Personal nicht lange halten konnte. Als der Captain, der Erste Offizier, der Chefingenieur und der Navigator seinen kleinen Zufluchtsort betraten, erhob er sich. Er wischte einige Krümel von seiner Uniform und schob einen Essensbehälter zur Seite. Erst dann nahm er schlampig Haltung an. Er war über das Erscheinen der ranghöchsten Offiziere mehr als verblüfft. »Sirs?« sagte er. Kirk nickte als Antwort und bemerkte an Spock gerichtet: »Ich glaube nicht, daß ich, seitdem ich das Kommando übernommen habe, schon einmal hier war. Bis jetzt bestand dazu wohl noch keine Veranlassung – hm, vielleicht ist eine überraschende Inspektion einiger Teile des Schiffs längst überfällig.« Er betrachtete den jungen Mann, der neben der Konsole stand. »Wie heißen Sie?« »Äh – alle nennen mich ›Specks‹, Sir.« »Specks?« »Äh, ja, Sir.« »Specks«, wiederholte Kirk langsam, als wolle er den ungewöhnlichen Namen gegen das Licht halten, um festzustellen, was sich dahinter verbarg. Aber er sah nichts. »Nun, Specks, Ihr Captain braucht Sie für ein paar Nachforschungen.«
»Jawohl, Sir.« Specks nahm wieder seinen Platz hinter der Konsole ein und erweckte den großen Schirm zum Leben. Seine Hände flogen über die Schalter. »Äh – « Kirk war sprachlos. Er hatte sein Anliegen noch nicht einmal vorgebracht. Aber wenn er es sich recht überlegte, dann war das auch gar nicht nötig. Es war offensichtlich, worüber er Informationen benötigte. Jeder an Bord der Enterprise hätte sich das vorstellen können. Er nahm es mit einem Achselzucken hin und sah Spock an. Spock betrachtete ihn mit erhobener Augenbraue. Kirk sagte: »Der Ursprung dieses Schiffs könnte das Erdsystem sein. Zumindest behauptet das Mr. Chekov. Wenn das wahr ist, dann müßten Sie irgendeine Aufzeichnung über seinen Bau besitzen. Es müßte das Erdsystem vor ungefähr hundertfünfundachtzig plusminus zehn Jahren verlassen haben.« »Hm«, sagte Specks. »Ich glaube, da täuscht er sich ein wenig, einen Augenblick, bitte – « er fuhr mit der Hand über die Konsole und faßte nach einem Drahtgestell, das zwei Linsen zusammenhielt. Dann postierte er das merkwürdige Ding auf seinem Nasenrücken und spähte durch die Linsen auf die vor ihm liegenden Bildschirme. Kirk und Spock tauschten nochmals einen Blick aus. »Äh«, sagte Kirk, »was ist das für ein Ding?« »Mein Dienstausweis«, sagte der Historiker unverbindlich, ohne hochzublicken. Spock eilte Kirk zu Hilfe. »Augengläser, oder Brillen, wie sie gewöhnlich genannt wurden, waren eine populäre Form von Prothese zur Korrektur einfacher Sehschwächen, und zwar bis weit in das 21. Jahrhundert, als sich die Hornhautkorrekturen schließlich durchsetzten. In unserer heutigen Zeit werden Brillen nur noch für bestimmte Sehzwecke benutzt, wie zum Beispiel die Nah- oder Fernvergrößerung, oder einfach nur
zum Schutz. Ich würde sagen, der Name ›Specks‹ ist die Abkürzung für ›spectacles‹, das englische Wort dafür. Das war einmal der übliche Spitzname für Leute, die dieses Gerät trugen. Wahrscheinlich ist es bifokal, denn so kann das Besatzungsmitglied sowohl seine Kontrolltafel als auch den Wandbildschirm schärfer sehen.« »Danke, Mr. Spock.« Kirk bemerkte, daß man durch die Zusammenarbeit mit einem Vulkanier allerlei Triviales erfuhr. »Sirs? Würden Sie bitte mal hinschauen?« Alle vier Offiziere drehten sich um und betrachteten den großen Schirm. Dieser hatte sich in ein Fenster zum Weltraum verwandelt. Dort drehte sich ein gigantischer Zylinder majestätisch im Licht eines unsichtbaren gelben Sterns. Trotz des Fehlens von Maschinen und Strahltriebwerk kam ihnen die Struktur sofort bekannt vor. Dahinter schien ein blauweißer Planet wie ein Regen tropfen im Frühling, und hinter dem Planeten ein kristallweißer Mond, der mit Kratern übersät war. Verärgert trat Scotty vor. »Das kann nicht sein – ich kenne jedes Schiff, das von meinem Dock stammt.« »Aber das ist kein Schiff, Mr. Scott – « Specks war vorübergehend etwas verunsichert. »Merken Sie denn nicht, was Sie da gefunden haben? Die verschwundene Kometenkolonie!« Kirk war verblüfft; Scotty sah aus, als hätte man ihm einen Fußtritt versetzt; Chekov stotterte unverständliches Zeug. Mr. Spock nickte langsam. »Natürlich…« sagte er. »Das ist die einzige Antwort, die einen Sinn ergibt.« Er drehte sich zu Kirk um. »Captain, ich muß mich entschuldigen. Ich hätte sie erkennen müssen.« »Schon gut, Spock. Wir machen alle mal einen Fehler. Es muß Ihre menschliche Hälfte gewesen sein.« »Zweifellos.«
Specks plapperte immer noch – »Das ist, als hätte man die zehn verlorenen Stämme Israels gefunden – oder die verlorene Kolonie von Roanoke, Virginia. Ich dachte, Sie hätten sie sofort erkannt, Sirs. Ich konnte nicht verstehen, warum Sie mich nicht wegen des Rests der Geschichte kontaktierten – « »Moment mal – «, unterbrach ihn Kirk. »Warum fangen wir nicht von vorne an – « Er unterbrach sich, um zu Spocks Gunsten anzumerken: »Auch ich muß meine Kenntnisse in Jüngerer Geschichte auffrischen. Also…?« »Sirs?« Der Historiker deutete auf die Sessel. »Wenn Sie es sich gemütlich machen wollen, ich, äh, habe mir die Freiheit genommen, eine kurze Präsentation dieses Materials für diesen, äh, Fall bereits im voraus vorzubereiten.« Kirk sah seine Offiziere an. »Meine Herren? Setzen wir uns.« Specks fing mit einer Reihe von Entwürfen an. »Die frühen Entwurfskonzepte für den Bau«, erklärte er. »Es war als erste L 5-Konstruktion geplant. Hier können Sie den Plan für die Farmen sehen, diese weite, offene Fläche in der Mitte. Das Bauwerk ist ein gigantischer, hohler Zylinder, wobei die Landschaft auf der Innenwand der Hülle eingerichtet wurde. Zusätzlich gibt es jeweils fünf bis fünfundzwanzig Ebenen mit Büros, Theatern, sanitären Einrichtungen, Luftschächte, Fabriken, Lebenserhaltungsmaschinen, Recyclingstationen und ähnliches, die in Schalen um diese innere Sektion herumgebaut wurden. Die Anzahl der Ebenen hängt von der jeweiligen Form der Landschaft ab. Sie wollten Berge, Hügel, Seen etcetera. Eine richtige Wildnis. Deshalb verlegten sie ihre Stadt und die Industrie quasi in den ›Untergrund‹. Bei entsprechender Bauweise – « an dieser Stelle wechselte Specks zu einer anderen Serie von Fotos, die das Gerüst einer unvollendeten ›Gebirgskette‹ im Innern der Schale zeigte. » – konnten sie eine große Bandbreite an Gravitationen, Druckverhältnissen und Temperaturbedingungen in eben jener
Wildnis simulieren. Durch Kontrolle der Luftzirkulation, der Lichtverhältnisse, Feuchtigkeit und Isolation nach jeweiligen natürlichen Gegebenheiten – Berge, Flüsse –, konnten sie im Umkreis von wenigen Kilometern einen Regenwald, eine Wüste, eine Gebirgswiese und eine gemäßigte Zone aufstellen. Eine Umwelt in Taschenformat. Sehr clever. Ebenso konnten sie die Jahreszeiten für ihre Farmen kontrollieren und die Getreideproduktion mit drei Sommern im Jahr erhöhen. Sie waren die Pioniere für den Anbau in niedriger Gravitation. Das Gemüse wurde riesengroß.« Jetzt zeigte Specks Bilder des Kolonistenschiffs, die es gegen Ende der Fertigstellung seiner ersten Konstruktionsphase zeigten. Ohne die riesigen Fusionsmaschinen an beiden Enden und den gigantischen Reifen um die Mitte sah es merkwürdig nackt aus. Auch fehlten viele der zusätzlichen Geräte, die über die Hülle verstreut waren und erst später angebracht worden waren. Statt dessen ragten aus den Enden des Zylinders zwei riesige Solarkollektoren, die sich konstant zur Sonne hin ausrichteten. »Man muß wirklich die Genialität dieser Leute bewundern«, sagte Specks. »Hier ist es, kurz vor der Fertigstellung. Schauen Sie sich die Größe dieser Solarkollektoren an. So primitiv, und doch haben sie soviel bewirkt.« Kirk flüsterte Spock zu: »Ob ein Historiker in zweihundert Jahren wohl das gleiche über uns sagt?« Spock sagte trocken: »Sehr wahrscheinlich.« Specks tat, als hätte er nichts gehört. Glücklich fuhr er mit seiner Vorlesung fort. »Die ursprüngliche Absicht war natürlich, mit diesem Bauwerk die Trojanische Position L 5 einzunehmen und dadurch ein gleichseitiges Dreieck mit der Erde und dem Mond zu bilden. Es sollte die erste, große Industriebasis im Weltraum werden. Da der Energieverlust beim Austritt aus der Mondgravitation geringer ist, sollte Erz
vom Mond zur L 5-Position katapultiert werden, wo es als Rohmaterial für die Konstruktion der Station, der Solarenergiesatelliten und damit verwandter Technologien genutzt werden sollte. Um Ihnen den historischen Kontext zu verdeutlichen: dieses Projekt betrachtete man als letzte Hoffnung, die Energiekrise des 21. Jahrhunderts zu bewältigen. Zu jener Zeit waren Energiequellen besonders knapp, und die Konstruktion von Solarkraftwerken, die in eine Umlaufbahn geschickt wurden, wurde als beste Möglichkeit erkannt, den wachsenden Appetit der Menschheit nach Elektrizität auf einer permanenten Basis zu befriedigen – « »Ist dieser ganze geschichtliche Hintergrund nötig, mein Junge?« unterbrach ihn Scotty. »Nun, es ist eine ziemlich interessante Geschichte, Mr. Scott, Sir –, und sie hat einen Bezug dazu, warum sich dieses Schiff hier draußen am Rande des Nichts befindet, und – « »Scotty…« Kirk legte seinem Chefingenieur die Hand auf den Arm. »Laß ihn doch seine Geschichte erzählen«, flüsterte er. »Es ist seine einzige Chance, ein Teil dieser Operation zu sein.« Dann sagte er lauter: »Nur zu, äh, Specks.« »Ja, Sir. Nun, was passierte – einen Moment, ich muß nur das richtige – ah, hier ist es – in diesem Bild können Sie sehen, daß hier ein anderes Gebilde, ein größeres, im Bau ist. Ich überspringe jetzt etwas, um Ihnen das zu zeigen. Ich weiß, das ganze ist etwas verwirrend, aber lassen Sie mich Ihnen erklären, was da passierte – schauen Sie, da gab es diese drei Nationen, die USA, Japan und die Sowjetunion – sie bauten die L 5 als Gemeinschaftsprojekt, mit etwas Hilfe ihrer Verbündeten. Es hatte eine Zeit gegeben, in der sie politische Gegner waren, aber ihre gemeinsamen Energiebedürfnisse führten zu diesem kooperativen Unternehmen. Ansonsten wäre ihre jeweilige Wirtschaft eine Geisel der energieexportierenden Nationen geblieben – zur damaligen Zeit wurden hauptsächlich
fossile Brennstoffe benutzt, was ziemlich primitiv war und eine Menge Schmutz erzeugte – Öl, Kohle und zum Teil natürliches Gas. Diese Stoffe richteten großen Schaden in der Atmosphäre an und wirkten sich auch aufs Wetter aus. Jedenfalls, bevor die L 5-Station als in sich geschlossene Umwelt in Betrieb ging, funktionierten bereits die einzelnen Industriezweige. In den ersten achtzehn Monaten bauten und installierten sie vier Solarenergiesatelliten. Die totalen Energieimporte der Mitgliedsnationen dieser Allianz wurden um mehr als drei Prozent gesenkt. Die beteiligten Regierungen waren von diesem schnellen Erfolg so begeistert, daß sie für den Satellitenbau mehr Geldmittel zur Verfügung stellten, um den Fortgang des Projekts zu beschleunigen.« An diesem Punkt wechselte Specks zu einer Serie von Weltkarten. »Natürlich hatte das alles eine große Wirkung auf die energieexportierenden Nationen, die jetzt ihre eigene Wirtschaft durch die fehlenden Einkünfte bedroht sahen. Sonnenenergie ist sauber und billig. Das Sonnenlicht gibt es umsonst, und im Weltraum stellt es eine konstante, durch nichts unterbrochene Quelle dar. Man muß es lediglich einfangen. Fossile Brennstoffe dagegen sind teuer, ineffizient und schmutzig. Das Problem der Umweltverschmutzung ist schon Grund genug, sie zu vermeiden. Jeder Solarenergiesatellit erhöhte die Energieunabhängigkeit der Mitgliedsstaaten und reduzierte die Umweltverschmutzung, die durch fossile Brennstoffe entstand. Drei Prozent in einem Jahr, fünf Prozent im nächsten Jahr, acht Prozent im übernächsten Jahr – es gibt nichts, was in diesem Universum einem freien Mittagessen näherkäme.« Specks ließ die Karten vom Schirm verschwinden. »Und jetzt«, sagte er, »sind wir an dem Punkt angelangt, an dem eine sehr schlechte Entscheidung getroffen wurde. Ich denke, es war dieser Entschluß, der die darauffolgenden Ereignisse fast
unvermeidbar werden ließ. Die Entwicklungsländer der Erde wollten mit den neuen ›Solarmächten‹ einen Vertrag über den Kauf eigener Satelliten machen – aber nach langer politischer Debatte entschieden sich die Solarmächte, lediglich Elektrizität, aber keine Satelliten zu verkaufen. Diese würden sie an jeden Fleck der Erde, den der Käufer wollte, abstrahlen, er mußte lediglich eine Empfangsstation bauen, und die Energie wäre billig und reichlich vorhanden – aber der Kollektorensatellit würde den Solarmächten gehören. Das sah für die Entwicklungsländer aus, als kämen sie vom Regen in die Traufe. Sie würden damit ja ihre Elektrizität immer noch von anderen kaufen. So oder so wäre ihre Wirtschaft dem, der ihnen die Energie verkaufte, auf Gnade oder Ungnade ausgeliefert gewesen. Und nach soundsovielen Jahrzehnten internationaler Erpressung seitens der verschiedenen Weltmächte kamen den Nationen der Dritten Welt die Motive aller verdächtig vor. Diesen Nationen blieb nichts anderes übrig, als ein eigenes, internationales Kartell zu formen, um ihre eigene Industriestation im Weltraum und eigene Energiesatelliten zu bauen; ansonsten wäre die wachsende Weltraumindustrie für immer und ewig von den Solarmächten kontrolliert worden. Natürlich sagten die Solarmächte, daß ihnen dieser Versuch willkommen sei, aber in Wirklichkeit war das nicht der Fall – denn auf beiden Seiten gab es Leute, die den Weltraum als neue politische Waffe, mit der man Macht über andere erringen konnte, ansahen – und viele dieser Individuen waren damals äußerst einflußreich. Dem Projekt der Dritten Welt wurde daher alles andere als Hilfe zuteil. Diese Entscheidung von seiten einiger Politiker war sehr kurzsichtig, und ich vermute, daß der Ausdruck ›Erdenmentalität‹ aus jener Zeit stammt.
Aber trotz ihres Mangels an eigenen Mitteln hielten die Nationen der Dritten Welt durch. Sie bildeten mit den Ländern, die reich an Öl waren und sich an dem Unternehmen als Finanzpartner beteiligten, eine Allianz. Das hatte für beide Seiten Vorteile, und die Tatsache, daß sie sich damit für so manchen Groll, der sich angestaut hatte, revanchieren konnten, kam ihnen auch sehr gelegen, denn Ressentiments gab es genug.« Specks zeigte jetzt wieder Fotos der L 5-Station, aber in einem fortgeschritteneren Entwicklungsstadium. Man konnte Schiffe erkennen, die daran andockten, aber sie besaß immer noch weder Fusionsmaschinen noch den Strahlenantrieb. »Man muß sich vorstellen, daß das alles in einem Zeitraum von zwei Jahrzehnten ablief. Am Ende dieser Periode hatte sich die L 5 Station als Stadt im Weltraum, ja fast als eigene Nation etabliert. Sie besaß eine eigene Regierung und hatte eigene Gerichtshöfe, Steuern, Bräuche und vor allem eine zahlreiche und sehr intelligente Bevölkerung. Man mußte schon entweder sehr klug oder sehr reich sein, um an Bord der L 5 zu gelangen. War man intelligent, konnte man dort arbeiten. War man reich, konnte man als Tourist hinkommen. Obwohl die Station den gesetzlichen Status eines kooperativen Protektorats besaß, funktionierte sie vielmehr wie eine Demokratie im Taschenformat, so daß die Solarmächte in Wirklichkeit nur sehr wenig Macht über die L 5-Station hatten – und wie hätten sie diese auch geltend machen können? Aber die Fiktion der Legalität bestand zwanzig Jahre lang, weil sie funktionierte und weil es keinen zwingenden Grund gab, sie zu ändern. Zu diesem Zeitpunkt kam fast dreißig Prozent der Elektrizität der Mitgliedsnationen aus dem Weltraum – natürlich besaßen sie ihre eigenen Satelliten – und ihre wirtschaftliche Lage war wesentlich stärker geworden. Fusionsenergie existierte jetzt nicht mehr nur auf dem
Reißbrett. In der Praxis war sie eine lebensfähige Alternative sowohl zu Öl als auch zu Solarenergie – und man machte sich Sorgen, daß das Abstrahlen von Mikrowellen auf breiter Basis zurück zur Erde ebenfalls subtile, aber nachteilige ökologische Auswirkungen haben könnte. Ebenso hatten die ölexportierenden Nationen begonnen, ihre Preise zu senken, um mit der Solarenergie und der neuen Fusionsenergie wettbewerbsfähig bleiben zu können. Vielleicht taten sie das auch bewußt, um eine weitere Entwicklung zu verlangsamen. Das alles führte dazu, daß die Solarmächte anfingen, weniger Geldmittel für ihr Satellitenprogramm bereitzustellen. Der Druck, bauen zu müssen, war nicht mehr so stark. Sehen Sie jetzt, wie komplex die Situation geworden ist? Das Streichen der Gelder schädigte die Wirtschaft der L 5-Station. Mehr als tausend Arbeiter sollten zur Erde zurückgeschickt werden – aber sie wollten nicht zurück. Zu diesem Zeitpunkt war die L 5-Station bereits ein angenehmer Wohnort geworden. Sauber, nicht überlaufen und mit einem Freizeitangebot, das es sonst nirgendwo gab. Es gab sogar eine Fläche, auf der der Marsboden simuliert wurde, um die Siedler, die zu den neuen Marskolonien auswanderten, auszubilden. Sie wollten keinen so großen Teil ihrer Gemeinschaft verlieren, deshalb boten sie der Allianz der Dritten Welt – die gerade größere organisatorische Probleme zu bewältigen hatte – vertraglich an, ihr geplantes L 5-Projekt für sie zu bauen. Ein Projekt dieser Größenordnung hätte es ihnen ermöglicht, ihre gegenwärtige Wirtschaft aufrechtzuerhalten, ja sogar zu expandieren und als Wirtschaftsmacht zu wachsen. Wieder wäre es ein für beide Seiten vorteilhaftes Arrangement gewesen, aber die politische Realität war anders. Die Solarmächte legten gegen das Angebot zwar kein Veto ein, führten aber eine Obstruktionspolitik, indem sie alle möglichen Gründe finanzieller, legaler und politischer Art fanden, warum
L 5 ihre Energien nicht in den Bau einer Station für die Allianz der Dritten Welt stecken sollte. Das Gerangel dauerte sieben Monate, während sich auf beiden Seiten die Gemüter erhitzten. Schließlich erklärte die L 5-Station ihre Unabhängigkeit als Nation. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden erkannten dreiunddreißig der Staaten der Allianz der Dritten Welt ihre Existenz als Nation förmlich an, und der Vertrag für den Bau einer zweiten L 5 wurde unterzeichnet. Als sich der Groll der Solarmächte gelegt hatte, war es für sie bereits zu spät. Es blieb ihnen nichts anderes übrig, als die Situation zu akzeptieren. Die einzige Alternative wäre ein Krieg gewesen – in dem die Regierung der L 5 einen strategischen Vorteil gehabt hätte. Schließlich befanden sie sich außerhalb der Schwerkraft der Erde. Sie brauchten keine Bomben, sondern lediglich Steine abzuwerfen. Und falls notwendig, konnten sie sämtliche Solarsatelliten zerstören – allein dieser Akt hätte den Solarmächten dreißig Prozent ihrer Stromkapazität entzogen. Oder sie hätten die Mikrowellenstrahlen jener Satelliten benutzen können, um gezielt und präzise militärische Ziele zu zerstören. Deshalb«, sagte Specks, der wieder auf das Foto zurückkam, das die beiden Stationen im Weltraum zeigte, wobei eine davon noch im Bau war, »zwang das Ergebnis dieser Krise alle Nationen der Erde zu der Erkenntnis, daß sie sich gegenüber der politischen Erpressung aus dem Weltall im Nachteil befanden – aber vom historischen Standpunkt aus betrachtet waren sie durch ihre eigene Anwendung politischer Erpressung selbst daran schuld. Sie ließen ihren Gegnern keine andere Wahl. Die internationalen Beziehungen jener Zeit waren daher äußerst empfindlich. Innerhalb von zwei Jahren zum Beispiel baute man nicht weniger als fünf Raumstationen zu militärischen Zwecken – alle in sicherer Entfernung von der L
5. Das Konzept einiger dieser Militärstationen war so grandios wie das der ursprünglichen L 5. Jetzt überspringen wir nochmals einige Jahre. Ich werde nicht sämtliche einzelnen Begebenheiten, die dazu führten, schildern – denn es handelte sich lediglich um eine von mehreren hintereinanderfolgenden politischen Krisen – aber die Allianz der Dritten Welt fing an, auseinanderzubröckeln. Zum einen, weil Dürre und Hungersnot die Mittel der Entwicklungsländer erschöpft hatten, zum andern, weil durch das weitverbreitete Wachstum von Fusionsenergie, Wasserstoff-, Methan- und Alkoholbrennstoffen plus allerlei anderer Quellen wie Biomasse, Geotherme, Windenergie, Ozeanturbinen und so weiter – natürlich in Verbindung mit der Sonnenenergie – sich die Nachfrage nach Öl drastisch reduziert hatte. Die ölexportierenden Nationen besaßen nicht mehr die Geldmittel, um den Bau der L 5 noch weiter zu finanzieren. Das Kartell brach zusammen. Manche meinten, daß es das Opfer seiner eigenen schlechten Planung wurde – andere wiederum sagten, daß der Zusammenbruch von Agenten der Solarmächte, die darauf hinarbeiteten, die Wirtschaft der Mitgliedsnationen des Kartells zu untergraben, gefördert worden war. Keine dieser Behauptungen wurde jemals bewiesen – und falls sie wahr waren, hätte man die Beweise wegen der Kriegsgefahr, die sie hervorgerufen hätten, vernichten müssen. So, jetzt haben wir also eine funktionsfähige L 5-Station und eine, die fast fertiggestellt ist. Die Solarmächte machten das Angebot, die zweite Station zu kaufen und fertigzustellen, aber die L 5-Nation lehnte ab. Statt dessen nahmen sie selbst eine Hypothek auf und beendeten den Bau alleine. Wie Sie sehen, wurden damals sämtliche Entscheidungen aus politischen Gründen gefällt: nämlich dem Streben nach Macht in der einen oder anderen Form. Und jetzt wartete auch noch der seit dreißig Jahren schwelende, gegenseitige Groll darauf,
endgültig beglichen zu werden. Mehrere Militärstationen waren mittlerweile in Betrieb, zahlreiche Rechnungen kamen auf die L 5 -Station zu, und diese war nicht in der Lage, diese Schulden zu bezahlen. Die Weltwirtschaft war schwer angeschlagen – denn der Zusammenbruch des Kartells hatte eine weltweite Rezession ausgelöst –, und es war einfach unmöglich, die Bauprojekte, die benötigt wurden, um die Wirtschaft der L 5 zu sanieren, zu finanzieren. Hilfe aus einem anderen Teil des Sonnensystems war auch nicht zu erwarten, da sie eine stolze und unabhängige Gruppe von Leuten waren und nicht mehr viele Freunde hatten. Jetzt muß ich leider meine Geschichte unterbrechen, um Ihnen ein wenig mehr Hintergrundinformationen zu geben – tut mir leid, daß es so lange dauert, Sir – « »Nein, nein,« sagte Kirk, »machen Sie ruhig weiter, äh, Specks. Um es mit Mr. Spocks Worten zu sagen, ich finde dieses Stück Geschichte… faszinierend.« »Ja, Sir. Danke, Sir. Nun, was ich sagen wollte war, daß man in jener Zeit ziemlich viele psychologische Studien über die Bewohner der L 5 machte, da niemand wußte, was mit einer Bevölkerung, die so isoliert und in einer derart künstlichen und strukturierten Umgebung wie sie lebte, passieren würde. Wie würde sich die Loslösung von der – der karmischen Verbindung mit der Heimat auswirken? Deshalb wurde über die gesamte erste Generation hin die gesamte Bevölkerung psychologisch überwacht, und zwar jeder einzelne von ihnen in unterschiedlichem Ausmaß. Und jetzt, da sie sich an der Schwelle zur zweiten Weltraumgeneration befanden, begannen sich gewisse langfristige und immer wiederkehrende Muster… äh, abzuzeichnen. Schiffsbewohner schienen zum Beispiel einen ›Raum‹ anders wahrzunehmen als Oberflächenbewohner, besonders was die Vorstellung eines Territoriums betraf. Die Theorie war, daß die
Veränderbarkeit der Gravitation im Schiff – das heißt, die Tatsache, daß man die gesamte innere Ökologie für die jeweilige Gravitation, die man haben wollte, oder gar keine Gravitation, strukturieren konnte – eine eher dreidimensionale Wahrnehmung der Bezugspunkte fördert. Eine holistische Sicht. Es ist fast unmöglich, sein eigenes Territorium in einem Volumen genauso wirksam zu verteidigen wie in einer Ebene. Deshalb schlug dreidimensionales Schach nie so ein, wie man es sich vorgestellt hatte. Wie auch immer, das Fehlen eines Gebietsanspruchs im Bewußtsein eines Schiffsbewohners trägt zur Entwicklung des, äh, ›Sternwärtssyndroms‹ – manchmal auch der ›Lichtjahrmillionenblick‹ genannt – bei. ›Sternenseitiger‹ scheinen in die Unendlichkeit sehen zu können. Und irgendwie scheinen sie sich immer im Einklang mit sich selbst, ihren Körpern und den Räumen, in denen sie sich aufhalten, zu befinden. Heutzutage ist das für den Großteil der Menschheit ganz normal, wir betrachten es als selbstverständlich, daß wir uns durch die Tatsache, den Wundern des Universums ausgesetzt zu sein, ›entfaltet‹ haben. Wir nennen dieses Phänomen ja auch den ›Sinn für Wunder‹ – aber denken Sie daran, daß es zu jener Zeit für den Großteil der Menschheit etwas Neues war. Die Oberflächenbewohner, die, äh, ›Schmutzseitigen‹ – « Kirk bemühte sich, die Ausdrucksweise zu ignorieren. Die Sternenflotte mißbilligte die Nachsilbe » – seitigen«, da es sich im falschen Zusammenhang elitär oder abfällig anhörte. » – erkannten langsam diesen Unterschied zwischen sich und den Weltraumbewohnern. Es war nicht einmal eine bewußte Wahrnehmung, sondern eher ein leichtes Ressentiment. Ich stelle es mir wie die Situation zwischen den letzten Neandertalern und den ersten Cro-Magnon-Menschen vor – «
»Äh – Specks«, unterbrach ihn Kirk, » – Sie können mit Ihrer Geschichte fortfahren. Wir kennen uns mit dem Sternwärtssyndrom ganz gut aus.« »Ja, Sir. Was ich klarmachen wollte war, daß sich auf der Erde die Angst ausbreitete, daß sich die Sternenseitigen so vom Rest der Menschheit losgelöst fühlen und ihren Verantwortungssinn verlieren könnten, daß sie sich selbst als… äh, Götter, betrachten würden. Man glaubte, daß die langfristige Isolation in einer Umgebung, die sie völlig kontrollieren konnten, diese Art von unterschiedlicher Wahrnehmung erzeugen konnte. Äh, diese Frage ist nie ganz beantwortet worden, wie sich gleich herausstellen wird. Das, zusammen mit den verschiedenen Formen von Neid, Groll und Ressentiments – vor allem dem Bewußtsein, daß das Leben im Himmel eine begünstigte Stellung bedeutete – arbeitete gegen die Bewohner der L 5. Viele hatten das Gefühl, die L 5-Nation irgendwie jahrelang subventioniert zu haben – oder zumindest ihre Wirtschaft – und sie meinten, es wäre an der Zeit, daß die L 5 -Nation einen Teil ihrer Schulden an die Erde zurückzahlt. Und so weiter. Für die ersten Siedler war es eine schlimme Zeit. Es war die größte Krise, die sie jemals erlebt hatten, und ihre Position war nicht mehr so stark wie zehn Jahre zuvor, als sie ihre Unabhängigkeit erklärt hatten. Was sie taten, war unorthodox – aber ihr einziger Ausweg. Sie besiedelten die zweite L 5. Dann garantierten sie der Kolonie die Unabhängigkeit und erlaubten ihr, eine eigene Nation zu werden, genauso wie die erste L 5 zehn Jahre vorher. Jetzt gab es also zwei Nationen im All, eine davon stark verschuldet, die andere frei und unbelastet. Die meisten Nationen der Erde gaben widerstrebend nach und erkannten die neue Nation an, weil sie nicht merkten, was die L 5-Siedler vorhatten.
Und was diese taten, kam für alle Erdenbewohner überraschend. Zunächst schlossen sie ihren Flughafen und leiteten den gesamten Verkehr auf das zweite Gebilde um. Kurze Zeit später zwangen sie alle Nichtbewohner und deren Betriebe zur Räumung und verlegten sie ebenfalls in die zweite L 5. Sie entfernten einfach jeden aus ihrer Welt, der nicht den Lichtjahrmillionenblick besaß. Über die Vorgänge der letzten Tage erzählten die Flüchtlinge einige merkwürdige Geschichten, und manche Vorgänge schienen äußerst mysteriös gewesen zu sein. Erstens einmal importierten sie unglaublich viele seltsame Dinge. Saatgut, Bibliotheken, Entwürfe, seltene Metalle, Industriegüter, die verschiedensten Tierarten – hauptsächlich für den Ackerbau, aber genug für einen kleinen Zoo – und so viele Vorräte, Ausrüstungsgegenstände und Informationen, als würden sie sich auf eine lange Belagerung einrichten. Niemand wußte genau, was die L 5-Nation vorhatte. Geheimdienstagenten auf der zweiten Anlage beobachteten einen regen Betrieb auf der Hülle des Schiffs, aber es hatte sich noch keine klare Hypothese herauskristallisiert. Ein Großteil der industriellen Aktivitäten konzentrierte sich auf sechs Fusionsantriebseinheiten, die sie eigentlich für die Allianz der Dritten Welt bauen sollten. Diese Einheiten waren ursprünglich für eine Flotte von Langstreckenschiffen geplant worden, die zu den äußeren Planeten reisen und nach Möglichkeit Basen auf geeigneten Monden einrichten sollten. Dieser Handel war natürlich durch den Zusammenbruch der Allianz hinfällig geworden, und die Einheiten hatten seitdem darauf gewartet, fertiggestellt zu werden. Jetzt wurden die Einheiten jedoch offensichtlich fertiggestellt – obwohl es keine Raumschiffflotte gab, in die man sie installieren konnte – hm, und da gab es auch noch ein Rechtsproblem. Der Eigner dieser sechs Einheiten befand sich
mit einer Anzahl von Parteien, die eine Zwangsvollstreckung bewirken wollten, in einem Rechtsstreit – als sich daher die Nachricht verbreitete, daß die L 5-Station die Antriebseinheiten fertigstellte, war die Empörung unter den Handelsgesellschaften, Allianzen, Regierungen, Anwälten und Politikern groß. Fünf Tage lang verweigerte die L 5-Station die Antwort, dann gab sie die knappe Erklärung, daß sie in weiteren fünf Tagen eine Erklärung abgeben würde, und nach Ablauf dieser Frist gab sie bekannt, daß die Antriebsaggregate verstaatlicht worden seien und die beiden ersten in drei Tagen getestet werden würden. Das führte natürlich zu einem erneuten Aufschrei der Empörung, und es wurden sogar drei Kriegsschiffe der Solaren Allianz von ihren Mondumlaufbahnen aus zur Station in Marsch gesetzt. Aber sie kamen zu spät. Anstatt die Aggregate zu testen, zündete sie die Kolonie mit voller Kraft und beschleunigte aus der L 5-Position hinaus. Innerhalb weniger Tage wurde ihre Absicht erkennbar. Sie schickten sich selbst auf eine lange, kometenartige Umlaufbahn. Die drei Kriegsschiffe, die ihr nachjagten, konnten nicht mithalten. Sie hatten weder genug Treibstoff noch genügend Vorräte – obwohl sie einen mutigen Versuch unternahmen. Eines der Kriegsschiffe nahm den zusätzlichen Treibstoff und die Vorräte der anderen beiden Schiffe auf, aber selbst so konnte es sie nicht einholen. Die L 5-Station hatte gewissermaßen eine unbegrenzte Reichweite, weil sie völlig autark und unabhängig war. Nun, wenn es vorher einen Aufschrei der Empörung gegeben hatte, so entstand jetzt ein politischer Tumult. Ausschreitungen seitens derer, die sich betrogen fühlten – und Applaus von denjenigen, die sich darüber freuten, daß jemand den
Großmächten eins ausgewischt hatte. Aber es half alles nichts. Die L 5-Nation befand sich außer Reichweite jeglicher bekannten menschlichen Behörde. Ihr kometenartiger Orbit sollte sie fast bis in die Bahn des Uranus führen und anschließend so nahe an die Sonne heranbringen, wie die Venus ihre Umlaufbahn zog. Es war eine ziemlich große Schleife. Und sie sollten erst in etwas mehr als zehn Jahren zurückkehren, genug Zeit, damit sich die Gemüter der Menschheit wieder abkühlen konnten. Und das war bitter nötig. Aber die Planer der L 5 waren in der Wahl ihrer Umlaufbahn äußerst gerissen gewesen. Sie flogen nahe genug an Mars heran, um an einige Schiffe anzukoppeln, etwas Ware und sogar einige Passagiere auszutauschen. Ein Jahr später, während sie den Asteroidengürtel überflogen (sie befanden sich etwas über der Ekliptikebene; auf dem Rückweg sollten sie sich etwas darunter befinden), koppelten sie an mehrere Minenschiffe an und tauschten wieder Erz und Industriegüter gegen Lebensmittel ein. Ein Jahr später befanden sie sich nahe genug an Jupiter, damit dessen Kolonien einen Ankopplungsversuch machen konnten, was auch für diese entscheidend war, denn der Zusammenbruch der Allianz der Dritten Welt hatte die Pipeline zu mehreren Kolonien auf den Jupitermonden unterbrochen. Wie Sie sehen, schuf die Kolonie für sich selbst eine völlig neue Situation. Sie waren zu einer wandernden Welt geworden – das interplanetarische Äquivalent einer Nomadenkarawane, die seltene Güter von fernen Orten bringt. Sie konnten Passagiere aufnehmen und schwerkraftmäßige und klimatische Bedingungen schaffen, die mit denen jeder einzelnen Welt, die sie besuchten, identisch waren. Und das war besonders
wichtig, denn die Passagiere konnten sich jetzt selbst nach und nach an die höheren oder niedrigeren Gravitationen, zu denen sie reisten, gewöhnen. Auch suchten die medizinischen Einrichtungen auf der L 5 ihresgleichen. Ein Hin- und Rückflug auf dem Kometenschiff konnte zehn Jahre lang dauern, aber für manche Reisende – besonders Kolonisten – war die langsame Reise vorzuziehen. Das Schiff stellte eine saubere und gesunde Umgebung dar. Wesentlich angenehmer als die meisten damaligen Orte auf der Erde, geschweige denn die Kolonien. Es war eine Welt, in der man vor Krieg, Klima und Politikern sicher war. Als Folge davon verließen die Reisenden das Schiff nur ungern, aber es erhielten nur diejenigen eine permanente Aufenthaltserlaubnis, die beweisen konnten, daß sie die Lebensqualität an Bord des Schiffes bereicherten. In den folgenden dreißig Jahren machte die Kometenkolonie drei komplette Runden von den inneren zu den äußeren Planeten und erhöhte das interplanetarische Handelsvolumen um etwa 5000%. Was mich zur letzten politischen Entscheidung der Geschichte bringt. Niemand hat etwas gegen Erfolg. Und der finanzielle Erfolg der L 5-Station in ihrer neuen Rolle war unbestreitbar. In der Mitte der zweiten Runde befanden sich vier neue L 5 Konstruktionen im Bau – drei davon wurden von Unternehmen, deren Basis auf der Erde war, finanziert, die vierte vom Mond. Die wirtschaftlichen Vorteile lagen auf der Hand. Es gab Märkte, die nur mit dieser Art der langsamen Reise gedeckt werden konnten. Eine Stadt im Weltraum mag zwar langsamer sein, aber wenn man genug Zeit zur Verfügung hat – und sowieso mit dem Rest des Sonnensystems in ständiger Verbindung steht – ist es wesentlich bequemer als ein Fackel- oder Schleuderschiff.
Aber natürlich wurde durch diese enorme Investition in interplanetarisches Reisen das interstellare Entwicklungsprogramm vorübergehend eingestellt. Der Wanderer – wie das Schiff nunmehr genannt wurde – hatte sich zu einer ziemlich geschlossenen, aber visionären Gesellschaft entwickelt. Die Wanderer betonten nachdrücklich, daß sich die Menschheit ins Universum ausbreiten müßte. Obwohl Antworten nicht mehr zu Lebzeiten zu erwarten waren, meinten sie, daß es Geheimnisse gäbe, die die Menschheit unbedingt erforschen mußte. Die Streichung des Sternenschiffprojekts zugunsten kurzsichtigerer Ziele war eine Weigerung, diese Herausforderung anzunehmen. Während der zweiten Hälfte der dritten Runde nahmen die Wanderer seltsamerweise keine Passagiere mehr auf und bestanden darauf, soviele Touristen und andere Nichtbewohner wie nur möglich vom Schiff zu weisen. Es hieß, sie brauchten Platz, um Siedler und Ausrüstungsgegenstände zu einer neuen Basis auf Titan zu bringen. Es stimmte auch, daß sie genug Ausrüstung und Nahrungsmittel für eine ganze Kolonie an Bord nahmen. Erst später kam heraus, daß die Triplanetarische Titanentwicklungsgesellschaft eine Scheinfirma war – nämlich um den wahren Grund für den Warenkauf im großen Stil zu verheimlichen. Die Wanderer zogen eine Schleife um die Sonne und verschwan den. Nach dem Durchgang befanden sie sich nicht da, wo sie eigentlich sein sollten. Zunächst gab es Spekulationen, daß sie ihre Umlaufbahn falsch berechnet hätten und in die Sonne gefallen wären – aber das wurde als unwahrscheinlich abgetan. Es war ein Hobbyastronom auf dem Mond, der sie mit einem selbstgebauten, vier Meter langen Fernrohr entdeckte. Sie wären weit von dem Punkt entfernt, an dem man sie vermutet hatte.
Statt dessen waren sie viel weiter draußen – während sie immer noch beschleunigten. Sie hatten ein zwanzig Kilometer langes Sonnensegel aufgezogen, und als sie die Umlaufbahn der Erde passierten, schalteten sie ihre Fusionsmaschinen auf volle Kraft. Das Strahlentriebwerk haben sie erst viel später angebracht. Dazu haben sie wahrscheinlich das Trockendock abgebaut. Wenn Sie diesen Ausschnitt hier mit dem auf dem anderen Foto vergleichen, werden Sie die große Ähnlichkeit erkennen. Die nächsten drei Monate beschleunigten sie immer mehr. Sie verabschiedeten sich von unserem Sonnensystem und wandten sich den Sternen zu. Ein kühnes Unterfangen. Ihre letzte Nachricht enthielt die Worte: Unsere Enkel werden mit den Sternen zusammentreffen. Der Laserkontakt wurde für einige Zeit aufrechterhalten – in der Tat sogar bis zu ihrer Schleife um Sirius-B. Dann hörte er auf. Und wurde nicht wieder aufgenommen. Man nahm an, daß ihnen ein größeres Unglück zugestoßen war.« Kirk lehnte sich vor und klopfte seinem Navigator auf die Schulter. »Gute Arbeit, Chekov.« Dann schwang er seinen Sessel zu Specks herum. »Eine exzellente Schilderung – äh, Specks. Sie gibt auf viele Fragen Antwort. Genauer gesagt, ich habe mehr Dinge über den Wanderer erfahren, als ich wissen wollte. Mein Kompliment. Wenn Sie diese Präsentation auf den Bibliothekskanal legen würden, bin ich sicher, daß sich auch der Rest der Mannschaft ebenfalls dafür interessiert.« »Äh – Sir? Sie befindet sich bereits seit gestern auf dem Bibliothekskanal.« Spock blickte betreten drein. »Mr. Spock, wußten Sie davon?« Spocks Blick wich zur Seite aus. »Es ging alles sehr schnell in letzter Zeit, Captain.«
Kirk nickte. »Richtig. Auch Vulkanier machen Fehler.« Als Spock beleidigt dreinsah, fügte er hinzu: »Aber nur sehr selten, nicht wahr?« Und er grinste. Spock wandte sich an Specks. »Gibt es noch mehr Informationen, Fähnrich?« »Eigentlich nicht, Sir. Es wurde nie der Versuch unternommen, nach der verlorenen Kolonie zu suchen. Man hielt es für sinnlos. Entweder waren sie am Leben, aber außer Kontakt – oder tot. In beiden Fällen gab es nichts, was man für sie tun konnte. Dennoch gab es jede Menge Spekulationen. Es wurden sogar Romane geschrieben und Filme produziert, mit dem Anspruch, die wahre Geschichte zum Inhalt zu haben – aber das war natürlich unmöglich. Niemand wußte es sicher. Abgesehen von den politischen Intrigen bei ihrer Konstruktion und der Tatsache, daß sie ein Pionier der langsamen Schiffahrt war, ist der einzige Anspruch der Kolonie auf Berühmtheit das Geheimnis, das sie umgibt. Und darüber könnte ich Ihnen, wenn Sie wollen, eine ganze Menge erzählen.« Kirk stand auf und mußte sich nach dem langen Vortrag erst einmal etwas dehnen. Dann schüttelte er den Kopf. »Ich glaube, für heute ist es genug, Specks. Sie haben gute Arbeit geleistet. Jetzt gibt es einiges, worüber wir uns Gedanken machen müssen.« An seine Offiziere gerichtet, sagte er: »Meine Herren? Schließen wir die Sitzung?«
17
Vor der Bibliothek wandte sich Kirk an Spock. »Was meinen Sie, Mr. Spock?« »Ich denke, der Fähnrich hätte sich wesentlich kürzer fassen können.« Kirk warf ihm einen Blick zu. »Warum? Hatten Sie etwas Besseres zu tun?« Spock zuckte die Achseln. Kirk hatte bereits den Mund geöffnet, um noch etwas zu sagen, besann sich aber eines besseren. Eines der Dinge, die einem an der Akademie gesagt werden, ist, daß ein Großteil der Führungsqualitäten darin besteht, mit dem Handeln zu warten, bis die Situation reif dazu ist. Und wenn man schon mal weiß, daß man warten muß, dann kann man auch die Zeit sinnvoll nutzen. Deshalb sagte er: »Nein, ich meinte den Wanderer – ist das der offizielle Name?« Spock nickte. »Ich glaube schon. Ich hatte noch nicht damit begonnen, Alternativen, die Sie in Erwägung ziehen konnten, zu formulieren, Gaptain.« »Es scheint, daß wir zumindest ein KulturReorientierungsteam einsetzen und anschließend die nächste Sternbasis bevollmächtigen müssen, einen Schlepper mit Solantrieb zu organisieren, mit dem wir das Schiff in einen sicheren Hafen bringen können. Chekov soll die nächste Basis, die sich dafür eignet, ermitteln. Sagen Sie Uhura, daß sie die Logb