Ren Dhark Wunder des blauen Planeten Die große SF-Saga von Kurt Brand
Band 11
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Ren Dhark Wunder des blauen Planeten Die große SF-Saga von Kurt Brand
Band 11
Bereits erschienen: (1) Sternendschungel Galaxis (2) Das Rätsel des Ringraumers (2) Zielpunkt Terra (4) Todeszone T-XXX (5) Die Hüter des Alls (6) Botschaß aus dem Gestern (7) Im Zentrum der Galaxis (8) Die Meister des Chaos (9) Das Nor-ex greift an! (10) Gehetzte Cyborgs sowie die Sonderbände: Die Legende der Nogk Gestrandet aufBittan Sollte Ihre Bezugsquelle nicht alle REN-DHARK-Bände verfügbar haben, können Sie fehlende Bände direkt beim Verlag nachbestellen. l. Auflage Hansjoachim Bernt Verlag Postfach 22 01 22 56544 Neuwied Telefon: 02631-356100 Fax:02631-356102 Internet: http://www.bernt.de © REN DHARK: Brand Erben Buchbearbeitung: Gerd Rottenecker Beratung: Heinz Mohlberg Cover: Ralph Voltz Illustrationen: Hubert Schweizer Druckvorlagenherstellung: TYPO-Schlick GmbH, 56566 Neuwied © 1998 H. Bernt Verlag Alle Rechte vorbehalten ISBN 3-930515-21-0
Vorwort Nachdem bereits in Band 10 der Ren-Dhark-Buchausgabe mit den Utaren ein neues Fremdvolk aufgetaucht ist, haben im vorliegenden Band die Rateken einen ersten >Kurzauftritt<. Doch bereits im nächsten Buch werden sie wieder mit von der Partie sein, und außerdem wird Ren Dhark dann auch auf das dritte - für die Zukunft vielleicht wichtigste >neue< Fremdvolk stoßen. Bis dahin gilt es für Ren Dhark & Co. jedoch noch, das >Wunder des blauen Planeten< zu erforschen, sich den Mächten zu stellen, die nach langem Schlaf plötzlich erwachen, und ein weiteres Rätsel in Sachen POINT OF zu lösen. Apropos POINT OF: Unser Modell des Ringraumers, von dem nur noch ein knappes halbes Dutzend Exemplare lieferbar sind, hat ein - allerdings unverkäufliches Schwesterschiff bekommen, das in Zukunft bei den Con-Auftritten des HJB-Verlags über unserem Stand >schweben< und mit einem Ringdurchmesser von 1,26 Metern für Aufsehen sorgen wird. Gleichzeitig mit diesem Buch wird an alle Vorbesteller und Abonnenten der zweite Ren-Dhark-Sonderband ausgeliefert. In dem Roman mit dem Titel >Gestrandet auf Bittan< schildert der bekannte SF-Autor Werner Kurt Giesa - der auch schon an den neugeschriebenen Ren-Dhark-Büchem 6-8 mitgearbeitet hat - die Abenteuer des Prospektoren-Ehepaars Art und Jane Hooker auf einer urtümlichen Dschungelwelt, die mehr als ein Geheimnis unter ihrem dichten Laubdach verbirgt. Mit Band 12 der regulären Buchausgabe, der voraussichtlich Ende Oktober erscheinen wird, werden wir unser jüngstes >Baby< präsentieren: Das Ren Dhark Magazin! Wie der Name schon sagt, wird sich in diesem Magazin vieles - aber nicht alles - um Ren Dhark drehen. So wird unter anderem in einem Werkstattbericht geschildert werden, wie ein Ren-Dhark-Buch entsteht; außerdem werden wir exclusiv eine Rißzeichnung von Hartmut Klages - einen 400m-Raumer der Giants - und eine Kurzgeschichte von PR- und RD-Autor Hubert Haensel mit dem Titel >Im Ring der Mysterious< präsentieren. Weitere Beiträge sind Perry Rhodan (PR-Kenner Michael Thiesen beleuchtet die Ära William Voltz) und dem amerikanischen SF-Autor David Brin gewidmet - aber das ist noch längst nicht alles... Nachzutragen blieben noch die Titel und Verfasser der Originalromane, die überarbeitet und teilweise gekürzt in dieses Buch eingeflossen sind: Singu der Rateken, Transmitterdrohung, Terra im Würgegriff, Inferno zwischen Ruinen und Die Planetenbombe von Kurt Brand sowie Auf den Spuren der Mysterious? von Tensor McDyke (alias Dieter Ueckermann). Hohberg, im Frühjahr 1998 Gerd Rottenecker
Prolog Auf der Erde und den Welten des terranischen Einflußbereichs neigt sich das Jahr 2056 seinem Ende zu. Die Gefahr, die von den überraschend wieder aufgetauchten, nicht >rückgeschalteten< Robonen unter ihrem Anführer Allon Sawall ausging, und die in der Entführung Ren Dharks und Dan Rikers gipfelte, scheint fürs erste gebannt. Sawall und seine Anhänger haben sich auf einen unbekannten Planeten zurückgezogen, und die kleine Gruppe Robonen, die dem Befehl ihres Anführers nicht gefolgt ist und sich noch immer auf Terra befindet, sollte zwar nicht unterschätzt werden, ist jedoch jetzt auf sich allein gestellt und hat sicherlich einiges an Gefährlichkeit eingebüßt. Auch die Bedrohung durch das Nor-ex, jene unbegreifliche Wesenheit aus einem fremden Universum, die Raumschiffe und ganze Städte verschlang, konnte durch den mutigen Einsatz Ren Dharks zunächst einmal beseitigt werden. Immerhin hat die Nor-ex-Krise die Völker der Milchstraße teilweise enger zusammenrücken lassen. So haben die Utaren, die Bewohner Esmaladans, mittlerweile Kontakt mit den Terranern aufgenommen. Es bleibt abzuwarten, wie sich die Beziehungen zwischen den beiden Völkern weiter entwickeln werden, doch bestehen auf Seiten der terranischen Führungsspitze wenig Zweifel, daß sich der Kontakt generell positiv auswirken dürfte. Zunächst einmal bleibt der Menschheit jedoch kaum Zeit, Atem zu holen. Kaum aus dem Karmin-Universum zurückgekehrt, wartet auf Ren Dhark bereits die nächste Herausforderung in Form eines Doppelwulst-Raumers, der plötzlich und unerwartet auf Terra landet, und dessen Besatzung sich nicht nur in ihrem Äußeren deutlich von den zwergenhaften Utaren unterscheidet. Als noch weitaus schwieriger erweist sich die Aufgabe, die wenig später ein rätselhaftes Artefakt dem Commander der Planeten stellt, als er mit den >Wundern des blauen Planeten< konfrontiert wird. Auch auf Hope, im Industriedom im Höhlensystem unter dem Inselkontinent Deluge, geschehen merkwürdige Dinge, die schließlich in einer ganz besonderen >Erscheinung< gipfeln. Doch alles, was bis dahin geschehen ist, verblaßt zur Bedeutungslosigkeit, als der ehrgeizige Kommandant eines terranischen Forschungsraumers einen fatalen Fehler begeht - und plötzlich steht die Existenz Terras auf dem Spiel...
1. Das unbekannte Raumschiff hätte sich keinen ungünstigeren Zeitpunkt aussuchen können, um am Rande des Sol-Systems zu rematerialisieren. Auf sämtlichen Planetenforts, Ast-Stationen und Einheiten der Flotte herrschte gespannte Aufmerksamkeit. Im Raum zwischen den Planeten sammelten sich große Raumerverbände, die auf ihren Einsatzbefehl warteten um aufzubrechen, Ren Dhark und die POINT OF zu suchen. Ein Einsatzbefehl, der nur deswegen noch nicht erteilt worden war, weil die Raum-Radarstationen auf Pluto ein Abflauen der Kämpfe in den umliegenden Raumsektoren gemeldet hatten. Doch mit jeder Minute, die verstrich, ohne daß eine Nachricht von Ren Dhark kam, stieg die Wahrscheinlichkeit, daß Marschall Bulton die Flotte aussenden würde, um nach dem Commander der Planeten und dem Flaggschiff der TF zu suchen. »Vielleicht hatte Dhark ja Erfolg - zumindest scheinen sich die Nor-ex aus diesem Raumsektor zurückgezogen zu haben«, gab einer der Stabsoffiziere zu bedenken. Er bewies Mut mit dieser Bemerkung, denn Marschall Bulton, in Abwesenheit Dan Rikers Oberbefehlshaber der TF und für sein cholerisches Temperament berühmt und berüchtigt, wurde von Minute zu Minute nervöser und schien kurz vor der Explosion zu stehen. Aber Bulton explodierte nicht. »Anfrage an die Raum-Radarstationen: Sind im umliegenden Raumsektor die Kämpfe wieder aufgeflackert, oder ist es immer noch ruhig?« blaffte er statt dessen. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Keinerlei ungewöhnliche energetische Aktivitäten in den umliegenden Raumsektoren. Bulton atmete tief durch. Doch bevor er noch irgend etwas sagen konnte, meldete sich Raum-Radarstation II erneut. »Unbekanntes Raumschiff neun Millionen Kilometer jenseits der Plutobahn rematerialisiert. Typ Kugelraumer mit zwei Ringwulsten. Bewegt sich mit 0,1 Licht Kurs Terra. Wir versuchen, Funkkontakt aufzunehmen... Keine Reaktion - Achtung, Raumschiff beschleunigt jetzt auf 0,2 Licht.« Bulton handelte schneller, als er denken konnte - er preßte die Daumenkuppe auf dem Alarmknopf. Gleichzeitig erging der Befehl an die sich dem Eindringling am nächsten befindlichen Schiffe, die Position des unbekannten Raumers anzufliegen und ihn unter Einsatz aller Mittel zu stoppen! Doch die jenem Punkt jenseits der Plutobahn zujagenden Schiffe der TF stießen ins Leere. Das Raumschiff entmaterialisierte - um mitten im Sol-System wieder aufzutauchen! Meldung von Ast-15! »Kugelraumer mit zwei Ringwulsten 3400 Kilometer vor Ast-15 auf Grün 56:22,09 rematerialisiert. Durchmesser 250 Meter. Fliegt mit 0,3 Licht Kurs Terra. Antwortet nicht auf Funkanrufe; beschleunigt jetzt auf 0,5 Licht.« Auf Ast-15 saßen der Kommandant der Asteroiden-Station und sein Feuerleitoffizier nebeneinander. Gemeinsam sahen sie die Diagramme auf den Oszillos, gemeinsam sahen sie auf ihren Bildschirmen den unbekannten Raumer, der auf Funkanrufe nicht reagierte und mit immer größerer Fahrt Terra anflog. »Feuer frei?« erklang die Frage des Feuerleitoffiziers. »Wir sind kein Raumschiff, Prokin. Wir können diesem verdammten Kahn nicht nachsetzen.« Mittlerweile hatte Marschall Bulton in Cent Field seinen Befehl wiederholt. Unbekannten Raumer mit allen Mitteln stoppen! Im gleichen Moment drückte Leutnant Prokin auf Ast-15 den Feuerknopf. Die gigantischen Antennen der Asteroidenstation jagten ihre Energie dem Raumer
hinterher, der nur noch 56 Millionen Kilometer von Terra entfernt war. »Volltreffer!« knurrte Prokin nach einem Blick auf die Oszillos. Aber der Strahlschuß prallte am energetischen Schirm des Fremdraumers ab. Grelle Flammenkaskaden schossen nach allen Seiten, und der Prallschirm glühte blutrot auf. Dann glaubten die Männer in Ast-15 ihren Augen nicht zu trauen. »Das darf doch nicht wahr sein«, stöhnte der Kommandant, aber was er sah, veränderte sich nicht. Der Prallschirm des Fremdschiffes strahlte in grellem Weiß. Und dieses Weiß flackerte im feststehenden Rhythmus. »Kurz - lang - lang - kurz - lang - lang - kurz...« »Ein Zeichen!« Der Kommandant verstand es nicht. Dennoch schlug er hart auf den Feuerknopf. Schlagartig stellten alle Strahlgeschütze der Station ihr Feuer ein. »Acht Raumer im Anflug auf unbekanntes Schiff!« meldete der Ortungsoffizier. Der Kommandant brüllte: »Unsere Schiffe darauf aufmerksam machen, daß der Kahn über seinen Prallschirm Zeichen abstrahlt.« Doch auf Terra war es schon bemerkt worden. Marschall Bulton änderte seinen Befehl! Geleit des unbekannten Schiffes übernehmen, aber von allen Waffen Gebrauch machen, wenn Angriff von der anderen Seite erfolgen sollte. Sechs Kreuzer der Planeten-Klasse und zwei Jäger rasten mit grell aufleuchtenden As-Onen-Triebwerken heran. Ihre optischen Systeme hatten den DoppelwulstRaumer erfaßt. Sein rhythmisch flackernder, weiß leuchtender Schirm war nicht zu übersehen. Unverändert hielt das Schiff Kurs auf Terra. Daß es von einer achtfachen Übermacht geleitet wurde, machte der Besatzung wohl nichts aus. War Weiß nicht die Farbe der Übergabe und der friedlichen Verhandlungen? Doch kannte die Besatzung des unbekannten Schiffs die Gepflogenheiten der Terraner? Im Stab der TF starrte Marschall Bulton nachdenklich ins Leere. Er wagte nicht, seine Offiziere anzusehen. Auf diesen Augenblick hatte man auf Terra seit Wochen und Monaten gewartet, sich in ununterbrochenen Planspielen und Manövern darauf vorbereitet - doch jetzt, da der Fall eingetreten war, fühlte der Oberkommandierende der TF sich nicht wohl in seiner Haut. Man hatte schon öfter mit den Doppelwulst-Raumern zu tun gehabt - es waren größtenteils unangenehme Begegnungen gewesen, wie Bulton sich erinnerte -, man wußte, daß ihre Heimatwelt 3219 Lichtjahre von der Erde entfernt war - aber wie die Wesen aussahen, die diesen Raumschifftyp flogen, wußte niemand. »Distanz noch 35 Millionen Kilometer, Marschall!« Bulton nickte. Und dann schreckte er plötzlich hoch - er und alle seine Offiziere. Die POINT OF war dicht über Terra aus der Transition gekommen und flog mit hoher Fahrt dem Raumhafen Cent Field zu. Auf einem Monitor war plötzlich das Gesicht des Commanders zu sehen. Marschall Bulton wischte sich den Schweiß von der Stirn. Plötzlich wirkte er entspannt. Es war ihm egal, daß alle sahen, wie tief und erleichtert er aufatmete. Ren Dhark war zurück. Er hätte in keinem besseren Augenblick nach Terra kommen können. Die Menschen in Alamo Gordo schreckten auf. Ein Überschallknall noch nie erlebter Stärke erschütterte die gigantischen Stielbauten, die der Stadt ihr unverwechselbares Gesicht gaben. Die POINT OF war im Anflug! Sie war mit Höchstfahrt in die dichten Luftschichten der Erde hineingestoßen, um im Sturzflug Cent Field anzufliegen.
Den Männern im Tower trat der kalte Schweiß auf die Stirn, als sie auf ihren Instrumenten die Landegeschwindigkeit der POINT OF ablasen. »Sind die denn verrückt geworden? Bei dem Tempo wird der Kahn einen schönen Schrotthaufen abgeben!« Aber es gab keine Bruchlandung. Elegant setzte der Ringraumer auf. Kaum schwiegen die Triebwerke, raste schon Flash 001 durch die Unitallwandung des Schiffs und nahm Kurs auf das Gebäude, in dem sich der Stab der TF befand. Ren Dhark flog den Flash selbst. Dicht vor dem Haupteingang landete er das plump aussehende Beiboot. Noch bevor die Wachposten reagieren konnten, hatte der Commander das Gebäude schon betreten. Er stürmte den breiten Gang entlang und stand Augenblicke später vor Marschall Bulton. Dem war seine Erleichterung überdeutlich anzumerken, als er seinen Platz hinter dem breiten Schreibtisch räumte. Ren Dhark hatte noch während des Landeanflugs alles Wichtige erfahren und seinerseits dem Marschall stichwortartig von den Geschehnissen im Karmin-Universum berichtet. Dhark beugte sich zum Vipho und tastete blitzschnell die Verbindung zur Ortungszentrale des Raumhafens ein. »Hier Commander Dhark! Wo steht das Schiff?« Sie verstanden ihn. Zur Zeit gab es im Sol-System nur ein Schiff, von dem man sprach. Er erhielt die Distanzangabe. »Verbindung mit der Hyperfunkstation.« Die Hyperfunkstation meldete sich. »Den Doppelwulst-Raumer mit höchster Sendeleistung im gleichen Rhythmus anfunken, in dem er sein Prallfeld aufleuchten läßt.« Er unterbrach die Verbindung. »Bulton, wir haben noch ein paar Minuten Zeit, bis der fremde Raumer zur Landung ansetzt. Welche Einheiten stehen bereit, um die Delegation einer fremden Rasse zu empfangen?« Marschall Bulton lief rot an. Dhark sah darüber hinweg. Offiziere erhielten Befehle. Zwei der drei Viphos waren ununterbrochen in Betrieb. Der Raum schwirrte vor Aktivität. Nur der Commander saß gelassen hinter dem Schreibtisch des Marschalls. Dharks Ruhe schien auch auf Bulton überzugehen, denn der Marschall zeigte in Anwesenheit des Commanders nichts von seinem cholerischen Temperament. Bulton hatte seine Order erteilt. Eine Anzahl Offiziere war fluchtartig aus dem Raum gestürmt. Die Delegation einer unbekannten Rasse, die allem Anschein nach in friedlicher Mission nach Terra kam, sollte mit allem Pomp empfangen werden. Der Commander aber war mit seinen Gedanken ganz woanders. Er dachte an das Nor-ex, jenes unbegreifliche Wesen aus einem fremden Universum, mit dem er erst vor wenigen Stunden einen Pakt geschlossen hatte. Würde die fremde Wesenheit sich an die Abmachungen mit den Terranern halten? Und wenn nicht - würden sie dann die Möglichkeit haben, das Nor-ex erneut zu bezwingen? Auf einmal spürte Ren Dhark, daß der Marschall ihn gespannt musterte. Er blickte auf und fragte: »Was gibt es, Bulton?« »Sie wollen es doch wohl nicht bei ein paar Stichworten belassen, Commander? Mittlerweile ist nicht nur die POINT OF wieder aufgetaucht, sondern auch die übrigen verschollenen Schiffe! Die FO-1 mit Huxley und Prewitt, die CAESAR, die YAMID und all die anderen... Was ist dort draußen wirklich geschehen?« Ren Dhark lächelte. »Das, mein lieber Bulton, werde ich Ihnen und Ihren Offizieren ebenso wie den Wissenschaftlern erzählen, wenn die Lage sich wieder entspannt hat. Doch zunächst, denke ich, sollten wir all unsere Konzentration unseren >Gästen< widmen. Oder was meinen Sie?«
In diesem Augenblick meldete die Ortungszentrale, daß der unbekannte Raumer den äußeren Luftmantel der Erde erreicht habe und noch immer Kurs auf Cent Field halte. Ren Dhark wurde nachdenklich. Etwas machte ihm Sorgen. Er erinnerte sich einiger dramatischer Erlebnisse. Jedesmal, wenn die POINT OF im überlichtschnellen Flug unterwegs von Hope nach Terra - oder in Gegenrichtung - einen bestimmten Sektor der Galaxis durchflogen hatte, war sie auf unerklärliche Art geortet und immer wieder von vielen Schiffen angegriffen worden - darunter auch von Doppelwulst-Raumern! Diese Ortung hatte es eines Tages nicht mehr gegeben! Wer hatte veranlaßt, daß der Ringraumer nicht mehr mit allen verfügbaren Mitteln bekämpft wurde? Was war der Anlaß zum Einstellen dieser Aktionen gewesen? Die Besatzungen der Doppelwulst-Raumer hatten mit einer geradezu unbeschreiblichen Hartnäckigkeit versucht, die POINT OF in eine kleine Sonne zu verwandeln. Und jetzt kam ein Schiff dieser Rasse in friedlicher Absicht? Mit einer Hand fuhr sich Ren Dhark über die Stirn. Von allen Seiten fühlte er Unheil auf sich zukommen. Unwillkürlich blickte er auf, aber außer einigen Offizieren und Marschall Bulton konnte er nichts entdecken. »Commander, die GSO ist benachrichtigt.« Daran hatte Dhark wirklich nicht gedacht. Er gehörte zu dem Typ Menschen, der erst dann mißtrauisch wurde, wenn er Grund dazu hatte. An erster Stelle stand bei ihm der Glaube, daß jede Kreatur, wie sie auch beschaffen sein mochte, von Natur aus gut war. Er mußte an die Giants und ihren CAL denken, er erinnerte sich, wie sie auf der Erde gehaust hatten, was sie aus den Menschen gemacht hatten, die man inzwischen als Robonen bezeichnete. War das Verhalten der Giants menschlich gewesen? Das große Vipho vor ihm leuchtete auf. Ein Offizier aus dem Tower meldete: »Commander, der Doppelwulst-Raumer setzt auf G-56 zur Landung an.« Der Vorgang war auch in der POINT OF beobachtet worden. Vollkommen ruhig teilte Dan Riker aus dem Leitstand des Ringraumers mit: »Wir scannen den Kahn ununterbrochen. Scheint friedlich zu sein. Unsere Energieortung bestätigt, daß nur die Energieerzeuger laufen, die er für das Landemanöver benötigt. Sonst nichts Neues.« Die Verbindung zur POINT OF erlosch. Ren Dhark erhob sich. Auffordernd blickte er Bulton an. »Ich glaube, es wird Zeit, daß wir uns auch auf den Weg machen.« Der Commander der Planeten wollte die fremden Intelligenzen, die zum ersten Male die Erde angeflogen hatten, begrüßen. Der Doppelwulst-Raumer stand auf Landeplatz G-56. Achtzehn stationäre Gravitationsschleudern waren genau auf das 250-Meter-Schiff justiert. Die Gruppenführer der einzelnen Forts hatten den Befehl erhalten, auf einen bestimmten Funkimpuls hin den Landeplatz unter 3,5 Gravos zu setzen, selbst wenn sich Terraner in diesem Bereich befinden sollten. Für diesen Fall standen sieben Cyborgs bereit. Ihre Order lautete, unter Einsatz aller Mittel jeden Mann, der sich vor oder in dem unbekannten Schiff aufhielt, herauszuholen. Arc Doorn, der mittlerweile ebenfalls von der POINT OF herübergekommen war, hatte in einer kurzen Anweisung von Ren Dhark erfahren, daß er gemeinsam mit Jos Aachten van Haag den gesamten Einsatz zu leiten hatte. »Okay«, hatte der wortkarge Sibirier gebrummt und es sich mit Jos in dem kleinen Nebenraum nahe der Vipho-Zentrale bequem gemacht.
Nur Bram Sass und Jes Yello, die beiden Cyborgs, begleiteten den Commander und Marschall Bulton. Vor dem Stab der TF wartete ein Spezial-Jett der GSO, um sie nach G-56 zu fliegen. Über drei Viphos, die auf Dauerempfang standen, waren sie mit den wichtigsten Stellen in Cent Field und Alamo Gordo verbunden. Aber die Bildschirme blieben grau. »Nervös?« fragte Dhark den Marschall, kurz bevor sie ihr Ziel erreicht hatten. Bulton war so ehrlich wie immer. »Ein bißchen. Sie nicht?« »Doch«, erwiderte Dhark, »sehr.« »Ein ungutes Gefühl, Commander?« »Das nicht, aber innerlich bin ich auf so ziemlich alle bösen Überraschungen vorbereitet.« Der Marschall nickte und murmelte dann mehr zu sich selbst: »Ich bin gespannt, wie die Wesen aussehen, die diese Raumer fliegen.« Ihr Spezial-Jett setzte auf. Langsam gingen sie auf das fremde Schiff zu, das auf wuchtigen, aber erstaunlich kurzen Teleskopbeinen mit auffallend groß dimensionierten Landeplatten stand. Eine Polschleuse besaß dieser Raumer nicht, der im Licht der Sonne hellbraun schimmerte. Erst in gut fünfzig Meter Höhe befand sich eine halbbogenförmige Öffnung, von der jetzt eine schmale Rampe heruntergefahren wurde, die augenscheinlich über Transportbänder verfügte. In gleichmäßigen Abständen waren auf der sonst glatten kugelförmigen Hülle leicht plattgedrückte Höcker verteilt, die sich anscheinend in alle Richtungen bewegen ließen. Strahlgeschütze? Auch der Ringwulst, der das Schiff von Pol zu Pol umlief, gab dem Raumer ein seltsames Aussehen. Gut fünfundzwanzig Meter breit, aber über vierzig Meter dick, verfügte dieser Ring, ebenso wie der horizontal um den Schiffsäquator verlaufende, über ein anomal großes Volumen. Wenn der Platz in den beiden Wülsten vollständig ausgenutzt war, dann mußten sich darin überaus leistungsfähige Triebwerke verbergen. Ren Dhark, Marschall Bulton und die beiden Cyborgs blickten zur Schleuse hinauf. Dort war keinerlei Bewegung auszumachen. Von der Besatzung ließ sich bisher niemand sehen. Kein gutes Zeichen, dachte Ren Dhark, der sich vergeblich bemühte, seine Nervosität zu unterdrücken. Ein fremdes Schiff landete auf einem fremden Planeten, und seine Besatzung dachte nicht daran, sich freiwillig dem Gastgeber zu zeigen. Bulton blickte die beiden Cyborgs fragend an. Sass grinste schwach. »Wir haben umgeschaltet.« Dicht vor der kleinen Gruppe berührte die Rampe aus silbergrauem Material den Boden. Im gleichen Augenblick begannen vier Transportbänder in Richtung auf die Schleuse anzulaufen. Ohne zu zögern betrat der Commander eines der Bänder. Bulton und die Cyborgs folgten seinem Beispiel. In gleichmäßigem, nicht besonders schnellem Tempo wurden sie hinaufgefahren und näherten sich der Schleuse, einem dunklen Raum, dessen Ausmaße sich im Hintergrund verloren. Die Schleuse war leer. »Eine unhöfliche Gesellschaft«, murmelte Marschall Bulton, der sich vergeblich nach einem fremden Wesen umgesehen hatte - und zuckte zusammen. Licht flutete aus allen Wänden. Grelles, grünes Licht, und in diesem grünen Licht standen Riesen vor ihnen - mehr als drei Meter groß, breitschultrig, von humanoider Gestalt; nur der Kopf war nicht
menschlich. Grau die lederartige Haut der sechsfingrigen Hände, grau das Gesicht. Aber was für ein Gesicht...! Im oberen Drittel zog sich unter der leicht schillernden Glatze ein Facettenkranz über die vordere Hälfte herum. Eine Handbreit darunter befanden sich in gleichbleibendem Abstand fingerlange ovale Öffnungen. Sollte das die Nase sein? Und der Mund? Es gab ihn gleich viermal. Er befand sich dort, wo bei Menschen die Kinnspitze war - ein lippenloser, schmaler Strich, der im grellen, grüngetönten Licht leicht bläulich schimmerte. Der Kopf erinnerte an eine überdimensionierte Birne, die man mit dem Stielende auf einen klobigen Körper gestellt hatte. Die graue Lederhaut saß völlig straff, schien weder Falten noch Poren aufzuweisen; sie zeigte auch keine Bewegung, als das Wesen, das sich in der Mitte der siebenköpfigen Gruppe befand, den Mund öffnete, der den Terranern zugewandt war, und sagte: »Rateka, wrass songna bal dorin ka do!« Es klang rauh, tief und befehlend. Im Kranz der Facettenaugen glühten Lichter in vielen Farben auf. Das fremde Wesen im hellgrauen Overall, der viel zu weit wirkte und in hundert Falten um den Riesenkörper hing, winkelte schenkeldicke Arme an, kreuzte sie vor der breiten Brust und trat auf Ren Dhark zu, der einen Schritt vor seinen Begleitern stand. »Ich verstehe Sie nicht!« erwiderte Dhark, der nicht einmal mit der Wimper zuckte, als der Riese dicht vor ihm halt machte. »Rateka, ronn sgi do angnokar?« Viel zu laut sprach der Riese. Seine Stimme dröhnte durch die Schleuse, die zwanzig Meter tief und ebenso hoch war. »Ich kann Sie nicht verstehen. Ich beherrsche Ihre Sprache nicht!« erwiderte Dhark mit fester Stimme, ohne die Lautstärke zu verändern. Ren Dhark, Bulton und die Cyborgs verbargen ihr Erstaunen, als sich das obere Drittel des Kopfes über den Kranz aus Facettenaugen schob und ihn verdeckte. Hatte dieser Riese jetzt das getan, was man bei einem Menschen als Schließen der Augen bezeichnet hätte? Im nächsten Moment sprach der Fremde mit dem Mund, der sich in seinem >Nacken< befand. Scharf und rauh klang seine Stimme. In einen der übrigen Riesen kam Bewegung. Mit gewaltigen Schritten eilte er in den Hintergrund der Schleuse, kehrte jedoch gleich darauf zurück, einen vielleicht 30 mal 30 Zentimeter messenden, quadratischen Kasten vor der Brust. Hände, die rechts und links je einen Daumen und vier gleichlange nagellose Finger besaßen, glitten über Sensortasten und Schieberegler. Ein Summen klang auf, dann ein Brummton, der schnell nachließ. Schließlich schien der Riese zufrieden zu sein und reichte das Gerät mit einer angedeuteten Verbeugung dem Sprecher. Der nahm es entgegen und scheuchte seinen Untergebenen mit einer herrischen Handbewegung zur Seite. Ren Dharks Gesicht zeigte nichts von dem, was er dachte. Er war auf der Hut. Diese Riesen gefielen ihm nicht. Sie waren als ungebetene Gäste gekommen, und sie benahmen sich in einer Art und Weise, die für die Zukunft nichts Gutes ahnen ließ. Der mittlere Riese hatte sich das Gerät umgehängt und nochmals einige Tasten angetippt. Der Glatzenteil seines Birnenkopfes bewegte sich nach oben. Der Ring aus Facettenaugen lag wieder frei. Wieso hat er dann sehen können, daß der andere ihm das Gerät übergeben wollte? fragte sich Dhark unwillkürlich.
Die Stimme des Riesen war wieder zu hören; Worte in einer unbekannten Sprache. Doch noch während er sprach, klang eine metallisch klingende Stimme auf, die das Terranische verwendete. »Rateka, Singu der Rateken, wird den Schutz dieses Planeten übernehmen und verlangt als Tribut die Waffe, mit der das Urk aus dem anderen Gefüge verjagt werden kann.« Bei dem Kasten mußte es sich um ein Übersetzungsgerät, einen Translator, handeln! Ren Dhark verspürte plötzlich keine Nervosität mehr. Jetzt wußte er, warum die Erde diesen unerwünschten Besuch bekommen hatte. Im Spiralarm mußte es sich herumgesprochen haben, daß die Terraner über eine Waffe verfügten, mit der man das Nor-ex vertreiben konnte! Und sie können natürlich nicht ahnen, daß die Gefahr für's erste beseitigt ist und wir einen Vertrag mit dem Nor-ex geschlossen haben, dachte Dhark. Er ahmte die Haltung Ratekas nach, der sich als Singu der Rateken bezeichnet hatte und damit wahrscheinlich auf seinen Titel oder seine Stellung hinweisen wollte. »Mein Name ist Ren Dhark«, sagte der Commander der Planeten bescheiden, »und im Namen dieses Planeten heiße ich Sie willkommen.« Rateka brüllte ihn an. Farbige Lichter huschten über den Facettenring. Der Translator übernahm die Lautstärke, und Dhark wurde mit den Worten angefahren: »Weißt du nicht, wie man dem Singu der Rateken zu antworten hat?« Hinter dem Rücken des Commanders flüsterte Marschall Bulton: »Genauso habe ich mir diese Begegnung vorgestellt.« Unbemerkt von den Riesen kontrollierten die beiden Cyborgs, ob ihre Viphos noch klar und nicht durch einen technischen Trick der Rateken ausgeschaltet worden waren. Ren Dhark dachte nicht daran, auf einen groben Klotz einen groben Keil zu setzen. Sein ganzes Interesse galt dem Ziel, diese Begegnung friedlich verlaufen zu lassen. Aber er sah es als einen psychologischen Fehler an, sich dem herrischen Verlangen dieses Rateka zu unterwerfen. Jetzt verwendete auch er das Du. »Rateka, du befindest dich auf einer Welt, die deines Schutzes weder bedarf, noch dir Tribute...« Der Translator hatte erst die Hälfte seines Satzes in die Sprache der Rateken übertragen, als die sechsfingrigen Pranken des Riesen vorzuckten, als ob sie nach Ren Dhark greifen wollten. Zwei Cyborgs standen plötzlich einen Schritt vor dem Commander, und der Riese führte die Bewegung nicht zu Ende. Ein wütendes Grollen dröhnte durch die Schleuse. Zwei der Rateken im Hintergrund wollten sich auf die Cyborgs stürzen, doch eine knappe Handbewegung ihres Anführers hielt sie zurück. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen; langsam und gemächlich stemmte Rateka die Pranken in die Hüften, knickte leicht nach hinten ab - und dann rollten dumpf glucksende Laute durch die Schleuse. Konnte ein Rateke lachen? »Ihr habt Mut, Zwerge von Terra, aber Mut allein wird euch nicht helfen - schon gar nicht in der Zeit der wrossnal« Die metallisch klingende Stimme war immer noch viel zu laut. Ren Dhark ließ sich nicht beeindrucken. Sein ganzes Sinnen und Trachten galt der Möglichkeit, mit diesem Riesen zu einer friedlichen Einigung zu kommen. Die Überheblichkeit der Fremden machte seine Aufgabe nicht leichter, aber auch nicht unmöglich. Er winkte Sass und Yello zurück und warf Bulton einen aufmunternden Blick zu.
Schweißtropfen glitzerten auf der Stirn des Marschalls, seine Fingerspitzen schwebten nur Zentimeter über den Blasterkolben. Ren Dhark schüttelte unmerklich den Kopf, dann wandte er sich wieder an den Riesen. »Es gibt keinen Grund für Streitigkeiten, Rateka. Terra benötigt den Schutz des Singu der Rateken und seines Volkes nicht. Doch wir sind jederzeit dazu bereit, diplomatische Beziehungen mit dem Volk der Rateken aufzunehmen, und ich bin sicher, daß unsere beiden Völker...« Wieder ließ Rateka ihn nicht ausreden. »Ich höre deine Worte, Dhark, doch sie bedeuten mir nicht mehr als das Plappern der Qarrn in der Abenddämmerung.« Die metallische Stimme schien mit jedem Wort lauter und drohender zu werden. »Dhark, ich stelle diesem Planeten ein Ultimatum. In unserem Heimatsystem sind acht Fados unserer Flotte in Bereitschaft. Du hast eine Frist von zwei Normstunden deiner Zeitrechnung. Bist du bis dahin nicht bereit, mir die Waffe auszuhändigen, mit der man das Urk vertreiben kann, werde ich die Schiffe rufen, und sie werden eine zweite Sonne aus dieser Welt machen!« Ren Dhark zuckte mit keiner Wimper. »Du hast vergessen, daß du dich mit deinem Schiff auf einer fremden Welt befindest.« »Nichts wird mich hindern, diesen Raumhafen zu verlassen, wann immer ich es will. Keine Macht kann dich aus meinem Schiff holen. Vergiß nicht, daß nach Ablauf der Frist acht Fados - das sind mehr als 8000 Raumschiffe - aufbrechen werden, um aus deiner Heimatwelt eine Sonne zu machen. Mehr habe ich dir nicht zu sagen.« Und mit diesen Worten verließen alle Rateken die Schleuse durch ein an der Stirnwand gelegenes Schott. Marschall Bulton schätzte ihre Lage vollkommen falsch ein. »Dieser Rateke ist größenwahnsinnig, Commander.« »Da!« Dhark hielt ihm sein Spezial-Vipho hin. Es arbeitete nicht mehr, genau wie die Geräte der anderen. Es gab keine Verbindung mit Cent Field und Alamo Gordo mehr. Die Rateken hatten sie durch einen technischen Kunstgriff unterbrochen. Zwei Flash landeten im Brana-Tal, dicht neben der Cyborg-Station. Sie waren angemeldet, und es war auch nichts Besonderes mehr, daß hier ab und zu Blitze landeten. Aber daß gleich vier der ersten Cyborgs, die in dieser Station entwickelt worden waren, zusammen ankamen, war überaus ungewöhnlich. Echri Ezbal, in mehr als nur einer Hinsicht das Herz dieser gigantischen medizinischen Anlage, empfing seine Schützlinge in seinem einfach eingerichteten Privatraum. Immer wieder glitt sein Blick über die Snide-Zwillinge. Stolz lag in diesem Blick, Stolz und ehrliche Freude. Der Genetiker und Biochemiker war stolz darauf, zwei Menschen aus dem Grau eines Daseins als Schwachsinnige herausgerissen zu haben. Charly und George Snide wußten, daß sie von Geburt an geistig zurückgeblieben gewesen waren. Es machte ihnen nichts aus, darüber zu sprechen, weil sie nicht die kleinste Erinnerung an jene Zeit zurückbehalten hatten. »Gibt es Fortschritte in Sachen Cyborgs, Ezbal?« fragte Holger Alsop, der der erste cybernetic organism Terras gewesen war. Der Brahmane strich sich durch seinen silberweißen Bart. »Es gibt Fortschritte, besonders auf dem Gebiet des Phanten. Wenn es euch interessiert, dann könnt ihr in einer Stunde zusehen, wie ein Mensch zum Cyborg gemacht wird - und zwar zu einem Cyborg, der kein Steuergerät mehr benötigen wird, um phanten zu können.« »Kein Steuergerät?« fragte Jan Burton interessiert. »Dann sind Injektionen durch das Phant-Adhesive nicht mehr erforderlich?« »Lassen Sie sich überraschen«, erwiderte der greise Wissenschaftler und lächelte
dabei, als sei er seiner Sache sicher. Die Stunde des Wartens verging schneller als sie gedacht hatten. Der Cyborg-OP war ein großer, weißgekachelter Saal, der an drei Seiten mit Unmengen medizinischer Spezialgeräte vollgestopft war. Die vierte Seite war durch eine energetische Sperre abgeteilt. Dahinter saßen die vier Männer und konnten über ein halbes Dutzend Bildschirme alles aus nächster Nähe beobachten. Mark Carrell hieß der junge, knabenhaft schlanke Mann auf dem OP-Tisch. Er lag in tiefer Narkose und wußte nicht, was mit ihm geschah. Aufmerksam hatten die vier Cyborgs die Vorbereitungen verfolgt: Großes Gehirnstrommuster; Schichtaufnahmen des Gehirns, der Organe, der Sehnen, Muskeln und Nerven. Jetzt wurde die Bohrhaube herangefahren, ein im Brana-Tal entwickeltes Gerät. Die Bohrhaube wurde über Mark Carrells Kopf gestülpt, sensorisch eingestellt, über Verbindungen mit den Schichtaufnahmen des Gehirns verbunden, und dann drückte einer der Mediziner den rotleuchtenden Knopf am Steuerpult. An mehr als dreihundert Stellen wurde Mark Carrells Schädeldecke durchbohrt. Unsichtbar, nur an den Instrumenten zu verfolgen, spritzten anschließend aus den Bohrdüsen mikrodünne Strahlen, die an feinstes Plastikgewebe erinnerten, aber in Wirklichkeit damit nichts gemein hatten. Diese Strahlmasse traf haargenau jene Stellen im Gehirn, die sie zu erreichen hatte. Dabei spielte es keine Rolle, ob vorher andere Partien durchbohrt werden mußten. Diese Eingriffe auf andere Gehirnteile waren so winzig, daß der Organismus darauf nicht reagierte. Hatte die Strahlmasse das vorgeschriebene Ziel erreicht, wurde sie im gleichen Moment steif, ohne jedoch etwas von ihrer Elastizität zu verlieren. Über eine Kette von Enzephal-Oszillos wurde dieser gewagte Eingriff mit höchster Aufmerksamkeit verfolgt. Er war der risikoreichste Abschnitt der gesamten Operation. »Aufbau der Rückschaltungs-Phase«, hörten sie und konnten sich selbst - obwohl schon seit vielen Wochen Cyborgs - endlich einen Begriff davon machen, was sie darunter zu verstehen hatten. Dann wurde die Bohrhaube von Carrells Kopf genommen; nicht die kleinste Wunde oder Bohröffnung war zu entdecken. Einer der Wissenschaftler erklärte: »Die Bohröffnungen sind ein Hundertstel Millimeter stark. Alle sind durch Med-Plastik gekittet und in gut einer Stunde auch verheilt.« Unwillkürlich strich sich Charly Snide über den Kopf, aber so behutsam er auch tastete, nirgendwo konnte er so etwas wie eine Narbe entdecken. Die nächste Bemerkung aus dem OP galt ihnen. »Achtung, wir schließen jetzt das Cyborg-Nerven-System an.« Verdutzt sahen sich die faszinierten Zuschauer an. Bis gerade eben hatten sie nicht einmal gewußt, daß sie ein zweites Nervensystem besaßen, wenn sie umgeschaltet hatten. »Anschluß der Not-Sauerstoffversorgung des Gehirns.« »Achtung, Einbau des Programm-Gehirns.« »Was?« platzte Jan Burton heraus. »So klein ist das Ding? Nicht mal so groß wie eine Erbse?« Dreißig, manchmal vierzig medizinische Spezialisten waren tätig. Oft nur zwei oder drei, aber in keiner Phase des Umbaus war auch nur die kleinste Unsicherheit zu beobachten. Jeder Handgriff saß. Es gab keine Pannen. Es gab kein lautes Wort, keine Hektik. »Verändern der Muskulatur.« Es ging Schlag auf Schlag, und das alles praktisch ohne Blut, bis auf den Einbau des Programm-Gehirns und der Pseudolunge. »Erster Klein-Test.«
Mark Carrell lag immer noch in tiefer Narkose und ahnte nicht, daß er den ersten Beweis zu erbringen hatte, jetzt ein Cyborg zu sein. »Test läuft!« In diesem Augenblick schlugen die Viphos der Cyborgs an. Arc Doorn rief von Cent Field. »Hier gibt es Probleme. Kommen Sie so schnell wie möglich und fliegen Sie ins Flash-Depot der POINT OF ein. Ende!« Sie erhoben sich gleichzeitig, wie ein Mann. Ein kurzer Abschiedsblick galt dem OP und den Menschen darin, dann verließen sie den Raum. Cent Field hatte gerufen. Sie kamen.
2. Wie ein gereizter Tiger marschierte Dan Riker in der Kommandozentrale der POINT OF auf und ab. Seit mehr als einer halben Stunde war die Verbindung zu Ren Dhark, Marschall Bulton und den beiden Cyborgs abgerissen. Immer wieder wanderten Rikers Blicke zu den Bildschirmen, die den Doppelwulstraumer zeigten, der friedlich und unbehelligt im Licht der Sonne auf seinem Landeplatz stand. Der Anblick schien ihn zu verhöhnen. Riker hätte das Raumschiff am liebsten mit der POINT OF angegriffen, doch Arc Doorn hatte ihm diese Schnapsidee - wie er sie in seiner respektlosen Weise genannt hatte - ausgeredet. »Warum mit dem großen Hammer zuschlagen, wenn es Nadelstiche genausogut tun, Riker«, hatte er gesagt, »ganz zu schweigen von der Gefahr, die ein Angriff mit dem Ringraumer für den Commander und seine Begleiter bedeuten könnte. Ich habe noch ein paar Cyborgs mehr angefordert; sie müßten bald hier sein - und dann können wir uns etwas überlegen...« Doch die Zeit bis zum Eintreffen der galaktischen Feuerwehr verstrich quälend langsam. »Zwei Flash im Anflug«, meldete Tino Grappa plötzlich. »Na, endlich!« seufzte Riker. Im gleichen Augenblick erklang die Stimme von Glenn Morris aus der Funk-Z: »Riker, ich habe Doorn in der Leitung...« »Stellen Sie durch, Morris!« Doch noch bevor Arc Doorns Gesicht auf dem kleinen Bildschirm erschien, mischte sich erneut Tino Grappa ein. »Zwei Jetts nähern sich vom Tower her der POINT OF.« »Hallo, Riker!« Das war jetzt endlich Arc Doorn. »Ich habe unsere Supermänner dabei. Wir sollten uns kurz zusammensetzen und Kriegsrat halten.« Die Verbindung erlosch. Kopfschüttelnd betrachtete Dan Riker den grau gewordenen Bildschirm. »Manchmal frage ich mich wirklich, wer hier eigentlich das Kommando hat«, murmelte er leise vor sich hin. Dann gab er sich einen Ruck. »Ich bin in der Messe. Wenn es zu irgendwelchen dramatischen Entwicklungen kommen sollte, möchte ich unverzüglich benachrichtigt werden. Falluta, Sie übernehmen solange das Kommando.« Und mit diesen Worten verließ er die Zentrale des Ringraumers. »Nadelstiche«, dozierte Arc Doorn. »Ich schlage vor, wir pieken diese Fremden mit Nadeln aus Unitall.« Alsop, Burton und die übrigen Cyborgs nickten stumm. Sie hatten verstanden, was der Sibirier vorhatte. »Und was ist mit den Gravoschleudern?« fragte Dan Riker. Unwillig schüttelte Doorn den Kopf. »Blödsinn.« Jan Burton mischte sich ein. »Ich rate vom Einsatz der Gravoschleudern dringend ab. Der Commander und Marschall Bulton würden bei 3,5 Gravos praktisch
handlungsunfähig werden, und wir wissen nichts über die Konstitution der Fremden. Möglicherweise sind sie sehr viel kräftiger als der Durchschnittsterraner, dann können wir ihnen mit derartigen Mitteln ohnehin nicht beikommen...« »Oder sie kleben als Matsch auf dem Fußboden!« Das war unverkennbar wieder Arc Doorn. Dan Riker zuckte die Schultern. »Da Sie sich ohnehin anscheinend alle einig sind... Bleibt die Frage, wie viele Flash einfliegen sollen.« Doorn blickte sich um. »Acht.« Auf Rikers fragenden Blick erklärte Jan Burton: »Da wir nicht wissen, was uns an Bord des fremden Raumschiffs erwartet, sollten nur Cyborgs an diesem Einsatz teilnehmen. Aber es ist sicher sinnvoll, wenn drei von uns als Eingreifreserve zurückbleiben.« Wenige Augenblicke später war Dan Riker auf dem Rückweg zur Zentrale. »Was ist schlimmer als Arc Doorn oder eine Horde neunmalkluger Cyborgs?« brummte er vor sich hin. »Arc Doorn und eine Horde neunmalkluger Cyborgs!« gab er sich selbst die Antwort.
Seit knapp einer Stunde waren Ren Dhark und seine Begleiter in der für menschliche Begriffe viel zu großen Schleuse des Doppelwulst-Raumers sich selbst überlassen. Der Commander war davon überzeugt, daß die Rateken sie beobachteten, und er
hatte mehrfach laut zu ihren unsichtbaren Gastgebern < gesprochen und Rateka aufgefordert, die Verhandlungen wieder aufzunehmen. Doch es war nichts geschehen. Fragende Blicke der beiden Cyborgs, die sich gewaltsam Zugang ins Innere des Raumers verschaffen wollten, hatte er mit einem abschlägigen Kopfschütteln beschieden. Dhark wollte die Situation nicht noch weiter verkomplizieren - und er war sich sicher, daß Arc Doorn und Dan Riker etwas unternehmen würden. Gerade die Tatsache, daß anscheinend nichts geschah, bestärkte ihn in dieser Überzeugung. Während die Cyborgs eine stoische Ruhe zeigten und es sich mittlerweile auf dem Boden der Schleuse bequem gemacht hatten, wanderte Marschall Bulton unruhig auf und ab. Er war noch immer hochgradig nervös und schwitzte stark. »All die Jahre hinter dem Schreibtisch haben anscheinend meinem Nervenkostüm geschadet«, meinte er entschuldigend zu Ren Dhark, als er wieder einmal am Commander vorbei stapfte. Ren Dhark setzte zu einer Antwort an - doch in diesem Moment schob sich ein stumpfnasiger Zylinder durch das geschlossene äußere Schleusenschott! Ein Flash! Fast gleichzeitig wummerte ein tiefer, schmerzhaft lauter Ton, der den Terranern bis in den Magen fuhr, durch die Schleuse. »Die Sirenen unserer neuen Freunde passen zu ihrem sonstigen Auftreten«, murmelte Ren Dhark halblaut und verzog gequält das Gesicht, als die Lautstärke noch zunahm. Der Flash befand sich kaum zur Gänze innerhalb der Schleuse, als das innere Schleusenschott aufsprang und eine Horde Rateken hereinstürmte. In ihren gewaltigen Pranken trugen sie klobige, aber nichtdestotrotz bedrohlich wirkende Strahlwaffen. Ren Dhark wußte, daß er jetzt handeln mußte, wenn aus dieser Situation nicht ein Krieg zwischen den Terranern und den birnenköpfigen Riesen erwachsen sollte. Entschlossen trat er den Rateken entgegegen. Bram Sass und Jes Yello waren blitzschnell aufgesprungen und flankierten ihn auf beiden Seiten. Marschall Bulton stand wie vom Blitz getroffen und starrte auf das Szenario, das sich ihm bot. Hier Ren Dhark und die beiden Cyborgs, zwergenhaft klein gegenüber den anstürmenden Rateken; hinter ihnen der in doppelter Mannshöhe schwebende Flash. Dort die Rateken, deren Aufmarsch jetzt allerdings ins Stocken zu geraten schien, als Ren Dhark weit die Arme ausbreitete und »Stop!« brüllte. Zumindest vermutete Bulton, daß Dhark etwas Derartiges rief; verstehen konnte der Marschall angesichts der immer noch wummernden Sirenen nichts. Die Rateken blieben jetzt endgültig stehen, und während das Dröhnen der Sirenen in einem letzten Winseln erstarb, traten sie beiseite und bildeten eine Gasse, um Rateka durchzulassen. Ren Dhark und seine Begleiter nahmen jedenfalls an, daß es sich bei dem Riesen, der jetzt ganz allein auf sie zuschritt, um Rateka handelte; vor seiner Brust hing immer noch der Translator. Laut und grollend rollten die Laute der fremdartigen ratekischen Sprache durch die Schleuse, und Augenblicke später ertönte es aus dem Translator: »Dhark! Ich verlange, daß Sie Ihren Leuten sofort befehlen, ihre Aktion abzubrechen. Schon jetzt hat dieses Raumschiff Beschädigungen erlitten, und...« Diesmal ließ Ren Dhark den Rateken nicht ausreden. Doch er hatte auch registriert, daß der Singu zwar immer noch viel zu laut brüllte, sein Tonfall jedoch trotzdem höflicher geworden war. »Das kann ich erst, wenn Sie damit aufhören, unsere Funkgeräte zu stören, Rateka«. »Das ist schon längst geschehen!« Ein schneller Blick auf sein Vipho zeigte Ren Dhark, daß der Rateke nicht gelogen
hatte. »Dhark hier«, sagte er. »An die eingeflogenen Flash-Piloten: Brechen Sie die Aktion ab. Fliegen Sie wieder aus und bleiben Sie außerhalb des Raumschiffs in Bereitschaft. - Und versuchen Sie, das Ausmaß der Zerstörungen beim Ausfliegen gering zu halten«, fügte er nach kurzem Zögern hinzu. Auf dem kleinen Vipho-Bildschirm erschien das Gesicht von Jan Burton. Der Logistiker unter den Cyborgs blickte Ren Dhark nachdenklich an. »Commander, ich befinde mich mit der 009 hier in der Schleuse. Sollte nicht ich zumindest...« »Der Befehl gilt auch für Sie, Burton«, unterbrach ihn Dhark. »Fliegen Sie aus und warten Sie draußen!« Fast lautlos schwebte der Flash durch das noch immer geschlossene äußere Schleusenschott wieder hinaus. Ren Dhark richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Anführer der Riesen. »Ich hoffe, daß wir jetzt endlich wie zwei vernunftbegabte intelligente Wesen miteinander verhandeln können, Rateka«, begann er schneidend. In den Reihen der Riesen entstand bei diesen Worten Bewegung, nur Rateka selbst blieb reglos stehen. »Ich nehme an, Sie haben mittlerweile Kontakt mit Ihrer Heimatwelt aufgenommen und erfahren, daß das Urk aus dem fremden Universum verschwunden ist... Das hätte ich Ihnen auch selbst sagen können, wenn Sie mich vorhin hätten ausreden lassen, Rateka. Schließlich...« Ren Dhark machte eine bedeutungsvolle Pause, »schließlich habe ich einen Vertrag mit dem Urk geschlossen, in dem es sich verpflichtet hat, die bewohnten Planeten dieser Galaxis in Zukunft zu verschonen!«. Diese Worte riefen erneut Unruhe unter den Rateken hervor. Eine Unruhe, die sich soweit steigerte, daß sich Rateka schließlich gezwungen sah, mit ein paar derben Fausthieben für Ruhe unter seinen Untergebenen zu sorgen. »Sie haben recht, Dhark. Der Dhara hat mir mitgeteilt, daß das Urk plötzlich verschwunden ist... und daß ich mit Ihnen verhandeln soll.« Die letzten Worte schienen dem Riesen nicht ganz leicht über die Lippen zu gehen. Er trat einen Schritt näher an Ren Dhark heran. Aus den Augenwinkeln erkannte der Commander, daß auch die Cyborgs zu ihm aufschlossen. »Wir brauchen noch immer diese Waffe, Dhark - oder können Sie uns garantieren, daß das Urk niemals zurückkehren wird?« begann der Rateke erneut. »Aber wenn es zurückkehrt, müssen wir gewappnet sein!« Ren Dhark seufzte innerlich. Das dürften interessante Verhandlungen werden, dachte er. »Wie ich bereits gesagt habe, bin ich jederzeit zu Gesprächen bereit, Rateka. Aber ich würde vorschlagen, daß wir uns in einem etwas... angenehmeren Rahmen zusammensetzen. Ich lade Sie - und so viele Ihrer Leute, wie Sie mitbringen wollen ein, sich in einer Stunde unserer Zeitrechnung in dem großen Gebäude am Rande dieses Raumhafens mit mir und meinen Beratern zu treffen. Dort können wir dann versuchen, zu einer Einigung zu kommen.« Es dauerte mehrere Sekunden, ehe Rateka antwortete. Wieder klangen seine Worte widerstrebend. »Ich werde kommen, Dhark!« Im gleichen Moment glitt das äußere Schleusenschott auf. Sanftes Sonnenlicht fiel von draußen in die Schleuse, vor der zwei Flash in vielleicht zwanzig Metern Entfernung in der Luft hingen. Ohne einen weiteren Laut drehte Rateka sich um und kehrte mit seinen Leuten ins Innere des Raumschiffs zurück. Ren Dhark sah seine Begleiter schulterzuckend an. »Es scheint, als wären wir entlassen. Na, dann, meine Herren - zurück zum Stab der TF.« Und ohne darauf zu warten, ob Bulton und die Cyborgs ihm folgten, trat er hinaus auf
die Rampe und das abwärts führende Transportband. Seine Gedanken kreisten um die fremdartigen Riesen - oder, genauer gesagt, um ihr merkwürdiges Verhalten. Entweder sind diese Burschen furchtbar sprunghaft, oder Sie sind uns fremder, als es den Anschein hat. Oder es stimmt sonst irgend etwas nicht mit ihnen. Nun gut, warten wir ab, wie sich die Verhandlungen entwickeln... Doch soweit sollte es nicht kommen. Kurz vor Ablauf der Stundenfrist, während Ren Dhark zusammen mit Dan Riker, Arc Doorn, Marschall Bulton und einem Stab von Beratern in Bultons riesigem Büro saß, die Geschehnisse diskutierte, und sich alle gemeinsam Gedanken über die weitere Vorgehensweise machten, meldete sich Dharks Vipho. Der Anruf kam von Bord der POINT OF, von Tino Grappa. »Commander, an Bord des Doppelwulstraumers werden die Energie-Erzeuger hochgefahren. Es sieht ganz so aus, als ob diese Rateken Startvorbereitungen treffen!« Noch bevor Ren Dhark dem Ortungsspezialisten antworten konnte, erschien auf dem Monitor des großen Stand-Viphos in Bultons Büro das Gesicht eines unbekannten Funkers. »Marschall Bulton - wir empfangen einen Funkspruch von dem Doppelwulstraumer auf Landeplatz G-56, Sir. Ein gewisser Rateka möchte den Commander sprechen...« »Stellen Sie unverzüglich durch, Mann, der Commander ist hier!« brüllte Bulton. Sein Gesicht war schon wieder rot angelaufen. Für Sekundenbruchteile wurde der Monitor grau - dann erschien der birnenförmige Schädel mit dem beeindruckenden Facettenkranz, über den vielfarbige Lichter huschten. »Dhark, wir werden ein andermal verhandeln. Der Dhara hat mich gerufen, ich muß zurück nach Oorch... Die Zeit der wrossna nähert sich ihrer Vollendung...« »Rateka, warten Sie!« unterbrach ihn Ren Dhark. »Was ist mit den Schäden an Ihrem Raumschiff? Wollen Sie nicht...« Dumpfe, glucksende Laute klangen aus dem Lautsprecher. Der Rateke schien Dharks Einwand witzig zu finden. »Es bedarf mehr als einiger Schmelzspuren, um eines unserer Raumschiffe ernsthaft zu beschädigen, Dhark! Wir fliegen nach Hause - aber wir werden uns wiedersehen!« Das Bild erlosch. »War das jetzt ein Versprechen - oder eine Drohung?« murmelte Ren Dhark halblaut vor sich hin. Doch er erwartete keine Antwort auf seine Frage. Statt dessen verlangte er eine Verbindung mit dem Tower. »Ist Colonel Szardak schon gelandet?« »Noch nicht, Commander! Die COL ist gerade im Landeanflug.« »Dann stellen Sie eine Verbindung mit dem Kreuzer her!« Wenige Augenblicke später erschien Szardaks Pokerface auf dem Monitor. »Janos, auf Landeplatz G-56 steht ein Doppelwulstraumer, der gleich starten wird. Ich möchte, daß Sie ihm Geleit geben - zumindest, bis er in Transition geht«, begann Dhark, noch bevor Szardak einen Ton sagen konnte. »Doppelwulst-Raumer hebt ab, steigt... Junge, Junge, jetzt sackt er aber durch... steigt wieder...« klang Grappas Stimme aus Dharks Armband-Vipho. Janos Szardak hatte sofort begriffen, worum es ging. »Wird erledigt, Commander.« Der Bildschirm des Stand-Viphos wurde grau. Mit einem unhörbaren Seufzer lehnte Ren Dhark sich zurück. Diese Gefahr schien zunächst einmal beseitigt. »Es scheint, als wäre jetzt endlich einmal Zeit, daß Sie uns von Ihren Erlebnissen im Karmin-Universum erzählen, Commander.« Marschall Bulton wollte die günstige Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen lassen. Dan Riker verdrehte die Augen, während Ren Dhark sich bequemer hinsetzte. Es
nützte nichts, einmal mußte er die Geschichte ja doch erzählen. Er hatte gerade erst mit seinem Bericht begonnen, als er schon wieder unterbrochen wurde. Die große To-Funkzentrale meldete einen Funkspruch von der POLLUX an Marschall Bulton. »Die POLLUX... ah, Captain Gutmundsson! Was mag der wollen?« brummte Bulton überrascht. Das Gesicht des Isländers erschien auf dem Monitor. »Wie ich sehe, haben Sie Besuch, Marschall«, begann Gutmundsson in seiner typischen schleppenden Sprechweise. »Das trifft sich ja hervorragend, daß der Commander und der Flottenchef bei Ihnen sind. Ich bin sicher, was Sie gleich sehen werden, wird Sie brennend interessieren, Commander.« Das Bild auf dem Monitor wechselte. Alle Anwesenden in Bultons Büro hielten für einen Augenblick den Atem an. »Gutmundsson, geben Sie bitte die Koordinaten durch«, sagte Dhark heiser. Er hob sein Vipho. »Falluta, Dhark hier. Machen Sie die POINT OF startklar, wir sind in fünf Minuten an Bord. Ende. - Dan, Arc... kommt!« Und mit diesen Worten verließ er Bultons Büro. Dan Riker und Arc Doorn folgten ihm auf dem Fuß. Zurück blieben ein konsternierter Marschall und seine Berater. »Aber da soll doch...« murmelte Bulton und widmete sich wieder dem Bild auf dem Monitor. Knapp einen Tag zuvor... Die POLLUX rematerialisierte. Captain Sigurdur Gutmundsson reckte seine rund zwei Meter Körperlänge und versuchte das Gefühl der Übelkeit abzuschütteln, das Transitionen an Bord von Kugelraumern so unangenehm machte. »Stellen Sie unsere Position fest, McDuffy!« Der Mann am Ortungspult reagierte schnell. »Abweichung vom errechneten Zielpunkt 0,002 Prozent.« Gutmundsson warf einen Blick auf den Monitor der Bordverständigung, von dem Chief Orloffs vollbärtiges Gesicht heruntergrinste. »Gratuliere, Chief. Drei Transitionen mit minimalen Abweichungen. Diesmal hat sich unser Dockaufenthalt tatsächlich gelohnt.« Er wandte sich an Vendricks, seinen I.O.: »Programmieren Sie schon mal den Kurs zurück ins Sol-System. Ich glaube nicht, daß wir noch weitere Testsprünge durchführen müssen.« Vendricks nickte, doch da mischte sich McDuffy, der Ortungsspezialist ein. »Ich würde gerne die neuen Tasteranlagen noch ein bißchen ausprobieren, Captain!« »Meinetwegen«, erwiderte Gutmundsson gutgelaunt. »Tasten Sie, soviel Sie wollen. Ich werde mich für ein paar Stunden in meine Kabine zurückziehen. Vendricks, Sie übernehmen!« »Da geht er hin, um in seiner Kabine wieder diesem Gewimmer zu lauschen«, sagte Vendricks halblaut, als sich das Zentrale-Schott hinter Gutmundsson geschlossen hatte. »Und Ihretwegen hängen wir jetzt noch ein bißchen länger im Nichts herum«, fuhr er mit einem Seitenblick auf McDuffy fort. »Nur, weil Sie unbedingt ein zweiter Tino Grappa werden wollen...« McDuffy antwortete nicht. Seine Finger huschten über Sensortasten und Regler, als er Reichweite und Empfindlichkeit seiner Ortungsanlage erhöhte. Plötzlich stieß er einen leisen Pfiff aus. Sigurdur Gutmundsson brauchte einige Sekunden, um in die Wirklichkeit zurückzufinden, als die Bordverständigung losplärrte. Langgezogene, getragene und seltsam klagende Laute erfüllten die Kabine. Dazwischen Vendricks' aufgeregte Stimme. »Captain Gutmundsson, kommen Sie bitte in die Zentrale!«
Eine Handbewegung stoppte die Disc; die Gesänge der Buckelwale verstummten. »Was gibt es denn, Vendricks?« »Das sollten Sie sich vielleicht selbst ansehen, Captain!« »Und was soll das sein?« fragte Gutmundsson wenig später, während er sich in der Zentrale über McDuffys Ortungsdiagramme beugte. McDuffy zuckte die Schultern. »Eine, nein eigentlich mehrere Wolken aus kleinsten Metall-Partikeln... Es könnten Raumschiffe sein, die von einer uns unbekannten Waffe förmlich zermahlen worden sind.« »Hm.« Gutmundsson blickte seinen Ortungsspezialisten zweifelnd an. Doch er mußte zugeben, daß er auch keine bessere Idee hatte. »Vendricks hat Dorff mit einer Linse 'rübergeschickt, um ein paar Partikel einzusammeln. Die Metallurgen müßten eigentlich schon an der Arbeit sein«, fuhr McDuffy fort. »Ich... ich habe versucht, den Kurs der Metallwolken zu rekonstruieren. Sie könnten von dort gekommen sein.« Bei diesen Worten wies er auf einen Monitor, der eine kleine, fast kugelförmige Dunkelwolke zeigte. »Hm«, machte Gutmundsson erneut. »Und Sie meinen, wir sollten mal kurz hinfliegen und uns diese Dunkelwolke etwas genauer ansehen?« »Es sind nur 300 Lichtjahre, Captain...« »Meinetwegen«, entschied Gutmundsson. Vielleicht bringt dieser langweilige Testflug ja doch noch etwas, dachte er. Die Dunkelwolke war eigentlich keine richtige Dunkelwolke, sondern eher ein hauchdünner Schleier aus kosmischem Staub, der sich halbschalenförmig um ein Sonnensystem gelegt hatte. Aber was für ein Sonnensystem! Drei blaue Sonnen, die sich auf verschiedenen Bahnen um einen gemeinsamen Mittelpunkt bewegten und ihrerseits von einundzwanzig Planeten umkreist wurden. Langsam flog die POLLUX in das System ein. Acht Planeten waren Riesenkugeln, deren Oberflächen aus glühender Lava bestand. Zwölf weitere waren kalte Gasriesen oder öde Steinklumpen, die schon in der Fernortung wenig vielversprechend wirkten. Ganz anders die einundzwanzigste Welt. Sie war klein, ihr Durchmesser betrug nur 5000 Kilometer. Doch sie besaß ein außergewöhnlich starkes elektromagnetisches Feld - und eine Schwerkraft von 1,1 Gravos! »Ein Irrläufer, der von diesem Sonnensystem eingefangen wurde«, behauptete McDuffy. Die überaus exzentrische Umlaufbahn schien dem Ortungsspezialisten recht zu geben, und wenig später bestätigte der Suprasensor McDuffy‘s Vermutung: Diese Welt mußte vor Tausenden von Jahren vom System der drei blauen Sonnen eingefangen worden sein. »Dann wollen wir uns diesen Planeten doch einmal etwas näher ansehen«, entschied Gutmundsson spontan. Kurze Zeit später schwebte die POLLUX über eine Wüste aus blauem Sand. War es Zufall - oder Schicksal? Auf alle Fälle hatte der Kugelraumer den unbekannten Planeten noch nicht einmal zu einem Viertel umkreist, da sahen sie es! Mehrere Herzschläge lang herrschte in der Zentrale überraschte Stille, dann redeten plötzlich alle durcheinander. »Ruhe!« brüllte Sigurdur Gutmundsson plötzlich. Das Gemurmel verebbte. »Nein, wir werden vorerst nicht landen«, fuhr der Captain fort. »Statt dessen werden wir einen To-Funkspruch nach Terra schicken. Marschall Bulton sollte zu sehen bekommen, was wir hier gefunden haben.« Noch lieber wäre mir allerdings, fügte er in Gedanken hinzu, der Commander würde
es sehen...
3. Sie schwiegen. Kaum jemand wagte laut zu atmen. Ergriffenheit hielt sie gefangen. Ein würziger Wind umfächelte ihre Gesichter. Ein leichtes Säuseln lag in der Luft. Es kam von allen Seiten. Niemand achtete darauf. Um die Männer bei Ren Dhark herrschte Totenstille. Das Licht von drei blauen Sonnen ergoß sich über die Landschaft einer fremden Welt. Doch war es nicht diese Fremdartigkeit, die die Männer beeindruckte. Nicht die zerrissenen Bergzacken, die aus der Ferne violett herüberschimmerten. Auch nicht das bläuliche Schimmern des sandigen Bodens, auf dem sie standen. Sie alle starrten in eine Richtung. Vor ihnen erhob sich ein gewaltiges Monument. Ein Torso! Ohne Kopf und ohne Arme. Unzweifelhaft eine Menschengestalt, in Metall modelliert. Ein Lendenschurz bedeckte seine Nacktheit. Die kraftvolle Darstellung eines Menschen, der sich zum Herrscher erhoben hatte. Herrscher über einen Planeten - Herrscher über das Universum! Man glaubte, das Spiel seiner modellierten Muskeln an Armen und Beinen zu sehen, das Dehnen seiner Brust beim Atmen. Die Gestalt schimmerte in einem warmen Bronzeton. Mehr als dreihundert Meter ragte sie über den Männern empor. Auf den Gesichtern der Betrachter spiegelten sich ihre Gefühle. Unglaube. Verwunderung. Ehrfurcht. »Ein Mirakel«, flüsterte Dan Riker so leise, daß nur Ren Dhark es hören konnte. Diese Worte brachten den Commander der Planeten wieder in die Wirklichkeit zurück. Er räusperte sich. »Dan Riker hat diesem Planeten soeben einen Namen gegeben. Mirac. Ich glaube, kein anderer Name würde besser passen.« Sie konnten den Blick nicht von dem Standbild wenden. Es schien magische Anziehungskraft zu besitzen. Wer hatte hier dem Menschen ein Denkmal gesetzt? War es das Abbild eines lebenden Wesens - oder eines Gottes? Die Plastik mußte schon seit Jahrtausenden vom Licht der drei blauen Sonnen bestrahlt werden. Trotzdem zeigte sie keine Anzeichen von Verfall. Nur Kopf und Arme fehlten. »Männer!« Ren Dhark riß sich gewaltsam von dem Anblick los. Seine Stimme klang unnatürlich weich. »Ich möchte das Geheimnis dieser Statue ergründen.« Leise, an Dan Riker gewandt, fügte er hinzu: »Das Universum ist wirklich voller Wunder!« »Ich möchte, daß du an Bord bleibst, Dan!« Ren Dharks Stimme klang ungewohnt bestimmt. Auf Dan Rikers Kinn bildete sich ein roter Fleck. »Aber ich will dabeisein, wenn ihr...« versuchte er zu protestieren. »Dan«, unterbrach Dhark ihn leise, aber eindringlich, »du weißt genau, daß immer und überall etwas Unvorhergesehenes geschehen kann. Du hast ja selbst den Ausdruck >Mirakel< gebraucht. Mirakel heißt Wunder. Mirakel heißt aber auch Unerklärliches, Geheimnisvolles. Und deshalb, Dan, brauche ich jemanden an Bord der POINT OF, auf den ich mich hundertprozentig verlassen kann.« Sekundenlang sahen sie sich schweigend an. Bis Dan Riker plötzlich nickte. »Wenn du die Sache so siehst, Ren...«
Ren Dhark grinste. Dan Riker hielt mit, aber sein Grinsen wirkte etwas gequält, nicht ganz überzeugt. Dhark klopfte ihm freundschaftlich auf die Schulter und wandte sich zum Schott. Er verließ die Kommandozentrale des Ringraumers, um die Untersuchung des Standbilds und des Sockels, auf dem es stand, zu beaufsichtigen. Draußen herrschte bereits Hochbetrieb. Die Wissenschaftler und Spezialisten der POINT OF - verstärkt um die der POLLUX - hatten kleine Gruppen gebildet. Jede Gruppe war mit den verschiedensten Instrumenten und Geräten bewaffnet, um dem Geheimnis der Statue auf die Spur zu kommen. Eine hektische Atmosphäre empfing den Commander. Dhark wandte sich noch einmal voller Ehrfurcht dem Monument zu, dann leuchtete es in seinen braunen Augen entschlossen auf. »Sie alle kennen Ihre Aufgabe. Ich brauche also nicht mehr viel zu sagen. Nur eines noch: Jede Beschädigung der Plastik ist zu vermeiden. Außerdem erwarte ich von Ihnen, daß Sie mit besonderer Vorsicht zu Werke gehen und den Anweisungen Arc Doorns unbedingt Folge leisten. Soweit alles klar?« Die Wissenschaftler nickten zustimmend. Ren Dhark suchte Arc Doorn. Der rothaarige Sibirier kehrte ihm den Rücken zu. Er stand etwas nach vorn gebeugt und schien noch immer die Statue anzustarren, die hoch in den blauen Himmel ragte. Doorn schien Dharks Blick gespürt zu haben. Er drehte sich langsam um. Wer diesen bulligen Mann nicht kannte, mochte ihn für einen Boxer halten, aber nie und nimmer glauben, daß er einen Supertechniker vor sich hatte. Hinter dem ewig mürrischen Gesicht verbarg sich ein Genie, das selbst Ren Dhark schon oft in grenzenloses Erstaunen versetzt hatte. Die Augen des Sibiriers leuchteten. »Kann es endlich losgehen?« fragte er barsch. »Bitte!« Doorn drehte sich um und marschierte auf die Statue zu. Die anderen zögerten, sahen der einsamen Gestalt nach; nur langsam folgten sie ihm. Ren Dhark blieb noch einen Moment stehen. Welch ein Bild! Der erhabene Anblick eines zum Götzen erhobenen Menschen, aus Metall gegossen. Und dort unten die winzige Gestalt eines rothaarigen Mannes. David und Goliath? Nein. Ameisen waren sie im Vergleich zu dieser Statue... Welch einem Geheimnis würden sie jetzt auf die Spur kommen? Was würden sie finden? Ein leichtes Unbehagen beschlich Ren Dhark. Sie entdeckten immer neue Rätsel in der unermeßlichen Weite des Alls. Immer neue Gefahren umlauerten sie. Barg vielleicht auch diese Statue ein tödliches Geheimnis? Die Stunden verrannen. Ein Test nach dem anderen lief ab. Ohne Ergebnis. Sie konnten die Zusammensetzung des Metalls nicht analysieren. Weder das der Statue, noch des Sockels. Dieser Sockel, ein Quader von 86 Metern Höhe und einer Grundfläche von 183 mal 194 Metern, schien aus einem Guß zu sein. Das Metall schimmerte silbern. Ren Dhark strich mit den Fingerspitzen darüber. Keine Unebenheit, keine Korrosionsschäden. Glatt und warm fühlte sich die Oberfläche an. Allein das war schon ein Wunder. »Sie bleiben bei Ihrer Meinung, Doktor?« Der Kosmobiologe Dr. John Glennard sog scharf die Luft ein. »Wenn ich es Ihnen doch sage, Dhark«, schnappte er, ein wenig beleidigt. »Es mag aussehen, als wäre es soeben erst gegossen. Aber die Mikrountersuchungen ergeben einwandfrei, daß dieses Metall den Sonnenstrahlen bereits Jahrtausende
ausgesetzt sein muß.« Dhark hob den Blick. Das kopflose Oberteil der Statue verlor sich im intensiven Blau des fremden Himmels. »Es ist kaum zu glauben«, murmelte er abwesend. Der Wissenschaftler folgte Dharks Blick. Zwei Flash umkreisten den oberen Teil der Figur. Mike Doraner und Arly Scott flogen die Blitze. An Bord befanden sich zwei Archäologen, die ebenfalls seit Stunden keinen Schritt weiterkamen. »Dabei hätte ich gewettet, daß Professor Tschu Hin schneller zu einem Ergebnis kommt«, murmelte Dhark. Dr. Glennard wollte antworten, aber in dem Augenblick wurden Schritte laut. Arc Doorn kam auf sie zu. Er stapfte durch den Sand wie ein wütender Stier, den Kopf zur Seite, zum Sockel der Statue gewandt. Dr. Glennard lachte auf. »Und wenn Sie tausendmal um den Sockel herumlaufen, Doorn, werden Sie dabei nichts Neues erfahren.« Doorn blieb stehen und sah den Kosmobiologen an, als sähe er ihn zum allererstenmal. Er leckte sich einmal mit der Zunge über die rissigen Lippen und schüttelte verwirrt den Kopf. »Nichts«, sagte er. In seiner Stimme lag ein grollender Unterton. »Absolut nichts. Wir wissen weder, wie alt dieser Klotz ist, noch warum man dem Kerl Kopf und Arme abgeschlagen hat.« »Läßt sich wenigstens feststellen, wie alt die Bruchstellen sind?« fragte Dhark eindringlich. Arc Doorn schüttelte bedächtig den Kopf. Er öffnete die Lippen, kam aber nicht mehr dazu, eine Antwort zu geben. Ein Schrei ließ sie herumfahren. Noch ehe sie sich in Bewegung setzen konnten, kam eine Gestalt um die Ecke des Sockels gehetzt. »Commander! Doorn! Kommen Sie schnell!« Der Mann ruderte wild mit den Armen durch die Luft. »Was ist geschehen, Küster?« schrie Doorn ihn an. »Ein Ton... ein Impuls... der Sockel sendet...« Weiter hörten Dhark und Doorn nicht zu. Sie wechselten einen raschen Blick und begannen zu laufen. Dr. Glennard stand noch einen Augenblick wie festgewurzelt, dann hetzte er hinter dem Commander und seinem Begleiter her. Alle Männer, die sich im Umkreis der Staue befanden, rannten in dieser Minute auf einen bestimmten Punkt zu: die Stelle, an der Tino Grappa hinter einem tragbaren Ortungsgerät kauerte. »Was gibt es?« Ren Dhark drängte sich durch den dichten Ring der Zuschauer, Arc Doorn im Schlepptau. Schweratmend stand er schließlich vor Grappa. Der dunkelhaarige Ortungsspezialist starrte von Dhark zu Doorn, dann blickte er kopfschüttelnd auf sein Ortungsgerät, das verloren und unscheinbar im bläulich schimmernden Sand stand. »Ich verstehe es selbst noch nicht ganz. Sehen Sie her, Commander. Das Gerät fängt einen Dauerimpuls auf.« Dhark schob Grappa beiseite und beugte sich über das Ortungsgerät. Als er sich wieder aufrichtete, glänzten einige Schweißperlen auf seiner Stirn. Er machte keinen Versuch, sie wegzuwischen. »Morris!« Leutnant Morris, der Cheffunker der POINT OF, trat durch den Ring der Umstehenden. »Sehen Sie sich das an, Morris!«
Glenn Morris gehorchte. Stille ringsum. Nur der Wind säuselte um die hohe Plastik, so, wie er es schon seit Jahrtausenden tat. »Nun?« fragte Dhark ungeduldig. Glenn Morris zuckte die Schultern. »Wenn man es so betrachtet, könnte man meinen, einen Funkimpuls aufzufangen. Aber...« »Aber?« »Wir haben um den ganzen Sockel herum Funkgeräte aufgestellt, und wir haben nichts, absolut nichts empfangen. Es könnte höchstens sein, daß Dan Riker von der POINT OF aus...« Ren Dhark griff zu seinem Vipho. Es dauerte einen Augenblick, ehe Riker sich meldete. »Ja? Was ist denn bei euch los? Schwierigkeiten, Ren?« »Was hast du laufen, Dan?« »Bitte?« »Ich fragte, welche Aggregate du an Bord der POINT OF laufen hast«, wiederholte Ren Dhark seine Frage etwas präziser. »Ich verstehe nicht... gar nichts läuft. Hier in der Kommandozentrale ist es so still wie... wie auf einem Friedhof bei Windstille.« »Überprüfe bitte die Instrumente. Ich muß Gewißheit haben, daß kein Gerät des Ringraumers Impulse abgibt.« Dan Riker spürte die Eindringlichkeit in den Worten Ren Dharks. Seine Antwort war knapp. »Sofort!« Ren Dhark wartete eine volle Minute. »Ren? Ich habe alles überprüft. Hier an Bord läuft kein Gerät, das irgendwelche Impulse ausstrahlt. Was immer ihr dort auffangt, es kann auf keinen Fall vom Ringraumer kommen.« »Danke, Dan!« Mit einem schnellen Blick stellte Ren Dhark fest, daß der Dauerimpuls nach wie vor empfangen wurde. »Versuchen Sie, den Ausgangspunkt des Impulses zu finden, Grappa. Verdammt, Morris, warum streiken selbst die Hyperfunkgeräte?« Leutnant Glenn Morris strich sich nachdenklich übers Kinn. Er wußte keine Antwort. Dharks Blick glitt von einem Wissenschaftler zum anderen. Sie senkten Blicke. Eine Antwort wußte nur Arc Doorn. Der Sibirier schob Morris beiseite, beugte sich über das Gerät, studierte es eine Weile, schüttelte den Kopf und sah die Plastik an. »Nun, Arc?« Ungeduldig trat Dhark neben den Techniker. Arc Doorn ließ sich Zeit. Als er sich umdrehte, grinste er. Das geschah selten genug. »Eigentlich ist es ganz einfach, Dhark. Unsere Hyperfunkgeräte haben den Impuls deshalb nicht empfangen, weil er am alleräußersten Rand des von uns benutzten SD-Spektrums liegt.« Ren Dhark sah den Sibirier erstaunt an. Ein Murmeln ging durch die Reihen. Glenn Morris hob resigniert die Schultern, als wollte er sagen: Wer kann das schon wissen! Arc Doorn brummte ein paar Worte. »Was haben Sie gesagt, Doorn?« fragte Dhark. »...wir brauchen einen Sender, der auf der gleichen Frequenz arbeitet.« »Einen Sender - keinen Empfänger?« »Richtig. Einen Sender. Wir werden diesem Dingsda auch eine Botschaft senden. Vielleicht kommen wir mit ihm ins Gespräch. Hätten Sie etwas dagegen?« Trotz der Situation mußte Ren Dhark lächeln. »Nur zu, versuchen Sie Ihr Glück, Doorn.«
»Da bin ich aber gespannt«, murmelte Glenn Morris, während Arc Doorn in der Schleuse der POINT OF verschwand. Dhark sah noch einmal zur Plastik auf. Die drei blauen Sonnen schickten sich eben, hinter dem Horizont zu verschwinden. Bald mußte die Nacht hereinbrechen. Die erste Nacht auf Mirac. Die letzten Sonnenstrahlen badeten das Monument in violettem Licht. Die Statue warf über die fremde Landschaft einen langen Schatten, der fast zum Ringraumer reichte. Irgendein Geheimnis steckte in diesem Monument. Vielleicht gab es jetzt einen Weg, diesem Geheimnis etwas näher zu kommen. Niemand schlief in dieser Nacht. Ren Dhark ließ ununterbrochen heißen Kaffee ausschenken. Immer wieder trafen sich die Gruppen, um über ihre Erfolge oder Mißerfolge zu sprechen. Nur - es gab keine Erfolge! Die Statue stand nach wie vor unberührt in der Nacht und schimmerte silbern im Licht zweier Monde. Dharks ganze Hoffnung ruhte nun auf Arc Doorn. Sein Sender mußte es schaffen, das Rätsel zu lösen. Arc Doorn wischte sich mit einer müden Handbewegung über die Augen. Seufzend richtete er sich auf. »Meinetwegen kann's losgehen!« Ren Dhark sah den Sibirier durchdringend an. »Wenn Sie sich nicht absolut sicher sind, warten wir lieber noch, Doorn. Ich möchte keine Panne erleben.« Doorn maß Dhark wortlos von oben bis unten, dann drehte er sich brüsk um. Er empfand diese Worte sichtlich als Zumutung. »Also los, Leute. Nach draußen mit dem Sender!« Vier Männer packten den von Arc Doorn improvisierten Sender und brachten ihn zur Hauptschleuse der POINT OF. Niemand hatte Schlaf gefunden in dieser Nacht. Niemand dachte jetzt an Schlaf, obwohl sie sich nur mit Kaffee und Zigaretten wachgehalten hatten. Niemand wollte sich dieses Ereignis entgehen lassen. Der Sockel sendete. Sie wollten antworten. Arc Doorn stapfte mürrisch durch die Nacht auf die Statue zu. Blasse Gesichter sahen der kleinen Gruppe entgegen. Rotumränderte Augen folgten dem Sender. Doorn baute sich breitbeinig vor dem mächtigen Sockel der Statue auf und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Hierher«, befahl er. Dhark nickte zustimmend. Das kastenförmige Gerät wurde in den bläulichen Sand gestellt. Langsam traten die anderen Männer heran. Ren Dhark wurde allmählich ungeduldig. »Worauf warten wir noch?« Doorn schwieg. Er starrte den Sockel an, dessen Metall das Licht der Scheinwerfer kalt reflektierte. »Wir warten«, knurrte er mürrisch. Dhark wechselte einen schnellen Blick mit Tino Grappa. Der dunkelhaarige Ortungsspezialist nickte in Richtung auf das Gerät, mit dem die Impulse aufgefangen werden konnten. Der Sockel sendete also immer noch. »Gleich müssen die Sonnen aufgehen!«
Ren Dhark drehte sich einmal im Kreis. Wahrhaftig. Hinter ihnen funkelte der Himmel in violettem Licht. In kurzer Zeit mußten die drei blauen Sonnen über den Horizont klettern. »Gut. Warten wir noch ein paar Minuten. Inzwischen können Sie mir erzählen, ob Sie noch etwas herausgefunden haben, Doraner!« Der Flashpilot trat vor. Ihm sah man die durchwachte Nacht nicht an, als er einen Blick in die Höhe, hinauf zu der mächtigen Gestalt aus Metall warf. »Leider nichts von Bedeutung, Commander. Alles, was wir mittlerweile ziemlich genau kennen, sind die Abmessungen des Monuments.« Als Doraner geendet hatte, begann um die Männer herum der Himmel aufzuflammen. Drei blaue Scheiben stiegen über den Horizont. Das Monument blitzte strahlend auf. Auch die POINT OF und die knapp zwei Kilometer entfernt gelandete POLLUX schienen in blauen Flammen zu stehen. Der Anblick war überwältigend. Auf Arc Doorn hatte er jedoch nicht die geringste Wirkung. »Kann losgehen«, knurrte er. Seine Stimme brachte Dhark in die Wirklichkeit zurück. »Treten Sie bitte alle zurück. Sie wissen, welche Aufgabe Sie haben. Jeder beobachtet seine Instrumente. Ich möchte sofort informiert werden, wenn irgend etwas Unerwartetes festgestellt wird.« Der große Augenblick stand unmittelbar bevor. Ren Dhark rief seinen Freund an Bord der POINT OF. »Hallo, Dan?« »Auf Empfang, Ren.« Dan Rikers Stimme vibrierte etwas. »Aufgeregt, alter Junge?« Bei diesen Worten glitt ein flüchtiges Lächeln über Ren Dharks Gesicht. Seine Augen blitzten unternehmungslustig. Riker gab auf die Frage keine Antwort. »Hier an Bord ist alles vorbereitet, Ren. Der Checkmaster wird sofort reagieren.« »In Ordnung, Dan!« Ren Dhark wollte die Unterhaltung schon wieder beenden. »Halt! Noch etwas, Ren.« »Ja?« »Viel Erfolg!« Erfolg! Den konnten sie gebrauchen. Arc Doorn beugte sich über das Gerät, drehte sich noch einmal um und warf dem Commander einen fragenden Blick zu. Dhark nickte aufmunternd. Arc Doorn ließ seine Hände sanft über die Knöpfe gleiten. Dhark hatte den Eindruck, einem Pianisten zuzusehen. Die Sendung lief. Niemand wagte zu atmen. Jeder hatte das Gefühl, als sei die Luft dieses Planeten plötzlich voller Elektrizität, die sich jeden Moment entladen konnte. Blicke glitten von Arc Don und seinem Sendegerät hinüber zum Sockel des Monuments. Sekundenlang schien selbst der Wind den Atem anzuhalten. Obwohl fast jeder mit etwas Außerordentlichem rechnete, waren doch alle verblüfft, als es geschah. Arc Doorn stand noch immer halb über den Sender gebeugt, die Hände auf den Tasten. Hinter ihm, in angespannter Haltung, stand Ren Dhark, der den Sockel nicht aus den Augen ließ. Zuerst erklang ein seltsames Rumoren, das an irdische Beben erinnerte. Sanft zuerst, dann immer stärker werdend, zuletzt fast schon donnernd.
Ren Dhark sah zu der Metallfigur auf. Er glaubte sie wanken zu sehen, und einen Augenblick lang machte er sich fast schon Vorwürfe, den Sender eingesetzt zu haben. Dann begann ein Kreischen das Grollen zu übertönen; es schien von einem Punkt in der Mitte des Sockels auszugehen. Fasziniert richteten sich Dharks Blicke auf diese Stelle. Er fühlte eine Berührung an der Schulter, und ohne hinzusehen wußte er, daß Arc Doorn neben ihm stand. Ein Geysir schien zu erwachen. Eine Sandfontäne wurde in die Luft geschleudert. Das Fundament der Statue ächzte und stöhnte. Dharks Rechte klammerte sich um den Griff der Strahlwaffe. Er wußte nicht, daß er in diesem Augenblick totenbleich war. Arc Doorn hingegen stand trotzig da, den Unterkiefer aggressiv nach vorn geschoben, seine Augen nur noch schmale Schlitze. Keiner der beiden Männer sprach. Dhark verspürte den Drang, zu fliehen. Aber gleichzeitig hielt ihn irgend etwas Unerklärliches hier fest, zwang ihn, den Sockel anzusehen. Tief im Innern wußte er, daß ihnen nichts geschehen würde. Und dann - öffnete sich der Sockel des Monuments! Bis zu einer Höhe von acht Metern wurde das Erdreich, das im Laufe der Jahrtausende angeweht worden war, einfach zur Seite geschoben. Zwei mächtige Türflügel von gewaltigen Ausmaßen schwangen nach außen auf. Abrupt herrschte wieder Stille. Arc Doorn und Ren Dhark standen keine zehn Meter von der dunklen Öffnung entfernt. Staubbedeckt. Hinter ihnen, dicht zusammengedrängt, warteten die anderen Terraner. Auch dort Verwirrung, Staunen, ungläubige Gesichter. Dhark fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Er brauchte nicht laut zu sprechen. Sie alle hörten ihn. Seine Stimme klang heiser, und eine Spur grenzenlosen Staunens schwang in seinen Worten mit. »Wir nehmen die Einladung an!« Die beiden riesigen Torflügel besaßen unglaubliche Ausmaße: Rund zwanzig Meter breit und achtunddreißig Meter hoch waren sie. Das Material hatte eine Stärke von mehr als eineinhalb Metern. Dhark und Doorn, die noch immer nebeneinander standen, wechselten einen schnellen Blick. In den Augen des Sibiriers stand das Leuchten, das bei jedem Abenteurer beobachtet werden kann, wenn er eine Entdeckung macht. »Männer!« Dharks Stimme vibrierte leicht. »Ich rufe jetzt ein paar Namen auf. Diese Leute werden mich und Doorn begleiten. Niemand sonst.« »Sie wollen wirklich in dieses... dieses Loch hineingehen?« fragte einer der Wissenschaftler. »Ich will!« Dharks Entschluß stand fest. Er informierte Dan Riker, der noch immer in der Kommandozentrale des Ringraumers saß und nun ebenfalls vor übereilten Handlungen warnte. Dhark achtete nicht auf seine Einwände. »Dr. Glennard! Grappa! Dr. Getrup! Leutnant Morris! Leutnant Scott! Alle anderen bleiben hier, bis sie von mir den ausdrücklichen Befehl bekommen, uns zu folgen. Haben Sie verstanden?« Die aufgerufenen Männer traten vor und beeilten sich, Arc Doorn zu folgen. Der Sibirier marschierte bereits auf den Eingang zu. Dhark schritt hinterher. Er fieberte vor Spannung und Erregung. Vielleicht fand sich
hier im Innern des Sockels ein Hinweis auf die Erbauer des Monuments. Bevor er die dunkle Öffnung betrat, warf er noch einen letzten Blick in die Runde. Die drei blauen Sonnen waren inzwischen weitergewandert. Sie standen schräg über dem Ringraumer und ergossen ihr kaltes, fast violettes Licht auf die Unitallhülle. Dhark schloß geblendet die Augen und drehte sich entschlossen um. Dumpfe, modrige Luft schlug ihm entgegen. Vor ihm erklangen die Schritte der Vorausgeeilten. Dr. Getrups geräuschvolle Atemzüge waren zu hören. Der junge Experte für Kybernetik und Grundlagenforschung drehte sich nach Dhark um. »Wie in einem Mausoleum«, flüsterte er erregt. Dhark huschte an ihm vorbei, passierte die anderen und stand plötzlich neben Arc Doorn, der beide Arme ausgestreckt hielt. In der absoluten Finsternis vor ihnen erschien ein Licht. Es schien zu flackern, zu vergehen, um dann wiederzukommen. Man konnte nichts erkennen. Aber irgendwie hatte Ren Dhark das Gefühl, in einem riesigen Saal zu stehen und von tausend Augen beobachtet zu werden. »Licht«, sagte er leise. Ein metallisches Klicken ertönte hinter ihm. Aber noch ehe Tino Grappa seinen Scheinwerfer aufblitzen lassen konnte, wurde es taghell um sie. Dhark wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Sie befanden sich in einem gigantischen Hohlraum. Wände und Decke leuchteten in kaltem Licht. Niemand vermochte eine Lichtquelle zu erkennen, aber diese Helligkeit war da. Überall. Dhark wußte nicht genau, was er eigentlich erwartet hatte. Aber im ersten Moment war er maßlos enttäuscht. Den anderen erging es wie ihm. Der Hohlraum war leer. Fast. In der Mitte des riesigen Raums befand sich ein merkwürdiges Gebilde, das langsam in kräftigem Blau zu leuchten begann. Arc Doorn und Ren Dhark wechselten einen schnellen Blick. Beide dachten dasselbe. Sie hatten solch ein Gebilde schon einmal gesehen. Damals. Auf Hope. Im Höhlensystem von Deluge. Oder nicht? Dharks Schritte wurden schneller. Unmittelbar vor dem kaum fußhohen Gebilde blieb er stehen. Sein Blick glitt über die Anlage. Er versuchte sich daran zu erinnern, was sie damals auf Deluge gesehen hatten. Das Symbol einer Galaxis. Einer Spiralgalaxis. Wenn dieses Gebilde hier nicht genau das gleiche war, dann besaß es doch eine ziemliche Ähnlichkeit. Langsam traten auch die anderen näher. Umringten das mit dem Boden verbundene Gebilde, das etwa acht Meter lang und fünf Meter breit war. Das blaue Leuchten verfremdete ihre Gesichter. Maßlose Enttäuschung war in diesen Gesichtern zu erkennen. Nur Arc Doorn schien zufrieden zu sein. Er grinste schwach vor sich hin. »Sehen Sie nach oben, Dhark!« Dr. Glennard wies mit dem ausgestreckten Arm zur leicht gewölbten Decke empor. Köpfe ruckten herum. Mit einiger Phantasie konnte man erkennen, daß sich unter dem Gleißen der Decke fremdartige Spruchbänder abzeichneten. Fremde Wesen mochten hier vor Tausenden von Jahren ihre Geschichte eingegraben haben. Zur Unterrichtung der Nachwelt.
Die Wissenschaftler versuchten sogleich, Sinn und Bedeutung der fremden Zeichen zu enträtseln. Dhark griff zum Vipho. »Professor Tschu Hin, wir brauchen einen Archäologen. Und bringen Sie Ihre Leute mit.« Wenig später erschien der Archäologe mit seinem Stab. In der Gruft des Sockels begann es lebendig zu werden. Ren Dhark und Arc Doorn versuchten inzwischen herauszufinden, wo und vor allem warum der SD-Dauerimpuls ausgestrahlt worden war. »Können Sie den Impuls noch empfangen, Grappa?« »Nein, Dhark. Wie abgeschnitten.« Ren Dhark ging wie ein gereizter Tiger im Hohlraum auf und ab. Inzwischen hatte sich der modrige Geruch dank der Frischluft, die hereingeströmt war, verloren. Arc Doorn und einige Männer stellten Experimente an, um den Ausgangspunkt des Dauerimpulses zu finden. Umsonst. Stunden vergingen. Nichts geschah. Die Decken und Wände des Hohlraums strahlten weiterhin kalt auf die Männer herab, und die Nachbildung der Galaxis verbreitete ihr intensives blaues Licht. Nichts änderte sich. Man kam keinen Schritt vorwärts. Unbehagen beschlich die Männer. Sie fühlten sich irgendwie genarrt. Ren Dhark spürte die Unruhe. »Schluß, Leute. Es hat keinen Sinn mehr, kostbare Zeit zu opfern. Geben wir die Versuche auf. Wir haben keinen Erfolg.« Dhark irrte sich. Er wußte es nicht. Niemand wußte es.
4. Seit Monaten befanden sich die Astrophysiker Yve Ossorn, Spence Bentheim und Wren Craig auf Hope, um dem Industriedom endlich seine Geheimnisse zu entreißen. Bisher ohne jeden Erfolg. Ossorn nagte nachdenklich an seiner Unterlippe. »Ich glaube, wir schaffen es nie«, murmelte er. Bentheim lachte. »Sie sind ein Pessimist, Ossorn. Sie werden sehen, eines Tages finden wir eine Erklärung, und wir alle werden uns an den Kopf fassen und sagen: Warum sind wir nicht längst darauf gekommen?« »Sie sehen die Sache ein wenig zu einfach...« »Unsinn. Sehen Sie sich um. Überall wird gearbeitet. Den Leuten macht es Spaß, die fremde Technik zu studieren. Einer wird es eines Tages schaffen, hinter das Geheimnis zu kommen. Vielleicht ist er heute noch nicht geboren. Aber einer schafft es. Ich bin sicher.« »Ihren Optimismus möchte ich haben«, stöhnte Ossorn, strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und griff nach seinem Vipho. »Möchte wissen, wo Craig steckt.« »Vielleicht hat er das Geheimnis schon gefunden«, witzelte Bentheim. Ossorn warf ihm einen schrägen Blick zu und drückte die Sprechtaste. »Craig! Wo stecken Sie denn? Es wird Zeit!« Bentheim trat an eines der Mammutaggregate heran. Ein paar Techniker unterzogen es einer genauen Kontrolle. Bentheim sah ihnen einen Moment zu, dann ging er zu Ossorn zurück.
»Craig glaubt immer noch, den Riesentransmitter in Betrieb setzen zu können. Er ist ein Narr - genau wie Sie! Ich habe die Hoffnung längst aufgegeben«, meinte Ossorn. »Warum bleiben Sie eigentlich immer noch auf Hope? Ich an Ihrer Stelle hätte mich längst wieder nach Terra begeben. Wenn Sie schon nicht mehr an Ihr Glück glauben wollen, dann verderben Sie uns nicht auch noch die Laune«, erwiderte Bentheim. »Vielleicht sollte ich wirklich nach Alamo Gordo zurückgehen«, murmelte Ossorn und wandte sich ab. Bentheim folgte seinem Kollegen. Ossorns Schritte verrieten, wie niedergeschlagen er war. Seit Monaten waren sie nun schon hier. Voller Enthusiasmus hatten sie angefangen, aber sie waren nicht einen einzigen Schritt weitergekommen. Der Industriedom gab seine Geheimnisse nicht preis. Ossorn und Bentheim näherten sich dem Zentrum der Halle. Die Aggregate und Maschinen, die hier in scheinbar wahllosem Durcheinander aufgestellt waren, steckten in blauvioletter, fugendichter Verkleidung. Unitall. Das härteste Metall, dem die terranische Wissenschaft bisher begegnet war. Das Material, aus dem auch der Ringraumer bestand, der irgendwo zwischen den Sternen unterwegs war. Bentheims Gedanken wanderten einen Augenblick zu Ren Dhark. »Und wenn Jahre vergehen«, hatte der junge Commander irgendwann gesagt, »einmal wird es uns gelingen.« Spence Bentheim glaubte ganz fest daran. Er gehörte nicht zu jenen Wissenschaftlern, die meinten, für alles sofort eine plausible Erklärung finden zu müssen. Daß die Mysterious den Terranern technisch weit voraus waren, wurde von niemandem bestritten. Bentheim fand es daher ganz natürlich, daß man Jahre brauchte, um hinter das Geheimnis der Anlage auf Deluge zu kommen. Er lehnte sich gegen die kühle Verkleidung eines Aggregats und wartete, bis Ossorn seine Unterhaltung mit einem Techniker beendet hatte. Seine Hand strich beinahe liebevoll über das Material. Es besaß einen merkwürdigen seidigen Glanz. Bentheim grübelte darüber nach, ob sie alle womöglich von ganz falschen Voraussetzungen ausgingen. Vielleicht denken wir falsch. Vielleicht können wir unsere eingefahrenen Denkstrukturen, unsere geistigen Einbahnstraßen nicht mehr verlassen, sehen nicht mehr, was rechts und links zum Greifen nahe am Wegrand liegt. Er horchte auf die Geräusche, die von den Technikern verursacht wurden. Ansonsten war es totenstill in der Mammuthalle. Ein Koloß schlief... Der Koloß erwachte! Urplötzlich. Sinnverwirrend. Explosionsartig. Bentheim zuckte erschreckt zurück. Die Augen traten ihm fast aus den Höhlen. Geradeeben hatte sich das Unitall noch kühl, glatt und seidig angefühlt. Plötzlich schien es voller Elektrizität zu stecken. Bentheim starrte seine Hand an und glaubte zuerst an einen Spuk. Aber dann horchte er verwirrt auf. Schreie erklangen um ihn. Menschen in Not schrien so. Menschen in Todesangst. Panik erfaßte die Techniker. Die ersten Männer rannten, als ginge es um ihr Leben. Auch Ossorn rannte. Bentheim sah sein verzerrtes Gesicht, die wild durch die Luft rudernden Arme. Ossorn schrie ihm etwas zu. Bentheim sah, daß der Kollege die Lippen bewegte. Aber er konnte nichts hören. Er schien taub geworden zu sein. Doch dann gewöhnte sich sein Gehör langsam an die Geräusche.
Geräusche? Das waren keine Geräusche mehr. Das war Chaos! Die Totenstille war nur noch eine Erinnerung. Ein Gigant war erwacht. Die Aggregate summten, brummten, heulten. Von den vorher so toten Verkleidungen ging ein Vibrieren aus, das Bentheim fast von den Beinen riß. Der Astrophysiker kannte keine Angst. Gedankenfetzen jagten durch sein Hirn. Während die Männer um ihn herum ihr Heil in der Flucht suchten, stand Bentheim neben einem wie irrsinnig kreischenden Aggregat und starrte die matt schimmernde Verkleidung an. Irgend jemand hat auf einen richtigen Knopf gedrückt! Immer wieder dachte er es. Und plötzlich lachte er, bis ihm die Tränen die Wangen hinunterliefen. Er beruhigte sich erst wieder, als Wren Craig plötzlich von irgendwoher auftauchte und sich erregt durch das kurzgeschorene graue Haar strich. »Sehen Sie! Dort!« Verstehen konnte Bentheim bei dem Getöse kein Wort, aber sein Blick folgte dem ausgestreckten Arm des Kollegen. Die im Zentrum des Industriedoms schwebende Ringröhre leuchtete hell. Es handelte sich um eine gigantische Konstruktion, deren fugenlose Verkleidung das Licht reflektierte. Eine leuchtende ringförmige Röhre. Eine Röhre von mehr als hundert Metern Durchmesser. Sie schwebte genau im Zentrum der gigantischen Halle in etwa hundert Metern Höhe, als hielte sie eine mächtige Faust dort fest. Es gab offensichtlich keine Verbindung zum Boden oder zur Decke. Die Röhre leuchtete in einem ultrahellen Blau. Etwas Unfaßbares, Unerklärliches ging von ihr aus. Etwas, das mit dem normalen Verstand nicht zu begreifen war. Jetzt begann sie zu leben. Langsam gingen Wren Craig und Spence Bentheim auf den freien Platz unterhalb der Ringröhre zu. Die Geräusche schienen hinter ihnen zurückzubleiben, als hätte jemand um sie herum einen Schutzwall errichtet. Je näher sie dem Zentrum kamen, desto stiller wurde es. Nur der Boden unter ihren Füßen schien zu singen. »Wer hat die Maschinen angestellt, Craig?« Bentheim mußte seine Frage zweimal wiederholen, ehe der grauhaarige Kollege sie verstand. Er war mit seinen Gedanken in einer anderen Welt. Craig zuckte hilflos die Schultern. »Sie können mich vierteilen, Bentheim - ich weiß es nicht.« Minutenlang verweilten die beiden unterhalb der Ringröhre, schwiegen andächtig in bewundernder Anerkennung der Erbauer dieser Anlage. Bentheim löste sich als erster aus der Beklemmung. Er griff nach Craigs Schulter und zog ihn sanft zum Ausgang. Professor Ingen nahm sie in Empfang, ein kleiner Mann mit ledrigem Gesicht. Ein Forscher, der bis zum Umfallen arbeiten konnte, ohne sich und seinen Leuten eine Pause zu gönnen. Aber er stand genau wie alle anderen vor einem Rätsel. »Sie sind die letzten«, seufzte er resigniert. »Haben Sie die Maschinerie in Bewegung gesetzt?« Bentheim schüttelte den Kopf, Craig zuckte hilflos die Schultern.
»Verdammt«, murmelte Professor Ingen. Und dann noch einmal: »Verdammt!« Er drehte sich um; seine herabgesunkenen Schultern zeugten von tiefer Müdigkeit. »Wir müssen Terra informieren. Geben Sie einen Bericht über To-Funk, Bentheim. Denken Sie sich was Nettes aus. Wir brauchen mehr Unterstützung. Und noch etwas.« Ingen sah über die Schulter und schien in jedem einzelnen Gesicht zu forschen. »Der Riesentransmitter ist zum Leben erwacht. In Ihrem eigenen Interesse rate ich Ihnen, nicht zu nahe 'ranzugehen. Kann sein, daß Sie plötzlich in der Hölle wieder aufwachen. Vielleicht auch im Himmel. Fragt sich nur, wie die freundlichen Erbauer der Anlage diese feinen Unterschiede markiert haben.« Bentheim schüttelte sich. Da hatten sie monatelang versucht, diesen Transmitter in Tätigkeit zu setzen - und plötzlich stand ihnen der Weg ins Unbekannte frei. Spence Bentheim sah sich sorgfältig um. Niemand folgte ihm. Er versuchte, möglichst leise aufzutreten, damit die von Professor Ingen aufgestellten Wachen nicht aufmerksam wurden. Der mörderische Lärm kam ihm zu Hilfe. Bentheim hatte es längst aufgegeben, sich darüber Gedanken zu machen, warum diese Anlage überhaupt lief. Nur noch ein einziger Gedanke beherrschte ihn: Der Materietransmitter! Irgendwie mußte dieses Gerät den Schlüssel liefern. Hunderte von Blicken hatte er dem Transmitter bereits zugeworfen. Nachgedacht. Gerechnet. Kombiniert. Bentheim glaubte, jedes einzelne Schaltelement im Schlaf zeichnen zu können. Das Fremdartige kam ihm überhaupt nicht mehr fremd vor. Nur in Betrieb setzen hatte er den Transmitter ebensowenig gekonnt wie alle anderen. Jetzt lief der Transmitter. Bentheims Schritte wurden langsamer. Die Kreisfläche innerhalb der grauen Ringantenne flimmerte fluoreszierend. Die Instrumente an der Wand zeigten Maximalwerte. Bentheim fühlte sich von dem Leuchten wie hypnotisiert. Eine innere Stimme versuchte, ihn zur Umkehr zu bewegen. Zurück! Keinen Schritt weiter! Es ist dein Untergang! Ein Schritt zuviel - und du landest in der Hölle! Bentheim biß die Zähne zusammen, bis seine Kiefer schmerzten. Schweiß rann in Bächen von seiner Stirn. Bentheim merkte es nicht. Diese Gelegenheit kommt nie wieder! Bentheim sah nicht mehr, was rechts und links lag. Er sah nur noch dieses Leuchten. Was lag dahinter? Eine andere Welt? Ein anderes Leben? Himmel oder Hölle? Wenn du nicht hineinsteigst, wirst du es nie erfahren, Spence! Bentheim keuchte vor Aufregung. Jetzt oder nie! Ein einziger Schritt noch. Das Fluoreszieren hüllte ihn schon ein, ließ keinen Platz mehr für andere Wahrnehmungen. Ein feines Singen schien ihn zu umfangen. Ein einlullendes Geräusch, das die Nerven zu beruhigen schien. Der rasende Herzschlag beruhigte sich. Ein verzerrtes Lächeln glitt über Bentheims Gesicht. Ich komme! Er fühlte sich plötzlich leicht wie eine Feder. Die Bleigewichte waren von seinen Füßen abgefallen. Sein Entschluß stand fest. Er streckte die Arme aus... Da packte ihn eine Faust. Riß ihn zurück, warf ihn zu Boden. Ein Schrei hallte durch den Industriedom. Ein Wutschrei!
Bentheim starrte wütend in ein schweißnasses Gesicht mit dunklen Augen. Er kannte diese Augen. Die Augen Wren Craigs. Craig bewegte die Lippen, sagte etwas. Bentheim verstand kein Wort. Er verstand überhaupt nichts. In seinen Ohren klang immer noch dieses lockende Singen, das jetzt von einem rauschenden Brausen übertönt wurde. Das Blut stieg Bentheim in den Kopf. Er ballte die Fäuste und schnellte sich hoch. Craig reagierte blitzschnell, wich dem Schlag geschickt aus und schlug seinerseits zu. Bentheim schnappte irritiert nach Luft - und da begann sein Gehör wieder zu arbeiten. Sein eigenes Keuchen und der rasselnde Atem des Kollegen existierten wieder. »Sie verdammter Idiot... Kommen Sie endlich zu sich!« Craig packte zu, griff nach Bentheims Arm und zerrte ihn mit unwiderstehlicher Gewalt weg von dem Leuchten und Fluoreszieren. Erschöpft sank der junge Wissenschaftler zu Boden. Er schloß die Augen. Ein dumpfes Pochen dröhnte in seinem Kopf. Ich habe den Verstand verloren, dachte er immer wieder. Es wurde übermächtig. Wie ein Befehl! Eine Suggestion! Langsam begriff Bentheim. Er sah auf und nickte Wren Craig zu. Der stand etwas abseits, die Fäuste in die Hüften gestemmt. Und er war nicht allein. Sie standen alle um ihn herum. Ingen, Ossorn, all die anderen. Sie starrten ihn an wie ein Studienobjekt. Sie müssen mich für wahnsinnig halten, durchzuckte es ihn. Langsam begriff er. Er versuchte zu lächeln, aber dieses Lächeln wurde zu einer Grimasse. »Versteht ihr denn nicht? Ich weiß nicht, wie es über mich kam. Ach, zum Teufel. Laßt mich in Ruhe. Ich werde mich hüten, diese Teufelei auch nur auszuprobieren. Gebt mir eine Zigarette!« Craig gab ihm eine Zigarette. Dabei sprach er auf Bentheim ein, als hätte er es mit einem Schwerkranken zu tun. Inzwischen diskutierten die anderen über die neue Situation. »Kann sein, daß dieses Leuchten eine Art Wunschtraum im Menschen weckt, wenn man zu nahe herangeht.« »Unsinn! Manchmal überkommt es einfach jeden von uns, einmal etwas ganz Verrücktes zu tun. Wir sind Menschen, von Gefühlen beherrscht. Bentheim bildet da keine Ausnahme. In Zukunft werden wir hier eine starke Wache zurücklassen. Mindestens drei Mann. Ich hoffe, die können wenigstens aufeinander aufpassen«, fügte Ingen mit einem müden Lächeln hinzu. Bentheim erholte sich überraschend schnell. Er stand auf und schob Craig von sich. »Hören Sie auf, mich wie ein Kind zu behandeln«, knurrte er ärgerlich. Dann sah er an der Gruppe diskutierender Wissenschaftler vorbei auf das Flimmern, das die Transmitter-Antenne einhüllte. »Aber wissen möchte ich doch, wohin die Reise gehen würde«, murmelte er. »Das wollen wir alle wissen, Bentheim. Wir haben auch bereits einen Plan entwickelt. Kommen Sie.« Craig schien die Aufgabe übernommen zu haben, Bentheim nicht aus den Augen zu lassen. Er hielt sich immer in unmittelbarer Nähe des jungen Wissenschaftlers auf. Bentheim bemerkte es wohl, sagte aber nichts dazu. Er fand es selbst unerklärlich, daß er sich wie ein Narr benommen hatte. Als Versuchskaninchen war er sich denn doch zu schade. Vorsichtig näherten sie sich der Transmitter-Antenne.
Halb erwartete Bentheim, daß ihn dieser Wunsch wieder packen würde. Aber nichts geschah. Völlig nüchtern konnte er Schritt um Schritt näher an das intensive Leuchten herangehen, ohne loslaufen zu wollen. »Sehen Sie mich doch nicht immer so komisch an, Craig. Ich bin ganz normal. Merken Sie das immer noch nicht?« »Möglich - vielleicht«, brummte Craig. Mehr nicht. »So, meine Herren!« Professor Ingen streckte die Arme aus und hielt seine Mitarbeiter zurück. Sie starrten in das Fluoreszieren hinein. Jeder von ihnen vernahm das feine Singen, das von ihm ausging. Sie horchten einen Augenblick auf dieses Geräusch. Dann schüttelte Ingen den Kopf. »Merkwürdig. Sehr merkwürdig.« Er hielt plötzlich einen winzigen Gegenstand in der Hand, betrachtete ihn eingehend und nickte schließlich. »Hier sehen Sie meinen Elektroschreiber, meine Herren. Er soll den Versuch einleiten.« Ingen wog den Schreiber noch einmal nachdenklich in der Hand, dann machte er einen Schritt auf die graue Transmitter-Antenne zu. Das Leuchten schien ihn verschlingen zu wollen. Die übrigen Wissenschaftler hielten entsetzt den Atem an. Da trat Ingen jedoch schon wieder zurück. Seine Stirn glänzte feucht. »Verschwunden«, sagte er verwirrt. »Einfach verschwunden. Haben Sie etwas gemerkt?« Niemand bewegte sich. Alle blickten entgeistert auf das Flimmern. Nichts hatte sich daran geändert. Kein Flackern; kein Geräusch war laut geworden. Der Elektroschreiber jedoch war verschwunden. Einer der Männer stieß plötzlich ein Lachen aus. Es klang ein wenig verzweifelt. »Wir sollten einen größeren Gegenstand nehmen.« Craig löste seinen Scheinwerfer von der Brust. »Hier, Professor.« Doch Ingen schüttelte mißmutig den Kopf. »Versuchen Sie es selbst, Craig.« Der grauhaarige Wissenschaftler leckte sich einmal mit der Zunge über die Lippen, sah Bentheim an und trat vor. So weit wie Ingen traute er sich nicht. Er hob den Arm, warf die Lampe in das Fluoreszieren hinein, glaubte, ein kurzes Aufleuchten erkennen zu können - und die Lampe war verschwunden. Das Singen blieb. Auch das Leuchten. Sonst nichts. »So werden wir nie etwas erfahren!« Die Männer drehten sich nach dem Sprecher um. Bentheim starrte nachdenklich auf den Transmitter. »Ich bin sicher, daß der Weg irgendwo hinführen muß. Reden Sie mir nicht von Hölle. Das ist Unsinn. Die Mysterious werden diese Maschine benutzt haben, um schnell weite Strecken zu überbrücken. Das heißt, sie haben irgendwo eine Empfangsstation gebaut, wo sie sich ebenfalls sicher fühlten.« »Richtig. Spinnen Sie Ihren Faden weiter«, ermunterte ihn Ingen, als Bentheim stockte. »Wenn wir also annehmen, daß wir auf einem anderen Planeten ankommen werden, auf dem wir vielleicht weitere technische Anlagen der Mysterious finden, besteht die Möglichkeit, mit unseren Forschungen viel schneller voranzukommen.« Eine Minute Schweigen.
»Bevor keine absolute Sicherheit besteht, lehne ich jede freiwillige Meldung ab«, brummte Ingen. Bentheim lächelte gequält. »Na schön«, lenkte er ein. »Dann sollten wir aber folgenden Versuch machen: Wir stecken ein paar Hyperfunk-Sender in den Transmitter und lassen uns berichten, wohin die Reise ging.« Der Vorschlag fand allgemeine Anerkennung. In aller Eile ließ Professor Ingen einige automatisch arbeitende Sender herbeischaffen. »Jetzt brauchen wir nur noch festzustellen, in welchem Teil der Galaxis der erste Sender wieder zu arbeiten beginnt.« Selbst Ingen konnte seine Erregung kaum verbergen. Bentheim nahm den ersten Sender auf. Entschlossen trat er auf die kreisrunde Antenne zu. Noch einmal drehte er sich um. »Alles klar?« »Alles klar!« Eine schwungvolle Bewegung - und der Sender verschwand in der fluoreszierenden Kreisfläche. Ein Blitz schien aus der Feuerwand zu brechen. Abwehrend hob Bentheim die Hände, aber der Spuk war so schnell vorbei, als hätte er eine optische Täuschung erlebt. Bentheims Herz klopfte bis zum Hals. Vorsichtig trat er zurück zu den anderen. Dort herrschte tiefes Schweigen. Alle Blicke blieben auf die Skala des Empfängers gerichtet. Sie starrten die Nadel an. Sie rührte sich nicht. Fehlschlag! Bentheim begann, leise in sich hinein zu fluchen. Bange Minuten vergingen. Was die terranische Wissenschaft über Materietransmitter wußte, ließ die Männer vermuten, das auch für diese Anlage das gleiche Prinzip galt. Entmaterialisierung im Augenblick des Eintretens in die Transmitter-Antenne Rematerialisierung im selben Augenblick in der Empfangsanlage. Aber der Sender schwieg. »Neuer Versuch!« So leicht ließ sich ein Mann wie Ingen nicht entmutigen. Ein neuer Sender. Das alte Spiel. Sendefrequenz gemessen, reguliert, geprüft, für ausreichend befunden. Diesmal nahm sich Wren Craig der Sache an. Bentheim blieb neben dem Empfangsgerät stehen und beobachtete das ständige Spiel der Skala. Ein Zeiger pendelte ziemlich konstant auf dem eingestellten Bereich. Während alle anderen Craig beobachteten, der mit grimmigem Gesicht auf die Zone zuschritt, saugte sich Bentheims Blick an dem Zeiger fest. Ingen sprach leise mit sich selbst. Er zählte Craigs Schritte. »...sieben... acht... halt... Achtung - fertig - jetzt!« Der Sender verschwand. Bentheim schien es, als wollte die Skala vor seinen Augen verschwimmen. Aber er sah es ganz deutlich. Der Zeiger kam urplötzlich zum Stillstand. Begann zu zittern. Schlug wie wahnsinnig nach rechts und links. Und mit einemmal stand er im Bereich negativer Zahlen. Völlig verrückt, durchzuckte es Bentheim. Dann war Schluß. Die Kontrolleuchte erlosch. Der Zeiger sank zurück und berührte den Nullpunkt.
Aus. Ende der Sendung. »Teufel, Teufel«, brummte Professor Ingen. Nachdenklich massierte er seine Schläfen und schüttelte wiederholt den Kopf. »Es gibt eine Möglichkeit: Der Sender hat den Geist aufgegeben.« An diese Möglichkeit wollte Ingen nicht so recht glauben. Er legte Bentheim die Hand auf die Schulter. »Ihnen würde es nicht besser ergehen, Bentheim. Also versuchen Sie es lieber nicht. Es sei denn, Sie suchten eine neue Methode des Selbstmords. Garantiert schmerzlos, könnte ich mir vorstellen. Mir will die Sache nicht so recht gefallen.« Niemandem wollte sie gefallen. Noch zwei Stunden lang versuchten sie, einen Sender durch den Transmitter zu schicken, aber es gelang immer nur der erste Teil. Schließlich brach Professor Ingen das Experiment ab. Ärgerlich kratzte er sich am Kopf. »Nach dem Motto: Operation geglückt - Patient tot«, knurrte er erbost. »Ich bin sicher, die Sender gehen durch, nur arbeiten können sie nicht mehr. Hat jetzt noch jemand Lust, sich selbst als Versuchskaninchen zu betätigen?« Niemand verspürte Lust. Nicht einmal Bentheim. Als die ersten Blicke ihn trafen, drehte er sich brüsk um und begab sich zum Ausgang. In der Funkstation trafen sie sich alle wieder. Professor Ingen blieb keine andere Wahl, als Henner Trawisheim von dem Mißerfolg zu berichten. Aber eine gute Nachricht konnte er dennoch nach Terra durchgeben: »Die totgeglaubte Mysterious-Anlage auf Hope lebt!« 5. Dan Riker saß vor dem Checkmaster. Er drehte sich um und warf einen Blick über die Schulter. Er wirkte müde, überreizt. »Ruh dich aus, Dan, ich löse dich ab.« Riker schüttelte unwillig den Kopf. »Ich könnte jetzt nicht schlafen, Ren.« Dhark sah den Freund durchdringend an. »Ich kann Leute nicht ausstehen, die sich meinen Anordnungen widersetzen«, brummte er mit leichtem Spott. Riker starrte ihn einen Augenblick sprachlos an. »Du meinst...« »Ich meine, du sollst jetzt verschwinden und dich ausschlafen. Also los. In acht Stunden kannst du mich wieder ablösen.« Dan Riker stemmte sich müde aus seinem Sitz. Er massierte seinen Nacken und gähnte herzhaft. »Die beiden Flash mit Doraner und Scott sind wie verabredet auf Entdeckungsflug über dem Planeten.« »Und die wissenschaftliche Abteilung?« »Professor Tschu Hin versucht, mit Hilfe einer Türck-Analyse das Alter dieses Monuments zu erfahren.« »Schon etwas dabei herausgekommen?« Dan Riker schüttelte unwillig den Kopf. »Noch nicht. Was soll's auch? Glaubst du, wenn wir das Alter dieser Statue kennen, kommen wir einen Schritt weiter?« »Eine ganze Meile weiter sind wir dann, Dan. Los, verschwinde jetzt. Ich übernehme!« Dan Riker ging mit müden Schritten zum Schott, drehte sich noch einmal um, als wollte er noch etwas sagen, verließ dann aber ohne ein weiteres Wort die Zentrale. Ren Dhark nahm Verbindung mit Professor Tschu Hin und seiner Gruppe auf. »Wie weit sind Sie?« »Einen Moment, Commander. Wir sind gerade fertig.«
Tschu Hin, sonst die Ruhe in Person, war aufgeregt. Dieses Gefühl war ansteckend. Der Türck-Analysator würde eine exakte Altersbestimmung treffen können. Dhark hielt es plötzlich in der Zentrale nicht mehr aus. Er mußte nach draußen und sich selbst vom Ergebnis der Analyse überzeugen. Er rief Leon Bebir, den Zweiten Offizier, herein und übergab ihm die POINT OF. Dann ging er hinaus ins Freie. Aufs neue beeindruckte ihn der Anblick des gewaltigen Monuments. Nichts schien sich verändert zu haben. Noch immer standen die drei blauen Sonnen am Himmel, übergossen die beiden Raumschiffe und den bläulichen Sand mit ihrer intensiven Strahlung. Gegen das kolossale Bauwerk wirkten die Männer um Professor Tschu Hin wie Ameisen. Dhark eilte auf sie zu. Ihre Gesichter glühten vor Aufregung. »Geschafft, Commander«, jubelte Tschu Hin, der sonst seine Gefühle unter Kontrolle zu halten wußte. Das runzlige Gesicht mit den ausgeprägten Schlitzaugen strahlte. »Das Monument ist mehr als 42000 Jahre alt«, sagte er und deutete auf die Anzeigetafel des Analysators. Dhark sah ungläubig an dem Monument empor. »Zweiundvierzigtausend Jahre«, sagte er ehrfürchtig. Welch ein Alter! Er wollte es fast nicht glauben. Aber der Türck-Analysator konnte nicht lügen. »Commander!« klang es aus seinem Vipho. Elis Yogan aus der Funk-Z. »Ich habe Doraner in der Leitung... Er glaubt eine Stadt entdeckt zuhaben...« »Übergeben!« Das Bild auf dem kleinen Bildschirm wechselte. »Doraner! Dhark hier! Was ist los?« Doraners Stimme kam nur undeutlich aus dem Vipho. Dennoch merkte man ihm an, daß er verblüfft war. »Eine Stadt, Commander. Ich habe eine Stadt gefunden.« »Holen Sie mich sofort hier ab!« Mike Doraner besaß alle die Eigenschaften, die Ren Dhark an einem Flash-Piloten schätzte. Er war intelligent, verantwortungsbewußt, entschlossen und mutig manchmal vielleicht sogar ein bißchen zu mutig. Doraner landete den Flash vor der Statue, stieg aus und strich sich über die kurzgeschorenen Haare. »Eine Stadt«, sagte er. »Es ist unglaublich. Ich...« »Halten wir uns nicht lange mit Vorreden auf«, unterbrach Dhark den Flash-Piloten, schob ihn beiseite und stieg in den Blitz. Sekunden später lag der Landeplatz bereits unter ihnen. Ren Dhark legte den Kopf in den Nacken und blickte zur Bildprojektion empor. Über ihnen standen die drei blauen Sonnen. Unter ihnen, immer kleiner werdend, die Statue. Daneben die POINT OF, und - etwas abseits - die POLLUX. »Wie weit haben wir zu fliegen?« Doraner übergab an die Gedankensteuerung und lehnte sich zurück. »In drei, vier Minuten«, antwortete er, »werden Sie eine Überraschung erleben, Commander.« Der Flash raste über eine bläulich schimmernde Sandwüste hinweg. Es gab keine einzige Erhebung, an der das Auge hängenblieb. So weit der Blick reichte, war alles flach. Flach und blau. Doraner drehte sich halb um. »Jetzt müßten Sie es schon sehen können. Da...« Aus der flachen Ebene erhob sich plötzlich ein Hügel. Aber auch dieser Hügel war blau - Sand, nichts als Sand. Ren Dhark zog die Brauen zusammen. »Ich dachte...« »Warten Sie einen Augenblick. Sehen Sie auf den Masse-Orter!« Dharks Kopf flog herum. Tatsächlich. Masse. Viel Masse.
»Runter!« Doraner reagierte prompt wie immer. Sanft glitt der Flash in die Tiefe. Der blaue Sandhügel kam schnell auf sie zu. Die sechs spinnbeindünnen Teleskopbeine fuhren aus. Federnd landete der Blitz. Die beiden Männer kletterten ins Freie. Auch hier sang der Wind sein ewiges monotones Lied. Bläulich schimmernde Sandschleier wehten über den Hügel. Dhark rieb sich die Augen. »Verdammter Sand«, murmelte er. Nun spürte Doraner es auch. Der Wind trieb ihnen den Sand in die Gesichter. Es prickelte. »Wenn die Statue mehr als zweiundvierzigtausend Jahre alt ist«, sagte Ren Dhark nachdenklich, »müssen wir annehmen, daß auch die Stadt unter diesem Sandhügel so alt ist. In zweiundvierzigtausend Jahren kann eine ganze Menge Sand vom Wind herangetragen werden. Wir müssen sehen, was unter dem Sand steckt, Mike.« Der Flashpilot grinste. »Für uns doch kein Problem, oder...?« »Allerdings, Mike. Kein Problem für uns.« Dharks Blick flog zwischen dem Flash und dem Sandhügel hin und her. »Also?« Doraner sah Dhark fragend an. »Okay, Doraner. Aber nur in den Raumanzügen. Und langsam. Wir wollen dabei gleich die Dicke der Sanddecke messen.« Sie zogen die leichten M-Raumanzüge an und stiegen wieder ein. Doraner spuckte, fluchte ein paarmal und schaltete dann das Intervallfeld ein. Rücken an Rücken saßen die beiden Männer in der engen Kabine und schauten zur Bildprojektion empor. Einen Augenblick sahen sie noch die drei blauen Sonnen, die endlos erscheinende Sandwüste. Dann plötzlich - nichts mehr. Langsam schob sich der zylinderförmige Rumpf durch den Sand. Der Bildschirm blieb grau. Ein bläuliches Grau. Meter um Meter arbeitete sich der Flash durch den Hügel. Hin und wieder sah Mike Doraner auf die Anzeigetafel. »Sieben Meter«, gab er bekannt. Flugsand von mehr als zweiundvierzigtausend Jahren. »Zwölf Meter.« Und immer noch Sand. Herangeweht von einem Wind, dem sich nichts entgegenstellen konnte. »Zwanzig Meter.« Doraners Stimme klang fast unbeteiligt. Der Sand wollte kein Ende nehmen. Die Minuten dehnten sich endlos. Die bläulichgraue Räche des Bildschirms erschien Ren Dhark auf einmal wie ein höhnisch grinsendes Auge. »Dreißig Meter. Wenn das so weitergeht, kommen wir auf der anderen Seite wieder heraus.« Weitere Minuten vergingen. Plötzlich kam Bewegung in Doraner. »Achtung!« Auf dem Bildschirm hatte sich etwas verändert Das bläuliche Grau war einer rötlichen Färbung gewichen. »Jetzt müßte man etwas sehen können, Commander.« »Gehen Sie noch ein Stück tiefer! Eine Stadt muß aus Häusern bestehen. Und Häuser müssen Räume haben. Wenn wir in einen dieser Räume kommen...« Doraner ließ den Flash weiter absinken. Dharks Augen hingen am Bildschirm. Als sie knapp 40 Meter erreicht hatten, zuckte er zusammen. »Halt!« Der Flash verharrte. Der Bildschirm war nicht mehr grau, auch nicht mehr rötlichgrau. Der Bildschirm war braun. Ein tiefes, sattes Braun, in dem es kein Licht gab. »Scheinwerfer an!« Die Scheinwerfer des Flash blitzten auf. Geblendet schlossen beide Männer die
Augen. Nur langsam gewöhnten sie sich an die neuen Lichtverhältnisse. Dann betrachteten sie fasziniert die Wände eines Raumes, die mit Zeichnungen übersät waren und aus einer Art Kunststoffmasse zu bestehen schienen. »Wollen wir aussteigen?« Doraners Stimme klang plötzlich ein wenig rauh. »Einverstanden«, entschloß sich Ren Dhark. Er trat hinaus in den Scheinwerferkegel. Sein Schatten hob sich groß und wuchtig von der braunen Wand ab. Doraner folgte ihm. Der Flashpilot ging sofort auf eine Wand zu und ließ seine Finger darübergleiten. »Glatt«, sagte er. »Anscheinend unangetastet. Seit zweiundvierzigtausend Jahren nicht berührt. Und das Zeug sieht aus, als sei es erst gestern angefertigt worden...« Ren Dhark interessierte sich weniger für das Material der Wände, sondern vielmehr für die Zeichnungen. Er runzelte die Stirn. Doraner trat neben ihn. Minutenlang betrachteten sie die fremdartigen Darstellungen. Doraner legte den Kopf zur Seite und versuchte, ein klares Bild zu bekommen. Was sie hier zu sehen bekamen, waren keine Darstellungen von Menschen oder überhaupt humanoiden Wesen, wie man es vielleicht nach der Entdeckung der Riesenstatue erwartet hätte. »Spinnen«, sagte Dhark plötzlich leise, »Spinnen mit zwei Köpfen. Oder können Sie etwas anderes erkennen?« Doraner schüttelte den Kopf. »Ich bin froh, daß uns diese Hausgenossen nicht in Empfang genommen haben. Ein Glück, daß wir zweiundvierzigtausend Jahre zu spät kommen.« Doraners trockener Humor war nicht totzukriegen. Aber er hatte recht. Ren Dhark fröstelte plötzlich. Wenn diese Wesen noch hier unten leben würden... Er erschauerte. Es handelte sich unzweifelhaft um Spinnen mit zwei Köpfen. Ein Teil der Glieder war mit sechsfingrigen Greifklauen ausgestattet. An jeder Wand das gleiche Bild: Spinnenwesen mit zwei Köpfen in verschiedenen Haltungen, verschiedene Arbeiten ausführend. Aber immer nur diese Spinnen. »Ich glaube, wir haben genug gesehen. Am besten, wir machen uns auf den Rückweg und sehen zu, daß wir die Sanddecke irgendwie abtragen können. Unsere Wissenschaftler werden begeistert sein, wenn sie das zu sehen bekommen.« Doraner ließ die Gedankensteuerung den Rückflug übernehmen. Die vierzig Meter dicke Sandschicht war schnell durchquert. Dann standen die drei blauen Sonnen wieder am Himmel. Sie schwiegen, bis sie das Monument wieder erreicht hatten. Voller Spannung warteten die Wissenschaftler auf Dharks Bericht. Was er ihnen zu sagen hatte, war für sie eine Sensation. Nur eine Frage mußte noch geklärt werden: Wie konnte man die fremde Stadt freilegen? Arc Doorn wußte eine Antwort. Die POINT OF schwebte unbeweglich über der bläulich flimmernden Sandwüste, neben ihr die POLLUX, viel zu nah. In der Kommandozentrale des Ringraumers stand Arc Doorn und gab mit leiser Stimme Anweisungen. Der Sibirier wollte Duststrahlen einsetzen. Aber eine vierzig Meter dicke Sandschicht in amorphen Staub zu verwandeln, genügte nicht. Deshalb beteiligte sich Gutmundssons POLLUX an diesem Unternehmen. Sie sollte den Staub mit Pressorstrahlen >beiseiteblasen<. »Hier Zentrale! WS-West, WS-Ost! Sind Sie bereit?« Die Bestätigungen von Bud Clifton und Jean Rochard kamen wie aus einem Mund. »Gutmundsson, sind Sie auch so weit?« Das ernste Gesicht des Isländers erschien auf einem der Monitore. »Wir sind bereit,
Doorn!« »WS-West, WS-Ost, Duststrahl... Los!« Alle Blicke flogen zu den Schirmen. Clifton und Rochard traten in Aktion. In das allgegenwärtige Blau der Umwelt mischte sich ein neuer Farbton: Grün. Zwei olivgrüne Energiebahnen fauchten zu Boden. Staub wirbelte auf. Olivgrünes Leuchten füllte die Schirme. Wie ein General auf dem Feldherrenhügel stand Arc Doom in der Mitte der Zentrale. »Gutmundsson! Pressorstrahlen... Jetzt!« Ein feines Rauschen wurde laut. Zuerst in dunklen Tönen, dann heller werdend, schrill, heulend. Das olivgrüne Leuchten verblaßte. »Stop!« Das schrille Heulen ebbte ab. Die Energiebahnen erloschen. Das Bild auf den Schirmen wurde wieder klar. Die Duststrahlen hatten einen tiefen Krater in den Sandhügel gerissen. Sand, der durch die Energie zu amorphem Staub verwandelt worden war. In der Ferne stand noch eine graue Wolke, die sich rasch entfernte. Vom Wind durcheinandergewirbelt und verweht. Der Sibirier sah sich grinsend um. »Na?« fragte er ironisch. »Wie haben wir das gemacht?« Sigurdur Gutmundsson gestattete sich ein dünnes Lächeln. Er schien großen Spaß an der Sache zu finden. Ren Dhark warf Arc Doorn einen anerkennenden Blick zu, dann wandte er sich an seinen Ortungsspezialisten. »Grappa! Messungen anstellen!« Wenig später bekam er die Resultate: zwölf Meter Grube! »Okay, Doorn! Machen Sie weiter!« Doorn machte weiter. Er ging recht feinfühlig dabei vor, um zu verhindern, daß die Stadt von den Duststrahlen beschädigt wurde. Es dauerte eine halbe Stunde, dann lag die Stadt endlich frei. Aber was für eine Stadt! Kein Ort, wie man ihn auf Terra oder anderen Planeten kannte. Keine Einzelbauten, keine Hütten, keine Häuser, keine Bunker und auch keine Straßen oder Wege oder sonst etwas, das an herkömmliche Städte erinnerte. Was dort unter der POINT OF und der POLLUX lag, war einmalig: ein riesiges, austernschalenförmiges Dach, braun, dunkelbraun. Und häßlich, voller Buckel und Warzen. Verwundert blickten die Männer auf dieses Bild. Der Ausdruck >Stadt< schien überhaupt nicht zu passen. Aber wie sollte man es anders nennen? Daß es sich um eine ehemalige Ansiedlung handelte, war allen klar. Fremdartige Lebewesen - fremde Technologie. »Ich schlage vor, wir gehen runter und stellen Untersuchungen an. Dan, du könntest doch auch eine Gruppe übernehmen.« »Wie schön, daß du auch mal wieder an mich denkst«, brummte Dan Riker. Ren Dhark ging nicht darauf ein. Er teilte drei Gruppen ein. Die erste Gruppe - die Archäologen - sollte Dan Riker führen. Die zweite Gruppe mit Wissenschaftlern aus anderen Disziplinen übernahm Arc Doorn. Eine dritte Gruppe blieb als Reserve zurück. Die wollte der Commander im Bedarfsfall selbst führen. Von verschiedenen Seiten drangen die ersten beiden Gruppen in die fremde Stadt ein. Unter dem austernförmigen Dach lagen unterschiedlich große Räume, in scheinbar wahlloser Anordnung aneinandergereiht und durch kleine und große Öffnungen miteinander verbunden. Fast alle Wände trugen die Zeichnungen, die Ren Dhark und Mike Doraner schon vorher entdeckt hatten. Ren Dhark, der an Bord der POINT OF geblieben war, ließ sich alle zehn Minuten
von den beiden Gruppen Bericht erstatten. Nichts als Wände, Zeichnungen, Räume mit runden und viereckigen Türöffnungen, berichtete Dan Riker einmal erbost. »Weitersuchen«, befahl Ren Dhark. »Es müssen doch technische Anlagen zu finden sein.« Es gab keine technischen Anlagen. Weder Arc Doorns Gruppe noch die von Dan Riker fand irgendwelche Anlagen, die man als Maschinen bezeichnen konnte. »Ich verstehe das nicht. Wer diese Konstruktionen errichtet hat, muß auch eine großartige Technik besessen haben. Weitersuchen!« Doch so sehr die Männer auch suchten, das Ergebnis blieb das gleiche: Es gab in der Austerndach-Stadt keinerlei technische Anlagen. In diesen Tagen schien es auf Hope nur noch Rätsel zu geben. Die Aufnahmegeräte wiesen ganz eindeutig aus, daß die Mammutaggregate im Industriedom in einem bestimmten Rhythmus arbeiteten. Als würden sie von Geisterhand gesteuert. Das Rauschen und Dröhnen wurde den Wissenschaftlern langsam unheimlich. Es schwoll an, hielt sich einige Stunden, um dann wieder abzusinken und einem leisen Brummen Platz zu machen. Niemand wagte, die Unitallverkleidungen anzufassen. Bentheim hatte es zweimal versucht. Aber immer wie elektrisiert seine Hand zurückgerissen. Rätsel über Rätsel. Das größte Rätsel jedoch stand den Männern erst noch bevor... Sie waren alle im Industriedom versammelt. Um Ingen und seine engsten Mitarbeiter hatte sich ein Kreis gebildet. Einige schauten zu der scheinbar schwerelosen schimmernden Ringröhre empor. Im Kreis unterhalb der Ringröhre war es still. Kein Laut, kein Maschinengeräusch drang bis hierher. Langsam wanderte die gesamte Gruppe durch die Mammutanlage. Das Summen und Heulen der Aggregate schmerzte in den Ohren. Wenn die Männer sich verständigen wollten, mußten sie sich anschreien. Und dann, plötzlich, war alles vorbei. Als hätte jemand auf einen Knopf gedrückt, schwieg die gesamte Anlage. Totenstille breitete sich in der riesigen Halle aus. »Ich drehe gleich durch«, schrie Professor Ingen in die Stille hinein. Den anderen erging es kaum besser. Sie fühlten sich, als würden sie gleich wahnsinnig werden. Irgendwo mußte es eine unbekannte Kommandostelle geben, die die Mammutaggregate ein- und abschaltete. Doch wo befand sich diese Kommandostelle? Wer drückte auf den Knopf? War es ein Lebewesen? Oder ein Roboter? Schlagartig dachten die Wissenschaftler an den Großtransmitter. Die Versuche damit waren abgebrochen worden. Ingen hatte kein Menschenleben aufs Spiel setzen wollen. Unwillkürlich lenkten die Männer ihre Schritte zum Riesentransmitter. Wenn sie jedoch geglaubt hätten, mit dem Abschalten der Aggregate sei auch das fluoreszierende Leuchten der Kreisfläche vergangen, so sahen sie sich getäuscht. Es war noch immer da. Auch das leise Singen war noch da. Kaum hörbar zwar, aber es existierte. Niemand traute sich so recht, auf die graue Ringantenne zuzugehen. Irgend etwas hielt die Männer davon ab. Eine gewisse Scheu, die sie sich selbst nicht erklären konnten. Spence Bentheim stand dicht hinter Professor Ingen.
Fast kam es ihm so vor, als stellte dieses Flimmern eine Lockung dar. Als forderte irgend jemand ihn und die anderen auf, näherzutreten und den Versuch zu wagen. Plötzlich sprach der kleine Professor. Eigentlich mehr zu sich selbst - aber alle hörten es. »Ich brauche jemanden, der das Wagnis unternimmt... Jemanden, der sich der Wissenschaft zur Verfügung stellt.« Etwas gequält fuhr er fort: »Aber wer würde sich dafür schon zur Verfügung stellen? Wer?« An Bord der POINT OF herrschte Ruhe. Ren Dhark saß in der Kommandozentrale. Er dachte nach. Niemand störte ihn. Auch nicht Dan Riker, der etwas entfernt in einem Sessel hockte und nachdenklich an seiner Unterlippe nagte. Aufgeben kam für Ren Dhark nicht in Frage. Niemals! Er wollte dieser Welt ihre Geheimnisse entreißen. »Wir verfügen über acht Flash... Wo ist Doraner?« Wenig später stand Mike Doraner in der Kommandozentrale. »Was sollen wir tun, Commander?« »Dan Riker hat diesem Planeten einen treffenden Namen gegeben. Mirac, Normalerweise versuche ich nicht, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen, aber ich will das Unerklärliche, Geheimnisvolle, Rätselhafte von Mirac enträtseln. Sie und die anderen Flash-Piloten werden ausschwärmen und den Planeten aus jeder erdenklichen Himmelsrichtung zu analysieren versuchen. Ich wünsche bei dieser Aktion aber kein Draufgängertum. Safety first. Haben Sie mich verstanden, Doraner?« Doraner verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. »Verstanden, Commander.« »Dann viel Glück, Doraner.« Der Flashpilot wandte sich auf dem Weg zum Schott noch einmal um und grinste. Wenig später verließen acht Flash den Ringraumer und verloren sich bald im bläulichen Flimmern des Sonnenlichts. Ren Dhark wartete, bis er sie nicht mehr erkennen konnte. »Und für dich, Dan«, wandte er sich dann an seinen Freund Dan Riker, »habe ich auch einen besonderen Auftrag. Stelle dir eine zuverlässige Truppe zusammen und mache dich noch einmal an die Untersuchung der Austernstadt. Der Checkmaster hat inzwischen die bisherigen Ergebnisse verarbeitet. In der Stadt dort unten haben seiner Meinung nach dreihunderttausend Einwohner gelebt. Da Doraner jedoch vorher festgestellt hatte, daß es mehrere Städte geben soll, werden wir auch diese Austernansiedlungen einer genauen Untersuchung unterziehen.« Dan Riker erhob sich, um seine Leute zusammenzusuchen. Kurz darauf verließ er mit seinen Männern das Schiff. Er hatte - ebenso wie die Flash-Piloten - die Anweisung erhalten, sich alle fünf Minuten zu melden. »Wir werden jetzt die restlichen Städte vom Sand der Jahrtausende befreien. Außerdem möchte ich Mirac genau kennenlernen. Also bitte, Falluta - Start frei«, teilte Ren Dhark anschließend den verbliebenen verantwortlichen Offizieren in der Kommandozentrale der POINT OF mit. Der Ringraumer hob ab, dicht gefolgt von der POLLUX. Gutmundsson war natürlich ebenfalls von ihrem Vorhaben unterrichtet worden. Langsam schwebten die beiden Raumschiffe über die bläulich schimmernde Sandpiste. Bud Clifton, Jean Rochard und das Team an den Pressorstrahlern der POLLUX bekamen alle Hände voll zu tun, immer neue Städte freizulegen. Sieben fanden sie insgesamt. Sieben Städte, die von kleinen Spezialtrupps schnell untersucht wurden, und deren Einwohnerzahlen man auf zweihundertfünfzigtausend
bis vierhunderttausend schätzte. Städte, die mindestens zweiundvierzigtausend Jahre alt waren. Und überall die gleichen Zeichnungen an den Wänden der Gebäude. Spinnen mit zwei Köpfen... Allein flog die POINT OF der Nachtseite des Planeten entgegen. Mirac, so fand Ren Dhark, besaß eine gewisse Ähnlichkeit mit Terra. Es gab Meere, es gab Sandwüsten, und es gab blauschimmernde Gebirgsketten. Hin und wieder tauchten auch Flüsse auf, umgeben vom dunklen, schattigen Grün alter Wälder. Auch die sieben Städte mußten einmal an Flußufern gelegen haben. Dunkelheit hüllte nun die POINT OF ein. Der Ringraumer raste weiter um den Planeten herum. Die Fünf-Minuten-Meldungen der acht Flash-Kommandanten und der Untersuchungstrupps liefen regelmäßig ein. Es gab keinerlei nennenswerte Neuigkeiten. Über die Planetenkrümmung kroch der Lichtschein der drei blauen Sonnen. Die POINT OF jagte dem Morgen entgegen. Bald mußte wieder die goldschimmernde Plastik in Sicht kommen. Um diesen Torso kreisten Dharks Gedanken. Er fragte sich, ob sie das Rätsel, das über dieser Statue lag, jemals lösen würden. Tino Grappa gähnte lautstark hinter seinem Ortungspult. Aber dann verging ihm das Gähnen. Er wirbelte herum und starrte betroffen die Masse-Ortung an. »Masse«, sagte er verwirrt. »Viel Masse. Zum Teufel, was ist das!« Dhark wurde ebenfalls aufmerksam. Rasch trat er zu seinem Ortungsspezialisten. Diese Massewerte? Diese Massewerte kamen ihm merkwürdig bekannt vor. Tino Grappa schien es ähnlich zu gehen. Langsam wandte er den Kopf und sah Ren Dhark verstört an. »Verstehen Sie das?« »Ich verstehe nur eins«, erwiderte Dhark. »Es kann sich um keine Stadt handeln. Dazu ist die Masse zu klein. Wir gehen runter - und zwar sofort.« Langsam veränderte sich das Bild. Die ersten gleißenden Lichtstrahlen krochen über den Horizont. Gespannt starrten die Männer auf die Bildkugel. »Rot 42:02,11 und Grün 02:13,02!« erklang plötzlich die Stimme von Arc Doorn. Alle Blicke suchten den bezeichneten Punkt. Es schien, als würden dort die Sonnenstrahlen von einem Spiegel reflektiert. Zwischen zwei bizarren Felserhebungen blitzte es auf. Die POINT OF kroch förmlich auf die Stelle zu. Eine riesige Bergwand wanderte über den Schirm. Danach folgte eine breite Felsschlucht, und dort... Ren Dhark hatte plötzlich das Gefühl, von einer riesigen Faust gepackt und geschüttelt zu werden. Ungläubig starrte er auf die Masse schimmernden Metalls. Er mußte wahnsinnig geworden sein. Dort unten lag - die POINT OF! Der Ringraumer stand plötzlich still in der Luft. Dhark wollte sichergehen, nicht in eine Falle zu geraten. Aber je länger er und seine Offiziere auf das erstaunliche Bild blickten, desto klarer wurde ihnen, daß dort unten nicht die POINT OF, sondern das Wrack eines anderen Ringraumers lag. Das Ebenbild der POINT OF. Ein Schwesterschiff. »Unglaublich«, hauchte Ren Dhark. »Wie nannte Riker diesen Planeten noch einmal?« knurrte Arc Doorn. »Mirakel? Er ist anscheinend unter die Hellseher gegangen.«
Und dann schwiegen alle, staunten einfach nur fassungslos. Ren Dhark faßte sich zuerst. »Wir landen!« Wenig später standen sie vor dem Wrack, bei dem es sich tatsächlich um ein Schwesterschiff der POINT OF handelte. Die Türck-Analyse ergab eindeutig, daß auch dieses Schiff vor nur eintausend Jahren gebaut - und zerstört worden war. Eine fieberhafte Tätigkeit setzte ein. Einzelne Gruppen untersuchten jeden Winkel des Wracks. Als sie schließlich wieder zusammentrafen, gab es noch immer keine Erklärung. Das Schiff war zerstört worden. Doch welche gigantische Kraft konnte diesen Ringraumer vernichtet haben? »Leergeplündert hat man das Schiff«, erboste sich Arc Doorn. Dhark sah zu den drei Sonnen empor. Hier stand er, auf einem Planeten, der einmal von diesen drei blauen Sonnen eingefangen worden war... Hier stand er vor der ersten neuen Spur der Mysterious seit der Entdeckung der Kometenstation. Was mochte auf diesem Planeten vor tausend Jahren geschehen sein? Würde er jemals eine Antwort auf diese Frage erhalten? Ren Dharks Gedanken wanderten zurück. Die Mysterious! Wie hatten die Utaren sie genannt? Grakos! Teufel! Ausgeburten der Hölle! Sollten die Mysterious tatsächlich mit den Grakos identisch sein?
6. Diese Mysterious...! In dieser Form konnte man auch fluchen; und auf Hope, im Höhlensystem des Kontinents Deluge, wurde kräftig geflucht. Auch von den Wissenschaftlern, die sich sonst gut beherrschen konnten. Und man verwünschte das Archiv in einem Nebenraum der Ringraumerhöhle in Grund und Boden. Nach wie vor warf es auf konzentrierten Gedankenbefehl seine Mentcaps aus - nur hatten alle Mentcaps einen Fehler: Sie enthielten kein Wissen über den gigantischen Industriedom. Sie waren leer. Henner Trawisheim las den letzten Bericht, der gerade von Hope hereingekommen war. Kein Fortschritt! Im Industriedom trat man buchstäblich auf der Stelle. In unregelmäßigen Abständen sperrte sich der Riesentransmitter automatisch ab. Kein Mensch wußte, was dann in dem großen Raum mit der grauschimmernden Ringantenne geschah. Wurden in diesen Sperrzeiten Industrieerzeugnisse, die von den gigantischen Aggregaten produziert worden waren, per Transmitter verfrachtet? Aber welchen Sinn sollten diese Vorgänge haben, wenn die Mysterious nicht mehr existierten? Trawisheim, der einzige Cyborg auf geistiger Basis, stellte sachlich fest, daß selbst er in diesem Punkt nicht weiterkam. Aber wir können uns doch nicht nur auf den Zufall verlassen, dachte er entmutigt; er versuchte sich vorzustellen, wie mißgelaunt die Experten im Höhlensystem waren, die mit ihren Forschungen keinen Schritt vorankamen. Er konnte nicht ahnen, daß sein Vorstellungsvermögen dafür nicht ausreichte. Tim Acker sagte aus vollem Herzen: »Ich hab's endgültig satt! Das ist ja zum Davonlaufen. Ich versorg' mich mit allem Nötigen und bleib' im Transmitter-Raum, wenn der wieder seine Energiesperre errichtet.«
Tim Acker war zweifacher Professor und führte gleich drei Doktortitel. Allerdings wurde er fuchsteufelswild, wenn man ihn mit Professor anredete. Und daß er über Temperament im Übermaß verfügte, ließ sich angeblich schon an seinen roten Haaren ablesen. »Die rotesten Haare im terranischen Interessenbereich«, wie er selbst behauptete. Acker gehörte dem Expertenteam an, das vor drei Tagen seine Arbeit auf Deluge begonnen hatte und sich inzwischen eingestehen mußte, nichts herausgefunden zu haben. Tim Acker wirkte nicht gerade wie ein Held. Mittlerweile 47 Jahre alt, hatte er es seit gut zehn Jahren aufgegeben, sich über seinen dicken Bauch und seine Hängebacken zu ärgern. Die Ärzte hatten von Freßsucht gesprochen. Er hatte sie ausgelacht, ihre Warnungen in den Wind geschlagen und - wenn es ihm Spaß machte - achtmal am Tag gegessen. Bisher hatte er es noch nicht bereuen müssen. Vor dem Abflug nach Hope war er wieder einmal gründlich untersucht worden. Er verstand, daß die Ärzte danach ein etwas säuerliches Gesicht gemacht hatten. Aber sie mußten auch ihn und seine diebische Freude verstehen, als sie ihm erklären mußten, daß er zwar ein hemmungsloser Fresser - aber auch kerngesund sei. Rings um ihn herum lachten jetzt seine Kollegen schallend, weil er gesagt hatte: »Ich versorge mich mit allem Nötigen.« Damit konnte er schließlich nur ein überdimensionales Freßpaket meinen. Tim Acker ließ sie lachen. Doch im stillen ärgerte er sich darüber. Wartet, ich werde es euch noch zeigen, dachte er, aber wenn er geahnt hätte, was ihm bevorstand, wäre er selbst in seinen Gedanken zurückhaltender gewesen. Es war nicht leicht, einen passenden Raumanzug für ihn zu finden. Der Leiter des Verpflegungsdepots war schon unterrichtet und unterzeichnete Ackers Anforderungsfolie, ohne einen Blick darauf zu werfen. Doch als der Professor mit einer Schwebeplatte ankam und sie im Transmitter-Raum hinter der grauschimmernden Ringantenne entlud, machten seine Kollegen große Augen. Acker hatte die Ausrüstung eines erstklassigen Labors angefahren. Und er benötigte keine Hilfe, um die Geräte untereinander zu verbinden und sie betriebsbereit zu schalten. Plötzlich sahen die Kollegen diesen dicken Mann mit dem runden Gesicht mit anderen Augen. Er beschämte sie alle. Er hatte es satt, noch länger auf der Stelle zu treten. Er wollte einen hohen Einsatz wagen und erfahren, was im Transmitter-Raum geschah, wenn der sich durch eine Energiewand sperrte. Ob es ihm gelingen würde, blieb abzuwarten. Bisher waren alle Versuche, im Raum zu bleiben, gescheitert, doch bisher hatte auch noch niemand versucht, sich hinter der Antenne aufzuhalten. Tim Acker wollte der erste sein. Er sah seine Kollegen kurz an, während ihm der Schweiß über das Gesicht lief. »Es ist Zeit, daß Sie verschwinden!« Man hatte bis jetzt noch keine exakten Voraussagen treffen können, wann der Raum sich sperrte, aber man konnte so ungefähr alle drei Stunden Normzeit damit rechnen. Und die dritte Stunde ging ihrem Ende zu. Acker sah seine Kollegen gehen. Noch einmal wurde er gewarnt. Er schlug diese Warnungen ebenso in den Wind wie seinerzeit die der Ärzte, die ihm Appetitzügler verschreiben wollten. Tim Acker machte es sich bequem. Er hatte Appetit. Und er hatte jetzt Zeit, bis die Sperre kam, die im Gegensatz zu allen bisher bekannten energetischen Sperren undurchsichtig war. Die große graue Ringantenne, von deren Innenseiten ununterbrochen ein kaum
sichtbares Flimmern ausging, flößte ihm keine Furcht mehr ein. Er ließ den Verschluß einer Plastikdose aufspringen, schnupperte den delikaten Geruch einer Forro-Pastete und schluckte voller Vorfreude. Aber der gabelfertige Hummer in kleinen Happen war auch nicht zu verachten, ebensowenig wie die dreihundert Gramm Räucheraal - Besonders fett! stand auf der Dose. Das würde eine Stunde vorhalten. Davon war er überzeugt, und schließlich gab es auch noch die Flasche mit dem drittel Liter Napoleon. Den benötigte er, um anschließend zu gurgeln. Manche behaupteten hinter vorgehaltener Hand, Tim Acker sei ein Trinker, aber bis zum heutigen Tag hatte ihn noch niemand betrunken gesehen. Weil er es einfach noch nie geschafft hatte, diesen Zustand zu erreichen! Er aß langsam und mit Genuß. Vom gabelfertigen Hummer war nichts mehr zu sehen, von sechs Scheiben Toast nur noch eine vorhanden - und er wollte sich gerade dem besonders fetten Aal zuwenden, als er jenes Summen hörte, das bisher noch jeden Terraner aus dem Transmitter-Raum vertrieben hatte. Tim Acker schloß blitzschnell den Helm seines M-Raumanzuges. Ein wehmütiger Blick galt dem mundfertigen Aal - doch in der nächsten Sekunde dachte er nicht mehr daran. Das Summen drang durch den Klarsichthelm an sein Ohr! Die Schwingungen lagen in einem Frequenzbereich, der bei jedem Menschen unerträgliche Schmerzen auslösen mußte. Tim Ackers rundes, verfettetes Gesicht verzerrte sich. Ich bleibe, dachte er mit wilder Entschlossenheit, ich lasse mich hier nicht vertreiben! Aber das Summen wurde stärker und stärker. Es kam aus allen Richtungen - wie eine Flut, die alles mit sich fortzureißen drohte. Tim Acker stöhnte; er krümmte sich. Die Schmerzen in seinem Körper wurden unerträglich. Ein Mann mit schwächerer Willenskraft hätte den Transmitter-Raum längst verlassen. Doch der Wissenschaftler war ein einziges Bündel geballter Energie. Er stöhnte lauter. Er wand sich, als würde er unter Koliken leiden - aber er verließ seinen Platz nicht. Und dann - endlich! - brach das infernalische Summen ab. Mitgenommen richtete Acker sich auf, öffnete seinen Klarsichthelm und atmete tief durch. Er befand sich im Transmitter-Raum. Niemand konnte zu ihm herein; niemand konnte ihn sehen. Die undurchsichtige energetische Sperre trennte ihn von seinen Kollegen. Er achtete nicht darauf, wie die letzten Beschwerden in seinem Körper abklangen. Er hatte zu tun. Ein kleiner tragbarer Konverter wurde hochgefahren. Einschalten der Kontrollgeräte. Eine letzte Überprüfung ihrer Funktionen. Tim Acker verstand sein Handwerk. Er tat keinen Fehlgriff, übersah nichts. Sein geschulter Verstand nahm alle Klarmeldungen auf. Von ihm aus konnte es losgehen! Er wußte nicht, was er eigentlich erwartete. Und es war ihm noch gleichgültig. Er glaubte, auf alle Überraschungen vorbereitet zu sein. Die Ringantenne, die oben und unten mit Decke und Boden verbunden war, strahlte von allen Seiten zum Mittelpunkt hin ihr irisierendes Flimmern aus. So deutlich und faszinierend hatte er es noch nie gesehen. Der T-Taster blinkte. Die Leistung des Transmitters war sprunghaft hochgeschnellt. Acker konnte sich auf sein Gerät verlassen. Es war eine terranische Konstruktion und nach dem Studium
des ersten Mysterious-Transmitters entwickelt worden. Die Leistung lag schon bei T90, und die Leuchtdioden des Meßinstrumentes zeigten fast schon den höchsten theoretisch erfaßbaren Wert. Experten hatten behauptet, daß jeder Transmitter, der über T100 geschaltet würde, sich selbst zerstören müsse. Tim Ackers Blick war überall. Auf den Instrumenten ebenso wie auf dem leicht flimmernden Leerraum der Ringantenne. Sein hochempfindliches r-Gerät maß nicht die geringste Strahlung an. Drei kurz aufeinanderfolgende, schrille, sich in Abständen wiederholende Pieptöne schreckte ihn auf. Die Leuchtanzeige des T-Tasters blinkte im Rhythmus mit den schrillen Tönen, und auf dem Display flimmerte der Wert 888. Das Gerät mußte völlig überlastet worden sein. Schlagartig erstarben die Pieptöne, das Blinken hörte auf - Error meldete der TTaster, bevor auch die letzte Leuchtdiode erlosch. Acker befürchtete nichts, obwohl ihm klargeworden war, daß sich der Riesentransmitter weit über T100 hinauf geschaltet hatte. Er bereitete sich innerlich auf alles vor. Und doch traf es ihn wie ein Schock! Die blauschimmernde, fugenlose Unitallwand links von ihm öffnete sich lautlos. Ein Energieband schwang in weichem Bogen aus dem dunklen, riesigen Loch hervor und endete im Mittelpunkt der Ringantenne. »Also doch«, flüsterte Acker; er konnte das Zittern seiner Hände nicht mehr unterdrücken. Ihre Vermutungen schienen zu stimmen. In den Zeitabschnitten, in denen ihnen das Betreten dieses gewaltigen Transmitter-Raumes verboten war, wurden über diese Anlage die Erzeugnisse der Mammut-Aggregate verschickt. Aber wohin bloß? Ein Dutzend Aufnahmegeräte dokumentierten aus allen nur möglichen Blickwinkeln jede Phase der Entwicklung. Und in Tim Ackers Gehirn brannte sich zusätzlich noch alles fest. Und dann wurde der Blick des freßsüchtigen Mannes starr. Von unsichtbaren A-Grav-Kräften getragen, durch einen Traktorstrahl transportiert, trieb ein gewaltiges Aggregat lautlos auf die Mitte der Transmitter-Antenne zu. Weder sein fremdartiges Aussehen, noch seine unglaubliche Größe hatte Acker einen Schock versetzt - sondern einzig und allein seine Farbe! Es leuchtete rot; es schimmerte wie ein Rubin! Ein Aggregat aus Tofirit wurde zum Transmitter geschafft und verschwand im Mittelpunkt der Antenne! Ein weiterer Beweis dafür, daß die Mysterious vor rund tausend Jahren, bevor sie spurlos von Hope verschwunden waren, bereits ein Tofirit-Vorkommen ausgebeutet haben mußten. Tim Acker kam nicht mehr dazu, seine Überlegungen weiter zu spinnen. Ein gewaltiger Stoß schleuderte ihn zur Seite. Seine Geräte wirbelten davon. Der Konverter krachte gegen eine Wand. Er selbst rutschte über den Boden, bis ihn eine Ecke aufhielt! Rundherum hatten sich die Unitallwände geöffnet. Von allen Seiten schwangen sich Energiebänder zur Transmitter-Antenne. Aus allen Richtungen wurden rubinrot schimmernde Maschinen aller Größenordnungen zum grauen Ring befördert, um darin zu verschwinden. Zehn, zwanzig, fünfzig und mehr Aggregate auf einmal! Der Riesentransmitter war ein unersättliches Maul, das man mit den größten Mengen nicht stopfen konnte. Tim Acker rührte sich nicht. Atemlos verfolgte er dieses unheimliche, lautlose
Schauspiel. Er hatte seine Wünsche mittlerweile etwas heruntergeschraubt, und es beruhigte ihn, daß zumindest drei Aufnahmegeräte weiterhin im Einsatz waren und alles festhielten. Ein Strom von Maschinen kam schneller und schneller aus allen Öffnungen, aus allen Richtungen, und Ackers Blicke konnten kaum noch folgen. Aber nicht ein einziges Mal störten sich die Maschinenströme gegenseitig. Eine hochentwickelte Steuerung verhinderte jede Kollision. »Ein Sender! Großer Gott, ein Sender!« stöhnte der dicke Mann und wischte sich mit dem Handrücken über die Augen, als eine weitere gigantische Anlage im Transmitterkreis verschwunden war. Er kannte die Funk-Z der POINT OF. Sie war in ihrer Größe und Leistung das Nonplusultra der Funktechnik, aber sie war ein Nichts gegen diese Anlage, die soeben per Transmitter zu einem unbekannten Ziel geschafft worden war. Wozu hatten die Mysterious diese gigantischen Funkanlagen benutzt? Hatten sie vielleicht schon vor tausend Jahren Kontakt mit anderen Galaxien gehabt? Unwillkürlich richtete der dicke Mann sich etwas auf. Er lag genau unter einem Energieband, aber er fürchtete keineswegs, daß ihm dieses Band gefährlich werden könne. Er rechnete. Er dachte an die Größe des Industriedoms. Seine Bodenfläche umfaßte 900 Quadratkilometer. Seine Mammutaggregate, die gleich Wolkenkratzern bis zur neunhundert Meter hohen Decke reichten, mußten hunderttausendmal mehr produzieren, als hier durch diese Anlage fortgeschafft wurde. Das ließ nur eine Schlußfolgerung zu: Im Industriedom mußte es Hunderte von Transmittern dieser Größenordnung geben, und wahrscheinlich wurden zur selben Sekunde Abertausende von Aggregaten transportiert! Acker warf einen Blick auf sein Chrono. Seit einer Viertelstunde lag er auf dem kalten Unitallboden in der Ecke und beobachtete. Wenn alles so wie immer verlief, hatte er noch gut fünfzig Minuten Normzeit zu warten, bis die energetische Sperre wieder aufgehoben wurde und hier alles wieder so aussah, wie man es bisher gewohnt gewesen war: fugenlose blauschimmernde Unitallwände, und in der Mitte des großen Raums die gewaltige graue Transmitter-Antenne. Abrupt brach der Strom der Maschinen ab. Tim Acker richtete sich noch höher auf, drehte den Kopf und vermißte über sich das Energieband. Sollte alles schon zu Ende sein? Im freien Feld innerhalb der Antenne irisierte es nach wie vor. Ackers Gedanken kreisten erneut um das Tofirit. An welcher Stelle auf Hope konnten die Mysterious ein Tofirit-Vorkommen ausgebeutet haben? Wieso war den terranischen Planetologen diese Fundstelle entgangen - selbst wenn sie inzwischen erschöpft sein sollte? Noch immer lag der Blick des Wissenschaftlers auf dem Innenraum der Antenne. Er sah wohl das plötzlich stärker werdende irisierende Flimmern, aber dann geschah alles so unerwartet und schnell, daß er überhaupt nicht mitkam. Er erschrak nicht einmal! Tim Acker sah es nur, und konnte es einfach nicht begreifen. Plötzlich war es da! Ein Roboter! Ein Roboter, der keine Ähnlichkeit mit einem Menschen hatte. Ein aufrecht stehender, von fünf Stützen getragener Zylinder, der den Boden nicht berührte. Ein Zylinder, der ganz langsam auf eine der gewaltigen Öffnungen in den Wänden zuschwebte.
Ein Roboter aus blau violettem Unitall, der fünf Armglieder gegen seinen Zylinderrumpf gepreßt hielt, dabei aber die vier Fingerglieder abgespreizt hatte. Dort, wo bei einem Menschen der Kopf saß, befand sich ein Linsensystem, das das Licht aus den Wänden des Transmitter-Raumes stark reflektierte. Nach oben lief der Zylinder in einer flachen Wölbung aus. Roboter im Industriedom! Und sie alle, die hier geforscht und gearbeitet hatten, hatten davon nichts geahnt! Roboter, die sich vom Transmitter-Raum direkt in die Mammutaggregate begeben konnten, ohne eine der langen Maschinenstraßen zu benutzen! Roboter aus Unitall! Nach den Vermutungen der Menschen waren die Mysterious die Schöpfer dieses Metalls. Roboter und Mysterious! Roboter, die tausend Jahre nach dem Verschwinden der Geheimnisvollen noch aktiv waren! Hatten die Mysterious sie geschickt? Sollten sie im Industriedom nach dem Rechten sehen? Dann mußten die Mysterious doch noch existieren! Oder...? Als Tim Acker drei neue Roboter gleichzeitig aus dem Transmitter treten sah, beobachtete er sie mit wissenschaftlicher Akribie. Er war sich seiner Sache sicher. Wie der erste, der inzwischen in einer der riesigen Öffnungen verschwunden war, würden auch sie, ihrem Programm gehorchend, ihre Aufgabe erfüllen. Die drei Maschinen waren nicht voneinander zu unterscheiden. Sie besaßen keinerlei Unterscheidungsmerkmale. Sie schwebten davon. Jeder auf eine andere Öffnung zu. Doch dann glaubte Tim Acker, aus einem der Linsensysteme angesehen zu werden. Sein Verstand sagte ihm, daß er sich etwas einbildete. Aber daß dieser Roboter, der plötzlich abgestoppt hatte, nun auf ihn zukam, war keine Einbildung. Tim Acker griff nach seinem Blaster. Er zog ihn nicht. Unitall war nicht so leicht zu zerstören. Erst nach einem intensiven Nadelstrahlbeschuß von mehr als zweihundertzehn Sekunden Dauer zerfiel es in einer überaus heftigen atomaren Reaktion. Doch dazu kam es nicht. Drei der fünf Armglieder griffen nach dem Wissenschaftler - und bevor er begriff, welches Schicksal ihm drohte, wurde er in hohem Bogen in den Transmitter geschleudert. Tim Acker verschwand im Leerbereich der grauschimmernden Ringantenne, genau wie vor ihm die rubinrot leuchtenden Aggregate verschwunden waren. Er hatte nicht einmal Zeit gehabt, einen Schrei auszustoßen. Der Roboter, der ihn aus diesem Raum entfernt hatte, räumte auf. Alle Geräte, die Acker hier abgestellt hatte, verschwanden im Antennenbereich. Auch die Filmkameras! Zum Schluß das Freßpaket des Wissenschaftlers. Und dann war der Transmitter-Raum wieder so, wie ihn damals Ren Dhark als erster gesehen hatte. Leer bis auf die Ringantenne, die zu ihrem Mittelpunkt hin ein leichtes irisierendes Leuchten ausstrahlte. Auch der dritte Roboter war in einer der großen Öffnungen verschwunden. Graue Wolkenfetzen jagten am Himmel dahin. Der Sturm brüllte über Mirac. Von den drei blauen Sonnen des Systems war nichts mehr zu sehen. Außerhalb der
Sichtweite lag der zerstörte und leergeplünderte Ringraumer der Mysterious. Ren Dhark und seine Männer warteten auf das Ende des Unwetters; sie hatten sich auf eine lange Wartezeit eingerichtet. Die Meteorologen hatten erklärt, daß man erst am nächsten Mirac-Tag wieder ins Freie könnte. Nicht, daß das irgend jemanden gestört hätte. Jeder war froh, sich endlich wieder einmal ausschlafen zu können. Der Commander ließ Funkkontakt zu der kleinen Gruppe herstellen, die eine der Austerndach-Städte untersuchte, und gab durch, daß man so bald nicht mit der Rückkehr der POINT OF zu rechnen habe. Die Nacht senkte sich auf Mirac herab. Leutnant Posson hatte in der Kommandozentrale Sitzwache. Die übrigen Hauptstellen im Schiff waren auch nur mit je einem Mann besetzt. Wer wollte der POINT OF schon etwas anhaben? Posson warf zum zehntenmal einen Blick auf das Chrono. Noch drei Stunden Normzeit; dann würde er abgelöst werden und könnte sich auch hinlegen. Er verließ den Pilotsitz und trat zum Ortungspult. Alle Ortungen arbeiteten mit schwacher Leistung. Die Verbindung zum Bordgehirn bestand. Es würde unverzüglich reagieren, wenn etwas Ungewöhnliches geschehen sollte. Posson döste mit offenen Augen. Und zuckte dennoch nicht einmal zusammen, als er den nebelartigen Fleck auf dem Schirm sah. Automatisch, ohne zu überlegen, schaltete er Energie- und Distanzortung auf maximale Leistung. Die Distanzortung zeigte Null, genau wie die Energieortung. Aber da draußen war etwas! Er sah es zweifelsfrei auf dem Schirm des Oszillos! Das Aufblinken einer Reihe von Kontrollen am Checkmaster ließ seine Aufmerksamkeit für Sekunden nachlassen. Als Posson wieder auf den von innen beleuchteten Schirm des Oszillos sah, konnte er keinen Fleck mehr entdecken. Dafür zeigte die Energieortung jetzt einen Wert an. Strahlung in nächster Nähe der POINT OF! Eine Strahlung, die auf die POINT OF gerichtet war! Mit einem Satz war Posson am Instrumentenpult, drückte die Alarmtaste, und riß den Commander mit seiner Durchsage aus dem Schlaf. »Beobachten Sie weiter, Posson. Ich komme sofort.« Er kam nicht allein. Dan Riker begleitete ihn. Sie stellten sich hinter die Ortungen. »Alles unverändert«, berichtete Posson. Aufmerksam hörten die beiden Männer zu. Keine Distanzortung! Die Quelle der harten Strahlung war nicht zu erfassen. Aber warum warf die Energieortung keine Reihenwerte aus, sondern nur eine einzige Angabe? »3,36...« murmelte Dan Riker und schüttelte den Kopf. »Hart... sehr hart...« Posson verstand den Commander und dessen Freund nicht. Sie sich dafür um so besser. Sie hatten nie viele Worte gebrauchen müssen, um sich miteinander zu verständigen. »Wir sollten uns das einmal draußen ansehen...« Posson starrte die beiden an, als wären Sie fremdartige Lebewesen von einem anderen Planeten. Draußen wütete ein Orkan mit Stärke 11, und er würde sich in gut einer Mirac-Stunde zum Hurrikan entwickelt haben; und diese beiden Männer wollten hinausgehen! »Okay«, sagte Dan Riker, ohne zu zögern. »Posson, beobachten Sie weiter. Wir bleiben über Vipho mit Ihnen in Verbindung.« Das Schott zur Zentrale krachte hinter Dhark und Riker zu. Posson war wieder allein.
Er verstand gar nichts mehr. Draußen wütete nicht nur ein Sturm, auch die Temperatur war auf minus 53 Grad Celsius gefallen. Polare Kälte peitschte diesen Teil des Planeten - ein Kälteeinbruch, wie er auf Terra unbekannt war. Ren Dhark und Dan Riker dachten nicht daran, ihr Leben leichtsinnig aufs Spiel zu setzen. Im Flash-Depot meldeten sie ihren Ausflug, wie es für jeden Beiboot-Piloten Vorschrift war. Am erstaunten Blick des Sergeanten störten sie sich nicht. Mit der 022 flogen sie nach draußen. Was kümmeren den Blitz die entfesselten Naturgewalten? An seinem Intervallfeld prallte alles ab. Dhark flog die 022, stand über Funk mit Posson in der Zentrale in Verbindung. Nach wie vor erfaßte die Energieortung die auf das Schiff gerichtete harte Strahlung. Langsam flog der Commander den Flash an diesen Bereich heran. Dan Riker saß Rücken an Rücken mit ihm. Wieder einmal verwünschte er den Standort der Bildprojektion über seinem Kopf. Sie war auch eine Zumutung. Jeden Menschen mußten nach zehnminütigem Hinaufsehen alle Nackenwirbel und Muskeln schmerzen. Einen unpraktischeren Platz hätten die Mysterious sich dafür nicht aussuchen können. »Strahlung erfaßt...« »Ich auch«, bestätigte Riker, der seine Instrumente beobachtete. »Aber auch hier keine Reihenwerte. Verstehe ich nicht.« Über Vipho korrigierte Posson den Kurs des Flash. Dann lag das Beiboot genau im Strahlungsbereich. Dan Riker stieß einen überraschten Pfiff aus. Der Strahlungswert war gestiegen: 8,47! »Wir sollten Alarm für die Besatzung geben, Ren...« Überrascht verstummte er. Der Strahlungswert fiel auf 1,06 - und kletterte unverzüglich wieder in die Höhe. Der Flash näherte sich dem zerstörten Ringraumer. In geringer Höhe überflogen sie das Wrack. Dann lag es hinter ihnen. Irgendwo voraus mußte sich die Strahlungsquelle befinden. Das Schwanken der unbekannten Strahlung gab ihnen Rätsel auf. Offen gestand Ren Dhark: »Da komme ich nicht mehr mit. Ich schalte auf den Checkmaster, Dan.« »Großer Himmel!« Das war Riker. Ren Dhark wußte, was seinen Freund so aus der Fassung gebracht hatte. Antwort aus der POINT OF! Antwort vom Checkmaster. Er nahm das Kommando nicht an! Er ließ sich nicht mit den Instrumenten des Flash zusammenschalten! Das Bordgehirn der POINT OF meuterte gegen seinen Kommandanten! So etwas war noch nie vorgekommen. Schweigen im Flash. Unter dem Beiboot glitt die vom Sturm gepeitschte Oberfläche Miracs dahin. Das Wrack des Ringraumers lag schon fünf Kilometer hinter ihnen. Aber noch immer war die Quelle der harten Strahlung nicht erreicht, die auch weiterhin vollkommen arhythmisch schwankte. Und dann beschlich den Commander plötzlich eine Ahnung. Eine Energiequelle, dicht vor dem Erlöschen, rief sie mit harter Strahlung. Aber hieß das nicht, daß die Energiequelle intelligent sein mußte? Das Tal machte einen leichten Bogen. Die Infrarotscheinwerfer des Flash durchdrangen die wild durcheinander gewirbelten Staubmassen und ließen selbst kleinste Einzelheiten erkennen. Plötzlich schnellte der Strahlungswert auf eine bisher nie beobachtete Höhe: 12,67! Sle auf negative Beschleunigung! Der Flash befand sich jetzt in achtzehn Metern Höhe über der Strahlungsquelle aber sie war nicht zu sehen!
Unter dem Beiboot befand sich nichts als Fels, kahler, nackter Fels. Endlich warf die Energieortung Reihenwerte aus. »Ohne Intervallfeld würden wir hübsch gegrillt werden!« stellte Dan Riker sarkastisch fest. Ren Dhark nickte nur. Den Kopf weit in den Nacken gelegt, sah er zur Bildprojektion hinauf. Achtzehn Meter unter ihnen gab es nur Felsen ohne jeden Spalt. Aber aus dem Felsen kam die Strahlung. Einen Augenblick zögerte der Commander, dann hatte er sich entschieden - und langsam, von A-Grav-Kräften gehalten, sank der Flash zu Boden. »Strahlungswert fällt wieder!« Dan Riker mußte gespürt haben, daß sein Freund ununterbrochen die Bildprojektion beobachtete. Der Flash näherte sich dem felsigen Boden und tauchte im Schutz seines Intervalls langsam in ihn ein, als ob er im Bereich des künstlich erzeugten Miniweltraumes gar nicht existent sei. »Strahlung unter eins, Ren.« Sie steckten schon mehr als zehn Meter tief im Felsen. Der Durchflug ging weiter. Tiefe fünfundzwanzig Meter. »Strahlung bei 0,47 konstant! Mag der Teufel wissen, was das zu bedeuten hat«, meldete Dan Riker. Ren Dhark grübelte immer noch. Gab es unter ihnen tatsächlich eine intelligente Energiequelle, die dicht vor dem Versiegen stand und ihnen mit letzter Kraft Signale zugefunkt hatte, um Hilfe zu bekommen? Tiefe achtunddreißig Meter. Die Distanzortung sprach an. Sechs Meter tiefer befand sich ein Metallkörper! Der Flash brauchte seinen Kurs um keinen Zentimeter zu verändern. Wie ein Peilstrahl hatte die harte Strahlung sie heruntergeholt. »Ich mache die Strahlantennen klar, Ren.« »Okay.« Auch der Commander fühlte sich unbehaglich. Es wollte ihm nicht in den Kopf, daß es Energiequellen geben könnte, die intelligent sein sollten. Der Flash wurde noch langsamer. Nur knapp ein Meter trennte sie noch von ihrem Ziel. »Da... Strahlung aus!« rief Riker verblüfft; Dhark hörte, wie sein Freund schwer schluckte. Um sie herum Fels. Nur über ihnen ein Loch: die Spuren des Sle. »Dan!« Ren Dhark schrie auf. Er hatte in der Bildprojektion endlich erkannt, was sie entdeckt hatten! Einen Flash! Ihre 022 bewegte sich nicht mehr. Der Sle war ausgeschaltet. Nur noch das Intervall stand um das Beiboot. Vor ihnen - auch in sein Intervall gehüllt - ein Flash... ein Duplikat ihres Blitzes! Ein Flash, der nur zu dem zerstörten Ringraumer gehören konnte! Die beiden Männer in dem kleinen Raumfahrzeug schwiegen. Ganz leise liefen die Aggregate ihres Blitzes. Diese Geräusche störten sie nicht beim Nachdenken. Ren Dhark brach das Schweigen: »Ob wir hier zum erstenmal erfahren, wie die Mysterious ausgesehen haben, Dan?« Der Optimist in ihm kam wieder einmal zum Vorschein. »Erwarte nicht zuviel, Ren«, versuchte Riker den Freund zu warnen. »Wenn es sich um die Mysterious und ihr Aussehen handelte, sind wir noch immer enttäuscht worden.«
Damit hatte er eine Tatsache erwähnt. Nirgendwo hatten Terraner bisher eine Abbildung entdeckt, die einen der Geheimnisvollen darstellte. »Wie kriegen wir das Ding nach oben?« Dhark lachte kurz auf. »Kein Problem. Wir verwenden Duststrahlen. Das kostet uns eine halbe Stunde Arbeit, und wenn die Röhre breit genug ist, unterfliegen wir den Flash, packen ihn auf den Rücken unseres Beibootes und tragen ihn nach oben. Nur fangen dann die Schwierigkeiten an: Kannst du mir verraten, wie wir an das Ding herankommen sollen, wenn es nicht daran denkt, sein Intervallfeld abzuschalten?« »Gedankensteuerung«, platzte Riker heraus, um sofort einzuschränken, »wenn im Flash noch genug Energiereserven sind, um sie einsetzen zu können.« Sie benötigten achtzehn Minuten, um mit Duststrahlen einen weiten Tunnel durch den Felsen bis zur Oberfläche zu bohren. Der Orkan half ihnen dabei, einen Teil der amorphen Staubmassen aus der Röhre zu schaffen. Dann lag das Beiboot des zerstörten Ringschiffs auf dem Rücken der 022. Langsam ging es zur Oberfläche hinauf. Der Orkan konnte den beiden kleinen Raumschiffen nichts anhaben. »Versuchst du es?« drängte Riker seinen Freund, als der andere Flash dicht neben dem ihren lag. Drei Infrarotscheinwerfer waren auf den Flash gerichtet, der aller Wahrscheinlichkeit nach rund tausend Jahre verborgen in kompaktem Fels gesteckt hatte. Unwillkürlich mußte Ren Dhark an das gigantische Standbild denken, an das grandiose Denkmal für... ja, für wen eigentlich? Gewaltsam konzentrierte er sich auf die selbstgestellte Aufgabe. Er hatte seine Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als er sah, wie sturmgepeitschte Staubmassen auf der Unitallhülle des fremden Flash einschlugen. Das Intervall um ihn herum bestand nicht mehr! Die Gedankensteuerung hatte nicht versagt. Gleich würden sie erfahren, was dieser Blitz, der gewiß nicht grundlos versteckt worden war, in seinem Innern bewahrte. Aber hier im Freien waren diese Untersuchungen unmöglich anzustellen. »Dan, wir schaffen den Flash in die POINT OF!« Wenige Augenblicke später glitt der >Beuteflash<, nun wieder im Schutz seines Intervallfelds, getragen von der 022 durch die Unitallwandung. Und während kein Mensch im Ringraumer ahnte, mit welcher Beute sie von ihrer kleinen Expedition zurückgekommen waren, standen die beiden Männer vor ihrem Fund. »Wollen wir?« drängte Riker, der seine Ungeduld und Neugier kaum noch zügeln konnte. »Hm...« Sie schlossen ihre Klarsichthelme, die sofort halbstabil wurden. Automatisch schaltete sich ihr Helmfunk ein. Kurz, aber sorgfältig waren die Kontrollen an ihren Raumanzügen - eine Tätigkeit, die ihnen in Fleisch und Blut übergegangen war. »Hoffentlich erleben wir keine Überraschungen«, sagte der Commander und trat dicht an den fremden Flash heran.
7. Tim Ackers Kollegen konnten kaum erwarten, daß sich die Sperre zum TransmitterRaum wieder abschaltete. Andauernd sah irgend jemand auf sein Chrono. Die Zeit schien in dieser Stunde dahinzuschleichen. Überall verebbten die Gespräche. Man fand nichts mehr, über das es sich zu reden lohnte. Auch nicht über Tim Acker. Doch die Bewunderung für ihn stieg von Minute zu Minute.
Sie wußten schließlich nur zu gut, welches Risiko Acker eingegangen war. Daß er sich bisher kein einziges Mal über Vipho gemeldet hatte, trug nicht gerade zu ihrer Beruhigung bei. Es war nicht ausgeschlossen, daß es grundsätzlich unmöglich war, aus dem gesperrten Transmitter-Raum einen Funkspruch abzustrahlen. Was wußte man denn über die technischen Mittel der Mysterious? Plötzlich und unerwartet wie immer, jedoch innerhalb des geschätzten Zeitrahmens, hob sich die lichtundurchlässige, energetische Sperre. Der Zutritt zum Transmitter-Raum war wieder frei. Doch der Raum war leer! Man brauchte nicht nach Tim Acker zu suchen. Hier gab es keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Er war verschwunden - und mit ihm alle Geräte, die er mitgenommen hatte. »Großer Himmel!« flüsterte ein Wissenschaftler und machte einen großen Bogen um die Transmitter-Antenne, die ihm plötzlich Furcht einflößte. »Keine Kameras mehr... Ackers Freßpaket ist auch verschwunden. Könnte er einen Selbstversuch unternommen haben?« Doch Acker hatte vor seinem Experiment ausdrücklich erklärt, dieses Risiko nicht eingehen zu wollen. Ratlos glitten die Blicke der Wissenschaftler über die fugenlosen Unitallwände. »Wir müssen Ackers Verschwinden nach Terra melden...« Jos Aachten van Haag wußte aus langjähriger Erfahrung, daß es nur Ärger bedeuten konnte, wenn er frühmorgens zu Bernd Eylers gerufen wurde. Entsprechend mißmutig war sein Gesichtsausdruck, als er das Büro des GSO-Chefs betrat. »Schön, daß Sie so schnell gekommen sind, Jos«, begrüßte Eylers ihn leutselig. »Möchten Sie einen Kaffee?« In Jos' Gehirn begann eine Alarmglocke zu schrillen. »Sie haben mich doch wohl kaum um diese Zeit aus dem Bett geworfen, um einen Kaffee mit mir zu trinken, Chef«, entgegnete er. Eylers lehnte sich in seinem Sessel zurück. »Natürlich nicht«, sagte er, »aber Sie sehen so aus, als ob Ihnen ein Kaffee nicht schaden würde... Also?« Van Haag schüttelte den Kopf. »Keinen Kaffee, Chef. Erzählen Sie mir lieber, wo Sie der Schuh drückt.« Bernd Eylers wühlte in dem Folienstapel auf seinem Schreibtisch, fischte schließlich ein einzelnes Blatt heraus und schob es Jos zu. »Tim Acker ist aus dem Industriedom verschwunden. Er hat anscheinend einen Selbstversuch mit dem Transmitter durchgeführt. Ich möchte, daß Sie zusammen mit Manu Tschobe nach Hope fliegen und ein paar Nachforschungen anstellen.« Jos runzelte die Stirn. »Ist Tschobe denn nicht mit Dhark und der POINT OF unterwegs?« »Nein, Tschobe befindet sich auf Terra, im Forschungszentrum unter Alamo Gordo. Ich habe bereits mit ihm gesprochen. Er ist praktisch abflugbereit. Sie beide können in einer halben Stunde an Bord der KOMET gehen und...« »Moment, Chef, nun mal langsam«. Jos setzte sich aufrecht hin. Plötzlich wirkte er hellwach. »Sie erzählen mir hier doch nur die halbe Geschichte... Ich meine, es mag vielleicht noch einen Sinn ergeben, daß Tschobe nach Hope fliegt, schließlich besitzt er nach dem Commander und Arc Doorn wahrscheinlich die größten Kenntnisse in Sachen Mysterious-Technik - aber ich? Was soll ich im Industriedom?« »Sie sollen auf Tschobe aufpassen!« Eylers' Stimme klang vollkommen ruhig. Jos Aachten van Haag zwinkerte mit den Augen. »Habe ich das gerade richtig verstanden? Manu Tschobe braucht ein Kindermädchen, und das soll ich sein?« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe das Gefühl, Sie
haben mir bis jetzt noch nicht einmal ein Viertel der Geschichte erzählt!« Eylers seufzte. »Stimmt, van Haag. Aber...« Er stand auf, trat ans Fenster und blickte hinaus auf die beeindruckende Silhouette von Alamo Gordo. Die Spitzen und die gewaltigen Wohnkugeln der Stielbauten wurden von den ersten Sonnenstrahlen mit goldenem Glanz übergossen, während der Rest der Stadt noch im Grau der Morgendämmerung verschwamm. »Wir haben vor einigen Tagen Informationen erhalten, daß Manu Tschobe einem Attentat zum Opfer fallen soll«, begann der GSO-Chef plötzlich. Noch immer drehte er Jos den Rücken zu. »Unsere Informationen besagen weiterhin, daß dieses Attentat von... von zwei Cyborgs der letzten Serie durchgeführt werden soll!« Mit diesen Worten drehte er sich um und sah seinen Staragenten an. »Moment mal, Chef, das... das ist doch vollkommen unmöglich!« Jos war halb aufgesprungen. Eylers machte eine beruhigende Handbewegung. »Unmöglich ist ein Wort, daß wir allmählich aus unserem Sprachschatz streichen sollten«, sagte er. »Aber Sie haben natürlich recht, das Ganze klingt einfach unglaublich.« »Ich nehme an, Sie haben sich sofort mit Echri Ezbal in Verbindung gesetzt?« Eylers nickte. »Mit Ezbal, mit Trawisheim, mit Bulton... Sie wissen ja selbst, wie das läuft.« »Und?« »Ezbal hat genauso reagiert wie Sie... so heftig, wie ein abgeklärter Mann von seinem Format überhaupt reagieren kann«. Bei der Erinnerung an das Gespräch mit dem Leiter der Cyborg-Station huschte ein schwaches Lächeln über Eylers' Gesicht. »Natürlich hat er trotzdem sämtliche Testergebnisse der in Frage kommenden Cyborgs noch einmal überprüft. Er hat die Männer aus dem Einsatz zurückgerufen und weitere Tests durchgeführt...« »Und was ist dabei herausgekommen?« Selbst der sonst so abgeklärte Jos Aachten van Haag wirkte jetzt aufs Äußerste gespannt. »Nichts!« erklärte Eylers düster und ließ sich schwer in seinen Sessel fallen. »Überhaupt nichts. Es gibt in den ganzen Testergebnissen nicht den geringsten Hinweis, der unsere Information, zwei Cyborgs der letzten Serie seien entartet, in irgendeiner Weise bestätigt...« Jos schwieg einen Moment. In seinem Kopf jagten sich die Gedanken. Er brauchte Eylers' nicht zu fragen, ob die Glaubwürdigkeit der Information überprüft worden war. Das gehörte zu den Standards der Geheimdienstarbeit. Und wenn Eylers die Information ernst nahm - was er anscheinend tat - und Ezbal mit seinen Tests nichts Ungewöhnliches feststellen konnte, dann hatten sie tatsächlich ein Problem - ein verdammt ernstes Problem. »Ich ziehe Sie nur ungern von Ihren Nachforschungen die Gruppe Scholf betreffend ab, Jos, aber wenn jemand ein Auge auf Tschobe haben kann, dann Sie!« sagte der GSO-Chef unvermittelt. Er spielte damit auf jenes kleine Häuflein Robonen an, das der Aufforderung ihres Anführers Allon Sawall, die Erde zu verlassen, nicht gefolgt war, und noch immer mit gelegentlichen Sabotageaktionen für Unruhe sorgte. Auch wenn diese Dinge angesichts der Geschehnisse um das Nor-ex und die Landung des Doppelwulstraumers in den Hintergrund getreten waren, so wußten zumindest die Männer und Frauen der GSO, daß diese kleine Gruppe von Fanatikern eine nicht zu unterschätzende Gefahr darstellte. »Auf Hope müßte es zumindest leichter sein, Tschobe zu beschützen, als auf Terra«, fügte Eylers nach einer kurzen Pause hinzu. Jos lächelte dünn. »Ihr Vertrauen ehrt mich, Eylers - aber wir sind uns doch beide darüber im klaren, daß auch ich ganz schön alt aussehe, wenn sich wirklich zwei Cyborgs auf Tschobe stürzen sollten. Ich meine, ich bin kein Schwächling, aber...« »Das ist mir natürlich bewußt, Jos«, unterbrach ihn Eylers, »daher bekommen Sie für
die Dauer dieses Auftrags einen Partner zugeteilt, der Sie im Notfall unterstützen wird.« »Einen Partner?« echote Jos. Hinter ihm öffnete sich die Tür zu Eylers' Büro. Jos drehte sich um. Für einen Augenblick war er sprachlos, starrte nur abwechselnd auf seinen Chef und den Neuankömmling. »Das ist nicht Ihr Ernst, Eylers... das können Sie mir nicht zumuten«, brachte er schließlich hervor. »Und ob ich das kann, van Haag«, erwiderte Eylers. Dann wandte er sich an den Neuankömmling: »Na, komm schon rein, Jimmy!« Nachdem Jos Aachten van Haag und sein ungeliebter Partner Eylers' Büro verlassen hatten, um Manu Tschobe im Forschungszentrum abzuholen und sich anschließend zum Raumhafen zu begeben, trat der GSO-Chef wieder ans Fenster und sah hinaus. Friedlich und unschuldig lag Alamo Gordo im Sonnenlicht. Eylers sog den Anblick in sich auf, dann wischte er sich über die Augen und ging zu seinem Schreibtisch zurück. Er hatte van Haag nicht gesagt, woher er die Information über die entarteten Cyborgs erhalten hatte. Das war nicht weiter ungewöhnlich, denn Agenten im Einsatz sollten gar nicht über alle Hintergründe Bescheid wissen, um im Falle einer Gefangennahme nicht unfreiwillig zu Verrätern zu werden. Und nach außen gab die GSO ihre Informationsquellen ohnehin niemals preis. Diesmal hätte Eylers allerdings auch niemandem sagen können, woher er die Information hatte. Er öffnete eine Schublade und betrachtete den Gegenstand, der darin lag: eine milchig weiße, von bläulichen Adern durchzogene Kugel aus einem unbekannten, kristallinen Material. Eylers nahm die Kugel in die Hand - und wieder überfiel ihn die mentale Botschaft mit voller Wucht! Der Mann, der sich Manu Tschobe nennt, befindet sich in höchster Gefahr. Zwei von denen, die erst vor kurzem in eurer Geheimstation im Himalaya zu Cyborgs gemacht wurden, sind entartet. Man hat sie umgedreht, und jetzt wollen sie Tschobe töten. Sie werden unter allen Umständen versuchen, ihren Auftrag auszuführen. Du, Bernd Eylers, mußt alles tun, um das zu verhindern - und je eher du herausfindest, was hinter dieser Sache steckt, desto besser für dich und die Menschheit... Es folgten noch ein paar weitere Angaben. Eylers blickte auf sein Chrono. Es wurde Zeit. Wenige Minuten später saß der GSO-Chef in seinem Spezial-Jett und flog Richtung Norden. Er hätte später nicht mehr sagen können, wie lange er geflogen war, und wo sich die kleine Lichtung befand, auf der er landete. Ein kleiner Mann mit zerknittertem Gesicht erwartete ihn, lässig gegen einen Schweber älterer Bauart gelehnt. Eylers trat zu dem Fremden und reichte ihm die Kugel. Wortlos nahm der Mann sie entgegen und blieb reglos stehen, bis Eylers wieder in seinen Jett gestiegen und gestartet war. Augenblicke später war er nur noch ein kleiner schwarzer Punkt am Horizont. Nachdenklich wog der kleine Mann die Kugel in seiner Hand. Für ihn blieb sie stumm; nur wenn Eylers sie berührte, sendete sie die ihr aufgeprägte Botschaft. »Ich hoffe, Marek weiß, was er tut«, murmelte der Mann, als er in seinen Schweber kletterte. Er startete das Fluggerät und lenkte es dorthin, wo nur wenige Kilometer entfernt sein Raumschiff im Schutz eines fast perfekten Anti-Ortungsschirms auf ihn wartete. Er erwartete keinerlei Probleme für den Rückflug, auch wenn Marek diesmal - im Gegensatz zu ihrem letzten Anflug auf Terra - nicht an Bord war. Aber dafür hätte es auch gar keinen Grund gegeben. Schließlich war es diesmal nicht nötig gewesen, Eylers hierher zu locken. Die Botschaft der Kugel hatte ihn geführt.
Ein Jett brachte Jos Aachten van Haag, Manu Tschobe und Jimmy zum Landeplatz der Sternschnuppe, mit der sie nach Hope fliegen sollten. Jos hatte Tschobe reinen Wein eingeschenkt - schließlich hatte er Jimmy‘s Anwesenheit erklären müssen. Der Afrikaner hatte zunächst ungläubig reagiert, war dann aber immer stiller geworden. Jetzt war er geradezu beängstigend still. »Das ist also die KOMET - dann kann Captain Future auch nicht weit sein«, flachste Jos in dem Versuch, die Stimmung zu heben. Tschobe warf ihm einen schrägen Blick zu, sagte jedoch keinen Ton. »Ich gehe davon aus, daß Captain Future uns in der Zentrale erwartet?« wandte sich Jos an den jungen Fähnrich, der neben einer der Teleskop-Landestützen stand. »Äh... der Captain der KOMET... heißt Newton, Sir«, stotterte der Fähnrich. »Sag' ich doch«, meinte Jos grinsend. Captain Newton entpuppte sich als schlanker, rothaariger Mann mit sehr hellblauen, überaus wachen Augen. »Irgend jemand im Flottenkommando muß über eine merkwürdige Art von Humor verfügen«, brummte Jos leise vor sich hin. Und dann mußte er sich zusammenreißen, um nicht laut loszuwiehern, als Newton den bulligen, zu kurz geratenen blassen Mann im Copiloten-Sessel als seinen ersten Offizier, Leutnant Otto, vorstellte. Vor sich hinglucksend verließ Jos überstürzt die Zentrale, verfolgt von den mißbilligenden Blicken Tschobes. »Was hat Ihr Kollege denn?« fragte Captain Newton arglos. »Er ist Geheimdienstler«, erwiderte Tschobe als wäre damit alles gesagt. »Ich nehme an, Sie werden mir Ihren seltsamen Auftritt von gerade eben erklären«, forderte Manu Tschobe Jos ungehalten auf. Der GSO-Agent zuckte die Schultern. »Sehen Sie sich gelegentlich Bildkonserven aus dem 20. Jahrhundert an, Tschobe? Ich meine Filme, auch Animationsfilme...« Tschobes Gesicht war ein einziges Fragezeichen. »Ah, ja, verstehe... Wahrscheinlich kennen Sie dann auch keine Meisterwerke der Populärliteratur aus dieser Epoche...« Tschobes Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. »Ist auch egal«, meinte Jos leichthin, »nur - wenn Sie Captain Futures Abenteuer nicht kennen, macht es auch keinen Sinn, Ihnen irgend etwas zu erklären... Es ist wirklich nicht wichtig.« Schlagartig kehrte Tschobes düstere Stimmung zurück. »Sind Sie eigentlich sicher, daß sich zur Zeit keine Cyborgs aus der fraglichen Serie auf Hope befinden?« »Das hat die GSO überprüft«, erwiderte Jos. Und hoffentlich haben unsere Jungs so zuverlässig wie immer gearbeitet, fügte er in Gedanken hinzu. Langsam öffnete Ren Dhark den Einstieg des fremden Flash. »Leer...« sagte er. Es klang enttäuscht. »Beide Sitze sind leer.« Für einen kurzen Augenblick hatte er wirklich gehofft, in dem kleinen Beiboot mumifizierte Mysterious vorzufinden - tote Angehörige jener geheimnisvollen Rasse, die nicht nur die POINT OF erbaut hatte, sondern nach den Überlieferungen der Utaren einmal gleich Sklavenhaltern die Galaxis beherrscht haben sollte. Grakos hatten die Utaren sie genannt. Ein Name, der hart klang, der voller Haß war. Grakos! Als Dhark durch Major Neep zum erstenmal davon gehört hatte, hatte sich alles in ihm gegen diese Vorstellung gesträubt. Das Bild, das er sich von den Mysterious gemacht hatte, stimmte ganz und gar nicht mit dem aus den Überlieferungen der Utaren überein. Es konnte nicht - nein, es durfte nicht sein! Ren Dhark beugte sich so weit vor, daß er den Innenraum vollständig überblicken
konnte. Der Flash war nicht ganz leer. Auf dem Boden, vor dem engen Sitz, lag das im Goldton schimmernde Emblem einer Spiralgalaxis! Es glich jenem Emblem, das er zum erstenmal an einem Gebäude der toten Stadt auf dem Inselkontinent Deluge entdeckt hatte. Später hatten er und seine Freunde ein zweites Emblem in einer der Höhlen unter der Decke rotieren sehen. Das alles gab es längst nicht mehr... Die Spirale schimmerte in einem warmen Goldton - galt dies nicht auch für die riesige Plastik? Neben Ren Dhark zuckte Dan Riker zusammen. »Ren! Ren!« rief er, im höchsten Maße überrascht, und griff blitzschnell in den Flash. Und dann hielt er in beiden Händen einen Stapel Folien aus einem unbekannten Material. »Ren... Sternkarten!« Es mußten Sternkarten sein! Was sonst sollten die vielen kleinen und kleinsten Punkte darstellen, von denen außerdem einige Trabanten besaßen? »Große Galaxis, Ren! Sieh dir das an!« Riker hielt nur noch eine Karte in der Hand, die anderen hatte er zur Seite gelegt. Sein Zeigefinger deutete auf ein klar erkennbares Zeichen: das Symbol einer Spiralgalaxis, das in der linken unteren Ecke im Goldton schimmerte. »Ja«, kam es schwer über Dharks Lippen. Er glaubte jetzt zu wissen, warum die Besatzung des zerstörten Ringraumers diesen Flash versteckt hatte. Wahrscheinlich hatten sie vor der Vernichtung ihres Schiffes noch einen Notruf abgestrahlt. Vielleicht hatten sie noch auf Entsatz gehofft und darum alles getan, um zu verhindern, daß dem Gegner ihre Sternkarten in die Hände fielen. Aber warum hatten sie auch jenes Emblem in den Flash gepackt? Wortlos gab Ren seinem Freund die Folie wieder zurück. Nun griff auch er ins Innere des Beiboots und hielt Augenblicke später das Emblem in der Hand, das jenem glich, das sich - fest mit dem Boden verbunden - auch im Sockelraum der Statue befand. Dan Riker war nicht fähig, ein Wort zu sagen. Sein Blick pendelte zwischen dem kaum zwanzig Zentimeter langen Symbol und dem Gesicht seines Freundes hin und her. War das, was Ren Dhark hier in den Händen hielt, für die Mysterious womöglich so etwas wie ein heiliges Zeichen gewesen? Etwas Weihevolles schien von dem golden schimmernden Symbol auszugehen, das Dan Riker jetzt probeweise selbst in die Hand nahm. »Das wiegt noch nicht einmal ein Kilo!« Die profane Feststellung erschien Ren Dhark merkwürdig unpassend. Er nahm Riker das Emblem wieder ab, drehte es um und entdeckte, daß die Rückseite nicht nur ein anderes Aussehen hatte, sondern die Galaxis auch in einer anderen Form zeigte. »Hast du etwas?« fragte Riker, dem die Veränderung von Dharks Gesichtsausdruck nicht entgangen war. »Ach... nichts...« Plötzlich wollte Dhark seine Gedanken nicht mehr preisgeben; nicht weil er glaubte, etwas Unsinniges gedacht zu haben, sondern weil sich seine Gedanken in utopischen Bahnen bewegt hatten. Schnell fügte er hinzu: »Wir sollten uns die Sternkarten einmal genauer ansehen. Wenn wir Glück haben, können unsere Astronomen vielleicht herausfinden, aus welchem System der zerstörte Raumer gekommen ist. Oder gibt es einen anderen Grund, Sternkarten vor einem Gegner zu verstecken?« Sie streiften die Raumanzüge ab und verließen mit ihren Funden das Flash-Depot, um die astronomische Abteilung aufzusuchen.
Erstaunt sah Jens Lionel den Commander und den Chef der Flotte seine Abteilung betreten. Er glaubte an einen Routinebesuch und achtete nicht darauf, was sie in den Händen trugen. »Wollen Sie uns einen kleinen Gefallen tun, Lionel, und sich diese Sternkarten einmal ansehen?« Dan Rikers Frage klang völlig harmlos. Das Wort Sternkarte elektrisierte den Astronomen. Seine Augen verengten sich, als er die erste Karte zwischen den Fingern hin und her drehte. Der Blick, den er seinen Besuchern zuwarf, war forschend, doch er sagte nichts. Lionel zwang sich, zur Bildprojektion zu gehen und nicht zu laufen. Dann erschien mitten im Raum die erste Wiedergabe der Sternkarte, die eine unbekannte Rasse angefertigt hatte. Doch was war auf der Projektion zu sehen? Keineswegs unzählige kleine und kleinste Punkte - sondern die Zeichen einer unbekannten, ineinanderfließenden Schrift! Um das Hundertfache vergrößert standen sie vor den fassungslosen Männern. »Eine Sternkarte soll das sein?« Lionels Frage hing im Raum. Ren Dhark schüttelte leicht den Kopf. Er konnte nicht verstehen, wieso sie diese unbekannte Schrift sahen, wo die Folie doch etwas ganz anderes zeigte: Sternkonstellationen. Ein Gedanke schoß ihm durch den Kopf. »Lionel, drehen sie die Folie einmal herum. Vielleicht besitzt sie Zwei-WegCharakter, und die Schrift ist nur eine Erklärung zu dem Bereich, den die Karte zeigt.« »Von mir aus... warum nicht?« murmelte der Astronom, der sich von diesem Versuch nicht viel versprach. Die Wiedergabe verschwand, die Folie wurde gedreht, und dann stand die Projektion erneut. Jetzt sahen sie Sternbilder, Kugelhaufen, Dunkelwolken, und sie sahen viele Sonnen mit ihren Trabanten. Lionel schnaufte vor Überraschung. »Kenn' ich nicht. Vollkommen unbekannte Region...« Das war die erste Enttäuschung, die ihnen der Astronom bereitete. Die nächsten kamen Schlag auf Schlag, bei der Durchsicht der anderen Karten. Jens Lionel wurde allmählich ungehalten, weil er keinen einzigen Bereich lokalisieren konnte. »Commander, ich gebe es auf. Aber wenn wir in den letzten zwölf Monaten mehr Zeit darauf verwendet hätten, unsere Milchstraße kartographisch zu erfassen, dann könnte ich Ihnen jetzt bestimmt zumindest in einem Fall sagen, welchen Bereich die Karte zeigt.« Dieses Argument war Ren Dhark nicht neu. Immer wieder hatten ihm die Astronomen in den Ohren gelegen, mehr Schiffe für eine derartige Aufgabe abzustellen. Aber die Umstände hatten es einfach nicht zugelassen. Dan Riker mischte sich ein. »Lionel, jetzt schnappen sie bloß nicht ein. Wir befinden uns doch hier in einer bislang nicht kartographisch erfaßten Region. Aber in den letzten Tagen haben Sie Sternenkarten von unserer Umgebung erstellt. Warum vergleichen Sie die nicht mit diesen hier?« Jens Lionel schnappte doch ein. »Da Sie es anscheinend nicht für erforderlich halten, mir freiwillig zu sagen, woher die Karten stammen, möchte ich Sie eines fragen: Wo und wie sind Sie an diese Folien gekommen?« Dan Riker grinste. »Gefunden, in einem Flash, der über vierzig Meter tief in kompaktem Fels steckte - seit rund tausend Jahren! Und der aus dem zerstörten
Ringschiff stammt. Das nehmen wir zumindest an. Und wenn...« Jens Lionel explodierte! Er brüllte die beiden Männer an, die vor ihm standen, und es war ihm gleichgültig, daß es sich dabei um den Commander der Planeten und den Chef der Terranischen Rotte handelte. »Das ist doch... also das ist wirklich prächtig! Und verdammt unfair! Das hätte ich von Ihnen, meine Herren, nie erwartet! Ja, zum Donnerwetter, das ändert doch den Fall! Das macht ihn zu einer einmaligen Sensation!« Für Sensationen hatte Dhark noch nie viel übrig gehabt. »Machen Sie lieber einen Erfolg daraus, Lionel. Spannen Sie Ihre Kollegen ein. Denken Sie daran, daß vielleicht Sie es sind, der das Heimatsystem der Mysterious auf einer dieser Karten findet.« So blitzartig der Astronom an die Decke gegangen war, so schnell wurde er wieder ruhiger. »Wir werden alles versuchen, Commander. Hoffentlich können wir Ihnen bald einen Erfolg melden. Aber was haben Sie denn da in der Hand?« Ren Dhark zeigte ihm das Emblem. Der Astronom wußte natürlich von den Geschehnissen im Höhlensystem Deluges. Nie war die Frage geklärt worden, ob diese Wiedergabe die heimatliche Milchstraße darstellte, oder ob es sich um eine andere Spiralgalaxis handelte - oder nur um ein Symbol. Lionel betrachtete den Fund, studierte Ober- und Unterseite und bemerkte ebenfalls, wie stark sich beide Seiten unterschieden. »Ihr Aussehen gleicht dem Emblem im Sockelraum... zumindest von dieser Seite betrachtet. Und wie leicht es ist, Commander...« Dhark nickte. Dann merkte er auf. Lionel schüttelte den Kopf. Zunächst zögernd, dann immer bestimmter. »Ich könnte schwören, kein Abbild unserer Milchstraße in der Hand zu haben. Auf dieser Seite, auf der unser Sonnensystem liegt, fehlen nach meiner Kenntnis drei oder vier Spiralarme; sie sind noch nicht einmal angedeutet Und wenn ich mir die Unterseite ansehe, Commander... so dick ist unsere Galaxis nicht. Diese hier - wenn es sich denn um die Darstellung einer real existierenden Galaxis handelt - besitzt fünfhundert Millionen bis eine Milliarde Sonnen mehr als unsere... Haben Sie auch schon die kleinen Erhebungen an den Spiralen bemerkt?« Er strich weich mit den Fingerkuppen darüber und machte durch diese Bewegung deutlich, was er gemeint hatte. »Nein. Zeigen Sie mal«, bat Ren Dhark. Und ebenso weich ließ er nun seine Fingerspitzen darüber gleiten. Nach ihm war Dan Riker an der Reihe. »Was Sie schon wieder bemerkt haben wollen, Lionel...?« stellte er beinahe vorwurfsvoll fest. Der Astronom ließ sich nicht verunsichern. Er nahm das Emblem wieder in die Hand, hielt es hochkant, tastete vorsichtig das Ende eines kaum angedeuteten Spiralarms ab, bewegte den Finger an einer bestimmten Stelle nicht mehr und sagte einfach: »Hier!« Dhark legte seine Hand auf die des Astronomen, der langsam seinen Finger zurückzog. Erwartungsvoll blickte Lionel den Commander an. Und tatsächlich fühlte Dhark eine kleine, markante Erhebung. Hatte er sie nicht gerade ganz leicht verschoben? Er war sich seiner Sache nicht sicher. Er versuchte, die vermutete Bewegung rückgängig zu machen, doch sie gab auch nicht um den Bruchteil eines Millimeters nach. Schulterzuckend, nachdem auch Riker den winzigen Vorsprung ertastet hatte, nahm Dhark das fremdartige Gebilde wieder an sich und meinte dann: »Wir lassen sie jetzt am besten mit Ihrer Arbeit allein, Lionel. Sie können Riker und mich jederzeit in
unseren Kabinen erreichen. Wir wollen endlich einmal wieder eine Handvoll Schlaf nehmen. Gute Nacht.« Draußen heulte der Hurrikan über Mirac; auf der Rückfront seines rotierenden Zentrums brachte er unvorstellbare Wassermassen mit, die jetzt gleich Sturzbächen zu Boden prasselten. Die Menschen in der POINT OF bemerkten nichts davon. Problemlos widerstand das Flaggschiff der TF den Gewalten, die tonnenschwere Felsblöcke in die Höhe rissen und sie viele Meter weit davonschleuderten. Ren Dhark mußte wieder an den zerstörten Ringraumer denken, der nicht weit von seinem Schiff entfernt lag. Selbst Dan Riker ahnte nicht, wie stark ihn der Anblick des Wracks erschüttert hatte. Sein Glaube, die POINT OF sei praktisch unzerstörbar, war beim Anblick des Wracks erheblich ins Wanken geraten. Vor rund tausend Jahren mußte es in der Milchstraße eine Rasse gegeben haben, die den Geheimnisvollen auf technischem Gebiet zumindest gleichwertig gewesen war. Eine Rasse, die selbst mit dem unvorstellbar widerstandsfähigen Unitall fertig geworden war. Kurz bevor sie ihre Kabinen errreichten, sprach die Bordverständigung an. Walt Brugg, der in der Funk-Z Sitzwache hatte, suchte per dringendem Rundruf den Commander. »Commander... ich empfange einen Ruf auf einer Hyperfrequenz, die normalerweise nie benutzt wird. Einen Dauerruf. Kommen Sie bitte. Kommen Sie schnell!« Man konnte Brugg ansehen, wie verwirrt und erregt er war. Sein Gesicht war rot, und seine Augen flackerten. »Commander, hören Sie sich das an!« Im gleichen Moment hatte er umgeschaltet und übertrug mittels der Bordverständigung die Sendung, die ihn in solche Aufregung versetzt hatte. Ren Dhark und Dan Riker hörten einen Dauerruf! Sie hörten eine tiefe Stimme, die in einer Sprache, in der es keine Kehllaute zu geben schien, ununterbrochen einen einzigen Satz wiederholte. Sie hörten einen Ruf, den jeder verstand, auch wenn er diese Sprache nicht kannte. Ein intelligentes Wesen rief um Hilfe; es rief um Hilfe in höchster Not! »Komm!« stieß Dhark aus, als sie den Satz etwa zehnmal gehört hatten. Und dann rannten die beiden mächtigsten Männer Terras auf die Funk-Z der POINT OF zu.
8. Die KOMET war auf dem Inselkontinent Deluge auf Hope gelandet. Jos Aachten van Haag, Manu Tschobe und Jimmy hatten die Sternschnuppe verlassen und über die A-Grav-Röhre die ehemalige Ringraumerhöhle erreicht. Pan-The, ein schweigsamer Tibetaner, der sich erst in Höhen von mehr als viertausend Metern körperlich richtig wohl fühlte, empfing sie. »Wo befindet sich das Team, zu dem Tim Acker gehört hat, Pan-The?« fragte der GSO-Mann. »Im Industriedom, van Haag. Sie benutzen am besten eine Schwebeplatte, um dorthin zu kommen.« Tschobe lächelte. Der Tibetaner hatte wohl vergessen, daß er zu Ren Dharks Gruppe gehört hatte, als diese unterirdische Anlage der Mysterious entdeckt worden war, er sich also darin hervorragend auskannte. Schnell erreichten sie ihr Ziel. Die viereckige Höhle, die eine Ausdehnung von dreißig mal dreißig Kilometern besaß und neunhundert Meter hoch war, empfing sie mit ihrem saphirblauem Licht. Mit grau schimmerndem Metall verkleidete Mammutaggregate, die fast alle bis zur Decke reichten, bildeten Maschinenstraßen, die sich im Zentrum der Anlage sternförmig auf einem kreisrunden Platz trafen.
Tschobe landete die Schwebeplatte weich vor den geöffneten Toren des Raums mit dem Großtransmitter. Während Jimmy auf der Platte hocken blieb, traten die beiden Männer zu den wartenden Wissenschaftlern und Technikern. Deren Bericht enthielt nicht viel Neues. Tim Acker war und blieb verschwunden. Jos hörte nur noch mit halbem Ohr zu. Unter den Transmitter-Experten hatte er zwei Männer entdeckt, die ihm vage bekannt vorkamen. In Gedanken verglich er sie mit 3D-Fotos in den Dossiers über die neu erschaffenen Cyborgs, die ihm in regelmäßigen Abständen zugingen. Ja, die beiden müssen Cyborgs einer relativ neuen Serie sein. Aber ist einer von ihnen ein entarteter Cyborg? fragte er sich und beschloß, schleunigst auf Terra nachzufragen Unwillkürlich drehte er sich nach Jimmy um. Der Scotchterrier saß bewegungslos auf der Schwebeplatte und betrachtete gelangweilt die Männer. Vielleicht dachte sein Programmgehirn in diesem Augenblick darüber nach, warum es im Höhlensystem nur Männer gab und weshalb Terra nicht auch das Milliardenheer der Frauen zur Lösung seiner Probleme an exponierten Punkten einsetzte. Jimmys gelangweilte Haltung beruhigte den GSO-Mann, doch als er hörte, was Manu Tschobe gerade vorschlug, sträubten sich ihm die Haare. »...und darum muß ich Tim Ackers Versuch wiederholen. Wir können den Professor doch nicht irgendwo sitzen und bis zum Jüngsten Tag auf uns warten lassen.« Jos legte dem Arzt und Funkspezialisten begütigend die Hand auf die Schulter. »Das halte ich für keine besonders gute Idee, Tschobe; das sollten Sie sich noch einmal überlegen!« Der grinste, sah aber dabei an dem GSO-Mann vorbei, wie es seine Art war. »Ich hatte Zeit genug, mir meine Vorgehensweise zu überlegen, mein Lieber. Und ich bin zu dem einzig logischen Schluß gekommen: Ich muß Ackers Versuch wiederholen! In einer Stunde, wenn die energetische Sperre wieder auftritt, wird es soweit sein.« »Sie wissen, daß ich nicht nur zum Spaß hier bin, Tschobe«, versuchte Jos es noch einmal. Er trat ganz dicht an den Afrikaner heran und senkte die Stimme. »Verdammt, reicht es nicht, daß ich Sie vor irgendwelchen entarteten Cyborgs beschützen soll - muß ich Sie jetzt auch noch vor sich selbst beschützen?!« Unwillig schüttelte Manu Tschobe die Hand des GSO-Mannes ab. »Ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen, van Haag. Außerdem haben Sie wohl nicht richtig zugehört. Ich werde den Versuch naturlich nicht allein riskieren, sondern Jimmy mitnehmen. Schließlich bin ich kein Selbstmörder. Und noch etwas«, seine Stimme wurde lauter. »Glauben Sie etwa, Dhark würde anders handeln, wenn er an meiner Stelle wäre? Wir können doch den Professor nicht einfach im Stich lassen.« Langsam aber sicher wurde Jos Aachten van Haag die Sache zu dumm. »Machen Sie sich doch nicht lächerlich, Tschobe! Acker muß durch den Transmitter verschwunden sein - wohin, das weiß kein Mensch. Wir wissen nichts über die Umweltverhältnisse an jenem Ort, an dem die Gegenstation steht. Vielleicht ist Acker längst tot... erstickt, verglüht, was weiß ich! Also, seien Sie vernünftig, Tschobe.« Aus der Gruppe der Experten erhielt der GSO-Mann Schützenhilfe. Warnend riet man von einem zweiten Versuch ab. »Wir haben bisher noch nicht entdeckt, ob die Transmitter-Anlage auch umzuschalten ist. Vielleicht arbeitet sie nur in eine Richtung!« »Tim Acker ist niemals freiwillig durch die Antenne gegangen. Nie! Acker war kein leichtsinniger Abenteurer!« Das war die Stimme eines anderen Wissenschaftlers. Manu Tschobes Augen begannen zu glühen. Er war wütend, wütend über diese Männer, die kein Risiko eingehen wollten. Schneidend scharf war seine Stimme, als er erklärte: »Meine Herren, wenn wir als
Kolonisten auf Hope immer so gehandelt hätten, dann wären Ren Dhark und seine Gruppe aus diesem Bergmassiv niemals lebend herausgekommen, und Roccos Rollkommando hätte uns eine wunderschöne Himmelfahrt bereitet! Es ehrt Sie, daß Sie versucht haben, mich von meinem Plan abzubringen, aber nun haben Sie auch zu akzeptieren, daß ich mich nicht abbringen lasse! Wann ist wieder mit dem Auftauchen der energetischen Sperre zu rechnen?« Jos zupfte ihn am Ärmel. Verärgert drehte sich Tschobe um. Er ließ den GSO-Mann nicht zu Wort kommen. »Jos, für Sie gilt das gleiche! Rufen Sie meinetwegen Terra und konferieren Sie mit Trawisheim oder Eylers. Na los, warum zögern Sie noch?« »Weil es vielleicht gar nicht erforderlich ist. Seien Sie doch nicht so ein Dickschädel, Tschobe. Bedenken Sie, daß Jimmy Chris Shantons privates Eigentum ist. Sie können nicht einfach so über das Eigentum anderer verfügen. Also - Jimmy bleibt hier, und demnach können Sie Ihr leichtsinniges Experiment auch nicht durchführen!« Tschobe starrte seinen Begleiter durchdringend an. Dann zuckte er plötzlich die Schultern und sagte wesentlich ruhiger: »Ich mache Ihnen einen Vorschlag, van Haag. Wir lassen Jimmy selbst entscheiden. Wenn er mich auf meinen Befehl in den Transmitter-Raum begleitet, werde ich den Versuch wagen - wenn nicht, haben Sie gewonnen und ich bleibe hier.« Der Afrikaner grinste tatsächlich schon wieder. Jos dachte einige Augenblicke fieberhaft nach, aber er fand keinen triftigen Grund, Tschobes Vorschlag abzulehnen. Schließlich nickte er zustimmend. Tschobe rief dem Robot-Hund, der ihrer Auseinandersetzung aufmerksam gefolgt zu sein schien, einen Befehl zu - und Jimmy sauste mit weiten Sprüngen in den Transmitter-Raum. »Na?« fragte Tschobe und rieb sich voller Genugtuung die Hände. Jetzt war Jos an der Reihe. Er rief den Robot-Hund zurück - doch der reagierte nicht. Und schlagartig begriff Jos, welche Kleinigkeit er übersehen hatte: Jimmy mochte zwar sein >Partner< sein, aber vor allem war er Manu Tschobes Bewacher - und somit hatten die Befehle des Afrikaners momentan oberste Prorität. »Jimmy!« rief der Afrikaner die Robotkonstruktion. Brav kam der Scotchterrier herangetrottet. Tschobe lächelte triumphierend. »Damit wäre diese Angelegenheit wohl endlich geklärt«, sagte er an die Adresse von Jos. Der GSO-Mann war wütend. Allerdings in erster Linie auf sich selbst, daß er sich so leicht von Tschobe hatte übertölpeln lassen. Er erwog ganz kurz, den Afrikaner mit Waffengewalt aufzuhalten, entschied sich jedoch dagegen. Wenn die Sache schiefging, würde er sich eben vor Eylers verantworten müssen. Er nickte. »Na, Jimmy, dann wollen wir mal...« sagte Tschobe leise. Niemand hielt sie zurück, als sie den Transmitter-Raum betraten, in dem Tim Acker spurlos verschwunden war. Würden auch sie darin auf Nimmerwiedersehen verschwinden? Echri Ezbal war nur selten in Alamo Gordo anzutreffen. In der Cyborg-Station im Brana-Tal fühlte er sich weit wohler. Im Augenblick saß er Henner Trawisheim gegenüber. Ezbal, der bedeutendste Genetiker und Biochemiker der Erde, hatte schon um 2000 einen guten Namen gehabt, doch von den meisten Kollegen war er wegen seiner ungewöhnlichen Versuche und unkonventionellen Denkansätze nicht ernst genommen worden. Für viele hatte er mehr als dreißig Jahre lang als verschollen gegolten; nur wenige hatten gewußt, daß er sich im Himalayagebiet aufgehalten hatte und in aller Weltabgeschiedenheit zum Virusforscher par excellence geworden war. Terra hatte diesem Mann den cybernetic organism zu verdanken.
Im Brana-Tal war die größte und modernste medizinische Station aufgebaut worden, um diesen Cyborg zu entwickeln. Nachdem Holger Alsop, Bram Sass und Lati Oshuta ihre Feuertaufe bestanden hatten - ohne Sass und Oshuta wäre die Entführung von Dhark und Riker durch die Robonen wohl kaum so glimpflich abgelaufen -, hatten die Wissenschaftler im Himalaya grünes Licht erhalten. Alles schien normal zu verlaufen; jede neue Generation, die aus zwölf ausgesuchten Männern bestand, war gegenüber der letzten verbessert worden. Und noch immer schien kein Ende der Entwicklung absehbar. Und jetzt sollte es zu einer Panne gekommen sein! Einer rätselhaften, vom wissenschaftlichen Standpunkt aus unerklärlichen Panne, die es einfach nicht geben durfte! Zwei Cyborgs aus der letzten Serie sollten entartet sein! Zwei Cyborgs, die alle Tests im Brana-Tal ohne Auffälligkeiten oder gar Beanstandungen durchlaufen hatten, sollten zu Verbrechern werden, wenn sie auf ihr zweites System schalteten. Zumindest war das die Kernaussage der Botschaft, die Bernd Eylers, dem Chef der Galaktischen Sicherheitsorganisation, zugespielt worden war! Bernd Eylers, der Mann mit dem Alltagsgesicht, das man so schnell wieder vergaß, saß am Fenster und hörte aufmerksam zu. Er wirkte keineswegs wie der Chef eines mächtigen Geheimdienstes, doch hinter seinem unscheinbaren Äußeren verbarg sich eine dynamische Persönlichkeit, die die GSO zu einem fast perfekten Instrument geformt hatte. Echri Ezbal wirkte müde. Seine blauen Augen schienen in die Ferne zu blicken, die Wände des Arbeitszimmers zu durchdringen. Aber dieser Eindruck täuschte. Er war höchst konzentriert. Auch Henner Trawisheim war als Cyborg auf geistiger Basis sein Produkt. Der einzige seiner Art! Ob es jemals einen zweiten Menschen mit diesen Fähigkeiten geben würde, stand in den Sternen. Bis heute hatte sich der greise Experte geweigert, das Verfahren mit einem weiteren Menschen durchzuführen, weil er erkannt hatte, welche unwägbaren Gefahren dadurch heraufbeschworen werden konnten. »Ezbal, sie müssen die beiden entarteten Cyborgs finden! Sie und Ihre Mitarbeiter! Nur Sie können es. Es muß doch einen Weg geben, sie aus der Serie herauszufischen.« Der Nachdruck in Trawisheims Stimme spiegelte den Ernst der Situation. »Sie haben den richtigen Ausdruck gewählt, Trawisheim: herausfischen! Das ist, als würde man mit verbundenen Augen nach einem bestimmten Gegenstand tasten. Mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen. Mein Kommen war umsonst. Ich hatte es Ihnen bereits über Vipho mitgeteilt: Wir verfügen über keine Methode, die Entarteten zu finden, solange wir nicht mehr exakte Anhaltspunkte haben.« Er sah zu Eylers hinüber, als erwarte er vom Chef der GSO Hilfe. Eylers, der links eine Unterarmprothese trug, obwohl er sich im Brana-Tal dieses verlorene Glied längst hätte nachwachsen lassen können, zuckte mit den Schultern. »Was wir in Erfahrung bringen konnten, Ezbal, haben wir Ihnen vorgelegt. Niemand kann sich erklären, warum diese beiden Entarteten sich gerade Manu Tschobe als Opfer ausgesucht haben. Wir wissen über das Leben der Männer aus der letzten Serie besser Bescheid als jeder von ihnen selbst. Wir haben ihre Vergangenheit mit einer Akribie überprüft wie bei kaum einem anderen Menschen zuvor. Wir haben jede noch so kleine Schwäche zusätzlich gesondert analysiert. Das Resultat all dieser Nachforschungen kennen Sie. Jeder einzelne von ihnen ist ein charakterfester, verantwortungsbewußter Mann, dem ich mein Leben anvertrauen würde. Aber, war-
um zum Teufel, können zwei davon zu den gefährlichsten Verbrechern werden, die die Menschheit jemals hervorgebracht hat, wenn sie auf ihr zweites System umschalten! Das muß sich doch herausfinden lassen, Ezbal! Der Fehler muß im Brana-Tal begangen worden sein. Ich begreife nicht, warum Sie das nicht einsehen wollen - warum Sie sich gegen diese Tatsache immer noch sträuben!« »Beweisen Sie mir, daß Ihre Behauptung wirklich eine Tatsache ist, Eylers!« Echri Ezbal war über hundert Jahre alt, aber noch lange kein alter Mann. Sein Augen strahlten in jugendlichem Feuer, und sein gepflegter schneeweißer Bart war alles andere als ein Zeichen seines Alters. »Wir bewegen uns im Kreis...« erwiderte Eylers lustlos. »Nein, das tun wir nicht!« mischte Henner Trawisheim sich ein. »Ezbals Forderungen, daß Sie Ihre Behauptungen beweisen sollen, sind begründet. Daß er sich gegen die Unterstellung wehrt, den Fehler bei der Entwicklung begangen zu haben, ist logisch. Sie haben in Ihren Persönlichkeitsbewertungen der Männer aus der letzten Serie einen Unsicherheitsfaktor von 0,06 Prozent, beziehungsweise von 0,08 Prozent gefunden; bei allen! Ich kenne die Suprasensor-Auswertungen. Aber dürfen wir uns in diesem Fall absolut auf die Suprasensoren verlassen?« Eylers hob beide Hände; es war eine Geste, die Hilflosigkeit ausdrückte. »Der GSO soll wieder der schwarze Peter zugeschoben werden, aber wir können ihn nicht annehmen, Trawisheim. Wir haben alles getan, was wir tun konnten. Nun ist Ezbal am Zug.« »Nein, sondern immer noch Sie und Ihre GSO, Eylers. Sie haben über Kanäle, die uns anderen unbekannt geblieben sind, Informationen über zwei Cyborgs erhalten, die angeblich Manu Tschobe ermorden wollen. Was mir daran nicht gefällt, Eylers: Der verbrecherische Trieb, Tschobe umzubringen, kommt mir so entartet menschlich vor. Er hat Leben! Verstehen Sie mich! Er hat meinem Gefühl nach ganz und gar nichts mit der eiskalten Logik eines Programm-Gehirns zu tun; vielmehr mit einem menschlichen Gehirn, das so raffiniert ist, seine verbrecherischen Neigungen auch in den extremsten Tests zu verbergen.« Eylers setzte zu einer Erwiderung an, als das Vipho auf Trawisheims Schreibtisch sich meldete. Echri Ezbal und Bernd Eylers hörten mit. Die Hyperfunkstation in Cent Field empfing seit einigen Minuten auf einer normalerweise absolut ungebräuchlichen Frequenz einen Dauerruf in einer unbekannten Sprache. Trawisheim, Ezbal und Eylers lauschten der Wiedergabe. Die baßtiefen Laute einer unbekannten Sprache erklangen. Sie verstanden den Satz nicht, der immer wieder wiederholt wurde, aber sie verstanden seinen Sinn. Es war ein Hilferuf in höchster Not! Plötzlich war die Stimme eines Offiziers aus der Hyperfunkstation zu hören. »Wir haben den Ruf durch den größten Suprasensor laufen lassen. Resultat negativ. Diese Sprache ist noch nie aufgenommen worden.« »Aus welcher Richtung kommt der Ruf?« unterbrach Trawisheim den Offizier. Der Gefragte räusperte sich verlegen. »Wir können es noch nicht sagen. Wir fangen ihn aus sieben verschiedenen Richtungen auf. Als ob sieben gigantische Sender, die quer über die Galaxis verteilt sind, diesen Notruf synchron abstrahlten. Aber auch die genauen Koordinaten der sieben Stationen sind nicht zu erfassen... als ob sie sich im Hyperspace befänden und daraus sendeten. Wir haben so etwas noch nie beobachtet.« Der Vipho-Schirm wurde wieder grau. Die Verbindung bestand nicht mehr. Sofort kam Trawisheim zum Thema zurück. Der unbekannte Dauerruf schien ihn nicht weiter zu interessieren.
»Eylers, ich schlage vor, alle Cyborgs der letzten Serie in Schutzhaft zu nehmen, und empfehle, den Männern zu sagen, warum sie von der GSO festgenommen werden.« Verärgert lachte der Chef der Galaktischen Sicherheitsorganisation auf. »Wie Sie wünschen, Trawisheim. Wie Sie wü...« Das Vipho unterbrach sie schon wieder. Eine wichtige Nachricht aus dem ColSystem, vom Planeten Hope. Pan-The, der Tibetaner, meldete lakonisch: »Manu Tschobe hat entgegen den Warnungen von Jos Aachten van Haag den Versuch von Tim Acker wiederholt. Zusammen mit dem Robot-Hund Jimmy ist er im Transmitter-Raum verschwunden. Die Experten haben von beiden ebensowenig eine Spur feststellen können wie vorher von Professor Acker.« Echri Ezbal konnte diese Nachricht nicht glauben. Er wollte sie nicht glauben. »Das sieht ihm ähnlich«, knurrte Bernd Eylers vom Fenster her. »Er mußte ja einmal auf die Nase fallen. Aber, großer Himmel, wenn Dhark davon hört...« Sie verstanden sich. Manu Tschobe gehörte zum engsten Kreis um den Commander. Dhark würde alles daran setzen, eine Spur des Afrikaners zu finden. »Hoffentlich taucht er so schnell nicht wieder auf...« Das war kein frommer Wunsch, den Eylers da geäußert hatte, aber Trawisheim und Ezbal konnten ihn verstehen. Mochte der Commander mit der POINT OF im Moment noch irgendwo in der Milchstraße unterwegs sein, mochte selbst Eylers wieder einmal nicht so genau wissen, wo zwischen den Sternen der Ringraumer sich befand - allen drei Männern in diesem Arbeitszimmer war das lieber, als daß der Commander sich auf die Suche nach Tschobe begab. »...denn Dhark steigt dann als Nächster in den Transmitter. Darauf wette ich meinen Kopf.« Niemand widersprach dem GSO-Chef. Im Industriedom von Deluge spielten sich zur gleichen Zeit Vorgänge ab, die außerhalb jeden Begreifens lagen. Die Experten in der unterirdischen Anlage der Mysterious hatten den Schock noch nicht ganz überwunden, daß Manu Tschobe ebenfalls im Transmitter-Raum verschwunden war, als nun auch der Teil der Mammutaggregate zu arbeiten begann, der bisher immer noch stillgelegen hatte. Ein Brüllen, Heulen, Donnern und Tosen raste durch die Maschinenstraßen. Energiebänder von nie gesehener Stärke und unbeschreiblicher Leuchtkraft stellten Verbindungen von einem wolkenkratzergroßen Maschinensatz zum anderen her. Ein leichtes, dennoch deutlich zu spürendes Zittern lief durch den Unitallboden. Lichtquellen, die nicht zu erkennen waren, überlagerten auf weit gefächerten Bahnen das saphirblaue Leuchten und machten den Industriedom taghell. Eine Frage stand im Vordergrund: Wer hatte diese Maschinensätze eingeschaltet? Automatisch kamen mit dieser Frage wieder Manu Tschobe und Tim Acker ins Spiel. Hatten sie auf einer fernen Gegenstation die Schaltzentrale gefunden, von der aus dieses gewaltige Industriepotential gesteuert wurde? Oder wollten sie mit ihrem Vorgehen nur ein Zeichen geben, daß sie noch existierten? Welchen Zweck hatten die Energiebänder, die die einzelnen Aggregatsätze miteinander verbanden? In dreihundert Meter Höhe, in vierhundert, fünfhundert, achthundert Meter standen sie in der Luft und leuchteten - wie kompakte Straßen; aber die Straßen waren leer. Wissenschaftler beobachteten die Bänder, bis ihnen die Augen schmerzten. Niemand konnte das entdecken, wonach jeder suchte. Sie sahen kein einziges Produkt, das den brüllenden, donnernden und heulenden Maschinen entstammte.
Alles wirkte wie ein gigantischer, technischer Spuk. Pan-The, der niemals zuvor Anzeichen von Nervosität gezeigt hatte, blieb fassungslos auf der A-Grav-Platte sitzen, mit der er hergeflogen war. Sein Blick kreuzte sich mit dem von Jos, aber der GSO-Mann konnte nur mit den Schultern zucken. Langsam ging er auf den Tibetaner zu und blieb wortlos vor ihm stehen. Immer wieder sahen alle die Straßenschluchten entlang. Jeder erwartete irgendeine Überraschung. Manch ängstlicher Blick galt den Energiebändern oder dem weit geöffneten doppelflügeligen Tor zum Transmitterraum. Der Raum war nicht mehr betreten worden, seit feststand, daß nun auch Tschobe und Jimmy verschwunden waren. Pan-The stand neben van Haag. Der Tibetaner machte dem GSO-Agenten keinen Vorwurf, Tschobes selbstmörderischen Versuch nicht nachdrücklicher unterbunden zu haben. Als Fatalist fand er sich schnell mit den Tatsachen ab. Der peitschende Knall eines Energiebogens, der sich gerade neu gebildet hatte, löste Schreckensrufe aus. Knapp hundert Meter über dem Tor zum Transmitterraum stand eine energetische Bahn, die im ständigen Wechsel rot und blau pulsierte! Das Pulsieren war von einem bedrohlichen Rauschen begleitet, und die Bahn war nicht stabil, sondern sie schwang, mal stärker, mal schwächer, wie die Kurve eines Diagramms nach oben und unten aus. Allein ihre Längsrichtung blieb unverändert. »Große Milchstraße...« Jos, dem man unbegreifliche Kaltblütigkeit nachsagte, hielt sich an Pan-The fest und deutete mit der freien Hand auf das Transmitter-Tor. Es schloß sich im Zeitlupentempo! Die Frequenz des Farbwechsels bei dem pulsierenden Energieband stieg; die Schwingungsweite nach oben und unten vergrößerte sich. Unwillkürlich hatten die Männer den Eindruck, in den nächsten Sekunden von dem pulsierenden, rauschenden Band getroffen zu werden. Die ersten wichen schon zurück, suchten ihre Rettung in der Flucht. Jos und der Tibetaner achteten kaum darauf. Die Transmitter-Antenne hielt ihren Blick gefesselt. Die Antenne strahlte nach innen. Die kreisrunde Fläche fluoreszierte in einmaliger Intensität. »Halt! Stehenbleiben!« Jos' Befehl kam zu spät. Einer der beiden Männer, die sich nach Rückfrage tatsächlich als Cyborgs entpuppt hatten, war losgespurtet und schaffte es gerade noch, durch die beiden sich langsam schließenden Flügeltore den Transmitterraum zu erreichen! Dann konnten die zurückgebliebenen Männer nur noch die blaue, für ihre Augen fugenlose Unitallwand anstarren. Ein dritter Mann - ein Cyborg - steckte im geschlossenen Transmitterraum. War er der dritte Selbstmörder? Pan-Thes Schlitzaugen waren ungewohnt rund. Er blickte starr nach oben. Die pulsierende, rauschende Energiebahn existierte nicht mehr. Als sich das Tor des Transmitterraums geschlossen hatte, war auch sie verschwunden. Das Vipho des Tibetaners sprach an. Die Funkzentrale des Höhlensystems verlangte ihn zu sprechen. Jos sah ihm über die Schulter; auf dem Bildschirm des kleinen Geräts erschien der Kopf eines jungen Mannes. Aber dann drehte Pan-The die Lautstärke seines Geräts zu weit herunter. Von der Nachricht war kein Wort zu verstehen. Daß sie wichtig war, stand außer Frage. Der junge Mann hatte nach der letzten Silbe schon wieder abgeschaltet. »Was kann denn da los sein?« fragte der GSO-Mann. Die Ingenieure und Techniker waren ratlos. Aus sieben verschiedenen Richtungen fingen sie einen sich immer wiederholenden Ruf in einer unbekannten Sprache auf. Es mußte ein Notruf sein. Aber wieso konnte
er gleichzeitig von sieben Hyperfunk-Sendern abgestrahlt werden, die weit voneinander entfernt in der Galaxis standen,? »Spielt denn heute unsere Funkortung total verrückt?« brüllte einer der Ingenieure und zeigte damit seine Ratlosigkeit. Den Technikern erging es nicht besser. »Die Instrumente spielen uns einen Streich nach dem anderen... Großer Himmel, eine Station muß demnach ja über 40 000 Lichtjahre entfernt stehen. Und die andere... verdammter Höllenspuk, über 52 000 Lichtjahre! Und mit welcher Energie die Sendungen hereinkommen! So stark wären ja noch nicht einmal alle Hyperfunk-Sender der POINT OF, wenn man sie zusammenschließen würde...« Männer standen vor den Oszillos und den Instrumenten, fuhren Prüfanlagen heran, machten Blitz-Kontrollen - aber keine einzige Kontrolle deutete auch nur an, daß eines der Geräte nicht einwandfrei arbeitete. Die sieben quer über die Galaxis verstreuten Sender existierten! Alle sieben strahlten auf eine millionstel Sekunde genau zur gleichen Zeit denselben Notruf ab. Sieben Sender - und jeder mit einer Leistung, die alle Erfahrungswerte sprengte. Ein siebenfacher Notruf in unbekannter Sprache. Der Ruf wurde ununterbrochen durch den Hyperspace in das normale Raum-ZeitGefüge abgestrahlt. Er lief schon in der zehnten Minute, Norm-Zeit. Und dieser Notruf öffnete jeder Phantasie alle Türen und Tore! Wer rief da? Wer rief wen? Lebten zwischen den Sternen Wesen, die über eine Technik verfügten, der gegenüber auch die Wunderwerke der Mysterious verblaßten? »Wir müssen Cent Field anrufen«, bestimmte der Leitende Ingenieur, der immer verzweifelter wurde, je länger er die Resultate der Auswertungen studierte. »Cent Field muß die Rufe ja auch empfangen. Vielleicht wissen die mehr als wir.« Cent Field meldete sich. Cent Field bestätigte. Aber Cent Field war so ratlos wie die Männer im Höhlensystem von Deluge auf dem Planeten Hope. Die Besatzung der Funk-Z war informiert worden. Der Commander hatte die Männer über die Bordverständigung aus dem Bett geholt. Schlaftrunken waren sie hereingestürmt. Der schlaftrunkene Zustand verging ihnen, als sie einen Blick auf die Funkortung und Echokontrolle geworfen hatten. Sieben gigantische Hyperfunk-Sender in sieben weit voneinander entfernt liegenden Sektoren im galaktischen Bereich! Ein siebenfacher Notruf jagte durch die Milchstraße! Ein Schrei! Immer wieder dieselben Worte! Immer wieder nur dieser eine Satz! Und unverändert alle Meßwerte! Draußen raste der Hurrikan über den Planeten Mirac. Und dort draußen stand die im Bronzeton schimmernde Plastik eines Menschen ohne Kopf und Arme auf einem Sockel, der hohl war, und in dessen Hohlraum es die symbolhafte Darstellung einer Spiralgalaxis gab. Mirac... Verdiente dieser Planet, der vor Äonen von den drei blauen Sonnen einmal eingefangen worden war, wirklich den Namen Wunderplanet? Dan Riker fühlte, daß sein Freund mit seinen Gedanken ganz weit weg war. Prüfend musterte er ihn, sprach ihn aber nicht an.
Neben Ren Dhark lag das Emblem, das sie in dem Flash gefunden hatten, der zu dem zerstörten Ringraumer gehören mußte. Mit seiner rechten Hand deckte Dhark es teilweise ab. Sein Blick schien die Unitallwände der POINT OF zu durchdringen. Sein Blick schien weiter zu reichen, als sich die Galaxis mit ihren Abermilliarden Sternen erstreckte. Walt Brugg wollte eine Frage an den Commander richten, doch auf Rikers Handzeichen hin schwieg er. »Dan...« Während aus den Lautsprechern weiterhin ununterbrochen der Notruf erklang, wandte sich Ren Dhark unvermittelt an seinen Freund. »Dan... hast du diese Sprache wirklich noch nie gehört?« Träumte er? Dan Riker schüttelte den Kopf. Er weiß es nicht mehr, dachte Dhark, aber vielleicht erinnert sich jemand anders daran. Drei Schritte waren es bis zur Bordverständigung. Mit seinem Anruf riß er Arc Doorn aus dem Schlaf. »Ich komme«, hörte man den Sibirier unfreundlich und verschlafen brummen. Doorn blinzelte wegen der Helligkeit, als er die Funk-Z betrat. Und dann erstarrte er mitten im Schritt. Fassungsloses Staunen stand in seinen weit aufgerissenen Augen.
»Dhark...« Seine Lippen flüsterten diesen Namen, aber er sah den Commander nicht an. »Dhark...« Bei seinem Eintritt hatten die anderen sich unwillkürlich umgedreht. Sie alle wurden Zeuge, wie erschüttert der bullige, untersetzte Mann war. Doch woran erinnerte er sich? Und der Commander benahm sich genauso eigenartig. Es schien, als habe ihm Doorn schon alles gesagt. Wieso konnte Ren Dhark sonst diesem Mann verstehend zunicken? »Ja!« Es klang rauh und heiser. Und noch einmal. »Ja!« Noch immer kam der Notruf in steter Folge herein. Unverändert. Abgestrahlt von sieben Stationen. »Sieben Symbole!« sagte Ren Dhark plötzlich halblaut. Wie unter einem Peitschenhieb zuckte Dan Riker zusammen. Nur er. Für alle anderen, mit Ausnahme von Dhark und Doorn, konnten diese beiden Worte nichts bedeuten. Sie waren damals im Höhlensystem auf dem Planeten Hope nicht vor Roccos Rollkommandos geflohen! Sie hatten jene sieben Symbole nie zu Gesicht bekommen. Aber er und Ren und Arc Doorn! Glenn Morris konnte die Spannung und Ungewißheit nicht länger ertragen. »Sieben Symbole? Was haben Sie damit gemeint, Commander?« Seine Frage brachte die drei Männer in die Wirklichkeit zurück, aber noch wurde Morris' Wissensdurst nicht befriedigt. »Dan, erinnerst du dich jetzt?« fragte Dhark seinen Freund eindringlich. »Ja... ja, Ren! Ich erinnere mich. Damals, als Doorn mit dem kleinen Gigant-Sender experimentierte, den Amer Wilkins zwischen dem Höhleneingang und der toten Stadt gefunden hatte. Einmal kam doch ein Ruf aus Raumtiefen zu uns. Eine beschwörende, baßtiefe Männerstimme, die uns in unbekannter Sprache wohl warnen wollte. Großer Gott, wie konnte ich das vergessen! Was wir jetzt hören... das sind doch Worte der gleichen Sprache. Das sind doch...« Die Überraschung angesichts dieser Erkenntnis verschloß ihm den Mund. »Ja«, sagte Ren Dhark und nickte, »wir hören jetzt einen siebenfachen Hilferuf der Mysterious. Sie leben also doch noch! Oder...« Elis Yogan hörte Dharks Worte - und sah gleichzeitig eine neue Anzeige auf seinem Instrumentenpult. Die Behauptung des Commanders, die Mysterious könnten doch noch existieren und sie empfingen gerade einen Notruf dieser Wesen, hätte ihn unter normalen Umständen sprachlos gemacht; aber jetzt hatte er etwas bemerkt, das einen noch stärkeren Eindruck auf ihn machte als Dharks Aussage. »Wir senden ja auch! Wir senden - aber mit welchem Sender bloß?« Er schrie regelrecht. Er deutete auf das Drei-Zwei-Gerät, Über dessen Funktion und Wirkungsweise niemand an Bord Bescheid wußte. Zwei Skalen des Drei-Zwei-Gerätes standen im Grün-Bereich! Die anderen drei, die fingerbreit darunter zu sehen waren, wiesen Blau aus. Aber Grün und Blau paßten nicht zusammen. Sie waren ein Widerspruch in sich. Grün bedeutete Sendung mit einem Hyperfunkgerät! Blau hieß, daß die Anlage abgeschaltet war! Und in der POINT OF waren alle Sender abgeschaltet. Nur die NormalfunkEmpfänger liefen. Sie hielten Kontakt mit den Gruppen, die sich um die Erforschung der Austerndach-Städte und der Plastik bemühten. »Das muß doch herauszukriegen sein!« behauptete Dan Riker, nachdem sie sich alle
davon überzeugt hatten, daß Yogan keiner Fata Morgana zum Opfer gefallen war. Von der POINT OF ging eine Sendung aus. Daran konnte kein Zweifel bestehen! Aber wo im Schiff befand sich der Sender? Seine Lage war nicht zu lokalisieren! Ren Dhark erinnerte sich, was die Utaren auf Esmaladan zu Major Neep gesagt hatten: »Kennt ihr wirklich das Schiff, das ihr POINTOF nennt?« Wurde ihnen jetzt der Beweis erbracht, daß sie ein Raumschiff flogen, das nach wie vor Rätsel in sich barg? Die drei erfahrenen Funkspezialisten begannen zu schwitzen. Die Ortungen des Ringraumers wurden strapaziert, aber sie gaben nicht preis, wo im Schiff der Sender stand. Über Normalfunk rief Dhark die Funkstelle einer der Forschungsgruppen an. »Versuchen Sie eine Peilung. Unser Schiff sendet, aber wir haben keine Ahnung, in welchem Teil der POINT OF der Sender steht. Wir wissen auch nicht, auf welcher Hyperfrequenz die Sendung erfolgt. Wir erwarten Ihren Rückruf!« Der kam nach wenigen Minuten. »Commander, wir haben den gesamten Hyperfrequenzbereich abgetastet. Von der POINT OF geht keine Sendung aus.« Elis Yogan stöhnte: »Das ist genauso verrückt wie die Angaben dieses Drei-ZweiGerätes!« »Vielleicht narrt es uns...« Dan Riker unterbrach sich, als er bemerkte, daß Arc Doorn verschwinden wollte. »Wohin, Doorn?« rief er ihm nach. »Zum Störsender.« Der war auch eins der vielen Rätsel im Schiff. Weitab von der Funk-Z, auf einem anderen Deck und nahe einer der vier Schleusen, stand der Störsender, der einwandfrei ein separates Dasein führte und niemals preisgegeben hatte, warum die Erbauer des Ringschiffes ihm diesen abgelegenen Platz gegeben hatten. Doorn kam wieder zurück. »Das Ding ist abgeschaltet. Daher kommt die Sendung also auch nicht.« »Weiter forschen!« ordnete Dhark an. »Ach so«, sagte er dann, als er Glenn Morris' fragenden Blick sah. »Sie wollten wissen, was es mit den Sieben Symbolen auf sich hat?« Mit wenigen Sätzen gab er seine Erklärung ab. »...und dann stießen wir während unserer Flucht auf sieben Symbole. Wir fanden sie auch noch an anderen Stellen. Aber nicht mehr in der POINT OF. Nur in den Höhlen, in denen zum Teil zu Staub verfallene Maschinen standen. Wir entdeckten auch das Emblem einer Galaxis als rotierendes Etwas unter einer Höhlendecke. Das alles existiert nicht mehr. Dieser Teil der Höhlen von Deluge wurde mitsamt der toten Stadt durch eine unverantwortliche Sprengung vernichtet. Ja, und dann haben Riker und ich dieses Emblem in dem Flash gefunden, der aller Wahrscheinlichkeit nach zu dem zerstörten Ringraumer dort draußen gehört.« Er packte das Emblem an einem der nicht besonders stark ausgearbeiteten Spiralarme und hob es hoch, achtete dabei nicht darauf, daß er irgendwo anstieß; er wurde erst aufmerksam, als ein metallischer heller Klang ertönte und ein Stoß durch seine Hand ging. Er kam nicht dazu, darüber einen Gedanken zu verlieren. In der Funk-Z war es schlagartig still geworden. Der Notruf einer unbekannten Rasse, zeitgleich von sieben weit auseinander liegenden Hyperfunk-Sendern abgestrahlt, war nicht mehr zu hören. Das Drei-Zwei-Gerät warf keine Werte mehr aus. Mitten in einem Wort war der Ruf verstummt. »Dauer des Rufs: achtunddreißig Minuten!« stellte Walt Brugg fest; seine Stimme
klang so unbewegt, als ob ihn der ganze Vorfall nicht im geringsten berührt habe. Ren Dhark rieb sich das Kinn; in der anderen Hand hielt er seinen Fund, mit dem er nicht viel anfangen konnte. »Junge, Junge«, sagte er zu Dan, »heute hat man uns mal wieder allerhand zugemutet.« »Mir reicht's«, knurrte Dan Riker, dem man ansah, wie müde er war. Er drehte sich um, als das Schott der Funk-Z aufsprang. Und erstarrte! Er sah Gespenster die Funk-Z betreten! Grinsende Gespenster! Gespenster, die gar nicht wie Gespenster aussahen. Er war nicht der einzige, der vor ihnen zurückwich; auch die anderen, Ren Dhark, Arc Doorn, Walt Brugg, Glenn Morris, Elis Yo-gan und die beiden Sergeanten, sie alle traten einen Schritt zurück. Und die Gespenster kamen unaufhaltsam auf sie zu!
9. Manu Tschobe war es im Transmitter-Raum nicht anders ergangen als Professor Tim Acker. Er hatte die Roboter aus der Antenne heraussteigen sehen, und er hatte sich über Jimmy gewundert, der keine Notiz von ihnen genommen hatte. Auch dann nicht, als einer der vier Roboter auf sie zugekommen war und Jimmy gepackt und in Richtung der Ringantenne geschleudert hatte. Der Robot-Hund hatte sich nicht gewehrt, und Manu Tschobe hatte sich nicht wehren können, weil er gegen die Metallglieder der Maschine hilflos wie ein kleines Kind gewesen war. Aus! hatte er gedacht, als auch er auf die freie Kreisfläche zugeflogen war, die vom grauen Ring der Antenne begrenzt wurde. »Au! Verdammt noch mal!« schrie er, als er zu Boden krachte. Im ersten Moment glaubte er, sich alle Knochen gebrochen zu haben. Er befand sich ja noch immer im Großtransmitter-Raum! Vor der Antenne! Neben Jimmy! Und dieser Köter blinzelte ihn an, als wolle er sagen: Na, tun dir auch alle Knochen weh? »So was«, knurrte der Afrikaner und richtete sich auf. Jede Bewegung schmerzte. Er war ziemlich unglücklich gefallen. Besonders seine linke Kniescheibe hatte einiges abbekommen. Aber wo waren dann die vier Roboter? Tschobe stand mit schmerzverzerrtem Gesicht auf und drehte sich langsam um die eigene Achse; dabei kniff er seine dunklen Augen immer stärker zusammen. Allmählich dämmerte ihm die Erkenntnis, daß er sich doch in einem anderen Transmitter-Raum befand. Er war kleiner und nicht so hoch wie der Raum im Höhlensystem, sämtliche Unitallwände waren geschlossen, nicht eine einzige Energiebahn war zu sehen. »Du Blindgänger«, knurrte er, als Jimmy ihn anstieß. In der nächsten Sekunde gab er sich selbst das Versprechen, so etwas so schnell nicht wieder zu sagen. Aus dem Stand war Jimmy in die kreisrunde Leerfläche der fluoreszierenden Antenne gesprungen und verschwunden. Manu Tschobe war das Schimpfen vergangen. Ohne den Robot-Hund fühlte er sich verloren. Das Brikett auf vier Beinen mochte zwar nur eine technische Spielerei des dicken Chris Shanton sein, in dieser Lage war es aber so etwas wie ein verläßlicher Freund. »Soll ich?« fragte er sich laut. Sein Bedarf, fremde Transmitter-Anlagen zu benutzen, war eigentlich schon gedeckt. Und es behagte ihm nicht, Jimmy einfach zu folgen.
Der Scotchterrier kam ohne Atemluft, Wasser und Essen aus; er war funktionsfähig, solange sein kleiner Konverter Energie lieferte. Doch er - Manu Tschobe - konnte sich leicht an fünf Fingern abzählen, was ihm geschah, wenn die dritte oder vierte Anlage sich in einem luftleeren Raum befand. »Soll ich auch...?« fragte er sich abermals. Und dann ertappte er sich dabei, wie leicht er Versprechen brechen konnte. »Du Miststück.« Das kam aus vollem Herzen. Er folgte dem Miststück! Diesmal kam er nicht zu Fall. Er war wiederum an einem anderen Platz angekommen. Und er brach in schallendes Gelächter aus, als ihm klar wurde, was er gerade gefragt worden war: »Haben Sie wenigstens was Anständiges zu essen bei sich, Tschobe?« Ziemlich giftig fuhr Professor Acker fort: »Ihr ordinäres Lachen können Sie sich sparen; das wird Ihnen schnell vergehen.« Der Raum war kahl und leer - bis auf die Antenne - und dabei so groß wie vier Fußballfelder zusammen und so hoch wie ein Dom. Und eine Antennenkonstruktion dieser Ausmaße hatte Tschobe auch noch nie zuvor gesehen. Beruhigt stellte er fest, daß es warm war; die Luft schien stark mit Ozon angereichert. Das Licht aus Wänden und Decken war angenehm; weniger beruhigend empfand er, daß alle Unitallwände eine geschlossene, fugenlose Einheit bildeten. Einen anderen Mann als Manu Tschobe hätte es vielleicht nervös gemacht, Professor Tim Acker mitten in einem Schrotthaufen sitzen zu sehen. Die Geräte, die er im Großtransmitter-Raum von Deluge sorgfältig aufgestellt hatte, sahen reichlich demoliert aus. Tim Acker auch. Er hatte Schürfwunden an den Händen und eine Platzwunde am Kopf. Und er hatte Hunger. Verächtlich deutete der Wissenschaftler auf Tschobes Spezial-Vipho. »Das Ding können Sie wegschmeißen. Auch wenn seine Reichweite über hundert Lichtjahre beträgt! Sie bekommen damit keinen Empfang herein... Sagen Sie mal, Sie sind doch wohl nicht so närrisch gewesen, mich zu suchen?« Tschobe konnte ihn beruhigen. Acker nickte zufrieden, als er hörte, daß der Afrikaner auch von einem Roboter wie ein Paket in die Transmitter-Antenne geschleudert worden war. »Gemeinsames Pech verbindet, Tschobe!« »Sie haben einen verdrehten Humor, Acker. Ich...« »Da kommen sie. Jetzt sind Sie dran! Lügen Sie unter keinen Umständen, Tschobe. Hier hilft nur eins: die volle Wahrheit sagen, sonst werden Sie von den Blechkameraden psychisch auseinandergenommen.« Mehr konnte Tim Acker seinem Leidensgefährten nicht mit auf den Weg geben. Zwei Roboter nahmen die Neuzugänge in Empfang; Jimmy rührte kein Glied, wahrscheinlich konnte er es so wenig wie Tschobe. Der glaubte zwischen zwei Schraubstöcken zu stecken. Ein schwebender zylinderförmiger Roboter trug ihn auf eine der Unitallwände zu, die sich erst kurz vor ihnen wie eine Blende öffnete und einen Einlaß von knapp drei Metern Durchmesser freigab. Er konnte noch einmal zurückblicken und sah den Professor, der auf einem demolierten Gerät hockte und ihm zunickte. Der Schwebeflug dauerte ein paar Sekunden, dann hatten sie anscheinend ihr Ziel erreicht. Tschobe sah abermals eine gewaltige Halle, deren Decke leicht nach außen gewölbt war. Sie schien transparent zu sein und das Leuchten einer rötlichen Lichtquelle hereinzulassen. Doch der Afrikaner konnte nur einen Augenblick nach oben blicken. Dann drehte sich sein Roboter, und Tschobe betrachtete den Boden, in
dem sich lange Reihen unterschiedlich geformter Vertiefungen befanden. Die Maschine mit Jimmy schwebte schon weit links und senkte sich langsam zu Boden. Tschobe überflog die Hälfte der großen Halle und bemerkte, als sein Träger langsam tiefer sank, daß sie sich einer Vertiefung näherten, in die sein Körper hineinpaßte. Der Roboter stand. Tschobe wurde herumgeschwenkt, hing kurz zwischen zwei metallenen Pranken mit dem Rücken zum Boden in der Luft und wurde dann in die Vertiefung gedrückt. Er hörte weder ein Klicken noch verspürte er Druck, doch als er einen Arm bewegen wollte, konnte er es nicht mehr. Unsichtbare Kräfte hielten seinen Körper umfaßt und ließen ihm nicht mehr den geringsten Spielraum. Der Roboter schwebte davon. Nicht einmal ein leises Summen war zu hören. Da erst wurde Tschobe bewußt, wie still es in der großen Halle war. Das Licht, das durch die transparente Decke fiel, wurde heller. Der rötliche Schimmer verschwand mehr und mehr. Ich kann meine Augen nicht mehr bewegen, stellte Manu Tschobe mit der wissenschaftlichen Neugier des forschenden Arztes fest. Dann war er nicht einmal mehr in der Lage, eigene Gedanken zu entwickeln. Etwas Fremdartiges begann, seine Sinne zu beherrschen. Er gab dem Drängen von außen einfach nach. Er hatte vergessen, daß er Manu Tschobe war, dachte weder an Professor Acker noch an Jimmy. Er war nicht mehr Herr seiner Sinne. Er war zum Nichts geworden. Verriet er etwas? Er hätte in diesem unbeschreiblichen Zustand alles verraten - auch sich selbst. Und er hatte jedes Zeitgefühl verloren. Daß er allein war, was spielte es für eine Rolle? Licht! Dunkelheit! Farben! Schatten! Wärme, dann Kälte. Traf ihn ein Luftstoß? Dachte er etwas? Fühlte er etwas? Gab es tatsächlich Licht um ihn her? Oder Dunkelheit? Sah er Farben? Und waren die Schatten wirklich Schatten? Er war immer noch ein Nichts; er war nicht mehr er selbst. Was floß aus ihm heraus? Was floß in ihn hinein? Übergangslos der Wechsel von einem Zustand zum anderen. Er war wieder Herr seiner Gedanken, aber die Gedanken waren noch nicht seine eigenen. Sie wurden von außen her in ihn hineingetragen. Er sah Ren Dhark, so, wie er ihn immer gesehen hatte; er sah ihn mit seinen Augen. Und er sah Dan Riker, Miles Congollon, Ralf Larsen, den CAL, einen Nogk, einen G'Loorn, ein paar Utaren und Rateka, den Singu. Er sah sich! In seinen Gedanken entstanden alle diese Bilder. Gedankenkontrolle! Wahrheitsprüfung! Wie Blitze zuckten diese Erkenntnisse durch seine Gehirnwindungen. Doch auch diese Erkenntnisse kamen nicht aus ihm, sondern von außen! Letzte Wahrheitsprüfung... Es war eine Ankündigung und eine Drohung zugleich. Plötzlich bäumte er sich auf, als er sich abermals sah. Nein, so war er nicht. Niemals so ehrgeizlos! Nicht so bescheiden! Nicht so selbstlos. Das Egoistische fehlte. Der Hochmut! Seine Arroganz, die er immer zu verstecken versuchte. Er schrie, weil er sich selbst so verlogen gezeichnet hatte.
Er hatte diesen Abschnitt der letzten Wahrheitsprüfung nicht bestanden! Er verbesserte sein Bild. Er zeichnete es wahr. Und erneut sah er sich, aber diesmal mußte er nicht schreien; diesmal hatte er an sich nichts zu verbessern, wenngleich er längst nicht so gut aussah wie eben. Dann war er wieder er selbst - der Terraner Manu Tschobe, Arzt und Funkspezialist. Er lag noch immer unbeweglich in der Vertiefung, in die sein Körper so genau hineinpaßte. Er konnte nach wie vor kein Glied rühren. Aber denken. Und er begriff jetzt, was Professor Tim Acker gemeint hatte, als er ihm den Rat gegeben hatte, die volle Wahrheit zu sagen, sonst würden ihn die Blechkameraden psychisch auseinandernehmen! Acker hatte nicht zuviel versprochen. Tschobe war psychisch auseinandergenommen worden, als er ein geschöntes Bild von sich gezeichnet hatte. Und das sollten diese Roboter vollbracht haben, diese seelenlosen Konstruktionen? Eine neue Überraschung wartete auf ihn. Er konnte sich erheben. Weit und breit war kein Roboter zu sehen, nur diese gewaltige Halle mit ihren Tausenden von Vertiefungen in allen nur erdenklichen Formen. Als Manu Tschobe wieder stand, wurde ihm schlagartig bewußt, daß er sein gesamtes Wissen preisgegeben hatte. Er hatte alles und jeden verraten! Auch die Rätsel, die ihnen die Mysterious, die Giants, die Nogk und die anderen Rassen bis heute aufgegeben hatten. Er hatte Terra verraten, die galaktische Position des Sol-Systems, die Geheimnisse auf dem Inselkontinent Deluge, die Schwäche der Terranischen Flotte. Er hatte Ren Dhark verraten, hatte preisgegeben, daß er ein Schiff flog, das die Mysterious vor rund tausend Jahren auf Hope fast fertiggestellt hatten. Manu Tschobe schluckte. Er sah sich als Verräter, aber er konnte seinen Verrat nicht verstehen. Bewußt hatte er ihn nicht geübt. Entschuldigte das nicht alles? Prüfend blickte er an sich herunter. Er wollte sich davon überzeugen, ob er tatsächlich existent war. Dann tastete er sich zusätzlich noch ab. Er war vorhanden! Er war nach wie vor ein Mensch aus Fleisch und Blut - aber wieso fürchtete er sich dann nicht vor dem, was die Zukunft für ihn bereithielt? Die Roboter waren doch die reinsten Schreckenskonstruktionen, ihr Verhalten bar jeder Menschlichkeit! Dennoch flößten sie ihm keine Furcht ein. Tschobe bückte sich und untersuchte die Vertiefung, in der er gelegen hatte. Er untersuchte sie mit der Ruhe eines Wissenschaftlers, der gewohnt war, auch auf die kleinste Kleinigkeit zu achten. Die Vertiefung war glatt, ohne jede Bearbeitungsspur, und sie zeigte nichts weiter als geschwungene und gewölbte Flächen. Kein Loch, keinen Kontakt - nicht die geringste Spur, die auf eine versteckte, technische Anlage hinwies. Hastig legte er den Kopf in den Nacken und blickte zur transparenten Decke empor. Rötliches Licht drang hindurch... Hatte dieses Licht nicht zeitweilig in einem anderen Farbton geleuchtet? Hilflos zuckte er die Schultern. Er mußte an Tim Acker denken, den Professor mit dem gesegneten Appetit. Hatte der Wissenschaftler das gleiche durchstehen müssen wie er - und war er genauso zum Verräter geworden? Tschobe sah sich um. Dieser gewaltige Raum, diente er einzig und allein dem Zweck, fremde Wesen ihres gesamten Wissens zu berauben? Und was wurde mit dem erbeuteten Wissen gemacht? Wer stand hinter dieser teuflischen Maschine? Die Grakos...? Manu Tschobe kannte natürlich Major Neeps Bericht. Er wußte, wie die Utaren die
Mysterious nannten, und welchen Haß sie den ehemaligen Unterdrückern der Galaxis entgegenbrachten. Die Grakos, die Geißel der Galaxis! Unwillkürlich setzte Tschobe sie mit den Mysterious gleich - aber im nächsten Moment sagte ihm sein Gefühl, daß das nicht sein konnte. Die Mysterious konnten einfach nicht mit den Grakos identisch sein. Ohne es bewußt wahrzunehmen, hatte er sich langsam in Bewegung gesetzt. Er ging an den langen Reihen der Vertiefungen vorbei und auf jene Ecke zu, an der er den Roboter mit Jimmy hatte zu Boden gehen sehen. Jimmy lag in einer Vertiefung, die für seinen Körper paßte. Der Robothund war weder abgeschaltet noch auf Stand-by. Er war zwar anscheinend nicht in der Lage, eines seiner Beine oder den Kopf zu bewegen, doch seine Augen standen nicht still. Tschobe betrachtete sich alles ganz genau. Aber es gab nichts zu sehen, bis auf das, was er bereits auf den ersten Blick gesehen hatte. Die Untersuchungsmethoden der Roboter und ihrer Erbauer wurden ebenso sorgsam verborgen wie die Technik, mit der diese Untersuchungen durchgeführt wurden. War Jimmy für die Unbekannten ein Problem? Sie waren doch wohl in der Lage, zu erkennen, daß der vermeintliche Scotchterrier kein Wesen aus Fleisch und Blut war? Tschobes Geduld wurde auf keine lange Probe gestellt. Plötzlich schnellte Jimmy hoch, landete weich wie ein Hund neben dem Afrikaner und schmiegte sich an ihn. Tschobe wollte ihn streicheln, doch das Brikett auf vier Beinen ließ ihm keine Zeit dazu. Es drängte sich gegen seinen linken Fuß, versuchte ihn vorzuschieben und zwang ihn damit, in eine andere Richtung zu blicken. Ein Mann kam auf ihn zu! Er - Manu Tschobe! Und neben dem Mann lief - Jimmy! Kaltes Entsetzen packte den Afrikaner. Plötzlich quälte ihn die Angst, im TransmitterRaum gar nicht mit Professor Acker, sondern mit seinem Double gesprochen zu haben! Einem Double, das von einem echten Menschen nicht zu unterscheiden war! »Jimmy!« flüsterte Tschobe. Er wollte den Hund streicheln, zog jedoch, kaum daß er das synthetische Fell berührt hatte, seine Hand hastig zurück. Eine verrückte Frage war ihm durch den Kopf geschossen. Eine Frage, die er sich stellen mußte. Schließlich sah er sich selbst näherkommen! Und er konnte nicht sagen, daß sein zweites Ich unecht war! War er also wirklich der echte Manu Tschobe? Konnte nicht ebensogut der andere Manu Tschobe der echte sein? Wie ein Blitz durchzuckte ihn die Erinnerung daran, daß er sich vorhin abgetastet hatte, um den Beweis zu erhalten, existent zu sein! Hatte er nicht schon mit diesem Versuch an seinem eigenen Ich gezweifelt? »Tschobe, man erwartet Sie. Sie und Jimmy.« Sein zweites Ich hatte zu ihm gesprochen. Unverkennbar mit seiner Stimme, echt bis auf die winzigste Kleinigkeit. Jede Bewegung, jedes Muskelzucken stimmte. Manu Tschobe war kein Schwächling. Er schlug blitzschnell einen sauberen trockenen Haken. Und er traf sein zweites Ich mit voller Kraft. Als er wieder zu sich kam, kniete Tim Acker neben ihm und sah ihn besorgt an. Manu Tschobe glaubte, unter seinem Schädeldach würden ein paar tausend Hornissen herumsurren. So miserabel wie in diesem Moment hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt. Tim Acker atmete erlöst auf. »Na, endlich, Tschobe; mußten Sie denn so hart zuschlagen?«
»Schlagen...? Zuschlagen?« Dunkel begann der Afrikaner, sich zu erinnern, daß er sein zweites Ich hatte niederschlagen wollen. »Ja, Sie haben sich genauso dämlich angestellt wie ich, Tschobe. Nur besitze ich nicht Ihre Bärenkräfte. Deshalb habe ich mir nur wehgetan und konnte feststellen, daß es einen zweiten Tim Acker nie gegeben hat, weil er sich auflöste. Aber ich möchte zu gern wissen, wie man Ihnen und mir diese Duplikate so wirklichkeitsecht präsentieren konnte.« Tim Acker redete zuviel. Tschobe konnte ihm kaum folgen. Und das Sprechen fiel ihm schwer. Sein Kinn schmerzte. »Hier!« Acker hielt ihm eine Plastikflasche an die Lippen. »Trinken sie einen Schluck. Viel ist nicht mehr drin.« Wie Feuer rann der Whisky die Kehle hinunter, aber das Getränk tat Manu Tschobe gut. »Wo ist Jimmy?« fragte er, als er sich mit Ackers Hilfe aufrichtete. »Durch den Transmitter auf und davon. Vor zehn Minuten.« Tschobe unterdrückte eine Verwünschung. Sein finsteres Gesicht verriet seine Gedanken. »Ich habe nur darauf gewartet, daß sie aufwachen würden, Tschobe. Ich verschwinde ebenfalls von hier. Haben Sie Lust, zu verdursten oder zu verhungern? Seit ich mich hier aufhalte, hat man mir weder zu essen noch zu trinken angeboten.« Manu Tschobe begann sich zu wundern, wie dieser Mann an seine Doktortitel gekommen war. Der wurde doch von nichts anderem als seiner Freßsucht beherrscht. »Und wenn Sie im freien Raum ankommen, Acker?« Der Wissenschaftler schüttelte den Kopf. »Die Roboter, die uns in der Höhle in den Transmitter geworfen haben, sind über diesen Weg gekommen. Warum sollten wir nicht versuchen, den gleichen Weg zu benutzen?« Tschobe starrte die gewaltige Antenne an. »Ich verstehe das alles nicht, Acker. Bestimmt übersehen wir irgend etwas Wichtiges. Wozu hat man diese Transmitter-Verbindung geschaffen? Wo sind die Wesen, die sie benutzen? Wo die Waren, die damit befördert werden? Wo bleiben die Erzeugnisse aus dem Industriedom?« Ackers Kichern unterbrach ihn. »Haben Sie immer noch nicht begriffen, daß der Großtransmitter im Industriedom einer von ein paar hundert sein muß? Einen haben wir bisher entdeckt und uns auf diese Entdeckung so viel eingebildet, daß wir es einfach versäumt haben weiterzusuchen. Ich will Ihnen einmal sagen, was ich vermute, Tschobe, auch wenn das in Ihren Ohren vielleicht phantastisch klingen mag: Wir haben es hier mit einem Transmittersystem zu tun, das weite Teile der Galaxis umfaßt. Irgendwo gibt es eine Zentrale, in der alles zusammenläuft. Von dort aus wird das ganze System abgesehen von automatisch arbeitenden Knotenpunkten - gesteuert. Wir befinden uns auf einem dieser Knotenpunkte. Die Roboter haben wahrscheinlich nur die Aufgabe, die gelegentlich erforderlichen Reparaturen durchzuführen. Und wer Anlagen dieser Größenordnung bauen kann, mein Lieber - glauben Sie, der käme so leicht hinter'm Ofen hervor? Der bleibt da hocken, wo es schön warm und gemütlich ist. Der hat's doch gar nicht mehr nötig, sich weit herauszuwagen.« »Das ist mir ein bißchen zu unwahrscheinlich, Acker!« wandte Manu Tschobe ein. »Ach ja? Auch daß Sie und ich alles verraten haben? Ist das immer noch unwahrscheinlich - oder die bittere Wahrheit?« ereiferte sich Acker. »Stellen Sie sich einmal vor, unser gesamtes Wissen wäre inzwischen ausgewertet und wir unfreiwillig zu den Totengräbern unserer Rasse geworden. Es könnte doch sein, daß die anderen sich sagen: Der Happen kommt uns gerade recht, den schlucken wir gleich einmal.« Tschobe brauste auf. Ackers Schwarzmalerei war ihm zuwider. »Das sind ja
kindische Vorstellungen...« »Tschobe!« Acker blickte ihn durchdringend an. »Haben Sie vergessen, was Sie selbst in Sachen Giant-Forschung alles postuliert und zum Teil auch bewiesen haben?« Tschobe holte tief Luft. »Okay«, gab er schließlich klein bei, »ich bin einverstanden, daß wir so schnell wie möglich verschwinden. Hoffentlich kommen wir nicht vom Regen in die Traufe.« Er nahm die Zigarettenpackung aus der Tasche und schob sich eine Zigarette zwischen die Lippen. Aber sie schmeckte ihm nicht. Nach ein paar Zügen warf er sie achtlos zu Boden und vergaß, sie auszutreten. Eine Minute später hatten die beiden Männer den Raum durch die TransmitterAntenne verlassen. Etwas zu früh... Der Cyborg, der sich im Großtransmitter-Raum im Höhlensystem hatte einschließen lassen, trat durch die Antenne heraus. Er sah die demolierten Geräte, die einmal zu Tim Ackers Ausrüstung gehört hatten. Eine der Kameras nahm er an sich. Dann sah er die langsam verglimmende Zigarette am Boden. Er trat sie aus, sah sich noch einmal um und schritt wieder durch die Antenne. So gering die Wahrscheinlichkeit prinzipiell auch sein mochte - er hatte Glück. Der Rückweg war klar. Nach abermaligem Umsteigen befand er sich wieder an seinem Ausgangspunkt, und mit Genugtuung beobachtete er, wie sich kurz nach seiner Ankunft das doppel-flügelige Portal des Großtransmitter-Raumes wieder öffnete. Langsam setzte er sich in Bewegung. Die Zigarette, die er gefunden hatte, hielt er wie einen Schatz in der Hand. In der anderen trug er Tim Ackers Kamera. Zehn Minuten später lief das Videoband! Die Menschen sahen zum erstenmal Roboter aus dem Transmitter kommen; sie sahen aber auch, auf welchen Wegen die Erzeugnisse des Industriedoms verschwanden. Und dann wurde Tim Ackers Verschwinden verständlich. »Stop! Zurücklaufen lassen. Alles noch einmal!« gellte ein Ruf aus der Menge. Proteste wurden laut, aber der Rufer beharrte auf seiner Forderung. »Ich glaube... ich denke... Ach, alles noch einmal. Die letzten drei, vier Minuten!« Der Mann war so aufgeregt, daß er kaum einen zusammenhängenden Satz sagen konnte. »Stop! Da... Da war's wieder!« Ein älterer, grauhaariger Mann drängte sich nach vorn. Ein Techniker. Seine engsten Kollegen kannten ihn als einen stillen, zuverlässigen Menschen, der es eigentlich stets vermied, irgendwo im Mittelpunkt zu stehen. »Bitte lassen Sie die letzte Szene ganz langsam ablaufen. Oder, noch besser wäre es, Sie würden mir die Fernbedienung geben.« Man gab sie ihm. Erneut wurde das Band abgefahren. Der Techniker ging mit der Vergrößerung herunter. Stille im Vorführraum, in dem die Männer atemlos standen und mit Spannung darauf warteten, ob einer von ihnen etwas beobachtet hatte, was ihnen allen entgangen war. »Da!« Das Band stoppte. »Ich spule zehn Sekunden zurück, schalte auf Standbilder.« Auf dem Monitor erschien ein Kreis, der einen Bereich auf der linken Seite des Transmitter-Raums markierte. »Achten Sie auf diese Stelle. Noch ist nichts zu sehen... Und nun die nächsten Bilder...« Wieder Stop! Der Techniker erhöhte die Vergrößerung des kreisförmigen
Bildausschnitts. »Sehen Sie jetzt bitte genau hin! Da...« Unter einem der Instrumente war ein Steuerschalter, der sich bisher nie hatte bewegen lassen, in eine andere Position gekippt! Automatisch! »Achten Sie bitte darauf... in ein paar Sekunden tritt der erste Roboter aus der Ringantenne. Das, werte Kollegen, ist die Schaltung, dem Großtransmitter und seiner Gegenstation eine andere Einbahnrichtung zu geben. Entschuldigen Sie bitte die Störung. Ich wollte mich nur selbst davon überzeugen, keiner Täuschung zum Opfer gefallen zu sein. Entschuldigen Sie mich.« Er gab die Fernbedienung des Videorecorders zurück und tauchte wieder in der Menge seiner Kollegen unter. Einer der vielen Unbekannten, die einmal eine Sternstunde hatten und dann in ihrem ganzen Leben nie mehr ins Rampenlicht der Öffentlichkeit traten. Der Großtransmitter und seine Gegenstation im Irgendwo ließen sich umschalten. Der Film, der noch auf seine Feinauswertung wartete, hatte es bewiesen. Noch einmal mußte der Cyborg seine Erlebnisse berichten, aber er konnte nicht den geringsten Hinweis liefern, wo die anderen Stationen liegen mochten. Die Teamchefs standen um Pan-The herum. Sie erwarteten seine Entscheidung. Doch Pan-The dachte nicht daran, in diesem Stadium der Entdeckungen ein Risiko einzugehen. »Wir schicken den stärksten tragbaren Hyperfunk-Sender durch den Transmitter und schalten die Gegenrichtung ein, wenn er in der Antenne verschwunden ist. Solange wir nicht wissen, wo sich die Gegenstation befindet, verbiete ich alle Versuche a la Acker und Tschobe. Ebenso den Einsatz der Cyborgs. Ich mache Sie als Teamchefs verantwortlich, wenn meinen Anordnungen zuwider gehandelt wird. Ich darf Ihnen versichern, daß Sie mit Ihrer Gruppe nach Terra zurückgeschickt werden, wenn es dennoch zu Zwischenfällen der genannten Art kommen sollte.« Aus der Funkzentrale wurde ein Hyperfunk-Sender zum Großtransmitter-Raum geschafft. Knapp zwanzig Ingenieure und Techniker untersuchten die Schaltung, die mit Hilfe des Films entdeckt worden war. Die Gesichter der Männer drückten immer größere Enttäuschung aus. Der Steuerschalter ließ sich nicht bewegen! Er saß so fest, als sei er angeschmiedet. Die graue Antenne in der Mitte des großen Raumes stand auf Empfang und nahm keinen einzigen Gegenstand an. Die fluoreszierende Fläche konnte gefahrlos durchschritten werden. Nutzlos stand der tragbare Sender vor der Anlage. »Es ist zwecklos«, meinte Bernard Brissier, ein schlaksiger Gascogner. »Wir verplempern hier nur kostbare Zeit.« Er warf der grauen Antenne einen abfälligen Blick zu. Unwillkürlich sah er zum Ausgang und entdeckte die leichte Veränderung. Er fühlte, wie sich seine Haare sträubten. Lautlos war die undurchsichtige, energetische Sperre aufgebaut worden. Siebzehn Techniker und Wissenschaftler waren im Großtransmitter-Raum eingeschlossen!
10. Auf Terra gab es Alarm für die Cyborgs! Die LAKA, ein Kugelraumer der 100-Meter-Klasse, war startklar und wartete nur noch auf die Starterlaubnis. Zwischen der Funk-Z des Schiffes, das erst vor einem Monat vom Band gelaufen war, und dem Stab der TF herrschte ungewöhnlich lebhafter Viphoverkehr. Drei der bekanntesten Cyborgs hielten sich im Funkraum der LAKA auf, aber nur
Holger Alsop führte das lebhafte Wechselgespräch; Jan Burton, der Logistiker, und Bram Sass standen unauffällig im Hintergrund. Marschall Bulton gab der Einsatzgruppe die letzten Nachrichten vom Planeten Hope durch: »...seit acht Stunden besteht die energetische Sperre am GroßtransmitterRaum. Im Höhlensystem ist man verzweifelt. Selbst Pan-The rät davon ab, Cyborgs einzusetzen. Nicht einmal Funkkontakt mit den Eingeschlossenen ist möglich. Alsop, ich weiß nicht, ob ich es in dieser Lage verantworten kann, der LAKA die Startfreigabe zu erteilen.« Holger Alsop, der erste Cyborg, der je entwickelt worden war, schüttelte den Kopf. »Der Commander hätte die LAKA schon längst auf die Reise geschickt, Marschall.« »Der Commander... Aber der Commander ist nicht da. Das wissen Sie so gut wie...« Bulton mußte in seinem Büro gestört worden sein. Sein Kopf verschwand vom ViphoSchirm. In der Funk-Z der LAKA hörte man jedoch immer noch seine Stimme. »Keine Meldungen. Ich habe doch ausdrücklich untersagt, daß...« Es war wohl nicht sein Tag. Marschall Bulton wurde von dritter Stelle unterbrochen. Von der Hyperfunkstation Cent Field, der größten Anlage dieser Art auf Terra. »Marschall, ich glaube, daß es von Wichtigkeit ist, Ihnen einen Funkspruch von der POINT OF durchzugeben.« Die Cyborgs im Funkraum der LAKA horchten auf. Commander Dhark hatte sich wieder einmal gemeldet! Die Cyborgs hörten den Marschall in seinem Büro schnaufen, dann polterte er los: »Nun geben Sie schon den Spruch herein! Oder muß ich noch ausdrücklich darum bitten?« Überall, wo die Nachricht gehört wurde, sahen Männer unwillkürlich zur großen SDSternkarte. Wer es verstand, Koordinaten zu lesen, erfaßte sofort, warum diese Koordinaten-Werte fremd in den Ohren klangen. Grün minus 34:54,56! Rot minus 03:10,67! Blau minus 16:70,06! Minus...? Der gesamte Minus-Bereich lag doch hinter dem Zentrum der Milchstraße! Dort sollte die POINT OF stecken? Hinter dem galaktischen Zentrum, das auf Jahre hinaus nicht beflogen werden konnte, weil dort durch den Untergang der Chronosphäre der G'Loorn eine Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes stattgefunden hatte. Hinzu kamen die elektromagnetischen Stürme, die im Zentrumsbereich noch weit heftiger wüteten als in den Randzonen der Milchstraße. Das galaktische Zentrum mußte auf absehbare Zeit die reinste Hölle sein. Während viele Blicke die Position des Ringraumers auf der Sternkarte festlegen wollten, gab es die nächste Überraschung. Die Hyperfunkstation in Cent Field berichtigte ihre Angaben! Die Minus-Werte waren zu streichen! Man erklärte diese Berichtigung mit dem schlechten Empfang der Sendung. Über Vipho war das Grollen des cholerischen Marschalls zu hören. »Was?« brüllte er. »Das soll ich glauben? Major!« Bultons Stimme schnarrte. »Ich empfehle Ihnen, noch einmal genauestens zu überprüfen, ob dieser Spruch tatsächlich von der POINT OF gekommen ist, oder ob das ein übler Scherz ist. Mann, sagen Sie mal, glauben Sie denn diesen Unsinn?« Der Major in der Hyperfunkstation glaubte ihn. Er nickte. Und dann sagte er: »Der Spruch ist eindeutig von der POINT OF gekommen. Wir haben die Hyperfrequenz analysiert.« Die drei Cyborgs in der Funk-Z der LAKA erlebten an ihrem Vipho-Schirm alles mit. Sie konnten ebenfalls nicht glauben, was dem Marschall durchgegeben worden war.
Es konnte einfach nicht stimmen. Diese Nachricht mußte ein übler Scherz sein. Jan Burton, der Logistiker, hatte sein Zweitgehirn eingeschaltet und blitzschnell alles durchgerechnet. Er kam auf eine Wahrscheinlichkeit von zweiundachtzig Prozent, daß diese Meldung den Tatsachen entsprach. Dennoch hütete sich Burton, Alsop und Sass zu informieren. Er wollte nicht ausgelacht werden Marschall Bulton wandte sich wieder den Cyborgs zu. »Der geplante Flug nach Hope wird verschoben. Bleiben Sie aber an Bord der LAKA. Sollte im Laufe der nächsten Stunden eine andere Entscheidung gefällt werden, dann wird Sie der Stab der TF umgehend benachrichtigen.« »Na ja...« sagte Holger Alsop. Stumm blickte Bram Sass vor sich hin. Er war durch Überraschungen so leicht nicht zu erschüttern, doch als er Jan Burton einen Blick zuwarf und dessen nachdenklichen Gesichtsausdruck bemerkte, erwachte sein Mißtrauen. Sollte die Meldung von der POINT OF womöglich doch stimmen? Unsinn, dachte er, völliger Blödsinn. So etwas gibt's doch gar nicht! Das gleiche dachte auch Marschall Bulton. Immer wieder mußte er an die Meldung von der POINT OF denken. Gedankenverloren betrachtete er die Sternkarte, auf der der Standort des Flaggschiffs eingetragen worden war. Der Ringraumer befand sich also doch noch immer in jenem Sonnensystem, in dem die POLLUX dieses merkwürdige Monument entdeckt