Neue Paracelsus-Edition
Paracelsus
(Theophrastus Bombast von Hohenheim)
Neue Paracelsus-Edition
Herausgegeben von ...
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Neue Paracelsus-Edition
Paracelsus
(Theophrastus Bombast von Hohenheim)
Neue Paracelsus-Edition
Herausgegeben von Urs Leo Gantenbein
Band 1
Walter de Gruyter · Berlin · New York
Paracelsus
(Theophrastus Bombast von Hohenheim)
Theologische Werke 1: Vita Beata – Vom seligen Leben
Herausgegeben und eingeleitet von Urs Leo Gantenbein unter Mitarbeit von Michael Baumann und Detlef Roth
Walter de Gruyter · Berlin · New York
Dieser Band wurde von der Theophrastus-Stiftung unterstützt.
Ü Gedruckt auf säurefreiem Papier, das die US-AN SI-Norm über Haltbarkeit erfüllt
ISBN 978-3-11-019052- 6 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet unter http://dnb.d-nb.de abrufbar
© Copyright 2008 by Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, 10785 Berlin Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Printed in Germany Einbandgestaltung: Christopher Schneider, Berlin Satz: Dörlemann Satz GmbH & Co. KG, Lemförde Druck und buchbinderische Verarbeitung: Hubert & Co. GmbH & Co. KG, Göttingen
V
Inhalt
Inhalt
I.
Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1
II.
Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
3
a. Grundzüge der paracelsischen Theologie . . . . . . . a1. Paracelsus als radikaler Reformator . . . . . . . a2. Zeitperioden im theologischen Schaffen Hohenheims . . . . . . . . . . . . . . . . . . a3. Die theologischen Werke in der Übersicht . . . a4. Kerngedanken in der Theologie Hohenheims . a5. Mögliche Quellen der paracelsischen Theologie a6. Zur Frage der Einheit von Medizin, Naturphilosophie und Theologie . . . . . . . . . . .
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5 5
. . . .
13 17 19 29
.
35
b. Zur Geschichte der Theologica-Edition . . . . . . . . . b1. Das Corpus Theologicum des Theophrastus von Hohenheim . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b2. Karl Sudhoff als Wegbereiter der TheologicaEdition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b3. Wilhelm Matthießen als erster Herausgeber . . . b4. Die Vorbereitungsphase unter Heinrich Bornkamm 1935–1941 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . b5. Kurt Goldammer als Editionsassistent 1941–1953 . b6. Beginn der Goldammer-Edition 1953 . . . . . . . b7. Blütezeit unter der Mitarbeit von Karl-Heinz Weimann 1953–1962 . . . . . . . . . . . . . . . b8. Stagnation der Goldammer-Edition 1965–1975 . . b9. Versuch der Konsolidation 1975–1983 . . . . . . b10. Niedergang der Goldammer-Edition 1983–1995 . b11. Die Neue Paracelsus-Edition . . . . . . . . . . .
37
c. Zum Themenkreis des Liber de vita beata . . . . . . . . c1. Zum Begriff der „Philosophia Magna“ . . . . . .
37 40 41 45 48 54 56 60 63 65 67 70 70
VI
Inhalt
c2. c3.
. .
72
. . . . .
. . . . .
74 78 81 83 84
d. Textüberlieferung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
86
c4. c5. c6. c7.
Mögliche Vorbilder des Liber de vita beata . . Das Buch De secrectis secretorum theologiae als fragliche Werkentität . . . . . . . . . . . . . Die Rekonstruktion des Liber de vita beata . Die Fünf Traktate zur Seligkeit . . . . . . . . Weitere Schriften zur Heiligenverehrung . . . Untersuchungen zur Wortstatistik . . . . . .
e. Editionsprinzipien . . . . . . . . . . e1. Quellenlage . . . . . . . . . . e2. Transkription . . . . . . . . . . e3. Textkritik . . . . . . . . . . . . e4. Lesetext und Textnormalisierung
. . . . .
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108 108 110 116 117
III. Lesetext und Kommentar . . . . . . . . . . . . . . . . . .
123
A. Liber de vita beata . . . . . . . . . . . . . . . . . . . A1. Prologus totius operis christianae vitae – Vorrede zum ganzen Werk über das christliche Leben . . A2. Liber prologi in vitam beatam Vorrede zum seligen Leben . . . . . . . . . . . A3. Liber de summo et aeterno bono Vom höchsten und ewigen Gut . . . . . . . . . A4. Liber de felici liberalitate Von der glücklichen Freigebigkeit . . . . . . . . A5. Liber de honestis utrisque divitiis Von den zwei ehrbaren Reichtümern . . . . . . . A6. Liber de virtute humana Von der menschlichen Tugend . . . . . . . . . . A7. Liber de officiis, beneficiis et stipendiis Von Ämtern, guten Werken und deren Belohnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . A8. Liber de ordine doni Von der Ordnung der Gaben . . . . . . . . . . A9. Ex libro de tempore laboris et requiei Von der Zeit der Arbeit und der Ruhe . . . . . . A10. Liber de nupta, de alienis rebus non concupiscendis Von der Angetrauten und von dem, das man nicht begehren soll . . . . . . . . . . . . . . . .
125 127 145 163 182 199 216
228 248 260
270
VII
Inhalt
A11. Ex libro de magnificis et superbis Von den Mächtigen und Hochmütigen . . . . . . A12. Liber de religione perpetua Von der immerwährenden Religion . . . . . . . . A13. De ecclesiis veteris et novi testamenti Von den Kirchen des Alten und Neuen Testaments A14. Liber de re templi ecclesiastica Zur Kirchenfrage des Tempels . . . . . . . . . . A15. Liber de potentia et potentiae gratia dei Von der Macht und Gnade Gottes (1533) . . . . . A16. Liber de martyrio Christi et nostris deliciis Vom Leiden Christi und von unsern Freuden . . A17. Liber de remissione peccatorum Von der Sündenvergebung . . . . . . . . . . . . A18. Liber de venerandis sanctis Von der Heiligenverehrung . . . . . . . . . . . . A19. Liber de resurrectione et corporum glorificatione Von der Auferstehung und Verklärung der Leiber . A20. Liber de sursum corda Vom Erheben der Herzen . . . . . . . . . . . . B. Fünf Traktate zur Seligkeit . . . . . . . . . B1. Liber de poenitentiis Von der Buße . . . . . . . . . . . . . B2. Libellus de baptismate christiano Von der christlichen Taufe . . . . . . B3. Liber de sacramento corporis Christi, einzunehmen zur seligkeit Vom Sakrament des Fleisches Christi, einzunehmen zur Seligkeit . . . . . . B4. Liber de iustitia Von der Gerechtigkeit . . . . . . . . B5. Liber de imaginibus idolatriae Von den Götzenbildern . . . . . . . . C. Weiteres zur Heiligenverehrung . C1. Auslegung des 149. Psalms C2. Auslegung des 150. Psalms C3. De sanctis Von den Heiligen . . . . .
289 299 320 352 371 388 406 422 440 458
. . . . . . 477 . . . . . . 479 . . . . . . 488
. . . . . . 495 . . . . . . 509 . . . . . . 519
. . . . . . . . . . . . 529 . . . . . . . . . . . . 531 . . . . . . . . . . . . 536 . . . . . . . . . . . . 541
VIII
Inhalt
IV. Transkription und Textkritik . . . . . . . . . . . . . . . . A. Liber A1. A2. A3. A4. A5. A6. A7. A8. A9. A10. A11. A12. A13. A14. A15. A16. A17. A18. A19. A20.
de vita beata . . . . . . . . . . . . . . . . Prologus totius operis christianae vitae . . . Liber prologi in vitam beatam . . . . . . . Liber de summo et aeterno bono . . . . . Liber de felici liberalitate . . . . . . . . . . Liber de honestis utrisque divitiis . . . . . Liber de virtute humana . . . . . . . . . . Liber de officiis, beneficiis et stipendiis . . Liber de ordine doni . . . . . . . . . . . . Ex libro de tempore laboris et requiei . . . Liber de nupta, de alienis rebus non concupiscendis . . . . . . . . . . . . . . . Ex libro de magnificis et superbis . . . . . Liber de religione perpetua . . . . . . . . . De ecclesiis veteris et novi testamenti . . . Liber de re templi ecclesiastica . . . . . . . Liber de potentia et potentiae gratia dei . . Liber de martyrio Christi et nostris deliciis Liber de remissione peccatorum . . . . . . Liber de venerandis sanctis . . . . . . . . . Liber de resurrectione et corporum glorificatione . . . . . . . . . . . . . . . . Liber de sursum corda . . . . . . . . . . .
B. Fünf B1. B2. B3.
Traktate zur Seligkeit . . . . . . . . . Liber de poenitentiis . . . . . . . . . Libellus de baptismate christiano . . . Liber de sacramento corporis Christi, einzunehmen zur seligkeit . . . . . . B4. Liber de iustitia . . . . . . . . . . . B5. Liber de imaginibus idolatriae . . . .
C. Weiteres zur Heiligenverehrung . C1. Auslegung des 149. Psalms C2. Auslegung des 150. Psalms C3. De sanctis . . . . . . . .
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547
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549 551 562 573 585 596 608 615 627 635
. . . . . . . . .
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. . . . . . . . .
641 653 659 681 702 713 725 736 747
. . . . . .
758 770
. . . . . . . . . . . . . . . . . .
791 793 799
. . . . . . . . . . . . . . . . . .
803 823 829
. . . .
835 837 840 843
. . . .
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IX
Inhalt
V.
Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 847 a. b. c. d. e. f.
Textzeugen: Handschriften und Drucke . Nachschlagewerke und Sammelausgaben Abkürzungen zu den Büchern der Bibel Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . Tabellen zur Wortstatistik . . . . . . . . Index zum Lesetext . . . . . . . . . . .
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. . . . . .
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849 851 856 857 879 883
X
Inhalt
Inhalt
XI
I. Vorwort
Es mag verwundern, dass angesichts des Bekanntheitsgrades des Arztes, Naturphilosophen und Laientheologen Theophrastus Bombast von Hohenheim (1493/94–1541), genannt Paracelsus, ein ganzes Viertel des Gesamtwerks bisher noch nie im Druck erschienen ist. Gerade die fehlenden theologischen Schriften erweisen sich aber für das Verständnis dieses unruhigen Renaissancegeistes und Reformers als zentral, dessen ganzes Denken von theologischen Erwägungen durchdrungen war. Die TheologicaEdition wurde 1923 von Wilhelm Matthießen begonnen und 1958 bis 1986 von Kurt Goldammer unter anfangs günstigen Bedingungen fortgesetzt. Während es Goldammer beschieden war, Hohenheims Kommentare zum Alten Testament und eine Vielzahl von Einzelschriften abschließend zu behandeln, warteten die restlichen theologischen Werke weiterhin auf ihren Druck. Das sind die Schriften zur Vita Beata, die Kommentare zum Neuen Testament, die Abendmahlsschriften, die Marienschriften und die Predigten (Sermones). Angesichts der Dringlichkeit der Herausgabe der fehlenden Werke, wurde die Neue Paracelsus-Edition im Rahmen des Paracelsus-Projekts der Universität Zürich begründet, um sich dieser Aufgabe anzunehmen. Die Reihe wird eröffnet mit den wichtigen Vita-BeataSchriften, die Hohenheims Ringen um das wahre christliche Leben belegen, gerade vor dem Hintergrund der aufkommenden Reformation. Danken möchte ich Prof. Beat Rüttimann, dem Direktor des Medizinhistorischen Instituts und Museums der Universität Zürich, für die stete Unterstützung meines Projekts. Dem Reformationshistoriker und Theologen Michael Baumann und dem Altgermanisten Detlef Roth danke ich für die Mitarbeit an den Schriften A2, A3, A7 und A12 bis A20. Dem Walter de Gruyter-Verlag danke ich für die Aufnahme der Edition und die gute Zusammenarbeit. Der Theophrastus-Stiftung danke ich für die ideelle und finanzielle Unterstützung. Ein besonderer Dank gebührt aber meiner Frau Esther und meinen drei Söhnen Salomo, Lukas und Benjamin, die in der arbeitsreichen Schlussphase dieses Bands einen Paracelsomanen so lange aushielten. Winterthur, 4. Juli 2008
Urs Leo Gantenbein
II. Einleitung
Grundzüge der paracelsischen Theologie
a.
Grundzüge der paracelsischen Theologie
a1.
Paracelsus als radikaler Reformator
5
Die Frage stellt sich, wie Theophrastus Bombast von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493/94–1541), als Arzt dazu kam, ein theologisches Werk zu hinterlassen, das in Umfang und Tragweite seinen medizinisch-naturphilosophischen Schriften in nichts nachsteht.1 Die theologischen Schriften werden dereinst, die bereits erschienenen eingerechnet, immerhin etwa fünfzehn stattliche Bände umfassen. Die meisten Autoren legen den Beginn von Hohenheims Auseinandersetzung mit der Theologie in das Jahr 1524. 2 Nach seiner Promotion zum Doktor beider Arzneien, der Medizin und der Chirurgie, um 1515 in Ferrara und einer längeren Wanderzeit durch halb Europa hatte er damals erstmals versucht, sich in Salzburg als praktizierender Arzt niederzulassen. 3 In die Jahre 1524/25 fallen Hohenheims erste datierte Schriften überhaupt, die von einer Auseinandersetzung mit den drängenden religiösen Fragen der Zeit zeugen. 4 Es sind dies u. a. eine Schrift zur unbefleckten Jungfrau Maria, 5 ein Traktat zur Dreifaltigkeit 6 und die Septem punctis idolatriae christianae, eine einmal als „reformatorische Wende“ 7 bezeichnete Polemik, welche die Kirchenkritik der frühen Reformation aufnahm. 8 Indes dürfte Hohenheims Beginn der Beschäftigung mit religiösen Fragen etwa fünf Jahre früher anzusetzen sein. In seinem Prologus totius operis christianae vitae, gedacht als Vorrede zu einem größeren Werk über das „selige leben christlicher wandlung“, spricht Paracelsus davon, dass er zwanzig Jahre lang daran gearbeitet habe und nun einen
[1] Übersichtsarbeiten zur Theologie des Paracelsus sind Biegger 1990, 23–28; Daems 1993; Dilg 1993; Gantenbein 2005; Goldammer 1954a; 1993ae; Haas 1994c; Rudolph 1993a; 1995a; 2001; Schaber 1993; Török 1946. — [2] vgl. beispielsweise Goldammer 1952a, 10; 1954a, 80; Haas 1994a. — [3] zur Biographie Hohenheims und zur Diskussion seiner Lebensdaten vgl. insbesondere Benzenhöfer 1997. — [4] für eine Zusammenstellung der datierten frühen Schriften vgl. Haas 1994a, 42 mit weiteren Literaturangaben; zum Frühwerk des Paracelsus vgl. insbesondere Gause 1993. — [5] Libellus de Virgine Sancta Theotoca, August 1524, die Edition erfolgt in NPE 5. — [6] Liber de Sancta Trinitate, September 1524; Edition bei GE 3, 233–266. — [7] Biegger 1990, 34, Anm. 19. — [8] De septem punctis idolatriae christianae, verm. 1524/25, vgl. GE 3, XXVIf.; Edition bei GE 3, 1–57.
6
Einleitung
„spätern herbst“ wolle fallen lassen „zu der heiligen geschrift“. 9 Zuvor hätten ihn „andere sachen“ aufgehalten, nämlich Werke zur Astronomie, Medizin und Philosophie. Der Schluss liegt nahe, dass er mit diesen Werken zunächst die Astronomia magna (1537/38) meinte,10 die als weitgespannte Synthese seiner naturphilosophischen und theologischen Anschauungen gedacht war, weiter verschiedene astrologisch-mantische Jahrespraktiken (1537–39),11 die medizinischen Kärntner-Schriften (1538) 12 und die nicht genau einzuordnende, aber auch in diese Zeitspanne fallende Philosophia de divinis operibus et de secretis naturae mit naturphilosophisch-magischen Themen.13 Wenn nun Paracelsus, wie er sagt, erst nach der Fertigstellung dieser Schriften an die Abfassung seines Prologs zum christlichen Leben fortschreiten konnte, so fällt dessen Niederschrift in die Jahre 1539, 1540 oder sogar 1541. Nimmt man weiter Hohenheims einleitende Bemerkung beim Wort, dass er nun schon zwanzig Jahre an diesen Schriften zum christlichen Leben gearbeitet habe, so fiele der Beginn seiner theologischen Tätigkeit in die Jahre um 1520. Genau dieser Zeitpunkt markiert eine entscheidende Frühphase der Reformation, als Luther mit seinen deutschsprachigen Schriften eine große Breitenwirkung zu entfalten begann und die allgemeine Diskussion um eine Reform der Kirche entfachte. Luthers programmatische Schriften von 1520 leiteten von individueller Frömmigkeit zu einer allgemeinen Reformation über mit Konsequenzen für das persönliche, kirchliche und politische Leben, woraus die sogenannte evangelische Bewegung enstand.14 Besonders Luthers Adelsschrift An den christ-
[9] vgl. A1. Prologus totius operis christianae vitae. — [10] Astronomia Magna: Oder, die gantze Philosophia Sagax der Grossen vnd kleinen Welt (1537/38; HW 10, 1–397; SW 12, 1–444). — [11] Es sind dies u. a. die Practica Teutsch, auffs [15]37. Jahr (HW 10, fasc. 57–67; SW 11, 225–237), die Practica teutsch auff das Tausent fünffhundert vnd XXXVIII. Jar (SW 11, 239–249) und die Practica Theophrasti Paracelsi, Auff das Jahr nach Christi Geburt M.D.XXXIX. […] vnd ein Vnterricht allen Astronomis (HW 10, fasc. 67–78; SW 11, 251–265). — [12] Die Verantwortung vber etliche Vnglimpfungen seiner Mißgönner (Sieben Defensiones; HW 2, 157–190; SW 11, 123–160), Labyrinthus medicorum errantium (HW 2, 191–243; SW 11, 161–220) und Das Buch von den Tartarischen kranckheiten (HW 2, 244–339; SW 11, 15–121). — [13] Volumen primum Philosophiae de Diuinis Operibus et factis, et de Secretis Naturae (HW 9, 1–321; SW 14, 1–377). Sudhoff nahm an, dass der zweite Band dieser „Philosophia Magna“ von Paracelsus als „Philosophiae pars altera de vita beata“ konzipiert gewesen war und somit für die Vita-Beata-Schriften vorgesehen gewesen wäre, vgl. SW 14,v. Vgl. Abschnitt c. — [14] Hauschild 1999, 43, zur evangelischen Bewegung auch 2, 49–58.
Grundzüge der paracelsischen Theologie
7
lichen Adel deutscher Nation 15 mit ihrer Kirchenkritik und den humanistischen Reformvorstellungen lieferte der evangelischen Bewegung ihr Programm. Luther gab Antworten auf das religiöse Zentralproblem seiner Zeit, nämlich wie sowohl eine transzendentale Erlösung als auch diesseitige Heilsgewissheit zu erlangen seien. Er stützte sich dabei maßgeblich auf die Rechtfertigungslehre des Paulus in der Interpretation des Augustinus.16 Das Besondere an der reformatorischen Theologie bestand darin, dass sie eben rein „evangelisch“ war, also auf der Grundlage der Evangelien und somit der heiligen Schrift entwickelt werden sollte („sola scriptura“).17 Die Rechtfertigung des Sünders geschah durch den Glauben („sola fide“) und durch Ausrichtung auf Christus („solo Christo“) als Vermittler des Heils. Alle anderen Lehren über Kirche, Sakramente und das christliche Leben ergaben sich durch Bibelexegese aus diesen Prinzipien. Bevor sich feste Lehrmeinungen und Konfessionen herausbilden konnten, herrschte unter den Theologen eine breite exegetische Vielfalt, die eifrig diskutiert wurde und noch bis 1521 kaum als Problem wahrgenommen wurde.18 Erst nach 1525, als Luther nach einer ersten großen schöpferischen Phase seine revolutionäre Ausnahmeexistenz aufgab, Frieden mit den Ordnungen der Welt schloss und sich vom singulären Propheten und Charismatiker zum institutionalisierten Konfessionsstifter wandelte,19 wurden die Theologen mit abweichenden Lehrmeinungen zunehmend ausgegrenzt und verfolgt. Zu dieser Entwicklung hatte auch das Scheitern der Bauernkriege beigetragen, wodurch eine kirchliche Reformation von unten her durch den „gemeinen Mann“, also gepaart mit einer sozialen Reform, verhindert wurde, wohingegen sich Luthers Konzept der Fürstenreformation, gewissermaßen von oben her, als erfolgreich erweisen sollte. Für die von Luther als „Schwärmer“ apostrophierten Außenseiter verwendet die neuere Forschung den Begriff der „radikalen Reformation“. 20 Den radikalen Reformatoren geht es meist um vier Grundfragen: Sie erstreben eine reine Kirche der Gläubigen, lehnen die Heilsvermittlung durch Wort und Sakrament ab zugunsten eines im Glauben erfahrbaren praktischen Christenlebens, sind meist kritisch gegenüber der herrschenden Gesellschaftsordnung eingestellt und wollen eine Reformation, die sämtliche Lebensbereiche erfasst, nicht nur den kirchlichen. Schematisierend lassen sich die radikalen Reformatoren in drei Grup-
[15] WA 6, 381–469. — [16] Hauschild 1999, 33 f. — [17] Hauschild 1999, 275–277. — [18] Hauschild 1999, 73. — [19] Goldammer 1953, 109. — [20] Hauschild 1999, 73–85.
8
Einleitung
pen einteilen: apokalyptisch gestimmte Sozialrevolutionäre wie Thomas Müntzer (1488/9–1525) mit seiner Idee der Absonderung der wahren Christen von der Allgemeinheit, Spiritualisten wie Kaspar von Schwenckfeld (1489–1561) und Sebastian Franck (1499–1542/3), die vom reinen Wirken des Heiligen Geistes ohne äußere Handlungen oder Sakramente überzeugt waren, und schließlich die Täufer mit der Einführung der Wiedertaufe und ihrer gesellschaftskritischen Haltung. 21 Hohenheims religiöse Bemühungen lassen sich nahtlos vor diesem Hintergrund verstehen. Von der Grundidee her, wenn auch nicht in der Ausführung, decken sich seine theologischen Themen mit jenen der evangelischen Bewegung, indem seine theologischen Schriften von einem beißenden Antiklerikalismus durchzogen sind, sich christozentrisch präsentieren und zum größten Teil aus Schriftauslegung bestehen. 22 Seine Kirchenkritik richtet sich zunächst gegen die Institutionen und Gebräuche der alten Kirche, also gegen Zeremonien, die Messe, gegen Heiligenfeste, Wallfahrten, Fastengebräuche, aber auch gegen das Mönchswesen, Gelübde und den äußeren Prunk der Kirche, wobei der Papst als Irrlehrer erscheint und mit dem Antichristen identifiziert wird. 23 In den späteren Jahren distanzierte sich Paracelsus allerdings auch von den Täufern und den andern neuen Konfessionen 24 und stellte, in Ablehnung eines institutionalisierten Priesteramts, Luther und Zwingli auf die gleiche Stufe mit dem Papsttum. 25 Weitere Punkte,
[21] Hauschild 1999, 75. — [22] Rudolph 1981c; zur Frage der Zuordnung von Hohenheims Theologie zu Reformation und katholischer Reform vgl. auch Rudolph 1993a. — [23] Goldammer 1952a, 18, 38 f.; 1953, 89; Rudolph 2005b, 56; 1995a, 701 f. — [24] „dann es werden auferstehn falsche propheten. dieselbigen werden sagen, wie sie dann ietzund in der welt seindt manigfältig. der sucht das euangelium zu Rom bei den Romanisten, der ander bei den zwinglisten, der dritt bei den lutheristen, der viert bei den tauferen. und das ist ohne zal zu nennen. das alles glaubens nit, wann es nimmer da ist.“ GE 3, 227. „dan die mancherlei secten, so unter dem glauben Christi einfallen, stricken das euangelium so in ein engs garn […] dan sie würden am letsten dem Judas recht geben und Christo unrecht, wie dan die secten der Teufer des mererteils gebrauchen“, Die Bücher von den unsichtbaren Krankheiten, SW 9, 336 f. „da sehen auf ire eigenrichtige köpf in den secten, die da erhalten artikel und machen sie groß, so die apostel haben in der einfalt bleiben lassen, als ir Taufischen, Böhmischen, Trinischen“, a.a.O., 350. Eine offene Kritik an Luther, Zwingli und andern Reformatoren findet sich in De confessione, poenitentia et remissione peccatorum, GE 2, 391 f. Vgl. auch Goldammer 1952a, 90 f.; Rudolph 1993b, 58; 1995a, 701; 2005b, 56. — [25] „allain Christus, der ist allain Priester […] Wider dises Pristers ordnung gewallt, vnd Ambt ist das Bapstum, ist der luther, Zwinglj, vnnd alle haeresiarchae“, Kommentar zum ersten Petrusbrief, SH 446; definitive Edition in NPE 5.
Grundzüge der paracelsischen Theologie
9
die für eine Nähe zur Reformation sprechen, sind Hohenheims Auffassungen von christlicher Ethik, von der Rechtfertigung des Sünders, von Taufe und Abendmahl, wenn seine Ansichten auch durchsetzt sind mit der typisch paracelsischen Eigentümlichkeit, und hier besonders in Bezug auf die Heils- und Erlösungsvorstellungen. Man kann die in diesem Band vereinten Schriften zur Vita Beata, dem wahren christlichen Leben, als Auseinandersetzung Hohenheims mit der Reformation bezeichnen. Aber auch noch in anderer Beziehung folgte Paracelsus der Spur des jungen Luther. Dieser rief nämlich ausdrücklich zum allgemeinen Priestertum aller Gläubigen auf mit der Aufforderung an die Laien, die Träger der Reformation zu sein. 26 Diesem Appell leisteten zahlreiche, vorwiegend junge Leute Folge und zogen als Wanderprediger durch das Land, um das „reine Evangelium“ und das „Wort Gottes“ zu verkünden. 27 Obwohl sich Hohenheim dieser evangelischen Bewegung zwar öffentlich nie anschloss, 28 so sind doch seine theologischen Schriften von ihrem Geist durchdrungen. Wenn heutige Paracelsusforscher gerne und zuweilen mit leicht abwertendem Unterton vom „Laientheologen“ Paracelsus sprechen, so ist dem nur zu entgegnen, dass die Legitimation dazu direkt auf Luther zurückging. Zweifelsohne kann man Paracelsus durch seine Außenseiterstellung und die eigenwillige Ausgestaltung seiner Theologie den radikalen Reformatoren zuordnen, 29 dem „Linksprotestantismus“, wie er auch genannt wurde. 30 Wohl mit Recht sieht Hauschild Paracelsus zusammen mit Schwenckfeld und Sebastian Franck in der Gruppe der Theologen, die ein individualistisches Geistchristentum vertraten, sich von allen institutionellen Gemeinschaftsformen abkehrten und betonten, dass der durch Christus exemplifizierte Lebenswandel das Wesentliche an der evangelischen Bewegung sein müsse. 31 Paracelsus ist zwar nicht als ein eigentlicher Spiritualist zu bezeichnen, indem er mit Luther die Realpräsenz Christi beim Abendmahl betont, 32 aber seine Lehre trägt
[26] Hauschild 1999, 43. — [27] Hauschild 1999, 55–58. — [28] Hauschild 1999, 85. — [29] obwohl Rudolph 1978 hier gewisse Vorbehalte äußert; vgl. Rudolph 2005b, 56, besonders Anm. 11. — [30] Goldammer 1991b, 9. — [31] Hauschild 1999, 83–85. — [32] „Anfänglich ist zu wissen, dass ein jeglicher seliger oder heiliger das sakrament (das ist das fleisch und blut Christi) in der substanz nehmt: materialisch und mit nichten im geist allein. Sondern es muss in der substanz gessen und getrunken werden und nit im geist ersticken.“ B3. De sacramento corporis Christi einzunehmen zur seligkeit, 293 r.
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Einleitung
doch spiritualistische Züge, indem er eine Geistkirche im innern Tempel des Herzens favorisiert 33 und dem inspirierenden Wirken des Heiligen Geistes große Bedeutung beimisst. 34 Hohenheims Weg ist auch im höchsten Grade individualistisch zu nennen, indem er nicht nur die Papstkirche verurteilte, sondern sich zeitlebens keiner der neuen Konfessionen anschloss und nach 1531, wie bereits erwähnt, sogar die großen Reformatoren scharf kritisierte. 35 Den in den Evangelien vorgegebenen ethischen Leitlinien und soteriologischen Vorstellungen folgte Paracelsus wörtlich bis zur letzten Konsequenz, 36 nämlich der Imitatio Christi. 37 Hohenheims Bruch mit Luther dürfte sich bald nach 1525 angebahnt haben. Nach einer Phase der Wanderschaft durch halb Europa hatte sich Paracelsus spätestens im August 1524 in Salzburg 38 als Arzt niedergelassen und dort mit seiner theologischen Schriftstellerei begonnen. Die Wirren der Bauernkriege erreichten das Salzburgerland bald darauf. Am 24. Mai 1525 erhoben sich die Unternehmer im Gold- und Silberbergbau von Gastein und Rauris, die sogenannten Gewerken, gegen den ungeliebten Salzburger Landesherrn, Kardinal Matthäus Lang, da sie sich in ihren Rechten eingeschränkt fühlten. Militärisch getragen durch die Bergknappen, marschierten die Aufständischen gegen Salzburg und nahmen die Stadt am 6. Juni 1525 ein. Zuvor war es innerhalb
[33] „Darum so beten wir inwendig, nit auswendig mehr, nit im tempel sacerdot, sonder im tempel Christi, der unser leib ist.“ A14. Liber de re templi ecclesiastica, 109 r. Hierhin gehört auch Hohenheims Polemik gegen die „Mauerkirche“ als äußere Institution mit Gebäuden aus Stein im Gegensatz zu einer inneren Geistkirche, die die inneren Werte des Christentums hochhebt, vgl. De septem punctis idolatriae christianae, GE 3, 3–57. — [34] etwa in Anlehnung an Joh 3,8: „Darum der geist geistet, wo er will, nit in allen, nit in vielen, sonder do, do es ihn lust.“ A2. Liber prologi in vitam beatam, 216 r f.; „dann ich habs von mir selbs nit erdacht. was ich geredt hab, das ist aus dem heiligen geist. also es ist das euangelium.“ De septem punctis idolatriae christianae, GE 3, 6. Rudolph stellt fest, dass das spiritualistische Element in Hohenheims Schriften im Laufe der Zeit zurücktritt, vgl. Rudolph 1995a, 702. — [35] De confessione et penitentia et remissione, GE 2, 391 f. — [36] Rudolph spricht sogar von „ethischem Rigorismus“, vgl. Rudolph 2005b. — [37] „Dann das müssen wir betrachten, dieweil Christus zur seligkeit gangen ist und uns ein fürbildung geben hat, dass wir also auch wie er sollen den weg gen himmel suchen in seinen fueßstapfen und ein jeglicher sein kreuz uf sich nehmen und ihm nachfolgen.“ A 16. Liber de martyrio Christi et nostris deliciis, 94 r; „dann got gibt uns in allen dingen ein exempel: also wie er, also wir auch.» Auslegung des psalmen 111(112), GE 5, 158. Vgl. auch Gause 1993, 97. — [38] Dopsch 1994a, 205.
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der Stadt immer wieder zu Tumulten gekommen. Wenn sich auch die von vielen Paracelsusbiographen immer wieder geäußerte Ansicht nicht halten lässt, Paracelsus habe im Aufstand eine aktive oder sogar führende Rolle gespielt, so konnte Dopsch immerhin eine enge Verbindung Hohenheims zu Melchior Spach, dem obersten Feldhauptmann der Aufständischen, nachweisen. 39 Dopsch macht weiterhin plausibel, dass Hohenheims überstürzte Flucht aus der Stadt nach dem 29. Mai und vor dem 6. Juni erfolgt sein musste. 40 Mit Sicherheit stand die Gesinnung Hohenheims auf der Seite der Bauern und Bergleute, denn immer wieder setzte er sich für die Sache der Armen und Verfolgten ein und beteuerte, dass das wahre christliche Leben am ehesten beim „gemeinen Mann“ zu finden sei. 41 In die Salzburger Zeit, in den März 1525, fällt die Abfassung eines Begleitbriefs an die Wittenberger Theologen Luther, Melanchthon und Bugenhagen, denen Paracelsus einen Kommentar zu Matthäus 1–5 schicken wollte. 42 Auffallend ist der vertraute Ton, mit dem Paracelsus die Reformatoren anspricht, als „christliche brüeder“ und „brüderliche liebhaber der warheit in Christo“, 43 die eine Bekanntheit mit den dreien suggeriert oder sogar auf ein früheres Zusammentreffen hindeutet. Ob der Brief mit dem Matthäuskommentar vor dem Hintergrund der Unruhen jemals abgeschickt wurde, wissen wir nicht, jedenfalls ist keine Antwort der Wittenberger überliefert. Luther hatte nicht nur fachtheologische Gründe, sich von Paracelsus zu distanzieren, den er wohl auch als einen der von ihm vehement bekämpften Schwarmgeister einstufen mochte. 44 Zudem hatte sich Luther öffentlich gegen die Bauernkriege gewandt, 45 und so passte Hohenheims Nähe zur Bauernbewegung und sein Engagement für die Armen im Geiste schlecht zu seiner beabsich-
[39] Dopsch 1994a, 210. — [40] Dopsch 1994a, 211. — [41] „Da ich denn gefunden hab, dass im laien, in dem gemeinen mann, im baurn […] die vollkommenheit christlichs seligs lebens am mehresten wohnet, bei den andern gar nichts.“ A1. Prologus in totius christianae vitae, 432 r; „dise arm arbeiter und ellend verdorben leut, den niemants helfen will […] die besitzen das reich der himeln“, Psalmus CVIII (109), GE 5, 108 f. — [42] G 167 f. als Leithandschrift. Eine Teilabschrift des Briefs an die Wittenberger Theologen findet sich bei SH 236 f., die definitive Edition erfolgt in NPE 2. Sudhoff bezweifelte die Echtheit des Briefs, vgl. SH 237, während stichhaltige Argumente für eine Echtheit aufgezählt werden bei Török 1946/2, 98; Rudolph 1981, 10 f.; Rhein 1991, 63f; Gause 1993, 162 f. — [43] G 167. — [44] zu Paracelsus und Luther vgl. Bunners 1961, 148–151; Rudolph 1981ab. — [45] Hauschild 1999, 97; Peuckert 1948, 635–641.
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tigten Fürstenreformation, bei der Luther sich vor allem, um Erfolg zu haben, die Gunst der Mächtigen und nicht des „gemeinen Manns“ zu sichern hatte. Trotz dem Aufruf des jungen Luther an die Laien, Träger der Reformation zu sein, wird man sich in Wittenberg gehütet haben, sich auf einen theologisierenden Arzt und Eiferer einzulassen, denn nun ging es ja darum, die evangelische Konfession auf eine solide dogmatische Grundlage zu stellen. Nicht umsonst beklagte sich Paracelsus gegen Ende seines Lebens mit Bitterkeit, dass man ihm vorgehalten habe, dass er „als ein lai, als ein baur, als ein gemein mann“ nicht von der heiligen Schrift reden, sondern sich an die gelehrten Theologen halten solle. 46 Die Wittenberger waren indes nicht die einzigen, die zu Paracelsus auf Distanz gingen. Während seiner Zeit als Basler Stadtarzt und Lehrer an der Universität Basel besuchte Paracelsus in den Herbstferien 1527 Zürich. Heinrich Bullinger (1504–1575), der Nachfolger Zwinglis als Antistes der Zürcher Kirche, berichtet in einem Brief an den Paracelsusgegner Thomas Erastus, dass er Paracelsus mehrmals getroffen und mit ihm über Fragen der Theologie und Religion gesprochen habe. In keiner seiner Aussagen sei etwas Frommes zu spüren gewesen, sehr viel hingegen von einer zumeist selbstersonnenen Magie. 47 In St. Gallen, wo Paracelsus 1531 weilte, erging es ihm nicht besser, er fand auch dort von offizieller Seite her keine Anerkennung. Paracelsus versuchte sich beim St. Galler Reformator und Bürgermeister Vadian (Joachim von Watt, 1484–1551) einzuführen und widmete ihm seine mehrteilige Schrift Opus paramirum, 48 die einen Versuch darstellt, physiologische Vorgänge alchemistisch zu erklären. 49 Da Vadian ebenfalls ein Arzt war, der sich mit theologischen Fragen beschäftigte, erhoffte sich Paracelsus wohl, auf einen Gleichgesinnten zu treffen. Doch Vadian ignorierte Paracelsus nicht nur, sondern drückte gegenüber seinem Zürcher Stadtarztkollegen Christoph Clauser (c1480–1552) sogar sein betontes Desinteresse aus. 50
[46] „Sonder ist mir entgegen gestanden ein anderer hauf und reich, der da gesagt: ‚Du als ein lai, als ein baur, als ein gemein mann, sollt von den dingen nit reden, was die heilig geschrift antrifft, sonder uns zuhören, was wir dir sagen; dabei bleiben und kein anderen sollt du hören oder lesen, dann allein uns.‘“ A1. Prologus in totius christianae vitae, 431 v. — [47] „Contuli cum eo, inquit, semel & iterum de rebus varijs etiam Theologicis vel Religionis. Sed ex omnibus eius sermonibus pietatis nihil intellegere licuit, Magiae verò, quam ille nescio quam fingebat, plurimum.“ Erastus 1571, 239; vgl. Milt 1941, 322; Gunnoe 1994, besonders 139–141. — [48] HW 1, 67–237; SW 9, 37–230. — [49] Gantenbein 1999c. — [50] Gamper 2006.
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In Zürich ist von einem Zusammentreffen Hohenheims mit Zwingli nichts bekannt. Zumindest zu einem Zürcher Theologen gelang es Paracelsus hingegen, einen näheren Kontakt aufzubauen, nämlich zu Zwinglis engem Weggefährten Leo Jud (1482–1542). Paracelsus sandte seine St. Galler Kometenschrift zum Druck nach Zürich. Im Begleitbrief nennt er Jud in vertrautem Ton „min Leo“ und „min gemeinisten zuo Zürch“, bezeichnet ihn also als seinen nächsten Bekannten. 51 Dies mochte theologische wie auch praktische Gründe gehabt haben. Aus dem Umstand, dass Jud kurzzeitig mit Schwenckfeld sympathisierte und mit diesem korrespondierte, wenn auch vorwiegend über die Frage der Notwendigkeit einer Staatskirche, 52 kann man doch vermuten, dass Jud ein offenes Ohr für die spiritualistisch gefärbten Theorien Hohenheims hatte. Andererseits gibt es eindeutige Hinweise, dass Jud Hohenheims Patient war und sich dadurch eine besondere Beziehung zwischen den beiden Männern ergeben hatte. 53
a2.
Zeitperioden im theologischen Schaffen Hohenheims
Man kann verschiedene Phasen in Hohenheims theologischem Schaffen unterscheiden. Das Problem der Zuordnung einzelner Schriften zu diesen Zeitepochen liegt allerdings darin, dass Paracelsus nur wenige seiner Schriften datierte. Eine Datierung, sofern eine solche überhaupt möglich ist, hat somit indirekt auf Grund stilistischer und inhaltlicher Merkmale zu erfolgen. Die ersten datierten Schriften Hohenheims überhaupt stammen vom Salzburger Aufenthalt 1524/25, der ersten großen theologisch fruchtbaren Periode. Einzelne Traktate dürften indes früher anzusetzen sein, wie etwa die Schrift De sensu et instrumentis, 54 die Huser den Schriften zur Vita Beata beiordnete. 55 Paracelsus versucht dort, die Lehre vom „fünften Wesen“ theologisch zu verwerten. Nun beschäftigte er sich mit dieser Quintessenzlehre in seiner um 1520 anzusetzenden Archidoxis-Schrift, 56 später hingegen nicht mehr, als die Lehre von den drei alchemistischen Prinzipien Sulphur, Mercurius und Sal an deren Stelle trat. 57 Somit dürfte die Abfassung von De [51] Gantenbein/ Holenstein 2006, 30. — [52] Deppermann 1986, 1987; ADB 14, 652; zu Jud vgl. auch Baumann 2006 mit weiteren Literaturangaben. — [53] Gamper 2006, 120, Anm. 16. — [54] GE 2, 83–91. — [55] HW 9, ij. — [56] Neun Bücher Archidoxis, SW 3, 91–200; HW 6, 1–98; zur Quintessenzlehre vgl. Benzenhöfer 1989; Pereira 1984; Taylor 1953. — [57] Gantenbein 1997, 30 f.
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sensu et instrumentis ebenfalls in die Archidoxis-Zeit fallen. In einigen Salzburger Schriften befasste sich Paracelsus mit der Dreifaltigkeit Gottes 58 und der Jungfrau Maria, 59 deren Präexistenz und Unbeflecktheit er entschieden vertrat. 60 Maria sei schon vor der Weltschöpfung da gewesen und, wie auch schon ihre Mutter Anna, unbefleckt empfangen worden. 61 Hohenheim sah Maria als „himblische künigin“ und versuchte, sie als „gemahel gottes“ an der Seite Gott-Vaters in die Trinität einzuordnen. 62 Sowohl mit seinen Trinitätsspekulationen wie auch mit der Immakulatätslehre stand Paracelsus hierbei nicht allein, sondern knüpfte an bestehende mittelalterliche Traditionen an. 63 Mit der eingangs schon erwähnten Schrift Septem punctis idolatriae christianae, 64 einer ätzenden Kritik an der „Mauerkirche“ als erstarrter Institution, schloss sich Paracelsus dem reformatorischen Antiklerikalismus an. Ebenfalls in die Salzburger Zeit fällt die Auslegung der ersten fünf Kapitel des Matthäusevangeliums, 65 das die lange Folge der Bibelkommentare eröffnet, die die Hauptmasse der theologischen Schriften Hohenheims ausmachen. Es war diese Exegese, mit gewichtigen Bemerkungen zur Genealogie Christi, zu Buße, Taufe und zu den Seligpreisungen der Bergpredigt, die Paracelsus mit einem Begleitbrief den Wittenberger Theologen senden wollte. Die 1525 durch den Aufstand der Bergleute hervorgerufenen Unruhen und die damit verbundene jähe Flucht Hohenheims aus Salzburg beendeten diese schriftstellerisch fruchtbare Zeit unversehens. Paracelsus sah sich genötigt, eine andere Existenzgrundlage zu finden, zunächst 1526 als aufgenommener Bürger von Straßburg, dann 1527 als Stadtarzt und Professor in Basel. Selbstredend verlagerte sich der Schwerpunkt seiner Schriftstellerei auf medizinische Themen. Dort, auf einem nie wieder erreichten Höhepunkt seiner Karriere, versuchte er ein Reformprogramm durchzusetzen, das die herkömmliche Medizin in ihren Grundfesten erschüttern sollte. In wenigen Monaten hatte sich Paracelsus dadurch so viele Feinde geschaffen, dass ihm wiederum nur die Flucht blieb. Nach Basel war Paracelsus ein gebrochener Mann,
[58] Liber de Sancta Trinitate, GE 3, 235–266; Beschreibung bei Gause 1993, 11–26. — [59] zu den Marienschriften vgl. Biegger 1990, 2000; vgl. weiter Haas 1994a; definitive Edition der Marienschriften in NPE 5. — [60] zum Frühwerk Hohenheims vgl. v. a. Gause 1993. — [61] Rudolph 1978, 235. — [62] Rudolph 1993b, 60; 1995a, 703. — [63] Gause 1993, 71 f. — [64] GE 3, 1–57; Beschreibung bei Gause 1993, 118–144; Haas 1994a, 45 f. — [65] Beschreibung bei Gause 1993, 162–199; Edition in NPE 2.
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er sollte zeitlebens nie mehr sesshaft werden. In Nürnberg wurde 1530 der Druck seiner Bücher verboten, in St. Gallen traf er 1531 auf die schroffe Ablehnung Vadians. Es war die Zeit seiner größten persönlichen Krise, seiner weitgehenden Isolation, medizinisch wie auch theologisch. Er gab damals sogar seinen Beruf als Arzt zeitweise auf und fiel „in andere hendel“. 66 Mit diesen Händeln meinte Paracelsus vermutlich die Theologie, denn die Jahre 1530–1535 markieren eine Zeit äußerst produktiven theologischen Arbeitens, angefacht durch ein tief empfundenes persönliches Leiden. 67 Goldammer spricht in diesem Zusammenhang sogar von einem „existentiellen Erlebnis“ Hohenheims. 68 Es entsteht um 1530 der große Psalmenkommentar, 69 sein umfangreichstes Werk überhaupt, dazu mehrere Auslegungen zum Matthäusevangelium und viele weitere Schriften. In dieser Periode prägt Hohenheim auch den Begriff des „seligen lebens“ als Inbegriff wahrer christlicher Lebensweise und Heilsversprechens, das es entschlossen und kompromisslos anzustreben gilt. Den Abschluss dieser eher introvertierten Zeitperiode bildet die Drucklegung der Chirurgia magna 1536 in Augsburg. 70 Dieses große Lehrbuch der Chirurgie stellt den ersten großen äußeren Erfolg im schriftstellerischen Schaffen Hohenheims dar. Wohl dadurch beflügelt, entstehen wieder umfangreichere medizinische und naturphilosophische Werke, eben die Astronomia magna (1537/38), die Kärntner Schriften (1538), die Philosophia magna und dazu mehrere astrologisch-mantische Jahrespraktiken (1537–39). Diese Schriften sind allerdings nicht rein medizinisch-naturphilosophischer Natur, sondern enthalten mitunter umfangreiche theologische Erörterungen. Die Astronomia magna stellt einen Versuch dar, Naturphilosophie und Theologie zu einer weitgespannten Synthese zusammenzufassen und erscheint von ihrem Ideengehalt her äußerst komplex. 71 Dem Licht der Natur wird das Licht des Heiligen Geistes entgegengestellt. Der Inspiration von unten
[66] Chirurgia magna, SW 10, 20. — [67] Paracelsus muss sich direkt angesprochen gefühlt haben, als er Ps 118,5 auslegte: „Alles das wir auf erden tun, ist nix dann trubsal […] dann wer ist im danz seins lebens sicher? […] darumb ist es nichts dann ein große trubsal, alls was an uns ist und was wir tunt. aus solcher trubsal und ellend uf diser welt hat David zum herren geschrien und ihn angeruft und ihm sein anliegen bekennt nach der lenge, und der herr hat ihm nach der breite verhort.“ Auslegung des psalmen 117(118), GE 5, 232 f. — [68] Goldammer 1953, 73. — [69] vgl. hierzu Brecht 1995. — [70] Chirurgia magna, HCh 1–124; SW 10, 7–421. — [71] Bunners 1961; Daniel 2003.
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her tritt also jene von oben herab entgegen, zur irdischen Philosophie tritt die himmlische. 72 Nach Vollendung dieser umfangreichen Abhandlungen wandte sich Paracelsus wieder der eigentlichen Theologie zu. 1540 schrieb er drei Zyklen von Predigten („sermones“), wohl gedacht als Ansprachen vor einem imaginären Publikum: einen Zyklus über den Antichristen, den zweiten über die Zauberer und den dritten über die Pseudodoktoren. 73 In diesen späten Predigten findet sich akzentuiert eine apokalyptisch gestimmte Endzeiterwartung, 74 dies wohl im Bewusstsein des eigenen baldigen Endes, denn im März 1540 finden wir Paracelsus schwach und krank in Klagenfurt. 75 In diese Zeit fällt eben auch Hohenheims Ansinnen, seinen Schriften zur Vita Beata, an denen er eben zwanzig Jahre lang gearbeitet hatte, endlich eine abschließende Form zu geben. Krankheit und Tod werden dies verhindert haben. Es ist eine der Merkwürdigkeiten in Paracelsus’ Leben, dass er, der mit Vehemenz gegen die Papstkirche polemisiert und jegliche institutionalisierte Konfession abgelehnt hatte, sich nach seinem Tod am 24. September 1541 in Salzburg „alt breuchig“, das heißt nach altem katholischen Ritus beerdigen und am ersten, siebenten und dreißigsten Tag eine Totenmesse singen ließ. 76 Hohenheim blieb auch zeitlebens im Gefolge seiner Mutter ein Gotteshauskind des Klosters Einsiedeln, wie dessen Leibeigene genannt wurden, und hatte damit nach herrschendem Recht dem Abt des Klosters das wertvollste Stück aus seiner Hinterlassenschaft zu vererben, in diesem Fall einen goldener Becher. 77 Ungeachtet dieser äußeren Hinweise, dass Paracelsus allen seinen theologischen Zweifel zum Trotz bei der Altgläubigkeit verblieben oder zu ihr zurückgekehrt war, stellt Goldammer fest, dass die Frage, ob Hohenheim nun Protestant oder Katholik war, letztendlich nicht zu beantworten sei. 78
[72] Hier knüpft Paracelsus an das patristische und scholastische Konzept vom „lumen naturale“ und vom „lumen divinum“ an, vom „lumen inferius“ und „lumen superius“, vgl. Matthießen 1917/ 1993, 164, Anm. 27. — [73] Sermones de antichristo, Sermones in incantatores, Sermones in pseudodoctores; Edition in NPE 7. — [74] Rudolph 1995a, 702; 2005b, 63 f. — [75] Brief an Hans Ungnad, März 1540, SW 11, 294. — [76] Peuckert 1944, 464; Biegger 1990, 31; Dopsch 1993b, 263 f. — [77] Bingisser 1993; Dopsch 1993b, 255. — [78] Goldammer 1953, 91.
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Die theologischen Werke in der Übersicht
Betrachtet man die theologischen Werke Hohenheims in der Übersicht, so lassen sich auf den ersten Blick einzelne thematische Gruppen erkennen. Nach rein äußeren Merkmalen, ohne etwaige innere Zusammenhänge zu berücksichtigen, unterteilte der Leipziger und nachmalige Heidelberger Kirchenhistoriker Heinrich Bornkamm, der die Edition unter Assistenz von Kurt Goldammer zunächst leitete, mit Bezugnahme auf Sudhoff 79 die Theologica in fünf große Gruppen: 80 sogenannte Einzelschriften (Monographien), Auslegungen zur Bibel, Abendmahlsschriften, Sermones und Marienschriften. 81 Den Einzelschriften wurden weiter sechs Untergruppen zugeordnet: 1. Allgemeines zum „Seligen Leben“, Gott, Christus, Kirche, 2. Ethisches, Soziales und Politisches, 3. Eheschriften, 4. Taufschriften, 5. Buß- und Beichtschriften und 6. Dogmatisches und Polemisches. Die Bibelauslegungen unterteilen sich in solche zum Alten und solche zum Neuen Testament. Zu den ersteren gehören der Psalmenkommentar, eine Exegese der Zehn Gebote sowie Kommentare zu Jesaia 1–4 und zum Buch Daniel. Die Auslegungen zum Neuen Testament beinhalten mehrere umfangreiche Kommentare zum Matthäus-Evangelium, die zu den bedeutendsten theologischen Schriften Hohenheims gehören. Weiter finden sich hier Fragmente zu anderen Evangelien und zu neutestamentlichen Briefen. Die Abendmahlsschriften fassen Traktate zusammen, die von Hohenheims eigentümlicher Philosophie vom ewigen Samen handeln, der mit Christus in die Welt gekommen sei und durch den sich der „alte Adam“ zum „neuen Adam“ wandeln solle, nämlich zum Christusmenschen. 82 Die Sermones, Predigten also oder innere Ansprachen, tragen das „sermo“ als Bezeichnung im Titel, während die Marienschriften selbstredend von der Jungfrau Maria handeln. Goldammer blieb es beschieden, etwa die Hälfte der Schriften dieses Editionsprogramms selber zu edieren, nämlich den größten Teil seiner „Ein-
[79] SH 781–797. — [80] Weimann 1998b, 2. — [81] Die erstmalige Präsentation des Editionsprogramms findet sich in Goldammer 1953, 113–115, weiter in Goldammer 1954a mit Beschreibung des Editionsprojekts; eine gute Übersicht bringt auch Biegger 1990, 23–28. — [82] Für das Verständnis der Abendmahlsschriften grundlegend ist Bunners 1961; vgl. weiter Daniel 2000, 2002ab, 2003; Goldammer 1948, 70–72; 1953, 80–86; Rudolph 1978, 240; 1981ab, 14 f.; 1993b, 60; 1994; 1995a, 702 f.; 1998; 2005b, 60 f.
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zelschriften“ (mit Ausnahme der allgemeinen zum „seligen Leben“) und die alttestamentlichen Schriften. Die restlichen Schriften, das sind die Vita-Beata-Schriften, die Kommentare zum Neuen Testament, die Abendmahlsschriften, die Marienschriften und die Predigten, sind Gegenstand der Neuen Paracelsus-Edition. Bornkamms und Goldammers systematisch zwar bestechende Einteilung täuscht über die Tatsache hinweg, dass zwischen den einzelnen Gruppen zum Teil direkte innere Beziehungen bestehen, ja dass Zusammengehörendes und der Systematik willen sogar auseinandergerissen wurde. So räumte Goldammer zwar selber ein, dass die Einzelschriften meist im Zusammenhang zu einem Werk De vita beata stünden83 und sprach etwas vage von den „Schriften des vita-beata-Kreises“,84 verzichtete jedoch darauf, deren inneren Zusammenhang zu rekonstruieren, wie es in diesem Band versucht wird. Es besteht auch eine gewisse Evidenz, dass vier Einzelschriften, die Goldammer verschiedenen Untergruppen zuteilte, zusammen mit einer Abendmahlsschrift eine Einheit bilden und hier als Fünf Traktate zur Seligkeit (B1-B5) vorgestellt werden. Die Trinitätsschriften wie auch die Schrift De genealogia Christi edierte Goldammer bereits im Abschnitt mit den dogmatischen Einzelschriften, 85 doch gehören sie inhaltlich und zum Teil auch zeitlich zu den noch ausstehenden Marienschriften, und somit hätte es sich rechtfertigen lassen, diese zusammen in einem Band vereint zu edieren. Weiter fällt bei genauerer Untersuchung auf, dass weit mehr, wenn nicht fast alle theologischen Schriften Hohenheims exegetischen Charakters sind, also nicht nur jene, die Goldammer der Gruppe mit „Auslegungen zur Bibel“ zuwies. So beziehen sich viele Einzelschriften und insbesondere auch die Abendmahlsschriften auf Stellen aus den Evangelien oder den Paulusbriefen, und auch die Sermone stehen zumeist in Relation zu bestimmten Begebenheiten aus den Evangelien wie etwa zu den Wundern und Gleichnissen Jesu. Somit besteht Hohenheims theologisches Werk, ganz im reformatorischen Sinn, über weite Strecken aus Schriftauslegung.86 Wenn Goldammer die Sprache des Paracelsus durchaus treffend charakterisiert als eine Art konzepthafter Ansprachen oder Monologe, die mehr gesprochen als geschrieben erschienen und den Charakter eines eiligen, improvisierten und nicht revidierten Diktats trügen, 87 so trifft
[83] Goldammer 1953, 113. — [84] Goldammer 1948, 67. — [85] GE 3. — [86] vgl. hierzu die ausführliche Untersuchung von Rudolph 1981c. — [87] Goldammer 1952a, 100.
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dies sicherlich für viele seiner Schriften zu, doch bei weitem nicht für alle. Gewisse Werke zeigen einen durchaus vernünftigen und durchdachten Aufbau, wenn auch inhaltliche Wiederholungen zuweilen vorkommen. Mitunter mehrfach verschachtelte Sätze, die dem Leser das Verständnis erschweren, zeugen von hochkomplexen Gedankengängen, die nicht selten etwas unbeholfen, wenn nicht sogar krampfhaft formuliert wirken. Wieder andere Schriften scheint Paracelsus für den Eigengebrauch geschrieben zu haben, so etwa den ersten Kommentar zum Matthäus-Evangelium,88 das er Vers für Vers durchgeht und mit knappen, zuweilen stichwortartigen und konzepthaft wirkenden Notizen versieht. In Hohenheims Schreibstil lässt sich mitunter auch eine gewisse Gemütsverfassung ablesen, so vor allem in der Zeit nach 1530, als er weitgehend isoliert war und seine größte persönliche Krise erlebte. Die theologischen wie auch die medizinischen Schriften jener Zeit drücken die Bitterkeit des unverstandenen Neueres und Weltverbesserers aus,89 den lodernden Zorn eines verhinderten Bußpredigers und Propheten, der durch die Macht der Verhältnisse gefesselt ist und sich in verzweifelter Reaktion und quasi als Ersatz schriftlich auszutoben sucht. 90
a4.
Kerngedanken in der Theologie Hohenheims
Bei der Frage nach den Wesenszügen in Hohenheims Theologie steht sicherlich das reformatorische Element an erster Stelle. Hierzu sind einige Leitmotive auszumachen, die quer durch alle Schriften immer wieder aufscheinen und um die sich seine Gedanken gruppieren und entfalten. Seine Theologie ist insofern als evangelisch zu bezeichnen, als sie sich entschieden am Evangelium orientiert. So findet man bei Paracelsus mehrere direkte Bezugnahmen auf dieses Schriftprinzip, freilich wiederum behaftet mit paracelsischen Besonderheiten. So hält er fest, dass in der Schrift zu erfahren sei, warum wir auf der Erde seien und was für Geschöpfe es gebe, und im Neuen Testament finde man, was uns Gott durch seinen Sohn Gutes getan habe. 91 Goldammer geht [88] Erster Matthäus-Kommentar, Edition in NPE 2. — [89] Dies ist beispielsweise deutlich erkennbar in der medizinisch-programmatischen Schrift Paragranum (1529/30). — [90] Goldammer 1952a, 17. — [91] „die geschrift sollen wir erforschen, warumb wir auf erden seindt. in der bibel fenden wir, was für creaturen seindt, und im neuen testament fenden wir, was guts uns gott geton hat durch sein son.“ Auslegung über die zehen gebott gottes, GE 7, 153 f.
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soweit, von einer Art „reformatorischen Worttheologie“ 92 bei Paracelsus zu sprechen und einem „Bibelchristentum“. 93 So schreibt Paracelsus, wenn Gott nicht mündlich mit uns rede oder persönlich bei uns sei, so sei er doch im Wort Gottes unsichtbar vorhanden, 94 und wo das Wort sei, da sei auch Gott. 95 Allerdings wendet sich Hohenheim gegen eine zu wörtliche Auslegung, die allzu sehr am Buchstaben haften bleibt, sondern der „verstand des buchstaben“ müsse von oben herab, von Gott kommen. 96 Gerade als Arzt und Naturphilosoph sieht er sich dazu prädestiniert, die mannigfaltigen Aussagen der Bibel, die oft einen Bezug zur Alltagswelt und Natur herstellen, richtig deuten zu können. So fordert Paracelsus in seiner Vorredt vber die vier Euangelisten (1532),97 dass es für die rechte Schriftauslegung nicht einen scholastischen Philosophen („Philosophus der Loickhen“) brauche, sondern einen Naturphilosophen, Arzt, Wundarzt, Astronom und Magus, der sich in den Dingen auskenne, von denen die Bibel spreche. 98 Glauben, sagt er an anderer Stelle, könne sowieso nur aus richtiger Erkenntnis fließen, benötige also eine vernunftmäßige Grundlage. 99 So strotzen die Matthäuskommentare geradezu von naturkundlichen und medizinischen Deutungsversuchen.100 Paracelsus war ein Zweifler, der sehen und verstehen wollte, bevor er glauben konnte. Es verwundert deshalb nicht, dass sich Paracelsus vom Apostel Thomas angesprochen fühlte, der ja vom auferstandenen Christus einen Augenbeweis eingefordert hatte.101
[92] Goldammer 1953, 75 f. — [93] Goldammer 1991b, 11 f.; zur starken Orientierung Hohenheims an der Bibel vgl. auch Goldammer 1973, xlf. — [94] „Also obschon gleichwohl gott nit mündlich mit uns redt oder persönlich bei uns ist, so ist aber sein wort bei uns. Wo dasselbige ist, do ist er auch, aber uns unsichtbar.“ A14. Liber de re templi ecclesiastica, 118 v. — [95] „Dieweil aber haben wir sein wort; und wo sein wort ist, da ist er auch.“ A9. Ex libro de tempore laboris et requiei, 266. — [96] „Hast die geschrift und sagst, da steht’s geschrieben, der buchstab errett dich nicht. Der verstand des buchstaben, der muss dich erretten, derselbig kommt von oben herab.“ A20. Liber de sursum corda, 25 v. „Es leit nichts im buchstaben, wie er angesehen wird. Er hat viel auslegung, und ist doch nur eine allein: dieselbigen, so von oben herab, und all eins verstand, sunst ist alles verfüerung.“ A.a.O., 26v. — [97] SH 435–439, definitive Edition in NPE 2. — [98] vgl. auch Gantenbein 2006b, 89 f. — [99] „die erkantnus gibt den glauben. dan der got erkent der glaubt in in; der in nicht erkent, glaubt in in nicht; ein ietlicher glaubt als er kent“, Labyrinthus medicorum errantium, SW 11, 207; „glauben muß ein vernunftigen, verstendigen mann haben, der do weis, was er glaubt und was der glaub sei und was sein kreft seient. on dem ist der glaub nichts.“ Vom tauf der Christen, GE 2, 334. — [100] Gantenbein 2001. — [101] „dann der glaub Christi soll ein wissen von gott haben und ein erkantnus und nit blindlich hindurch gehn, wie der Thomas.“ De genealogia Christi, GE 3, 161. Vgl. Rudolph 1981c, 124.
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Durch dieses besondere Verhältnis zwischen Natur und Offenbarung, bei dem nicht das geschriebene Wort, sondern Gott selber die letzte Instanz, der „obrist scribent“ ist,102 und bei einem Verständnis von einem Gott, der sich ständig neu in der Natur offenbart und den Menschen inspiriert, sieht Rudolph Paracelsus nicht als Anhänger des Schriftprinzips.103 Dem ist entgegenzuhalten, dass sich in Hohenheims theologischem Schrifttum fast in jeder Zeile ein expliziter oder impliziter Bezug auf eine Bibelstelle nachweisen lässt, seine theologische Argumentation also auf der ganzen Linie von der Schrift ausgeht. In der Interpretation allerdings gibt er sich frei und klebt, wie bereits erwähnt, nicht am Buchstaben, sondern lässt vernunftmäßige Gründe einfließen, die sich mit seinem medizinisch-naturphilosophischen Weltbild vereinbaren lassen. Zu dieser Freiheit des theologischen Denkens passen auch Äußerungen, die eine mystisch zu nennende Annäherung an Gott belegen. Einerseits trägt der Heilige Geist hier die Funktion des ständigen Inspirators, der Künstler, Gelehrte, Ärzte und Erfinder beflügelt und ihnen die Gaben der Weisheit, des Wissens, des Glaubens, der Gesundmachung, der Weissagung und den Geist der Macht austeilt.104 Andererseits kann sich der Mensch um einen direkten Kontakt zu Gott bemühen, wie es besonders eindrücklich in der Schrift A20. Liber de sursum corda zum Ausdruck kommt, die wohl als die mystischste Schrift Hohenheims bezeichnet werden darf und vermutlich eher ein Spätwerk darstellt.105 Paracelsus führt hier das Bild der Jakobsleiter an (Gen 28,12), die von jeher als Symbol für die mystische Begegnung mit Gott galt.106 Wir sollen unser Herz zu Gott richten, dann mache sich Gott von oben herab zu uns.107 Und so steigt „von einem augenblick zum andern“ immer wieder ein neuer Engel herab, der unser Licht wie-
[102] „also bleibt got in allen dingen der obrist scribent, der erst, der höchst und unser aller text.“ Labyrinthus medicorum errantium, SW 11, 203. — [103] Rudolph 1981c, 124. — [104] „Uf das folgt nun, dass eim jeglichen der geist geben wird, wie er ihn begehrt. Dem der geist der weisheit, dem andern der geist des wissens, dem der geist des glaubens, den andern der geist des gesundmachens, dem andern der geist der macht, den andern der geist der weissagung, dem andern der geist der zungen etc.“ A15. Liber de potentia et potentiae gratia dei, 142 rv. — [105] Gnädinger 2007 sieht Bezüge zu Heinrich Seuse und Johannes Tauler. — [106] Rahner 1944. — [107] „So wir nun unser herzen über sich zu gott richten, und richten [24 v] die obsie in den himmel, so macht sich gott gegen uns von oben herab.“ A20. Liber de sursum corda, 24 rv.
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der zu Gott trage.108 Gott wolle, dass wir allein bei ihm in der „obern schuel“ lernen und so „ohne unterlass“ zu ihm aufsehen sollen.109 Gerade durch diesen Gegenwartsbezug ist das Moment der Mystik bei Paracelsus gegeben, nämlich als ein Akt fortwährender Offenbarung Gottes, der im Gegensatz steht zu einer geschichtlich abgeschlossenen und sich nicht wiederholenden Kundgabe, die lediglich in der Schrift als dem Wort Gottes fortdauert. In diesem Sinne wäre das reformatorische Schriftprinzip ebenfalls durchbrochen. Hierzu passt auch Hohenheims Befürwortung des Herzensgebets in der Interpretation von Mt 6,6, man solle nur mit dem Herzen beten, denn nur dieses offenbare die Seele.110 Ein weiteres mystisches Element findet sich in Hohenheims Petrusgestalt.111 Paracelsus nimmt Bezug auf Mt 16, wo Petrus als Erster erkannte, dass Jesus der Sohn des lebendigen Gottes sei. Jesus antwortete darauf, diese Erkenntnis habe Petrus einzig vom himmlischen Vater erhalten, er wolle deshalb seine Kirche auf diesen Felsen bauen und ihm die Schlüssel zum Himmel überreichen. Paracelsus führt dies weiter aus, Petrus habe diese Einsicht nicht aus dem Wissen der Gelehrten und naturkundigen Philosophen erhalten, sondern nur durch die direkte Offenbarung Gottes, und diese werde „ainem Jeglichenn petro“ zuteil, der Christus nachfolge.112 Das Erleuchtungserlebnis des Petrus wird somit für alle erfahrbar. An anderer Stelle unterscheidet Paracelsus Leute, die „im Heiligen Geist brennen“, also direkt von Gott inspiriert werden und so zu diesem in unmittelbarer Beziehung stehen, im Gegensatz zu jenen, die durch Erfahrung und Beobachtung der Natur zu ihren Erkenntnissen gelangen müssen.113 Trotz
[108] „Und von eim punkten zum andern, von einem augenblick zum andern allemal ein neuer engel steiget herab, der uns lern, der von uns unser licht wieder zue gott trag, was wir uf erden handlen und was er uns weiter zufügen will.“ A.a.O., 24v. — [109] „Dann allein will gott, dass wir von ihm lernen und nit von andern. Darum soll unser herz zu ihm stehen und unser augen, uf dass die leitern der engel in unser herzen auf uns gericht werden und do kein feiren sei, dann gott will ohn unterlass, dass wir zu ihm ufsehen und do kein feiertag haben noch sabbat, auch im schlaf.“ A.a.O., 25r. „Lernen in der obern schul bei gott.“ A.a.O., 25v. — [110] Gause 1993, 204–206. — [111] Gantenbein 2001, 50–52; Rudolph 2003. — [112] Erster Matthäus-Kommentar, Auslegung von Mt 16, Edition in NPE 2. — [113] „Es seindt zweyerley Leuth, die im Heiligen Geist brennen; welche leben des Geistes, die dürffen des liechts der Natur nichts, die andern die im Heiligen Geist nicht leben, sondern setzen ihren Grund aufs Licht der Natur. denselbigen Ungläubigen hat Gott solch wunderbarliche Werke fürgebildet, ob einer so hart im Glauben wäre, dass ihn die Werk bewegen zum Glauben.“ Libri VII. de coena domini ad Clementem VII. Papam (1530), SH 276, Edition in NPE 5.
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dieser eindeutigen Hinweise wäre es sicherlich unrichtig, Paracelsus als Mystiker bezeichnen zu wollen.114 Goldammer verwies 1953 in dieser Frage auf den mystischen und den prophetischen Typ des religiösen Menschen nach Söderblom und Heiler.115 Während der mystische Typ nach Auflösung der Zweiheit zwischen Kreatur und Gottheit strebt und mehr in sich geht, ist der prophetische Typ ethisch motiviert und kämpft für die Vision einer besseren Welt und der bevorstehenden Weltvollendung. In Bezug auf das Frömmigkeitsbild Hohenheims sah Goldammer nun eine „vollkommene Synthese“ dieser beiden Grundtypen gegeben, nicht zuletzt deswegen, weil die christliche Ethik und die daraus folgende soziale Gerechtigkeit, trotz aller Hinneigung zu einem losgelösten Geistchristentum, für Paracelsus vorrangig gewesen sei. Die Masse der gegen vierzig sogenannten „Einzelschriften“ zur Vita Beata,116 von Bunners wegen ihrer Abgeschlossenheit in sich selbst treffend als Essays bezeichnet,117 zeugen von Hohenheims Auseinandersetzung mit der Reformation. Es finden sich hier Schriften, die wohl wirklich als Einzelstudien zu verschiedenen reformatorischen Fragen gedacht waren, so zum Beispiel die Schrift Vom Tauf der Christen,118 die sich mit dem Wesen der Taufe beschäftigt und sämtliche diesbezüglichen Bibelstellen heranzieht. Im gleichen Sinn sammelt und kommentiert die Schrift De thoro legitimo 119 in ausführlicher Form die Schriftnachweise zur Ehe. Wohl auch auf sich selbst gestellt ist die längere Eheschrift Von der Ehe Ordnung und Eigenschaft,120 und dies kann auch von verschiedenen anderen kleineren Traktaten gesagt werden. Es fällt jedoch auf, dass sich einige Schriften um gemeinsame Leitmotive gruppieren oder sich gegenseitig aufeinander beziehen. Eine solche Gruppe bilden fünf Schriften, die hier Fünf Traktate zur Seligkeit (B1-B5) genannt werden sollen.121 Sie bestehen aus vier Schriften, die Goldammer bereits ediert hatte, ohne sie jedoch in einen gemeinsamen Kontext zu stellen, und einer bisher noch unedierten Abendmahlsschrift. Diese vermutlich um 1530 entstandenen Fünf Traktate zur Seligkeit verweisen nicht nur aufeinander, sondern werden sogar in einigen Sammelhand[114] Vgl. Goldammer 1991b, 13–15, mit der Diskussion einer Einordnung Hohenheims unter die eigentlichen Mystiker, die er verneinend beantwortet, obwohl er mögliche Einflüsse der Mystiker für möglich und untersuchungsbedürftig hält. — [115] Goldammer 1953, 93–97, mit indirektem Bezug auf Söderblom 1910, 1913; Heiler 1917. — [116] Rudolph 1995a, 703. — [117] Bunners 1961, 145. — [118] GE 2, 329–366. — [119] GE 2, 165–243. — [120] GE 2, 245–265. — [121] NPE 1, B1-B5.
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schriften als ganzes oder teilweises Ensemble überliefert.122 Indem die Fünf Traktate als ein früher Versuch einer christlichen Rechtfertigungslehre zu bezeichnen sind, nehmen sie Stellung zu den Fragen der Buße, der Taufe, des Abendmahls, der Gerechtigkeit und der Bilderverehrung. Buße bedeutet nach dem B1. Liber de poenitentiis eine Abkehr von der Sünde, was die Voraussetzung für das Wirken der Gnade Gottes schafft. Der B2. Libellus de baptismate christiano hält fest, dass die wahre Taufe nicht durch das Eintauchen in Wasser erfolgte, sondern durch den Heiligen Geist, der durch Christus vermittelt werde. Die Rechtfertigung des Sünders geschieht somit, ganz im Sinne der Reformation, durch die Gnade Gottes und nicht durch die institutionelle Kirche. Mit Luther ist Paracelsus im B3. Liber de sacramento corporis Christi von der Realpräsenz Christi im Abendmahl überzeugt. Das dargebotene Fleisch und Blut Christi bildet die Nahrung für die Seele, wodurch diese allmählich in den Auferstehungsleib hineinwachsen soll, um in neuer Leiblichkeit im ewigen Leben fortzudauern. Der vierte Traktat in dieser Gruppe, der B4. Liber de iustitia, kommentiert den paulinischen Gerechtigkeitsbegriff aus dem Römerbrief, der für Luther wie auch die ganze Reformationstheologie von zentraler Bedeutung ist. Der B5. Liber de imaginibus idolatriae sieht das Problem der Götzenbilder nicht in den aus Holz oder Stein angefertigten und in den Kirchen aufgestellten Heiligenbildern, sondern bezeichnet die falschen Kleriker mit ihrem äußeren Pomp als die eigentlichen Götzen. Es ist bemerkenswert, dass der Begriff des „seligen Lebens“ bzw. der „Vita Beata“ in den Fünf Traktaten zur Seligkeit noch nicht vorkommt, wie auch nicht in etwa der Hälfte der Schriften, die Goldammer dem „vita-beata-Kreis“ zugerechnet hatte. Dies trifft nebenbei auch für den um 1530 entstandenen Psalterkommentar zu. Vielmehr sprechen die Schriften vor etwa 1532 von „Seligkeit“ als einem Zustand christlicher Vollendung, der womöglich aber erst nach dem Tod erlangt werden könne, oder dann höchstens noch in einer utopischen „güldenen welt“,123 einem tausend Jahre währenden Reich mit einer Gesellschaftsordnung, in der die christlichen Ideale der Nächstenliebe schon auf Erden verwirklicht sind, wo Gerechtigkeit, Frieden und Liebe herrschen. Diese dem Täufertum nahestehenden eschatologischen und chi[122] so in Bo, W8 und Ha1. — [123] zur „güldenen welt“ bei Paracelsus vgl. Bunners 1961, 144; Goldammer 1952a, 4 f., 19, 41; 1952b, 79 f.; 1994; Török 1946/2, 144; Wollgast 1995; 2008. Zutreffend bemerkt Bunners, dass sich der eschatologische Begriff der „güldenen welt“ in den späteren Schriften nicht mehr nachweisen lasse.
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liastisch zu nennenden Vorstellungen werden spätestens um 1533124 abgelöst durch eine mehr diesseitsbezogene Soteriologie und Eschatologie. Im bereits auf Erden zu erlangenden „seligen Leben“ soll es nämlich möglich werden, einen Vorgeschmack des „ewigen Lebens“ im Himmel zu erhalten. Dieses quasi heiligmäßig zu nennende selige Leben, das sich ganz an den Vorlagen des Evangeliums orientiert und letztendlich auf eine Imitatio Christi hinausläuft, bildet sogar die Voraussetzung für die Erlösung in der Seligkeit.125 Somit ist über Goldammer hinaus zu unterscheiden zwischen Vita-Beata-Schriften im eigentlichen Sinne, die sich explizit auf das selige Leben beziehen, und solchen, die nur den Begriff der „Seligkeit“ verwenden oder sogar überhaupt nicht darauf Bezug nehmen.126 Als Überbegriff für beide Arten von Schriften scheint, wie von Goldammer vorgeschlagen, die Bezeichnung „VitaBeata-Kreis“ zweckmäßig. Von zentraler Bedeutung für das Verständnis des seligen Lebens ist die Vorstellung eines graduellen Wachstums und Reifens der Seele, die sich in dieser Weise allmählich in einen unverweslichen und ewigen Auferstehungsleib verwandeln soll. Voraussetzung für diese Theorie ist eine Anthropologie, die von der Zwei-LeiberSpekulation ausgeht in Anlehnung an 1. Korinther 15, dass nämlich der Mensch aus Körper und Seele bestehe.127 Um zu erklären, wie sich dieser Entwicklungsvorgang der Seele genau vollziehen soll, entwickelte Paracelsus ein weiteres Konzept, das in den Abendmahlsschriften in aller Breite dargelegt wird.128 Als Arzt und Naturphilosoph stellte sich Paracelsus vor, dass die Seele für ihr Wachstum genauso eine Speise benötige, und begründete dies mit dem Hinweis, dass auch der irdische Leib ohne eine solche nicht auskomme. Diese Nahrung für die Seele ist Christus selber, der in Johannes 6 als „Brot vom Himmel“ bezeichnet wird, und Hohenheim stellt sich vor, dass sie im Abendmahl dem Gläubigen materiell als Fleisch und Blut Christi mitgeteilt wird. Paracelsus sieht sich hierin bestätigt durch eine
[124] Paracelsus nennt die Jahreszahl 1533 im A15. Liber de potentia et potentiae gratia dei. — [125] Goldammer 1952b, 78 f. — [126] Die Schrift Vom Tauf der Christen enthält sehr viele und die Eheschrift De thoro, vidua et virgine einige Bezüge zur Seligkeit, während die beiden Eheschriften Von der Ehe Ordnung und Eigenschaft und De thoro legitimo, die von Goldammer ebenfalls dem „vita-beata-Kreis“ zugeordnet werden, keinerlei oder höchstens marginale Bezüge aufweisen. — [127] Rudolph 1993b, 60; 1994; 1995a, 703. Bei Paracelsus finden sich allerdings auch viele Bezüge zu einer Trichotomie des Menschen in Leib, Seele und Geist, vgl. v. a. Kämmerer 1971; 1993. — [128] vgl. für das Folgende v. a. Bunners 1961, ferner Rudolph 1998.
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Stelle aus dem Buch Hiob, wo es heißt, „und werde in meinem Fleisch Gott sehen“ (Hiob 19,26).129 Im Heilsgeschehen wird Christus damit zur zentralen Figur, nicht nur durch seinen Erlösertod am Kreuz, sondern in erster Linie durch seine Vermittlung eines neuen, ewigen Samens, aus dem ein neuer Mensch, eine neue Geburt (Joh 3; 2Kor 5,17) entstehen kann. Der Same Adams entspricht nun dem Erdkloß, dem „limus terrae“ der Vulgata (Gen 2,7), aus dem Gott den Menschen erschaffen hatte. Dieser Limus wurde von Generation zu Generation weitergegeben bis zu jenem Zeitpunkt, als durch die unbefleckte Geburt Christi ein neuer und unsterblicher Limus auf die Erde kam, der den Menschen von seinem erdengebundenen Dasein erlösen sollte. Christus wurde damit zum „zweiten Adam“. Durch die Mitteilung des neuen Samens wächst dem Menschen auch ein neuer Leib heran, der ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Er bildet nicht nur die Vorbedingung und die Brücke zum ewigen Leben, sondern mit seiner Hilfe vermochten die Apostel Wunder zu bewirken, Kranke zu heilen und Tote aufzuerwecken.130 Dieser unsterbliche Samen oder Limus und die daraus entstehende „neue Kreatur“ sind die tragenden Leitmotive der Abendmahlsschriften, die Paracelsus unter der Bezeichnung einer Philosophia de limbo aeterno als Gesamtschrift herausgeben wollte, die aber als solche nicht erhalten ist.131 So wie beim Liber de vita beata, bei dem ebenfalls kein einheitlicher Schriftencorpus vorliegt, wird der vorzeitige Tod Hohenheims die Schlussredaktion verhindert haben. Die Begriffe des „ewigen Samens“ und des „seligen Lebens“ sind eng miteinander verwandt und wurden wohl auch zusammen konzipiert, vermutlich in den mittleren 1530er Jahren.132 Dieser Umstand kommt auch zum Ausdruck im Prologus et initium voluminis limbi aeterni,133 gedacht als Vorwort zu den Abendmahlsschriften. Hier stellt Paracelsus ein dreiteiliges Werk in Aussicht, eine noch umfassendere „philosophei der untödlikeit“. Ein Teil dieser „philosophei“ soll eben vom ewigen Leib handeln und somit vom Abendmahl, ein weiterer von
[129] „Wiewol die schrift sagt: in meinem fleisch werde ich sehen meinen got, meinen heilmacher, das ist recht und wol geret und ist ein grunt der ganzen diser philosophiae […] so wissent doch ein kurzen verstant, das ir der neuen geburt, so von wasser und geist geboren wird, eingedenk sein sollen, aus welchem ein ewigs fleisch von himel geborn wird, in welchem fleisch wir sehen werden got, unsern erlöser.“ Astronomia Magna, SW 12, 295 f. — [130] Gantenbein 2001. — [131] Die Edition und Rekonstruktion dieser Schrift erfolgt in NPE 6. — [132] Bunners 1961, 15. — [133] Beschreibung bei SH 307 f., Edition in NPE 6.
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der „verlierung der verdambnus“, also wohl von der Apokalyptik, und schließlich ein dritter vom „seligen leben uf erden“.134 Damit wäre das Buch vom seligen Leben ein Teil der erweiterten Philosophie vom Unsterblichen. Hier im ersten Band der Neuen Paracelsus-Edition wird eine Rekonstruktion dieses Liber de vita beata (A1-A20) versucht. Wie im Abschnitt c dargelegt wird, kommt als Einschlusskriterium und somit als Leitmotiv die ausdrückliche Bezugnahme auf das „selige Leben“ zum Tragen. Dies trifft für achtzehn Schriften des Vita-beata-Kreises zu. Zwei weitere Schriften, A13. De ecclesiis veteris et novi testamenti und A19. De resurrectione et corporum glorificatione, werden aus formalen Gründen hinzugenommen. Die Rekonstruktion des Liber de vita beata orientiert sich maßgeblich am Neuburger Verzeichnis der theologischen Autographen, die Johannes Huser 1594 in Neuburg an der Donau auslieh.135 Die dort nicht genannten Schriften mit Bezug zum „seligen Leben“ werden nach thematischen Gesichtspunkten eingeordnet. Ein weiteres, jedoch nicht durchgehendes Leitmotiv der Vita-BeataSchriften ist das des Wachsens und Fruchtbringens,136 dem der neue Mensch im Reifeprozess des seligen Lebens unterworfen ist. Nur jene sind selig, die auch Frucht geben.137 Dieses Motiv, das Paracelsus schon zeitlich früher aufgegriffen hatte, findet sich ebenfalls in den Fünf Traktaten zur Seligkeit und in weiteren Schriften, ist somit für die eigentliche Vita Beata nicht maßgeblich.138 Im dergestalt rekonstruierten Liber de vita beata lassen sich vier Themenkreise unterscheiden: Einleitung (A1-A3), Ethik (A4-A11), Ekklesiologie (A12-A14) und Soteriologie (A15-A20). Das Buch kann als eine anspruchsvolle Anleitung für das wahre Christenleben verstanden werden, das eben mit dem „seligen Leben“ identisch ist. Einleitend stellt Paracelsus im A2. Liber prologi in vitam beatam den Fruchtgedan[134] „also uf solches ist nun die philosophei der untödlikeit geteilt in drei teil: in den leib des ewigen lebens, der da empfentlich ist und wird ihm zu nemben das ewig; zum andern von dem ein der verlierung der verdambnus, uf daß sich der ewig leib mit demselbigen nit befleckt, dann er wird sterben in ihm; und das dritt von dem seligen leben uf erden, uf daß es sei wie im himmel und daß derselbig leib dasselbig pfleg.“ Zitiert nach Bunners 1961, 204. — [135] SH 10 f. — [136] meist in Anlehnung an die Gleichnisse vom guten Baum, der gute Frucht trägt (Mt 7,17; 12,33 par.), vom Spreu und Weizen (Mt 3,12 par.) und vom in den Acker gesäten Unkraut (Mt 13,24–40). — [137] „Darbei erkennt man us den früchten, welches die seligen seind: die frucht geben, seind selig.“ A3. Liber de summo et aeterno bono, 282 v. — [138] Für Rudolph 1977, 202 f. hingegen ist das Fruchtmotiv richtungsweisend für die Schriften zur Vita Beata.
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ken vor mit dem Bild vom guten Baum (Mt 7,17; 12,33), spricht zugleich aber auch die deutliche Warnung aus, dass die unnütze Spreu vom Weizen gesondert und ins Feuer geworfen werde (Mt 3,12). Überhaupt ist die apokalyptische Androhung einer ewigen Verdammnis bei einem „unseligen Leben“ im ganzen Werk durchaus präsent. Ganz in augustinischer und thomistischer Tradition stehend, wird Gott bzw. Christus im A3. Liber de summo et aeterno bono als höchstes Gut dargestellt, wodurch dem reformatorischen Christozentrismus Ausdruck verliehen wird. Die Schriften zur Ethik der Vita Beata sind von Goldammer vorrangig ediert worden und haben nicht zuletzt deswegen bisher das größte Interesse erfahren.139 Die ethischen Richtlinien des Evangeliums, hier insbesondere die Bergpredigt und das Gebot der Gottes- und Nächstenliebe, sollen bis zur letzten Konsequenz befolgt werden.140 Dies geht so weit, dass Paracelsus einen Verzicht auf individuellen Reichtum fordert im Sinne einer kommunistisch zu nennenden Güter- und Arbeitsteilung, bei der es keine Nöte und Benachteiligungen mehr gibt. Armut ist sogar das Ideal, das zum seligen Leben führt.141 Der Gemeinnutz soll vor dem Eigennutz stehen,142 der Reiche soll dem Armen und der Gemeinschaft geben, und diese Tugend nennt Paracelsus „Liberalität“, was mit sozialem Handeln gleichzusetzen ist. Im Rahmen einer christlichen Ständelehre ist es der Heilige Geist, der die Gaben verteilt, die es zur Erfüllung der Aufgaben in der Christengemeinde braucht, sei es betreffend den Bauern, Handwerker, Arzt, Gelehrten oder den weisen und umsichtigen Herrscher. Die ekklesiologischen Schriften zeichnen die Hinwendung zu Gott als immerwährende Religion aus gegenüber anderen Formen geistlichen Strebens, stellen eine Theorie sich geschichtlich ablösender Kirchen vor, indem sie den Vorzug einer inneren Geistkirche geben, die sich im Herzen verwirklicht und nicht in äußeren Formen erstarrt. Im soteriologischen Teil wird die Christozentrik nochmals hervorgehoben mit der Aufforderung zur Nachfolge Christi, wobei Christus die ewige Speise ist, die
[139] zur Ethik Hohenheims inklusive seinen Auffassungen über die Ehe vgl. Briner/ Prevost 1998; Bunners 2002; Daniel/ Felix 1998; Gantenbein 2002; Gause 1996; Goldammer 1952a; 1954b/1993; 1955/1986; 1960/1986; 1993f; 1994; Holenstein Weidmann 2000ab; 2001; Lietz 1998; Rudolph 1998; 1996; 2005ab; Weeks 2005; Winter/ Günther 1998; Wollgast 1995. — [140] Rudolph 2005b spricht sogar von „ethischem Rigorismus“. — [141] Goldammer 1952b, 80–82. — [142] zu dem in der Reformationszeit verbreiteten Topos des Gemein- und Eigennutzes vgl. Vogler 1989, ferner Goldammer 1953, 87.
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zur Erlösung führt. Die Rechtfertigung des Sünders geschieht durch den Glauben. Die Erbsünde wird durch die Taufe hinweggenommen, während neue Sünden durch Bekennen gegenüber dem Nächsten getilgt werden. Das Werk gipfelt im A20. Liber de sursum corda in der mystischen Aufforderung, das Herz zu Gott zu erheben, worauf sich Gott herunterneige und den Menschen mit dem Heiligen Geist inspiriere und leite. Wie man auf Grund der statistischen Auswertung der Wortvorkommnisse aus Tabelle 2 ersehen kann, zeigt sich die gesamte Lehre vom seligen Leben überhaupt durchdrungen vom Gedanken der christlichen Liebe und Barmherzigkeit, so dass man von einer eigentlichen Herz-Mystik sprechen kann. Dies trifft auch auf die Fünf Traktate zur Seligkeit und weitere Traktate des „vita-beata-Kreises“ zu, wodurch der Liebe-Gedanke zum Leitmotiv dieses Schriftencorpus wird. Zusammenfassend kann man sagen, dass der Liber de vita beata eine umfassende Heils- und Lebenslehre darstellt, die sämtliche Aspekte des christlichen Lebens berührt.
a5.
Mögliche Quellen der paracelsischen Theologie
Fragen wir nach den Quellen, an denen sich Paracelsus bei seinen theologischen Anschauungen orientiert hatte, so blickt die Forschung auf ein weites Feld. Diesbezügliche Aussagen gründen sich zumeist auf einzelne Zitate Hohenheims. Ein endgültiges Urteil wird aber erst möglich sein, wenn einmal sämtliche Werke vorliegen werden. Gerne wird auf den neuplatonischen Ursprung seiner Naturphilosophie verwiesen,143 auch auf die „adepta philosophia“, in der er unterrichtet worden war (gemäß seinem Selbstzeugnis von verschiedenen Bischöfen und Äbten, darunter möglicherweise Johannes Trithemius),144 und die zu einer hermetischen Lehre hochstilisiert wird. Die Kontroverse, wie weit die paracelsische Theologie neuplatonisch fundiert war oder weitgehend aus Bibelexegese bestand, bleibt noch offen.145 Immerhin stellte Goldammer als fundierter Kenner fest, „dass es in den großen theologischen Schriften kaum eine Spur von spezifisch Neuplatonischem oder von Gnosis außer einigen philosophischen Gemeinplätzen
[143] v. a. bei Pagel 1962; 1979/1993; 1982. — [144] Das ander Buch der großen Wundarznei, SW 10, 354; vgl. Goldammer 1957/1986. — [145] Goldammer 1991b, 10 f., 21; Gause 2000, 14 f.
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gibt“.146 Unbestreitbar war Paracelsus jedoch ein Kind der Renaissance und ihrer philosophischen Gestimmtheit. Das zeigt sich in seinem Willen, die Natur mit ihren geistigen Wirkkräften und die Weltgeheimnisse eigenständig zu erforschen, in seiner Sichtweise des Menschen als Ebenbild Gottes und Mittelpunkt zwischen Himmel und Erde, und schließlich auch in seinem eigenwilligen, von schöpferischem Selbstbewusstsein erfüllten Auftreten, das in seinem berühmten Leitspruch gipfelt, „alterius non sit, qui suus esse potest“.147 Zumindest zu Beginn hatte der Humanismus Paracelsus eine Leitlinie geboten,148 denn auch dessen Vertreter erstrebten eine Reform des Christentums, gestützt auf antike Bildung und die personale Schau des Göttlichen. So kommt es nicht umhin, dass Paracelsus den in Basel weilenden Erasmus von Rotterdam, der ein Hauptvertreter des humanistischen Reformchristentums war, 1526 als „theologorum patronus“ bezeichnete.149 Wenn Paracelsus anfänglich auch schwankte zwischen christlicher Lehre und der für den Humanismus typischen, heidnisch-antiken Art des Philosophierens, ohne die er, wie er allerdings bemerkt, seine Krankheitstheorien nicht begründen könne,150 so sind seine theologischen Werke von Bezugnahmen auf die Bibel durchsetzt und sprechen weitgehend für eine Theologie der Schriftauslegung. Dieses Bild wird bestärkt durch den Umstand, dass Paracelsus im Laufe seines Lebens zusehends vom Humanismus abrückte, indem er die griechischen Philosophen wiederholt kritisierte und sich von der humanistischen Philologie mit ihrer übersteigerten Eloquenz und Mehrsprachigkeit distanzierte.151 An gedruckten Quellen verwendete Paracelsus zunächst einmal die lateinische Vulgata-Bibel. Daneben benutzte er die von Erasmus besorgte griechisch-lateinische Neuübersetzung des Neuen Testaments, die für alle Reformatoren eine unentbehrliche Grundlage bildete.152 Weiter griff er auf Erasmus’ zugehörigen Kommentar zurück, die An-
[146] Goldammer 1991b, 11. — [147] „eines andern nicht sei, wer sich selbst sein kann“; Leitspruch auf den Stichen des Monogrammisten AH aus den Jahren 1538 und 1540, die als authentische Paracelsusporträts gelten; vgl. Hannesschläger 1994, 219, 223. — [148] Goldammer 1964b; Gause 1993, 197–199. — [149] Brief an Erasmus von Rotterdam, SW 3, 379. — [150] Opus Paramirum, SW 1, 175 f., 225; vgl. Goldammer 1953, 54 f. — [151] Török 1946/2, 18 f., 198–201. Hohenheims Kritik des Humanismus zeigt sich deutlich in einem Zitat aus den Hinfallenden Siechtagen der Mutter, SW 8, 321. — [152] Dies wurde erstmals bemerkt von Gause 1993, 203, Anm. 229. Ausgaben: Novum Instrumentum (1516), später Novum Testamentum (1519, 1522, 1527, 1535) genannt.
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notationes in Novum Testamentum.153 Es ist zudem erwiesen, dass Paracelsus für seinen Psalmenkommentar Luthers Psalmenübersetzung von 1524 benutzt hatte,154 obwohl er festhielt, dass ihm die lateinische Bibel wichtiger sei als jede Übersetzung.155 Betreffend den Lehrmeinungen der mittelalterlichen Theologen ist anzunehmen, dass sich Paracelsus darüber in den Postillae perpetuae in vetus et novum testamentum des Nikolaus von Lyra informieren konnte, die bis zur Reformationszeit ein weit verbreitetes theologisches Handbuch bildeten und die Summe scholastischer Bibelexegese umfassten.156 Hohenheims mögliche Beziehungen zur deutschen Mystik wurden bisher kaum untersucht.157 Mit Meister Eckhart (c1260–1328) 158 verbindet ihn das Primat des Denkens („intellectus“) über den Glauben, denn „die erkantnus gibt den glauben“, wie Paracelsus sagt, und setzt einen „vernunftigen, verstendigen mann“ voraus.159 Wenn Eckhart die „vita activa“ höher einschätzt als die „vita contemplativa“,160 so lässt sich das sicherlich auch für Paracelsus sagen.161 Obwohl im A20. Liber de sursum corda Anklänge an Johannes Tauler (c1300–1361) vorhanden sind,162 so werden erst weitergehende Untersuchungen zeigen müssen, ob Paracelsus dessen Predigten gekannt und verwendet hatte. Ein Indiz dafür wäre allenfalls die Begeisterung des jungen Luther für Tauler,163 die Paracelsus geteilt haben mochte, insbesondere vielleicht auch deswegen, weil Taulers Motiv der Gottesgeburt in der Seele Hohenheims Konzept der „neuen Geburt“ nahekommt. So hatte Luther nicht nur den Tauler-Druck von 1508 mit Randbemerkungen versehen,164 sondern wurde in der Entwicklung seiner Rechtfertigungslehre von einer anonymen mystischen Schrift, dem Franckforter, entscheidend beeinflusst.165 Luther gab sie 1516 und 1518 als Theologia Deutsch zweimal heraus. Nur schon die Titelei der Ausgabe 1518, „Eyn edles Buchleyn [153] Gause 1993, 178, Anm. 89. — [154] Brecht 1995, 76. — [155] „den text, den ich nach ausgelegt hab, stet in latein, deutsch in eim ieglichen nach seinem grund. dem latein glaub ich und bleib bei ihm und nicht anderst“, Psalmenkommentar, Ad lectorem finis, GE 7, 115. — [156] Rudolph 1981c, 104 — [157] Goldammer 1991b, 14, hält sprachliche und gedankliche Einflüsse der Mystik auf Paracelsus für untersuchungsbedürftig. — [158] zu Eckhart vgl. u. a. Dinzelbacher 1994, 281–292; TRE 9 (1982), 258–264, mit weiteren Literaturangaben. — [159] Labyrinthus medicorum errantium, SW 11, 207; Vom tauf der Christen, GE 2, 334. — [160] Dinzelbacher 1994, 286. — [161] Goldammer 1952a, 5. — [162] Gnädinger 2007, 43 f.; zu Tauler vgl. u. a. Dinzelbacher 1994, 311–315; TRE 32 (2001), 745–748, mit weiteren Literaturangaben. — [163] Hinten 1982, 4. — [164] Gnädinger 2007, 59. — [165] zum Franckforter bzw. der Theologia Deutsch vgl. Hinten 1982; TRE 33 (2002), 259–262, mit weiteren Literaturangaben.
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[…] was Adam vnd Christus sey vnd wie Adam yn vns sterben vnd Christus ersteen soll“, zugleich das Leitmotiv der Schrift, weist auf eine hohe Relevanz hin für Hohenheims „philosophei der untödlikeit“. Auch hier werden eingehende Textuntersuchungen nötig sein, um weitere Aussagen zu erlauben, was allerdings erst nach der Edition der Abendmahlsschriften möglich sein wird. Wie bei anderen Exponenten der Reformation ist bei Paracelsus ein deutlicher Einfluss der Theologie und Philosophie des Zisterzienserabtes Joachim von Fiore (c1135–1202) wahrnehmbar.166 Dies zeigt sich vornehmlich in Joachims Verständnis der Abfolge von drei „Zuständen“ (status) der Heilsgeschichte. Das Zeitalter des Vaters als Zeit des Alten Testaments wird vom gegenwärtigen Zeitalter des Sohnes des Neuen Testaments abgelöst, wobei einzelne Texte des Alten Testaments Ereignisse des Neuen Testaments vorhersagen bzw. präfigurieren. Durch eine ausführliche Deutung der Apokalypse, die den Übergang vom Reich des Sohnes Christus zum Endgericht regelte und somit darüber hinauswies, prophezeite Joachim ein zukünftiges Zeitalter des Heiligen Geistes, das eine ideale Welt darstellen sollte. Die Heilsgeschichte verläuft dabei nicht sprunghaft, sondern schrittweise und in sich überschneidenden Stufen. Immer wieder kommt Paracelsus auf solche Zustände zurück, die er „Monarchien“ oder „Reiche“ nennt.167 Die Natur bildet das Reich des Vaters und wird vom natürlichen Licht regiert, während der selige Mensch im Reich des Sohnes lebt mit dem Heiligen Geist als Inspirator. Das „dritte Reich“ kommt der oben beschriebenen „güldenen Welt“ oder der Auferstehungswelt der „neuen Geburt“ gleich, oder wie es Paracelsus im Kommentar zum ersten Petrusbrief ausdrückt, „das ewig reich, das der andern geburt zusteet, das ist im himmel“.168 Die Geschlechterfolge aus dem ersten Kapitel des Matthäusevangeliums deutet Paracelsus ganz im Sinne der joachimitischen Eschatologie und Heilsgeschichte mit der Präfiguration bzw. der Vorwegnahme des Neuen Testaments durch das Alte Testament,169 und auch hier nimmt er die Erschaffung eines neuen Reiches nach dem
[166] zu Joachim von Fiore vgl. u. a. McGinn 1979, Mottu 1977; Reeves 1977; SchmidtBiggemann 1998, 602–620; Riedl 2004; TRE 17 (1988), 84–88, mit weiteren Literaturangaben. — [167] Goldammer 1948, 75; 1952b, 72–74; Rudolph 1995a, 702. — [168] zitiert nach Goldammer 1952b, 72 f.; Edition in NPE 5. Vgl. auch Goldammer 1953, 90, Anm. 75. — [169] „Also die ding zu beschreiben, ist am kundlichisten anzesehen bei dem alten testament und nachfolgt das neu fürzuhalten, dann je eins wie das ander sich erzeigen und vergleichen muss.“ A13. De ecclesiis veteris et novi testamenti, 285r.
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jüngsten Gericht an.170 Paracelsus vertritt in seinem Danielkommentar die Meinung, dass die Apokalypse den verdorbenen geistlichen Stand mit seinen falschen Propheten und die der ewigen Verdammung anheimfallenden Sünder „praefigurirt“, sozusagen als Warnung, das selige Leben nicht zu verlassen.171 Weiter erinnert der im A15. Liber de potentia et potentiae gratia dei ausführlich beschriebene symbolische Baum mit Gottvater als Wurzel, Christus als Stamm und dem Heiligen Geist als den Ästen an eine Joachim zugeschriebene allegorische Darstellung aus dem Liber figurarum, den Baum der Heilsgeschichte.172 Weiter findet sich eine dem joachimitischen Verständnis der Heilsgeschichte ähnliche Vorstellung im fragmentarisch überlieferten Buch A13. De ecclesiis veteris et novi testamenti, worin Paracelsus fünf ineinandergreifende und sich ablösende Kirchen beschreibt. Zu dem allem ist allerdings zu bemerken, dass auch der Sphärenbegriff des Neuplatonismus die heilsgeschichtlichen Überlegungen Hohenheims beeinflusst haben mochte. Weiter haben Daniels Visionen von den vier Reichen die Reformatoren stets in den Bann gezogen.173 1524 hielt Thomas Müntzer zu Allstedt seine denkwürdige Fürstenpredigt über Daniel 2, die wenig später gedruckt wurde und breite Beachtung fand.174 Müntzer stellt darin im Rahmen einer immer noch wirksamen Offenbarung das Ende der Heilsgeschichte in Aussicht, nämlich den Anbruch eines vollkommenen Reich des Geistes. Paracelsus mochte durch diese Predigt zu seinem eigenen Daniel-Kommentar 175 angeregt worden sein, worin er ebenfalls einen starken Bezug zur Apokalypse herstellt. Weitere mögliche Vorläufer für Hohenheims apokalyptisch gestimmte Kirchenkritik und sozialkritische Einstellung lassen sich bei den FranziskanerSpiritualen des Hochmittelalters ausmachen.176 Ihre häretischen Vorstellungen waren ebenso stark durch die Trinitätslehre des Joachim von Fiore beeinflusst. Auch sie kannten das Gebot der Armut, wandten sich gegen das Papsttum, gegen Reichtum und weltliches Machtstre-
[170] Török 1946/2, 109 f.; Gause 1993, 164–166. — [171] „Was ist apocalypsis anders, dann daß uns gott dadurch praefigurirt unsern geistlichen stand dieser welt und die sünder der ewigen verdambung? so nun allein in propheten, aposteln und euangelisten begriffen wird.“ Explicatio in Danielem prophetam, GE 7, 291. Zu den endzeitlichen Vorstellungen bei Paracelsus und seinen Zeitgenossen vgl. Holenstein Weidmann 2004. — [172] Riedl 2004, Abb. 1. — [173] Schmidt-Biggemann 1998, 620–645. — [174] zu Müntzer und Daniel 2 vgl. Hinrichs 1962, 40–44; Kim 1994, 96–99; TRE 23 (1994), 417 f. — [175] Explicatio in Danielem prophetam, GE 7, 285–359. — [176] Rudolph 1978, 237, 239 f.; 1993b, 57; 2005b, 56, 62, 65.
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ben. Wie Paracelsus verwandten die Franziskaner-Spiritualen den Begriff der „Mauerkirche“ als Symbol für eine falsch verstandene, äußerliche Glaubenspraxis. Es stehen ausführlichere Textvergleiche aus, die einer möglichen Beeinflussung der paracelsischen Theologie durch die Schriften der regulären und der radikalen Reformatoren nachgehen. Insbesondere Luthers Frühschriften werden hier von Interesse sein.177 Aber auch für Zwingli, dem Paracelsus in gewissen Fragen wie etwa jener der Sozialethik durchaus nahestand, fehlen entsprechende Untersuchungen weitgehend.178 Mit der 1525 in Zürich durch die Radikalisierung von Zwinglis Ideen entstandenen Täuferbewegung 179 verbindet Paracelsus der Wunsch nach Individualisierung, der Antiklerikalismus, die Distanz zur Obrigkeit und der Pazifismus mit der Ablehnung des Schwertes.180 Goldammer will sogar einen stetigen Parallelismus sehen zwischen der Entwicklung der täuferischen Bewegung und den biographischen Lebenslinien Hohenheims mit Kontakten zu deren Repräsentanten.181 Von den Spiritualisten ist einzig ein Zusammentreffen mit Sebastian Franck 182 1529 in Nürnberg belegt.183 Wie bei Paracelsus tritt bei Franck das philosophische Element hervor, und es zeigt sich ein Individualismus, der sämtliche alten und neuen Konfessionen ablehnt. Während bei Franck und Paracelsus grundsätzliche Unterschiede in Christologie und Sakramentsauffassung bestehen, steht Kaspar von Schwenckfeld hingegen Paracelsus nahe mit seiner Lehre vom glorifizierten Leib Christi, von Christi göttlicher Menschheit und Ungeschöpflichkeit.184 Es verwundert deshalb nicht, dass Abschriften von Paracelsus-Theologica gerade in Schwenckfeldischen Kreisen begehrt waren.185 Wie bereits erwähnt, teilt Paracelsus mit Thomas Müntzer das Interesse für das Buch Daniel und die Apokalypse. Wie ebenfalls schon ausgeführt, trennt das Abendmahlsverständnis Paracelsus grund[177] Goldammer 1991b, 13, hält fest, dass Vergleiche mit Luther schwierig seien und in der Regel unergiebig blieben. Diese Meinung lässt sich nicht halten, da eher das Gegenteil der Fall ist. — [178] Einzelne Vergleiche zwischen Paracelsus und Zwingli finden sich bei Gause 1993, etwa zu Zwinglis kirchenkritischen Auffassungen, Gause 1993, 118–144. — [179] Correll 1925; QGTS. — [180] zu Hohenheims Pazifismus vgl. Goldammer 1952a, 54–57; Rudolph 1995a, 702. — [181] Goldammer 1952a, 81–93. — [182] zu Sebastian Franck vgl. TRE 11 (1983), 307–312. — [183] Goldammer 1952a, 14; zur Frage des Spiritualismus bei Paracelsus vgl. auch Bornkamm 1932. — [184] Goldammer 1953, 99; zu Schwenckfelds Christologie vgl. Ecke 1978; Séguenny 1975, 1988; Weigelt 1973; vgl. auch TRE 30 (1999), 712–719. — [185] SW 1, xx.
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sätzlich von allen Spiritualisten, indem er wie Luther von der Realpräsenz Christi im Abendmahl überzeugt ist und eine materielle Übertragung des Fleischs und Bluts Christi annimmt mit einer neuen Leiblichkeit als Endergebnis. Einen direkten Bezug auf das bei den Spiritualisten so wichtige „innere Wort“ als Ausdruck der direkten Offenbarung Gottes lässt sich bei Paracelsus zwar nicht direkt nachweisen, jedoch verweist dieser zur Erklärung seiner „philosophia adepta coelestis“ auf eine einschlägige Bibelstelle, dass der Mensch nicht nur vom Brot allein lebe, sondern von jedem Wort, das aus dem Munde Gottes ausgehe (Mt 4,4),186 und ebenso spricht er vom „kämmerlin“ des Herzens, wo Gott heimlich mit dem Menschen rede.187
a6.
Zur Frage der Einheit von Medizin, Naturphilosophie und Theologie
Es waren vor allem Török und Rudolph,188 die versuchten, eine mögliche innere Einheit der medizinisch-naturphilosophischen und der theologischen Werke Hohenheims aufzuzeigen. Was waren die gemeinsamen Beweggründe, die den Arzt und Laientheologen antrieben? Török bemerkte, dass bei Paracelsus „fast jeder naturphilosophische Gedanke einer religionsphilosophischen Abrundung zusteuert und umgekehrt“,189 und tatsächlich fand er dafür zahlreiche Belege. Paracelsus selber versuchte die zwei Seiten in seiner Astronomia Magna zu vereinen, einer Gesamtsystematik unterzuordnen und darin seine wichtigsten theologischen Gedanken nochmals zusammenzufassen.190 Goldammer sah darin eine Synthese von Natur und Offenbarung, Ethik und Mystik, empirischer Naturkunde und magisch-adeptischer Metaphysik, von Medizin und Theologie.191 Das Naturlicht steht im Wechselspiel mit dem Licht des Heiligen Geistes und eröffnet dem Menschen neue Möglichkeiten. Rudolph bezeichnete Hohenheims Streben nach Überwindung der „Zerbrechlichkeit“ des Menschen als grundlegendes Motiv im Gesamtschrifttum.192 Als Arzt erlebte Paracelsus die Sterblichkeit des Menschen und die Vergänglichkeit aller Dinge, der er auf der physischen Ebene mit seinen Medikamenten entgegenzuwirken [186] Astronomia Magna, SW 12, 395–399. — [187] A18. Liber de venerandis sanctis, H 1 194 v. — [188] Rudolph 1995a, 701; 1995b, 88; 2005b. — [189] Török 1946/2, 12. — [190] Daniel 2003; Rudolph 1993a, 94 f. — [191] Goldammer 1953, 97. — [192] Rudolph 2005b, 60.
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trachtete. Hingegen als Theologe stellte er sich auf der metaphysischen Ebene einen neuen und perfekten Auferstehungsleib vor, der über den Tod hinaus fortdauern konnte und so einer ewigen Gesundheit zustrebte. Paracelsus war in der Neuzeit auch der Erste, wie Gantenbein feststellte, der die ärztliche Ethik mit christlicher Ethik vereinte.193 Schließlich sieht Rudolph in Hohenheims grundlegender Kritik an den Missständen seiner Zeit ein Moment der Einheit,194 so dass Paracelsus’ Polemik gegen die institutionalisierten Theologen dem Kampf gegen die mittelalterliche Universitätsmedizin gleichkommt, für den er vorwiegend bekannt ist.
[193] Gantenbein 1998; 2002. — [194] Rudolph 2005b.
Zur Geschichte der Theologica-Edition
b.
Zur Geschichte der Theologica-Edition
b1.
Das Corpus Theologicum des Theophrastus von Hohenheim
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Die Überlieferung der theologischen Werke Hohenheims verlief vollkommen anders als bei den medizinisch-naturphilosophischen. Eine Gemeinsamkeit besteht darin, dass sämtliche Autographen, deren Spur sich 1694 auflöst,195 verloren gegangen sind. Von den medizinischnaturphilosophischen Schriften erschienen zu Lebzeiten zwar gegen 30 Drucke, was auf den ersten Blick viel erscheint.196 Es handelt sich aber nur um 16 verschiedene Schriften in sich wiederholenden Ausgaben, und von diesen wiederum sind die meisten mantisch-prognostische Traktate im Umfang von 4 bis maximal 24 Blatt. An medizinischen Werken erschienen 1529 die Schrift Vom Guaiaco gründlicher heylung (8 Blatt 4°),197 1530 das Werk Von der Frantzösischen kranckheit (54 Blatt 4°),198 1535 die Bäderschrift Vonn dem Bad Pfeffers in Oberschwytz gelegen (12 Blatt 4°) 199 und als größter äußerer Erfolg 1536 die zwei Bücher der Grossen wund artzney (127 Blatt Folio). 200 Diese Zusammenstellung macht deutlich, wie verschwindend wenig in Anbetracht des umfangreichen Gesamtwerks den Weg zur Druckerpresse fand. Theologische Anspielungen und Deutungen kommen lediglich in wenigen der erwähnten mantisch-prognostischen Schriften vor, etwa in der 1531 gedruckten Kometenschrift Vßlegung des Commeten erschynen im hochbirg (8 Blatt 4°), 201 worin Paracelsus festhält, dass eine jegliche Prophetie von Gott und der heiligen Schrift ausgehen müsse. Der Reigen der Paracelsusausgaben und mit ihr auch die Rezeption setzte erst 1553 zögerlich ein, um dann ab 1560 zu einer wahren Flut anzuschwellen. Bis 1589, dem Zeitpunkt des Erscheinens von Husers maßgeblicher Gesamtausgabe, kamen gegen 200 Einzeldrucke und Sammelausgaben heraus. 202 Der „Churfürstlich Cölnische Rat und Medicus“ Johannes Huser (c1545–1597/1604) 203 hatte im Auftrag des Kurfürsten und Kölner Erzbischofs Ernst von Bayern (1554–1612) begonnen, Autographen zu sammeln, die er schließlich als „Bücher und Schrifften“ des Paracel-
[195] SH 4 f. — [196] Vgl. SD 3–39. — [197] SD 4 f., Nr. 1. — [198] SD 10 f., Nr. 7. — [199] SD 17, Nr. 13. — [200] SD 18–26. — [201] SD 13 f., Nr. 10; Gantenbein/ Holenstein 2006. — [202] SD 40–365. — [203] zu Huser und seinen spärlich vorhandenen Lebensdaten vgl. SD 369–374; SW 1, xii-xv; Telle 1991.
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sus „aus den Originalien/ vnd Theophrasti eigner Handschrifft“ in einer sehr sorgfältig ausgeführten zehnbändigen Quartausgabe 1589/90 vorlegen konnte. 204 Damit hatte die Edition der medizinisch-naturphilosophischen Schriften ihren bis heute unerreichten Höhepunkt erlangt, während _andererseits nur wenige theologische Frühdrucke auf uns kommen. Der 1567 in Köln bei Arnold Byrckmans Erben erschienene Sammeldruck Philosophia magnae […] tractatus aliquot 205 enthält zwei theologische Traktate: Ex libro de sensu et instrumentis und Ex libro de tempore laboris et requiei. Erst wieder 1618 erscheint in Magdeburg die Philosophia de limbo aeterno, 206 eine Sammlung von Abendmahlsschriften, die vom Drucker Johannes Stariz „ziemlich willkürlich zusammengestellt“ und überarbeitet wurde. 207 Dieser Druck wurde 1644 in Frankfurt am Main mit geringen Änderungen nochmals aufgelegt. 208 Der „bedeutendste“ 209 Vorläufer der Theologica-Ausgabe war die 1618 von Lucas Jennis in Neustadt (Magdeburg) gedruckte Philosophia Mystica, die „Eilff vnterschidene Theologico-Philosophische, doch teutsche Tractätlein“ vorstellt, wovon einige allerdings von Valentin Weigel stammen. 210 In der Philosophia Mystica finden sich der Danielkommentar, die Schrift De iustitia und die beiden Bußschriften De poenitentiis und De confessione, poentitentia et remissione. Jennis gab 1618/19 noch einige weitere kleine theologische Schriften Hohenheims heraus, den Sermo de purgatorio, den Judasbriefkommentar, die Sermones in Antichristum und die Außlegung oder Bericht […] Vber die Wort SVRSVM CORDA. 211 Damit ist die frühe Druckgeschichte der Paracelsus-Theologica bereits erschöpfend beschrieben. Man fragt sich, weshalb diese im Gegensatz zu den medizinisch-naturphilosophischen Schriften offenbar unbeachtet und weitgehend ungedruckt blieben. Es mangelte indes nicht an Interesse, denn die Theologica sind uns in zahlreichen Abschriften überliefert. Es waren insbesondere häretische, „schwärmerische“ Kreise, die sich von der radikalen Theologie Hohenheims angesprochen fühlten und deren genaue Erforschung noch aussteht. 212 Besonders Schwenckfeldianer kopierten seine Schriften eifrig, 213 da sie wohl bei Paracelsus ein ihnen verwandtes christologisches Konzept erblickten. Spuren dieser Paracelsusrezeption führen an den Oberrhein, nach [204] HW 1, A i r (Titelblatt); SD 368–409; SW 1, xiif. — [205] SD 133 f., Nr. 86. — [206] SD 508–511, Nr. 303. — [207] SD 511. — [208] SD 567, Nr. 362. — [209] Goldammer 1954a, 82. — [210] SD 513–516, Nr. 306. — [211] SD 516–518, Nr. 306–308; 520–522, Nr. 311–313. — [212] Kühlmann/ Telle 2004, 27–39. — [213] SW 1, xx.
Zur Geschichte der Theologica-Edition
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Schlesien und in die Lausitz. So entstand im schlesischen Harpersdorf im Umfeld einer Schwenckfeldischen Gemeinde die heute verschollene Breslauer Handschrift B 1, die nach dem Entstehungsort Harpersdorfer Handschrift genannt wird. Sie wurde von einem ausgesprochenen Gebildeten geschrieben und gehört zu den wichtigsten TheologicaSammlungen.214 Zu den Liebhabern paracelsischer Theologie zählten auch Anhänger des als Ketzer verschrieenen Theologen Valentin Weigel (1533–1588), mit ihm der wirkungsmächtige Johann Arndt (1555–1621) und der Görlitzer Schuhmacher Jakob Böhme (1575–1624), die wiederum den Ausgangspunkt zu verschiedenen mystischen und pietistischen Strömungen bildeten. 215 Damit erklärt sich zugleich die Befürchtung des prostetantisch-orthodoxen Klerus, dem schon die Herausgabe der medizinisch-naturphilosophischen Schriften durch Huser als höchst suspekt erschien, dass „Schwärmer“ wie Weigel „aus Paracelso“ eine „Newe Theologia“ aufrichten wollten. 216 Somit wurden Hohenheims Lehren als teuflische Eingebungen und „grundsuppe aller Gottslesterung“ angesehen. 217 Aber auch von katholischer Seite war nichts Besseres zu erwarten, schalt Paracelsus doch den Papst als Antichristen und empörte sich wiederholt über die Pfaffen, „Münche“ und „Nunnen“, die er mit den Heuchlern und Pharisäern verglich. So verwundert es nicht, dass nur wenige Theologica-Drucke auf uns gekommen sind. Die theologischen Schriften enthalten soviel sozialpolitischen und kirchenkritischen Zündstoff, dass jeder potentielle Verleger schärfste Verfolgung hätte befürchten müssen oder sogar auf dem Scheiterhaufen geendet wäre. Die genannten Frühdrucke weisen in diesem Sinn eine starke Bearbeitung auf, indem ihnen die Spitzen genommen und heikle Passagen zuweilen ganz ausgelassen wurden. Huser konnte sich bei seiner Editionstätigkeit maßgeblich auf „Autographa und andere manuscripta“ aus der „herrlichen Bibiotheca zu Newburg an der Thonaw“ abstützen. 218 Der Kurfürst Ottheinrich (1502–1559), Pfalzgraf bei Rhein, war ein Liebhaber der Alchemie und hatte in seiner Bibliothek zahlreiche „Theophrastische Bücher“ zusammengetragen, wohl die größte je existierende Sammlung von Paracelsus-Autographen. Über diesen Schatz waltete sein enger Vertrauter Hans Kilian als Bibliothekar, der diese Funktion noch lange über Ott[214] Goldammer 1973, xxxix, xlviii. — [215] vgl. u. a. Deghaye 1996; Miller-Guinsburg 1980; Gause 2005; Gilly 1994, 1997, 1998; Lempe 1994; Pfefferl 1988, 1995ab; Schneider 1995; Weeks 1991. — [216] zitiert nach Telle 1991b, 159. — [217] Telle 1991b, 171 f. — [218] HW 1, B ii v.
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heinrichs Tod hinaus versah. 219 Die pfalzgräfliche Bibliothek in Neuburg an der Donau wurde dadurch zu einem wichtigen Ausstrahlungspunkt des frühen Paracelsismus. 220 In Ottheinrichs Umfeld bewegten sich die Ärzte Alexander von Suchten, Toxites und Adam von Bodenstein, 221 die ab 1560, also bald nach dem Tod des Kurfürsten im Jahr 1559, mit dem Druck einzelner paracelsischer Schriften begannen und somit zu den wichtigsten Herausgebern vor Huser wurden. Die in Neuburg gelagerten Originale bildeten nicht nur die Grundlage für die Huser’sche Gesamtausgabe der medizinisch-naturphilosophischen Schriften, sondern enthielten auch einen bedeutenden Grundstock an theologischen Schriften. 222 Offenbar hatte sich Huser nach Erscheinen seiner Quartausgabe weiter um die Theologica kümmern wollen, denn 1594, also vier Jahre später, holte er in Neuburg zwei Faszikel mit diesbezüglichen Autographen ab. 223 Die Entleihungsurkunde mit der Auflistung der Titel dieser Schriften gibt uns als „Neuburger Verzeichnis“ einen wichtigen Aufschluss über die in Neuburg einst vorhandenen Theologica. Darunter befanden sich nicht nur Schriften zur Vita Beata, sondern auch der erste Kommentar zum Matthäusevangelium. 224 Die zwei Heidelberger Codices cpg 476 (H 1) und cpg 26 (H 2) enthalten Abschriften von fast allen dieser Werke. Das Besondere an diesen beiden Sammelhandschriften besteht nun darin, dass sie von einer zusätzlichen Schreibhand korrigiert wurden, die als jene Hans Kilians identifiziert werden konnte. 225 Damit darf als gesichert gelten, dass diese Heidelberger Codices H 1 und H 2 direkt auf die Neuburger Originale zurückgehen. Dieser Befund wird durch die vorzügliche Textqualität bestätigt, die wir in diesen Vorlagen vorfinden.
b2.
Karl Sudhoff als Wegbereiter der Theologica-Edition
Als zweite große Sammelleistung der Paracelsusforschung nach jener Husers ist diejenige des Leipziger Medizinhistorikers Karl Sudhoff (1853–1938) zu bezeichnen. In sämtlichen ihm damals zugänglichen Bibliotheken und Archiven suchte er nach Handschriften und Drucken von Hohenheims Werken. Das Resultat seiner Bemühungen legte er in [219] zur pfalzgräflichen Bibliothek in Neuburg an der Donau und dessen Hüter Hans Kilian vgl. SH 2–12; Goldammer 1973, xxixf.; Telle 1981; 1991b. — [220] Telle 1981, 130. — [221] Telle 1981, 136. — [222] Goldammer 1973, xxix. — [223] SH 10–12. — [224] Edition in NPE 2. — [225] Zimmermann 2006.
Zur Geschichte der Theologica-Edition
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seinem zweibändigen Versuch einer Kritik der Echtheit der Paracelsischen Schriften nieder, wovon der erste Teil (1894) die Paracelsusdrucke beschreibt und der zweite Teil (1898) die Handschriften. 226 Diese Bände bilden noch heute die unentbehrliche Grundlage für die editorische Arbeit zu Paracelsus, insbesondere für die theologischen Schriften. Erstaunlicherweise war es Sudhoff gelungen, sich ein nahezu vollständiges Bild der Überlieferung zu verschaffen. Einige Nachträge lieferte er 1929 im ersten Band seiner Paracelsus-Ausgabe nach. 227 Sudhoff geht in seinem Versuch einer Kritik auf den Inhalt der Handschriften ausführlich ein, oft unter Anfügung von zum Teil längeren Exzerpten. Er vergleicht die verschiedenen Sammelhandschriften, identifiziert die einzelnen, in verschiedenen Überlieferungen vorkommenden Traktate und gelangt so zu einer Einteilung der Theologica in Schriften zur Vita Beata, in Sermones, Bibelkommentare, Abendmahlschriften und Marienschriften. 228 Offensichtlich vom Reichtum des Vorgefundenen fasziniert, entschuldigte er seine Weitschweifigkeit bei den theologischen Exzerpten, da, wie er meinte, „zumal wenig Aussicht vorhanden ist, dass gerade diese Abhandlungen jemals gedruckt werden“. 229 Noch 1898 hegte Sudhoff also Zweifel in Bezug auf die Möglichkeit einer Herausgabe des theologischen Werks des Paracelsus, da er, angesichts der Fülle des Materials, die immense Aufgabe für einen potentiellen Editor voraussah. Sudhoff trug sich dennoch schon bald darauf mit der Absicht, den theologischen Teil des Gesamtwerks zusammen mit seiner geplanten Neuherausgabe der medizinisch-naturphilosophischen Werke in Angriff zu nehmen.
b3.
Wilhelm Matthießen als erster Herausgeber
Im Jahr 1915 nahm Sudhoff mit einem jungen Religionswissenschaftler Kontakt auf, 230 von dem er sich Hilfe bei der Edition der theologischen Schriften erhoffte. Wilhelm Matthießen (1891–1966) hatte in Berlin und Bonn Philosophie studiert und arbeitete an einer religionsphilosophischen Dissertation über die Form des religiösen Verhaltens bei Paracelsus, die er 1917 vorlegen konnte. 231 Noch im gleichen und im folgenden Jahr veröffentlichte er im Archiv für Reformationsgeschichte zehn theologi[226] SD (Bd. 1) bzw. SH (Bd. 2). — [227] SW 1, xxi-xxix. — [228] SH 781–797. — [229] SH 40; vlg. Dilg 1993, 12. — [230] Dilg 1993, 12. — [231] Matthießen 1917a/1993. Zur Biographie Matthießens vgl. Rottensteiner 1990.
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sche Abhandlungen des Paracelsus, die er aus dem Heidelberger Codex palatinus germanicus 476 (H 1) abgeschrieben und mit einem eher knappen, erklärenden Fußnotenapparat versehen hatte. 232 Zusammen mit Sudhoff war jedoch eine mehrbändige Ausgabe geplant, die von der Aufmachung her Sudhoffs Neuherausgabe der medizinisch-naturphilosophischen Schriften gleichkommen sollte. Der erste Weltkrieg verzögerte dieses Ansinnen jedoch ungemein. Als Sudhoff 1922 endlich mit drei Jahren Verzögerung einen ersten Band seiner Paracelsusedition präsentieren konnte, drückte er sich zunächst um die Erklärung der hier von ihm gewählten eigenwilligen Schreibung. Er versprach jedoch, dass „mein Mitarbeiter Matthießen“ sich im ersten Band der theologischen Schriften über philologische Fragen der Textgestaltung auslassen werde, 233 was dann auch geschah. 234 Denn bereits 1923, nur ein Jahr nach Sudhoffs erstem Band, folgte Matthießen mit dem ersten Band der „theologischen und religionsphilosophischen Schriften“ Hohenheims beim gleichen Herausgeber Otto Wilhelm Barth in München, gehalten im gleichen Schriftsatz der Alten Schwabacher Schrift und mit identischem Layout des Titelblatts. Es bestand somit ganz offensichtlich die erklärte Absicht, dass die „medizinischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Schriften“ durch Sudhoff und die theologischen durch Matthießen parallel herausgegeben werden sollten. Matthießens erster – und zugleich letzter – Band mit dem Titel „Philosophia Magna I“ enthält zwölf Schriften zur Vita Beata und basiert wiederum auf cpg 476, wobei Matthießen in sieben Fällen auf die bereits veröffentlichten Abschriften aus dem Archiv für Reformationsgeschichte zurückgriff. 235 Matthießen macht im Vorwort zunächst die schwierigen Nachkriegsverhältnisse dafür verantwortlich,
[232] Matthießen 1917b; 1918. Der Jahrgang 1917 enthält die Schriften 1. Liber prologi in vitam beatam, 2. De re templi ecclesiasticae, 3. Das buch der erkantnus, Sermones ad Clementem VII, 4. De officiis, beneficiis et stipendiis und 5. De felici liberalitate, der Jahrgang 1918 die Schriften 6. De honestis utrisque divitiis, 7. De remissione peccatorum, 8. De potentia et potentiae gratia dei, 9. In principio, omelia Theophrasti de eadem interpretatione und 10. De resurrectione et corporum glorificatione. — [233] SW 6, 7 (Vorwort). — [234] ME 11–19. — [235] Die „Philosophia Magna I“ Matthießens enthält die Schriften 1. Liber prologi in vitam beatam, 2. De religione perpetua, 3. De summo et aeterno bono, 4. De potentia et potentiae gratia dei, 5. De felici liberalitate, 6. De martyrio Christi et nostris deliciis, 7. De remissione peccatorum, 8. De officiis, beneficiis et stipendiis, 9. De honestis utrisque divitiis, 10. De ecclesiis veteris et novi testamenti, 11. De resurrectione et corporum glorificatione und 12. Vom Tauf der Christen.
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dass er keine ausländischen Handschriften habe benützen können, weshalb er den textkritischen Apparat auf den zweiten Band verschieben wolle. Insgesamt stellt Matthießen zehn Bände seiner TheologicaAusgabe in Aussicht, wobei er im zehnten Band die Theologie und Religionsphilosophie des Paracelsus zusammenfassend darstellen wolle. Nach den Ausführungen über die Schreibung der Abschriften gibt Matthießen eine Übersicht über die verschiedenen Sammelhandschriften samt Aufzählung der darin enthaltenen Schriften, die er „nach Sudhoff“ gebe. 236 Das sollte zugleich die einzige Nennung seines Mentors sein. Zur Bezeichnung der Handschriften führte Matthießen Siglen ein, die von Goldammer später im Wesentlichen übernommen wurden und auch für die Neue Paracelsus-Edition Gültigkeit behalten. 237 Auf die im Archiv noch vorhandenen Anmerkungen verzichtet Matthießen nun ganz. Leider enthalten die Abschriften in Matthießens erstem Band viele Fehler und Nachlässigkeiten, etliche Zeilenauslassungen, und in zwei Fällen fehlt sogar eine ganze Seite des Heidelberger Originals. Auch Goldammer bemerkt, Matthießens Ausgabe habe sich „als textlich unzulänglich erwiesen“. 238 Trotzdem blieb sie bis zum Erscheinen des ersten Bandes der Neuen Paracelsus-Edition die maßgebliche für die meisten der darin enthaltenen Schriften, denn Goldammer war es trotz intensiven Bemühungen nicht gelungen, seinen ersten Band zu vollenden, der diesen Mangel hätte beheben sollen. Aus unbekannten Gründen blieb der von Matthießen vorgelegte erste Band der theologischen Schriften zugleich der letzte von seinen zehn angekündigten. Über die Gründe kann man nur mutmaßen. Zunächst erscheint es seltsam, dass Matthießen in seinem ersten Band Sudhoff nur beiläufig und ohne Vornamen erwähnt, auch weist er auf die „Reihe I, die medizinisch-naturwissenschaftlich-naturphilosophischen Schriften“, nur einmal und beiläufig hin, nämlich bei der Aufführung der Schreibregeln. 239 Ansonsten spricht er von „unserer Ausgabe“, oder etwa von einer paracelsischen Orthographie, die „wir“ rekonstruieren wollen. War der beim Erscheinen des ersten Bandes 32-jährige Matthießen gegenüber dem gesetzten, bereits 70-jährigen Sudhoff etwas zu forsch und selbstbewusst aufgetreten? Hatte er ihm zu wenig Ehre erwiesen, so dass es zum Bruch kam? Eine lange gehegte und zunächst auch von Goldammer vertretene Hypothese war jene des frühen Todes Matthießens, der seine Bemühungen zu einem jähen Ab-
[236] ME 21–45. — [237] ME 23. — [238] Goldammer 1984, 4. — [239] ME 11.
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schluss gebracht haben könnte. Der wahre Grund dürfte in den Lebensumständen der Nachkriegsjahre zu suchen sein, denn Deutschland war nach dem ersten Weltkrieg überaus großen wirtschaftlichen Sanktionen seitens der Siegermächte ausgesetzt. So spricht Sudhoff immer wieder von den Schwierigkeiten, mit denen er sich konfrontiert sah, 240 von den „Fährlichkeiten der Nachkriegsjahre und der Inflationszeit“. 241 Noch vor den theologischen Schriften musste es sein oberstes Anliegen gewesen sein, vorrangig die vierzehn Bände mit den medizinisch-naturphilosophischen Werken zu veröffentlichen, die sich im Wesentlichen an der Huser-Ausgabe orientierten. Ursprünglich wollte Sudhoff einen ersten Band bereits 1919 herausbringen und den ganzen Rest in fünf Jahren folgen lassen, doch es wurde 1922, bis dieser – in der Reihenzählung der sechste – Band erscheinen konnte. 242 Erleichtert rief Sudhoff aus: „Nun der Druck begonnen hat, heißt es vorwärts schauen und nicht ermatten, so lange irgend die Kraft reicht!“ 243 Wenn man bedenkt, dass der letzte Band der Sudhoff-Ausgabe erst 1933 erschien, als Sudhoff bereits achtzig Jahre alt war, versteht man, dass er seine ganze letzte Kraft auf die Vollendung dieser Aufgabe konzentrieren musste und für die Theologica kein Raum mehr blieb. Sudhoff war vermutlich auch kaum in der Lage, Matthießen ein Auskommen zu bieten, so dass sich dieser, um für seinen Lebensunterhalt zu sorgen, auf die freie Schriftstellerei verlegte und deshalb schlichtweg keine Zeit für die Editionsarbeit mehr aufbringen konnte. Kurt Goldammer, der spätere Herausgeber, hatte sich intensiv darum bemüht, Nachrichten vom Verbleib Matthießens zu erhalten. 244 Da er trotz weitläufiger Nachforschungen keine Spur zur Beantwortung dieser Frage entdecken konnte, wurde für ihn die Vermutung zur Gewissheit, dass Matthießen nicht mehr lebte. Er verlegte sich auf eine möglichst neutrale Formulierung und sprach vom „früh verstorbenen“ Matthießen 245 und davon, dass dieser starb, „bevor er weitere Resultate seiner Arbeit vorlegen konnte.“ 246 Dies galt seither in Paracelsus-Kreisen als gesichert und wurde immer wieder kolportiert. 247 Es war KarlHeinz Weimann, Goldammers ehemaliger Editionsassistent, der Licht in die Sache bringen konnte. Mitte der 1970er Jahre fand er zufällig in Kürschners Deutschem Gelehrtenkalender seit 1922 Jahr für Jahr Eintragungen, in denen Matthießen beanspruchte, Mitherausgeber an der Pa[240] SW 1, v; 6, 7. — [241] SW 1, v. — [242] SW 6, 7. — [243] a.a.O. — [244] Weimann 1998b, 8. — [245] a.a.O. — [246] Goldammer 1954a, 82. — [247] z. B. noch bei Dilg 1993, 12.
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racelsus-Ausgabe zu sein. 248 Die Eintragungen enden 1933, also just in jenem Jahr, in dem der letzte Band von Sudhoffs Ausgabe erschien. 249 Dies legt den Schluss nahe, dass Matthießen die gesamte vierzehnbändige Ausgabe Sudhoffs mitbegleitet hatte, obwohl er von Sudhoff 1922 nur ein einziges Mal als Mitarbeiter bezeichnet worden war.250 Matthießen legte 1937 ein letztes Mal einen allgemeinverständlichen Beitrag über Paracelsus vor,251 ansonsten betätigte er sich nach kurzer Soldatenzeit im ersten Weltkrieg seit den Zwanzigerjahren als freier Schriftsteller.252 Als Romanautor und Erzähler gilt er als Nachfahre der deutschen Romantik und machte sich als beliebter Jugend- und Hörspielautor einen Namen.
b4.
Die Vorbereitungsphase unter Heinrich Bornkamm 1935–1941
Zumal Sudhoffs oberstes Anliegen die Vollendung seiner eigenen Paracelsus-Ausgabe war, verlor er die theologischen Schriften, die ihm in seinem Versuch einer Kritik soviel bedeutet hatten, nie ganz aus den Augen. So bekräftigte er 1929 seinen Willen, dass „nach Abschluß der Reihe dieser 14 medizinisch-naturphilosophischen Bände die Arbeit an Hohenheims theologischem Nachlaß aufs eifrigste wieder gefördert werden“ solle. 253 Nachdem sich die Zusammenarbeit mit Matthießen zerschlagen hatte, war Sudhoff ständig auf der Suche nach einem geeigneten Herausgeber, der dieser Aufgabe gewachsen sein konnte. Sudhoff hatte zunächst vom Marburger Kirchenhistoriker Heinrich Hermelink (1877–1958) das Versprechen erhalten, die Paracelsus-Theologica herauszugeben. 254 Hermelink wurde jedoch 1935 zwangsemeritiert, da er sich für die Freiheit der Kirche vom totalitären nationalsozialistischen Staat eingesetzt hatte, worauf er seinen Lebensunterhalt als Pfarrer bestreiten musste. 255 Im gleichen Jahr 1935 war der damals noch junge Theologe und Lutherforscher Heinrich Bornkamm (1901–1977) nach Leipzig berufen worden. Er hatte bereits eine steile Karriere hinter sich. 1926, erst 25 Jahre alt, hatte er eine Professur für Kirchengeschichte in Gießen er-
[248] Weimann 1998b, 9. — [249] Weimann 1998b, 9. Erst 1939, also nach Sudhoffs Tod, reklamiert Matthießen im Gelehrtenkalender wieder die Mitarbeit bei der Paracelsus-Ausgabe. — [250] SW 6, 7 (Vorwort). — [251] Matthießen 1937. — [252] zur Biographie Matthießens vgl. Rottensteiner 1990. — [253] SW 1, vi. — [254] Bornkamm 1975, 1. — [255] zu Hermelink vgl. BBKL 2 (1990), 759–760; Hammann 1999.
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halten, wo er 1933/34 sogar das Amt des Rektors bekleidete. 256 Bornkamm hatte sich bereits in Paracelsus eingearbeitet, eine Antrittsvorlesung über ihn gehalten und einen Aufsatz über Luther und die Spiritualisten geschrieben, in dem er auch auf Paracelsus einging. 257 Zudem hatte er mehrere Arbeiten zu Jakob Böhme veröffentlicht. 258 Bornkamm schien also der geeignete Mann für die Theologica-Edition zu sein, 259 zumal er nun auch in Leipzig lehrte, wo Sudhoff 1905 das erste medizinhistorische Institut der Welt eingerichtet hatte. Hermelink führte Bornkamm zu Sudhoff und stellte ihn als seinen möglichen Nachfolger für das Editionsprojekt vor, worauf Sudhoff mit sichtlicher Erleichterung reagierte. 260 Bornkamm übernahm die große Aufgabe und leitete 1938 die Vorbereitungsphase ein. 261 In Leipzig ergaben sich bald danach weitere sachliche und personelle Möglichkeiten. Das „Institut für Geschichte der Medizin“ unter Sudhoff besaß eine stattliche Anzahl an Fotokopien, auch der theologischen Schriften Hohenheims, auf die Bornkamm zurückgreifen konnte. 262 Zunächst sollten erste, für den Druck vorgesehene Abschriften erstellt werden. Die Ausarbeitung der orthographischen und philologischen Grundsätze erfolgte durch den Leipziger Professor der Germanistik Alfred Hübner unter Mithilfe der Sächsischen Akademie der Wissenschaften (Leipzig). 263 Die angewandten Regeln orientierten sich an den Richtlinien der damaligen Preußischen Akademie der Wissenschaften (Berlin) für Textausgaben in mittel- und frühneuhochdeutschem Sprachstand. 264 Als Bornkamms erster Assistent ließ sich der junge schlesische Theologe Hanns-Henning Pflanz dafür gewinnen, Manuskriptgrundlagen zu erstellen. Dabei half ihm sein Vater, ein Superintendent im Ruhestand, der die Arbeit auch weiterführte, nachdem sein Sohn im Krieg gefallen war. 265 Weitere Mithilfe wurde durch die Reformationshistorikerin Lydia Müller geleistet, 266 die sich als Spezialistin für die Täuferbewegung hervorgetan [256] zu Bornkamm vgl. Lehmann 2001; 2002; Novak 1992; Selge 1979. — [257] Bornkamm 1932; Bornkamm 1975, 1. — [258] Bornkamm 1925, 1927, 1936a. — [259] Goldammer 1954a, 82 f. — [260] Bornkamm 1975, 1. — [261] Goldammer 1952a, viii; Weimann 1998b, 1. — [262] Bornkamm 1975, 1. Im Nachlass Kurt Goldammer (Bibliothek des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg) befinden sich eine stattliche Anzahl Negativfotokopien aus den Handschriften L 1, L 2 und H 1 mit dem gelegentlichen Stempelaufdruck „Institut für Geschichte der Medizin Leipzig“. Mit ziemlicher Sicherheit sind dies die von Bornkamm erwähnten Fotokopien aus dem Besitze Sudhoffs, die er an Goldammer weitergegeben hatte. Vgl. Gantenbein 2006a, 5 f. — [263] Goldammer 1952a, viii; 1998b, 2. — [264] Weimann 1998b, 2. — [265] Bornkamm 1975, 1. — [266] Goldammer 1954a, 83.
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hatte 267 und somit bei Paracelsus ein verwandtes Gebiet vorfand. Bereits zu jenem Zeitpunkt wurden einige theologische Werke Hohenheims aus den besten und ältesten Handschriften abgeschrieben. Ein Teil des Materials wurde dabei näher überprüft und kollationiert. 268 Das Paracelsus-Jubiläum 1941 zum 400. Todesjahr gab dem Projekt eine entscheidende Schubkraft, 269 wenn die eigentliche, vom NS-Regime unterstützte Absicht auch zwiespältig war. Bornkamm konnte zwei große wissenschaftliche Förderorganisationen gewinnen, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Heidelberger Akademie der Wissenschaften, und schuf so die finanzielle Grundlage für die Edition. 270 Die Ausgabe fand das Interesse von Akademie-Vertretern wie dem Physiologen Johann Daniel Achelis (1898–1963) und dem Germanisten Friedrich Panzer (1870–1956), dem damaligen Akademiepräsidenten. 271 Die Heidelberger Akademie übernahm die Paracelsus-Ausgabe „gewissermaßen als Pendant zur Cusanus-Ausgabe“. 272 Wohl wurde die Theologica-Edition durch diese Ereignisse stark gefördert, jedoch bleibt ein derartiges Interesse an Paracelsus zur Zeit des Nationalsozialimus mit dem Segen oberster Stellen nicht ganz ohne Nachgeschmack. Gerade bei den Paracelsus-Feiern von 1941 hatte das Dritte Reich Hohenheim für propagandistische Zwecke instrumentalisiert, indem er zum Vorläufer einer deutschen Volksheilkunde und zum Urbild des deutschen Arztes erkoren wurde. 273 Nicht wenige deutsche Hochschultheologen hatten während dieser Zeit in „erheblicher Nähe zum völkischen Staatsbegriff gedacht“, 274 und auch Bornkamm beschritt „beherzt und dezidiert den Weg der Verständigung mit dem NS-Staat“. 275 So verfolgte er etwa 1933 in einem Vortrag „eine Linie des gesamtgermanischen Bewusstseins von Hermann dem Cherusker bis zu Martin Luther“ 276 und legte 1936 ein Buch mit dem Titel Christus und die Germanen vor. 277 Ohne Kooperation mit dem Regime wäre es undenkbar gewesen, dass Bornkamm 1933 zum Rektor der Universität Gießen ernannt und 1935 nach Leipzig berufen wurde. Auch hätte Bornkamm nicht seit 1936 kontinuierlich das exponierte Amt als Präsident des einflussreichen Evangelischen Bundes bekleiden können, das [267] Müller 1927; 1938. — [268] Goldammer 1954a, 83. — [269] Weimann 1998b, 1. — [270] Goldammer 1952a, viii; 1954a, 83. — [271] Goldammer 1991b, 1. — [272] a.a.O. — [273] Domandl 1977; Benzenhöfer 1993a. — [274] Novak 1993, 104 — [275] Siegele-Wenschkewitz/ Nicolaisen 1993, 13. Zu Bornkamm und seiner Rolle im Dritten Reich vgl. weiter Lehmann 2001; 2002; Novak 1992. — [276] Novak 1993, 104. — [277] Bornkamm 1936b.
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er übrigens noch über das Kriegsende hinaus bis 1963 innehatte. 278 Weiteren Aufschluss über die Geschehnisse und mögliche Zugeständnisse, die Bornkamm zum Erreichen seiner Ziele betreffend der ParacelsusEdition machen musste, darf von einem noch unbearbeiteten Briefwechsel aus dem Nachlass Kurt Goldammers erwartet werden. 279 Die Siegermächte entzogen nicht ohne Grund Bornkamm 1945 die Professur in Leipzig. Nach seiner Rehabilitation erhielt er 1947 einen Ruf nach Heidelberg, wo er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1966 fortwirkte. 280 Bornkamm trat mit zahlreichen Publikationen hervor und gilt, ungeachtet seiner zeitweiligen Nähe zum NS-Regime, als einer der bedeutendsten Kirchenhistoriker der Neuzeit.
b5.
Kurt Goldammer als Editionsassistent 1941–1953
Nun, da die Deutsche Forschungsgemeinschaft Gelder zur Verfügung gestellt hatte und die Mithilfe der Heidelberger Akademie gesichert war, öffnete sich der Weg für einen festangestellten Editionsassistenten. Bornkamm bezeichnete es rückblickend als entscheidenden Schritt für die Edition, dass er 1941 Kurt Goldammer (1916–1997) aus dem Kreise seiner ehemaligen Leipziger Studenten gewinnen konnte, „einen Mann von hohen wissenschaftlichen Anforderungen an sich selbst, Organisationsgabe und gereifter Kritik“. 281 Goldammer wurde am 20. Januar 1916 in Berlin geboren und siedelte 1920 mit seiner Familie in die Vaterstadt Dresden um. 282 Dort besuchte er ab 1926 das altehrwürdige Heilig-Kreuz-Gymnasium und legte 1935 das Abitur ab. 283 Bereits als Schüler war er durch vielseitige Begabungen und ein waches Interesse an Literatur, Naturwissenschaften und Kunst aufgefallen. Im Winter 1935 begann er ein Studium der Evangelischen Theologie an der Leipziger Landesuniversität und betrieb nebenbei auch Kunstgeschichte, Archäologie, allgemeine Religionsgeschichte und Philosophie. 284 Er
[278] http://www.evbundbaden.de/hochschulpreis/index.htm, Stand am 11.05.2008. — [279] Briefwechsel Heinrich Bornkamm zu Paracelsus-Sachen (zwei Ordner), „Paracelsus 1937–1942“, „Paracelsus 1943–1952“, Nachlass Kurt Goldammer, Bibliothek des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg. Vgl. Gantenbein 2006a, 3, 7. — [280] Lehmann 2001; 2002. — [281] Bornkamm 1975, 1 f. Vgl. Goldammer 1954a, 83; Schipperges 1999, 91. — [282] Goldammer 1975, 363; Schipperges 1999, 90. — [283] Blaser 1977, 35; Goldammer 1975, 363 f.; Schipperges 1999, 90. — [284] Goldammer 1975, 364 f.; Schipperges 1999, 90.
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war dort als Hörer auf Heinrich Bornkamm getroffen. 285 Nicht zuletzt um der zunehmenden Vereinnahmung durch das NS-Regime, die sich nun auch auf die Leipziger Theologiestudenten ausdehnte, wenigstens zeitweilig zu entfliehen, verbrachte Goldammer das Sommersemester 1936 in Marburg. Dorthin hatte ihn die Gestalt des großen Ökumenikers und seines späteren Doktorvaters Friedrich Heiler (1892–1967) gezogen, dessen Schriften er schon als Schüler gekannt hatte. 286 Heiler, der vergleichende Religionswissenschaften las, war damals bereits wegen regimekritischer Äußerungen von der Theologischen in die Philosophische Fakultät strafversetzt worden. 287 Nachdem Goldammer das Frühjahr 1937 in Tübingen verbracht hatte, kehrte er 1937/38 nach Leipzig zurück. 288 Dort wurde ihm ein Stipendium zuteil, das ihm 1938 ein Sommersemester an der Universität Zürich „in der friedvollen Schweiz“ ermöglichte. 289 Im Winter nach Leipzig zurückgekehrt, brachte er seine inzwischen selbstständig gewählten und nun herangereiften Untersuchungen über die Rolle des Berges in der Gedankenwelt und Praxis der Mystik und über die eucharistische Epiklese im abendländischen Mittelalter zum Abschluss. 290 Goldammer sandte diese Arbeiten Ende des Sommers 1939 seinem Lehrer Heiler zur Begutachtung, der ihn daraufhin wegen der sich überstürzenden Entwicklung der Weltereignisse dringend nach Marburg rief. Bereits am 12. Oktober 1939 wurde Goldammer zum Doktor der Philosophie promoviert, 291 nicht etwa der Theologie, da sich Heiler ja nicht mehr in der Theologischen Fakultät befand. Am 15. April 1940 legte Goldammer schließlich das theologische Schlussexamen in Leipzig ab. 292 Heiler hatte Goldammer stark geprägt, nicht zuletzt durch dessen Studie Jesus und der Sozialismus (1919), worin Heiler die unlösliche Verknüpfung des Christentums mit der sozialen Frage und sein Verhältnis zu sozialreformerischen Ideen darlegt. 293 Goldammers späteres Interesse für den Sozialrevolutionär Paracelsus war damit angebahnt. Heiler wechselte 1947 in die Theologische Fakultät zurück und emeritierte 1962. 294 Goldammer trat somit 1941 unter der Leitung von Bornkamm seine Stelle als Editionsassistent und als Forschungsstipendiat der Deut-
[285] Goldammer 1975, 365. — [286] Goldammer 1975, 366; Blaser 1977, 35. — [287] Goldammer 1975, 366; BBKL 2 (1990), 660 f. — [288] Goldammer 1975, 366. — [289] Blaser 1977, 35. — [290] Goldammer 1975, 368. — [291] Goldammer 1941 (Dissertation). — [292] Goldammer 1975, 368. — [293] Heiler 1919; Goldammer 1952a, x. — [294] BBKL 2 (1990), 660 f.
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schen Forschungsgemeinschaft an. 295 Gleichzeitig blieb er als freier wissenschaftlicher Mitarbeiter der Dresdener Zentrale des Landesvereins für Innere Mission verbunden, 296 für den er 1940/41 als Pfarrvikar tätig war, so unter anderem in der Auslandseelsorge. 297 Goldammer konnte also seinen Wohnsitz in Dresden behalten und hatte seinen Arbeitsplatz in der Sächsischen Landesbibliothek, 298 die damals im Japanischen Palais untergebracht war. Da er wegen eines „seit Jahren bestehenden und sich verschlimmernden Knieleidens“ für untauglich erklärt worden war, blieb ihm der Kriegsdienst glücklicherweise erspart. 299 Zunächst noch zwangsweise vom Sächsischen Landeskirchenamt in Dresden in Anspruch genommen, konnte Goldammer erst durch die Intervention Achelis’ für die wissenschaftliche Arbeit vollends freigestellt werden. 300 Die eigentlichen Editions-Aktivitäten begann Bornkamm mit der Assistenz von Goldammer im Jahr 1942. 301 Zunächst stellte Bornkamm eine Übersicht der theologischen Werke Hohenheims zusammen. Der Werkübersicht folgte eine Werkgliederung, die nicht nach chronologischer Reihenfolge der Schriften vorging, wie es Sudhoff in seiner Edition versucht hatte, sondern nach sachlich-thematischen Gesichtspunkten. Danach folgte ein Plan für die Verteilung der Werke auf die künftigen Bände, die Auswahl der Leithandschriften und die Beschaffung von Fotokopien, sofern diese noch nicht von Sudhoff her vorhanden waren. 302 Neben Goldammer waren noch weitere Assistenten mit der Abschrift von Texten beschäftigt, so die erwähnten Pflanz Vater und Sohn und der spätere Gymnasiallehrer Gerhard Deggeller (geb. 1908). 303 Bornkamm beauftragte Goldammer zunächst mit der Bearbeitung des großen Psalmenkommentars, da dieser überlieferungsgeschichtlich das einfachste theologische Werk Hohenheims zu sein schien. 304 Bei Stellenantritt lag Goldammer bereits eine umfangreiche maschinengeschriebene Abschrift des Psalmenkommentars vor, 305 die vermutlich von den beiden Pflanz besorgt worden war. Zur Überprüfung und weiteren Bearbeitung konnten von der Universitätsbibliothek Heidelberg der Codex palatinus germanicus 51
[295] Goldammer 1954a, 83; 1985, 1. — [296] Goldammer 1952a, viii; Goldammer 1975, 369. — [297] Blaser 1977, 36. — [298] Goldammer 1952a, viii; Goldammer 1975, 369; Weimann 1998b, 1. — [299] Goldammer 1975, 365. — [300] Bornkamm 1975, 2. — [301] Weimann 1998b, 1. — [302] Weimann 1998b, 2. — [303] Goldammer 1954a, 84; Daems 1993, 172. — [304] Goldammer 1990, 62; Weimann 1998d, 1. — [305] Goldammer 1990, 62.
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(H 3) 306 und von der Stadtbibliothek Breslau Rhedigerana die wichtige Harpersdorfer Handschrift (B 1) 307 nach Dresden an die Sächsische Landesbibliothek ausgeliehen werden, die zusammen die Hauptquellen für den Psalmenkommentar boten. Neben seiner Editionstätigkeit bereitete Goldammer bei Bornkamm seine Habilitation vor, 308 während die Paracelsus-Ausgabe bis zum Kriegsende seine berufliche Hauptaufgabe blieb. 309 1944 begannen die Kriegsereignisse bedrohliche Ausmaße anzunehmen. Goldammer entschloss sich deshalb, seinem Lehrer Heiler an die Philipps-Universität in Marburg an der Lahn zu folgen, wohin er noch im gleichen Jahr übersiedelte. Die räumliche Wirkstätte der Edition wurde von nun an die Marburger Universitätsbibliothek, 310 die noch lange Goldammers Arbeitsplatz bleiben sollte für sein „institutsloses Lehrgebiet“. 311 Im Februar 1945 fuhr er zu einem letzten Besuch in die noch intakte Vaterstadt Dresden, „die ich als rauchender Trümmerhaufen wieder verließ, um nach Marburg mit geborgenen Paracelsus-Handschriften und Editionsunterlagen zurückzukehren.“ 312
[306] Entleihbescheinigung vom 28. November 1941. H 3 galt nach dem Krieg als verschollen und wurde erst 1960 im Panzerschrank der Sächsischen Landesbibliothek wiederentdeckt. Sie hatte im Krieg einen starken Wasserschaden erlitten und wurde 1990 nach Heidelberg zurückgegeben. Vgl. Goldammer 1990; UB Heidelberg, interne Handschriftenbeschreibung von cpg 51. — [307] In seinem Brief vom 20. Mai 1944 schreibt Goldammer an Bornkamm, dass die Breslauer Handschrift (Harpersdorf) nach Dresden entliehen wurde und Bemühungen bestanden, diese zwecks kriegsbedingter Sicherstellung dort zu belassen: „Über die Verhandlungen mit der Dresdener Bibliotheksdirektion betr. Sicherstellung der Breslauer HS schrieb ich Ihnen schon. Ich hoffe, daß nun Ihr Schritt Breslau […] bewogen hat, dem Belassen der HS in Dresden zuzustimmen.“ (Nachlass Kurt Goldammer, Ordner „Paracelsus 1943–1952“, Bibliothek des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg. Vgl. Gantenbein 2006a, 3 f.). Die Harpersdorfer Handschrift B 1 befand sich also im Mai 1944 in Dresden und wurde vermutlich nicht nach Breslau zurückgegeben, denn in der heutigen Universitätsbibliothek Wrocław fehlt diese, während die beiden anderen Breslauer Paracelsus-Handschriften B 2 und B 3 noch am Ort sind. B 1 gilt heute als verschollen. Sudhoff schätzte sie hoch ein als eine der „werthvollsten der erhaltenen theologischen“ Handschriften (SH 538). — [308] Weimann 1998d, 1. — [309] Goldammer 1975, 370. — [310] Goldammer 1952a, ix. — [311] Goldammer 1975, 370. — [312] Goldammer 1975, 365, 370. Es ist nicht klar, um was für „geborgene Paracelsus-Handschriften“ es sich hier handeln könnte. 1952 klagt Goldammer, dass durch die Kriegsereignisse „einige der kostbaren handschriftlichen Quellen paracelsischer Theologie vernichtet worden“ seien (Goldammer 1952a, viii), und 1954 wähnt er zwei Dresdener Handschriften als verloren, die
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Einleitung
Die Arbeiten an der Edition wurden durch das Kriegsende 1945 jäh unterbrochen.313 Die Deutsche Forschungsgemeinschaft stellte ihre Tätigkeit 1945 ein, doch war die Heidelberger Akademie noch „bis etwa 1947“ in der Lage, Überbrückungsmittel für das Unternehmen zu liefern.314 So konnten die Arbeiten noch im gleichen Jahr in bescheidenerem Umfang wieder aufgenommen werden. Es wurden weiterhin Texte vorbereitet, das zerstreute Material wurde gesammelt und nach Marburg konzentriert, und das Editionswerk blieb einigermaßen im Fluss, soweit es die Verhältnisse gestatteten.315 Einige der anderen Mitarbeiter wurden durch den Krieg und das Kriegsende verhindert, nur Deggeller konnte eine Zeit lang die ihm übertragene Aufgabe weiterführen.316 Goldammer nahm seinen Wohnsitz in Marburg und heiratete dort 1945 die Studienreferendarin Inge Rodewald. Dem Paar wurden von 1947 bis 1957 vier Kinder geschenkt.317 Goldammer nahm 1946 als Pfarrer vertretungsweise in Stadt und Land Marburg kirchliche Funktionen wahr.318 Goldammers Habilitation erfolgte nicht wie ursprünglich vorgesehen bei Bornkamm, sondern im Mai 1946 an der Marburger Philosophischen Fakultät, wo er neben Heiler seine wissenschaftliche Laufbahn als „Diätendozent“ (Privatdozent) für Religionsgeschichte und Geschichte der religiösen Kunst begann. 319 Im folgenden Jahr verlieh
er im Katalog entdeckt hatte, als diese bereits ausgelagert waren (Goldammer 1954a, 89). Während die nach Dresden ausgeliehene Handschrift H 3 zunächst als vermisst galt und erst 1990 nach Heidelberg zurückkehren konnte (Goldammer 1990), verbleiben neben den beiden Hamburger Handschriften Hb 2 und Hb 3 nur noch die von Breslau nach Dresden ausgeliehene Harpersdorfer Handschrift B 1, die heute als verschollen gelten. Sämtliche anderen Paracelsus-Handschriften befinden sich an ihrem angestammten Platz. Dies trifft auch für die Gothaer Handschrift Ga zu, die am 6. Mai 1944 von Gotha an die Universitätsbibliothek Marburg ausgeliehen und erst am 12. Dezember 2002 zurückgegeben wurde (freundliche Mitteilung vom 6. Juni 2008 von Frau Cornelia Hopf, Leiterin der Handschriftenabteilung der Forschungsbibliothek Gotha, Universität Erfurt). Von den „geborgenen Paracelsus-Handschriften“ bliebe somit eigentlich nur noch die heute verschollene Handschrift B 1 übrig, die Goldammer aus dem untergegangenen Dresden nach Marburg gerettet haben könnte. Merkwürdigerweise beklagt Goldammer niemals deren Verlust, auch nicht in Goldammer 1990, wo wenig Konkretes über die im Titel der Publikation angekündigten „Schicksale“ der Paracelsus-Handschriften zu erfahren ist. — [313] Goldammer 1954a, 84; Weimann 1998b, 2. — [314] Goldammer 1954a, 84; 1985, 1 f. — [315] Goldammer 1954a, 84. — [316] a.a.O. — [317] Goldammer 1975, 370; Blaser 1977, 36. — [318] Goldammer 1975, 371; Blaser 1977, 36. — [319] Blaser 1977, 36; Schipperges 1999, 91.
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ihm die Universität den Titel eines außerplanmäßigen Professors. 320 So bekannt Goldammer in den folgenden Jahren als Paracelsusforscher auch wurde, so glanzlos verlief seine universitäre Karriere, denn noch bis 1969 sollte er von der Universität Marburg keine Planstelle erhalten. Naturgemäß bemühte sich Goldammer um einen Ruf an eine andere Universität, denn in Marburg stand er unweigerlich im Schatten Heilers, der noch bis 1962 im Amt blieb. So bemühte er sich 1947 vergeblich in Rostock 321 um eine Professur und weilte, wohl mit dem gleichen Ziel, 1950/51 längere Zeit in den USA „zur Beobachtung des Religions- und Hochschulwesens“. 322 Zurückgekehrt, legte Goldammer 1952 eine Auswahlausgabe mit sozialethischen und sozialpolitischen Schriften Hohenheims vor, 323 die der eigentlichen ParacelsusEdition vorgriff und als „Vorläufer“ gedacht war. 324 Doch bei Durchsicht der Arbeit wird klar, dass diese den Weg zu einer Professur in der alten Heimat und damaligen DDR hätte ebnen sollen. Gerade die radikalen Bewegungen der Reformation wie die Täufer und Thomas Müntzer stießen im kommunistischen Deutschland auf ein großes Interesse, und Goldammer war sich bewusst, dass sich Paracelsus hier gut einordnen ließ. So gibt er in dieser Auswahlausgabe nicht nur einen weit gespannten Überblick zur paracelsischen Sozialethik mit ihrem „christlich-sozialen Kommunismus“, 325 sondern misst Paracelsus eine „große geschichtliche Aufgabe als Inspirator der täuferischen und sozialrevolutionären Bewegung des 16. Jahrhunderts“ zu, 326 und Paracelsus scheine in seinen theologisch-sozialpolitischen Schriften durchaus Kommunist zu sein. 327 Auffallend ist auch die Verwendung eines eindeutig marxistischen Vokabulars, 328 wie es sich in Goldammers Publikationen sonst nie mehr nachweisen lässt. Tatsächlich wollte ihn die Theologische Fakultät der Universität Jena 1954 „unico loco“ für Kirchen- und Religionsgeschichte berufen, an eine Stelle, „die ich sehr reizvoll empfunden hätte“, 329 denn nicht zuletzt hätte Jena als Sprungbrett für Leipzig dienen können. Doch das Vorhaben scheiterte aus politischen Gründen. 330 Weitere Angebote folgten 1960 aus Erlangen,
[320] Goldammer 1975, 371; Blaser 1977, 36; Schipperges 1999, 91. — [321] Blaser 1977, 36 f. — [322] Goldammer 1975, 371. — [323] Goldammer 1952a. — [324] Goldammer 1954a, 84. — [325] Goldammer 1952a, 28. — [326] Goldammer 1952a, 81. — [327] Goldammer 1952a, 27. — [328] „Klassenkampf“, „Produktion“, „Produktionsmittel“, „kommunistische Gesellschaftsordnung“ (Goldammer 1952a, 21, 26 f., 71, 75). — [329] Goldammer 1975, 373; Blaser 1977, 36 f. — [330] Blaser 1977, 36 f.
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1968 von der kirchlichen Hochschule Berlin und 1971 aus Bonn, 331 doch offenbar erschienen diese Stellen Goldammer nicht vorteilhaft genug. In Marburg erhielt er erst 1969 eine Planstelle als Wissenschaftlicher Rat, und 1971 wurde er endlich als Extraordinarius (C2) zum Universitätsprofessor befördert, nach bereits 25 Jahren Tätigkeit an der Universität. 332 Zurecht wird man sich fragen, weshalb die Universität Marburg Goldammer so lange warten ließ. Am wissenschaftlichen Ausweis hatte es sicherlich nicht gefehlt, denn Goldammer galt in seinen Fachgebieten als Kapazität. Die Gründe lagen wohl anderswo. Durch seine Bewerbungen in der DDR und seine Herkunft als Mitteldeutscher musste er als „Linker“ gelten, dem man zur Zeit des kalten Krieges nur mit Vorbehalt und Misstrauen begegnete. Zudem war es damals wie heute schwierig, mit Paracelsus eine wissenschaftliche Karriere aufzubauen, denn die unguten Gefühle von der einstigen Vereinnahmung Hohenheims durch die Nazis wirkten noch nach. Eigentlich hätte die Beschäftigung mit dem Sozialrevolutionär Paracelsus Goldammers Hochschullaufbahn befördern sollen, doch in Tat und Wahrheit entpuppte sie sich als Hemmnis, dem seine Karriere letztendlich zum Opfer fiel.
b6.
Beginn der Goldammer-Edition 1953
Vor diesem Hintergrund erscheint es nicht ganz uneigennützig, dass Bornkamm die Leitung der Paracelsus-Edition 1953 an Goldammer abtreten wollte. Er war wohl nicht nur darauf bedacht, sich von den Schatten der Vergangenheit zu lösen, und zu diesen gehörte seine Beschäftigung mit Paracelsus zweifellos, sondern musste auch einsehen, dass die immense Aufgabe der Paracelsus-Edition seine anderen vielfältigen Forschungsaufgaben behindern würde. Der Zeitpunkt für einen Wechsel in der Leitung war allerdings günstig, da sich erstmals nach dem Kriege wieder die Möglichkeit zu einer soliden Finanzierung der Edition bot. So war Goldammer schon 1949 mit der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Berührung gekommen, deren Vize-Präsident, der Medizinhistoriker Paul Diepgen (1878–1966), ein lebhaftes Interesse für die Ausgabe zeigte. 333 Eine enge Zusammenarbeit mit Diepgen war auch in dem Sinne geplant, als dieser ein
[331] a.a.O. — [332] Weimann 1998b, 7, in Bezugnahme auf Kürschners Deutschen Gelehrten-Kalender, z. B. Jg. 1980, 1147. — [333] Goldammer 1954a, 84.
Zur Geschichte der Theologica-Edition
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Paracelsus-Lexikon vorbereitete, dessen theologisch-religionswissenschaftlichen Teil Goldammer hätte übernehmen sollen.334 Auf Betreiben Diepgens und des Generalsekretärs der Mainzer Akademie, des Orientalisten Hermann Scheel, wurden 1950 wieder Verhandlungen mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft aufgenommen mit dem Ziel, die Edition durch Personal- und Sachmittel sowie Druckkostenzuschüsse zu unterstützen. Nachdem diese Bemühungen zu einem erfolgreichen Abschluss gebracht werden konnten, wurden im Januar 1953 die Editionsaktivitäten in größerem Maßstabe wieder aufgenommen. 335 Da die Paracelsus-Edition keinem Universitätsinstitut angeschlossen war, forderte der damalige Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Ludwig Raiser (1904–1980), die Bildung eines Gremiums von unabhängigen Fachleuten, die wichtige Belange diskutieren und die Aktivitäten überwachen sollten. 336 Der nunmehr in Heidelberg lehrende Bornkamm begann daraufhin, eine solche paritätisch zusammengesetzte „Paracelsus-Kommission“ zu formieren, die am 2. Mai 1953 erstmals zusammentrat und als Herausgeber- und Beraterkollegium gedacht war. 337 Bornkamm setzte Goldammer als Vorsitzenden der Kommission ein und legte damit gleichzeitig die Leitung der Edition in dessen Hände. 338 Der Paracelsus-Kommission gehörten folgende Mitglieder an: die Theologen Heinrich Bornkamm (Heidelberg) und Kurt Goldammer (Marburg) als Vorsitzender, die Medizinhistoriker Paul Diepgen (1878–1966), Mainz, und Johann Daniel Achelis (1898–1963), Heidelberg, die Philosophen Erwin Metzke (1906–1956), Heidelberg, und Donald Brinkmann (1909–1963), Zürich, und die Germanisten Gerhard Eis (1908–1982), Freising, und Walther Mitzka (1888–1976), Marburg. 339 Die beiden Letzteren übernahmen die germanistische Beratung betreffend der Schreibung der Ausgabe. 340 Da sich die Editionsarbeiten in die Länge zogen, veränderte sich auch die Zusammensetzung der Paracelsus-Kommission. Durch das Ableben einiger Mitglieder stießen als Ersatz für beide Mediziner der Medizinhistoriker Walter Artelt (1906–1976), Mainz, hinzu und als Ersatz für beide Philosophen der
[334] a.a.O. — [335] Goldammer 1954a, 84 f.; 1975, 372; 1985, 2. — [336] Goldammer 1983b, 1. — [337] Goldammer 1954a, 85; Weimann 1998b, 2 f.; Schipperges 1999, 91. — [338] Goldammer 1954a, 85; 1975, 372; Weimann 1998b, 3. — [339] Goldammer 1954a, 85; Weimann 1998b, 3. Sitzungsprotokolle der Paracelsus-Kommission finden sich im Nachlass Kurt Goldammer, Bibliothek des Germanistischen Instituts der Universität Heidelberg, vgl. Gantenbein 2006a, 3, 7. — [340] Goldammer 1954a, 92.
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Einleitung
Philosoph Lucien Braun (geb. 1923), Straßburg. Nach dem Tod Artelts und einem Streit mit Braun hörte die Paracelsus-Kommission praktisch auf zu existieren und bestand nur noch aus Goldammer allein. 341 Obwohl die Kommission „für ein so wichtiges Unternehmen repräsentativ und verantwortlich“ hätte eintreten sollen, 342 war sie eigentlich ein „Privat-Gremium“, deren Mitglieder außer Goldammer keine eigentliche Arbeit für die Edition leisteten und lediglich als Mitherausgeber ihren Namen dazu gaben. 343 Nur Eis steuerte in Einzelfällen wertvolle Ratschläge bei, während ein Einmischungsversuch Brauns zur philosophischen Interpretation von Goldammer abgewehrt wurde und zum Zerwürfnis führte. 344
b7.
Blütezeit unter der Mitarbeit von Karl-Heinz Weimann 1953–1962
Noch 1952/53 wurde ein Zeitplan festgelegt, nach dem die Bände erscheinen sollten und der bis 1962/65 eingehalten wurde. 345 In Paracelsus, Natur und Offenbarung (1953) stellte Goldammer sein Editionsprogramm erstmals vor 346 und ließ im folgenden Jahr ausführliche Erklärungen zur Edition folgen. 347 1953 konnte zudem mit dem Germanisten KarlHeinz Weimann (1922–2006) ein hauptamtlicher Editionsassistent eingestellt werden. 348 Weimann wurde am 19. September 1922 in Berlin-Neukölln geboren. 349 Zunächst an der Humboldt-Universität und dann in Erlangen studierte er Germanistik, Anglistik, Geschichte, Philosophie und Medizin. 1951 legte er in Erfurt als germanistische Dissertation eine umfangreiche Studie zur deutschen medizinischen Fachsprache des Paracelsus vor, 350 die mit „summa cum laude“ ausgezeichnet wurde. Weimann war der ideale Mann für die Aufgabe des Editionsassistenten, denn er hatte sich bei Stelleneintritt bereits umfassend in das medizinisch-naturphilosophische Werk Hohenheims eingelesen und kannte die Besonderheiten des Frühneuhochdeutschen. Er übernahm die Sichtung und Ordnung des angehäuften Materials, arbeitete sich in die bereits vorliegenden Druckmanuskripte ein und ging schließlich an seine Hauptaufgabe, die Kollationierung der noch nicht [341] Weimann 1998b, 3. — [342] Goldammer 1954a, 85. — [343] Weimann 1998b, 6 f. — [344] Weimann 1998b, 7. — [345] Weimann 1998b, 3. — [346] Goldammer 1953, 113–115. — [347] Goldammer 1954a. — [348] Goldammer 1954a, 85. — [349] zur Biographie Weimanns vgl. Bunners 2008. — [350] Weimann 1951.
Zur Geschichte der Theologica-Edition
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bearbeiteten theologischen Handschriften. 351 Gleichzeitig wurde der Beginn der Drucklegung der ersten, bereits seit mehreren Jahren von Goldammer als Assistent bearbeiteten Bände vorbereitet. Dies waren der Psalmenkommentar und einige sonstige Auslegungen alttestamentlicher Bücher, die aufgrund günstiger Überlieferungs- und Bearbeitungsverhältnisse zuerst druckreif gemacht werden konnten. 352 Weimanns philologische und überlieferungsgeschichtliche Beiträge trugen wesentlich zum Gelingen dieser Bände bei. 353 Nebenher tat sich Weimann mit einigen Publikationen hervor und erstellte eine wichtige Paracelsus-Bibliographie 1932–1960. 354 Die Hauptlast der eigentlichen editorischen Arbeiten lag jeweils bei den Editionsassistenten. 355 Auf Goldammer als erstem hauptamtlichen Editionsassistenten 1942–1945 folgte Weimann 1953–1962. Neben Weimann waren verschiedene andere Assistenten in Teilzeit angestellt, so die Generalstochter Gisela von Boehm-Bezing, später verheiratete von Preradovic, die nebenher an ihrer Doktorarbeit über Stil und Syntax bei Paracelsus schrieb, sowie der Theologe Michael Bunners, der ebenfalls halbtags an einer Dissertation über die Abendmahlsschriften arbeitete. 356 Goldammer erwähnt hier weiter seinen Doktoranden Rudolf Mohr, 357 der bei zwei Bänden mitgewirkt hatte. 358 Nach dem Abgang Weimanns 1962 folgten weitere Assistenten, darunter der spätere Studienrat Norbert Kircher und 1975 die Pharmaziehistorikerin Rosemarie Dilg-Frank und der Theologe Hartmut Rudolph. 359 Die editorischen Arbeitsschritte bestanden zunächst aus dem Erstellen einer Werkabschrift. Diese Aufgabe übernahmen Goldammer und Superintendent Pflanz zu Bornkamms Zeiten 1942–1945, während es nach 1953 neben Weimann insbesondere Bunners war, der die Texte transkribierte. 360 Der zeitraubendste Arbeitsschritt bestand in der Kollationierung. Es galt, die aus den Nebenhandschriften anfallenden Textvarianten und Lesarten zu vergleichen und einzufügen, was zu Weimanns Hauptaufgaben gehörte.361 Überdies hatten die Editionsassistenten allgemeine Anmerkungen und Erläuterungen beizusteuern und Bibelstellen nachzuweisen. Goldammer als Editionsleiter behielt sich lediglich die fachtheologischen Erläuterungen vor, die er für sämtliche [351] Goldammer 1954a, 85. — [352] Goldammer 1954a, 85; Weimann 1998d, 1. — [353] Bunners 2008. — [354] WB; Weimann 1957; 1961abc; 1963; 1975; 1981; 1993. — [355] Weimann 1998b, 3. — [356] Weimann 1998b, 3 f.; Boehm-Bezing 1966; Bunners 1961. — [357] Mohr 1962. — [358] GE 2, xii; 7, ix. — [359] Weimann 1998b, 4. — [360] a.a.O. — [361] Weimann 1998b, 4 f.
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erschienenen Bände lieferte. 362 Zu den abschließenden Arbeiten gehörten die Vorbereitung zum Druck inklusive der Schriftauszeichnung, der Vornahme der Druckkorrekturen und des Anlegens einer Wort- und Namenskartei. 363 Weimann übte sein Amt als Editionsassistent „mit bewundernswerter Sachkenntnis und Akribie“ 364 aus und trieb die Arbeiten zügig voran. So konnte schon 1955 ein erster Band herausgegeben werden mit Auslegungen zum Psalter, 365 und es folgten bis 1961 weitere drei Bände im Zweijahresabstand. 366 Diese nun erscheinenden Bände wiesen in der Reihenzählung der Edition die Nummern vier bis sieben auf. Sie enthielten den großen Psalmenkommentar des Paracelsus und in Band 7 waren zusätzlich die Auslegungen zu den zehn Geboten und zu den Propheten Jesaja und Daniel untergebracht. Die Voraussetzungen für den Druck waren sicherlich auch deshalb günstig, weil Goldammer in seiner Zeit als Editionsassistent die Texte bereits teilweise vorbereitet hatte. Weimann verblieb die Vervollständigung und Überprüfung der Kollationierung, der Nachweis der Bibelstellen und die Besorgung der nichttheologischen Anmerkungen. Goldammer nahm sich anfangs viel Zeit für die Paracelsus-Ausgabe, indem er seine theologischen Erläuterungen fristgemäß beisteuern konnte und an den Druckkorrekturen teilnahm. Neben den aktuell zu bearbeitenden Bänden konnten nebenher noch weitere Texte für zukünftige Bände vorbereitet werden. Weimann sah jedoch für sich nach neun Jahren Arbeit an der Edition als „ewiger Assistent“ keine weitere berufliche Entwicklung mehr. Eine akademische Karriere war kaum möglich, solange sein Chef an der Universität keine gewichtigere Stellung als die eines Privatdozenten innehatte. Die Aussicht auf eine baldige Änderung der diesbezüglichen Verhältnisse zerschlug sich nicht zuletzt, als Heiler, Goldammers Lehrer und in gewissem Sinne auch Konkurrent in Marburg, 1962 emeritierte und Goldammer nicht für dessen Nachfolge vorgesehen wurde. Diese Aussichtslosigkeit bewog wohl Weimann, noch im selben Jahr die Edition zu verlassen und die Bibliothekskarriere einzuschlagen, worin er schließlich zur Stellung eines Wissenschaftlichen Rats aufsteigen konnte und schließlich zum Direktor der Niedersächsischen Landesbibliothek in Hannover ernannt wurde. 367 Dort hatte er unter anderem über die wissenschaftliche Nutzung des Leibniz-Nachlasses zu
[362] Weimann 1998b, 5. — [363] Weimann 1998b, 5 f. — [364] Blaser 1977, 37. — [365] GE 4. — [366] GE 5–7. — [367] Blaser 1977, 37; Weimann 1998b, 7 f.
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befinden und führte zusammen mit Wilhelm Totok, dem Leiter der Bibliothek, den Neubau und die Reorganisation der Niedersächsischen Landesbibliothek durch. Mit Weimann verlor Goldammer seine wertvollste Arbeitskraft, für die er zeitlebens keinen entsprechenden Ersatz mehr finden sollte. Weimann hatte bei seinem Ausscheiden schon mehr als doppelt so viele Bände vorbereitet als erschienen waren, es fehlten jeweils nur noch Goldammers theologische Erläuterungen. 368 So wiesen die Manuskripte zu den Vita-Beata-Schriften, den Sermones und zu den meisten Matthäuskommentaren einen bereits weit fortgeschrittenen Bearbeitungszustand auf. 369 Die meisten dieser umfangreichen Vorarbeiten kamen unter Goldammer nie zu einer Veröffentlichung. Für die restlichen drei, nun nur noch in großen Abständen erscheinenden Bände der Goldammer-Edition – 1965, 1973 und 1986 – waren die Hauptarbeitsschritte bereits 1962 abgeschlossen, es bedurfte jeweils noch deren Überprüfung, Ergänzung und Einleitung. 370 Die Sichtung des Goldammer-Nachlasses ergab weiter den überraschenden Befund, dass seit Weimann keine neuen Transkriptionsarbeiten und Kollationierungen mehr vorgenommen worden waren, 371 wie sie für die wichtigen Abendmahlsschriften und den ersten Matthäuskommentar angestanden wären und wie man sie erwartet hätte. 372 Der Bearbeitungsstand der Goldammer-Edition war somit im Wesentlichen im Zustand von 1962 stehengeblieben. Von dieser Seite her betrachtet, kann davon ausgegangen werden, dass dem Verdienst Weimanns an der Edition bisher zu wenig Bedeutung beigemessen wurde. 373
[368] Weimann 1998b, 6. — [369] Weimann 1962ab. — [370] Weimann 1962a, 2–5. — [371] Gantenbein 2006a. Diese Aussage bezieht sich auf die bei der Sichtung im März 2006 vorgefundenen Archivalien, die mit dem Editionsstand Mitte 1962 verglichen wurden, als Weimann aus der Edition ausschied, vgl. Weimann 1962a. Weimann notierte in diesem Verzeichnis zu jeder Schrift deren aktuellen Bearbeitungszustand, ob eine Abschrift bestand, die Kollationierung und die erklärenden Anmerkungen vorgenommen worden waren und ob Goldammers theologisch-philosophische Kommentare schon vorlagen. — [372] Weimann 1962a, 6, 9–11. — [373] Goldammer dankt im Vorwort zu den ersten Editionsbänden seinen Assistenten jeweils nur knapp, vgl. GE 4, viii; 5, vii; 6, viii f., später etwas ausführlicher in GE 7, ix; 2, xii f.; 3, ix; GS viii; erst in GE 3 und GS führt er sie auch auf dem Titelblatt auf.
60 b8.
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Stagnation der Goldammer-Edition 1965–1975
Das Jahr 1962 war also für Goldammer in doppelter Hinsicht schwierig. Er konnte die Nachfolge Heilers nicht antreten und verlor gleichzeitig seinen fähigsten Mitarbeiter, der sich tief in die Materie eingearbeitet hatte. Trotzdem konnte, zwar mit einem Jahr Verspätung auf den Zeitplan, 1965 ein weiterer Band der Edition erscheinen, nämlich Band 2 in der Reihenzählung mit Schriften zur Ethik, Ehe, Taufe und Buße. 374 Die Voraussetzungen für diesen Band waren insofern günstig, als Goldammer sich mit vielen der darin enthaltenen Schriften noch vor 1953 intensiv befasst und diese teilweise vorediert hatte. 375 Auch hatten die Assistenten Gisela von Boehm-Bezing und Weimann noch vor 1962 wesentliche Beiträge geliefert, 376 indem sie den Band mit Ausnahme der theologischen Anmerkungen weitgehend vorbereitet hatten. Mit diesem Band 2 kam die eigentliche Editionsreihe für lange Jahre zum Erliegen, denn erst 1986 wurde als Band 3 ein nächster regulärer Band vorgelegt mit Schriften zur Dogmatik und Polemik. Zwar konnte Goldammer 1973 noch einen sogenannten Supplementband herausbringen mit den Kurzfassungen zu den religiösen und sozialphilosophischen Schriften, 377 aber der ungleich wichtigere Band 1 zur Vita Beata, der zugleich die Schreibregeln für die gesamte Ausgabe enthalten sollte, blieb unvollendet, obwohl er schon 1962 einen weit fortgeschrittenen Bearbeitungszustand aufgewiesen hatte. 378 Weimanns Nachfolger als besoldeter Editionsassistent war Norbert Kircher, 379 der zum Supplementband einen wesentlichen Beitrag zu den Kurzfassungen beisteuerte und auch später, als sich die Edition in schwierigeren Fahrwassern befand, als Studienrat seine unentgeltliche Hilfe anbot. 380 Die Gründe für die Stagnation der Goldammer-Edition sind vielfältig. Wohl zutreffend sah Goldammer die Verzögerung in den Siebzigerjahren „wegen des Fehlens neuer geeigneter Hilfskräfte […] und wegen zunehmender Überlastung des Unterzeichneten durch Aufgaben seines sich ausweitenden universitären Fachgebietes“. 381 Nicht nur Weimann, sondern auch Bunners und von Boehm waren ausgeschieden, nachdem sie ihre Dissertationen abgeschlossen hatten. Neue Assistenten und insbesondere Kircher mussten erst unter Inkaufnahme einer längeren An[374] GE 2. — [375] Goldammer 1952a. — [376] GE 2, xii. — [377] GS. — [378] Weimann 1962a, 2 f. — [379] Kircher wurde vermutlich erst nach 1965 Assistent, denn er wird damals noch als „cand. phil.“ bezeichnet, vgl. GE 2, xii. — [380] GE 3, ix. — [381] Goldammer 1984, 1; 1985, 3.
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laufphase in das komplexe Gebiet eingearbeitet werden, und dieser Umstand führte später auch bei Rudolph und Dilg-Frank zu erheblichen Verzögerungen. Die Anforderungen an die Editionsassistenten waren hoch. Um die Handschriften entziffern und deuten zu können, brauchten sie kodikologische und paläographische Fertigkeiten, mussten sich in Wortschatz und Syntax des Frühneuhochdeutschen auskennen, zum Nachweis der Bibelzitate über fundierte Kenntnisse der Bibel verfügen und nicht zuletzt mit den Schriften und der besonderen Sprache Hohenheims vertraut sein. Die früheren Assistenten hatten über solche Qualifikationen verfügt, zum Teil auch erst nach einer Einarbeitungszeit, Weimann aber bereits bei Stellenantritt. Goldammer war unbedingt auf fähige Assistenten angewiesen, denn er selber konnte aus Zeitmangel keine eigentliche editorische Arbeit mehr leisten. 382 Während seiner langen Zeit als Privatdozent musste er, um sich zu profilieren, mit theologisch-religionswissenschaftlichen Publikationen hervortreten, dies nicht nur zu Paracelsus, sondern im Rahmen einer sich „immer weiter ausgreifenden Lehr- und Forschungstätigkeit“ in der Religionsgeschichte, der allgemeinen Religionswissenschaft und der christlichen Kirchengeschichte.383 Als ihm die Philipps-Universität 1969 dann endlich eine Planstelle zusprach, wurde er mit mannigfachen universitären Aufgaben überschüttet, die ihn zu wenig anderem kommen ließen. Goldammers vielfältige Pflichten beinhalteten eine ausgedehnte Vorlesungstätigkeit auf allen Gebieten der Religionsgeschichte und der systematischen Religionswissenschaft, dazu gehörend die Betreuung von Magister- und Doktorarbeiten und überdies ein Engagement in der Standes- und Hochschulpolitik im Rahmen der aktuellen Hochschulreform und der universitären Selbstverwaltung. 384 Zeitweilig war Goldammer Pressereferent der Universität, Leiter der Akademischen Lesehalle und gewähltes Mitglied des Senats. 385 1974/75 wurde ihm sogar das Dekanat des neugegründeten Fachbereichs „Außereuropäische Sprachen und Kulturen“ übertragen, was wiederum viel Arbeit mit sich brachte. 386 Zu all diesen Ämtern gesellten sich ebenso viele Ehrenämter, so 1968 das des stellvertretenden Vorsitzenden des Deutschen Zweiges der Internationalen Vereinigung für Religionsgeschichte 387 und im gleichen Jahr die Ernennung zum Präsidenten der Internationalen Paracelsus-Gesellschaft in Salzburg. 388 [382] Weimann 1998b, 7. — [383] Goldammer 1975, 373. — [384] Blaser 1977, 38. — [385] Goldammer 1975, 374. — [386] Goldammer 1975, 376. — [387] Blaser 1977, 37. — [388] Goldammer 1975, 372; Blaser 1977, 37 f.
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Einleitung
1970 trat er als Sachverständiger der Kommission für Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften der Akademie der Wissenschaften und Literatur in Mainz bei, die ihn 1972 mit der Ernennung zum korrespondierenden Mitglied ehrte, 389 und wiederum seit 1970 fungierte er als Mitglied des leitenden Ausschusses der International Association for the History of Religion als Vertreter Deutschlands. 390 Goldammer ließ durchblicken, dass ihm die universitätspolitische Arbeit meistens Freude bereitet habe, diese aber trotzdem oft „mit Unerquicklichkeiten verbunden“ gewesen und „zum Teil in herben Enttäuschungen“ 391 geendet sei. Damit ist eine schwierige Seite angedeutet, denn Weimann berichtet, dass Goldammers Temperament ihn in Auseinandersetzungen „in proportional überdurchschnittlicher Quantität“ verstrickt habe, sei es mit der Marburger Universität, mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft, mit der Mainzer Akademie, mit Mitgliedern der Paracelsus-Kommission und Kollegen, die zuweilen in völligen Zerwürfnissen endeten. 392 Dieser Umstand und die mangelnde Bereitschaft, sachdienliche Kompromisse einzugehen, waren für den ungestörten Fortgang der Edition sicher nicht förderlich. Aus der obigen Zusammenstellung wird ersichtlich, dass mit dem akademischen Aufstieg Goldammers die zeitlichen Belastungen ab 1970 geradezu exponentiell anwuchsen, so dass unweigerlich für die Paracelsus-Edition nur noch wenig Zeit übrig bleiben konnte. Alle diese Gründe zusammen, Goldammers Zeitmangel, das Fehlen ausreichend ausgebildeter Assistenten und die zermürbenden Grabenkämpfe hatten zur Folge, dass seit 1965 kein Editionsband mehr erschien. Daraus ergab sich wiederum, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft ihre finanzielle Hilfe entzog, denn im Finanzierungsplan war die unbedingte Einhaltung des zeitlichen Rahmens als Voraussetzung für die Unterstützung verankert. 393 Zudem wollte Goldammer nicht dem Wunsch der DFG entsprechen, die Edition in die „Obhut einer Dauerorganisation“ 394 zu überführen, da er befürchtete, dass seine Entscheidungsbefugnisse dadurch in für ihn inakzeptabler Weise eingeschränkt würden. Die Edition stand damit ohne finanzielle Mittel da und war von der Stagnation in die Krise geraten.
[389] Goldammer 1975, 376. — [390] Blaser 1977, 38. — [391] Goldammer 1975, 374. — [392] Weimann 1998b, 8. — [393] Weimann 1998b, 3, 7. — [394] Goldammer 1985, 3.
Zur Geschichte der Theologica-Edition
b9.
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Versuch der Konsolidation 1975–1983
Ein Hoffnungsschimmer ergab sich durch Goldammers seit 1972 bestehende engere Anbindung an die Mainzer Akademie der Wissenschaften und Literatur als korrespondierendes Mitglied. Diese Mitgliedschaft war durch den Mainzer Medizinhistoriker Walter Artelt vermittelt worden, der damals der Paracelsus-Kommission angehörte. Und so ergab es sich, dass Artelt der Edition über die Akademie neue Finanzierungsmittel erschließen konnte. Goldammer weigerte sich jedoch entschieden, die Paracelsus-Ausgabe ganz in die Obhut der Mainzer Akademie zu übertragen und hielt an der Paracelsus-Kommission als leitendem Gremium fest. Deshalb wollte und konnte die Mainzer Akademie nur in Kooperation und in einer Art „Patenschaft“ auftreten. Sie war so auch nicht in der Lage, eigene Budget-Finanzmittel zu verwenden, sondern besorgte lediglich Drittmittel, 395 indem sie wie einst 1950 bewirkte, dass die Deutsche Forschungsgemeinschaft von neuem Personalmittel bewilligte. Dies führte dazu, dass nun genügend Gelder vorhanden waren, um ab 1975 wieder zwei Redaktionsassistenten einzustellen. 396 Die bereits in Marburg ansässige Pharmazeutin und Pharmaziehistorikern Rosemarie Dilg-Frank und der Theologe und Kirchenhistoriker Harmut Rudolph nahmen bald darauf ihre Arbeit bei der Paracelsus-Edition auf. 397 Da sich Goldammer der Schwierigkeit der anstehenden Aufgaben wohl nicht ganz bewusst war, ging er davon aus, dass nun in jährlichen Abständen wieder Bände erscheinen könnten, Ende 1975 der Band 3 mit dogmatischen und polemischen Schriften, Ende 1976 der Band 1 mit den Vita-Beata-Schriften, weiter die Sermones und die Matthäus-Kommentare, die Weimann ja schon fast fertig vorbereitet hatte, und schließlich sollten 1981 die Vorbereitungen für die noch unbearbeiteten Abendmahlsschriften beginnen. 398 Die Vervollständigung von Band 1 und 3 war gedacht „als Probeleistung und Einübung für die Fähigkeit zur späteren eigenständigen Druckvorbereitung“ und war auf maximal zwei Jahre berechnet. 399 Dilg-Frank erhielt Band 1 zugeteilt und Rudolph Band 3. Die Arbeiten gingen jedoch „viel zögerlicher vonstatten“, als es sich Goldammer vorgestellt hatte, da die Einarbeitungszeit von Rudolph und Dilg-Frank doch länger als geplant andauerte und
[395] Goldammer 1985, 2; Weimann 1998b, 3, 7. — [396] Goldammer 1985, 3. — [397] a.a.O. — [398] Goldammer 1974b; 1985, 3. — [399] Goldammer 1985, 3.
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Einleitung
„durch einige mißliche organisatorische Umstände“ weiter verzögert wurde. 400 Mit dem Tod Artels 1976 verlor Goldammer seinen wichtigsten Befürworter in der Mainzer Akademie, 401 deren „Patenschaft“ zunehmend eine Eigendynamik zu entwickeln begann. Die Gewährung von Drittmitteln führte schließlich zur Aufnahme der Edition in das Akademieprogramm des Bundesforschungsministeriums, wodurch, für Goldammer „etwas überraschend“, die Etatisierung der Editionsmittel ab 1. Januar 1980 in die Hände der Mainzer Akademie überging. 402 Somit war die Edition faktisch durch die Mainzer Akademie übernommen worden, 403 doch eigentlich gegen den Willen Goldammers. Goldammer seinerseits wollte nicht von „abträglichen bürokratischen und institutionellen Interessen eingeengt werden“, sondern in seinen Forschungsvorhaben frei sein. 404 Diese Entwicklung bedingte weiter eine Änderung der Vertragsverhältnisse der Editionsassistenten Dilg-Frank und Rudolph, die nun nicht mehr Goldammer direkt unterstellt waren. Dadurch befürchtete Goldammer eine Beschneidung seiner Verfügungsgewalt, 405 denn die Assistenten betrachtete er „als persönliche Gehilfen des Editionsleiters“ 406 und somit eigentlich nur als Vollzugsgehilfen, die nicht eigenverantwortlich arbeiten sollten. Besonders mit Dilg-Frank ergaben sich dadurch Meinungsverschiedenheiten, denn Goldammer bemängelte, dass diese mit einem anderen Akademieprojekt beschäftigt sei, das seiner Meinung nach nicht zur Edition gehöre. 407 Es bestanden noch weitere Reibungspunkte mit der Akademie. 1981 wurde Goldammer 65 Jahre alt und wurde mit einer Festschrift gefeiert, die von Dilg-Frank herausgegeben wurde. 408 Die Akademie drängte wegen Erreichen der Altersgrenze auf die Einsetzung eines Nachfolgers als Editionsleiter, was Goldammer prompt abwehrte. 409 Ein weiterer Streitpunkt bestand in Goldammers Verweigerung der Umstellung von Hand- auf Computersatz. 410 Der Konflikt mit DilgFrank spitzte sich mittlerweile zu und führte vollends zum Zerwürfnis. 411 Daraufhin verlangte Goldammer ultimativ deren Ablösung, doch die Mainzer Akademie deckte Dilg-Franks Standpunkt und ging nicht auf seine Forderungen ein. 412 Da in Goldammers Sichtweise „die [400] Goldammer 1984, 2. — [401] Weimann 1998b, 3. — [402] Goldammer 1985, 3 f. — [403] Dilg 1993, 15. — [404] Goldammer 1983b, 1. — [405] Goldammer 1985, 4 f. — [406] Goldammer 1985, 3. — [407] Goldammer 1985, 4 f. — [408] Dilg-Frank 1981. — [409] Weimann 1998b, 6. — [410] a.a.O. — [411] Weimann 1998b, 8. — [412] Goldammer 1985, 5.
Zur Geschichte der Theologica-Edition
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Unabhängigkeit und Entscheidungsfreiheit der Editionsleitung gefährdet wurde“, 413 verzichtete er Mitte 1983 von sich aus auf die weitere Zusammenarbeit mit der Akademie. 414 Hartmut Rudolph hatte die Edition schon Anfang 1983 „unter dem Eindruck des Durcheinanders der Zustände“ verlassen, 415 während das Arbeitsverhältnis mit Rosemarie Dilg-Frank mit dem Rückzug der Mainzer Akademie Mitte des Jahres erlosch. 416 Rudolph war in der Folge für die Bucer-Edition tätig und wechselte schließlich zur Leibniz-Edition, publizierte aber weiterhin zum theologischen Paracelsus und trat mit zahlreichen bedeutenden Beiträgen hervor.
b10. Niedergang der Goldammer-Edition 1983–1995 Goldammer hatte gehofft, auf anderen Wegen wieder Gelder für die Edition auftreiben zu können, so vor allem für die erheblichen Druckund Personalkosten. Er bemühte sich in den folgenden Jahren verzweifelt um Mittel, indem er die Bedeutung der Edition für die internationale Forschung herauszustreichen suchte. 417 Noch 1983 wollte er die Edition endlich wieder vorantreiben und ihr aus dem „schleppenden Gang“ heraushelfen, in den sie „in den letzten drei bis vier Jahren durch äußere Umstände geraten“ sei, 418 hatte auch wieder die Absicht, eine neue Paracelsus-Kommission einzuberufen, um die Kontinuität der Edition zu gewähren, 419 was aber nicht geschah. Goldammer konnte mit all seinen Bemühungen aber nur noch einen bedingten Erfolg verzeichnen, denn die Türen waren jetzt definitiv zugeschlagen. 1986 gelang es ihm, mithilfe von Restgeldern den von Rudolph 1983 satzbereit hinterlassenen dritten Band der Edition 420 „nach erneuter Durchsicht und Abrundung“ in den Druck gehen zu lassen. 421 Neues Ungemach ergab sich dadurch, dass Goldammer aufgrund von Spannungen mit der Universität Marburg auch noch die Räumlichkeiten für die Ausgabe verlor, die von der Universität langezeit kostenlos zur Verfügung gestellt worden waren. 422 Als Übergangslösung wurde der „Großteil des Editionsmaterials“ im Mai 1988 als Depositum in das Deutsche Apotheken-Museum in Heidelberg verlagert, das damals unter der Lei[413] Goldammer 1987, 2. — [414] Goldammer 1985, 5. — [415] Goldammer 1985, 6; Weimann 1998b, 8. — [416] Goldammer 1985, 6. — [417] Goldammer 1983b; 1984; 1985; 1987. — [418] Goldammer 1983b, 1. — [419] Goldammer 1983b, 2. — [420] a.a.O. — [421] Goldammer 1984, 2; GE 3. — [422] Weimann 1998b, 8.
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Einleitung
tung von Wolf-Dieter Müller-Jahncke stand. 423 Damit war Goldammer nun auch räumlich von seinen Materialien getrennt. Mit vereinten Kräften gelang es ihm, 1995 noch einen Registerband zu den Bänden 4 bis 7 herauszubringen, 424 womit er sein eigentliches editorisches Hauptwerk abgeschlossen hatte, den Psalmenkommentar und die andern Auslegungen zum Alten Testament. Hingegen sollte die Verwirklichung von Band 1 mit den Schriften zur Vita Beata ein Wunschtraum bleiben. Noch 1983 hoffte Goldammer, dass er das Manuskript bis Ende 1984/85 selber werde liefern können. 425 Bei der Auslagerung der Bestände nach Heidelberg nahm er den unvollendeten Band sogar zu sich nach Hause, um weiter daran zu arbeiten, 426 doch ohne kundige Hilfskräfte und ohne seine Arbeitsmaterialien war dieses Ansinnen aussichtslos. Kurt Goldammer starb am 7. Februar 1997 im Alter von 82 Jahren. 427 Als Ganzes hatte die Goldammer-Edition Schiffbruch erlitten. Von vierzehn geplanten Bänden waren, abgesehen vom Supplement- und vom Registerband, gerade sechs erschienen. Die Voraussetzungen für einen möglichen Erfolg wären eigentlich günstig gewesen, 428 die notwendigen Mittel waren vorhanden, es bestand ein internationales Interesse, und wie in der Zeit von Weimann hätte sich auch mit Rudolph und Dilg-Frank eine neue Blüte abzeichnen können. Das erste Versäumnis lag wohl bereits bei Bornkamm. Er, der sich in einer geachteten Hochschulposition befand, hätte mit der Übergabe der Editionsleitung warten sollen, bis Goldammer seine Laufbahn gefestigt und einen Lehrstuhl erhalten hätte. So wie es sich aber zutrug, war die Beschäftigung mit Paracelsus für Goldammer aus den genannten Gründen mehr ein Karrierehindernis als dass sie förderlich gewesen wäre. Ein wesentlicher Faktor für das Scheitern der Edition war nach Weimann Goldammers Bestreben, die Edition insgesamt „in seiner Hand“ behalten zu wollen, und dies mit der Konsequenz, dass keine Institutionalisierung vorhanden war, die die Edition in schwierigen Zeiten hätte tragen können, dass keine mitverantwortlichen Partner hinzugenommen wurden und schließlich, dass kein Nachfolger bestimmt wurde, der die Bemühungen hätte weitertragen können. 429 Spätestens 1981 hätte Goldam[423] Goldammer/ Müller-Jahncke 1988. — [424] GR. — [425] Goldammer 1983b, 2. — [426] Die von Goldammer hinterlassenen Materialien zu seinem unvollendeten Band 1 standen für die Herstellung von NPE 1 seitens des Nachlassverwalters Joachim Telle leider nicht zur Verfügung. — [427] Schipperges 1999, 90. — [428] Dilg 1993, 15. — [429] Weimann 1998b, 6.
Zur Geschichte der Theologica-Edition
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mer einen Mitherausgeber einbeziehen, wenn nicht sogar die Leitung einem Jüngeren übertragen sollen. Dabei hätten sich viele kompetente Nachfolger angeboten, etwa Hartmut Rudolph, der sich gut in die Materie eingearbeitet hatte und weiterhin zu Paracelsus publizierte, oder ein Literaturwissenschaftler aus der Schule von Gerhard Eis, die sich der Fachprosaforschung verschrieben hatte. Goldammer nahm mit den Mitarbeitern nach deren Ausscheiden jeweils keinen „editionsspezifischen Kontakt“ mehr auf, wollte also nicht, dass sich diese mit ihrer zweifellos erworbenen Sachkenntnis weiter für die Ausgabe einsetzen würden. 430 So war es eindeutig ein Fehler, dass Goldammer Weimann nach dessen Ausscheiden 1962 nicht weiterhin in die Edition einzubeziehen versuchte, denn gerade dieser, wenn vielleicht auch nur in beratender Funktion, hätte die von ihm bereits weitgehend vorbereiteten Bände einem baldigen Abschluss zuführen können. Auch wenn seine Edition unvollendet blieb, so sind Kurt Goldammers Leistungen in Sachen Paracelsus doch bedeutend und können direkt nach denen Karl Sudhoffs eingereiht, wenn nicht sogar auf die gleiche Stufe gestellt werden. Neben der Herausgabe von Hohenheims Schriften zum Alten Testament und einigen theologischen und religionsphilosophischen Einzelschriften, trat er mit etlichen Publikationen zur Paracelsusforschung hervor, die unsere Kenntnisse enorm erweitert haben. 431 Zahlreiche Ehrungen wurden Goldammer zuteil, so 1954 der Paracelsus-Ring der Stadt Villach, 1976 der Paracelsus-Ring der Stadt Salzburg, 1986 der Ehrenbecher des Landes Salzburg und 1994 die Ehrenpräsidentschaft der „Internationalen Paracelsus-Gesellschaft“ in Salzburg. 432 Dem Urteil des bedeutenden Medizinhistorikers und Paracelsus-Kenners Heinrich Schipperges (1918–2003) über Goldammer darf beigepflichtet werden, dass die Paracelsus-Forschung „ihm unendlich viel zu verdanken“ habe. 433
b11. Die Neue Paracelsus-Edition Mit Goldammers Tod 1997 drohte sich die Lähmung zunächst fortzusetzen, die sich über die Theologica-Edition gebreitet hatte. Nach dem Abgang Müller-Jahnckes vom Deutschen Apotheken-Museum war der
[430] Weimann 1998d, 3. — [431] zur Goldammer Bibliographie 1940–1974 vgl. Kircher 1975. — [432] Schipperges 1999, 92. — [433] a.a.O.
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Einleitung
Nachlass Goldammers nach der Zwischenlagerung im Nebenraum einer Buchhandlung in die Bibliothek des Germanistischen Seminars der Universität Heidelberg verbracht worden, wo er seither vom Literaturwissenschaftler und Sachprosaforscher Joachim Telle verwaltet wird. Der Nachlass wurde bisher kaum benutzt, wie eine Sichtung im März 2006 ergab. Er wurde damals weder katalogisiert noch dokumentiert und präsentierte sich in einem ungeordneten und konservatorisch bedenklichen Zustand. 434 Angeregt durch den wegweisenden Artikel des Pharmaziehistorikers Peter Dilg zum Stand der Paracelsus-Forschung 435 und bei offensichtlichem Handlungsbedarf, begründete der Medizinhistoriker Urs Leo Gantenbein 1999 am Medizinhistorischen Institut und Museum der Universität Zürich das Paracelsus-Projekt. 436 Als Spezialist für Handschriften verfügte er bereits über Erfahrung in der Editionsarbeit und war als Paracelsus-Forscher mit der Literatur und dem wissenschaftlichen Umfeld vertraut. Seit 1998 war er zudem Vorstandsmitglied der Schweizerischen Paracelsus-Gesellschaft, die er 1999–2006 zusammen mit der Literaturwissenschaftlerin Pia Holenstein Weidmann als Co-Präsident leitete. Das Paracelsus-Projekt sollte sich den drängenden Aufgaben der Paracelsus-Forschung stellen, so unter anderem der Erstellung eines Registers zum Gesamtwerk und der Konzeption eines Paracelsus-Lexikons, doch als oberstes Ziel sollte die Theologica-Edition abgeschlossen werden. In der Vorbereitungsphase wurden Mikrofilme der wichtigsten Paracelsus-Sammelhandschriften besorgt und einschlägige Bibliotheken besucht. Auch nahm Gantenbein Kontakt mit den noch lebenden ehemaligen Mitarbeitern Goldammers auf, um sich ein Bild über die damaligen Verhältnisse und Arbeitsvorgänge zu machen. Vor allem Karl-Heinz Weimann erstellte für Gantenbein einen umfangreichen schriftlichen Bericht „im Sinne des ‚Informationsflusses‘ zwischen den Generationen“, um seine Erfahrungen und Einsichten „der neuen, jüngeren Paracelsus-Generation zur Kenntnis zu geben“, 437 wodurch dem Paracelsus-Projekt in der Frühphase entscheidende Impulse verliehen wurden. Es war bald klar, dass das Konzept der Goldammer-Edition nicht in der gleichen Weise weitergeführt werden konnte, weshalb die „Neue Paracelsus-Edition“ begründet wurde. Insbesondere musste die Werk[434] Gantenbein 2006a, mit einem provisorisch erstellten Verzeichnis der Archivalien des Goldammer-Nachlasses. — [435] Dilg 1993. — [436] Gantenbein 1999ab. — [437] Weimann 1998b, 10; vgl. Weimann 1998abcd; 1999ab.
Zur Geschichte der Theologica-Edition
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gruppierung neu überdacht werden. Einige Werke, die Goldammer als „Einzelschriften“ behandelt hatte, gehören inhaltlich und konzeptionell zusammen und sollen als Einheit herausgegeben werden. Gewisse Schriften mussten deshalb neu ediert werden, um sie in ihren ursprünglichen Zusammenhang zu stellen. Auch ist das Material des Goldammer-Nachlasses nurmehr beschränkt verwendbar. In den fünfzig Jahren seit der Blüte der Goldammer-Edition haben sich die Editionsprinzipien und die Anforderungen an eine Edition grundlegend geändert. Die Leithandschriften sollen insbesondere zeichengetreu wiedergegeben werden, um den ursprünglichen Wortbestand möglichst interpretationsfrei wiederzugeben. Das bedingt wiederum eine erschwerte Lesbarkeit der Texte, weshalb die Lösung getroffen wurde, die Werke in zwei Versionen zu präsentieren: die zeichengetreue Transkription samt ausführlichem textkritischen Apparat und einen normalisierten, graphematisch angepassten Lesetext, der mit Wort- und Sacherläuterungen versehen wird und nur die wesentlichsten Lesarten der Nebenhandschriften aufführt. Das hat zugleich den Vorteil der Entflechtung der Anmerkungsapparate, wodurch sich die Übersichtlichkeit nochmals erhöht. Band 1 der Neuen Paracelsus-Edition enthält den rekonstruierten Liber de vita beata und eine verwandte, hier als Fünf Trakate zur Seligkeit bezeichnete Werkgruppe. In den Bänden 2 bis 4 werden die Matthäuskommentare ediert und in Band 5 die Streitschriften an Papst Clemens VII., die Schriften von der Jungfrau Maria und die neutestamentlichen Briefkommentare. Band 6 enthält die Abendmahlsschriften mit dem rekonstruierten Liber de limbo aeterno. Die Bände 7 und 8 mit den Predigten oder Sermones schließen die Ausgabe der Theologica ab. Die Reihe der Neuen Paracelsus-Edition steht jedoch nach oben offen für eine kommentierte Neuausgabe der medizinischen und naturphilosophischen Schriften bzw. einer Auswahl davon, womit einem weiteren lange gehegten Desiderat der Paracelsus-Forschung entsprochen wird.
70
Einleitung
c.
Zum Themenkreis des Liber de vita beata
c1.
Zum Begriff der „Philosophia Magna“
Im Zusammenhang mit den Schriften zur Vita Beata wird häufig eine alternative Werkbezeichnung verwendet, nämlich jene der „Philosophia Magna“. 438 Auch Matthießen brauchte sie als Überschrift für seine Theologica-Ausgabe, indes ohne auf eine direkte textliche Vorlage zurückgreifen zu können. 439 Der Begriff der „Philosophia Magna“ findet sich erstmals 1564 in der Görlitzer Handschrift G, 440 die zugleich die älteste Überlieferung theologischer Werke Hohenheims darstellt. Diese Sammelhandschrift enthält neben einem Kommentar zu Matthäus 1 bis 5 mehrere Kurzfassungen von Schriften zur Vita Beata. Die einzelnen Werke sind im darin enthaltenen Inhaltsverzeichnis von 30 bis 50 durchnummeriert und mit dem Titel „Philosophiae magnae partes“ überschrieben. 441 Sudhoff vermutete deshalb 1898, es könne sich hier um den zweiten Teil einer „Philosophia Magna“ handeln, und nahm weiter an, dass die Nummern 1 bis 29, die in der Görlitzer Handschrift unbesetzt bleiben, für den ersten Teil mit magisch-naturphilosophischen Schriften reserviert gewesen wären, die wiederum Huser im 9. Teil seiner Quartausgabe bereits ediert hatte. 442 Tatsächlich spricht Huser dort von den Büchern „deß Ersten Voluminis Philosophiae, de Diuinis Operibus & Secretis Naturae“, 443 das er nach einem angeblich autographen Inhaltsverzeichnis des Paracelsus zusammengestellt haben will. 444 Diese frühere Vermutung wurde für Sudhoff 1933 bereits zur Gewissheit, indem er befand, dass „das erste Volumen einer Philosophia de divinis operibus et secretis naturae“ als „Parallelausarbeitung“ gedacht war zu einer theologischen Schriftengruppe mit der Bezeichnung „Philosophiae pars altera de vita beata“ und dass beide Gruppen zusammen die „Philosophia magna“ bildeten. 445 Die Argumentationsbasis dafür ist allerdings etwas dünn. Im frühen Schrifttum scheint der Begriff nochmals 1567 auf in Balthasar Floeters Druck Philosophiae
[438] z. B. SW 14, v, xf.; Goldammer 1954a, 86; Rudolph 1977, 193. — [439] ME 65. — [440] Bibliothek der Oberlausitzschen Gesellschaft der Wissenschaften, Görlitz, Ms. Th. VI. 146. 4°. — [441] G 160 f. — [442] SH 235; HW 9, 1–321; SW 14, 1–377. — [443] übersetzt: „des ersten Bands der Philosophie von den göttlichen Werken und den Geheimnissen der Natur“. — [444] HW 9, ii v-iv v. — [445] SW 14, v.
Zum Themenkreis des Liber de vita beata
71
Magnae […] tractatus aliquot, 446 der eine Sammlung von 17 Traktaten darstellt, die größtenteils magisch-naturphilosophischer Art sind und somit der von Huser erwähnten Philosophia zuzuordnen sind. Nur bei zweien, den Schriften De sensu et instrumentis und A9. De tempore laboris et requiei, protestiert Huser 1590 in seiner Quartausgabe, dass diese „nicht in diß Volumen Philosophicum“ gehörten, „sondern in ein anders/ welchs von Theophrasto genennt wird De Vita Beata“. 447 Huser, der die Neuburger Autographen eingesehen hatte, wusste also um eine von Paracelsus vorgesehene strenge Trennung in zwei Gruppen von Schriften, eben in die magisch-naturphilosophischen und in jene zur Vita Beata, und traf die Zuordnung anhand des ihm zur Verfügung stehenden autographen Inhaltsverzeichnisses der ersten Gruppe. Nicht nur Floeter, sondern auch die Schreiber der Sammelhandschriften hatten mit einer Unterscheidung ihre liebe Mühe, denn die beiden Traktattypen werden oft zusammengewürfelt und ohne erkenntliche Ordnung überliefert. Dies trifft sogar für den Heidelberger Codex cpg 476 (H 1) zu, der ja direkt auf die Neuburger Autographen zurückgeht und die Hauptquelle für die Langfassungen bildet. Es ist dabei denkbar, dass Paracelsus die Schriften teilweise nebeneinander konzipierte und niederschrieb, er aber nicht mehr dazu kam, sei es wegen Krankheit oder anderen Umständen, die endgültige Ordnung und Einteilung vorzunehmen. Weiter ist bemerkenswert, dass Huser den Titel einer „Philosophia Magna“ in der Quartausgabe ausspart. Allerdings verwendet sein Famulus Paulus Linck den Begriff, als er 1586 bezeugt, er sei von Huser nach Neuburg geschickt worden um nachzuforschen, ob unter den Autographen noch Traktate „zum Buch Philosophiae magnae gehörig“ zu finden seien. 448 Bei dieser Gelegenheit suchte er sich vier magischnaturphilosophische Schriften aus und ließ dabei die restlichen Schriften des Aktenbündels unbeachtet, die größtenteils zum Themenkreis der Vita Beata gehörten. Dies ist ein weiterer Beleg dafür, dass Huser die „Vita Beata“ streng von der „Philosophia Magna“ trennte. Die erste Nennung der „Philosophia Magna“ findet sich, wie schon erwähnt, 1564 in der Görlitzer Handschrift, dann 1567 in Floeters Druck und ein weiteres Mal 1568/69 in der lateinischen Übersetzung dieses Drucks, die von Gerhard Dorn besorgt wurde. 449 Auch Paracelsus selber nimmt in seinen Schriften nie auf eine „Philosophia Magna“
[446] SD 133 f., Nr. 86. — [447] HW 9, ii v. — [448] SH 7. — [449] SD 174 f., Nr. 109.
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Einleitung
Bezug. Wenn der Begriff auch als Titel in der zwar wichtigen Görlitzer Handschrift erscheint, so gilt es dennoch zu bedenken, dass die darin enthaltenen Schriften zur Vita Beata stark bearbeitete Kurzfassungen darstellen, die in dieser Form mit Sicherheit nicht auf Paracelsus zurückgehen. 450 Damit ist auch anzunehmen, dass der Titel der „Philosophia Magna“ ebenso von anderer Hand zugefügt wurde, möglicherweise sogar vom Verfasser der Kurzfassungen selber. Zieht man alle diese Umstände in Betracht, so lässt sich die von Sudhoff favorisierte und von Goldammer übernommene Bezeichnung einer „Philosophia magna pars altera“ für die Vita-Beata-Schriften nicht halten, denn sie geht kaum auf Paracelsus zurück.
c2.
Mögliche Vorbilder des Liber de vita beata
Im Kapitel a zur Theologie des Paracelsus wurde das Wesen des „seligen Lebens“ bereits erläutert. Während die Kirchenväter das ewige und selige Leben als einen Zustand der erlösten Seelen nach dem Tod betrachteten, 451 findet sich bei Paracelsus ein starker Bezug zum diesseitigen Leben, indem er nämlich das selige Leben auf Erden als Vorstufe zum ewigen Leben im Himmel verstehen will. Der Mensch erfährt im seligen Leben einen Zustand des fortwährenden inneren Wachstums, während bereits zu Lebzeiten ein unzerstörbarer und ewiger Auferstehungsleib heranreift, der wiederum nach dem Tod einen nahtlosen Übergang in die Seligkeit erlaubt. Entsprechend diesem Gedanken greift Paracelsus hier oft das Motiv des Fruchtbringens und der Ernte auf, meist in Anlehnung an die Gleichnisse vom guten Baum, der gute Frucht trägt (Mt 7,17; 12,33 par.), von Spreu und Weizen (Mt 3,12 par.) und von dem in den Acker gesäten Unkraut (Mt 13,24–40). Mit dem seligen Leben verbunden sind ethische Vorstellungen und die Frage nach der richtigen Annäherung an Gott einschließlich der Glaubens- und Gebetspraxis, die für Paracelsus gemeinhin das wahre christliche Leben ausmachen. Während Paracelsus in früheren Schriften lediglich von „Seligkeit“ spricht und davon, was zu tun sei, um diese zu erlangen, greift er spätestens um 1533 den expliziten Begriff des „seligen Lebens“ auf. Es stellt sich nun die Frage nach möglichen Vorbildern, die ihn zu diesem neuen Konzept angeregt haben könnten. Das Problem des „Glücks“ [450] GS xxxiii. — [451] HWBP 9 (1995), 575.
Zum Themenkreis des Liber de vita beata
73
bzw. der „Glückseligkeit“ durchzieht die ganze Philosophiegeschichte seit der Antike, und besonders für die mittelalterliche Theologie war der Begriff der „beatitudo“ zentral. 452 An dieser Stelle kann nicht auf sämtliche Einflüsse eingegangen werden, die diese in der Frühen Neuzeit noch allgegenwärtigen Vorstellungen auf das Denken Hohenheims gehabt haben könnten. Vielmehr sollen einige Schriften aufgezählt werden, die sich von Titel und Inhalt her als mögliche Vorläufer anbieten. Erstmals findet sich bei Seneca (c1–65) eine Schrift De vita beata, die als Anleitung zur gelebten stoischen Philosophie bezeichnet werden kann. Für Seneca hier entscheidend ist die Frage nach einem erfüllten und gerechten Leben in Übereinstimmung mit der Natur, das zu innerer Harmonie, Freude und Heiterkeit führt. Dabei gilt Tugend als einziges Gut und Schlechtigkeit als einziges Übel. Anklänge an antike Vorbilder lassen sich bei Paracelsus einzig in den Schriften De sensu et instrumentis 453 und De praedestinatione et libera voluntate 454 ausmachen, einmal von der philosophischen Thematik her, in der Letzteren auch durch den Umstand, dass dort im Text von „Göttern“ statt von „Gott“ gesprochen wird. Der Frage nach einem rechten Leben in Glück stellt sich Augustinus (354–430) in seinem frühen Dialog De beata vita, worin er versucht, die für ihn präsente stoische und neuplatonische Philosophie mit christlichen Vorstellungen zu verquicken. Da die „vita beata“ nicht den Körper, sondern die Seele als eigentlichen Sitz des Lebens und somit ewige Dinge betreffe, kann allein Gott, der ja ewig und beständig ist, wahres Glück verschaffen. Somit hat nach Augustinus derjenige die „vita beata“ als Zustand des Glücks erreicht, der Gott gefunden hat. Diese hier stark gerafft vorgetragenen Gedanken kommen Paracelsus schon näher, denn wie bei diesem findet sich bei Augustinus die Idee eines schon zu Lebzeiten erlebbaren Glückszustands, der in Gott als höchstem Gut kulminiert. Während Augustinus’ Schrift eigentlich aus Reflektionen über seine persönliche Geschichte besteht, widmet der Kirchenvater Lactantius Firmianus (c260-c340) dem seligen Leben eine ausführliche systematische Abhandlung. Das siebte Buch seiner Divinarum Institutionum libri septem trägt den Namen De vita beata und weist 27 Kapitel auf. Obwohl Lactantius die Meinung vertritt, dass sich Glück erst im ewigen Leben finden lasse, werden zahlreiche Themen angeschnitten, die für Paracelsus von hoher Aktualität sind, so unter [452] vgl. HWBP 3 (1974), 679–707; 9 (1995), 574–580. — [453] GE 2, 83–91. — [454] GE 2, 111–118.
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Einleitung
anderem die Unsterblichkeit der Seele, Laster und Tugenden, das Verhältnis von Körper und Seele und deren Erlösung, die Abfolge der Weltreiche, vom Antichristen und dessen Überwindung. Weiter sagt Lactantius ein tausend Jahre währendes Idealreich auf Erden voraus, das dem ewigen Leben im Himmel vorgeschaltet sei. Alle diese Punkte werden bei Paracelsus ebenfalls thematisiert, sie erinnern aber auch an die joachimitische Theologie. So findet sich in Lactantius ein aussichtsreicher Kandidat für eine möglicherweise weitreichende Beeinflussung der theologischen Vorstellungswelt Hohenheims, was aber nur durch eingehende weitere Untersuchungen erhärtet werden kann. Sämtliche hier angesprochenen Schriften waren zu Paracelsus’ Zeiten in zum Teil mehrfach aufgelegten Drucken verfügbar, so dass eine Rezeption von der materiellen Seite her möglich gewesen wäre. Als weniger wahrscheinlich hingegen darf es gelten, dass Paracelsus der Tratado de vita beata (1463) des spanischen Humanisten Juan de Lucena (c1430–1506) bekannt gewesen war, der vom wahren Gut, von Demut und tugendhaftem Leben handelt.
c3.
Das Buch De secretis secretorum theologiae als fragliche Werkentität
Goldammer ediert im dritten Band seiner Ausgabe ein angebliches Werk des Paracelsus mit dem Obertitel De secretis secretorum theologiae. 455 Die Schrift präsentiert sich in einem heterogenen Habitus, indem sie in zwei völlig verschiedene Teile zerfällt. Der erste Teil ist in Form eines Essays gehalten und enthält autobiographische Anmerkungen, während der zweite Teil eine versweise Auslegung des 23. und 24. Kapitels des Matthäusevangeliums darstellt. 456 Der erste Teil trägt den Untertitel „Prologus totius operis christianae vitae“, will sich also als Einleitung verstanden wissen zu einem Werk über das christliche Leben, womit, wie im Text sogleich klar wird, die Vita Beata gemeint ist. Paracelsus erinnert daran, dass er „einen spätern herbst“ auf die heilige Schrift fallen lassen wolle, nachdem er an die zwanzig Jahre lang an diesem Werk gearbeitet habe. Vor dem „hauptbuch“ zum seligen Leben wolle er aber zunächst das „unselige Leben“ beschreiben. Dem Prolog folgt ein Abschnitt, in dem Paracelsus anhand von Mt 12,25, wo [455] GE 3, 165–231. — [456] Die Auslegung von Mt 23 ist vollständig, während jene von Mt 24 beim Vers 30 abbricht mit dem Hinweis „Defect“.
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gesagt wird, dass jedes in sich uneinige Reich zerfalle, die römische Kirche und das Papsttum als das Reich der Unseligen darstellt. In einem weiteren Abschnitt ruft Paracelsus anhand der Bußpredigt Johannes des Täufers (Mt 3,1–10) dazu auf, vom unseligen Leben abzulassen. Nach diesen insgesamt drei Abschnitten des ersten Teils folgt dann der zweite Teil mit der versweisen Auslegung von Matthäus 23 und 24. Goldammer und Rudolph zeigten mit der zeitlichen Einordnung von De secretis offensichtlich Mühe. Während Rudolph noch 1977 festhielt, dass es sich „mit Sicherheit“ um ein Spätwerk handle, das „Ende der 30er, Anfang der 40er Jahre“ geschrieben sei, 457 nicht zuletzt wegen der Reife- und Herbstgedanken, so fehlt diese absolute Aussage 1986 in Goldammers und Rudolphs gemeinsamer Einleitung zu De secretis. 458 Vielmehr wird dort versucht, auch wenn eine späte Entstehungszeit nicht ganz ausgeschlossen wird, die Argumentation auf die Zeit um 1531 zu lenken. Einmal kommt Paracelsus im zweiten Teil auf Zwingli zu sprechen und behandelt ihn so, als ob er noch am Leben wäre, 459 und weiter erwähnt er den am 27. Februar 1531 abgeschlossenen Schmalkaldischen Bund mit weiteren diesbezüglichen Einzelheiten. 460 Nicht weniger Mühe bekundeten Goldammer und Rudolph mit der Einordnung des Prologs, ob dieser zum Obertitel De secretis gehöre oder für sich stehe, auch worauf sich das erwähnte „Hauptbuch“ beziehe, auf die folgenden Auslegungen zu Matthäus 23 und 24, auf das Corpus der Vita-Beata-Schriften oder gar auf ein Werk, das Paracelsus noch zu schreiben beabsichtigt habe. 461 Die Widersprüche lassen sich indes auflösen, wenn man Goldammers Ansicht von einem einheitlichen und von Paracelsus in dieser Form konzipierten Werk fallen lässt und annimmt, dass ein späterer Kompilator den ersten mit dem zweiten, zeitlich früher entstandenen Teil zu einer Einheit zusammenfügte und mit dem reißerischen Titel De secretis secretorum theologiae versah. Für diese These sprechen mehrere gewichtige Argumente. Die Titelwahl erinnert an das pseudo-aristotelische Secretum secretorum, 462 das ein Exempel der umfangreichen Secreta-Literatur darstellt und als hermetisch-astrologisch-medizinisches Kompendium weite Verbreitung fand. Mit dem Bezug auf die „theologia“ sollte diese Erfolgsgeschichte auf das Kompilat übertragen wer[457] Rudolph 1977, 196 f. — [458] GE 3, xxxv-xl. — [459] GE 3, xxxviii. Zwingli starb am 11. Oktober 1531 in der Schlacht am Kappel. — [460] Rudolph 1977, 197; GE 3, xxxviii. — [461] GE 3, xxxvi-xxix — [462] LMA 7 (1995), 1662–1664; VL 8 (1992), 993–1013.
76 Einleitung den. Diese Art der Titelgebung ist für Paracelsus vollkommen unüblich, jedoch typisch für pseudo-paracelsische Kompilationen der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, die eine möglichst große Leserbzw. Käuferschaft erreichen wollten. 463 Auch hätte Paracelsus dieses Werk niemals als „secretum“ bezeichnet und schon gar nicht als „Geheimnis der Geheimnisse“, denn viele seiner theologischen Schriften waren im Prinzip als Erbauungstraktate gedacht oder sogar als Predigten, die ja gerade unter das Volk gestreut und nicht als Geheimnisse behandelt werden sollten. Neben dem unpassenden Titel stört der heterogene Aufbau von De secretis. Der erste Teil mit dem Prolog und den Auslegungen zu Mt 12,25 und Mt 3,1–10 entspricht dem essayistischen Charakter der meisten Vita-Beata-Schriften, bei dem ein Thema theoretisch erläutert und mit gelegentlichen Bibelzitaten unterlegt wird. Die Reife- und Herbstgedanken finden sich in eben diesem Teil, auch Hohenheims Hinweis, schon an die zwanzig Jahre am Thema des „seligen Lebens“ gearbeitet zu haben, und weiter, dass er die Arbeit nun wieder aufnehmen könne, nachdem ihn Werke zur Astronomie, Medizin und Philosophie aufgehalten hätten, womit mit einiger Plausibilität die Astronomia magna (1537/38), verschiedene astrologisch-mantische Schriften (1537–39) und die medizinischen Kärntner-Schriften (1538) gemeint waren. Weiter spricht Paracelsus im ersten Teil von der „zertrennung des reichs dieser welt, so jetzt ist“, 464 was auf die am 10. Januar 1538 erfolgte Gründung der Katholischen Liga hindeuten könnte, die die Spaltung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation in Protestanten und Katholiken endgültig besiegelte. Alles deutet somit darauf hin, dass der erste Teil von De secretis als eigenständige Schrift um 1540 entstand mit dem Obertitel eines Prologus totius operis christianae vitae (A1). Nach dem A2. Liber prologi in vitam beatam wäre dies dann zugleich ein zweiter und späterer Prolog zum gesamten Buch De vita beata. 465 Hingegen fallen die Erwähnung Zwinglis und des Schmalkaldischen Bundes, die auf das Jahr 1531 weisen, in den zweiten
[463] Beispiele dafür sind die pseudo-paracelsischen Traktate Thesaurus thesaurorum alchimistarum (HW 6, 396–401) oder Coelum philosophorum (HW 6, 375– 395). — [464] L 1 432 r. — [465] Rudolph moniert, dass A1. Prologus in totius vitae christianae nicht zur Vita Beata passe, da der Fruchtgedanke darin nicht vorkomme, den er als wesentliches Leitmotiv der Vita-Beata-Schriften sieht, und dass weiter die im Prologus angetönten apokalyptischen Gedanken für die Vita Beata atypisch seien. Vgl. Rudolph 1977, 204. Die statistischen Untersuchungen in Tab. 1 und 3 zeigen hingegen, dass auch der Prologus das Motiv der Frucht kennt und dass die apokalyptische Terminologie in praktisch allen Vita-Beata-Schriften nachzuweisen ist.
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Teil von De secretis. Es gibt noch ein Argument, das hier auf die frühen 1530er Jahre hindeutet. Damals schrieb Paracelsus an seinen großen Matthäuskommentaren mit ihrer versweisen, homilienartigen Exegese, die jeweils ganze Kapitel des Matthäusevangeliums erfassen. Dies ist genau die Literaturform, in welcher der zweite Teil gehalten ist. Die beiden Teile von De secretis widersprechen sich also nicht nur vom Habitus her, sondern auch in der zeitlichen Einordnung. Es mag verwundern, warum Goldammer in der Schrift De secretis nicht ebenfalls ein Kompilat vermutete. Für die Secretis-These spricht, und das war für Goldammer wohl das Hauptargument, dass sie immerhin in vier vollständigen Überlieferungen vorliegt (L 2, S 1, W13, En), die nur wenig voneinander abweichen, in einer lateinischen Exzerptfassung (Lo) und in zwei Teilfassungen (K 4), wovon eine nur den zweiten Teil bringt, allerdings mit Hinweis, diesen aus De secretis entnommen zu haben. 466 Auch werden die beiden Teile für sich in keiner einzigen Handschrift als eigene Entitäten überliefert und behandelt, überdies werden sie weder im Osseger Verzeichnis (um 1571) noch im Neuburger Verzeichnis (1594) einzeln erwähnt, 467 die als verlässliche, allerdings nicht vollständige Inventare der paracelsischen Originalschriften gelten dürfen. Allerdings sucht man auch die Gesamtschrift De secretis in diesen Verzeichnissen vergeblich. Die obigen inhaltlichen und formalen Gründe sprechen trotz der eindeutigen Überlieferung dennoch für zwei verschiedene und in verschiedenen Schaffensperioden entstandene Traktate. De secretis als Kompilat dürfte zu einem relativ frühen Zeitpunkt entstanden sein, vielleicht wurden bereits die Autographen zusammengeführt und unter dem neuen Obertitel kopiert und weiter verbreitet. Der Kompilator ist dabei nicht ganz ungeschickt vorgegangen, indem die Wehklagen aus Matthäus 23 zur Thematik des „unseligen Lebens“ durchaus passen. Somit bleibt noch die Frage offen, was Paracelsus unter dem „Hauptbuch“ verstand, das dem A1. Prologus totius operis christianae vitae folgen sollte. Wie schon Goldammer und Rudolph bemerkten, kann diese Frage nicht mit endgültiger Sicherheit geklärt werden. 468 Mit Hohenheims Hinweis auf eine bereits zwanzig Jahre währende Bearbeitungszeit liegt allerdings die Vermutung nahe, dass er das Hauptbuch aus den bereits vorliegenden Schriften zusammenzusetzen gedachte, für die er mit dem A2. Liber prologi in vitam beatam sogar
[466] GE 3, xli f.; SH 628. — [467] SH 3–11, 29–39. — [468] GE 3, xxxvi.
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Einleitung
schon ein Vorwort geschrieben hatte. Zudem beleuchten diese VitaBeata-Schriften das „selige Leben“ von verschiedenen Seiten her und erscheinen somit als ein in sich abgeschlossenes Ganzes.
c4.
Die Rekonstruktion des Liber de vita beata
Hier wird die Rekonstruktion des Liber de vita beata versucht unter der Annahme, dass Paracelsus ein solches zwar weitgehend fertiggestellt hatte, dieses aber, aus welchen Gründen auch immer, nur zerstreut überliefert wurde. Als Kriterium zur Auswahl der Schriften, die in das rekonstruierte Buch aufgenommen werden sollen, wird das Leitmotiv des „seligen Lebens“ postuliert. Wie statistische Wortauszählungen in Tab. 1 zeigen, zeichnet sich der Frucht-Gedanke als Leitmotiv nicht durch eine genügende Spezifität aus, denn dieser dominiert auch in Schriften mit der „Seligkeit“ als Leitbegriff. Dies sieht man insbesondere an den Schriften B1, B2 und B3 sowie an den Traktaten Vom Tauf der Christen und De thoro, vidua et virgine. Das Grundgerüst für die Rekonstruktion liefert das Neuburger Verzeichnis, das einen Faszikel theologischer Autographen widerspiegelt, die Huser 1594 eingesehen und ausgeliehen hatte. Dieser zweite Faszikel setzt sich wie folgt zusammen, wobei die Werknummern der Rekonstruktion bzw. die Ausgaben Husers und Goldammers in eckigen Klammern angefügt sind: Theophrasti paracelsi Tractatus sua manu scripti e 2 do fasciculo. Prologus in vitam beatam [A2] De summo et aeterno bono [A3] De faelici liberalitate [A4; GE 2,1–23] De honestis utrisque divitiis [A5; GE 2,25–47] De officiis beneficiis et stipendiis [A7] De ordine doni [A8; GE 2,49–69] De votis alienis [HW 9,187–207] De Religione perpetua [A12] De Ecclesijs veteris et novi Testamenti [A13] De re Templi ecclesiastica [A14] De Superstitionibus et ceremonijs [HW 9,225–240] De potentia Gratiae Dei [A15] De Thoro legittimo [GE 2,165–243] De Thoro, vidua et Virgine [GE 2,289–302]
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De nupta et alienis rebus non concupiscendis [A10; GE 2,303–325] Von der Eeordnung und Aigenschaft [GE 2,245–265] De Martirio Christi et nostris delicijs [A16] De Remissione peccatorum [A17] De Sanctorum auctoritate [HW 9,208–225] De venerandis sanctis [A18] De Resurrectione et glorificatione corporum [A19] De Animabus hominum post mortem apparentibus [HW 9,293–298] De Magnificis et superbis [A11; GE 2,127–140] In Esaiam prophetam 4 capita [GE 7,243–283] et sursum corda [A20] Septem folia fragmentorum cum parva schedula. Drunder Viere nur halben beschrieben. 469 Zunächst ist nicht klar, ob es noch Paracelsus war, der das Bündel in dieser Form zusammengestellt hatte, oder ob die Anordnung und die Zusammenstellung auf einen späteren Sammler zurückgeht, was eher wahrscheinlich ist. Huser hatte 1584 seinen Famulus Paulus Linck nach Neuburg geschickt, um nach Schriften zu forschen, die etwa noch zu Hohenheims Philosophia de divinis operibus et secretis naturae gehören könnten. Huser wusste genau, nach was Linck suchen sollte, da ihm Hohenheims autographes Inhaltsverzeichnis dieser Schrift zur Verfügung stand. 470 Tatsächlich fand Linck in diesem zweiten Faszikel „vier volgende Tractat zum buch Philosophiae magnae gehörig“, nämlich die Schriften „1. De votis alienis“, „2. De superstitionibus et ceremoniis“, „3. De Auctoritate etc. sanctorum“ und „4. De animabus hominum post mortem apparentibus“. 471 In der Folge nahm Huser diese vier Schriften in den 9. Teil (1590) seiner Quartausgabe auf und grenzte sie somit von den Vita-Beata-Schriften entschieden ab. Es fällt weiter auf, dass das Bündel gleich vier hintereinander eingereihte Eheschriften enthält, nämlich von De Thoro legittimo bis zu Von der Eeordnung und Aigenschaft. Von diesen erwähnt einzig die Schrift De nupta et alienis rebus non concupiscendis (A10) explizit das „selige leben“. Klammert man weiter den Jesaiaskommentar aus, so bleibt unter Berücksichtigung der Reihenfolge das folgende Grundgerüst übrig:
[469] München, Bayerisches Hauptstaatsarchiv, Pfalz-Neuburg Akten, zitiert nach SH 10 f. — [470] HW 9, iv. — [471] SH 7 f.
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Einleitung
A2 bis A5, A7, A8, A12 bis A15, A10, A16 bis A19, A11, A20 Mit Ausnahme von De Ecclesijs veteris et novi Testamenti (A13) und De Resurrectione et glorificatione corporum (A19) nehmen sämtliche dieser Schriften direkten Bezug zum „seligen Leben“. Weiter lässt sich in diesem vom Neuburger Verzeichnis vorgegebenen Gerüst ein gewisser inhaltlicher Aufbau erkennen. Nicht nur der Prologus (A2) trägt einleitenden Charakter, sondern auch die Schrift De summo et aeterno bono (A3), die Gott als höchstes Gut darstellt. Die Schriften A4, A5, A7 und A8 erläutern dezidiert die Ideale der christlichen Ethik und deren Bedeutung für das praktische Leben. Einen dritten Block bilden die Schriften De Religione perpetua (A12), De Ecclesijs veteris et novi Testamenti (A13) und De re Templi ecclesiastica (A14), die sich um die Frage der rechten Religion oder Lebensausrichtung bemühen, um die Abfolge der Kirchen des Alten und Neuen Testaments und um die wahre Kirche im Sinne einer inneren Geistkirche. Schließlich drehen sich die Traktate A15, A16 bis A19 und A20 um die Frage der Rechtfertigung des Sünders und die endgültige Erlösung. In dieser Anordnung der Schriften und der sich dadurch ergebenden Einteilung in Einleitung, Ethik, Ekklesiologie und Soteriologie kann durchaus ein gewisses Gesamtkonzept gesehen werden, wobei dahingestellt ist, ob dieses auf Paracelsus selber zurückgeht oder vom Sammler der Handschriften in dieser Weise angelegt wurde. Der im Abschnitt c3 diskutierte Prologus totius operis christianae vitae (A1), in dem Paracelsus seine Absicht kund gibt, sein Werk zum „seligen Leben“ einem baldigen Abschluss zuzuführen, gehört sicherlich an die Spitze des rekonstruierten Liber de vita beata. Weiter findet in der Schrift De nupta et alienis rebus non concupiscendis (A10) eine Auslegung des 9. und 10. Gebots (Ex 20,17) statt und De Magnificis et superbis (A11) nimmt Stellung zu den christlichen Pflichten der Machthaber. Beide Schriften nehmen damit Bezug zur Ethik und werden deshalb in der Reihenfolge nach vorne genommen und dem zweiten Block mit den ethischen Schriften zugeschlagen. Die statistische Wortuntersuchung in Tab. 1 der übrigen Schriften des erweiterten Vita-BeataKreises zeigt, dass noch zwei weitere Schriften die Vita Beata explizit nennen, nämlich De virtute humana (A6) und De tempore laboris et requiei (A9), die sich beide auf die Ethik beziehen und somit in der Rekonstruktion entsprechend eingeordnet werden. A6 und A9 kommen zwar im 1594 aufgelisteten 2. Faszikel des Neuburger Verzeichnisses nicht vor, finden sich jedoch 1585 erwähnt im Verzeichnis einer Anzahl
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Manuskripte Hohenheims, die Hans Kilian persönlich dem Kurfürsten Ernst von Bayern nach Freising überbrachte. 472 Da De virtute humana (A6) in den Sammelhandschriften L 1 und in F 2 direkt hinter den beiden ethischen Schriften De felici liberalitate (A4) und De honestis utrisque divitiis (A5) aufgeführt ist, wird A6 in der Rekonstruktion ebenfalls an diese Stelle verwiesen. Obwohl De ecclesiis (A13) und De Resurrectione (A19) das „selige leben“ nicht direkt benennen, werden sie in der Rekonstruktion belassen, weil sie sich von der Thematik her in die Reihe der anderen Schriften nahtlos einfügen. Bunners argumentiert zwar überzeugend, dass De Resurrectione (A19) eigentlich zur ebenfalls nicht als Ganzes überlieferten Philosophia de limbo aeterno gehören müsse, 473 jedoch findet sich A19 in der Überlieferung (G, Gr, H 1, L 1) stets in Gesellschaft mit Vita-Beata-Schriften und nicht mit solchen zum Abendmahl. Der rekonstruierte Liber de vita beata besteht somit aus 20 Schriften und weist durch die Unterteilung in die vier Blöcke Einleitung (A1-A3), Ethik (A4-A11), Ekklesiologie (A12-A14) und Soteriologie (A15-A20) einen schlüssigen Aufbau auf. Die Schrift De sursum corda (A20) bildet sogar einen passenden Abschluss für die Rekonstruktion, der möglicherweise von Paracelsus in dieser Weise vorgesehenen war, indem sie in der Aufforderung kulminiert, das Herz auf Gott auszurichten. Die Schlussworte dieser Schrift erinnern nochmals an einen wesentlichen Punkt des „seligen lebens“, nämlich eine Vorbereitung für das ewige Leben zu sein, und können damit für den gesamten Liber de vita beata stehen: „Darum so tue ein jeglicher sein augen uf hie uf erden, dass er hie uf erden selig werd. Dann was hie nit den anfang nimmt, dasselbig ist versaumt und dem ewigen tod überantwort.“ 474
c5.
Die Fünf Traktate zur Seligkeit
Unter den von Goldammer als Einzelschriften behandelten und auch als solche edierten Traktaten lässt sich eine Gruppe ausmachen, die von Paracelsus vermutlich als zusammenhängendes Ganzes vorgesehen war. Es sind dies die Schriften B1. De poenitentiis, 475 B2. De baptismato
[472] SH 5. — [473] Bunners 1961, 200 f. — [474] A20 29 r. — [475] GE 2, 407–419.
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Einleitung
christiano, 476 B3. De sacramento corporis Christi einzunehmen zur seligkeit, B4. De iustitia 477 und B5. De imaginibus idolatriae. 478 Es handelt sich bei den hier so bezeichneten Fünf Traktaten zur Seligkeit um einen in sich abgeschlossenen Versuch einer reformatorischen Rechtfertigungslehre. B3 war von Goldammer für die Abendmahlsschriften vorgesehen gewesen und ist deshalb bis jetzt unediert geblieben. Zwischen diesen fünf Schriften lässt sich nun ein intensives Beziehungsgeflecht nachweisen. B1 verweist am Schluss auf ein Buch „werk der reinigkeit“, 479 das unter diesem Titel zwar nicht überliefert ist, jedoch die Thematik von B2 anspricht. B2 wiederum verweist explizit auf „de sacramento corporis Christi“, 480 also auf B3. In der Überlieferung von L 1 verweist B3 in Randbemerkungen einerseits zurück auf B1 und B2, 481 andererseits mit „Vide liber De Justitia“ auf B4. 482 Schließlich wird B5 in B4 als Nachfolgeschrift genannt: „als ihr ‚de imaginibus idolatriae‘ hernach hören werden“. 483 Diese gegenseitige Abhängigkeit wird unterstrichen durch den Umstand, dass die Fünf Traktate mitunter zusammen überliefert werden. So besteht die Wolfenbütteler Handschrift W8 genau aus diesen fünf Schriften, während die Beromünster Handschrift Bo den Traktat B5 auslässt, der von der Gesamtthematik der Rechtfertigung auch am weitesten entfernt ist. Die Hallenser Handschrift Ha 1 reduziert noch weiter und spart auch B4. De iustitia aus, nimmt dafür aber die Vorrede der Abendmahlsschriften hinzu, den Prologus et initium voluminis limbi aeterni. Die beiden Berner Sammelhandschriften Bn 1 und Bn 2 überliefern neben andern Schriften nur B2 und B3, während in der großen Leidener Sammelhandschrift L 1 sämtliche fünf Traktate enthalten sind. Dort allerdings finden sich die Schriften nicht in exakter Reihenfolge, doch immerhin stehen B4, B1 und B5 hintereinander. Die breiteste Überlieferung ist für B3. De sacramento corporis Christi nachweisbar. Neben in den genannten Sammelhandschriften findet sich B3 in den Handschriften Ka, K 3, R, S 2 und St, dort jeweils in Gemeinschaft mit anderen Abendmahlsschriften. Zusammenfassend gesagt besteht also eine gewisse Evidenz, dass die Fünf Traktate zur Seligkeit ein zusammengehörendes Ganzes bilden, sowohl durch die gegenseitigen Verweise wie auch durch die teilweise Überlieferung als Gruppe. Darüber hinaus lässt sich ein logischer Aufbau erkennen, indem von der Buße zur Taufe und von dort zum Abendmahl fortgeschritten wird. Der Kommentar in B4. De iustitia zum paulinischen [476] GE 2, 369–377. — [477] GE 2, 153–163. — [478] GE 3, 277–286. — [479] L 1 434 r. — [480] L 1 289 v. — [481] L 1 292 rv. — [482] L 1 290 v. — [483] L 1 428 v.
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Gerechtigkeitsbegriff nach dem Römerbrief rundet Hohenheims Ausführungen ab, die damit als Gesamtversuch einer reformatorischen Rechtfertigungslehre aus seiner Sicht gelten dürfen. Die Entstehungszeit der Fünf Traktate ist nicht bekannt, dürfte aber vor 1533 liegen, da sie den Begriff des „seligen Lebens“ nicht enthalten. In B3 spielt Paracelsus auf den Abendmahlsstreit zwischen Luther und Zwingli an, 484 der 1529 in den Marburger Religionsgesprächen seinen Höhepunkt gefunden hatte. Zu diesem Zeitraum passt in B3 der Verweis auf „paramirische geschriften“ und „parasagia“, der auf die paraZeit um 1530/31 hindeutet. Damit kann die Entstehungszeit von B3 und wegen des inneren Zusammenhangs auch diejenige aller Fünf Traktate zur Seligkeit vorsichtig um 1530 angesetzt werden. Die von Goldammer geäußerte und von Gause übernommene Vermutung, die Entstehung von B4. De iustitia falle „etwa in die Salzburger Jahre um 1525 oder kurz danach“, 485 lässt sich in keiner Weise belegen.
c6.
Weitere Schriften zur Heiligenverehrung
Den beiden Kurzfassungen aus L 1 und F 2 von A18. De venerandis sanctis folgt als Anhang eine Auslegung zum 149. und zum 150. Psalm und zusätzlich eine Schrift De sanctis (C3), die alle drei sonst nirgends überliefert sind. Goldammer wollte diese Schriften in seinem nie fertiggestellten ersten Band zusammen mit der Langfassung von A18 herausgeben. 486 Sinngemäß hätten die beiden Psalmenkommentare eigentlich im siebten Band der Goldammer-Edition untergebracht werden sollen, die weitere Kommentare zu diesen Psalmen enthalten, aber offenbar wurde dieser Umstand bei der Anlage der Ausgabe übersehen. Die Kommentare zu Psalm 149 und 150 sowie auch De sanctis stehen in keiner inneren Beziehung zu De venerandis sanctis, sondern wurden in der unbekannten Kompilation X 1, aus welcher L 1 und F 2 abgeschrieben wurden, wohl aus rein thematischen Gründen angefügt. Bei De sanctis sind Zweifel an der Echtheit anzumelden, da der darin gepflegte unkritische und bejahende Umgang mit der Heiligenverehrung eher untypisch für Paracelsus ist. Allenfalls wäre an eine Frühschrift zu denken.
[484] L 1 292 v. — [485] GE 2, xlii; Gause 1993, 96 datiert „um 1524/25“. — [486] GS 72, Anm. 149.
84
Einleitung
c7.
Untersuchungen zur Wortstatistik
Benzenhöfer hat in Bezug auf das Frühwerk des Paracelsus gezeigt, dass Wortuntersuchungen wichtige Hinweise zur Einordnung der verschiedenen Schriften liefern können. 487 In den im Anhang angefügten Tabellen wird noch ein Schritt weiter gegangen, indem dort bestimmte Kennworte ausgezählt werden. In Tab. 1 werden die Leitmotive der Schriften des Vita-Beata-Kreises und der eigentlichen Vita-Beata-Schriften untersucht, nämlich die Begriffe des „seligen lebens“ und der „seligkeit“ und der Fruchtgedanke. Zum Vergleich werden der Liber de sancta trinitate und die von Huser edierte Schrift De votis alienis aus der Philosophia de divinis operibus et de secretis naturae angefügt. Wie man erkennt, bildet das Fruchtmotiv, wenn auch in unterschiedlicher Ausprägung, das Hauptmotiv für das gesamte Schriftencorpus. Eine deutliche Abgrenzung ergibt sich beim rekonstruierten Liber de vita beata, das von zwei Ausnahmen abgesehen die explizite Nennung des „seligen Lebens“ voraussetzt. Es zeigt sich, dass es auch diese Schriften sind, die als Pendant zum „seligen leben“ auf Erden vom „ewigen leben“ im Himmel sprechen. Die Fünf Traktate zur Seligkeit verwenden besonders häufig den Begriff der „seligkeit“. Von den restlichen Traktaten stechen Vom Tauf der Christen und De thoro, vidua et virgine hervor mit einem starken Bezug zur „seligkeit“ und zum Fruchtmotiv. In Tab. 2 werden die Vorkommnisse der Themenkreise Liebe, Gerechtigkeit, Heiliger Geist, neue Geburt und Auferstehung zusammengestellt. Besonders das Thema der Liebe mit den Kennworten „Liebe“, „Herz“ und „Barmherzigkeit“ erreichten hohe Trefferzahlen, so dass dieses für die Theologie Hohenheims eine zentrale Bedeutung einnimmt. Die Motive der „neuen Geburt“ nach 2. Korinther 5,17 und der Auferstehung, die für die Abendmahlsschriften charakteristisch sind, dominieren auch im Liber de vita beata, dies besonders im soteriologischen Teil und in der Schrift A14. De re templi ecclesiastica. Dies gilt als weiterer Hinweis dafür, dass Paracelsus die eigentlichen Vita-BeataSchriften und die Philosophia de limbo aeterno im gleichen Zeitraum niederschrieb. Tab. 3 schließlich untersucht die klassischen Begriffe der Rechtfertigungslehre, nämlich Sünde, Buße und Taufe, und überdies den Gebrauch der apokalyptischen Terminologie (Teufel, Tod, Gericht, Verdammnis, Hölle, ewiges Feuer, Schlange, Leviathan, Basilisk). Es
[487] Benzenhöfer 2005b.
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überrascht nicht, dass die Apokalyptik sowohl im Liber de vita beata wie auch in den Fünf Traktaten zur Seligkeit allgegenwärtig ist, 488 denn im fehlgeschlagenen „seligen leben“, eben im „unseligen leben“, droht die ewige Verdammnis. Damit werden nicht nur die um 1540 entstandenen Sermonzyklen von einer apokalyptischen Grundstimmung getragen, sondern ebenso die Schriften des Vita-Beata-Kreises.
[488] Rudolph 1977, 204 vertrat noch die Auffassung, die Vita-Beata-Schriften seien weit entfernt von apokalyptischen Motiven.
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Einleitung
d. Textüberlieferung Die Überlieferung der Vita-Beata-Schriften erweist sich als besonders glücklich, da von den meisten Traktaten Abschriften existieren, die mit hoher Wahrscheinlichkeit direkt auf die Neuburger Autographen zurückgehen. Dies wird nicht nur durch die hohe textliche Güte dieser sogenannten Langfassungen belegt, die sich vorwiegend im Heidelberger Codex cpg 476 (H 1) und in einem Fall in cpg 26 (H 2) befinden, sondern vor allem durch den Umstand, dass die Abschriften von Hans Kilian als langjährigem Hüter der Neuburger Originale korrigiert wurden. 489 H 1 wurde vor 1585 abgeschrieben, 490 vermutlich direkt in Neuburg an der Donau, denn zu jenem Zeitpunkt war die Autographensammlung noch weitgehend intakt. Nebenher existieren von den meisten Vita-Beata-Schriften Kurzfassungen, die wohl schon zu einem frühen Zeitpunkt angelegt wurden. Dies erfolgte spätestens 1564, dem Entstehungsjahr der Görlitzer Sammelhandschrift Cod. Th. VI 146 4°der Oberlausitzschen Bibliothek (G), die eine stattliche Anzahl dieser Kurzfassungen enthält. Dieser Codex ist die älteste Paracelsus-Handschrift überhaupt, die auf uns gekommen ist. Goldammer gab die Kurzfassungen 1973 in einem gesonderten Supplementband heraus. 491 Zusammen mit Norbert Kircher widmete er dem Verhältnis zwischen Lang- und Kurzfassungen umfangreiche Untersuchungen und kam zum Ergebnis, dass die Langfassungen auf Paracelsus zurückgehen und die Kurzfassungen das Werk späterer Bearbeiter sein müssen. 492 Von einigen wenigen Vita-Beata-Schriften sind sogar lediglich Kurzfassungen erhalten geblieben, die meist durch den Titelzusatz „ex libro“ gekennzeichnet sind. Im folgenden Überlieferungsverzeichnis werden die handschriftlichen und gedruckten Textzeugen separat aufgelistet. Die Leithandschrift wird durch einen Schrägstrich von den anderen Textzeugen abgegrenzt. Für das Stemma bezeichnet X 0 den Autographen bzw. Archetypen und X 1, X 2 usw. weitere unbekannte Zwischenstufen. Die relationale Schreibweise A > B bedeutet, dass die Handschrift B aus der [489] Zimmermann 2006. — [490] A.a.O. — [491] GS. Die Kurzfassungen des A12. Liber de religione perpetua, des A15. Liber de potentia et potentiae gratia dei und des A20. Liber de sursum corda fehlen in GS. Sie werden auch hier nicht aufgenommen, da sie nicht von Paracelsus selber stammen und wenig zum Verständnis der Textüberlieferung beitragen. — [492] GS xxxiii; vgl. auch schon Goldammer 1954a, 90.
Textüberlieferung
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Handschrift A hervorgegangen ist. Existieren mehrere Abkömmlinge B und C, wird dies durch die Schreibweise A > (B, C) ausgedrückt.
A1. Prologus totius operis christianae vitae: Handschriften: L 2 431 r–440 r / En; S 1 1–58; W13 185–255. Drucke: GE 3, 167–186 (1986). Stemma: vgl. GE 3, xlii. Sekundärliteratur: SH 405–412, 594 f., 627 f.; Rudolph 1977; Török 1946/2, 272–285. Zusammenfassung: In dieser um 1540 entstandenen und stark biographisch gefärbten Vorrede bekundet Paracelsus die Absicht, sein liegengebliebenes Werk zum „seligen leben christlicher wandlung“ wieder aufzunehmen. An diesem habe er schon „in die zwanzig jahr“ gearbeitet und die Zeit für dessen Vollendung sei jetzt reif. Bevor er zum „hauptbuch“ über das selige Leben fortschreite, wolle er zunächst nochmals vom „unseligen leben“ schreiben. Dies macht er mit Bezug auf Mt 12,25, wo geschrieben steht, dass ein jedes Reich zergehen werde, das in sich selbst geteilt sei, und entwickelt davon ausgehend eine Polemik gegen das Papsttum als Hort des unseligen Lebens. Die Abkehr vom unseligen Leben geschieht aufgrund der Bußpredigt Johannes des Täufers („Tut Buße“, Mt 3,2–12), indem Buße und Taufe die Sünden hinwegnehmen und den Weg für das selige Leben frei machen. Es wird die im gesamten Liber de vita beata präsente Drohung ausgesprochen, dass beim Baum, der nicht genügend Früchte trage, die Axt schon an die Wurzel gelegt sei, um alsbald ins Feuer geworfen zu werden (Mt 3,10), oder dass der Weizen in die Scheune gesammelt werde, während die Spreu dem ewigen Feuer anheim falle (Mt 3,12).
A2. Liber prologi in vitam beatam: Handschriften: H 1 210 r–222 r. Kurzfassung: G 281–286; K 2 60 v–63 r; L 1 342 r–345 r. Drucke: Matthießen 1917, 6–19; ME 69–86 (1923); Goldammer 1952a, 261 f. (Auszug); Peuckert 4, 131–148 (1967); GS 1–7 (1973, Kurzfassung). Stemma: X 0 > H 1.
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Einleitung
Sekundärliteratur: SH 249–251, 363 f., 457–459, 592; Goldammer 1952b, 78 f.; 1953, 92; Rudolph 1977, 198–200, 202; Török 1946/2, 261–272. Zusammenfassung: Dieser Prolog war wohl als Vorrede zu dem in A1 angekündigten „hauptbuch“ gedacht. Gleich zu Beginn wird mit dem Fruchtmotiv eines der Leitmotive der Vita Beata vorgestellt, nämlich in Gestalt des guten Baums (Mt 7 und 12) oder guten Ackers (Mt 13), die gute Früchte tragen sollen. Der freie Wille zum Guten oder Bösen und damit die Entscheidung für das selige oder das unselige Leben ist dadurch gegeben, indem der Acker als Sinnbild für den Menschen beiderlei Saat aufgehen lassen kann. Durch den Glauben an Christus entfaltet sich die „neue Geburt“ und die Falschen werden abgesondert. Armut ist eine wichtige Voraussetzung für die Seligkeit (Mt 5,3), denn Reichtum und Macht sind gefährlich für das selige Leben. Wer auf Erden selig leben will, für den ist Christus der Eckstein. Alles Nützliche kommt vom Himmel durch Vermittlung des Heiligen Geistes, und die von Gott gegebenen Gaben wollen richtig eingesetzt sein. Die Fundamente der „seligen polizei“, der christlichen Gesellschaftsordnung, bilden Glaube, Liebe und Hoffnung (1Kor 13,13). Die Erlösung zum ewigen Leben geschieht durch das Leiden und Sterben Christi.
A3. Liber de summo et aeterno bono: Handschriften: H 1 268 r–283 v. Kurzfassung: B 1 124 r–126 r; F 2 165 r–170 r; L 1 402 r–405 v. Drucke: ME 111–130 (1923); Peuckert 4, 166–185 (1967); GS 9–18 (1973, Kurzfassung). Stemma: X 0 > H 1. Sekundärliteratur: SH 377 f., 463 f., 519. Goldammer 1952b, 80; 1953, 86; Rudolph 1977, 202. Zusammenfassung: Das höchste Gut stellt sich erst nach dieser Welt ein, denn auf Erden ist nichts zu erwarten. Viele trauen nur dem Urteil ihrer Augen, und das weist nicht auf das höchste Gut. Viele halten Macht, Abgötter, die Arzneikunst, den Papst oder die Sonne für das höchste Gut. Doch wer das höchste Gut erlangen möchte, der muss alle diese Dinge fallen lassen. Christus ist das höchste Gut, und ihm müssen wir uns mit allen Kräften widmen. Daraus ergeben sich man-
Textüberlieferung
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nigfache Früchte und Gaben, denn Christus ist die Frucht des Lebens. Wir sollen unparteiisch und freigebig sein, nicht machtbeflissen, und alles von uns lassen, das zu Geiz, Wollust und Hoffart führt. Um selig zu werden, müssen wir Christus nachfolgen, denn dieser ist die Seligkeit selber, und nur so wandeln wir im höchsten Gut. Das Reich Gottes liegt in der Liebe. Wir sollen in Gottes Lehre wandeln und nicht Mönchsregeln nachfolgen. Gott nimmt ein reines, demütiges Herz allemal an. Wir sollen das höchste Gut, das Gott ist, ohne Unterlass in uns haben.
A4. Liber de felici liberalitate: Handschriften: H 1 69 r–79 v. Kurzfassung: B 1 167 r–168 v; F 2 170 r–175 r; L 1 405 v–410 r. Drucke: Matthießen 1917, 108–122; ME 155–174 (1923); Goldammer 1952a, 153–173; 1952b, 81 f.; GE 2, 1–23 (1965); Peuckert 4, 185–204 (1967); GS 83–92 (1973, Kurzfassung). Stemma: X 0 > H 1. Sekundärliteratur: SH 378 f., 449, 532; Goldammer 1952a, 43 f., 95 f. Zusammenfassung: Diese Schrift ruft zu sozialer Gesinnung auf. Liberalität oder Freigebigkeit bedeutet, die von Gott auf ehrliche Weise erhaltenen Gaben mit andern zu teilen. Liberalität ist auch eine innere Freiheit, die darin besteht, keines andern und sein eigener Herr zu sein, weiter ein freies Herz zu behalten wie ein Pilger, der sich von Bindungen und Zwängen freimacht. Die tiefe Not der Armen und Dürftigen soll verstanden werden. Alle Menschen sind gleich, und man stelle sich mit allen auf die gleiche Stufe. Alle Dinge sind aus freiem Willen und Gemüt zu vollbringen.
A5. Liber de honestis utrisque divitiis: Handschriften: H 1 165 r–176 v. Kurzfassung: B 1 273 rv; F 2 175 r–179 r; L 1 410 r–413 r. Drucke: Matthießen 1918, 1–16; ME 241–260 (1923); Goldammer 1952a, 134–152; GE 2, 27–47 (1965); Peuckert 4, 207–224 (1967); GS 93–101 (1973, Kurzfassung). Stemma: X 0 > H 1.
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Einleitung
Sekundärliteratur: SH 379 f., 454 f., 537; Briner/ Prevost 1998; Goldammer 1952a, 94 f.; Rudolph 1977, 203; Winter/ Günther 1998. Zusammenfassung: Anhand eines Kommentars zu Psalm 128 wird eine Ethik der Arbeit entwickelt und die Gebote zu Diebstahl, Töten und Geben von falschem Zeugnis erläutert. Selig ist, wer den Herrn fürchtet, in seinen Wegen wandelt und seine Gebote und Lehre hält. Der selige Weg der Nahrung oder des Lebensunterhalts steht in der Arbeit, die dem Nächsten zu Nutz und ohne Schaden ist. Wahre Arbeit besteht im Schweiß unseres Leibs und soll nicht zu Reichtum führen, sondern lediglich die Notdurft abdecken. Diebstahl ohne Not ist gegen das selige Leben. Jeder Mensch hat eine Gabe erhalten, die er benutzen soll, um andern zu helfen. Die Gabe kann sich jedoch auch gegen einen selbst wenden, wenn sie falsch angewendet wird zu Müßiggang, Reichtum und Füllerei. Die wahre Gottesgabe bedeutet, sein eigenes Kreuz zu tragen. Die zwei ehrbaren Reichtümer sind die Arbeit und die Kinder, die wie Ölzweige um den Tisch stehen (Ps 128,3). Wenn die Liebe bei uns ist, so gibt es nichts Seligeres, dann ist das Reich Gottes bei uns.
A6. Liber de virtute humana: Handschriften: L 1 413 r–418 v / B 1 139 v–141 r; F 2 179 r–185 v. Drucke: Goldammer 1952a, 103–116; GE 2, 95–107 (1965); Peuckert 4, 224–235 (1967). Stemma: X 0 > X 1 > (L 1, F 2, X 2); X 2 > B 1; vgl. GE 2, xxxvi. Sekundärliteratur: SH 380 f., 527; Goldammer 1952a, 93. Zusammenfassung: Der von Paracelsus hier vorgestellte Tugendkatalog umfasst die Demut, „mildigkeit“ und Barmherzigkeit, das Wohlwollen („gutes gegen böses“), die Mäßigung („nicht über die maß brauchen“), die Keuschheit („nicht zu luxuriern“) und den Fleiß („dass wir für und für in arbeit liegen“). Diese Tugenden erläutert er anhand der Bergpredigt und stellt sie in Kontrast zu den Untugenden der Hoffart (Superbia), des Geizes (Avaritia), des Neids (Invidia), des Zorns (Ira), der Unmäßigkeit (Gala), der Unkeuschheit (Luxuria) und der Trägheit (Acedia). Dies sind die sieben Kardinalsünden der klassischen Theologie, die im Wesentlichen auf Papst Gregor I. (c540–604) zurückgehen und noch heute im Katholischen Katechismus verankert sind (KKK Nr. 1866).
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A7.
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Liber de officiis, beneficiis et stipendiis:
Handschriften: H 1 32 r–42 v. Kurzfassung: G 332–339; Gr 83 v–89 r; L 1 317 r–320 v. Drucke: Matthießen 1917, 93–108; ME 219–238 (1923); GS 41–48 (1973, Kurzfassung). Stemma: X 0 > H 1. Sekundärliteratur: SH 260 f., 360, 447, 588; Rudolph 1977, 203. Zusammenfassung: Mit den vier Ämtern der Apostel, Propheten, „doctorn“ (Lehrer) und „discipel“ (Jünger) wird eine geistliche Ständeordnung vorgestellt. Die wahren Apostel haben von Gott große Macht erhalten. Die Propheten sind keine Apostel, sondern weissagen direkt aus Gott, verkünden die zukünftige Bedeutung der Worte Christi und leiten so das Volk zur Buße an. Die Doktoren sind Ausleger und Unterrichter und werden selber direkt vom Heiligen Geist gelehrt. Die Jünger hingegen haben den Heiligen Geist nicht und verkünden das Wort ihres Meisters. Die Belohnung für die Ausübung des Amts soll nicht bei den Menschen gesucht werden, sondern direkt bei Gott im Reich der Himmel. Ein wahrer Priester ist von Gott eingesetzt und lehrt das Volk nach dem Buchstaben der Evangelien. Paracelsus erinnert an die Ermahnungen des Paulus an Titus, Timotheus und an die Korinther betreffend der Ausübung des Priester- bzw. Bischofsamts. Sie sollen keinen Reichtum haben, sondern aus dem Evangelium ernährt werden. Die Doktoren sollen von Jugend auf zu diesen Dingen herangezogen werden, sei es zum Arzt, Regent oder Gelehrten. Die von Gott erhaltenen Gaben dürfen nicht zum Eigennutz verwendet werden
A8. Liber de ordine doni: Handschriften: L 2 515 r–522 r / B 1 145 v–147 r; G 360–369; Ga 173 r–185 r; Hb 3 208 r–224 v; S 1 139–155. Drucke: Goldammer 1952a, 117–133; 1952b, 82 f.; GE 2, 51–69 (1965); Peuckert 4, 235–248 (1967). Stemma: vgl. GE 2, xxxii. Sekundärliteratur: SH 265 f., 420–423, 530, 577, 595; Goldammer 1952a, 47, 94; Lietz 1998; Török 1946/2, 298–301.
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Einleitung
Zusammenfassung: In Ergänzung zur geistlichen Ständeordnung beschreibt Paracelsus nun eine weltliche Ordnung der Gaben und Stände. Gott hat Gaben und Kräfte eingesetzt, die man nicht für sich selbst, sondern für andere nutzen soll. Satan verhindert die Nächstenliebe und fördert damit den Eigennutz, wodurch der Gemeinnutz zerstört wird. Um dies möglichst zu verhindern, gibt es eine Ordnung der Gaben, die sich in Feldbau, Handwerk, freie Künste (Wissenschaft) und Obrigkeit unterteilen. Diese vier Stände erhalten sich gegenseitig, wobei jeder dem andern nützt. Der Feldbau ist zweigeteilt in jene, die das Land besitzen und jene, die es bebauen, die Knechte, und jene sollen nicht wie das Vieh gehalten werden. Meister und Knechte gibt es überall, doch der Meister, der sich bemüht, für andere da zu sein, der ist seinem Handwerk ein Lob. Der Meister soll die einfachen Arbeiten delegieren und so vielen andern die Möglichkeit zur Arbeit geben, während er selbst neuen Dingen nachsinnen soll. Das Gebot der Liebe erfordert eine Ordnung, dass der eine dem andern sein Kreuz tragen helfe und in der Not beistehe. Wer im Feldbau eine gute Ernte einholt, soll jenem geben, der von einer Missernte heimgesucht wurde. In der Fortführung dieses Gedankens geht Paracelsus sogar so weit, konkrete Vorschläge für eine genossenschaftliche Güter- und Arbeitsteilung vorzustellen. Der Handwerker, der wenige Kinder und viel Arbeit hat, soll jenen unterstützen, der viele Kinder und wenig Arbeit hat. Auch die Gelehrten sollen einander unterstützen. Die Obrigkeit ernährt sich aus den ersten drei Ständen, doch sollen sie keinen Reichtum anhäufen. Sie regiert „sänfter und seliger“, wenn sie sich nicht um das Geld sorgen muss. Das Wild in Feld und Wald und auch die Fische sollen den Armen zur Nahrung gehören und nicht der Herrschaft. Wenig Gutes lässt Paracelsus an den Kaufleuten, die sich durch ihre unlauteren Geschäfte von den andern „im weg der unseligkeit“ ernähren.
A9. Ex libro de tempore laboris et requiei: Handschriften: G 258–267. Drucke: SD 86 (Bk) 48–63 (1567); SD 109 (1569, lat.); Goldammer 1952a, 200–210; GE 2, 73–82 (1965); Peuckert 4, 248–259 (1967). Stemma: X 0 > X 1 > (G, Bk); Bk > SD 109. Sekundärliteratur: SD 133 f., 174 f.; SH 247; Goldammer 1952a, 96 f.; 1952b, 83; 1953, 76.
Textüberlieferung
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Zusammenfassung: Da Adam aus dem Paradies vertrieben wurde und wir nicht stehlen sollen, haben wir uns durch Arbeit zu erhalten. Doch Gott hat uns auch einen Ruhetag geboten, denn während der Arbeit ist es nicht recht möglich, an Gott zu denken. Diesen Tag sollen wir heiligen und das Wort Gottes wiederkäuen wie ein Ochse, das uns so auch zur Nahrung dient. In der Ruhezeit soll das Werk der Hände in Herzarbeit verwandelt werden, doch das sollte eigentlich alle Tage erfolgen. Alle Tage sollen ein Sabbat sein, denn durch die Arbeit der Herzen erlangen wir den Himmel.
A10. Liber de nupta, de alienis rebus non concupiscendis: Handschriften: H 1 149 r–164 v. Kurzfassung: G 351–359; Gr 94 v–101 r; L 1 326 v–330 v. Drucke: Goldammer 1952a, 236–249, 279–285 (Auszug); GE 2, 305–325 (1965); Peuckert 4, 81–103 (1967); GS 103–111 (1973, Kurzfassung). Stemma: X 0 > H 1. Sekundärliteratur: SH 263–265, 361, 453 f., 588 f.; Goldammer 1952a, 98. Zusammenfassung: Diese Schrift stellt einen Kommentar zum neunten und zehnten Gebot dar, weder des Nächsten Weib noch sein Haus, Acker, Gesinde oder sonstige Habe zu begehren. Einem jeden ist sein Ehegatte schon von Geburt her vorbestimmt. Somit ist Ehelosigkeit gegen den Willen Gottes, denn dadurch bleibt auch der andere festgesetzte Gemahl ehelos. Deswegen ist auch Prostitution eine Sünde, denn die Hure kommt so nicht zu ihrem rechten Gemahl. Als Konsequenz des zehnten Gebots soll nicht einer mehr haben als der andere oder sich auf Kosten der andern bereichern. Der Eigennutz ist das größte Laster auf der Welt. Land und Güter sollen gleichmäßig auf alle verteilt werden, denn man kann sowieso nicht mehr ausgeben als für Essen und Trinken notwendig ist. Selig ist der, dem das genügt, was er wirklich braucht. Das Reich der Himmel gehört den Armen und nicht den Reichen. Der größte Reichtum besteht darin, dem Nächsten zu dienen, indem man vom eigenen Überfluss gibt. Nicht jener ist eine Obrigkeit, der sich in Silber und Gold ergeht, sondern der Gerechtigkeit walten lässt. Gott gefällt nichts mehr, als dass wir untereinander gleiche Wege gehen in Friede und Einigkeit, dass wir das Irdische gleichmäßig austeilen und unsern Reichtum im ewigen Leben suchen.
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Einleitung
A11. Ex libro de magnificis et superbis: Handschriften: B 1 137 v–139 v / Ha 2 62–84. Drucke: Goldammer 1952a, 174–186; GE 2, 129–140 (1965). Stemma: X 0 > X 1 > (B 1, Ha 2). Sekundärliteratur: SH 526 f.; Goldammer 1952a, 96. Zusammenfassung: Hier wird im Wesentlichen ein Kommentar zum Obrigkeitsbegriff nach Römer 13 gegeben. Die Obrigkeiten sind wie Kröten und Wölfe. Sie fressen uns Schafe, können dabei aber der Seele nichts anhaben. Aber man muss die Obrigkeiten akzeptieren, denn sie führen uns zum Guten, auch wenn sie Wölfe sind. Obwohl sie es selber sind, verbieten sie den Untertanen die wölfische Art. Wenn wir ihnen gehorchen, soll unser Herz rein bleiben, dann bleibt das Gift bei ihnen. Werden wir selber unrein, so ist das Gift auch bei uns. Die Obrigkeit ist für die Bösen eingesetzt, nicht für die Guten. Die Guten sind der Obrigkeit nichts schuldig, denn des Menschen eigentliche Obrigkeit liegt in Gottes Lehre.
A12. Liber de religione perpetua: Handschriften: H 1 80 r–93 r / F 2 259 r–268 r; Ga 131 r–142 v; Hb 3 156–179; L 2 502 r–512 v. Kurzfassung: G 279 f.; K 2 59 v–60 r. Drucke: ME 89–107 (1923); Peuckert 4, 148–166 (1967). Stemma: X 0 > (H 1, X 1); X 1 > (Hb 3, X 2); X 2 > (Ga, X 3); X 3 > (F 2, L 2); F 2 > Ga (F 2 ist vermutlich Korrekturquelle für Ga). Sekundärliteratur: SH 248 f., 414–420, 449 f., 574 f., 591 f.; Rudolph 1977, 202 f.; Török 1946/2, 338–346. Zusammenfassung: Hier bespricht Paracelsus die Berufung des Menschen, die er als „religio“ bezeichnet. Die in dieser Schrift geäußerten Gedanken lehnen sich stark an die Vorstellungswelt der Astronomia magna (1537/38) an. Die von Gott verliehenen Gaben sollen „seliglich“ gebraucht werden. Die Religion des Apostelamts teilt sich auf in Propheten, Apostel und Jünger. Die Propheten sollen unmittelbar aus Gott reden. Sie haben Christus verkündet und den Weg zur Seligkeit aufgezeigt. Johannes der Täufer war der letzte dieser altestamentlichen Propheten und nach ihm gab es keinen mehr. Die Apostel haben das selige
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Leben verkündet, wie es durch Christus vorgelebt worden war. Die Jünger nun erfüllen den Prophetenstand, indem sie die prophetischen Schriften verkünden, erfüllen den Apostelstand, indem sie die apostolische Lehre verkünden, sind aber selber keine Propheten und Apostel mehr. Sie zeigen uns den Weg in Christo zum seligen Leben. Gott hat uns allemal mit seligen Leuten versorgt, die vom Heiligen Geist erleuchtet sind und uns den Weg aufzeigen. Sie haben die gleiche Macht wie ihre Meister, sie reinigen die Aussätzigen und machen die Toten wieder lebendig. Dies ist die bewährte Religion des Geistes, die uns vom Himmel gegeben ist. Sie sind die wahrhaft Armen, die uns ohne Falschheit lehren, sie sind die Lehrer, die das Evangelium verkünden, die reinen Herzens sind und alle Tugenden der Bergpredigt verkörpern. Weiter gibt es die Religion der Arznei, deren Verfechter die wahren Ärzte sind. Sie kennen die arzneiliche Kraft der Pflanzen und Steine, wissen alle Krankheiten zu benennen und zu unterscheiden, um schließlich den Kranken und die Arznei „zusammenzufügen“ und so eine Heilung zu vollbringen. Die Religion der guten Magier („magi“) besteht darin, die Kräfte der Gestirne nutzbar zu machen und Talismane und Gemmen („gamaheu“) damit zu imprägnieren, oder auch Kraftworte zu schaffen, die beide dem Träger und Anwender Vorteile verschaffen sollen. Eine besondere Stellung nimmt die Religion der Gabalia ein. Gabalia ist nach Paracelsus eine Kunst, um Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges weiszusagen, um in weit entfernte Länder zu sehen und verborgene Dinge zu lesen oder zu entdecken, und ist gegründet auf das Christuswort: „Bittet, so wird euch gegeben; suchet, so werdet ihr finden; klopfet an, so wird euch aufgetan.“ (Mt 7,7 f. par.) Damit wird Gabalia zu einer Art von magisch-manifestierendem Gebet. Weiter kennen die Vertreter der Religion der Natur die Geheimnisse der Natur, die in Kräutern, Bäumen und Steinen verborgen liegen, wissen aber auch um die Künste der Physiognomie und Chiromantie, die das Innere des Menschen durch sein Äußeres anzeigen. Der rechte Grund der Religion der Juristerei ist die Barmherzigkeit, und die Religion der Rhetorik beruht auf der Wahrheit. Paracelsus beschließt seine Ausführungen mit einem Hinweis auf die Heilkraft der Musik. Alle unsere Religionen sollen aber so gebraucht werden, dass sie uns mit Freuden nachfolgen in den ewigen Leib nach dem Tod, damit wir fröhlich und unerschrocken vor Gott stehen mögen. Denn die wahren Gaben, die uns Gott verliehen hat, werden uns in den Himmel nachfolgen.
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Einleitung
A13. De ecclesiis veteris et novi testamenti: Handschriften: H 1 284 r–308 v. Kurzfassung: B 1 121 r–124 r; F 2 213 r–220 r; L 1 381 r–387 r. Drucke: ME 263–295 (1923); GS 19–32 (1973, Kurzfassung). Stemma: X 0 > H 1. Sekundärliteratur: SH 371–373, 464 f., 519; Török 1946/2, 291–298. Zusammenfassung: In dieser fragmentarisch erhaltenen Schrift stellt Paracelsus die fünf Kirchen des Alten und Neuen Testaments vor. Er lehnt sich dabei stark an die Lehre der drei Status Joachims von Fiore an. Die erste Kirche ist jene des Alten Testaments und steht auf dem Fels der Altväter und Propheten. Der Fels der zweiten Kirche ist Christus. Während die dritte Kirche aus den falschen Propheten und Klerikern besteht, ist die vierte Kirche die Kirche des Teufels als Antipode zu Christus in der zweiten Kirche. Die nur marginal erhaltenen Ausführungen zur fünften Kirche lassen ein Idealreich des Heiligen Geistes erahnen, eine Kirche, „die der teufel nit mag umstoßen“.
A14. Liber de re templi ecclesiastica: Handschriften: H 1 108 r–121 v. Kurzfassung: G 324–331; Gr 77 r–83 r; L 1 313 v–317 r. Drucke: Matthießen 1917, 19–34; GS 33–40 (1973, Kurzfassung). Stemma: X 0 > H 1. Sekundärliteratur: SH 259 f., 359 f., 451, 588; Goldammer 1952a, 99; 1953, 76. Zusammenfassung: Paracelsus beschreibt hier die innere Geistkirche und verbindet sie mit dem Konzept der „neuen Kreatur“ (2 Kor 5,17). Es gibt zwei Kirchen: Einmal ein äußeres Haus, das für Zusammenkünfte und zur Lehre dienen soll, und dann den inneren Tempel des Herzens, wo wir beten und das Erlernte anwenden. Im Alten Testament haben sie nicht innerlich gebetet, sondern äußerlich. Deshalb brauchten sie Zeremonien, einen Altar, Opfer und dergleichen, doch Gott will es im Neuen Testament innerlich haben. Jeder Mensch ist ein Tempel, und der Priester ist Gott. Die alte Kreatur ist jetzt vorbei und die neue ist in Jesus Christus angegangen. Die alte Kreatur dauerte von Adam bis Christus, und die neue wird bis ans Ende der Welt fortbestehen. Die
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einzige Verbindung zwischen Altem und Neuem Testament sind Reue und Buße, denn nur durch diese kann Sünde getilgt werden und sonst durch kein Geld, Gold, Silber oder Gestein. Reu und Leid in der Buße sind wie eine Purgatz, die aus dem Kranken die Krankheit austreibt. Dabei sollen wir Gott heimlich bitten um das Notdürftige, hingegen öffentlich Buße tun. Weil Gott bereute, dass er den eigennützigen Menschen erschaffen hatte (Gen 6,6), machte er eine neue Kreatur in Jesus Christus, die nun auf den Nächsten schaut. Die neue Kreatur wird in der Taufe geboren aus Christus, dem Fleisch, das vom Himmel gestiegen ist (Joh 6,51). Nun haben die astrologischen Planeten keine Kraft mehr und sind tot, denn Christus ist nicht durch das Gestirn geboren, sondern er ist nun unser Himmel. Die Gaben kommen nicht mehr von den Planeten, sondern von Gott, die Gaben des Apostolats, der Gesundmachung oder der Wahrheit. Nur ein Arzt aus Gott weiß den rechten Grund, und nicht ein solcher, der aus dem Gestirn geboren ist. In der Schule Gottes müssen wir lernen, Gott um das Notdürftige zu bitten, den Rest bekommen wir noch dazu. Im seligen Leben gibt es nur einen einzigen Verstand, den aus dem Heiligen Geist und sonst aus keiner Weisheit. Äußere Gelübde bringen nichts, wie etwa das Einhalten von spezieller Kleidung, das Geloben von Keuschheit, Wallfahren usw. Es muss allein in der Liebe sein, die läuft von alleine zu Gott. Sankt Jakob muss zu dir kommen und nicht du zu ihm. Das höchste Gelübde besteht darin, das Wort Gottes zu erlernen, zu glauben und zu lieben. Wir haben zwei Leiber, neben dem irdischen auch einen ewigen, und dieser braucht die ewige Speise des Evangeliums, das wir täglich hören und in uns fassen sollen. Gott ist auch an keinen speziellen Ort gebunden, er ist weder in Jerusalem noch auf einem Berg, sondern wir sollen ihn allein in uns selbst anbeten. Wenn unser Herz in all diesem steht, so wird uns Gott die Erkenntnis des neuen Lichts geben.
A15. Liber de potentia et potentiae gratia dei: Handschriften: H 1 135 r–148 r. Kurzfassung: G 305–310; Gr 61 r–065 r; W2 81 v–86 r. Drucke: Matthießen 1918, 125–139; ME 133–151 (1923). Stemma: X 0 > H 1. Sekundärliteratur: SH 255 f., 452 f., 555, 587; Rudolph 1977, 203.
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Zusammenfassung: Diese Schrift trägt mit 1533 als einzige des rekonstruierten Liber de vita beata eine Jahreszahl. Paracelsus beschreibt die vom Heiligen Geist ausgehenden Gaben und geht dabei von einem Bild aus, das an den Baum der Heilsgeschichte Joachims von Fiore erinnert. Die Wurzel eines ersten Baums besteht aus Gott-Vater, der Stamm ist Christus, und die Äste sind der Heilige Geist. Wir als Menschen stehen auf einem zweiten Baum mit Adam als Wurzel, Vater und Mutter als Stamm und den Kindern als Ästen. Wir müssen Nahrung haben und müssen gesund sein, und so kommen die Bienen vom zweiten Baum und saugen von den Blüten des ersten Baums den Honig heraus und bringen diesen zurück. Die Heiden hatten auch zu essen, doch das reichte bloß für das vergängliche Leben. Für das ewige oder selige Leben braucht es hingegen eine ewige Speise, und die ist das Fleisch und Blut Christi und geht vom ersten Baum aus. Vom Heiligen Geist saugen wir den ewigen Honig, sei es der Geist der Weisheit, der Geist des Wissens, der Geist des Glaubens, der Geist des Gesundmachens, der Geist der Weissagung oder der Zungen. Der Heilige Geist inspiriert auch die Handwerker und Künstler, so dass diese erstaunliche Leistungen vollbringen. Auch die Mächtigen leitet er an, denn wenn einer regieren will, so muss er in die Herzen der Menschen sehen und dementsprechend handeln können. Der Heilige Geist ist also die Frucht, von der wir essen sollen, so wie eine Kirsche vom Baum. Wer das Fleisch und Blut Christi vom Baum saugt, der wird ein neuer und ewiger Mensch aus einem neuen Samen.
A16. Liber de martyrio Christi et nostris deliciis: Handschriften: H 1 94 r–107 v. Kurzfassung: B 1 119 r–120 v; G 311–317; Gr 65 v–70 v; L 1 307 v–310 v; M 3 1 r–6 r. Drucke: ME 177–195 (1923); GS 49–55 (1973, Kurzfassung). Stemma: X 0 > H 1. Sekundärliteratur: SH 256 f., 359, 450, 519, 587 f., 621 f.; Rudolph 1977, 203. Zusammenfassung: Das Leitmotiv dieser Schrift bildet die Nachfolge Christi. Der irdische Geist möchte auf Erden gut leben, Freude und Wollust empfinden, doch im Weg zur Seligkeit mag keine Lust oder Ruhe gefunden werden. Nicht die in Wollust, Reichtum oder in Ruhe leben
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sind selig, sondern jene, die ihr Kreuz auf sich nehmen, Christus nachfolgen und in seinem Namen leiden (Mt 10,38; 16,24). Die wahren Apostel sind jene, die in fremde Länder ausziehen und das Evangelium unter Entbehrungen verkünden. Diesen Gedanken nimmt Paracelsus als Ausgangspunkt einer beißenden Kritik an der katholischen und der protestantischen Geistlichkeit, die sich in Rom, Venedig, Mailand, Mantua, Augsburg, Regensburg, Köln, Trier usw. oder dann in Wittenberg, Nürnberg, Bern, Basel und Zürich einnistet und es sich dort gut gehen lässt. Wenn man die Leiden Christi und seiner Apostel vergleicht mit dem Leben der jetzigen Apostel, so verhält sich das wie Feuer zu Wasser. Alle, die in den Himmel kommen, sind den Fußstapfen Christi nachgefolgt (1Petr 2,21). Der einzige Weg zum Himmel geht über die Liebe, und den sollen wir wandeln. Das selige Leben besteht darin, Christus vor uns zu tragen und ihn nicht mehr aus unserem Herzen zu lassen und zu erkennen, dass wir die Dinge der Erde zur Notdurft und nicht zur Wollust gebrauchen sollen. Unter dem Kreuz werden wir eingehen in das Himmelreich, denn das Kreuz kommt vom Himmel.
A17. Liber de remissione peccatorum: Handschriften: H 1 122 r–134 v. Kurzfassung: G 317–324; Gr 70 r–76 v; Ha 2 2/1–15; L 1 310 v–313 v. Drucke: Matthießen 1918, 16–29; ME 199–216 (1923); GS 57–63 (1973, Kurzfassung). Stemma: X 0 > H 1. Sekundärliteratur: SH 257–259, 359, 451 f., 588; Rudolph 1977, 203. Zusammenfassung: Ohne Vergebung der Sünden gibt es kein seliges Leben. Es gibt zwei Arten von Sünden, jene gegen Gott und den Heiligen Geist und jene gegen den Nächsten. Christus nimmt in der Taufe die Erbsünde von uns hinweg, denn wer die Taufe annimmt im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes (Mt 28,19), der ist erlöst und wird eine neue Kreatur. Doch nur wer getauft wird und zugleich glaubt, der wird selig (Mk 16,16). Für die neuen Sünden, die wir gegenüber dem Nächsten begehen, hat uns Gott die Möglichkeit gegeben, die Sünden gegenseitig zu verzeihen (Mt 6,14). Unsere Kirche gründet darauf zu bekennen, dass Christus ein Sohn des lebendigen Gottes ist, dann gehören wir zur neuen Kreatur und haben den Schlüssel zum Himmel (Mt 16,16–19). Wenn wir aber die Lehre Christi verleugnen, so
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ist dies eine Sünde gegen den Heiligen Geist, und die kann niemand vergeben. Sonst kann aber alle Sünde vergeben werden, wenn wir Reue zeigen und Barmherzigkeit gegen den Nächsten walten lassen. Wo aber nicht „reu und leid“ ist, da kann auch dem Teufel nicht widerstanden werden. Wenn wir uns gegenseitig die Sünden verziehen haben, dann können wir hoffen, dass uns auch Gott in seiner Barmherzigkeit die Sünden vergeben wird. Schreien wir aus der Tiefe unseres Herzens und mit Ernst zu Gott, so wird er seine Augen auf uns wenden und alle unsere Sünden vergessen. Sterben wir im Herrn unter seinem Kreuz, so werden wir zu ewiger Freude und Seligkeit geführt.
A18. Liber de venerandis sanctis: Handschriften: H 1 189 r–199 v. Kurzfassung: B 1 136 r–137 r; F 2 193 r–204 r; L 1 450 r–458 v. Drucke: Goldammer 1952a, 285–287 (Auszug); GS 65–72 (1973, Kurzfassung). Stemma: X 0 > H 1. Sekundärliteratur: SH 385 f., 455 f., 526; Goldammer 1952a, 99. Zusammenfassung: Diese Schrift wendet sich gegen die Heiligenverehrung im traditionellen Sinn und bespricht die Frage, was die wirklich heiligen Dinge sind. Unser Reich ist nicht von dieser Erde, denn wir sind nach dem Ebenbild Gottes geschaffen, und so hat Gott Christus auf die Erde gesandt und eine neue Kreatur gebracht. Christus hat uns erlöst durch seinen Tod und sein Fleisch und Blut (Joh 6,56), deshalb gebührt ihm Lob und Dank. In der neuen Kreatur scheint uns ein neues Licht, das der Heilige Geist ist. Die Dreifaltigkeit besteht darin, dass das Licht der Natur Gott-Vaters uns die Wunderwerke der Natur lehrt, Christus den Himmel auf Erden verkündet und der Heilige Geist uns nun erleuchtet und bei der Wahrheit erhält. Nach der Trinität sind es Glaube, Liebe und Hoffnung (1Kor 13,13), die uns tragen. Denn auf Erden besteht das selige Leben darin, dass wir an die Taufe glauben (Mk 16,16) und Gott lieben, und wenn wir das tun, so dürfen wir die Hoffnung haben, in das Himmelreich einzugehen. Das Gebot der Liebe bedeutet, Gott aus ganzem Herzen zu lieben, aus ganzem Gemüt, aus allen Kräften und aus ganzer Seele (Mk 12,33). Wir sollen Gott lieben und in Gott die Hoffnung setzen und sonst in keinen Menschen. Auch glaubt niemand an Abgötterei, der in Gottes Lehre wan-
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delt. Im Zweifelsfall lass den Menschen stehen und suche die Zuflucht bei Gott selbst. Geh in dein „kämmerlin“, dort redet dein Gott heimlich mit dir. Nicht die Heiligen sollen wir ehren, sondern Gottes Lehre und Gebote, den Sabbat, Vater und Mutter, und das aus all unseren Kräften, Gemüt, Herz und Seele und den Nächsten wie uns selbst.
A19. Liber de resurrectione et corporum glorificatione: Handschriften: H 1 232 r–246 v. Kurzfassung: G 339–341; Gr 59 v–60 v; L 1 320 v–321 v. Drucke: Matthießen 1918, 142–156; ME 299–316 (1923); GS 73–81 (1973, Kurzfassung). Stemma: X 0 > H 1. Sekundärliteratur: SH 261 f., 360, 459 f., 587; Bunners 1961, 200 f. Zusammenfassung: Der Mensch hat zwei Herkommen, eines aus Gott-Vater, der ihn erschaffen hat, das andere aus Gott-Sohn, der ihn von neuem geboren hat. Wer Christi Fleisch isst und sein Blut trinkt, der wird am jüngsten Tag auferweckt werden (Joh 6,54). Auferstehung bedeutet, dass wir vom „irdischen wesen und unflat“ in eine neue Geburt kommen, die aus Gott ist und nicht aus dem Menschen. Und wenn wir erneut aus Gott geboren sind, so gelangen wir zu einem ewigen Reich, wo es keinen Tod und keine Krankheit mehr gibt, wo ewiger Friede und Freude herrschen. In diesem Reich werden wir in einem neuen, glorifizierten Leib auferstehen. Bei der Auferstehung wächst aus einem Samen etwas Neues heran, wie wenn eine Rose gesät wird, und es wächst eine Rose daraus. Die Glorifizierung ist nun die Frucht, die daraus entsteht. Christus ist das lebendige Brot vom Himmel (Joh 6,51), und daraus fällt dem Körper Adams die Gnade zu, dass aus ihm eine neue Kreatur entstehen kann. Das Alte gilt dann nichts mehr, es ist nur noch eine neue Kreatur (2Kor 5,17). Das Himmelreich wird uns mit dem Tod Christi erschlossen, da wir aus demselben Fleisch und Blut sind, das den Tod erlitten hat. Alle werden auferstehen, aber nicht alle zu Gott, sondern die einen auch zur ewigen Verdammnis. Der nur aus Adam aufersteht, der geht zum ewigen Tod. Der aber aus Christus und seiner neuen Kreatur aufersteht, der kommt in die Auferstehung der Lebendigen. Wer in einem neuen, gereinigten Leib auferstanden ist, gelangt zunächst in eine Warteposition oder in ein Zwischenreich, das Paracelsus nicht genau benennen kann. Wie einst Christus selber, so
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Einleitung
kommt der Auferstandene erst durch die Auffahrt endgültig in den Himmel. Alle unsere Tugenden sollen nicht aus der „melancholie“ oder aus etwas Bösem den Ursprung nehmen, sondern aus dem himmlischen Fleisch und Blut Christi. Was daraus hervorgeht, das wird in der Auferstehung leuchten wie die Sonne.
A20. Liber de sursum corda: Handschriften: H 2 8 r–29 r / L 1 439 v–448 r; K 2 115 v–125 r; K 3 101 r–110 v. Kurzfassung: B 1 144 v–145 v; G 394–404. Drucke: SD 312 (J 5) 3–21 (1619); SD 313 (J 6) 3/3–21 (1619); Gnädinger 2007. Stemma: X 0 > (H 2, X 1); X 1 > (L 1, X 2); X 2 > (K 2, J 5); J 5 > J 6; K 3 außer Betracht. Sekundärliteratur: SD 521 f.; SH 268, 385, 471 f., 530, 593 f., 611; Gnädinger 2007, 42–56. Zusammenfassung: Mit den Worten „Sursum Corda“ („Erhebt die Herzen“) leitet der Priester das eucharistische Hochgebet der römischen Liturgie ein. Bei diesem dramatischen Höhepunkt der Messe erhebt er seine Hände und Augen zum Himmel. Paracelsus nimmt diese Messworte als Ausgangspunkt, die innere, hier fast mystisch zu nennende Beziehung zu Gott zu beschreiben. Wir können von Gott alles erbitten, natürliche und übernatürliche Dinge. Als Adam noch im Paradies weilte, so hatte er alles von sich auch gewusst. Nach der Vertreibung mussten die Künste und alles Wissen den Menschen neu offenbart werden. Die Inspiration ist der Heilige Geist, und dies war schon von Anbeginn an so. Der Sohn Gottes wurde geboren, damit er eine neue Kreatur bringt, ein Fleisch und Blut von oben herab. Deswegen haben die Christen zwei Leiber (1Kor 15,35–49). Wer im neuen Fleisch aus Christus lebt, der ist im seligen Lebens fest gegründet, und alle Künste, Weisheit und Klugheit fließen daraus. Alles, was wir auf Erden haben, kommt von oben herab. Wenn wir unser Herz über uns zu Gott richten, dann macht sich Gott von oben zu uns herab. Dies ist die Jakobsleiter, auf der die Engel ständig auf und ab steigen, um uns zu lehren. Denn täglich muss in den Menschen gesät werden, damit er grüne und ein guter Weizen von ihm geschnitten werden kann. Gott will, dass wir allein von ihm lernen und nicht von andern, und dies ohne Unterlass auch während Feiertagen und im Schlaf. Darum sollen unser Herz und unsere Augen ständig zu ihm aufblicken, damit die Engelsleiter in un-
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ser Herz gerichtet werde. Wenn wir Gott-Vater im Namen Christi bitten, so wird er uns alles geben, was wir brauchen, und dies ist das Reich Gottes. Jeder öffne seine Augen auf Erden, damit er hier selig werde, denn was hier nicht den Anfang nimmt, das ist versäumt und dem ewigen Tod überantwortet.
B1.
Liber de poenitentiis:
Handschriften: L 1 430 r–434 v / Bo 2 r–8 v; Ha 1 4/1–20; Hb 3 123 r–130 v, Fortsetzung 119 r–122 v; W2 41 r–48 r; W8 20 v–32 v. Drucke: SD 306 (J 1) 5–13 (1618); GE 2, 407–419 (1965). Stemma: vgl. GE 2, lvi. Sekundärliteratur: SD 513 f.; SH 383 f., 550, 601. Zusammenfassung: Paracelsus bespricht die Buße nach Matthäus 3 und verbindet sie mit dem Gnadenbegriff des Römerbriefs. Buße bringt den Menschen in die Gnade Gottes, ist der Fels, den Jesus in Petrus gefunden hatte. Diese muß allein durch den Glauben geschehen, durch den Geist und nicht durch den Leib. Wir sollen unsere Sünden nicht durch den Mund bekennen, sondern aus der Tiefe unseres Herzens bereuen, dann erfolgt die Vergebung unverzüglich. Der Weg zur Seligkeit führt allein durch die Reue im Glauben. Aus dem Glauben entspringt die Liebe zu Gott. Ist die Reue groß genug, so werden die Sünden durch die Gnade Gottes hinweggenommen. Buße erfolgt nicht durch gute Werke, sondern durch die Reue des Geistes. Das ist die Buße Johannes des Täufers, welche die Früchte der Poenitenz zeitigt (Mt 3,8). Es gibt zweierlei gute Werke, solche, die aus dem Glauben fließen, und solche aus Heuchelei. Glauben ist nicht ohne Frucht, wie ein guter Baum nicht ohne Birnen ist. Wie die Birnen Zeugen sind vom Wesen des Baums, so werden unsere Werke Zeugen sein beim jüngsten Gericht.
B2.
Libellus de baptismate christiano:
Handschriften: L 1 287 r–289 v / Bn 1 218 r–226 r; Bn 2 1–7; Bo 8 v–13 v; Ha 1 5/20–34; W2 1 r–7 r; W8 47 r–53 v. Drucke: GE 2, 369–377 (1965). Stemma: vgl. GE 2, lii. Sekundärliteratur: SH 352 f., 548, 585 f., 602.
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Einleitung
Zusammenfassung: Die Taufe wurde nie richtig gehandhabt, weil sie durch menschliche Vertreter („vicarien“) an Gottes statt vollzogen wurde. Die Taufe ist ein Akt der Reinigung, so wie wenn jemand von allen Flecken gesäubert würde. Es gibt zwei Taufen, die Taufe Johannes des Täufers, die den Leib wäscht, und die Taufe Christi, die die Seele reinigt (Mt 3,11). Die Taufe des Johannes war eine Vorankündigung („figur“) der rechten Taufe Christi. Johannes hat die Taufe der Buße gepredigt (Mt 3,2) und hat damit den Weg zur Seligkeit vorgezeichnet. Denen wird die Sünde vergeben, die sie bekennen, und jene, die bekennen, denen schickt Gott den Heiligen Geist, um sie im Glauben zu erleuchten. Der Heilige Geist ist der Priester, der uns mit dem Leiden Christi tauft und die Gnade der Taufe bringt, die durch keine Wassertaufe erlangt werden kann. Christus ist die Buße und die Taufe. Wenn er uns diese Gnade gibt, so haben wir den Heiligen Geist. Christus ist für uns gestorben und hat mit seinem Leiden alle Menschen getauft, die ihre Sünde bekennen (Röm 5,6–8; 6,3; 1Kor 15,3). Die Taufe ist ein Sakrament, aber nur dann, wenn Christus die Taufe ist und mit dem Wasser des Heiligen Geists getauft wird. Der Heilige Geist tauft die Herzen und nicht den Leib. Er ist der Erleuchter, der Lehrer und die höchste Gabe.
B3.
Liber de sacramento corporis Christi, einzunehmen zur seligkeit:
Handschriften: L 1 290 r–295 v / Bn 1 202 r–217 v; Bn 2 8–19; Bo 13 v–23 r; Ha 1 6/34–59; K 3 111 r–115 v; Ka 213 r–219 r; R 76 v–81 r; S 2 37 r–39 v; W8 1 r–20 r. Drucke: SD 303 (St) 15–20 (1618). Stemma: X0 > (X1, X2); X1 > (Ka, X3); X3 > (L1, X4); X4 > (K3, R, S2, St); X 2 > (X 5, X 6); X 5 > (Bo, Ha 1); X 6 > (W8, X 7); X 7 > (Bn 1, Bn 2). Sekundärliteratur: SD 508–511; SH 353–355, 585 f., 601, 606, 611 f., 618, 706 f. Zusammenfassung: In dieser Schrift wird die Verbindung des Abendmahls mit dem Weg zur Seligkeit aufgezeigt. Mannigfache Früchte entspringen aus der Seligkeit, wie die Seligpreisungen der Bergpredigt aufzeigen (Mt 5,3–11). Es gibt drei Wege zur Seligkeit: Selig ist, der Gott lieb hat und den Nächsten als sich selbst (Mt 22,37–40), der an Gott glaubt und getauft wird (Mk 16,16) und der Christi Fleisch isst und sein Blut trinkt (Joh 6,54). Im Neuen Testament fließt die Liebe aus dem Glauben. Die erste Geburt gibt uns den Leib, die Sinne, den Verstand
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und die Weisheit. Diese Dinge kommen erblich auf uns und sind natürlich. Wer aber selig werden will, der muss ein zweites Mal geboren werden, nicht von seiner Mutter, sondern vom himmlischen Gott. Wie der Mensch von seinen Eltern auf die Erde geboren wird, so wird er durch Christus in den Himmel geboren. Christus gab seinen Jüngern im Abendmahl sein Fleisch und Blut, und dadurch wurden sie zum zweiten Mal geboren. Wenn wir durch das Abendmahl in die Seligkeit geboren werden, so folgt darauf die Taufe mit dem Heiligen Geist. Das Sakrament des Fleischs und Bluts muss in der Substanz genommen werden, „materialisch“ und nicht im Geist allein (Realpräsenz Christi im Abendmahl). Die totgeborenen Kinder hat der Heilige Geist bereits von sich aus mit dem Fleisch und Blut Christi getauft, weswegen sie rein und damit selig sind. Der Heilige Geist ist der Priester an Gottes statt und der „vicarius Christi“. Wie Christus seinen Jüngern das Abendmahl gegeben hatte, so verleiht es uns nun der Heilige Geist. Der menschliche Priester spendet das Abendmahl lediglich zu einem Gedächtnis Christi (Lk 22,19). Darum geht die zweite Geburt vom Heiligen Geist aus und nicht vom Priester. Wie uns Adam aus seinem Samen geboren hat, so ist das Fleisch und Blut Christi der Samen Christi in uns, durch den wir zur Seligkeit kommen.
B4.
Liber de iustitia:
Handschriften: L 1 425 r–430 r / Bo 23 r–30 r; W8 33 r–46 v. Drucke: SD 306 (J 1) 13–21 (1618); GE 2, 153–163 (1965). Stemma: vgl. GE 2, xli. Sekundärliteratur: SD 514; SH 383, 601 f.; Gause 1993, 96–109; Reich 1998. Zusammenfassung: Der Gerechtigkeitsbegriff aus dem Römerbrief wird besprochen und damit die Grundlage der reformatorischen Rechtfertigungslehre. Gerechtigkeit soll inwendig und nicht auswendig gesucht werden, im Herzen und nicht im Leib. Die Gerechtigkeit steht im Glauben. Die Gesetze gründen auf dem auswendigen Leib. Deshalb findet sich im Gesetz keine Gerechtigkeit, denn dieses ist nur eine Ordnung des Leibs und dient nicht zur Seligkeit. Liebe und Glauben machen selig, nicht die Gehorsamkeit gegenüber den Geboten. Ein Gebot soll vom Glauben her eingehalten werden und nicht durch äußeren Zwang. Wer zur Seligkeit will, der verlasse die Gehorsamkeit gegenüber
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Einleitung
Geboten. Die Schrift sagt zwar, dass nur der Gerechte selig wird (Röm 4,7), aber die Gerechtigkeit muss von innen heraus kommen. Es ist keine Gerechtigkeit, wenn man einen Mörder rädert, sondern er müsste in den Glauben gebracht werden, aus welchem ihm Reue und Buße flössen. Dann erst würde er als ein Gerechter sterben. Nur was inwendig geschieht, ist gerecht. Gerechtigkeit ist eine Errungenschaft des Neuen Testaments, im Alten Testament hatten sie nur Gesetze. Es war Christus, der die Gesetze brachte, die zur Seligkeit führen. Er will nicht, dass man Gebote hat, sondern dass man ihn hat. Wir müssen alle unsere Güter verlassen und den Armen geben und Christus nachfolgen.
B5.
Liber de imaginibus idolatriae:
Handschriften: L 1 434 v–439 r / B 2 q1 r–182 v; W2 57 r–66 r; W8 54 r–65 r. Drucke: GE 3, 277–286 (1986). Stemma: vgl. GE 3, li. Sekundärliteratur: SH 384 f., 544, 551, 602; Gause 1993, 144–156. Zusammenfassung: Die Frage der Götzenbilder wird besprochen. Das Alte Testament schreibt vor, dass keine Bilder angebetet werden sollen, sondern allein Gott (Ex 20,4). Nun entstand im Neuen Testament dadurch ein großer Irrtum, indem sie meinten, damit seien die hölzernen Bilder gemeint. Ein Holz kann nicht zu einem Gott werden. Die Bilder haben jedoch als Symbole („bedeutungen“) einen Wert und drücken mehr aus, als mit dem Verstand erfasst werden kann. Sie sollen lediglich nicht angebetet werden. Die Abgötter des Neuen Testaments, die Bilder, welche die Seele verführen, sind nicht aus Holz oder Stein, sondern sie sind die prachtvollen Kleidungen der Geistlichen. Das sind die Bilder, die Gott verboten hat. Nicht die hölzernen Bilder sollen aus den Kirchen geworfen werden, sondern der Tempel des Herzens soll von den bösen Bildern gereinigt werden, die darin sind, die „unkeuschheit der gedanken“, die durch Bildnisse imaginiert werden.
C1. Auslegung des 149. Psalms: Handschriften: L 1 453 v–455 r / F 2 197 v–199 v. Stemma: X 0 > X 1 > (L 1, F 2). Sekundärliteratur: SH 386; GS 72, Anm. 149.
Textüberlieferung
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Zusammenfassung: Der Psalm stellt einen Bezug zu den Heiligen her, indem er fordert, dass die Gemeinde der Heiligen Gott loben soll. Paracelsus schließt daraus, dass ein Lobgesang allein dann Geltung habe, wenn er im heiligen Herzen dargebracht werde.
C2. Auslegung des 150. Psalms: Handschriften: L 1 455 r–456 v / F 2 199 v–201 v. Stemma: X 0 > X 1 > (L 1, F 2). Sekundärliteratur: SH 386. Zusammenfassung: Das „laudate dominum in sanctis eius“ der Vulgata interpretiert Paracelsus in dem Sinn, dass Gott in seinen Heiligen zu loben sei. Das „laudate eum in firmamento“ interpretiert er anders als Luther, und zwar im Sinn der Astronomie. Zu den im Psalm genannten Musikinstrumenten, mit denen man Gott loben soll, meint Paracelsus, es sei am besten, im „kämmerlein“ des Herzens zu psallieren.
C3. De sanctis: Handschriften: L 1 456 v–458 v / F 2 201 v–204 r. Stemma: X 0 > X 1 > (L 1, F 2). Sekundärliteratur: SH 387 f. Zusammenfassung: Diese Schrift zur Heiligenverehrung ist nicht sicher echt, da sie die sonst bei Paracelsus übliche kritische Haltung vermissen lässt. Ein Heiliger soll nicht angerufen werden, damit er helfe, sondern zur eigenen Ermahnung. Die Feiertage der Heiligen sollen eingehalten werden, weil wir dadurch zu unserer eigenen Erbauung lernen können, wodurch dieser in den Himmel gekommen war.
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Einleitung
e.
Editionsprinzipien
e1.
Quellenlage
Bei den theologischen Schriften des Paracelsus müssen wir von einer besonderen Quellenlage ausgehen. Diese wird dadurch bestimmt, dass von Hohenheims Werken nur Abschriften existieren und die Autographen verloren gegangen sind. Unter den Abschriften besteht eine große Heterogenität, die schon dadurch gegeben ist, dass sie in einem Zeitraum zwischen der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts bis zum frühen 18. Jahrhundert niedergeschrieben worden sind. Die früheste überlieferte Sammelhandschrift mit theologischen Werken ist die mit 1564 datierte Görlitzer Handschrift G, die späteste die Kopenhagener Handschrift K 4 aus dem 18. Jahrhundert. Zu dieser zeitlichen Spanne gesellt sich der unterschiedliche Bildungsgrad und die Herkunft der Kopisten, die verschiedenen deutschen Sprachgebieten entstammten mit entsprechender lokaler Färbung und Orthographie der Sprache. Die deutsche Sprache war ja in der frühen Neuzeit noch in keiner Weise genormt. Jeder Schreiber, auch wenn er sich vornahm, seine Vorlage möglichst getreu zu kopieren, wird unweigerlich das Idiom der Vorlage mit dem eigenen vermischt haben, oder um der besseren Verständlichkeit willen sogar bewusst darauf ausgegangen sein, den älteren Sprachbestand den eigenen, „modernen“ Sprachgewohnheiten anzugleichen. Die meisten Sammelhandschriften wurden etwa zwischen 1570 und 1600 niedergeschrieben, in einer Zeit also, in der sich die deutsche Sprache in einem starken und nachhaltigen Wandel befand. 493 Während um 1570 der Verfall der bis anhin bedeutenden oberdeutschen, vom Alemannischen geprägten Drucksprachen einsetzte, verschob sich der Akzent der schriftsprachlichen Äußerung zum Mitteldeutschen. 494 Damit ging ein Lautwandel einher, der sich unter anderem in der Übernahme des frühneuhochdeutschen Vokalismus äußerte, so in Diphthongierungen, Monophthongierungen und Änderungen in der Vokaldehnung. 495 So wandelten sich etwa „vff“, „vß“, „zyt“, „bruoder“, „lieb“ (diphthongisch) und „vatter“ zu „auff“, „auß“, „zeit“, „bruder“, „lieb“ (langes i) und „vater“. Dieser Lautwandel lässt sich auch in den Sammelhand-
[493] Schmidt 1993, 102–113, 279–289; Polenz 2000, insbesondere 81–97, 159–183. — [494] Schmidt 1993, 104 f. — [495] Schmidt 1993, 289–302.
Editionsprinzipien
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schriften und Drucken der paracelsischen Werke nachverfolgen. Während das autographe Konsilium für den Pfäferser Abt Russinger (1535) 496 und die in Zürich gedruckte Kometenschrift Vßlegung des Commeten (1531) noch durchgehend die oberdeutsche Lautung aufweisen, findet sich in der direkt von den Neuburger Autographen abgeschriebenen Heidelberger Handschrift H 1 (vor 1585) eine gemischte Verwendung der alten und neuen Laute. In Husers Quartausgabe der medizinisch-naturphilosophischen Schriften (1589–1591) hingegen wird die neue Lautung konsequent angewandt, obwohl der Druck in Basel und damit inmitten des oberdeutsch-alemannischen Sprachgebiets erfolgte. Wir können nicht einmal bei Paracelsus von einem einheitlichen Idiom ausgehen. Während seine Mutter aus der Gegend von Einsiedeln stammte und somit einen hochalemannischen Dialekt sprach, eben das geläufige Schweizerdeutsch, war der Vater Schwabe. Durch den Umzug nach Kärnten, als Paracelsus knapp zehn Jahre alt war, dürften sich südbairische Elemente in seine Muttersprache eingemischt haben. Aufschlussreich in dieser Beziehung ist das Pfäferser Konsilium. 497 Es fällt zunächst auf, dass sich hier vermehrt eine Verdumpfung des a-Lautes zu einem dunklen o-Laut findet. Die von Paracelsus verwendeten Ausdrücke „jor“ (für Jahr), „mol“, „einmol“, finden sich zwar auch im Alemannischen, hingegen sind „gnod“, „gnoden“, „moss“ (für Maß) als typisch bairisch zu bezeichnen. Insgesamt überwiegt aber im Konsilium das alemannische Element, etwa in der Verwendung des langen i-Lauts statt des Diphthongs bei „win“, „lib“, und durch das Vorkommen des hochalemannischen Diminutivs in den Wörtern „zedelin“, „sekklin“. Hochalemannisch ist auch der im Konsilium erwähnte Ausdruck „recholterbery“ für Wacholderbeeren, während für das Bairische die Bezeichnung „Kranewitbeere“ typisch wäre. 498 In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass die Sprachanalyse des Heidelberger Codex H 1, der ja mit einiger Sicherheit eine direkte Kopie von Neuburger Autographen darstellt, das Vorliegen einer bairischen Schreibsprache ergeben hat. 499 Das muss natürlich noch kein zwingendes Indiz für bairische Elemente in Hohenheims Sprache sein, sondern kann auch die Gepflogenheiten der beiden für H1 verantwortlichen Kopisten widerspiegeln. Zusammenfassend ist also zu vermuten, dass Paracelsus eine
[496] Daems/ Vogler 1986. — [497] vgl. die Transkription des Konsiliums bei Daems/ Vogler 1986, 13 f. — [498] Marzell 2, 1080–1083. — [499] Zimmermann 2006.
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Einleitung
Mischsprache aus drei oberdeutschen Mundarten sprach, dem Hochalemannischen, dem Schwäbischen und dem Südbairischen. Auch in Anbetracht der zeitlich und sprachlich heterogenen Überlieferung der theologischen Schriften wäre es völlig abwegig und auch unmöglich, für die Ausgabe eine Rekonstruktion von Hohenheims Originalsprache zu versuchen. 500 Die Edition hat sich einerseits an wissenschaftlichphilologischen und sprachgeschichtlich relevanten Erfordernissen zu orientieren, andererseits ist für die inhaltliche Textübermittlung ein pragmatischer Weg zu wählen, der durch eine moderate Vereinheitlichung der Schreibung eine hohe Lesbarkeit der Texte garantiert und gleichzeitig den Habitus des Originaltexts möglichst getreu wiedergibt. Um beiden Seiten gerecht zu werden, bietet die Neue ParacelsusEdition die Texte in zwei Versionen an, einer möglichst zeichengetreuen Transkription mit textkritischem Apparat und einem graphematisch angepassten und sachlich erläuterten Lesetext.
e2.
Transkription
Zu Sudhoffs und auch noch zu Goldammers Zeiten ging man in der Editionsarbeit vornehmlich vom Prinzip der Textherstellung aus. Anhand der verschiedenen Textüberlieferungen sollte also ein Editionstext erarbeitet werden, der sowohl inhaltlich wie auch vom Lautbestand her möglichst nahe beim Original lag. Dadurch mussten an den Vorlagen oft Änderungen vorgenommen werden, die den Text zwar rein hypothetisch näher an das Original heranbrachten, jedoch um den Preis, das effektiv Überlieferte mitunter zu verfremden. Eine Textherstellung bedeutet also immer zugleich Textinterpretation, die mitunter zu falschen Schlüssen führen kann. Um diesem Umstand vorzubeugen und dem Leser größtmögliche Interpretationsfreiheit zu lassen, werden nach dem heutigen Editionsverständnis die Vorlagen möglichst buchstabengetreu vermittelt. Dies wiederum verlangt vom Benutzer einen höheren Grad an Fertigkeiten und Wissen. Die getreueste Wiedergabe einer Handschrift besteht nämlich in der Faksimilierung, doch nur eine kleine Anzahl von Spezialisten wird einen derart vervielfältigten Text lesen können. Angesichts der stets vorhandenen Schwierigkeiten bei Undeutlichkeiten und Mehrdeutigkeiten der Schreibung kann
[500] Dieser Meinung schließt sich Goldammer 1954a, 92, an.
Editionsprinzipien
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eine solche Vorlage oft nur mit großem Zeitaufwand erschlossen werden. Unweigerlich tritt so der Inhalt des Texts vor dem Hintergrund der zu leistenden „Knochenarbeit“ zurück, und eine sinnvolle Benutzbarkeit wird kaum in angemessener Zeit erreicht werden können. Der nächste Schritt besteht darin, von der handschriftlichen Vorlage eine zeichengetreue Transkription zu erstellen. Auch hier müssen diverse Entscheidungen getroffen werden. Der Zeichensatz handschriftlicher Texte der frühen Neuzeit ist meist umfangreicher als der heute übliche. Die Vokale können verschiedene diakritische Zeichen tragen, es gibt verschiedene Schreibweisen des s-Lauts und weitere Eigentümlichkeiten. Der Herausgeber wird also definieren müssen, wie er mit diesen Schreibungen umgeht und wie er sie in seiner Transkription umsetzt bzw. ersetzt. Um eine gewisse Vereinheitlichung im Umgang mit frühneuhochdeutschen Texten zu erzielen, sind gewisse Richtlinien für deren Edition geschaffen worden, 501 die aber nur als grobe Leitlinien dienen können. Solcherart erstellte, zeichengetreue Editionstexte sind dem modernen Leser wegen der ungewohnten und uneinheitlichen Schreibung nicht unmittelbar zugänglich, sondern verlangen von ihm ein gewisses germanistisches Grundwissen und eine beträchtliche Eingewöhnungszeit. Ein weiterer wichtiger und für das Satzverständnis oft entscheidender Punkt sind die Interpunktionen, die in den frühneuzeitlichen Vorlagen oft unterschiedlich oder willkürlich gesetzt sind und mitunter ganz ausgelassen werden. Nicht selten zu beobachten sind Interpunktionen, die der Kopist irrtümlich aufgrund mangelnden Satzverständnisses gesetzt hat. Auch hier muss der Herausgeber entscheiden, ob er eingreifen will, dadurch natürlich wieder eine Interpretation vornimmt, oder ob er strikt bei der Vorlage bleiben möchte. Jeder Eingriff zugunsten der besseren Lesbarkeit und Verständlichkeit beruht auf einem interpretativen Akt und bedeutet letztendlich eine Entfernung vom Original. So kann man in der Editionsarbeit zusammenfassend verschiedene Stufen der Anpassung unterscheiden, ausgehend vom Faksimile zur zeichengetreuen Transkription, der Anpassung des Zeichensatzes, dem sinnvollen Setzen von Interpunktionen, der graphematischen Anpassung bis hin zur neuhochdeutschen Übersetzung. Dieses Vorgehen soll am folgenden Beispiel verdeutlicht werden:
[501] z. B. Hübner 1934; Schultze 1978; Empfehlungen 1981.
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Einleitung 1. Zeichengetreue Transkription: „Das der mensch leidt vnnd vonn Jm selbs nichts waiß das ist die vrsach der mensch hatt Jnn Jm selbs ain solhe geittige natur vnnd aigennschafft ann Jm so er sollte Ruwenn Jnn der Ruw solte wissenn vonn seinem sachenn vnnd wanndell So wirtt er sich selbß nit Ruwen lassen darumb hatt Jnn gott die zeitt des leips Rwe gar Jnn dwalbm geleitt das nichts von Jm ist das vonn Jm selbß waiß auf das der leipt muge sein terminum erhalltenn vnnd erwarttenn.“502 2. Setzen von Interpunktionen: „Das der mensch leidt vnnd vonn Jm selbs nichts waiß, das ist die vrsach: der mensch hatt Jnn Jm selbs ain solhe geittige natur vnnd aigennschafft ann Jm, so er sollte Ruwenn, Jnn der Ruw solte wissenn vonn seinem sachenn vnnd wanndell, So wirtt er sich selbß nit Ruwen lassen. darumb hatt Jnn gott die zeitt des leips Rwe gar Jnn dwalbm geleitt, das nichts von Jm ist, das vonn Jm selbß waiß, auf das der leipt muge sein terminum erhalltenn vnnd erwarttenn.“ 3. Auslassung redundanter Zeichen: „Das der mensch leit vnd von Jm selbs nichts waiß, das ist die vrsach: der mensch hat Jn Jm selbs ain solhe geitige natur vnd aigenschaft an Jm, so er sollte Ruwen, Jn der Ruw solte wissen von seinem sachen vnd wandel, So wirt er sich selbß nit Ruwen lassen. darum hat Jm gott die zeit des leips Rwe gar Jn dwalm geleit, das nichts von Jm ist, das von Jm selbß waiß, auf das der leipt muge sein terminum erhalten vnd erwarten.“ 4. Anpassung des Zeichensatzes und Kleinschreibung „Das der mensch leit und von im selbs nichts weiß, das ist die ursach: der mensch hat in im selbs ein solhe geitige natur und eigenschaft an im, so er sollte ruen, in der ru solte wissen von seinem sachen und wandel, so wirt er sich selbs nit ruen lassen. darum hat im gott die zeit des leips rue gar in dwalm geleit, das nichts von im ist, das von im selbs weiß, auf das der leipt muge sein terminum erhalten und erwarten.“ 5. Angleichung an die Graphematik des Neuhochdeutschen: „Dass der mensch leit und von ihm selbs nichts weiß, das ist die ursach: Der mensch hat in ihm selbs ein solche geitige natur und eigenschaft an ihm, so er sollte ruen, in der ruh sollte wissen von seinem sachen und wandel, so wird er sich selbs nit ruen lassen. Darum hat ihm gott die zeit des leibs rue gar in dwalm geleit, dass nichts von ihm ist, das von ihm selbs weiß, auf dass der leipt müge sein terminum erhalten und erwarten.“ 6. Neuhochdeutsche Übersetzung: „Dass der Mensch (im Schlaf) liegt und von ihm selber nichts weiß, hat folgenden Grund: Der Mensch besitzt in sich eine solche geizige Natur und
[502] Erster Matthäuskommentar, H 2 55 v, aus dem Kommentar zu Mt 1,24. In H 2 finden sich nur spärliche oder undeutlich geschriebene Interpunktionen.
Editionsprinzipien
113
Eigenschaft, dass wenn er ruhen sollte, er dann ständig seinen Sachen und seinen Beschäftigungen nachgehen und so nicht von selber zur Ruhe kommen würde. Darum hat Gott während der Zeit der Leibesruhe einen Schleier über ihn gelegt, dass nichts in ihm bleibt, das von sich selber weiß. Damit erhält der Leib eine Zeit, die ihm zusteht und auf die er warten kann.“
Aus diesem Spektrum möglicher Editionsstufen greift die Neue Paracelsus-Edition auf zwei Formen zurück, einerseits auf die zeichengetreue Transkription mit gewissen Eingriffen beim Zeichensatz und den Interpunktionen und andererseits auf eine moderate graphematische Anpassung, die die Phoneme des Originals möglichst erhält. Anhand dieser Beispiele lässt sich auch Sudhoffs und Goldammers Vorgehen bei der Transkription erläutern. Sudhoff überließ es Matthießen, die Transkriptionsregeln für seine Werkausgabe zu formulieren, 503 die im Wesentlichen auf einer Umschrift der Huserausgabe beruht. Sudhoff wählte ein reduktionistisches Vorgehen, das in etwa dem obigen Beispiel 4 entspricht. Dies hat den Nachteil, dass eine neue, ebenso gewöhnungsbedürftige Orthographie entsteht, die weder mit dem Original noch mit der modernen Ausdrucksweise viele Gemeinsamkeiten aufweist. Insbesondere findet sich bei Sudhoff eine Verschmelzung der folgenden Morphempaare zu jeweils einem einzigen Graphem: alls (alles) / als → als an / ahn (Ahne) → an dass / das → das denn / den → den er / ehr (Ehre) → er gelehrt / geleert → gelert gen (gegen) / gehn (gehen) → gen im / ihm → im in / ihn → in innen / ihnen → inen irr / ihr → ir lehr / leer → ler mehr / meer → mer seid / seit → seit war / wahr → war wenn / wen → wen wer / wär → wer wider / wieder → wider wird / wirt (Wirt, Gastgeber) → wirt usw. [503] ME 9–19. Sudhoff brachte 1929 nochmals eine gekürzte Fassung der Schreibregeln, vgl. SW 1, xxx-xxxv.
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Einleitung
Dadurch entsteht eine mehrdeutige Schreibung, die vom Leser einen beträchtlichen interpretativen Aufwand erfordert und das Verständnis ungemein erschwert, da einige der obigen Wörter doch häufig vorkommen. Bei Goldammer hingegen stehen wir vor dem Paradox, dass zwar sechs Editionsbände und ein Supplementband erschienen sind, jedoch die Editionsprinzipien und die Schreibung nirgends erklärt werden. Diese Ausführungen hätten dem nie vollendeten ersten Band beigefügt werden sollen. Dies ist nicht wenig problematisch, indem der Leser über das Verhältnis von Vorlage und Editionstext völlig im Unklaren gelassen wird. Goldammer ging vom Grundsatz aus, den sprachlichen und lautlichen Bestand möglichst erhalten zu wollen, 504 verlegte sich aber zwecks Vereinfachung der frühneuhochdeutschen „Schreibauswüchse“ wie Sudhoff auf eine insgesamt reduktionistische Vereinheitlichung der Schreibung. Um einerseits Mehrdeutigkeiten im Editionstext möglichst zu vermeiden, andererseits aber auch die sprachhistorisch relevante Schreibweise der Wörter nicht zu entstellen, entwickelte Goldammer für die Transkription ein komplexes Regelsystem. 505 Insbesondere sollte die Schreibung der oben aufgeführten, problematischen Wortpaare eindeutig werden. Zu diesem Zweck berief er sich in diesen Fällen auf die neuhochdeutsche Orthographie. Zum Beispiel transkribierte Goldammer die in den frühneuhochdeutschen Textvorlagen nebeneinander vorkommenden Grapheme !das", !daß", !daßs", !dass", !dz", die alle ohne erkennbare Regeln nebeneinander für den Artikel, das Relativpronomen oder die Konjunktion stehen können, je nach grammatikalischer Umgebung mit den neuhochdeutschen Graphemen !daß" oder !das". Ebenso führte er etwa beim Personalpronomen „ihm“ ein Dehnungs-h ein, auch wenn die frühneuhochdeutschen Schreibweisen !Jm", !ym" oder !im" lauteten. Bei anderen Wörtern unterließ Goldammer jedoch eine graphematische Angleichung und beließ etwa die Grapheme !son", !warheit" ohne Zufügung eines Dehnungs-h. Goldammer beschritt also einen Mittelweg zwischen reduzierter zeichengetreuer Transkription und vollständiger graphematischer Anpassung und liegt damit zwischen den obigen Beispielen 4 und 5. Peuckert ging in seiner Paracelsus-Auswahlausgabe noch einen Schritt weiter und nahm nicht nur eine graphematische Anpassung vor, [504] Gewisse allgemeine Editionsgrundsätze für seine Ausgabe sind in Goldammer 1954a, 91–94, niedergelegt. — [505] Eine Kopie eines undatierten, maschinengeschriebenen und handschriftlich stark überarbeiteten Entwurfs von Goldammers „Schreibung der Paracelsus-Ausgabe“ (8 Seiten) liegt dem Autor vor.
Editionsprinzipien
115
sondern ersetzte einzelne ungewohnte Wendungen durch solche der modernen Sprache. Dadurch ergibt sich zwar eine hohe Lesbarkeit, doch müssen deutliche Abstriche vom originalen Wortlaut gemacht werden. Eine vollständige Übersetzung ins Neuhochdeutsche oder auch in eine andere Sprache macht dann Sinn, wenn man die Texte einer breiten Leserschaft zugänglich machen will, die nur über bedingte Vorkenntnisse verfügt. Sinnvollerweise sollte dann aber der Originaltext mit herausgegeben werden, um den Vergleich mit der Übersetzung zu ermöglichen. 506 In der Neuen Paracelsus-Edition wird bei der Transkription nach folgenden Regeln vorgegangen: 1. Die Transkription erfolgt möglichst zeichengetreu, insbesondere werden auch die Groß- und Kleinschreibung entsprechend der Vorlage übernommen. 2. Das lange s wird kurz geschrieben: ! ¢ " → !s". 3. Ligaturen werden aufgelöst, z. B. !æ" → !ae". 4. Diakritische Zeichen über den Vokalen werden nur übernommen, wenn sie den Lauten /ä/, /ö/ und /ü/ entsprechen, z. B. !fúr" → !für", hingegen !túndt" → !tunt". 5. Superskripte werden gemäß Vorlage gesetzt, z. B. !a", !u", !U". Solche kommen in den überlieferten Textzeugen der ParacelsusTheologica jedoch kaum vor. 6. Eindeutige Abbreviaturen werden stillschweigend aufgelöst, in Zweifelsfällen aber durch Kursivierung deutlich gemacht, z. B. !Chus" → !Christus", hingegen !Ph." → !Philosophia" bei entsprechender Umgebungsbedeutung. 7. Die häufig anzutreffenden Abbreviaturen für „et cetera“ wie etwa !&c" werden als !etc." wiedergegeben. 8. Die Interpunktionen werden, wenn immer möglich, entsprechend der Vorlage gesetzt, werden aber in gewissen Fällen ergänzt bzw. verändert. Da in handschriftlichen Vorlagen Virgel (Schrägstriche) oft nur schwer von Kommata zu unterscheiden sind bzw. in vielen Zwischenstufen vorkommen, werden durchgehend moderne Satzzeichen verwendet.
[506] z. B. Gantenbein/ Holenstein 2006; Gnädinger 2007; Pörksen 2003; Weeks 2007.
116 e3.
Einleitung
Textkritik
Als Leithandschrift für einen jeweiligen Editionstext wird jener Textzeuge gewählt, der den ältesten Sprachbestand wiedergibt und die besten Lesarten bietet. Zu den besten Vorlagen gehören die Heidelberger Handschriften H 1 und H 2, die direkte Kopien der Autographen darstellen. Ausgezeichnete Vorlagen liefern auch die Leidener Handschriften L 1 und L 2, nicht zuletzt wegen ihrer guten Lesbarkeit. Allerdings erweisen sich die dort anzutreffenden Lesarten zuweilen als etwas eigenwillig und nicht ganz zutreffend, wenn man sie mit einem besseren Textzeugen vergleicht. Ein Dilemma besteht bei der Kopenhagener Handschrift K 4, die zwar hervorragende Lesarten enthält, zugleich aber im frühen 18. Jahrhundert niedergeschrieben wurde und somit den alten frühneuhochdeutschen und alemannischen Sprachbestand weitgehend ausgemerzt hat. In die Textkritik werden möglichst alle Überlieferungen einbezogen. Unterschiedliche Lesarten werden nur dann angegeben, wenn sich durch diese eine Sinnveränderung ergibt. 507 Hingegen wird in den folgenden, mit Beispielen erläuterten Fällen auf eine textkritische Anmerkung verzichtet: 1. Lautverschiebungen: do/da, empfahen/empfangen, pludt/bludt, sun/sohn, vff/auff, vß/auß, wyn/wein 2. Synkopen: darvon/davon, dessen/des, einem/eim, geistes/geists, genug/gnug, gewalt/gwalt, nicht/nit 3. Apokopen: alle/all, liebe/lieb, ohne/ohn 4. Enklisen: auffs/auff das, hatts/hat es, sendts/sendt sie 5. gewisse ähnlich lautende Synonyme: darum/darumben, jeder/jeglicher/jedlicher, sunder/sonder/sondern, theoria/theorie, verkünden/verkündigen 6. unterschiedliche Partizipbildungen: dankt/gedanket, gesein/gsein/ gewesen, ton/geton/getan 7. unterschiedliche Konjugationsformen: inhalt/inhält (3. P. Sg.), thunt/thuet (2. P. Pl.), waren/warent (1., 2., 3. P. Pl.) 8. Wortumstellungen: nun Gott / Gott nun, fleisch vnd bludt / bludt vnd fleisch
[507] vgl. die Bemerkungen von Reichert 2005, 21–23.
Editionsprinzipien
e4.
117
Lesetext und Textnormalisierung
Wie oben ausgeführt, schufen Sudhoff, Matthießen und Goldammer in der Schreibung ihrer Ausgaben eine jeweils neue Orthographie, die weder dem modernen Leser noch dem Original ganz gerecht wird. In der Neuen Paracelsus-Edition wird ein neuer Weg beschritten, indem zur Erzeugung eines Lesetexts eine graphematische Angleichung an das Neuhochdeutsche durchgeführt wird. Dabei sollen neben der Syntax die ursprünglichen Phoneme weitmöglichst erhalten bleiben. Die Zeichentreue wird also durch die Phonemtreue ersetzt. Es entsteht dadurch ein Text, der das Original lautlich wiederspiegelt und gleichzeitig durch seine moderne Graphie dem Leser entgegenkommt. Die so entstandenen Texte zeichnen sich durch eine besondere Klarheit aus und vermitteln den Textinhalt in müheloser Weise. Natürlich geht das sprachhistorische Prinzip dadurch verloren. Dieses Vorgehen ist aber statthaft, da die zeichengetreue Transkription zum Vergleich beiliegt und jederzeit herangezogen werden kann. Die frühneuhochdeutsche Sprache verfügt für die verschiedenen Phoneme über eine jeweils größere Anzahl von Graphemen als das Neuhochdeutsche. Sie werden oft willkürlich nebeneinander und abwechselnd gesetzt und folgen praktisch keinen orthographischen Regeln. Dies soll am Beispiel des langen i, des ü-Lauts, des Diphthongs ei, des k-Lauts und des stimmlosen s illustriert werden: 508 /i:/ /y/ /a i / /k/ /s/
→ → → → →
!i", !ie", !ieh", !ih", !ij", !y", !ÿ", !yh" !u", !uh", !ü", !üh", !ú", !úh", !y", !ÿ" !ei", !ey", !ai", !ay" !k", !kh", !ck", !ckh", !gkh" !s", !ss", ! ¢ ", ! ¢ z", !ß", !ßs", !z"
Die Angleichung erfolgt nun, indem die Grapheme des zeichengetreuen Editionstexts durch jene ersetzt werden, die durch die neuhochdeutsche Orthographie vorgeschrieben sind. Wegen des unterschiedlichen Lautbestands ergeben sich bei diesem Vorgehen allerdings nicht selten Schwierigkeiten, die besonders geregelt werden müssen. Für die graphematische Anpassung gelten somit die folgenden Regeln:
[508] zur Graphematik des Frühneuhochdeutschen vgl. Schmidt 1993, 281–289; Polenz 2000, 147–158; zu jener des Neuhochdeutschen insbesondere Nerius 2007, 99–146; zu den linguistischen Grundlagen vgl. ferner Dürr/ Schlobinski 1990; Hengartner/ Niederhauser 1993; Pelz 2002.
118
Einleitung
1. Bei identischem Phonem wird das jeweils entsprechende neuhochdeutsche Graphem verwendet. / ε /, / ŋ /: /e:/, /t/: /v/, /t/: / ε :/: /i/, /f/: /l/: / ε :/, /p/: / ɔy /: / υ /, /n/, /t/: /u:/, /t/, /a i /: / ε :/, /t/, /k/: /a:/: /i:/, /l/:
!gefennckhnus" → !gefängnus" !geth" → !geht" !leuithen" → !leviten" !nechster" → !nächster" !schryfft" → !schrift" !sol" → !soll" !spähtern herpst" → !spätern herbst" !trew" → !treu" !vnd", !vnnd", !vndt", !vnndt", !undt", !und" → !und" !vrthayl" → !urteil" !widerwerttigkheit" → !widerwärtigkeit" !zal", !zall" → !zahl" !zil", !zill", !zyl" → !ziel"
2. Härtungen, Schärfungen und Dehnungen der Laute werden entsprechend der neuhochdeutschen Orthographie gesetzt. 509 Das macht deshalb Sinn, weil aus der variablen frühneuhochdeutschen Schreibung nicht abgelesen werden kann, ob bereits ein Lautwandel in Richtung des Neuhochdeutschen stattgefunden hat. Allein in diesem Editionsband gibt es beispielsweise fünf Grapheme für das Wort „Blut“: !blut", !blutt", !bludt", !plut", !pludt". Die Verwendung von weichem /b/ und hartem /p/ findet sich mitunter sogar in derselben Schrift. Es ist somit unmöglich zu entscheiden, wie das Wort effektiv ausgesprochen wurde. Allenfalls handelt es sich auch um Allophone, die durch die Vermischung der Sprache der Vorlage und jener des Kopisten entstanden sind. Ein weiterer Punkt sind die Auslautverhärtungen, die in älteren Orthographien meist mit dem harten Laut realisiert sind, z. B. !hunt" für „Hund“. Die moderne Schreibung ist insbesondere für die oben aufgeführten Morphempaare von Bedeutung, die in Sudhoffs Normalisierung zu Mehrdeutigkeiten geführt haben. /b/ oder /p/ : !puch" → /b/ : !buch" /d/ oder /t/ : !vnder", !vndter" → /t/ : !unter" /g/ oder /k/: !kriechisch" → /g/ : !griechisch" /e:/ oder /e/ : !nemen", !nemmen" → /e:/ : !nehmen" /i:/ oder /i/ : !vil", !vill" → /i:/ : !viel" /i:/ : !Jm", !im", !ym", !yhm" → !ihm" /i/ : !Jm", !im", !ym", !yhm" → !im" /s/ : !reisen" → !reißen" /z/ : !reisen" → !reisen" /p/ : !leip" → !leib" [509] vgl. Maas 1992, 285–333.
Editionsprinzipien
119
3. Die Geminate /tt/ wird nicht angeglichen und somit das Graphem !tt" belassen. !vatter" statt !vater" !gebotte" statt !gebote" !ratten" statt !raden" (Kornrade) !krotten" statt !kröten"
4. Monophthongierungen und Diphthongierungen werden entsprechend der Vorlage belassen und nicht dem neuen Sprachbestand angepasst. Für im Neuhochdeutschen nicht vorkommende Morpheme wird dabei das einfachste mögliche Graphem gewählt. Je nachdem wird nach dem Diphthong das Dehnungs-h ausgelassen oder entsprechend der neuhochdeutschen Orthographie ein scharfes s, !ß", gesetzt. !vff" → !uf" und nicht !auf" !beruef" → !beruef" und nicht !beruf" !wyn" → !win" und nicht !wein" !füeren" → !füeren" und nicht !füehren" oder !führen" !müessen" → !müeßen" und nicht !müessen" oder !müssen"
5. Die in frühneuhochdeutschen handschriftlichen Texten oft fehlenden diakritischen Zeichen werden ergänzt, sofern sie einem alten Sprachstand entsprechen. !fur" → !für" !sunder" → !sünder" !grossest" → !größest" !boß" → !bös" !salig" → !sälig" → !selig" jedoch: !stuckh" → !stuck" und nicht !stück" !rugkhen" → !rucken" und nicht !rücken" !glaubigen" → !glaubigen" und nicht !gläubigen"
6. Bei veralteten Wörtern wird, wenn dies möglich und sinnvoll ist, auf die Orthographie des Grimmschen Deutschen Wörterbuchs zurückgegriffen. !neusen" statt !neußen"
7. Das Graphem !mb" für die Geminate /mm/ wird nur in den veralteten Formen !darumben" und !warumben" belassen, da eine Anpassung mit dem Graphem !mm" künstlich erscheinen würde. !darumben" statt !darumen" oder !darummen" hingegen !krumben" → !krummen"
120
Einleitung
8. Enklisen werden durch Apostrophierung kenntlich gemacht bzw. aufgelöst mit Ausnahme von !am", !an", !beim", !bein" (= „bei den“), !zum" und !zun" (= „zu den“). Stimmhaftes Endungs-l, / ɘ l/ oder / ʎ /, wird ausgeschrieben. !hatts" → !hat’s" !seindts" → !seind’s" !hastu" → !hast du" !bein", !beyn" → !bein" !apostl" → !apostel" !vrtl" → !urtel"
9. Das in der frühneuhochdeutschen Flexion in den Pluralformen des Präsens wahlweise vorkommende Endungs-t wird als hartes !t" geschrieben. Die Formen !sind" und !seind" werden in Analogie zum Neuhochdeutschen geschrieben. Die Endung des Partizip Präsens wird mit weichem !d" gesetzt. 510 !wir warent" !ihr meinent" !sie gehent" !wohlgehend" !er wird gehend"
1. Person Plural 2. Person Plural 3. Person Plural Partizip Präsens alte Futurform
10. Das Graphem !dt" wird gesetzt, wenn es durch Synkopierung aus !det" entstanden ist. Hingegen wird die Synkopierung von !tet" nicht gekennzeichnet. !ret", !rett", !redt" → !redt" als Synkope von !redet" !laut", !lautt" → !laut" als Synkope von !lautet"
11. Es gilt Kleinschreibung mit Ausnahme von Satzanfang und Eigennamen. 12. Die Getrenntschreibung wird entsprechend der neuhochdeutschen Orthographie gehandhabt. !zubedennckhen" → !zu bedenken" !do mitt" → !domit" !mutter leip" → !mutterleib" !mitt einannder" → !miteinander"
13. Die Zeichensetzung folgt im Prinzip den modernen Regeln. Da Interpunktionen gerade bei den bei Paracelsus oft vorkommenden langen
[510] Reichmann/ Wegera 1993, 233 f.
Editionsprinzipien
121
und verschachtelten Sätzen wichtige Verständnishilfen bieten, können weitere Satzzeichen wie Kommata und Strichpunkte eingefügt werden. 511 Dies ist besonders vor einem „und“ sinnvoll, das einen weiteren erläuternden oder zugehörigen Satz einleitet.
[511] zum Prinzip der alternativen Lachmannschen Interpunktion vgl. Hübner 1934, vi.
III. Lesetext und Kommentar
A. Liber de vita beata
A1. Prologus totius operis christianae vitae
127
A1. Prologus totius operis christianae vitae Vorrede zum ganzen Werk über das christliche Leben [431 r] 1 Als ich mir fürgenommen hab, zu schreiben von dem seligen leben christliches glaubens, hat mir ohn diese vorred nit gebührt, etwas im selbigen anzuzeigen. Darum ich mir diese vorrede in das selige leben christlicher wandlung zum ersten zu beschreiben fürgenommen habe, dann damit ich mich am ersten entledige meines aufzugs 2 und verlängerung des schreibens in diesem werk, in dem ich nun in die zwanzig jahr angefangen und gearbeit habe. Warum ich also lang verzogen und mich gesaumt hab, ist ohn ursach nit geschehen. Eine ist die, dass die jugend nit soll für 3 der zeit aufgehn und nichts soll für seiner zeit herfürbrechen, sonder der stund erwarten, in das wir alle gehnt. Zum anderen, nit allein mein jugend, sonder auch, dass mich andere sachen meiner fakultäten abgehalten haben, als die astronomei 4 und auch die medizin 5 und die werk der philosophei 6 auch beschrieben würden, das ist, was da antrifft das liecht der natur. 7 Und lasse ein spä-
[1] L: L 2 431 r–440 r; G: GE 3,167–186. — [2] aufzugs: ‚Aufschubs‘. — [3] für: ‚vor‘. — [4] Gemeint sind vermutlich die «Astronomia Magna: Oder, die gantze Philosophia Sagax der Grossen vnd kleinen Welt» (1537/38; HW 10,1–397; SW 12,1–444) und verschiedene astrologische Jahrespraktiken wie u. a. die «Practica Teutsch, auffs [15]37. Jahr» (HW 10, fasc. 57–67; SW 11,225–237), die «Practica teutsch auff das Tausent fünffhundert vnd XXXVIII. Jar» (SW 11,239–249) und die «Practica Theophrasti Paracelsi, Auff das Jahr nach Christi Geburt M.D.XXXIX. […] vnd ein Vnterricht allen Astronomis» (HW 10, fasc. 67–78; SW 11,251–265). — [5] Dies dürfte eine Anspielung sein auf Hohenheims medizinisches Spätwerk, die sog. Kärntner-Schriften (1538), die er „dreierley Bücher in der Artzney“ (HW 2,144) nennt: «Die Verantwortung vber etliche Vnglimpfungen seiner Mißgönner» (Sieben Defensiones; HW 2,157– 190; SW 11,123–160), «Labyrinthus medicorum errantium» (HW 2,191–243; SW 11,161–220) und «Das Buch von den Tartarischen kranckheiten» (HW 2,244–339; SW 11,15–121). — [6] Die „werk der philosophei“ dürften eine Sammlung nur unvollständig überlieferter naturphilosophisch-magischer Schriften sein, für die Paracelsus folgenden Titel vorgesehen hatte: «Volumen primum Philosophiae de Diuinis Operibus et factis, et de Secretis Naturae» (HW 9,1–321; SW 14,1–377). Sudhoff nahm an, dass der zweite Band dieser „Philosophia Magna“ von Paracelsus als „Philosophiae pars altera de vita beata“ konzipiert und somit für die Vita-Beata-Schriften vorgesehen gewesen wäre, vgl. SW 14,v. — [7] liecht der natur: Das „Licht der Natur“ ist ein von Paracelsus häufig verwendeter Begriff in Anlehnung an die patristische und scholastische Lehre vom „lumen naturale“, vgl. Matthießen 1917/1993, 164, Anm. 27. Bei Hohenheim
128
Lesetext – Liber de vita beata
tern herbst 8 fallen zu der heiligen geschrift, damit dieselbig wohl zeitig werd, bis in das end damit verzogen und das weniger 9 zuvor abgefertigt.10 Das seind zwo ursachen, die mich etwas fast 11 geursacht haben. Nit allein aber, dass in den die hinderung gestanden sei, sonder in dem vielmehr, dass ich in großer armut erzogen und aufgewachsen bin, dass meines vermügens nit gewesen, meinem gefallen nach zu handlen. Und so ich gleichwohl gefertiget 12 gewesen wäre, so seind in meinen sachen, heimlichen und offentlichen, viel widerwärtigkeit zugestanden, die allein auf meim rucken gelegen seind, und niemands ist da gewesen, der mir hätt rucken und schirm gehalten. Dann die viel seltsam art der menschen [431 v] hat mich schwerlich verjagt und getadelt, gehindert und ohnwert 13 gemacht, dass ich nit viel ansehen gehabt hab für 14 den menschen, sonder verachtung. Dann mein zungen ist zum schwätzen nit gericht, sonder allein zun werken und wahrheit. Das hat die ursach geben, dass ich bei den logicis, dialecticis 15 in der arznei und philosophei und astronomei nichts hab golten. Auch ihr pracht, pomp und schöne red bei den fürstenhöfen und für den reichen, den ich gar nit gleich gewesen bin, also verlassen blieben bin. So hat mich auch groß gepeiniget der pflug 16 meiner nahrung in der astronomei, indem dass sie an ihr selbst nit gültig ist; die arznei dergleichen, indem dass sie die gnad in kranken nit allein hat; in der philosophei dergleichen, indem dass sie spöttig gehalten wird. Wann 17 in dem allem ist die welt nit zu
steht es für eine intuitiv wahrzunehmende oder selbsterklärende Evidenz von Zusammenhängen, die der Natur innewohnen, vgl. u. a. Gantenbein 2004; Goldammer 1953, 1991; Haas 1993. — [8] spätern Herbst: ‚Spätschrift‘, ‚Spätlese‘. — [9] das weniger: ‚das weniger Wichtige‘, ‚das Unbedeutendere‘. — [10] Mit dem Hinweis auf einen „spätern Herbst“ für die Vita-beata-Schriften, der erst nach Vollendung der obigen Werke möglich gewesen sei, dürfen wir als Entstehungszeit für diesen Prolog das Jahr 1539 oder 1540 annehmen. Nimmt man Hohenheims einleitende Bemerkung beim Wort, dass er nun schon zwanzig Jahre an diesen Schriften zum christlichen Leben arbeite, so fiele der Beginn seiner theologischen Tätigkeit auf die Jahre 1519/20. Dieser Zeitpunkt markiert eine entscheidende Frühphase der Reformation, als Luthers deutschsprachige Schriften ihre Breitenwirkung zu entfalten begannen. — [11] fast: ‚stark‘, ‚intensiv‘. — [12] gefertiget: ‚gerüstet‘, ‚vorbereitet‘. — [13] ohnwert: ‚unwert‘, ‚minderwertig‘. — [14] für: ‚vor‘. — [15] logicis, dialecticis: ‚den Logikern und dialektischen Gelehrten‘, die ihre Gegenstände im wissenschaftlichen Streitgespräch abhandeln und auseinandersetzen. — [16] pflug meiner nahrung: ‚mein Broterwerb‘, ‚mein Lebensunterhalt‘; Paracelsus spielt hier auf die Erstellung von astrologischen Praktiken und Jahresprognostiken als Nebenerwerb an, was unter frühneuzeitlichen Ärzten verbreitet war. — [17] wann: ‚denn‘.
A1. Prologus totius operis christianae vitae
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gewinnen, als in kaufmannschätz und höfischen gebärden. Das ist mir ein kreuz gewesen und noch bis auf die stund. Defect. Noch ist das alles das wenigst gewesen über das, dass ich andern hab guts bewiesen; und hätt ein schloss auf sie gebauen, am wenigsten in 18 wertschaft eins steins gewesen seind. Und über alles das, das ich erzählt hab, das dann der wenigste teil ist. Der mehrer ist groß, dass ich ihn nit beschreiben mag. Das ist die größeste ursach, die mich gehindert hat zu schreiben, dass ich nit für ein vollmächtigen christen bin geachtet worden, das mich hart betrüebt hat. Dann dieweil ich bin ein kreatur gottes, erlöset mit seinem blut, damit gespeiset und getrinkt in die neu geburt,19 hat mich das für gnug angesehen, ein vollmächtiger christ zu sein. Sonder mir ist entgegen gestanden ein anderer hauf und reich, der da gesagt: „Du als ein lai, als ein baur, als ein gemein mann, sollt von den dingen nit reden, was die heilig geschrift antrifft, sonder uns zuhören, was wir dir sagen; dabei bleiben und kein anderen sollt du hören oder lesen, dann allein uns.“ Nun [432 r] dieweil ich dermaßen in ein frist 20 getrieben worden bin, hab ich mich nit fast mügen rüeren, dann sie warent groß für der welt. 21 Hab es müeßen gedulden als einer, der unter der stiegen hat müeßen liegen. Jedoch aber, so ich gelesen hab den eckstein 22 der christenheit und hab gehört der andern predigt und disputationes, so ist es gegen einander gewesen wie ein müller und köhler. Ist mir nun vonnöten gewesen und augenscheinlich, dass ich mehr soll die wahrheit dann die lügen annehmen, mehr die gerechtigkeit dann die ungerechtigkeit, mehr das liecht dann die finsternus, mehr Christum dann Satanam. Da ich die unterscheid gesehen hab, hab ich den gegenteil ohn widerred lassen bleiben, den christlichen eckstein für mich genommen. Da ich denn gefunden hab, dass im laien, in dem gemeinen mann, im baurn (wie sie dann am schmächlichsten ihren gegenteil 23 schmähen können
[18] in wertschaft: ‚im Wert‘. — [19] Die neue Kreatur oder neue Geburt des Christenmenschen ist für Paracelsus ein zentrales Thema, das vor allem in seinen Abendmahlschriften aufscheint. Vgl. Eph 1,7 (Erlösung durch das Blut Christi), 2Kor 5,17 (neue Kreatur), vgl. hierzu weiter Joh 1,13; Joh 3,3–6; Gal 6,15; Eph 4,24; Tit 3,5; 1Petr 1,23; Kol 3,10). Der neue Mensch hat dabei den alten Menschen zu überwinden (vgl. Röm 6,6; Eph 4,22; Kol 3,9), der mit seiner Erdgebundenheit von Adam abstammt. — [20] frist: ‚Aufschub‘. — [21] Anspielung auf die großen Reformatoren, die Paracelsus keine Beachtung schenkten. — [22] eckstein der christenheit: gemeint sind vermutlich die Evangelien; zu Christus als Eckstein vgl. Mt 21,42 par.; Apg 4,11; Eph 2,20; 1Petr 2,4–7. — [23] gegenteil: ‚Feind‘, ‚Gegenpart‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
mit namen) die vollkommenheit christlichs seligs lebens am mehresten 24 wohnet, bei den andern gar nichts. In dem hab ich angefangen zu schreiben die wahrheit der christlichen wohnung. Da ich nun vollendet hab in demselben schreiben, viel mit hoffnung wohl beschlossen, da ist eingerissen die zertrennung des reichs dieser welt, so jetzt ist. 25 Hab ich ein aufzug 26 genommen und ein stillstand, verzogen bis auf ein andere ernt und herbst, dass mich dann jetzt für gut hat angesehen, das end zu geben, das ist, die frucht des samens, der je und je im anfang gewesen ist bei mir, und also mit diesen büchern beschließen. Also hab ich nun beschlossen zusammen in ein werk das wesen der christen zu dem seligen leben und das wesen dern christen zu dem unseligen leben dergleichen. Dann dieweil zween weg unter den christen seind, die gen himmel fürgehalten werden, so ist der ein gerecht, der ander ungerecht. Darum, damit der gerechte den ungerechten erkennt und [432 v] der ungerechte den gerechten, hat mich für billich angesehen, sie beide fürzuhalten und alles das, so in das selige leben und in das unselige leben antrifft, in beiden gnugsam anzeig und zu erkennen gebe. Die in dem unseligen leben seind groß, seind hochmüetig. Sie habent die welt, sie ist ihr, sie seind kinder des liechts der welt. Die seligen aber, die habent nit die welt, sonder sie haben ihr reich nit von dieser welt, sonder von dem ewigen und bei dem ewigen. 27 Wo ihr zween beieinander seind von dem seligen leben, da ist Christus der dritte. 28 Das ist die reichtum in dieser welt, die sie habent. Und wiewohl der teil, so wider mich seind, mich hoch gehindert, hat doch nit geschmeckt, was in meiner federn gewesen ist. Mein mund hab ich zugehalten, damit mir das wetter und der donder 29 nit in acker schlüge. Darmit hab ich’s hindurch bracht bis auf die zeit und hab mich nit bekümmert um sie. Mit gemeinen leuten gesellschaft gehalten, deren sie sich geschämt haben, und mich dadurch verachtet. Das ist mein fürderung 30 gewesen zu dieser arbeit.
[24] mehresten: ‚stärksten‘, ‚ausgeprägtesten‘. — [25] Durch die Gründung der Katholischen Liga am 10. Januar 1538 in Nürnberg wurde die Spaltung des Heiligen Römischen Reichs, die sich durch das Aufkommen des Protestantismus ergeben hatte, nun auch politisch besiegelt. Die Liga sollte als Bündnis der katholischen Stände der weiteren Ausbreitung des Protestantismus Grenzen setzen und war als Gegenstück zum 1531 gegründeten Schmalkaldischen Bund der Protestanten gedacht. Diese Bemerkung Hohenheims passt zur Annahme, dass dieser «Prologus» um 1540 entstanden ist. — [26] aufzug: ‚Aufschub‘. — [27] Joh 18,36. — [28] Mt 18,20. — [29] donder: ‚Donner‘. — [30] fürderung: ‚Hilfe‘, ‚Unterstützung‘, ‚Antrieb‘.
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Damit hab ich dies mein buch zu dem seligen leben angefangen, zum ersten zue beschreiben den unseligen, darnach den seligen. Mit den unseligen fahe ich an und beschleuß im seligen. Das seind meine tragoediae, 31 und ist das die ursach, dass gut und bös beieinander stehet, damit vollkommene erkanntnus daraus genommen werd. Und weiter, dieweil das ansehenlicher allemal fürgehet, hab ich’s auch zum anfang genommen. Und dieweil das unansehenlicher hernach gehet, hab ich’s hernach gsetzt. Dann zween gott seind unter den christen: der gott und der abgott. Der in abgott sündet, der wird gestraft bei schwerer peen, 32 der in gott sündet, der ist und wird nit geschmächt. Nun ist der abgott der weg des unseligen lebens, gott ist des seligen lebens der weg. Jedoch der unselige gült 33 auf erden, der selige nichts. Also muss mit geduldigkeit und mit dem kreuz der selige sein leben verschließen hie auf [433 r] dieser welt und sich gar nichts hie auf erden vertrösten denn jammer und not – und bei den unseligen freud und aller wollust. Also folgen nun auf solches hernach die ersten eingäng 34 meines fürnehmens 35 von den unseligen zu schreiben und dasselbige in dieser vorred zu enden vor dem anfang des hauptbuchs, damit ihr etlichs teils in dem unterrichtet werden, was der grund sei der unseligen und wie sie seind, und dass solches auf die red Christi gegründet und in sie beschlossen, aus ihr genommen. Und wie der geist wieder gehet zu dem, der ihn beschaffen hat, 36 also gehet auch wieder das end meiner geschrift, aus dem es gangen ist. Der erzfürst Michael sei ein treuer gesandter zu beschirmen, in dem namen des vatters und des sohns und des heiligen geists. Amen.
Mt 12,25: Ein jegliches reich, das in ihm selbst zerteilt wird, zergehet. 37 Also sagt Christus. Das wort, so Christus geredt hat, ist zum anfang hoch zu betrachten, dass ein jeglich reich, das in ihm selbst zerteilet wird, zergehet. Nun ist das die ursach, dass dasselbige reich, das in ihm selbsten zerteilt wird, ist nit von gott; und dieselbige ordnung, die dasselbige reich hat, ist nit von gott. Darum, was nun nit aus gott ist, das hat kein bestand. Es ist auf ein sand gebauen und nit auf ein felsen. 38 [31] tragoediae] tragaediae L: Trauerspiel des Lebens. — [32] peen: auch pön, angedrohte oder auferlegte Strafe. — [33] gült] gühlt L: ‚gilt‘. — [34] eingäng: ‚Anfänge‘. — [35] fürnehmens: ‚Vorhabens‘. — [36] Pred 12,7. — [37] Mt 12,25 par. — [38] Mt 7,24–27 par.
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Deshalben so nehmt euch dieses exempel, dass Troja zergangen ist, Chartago etc. und viel künigreich. Dann ihr ursprung, ihr gebrauch, 39 ihr regiment, 40 ist nit aus gott gewesen. Darum haben sie sich selbst zerteilt und seind zergangen. Also auch alle ding, die nit aus gott seind, die haben kein bleiben, es sei ein reich der landen, es seien bündnus, es sei ein stadt, es sei was es wölle, so bleibt’s auf keim end und zerstört sich selbst. Des teufels reich ist aus gott, dann gott hat ihn in ein reich verordnet der verdammten. Deshalb so zergeht er nicht, [433 v] er bleibt und verharret bis in ewigkeit. Darum treibt kein teufel den andern aus. 41 Aber wir auf erden, so wir uns anderst einlegent dann in gott, so hat’s kein bestand. Rom hat zum ersten ein anfang gehabt mit sieben königen, 42 und aber nit aus göttlicher ordnung gewesen, darum seind sie nit blieben. Sie haben selbst geregiert und treffenlichen viel gehandelt durch viel personen. Es ist aber nit aus gott gewesen, deshalben seind sie zergangen. Es ist kommen ihr reich auf ein einige person, das der kaiser ist. Dass er nit aus gott gehandelt hat, darum ist er in seinem reich auch nit blieben und ist zerteilt in ihme auch selbst. Darauf so wissent: Was nit aus gott ist, das bleibt nit, und was nit in gott ist, das bleibt auch nit. Auf das folget nun, dass wir sollent eigentlich bedenken in die zerteilung der reich, damit dass wir verstanden und erkennen, was aus gott und nit aus gott ist. Und damit ich euch zum 43 fürderlichsten unterricht gebe, so wissent also: Der papst von Rom, der hat ein reich, dem hat er den namen geben: die römische kirch. Unter die hat er gebracht die ganz christenheit, gleich als ob die christenheit sei das römische reich seiner kirchen. Das ist nun nit, dann die christen haben kein reich auf erden, 44 sonder bei Christo im reich seines vatters. Es haben die christen kein künig. Christus ist allein ihr könig, darum dass geschrieben stehet: Jesus nazarenus, ein könig der jüden. 45 Nun ist das jüdentum zergangen und die christen des taufs seind erben des reichs gottes. So heißt es: Jesus nazarenus, ein künig der christen. Daraus folgt nun, dass das papsttum oder sein reich nit aus gott ist. Darum, dieweil es nit aus gott gewesen ist, hat es angefangen in ihm
[39] gebrauch: ‚Gebräuche‘, ‚Volkssitte‘, ‚Landessitte‘. — [40] regiment: ‚Regierung‘. — [41] Mk 3,23 par. — [42] die sieben mythischen Könige Roms, Romulus, Numa Pompilius, Tullus Hostilius, Ancus Marcius, Lucius Tarquinus Priscus, Servius Tullius und Lucius Tarquinius Superbus, die von 753 bis 510 v. Chr. regiert haben sollen. — [43] zum fürderlichsten: ‚am besten‘, was am schnellsten zum Ziel führt. — [44] Joh 18,36. — [45] Joh 19,15.19.
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selbst sich zerteilen, also dass zwieträchtige 46 consilia 47 gehalten seind worden, zwieträchtige scribenten, 48 je und je anders und anders wieder einander gefunden. Aus dem anfang solcher zerteilung seind entsprungen vielerlei glauben unter der römischen [434 r] kirchen, unter den christen. Der also, der also, und keiner gerecht. Darnach vielerlei sekten der münchen, darnach der nonnen, der pfaffen vielerlei austeilung in bischtum, 49 in primat, 50 in vielerlei ämter etc. Das alles wider einander ist und keins dem anderen gleich. Und aber, dieweil wir nur 51 ein gott, nur ein künig, nur ein erlöser, nur einen Christum gehabt haben, so folget hernach, dass auch nur ein wesen sein soll, dann da ist nur ein gott, ein geist und nit mehr. So 52 soll auch nur ein glaub, ein weg sein und nit mehr. Darum alles, das sich zerteilet, ist nit aus gott. Dann so es in zerteilung gehet, folget die zergehung hernach. Wie ihr gehört habt, dass das reich des papsts nit sei das reich der christen, darum so wird sein reich nit bestohn, allein das reich, in dem Christus künig ist und der sein ordnung geben hat mit seinem eignen mund, ohn rat und hülf der menschen. Und sein lehr, die bleibet, und ander lehr nit; allein was aus seinem geist gehet als in die apostel. Darum so folgt das wort Christi darauf: „Himmel und erden werden zergehn, meine wort aber werden nit zergehen.“ 53 Das ist, der irdische himmel und die irdischen leut und die irdische lehr werden zergehn in ihrem reich, aber mein reich wird nicht zergehen. Nun sagt der papst, dass sein reich aus gott sei. Und aber es ist zerteilt, dass es ein anzeigung gibt, dass nicht aus gott ist, sonder dass es wird zergehn; ursach, es hat sich zerteilt, wie gesagt ist. Was folgt nun jetz daraus? Die zeugnus desselbigen seines reichs, indem dass wider ihn auferstehn aus ihm seine feind, die ihn vertreiben und sich selbst auch verderben, die er ketzer heißt und aposteten 54 seind. Dieselbigen seind eigne zerstörer, seind aus seinem reich und seind die „bella intestina“ 55 in ihnen selbst. Damit zergehet die erden und ihr himmel, das
[46] zwieträchtige: ‚uneinige‘, ‚im Streit liegende‘. — [47] consilia: ‚Kirchenkonzile‘. Besonders im Konzil von Basel (1431–1449) kam es zu Spannungen mit dem Papst und zu einer Spaltung von Konzil und Kirche. Das 5. Lateran-Konzil zu Rom (1512–1517) begann zwar eine Kirchenreform, die aber wegen theologischen Streitpunkten nicht zum tragen kam. — [48] scribenten: ‚Schreibern‘, ‚Schriftstellern‘. — [49] bischtum: ‚Bistum‘. — [50] primat: Zusammenfassung der Bistümer einer ganzen Region oder Nation, dem ein Episcopi Primas vorsteht. — [51] nur] nun L. — [52] so … mehr G. — [53] Mt 24,35 par. — [54] aposteten: ‚Ausgesetzte‘, ‚Ausgestoßene‘. — [55] bella intestina: ‚innere Kriege‘, in Anlehnung an die Bürgerkriege des alten Rom.
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ist, ihr geist, den sie haben, und ihr gewalt auf erden. Es wachsen ihm seine feind aus seinem segen, aus [434 v] seiner salben, 56 aus seiner schul, seiner pflicht, die an ihm vergessen seines reichs ehr und eid. Also werden aus den sekten, aus den teilen andere christen, und doch alles christen des reichs der erden und des himmels, nicht Christi, sondern ärger wird das letzte dann das erste ist. Also dieweil kein teil aus gott da ist, sonder im anfang sein sie geopfert dem teufel, des bleiben sie. Demnach so folget darauf, dass gott an dem reich ein benüegen 57 haben will und ihm ein ende geben. Damit dass dies reich gar zergang, schickt er unter sie die uneinigkeit. Das ist der anfang der zeugnus ihrer selbst. Wie sich Troja, wie sich Rom und andere mehr, demnach sich selbst verloren haben, also da auch. Da folget nun, dass sie einander betrüger heißen, das ist nun wahr, dann sie seind’s. Dass sie einander lügner heißen, das ist nun wahr, dann sie liegent. 58 Dass sie einander falsche christen heißen, das ist nun wahr, dann sie seind auf beiden teilen falsche christen. Dass sie einander falsche propheten heißen, ist alles wahr, dann gott sie nit gesandt, propheten zu sein, sonder zerstörer ihres eignen reichs, ihnen allen zu einem ende. Sie heißen einander antichristen, ist wahr, dann sie löhern 59 ihr reich und lendent 60 ihr reich zum ende, dass zergange. Sie fahent 61 wider einander an. Alles, was sie beide einander zu schmächung, verachtung, zu zerstörung erdenken mögen, das tunt’s. Der papst und die seinen schreien nach dem blut, „töt, henk, brinn, ertrink“ etc. Die andern haben in kurzen jahren viel tausend mann um ihr leben auch bracht, schreien auch, „tod, ertrink“ etc. Das seind ihre frücht, die sie geben, aus denen wir sie erkennen sollen. Das alles seind anfäng der schmerzen und ist aber noch kein end unter ihnen. Dann also ist die göttlich ordnung, dass sie selbst durch ihr eigen schelten einander verderben und ihr reich in jammer enden sollen und mit großem schmerzen in jammer und not mit [435 r] allem ihrem anhang, so in ihr reich sich anhängt, elendiglich auch mit ihnen zergehn werden. Dann also ist die zergängnus des römischen reichs im papst und den seinen, die mit ihm hüeten. 62 Es sei im papst oder in seinen ursachgebern, dass alles ein ding ist. Und ob sie gleichwohl voneinander fallen,
[56] salben: hier ‚Salböl‘. — [57] benüegen: ‚Genügen‘. — [58] liegent: ‚lügen‘. — [59] löhern: ‚verbrennen‘, ‚lassen in Flammen aufgehen‘. — [60] lendent: ‚wenden‘, ‚hinführen‘. — [61] fahent wider einander an: ‚beginnen Streit gegeneinander‘. — [62] hüeten: ‚die Aufsicht führen‘, ‚walten‘.
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so haben sie doch kein anderen könig als den papst. Dann in das reich Christi gehören sie nicht, sonder unter ihren könig, den sie doch ehren und schänden. Noch sein sie in seinem gwalt, wiewohl als emittierten, 63 als abtrinnige, als bankarten, 64 als aposteten. So nähmt jedoch Christus sie in solcher gestalt nit an, also wenig Christus dem Lucifer seine engel, so bei ihm seind, genommen hat von seinem reich, sonder sie ihm gelassen, also wenig nähmt auch Christus dem papst sein gebene und geopferte 65 leut, die er ihm selbst gesalbet hat und nit Christus. Also merkent nun von dem reich des papsts, das ist der unseligen, und von dem reich Christi, das ist der seligen. Der seligen ist Christus könig, wie sein titel laut. 66 Wer sich nun an den eckstein stößet, 67 der wird der unselige sein, das ist, der anderst in das reich gehet dann durch Christum. 68 Wann nit allein sollt ihr verstehn, dass Christus ein könig sei gewesen der jüden in der gestalt der toten jüden, nein, sonder der lebendigen. Er ist ein gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der lebendigen und nit der toten. 69 Und der tüttel 70 lautet also: Jesus nazarenus ein könig der lebendigen, das ist Abrahams, Isaaks und Jakobs und nit der toten jüden. Solchs philosophier jetzund etc. Und so nur die beschneidung ist aufgehebt worden und der tauf angangen, 71 so ist er aber ein könig der lebendigen; das ist ein gott der apostel, ein gott seiner martyrer, ein gott seiner heiligen; das ist ein könig des taufs, der getäuften, der neuen geburt; das ist der lebendigen und nit der toten. 72 Jetzt folgt aus dem, dass er allein ein könig ist deren, die Petrus weidet, 73 und [435 v] nicht der papst ist ein könig der kirchen Petri, nicht auf den felsen romani. 74 Dann er ist nit gewesen ein gott des tempels Jerusalem, sonder Abrahae 75 etc. Da ist kein stein auf dem anderen blieben, 76 dann der tempel ist tot und der toten gott, und ein solcher könig ist Christus nit. Also ist Rom Jerusalem, die apostel Abrahams kinder etc. Und ob sie gleichwohl sagen, sie seient kinder Christi, so seind sie es gleich wie
[63] emittierten] emidirthen L: ‚Ausgestoßene‘. — [64] bankarten: ‚unehelich Geborene‘, ‚Hurenkinder‘. — [65] geopferte: ‚ergebene‘. — [66] Joh 19,19. — [67] Mt 21,42 par. — [68] Joh 14,6, evtl. Joh 10,9. — [69] Mt 22,32 par. — [70] tüttel: ‚Titel‘. — [71] zur Frage der Beschneidung und deren fehlenden Notwendigkeit für nicht jüdischstämmige Christen vgl. Apg 15,1–29; Röm 3,30; 4,9–12; 1Kor 7,19; Gal 6,15; Eph 2,11; Phil 3,3; Kol 2,11. — [72] Mt 22,32 par. — [73] weidet: die Menschen wie ein Hirte beschützt und leitet; vgl. Joh 21,15–17. — [74] Die Kirche ist nicht auf den Felsen des römischen Papstes gebaut. — [75] Abrahae: ‚Abrahams‘; vgl. Ex 3,6. — [76] Mt 24,2.
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die jüden kinder Abrahae. 77 Daraus folget nun, dass sie Christi werk nit tunt, sonder ihre werk, gleich wie Abrahams kinder Abrahams werk auch nit täten. Gott macht kinder aus steinen 78 und nit nach dem blut des samens oder des manns willen, 79 wie er dann in aposteln erzeigt hat und vielfältig in heiden, die nit vom samen seind. Darum ist nun groß zu merken, dass aus dem Christus nit ist, und von dem er nit ist, dass auch das nicht sein ist. Dann er hat’s selbst bezeuget: „Mein reich ist nit von dieser welt.“ 80 Nun ist aber das römische reich des 81 papst von dieser welt. Darum ist es nit ein reich aus gott, auch nit ein könig. Er spricht auch zun jüden: „Warum gehet ihr zu mir mit spießen und waffen, mich zu fahen, gleich wie zu einem mörder?“ 82 Darauf merket nun, er ist nit ein künig gewesen in dem reich, in dem man mit dem schwert tötet, dann er hat nit gemördet. Nun so sehent an den anderen teil in seinem künigreich, wie groß er mördt, und weiter, wieviel er stiehlet, wie ein reißender wolf in den schafen. 83 Das Christus nit ist. Ist gleich ein red gewesen: „Warum laufet ihr über mich mit spießen“ etc., „mich zu fahen als einen mörder?“ Und der mord ist in handen Annae, Kaiphae etc. 84 Die jüden vermeinten, ihr reich wär aus gott; so sie nun Christum kreuzigten, so hätten sie den gewalt ganz. Ihr reich ist aber zergangen und nicht blieben. Der christen reich ist blieben und bleibt in ewigkeit. Das reich aber der christen, die sich selbst aufwerfen und sich zerteilen, die seind [436 r] nit christen von gott, sondern sie seind das reich, das selbsten sich durch sein eigene zerteilung zerstören wird, 85 wie der jüden reich auch. Und was Abrahae kinder seind mit ihres vatters werken, denen ist Christus ein könig. Also was kinder gottes seind mit göttlichen werken, deren ist Christus ein könig. In dem könig ist aller gewalt, macht, kraft, herrlichkeit ohn end in ewigkeit.
Mt 3,2: Agite poenitentiam etc. 86 So aber jemands vermeinte, dass in dem reich der zerstörung ein seligkeit je sollt gesucht werden, dass gar nahend unmöglich zu glauben ist, darum dass Christus sagt: „Ich will nit, dass sie sich bekehren“ etc., [77] Joh 8,39. — [78] Mt 3,9. — [79] Joh 1,13. — [80] Joh 18,36. — [81] des papst] dz Bapst (dz paradeis) L. — [82] Mt 26,55 par. — [83] Mt 7,15. — [84] Joh 18,13. — [85] Mt 12,25 par. — [86] Mt 3,2 par.: „Tut Buße, das Himmelreich ist nahe herbeikommen!“ HS 1545.
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„damit ich sie nit selig mache“ etc. 87 So doch aber etwan einer unter ihnen wäre, der zur seligkeit sollte kommen, so müeßt er durch bußwürkung dieselbig erlangen in Christo. Wie Johannes baptista geprediget hat: „Würket buß des vergangnen lebens.“ Das ist soviel: Tuet eueren falschen betrug, euer erdachte lügen hinweg von euch und gehent in die buß. Das ist, würket buß der großen, unvergeblichen 88 sünde, die ihr in euern leben gefüert habent, dann nahend ist das reich der himmelen. 89 Das ist, euer reich wird zerteilt werden und wird ein beständigs reich angehn. Darum bekehrent euch, würkent buß, auf dass ihr in das beständig komment. Dieweil nun das die predig Johannis vermag, „würkent buß des vorderen vergangnen lebens“, so folget auf das, dass dieselbigen in kein weg weiter amtleut sein sollen Christi oder seiner kirchen. Sonder sie sollen buß würken von der stunde über ihre sünde bis in das end ihres lebens. Dann nit mehr haben sie fürohin zur seligkeit zu tun und kein anderen weg nit, dieweil sie in den sünden in den heiligen geist liegent, 90 als dann eben in dem weg bleiben, den ihn Johannes anzeigt, als dass sie getauft werden. Das ist, [436 v] dass sie abstanden von allem ihrem vergangnen leben; so gar ab von demselbigen, dass sie so wenig vom selbigen wust haben an ihnen als wenig als ein beschüssen 91 tuch oder leinwat, 92 das gewäschen wird von dem alten unflat. Also sollen sie auch sein von dem alten wesen gewäschen. Das ist nun der tauf Johannis in seiner kraft. Also seind diese von Jerusalem zu ihm kommen und den tauf von ihm empfangen. 93 Das ist das wäschen und sich des vorigen lebens gar abtun und sich bekennen ihrer sünden. Also das bekennen ist die bußwürkung; die vermag nicht ein aufhören, sondern in die niniviterbuß, von deren auch Christus sagt; 94 die durch Johanni ist geprediget worden, 95 dass sie dieselbigen an sich sollen nehmen. Und da ist kein aufhören, denn die sünd ist groß. Nun aber, wiewohl dem also ist, dass viel volk zu Johanni kommen ist in Jordan und dass da getauft worden ist, so befänd sich doch da nit anderst, dann dass es das gemeine volk gewesen ist und nit die fürsteher, 96 die geistlichen, die bruderschaft, pröpsten 97 oder dergleichen, und dergleichen unter den jüden ihre tempelhüeter. Sonder es weist [87] Mt 13,15 par. — [88] unvergeblichen: ‚unverzeihlichen‘. — [89] Mt 3,2 par. — [90] Mk 3,29. — [91] beschüssen: ‚verschmutzt‘, ‚mit Kot verdreckt‘. — [92] leinwat: ‚Leinwand‘. — [93] Mk 1,5 par. — [94] Mt 12,41 par; zur Buße der Niniviter mit Sack und Asche vgl. Jona 3,5–10. — [95] Mk 1,4; Lk 3,3. — [96] fürsteher: ‚Vorgesetzten‘, ‚Obrigen‘. — [97] pröpsten: ‚Klostervorsteher‘.
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sich da aus, dass derselbigen keiner den tauf empfangen habe, noch viel weniger ihre sünd bekennent, dass ein sünd sei. Dann der text stehet also, da nun Johannes gesehen viel von den sadduzäern und pharisäern zu seinem tauf kommen (das ist, sie darzu kommen, aber nit empfangen), da hat er ihnen gesagt: „Wer hat euch so wohl unterricht, dass ihr wissent zu fliehen den zukünftigen zoren?“ 98 Das ist: Ihr nattern 99 der welt,100 die alle ding mit ihrem gift verunreinigen, warum nehment ihr nit den tauf an und bekennent euere sünd und nehment buß an euers getonen vergangnen lebens? Vermeinen ihr, ihr seid dermaßen vergwisset,101 dass ihr dem zoren gottes entrinnen werden? Nein, durch euch selbst vermügt ihr’s nit! 102 Auf solches folgt hernach: „Tunt frucht, die gnugsam und [437 r] würdig sein der buß.“ 103 Das ist, stehet von allem euerem fürnehmen ab, es ist alles ein betrug. Darum, wann ihr erkennet denselbigen, so würkent und tunt buß, die da fruchtbar sein für gott und würdig anzunehmen, auf dass euch gott vergebe euer sünde. Auf das hat er ihnen ein warnung fürgehalten, dass sie nit sollent hoffen in vatter Abraham.104 Dann ursach, er ist ihnen selber feind und allen denen, die wider gott seind. Darum so wird ihnen Abraham kein schirm für gott sein. Ob sie gleichwohl seines bluts sein, von seinem samen seind, so haben sie doch nichts von Abraham als allein das geblüet. Das bringt nicht gen himmel, sonder die buß und die frücht der buß bringen gen himmel, in ihre reu und leid, die gnugsam seind durch das, dass sie bewegen damit Christum zur barmherzigkeit. Dann so wenig liegt gott an einem unnützen sohn als wenig als an einem verdammten engel. Das blut hat für gott kein ansehen. Er macht eher aus steinen ein seligen mann, ein kind, ehe er den verlornen sohn annehme. Darauf folget nun das weiter von Johanne, als von einem propheten, dass er sagt: „Jetzt ist die axt an baum gelegt.“ 105 Das ist, es muss geschieden sein, das ihr bisher im vorderen 106 leben verbracht haben, und das neu, das da kommen wird, voneinander. Was ihr heut nit tut, das ist verloren weiter. Dann jetzt ist die axt am baum, die euch abschneiden wird und die wurzen hinnehmen euers lebens von dem ewigen leben, dann es muss ein ende nehmen. Darum, so ihr nit werdent gnugsame frucht tun der bußwür[98] zoren: ‚Zorn‘; vgl. Mt 3,7 par. — [99] nattern G] natur L. — [100] Mt 3,7 par.; Mt 23,33. — [101] vergwisset: von vergewissen, ‚sicher machen‘. — [102] Paraphrase zu Mt 3,7 par. — [103] Mt 3,8 par. — [104] Mt 3,9 par. Sie sollen nicht hoffen, von Abraham aus den Steinen auferweckt zu werden. Vgl. auch weiter unten. — [105] Mt 3,10 par. — [106] vorderen: ‚vorhergehenden‘.
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kung, so wird es euch ergehn wie einem baum, der nit gut frücht gibt. Den hauet man ab und würft ihne in das feuer.107 Also werden ihr euch nit bekehren gnugsam mit würkung der buß, so werden ihr in das ewige feuer geworfen und aus demselbigen nimmermehr kommen, wie auch ein holz eines bösen baums aus dem feuer nimmermehr kommt, sondern zu äschen verbrinnt. [437 v] Darauf sollen ihr nun verstehn, dass diejenigen, so da seind auf dem stuhl Moisi,108 das nattergeschlecht ist in dieser welt.109 Und wie nun befunden wird, dass sie sollten abgestanden 110 sein, also wenig ist auch nit zu verhoffen, dass ihres gleichen darzu kommen werden. Ob gleichwohl sich einer bekehrte aus ihnen, so ist doch nit befunden worden, dass aus demselbigen die zahl der apostel genommen sei worden und ihn gar von gott, das ist von Christo, nichts vertraut noch zugestellt, sonder sie lasset abziehen von Christo. Gehent hin und sündiget nit mehr. Das ist, das du geton hast, das tu nimmer. Solches alles, wie ich euch dafür halte, geschicht aus der ursach, dass wie Johannes zu den pharisäern und sadduzäern geredt hat, zu denen in dem reich Rom auch mag gesagt werden. Ihnen aber unter ihnen selbst also zu verstehn, dass sie unter ihnen selbst werden aufbewegen, prediger wider sich selbst, und die werden gleich sagen: „Wir seind christen, ihr seid’s nicht.“ Das sollen wir nun nit glauben, ursach es seind doch die jüden unter ihnen selbst auch zwieträchtig gewesen als die pharisäer, sadduzäer, essäer 111 etc., das seind alles besondere sekten gewesen, aber allesamt von Christo nit angenommen worden, sonder sie seind in den spruch gefallen: „Ich kenne euch nit, ich weiß nit wer ihr seid. Gehet hin in das ewige feur, die ihr nichts gutes gewürkt haben.“ 112 Schauet nur der, so da nichts bsitzen. Wiewohl sie haben in seinem namen geprediget, teufel ausgetrieben etc., noch so kennt er sie nicht etc.113 Darum jetzt im neuen testament auch also. Sie seind wider einander, darum dass sie viel krieg machen, viel hungers, viel teurung, viel blutvergießen. Dann sie seind die, von denen Christus sagt: „Es werden falsche propheten, falsche christen etc. auferstehn und viel verfüeren.“ 114
[107] Mt 7,19. — [108] Mt 23,2, der Stuhl des Mose, auf dem die Schriftgelehrten und Pharisäer sitzen. — [109] zur Bezeichnung der Pharisäer und Sadduzäer als „Progenies viperarum“ in der Vulgata, als „Otterngezücht“ bei Luther (1545) bzw. als „Schlangenbrut“ in der Lutherbibel (1984) vgl. Mt 3,7 par.; 23,33. — [110] abgestanden: ‚ausgegrenzt‘, ‚abgesondert‘. — [111] essäer: ‚Essener‘ oder ‚Essäer‘; sie bildeten neben den Pharisäern und den Sadduzäern die dritte wichtige religiöse Gruppierung des Judentums. — [112] Mt 25,12.41. — [113] Mt 7,22 f. — [114] Mt 24,4 f.
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Das seind die, die da „bella intestina“ 115 machen und sich teilen untereinander und das volk um leib und leben bringen wöllen, um dieselbige ihr weib und kind. Und ihre üppige frücht seind ärger [438 r] dann in Tyro und Sidone, sie seind Betsaida, sie seind Cherazim,116 Gomorra 117 etc. Würd leuchter 118 bestehn am jüngsten tag 119 und 120 Ninive, dann sie haben in Ninive buß geton, diese aber tunt’s nit.121 Darum, so merkent nun weiter, dass im neuen testament, jetzt zu meinen zeiten, solche sadduzäer, pharisäer, ältesten viel seind und viel verfüeren.122 Sie schelten die alten ständ, aus dem sie entlaufen seind, und doch in derselbigen salben sterben müeßen. Sie sagen: „Wir waren hurer, wir waren spieler, saufer und aller üppigkeit voll. Wir haben’s verlassen und seind ehelich worden. Wir predigen jetzt im namen des herren das evangelium und seind jetzt seine propheten, seine apostel, sein scribenten.“ 123 Auf das merkent, dass sie sich selbst dahin einsetzen. Sie seind von Johanne gefordert in die buße, die würdig wären ihre sünden zu vergleichen und würdig sein von gott anzunehmen. In die buß gehet ihr keiner, dann nur von einer huren in die krünne 124 derselbigen huren, oder sonst von einer kuchen 125 in ein andere, von eim weißen rock in ein grüen. Wo ist die buß euer sünden des vergangnen lebens? Nirgends ist sie. Euer keiner hätt nie zäher darum geweinet, es sei ihn dann in der kuche der fisch verdorben. Deshalb gehören ihr nit weiter zum predigen. Dann ihr seid eben auch die, wie euer gegenpartei, von den ihr entlaufen seind, von denen Christus sagt: „Herr, herr, lass uns ein. – Wer seid ihr? – Wir seind die päpste, wir seind die apostel. Tue auf, lass uns ein. – Ich kenne euch nit, weiß nit wer ihr seind.“ 126 Da wird eur prophezeien und verkündigung des wort gottes nit fürgenommen, sonder dem urteil werd ihr zugeschickt. Nun sehent an die bußwürkung Mariae Madalenae, wie sie mit ihren trähern 127 von ihren augen Christo seine füeß gewäschen hat.128 Wo bleibt nur euer
[115] bella intestina: ‚innere Kriege‘, in Anlehnung an die Bürgerkriege des alten Rom. — [116] Cherazim] Cheratzim L: ‚Chorazin‘; zu Chorazin, Betsaida, Tyrus und Sidon vgl. Mt 11,21 par. — [117] zur Zerstörung von Sodom und Gomorra vgl. Gen 19,24; Dtn 29,23; 2Petr 2,6; Jud 1,7. — [118] leuchter: ‚leichter‘. — [119] Mt 11,22 par. — [120] und: hier ‚wie nämlich‘, ‚wie auch‘. — [121] Mt 12,41 par.; Jona 3. — [122] Mt 24,5. — [123] wohl Anspielung auf die Prediger der evangelischen Bewegung. — [124] krünne] crüne L: ‚Krinne‘, ‚Kerbe‘, hier wohl in der Bedeutung von ‚Vagina‘. — [125] kuchen] küe L; kuchen G. — [126] Mt 25,11 f. par. Paraphrase zu dem Gleichnis von den zehn Jungfrauen. — [127] trähern] thräern L: ‚Tränen‘. — [128] Lk 7,38.
A1. Prologus totius operis christianae vitae
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buß, die ihr viel mehr gesündet habt? Wo bleiben oder wo seind hinkommen euer tränen von augen um euere sünden, die Madalenae [438 v] gleich wären etc.? Und sie hat allein in vatter und sohn gesündet, nit in heiligen geist! Ihr seind in den sünden des heiligen geists.129 Wieviel mehr sollen euere trähern sein, die nit groß seind? Wo ist euer ninivitische buß? 130 Da ist keine und seind ärger, dann Niniven gewesen. Und wollent gleich darum (dass ihr euern könig schänden) mit Pilato die händ wäschen und unschuldig stehn.131 Nit also! Nit gleich von der hure wärme in ein solche andere wärme zu gehn! Ob du gleich dir ein ehe machest etc., was darf gott deiner kinder? Warzu seind sie nutz, dann verlorne kinder zu sein, endchristen 132 in der welt, ein schand vor den ehelichen? Volk, du gehe in die buß! Dir ist das predigamt nit befohlen. Zu gleicher weis, als ihr offentlich sehent, dass Christus aus den templen kein apostel gewöhlet 133 hat, sonder die apostel von andern genommen, von fischern,134 von zöllneren 135 und von gemeinem volk und die ihme selbst gelehrt durch seinen mund und durch den heiligen geist, der von seinem vatter und von ihm ausgehet, erleucht und gelehrt; und nicht die templer, sadduzäer, pharisäer, essäer 136 etc., und dieselbigen in seine zahl keinen genommen. Und allein den apostlen den gewalt geben zu predigen das evangelium und nit anderen auf dem stuhl Moises,137 auf dem ihr sitzent. Darum, so nun euer reich zergehn will und sehet an, dass solchs selbst zertrennen und zergehn müsst lassen, so wird’s einander nach zergehen. Dass ihr aber wöllent euere händ waschen und Christum predigen und weissagen von ihm, ein neues und ein gerechtes evangelium herfürzubringen, das ist nit und mag nit sein, dann das reich, das Christi ist, in dem er könig ist, auf dem sein titel stehet, dass er ist ein könig der lebendigen und nit der toten.138 So wird er von euch dieselbigen priester und apostel und propheten nit nehmen, sonder wird’s nehmen aus den seinen in seinem reich. Darum seind ihr alle in der zahl der falschen christen und falschen propheten,139 die Christus nit kennt etc.
[129] Mk 3,29 par. — [130] Mt 12,41. — [131] Mt 27,24. — [132] endchristen: ‚Antichristen‘; zum Anti- oder Widerchrist vgl. 1Joh 2,18–27; 4,1–3; 2Joh 1,7. — [133] gewöhlet: ‚gewählt‘. — [134] Mt 4,18–22. — [135] Mt 9,9. — [136] essäer] eliseer L: ‚Elisäer‘, Bewohner des Elysiums, was hier keinen Sinn macht, deshalb lautet die korrekte Lesart eher eseer, ‚Essäer‘ im Sinn von ‚Essener‘. — [137] Mt 23,2. — [138] Mt 22,32 par. — [139] zu den falschen Propheten und Christussen vgl. Mt 7,15; 24,5.11; Mt 24,23 f. par.; 2Kor 11,13; 2Petr 2,1; 1Joh 4,1; Offb 16,13; 19,20; 20,10.
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Lesetext – Liber de vita beata
Bedenkent nur allein euere sünd, die ihr nit mögen bezahlen. [439 r] Nämlich ihr wissent, dass Zachäus 140 sagt: „Hab ich jemand betrogen, dem will ich vierfältig wiedergeben.“ 141 Nun rechent aus euer große hurerei, die ihr gebraucht habt, wie wöllt ihr’s vierfach vergelten? Es ist nit ein sünd, als der gold stiehlt. Da ist es müglich, wiederum vierfach zu bezahlen. Das euer ist unmüglich. Allein in die buß gehn, nimmermehr zu solchen sachen gedenkent. Wo fendet 142 ihr, dass Maria Madalena sei in die ehe gangen? Ist sie nit ledig blieben und ihre sünde in ihrem leben bereuet? 143 Seid ihr propheten, seid ihr doctores, seid ihr ecclesiasten 144 und etc., und wissent einer jedlichen laus auf der adern zu lassen, hörent das gras wachsen? Warum sehent ihr auch nit euere sünd an? Warum hörent ihr nit die buß Mariae Madalenae? Ihr habt keine ohren in euch, kein augen in euch, allein auf andere. Damit würd erfüllet die red des propheten: „Sie haben ohren und hörent nit, haben augen und sehent nit.“ 145 Und ihr sagent, es sein die hülsenbilder,146 werden da verstanden. Und da wird sonst niemands verstanden, dann eben ihr selbst! Ihr seid’s,147 von den die geschrift sagt, die götzen in der kirchen seind’s fürwahr nit.148 Sie habent kein arges geton, haben auch nit gesündet. Ihr seind hölzine prediger, hölzine pfaffen, hölzin propheten. Damit nun das los nit auf euch fall, so müeßent’s die alten götzen sein. Die müeßen euere laster verdecken und vermäntelen. Es weißt ein jedlicher baurnknecht wohl, dass sie nit sehent, nit greifent, nit reden. Der prophet hätt’s ihnen nit dörfen weissagen. Er hat aber euch gemeint und troffen. Das schmeckt nit ein jedlicher baurenknecht. Nun, wie wollt ihr vierfach wiedergeben die wohl, so ihr habt abgeschnitten von den schäflein Christi, sie verfüert in dem namen des her-
[140] Zacheus G] Zacharias L. — [141] Lk 19,8. — [142] fendet: ‚findet‘. — [143] Die alte kirchliche katholische Tradition vermischte die Sünderin Maria Magdalena, die Jesus zur Buße die Füße wusch (Lk 7,37–50), mit Maria von Bethanien, der Schwester Marthas und des auferweckten Lazarus (Lk 10,38–42; Joh 11,1–45) und Maria von Magdala. Die letztere war bei der Kreuzigung (Mt 27,55 f.) und Grablegung Jesu anwesend (Mt 27,61 par.) und entdeckte mit anderen am Ostermorgen das leere Grab Jesu (Mk 16,1–5 par.). Ihr begegnete als erster der auferstandene Christus (Mk 16,9 f. par.). Diese drei in der alten Tradition miteinander identifizierten Marien werden in der Bibel nicht als Ehefrau oder Mutter einer anderen Person erwähnt. Paracelsus betrachtet sie deshalb als ehelos. — [144] ecclesiasten: ‚Kirchenmänner‘, von ecclesia, ‚Kirche‘. — [145] Mt 13,14 in Anlehnung an Jes 6,9 f. und Ps 115,5 f. — [146] hülsenbilder: leere Abbilder ohne inneren Kern, hier im Sinn von ‚Götzenbilder‘. — [147] seid’s] sayt L. — [148] Paracelsus will den Spruch direkt auf die falschen Kirchendiener verstanden wissen und nicht auf Heiligenbilder.
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ren mit euer betrug? Es seind all euere sünden so groß, dass ihr nichts habt wieder zu bezahlen. Soll es aber müglich sein, dass euch sollen euere sünd vergeben werden, so muss es durch die bußwürkung kommen, [439 v] die solches erstatt in die göttlich barmherzigkeit. Ist zu besorgen, werden ihr nit kommen ohn dieselbigen wie Maria Magdalena und Zachäus und Matthäus etc., dann ihr habt die gnad von gott nit, dass euer augen weinen. Darum seind es augen und sehent nichts. Sie weinen nichts, seind gleich erstummet und ertötet wie die hölzine bilder. In der gestalt ihr nun propheten genannt werden, doch dass man euch dabei verstand. Euer kehlen und schlund und zungen seind hölzin und euere herzen. Dann ihr schreient nit zu gott, ihr seind hölzin in allen euern fünf sinnen. Und soviel in den hölzin bilderen ist, die zuletzt in das feuer gebührent,149 also ist es mit euch auch. Ihr seind die ehebrecherische art und nattern und deren üppigen vipern-, otterngeschlecht. Aus den tieren wird kein mensch, sondern schlangen und baselisken 150 werden aus ihnen, nit gesandten von gott, nit menschen der neuen geburt, sonder würme in abgrund der hellen. Also verstandent nun, dass der tauf Johannis zur buß füert und weiset.151 Nun ist er der, der den weg zum herren richtig macht.152 So nun er derselbig ist, durch den der anfang geschehen soll, so müeßen wir sein tauf zur buß annehmen.153 Alsdann haben wir ein richtigen weg zum herren. Der aber da nit anfacht 154 aus der rott 155 der primaten,156 fürsteher,157 der kommt zum herren nit. Darauf so folget nun ein ander tauf, der zum herrn kommt durch den weg und wegweisung Johannis. Er sei von sünden wie er wöll, dem wird der ander tauf gegeben. Das ist, der wird noch einmal getauft, aber nit vom menschen, sonder von gott. Nit mit wasser allein, sonder mit dem heiligen geist, mit feur.158 Nit das feur von den falschen christen, der heilig geist erleucht ihn. Das ist der rechte tauf zum anderen mal. Der nun nit also zum herren kommt in dem weg durch die lernung 159 und predigung Johannis, wie er lernet, der wird zum andern mal nit getauft. Wird er zum andern
[149] gebührent: ‚gehören‘. — [150] baselisken: ‚Basilisken‘. Der Basilisk ist ein mythisches drachenartiges Tiere, das als König der Schlangen gilt. — [151] zur Taufe des Johannes mit Wasser zur Buße vgl. Mt 3,11 par.; Joh 1,26.31.33; 3,23. — [152] Mt 3,3 par. — [153] Mk 1,4. — [154] anfacht: ‚anfängt‘. — [155] rott: ‚Rotte‘, ‚Schar‘, ‚Haufe‘. — [156] primaten: ‚Vorgesetzte‘, ‚Obere‘. — [157] fürsteher: ‚Vorsteher‘, ‚Vorgesetzte‘. — [158] zur Taufe mit dem heiligen Geist, die über die Taufe des Johannes mit Wasser hinaus geht, vgl. Mt 3,11.16 par.; Joh 1,32 f.; 3,5 f.; Apg 11,16; 1Kor 12,13. — [159] die lernung: ‚das Lehren‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
[440 r] mal nit getauft, so hat er auch den heiligen geist nit, so ist er auch nit im namen des herren ein gesandter oder von Christo auserwöhlt, sonder sein geschwätz ist von dem geist, den er auf andere legt. Es mag ein jedlicher reden, klapperen,160 schwätzen, der sachen ein gestalt geben: Das volk ist gleich glaubens, wann es ist leuchtfertig in ihren herzen, seind wie das rohr.161 Darfst du ein solcher christ sein, das volk darf’s auch sein. Sollent krieg und hader werden, so muss solches leuchtfertigs volk auch darzu kommen. Da ist aber noch kein heiliger geist nit, aus dem sie reden. Schelten also einander mit der wahrheit, du hast den teufel. Es ist also. Gott behält aber nit desto minder in seiner hand die wurfschaufel.162 Lässt sie ihren betrug auf ihren termin treiben, den sie nit übergehn mögent. Alsdann wird er die spreuer 163 mit einem unüberwindlichen feuer verbrennen.164 Das seind nun ihr des reichs, das zergehn wird.
[160] klapperen: ‚plappern‘. — [161] Mt 11,7. — [162] Mt 3,12. Mit einer Wurfschaufel wurde die überflüssige Spreu vom Weizenkorn geschieden. — [163] spreuer: ‚Spreu‘. — [164] zum ewigen Höllenfeuer vgl. Mt 3,12 par.; 5,22; 18,8 f.; 25,41; 2Thess 1,9 f.; Hebr 10,27; Jud 1,7; Offb 20,10.
A2. Liber prologi in vitam beatam
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A2. Liber prologi in vitam beatam Vorrede zum seligen Leben [210 r] 1 So nun ein guter baum ohn gute frucht nit sein mag und ein guter baum mit guten früchten von guten samen soll gesäet werden in den acker, in den er gehört, der auch gut sei, 2 ist nun das die ursach hie, von dem seligen leben zu schreiben, denen, so zum guten boume verordnet sein und begehrent. Dann niemands ist der, der nach seim tod selig müge sein, er sei dann uf erden geseliget und darzu erwählt und gezogen worden. 3 Dann so nun uf erden der mensch das sein muss, das er will nach seim tod sein, ist not, dass er dohin tracht und denk, dass er uf erden das werde, wie er nach seim tod sein will. Ein böser som 4 gibt bösen baum und nachfolgt böse frucht, und ein guter som guten baum und gute frucht. Dass aber der böse som ein mensch sei, das ist er nit; dass der gute som ein mensch sei, ist er auch nit. Der gute sam ist gott, der böse der teufel, der mensch der acker. Kommt der gute som in menschen, er wächst us ihm. Kommt der bös sam in menschen, er wächst us ihm, dann der mensch ist der acker und sein herz sein baum, sein werk sein frucht. Mag nit ein acker, der böse frucht trägt, gereutet 5 werden und von der bösen frucht gesäubert und ein gute darein gesetzt, oder mag nit ein wilder stock zahm werden? Und fast 6 wohl! Mag dann nit auch ein guter acker mit bösem samen gesäet [210 v] werden? Auch wohl. Also mag der acker gezogen werden nach dem samen, und nit der samen nach dem acker, dann der same regiert den acker. Der acker ist nit herr über den samen. Wird ein guter samen gesäet in acker, so wächst ein guter baum herus, dann kein guter sam wird nit gesäet, der acker sei dann do. Kein böser som wird auch nit gesäet, der acker sei auch dann do. Ob man sagt, es werd zweierlei acker, guts und bös, 7 der bös im bösen, der gut im guten, das ist nit. Alle menschen seind gleich ein acker und weder gut noch bös, sonder ein mittels. Der sam aber macht den acker fruchtbar. Und nachdem 8 und er ist, fällt ein guter som in acker und der acker nimmt ihn an, so ist er gut. Fällt ein böser darein [1] H: H 1 210 r–222 r; M: ME 69–86. — [2] Mt 7,17–20 par.; 12,33. Das Gleichnis vom guten Baum, der gute Frucht trägt, kann als ein Leitmotiv des «Liber de vita beata» bezeichnet werden. Es erscheint hier vermischt mit dem Gleichnis vom guten oder schlechten Samen, der in den Acker gesät wird, vgl. Mt 13,24–30.36–42. — [3] Joh 6,44. — [4] som: ‚Same‘. — [5] gereutet: ‚gerodet‘. — [6] fast wol: ‚durchaus‘. — [7] bös: ‚Böses‘. — [8] nachdem und: ‚so wie‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
und er nimmt ihn an, so ist er bös, nit aber dass der acker an ihm selbst bös sei oder gut. Er ist gleichwie ein wasser, was farben darein fallen, die färben das wasser. Dass aber Christus spricht und Johannes baptista, „ihr ottergezicht“ 9, das ist soviel als ein acker, der nichts soll, in den nichts guts zu sehen ist als in ein schlangen, ottern 10 etc. Darin ist kein adler zu suchen noch zu sehen. Was ist aber die ursach? Die ist sie: So der mensch sich gegen dem bösen neigt und empfacht 11 den bösen samen und trägt denselbigen baum, so mag kein guter samen in denselbigen fallen noch grünen; der bös ersteckt 12 ihn. Nun fürhin tut gott das, entsetzt 13 diesen acker [211 r] von guten samen und beraubt denselbigen, lässt ihn öd und leer liegen in guten dingen und mit distel überwachsen. Dann do ist der punkt zu merken, dann der mensch hat den verstand des guten und bösen,14 und das us dem paradeis gebracht.15 Dieweil er nun den verstand hat und weißt 16 das, und weißt hierauf, was uf das bös folgt, was auch uf das gut folgt, und nimmt über das den ersten somen an mit seinem freien guten willen, und wohl betracht über sein gewissne, do sein herz ist, so wird das daraus, dass ihn gott uf solche gewissne lässt fahren und machen. Und uf dasselbige folgt hernach, dass im selbigen kein guter som gründen mag. Und also wird erfüllt das exempel, wie Christus sagt, dass etlicher som fiel in guten weg, etlichs in die dörn, etlicher uf den felsen.17 Keiner gieng herfür, als allein, der in guten acker fiel. Das ist der gute acker,18 der do erkennt in seiner gewissne guts und bös, und weißt, was ihm zu beeden seiten darauf stehet, und verlässt das bös und nimmt das gut. Das ist der bös acker, der auch guts und bös verstehet, und verlässt das gut und nimmt das bös. Also was in den acker fällt, das fällt mit des ackers willen, dann der acker ist nit unempfindlich, ist nit tierisch, ist nit ohn vernunft, sonder er ist ein acker, der guts und bös weißt, und nicht, dass er muss annehmen, was ihn 19 treib in saat, sonder das er will, das wird in ihn gesäet. Will er guten, er wird in ihn gesäet, will er bösen, wird aber in [211 v] ihn gesäet. Also, nach wem der acker dürst, dasselbig trank wird ihm geben. Wornach ihn hungert, dieselbig speis wird in ihn gesäet. Also seind vielerlei hunger [9] Mt 3,7 par.; 12,34: „progenies viperarum“, VlgSt, „ihr Otterngezüchte“ HS 1545, „ihr Schlangenbrut“, LB 1984. — [10] ottern: ‚Vipern‘. — [11] empfacht: ‚empfängt‘. — [12] ersteckt: ‚erstickt‘. — [13] entsetzt … samen: ‚entfernt … Samen‘. — [14] zum Wissen um Gut und Böse vgl. Gen 2,9.17; 3,5.22. — [15] gebracht] gebraucht H. — [16] weißt: ‚weiß‘. — [17] Mk 4,1–9 par. — [18] acker] äcker H. — [19] ihn treib in saat: ‚in ihn gesät wird‘.
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zum bösen, vielerlei zum guten. Vollendst 20 du’s zum bösen, vollendst auch zu gutem. Us dem entspringt nun vielerlei frucht der bösen, vielerlei frucht der guten. Itzt sagt man, soviel häupter, soviel sinn, soviel bäum, soviel andere frucht, von der beiden, guten und bösen. Man möcht uf das sagen, wir hätten den freien willen, tun oder nit. Das ist nit. Wir mögen nichts tun, gott geb’s dann. Der bös tut, dem muss gott das bös da geben, sonst mag er’s nit tun. Der guts tut, dem muss gott geben, er mag’s sonst auch nit tun. Wie kann dann der mensch tun, was er will, so er doch nit kann ein haar weiß oder schwarz machen? Der hat seinen freien willen, der kann und mag tun, was er will, und ist niemands über ihn, und niemands, der es ihm müg wenden. 21 Wer ist der? Allein gott. Sagst du: „Ich mag den erstechen oder mag’s lassen, das stehlen oder mag’s nit stehlen, ehebrechen oder nit brechen, ich hab’s in meinem gewalt.“ Welcher ist der, der solchs reden müge? Niemands. Dann ob gleichwohl tausend gulden vor dir lägen, und du wolltest 22 tun, so mag gott soviel, dass du im griff erlahmest und nichts siehest, und nit weißt, wo du bist, und macht dich unsinnig, 23 toll etc. Wo ist itzt, das du tun magst, was du willt? Tust du’s, gott staht [212 r] still. Bist darum nit, der du meinst, dann der tod bricht dir dasselbig. Das ist’s aber, du bist ein acker. Du magst an dich nehmen, wen du willt, darzu bist du frei, gut oder bös. Nimmst bös, so tut’s der teufel, du nit. Sagst du, „ich habe das geton aus meinem freien willen“? Nein, der teufel hat’s geton, des 24 ist die ehr und das lob. Du hast aber als ein acker den bom in dich gepflanzet. Nimmst du ein guten somen an dich und machest toten lebendig, ussätzigen rein, treibest teufel us, du magst darumben nit sagen, „ich mag’s tun oder nit“, dann du tust’s nit. Gott ist der, der es tut. Warumben kannst du dich dann berüemen, du magst oder nit tun oder lon. 25 Ist nun gott in dir, so wirkest du us gott, 26 ist der teufel in dir, so wirkest du us dem teufel. Als ein gleichnus: Die apostel hätten gott in ihnen, 27 sein heiligen geist etc., darum machten sie die toten lebendig und reden mit feurigen zungen die wunderwerk gottes. Die besessen menschen hätten den teufel in ihnen, derselbig plärrt und redt und brüllt us ihnen. 28 Nun sich, 29 wer do sein freien willen hab, die apostel oder die besessen, nämlich keiner teil. Die
[20] vollendst du’s] vollendts duß: ‚vollendest du es‘. — [21] wenden: ‚abwenden‘. — [22] wolltest: wohl ‚wolltest es‘. — [23] unsinnig: ‚unverständig‘. — [24] des: ‚dessen‘. — [25] lon: ‚lassen‘. — [26] Joh 3,21; 6,28 f.; 8,41; 10,25; 1Joh 3,7–10. — [27] Mk 3,13 par.; evtl. Mt 17,19 f. — [28] Mt 8,28 f. par. — [29] sich: ‚siehe‘.
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apostel verbrachten 30 den willen gottes, die besessen den willen des teufels. Also ward erfüllt in den aposteln der will gottes, in den besessenen der will des teufels, noch 31 hat der mensch keinen freien willen do. Darumben so müssen wir die phantasei liegen lassen und den dingen nit nachsinnen, indem dass wir [212 v] uns soviel und mehr zulegen, dann wir haben. Secht an 32 ein groben und unverstandnen menschen. Do möcht auch gesagt werden, er hat sein freien willen ze tun oder lon. Und aber er weißt nit zu tun oder zu lon, ging also wie ein toll mensch, der weder von gott noch vom teufel weißt und entwederm 33 nachdenkt, hat 34 sein bauch für sein gott, weißt weder herkommen noch hinkommen. Was soll der hon, 35 ein narren, ein esel, ein dölpen? 36 Ist dann einer witzig 37 und tut bös, er muss zahlen. 38 So er nun zahlen muss, was ist sein freier will, das nit ohne schaden usgeht? Was die seel antrifft, do haben wir kein freien willen. Das ist, im seligen leben haben wir keinen, auf erden aber, in dem haben wir ihn. Ein hafner mag ein hafen machen oder ein kachel, so ihm gott zusagt die kraft zu geben in sein handwerk. Was ist aber das? Gott gibt uns das leben, kraft, macht etc. So wir nun dasselbige hont, die zu gebrauchen, gott oder dem teufel, dem nächsten oder uns. Wer ist aber der, der das für ein freien willen schätz, dieweil der henker hinter ihm stehet, mit dem schwert zu richten? Als wenig als ein acker vermag zu tun, was er will, als wenig du auch. Aber er hat die macht, frucht zu tragen, distel oder trauben, gilgen 39 oder dörn. So er nun distel und dörn trägt, so stechen die dörn, der acker aber nit. Also auch, trägt er trauben und gilgen, so neust 40 man dieselbigen, den acker aber nit. Darum so folgen uns nach unsere werk, 41 das ist, [213 r] unsere werk seind in der auferstehung der menschen; und der mensch ist sein frucht, die us ihm gewachsen ist; und der acker ist 42 der würmen und soll nichts. Wie kann do sein, dass der mensch vermein, er sei’s und legt ihm soviel gewalts zue? Dann also vermeint auch Lucifer, do er im himmel war, er möcht tun, was er wollt, und er tat’s. Do fiel er us dem himmel herab. 43 Wo meister[30] verbrachten: ‚vollbrachten‘. — [31] noch: ‚demnach‘. — [32] secht an: ‚betrachtet‘. — [33] entwederm] endtwederm: ‚keinem von beidem‘. — [34] hat: ‚hält‘. — [35] hon: ‚haben‘. — [36] dölp: ‚ungeschickter, täppischer, alberner Mensch‘. — [37] witzig: ‚verständig‘. — [38] zahlen: ‚büßen‘. — [39] gilgen: ‚Lilien‘. — [40] neust: ‚genießt‘, ‚hat Nutzen‘. — [41] Offb 14,13. — [42] ist der würmen: ‚gehört den Würmern‘. — [43] Vom gefallenen Engel Lucifer, der sich wie Gott gebärdete, berichten die Stellen Jes 14,11–15; Offb 12,7–9; 2Kor 11,14; Judas 1,6. Den Namen „Lucifer“ in Jes 14,12 gebraucht einzig die Vulgata, während Luther mit „schöner Morgenstern“ übersetzt.
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schaft 44 ist, do ist kein freier will. Der aber kein meister hat, derselbig hat den freien willen, der ist gott. Und wir seind die allein, so hie uf erden fechten 45 und wandlen, dass wir ein somen überkommen. Und wie derselbig us uns wächst, also handlet derselbig. Hie ist viel acht zu haben uf das wort gottes, do er gesprochen hat: „Mich hat gereuen, dass ich den menschen gemacht hon.“ 46 Dann ursach, 47 so gar vom grund soll geredt werden, so merken das exempel. Einer, der do geschickt ist und versteht die vernunft, erkennt gott und das gerecht und die liebe und die wahrheit, und wandlet in demselbigen. Und derselbige kommt an ein ort, do findt er bauren, burger, edelleut, münich, 48 pfaffen etc., und dieselbigen ein teil ist so geitig, 49 dass sie weder gottes etc. art nit achten. Der ander teil ist so grob, so eslich, 50 dass er weder von gott etc. nit hören will. Und sicht also, dass beide teil allein sinnen zu dem, das wider gott ist, und wellen gar nit erkennen noch begehren zu [213 v] kennen. Sollt aber der meister, der solche leut sicht, nit gedenken, es muss den billich reuen, der sie gemacht hat, dass er’s gemacht hat? Dann sie sollen nirgend zu nichts, sonderlich zu dem, darzu sie geschaffen seind. Wem wollt nur ein solch volk gefallen? Dieweil nun das augenscheinisch ist, dass gott den menschen beschaffen hat und denselbigen nun fast 51 wohl witzig, geschickt, hübsch etc., 52 und aber seine kinder stahnt 53 also wie der vatter, sollt gott nit reuen, ein solchen büffelbauern, büffeledeln, der so gar an gott nit sinnet, dass er Adam gemacht hab? Nit dass Adam ihne gereuen hab noch Abraham, noch Jesse 54 etc., sonder den Kain und andere seine nachfolger in seinem leben. Christus, der nu ein neuen menschen beschaffen hat, 55 der hat die geburt anderst gesetzt. 56 Nit dass ein jeglicher sein sun sei, sein kreatur sei, darum, dass er von sant Peter geborn sei oder von sant Paul, sunder in die geburt hat er’s 57 gesetzt, die in gott geborn seind. Itzt werden die nach dem fleisch nit, wie us Adam, sonder usgeschlos[44] meisterschaft: hier ‚Herrschaftsverhältnis‘. — [45] fechten: ‚uns darum bemühen‘. — [46] Gen 6,7. — [47] dann ursach: ‚dies deshalb‘. — [48] münich: ‚Mönch‘, ‚Mönche‘. — [49] geitig: ‚gierig‘, ‚geizig‘. — [50] eslich] eßlich H: ‚eselsartig‘. — [51] fast: ‚gar‘, ‚sehr‘. — [52] Gott hat den Menschen erschaffen und dazu erst noch mit Verstand begabt, geschickt, schön usw. — [53] stahnt: ‚stehen da‘. — [54] 1Sam 16,1ff; 1Chr 2,13; Jes 11,10; Mt 1,6; Röm 15,12. — [55] Im Folgenden nimmt Paracelsus Bezug auf ein weiteres Leitmotiv seiner Theologie, nämlich die Geburt des neuen Menschen oder der neuen Kreatur aus Christus, vgl. Joh 1,12 f.; 3,3–8; 2Kor 5,17; Gal 6,15; Eph 2,10; 4,23 f.; Kol 3,10; Tit 3,5; Jak 1,18; 1Petr 1,3; 1,23. Dabei gilt es den alten, von Adam abstammenden und den sinnenfreudigen Menschen zu überwinden, vgl. Röm 6,6; Eph 4,22; Kol 3,9. — [56] gesetzt: ‚eingesetzt‘. — [57] er’s: ‚er sie‘.
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sen, die do nichts sollen. 58 Adam muss alle die für kinder hon, sie geraten wohl oder übel, so seind sie seines bluts, vor und von ihm do. Aber Christus hat’s nit also geschaffen, sonder er hat’s geschaffen, uf dass er nit zu rue käme seiner kreatur wie sein himmlischer vatter. Darum nit in das blut der menschen noch in dem willen des mannes, sonder in dem willen, den sein himmlischer vatter zu ihm zeucht, 59 [214 r] derselbig ist us ihm geborn. Also werden die groben nebulon 60 und die geudigen, 61 die kainisten 62 etc. abgesondert; obgleich ihr vatter Abraham wäre, so ist der sun darum nit Abrahams blut. Dieweil in solchem ein verständnus genommen werde, dass in Adam niemands selig wird, darum dass er so böse kinder hat; des 63 berühmt ist, seinen kindern nichts nutzlich noch hilflich zu sein in jener welt, sonder 64 also geschieden, dass ein jeglicher sein bürde selbs tragen wird und muss, und niemands für den andern, und im selbigen fleisch Adae kein seligkeit ist noch gefunden wird, und ein ander fleisch do muss sein, in dem der mensch uferstehen muss zu den seligen in das reich gottes, uf solchs ist nun Christus geborn und mensch worden im blut und fleisch, nit von Adam, sonder us dem heiligen geist. Darumben so hat er ein neue kreatur ufgericht, 65 dass allein die, so in ihne glauben, 66 werden wiedergeborn und geschaffen, aber in das fleisch und blut, das durch den heiligen geist wird. So es nun vom selbigen muss kommen, so ist da die fürsichtigkeit 67 des sohns gesein, dass ein jeglicher, der do will sein ein sohn gottes, gefleischt us dem heiligen geist, derselbig muss am ersten glauben in den, den gott gesandt hat, Jesum Christum, seinen sohn, und denselbigen hören. 68 Itzt uf das folgt, dass der mensch kein sun 69 himmlisch geburt, allein irdisch. Der aber himmlisch sein will, der glaub und hör Christum, itzt [214 v] ist er ein sun gottes, wie gemeldt. Itz ist weiter zu merken, dass der mensch der alten kreaturn gott des vatters, der also büfflich 70 und eslich 71 ist, auch viechisch, wolfisch etc., soll unterricht und gelehrt werden von
[58] Sie werden wegen mangelnden Qualitäten ausgeschlossen und nicht auf Grund ihrer leiblichen Herkunft oder Geburt von Adam her. — [59] zeucht: ‚zieht‘. Vgl. Joh 6,44. — [60] nebulon: ‚Windbeutel‘, ‚Taugenichtse‘. — [61] geudigen] geuttigen H: ‚verschwenderischen‘. — [62] kainisten: ‚die Nachfolger Kains‘. — [63] des berühmt ist: ‚Adam ist dafür bekannt‘. — [64] sonder also geschieden: ‚sondern so ist es bestimmt‘. — [65] 2Kor 5,17; Gal 6,15. — [66] Joh 8,24; 7,38. — [67] fürsichtigkeit: ‚Vorsicht‘, ‚Klugheit‘. — [68] Joh 20,31. — [69] sun himmlisch geburt: ‚Sohn himmlischer Geburt‘. — [70] büfflich] buflich H: ‚büffelartig‘, ‚wie ein Büffel‘. — [71] eslich] eßlich H: ‚eselartig‘, ‚wie ein Esel‘.
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der neuen kreatur, vom seligen leben, und ihm seine dölpische 72 art nehmen, unterweisen, uf dass er zu erkanntnus komm Christi, der do ist der sohn gottes, und höre sein wort, das uns gott der himmlische vatter geheißen hat. Darum folgt uf das, dass Christus gesagt hat: „Geht in alle welt us und predigen allen kreaturen das evangelion“ etc. 73 Warumben in alle welt? Darum, dass allen die seligkeit des himmels offen ist und allen kreaturen, dass etlich auf eselnatur, etlich auf hundsart genannt seind in ihrem verstand, etliche schweinenkind, etliche menschenkinder; dasselbig seind die kreatur, uf dass sie kommen in erkanntnus und gwiesen werden von der alten kreatur zu der neuen – es sei dann die kreatur, die sich gegen dem planeten hält, 74 gegen dem viech, gegen dem teufel und seinen geisten –, dass sie alle wissen, verstanden und erkennen die neu kreatur. Dann niemand ist Christum bekannt, er werde dann demselben verkündt. Kein geist tut’s nit, kein planet verkündt ihm nichts, kein viech predigt ihm nit, es muss allein das apostelamt tun und der prophetstand, der jüngerstand, dann den ist das geheiß worden. Das ich hie beschreib vom wesen im seligen leben, ist nit, [215 r] dass ich den unglaubigen oder den unwissenden von Christo lehr geb. Dann nit ein apostel oder dergleichen bin ich, sonder ein philosophus nach der deutschen art. 75 Aber das beschreib ich denen, so in Christo getauft seind und aber ihn nit hören wellen, etliche, sich selbs fürsetzen Christo, ander, die viel irrsal einfüeren, dieselbigen allein etliches teils zu melden und fürzuhalten. Nit dass alls 76 do sei, was not ist, dann die ding zu beschreiben ist meines vermügens nit. Christus hat’s beschrieben, ich allein die irrsal fürgenommen, so bei Christo nit gesein seind unter den getauften, dann das ist ohne zweifel, wie dies exempel usweist: Wär zu den zeiten Christi die christenheit gesein wie itzt, so würde man hierinnen das weder Christus noch Petrus würden gestatten, den römischen pracht, und vielmehr zufürkommen 77 durch bueß
[72] dölpische: ‚tölpelhafte‘. — [73] Mk 16,15. — [74] Die alte Kreatur ist noch dem Einfluss der Planeten unterworfen, während die neue aus Christus allein von Gott abhängt. — [75] Es ist nicht klar, was Paracelsus hier meint. Ein „philosophus nach der deutschen art“ könnte ein Naturkundiger sein, der an deutschsprachigen Hochschulen ausgebildet wurde, vielleicht auch im Gegensatz zur „welschen Art“, die sich an den Gedanken der italienischen Renaissance orientiert. Ein solcher Philosoph könnte aber auch ein Vertreter der ursprünglich deutschen Reformation sein, der die Bibel als das Wort Gottes in seine philosophischen Betrachtungen einbezieht. — [76] alls: ‚alles‘. — [77] zufürkommen: ‚zuvorkommen‘.
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und betpredigen. So es nun aber itz ist und nit zu der zeit Christi, ist billich das zu melden. Also auch der itzig gwalt des kaisertums und aller königen, fürsten, herrn, städten, länder etc. gerechtigkeit, so sie wär gesein zu den zeiten Christi, er 78 würd 79 nit sagen, das lex 80 ist von gott oder das lex von gott, sonder er würd sagen, das lex ist vom teufel und das auch, der kanon 81 ist us der Leviathen, 82 der kanon auch, und der paragraphus 83 auch. So auch die itzigen gewerb und hantierung, 84 so uf erden seind, unter Christo gesein wärent, er wird nit sagen, das ist kein wucher, sonder, es ist ein wucher, der ist des teufels mit seinem stift 85 etc., der auch. Darum, so es mit der zeit dohin kommen [215 v] ist, von tag zu tag in die widerlehr Christi erwachsen, so ist billich, dass nun us derselbigen rott 86 das an tag kommen. Dann der putz wird vom teufel nit gar usgelassen, sonder an eim ort usgelassen, am andern verhalten, 87 wo ausgelassen, ein bösern eingeflickt mit subtile. 88 Dann welcher teufel wollt wider sich selbst sein, welcher richter wider sich selbst, welcher pfaff wider sich selbs und welcher junker wider sich selbs? Ist er wider sich selbs, so will er ein neue gift 89 einfüeren. Darum ward Petrus und ander fischer genommen, die in den pharisäischen handlungen nichts zu tun hätten und unbefleckt blieben und je und je warent. Also kommt das an tag, das gott an tag hon will. Also satzt er auch seine propheten und ander wider die, die nit von ihnen warent. Wieviel heiligen seind im reich gottes, die nit uf erden mit kostlicher zierd ufbutzten, 90 do sie uf erden giengen, nit den fünfzigisten teil vermochten, soviel ihr bildnus 91 vermag? Wärent sie uf erden und sehent’s, so flühent 92 sie von dem hinweg. Wieviel lehr seind geschrieben worden von viel lehrern? So sie itzt verhanden 93 wärent, sie würden’s
[78] er: wohl Christus. — [79] würd] wirdt H. — [80] lex: ‚Gesetz‘. — [81] kanon: ‚rechtliche Bestimmung‘. — [82] Leviathen: Von der Schlange oder vom Drachen Leviathan (von hebräisch Livyatan, die Gewundene), der gerne als Seeungeheuer dargestellt wird, ist die Rede in Hiob 3,8; 40,25–32; Jes 27,1; Ps 73(74),13 f. und in gewissen Versionen der Vulgata bei Ps 103,26. Er ist ferner präsent in der rabbinischen Tradition und wird im apokryphen sog. äthiopischen oder ersten Henochbuch beschrieben, vgl. 1Hen 59,7. Paracelsus identifiziert den Leviathan mit dem Bösen schlechthin oder mit dem Teufel im Sinne von Offb 12,7; 13,4; 16,13; 20,2, wo Drache, alte Schlange, Teufel und Satan als Synonyme gesetzt sind. — [83] paragraphus: Abschnitt in einem Gesetzestext oder Katechismus. — [84] hantierung: ‚Kaufhandel‘. — [85] stift: mit Besitz versehenes, gestiftetes Kloster. — [86] rott: ‚Schar‘. — [87] verhalten: ‚zurückgehalten‘. — [88] subtile: hier ‚Geschicklichkeit‘. — [89] gift: hier ‚Lehre‘. — [90] ufbutzten: ‚sich schmückten‘. — [91] bildnus: ‚Heiligenbild‘. — [92] flühent: ‚flöhen‘. — [93] verhanden: ‚noch am Leben‘.
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nit lassen bleiben. Und das also: man muss viel von eim baum abhauen, von zweigen und dergleichen ästli, bis der baum recht und schön usgebutzt wird und ohn mangel do stehet. Also do auch. Wieviel vergebner bücher seind geschrieben worden, die blieben seind nach ihrem tod? Das alles mit solchen ästen gesein seind, die ein bom 94 [216 r] hat in seiner frucht und obs. 95 Ein schüler, der lernt und muss viel vergebens schreiben, bis er schreiben lernt, viel vergeben buchstaben, bis er buchstaben kann. Sollten darum die bösen buchstaben gelten 96 und vor unsern augen stohn? Nein, sonder die letzten, die besten, so er gar us und wohl begriffen hat. So sich begäb, dass einer ein heilig würd als sant Peter, sollte darum das auch in sein heiligtum gerechnet werden, das er geton hat vor seinem beruef 97 in das apostelamt? Nein. Viel werken und machen, das nit in das heiligtum gehört, ob gleichwohl der werkmeister heilig würde im end. Ein arzt, der ein kranken hat, der braucht viel, bis er ihn ufbringt. 98 Ist darum nit alles arzenei, sonder das ihm hilft, ist ein kleins. Viel ist unnutz und doch für nutz angesehen wird. Solches alles ist darum angezeigt, dass wir im seligen leben nit einem jeglichen kopf, nit eines jeglichen reden, nit eins jedlichen auslegung sollen annehmen. Dann dieweil nun zwölf in das apostelamt berüeft seind worden und sonst keiner, 99 so leit 100 do auch ein beruef, dass niemands zu schreiben habe, er halt 101 dann den beruef, das ist der heilig geist. Nun kommt er nit einem iglichen, darum, dass er doctor ist, meister ist und dergleichen des namens.102 Dann wie Paulus war zu achten unter allen gelehrten, aber keiner nahm den beruef an als Dionysius Areopagita.103 Darum der geist geistet, wo er will,104 [216 v] nit in allen, nit in vielen, sonder do, do es ihn lust.105 Und viel überreden sich selbs, sie seient der geist selbst, und aber er ist nie do gesein. Es hat gott allen dingen ihr zeit geben, uf dass sie wachsen sollen und darvor nit zeitig 106 sein. Und vor dem und 107 es zur frucht kommt, [94] bom: ‚Baum‘. — [95] obs: ‚Obst‘, mit der engeren Bedeutung von ‚Apfel‘, ‚Mispel‘. — [96] gelten: ‚etwas wert sein‘. — [97] beruef: ‚Berufung‘. — [98] ufbringt: ‚bessern‘, ‚gesund machen‘. — [99] Lk 6,13; Joh 6,70; 15,16. — [100] leit do: ‚liegt darin‘. — [101] halt: ‚erhalte‘. — [102] namens: ‚Titels‘. — [103] Nach Apg 17,34 wurde Dionysius, Beisitzer des Areopags und später der erste Bischof von Athen, durch eine Predigt des Paulus für das Christentum gewonnen, was Paracelsus hier anspricht. Um 500 gab ein christlicher Neuplatoniker unter dem Pseudonym des Dionysius Areopagita vier neuplatonisch-mystische Schriften heraus, die der mittelalterlichen Scholastik neben Augustinus als wichtige Grundlage dienten, vgl. BBKL 1 (1990), 1320– 1322; TRE 8 (1991), 772–780. — [104] Joh 3,8. — [105] lust: ‚gelüstet‘. — [106] zeitig: ‚reif‘. — [107] vor dem und: ‚bevor‘.
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so laufen 108 viel für. Am ersten die prosslen,109 darnach die schössling,110 darnach die bluest,111 darnach die frucht etc. Und die alle haben viel zufäll,112 viel feindschaft bis sie in die ernt und hülsen kommen. Also mit den menschen. Er hat ein ziel zum tod, und der tod ist der schnitter der ern 113 des menschen, ist sein weinbaur 114 im weingarten, der 115 sein obs abklaubet etc. Nun die geburt ist sein früeling, do wachsen auch an ästen sein prosslen, darnach sein schüßling,116 darnach die bluest etc. bis uf die frucht. Sollt nun die frucht des menschen (das ist sein gab) abzuschneiden sein, dieweil es ein pross wäre oder ein schießling? 117 Wiewohl er meint, er sei etwas, und darum, dass er mehr frucht trägt dann ein nussbaum, so meint er, es sei für und für frucht und ern um ihn. Das ist nit. Sondern der mensch soll acht uf sich selbs hon, dass er nit offentliche 118 zeichen trägt wie die böum im garten, und aber wie derselbig seine zeit verführt 119 und verschleußt. Will er nun das übersehen und mahlen, so der weiz nit kernt 120 ist, so ist alles dumm und nichts sollend. Dann gott gibt vor der zeit keine frucht, [217 r] es muss alles mit der zeit gohn. Dem gibt er ein früere ern, dem noch ein früere, dem ein spätere und später. Dann also auch mit allem gewächs. Etliche sein im märzen do, etliche im april, etlich im maien etc., also auch unter den menschen. Aber wie im allem sei, so muss die zeit verlaufen seines jahrs, es gang früe oder spät in die ern, das stehet bei gott. Vor dem und der blum nit gar erwachsen ist, soll niemands usbrechen mit keiner weisheit, vernunft, fürsichtigkeit. Dann also tunt 121 ihm die schlangen, seind fürsichtig, brechen nit herfür us ihrem wesen, es sei dann die zeit um sie. Gott ist der, der dich fliegen lässt, du habest oder nit, die flügel seind do oder nicht. Er lässt dich wähnen,122 meinen, schätzen, achten. Und aber, so du meinest, du seiest hoch bis in den dritten himmel geflogen, so bist du nit über das gras uf dem felde aufgewehet und bist nirgend nutz. Und die frucht, so us dir sollt gewach-
[108] laufen viel für: ‚geschehen viele Dinge vorweg‘. — [109] prosslen: ‚Prosseln‘, ‚Knospen‘. — [110] schössling: jähriger junger Zweig an Bäumen und Gewächsen. — [111] bluest: ‚Blüten‘. — [112] zufäll: ‚Anfechtungen‘. — [113] ern: ‚Ernte‘, ‚Früchte‘. — [114] weinbaur im weingarten] weinbeer jnn weingarten H: die Lesung ‚Weinbauer‘ macht mehr Sinn als ‚Weinbeere‘. — [115] der sein obs abklaubet] sein obs abklaubet H: ‚der sein Obst pflückt‘; der Nebensatz macht mehr Sinn als der obs abklauber M. — [116] schüßling: ‚aufgeschossener Trieb‘. — [117] schießling: ‚aufgeschossener Trieb‘. — [118] offenliche: ‚offenkundige‘. — [119] verführt und verschleußt: ‚verpasst‘, ‚vergeudet‘. — [120] kernt: ‚entkernt‘, hier auch ‚gedroschen‘. — [121] tunt ihm: ‚verhalten sich‘. — [122] wähnen: ‚vermuten‘.
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sen sein, hast ersteckt 123 und verbrennt, und soll nichts, samt 124 dir nichts, dann sie ist nit geraten. Dieweil nun dem biren- und obsbaum 125 soviel zusteht, noch vielmehr dem menschen. Warum will dann der mensch fliegen, vor dem und dass einer 126 seiner frucht wohl offenbar ist. Es verbirgt sich nit in dir. Bist du berüeft ein buch zu machen, es wird nit versaumt werden, sollt’s 60 oder 70 jahr anstohn 127 [217 v] und noch länger. Gaht’s in dir um und empfindest’s, so schnell 128 nit so bald. Es wird nit dohinten bleiben, es wird herus müssen wie ein kind von dem bauch seiner mutter. Was also heraus geht, das ist fruchtbar und gut, lässt nichts versaumen. Allein folg seiner lehr und bitt und klopf an.129 Und nit, dass du wollest noch einen jeglichen dorn für die ern erkennen, sonder es kommt die stund, dass alles heraus fällt. Ich gedenk, dass ich blumen sach 130 in der alchimia, vermeint das obs wär auch do, aber do war nichts. Do aber die zeit kam, do war die frucht auch do. Viel fliegend 131 habe ich verloren in der geometrie,132 bis ich kam in den aquaeductum, der lang kommen ist.133 Nachdem und ich viel fliegend verloren hätt, ich meint, ich ernt 134 mir morgen. Was nichts! 135 Also auch mit andern dingen, die im sinn, im verstand, in dem hirn sollen grünen und wachsen, mit fliegenden geisten betrogen werden und verführt. Wieviel tausend bogen werden mit großer arbeit verschrieben. So es alles us ist, so ist es alles narrerei. Wär demselbigen nit besser, er gedächte, „stand still, lass bass weizen“.136 Was aber vor dem brot in ofen schliefen 137
[123] ersteckt: ‚erstickt‘. — [124] samt dir nichts: vom Verb samen, ‚bringt dir keine Samen hervor‘, ‚trägt dir keine Frucht‘. — [125] biren- und obsbaum] piren vnd obsbaum H; bir: lat. ‚pirum‘, ‚Birne‘; obs: im Mittelalter vornehmlich Äpfel und Mispeln. — [126] einer seiner frucht: Frucht vielleicht in Anlehnung an das lateinische „fructus“ in männlicher Form. — [127] anstohn: ‚unterbleiben‘. — [128] schnell] schnall H, ‚vorschnell handeln‘. — [129] Mt 7,7 f. par. — [130] sach: ‚sah‘. — [131] fliegend: hier vielleicht im Sinn von flüchtigen oder nutzlosen Gedanken oder Worten, insbesondere da weiter unten von „fliegenden geisten“ die Rede ist. — [132] Offenbar hatte sich Paracelsus mit geometrischen Problemen befasst. In seinem «Buch von den tartarischen krankheiten» spricht er davon, dass man soll „cosmographiam und geometriam mit den augen lernen erkennen nit ab der want, nicht aus den ptolemäischen figuren“, SW 11,39. Er plädierte also für die praktische Anschauung in der Geometrie, und die hatte er, als er den großen Aquädukt erblickte, nachdem er sich mit vielen „fliegenden“ oder gegenstandslosen geometrischen Figuren beschäftigt hatte. — [133] wohl Anspielung auf den Aquädukt Pont du Gard in der Provence. — [134] ernt: ‚erntete‘. — [135] was nichts: ‚damit war nichts‘. — [136] lass bass weizen] laß baß waitzen H: ‚lass es besser Weizen sein‘. — [137] schliefen: ‚schlüpfen‘, ‚gleiten‘.
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will, dem geschicht also. Und was do schneiden will, wo nit hingesäet ist, das äffet 138 sich also. Was sein muss us dir und ist in dir, und gott will’s us dir hon, das geht herus, und du weißt nit, wie oder von wannen es kommt oder wo es hin will,139 und am letzten so findst du’s darinnen, das du [218 r] nie gelernt hast, nie gesehen hast. Itz sichst du die frucht und niemands weißt’s, wer die isset oder wenn.140 Dann viel säen und ander schneiden, und viel schneiden und behalten’s und dreschen us, ander mahlen’s und bachen’s und essen’s. Viele mahlen und bachen, andere essen’s, die do nit gemahlen noch gebachen hon. Also gehnt die arbeit uf dieser welt hin und her, und wissen nit, von wannen oder wohin. Darum ihr alle: dieweil allein der beruef 141 gilt, so wir zu einem ding, so geht es hinaus, ist es prädestiniert, wo nit, so wär es schad, sünd und übel, dass wir etwas machten oder schrieben. Niemands setzt das angezündt licht unter den malter,142 sonder ein jeglicher stellt’s herfür.143 Nun, ist ein licht in uns, so hat’s gott in uns geton, unser irdischer schulmeister nit.144 So nun gott das licht in uns gstellt hat, so wird er’s auch fürhin tun, dass man darbei sehe, so die kommen und do seind, die darbei sehen sollen. Warumben sollen wir gott nit soviel achten, dass er ein licht in uns tue und lass dasselbig verdeckt? Er zwingt’s fürhin zu seiner zeit. In dem aber kein liecht ist von gott, und aber 145 vom schulmeister der erden, und derselbige vermeint aus seiner tierischen vernunft, ein liecht sei in ihm, derselbig versaumt 146 sich, verführt sich und ander. Ein jeglicher lern zum höchsten, was er lern müg, und behalt’s ihm zum höchsten, auch lass nit für 147 sich hinauskommen. Ist etwas in dir, das herus muss und gott will’s, [218 v] so kummt’s herus, dir gleich als unwissend und ohngesucht 148 und nachgestellt. Dann viel können schreiben, ist doch nur einer kanzler.149 Viel können regieren, ist doch nur einer könig. Darum seind das gaben der ämter: der soll das machen, der das, und nit der das, das der ander machen
[138] äffet: ‚betrügt‘. — [139] Parallele zum Gottesreich, das wie ein Dieb in der Nacht kommt (Mt 24,43), oder zum Wind des heiligen Geistes, der bläst wo er will (Joh 3,8). — [140] wenn: ‚wann‘. — [141] der beruef: ‚die Berufung‘. — [142] malter: ein Getreidemaß wie das geläufigere Scheffel. — [143] Mt 5,15 par. — [144] Liegt in uns eine besondere Begabung oder Fähigkeit, so haben wir diese von Gott erhalten und nicht von einem irdischen Lehrer. — [145] und aber: ‚sondern‘. — [146] versaumt] versampt H, hier wohl im Sinne von ‚betrügt sich‘. — [147] für sich] fur sie H; für sich M: ‚vor sich‘. — [148] ohngesucht: ‚ohne dass du es gesucht hättest‘. — [149] kanzler] canntzler H: ‚Kanzlist‘, ‚Sekretär‘.
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soll. Zu meinen zeiten hat es viel schreibens geben, dann also ist die schul der gelehrten gericht. Wann einer herfür bricht mit einem argument, so ist ein großer hauf do und fällt auch darein. Am letzten aber zerschmelzen sie wie der schnee und hätten ihr arbeit wohl gesparet, dann es nutzt nit und bleibt nit beständig. Do Paulus war, do wollten auch viel ihm gleich sein und ander apostel. Aber nein, dann sie warent nit us dem beruef. Darumben behielten die apostel den namen apostel, und die andern den namen, falsch zuglegt dem apostel namen. Man muss in den dingen hie uf erden nit anfahen, es sei dann von gott in uns gossen. Und was in uns gossen ist, das do leuchten soll vor den menschen, das verbirgt sich nit, dann gott hat’s darum nit daher gestellt. Er ist der, der’s offnet und herfürstellt. Das vermeint licht ist aber dermaßen genaturt, dass 150 für und für vor dem brot in ofen will, und am letzten, so ist’s nichts do dann verbrunnen äschen und kohlen. Ermess ein jeglicher, dass er nit weich us dem, darzu er berüeft sei, dann ein rat gibt kein vollkommen […] 151 er ist blieben. Diese zeit meines schreibens ist zeitig,152 dann ich darf des nichts [219 r] verschonen, das ich verderbt hab, es ist noch nit gepflogen 153 worden. Die werk zeigen an, dass die arbeit us ist und zeitig ist. Als so ein ganz haus do stehet und gemacht ist, so ist es ein zeichen, dass zeitig gsein ist in seim meister. Also auch hie: Die zeit der geometrie ist zum end gangen, die zeit der artisterei 154 ist zum end gangen, die zeit der philosophie ist zum end gangen, der schnee meines elends ist zum end gangen. Der im wachsen ist, ist us. Die zeit des summers ist hie. Von wannen es kommt, das weiß ich nit, wohin es kommt, das weiß ich nit, es ist da.155 So nun die zeit deren dingen do seind, die unter augen sichtlich do stehent, die sich lange jahr verhalten 156 hat und ufgezogen,157 so ist auch hie die zeit zu schreiben vom seligen leben und von dem ewigen. Dann die geben frucht, und die frucht wachsen us einer wurzen und us einem stammen. Dann wohl mag in einem stammen mehr als ein oder zwo frucht gepflanzt werden, und doch uf einem baum. Die zeit der frucht ist hie, der winter ist hin. Nun kein […] 158 darum vom seligen leben zu füeren, wie dasselbig sei bei den ihrigen [150] dass: ‚dass es‘. — [151] Textverlust. — [152] zeitig: ‚reif‘. — [153] gepflogen] geflogen H: ‚verrichtet‘, ‚besorgt‘; vermutlich falsche Lesung in H: „pflegen“ in der Bedeutung von ‚verrichten‘, ‚besorgen‘ ergibt mehr Sinn als „fliegen“. — [154] artisterei: die sieben freien Künste, die an der Artistenfakultät gelehrt wurden. — [155] Anklang an Joh 3,8. — [156] verhalten: ‚verborgen‘. — [157] ufgezogen: ‚aufgeschoben‘. — [158] Textverlust.
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anzunehmen, halt ich etlich punkten für uf das. Nit darum, dass mir gefolgt werde von den bösen, die auch Christo selbst nit folgten, so er do wäre. Auch nit, dass sie sollen erschlagen werden, sonder dass der gerecht und der do zur gerechtigkeit do ist,159 erkennen sollen, was ihr tun sei und sich selbs zu gott kehren,160 wie dann noch viel mehr die heiligen, die uns offentlich exempel bewiesen hont, anzeigen. Als der ist von den [219 v] us der Reichenou 161 geflohen, hätt er bei ihnen guts gesehen, er wär bei ihnen blieben. Er ließ sein abt abt sein und ließ ihm seinen pracht. Er aber schied sich freundlich von ihnen und dienet gott.162 Nit allein der, sunder auch Onofredus 163 und ander, die die irrigen und falschen christen wohl haben erkennt, und aber, dass es ihnen nit müglich war abzetun, darum verließen sie die im namen gottes und zohent us ihrem gewalt in die welt und wildnus, uf dass sie unter dem zwang der falschen christen nit warent und dorften 164 ihnen folgen nach ihrem gesatz. Selig und mehr dann selig ist der mann, dem gott die gnad gibt der armut, us ursach, der die gnad nit hat, derselbig gedenkt: „Wohlan, du bist ein reich mann mit viel groß guts und gelds und allem wollust, und bist des gewalts und unter dem kaiser und papst.“ Nun wohlan, sie seind falsche christen, sie regieren üppiglichen,165 sie hont böse gesatz, sie beschirmen einander in ihren bosheiten. Und du bist der, der do hilft, und tust’s auch und folgest ihren gebotten und lehr. Und aber es ist des teufels leben, nit christlich, nit us der lehr Christi. Stirbst also, fährest zum teufel. Wie willt ihm tun? 166 Stifst du dein gut zum kloster, so geht es zum teufelsdienst etc. Also willt du ihm tun, alls 167 verkaufen, den armen geben und in die armut laufen, in die wilde,168 uf das,
[159] Christus als der Gerechte und der zur Gerechtigkeit Berufene ist da. — [160] Jene, die gerecht sein wollen, sollen ihr falsches Tun erkennen und sich zu Gott kehren. — [161] Reichenou] reichen ow H: die Klosterinsel Reichenau im Bodensee. — [162] Es ist nicht klar, welchen Mönch Paracelsus hier meint. Pirmin (gest. 753) wurde als Gründer der Benediktinerabtei Reichenau 727 von dort vertrieben. Eher handelt es sich um Meinrad von Einsiedeln (c797–861), der um 800 Schüler auf der Reichenau wurde. Nachdem er 824 die Leitung der Klosterschule Benken übernommen hatte, verließ er die Klostergemeinschaft 828, um als Eremit auf dem Etzelpass zu leben. Vgl. BBKL 22 (2003), 829–832. — [163] Gemeint ist der Eremit Onuphrios der Große (4. Jh.), der sechzig Jahre in der Wüste gelebt haben soll, ohne je einen Menschen gesehen zu haben. Um ihn entwickelte sich als einzigem Wüstenvater auch im Abendland ein Heiligenkult. Vgl. BBKL 14 (1998), 1333–1334. — [164] dorften: ‚nicht nötig hatten‘. — [165] üppiglichen: ‚übermütig‘, ‚ausschweifend‘. — [166] wie wilt du ihm tun: ‚wie willst du dich verhalten‘. — [167] alls: ‚alles‘. — [168] wilde: ‚Wildnis‘.
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dass dich kein richter suech, der dich itzt in deiner reichtum sucht, und dass du nit dorfest halten böse gebott, nit halten und stimmen zu dem argen und bösen. So mach dich arm und bettelarm,169 so verlässt dich der papst, so verlässt [220 r] dich der kaiser und halten dich fürhin für ein narren. Jetzt bist du ruhig 170 und dein narrheit ist ein große weisheit vor gott. Dieweil aber das herz nit do ist zur willigen armut, so gehest du traurig hin, als der jüngling bei Christo, den Christus hieß verkaufen sein haus, hof etc. und ihm nachfolgen.171 Dann so er ihm hätt nachgefolget, so wär er blieben gesein von dem, das ihn verdammt. Aber vonwegen des guts beschach’s 172 nit, darum mehr dann selig ist der, der die armut lieb hat. Es lediget viel von banden und gefängnus der hellen, es gibt nit wucher, nit dieb, nit morder und dergleichen. Was aber reichtum liebt, das stehet noch auf einem gefährlichen zweig. Es mag leicht ein luft oder ein windlin kommen, es fällt 173 ein zu stehlen, wucheren, fürkaufen 174 und dergleichen zu andern dingen, die in die reichtum helfen des teufels und nit gottes. Darumben hie im seligen leben die lehr anzunehmen, ist nit gesagt den liebhabern der reichtumen, dann sie finden hierinnen nichts für sich, sonder allein für die, so lust hont zur armut und zu gemeinem wesen der armen, in gerechtigkeit wandlen, dass keiner über den andern sei in der notdurft, je einer mit dem andern leid trag, helf und sich freu und weine. Dann freuen mit fröhlichen und trauern mit traurigen ist billich,175 gibt gleiche waag.176 Dass ich acht oder mein, den liebhabern der reichtum ein dienst geton haben, das acht ich nit, allein verachtung [220 v] und gespött. Dann also ist es andern auch gangen, die wider die reichtum warent. Ich habe auch kein dienst hie zu vermueten bei den geistlichen, dann sie lieben die reichtum mehr als gott und verdecken’s aber pharisäisch und schreiberisch. Den edlen ist auch kein dienst zu versehen beschehen sein.177 Dann dieweil wir der neuen geburt seind, so ist der adel nichts, der gewalt ist auch nit sein. Dann was ist, das sie mit gewalt besitzen, und der gewalt erbt aber nit, dann erben gibt narren, buben,178 saufer, schalk etc., gibt nit fromm leut zu regieren, ist nit gewiss. Allein denen ist dient, die zu gott wellen und sich dohin ergeben, dass sie uf erden wellen sein, das sie dann in jener welt begehren, und dass die groben [169] bettelarm] betle arm H. — [170] ruhig] ruwig H. — [171] Mt 19,16–22 par. — [172] beschach: ‚geschah‘. — [173] fällt ein: ‚überredet‘. — [174] fürkaufen: ‚wucherischer Zwischenhandel‘. — [175] Röm 12,15. — [176] gibt gleiche waag: ‚schafft einen Ausgleich‘, ‚ist ausgewogen‘. — [177] Auch den Adligen ist damit kein Dienst erwiesen worden. — [178] buben: ‚Schurken‘, ‚üble Burschen‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
und die do von natur unverstanden seind und do verführt werden, erkennen den irrsal und das falsch, ob etwan einer wäre, der sich erhielte 179 im seligen und daran sich stieße und besserte. Wiewohl das ist, dass niemands zum sun kommt, der vatter ziehe ihn dann zu ihm,180 so ist doch das gebott: verkünden.181 Ist verkünden gebotten, so ist auch lernen 182 gebotten.183 Also lernen nit verkünden, sunder den 184 verkünden, die Christum kennen; den schreib ich die lehr einer christenlichen polizei,185 den heiden nit, dann sie gründen nit in das ewig; den türken auch nit, stellen 186 auf ihrem leib ihr seligkeit; also andern auch nit. Dann wer will leben seliglich uf erden, der muss sein 187 die lehr, regiment und ordnung auf den eckstein Christum setzen,188 derselbig ist’s alles, us dem muss es [221 r] gezogen werden. Dann kein lehr ist nutz, sie kumm dann vom himmel, kein gebott nutz, es käm dann von himmel, kein kunst nutz, es kumm dann vom himmel, kein regiment nutz, es kumm dann vom himmel, und also mit andern allen.189 Soll es nun vom himmel kommen, so ist das am allerersten, dass nichts vom himmel ist kommen, der uns die ding lehr, als Christus. Do er von uns aufgefahren ist, do hat er uns den heiligen geist gesandt.190 Also, allein es sei dann us dem heiligen geist gemacht, genommen, sunst soll es alles nichts. Und wiewohl der mensch mag subtil sein und der sach ein gestalt geben, aber was ist das? Nit der mensch ist herr, gott ist herr. Wir seind nit von der freien, sonder von der ehlichen.191 Darum so haben wir auch ander freiheit und ander gesatz, aus gott und nit us den menschen.
[179] erhielte: ‚in einem Zustand halten‘. — [180] Mt 11,27; Joh 6,44; 14,6. — [181] Gemeint ist die Aussendung der Apostel, die das Evangelium verkünden sollen, vgl. Mt 10,5–42; 28,18–20; Mk 16,15–18; Lk 9,60; 24,47 f.; Joh 20,21 f.; Apg 1,8 f. — [182] lernen: hier ‚lehren‘. — [183] Mt 28,19, der Missionsbefehl Jesu. — [184] den: ‚denen‘. — [185] polizei: ‚Politik‘, ‚Gemeinschaftsordnung‘, ‚Staat‘, ‚Staatslehre‘, in Anlehnung an Platons «Politeia». — [186] stellen: ‚gründen‘. — [187] sein die: verstärktes ‚seine‘. — [188] zu Christus als Eckstein vgl. Mt 21,42 par.; Apg 4,11; Eph 2,20; 1Petr 2,6 f. — [189] Joh 3,27. — [190] Lk 12,12; Joh 3,13; 7,39; 14,26; Apg 1,8; 2,2–4. — [191] ehlichen: hier im Sinne von ‚legitimen‘, ‚unter dem Gesetz stehenden‘. Die Kurzfassung des Prologus bringt diesen Satz in wörtlicher Übereinstimmung, vgl. GS 6. Der Satz könnte bedeuten, dass wir nicht dem freien Willen unterstehen, sondern dem göttlichen Gesetz. Möglicherweise dachte Paracelsus auch in Anlehnung an Gal 4,22–31 an die beiden Söhne des Abraham. Isaak als Sohn der Sara war legitim und der verheißene Nachkomme, der den ewigen Bund aufrichten sollte, während der „freie“, nicht rechtmäßige Nachfahre Ismael war, der Sohn der Magd Hagar, vgl. Gen 16,1–16; 17,19–21.
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Und wiewohl das zugeben wird, dass viel mügent us den üppigen 192 leuten, orden, ständen und dergleichen selig werden, als ihr viel seind und unter den heiligen, als sant Nikolaus 193 unter den bischofen, sant Gall 194 unter den abten, sant Jeronimus 195 unter den kardinalen, sant Linus 196 unter den papsten etc., und doch weiter us denselbigen ständen, orden, sekten, wenig mehr und als übels ding wächst, nit allein unter den geistlichen, sunder auch weltlichen. Wie dasselbige beschehe, ist hie nit not zu melden in diesem volumen, aber von dem leben der heiligen werden dieselbigen punkten von eim zum andern [221 v] erzählt.197 Und auch so 198 wissen hie in diesem volumen, allein wie ein selige polizei 199 je einer gegen dem andern als gegen ihm selbs wandlen und handlen soll, darzu auch, dass ein jeglicher sein gab, so ihm gott geben hat, brauche zu der liebe gottes und seines nächsten. 200 Dann am ersten ist unser anfang der glaub, 201 der beschleußt 202 sich im herzen wie ein schatz in einem kasten, 203 der niemands nutzet und doch do wohl versorgt leit. 204 Darnach ist die liebe, das ist das, dass alles, das do im schatz gefunden mag werden, heraus kumm und hilf dem nächsten. Als es lägen tausend gulden do und wären versperrt, und es käm darzu, dass man’s in armut bedörft, sie würden genommen und
[192] üppigen: ‚ausschweifend lebenden‘, ‚hochmütigen‘. — [193] Nikolaus, Bischof von Myra (4. Jh.), einer der beliebtesten Volksheiligen, vgl. BBKL 6 (1993), 915– 920. — [194] Gallus (c540-c640), Heiliger, irischer Mönch und Gefährte des Columba, der in der Gegend des Bodensees die Alemannen missionierte. Er begründete am Ort des heutigen St. Gallen eine Mönchsklause, aus der das Kloster St. Gallen hervorging. Vgl. BBKL 2 (1990), 172–173. Paracelsus nimmt irrtümlicherweise an, dass Gallus bereits den Titel eines Abts trug. — [195] Sophronius Eusebius Hieronymus (c347–419), Kirchenlehrer und Übersetzer der Vulgata-Bibel. Seine Weihe zum Bischof wird in den Legenden des 15. Jahrhunderts als Kardinalswürde berichtet, weshalb er auf bildlichen Darstellungen oft als solcher erscheint. Vgl. BBKL 2 (1990), 818–821. — [196] Linus (1. Jh.) wird in den Papstkatalogen als erster Papst und somit als erster Nachfolger Petri aufgeführt. Es wird vermutet, dass er mit dem Linus aus 2Tim 4,21 identisch ist. Vgl. BBKL 5 (1993), 98–100. — [197] Dies könnte ein Hinweis sein auf die umfangreiche Legendenliteratur der Heiligen und allen voran auf die «Legenda aurea», vgl. die Artikel „Hagiographie“ in LMA 4,1840–1862 und „Legenda aurea“ in LMA 5,1796–1801. Möglicherweise verweist Paracelsus hier aber auf seine Schrift über die Kräfte der Heiligen: «De sanctorum auctoritate, beneficiis, signis et blasphemiis», SW 14,339–358, HW 9,208–225. — [198] so wissen: ‚so wisst‘ als Imperativ der 2. Person Plural oder konjiziert ‚zu wissen‘. — [199] selige polizei: christliche Staats- oder Gesellschaftsordnung. — [200] Lk 10,27. — [201] Im Folgenden bezieht sich Paracelsus auf die drei Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe aus 1Kor 13,13. — [202] beschleußt: ‚schließt ein‘. — [203] Mt 6,21 par.; 12,35 par. — [204] leit: ‚liegt‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
gebraucht. Also ist der glaub in uns ein schatz, und hat in ihm die gab: welcher der ist, der da kommt, demselbigen soll sie aufgesperrt werden und herfür genommen. Das ist itzt die liebe. Alsdann, so wir die liebe herus nehmen, was do im schatz liegt, und wandlen mit 205 uf erden, so mügen wir uf das wohl hoffen zu der dritten tugend, ein gewisse 206 hoffnung zu dem ewigen. Der aber die liebe nit sucht im schatz, der hoffet dumm und leer strou. 207 Also ist fürhin die lehr gegründt allein uf die liebe gegen gott und dem nächsten, 208 nach 209 ingang des glaubens und vor der hoffnung, und also uf dasselbig zu gott unserm erlöser uns versehen, dass sein leiden und sterben werd unser erlösung sein zu dem ewigen. Darum also fürzufahren uf erden, dass sein will [222 r] bei uns geschehe und nit unser will. 210 Allein die werden angenommen, die dem herrn sein willen tun, und nit die, so ihren willen tun und sich selbs über den herrn setzen und stellen.
[205] mit: ‚damit‘. — [206] gewisse: ‚sichere‘, ‚feste‘. — [207] strou] strow H: ‚Stroh‘. — [208] Mk 12,28–31; vgl. Lev 19,18. — [209] nach ingang des glaubens: ‚nachdem der Glaube Eingang gefunden hat‘. — [210] Mk 14,36 par.
A3. Liber de summo et aeterno bono
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A3. Liber de summo et aeterno bono Vom höchsten und ewigen Gut [268 r] 1 So wir wollen dem höchsten gut nachdenken und dasselbig ergründen, so müssen wir dasselbig dermaßen setzen, dass 2 nach dieser welt sei und uf dieser erd gar nichts do sei. Dann wellen wir den bauch und sein fülle halten für das höchst gut, so fressent ihn die würm. Das ist ein bös gut, do 3 die würm herr über seind. Wellen wir dann die zungen darfür halten, so schlägt sie das paralys. 4 Itzt ist das paralys mehr dann die zungen. Wellen wir dann wollust der augen, des leibs etc. darfür achten, so ist der tod über die alle. So soll das höchst gut sein, dass nichts darüber sei, weder gold noch silber noch nichts, das aus den elementen wächst oder geht. Und nichts ist das höchst gut, dann das, das untödlich ist und über uns alle ist und ist ewig und ist unzergänglich. Darum von dem zergänglichen zu reden in der zahl des höchsten guts, ist umsonst. Dann das ist herr, das das ander überwindt, und der am letzten überwindt, der ist der rechte, das ist das höchst gut. Diese natur des höchsten guts ist also, das uns am basten 5 erscheußt 6 und uns am nutzisten ist. So ist ein hoch gut, das uns [268 v] den bauch füllt, ein hoch gut, das uns tränkt, ein hoch gut, das uns belustigt und freud gibt. Und aber noch viel ist das mehr das höher gut, das uns das leben gibt, noch viel mehr, das uns das ewig gibt. Das ist das erst hoch gut, das uns erhält uf erden natürlich 7 in unserm wesen. Das ist noch ein höhers, das uns beschaffen hat und das leben geben. Das höchst aber über das alles erkennen allein die christen und sonst kein philosophus. Das ist der, 8 der uns erlöst hat vom tod und das ewig gibt, der sein seel für sein schäflin setzt. 9 Darum so ist von dem höchsten gut nichts zu reden, allein es werde dann das do begriffen, das das höchst ist, wie gemeldt. Dann was nutzt uns der garten, der weinstock, der kornacker, der von des bauchs wegen do stehet? Er verlässt uns und wir ihn. Darum ist er uns nichts nutz. Wie kann dann das das höchst gut sein? Vielmehr ist das unser höchst gut, so dasselbig beschaffen von unsertwegen, nach-
[1] H: H 1 268 r–283 v; M: ME 111–130. — [2] dass: ‚dass es‘. — [3] do … über: ‚worüber‘. — [4] paralys] paraliß H: ‚Paralyse‘, ‚Lähmung‘. — [5] basten: ‚besten‘. — [6] erscheußt: ‚nützt‘. — [7] natürlich: ‚der Natur nach‘, ‚auf natürliche Weise‘. — [8] der: nämlich Christus. — [9] Christus ist der gute Hirte, der sich für seine Schafe einsetzt, vgl. Joh 10,12–14.
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Lesetext – Liber de vita beata
dem 10 und er uns geben hat das leben und den leib. Aber noch vielmehr ist’s der, der uns geben hat das ewig leben, darzu auch vom tod erlöst. Sunst wo das höchst gut nit wär, was wär unser sach? Wie bestünden wir? Übel. Dann das höchst gut, so uns das leben und die erden geben hat, [269 r] zeucht 11 im tod von uns ab, lässt uns fallen in pein und zahnklaffen.12 Aber darum ist das unser höchsts gut, das uns alsdann nimmt in die auferstehung, vom tod in das ewig leben. Nit ist uns zu betrachten vom höchsten gut die augenurteiln,13 als darum, dass ein gilg 14 bass 15 schmeck 16 dann der wegrich, die ros hübscher ist dann die tollblumen.17 Die augen geben das urteil des höchsten guts nit. Auch dass einer wöllt nach der zungen das höchst gut messen und erkennen, ist auch nit. Nichts ist am leib, das das höchst gut gibt zu erkennen, als der geist vom himmel; der ist bei den alten nit gesein, allein bei der neuen kreatur.18 Darum sie19 übertreffen alle weisheit der weltkinder und alle tugend derselbigen. Die seel in uns ist die, so nach dem höchsten gut stellt, 20 der leib nit. Warum wollt dann einer sagen nach des leibes weisheit, das ist das höchst gut oder das etc., so doch der leib vom höchsten gut nichts begehrt und auch nit von ihm zu begehrn fordern darf? Die seel ist die, so das höchst gut erkennt. Der das licht der seel nit in ihm hat, der hab 21 füllerei, saufen etc. für das höchst gut. Derselbig stirbt mit demselbigen und sein höchst gut mit ihm. [269 v] Die ding alle, so der leib ansicht und urteilt, sein nit vom höchsten gut; dann also nach dem leib ward das höchst gut veracht. Das war Christus: der schien nit wie das höchst gut, sonder schlecht in augen des leibs, aber groß war er in den augen der seel. Zu dem höchsten gut haben sich belangt 22 die alten und dasselbig begehrt zu sehen mit den leiblichen augen. 23 Und sie haben’s nit gesehen, dann es war noch nit geborn. Nit dass der leib das begehrt, aber ihr seel hat den leib überwunden und regiert den leib. Vom höchsten gut haben viel geredt und 24 aber dasselbig nit verstanden. Athenis hät 25 viel gelehrter leut, aber nit in rechter erkanntnus, allein in irdischen dingen, in den kein verstand
[10] nachdem und: ‚so wie‘. — [11] zeucht: ‚zieht‘. — [12] zahnklaffen: ‚Zähneklappern‘. — [13] augenurteiln: ‚das Urteil der Augen‘. — [14] gilg: ‚Lilie‘. — [15] bass: ‚besser‘. — [16] schmeck: ‚rieche‘. — [17] tollblumen: ‚Trollblume‘, Trollius europaeus L. — [18] Der heilige Geist ist erst mit Christus, der „neuen Kreatur“, gekommen, vgl. Joh 1,12 f.; 3,3–8; 2Kor 5,17; Gal 6,15; Eph 2,10; 4,23 f.; Kol 3,10; Tit 3,5; Jak 1,18; 1Petr 1,3; 1,23. — [19] sie: die der neuen Kreatur angehören. — [20] stellt: ‚strebt‘. — [21] hab: ‚halte‘. — [22] belangt: ‚gesehnt‘. — [23] Mt 13,17 par. — [24] und aber: ‚aber dennoch‘. — [25] hät] hett H: alemannische Form des Indikativ ‚hat‘. —
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ist. 26 Das allein ein narrheit ist vor gott, allein es sei dann, dass der heilig geist der sei, der das höchst gut zu lernen geb, sonst wird’s niemands lernen noch erkennen. Darum die von Athen und die philosophi 27 vom höchsten gut geredt haben, und ist aber noch nit geborn gesein. 28 Darum hont 29 sie vergebens und umsonst von solchen geredt. Wie sie’s verstanden hont, also hant sie’s genommen. Bei dem, das sie genommen hont für das höchst gut, also seind sie zu erkennen, was gelehrte, 30 [270 r] verstand, weisheit etc. in ihnen gesein sei. Was nit dohin ficht, 31 das nach dieser erden hilflich sei, da ist kein höchsts gut nit, noch der verstand von ihm. Dann der leib und sein wollust und sein notdurft ist nit das höchst. Es war wohl das höchst nach gott, do es im paradeis war, aber uf erden war es gar nichts und dörft auch den ersten schöpfer nimmer ansehen 32 als allein das höchst gut, das Christus ist. Es seind viel, die halten für das höchst gut den menschen oder sein gewalt, als 33 einer, der den kaiser für das höchst gut halt oder den menschen, der ihm guts tut, gibt oder hilft. Das ist nun nit, dann ist nit einer über den kaiser? Derselbig ist’s billicher 34 dann der kaiser. Ist nit einer, der dem muss das geben, der dir dein notdurft gibt? Ist’s nit derselbig mehr? Je höher man kommen kann, je mehr man das höchst gut ergründt. Das ist aber nun allein in dem irdischen gehandelt; das in dem ewigen ist über das alles. Viel halten die abgötter für das höchst gut, vermeinen, darum sie etwan ein zeichen tunt, 35 so sei’s das höchst gut, und gedenken nit, dass noch eins ist, das dieselbigen zerstören mag und zerbrechen. Viel halten die [270 v] arznei für das höchst gut, darum dass sie vielen hilft. Ist nit aber der mehr, der sie beschaffen hat vonwegen des kranken leibs? Ist nun nit der auch mehr, der die seel arzneit, die mehr ist dann der leib? Mehr ist dasselbig das höchst gut, dann das dem leib krankheit nimmt und erhält. Die den papst zum höchsten gut achten, die fallen am mehristen, 36 dann er ist der, der das höchst gut muss hon oder er stirbt des ewigen [26] Die Griechen in Athen hatten eigentlich viele Gelehrte gehabt, doch hatten sie nur Einsicht in irdische Dinge, in denen kein richtiger Verstand ist. — [27] philosophi: ‚Philosophen‘. — [28] Die griechischen Philosophen kannten Christus als das höchste Gut noch nicht. — [29] hont: ‚haben‘. — [30] gelehrte: ‚Gelehrtheit‘. — [31] ficht: ‚strebt‘. — [32] Im Paradies war der Leib nach Gott das höchste Gut, aber nach dem Sündenfall durfte der irdische Mensch mit seinem Leib seinen Schöpfer nicht mehr anschauen. — [33] als: ‚wie‘. — [34] billicher: ‚mit mehr Recht‘. — [35] Die falschen Propheten und falschen Christusse wollen sich durch Zeichen zu erkennen geben, vgl. Mt 7,15; 24,5.11; Mt 24,23 f. par.; 2Petr 2,1; 1Joh 4,1; Offb 16,13; 19,20; 20,10. — [36] die … mehristen: ‚die fallen am tiefsten‘, ‚die täuschen sich am meisten‘.
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tods. Ist er nun nit meister über das höchst gut, sunder 37 unter ihm, so kann ihn auch niemands darfür achten noch halten. Dann was tödlich, ist nit das höchst gut. Was auch gnaden darf 38 und begehrt, auch nit. Allein das ist’s, in das alle ding müssen, us dem alle ding kommen. Die sonne ist ein hoch gut, aber nit das höchst, sonder vom höchsten kommt sie, das gestirn also auch. Was ist, dass der sun saturni oder veneris oder jovis 39 wollte sagen, „jovis ist mir 40 das höchste gut“, oder der sun veneris, „venus ist mir das höchst gut“? Nun ist doch einer, der jovem und venerem zerbrechen wird, derselbig ist’s. Wie mag einer sagen, „Adam ist mein höchsts gut“, so Adam in einen andern gehofft hat? Die aber kinder gottes seind, die mügen sagen, „mein vatter ist das [271 r] höchst gut, das ist gott.“ Etlich hont patronen, zu den sie seind flohen 41 als zum höchsten gut, 42 und aber dieselbig seind in der faust des höchsten guts, dann wie einer ist das höchst gut und nit mehr. 43 Nach dem tödlichen 44 leben ist gott der vatter, nach dem ewigen ist gott der sun, nach der weisheit ist gott der heilig geist, und die drei seind ein gut. Darum ist, dass nit drei höchste gut, sonder eins, dann alle drei muss der mensch hon; und ist doch nit mehr dann ein mensch und wird nit mehr, und ist doch dreifach. Der nichts vom ewigen weißt, dem ist sein handel 45 das höchst gut, als dem hafner der leim, dem schmied die kohlen etc. Die aber wissen nit, was das höchst gut ist, sonder bleiben in dem tödlichen und in dem irdischen, do suchen sie ihr höchsts gut. Den aber gott erleucht durch den heiligen geist, sucht’s nit auf erden, sunder nach der erden im reich der himmel, do ist’s zehaus. Der summer ist der immen 46 höchst gut, gibt ihnen ein frohlich weben 47 mit wachs und mit hönig. Stehlen und rauben ist des wolfs höchst gut, das ist, schaf und geiß seind sein höchst gut, dann also ist sein tugend. Das ist nun so viel, die tier im luft, uf der erden, im wasser, dieselbigen haben das für das höchst gut, das ihn wohl tut zu ihrer [271 v] nahrung, dann weiter seind sie nit mehr hoffend. Darum so bleibt das
[37] sunder: ‚sondern‘. — [38] darf: ‚bedarf‘. — [39] der sun saturni oder veneris oder jovis: ‚der Sohn des Saturn, der Venus oder des Jupiter‘; Paracelsus spielt auf die mittelalterliche Vorstellung von Planetenkindern an. — [40] mir] nur H verm. falsche Lesung. — [41] flohen] fliehen H. — [42] ‚Etliche haben Schutzpatronen, zu denen sie als höchstes Gut geflohen sind‘. — [43] Wer bei einem Schutzpatron Zuflucht nimmt, findet nur soweit Schutz, wie derjenige selber das höchste Gut verkörpert und nicht mehr. — [44] tödlichen: ‚sterblichen‘, ‚vergänglichen‘. — [45] handel: ‚Angelegenheit‘, ‚Geschäft‘. — [46] immen: ‚Bienen‘. — [47] weben: ‚hin und her schweben‘, ‚tätig sein‘.
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wasser des fischs höchsts gut und das gras der kuen, 48 der luft der vogel. 49 Der mensch aber nit also, dann sein höchsts gut ist nit von dieser erden. Er muss weiter, so er von dieser erden kommt, und hat mehr nach diesem leben zu verhoffen dann die tieren, darum so muss er zum höchsten ansteigen. Und ob er das wollt verachten, so soll er wissen: So ein höchsts gut ist, so ist auch gegen ihm ein widerspiel, 50 das ist ein niederst übel. Entweder er muss nun sein zum höchsten oder zum niedristen, zum guten oder zum übel oder bösen. Das isst also der magen, was ihn lust, 51 das ist sein höchst gut. So allein des magen, aber nit des menschen, der mag ist nit der mensch. Die leber hat auch ein lust: das sie lust, ist ihr höchsts gut, aber darum nit des menschen. Begehren die augen, die ohren, die zungen etc. etwas, es ist ihr höchsts gut. Aber darum so ist der mensch nit, der sich dofür solle achten, dass er domit oder darinnen begriffen werde. 52 Dann er ist, so der mag nimmer ist, so die leber nit ist, so weder augen, nasen, ohrn, zungen etc. seind, so ist er. Darum so soll der mensch das tierisch an ihm tierisch halten und achten, das ist, nit für den menschen; 53 und nit [272 r] den augen oder magen oder bauch herrschen, sunder dieselbigen als tierische glieder lassen wandlen, und den menschen auch lassen wandlen, dass je eins das ander beschirme, also dass der mensch obliegt und die tierisch art unter den menschen. Dann der mensch stehet nit im gebott, allein sein natur ist dem gebott unterworfen, die soll er regiern. Der mensch ist frei vom gebott und allem gesatz. Darum hat er aber die gebott, darum dass er tierisch ist und nit tierisch leben soll. Allein tierisch sein, so weit und das gebott gottes des höchsten guts nit gebrochen noch befleckt werde. Also die, so nit vom menschen gewusst hont, die haben ihr augen, der ander den magen für das höchst gut geacht oder den geiz oder den finanz und dergleichen. Der do will das höchst gut erkennen, derselbige soll die ding alle lassen fallen und allein in das gohn, dass nach diesem leben ein ander leben ist und dass dasselbig leben uns bereit ist und dass dasselbig leben das höchst gut ist, darum dass es 54 uns besser nichts geben mag werden. Was ist es, dass wir wissen vom höchsten gut und erkennen das, und aber wir seind nit darinnen? Darum ist nit allein not vom seligen leben zu wissen, welches das haupt darinnen ist [272 v] oder welches [48] der kuen: ‚der Kuh‘. — [49] vogel: ‚Vögel‘, alte Pluralform. — [50] widerspiel: ‚Gegenteil‘. — [51] ‚der Magen isst das, was ihn gelüstet.‘ — [52] dass … werde: ‚dass er sich darin erschöpfe‘. — [53] Das Tierische am ihm soll der Mensch nicht für das eigentlich Menschliche achten. — [54] es … nichts: ‚uns kein besseres‘.
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das obrist ist, sunder auch zu wissen, dass wir im selbigen seient und des höchsten guts genießen. So wir nun im selbigen seind, itz 55 mügen wir uns desselbigen freuen. So wir wellen im höchsten gut sein wie ein fisch im wasser, ein wurz in der erden, ein gold in seim erz, ist von nöten, dass wir in allen unsern kräften im selbigen liegent. Und zu gleicher weis, wie der fisch gar nichts hat als allein, was ihm das wasser gibt – vom selbigen lebt er –, also gar nichts sollen wir um oder in uns hon als allein das höchst gut. Dann wie ein vogel lebt im luft und hält den luft für sein höchstes gut, also uf solches lebt auch der mensch im höchsten gut. Und allein was vom selbigen ist, im selbigen fleugt 56 er. Und wie sich ein boum 57 us der erden erhält und grüenet und wächst und bringt sein frucht herfür, also sollen wir auch tun, die do im höchsten gut leben, dass nichts us ihnen gang noch wachs, es sei dann mit seiner wurzen im höchsten gut eingewurzt und gepflanzt. Und was do gepflanzt wird, das wird niemands mügen ausretten, 58 noch kein wetter wird ihm schaden. Also auf solches sollen wir wissen, dass wir uf erden, die do menschen seind, solchs bedenken sollen und erkennen [273 r] und weiter nit mehr an uns fassen, dann eben das, so uns us dem höchsten gut kommt. Dann wir sollen nit meinen, darum dass wir frei seind, mügen sitzen und stohn im vollen garten, wie er wöll, dass wir darumben also wanklen 59 sollen, sunder wir sollen uns also in das höchst gut setzen, dass wir so wenig abstatt 60 kommen, als ein baum in seiner erden. Und zu gleicher weis, wie ein fisch im wasser, wie ein vogel im luft aus demselbigen nit kommt, er woll dann sterben, als wenig wir aus dem höchsten gut auch kommen. Dann wer heraus kommt, dem geschicht wie dem hering, der, so er sein wasser verleurt, so stirbt er, also auch der mensch. Darum so er weißt nun, wo das höchst gut leit, 61 so soll er auch wissen, dass er aus demselbigen nit kommen; dann was do ausgereut 62 wird, das stirbt des ewigen tods, nit eins viechischen tods, der sich selbst nimmer kennt. Und so wir also im höchsten gut seind, so wachsen wir weiter in die viele 63 der geschlecht, dann aller frucht uf erden seind. Und unser frucht werden mehr und mannichfaltiger sein dann des sands im meer, nit uf einmal, sunder einander nach, bis 64 dohin kommt. Dann wie zu Abrahams zeiten gesprochen ward und zun [273 v] altvättern, dass ihr [55] itz: ‚jetzt‘, ‚so‘. — [56] fleugt: ‚fliegt‘. — [57] boum: ‚Baum‘. — [58] ausretten: ‚herausreißen‘, ‚vernichten‘. — [59] wanklen: ‚unbeständig sein‘. — [60] abstatt: ‚vom Fleck‘. — [61] leit: ‚liegt‘. — [62] ausgereut: ‚herausgerissen‘. — [63] viele: ‚Vielheit‘, ‚Menge‘. — [64] bis: ‚bis es‘.
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samen werde mehr sein und werden dann stern am himmel, dann sand am meer, 65 nit dass solches uf einmal sei zu erkennen und zu finden, sonder mit der zeit je einer vom andern, bis das wort gottes erfüllt ward. Solches nit allein bei Abraham ist, sonder auch beim höchsten gut, der Christus ist. 66 Das ist soviel, es werden die kinder gottes nit absterben (die so geboren werden us dem geist), so lang bis ihr 67 werden sein mehr dann des sands im meer und der stern im himmel. Dann viel seind, die den jüngsten tag gegenwärtig schätzen, bald zukünftig. 68 Und aber diese zahl ist noch nit erfüllt. Wer weißt, wieviel sand im meer, wer weißt, wieviel stern, wer weißt von den dingen ihr zahl? 69 Also auch: wer weißt die zahl der kinder gottes, wieviel für seind, wieviel noch zukünftig seind? Wer ist der, der die ding weißt, oder wer kann das rechnen im sand und in sternen und in kindern gottes? Freilich niemands, sonderlich 70 dieweil noch niemands weißt, wer ein kind gottes ist oder nit. Darum so wissen 71 in den dingen, dass ihr sollen im höchsten gut leben und sein und us demselbigen grüenen und wachsen, so werden us uns gehnd die frücht des lebens. Was ist die frucht des lebens? [274 r] Die stimm wie im paradeis: der sie isset, der stirbt nit. 72 Dieselbig frucht ward Adae geben; er aber bracht sich darum. 73 Itzt ist sie Christi, derselbig ist die frucht des lebens, vom selbigen müssen wir essen, so sterben wir nit. Und müssen aber also aus ihm essen, dass wir ganz im höchsten gut standen und seient. Darauf Christus spricht: „Der isset mein fleisch und trinket mein blut, der ist in mir und ich in ihm.“ 74 Was ursach 75 redt er das? Dass er des lebendigen holz us dem paradeis ist, 76 das wir durch Adam und Eva verloren hont. Und aber Christus, der ist’s selbs, sein blut und fleisch. Darum, der das isset, derselbig ist in ihm und er in uns. 77 Also seind wurzen und garten in eim. 78 So wir nun also von dieser frucht essen (indem so wir im höchsten gut leben), so sterben wir nit; so hat die frucht die natur, dem sie gott [65] Gen 22,17; Jer 15,8; 33,22–22; Röm 9,27; Hebr 11,12. — [66] zur Verheißung eines ewigen Bundes bzw. ewigen Samens, der Christus ist, vgl. Gen 17,7; 18,18 f.; Lk 1,55; Röm 1,1–6; 4,13; Gal 3,16. — [67] ihr: ‚ihrer‘. — [68] bald zukünftig: ‚nahe bevorstehend‘. — [69] Ps 147,4. — [70] sonderlich dieweil: ‚da ja‘. — [71] wissen: ‚wisst‘, ‚merkt‘. — [72] Eva wurde von der Stimme der Schlange verführt mit dem Versprechen des ewigen Lebens, vgl. Gen 3,1–5.17; zu den Früchten des Paradieses vgl. Gen 2,16 f.; Offb 22,2. — [73] Gen 3,6.11.22–24. — [74] zum letzten Abendmahl vgl. Mt 26,26–29 par.; Joh 6,53–56; 13,12–30; 15,5; 1Kor 11,23–29, hier insbesondere Joh 6,56. — [75] was ursach: ‚weshalb‘. — [76] zum Holz des Lebens, das im Paradies wächst, vgl. Offb 2,7; 22,2.14. — [77] Joh 6,56; 15,4. — [78] eim: ‚einem‘.
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gibt, unser höchsts gut. Derselbig ist friedlich, ist mild, ist selig und mit allen seligen tugenden begabt. 79 Dann also müssen wir uns uf erden sein lassen, als seind wir im paradeis und sehent’s nit, und essen von der frucht des lebens. Und aus der natur dieser frucht kommt’s hernach, dass us uns wächst [274 v] die gab 80 und frucht, 81 so der mensch uf erden, das ist im selbigen paradeis, pflegen und gebrauchen soll. Der wird begabt mit göttlichem gewalt, das ist, mit dem gewalt zu regieren in göttlicher vernunft. Der ander wird begabt in die ewig kunst uf erden, der dritt wächst in ein frucht der gesundmachung, der viert in ein frucht zu anderer notdurft. Also wird ein iglicher dohin begabt, dahin ihn gott verordnet. Das seind die bäum und gewächs des itzigen paradeis. Allein der mensch und die tugend, so von ihm geht, ist sein obs, 82 und Christus ist die erden und der garten, in dem und aus dem die ding alle wachsen. Das ist itzt uf diesmal das paradeis, und die kinder gottes seind die, so gott darein führt. Zu gleicher weis, wie er Adam darein geführt hat von der erden, also führet er uns auch von der erden zu seinem sun. Itzt, 83 den er zu ihm führt, der ist im paradeis. Derselbig nun, der also in das paradeis, das ist, in Christum geführt wird, dem geschicht wie Adam. Ist er gehorsam dem gebott gottes, so bleibt er darin und isset von allen früchten, das ist, von den gaben des heiligen geists. 84 Was er will, das gibt er ihm, dass er mit feurigen zungen redt, dass er teufel ustreibt etc. Ist er aber nit [275 r] gehorsam und wider die gebott gottes, so wird er von Christo geführt und von ihm getrieben zu gleicher weis wie Adam und Eva us dem paradeis. 85 Alsdann wie Adam us dem paradeis kommen in die welt, in jammer und not, in greinen 86 und zannen, 87 also werden auch die kommen, so von Christo getrieben werden nach ihrem tod in den tod der zahnklaffen 88 und des greinens. Das dann ist das ewig feur, do kein freud ist noch muet. 89 Also obschon einer im höchsten gut ist und lebt, so ist er darum nit bestät. 90 Allein der mensch bestät sich selbs, das ist, er sei gehorsam und folge, so
[79] gemeint sind die Tugenden der Bergpredigt Mt 5,3–11; vgl. ferner Joh 4,36; Röm 6,21 f.; 2Petr 1,5 f. — [80] zu den Gaben in der Gemeinde vgl. 1Kor 12,28–31. — [81] zu den Früchten des Geistes vgl. Gal 5,22; Eph 5,9. — [82] obs: ‚Obst‘. — [83] itzt: hier ‚nun gilt‘; evtl. falsche Lesung für ‚jeder‘. — [84] zu den Gaben des heiligen Geistes, die die Apostel empfangen haben, vgl. Mt 10,1 par.; Mt 10,8; Mk 16,17 f.; vgl. auch Apg 2,3 f.; 10,46; 19,6; 1Kor 12,10.30; 13,8; 14,1–40. — [85] zur Austreibung aus dem Paradies vgl. Gen 3,16–24. — [86] greinen: ‚weinen‘. — [87] zannen: ‚Heulen‘, ‚Wehklagen‘. — [88] zahnklaffen: ‚Zähneklappern‘. — [89] muet: ‚frohe Stimmung‘. — [90] bestät] bestett H: ‚bestätigt‘.
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bleibt er in diesem paradeis. Wo aber nit, so muss er heraus. Dann übersach 91 gott Adam und Evam nit, für die er nit gelitten hat, noch viel weniger übersicht er denen nit, die er mit seinem tod erlöst hat und von ihm fallen. Und aber zu gleicher weis, wie wir sehen, dass schlangen und otter 92 in einem wald laufen und moldwürm 93 und krotten, 94 das nun vergiftige tier seind, und aber nit desterminder so stehnt im selbigen wald grün buechen, eichen und dergleichen; wie also die zwei beieinander stohnt, also stahnt auch die gehorsamen [275 v] in dem paradeis bis sie sterben, das ist, die seligen grünen wie die eich und buechen. Die ungehorsamen laufen unter den seligen um gleich wie die schlangen, krotten und moldwürm, also kriechen sie uf der erden um. Dann das ist der fluch, so aus dem paradeis kommen ist, do gott Adam ließ bleiben und ihm sein gang und sinn, fröhlichkeit ließ, aber die schlang verflucht er, dass sie sollt kriechen uf erden. 95 Also fürhin, welche do seind, so gott widerwärtig seind, dieselbigen kriechen im paradeis wie die schlangen. Was nit sichtig 96 itz ist, das wird sichtig werden, und man wird sie sehen kriechen und zapplen, 97 so die gehorsamen werden ufwachsen gegen himmel wie die edlen hübschen bäum. Also seind wir uf erden, dass die schlang Leviathen 98 nit weißt, was ihr ist oder was sie betrogen hat, was selig ist oder was nit. Dann wir grünen alle durcheinander, und keiner ist ein krott oder schlang, sonder alle grünend bäum. Und ob einer gleichwohl der verdammten ist, das ist aber die ursach, dass in uns gott in diesem jammertal ein gereuets 99 und gedemüetiges herz ansehen will. Darum, ob gleichwohl die schlang einen verfüert, so kommt die stund und zeit, dass er reuet und sein herz diemüetiget gegen gott. Darumben so [276 r] lässt uns gott uf die stund alle grünen. Aber was do nit in die reu und diemüetigkeit geht und stirbt, alsdann so wandlet die schlang, wie sie gott verflucht hat. Dann nach dieser erden ist kein
[91] übersach: ‚verschonen‘. — [92] otter: ‚Viper‘. — [93] moldwürm: ‚Molche‘. — [94] krotten: ‚Kröten‘. — [95] Gen 3,14 f. — [96] sichtig: ‚sichtbar‘. — [97] zapplen: ‚zappeln‘. — [98] Von der Schlange oder vom Drachen Leviathan (von hebräisch Livyatan, die Gewundene), der gerne als Seeungeheuer dargestellt wird, ist die Rede in Hiob 3,8; 40,25–32; Jes 27,1; Ps 74,13 f. und in gewissen Versionen der Vulgata bei Ps 103,26 (Vlg). Er ist ferner präsent in der rabbinischen Tradition und wird im apokryphen sog. äthiopischen oder ersten Henochbuch beschrieben, vgl. 1Hen 59,7. Paracelsus identifiziert den Leviathan mit dem Bösen schlechthin oder mit dem Teufel im Sinne von Offb 12,7; 13,4; 16,13; 20,2, wo Drache, alte Schlange, Teufel und Satan als Synonyme gesetzt sind. — [99] gereuets: ‚reuevolles‘.
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paradeis mehr, sunder 100 das reich gottes. Im selbigen ist uns der tisch bereit zu essen mit Christo das nachtmahl, so er mit uns verlassen hat, wieder anfahen. Die nun in das reich gottes nit kommen, dieselbigen haben kein hoffnung mehr. Dann das holz des lebens, das die frucht des lebens gibt zu essen, derselbig wird es geben fürhin im reich seins vatters, us dem er dann nimmer kommen wird, sonder ewig und ohn end do sein. Dann er ist der, der den tod überwunden hat und uns erlöst als unser höchsts gut. Nun 101 leit an dem, dass wir fürhin wissen sollen, wie wir uns im höchsten gut führen und weisen sollen, uf dass wir nit in ungehorsame 102 erfunden werden. So ist das ein punkt, der uns fast 103 zum ersten anzunehmen ist und einzubilden, dass wir gedenken, wie uns das höchst gut Christus von unserm himmlischen vatter geschickt ist und gesandt als den höchsten schatz, der uns geben kann und mag werden. Dann nichts ist höher dann der sohn, darum ist er das höchst guet. [276 v] Auf solches sollen wir betrachten, wie er sich gehalten hat gegen uns, also dass wir uns auch halten gegen ihm und gegen uns untereinander. In der gestalt, er hat für uns gelitten den tod und uns domit erlöst alle gleich, nit einen mehr oder minder dann den andern, gleich viel einem iglichen. Uf’s selbig so wissen,104 dass dasjenig, so wir haben, soll unparteiisch sein und idermann gleich viel sein, keiner mehr, keiner minder. Wir seind ihm alle gleich lieb, gleich ist auch sein gnad. Und wiewohl das ist: der viel liebt, dem wird viel, aber die erlösung ist alle gleich. Ungleich ist aber die gab, die us der lieb entspringt. So nun keiner kann sagen, Christus hat mich erlöst, dich nit, oder mich mehr dann dich etc., so kann auch keiner sagen, gott der vatter hat mir mehr leben geben dann dir, sonder eim als viel leben als dem andern. Auch so nun das gleich ist, so ist auch gleich usgeteilt das gut der erden, in der gestalt, dass sie unser ist und nit eins andern. So sie unser ist, so sollen wir die hon 105 gleich, nit ungleich. Nun aber, dass eim mehr dann dem andern wird, eim minder dann dem andern, und wie es also lauft ungleich, so soll doch der reich nit sagen, dass er mehr hab dann der arm, der nichts hat. Dann hat er mehr, soll einer dester mehr ausgeben, [277 r] damit er’s nit allein fress, sunder gleich uskommen,106 dass ander
[100] sunder: ‚sondern‘. — [101] nun … dem: ‚nun kommt es darauf an‘, ‚nun ist es wichtig‘. — [102] ungehorsame: ‚Ungehorsamkeit‘. — [103] fast: ‚sehr‘, ‚unbedingt‘. — [104] wissen: ‚wisst‘. — [105] hon: ‚haben‘, ‚halten‘. — [106] uskommen: ‚zurecht kommen‘.
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auch haben. Also gibt gott viel, dem das, dem das, oder wie es also sich schicket. Darum so nun das höchst gut uns alle gleich vermeint, hie nießen 107 die erden, so sollen wir’s also auch meinen, uns untereinandern ze geben: der viel hat, viel geben den, die nit hont, uf dass sie gefunden werden mild in ihren gaben. Also auch sollen wir das betrachten im seligen leben, dass wir nichts besonders machen, sonder gleich seinen gebotten folgig 108 seind,109 der do gesagt hat: „Ein neu gebott gib ich euch, dass ihr einander lieben.“ 110 So nun die tugend in uns ist, so ist wohl, was wir hont, wir können nit zuviel hon an keinerlei 111 reichtum. Dann ursach, es seind allemal soviel der armen do, die es hinweg tragen, dass allemal der kasten lehr wird und kein schatz von maden und würm do wachsen mag.112 So ist nun wieder ein punkten,113 was wir us einander machen, dass der über den sei und der über denselbigen etc. Noch so ist es gegen gott nichts, er halt je einen wie den andern. Das er dem mindsten gebotten hat, hat er auch dem meisten gebotten. Do er sagt, „du sollt nit die eh 114 brechen“,115 [277 v] ist jedermann gesagt, dem wohlmügenden 116 als dem unmügenden, dem reichen als dem armen, dem obersten als dem untersten, und also mit andern gebotten allen. Do er sagt, „du sollt nit stehlen“,117 do redt er uf dieb, so den reichen stehlen und andern heimlich nehmen. Warum sagt er auch, „du sollt kein fremdes gut begehrn“? 118 Do redt er uf die, so nit stehlen, sonder mit gwalt nehmen und rauben in ihrem wucher und betriegen,119 schätzen 120 und übernehmen.121 Niemands ist ledig, keiner usgenommen, es geht 122 in allgemein. Also wir auch, so wir gebott machen und haben, sollen sie auch in die gemein 123 gottes niemands do entschuldiget sein, weder reich noch arm, weder gelehrt noch ungelehrt. Dann so ein reicher stiehlt, er ist bei gott verurteilt als ein stehler, so ein armer stiehlt auch also. Dann er hat uns dermaßen die kraft geben, dass niemands zum stehlen gezwungen werd, dann was der eigen bös mutwill tut. Also auch, der sein ehe bricht oder hueret, der ist von gott verurteilt, er sei gleich, wer er
[107] nießen: ‚nutzen‘. — [108] folgig: ‚folgsam‘. — [109] Dtn 28,45. — [110] Joh 13,34. — [111] keinerlei: ‚irgendeiner Art von‘. — [112] Mt 6,19 f. — [113] punkten: ‚Gesichtspunkt‘. — [114] eh] ee H: ‚Ehe‘. — [115] Ex 20,14; Dtn 5,18; Mt 5,27; 19,18; Röm 13,9; Jak 2,11. — [116] wohlmügenden: ‚vermögenden‘. — [117] Ex 20,15; Dtn 5,19. — [118] Ex 20,17; Dtn 5,21. — [119] betriegen: ‚betrügen‘. — [120] schätzen: ‚mit Steuern heimsuchen‘. — [121] übernehmen: ‚überteuern‘. — [122] geht in allgemein: ‚gilt für alle gleichermaßen‘. — [123] gemein: ‚Gemeinschaft‘.
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wöll, gelehrt oder nit, geistlich oder weltlich, dann gott hat kein ansehen gegen der person.124 Darumben sollen wir das uns auch lassen ein exempel sein, dass wir auch kein ansehen haben in den personen, sonder [278 r] idermann helfen, raten, geben gleich und halten gleich. Wie gott uns die fußstapfen anzeigt,125 also sollen wir ihnen nachfolgen auch uf erden. Dann also ist’s sein will, niemands verachten, niemands mehr lieben. Dann do 126 langt das hin, do er sagt, „der zu seinem bruder sagt racha“ etc.,127 „wir seind alle brüder“.128 So wir ihn, den einen, verachten, den andern nit, so sünden wir. Wir sollen einandern gleich durch einander lieben und niemands lästern, guts um bös geben, dem guten guts, dem bösen auch guts, je eim wie dem andern. Und wo wir das nit täten, so täten wir wider das höchst gut, das milde braucht. Gibt den regen guten und bösen und die sunne.129 Also wir auch in seinem fueßstapfen sollen nachfolgen. So die stund der ernt kommt, alsdann werden gereutert 130 und gesundert eim iglichen von dem andern. Die guts geton haben, die werden eingohn in das reich der himmel unsers himmelischen vatters, die bös geton, in das ewig feuer. Die ding zu erkennen ist allein, wie gott uns vorgeht, also sollen wir hernach gohn. So wir wellen im höchsten gut leben, sollen wir [278 v] alles das, so zur hoffart und zum geiz und zu eigner wollust 131 dient, von uns tun, dann unser höchst gut ist wider die hoffart gesein. Darum uns ein exempel fürgangen hat, dass wir auch also seient wie er. So nun in ihm kein hoffart gesein ist in keinerlei dingen, so soll ein iglicher auch sein stand füeren und sein wandel, dass in ihm kein hoffart gesehen wird. Nit ansehen Salomon und dieselbigen könig in reichtum etc., dann sie seind nit unser vorgeher; allein Christus ist, dem sollen wir nachschlagen. Ein könig soll nit Alexanders 132 hof halten noch Artus’ 133 hof, sonder den hof Christi, die speisen, die ihm’s nit wiederzuvergelten hont, wie Christus, do er etlich tausend menschen speiset. Also auch, der ein arzt ist, soll nit sein arznei brauchen zu hoffart, sonder wie Christus allein zur notdurft der kranken. Dergleichen auch in keinen dingen kein geiz brauchen, als ein könig ist nit darum ein könig des geiz, sonder des
[124] Röm 2,11; Eph 6,9; Kol 3,25; 1Petr 1,17. — [125] 1Petr 2,21. — [126] do langt das hin: ‚darauf bezieht sich die Stelle‘. — [127] Mt 23,8. — [128] Mt 5,22–24. — [129] gibt … sunne: ‚Gott gibt den Guten und den Bösen Regen und Sonne‘, vgl. Apg 14,15–17. — [130] reutern: ‚sieben‘. — [131] wollust dient] wollest dienst H. — [132] Alexander der Große (356–323 v. Chr.), mazedonischer Feldherr. — [133] Artus (5./6. Jh.), legendärer keltischer König und Held. Von der Artussage berichtet erstmals ausführlich Geoffrey von Monmouth in seiner «Historia Regum Britanniae» (um 1135).
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gemeinen nutz. Hat nun Christus us dem ewigen leben nichts gelöst noch ergeizet 134 gegen uns, sonder vergebens 135 geben, also auch soll unser könig nit ein könig des geiz sein, [279 r] sonder des gemeinen nutz, der ohn geiz wohl sein mag. Also auch ein arzt soll nit sein arznei uf den geiz richten und brauchen, us ursachen, auch Christus hat’s nit ton.136 Hat nun derselbig uns ein exempel fürgeben, so müssen wir demselbigen nach, do hilft nichts für. Do Christus uf dieser welt wandlet, was er bedurft, das noss 137 er nit zu dieser wollust. Darum auch der mensch nichts soll zu wollust ufrichten, also hat er uns ein exempel geben. In allem, was wir handlen, das soll dermaßen gericht sein, dass ein jeglicher Christ für ihn nehme 138 und sehe: wie er, also wir auch. Nit darum in eim rock gohn, nit darum von einer statt139 zur andern, sunder ein iglicher in seinem beruef bleiben und denselbigen unter dem kreuz tragen und Christo nachfolgen.140 Wer ist uf erden je gesein, dem wir seinem exempel sollten oder möchten seliglichen nachwandlen? Nie keiner als allein Christus! Hätten die juden Adam gefolget oder Moisen in seinen fueßstapfen gangen, was wär’s gesein? 141 Die heiden in’s Alexanders oder Aristotilis,142 was wär’s gesein? Allein die christen haben den rechten, dem sie sollen nachfolgen. Der ist Christus, und der dem nit nachgeht und folge in seinen fueßstapfen, der wird nit selig werden. Warum? Er ist die seligkeit. [279 v] Dieweil er’s ist, so wandlen wir gewiss nach ihm. Und in allen andern vorgehern 143 ist nichts dann fehl, us ursachen, ihr keiner ist die seligkeit noch vom himmel. Darum soll nach keins menschen fueßstapfen gangen werden, allein nach Christi und nit nach Benedicti.144 Dieweil und wir grob aus mutterleib kommen und büffelet,145 ist not, dass wir lehr haben, uf dass wir in demselbigen uns wissen zu richten, weiter zu wandlen. Nun seind viel der menschen, die geschrieben [134] ergeizet: ‚zusammenscharren‘. — [135] vergebens: ‚umsonst‘. — [136] ton: ‚getan‘. — [137] noss: ‚genoss‘, ‚nutzte‘. — [138] Jeder soll sich Christus als Vorbild nehmen. — [139] statt: ‚Stelle‘. — [140] Mt 10,38 par.; 16,24 par. — [141] Anhand des Bilds vom Wandeln in den Fußspuren Christi gemäß 1Petr 2,21 nimmt Paracelsus die gängige antijüdische Polemik auf, die die Besonderheit Christi herausstellen will. Es geht dabei um den Erwählungsgedanken resp. um die Abgrenzung gegenüber den verschiedenen jüdischen Gruppierungen. — [142] die heiden … Aristotilis: ‚wenn die Heiden in den Fußstapfen Alexanders des Großen oder des Aristoteles gegangen wären‘. — [143] vorgeher: ‚Vorgänger‘. — [144] Der Christ soll laut Paracelsus nicht einer Mönchsregel nachleben wie der «Regula Benedicti» des Benedikt von Nursia (c480-c547), dem Gründer des Klosters Monte Cassino und damit des Ordens der Benediktiner, vgl. BBKL 1 (1990), 494–496. — [145] büffelet: ‚ungebildet‘.
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haben, dass das menschlich liecht der natur nit kann verwerfen,146 aber noch ist es nit der weg zur seligkeit, aber im höchsten guet gewandlet. Darum so sollen dieselbigen im seligen leben nit anderst gelesen werden, dann zu sehen die herzen und gemüet der heiden und der natürlichen; 147 auch die do gern hätten recht geton und aber im rechten grund der seligkeit nit erfahren und doch ein forcht gegen gott tragen in dem, dass sie den nächsten nit erzürnten und sich nit fürchten sollten vor dem gestirn oder vor den bäumen oder vor den menschen.148 Itz aber so haben wir den höchsten in der lehr, des lehr allein nichts ist dann das reich gottes. Also wie es im himmel ist, also haben wir’s uf erden.149 Darum so folgt us dem, dass wir denselbigen [280 r] sollen lesen, nit allein lesen als ander der heiden geschriften, sonder lesen in der gestalt, dass in uns bleiben und dass, so diese seind, also in uns vollbracht werden.150 Und so es in uns vollbracht wird, so leben wir im höchsten gut und seind gleich den englen im himmel, und wir seind geschrieben mit unserm namen in das buch des lebens.151 Der im selbigen buch stehet, derselbig ist im reich gottes, uf denselbigen dörfen wir uns vertrösten und verlassen, weiter auf keinen mehr. Dann do er spricht, „seind barmherzig“,152 itzt wissent wir, so wir barmherzig seind und nit wieterich,153 dass wir im reich gottes seind, dann der hat’s gesagt, der es selbs ist. Darum so führen 154 uf erden zweierlei lehr: die lehr der menschen in dem liecht der natur; und ist billich, dann sie entlehnen 155 uns auch, aber nit in das ewig. Darum lesen wir’s, und also lassen wir’s den buechstaben sein. Itz aber seind wir christen. Darum ist Christus unser lehrer, denselbigen lesen wir, und in ihm wandlen wir, und seiner lehr geben wir folg und statt, und sein lehr, die wirkt in uns, gibt frucht.156
[146] dass … verwerfen: ‚dass die menschliche Vernunft einen nicht irreführen kann‘; zum „Licht der Natur“ als der Natur innewohnenden, sich selbst erklärenden Evidenz vgl. u. a. Gantenbein 2004; Goldammer 1953, 1991; Haas 1993. — [147] Das Lesen der Schriften der Philosophen hat allein den Zweck, uns über Denken und Gemütszustand der Heiden, insbesondere der Griechen und Römer, und der Naturphilosophen zu unterrichten. — [148] Dasselbe gilt für religiöse Schriftsteller, die zwar rechten Glauben und Gottesfurcht haben, aber dennoch nicht über die nötige Einsicht in das Wesen des seligen Lebens verfügen. — [149] Mt 6,10. — [150] Wir sollen die Lehren Christi verinnerlichen, denn diese vollbringen und realisieren in uns das selige Leben. — [151] zum Buch des Lebens vgl. Ps 69,29; Phil 4,3; Offb 3,5; 13,8; 17,8; 20,12.15; 21,27; 22,19. — [152] Lk 6,36; vgl. Mt 5,7; 1Petr 3,8. — [153] wieterich: ‚wüterig‘, ‚ungestüm‘, ‚grausam‘, ‚wild‘. — [154] führen: ‚führt‘, ‚zieht heran‘. — [155] entlehnen] endlehnen H: etwa ‚geben uns Erkenntnis‘, ‚befriedigen uns‘. — [156] zu den Früchten des Geistes vgl. Gal 5,22; Eph 5,9.
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Itz seind wir selig und wandlen im höchsten guet. Dann bei ihm seind alle ding beschrieben, und [280 v] nimmt der natur nichts in ihrem liecht. Dann das ist der natur liecht, dass wir in sitten und wesen friedlich handlen und lehren und erfahren der natur kraft, tugend und macht und die kunst der welt, dann die ding seind von gott beschaffen. Was aber weiter außerthalb der natur und außerthalb der lehr Christi, ist die verdammnus. Secht nun ein iglicher und merkt, so wir die gebott gottes halten, allein in der lieb gegen gott und dem nächsten,157 dass wir nit reich werden und nit arm: verderbt uns nichts, bringt uns nichts um das zeitlich.158 Der acker ist nichts desterminder dein acker, dein weingarten nichts desterminder dein weingarten. Do geht deim bauch nichts ab. Darinnen nimm das exempel: Alle menschen, so auf erden seind, die haben alle ihren teil von der erden, und wächst soviel, dass iglichem sein teil wird. Dass aber teuri 159 kommen, hat zwo ursach: Eine us der zeit der natur; dieselbigen hungert, töt kein menschen, dann was heur 160 nicht ist, ist ferten,161 do ist allemal gnug. Die ander teuri ist die, so wir’s einander verhalten 162 und nit geben wellen, sonder mit wucher ufsetzen.163 Nun sich 164 die erste teuri, wie ein guete teuri es sei, sie schadt uns allen nit. Allein so die lieb [281 r] do ist, dass sich der reich freueti,165 den armen ze helfen, so wär und ist allemal gnug do, dass niemands kein hunger hat. Und wird noch viel mehr do sein, so der wucher und fürkauf,166 schatzung, zehent etc. mit dem zins nit wäre. Nun sich,167 so die liebe bei uns wäre,168 so hätt jedermann gnueg, von jugend auf bis in sein tod. Nun soll die liebe bei den reichen sein, bei den, die den nutz der erden hont.169 Ist sie do, wie selig ist die erden, die das volk trägt. Ist sie nit do, so wachsen do dieb, mörder und dergleichen, und ein iglicher sinnet 170 ihm nach, wie er auch reich werd. Das nachsunnen 171 gibt itzt schelmerei, betrug, bescheißerei und der[157] zum Gebot der Gottesliebe vgl. Dtn 6,5; Mt 22,37 par. und zur Nächstenliebe vgl. Lev 19,18; Mt 22,39 par.; Röm 13,9 f.; 15,2; Gal 5,14; Jak 2,8. — [158] Wenn wir die Gebote Gottes halten und dabei nicht reich werden, so ist das noch nicht unser Verderben, wir haben trotzdem genug für das zeitliche Leben. — [159] teuri: ‚Teurung‘. — [160] heur: ‚dieses Jahr‘. — [161] ferten: ‚voriges Jahr‘. — [162] verhalten: ‚vorenthalten‘. — [163] ufsetzen: ‚aufschlagen‘, ‚betrügen‘. — [164] sich: ‚siehe‘. — [165] freueti: ‚freute‘. — [166] fürkauf: ‚wucherischer Zwischenhandel‘. — [167] sich: ‚siehe‘. — [168] zum Gebot der gegenseitigen Liebe vgl. Joh 13,34; 2Joh 1,5. — [169] zur Mahnung an die Reichen vgl. Ps 62,11; Mt 6,20; Lk 12,15–21; 16,9; 1Tim 6,17–19. — [170] sinnet] Simoner H falsche Lesung. — [171] nachsunnen: ‚nachsinnen‘.
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gleichen. Also werden die kinder der verdammnus geborn, die ihren ursprung nehmen in dem, dass dem gebott nit gelebt wird, „du sollt den nächsten lieben“.172 Also ursacht 173 der reich sich selbs zur verdammnus und den armen zur verdammnis. Wie groß ist nun des 174 verdammnus, der reich ist, der den andern verdammt macht durch sein nithaltung 175 der gebott? So wir die ding ermessen und ansehen, so sollen wir wissen und ermessen, dass kein gott ist als unser gott, kein höher gut als unser gott, der uns gnug gibt ohn bresten 176 noch schwere.177 So [281 v] wir allein am ersten das reich gottes suchten,178 das ist die liebe, so wir die suchen in uns, und treiben’s herfür, itz so ist das reich gottes do, itz ist alles gnug do. Wo aber nit, allein im eigennutz, im eigen kuchin: 179 itz schlächt 180 der hagel, der donner darzu, und macht böse jahr.181 Das seind plagen von gott, die alle nit geschähen, so wir würden gottes gebott nachgohn, gott lieben und den nächsten, und das mit vollkommner liebe. Dann in solcher vollkommner lieb müssen wir das ewig leben erlangen. Ohn die liebe wird uns gott auch kein liebe mitteilen, sonder messen mit der maß, damit wir gemessen hont.182 Viel seind der seligen und heiligen, die im höchsten gut gewandlet hont und in widerwärtigkeit stunden, und aber wie der stand gesein ist, denselbigen verlassen und in gott gewandlet, das ist im höchsten gut. Nit alle gleich, sonder einer also, der ander also, und doch alle im höchsten gut blieben uf erden. Dann viel seind der seligen, so zu gott seind kommen, die in unseligen ständen gesein seind auf erden. Der ist gesein ein nachfolger des patronen, der ander ein ordensmann des patronen etc. Aber die ständ und orden seind gleichwie ein huerenorden. Ursach, die hueren mügen auch selig werden in dem, so sie [282 r] von selben sünden lassen und wandlen im weg des höchsten guts.183 Also obgleich wohl einer eines menschen regulen 184 nachfolget und tut’s, ob sie gleichwohl schwer ist, härt ist etc., so ist es doch nur huererei. Dann in gottes lehr sollen wir wandlen, nit in regulen. Darum fallen sie vom selbigen in reu und leid und gohnt in den weg gottes. Alsdann so wand-
[172] Lev 19,18; Mt 19,19; 22,39 par.; Joh 13,34; Röm 13,9 f.; 15,2; Gal 5,14; Jak 2,8. — [173] ursacht: ‚drängt‘, ‚verurteilt‘. — [174] des: ‚dessen‘. — [175] nithaltung: ‚Nichteinhalten‘. — [176] bresten: ‚Mangel‘. — [177] schwere] schwäre H: ‚Mühe‘, ‚Leid‘, ‚Last‘. — [178] Mt 6,33 par. — [179] kuchin: ‚Küche‘, im Sinne von: ‚für den eigenen Gewinn‘ — [180] schlächt: ‚schlägt‘. — [181] Ex 9,22–24; Ps 18,14 f.; Offb 11,19. — [182] Mt 7,2 par.; Lk 6,38. — [183] Mt 21,31 f.; Joh 4,25; 8,3–11. — [184] regulen: ‚Regel‘, ‚Ordensregel‘.
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len sie seliglich, und ist mit ihnen gleich als mit Maria Magdalena, der wird viel vergeben, viel hat’s geliebt.185 Darauf folgt nun, dass sich oft begibt, dass ein münch ein heilig wird, der us einem konvent ist, oder die münch seines konvents, und dieselben alle seind buben, hurn etc., weder in gottes lehr noch weg. Was ist die ursach? Er hat sich gescheiden vom münch und ihren regulen und leben, wie Matthäus und Zachäus von zollern 186 und von solchem bubenvolk.187 Darum so folgt nit, dass Matthäus sollt ein bueb 188 sein, darum dass er ein zoller gesein wär. Folgt auch nit, dass die zoller darum recht haben, darum dass Matthäus einer gesein ist. Das folgt aber, dass ein idlicher sein bürde trägt.189 Also nimmt gott oft einen us einem kloster in die wildi 190 als Menardus 191 und zeichnet offentlich mit dem wunderzeichen, [282 v] dass er selig und heilig ist, wie mit Maria Magdalena, wie mit Matthäo etc. Wo das beschicht ist gleich, als spräch der sun gottes: „Do ist ein sünder und ein verlorn schaf gefunden.“ 192 Das stehet hinten in der kirchen und spricht: „Ach herr, ich bin nit wirdig, dass ich mein augen ufhebe zu dir 193 oder dass du gangest unter mein dach“ etc.194 Und die ander seine konventor 195 seind do vornen in der kirchen und sprächen: „Wo seind wir, als die verlornen münch dohinten,196 wir betten unser zeit, wir fasten,197 wir singen etc., und geben gott, was ihm zugehört.“ 198 Also lass sich niemands verwundern, obschon ein münich gein 199 himmel kommt und zeichnet, 200 und die andern verdammt werden. Gott ist wunderbarlich in seinen werken, 201 er nimmt ein reuigs, demüetigs herz allemal an. 202 Also, wo solche zeichen durch gott beschehen, sind anzunehmen. Dann sie seind der bösen große schand, dass sie gott nit auch so lieb seind im höchsten gut und auch also zeich-
[185] viel … geliebt: ‚denn sie hat viel geliebt‘, vgl. Lk 7,47. — [186] zollern: ‚Zöllnern‘. — [187] Mt 9,9; 10,3; Lk 19,2. — [188] bueb: ‚Schurke‘. — [189] Mt 10,38 par.; 16,24 par.; Gal 6,2–5. — [190] wildi: ‚Wildnis‘, ‚Einöde‘. — [191] Menardus] Maindj oder Monndj H; von anderer Hand berichtigt mit Menardus, einer Form von „Meinrad“. Gemeint ist Meinrad von Einsiedeln (c797–861), der Mönch des Klosters Reichenau war und später die Leitung der Klosterschule Benken niederlegte, um als Eremit auf dem Etzelpass zu leben. Am Ort einer seiner Klause wurde das Kloster Einsiedeln gegründet. Vgl. BBKL 22 (2003), 829–832. — [192] Lk 15,4–7. — [193] Lk 18,13. — [194] Mt 8,8 par. — [195] konventor: ‚Konventsmitglied‘. — [196] ‚wo wir sind, im Gegensatz zu den verlorenen Mönchen dort hinten‘, vgl. Lk 18,11. — [197] Mt 6,16.18; 9,14; Lk 18,12. — [198] Mt 22,21 par. — [199] gein: Nebenform von ‚gen‘ in der Bedeutung von ‚gegen‘. — [200] zeichnet: ‚Zeichen oder Wunder tut‘. — [201] Hiob 37,5; Ps 66,3.5; 139,14. — [202] 2Kön 22,19; 2Chr 34,27; Ps 51,19; Jes 57,15.
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nen. Darbei erkennt man us den früchten, welches die seligen seind: 203 die 204 frucht geben, seind selig. Gott stellt sein licht auf, dass wir’s auch sehent. 205 Die nit frucht gebent, tunt nichts. 206 Do stellt gott ein licht auf, dass wir’s auch sehent. Darum sollen wir im seligen leben das höchst gut us unsern herzen nit lassen und im selbigen [283 r] wandlen und nit achten, dass wir für sünder geacht werden oder für offen 207 sünder und die auch seind. Ist 208 uns nutzer, offen sünder zu sein dann pharisäisch. Und was wir tunt aus großer liebe und mit voller liebe, mit der vollkommenheit, wie unser himmelischer vatter im himmel gegen uns vollkommen braucht 209 ohn allen abbruch, also sollen wir gegen einander vollkommen auch sein ohn allen abbruch gegen unserm nächsten, voraus gegen gott, ohn gebresten und in reuigen, demütigen herzen wandlen und handlen. Dann wir seind einer ungewissen stund, warten, wann uns der tod fresse. Uf dass wir wohl gefunden werden und sterben in dem herrn, sollen wir allzeit ohn unterlass das höchst gut in uns hon, uf dass es uf uns gang und wirk – dann also ist der weg zu dem seligen leben nach diesem irdischen –, und hie uf erden nicht suchen, das unser höchsts gut sei, und auch nit suchen, das uns möchte vom höchsten gut enden oder entsetzen. 210 Dann der am todbett leit 211 und ist hundert jahr alt, wie ist ihm anderst, dann als sei er erst gestern kommen? Der leit und betracht sein sünd, sein reichtum, sein wollust, und alles das missfällt ihm zu der stund. Und an der stund der rechnung, so wirft er’s alles von ihm, übler und verschmächlicher, 212 [283 v] dann ein kraut zu dieser zeit hingeworfen wird. So nun der mensch bedächte, dieweil 213 er’s braucht, so würd er diesen dingen nicht nachstellen, sonder von ihm werfen. Dann es kommt die stund und die zeit wird kummen, dass wir alle werden erkennen gut und bös, was ihr beider belohnung sein wird. Do wird der falsch, der ungerecht gerochen 214 und der selig und gut belohnet in das ewig, dass uns das höchst guet, das Christus ist, erlangt hat, dass uns bereit 215 ist das sein und unsers
[203] Mt 7,16.20. — [204] die: ‚die‘, ‚welche‘. — [205] Mt 5,15 f. — [206] zum Topos der guten Frucht vgl. Jes 11,1; Mt 3,8.10 par.; 7,16–20 par.; 12,33 par.; 13,8.23 par.; 21,34–43; Lk 13,6–9; Joh 4,36; 12,24; 15,5; Röm 6,21 f.; Gal 5,22; Eph 5,9; Jak 3,17–19. — [207] offen sünder: so heißt der Zöllner im Evangelium; eine offene Sünde ist eine solche, von der alle wissen, vgl. BMZ; Mt 5,46 f.; 9,10 f. par.; 11,19 par.; 18,17; 21,31 f.; Lk 3,12; 7,29; 15,1; 18,10 f.13; 19,2. — [208] ist uns nutzer: ‚es nützt uns mehr‘. — [209] braucht: ‚zur Anwendung bringt‘. — [210] enden oder entsetzen: ‚entfernen‘. — [211] leit: ‚liegt‘. — [212] verschmächlicher: ‚verächtlicher‘. — [213] dieweil: ‚so lange als‘ — [214] gerochen: ‚bestraft‘. — [215] bereit: ‚bereitet‘.
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himmlischen vatters, da ohn end ewig ze sein und in dem angesicht gottes wandlen, unter welchem kein args, kein übels ist, kein winter noch raucher 216 aquilonischer luft, 217 sonder alle milde, die niemands mag aussprechen.
[216] raucher: ‚rauer‘ – [217] aquilonischer luft: ‚Nordnordostwind‘, dichterisch für ‚Sturm‘.
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A4. Liber de felici liberalitate Von der glücklichen Freigebigkeit [69 r] 1 Dieweil uns nun gott begabt mit mannicherlei gaben, die wir auf erden gebrauchen sollen, und dasselbig vom freien gemüt hinweg, tapfer und guetwillig ausgeben, wie Paulus sagt: „Ein schnellen usgeber und ein fröhlichen hat gott lieb.“ 2 Nun kann niemands usgeben, allein es sei dann, dass er reich sei, es sei, warin es well. Der reich in der arznei soll reichlich ausgeben, das ist reichtum der arznei, viel 3 können und wissen. Dergleichen mit andern dingen, gut oder anderst. So ist aber nun zu wissen, so gott einem ein solche reichtum zufüegt, so soll der mensch, der sie hat, an ihm ein liberalität 4 angeborn haben oder eingepflanzt, dass er dieselbig müge reichlich austeilen denen, dohin es gehört. Nun aber, so ist der mensch von der erden, und die erden hat viel seltsamer kinder in ihr. Der ist saturnisch – neidisch, untreu, eigennutzig; der ist Jupiter – zart und faul; der merkurisch – gar zu leichtfertig; und dergleichen mit andern. 5 Uf solches, dieweil die natur, die do soll dasselbig frei usteilen, nit allemal die milde hat oder die güete, andern zu helfen oder zu geben, so folgt uf das, dass der mensch soll die lehr hören und an sich nehmen, so von der liberalität geschrieben steht, und sich mit gwalt hineintreiben und pflanzen. Dann also ist auch der glaub 6 Christi gepredigt worden den unglaubigen. Und also viel seind von ihrem wesen gefallen und dem glauben zugangen und verlassen die alt natur, eigenschaft, wesen und was do ist. Also soll auch hie beschehen. Wie not ist den groben und unverstandnen, den glauben zu verkünden, also ist auch not, die tugend den untugendhaftigen zu entdecken, uf dass sie oder do etliche bewegt werden zur usteilung der gaben, so sie von gott hont. Dann nit viel seind der reichen, die [69 v] von natur die liberalität der seligkeit an ihn haben. Wie viel, die ihnen selbs nit die speis gönnen? Solch leut, die also in ihr grobheit und geiziger natur erstreckt seind und gar in unverstand, mit macht denselbigen soll man predigen und verkünden die liberalität. Wo die nit gebraucht wird, do wird nichts helfen. Sie werden der verdammnus zugohn, und das wird ihn fürgehalten am tag der rechnung. „Ihr hont mich nit gespeist, do ich hungerig gesein bin, nit getränkt, do ich dur[1] H: H 1 69 r–79 v. — [2] 2Kor 9,7. — [3] viel] will H. — [4] liberalität: ‚Freigebigkeit‘. — [5] Paracelsus bezieht sich hier auf die astrologische Typenlehre, wie sie in Spätantike und Mittelalter gebräuchlich war. — [6] glaub] gaub H.
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stig gesein bin, nit kleidt, 7 do ich nackend war etc., nit heimgesucht mit eurer arznei, do ich krank war.“ 8 Darinnen wird alsdann ein urteil ursachen über sie zu der hellen. Darum die selig liberalität soll verkündt werden, uf dass sie in verstand kommen, in die groben, unverstanden, hoffärtigen, stolzen menschen, die do vermeinen, es sei kein gott, sie seient über himmel und erden. Und also in solchem verstand werden sie verdammt. Das soll fürkommen 9 werden in allen oder vielen. Wiewohl seind, die do sagen und vermeinen, so sie ihr gut behalten ihren kindern und erben und das nit allein an den armen ersparen, sonder auch an ihrem eigen leib. Sie tuent recht und soll also recht sein, so sie viel hinter ihn lassen. Aber Christus zielt nichts uf vergangen reichtum oder verlassne. Es steht geschrieben, „und ihre werk folgen ihn nach“,10 und des guts nachfolgen steht nit. Darum soll niemands sich der liberalität entschlahen, sonder dieselbigen gebrauchen, nachdem und sie ihm gott geben hat. Die hat er nun nit geben, zu sparen bis nach seinem tod seinen erben, dann wer weißt der erben herz, wie sie geraten? Du sollt dein gab geben selbs! Und das geben ist dein werk, das dir nachfolgt nach dem tod in jene welt, nachdem du gefragt wirdest, um rechnung zu geben. Aber viel ist von dem zu reden, dass viel seind, die ihr güter und gaben nit den armen oder [70 r] andern liberaliter 11 mitteilen. Dargegen ist aber auch zu verstohn, dass sie die gnad von gott nit hont, dasselbige uszeteilen den armen und notdurftigen. Dann viel seind, die ihr gut mit bescheißerei, wucherei und ander leckerei gewünnen haben. Demselbigen hilft kein predigt nit noch lernen, dann die gnad gottes ist nit bei ihnen. Gott will die seinen nit von sollichem gut sättigen, sonder will dieselbigen sättigen von den gaben, die ufrechtlich 12 do seind. Darum steht das wort gottes wohl, das do sagt, „gohnt hin und verkünden das evangelion“,13 und „in welches haus ihr eingohnt, sagen, der fried sei mit euch“.14 Empfahen sie euch, so bleiben do, wo nit, so schütt den staub von euren schuhen.15 „Es wird Sodoma und Gomorra am jüngsten tag bass 16 ergohn, dann diesen leuten“ etc.17 Also hie auch: die nit von gott seind, sonder vom teufel, dieselbigen nehmen’s nit an. Sie behalten ihren schatz und gunnen 18 den ihnen selbs nit. Bei solchen ist kein liberalität zu suechen, noch in sie zu treiben. Dann gott hat sie auf ihr üppigs, sündlichs leben verblendt und zu [7] kleidt: ‚gekleidet‘. — [8] Mt 25,42 f. — [9] fürkommen werden: ‚vorgenommen werden‘. — [10] Offb 14,13. — [11] liberaliter: ‚großzügig‘. — [12] ufrechtlich: ‚ehrlich‘. — [13] Mk 16,15. — [14] Lk 10,5. — [15] Mt 10,14 par. — [16] bass: ‚besser‘. — [17] Mt 10,15; vgl. auch Mt 11,24 par. — [18] gunnen: ‚gönnen‘.
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stummen gemacht und zu gehörlosen leuten. Ob sie schon augen hont, so sehent sie nit, auch mit ihren ohren hören sie nit.19 Das ist, sie hont die gnad des verstands nit. So ist auch kein selige liberalität zu verkünden denen gleißnern. 20 Dann dieselbigen tunt alle ihr ding nur 21 faul, nit vollkommen, allein auf den schein, dass sie groß gesehen werden von den leuten. Derselbigen herz soll auch nichts zur liberalität, dann do mag kein gueter baum gepflanzt werden. Ein jeglicher gleichsner 22 tut ein schein, aber kein tat; 23 nichts, das jemands müge erfahrn, behalt allemal den schatz ihm selbs, den spreuer gibt er uns, ein wenig für 24 viel. Tut nit als die frau, so ein pfenning gab in den stock von ihr substanz, die Christus lobt über die reichen all. Sie gaben, doch dass ihnen nit am schatz abgieng. 25 [70 v] Am ersten, so du in der liberalität die gab hast, so mach dich frei selbs, auf dass du dein frei herz habest und dich niemands hindere. Bist ein knecht und in eim dienst, in eim amt, so geht es dir schwer zu, frei zu sein. Du musst sorgen uf dein dienst, dass du den versorgest, mehr als auf die liberalität. So soll aber der, dem gott gab und reichtum geben hat, keins andern sein, sonder sein selbs eigen herr und willen und herz, uf dass sie von ihm gangen und fröhlich, dass ihm gott geben hat. Dann einer, der von gott ein gab hat und sich untertänig gemacht hat domit einem andern, der vergibt sein teil am himmel. Als ein arzt, dem gott die reichtum der arznei geben hat, und pflicht 26 sich in die fürstenhöf, in die städtdienst, derselbig ist jetz der liberalität beraubt. Dann er mueß uf die seidenkleider warten, die hont mit ihm zu gebieten. 27 Und aber kein gebott soll über sie gohn, sollen auch sich nit unter die gebott mischen, sonder ein freies herz behalten. Dann einem, dem gott reichtum oder gab geben hat, der soll’s von keines guets wegen, weder von silber noch gold wegen, verkaufen oder versetzen, sonder sein wesen setzen wie ein leerer, 28 pilger, der weder mörder noch dieb förcht und sein freien mut behalt. Dergleichen verheft dich nit einem weib, die dein meister sei und dich ziehe, wie sie willt; darzue, so deine kinder 29 groß werden und erwachsen, alsdann über dich werden und du mit ihnen ein gefangen mann seiest, deiner libertät 30 beraubt. Dermaßen handel im selbigen, dass dein frau nit ein aug sei, das dich
[19] Mt 13,13 f. — [20] gleißnern: ‚Heuchlern‘. — [21] nur] nun H. — [22] gleichsner: ‚Heuchler‘. — [23] tat] dat H. — [24] für] vyr H. — [25] Mk 12,41–44. — [26] pflicht: ‚verpflichtet‘. — [27] Mt 11,8. — [28] leerer] lärer H: jemand mit leerem Geist, der unbeschwert gehen kann. — [29] kinder doppelt. — [30] libertät: ‚Freiheit‘.
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Christus heißt ausgraben und hinwerfen. 31 Ist sie dasselbig aug, besser du werfst in ein gruben, dann dass sie dich soll verfüeren und binden in deiner liberalität. Dann der teufel ist seltsam und beischlägig. 32 Wo er sicht ein gerechten menschen, ficht ihn in viel weg an durch krankheit, durch weib, durch kinder. Aber du sollt 33 ihm zu stark sein. Du bist ein mann, sie nit. Du bist der [71 r] vatter, deine kinder nit. Darum bis 34 und bleib, das dir gott geben hat. Kein mensch ist so schwach nit uf erden. Er ist dem teufel stark gnug, ihn zu überwinden, auch weib und kinder. Darum so schau und probier 35 dich, eh du in ding gangest, damit du weder 36 eines andern seiest noch auch deiner frauen nit. Sonder dir soll eben sein, so du ein weib hast, als habest kein weib, 37 hast du kinder, als habest keins. Und also frei sein in deinen gaben, dass dich niemands nit zwing noch zu nötigen habe, dein gab zu versperren oder zu verkaufen. Sonder auf dem bleibe: Vergebens hab ich’s empfangen, vergebens will ich’s wieder geben. 38 Do gehört ein frei herz zue, ein fröhlichs, wie Paulus sagt: „Den gott lieb hat, so er fröhlich ausgibt.“ 39 So du nun also dich geledigt hast und frei bist wie ein bettler und wie ein reine jungfrau, so nimm 40 für dich, dass du verstandest dein gab, wo 41 sie hingehörent. Das ist nun der erst anfang der liberalität. Dann wo du das nit verstehst, so gebrauchest dein liberalität unfleißig und gibest’s den sauen. 42 Dann nit all kranken seind der arznei befohlen, viel plagen unter ihnen. Darum so lern, wo du sie hinbrauchen willt und sollt, damit so sie wohl anlegest. Viel haben ihr liberalität im sauf und zahlen für alle gesellen. Das ist nit liberalität. Viel zahlen huererei für sie, ist nit liberalität des seligen lebens nun gefüert. Das nichts soll, und das do ist wider das selig leben, dern dingen keins nit. Dann ist nichts geben, das dohin gehört. Auch sollt du vorhin geben, das do vorhin ist. Nit laden, 43 dass man dich wieder lad. 44 Es sei dann usserthalb der gab, dass du einladest, der nichts hat. Und so er hat, so hast du nichts und der ander ladt dich wieder. Aber die, so die freien gaben haben, dieselbigen laden nit uf wiedergeben. Dann dasselbige seind nit die freien, werden nit muneriert 45 in der zahl der liberalitäten. Darum so ist am ersten vonnöten, dass du wissest die [71 v] gaben anzulegen
[31] Mt 5,29 par. — [32] beischlägig: ‚beschlagen‘, ‚schlau‘, ‚erfahren‘. — [33] sollt] sallt H. — [34] bis: ‚sei‘. — [35] probier dich: ‚sieh dich vor‘. — [36] weder] wider H. — [37] weib] wein H. Vgl. 1Kor 7,29. — [38] Mt 10,8. — [39] 2Kor 9,7. — [40] nimm für dich: ‚nimm dir vor‘. — [41] wo] wie H. — [42] Mt 7,6. — [43] laden: ‚einladen‘. — [44] Lk 14,12. — [45] muneriert: ‚gegeben‘, ‚aufgeführt‘.
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seliglich, nit unseliglich. Und wiewohl im selbigen die bösen auch deiner gaben mügen genießen, dasselbig lass dich nit erschrecken. 46 Dann gott füert auch sein liberalität, lauter lasst die sunn und mon scheinen über guet und bös, lasst das feld sein frucht geben guten und bösen, beschirmt sie all, gibt ihnen allen. Also hast du ein freien gab, sei wie die sunn, domit bis fröhlich und frei. Lass dein schein über und über gohn. Treib deine gab aus deinem schatz, wie die erden im früeling die bäum und gärt 47 zur bluest 48 und stammen. 49 Und sei in deinen gaben reichlich in austeilen, wie das mör 50 mit seinen fischen. Und lass dich niemands hindern, wie er sei. Gib, wo not tuet. Wo nit, do halt still und gib nichts überflüssigs. Dann zu gleicher weis wird dasselbige ein sünd sein, als wenn du dem bauch mehr gebest, dann er notdurftig wär, und wirdest krank nach 51 ihm. Also werden auch die krätzig, 52 faul, neidig, den du zuviel mitteilest. Gibe, dass nichts zukünftig bleib nach deim tod. Dann sobald du schläfest, so gaht dein guet in üppigkeit um, und ein ander, der legt auch darzue, der dritt auch. Also werden do gefunden am letzten die leut, von den Christus sagt: „Weh euch, die wachsen aus dem überflüssigen guet.“ 53 Darum bis frei in deinem ausgeben. Nit zuviel, allein die notdurft, damit das viele niemands in geile 54 bringt, die dir und deiner seel der tod sei. An dem liegt am mehristen, dass ein jeglicher verstand, welches das sei, das er tun soll. Uf solches gebührt sich nun die geschrift zue lesen, die do sagt: „Selig ist der, der do versteht auf den armen und notdurftigen. So der bös tag kommt, so erlöst ihn der herr.“ 55 So nun der verstand soviel in ihm hat, so ist er soviel, als der verstand sein soll, wie dem armen zu helfen sei in gebresten des gelds, in gebresten seiner gesundheit. In denen zweien leit 56 aller grund. Vom reichen wird hie nichts gemeldt, dass gleich soviel [72 r] ist, als ihr niemands kein acht haben, allein von den armen. Im selbigen ist der selig, der den verstand hat, der ihm helfen kann. Viel, die mügen ihn helfen, sie hont aber den verstand nit. Was ist, dass einer reich ist und hat viel, und aber gott hat ihm den verstand nit geben, dass er wiss mit seiner reichtum ze tun das, so er tun soll, damit es ihm zu guetem erschieß? Desgleichen seind viel, die do wohl arzneien können, aber sie hont den verstand nit, dass sie den armen sollen 57 und wollen helfen. Darum so ist gar nahend soviel [46] erschrecken: ‚abschrecken‘. — [47] gärt] garth H: ‚Gärten‘. — [48] bluest: ‚Blüte‘. — [49] stammen] staminen H. — [50] mör: ‚Meer‘. — [51] nach: ‚wegen‘. — [52] krätzig: von der Krätzmilbe befallen. — [53] am ehesten Lk 6,24 f. — [54] geile: ‚Ausgelassenheit‘, ‚Übermut‘. — [55] Ps 41,2. — [56] leit: ‚liegt‘. — [57] sollen] soll H.
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an dem verstand zu erkennen. Es spricht der prophet: „Selig ist der, der die gnad hat über den notdurftigen und armen.“ 58 Das ist, ihm zu helfen. Viel seind auch, die do gern helfen und aber nit haben und nit können. Darum so seind die selig, die do von gott hont, es sei reichtum in geld oder in arznei, damit sie mügen den armen zuhilf kommen. Und do erfinden sich zweierlei, dass viel reichtum in geld und güeter und viel reichtum in der arznei seind, die der teufel gibt. Und dieselbigen werden erkennt bei dem, dass sie dem reichen dienen, nit dem armen. Dem reichen seind sie verpflicht, dem armen gar nit. Was sie dem armen tunt, geht hypokritisch 59 zue, eitel gleichsnerei. 60 Darum so soll unser reichtum, es sei in guet oder in der gab, dermaßen sein und an uns kommen, dass wir dieselben mit freier liberalität usgeben, nit huerern, nit trinkern, nit spielern. Die ihr liberalität also füeren, derselbigen reichtum ist vom teufel do und nit von gott. Sonder, die sie usteilen mit dem verstand, wissen den armen notdurftigen; denselbigen ist ihr guet vorgeben. 61 Darum fällt es in den rechten weg, kommt vom rechten grund her. 62 Was gott gibt, das geht in die selige liberalität. Was der teufel gibt, das geht in die teuflische [72 v] liberalität. Die selig liberalität ist die allein, den armen, den notdurftigen, den weinenden, den klagenden zu helfen. Dann ihr ist das reich der himmel und nit den spielern. 63 Der verstand des seligen reichen ist also, dass er sich nit bass 64 bekleidt, dann den armen gleich. Wie dieselbigen gohnt, also ist auch sein kleidung. 65 Und das in dem weg, so ein große erbarmnus 66 ist in diesen seligen freien: Hätt er hundert guldin, die er ihm an ein kleid legen will, und sicht arm leut neben ihm, die nacket seind, jetz gaht sein liberalität, dass er die hundert guldin nimmt und zählt die armen ab und sich mit ihnen, und teilt die hundert guldin uf gleiche kleidung, ihm und die armen, wo sie reichen mügen. Desgleichen, er isset nit anderst, dann wie die armen, weder mehr noch minder. Das ist also: Er isset alle tag von hühnder 67 und kapaunen, wilbret, vögel, fisch und krebsen, und das mit haufen, was ihn gelüst. Nun ist das alles recht und rein. Aber der selig frei, der sicht die armen. Und so er’s sicht, das nit zu essen etc. hont, so zählt er’s ab und sich mit ihnen, füert’s in sein kuchen über sein fisch und isset mit ihnen und sie mit ihm, dass ihnen allen gleich viel werd, also sein zahl wie der. Er trinkt nichts zu trinken, verschütten etc., die[58] Ps 41,2. — [59] hypokritisch] yppocritisch: ‚heuchlerisch‘. — [60] gleichsnerei: ‚Heuchlerei‘. — [61] vorgeben: ‚vergeben‘. — [62] Mk 4,4–8.15–20. — [63] Mt 5,3. — [64] bass: ‚besser‘. — [65] kleidung] chlaidung H. — [66] erbarmnus] erbarnus H: ‚Erbarmnis‘. — [67] hühnder] hunder H: ‚Hühner‘.
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selbig zahl nimmt er und zählt die armen, durstigen und sich mit ihnen, in gleiche zahl. Uf das trinkt er mit ihnen gleichen trank. Dann der reich selig geduldt nichts in seiner liberalität, dass er ein bissen brot für uns hab, dern der armen manglen muss, sonder die freiheit ist so groß, ehe geb er ihn dem armen und er manglet. Das ist der frei muet in der liberalität, den gott liebt, wie Paulus meldt. Und also lang als sein guet: was er hat, in die gemein der armen, also dass weder kleider, speis, trank, haus, stuben, bötter, 68 rue 69 und alles gleich sei den armen. Sie arbeiten 70 auch neben den armen. Das ist, einer, der an guet, geld [73 r] nit hat den armen zu erfreuen, so staht er neben ihm und auch auf ihn gleiche arbeit träte, und trägt mit seinem nächsten gleiche bürde und arbeit. Und in allweg mag diese freie liberalität nit gedulden, dass der nächst übler armut halben ess oder trink dann er, desgleichen mehr arbeit hab dann er aus armut zwangnus. Dergleichen mag er auch nit leiden, dass sein nächster frost, hitz, blöß und anders mehr leid dann er, sonder er macht sich ihm gleich in allen dingen. Das geht aus dem freien herzen. In die liberalität kommen die pharisäer und hypokritischen 71 nit hin. Es geschicht auch nit in der freien liberalität, dass einer isse 72 weiß brot und sein nächster schwarz brot. Das ist die recht liberalität nit, dass dieser hühnder 73 ess, der in der liberalität soll leben, und sein nächster habermus. 74 Auch nit, dass er semmlen esse und sein nächster haberbrein, das ist brot aus rocken 75 oder habern. 76 Sonder die ding werden unterspickt 77 also, dass semmel- und habermehl zusammenkommen und zusammengebeutelt, 78 zusammengeknetet, und in ein brot gebachen und darnach gleich gessen der liberalität und dem nächsten. Also auch, dass die kuchen 79 mit den hühndern und die kuchen mit dem habermus zusammenkommen in ein hafen 80 also, dass die supp vom huhn, das wasser, so am habermus, und das fleisch zu beiden seiten in gleichen zähnen hang und gekäuet werde. Und so du in der seligen liberalität ein sammet 81 zu einem rock machen willt und dein nächster ein loden, 82 so geht die liberalität vom sammat auch in loden oder der loden in sammet, dann die kleidung gohnt gleich aus. Und
[68] bötter: ‚Bottiche‘ zum Baden. — [69] rue: ‚Ruhe‘, ‚Bettruhe‘. — [70] arbeiten] arbait H. — [71] hypokritischen] yppocritischen H. — [72] isse] wisse H. — [73] hühnder] hinder H: ‚Hühner‘. — [74] habermus: ‚Haferbrei‘. — [75] rocken] rockhen H: ‚Roggen‘. — [76] habern: ‚Hafer‘. — [77] unterspickt: ‚fett gemacht‘, ‚wohlschmekkend gemacht‘. — [78] zusammengebeutelt: ‚zusammengesiebt‘. — [79] kuchen: hier im Sinne des zu Kochenden. — [80] hafen: ‚Topf‘. — [81] sammet: ‚Samt‘. — [82] loden: grober Wollstoff.
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also alles: nit dass dein haus für feuer versorgt sei und der armen all tag in feurs not und sorg; nit dass dein dach zieglen sei und deines nächsten streui; 83 nit dass dein häuser gläserscheiben 84 und [73 v] eisenreich 85 seind und des armen schliem 86 und papier; nit dass man dir ein tag dreimal einheiz und den armen in zweien tagen einmal; nit dass du den armen überbauest, der arm mueß hinten bleiben und dergleichen. Was ist es, dass ein stadt ihr selbs ein kostlich rathaus bauet mit großem kosten und wohl versorgt, ist niener 87 zu guet, und der armen häuser seind alle tag im regen und in wind mit sorgen beladen? Do ein solcher rat ist, der ein hübsch haus muss hon, do ist der armen vergessen. Do werden die armen in ein ketten gebunden und in groß gedräng. Dann do seind hulzin ratsherrn, legen ihren verstand in üppige unnutze hoffart. Also mit den fürstenhöfen, die versorgen ihr palast und der armen palast ist an allen orten baufällig. Darum seind do nit güeter oder gaben von gott, allein vom teufel. Sie würden sonst nit über den armen sein, sonder würden bauen, dass der armen auch so wohl säß als sie. Dass aber solliches ungleich zugaht, je einer über den andern, keiner des andern mehr acht, darum ist der teufel in der welt und seind hypokritisch 88 weltkinder, die dem teufel dienen und seinem willen nachgohnt. Derselbig lernt und unterricht die leut, des armen nichtzit 89 achten, sonder die liberalität brauchen gegen üppigen leuten, dem spieler schuld schenken, dem pfeifer silber an pfeifen hängen, den hueren zwei kleider – den armen lassen liegen. Denn dass ihr nun selbst ermesst, wie groß es ein laster vor gott ist, dieweil wir alle von Adam tierisch geborn 90 seind und doch den verstand hont, dass wir alle seind aus Adam, einer wie der ander und aber nit gegeneinander (wie wir dann gegeneinander gleich seind), hilflich oder erschießlich 91 erscheinen. Sonder wer bass mag, der tut bass, unangesehen der lieb in seinen nächsten. 92 [74 r] Das ist nun sein freud und noch mehr, dass wir jetzund alle brüder seind aus Christo geboren und durch ihn gleich erlöst, keiner mehr dann der ander, keiner minder
[83] streui] stroy H: ‚Gestreutes‘, hier ‚Stroh‘. — [84] gläserscheiben] glösser schreiben H. — [85] eisenreich: gemeint sind die eisernen Einfassungen der Butzenscheiben an den Fenstern. — [86] schliem: dünnes Pergament oder Haut. — [87] niener] niner H: ‚nirgends‘. — [88] hypokritisch] yppocritisch H. — [89] nichtzit: ‚nichts nicht‘. — [90] Der tiergleiche Körper aus Adam hat noch nicht den Geist des neugeborenen Christusmenschen in sich. — [91] erschießlich: ‚ersprießlich‘, ‚zuvorkommend‘. — [92] Wer etwas zu seinem Vorteil machen kann, der handelt auch darnach, unangesehen der geforderten Nächstenliebe.
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dann der ander, und aber nit destminder weder Adam noch Christum ansehen. Ein jeglicher vergisst seines nächsten. Es mag doch ein jeglicher in ihm selbs wissen und gedenken, dass solch leut alle, die do eines gottes seind, von ihm 93 gleich begabet und erlöst. Und zudem, dass es sein gebott ist, noch das alles nit ansehen, dass es mueß vom teufel sein und dass der teufel ihr aller herr ist und dass sie von gott gefallen seind in abgötterei. Was ist’s, dass man saget von hulzin, silbern bilder, die im alten testament seind gebraucht worden? 94 Sie warent abgötter. Jetz aber im neuen testament seind sie lebendig bilder, nimmer hulzin, nimmer silberne. Sie warent figuren, als spräch das alte testament zu dem neuen, wie jetz die kinder Israhel kälberbild anbetten, 95 also werden ihr im neuen testament menschen anbetten. Die werden eur abgötter sein. Aber der teufel treibt den verstand von leuten und macht ihn also verbrennen die altar und die heiligen. Aber er treibt nur in die, so durch das alt testament bedeut seind worden. Das ist ein abgott, der wider gott wandlet. Der wandlet wider gott, der nit sein nächsten liebet, sonder sich selbs. Das seind endenchristi 96 im neuen testament. 97 Dann die seind wider Christi, die sammlen ihnen alles wie die ameisen. Darum, wer zu ihnen kommt, den beseichen 98 sie, das ist, den verfüeren sie. Darum der prophet billich sagt: „Selig ist der, der do versteht über den nächsten notdurftigen und armen.“ 99 Das seind die werk und frucht, aus den man den erkennen soll, der aus gott ist. Der sie nit hat, der ist aus dem teufel, ob er gleichwohl in wälden umlauft, ich geschweig in gueten mauren. Das ist das fell 100 vor [74 v] den augen, das die groß Diana bedeut den pfaffen. Ist er nit silberi 101 oder mit den händen gemacht, so kleid er sich doch in Diana mit seinem ornat, darinnen er ein Diana mueß erkennt werden. Dann die kleider seind nit mit ihm gewachsen, sonder arbeit von menschen händ, darum seind’s abgötter. Der mensch aber nit. Der mensch ist nit mit den händen gemacht vom menschen, aber sein ornat. Das ist die groß göttin Diana, die frauen, die sant Lukas angezeigt hat.102
[93] ihm] aim H. — [94] Dan 5,4.23; Offb 9,20. — [95] Ex 32,1–6. — [96] endenchristi] enndten Christo H: ‚Antichristen‘. — [97] zum Antichristen vgl. 1Joh 2,18–27; 4,3. — [98] den beseichen sie: ‚an den urinieren sie‘, ‚den bespritzen sie‘, wie es Ameisen tun. — [99] Ps 41,2. — [100] fell vor den augen: Haut oder Membran, die die Sicht versperrt im Sinne des grauen Stars. — [101] silberi: ‚silbrig‘. — [102] Die Kleriker lieben es, wie Götzen in prunkvoller Kleidung aufzutreten. Paracelsus nimmt Bezug auf Diana als große Göttin der Epheser, die in der Apostelgeschichte des Lukas erwähnt wird, vgl. Apg 19,24–37.
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Wem gibt die groß göttin 103 Diana sein nahrung, wem teilt sie mit die liebe im nächsten nach inhalt des gebotts? Dann was gleißnerisch,104 beschicht niemands, also auch niemands dient dieser großen Diana. Dann was gleißnerisch zugeht, was ist das gleißnerisch? Die abgötter oder der teufel, der ist es; etwan predigen tat, uf dass man ihn lobt. Also die abgötter im neuen testament, dieselbigen die geben ein wenig almuesen von spreuer und kleuen,105 uf dass man sag, sie geben almusen. Do der spruch nit stund, „ihr sollen vollkommen sein wie eur himmlischer vatter“,106 so musst es alles gnug sein und recht, was sie täten. Aber nacket sein, das vertreibt den gleißner. Dann sie behalten nit ein ziegel uf dem dach, der nit der armen wäre; nit ein federn von eim huhn, der nit der armen wäre; nit ein faden am leib, der nit den armen auch gleichermaß berüert. Was ist aber das? Darum dass sie abgötter seind, die im alten testament präfiguriert seind worden, darum tunt sie dieselbigen frücht und werk. Der sie aus ihren früchten und werken nit will erkennen, der ist vom teufel in starnblindheit 107 gefüert worden. Der im neuen testament will die bilder zerbrechen, die mit den händen gemacht seind, der irret weit. Der aber die zerbricht, die mit den händen gemalt seind, überzogen mit lustbarkeit und edlem gestein, und inwendigs [75 r] seind sie kot und kieben.108 Ein hulzin bild ist inwendig nichts dann holz. Diese Diana seind auswendig schön, inwendig stinkend, elend, erlogen, kot, dreck, wie die stinkenden gräber.109 Das seind die, von den Christus sagt, der nit die bilder gemeldt hat, sonder allein die gleißner, die schüler, die pharisäer, dieselbigen verflucht er.110 Warum? Darum, dass sie die seind, die abgötter seind, endchristen. Hat nun Christus die verflucht, nit die kruzifix und dergleichen figuren, warum ist uns dann not, das holz zu töten und den 111 nit, der den namen trägt und der mann ist? Aber in der liberalität etc. sollen wir wissen, dass wir von Diana kein exempel sollen nehmen zu tun unserm nächsten, wie sie ihm tunt, sonder Christo nachfolgen, der do sagt: „Sie rüeren’s mit dem wenigisten finger nit an.“ 112 Darum so sollen wir’s anrüeren und uns nit kümmern noch annehmen an ihr weis und form und haushalten.113 Sie gönnen niemands nichts von herzen, als allein ihnen selbs. Was weiter von ihnen geht, das ist aus einem bösen [103] göttin] göttein H. — [104] gleißnerisch: ‚heuchlerisch‘. — [105] kleuen: ‚Klaien‘. — [106] Mt 5,48. — [107] starnblindheit: ‚grauer Star‘, ‚Katarakt‘. — [108] kieben] kyben H: ‚Keiben‘, ‚Keifen‘, ‚Zank‘. — [109] Mt 23,27. — [110] Jesus wandte sich nach Paracelsus vor allem gegen die Heuchler etc. und nicht gegen die Bilder. — [111] den] dem H. — [112] Mt 23,4. — [113] Mt 23,3.
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herzen. Sie seind die, durch die die freiseligen liberalität verführt würd und betrogen. Und also, dass der gemein mann sich an die Diana hängt und nit anderst meinend, dann do sei der himmel und was darinnen sei als eitel engel. Das selig leben hat nit ein solche liberalität in ihm, sonder ein andere. Dieselbigen braucht ihr selbs nichts, allein andern, allein den notdurftigen. Bei denselbigen seligen freien werden nit huerer, nit kaufer 114 gefunden, allein die selig armen. Also aber ihr, die nit abgötterisch seind: Bist ein ritter, was tust du mit der guldine ketten am hals und mit dem gold an sporen und zäumen? Willt du ein ritter sein und streiten zum seligen, bis 115 in der liberalität ein ritter: nit blutvergießen, dem kettenkleid [75 v] nichts, den armen, und das unnutz gold, das hin und her hangt. Was ist es, dass du ein fürst mit großem pomp und kostfrei 116 gegen deinen kämmrer,117 kanzlei, reuterei? 118 Ist es auch wohl angelegt oder ist es in der liberalität der seligen angenehm? Nein. Sie verdienen ihren liedlohn,119 so es liedlohn ist oder sein soll. Gegen deinen arbeitern bist du das sonst schuldig, ihnen ihr maß zu geben, und aber nichts darüber. Dann so Johannes gesagt hat, es soll ein jeglicher kriegsmann (wie dann dein knecht seind) zufrieden sein an seinem sold und weiter niemands nichts nehmen,120 so soll es auch also an deinem hof sein, ihrn sold, nichts hinüber, das hinüber ist den armen von freien herzen geben. Dann gegen deim sun, deim knecht, dein freund kannst du kein liberalität beweisen, allein gegen denen, welchen du nit schuldig bist vom geblüt oder dienst, und die dich nit zu bezahlen hont oder dich wieder zu laden.121 Also auch, so du reitest, so reit dermaßen, dass dein nächster auch reit. Dann besser 122 ist es, dass der do hinkt, krumm, lahm ist, reit dann du. Du gebest ihme die guete speis und issest 123 du die bösen, dann er ist krank, du gesund; er bedarf ihr, du nit. Also der jung soll den alten vortreten,124 eh für ihn bettlen gohn und ihn ernähren, eh er den alten lasst bettlen gohn, für ihn arbeiten und dergleichen, für ihn wasser trinken und ihn lassen wein trinken. Das alles tunt die im seligen leben. Was ihrem leib wohl tut, das nehmen sie ihm und gent’s 125 dem, der dasselbig wohldienens notdurftig ist und bedarf. Sie liegen auf [114] kaufer: ‚Kaufleute‘, ‚Kleinhändler‘. — [115] bis: ‚sei‘. — [116] kostfrei: ‚freigebig‘. — [117] kämmrer] camri H: sinngemäß ‚Kämmerer‘, Vorsteher der Schatzkammer. — [118] reuterei: ‚Reiterei‘, hier vielleicht im Sinne von ‚Pferdestall‘ oder ‚Leibgarde‘. — [119] liedlohn: Dienstlohn für Gesinde. — [120] Lk 3,13 f. — [121] Lk 14,12. — [122] besser] bösser H. — [123] issest] jsset H. — [124] vortreten: ‚vertreten‘, ‚für ihn sorgen‘. — [125] gent’s] gennts H: ‚geben’s‘.
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den bänken und lassen den armen, dürftigen, kranken in das bett. Das ist die frei liberalität und die selig, die erlangt das ewig leben. Die aber nit der freien heiligen liberalität seind, die verdreußt 126 es, dass sie nun die armen sehen sollen, dass sie ihn nun tellerbrot 127 sollen geben und ratschlagen tag und nacht, wie ihm zu tun sei, dass man ihnen nichts geb oder doch fast [76 r] wenig, und man ihnen das land verbüt,128 törer 129 zusperr, damit sie nit für ihr tür etc. kommen. Bei dem sperren, zutun, abfertigung vor der tür erkennt man, in welchen städten, höf, klöster etc. der teufel ist und wo seine kinder seind, die weltkinder dieser erden, die allein gegen ihrem wollust geben und sonst nichts. Das seind die reichen. Weh euch reichen! 130 Also sollen wir uns freundschaft machen gegen gott und freid 131 suechen bei dem himmlischen durch die frei, selig liberalität gegen den armen, dann ihr ist das reich der himmel.132 Durch diese liebe, so du ihn beweisest, werden sie deine freund. Jetzt machst du dir freid im himmel aus deinem gut, das du hast als ein gab, die dir gott geben hat. Aber die kostfreien der unseligen liberalität, dieselbigen machen ihn freid aus dem mammon, der bösheit, das ist, als ihr guet ist dieberei, gestohlen und betrogen und gewunnen aus dem teufel. Dann wie gemeldt, etliche reichtum und gaben kommen aus gott, etliche vom teufel. Uf das redt nun Christus: „Machen euch freund aus dem mammon der bösheit.“ 133 Das ist soviel geredt, als spräch er, „aus euren güetern, reichtum, gaben machen ihr euch freund“. Seind dieselbig reichtum gaben aus gott, so machen ihr euch freund aus gott, seind sie aus dem teufel, so machen ihr euch freund aus dem teufel. Also reiten zusammen die äbt je einer zum andern, also die bischöf, also die pröpst, also die kardinäl. Ladt je einer den andern uf kundschaft,134 uf das, so sie not angang oder ein übel gang, bei dem andern hilf oder mitleiden haben. Darum reiten sie zusammen uf fasnacht, uf schießen, uf hochzeit und zu ander banketten. Also die fürsten dieser welt, ladt je einer den andern, schenkt je einer dem andern, als jetz gäul,135 jetz zabel,136 jetz andere kleinat.137 Diese miet,138 gaben, so sie also ausgeben, auch den andern [76 v] min-
[126] verdreußt] vertreust: ‚verdrießt‘. — [127] tellerbrot: Brotscheiben, auf denen Speisen serviert werden. — [128] verbüt: ‚verbiete‘. — [129] törer: ‚Tore‘. — [130] Lk 6,24. — [131] freid: ‚Zuflucht‘, evtl. in der Bedeutung von ‚Freude‘, aber wohl kaum als falsche Lesung von freind, ‚Freunde‘. — [132] Mt 5,3. — [133] Lk 16,9. — [134] uf kundschaft: ‚um Bekanntschaft zu schließen‘. — [135] gäul] geull H: ‚Pferde‘. — [136] zabel: ‚Zobelpelz‘ oder in der Bedeutung von ‚Spielbrett‘, ‚Spiele‘. — [137] kleinat: ‚Kleinodien‘. — [138] miet] mied H: ‚Mieten‘, ‚Gegengaben‘.
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dern dann sie seind, damit machen sie ihn freund, domit, dieweil sie nichts sollen, auch ander mit ihnen nichts sollen. Als der künig von Frankreich, der hat sein gut aus dem mammon. Darum 139 macht er ihm freundschaft aus dem mammon, der do ist ein mammon der bösheit, domit er erlangt ehr, land und leut als ein eigenschaft. Mit demselbigen tuet er das, dass das guet vermag. Es vermag nichts guts. Dann von mammon ist es hie, zur bösheit gehört und dient es auch. Nichts guts ist’s, nichts guets wächst daraus. Us dem es ist, im selbigen gaht es wieder us 140 dem teufel und wieder in teufel. Also auch mit andern. So aber das gut würde angelegt den armen und die hoffart gemindert, gleich den armen getragen, alsdann so würden die werk anzeigen, dass das gut nit von mammon wär, sonder aus gott. Aber die werk, so daraus folgen, die zeigen an, dass vom teufel sei und im teufel verzehrt wird. Darum so gohnt teufelwerk heraus: verräterei, lügnerei, verkaufen eigen blut und fleisch und dergleichen. Nit allein mit den, sonder auch mit einem jeglichen, der sein reichtum und gab nit verzehrt in der seligen liberalität. Unser nahrung auf erden ist klein und die natur wird in kleinem erhalten. Darum so soll keiner sagen, dass er viel bedarf zu seiner erhaltung oder dörfte uf zukünftige zeit sorgen und damit abschlahen die selige liberalität. Dann das ist also, dass brot, speis gnug ist einem jeglichen. Ist weiter do von ander speis: lass langen an die, so ihr dörfen. Dann es ist nit eines freien manns natur noch art, dass er seim leib zehen oder zwanzig etc. trachten 141 uf den tisch soll stellen oder hon müeße allein für sich selbs. Stellen mag er’s wohl, so ihm’s gott geben hat. Aber das ist darbei: Iss du für dich eine, ist gnug, füllt dir den bauch und [77 r] den magen wohl. Lass die andern laffen 142 in die selig liberalität. Ob dein zung, dein kehlen schon belustiget 143 zu ander speis auch oder trank, gib nit folg, dann das fleisch ist nichts. Dann ein fleisch, das dich verfüert, wird nit mit dir uferstehn am jüngsten tag, sonder wird faulen und verderben. Das mit dir wird uferstohn, dasselbig fleisch wird nit zu solcher speis gerechnet. Darum so lass dich dasselbig nit übergohn. Lass dir dein nächsten lieber sein dann dein lust, dein zung, dein kehlen. So der mag 144 sein dauung 145 hat, ist gnug. Musst nit schweinig 146 sein mit voller speck, dann die ding faulen all [139] darum] daraumb H. — [140] us] jnn H. — [141] trachten: hier ‚aufgetragene Speisen‘. — [142] laffen: ‚lecken‘, ‚schlürfen‘. — [143] belustiget: ‚gelüstet‘. — [144] mag: ‚Magen‘. — [145] dauung: ‚Verdauung‘. — [146] schweinig: ‚Schweinefleisch‘.
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und seind der würmen speis und mastfutter. Vor dem hüt dich. Also auch behalt dir nichts uf morgen oder auf kunftigs.147 Dann so du auf zukunftigs dich bewahrest und brichest der freiheit ab, so bist du jetz in untreue verfasst, bist du dir selbs mehr dann dem nächsten. Also bis,148 dass du dem nächsten, also bis, dass du mit den nächsten hebest und legest und gleich mit ihm einsammlest in allen dingen nichts besondert. Wie David tat, der begehrt einer tat, auf dass er nit besondert würd von seinem nächsten und seinem nächsten gleich wäre.149 Also du auch. Kann dein nächster nichts behalten uf zukunftigs, sonder 150 mueß des morigen tags glück 151 erwarten, so stell dich neben ihm. Wie es ihm morgen gänge, also heut dir auch und morgen auch. Die aber aus dem mammon leben, dieselbigen stiften in zukünftigs guet, rent, zins etc., uf dass so heur dies jahrs der hagel schlahe, dass im ander jahr zu prassen 152 haben. Und nit betrachten, was er hab, der geschlagen wird. Spreuer teilen sie mit demselbigen. Darum so soll er in der seligen freiheit sein mit den armisten in land, uf das, dass er bei den seligen armen gefunden wird. Es ist auch ein selige freiheit, der sich über die armen gefangen vorsteht 153 [77 v] und erkennt, dann ursachen, sie liegen in nöten und in sorgen ihres lebens.154 Nit allein die gefangen der menschen, sonder auch gottes, sonder auch der krankheit, sonder auch des teufels. Dann also seind die gefangen, die der mensch gefangen legt: seind zu erbarmen, und der mammon ist herr. Der forcht keinen, der des teufels sei, allein die gottes sind. Darum hab mit ihn mitleiden und beweis ihn all barmherzigkeit, dann der mammon lässt sie hart liegen und übel. Dergleichen, die do gefangen liegen in krankheiten, lass dich auch erbarmen. Dann so das glück von ihnen weicht, was können sie ihn selbs tun? Gar nichts. So liegen sie do. So sagt die geschrift: „Gott ersucht 155 die seinen.“ 156 Darum so bis gegen ihnen frei und wohl gerüst zu allen ihren nöten. Und die gefangen, so gott gefangen hat, den bis auch tröstlich und hilflich. Dann gott wird sie erlösen zu ihren zeiten auch, sie seient bei uns oder nit. So lass dein frei liberalität auch diejenig sein. Wir seind jedoch alle brüder 157 und noch nit geschieden voneinander, [147] Mt 6,34. — [148] bis: ‚sei‘. — [149] Unklare Zuordnung der Bibelstelle, am ehesten gemeint ist die Geschichte von David und Goliath, vgl. 1Sam 17. — [150] sonder] so H. — [151] glück] glickh H. — [152] prassen: ‚schlemmen‘. — [153] vorsteht: ‚versteht‘. — [154] Gemeint sind jene, die in widrigen Umständen gefangen sind. — [155] ersucht: ‚sucht heim‘. — [156] unklare Verszuordnung, evtl. Hiob 31,14. — [157] Mt 23,8.
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sonder eines noch all. So ist dein trost ihr trost. Die gefangen seind im teufel, das seind die besessnen, die ihren gewalt selbst nit hont, sonder der teufel hat sie überwunden und regiert sie. Sie seind elend leut. Bis ihn gütig, verlass sie nit. So gott den teufel von ihnen treibt durch sein macht, so wird dir die belohnung all werden. Du tust’s gott, nit dem teufel, nit dem kranken, nit dem mammon, nit dem touben,158 sonder alls allein gott, des gefangen sie alle seind, und zu ihm geführt werden durch sein himmlischen vatter, und welche die seind, dardurch er sein wunderwerk will offenbaren. Darum lässt er sie gefangen werden. Dann zu gleicher weis als einer, der krank wird, warum wird er krank? Allein darum, dass gott sein ärznei will sehen [78 r] lassen und sein kraft in derselbigen. Darum so tue ihm guts, bis gott mit seiner hand selbs kommt und dieselbigen erledige,159 so wird dir dein belohnung. Und nit allein, dass das gefängnus seind, die vier,160 sonder auch viel mehr, die do gefangen seind auf dem mör, in die pflüg.161 Dich 162 dann tag, nacht, dich nit solltest fröhlich sehen, bis dieselbigen deiner aller nächsten erledigt werden oder erfreuet in ihren nöten. Das erfreuen ist gott geton, dann was wir dem allen tunt, das tunt wir gott selbs.163 Und sein ist die gab, den seinen wird sie bracht 164 und der seinen ist sie. Und in allen dingen, so fleiß dich, dass du mit verstand und freien willigen gemüt die ding alle vollbringest und fertigest. Do soll und ist kein zweifel. Was das recht, rein herz do ist zur seligen liberalität, do beschert gott alle tag soviel, mag nit usgeben werden, es ist noch viel mehr in der hand. Und das vermag ein selig herz, das mit solchem glauben in Christo handlet, dass uns aus groppen 165 hausen 166 werden, aus spatzen ochsen, zu gleicher weis, wie Christus geton hat, der hat aus fünf gerstenbroten viel tausend menschen gespeist und aus wenigen fischen.167 Also wird das auch werden. Dann was wir begehrn und bitten von gott unserm himmlischen vatter, desselbigen werden wir gewährt.168 So wir des gewährt werden, warum seind wir dann nit die und begehrent’s, uf dass die armen solches genießen?
[158] touben: ‚Tauben‘. — [159] erledige: ‚befreie‘, ‚erlöse‘. — [160] die vier: die Gefangenen des Menschen, Gottes, der Krankheit und des Teufels. — [161] Fischer als Gefangene des Meeres und Bauern als Gefangene des Ackerpflugs. — [162] dich] die H. — [163] Mt 25,40. — [164] bracht] braucht H. — [165] gropp, groppe: kleiner Fisch. — [166] hause, hausen: ‚Störfisch‘, Acipenser huso, größter Süßwasserfisch. — [167] Joh 6,5–13. — [168] Mt 7,7; Mk 11,24; Joh 14,13; 1Joh 5,14 f.
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Viel seind, die sich apostel nennen und viel, die sich propheten nennen, aber falsch, dann ursachen, das evangelion sagt von falschen propheten, falsch apostel.169 Ist das also? Ja. Warum seind sie’s, dieweil sie doch die seind auch, die das wort gottes verkünden? Darum seind sie’s, dass sie um gott nichts erwerben. Allein predigen sie den buchstaben ohn den geist. Hätten sie den geist, was geschähe? Das geschähe: Sie würden die krummen gerad machen, die blinden gesehend, die teufel ustreiben.170 Aber der buchstab ist ihr gott, [78 v] der geist nit, darum töt sie der buechstab. Im buechstaben standen sie, der geist aber ist der, der do lebendig macht.171 Sie 172 nennen sich die gesalbten, aber falsch christi,173 dann ursach, so sie gesalbten wärent, so hätt die salb ein kraft; die kranken stünden auf viel eher dann aus der salben populeum.174 Aber der geist ist nit bei ihnen, allein der buchstab. Darum so werden sie aus dem geist kein freiheit in der seligen liberalität erlangen. Petrus war frei in seiner liberalität. Er hätt weder gold noch silber; das er hätt, das gab er flux aus und sprach, „in namen unsers herrn Jesu Christi, stand auf“, und er stund auf.175 Das ist die apostolisch freiheit und liberalität gegen denen, die ihr dörfen. Nit geld, nit gold etc. ausgeben, aber teufel ustreiben, aussätzigen reinen.176 Darum seind die kranken beschaffen, dass sie kein arzt seind, die apostel sollen’s heilen etc. Sie aber, dieweil sie ihr liberalität im buchstaben suechen und nit im geist, so leben sie mit dem mund im geist und mit dem herzen im fleisch. Jetz folgt aus dem, dass do kein gerechter apostel ist, allein falsch propheten, falsch christi, falsch ärzt. Und darbei reißt sich der teufel auch ein, gibt ihn ein pharisäische liberalität, dass sie mit trumeten 177 oder mit gelocken 178 ihr almusen verkünden oder mit dem mund usschreien.179 Und das darum, damit dass man sie kenn, dass die nit seind, die der geist erleucht hat. Und so ihr etwas überigs hont, das die notdurftigen nit bedürfen, so behalt du’s und gib’s nit. Nit lass sie in die geile 180 kommen. Dann so ein armer in die natur kommt, die der hund hat im schwanz, so kann
[169] Mt 24,11; Mt 24,24 par.; 2Kor 11,13. — [170] Mk 16,17 f. — [171] Joh 6,63. — [172] sie] sich H. — [173] Christus ist der Gesalbte. Sie sind falsche Christusse oder falsche Gesalbte, die nichts vermögen. Vgl. die Aussagen zum Antichristen in 1Joh. 2,18–27, und Mt 24,24. — [174] salben populeum: ‚Pappelsalbe‘, Unguentum populeum, beliebtes Volksheilmittel gegen Verstauchungen und Hämorrhoiden. — [175] Apg 3,6–10. — [176] reinen: ‚rein machen‘. Vgl. Mt 10,8. — [177] trumeten: ‚Trompeten‘. — [178] gelocken: ‚Glocken‘. — [179] Mt 6,2. — [180] geile: ‚Ausgelassenheit‘, ‚Übermut‘.
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seim wadlen 181 niemands gnug geben. Darauf folgt nun, ein hund der frisst, bis er’s alles wieder kotzt. Also tunt auch die armen, so do bettlen. Dann ihrer seind zweierlei: [79 r] die us gott do seind und die aus dem teufel do seind, dann der teufel ist auch beirätig.182 Dieweil er merkt, dass den armen geben so groß ist und die menschen darum gern und redlich geben, so schickt er auch arm zu ihnen. Die tunt nichts dann geilen 183 für und für, hont kein boden in ihren säcken und kästen, fassen 184 für, sammlen uf schatz. Die erlangen’s aus ihrem sammlen. Die aber aus gott do seind, deren seind nit viel. Dieselbigen seind, die nit zur völle kommen. Bei demselbigen lass sie all bleiben, die armen Christi, die armen des teufels, domit der teufel mit den seinen nit fürfahr in seinem fürnehmen. Dann der spruch Christi reicht weit aus, „viel seind berüeft“, das ist, viel bettler kommen zu dir, gilt nichts etc., „aber wenig seind userwählt“.185 Das ist, wieviel ihr kommen, so seind wenig rechter bettler unter ihn. Uf das folgt nun: Sie seind alle berüeft, so gib ihn all; aber dieweil wenig seind userwählt, so gib ihn allen gleich auf die notdurft der userwählten. Du wirdest sie nit erkennen bis an dem tag, den der prophet nennt den bösen tag, auch der tag der träher,186 des weinens, des zitterns.187 Do wirst du sie sehen, und fast 188 wenig unter einem großen haufen. Also ist das selig leben, dass wir unser selige liberalität im seligen leben füeren in Christo und nit usserthalb, als in seinem gebott, lehr und geheiß fürfahrn. Dann in ihm werden wir behalten selig und in ihm werden wir uferstohn, und wachsen aus dem stinkenden mooskörper 189 ein einiger seliger leib, der do wird bei gott sein und bleiben an dem tisch seines suns; und do mit Christo in aller liberalität auch essen einmal,190 darzue er all liberales geladen hat; das uns bereit ist von gott seim vatter, unserm himmlischen vatter in ewigkeit mit frieden und ruen,191 abgesundert vom teufel und den seinen. Und die, so vom [79 v] mammon haben freund gesuecht und gemacht,192 werden in die ewige verdammnus beschieden.193
[181] wadlen: ‚wedeln‘. — [182] beirätig] bey rettig: ‚mit Rat zur Stelle‘. — [183] geilen: ‚ausgelassen sein‘. — [184] fassen für: ‚sorgen vor‘. — [185] Mt 20,16. — [186] träher: ‚Tränen‘. — [187] unklare Verszuordnung, evtl. Hiob 21,30; Pred 7,14; Jer 14,17; Joel 2,2; Amos 5,20; Zeph 1,15. — [188] fast: ‚sehr‘. — [189] mooskörper: Im Verlauf der Verwesung wird eine Leiche von einem Rasen aus Mikroorganismen überzogen, der dem Betrachter als Moos erscheint. Dieser Anblick war zu Zeiten des Paracelsus nicht ungewöhnlich, da Hingerichtete oft wochenlang am Galgen hängengelassen wurden. — [190] Lk 22,30. — [191] ruen] rwen statt rewen H: ‚ruhen‘. — [192] Lk 16,9. — [193] Phil 3,19; 1Tim 6,9.
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A5. Liber de honestis utrisque divitiis Von den zwei ehrbaren Reichtümern [165 r] 1 Psalmus 127: Beati omnes qui timent dominum qui ambulant in viis eius 2 So in dem seligen leben die ehrsam ufrecht nahrung soll beschrieben werden, so muss der anfang genommen werden und gohn aus dem wort des ewigen gotts, wie es dann us dem wort gangen ist. 3 Und das wir aus uns selbs die ehrsam nahrung, die göttlich ist und gott wohlgefällig sei, mügen erdenken und erkennen, mag nit sein. Dann unser vernunft, weisheit und alles wissen mag dasselbig nit vorstohn. 4 Dann ein jeglichs würde do ihm selbs ein nahrung schöpfen seins gedunkens gerecht, und doch vor gott ein diebstahl. Dann gott will, dass wir alle gegeneinander standen und leben, uf dass keiner vor seinem gericht werde 5 wider sein nächsten gehandelt haben, gefunden oder sich anderst ernährt, als gebührlich zum heiligen leben ernähre. Dasselbig selig leben der nahrung nimmt mit sein ursprung aus gott unserm schöpfer, der uns allemal will in seinem urteil hon. Und solche selige nahrung facht David an zu beschreiben, und das also: „Selig seind alle, die den herrn förchten.“ 6 Das ist soviel, als die do selig seind, förchten den herrn. So sie ihn förchten, so wandlen’s in seinen wegen, das ist, in seiner lehr, in seinen gebotten, in seinem fürhalten. Uf das zeigt er nun den einen weg an, der göttlich ist und göttlichs geheiß. Und betrifft die nahrung an, wie wir uns sollen ernähren, uf dass wir gott förchten, wandlen im selbigen weg, das ist, in dem weg der seligen nahrung.
Ps 127(128),2a: Labores manuum tuarum quia manducabis 7 [165 v] So nun der selig weg der nahrung allein in der arbeit steht und nit in müßiggehn, sonder zur arbeit erkennt, so werden hierinnen alle [1] H: H1 165 r–176 v; G: GE 2,27–47. — [2] Ps 127(128),1: „Wohl dem, der den Herrn fürchtet und auf seinen Wegen gehet!“ HS 1545. Paracelsus benutzt die Psalmenzählung der Vulgata, die gegenüber der Zählung der hebräischen Bibel und der Luthers mitunter um eins nachgeht. Im Kern bietet diese Schrift einen Kommentar zum Psalm 128. — [3] Joh 1,1–3; Mt 6,26. — [4] vorstohn: ‚verstehen‘. — [5] werde] werden H. — [6] Ps 128,1. — [7] Ps 128,2a: „Du wirst dich nähren deiner Hände Arbeit.“ HS 1545.
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die nahrung, so nit mit arbeit gewunnen werden, verworfen und entsetzt im weg der seligkeit. Was ist nun die arbeit der seligkeit, so us den händen gewunnen wird? Die ist’s, dass sie gewunnen werd dem nächsten zu nutz und ohn sein schaden, wie dir selbs. Wie das? Also du bist ein arzt, die kunst ist dein hand, damit sollt du dich ernähren. Nun ernähr dich von den kranken, doch aber, dass sie ihrer nahrung nit geschwächt werden. Dann mit der handarbeit ernähren sich vielfältig, dir zu deiner nahrung und dem nächsten zu seiner nahrung, und beide miteinander ohn reichtum. Das kannst du, arzneien, so wächst dir die kraft der arznei vergebens. 8 Der aber dem altar dient, der soll vom altar erhalten werden, 9 das ist, der altar ist dein hand. Das ist vergebens geben, allein die nahrung. Das ist die nahrung, darinnen kein reichtum ist, allein die notdurft. Dann nit in der reichtum steht unser seligkeit, sonder in der notdurft, dann die notdurft ist ein liebe. Und darum ein liebe: sie stellt nit auf reichtum. Reichtum übernimmt den nächsten. Jetz ist übernehmen den nächsten wider gott, jetz ist das selig leben wurmstichig. Gibt dir 10 arzt der krank 11 dein notdurft ohn reichtum, so seind ihr beid selig. Gibst du ihm der gesundheit, die sein notdurft ist ohn sein reichtum, seind aber beide selig. Bist du ein hafner, so erhalten dich dein nächsten, so dein arbeit brauchen, viel oder wenig; die sollen dich erhalten und nit anderst. In reichtum ist die verdammnus, in armut die seligkeit. Dann unser reich ist nit von dieser welt,12 sonder von der ewigen. [166 r] Ob du schon gleich ein kunst 13 kannst uf ein tunnen 14 gold, gedenken, dass du die tunnen nit verzehren magst, und ist dir zuviel. Dann der tod mag dich morgen überwinden, so bist nichts mehr, und aber dein tunn ist noch do. Was ist dann, dass du aus deiner hand – sie sei im kopf, in füßen, in der zungen, in augen, in den gemächten 15 der heimlichkeit – viel gewinnest und machest dich reich und bist selig in der welt, aber nit in den heiligen, das ist, nit vor gott. Brauch deine glieder, dass du mit ihnen gewinnest dein notdurft, darinnen dich dann gott nit verlasst. Weiter, was darfest du mehr, dieweil hie kein bleiben ist? Bist du ein baur und hast viel äcker, viel güeter, und geneust ihr viel, was ist der genieß? Du issest nit alls. Gib dein helfern die nahrung, den andern teil den dürftigen. Sammlen kein schatz, die die maden und [8] vergebens: ‚umsonst‘. — [9] 1Kor 9,13. — [10] dir] der H. — [11] krank] krannckhen H. — [12] Joh 18,36. — [13] kunst: ‚Handwerk‘, ‚Kunstfertigkeit‘. — [14] ein tunnen: ‚eine Tonne‘, ‚ein Fass‘. — [15] gemächten der heimlichkeit: ‚Geschlechtsteilen‘.
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mucken und schaben 16 fressen.17 Es ist gnug, dass ein jeglicher tag sein eigen übel trag, sorg und not, das ist kein kreuz, der morgen wird aber ein kreuz geben. Dann wir sollen nit sorgen, das von uns tun, das über notdurft ist. Gott wird uns versorgen, der dann die vögelein versorgt, die allein um ihr nahrung fliegen und nit auf ihr reichtum.18 So du nun ein kaufmann bist, was ist’s, dass du dein gut gibst mit geschicklichkeit aus, dass du ein künig wirdest? Was ist dein königreich uf solche seligkeit? Nichts dann die verdammnus aus ursachen deiner reichtum! Aber du bist ein kaufmann. Gedenk, dass dein kaufen dein nächsten fürdere und sein notdurft behalt. Darnach, was überig ist, zeuch ab durch dein rechenschaft, ehe dass du sie verkaufest, uf dass du ein billichen kauf gebest, dass der tod, so er kommt, dich nit findt in reichtum.19 Selig seind die, so im herren sterben, 20 [166 v] das seind die armen, die uf erden kein wollust gesucht hont. Was ist’s aber, dass ich alle handwerker und künst erzähle? 21 Ein jeglicher treibt aus dem seinen nit mehr, als allein dass er in dem gefunden werd, in reichtum. Do ein armut sei und nit mehr. Was ist, dass ein fürst ein groß amt hat und treibt aus demselbigen in ein reichtum, und die reichtum ist verdammt, allein sie sei dann ein armut? Es sei, was uf erden wohl unter uns menschen, so ist keins reicher von gott begabt dann das ander. Das ist, du frisst, issest nichts mehr dann ein bauer, bringst nichts mehr in die welt dann ein baur, bringst nit mehr in die welt als ein bettler. Meinst, dein vatter hab recht, dass er’s dir’s geben, und das erb sei recht und was dein vatter usserthalb deiner mutter hab, dasselbig sei auch dein, als läg’s in deiner mutter. Und also bringst alls mit dir. So gedenk, dass nit also recht sei. Dann du bringest nichts mit dir aus der welt, darum bringest du auch nichts hinein. 22 Was ist’s, dass dir gott hat die schlüssel in himmel geben einzulohn, 23 zu brauchen den gwalt? 24 Nit dir zu nutz, deinem nächsten zu nutz. Nicht, dass du dich darum in reichtum bringest. Aber ein specklin legt er dir uf die zungen: Sollt du dich austun, ein Petrus zu sein und den stand füeren, so darf Christus dir den gwalt geben. Aber gott schuf Lucifer am hübschisten, also dich auch. Was kam hernach? Der abstoß zu den hellen! 25 Was meinst, dass gott daran leit, ob er schon ein kost[16] schaben: ‚Motten‘. — [17] Mt 6,19 f. — [18] Mt 6,25–34. — [19] Lk 12,20. — [20] Offb 14,13. — [21] erzähle: ‚aufzähle‘. — [22] 1Tim 6,7. — [23] Mt 16,19. — [24] gwalt: ‚Macht‘. — [25] In Jes 14,12 fällt Lucifer, von Luther als „Morgenstern“ übersetzt, vom Himmel. Die Legende vom gefallenen Engel Lucifer wird auch geschürt durch Offb 12,7–9, wo von einem Kampf der Engel berichtet wird.
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lichen 26 arzt macht, ein großen künig, ein großen Petrum mit großer gwalt, und bestät 27 den? Hat kraft, dass der diebisch arzt, der ein schelm ist, groß hilf 28 tut, viel kranken heilt? Item den künig, [167 r] dass er groß länder erlangt, groß einnehmen und reich? Item Petrus, dass er allen menschen ihr sünd vergibt und aber ihm selbs die ewig verdammnus? Der arzt, der künig, der Petrus, darum im seligen leben sehent ihn an und verlassen euch nit in die große gab von gott, die ihr haben, dorbei er euch all – arzt, künig, Petrus – beschämt. Sonder schauen, dass ein arzt selbs muss sterben, der künig, der Petrus, dass uf die stund sein eigner gwalt sein eigen herz nit treff, wie denn Lucifer tot in das tiefest fiel. Was liegt gott daran, an der gab? Ob du schon kannst gesund machen, darum aber nit all, allein die, so gott will. Was ist nu, dass du die sünd vergibst und hat kraft? Allein die, so gott will. Ob aber der arzt selbs einer sei us denselbigen, ihm nit wissen, auch dir selbs, dergleichen nit aus vergebung der sünden. So groß ist gott im seligen leben, dass er sein göttlichen gwalt hat geben unter die heiden, das ist, abgötter verhängt, die groß zeichen hont geton, viel kranken gesund gemacht, viel arm reich gemacht und dergleichen. Sein ist der gwalt, er hat ihn ihnen geben. Darum hont sie’s ihnen geton und bewiesen. Was ist aber das? Do es zeit ward, do stieß er’s in abgrund der hellen, do ließ er’s liegen, dann ursach, es ging zu reichtum, nit zu göttlichen ehren. Was liegt gott daran, ob er schon dem teufel ein solch gwalt geb? Gibt er’s ihm, er hat ihn. Was ist aber das? Er ist darum nit dester böser, dester ärger. Die stein haben groß kraft. 29 Was ist aber der stein? Bleibt ein stein! Die kraft geht wieder zum herrn, us dem sie gangen ist, also auch die kräuter. Darum seind die ding gesagt, dass sie nit sollen zur reichtum gebraucht werden, sonder allein in armut, [167 v] im weg gottes. Dann viel korn und gute jahr ist nit von deines nutz wegen, sonder von der armen wegen. Das bedenk, so wirst du nit versenkt in die armut. Es seind aber handarbeit, deren wir uns sollen ernähren und nit zur reichtum, es sei bein 30 menschen, bein heiligen, bein geisten, beim teufel. Alle ding brauchen im willen gottes, das ist, in seiner forcht und in seim weg. Dann also hat er gesagt: „Alle die, so in meinem namen kommen, dieselbigen werden teufel ustreiben, gift trinken, wird 31 ihn nit schaden, toten uferwecken“ etc. 32 Aber über das alles noch mehr: „Es werden kommen falsche pro[26] kostlichen: hier ‚guten‘, ‚kunstreichen‘. — [27] bestät: ‚bestätet‘. — [28] hilf] hilfft H. — [29] Anspielung auf arzneiliche und magische Wirkungen von Mineralien. — [30] bein: ‚bei den‘. — [31] wird] wir H. — [32] Mk 16,17 f.
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pheten, falsche christen, werden auch zeichen tun.“ 33 Nun sich, 34 beid teil tunt zeichen. Nun seind die zeichen alle aus gott, es tu’s ein gueter oder böser, so geschehen’s. Darum aber das allein das ist’s: Er gibt den gwalt. Darum aber, dass er do ist, darum ist der nit genesen, der ihn hat. Gott will Petrus hon, will auch Lucifer hon, tunt beid zeichen. Wann es die zeit kommt, so behalt er den gerechten in seim reich, den falschen stoßt er uf einmal in abgrund der hellen. 35 Darum was ist, dass der mensch viel redt und brummlet über diesen und diesen? Sagt, was seind das vor zeichen, die an dem ort geschehen? Der teufel tut’s, und die meinung der wörter geschweige. Der teufel tut nichts, allein gott! Er ist allein ein kreatur, also alle menschen. So nun gott durch heiligen, durch falsche christen zeichen tut: so dir geholfen wird, so bist du genesen. Dank gott. So die zeit kommt und die ern 36 zu schneiden den weizen, so kann’s gott alle wohl wieder zu ihm nehmen, was zu ihm gehört. Alsdann so er’s nimmt, was er schneiden will, [168 r] den acker oder den acker, so folgt auf das, dass dieselbigen, in den der weizen gesein ist, zu boden fallen in abgrund der hellen. Das ist jetz weizen vom ratten 37 geschnitten. 38 Das ist besser, 39 so Petrus und sein schlüssel miteinander geschnitten werden, nit so der schlüssel, der jetz allein ist, und Petrus der ratten sein wird. Was ist nun des weizen, der reich ist? Ist er heilig, so ist sein weiz sein leib, dass er ewig sei und werd; ist er der teufel, dass ihme sein gwalt genommen wird und ihm nichts bleiben. Darum ist unser reichtum und gewinnen uf erden nichts. Allein so weit, dass die notdurft, das ist, ein reichtum mit armut do sei, die einem jeglichen zuhilf kommen zu keiner reichtum, allein zur notdurft. Also wird der krank gefürdert, also wird der sünder gesund, also der arm gespeist, also der nackend kleidt, der pilger beherbergt etc. 40 Dann der arz schlächt kein kranken aus, hilft ihm und vermag’s; der papst vergibt die sünd und hilft ihn; der ein haus hat, beherbergt den, der keins hat; der baur gibt dem korn, der hungerig ist etc. Also seind alle ding gewachsen und geordnet, dass das reich gottes hie uf erden unter uns ist. Ist er unter uns, so seind die ding auch unter uns. Was ist das reich gottes? Dass wir einander verzeihen, so verzeicht uns gott auch; 41 dass wir auch einander lieben, so liebt uns gott auch. 42 [33] Mt 24,24. — [34] sich: ‚siehe‘. — [35] Mt 13,49; Mt 25,46. — [36] ern: ‚Ernte‘. — [37] ratten: ‚Kornrade‘, ‚Kornnelke‘, ‚Rade‘; Agrostemma githago L., ein giftiges Unkraut der Getreidefelder. — [38] geschnitten] geschniden H; falsche Lesung für „geschieden“? Vgl. Mt 13,30. — [39] besser] pettler H ohne Sinn. — [40] Mt 25,35–38. — [41] Mt 6,12–15; Mt 18,35. — [42] 1Joh 4,7–21.
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So die liebe bei uns ist, was ist seliger dann das? Ist nun das das selig auf erden, so ist auch das reich gottes bei uns. 43 Dann wo wir seind versammlet in Christo, do ist auch Christus bei uns, 44 der nit usserthalb seinem reich ist, sonder in seinem reich. [168 v] Ps 127(128),2b: Beatus es et bene tibi erit 45 So du nun der bist, der sein arbeit anlegt nit zur reichtum, sonder in die notdurft, so bist du selig und dir wird wohl. Dann ursach, du stiehlst nichts, dann stehlen ist von wegen der reichtum, ohn arbeit sich ernähren. Du tötest niemands, dann ursach, töten ist, dass du des andern guts erlangst oder einem andern helfest, dass er’s überkommt, dir um ein kleinen sold. Dergleichen gibst auch nit falsch zeugnus, dann falsch zeugnus geschicht von gottes wegen. 46 Wiewohl wird dir sein und wie selig, so deren keins an dir ist. Darum, dass du das selig leben von der ehrsamen nahrung recht verstandest, so seind dir die drei gebott von gott uns geben, wohl zu erkennen, wie hernach folgt.
Ex 20,13: Non sis occisor 47 Darauf folgt nun das gebott, du sollt nit töten. Dann töten ist, nit mit der hand ernährt, dieweil die hand ein arbeit ist von gott geben, dem also, dem also. Nun ist töten zwiefach: Töten aus neid und zorn ohn dein reichtum, das ist, ohn dein gwinn, und töten um dein gwinn. Töten ohn dein gewinn ist hie nit begriffen, dieweil und es dir zu keiner reichtum hilflich ist. Dann hie wird allein fürgenommen, als töten vonwegen der nahrung. Derselbigen seind zwei: eines in mörderei, also demselbigen das sein nehmen und dich ernähren; und töten offenlich von wegen eines andern um dein nahrung. Und dasselbig töten ist auch zwiefach: billich und unbillich. Dann das ist billich, das do geschicht, so ihr content 48 seind um euren sold, der nit weiter als ehrsame [169 r] nahrung antrifft; und darnach, der do geschiehet von wegen zu begehrn eins andern guts. Darinnen ermessen nun, was nit soll zum tod verordnet sein und was do soll. Der do strebt wider die gebott gottes [43] Lk 17,21. — [44] Mt 18,20. — [45] Ps 128,2b: „Wohl dir, du hast’s gut.“ HS 1545. — [46] Ex 20,13; 15 f.; Paracelsus nimmt hier Bezug auf drei der zehn Gebote. — [47] Ex 20,13: „Du sollst nicht töten.“ — [48] content: ‚zufrieden‘.
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und sein lehr und die seinen, die sollen von der oberkeit gestraft werden. Die aber nit also seind, do schau ein jeglicher auf, wie es ergange, dann laufest deiner nahrung nach. Die nur töten, erwürgen, um kriegen zu gewinnen, nit allein den menschen töten, sonder ihm auch sein viech erwürgen, sein haus verbrennen, dass alles getödt wird; dann die ding, so sie beschehen, seind sie nimmer lebendig; dann das feur ist der tod der unempfindlichen 49 dingen, und der tod der lebendigen ist auch ein tod. In entwedern tod solt du’s nit führen und dich nit also ernähren, dann verbrennst du ein ding, so brichst du gott sein gebott. Tötest einen hernach sein haus durch das feur, also tötest du einem andern sein viech, so frissest du’s und brauchest zu deinem nutz und nahrung. Jetz bist du eim dieb und rauber gleich, das nit zum seligen leben dient. Nimmst dann demselbigen, gibs t’s 50 eim andern, derselbig töt’s, so bist du ein dieb, kein morder, ursachst den morder und brauchest verräterei. Dann du stiehlst dem nächsten das sein, verratest einem andern, derselbig füert es an fleischbänk. Wiewohl es daran gehört, aber an den nit oder denselbigen nit, sonder dem, der es mit seiner rechten arbeit zu seiner nahrung gewunnen hat, wie ihn gott geheißen hat. Nun muss solch blut ufschreien zu gott, dann des gerechten blut schreiet auf zu gott 51 und dein blut nit. Dieweil nun gott so ein treffenlich urtel uf ihn legt über [169 v] alle die, so ihm sein gebott brechen, die er setzt von wegen des nächsten. Das ist von wegen der seinen, uf dass die seinen beschirmt seient und du brichtest ihm den schirm von wegen deiner nahrung, die nit aus notdurft do sein mag, sonder ohn die notdurft, und über die notdurft ein überflüssig reichtum und nit ein gewinnens deiner hand, sonder ein gewinnens durch die üppigkeit, wider die aufgeordnet und gegeben gnad und gab gottes. Schneidst du eim sein korn ab, sein gras in deinem nutz, so tötest ihm das sein, dann du frissest und tötest ihn auf dem acker. Das töten ist dem ohn sünd, dem es wächst; dem ist es sünd und ein mord, dem es nit wächst und abschneidt; dem ist das schneiden ein mord. Darum so du des seligen lebens sein willt, so erhalt dein nahrung mit deiner hand, und das ist dein gab und kunst. Und arbeit brauch domit, und brauch und erhält dein magen. Und brauch nit wider diese ordnung, dann du issest die ewige verdammnus, dass du dich mit morderei ernährst. Uf dass wir tödliche 52 menschen auf erden untödlich 53 werden, hat uns gott den ewigen leib geben, und dass wir denselbigen nit verlieren, [49] unempfindlichen: ‚gefühllosen‘. — [50] gibst’s] gibts H. — [51] Gen 4,10. — [52] tödliche: ‚sterbliche‘. — [53] untödlich: ‚unsterblich‘.
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den 54 weg der nahrung anzeigt, wie unser reichtum in der nahrung sein soll: allein durch arbeit wir alle uns zu ernähren und alles müßiggehn entschlagen. Darum dass wir das wissen und erkennen, hat er uns ein gebott geben: „Du sollt nit stehlen.“ 55 Was ist stehlen anderst, dann ein nahrung ohn arbeit sich zu ernähren, oder mehr zu ton, dann notdurft erfordert? Das ist, wider notdurft stehlen noch zu der notdurft stehlen, soll nit sein. Sonder dieweil stehlen [170 r] allein ist ein müßiggohn, nit der recht pflug, 56 den gott dem menschen geben hat, einem jeglichen besonder, so ist nun weiter uf solches zu wissen, was das müßiggehn sei und was die arbeit sei. Die arbeit ist vor erzählt, dass nichts anderst ist, als allein der schweiß unsers leibs, denselbigen nit sparen. Was nun wider den schweiß ist, dasselbig ist die nahrung wider das selig leben, das ist, unter dem diebstahl begriffen. Darin diebstahl ist, einem andern nichts zu nehmen. Was ist’s? Seiner arbeit nichts abnehmen. Sollen wir nun eines andern schweiß nit essen, das ist, nit seiner händ arbeit essen, sonder unser händ arbeit, so geben wir gleichs um gleichs. Jetz zahlt einer den andern, der kürsner 57 das winterkleid, der schneider das summerkleid, also der zimmermann den maurer und wiederum der maurer den zimmermann. Das ist nun: Arbeit gehört an des arbeit, des ich darf, und also hat’s gott verordnet, dass sein arbeit die ihm auch zahl. Dann schweiß zahlt schweiß, arbeit die arbeit und müßiggohn zahlt niemands. Ohn schweiß ernähren muss sich diebisch ernähren, dann müßiggohn ist wider das werken, und nit werken gibt kein nahrung. Ist nun ein nahrung nit müßiggehn, so muss sie unter dem gebott sein. Dann gott verbott, „du sollt nit stehlen“, das ist soviel, ernähr dich mit deiner hand durch den schweiß, den du von Adam ererbt hast, und gang nit müßig, nit iss ohn dem schweiß. Jetzt so nun das ein gebott ist von gott, „du sollt nit stehlen“, so ist das ein stehlen, dass du nimmst, do du nit hingelegt hast: verborgen in der still, jedermann ohn wissen, bei nacht, bei [170 v] nebel heimlich einbrechen etc. Dieser diebstahl ist aus leichtfertiger art in viel weg unter uns. In eim weg, dass wir also leicht seind in unser tapferkeit, so uns zugebührt, die wir sollen tapfer halten. Dann darum seind wir kinder gottes, dass wir sollen stark sein und uns des alles nit gelusten lassen. Aber solch stehlen ist viel, die nichts anderst mag geacht werden, dann wie der blind vor Christo, do er gefragt ward von seinen jüngern, wer do gesündt hätt, vatter oder mutter, dass der blind geborn wäre. Also [54] den] dann H. — [55] Ex 20,15; Dtn 5,19. — [56] pflug: im übertragenen Sinn hauptsächlichstes Erwerbsmittel. — [57] kürsner: ‚Kürschner‘, Pelzhandwerker.
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do auch. Und er antwort, nit vatter noch mutter noch er selbs, sonder dass die werk gottes do erfüllt werden. 58 Das ist nun soviel geredt: So einer ein solcher dieb ist, der also stiehlt, und man sagt, es ist nit von natur oder aus dem blut also, dass er stehlen muss. Darum man sagt, es ist von planeten etc. 59 Das nit ist. Wohl mag es an ihme angeborn sein, doch nit aus dem gestirn, sonder aus der kraft, wie der blind geborn wird, uf dass auch die wunderwerk gottes an ihm geoffenbart werden, das ist, dass die barmherzigkeit gottes also werde in einem solchen auch geoffenbart. Darum werden sie darzue geborn, dass gott sein gnad in ihnen offenbar mache. Nun aber von denselbigen dieben und stehlern zu reden, soll sich niemands uf solches verlassen, dann do würd einer wider gott tun und sich hie uf erden von demselbigen leben scheiden. Dann das wär nit ein selige nahrung, ist auch nit dein schweiß, auch nit dein arbeit. Ist dann ein gab von gott, so wird dir’s niemands nehmen und da müssen die brauchen lassen. Und aber zu gleicher weis wie mit dem blinden, niemands [171 r] hilft dir als gott. Der wird das erkennen, wer du seiest oder aus was art du stiehlest. Darnach stiehl. Die oberkeit kehrt 60 sich an die geborne art noch an die genommne weis nit, dann sie will, dass du dich ernährest in frummkeit und schweiß deiner arbeit. Aber der wissend, ungenöt 61 diebstahl und nahrung wider das selig leben ist. Du sollt dich mit keim betrug ernährn, mit keinem falsch, sonder ernähr dich mit wahrheit und gerechtigkeit, so wird dir die wahrheit und gerechtigkeit zuhilf kommen, dass, so dein herz gerecht und wahrhaftig ist, dir auch gerecht und wahrhaftig entgegnen wird dein notdurft. So aber dein herz falsch ist und betrogen, so wird auch also sein dein arbeit und nahrung. Jetz wandlest nimmer im weg gottes, das ist, in der billichen 62 nahrung. Dann do ist kein handwerk, hantierung etc. und ander solche händel, kunst und dergleichen, sie mügen in betrug und falsch gefüert werden. Niemands aber findt dieselbigen gab von gott in falsch, der allein die nahrung sucht. Der aber mehr suchen will und müßiggohn oder reichtum und fülle, derselbig fälscht die gab, so ihm gott gerecht geben hat. Wie weit der vom weg der seligkeit abwandlet, ist nit menschlich zu ermessen, aber wohl zu ergründen, dass bei gott ein unmessliche 63 maß gemessen wird in die verdammnus. [58] Joh 9,2 f. — [59] von planeten: ‚durch die astrologische Typologie vorbestimmt‘. — [60] kehrt sich: ‚kümmert sich um‘, ‚nimmt Anstoß an‘. — [61] ungenöt: ‚ohne Not erfolgte‘. — [62] billichen: ‚rechtmäßigen‘. — [63] unmessliche: ‚unendliche‘, ‚nicht mehr messbare‘.
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Dann man soll gott die gaben nit fälschen in keinerlei weg, sonder sein lob domit preisen, dass allein gepriesen wird in der gerechtigkeit und wahrheit. Aber darnach ist ein andere nahrung der müßiggang, die wider die lehr [171 v] gottes ist. Als, so du ausleichst 64 ein geld, dasselbig um zins, und du gebrauchest den zins und das hauptgut 65 schwindt nit, was ist das anderst dann eim diebstahl zu vergleichen? Ursach, du frissest einem andern sein schweiß ab! Aber du sollst dein schweiß essen und keim andern das sein aus seinen händen nehmen. Was schweiß vergeußt 66 du in deinem angesicht, so ein zins nimmst vom geld und dir schwindt das hauptgut nit? Domit gehst du müßig. Darum so leich 67 aus vergebens, 68 nit dass du draus essest, sonder ein ander. Das ist gott gefällig in dem seligen leben, dann du sollt selbst arbeiten, dich selbs ernähren, nit dass dich ein ander ernähr. Darum, dass du dich selbs ernähren sollt, darum hat er dich stark, kräftig, gliedmäßig, 69 begierig, 70 geschickt gemacht. Das betracht, nit dass du sollest müßiggohn mit denselbigen gliedern und sie lassen faulen, 71 darzue sie nit geschaffen seind. Darzue hat er dir auch deine gab geben, domit du dich sollt ernähren. Die vergrab nit in die erden, 72 das ist, lern sie, brauch sie. Dann müßiggohn ist nit von gott beschaffen, weder in dir noch in keinem menschen, als zur arbeit. Darum auch, so ist solches alles, dass du nit arbeiten darfest, nit sorg tragen zum gewinnen, zum verdienen, nit darbei arbeiten, in was gestalt es sei. Das ist alles wider die arbeit deiner händ und wider das gebott gottes, „du sollt nit stehlen“. Dann es mag do nit sein, dass du vor gott mügest ohn ein diebstahl erfunden werden. Ob gleichwohl eim würde ein arbeit ufgelegt, solch geld zu verdienen, ist es ein arbeit der gab des schweiß, geht ihm hin. Aber nit also sollen wir ein 73 red machen, das ist, nit aus diebstahl einen erhalten, wie gut arbeit er macht. Sonder sein arbeit soll sein, [172 r] dass sie ohn solch geld sich sollen erhalten. Solch geld, zins etc. ist nit altargeld. Darum erhalt’s kein altar, auch nit sein diener, 74 freie handgab aus täglicher arbeit erhalten’s. Dieweil und dieselbigen arbeit nichts bauet im irdischen und doch vom irdischen soll erhalten werden, so ist es doch nit aus zins, sonder sein arbeit. Schweiß zahlt schweiß. Das ist, ohn kaufen [64] ausleichst: ‚ausleihst‘. — [65] hauptgut: ‚Kapital‘, ‚Grundkapital‘, im Gegensatz zu Zinsen und Kosten. — [66] vergeußt: ‚vergießest‘. — [67] leich: ‚leih‘. — [68] vergebens G; fehlt H: ‚umsonst‘. — [69] gliedmäßig: mit allen gesunden Gliedern versehen, gut und ebenmäßig gebaut. — [70] begierig: hier im Sinn von ‚strebsam‘. — [71] faulen: ‚faulenzen‘. — [72] Mt 25,25. — [73] ein red] einred H, aber hier kaum im Sinne von ‚Einrede‘, ‚Einsprache‘. — [74] 1Kor 9,13.
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soll’s ihm geben werden, nit der wucher erhalten. Dann wucher ist der diebstahl, der hie verbotten ist. Uf solches ist billich, die ding alle wohl zu verstohn, dass unser nahrung uf erden in kein gewünnens soll gohn noch in kein kasten versperrt oder keller. Sonder was gott uf erden beschafft und durch sie gibt, dasselbig gibt er von milder hand, und soll von milder hand auch gebraucht und geben werden. Dieweil wir nit wie die heiden, sonder wie die christen sollen leben, hie uf erdrich 75 kein schatz sammlen. 76 Und unser arbeit soll gewunnen sein, je eins dem andern. Und dem, so nit arbeite, dem 77 soll auch genommen werden, das er hat, uf dass er arbeite. Dann wie kann, der nit arbeit, mit arbeit bezahlt werden? Er kann doch nit arbeit gegen arbeit vergleichen, auch nit schweiß gegen schweiß. Solches ist der weg der nahrung, und do keiner ander kundschaft gebe als allein die. Dann der do würde andere kundschaft und zeugnus fürhalten, das ist, der do sagen würde, in müßiggohn staht ein selig nahrung, der wird ein falsche zeugnus geben wider gott, demselbigen zu nutz. Der do sagt, „im schweiß deines angesichts sollt du dich ernähren“, 78 darzue auch, „die arbeit deiner hand sollt du essen, so bist du [172 v] selig und dir wird wohl“. 79 Darbei ist nun vergessen aller deren, die nit arbeiten, als spräch der prophet, 80 die do essen die arbeit ihr händ, die seind selig, die aber nit ihr eigen hand arbeit essen, dieselbigen seind unselig. Darum dieweil das ewig leben mit solcher unseligen nahrung verlorn wird, so soll kein vatter sein kindern reichtum verlassen 81 zum müßiggang, sonder verlassen in den bau, 82 die arbeit, die werk uf erden, uf dass er ob seim eigen blut nit verdammt werd. Man soll auch nit verhängen zins, gült, 83 zehent, rent etc. zu machen, kaufen, dabei einer den müßiggang erreiche. Die ding alle seind weg, in dem gott nit wandlet noch heißt uns dorinnen wandlen. Wer nun darinnen also handlet, der ist im abweg, der do geht zu der hellen. Dann nit in rue, 84 nit in wollust, nit in reichtum, nit im maul, nit im bauch steht die seligkeit. Sonder in arbeit und im schweiß ein jeglicher sein gab verbring, die ihm gott uf erden geben hat, es sei der baur uf dem feld, es sei der in der schmitten, 85 es sei der im bergwerk, es sei der auf dem wasser, es sei der in der arznei, es sei der im wort gottes verkünden. Die alle und ander alle kommen von gott zu uns. Darum so mügen sie nit [75] erdrich: ‚Erdreich‘. — [76] Mt 6,19. — [77] dem] den H. — [78] Gen 3,19. — [79] Ps 128,2. — [80] prophet: hier der Psalmist. — [81] verlassen: ‚überlassen‘, ‚vererben‘. — [82] bau: ‚Feldbau‘. — [83] gült: ‚Gülte‘, ‚Zahlung‘, ‚Schuld‘. — [84] rue] rwe statt rewe H: ‚Ruhe‘. — [85] schmitten: ‚Schmiede‘.
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vollkommen gebraucht werden, es sei dann der schweiß darbei und angst, not, elend, jammer, wie es die zeit zufüegt, empfahen. Dann wie kann der baur den baum abhauen und zerhauen ohn schweiß? Also wie kann der schmelzer sein erz schmelzen ohn schweiß? Also wie kann einer dann Christum verkünden, das mehr ist dann das alles, ohn schweiß? Und die ding alle sollen alle tag beschehen, nit ein tag, und darnach feiern. Ob du schon ein [173 r] tag ein jahrzehrung 86 gewinnst, gib’s den armen. Folg du dem kreuz nach, das du trägst und tragen sollt, 87 und lass dich die reichtum nit vom kreuz treiben, dann das kreuz ist dein gottsgab, dein arbeit, dein hand und dein reichtum, die ehrbar ist und ziemlich 88 und göttlich vor den augen gottes täglich.
Ps 127(128),2b: Beatus es et bene tibi erit 89 Der feind uf erden, der uns verfüert, ist beihändig 90 und fleißig uns abzuwenden, 91 das ist, vom weg gottes in den weg der reichtum zu füeren. Er leit 92 und denk tag und nacht, dass er uns unsern schweiß zur reichtum treib und in eigennutz, als 93 den baumann: „Behalt dein arbeit, gib nichts umsonst, so sammlest ein schatz zusammen. Damit kauf noch mehr zu dem, domit wirst du ufsteigen in die reichtum, am letzten werden deine kinder zu müßiggeher, edelleuten, junkern, burger“ etc. Solches ist nit allein beim baumann, sonder bei allen gaben uf erden. Wie sie ein jeglicher hat, mag er sie zu reichtum in den weg füeren, so er vergessen will die liebe im nächsten, will vergessen, dass reichtum zur verdammnus dient und ein abweg ist von gott. Dann also verstanden’s, dass gott uns gibt die gaben zu der nahrung, je einer dem andern zu erhalten in seiner notdurft. Er gibt gwalt den heiligen, gesund zu machen die kranken, gesund zu machen die blinden, erwecken vom tod die toten. 94 Das aber nit darum, dass aus solchem gwalt und gab [173 v] ein reichtum werd. Wird sie aber daraus, gerät dieselbig in abweg von gott und braucht die gab gottes in teuflischen 95 ehren. Also geschicht das mit den heiligen, so mag es auch geschehen im zimmermann, im hafner etc., in kaufleuten, in kramern, in becken, 96 in metz[86] jahrzehrung: ‚Jahreslohn‘. — [87] Mt 10,38 par. — [88] ziemlich: ‚geziemend‘, ‚anständig‘. — [89] Ps 128,2b: „Wohl dir, du hast’s gut.“ — [90] beihändig: ‚behend‘, ‚geschickt‘. — [91] abzuwenden: ‚vom Weg abzubringen‘. — [92] leit] leid H: ‚leitet‘, eher als ‚leidet‘, ‚bringt in Leid‘. ‚bringt in Leid‘. — [93] als: ‚wie zum Beispiel‘. — [94] Mt 10,8; Mk 16,17 f. — [95] teuflischen] teufflichen H. — [96] becken: ‚Bäckern‘.
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gern. Wie es geschicht, so geschicht’s als im abweg von gott, dem wird nit viel werden, der wird nit gesegnet werden mit dem kreuz, das den teufel vertreibt. Dann das kreuz, das do segnet vor dem teufel, segnet allein, die do wandlen im weg des herrn. Also ist die selig nahrung bei gott, angesehen gegen uns menschen, dass wir nichts sollen zu reichtum brauchen, sonder alles gegen dem nächsten. Und ein jeglicher hat ein gab, dodurch er mag seinem nächsten erschießen und sein nächster ihm auch dergleichen: andern häuser bauen, nit dir allein; andern korn säen, nit deinem maul allein; andern den weingarten pflanzen, nit deiner gurgel allein. Die erden ist der menschen, 97 keins mehr dann des andern. Aber hast du mehr dann der ander und du weniger dann der ander, so seind ander gaben do, die do erfüllen und erstatten dieselbigen teil, den du vom erdboden nit hast. So gohnt doch alle ding aus der erden. Dann wie kann der arzt sagen, so er nichts hat uf erden als allein ein haus, er hab sein teil der erden nit, so doch alle sein pflueg aus der erden ist und ihm soviel gibt und austrägt, dass er gnug hat. Wie kann der schmied sagen, er genieß der erden nit, so er doch das eisen hat aus ihr, das ihn ernähret. Also auch mit den andern. Die ding betrachten und ermessen, wie gütig die uns gott geben hat [174 r] und wie mild. Also mit solcher milde und güete sollen auch wir sie gegeneinander usteilen und do kein schatz daraus machen, den die würm und schaben fressen, sonder ein schatz der ewigkeit und des seligen lebens, do kein schab noch würmlin ist. 98
Ps 127(128),3a: Uxor tua sicut vitis 99 Do redt David 100 von den seligen leuten, die do arbeiten. Dieselbigen all sind 101 in der forcht gottes. Darumben haben sie hausfrauen, ehfrauen und wandlen im weg gottes, der ehelich zu sein in der arbeit befohlen hat. Denselbigen erscheußt sein arbeit und sein hausfrau blüet 102 ihm im haus wie ein weinstock. Darum, was gehört zur seligen reichtum, die allein arbeit ist? Nichts dann allein ein ehefrau. Das ist nun der weg gottes, dass do die kinder erzogen werden und geborn in der ehe, in der arbeit, zur arbeit und zur ehe. Dann also sehent sie nichts als allein [97] Gen 1,28. — [98] Mt 6,19 f. — [99] Ps 127(128),3a: „uxor tua sicut vitis abundans in lateribus domus tuae“, VlgSt; „dein Weib wird sein wie ein fruchtbarer Weinstock um dein Haus herum“, HS 1545. — [100] Paracelsus betrachtet David als den Psalmisten. — [101] sind] sündt H. — [102] blüet: ‚blüht‘.
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arbeit, allein die ehe, darinnen erwachsen sie. So sie aber das nit sehent, sonder sehent müßiggeher, hurer – wie dann derselbigen wesen inhalt – jetz verfallen dieselbigen kinder in den haufen der laster. Darum der prophet hie fürhält am ersten, „dein arbeit deiner hand iss, so wirst du selig“,103 dann du gibst do kein abweg von gott. Und so du also bist, so würd dein hausfrauen blüen und überflüssig 104 sein mit kindern, wie die trauben am weinstock. Nit aber die müßiggehenden frauen, dieselbigen werden nit blüen wie ein weinstock, sonder sie werden wie ein dorn und distel schwanger und fruchtbar werden. Dann der weinstock wird allein den [174 v] ehefrauen vergleicht, deren die arbeitsam mann haben. Die müßiggehenden mannen, deren frauen blüent auch überflüssig, aber wie erbsen an den dornen.
Ps 127(128),3b: Et filii tui sicut novellae 105 Also geht dem seligen reichen mann uf erden sein reichtum zu, nit im schatz, den die schaben fressen,106 sonder in kinder: die werden um den 107 tisch stohn wie eim die zweig des ölbaums, die um den baum umher standen im kreis. Das ist die göttliche reichtum des seligen manns, die ihm zufallt zusamt seiner arbeit. In der reichtum der arbeit und solcher kinder hat gott sein wohlgefallen und wollust. Aber die kinder der müßiggehender werden um ihren tisch stehnd wie die dorn um den distel.
Ps 127(128),4: Ecce sic benedicetur homo 108 Also wird der mensch gesegnet, der in der arbeit lebt und die arbeit sein reichtum ist. Der also sein befelch hat und die kinder um den tisch, derselbig ist der, der gott förcht. Darum so gibt gott gnug. Das ihm gott gibt, das ist sein reichtum, und also wandlet er im weg des herrn. Darum so wird er gesegnet mit dem kreuz, das Christus ist; derselbig ist, der do segnet alle, die do wandlen im weg des herrn. [103] Ps 128,2. — [104] überflüssig: ‚überreich‘. — [105] Ps 127(128),3b: „filii tui sicut novella olivarum in circuitu mensae tuae“, VlgSt; „deine Kinder wie die Ölzweige um deinen Tisch her“, HS 1545. — [106] Mt 6,19. — [107] denn] dem H. — [108] Ps 127(128),4: „ecce sic benedicetur homo qui timet Dominum“, VlgSt; „siehe, also wird gesegnet der Mann, der den Herrn fürchtet“, HS 1545.
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Ps 127(128),5: Benedicat tibi dominus ex Zion 109 Alles, das du tust, handlest und wandlest, dasselbig segnet dir gott von himmel und beschirmt dir’s und erscheußt dir’s, nit zu füllen kästen oder keller zu versperrn, nit zum schatz: zur täglichen nahrung dir und deinen kindern, dass du’s mit freiden 110 [175 r] verzehrest. Und so du nun also im weg gottes wandlest, so du stirbst, so bist du noch lebendig. Dann du wirst dann sehen werden die güeter in Jerusalem, das ist, die güter der seligkeit. Die wirst du sehen werden, du, der du dich mit deiner hand arbeit ernähret hast. Das wirst du sehen im ewigen, solang du lebst im reich gottes, das ist ohn end.
Ps 127(128),6: Et videas etc.111 Darzue auch wirst du sehen nach dir kommen in Jerusalem deine kinder, die auch also, wie du gelebt hast, in gleicher reichtum, und derselbigen kinder, die auch wie ihr vatter gelebt. Und noch weiter, das ist, bis zum letzten stein uf erden, wirst du sie all einander nach sehend, und die alle in ewigen frieden und rue, do nimmer der schweiß sein wird, nimmer die arbeit, sonder das ewig leben in allen freuden. Also ist die selig reichtum uf erden, die gen himmel kommt.
Lk 6,24: Vae vobis divitibus qui habetis solatium vestrum etc.112 Also soll unser reichtum uf erden sein, dass sie uns kein wollust geb. Das ist ein wollust: im unseligen leben wohnen, das ist usserthalb, wie gemeldt ist, reichtum hon und dieselbig reichtum brauchen allein dir selbs. Das ist wollust gesucht. Weh denselbigen reichen, die also mit ihrem gut ihnen selbs raten und sich selbs erfreuen! Dann ein jegliche reichtum, die denselbigen allein zu nutz erscheußt, weh denselbigen.
[109] Ps 127(128),5: „benedicat te Dominus ex Sion et videas bona Hierusalem omnibus diebus vitae tuae“, VlgSt; „der Herr wird dich segnen aus Zion, dass du sehest das Glück Jerusalems dein Leben lang“, HS 1545. — [110] freiden: hier am ehesten ‚Freuden‘. — [111] Ps 127(128),6: „et videas filios filiorum tuorum pax super Israhel“, VlgSt; „und sehest deiner Kinder Kinder. Friede über Israel“, HS 1545. — [112] Lk 6,24: „aber dagegen wehe euch Reichen! denn ihr habt euren Trost dahin“, HS 1545.
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Lesetext – Liber de vita beata
Die aber ihn selbs nit zu freiden und nutz erscheußt, wohl denselbigen. [175 v] Dann sehent an den Job,113 der war reich und mächtig an gütern,114 aber seines guts ward er nie erfreut, er hätt alle jammer 115 und not darbei.116 Darum was 117 es gerecht, dass sein gut nit sein freud war, dann ein jeglicher reicher, des gut sein freid ist, do ist die ewig pein. Nichts ist in der reichtum, des uns nutz sei, allein es sei dann all jammer und jobische not darbei. Wo die nit ist, da 118 ist all elend und elend zu der ewigen verdammnus, das sie für gut leben achten. Darum soll unser reichtum sein, dass sie freid haben 119 in der arbeit und schweiß und bei der hausfrauen und kinder, und dorbei die groß forcht gegen gott. Und ob sie do ist, mehr dann do sein soll, der soll sie sein wie mit Job, der uns alles ein vorspiel 120 vorgangen hat.
Lk 16,19: Erat quidam homo dives etc.121 Aber das widerspiel 122 gegen Job zeigt uns Christus an, wie do gesein sei ein reicher mann, derselbig hab alltag wohl gelebt. Das ist, er hat in seiner reichtum, in seinem gut sein lust und sein freud gesucht und darvon nit gehandlet, so er domit gehandlet sollt hon. Gott ließ ihm ein guten mut, gab seiner zungen ihren lust und ihren prass,123 und dass sein gut seins bauchs gott war.124 Vergaß des seligen lebens, vergaß der liebe im nächsten, bedacht allein sich selbs. Was begegnet ihm? Der, durch den er sollt den himmel erkaufen. Das ist, nit lust in seinem gut suechen, sonder einem andern sein lust darinnen suchen. Derselbig, der in seinem gut sollt lust gehabt haben, derselbig war Lazarus, der arm, der an seim leib Job gleich war, aber [176 r] am gut nit. Dieser reicher aber hat Joben gut, aber nit sein leib und elend, allein sein reichtum. Do war reichtum und krankheit voneinander geschieden. Nun Lazarus, der hat nichts und war von dem reichen verschmächt. Dann
[113] Job: ‚Hiob‘. — [114] Hiob 1,3. — [115] Jammer] Jnnwoner H; Jammer G. — [116] Hiob wurde von Gott mehrmals schwer geprüft. — [117] was: ‚war‘. — [118] da] dz H. — [119] haben] hab H. — [120] ein vorspiel: ‚als ein Beispiel‘. — [121] Lk 16,19: „homo quidam erat dives et induebatur purpura et bysso et epulabatur cotidie splendide“, VlgSt; „es war aber ein reicher Mann, der kleidete sich mit Purpur und köstlicher Leinwand und lebete alle Tage herrlich und in Freuden“, HS 1545. Paracelsus nimmt hier Bezug auf das Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus, Lk 16,19–31. — [122] widerspiel: ‚Gegenteil‘. — [123] prass: ‚Gepränge‘, das Leben in Saus und Braus. — [124] Phil 3,19; Röm 16,18.
A5. Liber de honestis utrisque divitiis
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sie suchten ihren eigen lust, nit der armen lust, und brauchten ihr gut ihnen selbs, nit den armen. Also dieser reicher auch, er hat das guet Joben, aber sein leib nit. Der arm hat Jobs leib, aber sein gut nit. Was geschach? Der reich sucht sein lust, ließ den armen liegen. Aber do er sein lust gebüßt hat, do kam der tod und nahm ihm sein leib und sein gut, scheidt sie voneinander, wie ein erzknapp 125 das silber vom erz,126 und nahm den reichen und führt ihn in abgrund der hellen. Sein gut ließ er seinen erben uf erdrich mit freiden, wie er’s gehabt hat, also 127 bleibt das guet allmal seliger dann der reich. Der arm starb auch; und der tod schied sein krankheit von ihm und führt ihn in die schoß Abrahae zu dem seligen. Und die krankheit ließ der tod geschieden liegen vom Lazaro den andern armen uf erden. Nachdem aber, was begegnet? 128 Der reich mann sach 129 sein Abraham in freuden, gleich als ein toter aus dem grab die sunn im himmel, begehrt der leschung 130 von dem schlechtisten wasser, und sach den armen in seiner schoß, als den schein in der sunnen.131 Do rechnet sie die gottheit in der reichtum der reichen, die ihrn lust suchen, ließ ihm nichts werden. Dann er hat das sein schon gesoffen, das er saufen sollt. Dann eim jeglichen ist sein ziel ufgesetzt, wieviel, und nit mehr. Dieser reicher begehrt zu warnen die seinen.132 Aber nein! Darum, [176 v] ihr reichen, schauen uf! Ihr habt kein warnung als die geschrift. Glauben ihr! Wo nit, so versehen euch keines seligen lebens, sonder dass eur selig leben uf erden ist, aber nit, wie Christus gesagt hat. Derselbig hat gesagt: „Dein will, der werd uf erden als im himmel.“ 133 So ist eur seligkeit uf erden nit der will gottes, nit wie im himmel. Darum so er nit also ist, so ist er auch nit in jener welt. Darum hie guet leben in eurem reichtum, nach dem guten leben das elend ist, das niemands mag ersinnen. Das ist aber die selig reichtum, dass in seim guet keiner sein lust sucht, sonder sein nahrung und seines nächsten nutz. Und dobei gedenk, dass hie uf erden kein freud soll sein ohn schweiß, angst und not. Aber so wir von hinnen scheiden, so kommen wir in den ewigen leib. Derselbig wird rue und freid 134 hon, freud über freud, einigkeit über einigkeit, in ewigkeit.135 Amen.
[125] erzknapp] ertzknab H: ‚Erzknappe‘, ‚Bergmann‘. — [126] erz] ertzt H. — [127] also] alls H. — [128] begegnet: ‚geschah‘. — [129] sach: ‚sah‘. — [130] leschung: ‚Durstlöschung‘. — [131] Mt 13,43. — [132] Lk 16,27–31. — [133] Mt 6,10. — [134] freid: hier vermutlich in der Bedeutung ‚Freide‘, ‚Zuflucht‘, ‚Refugium‘. — [135] ewigkeit] einigkhait H.
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Lesetext – Liber de vita beata
A6. Liber de virtute humana Von der menschlichen Tugend [413 r] 1 So uns nue gott geben hat ein zier unserm leib, dass er an ihm selbst merken mag, was ihme übel ansteht, sein eigen erkanntnus, so soll er auch dasselbe meiden. Der sich nun im bösen erkennen will und sich zum guten füeren, der soll am allerersten in die einfalt 2 und demut gehn, so mag er’s erkennen. Ursach, wie kannst ohn die demut die hoffart erkennen? 3 So du aber in die demut gehest, so siehest die hoffart vor dir und magst dich vor [413 v] ihr hüeten. Und dieweil gott alle sünd verzeihet und aber der hoffart nit, 4 so meide sie desto eher und würf sie fluchs 5 von dir. So ein große sünd ist hoffart, dass alle gute tugend von einem weichet, dann hoffart verderbt alles guts, da der schöneste engel durch hoffart von himmel verstoßen ward. 6 Also ward die hoffart ein mutter des teufels, das ist, aus der hoffart ward diabolus geboren und fiel in die hellen. Also ist allen hoffärtigen ihr hoffart ein mutter eines andern bösen und argen. Also werden sie glieder diaboli und ihm gleich. Darum wisse, dass alle gute tugend in dir blüen und herfürsprosslen, 7 so du die hoffart von dir legst und gehest in die demut. So
[1] L: L 1 413 r–418 v; G: GE 2,95–107. — [2] einfalt: ‚Schlichtheit‘, ‚Einfachheit‘. — [3] Mit dem Gegensatz von Demut (humilitas) und Hoffart oder Hochmut (superbia) leitet Paracelsus seinen Tugendkatalog ein, der sich an den sieben Todsünden des Katholischen Katechismus (KKK Nr. 1866) orientiert. Diese bestehen aus 1. Stolz bzw. Hochmut (Superbia), 2. Habsucht bzw. Geiz (Avaritia), 3. Neid (Invidia), 4. Zorn (Ira), 5. Unmäßigkeit (Gala), 6. Unkeuschheit (Luxuria) und Trägheit (Acedia). Paracelsus verwendet im wesentlichen die noch heute übliche Reihenfolge der Todsünden mit der einzigen Ausnahme, dass sich die Unkeuschheit und die Unmäßigkeit auf dem fünften und sechsten Platz vertauscht finden. Die sieben Todsünden kontrastieren mit den sieben entsprechenden Tugenden 1. Demut (Humilitas), 2. Freigebigkeit und Barmherzigkeit (Liberalitas), 3. Wohlwollen (Humanitas), 4. Geduld (Patientia), 5. Mäßigung (Frenum), 6. Keuschheit (Castitas) und 7. Fleiß (Industria). Diese Aufzählung der Sünden geht auf Evagrius von Pontus (346–399/400) zurück, findet sich in ähnlicher Weise im einflussreichen Gedicht «Psychomachia» des Aurelius Clemens Prudentius (348–nach 405) und erreichte durch Papst Gregor I. (c540–604) im Wesentlichen die heutige Form. Die Bezugnahme von «De virtute humana» auf die sieben Todsünden war Goldammer nicht aufgefallen. — [4] Mt 12,31 f. par. — [5] fluchs: ‚flugs‘, ‚rasch‘, ‚schnell‘. — [6] Paracelsus bezieht sich auf den Fall des strahlenden Engels Lucifer aus dem Himmel, als er sich zuviel Macht anmaßte, vgl. Jes 14,11–15; Offb 12,7–9; 2Kor 11,14; Judas 1,6. Den Namen Lucifer gebraucht nur die Vulgata bei Jes 14,12. — [7] sprosslen: ‚sprießen‘ wie die jungen Triebe eines Baums.
A6. Liber de virtute humana
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ist nichts, es sei im sinn, in hoffart, in vernunft, in liebe an dir. Du erkennest alsdann, ob im selbigen glied sein gedanken, sein hoffart ist. Alsdann kommt dir ein grauen und hüetest dich, dass die selige tugend durch die hoffart nit ersteckt 8 werden. Was ist nun die hoffart als mehr sein wöllen als ein anderer? Und wiewohl einer mehr sein muss als der ander nach ordnung der dona, 9 die obrigkeit über den unterton,10 daraus soll aber kein hoffart entspringen, sonder nach der lehr Christi der mehrer 11 der minder 12 sein.13 Als einer, dem reichtum von gott gegeben, der soll minder sein dann alle seine nächsten. Tut er das nit, so widerstrebt er den tugenden und Christo. Darum soll er sein gut dem nächsten nachtragen, ihn dieselben nit holen lassen und ihm lassen nachgehn. Also mit andern donis zu verstehen: In keinem kein hoffart zu treiben, dann die hoffart ist ein sünd in heiligen geist, das ist wider den heiligen geist, die nimmer verziegen 14 wird; 15 gott mag’s in 16 niemand leiden. Darum brauch du gelehrter dein gelehrtheit, dass sie niemand verachte oder ein narren heißen. Und du im gewalt,17 bis 18 nit hoffärtig. Bist du hoffärtig, so wird dir dein hoffart, weder in diesem noch in jenem leben verziegen. Darumben erkenne die sünd, was sünde sei. So du ein sünd nicht erkennest, so bleibest drinnen und dienest dem mindern nit. Nichts wird uns auf erden gegeben, es sei dann zur demut befohlen. Die hoffart lässt weder Christum noch niemands erkennen und verstehn. Sündest unwissend, aber dein gewissen weißt doch, dass du sündigest; und so du wider dein gewissen tust, ist’s dein verdammnus. Hast du nun [414 r] den gewalt zu weiden Christi schäflein,19 so ist das erste demut, dann weiden muss ein vollkommen mann haben in der demut. Wo nit, so ist da ein ursach zu der höchsten hoffart, dann du erkennest dich ein pastorem 20 zu sein. Jetzt gibt deine hoffart zue, dass du dich für Christum achtest, wie ein statthalter eines herren sich selbst dem herren gleich achtet. So sagt aber Christus nit, „sei ein statthalter“,
[8] ersteckt: ‚erstickt‘. — [9] dona: von Gott gegebene ‚Gaben‘, ‚Begabungen‘; zu den Gaben des heiligen Geistes vgl. Mt 10,1 par.; Mt 10,8; Mk 16,17 f.; Lk 9,10; 10,9.19; Apg 2,3. — [10] unterton: ‚Untertan‘; vgl. Röm 13,1–7. — [11] mehrer: ‚Wichtigere‘, ‚Größere‘. — [12] minder: ‚Geringere‘. — [13] Mt 20,25–27 par. — [14] verziegen: ‚verziehen‘. — [15] Mt 12,31 f. par. — [16] in niemand: ‚bei niemand‘. — [17] im gwalt: ‚mit Macht ausgestattet‘. — [18] bis: ‚sei‘. — [19] Joh 21,15–17; zum Bild des guten Hirten mit seinen Schafen vgl. v. a. Joh 10,1–17; Hes 34,5–23, ferner 1Kön 22,17; 2Chr 18,16; Ps 80,2; Jes 40,11; Mt 9,36; 25,32; 26,31; Hebr 13,20; 1Petr 2,25. — [20] pastorem: ‚Hirte‘.
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sonder, „weide meine schafe“. 21 Gehest aus diesem punkten, so folget aus deiner hoffart verachtung aller menschen. Bist du nun gelehrt, so musst du gelehrt sein über andere all und jedermann muss dir schweigen, die auch mehr haben von gott denn du. Aber deine gwalt zu weiden macht sie schweigen. Du legst ihn aber nit für, 22 dass ein gewalt wohl mag wieder genommen werden und entsetzt, 23 dann wie Lucifer aus dem himmel, so wird’s andern kreaturen auch nit übersehen. 24 Christus sagt: „Folge mir nach.“ 25 Darauf folgen drei stück, erstlich Christi kleidung. Was du über solche kleidung antust, ist keine notdurft mehr, sonder hoffart, so Christus allein notdurft gebraucht. Zum zweiten, was du hast, gib umsonst, 26 dann dein reich ist nit von dieser welt, 27 sammel kein schatz. 28 Christi reich ist von dieser welt nit, also auch deines nicht, so du weidest. 29 Zum dritten seind die fueßtritt Christi. 30 Diese lass dich füeren, da du nit hin willt, und lass dich gürten mit der gürtel, so dir nit gefällt. 31 Also mit widerwärtigkeit wird die hoffart hingelegt. Nun was ist dein glanz und pfauenschwanz? Alle seligen spotten dein, auch die teufel in der hellen spotten dein. Aber eines bloßen und demüetigen mügen sie nicht spotten, sondern seind ihm feind, speien auf ihn. Nämlich am meisten denen seind sie feind, in den kein hoffart ist. Bedenke dein letzt end und was dein leib ist, den du zierest. Das ist, er ist der, den gott der vatter gerauen 32 hat, 33 gefällt ihm nimmer. In ihm stecken alle schalkheit. Was ist’s, dass du dich mit gold und edelgestein umhängest? Die perlein sein hübsch, du aber nit; das gold ist fein, du aber nit; der karfunkel 34 leuchtet, du aber nit. Was hängest ein ding an dich, das du nit selber bist? Und ob dein schöne über alle perlein und [414 v] rubin wäre, sollt dich gegen ihnen demüetigen, das ist nit an dich hängen. Häng die tugend des seligen lebens an dich. Das ist, lass den gesteinen und dem gold ihr amt, das ist, lass sie dem apotheker, gib sie zu nutz. 35 So sollich geschmuck dem leib zugehörten, so
[21] Joh 21,15–17 — [22] legst … für: ‚vorlegen‘. — [23] entsetzt: ‚befreit‘. — [24] übersehen: ‚nachgesehen‘. — [25] Die Aufforderung zur Nachfolge Christi findet in den Evangelien einen breiten Niederschlag: Mt 4,19 par.; 8,22; 9,9; 16,24 par.; 19,21 par.; Mk 2,14; Lk 5,27; 9,59; Joh 1,43; 12,26; 21,19.22. — [26] Mt 10,8. — [27] Joh 18,36. — [28] Mt 6,19 f. — [29] Der Geistliche weidet seine Gemeinde wie der gute Hirte die Lämmer, vgl. Joh 21,15–17. — [30] 1Petr 2,21. — [31] Joh 21,18 f. — [32] gerauen: ‚gereut‘. — [33] Gen 6,6 — [34] karfunkel: ‚Edelstein‘. — [35] Der Apotheker soll aus Edelsteinen und Gold nützliche Arzneien machen, anstatt dass man diese als Schmuck umhängt.
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wäre Christus, Maria etc. auch darinnen gangen. Aber dass Salomon, Aaron also giengen, 36 darinnen hat Christus keinen wohlgefallen, darum ist’s bei uns abgeton. Allein seinem fußstapfen nachzufolgen, 37 nit Salomonis, dann ein neuer könig, ein neues gesatz, das alt ist alles aus. Denn das ist der gott und könig, der uns mit dem himmlischen fleisch geleibet, 38 aus dem wir geboren werden. 39 Sein demütigkeit ist unser fußstapfen. Was ist’s, dass du ritter ein köttin 40 am hals trägst? Wer ist ein ritter? Seel oder leib? Das ist, der leib nit, dann er ist nichts. Wa hat nun die seel ihren hals, daran güldine köttin hangen sollen? In den armen leuten hat sich ihr demut 41 zu einer ritterschaft. Was soll dein rot barett, drumben,42 dass du ein doctor bist?43 Das ist, bist etwas, zeichen 44 dich darum nit. Dann zeichen, wer du seiest in der gestalt, ist von der art der fahrenden schüler. Aber das seind die zeichen im seligen leben: schwitzen der arbeiter gleich, rußig sein dem kohler gleich, gesund machen dem arzet gleich etc. Ein hut tragen mit zwo spitzen, drei kronen tragen, ein kron bedeut das, die ander das etc. 45 Was ist das nutz, dass sie’s bedeuten? Es bedeut nichts denn 46 hoffart, die weder hie noch dort vergeben wird. Aber „folgent den fußstapfen Christi“, 47 das bedeut, wer du bist. Was ist’s, dass wir unter uns soviel ämter oder orden etc. haben, einer mehr als der ander sein will? Ist das nicht ein hoffart, dass der orden besser, höcher etc. sein soll als der ander? Sollen wir nit gleich sein, einer als 48 der ander? Also mit dem adel und andern ständen zu verstehn. Seind wir nit alle aus dem bauch Eva? Ja. Was ist dann einer gegen dem andern? Wöllen wir gegen gott uns fleißen, also dass ein jeglicher will der liebste bei gott sein. Setz nit orden in kleidung, in amt etc., sonder in die liebe gegen Christo, die da fließen aus dem heiligen geist. 49 So die liebe da ist, so fällt von uns alle hoffart und keiner ist über den andern,
[36] Salomo und Aaron trugen prachtvolle Kleider und Schmuck, vgl. 1Kön 10,10–29; Ex 28,2–43. — [37] 2Petr 2,21. — [38] Joh 6,51. — [39] zur Geburt des neuen Menschen oder der neuen Kreatur aus Christus vgl. Joh 1,12 f.; 3,3–8; 2Kor 5,17; Gal 6,15; Eph 2,10; 4,23 f.; Kol 3,10; Tit 3,5; Jak 1,18; 1Petr 1,3; 1,23. — [40] köttin: ‚Kette‘. — [41] demut konj.] hoffart L ohne Sinn. Die Ritterwürde der armen Leute ist die Demut und nicht die Hoffart. — [42] drumben: ‚darum‘. — [43] Das rote Barett war ein Standeszeichen der Ärzte. — [44] zeichen: ‚auszeichnen‘, ‚kenntlich machen‘. — [45] Die Mitra, die traditionelle Kopfbedeckung der Bischöfe, hat zwei Spitzen, während die Papstkrone oder Tiara drei Kronreifen aufweist, die die Priester-, Hirten- und Lehrgewalt symbolisieren. — [46] denn: ‚als‘. — [47] 1Petr 2,21. — [48] als: ‚wie‘. — [49] Röm 5,5.
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Lesetext – Liber de vita beata
sondern der mehr ist, demüetigt sich unter den andern. Nie kein hoffart ist gewesen, die nit gefallen ist, so sie am höchsten war, 50 dann nichts so heimlich, dass nit offenbar werde. 51 [415 r] So du nun lang mit deiner hoffart das volk überfüert 52 hast und hast dein hoffart für göttlich gehalten, darzu 53 gesteuret die zu erhalten, damit sie zum höchsten kommen im zypressbaum. 54 So sie nun am höchsten, alle deine hauptstuck werden denen kund und offenbar, die du nach deinem sinn gefüert hast. Dann es wird ein jeglicher aus gott gelehrt, 55 das ist, alle deine heimlichkeiten 56 kommen 57 in den menschen durch anrichtung 58 und lernung gottes. Zu seiner zeit fällest einmal in alle schand und laster. Dann übersiehet gott einem gemein burgermeister nit dessen sachen, so sie am gewissesten und höchsten stehen, der gemein offenbar werden, und überantworten ihn dem henker an liechten 59 galgen. Wieviel weniger, der du bist über viel tausend? 60 Darum, was gott hasset, das sollen wir ohn alle mittel entziehen, 61 das ist auf’s höchst fliehen. Als sein gebott laut, „nit stehlen“, 62 da ist wohl allein begriffen das heimlich nehmen, nit das bescheißen, betriegen 63 etc. Aber doch soll in keinem weg gut an mich kommen, das nit mein arbeit ist. Also mit der arbeit zu verstehn oder mit der hoffart. Gott will kein hoffart haben, darum sollen auch nit ämter, ständ, orden etc. gebraucht werden und gar abgestanden 64 von allem, das über den andern ist, aus dem andern erdacht. Darumben alle gaben und tugenden von gott mit untertänigkeit gebraucht sollen werden. Will’s gott in seinen gaben, viel weniger leidet er’s im menschen, in seiner phantasei. So ist noch ein tugend, genannt mildigkeit. Christus sagt: „Selig seind die milden, die barmherzigen.“ 65 Diese tugend zerbricht der geiz. 66 Geizig sein ist niemand nichts geben, allein zu sich ziehen, niemand nichts umsonst tun, alles gleich um gleiches bezahlen und dasselbig auch niemands zu nutz lassen erschießen. Der geiz differiert 67 gar
[50] Spr 16,18; 29,23; Jes 13,11. — [51] Mt 10,26; vgl. 2Kor 4,2. — [52] überfüert: ‚hintergangen‘. — [53] darzu gesteuret: ‚darauf hingesteuert‘. — [54] vgl. Hes 31,3–14. — [55] Ex 4,15; Jes 54,13; Jer 31,33 f.; Joh 6,45. — [56] heimlichkeiten: ‚Geheimnisse‘. — [57] kommen in den menschen: ‚werden dem Menschen bewusst‘. — [58] anrichtung: ‚Einrichtung‘, ‚Absicht‘. — [59] liechten: ‚im Licht stehend‘, ‚öffentlich‘. — [60] Jemandem, der über noch mehr Leute gebietet als ein Bürgermeister, wird es noch schlimmer ergehen. — [61] entziehen: ‚weglassen‘. — [62] Ex 20,15; Dtn 5,19. — [63] betriegen: ‚betrügen‘. — [64] abgestanden: ‚abgehoben‘. — [65] Mt 5,5.7. — [66] Als zweite Tugend wird Milde und Barmherzigkeit versus Geiz aufgeführt. — [67] differiert: ‚unterscheidet sich‘.
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wenig vom stehlen. Dann der das geizen überkommen will, muss das gebott gottes brechen, betrüegen oder stehlen, 68 oder sonst fremd gut begehren, 69 übernehmen um sein geld, wie das ist mehr, dann einem christen gegen dem andern zusteht. Unmüglich ist zu schreiben ihre inventiones, list, griff, 70 so sie erdenken. So fällt darnach darzu unmilde, nach dem gemeinen sprichwort, „er kaufte nit ein seele aus der hellen“. [415 v] Nit allein ist er geizig, sonder auch untreu. Dann wo geiz ist, da ist untreu auch, da ist auch betrug. Durch die untreu wächst der neid gegen dem nächsten, also dass geiz, neid, untreu, zuhauf zusammen kommen in einem menschen. 71 Und werden so neidisch und untreu, dass sie wie die basälisken 72 die leut ansehen. Dann sie sollent mildigkeit beweisen. Also wird aus dem geiz, neid und untreu ein basaliscus, wellicher basaliscus derer natur ist, dass er den, denen er mildigkeit und barmherzigkeit erzeigen soll, ansiehet, also dass sein eigen gift wieder hinter sich schlächt in ihne selbst und erwürgt sich selbst damit, macht sich grün, gelb durch den reflexum, 73 der da ausgeht aus ihm selber und am nächsten sich abschlächt in sich selbst. 74 Dann alle menschen, so bei ihnen stehn, seind ihre spiegel, darin ersehen die geizigen sich selbst. Dann alle menschen alle tag wehren ihnen selbst freud und mut. Und je mehr sie sehen die notdurftigen, je giftiger sie werden, bis sie gar erkrummen 75 und erlahmen und schandlich ab dieser welt scheiden. So ist auch der ungunst 76 so groß in ihnen, dass sie nit hören mügen eines nächsten zu nehmen und seliges leben. Wo die sonn herscheinet, 77 da stehen sie dafür. 78 Wo der edle Jupiter sich nähet, 79 da hindern sie, vergönnen nit, das einem gott vergünnt, 80 wöllen alles allein fressen wie ein hungeriger hund, der für und für brummlet, so man einem andern hund auch gibt. Also ein hafner dem andern, ein beck 81 dem andern etc. nit seinen wohlgang 82 vergunnt. Als sich oft begibt, dass ein
[68] Ex 20,15; Dtn 5,19. — [69] Ex 20,17; Dtn 5,21. — [70] griff: ‚Tricks‘, ‚Kniffe‘. — [71] Neid als dritte Untugend sieht Paracelsus zusammen mit der Untreue als direkte Folge des Geizes. — [72] basälisken: ‚Basilisken‘, drachenartige Fabeltiere, deren Blick tödlich wirkt, und die als Könige der Schlangen gelten. — [73] reflexum: ‚Spiegelung‘. — [74] Wenn sich der Basilisk im Spiegel sieht, so schlägt sein tödlicher Blick auf ihn selbst zurück. — [75] erkrummen: ‚sich krümmen‘, ‚krumm werden‘. — [76] ungunst: ‚Neid‘. — [77] herscheinet: ‚hinscheint‘. — [78] dafür: ‚davor‘. — [79] nähet: ‚nähert‘. — [80] Wenn Jupiter als Glücksgott sich nähert, dann vergönnen die Geizigen nicht, das einem ein Gott vergönnt. — [81] beck: ‚Bäcker‘. — [82] wohlgang: ‚gutes Gedeihen‘, ‚guter Geschäftsgang‘.
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arzet dem anderen nit vergünnt, dass sein kranker gesund ist worden oder wird; er vergünnet ihm eher, dass er wär gestorben. Der übergibt nun zwiefache liebe, gegen dem arzet und gegen dem kranken, 83 das ist ein doppel elender feind. Also die kaufleut untereinander, so dem andern sein navi, 84 galeen 85 oder ross und wagen untergangen, so ist’s sein freude. Also, die dem tempel dienen, je einer wider den andern prediget und leget hinzue, auf dass er über den anderen sei und der eitel ehre habe, stehet dem andern zu leid auf die kanzel, nit aus der liebe gottes, sonder aus neidischen herzen. Item mit reguln, statuten, 86 kleidungen je einer dem andern aus neid widerwärtig ist, veracht etc., auf dass der ander teil nichts gelte vor dem volk. Item, viel nicht allein auf den kanzeln, sonder in dem glauben etc. articul [416 r] füeren wider ihr eigne gewissen, je einer den andern trutzet. Solliche teufelanrichter 87 sollen die seligen fliehen, nit hören. Da ist nichts als neid, geiz, gleißnerei. 88 So ist noch ein tugend, nämlich gutes gegen böses, 89 nit rach um rach, 90 sonder güetig gegen allen denen, so übels tun. 91 Wider diese tugend ist der zorn. 92 Das ist, fällest in einen zorn, das sei dein, nicht eines andern. Auf diesen zoren bauest dein herz. Du willt das, das etc. erretten etc. Nun sollen wir zürnen, aber nit darbei sündigen. 93 Nun sündigen wir, so auf erden rach tragen oder zoren in uns. Nit darum, dass es ungerecht sei, einen rock zu beschirmen, 94 dergleichen den andern backenstreich nit zu halten, 95 sonder aber darum, dass der zorn gotteslästerung gibt. Vergisst seines eigen gewissen, vergisst gottes, vergisst seines nächsten, entrinnet ihm einer selbest, dass er nit weißt, was er tut. Aber gott will einen nicht wüetend haben, sonder nüchtern 96 und wohl besinnet, 97 nit maß um maß geben. 98 Als fällt einer unter die rauber, was hülft’s ihn, dass er sich will retten mit zorn und wird darob erschlagen? Was seligkeit soll er sich da verhoffen? Es ist besser,
[83] Der neidische Arzt hat doppelt gegen das Gebot der Liebe verstoßen: gegenüber dem Kollegen und gegenüber dessen Patienten, den er lieber tot gesehen hätte. — [84] navi: von navis, ‚Schiff‘. — [85] galeen: ‚Galeeren‘. — [86] statuten: ‚Satzungen‘. — [87] teufelanrichter: einer, der dem Teufel Einlass gebietet und ihn präsentiert. — [88] gleißnerei: ‚Heuchelei‘. — [89] Röm 12,17–21; zum Überwinden des Bösen mit Gutem vgl. weiter Ps 34,15; 37,27; Spr 17,13; 1Thess 5,15; 1Petr 3,7; 3Joh 1,11. — [90] Röm 12,19. — [91] Mt 5,39.44–47. — [92] Gutmütigkeit und Zorn bilden bei Paracelsus das vierte Paar von Tugend und Untugend. — [93] Eph 4,26. — [94] Lk 3,11. — [95] Mt 5,39 f. — [96] nüchtern: ‚leidenschaftslos‘, ‚unvoreingenommen‘. — [97] wohl besinnet: ‚besonnen‘. — [98] Mt 5,38; 7,1 f. par.
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du lassest ihm deine kleider all und behaltest dein leben, auf dass du gott darinnen wohl gefallest auf erden, dann dass du durch deinen zorn gerechtigkeit ihm widerstehest, gottes vergessest und werdest erschlagen. Selig seind, die verfolgung leiden. 99 Verfolgung ist, nit einem nach seinem willen zu gehn, sondern anstöß 100 zu haben, auf dass er leide und mit tugenden in freuden lebe und gottes nit vergesse. Dann kurzum, es muss nit nach unserm sinn gehn, sondern widerwärtig.101 Darum soll kein zoren in uns sein, uf dass wir nit ungeduldig erfunden werden. Güete gegen ungüete erzeigen, verdämmt 102 den grimmen 103 und zorn in uns, behält rein und lauter im herzen.104 So haben wir weiter ein angeborne tugend in uns, dass wir nicht (darzue wir auch recht haben) über die maß brauchen.105 Als essen und trinken ist uns überflüssig geben, aber die maß, die natur allein zu erhalten, sollen wir brauchen. Das ist, die natur begehrt nit mehr, als dass ihr geben werde, dass wir nüchtern darbei bleiben. Wo die nüchtern hingehen, da gehn [416 v] auch hin die sinn, so täglich sollen in gott stehn, ohn unterlass zu gott gedenken. Das wird durch füllerei genommen und entlöst.106 Das hirn, die zelle der vernunft, wird aller vernunft beraubt. Der in solcher beraubnus stirbt, wer weißt, wie übel er gestorben ist? Im herrn sollen wir sterben! 107 Der im wein stirbt, was geschrift hat er, dass er im herren gestorben sei? Im vollen bauch ist gegen gott kein nüchtere liebe; und volle liebe ist gott nit angenehm. Der seinen bauch ehret, der ehret gott nicht.108 Was ist’s, dass du viel guts hast und gehest dieweil von einem gesellen zum andern, von einem wirtshaus zum anderen? Gedenk, dass solche häuser nit gottes seind, sonder spelunken. Hast du guts genug zu versaufen,109 nimm dein nahrung, gib’s den armen das überige, dem ein suppen, dem auch ein supp und trank etc. Also wandlest im weg gottes von einem gottshaus zu dem anderen. Das ist seliglichen trunken und gessen mit den armen, da isset gott mit. Die aber von einer stuben in die ander, von einem wirtshaus
[99] Mt 5,10. — [100] anstöß: Plural von anstoß, ‚Unmut‘, ‚Missvergnügen‘. — [101] widerwärtig: hier ‚anders herum‘. — [102] verdämmt] verdempt L: ‚verdammt‘, ‚verbannt‘. — [103] grimmen: ‚Grimm‘, ‚Wut‘. — [104] zum reinen Herzen gegenüber Gott vgl. Ps 24,4; 51,12; 73,1; Spr 20,9; Mt 5,8 par.; 1Tim 1,5; 2Tim 2,22; 1Petr 1,22. — [105] Mäßigkeit steht als fünfte Tugend der Unmäßigkeit und Füllerei entgegen. — [106] entlöst: ‚abgelöst‘, ‚losgebunden‘. — [107] Röm 14,8; Offb 14,13. — [108] Röm 16,18. — [109] hast du … versaufen: ‚wenn du genug Geld hast, um es zu versaufen‘.
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ins ander gehen, da isset der teufel mit. Dann ob denselbigen tischen, was ist als gottslästern, spielen, saufen, hurerei, müeßiggang etc.? Das maul gehet daselbst aus völl 110 ihres herzens.111 Aber bei den armen von einem zum andern, da bist du im namen gottes da. Wie du nun in seinem namen da bist, da ist er der ander und dritte.112 Hast du ein ehefrau, so ist dir erlaubt mit ehelichen 113 werken, aber nit zu luxuriern.114 Als wenig als mit essen und trinken (als wenig sich’s vertedingen 115 lässt: es ist kein durst, kein hunger) also wenig da sie ist mein hausfrau.116 Ist sie nun dein eheweib, so halt sie ehelich und gedenk, dass in allen gerechten sachen ein ungerechtes mit mag laufen. Dahin sollen alle geschöpf gebraucht werden, dahin sie beschaffen seind, das ist zur notdurft allein. Dann aus dem nehmt sich ein ursprung der kinder, frumm und nit frumm. David sagt: „In sünden hat mich mein mutter empfangen.“ 117 Von der ursachen trug er seiner mutter blut mit ihm und sündiget auch.118 So sein mutter solcher notdurft allein gewesen wär, so wär überhebt 119 gewesen. Also auch mag Johannes baptista nit sagen, dass ihn sein mutter in sünd empfangen habe.120 Darum werden zweierlei kinder von mutterleib [417 r] geboren, im lust und nit im lust, als David, als Johannes baptista, Judas, Petrus aus sünden und nit aus sünden; also hielt sich Herodas,121 nachdem und der lust seiner eltern was, also Nikolaus seiner geburt, der von mutterleib gott gedient hat.122 Dann aus reinigkeit der eltern werden reine kinder; aus nit reinigkeit tobet das bluet, dass sie auch unrein werden. Der in forcht 123 gebührt,124 gebührt ein reinen menschen; der im lust gebührt, gebührt ein weltkind. Nach dem und der lust ist aus der empfängnus
[110] aus völl: ‚aus der Fülle‘. — [111] Mt 12,34 par. — [112] Mt 18,20. — [113] ehelichen werken: ‚Geschlechtsverkehr‘. — [114] luxuriern: ‚übermäßig genießen‘, ‚sich der Wollust hingeben‘; zum maßvollen ehelichen Geschlechtsverkehr vgl. 1Kor 7,2–5; 1Petr 3,7. Maßvolles eheliches Geschlechtsleben gegenüber Wollust (luxuria) stehen an sechster Stelle von Hohenheims Tugendkatalog. — [115] vertedingen: ‚verteidigen‘. — [116] Wie Durst und Hunger einer Befriedigung bedürfen, ohne dies verteidigen zu müssen, so auch der Geschlechtstrieb. — [117] Ps 51,7; Paracelsus betrachtet David als den Psalmisten. — [118] zu den zahlreichen Frauen Davids vgl. 1Sam 18,27; 25,40; 27,3; 2Sam 3,14; 5,13; 11,2–5.26 f.; 12,7–12.24; 1Chr 14,3. — [119] überhebt: ‚übertrieben‘, ‚überheblich‘. — [120] Mt 11,11 par.; zu Elisabeth, der Mutter Johannes des Täufers, vgl. Lk 1,36.41.57–63. — [121] Mt 14,3 f. par. — [122] Der spätere Bischof und Heilige Nikolaus von Myra (4. Jh.) war der Legende gemäß von frommen, lange unfruchtbar gebliebenen Eltern geboren worden und zeigte bereits in der Kindheit ein heiligmäßiges Leben. — [123] forcht: hier ‚Gottesfurcht‘, ‚Ehrfurcht‘. — [124] gebührt: ‚gebiehrt‘, hier ‚zeugt‘.
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der eltern, also werden die kinder genatürt: 125 fromme eltern, fromme kinder. Dann es ist wahr, ein böser baum gibt ein böse frucht.126 Ist vatter und mutter (wiewohl in der ehe) üppig,127 unkeusch, da wird ihr kind also. Ist der baum gut, wie die eltern Johann baptista, daraus kommt ein kind, das von jugend auf selig ist und seliglich sich über andere erzeiget. Daher kommt’s, dass also diebisch, mörderisch, rauberische kinder geborn werden. Das ist darum alles unser wesen: in forcht sein und stehn, so gibt’s ein guten samen, daraus wachsen gut bäum. Wo es aber nit mit forcht zugeht, das ist das, davon David sagt ut supra.128 Dann wiewohl er ehelich geborn, aber in luxuria,129 also auch Salomon von David.130 Darum fallen sie von gott. Johannes baptista fiel nit, dann er war in forcht geboren.131 Also werden alle die geboren, die eines ehrsamen lebens, eines tapfern lebens seind. Ihr geburt ist als viel als in der zahl der heiligen, die in der jugend und für und für sich seliglich erhalten haben, welches sie nit genommen aus der schul der menschen, sonder aus ihnen selbest. Dann ursachen, so ein baum gut ist, so gibt er gut frücht von ihm selbst, darf keines zusatz. Der aber nichts soll oder wenig, der muss gebessert werden mit zusatz. Aber es ist schwer, ein kind zue ziehen zur seligkeit, das in sünden empfangen ist. Wer ist nit der, der einem sollichen kind nit das an dem maul ansehe? Ich geschweig der rechten ganzen hurnkinder, die ohne zeichen nicht seind; seind alle gezeichnet, darbei sie zu erkennen seind mit was luxurischen lastern sie in die welt geborn seind, dann die natur zeichnet ihre kinder.132 Das ist aber die natur, das vatter und mutter haben in der stund der empfängnus. Wie dieselb natur, [417 v] also empfahet das kind ein zeichen. Darum ihr eltern, gedenkent nit den spruch David, sondern Johannis baptista eltern nachzufolgen und andern seligen mehr, deren viel offenbar seind, so von kindheit auf seliglich gelebt, dass ihr auch also in forcht gottes und seiner gebott kinder zeuget. So werden ihr sechen 133 kindskinder mit freuden einander nach ins himmelreich eingehn. So ist noch ein tugend uns im seligen leben angeboren, dass wir für und für in arbeit liegen, uns zu fleißen göttlichen willens, darinnen [125] genatürt: ‚gebildet‘, ‚erschaffen‘. — [126] Mt 3,10 par.; 7,17–20 par.; 12,33. — [127] üppig: hier ‚unzüchtig‘. — [128] Ps 51,7. — [129] luxuria: ‚Wollust‘. — [130] 2Sam 12,24. — [131] Mt 11,11; Lk 1,5–25. — [132] Hinweis auf die Lues connata, die im Mutterleib übertragene Syphilis, bei der die betroffenen Neugeborenen Missbildungen und Dysmorphien aufweisen. — [133] sechen: ‚sehen‘. — [134] tragheit: ‚Trägheit‘.
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nit säumig sein. Wider diese tugend ist die tragheit 134 ein unselige tugend,135 dann wir sollen nicht von gott begehren und empfahen, wir haben ihne dann darum gebetten.136 Aber so wir vermeinen, dieweils selbs kommt den guten und bösen, heiden, christen und türken, es sei nit not zu bitten, das ist jetzt ein tragheit. Dann du sollt bitten um das täglich brot,137 dass es dir werd mit bitt, nit mit unbitt.138 Dass darum die türken sagen wöllen, „ich bin so gut als ein christ, gott gibt mir soviel brot als ihnen“, das ist nit. Ob er ihn’s wohl gibet, er gibt’s auch den bösen.139 Ob du sagest, „ich will nit betten um’s brot, es kommt doch sonst“, das ist aber falsch. Wir sollen um das, das wir schon haben, bitten. Dann das ist der weg der seligkeit, dass wir alle ding, so uns gott gibt, nach seiner leher 140 nießen 141 und gebrauchen in seinem glauben, in seiner liebe, in seinem weg, in seinem geheiß. Der arzet weiß, dass scammonia 142 purgiert, und es geschicht. Hierauf meinest du, du dürfest um keine kraft bitten. Das ist wider den weg der seligkeit. Dann bitt man darum um die kraft, so erscheußt diese arznei nutzlich. Dann gott will in allen dingen ersucht werden, wiewohl wir’s vorhin haben, aber nit in der gnad. Wir wissen, dass er uns erlöset hat diabolo,143 und darf weiter keiner erlösung. Noch ist not, ihn darum zu bitten, dass er uns behüet vor allem übel.144 Will er gebetten darum sein, ist ein zeichen, dass er’s ungebetten nit tut. Und kann uns wohl wieder entsetzen 145 des, so wir haben und des, so wir nit haben, auch von uns nehmen. Nun ist die tragheit ein austilgung 146 des bittens gegen gott, das ein arbeit ist zur seligkeit. Was ist’s, dass du reicher gedenkest, das und das wächset mir schlafend,147 gott ist güetig über gut und böse? 148 Was ist das alles? Gleich soviel [418 r] ist’s, gleich als ein galeen auf dem meer, darin leut und guts 149 gnug. Die leut sagen: „Lasst uns guter ding sein, wir seind versorget, dörfen 150 an gott nit denken. Aber es kommt ein sturmwind um mittnacht, der würft gut und mann ins meer. Die galeen schwimmt empor und ihr geschicht nichts. Also ge-
[135] Als siebten und letzten Punkt seines Tugendkatalogs nennt Paracelsus das Gegensatzpaar von Fleiß und Trägheit. — [136] Mt 7,7 f.; Mk 11,24. — [137] Mt 6,11 par. — [138] mit unbitt: ‚ungebeten‘, ‚von alleine‘. — [139] Mt 5,45. — [140] leher: ‚Lehre‘. — [141] nießen: ‚nutzen‘, ‚genießen‘. — [142] scammonia: Convulvulus scammonia L.; alte Heilpflanze, deren Wurzel ein kräftig laxierendes Harz enthält. — [143] diabolo: ‚vom Teufel‘. — [144] Mt 6,13 par. — [145] entsetzen: ‚wegnehmen‘. — [146] austilgung: ‚Auslöschen‘. — [147] Mk 4,26–29. — [148] Lk 12,16–21. Irdische Schätze sind vergänglich, einzig der Reichtum in Gott ist von Dauer. — [149] guts: ‚an Vorräten‘. — [150] dörfen: hier ‚müssen‘.
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schicht allen trägen, die ihre güter ohngebetten in tragheit nießen, die gehn unter in die tiefe der hellen. Die erden bleibet und wartet auf den erben, der ihr mit forcht gottes gebraucht. Also sollen die tugenden in uns grünen, die in uns allen seind von natur, und die feind dieser tugend nit lassen einreißen. Dann nach unserem tod ist ewigs, freud oder leid, und da ist kein mittel wie (als Christus sagt) „gehet hin ihr vermaledeiten“ 151 etc. et econtra. Dieweil nun in den zwei letzten dingen all soviel liegt etc., dieselbige wohl gebraucht, wie da stehet in der schrift. Der sündet nicht, dann er kommt in die forcht gottes, stehet ab von dem weiten weg der verdammnus,152 sucht herfür altes und neues,153 was da ist, das da zeiget 154 zu dem ewigen leben. Der nit an das end gedenket und was daraus folget, dass uns die nachfolgende werk füeren, dahin wir gehören,155 der achtet nit gott, gehet daher wie ein unwissender mensch, gleich denen, die da sagen, „es ist kein gott“,156 und er ist auch nit anderst denn ein sollicher. Darum nur glaubet der geschrift, dem wort gottes, dann seine wort ist der weg zum himmel.157 Was er uns beut 158 und verbeut, dasselbig haltent, das ander lassent. Und täglich sollen wir ihn fürchten 159 und in demüetigkeit leben mit einem demüetigen getreuen herzen, auf dass wir in jener welt in tugenden erfunden werden, die uns zu einem zeichen ins reich gottes nachfolgen sollen, darbei zu erkennen, wer wir seind. Wie aber die barmherzigkeit gottes ein richter sein wird, das mögen wir vor der zeit nicht wissen, sonder allein in ihne hoffen und damit von ihme vergebung der sünden begehren. Ob wir schon gar gerecht und gut seind, nit darauf achten, damit nit hoffart daraus erwachse und nachfolgends verachtung des nächsten. Und in summa, die angeborne tugenden nit erblinden lassen in uns durch die bösen tugenden der zufallenden 160 sünden, dann es ist mit uns wie ein blater 161 im wasser. [418 v] Darum sollen wir gerecht erfunden werden, es komm die stund, wenn sie wöll etc.162
[151] Mt 25,41. — [152] Mt 7,13 f. — [153] Mt 13,52. — [154] zeiget: ‚hinweist‘. — [155] Offb 14,13. — [156] Ps 14,1; 53,2. — [157] zur Aufforderung zum Erforschen der Schrift vgl. Dtn 17,18 f.; Joh 5,39; Apg 17,11; 2Tim 3,16. — [158] beut: ‚gebietet‘. — [159] fürchten: ‚Respekt erweisen‘. — [160] zufallenden: ‚die sich ergeben können‘. — [161] blater: ‚Blase‘. — [162] Mt 24,42.
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A7. Liber de officiis, beneficiis et stipendiis Von Ämtern, guten Werken und deren Belohnung [32 r] 1 Unser leben uf erden ist dermaßen, dass uns gott selbs gesetzt hat ämter und ständ, die uns sollen auf erden fürstehn 2 in unser notdurft. Wie nun dieselbigen von gott seind aufgesetzt, also sollen wir dieselbigen zahl 3 halten und haben. Seine ämter seind gesein am ersten apostel, darnach propheten, darnach doctor, darnach discipel 4 etc., wie sie dann einander nach gefunden werden. 5 Also werden wir’s auch haben, es sei dann sach, dass wir’s erkennen oder nit, das ist, sie seind dann heimlich oder offenlich bei uns, verborgen oder offenbar, so seind sie uns. Dann wie die welt ist, so ist allemal einer, der ein apostel ist unter ihn. Der ist einer, der do apostolische wahrheit sagt, dergleichen die prophetischen, dergleichen doctorischen etc. Aber nit all werden sie gefunden in der zahl deren, so der gemein mann oder der alber 6 mann darfür hält. Dann zu gleicher weis, wie Christus auf erden ging, und ihn nahmen wenig an, viel mehr nahmen Herodem 7 und Kaipham und Annam 8 an dann Christum, darum so seind noch mehr solche leut, die blind seind gegen den rechten aposteln, propheten, doctorn etc. Alsdann seind die nit blind, die nit blind seind. Dann obschon einer den namen vom volk hat, prophet, apostel, doctor, noch ist es nit erfüllt. Dass das oben bei gott auch sei, wie die völker machen und erwählen, das betreugt 9 viel volks. Dann also macht sich der endchrist 10 ein. Darumben so wir künden 11 und die gnad von gott hätten der apostel, so
[1] H: H 1 32 r–42 v; M: ME 219–238. — [2] fürstehn: ‚vorstehen‘. — [3] zahl: ‚Anzahl‘. — [4] discipel: ‚Jünger‘. — [5] Paulus zählt in 1Kor 12,28–31 die verschiedenen, in der Gemeinde vergebenen Ämter auf, nämlich jene der Apostel, der Propheten, der Lehrer („doctores“) und der von Paracelsus als solche bezeichneten „discipel“ (Jünger), die sich an entsprechender Stelle in Luthers und in Erasmus’ Übersetzung nicht finden. Paracelsus hat nachweislich das «Novum Testamentum» des Erasmus benutzt, wo sich in 1Kor 12,28 an vierter Stelle die „potestates“ (Machthaber, Regierer) stehen: „Et alios quidem posuit deus in ecclesia, primum apostolos, deinde prophetas, tertio doctores, deinde potestates, deinde dona sanationum, subsidia, gubernationes, genera linguarum“, NTE 1522. Möglicherweise interpretiert Parcelsus die „subsidia“ (Helfer) als Jünger. Vgl. auch 1Kor 12,4–10. — [6] alber: ‚töricht‘. — [7] zu König Herodes vgl. Mt 2,1–19; Mk 6,14–27; Lk 3,19; 9,7–9; 13,31; 23,7–12; Apg 4,27; 12,1–21. — [8] zu den Hohepriestern Kaiphas und Hannas vgl. Mt 26,3.57; Lk 3,2; Joh 11,49; 18,13 f.24.28; Apg 4,6. — [9] betreugt: ‚betrügt‘. — [10] endchrist: ‚Antichrist‘ oder ‚Widerchrist‘, vgl. 1Joh 2,18–27; 4,1–3; 2Joh 1,7. — [11] künden: ‚könnten‘.
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noch unter uns seind, und propheten, doctors etc., so würden etwan ander an die statt gesetzt als die, so an derselbigen sitzen. Wiewohl ein jeglicher sagt, er sag das wort gottes, nit einem jeglichen ist es beschehen, nit jeglicher wird die belohnung darum nehmen, [32 v] nit eim jeglichen wird aufgeton werden. Aber die ämter werden wir müssen behalten, und wenig, die sie annehmen und recht erkennen, wie dann auch Christus wenig wird erkennet und von mehrerm teil gar nichts 12 erkennt. Also sollen wir wissen, dass wir im seligen leben sollen acht hon auf die ersten, auf dass wir nit Kaipham, Annam, Herodem etc. ergreifen. Dann sollen wir dieselbigen hören, so werden sie viel gar abführen 13 und ärgern, wiewohl geschrieben steht, wir sollen uns nit kehrend 14 an ihr werk, sonder lehr.15 Dieweil wir aber so schwach seind im fleisch und so ring 16 und kalt in der liebe gottes,17 so ist es zu besorgen,18 sie verfüeren viel leut, die dem gebott Christi nit nachgangen, indem dass sie ihrem werk nit nachfolgen sollen, die do werden nachfolgen auf gute hoffnung.19 Solches zu vermeiden braucht aufsehen. 20 Nun seind ämter von gott gestellt auf uns. 21 Das seind apostel: dieselbigen hont von gott großen gwalt. 22 Sie machen die aussätzigen rein, sie machen die blinden gesehend, die lahmen gohnd, 23 die besessnen ledigen 24 sie, und was sie vom gift trinken, das schadt ihn nit. Und darzue so reden sie mit freien zungen alle sprachen verständig unter einer red und verkünden Christum wunderbarlich auf erden, dass sich in ihrem verkünden alle menschen verwundern, so scharpfe 25 große miraculen. 26 Deren hat Christus zwelf userwählt, 27 und einer ward ein verräter. 28 Nachdem ward ein ander an sein statt gesetzt, nämlich Matthias. 29 Ietz warent ihr aber 30 zwelf. Darnach folgt hernach Paulus, 31 dem ward der namen geben eins apostels, dann er tat ihre werk und zeichen. Und wie die apostel den heiligen geist empfingen am pfingst-
[12] nichts erkennt: ‚nicht erkannt wird‘. — [13] abführen: ‚verführen‘. — [14] kehrend] kherendt H: ‚kümmern‘. — [15] wir … lehr: ‚Wir sollen uns nicht um ihre Werke kümmern, sondern um ihre Lehre.‘ Vgl. Mt 23,3. — [16] ring: ‚kraftlos‘. — [17] Mt 24,12. — [18] besorgen: ‚befürchten‘. — [19] zur Warnung vor Verführung vgl. Mt 24,4 par.; 1Kor 15,33; Eph 5,6; 2Thess 2,3; 1Joh 3,7. — [20] aufsehen: ‚Obacht‘. — [21] 1Kor 12,4–10.28–31, vgl. oben. — [22] Paracelsus beginnt mit den Gaben, die den Aposteln verliehen wurden, vgl. Mt 10,1 par.; Mt 10,8; Mk 16,17 f.; Lk 9,10; 10,9.19; Apg 2,3. — [23] gohnd: ‚gehend‘. — [24] ledigen: ‚befreien‘. — [25] scharpfe: ‚strenge‘, ‚durchdringende‘. — [26] miraculen: ‚Wunder‘. — [27] Mt 10,1–4 par. — [28] Mt 10,4; 26,25; Mk 14,10; Lk 6,16; 22,48; Joh 6,71; 12,4; 13,2; 18,2. — [29] Apg 1,23–26. — [30] aber: ‚erneut‘, ‚wieder‘. — [31] Apg 13,1–4.9; 14,14; Röm 11,13.
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tag, 32 also ward Paulus in den himmel aufgehebt und an demselbigen ort erleucht, 33 dass er gleich war den [33 r] aposteln und ein apostel. Also beweist nun uns das, dass nit allein die, so in der zahl der apostel Christi seind, von Christo benamt seind, auch die hernach werden die apostel sein. Doch aber ein apostel wird von heiligen geist oder wird in den dritten himmel gezückt, 34 wie er währt. 35 Sein lehr, sein predigen kommt nit vom menschen, nit aus der schul, nit aus den buchstaben, sonder von gott. 36 Das ist ein apostolische unterweisung und lehrung ohn 37 mittels von gott und sonst von keinem andern. Darum reden sie feurin, 38 nit menschlich wie Cicero, 39 wie Lactantius, 40 wie Origenes, 41 wie Tertullianus 42 etc. Was also mit den feurigen zungen nit redt mitsamt den beiwohnenden zeichen, das seind nit apostel, das ist, sie werden nit mit Paulo apostel genennt, deren neuen apostel Paulus der erst ist, wie Petrus unter den erwählten der erst. 43 Nach diesem hat uns Christus gesetzt propheten. 44 Dieselbigen seind des amts bei gott auserwählt, und aber nit aus apostolischer zahl, sonder von gott genommen, zu verkünden die zukunft der wörter Christi zu einer unterrichtung des volks zur buß. Und dieselbigen setzt 45 auch gott selbs, das ist, Christus setzt sie, zu gleicher weis als mit Jonas, do er ihn schickte gen Ninive mit kurzem bescheid, ihn do zu verkünden, dass sie würden untergohn etc., 46 und also mit andern dingen mehr. Solcher propheten amt ist nit apostelverkündung zu gebrauchen, allein anzeigen zukünftig 47 über die ungehorsamen. Sie nahmen ihre weissagung nit von gestirn, nit von künsten, nit von
[32] Apg 2,1–4. — [33] Apg 22,6–17; 2Kor 12,2–4; ApkPaul 2,4–3,6; 6,4 ff.; 9,1 ff. — [34] gezückt: ‚entzückt‘; vgl. 2Kor 12,2–4. — [35] währt] werdt: ‚sich bewährt‘. — [36] Gal 1,12. — [37] ohn mittels: ‚unmittelbar‘. — [38] feurin: ‚feurig‘; vgl. Apg 2,3 f. — [39] Marcus Tullius Cicero (106–43 v. Chr.), römischer Politiker, Anwalt, Philosoph und berühmter Redner. — [40] Lactantius (Laktanz), Caecilius (Caelius) Firmianus (c250–320), Kirchenvater, christlicher Schriftsteller und Rhetor, vgl. BBKL 4 (1992), 897–899. — [41] Origenes (c185–253/254), Kirchenvater, der einflußreichste Theologe der griechischen Kirche und der bedeutendste der Gesamtkirche vor Augustinus, vgl. BBKL 6 (1993), 1255–1271. — [42] Tertullianus (Tertullian), Quintus Septimius Florens (155/160–220/240), Kirchenvater, lateinischer Kirchenschriftsteller, der bedeutendste und innovativste lateinische Theologe vor Augustinus, vgl. BBKL 11 (1996), 695–720. — [43] zu Paulus vgl. oben, zu Petrus als erstem Apostel vgl. Mt 10,2; 16,18. — [44] 1Kor 12,28; zum Amt des Propheten vgl. weiter Dtn 18,18; Jes 3,1 f.; Jer 23,28; Röm 3,21; Eph 3,5; 4,11. — [45] setzt: ‚setzt ein‘. — [46] Jona 1,2; 3,2–4. — [47] zukünftig: ‚die künftigen Dinge‘.
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auguren, 48 nit von magis, 49 sonder ohn allen behelf, deren aller aus göttlichem mund, gleich den alten propheten, als allein ihnen solches verborgen. Dann im neuen testament, seit der auffahrt her Christi, ist kein stimm mehr zu den kirchen geschehen wissend, 50 [33 v] aber wohl geschehen, aber nit gehört; aber die propheten wohl, deren viel gesein seind, aber so verborgen, also still, dass sie kaum mügen erkennt werden. Und also ist ihr amt, dass sie gemein schlecht 51 leut seind, nit der welt weisen, sonder von ihnen veracht, aber im verkünden der zukunft 52 Christi in seinen worten scharpf und hoch wie gegen Ninive etc. Also werden die zwei ämter aus gott groß und vor dem menschen nit. Nach denen hat Christus gesetzt doctorn, 53 die weder apostelamt hont noch prophetisch amt, sonder allein ausleger und unterrichter wider die einfallenden irrsal und ketzereien, so daraus der lehr mag erstohn. Solch aber werden nit vom menschen gelehrt, die ding auszulegen, sonder allein auch von dem heiligen geist, wiewohl er nit offenbar bei ihn 54 ist wie bei den aposteln. Das ist, sie reden nit mit feurigen zungen, aber feurige auslegung; sie sagen nit weis, sie legen’s aber aus. Und solche doctores seind allein darum gesetzt, dass der teufel wider die apostel ficht, wie er ihr lehr könne falsch machen unter dem volk, das ist falsch und betrogen, damit sie in ein missverstand gebracht müge werden, auf dass ihnen kein glauben geben werde, damit dass sein gewalt fürgang. 55 Diese doctores auch, so weissagung geschehen, obschon gleichwohl propheten nit kämen, so ist ihn doch das wort prophezei kundbar und wissen’s auszulegen; und seind allein darum als ausleger, interpretierer deren wörter, so die propheten fürhalten 56 und apostel geben und lernen, dergleichen auch der wörter Christi. Und aber ihr weisheit der auslegung entspringen nit vom menschen, allein
[48] auguren: ‚Vogelschauer‘, ‚Weissager‘. — [49] magis: ‚Magiern‘. Magier waren bei Paracelsus wie die drei Weisen aus dem Morgenland (vgl. Mt 2,1–13) Sternkundige, die die Kräfte des Himmels mit denen der Erde zu verbinden wussten. Diese grenzte er von böswilligen Zauberern oder Beschwörern streng ab, vgl. Ex 7,11.22; 8,7.18 f.; 9,11; Num 23,23; Ps 58,6; Jes 47,9.12; Jer 27,9; Dan 2,2; Mi 5,11; Mal 3,5; Apg 13,6.8; Offb 21,8; 22,15. — [50] wissend: ‚bekannt‘, im Sinne von ‚es ist keine Stimme bekannt geworden, die zur Kirche gesprochen hätte‘. — [51] schlecht: ‚schlicht‘, ‚einfach‘. — [52] zukunft: ‚Wiederkunft‘. — [53] 1Kor 12,28; zum Amt des Lehrers vgl. weiter Eph 4,11; 1Tim 2,7; Hebr 13,7.17.24; Jak 3,1. — [54] ihn: ‚ihnen‘. — [55] damit … fürgang: ‚damit die Macht des Teufels gefördert werde‘. — [56] fürhalten: hier ‚aussprechen‘.
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vom heiligen geist. Dann niemands mag die wörter Christi, der apostel und propheten wörter auslegen, allein es sei dann sach, dass ihn der heilig geist das offenbart. Darum so seind viel [34 r] wörter irrig und falsch ausgelegt worden in der geschrift, aus ursachen, dass der heilig geist bei denselbigen doctorn nit gesein ist. Dann der teufel reißt überall sein doctores und seine propheten und sein apostel hierin, 57 uf dass ein irrung do werd, die denn 58 wunderbarliche auslegung gebe. Dann sobald der teufel die seinen einreißt, von stund an gibt dieselbig uslegung ein zweiung 59 im reich. 60 Darbei ist sie zu erkennen, dass sie falsch ist. Aber die lehr Christi nach inhalt der uslegung aus dem heiligen geist gibt kein entzweiung, sonder ein ganzen einigen verstand und grund. Also nachfolget hat er auch jünger gesetzt, 61 dass ist jünger der apostel, jünger der propheten, jünger der doctorn etc., also dass ihr dreierlei seind. Deren amt ist, dass sie dieselbigen lernen von denen, deren jünger sie seind. Als sie do seind die jünger der apostel, reden von der apostel lehr, wie sie die von ihnen empfahen hörent. Die do seind jünger der propheten, reden und sagen derselbigen propheten lehr, auch wie sie’s von ihnen gehört hont. Die do seind jünger der doctorn auch also, was sie von denselbigen lernen und hören und sehent, das sagen sie auch weiter aus. Also seind die jünger von gott geordnet, 62 nit dass sie den heiligen geist haben, sonder aber sie hörent ihn reden, und seind in ihrem amt soviel, dass sie zeugen seind, das ist, zeugnus geben, wer sie seind, das ist, wer die seind, von denen sie das gehört haben. Und jünger ist soviel als einer, der auskündt 63 und weiter sagt das wort, das sein herr oder meister geredt hat. Darum so seind die apostel jünger Christi, aber in apostel 64 gemacht, auf dass sie nit allein, das sie gehört hont von Christi reden und verkünden, 65 sonder auch sein leiden, leben und tod und uferstohn und auffahrt verkünden, darzue auch, was lehr [34 v] von Christo nit gemeldt ist, vollenden sollen, dann denselbigen geist hat er ihnen geben. Also hat er auch ander jünger bei ihm 66 gehabt, den er den heiligen geist nit geben hat, sonder jünger blieben seind, verkünder des worts und nit mehr, dann soviel sie gehört [57] reißt … hierin: ‚schleust … hinein‘, ‚lässt dazwischen kommen‘. — [58] denn: ‚dann‘. — [59] zweiung: ‚Entzweiung‘. — [60] Mt 12,25 par. — [61] Das vierte von Paracelsus genannte Amt, das der Jünger, findet sich in dieser Form nicht in der Bibel. — [62] geordnet: ‚dazu bestimmt‘. — [63] auskündt] aus khundt H: ‚auskündet‘, ‚verkündet‘. — [64] in apostel: ‚zu Aposteln‘. — [65] von … verkünden: ‚von den Reden und Verkündigungen Christi‘. — [66] ihm: ‚sich‘.
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hont. Und das, so sie gehört haben, dasselbige haben sie nit vom menschen gehört, sonder vom heiligen geist, der dann gesein ist und geredt hat aus ihren praeceptoribus, 67 bei dem 68 sie jünger gesein seind. Also hat nun gott verordnet die drei ämter zu versehen aus den seinen, und ihm die wahl behalten, wen er will zu nehmen. Und ob das volk schon viel wollte handlen und tun, so wird es doch alles nichts sein ohn die stimm des obern. Dann das volk soll sich selbs nit darfür halten, dass sie die seient, die sie mügent weihen, salben, machen, wählen etc.: ein apostel, ein prophet, ein doctor oder ein jünger, sonder allein das sie wählen und setzen, das seind bischof, pfarrer, ehelich 69 etc., die weder apostel noch propheten noch doctores noch jünger seind, sonder aufgeworfen 70 leut, nachdem 71 und das volk ist. So es frumm, gerad, ganz, gut, so seind sie auch also, wo nit, so seind sie dem gleich. Darum sie das volk darfür nit achten soll, dieweil sie so eines üppigen 72 lebens und laster seind, dass sie in keinerlei weg mügen solche ämter setzen 73 noch entsetzen, als allein ihrer, wie sie seind. So sie nun gott setzt, darum belohnt er sie auch. Aus der ursach suechen sie kein belohnung vom menschen, weder apostel, weder propheten, weder doctores, weder jünger, sonder alle suechen sie ihr belohnung von gott und gar nit beim menschen. Das sie vom menschen hont, das hont sie von der erden, dann gott gibt der erden ihr frucht dester mehr, dass 74 auch dester mehr haben, den sie zu haus [35 r] kommen und ihnen fürlegen, 75 dass sie essen und trinken. Sie finden auch allemal die, so userwählt seind ihnen zu geben, bei denen sie bleiben, bei denen der fried ist. Darum so essen sie niemands nichts ab.76 Dem sie abessen, den hat er ihren teil verordnet und zugestellt, bei demselben finden sie ihn. Das ist, wo sie den fried finden, do finden sie ihr nahrung, wo nit, do essen sie nichts, dann do hat ihn 77 gott nichts hingelegt. 78 Darum so essen sie niemands nichts ab, weder sein arbeit noch schweiß noch den bettel 79 noch das almusen, sonder ihr kuchen wächst ihnen für ihr lohn und kostung, 80 soviel sie denen geben, so aus dem
[67] ihren praeceptoribus] jrem preceptoribus H: ‚ihren Lehrern‘ (Dativ Plural). — [68] dem: dem heiligen Geist. — [69] ehelich: ‚Verheiratete‘. — [70] aufgeworfen: ‚an die Spitze gestellte‘. — [71] nachdem und: ‚je nachdem‘. — [72] üppigen: ‚maßlosen‘, ‚liederlichen‘. — [73] setzen noch entsetzen: ‚einsetzen oder absetzen‘. — [74] dass: ‚dass … die‘. — [75] den … fürlegen: ‚die sie zu Hause besuchen und die ihnen (das Beste) vorlegen‘; vgl. Mt 10,12; Lk 10,7. — [76] essen … ab: ‚essen … weg‘. — [77] ihn: ‚ihnen‘. — [78] Lk 10,5–11. — [79] den bettel: ‚das Erbettelte‘. — [80] kostung: ‚Verköstigung‘.
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amt gottes do seind. Us der ursachen finden sie allemal die, so ihnen gott zugibt, die sie speisen. Dann also führt sie gott, dass die bösen sich nit dürfen berühmen, „wir hont ihn zu essen geben, zu trinken geben“ etc. 81 Darum so haben sie kein zehenten, 82 dann ihn geben gut und bös, die von gott und die vom teufel. Dergleichen essen sie kein opfer, dann es gent 83 gut und bös, frumm und gleißner 84 etc. Allein die userwählten speisen sie, bei den der fried ist. Dieselbigen kleiden sie auch, soviel und ihnen not ist. Aber wie unser herrgott in seinem kleid ist gangen, der keins machens gedörft hat, 85 also auch dieser apostel, prophet, doctor und jünger etc. Was weiter die belohnung ist ihnen zu geben, dieselbig wird ihn 86 geben im reich der himmeln. 87 Do werden sie ihr fried und wollust haben und auf erden nichts dann jammer und not, dann ihr reich ist nit auf dieser welt. 88 Darum so suechen sie dasselbig hie nit, darum empfahen sie vom menschen kein belohnung, weder die apostel kein 89 apostelbelohnung, dann der mensch vermag sie nit zu zahlen. Es muss sie nun Christus zahlen von wegen der menschen. Also die propheten [35 v] empfahen auch kein prophetenbelohnung vom menschen, allein von gott. Dann wie mächt90 ein stadt als Ninive war, 91 Jonae gnugsam belohnung sagen, 92 ich geschweig, geben, dass ihr stadt mit ihn nit untergieng, ich geschweig, soviel tausend seelen, so untergangen wärent, so sie Jonas nit gewarnet hätt zur reu und bueß. Also auch die doctores haben kein belohnung vom menschen, noch die jünger. Sie suechen nit das ihrig, 93 sonder allein des andern, und das ohne belohnung. Das seind, die do werden im himmel leuchten wie die sternen, deren namen seind in das buech des lebens geschrieben. 94 Das seind die, die sich nit freuen oder erheben darum, dass sie viel zeichen und wunderwerk auf erden geton haben, sonder darum werden sie sich freuen, dass sie im himmel angeschrieben mit ihren namen, wie ein jeglicher heißt. 95 Das ist ihr belohnung darvon, dass sie auf erden amtleut Christi gesein seind. Nit dass sie auf erden belohnung suechen oder bauchvölle oder
[81] Mt 25,35–46. — [82] kein zehenten: ‚keinen Zehnten‘. — [83] gent: alem. ‚geben‘, ‚opfern‘. — [84] gleißner: ‚Heuchler‘. — [85] der … hat: ‚der es nicht nötig hatte, dass ihm jemand eines anfertigt‘; vgl. Joh 19,23 f. — [86] ihn] im H. — [87] Mt 5,3; 6,19 f.; 13,44; 19,21 par.; Lk 12,33. — [88] Joh 18,36. — [89] kein: ‚irgendeine‘. — [90] mächt] mecht H: ‚vermögend‘. — [91] Jona 3,3. — [92] sagen: ‚zuzusagen‘. — [93] ihrig] jherig H. — [94] Ps 69,29; Phil 4,3; Offb 3,5; 13,8; 17,8; 20,12.15; 21,27; 22,19. — [95] Lk 10,20.
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zins oder gült 96 und dergleichen. Gott, der speist sie auf erden bei den seinen. 97 Denselbigen gibt er das auch, so die seinen gnug darvon hont, und sie geben ihnen unwissend von ihrem gut. 98 Aber gott besoldt 99 sie heimlichen. Das seind die, von den Matthäus redt, „ihr seind salz der erden, ihr seind liechter der welt“.100 Dann darum seind sie’s, dass auch bei ihnen ist der heilig geist, aus dem das liecht der welt und das salz der erden. Das salz wächst nit von der erden, es wächst auch nit das liecht vom wax,101 sonder aus dem heiligen geist. Aber dieweil auch Christus sagt, so dies salz dumm ist, warzu ist es gut als allein, dass man’s werfe hinaus,102 das salz gibt ein anzeigung in diesen ämtern. Also spricht Christus: „Es wird salz sein auf erden, aber nit aus mir, sonder aus der [36 r] erden. Darum so merken auf zweierlei salz: salz der apostel und deren, so aus dem heiligen geist reden und lernen, den ich besoldung und nahrung gib auf erden und im himmel. Und wird auch salz sein auf der erden, das wird aus der erden sein, nämlich vom menschen. Das wird dumm sein und torechtig.103 Das wird nit gut sein zum himmel noch im himmel. Darzue ist es allein gut, dass man’s hinaus werf und mit füßen darauf tret.“ 104 Hiebei ist zu verstohn, dass in den ämtern der verkündung, lernung und unterweisung Christi ein groß aufmerken zu hon ist. Dieweil die apostel salz seind und aber Christus do ein zwiefach salz anzeigt und das ander salz verwirft, so ist gar eben ein achtung darauf zu hon, auf dass wir nit gesalzen werden von dem dummen salz. Das nämlich, das ist von pharisäern, pfaffen und schreibern und rechterfahrnen 105 und die do sitzen uf dem stuhl Mosi.106 Dann das seind, die do versehen das amt, darum sie sich auch für dieselbigen ausgeben und sein wöllen, aber nit gleich dem ersten salz. Sie essen vom guten und bösen. Wer ihn gibt, der ist ihr freund. Der ihn aber nit gibt, dem vergeben sie nichts. Sie reden allein mit ihrer mutterzungen und was sie mit härter 107 arbeit in der schul gelernt hont. Darum es ein
[96] gült: ‚Gülte‘, ‚Gilte‘, in der Bedeutung von ‚Zahlung‘, ‚Schuld‘, ‚Abgabe‘. — [97] Gott sorgt für seine Apostel, die Amtleute Christi, so dass sie unter „seinen“ Kindern aufgehoben sind, vgl. Mt 6,25–34 par. — [98] Die „Seinen“ haben genug und sorgen unwissentlich für die Apostel mit. — [99] besoldt: ‚besoldet‘, ‚bezahlt‘. — [100] Mt 5,13 f. — [101] wax: ‚Wachs‘. — [102] Mt 5,13; Mk 9,50; Lk 14,34 f. — [103] torechtig: ‚töricht‘. — [104] Paraphrase zu den obigen Bibelstellen vom Salz, die Paracelsus mit dem Lohngedanken aus Mt 19,21 par. („Schatz im Himmel“) in Verbindung bringt. — [105] rechterfahrnen: ‚Rechtsgelehrten‘. — [106] Mt 23,2. — [107] härter: ‚harter‘.
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dumm salz ist, darum dass sie nit salzen das ihrig, nit weiden, sonder sie muss man weiden. Darum dass sie also reißend wölf seind,108 heißt sie Christus ein torichts 109 salz, dann ihr weisheit, ihr gewalt, ihr seligkeit ist ein narrheit vor gott. Darum so gehörent sie niendert110 hin als für die tür hinaus, darauf mit füeßen zu treten. So erfindt sich auch in der geschrift, dass auch priester gesein seind, [36 v] aber nit von gott gesetzt, das ist von Christo. So findt es sich auch nit, dass sie von den aposteln gesetzt seind worden. So ist auch kein unterrichtung do, von wannen sie erstanden oder kommen seient von ihrem ursprung her in das neu testament und was doch ihr amt gesein sei, tun und lon.111 Dieweil sie aber seind den aposteln angehangen und mit ihnen zugestimmt,112 als sich in actis 113 und sonst beweist, so seind sie also zu verstohn, dass sie priester gesein seind bei den juden, und nachdem und sie von juden kommen seind zum glauben Christi, dass sie alsdann den namen behalten haben. Oder vielleucht 114 seind sie fürgehnd 115 leut gesein und sonderlich gott gedient für 116 ander aus mit guten exempeln und fürbildung 117 und dem volk ein guten weg angezeigt. Dann das ist also: So ein nation eins andern glaubens ist und hätten ihre priester etc., wie sie dann in allen andern glauben also geheißen mügen, und so sich ein nation bekehrt vom selbigen glauben in diesem glauben, so mügen sie wohl dem volk sonderlich weiter auch lehr geben, doch nit als apostel, nit als propheten, nit als doctores, nit als discipul,118 sonder als die, so vorhin solche gesein seind und bekennt, und aber bei denselbigen bleiben, doch ohn gewalt der apostel und dergleichen. Desgleichen auch, so seind landbräuch, die solch namen hont in ihren gegnen,119 die vielleucht von wegen des brauchs etlich also geheißen seind worden. Das aber ein sonderlicher stand sei, der do sein müsse, ohn den man nit sein müge oder von gott gesetzt, das ist nit, sonder so weit zeigt es an, dass sie wohl mügen als viel gesein sein als vorgeher 120 des volks, lehrmeister und dergleichen, die das volk gelehrt haben zum glauben nach den aposteln, propheten, doctores, jüngern als die letzten verweser.121 Wiewohl auch der apostel Johannes in [37 r] seiner epistel
[108] Mt 7,15. — [109] torichts: ‚törichtes‘. — [110] niendert: ‚nirgendwo‘. — [111] lon: ‚lassen‘. — [112] zugestimmt: ‚übereingestimmt‘. — [113] Apg 6,7. — [114] vielleucht: ‚vielleicht‘. — [115] fürgehnd: ‚vorangehende‘, ‚führende‘. — [116] für ander aus: ‚allen andern voran‘. — [117] fürbildung: ‚vorbildhaftem Verhalten‘. — [118] discipul: ‚Jünger‘. — [119] gegnen: ‚Gegenden‘. — [120] vorgeher: ‚Vorbilder‘, ‚Vorläufer‘. — [121] verweser: ‚Verwalter‘.
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am letzten ein priester und in einer ein theologus genennt wird,122 ist gleich ein ding. Der heißt einen also, der ander also. Nachdem 123 und die epistel geschrieben seind worden, so staht am anfang ein apostel,124 und damit die ander auch also vermeint 125 sollen werden. Dass aber anderst und anderst steht, haben die hinzugesetzt, denen 126 zugeschrieben ist worden ein jeglicher, nachdem und er ihn erkennt hat. Sein 127 ausgeben ist apostel. Der ander hat priester gesetzt nach seim gedunken, der hat ein theologen, wie dann nach andern namen geben werden, anderst, dann einer ihm selbs gebe. Dass aber der stand priester sonderlich mueß sein oder angesehen sei von Christo, das ist nit, dann es ist ein 128 alts herkommen und also genannt, als die do den weg geben dem volk.129 Wohl meldt Paulus zu Tito ein meldung, die kurz ist, dass er sich soll zuchtig, redlich, wahrhaftig, emsig etc. halten.130 Solche tugend ist nit minder, sie gehört eim zue, der do will gerecht und frumm sein vor dem volk, ein vorgeher. Aber darum ist er keins gewalts.131 Dann wiewohl Titus ein vorgeher gesein ist, so ist do hiebei nit gemeldt, dass Paulus ihm weiter apostelamt noch prophetenamt noch doctoramt
[122] Die Autorschaft der drei Johannesbriefe ist umstritten. Während die Tradition der Kirchenväter für alle drei Briefe den Evangelisten Johannes als Autor sieht, grenzt sich der 1. Johannesbrief stilistisch von den zwei andern ab. Im Textus receptus stellt sich der Autor des 2. und 3. Johannesbriefs (2Joh 1,1 bzw. 3Joh 1,1) als „ « “ (Presbyter, Ältester) vor. Die Ansicht, dass der 2. und der 3. Johannesbrief von einem andern Autor stamme, vertrat bereits Erasmus im «Novum Testamentum» (1519) in seiner Einleitung zu den drei Briefen: „Iohanni cuidam presbytero non apostolo tribuuntur“, NTE 1522. Seine Feststellung, dass Johannes ein Priester und ein Theologe genannt werde, bezieht Paracelsus aus den Überschriften des Erasmus für den 2. und den 3. Johannesbrief („beati Iohannis presbyteri epistola secunda“ bzw. „beati Iohannis theologi epistola tertia“, NTE 1522). Paracelsus übersetzt allerdings „Presbyter“ als „Priester“. Neben Johannes dem Apostel und Johannes dem Presbyter bringt Erasmus hier einen dritten Johannes, nämlich den Theologen ins Spiel, wie er auch den Verfasser der Apokalypse nennt („Apocalypsis beati Iohannis theologi“, NTE 1522). Die in der Kirchentradition übliche Bezeichnung als Theologe geht wiederum auf Offb 1,9 zurück, wo Johannes schildert, er befinde sich auf der Insel Patmos wegen Gottes Wort („ μ “) und des Zeugnisses Jesu. — [123] nachdem und: hier ‚gemäß dem‘, ‚so wie‘. — [124] Erasmus’ Überschrift zum 1. Johannesbrief lautet: „Iohannis apostoli epistula prima“, NTE 1522. — [125] vermeint: ‚mit gemeint‘. — [126] denen zugeschrieben: ‚an die geschrieben‘. — [127] sein ausgeben: ‚seine Angabe‘. — [128] ein alts herkommen: ‚ein alter Brauch‘, ‚eine lange Tradition‘. — [129] ähnlich Jos 3,6.14. — [130] Tit 1,7–9; 2,1–10. — [131] ist er keins gewalts: ‚hat er keine Vollmacht‘.
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noch jüngeramt befohlen hab zu verwesen. Und darnach befilcht 132 er ihm, wie Titus nun gefunden wird, dass er nichts sei gesein us den bemeldten ämtern, als allein ein angenommner von Paulo, der ihm sonderlich lieb ist gesein. Darum, so er ihm sonderlich mehr vertraut hat als allen andern wie einem bruder (als sich dann mehr nit findt),133 hat er ihm den gwalt geben über die priester und bischöf, die zu strafen und zu korrigiern.134 Aber es wird hierin nit begriffen, dass do ein gewalt [37 v] oder dergleichen ufgesetzt sei, das do müsse sein. Sonder soviel wird do verstanden, so weder apostel, propheten, doctores, jünger nit warent, dass ein oberkeit soll einen fürsetzen, der das volk lerne nach dem buechstaben des evangelion, dieweil 135 bis ein prophet, apostel, doctor etc. kumm, und dass derselbig sei ein ganz wahrhaftiger, aufrechter 136 priester, kein huerer, spieler, saufer etc. Dass aber diesem weiter viel befohlen sei als allein frumm ze sein, als guet exempel vertragen,137 weiter befindt sich nit. Als man dann noch tun mecht in absein der apostel, der propheten, der doctores, setzen ein gelehren,138 verstandigen, frummen menschen, der das volk unterweis und lernete, denselbigen ein priester oder ein bischof oder auch ein lehrmeister, lesmeister 139 nennen, und dass er sei ein ehemann und keins andern stands,140 das ist, keiner sekten 141 als münch, pfaffen etc., sonder allein ein priester, das ist, kein pfaff, ist auch kein münch, sonder ein weltlich mann, der ehelich ist. Darbei wohl zu verstohn, dass ihn nit groß apostelamt befohlen ist, dieweil er bei der frauen sein soll und nit weib und kind verlassen.142 Darum so seind münch, pfaffen ein ander sekten, dann hie bei Paulo verstanden wird.143 Sollt ein priester, bischof etwas mehr sein, es würd ein ander gesatz do stehn und ein mehrer straf wider sie als allein die gemeinen straf.144 So meldt er auch in der ander epistel zu Timotheo, do er ihn ermahnt, wie er soll fest sein in der gab, so in ihm sei gewürkt durch sein hand.145 Do mag wohl etwas gleichs einem apostel verstanden werden. Und aber weiter wird nichts gemeldt als allein die gnad gottes, so in
[132] befilcht: ‚befiehlt‘. — [133] Tit 1,4. — [134] Tit 1,5. — [135] dieweil: ‚solange‘. — [136] aufrechter: ‚aufrichtiger‘. — [137] vertragen: ‚vorzutragen‘. — [138] gelehren: ‚gelehrigen‘. — [139] lesmeister: ‚Lehrer der Schrift‘, ‚Professor‘. — [140] Tit 1,6. — [141] sekten: ‚religiösen Gemeinschaft‘. — [142] 1Tim 3,2–4. — [143] weil sie entgegen 1Tim 3,2–4 keine Frauen und Kinder haben dürfen. — [144] ein mehrer … straf: ‚eine grössere Strafe gegen sie als nur die Strafe, die für alle gilt‘. — [145] Paracelsus verweist explizit auf den 2. Timotheus-Brief (die „ander epistel“): 2Tim 2,14–19; 4,2–5.
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ihm sei, dass diesselbig wohl erschieß 146 und dass er die leut lern,147 und dass dieselbigen ander ungeschickt leut [38 r] lernen. Also mag wohl ein solcher, der do ander leut lernt, sein ein bischof und ein priester. Das Paulus legt auf den, dass alle die, so do lernen und vorgeher seind, in keim weg haben oder sollen hon dasjenig, so sich zu hon die münch und pfaffen berüemen, allein, als ob einer eim ein haus halten befehle in seinem abwesen, do gut ufzusehen hon, dass man im glauben etc. bliebe und in aller frummkeit, auf dass die jungen oder vormund 148 niemands verfüere vom guten zum bösen. Seind diener, wie Markus gesein ist ein diener Pauli,149 aber kein pfaff, kein münch, allein ein diener. Also für diener soll man’s auch nehmen, die priester und bischöf, und nit höher halten. Dann Paulus berühmt sich selbs viel seins gewalts und seiner gaben,150 aber von den andern, dass sie dergleichen haben, wird nit gemeldt, sonder allein, dass er sie hab als bruder und diener. Und sonderlich ermahnt er Timotheon, welcher an sich nahm das bischofamt und gab.151 Der begehrt ein ehrsams, das ist, nit ein hoffärtigs amt, nit pomposisch,152 sonder gar ein ehrbars und ehrsams amt begehrt er. Darum nun, dass es ist ein ehrsams amt,153 do zeigt er darauf an, wie er sein soll, mit was tugenden und ehrsamkeit. Aber der dingen wird keins gemeldt, die so den münchen und pfaffen beiwohnent und gebrauchen. Darum so mag das amt nit anderst gefunden werden, als allein ein amt zu sein der lehr und eins guten wandels und ein ufrechter exemplar 154 vor dem volk, das volk in zucht, liebe und forcht gottes behalten und sie lernen den glauben, die lehr Christi fürhalten.155 Wiewohl er auch zu den chorinthern vom nachtmahl Christi 156 kein [38 v] sonder amt meldt, dass do müge ein ander amt verstanden werden als knecht, diener etc., darum so ist sich nit zu versehen,157 dass do weder apostel noch prophet noch doctor etc. benämt 158 werden, auch kein sonderlicher gwalt als allein ein jeglicher lernen,159 was das wort gottes sei, und weiter ein jeglicher soll den lassen sein, das er sein soll.
[146] erschieß: ‚fruchten‘, ‚gedeihen‘. — [147] lern: ‚lehre‘. — [148] vormund: hier wohl ‚Schutzbefohlenen‘. — [149] 2Tim 4,11; Phlm 1,24. — [150] 2Kor 11,5–12; 12,6; Phil 3,4–11. — [151] gab: ‚Gabe‘. Zur Ermahnung des Timotheus vgl. 1Tim 3,1–11; 4,12–16; 2Tim 3,10–14; 4,2–5. — [152] pomposisch: ‚prachtvoll‘, ‚prunkvoll‘. — [153] 1Tim 3,1; 2Tim 2,20. — [154] exemplar: ‚Vorbild‘. — [155] fürhalten: ‚vor Augen halten‘. — [156] 1Kor 11,17–29. — [157] versehen: ‚verwundern‘. — [158] benehmt] benembt H: ‚benamt‘, ‚genannt‘. — [159] lernen: ‚zu lehren‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
Wiewohl nit minder ist, dass er fürhalt gegen Tito, dass er soll die priester halten, wie er’s ihm verordnet hab.160 Die ordnung ist aber nit do, sie wird aber wohl verstanden, dass sie nit anderst ist als allein pur 161 laien ohn gewalt und berühmen des heiligen geists und desselbigen kraft. Auch meldt er wohl ein ordnung, die er machen well, so er zu Timotheo kumm 162 etc., die auch nit do ist. Sein ordnung aber im hauptstuck ist do. Darum us denselbigen wohl zu ermessen, wie es sein soll, gleich als tu 163 ein jeglicher selbs, das er tun soll, essen selbs das nachtmahl Christi,164 tauf selbs,165 wiewohl durch die grobheit des volks ein 166 sonderen zu hon zu den dingen gebührlich ist. So meldt auch Paulus von dieser leuten nahrung und spricht: „Der dem alter 167 dient, der soll vom alter essen, und der dem evangelion dient, vom evangelion.“ 168 Das ist ein solche red, dass solche leut dienen dem altar, das ist, sie seind vorgeher in der kirchen und dem volk, allein in zucht und ehrbarkeit und lehr. Dieweil nun nit ein jeglicher darzue geschickt ist, sonder mehr 169 ungeschickt, aus der ursachen: Man muss leut darzue lernen, die dann vonwegen solcher lernung versaumen handwerk und ander nahrung. Ist nun billich, dass man’s in dem ort erstatt, wie ein handwerksmann sein liedlohn 170 mag austragen. Do wird auch nichts gemeldt, weder zehenten, opfer etc., sonder [39 r] allein nahrung, inmaßen wie gesagt ist vom altar. Und aber der altar hat nichts, darf 171 auch nichts, der diener darf’s, dem soll man’s geben. Also auch der dem evangelion dient – darbei werden die verstanden, so im apostelamt wandlen –, dieselbigen sollen ernährt werden vom evangelio.172 Das ist, wie gemeldt ist von der apostelnahrung, dass sie ihr speis finden bei denen, do es gott hinlegt, und haben doch nichts eigens und bettlent doch nichts. Auch 173 und ihn wird auch nichts geschickt. Darum Christus sagt, „gohnt in die häuser, und was man euch fürstellt, das essen“,174 als wollt er sprechen, „ich bin der, der euch weiset in die häuser, dass ihr eur speis finden, und ich bin, der euch’s do bereit und gibt. Darum, wie ich’s euch do bereit hab, also essen’s“. Dann Christus will nit uf erden, dass us seinen jüngern, aposteln etc.
[160] Tit 1,5–9; 2,1–10. — [161] pur laien: ‚reine Laien‘, also keine geistlichen Stände. — [162] 1Kor 4,17; 16,5–11; Phil 2,19–23. — [163] tu: ‚tue‘. — [164] 1Kor 11,17–29. — [165] 1Kor 1,12–17. — [166] ein sonderen … dingen: ‚einen zu haben, der dazu bestimmt ist, diese Dinge zu verrichten‘. — [167] alter: ‚Altar‘. — [168] 1Kor 9,13 f. — [169] mehr: ‚die Mehrheit‘. — [170] liedlohn: ‚Dienstlohn‘, ‚Gesindelohn‘. — [171] darf: ‚bedarf‘. — [172] 1Kor 9,14. — [173] auch … wird: ‚ebenso wir ihnen‘. — [174] Lk 10,5–7; 1Kor 9,14.
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keiner 175 reichtum, eigens besoldts 176 gewiss hab mit seim wissen. Er aber versorgt sie, sie sollen der dingen halben ohn sorgen sein, sonder der himmlisch vatter wird für sie sorgen.177 So steht auch ein amt im evangelion, do Christus spricht, „ihr sollen mir mein gesalbten nit angreifen“.178 Das ist also: die er salbt, die meint 179 er. Er heißt auch Christus,180 aber von seiner salbung ist nichts geschrieben, dass ihn die menschen gesalbt haben, sonder wohl von gott, seinem himmlischen vatter.181 Also ist es noch: wen er salbt, den heiliget er, und ist heilig. Weh dem, der ihn weiter angreift auf das wort. Der aber nit heilig ist, der ist nit sein gesalbter. Der wird auch nit hie begriffen in diesem bott.182 Darum soll niemands kein heiligen angreifen und ihn antasten 183 oder schmähen. Dann wer dieselbigen gesalbten, das seind heiligen, verschmächt, der verschmächt auch gott. Der sie höret, der hört auch gott. Der sie hasst, der hasst auch gott. Darum vergieß keiner sein blut an ihnen. Aber nun wiewohl ander ämter seind, die auch von gott seind und [39 v] in der welt müeßen sein, und aber sie scheiden sich von den andern vorgemeldten, aber durch sonder 184 art, oberkeit, gelehrte, das ist, die doctores.185 So wissen 186 auf solches, dass diese sollen von jugend auf zu den dingen gezogen werden und erhalten 187 von der kirchen, das ist, von der gemein, auf dass sie in ihren tagen kommen zu dem verstand, erfahrn leut zu sein und die do ein wissen tragen in den dingen, so dann ihr amt fürhin inhalt 188, als arzt, als gewaltig regierer, als gelehrt leut zur sitten, zur physiken,189 zun andern natürlichen dingen, so einem menschen zu wissen zustohnt. Und ob es also gleichwohl gab seind von gott, so seind’s doch nit gaben, die do von 190 ihn selbs einfließen. Dann ob eim schon ist geben die gnad der sprach, so muss er’s lernen, und so er’s lernet, so grünet dieselbige gab heraus, zu gleicher
[175] keiner: ‚irgendeiner‘. — [176] eigens besoldts] aigens besollts H: ‚Belohnung für sich selbst‘. — [177] Mt 6,25–34 par.; vgl. ferner 1Kor 7,21.32; Phil 4,6. — [178] 1Chr 16,22; Ps 105,15. Im Evangelium gibt es keine entsprechende Stelle, so dass verm. eine Verwechslung mit dem Psalter vorliegt. In Hohenheims Psalmenkommentaren ist allerdings keine Auslegung zu diesem Vers überliefert. — [179] meint er: ‚liebt er‘, ‚um die ist er besorgt‘. — [180] Christus: wörtlich ‚der Gesalbte‘. — [181] Lk 4,18. — [182] bott: ‚Gebot‘. — [183] ihn antasten] Jnn in dasten H: ‚angreifen‘. — [184] sonder: ‚besondere‘. — [185] Anders als Paulus in 1Kor 1,19–21 weist Paracelsus den Gelehrten ihren Platz zu. — [186] wissen: ‚wisst‘. — [187] erhalten: ‚unterhalten‘. — [188] inhalt: ‚enthält‘. — [189] physika: Wissen von der Natur. — [190] von ihn selbs: ‚von sich selbst aus‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
weis wie ein gras aus der erden. Also auch seind etliche, die gaben hont zu reden. Darum sollen sie gelernt werden, dass sie reden die wahrheit, und nit von ihn selbs ungelehrt zur lügen kommen und reden, das wider die wahrheit und seinem nächsten sei. Also mit der arznei, dieselbigen, so die gaben und liebe darzue hont, darzue ziehent und lernen, uf dass nit bescheißer in der arznei aus ihnen werden. Dergleichen auch, so einer zum gwalt die gab hat, darzu ziehen, domit dass nit sein unwissenheit das land betrüg und verführ. Dann dieweil gott die ding gesetzt hat und gibt die gaben, so seind nit alle menschen darzue gericht, dieselbigen von gott zu empfahen ohn 191 mittels, sonder durch lernen. Darum sollent sie mit lernen nit versaumt werden, uf dass sie von ihn selbs nit in ein unverstand kommen, dodurch land, leut, stadt und alles in verführung, betrug und falsch kommen aus unverstand und unwissenheit. Man soll auch das wissen, dass die, so nit darzue berüft seind, als 192 ihr ist nit die gab der [40 r] arznei, nit die gab des gewalts, nit die gab der sprach, nit die gab der red, und doch solche ding gebrauchen, dass sie mit allen ihren dingen verfüert werden und in allen dingen unwissend seind. Dann wem die wahrheit nit geben ist, der mag 193 sie nit brauchen. Dem die wahrheit geben ist, der mag nit liegen.194 Also auch, dem die arznei geben ist, dem geht sie gelücklich abstatt 195 und wohl mit seinen kranken; dem sie nit geben ist, dem geht sie widersinnig. Darum nachdem 196 und von gott einem jeglichen die gab und gnad verliehen ist, dermaßen soll man’s halten und ziehen 197 uf dasselbig, dass sie das jährig 198 und das alter zusammen krammen.199 Dann do Christus sagt, dass das reich der himmel gleich sei einem, der aus seim schatz herfür trüg alts und neus, 200 das ist soviel geredt: der schatz ist die gab, so ein jeglicher von gott hat. Das neu ist, das er jetzund 201 gibt, das vorhin noch nie geben ist, als neue kunst, neue lehr, neu arzt, neu gesatz etc. Das alt ist dasjenig, so den alten geben gesein ist und jetzt an 202 uns langt, von den alten ererbt durch geschriften oder in ander weg eröffnung. 203 Also kommt in uns das neu und das alt. Also
[191] ohn mittels: ‚unmittelbar‘. — [192] als ihr ist: ‚insofern ihnen … gegeben ist‘. — [193] mag: ‚kann‘. — [194] liegen: ‚lügen‘. — [195] abstatt: ‚vonstatten‘. — [196] nachdem und: ‚je nachdem‘. — [197] ziehen: ‚beziehen‘ — [198] das jährig] das Jerig H: die Zeit des Volljährigseins bzw. des Erwachsenseins. — [199] krammen: ‚pakken‘, insbesondere mit Klauen. Die Bedeutung dieses Nebensatzes ist unklar. Vielleicht handelt es sich um ein Sprichwort, das aussagen will, dass eine Gelegenheit so ergriffen werden soll, wie sie sich anbiete. — [200] Mt 13,52. — [201] jetzund: ‚jetzt‘. — [202] an uns langt: ‚zu uns gelangt‘. — [203] eröffnung: ‚Offenbarung‘.
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ist der himmel auch also. Er gibt die gnad und gab in uns, dass wir alts und neus wissen, lernen und erfahrn mügen. Nun das alt, das müeßen wir lernen, es sei durch hören, durch lesen, durch ander erfahrnheit. Das neu, das gibt uns gott selbs zu dem alten. Uf solches sollen wir nun das wissen, dass die kinder zu den gaben sollten gezogen werden von jugend auf. Das seind nun die ämter von den menschen, so der mensch zu 204 setzen hat und solches zu lernen und zu erfahrn. Solche auch, so sie’s können, so haben’s sie’s nit vergebens empfangen noch gelehrt. Darum können sie’s nit umsonst usgeben. Dann es erfüllt die statt 205 eines handwerks, domit sich ein jeglicher selbs ernähren soll. So sie [40 v] aber aus der kirchen gut dohin gezogen werden, so hont’s sie’s vergebens gelernt billich, so sie auch von der kirchen erhalten werden vergebens, dass sie’s ausgeben und teilen. 206 Das seind die ämter der beneficien, die bei den ersten gesein seind, das ist, bei den alten. Und aber dieselbigen art und brauch ist kommen, dass sie verwandelt seind worden in die pfaffen und kaplan; münch etc. daraus gemacht, vermeint, dass ihr betten, fasten nutzer sei dann ein arzt im land, ein gelehrter im land, ein frummer regierer im land. 207 Also ist es aus der hand kommen deren, die es hon sollten, und kommen 208 in den stand oder sekten der pfaffen und münch, deren ursprung nit mag gefunden werden, woher sie doch kommen. Dann es wird von ihnen nienen 209 nit gemeldt, dass ein gab ihnen sei allein geben und sonst niemands. Was sie sich berühmen, mag nit auf sie langen. 210 Darum im seligen leben sollen ihr wissen, dass solche leut nit sollen fürkommen, die nit wohl in der geschrift gründt seind und ihren anfang nehmen, uf dass ander ergründt gaben durch sie nit untergangen und zerrütt werden. Dann es ist kein geschlecht der gaben, die ander mügen us der hell erlesen oder erbetten und dergleichen. Es ist kein gab deren, die apostolisch, sie 211 seind aber aus dem stand der pfaffen und münchen nit gesein. Und ob gleichwohl aus denselbigen pfaffen und münchen etwas guts gedeihen mechte oder wäre beschehen, so ist doch ein groß achtung uf das zu haben, ob es recht oder unrecht darzue kommen sei. Dann ursach, 212 wird ein solcher ein heilig, so muss es anderst zugangen sein dann durch pfaffen- und münchsordnung. Dieselbig vermag kein hei[204] zu setzen: ‚einzusetzen‘. — [205] statt: ‚Stelle‘. — [206] im Sinne von Mt 10,8. — [207] 1Kor 12,28. — [208] kommen] können H. — [209] nienen nit: ‚nirgendwo‘. — [210] mag … langen: ‚kann nicht ihnen zugeschrieben werden‘. — [211] sie seind aber: ‚sofern sie‘. — [212] dann ursach: ‚denn‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
ligen zu machen noch auch nichts seligs. Ist aber das nit, sonder es ist durch müncherei und pfaffenheit beschehen, [41 r] so ist zu gedenken an das wort Christi: „Es werden falsch propheten, falsch apostel, falsch christen kommen, die werden viel verfüeren, und werden zeichen tun und miracul.“ 213 So nun zeichen tun und miracul bei denselbigen auch ist, und die tugend des evangelions werden do nit gefunden, aber wohl die pfaffheit und müncherei, und die pfaffen und müncherei und zeichen und miraculen seind beieinander, wer wollt anderst gedenken, dann dass sie seient aus der zahl wie obsteht der falschen propheten, falschen apostel und dergleichen? Es ist auch viel an die red Christi zu gedenken, do er sagt: „Weh euch, die ihr gleich seind wie die totengräber, 214 auswendig hübsch, inwendig stinkende leiber.“ 215 Dann diese seind auch auswendig himmlisch, aber inwendig nichts guts, sonder reißende wölf. 216 Sollen wir nun die leut aus ihren früchten und werken erkennen, 217 und wir wissen, dass die guten frücht seind, was die guten werk seind, und wissent aus ihnen den guten baum, wissent auch also die böse frucht, den bösen werk und den bösen baum, 218 so ist nun billich auch, dass wir dasselbig betrachten und nit glauben geben solchen selbs ufgeworfen 219 und eingesetzten lehrern. Dann der teufel ist beischlägig, 220 er geht uns tag und nacht nach wie ein wüetender leu, 221 dass er uns hinführe. So wir seine grimmigkeit verstohn, so tut er sie hinein und verbirgt sie, legt ein schafshaut an, auf dass er nit grimmig werd. Aber das schaf, wie mild es sicht, 222 so ist es inwendig ein reißender wolf. 223 Nun von der haut gohnt die werk und frücht nit, sie gohnt von herzen heraus; 224 aus der ursach, so sie von herzen gohnt, so lässt sie der wolf, der wütend leu. Merken uf dasselbige, hont acht, dass heraus geht, nit das üsser an ihm hangt. 225 [41 v] Also sollen im seligen
[213] zu den falschen Propheten vgl. Mt 7,15; 24,5.11; Mt 24,23 f. par.; 2Petr 2,1; 1Joh 4,1; Offb 16,13; 19,20; 20,10. — [214] totengräber: gemeint ist ein Grab, nicht ein Mann, der die Toten vergräbt. — [215] Mt 23,27; ähnlich Lk 11,44. Anklang an Luthers Schrift «Vom ehelichen Leben» (1522), dritter Teil (WA 10, 2, 275–304). — [216] Mt 7,15. — [217] Mt 7,16.20. — [218] zum Topos der guten Frucht und des guten Baums vgl. Jes 11,1; Mt 3,8.10 par.; 7,16–20 par.; 12,33 par.; 13,8.23 par.; 21,34–43; Lk 13,6–9; Joh 4,36; 12,24; 15,5; Röm 6,21 f.; Jak 3,17–19. — [219] selbs ufgeworfen: ‚selbst ernannten‘, ‚erhobenen‘. — [220] beischlägig: ‚schnell bei der Hand‘. — [221] leu: ‚Löwe‘; vgl. 1Petr 5,8. — [222] wie … sicht: ‚wie sanft es auch aussieht‘. — [223] Mt 7,15. — [224] zum Herz als Ursprung des Guten vgl. Mt 5,8; 6,21 par.; 12,35 par.; Lk 8,15. — [225] dass … hangt: ‚auf das, was herausgeht, nicht auf das, was ihm äußerlich anhängt‘.
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leben gefürdert werden die, so gaben von gott tragen. Dann dieselbigen seind die, deren wir dürfen, 226 und sie seind’s nit, deren wir nit dürfen. Darum soll die kirchen wohl versorgt sein, dass sie die fürdere 227 und fürbring, von den Paulus sagt: „Es seind gaben der zungen, gaben der weisheit, gaben der gesundmachung.“ 228 Das seind, deren wir dürfen, in den wir gott ein wohlgefallen beweisen. Darnach, so die leut verzogen 229 seind zu den gaben und dieselbigen gegründt 230 tragen und haben, soll ihnen nit nachgelassen 231 werden, dass sie dieselbigen im eigennutz brauchen, sonder sie sollen mit stipendiis 232 der notdurft versorgt sein, nit zu viel, nit zu wenig, sonder in mittel die maß füeren und dieselbigen bei der kirchen erhalten, uf dass sie die jugend in der kirchen erziehen, lernen und unterweisen in guten zuchten und tugenden und seient ein guet exempel der menschen; die 233 ihn vorgangen, und von ihnen guts, ehrlichs und redlichs sehent, und lernen aus denen. Und die seind dieselbigen, von den Paulus sagt, wie ein bischof, priester etc. sein soll. Also werden Timothei, also werden Titi, also wird das volk geregiert und geführt. 234 Uf solch leut, die aus gott ihr gaben geben, den leuten vorführen, ist sich glück und heil zu versehen 235 und zu verhoffen, einer jungen zucht der ehrbarkeit und frummkeit zu machen, welche, so sie unter den stand kommen, 236 der nit aus den gaben do ist, so werden sie verfüert und kommen in die bösheit, dass sie proselyti 237 genennt werden, das ist, sie werden zweimal böser dann die seind, die sie lernen. 238 Darum soll man auf die acht haben, dass die jugend und das gemein volk nit verführt werd, nit unterworfen denen, so nit us gott do seind. Dann bei denselbigen [42 r] wird niemands gut noch nutzlich als betrüeger, wie sie seind. Dann dieweil Christus uf dieselbigen redt, do er spricht: „Ihr geht das ganz mör 239 aus und alle länder, auf dass ihr ein proselyten machen, und so ihr ihn gemacht hont, so wird er zweimal böser dann ihr seient.“ Nun hat er allein zu denen geredt, die sacerdotes 240 geheißen hont, und dor-
[226] dürfen: ‚bedürfen‘. — [227] fürdere und fürbring: ‚fördere und voranbringe‘. — [228] 1Kor 12,4–10.28–31. — [229] verzogen: ‚hingezogen‘, ‚bestimmt‘. — [230] gegründt: ‚gegründet‘, ‚fundiert‘. — [231] nachgelassen: ‚zugestanden‘. — [232] stipendiis der notdurft: ‚Lebensunterhalt‘. — [233] die ihn vorgangen: ‚diese mit Gaben versehenen Leute sollen der Jugend und den Menschen als Beispiel vorangehen‘. — [234] 1Tim 3,1–9; Tit 1,5–9; 2,1–10. — [235] sich … versehen: ‚erwarten‘. — [236] kommen] kombt H. — [237] proselyti: ‚Proselyten‘, ‚Fremdlinge‘. — [238] Mt 23,15; Luther übersetzt den „proselytus“ der Vulgata mit „Judengenossen“. — [239] mör: ‚Meer‘. — [240] sacerdotes: ‚Priester‘.
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bei mit den zwei namen: gleißner, 241 pharisäer, schreiber. Aber ihr aller einiger stand ist sacerdotium, 242 und die jetz im neuen testament heißen sacerdotes, darum so seind sie eben gleich die, die proselyten machen und dergleichen 243 das volk verfüeren. Darum so sollen wir im seligen leben die leut von uns tun und allein die haben, die wir wissen, dass sie die gaben von gott gegen uns brauchen, welcher gaben namen gnugsam geschrieben seind. Dann also seind die rechten ständ und ordnung unter uns, dass wir von solchen leuten lernen. So ist es gleich soviel, als hätten wir türken, tattern 244 und ander dergleichen bei uns, deren keiner us der weihe weder Annae, Kaiphae noch Herodis gesein ist. 245 So ein ding gebraucht wird, wie es gebraucht soll werden, wie kann es dann im seligen leben übelgohn, so wir die apostel suchen bei ihren früchten, die propheten bei ihrer wahrheit, die doctores bei dem heiligen geist, die jünger in ihr meister lehr. So wir aber anderst und ander suechen, wie kann das im reich ein einigkeit sein oder bleiben? 246 Dergleichen auch, so wir die suechen, den die gaben geben seind, so lernen wir vom rechten brunnen. So wir aber die suechen, die ihn 247 selbs gaben geben und sagen, „ich bin Christus“, „do ist corpus Christi“, 248 wie kann’s uns wohlgehn? Darum, dieweil wir dermaßen seind untereinander, dass wir nimmer kein rechten brunnen achten wellen noch suechen, sonder apostel selbs [42 v] setzen und propheten und doctores und jünger, und dieselbigen selbs begaben, die uns gleich seind und mit uns in sünden liegen, in huererei, in spielen, in saufen, in voller üppigkeit, und die uns nit widerwärtig seind in unserm leben, sondern uns fürdern und selbs auch tun, so mögen wir nit kommen in das liecht, sonder in der finsternus bleiben wir bis in den tod und darnach in den ewigen tod. 249 So wir aber an uns selbs nit sollen 250 und nichts-sollend bleiben wellent, so haben wir auch mit nichts-sollenden leuten haus. 251 Also zeucht auch gott sein hand von uns und lasst uns im jammertal und im elend trostlos und in unsern sünden leben und sterben. Und so der tag kommen wird, do wir alle werden erscheinen zusammen, so
[241] gleißner: ‚Heuchler‘. — [242] sacerdotium: ‚Priesterschaft‘. — [243] dergleichen: ‚auf solche Weise‘. — [244] tattern: ‚Tataren‘. — [245] zu den Hohepriestern Hannas und Kaiphas vgl. Mt 26,3.57; Lk 3,2; Joh 11,49; 18,13 f.24.28; Apg 4,6; und zu Herodes vgl. Mt 2,1–19; Mk 6,14–27; Lk 3,19; 9,7–9; 13,31; 23,7–12; Apg 4,27; 12,1–21. — [246] Mt 12,25 par. — [247] ihn: ‚sich‘. — [248] Mt 24,23 par. — [249] Lk 1,79; Joh 12,46. — [250] sollen: ‚wert sind‘. — [251] haben … haus: ‚haben … Gemeinschaft‘.
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werden wir sehend die falsch apostel und christen, und werden unser elend sehend, mit was üppigkeit wir uns auf erden versorgt hont. 252 Darumben diesem zukünftigen tag des zorns, 253 der bitterkeit zu entrinnen ist vonnöten, 254 dass wir hie mit ernst haushalten und die augen wohl uftunt, den gerechten und den frummsten zu erkennen. Dann so wir auf den tag müssen und rechnung geben, 255 so wird es nit leer auslaufen, und do werden wir sehend, ob wir an das ort oder zu dem brunnen gangen seind, der us gott do ist gesein oder nit. Darum, so wir der vernunft nit wollen sein, sonder schlafend einem jeglichen geist glauben, 256 der doher kommt, und nit betrachten, ob er us gott sei oder nit, so schleicht der teufel mit den seinen in unser reich und verführt uns. Solches alles ist unser 257 liederlicher weis schuld, dass uns die apostel bass gefallen, die mit uns buben 258 und schölmen 259 seind, dann diejenigen, so von gott do seind, bei den wir gefunden werden in der uferstehung mit allen freuden und seligkeit.
[252] Mt 13,49; 25,32 f.; Röm 14,10. — [253] Lk 21,23; Röm 2,5; Offb 6,17. — [254] Eph 4,31. — [255] Mt 12,36; Röm 14,12; 1Petr 4,5. — [256] 1Joh 4,1. — [257] unser liederlicher weis schuld: ‚die Schuld unseres liederlichen Verhaltens‘. — [258] buben: ‚üble Burschen‘. — [259] schölmen: ‚Schelmen‘, ‚verworfene Menschen‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
A8. Liber de ordine doni Von der Ordnung der Gaben [515 r] 1 Gott hat uns gaben geben auf erden und kräft derselbigen, die ein jedlicher gebrauchen mag und soll, nicht ihm selber, sonder dem andern als sich selbst. 2 Darum ist sich wohl zu bedenken, wie ein jegliche gab zu gebrauchen sei gegen dem nächsten, damit auf das das gebott gottes vollkommen erfüllt werde. 3 Wiewohl der Satan diese liebe des nächsten gar heftig und viel verhindert hat und auf den eigennutz zeucht und treibet, jedoch mag er nichts erhalten, so wir anderst gehn und wandlen, im weg und willen gottes uns befleißen, denselbigen zu erfüllen. Wo aber nicht, alsbald nun ein kleiner finger wanket von uns abzuziehen, so dringt der Satan mit haufen list herein, also dass wir zu gottes hand nimmermehr kommen. 4 Also wird der gemeine nutz zerstört und zertrinnet 5 an reichtum, hoffart, lästerung, spielen und huren etc. Und also tut ein jedlicher in dem seinen, was ihn gelüst und wie es ihm gefällt, dahin richt er’s. Damit aber nun solches reich und eigennutz in vita beata nit eindringen möge, folgt also ein ordnung der gaben eines jeglichen gegen dem nächsten. Dann der den nächsten liebet, der liebet auch gott et econtra. 6 Diese zwei gebott seind zusammen vermählet wie weib und mann, da kein scheiden der liebe ist. 7 Wie aber die liebe in frau und mann zerrütt wird, also auch die liebe gottes zerrütt wird, und auch die liebe des nächsten, dass sie voneinander kommen. Dann der ein vermeint, gott allein lieben sei genug. Der ander vermeint, den nächsten allein lieben und gott nit, sei auch genug. Jetzt ist ein zerteilung im reich. 8 Darum ist hie ein ordnung, dass ein jeder mensch zu leben und zu zehren [515 v] hab, welliche ordnung in allen dingen, so die nahrung belangt, zu machen ist, 9 dann aus gebresten der nahrung entspringen die argen und falschen. Dann armut ist nit einem jeden leidenlich, darumben selig ist der, der die armut leidenlich trägt und geduldiglich.10 Der aber sie nit tragen mag, soll nit dahin gefüert werden. Dann daher ge-
[1] L: L 2 515 r–522 r; G: GE 2,51–69. — [2] Mt 19,19 par. — [3] Mk 12,30 f. — [4] zur Hand Gottes vgl. Hiob 19,21; 27,11; Pred 2,24; 9,1; Jes 62,3; 1Petr 5,6. — [5] zertrinnet: ‚zerrinnet‘. — [6] zum Gebot der Nächsten- und Gottesliebe vgl. Mt 22,37–40; Joh 13,34; 2Joh 1,5. — [7] Rut 1,17. — [8] zur Zerbrechung eines in sich uneinigen Reichs vgl. Jer 1,10; 18,7; Dan 11,4; Mt 12,25 par. — [9] Gen 6,21. — [10] Mt 5,3; Lk 6,20.
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hört der spruch, „wellicher da nehmen mag, der nehme“,11 vonwegen die ehe betreffende. Also hie auch zu verstehn ist, der leiden mag und kann, der leidt. Wo aber nit, so geschehe ein ordnung, auf dass sich am jüngsten tag 12 keiner ausredt gegen gott der armut halben. Dann ein solches wird die reichen anklagen, die die teil der erden besitzen, die doch gleich sein sollen und niemands abkauft oder entzogen werden. Darumben seind vier gaben auf erden: als eine der feldbau, ein andere die handwerk, die dritte der freien künst,13 die viert der obrigkeit. Die alle erhalten sich gegeneinander und ein jeder teil nutzet und erhält die andern drei teil et econtra. Und also seind diese vier ineinander verknüpfet, also dass gar kein teil den andern verschmähen kann und von ihm ausschließen. Nit dass ein teil zu den andern drei teil möcht sagen, „was gehn ihr mich an, ich hab mein gab für mich allein“, also dass die freien künstler sagten, „suchent die kunst selbst, die obrigkeit, beschirmet euch selbst“ etc. Der feldbau ist in zweien teilen: nämlich die, welliche das feld besitzen und die, so es bauen.14 Und die müeßen es bauen, die da nichts vom selbigen haben, sonder seind knecht, dann die herren des ackers vermügen’s nit allein zu bauen. Aber die knecht sollen nit auf viechische 15 weis gehalten werden als wie die schaf und gäns, die tragen wollen und fudern 16 den menschen; das ist ihr arbeit, von deswegen wir sie halten [516 r] und ernä hren. Dann der dem altar dienet, der soll vom altar essen die arbeit und die gab, so uns gott hat geben.17 Der die erden besitzt, der soll nichts werken, auf dass der, des die erden nit ist, der erden gleich so wohl genießen mügen.18 Dann er gewinnt mit arbeit gleich diesem, dass er dem herren gewinnt. Das ist der nutz der erden, damit er auch aus not erlediget 19 werd, die ihn möcht ausstoßen. Ist aber der teil der erden so klein oder das feld, also dass es den herrn und knecht nit beide ertragen 20 mag, so geneust derselbig die erden zwiefach: als ein herr der erden und seiner arbeit. Beide teil machen ein ganzen leib.
[11] Mt 19,12. — [12] zum jüngsten Tag vgl. Joh 6,39–44.54; 11,24; 12,48. — [13] freien künst: die sieben ‚freien Künste‘ oder ‚artes liberales‘ Grammatik, Rhetorik, Dialektik (bzw. Logik), Arithmetik, Geometrie, Musik und Astronomie, die in Mittelalter und Früher Neuzeit als Studienfächer zur Grundausbildung des Akademikers gehörten. — [14] bauen: ‚bebauen‘. — [15] viechische weis: ‚wie Tiere‘. — [16] fudern Konj.] federn L: verm. ‚ernähren‘. — [17] 1Kor 9,13 f. — [18] 2Tim 2,6. — [19] erlediget: ‚erlöst‘. — [20] ertragen: ‚Ertrag liefern‘, ‚ernähren‘.
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In summa, es ist deren monarchia 21 keine, die ohne knecht und herren sei. Des herrn ist die gab, des knechts die gab der würkung. Dann kein monarchia mag ohn ein herren sein und also kein herr ohn einen knecht. Darum seind’s nit alle monarches, sonder auch knecht. Die der meier, 22 die der meister, die der künstler, die der doctor, die der obrigkeit, die der vögt etc., und ein jeglicher bleib, warzu er von gott berufen ist. 23 Aber die monarchei, ob sie schon knecht haben, gehn sie doch als die herren nit müeßig als der meinung, 24 „die axt dem zimmermann oder knecht, der obrigkeit das amt, dem weisen die weisheit“ etc., sonder ein jeglicher monarchus arbeit in dem, dass der knecht geschicklich das sein handle und verrichte und dass nichts vergessen werd und unvollkommen bleib. Der herr des handwerks soll nit alles allein 25 erzabeln, 26 sondern essen seines knechts arbeit und econtra der knecht. Die sorg des zinses, der bürgschaft einnehmen und ausgeben, das ist des meisters arbeit. Des 27 knechtes arbeit, das ist dasselbig zue arbeiten machen, das es werden soll. Und wiewohl ein jedes handwerk mag also versehen werden, so seind doch etwan sondere gaben bei den meistern, die bei den [516 v] knechten nit seind. Als ein maler, der ein maler ist über alle oder über viel. Billich ist, dass derselbige dieselbigen gaben lasse mitlaufen, auf dass man sehe der menschen schärpfe. 28 Also auch ein steinmetzel, da einer kann, das sonst wohl hundert nit künden. 29 Einem sollichen meister und herrn seines hauses ist billich, dass er sein meisterstück sehen lass, dieweil mit knechten nichts ausgericht mag werden, dann so ein meister arbeiten will, soll er mit seiner arbeit mehr sein dann der knecht. Wo nicht, soll er die knecht arbeiten lassen. Aber wellicher meister sich befleißt, über und für andere zu sein, der ist demselbigen handwerk ein lob. Dann darumben soll er von der gemeinen arbeit der knecht müeßiggehn, auf dass er im subtilen ergründt und erfahrn werd und etwas fände, dann kein handwerk ist auf erden, dem nit noch viel gebrist. 30 Darum den meistern nit unbillich 31 fürgeben 32 wird die leher, 33 auf dass sie die gemein arbeit den knechten fürgeben und befehlen sollen, [21] monarchia: ‚Bereich‘, ‚Domäne‘, ‚Herrschaftsordnung‘. — [22] meier: ‚Vorsteher‘, ‚Beamter‘. — [23] 1Kor 7,20.24. — [24] meinung Konj.] mayster L. — [25] allein G. — [26] erzabeln: streng oder hastig erarbeiten. — [27] deß knechtes arbeyt G. — [28] schärpfe: ‚Schärfe‘, hier ‚Geistesschärfe‘, ‚Genialität‘. — [29] künden: ‚können‘. — [30] gebrist: ‚fehlt‘, ‚mangelt‘. — [31] unbillich: ‚unrichtig‘, ‚unbegründet‘. — [32] fürgeben: ‚übertragen‘. — [33] leher: ‚Lehre‘.
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auf dass sie dem grund 34 weiter und besser nachsinnen. Dann also seind viel subtiligkeiten erfunden worden, die durch der knecht arbeit verhindert wären worden. Sollichem nachzukommen ist mehr dann gearbeit. Als der schlosser erfand am ersten schloss zu machen, im weiter nachfähnden 35 die uhren etc. Als bist du der gelehrten, tu du es nit alles allein, lass einen andern schreiben, bünden, 36 illuminieren 37 etc., du aber gedenk einem schärpfern nach. 38 Dann was ist’s, wann du gleich zehen knecht vertreten künntest 39 und dardurch ersparen ihren lohn, speis und trank? Was ist’s im leben? In deinem tod vergeht’s. Aber das widerspiel stell er zu gott. Dann es ist wie mit einem bauren, der viel felds hat und mag’s oder kann’s nit allein versehen, sondern muss knecht haben. Darum kommen die knecht auch in den teil der erden, [517 r] werden davon bekleidet, essen darvon, trinken davon als wohl als der baur. Der bringt nit mehr darvon weder der knecht, dannoch bleibt’s allemal über. Was nun überbleibt, leg in keinen schatz, sonder lass es kommen in die hand, dem es verordnet ist. Also die obrigkeit, soll auch diener mit diensten versorgen. Dann Christus hat nit alle ding allein tun wöllen oder geton, als morbos curare, 40 sonder hat auch apostel gebraucht. 41 Also der kaiser, ob er schon alles allein tun möcht, soll er’s doch nit tun. Soll nit zu ihm nehmen statthalter, sonder die, die vollen gewalt 42 haben. Wer weißt, so dieselbigen in der forcht gottes leben, vielleucht mehr von gott begabet wärn dann der kaiser selbst und dem gemeinen mann seliglicher zustehn möchten? Denn der durch sant Peter ist gesund worden, 43 ist sowohl gesund, dann der von Christo gesund ist gemacht worden. Der jünger ist wie der meister, der den jünger nit annähmt, der nimmt den meister auch nit an. Und ob er zum meister flühe, 44 er erhörte ihn nit, dann gott will in seinen heiligen unveracht 45 sein, also auch der kaiser in seinen weiblen 46 etc. Dann alle ding werden durch diener verricht, zu glei-
[34] dem grund: ‚den Grundlagen‘ ihres Handwerks. — [35] weiter nachfähnden] weiter nachfennden L; weyttern nachsinnen G: verm. von ‚nachfahnden‘, ‚nachforschen‘. — [36] bünden: ‚binden‘ eines Buchs. — [37] illuminieren: das Buch mit farbigen Verzierungen und Abbildungen versehen. — [38] gedenk … nach: ‚denke über anspruchsvollere Dinge nach‘. — [39] künntest] kundest L: ‚könntest‘. — [40] morbos curare: ‚Kranke heilen‘. — [41] zu den den Aposteln übertragenen Gaben des heiligen Geistes vgl. Mt 10,1 par.; Mt 10,7 f.; Mk 16,17 f.; Lk 9,10; 10,9.19; Apg 2,3. — [42] gewalt: ‚Befehlsgewalt‘, ‚Macht‘, ‚Machtbefugnisse‘. — [43] Apg 3,1–10. — [44] flühe: ‚flöhe‘. — [45] unveracht: ‚beachtet‘, ‚geschätzt‘. — [46] weiblen: ‚Weibeln‘, ‚Gerichtsboten‘.
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cher weis wie gott den engel Gabriel zu Maria sandt. 47 Also auch will’s gott haben, was geht’s dann uns an? Gott könnte 48 wohl im regen essen und trinken herabgeben ohn alle unser arbeit, 49 aber aus der erden, mit arbeit will er es haben und nichts ohn mittel, 50 dieweil nichts ist, das nichts widerwärtigs habe. Darum, damit eigner nutz verschlagen den armen, dass des reichen wucher vermieden bleibt, ist vonnöten, dass ein jedliche monarchia sei eines und nit mehr. Als ein exempel: Es seind tausend baurn mit ihren knechten. Nun ist der schad, dass an einem ort der schnee erfreurt, 51 am andern aber nit; item der reufluft; 52 [517 v] item an dem ort erschlächt’s der hagel und was der erden sonst zusteht. An einem ort ist die völle, am andern armut worden. Nun erfordert die liebe ein ordnung, dass ein teil dem andern sein kreuz helf tragen und mitleidig sei. 53 Also auch mit den handwerkern zu verstehn ist. Dann an einem menschen liegt soviel als am andern. Ein jeglicher hat sein besondere gab, kunst, weisheit, gerechtigkeit. Wer aber mehr ist und ein fürgesetzter, desto größerer diener ist er und desto mehr soll er auch untertänig sein ohn allen neid und untreu. Und soll keiner nit anderst gedenken, denn hätt mein nächster noch mehr denn ich, also würde ein gute ordnung zu machen sein. Also ist der feldbau die erst ordnung. Den der hagel geschlagen hat, sei als den er nit geschlagen hab. Nit allein den wein betreffend, korn, habern 54 etc., sonder auch gras, hühner, viech etc., und gleich alles, was die erden an dem ort trägt, also, dass je ein teil den andern zu erfreuen hab, das ist die nötigen. 55 Nit allein sich erfreuen, als wie die leinwat 56 nit allein die erfreuet, die sie gen Leon 57 füern und gen Neapolis, 58 sonder auch den, der sie webet und spinnet. Auch zu essen und zu trinken haben, nicht der ander sich voll zu saufen habe. Also, der mehr begabt 59 mit rat der obrigkeit, dem mindern 60 aus der obrigkeit mit rat auch verhülflich sei.
[47] Lk 1,26–38. — [48] könnte] khendte L. — [49] Ex 16,4; zum Manna, dem Brot vom Himmel, vgl. weiter Ex 16,31–35; Num 11,6–9; Dtn 8,3.16; Jos 5,12; Neh 9,20; Ps 78,24; Joh 6,31.49; Offb 2,17. — [50] ohn mittel: ‚unmittelbar‘, ‚ohne weitere Anstrengung‘. — [51] erfreurt: ‚gefrieren lässt‘. — [52] reufluft] reuff lufft L: am ehesten die Luft, die den ‚Reif‘ bringt, den gefrorenen Tau. — [53] Mt 27,32 par.; Gal 6,2. — [54] habern: ‚Hafer‘. — [55] die nötigen: ‚die es notwendig haben‘. — [56] leinwat: ‚Leinwand‘. — [57] Die am Jakobsweg liegende spanische Stadt León war im Mittelalter berühmt für ihren Handel und ihr Kunsthandwerk. — [58] Neapolis: ‚Neapel‘. — [59] begabt: ‚versehen‘. — [60] dem mindern: ‚dem Niedrigeren‘.
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Und so wir also alle einander lieben, so mag der feind der uneinigkeit nit einwurzlen. Darzu soll die obrigkeit helfen, auf dass die lieb des nächsten einwurzle und nit ein jedlicher tue, was er wöll, lieb oder nicht. So sagt die geschrift: „Zwing ihn herein zu gehn.“ 61 Exemplum vom wein im feldbauen, dass ein jedlicher jauchart 62 r eben werd angesehen, was sein tragen sei durch das ganz land aus und was alle arbeit durch das ganz land aus kost, den [518 r] wein betreffend. Darnach, so der wein im fass liegt, werde er aller taxiert über den kosten, so im ganzen land aufgelaufen: über den, der wohl geraten und übel geraten ist. Mit derselbigen summa des kostens werde der wein gesetzt und mit fürstehenden gemeinen lohn wieder angefangen zu bauen. Also kommt beide, der wohlgeraten und übelgeraten, in ein summa und wird ein jeder in seiner arbeit erhalten. Der viel hat, kommt dem zu hülf, der da nichts hat. Als exempels weis: Es wär aller wein nur eins manns und der hätt hundert jauchert und kostet ihn viel hundert gülden zu bauen. Nun geraten ihm allein die dreißig jauchert. Jetzt folgt, dass er der andern siebenzig jauchert kosten auch da herein füert und die dreißig müeßen es alles gewinnen, was an dem andern ort missgeraten wäre. Und würde der missraten seine jauchert auch bezahlt, als hätt er wenig lands gehabt, aus ursachen, die dreißig werden desto teurer verkauft. Nit dass der wohlgeraten den seinigen allein teur gibt auf sein eigennutz, sonder in die liebe gegen dem nächsten treten, dass sein gewinn des beschädigten gewinn auch sei. Und also wird keiner reicher denn der ander und keiner hat kein schatz für dem andern. Also auch mit dem korn und getreid zu verstehn. Allen kosten des ganzen lands, so darauf gangen, gesummiert und das malter 63 auf denselben tax geschätzt, so wird das heurige 64 korn mit dem fernigen 65 auch verkauft. Und also mit allem anderen feldbau dermaßen zu verstehn ist. Desgleichen mit dem käs, milch, viech etc.: Nit wa sterben unter dem viech, das gute art mit dem bösen vergleichen, feist viech mit dem magern. Und auch nit allein, dass ein jeder teil also mit dem wein ein besonders, korn [518 v] ein besonders, viech ein besonders vergleichen machen, sondern alles gegen einander halten und in ein tax gelegt. Als der wein wär nit geraten, viech und korn aber wohl, da soll es nun also verglichen werden, als wär auf keinem teil schaden geschehen. Also econtra das viech etc. übel geraten, das korn und der wein wohl, darbei [61] Lk 14,23. — [62] jauchart reben G] jünger eben L | jauchart: süddeutsches und schweizerisches Feldmaß. — [63] malter: altes Getreidemaß. — [64] heurige: ‚diesjährige‘. — [65] fernigen: ‚vorjährigen‘.
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auch zu verstehn ist, den schaden zu vergleichen. Und also, was in summa im land nit wohl ist geraten, soll dem andern zustehn und im selbigen sich erquicken. Also mag nun der spruch erfüllt werden, der da sagt: „Ihr sollt nit sorgfältig sein, was ihr essen, trinken und anlegen werden.“ 66 Dann so man in der gemein einander liebet wie obsteht, so bedürft’s keiner sorg, wie dann Christus gesagt, obschon der hagel, schnee, reif, hitz etc. im himmel sein. 67 Die müeßen auf erden fallen, und viel verderben sie, aber es muss sein. So ihr aber nur einander liebeten, wie gemeldt, was dann an einem ort übel oder missrat, das fündt 68 und haben ihr an einem andern ort wieder. Also würden wir ein weg wie den andern von unserm himmlischen vatter gespeiset. 69 Aber der eigennutz hat stetigs sorg des schadens, dass also ein gemeine lieb nit geschieht. Also mit den handwerken ein andere meinung und vergleichung zu machen. Einer hat viel kinder und wenig arbeit oder zugang, 70 der ander wenig kinder oder gar keine kinder und viel zugang. Da soll die lieb und brüderschaft gehalten werden. Darum die bruderschaft unter den templen kein bruderschaft nit ist, die da die toten begraben. 71 Die recht bruderschaft aber ist, dass alle handwerker des handwerks gleich genießen. Als exempel, dass die schuster alle zu arbeiten haben, die mit zugang und die ohn zugang. Und so die schuch, die also gemacht, allen kindern, weib, mann, meister [519 r] und knecht, alle in ein haufen zusammen gerechnet werden; und auf dasselbig allen kosten und nahrung sollt zusammen gerechnet und in schuch austeilen, und die schuch demselbigen nach verkaufen oder geben. Also arbeit der reich schuchmacher dem armen. Also die lederer, gewinnen sie ein jahr hundert gülden überigs, dein nächster mag nit zehen gewinnen. Jetzo gehört dein gewinn und seine zehen gülden zusammen, so wird dir fünfundfünfzig gülden und deim nächsten auch soviel. Wiewohl auch das ist, dass dein gewinn nit soll so groß sein, sondern gebührlich und niemands übernehmen. Also erhält ein jedes handwerk sein bruderschaft unter ihm selbst etc.
[66] Mt 6,25. — [67] Ps 148,8. — [68] fündt: ‚findet‘. — [69] Mt 6,26. — [70] zugang: ‚Zulauf‘, ‚Aufträgen‘. — [71] Dies könnte ein Hinweis auf eine sog. Toten-Bruderschaft sein, wie sie beispielsweise für Konstanz im 15. und 16. Jh. bezeugt ist, vgl. Maurer 1981, 204–213. Eine solche Vereinigung Geistlicher hatte die Aufgabe, für alle, die sich der Bruderschaft anvertraut hatten, nach deren Tod Totenvigilien und Totenmessen zu halten.
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Also ist auch ein gemeine bruderschaft, so ein ganz handwerk in unfall 72 kommt, dass ihm die andern zu nutz kommen wie im feldbau. Nicht die, die toten vergraben, ist kein bruderschaft, dann die werden toten geheißen, die von toten fressen 73 und mit stangen 74 und mit kerzen prangen. Also seind in der dritten monarchia viel künsten untern gelehrten, die gott eröffnet, als die astronomia, medicina. Diese künst und arbeit ist nit zu erzählen. Dann wer kann ein guten arzet bezahlen, der dir deine verlorne gesundheit wieder bringt und dich beim leben erhält bis die letzt minuten kommt? Also die theologi und gelehrten des evangelions, die dich unterweisen das wort gottes, in dem du heilig und selig würst: Wiewohl sie nur im maul arbeiten, sollen sie einander erhalten. 75 So das evangelion nit will die nahrung geben, arzet erhalt du sie, und econtra, du theologus, tu ihm auch also, je einer dem andern fürstehe und helf. Euch [519 v] ist nit zu steuren ewig einkommen. Das ihr aber habt einkommen, es sei wellicher teil es wöll, der helf dem andern. Dann es schlächt der hagel bei euch sowohl ein als im feld. Jetzt ist der gwinn beim arzt, jetzt beim theologo und econtra beim andern der schaden, jetzt bei den pfaffen, jetzt bei den astronomi. Also halt euch ein jeder zu seiner bruderschaft und alle in gemein miteinander ein bruderschaft zusammen und nachmals die monarchei auch alle miteinander sammentlich 76 etc. Diese bruderschaft bewegt gott auch, künstler (hoch und wohl begabet in künsten etc.) zu geben. Aber im eigennutz werden verlogen leut aus euch. Ihr freiherren und obrigkeiten, euer nahrung und notdurft habt ihr von den andern dreien monarchien. Niemand aus allen dreien monarchien seind ihr schuldig, geld um etwas zu geben, das ist weder schuster noch schneider. Nehmet euer notdurft hinweg, was euch not zu euerer notdurft und obrigkeit. Dann müeßt ihr korn, fleisch, salz etc. zahlen, so mügen ihr’s einziehen, wie man einziehen muss geld, damit man zahlen muss die nahrung und notdurft. So kaufen viel, machen aufsätz, 77 bringen teurung uf treid 78 und auf brot, dass oft ein gülden oder vier kaum klecken 79 mügen, da ihr saget von eim
[72] unfall: ‚Unglück‘, ‚Misserfolg‘. — [73] von toten fressen: ‚ein Leichenmahl abhalten‘. — [74] stangen: verm. Stangen von Prozessionsfahnen. — [75] vgl. die ausführliche Textkritik bei G. — [76] sammentlich: ‚samthaft‘, ‚sämtlich‘. — [77] aufsätz: ‚Aufgeld‘, ‚Zinsen‘, ‚Aufschläge‘. — [78] treid: ‚Getreide‘. — [79] klecken: ‚sich aufteilen‘.
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pfenning, ein baur gwähr brot für geld etc. Darumben seid 80 euch selbst vor schaden an der seel, weiset auch nit mit geld euch abzufertigen, sonder mit dem, das mit geld bezahlt muss werden als mit korn, fleisch, salz, holz etc. und nit mit geld. Wieviel sänfter und seliger mögen ihr regieren, so ihr des gelds entledigt werden. Dann wo geld ist, da ist auch sorg. Das ursacht die mörder: brot, fleisch etc. 81 Tut’s nit! Vom geld werden ihr geizig, [520 r] spielerisch, sauferisch, hurisch und erscheußt 82 euer geld niemands. Ihr gebt’s nit dem land, sonder nur den huren und gleißnern, und gibt in summa nur bösen mut, schand, args und übels. Reichtum, tanzen, turnieren, banketiern 83 etc.: das alles ist nit ein tugend der obrigkeiten. Aber der weisheit genug zu tun, dasselbig ist ein tugend der gerechtigkeit, der wahrheit, 84 in diesem suchent euer triumphiern. Weiter außerhalb der vier monarchia ist noch ein nahrung von gott beschaffen, dieselbigen sein mit den vier monarchien nit fürgenommen worden, und das seind die vöglen, fischen und wilde tier jagen etc. Die speiset niemand dann gott, aber sie kommen zu uns und speisen uns auch. Darum soll diese nahrung der armen sein, so überig ist in der herrschaft und knechtschaft, dass dieselbigen lernen und künden 85 fisch fahen im wasser und vögel in und unter dem luft, wilde tier im wald und feld. Ihr obrigkeit habt euch dessen nit anzunehmen, dann ihr habt sonst zu regiern genug. Dann sankt Peter war ein fischer, aber darvon genommen. 86 Wär es ihm nützer gewesen oder nützlich, Christus hätt ihn wohl darbei gelassen mitsamt dem amt. Sankt Eustachius 87 und andere waren jäger. Wollten sie gott gefällig sein, so mussten sie davon lassen. Darum, ihr außerhalb der vier monarchien, haltent euch in gemeiner landschaft zusammen, nit die landschaft oder bruderschaft der toten, sonder der lebendigen, und je einer dem andern, keiner ihm selbst. Also gibt uns gott fried, rue, gesundheit, speis in viel und mannicherlei weis und weg, mit viel freuden in allen geschlechten von nachbauren und eheleuten, von ältern und kinderen, von fremden und anheimischen. 88 So wir aber nit also handeln, so
[80] seid euch selbst vor: ‚hütet euch vor‘. — [81] das … fleisch: ‚daraus entstehen Mörder, dass sie Brot, Fleisch brauchen‘. — [82] erscheußt: ‚es hilft‘. — [83] banketiern: ‚an einer Festtafel teilnehmen‘. — [84] Phil 4,8. — [85] künden: ‚können‘. — [86] Mt 4,18 par. — [87] Der heilige Eustachius (2. Jh.) ist einer der 14 Nothelfer. Als er als römischer Offizier noch Placidus hieß, erschien ihm nach der Legende auf der Jagd zwischen dem Geweih eines verfolgten Hirschs ein Kreuz, was zu seiner Bekehrung führte. Vgl. BBKL 1(1990),1569. — [88] anheimischen: ‚Einheimischen‘.
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seind unter uns pestilenz, teurung, hunger, krieg, zank, hader und [520 v] je eins wider das ander. Und weder sonn noch mon seind uns günstig und keins dem anderen, das viech auf der gassen hasset uns. Dann des teufels regiment ist nichts anders. Außerhalben dieser monarchien seind etlich rotten mit eingewurzelt, die außerhalben der vier ihr besondere nahrung haben, aber im weg der unseligkeit: als die kaufleut, tuchleut, zinsmacher, geldleiher, fürkaufer, 89 grümpler, merzler 90 und dergleichen viel andere mehr, die sich alle, weder herren noch als knecht, aus den andern vieren ernöhren. Und nöhren sich ungöttlich einer fremden nahrung, begriffen in den zehen gebotten gottes. Geld ausleihen, zins nehmen: zerstört den gemeinen nutz. Fürkaufung 91 macht große teurung, ist vom teufel und seiner obrigkeit. Dann es ist mit diesen leuten gleich als mit den falschen aposteln 92 gegen dem gemeinen mann. Wie sie tun und sagen ist wohl geton, der gemeine mann weißt nit anderst. Dann das seind die, aus denen der Satan sein obrigkeit setzt. Seind sie es aber nit, so werden sie es bald, dann sie künden 93 viel betrugs, arges, trugs, neu fänt. 94 Aber ihr unseligs leben betreffend, sollicher wucherern und grümplern ist nichts. Dörfent 95 ihr eines andern und fremden guts aus fremden landen, beschickt’s aus dem säckel, 96 setzent einen landsdiener, der euch das um sein lohn in andere fremde länder fertige. 97 Nicht verhängt 98 den wucherern, raubern, grümplern. Aus ihren werken kündt 99 ihr sie erkennen.100 Sie liegen und triegen, leihen auf zins, auf pfand, und das alles mit dem judenbrauch. So sie nun den jüden gleich seind, als ihr von ihnen wissent, warum behalt ihr sie unter euch? So ihr meinet, sie seien mit euch, so seind sie mit ihn selbst und achten weder gottes noch seins reichs. Sie besitzen den obristen stuhl und den obristen sitz am tisch und werden vor aller welt „herr“ geheißen.101
[89] fürkaufer: ‚Wucherer‘, ‚Spekulant‘. — [90] merzler: ‚Krämer‘. — [91] fürkaufung: ‚Hamsterkäufe‘. — [92] zu den falschen Propheten und Christussen vgl. Mt 7,15; 24,5.11; Mt 24,23 f. par.; 2Kor 11,13; 2Petr 2,1; 1Joh 4,1; Offb 16,13; 19,20; 20,10. — [93] künden: ‚können‘. — [94] fänt] fendt L: unklare Bedeutung; möglicherweise Plural von „fant“: ‚Bursche‘, ‚Geck‘, ‚Schalk‘ im Sinne eines leichtfertigen Menschen. — [95] dörfent ihr: ‚bedürft ihr‘. — [96] säckel: ‚Geldbeutel‘, ‚Kasse‘. — [97] fertige: ‚ausrichte‘, ‚erledige‘. — [98] verhängt nicht: ‚fallt nicht herein‘, ‚hängt nicht nach‘. — [99] kündt: ‚könnt‘, von „künden“. — [100] Mt 7,16.20; Offb 2,23 in Verbindung mit Mt 5,16. — [101] Mt 23,6 f.
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Lesetext – Liber de vita beata
[521 r] Von den kaufleuten ist zu wissen: So einer einem feind ist, wie kündt 102 er in ein unbrüderlichern stand und wesen kommen, darinnen doch noch soviel wittiben 103 und waisen sein? Nach dem dann der feind ist, also böse stück seind in ihnen und ist ihn kein schalkheit zu groß, kein lügen zuviel. Und alle, die so sich mit ihnen nähren, sich solliches pflegen zu gebrauchen. Sie heißen’s ein beschiss ein geschicklichkeit, das betriegen ein wohltun. Schauent, wie kann doch auf den nächsten menschen ein größerer betrug sein, denn 104 der von kaufleuten? All ihr leben ist teufelisch. Und ist kein kauf, sie verführn reich und arm darmit. Stehlen mit lüsten und höflichem betrüegen fürsten und herren, land und leut. Verfüern alle ständ und sollen sein die besten und seind den fürsten die allerliebsten und die nächsten an den seiten und haben am meisten aufsehen. Item, sie vermischen sich untern adel, damit sie nur gewaltig betriegen mügen. Und ist nit genug, dass sie allein buben 105 seind, sie müeßen mitsamt ihnen buben sein, die fürsten. Wo ist doch einer fromm? Was ist ihr pracht, was ist ihr glaub, was ist ihr ganz christenlichs leben? Nichts! Dann es ist alles betrug und ein teufelisch leben. Seind sie pfefferkrämer und handlen mit gewürz. Zu was ist es gut und wozue soll ihr stübwerk? 106 Wem ist es nutz? Welcher dreck ist der best, vom gewürz oder von bohnen? Lebt nit der baur im rübenacker so wohl als einer der gewürz isset? Darauf sag ich, dass alle kaufleut, die mit gewürz hantieren zu einem schleck in die kehlen, voller teufel und seine diener seind, durch welliche der teufel ein sollichen beschiss unters volk macht. Davon werden hauswirt, das seind hurn und buben, dieb und schälk und gar wenig fromm, darvon werden grümpler, kaufer und verkaufer, lieger 107 und betrieger. Wo sie hinkommen, damit nur sie reich werden. Da kommen nur falsch krämer her, fälscherei mit dem gewürz und [521 v] aller betrug. Wann allein der betrug nit wär von kaufleuten ins land kommen, so würden etlich schelmen nit sein, gewölbherren,108 etliche kaufherren. Also gradiern 109 sich die dieb und betrüeger. Ihr nahrung sollt mit härter arbeit sein und nicht mit sollicher bescheißerei, dern gleich alle länder voll seind. Von wannen kommt ihnen ihr gut her? Anderst
[102] kündt: ‚kann‘, von „künden“. — [103] wittiben: ‚Witwen‘. — [104] denn: ‚als‘. — [105] buben: ‚Schelmen‘, ‚Schurken‘. — [106] stübwerk: vermutlich im Sinn von ‚Staubwerk‘, ‚Puder‘, ‚Pulver‘, das als Gewürz über die Nahrung gestäubt wird. — [107] lieger: ‚Lügner‘. — [108] gewölbherren: ‚Ladenbesitzer‘. — [109] gradiern: ‚erhöhen‘, ‚einen Rang einnehmen‘.
A8. Liber de ordine doni
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nit, dann dass sie mit liegen 110 und triegen 111 und unbillichem abnehmen gewonnen haben. Darnach seind die kaufmannsknecht, factor,112 buchhalter. Nun schau, was sie für leut seind. Das best muss da sein. Sie künden nit gnug darfür fressen und saufen und alle fremden frauen und jungfrauen schänden und zu huren machen, die jugend reizen zu allen tücken und erdichten allen unrat und üppigkeit. Das alles kommt von müeßiggehenden leuten. Was ist all ihr frucht, so von ihnen kommt, nutz den armen und den glaubigen? Was ist doch redlich und tapfers an ihnen und was ist gerechts an ihnen? Sie haben allen gewalt in städten und ländern und haben’s darzu gebracht. Wellicher nit gut 113 hat, der hat auch kein ehr und taugt nit in ihr rott. Also wird nun der arm mann betrogen um den rechten gewalt und um den rechten glauben, und fällt auch auf ihr meinung und lernet auch also betriegen, damit er auch ein ansehen hab. Sein sie kaufleut mit dem tuch, so seind’s die größten schälk mit liegen und triegen. Dann möchten sie dem armen mann ein tuch aus rosshaaren für lündisch 114 oder scharlach 115 geben, es geschäch und noch mehr. Sie mügen und künden 116 nichts dann betriegen, und je geschickter der kaufmann ist, je größer ist ihr betrug etc. Demnach, so kommen die kaufleut mit der seiden. Wazu ist nun die seiden gut? Zu nichts anders, dann dass durch sie alle hoffart aufkommt und alle hurnarbeit, nähen, stricken. Und kommt darzue, dass die frommen frauen [522r] und jungfrauen wie die hurn herein gehen, also, dass die hurn und frommen nicht auseinander zu erkennen seind. Und seind sie fromm, so ist es doch nit ihr will, das weist ihr gebärd aus. Aus diesen sünden kommen alle dieb und andere als die sovoyer 117 und schotten und andere sammatkrämer, die auch nit weniger lügen treiben als die tucher. Ist dann das ein göttliches leben und ein evangelisches?118 So ist es doch umgekehrt. Darzu haben es die pfaffen und münch bracht, haben ihm zu ihrem tun geholfen und gestattet. Also es nähmt ein pfaff ein119 jahr ein paar pfenning und vergibt ihm alles, was er das ganz jahr gestohlen und betrogen hat. Ist das fromm und gerecht und ein billichs vergeben? So sei die stund verflucht, darinnen ich geboren bin zu einem menschen und nit zu einem hund, der doch seliglicher lebt etc. [110] liegen: ‚lügen‘. — [111] triegen: ‚betrügen‘. — [112] factor: ‚Verkäufer‘. — [113] gut: ‚Besitz‘, ‚Vermögen‘. — [114] lündisch: englisches Tuch, Tuch aus London. — [115] scharlach: mit Scharlach gefärbter, roter Stoff. — [116] künden: ‚können‘. — [117] sovoyer] sophoyer L: Savoyer, die Bewohner von Savoyen. — [118] evangelisches: ‚dem Evangelium gemäßes‘. — [119] ein jahr: ‚für ein Jahr lang‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
A9. Ex libro de tempore laboris et requiei Von der Zeit der Arbeit und der Ruhe [258] 1 Wir seind anfänglich zur arbeit nit beschaffen, aber durch den fluch (außerthalb des paradeis) zur arbeit verordnet. 2 Und gott hat’s uns aufgelegt durch den engel, der da sagt, „im schweiß deines angesichts wirst du essen dein brot“ etc., 3 das ist gewinnen, das ist für und für der arbeit dich erhalten mit täglichem jammer und elend. Nachfolget hat gott Moisi kund getan in gebung der zehn gebott, 4 dass ein tag da sei der ruhe, das ist der siebente tag in der wochen. 5 Itzt ist uns ein ruhetag gebotten worden. Dann gott hat seinen ruhetag betracht 6 und auch wohl gewusst durch seine göttliche fürsichtigkeit, 7 ob wir schon den siebten tag, das im jahr 52 tage hinnimmt, feiren, 8 dass in den ander sechs tagen in der wochen, das ist im jahr 312 genugsam arbeittage seind, die nahrung zu gewinnen, dass weder ihm noch dem viech kein abgang 9 ist. Mit diesem tage hat gott seinen zorn gemildert dem menschen und dass auch das viech solches geneust,10 damit wir seine barmherzigkeit sollen erkennen in seinem zorn. Sunst müssen wir ohn unterlass im schweiß unsers angesichts arbeiten. Wiewohl nu solches zu gebieten nit vonnöten ist, dann müßiggohn liebet allewege, dass nu ein gebott draus worden, ist die ursach, dass die herren und meister ihren knechten und dienstmägden und viech so hart arbeit und joch aufgeladen, dass sie’s nit haben mügen erzeugen ohne abbruch ihres lebens. Und ist doch soviel arbeit nit not gewest und doch kein benügen 11 da beschehen. Darauf hat nu gott das gebott geben, ihm zur gedächtnus seines ruhetages zu ruhen und feiren, damit dieweil die frücht desto mannigfaltiger im felde wachsen und sich mehren. Der das nicht betrachtet, [259] sondern meint, seine arbeit etc. tue es alles, der vertrauet gott nit, der aus liebe uns den ruhetag erzeiget,
[1] G: G 258–267; B: Bk 48–63; GE 2,73–82. — [2] Durch die Vertreibung aus dem Paradies wurde der Mensch zur Arbeit gezwungen, vgl. Gen 3,17–19.23 f. — [3] Gen 3,19. Nicht der Engel spricht hier zu Adam, wie Paracelsus meint, sondern Gott. — [4] zu den zehn Geboten vgl. Ex 20,1–17; Dtn 5,6–21. — [5] Ex 20,8–11; zum Heiligen des Sabbats vgl. weiter Ex 31,13–16; 35,2; Lev 23,3; Dtn 5,12.14; Jes 56,2. — [6] Gen 2,2 f. Gott hat bereits bei der Schöpfung einen Ruhetag geplant. — [7] fürsichtigkeit: ‚Vorsorglichkeit‘, ‚Vorsehung‘. — [8] feiren: ‚feiern‘. — [9] abgang: ‚Notleiden‘, ‚Schaden‘. — [10] Ex 20,10. — [11] benügen: ‚Begnügen‘, ‚Zufriedenheit‘.
A9. Ex libro de tempore laboris et requiei
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dass die erden und element 12 dieweil für den menschen arbeiten. Der nun an diesem tage arbeitet, entzweder 13 er vertrauet gott nit oder der geiz zum reichtum treibet ihn dahin und der neid, und kummt aus einer schellicher 14 natur, da nichts gutes innen ist. Dahin ist das volk auch kommen, dass es gottes vergessen hat und allein in sorgen stets gelegen. Und also auf ihr werke gebauet, als könnte gott nichts für uns tuen, der seinen sohn für uns gegeben; 15 und sollte das nit vermögen, so wir feiren in seinem geheiße. Hat er’s gebotten, so muss er’s je uns diesen tag ohne schaden halten. Er sagt, „du sollt nit stehlen“.16 Ergo können wir uns ohne stehlen wohl ernähren, dann gott hilft uns auch arbeiten. Item, er sagt, „du sollt nit fremdes gut begehren“.17 Das ist aber ein zeichen, dass wir eigen güter haben und haben sollen, nit fremdes. Ergo, so hält uns gott diesen tag ohne schaden, aber in brechung dieses gebottes kann man wohl spüeren deinen geiz. Darfst du das tuen, so darfst du die andern gebott auch wohl brechen, „du sollt nit stehlen“, item, „nit fremdes gut begehren“ etc., dann sie hangen alle aneinander. Der eins bricht von guts wegen, übergibt gott auf seine treue, der wird auch geplagt, dass ihn gott lässt fallen in brechen der andern zwei gebotten. Müßiggehen gibt viel schalkheit und arges, aber hie ist nit gebotten, auf diesen tag müßiggohn. Es ist gebotten ein ruhetag von aller arbeit, aber dies ruhen heißt heiligen. Dies ist nue ein andere arbeit anstatt der leiblichen. Heiligen, das ist zu gott auf den tag handlen und wandlen. Aber in arbeiten ist nit müglich an gott recht gedenken, dann soviel fallen in der arbeit hindernus zu, ander und anderst, dass er sich nit mag erinnern, was er sei, will geschweigen, wer gott sei, wie er gegen uns gesinnet als ein handwerksmann, bauer etc. Derenhalben verzeucht 18 uns gott die sechs tage, wann wir nur treulich arbeiten. Ob wir uns schon nit dermaßen gegen ihm erinnern mügen, so ist er schon mit uns zufrieden. Diesen tag sollen wir wuchern 19 gegen gott, in tempel gottes gedenken, an unsere eltern von einem zum andern, wie’s ergangen ist bis auf die zeit. Sein wunderwerk, sein [260] lehr, sein gebott da erzählen, nit ein stund oder zwo, nit ein morgen oder vesper 20 allein, son[12] element: die vier Elemente der antiken Philosophie, Feuer, Wasser, Erde und Luft. — [13] entzweder: ‚entweder‘. — [14] schellich, schellig: ‚aufgebracht‘, ‚wütend‘, ‚zornig‘. — [15] Joh 3,16; Röm 8,32. — [16] Ex 20,15; Dtn 5,19. — [17] Ex 20,17; Dtn 5,21. — [18] verzeucht: ‚verzeiht‘. — [19] wuchern: ‚Frucht bringen‘, ‚Zins bringen‘. — [20] vesper: kirchliches Abendgebet, aber auch eine Zwischenmahlzeit oder Abendessen.
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Lesetext – Liber de vita beata
dern von der sonnen aufgang bis in den niedergang, 21 vom aufgang der augen bis in den niedergang der augen. Nit nach unsern streitigen köpfen leben, darinne nichts ist dann laster und sünde. Nun aber säet allhie diabolus ein unseligen samen ein in den menschen, 22 der da sagt, „warte, bis dir eine bratene taube ins maul fleugt, schau, ob gott ein ross aus dem graben für dich bringe“ etc. 23 Nun sein wir nit von bratenen tauben wegen beschaffen etc., dann nit allein im brot lebet der mensch, sondern in einem jeden wort etc. 24 Ist das wahr, was wird dann versaumt? Sein wir doch nit von essen und trinken wegen beschaffen, sondern von’s himmelreichs wegen. So gott einen ein ganz jahr feiren hieße, wie würde der gespeiset? Nämlich er suchet das reich gottes. 25 Alsdann wird er gespeiset aus dem wort gottes, so ausgehet aus seinem mund, 26 dann unser arbeiten hilft uns nit gen himmel. So muss je nur das sein, so auf den sonntag zu lernen und zu tuen gebotten ist, das ist heiligen den tag. Dann das wir da lernen, sollen wir dieselbige woche tuen. Aber ross in graben fällen 27 gibt weder korn noch wein. Ist’s dir ein abgang in deiner nahrung? Nun issest doch kein ross nit. Ist’s ein ochs und du musst fasten darnach, warum hebest ihn nit heraus? 28 Es ist nit gebotten, die not nit zu wenden, so ist’s auch kein arbeit, in solcher gestalt die not zu wenden. Drum sollen wir das ross herausheben; gott hat nit gesagt, dass er’s wölle für uns herausheben. Ein ross in graben fällen ist unser verwahrlosung schuld, nit gottes. Darum, zünden wir ein haus an, so schauen wir, dass wir’s leschen, aber was von den elementen an uns kommt, in dem sorget gott unser vatter. Der nu gott ist, kann aus den elementen allerlei herfürbringen, der kann uns auch den feiertag wohl erstatten und die frücht mehren. Der das nit kann, kann auch keinen sabbat gebieten, dann er brächte das volk in gebresten. 29 Drum ist das der rechte gott über alle götter, der mit gewalt den feiertag haben will, damit alle andere neue sekten sehen, [261] dass er uns allein erhält; und der uns lässt schlafen ohn abbruch unser nahrung und wächst 30 uns in der nacht, darinne wir ruhen, nichts dester minder unser nahrung. Also sichst du, dass im jahr mit den sabbattagen und schlafnächten eine große summa abgehet. Wo ist [21] Ps 50,1; 75,7; 113,3; Sach 8,7; Mal 1,11. — [22] Mt 13,24–30.36–40. — [23] schau … bringe: ‚Schau, ob Gott das Wunder vollbringen kann, dir ein in den Graben gefallenes Pferd wieder herauszuholen.‘ Vgl. Mt 12,11; Lk 14,5. — [24] Mt 4,4 par. — [25] Mt 6,33 par. — [26] Mt 4,4. — [27] fällen: ‚fallen lassen‘. — [28] Mt 12,11; Lk 14,5. — [29] gebresten: ‚Krankheiten‘, ‚Mangel‘. — [30] wächst] wagst G: ‚wachsen lässt‘.
A9. Ex libro de tempore laboris et requiei
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demnach da ein abgang der nahrung? Drum der gott des schlafs ist auch der gott und herr des sabbats. Darum wir nit sorgen sollen auf früe aufstehen, spat 31 niedergehen, 32 dass die arbeit nit versaumet werde etc. Diese ding suchen die nit erwählten heiden. So du nu durch ein arbeit zu feiren hast eine längere zeit, als das gebott innehalt ohn faulkeit, wollust etc. ausrichten, sondern gedenke, das werk der händen in das werk des herzen zu verwandeln. Als du findest mit einer hauen ein stück goldes, das trüge soviel aus, dass du dein leben lang genung dran hättest und keiner arbeit mehr notdurftig, so hast du die ern 33 deiner nahrung geschnitten. So nimm für dich zween punkt: Erstens, dass du das gold deinen nächsten mitteilest in seinen nöten wie sonst und soweit das gold reichet. Kommt es also von dir, so arbeite mehr wie vor und bleib in deiner arbeit, du findest oder nit. Zweitens, so du aber nit soviel arme leute um dich findest oder gar nit, das schwerlich geschehen kann (dann Christus spricht, „ihr werdent allemal arme leute bein euch han“). 34 So du es nu nit gar ausgebest und doch deinen nächsten treu gewesen wärest, so lass von der handarbeit deiner nahrung, dann dein gold trägt dir’s aus. Nimm ein ander arbeit für dich und du vergleichest ihn mit dem gold, dann also erschießen 35 ihr beide wohl aneinander. Drauf folget dein ruhezeit: Das ist, verwandel dein handarbeit in ein herzarbeit. Du feirest mit den händen, aber dieser feiertag ist ein werktag in dem herzen, das ist, was dein herz arbeit am siebenten tage, sollt du alle tage tuen und alle tage ein sabbat sein. Also wird bein 36 uns kein müßiggehen sein mit hand und mit herzen. Und ein solcher soll dem gemeinen mann, so da arbeitet, nit unterworfen sein, dann also will ihn gott haben, drum hat er ihn begabet. So er aber würd in laster fallen und missbrauchen sein gut mit lastern, itzt ist ihm der [262] sabbat zur verdammnus, dann die hand gottes zeucht von ihm ab. Wär besser, er arbeitet tag und nacht. Drum der mensch vermag weder einen noch keinen tag zu gebieten noch erstatten. Er vermag nit ein haar hinzu oder darvon zu tuen, dann wie es gott macht. Er saget „fiat“: 37 Hie mügen wir nit ein gräslein 38 minder oder mehr machen wachsen, dann wie es gott gesetze. Also do auch mügen wir nichts gebieten, dann wir mügen nichts erstatten. Wann der mensch nur eine stunde feier gebeut, so ist derselbigen stunde arbeit ein abgange. Wie wollt er dann mehr zeit gebieten, der [31] spat: ‚spät‘. — [32] Ps 127,2. — [33] ern: ‚Ernte‘. — [34] Mt 26,11 par. — [35] erschießen: ‚gedeihen‘, ‚helfen‘. — [36] bein: ‚bei‘. — [37] fiat: ‚es werde‘; vgl. Gen 1,3.6. — [38] gräslein] greßlen G.
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Lesetext – Liber de vita beata
eine stunde nit vertreten kann? So aber gott ein monat oder jahr gebüet 39 feier, so hätten wir keinen abgang. Drum will er kein menschengott haben, keinen, der die menschen anders regiert, dann wie er gelernt hat. Die ehre, lob und preis will gott ihm selbst haben und behalten. Wiewohl das ist, dass der mensch feiertage macht, aber nit ruheoder sabbattage: sie seind gedächtnustage, nit zu ruhen geordnet, aber zu feiren. Und wie am sabbat sollen die werk gottes und seine lehre erzählt werden und gelernet, also auf den soll dieselbige gedächtnus fürgehalten werden, damit’s nit in vergessenheit komme. Solches gebott langet nit weiter dann denen, so ihre arbeit nit versaumen. Drauf ist hoch zu betrachten, dass ein jeder mensch wohl mag mit seiner arbeit gewinnen im ganzen jahr, so wir eim andern fürstrecken, 40 als uns gebührt gegen dem nächsten, dass er dieselben feste feire und halte. Dann alle element aus gottes güte geben so viel überflüssigs, dass nit not ist zur notdurft soviel arbeit, das ist sechs tage in der wochen. So nur wir so brüderlich uns hielten untereinander, so würden vier tag arbeit genung sein. Dann wie mancher gewinnt in einem jahr tausend gülden, etliche mehr und minder, nit viel so nit übrigs gewinnen. So die brüderliche teilung anginge, so hätten wir alle genung. Drum beschicht dieser überschuss nicht, dass wir drum für und für arbeiten die sechs tage und große schätze sammlen und güeter, 41 allein unser notdurft zu erlangen [263] seind sechs tage gebotten. Dieweil aber über die notdurft uns reichtum zuefallen, mügen wir der feiren gedächtnus wohl halten, so es andere göttliche gedächtnus sein, als im alten testament vielfach eröffnet, im neuen dergleichen auch vielmal gedächtnus fürgehalten. Drum sein sie nit abzuwerfen und von ihnen auf arbeit zu weisen, dann wir erzürnen gott nit darin, wiewohl der geizige nur auf arbeit weist, dass ihm nichts abgang im kosten. Aber gott will’s nit haben nach des geizigen willen. Was nit wider gott ist, das ist mit gott. 42 Beweist uns gott ein guttat, sollen wir derselbigen gedächtnus halten. Und wiewohl er’s uns alle tage beweiset, dürfen wir drum nit alle tage feiren. Als so einem gott ein kind gibt, derselbige jahrtag ist wohl zu feiren, zu loben die stund und tag, nit darum den ganzen tag, sondern auch genung an der stund; und
[39] gebüet: ‚geböte‘, ‚verordnete‘. — [40] fürstrecken: ‚vorstrecken‘, ‚zur Aushilfe darleihen‘, ‚unterstützen‘. — [41] Anklang an Mt 6,19 f. — [42] Mk 9,40 par.; Röm 8,31.
A9. Ex libro de tempore laboris et requiei
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das nit aus gebott, aus gewohnheit etc., sondern von ihm selbst. Oder in eim augenblick gedenk: „Gott und herr, auf den minuten ist’s ein jahr, dass du mir den sun 43 gabest, habe lob“ etc. Item, so einer wissentlich aus einer not als 44 krankheit, gefängnus etc. erledigt 45 wird von gott, der soll sein erledigentag 46 feiren und da sein herz zu gott setzen gedächtnus halben, nit genungtuung halben. Beschicht’s nit, so stand’s bei seinem herzen gegen gott, dann dankbarkeit soll alle tage geschehen, aber feiren nit alle tage, dann die zwei seind unterschiedlich. Gott danken, da ist keine stunde ausgenommen. Feiren ist ein gleichnus der stunde und des tages, dass gott mehr als ein sunder 47 wunderwerk etc. auf die stunde getan dann 48 auf ander stunden. Dieselbige stunden oder tag vermag gott wohl zu erstatten, so man ihm zu ehren feiret, dann was nit wider gott ist, ist mit gott. Also hätten ihm die aussätzigen, blinden, besessenen mügen tuen alle jahr liberationis 49 suae tempore etc. 50 Ob gott nu wohl nur einen tag ihm erwählt in der wochen, so ist’s doch nit wider ihn, obgleich mehr tage würden sein, so nit von gott sein, sondern von uns. Ein jeder für sich selbst, was [264] ihn antrifft, oder alle, das alle antrifft, dann durch die arbeit der herzen erlangen wir den himmel. Und dieweil uns allemal überbleibet an unserer arbeit und mehr hinter uns lassen, dann wir bedurft haben, darum ist viel arbeit nit allemal notdurft, mag wohl in ein herzarbeit verwandelt werden. Also auch bedürfen wir wohl zu betrachten in vita beata die geburt Christi. Da dörfen wir wohl eines tages oder mehr, dieselbige wohl zu memoriern 51 und in verstand zu bringen, damit wir unsers erlösers herkommen verstanden. So wir eine stunde oder zwo darvon hören unsern prälaten, 52 noch ist der feiertag nit aus, dann es lauft dir zu einem ohr ein zum andern wieder aus. Drum ist not dir zu ruminieren, 53 wie ein ochs sein speis, die er gessen hat, das ist, nach dem essen legt er sich zu ruhe, tut seine augen zu, steiget ihm alles wieder auf, isset’s noch einmal. Also du auch, hast’s gehört, eine stunde oder drei, lege dich in die ruhe deiner zell deines tempels. Dein herz muss ruminieren und wieder aufsteigen lassen, wiederkäuen etc. Die hände gedenken auf
[43] sun: ‚Sohn‘. — [44] als: ‚wie zum Beispiel‘. — [45] erledigt: ‚befreit‘, ‚erlöst‘. — [46] erledigentag B] erleydentag G: ‚Gedenktag der Erlösung‘. — [47] sunder] sünder G: ‚besonderes‘. — [48] dann: ‚als‘. — [49] liberationis suae temporae: ‚zur Zeit ihrer Heilung‘. — [50] Die Aussätzigen usw. hätten Gott jedes Jahr zur Zeit der Wiederkehr ihrer Heilung danken und ein Fest feiern müssen. — [51] memoriern] überschrieben von gleicher Hand mit ruminirn. — [52] prälaten: Würdenträger der Kirche. — [53] ruminieren: ‚wiederkäuen‘, ‚wiederholen‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
geiz, lassen das herze nit ruminieren. Gedächst du, oh mensch, dass du nit allein vom brot lebetest, sondern vom wort gottes, 54 du würdest deine hände nit alle tage zum brot richten. Die natur ist leichtlich zu finden, du würdest im wort gottes leben die mehrer 55 zeit. So du betrachtest, dass aus dem munde gottes auch eine nahrung ginge, du würdest das fest der geburt Christi nit mit einer stunde ausrichten, sonder wohl ruminieren. Und wiewohl es nit ein ruhetag, so ist’s doch ein feiertag zu lernen, hören, erneuren 56 die geburt Christi unsers gottes. Wie viel seind mit kleiner speis erhalten worden als Johannes baptista! 57 Drum liegt’s mehr am guten herzen dann an händen. Also die lehr Christi, die er auf erden geredt, wie kann’s in der arbeit genug gelernet werden und ihr nachgedacht? Drum will’s ein besundern menschen haben, bis dass wir’s im sinn behalten. So nun die kirche einen feiertag fürnimmt 58 und ansicht die lehr Christi zu verkünden etc., dass doch der arbeit nit gehindert werde, als solche tage viel sein mügen. So sie nur eine stund oder zwo verkündt wird, so [265] bedarf’s wohl, dass die übrigen stunden zu ruminieren gebraucht werden und wohl eingebildt ins herze, dass es nit mehr ausfalle. Dann der eine stunde eine rede höret und lauft gleich darvon zun andern geschäften, ist nit müglich, dass er den andern tag davon wisse, allein ein übergang darvon mit kalter liebe. Drum muss es wohl ingehen bis in mitten des herzens, auf dass du morgens wissest, wo du nichten ruminiert hast. Sorgest 59 du zu arbeit, so musst du arbeiten. Sorgest du zum seligen, so wird’s dir alles gegeben. 60 Lass dir stets ingedenk sein, dass dich nit allein die arbeit nähret, sondern auch das wort gottes. 61 So können wir auch nit zugleich zweien herren dienen, dem mammon und gott. 62 Hat ein iglicher schüler, was er zu morgens lektion fürnimmt und hört, denselbigen tag dann zu lernen, damit er’s behalt. Ist das in der buchstabenschule, wie viel mehr an dem ort, da kein buchstab ist. Allein der geist gottes, der darf nachsinnens, es wäre dann sach, dass du erleucht würdest so hoch als Paulus, 63 das doch sorglich 64 ist bei solchen vielfaltigen köpfen.
[54] Mt 4,4 par. — [55] mehrer: ‚meiste‘. — [56] erneuren: ‚erneuren‘. — [57] Mt 3,4 par. — [58] fürnimmt: ‚sich vornimmt‘. — [59] sorgest du: ‚sorgst du dich‘. — [60] Mt 6,33 par. — [61] Mt 4,4 par. — [62] Mt 6,24 par. — [63] Paulus, der von Beruf Zeltmacher war (Apg 18,3), deutet an, dass er in den dritten Himmel und das Paradies entrückt worden war (2Kor 12,2–4). — [64] sorglich: ‚Sorge erregend‘, ‚bedenklich‘.
A9. Ex libro de tempore laboris et requiei
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Zuletzten folget das leiden, sterben und tod, auferstehen Christi. 65 Sein das nit großer punkten drei, seins nit zu ruminieren billich? 66 Freilich ja. Muss es nu ohne arbeit geschehen, so muss man je ein feier machen, dann wann wir je bei der arbeit so viel erlernen sollten als ohne arbeit, so hätte gott den sabbat nit gesetzet und hätte gesagt, ein tag ist wie der ander, alle tage haltent den siebenten tag. Aber die zahl ist ausgedrückt, so ist billich die drei ober 67 punkten etc. zu hören und wissen als wohl als den sabbat und noch mehr als den sabbat, wie dann auch die jünger Christi und apostel nit eine stunde, sondern für und für sein wort gehört haben. Item, er sagt, „verkündent das evangelium“; 68 item, wo das verkündt wird, so sagent, dass das geschehen sei zu seiner gedächtnus. 69 Verkünden muss hören han, hören und arbeit kann nit beieinander sein. Wann man wohl geruminiert, als dann an die arbeit wieder gangen, da empfindt man ersten den nutz und gereuet einen nit. Der aber auf geiz trachtet, seine kinder reich zu machen, der mag die wort gottes [266] nit hören, viel weniger ruminieren, dann der teufel hindert’s; aber von der arbeit in andern feiern, das ist im müßiggang spielen, saufen etc., da fürdert 70 er dann. Was die ganze wochen gewonnen, das zeucht der geizige zun ihm am selbigen feiertage. Einen iglichen feiertag in gott, den feier in seiner histori 71 und lehr; dieselbige in hören und ruminieren zu bringen, ist ein seligen tag. Dann was haben wir mehr in vita beata als Christum unsern herren? So wir von ihm nichts wissen, was ist uns zukünftig, als dass sein leiden und sterben an uns verloren ist? Dann er ist nit für den gestorben, der seine arbeit zun schatz leget, sondern für den, der sein wort fasset und behält. Der das nit höret, der kann’s nit behalten. 72 So er’s nit behalten und fassen kann und hat’s nit gehört, was soll ihm Christus beistohn? Dienet er in dem mammon, 73 so versorget er ihn. Was hat er nun an Christo etc.? Christum sehen wir nimmer bis auf sein zukunft ans gericht. 74 Dieweil aber haben wir sein wort; und wo sein wort ist, da ist er auch. So es nu an seinem worte liegt, so muss es gehört werden. Ein
[65] zum Leiden und Auferstehen Christi vgl. Lk 24,26.46; Apg 3,18; 17,3; 26,23; 2Kor 1,5; 1Petr 4,1. — [66] billich: ‚angemessen‘, ‚empfehlenswert‘. — [67] ober: ‚obigen‘. — [68] zum Missionsbefehl Jesu vgl. Mt 10,5–42; 28,18–20; Mk 16,15–18; Lk 9,60; 24,47 f.; Joh 20,21 f.; Apg 1,8 f. — [69] Mt 26,13 par.; 2Tim 2,8. — [70] fürdert: ‚fördert‘. — [71] histori: ‚Geschichte‘, ‚Bericht‘, hier ‚Ablauf‘. — [72] Mt 19,12. — [73] Mt 6,24 par. — [74] Mt 23,39 par.; Joh 14,19; 16,10.16.
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Lesetext – Liber de vita beata
wort ist bald gehört, hat eine kleine zeit, aber schwer kummt es in den boden des herzens. Drum muss das hören sein allein ein guter grund, gericht 75 zu ruminieren; und das geruminiert, wieder dass es bleibe. Darauf gehört die gleichnus vom säemann und ausstreuung des samens. 76 Dann das in den guten acker fället, ist der, der das wort gottes in seinem herzen ruminieret, verstehet und erkennt. 77 Die andern aber lassent’s an der stunde bleiben, darin sie’s hören. Darnach gehen sie weg, da fällt’s von ihnen, dann es ist in den acker, das ist in den grund des herzens, nit kommen. Drum soll ein jeder sein handel darnach angreifen, auf dass dieses wort gottes ruminiert werde, wie er dazu kommen mag. Bist du so erleucht, dass es in der arbeit geschicht, so ist’s gut darneben arbeiten. Wo nit, lege dich in einen winkel, tue die augen zu, ruminier’s wie ein ochs sein gras. Der mornige tag wird seine sorge auch tragen. 78 Wär arbeit so ein seliges ding, das ist für und für arbeiten, so hätten die apostel viel versaumt. Aber wisse, dass das wort gottes, in dem [267] wir auch leben, sein eigen werktage hat, dass gott auch sein eigen werktage. Also arbeiten wir für und für ohne aufhören, da ist kein müßiggang zum laster etc. Also haben uns zum beispiel die apostel gewerkt den werktag des worts Christi. Dass aber David sagt, „selig ist, der die arbeit seiner händ isset“ etc., 79 ist so viel quod 80 dicat, selig ist der, der niemands betreuget, 81 nit stiehlt, nit fremdes gut begehrt etc. Item dicit, 82 „deine hausfrau wie ein weinstock“, das ist, „wird dir gewinnen und die kinder wie die jungen ölzweig“ etc., 83 quod dicat, mit deiner hausfrau sollt du haushalten, nit mit huren, dein arbeit der ehefrauen geben, nit der huren. Das ist auf die arbeiter geredt. Was gehet dieser spruch die an, so im worte gottes arbeiten? Dieselbigen essen von ihres gleicher arbeit, das ist vom worte gottes; deren frauen gewinnen nichts, die kinder stehent nit um den tisch etc., 84 sonder sie verlassen den um Christi willen; und die arbeiten auf Christi rede, „nit allein im brot“ etc., 85 die andern aber auf Davids rede. 86 Also seind zwo nahrung, die der mensch haben muss: Er teilet den werktag zur handarbeit, dass er auch den werktag des worts gotts haben möge; und teilet den werktag des worts gottes, dass er den werktag
[75] gericht: ‚darauf ausgerichtet‘. — [76] Mt 13,3–8.24–30.36–42. — [77] Mt 13,23. — [78] Mt 6,34. — [79] Ps 128,2. Für Paracelsus ist David der Psalmist. — [80] quod dicat: ‚als mag er sagen‘. — [81] betreuget: ‚betrügt‘. — [82] dicit: ‚sagt er‘. — [83] Ps 128,3. — [84] Ps 128,3. — [85] Mt 4,4 par., vgl. Dtn 8,3. — [86] Ps 128,2 f.
A9. Ex libro de tempore laboris et requiei
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des lebens auch haben müge und dass er zu beiden seiten nichts versaume als im wort aus dem mund gottes. 87 Drum schicke sich ein jeder dermaßen, dass der wille gottes hie auf erden bein ihm erfunden werde und nach diesem leben gestellet werde zu den heiligen, die solche maß seliglichen gebraucht haben.
[87] Dtn 8,3; Mt 4,4.
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A10. Liber de nupta, de alienis rebus non concupiscendis Von der Angetrauten und von dem, das man nicht begehren soll [149r]1 Dieweil nun das liecht der natur allein sich selbs erklärt, das ist, sich selbs lernt,2 natürliche ding ze füern und zu regiern, zu erkennen und zu gebrauchen, darum aber, so nun der mensch das weißt, so ist es noch nit ganz, auch nit vollkommen, sonder bedarf noch weiter, dass er dermaßen handle, dass gott gefällig sei zu dem seligen und ewigen leben. Aus dem folgt nun über das, dass noch ein ander liecht ist, das uns lernt zu dem ewigen zu kommen, das ist, lernt uns, alle ding der natur und so uns eingeben seind, nach dem willen gottes zu vollfertigen. 3 Dann wir menschen uf erden mechten4 nit wissen, in was weg wir sollten wandlen, dass wir unsern gott und herrn nit erzürnten, sonder wir täten ihm, als er von uns begehrte. Noch ist dasselbig leben nit ganz und noch unvollkommen. Dann so wir nit hätten von dem ewigen liecht den verstand, so mechten wir doch nit wahrhaftig wissen, was eim sünd oder nit wäre.5 Darum aber, dass wir nach dem ewigen leben hie uf erden leben und dass der will uf erden gleich so wohl als im himmel geschäh,6 darum hat er uns durch sein lehr und gebott sein willen fürgehalten.7 Daruf nun wir [149v] mügen ermessen und sehent, wie wir sollen wandlen und leben uf erden. Dann wie wollten wir von uns selbs wissen ohn anzeigung und lernung von gott, das die ehe sein sollte? Sonder wir würden nach dem liecht der natur leben und die ding in der gemein halten, das wider gott wäre. Wir würden auch der frauen in ander ordnung begehrn und füern und in ander weis und maßen die ehe machen. Das aber gott nit würde gefällig sein. Darumben so hat er uns die gebott fürgelegt, also in dem weg halten das und nit anderst: „Ich bin eur gott und herr.“8 Also seind auch zwei gebott von gott geben worden. Das ein laut, „du sollts eins andern gemahels9 nit begehrn“, das ander, „du sollt eins
[1] H: H 1 149 r–164 v; G: GE 2,305–325. — [2] lernt: ‚lehrt‘. — [3] Dem in seinen naturphilosophischen Werken zentralen Begriff des Lichts der Natur als Evidenz der Naturgeheimnisse (vgl. u. a. Gantenbein 2004; Goldammer 1953, 1991; Haas 1993) setzt Paracelsus das Licht des heiligen Geistes entgegen, das die göttliche Weisheit lehrt. Den Unterschied der beiden Lichter erläutert Paracelsus ausführlich in der «Astronomia magna», SW 12,14–31. — [4] mechten: ‚möchten‘. — [5] was … wäre: ‚was für uns eine Sünde wäre und was nicht‘. — [6] Mt 6,10 par. — [7] fürgehalten: ‚aufgezeigt‘. — [8] Ex 20,2; Dtn 5,6. Dies ist die einleitende Formel zu den zehn Geboten. — [9] gemahels: ‚Gemahls‘.
A10. Liber de nupta, de alienis rebus non concupiscendis
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andern guets nit begehrn“.10 So uns nu gott das gebott nit fürgeworfen hätt und geben, was wüssten wir vom gemahel? Die frauen würden alle gemein sein und wüssten von der ordnung gar nit. Dergleichen, so er uns das gebott nit hätt geben, „du sollt keins andern gut begehrn“, so mechten wir nit wissen, dass ein jeglicher mensch etwas eigens uf erden han soll, dodurch er sich ernähre und arbeite, welches eigens ihm kein ander nehmen soll. Sollich articul11 der gebott gottes sollen vor allen dingen im seligen leben vortreten und ein spiegel sein in unserm herzen, dieselbig ohn [150r] end uf erden zu füern, das ist ohn ufhören. Dann da mag ein jeglicher wohl ermessen, wie gott uns will einig uf erden hon und dass wir brüderlich gegeneinander uns halten. Ein jeglicher hab sein eigen gemahl und12 dass dieselbig ihm bleibt und nit genommen werd. Dann gott hat die tyrannen in göttlicher fürsichtigkeit13 wohl erkennt vom ersten bis zum letzten. Darum so hat er das gebott geben, uf dass dem andern sein gmahel bleibt, anderwärt14 vermieden wird. Dergleichen auch die welt geben dem menschen, dass die menschen alle sich von derselbigen erhalten durch ihr arbeit,15 ein jeglicher sein erb und teil, wie es an ihn langt. Darum zu wissen ist, dass die welt nit eins allein ist, sonder aller menschen, darnach und ihr viel oder wenig seind ausgeteilt, uf dass ein jeglicher habe ein stuck von ihr, dass er sich müge erhalten. So nun die gebott nit wärent, so würden die klugen der welt vermeinen, ein jegliche frau wär ihr allein, ein jeglichs gut der erden wär ihr. Damit würden all ander menschen knecht sein und allein sie herrn. Aber damit ist es beschlossen: Es ist kein herr, ist auch kein knecht.16 Das ist, der ehe halben auszuteiln, ist ein jeglicher wie der ander und alle der arbeit unterworfen, uns damit zu ernährn, je eim als viel als dem andern. So wissen nun von dem ersten gebott unter denen zweien: [150 v] „Du sollt keins andern gemahels begehrn.“ 17 Das gebott zeigt nun an, dass ein jeglicher mann darum geborn wurd, dass er habe ein frauen und sich ehlich halt und kinder gebär in reinigkeit und im weg gottes, das ist nach seiner ordnung. Dergleichen wird hie verstanden, dass auch ein jegliche frau darum geborn wurd, dass sie soll han ein mann, damit sie nit allein sei, sonder hab den, der ihr verordnet ist von gott; und er habe die, so ihm von gott verordnet ist. Und also will gott, dass ein jegliche habe ihren mann und jeglicher sein weib, das ist die ord[10] Ex 20,17; Dtn 5,21. — [11] articul: ‚Artikel‘. — [12] und dass: ‚und zwar damit‘. — [13] fürsichtigkeit: Vorsehung in Bezug auf Zukünftiges. — [14] anderwärt] annder wert H: ‚anderwärtiges‘, ‚anderes‘. — [15] Gen 1,28; 2,15; 3,17–19. — [16] Mt 20,26–28. — [17] Ex 20,17; Dtn 5,21.
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nung des seligen lebens. Daruf folgt nun, dass von der geburt einem jeglichen sein weib angeborn wurd, desgleichen jeder ihr mann angeborn wird. So sie nun zu ihren tagen kommen, dass sie zusammen gefüegt werden im namen des herrn, jetz seind sie beieinander, wie sie gott zusammenfüegt. Welche zuesammenfüegung dem menschen nit wissen ist, welche, noch ihr welcher, bis sich die stund eröffnet und erzeigt. So wissen nun hieruf, dass ein jeglichs maidlein 18 eigen ist und vergeben in muetterleib, also auch ein jeglicher knab eigen ist und verheurat seim weib in muetterleib.19 Das ist die göttliche fürsichtigkeit. Darum so folgt nun das gebott von gott, „du sollt keins andern gemahels begehrn“ noch nehmen. Das ist, du sollt ein jeglichen lassen dasjenig, so ihm angeborn ist, zugeeignet [151 r] in muetterleib und ihn dieselbig lassen; und durch menschliche vernunft kein anderst daraus machen, als allein eim jeglichen sein weib lassen; und dass du dich auch behelfest an deren, so dir die stund auch geben hat, das ist deren, die dir zugeborn ist, derselbig benüegt 20 zu sein. Nun wird jetzt hierin begriffen, dieweil ein jeglicher seins weibs soll allein sein und sie ihrs manns, dass keiner mag mehr haben dann sein angeborne, auch keine mehr mann, dann seinen angebornen. Also ist nun die ordnung gottes nach seinem willen. Dagegen ist nun die brechung der ordnung, dass keiner soll dem andern sein gemahel nehmen, das ist zu einem weib. Das ist, es wärent tausend maidlin, tausend knaben etc., groß und klein durcheinander, so jeglichem eine geben. Dann es wächst einer jeglichen und eim jeglichen sein gemahel täglichen uf. So nun einer wäre aus gwalt 21 oder reichtum oder aus listen oder aus üppigkeit, 22 der do mehr – zwo, drei – erlangen, vier, fünf oder mehr, der soll’s nit tun. Dann nur eine ist sein und nit mehr. Also wird ausgeton 23 die welt, die zahl mehr dann eine. Also auch mit der frauen: und ob etliche hätten vor zeiten mehr dann eine gehabt im alten testament, so ist es doch nit geschehen, dass recht gesein sei. Dann es steht auch darbei, dass [151 v] sie viel zahl hueren werden gehabt haben, steht aber nit hierbei, dass recht gesein sei. 24 Sonder das ist recht, dass ein
[18] maidlein: ‚Mädchen‘. — [19] Paracelsus bezieht sich auf die Vorstellung, dass der Ehegatte schon vor der Geburt von Gott vorbestimmt sei. — [20] benüegt: ‚zufriedengestellt‘. — [21] gwalt: ‚Macht‘, ‚Machtausübung‘. — [22] üppigkeit: ‚Überfluss‘, ‚Eitelkeit‘. — [23] ausgeton die welt: ‚ausgetilgt in der Welt‘. — [24] Gen 29,30: Jakob hatte Lea und Rahel nebeneinander zur Frau. Gen 30,1–12: Ausserdem zeugte Jakob mit deren Leibmägden Bilha und Silpa mehrere Kinder. Vgl. ferner u. a. Gen 38,15; Lev 19,29; Num 25,1; Jer 5,7 f.; Hes 23,3.
A10. Liber de nupta, de alienis rebus non concupiscendis
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jeglicher seins weibs sei und ein jegliche ihres manns. Und also soll auch die ordnung gohn 25 in der welt unter den menschen, dass die ehe, so also us dem gebott gottes verordnet ist, gehalten werd, dass keiner einem andern sein geborne gemahel nehmen, wiewohl sie nit zesammengefüegt seind oder kommen vor den menschen, aber vor gott. Zu seiner stund, so wird sie gott auch öffnen dem menschen, welches des oder des sei, deren oder deren, also auch mit den namen, welcher sipp, 26 deren oder des. Das seind ordnung gottes, die vor gott versehen seind und aber dem menschen nit wissend. Darumben so spricht Christus, „die gott zusammenfüegt“, 27 das ist, die er zusammenfüegt in dem bauch der muetter. Und aber zu seiner zeit, so füegt’s der mensch zusammen durch eröffnung 28 gottes; und das seind die zusammengefüegten ehe, die also nach solcher ordnung werden, wie gemeldt ist. Dass aber, wie offenlich, viel namen seind, die da nit weiben, 29 dieselbigen lebent nit nach der ordnung gottes (allein es wär dann, dass gott die sonderlich jungfrauschaft zu halten verordnet, als in Johanne baptista), sonder wider gott. Dann sie berauben derselbigen gemahel, so demselbigen beschaffen, ihrem mann. Also auch, so eine [152 r] nit wollte mannen, 30 dergleichen zu verstohn ist, dass sie ihrem mann sein gemahel entzeucht 31 (allein sie wär dann verordnet von gott also, dass viel ursach haben mueß). Darum der mensch nit soll sonderlich fürnehmen 32 ihm selbs, das oder das zu tun, er hab dann den geist gottes. Uf das, dass er ihm selbst nit ein bürde uf den hals lade, die ihm nit gebühre, und trage schwer ohn belohnung von gott. Dann nit nach unserm sinn, sonder nach gottes sinn sollen wir leben und wandlen. Wiewohl Paulus sagt, dass guet sei, dass alle wärent wie er, 33 do vermeint er die apostel und jünger. Das bescheh us der ursachen, dass die 34 predigen Christum und zügent 35 durch die welt aus, dass dann mit frauen nit sein mecht noch sein sollte. Demselbigen vonwegen ihres amts wär es besser gesein und nach soviel und dem apostel zuesteht, 36 auszugohn in die welt, dann dass sie beweibet seind. Das macht ein bleibenden bleiapostel, 37 der nit weiter zeucht dann sein weib und kinder ist. Das dann Paulus betracht hat, dass ihr keiner ist ausgezogen in die welt zu [25] gohn: ‚gehen‘. — [26] sipp: ‚Sippe‘. — [27] Mt 19,6 par. — [28] eröffnung: ‚Offenbarung‘, ‚Kundmachung‘. — [29] weiben: ‚eine Ehefrau nehmen‘. — [30] mannen: ‚einen Ehemann nehmen‘. — [31] entzeucht: ‚entzieht‘. — [32] fürnehmen: ‚vornehmen‘. — [33] 1Kor 7,7. — [34] die: ‚diese‘. — [35] zügent] zugendt: ‚ziehen‘. — [36] und nach … zuesteht: ‚und gemäß dem, was einem Apostel zusteht‘. — [37] bleiapostel: ein Apostel, der so träge ist wie Blei.
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Lesetext – Liber de vita beata
predigen. Das beklagt Paulus, er züg allein und die zwelf. Weiter hernach zu merken in seiner epistel, 38 dass sie alle faul hausprediger gesein seind, 39 gar nahet zu gedenken, dem bauch gedient 40 und vielleucht auch in der zahl gesein der falschen apostel und christen. 41 Darum ein jeglicher lebe nach der ordnung, darzue ihn gott beschaffen hat. [152 v] Weiter auch so wissen: So nun die ordnung der ehe nit gehalten würd und einem jeglichen sein gemahel nit zuekommt, sonder sie würd ihm entfremdt als in huererei, das ist, es werden hueren daraus. Nun, so ist ein jeglichs maidlin geborn zu ehrn 42 und nit zu huererei, sonder zu der ehe, zun ehrn und frummkeit, dass es wandle und lebe im weg gottes. Nun sie ist ihrem mann ehlich geborn, und du nimmst’s ihm, ehe dass er sein weib erkennt hat, das ist, ehe er sie gewusst hat und kennt, dass sie ihm geborn ist, und machest ihm ein stinkende huer daraus. Nimmst ihr ihr ehr, die ihr gott geben hat zu ihrm mann zu einem heuratguet, 43 und nimmst ihr ihr jungfrauschaft, bringst zun huererei. Jetz brichest das gebott gottes, „du sollt keins andern gemahels nit begehrn“! Du begehrst’s nit zur ehe. Das ist, du willt nit zwo oder drei frauen hon, sonder nur eine. Und das ist recht. Und aber du nimmst eim andern die sein, machest ein huern daraus und der ander soll jetzt die huern besitzen, die stinkende und sackisch 44 ist. Nit allein einer, sonder viel mehr mit dir. Das ist nun ein sodomische sünd, dass eine soll soviel beschlafen; und ist sodomische in mannen und in weiben, dass zween mann oder mehr sollen eine beschlafen. Jetz diese huer verschafft gott, dass sie dem rechten nit wird. Er will ihn mit der hueren nit verheuraten, sonder sein [153 r] treuer vatter sein, gibt ihm ein andere aus göttlicher fürsichtigkeit und versorgt die mit dem, der ihr gleich ist. Und sie beide versorgt er, wie in dem seligen 45 leben gebührlich ist, bis sie ab der welt kommen. Darum so soll keiner ihr jungfrauschaft genommen werden huerisch, sonder ehlich; gott hierinnen fürchten, dass nit gang wie über Sodoma und Gomorra, die lange zeit solche üppigkeit gehabt haben durcheinander, 46 und den weg gottes nie gebraucht. Darum schwefel und pech über sie fiel und alles himmlisch feur. 47 [38] epistel: ‚Brief‘, hier des Paulus. — [39] Anklang an Eph 4,29. — [40] Röm 16,18. — [41] zu den falschen Propheten und Christussen vgl. Mt 7,15; 24,5.11; Mt 24,23 f. par.; 2Kor 11,13; 2Petr 2,1; 1Joh 4,1; Offb 16,13; 19,20; 20,10. — [42] ehrn: ‚Ehren‘. — [43] heuratguet: ‚Mitgift‘. — [44] sackisch: ‚Sack‘ oder ‚Sackhure‘ war ein Schimpfwort für faule und besonders unzüchtige Frauen. — [45] dem seligen] demselbigen H. — [46] durcheinander: ‚unter einander‘. — [47] Gen 19,24 f.; vgl. ferner Jes 34,9.
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Über das mehr, so ist auch wieder diese ordnung: So einer ein weib hat und die von gott und vor dem menschen geöffnet 48 und beiwohnend, dass man’s scheidt voneinander von einer solchen ursach wegen den mann von der frauen, als 49 es ist ein ehvolk beieinander. Doselben gibt sich, dass der mann sein eh bricht und darauf wird er geschieden von der frauen. Nun jetzt nimmt sie ein andern mann, das wider gott ist und sein ordnung; und mügen nit seliglich beieinander leben, aus ursach das gebott laut, „du sollt keim sein gemahel nehmen“. Scheidest du dann die frauen vom mann, so hast du’s ihm je genommen. Der sie nun nimmt, der begehrt ihr. Jetzt bricht er die gebott gottes, „du sollt keins andern gemahels oder weibs begehrn“, das ist dir zur ehe, dann die [153 v] ehe ist nit darum voneinander, allein die frau wird geschieden vom mann ehbruchs halben. Aber niemands soll sie nehmen. Also bleibt ein jegliche frau ihrem mann und mag keins andern werden. Do ist nu kein ursach nit, die solliches müge erlangen und unschuldig vor gott machen. Dann einmal ist das gebott gottes, dass kein ehe geschieden werden, allein der frauen ehbruchs halben. 50 Und aber ein jegliche, die von ihrem mann geschieden wird, soll nimmer vermähelt werden noch zu unehrn gebracht werden, sonder verlassen. Uf das in kraft des gebotts, „du sollts keins andern gemahels nit begehrn“, das ist zur ehe oder zur unehe, sonder eim jeglichen sein gemahel lassen, so wird sie von ihrem mann nit geschieden, wird noch für ein ehbrecherin erkennt. Dergleichen ein verborgene ehe, von gott verordnet, auch weder vermäheln noch in huererei füeren. Das seind die gebott gottes. Der mann ist über die frau, die frau unter dem mann. 51 Darum soll man dem mann sein gemahel nit nehmen und sie weder zu ehren noch unehrn füeren. Also ist seliglich gelebt vor gott hie uf erden, so wir sein gebott in uns bilden und halten. Ist eine ein ehfrau offenlich 52 vor dem menschen, dieselbig lassen ein ehfrau bleiben und sie demselbigen mann nit nehmen, [154 r] er sei gleich wie er well, weder zu ehrn, noch zu unehrn, weder geschieden noch ungeschieden, dann sie ist desselbigen, der sie hat genommen. Und ob sie schon vom mann geschieden wird nach inhalt des rechten und gesatz vom ehbruch inhaltend, noch ist sie keins andern nit. Und ob der mann schon ein ander weib hat und nimmt sie, ist es ihm von Christo zugelassen, aber ihr nit. Desgleichen,
[48] geöffnet: ‚öffentlich gemacht‘. — [49] als: ‚denn‘, ‚da‘. — [50] Lev 20,10; Dtn 24,1; Mt 19,7–9. — [51] Eph 5,22; Gen 3,16. — [52] offenlich: ‚öffentlich‘.
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obschon der mann ein ehbrecher wäre, noch vermag’s das gesatz nit, dass sie nimmer sein sei, sonder sie bleibet sein, es gang ihm darnach wie es welle. Dieweil er lebt, so ist sie sein, sei wie sie welle. Dergleichen soll keiner jungfrauen ihr jungfrauschaft genommen werden, dann ein jeglicher mensch wird in diese welt geborn gott zu lob und zu ehr. Darum so sie verfüert wird, jetz ist das göttlich fürnehmen 53 und ordnung in ihr brochen und einem andern sein gemahel genommen, es sei zun ehrn, über die zahl, dann nur eine ist dein oder sie zun unehrn. Domit so wissen aus dem gebott allein dohin, dass ein frau oder ein jungfrau allein eines manns sei, ein mann oder knab allein einer frauen oder jungfrauen sei. Also ist die ordnung gottes nach inhalt seiner gebott, welche der mensch nit macht. Also verstohn und erkennen, so er sie nit von gott hätte und von gott gelernet wär worden, dann die gebott und gesatz gohnt us gott. Nun [154 v] dem volk werden sie verkündt von denen, die schreiben können und lesen. Darum so spricht Christus, auch der prophet Esaias: „Und alle ihr kinder werden von gott gelehrt.“ 54 Christus spricht: „Es wird ein jeglicher schüeler von gott gelehrt.“ 55 Das ist, das gesatz müeßen sie aus göttlichem gebott nehmen und nit us den menschen, darumben so werden sie aus gott gelehrt; und alsdann, die nit lesen und schreiben können, von den schüelern, die es können. Darum, so wir aus gott das lernen und erkennen, so sind alle ander lehr nichts. Allein die bleibt, die aus gott geht. Darum, sagt auch Christus, dass ein jeglicher schüeler, der do gelehrt sei zum reich gottes, sei wie ein hausvatter, der us seinem schatz neus und alts herausbringt und druckt. 56 Das ist soviel, ein jeglicher schüeler, der da dem volk das gesatz fürhalt 57 und verkündt: Ist er dohin gelehrt, dass er will das volk zu gott weisen, so mueß er aus gott die lehr haben. Hat er’s von menschen, so weiset er’s nach dem menschen. Ist er aber einer, der zu gott lehret, so lehrt er seine gebott, wie sie gott ihn gelehrt hat und fürgelegt. Darum so ist ein solcher schüeler gleich einem hausvatter, der aus seinem schatz bringt neus und alts. Das ist, ein jeglicher schüeler, der us gott gelehrt ist, derselbig öffnet sein herz und sicht 58 kein menschen [155 r] an, bringt herfür neues und alts und lässt nichts dohinten, aber nichts vom menschen, allein von gott. Dann das alt ist von gott, das neu auch von gott. Wie nun der hausvatter aus
[53] fürnehmen: ‚Vorhaben‘, ‚Absicht‘. — [54] Jes 54,13. — [55] Joh 6,45. — [56] Mt 13,52. — [57] fürhalt: ‚vorzeige‘. — [58] sicht: ‚sieht‘.
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seim schatz herfürbringt alles, was darinnen ist und was ihm gott je und je geben hat, das gibt er fürher 59 us seinem herzen, das dann sein schatz ist. 60 Also der schüeler würd die gesatz auch herfürbringen, das alt und das neu. Und uf solches der alten huererei als David, Salomon, die viel ehweiber und huern gehabt haben, 61 das nit recht sei. Desgleichen die ehscheidung von einer jeglichen ursach wegen nit recht sei. Das kommt herfür von schüeler, der do liest das wort gottes in neuen und alten. So findt er die unterschied, wie gemeldt ist und sagt nit, dass recht sei, dass Salomon etc. soviel weiber hab gehabt, sonder er warnet, dass weiter keiner mehr tun soll. Dann also herfür druckt die alten recht, die neuen recht, die alten schälk und neuen schälk. Und also wird das bös vom gueten geläutert, uf dass nit das neu durch das alt werde in irrsal fallen. So werden sie gewarnet durch die, so von gott gelehrt seind. Nun laut also das ander gebott, so hie in dem buch mit dem vorgemeldten genommen ist worden, dass niemands [155 v] soll fremd guet begehrn, das ist eines andern gut, das nit sein ist, sonder eines andern. 62 Und ist zu gleicher weis wie obsteht, dass keiner soll dem andern nehmen, das ihm von gott verordnet ist. Dann also hat gott die welt beschaffen, dass alle menschen gnuegsam darinnen ihr nahrung haben mügen, ohn gebresten 63 für und für bis an den letzten tag; allein dass wir’s unter uns gleich usteiln und keiner dem andern nichtzit 64 nehm oder entziech oder ihm selbst zueigne, das eines andern sein sollte. Dies gebott ist groß und ungewohnt und wird wenig verstanden nach dem seligen weg; das ist, wenig befinden darinnen, wie es sein soll. Dann es ist allein dahin gemacht, dass je einer dem andern das sein soll lassen. Dies gebott zu verstohn, wissen am allerersten, was eim jeglichen nach dem seligen 65 leben zugehört. Nachfolgt, wie man eim jeglichen das sein uf solches lassen soll, und zu letzt end, was übels daraus entsteht, so wir diese gebott nit verstanden und anders darinnen noch weniger halten mügent. So wissen zum ersten hierinnen ein irrsal zu erklärn, vor dem und die drei stuck angezeigt werden, und der ist also. So einer ist ein wucher, 66 ein großer schatzsammler, einer, der da gewinnt (es hätten zehen, zwanzig oder dreißig gnueg daran und müssen gebresten darinnen tragen, dass er [156 r] eim das alles allein gewinnt [59] fürher: ‚heraus‘. — [60] Mt 12,35. — [61] zu den Frauen Salomos vgl. 1Kön 11,1–3; zu den zahlreichen Frauen Davids vgl. 1Sam 18,27; 25,40; 27,3; 2Sam 3,14; 5,13; 11,2–5.26 f.; 1Chr 14,3. — [62] Ex 20,17; Dtn 5,21. — [63] gebresten: ‚Mangel‘. — [64] nichtzit: ‚nichts nicht‘. — [65] dem seligen] demselbigen H. — [66] wucher: ‚Wucherer‘.
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und an sich zeucht), so nun demselbigen sein gut, das er also gwinnt und einzeucht, genommen würd, so sagt man, es sei fremd gut, gehört niemands zue als allein dem, der es gewunnen hat. Uf solchen irrsal wissen nun die seligkeit in irdischen güetern zu erkennen uf brüederliche liebe. Das ist fremd guet, so einer einzeucht und gwinnt, es sei womit es welle. Allein, do sonst ein große zahl mueß manglen, derselbig ist der, der eins andern guets begehrt. Der nun desselbigen guets begehrt, der begehrt das sein und nit eins fremden. Gleich als mit eim weib, so einer einem andern sein gemahel nimmt oder zwo oder drei oder mehr, dass ohn zahl ist, zu huererei oder sonst, wie er’s erlangen mag, nach inhalten aller üppigkeit. Also do auch dergleichen verstanden dies exempel: Es wär ein region, darinnen lägen zehen städt und hundert dörfer. Darinnen wärent reich leut, die würben 67 in der weisheit aus ihrem land und in ihr land, do einer zehen tausend, der ander dreißig tausend, der 68 dritt vierzig, der viert fünfzig tausend etc. vermechte 69 mit seim handel gewinnen, wie es sich dann also begäbe. Weiter es wärent darnach hundert, die auch in solchem handel lägen, die hätten das halbteil soviel. Und darnach liefen im land um, die hätten gar nichts, müssten gebresten 70 tragen, darum dass die andern sie all überfüeren [156 v] und überhäufen. So würden nun, so nichts hätten noch mügen ufkommen mit demselbigen gewerb, den es gleich so wohl von gott geben ist als dem reichen. Müssen also bettlen, hunger leiden oder zu dieben oder mörder werden etc., dann die armuet ist ein falsche huer. So ist nun das eins andern guets begehrt und ein fremd guet eingenommen; das ist, deren güeter nehmen sie ein, die zum selbigen nit kommen mügen und sie dahin nit lassen. Das ist fremd gut begehrt, eim andern sein nahrung zu hindern und nehmen. Desgleichen auch, im selbigen land wohnent viel leut, do einer hat hundert jauchart 71 acker, der ander minder oder mehr, und darbei viel tausend, die hätten nichts. Nun ist ihnen die erden gleich so wohl geben als den reichen. So nun die andern müeßen armuet leiden, bettlen vonwegen des, dass die reichen ihrn teil haben, so nähmen die reichen dem armen sein teil. Das ist eines fremden guets und eines andern guets begehrt, dann es ist der armen gleich sowohl als der reichen von gott ihm rechtlich geben. Dann der prophet spricht: „Er hat die erden geben
[67] würben: ‚erwärben‘, ‚gewännen‘. — [68] der dritt vierzig G. — [69] vermechte: ‚vermöchte‘. — [70] gebresten tragen: ‚Nachteile erleiden‘, ‚Not mangeln‘. — [71] jauchart: süddeutsches und schweizerisches Feldmaß.
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den kindern der menschen.“ 72 Do ist ein kind wie das ander, keines für das ander geordnet. Dann so wir den grund besehen, wer wir alle seind und was wir seind, so mag keiner mehr besitzen wenn 73 der ander; [157 r] und so einer leidt, dass sie alle leiden; 74 so einem hunger anfallt, dass allen beschehe; und dass dermaßen sei, dass je eim sei wie dem andern. Und ob gleichwohl reich leut etwas gesein seind, als Job, 75 so ist doch nit probiert, 76 dass recht gesein sei sein gut. Darum er hat viel erlitten. 77 Was ist die ursach? Nämlich, dass er sein nächsten für weniger geacht hat dann sich selbs und sein kamel, sein schaf, sein viech, ihm selbs für eigen geben. Darum ihn gott hat lassen vom teufel und krankheit und weib und kind geplagt werden zu einem ebenbild aller reichen. Dann das mag nit in seligem leben bestohn, dass einer mehr hab in der erden dann der ander, sonder ein gleiche usteilung do füeren und eim jeglichen richten in sein arbeit, uf dass der geiz, der eigennutz nit ein fürgang haben müge, dann der eigennutz ist das größist laster uf der welt. Er übergibt 78 gott und den nächsten, gibt ihm selbs recht und betracht sein eigen unrecht nit. Vermeint, er sei gottes und vergisst, dass er das letzt gebott gottes so schandlich brochen hat. Dann es soll je einer nit über den andern sein, in eigentum und dergleichen sein nächsten auch lassen, das er habe und müge acker bauen und viech weiden. Dann also soll die ordnung sein, so ein region würde sein, darinnen zehen meil weit wäre in alle eck, 79 so sollent [157v] die hausvätter und alles volk des lands fürgenommen werden und die erden ausgeteilt in dieselbigen teil, dass gleich und gleich ausgang. So nun derselbig hauf sich über jahr mehren würd von ufgewachsen kinder, aber mehr teil machen; so sie sich mindern würden, aber minder teil machen. Und nit eim mann zustellen, do hundert mangeln müeßten, dann derselbig reich mann ist des teufels und verdammt. Darzue ursacht 80 ihn ein oberkeit, 81 die ihm solch fremd guet nit sollt lassen zuestehn. Ob er’s schon gleich kauft hätt, so ist es doch nit sein. So mag auch keiner sein teil erden verkaufen, dann er mueß täglich von ihr essen. Darum sollt er’s selbs täglich arbeiten und werken und gewinnen und niemands lassen müeßiggohn, niemands sein teil lassen verkaufen, niemands abkaufen, sonder zwingen zur arbeit seins munds. Der aber nit arbeiten mag [72] Ps 115,16. — [73] wenn: hier ‚als‘. — [74] 1Kor 12,26. — [75] Job: ‚Hiob‘. — [76] probiert: ‚erwiesen‘, ‚auf die Probe gestellt‘. — [77] Hiob war sehr reich und wurde von Gott hart geprüft; vgl. Hiob 1;2;30. — [78] übergibt: ‚gibt preis‘. — [79] in alle eck: ‚im Quadrat‘. — [80] ursacht: ‚zwingt‘, ‚bringt‘. — [81] oberkeit: ‚Obrigkeit‘.
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gebresten 82 halben, dem soll die liebe von seinem nächsten mitgeteilt werden. Sonst soll es alles ausgeteilt werden, dass ein jeglicher mit seiner arbeit müge sein nahrung gewinnen. Darum so lernen fremd guet erkennen. Das ist, du sollst nit des andern ochsen, küe, 83 schaf begehrn. Das ist, die seind den nächsten von gott gleich als wohl beschaffen als dir. Darum so begehr sein teil nit. Lass ihn auch seiner arbeit genießen, die ihm gott geben hat. Dann was ist es, dass du all acker und küe allein hast in deim gwalt und [158 r] seind dein, und uf das, so du stirbst, des teufels wirst? 84 Dann du magst je nit mehr, dann essen und trinken gewinnen; und deinem nächsten damit magst helfen in dem, das er darf. Weiter bist uf erden nichts nutz. Und was du mehr deinem bruder und nächsten entzeuchst, das dient dir zu den hellen. Darum seliglich das ist, dass sich einer benüegen lässt in dem, das ihm gnüeg und dass er lebe wie die andern, nit ärmer, nit reicher. Dann so tausend mann in einer landschaft sitzen und teilen ihre güeter gemein aus in die arbeit, dass einer wie der ander einnimmt, wie mag einer vor gott ein größere freid 85 hon, dann dass er sicht, dass er nit für ein andern reicher ist? Sicht, dass er gleich dem andern ist und mit ihm lieb und leid leidet, wie es ihm gang, also im namen des herrn ihm auch, als dass er alles allein besäß und erbauet große häuser, viel hausrat, viel geschirr von silber, viel kleider, viel guets in seinem haus; und sein nachbaur, dieselbigen hätten täglichen hunger und armuet, frost und hitz und die arbeit und kein nutz darbei. Wie schwer wird dir das am jüngsten tag zu verantworten sein vor dem stuel gottes, so er richten wird nach inhalt seiner gebotten! 86 Ist das nit ein selige freid etc., so einer wie sein nächster lebt, in gleicher armuet, in gleicher reichtum, [158 v] in gleicher freid, in gleichem leid? Der darf gott nit rechnung geben wie der reich mann, der in die hellen kam. 87 Er darf sich nit besorgen 88 vor dem angesicht gottes. Er ist ledig großer sorge und viel pein und viel zu verantworten. Dieweil doch nichts mit dir trägst von dieser welt, 89 warum zeuchst also an dich und gibst dich von korns wegen, von wuechers wegen in die gwalt der teufel? Willt du deine kinder reich machen, lass sie selbs sorgen. Gott ist vatter, der gibt alle tag wie 90 dir. Lässt ihn mehr dann deim nächsten, das ist, du lässt ihn zum erb das [82] gebresten halben: wegen Krankheit oder Invalidität. — [83] küe: ‚Kühe‘. — [84] Lk 12,16–21. — [85] freid: ‚Freude‘. — [86] zur Rechenschaft am Tag des jüngsten Gerichts vgl. Mt 12,36; Röm 14,12; 1Petr 4,5. — [87] Lk 16,19–31; Bezugnahme auf das Gleichnis von reichen Mann und armen Lazarus. — [88] besorgen: ‚Sorge haben‘, ‚sich fürchten‘. — [89] 1Tim 6,7; Pred 5,14. — [90] wie: ‚und so auch‘.
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fremd gut, guet eines andern, was wird aus deinen kindern? Du verderbst dich und mit guet deine kinder auch, bis sie ihrem nächsten gleich werden. So du nun also an dich die güeter zeuchst durch kaufen und dergleichen, wie es an dich bringst, was wird daraus dann entblößen den nächsten seins teils? Darum machst du aus ihme ein müeßiggänger. Daraus wird nun ein spieler, ein rassler, 91 ein gottslästerer und in allen leichtfertigen dingen geneigt und willig. Zum letzten, so er das guet, das er von dir hat empfangen und sein teil verton hat, so wird er ein dieb daraus, ein mörder. Das beschicht, dass du ihn dahin bracht hast von deines schnöden 92 eigennutz wegen. Da mueß mannicher sein leben verliern, gemordt werden. Und sonst, so du tätest das, das dich gott heißt, so beschähe es nit. Das tuet aber der geiz und verdammt denselbigen und dich [159 r] mit ihm dester tiefer in die hell. Es ist nit gnueg, dass du sagst, „ich hab ihm guet, geld darum geben“ etc. Er darf deines gelds nichts zur seligkeit. Er darf seines ackers und seines pfennings, der ihm alle tag sein essen gibt und ihm vertreibt das müeßiggehn. Darum, ihr reichen all, wie ihr seind, die do mehr haben dann der nächst neben euch vom erb der erden, gedenkent an dem spruch Christi, der do sagt: „Es ist müglicher, 93 dass ein kameltier eingang durch das loch einer nadel dann ein reicher eingang in das reich der himmeln.“ 94 Sagt das Christus, lassent euch’s us eurem herzen nit kommen, dann es wird am jüngsten tag herfürgezogen werden und fürgehalten und uf das geurteilt, dass ihr nit werden eingohn in das reich der himmeln. Das ist also das wort gottes betrachten, warum es geredt sei. Und ob kein ander ursach da würde sein, als allein der spruch, dass Christus nit will, dass die reichen eingangen in das reich der himmeln, so sollten ihr eure güeter verlassen und Christo nachfolgen. Der hat auch nit mehr dann seine apostel und war auch nit reicher dann sie. Hieß er den reichen jüngling sein guet armen leuten geben, 95 so war es ein zeichen, dass den armen leuten zugehört und ihr erb war. Darum hieß er’s denselbigen wiedergeben, uf dass sie sich mechten erhalten. Darum sagt auch Christus: „So du willt almuesen [159 v] geben, so lass nit mit pusaunen blasen und trumeten, 96 sonder gib das, das deine linke hand nit weißt, was die
[91] rassler: einer der rasselt, lärmt oder tobt; oder ein Bettler, der mit einer Rassel auf sich aufmerksam macht. — [92] schnöden: ‚verächtlichen‘, ‚wertlosen‘. — [93] müglicher: ‚wahrscheinlicher‘. — [94] Mt 19,23 f. — [95] Mt 19,21 par. — [96] trumeten: ‚Trompeten‘.
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recht tuet.“ 97 Was ist das, du bist reich? Hast du deines nächsten guet, das dir fremd ist, dann es gehört dir nit zue. Kommt ein ärmer oder mehr, meld 98 ihr armuet nit, heiß sie nit bettler. Gib nit almuesen für die tür usser, 99 dann es ist gleichsnerisch.100 Aber also tue ihm, gib ihm sein teil und gedenk dir, es gehört ihm billich 101 zue und nit dir. Und gib ihm den zu seinen händen und heiß ihn kein bettler. Und gib ihm nit spän 102 oder sonst für das fenster außer. Gib ihm sein teil, der ihm zugehört und schände und veracht ihn nit, dann die erden ist als wohl sein als dein. Und gedenk, dass du der sünder bist und er nit. Du hast ihm das sein eingenommen und er dir nit. Darum so wirst du ihn nit zahlen mit einem stuck brots, sonder mit seinem teil, den du ihm vorhältst.103 Und am jüngsten tag mueßt du rechnung geben. Wie groß schreien die seligen uf gen himmel in ihrer armuet rach über denselbigen us ihrem hungerigen bauch,104 der die welt allein besitzt und die entsetzt und entfremdt? Was lob ist es dir vor gott, darum dass du viel hast, viel gewinnen kannst, vielen die nahrung entziehen, groß schätz zusammen sammlest? Und vergissest, dass das reich der himmeln [160 r] der armen ist und gar nit der reichen 105 und dass die reichen gar kein buechstaben hont zur seligkeit, allein die armen, allein die gerechten. Warum das? Sie haben niemands das sein genommen, haben kein fremd guet in ihrem gwalt. Also auch die gerechten seind selig,106 dann ursach sie geleben 107 der gerechtigkeit. Die gibt einem jeglichen, das sein ist und nimmt keinem sein nahrung, steht keim für 108 die sunnen. Seind nun das die seligen, die armen, so gedenk, so wird hie kein reicher verstanden. Darum noch der wuecherer erfunden wird, dass viel sänfter 109 ein kameltier eingang in das nadelöhr, als ein reicher in das reich der himmeln.110 Soll es sänfter dadurch gehn, das ungeschickt grob tier, in dem nichts hübsches ist, nichts subtils, und das löchlin so klein ist, wie so gar wenig mag ein reicher in himmel kommen, do auch ein enger weg hinein geht, do fürwahr ein kameltier mueß ein fueß setzen, ich geschweig gar einzegohn? Nit umsonst sagt Christus selbs: „Wehe euch reichen.“ 111 Und obschon kein ursach gefunden würd, warum euch „weh“, so sollte doch uf das erschreckendi [97] Mt 6,2 f. — [98] meld: ‚mache kund‘. — [99] für die tür usser: ‚vor die Türe hinaus‘. — [100] gleichsnerisch: ‚heuchlerisch‘. — [101] billich: ‚rechtmäßig‘. — [102] spän: ‚Späne‘, Abfallholz. — [103] vorhältst: ‚vorenthältst‘. — [104] Die hungrigen Armen wollen dem Himmel wegen ihrem Schicksal Rache schwören. — [105] Mt 5,3. — [106] Mt 5,6. — [107] geleben: verstärktes ‚leben‘. — [108] für: ‚vor‘. — [109] sänfter: ‚eher‘. — [110] Mt 19,24. — [111] Lk 6,24.
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wort von der reichtum ein jeglicher laufen und fliehen und die reichtum ehe lassen des teufels sein, ehe dass einer bei derselbigen bleibe, uf solche große drohwort, so Christus in viel orten fürwirft. Aber es ist nit minder! Das evangelion sagt: „Sie haben ohren und hören nit, augen und sehent nit.“ 112 [160 v] Und betten und fasten und almuesen geben, aber alles ohn das herz, das ist ohn gerechtigkeit. Wie mag man die liebe gegem nächsten am inneristen an dir spüren? Und wie magst du’s gott am gwaltigsten fürbringen, weder so du viel erden hast? Teilest’s mit dem, der nichts hat, uf dass ihn das nit hon nit in ein ärgers wesen bring. So dir nun gebotten ist, du sollst kein fremds guet begehrn, wie mag größere liebe bewiesen werden, so du’s hast, du gebest von dir? So sicht 113 gott dein gerechtigkeit. Dass man sagt, so du einen übernimmst mit deinem gewerb gegen dem andern und stellest dem andern uf sein guet durch fürkaufen 114 und wuecher, dasselbig ist nit fremd guet begehrt. Es ist gestohlen und beschissen und betrogen! Trifft das hieig 115 gebott nichts an, sonder das gebott, „du sollt nit stehlen“.116 Das aber do ist, das ist allein uf die usteilung der erden geredt, uf dass niemands sein teil weder abkauft noch abgefüert noch abgetückt 117 werde, sonder dass eim jeglichen derselbige teil bleib, uf dass er zur arbeit genötigt werd und sich mit derselbigen ernähr. Uf das auch, dass er nit zu einem krieger werd, zu einem kuppler, sonder bleib daheim und warte seiner arbeit; und dass ihm seine kinder standen um den tisch um, wie ein neuer zweig von einem lustbeernbaum.118 Wieviel friedens würde sein uf erden, so keiner des andern guets begehrt! So würden [161 r] viel kriegs, viel zanks erliegen 119 und niemands würd wissen, welches reich oder arm wäre. Ein solches gleich 120 ist selig. Und obschon ein armuet mitlief gegen dir und deinen kindern, so bedenk, dass die armen allemal bei gott seind – und je ärmer, je näher – und dass die armuet nit verdirbt gegen gott. Darf kein rechnung geben vor gott, sonder ist alle in der zahl der gerechten und seligen. Aber so du zunimmst in die reichtum, so mueßt du den mindsten heller verrechnen.121 Wie groß und schwer wird derselbig tag sein, so die rechnung so genau
[112] Mt 13,13 f.; vgl. Ps 115,5 f. — [113] sicht: ‚sieht‘. — [114] fürkaufen: wucherisch ‚vorweg kaufen‘, ‚aufkaufen‘. — [115] hieig: ‚hier befindliche‘. — [116] Ex 20,15; Dtn 5,19. — [117] abgetückt] abgeduckht H: vermutlich von abtücken, durch Tücke abgewinnen. — [118] lustbeernbaum] lustbern baum H: vor dem Hintergrund von Ps 128,3, auf den sich diese Stelle bezieht, ist dies eine Bezeichnung für den ‚Olivenbaum‘; weniger Sinn macht die Deutung ‚lustbaren Baum‘. — [119] erliegen: ‚aufhören‘. — [120] gleich: ‚Gleichsein‘. — [121] Mt 5,26.
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von dir genommen wird und dir gar nichts übersehen! Am selbigen tag wirst du sehen die armen und die gerechten ledig in solcher rechenschaft, in freudenständ und in großer reichtum, so du in das widerspiel 122 fallen wirst. So du ein arbeiter bist nit im werk der bauren, sonder im werk des handwerks, so magst du dich doch desselbigen erfreuen, dann du kannst dasselbige handwerch niemands mitteiln. Das ist, du kannst niemands darvon geben, dass er auch werk, er sei dann des handwerchs bericht 123 wie du. So treib dein handwerk. Was du damit gewinnest ist dein liedlohn,124 der dir wohl erschießen wird; und ist dir ein nahrung, die ehrlich vor gott ist und ist ein seligs wesen. Darvon bist du nichts schuldig als allein barmherzigkeit zu beweisen und kein gerechtigkeit. Dann das handwerch ist dein, die hand ist auch dein und arbeit dir und deim bluet. Du bist auch über den im feld, der [161 v] schläft, so sein arbeit im feld fürsich 125 geht.126 Du aber nit also. Schläfst, so schläft dein arbeit auch. Darum so mueßt du wachen dir selbst zu deiner arbeit. Das arbeiten hat keins andern guets noch teil noch gerechtigkeit, sonder allein es ist alles dein. Bist niemands nichts darvon schuldig als allein barmherzigkeit, das ist, den armen auch damit nutzlich zu erschießen. So du nun jetz den armen darmit nutzlichen erscheußt, wie groß und selig wirst du sein am tag des ufweckens! Dann du hast dein almuesen geben von deiner substanz, nit vom überfluss. Der reich kann kein almuesen geben, dann ursach, er hat zu jahren tausend gulden zu verzehren; darvon gibt er zehen guldin oder sei hundert, so spüert er kein abgang in seinem guet. Do entgegen ihm kein hunger, not, noch nichts die fülle gibt. Du aber gibst von deiner arbeit und aus deiner notdurft. Das kann ein große barmherzigkeit sein, so du hast gegen dem nächsten, die gott wohlgefallen. Dann was die arbeiter tun, das lobet gott und die armen dergleichen. Was aber die reichen tun, das ist ein grollen und ein unflat vor gott, dann aus völle ihres bauchs tunt sie etwas, ein kleins. Darum so fliehe die reichtum, halt dich zur armuet, zur arbeit; die verderben gegen gott nit und behalten dich in täglichen gnaden. Gibt dir gott kunst, dass du mit ihnen magst reich werden und groß vor der welt, so gedenk aber, dass du nit mit fremdem guet überladen werdest, sonderlich brauch dasselbig [162 r] deinem nächsten zu guetem und halt doch ein gerechtigkeit darin. Dann du hast sie nit darum, dass sie dir al[122] widerspiel: ‚Gegenteil‘, hier als Gegenteil der himmlischen Freuden. — [123] bericht: ‚kundig‘. — [124] liedlohn: ‚Dienstlohn‘. — [125] fürsich: ‚vorwärts‘. — [126] Mk 4,26–29.
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lein nutz, sonder darum hast du’s, dass auch ander nutzen und mehr ander dann du. Wie ein mühlin, die mahlet täglich. Was sie mahlet ist ander leuten, ihr nit. Also lass dir auch sein. Dann nichts wird geben, das dir sei, sonder das ander sei. Als ein arzt, der die arznei kann, der macht ander gesund, sich selbs am wenigisten. Dann darum ist die arznei ihm geben, dass er andern helfe und ihm selbs am mindsten. Kannst du wohl reden im rechten 127 und die recht zu recht legen, so mueßt du’s mehr ander leuten gebrauchen dann dir selbs. Dann ander haben zu rechten und du nit, oder das mindst und wenigist. Also werden die ding begriffen unter das gebott, dass du die all sollt gebrauchen dem nächsten und nit darum, dass er dir belohnung gebe. So er dir lohnet,128 was soll dir gott darum lohnen? Darum soll aber der ander helfen dich erhalten. Dann gott gibt eim von der erden, dem andern vom handwerk, dem dritten von künsten, also einem jeglichen, das dem andern nutzt und derselbig diesem auch. Ist einer krank, so hast du sein gesundheit bei dir, jetzt hat er recht zu dir. Gibst ihm nit, so haltst du ihm das sein vor und bist in dem gebott strafens wert. Dann wie du gerechtigkeit hast zu der erden von wegen deiner nahrung und erhaltung, also hat auch der krank sein gerechtigkeit zu dir von wegen seines gebresten. Haltst du’s ihm vor, so halst’s ihm das sein vor. Das ist eines andern [162 v] guets begehrt in dem, dass du ihm das sein nit folgen lassest. Dann also hat uns gott uf erden verordnet, dass ein jeglicher des andern wert ist,129 allein das keiner mit fremdem guet beladen werde. Einer, der im bergwerk aufkommt, findt die metallen von gold und silber, von eisen, von zinn, von quecksilber, von blei etc. Nun er hat das gefunden selbs und selbs erlangt, dass er des groß haufen hat und ein mächtig reich mann, von der welt geacht und ist’s auch. So hat ihm gott das finden nit darum geben, dass er sich selbs damit allein versorg und sich selig uf erden mache, das ist reich vor der welt. Sonder darum hat er’s ihm geben, dass diese metallen ander leuten nutz seind, mehr als ihm. Us dem folgt nun, dass die ein gerechtigkeit ist, uszeteiln allen denen, die das dörfen.130 Zu gleicher weis als hätt’s 131 ein ander gefunden und du aber bedörftest das, so hättest gern, dass er dir dein gerechtigkeit, so die notdurft fordert, erstattet. Also gedenkt der auch gegen einem andern. Dann das ist die größt reichtum, so du erkennen kannst, dem nächsten zu dienen und vermagst’s. Dann findest du tausend zentner eisen, was nutzt es dich? Du kannst’s nit verschmieden, du [127] rechten: ‚Rechtsprechung‘. — [128] lohnet: ‚Lohn gibt‘. — [129] Gal 6,2. — [130] dörfen: ‚benötigen‘. — [131] hätt’s Konj.] ietz H.
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hast nit soviel ross und wägen etc. zu verbrauchen.132 Nun seind ander leut auch menschen und von gott wie du, die bedörfen’s; nun haben sie ein gerechtigkeit 133 darzue. Wiewohl du der finder bist, aber darum bist du nit herr, dass du das inhaltest 134 für eigen, dass du das schätzest um gleichen kauf, die zu vergleichen mit [163 r] andern, sonder du sollts vergleicht werden deinem teil gegen der usteilung und um die findung und nutz. So du die erlangt hast allen deinen nächsten, soll dir gott belohnen, der wird dich zahlen. Nit uf erden dieselbig einnehmen, dann du trägst denselbigen lohn nit mit dir in himmel. Dann alles, so gott beschaffen hat, das ist der ganzen gemein beschaffen, keinem allein für sich selbs. Bist du aber der finder eines solchen, so dank gott, dass er dich darzue hat lassen kommen, dass durch dich der gemein nutz gefürdert würd und die notdurft der menschen gewendt und erfüllt. Und eigen dir nit zue und gib’s nit um 135 vergleichte weg, dass du nichts eigens darus machest. Dann es wird dir fallen in ein straf dies gebotts, „du sollt kein fremd guet besitzen“, das ist, nichts eigens hon, dann allein den gleichen teil gegen allen deinen nächsten. Bist du dann ein oberkeit, so bist du darumben gesetzt, dass du nichts eigens über den gleichen nächsten teil lassest einfallen oder eignen. So du nun darum do sitzest, so gedenk nit, dass du dich mit zehenten 136 erhalten oder mit zoll und dergleichen, mehr dann gleiche bürde sei. Übertrittest das und nimmst mehr, dass du kommst in die großen zins und rent, hast groß einkommen, so eignest dir dein nutz, machest us dem fremden guet ein gerechtigkeit, es gehör dir. Niemands gehört mehr, dann sein arbeit erheischen mag; die geht uf tägliche nahrung. So es dein gerechtigkeit wäre, so dörftest nit betten, „gib uns unser [163 v] täglich brot“.137 So nun aber ein überschatz 138 an deines nächsten übernehmen do wird sein, eigen ihn dir nit, er ist nit dein; er fällt in gleiche usteilung. Dann du bist nit darum ein oberkeit, wider die gebott zu leben, sonder in den gebotten, uf dass die all, so unter dir seind, ein gleichnus nehmen, also auch zu leben wie du. Man soll dem kaiser geben, das ihm zugehört.139 Was gehört ihm zue? Gehorsame, so nit wider die gebott lauten. Will er dich eignen, mag nit sein; will er dich besitzen, mag nit sein; sonder er soll dich weiden,140 füeren, helfen, nit [132] zu verbrauchen: ‚zur Verfügung‘. — [133] gerechtigkeit: ‚rechtmäßigen Anspruch‘. — [134] inhaltest: ‚hältst‘, ‚betrachtest‘. — [135] um vergleichte weg: ‚um gleichen Wert‘. — [136] zehenten: ‚Zehnten‘, Abgabe des zehnten Teils im Sinne einer Steuer. — [137] Mt 6,11 par. — [138] überschatz: ‚Überschuss‘, ‚Wucher‘. — [139] Mt 22,21 par. — [140] weiden: beschützen und ernähren wie ein guter Schäfer.
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schinden. Dann darum ist er nit ein oberkeit, dass er in silber und gold gang, darum aber, dass er die gerechtigkeit erhält und das selig leben. Das bedarf keins eignen guets, sonder eins gemeinen guets. Hast du dann den gemein schatz, verspielst ihn, versaufest ihn, verhuerest ihn oder dergleichen, so ist es ein diebstahl; und mehr dann dies gebott inhält, dass du nimmst der gemein das ihr, eignest dir’s selbs zue, das ist eines wider das gebott. Darnach tust du ihme, wie du willt, versaufest, verspielest, verhuerest. Das ist jetzt wider das ander gebott, „du sollt nit stehlen“.141 Also eignest dir ein guet zue, das nit dein ist, und so du dir’s zugeeignet hast, so verbrauchest du deinen wollust. Das ist, du stiehlst dasselbig, was darvon gibst und vertuest vom haufen. Du solltest’s aber behalten, dass die not dardurch gewendt werd, darum es da liegt, nit dein not. Du bist ein einig mensch, wie ein ander, aber aller nächsten not! Was du der not entzeuchst,142 das ist schwerlich wider göttlich gebott. [164 r] Also wie gemeldt, dass niemands soll des andern zugehört 143 begehrn, es sei weib oder guet, sonder einem jeglichen soll verfolgen 144 und geben werden, das ihm angeborn 145 ist und zusteht, das ist sein weib, sein teil oder nahrung. Des alles darum von gott gebotten ist und uns gelernt, uf dass wir nit gegeneinander unseliglich lebten und betrachten in dem, dass je ein mensch als guet ist als der ander, als edel und als reich. Darzue soll ein jeglicher gehalten werden und unterricht. Und seind zwei gebott, die zusammen stimmen, also dass ein jeglicher mensch hat sein eigen teil, sein eigen weib, gleich dem andern, seinem nächsten, und nit mehr. Das ist, nit mehr dann wie seim nächsten, soviel er auch. Und dass ein jeglicher ihm selbs arbeite, dass sein notdurft durch sein hand erfüllt werde, nit mit müeßiggang, nit mit adelichem wesen, nit mit bettlerei, nit mit zinsen und gülten,146 sonder alles abgehe und hintan gelegt und mit eigner arbeit sich selbs erhalten. Also werden wir in seligkeit leben und in frieden, hie und in jener welt. Dann das mueß erfüllt werden in uns: „Dein will, der werd uf erden als im himmel.“ 147 Im himmel ist nichts eigens, also mueß es auch auf erden sein. Das ist, keiner hat im himmel des andern guet in 148 oder reichtum oder herrlichkeit oder seligkeit. Ein jeglicher hat das sein selbst und nit mehr. Wie also im himmel, also soll es auch uf erden sein. Also [141] Ex 20,15; Dtn 5,19. — [142] entzeuchst: ‚entziehst‘, ‚sie verminderst‘. — [143] zugehört: ‚zugehörigen‘. — [144] verfolgen: ‚verabfolgt‘. — [145] angeborn: als Geburtsrecht zugehörig. — [146] gülten] gullten: ‚Zahlungen‘, ‚Schulden‘. — [147] Mt 6,10 par.; 26,39.42 par. — [148] hat … in: ‚hat … inne‘.
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steht der will [164 v] gottes gegen uns. Darum hat er uns die lehr geben durch seine gebott, us welchem wir verstohn sollen und dermaßen fürgehalten, dass wir mügen gegen gott stohn nach seim begehrn an uns. Dann ihm gefällt unter uns nichts mehrers dann gleiche weg, gegeneinander fried und einigkeit und dass wir das irdisch gleich usteiln, niemands dodurch sein reichtum suche, sonder sueche dieselbige in dem ewigen leben, dass nichts zergänglichs ist, sonder ein ewigs bleiben und ein ewige reichtum.
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A11. Ex libro de magnificis et superbis Von den Mächtigen und Hochmütigen [137 v] 1 Was ist’s, dass wir der obrigkeit gehorsam sein, ihr alles tun und helfen, was uns gebühret? Es sei nue gut oder böse obrigkeit, es nutzet doch uns nicht, weder den bösen nach ihrem tode, denn sie müssen doch in die finsternus, noch den guten, denn es gehet sie nit an. Denn der getauft und der glaubt, wird allein selig. 2 Aber also gefällt’s gott wohl, er will’s haben. Was hilft’s uns getauften die obrigkeit des alten testaments, die schon gerecht und gut gewesen etc.? Item, er vorhängt 3 auch gewalt den bösen, wucherern, bescheißern, triegern: 4 falsche ordnung machen jetz, das also, morgen anders etc. Noch will gott, dass wir ihn gehorsamen. 5 So gibt er auch recht und wahrhaftige und sollen denselben gehorsam sein in seinem ort. Also ist beider gewalt aus gott da. Und die tauften und gläubigen müssen ihnen auch gehorsamen, wiewohl sie die äußern nicht angehen und ungerechts vor gott nit platz hat. Drum wegen des seligen lebens ist not zu wissen, was die obrigkeit sei, denn 6 alles, was gott beschaffen und geben hat, ist anzunehmen. Schlangen, krötten, basilisken 7 etc. ist auch göttliche kreatur. Was gehet’s aber uns an? Gehet an, dem sie beschaffen sind. Dass also im gott gutes und böses beschaffen in allen dingen, ist der ursachen eine, damit ein jeder teil seines gleichen habe: der gute das gute, der böse das böse, unter deme er sei. Und damit niemands frei sei in seinem willen, als ein wucherer nicht nach seinem willen wuchern, sonder nach der obrigkeit willen geregieret werde, ob gleichwohl auch die wucherer sind. Also auch die guten nicht von ihrem willen gut sind, sonder in ihrer obrigkeit willen gut sein, die auch gut ist. Also ist’s mit der arznei, das ist, in bösen die bösen speise, das ist, arzneien seins vom bösen wegen, das ist, der krankheit, dieselbe hinzunehmen. 8 Die gesundenspeise allein den gesunden. Also lebet ein jedes unter seinem gewalt, dass je eines das ander erhalte. Das böse sind tugenden zu den bösen et contra. Also sind obrig[1] B: B 1 137 v–139 v; H: Ha 2 62–84; vgl. GE 2,129–140. — [2] Mk 16,16. — [3] vorhängt: ‚verhängt‘. — [4] triegern: ‚Betrügern‘. — [5] gehorsamen: ‚Gehorsam leisten‘. — [6] denn H] damit B. — [7] basilisken: Der Basiklisk ist ein mythisches Drachentier und wird als König der Schlangen bezeichnet. — [8] Genauso wie es Arzneien gibt, um die „bösen“ Krankheiten zu heilen, braucht es eine Obrigkeit, um die Bösen in Schach zu halten.
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keiten krötten-, wölfe- etc. natur. 9 Aber das schaf muss dem wolfe gehorsam sein, das huhn dem fuchs. Und so sie uns schafe fressen, tröstet uns Christus, dass sie unser seele nichts tun können. Sie nehmen den leib, aber nit unsern neuen leib der seele.10 Die im alten testament, wie oben gemeldt, und andere ungetaufte werden hie im seligen leben nit vorstanden.11 Was aber gott wirket bei den toten, ist ihme allein wissende. Was ist der stuel Mosi,12 als allein die gewalt der obrigkeit, die da lehret und regieret? Es sei in eins, zwei, drei oder mehr wege, so ist’s doch alles ein stuhl. Etwan war nur ein stand, aber bei den christen zwei, geistlich und weltlich, und ist ein stuel. Und wider sie hat Christus gepredigt und sie verfluchet 13 und doch gebotten, ihnen gehorsam zu sein, was sie lehren etc.14 Quod dicat,15 „du kranker“, das ist, „böser, iss schlangengift, so wirst du gesund“ etc. Acht nicht, ob’s gift sei, also, ob die obrigkeit böse sei. Folge ihr in dem, dass sie dich lehret zu deiner gesundheit und achte nicht auf ihre natur, dass sie wölfe sind und dass darum unrecht sei, was sie dich heißen, und all ihren sinn nur auf rauben setzen. Ihr könnt’s nicht erwehren, oh ihr frommen. Kommt aber gleichs zu gleichen, so sei ein wolf dem andern gehorsam. Aber doch das evangelium laut auf die sort nicht; denn sie sind wohl gehorsam und rauben auch und bescheißen ihre obrigkeit gleich so wohl als sie die untertanen. Aber im seligen leben ist ein untertan oder obrigkeit ein wolf: sich will ein jeder teil desselbigen abtun und schaf werden; oder will der ober nicht ein schaf werden, so wird’s der untertan. Denn die obern als wölfe lehren gutes, vorbieten wölfische art, aber brauchen’s selbst; 16 drum man nach ihren werken nicht tun sollte. Item, sie verbieten uns zehent, opfer, steuer, ungeld 17 einzunehmen und es gehört uns nicht zu. Jetz aber tun sie’s selber. Also gehet ihr art und natur heraus, welchem tier sie gleich sein. Darum sollen wir ihn gehorsamen, so bleiben wir rein in unserm herzen und das gift bleibt allein bei ihnen. Wo die untertanen sollichs aber nicht tun, sonder nach der obrigkeit werk tun und die stühle auf die bänke wöllen, jetz verdringen 18 sie die obrigkeit; und sie wird ge-
[9] also … natur: ‚Die Natur der Obrigkeiten sind wie die der Kröten und Wölfe usw.‘ — [10] Mt 10,28 par. — [11] vorstanden: ‚verstanden‘. — [12] Mt 23,2: „Auf Moses Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer“, HS 1545. Paracelsus braucht dieses Bild oft als Sinnbild für die Institution der falschen Priester und Oberen. — [13] Mt 23,13–36. — [14] Mt 23,3. — [15] quod dicat: ‚als spräch er‘, ‚als wollte er sagen‘. — [16] Mt 23,3 f. — [17] ungeld: Abgabe, die eine angemessene Forderung übersteigt. — [18] verdringen: ‚verdrängen‘, ‚beseitigen‘.
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demütiget; und die untertanen setzen sich an die statt; und ist ihr gift in den untertanen. Item, sie rühren mit dem wenigsten finger nichts an, das sie lehren,19 das ist, sie geben niemands nichts. Sie nehmen nur ein zoll, zehent etc., 20 item, sie geben und tun wohl als betten, almosen geben, aber sollichs nur auf gleißnerei. 21 Dich heißen’s betten in der kammer, sie betten auf dem platz, 22 drum heißen’s dich nicht betten wie sie. Drum gedenke der christ: Ihr seind [138 r] böse oder das mein ist gut, das ich tue, das ihr mich heißet, denn Christus bezeuget das: „Das ich tue, das rühret ihr nicht an.“ 23 Drum will ich euch von Christi wegen folgen. Aber wehe euch, die ihr Christum mit euern lefzen 24 ehret, aber euer herz ist weit davon. 25 Das Christus sagt von händ und füß abhauen und von augen ausstechen; 26 nach dem ihm kein mensch selber solchen gwalt antut, drum muss es auf die obrigkeit geredt sein. Es sei was glied es wolle, damit er seinem nächsten schädlich gewesen, dasselbige die obrigkeit von ihm tun lassen. Denn hat er dasselbig glied nicht, so kann er dieselbe sünde nimmer vorbringen. 27 Es ist besser, weder hände noch füße haben in den himmel als alle glieder in die helle. Also will gott, dass wir richten auf erden, nicht töten, sondern bekehren und wieder zu binden, denn glieder 28 nehmen schadet dem leben nichts. Jetz so kann er sich bekehrn und in reue kommen, denn es gibt ihm desto mehr ursache. Also soll man nue nicht achten, wer die obrigkeit sei, denn sie ist da in unser schulen wie ein vatter, der das kind streicht 29 oder ihm ein brot gibt, der vatter sei böse oder gut und das kind wird also in gutem erhalten. Also kann’s auch ein obrigkeit tun, denn es gehet den im seligen leben nicht an, ob die obrigkeit zehn mal züchtiger ist. Dass der, der mit dem schwert sticht, der gehet damit unter, 30 ist nit auf die obrigkeit zu vorstehen (denn die mag niemands mit dem schwert richten oder töten, aber wohl die augen ausstechen, händ abhauen etc. dem, der 31 gefochten hat), aber mit dem schwert gehet der unter von seinesgleichen. Denn es ist keiner so polterisch, 32 er find zuletzt einen, der’s ihm ausmacht. Als die römer haben viel arges getan mit dem schwert, drum sind sie damit untergangen, dass sie jetz die verachtesten sein unter al[19] Mt 23,4. — [20] Mt 23,23. — [21] gleißnerei: ‚Heuchlerei‘. — [22] Mt 6,5; Mk 12,40. — [23] Lk 11,46; evtl. Mt 23,4. — [24] lefzen: ‚Lippen‘. — [25] Mt 15,8. — [26] Mt 18,8 f.; Mt 5,29 f. par. — [27] vorbringen: ‚in Erscheinung treten lassen‘. — [28] glieder nehmen: Abhauen von Körperteilen durch den Scharfrichter. — [29] streicht: ‚züchtigt‘, ‚schlägt‘. — [30] Mt 26,52; Gen 9,6. — [31] der gefochten hat: dem Übeltäter. — [32] polterisch: ‚polternd‘, ‚aufbrausend‘.
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len hauptstädten. Also auch Julius untergangen mit dem schwert, damit er auch lange gefochten. 33 Denn die gruben, so einer eim andern gräbt, in dieselbige fallet er geren. 34 Es ist nit allein vom schwert zu vorstehen, sonder auch in andere wege: hinterlist. Nicht dass von obrigkeit geschehen muss, sondern es schicket sich sonst schon. Item, das schwert mag auch von der zungen verstanden werden, ist auch ein schwert. Mit demselben gehet er unter, das ist, es wird ihme die zunge ausgezogen. 35 Der mit fäusten ficht, mit fäusten gestraft, das ist, ihm genommen werden. Im seligen leben soll kein waffen sein, damit niemand damit beschädigt werde. Hat er’s aber, hinweg mit ihm, damit die gemein rein bleibe. Besser ist’s ohn die zung ins himmelreich, denn verräterisch in die hell. 36 Was nichts soll, ab 37 vom leibe. Also werden auch eunuchi 38 von wegen des reichs gottes. 39 Es ist besser, eunuchisch eingangen in himmel, denn mit vollen kräften in die helle. Es ist kein vordienst 40 (weder von wegen der gehorsame der obrigkeit noch gott selbs erzeigt) nach unserm tod, allein der glaube und der tauf muss es tun. So gibt aber glaub und tauf kein obrigkeit. Drum so folgt, dass die obrigkeit auf die bösen gestift, 41 nit auf die guten. Drum sind die guten der obrigkeit nichts schuldig, denn sie haben keine; aber doch darum sollen’s gehorsam sein, nit dass ihnen verdienstlich ist, sonder dass ihnen in jener welt eine besserung begegne, eim jeden nach dem er gehorsam gewesen ist etc. und darnach in der helle etc. Aber dass gott ihre gehorsame ansieht und annimmt und doch nicht in das reich der himmel setzt, und solchs ist nur vormuetung. 42 So sein etliche obrigkeit, die wollen nit wölfisch oder fuchsisch sein und 43 doch kein 44 ärgers. Aber wie sie sagen, mit aufrechtem fähnlen 45 gegen ihren nächsten, ihn zu überwinden. Das ist nue eine böse obrigkeit, denn friede soll sein, nit unfriede, kein vortreiben, nit fremdes gut begehren. Nun, der sich brauchen lässt von ihnen und ist friedlichs gemüts, aber will gehorsam sein, so ist er nicht entschuldigt; noch viel weniger, der unter einem fremden herrn lauft, das ist, hauptmann und ihm will gehorsam sein. 46 Aber einer eigenen obrigkeit, so sie statt 47 tun müssen in gehor-
[33] Julius Caesar wurde durch das Schwert ermordet, das er als Feldherr selber lange gebraucht hatte. — [34] geren: ‚gerne‘; vgl. Ps 7,16; Spr 26,27; Pred 10,8. — [35] Mt 18,8 f.; Mt 26,52. — [36] Mt 18,8 f.; Mt 5,29 f. — [37] ab vom leibe: ‚der werde getötet‘. — [38] eunuchi: ‚Beschnittene‘, ‚Eunuchen‘. — [39] Mt 19,12. — [40] vordienst: ‚Verdienst‘. — [41] gestift: ‚gestiftet‘, ‚eingesetzt‘. — [42] vormuetung: ‚Vermutung‘. — [43] und … ärgers fehlt H. — [44] kein Konj.] koi B. — [45] fähnlen] ‚Fähnchen‘. — [46] sein] seind B. — [47] statt tun: ‚Folge leisten‘.
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sam, auch in bösen dingen, da muss ein heimlich verborgen werk und will bei gott sein, uns unwissend, also dass einer muss leiden, sein weib und kinder schänden lassen etc. Vielleicht muss also offenbar werden das, das im himmel nichts soll. Und dieweil auch ein jeder sein kreuz tragen muss und deren sein mancherlei; 48 und je mehr etwas wider einen ist, je schwerer das kreuz; und das kreuz ist allein der heiligen in aller geduld ohne rach. Es ist in vita beata schwerlich, sollichs nachzugeben, aber „fiat voluntas domini“. 49 Vielleicht ist’s auch ein sondere strafe gottes, dass viel der berufenen, aber wenig der auserwählten. 50 Die auserwählten setzt er vielleicht dieweil an ein besonders winkelein und lässt die andern, in den doch die liebe erkaltet, wohl aneinander fegen. Der der obrigkeit laster strafen will, der schaue, dass er großen befehlich 51 von gott habe. 52 Sonst, ob er nur ein mücklein hat im auge und die obrigkeit ein balken, 53 so treibet’s aber diabolus auf, dass aufgehet wie ein sauerteig, und werden aus eim diabolo sieben peiores mit der zeit. Die obrigkeit wird verjagt und kommen sieben mal böser an die statt, 54 das ist, behalten ihrer vorfahren brauch [138 v] und machen noch mehr hinzu, denn diabolus weicht nicht von dem mücklen. Das erfahren alle gleißner, 55 wenn’s an ein statt kommen eines andern bösern. Auf sollich gleichnus redt Christus, denn des andern traum 56 wird zu mücken und dein mücken zu eim traum. Drum so muss etwas sein, dass das unrecht so gewaltig alle ding besitzt, uns unerforschlich und ist doch viel zu ermessen. Gott will, dass man das evangelium predige in der welt; und der verkünden will, muss besser sein denn der, dem’s verkündet wird. Nue aber ist ein teil wie der ander, ein blinder wie der ander. 57 So muss es sein als 58 mit dem sämann, der guten samen säet, aber der diabolus sein unkraut. 59 Und das unkraut überwuchs allen guten samen, dass er dar in 60 ersticket, also dass der hausvatter ihn nimmer sehen künd. Und also zerging der garten, der da war des guten somens halben. Also reutet 61 der hausvatter alles aus 62 und segnet den garten und säet gutes auf ein neues: und diabolus konnte nichts mehr schaffen. Also wird ihm gott auch tun zu sei[48] Mt 10,38 par.; 16,24 par. — [49] Mt 6,10: „veniat regnum tuum fiat voluntas tua sicut in caelo et in terra“, VlgSt; „Dein Reich komme. Dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel“, HS 1545. — [50] Mt 22,14. — [51] befehlich: ‚Befehl‘. — [52] habe H. — [53] Mt 7,3–5 par. — [54] Mt 12,45 par. — [55] gleißner: ‚Heuchler‘. — [56] traum: ‚Balken‘. — [57] Mt 15,14. — [58] als: ‚wie‘. — [59] Mt 13,24–30.36–40. — [60] darin] dahin B. — [61] reutet: ‚rodet‘. — [62] Mt 13,24–30; Mt 13,7.
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ner zeit, damit dass aglat, 63 distel, kletten, 64 erbselen 65 hinweg kommen. Daher ist auch der spruch Judae de 66 corpore Mosis hoch zu ermessen, dass der engel und diabolus über Moses leib (in seinem leben) gewalt hätten. 67 Aber er folget dem engel, das ist gott; drum zanket diabolus mit dem engel. Also ist böse und gute obrigkeit über uns und kämpfen beide um uns; denn hat diabolus Moisis nit verschonet, viel weniger uns. Drum lieget an uns, welcher obrigkeit wir uns ergeben. Unter der obrigkeit gottes werden wir nit verlassen; auch unter der bösen obrigkeit in ihren listen auch nicht. Aber schau einer auf, was er tue. Ist er unter den bösen, so ist er in ihrer pilgerschaft. 68 Nue, so du gottes sein willt, so tu eine buß im gehorsam; das will gott haben, er tut drum lohnen. Aber besser ist, sich zu den frommen halten. Drum ermiss dir, wenn dir ein obrigkeit etwas gebeut, 69 ob sie von gott sei oder nicht. Aus ihren früchten wirst du sie erkennen. 70 Ist sie nit aus gott, suche eine andere obrigkeit; denn gott wird zuletzt eine obrigkeit von der andern teilen wie schaf und böcke, 71 was engels obrigkeit von des teufels. 72 Christus sagt: „Ihr sollet recht richter des menschen sein.“ 73 Solchs ist auf die obrigkeit geredt, was sie tun sollen. Tun sie’s nit, sonder sein teuflisch, so ist doch alles von gott, gutes und böses, ratten 74 und weizen. Item, der apfel cognitionis boni et mali: 75 Aber due hab acht, wie sich der apfel spalte; zu dem guten halt du dich. Item, urteile nicht, dass due nicht geurteilet werdest. 76 Dies ist auf böse obrigkeit geredt, denn sie urteilt falsch, drum wird sie auch verdammt. Was ist’s nue, dass diabolus macht hat, ein obrigkeit zu setzen und sie ist doch verdammt? Solcher freier wille ist kein freier wille. Darum, so gott einen gewalt geben hat, soll er allwege in zwei teil verstanden werden. Ein jeder gewalt, 77 guter oder böser: Was er tut, das ist geton. Also ist rechter petrischer gewalt im himmel und teufel petrischer gewalt 78 in der hellen. Einer sperrt für sich auf, der ander hinter sich und
[63] aglat: ‚Akelei‘. — [64] kletten: ‚Klette‘, Arctium lappa L. — [65] erbselen: ‚Erbsen‘, verm. die Saubohne, Vicia faba L. — [66] de corpore Mosis: ‚über den Körper des Mose‘. — [67] Jud 1,9. — [68] pilgerschaft: ‚Nachfolge‘. — [69] gebeut: ‚gebietet‘. — [70] Mt 7,16.20. — [71] Mt 25,32 f. — [72] Jud 1,9. — [73] Joh 7,24; ferner Mt 7,1 f.; Lk 12,57. — [74] ratten: ‚Kornrade‘, ‚Rade‘, Agrostemma githago L.; ein Unkraut der Getreidefelder. — [75] Gen 2,17; Gen 3,3–5. — [76] Mt 7,1 par. — [77] gewalt: ‚Machtperson‘, ‚Autorität‘. — [78] teufel petrischer gewalt: teuflische Macht in Analogie zur himmlischen Macht des Petrus, zu binden und zu lösen, vgl. Mt 16,18 f.
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ledigt79 von gott zum teufel et contra der ander. Nue, ein jeder teil sucht sein obrigkeit und gleich und gleich kommt zusammen. Nicht, dass gott ex proposito80 die böse obrigkeit hat haben wollen, sondern ex praescientia,81 dass sie per diabolum82 nit werde ausbleiben. Die rechte obrigkeit stehet in barmherzigkeit ihr urtel,83 nit auge um auge,84 sonder schaden leiden, nit vorgelten.85 Gut gedünken86 ist nit von gott, sonder gottes lehr ist von gott, die soll die obrigkeit sein im menschen; als wie der arz nicht mit dünken,87 sonder mit arznei wirken soll. Aber Paulus führet eine scharfe lehr hierinnen.88 Ob zu seinen zeiten das die zeit erfodert hat oder ob’s allemal also sein muss, lasse ich’s bleiben; meines gedünkens nicht, dass eine gerechte obrigkeit soll ausgelassen werden. Aber ich weise niemandes dahin, lasse ein jeden in seinem herzen. Aber ich kann wohl ermessen, dass die auserwähleten schwach genug sein. Vielleicht finden sie nicht, die daher tugen.89 Weil man’s nit findt, kann man’s nit setzen. Die bösen setzen nichts guts, sind allemal überschämig.90 Drum müssen’s vielleicht setzen, wie sie sein, vielleicht zu vermeiden größern unfall und bösers, denn bisher war. Und obschon die obrigkeit diabolisch, so finden doch die frommen etliche wenig, die auch ihnen zu nutz kommen. Ist aber über Hans’ gedanken.91 Der üppige92 gewalt, so Babylon genennt wird, sagt apocalypsis,93 wie er fallen werde.94 Das nue Paulus sagt, „bösen zu gehorsamen“, 95 mag auf zwei wege verstanden werden. Erstens, dass die bösen uns gutes heißen und sie tun’s aber nit, wie oben gesagt, oder dass sie auch böses heißen und wir solln gehorsam sein. In diesem andern vorstande 96 muss also sein, dass mörder, das ist, bös zu mördern, das ist, bösen komm, das ist, gleich zu gleich und sie also gehorsam. [139 r] Aber du frommer gehe von ihnen; das ist, du gerechter, gehe zu der gerechten obrigkeit, du ungerechter zu der ungerechten und seid beide gehorsam. So bricht, 97 aber dass viel
[79] ledigt: ‚entbindet‘. — [80] ex proposito: ‚aus Absicht‘. — [81] ex praescientia: ‚aus Vorwissen‘. — [82] per diabolum: ‚durch den Teufel‘. — [83] urtel: ‚Urteil‘. — [84] Ex 21,24; Lev 24,20; Dtn 19,21; Mt 5,38. — [85] vorgelten] vorgalten B: ‚vergelten‘. — [86] gedünken: ‚Ansinnen‘, ‚Meinen‘. — [87] dünken: ‚meinen‘, ‚mutmaßen‘. — [88] Röm 13,1–7. Paracelsus bezieht sich im Folgenden wiederholt auf diese Stelle des Römerbriefs, die zum Respekt vor der von Gott eingesetzten Obrigkeit aufruft. — [89] tugen: ‚taugen‘. — [90] überschämig: ‚unverschämt‘. — [91] Das sind Gedanken, die dem „Hans“, dem gewöhnlichen Menschen, zu hoch sind. — [92] üppige: ‚verschwenderische‘, ‚überschwellende‘, ‚eitle‘. — [93] apocalypsis: ‚Buch der Offenbarung‘. — [94] Offb 18,2. — [95] Röm 13,3. — [96] vorstande: ‚Verstande‘. — [97] bricht: am ehesten ‚brecht mit ihnen‘.
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in den dingen von gehorsam: Wir sollen gehorsam sein, aber ohne glauben. Das ist, gehorsamen, aber nit in sie glauben, das guet sei das, damit sie umgehen. Es spräche eine falsche obrigkeit, „ich will dich in den himmel bringen, gibst du mir zehent“. 98 Geben schadt nicht, aber gläuben soll man nicht dran. Man muss doch ein diabolum gar im menschen sitzen lassen. Ist auch sein gewalt, aber nicht in ihn gläuben. Also, es will dir ein obrigkeit sünde vorgeben um das geld: Gib das geld, lass dir vorgeben, gläub aber nicht dran, sonder allein Christo. Darum liegt viel an dem gehorsam, nicht gläuben oder an ihn gläuben. Der falsche glaube, der tötet. Drum ist ein gewalt, davon apocalypsis schreibet, der ist mit glauben. 99 Das ist, hat die leute dahin gebracht: Was er lehret, das halten sie für gottes wort. Das ist schon unrecht. Nichts weniger ist derselbige gewalt von gott. Gott hat anfänglich den guten gewalt darum geben vonwegen des volks rauigkeit und unverstand und dass man grob, ohne zucht, furcht und weisheit erzogen wird und zum bösen mehr geneigt als zum guten; fürzukommen dem bösen. Darum soll ein obrigkeit auf drei stucke gehen: auf gerechtigkeit, wahrheit und weisheit.100 Der grund, eckstein und anfang ist die furcht gottes.101 Als im alten testament exempla warn in Abraham, Moise; die suchten das reich gottes, da ward ihn alles, das ihre notdurft war; brauchten nit eigennutz, baueten nicht schlösser, führeten nicht pompe; 102 denn die furcht gottes ward so groß, dass sie nie dran dachten und hatten alles aus befehlich 103 gottes, nicht aus ihrem gutdünken und ratschlag.104 Also muss es noch heutigs tages sein. Wo bleiben nue die ratschläge in commun 105 der fürsten? Wo die ratstuben der städte, wo das dünken der bauern? Weil denn da kein rechte art ist und tugend der obrigkeit, drum sind’s alle irrig, und alle diejenigen, so unter ihn, also.106 Drum ist nichts beständigs: da gehet eines ab, das ander auf, das stehet, das fällt etc. Man veracht und widerredt vielen, die sich der leute nichts annehmen und einem jeden das seine schaffen lassen, auch die obrigkeit stehen und bleiben. Viel, die in die welt laufen und gelaufen sind, sind groß veracht worden. Aber ich schätze den für groß, der die böse ob[98] Hinweis auf den Sündenablasshandel, einen der Kritikpunkte der Reformation. — [99] Offb 13. — [100] Sir 4,29. — [101] Spr 1,7; 9,10. — [102] pompe: ‚Pomp‘, ‚Prachtentfaltung‘. — [103] befehlich: ‚Befehl‘. — [104] zur Belehrung des Mose durch Gott vgl. Ex 3,1–22; 4,1–23; 19,3–6.9–13.18–24; 20,1–17; 31,12–18. — [105] in commun: ‚in der Gemeinde‘. — [106] also: ‚ebenso‘.
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rigkeit betracht und wie sie das reich gottes nit 107 sehen etc. Und darum fleucht und gehet von ihnen! Den halt ich aber für einen großen toren, der sich zu ihnen hält und flickt,108 und gern um sie ist; denn er wird doch bei ihnen böse wie sie und werden zuletzt beide in einer gruben funden. Denn es ist doch der bösen obrigkeit witz 109 und alle ausrede nichts, denn ihr ding ist nur dünken; und wie sie ein grund legen, also wird das gebäu; und verlassen sich nur auf menschenwitz, allen dingen entgegen- oder fürzukommen. Darum versorgen sie sich mit schlössern, gemäuer, geld, zins etc., da sie doch vorgebens sollen ausgeben, nit einnehmen. Dem kaiser soll man geben, was ihme zugehöret,110 nicht allein, dass er davon esse, sondern auch den ungehorsamen überherrschen 111 möge. Weiter aber niemand nichts, keinem fürsten, keinem herren, keiner obrigkeit, stadt soll obrigkeit halben nichts geben werden. Die sitzen alle hernach an’s kaisers statt. Wer ist der ratherr, der ein heller auf seine witz entlehnen darf, ich geschweige nehmen? Darum ist witz kein kaufmannschatz,112 aber regieren das volk, das dem kaiser zugehört, bedarf den sold.113 Weiter niemand 114 übernehmen, sondern man sollte zufrieden sein. Was drunter ist, seind raubstucke. Drum gehet’s auch so zwieträchtig zu. Sollichs rauben, zu wem ist’s nutz? Allein zu eigenem reichtum. Und wäre zu bauen und kriegerei, auf dass sie dem frommen, der ihre büberei 115 kennet, mögen widerstehen. Wenn man durchaus das reich gottes suchte,116 so würde rechte zucht der jugend sein, dass man keinen henker oder galgen besolden dörfte.117 Aber dieweil die obrigkeit ihre kind auf hoffart, geld und gut, neue fünde,118 büberei und wollust ziehen, drum ist keine gnade da. Jetz tun die untertanen auch nach ihnen. Itz frage man, wo alle not und jammer herkomme und täglich vorbrechen 119 wider alle gebott gottes? Was ist nue, dass man henkt und rädert? 120 Gott gibt nichts zu lohn drum, aber durch das reich gottes hätte man den dingen allen können
[107] nit sehen] sit stehen B; sagen H. Dunkle Stelle der Vorlage. Die Lesung nit sehen erscheint im Sinne von Joh 3,3 plausibel. — [108] flickt: ‚sich anschmiegt‘. — [109] witz: ‚Klugheit‘. — [110] Mt 22,21. — [111] überherrschen: ‚beherrschen‘, ‚in Zaum halten‘. — [112] kaufmannschatz] kaufmanschafft H. — [113] Lk 3,14. — [114] niemandt … raubstucke H; fehlt B. — [115] büberei: ‚Schelmerei‘, ‚Schurkerei‘. — [116] Mt 6,33 par. — [117] dörfte: ‚bräuchte‘. — [118] fünde] funde B: ‚Einfälle‘, vielleicht auch in Bedeutung von ‚Fundgruben‘, wo es etwas zu gewinnen gibt. — [119] vorbrechen: ‚Verbrechen‘. — [120] rädert: im Sinne einer Kapitalstrafe auf das Rad flicht.
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fürkommen. Also würde gott sagen, „due gerechte obrigkeit, bist du dem und dem vorkommen, dass das und das nicht daraus entstanden“. Die falsche obrigkeit aber wird sagen: „Herr, ich habe alle übel gestraft, köpfen, henken, brennen, rädern lassen.“ 121 So wird gott sagen: „Was ist deine strafe gewesen? Und hast einem andern fliegen in augen gesehen [139 v] und dir selber die balken nicht.“ 122 Nicht henken, nicht köpfen etc., sondern lernen, dass sie nicht dazu kommen. Darum nur in abgrund der helle mit dir. Drum soll ein gute obrigkeit alle ding und notdurft allein bei gott suchen in ihrem herzen. Aber der falsche 123 gewalt ist der, so unter der huren Babylon 124 gefunden wird, die viel sekten der obrigkeit unter ihr hat, edelleut, pfaffen, münche, burger,125 krämer und viel sekten unter ihnen allen. Aber da nichts aus gott wie Moises und Josuae.126 Drum ist’s alles aus. Drum müssen spieße, büchsen,127 mauern sein. Denn gott will für uns nicht wachen, vergebens ist das unser.128
[121] Mt 25,30. — [122] Mt 7,3–5 par. — [123] falsche H. — [124] zur Hure Babylon vgl. Hes 23,17; Offb 14,8; 17,5; 18,2. — [125] burger] krieger H. — [126] Jos 1,1–9. Moses und sein Nachfolger Josua waren die von Gott eingesetzten Führer des Volks. — [127] büchsen: ‚Schießbüchsen‘. — [128] Ps 127,1.
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A12. Liber de religione perpetua Von der immerwährenden Religion [80 r] 1 So uns nun gott beschaffen hat und darzu einem jeglichen sein gab geben, sich derselbigen zu erhalten uf erden, und aber dieselbig uns dermaßen befolchen, 2 dass wir dieselbig gab führen sollen uf erden seliglich und nit unseliglich, dann da ist nichts, das uns gott geben hat, es sei uns geben, dasselbig seliglich zu gebrauchen. Dieweil wir aber das holz gessen haben, do guts und bös in ist gesein, 3 us dem wir’s gelernt und erfahren hont, so folgt us dem, dass wir dasselbig, so uns gott geben hat, wohl auch mit gnaden 4 unseliglich brauchen zum bösen und zum argen. Darum so uns der gewalt ist und das wissen, werden wir ermahnt, dass wir in keim 5 dasselbig zu argem brauchen sollen, sonder allein zu gutem. 6 Und wiewohl das ist, dass gott große wunderbarliche ding beschaffen hat, durch uns menschen die zu öffnen in viel weg, und uns großen gewalt geben, dasselbige zu gebrauchen, und vielerlei weis und form, aber wie wir in allem tuent, so ist das die erste warnung, in keinerlei weis dieselbig zu gebrauchen zu allen dingen, do sie dann wohl hin zu gebrauchen not würde sein oder möchte, allein dohin, darzu es not ist. Dann sehent an ein frauen, die ist beschaffen kinder zu gebären, aber nit in unehren, allein zu ehren und in ehren. Also seind auch viel große ding beschaffen, durch die religiones der menschen zu eröffnen, 7 je eine der andern zuhilf, aber doch nit anderst, dann [80 v] im weg des herrn, nit zur verdammnus. Wiewohl alle ding gebraucht mügen werden zu gutem, zu bösem, das bös aber lassen fallen und zum guten alle ding wenden, uf dass wir vor den augen gottes nit gesehen werden in abweg zu wandlen, sonder in dem seligen leben seliglichen alle ding nießen 8 und gebrauchen, uf dass wir nit werden anklagt am tag des herrn, dass wir in unsern religionibus und fakultäten haben nit gnugsam verstanden und gehandelt, nachdem 9 und dieselbige religion beschaffen gesein ist; oder so wir gnugsam verstanden, dieselbigen verkehrt und falsch ausgelegt oder dieselbigen nit dermaßen gebraucht, [1] H: H 1 80 r–93 r; L: L 2 502 r–512 v; B: Hb 3 156–179; F: F 2 259 r–268 r; G: Ga 131 r–142 v; M: ME 89–107. — [2] befolchen: ‚anvertraut‘. — [3] Anspielung auf den Sündenfall, vgl. Gen 3,6.11.22–24. — [4] gnaden] guttem gewisßen LM; dem gueten FG. — [5] keim: ‚keinem Ding‘. — [6] zur Abkehr vom Bösen zum Guten vgl. Ps 34,15; 37,27; Spr 17,13; Röm 12,21; 1Thess 5,15; 3Joh 1,11. — [7] eröffnen: ‚offenbaren‘. — [8] nießen] wissen LBFG. — [9] nachdem und: ‚so wie‘.
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dermaßen sie uns zu unsern handen geben und überantwort ist worden, ist not, fürhin dieselbigen religiones zu erzählen, uf dass wir wissen 10 im seligen leben, dieselbigen alle facultates und religion seliglich zu gebrauchen, uf dass sie nit uns zu der verdammnus seind, sonder als unser kreuz seliglichen tragen.11 Alle ding, so wir gebrauchen uf erden, sollen wir seliglich gebrauchen und nit unseliglich und nit mehr und nit anderst, dann darum und zu dem, darum es do ist, nit darzu noch darvon ton, nichts bösern, also wenig auch nichts bessern. Dann also ist das zu verstohn: Wir haben ein religion, die apostelamt heißt. Dieselbig religion ist us gott gesetzt und geordnet, und dieselbige religio ist in drei teil geteilt: [81 r] in die propheten, in die apostel und in die jünger.12 Nun seind die propheten die,13 so nichts sollen reden als allein, das sie ohn 14 mittels von gott geheißen werden. Das seind nun diejenigen, die im alten testament gesein seind und Christum verkündt 15 und sein lehr und sein geheiß und wandlung uf erden fürzehalten.16 Darbei auch haben sie fürgehalten den weg der seligkeit, wie ihn gott hat wellen hon. Und die seind gestorben und seind ab und haben geendt in Johanne baptista.17 Der war der letzte, unter dem das alte testament geendt ist worden und das neu angefangen. Also seind die seligen propheten geendt worden, und ihr ist keiner mehr us der zahl der seligen propheten. Darnach ist angestanden 18 und angangen der ander teil, das seind die apostel gesein. Dieselbigen haben darnach das 19 selig leben verkündt und anzeigt, wie dasselbig allein in Christo sei geprediget, deren seind zwelf 20 gesein mitsamt etlichen mitgesellen, Paulo, Stephano, Barnaba etc., 21 und auch fürgehalten dasjenig, so weit ihn von Christo, dem sun gottes, befohlen ist, zu gleicher weis wie die propheten. Dieselbigen seind also
[10] wissen im seligen leben] vnnß jm seligen leben H; wissen yhnselbigen zuleben LFG. — [11] tragen] zu tragen LBG; zur Hinnahme des eigenen Kreuzes vgl. Mt 10,38 par.; 16,24 par.; Gal 6,2–5. — [12] zu den Ämtern der Propheten, Apostel und Jünger vgl. Hohenheims Ausführungen im «A7. Liber de officiis, beneficiis et stipendiis». — [13] die LFG] do H. — [14] ohn mittels: ‚unmittelbar‘. — [15] zur Verheißung des Messias durch die Propheten des Alten Testaments vgl. Jes 9,1–6; 11,1–10; 59,20; Jer 23,5 f.; Hes 34,23 f.; 37,22–28; Dan 7,13 f.; 9,25; Mi 5,1–5; Hag 2,22 f.; Sach 3,8–10; 6,12; 9,9 f. — [16] fürzehalten: ‚vor Augen zu halten‘, ‚zu zeigen‘. — [17] Mt 3,1–12 par. — [18] angestanden: ‚angetreten‘. — [19] das selig leben] der propheten leben LFG. — [20] Mt 10,1–4 par. — [21] zu den Berufungsgeschichten der Jünger vgl. Mt 4,18–22 par.; 9,9; Mk 2,14 par.; Joh 1,43., zu Paulus Apg 8,1.3; 22,6–16, zu Stephanus Apg 6,8–15 und zu Barnabas Apg 4,36.
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auch geendt und abgangen. Uf diese nun seind erstanden us der schikkung gottes die jünger. Das seind nun die, so fürhin den prophetenstand im verkünden der propheten geschriften erfüllen, dergleichen auch den apostelstand im verkünden der apostolischen lehr und geschriften fürhalten. Dieselbigen seind nit propheten, seind nit apostel, aber jünger, die do [81 v] wohl mügen propheten oder apostel geheißen werden, nit dass sie’s seient, darum aber, dass sie dasselbig verkünden, dass dieselbigen ihnen verlassen 22 hont. Darum so wissen, dass ihr denselbigen getreulich folgen sollen, dann sie zeigen an den seligen weg in Christo zu dem seligen leben, der dann allein der selig 23 weg ist und kein ander nit. Wie wir nun denselbigen weg sollen wandlen, sollen wir von ihnen verstohn. Dann es ist ein religion, die us gott ist und von gott do. Dieweil nun sie so hoch ist und so groß, ist vonnöten, diese religion euch wohl zu erkennen geben. Das seind die größten werk, die uns gott beweist, dass er uns allemal mit seligen leuten versorgt, die uns weisen, führen und lernen sollen in dem ewigen, seligen leben. Dieselbigen nun hat er mit dem heiligen geist erleucht, 24 dass sie wunderbarlich reden vor den menschen vom reich gottes und mit großen feurigen zungen reden also, dass ein sprach viel sprachen verstand. 25 Das ist der rechte grund der heiligen lehrer uf erden, die vom heiligen geist ihr lehr nehmen und reden und lernen, dass sich männiglich groß ab ihnen muss verwundern, nit allein das, dass sie groß erleucht seind im heiligen geist und große ding reden, wunderbarlich allen menschen, sunder auch mit großem gewalt bei uns uf erden, den sie hont von gott und Christo, seinem sun, das ist, dass sie gleich [82 r] seind wie ihre meister, das ist, sie reinigen die aussätzigen, das der natur nie müglich gesein ist noch in ihrem vermügen gestanden, 26 und dasselbige mit einem wunderbarlichen wort allein, „du bist rein“, 27 und ist also. Do ist die große wahrheit, do alle natürliche kräft müssen schweigen und dannen 28 gohn gegen der kraft dieser wahrheit, so allein in einem einigen wort leit. Sie machen die toten lebendig mit eim wort. Das seind die lehr der jünger, der apostel Christi, denen zu trauen und zu glauben ist. Und wieviel sie solcher zeichen tunt, noch 29 so werden sie nit 30 hoffärtig noch reich darin, sonder sie
[22] verlassen: ‚hinterlassen‘. — [23] selig] haylligen LBFG. — [24] zum heiligen Geist als Lehrer vgl. Lk 12,12; Joh 14,26; 1Kor 12,8; 2Kor 5,5; 1Thess 4,8; 1Joh 1,1–10. — [25] Apg 2,1–4. — [26] Mt 10,8. — [27] Mt 8,3 par. — [28] dannen: ‚fort‘. — [29] noch: ‚dennoch‘. — [30] nit hoffärtig] nit stolltz, noch hofferttig LFG.
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freuen sich, dass ihr nam geschrieben stehet im buch der lebendigen. 31 Sie trinken gift und schadt ihnen nit, man seudt 32 sie in öl und schadt ihn nit. Sie liegen gefangen an ketten und gohnt wieder us ledig ohne menschenhilf. Sie machen die blinden gesehend, die lahmen gerad. 33 Und alles, was sie us denen dingen tunt, das tunt sie vergebens, 34 und lernen das wort gottes wunderbarlich ohn pfrund 35 und rent und gilt, 36 ohne miet, 37 gab 38 und verehrung. 39 Sie achten keins reichs der welt noch der selbigen güter, sie wandern ohn schuch, ohn säckel, ohn rock, 40 ohn stecken: zu einem zeichen, dass ihr reich nit von dieser welt ist. 41 Sie gohnt die fueßstaffeln ihres meisters und herrn Christi, 42 des reich auch nit war von dieser welt, der sie das also geheißen hat, dem sie nachfolgen und nit wider ihn tunt. Darumben so seind sie ihm lieb, und er erhält und beschirmet sie und ist mit ihnen 43 in allen ihren werk, [82 v] zeichen und lehr. Das seind die, die wir sollen hören und von ihn lernen. Das ist das salz in unser herz, das seind die liechter der welt und aller menschen, 44 das seind die, die do kommen im namen des herrn, 45 das seind, die do weiden und geben, fuhren 46 und nähren. 47 Das ist die bewährte religio des geists, der do ist vom himmel ohn allen betrug, ohn allen beschiss und ohne allen falsch. In der religio ist die wahrheit und die wahrhaftige verkündung, in die religion soll sich ein jedlich schaf verheften 48 und zufüegen. Sie seind die, so ohn allen falsch lernen, ohn geiz, ohn gut, ohn geld. Sie seind die wahrhaftigen armen. 49 Dann wie der vogel us dem luft fleugt und sich ernährt uf denselbigen tag und nit weißt uf den morgen sein nahrung oder wohnung, 50 also die auch. Das seind die, so in einfalt wandlen 51 wie die tauben und in fürsichtigkeit ihres amts wie die schlangen, 52 das seind die, so do sorg tragen in ihrem amt und nichts unterlassen, sonder alles voll-
[31] zum Buch des Lebens vgl. Ps 69,29; Phil 4,3; Offb 3,5; 13,8; 17,8; 20,12.15; 21,27; 22,19. — [32] seudt: ‚siedet‘. — [33] zu den Gaben des heiligen Geistes vgl. Mt 10,1 par.; Mt 10,8; Mk 16,17 f.; Lk 9,10; 10,9.19; Apg 2,3. — [34] vergebens: ‚umsonst‘. — [35] pfrund: ‚Pfründe‘, ‚Entlöhnung‘. — [36] gilt: ‚Gülte‘, ‚Gilte‘, in der Bedeutung von ‚Zahlung‘, ‚Schuld‘, ‚Abgabe‘. — [37] miet: ‚Gegengabe‘. — [38] gab: ‚Abgabe‘. — [39] Mt 10,8. — [40] ohn rock] ain seckel H; on rockh B. — [41] Joh 18,36. — [42] sie gohnt die fueßstaffeln: ‚sie treten in die Fußstapfen‘, vgl. 1Petr 2,21. — [43] Mt 18,20. — [44] Mt 5,13 f. — [45] Mt 23,39 par.; Joh 12,13. — [46] fuhren: ‚nähren‘, ‚speisen‘, ‚füttern‘. — [47] Anspielung auf den guten Hirten, vgl. v. a. Joh 10,1–17; Hes 34,5–23. — [48] verheften: ‚begeben‘. — [49] Anspielung auf Mt 5,3; Lk 6,20. — [50] wohnung B] nemung H in der Bedeutung von ‚Einnahme‘, im hier vorliegenden Zusammenhang mit Mt 6,25–34 par. ist jedoch die Lesung wohnung sinnvoller. — [51] wandlen LFG, fehlt H. — [52] Mt 10,16.
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enden, so ihnen befohlen ist. Und so die stund ihres tods kommt, so hont sie mit freuden ihr amt vollbracht und sterben seliglich in dem herrn zu dem ewigen leben. Das seind die lehrer, die das evangelion verkünden den armen, 53 dann das evangelion ist der trost. Das seind die, die den frieden verkünden. 54 Dann sie lernen nit ihren eigennutz, wie dieselbig lehr nit ist. Do aber ist ein lehr des friedens. Das seind, die do [83 r] seind eines reinen herzens, 55 sie seind die keuschen, sie seind die milden, sie seind die barmherzigen. 56 Sie leiden und gedulden 57 von der gerechtigkeit willen. 58 Sie leiden vonwegen Christi eines wahrhaften leidens. Sie seind nit unter ihrem fluch begriffen, deren, die do pharisäer und hypokriten 59 und schreiber geheißen werden, die do uswendig sehen wie die hübschen, aber inwendig schelmen, stinkend körper. 60 Sie lernen nit zehenter, 61 weder von münzen noch kraut noch heu, sonder von der barmherzigkeit sagen sie, von der gerechtigkeit und vom glauben. Sie heißen nit äußerlich zier machen, sonder sie predigen: „Bessert euch, habent reu über die sünd und glaubent in Christum und seiner lehr. Tragen sein joch, es ist leicht, tragen sein bürde, sie ist ring.“ 62 Das ist, sie predigen den milden, süßen gott, der von den seinen nit gut noch geld hon will, sonder ein reines herz. 63 Denen sollen wir folgen und nachgohn. Die sollen wir lieben, dann wir empfahen den ewigen lohn darvon. Sie seind die, so im namen des herrn gohnt. Wie groß werden wir bei gott sein, so wir sie nur mit einem trunk wasser tränken, mit gerstenbrot 64 speisen. Dann sie seind der scheinenden speis nit gewohnt, kostbarlich zu essen. Das ist die bewährte religion des geists. Deren exempel und deren lehr, deren gebott, deren zeichen sollen wir annehmen und sagen, „selig ist der, der do kommt im namen des herrn“. 65 Dann sie hont zeugnus, dass sie gerecht seind. [83 v] Also dieweil uns gott in unser gebrechlichkeit anfänglich erkennt hat, dass wir mit viel krankheiten beladen seind und werden, 66 auch darbei in göttlicher fürsichtigkeit 67 wohl ermessen, dass wir die-
[53] Mt 11,5; Lk 4,18. — [54] Jes 52,7; Apg 10,36; Röm 10,15; Eph 2,17. — [55] zum reinen Herz vgl. Ps 24,4; 51,12; 73,1; Spr 20,9; Mt 5,8 par.; 1Tim 1,5; 2Tim 2,22; 1Petr 1,22. — [56] Mt 5,7.9. — [57] gedulden: ‚dulden‘. — [58] Ps 34,20; Spr 11,31; 1Petr 3,14. — [59] hypokriten] yppigen H; yppocriten LBFG: ‚Heuchler‘. — [60] Mt 23,27; Lk 11,44. — [61] zehenter] zehendten LB; zeheten FG: ‚Zehnte‘. — [62] ring: ‚einfach‘, ‚leicht‘. Vgl. Mt 11,28–30, evtl. Mk 1,15 (Bußpredigt des Täufers). — [63] Mt 5,8 par. — [64] gerstenbrot: Brot aus Gerstenmehl, das Brot armer Leute; vgl. Joh 6,9–13. — [65] Ps 118,26; Lk 19,38. — [66] Dtn 29,22. — [67] fürsichtigkeit: ‚Vorsehung‘, ‚Klugheit‘.
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selbigen im geist einer wahren religion nit allzeit haben, 68 sunder dass die stund kommen wird, dass sie von uns genommen werden. Und an ihr statt kommen, die nit mit zeichen und mit dem heiligen geist reden oder wirken werden, darum dann viel kranken werden trostlos liegen in ihrer krankheit und elend. Denselbigen kranken zuguten ist nun ein wahrhaftige religion von gott uferstanden und gemacht: Das ist die arznei, die er beschaffen hat, sunderlich 69 zu sein, und die arznei us der erden, damit sie dem kranken sollen helfen. Nun aber ist not, dieselbige wohl zu beschreiben. Dann es ist nit minder, sie ist die nächst nach der religion des geists. Darum gebührt sich dieselbig zu sein aus gott und aus einem rechten grund. Dann der böse feind, wo er kann ein somen des ratten 70 einsäen, 71 so ist er geflissen, uf dass der seel ihr herberg hie uf erden nit gestatt werde, sonder genommen, der dann allezeit freud hat, wo ein args uferstehet oder fürgehet. Nun fällt er auch in die arznei, uf dass sie nit gerecht gefunden werd in ihrer wahrheit, sonder lügenhaftig. Darum so ist not, 72 dieweil die arznei ein teil ist, die do muss sein zum seligen leben unter dem volk, uf dass, so die von uns genommen seind, die mit dem wort kommen und mügen gesund [84 r] machen, dass ein anderst an der statt sei, dasselbige zu vollbringen. Soweit der natur müglich ist und von gott geordnet und gewalt geben, so wissen, dass der arznei soll vertraut und glaubt werden anbetreffen die gesundheit, dass ihr müglich ist, ein jegliche natürliche krankheit zu nehmen und zu heilen. Dann wo hat gott je ein zorn ghabt und nichts dargegen beschert? 73 Tunt ihr das, so will ich des zorns vergessen. Also do auch, wiewohl wir krank leut uf erden seind und mit viel krankheiten beladen, jedoch aber, wo die seind, ist allemal gegen einer jeglichen krankheit ein arznei beschaffen, dieselbige hinzunehmen. 74 Dann gott begehrt nit, dass wir sterben, sonder allein, dass wir beim leben bleiben und lang leben, und also im selbigen leben über unser sünd reu und leid haben, das ist, dass wir uns bekehren. Darum so veracht der weis mann die arznei nit, dann er weißt, dass sie us gott do ist, dem menschen beschaffen zu helfen in seiner krankheit. So weißt er auch, dass das leben soll gestärkt werden, uf dass wir hie uns bekehrn zu gott und dass wir [68] dieselbigen … haben: ‚diese Krankheiten werden wir im Geist des wahren Glaubens nicht immer haben‘. — [69] sunderlich: ‚eine besondere‘. — [70] ratten: ‚Rade‘, ‚Raden‘, ‚Kornrade‘; Agrostemma githago L., ein in Getreidefeldern vorkommendes giftiges Ackerunkraut; vgl. Mt 13,24–40. — [71] einsäen] einsehen H: ‚hineinsäen‘. — [72] not: der Hauptsatz geht erst unten bei so wissen weiter. — [73] beschert: ‚eingesetzt‘, ‚bestimmt‘. — [74] hinzunehmen: ‚hinweg zu nehmen‘, ‚zu heilen‘.
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alsdann seliglich sterben. Und darum ist dem weisen mann, das ist dem seligen mann, zu wissen die wahre religion 75 der arznei zu erkennen, uf dass er nit in ratten kumm und des weizen nicht nieße. 76 So ist das die wahrhaftig religion der ärzten, dass sie am allerersten wissen und kennen alle natur in dem gewächs, was in eim jeglichen sei. Und so sie nun das [84 v] wissen, so wissen sie jetzt, was die krankheiten seind, das ist, wieviel ihr seind, und also arznei gegen der krankheit us der arznei anzeigung gebrauchen. Dann die krankheit des leibs inwendig zu erkennen mag nit sein ohn die äußerlich natürlich anzeigung. Dann welcher arzt kann sagen, „das kalt 77 weh kommt aus dem 78 ort oder aber ab dem end“, 79 und das wahrhaftig? Keiner. Was also der canon inhalt, 80 ist ein gute meinung, und also wähnet 81 man’s. Dies aber nit für ein wahrheit zu sagen ist. Das ist aber also wohl wahr, dass man arznei findt, die do hindern 82 das kalt weh, die andern ein ander kalt wehe, die dritten das dritt kalt wehe etc., das in jungen, das in alten, das in diesem land, das in jenem land, das in der zeit, das zu der zeit. Der nun die arznei erkennt, in was kräften sie ist, derselbige erkennt darnach wohl, was kraft do sei. Und also die arznei gegen derselbigen krankheit zu gebrauchen, und nit dem nach gedenken, die krankheit kommt doher oder doher, ist also, ist also. Dann so seltsam seind die physischen körper, dass sie leichtlich nit mügen in einen solchen verstand 83 gebracht werden. Obschon etwas do gesäet wird, das ihm gleich sicht, so ist es auch 84 an der materia 85 und ursprung nit also, dann es widersagt dieselbig theoria der arznei und dienen nit zusammen. Darum so geht die wahrhaftig religion der arznei in der gestalt, dass wir wissen sollen, was in den dingen der natur sei, und wissen sollen unterschied und namen aller krankheit, und uf das, kranken 86 gegen arznei zusammenfügen 87 [85 r] und nit achten, was der ursprung sei oder handlung im anfang. Dann wie mügen wir wissen, aus was die arznei ihre kraft genommen hab oder wird als allein us dem gewalt und
[75] religion: hier ‚Beschaffenheit‘, ‚Wesen‘. — [76] nieße: ‚genieße‘, ‚Nutzen ziehe‘. — [77] kalt weh: ‚kaltes Fieber‘, ‚Fieber‘ überhaupt. — [78] dem ort] der arth L. — [79] end: ‚Stelle‘, ‚Ort‘. — [80] der canon inhalt: ‚die Lehrmeinung enthält‘; evtl. Hinweis auf den «Canon medicinae» des Avicenna, der als Standardlehrwerk der Medizin galt. — [81] wähnet: ‚glaubt‘. — [82] hindern] haylen LBFG. — [83] verstand: hier ‚Zusammenhang‘, ‚klares Verhältnis‘. — [84] auch: hier ‚dennoch‘. — [85] materia] natur LFG. — [86] kranken gegen arznei: kranckheyt vnnd artzney LBFG. — [87] kranken und arznei zusammenfügen: ‚den Kranken die richtige Arznei zuordnen‘.
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gab gottes? Darbei müssen wir’s bleiben lassen. So müssen wir’s auch bleiben lassen im leib, so der mensch krank wird, kein ander ursach do anzeigen, als hätt’s gott geordnet. Wer will seinen dingen und seinen werken und ordnung uf ein end kommen? Niemands. Darum ist die wahrhaftig religion im seligen leben allein das, dass wir sollen wissen die namen der krankheit und die kraft der arznei und tugend, und do gegen dem seinen das sein zuzefüegen. Dann ein arzt hat an dem, wie jetzt gemeldt, gnug zu schaffen, zu lernen, ob er schon 88 die ander phantasei 89 verlässt, ob sie schon gleich also wäre. Gott hat kraft geben den steinen, dass sie mit wunderbarlicher art und natur begabt seind, dann gott will in seinen werken wunderbarlich erkennt sein. Nun seind stein, die das gesicht, 90 so us krankheit verloren ist worden, wiederbringen. So nun gott dem stein solche kraft geben hat, was ist dann die ursach darzu? Nichts anderst, dann als spräch gott: „Ich habe dem stein die kraft geben, die erblendten 91 augen wiederzubringen.“ Darum du arzt frag nit, wie die kraft in stein sei kommen, frag auch nit, wie der um das gesicht sei kommen, allein füeg die zwei zuesammen, [85 v] so geneust 92 er. Also hat er auch andere 93 stein können machen und seine kraft geben. Do allein not ist, die kraft zu erkennen zum gehör, zun zähnen, zun 94 augen, zu andern allen krankheiten, jeglicher in sonderheit. Dasselbig soll der arzt erfahren und erlernen. Dann ob er gleichwohl vermeint, viel rationes 95 zu haben und die ursprüng zu erkennen, so weißt er doch noch nit, ob es also ist oder nit. Vielmehr nein dann ja. 96 Darbei auch, so es gleich also würde sein, so kann er doch die theoria der arznei nit finden, dermaßen wie seine vier humores 97 inhalten. Darumben so ist des arzt höchste religion, die unterscheid der krankheit zu erkennen, ein jeglichen in seinen speciebus 98 und sein namen benennen, alsdann nach diesem die archana 99 zu
[88] ob er schon: ‚auch wenn er‘. — [89] phantasei] artzney LFG. — [90] gesicht: ‚Sehvermögen‘, ‚Sehsinn‘. — [91] erblendten: ‚erblindeten‘. — [92] geneust: ‚genest‘. — [93] andere … machen] vndtern stainen, wurtzen, kreutern, vnnd samen LFG; anderen stainen, samen vnd kräuttern B. — [94] zun augen] zu den ohren LFG; fehlt B. — [95] rationes: ‚Gründe‘] rhum L; rums B; rings F; ring G. — [96] vielmehr nein dann ja: ‚eher nein als ja‘. — [97] vier humores: die vier Säfte Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle der antiken Medizin, deren Gleichgewicht es im Körper zu bewahren gilt. — [98] speciebus: ‚Erscheinungsformen‘, ‚Besonderheiten‘. — [99] archana: eigentlich ‚Geheimmittel‘; von Paracelsus gerne gebrauchter Ausdruck für seine besonderen, meist alchemisch hergestellten Arzneimittel, die in Einklang mit dem Makrokosmos stehen bzw. ausgewählt werden.
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erfahren gegen selbigen teil.100 Das ist seliglich gehandelt und nach dem grund der rechten arznei, wie sie gott verordnet hat. Dann was geht’s den stein an, wie das aug erblindt sei? Oder was geht’s das aug an, wie der stein gefärbt sei? Keins fragt dem andern nach. Warum will dann der arzt den dingen nachfragen, do 101 die natur kein frag nach hat? Die kraft ist die, so alle krankheit heilet. Was darf die arznei dann viel ursach und ursprung suechen? Die zerstörung macht die krankheit. Was ist, dass wir der zerstörung ursach wissen? Was geht’s die kraft an? Ist ein wunden in leib gehauen, was geht’s das pflaster an, es hab’s ein degen, hellebard oder messer geton? Ist ein gift gessen, was geht’s das gift an, ob’s darzu braun oder schwarz sei? So sie nun ist [86 r] uf sein 102 simplex,103 das zu erkennen ist nit not, die oder die ursach suchen, humores oder qualitates.104 Wasser lescht feur. Was geht’s das wasser an, wie das feur sei? Allein, dass sie zusammen kommen.105 Also 106 ist der grund der wahrhaften arznei, durch die wir im seligen leben wohl mügen seliglich dasselbig brauchen und füeren gegen unserm nächsten, an 107 unser seel seligkeit. Und ihr magi 108 von Saba und die do in derselbigen religion wandlen, dass ihr sie kräftig brauchen und wahrhaftig. Dann ihr wissen, dass
[100] Paracelsus favorisiert hier seine neue Theorie der Medizin: Es gilt nicht wie in der antiken Medizin, das Ungleichgewicht der vier Säfte im Körper zu erkennen und mit unspezifischen Maßnahmen auszugleichen, sondern die verschiedenen Krankheiten zu unterscheiden, zu benennen und ihnen entsprechende spezifische Heilmittel (archana) zuzuordnen. — [101] do … nach: ‚wonach‘. — [102] sein simplex] yrer complexen L; jrem simplex FG. — [103] simplex: einfaches, nicht zusammengesetztes Arzneimittel. — [104] qualitates: ‚Qualitäten‘, ‚Eigenschaften‘, insbesondere in Bezug auf die vier Elemente] complex LFG; complexion B. — [105] allein … kommen] allein so baldt es zusamben kombt, so würckt das wasser, vnnd ligt ob LFG; so balltts zu samen komen B. — [106] also: ‚so beschaffen‘. — [107] an … seligkeit] ohn vnnser seel schaden LBFG. — [108] magi von Saba: ‚aus Saba stammende Magier‘. Magie ist bei Paracelsus nicht als gewöhnliche Zauberei zu verstehen, sondern als eine Wissenschaft, welche die Sterneinflüsse für den Menschen nutzbar macht. So sieht er in seiner «Astronomia magna», einem monumentalen Versuch einer Synthese zwischen naturphilosophischem und theologischem Weltbild, die „Magica“ als Teildisziplin der Astronomie. Die Magica wiederum unterteilt sich in sechs „species“: „1. der ubernatürlichen sternen auslegung, 2. verwandlung eines leibs in den andern under den lebendigen, 3. bereitung der charakteren und dergleichen ander segen, 4. bereitung der gamaheu, inen ire kreft zu geben, 5. bereitung der bilder, wie sie in iren kreften gemacht werden, 6. caballistica mit samt der gaballia und iren kreften“ (SW 12,78). Den Ursprungsort der Magie als „höchster weisheit“ sieht Paracelsus im Land der Königin von Saba (heute mit dem Jemen oder dann mit Äthiopien identifiziert, vgl. 1Kön 10,1–13;
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die konstellation und die zusammengeordnet influenz 109 große ding wirken uf erden, also dass ihr mügen machen gamaheu 110 für hauen 111 und stechen, gamahei zu erheben liebe in wen ihr wellen, gamaheu zur reichtum und zu viel andern dingen, und das mit wunderbarlichen kräften des firmamentischen laufs im himmel. So euch nun solche kraft zu wissen geben ist, darzu auch gewalt sie zu machen uf erden, dieselbigen in einen stein bringen, dass zu gleicher weis wird, als so ungefährd 112 ein kind dermaßen geborn wird, zu solchen wunderbarlichen kräften kommen mag, wie ihr in die gamahei mügen bringen, dass ihr dieselbigen nit zu unnutz anlegen, dann die religion ist wahrhaftig; so ihr dieselbigen also nach inhalt des firmaments komponieren, auch messer machen, die anbass 113 durchhauen, als wenn’s ein linder 114 teig wär. Riesen mügen ihr gebären und wunderbarlich seltsam [86 v] kinder; 115 darum aber, dass ihr das vermügen, sollen ihr euch des nit übernehmen. Das seind göttliche wirkung und ordnung. Wiewohl viel sich in diese religion mischent und us teuflischen kräften solche sachen als privatwirt 116 auch machen, dann der teufel ist auch ein magus, weißt auch die natürlichen läuft,117 darum verführt er viel, die er führt in die magia uf sein art,118 so es doch der himmel tut. Darum geben demsel-
Holenstein Weidmann 2004) und die sagenumwobene „insula Tarsis“ (SW 12,85). Er stellte sich weiter vor, dass die drei Weisen bzw. Magi aus dem Morgenland (Mt 2,1–13; Ps 72,10; Jes 60,3–7) aus Tarsis und Saba kamen und als Sternkundige vom Stern nach Bethlehem geführt wurden. — [109] zusammengeordnet influenz: das Zusammenspiel zwischen Himmel und Erde, dem Makrokosmos und dem Menschen als Mikrokosmos. — [110] gamaheu] gamahew H: Die Zubereitung von Gamaheu (‚Cameae‘, ‚Gemmen‘) entspricht einem Teilgebiet der Magie, vgl. oben. Gamaheu waren Steine, die als Talismane verwendet wurden, „darauf wunderbarliche bilder und figuren von menschen und tieren gegraben und geschnitten werden“ (SW 13,385), um die „himlischen impressiones, vires, arcana etc.“ (SW 12,191) herabzuziehen und nutzbar zu machen. Der Träger konnte je nach Verwendungszweck des Gamaheu auf vielfältige Wirkungen hoffen wie Liebe, Freundschaft oder den Schutz vor Verletzungen, gegen Gifte, vor Vergewaltigung („unholtschaft“) und gegen verschiedene Krankheiten (SW 2,36; 10,125.656; 12, 84.191.462). Vgl. auch Pagel 1962, 111–113. — [111] hauen und stechen LBFG] herrn vnnd stennden H. Für die erste Lesart spricht, dass sich die Anwendung der Gamaheu als Schutz gegen Hauen und Stechen gleichlautend bei SW 10,125.656 findet. Paracelsus berichtet, dass ein solcher Gamaheu ein Schutzstein sei, der „mit schwertern verzeichnet“ wird (SW 10,125). — [112] ungefährd] vngeferd H: ‚zufällig‘. — [113] anbass: ‚Ambosse‘. — [114] linder: ‚weicher‘. — [115] Wundergeburten galten als spezielle Zeichen Gottes, vgl. Ewinkel 1995. — [116] privatwirt: ‚Hausvater‘, der einem privaten Haushalt vorsteht] jhr nit minder LBFG. — [117] läuft] laufft H; cräfften LFG; kräffte B: ‚Läufe‘. — [118] art] ort LBFG.
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bigen die ehr nit, sonder gott; lernen auch von ihm nit, sunder vom obersten, so heißen ihr magi. Wo solchs nit beschicht, so heißen ihr incantatores,119 billicher aber malefici.120 Und wiewohl die ding in natürlichen kräften seind, ob es gleichwohl der teufel tut, so nimmt er’s us den kräften der influenz. Als der ein feur macht von holz, also weißt er die ding auch. Ihr magi aber von Saba hant nie kein 121 maleficum 122 und sagam 123 und incantatorem 124 unter euch gehabt, sonder diese religion ufrecht hindurch geführt. Darum 125 nach gott in Tarsum gezogen hat den stern seins suns geburt,126 dann also eröffnet 127 gott den seinen sein heimlichkeit als denen, die do wandlen in ihren religionibus mit wahrhaften und ufrechten us gott glehrten künsten. Und ihr characteristen 128 und exorcisten,129 ihr wissen, dass gott große kraft hat geben den leuten,130 mehr dann den physicis 131 und medicis 132 zu wissen und in erkanntnus steht, die auch etlich den magis bekannt seind. Nit brauchen eur exorcismos 133 und characteres 134 zu den dingen, die ihr nit dürfen! 135 [87 r] Das vorhin do ist, do tunt 136 nichts hinzu! So wissen ihr auch, mit was großen kräften die wörter begabt
[119] incantatores: solche, die mit Zauberformeln und -gesängen Hexerei betreiben, ‚Hexenmeister‘, ‚Zauberer‘] jncantatores, zauberer B. — [120] malefici: solche, die Dämonen beschwören, um Schaden zu bewirken] maleficores, oder maleditj LFG; malignatores oder maledictj, das ist vordambte vnd vorfluchte B. — [121] kein: ‚irgendeinen‘. — [122] maleficum] maleficium L; yncantaments oder zauberey B; malaficum FG. — [123] sagam: Akkusativ von saga, ‚eine Wahrsagerin‘, ‚eine weise Frau‘, ‚eine Zauberin‘. — [124] incantatorem] jncantament LFG. — [125] darum nach: ‚deswegen‘. — [126] darum … geburt: ‚Aus diesem Grund hat Gott den Stern von Bethlehem, der die Geburt seines Sohns anzeigte, über Tarsus scheinen lassen.‘ Paracelsus stellte sich vor, dass die heiligen drei Könige oder Magi den Stern von Bethlehem in Tarsus beobachtet hätten, einer Wiege der Magie, und dadurch veranlasst worden seien, nach Palästina aufzubrechen. — [127] eröffnet: ‚offenbart‘. — [128] characteristen: solche, die durch Anwendung von magischen Wörtern, von Paracelsus „characteres“ genannt, Magie betreiben. — [129] exorcisten: ‚Teufelsbeschwörer‘. — [130] leuten] kreutern LBFG. — [131] physicis: ‚Naturforschern‘, ‚Ärzten‘. — [132] medicis: ‚Ärzten‘. — [133] exorcismos: ‚Teufelsbeschwörungen‘ bzw. ‚Teufelsaustreibungen‘. — [134] characteres: ‚magische Wörter‘, ‚Segenssprüche‘. Die Anwendung von Charakteren gehörte für Paracelsus zur Magie. Wie die Gamaheu konnten auch Wörter mit Gestirnskräften imprägniert werden, um verschiedene magische Wirkungen zu erzielen. „Characterum. dise species seind wörter, die gesagt werden oder geschriben, haben kraft für alle krankheiten und werden auf alle krankheiten geordnet, und darbei für unfall, unglück, gefangen zu ledigen, ledig aus den ketten werden und dergleichen mer“ (SW 10,656). — [135] ihr nit dürfen: ‚ihrer nicht bedürften‘. — [136] do tunt: ‚da tut‘.
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seind, nit us kräften des teufels, sunder us kräften gottes. Dann so ihr wissen, dass im namen des vatters, suns und heiligen geists kein gift nit schadt,137 toten lebendig werden,138 so wissen auch darbei, dass ihr im selbigen dermaßen verfasst 139 seind, dass ihr gleich den aposteln eur religion führen, also dass nit durch lange beschwerung 140 des teufels usgang,141 dann er verlachet’s und verspott’s. Us ursach ist es nit die rechte religion, diese religion, sunder treiben teufel us, wie euch Christus gelehrt hat.142 Durch dieselbigen lehr geht es gewaltig zu und kräftig, dass der teufel, wie ein erdbidem 143 sich erschütt,144 hinweg muss. So ihr aber von der lehr Christi fallen, es sei wie wenig es woll, und die characteres und exorcismos gebrauchen, nit us der lehr Christi genommen, was wird darus? Allein das wird darus: den teufel zu einem schulmeister nehmen und in seinem namen ustreiben, so geht er euch zu dienst und kommt morgens wieder.145 Es ist sein vexatz.146 Und wiewohl das ist, dass auch die jünger Johannis und auch die kinder der juden haben teufel usgetrieben von leuten,147 so muss es doch alles in der kraft gottes beschehen, dieselbig wird wunderbarlich gefunden in andern worten und characteren und segen.148 Aber dieselbigen werden bei der geschrift wahrhaftig geführt und gefunden, darum [87 v] nit allein, dass ein weg 149 sei, der sie ausjag, sunder mehr dann einer, und doch aber alles im namen und kraft gottes.150 Darumben so wissen, dass eur religion und lehr aller deren, so diese wahrhaftige religion wellen brauchen, nit allein den teufel uszutreiben, sonder auch ander krankheiten und dergleichen gleich dem gamaheu, dass ihr den grund suchen bei gott, und durch gott im gebett und fasten die ding alle verbringen, so erlangen ihr kraft und macht von gott. So ihr geben ein kraut für ein krankheit, so es nichts 151 der krankheit wäre, es würd wider sie sein.152 Dann also werden berge abstätt 153 geruckt us kraft des glaubens,154 der
[137] Mk 16,17 f. — [138] Mt 10,8. — [139] verfasst: ‚gebunden‘. — [140] beschwerung: ‚Beschwörung‘. — [141] des teufels usgang] die teuffel außganngent LG; die teuffel außgon BF. — [142] Mt 10,1 par.; Mt 10,8; Mk 16,17 f. — [143] erdbidem: ‚Erdbeben‘] ellender LFG. — [144] erschütt] erschut H: ‚erzittert‘. — [145] Bezug auf Mt 12,43–45 par. — [146] vexatz: ‚Ungemach‘, ‚Peinigung‘, ‚Plage‘. — [147] Mt 12,27 par. — [148] segen: ‚Formeln‘. — [149] weg] natürlicher weg BF. — [150] Mk 16,17. — [151] nichts der: ‚nichts gegen‘] nun mit der L; mit der BFG. — [152] Diese Stelle ist wie folgt zu verstehen: Wenn ein Kraut gegen eine Krankheit nichts nützt, so wird die Kraft der magischen Wörter und Charaktere sie trotzdem heilen. Das „es“ bezieht nicht nicht auf das Kraut, sondern allgemein auf die Charaktere. — [153] abstätt] absteth H: ‚vom Fleck‘. — [154] Mt 17,20; 21,21 par.
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in den dingen allen handlet. Darum so füeren den wahrhaften glauben, nit in gehorsam der geistern, nit in superstitionibus,155 sunder in wahrhaftem grund in gott, so widersteht euch nichts, treiben den wasserfluss hinter sich in solcher religion. Und ihr alle,156 die do ihr religion führen, weiszusagen den leuten zukünftige ding, vergangen und gegenwärtigs, die do sehent in weite land und lesen verborgen brief und verschlossen bücher, suchen in der erden und in mäuren,157 das vergraben ist, die do viel groß weisheit, künst lernen, gedenkent, so ihr die ding alle wellen gebrauchen, dass ihr die religion der gabalier 158 an euch nehmen und in derselbigen wandlen. Dann gabalia 159 ist gesetzt uf den grund: „Bitten, so werden ihr [88 r] gewährt, klopfen an, so werden ihr erhört und euch wird ufgeton.“ 160 Aus dem gewährn und uftun fleußt heraus das, so ihr begehrn. In das tiefest der erden sehent ihr, in die tiefe 161 der hellen,162 in dritten himmel.163 Ihr erlangen mehr, denn die weisheit Salomonis ist,164 ihr werden mehr gemeinschaft mit gott haben dann Moses und Aaron, dann Abraham und
[155] superstitionibus: ‚abergläubischen, irrgläubigen Ansichten‘. — [156] alle: der Hauptsatz geht erst bei „gedenkent“ weiter. — [157] mäuren] meuren H: ‚Mauern‘. — [158] gabalier] cabalen LFG; caballia B: jene, die Gabalia praktizieren, siehe folgende Fußnote. — [159] gabalia: Paracelsus bezeichnet Gabalia, die er auch „ars caballistica“ nennt, als eine Unterform der Magie (SW 12,78). In den naturphilosophischen und medizinischen Werken finden sich lediglich Umschreibungen der Gabalia und keine scharfe Definition. Mit Hilfe seines „spiritualischen leibs“ (SW 12,127) und wenn er „recht in disem gabalischen gebornen geist lebet und schwebt“ (SW 9,362), ist es dem Magier möglich, verborgene oder weit entfernte Dinge zu entdecken, denn dieser Geist „wantlet vom leib zu leib“ (SW 13,334). Er kann dann „aller ding wissen, zukünftiges und fremdes in andern ländern“ (SW 9,359) und es offenbart sich ihm „alle heimlikeit in verborgner natur“ (SW 11,204). Ohne die Gabalia kann die Medizin nicht wirklich ergründet werden (SW 8,385). Für Paracelsus ist die Gabalia eine alte Kunst, die „unter den Heiden“ entstand und erst nachträglich zu den Chaldäern und Hebräern gekommen war, wobei diese die Gabalia „gebösert und nicht gebessert“ hätten (SW 12,156). Damit bringt er die Gabalia nicht in direkte Verbindung mit der jüdischen Kabbalah. Hier im «Liber de religione perpetua» findet sich die umfangreichste und detaillierteste Beschreibung der Gabalia, die mit dem manifestierenden Gebetsprinzip von Mt 7,7 f. par. in Verbindung gebracht wird. Eine ethnologische Parallele zur Gabalia findet man in schamanistischen Ekstasetechniken. Vgl. Eliade 1951; Peuckert 1967; Thimme 2006. — [160] Mt 7,7 f. par. — [161] tiefe der hellen] dieffe der hellen H; höhe der himmel L; thieffe der himel BFG; zur Tiefe der Hölle vgl. Hiob 11,8; Ps 86,13; Spr 9,18. — [162] hellen: ‚Hölle‘. — [163] Anspielung auf das Entrückungserlebnis des Paulus, vgl. Apg 22,6–17; 2Kor 12,2–4. — [164] zur Weishheit Salomos vgl. 1Kön 3,9–12; 4,29–34; 2Chr 1,11 f.; 9,22 f.; Mt 12,42 par.
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Josuae und Gedeon.165 So ihr werden am ersten suchen das reich gottes, so werden euch die ding alle zugestellt.166 Also ist die kunst gabalia gegen gott versprochen und 167 in bündnus 168 uf das wort Christi wohl gegründt. So ihr aber werden die ding verlassen nach der rechten religion der gabalier und fallen in die geomantia,169 so ist der geist eur führer, der euch lügen vorsagt. So ihr im brillen,170 im nagel 171 wellen sehen, so seind ihr pythonisten,172 das ist, kinder des geists Pythonis.173 So ihr wellet den voglen 174 nachmachen, so seind ihr auguristen,175 so ihr wellen im wasser eur kunst suchen, so seind ihr hydromantisten,176 so im feur, pyromantisten,177 so im luft, aeromantisten,178 und zu dem allen
[165] zur Gemeinschaft des Mose mit Gott vgl. Ex 3,1–22; 4,1–23; 19,3–6.9–13.18–24; 20,1–17; 31,12–18; zu Aaron vgl. Ex 4,14.27–30; 28,3, zum Bund Gottes mit Abraham Gen 15,18–21; 17,1–14; 22,17 f.; Jes 65,23; Gal 3,16–18, zu Josua als Nachfolger des Moses vgl. Dtn 31,23; 34,9; Jos 1,1 f.; zu Gideon als Nachfolger des Juda vgl. Ri 6,11–18. — [166] Mt 6,33 par. — [167] und in bündnus] vnnd jnn pundnuß H; vnns ym paradeis LFG. — [168] bündnus] dem paradaiß B. — [169] geomantia: Wahrsagen aus der Erde, vgl. HDA 3,635–647. Paracelsus bezeichnet die vier den Elementen entsprechenden Wahrsagekünste, die Geomantia, die Pyromantia, die Hydromantia und die Chaomantia, zusammenfassend als „Artes incertae“, also als Künste, die das Ungewisse erforschen (SW 12,80 f.). Die Geomantisten vollbringen ihre Kunst zuweilen „durch kreiden, ander durch würfel, andere durch wündschen“ (SW 12,95), wobei bei dem letzteren wohl das Wünschelrutengehen gemeint ist. — [170] brillen: vom lateinischen „beryllus“, der im Mittelalter als Oberbegriff für alle klaren Kristalle gebraucht wurde; gemeint ist also das Wahrsagen durch das Blicken in einen Kristall. — [171] im nagel] ynn neglen LFG; im nägel B; im spiegel M: Gemeint sein könnte das Wahrsagen aus der spiegelnden Fläche eines Fingernagels. — [172] pythonisten] phitonisten H; physanisten L; phisionomisten B; phisamisten FG: Anhänger des Python. — [173] Pythonis] Phitonis H; Phyrmes LBFG: Gemeint ist Python, der von Apollo getötete Drache, der später als Wahrsagegeist wahrgenommen wird, der Hexen und Schwarzmagier inspiriert, vgl. Pauly 4,1280–1281; HDA 1,550; 3,313. — [174] den vöglen] dem Virgilio LBFG. — [175] auguristen: ‚Auguren‘, Deuter von Flug und Geschrei der Vögel, allg. ‚Weissager‘] nigromantisten LB; nigromentisten FG. — [176] hydromantisten: die Hydromantia ist das Wahrsagen aus dem Wasser: „andere sind, die da im wasser die wellen bewegen und in bullas movirn. was darnach aus denselbigen signa entstehn, seind ire prodigia“ (SW 12,95). Vgl. auch HDA 4,548–574. — [177] pyromantisten: die Pyromantia bezeichnet das Wahrsagen aus dem Feuer, vgl. HDA 7,399–413. — [178] aeromantisten] neiromantisten H; necromantissten LFG; neromantisten B; aeiromantisten M: Für das Wahrsagen aus der Luft bzw. aus Lufterscheinungen wie Winden, Wolken, Nebeln usw. verwendet Paracelsus hier denselben Begriff wie Agrippa von Nettesheim: „Simili modo Aëromantia prognostica praebet, per impressiones aëreas, per uentorum flatus, per irides, per halores, per nebulas & nubes perquam imaginationes in nubibus, & uisiones in aëre.“
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nigromantisten,179 die alle abwürflig 180 seind von der gabalia. Setzen eurn grund uf den felsen gabalia, so wird eur stimm gehört, so ihr seind in Suevia,181 in Graetia,182 so ihr seind in Arabia, werden ihr kommen in Anglia,183 und nichts wird sein, das euch vorstand. Dann uf den grund der gabalier stand alle weisheit und alle religion deren dingen, so jetz gemeldt seind, und mag seliglich zu dem seligen leben [88 v] gezogen werden. Dann do werden durch die menschen us göttlicher kraft groß ding beschehen und erfunden, noch mehr Samson,184 noch mehr Gedeon,185 noch mehr Moises,186 und viel solcher großen geschichten, die hie zu erzählen die zeit nit hat. Moses aber, Samson aber etc., dieselbigen seind uf den felsen gebauen, uf dem gabalia steht. Das erlangen 187 im selbigen grund, so seind ihr groß vor gott. Aber ihr, die do wissen im natürlichen lauf zu wandlen us kraft der natur und anzeigung derselbigen, gedenkt auch, dass ihr die religion der natur wahrhaftig und gerecht füeren. Dann es ist nit minder, die physionomie 188 gibt dem menschen zu erkennen, was sein art und eigenschaft ist. Dann nichts ist so heimlich im menschen, dass sich nit groß offenbart mit uswendigen zeichen, das ist, was der mensch heimlich in ihm hat, das zeigt die natur auswendig an. Darum, so die natur die zeichen gebührt 189 mitsamt dem wesen und art desselbigen menschen, sie bringen ihm ein rechte deklaration aller gliedmoßen, nit allein des angesichts, sunder auch der händ und aller glieder. Und ge-
(Agrippa 1533/1967, lxxiiii) Vgl. auch HDA 1,203–206. An andern Stellen bezeichnet Paracelsus das Wahrsagen aus der Luft als „Chaomantia“ (SW 12,80), „Austrimantia“ (SW 12,450) oder „Ventinina“ (SW 10,656). Offenbar verwechselten die Kopisten den ungewöhnlichen Begriff der Aeromantie mit der Nekromantie, der Wahrsagung durch die Beschwörung von Toten. — [179] nigromantisten: Die Nigromantie ist allgemein eine Bezeichnung für die schwarzen Künste insgesamt. Paracelsus definiert sie jedoch im engern Sinn als Disziplin der „Astronomia“, die zum Erkennen und Bezwingen von Sternen- und Elementargeistern nach dem Tod dient (SW 12,78). Zur Nigromantie vgl. HDA 6,998. — [180] abwürflig: ‚rebellisch‘, ‚abtrünnig‘. — [181] Suevia: ‚Schweden‘. — [182] Graetia: ‚Griechenland‘. — [183] Anglia: ‚England‘. — [184] zu Simson vgl. Ri 13–16. — [185] Ri 6,11–18. — [186] Paracelsus sieht Moses als Vorbild für einen wahren Magier, vgl. Ex 4,2–9.14–17; 7,9–25; 8,11–15; 9,8–12; 12,13.23; 14,16–28; 17,6.11; Num 20,11; 21,8 f. — [187] erlangen: ‚erlangt‘. — [188] physionomie] phisionomie H: die Physiognomie geht davon aus, dass ein Zusammenhang zwischen der äußerlichen Gestalt des Menschen und seinen inneren Eigenschaften besteht. „Physionomia ist ein kunst, die des menschen angesicht mit samt allem dem, so oberhalb der achseln ist, urteilt“ (SW 12,450). — [189] gebührt: ‚hervorbringt‘] geburt H; geben LBFG.
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denk, dass diese religion will ein groß erfahrnheit haben und tief us dem innern grund gohn. Dann soviel hunderttausend menschen, so uf erden seind und gesein seind, ein jeglicher mit seiner sundern 190 art und eigenschaft, darzu allemal derselbigen art und [89 r] eigenschaft anhangend zeichen, bedarf einer großen erfahrnheit, weisheit und verstands, der 191 fürwahr nit mag ergründt werden durch uns gnugsam. Wiewohl es us der natur ist, so bedarf einer in dieser religion wohl, dass er nit ohn den gabalerisch 192 grund antret, den ihr astronomi auch sollen wandlen. Ob ihr gleich wohl etliche aspectus,193 coitus 194 etc. wissen, so ist doch der himmel nit im ganzen grund da. Dann wer ist der, der in tiefen der sterne 195 sehen kann, in den die natur liegt? Darum dieselben ding gründlich im licht der natur zu erfahren, eigentlich wissen, bedarf der physionomia, chiromantia,196 astronomia.197 Wo die seind, auch die anatomie der kräuter, der bäumen, vonwegen der menschen krankheit zu konkordiern, us dem grund der gabalien herfließ. Dann unser gelehrti 198 von der natur und dieselbige in uns angeborn geschicklichkeit ist nit zu der tiefe geborn in der natur, allein es sei dann, dass mars ihm selbs ein kind mach, der ihn erkennt, also jupiter auch, also luna 199 auch; dann wohl mügen die konstellierten kinder auslegen ihr unsichtbar eltern. 200 Wieviel aber müssten dieser kinder sein, bis wir ein wenig des firmaments in erkanntnus kämen? Wo bleibt aber die heimlichkeit 201 der natur? Darum zu erkennen den menschen in seinem innern wesen durch das äußer, den himmel in seinem innern wesen durch das
[190] sundern: ‚besonderen‘. — [191] der fürwahr nit] der furwar nit H; die fürmament LG; die firmament F; die vur an B. — [192] den gabalerisch] den cabalischen LBFG. — [193] aspectus: ‚Schein der Planeten‘, ‚Winkelscheine‘, ‚Aspekte‘; astronomischer Begriff, der bestimmte Winkelstellungen zwischen Sonne, Mond und Planeten und somit deren Zusammenwirkung beschreibt. — [194] coitus: ‚Konjunktionen‘, das Zusammengehen bzw. Nahekommen zweier oder mehrerer Planeten] centrum LBFG; coniunctiones M. — [195] der sterne] des sterns H; des centrum L; des centrums BFG. — [196] chiromantia: ‚Handwahrsagekunst‘. „Chiromantia ist ein kunst, so hent und füß mit sampt allen adern zusamen in ein iudicium gefaßt werden“ (SW 12,450). — [197] astronomia: ‚Lehre von den Gestirnen‘. Paracelsus sieht die Astronomia als umfassende Wissenschaft, die die Beziehungen und Wechselwirkungen zwischen Mensch und Kosmos beschreibt, vgl. «Astronomia magna», SW 12,1–444; HW 10,1–397. — [198] gelehrti: ‚Kenntnis‘. — [199] luna: ‚Mond‘. — [200] Paracelsus meint hier, dass jene Menschen, die unter dem Einfluss eines bestimmten Planeten wie Mars, Jupiter oder Mond geboren und so durch diesen konstelliert würden, dazu prädestiniert seien, das spezifische Wesen dieses Planeten zu erkennen. — [201] die heimlichkeit: ‚das Geheimnis‘.
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äußer, die bäum, kräuter, wurzen, stein zu erkennen [89 v] in dem innern durch das äußer, ist vonnöten, dass die naturales 202 alle gangen in den grund der gabalier. Dann also durch sie soll man sehen in das verborgen, in die heimlichkeit, das heißt, gelesen beschlossen 203 brief und bücher, so wir den menschen inwendig erkennen, das heißt, den vergraben schatz ufgeton und gefunden. Dieweil Christus sagt, „viel seind berüft und wenig userwählt“, 204 ist uf solchs zu wissen, dass viel religiones falsch gelehrt werden und nit uf der rechten bahn seind, und aber dermaßen in einen gemeinen lauf gemachet 205 und brauch kommen, dass des rechten mitnichten gedacht wird. Dann so wir nun bedenken die gemeldten religiones, wieviel seind, die alle nit recht in ihnen wandlen, seind alle berüft darzue, aber wenig userwählt. Das ist, wenig seind gerecht darin. Dann sehent an die juristerei, dass wir uf erden in der barmherzigkeit sollen wandlen und leben, verzeihen und vergeben. Derselbige ist nun nie keiner 206 kund gesein, alles zum rechten und alles mit recht hindurch. Und das sie sagen, das recht sei, das ist aber vor gott nit recht, vor dem kaiser und landfürsten wohl. So wir nun nit sollen also im recht liegen, 207 sonder verzeichen, 208 so muss es je ein großer beruef sein. Und aber wir nit wissent, dass einer userwählt sei, dann ich gesach nie keinen, [90 r] der sich des rechtens verziegen 209 hätt, hätt den rock zum mantel geben. 210 Dann der juristen religion soll sein am ersten der grund der barmherzigkeit, die nur dohin weisen, eim andern zu vergeben, 211 und so sie nit wollten nach inhalt der kirchen 212 handlen, von den leuten tun. 213 Wer kann sagen, was recht sei, oder wer ist der, der do wisst, ein urtel zu geben, das vor gott gerecht sei unter uns tödlichen 214 menschen? Allein er hab’s dann us dem heiligen geist und nit us dem buch, nit us dem wähnen, nit us dem denken, 215 sonder wie Salomon, do er die zwo frauen verhört des kinds halben, 216 sonst wird kein jurist geborn, ob er schon alle dieb henkt, noch ist es das nit ein recht, er hieng dann selbst auch.
[202] naturales: ‚Naturforscher‘, ‚Naturphilosophen‘. — [203] beschlossen: ‚geheimnisvollen‘. — [204] Mt 20,16; 22,14. — [205] in … gemachet: ‚allgemein verbreitet‘. — [206] keiner: ‚irgendeiner‘. — [207] liegen: ‚lügen‘. — [208] verzeichen: ‚verzeihen‘, ‚nachgeben‘; vgl. Mt 6,14 f.; 18,35 par.; Lk 6,37. — [209] verziegen] verzigen H: ‚entschlagen‘, ‚verzichtet‘. — [210] Mt 5,40 par. — [211] zur Barmherzigkeit vgl. Dan 9,9; Mt 5,7; Lk 6,36; 1Petr 3,8. — [212] kirchen] barmhertzigkheit LBFG. — [213] von den leuten tun: ‚soll man sie von den Leuten entfernen‘; Anklang an Mt 18,15–17. — [214] tödlichen: ‚sterblichen‘. — [215] denken] gut gedunckhen LBG; guettunckhen F. — [216] 1Kön 3,16–28.
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„Wer ist ohn sünd, der werf den ersten stein an sie.“ 217 Warumben wollt dann einer sich selbs schön machen und einen andern verurteilen, und niemands weißt, wer er selbst ist? Es ist der größt irrsal und die größte zerrüttung der einigkeit. Im selben 218 leben die juristen, 219 dann so sie lang rechten 220 und sprechen, so ist noch niemands kein recht geschehen, und allein der arm liegt 221 und der reich nit, der geschickt gewinnt, der ungeschickt nit, der gunst 222 gewinnt, der ungunst 223 nit, und doch alles in kraft des buchstaben. 224 Das ist der buchstab, der töt den dieb am galgen, den richter 225 in die ewige verdammnus. Die recht religion der juristen ist, die leut zu weisen 226 zu vergeben, verzeihen, den [90 v] rock zum mantel lon. 227 Nit umsonst hat’s gott also gelehrt. Und ihr rhetores, 228 was ist, dass ihr groß stehnt vor den königen und fürsten und 229 den räten, auch vor den städten? Vor wem stahnt ihr? Rechen’s 230 us, so gott do säß, wie verächtlich würden ihr euch stellen. 231 Oder was denken ihr, vor denen zu reden, die do sitzen im gewalt der oberkeit, und wissent nit, ob sie handlen aus gott oder nit? Was ist, dass ihr mit verblümten 232 worten eurn teil herfürtreiben? 233 Füeren eurn teil in gott zu gott, und do verblüemen ihm die red, dass er sein reverenz und hutabziehen gegen gott tue und vom selbigen das urtel begehre, nach seinem göttlichen 234 willen zu machen. Dann es steht nit, „des königs will geschehe“, es steht, „dein will gescheh“. 235 Steht dann nit der will bei gott ohn mittels? 236 So gottes wille geschehen soll, was sucht man dann beim willen der menschen? Oder was verblümten ihr den tödlichen 237 leuten zu dem, dass ihr keiner auch ohn sünd und schuld ist? Oder was ist’s, dass ihr zum künig kommen und empfahen gnaden, dank, gruß? Was grüßt die rhetorica, so nun das herz und die liebe grüßen soll, das maul nit? Eur keiner hat nie Christum grüeßt noch dankt mit seiner rhetorica und reverenz. 238 Es ist eur keiner nie vor ihn kommen. Das ist nun ein zeichen, dass ihr allein in den höfen
[217] Joh 8,7. — [218] selben] seeligen LFG. — [219] juristen] juristerei H. — [220] rechten: ‚prozessieren‘. — [221] liegt] ligt H: ‚lügt‘. — [222] der gunst: ‚das Gönnen‘. — [223] der ungunst: ‚das Missgönnen‘. — [224] in kraft des buchstabens: ‚nach dem Buchstaben des Gesetzes‘. — [225] richter] reychen LBG. — [226] zu weisen: ‚anzuweisen‘. — [227] Mt 5,40 par. — [228] rhetores: ‚Redner‘. — [229] und den räten] vnnd denn rethen H; reychen LFG. — [230] rechen’s us: ‚bedenkt‘. — [231] stellen: ‚darstellen‘. — [232] verblümten] verplumbten H: ‚(aus)geschmückten‘. — [233] herfürtreiben: ‚voranbringen‘. — [234] göttlichen willen] grundt LBFG. — [235] Mt 6,10 par.; 26,39.42 par. — [236] ohn mittel: ‚unmittelbar‘. — [237] tödlichen: ‚sterblichen‘. — [238] reverenz] artium L; oration B; articum FG.
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seind, [91 r] do die seidenkleider getragen werden, und nit an den höfen Christi. Die rechte religion der rhetorica 239 ist veritas, 240 die ist Christus selbs. 241 Ja sei ja, nein sei nein, und was du redest us einfältigem gerechtem herzen. Nit ein unlust lustig machen, wie ein stinkend körper im grab, den man mit gold ziert, und inwendig ist er ein kot. 242 Das 243 stich us, 244 das sauber ist, das lass vergraben, das unsauber ist. Nit mach das rein unrein mit den klappern, 245 nit mach das unrein rein mit deinem maul. Es leit 246 nur 247 im maul ein falsche zung in denen, 248 die sich der subtiligkeit 249 pflegen. Die recht 250 ist die 251 rhetorica, 252 die sagt heraus, was im herzen ist. Die ander rhetorica 253 ist geschicklichkeit des heimlichen liegens, 254 des blümten 255 liegens. Eur bücher sollen sein die geschrift gottes, 256 nit der menschen. Der nit gerecht ist im stuhl 257 des gewalts, 258 anderst dann dass man ihn mit blümten worten erlangen und erhalten muss, dem land gaht es nit wohl. Also soll der richter sein oder der herr, dass er die wahrheit einfältig 259 führ und die weisheit bei ihm sei. Also kummen zusammen die weisheit und die wahrheit, das ist ein seligs im seligen leben. Aber so ein religio us dem rechten weg kommt, so fallt’s in die tödlich 260 weisheit, und so sie meinen, sie seien am besten und subtilisten, so seind’s die größten narren. Dann nit unser weisheit soll gebraucht [91 v] werden, sonder die göttlich, die unser ist nichts dann narrenwerk. So nun gott die weisheit ist, so soll sie bei ihme gesucht werden und nit bei uns. Dann viel irrsal und verfüerung kommen us den falschen, vermeinten 261 religionibus, nit dass ich sie alle hie welle melden, sonder soviel ein anzeigung geben, dass nit unser inventiones 262 sollen fürgohn, sonder die göttlichen. Und aus derselbigen schul unser weisheit nehmen 263 ein jeglicher zu seiner religion, was er bedarf, viel oder wenig.
[239] rethorica] theoricen L; rethorickn B. — [240] veritas: ‚Wahrheit‘. — [241] Joh 14,6. — [242] Mt 23,27; Lk 11,44. — [243] das … unsauber ist] das sauber ist, laß sauber, das vnsauber laß auß LFG. — [244] stich us: ‚hole heraus‘. — [245] Anspielung auf die Klappern der Aussätzigen, die als unrein galten und die Reinen warnen und fernhalten sollten. — [246] leit: ‚liegt‘. — [247] nur B] nit H; forn LFG. — [248] Ps 50,19; 109,2; Jer 9,8. — [249] subtiligkeit: ‚Genauigkeit‘, ‚Scharfsinnigkeit‘. — [250] recht] recht religion LG. — [251] die: hier ‚jene‘. — [252] rethorica] theoricen LFG. — [253] rethorica] theoric L; theoricen FG. — [254] liegens: ‚Lügens‘. — [255] blümten] blumbten H: ‚verblümten‘. — [256] zur Aufforderung zum Erforschen der Schrift vgl. Dtn 17,18 f.; Joh 5,39; Apg 17,11; 2Tim 3,16. — [257] stuhl] standt LBFG. — [258] stuhl des gewalts: ‚Stuhl der Macht‘. — [259] einfältig: ‚schlicht‘. — [260] tödlich: ‚vergängliche‘. — [261] vermeinten: ‚vermeintlichen‘. — [262] inventiones: ‚Erfindungen‘. — [263] nehmen: ‚soll nehmen‘, ‚nehme‘.
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Darnach gibt gott einem jeglichen. Und wiewohl ander religion seind, die doch nit religion heißen, als musici. 264 Dieselbigen haben ihre kunst in allen saitenspielen, 265 pfeifen 266 und singen. Nit darum ist sie 267 geben den menschen, dass man domit ander soll freud mit machen, sunder ein jeglicher mag sein geschicklichkeit lassen sehen und hören, die kunst zu verstohn, nit üppigkeit damit zu fertigen, die gemüet der einfalten 268 üppig 269 damit zu machen. Wie aber in den andern allen, so uf erden unter uns menschen seind, künst, gelehrte, weisheit, geschicklichkeit und dergleichen, sollen wir alle wissen, dass sie bei uns seind, allein die alle zu frieden, freuden, einigkeit, reinigkeit und ehrbarkeit zu gebrauchen, zur notdurft und zu nutz dem nächsten. Dann also ist es mit der musica. Musica ist ein arznei deren, die do mit der melancholei 270 und phantasei 271 beladen seind, [92 r] aus welchen melancholicis am letzten verzweiflet abgesundert 272 leut werden. Die werden durch solche musica behalten bein 273 leuten und bein sinnen. Darzu auch vertreibt musica den Pythonen, 274 das ist ein geist der hexen oder unholden und zaubern und deren, so von menschen sich wellen sondern 275 in hexische 276 art. Dergleichen nimmt musica hin den geist Afernoch, 277 aus dem die täufer und dergleichen sekten der melancholici uferstohn, 278 die do vermeinent, sie sehent den himmel und gott darinnen. Das seind alles krankheit des hirns und der vernunft. Und wie in eim garten kräuter wachsen, dieselbigen krankheit zu vertreiben, so ihnen füglich seind, also ist die musica ein garten solcher phantasei und zerrütten hirns und sinnen, die do aberwitzig werden, welche alle zum letzten dozu geneigt werden der krankheit der besessen. 279 Darumben so sollen viel künsten nachgelesen werden und gelernt auch, als alchamie und was dergleichen belustiget, uf dass anderst mit ingenommen werden. Und wiewohl der ton der saiten mit dem griff hinweg geht und der gewinn der alchimie mit der kohl 280 vergeht, jedoch aber so seind nit alle künst beschaffen von gott zur reichtum, son-
[264] musici: ‚die Musiker‘. — [265] saitenspielen: ‚Saiteninstrumenten‘. — [266] pfeifen: ‚Blasinstrumenten‘. — [267] sie: die musica. — [268] einfalten: ‚schlichten Leute‘] einfallt LBFG. — [269] üppig: ‚hochmütig‘. — [270] melancholei: ‚Melancholie‘, ‚Schwermut‘, ‚Trübsinn‘. — [271] phantasei: ‚Tollheit‘. — [272] abgesundert: verm. ‚sonderbare‘, ‚abgesonderte‘. — [273] bein: ‚bei den‘. — [274] Pythonen] phitonen H, vgl. oben. — [275] sondern: ‚aussondern‘. — [276] hexische art] die hexischen ort LFG; dy hainisch art B. — [277] Afernoch] Apherendem B; fehlt LF; unklare Zuordnung. — [278] uferstohn: ‚hervorgehen‘. — [279] Paracelsus bezeichnet hier Besessenheit als Krankheit. — [280] kohl: ‚Kohle‘.
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der zur erfreuung des gemüts in gestalt einer arznei, [92 v] die man isset, trinkt, überlegt, die aber auch, die sonst fröhlich herz macht als wein, frauen, singen, ander spiel. Die aber alle, dieweil sie wie ein arznei do seind, sollen sie in aller ehrbarkeit, ehelich, 281 ehrlich gebraucht und geführt werden und nit zu üppigkeit, zu laster, zu schand oder dergleichen. Also seind die seligen im seligen leben von gott hernach 282 gewählt, so sie die seind, die do kein religion falsch brauchen, sonder in ihrem rechten grund, wie sie von gott verordnet ist, und dasselbig alles in forcht gegen gott, enden 283 und vollbringen nach seiner lehr und gebott. Dann dieweil wir müssen gott rechnung geben um ein jeglich vergeben 284 wort, wie schwer wird dann die rechnung sein der religion, in denen viel ander wörter seind dann vergebne wörter? Dieweil und wir wissen, dass unser reich nit von dieser erden ist, 285 hie uf erden nit mehr brauchen, dann speis und kleidung, nichts hierin mit hinweg bringen, sollen wir billich noch nit mehr zusammenlegen dann dasselbig und uns reich machen in den werken und tugenden, die uns werden nachfolgen in jene welt. Ob wir gleichwohl aller fürsten und königen gunst hont und hoch bei ihnen angesehen, so der oberst könig nit will, was seind alle künig uf erden? Darum nit den menschen [93 r] wohlgefallen, sonder gott wohlgefallen. 286 Nit irdisch reich sein, sonder himmelisch reich sein, 287 nit irdisch gelehrt sein, sonder göttlich gelehrt sein. Und alle unser religion brauchen, dass uns dieselbig mit freuden nachfolgen in dem ewigen leib, ab dieser erden in das ewig leben, uf dass wir mit unsern religionibus vor gott dem allmächtigen fröhlich und unerschrocken stohn mügen. Dann unser werk von den gaben, die uns gott geben hat, werden uns nachfolgen in den himmel. Und die werk, so wir usserthalb den gaben geton haben, werden uns nachfolgen in die ewige verdammnus, dann beim höchsten wird ein jeglicher examiniert werden. 288
[281] ehelich: ‚gesetzlich‘. — [282] hernach gewählt] hernach gewelt H; hoch begabt LBFG. — [283] enden: ‚ausführen‘. — [284] vergeben: ‚hingegebenes‘. — [285] Joh 18,36. — [286] Ps 143,10. — [287] Anklang an Mt 6,19 f. — [288] zum Geben von Rechenschaft am Tag des jüngsten Gerichts vgl. Mt 12,36; Röm 14,12; 1Petr 4,5.
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A13. De ecclesiis veteris et novi testamenti Von den Kirchen des Alten und Neuen Testaments [284 r] 1 Incipit liber primus ecclesia prima 2 Dieweil nun Adam aus dem paradeis getrieben ist worden und ausgeschlagen, 3 und also nachfolgend die kinder Adae und Evae ohn ein hirten gewandelt, dann niemands ist do gesein, der sie hätt gewiesen und geführt, damit sie hätten gewandlet in dem willen gottes, darauf nun ist not gesein, dass der, der den menschen beschaffen hat, ihm auch den weg angezeigt, denselbigen zu gohn als ein mensch, dohin er gehn soll. Nun aber wär dies nit not gesein, dann der mensch hat den weg wohl mügen erlangen, zu wandlen mit leichter 4 unterrichtung. So 5 aber der Satan, ein feind gottes, wider gott streit, allein vonwegen des menschen, 6 und denselbigen begehrt zu haben, der von gott beschaffen ist und im glauben, und aber der mensch, der ein schwache kreatur ist, mehr zum bösen dann zum guten gneigt, vom teufel leichtlich dodurch verfüert wird, dieweil 7 und dem menschen geben seind und zu wissen das gut und das bös, das ist, zween weg fürgelegt, zu dem ewigen, und den eng gemacht, und einen zu der verdammnus, und den weit gemacht; 8 und der weit ist, der ist lustig und wohl geziert, den [284 v] geht man lieber dann den engen: uf sollichs, damit der mensch wisse zu wandern, und wiewohl er weißt, was gut und bös ist – was er nit will, dass man’s ihm tu, dass er’s auch keim andern tue, 9 noch damit er des ein gewissen grund habe –, hat ihm gott geoffenbart den weg zu der seligkeit, denselbigen zu wandlen, wie er sei, und den versorgt gegen menschen, dass der teufel kein falsch kann einwerfen noch betrug, so der mensch will an ihm selbs gerecht sein.
[1] H: H 1 284 r–308 v; M: ME 263–295. — [2] incipit … prima: ‚hier beginnt das erste Buch der ersten Kirche‘. — [3] ausgeschlagen: ‚abgewiesen‘, ‚hinausgewiesen‘; vgl. Gen 3,23 f. — [4] leichter: ‚geringfügiger‘. — [5] so aber: der Hauptsatz fängt erst unten bei uf sollichs an. — [6] Jud 1,9; Offb 12,7–12. — [7] dieweil und: ‚und da‘, ‚da aber‘. — [8] zu den zwei Wegen vgl. Jer 21,8; Mt 7,13 f.; Lk 13,24. — [9] Mt 7,12 par.
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Das ander kapitel 10 Nun wissen,11 dass der mensch ein schaf ist und soll 12 ohn den hirten nichts. Nun muss der sein hüeten, des schaf er ist. Das ist, er ist ein schaf gottes,13 dann gott hat ihn gemacht. Darum ist es sein, und noch niemands versetzt,14 geschenket noch geben, sonder ihm den behalten für und für bis in das end der welt. Darum so er nun sein ist, so soll er der hirt sein, der ihr hüt, uf dass sie gangen in dem engen und nit kommen durch den Satan mit seinem reißenden maul uf den weiten weg, do viel der wölf laufen, die sie zerreißen.15 Dieweil aber gott nit ein person ist, nit ein inwohner uf der erden, sonder im himmel in seinem stuhl und reich, so ist nun [285 r] vonnöten, dass aber uf erden ein mensch sei, der die menschen regier und füer 16 und ziech sie nach dem engen weg. Dann sonst ist nichts leiblichs uf erden, kein engel, kein geist, der sie füere, sonder allein menschen. So nun ein mensch die menschen führen muss, so folgt us dem, dass unter diesen viel betrugs beschehen mag. Daruf vonnöten ist, dass der mensch den hirten wohl erkenn, wer er sei, damit dass nit der wolf für ein hirten do gang und dich führ in einer schafhaut und aber inwendig der teufel sei.17 Diese erkanntnus der hirten ist die ursach, dies buch zu beschreiben. Dann einmal muss der mensch vom menschen geführt werden. Also hat’s gott im alten testament gehalten, also Christus im neuen testament. Darum so es je muss ein mensch sein, so ist das nachfolget 18 schreiben allein den menschen zu erkennen, damit der recht vor dem unrechten erkennt werde und der unrecht vor dem rechten. Dann die zween weg, der eng und der weit, hat jeglicher ein hirten, und ein jeglicher weist und zeigt uf sein weg, und seind beid dermaßen so verborgen, dass erkennen und erkanntnus zu geben fast 19 not tut.
[10] das ander kapitel] capitel 2 H. — [11] wissen: ‚wisst‘. — [12] soll: ‚vermögen‘, ‚wert sein‘. — [13] zum Bild des Hirten mit seinen Schafen als Parallele zum Verhältnis von Gott und Mensch vgl. v. a. Joh 10,1–17; Hes 34,5–23, ferner 1Kön 22,17; 2Chr 18,16; Ps 80,2; Jes 40,11; Mt 9,36; 25,32; 26,31; Hebr 13,20; 1Petr 2,25. — [14] versetzt: ‚verpfändet‘. — [15] Mt 7,15; vgl. 1Petr 5,8. — [16] füer: ‚führe‘. — [17] Mt 7,15. — [18] nachfolget: ‚nachfolgende‘. — [19] fast: ‚fest‘, ‚sehr‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
[285 v] Das dritt kapitel Also die ding zu beschreiben, ist am kundlichisten 20 anzesehen bei dem alten testament und nachfolgt das neu fürzuhalten, dann je eins wie das ander sich erzeigen und vergleichen muss. So wissen nach der kürze, dass die kinder Adae und Evae von stund an fingen an args zu tun, neid und hass uf einander zu werfen, und der Kain schlug sein bruder Abel zu tod. 21 Und also ging es für und für zu dem bösen und zum laster, dass gott oft und groß erzürnt ist worden vonwegen der großen üppigen 22 laster, dass er viel plagen über sie hat lassen gohn, Sodoma und Gomorra mit hellischem feur verbrennen und versinken lassen, 23 die sintfluss 24 über und über lassen gohn und alles ertrinken lassen, 25 und der ding viel, die nit not hie alle zu erzählen seind, sonder bei denen die andern alle vermeint 26 und fürgehalten werden. Nun seind dieselbigen laster kommen us argem herzen der menschen und us dem anreizen des teufels, der sie darzu gebracht hat und den menschen darzu verführt, 27 dass 28 darzu kam, dass gott selbs spricht, „mich reuet, dass ich den menschen gemacht habe“. 29 Nun aber uf solchs, dass der mensch seine lehr, sein gebott, sein willen wisset, hat er dem menschen hirten gesetzt, und die sie führen sollen und ihme den weg [286 r] zeigen, fürgohn, lernen und selbs tun und dasselbig, so sie führen und zeigen, nit us ihnen selbs, sonder us gott vollbrächten. Dann wie kann ein mensch an gott stätt 30 sein, so sein witz 31 ein narrheit vor gott ist und gar nichts kann. 32 Und aber der mensch, der muss göttlich und nit menschlich geführt werden. Darum dieselbigen menschen, so gott den menschen zu hirten geben hat, sie selbs geheißen, gelernt, angezeigt, was sie sollen heißen und lernen das volk zu tun, uf dass sie nit den willen der hirten, sonder den willen gottes vollbrächten. 33 Uf solches folgt hernach, wie ihr dieselbigen sollent erkennen
[20] kundlichisten: ‚offenkundigsten‘, ‚deutlichsten‘. — [21] Gen 4,8; zu Kain und Abel vgl. Gen 4,1–16. — [22] üppigen: ‚hochmütigen‘, ‚ausschweifenden‘. — [23] Gen 19,24; Dtn 29,23; 2Petr 2,6; Jud 1,7; zur Geschichte von Sodom und Gommora vgl. Gen 13,10; 18,20–33; 19,1–25. — [24] sintfluss: ‚Sintflut‘; vgl. Gen 6,17; 7,10.17; Ps 29,10; Mt 24,38 f.; 2Petr 2,5. — [25] Gen 8,1–14. — [26] vermeint: ‚mit gedacht‘. — [27] 1Tim 4,1; Offb 12,9; 20,10. — [28] das: ‚so dass‘. — [29] Gen 6,6. — [30] an gott stätt: ‚an gottes statt‘. — [31] witz: ‚Verstand‘. — [32] 1Kor 3,19. — [33] zum Motiv des Hirten vgl. v. a. Joh 10,1–17; Hes 34,5–23, ferner 1Kön 22,17; 2Chr 18,16; Ps 80,2; Jes 40,11; Mt 9,36; 25,32; 26,31; Hebr 13,20; 1Petr 2,25.
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und wissen, sie in gutem vertrauen zu hon und in dieselbigen kein zweifel zu setzen, und gewiss, dass in denselbigen kein teufel ist noch reißender wolf. 34
Das viert kapitel Dieweil nu der mensch den menschen führen soll und nit us ihm selbs, dann der mensch vermag nit soviel, dass er an gottes statt sitz und das wenigist härlin 35 regier, sonder er muss us gott regieren und führen, lernen und weisen, und alsdann, so er der ist, so führt er recht, nun in dem wissen, dass der mensch ein schaf ist, und die schaf haben ein stall. 36 Der stall muss uf einem [286 v] felsen stohn. 37 Nun sein die schaf die menschen, der stall die kirch. Der fels, daruf die kirch steht, 38 muss der mensch sein, den gott darzu erwählt. Dann vertrauen ein herdviechs 39 einem menschen, ist not, dass er vorhin erkennt werd, ob er nit ein wolf sei über die schaf. Dann so er ein wolf sein würde, so möcht er kein fels sein, uf den gott bauen würde. Darum so folgt uf das, dass niemands den fels des schafstalls erkennen kann, als allein der, des er ist, der ist der baumann. 40 Nun ist gott derselbig, darum so setzt er selbs den fels. Uf das wissen, dass ein solcher fels uf den gestellt ist worden der schafstall der menschen, von keim menschen niehe 41 gesetzt ist worden; dass auch die menschen nie haben unterstanden einen felsen zu setzen, sonder allein, wie bös oder wie gut sie gesein seind, so haben sie allemal dem felsen zugeschriehen, den ihn gott geben hat und heimgesetzt. 42 Und dieselbigen felsen haben sie nit entsetzt, 43 sonder allemal darbei lassen bleiben und gefolgt, und glaubt demselbigen, den gott ihnen zugeben hat. 44 Dieweil nun von anfang her gott dem menschen wegzeiger selbs verordnet hat und den gewalt nie us der hand geben, sonder dass er bleiben soll in seiner wahl, wiewohl die menschen nachfolger und auch in derselbigen zeit eigen wegführer [287 r] gesetzt haben us derselbigen ufwerfen, 45 aber nie hat es kraft 46 gehabt. Was daraus entstanden ist, das ist offenbar. Wiewohl auch etwas darvon erzählt [34] zum Bild des reißenden Wolfs vgl. Mt 7,15. — [35] das wenigist härlin: ‚das geringfügigste Härchen‘. — [36] Joh 10,1–17. — [37] Mt 7,24 f.; 16,18. — [38] Mt 16,18. — [39] herdviechs] herrt vichs H: ‚Herdenvieh‘. — [40] baumann: ‚Bauer‘. — [41] niehe] nihe H: ‚nie‘. — [42] heimgesetzt: ‚anheimgegeben‘. — [43] entsetzt: ‚des Amtes enthoben‘. — [44] 1Kor 10,4. — [45] ufwerfen: ‚Erhebung‘, ‚Überhebung‘. — [46] kraft: ‚große Bedeutung‘, ‚Verbindlichkeit‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
wird, das ist dann ein anzeigen, des Satans wegführer zu erkennen. Also folgt hernach weiter von den füerern des engen wegs nach dem befelch und geheiß gottes. 47
Das fünft kapitel So nun der wegführer aus gott allein gesetzt wird und gott allein gebührt, denselbigen zu setzen, dann niemands kann oder mag eim andern ein statthalter setzen, als allein der, 48 dem er zugehört, darum so bleibt die ordnung bei gott und die wahl dergleichen bei ihm. Und also uf dieselbig hat gott sein schafstall gestellt, dass 49 ihme die seine schaf führen und weiden sollen und sonst niemands. Daruf hat er auch denselbigen geben, was not gesein ist zu derselbigen zeit, damit sie wohl bewahrt seind worden und nach seinem willen. Also ist am ersten des volks führer gesein Moses, 50 das ist, Moses ist ein fels gesein, uf den gott gebauen hat sein vertrauen gegen dem menschen, denselbigen nach seinem willen ohn menschliche hinzutuung zu regieren, gleich eben dasselbig, das gott hieß und geheißen hat und weiter [287 v] kein anderst. 51 Nun aber, wie Moises einer gesein ist, in dem gott sein vertrauen gesetzt hat, als was zu versucht 52 und was gott durch Moisen hat wöllen usrichten, das beweist die geschrift, hie nit not zu erzählen. Dann ein solch amt, das Moses gehabt hat, und solch befehle, wer ist vom menschen, der sie hat mügen vollbringen? Oder wissen zu vollbringen oder gewisst haben, was not wär gesein? Oder was zu tun wäre dem volk, domit es bewährt 53 würde? Und also, wie Moises einer gesein ist, der ein fels des volks gesein ist, uf welchen felsen dieselbig zeit, die kirchen ufgestanden ist, also noch für und für ist die kirch gottes nit des menschen. Dann sein ist der tempel, und der mensch ist der tempel. 54 Darum so weißt der tempel sich selbs nit zu bewahren, 55 wohin, 56 dann die füchs wissen allein ihr gruben, der mensch aber nit, da er nur den kopf uflegt. 57 So er nun nichts hat, dar-
[47] also … gottes: ‚Nachfolgend wird von den Führern des engen Wegs berichtet, so wie es von Gott befohlen und geheißen wurde.‘ — [48] der] do H. — [49] dass: ‚dass sie‘. — [50] Ex 3,10–12. — [51] Dtn 4,2; 12,32; Offb 22,18 f. — [52] als … versucht: ‚wie er auf die Probe gestellt wurde‘. — [53] bewährt: ‚erprobt‘. — [54] Mt 26,61; 1Kor 3,16 f.; 6,19; 2Kor 6,16. — [55] bewahren: ‚beschützen‘. — [56] verkürzter Nebensatz: ‚wohin er gehen soll‘. — [57] Mt 8,20 par.
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auf er rue, so muss er ihm selbs die rue nit suchen, sonder allein uf das muss er bauen, das ihm gott unterlegt. Das ist der fels, den ihm gott fürstellt und gibt.
Das sechst kapitel Damit so lesen also die geschrift, dass auch Aaron von ihm selbs nichts angefangen hat noch erdacht, [288 r] sonder was ihn gott geheißen hat, dasselbig hat er vollbracht und nichts darzu noch darvon geton, 58 hat’s auch nit disputiert, ob es billich oder ansehenlich wäre oder nit. Dann seht an die aaronisch wesen, was ihm gott befohlen hat und wie er mit ihm gehandlet hat, soviel und so seltsam, dass auch der mensch die ding nit verstohn kann. Darum so seind ihme solche sachen nit befohlen zu gebrauchen, es sei dann der befelch gottes do, und wo nit, der dingen allen abstohn. 59 Dann was geht es ander an, was Aaron geton hat und geheißen ist worden? Moises tat viel, ward auch viel geheißen von gott. Was geht es die ander zeit oder die itzig zeit an? Nichts. Zu derselbigen zeit musst es also sein. Die zeit nun regieren ist nit des menschen macht, sonder gottes macht. Darum so muss sie geregiert werden us gottes stimm, nit us der menschen vernunft. Dann der mensch weiß nit, was not ist oder wo er dem wind soll wehren. Dann anders und anders erfordert’s die not, nit allemal Pharao, nit allemal ägypter, 60 nit allemal die philister 61 und ander viel desgleichen, sonder in ander weg, die über unser list 62 seind, die allein gott muss fürkommen. 63 Dann dermaßen muss es sein, dass wir von gott gewiss seind, dass 64 aus gott sei, als den bund mit Abrahaim, 65 [288 v] den gott selbs macht, geredt und verheißen hat. Welchem menschen sollt das müglich sein, ein solches zu sagen, so gott das nit geredt hätt, oder müglich zu gleiben? 66 Also auch die gebott seind geben von gott dem menschen. Der mensch aber, den gott darzu erwählt hat, und vom selbigen an die menschen lassen kommen, wie wollt der mensch in den dingen gewisst haben die ordnung, gebott etc. zu erklären, als allein gott? Dieweil nun gott angefangen hat, selbs die ding zu bieten 67, und die welt zu regiern
[58] Ex 4,14.27–30. — [59] abstohn: ‚fernzubleiben‘. — [60] Ex 1,8–22; 5,1–19. — [61] Ri 10,6–8; 13,1; 15,20. — [62] list: ‚Klugheit‘, ‚Schlauheit‘. — [63] fürkommen: ‚vorbehalten sein‘. — [64] dass: ‚dass es‘. — [65] Gen 15,18–21; 17,1–14. — [66] gleiben: ‚glauben‘. — [67] bieten: ‚gebieten‘.
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befohlen, so wird es auch müssen im selbigen usgehnd68 und im selbigen bleiben, dass niemands nichts sollt, allein das geheiß gottes haben durch befehle. Dann wir werden alle von gott gelehrt. So wir von gott gelehrt werden, so muss der mensch dienen und gilt nichts. Nun, was er ihn lernt, das soll er tun. Was er ihne nit lernt, das soll er nit tun. Also hat er den Moises gelehrt, wie die geschrift inhalt. 69 Das hat er geton, wie er ihn gelehrt hat, und dasselbig dem volk fürgehalten, also seind sie auch von gott gelehrt worden. Dann Aaron hat er ein anders geheißen, 70 also hat er ihn gelernt. Also was er nun weiter heißt ein andern Mosen, das soll er ton, ein anderen Aaron, das soll er tun. [289 r] Das siebent kapitel Also erbt nichts uf uns, 71 das die alten gelehrt haben, dass darum wir dasselbig schuldig seind. Abrahaim ward geheißen, seim Isaak den kopf abzeschlagen, 72 darum aber niemands ist es weiter geheißen worden, darum soll’s auch niemands tun. Aaron ward geheißen, die altarkleidung ze machen, 73 es ward’s aber niemands weiter geheißen, darum erbt es nichts in die nachfolger. Was erbt, das soll man erkennen und unterscheiden von dem, das nit erbt. Dann so ich mich wollt unterstehn, Aarons wesen ze füeren und was er geheißen wär worden, was grund heißt mich das? Es ist doch der befelch von gott nit uf mich, so mag ich auch nit wissen, was gott damit gemeint hat. Wie kann ich damit dann etwas meinen? Hat es etwas bedeut, so ist es us und hin. Was will ich dann damit tun? Hat gott ein anderst damit gebraucht, das war derselbig zeit der beruef. 74 Was gehn’s die zeit an? Er hat viel alter frauen über den natürlichen louf 75 kindbar 76 und fruchtbar gemacht, als Saram, 77 als die mutter Johannis baptistae. 78 Was geht’s aber die andern alten weiber an? Er wird ihn darum das nit tun, das er diesen hat geton. Also folgt uf das nit: hat er’s Abraham fruchtbar gemacht und Zacha-
[68] wird … usgehnd: ,wird …hervorgehen‘, alte Futurform. — [69] inhalt: ‚enthält‘, ‚darlegt‘; zur Unterweisung des Moses durch Gott vgl. u. a. Ex 3,1–22; 4,1–23; 19,3–6.9–13.18–24; 20,1–17; 31,12–18. — [70] Ex 4,14.27–30. — [71] also … uns: ‚auf solche Weise vererbt sich nichts auf uns‘. — [72] Gen 22,2–13. — [73] Ex 28,2. — [74] beruef: ‚Berufung‘. — [75] louf: ‚Ablauf‘. — [76] über … kindbar: ‚über das natürliche Alter hinaus gebärfähig‘. — [77] Gen 17,15–19; 21,1–3. — [78] Elisabeth, die Mutter Johannes des Täufers, vgl. Lk 1,36.41.57–63.
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riae, 79 so tut er [289 v] mir’s auch etc. Ein jeglich ding, das gott gefällig ist, das tut und heißt er. Was geht’s aber den andern an? Also hat er auch den Josef gemacht zu einem usleger der tröm 80 Pharaonis, 81 und hat’s usgelegt nach der wahrheit. Dass aber us dem folgt, dass ein iglicher trom gerecht sei, das folgt nit. Dass auch hieraus folgt, dass ein iglicher ausleger sei der tröum, das ist auch nit. Dann ursach, also will’s gott: dem er die auslegung gibt, derselbig usleg, 82 dem er’s nit gibt, derselbig nit uslegen. Dann us denen, die sich also unterstohnt zu schreiben ohn befelch, die seind die falschen schreiber. Niemands hat zu schreiben dann der, den gott gesetzt hat, es sei worin es wöll, dann der phantasei oder kontemplation ist nichts befohlen. Es ist oft ein zeichen, das ein ding bedeut. Oft ist dasselbig zeichen kein zeichen mehr. Also, wie oft ist gott erschienen den altvättern? Dass aber darum folgt, dass er für und für erscheine, das ist nit. Die ding seind alle im gewalt gottes.
Das achtet kapitel Dermaßen so wissen auch, do Moises starb und gestorben war, do satzt 83 gott ein andern Mosen, das ist den Josuae. 84 Nun zu gleicher weis wie mit Mose, also handlet auch gott in Josuae nach derselbigen zeit zufäll 85 und anfäll. Und befelch nit, [290 r] dass das volk ein Mosen selbst setzen sollt, als ob man sprechen müge: „Wir haben Mosen gehabt, und aber itz dörfen wir keins mehr von gott, sonder wir wellen selbs itzt einen wählen, 86 der da gang die vestigia 87 Moisis.“ 88 Das ist also zu verstohn: Wiewohl das volk einen setzen möcht, der die lehr und gebott, so der erst geben hätt, dermaßen auch inhielt wie der erst, das ist wie Moises, das will aber gott nit, dass die wahl beim menschen stand. Darum hat er Josuae selbst gesetzt und ihn nit zielt 89 uf die fueßtritt Mose, sonder uf gott selbs, und Mosen lassen ein toten mann sein. Und darnach Josuae gehandlet, wie es gott geliebt hat, anderst und anderst, dann durch Mosen, und doch wie durch Mosen. Do nun Josuae auch starb, noch war kein erb do. 90 Das war aber do, dass die
[79] Abraham als Ehemann der Sara und Zacharias als Ehemann der Elisabeth. — [80] tröm] trom H: ‚Träume‘. — [81] Gen 41,1–36. — [82] usleg: ‚soll auslegen‘. — [83] satzt: ‚setzte ein‘. — [84] Dtn 31,23; 34,9; Jos 1,1 f. — [85] zufäll und anfäll: ‚Geschehnisse‘, ‚Vorkommnisse‘. — [86] wählen] welln H. — [87] vestigia: ‚Fußstapfen‘. — [88] ähnlich Jos 1,16–18. — [89] zielt] zillt H: ‚bestellt‘. — [90] Jos 24,29–31.
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kinder Israhel um einen andern schrien. 91 Do gab ihn gott Judam, 92 nachfolgt 93 legt er’s uf ander, als 94 uf Gedeonem. 95 Nun seht, wie wollt der mensch einen setzen und wählen, mit dem gott dermaßen handlet? Auch durch sein engel, als mit Gedeon, so doch der mensch in seiner wahl nit weißt, was gott gefällt und liebet unter den menschen, dann der mensch hat der ding kein urteil. Gedeon hat viel umbracht, 96 und schadt ihm nit, ist ihm alls 97 in ein gerechtigkeit gerechnet, dann gott hat ihn gesetzt. Was gott setzt, was sie tuent, [290 v] das urteilt der mensch nit. Aber so der mensch setzt, so kommt es dohin, dass nichts soll, 98 und wird ihm nit gerechnet in ein gerechtigkeit. Dann es steht geschrieben, „du sollt niemands töten“. 99 Gedeon ist dem gebott nit unterworfen, dann gott hat ihn selbst gesetzt und ist durch den engel dohin bescheiden.100 Was aber der mensch setzt, das ist unter dem gebott und muss das gebott halten. So merken auch darbei, sobald der wegfüerer vom volk gestorben ist, so ist das volk durch sein selbsregiment von stund an in fornicationes 101 gefallen und hat gott erzürnet. Darum so soll es nichts, dass sie die herrschaft haben und die wahl, sonder allein gott. Dann das reich Abimelech ward von einer frauen zerbrochen, das nun ein spott war dem mann.102 Warum? Do war nit us der stimm gottes und seiner wahl.
Das neunt kapitel Also weiter, dieweil103 gott sein hand abzug und ließ das volk selbs regiern und die richter und herzogen füeren und wählen, do giengs nie wohl. Allemal jammer und elend, wie dann im menschen nichts anderst ist, dann jammer und elend, darum kann auch nichts anderst us ihm gahn. Und dass etwan ein beschirm104 gschicht [291r] von gott, ist nit nach der ordnung oder vonwegen der personen, sonder es ist vonwegen, dass das volk nit gar untergang und nit gar verführt werd. Dann ein idlich ding ist von des ends105 wegen beschaffen. Und wie das end aber sein
[91] Ri 1,1. — [92] Ri 1,2. — [93] nachfolgt: ‚danach‘. — [94] als: ‚wie‘. — [95] zu Gideon vgl. Ri 6,11–18. — [96] umbracht: ‚umgebracht‘, ‚getötet‘; vgl. Ri 7,25; 8,10.17.21. — [97] alls: ‚alles‘. — [98] dass nichts soll: ‚dass es nichts taugt‘. — [99] Ex 20,13; Dtn 5,17. — [100] bescheiden: ‚gewiesen‘. — [101] fornicationes: ‚Hurerei‘, ‚unzüchtige Handlungen‘. — [102] Gen 20,3; Ri 9,53 f. — [103] dieweil: ‚während der Zeit‘, ‚als‘. — [104] beschirm: ‚Beschützung‘. — [105] ends: ‚Ziels‘, ‚Ergebnisses‘.
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soll, das weißt der mensch nit, auch was es ist. Darum so führt der mensch das volk blind dahin: dahin nit, dahin es gahn soll. Und so er zu weit ab dem weg will, so führt’s gott wieder hinzu, damit dass106 am letzten dahin komm, dahin es kommen soll. Darum ist aber us gott Samson erstanden und dem volk fürgesetzt.107 Darauf besehen Samson und die gegen ihm, so nit us gott gesetzt seind worden, was unterschied zwischen ihnen allen sei und wie sie voneinander seind, und wie das volk der juden, so ganz wild was worden, zerteilt, dass sie dem Samson die augen usstachen.108 Also erwählt109 ist in ihm selbst, so gott nit herrschet und die wegführer nit für und für setzt. Damit so wissen, dass gott also für und für sein wort allein gesetzt hat uf die, so er ihm userwählt hat, wie erstlich den Abraham,110 Moisen,111 Isaak,112 Jakob113 etc. Demnach er hat wollen lassen weissagen und das volk [291v] uf sein felsen setzen und bauen, sein eigen propheten selbs erwählt, David,114 sein eigen könig Salomon.115 Und also für und für sein willen, den er hat wellen haben, den hätt er seinen userwählten angezeigt und durch dieselbigen gehandlet, und das nie us der hand geben. Damit soll ein iglicher wissen, wie die erst kirchen gebauen sei worden uf den felsen der altvätter und propheten. Dieselbigen soll man hören und ihnen lassen116 und denselbigen folgen.117 Dann dieweil es die seel antrifft, so weißt der mensch nit und mag’s auch nit wissen, was der seelen klag und not ist und was us ihr am letzten wird, wie große not sie leiden muss. Darum so der mensch die ding nit weißt, so soll er des menschen lehr fliehen und sich an dieselben nit kehren. Dann er versteht sich selbst nit. Es muss das wort Christi wahr bleiben, dass ein iglicher muss us gott gelehrt werden,118 dann durch dieselbig lehr wissen wir, was unser zukünftigs ist. Durch uns selbst wissen wir nichts, als allein das zergänglich119 zu urteilen.
Das zehent kapitel Und wiewohl von den felsen noch viel zu schreiben wäre, wie gott sie erwöhlt hat und sie erleucht und gelernt, so ist es doch nit der not, die[106] dass: ‚dass es‘. — [107] Ri 13,5;15,20; zu Samson oder Simson vgl. Ri 13–16. — [108] Ri 16,21. — [109] erwählt] erwillt H. — [110] Gen 15,18–21; 17,1–14. — [111] Ex 3,1–22; 4,1–23; 19,3–6.9–13.18–24; 20,1–17; 31,12–18. — [112] Gen 17,19.21; 25,11. — [113] Gen 32,24–30; 35,1.9–12. — [114] 1Sam 16,13; 2Sam 2,4; 5,1–5. — [115] 1Kön 1,39.43.46; 2,12. — [116] ihnen lassen: ‚sich auf sie verlassen‘. — [117] Hebr 13,17. — [118] Joh 6,45; vgl. Jes 54,13. — [119] zergänglich: ‚Vergängliche‘.
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weil die biblisch [292 r] geschrift die ding einander nach klar erzählen, wie gott gehandlet habe gegen dem volk Israhel durch seinen mund in denen, die er userwählt hat. Nun seind dieselbigen nit zu erben 120 als ein bluet, das us seinem vatter kommt. Es ist auch nit gnueg, so ein mensch sich des amts unterstohn wollte oder darzu gesetzt, dann der befelch laut nit also. Es seind auch nit ämter der menschen, das ist, dass die menschen solcher zu setzen gewalt haben, sunder es seind ämter aus gott, die gott zu setzen hat.121 Dann der mensch weißt hie kein statthalter zu geben, dann er weißt auch nit, was gott tun will und wie er’s haben will uf den tag oder uf jenen tag, in dem oder in dem oder wie er ein iglich ding hon 122 will. Wie kann der mensch dann regieren ein ding, das nit sein ist und in seinem verstand nit ist, dass er spricht, „ich tuen wie Moses“, so ihn gott nit gesetzt hat an Moses statt wie Josuae? 123 So ist er doch nur ein gleißner,124 so gott ein heiligen satzt uf ein statt oder in ein wald und er stürb, und ich gieng hin und setzt mich an sein nest und führt sein leben, wesen, weis und gebärd.125 Als so mich gott das nit geheißen hat, den zu erben, so bin ich ein gleißner. Dann das wesen, das derselbig heilig geführt hat, wer kann es urteilen, das ihn zum heiligen gemacht hat? Niemands. Sonder der will gottes hat ihn erwählt also. Dem willen musst du nachfolgen und ihne haben, sonst wird nichts us dir. Dann also entstohn [292 v] die gleißner und die verführer des volks. Darum soll niemands uf dieselbigen nit bauen noch us ihrem acker kein korn schneiden, dann do ist nit der fels, uf den wir gebauen seind von gott. Uf denselbigen felsen müssen wir acht haben und sonst uf kein andern grund nit. Es ist alles ein sand, was usserhalb dem ist, den gott selbs gibt. Und also durch denselbigen werden wir gelehrt und erfahren, durch ihn den willen und geheiß gottes. Und uf das sollen wir gut acht haben, dass wir in dem wegführer nit irr gangen. Dann do steht leib, seel und alles darin, das reich gottes oder die verdammnus. Dabei lassent euch die bibel ein spiegel sein, wie zanken und hadern für und für gesein ist, durch solche selbs ufgeworfen 126 leut erstanden und erborn.127
[120] zu erben: ‚nachfolgend zu übernehmen‘. — [121] 1Kor 12,4–10.28–31; Eph 4,11 f.; vgl. auch Spr 8,15; Joh 19,11; Röm 13,1. — [122] hon: ‚haben‘. — [123] Dtn 31,23; 34,9; Jos 1,1 f. — [124] gleißner: ‚Heuchler‘. — [125] Polemik gegen Wallfahrtsorte, die auf das Wirken eines Heiligen zurückgehen. — [126] ufgeworfen: ‚erhobenen‘, ‚ernannten‘. — [127] erborn: ‚hervorgegangen‘.
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[293 r] Ecclesia secunda Capitulo primo Do gott den menschen beschuf, da hat er ihm sein herz geben und hat ihn im paradeis lassen erfahren, was gut, was bös war und ist,128 und ihn do dasselbig gelehrt, also dass ein iglicher mensch in ihm selbs weißt, was er nit will, das man ihm tue, das auch ein anderer nit will, das er’s ihm tue.129 Das ist nun das gesatz und das herz, das wir mit uns gebracht haben us der hand gottes, do er uns beschaffen hat. Nun ist das herz ein fels, daruf der mensch steht und stehn soll. Und also ein fels, so ihn gott zu keim amt erwählt oder nit zu den userwählten setzt oder nimmt, das ist, uf denselbigen felsen baut, so soll das sein fels sein, daruf er stohn soll.130 Dann den felsen hat gott auch gemacht, darumben so soll er daruf bleiben. Dann das ist zu wissen: Er hat us Abraham ein samen lassen gohn,131 den hat er ihm gesegnet und denselbigen samen groß 132 zugesagt, mehr dann sonst idermann,133 und denselbigen vorgeher geben, den 134 sie sollen gehorsam sein, und dieselbigen selbst erwählt und ihn die geben, wunderbarlich begabt mit tugenden und weisheiten über menschenvernunft und verstand. Darzu hat gott ein gefallen gehabt, dass er ein teil von dem volk genommen hat und ihn gesegnet und den andern teil lassen heiden sein, und verbotten auch zusammen heuraten.135 Wiewohl aber das geschehen ist, so ist doch das ander volk, das nit der [293 v] beschneidung gsein 136 ist als die heiden,137 darum nit verworfen oder vom himmel entsetzt,138 ob sie schon nit in die israhelisch zahl 139 und erbischen 140 zahl genommen seind worden. Und auch wiewohl das ist, dass sie niemands haben gehabt, der von gott ihnen geben sei worden, sie zu lernen, zu regieren, ist nit vonnöten gesein. Ist auch nit vonnöten gsein, dass sie priester noch Aaron 141 [128] Gen 2,9.17; 3,5.22. — [129] Mt 7,12 par. — [130] 1Kor 3,10 f.; Eph 2,20–22; 1Petr 2,4. — [131] Gen 26,24; 1Chr 1,28; Mt 3,9 par.; Lk 1,55; Joh 8,33.37.39; Röm 9,7; 2Kor 11,22; Gal 3,7.29; Hebr 2,16. — [132] groß: ‚Großes‘. — [133] zu den Verheißungen des Samens Abrahams vgl. Gen 15,18–21; 17,1–14; 22,17 f.; Jes 65,23; Gal 3,16–18. — [134] den: ‚denen‘. — [135] Ex 34,15 f.; Num 36,6–9. — [136] gsein] sein, von anderer Hand korrigiert gsein H: ‚gewesen‘. — [137] Eph 2,11; vgl. auch Röm 3,30; 4,9–12; Phil 3,3; Kol 2,11. — [138] entsetzt: ‚ausgeschlossen‘. — [139] israhelisch zahl: ‚die Erben Israels‘, vgl. Num 26,2. — [140] erbischen zahl: ‚die Erben Abrahams‘ bzw. ‚der Same Abrahams‘, vgl. Gen 26,24; 1Chr 1,28; Mt 3,9 par.; Lk 1,55; Joh 8,33.37.39; Röm 9,7; 2Kor 11,22; Gal 3,7.29; Hebr 2,16. — [141] zu Aaron als Priester vgl. Ex 28,1–4.
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noch Melchisedech haben,142 sonder dass sie allein sollen in dem bleiben, darein sie gott gesetzt hat, das ist uf das herz, das ihn gott geben hat. Das ist, gott hat sie gelehrt guts und bös und dass sie wissen von natur, was sie tunt und nit tun sollen.143 Uf solches wissen ist das wissen ein fels, uf dem sie stohn sollen und das einandern nit tun, das sie nit wellen, das ihn beschehe.144
Das ander kapitel Darauf wissen, dass Christus am letzten gebotten hat seinen jüngern: „Ein neues gebott gib ich euch, dass ihr einander lieben.“ 145 Ist das gebott nit der heiden gebott, und ist ein alt gebott? 146 Aber ein neues gebott ist es gesein unter den juden, das ist bei seinen zwelf apostlen. Dann sie und die juden haben der heiden gebott nit geacht, sonder in den gebotten gottes gangen, „du sollt nit ehbrechen“,147 item, „du sollt nit töten“ 148 etc. Nun, dies geht die heiden nichts an, dass wir das einandern nit ton sollen, [294 r] keiner dem andern sein weib schmähen,149 dann keiner geduldt’s an ihm, dass ihm beschech, und also alle gebott. Dergleichen so ist nun Christus gefallen von ihn allen und hat sie beschlossen 150 in die heidnisch art und gesagt, „ein neues gebott gib ich euch“.151 Ist soviel gesprochen: „Bisher habe ich euch gebotten, die alten gebott zu halten und zu tun. Nun aber itzt so wird der zepter von juden genommen, sein und bleiben, und wird den heiden geben, die frucht werden geben. Und dieselbigen haben ein gebott, was du nit willt, das tu eim andern auch nit.152 Das ist bei den heiden ein alts, aber bei euch juden ein neues. Darum so gebiet ich euch, lieben euch 153 einander. Dann so wir einander lieben, so halten wir alle gebott, ob wir schon nit wissen, wie sie heißen oder was sie seind.“ Solch gebott ist durch Johannem evangelisten geschrieben und wohl erklärt worden,154 dass Christus fürgehalten hat die lieb untereinander, nit zu artikuliern
[142] zum Priestertum nach der Ordnung Melchisedeks vgl. Ex 29,9; 40,15; Num 25,13; Ps 110,4; Hebr 5,6; 6,20; 7,17–26. — [143] Joh 6,45; Jes 54,13; vgl. auch Ps 143,10; Spr 4,2. — [144] ähnlich Mt 7,12 par. — [145] Joh 13,34. — [146] Lev 19,18. — [147] Ex 20,14; Dtn 5,18; vgl. Mt 5,27; 19,18; Röm 13,9; Jak 2,11. — [148] Ex 20,13; Dtn 5,17. — [149] schmähen: ‚in Schmach bringen‘; zu diesem Gebot vgl. Ex 20,17; Dtn 5,21. — [150] beschlossen: ‚zugerechnet‘. — [151] Joh 13,34. — [152] ähnlich Mt 7,12 par. — [153] euch] auch H. — [154] Joh 13,34.
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die gebott, vier 155 gebott, zween 156 gebott, sonder in der summa unter ein begriffen: 157 je einer den andern lieben. Darum so nun Christus ist vom jüdischen weg gefallen am letzten in seim end und gefallen uf das gesatz der natur, so uns angeborn ist und geben aus der hand gottes, so ist auch billich das lieben je einer den andern. Der fels, daruf wir bauen sollen,158 das [294 v] ist, daruf die kirch der heiden stand, das ist deren, die nit in der zahl der userwählten seind als die kinder Israhel, die hätten ander felsen. Also haben auch die heiden ander felsen, und beid aber us gott und geordnet von gott, das auch ein fels sein soll. Darum David diesen fels bewährt,159 dass ein traurig herz, ein gediemütigs herz gott nit veracht.160 Was ist das anderst, dann so die, die nit userwählt seind, den das gelobt land nit versprochen ist, nit sollen verzagen, sonder so ihr herz ihr fels ist und uf dasselbig herz der heiden kirchen gebauen, so es in reu und demütigkeit liegt, dass es gott nit veracht?
Das dritt kapitel Dann David sagt auch weiter, „selig ist der mann, der gott fürcht“.161 Soll der mann nun selig sein, der gott fürcht, so leit 162 die forcht gegen gott im herzen 163 und kommt us dem, so der mensch weißt, dass er us gott ist und nit us eim andern, und weißt us der natur, die ihm gott geben hat, dass er keim andern ton soll, das er nit wollt, das ihm von ihm beschehe. Und uf das tut er keim andern nit, das er nit wollt, das von eim andern ihm beschehe.164 Und so er’s tät, förcht gott darum, und darum dass er gott förcht vonwegen des übels und tut’s nit, so ist er selig; nit selig uf erden, sonder auch selig bei gott. Dann er hat je den felsen do, uf den sein gewissne bauen ist, dass er mit lieb alle ding handlen soll und dass er durch die [295 r] liebe gott förcht und wandle im weg gottes. Der ist also, dass er will, dass wir einander lieben, so wandlen wir in seinem weg. So wir nun in seinem weg wandlen, so seind wir
[155] vier] vor H. — [156] zween] zum H: ‚zwei‘. — [157] Das heißt, er hat das Gebot der Liebe nicht in Form von mehreren Geboten formuliert, sondern in einem Kerngedanken zusammengefasst. — [158] Mt 7,24 f.; 16,18. — [159] bewährt] bewert H: ‚bestätigt‘. — [160] Ps 51,19. — [161] Ps 112,1. Paracelsus übersetzt aus der Vulgata: „beatus vir qui timet dominum“, Ps 111,1 (Vlg); vgl. auch Ps 127,1 (Vlg): „beati omnes qui timent dominum“. Anklang an Luthers «Kleinen Katechismus». — [162] leit: ‚liegt‘. — [163] Ps 128,4. — [164] Mt 7,12 par.
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je die seligen, dann die unseligen wandlen in keiner lieb. Darauf nun so tröst David die heiden und sagt, „selig ist der, der gott förcht“ (wie obsteht). „Sein hausfrau wird grünen wie ein weinstock, sein kinder werden wie die ölzweig um seinen tisch stohn“ 165 etc. In diesem gebott ist Israhel nit begriffen, allein deren fels ihr gewissne im herzen, ihr liebe ist. Darum er am letzten sagt, „nach diesem und allem der fried sei über Israel.“ 166 Das ist, als wollt er sprechen: „So selig seind ihr heiden, so ihr uf dem felsen wandlen, das ist in der forcht gottes, und wandlen in seinem weg, dass ihr gott förchten und lieben einander. Aber so ihr so selig seind, so sei gott auch über Israhel und geb ihn auch fried wie euch.“ Und das vielmals mehr meldt David den heiden ihr stärk und hebt am ersten psalmen an: „Selig ist der mann, der nit bei den gottlosen wandlet.“ 167 Das seind die, so ihn 168 selbs lieben und ihnen ihr wart 169 allein suchen. Und selig seind die, so uf dem stuhl der pestilenz nit sitzen und in dem weg der sünder etc.170 Was ist das alles, dann allein als spräch er, die so in dem gesatz der natur leben,171 dieselbigen [295 v] sitzen uf dem stuhl der pestilenz. Sie wandlen und haben gemeinschaft mit dem bösen, sie wandlen auch in dem rat des eigennutz. Diese ding bewegt 172 am ersten, und Christus beschleußt 173 uf das am letzten mit dem neuen gebott, das ist mit der liebe. So nun die liebe do ist, so ist der erst vers der, der anzeigt, die wider die liebe seind. Also gibt die natur das uns ein, dass wir sollen einander lieben, darum dass wir us einer hand alle seind und von einem vatter. Daruf folgt nun, dass wir noch viel mehr sollen lieben den vatter, das ist, noch viel mehr gott,174 us dem wir hie seind. Itzt begreift die lieb zwo liebe, die erst in gott, die ander im nächsten, das ist im menschen.175
[165] Ps 128,3. — [166] Ps 128,6. — [167] Ps 1,1. Paracelsus übersetzt hier wörtlich aus der Vulgata: „beatus vir qui non abiit in consilio impiorum“. — [168] ihn: ‚sich‘. — [169] ihnen ihr wart allein: ‚sich selbst zu bewachen‘. — [170] Ps 1,1 Fortsetzung: „et in via peccatorum non stetit et in cathedra pestilentiae non sedit“. Luther übersetzt frei: „noch tritt auf dem Weg der Sünder, noch sitzt, da die Spötter sitzen“. — [171] leben] nit leben M. — [172] bewegt: ‚erwägt‘. — [173] beschleußt: ‚schließt (ab)‘, ‚beendet‘. — [174] Mt 22,37 par. — [175] zur Nächstenliebe vgl. Lev 19,18; Mt 19,19; 22,39 par.; Joh 13,34; Röm 13,9 f.; 15,2; Gal 5,14; Jak 2,8.
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Das viert kapitel Darum aus der ordnung gottes seind viel weg zu gott; 176 und doch aber alle enge weg, als die ebräer 177 haben nur enge weg gehabt zu gott, nit weit weg.178 Also auch, die in ihrem herzen gott förchten, lieben und den nächsten, haben auch ein engen weg. Und mag niemands übel gohn, der im engen weg geht. Dann er förcht gott und liebet sein nächsten, am ersten gott. Dann er bezeugt’s mit der forcht, so er seim nächsten nit will tun, das er an ihm nit haben will. So geht nun die lieb zu gott vor, darnach der mensch in seiner lieb. Wie nun [296 r] also die weg seind, so stohnt sie bei gott, nit beim menschen, wo gott ein iglichen hin bescheid.179 Dann niemands fährt übel, der im herrn stirbt, das ist, der in seim weg verharrt bis in sein tod. Dann ein mensch, der das tut, das ihm sein herz unterweist und sein gewissne, darzu ein iglicher gelehrt gnueg ist von gott, der ihn gemacht hat, us derselbigen glehrti 180 weißt ein iglicher wohl, was er tun soll. Der es nun tut, der tut gott sein gefallen. Dann also will er die heiden hon und die, so nit auserwählt seind. Dann so wir christen das gebott müssen halten und gebrauchen, und das ist ein neu gebott,181 und alle gebott beschließen sich in dem und müssen mit den heiden leben im herzen, so wir daruf gewiesen werden, so wissen, dass die heiden nahend bei uns seind,182 dass sie aber weniger selig seind dann wir. Das will der wille gottes, dass uns der tauf und die erlösung Christi, in den wir glauben, mehr uferheben als die, so nit glauben. Dann das muss man wissen: Die heiden, wie sie itzt erklärt seind uf ihrem felsen, so sie Christum hören predigen und nehmen ihn nit an, so seind sie falsch. Itzt seind sie verdammt, aber wandlen uf ihrem felsen. Und so sie Christum hören predigen, so sie nun gott lieben, so lieben sie auch seinen sohn. Itzt seind sie durch den sohn selig. So sie aber vom sohn nit wissen und bleiben uf ihrem felsen, itz wissen, dass sie wohl wandlen. Nun aber [296 v] schauen auf die, so befelch haben, den glauben zu predigen, dass sie ziehen und wandlen und nit still sitzen,183 dann werden sie verdammt. So seind ihn die prediger ursach ihr verdammnus. Weh über sie und den boden, uf dem sie [176] Ps 18,31; 25,4.10; 103,7; 119,168; 145,17; Spr 5,21; Hos 14,10. — [177] ebräer: ‚Hebräer‘. — [178] Mt 7,13 f.; vgl. Lk 13,24; Jer 21,8. — [179] bescheid: ‚bestellt‘. — [180] glehrti] glertj H: ‚Gelehrtheit‘, hier auch ‚Unterweisung‘, ‚Wissen‘. — [181] Joh 13,34. — [182] nahend bei uns seind: ‚uns nahe kommen‘, ‚uns nahe stehen‘. — [183] zum Missionsbefehl Jesu vgl. Mt 10,5–42; 28,18–20; Mk 16,15–18; Lk 9,60; 24,47 f.; Joh 20,21 f.; Apg 1,8 f.
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seind! 184 Und weh dem volk, das ihn lost 185 und sie nit weiter treibt und jagt! Und weh dem volk, das nit zu ersättigen ist, sonder wellen für und für predig hören, und behalten die prediger bei ihnen, und enterben die heiden des glaubens. Und sie seind verflucht! Was man ihn sagt, das ist uf den stein geworfen.186 Also plagt sie gott, dass der samen bei ihnen auch kein frucht gibt, und also alles in das urteil gottes geführt.
Das fünft kapitel Dann das sollen wir wissen, dass durch Christum geheißen ist worden das evangelium predigen allen kreaturn.187 Nun, die es annehmen, seind selig, die nit, die seind verdammt.188 Nun folgt uf das: Den es nit predigt wird, die können nit verdammt sein, dann ursach, sie wissen nit darum. Sie 189 seind des gebott us der natur, darbei zu bleiben bis ihn ein anderst kommt. So ihn nichts kommt, so seind sie schuldig, im selbigen zu bleiben und nit darinnen schwanklen,190 sonder beständig sein und bleiben. Also groß ist der fels, dass er sie erhält, so ihn [297 r] nichts von Christo verkündt wird. Es schau aber uf der,191 dem es befohlen und gebotten ist. Dann das sollen wir wissen, dass wir darum von gott nit verworfen seind, darum dass wir nit israhelisch kinder seind, sonder behalten 192 uf ein ander zu warten, uf den zepter Judae,193 von ihnen uf uns zu erben. Nun rechne aus, ob juden am end besser seien dann die heiden, oder die heiden besser dann die juden am end der welt. Sie seind die ersten und die userwählten und bei gott allemal gsein, und er hat mit ihnen geredt und all ander nation hintan gesetzt. Nun aber seind sie nit mehr und haben gott nimmer. Und der sun ist auch ihr gott nit, ihr erlöser nit, dann sie wellen ihn nit. Und also ist es kommen in die heiden, bei den wird er bleiben bis zum end der welt. Itzt seind die letzten die ersten und die ersten die letzten.194 Ist nit der heiden stand besser dann der juden stand, dieweil und 195 sie gottes huld verloren haben? Und die heiden haben’s angenommen, und die beschnitten 196 haben ihr veracht. Ist nit der sohn der recht sohn, der do [184] Mt 23,13–33. — [185] ihn lost: ‚auf sie hört‘. — [186] Mt 13,5 f.20 f. par. — [187] Mk 16,15. — [188] Mk 16,16. — [189] sie seind des gebott: ‚es ist ihnen geboten‘. — [190] schwanklen: ‚schwanken‘, ‚unbeständig sein‘. — [191] es … der: ‚es blicke aber auf der‘. — [192] behalten: ‚zurückgehalten‘. — [193] Gen 49,10. — [194] Mt 19,30; 20,16 par. — [195] dieweil und: ‚da doch‘. — [196] beschnitten: die Juden als die ‚Beschnittenen‘.
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sagt, er wollt’s nit ton, zu seinem vatter, und tat’s aber, und der do sagt, er wollt’s tun, und aber tat’s nit? 197 Also ist es do auch zu verstohn: Die heiden seind hintan geschlagen als die unwilligen, die gott nie gefallen haben, und die juden, als die gott gefallen; aber was er sie 198 je und je geheißen hat wellen tun und doch nit tan, und das am sohn bewiesen; und die heiden, die in abgötterei gefallen [297 v] seind und gott gar nit geacht haben, die haben ihne angenommen.199 Also ist die weissagung Davids wahr worden, do er sagt, „und sein bistum hat ein ander genommen“. 200 Das ist, die heiden haben ihren zepter und Judäa hat ihn nimmer. 201
Das sechst kapitel Also mag man das liecht der natur für ein fels haben, 202 doruf 203 bauen nach inhalt des natürlichen gebotts: du sollt gott lieben und den nächsten als dich selbs. So nun us dem nichts abgewichen wird, sonder stracks nach dem gangen, was also us dem geht und im engen weg bleibt, 204 das ist wohl gericht. Aber nit vollkommen ist dieser fels, dann also war auch auf Mosen zu bauen nit vollkommen, sonder allein uf Christum, der ist dieser aller grund. 205 Darum so müssen die zween fels, uf die der mensch gebauen ist, von dem gesagt, zu Christo geführt werden und denselbigen erkennen. Wo nit, so ist nichts ganz do. Nun aber Moses erkennt Christum etc., Isaak, Jakob etc., aber sie warent nit getauft. Soviel seind auch die, so auf dem herzen, das gott dem menschen geben hat, bleiben und wandlen als 206 viel als die gemeldten der juden vorgeher. Nun aber des ist geredt von den alten und ersten vor der geburt Christi. Nun aber nach der geburt Christi [298 r] und seim sterben ist wohl zu verstohn, dass dieselbig seligkeit dermaßen nimmer sein mag, es entschuldig dann dieselbigen das unwissen und dass sie’s nit gehört haben. So ist aber nit minder das gebott laut: „Erforsch die geschrift!“ 207 Domit ist soviel zu verstohn: Darum ist die geschrift, dass ihr beid, ihr juden und ihr heiden, nit allein uf dem felsen sollen bleiben, daruf ihr stahnt, sonder gründen weiter und lesen die geschrift. [197] Mt 21,28–31. — [198] sie: die Juden. — [199] Apg 14,1; 17,12. — [200] Ps 109,8; vgl. Apg 1,20. — [201] Gen 49,10. — [202] die Evidenz der Naturzusammenhänge als Grundlage nehmen. — [203] doruf] der darf H; doruf M. — [204] Jer 21,8; Mt 7,13 f.; Lk 13,24. — [205] Mt 21,42 par.; Apg 4,11; Eph 2,20; 1Petr 2,4–7. — [206] als viel: ‚ebenso viel‘. — [207] Dtn 17,18 f.; Joh 5,39; Apg 17,11; 2Tim 3,16.
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Die weist 208 us von Christo, dem sohn gottes, in dem ihr alle uferstehn werden und müssen, 209 des taufs, des glaubens ihr müssen annehmen. 210 Das gleich soviel gesagt ist, als wär es gesprochen: „Kommt kein apostel zu euch, die euch Christum verkünden, so durchforschen die geschrift und erfahrn, was in der welt sei hie und dort.“ Und so werden ihr selbs innen, dass Christus geborn ist und gestorben und uferstanden von den toten, 211 ufgefahrn zu den himmeln. 212 Dann das gebott richt weiter us, dass wir sollen die geschrift erfahrn, nit allein die bibel des alten testaments, sonder auch die summa des neuen testaments, und uns darinnen erinnern und besehen, dieweil der Satan dermaßen alle gute ding hindert, und also auch die predig verschlägt 213 und hinnimmt. 214
Das siebent kapitel Dann können wir wandern und durchforschen [298 v] die ding, so zur kaufmannschatz 215 gehört, ihr rechnung, ihr buchhalten, ihr kundschaft, und dohin wandern, do sie ist, damit wir ding wohl erfahren und innen werden. Können wir das, so ist billich, dass wir nach viel mehr stellen, auch erfahren, und am ersten für uns nehmen die bibel, das alt testament, und uns darinnen besehen. So finden wir, wer wir seient und uf wen wir warten sollen. Alsdann das neue testament lesen, so finden wir, dass das neu das alt entsetzt 216 und vollendt. Itz durch das wissen wir, dass Machomed 217 nichts ist, dass Apollo 218 nichts ist und also ander ding. Solches alles gibt das licht der natur zu verstohn, das uns gott in unser herz gelegt hat, da er uns gemacht hat us dem leimklotzen. 219 Uf solches herz sollen wir nun gründen und erfahrn, was in der welt ist. Dann die finsternus unter dem kreuz Christi ist auch darum gesein, 220 dass die sollten fragen, do sie sehent, was das
[208] weist us: ‚zeugt‘. — [209] Kol 3,1; 1Thess 4,16; Offb 20,6. — [210] Mk 16,16; Apg 19,4; Eph 4,5; Kol 2,12. — [211] 1Petr 1,3. — [212] Lk 24,51; Eph 4,8. — [213] verschlägt] verschlecht H: in anderer Lesung ,verschlechtert‘. — [214] verschlägt und hinnimmt: ‚von sich weist und vermeidet‘. — [215] kaufmannschatz: ‚Handel‘, ‚Geschäft‘. — [216] entsetzt: ‚aufhebt‘. — [217] Machomed] machomet H: ‚Mohammed‘. — [218] Apollo: Als mythische Gottheit über Leben und Tod und Herr der Natur wie der Kultur galt Apollon bereits bei den Griechen als Heilgott, als der Reinigende und Entsühnende. — [219] leimklotzen] laimklotzen H: ‚Lehmklumpen‘; vgl. Gen 2,7; Tob 8,8 (Vlg). — [220] Mt 27,45 par.
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wär und also durch das erforschen zum glauben kommen. So aber niemands fragen will nach dem wunderwerk gottes, so wird auch keiner erleucht in demselbigen, wird auch keiner zum glauben kommen. Also ist nit minder, dieweil und die unglaubigen nach dem herzen wandlen, wie es ihn gott geben hat, so würden sie längst erfahren haben von Christo und in sein glauben gangen. 221 Das aber nit beschicht, [299 r] ist die ursach, dass sie den fels, uf dem sie stehn sollen, verlassen haben und liegen mit ihrem gebäu im sand, das ist, sie haben sich ergeben unter den fürsten der welt. 222 Demselbigen gehorchen sie und hörent ihm zu und dienen demselbigen. Das beweist auch ihr frücht, 223 ihr wesen und ihr ordnung, dass sie nit us dem gebott der liebe regiern, 224 sonder us dem gebott: dem eigennutz. Wie dann auch bei den christen dies gebott kalt 225 ist, wie dann Christus sagt, und vieler herzen werden erkalten in der lieb, 226 das ist, sie werden ihrem nutz fürsetzen und denselbigen ansehen und gegen dem nächsten und gott gar kalt stohn. Dann der den nächsten nit liebet, wie ist müglich, dass er gott liebe? Der gott nit liebt, wo ist müglich, das derselbig den nächsten liebe?
Das achtet kapitel Also zu gleicher weis, wie durch Mosen, Abraham, Isaak, Jakob, Aaron etc. das volk gelehrt ist worden, so ist doch dieselbig lehr all dahin gangen in Christo, zu erfüllen und zu erlösen, und alls 227 uf Christum gangen und anzeigt ze leben und ze wandlen, das Christo gefall, so er geborn wurde, und dass er sie uf erden fünd 228 wie die auserwählten. Also wissen auch, dass das herz, das gott im menschen geben hat, dermaßen sein gebott auch allein hat, aus [299 v] dem es Christo angenehm sei und zum tauf fähig und also in der erlösung des tods und sterbens Christi genesen. Darumben so müssen die zween fels dermaßen angenommen werden, dass sie die menschen geschickt machen in die endung 229 zu Christo. Dann durch den weg zeucht sie gott der vatter zum sohn. Der nichts uf die barmherzigkeit gottes hält, dem ist kein sünd zu schwer, dann er förcht gott nit, liebet auch niemands dann sich
[221] gangen: ‚(ein)gegangen sein‘. — [222] Mt 20,25; Joh 12,31; 14,30; 16,11; Eph 1,21; 6,12. — [223] Mt 7,16.20. — [224] Mt 22,37–40; Joh 13,34; 2Joh 1,5. — [225] kalt: im Sinne von ‚erkaltet‘, ‚nicht mehr wichtig‘. — [226] Mt 24,12. — [227] alls: ‚alles‘. — [228] fünd: ‚fände‘. — [229] endung zu: ‚Vollendung auf‘.
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selbs. Der aber gottes barmherzigkeit glaubt und hält, 230 der weicht vom felsen nit, er verharrt darauf. Und ob er schon fällt, so wird er wieder ufgehebt, der gott liebet. Und ob er ein unlieb bewies, so bleibt er nit uf dem felsen der unliebe, sonder er fällt uf die lieb. Also auch weiter, so wir im rechten weg wandlen, so seind wir selig. Dann im selbigen weg ist barmherzigkeit gottes, sein gnad. Denselbigen seligen gibt er Christum, gibt ihn sein erlösung, lässt sie mit ihm ufstohn. Er warnet sie, wie dann Lot zu Sodoma 231 und wie dann Noae in der sintfluss. 232 Allein ein iglicher der schau, dass er in dem leb, das er aus gott hat. Die juden, dass sie von seiner stimm haben, die heiden, dass sie in ihrem herzen haben. Und dass die juden ihr lehr, die sie aus gott haben, in Christo beschließen 233 und richten, und dass die heiden das herz, das sie aus gott dem vatter haben, in [300 r] Christo erfüllen und in Christum richten, und also in Christo uferstanden und auffahren zu den himmeln. 234 Damit dass sie beid darzu kommen, so sollen sie die geschrift erfahren, 235 wo sie nit prediger haben oder wo sie gebresten 236 haben. Und in der geschrift, do finden sie, wie die juden ihr lehr, durch Mosen geben etc., hinführen und richten sollen. Dergleichen finden auch die heiden, dass sie fallen sollen von ihrer abgötterei und sollen fallen zu Christo, der der recht gottes sohn ist und erlöser aller menschen, die in ihnen 237 glauben. Dann also ist es des will, der uns gemacht hat, dass wir glauben in den, den er uns gesandt hat, Jesum Christum, seinen sun. Und dieselbigen felsen, so wir bisher uf sein glied 238 geführt haben, uf diesen eckstein legen und setzen, 239 und alle zusammen kommen und ein fels daraus machen.
Das neunt kapitel Dass wir aber hierauf den grund bass verstanden und erkennen mügent, so ist das die ander kirch, das ist, der ander weg zu gott, das ist, zu Christo, wie hie geschrieben ist. Aber weiter haben wir kein fels
[230] Ps 25,6; 103,17; Lk 1,50. — [231] Gen 19,1–26. — [232] sintfluss: ‚Sintflut‘; Gen 6,12–21. — [233] in Christo beschließen: ‚auf Christus beziehen‘. — [234] Kol 3,1; 1Thess 4,16; Offb 20,6. — [235] Dtn 17,18 f.; Joh 5,39; Apg 17,11; 2Tim 3,16. — [236] gebresten: ‚Gebrechen‘, ‚Mängel‘. — [237] in ihnen: ‚an ihn‘. — [238] glied: hier wohl die Erscheinung Christi am Ende einer langen Geschlechterfolge. — [239] zu Christus als Eckstein vgl. Mt 21,42 par.; Apg 4,11; Eph 2,20; 1Petr 2,4–7.
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mehr. Alle ander glauben werden verworfen, zerbrochen. Do seind allein zween, dann wie besteht, 240 es sei aus gott gangen [300 v] als dann 241 der juden lehr und das herz der menschen, sein einig gewissen. 242 Was sonst ist, ist alles nichts und alles von dem menschen angefangen, 243 und habe sein schein, wie es welle, und tue, wie es welle, so ist es alles umsonst. Dann do gefällt außerhalb Christo gott kein weg, als allein dass do gehalten werd, das gott geredt hat zu den altvättern, und dass das gehalten werd, das er gossen hat in die herzen der menschen, das ist, dass keiner nit ist, er weißt’s, was er nit gern hat und was er von andern nit gedulden mag und was er gern hätte, das ihm der ander täte und hülfe. 244 Das er also auch tue und das also verfolge, und tue so lang bis uf Christum, und denselbigen darnach hören, was er sagt, dasselbig annehmen. Dann im selbigen sterben alle fels ab und werden in ihm neu aufgericht ein fels, das ist, dass wir uf den felsen sollen gebauet werden, das ist in ein einigen 245 schafstall kommen. Wie dann Christus zu den jüngern gesagt hat, „ein neu gebott gib ich euch“, 246 das ist soviel, „itz horchen und losen mir, 247 was ich euch sag, liebent einander als ich mein himmlischen vatter liebe“. In dem wort, do beschleußt er’s alles, das Moises und die altvätter, das das herz der heiden und aller menschen in ihr gewissne haben. 248 Das wird do bestätigt und darzu hinzu gesetzt, als uns gott unser himmlischer vatter liebet, also sollen wir einander lieben. Do werden verbunden zusammen beid die [301 r] moisischen und die heidnischen und wird ein ding daraus und nit zwei. So itzt ein ding sein sollen, die werden gebauen uf den felsen Petrum. Also zeucht gott zu Christo, 249 die so im moisischen gesatz aufrecht und wahrhaftig gehandlet und die im licht der natur aufrecht und wohl gehandelt haben, und der keinen 250 us der zweien sekten. Das ist, das perlin klaubt gott der vatter aus und zeucht’s zum sun. 251 Den spreuer 252 und kleiben 253 wird er werfen in das feur zu verbrennen. 254
[240] besteht] besteeth H: ‚gesagt‘, ‚geschrieben steht‘. — [241] als dann: ‚nichts als‘. — [242] Ps 51,12; Röm 2,15; Kol 2,2; 1Tim 1,5; Hebr 10,22. — [243] angefangen: ‚erfunden‘, ‚eingesetzt‘. — [244] Mt 7,12 par. — [245] einigen: ‚einzigen‘. — [246] Joh 13,34. — [247] losen mir: ‚hört auf mich‘. — [248] Röm 2,14 f.; 7,22 f. — [249] Joh 6,44. — [250] der keinen: ‚sonst keinen‘. — [251] Mt 13,45 f. — [252] spreuer: ‚Spreu‘. — [253] kleiben: ‚Kleie‘. — [254] Mt 3,12 par.
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Lesetext – Liber de vita beata
Ecclesia tertia Capitulo primo Us solchem ursprung seind kommen die ständ und ämter der bischöfen und deren, so in pontificiis 255 gesessen seind und über Christum fürsten der priester gesein seind. Die also haben geregiert so stark, dass der propheten und derselbigen vätter gar vergessen ist worden. Und also ist der fels der israhelischen kinder genommen worden und ein abgötterei daraus gemacht und ein stand, der allein mit betrug erhalten ist worden, wie dann der teufel ihr vatter, auch ein vatter ihr lügen wäre und ander lügen alle.
Das viert kapitel Nun von den heiden zu reden, die dann ein guten felsen gehabt haben, dieselbigen hat der teufel auch [301 v] fürgenommen 256 zu verführen, hat sie von ihrem felsen der liebe gebracht uf den eigennutz und dohin, sobald sie in den eigennutz gefallen seind, seind sie auch gefallen von gott. Der den nächsten nit liebet, auch gott nit, der ist itz der abgötterei befohlen. Also seind sie kommen vom eigennutz 257 von gott und haben gott auch nit geliebet, als wenig als den nächsten. Do hat der teufel ursach gehabt zu der abgötterei und ihnen abgötter geben und sie damit verkehrt, dass sie dieselbigen allein für gott gehabt haben und auch mit hilf der natur die ding vollbracht und mit dem werk des glaubens bestätigt und gefertigt. Also hat er den felsen auch niedergeworfen und ihm 258 sein felsen ufgericht. Was er mit den juden hat menschlich ausgericht, das ist durch die pontificalen 259 und pontifices, 260 bischöfe und principes, 261 dasselbig hat er bei den heiden durch abgötter ausgericht, kälber 262 und bild 263 und dergleichen götter, die da gleich haben gese-
[255] pontificiis: ‚Papstherrschaften‘. — [256] fürgenommen: ‚sich vorgenommen‘. — [257] kommen vom eigennutz: ‚durch den Eigennutz abgekommen‘. — [258] ihm: ‚sich‘. — [259] pontificalen] pontificalln H: ‚Bischöfe‘. — [260] pontifices: ‚Erzbischöfe‘, ‚Päpste‘. — [261] principes: ‚Fürsten‘, hier wohl ‚Kirchenfürsten‘. — [262] Ex 32,1–6; 1Kön 12,28; 2Kön 17,16. — [263] zu den Götzenbildern vgl. Ex 20,4; Lev 26,30; Num 33,52; Dtn 4,23; 7,5.25; 1Kön 14,9; 15,12; 2Kön 11,18; 23,24; 2Chr 14,2; 34,4.7; Ps 97,7; Jes 30,22; Hes 7,20; 23,16; Dan 5,4.23; Mi 1,7; 5,12; Apg 15,29; 17,16; 21,25; 1Kor 10,14.
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hen dem brandopfer als seient sie opfer. Und die opfer, so die alten etliche, nit alle, geheißen seind worden zu geben, dieselbige haben auch die leut diesen abgöttern geopfert, gleich darum, das 264 einmal recht sei gesein, dass es darum allemal also sein soll und recht sei. Und also us den dingen allen, die gott seine heiligen uf erden geheißen hat ze ton, das haben die heiden und juden alle geton, das ist, [302 r] ein iglicher bub 265 ist doher geloffen mit dem opfer und hat geopfert. Das ist nun abgötterisch, dann sie seind’s von gott nit geheißen gesein, dass sie opfern sollen, auch gott nit, dann das opfer hat ein anderst uf ihm gehabt, als dass ein iglicher bueb opferte. Aber die abgötter, beid der heiden und der juden, haben den brauch gehabt und gemacht, dass also jedermann solle opfern, und nit geacht, dass niemands soll tun, er sei’s dann geheißen, wie dann Christus bezeugt: „Eh dass du opferst, so geh vorhin zu deim bruder und versün 266 dich mit ihm“ etc. 267 Darnach opfer und leg’s uf den altar. Der 268 also opfern will und soll, secht, 269 dass niemands der ist, der opfern kann oder müg, sunder ist alles vergebens. Dann niemands ist so rein, dass er’s tun müge als Aaron, Moses, Isaak, Jakob, Abraham etc. Darum, so die unreinen opfern, was ist es anderst dann ein verachtung gottes, dass ihn die gottslästrer noch mehr lästern wellen.
Das fünft kapitel Dieweil uns nun gott die ding, den teufel und seine propheten voreinandern in unser herz zu erkennen hat geben, also, dass wir wissen, in uns die ding zu erkennen und darauf von der erkanntnus wegen nirgend hinlaufen, sonder allein in uns bleiben, do haben wir’s [302 v] offenbar; allein die nit, deren herz verstopft ist und gar blind in ihren augen. Ob dieselbigen schon über meer führen oder begehrten in himmel darumben zu steigen, so finden sie nichts bessers dann sie bei ihnen haben, allein dass sie gott erleucht. Dieweil wir nun dermaßen uf ein felsen gesetzt seind, dass wir die erkanntnus mügen haben und befinden den falsch, 270 so sollen wir uns das lassen zu herzen gahn. Dann darnach 271 wir uns do erwählen guts oder bös, darnach ist’s. Dann die pharisäer, [264] das: hier im Sinne von ‚was‘. — [265] bub: ‚übler Bursche‘. — [266] versün] versun H: ‚versöhne‘. — [267] Mt 5,23 f. — [268] der: ‚wenn einer‘. — [269] secht: ‚seht‘. — [270] den falsch: ‚die Falschheit‘, ‚die trügerische Handlung‘. — [271] darnach: ‚je nachdem‘.
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schreiber, sadduzäer im alten testament, 272 die haben ihr leben, wesen und regiment genommen 273 aus den altvättern. Was sie gott geheißen hat, dasselbig haben sie über sich auch genommen, gleich als ob sie wie die altvätter seind und die altvätter von ihrentwegen erwählt seind worden, und dass sie sollen us ihrem geheiß ein solchs wesen machen. Das doch alles wider gott ist, wie sich dann beschienen hat bei Christo, mit was titel 274 er sie gescholten hat und veracht, darzu verflucht. 275 Darum lass je einer dem andern das sein, das ihm gott geben hat, und belad sich keiner mit andern fremden dingen. Dann das gott mit Abraham geredt hat, das hat er nit geredt gegen Kaipham, Annam, Herodem etc. Dass er auch gesagt hat, „ich bin ein gott Abraham, Isaak, Jakob“, 276 damit hat er’s beschlossen, und nit gesagt, ich bin ein gott Annae, Kaiphae, Herodis etc. 277 Damit so [303 r] sollen ihr in der kürze wissen, dass die zeugnus gottes uf die person der person erhaltung 278 ist. Und wo die nit ist, do ist es umsonst, was die person ist. Als ein exempel: Ich gieng in die wüste und führt alles das wesen und leben Johannis baptistae. Und so ich die zeugnus von gott nit hab noch die wahl über das leben von gott, so bin ich nichts dann ein gleißner, der den Johannem baptisten veracht und verspott, und unterstand mich, dass nit sein mag, das mir nit zusteht. Das ist abgötterei, dann gott will mich in ander weg haben. Demselbigen soll ein iglicher nachgohn, wie ihn gott haben will, dass er im selbigen sich erhält.
Das sechst kapitel Dann das sehent an, wiewohl die kirch der pharisäer sagen, „wir seind Abrahams kinder und von seinem samen“. 279 Was war aber das? Es war gleich wie obsteht. Darumben, dass sie von Abraham warent, darumben hätten sie den tempel und die kirch, alles zu füeren und regieren, wie es ihnen in sinn kommen. Was sagt aber Johannes baptista? Er spricht: „Nein.“ 280 Das ist soviel: „Was berüemen ihr euch Abrahams?
[272] Mt 23,2.29. — [273] über sich auch genommen: ‚auch übernommen‘. — [274] titel: ‚Namen‘, ‚Bezeichnungen‘. — [275] Mt 23,13–33. — [276] Ex 3,6. — [277] zu den Hohenpriestern Hannas und Kaiphas vgl. Mt 26,3.57; Lk 3,2; Joh 11,49; 18,13 f.24.28; Apg 4,6; zu König Herodes vgl. Mt 2,1–19; Mk 6,14–27; Lk 3,19; 9,7–9; 13,31; 23,7–12; Apg 4,27; 12,1–21. — [278] erhaltung: ‚Unterhalt‘, ‚Errettung‘. — [279] Gen 26,24; 1Chr 1,28; Mt 3,9 par.; Lk 1,55; Joh 8,33.37.39; Röm 9,7; 2Kor 11,22; Gal 3,7.29; Hebr 2,16. — [280] Mt 3,9.
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Abraham ist ein mann gottes gesein, aber ihr nit.“ Was ist, dass der vatter frumm ist und der sun nit? Wie oft gibt man dem vatter ein amt, dem sohn verbeut 281 man’s. [303 v] Also war den juden auch. Sie warent wohl von dem samen, die gott erkennt hatten, darum sie warent’s aber nit. 282 So sach 283 auch Christus, do er uf erden ging, ihr wesen nit an. 284 Er lobt’s nit, er schalt’s, wiewohl ihr altvätter der ding anfänger warent, aber us dem geheiß gottes, nit von ihne selbst. Dann ein mann sei wie gerecht er wölle, wie ganz er welle und lehr, und sag nichts dann guts, so ist der teufel do, so behend und geschwind und nimmt ihm ein unterricht darus 285 und richt ein solchen auch uf. 286 Dieweil er den ersten nit kann verführen, dass er doch durch den andern die leut verfüer, darmit dass nur gehindert werden diejenigen, so dem teufel befohlen seind. 287 Und also richt er demselbigen gerechten mann gleich 288 leut uf, damit dass volk dahin fall: Ist der erst so frumm gesein und gott lieb, so seind auch die gott lieb, die an seiner statt sitzen, wohnen und sein wesen führen. Damit wird das volk verführt und betrogen. Aus solchem ursprung seind auch die pharisäer in dem tempel gesessen und den tempel geregiert und gefüert. Deren legend 289 und wesen, wie sie gehandlet haben, das evangelium gnungsam anzeigt. Und ein iglicher soll das wissen und verstohn, dass man dohin nit zustimm oder verhänge, 290 darum dass einer des andern rock anlegt, sein namen an sich nimmt, sein amt besitzet, sein leben führet, dass er darum [304 r] derselbig sei. Sonder das soll ein iglicher wissen, dass ein iglicher solcher ein betrug ufricht, der us dem teufel geht. Dann gott will uns nit alle uf einem weg hon. Darum können wir nit alle uf einem weg haushalten, sonder ein jeglicher uf sein geist. Demselbigen gang er nach und lass eim andern sein geist auch gohn. Dann ein iglicher ist ein mensch als wohl als der ander; darum ein idlicher auch ein bruder Christi oder ein sun gottes als wohl als der ander; darum auch ein iglicher gott als lieb als der ander. Uf die liebe sollen wir warten und uns in dieselbige schikken, domit wir mit falschen kirchen nit befleckt werden.
[281] verbeut: ‚verbietet‘. — [282] Von der Abstammung her waren die Juden zwar vom Samen Abrahams, der von Gott erkannt worden war, aber deswegen waren sie noch nicht von Gott ausersehen. — [283] sach: ‚sah‘. — [284] sach … an: ‚ließ … gelten‘. — [285] nimmt … darus: ‚informiert sich darüber‘. — [286] richt … uf: ‚setzt ebenfalls einen solchen Mann ein‘. — [287] dunkle Stelle, vielleicht im Sinne, dass nur jene verführt werden, die dem Teufel (von Gott?) anbefohlen sind. — [288] gleich: ‚ähnliche‘. — [289] legend] legennt H: ‚Lebensbeschreibung‘. — [290] verhänge: ‚nachsichtig sei‘, ‚einwillige‘.
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Ecclesia quarta Capitulo primo Ein jeglich ding, das us gott geht, das geht zum end und geht den weg hinaus, den es gohn soll, wie gottes will ist, es sei gut oder bös, wie es wölle. 291 Dann also ist’s seim sohn geben, und dem end müssen zugohn, darum er geborn war. Und also mit andern dingen allen. Was gott prädestiniert, das ist verordnet, das muss dohin aus, dohin er’s verordnet hat, ein iglichs mit seim ziel und wesen. 292 Dann also seind alle gute ding zu gutem end gangen. Der Abraham, der Isaak, der Jakob, der Moses, der Judas, der Gedeon und dergleichen, die haben ihr end im [304 v] herrn genommen, 293 dann us ihm seind sie do gesein. Und ein iglicher hat sein end und nimmt sein end, nachdem und 294 er dem herrn dient und folgig 295 ist, und auch wider ihn, nachdem und er ist. Also ist auch Israhel zu einem end gangen, am ersten zu gutem end: Seind alle wohl und sanft im herrn gestorben mit großem lob und ehr, ein iglicher nach vollbringung seines amts und befelchs, von gott geben, als Adam von ersten und also nach ihm seine kinder, die wohl gehandelt haben, wohl gestorben. Die aber übel gehandelt haben, übel gestorben. Dann gott will, dass wir in seinem weg handeln und nit in unserm weg, nach seinem willen, nit nach unserm willen. Dann wir wissen nit, was gott will, als allein, was wir von ihm haben, dasselbig wissen wir und sonst nichts mehr. Die aber, so in seinem weg nit handlen noch wandlen als Kain, der nimmt auch also ein end wie Kain: 296 ein iglicher böser nach seiner bosheit, und keiner wie der ander. Ein iglicher trägt sein bürde und sein joch. 297 [Textverlust] […] sagen umständig gefunden hat, hat er, der mensch, angefangen und sein fürnehmen 298 mit [305 r] gewalt erhalten, schlösser, städt etc. gebauen, bündnus ufgericht und alle waffen und kriegszeug erdacht. Und aber je mehr, je ärger ihr ding war, je mehr unrue, je mehr angst
[291] Dtn 30,9; Jer 42,6. — [292] Röm 8,29 f.; 1Kor 2,7; Eph 1,5.11. — [293] Gen 25,7 f.; 35,28 f.; 49,33; Dtn 34,4–7; Ri 8,32. — [294] nachdem und: ‚je nachdem‘, ‚so wie‘. — [295] folgig: ‚folgsam‘, ‚gehorsam‘. — [296] Gen 4,1–16. — [297] Gal 6,5. — [298] fürnehmen: ‚Vorhaben‘.
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und not. Also was der mensch bauet, das fällt alles und soll 299 nichts. Es muss allein aus gott gohn und sonst us keim, so bleibt’s, dieweil man in gott lebt und wandlet. Also ist es auch gangen mit dem Israhel. Do Israhel nimmer Israhel, sonder verließen gott den herrn und wurden sadduzäer, pharisäer, tetrici, 300 ethnici, 301 schreiber, gleißner und dergleichen, das sollt nichts, dann es war nit us gott, sonder vom menschen. Und was gott gewirkt hat gegen dem menschen, dasselbig verlassen und den abgesunderten gliedern nachgefolgt und wider gott gehandlet größlich. 302 Darum er nun ein ursach gehabt hat, dasselbig reich nit lassen bleiben, sonder seine userwählten vor den verführern zu erretten und zu erlösen, do ist der sohn gottes mensch zu werden fürgenommen in der drifaltigkeit. Das fürnehmen ist itz ein zerbrechung der kirchen, der pharisäer, sadduzäer etc. und der schreiber. Darauf ist nun Christus geborn worden. Sein geburt ist gesein ein zerbrechung der juden und ein fluch über sie und ihr kinder in ewigkeit. 303 Dann Christus, der sun gottes, der ihn verheißen ist gesein, den haben sie nit angenommen, verspott, [305 v] veracht und getödt. Darauf ist hernach gefolgt die straf nach göttlichem willen über das reich der juden und zerbrechung, dass nimmermehr do kein zusammensammlung mehr sein mag, noch dohin kommen mag, dass sie nun ein kleins besitzen mit rue oder möchten sagen: „Do wellen wir unvertrieben bleiben und die unsern.“ 304 Das alles ein ursach gesein ist die geburt Christi, welche geursacht ist worden den menschen. Der juden verfüerung und betrug […] [Textverlust]
Das dritt kapitel So nun ein bös ding zerbrechen soll, so muss es durch das gut beschehen. Dann bös zerbricht kein bös, es macht nur böses. Gut zerbricht aber böses, und das bös, das zerbricht das gut. Alsdann der pharisäer kirch erstanden ist us dem guten, oder das gut dardurch zerbrochen. [299] soll: ‚taugt‘. — [300] tetrici: wörtlich „die Finstern“, vielleicht im Sinne von ‚Barbaren‘, ‚Abgläubischen‘. — [301] ethnici: ‚Heiden‘; Luther übersetzt „ethnicus“ in Mt 6,7 und Mt 18,17 mit „Heide“ und in Mt 5,47 mit „Zöllner“. — [302] größlich] großlich H: ‚stark‘. — [303] Mt 27,25. — [304] Anspielung auf den Untergang des jüdischen Reichs in den Jahren 70–73 und die Diaspora.
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Also wiederum so ist das gut derselbigen kirch darum ein zerbrechen und hinnehmen, dass do nimmermehr kein stein darvon gefunden wird, das ist, der in seinen ehren sei, wie es dann gesein ist. Nun ist aber das gut, das dieses böses zerbricht, das höchst gut, dann das böst ist das höchst bös. Das höchst bös geht us dem teufel, das höchste gut us gott. Darum den teufel niemands überstreiten noch überwinden kann als [306 r] allein gott. Niemands mag wider ihn sich stellen. Darum so er nun allein mit dem höchsten gut geschlagen muss werden, so muss das gott selbs tun und nit der mensch. Nun ist der mensch der, so dem teufel folgt, und der, dem der teufel sein reich ufricht und macht; alsdann den kindern der pharisäer, die uf den felsen des teufels gesetzt sein, und ab dem felsen mag den 305 teufel niemands stoßen als allein gott. Darum ist er mensch worden, dass er ihme sein kirchen zerbricht, und das in menschengestalt, dieweil und er den menschen also gehässig und aufsätzig 306 ist. Dann also wird der teufel von seiner kirchen gestoßen durch den menschen, durch den sohn des menschen, das ist durch den sohn gottes. Nun ist er allein darum geborn, domit dass das höchst gut auf erden ein mensch ist, und dass durch den menschen das höchst bös überwunden werde, und durch das überwinden, dass wir von der kirchen entledigt werden, dardurch wir zur verdammnus kommen seind.
Das viert kapitel Also ist das reich der pharisäer gen boden gangen durch Christum, und ihr kirch, uf den teufel gesetzt, zu boden gesessen, wie dann die geschrift beweist, das hie nit not ist zu erzählen, sonder alle geschrift voll. Nun aber wiewohl das ist, dass Christus ob dem [306 v] kampf getödt ist worden und sein leben darumben geben, darum aber, dass er sein leben dabei verloren hat, so hat er doch den sieg nicht verloren, 307 sonder erhalten und auferstanden vom tod, 308 ufgefahren zu den himmeln. 309 Dann er ist hie nit uf erden gesein, an keiner 310 krankheit zu sterben,
[305] den] der H. — [306] aufsätzig: ‚widerwärtig‘. — [307] zum Sieg über den Tod in der Unsterblichkeit vgl. Ps 118,16 f.; Mt 12,20; 1Kor 15,55. — [308] zu Christi Leiden und Auferstehung vom Tod vgl. Lk 24,46; Apg 17,3; 26,23; Röm 1,4; 6,4.10; 14,9; 1Kor 15,20; 2Tim 2,8. — [309] zu Jesu Himmelfahrt vgl. Lk 24,51; Eph 4,8. — [310] keiner: ‚irgendeiner‘.
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weder an der pestelenz, 311 gelsucht, 312 schlag, 313 kaltwehe 314 etc., auch nit zu sterben uf einem polster oder küssin, 315 sonder durch den tod des kreuz, 316 dann fechten und streiten gilt 317 das leben. 318 Der erschlagen wird, der hat den sieg und bleibt uf der waldstatt. 319 Der beim leben bleibt, der hat nit vom sieg zu sagen, dann er ist nie troffen worden. Der troffen ist worden, der hat den sieg, der ist bestanden. Also ist niemands von juden umkommen und ohngeschädigt entronnen, dann ein einigs 320 ohr, das Petrus abhieb. 321 Aber damit, dass die juden den sieg nit hätten, so heilt Christus dem juden das ohr wieder an. 322 Dann den besieg 323 behalten ist allein in dem, der geschlagen wird. Der ohngeschlagen darvon kommt, was hat er für ein ehr oder sieg, das er sich berüemen mag? Also hat Christus den juden, das ist dem teufel, sein reich zerstört und überwunden. Dann er ist uf der waldstatt blieben, und die blindheit der juden hat vermeint darum, dass er tot wäre. Itz wär der sieg ihr, so er Christi war. 324 Dann was schied 325 der tod Christo, [307 r] der wieder uferstund und sitzt zu der gerechten seines himmelischen vatters, so die juden absteigen zu der hellen? Do ist der sieg zu ermessen. Im himmel ist er, nit in der hellen. Der gen himmel fährt, der hat den sieg, der gen hellen fährt, der hat ihn verloren. Also ist ihr reich aus und überwunden, gen hellen verurteilt und nit gen himmel, aber Christus gen himmel und die seinen, als die den sieg gewunnen haben.
Das fünft kapitel Nachfolgt aber, do nun Christus den sieg überwunden hat und gen himmel ufgefahren (do sehent!) und die juden und pharisäer gen hellen, do ist auch ihr reich auf erden zerbrochen und usgetilgt, dass ihr keiner mehr do gefunden ist worden. Nun sich, 326 was das für ein sieg sei, der das leben darvon bringt und aber 327 nachfolgend in das lachen, und der triumph also zergeht, dass sein lachen ein weinen wird, 328 do
[311] pestelenz: ‚Pest‘ oder allgemein ‚Seuche‘. — [312] gelsucht: ‚Gelbsucht‘. — [313] schlag: ‚Schlaganfall‘. — [314] kaltwehe: ‚Fieber‘, insbesondere begleitet mit Schüttelfrost. — [315] küssin: ‚Kissen‘. — [316] Mt 27,50; Phil 2,8. — [317] gilt: ‚macht wertvoll‘, ‚gibt wieder‘. — [318] 1Kor 9,24 f.; 2Tim 2,5. — [319] waldstatt: ‚Walstatt‘, ‚Schlachtfeld‘. — [320] einigs] ainchs H: ‚einziges‘. — [321] Mt 26,51 par.; Joh 18,10. — [322] Lk 22,51. — [323] besieg: ‚Sieg‘. — [324] itz … war: ‚sie glaubten, es wäre ihr Sieg, wo es doch der Sieg Christi war‘. — [325] schied: ‚trennte ab von‘. — [326] sich: ‚siehe‘. — [327] aber: hier ‚sogar‘. — [328] Lk 6,21.25; Jak 4,9.
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kein bestand in ist. Heut ist es guter mut, 329 und aber morgens fällt’s alls 330 gen boden. Also ist es den juden gangen. Sie haben ein frohlokken gehabt, dass sie Christum getöt haben, und also vermeint, der sieg sei überwunden, und den triumph geführt. 331 Und aber hernach, [307 v] do sie meinten, es wär am besten, da kam Titus und Vespasianus und lägerten 332 sich für Jerusalem und zerbrachen und erwürgten, und verkauften dreißig juden um ein pfenning. 333 Nun sich, was ist ihr freud und sieg? Nach dem tod gen hellen und vor dem tod in zerbrechung und zerstörung ihres reichs, also dass der fels und seine kirch und sein schiff zerbrochen und zerrissen ist und verschmolzen durch ein alten schäbigen hund. Also seind die juden dohin und ist aus mit ihnen, dann ihr reich ist nit mehr. Wie elendig sie zerstört und zerbrochen seind worden und mit was jammer und not, das beschreiben die historiographi, 334 hie nit not, ihr geschriften zu erneuern. Dann niemands mag’s bass 335 erkennen und verstanden als allein der, der die ding selbst weißt und geschrieben hat als dieselbigen. 336 Also ist aber die kirch so uf den sand, das ist uf den teufel gebauen ist worden, wiewohl ein guter schein und ansehen von Christo selbs zerbrochen und überwunden worden. Dann welcher der wäre, kaiser, könig, fürst etc., der die ding zerbrochen hätt und hätt sie abgetilgt? 337 So hätt jedermann gesagt, ihn ist unrecht geschehen, und wär nur ein größer übel darus entstanden. So aber Christus, der sohn gottes, selbs erklärt hat, darum kann wider gott niemands reden, und bleibt also wie es ist, im sieg Christi zerbrochen. Dann ein iglicher mensch, der ein args sicht und [308 r] das strafen will von 338 ihm selbs als ein mensch, so ist jedermann do und stellt sich über denselbigen. Wolltest du das abtun etc., du bist nit recht daran. Und also muss der mensch, der recht im verstand ist, unrecht hon, dann fliegend 339 und seltsam seind die köpf der menschen wider die gerechten. Darumben die ding niemands billicher zerbricht dann gott und der, dem es gott heißt, dem mag auch nie-
[329] guter mut: ‚Frohmut‘, ‚Zuversicht‘. — [330] alls: ‚alles‘. — [331] Mt 27,40–44 par. — [332] lägerten sich für: ‚lagerten vor‘, ‚belagerten‘. — [333] Paracelsus zitiert hier aus dem 6. Buch der Schrift «De bello iudaico» des Flavius Josephus. Der spätere römische Kaiser Vespasian (9–79) war von Nero im Jahr 67 zur Niederschlagung des jüdischen Aufstands ausgesandt worden. Sein Sohn Titus (39–81) eroberte schließlich im Jahr 70 Jerusalem. — [334] historiographi: ‚Geschichtsschreiber‘; in Bezugnahme auf die obige Stelle ist hier wohl Flavius Josephus gemeint. — [335] bass: ‚besser‘. — [336] als dieselbigen: wie die Historiographi. — [337] abgetilgt: ‚vernichtet‘. — [338] von ihm selbs: ‚von sich aus‘. — [339] fliegend: evtl. ‚hochtrabend‘.
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mands widerstohn. Wiewohl die ding nach der kürze geschrieben seind, ursach 340 die viele, so in den büchern steht, mir hie zu erneuren nit not.
Ecclesia quinta Capitulu primo Dieweil nun gebührlich ist, so ein bös abgeton wird, dass 341 mit dem guten erstatt werde, und die statt nit leer stand, die leer gemacht ist worden, so folgt also auch uf das, dass Christus den sieg, so er erobert hat, an die statt stellt deren, die er vertrieben hat. 342 Das ist ein ander kirch, die der teufel nit mag umstoßen noch abwerfen noch überwinden. Dann er ist ewig sieglos gemacht mit allem seinem reich. 343 Nun uf das neue zu merken, so wissen, do das alt reich hat sollen zerbrechen der juden, der pharisäer, wie dann die propheten haben weisgesagt, 344 do nun dieselbig zeit hat sollen kommen und do war, do fing [308 v] am ersten an die prophezei zu beschließen 345 der täufer Johannes baptista 346 […] [Textverlust]
[340] ursach: ‚weil‘. — [341] dass: ‚dass es‘. — [342] 1Kor 15,57; 2Kor 2,14. — [343] Offb 12,7–12. — [344] Jer 1,10; 18,7; Dan 11,4. — [345] beschließen: ‚zu beenden‘. — [346] zu Johannes dem Täufer als Erfüller der Propheten vgl. Mt 11,13 f.; 16,14; Lk 7,28; 16,16.
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Lesetext – Liber de vita beata
A14. Liber de re templi ecclesiastica Zur Kirchenfrage des Tempels [108 r] 1 Einen gemeinen brauch einzufiern zur zucht, forcht, lehr, gehorsam, erfahrung göttlichs worts im heiligen leben, ist billich zu ordnen und anzunehmen von den, so in der liebe gottes gerecht erfunden und erkennt werden, mit großem ufsehen, dass kein falscher prophet und dergleichen einreiß 2 und do ein falsitatem 3 aufbring und mache. 4 Dann das ist in einem solchen brauch zu erkennen: So wir einen gemeinen 5 brauch annehmen, und er wird gefälscht, so ist der falsch ein anfang der abgötterei, vor der wir uns sollen bewahren und hüten. Dann also ist gemein brauch zu gründen, dass do allein sei ein haus der lehr, der zucht, der frummkeit 6 etc. Wie wir gegen gott uns sollen halten und dasselbig, das wir gegen gott sollen handlen und tun, sollen wir in dem tempel tun, der unser leib ist, und nit in der mauren. 7 Also spalten sich zwo kirchen: eine zu der lehr, eine zu vollbringung. Die zur lehr ist äußerlich, die zu vollbringen innerlich. Als ein exempel: Man lehrt in der kirchen das evangelion, und im selbigen steht geschrieben, „du sollt betten“. 8 Jetz, so du das hörst, so bett in deinem herzen, dass dich niemands siehet, nit in der kirchen, nit offenlich uf der gassen, 9 dann würdest du das tun, so wirdest du ein gleichsner 10 geacht und ethnicus.11 Sonder gang in dein schlafkämmerlin 12 (das [108 v] ist, an ein ort, do niemands ist, zu gleicher weis als in einer kammern, do bist allein als bist im äußerlichen gemache allein) und betten in dem tempel, der ist dein leib, in dem dein herz leit.13 Daruf nun sollt du groß acht haben, und ist von großen nöten. Dann do, do seind zwo kirchen: die ein äußerlich, die ander innerlich. Über das, so gesagt ist von der äußerlichen, und das also, so du betten willt, so mueßt du äußerlich betten mit dem mund, kinnen etc. Darzue seind zwo. Steht eins, so dir der ab[1] H: H 1 108 r–121 v. — [2] einreiß: ‚dazwischen komme‘. — [3] falsitatem: ‚Falschheit‘. — [4] zu den falschen Propheten vgl. Mt 7,15; 24,5.11; Mt 24,23 f. par.; 2Petr 2,1; 1Joh 4,1; Offb 16,13; 19,20; 20,10. — [5] gemeinen: ‚gemeinsamen‘, ‚allgemeinen‘. — [6] frummkeit: ‚Rechtschaffenheit‘. — [7] 1Kor 3,16; 6,19. Die Betonung einer geistig gelebten, inneren Kirche im Gegensatz zu einer „maurkirchen“ oder „steinern kirchen“, die sich in erstarrter Form innerhalb der Mauern eines Gebäudes abspielt, war Paracelsus ein zentrales Anliegen, vgl. z. B. in «De septem punctis idolatriae christianae», GE 3,3–57. — [8] Mt 6,9. — [9] Mt 6,5. — [10] gleichsner: ‚Heuchler‘. — [11] ethnicus: ‚Heide‘; Luther übersetzt „ethnicus“ in Mt 6,7 und Mt 18,17 mit „Heide“ und in Mt 5,47 mit „Zöllner“. — [12] Mt 6,6. — [13] leit: ‚liegt‘.
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gott anzeigt, das ist in der kirchen der sammlung.14 Die ander, so dir Christus anzeigt, das ist in deiner schlafkammer. Jetz nun so wiss, dass dein leib nit soll gesehen werden, dass er bette oder dergleichen tue. Darum von deswegen, so heißt dich Christus gehn in dein schlafkammer, dass dich niemands sehe. Das ist die statt des bettens. Der widergott aber heißt dich betten vor den menschen und sagt also, dass man deine gute werk sehe; und aber Christus hat das nit geheißen, also zu sehen lassen.15 Aber die verführung ist do, diesselbig ist gwaltig vom widergott. Aber was Christus sagt, bei dem soll es bleiben. Daruf nun sollen wir wissen, dass wir sollent hon ein haus der lehr, des wort gottes, so zusammen kommen und dasselbig lernen von eim mund all gemein, und was wir do lernen, in unserm herzen vollbringen und nit im selbigen haus, in dem wir’s lernen. Dann [109 r] ursach, sollen wir im selbigen haus lernen, und das wir lernen im selbigen haus tun, so sicht’s je ein jeder vom andern. Das ursacht nun, dass einer mehr bett, dann der bett allein. So liegt’s nit an der viele, leit am herzen. Also auch, es macht, das er sonst nit tät. Das ist jetz ethnisch und gleichsnerisch, die uf den gassen betten und wellen gesehen sein. Also auch mit andern dingen, so ist das ein verfüerung, die groß ist, guts tun, betten etc., dass 16 jedermann sicht vom andern, dass einer sein hoffnung, trost, liebe setzt in dasselbig haus, denkt ihm, möchtst du nun in dem haus sein und betten darin, du wirdest selig. Dieser vergisst gottes, der gesagt hat, man soll nit do betten, sonder betten in deiner schlafkammer. Do setz dein hoffnung hin, do du allein seiest, als Christus gebotten hat, dass er auch gesagt hat: „Meins vatters haus ist ein betthaus, und ihr machen mir ein spelunken der mörder daraus.“ 17 Ist die auslegung: Im alten testament hont sie nit innerlich gebetten, allein äußerlich. Darum hat sie gott tempel etc. heißen bauen, opfer, altar und dergleichen machen als äußerlich ding. Dann es war alles äußerlich ihr werk, das ist, sie warent vor dem himmel, nit im himmel. Aber jetz so seind’s im himmel, nit usserthalb dem himmel. Darum so betten wir inwendig, nit auswendig mehr, nit im tempel sacerdot,18 sonder im tempel Christi, der unser leib ist.19 Darauf folgt nun, dass Christus sagt: „Es [109 v] wird darzue kommen, dass ihr weder do noch uf dem berg betten werden.“ 20 Das ist, ihr werden der alten bett 21 müßig gohn [14] der sammlung: ‚wo die Menschen sich versammeln‘. — [15] Mt 23,12 par.; Lk 18,9–14. — [16] dass: ‚dass es‘. — [17] Mt 21,13 par.; vgl. Jes 56,7. — [18] sacerdot: ‚des Priesters‘. — [19] zum Mensch als Tempel Gottes vgl. Mt 26,61; 1Kor 3,16 f.; 6,19; 2Kor 6,16. — [20] Joh 4,21. — [21] bett: ‚Gebet‘.
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mit ihrem brauch äußerlich, sonder alles innerlich betten fürhin in meinem tempel, der Christus ist, der der mensch ist. Und ist ein tempel, ist entsprungen in dem wort, do Christus sprach: „Ich will den tempel zerbrechen und am dritten tag wieder ufrichten.“ 22 Also bleibt der tempel der tempel des neuen testaments, in dem wir sollen betten und weiter in keim tempel nit. Also, so wir im alten testament wollten das heil suechen, so fehlen wir, dann im selbigen ist kein heil nit, es ist im neuen tempel. Der alt ist nimmer, darumben sollen wir nit sein wie die ethnischen, 23 pharisäer etc., die betten uf den gassen und geben ihr almuesen mit trumeten. 24 Das ist alles, dass allein die leut sehen ihr gottsgab und almusen und seligkeit. Das alles will Christus im neuen testament nit hon, sonder er will’s also hon, dass die linken hand nit weißt, was die recht tue. 25 Die alt kreatur ist hinweg und die neue ist: die ist neu in Christo Jesu. 26 So nun die alt kreatur hinweg ist und ein neue ist, so seind auch die ding neu, so den kreaturn anhangen, als der mensch aus Adam bis uf Christum ist die alt kreatur, von Christo bis zum end der welt die neu kreatur. 27 Was nun der alten kreatur ist, die haben von gott dem vatter gehabt die ordnung und satzung zum opfer, zum zehenten, zun kirchen und tempel, zun [110 r] sacerdos, 28 zun leuten und dergleichen, wie dann im alten testament Melchisedech, 29 Aaron 30 etc. geheißen seind worden und gehalten haben. Und dieselbigen haben müssen in dem alten testament ihr äußerlich gebärd gott erzeigen, wiewohl alls 31 umsonst, dann nichts äußerlich gilt, allein das innerlich. Dieweil aber zu derselbigen zeit im alten testament das innerlich nichts golten hat und umsonst gesein ist, noch 32 hat gott von menschen wellen erkennt sein, geehrt und gelobt äußerlich, und ihm das nit übersehen. 33 Uf solches so wissen, dieweil nun gott im alten testament nit übersehen hat den dienst vom volk und gehorsame und forcht, wiewohl alles vergebens, dass er’s noch vielmehr im neuen testament haben will innerlich. Also spräch er: „Sichst du, neue kreatur, wie streng und gwaltig David, 34
[22] Mt 26,61 par.; Joh 2,19. — [23] ethnischen: ‚Heiden‘. — [24] trumeten: ‚Signalhörner‘, ‚Trompeten‘. — [25] Mt 6,3. — [26] 2Kor 5,17; zur Geburt des neuen Menschen oder der neuen Kreatur aus Christus vgl. weiter Joh 1,12 f.; 3,3–8; Gal 6,15; Eph 2,10; 4,23 f.; Kol 3,10; Tit 3,5; Jak 1,18; 1Petr 1,3; 1,23. — [27] 1Kor 15,22. — [28] zun sacerdos: ‚zu den Priestern‘. — [29] Gen 14,18; Hebr 7,1. — [30] Ex 28,1–4. — [31] alls: ‚alles‘. — [32] noch: ‚dennoch‘. — [33] übersehen: ‚erlassen‘. — [34] 1Sam 16,13; 2Sam 5,10.
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Salomon, 35 Asaph, 36 Aaron, 37 Moises, 38 Abraham, 39 Israhel 40 haben müeßen uf mich acht haben, gehorsam sein, willig und behend, und war alls ihnen kein nutz. Also noch vielmehr will ich’s in euch hon innerlich, also was do äußerlich gesein ist, dass es in euch vielmehr innerlich sei und nimmer äußerlich.“ Dann ursach, das neue testament ist ein neue kreatur und ist fürhin köstlicher dann der tempel Salomon. Im selbigen sollen alle ding vollbracht werden, und das so heimlich, dass dein eigen linken hand die recht nit sehe. Also ist das äußerlich gestorben mit der alten kreatur: altar, zehenten, opfer etc., und ist geborn ein neue kreatur, [110 v] die äußerlich kein betthaus hat, sonder allein ein tempel, der der leib selbst ist. Im selbigen soll gebett werden, gefastet, anklopfet, geläutet, also dass nichts äußerlichs do mitlauf, dann alles äußerlichs ist gestorben, und allein das innerlich lebt. Also soll kein mensch mehr in leer sacerdot tempel seine hoffnung noch trost suechen, dann sie, die alten, suchten’s auch, aber es war umsonst. Noch viel mehr umsonst bei uns in der neuen kreatur, so wir von der neuen kreatur fielen zu dem alten, in die alten, so würden wir abgefallen kreaturn geacht, die Christum suechen in gemäuren und zimmer, der doch offentlich untern himmel gehängt ist worden, offentlich ufgefahrn zu den himmeln und sich niemands hat heißen suechen; dann bei uns wird wohl der sein, wo wir in seinem namen versammelt seind. Also fällt jetz hintan, dass wir in dem neuen testament kein alts testament, gesatz noch ordnung haben in keinerlei, und dass wir nichts offentlichs sollen tun, dass das heimlich sei, und so heimlich, das niemands weiß. Das ist nun die lehr Christi. Der will Christo in seinem leiden danken, der darf das sein nachbaurn nit sagen. Der ihm will betten, darf’s aber sein nachbar nit sagen. Dann was darf ihm sein nachbar darinnen helfen oder geben? Offenlich aber werden buß gefunden bei den [111 r] alten und neuen, aber nit betten bei den neuen offenlich oder fasten etc. Die niniviter taten bueß, dörften 41 gott nit bitten um verge-
[35] 1Kön 2,23; 3,5; 4,29; 11,9; 2Chr 1,1.7–12. — [36] 1Chr 6,24; Asaph ist der Psalmist der Psalmen 50 und 73 bis 83. — [37] Aarons Aufgabe war die eines Priesters, vgl. Ex 28,1–4. Gott sprach oft zu Aaron allein (Ex 4,27; Num 18,8.20) oder gleichzeitig zu ihm und zu Moses (z. B. Ex 7,8). — [38] Moses empfing seine Belehrungen unmittelbar von Gott, vgl. Ex 3,1–22; 4,1–23; 19,3–6.9–13.18–24; 20,1–17; 31,12–18. — [39] zum Bund Gottes mit Abraham vgl. Gen 15,18–21; 17,1–14; 22,17 f.; Jes 65,23; Gal 3,16–18. — [40] zur Verheißung Gottes für Jakob bzw. Israel vgl. Gen 32,24–30; 35,1.9–12. — [41] dörften: ‚wagten‘.
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bung, so groß war ihr sünd. 42 Aber die bueß nam gott an, stund ab von seinem zorn. Also auch ein jeglich rott, geschworn, 43 reich, land, bündnus etc.: so sie sünd und gesündt hat, deren bett 44 geht nit zu gott. Aber so sie in die bueß gehent in der gemein, 45 wie Ninive, so erhört sie gott. Was gemein gesündt hat, das soll gemein büeßen; was einig seind, einig bueß. Also scheidt sich do auch guets tun und bös tun. Guets tun verborgen, bös tun offenlich. Wer kann ein urteil do sagen oder wissen daraus 46 heraus, wie dies exempel laut, dass ein offner47 bub nit offenlich büeßen soll, es sei nach dem gwalt oder sein eigen reu, die sich nit mag verbergen? Dann wir sollen einander unser sünd beichten, spricht der apostel sant Jakob. 48 Das ist also, dass ein dieb offenlich beicht sein diebstahl, ist billich, dass an tag kommt, und sein reu und bueß darauf offenlich sei: nit in die ohren blasen, sonder mit offner schand, wie der arm sünder in der kirchen stund, der do sagt, „Herr, ich bin nit wirdig, dass ich mein augen zu dir ufheb“, 49 und aber der geist, der erhalt’s alles. Wer will da ein urteil sagen, der sag her: 50 So ein kriegsvolk beieinander liegt, verrat ein herren aber um sein land etc., dass sie nit alle, wie sie seind, in offne [111 v] bekanntnus sollen gohn, reuen 51 und leiden 52 ihr sünd all, und nit einer oder zween. All! Dann Ninive ward auch nit gesundert, 53 do wird auch nichts gesondert werden. Dann ein bündnus mueß miteinander heben und legen vor gott, dann je einer mit andern ein helfer ist gesein. Also ist nichts im neuen testament, das sich mit dem alten vergleicht als allein reu, bueß. Leid um sein sünd, die ist vor gott allmal gesein im alten und neuen testament und bleibt bis in ewigkeit ohn end. Bedenkt im seligen wesen all wohl: Was rat, was gemein, was bund, was reich, was gesellschaft etc. handelt, das mueß wieder eingohn zusammen in sein bueß, reu und leid, und das offenlich, dass alle menschen das wissent und sehent, uf dass sie ihr sünd erkennen und sich hüeten. Und die offen schand ist ein zeugnus, dass sie der wahrheit hold seind und die nit verbergen. Kein geld, gold, silber, gestein etc. vertilgt die sünd als allein reu und leid und bueß. Der 54 in dieselbig geht, der gibt ein anzeigung, dass er
[42] zur kollektiven Buße der Niniviter vgl. Jona 3,5–10; Mt 12,41 par. — [43] geschworn: ‚Geschworenschaft‘; Gemeinschaft, die sich einem Gelübde oder einem Eid unterworfen hat. — [44] bett: ‚Gebet‘. — [45] in der gemein: ‚als Gemeinschaft‘. — [46] daraus] der aus H. — [47] offner bub: ‚offenkundiger Schurke‘. — [48] Jak 5,16. — [49] Lk 18,13; vgl. Lk 15,19. — [50] sag her: ‚sage heraus‘. — [51] reuen] rue H: ‚bereuen‘. — [52] leiden] leid H: ‚sind leid‘, ‚tut ihnen leid‘. — [53] Jona 4,11. — [54] der in] dersin H.
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sein sünd erkennt. Verschweigt er’s nit, sagt’s seinem nächsten und öffnet die, so ist das öffnen mit seiner reu und leid in der bueß gleich wie ein purgatz, 55 die aus dem kranken treibt die krankheit, so in ihm ist. Also geht das auch heraus, was vom sünder ist, mit dem mund, so er ihn uftut. Dann ein offen maul ist ein enunctiation 56 der sünd, und die reu, leid weiset die cura. 57 Dass wir aber im neuen testament offenlich bitt [112 r] halten, allein es sei bueß, bitt, reu, leid, erkennen unser sünd, sonst ist es alles gleißnerei als mit kreuzgang: 58 Geschicht’s in bueß, reu, und leid weis, als die gesündt hont, so ist es vor gott nachdem 59 und unser herz ist. Geschicht es aber nit in reu, leid, buß etc., sonder allein um regen und guet wetterglück uf unser seiten, jetz ist es alles bueberei. Dann wir sollen gott heimlich bitten um das, so uns notdurftig ist, und aber offenlich büeßen, als man förcht und besorgt ein teurung im land zukünftig nach ansehung und zufäll der zeit, und wir betten gott mit kreuzgängen das zufürkommen und nach unserm willen lassen geraten. Das ist jetz falsch. Am ersten müeßen wir wissen, ob es ein plag sei wie über Sodoma und Gomorra 60 etc. vonwegen unser sünd, und in dasselbige gohn und unser sünd die schuld geben. Nun sich, so wir das betrachten im seligen leben, ob wir sollen gott bitten oder dörfen oder nit. Freilich nein. Aber wie die niniviter taten: in die bueß gohn und kreuz in säcken und äschen und kalch. 61 Jetz so lässt gott sein zorn ab und ist uns gnädig und gewährt uns. Was seind die sünd der teure? 62 Fürkaufen, 63 wucher, nit almusen geben, bescheißen den armen um sein nahrung, zehenten und dergleichen, uf sein korn und wein stellen 64 etc. Die sünd tunt hinweg, so ist die teuri hinweg, und reu, buß und wirken bueß, so folgt hernach fruchtbar jahr. Das ist ein einfältiger 65 [112 v] kreuzgang und lauter gegen gott, das korn wohl gereut, 66 dass dem armen mann brot werd und seinen kindern. Und so er’s hat, so nehmen’s ihm die, so gott bitten um guet wetter, rauben’s ihm. 67 Was sollt ihm dann gott geben, es bleibt ihm doch nit. Gibt er ihm viel, so nimmt man ihm viel und nimmt ihm darzue noch mehr dann er hat. 68 Am ersten tue den raub hinweg, darnach so wird die teuri auch hinweg sein.
[55] purgatz: ‚Abführmittel‘. — [56] enunctiation: ‚Aussprechen‘. — [57] cura: ‚Pflege‘, ‚Heilung‘. — [58] kreuzgang: ‚Prozession‘. — [59] nachdem und: ‚je nachdem‘, ‚so wie‘. — [60] Gen 19,24 f.; Dtn 29,23; 2Petr 2,6; Jud 1,7. — [61] Jona 3,6. — [62] teure: ‚Teurung‘. — [63] fürkaufen: ‚wucherisches Aufkaufen‘, ‚Zwischenhandel‘. — [64] stellen: ‚abgesehen haben‘. — [65] einfältiger: ‚schlichter‘. — [66] gereut] geradt H: ‚von Unkraut befreit‘. — [67] ähnlich Mt 16,1–3; Mk 8,11 par. — [68] Mt 13,12; 25,29.
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Darum hat gott gereuen, dass er den menschen gemacht hat, 69 dann er will allein uf sein eigennutz gohn und nit uf den nutz des nächsten. Darum so hat er durch sein sohn Jesum Christum ein neu kreatur gemacht. 70 Dieselbig kreatur tracht nit, das er ist, sonder das ihres nächsten ist, und ist darum ein neue kreatur, geschieden von der alten. Also zu verstohn: Die alt kreatur ist genug in den elementen. Also, der ist ein sun saturni, 71 der ein sohn martis, 72 der ein sohn solis 73 und dergleichen, der ist unter dem ascendenten geborn, der unter dem, der also, der also, der ist der natur veneris,74 der der natur lunae.75 Und wie sie also alle seind, so ist es bei allen allein bescheißerei, lügnerei, triegerei 76 unter uns allen in der alten kreatur. Dann das ist uns angeborn, dass wir nichts sollen, 77 und haben’s von Adam und Eva aus der natur eingeborn. 78 Dass wir in allen kräften nichts sollen, darum hat gott gereuen, dass er den menschen gemacht hat. 79 Uf solches aber ist do ein neue kreatur worden. 80 Dieselbige kreatur ist also: der im tauf geborn wird und [113 r] aus Christo, 81 das ist, von dem fleisch, so von himmel steigt, 82 derselbig ist ein sohn gottes, ein sohn des liechts, ein bruder Christi. 83 Jetz seind die planeten tot und haben kein kraft mehr in dem. Allein der tod hat macht über den im alten fleisch. 84 Sonst überwindt kein vatter die alte kreatur, sein sohn, 85 weder mars, saturnus, jupiter etc., unser lehr vorgeher, sonder do überwindt die kraft gottes, aus dem er geborn ist. Jetz folgt hernach: der ist ein sohn des apostolatsamt, der ist ein sohn der gesundmachung, der ist ein sohn der wahrheit, der ist ein sohn etc. 86 Also sollen wir weiter keiner ausgeteilt sein, sonder nach den gaben gottes. 87 Dann Christus, nit durch das gestirn! 88 Dann die do aus dem gestirn geborn werden wohlreden, 89 die seind ethnici, vermeint, 90 es liege alls im maul. 91 Die aber aus Christo wohl[69] Gen 6,6. — [70] 2Kor 5,17. — [71] saturni: ‚Saturns‘. — [72] martis: ‚des Mars‘. — [73] solis: ‚der Sonne‘. — [74] veneris: ‚der Venus‘. — [75] lunae: ‚des Monds‘. — [76] triegerei: ‚Betrügerei‘. — [77] sollen: ‚taugen‘, ‚wert sein‘. — [78] Gen 3,1–24. — [79] Gen 6,6. — [80] 2Kor 5,17; Gal 6,15. — [81] Mk 1,4 par.; Apg 2,38. — [82] Joh 3,13.27.31 f.; 6,38; 1Kor 15,47. — [83] zur Kindschaft Gottes vgl. Dtn 14,1; Ps 82,6; Lk 20,36; Joh 1,12; Röm 8,14–23; 9,26; Gal 3,26; Phil 2,15; 1Joh 3,1 f.9. — [84] Hebr 2,14 f. — [85] sein sohn: ‚seinen Sohn‘. — [86] 1Kor 12,4–10.28–31; Eph 4,11 f. — [87] ‚Also sollen wir nicht weiter in Ämter aufgeteilt werden, sondern einzig nach den von Gott gegebenen Gaben.‘ — [88] ‚denn durch Christus wird es bestimmt, nicht durch das Gestirn‘. — [89] wohlreden: ‚Wohlredner‘, ‚Rhetoriker‘. — [90] vermeint: abgekürzt von „vermeinent“, 3. Person Plural, ‚vermeinen‘. — [91] dann … maul: ‚Deren Redegewandtheit von der im Gestirn angezeigten Veranlagung herkommt, die sind Heiden, sie vermeinen, es liege alles nur an ihrem Mundwerk.‘
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reden geborn werden, die reden mit feurigen zungen. 92 Also die aus dem gestirn arzt geborn werden, die sein ihr kunst ungewiss und grunds; die aber aus gott durch Christum geborn werden, die wissen den rechten grund. Also seind auch sün des firmaments, die do zeichen tunt, die wunderbarlich seind; 93 dann der himmel wirkt wunderbarlich ding. Es deut 94 aber nichts. Also werden auch in der neuen kreatur sün geborn, die auch zeichen tunt, und aber dieselbigen dienen, durch die werden entledigt, die do beladen, und die teufel ausgetrieben. Also soll man die zwo kreatur voneinander [113 v] kennen, dass man wiss, so ein mensch etwas tut, ob es aus dem vatter mars komm oder venere oder aus gott durch Christum. Und nit glauben in ein jeglichen, dann do seind viel zu erzählen, die den menschen mechten 95 verführen, so er die unterschied nit wissen 96 trüeg. Dieweil nun also zwo geburt do seind im menschen, so mueßt du die alt von dir tun und in der neuen sein. 97 Dann tust du das nit, so wird sie gott auch nit von dir ton, und mueßt von dir tun martem, 98 jovem, 99 saturnum etc., und an dich nehmen die gaben der neuen geburt. Dann die influenz 100 und gaben seind gleich in dem zu verstohn, dass beid influenz seind. Die influenz der alten kreatur ist in die stern gesetzt, nun aber ein menschen der neuen kreatur die influenz des heiligen geist. Darum ist es ein gab, das ist, ein vergeben 101 gab, und mag ein influenz heißen der neuen kreatur.102 Und die influenz der alten mag auch heißen ein gab von gott der alten kreatur. Also ist jetz Christus unser himmel. Darum so müeßen wir den alten hinweg tun und von uns tun. Das ist die ritterschaft uf erden,103 allein do zu fechten, dass wir kommen von der alten zu der neuen. Und die weisheit jovis und künst mercurii und fröhlichkeit veneris etc. haben von Christo die wort ewig, dann der himmel des gestirns wird zergohn in der alten kreatur und die alt kreatur mit ihm. Aber der himmel der neuen kreatur wird nit zurgehn,104 der bleibt ewig; darum [114 r] so bleiben auch seine kinder ewig. So wir nun die alten gestirn von uns sollen tun und den neuen himmel annehmen, der uns die influenz gibt, und sehent und wissent,
[92] Apg 2,3 f. — [93] Mk 16,17. — [94] deut: ‚bedeutet‘. — [95] mechten: ‚könnten‘. — [96] wissen trüeg: ‚zu wissen vermag‘. — [97] Röm 6,6 f.; 2Kor 5,17; Eph 4,22–24; Kol 3,9 f. — [98] martem: ‚Mars‘. — [99] jovem: ‚Jupiter‘. — [100] influenz: ‚Einfluss‘. — [101] vergeben: ‚geschenkte‘. — [102] zu den Gaben des heiligen Geistes vgl. Mt 10,1 par.; Mt 10,8; Mk 16,17 f.; Lk 9,10; 10,9.19; Apg 2,3. — [103] zur geistigen Ritterschaft vgl. Jes 24,21; 2Kor 10,4; 1Tim 1,18. — [104] zurgehn: ‚zergehn‘.
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dass er in seinen kindern als in Petro, Paulo etc. gewirkt hat, dass sie hont tot leut lebendig gemacht etc. und dergleichen,105 in dieselbig influenz sollen wir, also auch in desselbigen neuen himmels art auch. Das ist, im alten testament was 106 das geheiß von gott dem vatter, im neuen testament ist das geheiß gottes sohns. Und ist ein anders des vatters: Der sun ist der, dem wir sollen gehorsam sein, dann do ist ein andere kreatur, auch ein ander gebott. Also ist aus das äußerlich wesen und ornat und ist jetz innerlich. Die figur seind 107 für,108 jetz seind’s inwendig werk und frücht.109 Also soll der mensch fechten mit zwei ritterschaft: wider den alten himmel und firmament und element, und wider die alten ordnung der templischen gesatz, und sich dero zweien im seligen leben entschlahen.110 Und do den neuen himmel lassen influrieren, imprimiern, konstelliern,111 und den neuen schöpfer der neuen kreatur annehmen in seim gebott und lehr und dasselbig tun und folgen. Also wird die neu kreatur erkennt, dass sie nimmer die 112 alt ist und den alten gebotten nit unterworfen, sonder ein neue kreatur. Darum ursach,113 dass sie der alten gebott nit halten soll, sonder allein der neuen. [114 v] Es sollt noch zu verwundern sein viel von der alten schöpfung, dieweil 114 Christus sagt: „Niemands kommt gen himmel, er sei dann von dem himmel.“ 115 Darum so müeßen wir all aus Christo sein, sonst kommt keiner gen himmel. Dieweil aber gott den menschen gemacht hat nit vom himmel, noch aus seiner substanz, sonder von der erden und aus der erden substanz.116 So er ist, könnt er je nit gen himmel kommen, aber in das paredeis. Und do auch nit sein bleibung war, dann darum er war nit vom paredeis gemacht, sonder von der erden, in die mueßt er wieder.117 Es wollt sich nit zusammenreimen 118 leimklotzen 119 und manna.120 Aber darum er in das paredeis ist kommen, acht
[105] zu den von den Aposteln vollbrachten Wundern vgl. Apg 5,12–16; 9,40; 14,8–10; 19,11–16; 20,9–12. — [106] was: ‚war‘. — [107] seind für: von fürsein, hier am ehesten in der Bedeutung von ‚vorbei sein‘. — [108] die figur seind für: ‚diese äußerlichen Ausgestaltungen der Sterne sind vorbei‘. — [109] zu den Früchten des Geistes vgl. Gal 5,22; Eph 5,9. — [110] entschlahen: ‚befreien von‘, ‚sich reinigen von‘. — [111] influrieren, imprimiern, konstelliern: astrologische Begriffe, die den Einfluss der Sterne auf den Menschen ausdrücken. — [112] die] do H. — [113] ursach] werden H. — [114] dieweil: ‚da‘. — [115] Joh 3,13. — [116] zum Lehmkloß, Erdenkloß bzw. „limus terrae“, aus dem Gott den Menschen geschaffen hatte, vgl. Gen 2,7; Tob 8,8 (Vlg). — [117] Gen 3,19; Ps 104,29; Pred 12,7. — [118] zusammenreimen: ‚zusammenfügen‘. — [119] leimklotzen: ‚Lehmklumpen‘. — [120] zum Manna, dem Brot vom Himmel, vgl. Ex 16,31–35; Num 11,6–9; Dtn 8,3.16; Jos 5,12; Neh 9,20; Ps 78,24; Joh 6,31.49; Offb 2,17.
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ich, es sei die ursach gesein, dass gott wohl gewüsst hat, dass zwei widerwärtige ding nit mügen beieinander stohn, also auch Adam und paredeis. Dann aber Adam lernet in der welt in jammer sein, und in jammer kam und in elend; darinnen gott ein wohlgefallen hat.121 Dieweil er gesagt hat, „selig seind die armen“,122 „selig seind, die verfolgung leiden“,123 „selig seind die dürftigen“,124 so wär Adam unselig blieben im paredeis, und also für und für darin gesein, gleich als ein storck 125 in seim hochen nest, und nit gen himmel kommen. Aber in das paredeis kam er. Darin lernet er nit elend und armut, darum mueßt er heraus wieder in die welt; dann im paredeis war kein armut (ohn zweifel). Also wird Adam und die seinen, so im elend liegen, selig, die sonst im paredeis kiret 126 hätten [115 r] wie die hüener, wann sie faul 127 seind. Aber jetzt seind wir im elend und in armut und in jammertal, darum so sollen wir duldig sein. Dann dieweil wir je von der erden seind, so mag’s nit anderst sein: es muss erlitten werden und erlitten sein.128 Dann übersach 129 gott sein sohn nit, uns noch viel minder, oder gleich als viel und als wohl geschähe uns als seinem sohn.130 Darum so ist die neue kreatur, dass wir nimmer des alten seient, dann die alt ist im fluch, die neue in der auserwählung. Und doch aber die alt nit von uns genommen, dann allein was wir selbst von uns tun,131 das mueß mit herzleid und jammer geschehen. Verlassen, das unserm herzen weh tut. Das unserm herzen ein leid ist, das mueß aber sein und in die neue kreatur gohn, also dass wir vom himmel seient,132 nit von der erden. Die erden überwinden und alle gestirn im himmel, sie leuchten, wie heiter sie wellen, alle erdliebe, alle himmelliebe. Also geliebt es gott, dass wir zu ihm kommen in der gestalt und in keiner andern. Darauf so merken: So es dahin trifft und den weg hat, so gilt die äußerlich kirch nichts mehr dann als viel als ein lehrhaus, darin man lernt. Also seind vergebens die ordnung, so in derselbigen gebraucht werden nach sitten der alten ehe.133 Jetz ist ein neue, jetz ist nur ein priester, nur ein hirt. In der alten ehe warent [115 v] ihr viel, aber alle aus einer ist jetz
[121] Mt 3,17; Lk 2,14. — [122] Mt 5,3; Lk 6,20. — [123] Mt 5,10 f. — [124] Mt 5,6; Lk 6,21. — [125] storck: ‚Storch‘. — [126] kiret: ‚geknirscht‘, ‚gequietscht‘. — [127] faul] fall H; eine andere Lesart wäre fallen, ‚gefallen‘. — [128] Lk 24,26.46; Apg 26,23; 2Kor 1,5; Gal 3,4; Kol 1,24; 2Tim 3,12. — [129] übersach: ‚verschonte‘. — [130] oder … sohn: ‚oder um uns kümmert sich Gott genau oder ebenso viel wie um seinen Sohn‘. — [131] zum Ablegen des alten Menschen vgl. Röm 6,6 f.; 2Kor 5,17; Eph 4,22–24; Kol 3,9 f. — [132] Joh 3,13.27.31 f.; 6,38; 1Kor 15,47. — [133] der alten ehe: ‚des Alten Testaments‘.
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priester, das ist Christus.134 Der ist presbyter,135 das ist „probens iter“,136 der zeigt den weg und viel tempel. Das ist, ein jeglicher mensch ist ein tempel, des aber der priester ist, und ist sacerdos,137 das ist „sacrum donum“,138 das geht von gott. Dass Melchisedech 139 den neuen geholt hat, ist ein figur gesein, dass der recht kommen wird.140 Ist ihm vorgangen, wie Johannes baptist,141 darum so ist Melchisedech keiner mehr, aber Christus ist’s. Also weicht hinweg der erb Salomon,142 der erb Aaron,143 der erb Melchisedech, und bleibt allein Christus: das alles im tempel des neuen corpus,144 der neuen kreatur. Und als wenig als in baptista do der größt ist und der heiligist aus mutterleib gesein ist, der nie geborn ist worden, weder priester noch pfaffen, weder in der kirchen noch uf dem altar kein seligkeit nit gesucht hat, also wenig und noch viel minder mügen wir’s darin suechen. Und aber, er ist nie kommen in das betthaus, dann ursach, er hat in muetterleib gelehrt und eingeborn kind aus göttlicher influenz der neuen geburt. Darum so dörft 145 er der synagogen nit, auch nit des tempels Solomons,146 allein Christus, des wir alle bedörfen, und das, so uns verlässt, nit ansehen, noch in demselbigen etwas suechen, dann es hat.147 Das ist, in der statt sollen wir nichts suechen, das do sei, das, so do sein soll nach unserm vermeinen. Der aber in demselbigen haus suechen will sein heil, der versaumt sich und setzt [116 r] sein hoffnung von gott. Und ist gleich ein ding als einer, der ein ehweib hat und hat ein hueren, derselbig setzt sein hoffnung zum ehweib, aber sein herz zuer hueren. Setzt er sein herz zum ehweib, so hätt er kein hueren. Darum aus der ursach, do er sein herz hat, do hat er sein reich. Also, so du in die kirchen präng 148 kaufest und dein herz setzest, so setzest zur hueren und vergisst des, das dir geben ist zur ehe zu ton, das ist, das leiden Christi und seinen fueßstapfen nachzefolgen und nit der kirchen. Dann also hont nachgefolgt sant Johann baptista, alle apostel, sant Stephan,149 sant Paulus, sant
[134] zu Christus als ewigem Priester nach der Ordnung Melchisedeks vgl. Ex 29,9; 40,15; Num 25,13; Ps 110,4; Hebr 5,6; 6,20; 7,17–26. — [135] presbyter: ‚Ältester‘, ‚Priester‘. — [136] probens iter: ‚der einen Weg vorzeigt‘ oder ‚versucht‘; etymologisch nicht korrekt, von Paracelsus wohl assoziativ gemeint. — [137] sacerdos: ‚Priester‘. — [138] sacrum donum: ‚heilige Gabe‘; auch dies ist etymologisch nicht korrekt. — [139] Gen 14,18; Hebr 7,1.10.17. — [140] Melchisedek gilt in der Tradition als eine Präfiguration Christi. — [141] Mt 3,11. — [142] Mt 1,6 f. — [143] Lk 1,5; Hebr 5,4. — [144] corpus: ‚Leibs‘. — [145] dörft: ‚bedurfte‘. — [146] 1Kön 6,1–38; Joh 10,23. — [147] hat] that H | dann es hat: ‚als vorhanden ist‘. — [148] präng: ‚Gepränge‘, ‚Pracht‘. — [149] Stephanus war nach Apg 6,8–15; 7,1–59; 8,1 f.; 11,19 f. der erste christliche Märtyrer.
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Dionysius 150 etc. und ander mehr. Wär die kirch mehr gesein dann Christus, so hätten sie dieselbig gesucht und Christum lassen stohn. Was nun also von dem rechten weg gefallen wird und dermaßen zur huern gelaufen, so begegnet eitel huererei und huernfrücht, als die huererei hat in stehlen, liegen, triegen, bescheißen, morden, erwürgen, ehr abschneiden und in allen dingen falsch 151 brauchen und niemands gehorsam sein nach dem gebott gottes. Darum hat auch der teufel gwalt, hier einzufallen und do zu machen sein unfried, sein ordnung und sein herz zu setzen. Also auch so wir von der ehe fliehen, die Christus ist, und halten uns zur hueren, das ist zur alten gesatzungen und dergleichen, jetzt ist kein ehe mehr do; wiewohl ein ehe, aber ein ehbruch darbei. Christus ist der [116 v] kirchen glieder, die kirch ist das volk.152 Ist nun ein ander do, der ein gemahel ist des volks, als allein Christus, so ist es ein ehbruch, dann wir verhoffen in denselbigen. Das ist ein huererei: wir verlassen Christum, nehmen die huern an, glauben der huern, dem ehgemahel nit. So wir nun uns an die huern hängen, was wird daraus als dieberei, bescheißerei und dergleichen morderei, ehbrecherei und anders arges alles, zudem der teufel mit seiner abgötterei. Jetz ist es alles do, darum der teufel ficht. Darum soll im seligen leben nichts fürgenommen werden von zeremonien, von ornat, von dergleichen dingen, die sie mügen dem alten testament gleichen oder vergleichen, sonder deren aller ledig sein und deren keines mehr gedenken noch annehmen. Dann so die geschrift sagt, „selig seind die, so in einfalt wandlen“,153 so ist deren keiner selig, so decreta,154 decretales 155 und pfaffenwandel, sitten etc. gemacht hont. Dann do ist kein einfalt, sonder groß list und laster über alle füchs. So tunt nit wie die bueben: die füllen ihren kröpf und schaffen darnach darauf. Diese füllen ihren kropf und den sack und alles darzue. Es mueß alles in einfalt gohn, als dann Johannes baptista auch gesein ist.156 Wär ordnung, decreta, decretales etc. [150] Nach Apg 17,34 wurde Dionysius, Beisitzer des Areopags und später der erste Bischof von Athen, durch eine Predigt des Paulus für das Christentum gewonnen, was Paracelsus hier anspricht. Um 500 gab ein christlicher Neuplatoniker unter dem Pseudonym des Dionysius Areopagita vier neuplatonisch-mystische Schriften heraus, die der mittelalterlichen Scholastik neben Augustinus als wichtige Grundlage dienten, vgl. BBKL 1 (1990), 1320–1322; TRE 8 (1991), 772–780. — [151] falsch: ‚Falschheit‘, ‚Trug‘. — [152] Christus … volk: ‚Der Leib Christi besteht aus den Gliedern der Kirche, und diese Kirche ist das Volk.‘ Vgl. 1Kor 6,15; 12,12.27. — [153] Spr 20,7 (Vlg); 28,18 (Vlg); 2Kor 1,12; evtl. Mt 5,3; Lk 6,20. — [154] decreta: ‚Verordnungen‘, ‚Gesetzeserlasse‘. — [155] decretales: Dekretalen sind päpstliche Antwortbriefe auf kirchliche Rechts- oder Disziplinfragen. — [156] Mt 3,4 par.
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zu machen ein einfalt gesein, er hätt’s auch gemacht. Aber es war kein einfalt, sonder ein [117 r] großer list, daraus die groß huer Babylon 157 erhalten wird, daraus der Lucifer 158 erhalten wird, das ist Leviathen,159 in der kein einfalt ist. Christus hat recht gesagt: „Seid fürsichtig wie die schlangen“ 160 oder als Leviathan.161 Trachten wider sie, die wider euch auch trachten, den 162 kommen entgegen, das ist dein widergott.163 Und, „einfältig wie die tauben“,164 das ist, die tauben erdenken nichts neues. Also wir ihm auch tun.165 Es ist alles gemacht, es mag nit besser werden. Darumben so sollen unser list nichts, allein einfältig sein und brauchen das, so Christus heißt und die apostel bewiesen hont. Am ersten lernen wir in der schul gottes, gott zu bitten, und alsdann, was uns not ist, das schicket er uns zu. Was er uns nun zuschickt uf unser bitt, das sollen wir annehmen. Du bittest um die notdurft in deinem schlafkämmerlin, das hast du gelehrt auf der schuel gottes. Nun schickt er dir das zue. Es 166 sei, was es well, so nimmst in seim namen an. Als du warest krank und bettest ihn um gesundheit, es käm zu dir ein mann gottes und macht dich gesund, so bist du gesund. Nit acht des mittels: Zwingt er dich gen Rom, gen Einsiedel, gen Sant Jakob 167 etc., und du wirst gesund. So gedenk, dass er also viel gesund hat gemacht in solcher gestalt durch ander, die er zu ihnen geschickt hat. Bet-
[157] zur Hure Babylon vgl. Hes 23,17; Offb 14,8; 17,5; 18,2. — [158] Vom gefallenen Engel Lucifer, der sich wie Gott gebärde, berichten die Stellen Jes 14,11–15; Offb 12,7–9; 2Kor 11,14; Judas 1,6. Den Namen „Lucifer“ in Jes 14,12 gebraucht einzig die Vulgata, während hingegen Luther mit „schöner Morgenstern“ übersetzt. — [159] Von der Schlange oder vom Drachen Leviathan (von hebräisch Livyatan, die Gewundene), der gerne als Seeungeheuer dargestellt wird, ist die Rede in Hiob 3,8; 40,25–32; Jes 27,1; Ps 74,13 f. und in gewissen Versionen der Vulgata bei Ps 103,26 (Vlg). Er ist ferner präsent in der rabbinischen Tradition und wird im apokryphen sog. äthiopischen oder ersten Henochbuch beschrieben, vgl. 1Hen 59,7. Paracelsus identifiziert den Leviathan mit dem Bösen schlechthin oder mit dem Teufel im Sinne von Offb 12,7; 13,4; 16,13; 20,2, wo Drache, alte Schlange, Teufel und Satan als Synonyme gesetzt sind. — [160] Mt 10,16. — [161] zur Schlange Leviathan vgl. oben. — [162] den: ‚denen‘. — [163] zum Antichrist vgl. 1Joh 2,18–27; 4,1–3; 2Joh 1,7. — [164] Mt 10,16. — [165] also … tun: ‚genauso verhalten wir uns auch‘. — [166] es sei, was] Jnn was wes H ohne Sinn. — [167] Sant Jakob: der Wallfahrtsort Santiago de Compostela. Der Legende nach ging der Apostel Jakob gleich nach Christi Himmelfahrt nach Spanien, um dort zu missionieren, allerdings ohne Erfolg, so dass er Spanien wieder verließ. Nach verschiedenen Legenden wurden seine sterblichen Überreste nach Spanien zurückgebracht und in Santiago begraben. Paracelsus nennt hier die drei großen Pilgerorte seiner Zeit: Rom, Einsiedeln und Santiago de Compostela.
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test du ihn um brot,168 und es gibt dir ein baur ein brot, damit du gegnüegt wirdest, so hat gott dich genährt. Klag nit [117 v] ab 169 ihm, dann der baur ist sein, das brot auch. Was also aus gott uf dein bitt geht, das nimm im namen gottes an. Es ist alles sein, himmel und erden, und was darinnen ist. Bist du gefangen und bettest ihn um erledigen, hilft er dir mit dem strohseil heraus. So lass dich benüegen, bist gleich so wohl ledig als mit tausend pferden. Bittest du ihn um gut, und uf dein bitt gewährt er dich, du findest bergwerk, reichs weib etc. Ist alles aus gott, also gewährt er dich. Darumben so wiss, wenn du bittest, dass du gerecht in deinem herzen seiest, und bittest recht, sonst wirdest verfahrn 170 uf die gewährung. Besser, du wärest nit gewährt. Und was du im seligen leben bitten willt von gott, dofür sein bett 171 und die notdurft erzählt.172 Er weißt’s aber vorhin, was dein not ist.173 Behalt’s in deinem herzen und bett in deim herzen, dass dein linken hand nit weißt, was die recht im sinn habe,174 nit mit psalmen, nit mit sprechen, nit mit reimen. Dieselbigen warent etwas gut, jetz ist’s ein anders, jetz ist in deim herzen. Wo du dann hingewiesen wirdest, das nimm an. Das alles ist soviel gesagt vom tempel und kirchendingen, dann du allein sollt dich in das innerlich ziehen und das innerlich füeren, und nit äußerlich, und dich an die alten wesen äußerlich nit beladen, dann sie dienet nit zum seligen leben. Darumben so war es ihnen alles vergebens und umsonst, noch aber so mussten sie’s tun und annehmen von gott. Aber alles, was [118 r] vergebens und sein figur,175 das also in das inner wird kommen, das vorhin das äußer würde sein. Und dieweil das äußer von dem alten in dem neuen ist, so seind wir nit der neuen geburt, sonder der alten. Darum so werden wir des tods sterben und der uferstehung in Christo beraubt sein und uferstehn, zu den verdammten verordnet. So frei ist die neue geburt, dass sie auch keins lehrhaus darf, äußerlich geziert und mit zierde verfasst, dann lernen mag an allen orten geschehen. Der geist der neuen geburt ist nit eingedrungen in keins manns hand. Es ist auch keiner gewaltiger dann der ander, je einer alsviel als der ander. Darum ist niemands herr über den tempel der lehr, niemands herr über den leib, niemands herr über die seel als allein gott, als allein Christus.176 Dieweil nun niemands mehr ist der 177 ander, mehr [168] Mt 6,11; Lk 11,3. — [169] ab: ‚über‘. — [170] verfahrn: ‚hineingeführt‘, ‚genommen‘. — [171] sein bett: ‚sein Gebet‘, nämlich das Vaterunser Mt 6,9–13. — [172] dofür … erzählt: ‚das geht aus seinem Gebet und aus der alltäglichen Notdurft hervor‘. — [173] Mt 6,32. — [174] Mt 6,3. — [175] figur: ‚äußerliche Gestalt‘. — [176] 1Thess 5,23; evtl. 2Kor 6,16. — [177] der: ‚dann der‘.
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ist der priester, wär 178 pfaff, wär münch, wär dieser oder dieser, wer gibt dem den orden, das so einer nit hat? In dem ist je einer wie der ander in den gaben.179 Hat dieser die gaben der gesundmachung, so hat der ander die gaben der weisheit. Welcher ist jetzt herr über den andern? Seind’s nit gleich, je eins um das ander? 180 Hat der gwalt zu binden, so hat dieser gwalt zu entledigen.181 Welcher ist mehr? Aber soviel ist einer anderst dann der ander. Der ander ist, der lernt und ist doctor, so die [118 v] ander das nit seind. Die andern aber, so von ihnen lernen,182 sind auch anderst dann die, so sie aus wachsen. Der nun anderst ist dann ander, der kann unter den kranken die kranken gesund machen. So sie gesund werden, so seind sie anderst dann der, der sie gesund hat gemacht. Darum aber, dass einer anderst ist, der ist darum nit gwaltiger oder mehr, aber minder, und der ander auch minder. Aber in dem tempel sollen ander 183 leut sein, die do lernen nit weltlich ding, aber göttlich ding, und das weltlich zu einem exempel geben, wie gott gegen ihnen gehandelt hat. Was ist die Babel 184 als allein weltlich ding und wie die weltlich gegen gott und gott gegen ihnen gehandelt hat? Also obschon gleichwohl gott nit mündlich mit uns redt oder persönlich bei uns ist, so ist aber sein wort bei uns. Wo dasselbige ist, do ist er auch, aber uns unsichtbar. Also dörfen wir niemands in der kirchen als allein den, der anderst ist dann die andern; das ist, zu lernen dieselbigen, die anderst seind, uf dass sie im wort gottes erwachsen und dohin kommen, dass sie ihr göttlichs mügen brauchen, so sie von gott haben, und nit im selbigen ertrinken, sonder dass ihr schatz herfürkomm. Das muss durch solches lernen herfürgebracht werden, domit der schatz nit vergraben bleib oder werd.185 Das ist mehr geton, dann alle alte gesatz im neuen vollbracht mit seiden und sammat und allem pomp, dann das ist, das gott von uns will. [119 r] Und ein influenz 186 haben die im seligen leben, also dass sie in ihr lehr gründlich kommen uf den willen gottes in aller seiner lehr. Das ist soviel: So ein lehr von Christo geben ist, wer will do verstohn den heiligen geist? Niemands. Der sie verstohn will, der mueß den heiligen geist an dem ort haben. Ohn ihn, so gohnt 187 die auslegung der planeten an. Die ge-
[178] [180] [181] [184] [186]
wär: ‚er wär‘. — [179] zu den Gaben vgl. 1Kor 12,4–10.28–31; Eph 4,11 f. Anklang an Luthers «Von der Freiheit des Christenmenschen» (1520). Mt 16,19; 18,17 f. — [182] lernen] lernern H. — [183] ander] annderst H. zur Hure Babylon vgl. Hes 23,17; Offb. 14,8; 17,5; 18,2. — [185] Mt 13,44. influenz: ‚Einfluss‘. — [187] gohnt … an: ‚fangen an‘.
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ben viel comment 188 oder auslegung der ascendenten,189 die machen viel scolia,190 oder der teufel, der macht viel hereses.191 Darum so mueß im seligen leben ein verstand sein aus dem heiligen geist und weiter aus keiner andern weisheit nit. Dann wir handlen hie uf erden nit vonwegen des gestirns oder teufel, sonder vonwegen des ewigen. Das mueß frei und guet geschehen, nit durch glübd. Als so ich unter ein rock schwür, zu tragen den und kein andern: der ist nun irdisch und kommt nit gen himmel, und nichts irdisch ist nutz. Oder ich gelobt jungfrauschaft. Das ist der erden gelebt und nit dem himmel, und kriege mit der venus: derselbigen sag ich ab ihr wirken und streit wider sie. Also auch, ich gelob viel zu betten, kirchfahrten. Das ist ein maulwerk und ein fueßwerk, und deren fueß und maul kommt keins gen himmel. Sunder wir geloben wider die gelübd oder in zwangnus von dem und dem abzuton, das oder das zu tun, aus mehrer ursach des leibs arbeit zu dem seligen leben. Ist nit in seiner übung viel zu gewinnen oder zu erlaufen. Es mueß in der liebe sein, die lauft allein zu [119 v] gott ohn allen tritt, aber zum nächsten mit tritt. Darum zun heiligen laufen ist eins leibs arbeit, nutzt dich nit noch dein nächsten. Das herz mueß dasselbig tun, dass dein kirchfahrt desselbigen heiligen zu dir gang, nit zu ihm. Als sant Jakob mueß zu dir, du nit zu ihme. Aber zum nächsten lauf und hilf demselbigen, nit deinem leib, gegen gott und sein heiligen. Es ist nit leiblich zu tun. Darum so magst du der dingen keines seliglich geloben, und kein bös ze tun, globen 192 ist falsch. Dann ursach, du globest dein jungfrauschaft zu halten: haltest’s nit, so bist du des teufels. Tu’s oder nit, bist oder wirst ehlich. So bist aber ein jungfrau, du brichest dein stand nit. Was nutzt dich dein glübd, fasten, betten, globen? Ist offenlich, nun ist es gleichsnerei.193 Liebe gott in deinem herzen do fast,194 dass niemands sehe, ohn glübd. Der gebott seind soviel, dass wir nit globen können, sonder wir seind’s selbs schuldig ohn glübd. So kann der himmlisch leib der neuen kreatur nit glübd tun, er darf 195 eh nichts. Was nutzt es dann den irdischen, den die würm fressen? 196
[188] comment: ‚Glosse‘, ‚Auslegung‘. — [189] ascendenten: die zu den jeweiligen Tageszeiten am Horizont aufsteigenden Zeichen des Zodiaks. — [190] scolia: ‚erklärende Randbemerkungen‘. — [191] hereses: ‚Ketzereien‘, ‚Irrlehren‘. — [192] globen: ‚geloben‘, ‚schwören‘. — [193] gleichsnerei: ‚Heuchelei‘. — [194] Dtn 11,13; Mt 22,37; 2Thess 3,5. — [195] darf: ‚bedarf‘. — [196] zur Auferstehung von den Toten vgl. Mt 22,31; Lk 20,35; 1Kor 15,21.42–49; Offb 20,5.
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Lesetext – Liber de vita beata
Das höchst glübd ist: Lernen das wort gottes und dasselbig glauben und lieben; 197 und die frücht so daraus kommen und gohn sollen,198 dieselbigen üben und brauchen; und uns in kein sekten werfen noch abtrinnig machen von denselbigen, anderst dann wie das evangelion laut und ist und vermag; dasselbig täglichen hören und in euch fassen, dann es ist die speis dorin, die ewig ist. Wir [120 r] leben nit allein vom brot,199 dann der leib ist tödlich, der das brot isset. So aber wir zween leib hont, auch ein ewigen, so müeßen wir denselbigen auch speisen, das ist mit der speis, so aus dem evangelion kommt und uns durch das evangelion geben wird, und in aller unser lehr gedenken, dass wir die tugend des evangelions an uns fassen und nehmen. Als 200 es steht geschrieben, „selig seind die barmherzigen“, 201 uns barmherzig machen, ob wir gleichwohl saturni 202 wärent, die art von uns werfen und nit in derselbigen hangen noch bleiben. Also auch, „du sollt mild sein“, 203 obgleich einer ein reißender leu 204 wär und ein wolf, 205 mild sein und die alt hinwerfen. Also auch kleiden den nackenden, speisen den hungerigen. 206 Solche stuck in dich zwingen, so die natur selbs wider dich wäre. Und nit verhängen 207 der natur, sonder der neuen kreatur, 208 influenz herfürbringen, dann durch dieselbig tugend geht der weg gen himmel. Also ist der tempel der mensch, und in dem tempel sollen die gnad und ablass sein uszugeben: den armen kleiden, den hungerigen speisen, den durstigen tränken etc. 209 Das seind die frücht des tempels. Die ding, so zu dein tempel oder kirchen gehörent, ist inwendig in den herzen: gott anrüefen, fasten und betten, und allein ihn, gott, sehent, 210 und ihn uf keim altar suechen noch dergleichen. 211 Dann dieweil er selbst sagt: „Sagen sie, do ist er, im wald, in der kammern etc., so glauben’s nit.“ 212 Gohnt nit hinaus, dass ihr sehent, darum so [120 v] er nienen 213 an solchem ort ist, und weder in Jerusalem noch uf dem berg angebettet soll werden. So ist auch darbei der tempel oder kirchen versperrt, ihn darinnen zu bitten. Dann was bedeut Jerusalem anderst dann ein tempel und kirchen, do jedermann hinkommt und miteinan-
[197] Dtn 17,18 f.; Joh 5,39; Apg 17,11; 2Tim 3,16. — [198] Mt 13,23 par.; Lk 8,15. — [199] Dtn 8,3; Mt 4,4 par. — [200] als: ‚wie‘. — [201] Mt 5,7; vgl. Lk 6,36; 1Petr 3,8. — [202] saturni: ‚dem Planeten Saturn unterworfen‘; wohl aufgrund der Saturnalien auch ‚Ausschweifung und Rücksichtlosigkeit ausgesetzt‘. — [203] Mt 5,9. — [204] 1Petr 5,8. — [205] Mt 7,15. — [206] Mt 6,1–4; 25,37–40. — [207] verhängen: ‚anhängen‘. — [208] 2Kor 5,17. — [209] Mt 6,1–4; 25,37–40. — [210] sehent: ‚ansehen‘, ‚beachten‘. — [211] Mt 23,18–20; 1Kor 9,13; Hebr 13,10. — [212] Mt 24,26. — [213] nienen: ‚nirgends‘.
A14. Liber de re templi ecclesiastica
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der bettet. Was bedeut der berg als allein, dass die heiden uf den bergen etc. haben gott angebettet. Aber wie Christus sagt, „es wird die stund kommen und ist jetz“, 214 dass ihr ihn weder zu Jerusalem oder uf dem berg werden anbetten. Das ist soviel, ihr werden ihn anbetten in euch selbs. In euch selbs wird er sein, und ihr werden sein tempel sein. Darum hat er uns in uns selbs gewiesen, aus ursach, dass wir der tempel seient, in dem gott selbs ist, in dem wir ihn suechen sollen und außerthalb nit. Also do ist der tempel, do Christus hingewiesen hat, dass do die stund und zeit kommen wird, dass wir weder uf dem berg noch Jerusalem betten werden, sonder im geist und wahrheit. 215 Was ist der geist? Der neu mensch ist er, dann der neu mensch ist vom heiligen geist inkarniert, 216 wie auch Christus vom heiligen geist inkarniert ist. 217 Also durch Christum seind wir auch in der neuen geburt. 218 Das ist nun soviel gesagt, als spräch Christus: „Ihr werden fürhin anbetten den vatter im neuen fleisch der neuen kreatur, die vom himmel gestiegen ist.“ 219 Das ist, das heil ist aus den juden, das ist, Christus ist aus den juden. 220 Darum im selbigen müssen [121 r] wir den vatter anbetten, und sonst wird kein anbetten guet sein. Sollen wir nun ihn, den vatter anbetten im geist, so ist das der geist, die neu geburt. Dann die neu geburt ist gott und gott ist dieselbig. Das ist, die neu geburt ist der geist und geist ist sie. 221 Darum heißen wir kinder gottes. 222 Und wie ein kind sein vatter besitzt, also do auch wir nach gott heißen und dieselbig seind. Solch bitten und anbetten muss geschehen in der wahrheit, das ist in Christo. Dann wo wir anderst betten und anbetten, so betten wir lügen. Als so ich betten wollt nach der figur 223 und anzeigung der alten, so bitt ich nit in der wahrheit. Sonder das ist in der wahrheit angebettet, so wir im weg Christo und aus Christo. All ander gebett seind nichts, das ist der juden, der heiden, der türken, als nur allein der neuen kreatur gebett. Das geht in der wahrheit, dann kein lügen kommt vom himmel. Also sollen wir im seligen leben uns erhalten und wandlen, dann dass wir templen und kirchen, zeremonien und präng 224 allein do-
[214] Joh 4,23. — [215] Joh 4,23 f. — [216] inkarniert: ‚Fleisch geworden‘. — [217] Mt 1,20 par.; Joh 16,13; 1Joh 5,6. — [218] 2Kor 5,17. — [219] Joh 3,13.27.31 f.; 6,38; 1Kor 15,47. — [220] Joh 4,22; Röm 11,26. — [221] zur neuen Geburt aus dem Geist vgl. Joh 3,6–8; Röm 7,6; 2Kor 3,6; Eph 4,23; Offb 2,17. — [222] zur Kindschaft Gottes vgl. Dtn 14,1; Ps 82,6; Lk 20,36; Joh 1,12; Röm 8,14–23; 9,26; Gal 3,26; Phil 2,15; 1Joh 3,1 f.9. — [223] figur: ‚Gestalt‘, ‚Vorbild‘. — [224] präng: ‚Gepränge‘, ‚Prunk‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
hin füeren, dass im herzen liege und das herz nit in figuren gewiesen werd. Was aber die figuren des neuen testaments seind, die sollen gespielt werden in comedi der zucht, 225 nit in anbetung, nit in reverenz, nit in zeremonien, sonder gedächtnus gehalten, darzue die comedia gnugsam seind, und das mit seinen züchten vollenden, und darbei alle ding im [121 v] herzen gehalten und tragen ohn end. Und gedenken, dass wir nimmer in Jerusalem und uf dem berg den bettstuhl haben, sonder fürhin im geist, welcher geist die neu geburt. Aus demselbigen sollen wir betten und in der wahrheit, das ist in gott, nit in ceremonis und dergleichen, und das alles ohn ärgernus und gaben, ohn wort und dergleichen. So unser herz dohin steht, so wird uns gott geben die erkanntnus des neuen liechts und von der finsternus erleuchten und nehmen.
[225] comedi der zucht: etwa ‚Schauspiel der Unterweisung‘, in dem tugendhafte Charakteren auftreten und den Zuschauern ein Beispiel geben. Wie Paracelsus weiter ausführt, soll man sich nicht in steifen Anbetungen und Zeremonien ergehen, sondern wie in einer spontan vorgetragenen „comedia“ frei aus dem Gedächtnis improvisieren und von innen heraus „in züchten“, d. h. vorbildlich und sittsam leben.
A15. Liber de potentia et potentiae gratia dei
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A15. Liber de potentia et potentiae gratia dei Von der Macht und Gnade Gottes (1533) [135 r] 1 Als wir nun wissen, dass aus einer wurzen ein baum wachse, des stamm und äst vielfältig seind, aus welchen zu seiner zeit bluest, 2 zu seiner zeit blätter, zu seiner zeit frücht aus ihm wachsen, deren der mensch geneust 3 und von ihnen gefuert 4 und gelabet wird, und doch alles, so die wurz nit do wäre, die andern alle nichts würden sein. 5 Und der ast kann nit sagen, aus mir ist die frucht oder die bluest oder das blatt. Es kann’s auch der stamm nit sagen des baums. Allda mueß es sagen die wurz, der stamm, der ast, und was aus ihnen geht, ist aus mir, und darzue das mark mitten im baum und ästen, ist mein, und ich bin’s. Das ist soviel geredt, dass allein vom ersten kommt und nit vom letzten. 6 Darum der, so von dem baum die frucht isset und sammlet, den ästen als ästen, dem stammen als dem stammen das lob geben soll, am allerersten aber der nahrung, auch deren, us der es alles fleußt. Also furthin 7 ist zu wissen, dass unter den menschen zweierlei art sind, das ist zweierlei bäum: ein baum, der dem vergleicht würd wie obsteht, und ein baum, der von demselbigen isset und sammlet. Als do steht ein baum aus der erden in seiner hübsche und zierd. Wie sein kleidung sein soll oder sein blüe 8 etc., das ist nun ein teil. Der ander, uf denselbigen baum kommen die immen 9 und saugen das honig heraus [135 v] und tragen’s in sein häuser. Daraus wirken sie ein weben,10 aus dem wachs und honig wird. Also die immen seind der ander baum und lebent von dem ersten baum. Dergleichen sollen wir wissen, dass also ein baum ist, der frucht trägt und bluemen, und ist vom menschen. Und dieselbigen frucht wird ausgesogen von den andern menschen, die nit aus dem baum seind. Das ist soviel als: „Ihr seind salz der erden, ihr seind liechter der welt.“ 11 Das ist soviel, ihr seind unter dem volk, unter meinen schafen 12 der baum, aus dem sie sollen saugen das honig und das
[1] H: H 1 135 r–148 r; M: ME 133–151. — [2] bluest: ‚Blüte‘. — [3] geneust: ‚genießt‘, ‚Nutzen hat‘. — [4] gefuert: ‚ernährt‘. — [5] zum Bild des Baums und den guten Früchten vgl. Jes 11,1; Mt 3,8.10 par.; 7,16–20 par.; 12,33 par.; 13,8.23 par.; 21,34–43; Lk 13,6–9; Joh 4,36; 12,24; 15,5; Röm 6,21 f.; Gal 5,22; Eph 5,9; Jak 3,17–19. Vgl. ferner Hes 31,3–14. — [6] Mt 19,30; 20,16 par. — [7] furthin: ‚ferner‘. — [8] blüe: ‚Blüte‘. — [9] immen: ‚Bienen‘. — [10] weben: ‚Wabe‘. — [11] Mt 5,13 f. — [12] zum Bild des guten Hirten und den Gläubigen als seinen Schafen vgl. v. a. Joh 10,12–14.
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Lesetext – Liber de vita beata
wachs zu dem ewigen leben, uf dass sie aus euch saugen, dass sie auch mügen ein weben machen, dass sie ihn machen uf das, dass in der ern 13 des schnitts die engel gottes von himmel kommen und saugen den weben honig und wachs heraus, denselbigen zum ewigen leben. Der baum des honigs unter den menschen ist also, dass do ein wurzen am ersten sei, aus dem sie wachsen.14 Nun ist die wurz allein der einig ewig gott, unser vatter. Aus dem wachsen wir. Der stamm, der ist Christus. Aus dem stammen 15 wachsen nun die äst. Das seind die, so er salz der erden geheißen hat, liechter der welt.16 Auch die, so er geheißen hat usgehn in die welt und predigen und verkünden das evangelion.17 Auch die, gegen den er gesagt hat, „uf wenn ihr eur hand legen, die werden sich wohl geheben und den teufel ustreiben, [136 r] die toten lebendig machen“ 18 etc. Der ander baum sind die, so do uf der wurzen Adae stand, und der stamm seind vatter und muetter, die äst ihr kinder. Und allein es sei dann, dass der baum von dem ersten baum gefuert 19 würd, sonst werden sie hunger sterben wie die immen, so sie kein bluemen finden und also in hunger müeßen sterben und verderben. Darauf nun so wissen, 20 dass im seligen leben die speis nit gesuecht wird von der erden wie das viech, sonder wird gesuecht von dem ewigen, wie die engel vom ewigen gespeist werden. 21 Dann das viech frisst wie das viech. So nun der mensch auch ein viech ist, so frisst er aus der erden wie das viech. Aber er soll kein viech sein, sonder ein ewiger mensch, darum er dann ewig gespeist werde. Dann er ist nit ein viech beschaffen, sonder ein mensch in die bildnus und gleichnus gottes, 22 und das viech ist ihm unterworfen im wasser, uf erden und im luft. 23 Darum aber, dass er ihr herr ist, darum so soll er sein ewigkeit in die herrschaft nit setzen, sonder das viech gebrauchen, so unter ihm ist, dem wurmigen leib zu einer speis, solang und er uf erden wohnet und lebt im selbigen leib, welcher leib herr ist des viechs. Aber derselbig leib, der herr ist, ist nit der leib, der von diesem baum saugt, der do wächst aus der wurz gottes unsers vatters. Sonder der mensch ist ein ewiger leib. 24
[13] ern des schnitts: ‚geschnittene Ernte‘; vgl. Mt 13,30.39. — [14] Jer 12,2. — [15] stammen] samen H. — [16] Mt 5,13 f. — [17] Mk 16,15; zum Missionsbefehl vgl. weiter Mt 10,5–42; 28,18–20; Mk 16,15–18; Lk 9,60; 24,47 f.; Joh 20,21 f.; Apg 1,8 f. — [18] Mt 10,8; vgl. Mt 10,1 par.; Mk 16,17 f.; Lk 9,10; 10,9.19; Apg 2,3. — [19] gefuert: ‚ernährt‘. — [20] wissen: ‚wisst‘. — [21] Ps 78,25; Mt 22,30 par. — [22] zum Mensch als Ebenbild Gottes vgl. Gen 1,27; 1Kor 11,7; 2Kor 4,4; Kol 1,15; 3,10; Jak 3,9. — [23] Gen 1,28. — [24] zum vergänglichen irdischen Leib und ewigen geistigen Leib vgl. 1Kor 15,35–49.
A15. Liber de potentia et potentiae gratia dei
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Dann sollt er sein nach gott gebildt und nach seiner gleichnus, so ist vonnöten, dass er untödlich 25 sei. Untödlich [136 v] ze sein wurd der mensch beschaffen, 26 darum auch in das pardeis gefüert, do kein tod in war, aber daraus gejagt und dem tod unterworfen. 27 Da verlor er das ein teil, so er war, das ist, er war nach bildnus gottes, aber nimmer nach seiner gleichnus. 28 Das nahm ihm der tod. Den hat Christus überwunden, 29 darum ist er hinfür untödlich wie im paredeis vor dem fluch. Dieweil nun also ein baum ist, der wächst aus gott dem vatter, aus Christo, und die heiligen seind sein äst. Und wir alle, die da stohnt uf dem baum, des wurz Adam ist, sollen von dem andern baum essen und unser erhaltnus 30 uf erden von ihm suechen, so sollen wir wissen, was unser erhaltnus uf erden ist, nämlich speis und trank als ein tägliche nahrung. Dann der tag will nit überhupft 31 sein. Er will, dass dem menschen sein speis geben werd. 32 Darum bitten wir um das täglich brot, 33 das wir müeßen täglich hon und nit darohn 34 sein. Darnach weiter, so ist die ander nahrung und erhaltung die gesundheit. Dieselbig sollen wir auch suechen, uf dass unser leib in gesundheit lebe und sterbe. 35 Dann durch die gesunden hat gott sein lehr ausgesandt. Dieselbig gesundheit ist nit ein tägliche notdurft, wie das brot der nahrung. Dann nit alle tag seind wir krank. Jedoch aber, so wir in tod krank lägen, 36 dass wir wissen, demselbigen auszuteiln, 37 wo zu nehmen und zu erlangen die hilf und arznei. Uf solches, so das ist, sollen wir wissen die gaben, die einem [137 r] jeglichen geben wird, 38 von oben herab zu nehmen und zu suechen, die alle uf diesem baum wachsen und ab demselbigen gebrochen werden. Dann zu gleicher weis, wie mannicherlei baum und mannicherlei frucht, do feigen, do nüss, do kästen, 39 also an dem baum die weisheit, die wahrheit, die künst, nachdem 40 von dem baum zu suchen vergebung der sünd, 41 uf dass wir das täglich brot nit [25] untödlich: ‚unsterblich‘. — [26] Gen 2,17. — [27] Gen 3,16–24. — [28] Nach der Vertreibung aus dem Paradies war der Mensch zwar noch nach dem Bild Gottes erschaffen, aber er war ihm nicht mehr gleich, da er nun sterblich und nicht mehr unsterblich war. — [29] Röm 1,4; 6,4.10; 14,9; 1Kor 15,20; 2Tim 2,8. — [30] erhaltnus: ‚Unterhalt‘. — [31] überhupft: ‚übersprungen‘, ‚vernachlässigt‘. — [32] Gen 6,21. — [33] Mt 6,11 par. — [34] darohn: ‚darohne‘ adv., ‚ohne das‘, ‚ledig davon‘. — [35] Spr 4,22; Hebr 12,12 f.; Jak 5,16; 3Joh 1,2. — [36] so … lägen: ‚wenn wir todkrank wären‘. — [37] auszuteiln: verm. ‚entgegenzuwirken‘. — [38] zu den von Gott verliehenen Gaben vgl. 1Kor 12,4–10.28–31; Eph 4,11 f. — [39] kästen] kessten H: ‚Kastanien‘. — [40] nachdem: ‚entsprechend‘. — [41] zur Vergebung der Sünden vgl. Jes 33,24; Mt 26,28; Mk 1,4; Lk 1,77; 3,3; 24,47; Apg 2,38; 5,31; 10,43; 13,38; 26,18; Eph 1,7; Kol 1,14.
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Lesetext – Liber de vita beata
zur verdammnus essen, 42 die gesundheit nit erlangen zu verdammnus, die gaben nit gebrauchen zur verdammnus, uf solliches alles, dass sie uns zum ewigen leben erschießen, 43 uf dass wir uf dem baum ewig währent. Zu gleicher weis wie Christus gesagt vom senfbaum, auf dem die vögel nisten, 44 das ist unser glauben, das ist unser frucht von diesem baum, in soviel wurzen, uf dass die engel gottes uf ihn nisten, zu gleicher weis wie die immen uf den bluemen der bäumen. Sonst werden wir nit mügen selig sein noch im seligen leben gefunden werden. Also sollen wir nit gedenken, darum dass Adam unser wurz sei und dass wir herrn der erden seind und des viechs etc., darum also in der herrschaft und uf der wurzen sterben. Nein. Sonder wir sollen gedenken, dass der tod überwunden ist und dass wir nimmer tödlich seind. 45 Darum ein ander wesen füeren und nit wie unsere altvätter die heiden gefüert haben, die tödlich warent. 46 So wir nun die ding, so gemeldt seind, im seligen [137 v] leben verstohn wellen, so ist noch, dass wir am allerersten wissen, dass gott in den dingen allen natürlich geworden ist und doch aber kein geschöpf. 47 Das ist soviel: der mensch ist ein geschöpf, gemacht von gott zum ersten, darnach gemacht aus gott zum andern mal. Darum der tödlich ist und der untödlich: der tödlich des alten lebens, der untödlich des neuen lebens. 48 Darum nun, dass der mensch untödlich geschaffen zu sein, und aber sich selbs in tod würft und der wieder überwunden ist und aber untödlich, aus der ursachen ist gott natürlich worden, und doch aber nit ein geschöpf. Sein natur, dass er natürlich ist, ist also: Er ist natürlich worden ein mensch. 49 Darum so seind wir us ihm zum andern mal geschaffen, uf dass wir wieder zum ewigen an den tod kommen. So wir nun dieselbigen seind, so mueß auch do ein ewigs speis sein, die den tod überwindt. 50 Darum so er selbs unser speis und trank, darum ist er natürlich. Dann der mensch ist natürlich, natürlich auch sein speis. Darum so ist auch natürlich, dass Christus sein speis sei und sein trank. Daruf dann folgt: „Der do isset mein fleisch und trinkt mein bluet, der hat das ewig leben.“ 51 Also ist auch natürlich gesein vor der geburt Christi, in dem dass er in dem ewigen gesein ist, und der sa[42] Lk 20,47; 1Kor 11,27. — [43] erschießen: ‚gedeihen‘, ‚nützen‘. — [44] Mt 13,32 par. — [45] zur Überwindung des Todes vgl. Joh 5,24; 8,51 f.; Röm 6,4; 1Kor 15,26.55. — [46] ähnlich Röm 5,14; zum Ablegen des alten Menschen vgl. Röm 6,6 f.; 2Kor 5,17; Eph 4,22–24; Kol 3,9 f. — [47] ähnlich Joh 1,3.10.14; 18,36. — [48] Thematik von 1Kor 15,35–49. — [49] zur Menschwerdung Gottes vgl. Ps 2,7; Jes 7,14; 9,5; Joh 1,14; 10,30. — [50] Joh 6,27.58. — [51] Joh 6,54.
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men, 52 dardurch die element seind ausgetrieben worden. Solches ist aus der natur geschehen, und gott ist sie gesein. 53 Dann nie kein kraft [138 r] ist gesein, die nit gott selbs gesein sei, wiewohl nit persönlich, aber sein kraft. Darum so ist gott der vatter in seinen tugenden natürlich gesein, das ist, in der natur. Was in der natur ist, das ist natürlich. Also auch ist er natürlich worden in worten und namen. Das ist, so gesagt ist worden, „stand uf vom tod, item du bist gesund“. 54 Jetzt ist das wort natürlich, natürlich auch darum sein kraft, so das wort wirkt. Also ist gott in allen dingen natürlich worden, gott der vatter in seinen tugenden natürlich worden. Darum samen 55 und wörter, kräuter und namen kraft haben, und die kraft sollen natürlich geheißen werden, dann gott ist do natürlich worden. Das kraut ist ein geschöpf, aber die kraft nit, und seind beed 56 natürlich. Aber Christus ist mensch und geist natürlich 57 worden, und doch kein geschöpf. Aus den natürlichen kräften ist not, im seligen leben zu leben, dann ohn sie mag es nit sein. Darum soll kein kraft wider ihn stohn, bäum, kräuter, wurzen, wörter, namen etc. nit verspott werden. Dann gott ist natürlich in denselbigen dingen, der soll unveracht bleiben, und der weis mann veracht ihn auch nit. Darum sagt Paulus, dass alle die gaben, so wir haben, sie seient geteilt wie sie wellen, alls 58 aus einem geist kommen. 59 Derselbig geist ist der herr, derselbig herr ist gott. Das ist, es ist alls eins. Daraus nun folgt, dass alles, das wir uf erden hont, [138 v] aus gott do ist, nichts ausgenommen. 60 Nun ist es bei uns nit alls ein geist, sonder alls ein natur, als macht ein kraut einen gesund, so hat’s gott gewirkt. Nun ist das kraut nit ein geist, sonder natürlich ein leib, also ist auch sein tugend. 61 Macht einer einen mit eim wort gesund, so ist derselbig natürlich, natürlich auch sein wort, und sein wort ist kein geist. Dann der mensch redt’s, der ist natürlich. Nun hat der mensch den nit gesund gemacht, gott hat ihn gesund gemacht, in kraft, dass er natürlich ist. Und in kraft der natur das geton, das im natürlichen wesen. Darum ist das angezeigt nit zu einer red, weisheit oder z’einer gelehrti oder einer kunst, und dass dieselbige red seie ein geist. Nein, sonder sie ist natürlich, und doch der geist. Aber der geist gottes im menschen ist natürlich, wie [52] 1Petr 1,23. — [53] Anklang an Joh 1,1–4. Die Auffassung der Natur als Gottheit ist ein beliebtes mittelalterlichs Motiv, vgl. Gantenbein 2004, Goldammer 1991, Modersohn 1997. — [54] Mk 5,41; Lk 7,14; 8,54. — [55] samen] stamb H. — [56] beed: ‚beide‘. — [57] natürlich: ‚der Natur nach‘. — [58] alls: ‚alles‘. — [59] 1Kor 12,4. — [60] Mt 6,33; Apg 17,24. — [61] tugend: hier die Arzneikraft eines Steins, einer Pflanze usw. —
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auch der mensch. 62 Darum soll sich niemands verwundern, dass der geist gottes natürlich ist im menschen. Dann der sohn gottes ist auch natürlich, und sein geist in seiner person auch natürlich. Also auch im menschen, der ewig ist, ist er auch natürlich, und nit in eim fliegenden 63 ding. Dann obschon die stimm ein wort gibt, und das wort ist unsichtbar, so mag’s doch nit unleiblich geheißen werden, sonder leiblich, dann es ist natürlich. Die natur hat in ihr unsichtbar kräft und sichtbar kräft, unsichtbar leib und sichtbar leib, und seind alls leib und natürlich. Vermag ein kraut ein kraft und das kraut ist sichtbar und ist greiflich [139 r] und ist natürlich, so vermag’s auch das wort, wiewohl es unsichtbar ist und nit greiflich, aber natürlich. Und darum soll sich niemands entsetzen in dem, dass sichtbar und unsichtbar, greiflich und ungreiflich die kräuter gefunden werden. Gott wirkt in allen, und ist alles ein gott und ein herr, der alles in allem ist. 64 Dann wunderbarlich seind seine werk und sein arbeit, 65 und will auch wunderbarlich gesehen werden. Darumben, so er wunderbarlich ist, sollen wir demselbigen nachgeben und die ding im grund verstohn, uf dass wir’s nit dem teufel zulegen, das aus gott ist, oder ein guettat verwerfen, aus gott beschehen uns zu guetem, und sagen, es ist vom teufel. Aber des baums beschreibung ist also. Gott der vatter ist, der die wurzen ist, und ist ein solche wurz, dass er mag alles das tun, das im himmel und erden ist und will, und das vollkommen. So er aber das tun will, so tuet er’s nach ordnung des baums, das ist, dass er allemal ein wurzen sei. Es geschehe uns, was da welle, so ist allemal er die wurzen. Nun gibt es ein sondern baum, an den so beschrieben ist. Das ist also: Er ist der, der do beschaffen hat, was im himmel und erden ist. 66 Und us demselbigen wächst dem menschen alle seine notdurft, das ist sein essen, sein trinken, sein arznei, sein kleidung, kalts und warms. Das alles seind heidnische [139 v] hilf, den 67 heiden geschaffen, die ab dem saugen wie die immen, jedoch aber nit zum seligen noch einigen 68 leben, sonder zum tödlichen leben. 69 Und ihnen wird auch zu saugen geben, und gnug, aber allein das zergänglich. Aber das, so zum ewigen leben und zum seligen dient, dasselbige wird nit ohn Christum, das ist ohn denselbigen stammen an uns gelangen, sonder geht us gott dem vatter durch Christum in uns. Und was so weit kommt, dass es us gott [62] Thematik von 1Kor 2,10–16. — [63] fliegenden ding: verm. ‚flüchtigen Dinge‘. — [64] pantheistischer Anklang, vgl. 1Kor 15,28. — [65] Ps 139,14. — [66] Ps 89,12; 102,26; Kol 1,16; Offb 10,6. — [67] den] dem H. — [68] einigen: ‚einzigen‘. — [69] Röm 7,24; 2Kor 4,12.
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dem vatter geht in den stammen Christi, dasselbige dient weiter zum ewigen leben und seligen. Was aber von der ersten person des vatters in die person des sohns nit langt, das dient alles zum tödlichen. Nun ist darum das die ursach, dass gott der vatter seinen teil für und für gehandelt hat, wiewohl 70 mit dem sohne der heilig geist. Jedoch aber so seind die person nit do gesein. Dann die person Christi hat ihr geburt genommen jetz vor 1533, wiewohl er vorhin auch gesein ist in der drifaltigkeit. Do aber ist die person vollkommner worden als ein sohn, das ist als ein mensch. Und die menschheit ist die ander person in der drifaltigkeit. Dann ewig bleibt er ein mensch, wie er dann ein mensch erstanden ist. Darum vor dem, ehe und er ein mensch ist geborn, da ist der baum nit ganz gesein, das ist, er ist nit gangen aus gott dem sohn, sonder allein in gott blieben. Darum ist nichts zum seligen leben zur selben zeit gewachsen bis uf [140 r] Christum. Do ist es gangen von gott dem vatter in gott den sohn. Jetzt hat es zur seligkeit und seligen leben sich genähret 71 und gemehrt. Jetzt ist der baum angangen, der do tragen hat das ewig honig. Aus dem baum seind nun wir gewachsen. Darum, was der baum bringt, darvon müeßen wir essen und trinken und leben zum seligen und ewigen leben. Dann wie ein baum aus der erden beschaffen ist und der mensch auch, darum der mensch von der erden essen mueß. Also aus Christo seind wir, aus ihm müeßen wir auch essen. Also nun weiter, so nun die kraft gott des vatters in den sohn geht, so geht sie aus dem sohn in die äst. Dann wo ist ein baum ohn äst? Das ist, wo ist ein wurzen ohn ein stammen, wo ein stammen ohn ein ast? Nun langt 72 es durch die äst allein, seind 73 der heilig geist, der durch gott aus dem vatter, das ist vom vatter in sohn, vom sohn in heiligen geist. Der vatter ist die wurz, der stamm der sohn und das mark aus gott dem vatter, der heilig geist die äst. Nun ist der heilig geist nit allein für sich selbs do, sonder er ist in denen, in die er geschickt wird, das ist, er ist in den heiligen. 74 Us dem folgt nun, dass die äst die heiligen seind und im heiligen geist und der heilig geist. Dann Christus hat den heiligen geist gesandt in die menschen, in die apostel. 75 Darum haben sie das geton, das der sohn vermeldt [140 v] hat, das ist, das Christus geton hat. Also langt es, dass die wurz ihr kraft in stammen gesteckt hat. [70] wiewohl: ‚und ebenso‘. — [71] genähret] genehnet H: eher von „nähren“ als von „genahen“, „genähen“ (verstärktes „nahen“). — [72] langt: ‚gelangt‘, ‚gereicht‘. — [73] seind: ‚sie sind‘. — [74] heiligen] hailigen gaist H; ganz offensichtlich sind hier die Heiligen im Sinne der Apostel gemeint und nicht der heilige Geist. — [75] Apg 2,1–4.
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Darum hat Christus geton, was sein himmlischer vatter geton hat, wie er angezeigt hat: „Die werk, die ich tue, seind nit mein, sonder meins himmlischen vatters. Auch so ich nit vom vatter wär, so tät ich seine werk nit, auch der vatter in mir und ich in ihm.“ 76 Das ist soviel als spräch ein stamm 77 an eim baum: „Wär ich nit us der wurzen do, ich brächt die frucht der wurz nit. Darum bei der frucht, so ich bring, so erkennen mich, 78 dass ich aus derselbigen wurzen bin, aus der die frucht geht.“ Also weiter, die äst mügen sagen: „Wir tunt die werk des stammens, darum dass wir vom stammen heraus gewachsen seind.“ Das ist soviel geredt: der sohn tut das, so sein vatter tut und tun mag. 79 Also auch die heiligen tunt, das Christus ton hat, wie dann Christus sagt, „sie werden ein mehrers tun“. 80 Es ist genueg, dass der jünger sei wie der meister. Welcher us gott ist, der tuet auch göttlich werk. Darum so seind die heiligen an dem ort aus dem stammen, darumben so tunt sie auch das, so der stammen geton hat. Als der stammen hat tote leut lebendig gemacht, 81 blinden gesehend, 82 ussätzigen gereinigt, 83 teufel usgetrieben 84 und dergleichen mehr. Das er ton hat, das tuent jetzt seine äst, das ist, seine heiligen. 85 Dann aus der wurz seind sie gewachsen, aus der Christus ist, und aus dem stammen, der Christus ist, daraus entspringen sie. Darumben so ist in ihnen der heilig geist, der [141 r] do erfüllt das end des baums, der in allen dingen do fruchtbar ist, und das inkrement, 86 die kraft, macht daraus dann, dass die frucht wächst. Er ist in der wurzen, er ist im stammen, er ist in ästen, das ist, er ist bei gott, beim sohn, bein 87 heiligen, und ist alles derselbig und der ewig gott, der heilig geist. Also auch fürhin mit den früchten des baums, aus dem wir müeßen uns erhalten und fueren. Das seind nun die werk, die sie tunt, und das also: Gott der vatter ist für sich selbs ein baum gesein, den heiden und den ersten kreaturen. Vom selbigen essen die tödlichen körper, die da sterben, die da seind aus der erden und fallen wieder in die erden, 88 deren bauch allein ihr leben ist und ihr seligkeit in zeitlichen dingen suechen und sich befreun 89 in dem, das die erden gibt, und weiter nit mehr begehrn als allein, in dem ihr hoffnung, fried und ewigkeit suechen. [76] Joh 10,25.37 f. — [77] stamm] som H. — [78] Mt 7,16.20; Offb 2,23. — [79] Joh 5,20; 10,25.37. — [80] Joh 5,20; 14,12. — [81] Mk 5,35–42 par.; Lk 7,12–15; Joh 11,1–44. — [82] Mt 9,27–30; Mk 8,22–25; 10,52 par.; Joh 9,6–11. — [83] Mt 8,2 f. par.; Lk 17,12–14. — [84] Mt 8,28 par.; 9,32–34; 12,22–28 par.; 17,18 par. — [85] Joh 5,20; 14,12. — [86] inkrement: ‚Wachstum‘, ‚Gedeihen‘. — [87] bein: ‚bei den‘. — [88] Gen 3,19; Ps 104,29; Pred 12,7. — [89] befreun: ‚erfreuen‘.
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Weiter nun so ist Christus für sich selbs auch ein baum gesein, das ist soviel, dass aus Christo seind lehr und werk gangen ohn äst, allein durch sich selbs, wie dann auch durch gott den vatter beschehen ist, do er himmel und erden beschaffen hat. Und wie aber der vatter zum tödlichen, also der sohn zum ewigen gebührt 90 hat und frucht geben, von dem wir uns erhalten in ewigkeit. Aber nicht ist der baum ganz worden, indem dass gott der vatter nichts tuet [141 v] ohn den sohn, der sohn fürhin nichts ohn den heiligen geist, darum er ihn sonderlichen gesandt hat. 91 Also aus dem ist nun entsprungen, dass gott der vatter von seinen werken ufgehört hat, allein dem sohn übergeben, do ze tun nach des sohns gefallen, der sohn dem heiligen geist, das ist, seinen heiligen befohlen. Dieselbigen seind nun seine äst und seind, die da bleiben in ewigkeit bei ihm und in dem baum. 92 Darumben, was nun weiter geschicht, das geschicht usnem 93 ganzen baum, vollkommen baum, das ist, nit allein aus der einigen person des vatters, nit allein aus der einigen person des sohnes, nit allein aus der einigen person des heiligen geists, sonder aus der person des vatters im sohn. Wie dann der sohn sagt: „So war ich in ihm und er in mir.“ 94 Darum so geht die wurz für 95 sich selbs nimmer aus, sonder geht in den stammen, und der stammen für sich selbs allein nit, sonder wie er im vatter ist und der vatter in ihm. Also uf solches so seind die zwo personen im heiligen geist und er in ihnen. Und im heiligen geist beschleußt sich dieser baum. Und vom selbigen saugen wir die frucht und das honig, das uns zu dem ewigen leben dient, aus dem alle seligen sich fuern 96 und erhalten und nähren uf erden, uf dass sie nach diesem leben zu dem ewigen kommen. Dann sie seind die, so hie uf erden ewig seind. Aber ewig werden sie nit geacht, vonwegen [142 r] dass ihr reich nit ist von dieser welt, 97 bis sie kommen in das reich gottes. Da wird das ewig leuchten. 98 Jetzt folgt uf das die geschrift Pauli, der do sagt, dass niemands mag sprechen „Jesus“, er spräch’s dann durch den heiligen geist, 99 das ist, er hab dann von dem baum gezogen denselbigen saft. Das ist, niemands kann ihm selbs ein biren 100 oder ein apfel spüren oder merken, er hab sie dann gessen oder genossen. Also do auch, niemands kann von die[90] gebührt: ‚sich erhoben‘, ‚sich aufgemacht‘. — [91] zur Aussendung des heiligen Geistes vgl. Joh 14,16.26; 15,26; 16,7; Apg 2,1–4. — [92] ähnlich Kol 3,1. — [93] usnem] vssnem H: ‚aus einem‘. — [94] Joh 6,56; 10,38; 15,5; zur Vollmacht des Sohnes vgl. Joh 5,19–30. — [95] für sich selbs: ‚von sich aus‘. — [96] fuern: ‚nähren‘, ‚füttern‘. — [97] Joh 18,36. — [98] Dan 12,3; Mt 13,43. — [99] 1Kor 12,3. — [100] biren: ‚Birne‘.
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sem baum sagen, er hab dann dasselbig aus ihm gesogen und genossen. Uf das nun folgt, dass von diesem baum viel gesogen und gezogen wird und mannicherlei, und ist alles ein baum. Nit dass es ein baum sei, der allein ein frucht trägt. Wohl ein frucht, aber mannicherlei geschmack. Das ist, dieser baum ist allein der heilig geist, das ist sein einige frucht. Derselbig aber ist in viel weg ausgeteilt,101 das ist, vielerlei gibt er. Dann wie dies manna vom himmel gefallen war,102 und die sie aßen, dieselbigen aßen do ein jeglicher, was er wollt. Darnach schmeckt es ihm.103 Also ist die frucht an dem ort. Auch welcher von diesem baum den heiligen geist neuset,104 demselbigen schmeckt er auch in dem, das er da absaugen will und genießen. Uf das folgt nun, dass eim jeglichen der geist geben wird, wie er ihn begehrt.105 Dem der geist der weisheit, dem andern der geist des wissens, dem der geist des glaubens, den andern der geist des gesundmachens, dem andern [142 v] der geist der macht, den andern der geist der weissagung, dem andern der geist der zungen etc. Und aber wie ein manna war, die vom himmel den kindern von Israhel gefallen und geben war, also do auch allein ein geist uf uns christen, wie allein ein manna uf Israhel. Aber warnach 106 ein jeglicher will und suecht, dass ihm derselbige geist schmecken soll, also schmeckt er ihm. Darumben, soviel häupter, soviel zungen, soviel seind auch der begierden gesein in Israhel über die manna. Soviel auch unter den christen, als viel häupter, so vielerlei sonderlich begehrn ein jeglicher für sich selbs. Das ihm belust,107 in demselbigen lust geht derselbige geist. Und ist alles der einig geist von diesem baum, aus dem wir alle leben und wohnen im seligen leben zu dem ewigen. Und was weisheit, vernunft, fürsichtigkeit, kunst, macht etc. aus diesem geist nit fleußt, dasselbig hat keinen bestand noch bleiben, sonder so die stund kommt der notdurft, so fällt ein guss 108 herein und füert das alles hinweg. Das aber von der frucht, so der heilig geist ist, neuset, das bleibt ewig.109 Dann er ist uf Christum gebauen und Christus uf gott unsern himmlischen vatter, in dem weder anfang noch end ist.110
[101] zu den Gaben des heiligen Geistes vgl. Mt 10,1 par.; Mt 10,8; Mk 16,17 f.; Lk 9,10; 10,9.19; Apg 2,3. — [102] zum Manna, dem Brot vom Himmel, vgl. Ex 16,31–35; Num 11,6–9; Dtn 8,3.16; Jos 5,12; Neh 9,20; Ps 78,24; Joh 6,31.49; Offb 2,17. — [103] ihm] nit H, von anderer Hand korrigiert Jm. — [104] neuset: ‚genießt‘, ‚aufnimmt‘. — [105] 1Kor 12,11. — [106] warnach: ‚wonach‘. — [107] ihm belust: ‚ihn gelüstet‘. — [108] guss: ‚Hochwasser‘, ‚Überschwemmung‘. — [109] ähnlich Gal 6,8. — [110] ähnlich Offb 1,8.11; 21,6; 22,13.
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Also teilt gott durch den heiligen geist aus vielerlei, nit allein ein handwerk, sonder viel hunderterlei handwerk, auf dass der mensch sehe, wie wunderbarlich der geist sei, aus dem die ding alle gehnt. Dem gibt er die kunst zum malen, [143 r] dem zu schmieden die metallen, dem zu reinigen die metallen, dem zum holz, dem zun steinen, und ein jegliche in viel handwerk. Darauf wissen, dass ein jeglich handwerk zwiefach in ihm selbs ist. Das ein ist das wissen, das einer vom menschen lernt, das ist von seinem lernmeister, das ander ist, das einer von diesem geist lernt, als 111 malen mag ein mensch den andern lernen. Das aber also gelernt wird, ist nit gab des heiligen geists. Sonder so einer die kunst darzue kann, das ist die gab, dass einer malet, in dem man sich verwundern mag und soll. Do spürt man den heiligen geist, dass er do gespeist hat. Als ein glas lernen machen, ist kein kunst dem, der es von andern lernt. Der es aber gefunden hat von neuem, der hat der kunst lob. Do spürt man im selbigen den heiligen geist, welcher dann der ist, der mehr kann zum selbigen bessern etc., do spürt man ihn aber. Der aber allein bleibt, wie ihn der mensch lernt, do spürt man keinen heiligen geist. Also auch, der die metallen gefunden hat, sie zu erkennen im berg, sie zu scheiden vom erz, sie zu bringen in die metall, nachfolgend dieselbigen metall in instrument, das seind do, in den der geist gottes gesein ist. Dann beim menschen ist das alles unmüglich, und all sein weisheit, vernunft und was in ihm ist, vermag das nit zu erkennen, geschweigen dass er’s sollt dahin bringen, dohin sie [143 v] gehört. Die nun von den ersten gelernt hont, dieselbigen lernen vom menschen, und aber sie leben vom geist. Dann der geist hat es in menschen bracht, und also ist es vom ersten bis zu dem letzten kommen. Darum ein jedlicher sich dasselbig lernen soll, das, so er kennet aus dem geist gottes do zu sein. Und ob ihn gleichwohl der mensch das gelernt hat, und nit mehr kann, dann soviel er gelernt hat, so nimmt sich doch der anfang vom heiligen geist.112 Wer ist nun der uf erden, der nun müge den geist gottes in handwerken gnuegsam erkennen und erfahrn? Wie vielerlei derselbig seind und wie wunderlich, so mannicherlei gemacht werden durch den menschen, die alle unzählbar seind, so weit die welt ist.113 Dieweil nun ein schuch 114 machen, das ein mindst 115 handwerk ist, so seltsam von der kue 116 kommt, bis zum schuch wird, wieviel mehr in metallen, in andern dingen, der wollen, der leinwat 117 und dergleichen, [111] als: ‚wie zum Beispiel‘. — [112] Apg 11,15. — [113] Gen 22,17; 32,12; Jer 33,22. — [114] schuch: ‚Schuh‘. — [115] mindst: ‚geringes‘. — [116] kue: ‚Kuh‘. — [117] leinwat: ‚Leinwand‘.
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die alle dem menschen unmüglich seind zu erzählen. Also triumphiert der geist gottes uf erden unter den menschen. Dermaßen auch mit der austeilung der gesundheit. Do gibt er dem ein wissens 118 zu der krankheit in dem weg und einem andern auch ein wissen zur selbigen krankheit in eim andern weg, dem dritten auch, auch dem vierten. Und ist doch alles ein kauf und ein wissen, wie ungleich die [144 r] corpora seient 119 und die arznei.120 Diesem gibt er’s zu einer krankheit, dem andern zu zweien, dem zu dreien, vieren, fünfen, mehr und minder. Diesem gibt er’s in der ordnung, diesem in einer andern ordnung, und einem jeglichen das wissen, domit er hilft. Jetzt gibt er’s uf die zeit, dem uf die zeit, teilt es aus, nachdem und 121 der will gottes verhängt.122 Darum keiner den andern soll schelten, so er doch tuet, das er tun soll, und vollbringt sein werk von deswegen, dass er gleich nit tuet wie der ander tuet. Es soll mannicherlei ärznei die wunden heilen, die brüch heilen. Ist nit allein in ein arznei gebunden, sonder in viel arznei. Dem gibt’s der geist also, dem also, dem anderst und dem auch anderst, und doch aber so werden die wunden geheilt. Also auch der wurzen, der somen, der kräuter, der gummi, der pulver, der datur 123 der pflaster, der salben, der wörter, der segen, der den namen,124 und aber alles us demselbigen geist, der die frucht an dem baum ist, der do die manna ist der kunst und weisheit, aus dem wir alle saugen und essen, nachdem und wir begehrn. Die ärzt seind natürlich, die andern seind übernatürlich,125 und seind beede 126 von gott. Der teufel ausstreibt mit yppocras 127 und der ihn austreibt mit dem namen,128 hant beid aus gott gewirkt und ihr kraft genommen. Der [144 v] do spricht zum blinden „gesich“, und er gesicht,129 und der do collyria130 braucht dem blinden und macht ihn auch gesehen, seind beid aus gott da. Der
[118] wissens: ‚Kenntnis‘. — [119] seient] sehenndt H. — [120] wie … arnzei: ‚wie verschieden die menschlichen Körper sind und die möglichen zu verordnenden Arzneien‘. — [121] nachdem und: ‚je nachdem‘. — [122] verhängt] verhenckht H: ‚zulässt‘. — [123] datur: vermutlich im Sinne von ‚Zutaten‘, ‚Ingredienzien‘. — [124] Paracelsus zählt einerseits verschiedene arzneiliche Grundstoffe bzw. Zubereitungen auf, andererseits Segenssprüche und Kraftworte, die eine heilende Wirkung ausüben sollen. — [125] Die natürlichen Ärzte verwenden Arzneien aus der Natur wie Mineralien, Pflanzen und Tierprodukte, die übernatürlichen greifen auf magische Methoden und Gebete zurück. — [126] beede: ‚beide‘. — [127] yppocras: Kräuterwein. — [128] namen] Nanien H, falsche Lesung; hier ‚Wort der Kraft‘, ‚Zauberspruch‘ oder im Namen Christi bzw. der Dreifaltigkeit. — [129] Mt 9,27–30; Mk 8,22–25; 10,52 par.; Joh 9,6–11. — [130] collyria: ‚Arzneien für die Augen‘, ‚Augenwasser‘.
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durch balsam die lahmen grad macht, und der sie gerad macht mit dem wort, „stand auf und nimm dein bett, trag’s hin“,131 die zween seind beid aus gott do. Die jünger Johannis warent aus gott do, die jünger Christi auch aus gott. Dann niemands gebrauchet eigens reden, so gott mit ihm ist. Darum sollen wir im seligen leben das in all weg betrachten, dass wir einander in solchen kräften nit verspotten, dann us dem fleußt Racha und der nam „fatue“: 132 welcher das tuet, der ist des gerichts verfallen und die straf.133 Dann es ist ein lästerung in heiligen geist, so einer den andern veracht in seinen werken, darum dass er nit gerad seins dings ist.134 Ein jeglicher soll bedenken die wunderbarliche gaben des heiligen geists, die er seltsam in seltsam leut verbirgt und darnach eröffnet. Also seind auch austeilung der gaben in der weisheit: dem zu dem, dem zu dem, und also einem jeglichen ein weisheit zu einem ding, anderst und anderst.135 Darum so zwanzig oder dreißig, minder oder mehr in einem rat sitzen, haben sie alle die gab der weisheit. Und ob gleichwohl ein jeglicher ein besonder gab hat, und doch alle uf ein end [145 r] und in ein end, so sollen sie darum nit alle zesammen stimmen oder nach dem mehrern handlen, sonder einem aus ihnen, es sei gleich, welcher’s well. Als so einer gehauen wird, so seind zwanzig ärzt do. Ist nit do zu urteiln, ich will zu dem oder zu dem, oder wohin ratest du? Sonder also sie seind alle aus gott gelehrt und können’s all, ob sie schon nit uf eim weg seind. Darum der nächst der best, das höchst im rat ist, so man ihn erkennen kann und mag denselbigen, der von gott gelehrt ist und demselbigen folgen. Dann die, so nit von gott gelernt seind, dieselbigen sollen folgen denen, so von gott gelernt seind. So aber ein rat das nit verstohn und sich selbs nit erkennen, sonder außerhalb der erkanntnus handlen, so ist es ein irrsal und ein zerrüttung desselbigen reichs oder kommunen. Dann wie ihr sehent, es sitzen hundert schuhmacher in einer stadt. Wer will da ein märi 136 machen, welchen zu folgen sei oder welche es können, so sie’s doch alle können? Ist nit einer wie der ander? Darum, so nit ein rat ist, do alle die, so im selbigen sitzen, aus dem geist gelehrt seind, und ob sie gleich nit schon eins wegs fahren, so ist doch ein weg wie der ander. Welchem gefolgt wird, demselbigen soll man nachgohn und weiter kein hirn darauf spitzen.137 [131] Mk 2,9.11; Joh 5,8.11 f. — [132] fatue: Vokativ von „fatuus“, ‚Narr‘, vgl. Mt 5,22 (Vlg). — [133] Mt 5,22. — [134] nit … ist: ‚nicht so denkt und handelt wie er‘. — [135] 1Kor 2,12 f.; Eph 1,17–21. — [136] märi] meri: ‚Abstimmung‘. — [137] kein … spitzen: ‚nicht weiter darüber nachgrübeln‘.
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Dann also wie gemeldt, so wir betrachten die mannicherlei gab des heiligen geists, so er austeilt in der weisheit, dem also, [145 v] dem also, und aber allen in ein seligs leben, nit zur unreinigkeit, nit zum eigennutz, nit zur hoffart, sonder alles in die liebe gottes und des nächsten,138 so dass alle weisheit allein ist, dass wir in die zween punkten am letzten wandlen und wandern. Darum von deswegen sollen wir den heiligen geist suechen, dieselbigen weisheit uns zu geben. Dann er weißt 139 uns zu füeren in die liebe gottes und des nächsten, wie der weg gaht zu ihnen, und wir wissen’s nit. Also seind auch gaben vom geist, die aus dem baum werden gesogen, die die obrigkeit antrifft. Dieselbig ist auch nit einerlei, aber doch alle ein oberkeit aus gott. Die richt mit der strenge, die mit der milde, die mit der härti, die mit der güete. Und aber wie ein jegliche ihr regierung aus gott gesogen hat, also steht ihr wohlan, dass sie’s dermaßen aufspüern. Dann dem menschen ist nit müglich, dass er wisse zu regiern das volk, allein er hab dann die gnad von diesem baum, das ist, die frucht gessen des heiligen geists.140 Dann wer kann in die herzen der menschen sehen als allein gott? 141 So mueß einer, der do will regiern, die herzen der menschen sehen und nach demselbigen wissen zu handlen. Darum sicht er in ihr herz nit, so regiert er irrig und schwer und ist dem land übel und schad. Der aber aus dem heiligen geist regiert, derselbig regiert wohl, ob er schon streng [146 r] ist, hart, rauch,142 grob. Er 143 erfahret also seiner untertonen herzen, daruf ihn weist der heilig geist. Also auch ist er mild, gütig, gnädig, barmherzig gegen seinen untertonen. Und ob sie gleich bös seind und sündig, so erfreuet aber ihr herz, dass sie mit güete mehr zu bestohn seind dann mit der härti. Also weist der heilig geist wie ein ungehorsamer, ein böser, ein sünder, durch sein oberkeit anzugreifen ist, uf dass sie 144 durch die straf, sie sei rauch oder mild, gebessert wärent. Darum, welche aus der oberkeit seind und nit wie ein imm das honig saugt aus dem blumen, also auch die oberkeit den gwaltverstond 145 nit aus dem baum, do der heilig geist die frucht ist, nimmt, so ist sein regiern nach der zeit schädlich und ärgerlich, und nimmer nit glücklich endet. Und nit allein die oberkeit seind, sonder vatter und muetter, meister, gebieter und ander, die unter ihn haben zu weisen, zu füeren, sollen ihr weisheit, verstand, vernunft etc. ab dem [138] Lk 10,27. — [139] weißt: ‚weiß‘. — [140] zu den Früchten des Geistes vgl. Gal 5,22; Eph 5,9. — [141] Gott kennt unsere Herzen: Ps 44,22; Spr 24,12; Jer 12,3; Lk 16,15; Röm 8,27. — [142] rauch: ‚rau‘. — [143] er] sie H. — [144] sie] er H. — [145] gwaltverstond: ‚Einsicht in das Herrschen‘.
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baum nehmen. Dann do erfährt einer, was demselbigen not ist, damit er abgewendt mag werden von dem bösen und üppigen.146 Ab dem baum werden auch gelehrt, wie 147 geregiert sollen werden und das volk gefüert, nit nach dem baum, der allein dem bauch geschaffen ist und den augen, sonder nach dem [146 v] baum, der des seligen leben ursprung und behalter 148 ist. Dann wie ein jeglicher sein gwalt, sein weisheit braucht (der, so aus dem baum gesogen hat), so ist er gerecht im gwalt, gerecht in der weisheit. Und sein gwalt und sein weisheit hat ein bestand zur ewigkeit und bleibt ihm ewig, dann da ist nichts zergänglichs. Also nit allein wie gemeldt ist, die frucht zu erkennen, sonder in viel mehr unzählbarlich 149 weg die ding sich befinden. Darum so ist es also mit der göttlichen macht und kraft zu verstohn, dass der heilig geist die frucht ist, von dem wir essen sollen, zu gleicher weis wie ein kers 150 von dem baum. Aus dem seind nun die toten lebendig worden, das ist durch die apostel,151 die also die kraft do ersogen haben. Und also all ander heiligen, die haben große ding geton, kranken gesund gemacht, ussätzigen gereinigt, die teufel austrieben.152 Die arznei ist alle aus der wurzen gewachsen, von der der heilig geist die frucht ist worden. Und ist ein solliche frucht, dass sie einem jeglichen kranken, wie derselbig beschaffen ist, guet ist und nutz, nit allein zu einer krankheit, sonder zu allen, wie manna nit allein auf ein geschmack, sonder uf all zungen gericht, also auch auf alle kranken gericht und geben. Das ist unser manna, von dem wir leben, essen und trinken. Der do aussaugt das fleisch und bluet Christi, der ist ein [147 r] neuer mensch, ein ewiger mensch und eines neuen limi.153 Darnach saugt derselbig ab dem baum, der die weisheit zu gwalt, der die weisheit zu der tiefe der gottheit, der die weisheit der vernunft, der die arznei des worts, der die arznei der kräuter, der die arznei der seligkeit, der die kunst der metallen, der die
[146] üppigen: ‚Ausschweifenden‘, ‚Hochmütigen‘. — [147] wie] die H, von anderer Hand korrigiert wie. — [148] behalter: ‚Erhalter‘, ‚Erretter‘. — [149] unzählbarlich: ‚unzählige‘. — [150] kers: ‚Kirsche‘. — [151] Sowohl Petrus (Apg 9,37–41) wie auch Paulus (Apg 20,9–12) weckten Tote wieder auf. — [152] Apg 5,12–16; 14,8–10; 19,11–16. — [153] limi] leben H, von anderer Hand korrigiert limbj. Den Erdkloß oder Limus gemäß Gen 2,7 und Tob 8,8 (Vlg), aus dem Gott den ersten Menschen Adam gemacht hat, überträgt Paracelsus auf den Leib Christi (1Kor 12,12–27), der aus einem neuen Limus bzw. Limbus gemacht ist. Der Limus wird damit zur Grundsubstanz der neuen Kreatur (2Kor 5,17; Gal 6,15), die im Abendmahl auf den gläubigen Christen übertragen wird.
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Lesetext – Liber de vita beata
kunst des holz, der die kunst des lernens, der die kunst im himmel und firmament, der die kunst der sprach und red, und also ein jeglicher nachdem und er saugt. Und aber was ein jeglicher saugt aus diesem geist, dasselbig alles beschleußt sich in die liebe gottes. Das ist, das sie all uf die liebe gottes gebraucht und genossen werden und dieselbigen nutzen. Dann je mehr ein meister einen schüeler lernet, je holder 154 ihm der schüeler ist. Also auch dergleichen dienen 155 sie all in die liebe des nächsten.156 Dann was wir do haben vom heiligen geist, es sei weisheit, so dienen sie dem nächsten, es sei arznei, so dienen sie dem nächsten, und also für und für mit allem. Was aber nit ist in der liebe gottes und des nächsten gericht,157 das geht nit aus dem heiligen geist. Darum die im seligen leben allemal sollen sich befleißen, diese erkanntnus zu hon, uf dass ihr wissen, was in die liebe gottes und des nächsten gang, dasselbige mit hohem fleiß zu finden und annehmen und nit 158 lassen einwurzen, [147 v] das wider die zwei sei, dann durch das zerstört sich das selig leben. Darum im beschluss dieser dingen allen, wie wir also in die gaben ausgeteilt seind,159 sollen wir wissen, dass das alles, so in uns ist, gottes kraft ist in uns.160 Darum so mag ich wohl sagen, dass in sant Peter gott sei, dann darum, er hat die toten auferweckt,161 und mag also wohl sagen, dass gott sein kraft nit allein in seiner hand behalt, sonder auch gibt in ander händ, das ist in seiner heiligen händ. Dann der do gesagt hat, „vergeben die sünd euren schuldnern und ihr missetat wider euch“,162 so vergibt euch gott auch. Derselbige hat auch gesagt: „Wer in meinem namen kommt, der wird die teufel austreiben.“ 163 Das ist nun geben, aus der hand geben in eines andern hand. Darum das buech allein von dem traktiert und redt, was gwalt gott gegen uns braucht hat, und darzue, was er uns mitteilt und gibt, uf dass wir niemands hierinnen in großen übernatürlichen dingen sollen oder wellen verachten oder teuflich 164 schätzen. Dann also ist gott in uns natürlich durch sein heiligen geist, der dann Christum geben hat, aus dem er empfangen ist
[154] holder: ‚geneigter‘. — [155] dienen] denen H, von anderer Hand korrigiert dinen. — [156] zur Nächstenliebe vgl. Lev 19,18; Mt 19,19; 22,39 par.; Joh 13,34; Röm 13,9 f.; 15,2; Gal 5,14; Jak 2,8. — [157] in … gericht: ‚auf … gerichtet‘; vgl. Lk 10,27. — [158] nit: ‚nichts‘. — [159] zu den Gaben und Ämtern in der Gemeinde vgl. 1Kor 12,4–10.28–31; Eph 4,11 f. — [160] zur Kraft Gottes vgl. Ps 18,33; 1Kor 2,5; 2Kor 4,7; Offb 12,10. — [161] Apg 9,37–41. — [162] Mt 6,12; Lk 11,4. — [163] Mt 7,22; Mk 9,38 par.; 16,17. — [164] teuflich: ‚für einen Teufel‘.
A15. Liber de potentia et potentiae gratia dei
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und von ihm fleisch worden,165 das ist, natürlich worden von dem, der nit der natur ist. Also seind die kraft in uns alle natürlich, [148 r] es seient geist, es seient seel, es seient tugend, sichtig,166 nit sichtig, greiflich, nit greiflich, alles aber natürlich und alles der einig, güetig, ewig geist, der aus gott dem vatter und aus gott dem sohn ausgeht, und alle drei nur ein geist. Also ist gott gegen uns: 167 dass er will, dass wir im seligen leben hie uf erden in seiner natur leben und in seines sohns blut und fleisch geschaffen werden,168 uf dass wir himmlisch sind in leib, seel, geist, vernunft, weisheit, künsten, gewalt, und alles damit wir umgangen, im selbigen alle ding beschehen zum ewigen leben, und uns die augen nit lassen verfüeren in wollust des natürlichen baums, noch lassen abwendig machen in verfüerung des bösen geists, der täglich uf uns sitzt und uns nachstellt, sonder, dass wir an dem ort im seligen leben verfasst seind, uf dass uns gott den segen sprech und gebe, dass uns niemands hindere in unserm fürnehmen zu lernen von gott allein durch sein heiligen geist alles,169 so uns zu unserm 170 seligen dienstlich 171 ist.
[165] zur Fleischwerdung Christi vgl. Joh 1,14; Röm 9,5; 1Petr 4,1; 1Joh 4,2 f. — [166] sichtig: ‚sichtbar‘. — [167] gegen uns: ‚uns gegenüber‘. — [168] Joh 6,54. — [169] zum heiligen Geist als Lehrer vgl. Lk 12,12; Joh 14,26; 1Kor 12,8; 2Kor 5,5; 1Thess 4,8; 1Joh 1,1–10. — [170] unserm seligen: ‚unserer Glückseligkeit‘. — [171] dienstlich: ‚nützlich‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
A16. Liber de martyrio Christi et nostris deliciis Vom Leiden Christi und von unsern Freuden [94 r] 1 Was ist unser irdischer geist uf erden, so wir in ihm leben und betrachten 2 nit nach dem himmlischen geist, wie weit der irdisch geist von dem ewigen leben des himmlischen geist ist? 3 Warzu ist es nutz, dass wir uf erden gedenken, wir wellen gut leben hon und das unser in freuden und wollust verzehren und vergessen in dem, dass in dem weg zu der seligkeit kein lust oder rue soll oder mag gefunden oder genommen werden? Dann die geschrift sagt nit, dass die, so in wollust leben, in reichtum, in rue, selig seind, sunder sagt allein, dass die, so verfolgung, so das kreuz tragen, so leiden müssen vonwegen des namen Christi, selig seient. 4 So nun also die geschrift uns ein weissagung gibt, wie der weg der seligkeit sei und gang, so ist es billich, dass wir nit nach unserm wähnen oder gedunken handlen, sonder in der lehr der geschrift, 5 die uns nit verführt. Dann das müssen wir betrachten, dieweil Christus zur seligkeit gangen ist und uns ein fürbildung 6 geben hat, dass wir also auch wie er sollen den weg gen himmel suchen in seinen fueßstapfen 7 und ein jeglicher sein kreuz uf sich nehmen und ihm nachfolgen. 8 So müssen wir aller wollust, freud, reichtum etc. uf erden vergessen und demselbigen [94 v] gar weder nachsinnen noch gedenken, sunder dieweil unser erlöser selbst der ist, der mit härti 9 und traurigkeit,10 mit weinen,11 bluetigen schweiß 12 uf erden gewandlet hat, und Johannes baptista in der wüste und alle apostel in jammer, verachtung und elend und verfolgung gewandlet und mit henkerischen tod ab dieser welt geschieden seind, dass fürwahr wir nit mügen usserthalb solchem kreuz in freud und lust, in aller rue gein himmel kommen. Dann soll je uns Christus ein exempel geben hon, wie er, also wir auch und die ersten heiligen also das bewährt 13 hont, wie er also sie auch. Uf solches ist zu wissen, dass wir hernach müssen, je einer mit dem andern, und soviel widerwärtigs gedulden,14 dass wir dardurch kommen in die zahl deren, die do verfolgung leiden. Und alles, das wir tunt unter unserm kreuz, [1] H: H 1 94 r–107 v; M: ME 177–195. — [2] betrachten: ‚trachten‘. — [3] ähnlich Lk 16,8. — [4] Mt 5,10; 2Tim 3,12. — [5] zur heiligen Schrift als Richtschnur vgl. Dtn 17,18 f.; Joh 5,39; Apg 17,11; 2Tim 3,16. — [6] fürbildung: ‚Vorbild‘. — [7] 1Petr 2,21. — [8] Mt 10,38 par.; 16,24 par. — [9] härti: ‚Strenge‘. — [10] Mt 26,38; Mk 3,5; 14,34; Joh 11,33; 12,27; 13,21. — [11] Lk 19,41. — [12] Lk 22,44. — [13] bewährt: ‚wahr gemacht‘, ‚bewiesen‘. — [14] gedulden: ‚erdulden‘.
A16. Liber de martyrio Christi et nostris deliciis
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dasselbig soll mit gesunder vernunft sein und us der lehr Christi, nit ein kreuz uns selbst ufsetzen, das kalt ist, sonder ein kreuz, das für und für in uns brenn und ufständ.15 Dann viel meinen, sie tragen kreuz, so sie ihr eigen übel tragen.16 Billich ist es, dieweil Christus der ist, der wider alle reichtum gesein ist und wollust und irdisch freuden,17 so muss das die ursach sein, dass er uns gein himmel begehrt.18 Und aber die irdisch freud und wollust [95 r] zeucht darvon. Darum er uns die lehr hat geben: „Der mit mir will, derselbig nehm sein kreuz uf sein rucken und folg mir nach.“ 19 In dem spruch finden wir, was wir uf erden sollen tun, uf dass wir Christo nachfolgen. Sein kreuz nehmen ist, dass ein jeglicher sein eigen kreuz nehme. Zu gleicher weis, ein jeglicher tag trägt sein eigen übel, hat sein eigen sorg, 20 also hat ein jeglicher sein eigen kreuz, unter demselbigen sein eigen übel, sorg, not, angst und was zum kreuz gehört. Kreuz tragen ist itzt verbotten. All irdische freud, und was irdisch ist, annehmen 21 oder nachfolgen. Darum so ist das eines jedlichen kreuz, dass gott uf erden viel feind hat, viel widerwärtig, viel vom teufel verführt, 22 wider dieselbigen zu streiten. Das ist der orden unter dem kreuz, nit mit waffen noch spießen, geschütz oder sturm, 23 sonder mit dem wort gottes. 24 Warum seind die apostel mit feurigen zungen begabt gesein? 25 Darum, dass sie mit feurigen zungen gestritten hont mehr dann kein kaiser mit allem seinem heer. Der do will wider die feind Christi fechten und vertröst sich mit den spießen, der geht mit dem spieß unter; ficht er mit dem schwert, er geht mit dem schwert unter. 26 Das seind nit kreuz der seligkeit, dann das kreuz tragen soll Christo nachfolgen. Das kreuz ist nit gesein ein spieß, ein büchs, 27 sunder ein [95 v] kreuz seines tods, ohn alle waffen. Hat er nit uns ein exempel vortragen, dass wir wie er und ihm sollen nachfolgen? Also dergleichen sollen wir auch wissen, dass wir unter diesem kreuz weder spieß noch hellenbarden sollen tragen. Dann also ist unser gott, dass wir mit dem evangelio in apostels weis sollen fechten. Die nit also fechten, die seind falsche apostel, falsche christen, falsche propheten. 28 Dann das evangelion hat die
[15] ufständ: ‚sich erhebe‘. — [16] Gal 6,2–5. — [17] Lk 8,14. — [18] uns gein himmel begehrt: ‚wünscht, dass wir zum Himmel streben‘. — [19] Mt 10,38 par.; 16,24 par. — [20] Mt 6,34. — [21] all … annehmen: ‚alle … nehmen an‘. — [22] 1Tim 4,1; Offb 12,9; 20,10. — [23] sturm: ‚Angriff‘, ‚Überrumpelung‘. — [24] Dtn 17,18 f.; Joh 5,39; Apg 17,11; 2Tim 3,16. — [25] Apg 2,3 f. — [26] Mt 26,52. — [27] büchs: ‚Büchse‘, ‚Gewehr‘. — [28] Mt 7,15; 24,5.11; Mt 24,23 f. par.; 2Kor 11,13; 2Petr 2,1; 1Joh 4,1; Offb 16,13; 19,20; 20,10.
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eigen natur und eigenschaft an ihm, dass es zu fechten gerüst ist, dermaßen, dass feurige zungen reden. Warum feure? Dass sie mehr usrichten, dann alle spieß und geschütz. Sollt ein fürig zungen nit mehr sein dann ein gemein irdisch zung und die eingießung des heiligen geists nit mehr nutz sein dann die irdisch? So wär es also, dass wir spieß nähmen. Aber der heilig geist und die feurige zungen widerstohn dem spieß, wellen nit, dass wir am spieß erwürgen, sonder am kreuz, das uns ufgesetzt ist. Die spieß des kreuz seind das: So sie nit falsche propheten seind, falsch apostel, falsche christen, so werden sie die zeichen tun, die toten uferwecken zum leben, die teufel ustreiben, die lahmen gerad machen, die ussätzigen reinigen, und was gift sie trinken, [96 r] wird ihn nit schaden. 29 Darumben, so das nun ihr spieß seind, wie kann ein königreich bass überwunden werden und ein land dann also in dem weg? Also ist das ein kreuz, das wir tragen sollen uf erden. Wo nun falsch do verhanden ist, die alle anderst wellen, denselbigen glauben nit, dann sie seind nit us gott do, ursach, sie folgen nit Christo nach. Derselbig setzt in keinen spieß noch in kein schwert kein hoffnung. Darum, so er 30 sant Peter sagt: „Wollt ich fechten, mein himmlischer vatter hätt mir etliche legion engel geschickt.“ 31 So nun der nicht gefochten hat, wollt auch nit, dass Petrus fechten sollt. Wem ist es dann erlaubt? In seinem namen soll niemands keinen töten, 32 noch auch von deinetwegen. Dann nimmt dir einer einen mantel, gib ihm den rock darzu. 33 Was bedeut das anderst als allein nit kriegen noch fechten, sonder geduldig sein wie Christus, und nit widerspännig 34 oder ungeduldig? Eins muss ich euch fürhalten, dass unter uns christen der glaub gnugsam am tag ist, und dörfen keiner prediger, apostel, propheten bei uns nit. Wir haben die geschrift, dieselbig zu lesen und vorlesen ist gnug. 35 Die aber, so apostelamt und namen führen, also etlich prophetennamen und amt, und Christi wellen sein, dieselbigen sollen usziehen in die welt, wie Christus die apostel geheißen hat. 36 Also soll zu ihnen auch gesagt werden: an die orten, [96 v] do nit glauben ist, do Christus nit bekannt ist, und do verkünden das evangelion. Das ist das kreuz, und also mit demselbigen Christo nachfolgen. So sie das täten, soviel tausend apostel in der christenheit durcheinander, alle, die jetzund 37 mästschwein seind und [29] Mk 16,17 f. — [30] er: ‚Christus‘. — [31] Mt 26,53. — [32] Ex 20,13; Dtn 5,17. — [33] Mt 5,40 par. — [34] widerspännig: ‚widersetzlich‘. — [35] Dtn 17,18 f.; Joh 5,39; Apg 17,11; 2Tim 3,16. — [36] Mk 16,15; vgl. Mt 28,19. — [37] jetzund: ‚jetzt‘, ‚gerade‘.
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ufrührer von ihres bauchs wegen, so wär der türk nie in unser land kommen. 38 Dann das ist also, dass sie sein volk zum glauben brächten, dass sie nit wider uns zugehnt, und würden fürkommen 39 aller morderei, so sie an uns begohnt. Aber im nest liegen der frauen und hueren unter der deck, der kuchen 40 zu und ihr hoffart unter uns treiben, die bass wissen und vom heiligen geist erleucht seind, dann sie lernen, predigen, verführen. Darum seind sie alle falsche propheten, falsche apostel, und mit dem endchristen 41 und mästschwein verfüeren alle welt. 42 Ließen sie die christenheit stohn, giengen zu den unglaubigen, wir würden bass erleucht ohn sie dann mit ihnen. Darum aber, dass sie nit kommen im namen des herrn, darumben so machen sie keinen toten gesund, treiben kein teufel us, aber huren hinein den starken spieß, so ihr mästbauch und ihre huerenkinder dermaßen soll sein. Nun sich, 43 wie es sich in ihnen gegen dem leben Christi reime und der apostel und [97 r] sant Johannes baptista. Dieselbigen zogen us in die fremde zu den unglaubigen, also dass Matthäus von Jerusalem gen Trier kam, 44 sant Thomas in Indiam, 45 Paulus in Italiam gen Rom 46 etc. Wo kamen die mästschwein hin? Allein gen Nürmberg, gen Wittemberg, gein Zürich, gen Basel und nur der schmalzgruben 47 zu, 48 predigen dem volk, so Christo folgen. Sie wissen bass, was sie tun sollen, dann sie ihnen sagen und lernen könnten. Es lust 49 sie aber nicht, dass sie’s tun wellen, sie wellen nicht hören. Und jetzt wird erfüllt das
[38] Nachdem die Osmanen 1521 Belgrad eingenommen hatten, erlitt das ungarische Heer am 29. August 1526 in der Schlacht von Mohács in Südungarn gegen die Osmanen unter Süleyman I. eine vernichtende Niederlage. Dieser Sieg ermöglichte den Türken, wenig später große Teile Ungarns und Kroatiens in das Osmanische Reich einzugliedern. — [39] fürkommen: ‚vorbeugen‘, ‚zuvorkommen‘. — [40] der kuchen zu: ‚der Küche zu‘, ‚dem Essen zugeneigt‘. — [41] endchristen: ‚Antichrist‘. — [42] zum Antichristen als Widerspieler Christi und Verführer der Welt vgl. 1Joh 2,18–27; 4,1–3; 2Joh 1,7. — [43] sich: ‚siehe‘. — [44] Paracelsus unterliegt hier einer Verwechslung. Nicht der Evangelist Matthäus selber, sondern einige seiner Reliquien sollen im 4. Jahrhundert nach Trier gebracht worden sein. — [45] Der Apostel Thomas soll in die mesopotamische Stadt Edessa gesandt worden sein, die in enger Handelsbeziehung mit Indien stand. Gemäß der Thomaslegende wurde Thomas als Baumeister an den parthischen Fürsten Gundaphar verkauft, der als „König der Inder“ den Nordwesten um Peschawar beherrschte. Vgl. BBKL 9 (1996), 1292–1323. — [46] Paulus besuchte Rom (Apg 19,21; Röm 1,15) und fand dort schließlich den Märtyrertod. — [47] schmalzgruben: ‚Vorratskammer‘, hier bildhaft für ‚einträgliche Erwerbsquelle‘. — [48] Seitenhieb gegen die Reformatoren, die in diesen Städten saßen. — [49] lust: ‚gelüstet‘.
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wort gottes, das do sagt: „Es ging ein sämann us zu säen, und etlicher sam fiel in weg, der ander in die dorn“ 50 etc. Also fallen die apostel auch, einer in die dorn gen Rom, der ander in die dorn gen Köln, der dritt in den weg gein Bern, der viert uf den stein gein Paris etc. Also wird das wort gottes getragen mit wollust, dann do leiden sie nichts. Das sie leiden, ist die hoffnung: morgen wird’s besser, so kummst du auch in die kuchen, der nunnen zwischen ihr bein etc. Das seind alles falsche apostel, falsche christen, falsche propheten. 51 Das gebott muss erfüllt werden, „gohnt aus in die welt zu allen kreaturen“, 52 zun tattern, 53 samaritern, 54 türken, sarazenen 55 und weiß und schwarzen mohren. Do predigen, do verkünden. Was euch do widerwärtigs [97 v] zuhanden stehet, do ist des kreuz natur, eigenschaft. Also erging es auch den apostlen und Christo selbst. Sagen ihr, ihr können der sprach nit, so vertrauen ihr dem heiligen geist nit, des ihr euch berüemen. Aber dieweil ihr den gebotten Christi nit nachfolgen, so tunt ihr kein zeichen durch Christum. Darum seind ihr nit us Christo. Darum laut 56 wohl von euch gleißnern 57 die magia und ihr weissagung von der zukunft des 24. Jahrs, 58 wie falsche propheten kommen werden, als sagt er, „sie seind worden und kommen“, 59 wadlen 60 zu ihnen. Das ist die sekt, die das wild tier in apocalypsi präfiguriert. 61 Der do will dasselbig tier erkennen, der erkenn’s bei dem volk. Dann das volk ist das tier. Der eines kennt, der kennt das ander. Über das tier gaht der fluch Christi, „wehe euch, weh euch“ 62 etc. Warum? Darum, dass das ihr falsche propheten seind und wärent, dass niemands in himmel gang, und gohnt selbst auch nit darein. Nun sehent eur wesen an, wie gut leben ihr hont, ihr seient zu Rom, zu Venedig, zu Mailand, zu Bern, zu Mantua etc. oder zu Zürch, zu
[50] Mt 13,3–8. — [51] zu den falschen Propheten vgl. Mt 7,15; 24,5.11; Mt 24,23 f. par.; 2Kor 11,13; 2Petr 2,1; 1Joh 4,1; Offb 16,13; 19,20; 20,10. — [52] Mk 16,15; zum Missionsbefehl Jesu vgl. weiter Mt 10,5–42; 28,18–20; Mk 16,15–18; Lk 9,60; 24,47 f.; Joh 20,21 f.; Apg 1,8 f. — [53] tattern: ‚Tataren‘. — [54] Samaria ist der nördliche Teil des Westjordanlands. — [55] sarazenen: Sammelbezeichnung für die Araber und andere islamische Völker. — [56] laut: ‚lautet‘, ‚erklingt‘. — [57] gleißnern: ‚Heuchlern‘. — [58] Paracelsus nimmt Bezug auf die zu seiner Zeit viel beachtete «Prognosticatio» (1488) des kaiserlichen Hofastrologen Johannes Lichtenberger (1440–1503), der für das Jahr 1524 eine große Konjunktion der Planeten Mars, Jupiter und Saturn voraussagte, die eine Sintflut und gesellschaftliche Veränderungen bewirken sollte. Vgl. Gantenbein/Holenstein 2006; Graf-Stuhlhofer 1996. — [59] zu den falschen Propheten vgl. Mt 7,15; 24,5.11; Mt 24,23 f. par.; 2Petr 2,1; 1Joh 4,1; Offb 16,13; 19,20; 20,10. — [60] wadlen: ‚watscheln‘. — [61] Offb 13,1–18. — [62] Mt 23,13–33.
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Ulm etc., und betrachten, ob die apostel auch so in zartem [98 r] leben haben ihr zeit verschlossen. 63 Welcher ist doch unter euch allen, unter den bischöfen zu Augsburg, Regensburg, Passau, Mentz, 64 Köln, Trier etc., der do könne sagen, dass er ein woche sant Peters orden 65 geführt habe? Und welcher ist unter euch zu Villingen, zu Esslingen etc., der do sagen kann, er habe doch allein einen tag verzehrt in apostolischer lehr wie Paulus oder Jacobus? Nun sehent eurn wollust an, wie wohl ihr versorget seind mit fröhlicher wollust, wie ihr wollen mit ehfrauen oder mit hueren, wie wohl ihr eurn leib pflegen künnen mit gewand und hemder etc., wie geschickt ihr seient einzuziehen uf die pharisäischen sitten zins, gült 66 etc. Was geht euch doch nun ab? Nichts. Und leident ihr etwas, hont ihr gebresten, so leident ihr allein, entweder dass ihr zu faul seind oder aber mit den hueren und huerenkinder zu fast verton und euch mit säcken 67 oder eheweiber zu fast überladen, dass man euch nit alle kann mästen. Welcher ist unter euch, der sich des namens Christi und seiner fueßstapfen berüemen mag, 68 noch viel minder seines geists, den er den venerischen, epikurischen winkelpredigern 69 nit gibt? Sie müssen eines höhern lebens und wandels sein und eines gerechten grunds und liebe, nit so kalt als ihr seind. Dann darum heißt es ein kalte liebe, 70 [98 v] dass ihr den warmen stuben zulaufen, den kuchen, den hueren, müssen euch für und für wärmen. Wie weit ist von euch sant Paulus orden? 71 Nun ermessen, wie eur kreuz Christo nachfolgt. Seind ihr apostel, so seind ihr nit frauenleut, seind ihr marterer, so seind ihr nit kuchenvisitierer, seind ihr beichtiger, so lägent ihr in bueß und reu wie Ninive. 72 Des ihr aber keins seind wie die apostel. Darum hassent ihr die legend der heiligen, 73 dann sie will nit stimmen noch konkordieren mit eurem wesen und leben. Sie haben nit eur pfrüend 74 gehabt, nit eur wollust, nit eur lieberei mit eurm seckel und frauen, haben aber dem fueßstapfen Christi nachgefolgt. Darus und ermessen, 75 die ihr noch nie neinkommen 76 seind, wie wird es euch allen [63] verschlossen: ‚abgeschlossen‘, ‚beendet‘. — [64] Mentz: ‚Mainz‘. — [65] orden: hier ‚Auftrag‘, ‚Sendung‘. — [66] gült] gullt H: ‚Gülte‘, ‚Gilte‘, in der Bedeutung von ‚Zahlung‘, ‚Schuld‘, ‚Abgabe‘. — [67] säcken: ‚übles Weib‘. — [68] 1Petr 2,21. — [69] venerischen, epikurischen winkelpredigern: ‚ausschweifende, genusssüchtige Prediger, die im Verborgenen wirken‘. — [70] Mt 24,12. — [71] sant Paulus orden: gemeint ist der Auftrag oder die Lebensweise des Paulus, insbesondere dessen Ehelosigkeit, vgl. 1Kor 7,1.7. — [72] zur Buße der Niniviter vgl. Jona 3,5–10; Mt 12,41 par. — [73] legend der Heiligen: verm. die «Legenda aurea». — [74] pfrüend] pfruendt H: ‚Pfründe‘, ‚Lohn‘. — [75] darus und ermessen: ‚daraus nun ermesst‘. — [76] neinkommen: ‚hineinkommen‘.
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durcheinander gohn, die ihr euch alle geistlich nennen, prädikanten 77 und apostel und propheten, am tag der rechnung? 78 Wie können ihr’s dem gemeinen volk sagen, wie es ihm ergohn wird, und sehent ihm ein mucken 79 in augen, euch selbst nit die großen balken und dornen? 80 O pharisäer, tue dein balk außer! So du ihn herus tust, wo wird der apostel bleiben und der prophet? Und aber so euch zusteht verbrennen, ertränken, hängen, enthaupten und dergleichen, so heißen [99 r] ihr dieselbig stadt Damascon 81 und die richter Neronis. 82 Nun schauen, wie sich das zusammen reim, ihr und dieselbigen heiligen, so unter Nerone, Diocletiano 83 etc. seind gemartert worden. Hat man etwan einen gericht, so ist es entweders die ursach gesein frauen. 84 Nun wo ist je ein apostel gestorben vonwegen eines weibs? Allein vonwegen Christi. Darum haben sie weib und kinder verlassen. 85 Ihr aber nit, hont von ihrentwegen leib und leben verlassen. Das in allen andern glauben lächerig 86 ist, dass ein apostel soll so gütig zun weibern sein und von des fleischs wegen das leben verlieren. 87 Oder aber die ursach ist gesein, dass ihr hont wider den papst geredt und hont aber nichts bessers an die statt gesetzt, sonder euch gleich als wohl mit demselbigen gift beholfen und gesättiget und gebraucht und bekuchet als der papst. Wo war ein apostel, der wider die pharisäer prediget und lernt, der do nit ein bessers an die statt satzt, nämlich Christum, und der weder zehenten noch pfrund darum nahm, noch in die kuchen predigt und faulenzet, wie ihr in den dörfern tunt und stark uf ein wuchen einmal plärren? 88 Oder aber das war die ursach, dass ihr jedermann die mucken us den augen taten und euch selbst [99 v] den balken nit. 89 Darum ziecht euch die balken auch us in der maß, wie ihr gern hätten gesehen, dass dem andern also geschehen wäre. 90 Ist nit gott ein gewaltiger richter? Der neid war in euch, und us [77] prädikanten: ‚Prediger‘. — [78] Mt 12,36; Röm 14,12; 1Petr 4,5. — [79] mucken: ‚Mücke‘, hier bildhaft für ‚Kleinigkeit‘. — [80] Mt 7,3–5 par. — [81] Damascon: ‚Damaskus‘. — [82] Neronis: ‚Neros‘] Rerones H falsche Lesung. — [83] Unter den römischen Kaisern Nero (37–68) und Diokletian (236/245–313/316) fanden brutale Christenverfolgungen statt. — [84] entweders … frauen: Die Konstruktion wird erst weiter unten nach einem Einschub fortgesetzt mit „oder aber die ursach ist gesein, dass ihr hont wider den papst geredt“. Die Ursache für das Martyrium lag also entweder bei einer Frau, wie beispielsweise bei dem von Paracelsus in «A13. De ecclesiis veteris et novi testamenti» erwähnten Abimelech (Gen 20,3; Ri 9,53 f.), oder darin, dass etwas gegen den Papst gesagt wurde. — [85] Mt 19,29 par. — [86] lächerig: ‚lächerlich‘. — [87] Röm 8,13. — [88] plärren: ‚schreien‘, ‚daherleiern‘. — [89] Mt 7,3–5 par. — [90] Mt 7,12 par.
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dem neid predigen ist wider die, so euch auch im neid feind seind. Ihr aber blieben im neid. Darum wurden ihr geschlagen, wollten ihr im neid ein reich gottes ufrichten, pflanzen. 91 Es entspringt nichts us dem neid, es hat ein andern ursprung. Euch geschicht gleich als dem geschach mit der gruben: Macht’s einem andern und fiel selbst darein. 92 So ist gott ein richter, lässt die gruben graben, und aber er erkennt die herzen der menschen. 93 Darnach, wenn sie gemacht ist, so lässt er’s hetzen mit den hunden, so kommen sie vor den hunden in die gruben. Also beschirmet gott oftmals ein bösen vor dem andern bösen, us ursach, so dasselbig bös das bös abtät, noch viel ein bösers darus würde. 94 Wie mit dem verwundten mann, der voller fliegen saß in allen seinen wunden; do wollt ihm’s einer hinweg wischen, do sagt er nein, lass sitzen, treibst du’s hinweg, so kommen ander, die hungerig wärent und würden mich von neuem peinigen. Die seind voll, und hon ihr gewartet. Wie wird das in den schafstall kommen? Diese [100 r] propheten und apostel seind münich, pfaffen, nonnen und dergleichen, die orden mit ihren fürstlichen herrlichkeiten, reichem faulen leben, die do fressen, do sie kein heller nie verdient hont, weder um gott und den armen und die, so in jammer und elend, verfolgung gewandlet hont. Nun mügen doch zwei widerwärtige ding nit beieinander stohn und sollen in ein schafstall. Es muss also verstanden werden, so die bauchprediger und priester alle zu der verdammnus kommen seind und gereutert 95 und gebeutelt vom weizen, 96 darnach so ist der weiz allein. Jetz wird ein schafstall sein und ein hirt. 97 Schafstall ist genennt, nit wolfsstall, darumben so müssen die wölf alle hinweg und allein die schaf bleiben. Dann es ist gleich eine red, als spräch Christus: „Jetz wär eur stall voller wölf, leuen, krotten und all ungeziefer voll.“ Darzu wird es aber kommen, dass die bösen werden geschieden werden von den guten. 98 Alsdann so wird es sein, dass die guten allein in ein schafstall geton zu der gerechten und werden ein hirten hon. Dann ein hirt hüet gleich wohl, mehr aber ist schon ein anfang zu schinderei und gebärung der wölf. Darvon sag ich aber hie, so ihr betrachten im seligen leben Christi leiden und [91] Apg 1,6. — [92] Sprichwort; vgl. Ps 7,16; Spr 26,27. — [93] Ps 44,22; Spr 24,12; Jer 12,3; Lk 16,15; Röm 8,27. — [94] Mt 12,43–45 par. — [95] gereutert und gebeutelt: ‚gesiebt und (durch den Beutel) geschüttelt‘. — [96] Mt 3,12 par. — [97] Joh 10,1–17; zum Bild des guten Hirten mit seinen Schafen vgl. weiter 1Kön 22,17; 2Chr 18,16; Ps 80,2; Jes 40,11; Hes 34,5–23; Mt 9,36; 25,32; 26,31; Hebr 13,20; 1Petr 2,25. — [98] Mt 13,49; 25,32 f.; Röm 14,10.
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der apostel und seiner propheten, heiligen und marterer etc. und ermessen nun uf dasselbig [100 v] der jetzigen apostel, propheten etc. leiden, so finden ihr ein solchs widerwärtigs leben gegeneinander, dass feur und wasser nit gleichen mag, und weiß und schwarz ist so weit nit voneinander als die zwei. Und gleich seind sie zu verstohn widereinander und so weit voneinander, als weit voneinander ist die hiebsche 99 Lucifers 100 und itz sein ungeschaffne.101 Und so weit als der teufel ist gegen gott, so weit seind die voneinander. Wer ist nun der, der selbs nit ermesse im seligen leben wie der teufel, der im himmel unter soviel englen ein ufruhr gemacht hat und sich wider gott gesetzt, der solches auch uf erden tut, und den menschen, so er an sich hängt und zu ihm zeucht? Welche wollten’s sein als allein eben die vorgeher? Dann us ihren früchten erkennt man sie.102 Sollen sie aus den früchten erkennt werden, so sehent ihr frucht an, lernen sie kennen. Der das übersicht, der übersicht ihm sein ewig leben. Ein jeglicher soll das gebott halten, das ihm Christus geben hat: unter seinem kreuz und mit dem kreuz, und mit demselbigen gebott Christo nachfolgen.103 Das seind die gaben, so gott geben hat. Und so die gebott nit dabei stohnt, so muss alles recht sein, was sie täten und anfängen. [101 r] Aber im nit halten der gebott werden sie erkennt. Soll das im seligen leben nit vor augen liegen, dass nit gerstenbrot do leit,104 sonder semmlen, nit braten fisch, sonder vielerlei fisch, in vielerlei tracht,105 nach des munds schlecken am bassten 106 bereit durch die besten köch, und wildbret, hühner, vögel und alles nach dem userwähltisten, gut gelieger,107 gut wart,108 nicht erzürnen, untertänig dienst etc. Wie ist der gegen sant Peter und sant Johannes und sant Andreas 109 etc.? Es ist gleich als zween arzt: der ein hilft den leuten, der ander töt’s. Ich geschweig itzt leibliche wollust mit trumeten,110 tanzen, saitenspiel etc., frauen aber 111 frauen, maidlin 112 und anderst lasterlichs
[99] hiebsche: ‚Schönheit‘. — [100] Vom gefallenen schönen Engel Lucifer, der sich wie Gott gebärde, berichten die Stellen Jes 14,11–15; Offb 12,7–9; 2Kor 11,14; Judas 1,6. Den Namen „Lucifer“ in Jes 14,12 gebraucht einzig die Vulgata, während Luther hier mit „schöner Morgenstern“ übersetzt. — [101] ungeschaffne: ‚Hässlichkeit‘. — [102] Mt 7,16.20; Offb 2,23. — [103] Mt 10,38 par.; 16,24 par. — [104] leit: ‚liegt‘. — [105] tracht: ‚aufgetragene Speise‘, im speziellen der ‚Gang‘ einer Mahlzeit. — [106] bassten: ‚besten‘. — [107] gelieger: ‚Betten‘. — [108] wart: ‚Aufwartung‘, ‚Bedienung‘, ‚Pflege‘. — [109] Der Apostel Andreas war Petrus’ Bruder, vgl. Mt 4,18 par. — [110] trumeten: ‚Signalhörnern‘, ‚Trompeten‘. — [111] aber: ‚und abermals‘, ‚und noch einmal‘. — [112] maidlin: ‚Mädchen‘.
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darzu. Soll der wollust sich vergleichen in den schafstall, do ein hirt wird sein, und sant Peter soll auch darein, sant Stephan,113 der teufel, der papst. Wie wird es zugohn? Prosslen 114 von den bäumen essen und wild honig,115 und uf der andern seiten hühner, öpfel, vögel, wildbret, eingemacht fisch; desgleichen uf der einen seiten kamelfilzrock,116 uf der ander seiten sammet und seiden. Der ein schreien in der wüste,117 der ander ein tanz, der ein täufen im Jordan,118 der ander im tempel der völle.119 Der ein sterben, der den henker vonwegen der wahrheit wider [101 v] die hueren Herodiandis,120 der ander sterben vor fülle und liebe der hueren in pflaumenbetten 121 und dergleichen. Aber wohl sagt Christus: „Es werden die böck uf die linken seiten gestellt, die schaf uf die rechten seiten.“ 122 Vielleicht wird do unterschlagen 123 werden der stall. Uf ein seiten der linken zun böcken der Lucifer mit seiner gesellschaft und uf die ander seiten Christus mit seines vatters reich. Dann in eim mügen sie nit beieinander stohn, wiewohl das auch ist, dass ein stadt, mit einer mauren umfasst, in ihr widerwärtige ding hätt. Do wird ein kind geboren, das ist freud, do wird auch einer sterben, ist ein leid, und seind in einer mauren beid. Oder do tanzt man, prasst man und vollen hals, steht also der arme Lazarus vor der tür und greint,124 will hungers sterben, es ist ein groß leid. Der reich mann Lazarum sach 125 in der schoß Abrahae und sich selbs in flammen des hellischen feurs.126 Sehend freud und in leid sitzen, ist zwiefach pein. Also wenig als der reich mann und Lazarus mochten beieinander sitzen, es wär dann Lazarus bei dem reichen in der hell oder der reich bei Lazaro in der schoß Abrahae, also wenig mag der apostel und der christen leben in wollust stohn bei den aposteln Christi und seinen propheten. Sie werden sitzen bei dem reichen mann und Petrus und Johannes in der schoß Christi. [102 r]
[113] Stephanus war der erste christliche Märtyrer, vgl. Apg 6,8–15; 7,1–59; 8,1 f.; 11,19 f. — [114] prosslen: ‚Knospen‘. — [115] Mt 3,4 par., die Nahrung Johannes des Täufers. Die „lucustae“ der Vulgata interpretiert Paracelsus als Baumknospen, während sie Luther als „Heuschrecken“ übersetzt. — [116] Mt 3,4 par., die Kleidung Johannes des Täufers. — [117] Die „vox clamantis in deserto“ Johannes des Täufers (Mt 3,3 par.; Joh 1,23) übersetzt Paracelsus im Gegensatz zu Luther wörtlich als ein Schreien in der Wüste. — [118] Mt 3,6 par. Johannes tauft im Jordan zur Vergebung der Sünden. — [119] völle: ‚Völlerei‘. — [120] die hueren Herodiandis: ‚die Tochter der Herodias‘, die Herodes beim Tanzen gefiel und als Lohn den Kopf Johannes des Täufers forderte, vgl. Mt 14,6–11 par. — [121] pflaumenbetten: ‚Flaumenbetten‘. — [122] Mt 25,32 f. — [123] unterschlagen: ‚durch einen Verschlag abgetrennt‘. — [124] greint: ‚wimmert‘. — [125] Lazarum sach: ‚sah den Lazarus‘. — [126] zum Gleichnis vom reichen Mann und vom armen Lazarus vgl. Lk 16,19–31.
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Und ihr nonnen, was gedenken ihr euch, dass ihr euch berüemen eines strengen ordens, metten127 gohn, viel betten, singen, fasten oder deren keins gar nit. Vermeinen, ihr wellen durch solchs gen himmel kommen, so doch durch fasten, betten, metten gohn nie keines gen himmel kommen ist. All die gen himmel kommen seind, die seind dem fueßstapfen Christi nachgangen,128 die haben nit metten noch dergleichen sunder129 tag zu fasten, sonder tag zu essen, nit salve,130 nit kutten131 etc. Gein himmel kommen muss ein liebe sein in Christo, die weder an fasten noch an essen denken. So es nun us der liebe muss sein, so muss die liebe sein, dass ob ihr aller morderei, huererei und nichts sollend 132 leut werd verziegen werden.133 So groß muss die liebe sein. Wie klein ist sie dann bei euch? Ihr halten euch darfür nit, dass ihr solche leut seient, und ob ihr’s gleich seind, so beichten ihr so oft, dass nichts bei euch bleibt. Eurs gedenkens ging die sünd mit beichten hinweg, so wär gut ohn reu und leid und bueß gein himmel kommen. Wo reu, leid ist, do ist die rechte liebe.134 Wie wellen ihr mit eur liebe die liebe Magdalena vergleichen?135 Darum kommt sie in himmel vor euch, dann sie liebet mehr dann ihr,136 darum empfacht sie auch mehr. Es geht nit also zu, gen himmel kommen oder im seligen leben zu wandlen und zu sein, sonder es geht also zu, dass die liebe da sei gegen 137 [102v] gott, gegen eurm nächsten, dann der gott liebet, der liebet auch sein nächsten.138 Jetz sicht man eur liebe, wie sie ist, dann eurm nächsten tunt ihr nichts, darum ist sie kalt.139 Wo wäschen ihr den armen die füeß selbst und wäschent’s mit eurm haar? 140 Wie tunt ihr rat den armen, dürftigen? Ihr gäbent141 ihn uf
[127] metten: ‚Messen‘. — [128] 1Petr 2,21. — [129] sunder: ‚besondere‘. — [130] salve: das „Salve regina“, das nach der Komplet gesungen wird. — [131] kutten: ‚Mönchsgewänder‘. — [132] sollend: ‚taugende‘. — [133] dass ob … verziegen werden: ‚dass durch sie (die Liebe) allen Mördern, Hurern und andern nichts taugenden Leuten verziehen werden soll‘. — [134] Apg 2,38. — [135] Die alte kirchliche katholische Tradition, der hier auch Paracelsus folgt, vermischte die Sünderin Maria Magdalena, die zur Buße Jesus die Füße wusch (Lk 7,37–50), mit Maria von Bethanien, der Schwester Marthas und des auferweckten Lazarus (Lk 10,38–42; Joh 11,1–45) und Maria von Magdala. Die letztere war bei der Kreuzigung (Mt 27,55 f.) und Grablegung Jesu anwesend (Mt 27,61 par.) und entdeckte mit anderen am Ostermorgen das leere Grab Jesu (Mk 16,1–5 par.). Es war sie, der als erste der auferstandene Christus begegnete (Mk 16,9 f. par.). — [136] Lk 7,47. — [137] gegen: ‚gegenüber‘. — [138] Mt 22,37–40; Joh 13,34; 2Joh 1,5. — [139] Mt 24,12. — [140] Lk 7,38. — [141] gäbent ihn uf eim spänlin fürhin us: ‚ihr gäbt ihnen weiterhin nur kärgliche Speise‘, ‚ihr würdet sie weiterhin mit wenigem abspeisen‘; Sprichwort, „einem auf einem span etwas geben“, vgl. DWB 16,1867.
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eim spänlin fürhin us und lassent’s damit fahren und aus sein. Das ist nit die rechte liebe im seligen leben zu dem, dass ihr euch versperren, dass keins armen stimm nit für euch kommen kann noch mag. Nun sehent, ihr seind versperrt, Magdalena nit. Wie mügen ihr dann in eim haus beieinander bleiben, dieweil eur tugend widereinander seind? Wie mag dann das feur und das wasser beieinander sein und beieinander stohn? Sollt nun Christus neben uns stohn, bei uns, und wir sollten sein reich besitzen,142 in solchem leben wandlen, wer wollte das glauben? Dann in füllerei, huererei und dergleichen wucherei ist kein liebe gegen gott noch dem nächsten noch in kein wollust. Darum so kommen sie beid nit in ein reich. Ist etwan einer gein himmel kommen, der nit in die welt us ist zogen, nit in marterer weis, als ihr viel seind? Do ist die große liebe gesein. Unter den weltlichen werden viel vom seligen leben verworfen. Dann wie können die bei Christo [103 r] stohn, die gott nit lieben? Und ob sie schon sagen, sie lieben gott, sie gangen in gottes dienst, es ist der teufel auch in gottes dienst. Was nutzt ihm aber? Die liebe ist erkaltet in ihm,143 also auch in diesen. Wie kann der gott lieben, der sein nächsten nit liebet? Ob er gleichwohl glaubt in gott und in den, den er gesandt hat, und hat aber die ganze liebe nit, so ist er tot in dem schafstall, ob er gleichwohl nit schwärt,144 den sabbat heiliget und feiret.145 Was ist es anderst dann ein schein, der nichts soll? Vollbringt er aber die liebe im nächsten, so ist er vollkommen. Dann sie seind nit ohn einander, sonder beieinander in eins vermischt und gebunden. Wie kann dann der reiche sagen oder sich vertrösten zu dem reich gottes, dieweil er die werk der barmherzigkeit nit erstatt, nit erfüllt von seiner substanz und darzu der zehen gebott 146 keins nit halt, oder etlich, etlich nit? So ist doch keins nit, so er nit halt, das mindst als das mehrist. Es ist ihm gnugsam in die verdammnus. Was ist, dass du ein ganz garten wohl einzäunst und lässt ihn an einem ort offen stohn, und zum selbigen lauft das viech darein? Und dies ist gleich soviel, als wär es alles offen und wär nie verzäunt worden. Sollten solche leut in ihrem wollust kommen zu Christo in sein reich, wie wollt das ihm gleich sein? Auch bei gott nit. Sie tunt ihrem leib allen wollust an, sie suchen, was irdisch ist, das vollbringen sie. Sie gedenken an Christum [103 v] in kalter liebe.147 Sollt das gleich sein dem leiden und der liebe Christi gegen uns? Mit der [142] Mt 5,10; 7,21; Joh 3,5. — [143] Mt 24,12. — [144] schwärt: ‚schwört‘. — [145] feiret] feuret H: ‚feiert‘. — [146] zehn gebott: ‚zehn Gebote‘, vgl. Ex 20,1–17; Dtn 5,6–21. — [147] Mt 24,12.
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liebe, so er uns gemessen 148 hat, mit derselbigen liebe sollen wir gegen ihm wieder gefunden werden,149 einer in marterweis, einer in einfältiger baurenweis, einer in andächtiger stiller weis, dann nit alle marterer, nit alle beichtiger, nit alle also, sonder der in dem weg, der in dem. Und also seind vielerlei gaben zum himmel, aber alle in dem weg der liebe.150 Dieselbig ist der weg gein himmel und ist der weg, in dem wir wandlen müssen. Wie dann das kreuz in solcher liebe uf uns kommt und fällt, das sollen wir geduldig tragen und domit Christo nachfolgen.151 Darumben soll unser herz dohin stohn, dass die liebe in uns kein gebresten 152 habe, so hat sie von gott gegen uns auch kein gebresten. Dann hat sie aber bresten, so hat’s gegen uns wiederum auch bresten. Dann mit der maß werden wir bezahlt, wie wir’s gemessen hont.153 Sollen wir nun im seligen leben ein erlöser hon und ein gott, der allein will unter uns, dass wir ihm nachfolgen, wie mag dann das alles in seinem fueßstapfen sein, wie erzählt ist und anderst mehr? Sollen wir uns nach unserm gott richten und er [104 r] nit nach uns,154 so müssen wir die ding alle von uns tun,155 dann er tut nichts von ihm. Es ist allein an uns, dass wir’s von uns tuent. Was nutzet’s dem, das gewaltigen,156 darum dass er den gwalt hat über ander, und braucht den in hoffart und übermuet, ihm zum lust und nit andern zum lust? Dann der gewalt ist nit göttlich, der allein ander kästiget 157 und betrübet, und selbs nichts tut als allein triumphiern, prassen, trumeten 158 und bankatiern.159 Ist er gerecht in ihm selbs, derselbig durch gewalt, so regiert er ihn, dass er trauriger ist dann die, so unter ihm seind. Dann ein gewalt ist us gott do, darum so trägt er der menschen bürdi 160 us ihm.161 In dem, dass ein gewaltiger mag dem menschen die bürdi abnehmen und mag sie in ein einigkeit bringen, dass kein bürdi uf ihnen leit. Wo aber nit, er fällt über den, über diesen, und sucht ein jeglich sein werk in augen, und er und die seinen seind allemal unschuldig. Der liebt nit wie Christus, darum so mag er nit bei ihm sein. So er aber vonwegen der menschen und der seinen unter ihm dermaßen handlet, dass fried unter ihnen ist und sei, und wo das nit sein mag, dass sein haut über alle haut leide, derselbig [148] gemessen: ‚zugemessen‘. — [149] Mt 7,2 par.; Lk 6,38. — [150] 1Kor 13,1–13. — [151] Mt 10,38 par.; 16,24 par. — [152] gebresten: ‚Mangel‘. — [153] Mt 7,2 par.; Lk 6,38. — [154] Mt 10,38 par.; 16,24 par.; Eph 5,1. — [155] Röm 13,12; Eph 4,22–25; Kol 3,8–10; Jak 1,21; 1Petr 2,1. — [156] gewaltigen: ‚Gewalt‘, ‚Macht haben‘. — [157] kästigen: ‚kasteien‘, ‚demütigen‘. — [158] trumeten: ‚Trompeten‘. — [159] bankatiern: ‚schmausen‘. — [160] bürdi: ‚Bürde‘, ‚Last‘. — [161] Gal 6,2.
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ist, der Christo gleich ist.162 Also auch, was ist’s, dass einer viel predigt, „das tut nichts, das auch nichts“, und aber nach allem predigen, so tut derselbig keines nit? Das ist, er sucht sein wollust [104 v] und verbeut den den untertonen; es ist recht gegen untertonen, aber seinethalben nit. Darumben vonwegen der ursachen sollt er die ding am mehristen tragen und das kreuz am schweristen uf sich laden über all ander, so ist er Christo gleich hie im seligen leben zu achten, ihm nachfolgen. Aber so ein gewalt, ein oberkeit, ein prediger ander leut kreuziget und selbst alle tag jubiliert, wie ist der Christo gleich? Derselbig leidet und ander jubiliern. Das ist, so du den balken us den augen zügest, so gibt’s dir so ein groß kreuz, dass dein kreuz schwerer ist dann all ander kreuz, denen du die mucken usziehest.163 Was nutzt nun eim reichen, so er die ganze welt überkäm und aber seiner seel schadet dodurch? 164 Die seel ist uf erden hieher nit beschaffen, reich zu werden. Allein der leib, der ist tödlich und der würmen speis. Wie kann ihm das reich Christi gleich sein, so derselbig sein sinn uf reichtum setzt und Christus uf armut, sein sinn uf list und Christus uf einfalt, sein sinn, uf „was hättest gern, was lust dich“, und Christus alle leid und elend? Wie mügen die zwei beieinander stohn? Sie kehren die rucken gegeneinander. Christus hat für die sünder erlitten.165 Nun seind das alle sünder, die Christus den rucken kehrent. Aber was ist es ihm nutz? Die seind aber erlöst, die reu leiden und buß tunt,166 [105 r] seind die userwählten.167 Wie könnten dann die im reich gottes sein, unter den seligen gezählt in das buch des lebens,168 dieweil sie Christum kennen, und wissen, glauben, hoffen, und aber lieben nit? 169 Lieben allein ihren lust, gut und anderst dergleichen. Also auch Christus hat den fried verkündt und geben den seinen,170 dass sie nit sollen mit jemands uneins sein. Wie kann nun der mit Christo sein, der mit niemands zufrieden ist? Sonder er ist ein könig, so will er noch ein reich darzu haben und aber mehr, es sei mit kriegen oder sonst. Er hat die ehe beschaffen. Die soll sein allein vonwegen der kinder und früchten in der ehe zu geben. Wie kann dann das ein ehe sein, der ein alts weib nimmt oder einen von guts wegen? Würd sonst nit ansehen. Wie können die [162] Phil 2,5. — [163] Mt 7,3–5 par. — [164] Mt 16,26 par. — [165] erlitten: ‚gelitten‘; vgl. Lk 24,26.46; Apg 3,18; 17,3; 26,23; 2Kor 1,5; 1Petr 4,1. — [166] Mk 1,4; Lk 24,47; Apg 2,38; 5,31; 8,22. — [167] zu den Auserwählten vgl. Mt 20,16; 22,14; 24,22; Röm 8,33; Kol 3,12; 1Thess 1,4; 2Tim 2,10. — [168] zum Buch des Lebens vgl. Ps 69,29; Phil 4,3; Offb 3,5; 13,8; 17,8; 20,12.15; 21,27; 22,19. — [169] 1Kor 13,13; 1Thess 1,3; 5,8. — [170] Lk 10,5; 24,36; Joh 16,33; 20,21.26.
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mit gott sein, der sein gebott halten heißt, und dieser tut und folgt doch aber seinem nutz, lust, willen in einer andern gestalt? So ein herr hieß einen fasten ein tag und er tät’s aber, darmit er den hunger vertriebe, fieng er an und säß über das register 171 und betracht, wie er seinem lust morgen wollt gnug tun, so er feiren 172 müsst uf den fasttag. Darumben sollen alle ding in einfalt beschehen, ohn suchen der lust und dergleichen irdischen dingen. Dann wo das nit würde sein, so wird am selbigen ort Christus nit vergleicht 173 werden, dann je was ihm nit gleich ist, das wird in seines vatters reich nit kommen. Es muss alles nach seim sinn sein und nit nach unserm. [105 v] Er ist der herr, nit wir. Hat er das im alten testament behalten,174 so wird er’s auch behalten im neuen und noch vielmehr darum, dass er’s mit dem tod erobert hat.175 Wo ist der von gott, der do betrachte das leiden Christi hie uf erden vonwegen unser, und des nit sollten teilhaftig sein, dann mit solchem wollust und allem wohltun? Sollt unser wollust uf erden sein, so wär fürwahr Christus nit gestorben. Er wär in wollust gestorben und in ganzem purpur angeton gesein. Dieweil und er aber mit solchem elend, not, angst, leiden und tod uns erlöst hat,176 so muss fürwahr bei uns angst und mehr auch erlitten werden. Ist es nit mit blutigem schweiß,177 so muss es doch nahet darbei sein. Ist’s nit das kreuz mit den fünf näglen, so muss es doch nit weit darvon sein. Ist es nit vierzig tag gefastet,178 so muss es nahet darbei sein. Dann das sinn 179 ihm nur keiner nit, dass Christus gelitten hab für unser wohlleben, lust, pracht, hoffart, geuz 180 etc. Nein, allein für den menschen, nit für den, der ihm den rucken kehrt, für den aber, der angesicht gegen angesicht stellt. Darzu auch, was ist es, dass ich mein denke: „Wohlan Christus hat vierzig tag gefastet in seinem leben. Ich will alle jahr vierzig fasten und tausend tag darzu oder alle tag.“ Der überschuss 181 keiner soll über Christo sein. Dann ob er schon esse laub, prosslen [106 r] und honig sein lebelang,182 noch ist er nit Christus. Also auch, was ist’s, Christus hat antragen ein rock, und ich wollt drei anlegen, kappen etc. darzu? Was ist’s, will mich aber vernünftiger kleiden, dann Christus gekleidt ist worden? Wir mügen Christum in keinen dingen überherrschen oder überwin[171] register: ‚fortlaufendes Verzeichnis‘. — [172] feiren: ‚feiern‘. — [173] vergleicht: ‚gleichkommen‘. — [174] behalten: ‚beibehalten‘. — [175] zur Überwindung des Todes vgl. Joh 5,24; 8,51 f.; Röm 6,4; 1Kor 15,26.55. — [176] Ps 130,4.7 f.; Eph 1,7; Kol 1,14. — [177] Lk 22,44. — [178] Mt 4,2. — [179] sinn ihm: ‚denke sich‘. — [180] geuz: ‚Geiz‘. — [181] überschuss: ‚Übermaß‘, ‚das Darüberhinausgehende‘. — [182] lebelang: ‚Leben lang‘.
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den. Er hat’s alles mehr geton dann wir. Was wir tunt ist überflüssig, geht uf fülle des bauchs. Dieweil er spricht: „Es ist kein schüler über seinen meister, es ist gnug, dass er ist wie sein meister.“ 183 So es nun genug ist, wes jünger seind wir? Nit Christi. Nämlich ja, warum wellen wir uns dann über ihn stellen und füeren, und behelfen uns das nit,184 dass wir tunt wie er und nit mehr, dann hinüber 185 mügen wir nit kommen. Der uns die lehr hat geben, der ist der oberst, und über ihn kann keiner lernen, nichts verbessern noch schärpfer machen. Sein ist es alles. Darum so hat er’s gar heraus geben, und keiner mag mehr herus lon,186 dann nichts ist verschwiegen blieben. So wir aber mehr herus lond, so ist es von argen 187 do und nit von guten. Dann im seligen leben ermessen,188 wie unnutz der wollust der erden ist. Und gedenken euch nur nit, darum dass ihr erlöst seind durch Christum und seine tauf haben, dass ihr darum seient kinder gottes.189 Ehe ein solcher käm in das reich gottes, ehe würden stein zu menschen werden uf der gassen, in dem sand und auch in das reich gottes eingohn. Und sinn ihm nur das [106 v] keiner nit, dass eim solchen bass gang dann es gangen ist den sodomitern und gomorrern,190 dann Tyro und Sidon.191 Hätten sie Christum gehabt und seine tauf, sie hätten den wollust lassen liegen. Aber Chorazin und Betsaida hatten ihn,192 aber sie blieben in ihrem wollust und in ihrem willen. Darum werden sie hinab gedruckt bis zu unterst in die hellen. Was ist nun Chorazin und Betsaida? Niemands ist die, dann das hoffartig geistlich schwert und das üppig 193 weltlich schwert. Das seind die zwo städt, die leben in allen wollüsten und nach ihrem mut,194 in reichtum, in hueren, und lond ihnen nichts gebresten. Das seind die, die do sitzen uf dem stuhl Mosi,195 über die der fluch geht von Christo.196 Dann darum ist der fluch, dass sie nit in den fueßstapfen Christi wandlen,197 sonder der üppigkeit und hoffart und huererei. Das ist der stuhl der pestilenz und der sünder 198 [183] Mt 10,24 f. par. — [184] und … nit: ‚uns sind nicht damit zufrieden‘. — [185] hinüber: ‚darüber hinaus‘. — [186] lon: ‚lassen‘. — [187] argen] augen H, verm. falsche Lesung. — [188] ermessen: ‚ermesst‘, ‚sollt ihr ermessen‘. — [189] zur Kindschaft Gottes vgl. Dtn 14,1; Ps 82,6; Lk 20,36; Joh 1,12; Röm 8,14–23; 9,26; Gal 3,26; Phil 2,15; 1Joh 3,1 f.9. — [190] zur Zerstörung von Sodom und Gomorra vgl. Gen 19,24; Dtn 29,23; 2Petr 2,6; Jud 1,7. — [191] Mt 11,21 f. par. — [192] Mt 11,21 par. — [193] üppig: ‚hochmütig‘, ‚ausschweifend‘. — [194] mut: ‚Gutdünken‘. — [195] Mt 23,2. — [196] Mt 23,13–33. — [197] 1Petr 2,21. — [198] Paracelsus übersetzt die „cathedra pestilentiae“ aus Ps 1,1 (Vlg) wörtlich als „Stuhl der Pestilenz“ im Sinne eines Orts der Krankhaftigkeit, während Luther sie als Ort umschreibt, wo die Spötter sitzen.
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Lesetext – Liber de vita beata
und das ist der weg der sünden. Darinnen ist keiner selig. Darum werden sie in der Babylon 199 untergohn und zu boden fallen. Do wird erfüllt werden „weh euch reichen“. 200 Wer ist reich? Der ist reich, der do hueren hat. Wenn er will, wie er will, der do zu saufen, wenn er will und was er will. Der ist reich, der jederman plagen und peinigen kann und ihm selbst nichts tut. Der ist reich, der do zusammen sammlet den schatz der erden, 201 uf dass er im geld sein wollust hab. Und der ist reich, des bauch sein gott ist. Die ding zu erhalten geschicht nit mit göttlichem gewinn, allein mit des teufels gewinn. Das ist, der sein gut us gott gewunnen hat und mit [107 r] dem willen gottes, der lehret’s nit also. Der aber vom teufel ist, der vertut’s im teufel. Darumben so wird do erfüllt das sprichwort: „Und us ihren werken werden ihr sie erkennen.“ 202 Das ist, us ihren sachen. Seind sie spieler, saufer, prasser etc., so seind sie auch solche leut. Item hurer, lästerer, wucherer, aber 203 solche leut. Nichts ist heimlich, das nit offenbar werd, 204 das ist, durch eins jeglichen frucht. 205 Das ist aber das selig leben, so wir Christum vor uns tragen und hont, und den us unserm herzen nit lassen kommen, erkennen 206 den wollust der erden, nit als ein wollust, sonder als ein notdurft, und über die notdurft nit tun, und dieselbig nach gottes gebott vollstrecken, nit usserthalb desselbigen, und also uf das das kreuz über 207 uns nehmen, ein jeglicher wie es ihm geben ist, dasselbig tragen. 208 Dann der das kreuz Christi trägt, derselbige kehrt sich gegen Christo und nit von ihm. Ob dieser fällt, der stehe wieder uf. 209 Aber Chorazin, aber Betsaida, 210 die zwo städt kehren sich nit gegen Christo, sie halten sein gebott nit und leben nit in demselbigen. Sie machen selbs eigen gebott. Darum wehe dir! Also auch, so Christus sagt, „es seind zwei in einem fleisch und der mensche mag’s nit scheiden“, 211 so machen sie ein fleisch in zwei stuck und ihn mehr. Das ist ein sünd, die nit wieder ufsteht. Oder auch: „Du sollt nit stehlen.“ 212 Und aber allein das ist bei ihnen gestohlen, der bei der nacht nimmt. 213 Und sie und die do stehlen
[199] Offb 14,8; 18,2.21. — [200] Lk 6,24. — [201] Mt 6,19 f. — [202] Mt 7,16.20; Offb 2,23. — [203] aber: ‚abermals‘, ‚ebenfalls‘. — [204] Mt 10,26; vgl. 2Kor 4,2. — [205] Mt 7,16.20; Offb 2,23. — [206] erkennen: ‚einschätzen‘. — [207] über: ‚auf‘. — [208] Mt 10,38 par.; 16,24 par. — [209] Spr 24,16. — [210] Mt 11,21 par. — [211] Mt 19,5 f. — [212] Ex 20,15; Dtn 5,19. — [213] zum Dieb, der in der Nacht kommt, vgl. Hiob 24,14; Jer 49,9; Obd 1,5; 1Thess 5,2; 2Petr 3,10.
A16. Liber de martyrio Christi et nostris deliciis
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mit betrug, ist nicht unter dem gebott. Das seind die dieb, denen ihr sünd [107 v] nit vergeben wird. So man sagt: „So oft er fällt, so wird ihm vergeben, so er wird uferstehn.“ 214 Der steht nit wieder uf, der do sagt, er habe recht darzu, er hab den gewalt zu tun, zu binden und ledigen. 215 Ein solcher bleibet liegen. Darum aber im seligen leben gedenkent, dass das nit geschech, sonder dass ihr wieder uferstehn. Standen nit uf, dass ihr euch es berüemen mügen, sunder dass die buß euch nit genommen werde mit der zeit. Zürnen und sünden nit! Dann so der tag des gerichts kommt mit seim erdbidem 216 und strahl, 217 so werden die ding alle erzählt und das mindst müßiggehends wort wird erfordert. 218 Die ufgestanden seind, den wird wohl sein. Die aber in ihre weisheiten verhofft hont, den wird übel sein und wird ihn weder hie noch dort vergeben werden. Dergleichen auch in allem weg, dass ihr das leiden Christi nit dermaßen so leichtfertig achten, dass darum gesein sei vonwegen eur wollust zu verhängen und zu übersehen, sonder gebent euch unter das kreuz, das ein jeglicher tragen soll. Und wie der tag sein eigen sorg trägt und ihm ufgelegt 219 ist, 220 also einem jeglichen sein kreuz auch. Unter dem kreuz werden wir eingohn in das reich der himmel, dann das kreuz ist vom himmel.
[214] Spr 24,16. — [215] Mt 16,19; 18,17 f. — [216] erdbidem: ‚Erdbeben‘; vgl. Jes 29,6; Hes 3,12 f.; Mt 24,7 par.; 27,54; 28,2; Lk 21,11; Apg 16,26; Offb 6,12; 8,5; 11,13.19; 16,18. — [217] strahl: ‚Blitz‘; zum Blitz als Strafe Gottes vgl. u. a. Ex 19,16; 20,18; Dtn 32,41; Hiob 20,25; 28,26; 36,30.32; 37,3; 38,25.35; Ps 11,6; 18,14 f.; Mt 24,27; 28,3; Lk 10,18; Offb 4,5; 8,5; 11,19; 16,18. — [218] Am Tag des Gerichts (Röm 2,5; 2Petr 2,9; 3,7; 1Joh 4,17; Jud 1,6) wird alles offen gelegt, vgl. Mt 10,26; 18,34; Röm 2,16; 2Kor 5,10. — [219] ufgelegt: ‚auferlegt‘. — [220] Mt 6,34.
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Lesetext – Liber de vita beata
A17. Liber de remissione peccatorum Von der Sündenvergebung [122 r] 1 Dieweil wir hie uf der tödlichen 2 erden nit mügen und können ohn sünd sein (und aber was in sünden ist, das ist hie in keim selig leben und mag nachfolgend nach diesem leben nit kommen in das ewig), 3 so wir nun also ein schwach geschöpf seind, dass wir, so wir uns auch im höchsten bewahrn, und aber doch nit so wohl mügen bewahrn anderst, dann dass wir in sünden sonder 4 gefunden werden, ist vonnöten, dass wir von der vergebung der sünd wissen zu verstohn. Nit darum, dass wir uf dieselbige sollen sünden und uf die verlassen, sonder in kein weg nit, und aber desto fester 5 hüeten vor sünden, uf dass wir nit gefunden werden, die barmherzigkeit gottes leuchtfertig 6 zu versuechen. 7 Dann wir werden also an dem ort sünd über sünd bereiten und verdammnus über verdammnus. Das sollen wir aber wissen hie im seligen leben uf erden: so wir wandlen im weg gottes und fallen im selbigen, dass wir allemal wiederum werden ufgericht und ufgenommen. 8 Dann darzue ursacht 9 unserm ewigen gott im himmel unser leid und reu der sünden. Und uf unser leid und reu, so die geht us grund unsers herzen,10 so wird sie von gott mildiglich 11 vergessen und vergeben, also dass er ihr weder hie uf der tödlichen erden noch auch in [122 v] jener welt nimmermehr gedenkt und noch fürhalt. Darum so ist an dem ort am nötigisten, dass wir gedenken, dass wir reu und leid über die sünd haben und dass dasselbig von herzen gang und das herz ganz sei und stand in wahrer reu und leid mit ganzem vollkommnem grund, als säß das herz in äschen und im sack wie die niniver,12 nit äußerlich, sonder aber innerlich.13 Dergleichen und nit minder, dann wir in der neuen kreatur 14 bedörfen nit säck noch äschen, nit uf nadlen, nit uf steinen gohn,15 dann dieselbige ding bedörfen zeit und stund, bis die gnuegsam
[1] H: H 1 122 r–134 v; M: ME 199–216. — [2] tödlichen: ‚sterblichen‘. — [3] Röm 2,7; Tit 3,7. — [4] sonder: ‚einsam‘, ‚abgesondert‘. — [5] und aber desto fester: ‚jedoch umso mehr‘. — [6] leuchtfertig: ‚leichtfertig‘. — [7] Dtn 6,16; Mt 4,7. — [8] Spr 24,16. — [9] ursacht: ‚veranlasst‘. — [10] Mt 18,35; Eph 4,32. — [11] mildiglich: ‚in milder Weise‘. — [12] zur Buße der Niniviter mit Sack und Asche vgl. Jona 3,5–10; Mt 12,41 par. — [13] 2Kor 4,16. — [14] zur Geburt des neuen Menschen oder der neuen Kreatur aus Christus vgl. Joh 1,12 f.; 3,3–8; 2Kor 5,17; Gal 6,15; Eph 2,10; 4,23 f.; Kol 3,10; Tit 3,5; Jak 1,18; 1Petr 1,3; 1,23. — [15] Antönung von Praktiken der Selbstkasteiung.
A17. Liber de remissione peccatorum
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beschicht. Wie aber das alles nit, sonder allein ein ganz herz, und das in einem augenblick ganz sei, so ist ohn äschen und sack alle sünd vergeben und verziegen.16 Aber nit minder ist es, diese vergebung der sünd soll sein im herzen,17 als die niniviter mit dem leib bewiesen hont. Also hart und streng soll das in reu und leid gefüert werden, das ist, in uns die reu verglichen durch Christum unserm herrn. Darum im herzen und nit im leib die ding erfunden werden. So groß ist die erst sünd gesein, die wir die erbsünd nennen,18 von Adam her empfangen, das ist, den zorn und fluch Adam und Evae, so über uns auch gangen ist, dass dieselbig sünd von uns niemands hat mügen nehmen, weder gott noch der mensch, bis dass sich gott erbarmt und sein [123 r] sohn ließ geborn werden.19 Der nahm dieselbig sünd alle hin, also dass wir der neuen kreatur, nimmer derselbigen sünd seind, sonder derselbigen erledigt von ihr. Das ist die höchst vergebung der sünd, so gott bewiesen hat. Dann sie ist gangen über die ganze welt, 20 über juden, heiden, über griechen, arabier, über deutschen, welschen, 21 uf erden und den insonder im wasser. Also welcher der sei, der do allein den tauf an sich nimmt im namen des vatters, sohns und heiligen geists, 22 derselbig ist jetz im glauben Christi, derselbig ist jetzt erledigt 23 und ein neu kreatur, nimmer der alten sünd, 24 das ist nimmer in der erbsünd. Die vergebung ist gangen und geht für und für ohn end über die ganze welt. Und allein es sei dann, dass wir den tauf Christi empfahen, 25 sonst werden wir nit derselbigen sünd geledigt, sonder hangt an uns in ewigkeit. Aber der sohn gottes hat sie hinweg genommen und uns den gwalt geben, kinder gottes zu werden durch unsern glauben in den sohn gottes, 26 das ist in den, den gott zu uns gesandt hat, uf dass wir nimmer seind der alten welt, das ist des alten testaments, das ist der alten sünden, sonder seind gar neu, gar ein reines von denselbigen allen gewaschen 27 und weißer gemacht, dann ein schnee nimmer sein mag, durch das bluet Christi. 28 Ist der
[16] verziegen: ‚verziehen‘. — [17] Mt 18,35. — [18] Gen 3,16–19. — [19] Joh 3,16. — [20] Mt 24,14 par.; Mk 14,9; 16,15; Offb 14,6. — [21] welschen: ‚Bewohner eines romanischen Sprachgebiets‘. — [22] Mt 28,19. — [23] erledigt: ‚erlöst‘, ‚entbunden‘. — [24] zur Ablegung des alten Menschen bzw. der alten Kreatur vgl. Röm 6,6 f.; 2Kor 5,17; Eph 4,22–24; Kol 3,9 f. — [25] die Taufe durch den heiligen Geist, vgl. Mt 3,11.16 par.; Joh 1,32 f.; 3,5 f.; Apg 11,16; 1Kor 12,13. — [26] zum Glauben an Gottes Sohn vgl. Joh 3,18.36; 6,69; 11,27; 20,31; Apg 8,37; Gal 2,20; Eph 4,13; 1Joh 5,5.10.13. — [27] gewaschen] gewachssen H. — [28] zum Reinwaschen durch das Blut Christi vgl. Ps 51,9; Apg 22,16; Hebr 9,14; 1Joh 1,7; Offb 1,5.
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ysop, 29 mit dem wir im neuen testament gesprengt seind, 30 von dem David sagt, 31 der do begehrt hat mit diesem ysop gesprengt [123 v] zu werden, damit gewäschen, 32 das ist, der von dem alten testament hinweg genommen wird und do ein neue kreatur angang, 33 die dann durch solch wäschen weißer werd dann aller schnee. 34 Was war der wust, 35 von dem wir sollen gewäschen werden, der uns unrein gemacht hat und befleckt? Allein, dass uns unser muetter in sünden empfangen hat. 36 Das ist, ein jedliche muetter, die nit getauft ist, die empfacht in sünden, dann das ist die sünd, die do geerbt wird von Adam her. Darum David sein muetter bekennt, 37 dass sie ihn hat in sünden empfangen. 38 Wir aber des neuen testaments nit also, sonder wir seind erledigt und erlöst, darum empfacht uns unser mutter nit in sünden. Also von vergebung der sünd den ungetauften gebührt uns im seligen leben nit zu reden, dann dass bei ihnen vergebung der sünd sei, mag in unserm christlichen glauben nit begriffen werden. 39 Dann am ersten vor allen dingen mueß do die vergebung der erbsünd sein. Dieselbig wird nit vergeben als allein im tauf. 40 Der wäscht dieselbig ab im bluet Christi, dass wir alsdann weißer dann der schnee werden. 41 Die nun nit getauft werden, die werden derselbigen sünd nit ledig, dann do muss sein, dass der tauf die abnehm. Und niemands wird getauft, dann die da glauben. Die nu nit glauben, die werden nit getauft, darum so wird ihn die sünd nit vergeben. Us dem folgt nun die ewige verdammnus. 42 Darum Christus sagt, „der do glaubt [124 r] und getauft wird, der wird selig“, 43 dann ursach, er ist gewäschen von der erbsünd. Der aber nit glaubt und getauft wird, der wird verdammt. Darum so mueß das wort fest bleiben und tuet das, dass allein die getauften, so da glauben in den, den gott gesandt hat, Jesum Christum, sein einigen sohn, 44 selig
[29] ysop: ‚Ysop‘, ‚Josefskraut‘, ‚Eisop‘, Hyssopus officinalis L. — [30] Joh 19,29. Zedler berichtet, dass der Ysop in Palästina häufig vorkomme und lange Stängel treibe, an denen Jesus am Kreuz der Essigschwamm dargereicht wurde, vgl. Zedler 13,1506 f. — [31] Paracelsus identifiziert den Psalmisten mit David. — [32] Ps 51,9. Paracelsus übersetzt das „aspargere“ der Vulgata wörtlich mit „gesprengen“ (besprengen) und nicht wie Luther mit „entsündigen“. — [33] angang: ‚anfange‘. — [34] Ps 51,9. — [35] wust: ‚Unflat‘. — [36] Ps 51,7. — [37] sein muetter bekennt: ‚über seine Mutter aussagt‘. — [38] Ps 51,7; vgl. auch Ps 109,14. — [39] In der alten Kirche konnte die Absolution nur den Getauften erteilt werden. Eine Schwierigkeit stellten damit die tot geborenen und damit ungetauften Kinder dar. Paracelsus geht auf diese Problematik ausführlich ein im «B3. Liber de sacramento corporis Christi, einzunehmen zu der seligkeit». — [40] Mk 1,4; Lk 3,3; Apg 2,38. — [41] Ps 51,9. — [42] Mk 16,16. — [43] Mk 16,16. — [44] Joh 3,16.
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werden. So die nun selig werden, so ist das erst, dass ihr sünd vergeben sind, und seind ein neue kreatur und ein neues geschöpf und ein neu testament, fürhin 45 kinder gottes. 46 Die vorhin kinder der sünden warent, der finsternus, die seind’s jetzt nimmer der finsternus, sonder des liechts, das ist, die erst vergebung, durch die wir müeßen zu dem ewigen leben. Darum all ander glauben, sie seind im menschen, sie seind im abgott, sie seind im Machomed oder wie die seind, haben kein erlösung von ihren göttern und propheten, sonder alle zu der ewigen verdammnus, ihr götter und sie mit ihnen. Dann nur ein gott ist im himmel und erden und nit mehr und kein ander nit: 47 der allein, der am kreuz gehangen ist. Darum, dass sein marter, sein leiden, sein tod hat müeßen die sünd hinweg nehmen, 48 dester schwerer werden die abgötter und falsch götter verdammt und gesenkt werden in abgrund der hellen. Dieweil nun die erst sünd nit vergeben wird, allein durch den tauf etc., so werden auch ander sünd in derselbigen sünd bleiben und auch nit vergeben. Wie aber der [124 v] sohn gottes gesagt hat, es wird ein hirt und ein schafstall, 49 dann das ist uns wohl zu verstohn, dass ein liecht wird scheinen den seligen im letzten der zeit, 50 also dass der tauf in der ganzen welt sein wird, darum auch ein hirt zur selbigen zeit. Nun aber weiter von der vergebung der sünden im neuen testament, das ist, von vergebung der neuen sünd. Das ist, die alt sünd ist verziegen und vergeben, aber über das, dieweil wir die schwächisten kreatur seind, so folgt hernach, dass wir täglich in sünd fallen. Das ist aber ein neue sünd, die wir tunt wider die lehr, geheiß, gebott Christi. Derselbig will, dass wir gott lieb haben und den nächsten als uns selbs. 51 So nun das nit beschicht, so sind wir in sünden und dörfen 52 vergebung derselbigen. Nun ist do zwo vergebung: die eine wir selbs, die ander unser himmlischer vatter. Das ist also zwiefach sünden: wir in gott und in nächsten. Nun ist also ein zwiefache vergebung da, dass wir dem nächsten vergeben, als wir dann von gott auch wellen vergeben hon. 53 Das ist, vergeben wir unsern feinden und schuldnern, so vergibt uns gott auch, dass wir wider ihn hont gehandelt und geton. Darum so müeßen wir anfahen vergeben einander, 54 und der anfang ist unser, das end ist
[45] fürhin: ‚fortan‘. — [46] zur Kindschaft Gottes vgl. Dtn 14,1; Ps 82,6; Lk 20,36; Joh 1,12; Röm 8,14–23; 9,26; Gal 3,26; Phil 2,15; 1Joh 3,1 f.9. — [47] Pred 5,2; Apg 4,24; 17,24. — [48] Röm 5,8.15; 1Kor 15,3; 1Tim 1,15; Hebr 9,28. — [49] Joh 10,1–17. — [50] Offb 22,5. — [51] Lk 10,27. — [52] dörfen: ‚bedürfen‘. — [53] Mt 6,12; Lk 11,4. — [54] Eph 4,32; Kol 3,13.
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Lesetext – Liber de vita beata
gottes. 55 Darum so vergibt er noch uns, wie wir vergeben haben und gemessen 56 unsern schuldnern. 57 Also wird er uns auch gleichmäßig 58 halten. Nun [125 r] ist die sünd, so uns beschicht durch einander, nichts anderst, dann allein gegen uns. Darum wir gegeneinander nit sollen rächig 59 sein, sonder also sollen wir uns halten, dass der, der do schuldig ist dem andern, sich mit ihm versün 60 und vertrag, dieweil sie beid uf erden leben und seind. Dann ursach, wird er’s nit tun, will nit vergebung von ihm bitten und erlangen, so wird er nach diesem leben überantwort werden dem henker in jener welt und do so lang im kerker liegen, bis er den letzten quadrant 61 bezahlt. 62 Aus dem folgt nun, dass die, so do schuldig seind, um vergebung der schuld bitten und sich mit ihnen vergleichen. 63 Demnach soll derselbig, dem dieser schuldig ist, dem verzeihen und vergeben. 64 Wo nun aber das nit beschicht, so wird gott demselbigen verzeihen, und dich uf deine unbarmherzigkeit strafen auch nach unbarmherzigkeit. 65 Dann wie dein herz wird sein, also wird auch das herz gottes sein. 66 Dann der ein teil, der mueß bitten, der dann schuldig ist; der ander teil, dem man schuldig ist, der mueß verzeihen. Also wie wir uns in dem articul 67 halten, also halt uns gott auch. Darum so geht am ersten unser barmherzigkeit an, und so die ausgesprochen ist, so folgt auf dieselbige vergebung der sünden auch. Also gerecht ist gott, dass er will, dass die sünd, so wir gegeneinander handlen wider die liebe des nächsten, von [125 v] uns erstlichen verziegen werden und ihm die ding heimsetzen. 68 Das auch also zu verstohn ist: Hat dir einer ein schaden zugefüegt gegen deiner freundin, weib, tochter oder dergleichen, 69 in was weg das beschehen mag, so ist die straf so groß, dass du’s nit magst gegeneinander vergleichen. Ob du ihn schon tötest, noch hat jener nit genuegsam gleiche maß um sein sünd. Tust’s aber, so steht gott mit seiner straf ab und fällt der zorn über dich. Darum verzeich, er bitt dich oder nit. Bitt er dich nit, und aber du verzeichst uf das, dass dich gott in der stund des tods nit ungehorsam findt, alsdann folgt uf das: Hat jener dich nit betten um verzeihung, und du bist von ihm in hochmut gedrungen worden oder in
[55] Röm 6,22; 1Kor 10,13; 1Petr 1,9. — [56] gemessen: ‚zugemessen‘, ‚angerechnet‘. — [57] Mt 7,2 par.; Lk 6,38. — [58] gleichmäßig: ‚gleichermaßen‘. — [59] rächig: ‚rachmütig‘. — [60] versün: ‚versöhne‘. — [61] quadrant: hier ‚Viertelspfennig‘. — [62] Mt 5,25 f. — [63] vergleichen: ‚gleich machen‘. — [64] Mt 6,14 f.; Eph 4,32; Kol 3,13. — [65] Mt 6,14 f. — [66] Ps 44,22; Spr 24,12; Jer 12,3; Lk 16,15; Apg 1,24; 15,8; Röm 8,27. — [67] articul: ‚Punkt‘, ‚Klagepunkt‘. — [68] heimsetzen: ‚anheimgeben‘. — [69] Ex 20,17; Dtn 5,21.
A17. Liber de remissione peccatorum
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verachtung oder in spott, und du stirbst in dem, so wird der ander in den kerker gelegt, von dem Christus redt, und wird do nit heraus kommen, bis er den letzten quadrant legt. 70 Das weißt nun gott, wie der quadrant zu verstohn ist. Du aber, du sollt allemal vergeben, wie dir geschicht, und gedenke, dass du gegen gott auch nit ohn sünd seiest und weißt nit, wie groß gott die klag gegen dir füeren wird. Darum verzeihe alles, uf dass dich gott mild, barmherzig findt gegen dein feinden uf erden. 71 Also werden die großen sünd, wider gott von dir beschehen, vergeben durch dein vergeben der kleiner sünden, so wider dich geschehen seind. Der dir dein weib schmächt, 72 der sündt wider gott und dich. Verträgt 73 er sich gegen dir [126 r] uf erden, so ist es gegen gott auch vertragen. Wo nit, so vergib du, so wird gott die straf vollenden. Dann sein ist die rach, 74 und er wird’s vergelten einem jeglichen, wie sein hochmut inhalt. 75 Dann der nit bitten will um vergebung den menschen, der ist hoffärtig und will nit in die demut. 76 Denselbigen erhört auch gott nit, so er ihn bitt um vergebung. Am ersten geht die vergebung beim menschen hin, so es gegen dem menschen beschehen ist, die ander durch gott. Beim menschen muss angefangen werden die diemut und darnach vor gott auch. Der den menschen veracht, der veracht auch gott. Dann also hat er’s gesagt: „Du sollt dich vertragen, dieweil du mit deim gesellen wandlest uf erden, uf dass dir nit nachgang in jener welt.“ 77 Dann in derselbigen ist ein solcher kerker und scherg do, dem du nit wirst entrinnen mügen, sonder du mueßt in den kerker und dein urteil teuer gnueg zahlen.
Lk 19,8: Et si aliquem defraudavi, reddo quadruplum 78 Nun aber, einer der nit vergebung darf bitten, als einer der dasselbig zu erstatten hat, der soll’s erstatten alls, was gut antrifft. Bescheißt einer einen um ein geld, vermag er’s nit wieder zu geben, so soll er ihn bitten, dass er ihm das verzeihe, so soll ihm’s der verzeihen. Nun aber, vermag er’s zu erstatten, so soll er ihn nit bitten, dass er’s [126 v] ihm verzeich, sonder selbs erstatten und aber darzue bitten um verzeihung. [70] Mt 5,25 f. — [71] Mt 5,7.9. — [72] schmächt: ‚in Schmach bringen‘. Vgl. Ex 20,17; Dtn 5,21. — [73] verträgt er sich gegen: ‚versöhnt er sich mit‘. — [74] Röm 12,19; Hebr 10,30. — [75] inhalt: ‚enthält‘. — [76] 1Petr 5,5. — [77] am ehesten Mt 5,22. — [78] Lk 19,8: „und so ich jemand betrogen habe, das gebe ich vierfältig wieder“, HS 1545.
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Lesetext – Liber de vita beata
Und so redlich soll einer sein an ihm selbs, der es vermag, ehe dass er ein beschiss oder betrogen guet habe, soll er’s ehe vierfach wiedergelten. Darbei sicht gott dein große milde, diemut und güete in der erkanntnus deiner sünd. Jetzt uf das wird auch gott dich erkennen und gegen dir auch vierfacher vergebung der sünd dich erlangen lassen, dern 79 sünd, so du wider gott hast geton. Dieweil nun hie im heiligen leben allein das das allergrößest ist, dass wir uf erden recht vergeben und einander recht verzeihen und gegeneinander vergeben, als gestohlen guet wieder geben und dergleichen, was also antrifft, und dasselbig überflüssig. 80 Wo aber nit, dass du’s nit hättest mit deiner demut gegen ihm und mit der reu und leid begange, 81 dass dieselbig das alles zahl und hinnehme. Das aber mit keim guet mag vergleicht werden: als schändung der ehe, der tochter, der freundin, do kein guet mag noch anderst 82 das vergeben, als allein die einige erkanntnus gegen denselbigen, und mit solcher reu und diemuet, dass auch gott ein gnüegen mag daran haben. Nit allein, dass du meinst, dich nach pharisäischer art zu stellen und bitten ohn leid und reu. 83 Ob gleichwohl uf ein solliches pharisäisch herz dein nächster dir vergibt die schuld, so erkennt gott dein herz, 84 wie es in leid und reu gestanden ist. Derselbig, darnach so die stund kommt, so rechtfertigt er dir dasselbig, und hält [127 r] dir dein betrogen herz für und dein pharisäische bittung und andacht, ob dir vergeben hat 85 dein missetat wider ihn, das du durch beschiss und betrug erlangt hast, so wird dir gott denselben betrug inrechnen. Dann der will, dass herz und maul ein ding sei 86 und kein falsch im herzen und das maul anderst sei. 87 Was du mit betrug erlangst, das ist nichts erlangt. Gott wird dich am selbigen ort ersuechen, 88 der alle herzen erkennt bis in das mittelst seins centri. 89 Dieweil wir nun haben den gwalt 90 von gott in dem neuen testament unter den neuen kreaturen aus dem andern Adam, der Christus ist, 91 den gwalt, die sünd einander zu vergeben und kein rach do zu tragen, als gott heimgesetzt, 92 und so wir die sünd vergeben einander und ver-
[79] dern: ‚deren‘. — [80] überflüssig: ‚im Übermaß‘. — [81] begange: ‚verhalte dich‘, ‚setze dich ein‘. — [82] anderst: ‚etwas anderes‘. — [83] Mt 23,16; Lk 5,33; 18,10 f. — [84] Ps 44,22; Spr 24,12; Jer 12,3; Lk 16,15; Apg 1,24; 15,8; Röm 8,27. — [85] hat] hat dein nechster M. — [86] Ps 49,4. — [87] Ps 17,3; 49,4; Spr 15,7; 26,23; Pred 5,2; Jes 29,13; Mt 12,34; 15,8; Lk 6,45. — [88] ersuechen: ‚aufsuchen‘, ‚ausfindig machen‘. — [89] centri: ‚Zentrums‘. Vgl. Ps 44,22; Spr 24,12; Jer 12,3; Lk 16,15; Apg 1,24; 15,8; Röm 8,27. — [90] wir … gwalt: ‚es steht in unserer Macht‘, ‚wir haben die Möglichkeit‘. — [91] 1Kor 15,22. — [92] Röm 12,19; Hebr 10,30.
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zeihen, so wird uns gott auch verzeihen. 93 Indem so wir nit recht gegen unsern nächsten wellen hon, sonder uns der recht verzeihen und halten uns in der barmherzigkeit gegen dem nächsten und nit des rechten. 94 Als Christus gesagt hat: „Nimmt dir einer den rock, lass ihn ihm auch den mantel darzue.“ 95 Das ist, ehe du recht gegen dem nächsten wellest suechen, ehe lass fahren. Dann recht begehrn gegem nächsten ist nit ein tugend im seligen leben, sonder barmherzigkeit ist ein tugend. 96 Die widersteht dem rechten 97 und bleibt allein in der barmherzigkeit. [127 v] Das ist ein tugend des seligen lebens. Nun aber so folgt uf das, dieweil die barmherzigkeit ein tugend des seligen lebens ist und es wär einer, der die nit wollt annehmen von denen, so ihm die beweisen, so ist der gwalt uns daruf geben, dass derselbig, so er ermahnt würd – einmal, zwei, drei – durch dich allein, durch mitgespanen, 98 durch die gemein, 99 wo nit, so haben wir gewalt mit demselbigen zu handlen, wie es uns lust.100 Das ist, wie mit den plapplern und ethnischen,101 die dem henker billich sollen unterworfen werden, mit ihnen zu handlen, dass sie aus der kirchen, das ist, aus der gemein kommen, das ist, auch gar ab der welt.102 Dann die ganz welt ist ein kirch, darum soll er kein platz uf ihr hon. Er wird vergiften und verunreinigen die seligen und die unselig mit ihm machen.103 Dann also beschleußt der gwalt Christi indem, dass wir ihn haben. Also was wir binden, das ist bunden, was wir ledigen, das ist ledig.104 Also aber, will er nit unter die barmherzigkeit, so werde ihm die gerechtigkeit zuteil, das ist, ab der welt. Jetzt binden wir ihn nach dem rechten, dem er nachstellt. Ergibt er sich aber unter die barmherzigkeit, so sollen wir ihn ledig lassen. Lassen wir ihn ledig, so seind ihm sein sünd aus kraft der barmherzigkeit vergeben, unter die er sich geworfen hat. Und was wir do handlen, das ist aus gott da, nit von uns.105 Darum was wir also binden, das ist auch im himmel bunden, das ist, sie kommen nit darein. Ledigen [128 r] wir sie von sünden, so seind sie auch im himmel vor gott geledigt.106 Also der recht will hon, dem soll es begegnen, der barmherzigkeit will hon, dem soll sie auch begegnen, und das hie uf erden und nit sparen in jene welt, so es wird versaumt sein und nimmer der gwalt, sonder ein anderer der schöpfer ist. [93] Mt 6,14 f. — [94] Hiob 6,14. — [95] Mt 5,40 par. — [96] Mt 5,7; Lk 6,36; 1Petr 3,8. — [97] rechten: ‚dem, was gemäß dem Recht ist‘. — [98] mitgespanen: ‚Kameraden‘. — [99] gemein: ‚Gemeinde‘. — [100] Mt 18,15–17. — [101] ethnischen: ‚Heiden‘. — [102] gar … welt] ‚dass sie zum Tode verurteilt werden‘. — [103] Hebr 12,15 f. — [104] Mt 16,19; 18,17 f. — [105] 1Kor 10,31; 2Kor 3,5; Phil 2,13; Kol 3,17. — [106] Mt 6,14 f.
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Lesetext – Liber de vita beata
Also güetig ist gott, dass er uns gegeneinander die sünd zu verzeichen gwalt geben hat,107 und dass aber das beschehe, dieweil wir hie uf erden miteinander wandlen. Dann nachfolgt 108 wird der gwalt nimmer do sein, und darzue auch, wo aber einer würde sein, der nit wollte dermaßen handlen, der ist in unserm gewalt ab der welt zu tun, von uns aus der kirchen. Dann sonst hat der mensch nit gwalt zu töten noch niemands das leben zu nehmen, allein es sei dann, dass sich der sünder nit bekehrn wollt uf die ermahnung, so gegen ihm zum dritten mal beschehen.109 Will er nit: mit ihm ab der welt. Als so ein dieb do wäre, ein morder und dergleichen, so will gott nit, dass man’s töt,110 sonder will die ermahnung am ersten hon, uf dass der sünder bekehrt werde. Wo aber uf solche ermahnung kein hilf do würde sein, alsdann ist der zu binden und zu strafen von der welt.111 Und so wie gräulich die sünd, viel mord oder sonst, so geht das evangelisch gesatz vor dem kaiserlichen. Das ist, am ersten ermahnen; nachfolgt, wo [128 v] nit, das kaiserlich gesatz hernach, und was der kaiser bindt, das ist auch im himmel bunden; 112 wiederum auch, das die kirch ledigt in der gemein, ist auch gelediget. Das tuet die reu und leid über die sünd, gefällt gott bass 113 dann der tod oder gericht des kaisers, so dieselbig do ist. Allein aber, so sie nit do wäre, alsdann soll dem kaiser folg geschehen in seinem gebott und gesatz. Also will uns gott uf erden hon im neuen testament, dass wir gegeneinander in solcher liebe leben sollen,114 dass keiner gegen dem andern soll neid, hass, zorn, rach etc. tragen, sonder einander verzeihen und den gwalt geben zu verzeihen. Und was wir verzeihen unsern schuldnern, das ist verziegen auch bei gott.115 Und der uns in der kirchen ein laster anfacht 116 und über die dritt warnung nit abstohn 117 will und in reu und leid gohn, denselbigen haben wir gwalt, dem kaiser zuzestellen, uf dass er ab der welt kommt.118 Dann gott hat ein wohlgefallen im sünder, so er reu und leid trägt, und das uf erden. Wo aber nit, dass er do veracht: 119 ab der sunnen geton wie Sodoma und Gomorra,120 wie Jerusalem zerstört ward,121 also mit ihm
[107] Mt 6,14 f.; Eph 4,32; Kol 3,13. — [108] nachfolgt: ‚danach‘. — [109] Mt 18,15–17. — [110] Hes 33,11. — [111] Lk 17,3. — [112] Röm 13,1. — [113] bass: ‚besser‘. — [114] zur Liebe zum Nächsten vgl. Lev 19,18; Mt 19,19; 22,39 par.; Joh 13,34; Röm 13,9 f.; 15,2; Gal 5,14; Jak 2,8. — [115] Mt 6,12; Lk 11,4. — [116] anfacht: ‚anfängt‘. — [117] abstohn: ‚davon ablassen‘. — [118] Lk 17,3. — [119] veracht: hier ‚veracht wird‘. — [120] zur Zerstörung von Sodom und Gomorra vgl. Gen 19,24; Dtn 29,23; 2Petr 2,6; Jud 1,7. — [121] Paracelsus spielt hier auf die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 an, die Flavius Josepus (37/38-c100) in «De bello iudaico» schildert.
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auch umgohn. Besser wenig und guet, dann viel und nichts guts.122 Also auch sollen wir wissen, dass uns gott barmherzigkeit beweist, darum sollen wir’s auch beweisen. Dann sollte gott gegen uns das recht brauchen, wer blieb uf erdrich? Niemands. Das sollen wir in allen dingen gedenken, wie uns [129 r] gott so ein große barmherzigkeit mitteilet, dass wir uf solche treu, so er uns tuet, auch barmherzigkeit tunt beweisen und uns nit des rechten behelfen gegen unsern nächsten, sonder der barmherzigkeit gegen ihm. Dieweil und gott die gerechtigkeit gegen uns auch nit braucht, dermaßen wir auch nit gegen dem nächsten oder unserm bruder, sunder allein verzeihen und vergeben. Dann do Petrus fragt „wie oft“, do ward ihm geantwort, „siebenzig mal sieben mal“ eins tags.123 Das ist soviel: ohn end haben wir zu vergeben. Dann nit die zahl ist gegen dem nächsten zu bedenken, dass einer vermeinte, „ich habe dir vormals auch vergeben einmal, zweimal, dreimal“ etc., „es ist nun mehr gnug, ich wird dir fürhin nit mehr vergeben“ etc. Solches sollen wir nit melden. Dann so oft kann unser bruder nit wider uns sünden und tun,124 wir tunt noch vielmehr wider gott. Darum sollen wir nit sagen, es ist gnueg. Dann sagten wir gegen unserm bruder, so wird es gott gegen uns auch sagen und uns messen mit dem maß, die wir gegen unserm bruder genommen hätten.125 Domit so beschleußt es sich in der gestalt,126 dass wir sollen gar und ganz alles verzeihen, sie tuen wider uns, wie sie wellen, es sei was well. So sie uns bitten, sollen wir ihn verzeihen, so wird’s ihnen vergeben und uns unser sünd gegen gott auch; bitten sie uns nit, aber 127 vergeben, uf dass uns gott vergebe unser sünd auch, so er’s zu uns gesprochen [129 v] hat. Den andern lassen gott befohlen sein in sein gericht und urteil oder barmherzigkeit. Und so wir also leben uf erden, so füeren wir ein seligs leben. Darum sollen wir betrachten, dass gott im himmel will, dass unser keiner verlon werd, sonder all behalten. Darum so setzt er den anfang in unser hand und gwalt, dass wir am ersten sollen barmherzig sein, so wird darnach gott auch barmherzig sein. Ist das nit ein groß nachlassen,128 so ein herr zu eim sagt, „wie du vergibst, also will ich dir auch vergeben“? Nun stehet es jetzt in des barmherzigen hand, will er viel oder wenig, so wird’s ihm. Es steht in seinem willen, nachdem 129 und er will, dass ihm gott verzeihe.
[122] Spr 16,8. — [123] Mt 18,22. — [124] Mt 18,15. — [125] Mt 7,2 par.; Lk 6,38. — [126] beschleußt … gestalt: ‚muss man schlussfolgern‘. — [127] aber: ‚abermals‘, ‚dennoch‘. — [128] nachlassen: ‚Zugeständnis‘. — [129] nachdem und: ‚je nachdem‘.
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Wie nun gesagt ist von der kirchen und wie sie die sünd vergibt, so der sünder sich ergibt, wo nit, do nichts vergeben mag werden, sonder er mueß sein sünd behalten und in die straf der verdammnus mitgohn ab der welt in die hellen, dieweil nun aber ein solch großer gwalt bei uns ist, so sollen wir wissen von wannen der uns kommt. Also ist dasselbig: am ersten müeßen wir bekennen und kennen, Christum zu sein ein sun des lebendigen gottes.130 So wir das glauben können und bekennen, jetzt folgt aus dem, dass wir des neuen testaments seind, der neuen kreatur,131 des taufs, das ist aus dem tauf.132 So wir nun die seind, so folgt uf das, dass Christus auf uns bauet sein kirchen als auf seine glaubigen und auf die seinen, die er erlöst hat.133 Sein kirch ist sein [130 r] volk. Der grund der kirchen ist, dass wir bekennen Christum zu sein ein sohn des lebendigen gottes. Das ist der grund, uf dem grund stohnt wir alle. Jetzt steht die kirch uf dem bekennen und glauben. Jetzt folgt uf das der gwalt der kirchen, dass, welcher der ist, der also uf diesem grund steht, derselbig hat zu binden und zu entbinden und hat den schlüssel in den himmel, hinein zu lassen oder nit.134 Das ist also: kein türk, kein machomed,135 kein appollisch,136 kein sumaritisch 137 hat gwalt, die sünd zu vergeben. Allein der im glauben Christi ist, der hat gwalt, die sünd zu vergeben.138 Und sonst kein ander glaubt nit, als allein die glaubigen in Christo; dieselbigen mügen einander verzeihen und hat kraft im himmel. Was ander glauben und sekten verzeihen, hat im himmel kein gwalt. Darumben so müeßen sie nach ihrem tod die sünd all uf ihrem rucken tragen, dann sie seind nit der kirchen, sonder juden, heiden, wider den glauben. Also laut nun das wort Christi, dass die, so Christum kennen und bekennen, die seind die kirchen, und die kirch hat den gwalt, wie bisher fürgehalten.139 Also wie angezeigt, dermaßen mügen wir einander die sünd vergeben. Aber die sünd, so in gott beschehen, nit betreffen die liebe im nächsten, dieselbigen sünd werden hie nit begriffen, dass wir die seient, zu vergeben den gwalt zu hon, sonder [130 v] aber die, so wir gegeneinander, dieselbig ist hie in der kirchen der gwalt. Soviel ist unser glaub über all glauben. So folgt nun aber weiter, dass der, der Christum bekennt und kennt ihn, dass er ist ein sohn des lebendigen gottes, derselbige hat’s nit aus dem natürlichen verstand, sonder aus der erkanntnus von gott im himmel, der [130] Mt 16,16–18. — [131] 2Kor 5,17; Gal 6,15. — [132] Röm 6,4. — [133] Mt 16,18. — [134] Mt 16,19. — [135] machomed: hier ‚Mohammedaner‘. — [136] appollisch: ‚heidnischer Grieche‘. — [137] sumaritisch: verm. ‚Sumerer‘, Bewohner Mesopotamiens. — [138] Mt 9,6 par. — [139] Röm 16,16; 1Kor 1,2; Eph 3,21.
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solches offenbart von unserm himmlischen vatter, das ist, Christus ist ein sohn des lebendigen gottes.140 Demselbigen gibt Christus den gwalt, dass ihm kein hellischer gwalt nichts tun mag.141 Aber all ander glauben seind unter dem teufel, und er hat ihren gwalt, sie umzustoßen, zerbrechen, zerrütten nach seinem gefallen. Diesen aber, das ist, dieser kirch, hat der teufel nit macht in keim weg, sie weder zerbrechen noch zu schädigen, dann sie ist gwaltiger dann der teufel. So gwaltig ist der, der Christum kennt, ein sohn gottes zu sein, dass ihm Christus den schlüssel gibt in den himmel,142 das ist, dass er selbst mag hinein gohn ohn alle hinderung. Zu gleicher weis als ein vatter oder ein bruder, der seim sohn oder bruder den schlüssel gibt zum haus und sagt: „Gang in mein haus zu mittentag oder mitternacht, wann du bereit bist.“ Das ist nun ein zeichen, dass der vatter sein sohn kennt, dass er ihm aus seinem haus kein spelunken macht,143 sonder kennt sein sohn oder sein bruder oder nächsten so für ganz und gerecht, dass er kein teil bei den bösen hat. Darum darf er [131 r] wohl hinein gohn. Also uf solche frummkeit, redlichkeit und beständigen glauben und offenbarung von gott gegen seinem sohn folgt nun,144 dass ein solcher gerecht mann selbs den schlüssel hat in himmel, das ist, geht selbs hinein, so ihn der tod angreift. Und wird erfüllt der spruch Christi, „et violenti rapiunt illud“, dass sie reißent mit gwalt den himmel zu ihnen.145 Das ist, sie hont den schlüssel selbs, und der himmel mueß auf, kann ihn nit widerstohn, wie dann Johannes baptista einer war und ander dergleichen. Also laut nun das, dass wir, die do seind in Christo und in seim weg, so der tod kommt und uns nimmt, so haben wir den schlüssel in himmel. Das ist, der himmel mag sich unser nit erwehren, sonder er ist gezwungen, ufzugohn und sich spalten mit gwalt und uns einzulassen. Das ist der gwalt, den wir glaubigen hont über den himmel: hinzugohn mit gwalt, so wir uf erden im willen gottes des neuen testaments gewandelt haben und uf dem grund gestanden, der Christus selbs ist.146 Also nun weiter: Auch ein jeglicher, dem also von gott Christus geoffenbart ist, der hat auch den gwalt, dass er mag verzeihen und vergeben allen den, so wider ihn gehandelt hont. Bitt einer ihn, so soll er verzeihen, wie auch gott unser himmlischer vatter uns verzeicht, so [131 v] wir ihn bitten. Und das verzeihen hat kraft im himmel, und ist demselbigen verziegen und vergeben vom menschen, auch 147 von gott wie [140] Mt 16,16 f.; Joh 6,69. — [141] Mt 16,18; Offb 1,18. — [142] Mt 16,19. — [143] Mt 21,13 par. — [144] Mt 11,25–27; Joh 17,6–10. — [145] Mt 11,12. — [146] 1Kor 3,11. — [147] auch: lies ‚so auch‘. —
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vom menschen. Also hat Christus hie uns seinen glauben, den gwalt selbs in unser hand geben, zu verzeihen. Und wie wir verzeihen, so ist im himmel auch verziegen und vergessen. Dergleichen auch, so wir nit gebetten werden zu verzeihen, und unser verzeihen, das ist unser gwalt, wird veracht, so haben wir dieselbig, zu binden in abgrund der hellen. Und so wir’s binden in die hellischen bänder,148 so seind sie auch im himmel gebunden. Das ist, wir vermügen niemands zu binden, allein gott bind dann. So ist nun das also, so wir binden, so bindt gott im himmel. Jetz hat’s gwalt und ist gebunden. Dann gott will nit, dass man sein gesalbten veracht, verspott oder dergleichen antast. Dann die seind seine gesalbten, so er mit seinem bluet erlöst, die gott unser himmlischer vatter erleucht hat, dass sie sein sohn kennen. Dieselbigen hont gwalt zu ledigen von sünden, zu binden, wie fürgehalten ist, alle die, so wider sie seind.149 Dann wer wider sie ist, der ist auch wider gott. Der auch wider gott ist, ist auch wider sie. Also werden von uns die juden, die heiden, die türken, die mamalucken 150 und all ihr abgötter gebunden im abgrund der hellen, und es hat kraft. Dann durch uns beweist Christus sein glori,151 sein gwalt, und dass wir die seind, die den teufel haben zu binden und die seinen zu einem zeichen unsers [132 r] wahrhaften glauben, der, der uf Christum gebauen ist und gesetzt. Das ist nun der gwalt, den wir hont in vergebung der sünd, darzue auch in ledigen und binden.152 Alles, das wir uf solche erkanntnus tunt, das ist auch im himmel also. Dann der vor uns und bei uns nichts soll,153 der soll in ewigkeit nichts, soll auch vor gott nichts. Darum so er vor gott nichts soll, so soll er auch vor uns nichts, darumben haben wir gwalt, ihn hinweg ze tun. In solchen gwalt soll sich niemands verwundern, den wir glaubigen haben. Dann so wir sehent, dass Christus hat den aposteln solchen gwalt geben, dass sie hont gift trunken, hat ihn nit geschadt, sie hont die toten lebendig gemacht, sie hont die blinden gesehend gemacht,154 also groß ist es um einen, der in Christo lebet. So nun derselbig gwalt also do ist und vor augen liegt, so ist auch darbei derselbig gwalt, der jetzt gemeldt ist. Also lieb sind wir gott, dass uns all unser sünd verge[148] bänder: ‚Fesseln‘. — [149] Mt 16,19; 18,17 f. — [150] mamalucken: Die Mamelucken, freigelassene Kaufsklaven türkischer oder tscherkessischer Herkunft, herrschten in Ägypten und Syrien von 1250 bis zur osmanischen Eroberung 1516/1517, spielten aber auch danach noch eine wichtige Rolle in Politik und Verwaltung. — [151] glori: ‚Herrlichkeit‘. — [152] Mt 16,19; 18,17 f. — [153] soll: ‚taugt‘, ‚wert ist‘. — [154] Apg 5,12–16; 9,40; 14,8–10; 19,11–16; 20,9–12.
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ben werden, allein ausgenommen die laster und sünd, so in den heiligen geist geschehen.155 Dieselbigen werden weder hie noch in jener welt vergeben. Dieselbigen sünd ist die, so wir Christum ein lügner heißen in seiner lehr, dann sein lehr ist der heilig geist. So wir das nit wellen glauben, sonder verletzen, verachten und dergleichen, jetz ist die sünd im heiligen geist vollbracht. Der die vollbringt, dem ist’s in ewigkeit kein vergebung. Niemands hat auch kein gwalt, dieselben zu vergeben. Dann [132 v] der wider den heiligen geist redt, der ihn will lügen strafen, auch der wider gott flucht und lästert: das seind die sünd, die nimmermehr müglich seind zu vergeben. Sunst aber alle sünd vergeben werden, wie die seient, so wir allen menschen auch verzeihen, kein rach noch kein rechts gegen niemands begehrn,156 sonder gegen jedermann allein barmherzigkeit gebrauchen, die wird uns auch gebraucht werden. Und dohin zu dem letzten fliehen in ein reuigs,157 leidigs herz,158 das ist, in die forcht gegen gott, dass wir sein lehr, sein gebott nit halten, dasselbige in solcher reu und leid befestigen, dass vor reu und leid kein teufel in unser herz mag, dann dasselbig treibt den teufel hinweg. Wo aber nit reu und leid ist, da 159 ist auch kein widerstohn dem teufel. Und ob wir groß sünd uf uns haben, wie die verlaufen seind,160 sollen wir aus der tiefe unsers herzens schreien zu gott.161 Und so wir mit ernst schreien und mit ganzem grund, so wird er sein augen 162 gegen uns wenden und wird aller unser sünd vergessen. So wir aber würden nit also fest sein in unsern herzen, so wird er keiner sünd vergessen hon. Wer wird ihm mügen widerstohn? Aber darum soll unser herz wachen tag und nacht ohn unterlass,163 von einer mettni 164 zu der andern,165 und für und für von der hoffnung nit stehn,166 sonder beständig sein und bleiben [133 r] und gedenken an die große barmherzigkeit gottes, und dass die erlösung bei ihm ist. So alle sünd uf erden do wärent, dieselbigen all die erlösung haben in der barmherzigkeit gottes. Dann also werden wir erlöst von sünden hie uf erden 167 in dem seligen
[155] zur Sünde wider den heiligen Geist vgl. Mt 12,31 f. — [156] Röm 12,19; Hebr 10,30. — [157] reuigs] ruewigs H. — [158] zur Furcht vor dem Herrn vgl. u. a. Ps 22,24; 25,12; 34,10; 67,8; 112,1; 128,4; Spr 14,2.26; 1Petr 2,17; Offb 14,7. — [159] da] das H. — [160] verlaufen seind: ‚sich zugetragen haben‘. — [161] Ps 34,18; 77,2; 130,1. — [162] zu den Augen des Herrn vgl. Ps 34,16; 66,7; Spr 15,3; 20,12; 22,12; Jer 5,3; 1Petr 3,12. — [163] zum Wachen für Gott vgl. Ps 77,3–7; Hld 5,2; Jes 26,9; Klgl 2,19; Mt 24,42. — [164] mettni: ‚Mette‘, ‚Frühgottesdienst‘. — [165] Ps 130,6. — [166] stehn: ‚ablassen‘; zum Hoffen auf den Herrn vgl. Ps 115,9.11; 130,5.7; 131,3; Jes 8,17; Klgl 3,26; Phil 2,19. — [167] erden M.
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leben. So wir wandlen im weg gottes, werden wir ufgericht, wo wir gefallen sind.168 Also ihr all, so uf erden leben: fallen169 von der hoffart und übermut und gohnt in die diemut und bekennen eur sünd gegeneinander, dann wir seind alle sünder. Der sein sünd eim andern bekennt und derselbig ihm, der bekennt sich eim sünder. Uf solches folgt nun, dass wir je einer dem andern sollen verzeihen und vergeben, uf dass wir selig werden.170 Dann oh ihr gewaltigen, so ihr gegen eurn untertonen nit werden bekennen den hochmuet, so ihr mit ihnen hont getrieben, so werden ihr nit verzeihung erlangen. So ihr nit verzeihung erlangnet hie uf erden gegen denen, den ihr schuldig seind, wie wellent ihr aus dem kerker kommen nach diesem leben, do nichts ist als ein ewigs feur und zähnklaffen?171 Also auch ihr untertonen, nit haben ihr gehorsame gehalten gegen den obern. Bekennent’s gegen ihnen, uf dass sie euch verzeihen und vergeben und also ohn dieselbigen sünd lauter und rein sterben, dann also stirbt man im herren.172 Also auch ihr, die da werben in der welt in allen land,173 bekennen eure sünd denselbigen, die ihr übermessen hont. Wie groß wird gott das ansehen in eurem herzen und [133v] euch auch verzeichen! Dann wie kann euch verziegen werden, so ihr nit bekennen eure sünd, dass sünd sei? Und ob ihr schon gegen gott ein zuflucht hont, so ist aber das sein ordnung und geheiß, dass wir sollen einander am ersten bitten und vergeben.174 Demnach kommt die sein hernach, die alles verzeicht und vergibt. Und ihr gelehrten, bedenken euch, wo ihr eur gelehrti 175 genommen haben, warzue sie kommen ist, was sie geton uf das, so ihr mit eurer gelehrti wider gott den menschen verführt hätten. Dasselbig öffnen, wiewohl es hart ankommt, die gelehrti zu widerruefen und sie für lügner erkennen. Erharten nit darinnen, außer mit dem putzen,176 und bedenkt den elenden kerker, der nach diesem tod kommt. Und ihr ärzt, bitten eur kranken, dass euch verzeihen, dann ihr mügen nit all glaslauter177 sein. Darum diemüetigen euch zu dem nächsten, darnach zu gott. Also hat’s sein ordnung, dass vor den menschen der anfang geschehe. Und ihr arbeiter, als handwerksleut und bauer, euren betrug, bescheißen: öffnen denen, den ihr’s bewiesen178 hont, und do
[168] Spr 24,16. — [169] fallen: ‚fallt … ab‘. — [170] Mt 6,14 f. — [171] zähnklaffen: ‚Zähneklappern‘; vgl. Mt 8,12; 13,42.50; 22,13; 24,51; 25,30; Lk 13,28. — [172] Offb 14,13. — [173] Mt 28,19; Mk 16,15. — [174] Mt 6,14 f. — [175] gelehrti: ‚Gelehrtheit‘. — [176] putzen] butzen H: am ehesten ‚reinigen‘, ‚auskehren‘ der falschen Ansichten. — [177] glaslauter: ‚klar wie Glas‘. — [178] beweisen: ‚angetan‘.
A17. Liber de remissione peccatorum
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verhalten179 nichts, damit dass gott nit über euch den harten fluch fallen lass, der euch in ewigkeit nimmer verlassen wird. Gedenken in die barmherzigkeit gottes, dass sie groß ist uf 180 eur bekennen. Darnach nach allem, so bedenken auch der sünden, so [134 r] ihr gegen gott vollbracht hont. Und so ihr allen menschen verziegen hont und euch gegen denselbigen gebott gehalten nach der ordnung Christi, so mügen ihr mit freud zu gott hoffen,181 derselbige sünder gegen ihm auch dermaßen die barmherzigkeit zu erlangen. Und darzue in sein kreuz fliehen und sich ihm ergeben, sein tod, sein marter, sein leiden in dein herz nehmen, unter das fliehen, uf dass der hellisch teufel kein einrüttung 182 mache. So werden dir beistehn und bei dir sein in deim tod alle heiligen und mit dir, so dich der tod geschieden hat, füeren in die ewige freid 183 und seligkeit und mit dir singen das lobgesang des himmlischen hörs.184 Dann wir alle sollen nichts anders gedenken und wissen, dann so wir also im herrn sterben unter seim kreuz,185 dass do ein verloren schaf gefunden ist worden, über das sich das ganz himmlisch hör erfreut, dass das schaf zu ihnen kommen ist.186 Und do wird alsdann ein jeglicher nehmen sein belohnung,187 der als eins propheten, der als eins jüngers, der als eins apostels,188 ein jeglicher nachdem und 189 er im buch des lebens geschrieben steht.190 Groß werden sich aber die freuen, gegen den gesagt wird werden: „Ich war nackend und bloß, und du hast mich kleidt, darum bist jetzt mein. Ich war durstig, und du hast mich getränkt. Ich war hungerig, du hast mich gespeist, darum bist jetzt bei mir. Ich war krank und elend, du hast mich heimgesucht, darum bist jetz bei mir. Ich bin in gefängnus gelegen, du hast mich getröst. Darum bist [134 v] jetz bei mir, nit dass du mir’s hast geton, aber den meinen in meinem namen. Fürwahr, der dem mindsten in meinem namen tuet, der tuet mir’s. Darum so komm zu mir, du seliger und gesegneter, in das reich meines vatters, das euch bereit ist von anbeginn, und alle deine sünd wird dir verziegen und vergeben.“ 191 Das ist das verlorn schaf, das wiedergefunden ist worden in die ewige seligkeit.192
[179] verhalten: ‚behaltet … für euch‘, ‚verschweigt‘. — [180] uf: ‚im Hinblick auf‘. — [181] Spr 10,28; Röm 15,13. — [182] einrüttung: am ehesten ‚Eindringung‘, ‚Hineinzwängen‘. — [183] freid: ‚Freude‘. — [184] hörs: ‚Heeres‘. Vgl. Ps 103,21; Lk 2,13; Offb 5,11–13. — [185] Offb 14,13. — [186] Lk 15,4–7. — [187] 1Kor 3,8. — [188] zu den von Gott verliehenen Gaben vgl. 1Kor 12,4–10.28–31; Eph 4,11 f. — [189] nachdem und: ‚je nachdem‘. — [190] zum Buch des Lebens vgl. Ps 69,29; Phil 4,3; Offb 3,5; 13,8; 17,8; 20,12.15; 21,27; 22,19. — [191] Mt 25,34–46. — [192] Lk 15,4–7.
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Lesetext – Liber de vita beata
A18. Liber de venerandis sanctis Von der Heiligenverehrung [189r]1 So wir tödlichen2 uf erden uns selbs betrachten, was wir seind und wie wir so gar ein staub 3 und ein wasserblatter4 seind, und wissent jedoch aber dabei, dass wir unter allen kreaturen das edlest seind, wie leicht und schnell wir von hinnen fahren und wie elend wir geborn werden, und mit elend und angst wir umgeben werden. Nicht desterminder aber über das alles, so wissen wir, dass solch leiden allein darum ist, dass unser reich nit ist uf dieser erden,5 und wissen hiebei, dass wir beschaffen seind nach der bildnus gottes 6 und ein geschepf aus seiner eigen hand,7 und dass unser ist die erden und uns dieselbig übergeben,8 in der wir uns auch erhalten und wohnent. Darzue auch so wissent wir, dass wir gott auch seind die liebest kreaturn unter allen kreaturn. Darum er auch für uns geborn9 hat, in ein ander limum10 gesetzt und uns erlöst von zorn und ketten,11 in dem wir gelegen seind, und uns bereit das reich der himmeln.12 So wir nun dasselbig alles gnugsam wissen und erkennen, ist uns nun vonnöten, dass wir den schöpfer der alten kreatur13 wissen in ehren ze haben und den andern schöpfer der neuen kreatur14
[1] H: H 1 189 r–199 v. — [2] tödlichen: ‚Sterblichen‘. — [3] Gen 3,19; Ps 104,29; Pred 12,7. — [4] wasserblatter: ‚Wasserblase‘; Anspielung auf Varro, «Res rusticae» 1,1,1 und Petronius, «Saturae» 42,4. — [5] Joh 18,36. — [6] zum Menschen als Ebenbild Gottes vgl. Gen 1,27; 1Kor 11,7; 2Kor 4,4; Kol 1,15; 3,10; Jak 3,9. — [7] Gen 2,7. – [8] Gen 1,28–30. — [9] geborn hat: wohl im Sinne von ‚sich selbst in Menschengestalt geboren hat‘. — [10] limum] limbum H: Mit Limbus bezeichnete man allgemein die seit dem Ende des 12. Jh. etablierte Vorstellung eines von Himmel, Purgatorium und Hölle unterschiedenen Ortes, der Vorhölle, wo sich die alttestamentlichen Gerechten und die frommen Heiden befanden, bevor ihnen durch die Höllenfahrt Christi die ewige Seligkeit zuteil wurde. Bei Paracelsus jedoch bedeutet „limbus“, „limus“ oder „leimen“ den Limus oder Erdkloß gemäß Gen 2,7 und Tob 8,8 (Vlg), aus dem Gott den ersten Menschen Adam erschaffen hat. Paracelsus überträgt den Begriff auf den Leib Christi (1Kor 12,12–27), der über Adam hinausgehend aus einem neuen Limus gemacht ist. Der Limus wird damit zur Grundsubstanz der neuen Kreatur (2Kor 5,17; Gal 6,15), die im Abendmahl auf den gläubigen Christen übertragen wird. – [11] 1Thess 1,10. — [12] zum Himmelreich vgl. Ps 103,19; Mt 3,2; 5,3.10.19 f.; 7,21; 8,11; 10,7; 13,24.31.33.44 f.47; 18,3 f.23; 22,2; 25,1. — [13] zur Ablegung des alten Menschen bzw. der alten Kreatur vgl. Röm 6,6 f.; 2Kor 5,17; Eph 4,22–24; Kol 3,9 f. — [14] zur Geburt des neuen Menschen oder der neuen Kreatur aus Christus vgl. Joh 1,12 f.; 3,3–8; 2Kor 5,17; Gal 6,15; Eph 2,10; 4,23 f.; Kol 3,10; Tit 3,5; Jak 1,18; 1Petr 1,3; 1,23.
A18. Liber de venerandis sanctis
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dergleichen. Dann nach der ersten schöpfung, wissent, wir warent nichts dann leimen,15 und do war kein mensch, aber aus leimen ward der mensch. Wie groß vermeint nun ein mensch, so ein mensch könnte us einem stein machen ein menschen,16 derselbig mensch ihm sollte folgen, danken und loben,17 noch vielmehr wir, die von ihm gemacht seind. Desgleichen, wieviel ist ein kind schuldig seinem vatter zu beweisen, darum dass er ihn geborn hat? Und 18 [189 v] wiewohl ihn gott gemacht hat, noch vielmehr gott, der unser aller vatter ist, des ersten und des letzten in erden, ihm mehr.19 Nun ist das uns hernach zu ermessen, dieweil 20 und wir nit von uns do seind, sonder uns gott gemacht aus nichts, mit was ehren wir denselbigen loben, preisen und erhöhen sollen und mügen, 21 darum dass er uns beschaffen hat zu seinem reich, darinnen zu sein ewig, allein so wir selbs uns nit darum bringen. Sein will aber ist, dass wir in sein reich kommen. 22 Wie hoch ist do zu danken gott, unserm schöpfer, so wir doch groß zu danken schuldig seind vatter und mutter, 23 darum dass sie uns geborn allein in diese tödliche welt, wie vielmehr gott, der uns gebührt 24 in die ewige welt, do kein tod ist, sonder ein ewigs leben, 25 kein krankheit, sonder ewig gesundheit, alle freud und fried und kein leid noch uneinigkeit. 26 So wir nun aber wiederum gedenken, dass wir unsers gottes herrn und schöpfer vergessen hont und durch unser selbst missetat aus dem paredeis geschlagen, 27 nit allein dasselbig, do wir die erden besessen hont durch unser altvätter, heiden, juden und ander, seind wir gefallen von unserm gott, und haben angebettet die abgötter, 28 nit allein dasselbig, sonder weder seiner lehr, gebotten, geheiß etc. mitnichten gehorsam. Und so ungehorsam, dass einmal uf ein stund in der ganzen welt der juden und nit-juden, heiden und nit-heiden, nit mehr dann sieben menschen gerecht vor gott gefunden seind worden, die sieben aus den andern klaubt und sie in ein arch gesetzt, und weiter die ganze welt ertränkt und aber über die gerechten sich erbarmt. 29 Nit allein die übeltat
[15] leimen: ‚Lehm‘, bei Paracelsus identisch mit „limus“ oder „limbus“ gemäß Gen 2,7; Tob 8,8 (Vlg). — [16] Mt 3,9 par. — [17] Ps 34,2–4; 145,1–7. — [18] und wiewohl: ‚und das, obwohl‘. — [19] ihm mehr: ‚ihm sind wir umso mehr schuldig‘. — [20] dieweil und: ‚da ja‘. — [21] Ps 34,2–4; 145,1–7. — [22] Mt 7,21. — [23] Ex 20,12; Dtn 5,16. — [24] gebührt: ‚erhebt‘. — [25] Joh 5,24. — [26] Gal 5,22. – [27] Gen 3,23 f. — [28] zum Verbot der Götzenbilder vgl. Ex 20,4; Lev 26,30; Num 33,52; Dtn 4,23; 7,5.25; 1Kön 14,9; 15,12; 2Kön 11,18; 23,24; 2Chr 14,2; 34,4.7; Ps 97,7; Jes 30,22; Hes 7,20; 23,16; Dan 5,4.23; Mi 1,7; 5,12; Apg 17,16. — [29] zur Geschichte von Noah vgl. Gen 6–9.
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gefunden, sonder vielfältig in der welt, also dass sein [190 r] zorn über uns ist gefallen und ihne gereuen hat, den menschen gemacht ze hon. 30 Aber über das alles gedacht gott in seinem geist, „er ist ein fleisch“, als hätt er gesagt, „fleisch ist fleisch, irdisch ist irdisch“. 31 Und uf solches sich aber erbärmt und sein sun uf die erden gesandt, 32 den lassen geborn werden und uns lernen und uns erlesen 33 durch sein tod aus seinem blut und fleisch, 34 musst geborn werden zum andern mal. 35 Uf dass wir nimmer werden derselbigen kreatur, die ihn gereuen hat, seinen sun uns zugestellt. 36 Wie groß ist nun bei uns dem sun gottes der dank, lob und ehr und glori 37 zu sagen, der von himmel aus den himmlischen freiden 38 ist kommen in die irdische pfitzen, 39 der uns gelehrt hat, aus seim blut und fleisch neu geborn hat sein kreatur zu sein fürhin, 40 und darum sein leben, sein seel, sein geist uf erden für uns geben? Wie groß diesem lob und ehr zugehört, ist unmüglich dem menschen in sein gemüt zu kommen. Dann wieviel ist der schuldig dem, der ihn nur aus einem graben lupft? 41 Er mag’s ihm nimmer vergelten, noch viel minder us dem graben der ewigen verdammnus und aus dem zorn gottes. Wieviel ist ein kind schuldig dem zu danken, der dasselbig gegen seines vatters zorn versünet! 42 Wieviel wär dem, der uns versünet gegen dem ewigen vatter, des zorn uns in die abgrund der hellen bringt? 43 Darum so ist so groß bei uns das befinden aus ewigen liecht, so wir haben in uns, dass wir sollen gott den sohn loben ohn end und ohn zahl, aus allen unsern kräften, gemüt und herzen. 44 Zudem auch und wir do ein ewigen verstand in uns [190 v] hätten, 45 dieweil und wir seind der neuen kreatur, auch mit einem neuen liecht begabt, welches liecht der heilig geist ist, der ausgangen ist von gott dem vatter und gott dem sun. 46 Darum er ist auch ein gott, der heilig geist, und alle drei ein gott. 47 Dann zu gleicher weis wie wir beschaffen seind von gott dem vatter im leimen, also hat er uns zum selbigen leimen auch geben das liecht der nacht, das ist den verstand der erden und natürlichen dingen. 48 Also auch, so wir nun seind fürhin ein neue krea-
[30] Gen 6,6. — [31] Gen 3,19; Joh 3,6.31. — [32] Joh 3,16. — [33] erlesen: ‚erlösen‘. — [34] Joh 6,53–56. — [35] Joh 3,3. — [36] Joh 3,17; 5,23; 6,40; 10,36; 1Joh 4,9 f.14. — [37] glori: ‚Herrlichkeit‘. — [38] freiden: ‚Freuden‘. — [39] pfitzen: ‚Pfütze‘. – [40] Joh 6,53 f. — [41] lupft: ‚hebt‘, ‚zieht‘; vgl. Ps 40,3. — [42] versünet: ‚versöhnt‘. — [43] Dtn 32,22; Hiob 14,13. — [44] Mk 12,32 f. — [45] zudem … hätten, dieweil und: ‚zudem hätten wir da auch einen ewigen Verstand in uns, wenn‘. — [46] Joh 15,26. — [47] 1Joh 5,7. — [48] Den Unterschied zwischen dem Licht der Natur, der Evidenz der Naturgeheimnisse, und dem Licht des heiligen Geistes, das die
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tur des himmels und bereiter von werken, zu gehn zum himmel, hat er uns auch das liecht des himmels geben, im selbigen auch verständig zu sein zu gleicher weis wie in der natur. Wie groß danksagung und ehrung seind wir schuldig gott dem vatter um das liecht der natur, dass wir sein wunderwerk erkennen in steinen, in kräutern, im meer, wasser, uf erden, im luft, im firmament! Also wiederum auch, wieviel mehr und größer seind wir ihm schuldig zu danken, dass er uns neu geborn in Christo, 49 den heiligen geist geschickt hat, der uns alle ding lernet, nit uf erden das natürlich, sonder in dem himmel. Wieviel der himmel die erden übertrifft, soviel übertrifft auch der dank gegen gott betreffend den heiligen geist. So nun wir in uns selbs gehnt und die ding alle betrachten, wer wir seind und was wir seind von gott und wie hoch begabet, welcher wollt nit der sein, der do wollt ab seinen knien nimmer kommen? Sehet nun ein armen menschen, der in nöten liegt, wie groß wird er zu danksagung bewegt dem, der ihn aus armut erlöst und ihn in rue setzt. Noch ist das nur allein irdisch. Wieviel mehr ist er dann [191 r] gegen gott, dass er uns sein reich des himmels offenbart hie uf erden, was dasselbig sei, wie wir darein sollen kommen. Wer wollt uns das gelernt haben unter allen uns schädlichen menschen? Nit Abraham von ihm selbs, nit Moses, nit David, nit Salomon, nit Plato, nit Cato, 50 allein der vom himmel ist, der kann uns die wahrheit sagen. Das ist, der sun gottes des vatters nach seinem tod uns den heiligen geist geschickt hat, in ewigkeit bei uns zu sein. Und angefangen in den zwelf botten, die mit feurigen zungen geredt hont alle sprach, 51 dass sie die inder, arabier, moskobiten 52 etc. verstanden und alle nation, zu einem zeichen, so wir in der liebe gott ihnen gleich standen, dermaßen unser zungen frei sein worden zu reden die magnalia 53 gottes. 54 Das ist nun, dass wir sollen glauben in den einigen gott 55 und dass also im anfang war gott ein einige person und beschuf den menschen, 56 wie sich die biblisch geschrift merken lassen. Do aber der mensch gott
göttliche Weisheit lehrt, erläutert Paracelsus ausführlich in der «Astronomia magna», SW 12,14–31. — [49] zum heiligen Geist als Lehrer vgl. Lk 12,12; Joh 14,26; 1Kor 12,8; 2Kor 5,5; 1Thess 4,8; 1Joh 1,1–10. — [50] verm. Marcus Porcius Cato Uticensis (95– 46 v. Chr.), genannt Cato der Jüngere (Cato Minor), der der stoischen Philosophie zugetan war. — [51] Apg 2,3 f. — [52] moskobiten: ‚Moskowiter‘, die Bewohner von Moskowien, des bis 1547 so bezeichneten Großfürstentums Moskau; frühneuzeitliche Bezeichnung für die ‚Russen‘. — [53] magnalia: ‚Großtaten‘. — [54] vgl. die „magnalia dei“ der Vulgata in Dtn 11,2; 2Makk 3,34; Sir 18,5; Apg 2,11. — [55] Ex 20,3; 23,24; Dtn 5,7; Dan 3,12. — [56] Gen 1,26 f.; 2,7.21 f.
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ursacht seinen sun uf die erden zu senden und den himmel zu verkünden, 57 do ward geursacht die ander person der gottheit. Also glauben wir in gott den vatter als in den einigen gott; in den glauben die, so weiter von der drifaltigkeit kein wissen tragen. Die aber von gott erleucht seind, die erkennen auch gott den sohn als die ander person, zu einer person geborn us Maria. Do also die ander person worden. Und wiewohl die drifaltigkeit von ewigkeit aber nit in solche person, wie er dann geborn ist, dann der vatter ist ein person göttlichs leibs, der sun ein person menschlichs leibs, darum [191 v] so haben wir ein glauben in gott den sohn, den er gesandt hat, beid ein gott, nit zween, zwo person, nit ein person. Und aus denen beiden nachfolgt58 die dritt person erstanden. Die ist der heilig geist, der do ist personiert worden am pfingsttag, do er erschienen ist den aposteln. 59 Also seind do drei person in der gottheit. 60 Die ein person ohn anfang von ewigkeit, die ander person mit anfang uf der erden genommen, die dritt person nach der andern person in gewölk der himmel geworden. Wie Moses sach 61 gott im gesteud 62 wie ein feuer, 63 das was 64 die erste person. Also Christum haben wir auf erden gesehen wie ein menschen, das ist die ander person. Also ist der heilig geist die dritt person, gehört worden wie ein donder, 65 der vom himmel wie ein saus, wie ein große macht, gegen der sich himmel und erden bewegt hat. Die drei person nehmen wir zusammen in ein gottheit, nit in dreiheit in der gottheit, wohl in den personen, aber ein gott. Also glauben wir ein gott in eim gott mit dreien personen, den menschen allen verborgen, zu ergründen. Allein die erleuchtung, so wir hont von dem heiligen geist, dieselbig erhält uns bei der wahrheit. 66 In den centrum müssen wir, das ist, in mittel der dreier personen, do ist unser reich und seligkeit. Zu dem ist unser fechten 67 uf erden, dass wir kommen zu unserm ewigen gott, der uns aus leimen gemacht hat, und kommen zu unserm erlöser, der uns aus seinem blut und fleisch gemacht hat, 68 und kommen zu unserm erleuchter, der uns die himmlische herrlichkeit geoffenbart hat. In der gottheit, in dem reich ist der tisch, zu dem wir geladen seind [192 r] alle, 69 die do glauben in den, den gott gesandt hat, Jesum Christum, seinen einigen sohn.
[57] Joh 6,40. — [58] nachfolgt: ‚danach‘. — [59] Apg 2,1–4. — [60] zur Dreifaltigkeit vgl. 1Joh 5,7 f. — [61] sach: ‚sah‘. — [62] gesteud: ‚Gesträuch‘. — [63] Ex 3,1–4. — [64] was: ‚war‘. — [65] donder: ‚Donner‘. — [66] zum Geist der Wahrheit vgl. Joh 14,17; 15,26; 16,13; 1Joh 4,6; 5,6. — [67] fechten: ‚eifriges Bemühen‘. — [68] Joh 6,53–56. — [69] Lk 13,29; 22,30.
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Wie ist aber dem menschen müglich, einer solchen gottheit gnugsam ehrung, lob, dank zu sagen? Und wie groß ist auch die hoffnung zu der gottheit, nach diesem leben bei gott zu sein in ewigkeit? Was ist nun die ehr, so wir gott sollen beweisen in der drifältigkeit? Allein die allererst, dass wir sie sollen recht und wohl erkennen. Dann was soll einer tun gegen eim, den er nit erkennt und nit weißt, was er ist? Wie kann einer einem menschen zuecht 70 beweisen von wegen der gab, so ihm gott geben hat, 71 so er die verbirgt und man sie nit sicht? 72 Gott verbirgt nichts, es muss alles herfür, neues und alts. So es nun herfür ist, so sollen wir wissen, dass wir gott den vatter erkennen, gott den heiligen geist erkennen. So wir sie nun erkennen, so haben wir jetzt den rechten verstand in uns und den eckstein und grund, uf den wir sollen bauen. 73 Das ist nun das erst erkennen. Zum andern wissen sein lehr. Dann was ist, dass wir lang einen erkannten, dass er ein ding wusst, und aber verborgen blieb? Gott hat uns sein lehr offenbar gemacht, was die sei. Die sollen wir wissen und die nit usschlahen, 74 uf dass wir wissen, was der will gegen uns und von uns, der uns geschaffen, erlest 75 und erleucht hat. So wir nun den andern punkten wissen, uf das folgt nun, glauben in 76 dasselbig, dass wir erkennen, dass do gott sei drei person und ein gott, und seiner lehr folgen und unser lehr gar nit. Dasselbig alles sollen wir glauben, und weiter wider das nit handlen noch ändern. So die drei beieinander seind, so folgt darauf ein beschluss [192 v] und bewährung. Das ist die liebe: als in die einige liebe überall, in die höchst liebe, in die ewige liebe. Und die letzt ist die hoffnung, 77 die wir sollen hon, also dass wir zu gott werden kommen in sein reich und do ewig sein und leben. Darauf folgt nun, dass wir, die do getauft seind in dem namen des vatters, suns und heiligen geists, 78 sollen hierauf lernen und erzogen werden, zu erkennen gott, in des namen wir getauft seind, und sein lehr wissen und glauben dasselbig und ihm dasselbig, und das mit liebe bestäten. Und alsdann so mügen wir die hoffnung hon zu gott, dass wir in sein reich zu ihm kommen mügen. Die aber nit getauft seind, werden in das reich nicht kommen, die
[70] zuecht: ‚Zucht‘, ‚Höflichkeit‘, ‚Anstand‘. — [71] zu den in der Gemeinde verliehenen Gaben vgl. 1Kor 12,4–10.28–31; Eph 4,11 f. — [72] Mt 5,15 f. — [73] zu Christus als Eckstein vgl. Mt 21,42 par.; Apg 4,11; Eph 2,20; 1Petr 2,4–7. — [74] usschlahen: ‚ausschlagen‘, ‚ablehnen‘. — [75] erlest: ‚erlöst‘. — [76] in] im H. — [77] Die hier von Paracelsus vorgestellte Reihenfolge Glaube, Liebe und Hoffnung findet sich in 1Thess 1,3, während in 1Kor 13,13 die Reihenfolge Glaube, Hoffnung, Liebe steht. — [78] Mt 28,19.
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auch nit glauben, nit darein kommen. 79 Dann uf erden ist das selig leben, dass wir glauben im tauf und lieben gott. So wir das tunt, alsdann so mügen wir hie uf erden die hoffnung haben, dass wir werden eingohn in das reich der himmel und do bei gott ewig wohnen. 80 Aus seiner eigner lehr entspringt uns, wie wir ihn sollen ehren, loben, danksagen, preisen und glori 81 geben. Und das also: „Du sollt gott lieben aus ganzem deinem herzen, aus ganzem deinem gemüt, aus allen deinen kräften, aus aller deiner seel.“ 82 Uf das folgt nun, dass der mensch in ihm hat ein gemüt, ein herz, ein seel, ein kraft. Die viere allein sollen in gott gohn und von keim kein liebe ab gegen einem andern, als: „Ich liebe gott aus meinen kräften“, das ist, ich tät armen leuten viel hilf, ich mach steg und weg, [193 r] und aber neben dem, so gebräucht ich mein kraft auch zun huern. Das will gott nit, will’s allein gegen ihm hon und kein quadruplex 83 darvon gefällt. 84 Also auch: „Ich liebe gott aus meinem gemüt“, das ist, mein gemüt ist ein tugend, so ich an mir hon. Dieselbig gebrauch ich gegen gott tag und nacht all, aber etwan eine lass ich zum spielen, laufen oder dergleichen zur trunkheit, zu falsch, zu betrug. Das will gott aber nit. Dermaßen: „Ich liebe gott von ganzem meinem herzen“, aber doch setz ich ein herz liebe 85 gegen einer wider gott. Das will gott aber nit hon. Dergleichen: „Ich liebe gott aus meiner seel“, und aber ich gebrauch mein seel zu üppigkeit 86 auch. Solches alles seind gleich als ein haus, das gemacht ist, und aber hat viel löcher im dach und in mäuren, do der feind durchsticht, also dass mich das ganz haus nichtzit freuet. Will einer sein liebe der kräften setzen zun freuen: setze sie zur ehe, jetz ist er in göttlicher liebe. Will er sein gemüt setzen zu gott, so gebe er die fülle den armen leuten. 87 Jetz gaht sein gemüt zu gott. Will er sein herz gern gegen gott hon, 88 so leg er die irdische liebe nach dem gebott gottes an, dann do ist nichtzit. Es mag in gottes gebott geschehen als mit der ehe. Werken und sammlen über die notdurft, 89 aber nit dir, sonder den armen leuten. Darum so das die höchst ehr und glori, so wir mügen gott geben, dass wir ihn lieben in allen unsern kräften. Das ist, all unser kräft in seinen gebotten gebrau-
[79] Mk 16,16. — [80] Mt 3,2; 4,17; 10,7. — [81] glori: ‚Ruhm‘, ‚Ehre‘. — [82] Mk 12,33 par.; vgl. Dtn 11,13; Mt 22,37 par.; 2Thess 3,5. — [83] quadruplex: ‚Vierfältigkeit‘ mit Bezug auf Gemüt, Herz, Seele und Kraft. — [84] gefällt: ‚abfällt‘. — [85] ein herz liebe: ‚ein Herz voll Liebe‘. — [86] üppigkeit: ‚Ausschweifung‘. — [87] 1Tim 6,17–19. — [88] 1Petr 3,15. — [89] über die notdurft: ‚mehr als notwendig ist‘; vgl. Mt 6,19 f.
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chen und nit zur leuchtfertigkeit, 90 und all unser gemüt zu gott stellen in seiner lehr. Dasselbige seind die tugend, wie die seligen armen, 91 die seligen weinenden 92 etc. Und das herz gar zu ihm setzen und weiter kein abgott in unser herz lassen kommen. So das ist, so folgt die [193 v] letzt liebe hernach us der seel. So die aber nun seind, so wird die seel durch sie auch rein. Jetz seind alle ding rein und nichts unreins. Der nun gott liebet, der tut sein geheiß und wandlet in seiner lehr. 93 Der in seiner lehr wandlet, der glaubt in kein abgott noch abgötterei. Jetz werden verworfen alle die ding, so der mensch gebraucht wider gott. So wir nun sollen gott lieben ob 94 allen dingen, so ist das der weg, dass wir all menschen ausschlont 95 von unsern gedanken, sinnen und herzen, und allein in gott all unser liebe, trost und hoffnung. 96 Das ist die lieb in gott. Jetz so einer in der liebe ist, die ob allen dingen sein soll, so begegnet dem menschen aus demselbigen, dass er weder pfaffen, priester, leviten, prädikanten, 97 münch, nonnen, papst, kardinäl, edel, 98 unedel 99 und niemands ansicht; schleußt 100 alle welt aus seinem herzen und vertröst und verhofft sich allein in dem einigen gott, der do im himmel ist, der uns beschaffen hat. So wir nun in die ertrachtung gohnt,101 so gohnt von uns all geist, all menschen, alle ihr lehr, all ihr gewalt, dann allein gott ist unser liebe und hoffnung und weiter nichts mehr. Hat er heiligen, so blieben wir in seinen heiligen, aber nit, dass wir sie lieben über ihn, sonder wir schlont’s alle aus in der stund der not, und allein in gott den ewigen von allen unsern kräften, gemüt, seel und herz. Und aus den vier stucken weder in pfaffen, weder in münch, weder in nunnen, nur allein als in gott. Das ist die höchst liebe und die ewig lieb. Durch die liebe müssen wir den himmel erlangen und das ewige leben und weiter in keiner andern liebe. Dann wo der mensch sein liebe hinsetzt, do setzt er auch sein hoffnung.102 Setzt [194 r] er sein liebe in menschen, so hat er auch sein hoffnung in menschen. Jetz ist der mensch sein gott, und er ist von 103 gott, darum ist er abgott. Der gott lieb hat, der liebt alles, das gott liebet. Gott weißt ihr namen und
[90] leuchtfertigkeit: ‚Leichtfertigkeit‘. — [91] Mt 5,3; Lk 6,20. — [92] weinenden] werckhen H verm. falsche Lesung für „weinenden“, womit Paracelsus die „lugentes“ aus Mt 5,5 (Vlg) übersetzt, von Luther in Mt 5,4 als die Leidtragenden bezeichnet. — [93] Ps 25,5; 143,10. — [94] ob: ‚über‘. — [95] ausschlont: ‚ausschlagen‘, ‚abweisen‘. — [96] 2Thess 2,16. — [97] prädikanten: ‚Prediger‘. — [98] edel: ‚Adlige‘. — [99] unedel: ‚Gemeine‘. — [100] schleußt: ‚schließt‘. — [101] in … gohnt: verm. ‚danach trachten‘ oder ‚dies betrachten‘. — [102] Röm 5,5; 1Kor 13,13; 1Thess 1,3; 5,8. — [103] von: ‚weg von‘.
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sein heiligen uf erden und im himmel. Der gott liebet, der liebet sein heiligen, und seine heiligen lieben denselbigen auch.104 In der liebe verschmächt er, gott, seine heiligen nit und alle die, so gott lieb seind. Auch seine werk nit. Er veracht nichts, sonder freut sich gegen allen, dass sie gott auch lieben. Und aus demselbigen lieben geht die natur und art, dass die heiligen einander liebe suechen und wohnen beieinander. Und wie das gebott laut, „und deinem nächsten als dich selbs“,105 us dem folgt nun, dass die heiligen im himmel lieben die heiligen uf erden mit der liebe, wie sich selbst. Ob etwan von eim heiligen ein guts beschicht, ist aus kraft des gebotts, dass sollts 106 dein nächsten lieben als dich selbs, es ist alles die kraft gottes. Dann also helfen wir tödlichen einander aus dem graben,107 auch aus kraft gottes, in kraft des gebotts, du sollt dein nächsten lieben als dich selbs. Solches gebott halten auch die heiligen gegen den heiligen als gegen ihrem nächsten; dann die nit heiligen seind, seind ihr nächsten nit. Also seind die lob und ehr gegen gott, dass wir sollen gott in seiner drifaltigkeit ohn unterlass vor augen hon.108 Und ehe wir denselben übergehn, ehe sollen wir all menschen übergehn und verlassen all ihr augenschein, red und antwort, allein in dem einigen gott hangen.109 Das ist die groß ehr, die wir ihm geben mügen, so wir allein in ihn hoffen 110 und warten und seinem wort allein glauben und nachfolgen. Das ist das [194 v] selige leben uf erden: kein mensch für gott achten noch für sein gewalt zu sein, kein geist für gott annehmen noch für sein gwalt zu sein. Gott hat so mannicherlei kreatur beschaffen im himmel und erden, die verstoßen und verfault seind worden, und doch mit vielen großen archanis 111 begabt, dass sich niemands vor ihnen kann und mag hüeten, allein er entschlach sich dann jedermann und halt sich allein gottes. Was ist, dass man saget, „der gwalt ist von gott“? 112 Das evangelion ist auch von gott. Siehe aber, wie der teufel im selbigen so seltsam umlauft. So im evangelion, also wieviel mehr im menschen und dergleichen in geisten! Darum so ist der gwalt von gott,113 aber die personen viel vom teufel. Seind sie vom teufel, was geht mich ihr gwalt an?
[104] Eph 1,15; Kol 1,4; Phlm 1,5.7. — [105] Mt 22,39 par.; zur Liebe zum Nächsten vgl. weiter Lev 19,18; Mt 19,19; Joh 13,34; Röm 13,9 f.; 15,2; Gal 5,14; Jak 2,8. — [106] sollts: ‚sollst‘. — [107] Ps 40,3. — [108] zur Dreifaltigkeit vgl. 1Joh 5,7 f. — [109] Anklang an Mt 6,24 par. — [110] zum Hoffen auf den Herrn vgl. Ps 115,9.11; 130,5.7; 131,3; Jes 8,17; Klgl 3,26; Phil 2,19. — [111] archanis: ‚Geheimnissen‘, bei Paracelsus häufige Bezeichnung für besondere Arzneimittel oder Geheimmittel; vgl. Jes 45,3 (Vlg). — [112] Ps 68,35; 77,15. — [113] Röm 13,1.
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Nehment’s mir den rock, der mantel wird ihm auch geben,114 dann sie seind vom teufel. Wärent sie aber von gott do, sie ließen mir den mantel und den rock auch. Aber dass sie seind von demselbigen, erzeigen sie ihr tugend. Darum das evangelion sagt dem menschen großen gwalt zue.115 Wer will wider das wort sich legen? Niemands. Ist nit gut wider dem ewigen, der im himmel und erden herr ist. Das ist aber wahr: so soviel an seim wort leit,116 so flückt 117 sich der teufel auch herein und setzt den menschen für ander menschen aus und legt ihm den gwalt zue, aber gott nit. Darum so es so gefährlich ist, so lass den menschen stohn, fahr in dein kämmerlin, und do redt heimlich mit dir dein gott, der im himmel ist.118 Derselbig wirt dich will hörn.119 Sein ist die sorg über dich und keins menschen.120 Er ist der, der dich erlöst hat und kein mensch. Darum, aus ihren werken werden ihr sie erkennen.121 Was seind ihr werk? Knaben anplatzen,122 was mehr? 123 Außerthalb und in der freundschaft [195 r] schaffen 124 und verkaufen sein eigen herrn, und mit demselbigen geld ein groß Asuerus-Mahl 125 ufrichten, und tag und nacht banketiern.126 Nun sich 127 das 128 leben gegen der apostel leben! Das ist ein großer und ein edler gott, der den menschen dermaßen in sein beschirm genommen hat, und dass kein engel mit ihm zu schaffen noch zu gebieten hat,129 auch noch kein geist, auch noch viel minder der mensch. Dann wollt gott über den menschen geben ein gwalt, er befelch ihne den engeln.130 Aber nit beschehen dem geist, gar nichts! 131 Was sagt dann der mensch, das er hab? Dieweil 132 und gott soviel ge-
[114] Mt 5,40 par. — [115] Mt 11,12; 20,25; 23,3. — [116] leit: ‚liegt‘. — [117] flückt sich … herein: ‚flickt sich ein‘, ‚schmiegt sich hinein‘, ‚schleicht hinein‘, ‚mischt sich ein‘. Vgl. DWB 3,1776: „so kumbt der teufel, flickt sich ein und sät auch seinen samen drein“. — [118] Mt 6,6. — [119] derselbig … hörn: ‚derselbige Hausherr will dich erhören‘; eine andere Lesart des Manuskripts wäre: derselbig wird, will dich hörn. — [120] Mt 6,25–34 par.; 1Kor 7,21.32; Phil 4,6. — [121] Mt 7,16.20; Offb 2,23 in Verbindung mit Mt 5,16. — [122] anplatzen: ‚anfahren‘, ‚angreifen‘. — [123] Wohl Bezug auf Mt 17,15–18, wo der Teufel einen Knaben mondsüchtig gemacht hatte. Paracelsus meint mit diesem Ausruf wohl, was ein falscher Geist mehr vollbringen könne, als Knaben anzufallen. — [124] schaffen] schüffen H: unklar, verm. ‚sich zu schaffen machen‘, ‚sich umtreiben‘, ‚Geschäfte machen‘, ‚befehlen‘, ‚verfügen‘; evtl. auch falsche Lesart für scheffeln in der Bedeutung von ‚Gut anhäufen‘, ‚zusammenraffen‘. — [125] Asuerus: lateinische Bezeichnung der Vulgata für den Perserkönig Ahasveros, dem ein Mahl bereitet wurde, vgl. Est 5,1–8. — [126] banketiern: ‚schmausen‘. — [127] sich: ‚siehe‘. — [128] das: hier ‚dieses‘. — [129] Röm 8,38; 1Kor 6,3; Gal 1,8. — [130] Mt 26,53. — [131] aber … nichts: ‚aber es ging überhaupt kein Befehl an einen Geist aus‘. — [132] dieweil und: ‚darum, dass‘.
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schöpf gemacht hat, das ihn selbst betrogen hat als Lucifer, demselbigen engel, der unterstund über gott zu setzen,133 darum hat ihn gott nit gemacht. Aber er tat das, das ihm gott nit befohlen hätt. Das war ein betrug, ein andern betrüegen. Er schuf den menschen, der betrog ihn auch. Er wollt ihn im paredeis behalten hon und do mit ihm weiter gehandelt, aber er verfehlt sich selbs. Wie aber, so das dem vatter geschehen ist, ob dem sun auch ein solliches möchte begegnen, als wohl als dem vatter? Das ist, der sun hat den menschen erlöst und ihn in die neu geburt gebracht. Was ist beschehen? Judas, einer aus den ersten, verriet und verkauft ihn. Das ist auch eines gefehlt. Was mehr? Wieviel seind derselbigen mehr, die Judas seind? Nit vergebens ist der spruch Christi, „viel seind berüeft, wenig aber userwählt“.134 Was ist der ander, da ihn Judas gefehlt hat? Sein jünger und apostel, einer us den zwelfen. Do gab er dem Peter den gwalt zu binden und zu ledigen, zu übergeben etc., und nit allein das, sonder auch die schlüssel darzue in himmel.135 Wie wär’s eim ding, ob im seligen leben do befunden wird, ob auch der gwalt [195 v] wär kommen an ein ort, do es fehlti, und der will gottes nit darmit geschähe? 136 Es geschähe nit mit Lucifer, auch nit mit Adam, also auch nit mit Judas, auch gleich sowohl nit mit Petro, der ihn verleugnet.137 Do er ihn verleugnet hat, aber wieder bekannt, da gab er ihm ein ander amt. Was war dasselbig amt? Weid meine schaf. Weiden ist nimmer schlüssel geben, ist nimmer binden und ledigen. Weiden ist füeren.138 Füeren ist eines apostel amt. Das ist eim jeglichen im seligen leben groß zu betrachten, dass gott so mild ist viel mal gesein, welche milde ihm zu großem nachteil gelangt hat in seinem fürnehmen. Und ob gleichwohl der sun auch ein milde bewiesen hat, wer ist der, der do wissen kann, ob ihn nit auch viel gereuen hab in seim milden usgeben? 139 Darum müssen wir erstlich alle bekennen, dass gottes mildigkeit ist groß. Und domit wird bewiesen, dass er soviel in seiner mildigkeit betrogen ist worden, nit allein der vatter, sonder auch der sun.
[133] Vom gefallenen Engel Lucifer, der sich wie Gott gebaren wollte, berichten die Stellen Jes 14,11–15; Offb 12,7–9; 2Kor 11,14; Judas 1,6. Den Namen „Lucifer“ in Jes 14,12 gebraucht einzig die Vulgata, während Luther diese Stelle mit „schöner Morgenstern“ übersetzt. — [134] Mt 20,16; 22,14. — [135] Mt 16,18 f. — [136] ob auch … geschähe] wenn die Macht zu binden und zu lösen an einen falschen Ort gekommen wäre, wo es am Rechten fehlte, und der Willen Gottes dadurch nicht geschehen wäre‘. — [137] Mt 26,34 f.; 70–75 par. — [138] füeren] fueren H: eher im Sinne von ‚führen‘ (Ps 23,2; Joh 10,3 f.16) als im Sinne von ‚furen‘, ‚füttern‘, ‚ernähren‘. — [139] usgeben: ‚Austeilen‘.
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Darum wie in allen dingen sei, so seind die ding alle so seltsam und so geschwind unter den menschen, dass wir allein in gott unser zuflucht sollen suechen und weiter über alle abstohn. Und aber jedoch nit fallen von den heiligen gottes, auch noch viel minder fallen von gott. Dann wer ist der, der do kenn oder weiß, so gott ein ding uns dargebotten hat, ob es ihn wieder gereu oder nit? Hat er den menschen beschaffen und hat ihn gereuen, hat ihn lassen ertrinken in der ganzen welt,140 wieviel mehr auch in andern dingen. So ihm ein ding gereuen hat, wer weißt, wie er’s wieder nimmt oder dieselbigen abtuet und ihr gewalt wieder zu seinen handen nimmt? Darum so er uns das gebott geben hat, „lieb gott und den nächsten“,141 das ist ein zeichen, dass wir kein liebe noch hoffnung bei niemands sollen suechen als [196 r] allein bei ihm, darzue auch beim nächsten nichts sollen suechen, dann zeitlich hilf, je einer gegen dem andern, dieweil 142 wir uf erden seind, das überzeitlich bei gott. Wär etwas im menschen blieben, das gott nit gereuen hat? Dass er den menschen geborn hat. Er hat den menschen auch in die zahl gesetzt der liebe, mehr dann allein gegen dem nächsten. So gott reuet, was uns tödlich menschen? Wem gerät ein ding oder sein fürnehmen oder wer lebt, den es nit reu, dass er nit anderst demselbigen geton hat? Uf solches alles, damit wir hie im seligen leben die ding alle wohl beschließen, so ist bei uns die höchste einig hoffnung zu gott, der nit allein ist in der person, sonder drifach, und doch der einig gott. In demselbigen haben wir unsern glauben, liebe, erkanntnus, lehr und hoffnung allein. Dieweil 143 und er von seinen kreaturn betrogen ist worden in himmel und uf erden, die er mit seinen eigen händen gemacht hat, dieweil 144 haben wir den grund, dass wir in keiner usgeben mildigkeit sollen glauben hon, die gwalt betreffen ohn gottes statt, sonder zu unserm eigen schöpfer, vatter und sohn, und zu unserm erleuchter, dem heiligen geist, fliehen und lassen stillstohn alles, was sonst ist. Was ihn nit gereuen hat, das kann er mit seinen zeichen wohl bestäten. Was ihn aber gereuen hat, das kann er wohl wieder zu ihm nehmen. Dann konnt der vatter den menschen beschaffen, aber da es ihn gereu, do ertränkt er ihn. Also auch kunnt Christus den Judas zu einem apostel machen, und er verriet ihn.145 Do das geschach, do nahm er ihm die gnad des apostelamts. Do erhängt er sich.146 Denjenigen, den [140] angesprochen ist die Sintflut, vgl. Gen 6,17; 7,10.17; Ps 29,10; Mt 24,38 f.; 2Petr 2,5. — [141] Lk 10,27. — [142] dieweil: ‚während‘. — [143] dieweil und: ‚da ja‘. — [144] dieweil: ‚so‘, hier mit Bezug auf den Satzanfang. — [145] Mt 10,4 par.; 26,25; Mk 14,10; Lk 6,16; 22,48; Joh 6,71; 12,4; 13,2; 18,2. — [146] Mt 27,5.
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nichts genommen ward, als Noae und den söhnen, die blieben unverletzt.147 Dergleichen auch den andern aposteln allen, den blieb ihr amt, und bewiesen das mit ihren zeichen, dass sie Christus nit gereuen hat, dass er aus ihn apostel gemacht [196 v] hat. Der nun die zeichen tut, die er tun soll, er ist aus gott do.148 Der es aber nit tut, in den kehren eur augen nit. Dann gott gereuet viel durch sein mildigkeit. Er kann uf erden eim kind seins erbs entsetzen. Kann er dasselbig, nämlich auch den mensch, er 149 sei dann Petrus oder Moses oder Abraham. Dieweil er kann aus steinen kinder Abrahae machen,150 so ist es ein gewiss zeichen, dass er auch ein gwalt wieder zu seinen handen nimmt, so es sein zeit erfordert. Darum redt der psalmist in seinen hymnis wohl: „Verflucht ist der, der in menschen vertrauet und verlässt sich.“ 151 Nit allein, dass wir ihn sollen ehren und was sein gottheit betrifft hie im seligen leben, als gott und seine ehr, sein heiligen, sein sun, auch sein leiden und sterben, und aber noch mehr darzue, das ist, den sabbat sollen wir auch ehren,152 dann er will auch, dass wir auch ehren das, so er uns geben hat und gebotten: sein namen als ihn selbs, sein gebott als ihn selbs, und do gar nit wider ihn seien. Wie aber das allein in dem und mit dem, wie er’s gebotten hat. Und weiter, als „den feirtag sollt du heiligen“, das ist soviel, der tag ist heilig an ihm selbs, und gott hat ihn geheiligt. Wer will dann darein reden, so er spräch, „die sunn sollt du heiligen“. Sunn ist das gebott, unser ist die gehorsame.153 So er nun den tag geheiligt hat, will, dass wir ihn halten wie er, das ist ruen und stillstohn, so sollen wir’s auch tun. Dann also ist sein gebott, wider das ihn niemands reden kann noch mag noch soll. Us dem folgt nun: der sabbat nit ein tag ist wie ein ander tag, sonder ein heiliger tag, dass ander arbeittag im alten testament herkommen seind. Nun also im alten testament den sabbat heiligen und von Christo uns auch gebotten,154 so [197 r] bleibt’s bei uns. Und aber, so wir ein sabbat noch mehr darzue hätten über den, den Christus gemacht hat, so sollen wir ihn auch heiligen, dann er ist auch gott, auch schöpfer und der einig gott, der sun im vatter, der vatter im sun.155 Und aber zwei testament, zwo kreatur, darum wohl zween sabbat, den sabbat des alten testaments der rue gott des vatters, der sabbat des neuen testaments der rue Christi. Also ist [147] Die Überlebenden der Sintflut waren Noah und seine Frau und deren Söhne samt Ehefrauen, vgl. Gen 6, 18. — [148] Apg 2,19; 2Kor 12,12. — [149] er sei dann: ‚und sei er‘. — [150] Mt 3,9 par. — [151] Ps 118,8; Jer 17,5. — [152] zum Heiligen des Sabbats vgl. Gen 2,2 f.; Ex 20,8.10; 31,13–16; 35,2; Lev 23,3; Dtn 5,12.14; Jes 56,2. — [153] gehorsame: ‚Gehorsamkeit‘. — [154] verm. Mk 2,27. — [155] Joh 10,38; 14,11.
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ein jeglicher sabbat mehr dann ein ander tag. Zu gleicher weis als man mag sagen, Abraham war gleich ein mensch wie Judas, darum was gilt er mehr? Das reden die widerstrittigen. Also auch, der ein galgen ist gleich, ist gleich so wohl ein mensch als Christus. Darum ein ding nit also, ein tag wie der, der ander sunnen halben, ein nacht wie die ander mons halben.156 Also auch ein mensch wie der ander fleisch und blut halben, darum Moses, Abraham wie Judas der geburt halben, also auch ein neu kreatur ein mensch wie Christus. Was ist aber das, dass einer ist wie der ander, hat soviel finger, soviel füeß, soviel augen als der ander? Das alles nichts, sonder das ist zu merken, was ist bei gott am mehristen? Nämlich Petrus mehr dann Judas, nämlich Abraham mehr dann Pharon,157 nämlich Christus mehr als Barnabas,158 das ist bei gott zu ermessen. Darum so ist auch gott lieber der sabbat dann der montag, zinstag,159 mittwoch, dornstag, freitag, dann er hat ihn geheiligt, und dermaßen geheiligt, dass von des tags wegen wir müssen gehorsam sein gott und den heiligen. Das laut das gebott: ob wir schon nit mehr do finden als am tag wie ein ander tag, so hat gott mehr do, dann wir mügen erdenken und zu wissen geben ist. Allein dass wir seinem gebott folgen und das nit aussäckeln 160 uf das best, dann es wär ein [197 v] große hoffart, sollten wir gott sein ursach ergründen unterstohn. Darumben sollen wir ehren den feirtag, den sabbat, das gott will hon. Das er hon will, das sollen wir tun. Er hat wohl als böse stuck geheißen als das ist, und war gerecht, als dem Abraham sollt Isaak das haupt abschlagen, und er war willig.161 Ist da nu der sabbat ein solch gebott, so geschech sein göttlich will.162 Wann die stund kommt, so wird er sein willen suechen und nit unser vernunft. Aber nit allein, dass gott sich selbs will geehrt hon im seligen leben, sonder auch sein gebott ist, unser vatter und mutter auch zu ehren.163 Darum so hat er das gebott gesetzt, „du sollt nit dein eh brechen“; 164 das ist soviel, du sollt in huererei kein kinder gebärn. Auch, „du sollt keins andern gemahels begehrn“; 165 ist soviel, du sollt bei ihr kein huerenkinder gebären. Auch, „du sollt keins andern magd begehrn“; 166 ist soviel, du sollt kein huerenkinder gebärn. Also will’s gott, dass wir in [156] mons halben: ‚wegen des Monds‘. — [157] zu Abraham und Pharao vgl. Gen 12,14–20. — [158] Der Apostel Barnabas wirkte als Missionar in Antiochien, vgl. Apg 11,22–30; 13,1. — [159] zinstag: ‚Dienstag‘. — [160] aussäckeln: verm. ‚hintergehen‘, ‚umgehen‘. — [161] Gen 22,2–13. — [162] Mt 6,10. — [163] Ex 20,12; Dtn 5,16. — [164] Ex 20,14; Dtn 5,18; vgl. weiter Mt 5,27; 19,18; Röm 13,9; Jak 2,11. — [165] Ex 20,17; Dtn 5,21. — [166] Ex 20,17; Dtn 5,21.
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ehren geborn werden nach inhalt seins gebotts. So laut es darnach darauf, „du sollt vatter und mutter in ehren hon“.167 Das ist nun ein selige erhaltung hie im seligen leben. Also so wir betrachten, wie wir von unsern eltern geborn seind, us mutterleib nacket kommen, dass wir auch unsern vatter und muetter, so sie nacket seind, auch bekleiden, wie sie uns in der wiegen bekleidt hont. Und mit dem tauf sie taufen, damit sie uns getauft hont, das ist, ihnen beistohn und helfen in allen nöten. Dann glauben’s 168 darzue auch, dass sie uns mit müe und arbeit erzogen im kat 169 und dreck, in hunger und durst gespeist, in krankheiten zuhilf kommen, da wir lagen und nichts warent. Die ding alle betrachten. Und unser eltern, so sie in ihr alter kommen, dass sie kinder werden oder nit, dass sie krank werden, dass sie arm [198 r] werden, und wie es ihn zufällt, dass sie werden, wie wir warent nackend und bloß, arm und krank, tag und nacht geschrien, ihnen kein rue gelassen, mit solcher maß ihnen wieder voll gehäuft messen 170 wöllen, dass sie überlauft.171 Dann du bist ihn allmal mehr schuldig dann sie dir. Du bist aus ihnen ein mensch worden, sie von dir nit. Sie hont dir am ersten guets bewiesen, du ihnen nit. Darum so miss ihnen in allweg die maß bass uf, dann ihnen in keinen weg müglich sei gesein, dir zu messen, und nit so, dass sie dir bewiesen hont, dass du’s ihnen nit viel doppel aus wiedergeltest. So hoch schätzt gott denselbigen, der dich geborn hat, und wirft dich soviel und so weit unter ihn, dass du ihm sollt ehr antun und er dir nit. Sie seind über dich und du über sie nit. Also will gott das erst von dem letzten geehrt hon und will dir nit sagen warum. Allein du geschau und gedenkest, das du tuest, seiest gott gehorsam und folgig.172 Dann also muss es sein, dass du musst liegen unter den allen, die vor dir seind gesein, von den du hie bist, du ihr knecht bist, dem nit. Aber die eltern, die ihr kinder gebären in huererei, dieselbigen werden von ihnen auch gehalten, wie sie seind. Und die eltern werden an ihnen auch erleben das, das sie seind, und noch mehr args. Und werden nit mit dem psalmisten um tisch stohn wie die ölzweig,173 sonder wie die hagdornen. Darum auch ihr eltern, ziehent eur kinder und gebären sie in ehren nach dem gebott gottes, uf dass so ihr zu euren tagen kommen, den zweig, den ihr geborn und gezogen hont, euch mag erschießen 174 wie ihr ihn. Dann mit was maß ihr messen, also wird euch auch
[167] Ex 20,12; Dtn 5,16. — [168] glauben’s: ‚glaubt es‘. — [169] kat: ‚Kot‘, ‚Dreck‘. — [170] messen: ‚zumessen‘. — [171] Mt 7,2 par.; Lk 6,38. — [172] folgig: ‚folgsam‘. — [173] Ps 128,3. — [174] erschießen: ‚nützen‘.
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gemessen.175 Ziehent ihr die lästerlich, lästerlich wird es euch auch von ihnen entgegnen. Dann die maß wird euch begegnen, [198 v] die ihnen von euch begegnet ist. Ziehent ihr’s in jammer, in schand, darzue kommen ihr auch durch sie. Der ehr will hon von dem samen, der ziehe sie darzue; der laster will hon von dem samen, der ziehe sie auch darzue. Wie du in den wald billest, also widerbillet es dir wieder 176 in den tagen des alters und mehren dir dein leid und kummer, nit allein hie uf erden, sonder auf erden auch in jener welt. Und du wirst nit sehen in frieden uf Israhel,177 sonder in unfrieden bei Pharaoni. Ein baum, des sein bauer gemessen will, der muss denselbigen wohl pflanzen, so gibt er ein guts alter, und täglich wohl in ehren hon. Wo nit, so erlebt er nichts guets an ihm. Wie du bist, also dein frucht auch. Aber ihr kinder all, das gebott ist von gott geben: „Ehre vatter und mutter.“ 178 Ihr seient herkommen wie ihr wellen und erzogen wie es sei, nit gent 179 bös um guts,180 sonder guts um bös,181 so vergisst gott aller laster an euch und an euren eltern. Und ihr werden ihn zur barmherzigkeit bewegen, dass er wird sein zorn abwenden durch eure große tugend, dass ihr guets geben in seinem namen um bös, und lob und ehr um schand und laster. Diese güte in güete tilgt ab den eltern und euch eur missetat. So ihr betrachten das alter und elend im selbigen, leihen ihn und helfen ihn in nöten. Dergleichen auch so betrifft sich auch hie die unehrung gegen gott und dem sabbat und den eltern durch lästerung. Das ist: „Du sollt deines gottes namen nit üppig 182 in den mund nehmen.“ 183 Nit allein ist das gesagt uf gott, das ist, dass du gott wellest fluchen und ihn lästern allein in seiner gottheit, dass dir die ewig verdammnus ist, sonder auch, du sollt sein namen nit in 184 fluchs weis auf [199 r] dich nehmen gegen seiner lehr und der seinen lehr, also dass du sie wellest verwerfen, verachten und verfluchen und lästern, sonder alle die ding mit großen ehrn halten und in ehrerbietung täglich vor augen hon. Desgleichen auch, du sollt den namen gottes und was die gottheit antrifft, nit brauchen wider den sabbat.185 Das ist, darum dass du an ihn nit gewinnen dörftest, nit arbeiten, nit dem geiz nachgohn, dass du darum wellest den sabbat verachten, ist auch gelästert. Nit allein den sabbat, sonder welches bott 186 [175] Mt 7,2 par.; Lk 6,38. — [176] Sprichwort: „Wie du in den Wald rufst, so schallt es heraus“; vgl. Jer 12,8. — [177] Ps 128,6. — [178] Ex 20,12; Dtn 5,16. — [179] gent: ‚gebt‘. — [180] Ps 128,6. — [181] Spr 17,13. — [182] üppig: ‚leichtfertig‘. — [183] Ex 20,7; Dtn 5,11. — [184] in fluchs weis: ‚in der Weise des Fluchens‘, ‚fluchend‘. — [185] Ex 20,8. — [186] bott: ‚Gebot‘.
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du brichest und es wird dir gewendt,187 und welltest demselbigen fluchen, du fluchest alsdann gott selbs.188 Dergleichen auch nit gottes namen nennen 189 und deinen vatter und mutter nit lästern,190 solches alles will gott nit. Und ob du bist ein ehbrecher, und es wird dir gewendt, und du fluchest denen, die es dir wehrent191 und dir do fürstahnt, dass nit beschicht, so hast du ihn, gott, geflucht. Dann gott will, dass du die alle ehrest und in ehren haltest, die dich vom argen zum gueten weisen und dich vor schand und laster behüeten. Darum fluchest du ihm, so fluchest du dir selbst, deiner seel in die ewig verdammnus. Darum so wiss, dass du gott hie in dem seligen leben ehrest und förchtest und anbettest, dann er ist der allein, der uns gemacht, geschaffen und erlöst und erleucht hat. Darum so haben wir uf erden, wir menschen, geursacht, dass die drifaltigkeit ist gangen in dreierlei person, keine der andern gleich, die sonst in gleichen personen wärent gesein. Gleich dem vatter wär der sun gesein, gleich dem vatter und dem sun der heilig geist. Aber wir irdisch und tödlich menschen uf erden, die aus dem leimen gemacht seind, am ersten haben geursacht die menschwerdung Christi, das ist [199 v] nun die person in fleisch und blut bei gott im himmel. Und haben geursacht die dritt person des heiligen geists nach der andern. Darum so sollen wir wissen, dass wir drei in einem gott – als einen gott und allein einen gott – ehren, loben, glauben, halten, preisen und danksatzen und aller lehr, gebott und gaben, so ein jeglicher mensch von ihnen hat, kein unehr und laster zufüegen, sonder demselbigen allweg als dem wort gottes getreulich nachgohn und halten,192 uf dass wir hie uf erden gefunden werden in einem seligen leben. Und dass wir dasselbig selig leben mit uns in das ewig füeren und dohin kommen, dohin kommen seind die heiligen gottes, uf dass gott in seiner drifaltigkeit in uns gelobt und gepriesen wird. So wir aber ein anderst 193 machen und nit bleiben uf dem weg, so wird gott der vatter uns lassen sein und bleiben die kreatur, die ihn gereuen hat, und uns dem henker überantworten. Und gott-sun wird von uns ziehen sein limum und sein tauf und sein heiligen geist und sein leiden und sterben, und auch uns lassen nach des willen seins himmlischen vatters in die ewig verdammnus fallen und absteigen in abgrund der hellen.194 Dann fürhin will gott von uns nit veracht sein, sonder will, dass wir ihn in unserm herzen ha[187] gewendt: ‚verwehrt‘, ‚verboten‘. — [188] evtl. Dtn 11,28. — [189] Ex 20,7; Dtn 5,11. — [190] Ex 20,12; Dtn 5,16; vgl. Mt 15,4 par.; Lk 18,20. — [191] wehrent: ‚verwehren‘, ‚verbieten‘. — [192] Dtn 17,18 f.; Joh 5,39; Apg 17,11; 2Tim 3,16. — [193] ein anderst: ‚etwas anderes‘. — [194] Dtn 32,22; Hiob 14,13.
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ben in ewigkeit, und uns abtun all abgötterei,195 sie seient engel, sie seient geist, sie seient menschen, sie seient tier, und ehren sein lehr, sein gebott, den sabbat und vatter und mutter, und das alles aus allen unsern kräften, gemüt, herzen und seel, und den nächsten als uns selbst.196
[195] 1Kor 10,7.14; Gal 5,20; Kol 3,5. — [196] Mk 12,33 par.
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A19. Liber de resurrectione et corporum glorificatione Von der Auferstehung und Verklärung der Leiber [232 r] 1 Dtn 32,18: Deum qui te genuit dereliquisti et oblitus es dei creatoris tui 2 Zwei herkommen haben wir menschen: eins von gott, der uns beschaffen hat, 3 und eins aus gott, der uns geborn hat. 4 So wir nun verlassen den, der uns geschaffen hat, verlassen auch den, der uns geborn hat, itzt wird kein auferstehend 5 in uns nit sein. Darum sollen wir das nit vergessen, sunder ingedenk sein einer täglichen gedächtnus, dass wir us gott dem vatter geschaffen seind in ein kreatur aus der erden, 6 wie wir vor nit warent, und hat uns do das leben geben und sein göttliche bildnus. Und wir aber durch unser ungehorsame 7 seind wir dohin kommen, dass gott den vatter sein geschöpf gereuet hat, dass er’s gemacht hat, 8 dann sie haben ihn verlassen und haben ihm nit gedient. Wie ein vatter, der ein sun hat, den er täglich begehrt aufzunehmen in ehren und frümmigkeit, aber er folget 9 ihm nit, sunder missgerät und wird üppig: 10 so mag der vatter, der fromm ist und gerecht, billich sagen, „mich reuet, dass ich den menschen geborn hab“.11 Dieweil 12 [232 v] nun aber das erst geschöpf zunichten geworden ist, und uf solchs sollen wir zum andern mal wiedergeborn werden.13 Das muss beschehen aus gott, das ist, aus gott dem sun. Diese geburt geht aus gott selbs. Dann do stehet es nit „schaffen“, sonder „geborn“. Darumben, dass er uns geborn hat zum andern mal, darum heißen wir kinder gottes 14 und kinder Mariae und brüeder Christi.15 So wir nun des auch vergessen, so fallen wir in den großen irrsal und all weg von gott. Zu gleicher weis, wie wir vergessen hont im alten testament, dass uns gott beschaffen
[1] H: H 1 232 r–246 v; M: ME 299–316. — [2] Dtn 32,18: „Deinen Fels, der dich gezeuget hat, hast du aus der Acht gelassen und hast vergessen Gottes, der dich gemacht hat.“ HS 1545. — [3] zur Erschaffung des ersten Menschen vgl. Gen 1,26 f.; 2,7.21 f. — [4] gemeint ist die Wiedergeburt aus Christus, vgl. Joh 3,3.5–7; Tit 3,5; 1Petr 1,3.23. — [5] auferstehend] auffersteendt H: ‚Auferstehung‘. — [6] Gen 2,7; Tob 8,8 (Vlg). — [7] ungehorsame: ‚Ungehorsamkeit‘. — [8] Gen 6,6. — [9] folget: ‚gehorcht‘. — [10] üppig: ‚ausschweifend‘, ‚hochmütig‘. — [11] Gen 6,6. — [12] dieweil … und: ‚da … darum‘. — [13] Joh 3,3.5–7; Tit 3,5; 1Petr 1,3.23. — [14] zur Kindschaft Gottes vgl. Dtn 14,1; Ps 82,6; Lk 20,36; Joh 1,12; Röm 8,14–23; 9,26; Gal 3,26; Phil 2,15; 1Joh 3,1 f.9. — [15] Mt 12,50.
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hat, und die im alten testament taten, was sie wollten, und nit, was gott wollt, und sahen weder propheten noch nichts an, darumben gingen sie unter in die ewige verdammnus.16 So wir nun nit werden in der geburt us gott ingedenk sein die guttat, so uns gott beweist und geben hat, sunder werden’s verwerfen, so werden wir kommen in die abgründ der hellen, wie dieser vers anzeigt: „Du hast vergessen gott deines schöpfers“ (das ist den im alten testament), „und hast verlassen gott, der dich geborn hat“ 17 (das ist im neuen testament). Nun die das vergessen und verlassen, bei [233 r] denen wird kein auferstehend sein, allein absteigen zu den hellen.
Dtn 32,1: Audite caeli quae loquor 18 Hie meldt Moises die guttat, so gott seinem geschöpf bewiesen hat, die nit auszusprechen ist und gnuegsam zu beschreiben, in was hut,19 treu und lieb er sein kreaturen, den menschen gehabt hat, und was er ihm zu essen und trinken hat geben, sie nie verlassen, in allen nöten ihr treuer nothelfer gesein ist. Nit allein, dass er sie beschirmet hat, ihnen land und künigreich unterworfen hat. Nit allein, dass er sie geführt hat, sunder nach aller dieser güte hat er sie gespeist und geben traubenblut, 20 das ist sein sun, der in trauben ihnen sein blut zu trinken hat geben, in dem er geseit 21 hat: „Der do isset mein fleisch und trinket mein blut, der ist in mir und ich in ihm, und ihn wird ich uferwecken am jüngsten tag.“ 22 Do kommt nun die uferstehung her, dass Moses soviel meldt, als spräch er: „Gott, der uns beschaffen hat, der fuhrt 23 uns und nährt uns, wiewohl wir ihm nit gehorsam gesein seind und noch nit seind. Aber [233 v] er wird sich über eur murmeln alles nit erzürnen, sonder wird sein sohn herabschicken, derselbig wird uns neu gebärn us ihm selbs durch sein blut.“ 24 Aber das alles ward nit angesehen von juden, sonder über das, so sie voll 25 worden und geil. 26 Das ist, do sie den sun hätten, do haben sie gott ihren schöpfer verlassen, das ist seinen
[16] Hinweis auf den Untergang von Sodom und Gomorra, vgl. Gen 13,10; 18,20–33; 19,1–25; Dtn 29,23. — [17] Hohenheims Übersetzung von Dtn 32,18 (Vlg) unter Umstellung der Satzteile. — [18] Dtn 32,1: „Merket auf, ihr Himmel, ich will reden; und die Erde höre die Rede meines Mundes!“ HS 1545. — [19] hut: ‚Obhut‘. — [20] Dtn 32,14. — [21] geseit: ‚gesagt‘. — [22] Joh 6,54. — [23] fuhrt: ‚füttert‘, ‚speist‘, ‚ernährt‘. — [24] zur Rolle des Blutes im Alten und im Neuen Testament vgl. Hebr 9,7–28. — [25] voll: ‚übersättigt‘. — [26] geil: ‚wollüstig‘.
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sun. Und seind wider gott ihren schöpfer gesein und wider sein sun, der sie neu geboren hat; und seind von gott ihrem schöpfer, das ist von aller propheten lehr und Christi selbs abgefallen und verlassen; und haben dem weltteufel 27 gedient, das ist den üppigen menschen, die uf das feld vergraben werden und uf dem feld ihren schatz suchen. 28 Uf das hat nun gott sein antlitz von ihnen gewendt und dasselbig kehrt zu den heiden. Und also seind sie kommen um den zepter von Juda, 29 und ist ihr bistum kommen in ein ander hand, das ist unter die heiden. Darauf nun folgt weiter, dass die juden verlassen haben gott ihren schöpfer. Und den, der sie geborn wollt haben, haben sie auch verlassen und alles vergessen, was ihn gott geton und gewiesen hat, und vergessen das, dass er ihn verheißen hat, seinen sohn zu geben, der sie erlösen sollt, 30 und sind also abgefallen von gott. Darumben alle [234 r] plagen, feuer, hunger und alles elend über sie gohn wird in der stund der uferstehung, so sie werden absteigen zu der hellen, wie dann das gesang 31 in ihm selbs gnugsam usweist und anzeigt. 32
Dtn 32,30: Quomodo persequebatur unus mille 33 Zu der zeit der auferstehung wird einer tausend jagen und zween zehentausend. Was ist das? Die engel gottes werden sie ausschlagen 34 von dem ewigen zu dem tödlichen, 35 und werden kommen in all unziefer 36 und wilden tier, das ist in die hand der greulichen teufel. Und der sodomiter speis 37 wird ihr speis und trank sein, und nit das blut Christi, sonder ein bitter blut, ein gar gällig 38 blut vom dracken 39 und von allem bösen gift. Darumben so wissen hie das fürhalten Moisi, dass es gleich ein red ist zu den im neuen testament, als spräch Moises: „Ihr im neuen testament, die do trinken das traubenblut, vergessen eurs gottes nit, der euch geborn hat, sonder halten ihm sein gedächtnus und testa-
[27] Offb 12,9. — [28] Mt 13,44. — [29] Gen 49,10. — [30] zur Verheißung des Messias vgl. Jes 9,1–6; 11,1–10; 59,20; Jer 23,5 f.; Hes 34,23 f.; 37,22–28; Dan 7,13 f.; 9,25; Mi 5,1–5; Hag 2,22 f.; Sach 3,8–10; 6,12; 9,9 f. — [31] gesang: hier ‚Vers‘. — [32] Dtn 32,21–24. — [33] Dtn 32,30: „Wie geht es zu, dass einer wird ihrer tausend jagen und zween werden zehntausend flüchtig machen? Ist’s nicht, dass sie ihr Fels verkauft hat, und der Herr hat sie übergeben?“ HS 1545. — [34] ausschlagen: ‚abweisen‘. — [35] ähnlich Gen 3,23 f. — [36] unziefer: ‚Ungeziefer‘. — [37] evtl. Gen 14,11. — [38] gällig: ‚gallenbitter‘, ‚giftig‘. — [39] dracken: ‚Drachen‘. —
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ment, 40 uf dass eur speis nichts werd, die er euch geben wird, ein gift von trank von hellischen hunden. Und seind [234 v] ingedenk, wie gott eur gebärer euch so gütlich ton hat, sein leib für euch geben, 41 uf dass ihr am jüngsten tag uferstanden in ihm. 42 Darum so tunt nit wie die kinder Israhel, die haben ihn verlassen, haben fremde götter angebet, teufel und menschen, und holz und stein und metallen, und seind von gott gefallen. 43 Das lassent euch ein exempel sein, wie es im alten testament, sonderlich itz, so ich gesungen hab dies gesang, dass ihr nit also seind und tuent, sonder lieb haben eurn gott, 44 der euch geborn hat und euch erlöst hat, in dem wir werden uferstehen in aller rechter liebe und gedächtnus. Und vergessen seiner treu, seines leidens, seines blut, seines fleischs nit, das er euch geben hat, sunder seind des tag und nacht ingedenk, uf dass ihr heiden, den das bistum geben ist, nit fallen in die pein und hellen, dohin die jüdischen fallen, die solches vergessen und verlassen haben, und betten nur abgötter an, und gohnt nur zu ihnen. Bleiben in eurm gott, der euch geborn hat, und gedenkt, dass kein anderer gott nit ist, als derselbig allein. 45 Der ist gott, der ist herr, bei dem bleiben und lassent euch das allzeit vor augen liegen, was das sei, das die juden verführt hat, [235 r] wie sie gefallen seind von propheten, von gott selbs, von seinem sun, und zum teufel, abgöttern und dergleichen sich gneigt. Dasselbig tut nit, uf dass ihr nit mit ihnen zu verdammnus komment.“ Darum sollen wir wissen, dass wir das alte testament treulich sollen lesen, 46 uf dass wir sehen, was wir fliehen sollen und warzu wir uns halten sollen. Dann do wird ein ernst werden, desgleichen nie gesein ist, an dem tag, so wir sollen uferstehen, von denen die da werden absteigen zu den hellen. 47
Joh 6,44.54: Et ego suscitabo eum in novissimo die 48 Dieweil nun des schöpfers vergessen ist worden, das ist sein gebott nit gehalten, so ist nun derselbig auch vergessen von gott, die von ihm abgefallen seind. Die aber, so gottes ihres schöpfers nit vergessen hon, 49 [40] Lk 22,19 f.; 1Kor 11,23–25; 2Tim 2,8. — [41] Röm 5,6–8; 1Kor 15,3. — [42] Joh 6,39 f.44.54; 11,24. — [43] Dan 5,4.23; Offb 9,20. — [44] Dtn 11,13; Mt 22,37 par.; 2Thess 3,5. — [45] Ex 20,5; 34,14. — [46] zur Aufforderung zum Erforschen der Schrift vgl. Dtn 17,18 f.; Joh 5,39; Apg 17,11; 2Tim 3,16. — [47] Mt 13,49 f.; 25,32–34.41; Röm 14,10. — [48] Joh 6,44.54: „und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tage“, HS 1545. — [49] hon] hett H.
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dieselbigen hat er geborn. Von dieser geburt sollen ihr wissen, dass 50 die ist, die wir us Christo hont. Darauf nun Christus sagt: „Und ich wird sie erwecken am jüngsten tag. Das ist, die so mein nit vergessen hont, sonder in [235 v] mir und ich in ihn bleiben bin.“ Do wird jetz erfüllt die weissagung Mosi von traubenblut, 51 in dem, dass Christus sagt: „Der do trinket mein blut, der bleibt in mir und ich in ihm.“ 52 Das ist jetz die weissagung der geburt, dass wir us gott geborn werden. Uf das nun folgen wird, „dieselbigen wird ich auferwecken am jüngsten tag, und dieselbigen werden mit mir essen und trinken in dem reich meines vatters ob meinem tisch“. 53 Ist soviel, „die mit mir essen uf erden mein mahl, mein fleisch und trinken mein blut, dieselbigen wird ich uferwecken, dieselbigen werden mit mir auch essen im reich meines vatters“. Das ist die auferstehung, dass wir von dem irdischen wesen und unflat kommen, und kommen in ein neu geburt, die us gott sei, nit von menschen. Und kommen durch dieselbigen neu geburt von allen tödlichen kreaturen, von der welt, von den hellen zu dem ewigen reich und leben, in dem kein tod ist noch krankheit, sonder ein ewiger fried und freud, zu welchen niemands kommen kann noch mag, allein er sei dann us gott geborn. 54 Und niemands wird aus gott geborn, allein sein himmelischer vatter ziehe ihn dann zum sun. 55 Darum wird ein jeglicher neu geborner us gott gelehrt und nit von menschen, 56 dann der mensch kann’s nit begreifen noch verstohn. 57 So nun [236 r] gott der ist, des das reich ist, in das wir sollen uferstohn, so ist er auch der, der do aussucht diejenigen, so ihm dann gefallen. Dann er ist der, der aller menschen herzen erkennt und weißt. 58 Uf solche erkanntnus so führt er die erwähleten zum sun und durch den sun in die neu geburt, und doch im sun ufzuerstohn in das reich, das er seim sun und seinen glaubigen und erlösten bereit hat. 59 Das ist die uferstehung, do wir hin müssen, ohn welche wir alle in die ewige verdammnus fahrent. Dann nur ein weg ist gen himmel, 60 nit zween, nit mehr, nit weniger. Der weg mueß sein und kein ander nit, darum so lernen us gott. Dann die us gott geborn werden, das seind die auserwählten, die von menschen seind berufen. 61
[50] dass: hier ‚dass es‘. — [51] Dtn 32,14. — [52] Joh 6,56. — [53] Lk 13,29; 22,30. — [54] Joh 3,6–8; vgl. Joh 14,6. — [55] Joh 6,44. — [56] Joh 6,45; vgl. Ex 4,15. — [57] Jes 6,9 f.; Mt 13,13–16 par.; Lk 2,50. — [58] Ps 44,22; Spr 24,12; Jer 12,3; Lk 16,15; Apg 1,24; 15,8; Röm 8,27. — [59] Mt 25,34. — [60] Joh 14,6. — [61] Mt 20,16; 22,14.
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Ri 13,7: Ecce concipies et paries filium 62 Von der auferstehung zu reden, wird sein zu gleicher weis, wie Samson geborn ist worden wider die geburt der natur von einer unfruchtbarn frauen. 63 Us einer solchen ward auch Samson, der stärkist mann geborn. 64 Also wird us unserm leib, den wir uf erden hont, und us der erden geborn werden, entspringen der [236 v] neugeborn leib, in dem wir werden uferstehen. 65 Zu gleicher weis auch als einer, der ein sun hat, und der sun, der wird genommen und der vatter nit, also wird der ein leib bleiben werden und nit angenommen. Der wird aber angenommen, der aus demselbigen geht und entspringt. Dann unser leib uf erden seind unfruchtbar und sollen 66 nichts, aber fruchtbar werden sie gemacht durch gott, 67 uf dass us ihnen ein ander leib gang, welcher leib der wird sein, der do wird uferstehn. Und so wunderbarlich werden dieselbigen leib sein, wie wunderbarlich Samson war unter andern männern. Darauf sollen wir wissen von unser uferstehung, dass wir nit in dem fleisch uferstehn, darinnen wir hie gohnt, dann es ist von der erden und soll nit in himmel. Derselbig leib auch soll nit zu glori 68 füern, dann er verbrinnt und bleibt nit durch das feur. Das ersteht aber am jüngsten tag, 69 das die ander kreatur ist, von dem andern Adam, das ist us gott geborn. Und allein die kinder gottes 70 werden uferstohn und die kinder der menschen nit. Also wunderbarlich werden wir uferstehen, als Johannes 71 sagt: „Achten nit, dass ihr Abrahams kinder seind. Gott kann aus den steinen dem Abraham kinder uferwecken.“ 72 Das ist, die kinder Abrahae berueten 73 und hielten uf ihren leib, als sollt’s der leib sein, [237 r] der do müsste zu Abraham. Das nit also ist, sunder zu gleicher weis als wenig kommt derselbig leib gen himmel als die stein. Und aber als unglaublich ist, dass us den steinen sollen kinder uferstehen, also unglaublich ist auch, dass wir sollen us dem leib uferstohn. Nun wird es müssen sein, dass dergleichen wir aus den steinen werden müe-
[62] Ri 13,7: „Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären“, HS 1545; vgl. Lk 1,31. — [63] Ri 13,24. — [64] zur großen körperlichen Stärke Samsons vgl. Ri 14,5 f.; 15,14 f.; 16,3–31. — [65] zum natürlichen Leib aus Adam und dem neuen geistlichen Leib aus Christus vgl. 1Kor 15,35–49. — [66] sollen: ‚taugen‘, ‚sind wert‘. — [67] Gen 1,22.28; 9,1; 28,3; 35,11. — [68] glori: ‚Herrlichkeit‘. — [69] zum jüngsten Tag vgl. Joh 6,39–44.54; 11,24; 12,48. — [70] zur Kindschaft Gottes vgl. Dtn 14,1; Ps 82,6; Lk 20,36; Joh 1,12; Röm 8,14–23; 9,26; Gal 3,26; Phil 2,15; 1Joh 3,1 f.9. — [71] Johannes: Johannes der Täufer, zitiert nach dem Matthäus-Evangelium. — [72] Mt 3,9 par. — [73] berueten: ‚beharrten‘.
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ßen uferstehen, das ist us unserm leib. Aber nit mit dem leib, sunder wie die stein in der erden bleiben, also bleibt der leib auch in seiner mutter. Dann das mag nit an ein statt kommen, das nit von derselbigen statt ist. So mag auch nichts glorifiziert 74 werden, das nit beständig ist. Was ist die glorifizierung 75 als allein, es wird ein rosen gesäet, und do wächst ein ros daraus zu seiner zeit. 76 Jetz ist das gewächs der rosen die glorifizierung, von dem gesäet wird. Nun bleibt sein corpus in die erden und verfault und wird nit glorifiziert. Aber das darus wächst, ist glorifiziert. Und wie es sein soll, also muss auferstehn ein ros us unserm leib. Dieselbig rose ist glorifiziert, das ist, dass die wird uferstehn. Dann das ist die auferstehung, wie ein baum, der do wächst us der erden von seinem somen, und so er us der erden aufdringt gein himmel zu, 77 das ist sein auferstehung. Und nit der som, sunder der baum stehet [237 v] auf. Darum so werden wir auch also auferstehen zu seiner zeit, wie gmeldt ist, aus der erden am jüngsten tag, so uns Christus wird uferwecken. 78 So nun das die uferstehung ist, das so us einem andern corpus wächst. Jetz mügen wir uns bedenken, warum somen beschaffen seind. Nit dass ein somen bleibt ein som, sunder dass der som ein rosen, ein lilgen 79 gibt und dergleichen. Darum jetzt ist die ursach gefunden, dass wir müssen zum andern mal geborn werden: uf dass us dem ersten ein anders wächst und das dasselbig sei, so glorifiziert sei. Nit darum gleich – dass eben das soll uferstohn. 80 Wohl soll der som uferstohn. Es ist doch nichts im somen und ist nichts, somen für somen zu rechnen, das ist aber, das us ihm kommt. Dann, von deswegen ist hie zu reden, das so us einem andern wächst, ist das glorifiziert. Das aber nit us einem andern wächst, das ist nichts. So mag nun alle welt soviel nit, dass sie müg ein glorifizierung machen, dann sie kann den somen nit machen. Der aber den somen kann machen, der kann auch glorifiziern, das ist us demselbigen ein frucht machen. Was ist nun der mensch als allein ein somen? Was ist die ros us ihr? Der leib, von dem hie geschrieben stehet, der do soll uferstehen. Und wie gemeldt, viel seind der bluemen und [238 r] kräuter, die auferstehnt von der erden und mit viel [74] glorifiziert: ‚verherrlicht‘, hier im neutestamentlichen Sinn: ‚verklärt‘. — [75] glorifizierung: ‚Verklärung‘. — [76] 1Kor 15,36 f. — [77] Antönung des Gleichnisses vom Senfkorn, aus dem ein großer Baum wächst, vgl. Mt 13,31 f. par. — [78] Joh 6,39 f.44.54; 11,24. — [79] lilgen: ‚Lilie‘. — [80] uf dass … uferstohn: ‚weil aus dem Alten ein Neues wachsen soll, und das ist das Glorifizierte. Darum ist es nicht gleich, und eben darum soll es auferstehen.‘
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tugenden begabet, also auch viel werden sein der corpora aus dem körper Adae, die do werden uferstehn mit viel tugenden. Und dieselbigen corpora werden gelaubt 81 werden, dass sie von Adam seind, als man seit, 82 das kraut, der bluem wächst us der erden, jetzt ist die erste lob der erden. Doch so spricht man, also hat’s gott beschaffen, jetz ist gotts lob über alles. Do auch also die himmlischen sagen, der ist gewachsen us dem corpus Adae, der aus dem, der us dem etc. Wo fällt das lob hin? In Adam. Er ist der, aus dem es alles geht. Wo nun weiter? Aus gott, aus dem Adam ist und wir auch us demselbigen. Jetz sei das lob bei gott und ist sein und nit Adams. Darum ist der mensch hie uf erden ein mensch, so sag er nit, dass er derselbig bleib. Er wär 83 doch gar nichts wert. Das aber ist: Ein som ist er, darauf hoffet ein anders us ihm zu wachsen, zum gilgen, 84 zum rosen, zu lavendel etc. Dann was hie us Adam ist, ist nichts als ein som. Darum so redt Christus hie nach inhalt aller philosophia, dass die erste geburt us Adam nichts soll. 85 Also redt auch sein himmlischer vatter. Darum so ist ein som. Und darum ist sie ein som, dass gott, der som ist, ihr ein auferstehung gemacht hat, sonst wär es kein som gesein. Jetz ist der aber ein som und der neu leib die frucht, [238 v] die darauf wächst. Jetz wird der alte leib im leib der neuen frucht sehen sein seligmacher, er selbs und kein ander für ihn. Das ist unser hoffnung, die wir in unser schoß gelegt hont. Das blut ist der som, den wir in unser herz gesäet hont. Adam ward in ein tiefen schlaf gelegt, do ihm gott sein weib aus seim leib macht. 86 Darum war das, dass Adam nit verstohn sollt, wie das zugieng. Also mit uns auch. Wir seind auch in ein tiefen schlaf gelegt, die ding nit zu verstohn und gott. Schlafen wir dann billich, wir mügen’s nit verstehn, so hoch als die ding antrifft, und ist in aller unser weisheit, so wir hont, nichts besser, dann zu gedenken an zwei ding. Das ein, dass unser weisheit ein narrheit vor gott ist. 87 Darum sollen wir mit gott nicht grieblen, 88 beim unmüglichisten alle ding annehmen. Zum andern, dass wir in schlaf gelegt seind und in dwalm, 89 und wissen gleich so wenig darum, als einer, der do schlaft, nit hört und nit sicht. Aber darum so ist uns unser philosophia nit geendt, sonder erleucht uns menschen, dass wir im schlafen, dwalm, verstehn mügen aus den natürlichen dingen das übernatürlich. Und ob wir dasselbig
[81] gelaubt: verm. ‚gelobt‘. — [82] seit: ‚sagt‘. — [83] wär] werdt H. — [84] gilgen: ‚Lilie‘. — [85] Joh 3,3–8. — [86] Gen 2,21 f. — [87] 1Kor 3,19. — [88] grieblen: ‚grübeln‘. — [89] dwalm: ‚Qualm‘, ‚Betäubung‘.
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übernatürlich nit sehent, jedoch aber dasselbig zu verstohn, das ist uns billich ein wenig darvon, dass doch über die natürliche art ist. Wie klein es ist, so hoch ist der mensch in gott fürgenommen, 90 dass er muss ein som sein, muss wachsen, das ist uferstohn. Und wird ein weiz 91 aus ihm, so wird [239 r] er gelegt in ein scheuren. 92 Wo nit, sonder ein ratten, 93 spreuer, 94 so wird er gelegt in sein feur, do er hingehört. 95 Alle ding stohnt uf, aber nit alle ding werden gelegt, do sie gern wärent. Uferstohn muss us dem corpus erwachsen werden, der aus Adam ist. Nun, so erstahnt sie alle und werden alle müssen rechnung geben um alle ihre missetat. 96 Das ist aber nun fürgestellt, nit uferstanden, wohl fürkommen; dann noch höher muss man wachsen als allein fürstahnd. 97 Do man ein ding kennt, was ist do, das wachse und bleib an seiner statt stille stohn, dass man nit zu nutz bring? Es heißt, die uferstehung der toten. 98 Der som ist tot in der erden. Das aus ihm wächst, das wächst us dem toten ding. Das ist uferstehung der toten. Gott ist nit ein gott der toten, das ist, dass der in der erden liegt, sonder er ist ein gott der lebendigen, 99 das ist deren, die uferstehnt. Darum führt er sie für gericht, und do verhört er alle urtel.100 Alsdann werden wir uferstehnd zu den seligen oder abstohn zu den hellen. Alle werden wir uferstohn, aber nit alle zu gott. Allein die werden zu gott, die seine kinder seind.101 Die seind seine kinder, die sein willen tunt.102 Sein will ist in seinem blut und fleisch, ihm dienen und nit dem 103 körper, [239 v] der do fault, aber sein somen zu sein und us ihm zu wachsen einander, der do ist us dem leib Christi. Wer kann aber sagen, der blum us dem somen, us wen er wächst? Nämlich us dem somen nit, dann der som vermag’s nit. Die gnad ist do im somen, jetz wächst die ros, der lavendel etc., also auch us unserm leib. Was kann us ihm wachsen? Nichts, aber ist die gnad gottes mehr do, dann der leib vermag. Das sollen wir betrachten. Dann gott den
[90] so … fürgenommen: ‚zu so Hohem ist der Mensch von Gott bestimmt worden‘. — [91] weiz: ‚Weizen‘. — [92] scheuren: ‚Scheuer‘, ‚Scheune‘. — [93] ratten: ‚Rade‘, ‚Raden‘, ‚Kornrade‘, Agrostemma githago L., ein in Getreidefeldern vorkommendes giftiges Ackerunkraut. — [94] spreuer: ‚Spreu‘. — [95] Mt 13,24–40. — [96] Mt 12,36; Röm 14,12; 1Petr 4,5. — [97] das ist … fürstahnd: ‚Das ist nun aber erst (dem Gericht) vorgestellt, noch nicht auferstanden, obwohl es ein erster Schritt dazu ist; denn noch höher muss man wachsen, als allein vorne stehend zu sein.‘ — [98] zur Auferstehung der Toten vgl. Mt 22,31; Lk 20,35; 1Kor 15,21.42–49; Offb 20,5. — [99] Mt 22,32 par. — [100] Mt 13,49 f.; 25,32–34.41; Röm 14,10. — [101] Mt 19,14 par. — [102] Röm 8,14. — [103] dem] jm H.
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menschen beschaffen hat, und ehe er den will lassen untergahn, er will ehe ihn zum andern mal machen und gebären, dass mehr ist. Hat er den somen die gnad geben, so will er auch dem menschen in dem weg ein som lassen sein, und dass er faul und tot werde und ein neuer uferstohnd us ihm. Dann Adams leib hat kein gott, ist schon usgeschlagen.104 Obschon Adams leib isset und trinket von der erden, und die erden ist von gott, und was er isset, so isset er ihm doch zu der ewigen verdammnus.105 Darum ist gott nit sein gott, das ist, gott ist nit sein beschirmer, ob er ihm schon lässt folgen alles, das er will. Aber so er sein gott sein soll, so muss er der lebendigen kreatur sein. Dieselbig ist us seinem sun, dieweil 106 und er gesagt: „Ich bin das lebendig brot, das vom himmel gestiegen ist.“ 107 Des brots gott ist gott. Us dem brot kommt der namen: „Ich bin ein gott [240 r] der lebendigen.“ 108 Das ist, „deren gott bin ich, die us dem brot seind“. Jetzt ist das brot die gnad gottes. Daraus fällt nun dem körper Adae die gnad, dass us ihm uferstehet die neue kreatur, gleich wie ein som in einem garten gesäet wird und uf den somen, so wächst ein neuer daraus. So sagt man, „das ist die neue frucht“. Die alte ist tot und aus und ab. Also muss es auch mit dem menschen sein, dass es darzu komm, dass er sei neu und das alt nit mehr sei und dass die red Pauli wahr werd, „das alte gilt nichts mehr, es ist ein neue kreatur“ 109. Und wie ein ros ist anderst dann sein som, also müssen wir auch sein, und gleich gar nichts uf Adams leib bauen noch halten, allein soviel eim somen zusteht, den man behalt uf seine zeit, dass die zeit kommt des säens.110 Also sollen wir ihn auch behalten in aller gesundheit, uf dass er nit wormstichig noch faul werd, sunder dass er würde gesund bleiben. Und so die zeit kommt des säens, dass er alsdann frisch sei und gesund, und so er in die erden kommt, dass er nit faule und ein neue frucht gebe. Us dem folgt nu, dass die verdienst des leibs nichts seind. Dann was nutzet’s eim som, dass er viel tät? Ist doch nur ein som. Allein erhält er sich, dass er nit faule vor zeit, vor der erden in den dornen, in dem weg, dass ihn die vögel nit fressen und nit wurmstichig werd, uf dass er ein guter som sei zu seiner [240 v] zeit. Dann sollten wir kommen mit unserm leib, den wir uf erden hont, gen
[104] usgeschlagen: ‚abgewiesen‘. — [105] Lk 20,47; 1Kor 11,27. — [106] dieweil und: ‚da ja‘. — [107] Joh 6,51.58. — [108] Mt 22,32 par. — [109] 2Kor 5,17; zur Geburt des neuen Menschen oder der neuen Kreatur aus Christus vgl. weiter Joh 1,12 f.; 3,3–8; Gal 6,15; Eph 2,10; 4,23 f.; Kol 3,10; Tit 3,5; Jak 1,18; 1Petr 1,3; 1,23. — [110] Am 9,13.
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himmel mit den zahnlucken, mit den körperbeinen,111 der glatzet,112 der kolbet,113 der sonst unflätig. Das wird ein seltsamer himmel sein. Sollten wir dann in der glorifizierung hübsch werden und ander zähn wachsen, ander haut, ander füeß und händ und alle bresten abgehnt, mit wollust erfüllt? Das wird aber ein elende kreatur werden, die weniger nutz wär dann Lucifer.114 Es wär ein jungbrunnen, nit ein himmelreich, ein guter bös. Das ist aber das himmelreich, das mit dem tod Christi uns erlangt ist worden, und dass wir us demselbigen fleisch und blut seind, das der tod erlitten hat.115 Do würd jetz der glorifizierung nit gedacht, so jungbrunnen möcht erlangt werden. Fürwahr, der an das leiden denkt des suns gottes,116 der sollt ihm sein auferstehung höher zu herzen fassen, die auch dieser uferstehung ist, das wir seind. Us ihm und in ihm werden wir uferstehn, wie ein rosen und der edel anthera 117 us seinem somen und stammen. Wie isset ein rosen, wie isset die gilg oder wie trinkt die blum cheiri 118 oder die blum anthera? Trinken’s und essen’s nit auch? Freilich ja. Was nährt sie? 119 Das ihren somen ernährt hat und das den somen hat wachsen machen, das hilft ihn auch. Was ist dasselbig? Es ist das [241 r] allein, das gott will, das es esse, das isset es. Wiederum, was darf 120 die ros ein speis, so der som do ist? Was darf die gilg eines tranks, so sie us dem somen geht? Lassent den somen sorgen.121 Noch aber so isset sie von oben herab den tou,122 den regen. Ist das nit der gilgen und der rosen himmelbrot? 123 Ja. Also da auch, was isset unser leib uf erden anders us der erden? Dann er ist ein somen us der erden, der 124 behilft er sich auch, wie eim somen zusteht. Weiter, was behilft sich die ros und die gilg, so us dem leib wächst und jetzt in ihm ist? Des behilft
[111] körperbeinen: ‚Gebeinen des Körpers‘. — [112] der glatzet: ‚der (bezieht sich auf körper) kahl, nackt ist‘. — [113] kolbet: ‚plump‘, ‚ungestalt ist‘. — [114] Vom gefallenen, leuchtenden Engel Lucifer, der sich wie Gott gebaren wollte, berichten die Stellen Jes 14,11–15; Offb 12,7–9; 2Kor 11,14; Judas 1,6. Den Namen „Lucifer“ gebraucht einzig die Vulgata in Jes 14,12, während Luther an dieser Stelle den Ausdruck „schöner Morgenstern“ verwendet. — [115] ähnlich Röm 6,4. — [116] zum Leiden Christi vgl. Lk 24,26.46; Apg 3,18; 17,3; 26,23; 2Kor 1,5; 1Petr 4,1. — [117] „Anthera nennet man auch einen kleinen gelben Körper, welcher sich in der Mitte der Rose befindet. Es hat derselbe eine zusammenziehende, das Zahnfleisch zu stärken geschickte etc. Kraft.“ Krünitz, Art. „Anthera“. — [118] blum cheiri: Cheiranthus cheiri L., Goldlack, Lackviole. — [119] Mt 6,25–34 par. — [120] darf: ‚bedarf‘. — [121] Anklang an Mt 6,25–34 par. — [122] tou] dow H: ‚Tau‘. — [123] zum Manna, dem Brot vom Himmel, vgl. Ex 16,31–35; Num 11,6–9; Dtn 8,3.16; Jos 5,12; Neh 9,20; Ps 78,24; Joh 6,31.49; Offb 2,17. — [124] der: ‚deren‘.
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sie sich, das niemands sicht. Dann wer sicht die rosen essen oder den cheiri trinken? Niemands. Noch essent’s und trinken’s, der som verantwort’s alles. Also essent wir den neuen leib, den wir nit sehent, und wähnent, wir essen im somen und den tödlichen leib.125 Und neben dem wird auch gespeist der himmelisch leib. Das ist die rosen, die ihr sollen ermessen, als wir essent brot us der hand Christi und trinken wein us seiner hand und us seinem kelch.126 Was ist das? Wir sehent den irdischen leib für ein speis, und das himmelisch ist darin, und ist’s, und wir sehent’s nit. Wächst die rosen vom tou und regen, so wachsen unser ander kreatur auch von diesem tou, der do leit.127 Dann mehr ist ein mensch dann ein ros, und die natur hat viel in ihr und mannicherlei, das alles us dem licht der natur erkennt mag werden, [241 v] und sein nahrung. Noch aber die ander kreatur hat niemands in der philosophia ergründt, wer es wäre, als allein der irdischen natur zugelegt. Und ist doch nit irdisch, sonder vom himmel herab. Der ist nit ein philosophus, der allein die erden für sich nimmt, sunder der ist es, der auch für sich nimmt das himmelisch, uf dass ein erinnerung zu dem wird: „Nit allein us dem brot lebt der mensch, sonder auch aus einem jeglichen wort, das do usgeht us dem mund gottes.“ 128 Also lebt nun der mensch daraus, so lebt auch die natur daraus. Dann wer gibt der arznei, die im kraut ist, zu essen? Niemands. Oder wer kann’s ermessen, wer sie speist? Niemands. Alles allein, so es lang betracht wird, so kommt’s us gott. Derselbig speist sie, der natur ohn wissen, und die natur weißt nichts darum. Sagt man, das kraut vermag das und hat die kraft, das ist übel geredt, dann das kraut vermag’s nit. Aber gott hat do etwas gelegt, soviel und 129 er haben will und wenn 130 er will. Darum so hilft’s einmal, das andermal nit. Darum, ob ein tödliche krankheit geschehen würd, so wissen,131 dass in ihm ist auch ein lebendiger, wie ihr sehent ein somen und nichts mehr, noch so ist ein rose in ihm. Also auch ein dürren baum in winter: Kommen 132 im sommer, so finden ihr, wer er ist. Also wird der sommer auch anzeigen unser auferstehung, wer wir seind, nit wie wir jetz im winter werden angesehen, [242 r] sunder im sommer wird man uns kennen, wie wir werden uferstehen wie die gilgen im garten, über all ander glauben und sekten der abgöttern. Darumben so ist die uferstehung von dem andern leib und nit von dem ersten, dass wir sollen glauben des fleisch uferstehung, aber nit des [125] zum sterblichen Leib vgl. Röm 6,12; 7,24; 8,11. — [126] Mt 26,26–29 par. — [127] leit: ‚liegt‘. — [128] Dtn 8,3; Mt 4,4 par. — [129] soviel und: ‚so viel wie‘. — [130] wenn: hier ‚wann‘. — [131] wissen: ‚wisst‘. — [132] kommen: ‚kommt ihr‘.
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kotsfleisch133 von Adam, sunder us Christo.134 Das im Adam uferstehet, das geht zum ewigen tod. Das aber in Christo aufersteht, das ist die auferstehung der lebendigen, dern gott ist unser aller gott und nit der toten in der hellen.135 Die wird er lassen stürzen und sich ihr nit beladen. Darum werden sie tot sein, dann do ist kein auferstehung. Aber wohl den leib der empfindlichkeit136 werden sie hon, wie ihn gott den geben wird. Dann sie werden auch auferstehen, aber wie ein ratten137 unter dem weizen.138 Sie werden sein des dummen salz, nit des rechten salz.139 Do ist nichts glorifizierts in,140 dann das ist allein glorifiziert, das allein nichts anderst ist als allein aus Christo, und weiter nichts mehr. Zu gleicher weis, nichts ist gold als allein, das von allen schlacken gereiniget ist und durch das feur in blei gangen ist und durch das spießglas gossen und gefiniert im aquafort.141 So nun das die proben seind eines natürlichen golds, so ist es uns auch ein exempel, dass auch dermaßen proben müssen sein im leib der [242v] uferstehung, dass do weit über den schlacken ein irdisch leib werd sein, und vielmehr des feurs im blei, im schmelzen, im aquaforten, im spießglas bedürfen wird, uf dass es lauter und klar werd. Nit dass das unlauter lauter werd, nit dass der kot gut werd, sunder unlauter bleibt unlauter, kot bleibt kot. Aber das perlin, das darin ist,142 dasselbig wird fürher143 gohn, dasselbig ist dieses, das glorifiziert heißt. Nit dass es selbs unrein wäre, aber im unreinen lag. Das ist, werden in blumen, wie die sonn ist glorifiziert an ihr selbs. Nun aber, so die
[133] kotsfleisch: ‚Fleisch, das aus Dreck gemacht worden ist‘. — [134] ähnlich 1Petr 3,21. — [135] Mt 22,32 par. — [136] leib der empfindlichkeit: verm. ein Leib, in dem die Qualen der Hölle empfunden werden können. — [137] ratten: ‚Rade‘, ‚Raden‘, ‚Kornrade‘, Agrostemma githago L., ein in Getreidefeldern vorkommendes giftiges Ackerunkraut. — [138] Mt 13,24–40. — [139] Mt 5,13; Mk 9,50; Lk 14,34 f. — [140] in: ‚darin‘. — [141] Paracelsus erwähnt hier drei sich abfolgende Prozesse zur Reingewinnung von Gold aus goldführendem Erz. 1. Beim Saigerverfahren wird goldund silberhaltiges Kupfererz in einer Bleischmelze gelöst, die man durch Erhitzen von Bleiglanz (Bleisulfid) erhält. Auf Grund der unterschiedlichen Löslichkeit in dieser Schmelze kann vom Kupfer ein Silber-Gold-Gemisch abgetrennt werden. 2. Die Gold-Silber-Schmelze wird dann in eine Antimon-Schmelze gegossen, die ihrerseits durch Erhitzen von Spießglanz (Antimonit bzw. Antimontrisulfid) gewonnen wird. Dabei bildet das Gold mit dem Antimon eine Legierung und kann so vom Silber getrennt werden. Beim Erhitzen der Gold-Antimon-Legierung verbrennt das Antimon zu Antimonoxid und das Gold bleibt zurück. 3. Durch Versetzen des noch unreinen Goldes mit Aquafort (Scheidewasser, bestehend aus einem Gemisch von Schwefel- und Salpetersäure) werden letzte Reste von Silber und anderen Metallen aufgelöst, während das hochfeine Gold ungelöst zurückbleibt. Zu den verschiedenen Scheideverfahren vgl. Soukup/ Mayer 1997. — [142] Mt 13,45 f. — [143] fürher: ‚hervor‘.
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finsternus angeht,144 so ist ihr glorifizierung nichts, wiewohl die sonne ist, wie vor ist gesein. Aber do ist nit die augenweid. Nun aber, es ist die finsternus von ihr. So spricht man, jetz ist die sunne lauter und wieder wie sie sein soll. Also ist es do auch in der uferstehung: Das unrein wird vom reinen gohn. Dann ist der leib do, der über die sonne ist, und ist nun glorifiziert geheißen zu gleicher weis, wie man spricht, das ist fein silber, das ist superfein145 etc. Nit dass es vor nit also auch gesein sei, sunder es ist allemal also gesein, aber befinstert mit unflat. Und das feur und sein zugehörends hat’s hinweg genommen. Darum heißt’s der gemein mann fein und superfein. Also ist die glorifizierung dermaßen auch zu verstohn in der uferstehung. Dann die uferstehung wird sein, nachdem146 und alle körper werden [243r] fein und superfein sein. Alsdann, so der körper rein und superfein ist, das ist glorifiziert, von allem wust geschieden und unflat, jetzt steigt er uf zu den himmeln, zu dem tisch, den uns gott der himmlisch vatter bereit hat, bei seinem sohn zu essen.147 Uf solches weiter: Ob der leib, der uferstanden ist von den toten, das ist der leib, der ewig ist aus Christo und gescheiden und aufgestanden von den toten, auch esse uf erden und im himmel oder nit? Der leib, der uferstanden ist, der muss us der speis erhalten werden. Dann isset der mensch, wie die geschrift sagt, himmelbrot,148 so isset er sein speis wie im himmel. Dieweil und 149 auch Christus gesagt hat, „nun fürhin wird ich von dem weinstock nimmer mit euch trinken, bis wir kommen in das reich meines vatters“,150 darum so muss derselbig leib essen nit das brot allein uf erden, sonder aus dem wort, so da ausgeht vom mund gottes.151 Dasselbig wort ist der acker, von demselbigen wir gespeist werden. Wie wir aber wissen, dass Christus gessen hat uf erden, nachdem und er uferstanden ist von den toten, bei den jüngern honigweben und fisch; 152 und dasselbig gessen ist billich, dann er mag in den dingen, die sein seind, tun was er will, auch dergleichen, was hie uf erden ist. Das isset von der erden und mag von der erden essen, was im himmel ist, das mag vom himmel essen und isset vom himmel. Ein jeglicher wird gespeist mit dem, an [243 v] dem ort er ist. Dann do Christus gessen hat mit den jüngern, do ist er noch nit ufgefahren gesein, darum ist er noch irdisch gesein in dem, das er gessen hat. [144] gemeint ist eine Sonnenfinsternis. — [145] Bezeichnungen für Reinheitsgrade des Silbers. — [146] nachdem und: ‚dementsprechend‘, ‚dass‘. — [147] Lk 13,29; 22,30. — [148] zum Manna, dem Brot vom Himmel, vgl. Ex 16,31–35; Num 11,6–9; Dtn 8,3.16; Jos 5,12; Neh 9,20; Ps 78,24; Joh 6,31.49; Offb 2,17. — [149] dieweil und: ‚da ja‘. — [150] Mt 26,29. — [151] Dtn 8,3; Mt 4,4 par. — [152] Lk 24,42.
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Dann do sollen wir wissen ein unterscheid zwischen dem uferstehen und uffahren gen himmel. Uferstohn von den toten ist den ewigen vom tödlichen nehmen.153 Aus der auferstehung folgt nun, dass wir (als wir glauben) am dritten tag wie Christus uferstanden von den toten.154 Die nun seind die seligen, an des end und an das ort des paradeis in die schoß Abrahae 155 etc. Die nun seind die verdammten in die vorhellen, die do genennt wird das fegfeur, so lang bis die zeit kummt des auffahrens gen himmel, die dann sein wird am jüngsten tag,156 so wir alle für gericht 157 werden stohn.158 Do werden die paradeisschen fürhin ledig stohn und als im reich gottes sein. Die vorhellen werden zerbrechen, und werdent all in die hell, die in der vorhell gesessen seind. So sagt auch die geschrift vom schlafen: Ist nit ein augenschlaf, sonder ein warten an eim ort, do einer nit weiter kann kommen.159 Der leit 160 gleich, als schlief er do. Wo nun die vorhell ist und da die zeit der wartung in der erden oder sonst in einer andern statt, ist bei uns nit wissentlich als allein, was durch viel der geschrift mag erfahrn werden, das oder das. Darum ich aber das hie setze, ist darum, dass wir die körper, so nit aufgefahrn seind und doch erstanden von den toten, so sie uf [244 r] erden seind, wir auf der erden wohl essen mügen und darnach im himmel, wie im himmel auch essen mügen. Und weiter, was in himmel kommt, das erscheint persönlich uf erden nimmer. Aber vor dem und es ufgefahren ist, und doch uferstanden, so ist es nit zu widerreden, obgleich in der welt etwas solches gesehen wurde. Dann Christus ist auch gesehen worden ohn betrug und ohn falsch, das dann ein exempel ist, auch ihm als müglich zu sein, uferstanden zu erscheinen, oder nit gleich am dritten tag, vielleicht an dem ersten tag, vielleicht länger. Dann die zeit seind bei uns nit wissen. Aber aus Christo, wie derselbig uferstanden und nachfolgend aufgefahren, also gibt er uns ein beispiel, nit allein mit eim also, sunder mit uns allen auch also.
[153] 1Kor 15,42–49. — [154] Mt 16,21; 17,23 par.; 20,19 par.; 27,63 f.; Lk 24,46; 1Kor 15,4. — [155] Lk 16,22 f. — [156] zum jüngsten Tag vgl. Joh 6,39–44.54; 11,24; 12,48. — [157] zum Tag des Gerichts vgl. Röm 2,5; 2Petr 2,9; 3,7; 1Joh 4,17; Jud 1,6. — [158] Mit Vorhölle, Fegefeuer oder Limbus bezeichnete man allgemein die seit dem Ende des 12. Jh. etablierte Vorstellung eines von Himmel, Purgatorium und Hölle unterschiedenen Ortes, wo sich die alttestamentlichen Gerechten und die frommen Heiden befanden, bevor ihnen durch die Höllenfahrt Christi die ewige Seligkeit zuteil wurde. — [159] zu den geistlich Schlafenden vgl. 1Kor 11,30; 15,18.20.51; 1Thess 4,13–15; 5,6 f. — [160] leit: ‚liegt‘.
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Do werden auch bleiben werden alle makel und masen 161 der heiligen, wie sie im namen Christi do empfangen hont, aber durch den leib, der uferstanden ist, dieselbigen mit ihn tragen zu der zeit des letzten gerichts. Darum auch Christus sein wunden behalten hat nach der uferstehung,162 und die nit von ihm gelassen, sonder die zeigen wird am jüngsten tag, also auch ein iglicher heilig dergleichen. Alsdann werden wir sehen, welche frumm und nit frumm, gerecht und nit gerecht hatten oder warent. Aber nachdem und die auffahrt sein wird in das reich gottes, do wird das bös in das hellisch feur gesprochen, das gut in das reich der [244 v] himmel, und das wird zu beiden seiten beschehen.163 In dem werden hingohn alle masen und makel der heiligen. Dann do wird die vergebung sein, nachdem 164 und (ultio 165 divina) das urtel gesprochen hat. Und vor dem urtel wird nichts von gott vergeben werden, bis die stund geschehen wird. Und alsdann so werden verhüllt werden alle striemen und wunden der heiligen und deren nimmermehr gedacht im reich gottes. Dann zu gleicher weis, wie ein schatt an einer wand ist und erbt von seim leib die bildnus: 166 verleurt der leib ein hand, so hat’s der schatt auch verloren, verlür er ein fueß, so hat’s der schatt auch verloren, also do auch, was dem irdischen leib begegnet, das wird dem himmlischen anhangen und geheft 167 werden und weiter nit von ihm, als wenig als von einem schatten, die auch seins leibs bildnus, und behalt die bis zu der stund der letzten auffahrt, bis zu der stund, do wir hingeladen seind, zu essen das mahl mit Christo in dem reich gottes seines vatters,168 dohin allein kommen wird der ewig leib, der do ist us Christo. Und der leib us der erden, der wird uf die zeit gar nichts sein, sonder dohin als der fernig 169 schnee. Dann nichts irdischs kommt an die end und ort, allein was himmelisch ist. Darum von deswegen ist die ursachen geben, dass darum Christus geboren ist und fleisch und blut ist worden, uf dass wir durch ihn und aus ihm, das ist us seiner hand, seins blut und fleisch werden, uf dass wir im selbigen auffahren zu den himmeln.170 Dann so müglich gesein wäre dem [245 r] menschen im irdischen leib, das ist in Adams leib, ufzufahren gein himmel, so wär Christus nit geborn worden. Darum aber, dass das nit sein möcht, darum stieg er vom himmel und gebar uns in die ander kreatur, also [161] masen: ‚Fleck‘, ‚Narbe‘. — [162] Joh 20,20.25–27. — [163] Mt 13,49 f.; 25,32–34.41; Röm 14,10. — [164] nachdem und: ‚je nachdem‘. — [165] ultio divina: ‚durch göttliche Rache‘. — [166] Anklang an Platons Höhlengleichnis aus seiner «Politeia» (Pol 514a–517a). — [167] geheft: ‚anhaften‘. — [168] Lk 13,29; 22,30. — [169] fernig schnee: ‚letztjährige Schnee‘. — [170] Mt 26,26–29 par.
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dass wir alle, die do wellen, gewalt haben durch sein blut und fleisch kinder gottes zu werden, ohn männlichen somen und willen, allein us gott, das ist us seinem blut und fleisch. Uf solches so folgt nun die uferstehung von den toten: 171 jedlicher leib in dem lebendigen leib von Christo der andern geburt und ander neuen kreatur, in welchem leib do sein wird die auffahrung zu den himmeln, zu Christo in das reich, das er uns versprochen hat, so wir werden sein seine brüder, schwester, das ist, so wir werden tun und vollbringen den willen seins vatters.172 Das ist nun die ursach der geburt Christi und seiner menschwerdung in fleisch und blut uf erden, dieweil nichts gen himmel kommet, es sei dann vom himmel,173 dass auch der mensch vom himmel sei und dass durch ihn in kraft des heiligen geists, durch welchen die ding alle gewirkt werden, in welche starke wirkung der mensch nit zu reden hat noch arguiern 174 noch disputiern, sunder den kräften der himmel nachgeben und dasselbig glauben, us welchem glauben, so wir werden uferstohn am jüngsten tag, ein sichtbares wird werden, dass alles, so wir glaubet hont, mit den händen greifen und mit den augen sehen werden. [245 v] Uf solchs nun, ihr glaubigen und christen alle, gedenken fürohin, dass ihr den leib, den ihr wellen bringen in das reich gottes, in ehren haben und denselbigen verschonen, und im tödlichen 175 leib nichts suchent zu gewinnen, dann er soll 176 nichts. Ob er gleichwohl viel 177 vertraut durch fasten, betten und dergleichen, so mag er doch nit in die belohnung kommen, das ist an die statt, do man zahlt. Es ist desselbigen bluts nit, darumben so ist es umsonst mit ihm. Dann ihr sehent, dass der irdisch leib viel erdenkt und ufricht, und alles ist es nichts, was us ihm geht. Es muss allein gohn us dem ewigen leib, aus dem blut und fleisch Christi, sonst ist es vergebens.178 Dann der irdisch leib ist gericht in die melancholei,179 das ist ein irdische natur, aus deren will er viel betten, viel fasten und viel andacht machen. Darum aber das nichts ist. Daraus folgt, dass Christus sagt, „sie betten etc., aber ihr herz ist weit von mir“,180 ursach, sie betten us der melancholie. Ein an-
[171] zur Auferstehung der Toten vgl. Mt 22,31; Lk 20,35; 1Kor 15,21.42–49; Offb 20,5. — [172] Mt 12,50. — [173] Joh 3,13. — [174] arguiern: ‚beweisen‘. — [175] tödlichen: ‚sterblichen‘. — [176] soll: ‚taugt‘, ‚ist wert‘. — [177] viel vertraut: ‚großes Zutrauen in sich hat‘. — [178] Joh 6,54–56; 1Kor 15,35–49. — [179] melancholei: Im Folgenden streift Paracelsus die vier Hauptkrankheitstypen gemäß der seit der Antike vorherrschenden Humoralpathologie (Viersäftelehre): die Melancholiker (Vorherrschen der schwarzen Galle), Sanguiniker (Vorherrschen des Bluts), Choleriker (Vorherrschen der gelben Galle) und Phlegmatiker (Vorherrschen des Schleims). — [180] Mt 15,8 par.
A19. Liber de resurrectione et corporum glorificatione
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der macht die ordnung mit pfeifen, orgeln etc., sein sanguinei. Ihr orgeln ist weit von gott. Sie erdenken’s selbs, selbs verfault’s auch. Es seind die cholerici, die wellen von Christo wegen blut vergießen, ritterlich sterben, ist alls die natur aus ihr eigenschaft. Es seind die phlegmatici, die wellen lieber sterben mit ruen 181 und freuden, dann mit marter gein himmel kommen. Wie den dingen allen seient, so wissen, dass die menschlich vernunft aus der irdischen natur nichts soll. Dann sollte [246 r] sie, so wärent auch die heiden und türken selig. Jetz wär unser glauben umsonst und gott hätt umsonst gelitten den tod. Darum so muss das alles hinweg, und nichts wird do bleiben vom selbigen, allein der leib us Christo und die gebott us Christo und die lehr aus Christo. Alles anders muss hinweg und zergohn, das aber bleibet ewig.182 Darum auch vonnöten ist, dass wir das blut und fleisch Christi wohl verstanden, dass wir us ihm seind und durch dasselbig kinder gottes,183 und jetz nimmer unser selbs, wie die heiden und türken. Darumben sollen wir unsern leib nit unnützlich brauchen, sonder verschonen. Er ist nimmer Adae, sonder Christi, und ist der leib, der do wird uferstohn am jüngsten tag und auffahren zu den himmeln, über alle sonnen schöne 184 erleuchten und übertreffen alles fleisch. Den leib sollen wir warten,185 us demselbigen betten, fasten,186 wachen.187 Und all unser tugend nit us der melancholie und bösem den ursprung nehmen, sonder us der natur des himmelischen fleischs und bluts von Christo. Dann was aus demselbigen geht, das wird in der auferstehung leuchten wie die sunn. Was nit aus dem geht, das wird finsternus und zahnklaffen 188 werden.189 Darum ich euch ermahn, dass ihr wellen insonderheit 190 durchlesen und merken [246 v] den begriff 191 des buchs, das do sagt von der unterschied und natur jedweders corpus.192 Dann ihr werden dann finden ein mehrern irrsal,193 dann ich hie anzeig, und do unser leib aus Christo nit anders verstohn, dann dass er vom andern leib, der aus Adam wird abfallen, wie ein biren 194 vom boum.195 [181] ruen: ‚Ruhe‘. — [182] Mt 24,35 par. — [183] zur Kindschaft Gottes vgl. Dtn 14,1; Ps 82,6; Lk 20,36; Joh 1,12; Röm 8,14–23; 9,26; Gal 3,26; Phil 2,15; 1Joh 3,1 f.9. — [184] alle sonnen schöne: ‚alle Schönheit der Sonne‘. — [185] warten: ‚pflegen‘. — [186] zum rechten Fasten vgl. Mt 6,16 f.; Mk 2,19 f. — [187] zum Wachen und Beten vgl. Mt 26,41 par.; Mk 13,33; Eph 6,18. — [188] zahnklaffen: ‚Zähneklappern‘. — [189] zum Heulen und Zähneklappern vgl. Mt 8,12; 13,42.50; 22,13; 24,51; 25,30; Lk 13,28. — [190] insonderheit: ‚insbesondere‘. — [191] begriff: ‚Kernaussage‘. — [192] Marginalie von anderer Hand Liber de differentia vtriusque naturae H; unbekanntes bzw. verschollenes Werk des Paracelsus. — [193] ein mehrern irrsal: ‚noch mehr Irrtümer‘. — [194] biren] pyren H: ‚Birne‘ Akk. — [195] boum: ‚baum‘.
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Lesetext – Liber de vita beata
A20. Liber de sursum corda Vom Erheben der Herzen [18 r] 1 Wiewohl wir menschen auf erden aus der 2 erden seind, aber dieweil uns die hand gemacht hat, die himmel und erden und alles beschaffen hat, 3 der ewig gott, so sollen wir uns das zu ihm versehen, dass er auch der ist, der uns alles das gibt, das wir von ihm begehren, 4 dann zu seinen kindern hat er uns gemacht und erben uf erden und aller natürlicher dingen und übernatürlicher. Darum, dieweil wir die seind, sollen wir an ihn begehren dasjenig, so wir uf erden bedürfen, und darinnen nit feiren noch uns müßig finden lon, nit allein das natürlich von ihm bitten, sunder auch das übernatürlich aus kraft der neuen geburt. 5 Dann zu gleicher weis, wie ein kind kommt aus mutterleib und bringt nichts, dann allein greinen 6 und geschrei, und was es weiter lernen soll, das muss es von seinen eltern lernen und erkunden. So die dasselbig nichts lernten, was wollt’s können oder etwas wissen? Dasselbig ist nun erblühend der sprach und täglichen wandel. Dann do Adam beschaffen ward und Eva, do war die stimm, die große, die redte 7 und alles wissen da. 8 Aber fürhin, do sie warent aus dem paradeis geschlagen, do ward der fluch: „In schmerzen musst du deine kinder gebären.“ 9 Dieser schmerz ist, dass wir in elend und jammer erzogen werden mit großer müe und arbeit und mit viel elends in uns bracht würd, bis wir verstanden den täglichen wandel. Und das Adam und Eva konnten [18 v] in eim atemzug, darinnen müssen wir zwanzig jahr lernen, und sie wuchsen in eim wort in ihr größe und wir han vierundzwanzig jahr
[1] H: H 2 8 r–29 r; L: L 1 439 v–448 r; K: K 2 115 v–125 r; J: J 5 3–21. (K 3 101 r–110 v stand für die Einbeziehung in die Textkritik nicht zur Verfügung.) Mit den Worten „Sursum Corda“ („Erhebt die Herzen“) leitet der Priester die Anaphora bzw. das eucharistische Hochgebet der römischen Liturgie ein. Bei diesem dramatischen Höhepunkt der Messe erhebt er gleichzeitig seine Hände und Augen zum Himmel. Die Aufforderung, nach dem zu trachten, was oben ist, findet sich in Kol 3,1 f., und zum Erheben der Herzen in Klgl 3,41. Paracelsus deutet diese Messworte im Sinne seiner Christologie als Aufforderung zur inneren Verbindung mit Christus um. — [2] der fehlt K. — [3] Ps 89,12; 102,26; Kol 1,16; Offb 10,6. — [4] Mt 7,7 f.; Mk 11,24. — [5] zur Geburt des neuen Menschen oder der neuen Kreatur aus Christus vgl. Joh 1,12 f.; 3,3–8; 2Kor 5,17; Gal 6,15; Eph 2,10; 4,23 f.; Kol 3,10; Tit 3,5; Jak 1,18; 1Petr 1,3; 1,23. — [6] greinen: ‚weinen‘. — [7] redte] rette H; reden L; rede J: ‚redete‘; evtl. als Subst. ‚Rede‘, ‚Beredtheit‘. — [8] die verführerische Stimme der Schlange, die Eva das Wissen um Gut und Böse versprach, vgl. Gen 3,1–5. — [9] Gen 3,16–24.
A20. Liber de sursum corda
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darzu. Zu dem allen, dass sie mehr konnten dann wir menschen all uf erden, und nämlich Adam, der da am erst ist gesein, alles das, so alle menschen gewisst hon und wissen werden in natürlichen dingen, das hat er gewisst, aber sein kümmernus hat ihn so hart betrübt, dass do kein freud ist gesein in all sein tagen, sunder groß trauer und leid, jammer und not. Und all elend solliches alles und noch viel mehr, das uns unwissend ist, ist mit ihm gestorben und begraben worden, nachfolgend 10 nach göttlichem willen einem jeglichen ein stuck geben, dem die kunst des webens, dem die kunst der schreiberei, dem die kunst der saitenspiel, dem die kunst der arznei. Und also die 11 künst und geschicklichkeit einander 12 nach geöffnet in die welt kommen, bis herfür kommen sein ein merkliche zahl. Doch aber, wer kann und mag sagen, dass sie Adam in seim wüssen nit gehabt, bis ein jeglichs gewisst und konnt hat? Aber gott unser herr hat also im menschen beweckt 13 nach Adam desselbigen Adams geschicklichkeit und gelehrti 14 und ausgeteilt in die kinder, und von denselbigen zu lernen, den er’s geben hat, also dass die künst seither geoffenbart seind worden. Mit der zeit ein igliche gebessert und dohin gefügt, dohin sie dann gott vermeint 15 hat zu gebrauchen durch des menschen kinder, dohin us göttlichem anzeigen gebraucht werden. Und wiewohl der mensch sagen mag, „ich bin us der erden, [19 r] darum so ist auch das aus der erden, das in mir ist. Das ist soviel, wollt das aus der erden nit sein, das in mir ist, so ich doch mehr bin dann dasselbig, das in mir ist, dann der mensch ist mehr“, so merken hierauf: Der leib ist nichts, der us der erden ist, er ist leimen.16 Nun aber, ist der 17 leim der mensch? Nein, die inspiration ist der mensch, dieselbig ist aus dem mund gottes gangen.18 Der leim leit 19 und faulet, soll 20 nichts, die würm fressen ihn. 21 Die inspiration aber, das faulet nit. Das ist, das ewigsein muss aus der inspiration verstanden werden, 22 dass do einem jeglichen ist eingeblasen worden dasjenig, das er sein sollt, das er wissen soll, das ihm gott geben hat, nit allein in Adam, sunder Adam
[10] nachfolgend LKJ] nach uolgt H: ‚danach‘. — [11] die … geschicklichkeit L, ähnlich KJ. — [12] einander nach: ‚nacheinander‘. — [13] beweckt] bewegt L: ‚erweckt‘. — [14] gelehrti: ‚Gelehrtheit‘. — [15] vermeint: ‚beabsichtigt‘. — [16] leimen: ‚Lehm‘; gemeint ist der Erdkloß oder Limus gemäß Gen 2,7 und Tob 8,8 (Vlg), aus dem Gott den ersten Menschen Adam gemacht hat. — [17] der LKJ] ain H. — [18] der lebendige Odem, den Gott dem Menschen in die Nase blies, vgl. Gen 2,7. — [19] leit: ‚liegt‘. — [20] soll: ‚taugt‘, ‚ist wert‘. — [21] Hiob 4,19; Jes 51,8; Apg 12,23. — [22] werden KJ.
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Lesetext – Liber de vita beata
und einem jeglichen menschen. Der uf erden lebt und ist gesein und wird, der hat’s aus der inspiration. Nun wir haben ein geheiß von Christo, dass wir sollen bitten um das täglich brot. 23 Und aber wiewohl wir’s haben ohn betten, so sollen wir doch darum gott bitten. Darum 24 auch, wiewohl das ist, dass uns gott inspiriert hat die gab, jedoch sollen wir ihn bitten darum, dass er uns die gebe und gibt das, so wir vorhin hont. 25 Wieviel sterben hungers, die gebresten 26 essens halben, 27 müssen ihr leben geben? Deren viel tausend offenbar seind in hungersnot gestorben. Was ist die ursach? Allein die, dass wir das bett 28 verlassen, des sterben viel hungers, also do auch. Darum dass wir gott nit bitten um dieselbig gab seiner inspiration, darum stirbt mancher, dem sie nimmer geoffenbart wird, sunder ist gleich als ein schatz, der vergraben leit und niemands nutz. 29 Uf solliches sollen wir 30 gedenken, dass nichts in uns ist, das nicht von oben herab kumm. Wiewohl [19 v] wir us der erden seind kot, 31 leimen, so ist es doch nit anders ein ding um den menschen. Dann zu gleicher weis, wie 32 um ein speis, so sie hübsch und wohlgeschmackt ist und gessen wird, so wird ein unflat darus. Das gut geht an sein statt, also ist der mensch allein ein os 33 und ein kot. Das inspiriert ist in ihm, das geht vom os und kot an sein statt. Darum soll der mensch nichts anders wissen, dann dass er dermaßen uf erden sei, dass er nach der inspiration lebe, nit nach der erden, sunder nach der inspiration. 34 Derselbigen ist die ursach, darum der mensch do ist, und us derselbigen nehme alles, das er sein soll. Uf das folgt nun, dass gott gereuen hat, dass er den menschen hat gemacht. 35 Das ist aber also zu verstohn, dass er die inspiration in ein leimen gesprochen und geblasen hat, dann der leim ward blut und fleisch. Blut und fleisch war wider die inspiration, blut und fleisch brach für und ließ die inspiration liegen. 36 Daraus hat nun gefolget, dass viel künst, viel dergleichen gaben der inspiration 37 seind verschlossen, 38 nit an tag kommen mehr, dann an tag kommen seind. Dann also hat’s das
[23] Mt 6,11 par. — [24] darum] also da LKJ. — [25] Mt 7,7 f.; Mk 11,24. — [26] gebresten: ‚Mangel haben‘ als Verb. — [27] die … halben] ‚die wegen des Essens Mangel haben‘. — [28] bett] bett HL; beten KJ: ‚Gebet‘. — [29] Anklang an Mt 13,44. — [30] wir LKJ. — [31] kot: ‚Dreck‘. — [32] wie L] wer H; dan K; der J. — [33] os: ‚Aas‘. — [34] Dtn 8,3; Mt 4,4 par. — [35] Gen 6,6. — [36] Beim Sündenfall (Gen 3,6.11.22–24) wandte sich der fleischgewordene Mensch von Gott und damit auch von der direkten Inspiration ab. — [37] zu den Gaben des heiligen Geistes vgl. Mt 10,1 par.; Mt 10,8; Mk 16,17 f.; Lk 9,10; 10,9.19; Apg 2,3. — [38] verschlossen] verloschen L; erloschen K; verloschen sein J.
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fleisch und blut geblendt, dass der mensch allein seins fleisch hat acht gehabt und nit der inspiration, von deren wegen er do war. Darum hat gott gereuen, dass er den menschen gemacht hat, das ist, us dem irdischen fleisch und blut und das himmlisch in ihn blasen. Dann die [20 r] inspiration ist der heilig geist gesein, der von anbeginn und anfang allemol beim menschen gesein ist, 39 aber dur 40 das fleisch und blut, das von der erden war. Darum ist er abgewichen uf einmal us der ganzen welt, als allein in sieben menschen blieben, das ist in der arch Noae, 41 dergleichen in Sodoma und Gomorra allein in Lot und den seinen. 42 Daraus hat nun der ursprung sich genommen, dieweil blut und fleisch wider den geist gottes ist, das ist, wider den heiligen geist, das ist, wider die dritt person der heiligen drifaltigkeit. Do hat gott sein sun geborn lassen werden, die ander person der drifaltigkeit, uf dass er uns in ein neue kreatur brächte und machte, 43 domit blut und fleisch auch vom himmel wäre und nit von der erden; 44 uf dass auch das blut und fleisch nit wider den heiligen geist sein 45 würd, sonder mit ihm. Das ist, dieweil der heilig geist von oben herab ist, also auch unser blut und fleisch von Christo (wie Eva us Adam an uns kommen) auch von oben herab. Die zwei jetz von oben herab, die machen ein ganzen menschen. Itz muss der alt dem neuen weichen. 46 Darum haben wir christen einen zwiefachen leib, wir mügent den himmlischen gebrauchen oder den irdischen. 47 Brauchen wir den irdischen, so verlieren wir 48 den himmlischen, brauchen wir den himmlischen, so verlieren wir den irdischen. Also müssen wir den alten saurteig von uns tun und den neuen annehmen, 49 uf dass wir seient ein ungehobelts brett, 50 das ist ein reiner leib aus Christo geborn zur neuen kreatur us dem neuen [20 v] Adam, das ist aus dem andern Adam. 51 Dasselbig fleisch widerstrebt nit dem geist gottes, allein das irdisch widerstrebt ihm, 52 das uns hinweg zu tun müglich ist, dann wir haben ihn, den himmlischen leib, an der statt. [39] Bezug auf Joh 1,1–4. — [40] dur: ‚durch‘. — [41] Gen 6,18; zur Geschichte von Noah vgl. Gen 6–9. — [42] Gen 19,1–26. — [43] zur von Christus aus dem Geist initiierten neuen Kreatur vgl. u. a. Joh 3,3–8; 2Kor 5,17; 1Petr 1,23. — [44] vgl. auch Joh 6,51. — [45] sein … geist LK] möcht sein, sondern mit jhm: das ist, dieweil der heylige geist J. — [46] zur Ablegung des alten Menschen bzw. der alten Kreatur vgl. Röm 6,6 f.; 2Kor 5,17; Eph 4,22–24; Kol 3,9 f. — [47] zur Vorstellung von den zwei Leibern, dem natürlichen Leib aus Adam und dem neuen geistlichen Leib aus Christus, vgl. 1Kor 15,35–49. — [48] wir LKJ. — [49] Mt 16,6 par. — [50] ungehobelts brett] vnngehoppellts bretth H; vngehöfelts brot L; vngesäwert brodt J. — [51] zum alten und neuen Adam bzw. Menschen vgl. 1Kor 15,45. — [52] widerstrebt ihm LKJ] widerstrebts jn H.
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Lesetext – Liber de vita beata
Nun leit’s 53 jetz an uns, ob wir den leimen und kot beim heiligen geist wollen bleiben lassen und sehent, dass die zwei nit wollen noch mögen 54 beieinander stehn. 55 Die heiden 56 vermügen’s nit, sie müssen ihren irdischen leib groß zähmen, ehe dass us ihn gang die wahrhaftig gab, so ihn geben ist, man sagt von Aristotile und dergleichen von vielen andern. Was ist aber in ihnen allen, das doch möchte ohn lügen gefunden werden? Was tut, dass das fleisch der gab des heiligen geists widersteht und fälscht dasselbig? Ob sie schon uf die rechte bahn kommen, so geht es doch, wankelt wie ein rohr im wasser. 57 Was haben die juden unter ihnen gehabt, dass do möge gefunden werden ohn falsch? Gar nichts. Was aber gesein ist in Abraham, Isaak, Jakob, in Moses, in David, in Salomon, in Esaia, in Jeremia etc. und ander dergleichen mehr, dieselbigen alle, wieviel ihr seind unter denen, die seind von göttlicher stimm und über die inspiration darzu gewiesen und geführt worden. Und ist nichts gesein us der inspiration, das so sie gehandelt hont, sunder us gott hernach geben, us beschehen ursachen, so gott darzu geursacht. Aber wir christen seind die, die ohn allen falsch [21 r] mügen den geist gottes brauchen und öffnen, so wir denselbigen leib hinweg tun, den juden und heiden und tattern 58 hont, 59 und wandlen in dem leib, den wir us Christo hont. So widerstrebt das fleisch und blut nit dem geist, sunder es ist mit dem geist, dann sie seind beide von oben herab. So wir aber des ersten Adam blut und fleisch lassen in uns wandlen, so ist jetz dieselbig irrsal auch bei uns wie bei den juden, pharisäern, sadduzäern, hypokriten, 60 heiden, tattern, samaren 61 und dergleichen, und nit allein derselbigen irrung us dem fleisch, sunder auch die zufäll 62 der bösen geister und teufeln. Darum so hat’s gott also verordnet: erstlich, dass alles, so in uns ist, aus der inspiration 63 kommt von dem mund gottes des vatters, und weiter, dass der leib aus dem sun
[53] leit’s: ‚liegt es‘. — [54] mögen LKJ] nutzen H mit unterschiedlicher Phrasierung: nitt wollenn noch nutzen. bey einander stenndt die haidenn, vermugenns nitt H. — [55] stehn LKJ] stenndt H. — [56] heiden: bei Paracelsus v. a. die Griechen und Römer. — [57] Mt 11,7 par. — [58] tattern: ‚Tataren‘; im Mittelalter Bezeichnung für die zentralasiatischen Steppenvölker. — [59] Die Juden, Heiden und Tataren haben den alten Leib aus Adam. — [60] hypokriten] yppocrattenn H; hypocritischen LK; hypocriten J: ‚Heuchler‘. — [61] samaren] samariten LK; samaritern, saracenern J: die Bewohner von Samarien, dem nördlichen Teil des heutigen Westjordanlands, also nordwestlich des israelitischen Kernlands Judäa gelegen. — [62] zufäll: ‚Anfechtungen‘. — [63] zum lebendigen Odem bzw. der Inspiration des Herrn vgl. Gen 2,7; Hiob 33,4; Hes 37,5 f.10.
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sei und nit aus der erden, uf dass in uns die gab gottes, die gott der vatter in uns inspiriert hat (das ist, den 64 heiligen geist eingeblosen ohn hinderung des blut und fleisch der erden), bleib und sei; und dass von uns die magnalia 65 gottes eröffnet werden, und aus uns breche, so in uns ist durch gott den vatter und durch den leib gott des suns. Jetz ist der heilig geist in seinem tempel. 66 Dann das müssen wir wissen, dass der heilig geist, der uns inspiriert ist durch gott den vatter, ohn den leib nichts handelt. Das ist, er lässt nit den leib machen, was er will, [21 v] und das er auch tut, was er soll und woll, sunder leib und geist ist ein ding und müssen eins sein. Wo aber do zwei seind, so weicht das ein, nämlich der geist weicht vom fleisch. Dann darum ist er nit ohn das fleisch, er ist in das fleisch und blut inspiriert worden, darum so bleibt er beim selbigen. Und gott nimmt ihn von fleisch und blut nit, es vertreibt ihn dann das fleisch selbs von ihm. Darum aber, dass dasselbig fleisch nichts soll und nit an tag kommt das, so gott in uns gegeben, so hat gott uns ein ander blut und fleisch geben, us dem wir sollen menschen fürhin 67 sein, uf dass der geist in sein gleichen sei. Darum alle andere glauben haben ihr irrsal und 68 seind in irrsal, und ist keins ganz vollkommen, was sie ansehen oder handlen, dann das fleisch lässt es nit fürsich 69 gohn. Darum die heidnische, arabische, chaldäische, 70 griechische arzneibücher keins gerecht 71 ist, dann das fleisch lässt demselbigen arz den geist nit fürsich gohn, er wirft ein fehl darein. Auch die inspiration der heiden oder juden ist keine gerecht, all mit fehl und betrug gemenget, 72 auch ihr philosophia misslich 73 und ander bücher alles gespickt mit falschem grund. Wohl haben sie sich 74 gerühmt im geist, aber nit fürgebrochen, das hat das fleisch ge-
[64] den L] dem H; der KJ. — [65] magnalia: ‚Wundertaten‘. — [66] zur Auferstehung des übernatürlichen Leibs, in dem der heilige Geist erst wohnen und sich entfalten kann, vgl. Hes 11,19; Röm 8,10 f.; 1Kor 6,19 f.; 15,42–50; Eph 4,4. Paracelsus vertritt hier also implizit die Ansicht, dass der neue Leib aus Christus bereits zu Lebzeiten und nicht erst nach dem Tod am jüngsten Gericht erlangt werden kann. — [67] fürhin: ‚von nun an‘. — [68] und … irrsal L] vnndt seind ein jrsal K; vnd seind im jrrsall J. — [69] fürsich: ‚vorwärts‘. — [70] chaldäische: Mit Chaldäa wurde in der Bibel und in der griechisch-römischen Geschichtsschreibung gewöhnlich Babylonien, also das südliche Mesopotamien bezeichnet. Die Chaldäer waren eine aramäische Stammesgruppe, die nach dem Untergang Assurs das letzte babylonische Großreich errichteten und insbesondere die Magie, Astronomie und Astrologie pflegten. — [71] gerecht: ‚recht‘, ‚wahrhaftig‘. — [72] gemenget K] genenntt H; gemyscht L; gemengt J. — [73] misslich LKJ] mith mithsch H ohne Sinn: ‚nicht unfehlbar‘. — [74] sie sich LKJ] sich sie H.
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hindert. Und was 75 do gefunden ist, das gerecht ist gesein, do hat gott sunderlich gewürkt und hat obgehalten, uf dass doch etwas eröffnet würd zur notdurft der menschen. Der aber im neuen fleisch (das [22r] us Christo ist, das vom himmel ist) lebt, us demselbigen geht der grund des seligens 76 lebens; und der grund aller künsten, weisheit, vernunft, fürsichtigkeit, 77 verstand etc. fließt us ihm. 78 Darum widersteht der teufel dem leib, das ist dem blut und fleisch vom himmel, uf dass wir vom andern limo 79 fallen, domit dass er müge im irdischen leib uns erhalten, in dem wir ihm nit mügen widerstohn, sunder gefangen und gebunden sein und mit allen irrsalen und falsch und betrug in allen fakultäten 80 handlen, in allen künsten falsch einmischen. Welches alles nit geschähe, so wir wandeln in der lehr Christi und in seinem geheiß 81 des neuen limi, dann wir müssen je von oben herab alle ding lehren. 82 Dann der ist von oben herab, der uns eingeblasen 83 hat, der uns auch den leib geben hat von oben herab, uf dass wir sehent, dass wir allein von oben herab leben. Darum so sollen wir das 84 wissen, dass nichts bei 85 uns auf erden ist, das nit von oben herab kumm, es sei reichtum oder armut; und wölche reichtum von oben herab kommt, ist ein selig reichtum, die ander nit; auch wölliche armut von oben herab kommt, ist ein selige armut, die ander nit. Also auch, was künst der arznei kunnt 86 von oben herab, ist ein selige ärznei, wölche aber nit von oben herab kommt, dieselbige wirkt unseliglich. Dergleichen was recht uf erden von oben herab kommt, ist ein selig recht, was aber nit von oben herab kommt, ist ein unselig recht. Also auch, kommt unser heilige schrift von oben herab, 87 deren wir uns [22 v] berühmen und lernen, so ist sie seliglich
[75] was LKJ. — [76] des seligens] desselben L; des selbigen K; fehlt J. — [77] fürsichtigkeit: ‚Vorsicht‘, ‚Klugheit‘. — [78] ihm L. — [79] limo: Dem Limus bzw. Limbus, dem Erdkloß, aus dem Gott nach Gen 2,7 und Tob 8,8 (Vlg) den ersten Menschen Adam gemacht hat, begegnet man vor allem in den Abendmahlsschriften. Paracelsus überträgt ihn auf den Leib Christi (1Kor 12,12–27), der über Adam hinausgehend aus einem neuen Limus von oben herab entstanden ist. Der Limus wird damit zur Grundsubstanz der neuen Kreatur (2Kor 5,17; Gal 6,15), die im Abendmahl auf den gläubigen Christen übertragen wird. Hier schildert Paracelsus, wie der Teufel versucht, den Menschen im irdischen Leib zu binden und so vom neuen Limus abzuhalten. — [80] fakultäten: ‚Disziplinen‘, im engeren Sinn die Fakultäten der mittelalterlichen Universität (Theologie, Recht, Medizin und Artes). — [81] geheiß] geheuse J. — [82] Jak 1,17. — [83] eingeblasen LJ] eingelassen H. — [84] das LKJ ] des H. — [85] bei uns LKJ] bas H. — [86] kunnt] khunnt H: obd. für ‚kommt‘. — [87] 2Tim 3,16.
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und ohn falsch, wo nit, eitel bieberei. 88 Und wiewohl das ist, dass alle die ding von oben herab kommen uf erden zu uns, und gerecht und gut, als die geschrift, die haben wir gerecht und gut uf erden, und ist herab kommen und ist bei uns. So aber dieselbig nit zu uns von oben herab kommt, so ist es alles umsunst, sie sei auf erden, wie sie woll, dann der buchstab töt. Das ist, ist kein ander gnad bei uns als allein, dass wir den buchstaben sehent, so ist dasselbig schon unser tod. Dann do mueß erfüllt werden, „wir werden alle von gott gelehrt“. 89 Nun das evangelium ist aus gott, und gott hat’s geredt. Nun aber darum das do ist, darum ist das usserthalb uns und nit in uns. Darum dass wir sehent, darum wissen wir’s aber nit. Als ich sich vor mir ein großen werk aus glockenspeis, 90 darum dass ich’s sich, darum 91 kann ich’s aber noch nicht. Ich sähe gold für 92 mir: darum dass ich’s sehe, ich weiß darum noch nit, woher 93 es kommt, wie und wenn und in was gestalt das do hinzubringen sei. Also noch viel mehr ist der buchstab. 94 Dann das alles: ich sich ihn, ich sich, was es möcht sein, aber noch nit, was es ist. So 95 ich aber gelehrt würd aus gott, so weiß ich, was es ist, und sunst mag ich’s us mir selber nit wissen. Und also auch, wiewohl die arznei uf erden ist und die krankheit uf erden, so ich aber nit den grund hab von oben herab von dem, der sie beid beschaffen hat, so weiß ich nit, was ich tue. So geht’s mir eben gleich wie dem vermeinten selbs gewachsen theologo. Also kann sich der mensch nichts berüemen, das er 96 wiss und kann von ihm selbs. Dann so er betracht, dass er aus dem leimen ist, [23 r] was kann nun der leim? Nichts. Also weiter: Was ist, so einer aus einem kohlen etwas 97 lebendigs machte. Wär es im kohl gesein? Nein. So es im kohlen wär gesein, so wär es dasselbig von ihm selbs geworden, hätt keins andern meistern bedurft und wär daraus geworden das, so us dem holz würd, so ein wurm daraus wird. Das macht die zeit und
[88] bieberei: ‚Büberei‘, ‚Schurkerei‘, ‚Schelmerei‘. — [89] Ex 4,15; Jes 54,13; Jer 31,33 f.; Joh 6,45. — [90] glockenspeis: ‚Glockenspeise‘, ‚Glockengut‘, ‚Glockenbronze‘; speziell für Glocken geeignete, stark klingende Metalllegierung aus 80 Prozent Kupfer und 20 Prozent Zinn. — [91] darum … sehe] fehlt H; darumb khenne ich es aber noch nit. jch sich Gott vor mir, darumb dz ich jn sich L; so kenne ichs darumb nit fluchs, ich sehe goldt für mir, drumb aber ichs sehe J. — [92] für: hier ‚vor‘. — [93] woher es K] wo herus H; woher er L; baldt von wann es J. — [94] 2Kor 3,6 f. — [95] so … ist LK] fehlt H; so ich aber gelehrt werde auß Gott, jetzt weiß ich was er ist J. — [96] er LK] es H; er etwas J. — [97] etwas lebendigs] ein lebendtigs feur macht LJ.
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influenz. Der mensch aber ist nit also wie ein holzwurm oder wie ein spinn, die vom luft wird. 98 Der mensch ist gemacht aus erden und leimen, darus dann nitz wächst. Und was er ist, dasselbig ist er us dem, der ihm einblasen hat. So er aber wissen will, von wannen ihm der verstand komm, den er hat, das ist, so er vermeint, er sei ein theologus, er sei ein medicus, er sei ein philosophus, und ist aber nit, das kommt ihm also her: Wo ein acker mit weizen ist, do ist auch unkraut, ratten, 99 klaffen,100 wicken 101 und deren gleichen vielerlei.102 Nun werden sie allein us der art des ackers, der do ist, und der acker nimmt die wurz vom weizen, und der weiz ist ein ursach des unkrauts. Und so er nit gesäet würd, und der acker würd zurissen,103 so würden dieselbigen missgewächs alle abgohn und hingohn. Aber dieweil der weiz do ist, so geschicht’s nit. Aber uns ist einblosen der heilig geist durch gott den vatter.104 Das ist nun der weiz, us dem entspringt nun, so wir des ackers nit warten, wie eins ackers soll gewart sein, so wächst in uns ein dumm salz,105 ein torheit, ein narrheit. Wie der ratten und klaffen neben dem weizen oder im weizen steht, also steht dieselbig vernunft auch do. Diese [23 v] ist die, die nit von oben herab kommt, wiewohl sie an ihm selbs nach unsern gedunken hübsch blumen seind und haben, hübscher dann der weizen an ihm selbs hat. Was ist aber, dass wir werden 106 von weizen gespeist, nit von ratten? Darum so müssen wir all ding von oben herab hon, so haben wir vom weizen. Wo das nit ist, so ist einer ein klaffer als die schwätzenden ärz 107 und theologi, der ander ein wick, der subtil reden kann. Und also ist das unkraut soviel und so unnutz, dass auch die säu nit von vielen essen wollen. Sollt dann der mensch essen von ihnen? Das sei weit von ihm, dann er ist kein sau, sunder ein mensch.
[98] Im Mittelalter stellte man sich vor, dass Würmer, Spinnen und Insekten direkt aus Holz, Erde oder Luft entstünden. — [99] ratten: ‚Rade‘; Agrostemma githago L., auch Kornrade, Kornnelke; stark giftiges Unkraut der Getreidefelder mit leuchtenden violetten Blüten. — [100] klaffen] fehlt H; clafen L; klappen K; klappern J: der ‚Klaffer‘; Rhinanthus minor L., Hahnenkamm, kleiner Klappertopf; zu den Sommerwurzgewächsen gehörende Pflanze mit gelben, helmförmigen Blüten. — [101] wicken: Die zu den Schmetterlingsblütlern gehörende Gattung der Wicken (Vicia) umfasst mehrere Arten. Paracelsus meinte wohl am ehesten Vicia faba L., die Saubohne, da er die Wikken als Nahrung für die Schweine bezeichnet. — [102] Paracelsus nimmt im Folgenden wiederholt auf das Gleichnis vom Acker Bezug, in den Weizen und Unkraut gesät wurde, vgl. Mt 13,24–30.36–40. — [103] zurissen: ‚zerrissen‘, hier auch ‚zerfurcht‘, ‚zerzaust‘. — [104] Joh 14,26. — [105] zum Topos des dummen Salzes vgl. Mt 5,13; Mk 9,50; Lk 14,34 f. — [106] werden LKJ] worden H. — [107] ärz: ‚Ärzte‘.
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Also ist nun billich, so unser selige weisheit, vernunft, kunst, wissen etc. alles von oben herab kommt, und so sie nit von oben herab ist, so ist es nur ein wick, ein klaffen, ein ratte und als ein unnütz 108 kraut, dass wir unser herzen hinauf gegen gott heben und lupfen,109 uf dass wir in die recht schul kommen, dann die ist uns ein exempel, dass sant Paulus aufgenommen ist worden bis zu etlichen himmel.110 Nun welcher philosophus, theologus ist ihm gleich gesein, oder wer ist der, der ihm’s in grund nachtut oder vor? Das ist, wo ist einer, der auch do gesein ist? Derselbig muss allein kommen 111 wie er. Die apostel seind von ihnen selbs nit gelehrt worden, sunder offentlich uns allen zu einem exempel von oben herab gelernt worden und do wunderbarlich die magnalia gottes usgebreit. Allein es sei dann, dass unser weisheit, [24 r] vernunft auch also künn,112 es sei dann aus dem ersten, andern, dritten, vierten etc. himmel 113 oder durch den heiligen geist wie den apostel,114 sunst wird all unser wissen, können, gelehrti nichts sein dann ratten und klaffen und ein spreuer 115 und ein kleien, die unter den weizen gesein ist, aber hintan geschieden von ihm. Dann sollen wir alle von gott gelehrt werden, wie der prophet sagt, wie auch Christus sagt,116 so muss gott selbst sein 117 und nit unser irdischer schulmeister, nit 118 unser fürgenommen pädagogen; auch nit, die in synagogen sitzen, dann dieselbigen hont die juden verführt; auch nit, die in den universitäten sitzen, dieselbigen hont die christen verfüert; auch nit, die in schola mosaica 119 sitzen, dieselbigen hont die tattern und heiden verführt; auch nit, die in alkoran 120 lernen des Machamed,121 der hat die türken verführt. Dieser aller lehr ist ein teil ratten, klaffen und wicken, kleien und spreuer; der ander teil ist von dem teufel und seinem anhang mit viel legion angezeigt. Darum, so allein unser lehrmeister und unterrichter gott im him-
[108] unnütz kraut] vnntzkrautt H; vnnütz vnkraut L; vnnutz kraut K; vnnütz kraut J. — [109] lupfen: ‚heben‘] khloppfen an L; kloppen K. Vgl. Klgl 3,41; Kol 3,1 f. — [110] 2Kor 12,2–4. — [111] kommen LKJ] khönnen H. — [112] künn: ‚könne‘] khun H; khan L; komme KJ. — [113] himmel LKJ] hiemitt H. — [114] 1Kor 2,12 f.; Eph 1,17–21. — [115] spreuer: ‚Spreu‘, die ausgedroschenen Hülsen des Getreides. — [116] Ex 4,15; Jes 54,13; Jer 31,33 f.; Joh 6,45. — [117] sein LK] der doctor, vnd lehrmeister seyn J; seen H, das als ‚säen‘ einen Sinn ergäbe. — [118] nit L] mitt H; nicht KJ. — [119] schola mosaica] scola musica H; scollam mosaicam L; schola mistica K; schola J. Vermutlich ist die westliche traditionelle Schule der rituellen Magie gemeint, die bereits in den synkretistischen hellenistischen Zauberpapyri auf biblische Autoritäten wie Moses und Salomon zurückgeführt wird, und bei der Geister beschworen werden, um Handlungen im Interesse des Magiers zu erzwingen. — [120] alkoran: ‚der Koran‘. — [121] Machamed: ‚Mohammed‘.
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mel, der uf erden gangen ist,122 der unser sünd auf seinen rucken genommen hat und sie allein tragen,123 der do hat sich Paulo gezeigt,124 der do hat den heiligen geist den jüngern geben,125 in des reich sollen unser herzen stohn, aus ihm zu lernen, dieweil der buchstab tot, allein der geist macht lebendig.126 Das ist der, der im himmel ist, dass er von oben herab zu uns kumm.127 So wir nun unser herzen über sich zu gott richten, und richten [24 v] die obsie 128 in den himmel, so macht sich gott gegen uns von oben herab. Das ist nun der zirkel, der gohn soll für und für von menschen in himmel. Das ist, dass unser herz den einen teil geb in gott und gott den andern teil zu uns herab. Also ist die leitern, die gesehen hat der altvatter, do er schlief, wie ein leitern ging vom himmel bis uf erden, und die engel daruf auf und ab stiegen.129 So sollichs steigen nit würd sein, so würd unser weisheit nichts sein. Das ist soviel: So nit von gott in unser herz die 130 leitern gemacht wird und die engel gottes von uns zu gott, von gott zu uns uf- und absteigen, uns 131 täglich zu lernen, so ist’s alles nichts, womit wir handlen, dann die leitern, die muss steigen. Und von eim punkten zum andern, von einem augenblick zum andern allemal ein neuer engel steiget 132 herab, der uns lern, der von uns unser licht wieder zue gott trag, was wir uf erden handlen und was er uns weiter zufügen will. Dann täglich muss gesäet werden in menschen, uf dass er für und für grün und täglich von ihm geschnitten werd und ein guter weiz gefunden.133 Der sich aber belustiget an den hübschen wikken, die hübscher bluemen hont dann der weiz, und den wohlgefallen die klaffen vonwegen des braunen bluemens,134 derselbige hat lust in ihm selbst, säet 135 allein das, das er isst.136 Us ihren werken und lehr werden ihr 137 sie erkennen.138 Bei ihnen wohnen nit die engel, allein die geist und der geist, von dem Christus redt.139 Wie der hausvatter hat
[122] Joh 1,14. — [123] zur Tilgung der Sünden durch Jesus Christus vgl. Röm 5,8.15; 1Kor 15,3; 1Tim 1,15; Hebr 9,28. — [124] Apg 22,6–16, das Damaskus-Erlebnis des Apostels Paulus. — [125] Apg 2,1–4. — [126] 2Kor 3,6 f. — [127] Joh 3,13.27.31 f. — [128] obsie: ‚hinauf‘. — [129] zur Jakobsleiter vgl. Gen 28,12–15. — [130] die leitern L] die leiter KJ. — [131] uns … steigen L] vndt täglich zu lernen, So ist es alles nicht, womitt wier handeln, den die leitern muß man steigen K; vns täglich zu lehren, so ist es alles nichts, womit wir vmbgehen, dann die leiter muß abgestiegen werden J. — [132] steiget K] steigenn H; steyge L. — [133] Joh 4,36. — [134] Die gelben Blüten des Klappertopfs werden nach dem Verwelken bräunlich. — [135] säet] seet H; siehet J. — [136] isst: von ‚essen‘] liebt L; ißet K; selbst ist J. — [137] ihr LKJ. — [138] Mt 5,16; 7,16.20; Offb 2,23. — [139] Mt 12,43–45 par.
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gesäet weizen, und aber da er schlief, [25 r] do kam der bös feind und säet ihm ratten darein, also wuchs uf dem acker ratten und weizen.140 Zu der zeit der ern,141 was geschicht? Der 142 weiz kommt gen himmel zu gott, aber der ratt in das feur und zu verbrennen mit dem hellischen feur. Dann allein will gott, dass wir von ihm lernen und nit von andern. Darum soll unser herz zu ihm stehen und unser augen,143 uf dass die leitern der engel in unser herzen auf uns gericht werden und do kein feiren sei, dann gott will ohn unterlass, dass wir zu ihm ufsehen und do kein feiertag haben noch sabbat, auch im schlaf.144 So nun unser lehr alle von gott kommt, das ist von oben herab, so gang ein jeglicher in sich selbs und schau, ob das sein von oben herab sei. Das ist, ob es ein weizen sei oder nicht oder gebeutelt 145 oder nit, oder ob es gut wicken für die säu sei oder klaffen und ratten, in dem weg zue zertreten. Dann so ein jeglichs betracht den grund deren dingen, domit ein jeglicher umgeht, betracht das von herzen, und von reinem herzen, so wird ein jeglicher auf den grund geführt, was sein tuen und lon sei, dann das ist not. Ein jeglicher kann reden, aber nit alle die wahrheit; ein jeglicher hat vernunft, aber nit all mit weisheit; ein jeglicher hat gedanken, aber nit einem jeglichen nutzlich. Was ist, das wir viel von uns selbs anfangen und sagen, das dunkt mich nit, was dich dunkt, sunder was gott dunkt, das sollt du wissen, und das sein tun, nit das dein. [25 v] Sein ist das gericht, sein ist das volk. Lernen 146 in der obern schul bei gott. Treibt das dunkt 147 aus vom menschen, dass ihn nimmer dunkt, sunder dass er’s weißt. Wissen soll beim menschen sein, nit wähnen. Zum wissen soll der mensch gohn, uf dass sein wähnen niemands in graben führt, ob er gleichwohl vermeint zu bestohn und besicht’s in allweg. Ist alles nichts. Der stinkend attich 148 ist auch ein kraut als wohl als die gilgen,149 die nesslen auch als wohl als die violen,150 der distel als wohl als die rosen, aber die nesslen werden an ihr statt gelegt, die rosen auch an ihr statt. Darum leit nichts an dem, dass du vermeinst, du seiest. Du musst sein und musst wissen, dass du das seiest, das du bist. Hast 151 die geschrift und sagst, da steht’s geschrie-
[140] Mt 13,24–30.36–40. — [141] ern: ‚Ernte‘. — [142] der weiz] derselbige gut waytzen L. — [143] Spr 4,21. — [144] 1Thess 5,10. — [145] gebeutelt: ‚durch einen Beutel geschüttelt‘, ‚gesiebt‘. — [146] lernen: ‚lernt‘. — [147] das dunkt: ‚das, was dünkt; ‚das Gutdünken‘. — [148] stinkend attich: ‚Attich‘, ‚Zwerg-Holunder‘, Sambucus ebulus L.; fällt durch einen unangenehmen Geruch auf. — [149] gilgen: ‚Lilie‘. — [150] violen: Viola odorata L., Veilchen. — [151] hast die L] hastu H; habst J.
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ben, der buchstab errett 152 dich nicht. Der verstand des buchstaben, der muss dich erretten, derselbig kommt von oben herab. Das gibt viel ratens,153 die do sagen, das vermag der buchstaben, und der ander sagt, er vermag das, und also liegent’s 154 beid im buchstaben. Der buchstab tödt euch zu beiden seiten! 155 Sagen, der verstand und dasselbig sei aus gott von oben herab, denselbigen erklärent, gott hat’s alles in seiner hand behalten. Ob gleichwohl der buchstab bei uns ist und das herz nit do ist, so ist der verstand bei gott. Was ist, dass der weiz auf dem feld steht, und unser augen sehent ihn und gefällt ihn wohl, und aber morgen schlägt’s der hagel? Ist nitz mehr. Jetz sein unser augen verführt worden. Darumben, ihr gelehrten, sehent uf, wo ihr die auslegung [26 r] nehmen, dann sie kommt nit leichtlich uf die erden. Es muss ein stark herz sein, das obsie gang zu gott,156 und muss gut sein, bis es gott beweg,157 dass er sein herz herab schickt, das ist sein heiligen geist.158 Nit mit gutem leben ist das zu erlangen, nit in der reichtum, dann do haben wir nichts seligs erlangt noch bewiesen dem volk. Nit in geizigkeit, nit in versuchung,159 nit in hoffart noch zu160 den stucken kein nit, sunder zu großer notdurft aus großer liebe. Dann der do bedenkt den harten gang Christi zum tod,161 der soll auch gedenken, dass sollich 162 leiden nit bewegt mag werden in füllerei,163 in spielerei, in sauferei, in reichtum suchen, in lust und freuden kommen der welt. Alls 164 nit, sunder es 165 muss ein ernst sein, nämlich nit minder denn in den tod gehn. Hierauf sehent uf, ihr geistlichen, die dem volk vorgehen und sitzen uf dem stuhl Moisi und Petri,166 lernen das volk. Füeren 167 das volk, dass ihr dasselbig haben us dem himmlischen verstand, nit us dem ratten und dergleichen. Obschon eur regel, eur statuten, euer ordnung himmlisch
[152] errett dich nicht] yrret dich L. — [153] ratens] rattenns H: statt dem Verb ‚raten‘ könnte auch das Ackerunkraut ratten gemeint sein. — [154] liegent’s: ‚lügen sie‘. — [155] 2Kor 3,6 f. — [156] Klgl 3,41. — [157] beweg] beweck H; erweckhet LJ. — [158] zur Aussendung des heiligen Geistes vgl. Apg 4,31; 5,32; 15,8; Röm 5,5. — [159] versuchung Konj.] ersichtung H; der verstockhung L; erschreckung K; erstikkung J. — [160] zu … nit] yberfluß der speyß, tranckh, vnd dergleychen L; noch in den stucken keines nicht K. — [161] tod LKJ] gott H; zum Leiden Christi vgl. Lk 24,26.46; Apg 3,18; 17,3; 26,23; 2Kor 1,5; 1Petr 4,1. — [162] sollich L] fehlt H; solches K; solch J. — [163] füllerei: ‚Völlerei‘. — [164] alls: ‚alles‘. — [165] es LKJ. — [166] der Stuhl des Mose aus Mt 23,2, auf dem die Schriftgelehrten und Pharisäer sitzen, und der Stuhl Petri als Amt des römischen Papstes in Nachfolge des heiligen Petrus. — [167] füeren das volk] vndt verführens K; vnd verführets J.
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seind, so ist der wick auch himmlisch, aber ein speis der säuen. Ob ihr schon auch zu gott sehent, es sicht der ratten auch gegen der sunnen, aber es ist ratten. Ob euch schon niemands in eueren gewalt darf greifen, so 168 darf man in distel und dörn auch nit greifen. An dem leit alles nichts, weder an gut gedenken, weder, was ist doch bös do. Die dornen reden sich auch also aus, [26 v] aber die rosen gelten 169 die dörn nit. Ihr halten mess: schauen,170 dass aus gott sei, wie ihr ihm tunt, und ihr ander halten’s nicht. Schauen, dass aus gott sei, nit us euch. Es leit nichts im buchstaben, wie er angesehen wird. Er hat viel auslegung und ist doch nur eine allein: dieselbigen, so von oben herab, und all eins verstand, sunst ist alles verfüerung. Darum so schauen all uf, und ihr oberkeit, schauet, dass ihr von gott da 171 seind wie der gewalt.172 Der gewalt ist us gott da. Wie aber ihr seient, das steht bei der gewissne.173 Man soll euch gehorsam sein, ihr seiet, wie ihr wollen. Was wird euch aber das nutzen am jüngsten tag? Nichts. Aber dem armen wird 174 es nutz, dass ihr bös seind. Gedenk ein jeglicher, dass sein weisheit, sein leben us gott sein grund hab, und uf den eckstein bauen. Was sunst ist, das ist alles falsch und dumm 175 und ein ewig verdammnus. Es stand der buchstab, wie er wöll, er beschirmt dich nit. Was ist, dass mir zufällt ein grau kleid oder zufällt ein schwarz kleid oder ein ander farben, und ich acht den zufall 176 für ein himmlisch kleid? So sollen wir den zufall nit lassen in uns herrschen, sunder gehn in den verstand, hinauf gen himmel obsich 177 mit unserm herzen, ob auch unterschied sei mit den kleidern betreffen.178 Eins seliger 179 dann das ander, wo nit 180 denen [27 r] mit dem zufall.181 Was ist, so wir kleidt werden mit allen bluemen, und aber so die bluemen zeitig werden, so mäht man’s ab und wirft’s in die scheuren? Do werden sie im winter zu mist. So ist nun der mist in aller seiner kleidung nit des mindsten blumen kleidung. Wo wird dann sein kleid ingeworfen zu besorgen? In abgrund der hellen,182 allein es werd dann wohl gegründt auf den eck-
[168] so LKJ] do H. — [169] gelten: ‚sind wert‘. — [170] schauen] schreyen L; schawet zu J. — [171] da LJ] das H. — [172] gewalt: ‚Macht‘, ‚Machtbefugnis‘. — [173] der gewissne: ‚dem Gewissen‘. — [174] wird LKJ] werdt H. — [175] dumm] dun H; thumb L; ihrthumb K. — [176] den zufall: ‚das Zufallen‘. — [177] obsich] ob es sich H; ÿber sich L; vber sich K; vbersich J: ‚hinauf‘. — [178] betreffen: ‚betreffend‘. — [179] seliger KJ] saglicher H; seeligclich L. — [180] nit denn] mit dennen H; nit L; nicht denne K. — [181] eins seliger … zufall: ‚Ein himmlisches Kleid ist seliger als das andere, außer jenen, die dem Zufall überlassen werden.‘ — [182] Dtn 32,22; Hiob 14,13.
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stein, der Christus ist.183 Wer will bestohn vor dem angesicht gottes an dem tag, da himmel und erden sich erheben und zittern werden,184 also nimmt ihm einer für ein bott,185 schau dass er gründ vom himmel mit demselbigen, nit uf sich selbs bau. Dann baut er uf sich selbs, so ist das bott 186 sein hell. Aber auf gott bauen, und us ihm ist ein wort besser dann hundert jahr gebauen ohn unterlass. Es ist nit verantwort, so man sagt, betten ist gut, fasten ist gut, kirchfahrten 187 ist gut, kirchen gehn ist gut. Es sicht wohl, es sei gut. Es sicht der wicken auch einem unbekannten mann, er sei gut. Es ist nit also zu rechnen, darum dass es sich gut lässt ansehen. Es muss versiegelt sein von oben herab, jetz ist es gut. Die centauer 188 lässt sich auch ansehen, sie sei gut; so man darein beißt, es ist bitter. Mercurius sublimatus 189 lässt sich auch für zucker ansehen, und für den besten; der darein beißt und isst ihn, der stirbt des tods. Nit nach dem, es lässt sich wohl ansehen, sunder nach dem, das auch im herzen sei, wie das ansehen ist. Darum sollen wir im 190 seligen 191 leben nit 192 uf unser gut ansehen gut gedünken, ob wir gleichwohl buchstaben 193 hierauf [27 v] etwas haben, uns zu verlassen, sunder unser herz über sich heben in den himmel zu gott, uf dass er sein herz zu uns herab schick. Alsdann, so das ist, was do sich gut ansehen lässt, das wissen wir, das auch gut ist. Dann wo nit also, so ist es um unser ding, wie Christus sagt von den totengräbern, seind auswendig hübsch, inwendig stinked 194 gräber und schelmen.195
[183] zu Christus als Eckstein vgl. Mt 21,42 par.; Apg 4,11; Eph 2,20; 1Petr 2,4–7. — [184] Lk 21,11; Offb 6,12; 11,19; 16,18. — [185] bott: ‚Gebot‘] bott H; gebett LK. — [186] bott] bott H; betten L; baet K; bawen J. — [187] kirchfahrten: ‚Wallfahrten‘. — [188] centauer] centaurea LKJ: gemeint ist Centaurium erythraea Rafn. bzw. Erythraea centaurium Pers., das Tausendgüldenkraut, das seit der Antike wegen seiner Bitterstoffe als Heilpflanze geschätzt wurde. — [189] Mercurius sublimatus: Quecksilber(II)-chlorid (HgCl 2), das durch Sublimation eines trockenen Gemisches von Quecksilbersalzen (Nitrat oder Sulfat) und Kochsalz gewonnen wird. Die Quecksilbersalze werden beispielsweise durch Auflösen von metallischem Quecksilber in Scheidewasser und abschließendes Abdampfen dargestellt. Es handelt sich um ein heftiges Gift, das pharmazeutisch nur äußerlich angewandt wurde. Vgl. Schneider; Zedler 20,968–969. — [190] im seligen] jmselbigen LJ. — [191] im seligen] jm saligen H; jmselbigen L; im selbigen J. — [192] nit … verlassen] nicht auff vnser guet ansehen oder guet düncken beruhen, ob wir gleich ettwas buchstabiges hierauff haben, so sollen wir vns nicht darauff verlassen J; nit auf vnser gut ansehen, gut gedunckhen, ob wir gleychwol buchstäblich hierauff etwz vnns verlassen haben L. — [193] buchstaben] buchstäblich L. — [194] stinked: ‚stinkende‘. — [195] Mt 23,27; Lk 11,44.
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Dann das sollen ihr 196 alle auf erden betrachten, dass ihr nichts von euch selbs wissen und dass eur weisheit, so sie am größesten ist, ein unnutze narrheit ist vor gott.197 Nun können ihr doch nit stehn noch gohn, der himmel im firmament muss euch heben; der luft muss uns alle heben, dass wir nit umfallen; das gestirn muss uns erhalten und die erden mitsamt den andern elementen. Was wir nun also aus uns tunt, das tunt wir aus denen dingen allen, die in uns also konstelliern.198 Darum ist einer also, der ander also, und aber alles ist nichts. Wie wohl wir’s 199 sehent, vermag nun die sunn zu uns ze kommen durch ihren schein und die erden lebendig machen. So vermügen wir auch zu verstohn, dass durch gott uns 200 der schein auch muss lebendig machen, der so aus gott geht. Lebt die erden der sunnen, so lebt der mensch gottes. Und wie die erden nichts sucht, 201 allein 202 was von oben herab kommt, also suchen auch wir nichts als allein, was auch oben herab kommt, das ist, us gott. Sagt einer, der mensch ist jovis, 203 der ist martis, 204 der ist solis, 205 der ist veneris, 206 der ist saturni, 207 was ist das? Allein der leimig mensch. 208 So aber 209 [28 r] gesagt wird, der ist gottes, zu demselbigen ist glauben zu hon und ein gut ansehen. Was ist, dass wir viel halten uf diesen oder jenen, darum, dass er jovis ist, solis ist, gut gestirnt, eins guten ascendenten 210 etc.? Alls nit, ihr sadduzäer, loben den menschen darum. Darum soll man den menschen loben, dass er wohl in gott stand und das firmament und des himmels figur hinweg von ihm treib. Dann nit im firmament, sunder im himmel ist der vatter des menschen, us dem wir konstelliert werden. Sollt uns ein lob sein, dass aus der natur an uns ist, oder dem ein lob, dass wir aus ihr seind. Als der mensch ist aus der erden, so wär jetz der mensch der erden ein ehr, und das lob bleib der erden und nit gott. Aber nein, was kann sich der mensch der erden berüemen, allein er betracht durch sein elend und
[196] ihr LKJ] wir H. — [197] 1Kor 3,19. — [198] in uns also konstelliern: ‚uns derart aufgrund der Planetenstellung beeinflussen‘. — [199] wir’s] mirs H: alem. ‚wir es‘. — [200] uns … gott K] vilmehr der so auß Gott L; vns der schein auch muß lebendig machen, der also gehet auß der trinitet J. — [201] sucht] sicht L; siehet KJ. — [202] allein] alls allein LKJ. — [203] jovis: ‚Jupiters‘. — [204] martis: ‚des Mars‘. — [205] solis: ‚der Sonne‘. — [206] veneris: ‚der Venus‘. — [207] saturni: ‚Saturns‘. — [208] der leimig mensch: ‚der aus Lehm gemachte Mensch‘, vgl. Gen 2,7; Tob 8,8 (Vlg). — [209] aber LKJ — [210] ascendenten: Der Aszendent ist das zum Zeitpunkt der Geburt am Horizont aufsteigende Zeichen des Tierkreises. Die Astrologie nimmt an, dass die Persönlichkeit des Geborenen durch dieses Zeichen geprägt wird.
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Lesetext – Liber de vita beata
jammer, dass er wieder darein muss. 211 Das soll er aber nit trachten, 212 sunder soll trachten des himmlisch, das in ihm ist, das ewig ist und firmament und erden überwindt. Also ist das selig 213 leben, hintan 214 zu schlon alle natürliche geschicklichkeit oder ungeschicklichkeit, und allein in dem himmel, der ewig ist, unser hoffnung setzen, und uns denselbigen zu nehmen und zu suchen, was uns selig ist und zum ewigen dienstlich. Billich ist es, dass ein vatter sein kind lern und kein fremden, und billich, dass ein kind von seim vatter lernt und von keim fremden. Noch viel billicher, dass wir alle von unserm ewigen vattern lernen und von keim fremden. Wöllicher vatter ist der, der seim kind ein schlangen gebe, so es ein [28 v] brot von ihm fordert und begehrt? Darum so lassen uns allein zu gott unser herz heben, 215 der uns gemacht hat mit seinen händen. 216 Darumben Adam sein sun war und wir Adams, der uns inspiriert hat den geist des lebens mit vollkommen gaben, 217 der uns in seim zorn durch 218 sein sun wieder erlöst hat und neu geborn, und uns den heiligen geist uf die erden sichtbar geben und gesandt, uf Christum einmal 219 und einmal uf die apostel, 220 und vielfältig über alle seine heiligen, den Paulum in sein dritten himmel genommen hat. 221 Denselbigen vatter sollen wir ersuchen und bitten in dem namen Christi, der wird uns darnach alles geben, was wir dürfen. 222 Allein am ersten ihn ersuchen und bitten, dann gott ersuchen und bitten ist das reich 223 gottes gesucht. 224 Dann der gott bitt, der bitt ihn um sein reich. Der zu seinem reich will, demselbigen wird geben werden alles, das er darf und notdurftig ist, und was er begehrt, das wird ihm geben werden. 225 Allein bitten, anklopfen und nicht nachlassen, dann die zeit der gaben versaumen sich nit. Was nit heut da ist, wird morgen do sein, was nit morgen, übermorgen. Also sollen wir auf das fest bauen und setzen, dann do haben wir den wahrhaftigen grund und alles, das so uns not ist. Was über das ist, das ist zuviel und ist unnutz, auch was nit also ist.
[211] Der Mensch muss wieder zu Erde werden, vgl. Gen 3,19; Ps 104,29; Pred 12,7. — [212] trachten] betrachten L. — [213] das selig] dasselbig LJ; dzselbe K. — [214] hintan zu schlon: ‚sich zu entschlagen‘. — [215] Klgl 3,41. — [216] Gen 2,7; Tob 8,8 (Vlg). — [217] zu den Gaben des heiligen Geistes vgl. Mt 10,1 par.; Mt 10,8; Mk 16,17 f.; Lk 9,10; 10,9.19; Apg 2,3. — [218] durch LJ. — [219] Mt 3,16 par.; Joh 1,32. — [220] Apg 2,1–4. — [221] 2Kor 12,2–4. — [222] dürfen: ‚bedürfen‘; vgl. Mt 7,7 f. par.; Mk 11,24. — [223] reich LKJ] von H; vgl. Mt 6,33 par. — [224] gesucht] ersucht L. — [225] zur Sorglosigkeit unter der Obhut Gottes vgl. Mt 6,25–34 par.; 1Kor 7,21.32; Phil 4,6.
A20. Liber de sursum corda
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Alle ding müssen also sein und nit anderst, dann was anderst ist, das ist vom bösen do und kommt von [29 r] bösem herzen. 226 Darum sollen wir 227 menschen alle, die da wollen zum seligen leben, dahin gerüst sein, dass wir nichts us uns weder handlen noch wandlen, dann do steht uns der ewig tod uf und die ewig pein. 228 Darum so tue ein jeglicher sein augen uf hie uf erden, dass er hie uf erden selig werd. Dann was hie nit den anfang nimmt, dasselbig ist versaumt und dem ewigen tod überantwort. 229
[226] Mt 12,35 par. — [227] wir LKJ] mir H: alem. ‚wir‘. — [228] zur ewigen Pein im Höllenfeuer vgl. Mt 3,12 par.; 5,22; 18,8 f.; 25,41; 2Thess 1,9 f.; Hebr 10,27; Jud 1,7; Offb 20,10. — [229] Thematik des Gleichnisses von den zehn Jungfrauen, von denen nur jene fünf eingelassen wurden, die für ihre Öllampen vorgesorgt hatten, vgl. Mt 25,1–13.
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Lesetext – Liber de vita beata
B. Fünf Traktate zur Seligkeit
B1. Liber de poenitentiis
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B1. Liber de poenitentiis Von der Buße [430 r] 1 Ohn die bueß oder bußfertigkeit kommt keins gen himmel. Allein es sei dann, dass ein mensch in die bueß gehet, das ist poenitentia, sonst ist er nit auf dem weg der seligkeit, wann 2 durch nichten 3 wird dem menschen die sünd genommen, er leide 4 dann poenitentiam. Poenitentia ist die, die den menschen in die gnad gottes bringt, dass er wird ein kind gottes. 5 Sonst ist’s nichts, dadurch der mensch sich zum kind Christi müg machen als durch poenitentiam. Wann wellicher poenitentiam leidt, 6 der ist auf dem weg der seligkeit, wann aus ursachen, er ist in dem willen gottes. Auf das, dieweil poenitenz der weg ist zur seligkeit eins jeglichen menschen, der da will sein ein christ und in das reich Christi, der soll am ersten wissen und betrachten, was poenitenz sei. Darnach so weißt er poenitentiam zue erwürken ohn alle irrung, dann in der poenitenz ist ein solcher weg zur seligkeit, darin niemands irren soll. Welcher aber in ihr irret, der verfehlt 7 in all seinem leben, in aller seiner hoffnung, in aller seiner zuflucht. 8 Darum soll ein jeglicher christ, der da will den grund der seligkeit suchen, mit ganzem grund wissen und erkennen, was die poenitenz sei, damit dass er darnach wisse, wie er in die poenitenz gehn soll. Wann ob allen dingen, so muss dieselbig lauter und rein sein, ganz und vollkommen und auf den grund gesetzt, den kein wasser hinwäscht, 9 den kein geschütz hinwegscheußt,10 den kein wind umwehet, sonder auf ein starken felsen.11 Und ist der fels, den Christus [430 v] in Petro gefunden hat und auf ihn gezeigt hat, also dass er auf ein sollichen felsen sein kirch gesetzt hat.12 Auf ein solchen felsen soll der grund der poenitenz stehn, das ist auf dem felsen, der der glaub ist, welchen kein regen hinnehmt,13 welchen kein wind umwürft,14 welchen die zeit nicht verzehrt. Wann die stück seind all des glaubens, darum so soll es auf den glauben gebaut werden,
[1] L: L 1 430 r–434 v; G: GE 2,407–419. — [2] wann: hier und oft im Folgenden ‚denn‘. — [3] nichten: ‚nichts anderes‘. — [4] leide: hier ‚erleide‘, ‚ergebe sich der‘, ‚unterziehe sich der‘. — [5] zur Kindschaft Gottes vgl. Dtn 14,1; Ps 82,6; Lk 20,36; Joh 1,12; Röm 8,14–23; 9,26; Gal 3,26; Phil 2,15; 1Joh 3,1 f.9. — [6] leidt: ‚erleidet‘. — [7] verfehlt: ‚geht fehl‘, ‚erreicht sein Ziel nicht‘. — [8] zuflucht: ‚Schutz‘, ‚schützender Ort‘, ‚Errettung‘. — [9] hinwäscht: ‚wegwäscht‘. — [10] hinwegscheußt: ‚hinwegschießt‘. — [11] Mt 7,24–27. — [12] Mt 16,18. — [13] hinnehmt: ‚hinnimmt‘. — [14] Mt 7,25.27.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
dem schadt kein ungewitter. Also dergleichen ein jeglicher mensch in ihm ein solchen felsen haben soll wie Petrus und in den felsen bauen die poenitenz, damit dass sie gleich wie der fels nit abstatt 15 müg, sonder fels und poenitenz gleich seind. Das ist auf den grund geredt, dass die poenitentia soll im glauben stehn, aus ursachen, wann sie im leib steht, so ist sie auf dem sand.16 Dann den leib bewegt ein jeglicher wind, ein jeglicher guss,17 das dann im glauben nit ist. Darum so mag im leib kein poenitenz stehn noch durch ihn verbracht 18 werden. Es muss allein durch den glauben geschehen, damit dass die poenitenz fix und beständig sei, gründlich und wahrhaftig, welches alles allein im glauben stehet und auf den glauben gesetzt ist. Dann diese stück 19 der poenitenz, das ist poenitentiam würken, mügen durch den leib nit vollbracht werden, allein durch den geist inwendig, aus ursachen, dass der wind oder der guss den leib mitsamt der poenitenz hinfüert. Darum soll es im glauben stehn, dann sie 20 leidt kein wolkenbruch. Also wird die poenitenz erfunden, 21 von welcher Johann baptista und Christus im anfang geredt, gepredigt, gelehrt und gesagt haben. 22 Dieweil und nun die poenitenz in dem ewigen stehet, das ist im geist und nit im zergänglichen, das ist im leib, so ist uns zu betrachten, dass die poenitenz in keiner jahrzahl steht noch in keiner zahl der werk, wann die ding gehören in leib und nit in den geist. 23 Darum der wenigest punkt der zeit ein gnugsame zeit ist, der vollkommen poenitenz zu löschen, 24 dann der geist ist vollkommen, denn der vollkommenheit ist kein ziel gesetzt. Wann ursach, so der geist nur ein einigen blick 25 in der poenitenz steht, so ist’s gnug; das macht sein vollkommenheit. 26 Darum ist gnug ein moment, [431 r] der kleinest, aber im leib wär es nit gnug, dann ursach, er ist nit vollkommen, sondern er muss mit der zeit erzeigen, 27 dass ihm dann nit müglich ist. Aber der geist ist vollkommen, der bedarf das alles nit. Das macht sein vollkommenheit, die in dem kleinesten moment gesetzt ist.
[15] abstatt müg: ‚sich verrücken lässt‘. — [16] Die Buße soll im Glauben gründen und nicht auf dem leiblichen Befinden. — [17] guss: ‚Regenguss‘. — [18] verbracht: ‚vollbracht‘. — [19] stuck … volbracht G. — [20] sie: die Poenitenz. — [21] erfunden: ‚vorgefunden‘, hier auch ‚verstanden‘. — [22] Mt 3,1–11 par.; 4,17 par. — [23] Für die Buße gelten keine menschlichen Regeln zur Sündentilgung wie eine Verjährung nach Einhaltung von kirchlichen Bußzeiten (von beispielsweise sieben Jahren) oder die Verrichtung einer Anzahl guter Werke. — [24] Am wenigsten kann die Zeit oder Verjährung die Sünden vollkommen löschen. — [25] ein einigen blick: ‚einen Augenblick‘. — [26] Der Geist kann in einem einzigen Augenblick Buße gewähren. — [27] erzeigen: ‚sich beweisen‘.
B1. Liber de poenitentiis
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Auf solches ist zu wissen, dass die poenitenz nur in eim punkten steht, nit in eim leiblichen, sonder in eim geistlichen. 28 Das ist, sie steht in keinen werken, in keiner leibsabbrechung, 29 in keiner gnugtuung, in keinem vergleichen, in keinem vergelten, in keinem leiblichen weg, sonder sie stehet in dem punkten: reu. So die ist, so ist’s alles abgeton, aber nit bezahlt, aber vergessen und vergeben. 30 Dann ein unglaubiger ist der, der da meint, die sünd zu bezahlen, das ist zu vergnügen. 31 Glaubig ist aber der, der das nit will, sondern die gnad gottes durch sein reu zu erlangen, dass ihm die vergessen, vergeben und abgelegt werde von gott. Nit dass sie bezahlt sei, nit dass sie vergnüegt sei, nit dass sie verdient sei, dass sie vergeben wird, sondern dass gott aus seinen gnaden dieselbe vergeb, geschenkt und nit verdient. Auf die bemeldte zween punkten, wie sie dann angezeigt seind, dass die poenitenz soll im glauben stehn, damit sie nit wieder zerbrochen wird, und wie sie soll zu der gnaden gottes gehn und nit zu der benüegung, 32 alls 33 zu bezahlen, sam 34 es ein schuld wäre. Ist nun fürohin zu merken, wie die poenitenz sei, das ist, was die reu sei. Das sollen wir also verstehn, dass die reu geschehen soll über die sünde, so wir wissentlich vollbracht haben, und auch über die, so wir unwissentlich oder unerkanntlich tragen. Und soll also sein, dass wir uns in zehen gebotten 35 nach dem geist und nit nach dem leib erkennen, 36 das wir wider gott geton haben und ihm allein gesündigt haben. 37 Auf die erkanntnus sollen wir nit mit kraft des munds, sonder mit grund des herzens aus dem glauben, den wir in gott haben, bekennen unser leid, das uns leid sei. Nit die sünd [431 v] erzählen, dann das ist nit gebeicht, dass einer all seine sünd erzählt, was er all sein tag geton hat; es ist wider den glauben. Aber beichten aus grund des glaubens, dass die sünd dir leid seind, sie sein schwarz oder grün, jung oder alt, klein oder groß, viel oder wenig, dass du dieselben mit reu zu leid trägst. Das ist beichten, das ist
[28] geistlichen: ‚geistigen‘. — [29] leibsabbrechung: ‚körperlicher Kasteiung‘. — [30] Reue führt zur Vergebung der Sünden. — [31] vergnügen: ‚Genüge zu leisten‘. Angesprochen ist der Ablasshandel, bei dem durch finanzielle Zuwendungen gegenüber der Kirche Vergebung der Sünden versprochen wurde. — [32] benüegung: ‚Genügeleistung‘. — [33] alls: ‚alles‘. — [34] sam: ‚gleichsam‘, ‚gleichwie‘. — [35] zu den zehn Geboten vgl. Ex 20,1–17; Dtn 5,6–21. — [36] In der frühen Neuzeit nahm man für die Beichte einen sog. Beichtspiegel zu Hilfe, einen Einblattdruck, der den Gläubigen durch die zehn Gebote führte. Paracelsus fordert dazu auf, eher die geistigen Sünden gegen Gott als die leiblichen zu betrachten. — [37] Ps 51,6: „an dir allein habe ich gesündigt und übel vor dir getan“, LB 1984.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
poenitenz, die dich zu der seligkeit bringt. Auf das folgt hernach, dass leid und reu und die beicht im glauben stehnt und mitnichten in dem leibe noch in erklärung derselben noch in erzählung noch in ansehung, sie sei groß oder klein, sonder allemal groß, schwer, viel, und von grund des herzens leid und reu darauf haben. Das ist beichten, so einer sich selbs ein sünder erkennt mit allen seinen sachen, niendert 38 ausgenommen. Falsch ist die beicht, darum dass einer nit gestohlen hat, vermeint er sei kein dieb. Keiner ist des punkten 39 ledig. 40 Aber erkennen sich ein sünder zu sein in nichten 41 ausgenommen, und das aus dem geist und nit aus dem leib. Das ist gebeicht, und nit die erzählung, 42 was du alles geton hast, dasselbig ist falsch. Wann was weißt du, wo oder wie du gott erzürnet hast, dass du dich selber zu einem richter erzählest, 43 gleich als wissest du es bass 44 dann gott? Setz 45 das erzählen und die ausmessung 46 der sünden gott heim und bekenne ihm allein für den größten, dann darinnen steht die demüetigkeit, in dem andern steht die hoffart. Es ist zu der seligkeit der weg allein die reu im glauben. Das ist ein ganze reu, nit einer sünd, sonder aller, und ist die frucht der reu also, aus welcher die reu erkannt wird. So einer von denselben lässt und aufhöret nit von forcht wegen des gewalts der menschen, nit von gehorsamkeit wegen derselbigen, 47 sonder allein aus der ursachen, dass er aus dem grund des glaubens ein solche reu trage der sünden, dass er weiter wider gott nit tun wölle. Das ist ein zeichen, dass er im glauben bleibt und nit darvon fall. Wann so er daraus fällt, so ist die reu nicht [432 r] vollkommen, sonder entlehnet. 48 Der da aber beharret bis an das end, der ist selig. Nun ist die reu die poenitenz, dann die buß kommt aus dem glauben und ist ein bekanntnus, die aus dem glauben geht zu gott, wann aus dem leib gehet nichts zu gott, allein aus dem geist, derselbig langt 49 an gott. Auf das steht die poenitenz im glauben und nit anderst. Aus der ursachen wird kein todsünd 50 mit sieben jahren ge-
[38] niendert: ‚niemand‘. — [39] des punkten: ‚von diesem Anklagepunkt‘. — [40] ledig: ‚ausgenommen‘. — [41] nichten: ‚nichts‘. — [42] erzählung: ‚Aufzählung‘. — [43] erzählest: hier ‚zählst‘. — [44] bass dann: ‚besser als‘. — [45] setz … heim: ‚stelle … anheim‘. — [46] ausmessung: ‚Bewertung‘. — [47] nit von forcht … derselbigen: ‚nicht aus Furcht vor der Autorität und Macht der Menschen und aus Gehorsamkeit gegenüber diesen‘. — [48] entlehnet: ‚unecht‘, ‚geborgt‘. — [49] langt an: ‚erreicht‘. — [50] Die sieben Todsünden der klassischen Theologie sind Superbia (Hochmut), Avaritia (Geiz), Invidia (Neid), Ira (Zorn), Luxuria (Wollust), Gula (Völlerei) und Acedia (Trägheit), vgl. KKK Nr. 1866.
B1. Liber de poenitentiis
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büeßt, 51 dann die poenitenz stehet nit im büeßen des leibs, sonder des geists im leib; der ist gar bald fertig. Ein antechrist 52 ist, ist der da sagt, dass die buß stand in des leibs vermügen, wann 53 es ist wider gott. Sie steht allein in der reu, welche im geist liegt und nicht in werken. Allein so einer bekennt aus reu im glauben, dass er wider den glauben gehandlet hab, so ist’s gnug zu der seligkeit. Dann in dem punkten liegt es alles, dass wir je nit gedenken sollen gnug zu tun, allein in die reu zu gehn, das ist die poenitenz. Wann ursach, das ist in der bußfertigkeit, der da lebt in dem willen gottes, im geist, aus grund des glaubens, der sein sünd nit mit bezahlen vergelten will, sondern begehrt die gnad gottes durch die reu und lebt 54 derselbig und geht nit in die gleißnerische 55 werk. Dann die seel wird mit dem tod übereilet also behend, 56 dass du der jahrzahl nit zukommst, so dir aufgelegt wird. 57 Die irrung wider den glauben ist die, indem dass die poenitenz in den werken soll stehn. Ist die größte aberglauberei und irrsal 58 zu der seligkeit, dann ursach, durch die poenitenz müeßen wir zur seligkeit. So nun die seligkeit steht in der reu des geists, wie angezeigt ist, was größer abweg ist, dann dass im leib die gesucht wird mit vergleichen, gleichsam wie ein waage, die des leibs sünd und guttat wäge. Des nit also ist. Dann alle sünd, wann alle fasteten hundert jahr um dieselbigen, und so es die wenigste sünd wär auf erden, noch wird’s [432 v] nit bezahlt, dann der leib vergibt nichts, lässt 59 sich nit mit werken bezahlen oder büeßen. Es muss nur mit reu und leid durch die gnad gottes vergeben werden, als vergebens geschenkt, sonst ist nichts verdienstlichs da. Darauf zu wissen ist, wann du aus grund deines herzens betrachtest und bekennest, dass du wider gott gesündet hast und auch aus der bekanntnus reu nehmest und aufhörest (das das anzeigen ist), in dem augenblick ist dir dein sünd schon vergeben. Dann in dem heißen herzen liegt poenitenz und nit in dem kalten leibe, wann von 60 uns außen an ist nichts beständigs, das also gnugsam wär. Nur nöt 61 den sünder ein sollich gemüet, dass es noch genug tut, nur im geist die poenitenz suchen,
[51] Im Mittelalter gab es kirchliche Bußzeiten von vierzig Tagen, sieben Wochen oder sieben Jahren, während denen unter gewissen Bedingungen Ablass gewährt wurde. — [52] antechrist: ‚Antichrist‘, vgl. 1Joh 2,18–27; 4,3. — [53] wann: hier ‚denn‘. — [54] lebt derselbig: lebt die Reue. — [55] gleißnerische: ‚heuchlerische‘. — [56] behend: ‚schnell‘. — [57] Die Seele wird vom Tod derart überrascht, dass der Sünder nicht dazu kommt, das vermutlich in jährlichen Raten zu begleichende Ablassgeld zu begleichen. — [58] irrsal: ‚Verirrung‘. — [59] lässt … da G] verdiendt nichtz da L. — [60] von uns außen an: ‚an unserem Äußern‘. — [61] nöt: ‚nötigt‘.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
wie es angezeigt ist. Dann zu gleicher weis wie der leib zur leiblichen arbeit gericht 62 ist und geordnet, also ist der geist zu poenitenz geordnet und kein werk mit dem anderen. Dann es ist wider den glauben, dass der leib den geist gen himmel bringe, sonder der geist ist auf den glauben gesetzt, durch denselben gen himmel zu kommen. Also auf den grund ist die seel gesetzt, dass sie poenitenz trag, das ist, im geist reu und leid aus dem glauben. Wann da ist ein solliche ursach, dass aus dem glauben ein solliche liebe zu gott entspringt, dass aus der lieb des glaubens ein solliche reu wächst dem sünder, dass er nit vormals allzeit in der lieb gelebt hat, dass die reu so groß ist, dass sie ihm hinnehmt seine sünden aus der gnad gottes. 63 Also ist die poenitenz, auf die wir uns geben sollen und zu der wir uns schicken sollen, so wir anderst wöllen zu der seligkeit nit durch den leib, allein durch den glauben mit seinen tugenden, lieb und reu, beicht und hoffnung, durch den leib erzeigt. Dann was der leib aus dem glauben tut, das ist die frucht eines guten baums. 64 Und nichts aus dem bronnen des leibs trinken, allein 65 aus dem bronnen des glaubens, und den geist damit geweckt, nit den leib, den die würm fressen. Auch 66 so schon die werk aus dem glauben fließen, so seind sie nit der poenitenz, sonder ein bewegung. 67 Also so einer durch sein reu all sein gut um gottes willen gibt und geht in wald, 68 ist der härteste 69 martyrer mit [433 r] allem elend umgeben, ist alles nit poenitenz. Das ihm aber im herzen liegt, das ist sein poenitenz oder nit. Liegt’s im herzen, wie die werk anzeigen, so ist’s allein ein anzeigen guter frücht, 70 liegt’s aber nit im herzen, so ist’s ein gleißnerei, 71 dann es liegt allein auswendig und nichts inwendig. Ein gleichnus sollt ihr verstehn: Wie die biren 72 anzeigen ihren baum, also die werk den menschen. Nun ist aber ein punkt zu merken, dass der guten werk zweierlei seind: Das ist, die aus dem glauben herfließen als die guten biren von eim guten baum; darnach sein 73 andere, die fließen aus der gleißnerei und sehen 74 den andern im glauben gleich,
[62] gericht: ‚ausgerichtet‘. — [63] Röm 3,25; 5,15.17.20 f.; 6,1.14 f.; Eph 1,7; 2,5. — [64] zu den Früchten eines guten Baums vgl. Mt 12,33 par.; Lk 6,43 f. Mt 3,10; 7,17–19 par. — [65] allein … glaubens G. — [66] auch so schon: ‚wenn auch‘. — [67] bewegung: ‚Antrieb‘, ‚Regung‘. — [68] wenn jemand seine weltlichen Güter hinter sich lässt und als Einsiedler in den Wald geht. — [69] härteste: der am meisten zu erleiden vermag. — [70] zu den guten Früchten des Geistes vgl. Mt 12,33 par.; 13,8.23 par.; Lk 8,8; Joh 12,24; 15,5, Gal 5,22; Eph 5,9; Jak 3,17 f. — [71] gleißnerei: ‚Heuchlerei‘. — [72] biren: ‚Birnen‘. — [73] sein: ‚sind‘. — [74] sehen den] schwymmen L; vgl. Textkritik bei G.
B1. Liber de poenitentiis
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allein im ursprung seind sie zwiefach. So lassen wir die gleißner stehn und sagen von den werken aus dem glauben, wie uns dann die poenitenz ausweiset, und das also als 75 das exempel laut vom birnbaum. Und merke das also, dass darum geredt wird, dass du ein poenitenz nit suchen sollt 76 in den werken und sollt auch ohn die werk nit sein, aber sie für nichts zu der seligkeit achten. Mit diesem exempel also beschlossen, was nützt dem birnbaum, dass er schon lieblich birn trägt? Nichts. Es kommt ein ander und nehmt’s und der baum nehmt’s nit wieder. Also auch, was ist dies, dass du die guten werk aus dem glauben tust? Es nutzt nichts. Ein anderer nehmt dein werk, das ist gott. Dem birnbaum nehmt’s der mensch, dann er besitzt die statt gottes auf erden in zeitlichen dingen, darum ist er ein irdischer gott. Und als wenig der baum geneust seiner frucht, als wenig geneust du deiner werk, wann sie schon am besten 77 aus dem glauben gehnt. 78 Auf das ist das lob der guten birn, nit des baums und in der biren. Der baum wird nit die birn loben. Auf das merket weiter: Wiewohl der baum seiner frücht nit geneust, noch lasst er sein tragen nit, er bringt’s alle jahr. Ist er anderst gut an blüet, 79 er trägt’s. Also dergleichen: Wiewohl dem glaubigen seine [433 v] werk nichts nutzen, noch lässt er sie nit. Dann es ist die art des glaubens, dass er nit ist ohne frucht, wie ein guter baum ohne biren nit ist. Und zu gleicher weis, wann der herbst kommt: Wie die birn vom baum fallen und lassen den baum allein stehn, lassen ihn beschädigt werden, 80 weichen und kennen ihn nimmermehr, also fallen im herbst des gerichts über den mörder von ihm alle seine werk und lassen ihn allein stehn, lassen ihn allein sich verantworten. Gleich wie die biren faulen und zergehnt, also verschwinden deine werk und lassen dich allein. Aber zu gleicher weis wie die biren vom baum genommen werden, also werden deine werk behalten zu einer zeugnus, dass du ein guter baum gewesen bist, aber sie werden dich nit höher oder minder schätzen, als wenig als die birn den baum, ein anderer isset’s. Also geschicht den werken auch: Ein anderer isset sie und du nit. Also ist die poenitenz, dass wir unsere sünden, so wir wider gott geton haben, zu herzen fassen. Und die weinent mit seufzen, klagen allein gott, 81 nit mit einem gemachten 82 weinen vor dem menschen, sonder mit einem [75] als … also G. — [76] sollt: ‚sollst‘. — [77] besten: bössten L. — [78] wann … gehnt: ‚auch wenn sie zum besten aus dem Glauben gehen‘. — [79] blüet] blueet L: ‚Blüte‘. — [80] beschädigt werden: lassen den Baum schutzlos stehen und setzen ihn möglichen Beschädigungen aus. — [81] und die … gott: ‚jene die weinen, die klagen unter Seufzen allein Gott‘. — [82] gemachten: ‚künstlichen‘, ‚gekünstelten‘.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
grundlichen 83 weinen für 84 gott. Dann so dir ernst ist über dein sünden gegen gott, so bezeuget das das weinen und das seufzen, das aus der reu fleußt. Das ist die poenitenz, von wellicher Johann baptista gesagt hat, wir sollen bußfertigkeit würken, 85 das ist im glauben reu und leid tragen gegen gott. Das ist die poenitenz, die Christus anzeigt, da er spricht „resipiscite“. 86 Das ist geredt, dass wir aufsehen sollen zur poenitenz und dass wir schauen, dass wir frücht der poenitenz erzeigen. 87 Nit dass uns die frücht selig machen, sonder darum, dass wir frücht machen aus dem großen herzen, aus dem starken glauben, aus der unzerbrechlichen reu und leid, so wir haben zu gott; dass uns die zu den früchten beweg, wie die güete des baums zue dem birntragen zwingt. Also sollen wir frücht der [434 r] poenitenz tun, bei den unser ernst erkennt wird, nit von menschen, sonder von gott, damit dass unser frücht zeugen 88 seind vor dem teufel am jüngsten gericht, 89 dass wir im glauben die geboren haben. Und wie die birn zeugen seind vor dem menschen des baums, also werden unsere werk zeugen sein vor dem jüngsten gericht wider den teufel, und sonst werden sie nichtzit 90 nutzen, dann den teufeln die herzen nit geoffenbart seind des geists, aber die frücht werden ihm fürgelegt. 91 Darum zu wissen ist, dass gott allein auf den glauben, lieb und hoffnung geredt hat 92 und auf die werk aus dem glauben, die kein gesatz haben. 93 Auf das sollent ihr wohl merken, dass die gesatz werk verworfen machen nach dem gesatz beschehen, 94 und dass das gesatz tot ist an ihm selbst, 95 als ein gesatz, auf das Christus redt, „auf dem stuhl Moisi sitzen schreiber und pharisäer“. 96 Darum er alle werk und die, so hoffnung in die werk setzen, verflucht und verwürft und beschleußt 97 am letzten: „Jerusalem, Jerusalem, quae
[83] grundlichen: ‚wahrhaftigen‘, ‚echten‘, ‚tiefempfundenen‘. — [84] für: ‚vor‘. — [85] Mt 3,2.8. — [86] Mt 4,17 par.; „resipiscite“, NTE 1522 (‚kommt zur Vernunft‘, ‚kommt zur Einsicht‘, ‚kehrt um‘); „paenitentiam agite“, VlgSt (‚tut Buße‘). Paracelsus greift somit auf den Evangelientext des «Novum Testamentum» des Erasmus zurück. — [87] Mt 3,8 par. — [88] zeugen vor dem teufel: Zeugnisse, die uns vor dem Teufel bewahren. — [89] zum Ablegen von Rechenschaft am Tag des jüngsten Gerichts vgl. Mt 12,36; Röm 14,12; 1Petr 4,5. — [90] nichtzit: ‚überhaupt nichts‘. — [91] Dem Teufel werden nur die guten Früchte als Argumente vorgelegt, während er zu den Herzen des Menschengeistes keinen Zugang hat. — [92] Gott legt nur auf die göttlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung wert, vgl. 1Kor 13,13 und KKK Nr. 1840. — [93] Gal 5,18; Röm 7. — [94] Gesetze, und wohl im engeren Sinn die zehn Gebote, können nur solche Werke verbieten, die darin explizit aufgeführt sind. — [95] Röm 8,2; Gal 2,19. — [96] Mt 23,2. — [97] beschleußt: ‚schließt mit‘.
B1. Liber de poenitentiis
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occidis prophetas et lapidas 98 eos“ etc. 99 Das ist geredt auf die, so den glauben mit ihrn werken töten wöllen und ihr hoffnung in dieselbigen setzen, alsdann derselbig text ausweiset. Wann nun Christus redt wider die werk solcher gleißner und dergleichen, ist allein von deswegen, dass sie mit ihren werken den himmel haben wöllen gewinnen und von dem glauben hintan gefallen seind und in denselben ihr seligkeit begehren,100 darinnen zu leben. Wie nun also gesagt ist von der poenitenz, ist der beschluss in dem, dass die poenitenz im herzen liegt und nit im leib, und dass die irrung des leibs ist und nit des herz. Wiewohl noch viel von dem zu reden wär, wöllen wir dasselbig melden im buch «werk 101 der reinigkeit» 102 und im andern «von den gelübdnussen»,103 [434 v] desgleichen in allen auslegungen, so über die wort gottes und der propheten gemacht werden. Damit wir hie beschließen dieses libell, das wir gemacht haben zu dienst denen, so die sünd vergeben nach der zahl, deren die sünd nit ist, damit dass sie erkennen ihr blindheit, dass sie die seind, die das volk in die irrung füeren und auf den weg der verdammnus, wie wir «de indulgentiis» 104 melden werden und hie also damit beschlossen haben.
[98] lapidas Vlg] decapidas L. — [99] Mt 23,37: „Jerusalem, Jerusalem, die du tötest die Propheten und steinigest, die zu dir gesandt sind“, HS 1545. — [100] begehren G] begehen L. — [101] werk G] weg L. — [102] werk der reinigkeit: unter diesem Titel unbekannte Schrift, jedoch könnte es sich um den «B2. Libellus de baptismate christiano» handeln, in dem der Gedanke von der Reinmachung durch die Taufe zentral ist. — [103] von den gelübdnussen: verm. das Werk «De votis alienis» (SW 14,276–288; HW 9,187–207). — [104] de indulgentiis: unbekanntes Werk Hohenheims.
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B2. Libellus de baptismate christiano Von der christlichen Taufe [287 r] 1 Sich haben sehr bemüehet die ausleger 2 über die vier evangelisten in den kapiteln, so sie von dem tauf schreiben und mit wohlverstandener wahrheit, so der text begreift, den text verändert und des texts frücht genommen, ein irrsal 3 und verfüerung 4 daraus gemacht. 5 So wir alle nach der wahrheit betrachten und ihr nachfolgen und dasselbig bekennen, so wird gefunden, dass gott die eher 6 entzogen unterstanden wird und sie dem menschen zugelegt, gleich als sei er gott. 7 Nun ist von dem tauf nit der wenigest punkt zu verstohn, was der tauf sei. So fenden 8 wir, dass wir seither dene 9 entbehren und menschliche vicarien 10 an gottes statt setzen, den tauf nie recht gebraucht haben und uns dieselben teuflischen 11 verfüert und nit menschlich,12 sonder aus bösem vergiften 13 mutwillen, in welchen sie dem teufel verhängt 14 haben, uns betrogen. So lassen wir dasselbe also anstehen und weisen euch zu dem text, wie der nach der evangelisten beschreibung verstanden werden soll. Dann so einer zu der seligkeit begehrt, so muss er durch den weg zu ihr kommen, in dem wir alle beschließen. Anfänglich ist zu wissen vom tauf, was er sei, darnach gibt sich dann der grund der irrsal. Das ist der tauf, so einer gereinigt würd und gesäubert von allen maculen,15 dass er rein und lauter stehet, nicht befleckt. Also seind zween tauf: der tauf Johannis und der tauf Christi.16 Diese zweene täuf haben beide gereiniget, der eine den leib, der ander die seel. Johannes hat getauft, aber sein tauf hat kein frucht bracht, ist niemand nutz gewesen, dann er hat allein den leib gewäschen, ist mit dem leib hinweg gangen. Er hat allein die weise17 des taufs gebraucht und die an[1] L: L 1 287 r–289 v; G: GE 2,369–377. — [2] ausleger: ‚Kommentatoren‘. — [3] irrsal: ‚Durcheinander‘. — [4] verfüerung: ‚Missleitung‘. — [5] Paracelsus spielt auf die Evangelienkommentare anderer Autoren an, z. B. des Erasmus oder der Reformatoren, die nach seiner Meinung das Wesen der Taufe nicht erfasst hätten und diese mißdeuteten. — [6] eher: ‚Ehre‘. — [7] Sie unterstehen sich, Gott die Ehre als höchster Instanz zu entziehen und dem Menschen zuzuschreiben, als ob dieser Gott wäre. — [8] fenden: ‚finden‘. — [9] dene: ‚den‘, ‚Gott‘. — [10] vicarien: ‚Stellvertreter‘. — [11] teuflischen] täuflichen L; vgl. Textkritik bei G. — [12] Die Vikare haben uns auf teuflische und unmenschliche Art verführt. — [13] vergiften: ‚vergifteten‘. — [14] verhängt: ‚angehangen‘. — [15] maculen: ‚Flecken‘, ‚Makeln‘. — [16] Mt 3,11 par. Paracelsus bezieht sich im Folgenden auf Johannes den Täufer. — [17] weise: ‚Brauch‘.
B2. Libellus de baptismate christiano
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zeigung18 gottes des rechten taufs als ein figur,19 exempel getrieben: Also zu gleicher weis wisse, wie das wasser Jordan abwäscht dem leibe sein macul, sein unsauberkeit, 20 in der gestalt wird einer kommen, derselbige wird im heiligen geist taufen.21 Das ist, derselbig wird diese sein anzeigung vollkommen inwendig verbringen, wie er es denn auswendig erzeigt hat. Johannes [287v] hat allein mit wasser tauft, das ist, er hat allein den leib getauft. Darum ist weder der leib noch der tauf nichts fruchtbars noch nutzlichs, aber eine figur, dass also zu gleicher weis ein inwendiger tauf durch Christum beschehen würd. Denselbigen hat er bedeut, wie das wasser abwäscht von außen die unreinigkeit, also würd der, der nach ihm kommen würd, von innen die unreinigkeit abwäschen. Also zeigt er an, dass sein tauf nur ein bedeutung22 sei auf den tauf Christi, ein anzeigung, ohn allen nutz und fruchtbarkeit. Christus, zu vollenden den tauf und ordnung ihrer anzeigung, ist er kommen zu Johanni und hat denselben ermahnt, 23 ihn auch zu taufen. 24 Aber Johannes, der sein tauf unfruchtbar geschätzt hat und geacht, 25 hat gebetten und gesagt, dass ihm nöter 26 sei, von Christo getauft zu werden denn Christus von ihm. 27 Dann er hat die fruchtbarkeit des taufs in Christo gesucht und nit in ihm und seim wasser. Aber Christus, der ihm sein tauf nit gepreist 28 hat, sonder wie er ihn selbst gehalten hat, also hat ihn Christus lassen bleiben und stehn und denselbigen von ihm genommen. 29 Aber nach diesem auswendigen tauf hat Johannes gesehen den inwendigen tauf, das ist den heiligen geist auf Christum steigen. 30 Dasselbig ist der rechte tauf gewesen, wann 31 Johannes hat mit zergänglichen dingen getauft. Habent nit kraft, haften nichts an, bleiben als sie seind, wie dann ein bedeutung (oder ein anzeigen in einer figur) würken soll, gewürket hat. 32 Dann das, das taufen soll, muss über das zergängliche sein und muss ewig sein, dann der tauf bleibt ewig, unzergänglich. Darum ist der tauf Johannis nach bekenntnus Johannis nichts denn ein wasser, das weder süeß noch saur ist, allein den leib wäscht, aber die seel nicht.
[18] anzeigung: ‚Ankündigung‘, ‚Vorhersage‘. — [19] figur: ‚Symbol‘, ‚Sinnbild‘. — [20] Mt 3,5 f. — [21] zur Taufe mit dem heiligen Geist vgl. Mt 3,11 par.; 3,16 par; Joh 1,32 f.; 3,5 f.; Apg 11,16; 1Kor 12,13. — [22] bedeutung: ‚Hinweis‘. — [23] ermahnt: ‚aufgefordert‘. — [24] Mt 3,13 par. — [25] Joh 3,30. — [26] nöter: ‚notwendiger‘. — [27] Mt 3,14 par. — [28] gepreist: ‚gepriesen‘. — [29] Christus nahm die Taufe des Johannes an, vgl. Mt 3,15 f. par. — [30] Mt 3,16 f. par. — [31] wann: ‚denn‘. — [32] Die vergänglichen Dinge haben keine Kraft, an ihnen bleibt nichts hängen, denn sie stehen für ein Sinnbild und wirken als solches.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
Johannes hat gepredigt den tauf der poenitenz, 33 mit dem rechten, wahrhaftigen grund 34 ausgedruckt und nicht verschlagen, 35 nichts außen gelassen, 36 sondern ganz herfürbracht. Das melden die evangelisten, dass er habe gepredigt den tauf der buß. 37 Darauf so merkent, dass die predigt, so er geton hat von dem tauf der buß, auf sein tauf nit gepredigt hat, dann sein tauf hat die poenitenz nit geben. Er hat aber gepredigt auf den tauf Christi, den er vorgefiguriert 38 hat mit dem wasser. Also hat er ihn mit dem mund bekennt und verjehen. 39 Auf das hat Christus gepredigt den tauf der buß [288 r] in abwäschung aller sünd, demselbigen zu vergeben. 40 Aber sein, Johannis tauf, hat solches nit geton, sonder er hat denselbigen anzeigt. Und alle die, so den tauf, auf den er gezeigt hat und bekennt, begehrt haben und ihre sünd erkennt der irrunge, die figur des taufs gebraucht, dass sie die seind, die da begehren den tauf Christi zu der vergebung aller sünd. Also ist Johannes der, wellicher präfiguriert hat den weg zue der seligkeit, dass in maßen, wie er das angezeigt hat, durch Christum gehandelt würd in dem rechten tauf, der nit abgehet. 41 Johannes hat gepredigt den tauf der vergebung aller sünd, das ist des leidens Christi. Das blut Christi, so vergossen soll werden (und ist jetzt), dasselbig blut hat er geheißen den tauf, wellicher abnehmt alle sünd, allen den, die ihre sünd bekennen, 42 das ist, was wider Christum ist. Nun der tauf Johannis als ein präfigurierung bleibt und währt für und für von einem menschen zu dem anderen als ein präfigurierung und bedeutnus. 43 Aber der tauf Christi, den er angezeigt hat mit dem mund und werken, derselbige ist nur ein mal geschehen und währt ewig. Darum wer der predigt Johannis folgt, der würd von Christo getauft zu vergebung aller sünd. Also 44 der Johannes hat sich erkennt, dass er nur mit wasser tauft, aber ein ander wird kommen, derselbig wird taufen zu vergebung aller sünden. Da hat er auf das leiden Christi gepredigt, durch wellichs alle sünd vergeben seind denen, so da ihr sünd bekennen. Auf das zeigt Johannes an, dass derselbige, das ist Christus, taufen
[33] poenitenz: ‚Buße‘. — [34] grund: ‚Begründung‘, ‚Grundlage‘. — [35] verschlagen: ‚unterschlagen‘. — [36] außen gelassen: ‚ausgelassen‘. — [37] zur Buße bzw. Poenitenz in Verbindung mit der Taufe vgl. Mt 3,8.11 par.; Mk 1,4 par., Apg 2,38; 13,24; 19,4. — [38] vorgefiguriert: ‚vorgezeichnet‘. — [39] verjehen: ‚sagen‘, ‚bekennen‘, hier als Partizip Perfekt ‚bekennt‘. — [40] Mt 4,17 par.; Joh 3,22; 4,1 f. — [41] abgehet: ‚vergeht‘. — [42] Joh 1,29.36; Lk 12,50 par.; Röm 6,3. — [43] bedeutnus: ‚Hinweis‘, ‚Vorbedeutung‘, ‚Signal‘. — [44] also … sünden G.
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werde mit dem heiligen geist. 45 Also denen, so ihr sünd bekennen, würd er schicken den heiligen geist, sie zu erleuchten im glauben, aus wellichem hernachfolgen die wege der seligkeit. Auf das so würd keiner selig, allein er sei dann getauft mit dem heiligen geist. 46 Am wassertauf Johannis liegt nichts, weder frucht noch nutz, allein ein präfigurierung. Und so sie schon nit beschäch, so schadt’s dem glauben nichts, es bleib aber ein gedächtnus und exempel der tauf Christi etc. Also alles, was Johannes gepredigt und vom tauf gesagt hat, dasselbig ist der tauf Christi, und auf denselbigen geredt und nichts auf sein tauf, dann er ist tödlich, 47 greift nit in. 48 Auf das würd nun beschlossen – wöllen wir, dass uns unser sünd vergeben werden – den tauf Christi an uns zu nehmen, das ist das leiden Christi, das alle sünd hingewäschen hat frei, 49 [288 v] alle seel 50 und geist gereinigt, wie es Johannes bedeut hat mit dem wasser. Nun zu gleicher weis, wie Johannes mit den händen den tauf geton hat und gebraucht, also müeßen wir auch einen haben, der uns tauft mit dem leiden Christi: 51 Das 52 ist der heilig geist, derselbige ist, zu gleicher weis wie Johannes mit dem wasser ein priester gewesen ist, also ist der heilig geist unser priester, der uns tauft mit dem leiden Christi, durch den wir die gnad des taufs 53 erlangen und erhalten und den kein wassertauf nimmt vorhin. 54 Und so es wohl gedeutscht soll werden und ausgelegt, „baptismus poenitentiae in remissionem peccatorum“, 55 ist nichts anders dann Christus. Also er hat allein Christum gepredigt. Er hat ihn aber genommen unter dem namen „baptismi poenitentiae in remissionem peccatorum“ etc., als eim propheten zusteht, gebührt und billich redt und tut. Auf das soll keiner, der ein catholicus 56 sein will, anders von dem spruch wissen oder verstohn, dann dass es Christus ist allein, derselbig hat mit seinem leiden getauft alle menschen, 57 die ihr sünd bekennen, auf ein mal. Ist gnugsam für die gestorbenen, für die zukünf-
[45] Mt 3,11 par.; Apg 2,1–4. — [46] Anklang an Mk 16,16. — [47] tödlich: ‚sterblich‘, ‚nicht ewig‘. — [48] greift nit in: ‚greift nicht ein‘, ‚bewirkt nichts‘. — [49] hingewäschen hat frei: ‚freigewaschen hat‘; zur Abwaschung der Sünden vgl. Ps 51,3–9; Apg 22,16; 1Joh 1,7; Offb 1,5; 7,14. — [50] seel G] stett L. — [51] Röm 8,17; 2Kor 1,5; 1Petr 1,11. — [52] das … Christi G. — [53] taufs G] täuffers L. — [54] nimmt vorhin: ‚vorher nimmt‘. — [55] Mk 1,4 par.: „Johannes, der war in der Wüste, taufte und predigte von der Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden“, HS 1545. — [56] catholicus: ‚wirklicher Christ‘. Die Unterscheidung zwischen „Katholiken“ und „Protestanten“ im heutigen Sinne gab es zu Hohenheims Zeit noch nicht. — [57] Röm 6,3–11; 8,13–15.
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tigen bis an den jüngsten tag. 58 Das seind die prophezeien, 59 so Johannes der prophet klärlich ausgedruckt hat. Wie nun angezeigt ist von dem tauf Johannis, so ist derselbig tauf nit anders, dann wie Johannes den leib mit wasser gereinigt hat. Also in der gestalt soll man zu Christo laufen, dass er auch taufe inwendig und abwäscht alle masen, 60 macul, wie es Johannes präfiguriert hat mit dem wasser. Und wie man zu Johannes gangen ist um den tauf, also soll man auch gehen zu dem tauf der buß, den niemands gibt dann 61 Christus, dann er ist die buß, er trägt’s allein, er hat gebüßt. 62 Darum heißt ihn der prophet Johannes „baptisma poenitentiae“, 63 das ist, Christus ist die tauf, der ist die buß. Und so er uns die gnad gibt seines taufs und seiner buß, so haben wir den heiligen geist, wann 64 die gnad ist unter dem namen heilig geist begriffen. Dann welcher die gnad gottes hat, der ist getauft und ist in der buß, das ist, er ist in Christo, der die beide allein ist; derselbig ist „baptismus poenitentiae“ und kein anderst; derselbige verbrinnt mit dem unauslöschlichen feur 65 den tauf Johannis. Das ist die spreuer, von den Johannes Matthaei et Lucae dritten 66 solches anzeigt, 67 wann 68 der weizen, der in die scheuren 69 behalten würd, das ist der heilig geist im menschen, welcher der tauf ist, und die spreuer 70 und halmen [289 r] ist der tauf Johannis; derselbige würd verbrinnt und gibt nichts, dann er ist nit würdig, dass er soll bei dem weizen liegen. Dann wie der halm den weizen trägt, also trägt Johannes den tauf Christi durch sein prophezei und predigen und taufen, aber er würd vom weizen gescheiden werden, wie der halm und die spreuer, und würd nichts nutz sein. Also ist der tauf Johannis und der tauf Christi gegeneinander. 71 Also mit dem allem ist zu beschließen auf den grund, dass allein Christus der tauf ist. Darum wohl geredt ist von dem, der da sagt, der tauf sei ein sakrament, wann es ist also, wann Christus ist der tauf. Aber so vom sakrament des taufs geredt wird, so sollt betracht werden das wasser. Allein der heilig geist ist dasselbig wasser. Auf das ihr die
[58] Christus ist für uns gestorben, vgl. Röm 5,6–8; 1Kor 15,3. — [59] prophezeien: ‚Prophezeiungen‘. — [60] masen: ‚Flecken‘. — [61] dann: hier ‚außer‘. — [62] Joh 1,29. — [63] Mk 1,4 par. — [64] wann: ‚denn‘. — [65] zum ewigen Höllenfeuer vgl. Mt 3,12 par.; 5,22; 18,8 f.; 25,41; 2Thess 1,9 f.; Hebr 10,27; Jud 1,7; Offb 20,10. — [66] Matthaei et Lucae dritten: ‚bei Matthäus und Lukus im jeweils dritten Kapitel‘. — [67] Mt 3,12 f.; Lk 3,17. — [68] wann: ‚denn‘. — [69] scheuren: ‚Scheune‘. — [70] spreuer: ‚Spreu‘. — [71] ist … gegeneinander: ‚verhält sich zu‘.
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irrsal 72 merken sollt vom tauf, indem dass sie sagen, dass das wasser der tauf sei und das sakrament. Das nit ist, allein von Johanne ein anzeigung der präfigurierung des taufs Christi, wie 73 die auslegung des taufes Christi vormals anzeigt hat. Also, wie nun das wohlgeredt ist, dass der tauf ein sakrament sei in Christum verstanden, also herwiederum ist das antichristisch, das ist wider Christum, dass aus dem wasser und in dem wasser ein sollichs soll verstanden werden, gleichsam das wasser Christus sei, oder Christus würkt durch das wasser. Und ist wider Christum, dann er würkt durch den heiligen geist, der ist sein wasser. Wo er mit demselbigen wäscht, der ist rein und sonst mitnichten. 74 Damit beschließen wir auch, was der tauf sei, davon wir etlichmal mit viel reden die zeit vollbracht 75 haben, also dass Christus allein der tauf sei, der abwäscht die sünde und nicht Johannes durch seine figurierung. Auf das ich euch erklär, dass ihr mitnichten sollt den tauf Johannis segnen, chrismen 76 und dergleichen als heiltum achten, dann ihr täufent nur den leib, der seel würd nichts davon; dann ihr seind nit die priester, die da taufen mit dem heiligen geist, sonder allein Christus ist derselbige, der hat des heiligen geists gewalt und sonst niemands. Darum lasst euer tauf die präfigurierung sein! Geschicht sie einem auserwählten, so 77 tauft Christus denselbigen mit dem heiligen geist; geschicht sie aber nicht einem auserwählten, so kommt der heilig geist nit mit seinem tauf. Alsdann ist nur euer tauf verloren und nit der tauf Christi, dann er ist nit da gewesen. [289 v] Darum ist es ungeschickt an euch, dass ihr die getauften von euern händen selig schätzt ohne wissen des heiligen geists. Und welche von euer hand nit getauft seind, die sollen verdammt oder im blinden 78 himmel sein. Es ist ganz wider den glauben. Und ich beschleuß also, dass inmaßen wie das sakrament des leibs und bluts Christi gehalten würd, der tauf auch, dann der heilig geist tauft die herzen und nit den leib; und wir wissen nit, was getauft ist oder 79 was nit getauft ist. Er ist der erleuchter, der lehrer, die höchste gab. 80
[72] irrsal: ‚Verirrung‘, ‚irrige Meinung‘. — [73] wie … Christi G. — [74] zum Gedanken der Reinwaschung und Reinmachung vgl. Ps 51,3–9; Jes 1,16; Hes 36,25; Joh 13,5–15; 15,3; 1Kor 6,11; 1Tim 5,10; Tit 3,5; Hebr 10,22. — [75] vollbracht: hier ‚verbracht‘. — [76] chrismen] crismen L: verm. Plural von „Chrisam“, Salböl. — [77] so … auserwelten G. — [78] blinden himmel: ein unsichtbarer, unerreichbarer Himmel, auch Limbus genannt, die Vorhölle, in welche die ungetauften Kinder nach der kirchlichen Lehre kommen sollen. — [79] oder … ist G. — [80] zum heiligen Geist als Lehrer vgl. Lk 12,12; Joh 14,26; 1Kor 12,8; 2Kor 5,5; 1Thess 4,8; 1Joh 1,1–10.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
Und was hie im tauf zu wenig geschrieben würd, das fendt ihr «de sacramento corporis Christi» mit ausgedruckten 81 worten. Der ist getauft, der das fleisch und blut Christi neust. 82 Das ist der tauf, von dem Johannes gesagt hat; der wäscht die sünd ab, wie das wasser das feuer auslöscht, wie das wasser die leinwat 83 wäscht. Und wie ein feur alle ding verzehrt, also verzehrt der tauf des blut und fleisch Christi alle sünd hinweg und reinigt die seel wie das feur das gold. 84 Und was mehr zu dieser auslegung gehört, werdent ihr fenden in der interpretation der evangelisten an den enden 85 dieses texts, so vom tauf geredt und gemeldt wird. 86 Interpretatio der vier evangelisten vom tauf etc. 87 1. Allein Christus tauft und kein priester. 2. Der tauf ist Christus und kein wasser. 3. Der tauf geht allein in die seel und in kein leib. 4. Johannes ist die präfigurierung, Christus der vollbringt’s. 5. Sein bluet und fleisch ist der tauf, der wäscht alles hinweg.
[81] ausgedruckten: ‚ausdrücklichen‘. — [82] neust: ‚genießt‘, ‚empfängt‘. — [83] leinwat: ‚Leinwand‘. — [84] Mal 3,2; 1Petr 1,7; Offb 3,18. Schon seit dem Altertum wurde mittels eines Hüttenofens aus Golderz Gold gewonnen. Als Alchemist bezieht sich Paracelsus auf dieses Beispiel eines Verfeinerungsprozesses, der von Grobem zu Höherem führt. — [85] enden: ‚Stellen‘. — [86] Hinweis auf die Evangelienkommentare, vermutlich insbesondere auf den ersten Matthäuskommentar mit der Überschrift «Naturalium et harum rerum similium Interpretationes super quaduor Euangelistas», vgl. NPE 2. — [87] interpretatio … hinweg nur bei L. Dieser Abschnitt ist als Zusammenfassung des Texts zu verstehen.
B3. Liber de sacramento corporis Christi
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B3. Liber de sacramento corporis Christi einzunehmen zu der seligkeit Vom Sakrament des Fleisches Christi, einzunehmen zur Seligkeit [290 r] 1 Zu der ursachen ist am ersten zu gehn, warum uns Christus sein leib gebotten hat zu essen und sein blut zu trinken und uns die seligkeit zu erlangen, so ganz in die nießung 2 gesetzt hat seins fleischs und bluts. Und darauf anzeigt, dass der da ewig leben werd und in ihm bleiben, das ist in Christo und Christus in ihm, der da isset sein fleisch und trinket sein blut. 3 Wiewohl nun oftmals 4 angezeigt wird, durch was wege zu der seligkeit zu kommen ist, und hie aber ein weg angezeigt wird, ist doch keiner vom andern geschieden, seind alle ein weg und nit mehr: als, der da glaubt und getauft wird, der wird selig; 5 als, der gott lieb hat und seinen nächsten als sich selbst, der wird selig; 6 als, der da isset das fleisch Christi und trinkt sein blut, der wird selig; 7 als, selig seind die armen des geists; selig seind die milden, 8 selig seind die verfolgung leiden von des namen Christi wegen; selig seind, die da weinen; selig seind die barmherzigen und dergleichen ander mehr. 9 Ist am ersten not zu wissen, welchs doch der weg ist zu der seligkeit. So ihr also viel seind, die da selig seind,10 sollen wir anfänglich verstohn, dass nur ein weg ist. Aber die frücht,11 so aus dem weg der seligkeit gehnt, die seind mannicherlei: eine frucht mit barmherzigkeit,12 ein frucht mit weinen,13 ein frucht mit der gerechtigkeit,14 dergleichen auch die andern. So seind doch die frücht so erzählt seind, nit frücht, die uns gen himmel bringen. Als 15 „selig seind die armen“,16 das wird
[1] L: L 1 290 r–295 v; B: Bn 1 202 r–217 v; C: Bn 2 8–19; H: Ha 1 6/34–59; K: Ka 213 r–219 r; M: Bo 13 v–23 r; R: R 76 v–81 r; S: St 15–20; W: W8 1 r–20 r; ferner K 3 111 r–115 v; S 2 37 r–39 v, die zu RS nahestehen. — [2] nießung: ‚Nutznießung‘, ‚Genuss‘. — [3] Paracelsus bezieht sich im Folgenden wesentlich auf Joh 6,51–53. — [4] oftmals] vormahls L. — [5] Mk 16,16. — [6] Mt 22,36–40 par. — [7] Joh 6,54. — [8] milden] sanftmüettigen R. — [9] Paracelsus bezieht sich hier auf die Seligpreisungen der Bergpredigt, Mt 5,3–11. Die Milden (mites, Vlg) sind bei Luther die Sanftmütigen und die Weinenden (lugentes, Vlg) jene, die Leid tragen. — [10] Es gibt viele Wege zur Seligkeit. — [11] zum Topos der Frucht vgl. Jes 11,1; Mt 3,8.10 par.; 7,16–20 par.; 12,33 par.; 13,8.23 par.; 21,34–43; Lk 13,6–9; Joh 4,36; 12,24; 15,5; Röm 6,21 f.; Gal 5,22; Eph 5,9; Jak 3,17–19. — [12] barmherzigkeit] danckbargkeit RS; vgl. Mt 5,7. — [13] Mt 5,4. — [14] Mt 5,10 f. — [15] als: ‚zum Beispiel‘. — [16] Mt 5,3; Lk 6,20.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
nit verstanden, dass durch [290 v] die armut einer selig werde; desgleichen „selig seind die milden“,17 dass durch die mildigkeit einer selig werde. Sonder des glaubigen art ist, dass 18 er arm ist, dass er mild ist, dass er weinet, dass er eines reinen herzen ist,19 dass ihn dürst nach der gerechtigkeit und nit, dass ihn die stück selig machen, sonder er macht dieselbigen stück und sie ihn nit. Also wird von dem seligen verstanden, nit als von viel seligen, sonder allein von eim seligen. 20 In der gestalt, der da selig ist: Ist es not, 21 die frücht der mildigkeit zu tragen, so trägt er sie; ist es not, verfolgung zu leiden vonwegen des herrn, 22 so leidt 23 er sie; ist’s not, zu beweinen das ungerecht, so beweint er es. Nit dass er in allen blüe und frücht trage, sondern so die stund der ernt kommt, 24 so trägt er frücht am schnitt, welche not ist. 25 Auf das, wie nun die anzeigung laut von den seligkeiten, so wissent wiederum, selig ist der, der die gebott gottes hält. 26 Nit, dass ihn die gebott selig machen, sonder die art eines seligen ist, dass er die gebott von ihm selbst hält, als wärent sie nit gebotten; und den groben allein vonwegen der harten herzen angezeigt. Selig ist der, der gott lieb hat aus allen seinen kräften und sein nächsten als sich selbst; 27 desgleichen selig der, der glaubt in gott und getauft wird; 28 desgleichen selig ist der, der da isset sein fleisch und trinket sein blut. 29 Auf die drei weg sollen wir ein solches erkennen und verstehn, wie sich die drei weg vergleichen. Dann der, der gott lieb hat aus allen seinen kräften, herzen und sein nächsten als sich selbest, 30 der ist selig aus der ursachen, was die im alten testament antreffen ist. Aber es berüert das neu testament nit, allein das alt, und ist ein gebott des alten gesatz und nit des neuen. 31 Soviel und aber es das neue antreffen ist, das
[17] Mt 5,5. — [18] daß er ahrm ist BCHKM. — [19] Mt 5,8. — [20] Die verschiedenen Seligpreisungen betreffen nicht verschiedene Arten von Seligkeit, sondern Aspekte der einen Seligkeit. — [21] ist es not: ‚wenn es notwendig ist‘. — [22] Mt 5,11. — [23] leidt: ‚erleidet‘. — [24] Mt 13,30. — [25] Der Selige lebt dann einer Tugend nach, wenn es die Umstände erfordern. — [26] am Rand Vide liber De Justitia. Vgl. Mt 19,17; Joh 14,21; 15,10. — [27] zum Gebot der Nächsten- und Gottesliebe vgl. Mt 22,37–40; Lk 10,27; Joh 13,34; 2Joh 1,5. — [28] Mk 16,16. — [29] Joh 6,54. — [30] Mt 22,36–40 par. — [31] Die Gebote des Alten Testaments sind vor allem für dieses bestimmt und nicht für das Neue Testament. Paracelsus bezieht sich hier vermutlich auf Dtn 11,13: „Werdet ihr nun meine Gebote hören, die ich euch heute gebiete, dass ihr den Herrn, euren Gott, liebet und ihm dienet von ganzem Herzen und von ganzer Seele“, HS 1545.
B3. Liber de sacramento corporis Christi
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nehmt sich nit aus dem gebott, sonder aus dem glauben des neuen testaments. Da fleußt heraus die liebe in gott und nit aus dem gebott. Das gebott dient auf die jüden und nit auf die glaubigen. Und dieweil sie 32 dasselbig gebott aus dem glauben nit vollbringen in annehmung des neuen testaments, so ist’s in 33 keim weg zu der seligkeit, dann es fleußt nit aus dem glauben. Nun folgt auf das: Der, der da glaubt und getauft wird, der wird selig. 34 Wann 35 aus dem glauben fleußt die lieb in gott, in nächsten; aus der lieb fließent die werk oder die frücht, die ein seliger mann an ihm hat. Also mit [291 r] dem folgt hernach, dass keiner selig würd, er werde dann zum andern 36 mal geboren. In dem weg: Die erst geburt gibt dir den leib, blut und fleisch, mark und bein, 37 haar und nägel, das gehör und das gesicht, 38 die stimm, 39 die empfindlichkeit, 40 den verstand der irdischen dingen, die weisheit der welt, die klugheit, die hoffart und dergleichen. Diese stück kommen alle von unserm vatter erblich auf uns und seind natürlich. Darum dürfen wir in den stücken kein seligkeit suchen, dann sie seind nit darum da, dass sie die seligkeit gewinnen sollen, allein den brauch 41 der welt zu vollbringen. Wellicher aber will selig werden, der muss noch einmal geborn werden, aber nit von seiner mutter, sonder von dem himmlischen gott, 42 dann im selben ist die seligkeit und nit in der mutter. Und zu gleicher weis wie der mensch von seinen eltern 43 geborn wird auf die welt, also wird er durch Christum geboren in den himmel. Und ist ein härter verstand und ein jedlicher soll ihn wohl erkennen. Ich zeig an am ersten, dass der mensch, der vollkommen sein will, soll von zweien vättern geborn werden: von eim auf die welt, vom andern auf die seligkeit. 44 Am ersten so merkent mich in dem weg: Aus dem verlassen 45 samen Adae werden geborn alle menschen. Und zu gleicher weis wie alle menschen durch Adam hie seind auf der welt –
[32] sie] sie (die juden) R. — [33] in keim] jnen kain KRS. — [34] Mk 16,16. — [35] wann] denn HM; dan KRS. — [36] andern: ‚zweiten‘. — [37] bein: ‚Gebeine‘, ‚Knochen‘. — [38] gesicht: ‚Sehsinn‘. — [39] stimm] stimb L; seyn B; syn C; sinn H; sin W. — [40] empfindlichkeit: ‚Tastsinn‘. — [41] brauch: die ‚Verrichtungen‘. — [42] gott] vatter HMS; vattern, welcher ist Christus R. — [43] eltern] alltern L. — [44] Angesprochen wird im Folgenden die neue Geburt des Menschen aus Christus (vgl. Joh 1,13; Joh 3,3–6; 2Kor 5,17; Gal 6,15; Eph 4,24; Tit 3,5; 1Petr 1,23; Kol 3,10). Dieser neue Mensch hat den alten Menschen zu überwinden (vgl. Röm 6,6; Eph 4,22; Kol 3,9), der mit seiner Erdgebundenheit von Adam abstammt. — [45] verlassen: ‚hinterlassenen‘, ‚überlieferten‘.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
also durch ein menschen – seind wir alle selig, das ist durch Christum. Auf das folgt hernach, dass ohn den Adam, das ist, ohn sein blut und fleisch, kein mensch mag auf die welt kommen. Also 46 ohn das blut und fleisch Christi mag kein mensch gen himmel kommen. Darum seind es zweierlei geburt: eine auf die welt, die ander auf die himmeln. 47 Solche zwo geburt sollt ihr also verstohn: Zu gleicher weis, wie wir von Adam auf die welt geborn werden, also werden wir von Christo in den himmel geborn in dem weg. Ein jedlicher, der da will sein ein kind Christi, so muss er darzue geborn sein, dass Christus sein vatter sei und nit anders dann durch die geburt. Also Christus ist aller seiner kinder vatter aus ursachen, dass er sie gebiehrt 48 zu der seligkeit mit blut und fleisch, also das ist die ander geburt. Christus, da er hat das nachtmahl gessen, da hat er sein fleisch und blut [291 v] sein jüngern geben zu essen und zu trinken. In diesem essen seind sie zum andern mal geborn. Das ist die ander geburt und das darum: Wie Adam von gott – zugleich 49 sein nachkommen und derselben ihr nachkommen – gesetzt ist in den samen, den menschen zu machen auf die welt mit aller notdurft, so auf die welt gebührt zu sein und zu haben, dass alles aus dem samen kommt und sonst aus nichten, also in der gestalt will Christus uns zum andern mal geborn haben, indem dass er uns sein blut und fleisch zu trinken und essen gibt, greiflich, sichtlich, materialisch, substantialisch und nit im geist. Sonder gleich als wir leiblich auf die welt geborn werden durch den samen, also werden wir leiblich durch das blut und fleisch Christi geborn in den himmel. Und welcher diese geburt nit hat, der wird nit selig, dann es ist von gott also auf uns geordnet, dass wir einmal vom samen müssen 50 geborn werden in die welt. Und so wir die geburt haben, so sollen wir noch einmal geborn werden in den himmel durch das fleisch und blut Christi, welchs wir in uns leiblich haben sollen und nit im geist, dann 51 der leib muss zum andern mal geborn werden und nicht der geist. Dann die ausweisung laut über das nachtmahl, dass Christus den jüngern geben hat ein brot, das sich däuen 52 lasst, und ein wein derglei-
[46] also: ‚ebenso‘ | also … kommen BCKW. — [47] auf die himmeln] in die hellenn BC; in den himel K; auf den himmel M; in himel RS; in die himel W. — [48] gebirt] gepürt L; gebirt HM; gebohren hat K; gebyhret R; gebehret S. — [49] zugleich] zu gebehren KSW; zu generieren R. — [50] müssen] menschen L; müssen K; mensch M; menschlich SW. — [51] dan … geist BCHKMW; fehlt LRS. — [52] däuen] däwen L: ‚verdauen‘.
B3. Liber de sacramento corporis Christi
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chen, und nichts im geist befohlen. 53 Dann in unserm leib – blut und fleisch – soll die ander geburt sein und geschehen durch Christum, wie durch den samen des menschen. 54 Und wie der samen von Adam alle menschen geboren hat, also Christus durch sein blut und fleisch dieselbigen zum andern mal geboren hat, dass 55 so sie zur seligkeit verordnet seind. 56 Und welcher nit diese geburt hat, der ist nit selig, das ist, er mag nit selig werden. Gleich als wenig als ohn ein samen ein mensch werden 57 mag, also wenig mag er ohn das fleisch und blut Christi selig werden. Dann da ist ein ursach, auf die ander geburt groß zu verstehn, 58 die ist also: Christus hat nit gewalt 59 zu erlösen andere 60 dann 61 seine kind und sonst niemands; welcher sein freund 62 ist, denselben erlöst er. Auf das ist er der vatter, der da erlöst die seinen, und die seind seine kinder, die da geborn werden zum andern mal durch sein fleisch und blut. 63 So sie das einnehmen greiflich und sichtlich 64 aus dem glauben, so wächset ihnen daraus das fleisch und blut, so zu der seligkeit dienet [292 r] und gehört. Und wie wir nach dem samen Adam unsern vatter heißen, also nun in der gestalt heißen wir Christum unsern vatter aus seinem blut und fleisch in der andern geburt. Darum wellicher zum andern mal nit geboren würd, des vatter ist Christus nit. Darum erlöst ihn Christus nit, denn er will, dass wir sein blut und fleisch nehmen für den samen zu der andern geburt, nit auf die welt, sonder zu der seligkeit. 65 Nun wie also angezeigt ist, durch was weg wir selig werden, durch den glauben und durch den tauf, 66 ist also, so 67 es geendt 68 werde, indem dass wir zum andern mal dadurch geborn werden. Das geschicht durch den glauben, in welchem ist das fleisch und blut Christi. So nun wir also geboren werden durch dasselbige nachtmahl in die seligkeit, so
[53] zum Abendmahl vgl. Mt 26,26–29 par.; 1Kor 11,23–26. Jesus verwendete richtiges Brot und richtigen Wein, die sich verdauen ließen. Daraus schließt Paracelsus, dass das Abendmahl keine geistige, sondern eine materielle Handlung war. — [54] Wie beim natürlichen Zeugungsakt durch Menschensamen soll auch die neue Geburt im materiellen Leib geschehen. — [55] dass so: ‚damit‘. — [56] Die zweite Geburt durch das Fleisch und Blut Christi verhilft den Menschen zur Seligkeit. — [57] werden mag: ‚entstehen kann‘. — [58] groß zu verstehn: ‚wichtig zu merken‘. — [59] gewalt: ‚Macht‘, ‚Möglichkeit‘. — [60] andere] annderst L; andere R; ander W. — [61] dann] alß R. — [62] freund] kind KRSW. — [63] Joh 1,12–14. — [64] sichtlich] substanzlich K; sichtiglich RSW. — [65] zum Topos von Christus als gutem Samen vgl. Mt 13,24 par.; Mt 13,37; Röm 9,8; 1Kor 15,38; 2Kor 9,10; Gal 3,16; 1Petr 1,23. — [66] Mk 16,16. — [67] so es] dz stedts R; stets SW. — [68] geendt] gehen RS: hier wohl im Sinne von ‚geendet‘, ‚vollendet‘.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
folgt der tauf darauf; nit mit wasser wie der leib ob dem taufstein, sonder das ist der tauf, dass ihn der heilig geist tauft mit allen gnaden, so eim heiligen zugebührt. 69 Es sei dann sach, dass du also geborn werdest und getauft, sonst wird keiner selig. Und so du also getauft bist und geboren, so bist du selig und erzeigst alle die frücht, die ein seliger tut und bringt. Also beschließen wir diese zwei, dass alle die reden, so da anzeigen, „tu das, so wirst du selig“, alles ein weg ist, das ist, also wirst du zum andern mal geboren, so wirst du zum andern mal getauft. Die geburt gehet 70 aus dem glauben. Aus dem glauben fließen die liebe und die hoffnung; 71 die zeigen an die frücht, so daraus gehn sollen, nit aus eignem wissen, sonder aus dem tauf, der auf die geburt gehört. Das ist der heilig geist, derselbig lernet 72 darnach, was die liebe und was die hoffnung ist, und vergebens ist es von uns, das zu ergründen und zu lernen. Darum wird keiner selig, der tauf sei dann in ihm, das ist, der heilig geist mit seinen gaben. Alsdann so bleibet dieser in Christo und Christus in ihm und durch kein andern weg. Auf das wird beschlossen, dass die speise und der trank uns das ewige leben gibt, also zu verstehn wie angezeigt ist, dann in dem essen liegt der glaub und der tauf, dann da ist die ander geburt, aus wellicher die seligen christen geboren werden. 73 Also wie nun angezeigt ist, was das sakrament ist, soll einer verstehn, dass endlich ein jedlicher damit geboren werde. Wie [292 v] aber dieselbige geburt ist, machen viel daraus mit viel zu wenigem grund. 74 Einmal muss das sein, dass wir geboren werden müeßen zum andern mal, so haben wir den glauben und den tauf; aus dem fließen hernach die frücht, die uns selig heißen 75 und uns nit selig machen, aber selig nennen. 76 Wie vormals angezeigt ist, dieweil nun die seligkeit in dem weg stehet und haben die geburt empfangen: Fallen wir, so mügen wir wieder 77 aufstehn, dann der tauf ist bei uns; der lernt uns die reu, lernt uns wider aufstehn. 78 Dieselben folgen alle aus der andern geburt, die
[69] zugebürt] zugehört BCKRW; gebühret H; gebühren M; zugehören S. Am Rand Vt de Baptismate. Zur Taufe mit dem heiligen Geist vgl. Mt 3,11 par.; Mt 3,16 par.; Joh 1,32 f.; Joh 3,5 f.; Apg 11,16; 1Kor 12,12. — [70] gehet BCHKMRSW. — [71] Anklang an 1Kor 13,13, evtl. auch Röm 15,13; 1 Thes 5,8. — [72] lernet: ‚lehrt‘. — [73] Joh 6,48–51. — [74] machen … grund: ‚Viele äußern sich zur neuen Geburt ohne richtige Begründung.‘ — [75] heißen: ‚verheißen‘. — [76] am Rand Vide Liber De poenitentia. — [77] wider BCHKMW. — [78] Die Taufe mit Wasser Johannes des Täufers war zur Buße und Umkehr bestimmt, hier von Paracelsus als „reu“ bezeichnet. Vgl. Mt 3,11; Mk 1,4 par.; Apg 2,38; 13,24; 19,4.
B3. Liber de sacramento corporis Christi
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die wurz ist, aus der die andern alle wachsen. So ist uns jetzt das nötigst, dass wir wissen, wie wir zum andern mal die geburt empfahen. Und wiewohl in dem coena 79 domini große köpfe sich gebrochen haben, seind doch nie kommen auf den grund der wahrheit; und doch viel der buchstaben gesetzt, mit übellautendem text ein verworrens gesetzt. 80 Jedoch nach der lehr Christi sollen wir nachgründen und verstehn, nichts bessern 81 oder bösern unterstohn, 82 sondern Christum in seiner meinung lassen bleiben und ihn nicht unserm 83 gedunken verkehren, 84 dann wir dürfen seiner und er nit unser. So ist das sein meinung, dass wir sein fleisch essen, sein blut trinken, also, dass in uns die ander geburt sei, welche den glauben und den tauf gibt, die zu der seligkeit dienent, aus welchem hernach fleußt, was selig anzeigt. Das ist endlich einmal der grund, 85 die wahrheit, wie sie Christus selbst redt und lernt, und nit anders erklärt mag werden noch verstanden, dann wie angezeigt ist. Dieweil nun also die ganze seligkeit aus dem nachtmahl Christi entstanden ist, indem dass renatio 86 da geben ist und erstlich 87 dasselbe nachtmahl soll und muss da sein. Zudem, der da will sein in der erlösung Christi und will sein ein kind Christi und Christum zu einem vatter haben, ist vonnöten zu wissen, wie die geburt genommen wird oder empfangen. Dann das muss beschehen und nichts anders, dafür 88 ist nichts, das mag sich keiner erwehren. Und das also: Die red Christi zeigt an, dass Christus hat seinen jüngern geben das nachtmahl, wie es dann die evangelisten beschreiben. 89 Nun ist vom tisch, teller und brot,
[79] coena domini: ‚Mahl des Herrn‘. — [80] Paracelsus spielt hier auf den Abendmahlsstreit zwischen Luther und Zwingli und deren Anhängern an. Die beiden Reformatoren trafen sich 1529 zu den Marburger Religionsgesprächen. Während Luther von der Realpräsenz Christi im Abendmahl überzeugt war, indem der wahre Leib und das wahre Blut Christi ausgeteilt werde, sah Zwingli im Abendmahl lediglich eine symbolhafte Handlung, die die Erinnerung an den Auferstandenen aufrecht erhalten sollte. Für Zwingli war Christus im Abendmahl zwar geistig, jedoch nicht materiell anwesend. Wie diese Schrift zeigt, teilte Paracelsus Luthers Auffassung der Realpräsenz Christi. — [81] bessern oder bösern] besßern oder bößern L; besser oder besem BC; zu beßern, oder bösern H; zubeßern oder zubösern M; bösern noch bessern W. — [82] Es soll nichts besserem oder schlechterem nachgelebt werden als der Lehre Christi. — [83] unserm gedunken] vnserm gedunckhen L; vnser gedencken C; nach vnsern gedancken HKM; nach vnserm geduncken W. — [84] und ihn … verkehren: ‚und ihn nicht unserm Gutdünken anpassen‘. — [85] grund: ‚Begründung‘, ‚Grundlage‘. — [86] renatio: ‚Wiedergeburt‘. — [87] erstlich] endtlich HMW: ‚zuerst‘. — [88] dafür ist nichts: ‚es gibt keinen Ersatz‘. — [89] Mt 26,26–29 par.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
dergleichen von dem andern auf dem tisch, nit zu reden; allein 90 von dem, das Christus in seine hand genommen hat [293 r] und das der mund begriffen 91 hat, dasselbig ist gewesen die ander geburt, das blut und fleisch Christi, daraus nu die christen wachsen und werden, wie aus Adam die menschen (das eines einigen verstands ist). Von dem namen sakrament ist nit zu reden, dann es gibt noch nimmt nichts. Er zeigt an, das durch ihn verstanden wird, was wir meinen, aber allein zu reden von dem blut und fleisch Christi, in welcher bedeutung dann dasselbig verstanden wird. Sollent ihr also wissen, wie wir alle geborn werden. Anfänglich ist zu wissen, dass ein jeglicher seliger oder heiliger das sakrament (das ist das fleisch und blut Christi) in der substanz nehmt: materialisch und mitnichten im geist allein. Sondern es muss in der substanz gessen und getrunken werden und nit im geist ersticken, dann da muss die substanz des sakraments sein und ohn die substanz beschicht’s nit. Und keiner ist nie selig worden, er hab denn das sakrament genossen, weder kinder noch narren, weder frau noch mann, weder also noch also, seind alle zum andern mal geborn. Dann als wenig als der mann 92 ohn den samen mag geborn werden ein mensch, also wenig mag er ohn materialische substanz die ander geburt empfahen, dann endlich die substanz muss da sein. Wie aber dasselbig ist, das merk in zween weg. Wird uns die ander geburt geben durch den heiligen geist und durch unsern geordneten 93 priester. Das verstandent wohl: Gibt es der heilig geist, so gibt er es in der substanz; 94 gibt’s der priester, er gibt’s in der substanz. Und das also zu wissen: Die kinder, die da sterben, kommen ohn das sakrament gen himmel nit, aber durch das sakrament werden sie selig. 95 Nun der priester gibt ihn nichts, denn er setzt die jahrzahl, die unbillich ist, je[90] nach allein folgt von ym, das ist L. — [91] begriffen: ‚aufgenommen‘. — [92] mann] mensch KW. — [93] geordneten: ‚ordinierten‘. — [94] am Rand u. a. lege Libros Autoris De Coena Domini xxiii. scriptos. Gemeint ist hier die Schrift «Coena Domini nostri Jesu Christi declaratio» des Paracelsus, die in NPE 8 ediert wird. Eine vorläufige Abschrift findet sich bei Daniel 2002a. — [95] Die Sorge um das Seelenheil totgeborener und damit ungetaufter Kinder spielte im Mittelalter und noch bis weit in die Neuzeit hinein ein großes Problem dar, denn ohne Taufe hatten diese Kinder keinen Zugang zur Auferstehung. Es wurde deshalb nach Lösungsmöglichkeiten dieses Dilemmas gesucht. Eine gängige Praxis war die Nottaufe durch Laien, die auch im Mutterleib mittels einer Spritze erfolgen konnte. Auch legte man das tote Kind vor ein Heiligenbild oder brachte es an einen Wallfahrtsort, damit dieses zur Spendung des Taufsakraments für einen Augenblick quasi auferweckt werden konnte.
B3. Liber de sacramento corporis Christi
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doch dem kind ist es kein nachteil, 96 dann was der priester versaumt und verwahrlost, das erfüllt der heilig geist. Auf das folgt hernach, dass der heilig geist die kinder zum andern mal regeneriert 97 und tauft. 98 Also, stirbt es in mutterleib, so ist der erste tropfen seiner nahrung, so das kind an sich genommen hat zu seines leibes notdurft, von dem heiligen geist gesegnet in das fleisch Christi zu sein und sein sakrament zu nehmen; und der erste tropf seines trunks, so sein natur in mutterleib an sich nimmt, das segnet der [293 v] heilig geist in das blut Christi. Auf das, so es dann stirbt, so ist’s selig, wiewohl es den tag lebendig nie gesehen hat, noch ist es mensch, noch hat’s der heilig geist tauft und gespeist mit dem sakrament des bluts und fleisch Christi. Darum Christus die kinder für rein anzeigt. Die reinigkeit 99 ist die seligkeit. Wird es dann geboren und stirbt vor der zeit seiner vernunft,100 das ist seines eingebens vom priester, so gibt ihm der heilig geist in dem letzten bissen und trunk das sakrament, das du für ein gemeine speis achtest, ohn ihr anzeigung. Also empfacht das kind das heilig sakrament – fleisch und blut Christi – vom heiligen geist; der versaumt nichts. Weit sei der vom evangelio und vom glauben, der da sagt, die kind fahren in ein besondern 101 himmel.102 Alles wider den glauben! Die kinder seind selig. Der heilig geist regeneriert 103 sie und tauft sie von stund an, dass sie witziger 104 werden als alle die alten, die auf der welt seind. Dann da ist kein besonderer himmel als nur ein himmel, ein stall, da müeßen wir alle hinein, dann durch die regenerierung 105 und tauf beschicht das. Also alle die, so in den himmel fahren und kommen, das ist alle heiligen und seligen, empfahen das sakrament vom heiligen geist in der substanz, die sie selbst in der hand haben und das nit erkennen. Das ist die ander geburt, das ist das sakrament, das uns das ewig leben gibt. Das sollen wir begehren, so oft wir essen, so oft wir trinken, ein benedicite 106 sprechen, nit dass viel auf den tisch komme, sonder dass uns das [96] Es ist nicht klar, was Paracelsus unter „jahrzahl“ versteht. Eine Möglichkeit wäre das Geburtsdatum, das der Priester den Umständen entsprechend willkürlich festsetzt, oder dann eine Jahrzeit oder Seelenmesse, um dem Kind noch Rettung zu bieten. — [97] regeneriert] ernewert BC; new macht K. — [98] Um getauft zu werden, muss das tote Kind zunächst regeneriert oder auferweckt werden. — [99] reinigkeit: ‚Reinheit‘. — [100] vernunft] nottdurfft H. — [101] besondern: ‚speziellen‘, ‚abgesonderten‘. — [102] Es war ein verbreiteter Glaube, dass ungetaufte Kinder in den „limbus puerorum“ kamen, eine Art Vorhölle, aus der es für alle Zeiten kein zurück gab. — [103] regeneriert] regiert BCK. — [104] witziger: ‚klüger‘, ‚weiser‘. — [105] regenerierung] regierung BC; wiedergeburt K; regeneration W. — [106] benedicite: Bitte um den Segen Gottes] benedictiae L; benedicite BCHM; gebeth K.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
blut und fleisch Christi sei zu dem ewigen leben, ohn welchs wir nit mügen gen himmel kommen. Das ist der priester an gottes statt, heißt spiritus sanctus: Der ist der, der uns das sakrament gibt, der uns tauft; das ist der, der uns gen himmel den weg zeigt; das ist der, der uns aufhebt, wenn wir fallen; der ist es allein und kein anderer. Der ist auf der welt vicarius 107 Christi, der verbringt 108 die statt 109 Christi, der ist uns zugeben,110 der ist statthalter, der ist das liecht, der weg und die wahrheit,111 das uns scheint, das uns leucht. Wellicher will selig werden, der lass sich denn zum andern mal gebären, täufen.112 Das ist der brunn,113 aus dem der tauf gehet, das ist der chrisem 114 und nichts anders. Und wie Christus in eigner person den jüngern das sakrament selber geben hat, also an seiner statt gibt’s uns der heilig geist weiter allein,115 solang die welt stehet, die des begehrn.116 [294 r] Und wie die kinder getauft werden in mutterleib, also werden die alten, großen getauft, gespeist und getränket 117 mit dem fleisch und blut Christi ohn ihr selbst wissen und erkennen, im glauben, vertrauen. Und der ander weg durch den priester ist nit das sakrament, das uns gen himmel bringt, sonder er gibt’s allein in die gedächtnus Christi.118 Es ist der wahre leib Christi und das wahre blut Christi, aber nit zu der andern gebärung. Allein in die gedächtnus Christi geschicht das und empfahen wir das. Und wiewohl wir das empfahen alle jahr, alle quatember,119 alle monat, noch mügen wir verdammt werden. Was ist die ursach, dass uns der heilig geist nit regeneriert 120 hat mit seiner gewalt, mit seim fleisch und blut Christi, das er im gewalt hat. Welcher dasselbig empfacht, der wird nimmer verdammt. Dasselbig ist das sakrament, dem wir nachstellen sollen. Das ander ist allein die gedächtnus Christi, das gibt der priester, aber den tauf nit, aber den glauben nit. Dasselbige ist allein im sakrament, so wir vom heiligen geist empfahen.
[107] vicarius: ‚Vertreter‘. — [108] verbringt] vollbringt M: ‚nimmt ein‘. — [109] statt: ‚Stelle‘. — [110] zugeben] zugegeben K. — [111] Joh 14,6. — [112] Joh 3,3.5. — [113] brunn] bronn L; brun BCHK; brunnen M; baum W. — [114] chrisem] der wisam B; der crisam CK; Christus HM; Christen W: ‚Chrisam‘, ‚Salböl‘. — [115] allein] allen CK; fehlt HM. — [116] Joh 14,16.26; 15,26; 16,7. — [117] getränket] getrinckht L; getrencket HKMW. — [118] zum Abendmahl als Gedenken an Jesus Christus vgl. Lk 22,19 f.; 1Kor 11,23–25; 2Tim 2,8. — [119] Die Quatember sind die drei Fasttage Mittwoch, Freitag und Samstag, die nach den kirchlichen Festen Pfingsten, Kreuzerhöhung (14. September), Sankt-Lucia-Tag (13. Dezember) und dem ersten Fastensonntag stattfinden. — [120] regenerirt] regiert BK.
B3. Liber de sacramento corporis Christi
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Wie nun angezeigt ist, dass zweierlei sakramentnehmung 121 sei, eins zu dem ewigen leben, das ander zu dem gedächtnus Christi: das erste wird vom heiligen geist geben in allen menschen, das ander vom priester, wie ihn die leut ordnen.122 Da wird erfunden, dass was zu der seligkeit dient, durch den heiligen geist uns geben wird, und was zu der gedächtnus gehört, durch den priester von uns geordnet. So hat nun Christus geredt zu den jüngern: „Nehmt hin, das ist mein fleisch, nehmt hin, das ist mein blut.“ 123 Wie nun er das geredt hat zu seinen jüngern, also an seiner statt ist der heilig geist, der es allen christen gibt, die von dem blut hie seind, deren vatter und mutter in dem namen des herren gestorben seind und sterben werden. Was er aber den jüngern befohlen hat, auch also zu geben, dasselbig beschicht nur zu einer gedächtnus dies nachtmahls, nach dem leib und blut zu verstohn, und nit in solcher kraft, als es Christus geben hat. Der hat’s geben mit leib und blut zu der ewigen seligkeit, des statthalter allein der heilig geist ist, also auszuteilen inmaßen wie Christus. Aber er hat befohlen den zwelf botten,124 solches zu begehen in seiner gedächtnus,125 aber nit den einnehmenden zu der seligkeit, sonder allein in die gedächtnus. Darum gehet die geburt zum andern mal vom heiligen geist und nit [294 v] vom priester; derselbige 126 tauft in die seligkeit, der priester nur in die gedächtnus des taufs. Das wir verstehn sollen: Wie der priester im leib die gedächtnus braucht, das der heilig geist im sakrament braucht zu der seligkeit.127 Darum ein christ allein in dem heiligen geist solchs suchen soll und nichts im priester, dann in ihm ist nichts anders, denn die gedächtnus zu erzeigen, aus welcher nichts folget, dann betrachtung vom auswendigen. Auf das ist zu verstohn, dass alle die ordnung, so wir gebrauchen in der gedächtnus, zu einer gedächtnus bleiben sollen. So sie aber gezogen werden, zu der seligkeit zu bringen, das ein irrsal ist. Ist alles zum irrsal und zu der verdammnus bereit, dann der heilig geist soll gesucht werden in dem und nit der priester.128 Darum vergebens ist
[121] nehmung] nembung L; meinung BC; ordnung H; notwendig W. — [122] ordnen: ‚ordinieren‘. — [123] Mt 26,26–28 par. — [124] botten: ‚Apostel‘. — [125] Lk 22,19 f. — [126] derselbige] derselbige heilige geist H; derselbe (das ist der heilige geist) M. — [127] wie … seligkeit: ‚Die priesterliche Abendmahlsspendung erinnert den irdischen Leib an Christus, während das vom heiligen Geist verliehene Sakrament zur Seligkeit dient.‘ — [128] so sie … priester: ‚Wenn der Priester dazu dienen soll, durch die Spendung der Sakrament die Seligkeit zu verleihen, was an sich ein Irrtum ist, so ist alles ein Irrtum und führt zur Verdammnis. Darum soll die Seligkeit im heiligen Geist gesucht werden und nicht im Priester.‘
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
zu beschreiben, wie oft, wie gestalt, mit was züchten,129 mit was gebärden 130 das empfangen soll werden und mit was reuen,131 dann da ist kein seligkeit vom priester zu erwarten, das aus seiner hand kommt. Darum gilt’s gleich wie es beschicht mit einer andacht, dann es ist ein gedächtnus allein, die doch soll mit züchten geschehen, aber keine seligkeit darin ersucht werden. Welcher aber darinnen ein seligkeit ersucht, der nimmt’s ihm zu der ewigen verdammnus, dann da ist der tauf nit, der da zeigt den weg zu der seligkeit. Und wie alle sachen betracht werden, so ist das nötigest zu wissen, dass der glaub und der tauf da sein soll.132 Nun ist da keins nit vom priester, denn ein menschlich blödigkeit, die ein narrheit 133 vor gott ist und ohn allen nutz. Was aber vor gott ein ansehen will haben, das muss aus dem heiligen geist herfließen inmaßen wie angezeigt ist. Auf das folgt, dass nit zu bauen ist in die menschen und viel unrue 134 anzufahen vonwegen der sakramentnießung, sonder auf das ist zue merken, dass dasselbig vom heiligen geist geben wird, so oft wir das begehren und nit mit der fastung, nit mit der beicht und dergleichen, sondern im glauben, der gegen dem heiligen geist solches erlanget, und auf das uns das sakrament gibt und tauft uns. Dieser wird selig. Wann 135 der punkten ist allein zu merken, dann der da glaubt und tauft wird, der wird selig.136 In der ursachen: Glaubt er, so regeneriert 137 ihn der heilig geist also, dass er ihm das sakrament Christi mit fleisch und blut gibt und tauft ihn mit allen früchten dazu. Das ist der weg zu der seligkeit, welcher in dem weg nit ist. So er fällt, so stehet er nit wieder auf. Für [295 r] nichten seind die kriege,138 die da sagen, das sakrament zu nehmen in einer oder zweier 139 gestalt, dann es ist nit zu der seligkeit, nur zu der gedächtnus. Zu der verdammnus gehent die alle, welche ihr hoffnung der seligkeit darein also setzen, machen aus der gedächtnus ein weg der seligkeit, verlassen sich also darauf. Vermeinen, so sie fasten, so sie beichten, so sie darnach zu dem sakrament gehnt, so fahren’s gen himmel.140 Das ist eingenommen zu der ewigen verdammnus, dann das soll von dem heiligen geist besche-
[129] züchten: ‚Gesinnungen‘, ‚Anstand‘. — [130] gebärden: ‚Haltungen‘. — [131] reuen] rheuen L; bauwenn BC; wuen W: ‚Bußen‘, ‚Reumutsbezeugungen‘. — [132] nach soll folgt vom heiligen geist gegeben und empfangen K. — [133] narrheit] warheit B. — [134] unrue: ‚Unruhe‘. — [135] wann: ‚denn‘. — [136] Mk 16,16. — [137] regeneriert] regiert BC; wieder gebiert K. — [138] kriege: ‚Auseinandersetzungen‘, ‚Streitigkeiten‘. — [139] zweier] zweyer L; zweierlei BHM; jn zweyer C; einem W. — [140] nach himmel folgt (ja wie die kuh jnns meußloch) H.
B3. Liber de sacramento corporis Christi
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hen und von ihm gewahrt 141 werden und von keinem menschen. Derselbige 142 speist und trinkt die narren, die toren, die unsinnigen, die unweisen, die von Christi blut geboren seind, der 143 füert sie in die ewige seligkeit. Darumben so das der pfaff nit vermag, so ist nichts zu suchen aus seiner hand, dann er begehet nur die gedächtnus des, das der heilig geist vollkommen verbringt.144 Also hält’s das neu testament in,145 dann im alten testament haben sie nur die figurn 146 braucht, das wir gedächtnus heißen, und die alten figuren des alten testaments und die gedächtnus des neuen testaments ist ein 147 ding und werden mit gleicher 148 waag begabt.149 Das ist, sie seind beide nur ein anzeigung, das erst im alten testament eines zukünftigen, das im neuen testament des vergangnen,150 und keintweders 151 dienet zu der seligkeit, seind beide vergebens. Aber das, das der heilig geist wirkt, auf welches beide testament figurieren 152 und recordieren,153 dasselbig ist der grund der seligkeit, da muss der brunn gesucht werden und sonst in nichten, dann durch ihn werden alle sünd vergeben. Das ist recht zum andern mal geboren, so wir vom 154 leib kommen und leben im wort gottes. Das ist die ursach, darum gott zu uns ist kommen, dass er uns sein leib, blut und fleisch gibt, also gleich als der samen Adae in uns ist; dass also sein blut und fleisch in uns als ein samen sei, darum wir mit ihm als mit eim lebendigen menschen gespeist sollen werden und nit tot. Sonder in gleicher weis, wie er dasselbig im nachtmahl geben hat, dergleichen sollen wir ihn nehmen. Dann darum seind wir seine kinder, dass er unser vatter ist, indem dass er uns geborn hat zum andern mal wie Adam zum ersten mal. Und wie uns Adam durch den samen geboren hat, also ist das fleisch und blut Christi der samen Christi in uns, [295 v] durch den wir
[141] gewahrt] gewardt L; gewarttet HM: ‚bewahrt‘, ‚gehütet‘, ‚geschützt‘, ‚wahrgenommen‘. — [142] derselbige: der Mensch oder Priester] oder pfaffen, derselbe pfaff H; derselbige (das ist spiritus sanctus) M. — [143] der: der heilige Geist. — [144] verbringt] volbringt HKM. — [145] hält’s … in: ‚einhalten‘. — [146] figurn: ‚Bilder‘, ‚Symbole‘, ‚Wahrzeichen‘. — [147] ein ding] ein dinng L; in dem BCHMW. — [148] gleicher waag: ‚gleichem Maß‘] gleicher wag L; gleichem weg BC; gleicher wage HM. — [149] werden … begabt: ‚wird die gleiche Bedeutung zugemessen‘. — [150] Die zuerst da gewesenen Symbolhandlungen des Alten Testaments weisen auf das Zukünftige hin, jene des Neuen Testaments erinnern an das Vergangene. — [151] keintweders Konj.: ‚keines von beiden‘] yedtweders L; entweders BCW; eintweder HK; entweder M. — [152] figurieren: ‚versinnbildlichen‘. — [153] recordieren: ‚daran erinnern‘. — [154] vom leib kommen: ‚vom leib absehen‘, auch ‚sterben‘.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
kommen zu der seligkeit, dass wir zu der seligkeit erstehn 155 sollen durch den heiligen geist. Und verachten alle die, so uns das wöllen zustellen 156 aus eignem gewalt, die aus der gedächtnus ein seligkeit wöllen machen. Das ist allein der glaub, dass Christus unser vatter sei, wie angezeigt ist, und als ein vatter uns erlöst. Und wiewohl viel noch von solchem zu mehrer 157 erklärung zu schreiben not wär, was abgeht 158 in diesem libell, dasselbig sollt ihr suchen in den paramirischen geschriften,159 da ihr ersättigt werdt. Desgleichen haben 160 wir euch parasagia 161 gemacht,162 darin ihr die magnalia 163 finden werdent, mit was auslegung sie verstanden werden. Auf das beschließen wir hie in diesem libell, in dem punkten, dass wir uns nit zumessen 164 sollen, dass wir die seind, das der heilig geist ist, und was wir tunt, dass nur ein gedächtnus ist, die nit mehr bedeut, denn wie ein schatt an der wand, durch welchen schatten der mensch verstanden wird.165 Und ist ein harter verstand, dann die red ist auch hart,166 darum ihr in den paramirischen geschriften ferner erleucht werdt. Und also damit enden zu dieser collation.167
[155] erstehn: ‚auferstehen‘, ‚entfalten‘. — [156] zustellen: ‚verleihen‘. — [157] mehrer: ‚weiterer‘. — [158] abgeht: ‚fehlt‘. — [159] Mit „paramirischen geschriften“ könnten das «Volumen medicinae paramirum» (SW 1,163–239; HW 1,1–65; 5,136– 139), das «Opus paramirum» (SW 9,37–248; HW 1,67–237; 5,140–150; 5,306–308; 5,320–322) oder beide gemeint sein. — [160] haben fehlt M. — [161] parasagia] paragirica BC; paragagoten W; fehlt K mit Auslassungszeichen. — [162] Angesichts der Unsicherheit in der Textüberlieferung könnte der Ausdruck „parasagia“, der sich sonst nirgends bei Paracelsus findet, eine falsche Lesung sein für „paragrana“ und damit auf das «Opus paragranum» (1529/30; SW 8,31–125; 8,133–221; HW 2,5–141; 5,133–135; 5,161–185) hinweisen. Mit einiger Sicherheit weist die gleichzeitige Nennung von „paramirischen Geschriften“ und „parasagia“ auf die sog. „para-Zeit“ um 1530 hin, als neben dem Psalmenkommentar auch noch das «Opus paramirum» (1531) entstand, vgl. Goldammer 1952a, 15. Weniger wahrscheinlich ist die Deutung der „parasagia“ als eine Kurzbezeichnung für die «Astronomia magna oder die gantze philosophia sagax der grossen vnd kleinen welt» (1538; SW 12,1–444; HW 10,1–397). — [163] magnalia: die Wunderwerke Gottes oder der Natur, eine von Paracelsus oft gebrauchte Wendung. — [164] zumessen: ‚anmaßen‘, ‚in Anspruch nehmen‘. — [165] Anspielung auf Platons Höhlengleichnis. — [166] Joh 6,60. ‚Das sind harte und deutliche Worte, die auch schwer zu verstehen sind.‘ — [167] collation: ‚Vergleich‘.
B4. Liber de iustitia
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B4. Liber de iustitia Von der Gerechtigkeit [425 r] 1 So der grund 2 der gerechtigkeit betracht und gehalten soll werden, soll ein jeglicher wissen, dass derselbig inwendig soll gesucht werden und nit auswendig, dann alle gerechtigkeit der menschen sollen inwendig sein und nit auswendig. Also welcher die gerechtigkeit bricht, der bricht sie inwendig. Dieweil nun also die gerechtigkeit inwendig liegt, das ist im herzen und nit auswendig als mit dem leib, sollen wir endlich verstehen, in was weg das zu erkennen sei. Im glauben steht die gerechtigkeit, und welcher nachfolgt dem glauben, der folget nach der gerechtigkeit, dann der glaub ist auf die gerechtigkeit gesetzt und nit auf die auswendige gesetz. 3 Also, dass die gesetz, die auswendig seind, die betreffen die gerechtigkeit nit, 4 wann 5 alle gesetz stehn 6 auf dem leib und nit auf das inwendig. 7 Darum im gesetz kein gerechtigkeit ist, allein ein ordnung des leibs, nichts betreffends 8 zur seligkeit. Das ist die gerechtigkeit, dass wir recht glauben. Das ist ein gesetz, dass wir recht ordnung füeren. Wo die gerechtigkeit ist, da ist kein gesetz. Desgleichen, wa 9 das gesetz ist, da ist nit gerechtigkeit noch der glauben, dann alle gerechtigkeit kommt aus dem glauben und steht im glauben und nichts im leib. „Du sollt gott lieb haben“ und „in ein gott glauben“,10 das seind gebott und gesatz, die machen nit selig, wie sie an ihn selbs seind.11 Aber die lieb, so du hast, und der glaub so du hast, die machen dich selig und nit die gehorsamkeit 12 der gebott, dann es geht nur in leib und in den leiblichen verstand. Willt du aber gott lieb haben, so musst du aus dem herzen ihn lieb haben und glauben von grund, das ist jetz inwendig.
[1] L: L 1 425 r–430 r; G: GE 2,153–163. — [2] grund: ‚Grundlage‘, ‚Fundament‘. — [3] zu der durch den Glauben zu erlangenden Gerechtigkeit bei Paulus vgl. Röm 1,17; 3,22–28; 4,7.16; 5,1; 9,30; 10,6; Gal 2,16; 3,8.24; 5,5; Phil 3,9; vgl. zudem Hebr 11,17. — [4] Röm 3,28. — [5] wann: ‚denn‘. — [6] stehn: ‚gründen‘. — [7] Mit Gesetzen und Geboten meint Paracelsus insbesondere auch die zehn Gebote, vgl. Ex 20,1–17, Dtn 5,6–21. — [8] betreffends] becräfftens L: ‚Betreffendes‘. — [9] wa: ‚wo‘. — [10] Ex 20,2 f.; Dtn 6,5; Mt 22,37 par. — [11] So wie die Gesetze gestaltet sind, machen sie nicht selig. — [12] gehorsamkeit der gebott: ‚Gehorsamkeit gegenüber den Geboten‘.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
Christus ist kommen zu erfüllen das gesetz und dasselbig nit zu zerbrechen,13 sonder ganz zu machen.14 Du musst ihn aber also verstehn: Das gesatz ist gegeben von gott dem vatter und alle gebott von ihm hie seind. Nun machen die alle nit selig, halt es wie du willt nach art eins gebotts, [425 v] wann die haltung liegt nur im leib und nit inwendig. Aber Christus erfüllet das gesatz, also er weißt das inwendig zu gebrauchen. Als 15 „du sollt nit ehebrechen“,16 das ist ein gebott und ein gesatz und ein ordnung. Und halt das wie du willt, wann 17 du nicht inwendig im herzen solches hältst, so ist es nit selig. Aber Christus erfüllet das, also dass du aus dem glauben solches nit tust und nit von wegen des gesatz, dann das gesatz ist nur ein anzeigung, aber kein seligkeit. Darum uf das, willt du ein vollkommner ehemann sein, so muss die ehe von herzen gehn, aus der wurz des glaubens, dass du nit wöllest dein ehe brechen noch begehrest. Und wenn du deinem begehrn widerstehest, so bist du im glauben. Dann wie die gehorsamkeit im leib das gesatz hält, also hält das begehren den glauben. Auf das folget hernach, dass im gesatz kein grund ist, allein in der gerechtigkeit; die liegt im herzen, das ist im glauben. Aus der ursach hat Christus das gesatz erfüllet, das ist, er hat’s in die gerechtigkeit gebracht, also dass aus dem glauben beschehen soll und nit allein aus gehorsamkeit des gebotts. Dann in der gehorsamkeit liegt kein seligkeit, ist all ein abweg, von der seligkeit zu füeren; dann die gehorsamkeit geht nur zu vollbringung der gebott, in welchen ein lehr ist und kein völle 18 zum glauben. Und welcher aber will zu der seligkeit, der verlass die gehorsamkeit und die gebott und gang die erfüllung 19 der seligen, 20 das ist im glauben. So kommt ihm das ander selber, 21 und was ihm not ist, aus der gerechtigkeit und nit aus dem leiblichen verstand und gehorsamkeit des leibs, sonder muss alles aus dem glauben herausfließen. 22 Das ist iustitia. 23 Der jüngling, der zu Christo kam, der ihn fraget, was er tun sollt, dass er behalten 24 oder selig würde. 25 Da wies ihne Christus an die gebott, was er halten sollt, so würd er selig. Da sagt er zu Christo, er
[13] zerbrechen: ‚aufzulösen‘. — [14] Mt 5,17; vgl. auch Röm 5,12–21. — [15] als: ‚zum Beispiel‘. — [16] Ex 20,17; Dtn 5,18. — [17] wann … heltst G; fehlt L. — [18] völle: ‚Fülle‘. — [19] erfüllung: ‚Weg der Erfüllung‘. — [20] Anspielung auf die Seligpreisungen der Bergpredigt, vgl. Mt 5,3–12. — [21] selber G] stückh (stille) L. — [22] Mt 6,33. — [23] Mt 5,20: „dico enim vobis quia nisi abundaverit iustitia vestra“, VlgSt. — [24] behalten: ‚errettet‘. — [25] zum fragenden Jüngling vgl. Mt 19,16–22 par.
B4. Liber de iustitia
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hätt’s alles gehalten von kindheit auf bis auf die stund. Nun ließ Christus nit also stehn, also dass er nichts gebrochen hätt, sonder es gang ihm noch eins ab, dass er sollt verkaufen alle seine güter und das gut armen geben [426 r] und ihm folgen. Auf das merket, was der glaub und die lieb sei gegen dem gebott und gehorsamkeit. Der jung mann wollt’s nit tun. Auf das Christus ihm den himmel nit verhieß, gott geb, 26 wie er in dem gebott sollt sein, sonder Christus warnet ihne. Das sollt du wohl verstehn: Also Christus hieß ihn ihme nachfolgen, das ist in den glauben zu gehn und aus dem glauben heraus solche ding beweisen und nit aus dem leib. Ehe er aber wollt in den glauben treten, ehe wollt er verdammt werden. Sein gut wollt er nit hingeben, welches ein hinderung ist zu der seligkeit, in der gestalt, dass der glaub nit dulden mag zeitliche 27 sorg, sonder ein frei vertrauen in gott, welches der gemeldt 28 jüngling nit tun wollt. Bleibt also in der gehorsamkeit, durch die er verdammt ward und verfüeret. Wie nun also der ganz grund der seligkeit im glauben stehet, also dass in ihm die gerechtigkeit ist und nit in den gebotten, setz ich euch ein exempel zu erkennen, was die gerechtigkeit sei bei dem gröbesten. Das ist kein gerechtigkeit, so man ein mörder vonwegen des mords radbrecht. 29 Es ist ein gesatz und kein gerechtigkeit, es soll auch für kein gerechtigkeit erkennt werden. Das ist aber die gerechtigkeit, dass derselbig mörder in den glauben gebracht werde, aus wellichem ihm fleußt die reu und buß: im glauben und nit im leib. Dieser stirbt als ein gerechter. Und so er schon das rad übersteht und erleidt’s, noch ist die gerechtigkeit nit darinnen, kein bueß, kein reu. Allein was inwendig beschicht, dasselbig ist die gerechtigkeit. Das ander ist die erfüllung des gesetz nach dem menschen, das ist aber die erfüllung der gerechtigkeit nach dem glauben. Das ist allein die gerechtigkeit, die gnugsam ist und erfüllet 30 die übeltat, welches der leib nit vermag, allein der geist. Und leide der leib was er wöll, ist alles umsonst, allein der glaub muss tun, der muss alles tun. Nun ist das auch also, dass die schrift sagt, „allein der gerecht wird selig“, 31 und setzt in viel orten allein auf die gerechtigkeit. 32 Das ist [26] geb: ‚gebe vor‘. — [27] zeitliche sorg: ‚Sorgen des Alltags‘. — [28] gemeldt: ‚genannte‘. — [29] radbrecht: ‚aufs Rad flicht‘. Das Rädern oder Radebrechen war eine besonders harte Art der Todesstrafe, bei der die Glieder des Verurteilten gebrochen und dann auf ein Wagenrad geflochten wurden. — [30] erfüllet: hier ‚kommt gerecht‘. — [31] Röm 4,7; vgl. auch Mt 5,6.10; Lk 14,14. — [32] zur Frage der Gerechtigkeit vgl. Hiob 4,17; 17,9; 36,7; Ps 37,17; Mt 13,43.49; insbesondere Röm 3–8.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
wahr, [426 v] aber die gerechtigkeit muss nit in gehorsamkeit der gebott durch den leib gebraucht werden, sonder es muss von innen heraus kommen, so ist der gerecht. Das ist, er hat den rechten weg für ihm, glaubt er allein. 33 Der aus der leibs kräft solches enden 34 und vollbringen will, so ist er ungerecht. Darum wird der gerecht behalten und der ungerecht nit, dann der ist allein gerecht, der von innen heraus die vollbringt, und der ist ungerecht, der von außen die vollbringt. Und wie die geschrift sagt, dass der gerecht kann behalten werden, so gedenkt bei euch, wie mag dann der ungerecht behalten werden, der im leib allein liegt? Solche exempel sollt ihr verstehn, allein auf den grund, dass ihr nit achten sollt, so einer verbrinnt wird, 35 gebüeßet habe; und die gerechtigkeit bestanden sie mitnichten nit. Das gesatz ist wohl nach des menschen weis erfüllt, aber die gerechtigkeit noch nit. Dieselbig muss darzue kommen, dass der übeltäter im glauben herfürstreiche und nichts achte auf die leibliche pein, 36 sonder die gerechtigkeit im geist suche, 37 denselbigen zu der reu zu bringen. Alsdann ist er ein gerechter, nit dass er gerecht sei gewesen oder sei in sein übeltaten, sonder im glauben, wann 38 nichts wird auf die werk gelegt. Keiner ist ungerecht, darum dass er stiehlet, darum dass er mördt, darum dass er ein ehebrecher ist und dergleichen, wann das seind leibliche stück, die der leib vollbringt. Aber aus der ursach ist er ungerecht, dass er wider den glauben und liebe gottes tut und seinen nächsten. Die tat urteilt 39 ihn nur außen, nichts inwendig. Auf das wissent, dass er gerecht vor gott stehet, dass er im geist solches geton hat und gebrochen, darum muss er sich im geist wieder gerecht machen. Also nicht, dass er gnug tue und dass ich sprechen möge, „ich weiß, dass ich erlediget 40 bin von gott“, sondern also, dass er vom unglauben weiche und in glauben komme, reu und leid sein lebenlang zu gebrauchen ohn aufhören. Dann das ist der gerecht nicht, dass er sich gerecht heißen möge, sondern der weg ist gerecht, in dem er ist. 41 Und verharret er uf dem, [427 r] so stirbt er als ein gerechter, dann kein mensch ist gerecht an ihm selbst, allein dass er schaue, dass er gerecht sei im weg, darvon nit weiche. So wird er gerecht erkennet, indem dass er im rechten weg gehet. [33] er … allein: ‚er braucht nur zu glauben, so hat er den rechten weg vor sich‘. — [34] enden: ‚vollenden‘. — [35] 1Kor 13,3. — [36] pein: ‚Schmerzen‘, hier auch ‚Strafe‘. — [37] suche G] seehe L. — [38] wann: ‚denn‘. — [39] urteilt: ‚verurteilt‘. — [40] erlediget: ‚von Schuld befreit‘. — [41] zum gerechten Weg vgl. Ps 1,6; 145,17; Spr 8,20; Hos 14,10; 2Petr 2,15.21; Offb 15,3.
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Auf das endlich zu wissen ist und zu erkennen, dass iustitia der weg ist zur seligkeit. Wellicher darin gehet, der ist iustus. 42 Und ob er schon ein sünder ist, so ist er doch in dem weg. So er darinnen fällt, so mag er wieder aufstehn, das der ungerecht im leib nit tun mag. Eine verfüerung ist im neuen testament, welliche aus dem alten entspringt und genommen ist, und ist die, dass die im alten testament die gerechtigkeit nit gehabt, allein die gesatz. Auf wellichen sie gewaltig gelegen seind, dieselbigen wohl herfür zu suchen auswendig, und haben inwendig nichts betracht, allein den leib für gnugsam gesetzt zu aller seligkeit zu sein, die zu gewinnen. Ein solches ist im neuen testament auch im brauch geordnet, dass allein die gesatz erhalten werden und bezwungen, aber nit der glaub, der inwendig ist, nur das auswendig. Die gebott des neuen testaments, die obristen, lauten nur auf gleißnerische 43 werk 44 wie in dem alten testament; und also geacht, 45 welcher den leib zeucht 46 nach dem gesatz, der sei ein kind der seligkeit. Nun ist allein Christus ein vatter der seligkeit und nit der mensch. Wie mag einer dann in der seligkeit sein, so er ein andern vatter hat, welcher selbst nit selig ist? Das ist auf das geredt, dass wir müeßen all unsere güter verlassen und sie armen leuten geben und Christo nachfolgen. 47 Wo bleibt dann der ornat, wo bleiben die infäl, 48 stäb, 49 seidenhosen, gulden stück, 50 wo pfaffen und ander dergleichen? So Christus heißt das alles verkaufen, nun wie kann dann euer einer das gebott erfüllen, da ihr sagt, vom opfer geben und dergleichen? Dieweil es also verkauft ist und nichts mehr da ist, also verstahnt 51 das im grund, dass euere sachen, so ihr aus dem irrsal des alten testaments genommen habt, zu der ewigen verdammnus ist. 52 Dann Christus hat’s [427 v] dem jünger nit wöllen zugeben, 53 dass er das behielt, er hat’s auch nit wöllen haben, er hat’s auch nit heißen anlegen allein armen leuten. 54 In dem spruch suchent die seligkeit, ihr herren in allen ständen, dass ihr von euch gebt euere güeter und folgent Christo nach, sonst ist endlich bei euch kein seligkeit. Stehent im gesatz wie stark ihr wöllent, wie gehorsam ihr wöllent, wie fromm ihr wöllent, ist alles nur ein irrsal, sonder in gott,
[42] iustus: ‚gerecht‘. — [43] gleißnerische: ‚heuchlerische‘. — [44] Mt 6,16. — [45] und also geacht: ‚und sie meinten‘. — [46] zeucht: hier ‚erzieht‘. — [47] Mt 19,21 par. — [48] infäl] ynfal L: ‚Infula‘, ‚Bischofsmütze‘. — [49] stäb: Hirtenstäbe der Bischöfe und Äbte. — [50] gulden stück: Goldschmuck, goldene Halsketten. — [51] verstahnt: ‚versteht‘. — [52] Der Klerus hat Bräuche aus dem Alten Testament übernommen, die nicht zur Seligkeit, sondern zur Verdammnis führen. — [53] zugeben: ‚erlauben‘. — [54] Mt 19,21 par.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
in die wurzen des glaubens, das ist in den weg Christi, dass ihr inwendig lebt und nit auswendig. Dann so ihr das recht werdt 55 betrachten, so findet ihr, dass ihr seid, die Christus in allen evangelien verwürft und auf euch allein redt als auf die irrigen, die allein in werken liegen und im apparat 56 und nit in verkaufen der güter, das ist in verkaufen solcher apostitzlerei. 57 Dann wenn ihr euere güter verkaufent, so mögen ihr solche abeteur 58 und possen nimmer wissen. Also hätt 59 ihr dann nit mehr dann ein weg: Das ist der weg der armen, der keins guts bedarf, der keins ornats bedarf, der keiner glori 60 bedarf; das ist der glaub. Alsdann seind ihr in der gerechtigkeit, das ist in dem gerechten weg und werdet die gerechten geheißen; also 61 heißen ihr publicanen 62 und hypokriten, 63 seind unzeitiger namen zween. 64 Ein punkt ist zu merken, dass ein jeglicher sich selbs gerecht hält, dann keiner kann den andern gerecht machen. Darum so seind gesatz für nichten, 65 dann sie machen niemands gerecht. So einer schon gehorsam ist, so ist es 66 ein gehorsam aus forcht. Also auch so er schon gehorsam ist, so ist kein frucht darinnen, wann es ist nur ein gesatz des leibs, macht keinen selig, halt’s wie streng er woll. Aber die gerechtigkeit macht selig, wann es ist der glaub, wann es ist Christus selbst. Derselbig ist allein der gerecht, in wellichen die gerechten wandern sollen; und ist darum gerecht, dass er in der wahrheit ist blieben und nit geschwächt, 67 wann die gerechtigkeit ist allein die wahrheit. Welcher in der wahrheit ist, der ist in der gerechtigkeit. Auf das merkent, dass die wahrheit von herzen gehet und [428 r] nit vom leib, dann der leib ist ihr nit gewaltig. 68 Nun dieweil in diesen stücken die seligkeit ist, so hat keiner dem andern zu gebieten. „Bis 69 also, tu das, tue dies, du kommst sonst nit gen himmel.“ Solches seind alles irrsal 70 und abweg von 71 der seligkeit. Dann 72
[55] werdt: ‚werdet‘. — [56] die Christus … apparat: ‚die Christus in allen Evangelien verurteilt, und er spricht euch an, die irrenden, die ihr nur auf die Werke und Äußerlichkeiten schaut‘. — [57] apostitzlerei: unklare Bedeutung, evtl. ‚unnötige Dinge‘, evtl. ‚Apostasie‘ (Abtrünnigkeit, Irrlehre, Aberglauben). — [58] abeteur: ‚Abenteuer‘. — [59] hätt: ‚hättet‘. — [60] glori: ‚weltliche Ehre‘, ‚menschlicher Ruhm‘. — [61] also: hier ‚ansonsten‘. — [62] publicanen: ‚Zöllner‘] Jmplecen L ohne Sinn; publicani, publicanen G; vgl. Mt 5,46 f. — [63] hypokriten: ‚Heuchler‘; vgl. Mt 6,2.5.16; 7,5 par.; 15,7; 16,3; 22,18; 23,13–15.23.29; Lk 11,44; 12,56; 13,15. — [64] seind … zween: ‚das sind zwei Namen der Ungerechten‘. — [65] nichten: ‚nichts‘, ‚nichts wert‘. — [66] es … so ist G. — [67] geschwächt: ‚vernachlässigt‘, ‚abgewertet‘. — [68] gewaltig: ‚mächtig‘. — [69] bis: ‚sei‘. — [70] irrsal: ‚Verirrungen‘. — [71] von] zu L; von G. — [72] dann … seligkeit G.
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der weg zu der seligkeit will nit gebotten 73 sein, wann 74 er steht allein im glauben und sonst in nichten wird eim gebotten zue glauben. So wissent, dass nur auf die gehorsamkeit dienet und nit auf die seligkeit. Dergleichen gute lobliche werk tun, wie sie dann mögen durch fasten, betten und dergleichen erdacht werden, seind alle umsonst. Darum soll kein gebott stehn noch sein unter den menschen, was zu der seligkeit dienen soll, nichts denn allein die leher 75 der evangelisten, darin angezeigt wird: „Glaub nur, dass dich der heilig geist tauf.“ 76 Alsdann ist ein jeglicher mensch sein fürst, sein könig und sein herr, selbst zu gebieten. Es seind unzeitige 77 gebott von den obern in solchen dingen, wann sie seind wider Christum. Er will nit die gesatz haben, sonder die erfüllung des gesatz. Das ist der glauben, welcher die gesatz erfüllt und nit die gehorsamkeit, als uf wellichen ihr blinden liegent, 78 sagt, dass die ghorsamkeit das gesatz erfüllet. Das ist nichts und nit wahr. Das 79 ist wahr, dass der glaub die gesatz erfülle. 80 Welcher Christus ist, der hat’s erfüllet, und wir mügen’s nit erfüllen. Christus ist allein der, der die erfüllet hat. In dem sollen wir wandeln, gehn und sein, 81 und alsdann leben wir gerecht und als die gerechten; und die als die ungerechten, welche in Christo nit leben. Als 82 wenig ohn Christum magst 83 du selig werden, als wenig magst du durch das gesatz behalten 84 werden, dann das gesatz töt. Da ist der buchstab, das Christus selbst meldt. 85 Der glaub ist aber das leben, also hat es im erfüllen der gesatz durch Christum ein ursach. Die gesatz seind geben von gott, aber nit zu der seligkeit. Darum 86 hat sie Christus erfüllet, indem dass er sie zu der seligkeit gebracht hat. Also, wellicher in ihne glaubt, der ist selig, und nit wellicher in die gebott glaubt, sonder allein in Christum. Darnach kommen die gebott aus demselbigen und nit Christus durch die gebott, sonder die gebott aus ihm. 87 So nun [428 v] die gebott gottes des vatters ein toter buchstaben ist und töt 88 vor gott dem herren, wie mag dann der menschen gebott nit ein toter buchstaben sein, die ein kot und ein dreck seind? 89 Darum
[73] gebotten: ‚vorgeschrieben‘. — [74] wann: ‚denn‘. — [75] leher: ‚Lehre‘. — [76] zur Taufe mit dem heiligen Geist, die über die Taufe des Johannes mit Wasser hinaus geht, vgl. Mt 3,11.16 par.; Joh 1,32 f.; 3,5 f.; Apg 11,16; 1Kor 12,13. — [77] unzeitige: ‚unangebrachte‘, ‚nicht der Zeit entsprechende‘. — [78] Mt 15,14; Lk 6,39. — [79] das ist wahr G. — [80] Röm 13,8–10. — [81] Apg 17,27 f. — [82] als wenig: hier ‚so wenig‘. — [83] magst … wenig G. — [84] behalten: hier ‚erlöst‘. — [85] Mt 5,18; 2Kor 3,6. — [86] darum … seligkeit G. — [87] ihm] ynen L; vgl. Gal 5,5 f. — [88] töt: ‚getötet‘. — [89] Phil 3,6–8.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
verflucht ist der (ohn zweifel), der gebott gibt. Christus hat’s alles allein in seinem gewalt und will nit gebott haben, nicht der gebott gehorsamkeit haben, er will, dass man ihn habe. Darnach wird uns alles das gegeben, das uns not ist, 90 und werden also ganz und gerecht, dass unser leben kein gebott darf, 91 dann durch Christum wird nichts gesündet, in dem wir allein leben sollen und nicht in den gebotten. Ihr sollent allein, was ihr tunt in allen dingen, das reich gottes suchen, 92 das ist den glauben haben. So bedürfen wir weder statuten, regel, noch recht, noch gebott. Tunt wir aber das nit, also dass wir im glauben nit leben, so hülft es uns nit, wann wir ewiglichen im gebott lebeten in aller gehorsamkeit und nichts brechen. 93 Und wenn die gebott selig machten, so triege 94 billich 95 der lügen vatter guldine schuch an und blieb im sessel sitzen. 96 Es seind aber nur bilder, die uns gott verbotten hat anzubetten. 97 Wiewohl das holz verstanden wird, es ist nur präfiguriert durch das holz, aber die menschen werden gemeint. 98 Das holz tut kein schaden, als ihr «de imaginibus idolatriae» hernach hören werden. Die gerechtigkeit sollt ihr durch das vorgemeldt exempel also verstehn: So einer ein mörder ist, so hat er wider die recht geton von deswegen, dass er wider den glauben gehandlet hat und nit von deswegen, dass er wider das gesatz geton hat. Dann dasselbige tötet nur, macht nichts lebendigs, würket nur, bringt keinen gen himmel. Darum ist er ein ungerechter nur ihm selbst, 99 nit darum, dass er den andern zu tod geschlagen hat; dasselbig ist mit der hand geschehen, dieselbig fault, es nutzet nit. Aber die inwendige hand muss tragen, der leib nit. Und darum ist er ein sünder, dass er sich selbs im glauben getödt hat und 100 nicht darum, dass er den andern getödt hat, ist er seiner selbst mörder. Nicht auswendig sünd, weder augen, mund noch füeß, allein die inwendigen [429 r] augen, mund und füeße, dieselbigen sündigen. Was die augen sehen, das schadt nit, sünden nit, allein die inwendigen sünden, dieselbigen grab aus.101 Was dein fleischige 102 hand sündigt, ist kein
[90] Mt 6,32–34 par. — [91] darf: ‚bedarf‘. — [92] Mt 6,33 par. — [93] brechen: ‚übertreten‘. — [94] triege: ‚trüge‘. — [95] billich: ‚verdienterweise‘. — [96] der Teufel als Vater der Lügen, vgl. Joh 8,44. — [97] zum Verbot der Götzenbilder vgl. Ex 20,4; Lev 26,30; Num 33,52; Dtn 4,23; 7,5.25; 1Kön 14,9; 15,12; 2Kön 11,18; 23,24; 2Chr 14,2; 34,4.7; Ps 97,7; Jes 30,22; Hes 7,20; 23,16; Dan 5,4.23; Mi 1,7; 5,12; Apg 17,16. — [98] Gemeint ist das Holz, aus dem die Heiligenbilder gemacht sind. — [99] darum … selbst: ‚darum ist er nur gegenüber sich selbst ungerecht‘. — [100] und … getödt hat G. — [101] grab aus: ‚reiße heraus‘; vgl. Mt 5,29; 18,9 par. — [102] fleischige: ‚aus Fleisch gemacht‘.
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sünd, aber die inwendig hand sündet. Dieselbige haue ab,103 dann es mag einer ein sünder sein, der weder händ noch füeß hat, weder augen noch ohren, gleich als wohl als der, der sie alle hat. Ein große irrung ist im neuen testament, vielleucht aus dem alten gezogen, da sie auch geirret haben. Dann wo zu znichtigem 104 volk das regiment 105 kommt, da werden die wahrheit unterton, dass im neuen testament durch die beicht gefragt wird: „Wa hast du das geton“ etc., „mit wem, edlen oder unedlen, geistlich oder weltlich“ etc.? Wehe des irrsals, oh wehe der großen hoffart! Was ist ein mensch vorm andern? Wer ist besser denn der ander? Warum fragt ihr der hoffart nach? Das ist, was ist ein nonn für ein andere frau, was ist ein hur für der andern, was ist eine besser denn die ander? Oh ihr ständsetzer! 106 Tuet von euch den endechristen,107 oh ihr kinder der länderen! Wie seid ihr künige, wie seid ihr so blinde herzogen, markgrafen? Was ist’s, dass der leib höcher oder niederer stehet? Und der unter euch stehet, fault der nit, stirbt der nit? Ja, warum macht dann ihr die sünd mit den nunnen größer dann als mit andern frauen? Gehent in glauben, bekehrent euch, so werdent ihr fenden,108 dass ein sünd ist wie die ander, überall und nicht zwei, dass ein jedlicher ehebrecher ein ehebrecher sei, wa er wöll und wenn er wöll, sei geistlich oder weltlich. Ist’s nit ein übelstand, auch was ihr aus dem leib macht? Schauet an, was ihn sein ornat helfen wird.109 Setzt euern papst in glauben, bischof in Christum und nichts in leib, ihr verkehrte gleißner, ihr recht geborne mamalucken! 110 Nehmt für euch das wort gottes und nit die unreinigkeit, den geist und nit den leib. Was unterscheid setzt ihr in leib und was in die stätt? 111 Habt [429 v] ihr’s gemacht oder gott? Warum verkehrt ihr ihm seine werk und seine geschöpf? Ist 112 nit der tempel ein haus gottes und ist im herzen? 113 Warum strafet ihr einen in dem tempel mehr dann auf der gassen? Was ist ein statt der andern? Warum macht ihr iustitiam,114 so ihr nit juristen seind? Allein einer ist jurist und sonst
[103] Mt 5,30; 18,8 par. — [104] znichtig: von zunichtig, ‚wertlos‘, ‚nutzlos‘, ‚nichtsnutzig‘. — [105] regiment: ‚Ordnung‘, ‚Gebote‘. — [106] ständsetzer: gemeint sind vielleicht jene, die in Klassen und Kategorien denken. — [107] endechrist] entechrist L: ‚Antichrist‘; vgl. 1Joh 2,18.22; 4,1–3; 2Joh 1,7. — [108] fenden: ‚finden‘. — [109] Der Ornat als äußerliche Kleidung hilft dem Leib nichts. — [110] mamalucken: ‚Mamelucken‘, zur Zeit des Paracelsus die Beherrscher Ägyptens, hier im Sinn von ‚Ungläubigen‘. — [111] stätt: ‚Stätten‘, ‚Orte‘. — [112] ist nit … der andern, vgl. Textkritik bei G. — [113] zum Menschen als Tempel Gottes vgl. Mt 26,61; 1Kor 3,16 f.; 6,19; 2Kor 6,16. — [114] iustitiam] Juristen L.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
keiner, derselbig hat sie und ihr nicht. Warum bittet ihr gott, dass er dem dieb seine sünd vergibt von wegen der schand, die er leidt, und den tod am strang? 115 Ihr sollt ihn bitten, dass er ihn im glauben erleuchte und nicht ansehe seines leibs not. Ihr falschen wegfüerer,116 was liegt an der schand, an dem tod? Gott hat ihn lieb im geist, nit im körper; er verfault. Ihr weisent eure armen gefangen auf den weg, dass sie ihr schand und ihres tods ein abwäschung sein.117 Christus hat’s alles abgewäschen.118 Seind sie irr gangen im glauben und gesündet, so bitten, dass sie gott wieder erleucht, dass sie von der irrung kommen und wieder in den glauben hinein stehnt. Gott und mitnichten tod und marter des diebs ansehen. Oh ihr seelverfüerer, wie ganz seid ihr verstopft, dass euch die augen nit wöllen aufgehn von innen, nur die auswendigen augen betrachtent ihr.119 Gehet in den glauben hinein, so werdent ihr fenden euer vergeben, fasten und betten und euer ornat, das ihr die gerechtigkeit heißt; und werdt finden, dass all euer leiblich ausputzen 120 und anstreichen ein buberei 121 ist. Dieweil ihr aber nit in glauben wollt, so lebt ihr herodianisch.122 Die 123 euere patroni 124 seind und nit Christus. Und wie sie Moisen ihren vatter geheißen haben,125 also heißen ihr auch Christum euern vatter, und gedenkt darbei nit, dass euer regel 126 in abgrund der hellen fahren wird mit allen euern griffen 127 und possen. Ihr werdt sehen, was ein klosterfrau böser 128 wird sein dann ein ehefrau. Viel böser, dann die ehefrau ist von gott, die huer von euch, darum seind ihr ihre vätter.129 Wo ihr hinkommt, da purzlen sie hinnach. Verflucht seind ihr, ihr gesatzerfahrnen,130 [430 r] dann alle gesatz für sich selbst. Glauben in das gesatz, das ist in den teufel, und heißt euer gesatz iustitiam. Und so ihr iustitia seid, wo müeßt Christus sein? Aus mit euch hunden, ihr verfluchte gesatzerfahrnen! Gehet in das evangelium und nit in euern buchstaben, ihr teufel und teuflin.
[115] Paracelsus spielt vermutlich auf die Gebetsformel an, die die Priester kurz vor der Hinrichtung für Verurteilte sprachen. — [116] Mt 15,14 par.; 23,16.24. — [117] Paracelsus stellt sich gegen die herrschende Meinung, dass die Todesstrafe die Sünden abwasche. — [118] zur Abwaschung der Sünden vgl. Ps 51,4; Apg 22,16; 1Joh 1,7; Offb 1,5; 7,14. — [119] Jes 6,10; Mt 13,15 par. — [120] ausputzen: ‚Herausputzen‘. — [121] buberei: ‚Schelmenstück‘, ‚Schurkerei‘. — [122] herodianisch: ‚wie die Herodias‘, vgl. Mt 14,3 f. par. — [123] die: Beichten, Fasten, Beten, Ornat usw. — [124] patroni: ‚Schutzheilige‘. — [125] Joh 5,45–47; 8,39; Mt 3,9 par. — [126] regel: hier ‚Mönchsregel‘. — [127] griffen und possen: ‚Gebräuchen und Ritualen‘. — [128] böser] besser L. — [129] Joh 8,38–42. — [130] Mt 23,13–15.
B5. Liber de imaginibus idolatriae
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B5. Liber de imaginibus idolatriae Von den Götzenbildern [434 v] 1 Demnach und das alt testament innenhält 2 und in dem neuen dergleichen, dass die bilder 3 nit sollen angebettet werden, sonder allein gott. 4 Nun begegnet unter denen im neuen testament ein große irrung, 5 also dass sie meinen, es sein die hölzine 6 bilder, welches fürwahr nit ist, dann endlich 7 auf das holzwerk in der gestalt hätt sie gott nit so schwer bekümmert, dann kein mensch ist, dass ihm ein holz für ein gott erschaffe; 8 und ob es doch beschicht, 9 so muss dasselbige mensch ein narr sein. Und so es ein narr und unerfahrner ist, so ursacht 10 er gott nit zu einem gebott, dasselbig zu verbieten, dann gott nehmt ihm kein argument von den narren, allein von den weisen [435 r] und verständigen. Wiewohl nun aber das ist, dass durch das holz vielleucht betrug geschehen mügen, als dann nun gewiss ist, so wär derselbig betrug nit anderst, dann nach dem er beschehe, dass ein sollicher mann, dem begegnet ein solches, wie und er im herzen ist.11 Nun wiewohl es je 12 nit gebührt, vor bildern zu betten, die von holz oder stein sein, dann ursachen, sie werden imprimiert und 13 nit gott, der durch sie figuriert 14 wird; 15 wann 16 was einem vor den augen ist, dasselbig lauft dem im sinn um. Also mag keiner vollkommen und rein sein in seinem gebett, der da vor den bildern bettet, dann das materialische lauft 17 ihm vor und nit der geist. Aus dem folgt hernach, dass durch sein imaginiern 18 geborn werden mirakel 19 und dergleichen. Und
[1] L: L 1 434 v–439 r; G: GE 3,277–286. — [2] innenhält: ‚beinhaltet‘. — [3] bilder: gemeint sind die ‚Götzenbilder‘. — [4] zum Verbot der Götzenbilder und des Götzendiensts vgl. Ex 20,4; Lev 26,30; Num 33,52; Dtn 4,23; 7,5.25; 1Kön 14,9; 15,12; 2Kön 11,18; 23,24; 2Chr 14,2; 34,4.7; Ps 97,7; Jes 30,22; Hes 7,20; 23,16; Dan 5,4.23; Mi 1,7; 5,12; Apg 15,29; 17,16; 21,25; 1Kor 10,14. — [5] irrung: ‚Verirrung‘, ‚Irrtum‘. — [6] hölzine: ‚hölzerne‘. — [7] endlich: ‚schlussendlich‘, ‚schließlich‘. — [8] dann … erschaffe: Es gibt keinen Menschen, aus dem ein Holz einen Gott erschaffen kann. — [9] beschicht: ‚geschieht‘. — [10] ursacht: ‚veranlasst‘. — [11] dass … herzen ist: Es kann einem Mann nur dann passieren, als Heiliger in einer Holzstatue abgebildet zu werden, wenn dieser in seinem Herzen von zweifelhafter Gesinnung war. — [12] je: ‚sowieso‘. — [13] und nit: verstärktes ‚nicht‘. — [14] figuriert: ‚abgebildet‘, ‚versinnbildlicht‘. — [15] sie … wird: Wenn man vor Bildern betet, so werden diese beeindruckt und nicht Gott, den sie eigentlich abbilden. — [16] wann: ‚denn‘. — [17] lauft vor: ‚geht vor‘. — [18] imaginiern: ‚lebhaftes Vorstellen‘, ‚Einbilden‘. — [19] mirakel: ‚Wunder‘.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
viel solcher stück aus dem abergläubischen spekuliern als der spiritus steht. 20 Auf sollichs gebührt sich’s nit, für 21 ihnen zu betten, sonder im herzen. 22 Das alles also ist, so sollen die bilder doch nit abgehn, 23 dann sie seind bedeutungen des, das über die vernunft ist, nit andacht vor ihnen zu gebrauchen, sonder ein bedeutung zu sein; 24 wiewohl das ist, dass endlich in allweg verbotten ist, der bilder in keinerlei weg zu gestatten, zu gebrauchen. 25 Wie aber dasselbig soll verstanden werden, dasselbige ist not, 26 und nit in den weg, wie es der gemein mann versteht etc. Gott hat im alten testament durch bildwerk viel bedeutung getan, 27 durch lebendig und sonst, durch die schlang am kreuz und anderst und solcher stück mehr, 28 als an denselben enden 29 anzeigt wird. Solches ist nit darum geschehen, dass die schlang einer großen nutzbarkeit sei, sonder dass sie in dem neuen testament bedeutet 30 hat das kreuz. Dergleichen solcher stuck mehr, welche alle abgöttisch mehr dann göttisch gerechnet sollen werden, dann es seind nur bedeutung gewesen des neuen testament, von gott geordnet. Auf diese bedeutung hat die infernalisch 31 providentia auch präfiguriert 32 das, was sie zukünftig handlen will und das bewährt; 33 hat auch abgötterische bilder zugericht 34 in kälbern und bildern 35 und das volk also damit verfüert. Das ein präfigurierung gewesen ist, dass im neuen testament die bilder den [435 v] menschen verfüern werden. Darum hat gott dem teufel verhängt 36 zu einem anzeigen, sich vor den bildern zu hüeten. 37 Auf das hat die göttlich providentia fürbetracht 38 und die bilder zu machen verbotten und verbotten anzubetten. Dasselbig verbieten sollt ihr also verstehn, dass gott uns nit lässt in solcher gestalt verfüert werden im neuen testament, sonder in ander gestalt durch die bilder; dass wir nit anders meinen und
[20] als … steht: ‚je nachdem, wie das Gemüt ausgerichtet ist‘. — [21] für: ‚vor‘. — [22] Dtn 11,13; Mt 22,37 par.; 2Thess 3,5. — [23] abgehn: ‚verschwinden‘. — [24] Bilder als Symbole zeigen mehr an, als dass durch die Vernunft erfasst oder ausgedrückt werden kann. — [25] wiewohl … gebrauchen: ‚obwohl die Bilder (in der Reformationszeit) in keiner Weise gestattet sind, sollten diese doch gebraucht werden‘. — [26] not: ‚notwendig‘. — [27] getan G; vgl. Textkritik bei G. — [28] zur am Kreuz erhöhten Schlange vgl. Num 21,8 f.; Joh 3,14. — [29] enden: ‚Stellen‘. — [30] bedeutet … testament G. — [31] infernalisch providentia: ‚Vorsehung des Teufels‘. — [32] präfiguriert: ‚vorgebildet‘, ‚vorbestimmt‘. — [33] bewährt: ‚bewiesen‘. — [34] zugericht: ‚aufgerichtet‘. — [35] zu goldenen Kälbern als Götzenfiguren vgl. Ex 32,1–6; 1Kön 12,28; 2Kön 17,16. — [36] verhängt: ‚gestattet‘. — [37] zu den falschen Propheten und Christussen vgl. Mt 7,15; 24,5.11; Mt 24,23 f. par.; 2Kor 11,13; 2Petr 2,1; 1Joh 4,1; Offb 16,13; 19,20; 20,10. — [38] fürbetracht: ‚in Vorausschau erwogen‘.
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achten, denn wir haben das gebott gar da bestanden und verbeut, 39 wir sollen kein fremde götter anbetten. 40 Und da wir meinen, dass wir am strengesten seind, da seind wir am mehresten 41 wider das gebott. Und in aller maß zu gleicher weis, wie im alten testament das volk durch die abgötterische verfüert ist worden, also dergleichen im neuen testament von den bildern (wir zu den abgöttern gebrauch machen) 42 verfüert werden. Nun sollt ihr wissen, dass uns gott das gebott gibt, nit dass wir wie zu derselbigen zeit die abgötter gebrauchen werden, sondern in ander gestalt und weise listiglich verfüert werden. Darum hat gott solches verbotten und auf die bilder wohl acht zu haben, dann er hat das nit geredt auf die hölzinen bilder, denn dieselben verfüeren uns die seel nit, nur den leib und seine leibliche glieder durch andere abgötterei, so die jüden für ihnen gehabt haben; schaden im neuen testament nichts. Es kommt auch nit denselbigen gleich, wann 43 es hat nit kraft wider uns. Und so gleich ein bild bei uns wär, das zeichen tät aus zauberischer art, deren wohl etlich zu fenden 44 seind, so ist’s nur ein betrugnus des leibs und nit der seel. Wird einer gesund oder krank, so steht’s nur im leib, die seel hat nichts damit. Es schadt auch der lieb in Christo nichts, so wir zu ihm haben sollen, dann es geschicht aus lauter einfalt und unwissend mit einem unverstand und ist nit wider den geist. Es ist allein ein vexatz 45 im leib. [436 r] Dieweil nun also das bildwerk im neuen testament den leib allein vergift und nit die seel, das «de miraculis sanctorum» 46 etc. erzählt wird. Das sollen wir nit gedenken, dass wir den text also für sich selbst wöllen verstehn auf die bilder, wie sie dann gewesen sein zu den zeiten, da das gebott beschehen ist, wann 47 ursachen, dem volk (zu denselbigen zeiten) ist weder seligkeit noch verdammnus darauf gestanden, sie hätten’s gehalten oder nit. Wann hätten sie das gebott schon gehalten, was wär es ihnen nutz gewesen? Als viel als nit gehal-
[39] verbeut: ‚verbietet‘. — [40] zum Verbot fremder Götter vgl. Ex 20,3; 23,24; Dtn 5,7; Jos 24,23; Ri 10,16; 1Sam 7,3–3; Jer 3,13–13; 7,6–6; Dan 3,12; Zef 2,11. — [41] am mehresten: ‚am meisten‘, ‚am stärksten‘. — [42] (wir … machen) konj.] (wir zu den abgöttern gebraucht) machen L. — [43] wann: ‚denn‘. — [44] fenden: ‚finden‘. — [45] vexatz: von vexatio, ‚Ärgernis‘, ‚Fopperei‘, ‚Neckerei‘. — [46] «De miraculis sanctorum» ist ein unter diesem Namen unbekanntes Werk des Paracelsus. Vielleicht bezog er sich hier auch auf eine Legendensammlung, z. B. die «Abbreviatio in gestis et miraculis sanctorum» des Jean de Mailly (c1190-c1260) oder die «Legenda aurea sanctorum» des Jacobus de Voragine (c1230–1298). — [47] wann: ‚denn‘.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
ten. Nun aber hat’s gott nit von kleiner ursachen wegen verbotten und nit auf den nutz desselben volks, 48 sondern auf die nutzbarkeit des neuen testament, dass solche abgötterei in demselbigen verbotten, solches vermieden werde. Nit ob die zauberei kommen würd (wie in denselbigen zeiten), dass wir’s wenden, 49 dann zauberei tut der seel kein schaden. Man lauf den bildern nach wie man will, wird gesund und krank, so ist’s nur incantatio 50 und nit idolatria. 51 Darumben die im neuen testament acht sollen haben, was incantatio sei und was idolatria sei. Nun auf solche zauberei des alten testaments in den abgöttern, haben die jüden dasselbig angebetten 52 und die heiden auch. Und hätten sie die nit angebetten, so wär das uns kein verbott gewesen, sondern das ist daraus zu verstehn, dass sie uns ein präfigurierung haben fürtragen, 53 wie sie gebrauchen die zauberei, also werden wir die abgötterei gebrauchen und anbetten. Auf dass uns im neuen testament verbotten wird, ist dasselbig durch die präfigurierung verbotten. Die jüden und die heiden seind weder desto letzer 54 noch desto besser dadurch worden. Es hat sie nit angetroffen, allein das neu testament und dardurch präfiguriert und bedeut, wie das alt in verfüerung gestanden ist, ist von gott verhängt und also geordnet zu beschehen, denn also wird’s auch im neuen testament beschehen. Die jüden haben ihn nichts daraus kauft, als dann in denselbigen kapiteln angezeigt wird, was sie bedeut haben. [436 v] Dieweil nun also die abgötterei verbotten ist in dem alten testament und das neu ist dardurch vermeint und verstanden, sollen wir anfänglich wissen, dass der bilder zweierlei seind: Es seind die bilder, die den leib verfüern, und 55 seind die bilder, die die seel verfüeren. Was bilder den leib verfüern, sollen uns nit beschweren, sonder allein meiden, als viel wir den leib haben wollten. Welche bilder aber die seel verfüeren, dieselbige sollen wir meiden und nit halten. Nun ist im alten testament die verfüerung auf den leib gangen, aber im neuen testament die seel verstanden wird. Darum so seind’s nur bilder, die die seel verfüeren. Wie die bilder seind, die den leib verfüeren, seind herwiederum auch nit bilder, als die, so die seel verfüeren. Darum ein jedlicher auf die bilder achtung soll haben, was präfiguriert sei und was verfüert sei. Dann die auslegung ist anders dann 56 die figur ist und doch derselbigen gleich. [48] volks … demselbigen G. — [49] wenden: ‚abwenden‘. — [50] incantatio: ‚Beschwörung‘ im Sinne einer magisch-imaginativen Handlung. — [51] idolatria: ‚Götzenanbetung‘. — [52] angebetten: ‚angebetet‘. — [53] fürtragen: ‚vorgetragen‘. — [54] letzer: ‚schlechter‘. — [55] und … verfüeren G. — [56] dann: ‚als‘.
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Nun gebührt sich zu erkennen die bilder, so die seel verfüeren, die uns gott verbotten hat im alten testament, wie vor gesagt, das ist, wir sollen nit fremde götter anbetten. Und das er verbeut: 57 Wir sollen uns nit hölzene noch steinere bilder machen. 58 Solches bedarf nit fürbotts 59 hie, dann zu gleicher weis, als wenig frucht und nutz gehet vom holz und stein der seel zu nutz, in sollicher gestalt gehet auch nichts von den abgöttern im neuen testament; und bedeuten, wie dieselbigen tot 60 seind und ohne kraft. Also seind abgötter im neuen testament auch, aber nicht von holz oder stein, sonder von blut und fleisch. Aber als die steinern und hölzern seind ohn kraft, also seind sie auch. Darum sollen wir uns kein bild machen, das nit frucht gibt oder nutz, nichts totes anbetten, nit stein oder holz, samt das, so den toten buchstaben gebraucht. 61 Auf solches ist anfänglich zu verstehn, was ein bild sei, das also unter dem namen und figuren begriffen wird; dass also ein jedlicher mensch, der da anderst geht denn ein mensch, der ist ein bild. Einem menschen gebührt zu gehn [437 r] nach der lehr seines handwerks, das er mit der hand gebraucht, als ein schuster wie 62 ein schuster, ein schneider wie ein schneider und in keiner andern gestalt, dann wie sein handwerk, das sein händ gebrauchen, ausweist. Auf das folgt hernach, dass das die bilder seind, die nit also gehn als der papst, bischof und ihresgleichen, wann 63 sie kommen nit als sie sollten, sonder sie machen viel malwerks, 64 viel seltsamer hüet, viel seltsamer mäntel, gugel, 65 platten 66 etc., einer über den andern, von hosen, von schuhen, alles gemalt ding mit stein und perlein, seiden und dergleichen ausgenähet. Darum so sie also seind, so seind sie bilder, die uns gott anzubetten verbotten und präfiguriert durch die gemeldte 67 bilder, dann es ist nur ein spiegelwerk und ein malerische phantasei. Die seind’s, die uns die seel verfüeren und nit die hölzern, steinern. Aber sie haben’s von ihnen gedicht 68 auf das holzwerk, gleichsam uns das holzwerk verfüere. Etlich sagen, es sei nur auf das alt testament geredt, andere sagen, es bedeut die zauberischen bilder als Grimmenthal, 69 Regens[57] verbeut: ‚verbietet‘. — [58] Dan 5,4.23. — [59] nit fürbotts: ‚keiner Vorladung‘, ‚keiner Erwähnung‘. — [60] tot … nicht G. — [61] zum tötenden Buchstaben vgl. Röm 7,6; 2Kor 3,6–8. — [62] wie ein schuster G. — [63] wann: ‚denn‘. — [64] malwerk: ‚gemalte Dinge‘, ‚Verzierungen‘. — [65] gugel: ‚Kapuzen‘. — [66] platten: ‚Brustplatten‘, vielleicht auch in der Bedeutung von ‚Tonsuren‘. — [67] gemeldte: ‚genannten‘. — [68] gedicht: ‚gedichtet‘, ‚ersonnen‘. — [69] Von 1498 bis 1545 bestand im thüringischen Grimmenthal eine Marienwallfahrt, die aus dem gesamten deutschen Sprachraum Zulauf erhielt. Ein erhalten gebliebenes Mirakelbuch berichtet von den Wundern, die Pilgern durch das Marienbild widerfahren waren. Vgl. Mötsch 2004.
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burg 70 und dergleichen. Jedoch die sein nit beieinander und sie seind die rechten, auf die prophezeit ist durch die, wie angezeigt seind. Aber sie werfen allemal ein anders für, 71 damit sie nit verraten werden, dass sie die seind, in denen das gift liegt und ist. So nun angezeigt ist von den bildern, welche die seind, die uns verbotten sein, dass wir sie nit anbetten, so sollen wir uns hüeten bei der ewigen verdammnus, dass wir die bilder nit ehren, fuhren, 72 nähren, die sich an gottes statt setzen, malen gott ein rock an, den er nie geliebt hat. Nun, wie möcht ein maler ein seltsamer bild malen mit aller seiner kunst, dann ein münch ist, der so gar ein missgewächs ist unter allen kleidern? Das seind die kleider, 73 so uns gott verbotten hat, [437 v] dann sie geben uns falsche lehr, falsche exempel. Durch ihre figurn verfüern sie uns, wir halten sie angenehmer denn gott. Wir achten und glauben, dass sie uns zu binden und zu ledigen haben. 74 Ist das nit aberglauben, ist das nit abgötterisch, ist das gott nit sein eher 75 genommen? Noch, 76 wiewohl wir sie vor uns sehen und wissen, dass sie die bilder seind, die gott verbotten hat, präfiguriert durch die seltsamen bilder der abgötterei, der kälber und durch andere tier mit viel seltsamen possen 77 erschienen, noch so folgen wir ihnen und lassen die evangelisten und verbott gottes fahren und glauben ihnen mehr, denn dem mund gottes. 78 Und wir sehen und wissen, dass Christus sie meldt und von ihnen redt 79 und Paulus, 80 heißt sie den verlorn sohn. 81 Noch wöllen wir blind sein. Gedenkt endlich, was solche bildliche kleider trägt, dass er die sekt ist, die uns gott verbotten hat, da er von bildern geredt hat. Und wir wöllen auch nit betrachten, dass der teufel sie im alten testament in kälberweis für 82 die zwelf boten gestellt hat, präfiguriert, damit dass er sie wöll im neuen testament zuekünftiglich schicken. Also, was er in kälbern hat ausgericht, dass er das wöll durch die menschen, die an der kälber statt seind, vollenden. Es seind seine propheten gewesen. Dar-
[70] Von 1519 bis 1542 blühte in Regensburg die Wallfahrt zur Schönen Maria in der Pfarrkirche St. Kassian, die zur größten Wallfahrt Bayerns in der Frühen Neuzeit wurde. Die Holzfigur der Schönen Maria wurde von Hans Leinberger um 1520 geschaffen. Vgl. Hartinger 2002; Hirsch 1999; Hubel 2005; Morsbach 2005; Schwaiger 1994; Trapp 1995. — [71] werfen … für: ‚geben vor‘. — [72] fuhren: ‚nähren‘, ‚speisen‘, ‚füttern‘. — [73] kleider] bilder G. — [74] Mt 16,19; 18,17 f. — [75] eher: ‚Ehre‘. — [76] noch: ‚dennoch‘. — [77] possen: ‚Streichen‘. — [78] zum Mund des Herrn vgl. Dtn 1,26; 9,23; 1Kön 13,21.26; 2Chr 35,22; Mt 4,4. — [79] Mt 24,24. — [80] Paulus wendet sich verschiedentlich gegen den Götzendienst, z. B. bei 1Kor 10,7.14; Gal 5,20; Kol 3,5. — [81] Lk 15,11–32. — [82] für: ‚vor‘.
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auf sollt ihr endlich verstehn und wissen, dass unsere seelen durch die verdammt und verfüert werden. Uf welches hernachfolgt, dass all ihr gottesdienst und alle hoffnung, so in sie gehabt wird, ein verfüerung ist und ein verdammnus, dann durch sie wird Christus nit betracht. Und welcher sich in sie ergibt, der gedenkt an Christum nit. Und sie alle vermeinen, wann sie nur freundschaft 83 der bilder haben, so seind sie gegen gott schon vertragen. 84 Das ist die verfüerung der seelen, die uns gott zuvor präfiguriert hat, und Christus im neuen testament als die endechristen 85 anzeigt und nennt, vor welchen wir uns hüeten sollen, nit von wegen des leibs, sonder der seel, die durch sie ewig verdammt wird. [438 r] Aber ihr, des gemeinen verstands, wollt das gebott Christi und gott des vatters nit recht verstohn. Ihr werfent die hölzerne bilder aus der kirchen. Was tunt sie euch? Sie beißen nit, sie bellen nit, sie liegen 86 nit, sie betrüegen nit. Warum werft ihr’s in ofen? Warum verbrinnt ihr’s? Verbrinnet die bilder, die euch leib und seel verdammen! Das seind die bilder, so aus der kirchen gehörn. 87 Was liegt am holz, was am stein, was liegt an der kirchen von mauren? 88 Warum reinigst den tempel des gemäurs? 89 Nicht also! Du sollt reinigen den tempel deines herzens 90 und aus demselben werfen die bösen bilder, die du darinnen hast, nit aus dem gemäur. Das gemäur und das auskehren und heiligen auswerfen und götzen, rechtfertiget dich nichts, dann es ist nur ein gleißnerei. 91 Sonder gehe in den tempel, der inwendig ist; da würf heraus von dir stuprum, 92 adulterium, 93 dein totschlag, dein betrug, dein blasphemia 94 und dergleichen; den reinige. Das ist der tempel, der rein sein soll, 95 und nit rechtfertige dich in deinem gemäur. Es gibt dir weder salz noch schmalz, 96 es gibt nichts denn ein gleißnerei, dein herz bleibt allemal befleckt. Dann dieweil du mit dem auswendigen umgehest, dieweil saumet 97 sich der teufel nit mit dem inwendigen, lässt dir das aus-
[83] freundschaft: hier ‚Gewogenheit‘. — [84] vertragen: ‚in Übereinstimmung‘. — [85] endechristen: ‚Antichristen‘, vgl. 1Joh 2,18.22; 4,1–3; 2Joh 1,7. — [86] liegen: ‚lügen‘. — [87] gehörn G] gehn L. — [88] Wiederholt kritisiert Paracelsus die „Mauerkirche“, die sich als äußere Institution gibt mit Gebäuden aus Stein im Gegensatz zu einer inneren Geistkirche, die die inneren Werte des Christentums hochhebt, so vor allem in der Schrift «De septem punctis idolatriae christianae», GE 3,3–57. — [89] Joh 2,13–21. — [90] zum Menschen als Tempel Gottes vgl. Mt 26,61; 1Kor 3,16 f.; 6,19; 2Kor 6,16. — [91] gleißnerei: ‚Heuchlerei‘. — [92] stuprum: ‚Schändung‘, ‚Vergewaltigung‘. — [93] adulterium: ‚Ehebruch‘. — [94] blasphemia: ‚Gotteslästerung‘. — [95] 2Kor 6,16 f. — [96] schmalz: ‚Fett‘, ‚Butter‘. — [97] saumet: ‚versäumt‘
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wendig. Willt 98 du das auswendige hinweg tuen, das dir das inwendige verfüert, nicht greif an das holz, nicht würf das bildwerk hinweg, dann sie lernen dich nichts, sonder nur wie sie dein leib betracht hat und gemacht. Würf hinaus die lebendige bilder, die dir leib und seel verdammen. Die gemalten bilder, die figuren, die werdent kommen, die auf dem stuhl Moisi sitzen, 99 die sich Christum nennen,100 die sich gewalts annehmen, dich zu erledigen und dich zu binden.101 Den feind würf aus, nit den aus dem gemäur, sondern aus deinem herzen. Und würf aus die unkeuschheit der gedanken, welche durch bildnus imaginierst. Das seind die bildnus, davon Christus sagt. Werdet ihr nit den inwendigen tempel reinigen von sollichen bildern und sie [438 v] wohl auskehren, dass kein fasen 102 von ihn darin sei, so werdt ihr eingehn in die ewige verdammnus. Und die rechtfertigkeit,103 so ihr gebraucht in dem gemäur, ist euer verdammnus. Ihr gleißner, ihr werft hinaus, das euch in euern herzen nit bezwingt, das seind die hölzin götzen; und lassent die lebendigen abgötter, kälber und die stuprischen 104 bilder bleiben vor euch stohn mit guter verwilligung 105 und wohlgefallen. Dieselbigen töten euch und nit das holz. Und wie ihr das holz verbrinnet, also füert ihr euch ein präfiguration, dass ihr dergleichen auch verbrennt werdent mit dem ewigen feur. Ihr jagt die hund aus der kirchen und das geflügel,106 sperrent wohl zu und vergättert 107 das wohl, damit dass sie nit hinein mögen, verriegelt und schiebet doren 108 für, dass die lebendigen tier nit hinein kommen. Die hund und katzen nehment euch die seel nit, drum lasset’s nur laufen. Hüetent euch vor den süeßen, geschmachen 109 worten, dieselbe jagt hinaus. Oh ihr gleißner! Was gedenkt ihr, dass die seligkeit lieg in dem versperren oder in euern häusern? Gott will ein rein herz 110 haben und nit die auswendig rechtfertigung. Christus schlüeg aus dem tempel nit die bilder, nit das gemäld, allein die wechsler und die krämer und die kaufleut.111 So treibt ihr’s hinein und das holz heraus. Das haus ist ein
[98] willt … inwendige G. — [99] Mt 23,2: „auf Moses Stuhl sitzen die Schriftgelehrten und Pharisäer“, HS 1545. — [100] Mt 24,23 f. — [101] Mt 16,16; Mt 18,17 f. — [102] fasen: ‚Faser‘, ‚Fädchen‘. — [103] rechtfertigkeit: ‚Rechtfertigung‘, ‚Gerechtigkeit‘. — [104] stuprischen: ‚schändenden‘. — [105] verwilligung: ‚Gewährung‘, ‚Bewilligung‘. — [106] Joh 2,14–16. — [107] vergättert: ‚vergittert‘, ‚zäunt ein‘. — [108] doren: ‚Dornen‘, ‚Riegel‘, vielleicht auch ‚Tore‘, ‚Türen‘. — [109] geschmachen: ‚wohlschmeckenden‘. — [110] zum reinen Herzen gegenüber Gott vgl. Ps 24,4; 51,12; 73,1; Spr 20,9; Mt 5,8 par.; 1Tim 1,5; 2Tim 2,22; 1Petr 1,22. — [111] zu Jesu Austreibung der Händler aus dem Tempel vgl. Mt 21,12 par.; Joh 2,14–16.
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betthaus, nit ein haus der latronen.112 Schau du, ob das holz latro sei oder ob’s ein mensch sei. Das haus Christi ist ein betthaus, das ist, es ist das herz,113 desselbigen der bett.114 Das gemäur ist ein steinen haus und nit ein betthaus. Es mag wohl ein bedecken,115 es ist aber an ihm selber nur ein gemäur. Und ihr reiniget das also sauber aus und vergesst das herz in euch. Tue ein jeglicher die bilder aus seinem tempel, die ihm den weg zu Christo nehmen oder hindern, es sei in ornat oder im menschen, dann sie geben dir kein frucht nit und tragen an das seltsamest ornat übereinander [439 r] aus. Noch bist du ein narr und lästerer, du bist ein gleißnermacher, dann die kleidung ist teuflisch, sie bedeut oder zeigt nit inwendig hinein. Da kleide nit den leib: Der leib ist nur ein schuster, nur ein schneider, nur ein metzler 116 und kein bischof. Warum setzest ihm dann ein solches amt auf, dieweil der leib ein arbeiter ist und kein bischof? Ist bischof ein geistlicher mann oder namen, so lass in ihm den geist und nit hänge ihm den leib an, dann der leib ist zu keinem bischof noch papst geordnet. Er ist allein geordnet, dass er arbeit wie ein anderer arbeiter und nit sich über andere leib ausmacht.117 Aber ihr hauet einen ins himmelreich am leib. Wann er stirbt, so lasst er sich hinter ihm in der andern welt. Wer will euch für papst und bischof ansehen dort? Als so ein schuster und schneider, wenn er stirbt, so schadt’s nichts, wann schon leist und nadeln hinter euch bleiben, dann er bedarf ihr nit in der andern welt. Ihr macht euch ein bischof in dem geist und sagt euer nachbarn nichts davon. Sie werden das wohl sehen, wann sie kommen werden, da ein jeglicher in seiner glori 118 stehen wird. Also sollt ihr die bilder erkennen. So ihr doch wöllt die tempel reinigen, lasset’s den inwendigen sein und nit den auswendigen.119 Was auswendig, dasselbig lasset commemoration 120 sein und ein munditia,121 als ein buch der historien und nit der seligkeit. So ihr aber werdet euern tempel sauber machen und halten, so bedörft ihr keines bildschnitzers noch steinhauers. Ihr werdet’s selbst sein und euch selbs schnitzen, was ihr bedörft, und der geweichten 122 bischof, die da bleiben, euch inwendig bereiten und nur lassen ein abgötterische bildnus sein, das gott verbotten hat. [112] latronen: von latro, ‚Räuber‘, aus Mt 21,13: „spelunca latronum“, VlgSt (Räuberhöhle). — [113] vgl. Mt 6,6. — [114] bett: ‚betet‘. — [115] bedecken: ‚verstecken‘, ‚Schutz bieten‘. — [116] metzler: ‚Metzger‘. — [117] ausmacht: ‚hervortut‘. — [118] glori: ‚Ruhm‘, ‚Ehre‘. — [119] 1Kor 3,16; 6,19. — [120] commemoration: ‚Erinnerung‘. — [121] munditia: ‚Sauberkeit‘, ‚elegantes Erscheinen‘. — [122] geweichten: ‚geweihten‘.
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Lesetext – Fünf Traktate zur Seeligkeit
C. Weiteres zur Heiligenverehrung
C1. Auslegung des 149. Psalms
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C1. Auslegung des 149. Psalms [453 v] 1 1. Ein neues gesang dem herren in den kindern der kirchen. 2. Das lob regis Israel, in dem sich die kinder Sion freuen. 3. Lob des namens gottes mit trummen. 2 4. Die rue der heiligen, item, das schwert der heiligen wider ihre widerwärtigen. 5. Vom trefflichen gewalt der heiligen, so trefflich zu merken.
Ps 149,1: Cantate domino canticum novum, laus eius in ecclesia sanctorum 3 David 4 endet und beschleußt seine psalmen und gesang, heißt uns ein neues gesang anfahen, nit das sein. Und er wartet und freuet sich keines gesangs mehr als der urständ5 Christi. Der ist der neue psalter, in dem wir uns hinfüroan üben und freuen. Also seind alle gesang des alten testaments aus. Weiter sagt er, das neu gesang sei ein lobgesang und wa es sei, nit im maul, sondern im tempel gottes,6 das ist in seinen heiligen. Daraus unterscheidet er deren gesang, so auch schreien und singen, aber bei gott nit [454r] angenehm seind. Darum gilt allein deren gesang, so da geschicht im lobe, im heiligen herzen,7 in der gemein der heiligen,8 nit in cadaverum9 oder nach alter monier10 und sitten, das ist ordnung etc., denn er freuet sich auf die geburt Christi, da alles erneuert wird.11 Die alten gesang sollen wir nit anderst brauchen, dann allein dass wir’s wissen, nit singen. Und so David heutigs tag da stünde, so redet er so stark darein, dass er keines psalmen gedenken würde, sonder allein des neuen lobgesangs von der erlösung, nämlich „Christ ist erstanden“.12 [1] L: L 1 453 v–455 r; F: F 2 197 v–199 v. — [2] trummen: ‚Trommeln‘, ‚Pauken‘. — [3] Ps 149,1: „Halleluja! Singet dem Herrn ein neues Lied! Die Gemeinde der Heiligen soll ihn loben.“ HS 1545. — [4] Paracelsus betrachtet David als den Psalmisten. — [5] urständ: ‚Auferstehung‘. — [6] zum Menschen als Tempel Gottes vgl. Mt 26,61; 1Kor 3,16 f.; 6,19; 2Kor 6,16. — [7] zum Singen aus dem Herzen vgl. Ps 57,8; Eph 5,19; Kol 3,16. — [8] zum Lob Gottes durch die Heiligen vgl. weiter Ps 145,10; 148,14. — [9] cadaverum] cauerum LF ohne Sinn; „cadaverum“ im Sinn eines toten und sinnleeren Körpers. — [10] monier: ‚Manier‘, ‚Weise‘. — [11] zur Geburt des neuen Menschen oder der neuen Kreatur aus Christus vgl. Joh 1,12 f.; 3,3–8; 2Kor 5,17; Gal 6,15; Eph 2,10; 4,23 f.; Kol 3,10; Tit 3,5; Jak 1,18; 1Petr 1,3; 1,23. — [12] erstanden: ‚auferstanden‘; zur Auferstehung Christi vgl. Lk 24,46; Apg 17,3; 26,23; Röm 1,4; 14,9; 1Kor 15,20.
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Lesetext – Weiteres zur Heiligenverehrung
Ps 149,2: Laetetur Israel in eo qui fecit eum 13 Wer hat Israel gemacht als 14 gott? In dem erfreuet sich Israel allein,15 in den hofft’s,16 glaubt’s und bleibt’s. Also hat gott den könig David gemacht,17 in dem freuen sich die kinder Sion,18 in seiner prophezeien,19 lehren; und glauben ihr, als wär er selbst da, der Israel gemacht hat. Damit bestät David sein schrift und derselbigen lob der glaubigen.
Ps 149,3: Laudent nomen eius in choro 20 Mit saitenspiel, 21 das ist mit freuden, so von herzen gehent, 22 wie die saitenspiel das gemüet erquickt, also soll unser freud sein auf die stund des endes.
Ps 149,4: Quia bene placitum est, duo in populo suo 23 So wir in gottes namen etwas gearbeit, 24 das ist, gott in uns die arbeit verbracht, darauf gefällt gott wohl, dass wir uns in ihm erfreuen und ihne loben in allen dingen, so zu freuden reizen mit ergründtem 25 aufrichtigem herzen. Nachdem 26 und die arbeit ist, also werden die sänftmüetigen erhöcht, 27 das ist erlöset, nit die grimmigen.
[13] Ps 149,2: „laetetur Israhel in eo qui fecit eum et filii Sion exultent in rege suo“, VlgSt; „Israel freue sich des, der ihn gemacht hat; die Kinder Zion seien fröhlich, über ihrem Könige!“ HS 1545. — [14] wer … als: ‚wer sonst als‘. — [15] vgl. auch Esra 6,16. — [16] Ps 115,9; 130,7; 131,3. — [17] 1Sam 16,13; 2Sam 2,4; 5,1–5. — [18] Sion: ‚Zion‘. — [19] prophezeien: ‚Prophezeiung‘. — [20] Ps 149,3: „laudent nomen eius in choro in tympano et psalterio psallant ei“, VlgSt; „Sie sollen loben seinen Namen im Reigen, mit Pauken und Harfen sollen sie ihm spielen.“ HS 1545. — [21] saitenspiel: Saiteninstrumente wie Harfen, Lauten usw. — [22] zur Freude des Herzens vgl. Dtn 28,47; Ps 63,6; Jer 15,16; 31,14; Joh 16,22; Phlm 1,7. — [23] Ps 149,4: „quia beneplacitum est Domino in populo suo et exaltabit mansuetos in salute“, VlgSt; „Denn der Herr hat Wohlgefallen an seinem Volk; er hilft den Elenden herrlich.“ HS 1545. — [24] Anklang an das „ora et labora“ (bete und arbeite) der Benediktiner; vgl. 1Thess 5,17. — [25] ergründtem: ‚erforschtem‘. — [26] nachdem und: ‚je nachdem wie‘. — [27] Mt 5,5.
C1. Auslegung des 149. Psalms
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Ps 149,5: Exultabunt sancti in gloria 28 Die gott klaubt aus dem haufen der danksagung, sich erhöhen werden. Er fordert in ihr schlafkammer,29 das ist, so sie schlafen, wird sie gott erlösen von 30 sterben, tod und marter leiden, und also sie erhöchen in seinem reich. Darum wir alle sorgen gott [454v] befehlen,31 Christus, der es allein alles ausgericht hat. Allein sollen wir in unser heiligkeit schlafen.
Ps 149,6: Exaltationes dei in gutturem eorum 32 Ihr hals wird die stimm gottes füeren, nit ihr eigne stimm. Also hat David aus der erhöhung 33 gottes, das ist von herzen, durch den hals geredt. 34 Solliche red hat gott erhöcht. Nun ist erhöchung allein erleuchtung der gnaden, von menschen vernunft in die himmlische zu nehmen. Also auch ihr schwert, ihr lehr, ist ein zweischneidigs schwert, das auf alle seiten hauet. Das ist: Alle welt hab acht auf die lehr, nichts ausgelassen. Da ist der grund, der uns schneiden mag und erleuchten. Sonst, so wir’s nit erkennen und annehmen, so seind wir blind in Christo. Jetzt ist die leher 35 uns ein schwert zu ewiger verdammnus.
Ps 149,7: Ad faciendum vindictam in nationibus 36 Das wird ein rauch 37 anzeigung 38 sein über die, die sich der schrift nit halten. 39 Daraus verstanden wird, dass am jüngsten tag40 ein kluge red
[28] Ps 149,5: „exultabunt sancti in gloria laetabuntur in cubilibus suis“, VlgSt; „Die Heiligen sollen fröhlich sein und preisen und rühmen auf ihren Lagern.“ HS 1545. — [29] schlafkammer: Hohenheims Übersetzung von „cubile“ aus Ps 149,5 (Vlg), während Luther den Ausdruck „Lager“ wählt. — [30] von F; fehlt L. — [31] zur Sorglosigkeit unter der Obhut Gottes vgl. Mt 6,25–34 par.; 1Kor 7,21.32; Phil 4,6. — [32] Ps 149,6: „exaltationes Dei in gutture eorum et gladii ancipites in manibus eorum“, VlgSt; „Ihr Mund soll Gott erhöhen, und sollen scharfe Schwerter in ihren Händen haben“, HS 1545. — [33] erhöhung] rechnung F. — [34] zum von Herzen Reden vgl. Ps 15,2; 19,15; 49,4; 77,7; Spr 16,23; 22,11; 23,12. — [35] leher: ‚Lehre‘. — [36] Ps 149,7: „ad faciendam vindictam in nationibus increpationes in populis“, VlgSt; „dass sie Rache üben unter den Heiden, Strafe unter den Völkern“, HS 1545. — [37] rauch: ‚raue‘. — [38] anzeigung: ‚Anprangerung‘. — [39] sich … halten: ‚die sich nicht an die Schrift halten‘; zur Aufforderung zum Erforschen der Schrift vgl. Dtn 17,18 f.; Joh 5,39; Apg 17,11; 2Tim 3,16. — [40] zum jüngsten Tag vgl. Joh 6,39–44.54; 11,24; 12,48.
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gehalten wird, gleich als ein disputation mit beide propheten, rechten und falschen. 41 Also auch beiderlei apostel, marterer, 42 heiligen, die werden gegeneinander gestellt. Da wird ein eröffnung der wahrheit und lügen, da wird rach und straf gehn über die falschen. 43
Ps 149,8: Ad alligandos reges eorum in conpedibus 44 Ihre beschirmer, ihre edlen, die leuchtfertigen 45 werden alle mit hellischen eisen gebunden. Diese erschröckliche wort warnen uns, fleiß und sorg zu haben, uns zue hüeten vor den falschen propheten, damit wir nit in die zweischneidenden schwert der heiligen fallen. Dann sie werden mit feurigen zungen reden wie am heiligen pfingsttag. 46 Stehet auf, ihr falschen propheten, apostel, christen, der zungen nit feur ist, nit aus dem heiligen geist, nit zwieschneidig, all euer scherz wird verkehrt in ernst, euer hurerei in teufel, euer wollust, eher, 47 reichtum, ruhe, etc. in eitel schwebel 48 und pech. Das ist die recht disputation, da wird’s bündriemen gelten, 49 da werden andere richter sitzen dann [455 r] Kunz und Benz. 50 Darum tuet mit großer forcht und mit erschrocknem herzen, was ihr auf erden tuet, damit euch euer freier mut nit unter diese schwerter füere, so auf den tag des gerichts 51 schneiden werden.
[41] zu den falschen Propheten und Christussen vgl. Mt 7,15; 24,5.11; Mt 24,23 f. par.; 2Kor 11,13; 2Petr 2,1; 1Joh 4,1; Offb 16,13; 19,20; 20,10. — [42] marterer: ‚Märtyrer‘. — [43] zum Scheiden der Gerechten von den Ungerechten am jüngsten Gericht vgl. Mt 13,49 f.; 25,32–34.41; Röm 14,10. — [44] Ps 149,8: „ad alligandos reges eorum in conpedibus et nobiles eorum in manicis ferreis“, VlgSt; „ihre Könige zu binden mit Ketten und ihre Edlen mit eisernen Fesseln“, HS 1545. — [45] leuchtfertigen: ‚Leichtfertigen‘. — [46] Apg 2,3 f. — [47] eher: ‚Ehre‘. — [48] schwebel: ‚Schwefel‘. — [49] bündriemen gelten: Sprichwort, ‚da wird es darauf ankommen‘, ‚da geht es um das Wesentliche‘; von ‚Bindrieme‘, Riemen zum Binden, auch Zaumzeug, Schnürsenkel. — [50] Kunz und Benz: stellvertretende Eigennamen des gemeinen Mannes; es werden also keine gewöhnlichen Richter beim jüngsten Gericht vorsitzen. — [51] zum Tag des Gerichts vgl. Röm 2,5; 2Petr 2,9; 3,7; 1Joh 4,17; Jud 1,6.
C1. Auslegung des 149. Psalms
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Ps 149,9: Ut faciant in eis iudicium conscriptum 52 Auf diesen gerichtstag werden die heiligen das urteil verkündigen. Darum weil solliche eher 53 der heiligen bei gott ist, sehen wir, dass wir uns nit äußern ab aller ihrer lehr, 54 die zu verachten. Die nit ihr ist, sonder gottes! Sollen all unser hoffnung hintan tun, denn an dem gerichtstag gilt nichts, was nit zweischneidige schwerter seind und feurige zungen.
[52] Ps 149,9: „ut faciant in eis iudicium conscriptum gloria haec est omnibus sanctis eius, VlgSt; „dass sie ihnen tun das Recht, davon geschrieben ist. Solche Ehre werden alle seine Heiligen haben. Halleluja!“ HS 1545. — [53] eher: ‚Ehre‘. — [54] dass … lehr: ‚dass wir uns nicht von ihrer Lehre distanzieren sollen‘,
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C2. Auslegung des 150. Psalms [455 r] 1 1. In den ersten zweien versen begreift er das ewige, die statt gottes, darin er zu loben und zue suchen ist. 2. In dem andern vers, womit wir ihn loben sollen in den irdischen dingen, das ist in zergänglichen. 3. Im beschluss gibt er den ganzen psalmen zu verstehen.
Ps 150,1a: Laudate dominum in sanctis eius 2 Im himmel ist allein die statt, die ganz trinität anzubetten, 3 aber mit dem loben ist’s nit also. Wir loben gott weiter denn 4 an den enden. 5 In allen dingen loben wir ihn, ihn nicht ausgenommen. Wird einer gesund von einem kraut, jetzt lobt er gott im kraut. Denn was wären die kräuter nutz? Nichts, allein das wort gottes in ihnen. 6 Darum helfen sie. Als wenig ein mensch etwas von ihm selbst vermag, als wenig auch die kräuter. Gott ist in allen dingen. 7 Billich ist gott zu loben in seinen heiligen, als der, den David lobt in sein psalmen. Wen lobt er? Nit David, sonder den propheten. Wer ist der prophet? Nämlich die zung gottes. Der Esaiam lobt, lobt nit ihn, sondern gott. Dann es seind nicht wörter Esaiae, sondern gottes. Dass man sagt, „Esaias ist ein feiner prophet“, ist nichts als ein unterscheid in der weisheit gottes, die sich teilet in viel stafflen. 8 Gott ist mit dem namen Esaiae nichts entzogen, dann sein frucht 9 hat sein mund. [455 v] Also auch mit andern zu verstehn als mit Paulo. Was ist er anders denn der mund gottes? 10 Darum will gott in sein heiligen gelobt sein, nit dass er seines gottes ehre damit übergebe oder die heiligen hoffärtig 11 mache. Dann wir loben niemands als gott in ihnen, nichts äußerlichs an ihn angesehen. Nit dass ich hiemit rede von den vermeinten heiligen, ich rede allein von denen, wie David in dem gespürt und griffen 12 hat. Oder wird das wort gottes aus ihnen gehen, da gott nit ist? Aber gott ist nit nach unserm kopf, sonder da er sich erzeigt. Darum sagt David ausdruckenlich, „in seinen heiligen“. [1] L: L 1 455 r–456 v; F: F 2 199 v–201 v. — [2] Ps 150,1a: „Halleluja! Lobet den Herrn in seinem Heiligtum“, HS 1545. — [3] 1Joh 5,7 f. — [4] denn: ‚als‘. — [5] enden: ‚Orten‘. — [6] 1Tim 4,5. — [7] 1Kor 15,28. — [8] stafflen: ‚Stufen‘, ‚Grade‘. — [9] frucht: Jesaias als Frucht Gottes. — [10] zum Mund des Herrn vgl. Dtn 1,26; 9,23; 1Kön 13,21.26; 2Chr 35,22; Mt 4,4. — [11] hoffärtig: ‚hochmütig‘. — [12] griffen: ‚begriffen‘.
C2. Auslegung des 150. Psalms
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Also werden alle menschenheiligen verworfen. So wir nit wären, warzu wär David, Petrus nutze? Darumben müeßen wir durch sie selbst nein.13 Im namen gottes haben sie’s geton.14 Jetzt fällt das lob von ihnen auf gott, Christum. Nun aber hat’s Petrus geton,15 deshalben muss Christus in ihm geton haben. Jetzt ist Petrus heilig, dann Christus ist in ihm. Denn es ist der mensch gottes tempel,16 denn gott will je in einem tempel sein. In keinem teufel ist er. So muss er je in den seinen sein; die heißt David heiligen, sanctus, dann gott ist heilig. Der ist in ihnen und als gewiss ist gott in ihnen als das nachtmahl Christi in uns ist,17 das wir essen mit den händen und schlecken’s hinab und trinken den kelch hinab.18 Als gewiss dasselbig kommt in magen, als gewiss ist er da und wird er allein gelobt, da er ist.
Ps 150,1b: Laudate eum in firmamento 19 Nit allein ist gott in seinem tempel, sonder auch im firmament, 20 darin seine kräften seind. Was ist das ganz firmament, so das wort gottes nit in ihnen 21 wäre, in sonn, mon 22 etc.? 23 Sein wort hat alle ding gemacht. 24 Sein wort ist ewig und das ewig müeßen wir loben, 25 das da ist im zergänglichen. Der sonnen schein ist nit ihr, sonder aus gott. Also in allen elementen 26 zu verstehn, was wir essen und trinken. Loben wir nit das zergängliche, das zu kot wird, sonder die kraft gottes in der speise. Wir loben den küelen luft in der hitz. Das lob ist nit darum des lufts, sondern der kraft des lufts. Also seind die kräften gottes im firmament, das ist in den vier elementen und allen geschöpfen. Darauf zu merken, dass wir kein kreatur schelten sollen, weder schlangen, base-
[13] nein: ‚hinein‘. — [14] Mi 4,5; Offb 3,12. — [15] verm. Hinweis auf die Auferwekkung einer Toten durch Petrus, vgl. Apg 9,37–41. — [16] zum Menschen als Tempel Gottes vgl. Mt 26,61; 1Kor 3,16 f.; 6,19; 2Kor 6,16; vgl. Hohenheims Ausführungen im «A14. Liber de re templi ecclesiastica». — [17] Joh 6,56. — [18] Mt 26,26–28 par. — [19] Ps 150,1b: „laudate eum in firmamento virtutis eius“, VlgSt; „lobet ihn in der Feste seiner Macht!“ HS 1545. — [20] Anders als Luther, der von einer „Feste“ spricht, übernimmt Paracelsus aus der Vulgata den Ausdruck „firmament“, der auch in der Astronomie seiner Zeit üblich war, und verbindet damit die entsprechenden Assoziationen. — [21] ynen] jm F. — [22] mon: ‚Mond‘. — [23] zu Sonne, Mond und Sternen als Werk Gottes vgl. Gen 1,14–18; Ps 8,4; 136,9; 147,4; 148,3. — [24] Joh 1,1–4. — [25] Jes 40,8; 1Petr 1,23. — [26] die vier Elemente der antiken Philosophie: Feuer, Wasser, Erde und Luft.
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lisk, 27 [456 r] dann gott hat’s gemacht und stehn bei der heimlichkeit gottes. 28
Ps 150,2a: Laudate eum in virtutibus eius 29 Damit beschleußt er die zwei, die heiligen und firmament, mit den tugenden 30 gottes, das ist, dass uns gott alles vor 31 gesagt gibt nit aus gerechtigkeit, sonder aus tugenden und gnaden. Er ist uns nichts schuldig, desto mehr haben wir ihne zu loben, dass er uns alle notdurft geistlich und leiblich gibet, als wär er selbst da.
Ps 150,2b: Laudate eum secundum multitudinem magnitudinis eius 32 Sein größe und weite ist nit an einem ort, sonder an allen orten. Darum ich ihne nit allein für mich loben soll als weit ich gottes geneus, 33 sonder für ander und mich dergleichen und sein multitudinem. 34 Alles was er gibt, ist alles überflüssig und zuviel und ohn ende. Also soll unser lob hingegen sein ohn aufhören.
Ps 150,3–5: Laudate eum in sono ubae 35 David hat alle musica gewüsst und ihre instrument, wie sie dann in der musica begriffen seind. Die meldet er zu brauchen, als wöllt er sagen, „ihr werdent musici werden“, das ist, also wird der himmel aufsteigen
[27] baselisk: ‚Basilisk‘, König der Schlangen, oft dargestellt als gekröntes Mischwesen mit Oberkörper eines Hahns und Unterleib einer Schlange, dessen Blick tötet. — [28] heimlichkeit Gottes: die Geheimnisse Gottes. — [29] Ps 150,2a: „laudate eum in virtutibus eius“, VlgSt; „Lobet ihn in seinen Taten“, HS 1545. — [30] Wiederum anders als Luther übersetzt Paracelsus die „virtutes“ mit „Tugenden“ im Sinne von guten Eigenschaften. — [31] vor gesagt: ‚vorher Gesagte‘. — [32] Ps 150,2b: „laudate eum secundum multitudinem magnitudinis eius“, VlgSt; „lobet ihn in seiner großen Herrlichkeit!“ HS 1545. — [33] geneus: ‚Nutzen ziehe‘, oder ‚spüre‘, ‚wahr nehme‘. — [34] multitudo: ‚große Zahl‘, ‚Vielheit‘, ‚Unermesslichkeit‘. — [35] Ps 150,3: „laudate eum in sono tubae. laudate eum in psalterio et cithara“; „Lobet ihn mit Posaunen; lobet ihn mit Psalter und Harfen!“ 4: „laudate eum in tympano et choro. laudate eum in cordis et organo“; „Lobet ihn mit Pauken und
C2. Auslegung des 150. Psalms
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mit seinen ascendenten. 36 So ihr’s nun könnent in allerlei, 37 so lobent gott darumben, dann ihr habt’s nit von euch, sonder vom gestirn. 38 Das gestirn hat’s von gott. Daraus zu merken und verbotten wird, nit zu wollust und schanden gebrauchen als tanzen und lüsten, 39 leuchtfertigkeit. Als so einer wird erlöst, so singt er mit freuden. 40 Dieser gesang soll zu gott gehen, sonst niendert 41 hin. Was David heißt, 42 muss von herzen gehen. Aber so einer in der maurkirchen 43 für als allein pfeift, ist gleich als ein trummelschläger 44 in einem kriegshaufen. Nit also. Kannst du’s, so brauch’s, kannst du’s nit, so lass stehen. Psalmier in deinem kämmerlein. Kannst du nit psalliern, 45 so dank gott in ander weg. Darfst darum nit lernen oder andere bestellen, es liebt 46 doch nur deinem herzen, das morgen in hurerei fällt. Der harpfen kann, 47 [456 v] ist darum nit Davids gesell. Darum in maß brauch alle ding, wie David dich lernt, als im tempel gottes und also still, dass die ohren nit hören, was du in der hand hast. David setzt zwo zimbalen, 48 so gar wohl tönen, 49 weder allein, dass sie die seel so wohl zu bewegen haben mit lob 50 als sie die ohren belustigen und dem leib das tönen zum leiblichen lust. All unser wesen und was an uns ist, sollen so ganz fröhlich zu gott stehen, als wäre es voll allerlei saitenspiel und die besten spielleut darbei, nit allein menschen arbeit, sonder deiner seel arbeit.
Reigen; lobet ihn mit Saiten und Pfeifen!“ 5: „laudate eum in cymbalis bene sonantibus. laudate eum in cymbalis iubilationis“; „Lobet ihn mit hellen Zimbeln; lobet ihn mit wohlklingenden Zimbeln!“ VlgSt, HS 1545. — [36] ascendenten: die zu den jeweiligen Tageszeiten am Horizont aufsteigenden Zeichen des Zodiaks, hier wohl im Sinne, dass sich der Himmel beim Gebrauch der Musik in seiner ganzen Größe entfalten wird. — [37] in allerlei: mit verschiedenen Musikinstrumenten. — [38] Die Begabung zur Musik ist nach astrologischer Vorstellung von den Gestirnen vorherbestimmt. — [39] lüsten: mitunter frivole ‚Lustbarkeiten‘, ‚Erlustigungen‘. — [40] zur Freude über die Erlösung vgl. Jes 35,10; 51,11. — [41] niendert: ‚nirgends‘. — [42] heißt: ‚vorschreibt‘. — [43] maurkirchen: eine aus Steinen erbaute Kirche. Die Betonung einer geistig gelebten inneren Kirche im Gegensatz zu einer „maurkirchen“ oder „steinern kirchen“, die sich in erstarrter Form innerhalb der Mauern eines Gebäudes abspielt, war Paracelsus ein zentrales Anliegen, vgl. z. B. in «De septem punctis idolatriae christianae», GE 3,3–57. — [44] trummelschläger: ‚Trommler‘. — [45] psalliern: ‚Psalmen singen‘. — [46] liebt: hier ‚gefällt‘. — [47] harpfen kann: ‚Harfen spielen kann‘. — [48] zimbalen: ‚Zimbeln‘. — [49] wohl tönen: „cymbalis bene sonantibus“, Ps 150,5, die erste Art der Zimbeln. — [50] mit lob: „cymbalis iubilationis“, Ps 150,5, die zweite Art der Zimbeln.
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Ps 150,6: Omnis spiritus laudet dominum 51 Da beschleußt er, was er gemeint hat mit tanzen, pfeifen, mit hochzeitläuten, mit fürstentrumpeten, 52 mit maurkirchen-orglen, 53 dass allein der geist soll orgenist sein. Denselben sicht niemand, hindert niemand, bewegt niemand zum tanz etc. Er spielet über alle irdische instrument zu gott dem allmächtigen. In dem sollen wir leben und wohnen, ihm allein hofiern, 54 ehren, anbetten – vor augen haben immer und ewig. 55
[51] Ps 150,6: „omnis spiritus laudet Dominum alleluja“, VlgSt; „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn! Halleluja!“ HS 1545. — [52] fürstentrumpeten: Paracelsus’ Übersetzung von „tubae“, für die Luther „Posaunen“ setzte. — [53] orglen: Übersetzung der „organo“ der Vulgata. — [54] hofiern: ‚Dienste erweisen‘. — [55] zum Lob Gottes vgl. u. a. Ps 41,14; 103,21; Lk 2,13; Offb 5,11–13.
C3. De sanctis
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C3. De sanctis Von den Heiligen [456 v] 1 Es ist ein solliche meinung, dass ein jeglicher mensch ein sondere 2 natur an ihm hat im leib, also ein besondern geist. Auch hat einer im betten zu einem ding mehr denn zu dem andern. Als einer lieber pfeifet, 3 also dergleichen einer hat ein lieb zu dem handwerk, der ander zu dem. Also ist auch kein mensch: Er begehret doch etwas witzigers, 4 fürtreffenlichers 5 zu wissen, es sei landwitz, 6 ratwitz, 7 kunst etc. Auf welliches nun sein geist zeiget, in dem soll er fürfahren, 8 so wird er das gewähret, dann derselbige geist zeiget und reizet ihn darauf. Ist ein anzeigung, welliche weg er gohn soll und kein andern, denn der geist seind mannicherlei.
Auf das folget hernach das betten Das wird beschirmt 9 vor dem teufel, oder wellicher ein liebe hat zu sankt Lorenz 10 mehr als zu den andern heiligen. Soll wissen, dass er denselbigen sich gleich soll halten in denselbigen stucken. Desgleichen wellichem liebt das paternoster 11 zu betten, soll wissen, dass ihm gott uf dasselbige etwas wird zufüegen, das durch [457 r] ander gebett nit beschech.12 Desgleichen wellicher liebet unser frau,13 der soll wissen, dass ihn sein geist dahin weist, aus ursachen, dass sein hülf in ihr liegen wird.
[1] L: L 1 456 v–458 v; F: F 2 201 v–204 r. — [2] sondere: ‚besondere‘. — [3] pfeifet: ein Blasinstrument spielt. — [4] witzigers: ‚Geistreicheres‘, ‚Klügeres‘. — [5] fürtreffenlichers: ‚Vortrefflicheres‘. — [6] landwitz: landläufiger, gewöhnlicher Witz im Gegensatz zu geistreichem Witz, evtl. auch ‚Bauernschläue‘. — [7] ratwitz: evtl. eine Klugheit, die etwas raten kann im Gegensatz zum bloß mutmaßenden Landwitz; F liest wie folgt: redwitz kunst F im Sinne von ‚Rhetorik‘. — [8] fürfahren: ‚fortfahren‘. — [9] beschirmt vor: ‚beschützt vor‘. — [10] heiliger Laurentius von Rom, der den Märtyrertod durch langsames Rösten auf einem Feuer erlitten haben soll, nachdem er den Kirchschatz den Armen verteilt hatte; u. a. Patron der Armen, wird angerufen gegen Verbrennungen, Fieber, Hexenschuß und Feuersgefahr. Vgl. BBKL 4(1992), 1252– 1254. — [11] paternoster: das ‚Vaterunser‘,vgl. Mt 6,9–13. — [12] beschech: ‚geschehe‘. — [13] unser frau: die heilige Maria.
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Warum aber solches 14 also ist, ist die meinung, dass gott wunder würken will durch seine heiligen, also auch, dass die stück aus dem glauben sollen fließen und nit aus dem 15 leib. Und das also: Bitt ich’s aus dem glauben, so ursachet mich sankt Anna,16 darzue reizt ich’s aus nächster lieb, die sie zu mir hat, als dann die heiligen haben gegen den menschen, dann sie wissen die not. Und mein betten zeigt an Christo, dass ich von sankt Anna bette alle erchtagen,17 dass mich sankt Anna ernährt. Nit dass ich sankt Anna anruef, dass sie mich ermahnt hat und nit nach meinem sinn, dass ich das wölle von sankt Anna haben, sondern gott, der versteht’s bass 18 den ich. Einer der gefangen liegt, dem erscheint sankt Peter,19 und er zeigt ihm, wie er dann betten soll und erledigt 20 werden. Nit dass er darum zu ehren sei, dass er der sei, der sie ledig macht. Er erinnert sie aber mit ihrem gebett da, dass gott ermahnt wird. Ruf ich aber kein heiligen an, allein gott, so will es gott auch also haben, damit die liebe im nächsten erfüllet werd, aber sankt Peter ist der gefangnen tröster, sankt Anna der armen. Und das soll wohl verstanden werden, warum ein jeglicher heilig angerufen wird. Nit darum, dass sie helfen, sondern sie mich ermahnen. Nun ermahne ich nit sie und nit gott und bitt sie. Das bitten hört Christus. Und darum, dass mich der heilig also ermahnet hat, darum bestätigt er mir die hülf. Das ist ein ursach, dass wir die heiligen anrüefen und bitten wie obsteht.
Und das die ander Also nun dergleichen, wie nun gott will nit allein in ihm selbst als einen gott angerüeft werden, 21 sonder auch das andere, ist ein ursach, dass er
[14] solches F] sollicher L. — [15] dem leib] den leyb L; der lieb F. — [16] heilige Anna, die Mutter Marias und Ehefrau des Joachim; Patronin der Gewerbe- und Handeltreibenden, der Bergleute, gegen Gewitter und zur Mehrung des Reichtums bzw. gegen Armut. Der Annakult war in Mittelalter und Früher Neuzeit weit verbreitet. Vgl. BBKL 15(1999), 34–36. — [17] alle erchtagen: ‚jeden Dienstag‘. — [18] bass: ‚besser‘. — [19] Als Schutzpatron der Gefangenen bekannt ist der heilige Petrus Nolaskus (1182–1256), dessen Kanonisation allerdings erst 1628 erfolgte. Offensichtlich meint der Autor hier den Apostel Petrus. — [20] erledigt: ‚erlöst‘. — [21] zum Verbot anderer Götter vgl. Ex 20,3; 23,24; Dtn 5,7; Dan 3,12.
C3. De sanctis
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der ist, der die herzen der menschen erleucht, die heiligen anzuruefen, auf dass der teufel sehe, dass die tödlichen 22 menschen gewaltig 23 seind bei gott, und an seiner statt bei gott durch den gewalt, den die heiligen haben. Einer also, der ander also. Ist keiner anderen ursach, denn [457 v] dass der teufel ein sollichen gewalt gehabt hat in dem himmel. 24 So Adam nit wär aus dem paradeis kommen und er nit verstoßen worden, 25 so hätt er die ämter von gott gehabt und solches gegen dem menschen vollbracht. Aber an sein statt werden die ämter gegeben den heiligen und zu einem anzeigen, dass er sech, 26 dass der gewalt ihm nimmer werde. Beschehen solliche zeichen auch der heiligen darum, dass er heißt 27 die heiligen und will etwan dem menschen zufallen, deshalben dass sie ihm anhangen mit etlichen punkten. Auf dasselbige seind sie die, die den menschen in sollichem behüeten zu einem anzeigen dem teufel, dass sie an einer statt sitzen und über ihn herrschen. Aber sankt Bernhard, 28 der ihn ausgetrieben hat von den besessnen menschen, in diesem stuck hat ihn der teufel am meisten angefochten: sei er gerecht im leben, dass er ihn austreib von menschen. Zu einer kundschaft 29 hat sankt Bernhard das geton. Desgleichen sankt Lorenz hat er am meisten angefochten in dem, dass er das gut der kirchen übel anlege und nit wöll. 30 Auf das hat ihm sankt Lorenz am meisten widerstanden und das mit haufen gegeben noch mehr von sich. Sankt Katherina 31 hat er allein angefochten in dem, dass sie soll sein ein närrin, warum sie dann wollt Christo glauben. Darum gab ihr gott die weisheit, das sie ihn allen widerstünd. Sankt Barbara 32 unterstünd der teufel durch die gefängnus vom glauben zu bringen. Da gab ihr gott den sieg, dass sie ihn durch die gefängnus überwand. Desgleichen mit dem todserschrecken 33 hat er allmal am letzten die wöllen abwerfen. Aber mit
[22] tödlichen: ‚sterblichen‘. — [23] gewaltig: ‚mächtig‘, ‚einflussreich‘. — [24] Vom Teufel als gefallenem Engel berichten 1Hen 60,7 f.; Jes 14,11–15; 2Kor 11,14; 2Petr 2,4.11; Jud 1,6; Offb 12,7–9; 20,2 f. — [25] Gen 3,23 f. — [26] sech: ‚sehe‘. — [27] heißt: ‚befiehlt‘. — [28] heiliger Bernhard von Clairvaux (c1090–1153), der nach der Legende Besessene bzw. Epileptiker geheilt hatte, weswegen er der Schutzpatron gegen Besessenheit ist. — [29] kundschaft: ‚Zeugnis‘. — [30] Laurentius verteilte den Kirchenschatz unter die Armen, bevor er das Martyrium erleiden musste, vgl. oben. — [31] Catherina F, ausgelassen L. Die heilige Katharina von Alexandria (3. Jh.) war die Tochter des Königs Costus von Zypern. Sie schlug mehrere ihr angebotene Bewerber aus, bis sie in einem Traum Christus als ihren wahren Bräutigam erkannte. U.a. Schutzheilige der Weisen und Gelehrten. — [32] heilige Barbara, die nach der Legende von ihrem heidnischen Vater wegen des angenommenen christlichen Glaubens in einen Turm gesperrt und gefoltert wurde. — [33] todserschrecken: ‚Martyrium‘.
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Lesetext – Weiteres zur Heiligenverehrung
demselbigen ist er allemal überwunden worden, damit er für 34 gefochten hat in dem, das er begehrt hat und mit seim eignen unterstehn überwunden. Nun auf das folget hernach, so der teufel durch ein stuck einen heiligen im leib anfechten will, dass er sich mit dem wehre, das der teufel wider ihn unterstehet 35 und nit anderst. Wiederum will er ihn mit gefängnus bekriegen, dass er dasselbig ihm widerstande. Also mit allen andern. Auf das mag ein jeglicher wohl ansprechen die heiligen und anrüefen, nit vonwegen des geists, dass sie denselbigen beschirmen, dann sie haben des keinen gewalt. Aber vonwegen des [458 r] leibs, dass derselbig widerstand dem teufel, über denselbigen haben sie noch gewalt. In der gestalt, so einer fiel in einen graben aus des teufels anschicken 36 oder er wär sonst hineingefallen und der teufel wollt ihn nit herauslassen, so mag er wohl die heiligen anrüefen, indem dass sie den teufel da vertreiben auf apostolisch, 37 dass er ihn ledig lasse, und darnach folget hernach sein selbs kunst. 38 Oder so er mich hat hineingeworfen, so mag ich beatam virginem 39 wohl anrüefen, nit dass sie mir mein geist erlediget 40 (dann derselb ist allein gottes), aber dass sie dem teufel widerstand tue, dass sein mutwill an mir nit verbracht werde in leibs not, aber nit in geists not. Alsdann helfen sie mir und erledigen mich in dem, dass der teufel sicht, dass sie stärker ist denn er. Nun also will’s gott haben, damit der teufel sech, dass er wahrhaftig geboren sei. Wann 41 der teufel hat die meiste aufmerkung auf die heiligen in dem punkten, was sie würken und wa sie nit also wider ihn würkten, so wär ein zeichen, dass gott nit geboren wäre. Wann vormals ist im alten testament keiner gewesen, der zeichen geton hab als allein gott, da tut er sie durch die seinen als durch die, denen er vollkommen gewalt gegeben hat. Darum durch ihre werk sollen sie erkannt werden, 42 nit vom menschen, sonder von dem teufel, dass er sehe wer sie seind, damit er wohl erkennt, dass er sein bischtum 43 verloren hat und das ein end genommen hab. Darum tunt die heiligen zeichen. Wa aber einer ein heiligen anrueft, dem nit geholfen wird von herzen, ist die ursach, dass der teufel demselbigen nit anliegt oder dass er
[34] für: ‚dafür‘. — [35] wider ihn unterstehet: ‚gegen ihn versucht‘. — [36] aus … anschicken: ‚durch das Betreiben des Teufels‘. — [37] auf apostolisch: ‚in der Art der Apostel‘. — [38] folget … kunst: ‚darnach muss er sich selbst bemühen‘. — [39] beatam virginem: Maria, die selige Jungfrau. — [40] erlediget: ‚erlöst‘. — [41] wann: ‚denn‘. — [42] Mt 5,16; 7,16.20; Offb 2,23. — [43] bischtum: ‚Bistum‘.
C3. De sanctis
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mit ihm nit kriegt oder plagt, darum nit not ist, ihn zu erledigen (oder dass der mensch die nit bitt, ihm gleich zu machen) und dergleichen. Was zeichen der teufel tut durch die zauberei, das ist ein abcontrafactur, 44 böses vom teufel.
Der heiligen feier Wir sollen feiren alle heiligen, dass wir lernen können, was ein heiliger sei, womit er gen himmel kommt und wie [458 v] er sich gehalten hat, dass wir uns auch also halten, dass wir sehen, durch wen wir gen himmel kommen. Das uns die heiligen exempel seind. Sankt Lorenz sollen wir feiren, nit dass das feirn uns ein verdienst sei, sonder ein erinnerung, durch das sankt Lorenz gen himmel ist kommen, dass wir auch durch dasselbig gen himmel kommen. Sankt Katharina nehm ein anzeigen der beständigkeit, dass wir auch also seind. Wo feiren nit wär, so würde aller sollichen händel vergessen. So haben die pfaffen aus dem allem ein gottsfest gemacht zum opfer, die buben 45 und schelmen, das aus der commemoration 46 kommen ist. Und ist ein sacrificium 47 daraus worden, das ein ketzerei ist. Wann die frauen darum in kirchen giengen, dass sie sich bekehren wollten, wär gut, sonst ist es nichts. Es ist alles nichts, dass einer gen kirchen gehet, tut dannocht, 48 was er will. Wann es nit der meinung gehet, von sein sünden abzustehn, so ist’s alles umsonst. Nun hör auf, sonst alles vergebens.
[44] abcontrafactur: ‚Abbild‘ — [45] buben: ‚Schurken‘, ‚Schelme‘. — [46] commemoration: ‚Erinnerung‘. — [47] sacrificium: ‚Opfer‘. — [48] dannocht: ‚dennoch‘.
IV. Transkription und Textkritik
A. Liber de vita beata
A1. Prologus totius operis cristianae vitae
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A1. Prologus Totius operis Cristiane uitae [431 r] 1 Alls Jch mir furgenomben hab, zuschreyben, Von dem seeligen leben Christliches glaubens, hat mir, ohn dieße vorredt nit gepürt etwz ymselbigen anzuzaygen. Darumb Jch mir, dieße vorrede, Jnn das seelige leben, christlicher wandlung zum ersten zubeschreyben, fürgenomben habe. Dann damit ich mich am ersten entledige meines auffzugs, vnnd verlengerung deß schreybens yn diesem werckh, Jnn dem ich nun yn die 20 Jar angefangen vnd gearbeit habe. Warumb ich allso lanng verzogen, Vnnd mich gesaumbtt hab, Jst ohn vrsach nit geschehen. Aine ist die, Das die Jugendt nit soll für der Zeyt auffgehn, Vnnd nichtz soll für seiner zeyt herfür brechen, sonder der stundt erwartten, Jnn dz wir alle gehnt. Zum anderen, nit allein mein Jugent, Sonder auch, das mich anndere sachen meiner Faculteten abgehalten haben, Alls die Astronomey, vnnd auch die Medicin, vnnd die werckh der Philosophey auch beschryben würden, das ist, was da antryfft dz liecht der Nattur. Vnnd lasße ein spähtern herpst fallen zu der heiligen geschrifft, damit dieselbig wol zeyttig werdt, Byß yn das endt damit verzogen, vnnd das weniger zuuor abgeferttigt. Das seindt zwo vrsachen, Die mich etwz vasst geursachtt haben. Nit allein, aber das yn den die hindterung gestandten sey, Sonder yn dem vyl mehr, Das ich yn grosser armuht erzogen vnnd auffgewachßen bin, dz meines vermügens nit geweßen, meinem gefallen nach zu handlen. Vnnd so ich gleych wol geferttiget gewesen were, So seindt yn meinen sachen, haimlichen vnd offentlichen, vyl widerwerttigkheit zugestandten, die allein auff meim rugkhen gelegen seindt, Vnnd nyemandts ist da geweßen, der mir hett ruckhen vnd schyrm gehallten. Dann die vyl seltzam ahrt der menschen [431 v] hat mich schwerlich veryagt, vnnd getadelt, gehindert, vnnd ohnwerdt gemacht, Das ich nit vyl ansehen gehabt hab, für den menschen, sonder verachtung. Dann mein zungen ist zum schwätzen nit gericht, Sonder allein zun werckhen, vnd warheit. das hat die vrsach geben, dz ich bey den Logicis, Dialecticis, yn der Artzney, vnnd Philosophey, vnnd Astronomey, nichtz hab gollten. Auch yr bracht, pomp, vnd schöne redt, bey den Fürsten höuen, vnnd für den reychen, Den ich gar nit gleich gewesen bin, Allso verlasßen blyeben bin. So hat mich auch groß gepeiniget, der pflug meiner nahrung, Jnn der Astronomey, Jnn dem, Das sye ahn yr selbst nitt gültig ist. die Artzney dergleychen, yn dem, dz sie die gnadt yn kranckhen nit allein 2 hatt. Jn der Philosophey dergleychen, Jnn dem, dz sie spöttig gehalten wirdt. Wann Jn dem allem, ist die welt nit zu gewynnen, Alls yn khauffmanschätz vnnd höfischen geberden. das ist mir ein creutz geweßen, vnd noch byß auff die stundt. Defect. Noch ist dz alles das wenigst gewesen, ÿber das, das ich andern hab gutts bewyßen, vnnd hett ein schloß auff sye gepawen. am wenigsten, yn werttschafft eins Stains gewesen seindt. Vnnd ÿber alles das, dz ich erzelt hab, das dann der wenigste theyl ist. der mehrer ist groß, dz ich yn nit beschreyben mag. dz ist die grösseste vrsach, die mich gehindert hatt zuschreyben, dz ich nitt für ein volmächtigen christen bin geachtet worden, dz mich hardt betrüebdt hatt. [1] L: L 2 431 r–440 r; G: GE 3,167–186, mit ausführlicher Textkritik. — [2] allein] allen L.
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Transkription – Liber de vita beata
Dann dieweyl ich bin ein creatur Gottes, erlößet mit seinem blut, damit gespeyßet vnnd getrinckht, ynn die New gepurt, hatt mich dz für gnug angesehen ein vollmächtiger christ zu sein. Sonder mir ist entgegen gestandten, ein anderer hauff, vnnd reych, Der da gesagt, Du Alls ein Lay, Alls ein paur, Alls ein gemain Mann, Solt von den dinngen nit reden, wz die heilig geschrifft antryfft, Sonder vnns zuhören, was wir dir sagen, dabey bleyben, vnnd khain anderen solltu hören, oder leßen, dann allein vnns. Nun [432 r] dieweyl ich dermasßen Jn ein fryst getryben worden bin, Hab ich mich nit vasst mügen rhüeren. Dann sie warent groß für der welt. Hab es müesßen gedulden, Alls einer der vndter der stiegen hat müesßen ligen. Jedoch aber, So ich geleßen hab den eckhstein der christenheit, vnnd hab gehört der andern predigt vnnd disputationes, so ist es gegen einander geweßen wie ein Müller vnnd Köhler. Jst mir nun von nötten geweßen, vnnd augenscheynlich, das ich mehr soll die warheit, dann die Lügen annemben, Mehr die gerechtigkheit, dann die vngerechtigkeit, Mehr das liecht dann die finsternus, Mehr christum dann Sathanam. Da ich die vndterschaidt gesehen hab, Hab ich den gegentheyl ohn widerredt, lasßen bleyben, den christlichen eckhstein für mich genomben. Da ich denn gefundten hab, Das ym Layen, Jn dem gemainen Mann, Jm paurn (wie sie dann am schmächlichsten, Yren gegentheil schmähen khönnen, mit namen) die vohlkombenheyt, Christlichs seeligs lebens, am mehresten wohnet, Bey den andern gar nichtz. Jhn dem hab ich angefanngen zuschreyben die warheyt der Christlichen wohnung. Da ich nun vollendet hab yn demselben schreyben, Vil mit hoffnung wol beschlosßen, Da ist eingerysßen die zerthrennung deß reichs dieser welt, So yetzt ist. Hab ich ein Auffzug genomben, vnnd ein stillstanndt, Verzogen byß auff ein andere ärndt vnnd herbst, Das mich dann yetzt für gut hat angesehen, das endt zu geben, das ist, die frucht deß samens, der ye vnd ye ym anfanng geweßen ist, bey mir, Vnnd allso mit dießen Buchern beschließen. Allso hab ich nun beschlossen zusamben yn ein werckh, dz wesen der Christen zu dem seeligen leben, Vnnd dz weßen dern Christen zu dem vnseeligen leben dergleychen. Dann dieweyl zwen weg vndter den Christen seindt, die gehn himmel fürgehalten werden, So ist der ein gerecht, der ander vngerecht. Darumb, damit der gerechte den vngerechten erkhendt, vnd [432 v] der vngerechte den gerechten, hat mich für billich angesehen, sie beyde fürzuhalten, Vnnd alles das, so yn dz seelige leben, vnnd yn dz vnseelige leben antryfft, Jn beyden gnugsam anzeig, Vnnd zu erkhennen gebe. Die ynn dem vnseeligen leben seindt groß, seindt hochmüettig. Sie habent die Wellt, Sye ist yr, Sie seindt kinder deß liechts der welt. Die seeligen aber, die habent nitt die welt, sonder sie haben Jhr reych nit von dieser welt, Sonder von dem ewigen, Vnnd bey dem ewigen. Wo yr zwen bey einander seindt, von dem seeligen leben, da ist Christus der dridte. Das ist die reychthumb yn dieser welt, die sie habendt. Vnnd wiewol der theyl, So wider mich seindt, mich hoch gehindert, hat doch nit geschmäckht, wz yn meiner federn geweßen ist. Mein mundt hab ich zugehallten, damit mir das Wetter, Vnnd der donder nit ynn ackher schlüge. Darmit hab ichs hindurch bracht, byß auff die zeyt, vnnd hab mich nit bekhümbert vmb sie. Mit gemainen leuten gesellschafft gehalten, deren sye sych geschämbt haben, vnnd mich dadurch verachtet. Das ist mein fürderung geweßen zu dießer arbeyt. Damit hab ich diß mein Buch, zu dem seeligen leben angefanngen zum ersten zue beschreyben den vnseeligen, darnach den seeligen. Mit den vnseeligen fahe ich ahn, Vnnd beschleuß Jm seeligen. Das seindt meine Tragaediae, Vnnd ist das die
A1. Prologus totius operis cristianae vitae
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vrsach, dz gut vnnd böß bey einander stehet, damit volkhombene erkhandtnus darauß genomben werdt. Vnnd weitter, Dieweyl das ansehenlicher allemal für gehet, hab ichs auch zum anfanng genomben. Vnnd dieweyl das vnansehenlicher hernach gehet, hab ichs hernach gsetzt. Dann Zwen Gott seindt vndter den Christen, der Gott, vnnd der Abgott. Der Jn Abgott sündet, der wirdt gestrafft, bey schwerer peen. Der yn Gott sündet, der ist, vnd wirdt nit geschmächt. Nun ist der Abgott der weg deß vnseeligen lebens. Gott ist deßs seeligen lebens der weg. Yedoch der vnseelige gühlt auff erdten, Der seelige nichtz. Allso muß mit gedultigkheyt, vnnd mit dem Creutz der seelige sein Leben verschließen, hye auff [433 r] dieser welt, Vnnd sich gar nichtz hie auff erdten vertrössten, denn yamer vnnd not, Vnnd bey den vnseeligen freudt vnnd aller wollust. Allso volgen nun auff sollches hernach die ersten eingänng meines fürnembens, von den vnseeligen zuschreyben, vnnd dasselbige yhn dieser vorredt zu endten, vor dem Anfanng deß haubtpuchs, damit yr etlichs theyls Jn dem vndterrichtet werden, Wz der grundt sey der vnseeligen, vnnd wie sye seindt, Vnnd dz sollches auff die redt christj gegründet, vnnd yn sye beschlosßen, Auß yr genomben. Vnd wie der geyst wider gehet zu dem der Jn beschaffen hat, Also gehet auch wider das endt meiner geschrifft auß dem es ganngen ist. Der Ertzfürst Michael, sey ein trewer gesandter zubeschyrmen, Jn dem Namen deß vatters, vnnd deß Sohns, Vnnd deß Haylligen geysts. Amen.
Ein yegliches Reych, dz yn ym selbst zertheylt wirdt, zergehet. Allso sagt Christus Das wort, So Christus geredt hat, Jst zum anfanng hoch zubetrachten, das ein yeglich reych, das yn ym selbst zertheylet wirdt, zergehet. Nun ist das die vrsach, Das dasselbige reych, dz yn ym selbsten zertheylt wirdt, ist nit von Gott, Vnnd dieselbige ordtnung, die dasselbige reych hatt, ist nit von Gott. Darumb, Was nun nit auß Gott ist, das hatt kein bestandt. es ist auff ein sandt gepawen, vnnd nit auff ein felßen. Deßhalben, So nembt euch dieses exempel, Das Troya zerganngen ist, Chartago, etc. vnnd vil Künigreych. Dann yr vrsprung, yr gebrauch, Jhr regiment, ist nit auß Gott geweßen. darumb haben sie sich selbst zertheylt, Vnnd seindt zerganngen. Allso auch alle dinng, die nit auß Gott seindt, die haben khein bleyben, Es sey ein Reich der Landten, Es seyen bündtnus, es sey ein Statt, Es sey wz es wölle: so bleybts auff kheim endt, vnd zerstört sich selbst. Deß teuffels reych ist auß Gott, Dann Gott hatt yhn Jhn ein reych verordtnet der verdambdten. deßhalb so zergeht er nicht. [433 v] es bleybt vnnd verharret byß yn ewigkheit. Darumb treybtt khein teuffel den andern auß. Aber wir auff erdten, so wir vnns anderst einlegent dann yn Gott, so hats kein bestanndt. Rom, hatt zum ersten ein anfanng gehabt, mit syben königen, vnnd aber nit auß göttlicher ordtnung geweßen. darumb seindt sie nit blieben. Sie haben selbst geregirt, vnnd treffenlichen vyhl gehandelt, durch vil personen. es ist aber nit auß Gott geweßen, deßhalben seindt sye zerganngen. Es ist khomben Jhr Reych auff ein einige Person, dz der Kayßer ist. das er nitt auß Gott gehandelt hat, darumb ist er 3 yn seinem reych auch nit blieben, vnnd ist zertheylt Jn yme auch selbst. Darauff so wissent, Was nit auß Gott ist, das [3] er] es L.
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Transkription – Liber de vita beata
bleybt nit, Vnnd was nit yn Gott ist, dz bleybt auch nitt. Auff das volget nun, das wir sollent eigentlich bedennckhen, yn die zertheylung der Reych, damit das wir verstanndten vnnd erkhennen, Was auß Gott, vnnd nit auß Gott ist. Vnnd damit ich euch zum fürderlichsten vndterricht gebe, So wissent allso. Der Bapst von Rom, der hat ein Reych, dem hatt er den Namen geben, Die Römische kyrch. vndter die hatt er gebracht die ganntz Christenheit, gleych alls ob die Christenheyt sey das Römische reych seiner kyrchen. Das ist nun nitt, Dann die Christen haben khein reych auff erdten, Sonder bey christo, ym reych seines vatters. Es haben die christen khein künig. Christus ist allein Jr König, Darumb das geschryben stehet, Jhesus Nazarenus ein könig der Jüden. Nun ist das Jüdenthumb zerganngen, vnnd die Christen deß tauffs seindt erben deß reychs Gottes. So hayßt es Jhesus Nazarenus ein Künig der Christen. Darauß volgt nun, Das das Bapsthumb, oder sein reych nitt auß Gott ist. Darumb, dieweyll, es nit auß Gott geweßen ist, hatt es angefanngen yhn ym selbst sich zertheylen, Allso das Zwytrechttige Consilia gehallten seindt worden, Zwytrechtige Scribenten, ye vnnd ye anders vnnd anders, wider einander gefundten. Auß dem Anfanng sollcher zertheylung seindt entsprungen, viellerley glauben, vnder der römischen [434 r] Kyrchen, Vndter den christen. Der allso, der allso, vnnd kheiner gerecht. Darnach villerley secten der München, Darnach der Nonnen, der pfaffen villerley außtheylung, Jnn Bischthumb, Jn Primat, Jnn vyllerley ämptter, etc. Das alles wider einander ist, vnnd kheins dem anderen gleych. Vnnd aber, dieweyl wir nun ein Gott, nur ein Künig, nur ein erlöser, nur einen christum gehabt haben. So volget hernach dz auch nur ein weßen sein soll. Dann da ist nur ein Gott, ein geyst, vnnd nit mehr. So 4 soll auch nur ein glaub, ein weg sein vnnd nit mehr. Darumb alles dz sich zerthayllet ist nit auß Gott. dann so es yn zertheylung gehet, Volget die zergehung hernach. Wie ir gehört habt, das das reych deß Bapsts, nit sey dz reych der Christen, Darumb so wirdt sein reych nit bestohn, Allein dz reych, Jnn dem christus künig ist, Vnnd der sein ordtnung geben hat, mit seinem aignen mundt, ohn rhat vnnd hülff der menschen. Vnnd sein lehr die bleybet, vnnd ander lehr nit, Allein wz auß seinem geyst gehet, Alls yn die Apostell. Darumb so volgt dz wortt christj darauff, himmel vnd erdten werden zergeen, Meine wort aber werden nit zergehen. dz ist, der Jrdische himmel, vnnd die Jrrdischen leut, vnnd die Jrdische lehr, werden zergehn Jnn yrem Reych, Aber mein reych wirdt nicht zergehen. Nun sagt der Bapst das sein reych auß Gott sey. vnnd aber es ist zerthaylt, Das es ein anzeygung gibt, dz nicht auß Gott ist, Sonder das es wirdt zergehn. Vrsach, Es hat sich zerthaylt, wie gesagt ist. Was volgt nun yetz darauß? Die zeugnuß desselbigen seines reychs, Jnn dem, das wider Jhn aufferstehn auß Jm seine vheindt, die yn vertreyben, vnnd sich selbst auch verderben, die er ketzer haysßt, vnnd aposteten seindt. dieselbigen seindt aigne zerstörer, seindt auß seinem reych, vnnd seindt die Bella intestina yn ynen selbst. Damit zergehet die erdten vnd yr himmell, dz ist, Jr geyst den sie haben, vnnd Jr gewalt auff erdten. Es wachßen ym seine feindt, auß seinem segen, auß [434 v] seiner salben, Auß seiner schul, seiner pflicht, Die ahn Jm vergesßen seines reychs ehr vnnd aydt. Allso werden auß den secten, Auß den thaylen andere christen, vnnd doch alles christen, deß reychs der erdten, vnnd deß him[4] so … mehr G.
A1. Prologus totius operis cristianae vitae
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mels, nicht christj, Sondern ärger wirdt das letzste dann das erste ist. Allso dieweyl khein thayl auß Gott da ist, Sonder ym anfanng sein sie geopffert dem teuffel, deß bleyben sie. Demnach so folget darauff, das Gott an dem reych ein benüegen haben will, vnnd ym ein ende geben. damit dz diß reych gar zerganng, Schickht er vndter sye die vneinigkheit. das ist der anfanng der Zeugnus yrer selbst. Wie sich Troya, Wie sich Rhom, vnnd andere mehr, demnach sich selbst verloren haben, Also da auch. Da volget nun, das sie einander betrüger haysßen, dz ist nun wahr, dann sye seindts. Das sie einander Lügner haysßen, Das ist nun wahr. dann sye liegent. Das sie einander falsche christen haysßen, dz ist nun wahr. Dann sie seindt auf beyden theylen fallsche christen. Das sie einander fallsche propheten haysßen, Jst alles wahr. Dann Gott sie nit gesandt, propheten zusein, Sonder zerstörer yres aignen reychs, Jhnen allen zu einem ende. Sye haysßen einander Antichristen, ist wahr. dann sye löhern yr reych, vnnd lendent yr reych zum ende, dz zergannge. Sye fahendt wider einander ahn, alles was sie bayde einander zu schmächung, verachtung, zu zerstörung, erdenckhen mögen, das thundts. Der Bapst vnd die seinen schreyen nach dem blut, tödt, henckh, prynn, ertrinckh, etc. Die andern haben Jn kurtzen Jaren vil tausent Mann vmb yr leben auch bracht, Schreyen auch, todt, ertrinckh, etc. Das seindt yre frücht die sie geben, Auß denen wir sye erkhennen sollen. Das alles seindt anfänng der schmertzen, vnnd ist aber noch khein endt vndter Jnen. Dann also ist die göttlich ordtnung, dz sie selbst durch yr aigen schellten einander verderben, vnnd yr reych yn Jammer enden sollen, Vnnd mit grosßem schmertzen, Jn yamer vnnd not, mit [435 r] allem yrem anhanng, so yn yr reych sich anhengdt, ellendigclich auch mit ynen zergehn werden. Dann allso ist die Zergengkhnus, deß römischen reychs, ym Bapst, vnnd den seinen, die mit Jm hüetten. Es sey Jm bapst, oder Jhn seinen vrsachgebern, das alles ein dinng ist. Vnnd ob sye gleychwol von einander fallen, So haben sye doch khein anderen könig, alls den Bapst. Dann yn dz reych christj gehören sye nicht, Sonder vndter yren könig, den sie doch ehren vnnd schänden. noch sein sie yn seinem gwalt, Wiewol alls emendierten, 5 allß abthrinige, alls banckharten, Alls aposteten. So nembt yedoch Christus sie yn sollcher gestallt nit ahn. Allso wenig christus dem Lucifer seine engel, so bey ym seindt, genomben hat von seinem reych, sonder sye Jm gelasßen, Allso wenig nembtt auch christus dem Bapst, sein gebene vnnd geopfferte leutt, die er Jm selbst gesalbet hat, Vnnd nit Christus. Allso merckhent nun, von dem reych deß Bapsts, Dz ist, der vnseeligen, Vnnd von dem reych christj, Das ist, der seeligen. Der seeligen Jst christus könig, wie sein tittel lautt. Wer sich nun an den eckhstein stösset, der wirdt der vnseelige sein, Das ist, Der annderst Jnn das reych gehet, dann durch Christum. Wann nit allein sollt Jr verstehn, Das christus ein König sey geweßen der Jüden, Jn der gestallt der todten Jüden. Nayn, Sonder der lebendtigen. Er ist ein Gott Abrahams, Jsaacs, vnnd Jacobs, Der lebentigen, vnnd nit der todten. Vnnd der tüttel lauttet allso, Jhesus Nazarenus ein könig der lebendtigen. Das ist, Abrahams, Jsaacs, vnnd Jacobs, vnnd nit der todten Jüden. Sollchs philosophyr yetzundt, etc. Vnnd so nur die beschneydtung ist auffgehebt worden, vnnd der tauff anganngen, So ist er aber ein könig der lebendtigen, Das ist, ein Gott der Apostell, ein Gott seiner Martirer, Ein [5] emendierten] emidirthen L.
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Transkription – Liber de vita beata
Gott seiner haylligen. Dz ist, ein könig deß tauffs, der getäufften, der newen gepurt, das ist, der lebendtigen, vnnd nit der todten. Yetzt volgt auß dem, dz er allein ain könig ist, deren, die Petrus waydet, vnnd [435 v] nicht der Bapst, Jst ein könig der kyrchen Petrj. Nicht auff den Felßen romanj. Dann er ist nit geweßen ain Gott deß tempels Jherusalem, Sonder Abrahae, etc. Da ist kein stain auff dem anderen blieben, Dann der tempel ist todt, vnnd der todten Gott. Vnnd ein sollcher könig ist Christus nitt. Allso ist Roma, Jherusalem, Die Apostell, Abrahams, etc. Vnnd ob sie gleychwol sagen, Sie seyendt kinder christj, So seindt sye es gleych wie die Jüden, kinder Abrahae. Darauß volget nun, Das sie christj werckh nit thundt, Sonder yre werckh, gleych wie Abrahams kinder, Abrahams werckh auch nit thäten. Gott macht kinder auß stainen, vnd nit nach dem blut deß samens, oder deß Manns willen, wie er dann Jn Aposteln erzaygt hat, Vnnd vilfälltig ynn hayden, die nit vom samen seindt. Darumb ist nun groß zumerckhen, das, auß dem Christus nit ist, Vnnd von dem er nit ist, das auch das nicht sein ist. dann er hatts selbst bezeuget, Mein reych ist nit von dieser welt. Nun ist aber das rhomische reych, dz Bapst (dz paradeis) von dießer welt. darumb ist es nit ein reych auß Gott, Auch nit ein könig. Er spricht auch zun Jüden, Warumb gehet Jr zu mir mit spießen vnnd wafen, mich zufahen, gleych wie zu einem Mörder. Darauff merckhet nun, Er ist nit ein künig geweßen ynn dem reych, Jhn dem man mit dem schwerdt tödtet, dann er hatt nit gemördet. Nun so sehendt an den anderen theyll, yn seinem künigreych, wie groß er mördt, vnnd weitter, wieuil er styhlet, wie ein reysßendter wolff, yn den schafen. Das christus nit ist. Jst gleych ein redt geweßen, Warumb lauffet yr ÿber mich mit spießen, etc., Mich zufahen alls einen mörder. Vnnd der mordt ist yn handten Ahnnae, Cayphae, etc. Die Jüden vermaindten, Jr reych wer auß Gott. So sie nun christum creutzigten, so hetten sie den gewalt ganntz. Jr reych ist aber zerganngen, vnnd nicht blieben. Der christen reich ist blieben, vnnd bleybt Jn ewigkheit. Dz reych aber der christen, Die sich selbst auffwerffen, vnnd sich zerthaylen, die seindt [436 r] nit christen von Gott, Sondern sie seindt dz reych dz selbsten sich durch sein eigene zerthaylung zerstören wirdt, wie der Jüden reych auch. Vnnd wz Abrahae kinder seindt, mit Jres vatters werckhen, Denen ist christus ein König. Allso wz kinder gotes seindt, mit göttlichen werckhen, deren ist christus ein könig. Jn dem könig ist aller gewalt, macht, krafft, herrligkheit, ohn endt ynn ewigkheit.
Agite poenitentiam So aber yemandts vermaindte, dz yn dem reych der zerstörung, ein seeligkheit ye sollt gesucht werden, das gar nahendt vnmöglich zuglauben ist, Darumb dz christus sagt, Jch will nitt, dz sie sich bekheren, etc., damit Jch sye nit seelig mache, etc. So doch aber ettwan einer vndter Jnen were, der zur seeligkheit solltte khomben, So müesst er durch bußwürckhung dieselbig erlanngen Jn christo. Wie Johannes Baptista geprediget hatt, würckhet buß, deß vergangnen lebens. Das ist souil, thuet eweren falschen betrug, ewer erdachte lügen hinweg, von euch, vnnd gehendt ynn die buß. Das ist, würckhet buß der grosßen, vnuergeblichen sünde, die yr yn ewern leben gefüert habendt. Dann nahendt ist dz reych der himelen. Das ist, Ewer reych wirt zerthaylt werden, vnnd wirdt ein bestendtigs reych angehn. darumb bekherent euch, wurckhent buß, Auff dz yr Jn das bestendtig khombent.
A1. Prologus totius operis cristianae vitae
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Dieweyl nun dz die predig Johannis vermag, Würckhent buß, des 6 vorderen vergangnen lebens, So volget auff das, dz dieselbigen yn khein weg weitter Amptleut sein sollen, Christj oder seiner kyrchen. sonder sie sollen buß würckhen, von der stundte, ÿber yre sünde, byß yn das endt yres lebens. Dann nit mehr haben sie fürohin zur seeligkheit zuthun, vnd khein anderen weg nit, dieweyl sye Jnn den sünden, Jn den heyligen geyst, ligendt, Alls dann eben yn dem weg bleyben, den yn Johannes anzaygt, Alls, das sye getaufft werden. Dz ist, [436 v] das sie abstanndten, von allem yrem vergangnen leben, so gar ab von demselbigen, Das sie so wenig vom selbigen wusst haben an Jhnen, alls wenig, alls ein beschüsßen tuch, oder Lheinwat, dz gewäschen wirdt, von dem allten vnflaht. Allso sollen sie auch sein, von dem allten wesenn gewäschen. das ist nun der tauff Johannis yn seiner crafft. Allso seindt diese von Jherusalem zu ym khomben, vnnd den tauff von Jm entpfanngen. das ist, das wäschen, vnnd sich deß forigen lebens gar abthun, vnnd sich bekhennen Jrer sünden. Allso dz bekhennen ist die bußwürckhung. die vermag nicht ein aufhören, sondern yn die Niniuiter buß, von deren auch christus sagt. Die durch Johannj ist geprediget worden, Das sye dieselbigen an sich sollen nemben. Vnnd da ist khein auffhören, denn die sündt ist groß. Nun aber, wiewol dem allso ist, das vil volckh zu Johannj komben ist, yn Jordan, vnnd dz da getaufft worden ist. So befendt sich doch da nit anderst, Dann das es dz gemaine volckh geweßen ist, vnnd nit die Fürsteher, die geystlichen, die Pruderschafft, Pröbsten, oder dergleychen. Vnnd dergleychen, vndter den Jüden Jre tempelhüetter. Sonder es weyßt sich da auß, das derselbigen kheiner den tauff empfanngen habe, Noch vil weniger Jhre sündt bekhennet, das ein sündt sey. Dann der text stehet allso, Da nun Johannes gesehen, vihl von den Saduceeren, vnnd Phariseern, Zu seinem tauff khomben (dz ist, Sie darzu komben, Aber nit empfanngen) Da hat er yhnen gesagt, Wer hat euch so wol vndterricht, dz yr wisßent zufliehen, den zukhünfftigen Zoren. Das ist Jr nattern 7 der welt, die alle dinng mit yrem gyfft verunrheinigen, Warumb nembent yr nit den tauff an, vnnd bekhennet ewere sündt, vnnd nembent buß an, ewers gethonen, verganngnen lebens, vermainen Jhr, Jr seyt dermasßen vergwisßet, dz yr dem zoren gottes enthrynnen werden. Nayn, Durch euch selbst vermügt Jhrs nit. Auff sollches volgt hernach, Thundt frucht, die gnugsam vnd [437 r] würdig sein der buß. das ist, Stehet von allem ewerem fürnemben ab. es ist alles ein betrug. Darumb wann yr erkhennet denselbigen, so würckhent, vnnd thundt buß, die da fruchtbar seyn für Gott, vnnd würdig anzunemben, Auff das euch Gott vergebe, ewer sünde. Auff das hatt er Jhnen ein warnung fürgehalten, Das sie nit sollent hoffen Jnn vater Abraham. Dann vrsach, Er ist ynen selber feindt, vnnd allen denen die wider Gott seindt. darumb so wirdt ynen Abraham khein schyrm für Gott sein. ob sie gleychwol seines pluts sein, von seinem samen seindt, so haben sie doch nichtz von Abraham, alls allein das geplüet. dz bringt nicht gehen gen himmel, Sonder die buß, vnnd die frücht der buß, brinngen gehn himmel, Jn yre rheu vnnd laydt, die gnugsam seindt, durch dz, das sye bewegen damit christum zur barmhertzigkheit. dann so wenig ligt Gott an einem vnnützen son, alls wenig alls an einem verdambdten engel. Das blut hatt für Gott khein ansehen. Er macht eher auß stainen ein seeligen Mann, ein kindt, ehe er den verlornen son annembe. Darauff volget [6] des] das G. — [7] nattern G] natur L.
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Transkription – Liber de vita beata
nun, das weitter, von Johanne, Alls von einem Propheten, dz er sagt. Yetzt ist die axtt an paum gelegt. dz ist, Es muß geschieden sein, das yr bißher ym vorderen leben verbracht haben, vnnd das New, dz da komben wirdt, von einander. Was Jhr heut nit thut, dz ist verloren Weitter. Dann yetzt ist die axt am paum, die euch abschneyden wirdt, vnnd die wurtzen hinnemben ewers lebens, von dem ewigen leben. Dann es muß ein ende nemben. Darumb, So yr nit werdent gnugsame frucht thun, der bußwürckhung, so wirdt es euch ergehn, wie einem paum der nit gut frücht gibt. den hauet man ab, vnnd würfft Jne Jn das feuer. Allso, werden Jr euch nit bekheren, gnugsam, mit würckhung der buß, So werden yr Jnn dz ewige feuer geworffen, Vnnd auß demselbigen nymmermehr khomben, Wie auch ein holtz eines bößen baums auß dem feuer nymmermehr khombt, Sondern zu äschen verprindt. [437 v] Darauff sollen yr nun verstehn, Das die Yhenigen, So da seindt auff dem stuhl Moysj, das Nater geschlecht ist, Jnn dieser Welt. Vnnd wie nun befundten wirdt, dz sie sollten abgestannden sein, Allso wenig ist auch nit zuuerhoffen, Das yres gleychen darzu khomben werden. Ob gleychwol sich einer bekherte auß Jnen, So ist doch nit befundten worden, Das auß demselbigen die zahl der Apostell genomben sey worden. Vnnd yn gar von Gott, das ist von christo, nichtz vertraut, noch zugestellt, sonder sie lasset abziehen, von christo. Gehent hin, vnnd sündiget nit mehr. das ist, das du gethon hast, das thu nymmer. Sollches alles, wie ich euch dafür hallte, Geschicht auß der Vrsach, dz Wie Johannes zu den Phariseern vnnd Saduceern geredt hatt, zu denen Jnn dem Reych Rom auch mag gesagt werden. Jnen aber vndter Jnen selbst allso zuuerstehn, Das sie vndter Jnen selbst werden auffbewegen, Prediger wider sich selbst, vnd die werden gleych sagen, Wir seindt christen, Jhr seydts nichtt. das sollen wir nun nit glauben, Vrsach Es seindt doch die Jüden vndter ynen selbst auch zwythrächtig geweßen, Allß die Phariseer, Saduceer, Esßeer, etc. Das seindt alles besondere secten geweßen, Aber alle sampt von christo nit angenomben worden, Sonder sie seindt ynn den spruch gefallen, Jch khenne euch nit, Jch wayß nit wer yr seydt. Gehet hin Jnn das ewige feur, die yr nichtz guttes gewürckht haben. Schauet nur der, so da nichtz bsitzen. Wiewol sie haben Jn seinem Namen geprediget, teuffel außgetryben, etc., noch so khendt er sie nicht, etc. Darumb yetzt Ym Neuen testament auch allso. Sie seindt wider einander, Darumb, dz sie vyl krieg machen, vil hungers, vihl theurung, vil blutuergiesßen. Dann sye seindt die, von denen Christus sagt, Es werden fallsche propheten, fallsche christen, etc. Aufferstehn, vnnd vyl verfüeren. Das seindt die, Die da Bella intestina machen, vnnd sich thaylen vndter einander, vnnd dz volckh, vmb leyb vnnd leben brinngen wöllen, vmb dieselbige Jr weyb vnnd kindt. Vnnd yre ÿppige frücht seindt ärger, [438 r] Dann yn Thyro vnnd Sydone. Sie seindt Bethsaida, sie seindt Cheratzim, Ghomorha, etc. würdt leuchter bestehn, am Jüngsten tag, vnd Niniue. Dann sie haben ynn Niniue buß gethon, diese aber thundts nit. Darumb, So merckhent nun weitter, Das ym Newen testament, Yetzt zu meinen zeyten, sollche Saduceer, Phariseer, Elltesten, vil seindt, vnnd vil verfüeren. Sie schellten die allten ständt, Auß dem sye entlauffen seindt, vnd doch ynn derselbigen salben sterben müeßen. Sie sagen wir waren hurer, wir waren spyler, sauffer, vnnd aller ÿppigkeit voll. wir habens verlasßen, vnnd seindt eheelich worden. wir predigen yetzt ym Namen deß herren, dz Euangelium, vnnd seindt yetzt seine Propheten, seine Apostell, sein scribenten. Auff das merckhent, Das sie sich selbst dahin einsetzen. Sie seindt von Johanne geuordert, Jn die buße, Die würdig weren yre
A1. Prologus totius operis cristianae vitae
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sündten zuuergleychen, vnnd würdig seyn von Gott anzunemben. Jn die Buß gehet yr kheiner, Dann nur von einer huren, yn die crüne derselbigen huren, oder sonnst von einer kuchen, 8 yn ein andere, von eim weysßen rockh, Jn ein grüen. Wo ist die Buß ewer sünden deß vergangnen lebens. Niergendts ist sie. Ewer keiner hett nye Zeher darumb geweinet, es sey yn dann Jn der kuche der vysch verdorben. Deßhalb gehören yr nit weitter zum predigen. Dann yr seytt eben auch die, wie ewer gegen parthey, Von den Jhr enttlauffen seindt, Von denen christus sagt, Herr, Herr, Laß vnns ein. Wer seytt yr. Wir seindt die Bäpste, Wir seindt die Apostell. Thue auff, Laß vnns ein. Jch khenne euch nit, wayß nit wer yr seindt. Da wirdt ewr propheceyen, vnnd verkhündigung, deß wort gottes nitt fürgenomben, Sonder dem vrtheyl werdt yr zugeschickht. Nun sehent ahn die bußwürckhung Mariae Madalenae, wie sye mit Jren thräern von yren augen, Christo seine füeß gewäschen hat. wo bleybt nur ewer buß, die yr vihl mehr gesündet habt. wo bleyben, oder wo seindt hinkhomben ewer threnen, von augen, vmb ewere sünden, die Madalenae [438 v] gleych weren, etc., Vnnd sye hat allein ynn Vatter, vnnd Son gesündet, nit ynn heylligen geyst. Jr seindt yn den sündten deß heylligen geysts. wieuil mehr sollen ewere trähern sein, die nit groß seindt. wo ist ewer Niniuitische buß. Da ist kheine, vnd seindt ärger, dann Niniuen geweßen. Vnnd wollent gleich darumb (dz yr ewern könig schänden) mit Pilato die händt wäschen, vnnd vnschuldig stehn. Nitt allso. Nitt gleich von der hure wärme, yn ein sollche andere wärme zugehn, ob du gleych dir ein ehee machest, etc. Was darff Gott deiner kinder. warzu seindt sie nutz, dann verlorne kinder zusein, Endtchristen ynn der welt, ein schandt, vor den eheelichen (volckh) Du, gehe ynn die buß. Dir ist dz predigampt nitt beuolhen. zugleicherweyß, Alls yr offentlich sehent, Das christus auß den templen khein Apostell gewöhlet hatt, Sonder die Apostell von andern genomben, Von vyschern, von Zöllneren, vnnd von gemainem volckh. vnd die Jme selbst gelehrt, durch seinen mundt, vnd durch den heylligen geyst, der von seinem vatter, Vnnd von ym außgehet, erleucht, vnd gelehrt, Vnnd nicht die templer, Saduceer, Phariseer, Eliseer, etc. vnd dieselbigen yhn seine zal kheinen genomben, Vnnd allein den Apostlen den gewalt geben zu predigen dz Euangelium, vnd nitt anderen, auff dem stuhl Moyses auff dem yr sytzent. Darumb so nun ewer Reych zergehn will, vnnd sehet ahn, dz sollchs (selbst) zerthrennen, vnnd zergehn müsßt lasßen, so wirdts einander nach zergehen. Das yr aber wöllent ewere händt waschen vnnd christum predigen, vnd weyssagen von ym, ein neues vnd ein gerechtes Euangelium herfür zubrinngen, Das ist nitt, Vnnd mag nit sein, Dann das reych das christj ist, Jn dem er könig ist, Auff dem sein tittel stehet, dz er ist ein könig der lebentigen, vnd nitt der todten. So wirdt er von euch dieselbigen Priester vnnd Apostell, vnnd Propheten nitt nemben, Sonder wirdts nemben auß den seinen, Jn seinem reych. Darumb seindt Jhr alle yn der Zahl der fallschen christen, vnnd falschen propheten, Die christus nitt khendt, etc. Bedennckhent nur allein ewere sündt, Die Jr nit mögen be- [439 r] zalen. Nemblich yr wissent, das Zacheus 9 sagt, Hab ich yemandt betrogen, dem will ich vierfältig wider geben. Nun rechendt auß, ewer grosße hurerey, die yr gepraucht habt, Wie wöllt yrs vierfach vergehlten. es ist nit ein sündt, alls der goldt styhlt. da ist es müglich widerumb vierfach zu bezalen. Das ewer ist vnmüglich. Allein yn die buß gehn, [8] kuchen G] küe L. — [9] Zacheus G] Zacharias L.
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Transkription – Liber de vita beata
nymermehr zu solchen sachen gedenckhent. Wo fendet Jr, das Maria Madalena sey Jn die ehee ganngen. Jst sye nit ledig blieben, vnnd yre sünde Jn yrem leben berheuet. Seydt yr propheten, Seydt yr doctores, Seydt yr Ecclesiasten, vnnd, etc., vnnd wissent einer yedlichen lauß auff der adern zulassen, Hörent das graß wachßen. warumb sehendt yr auch nit ewere sündt an. Warumb hörent Jhr nit die buß Mariae Madalenae. Jr habt kheine ohren Jn euch, khein augen yn euch, allein auff andere. Damit würdt erfüllet die redt deß Propheten, Sye haben ohren vnnd hörent nit, haben augen vnnd sehent nit. Vnnd yr sagent, es seyn die hültzen bilder, werden da verstandten. Vnnd da wirt sonnst nyemandts verstandten, dann eben yr selbst. Jr sayt von den die geschrifft sagt. Die Götzen yn der Kyrchen seindts fürwahr nit. Sie habent khein arges gethon, Haben auch nit gesündet. Jr seyndt höltzine prediger, höltzine pfaffen, höltzin propheten. Damit nun das loß nit auff euch fall, so müessents die Allten götzen sein. die müesßen ewere laster verdeckhen, vnnd vermäntelen. Es wayßt ein yedlicher paurncknecht wol, dz sie nit sehent, nit greyffent, nit reden. der prophet hetts Jnen nit dörffen weyssagen. Er hat aber euch gemaindt, vnnd troffen. dz schmäckht nit ein yedlicher paurencknecht. Nun wie wollt Jr vierfach wider geben die woll, so yr habt abgeschnidten von den schäflein christj, Sie verfüert, Jn dem Namen deß herren, mit ewerm betrug. Es seindt all ewere sünden so groß, dz yr nichtz habt wider zu bezalen. Soll es aber müglich sein, dz euch sollen ewere sündt vergeben werden, so muß es durch die buß würckhung komben, [439 v] die sollches erstatt yn die göttlich barmhertzigkeit. Jst zubesorgen, werden yr nit komben ohn dieselbigen, wie Maria Magdalena, vnnd Zacheus vnnd Matheus, etc. Dann yr habt die gnad von Gott nit, dz ewer augen waynen. darumb seindt es augen, vnnd sehent nichtz. Sie waynen nichtz, Seindt gleych erstumet vnd ertödtet, wie die höltzine bilder. Jn der gestalt, yr nun Propheten genannt werden, doch dz man euch dabey verstanndt. Ewer kehlen vnd schlundt, vnnd zunngen, seindt höltzin, vnnd ewere hertzen. dann yr schreyent nit zu Gott, Jr seindt höltzin Jn allen ewern fünff synnen. vnnd souil ynn den höltzin bilderen ist, die zuletzt yn dz feuer gepürent, Allso ist es mit euch auch. Jr seindt die eheebrecherische ahrt, vnnd Natern, vnnd deren ÿppigen vyppern, Otern geschlecht. Auß den thyeren wirdt khein mensch, sondern schlanngen vnnd Baselisckhen werden auß Jnen. Nit gesandten von Gott, Nitt menschen der newen gepurt, Sonder würme Jnn abgrundt der hellen. Allso verstandent nun, Das der tauff Johannis zur buß füert vnnd weyset. Nun ist er der, der den weg zum herren richtig macht. So nun er derselbig ist, durch den der anfanng geschehen soll, so müesßen wir sein tauff zur buß annemben. Allsdann haben wir ein richtigen weg, Zum herren. Der aber da nit anfacht auß der rhodt der Primaten, Fürsteher, der kombt zum herren nit. Darauff so volget nun ein ander tauff, der zum herrn kombt, durch den weg vnd wegweyßung Johannis, er sey von sündten wie er wöll, dem wirdt der ander tauff gegeben. Das ist, der wirdt noch ein mahl getaufft, aber nit vom menschen, Sonder von Gott. Nitt mit wasser allein, sonder mit dem heylligen geyst mitt feur. Nit dz feur von den fallschen christen, Der heyllig geyst erleucht yn. Das ist, der rechtte tauff zum anderen mahl. Der nun nit allso zum herren kombt, Yn dem weg, durch die lehrnung, vnnd predigung Johannis, wie er lehrnet, der wirt zum andern mal nit getaufft. Wirdt er zum andern [440 r] mahl nit getaufft, so hat er auch den heylligen geyst nit, So ist er auch nit ym namen deß herren ein gesandter, oder von christo ausserwöhlt, sonder sein geschwätz ist von dem geyst, den er auff andere legtt. Es mag ein yedlicher reden,
A1. Prologus totius operis cristianae vitae
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khlaperen, schwätzen, der sachen ein gestallt geben, das volckh ist gleych glaubens, wann es ist leuchtfertig Jn yren Hertzen, seindt wie das rhor. Darffstu ein sollcher christ sein, das volckh darffs auch sein. Sollent krieg vnd Hader werden, So muß sollches leuchtferttigs volckh auch darzu komben. Da ist aber noch kein heylliger geyst nit, auß dem sie reden. Schelten allso einander mit der warheytt, Du hast den teuffel. Es ist allso. Gott behelt aber nit dessto minder yn seiner handt, die wurffschaufel. Lässt sie Jren betrug auf Jren termin treyben, den sie nit ÿbergehn mögent. Allsdann wirdt er die spreuer mit einem vnÿberwindtlichen feuer verbrennen. Das seindt nun yr, deß reychs dz zergehn wirdt.
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Transkription – Liber de vita beata
A2. Liber Prologi Jn Vitam Beatam Theophrasti hohenhaim [210 r] 1 So nun ain gutter baum on gute frucht nit sein mag, vnd ain guter baum myt guten fruchten von 2 guten samen soll geseet werden Jnn denn Acker, Jnn den er gehört, der auch gut sej. Jst nun daß die vrsach hie vonn dem seligen leben zuschreiben, denen, so zum guten boume 3 verordnet sein, vnd begerenndt, dann niemanndts ist der, der nach seim dot selig muge sein, er sei dann vf erden geseliget vnd dartzu erwellt vnd gezogen worden, dann so nun vf erden der mennsch daß sein muß, daß er will nach seim dot sein, ist noth, daß er dohin tracht vnd dennckh, dz er vf erden daß werde, Wie er nach seim todt sein will. ain boßer 4 som, gibt bosen baum, Vnd nachuolgt böse frucht, vnnd ain guter som guten baum, vnd gute frucht. daß aber der böse som ain mennsch sej, das ist er nit. das der gute som ain mensch sei, ist er auch nit. der gute sam ist got, der bose der deuffell, der mennsch der acker. kompt der gutte som Jnn mennschen, er wechst vß Jm. kompt 5 der boß sam Jnn mennschen er wechst vß Jm, dann der mensch ist der acker, vnnd sein hertz sein baum, sein werk sein frucht. mag nit ain acker, der bose frucht tregt gereuttet werden, Vnnd vonn der bosen frucht geseubert, vnnd ain gute darein gesetzt, oder mag nit ain wilder stockh zam werden, vnd fast wol, mag dan nit auch ain guter acker mit bosem samen geseet [210 v] werden. Auch woll, Allso mag der acker gezogen werden nach dem samen, vnnd nit der samen nach dem acker. dann der same regiert denn acker. der Acker ist nit herr vber denn samen. Wirdt ain guter samen geseet Jnn acker, so wechst ain gutter baum hervsß, dann kain gutter sam wirt nit geseet, der acker sei dann do. kain boser som wirt auch nit geseet, der acker sei auch dann do. Ob man sagt, Es werd zwaierlaj acker, guts vnd böß, der böß Jm bösen, der gut Jm guten, daß ist nit. alle menschen seindt gleich ain Acker, vnnd weder gut noch böß, sonnder ain mittelß. der sam aber macht denn acker fruchtbar. Vnnd nachdem vnd er ist, fallt ain guter som Jnn acker vnd der acker nimbt Jnn an, so ist er gut, fellt 6 ain böser darein, vnnd er nimbt Jn an, so ist er bös nit, aberdaß der acker an Jm selbst bös sej oder gut. er ist gleich wie ain wasser, Waß farben darein fallen, die färben 7 daß wasser. Das aber christus spricht, vnnd Johannes Baptista, Jr Ottergezicht. daß ist souil allß ain acker, der nichts soll, Jnn den nichts gutts zusehen ist, alls Jnn 8 ain schlangen, Ottern etc. darjnn ist kain Adler zusuchen noch zusehen. Waß ist aber die vrsach, die ist sie, so der mensch sich gegen dem bosen naigt, vnd endpfacht den bosen samen, vnnd tregt dennselbigen baum, So mag kain gutter samen Jnn dennselbigen fallen noch grünen, der bös ersteckt Jn. Nun fürhin thut got daß. enndtsetzt diesen ackher [211 r] vonn guten samen, vnd beraubt dennselbigen, lest Jn ödt vnnd leer ligen Jnn guten dingen, vnnd mit distl vberwachsen. Dann do ist der punct zumercken, dann der mensch hat den verstanndt deß guten vnnd boßen, vnd das vß dem paradeiß gebraucht. 9 dieweil er nun den verstandt hat, vnd waist daß, [1] H: H 1 210 r–222 r; M: ME 69–86. — [2] von] vo M. — [3] boume] baume M. — [4] boßer] böser M. — [5] kompt … vß jm fehlt M. — [6] fellt] falt M. — [7] färben] ferben M. — [8] jnn fehlt M. — [9] gebraucht] gebracht M.
A2. Liber prologi in vitam beatam
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vnd waist hierauf, Was vf das böß volgt, Waß auch vf das gut vollgt, vnnd nimbt vber das denn ersten somen ann, mit seinem freien guten willen, vnd woll bedracht, vber sein gewissne, do sein hertz ist, So wirdt das darauß, das Jn got vf solche gewissne lest faren vnd machen, vnd uf dasselbige folgt hernach, daß Jmselbigen kain guter som gründen mag. vnd allso wirdt erfüllt daß Exempell, Wie Christus sagt, das ettlicher som fiel Jnn gutten weg, etlichs Jnn die dorn, etlicher vf denn felsen. kainer gieng herfür, allß allain, der Jnn guten acker fiell. das ist der gutte äcker,10 der do erkhenndt Jnn seiner gewissne, gutts vnd böß, vnnd waist, wz Jm zu beden seitten, darauf steeth, vnd verlest daß böß, vnd nimbt daß gutt. daß ist der böß acker, der auch guts vnd böß versteeth, vnnd verlest daß gut, vnd nimbt das böß. Allso was Jnn denn Acker fellt, daß fellt mit des ackerß willen, dann der acker ist nit vnendtpfindtlich, ist nit thierisch, ist nit on vernunfft, sonnder er ist ain acker, der gutts vnd boß waist, vnnd nicht, das er muß annemen, was Jn treib Jnn satt, sonder das er will, das wirt Jnn Jn geseet. Will er guten er wirt Jnn Jn geseet, will er bosen, Wirt aber Jnn [211 v] Jn geseet. Allso nach wem der acker durst, dasselbig trannkh wirt Jm geben. Wornach Jn hungert, dieselbig speiß wirt Jnn Jn geseet. Allso seindt villerlai hunger zum bösen, Villerlej zum gutten. vollendts duß zum bösen, vollendts auch zu gutem. vß dem enndtspringt nun vilerlej frucht der bösen, villerlej frucht der guten. Ytzt sagt man, souill haubter, souil synn, souill Baum, souill anndere frucht, von der baiden, guten vnd bosen. Mann mocht vf das sagen, wir hetten denn freien willen, thun oder nit. das ist nit. wir mogen nichts thun, got gebs dann. der böeß 11 thut, dem muß got das boß da geben, sonnst mag erß nit thun. der guts thut, dem muß got geben, er 12 mags sonnst auch nit thun. wie kann dann der mensch thun, Was er will, so er doch nit kann ain har weiß oder schwartz machen. der hat seinen freien willen, der kann vnd mag thun, waß er will, vnnd ist niemants vber Jn, vnd niemants, der es Jm mug wennden. Wer ist der, allain got. sagstu ich mag den erstechen, oder mags lassen, das stelen, oder mags nit stelen, ehebrechen oder nit brechen, Jch habs Jnn meinem gewallt. Welcher ist der, der solchs reden muge. niemannts. dann ob gleichwol tausennt gulden, vor dir legen, vnd du wolltest thun, so mag got souil, daß du Jm griff erlamest, vnd nichts sihest, Vnd nit waist, wo du bist, vnd macht dich vnsinnig, doll etc. wo ist Jtzt, das du thun magst, was du wilt. thust duß, got staht [212 r] still, bist darumb nit, der du mainst. dann der dot bricht dir dasselbig. das ists aber, du bist ain acker du magst an dich nemen, wen du willt, dartzu bistu frey, gut oder böß. nimbst böß, so thuts der deuffel, du nit. sagstu, ich habe das gethon auß meinem freien willen. nain, der deuffel hats gethon, des ist die ehr, vnnd das lob. du hast aber allß ain acker den bom Jnn dich gepflanntzet. nimbstu ain gutten somen an dich, vnnd machest dotten lebenndig, vssetzigen rain, treibest deuffel vß, du magst darumben nit sagen, Jch mags thun, oder nit. dann du dutsts 13 nit. got ist der, der es thut. Warumben kannstu dich dann berüemen, du magst oder nit, thun oder lohn. Jst nun gott Jnn dir, So wirckestu vß gott, Jst der deuffel Jnn dir, so wirckestu vß dem deuffel. Allß ain gleichnuß, Die Apostl hetten got Jnn Jnen, sein hailigen geist etc. darumb machten sie die dotten lebendig, vnd redenn mit feurigen zungen die wunderwerckh gottes. die besessenn mennschen hetten denn deuffell Jnn Jnen. der-
[10] äcker] acker M. — [11] böeß] böses M. — [12] er mags sonnst auch] sonst mag ers M. — [13] dutsts] dusts M.
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Transkription – Liber de vita beata
selbig plert, vnd rett, vnd brült vß Jnen. Nun sich, wer do sein freien willen hab, die Apostl, oder die besessen, nemlich kainer thaill. die Apostl verbrachten denn willen gottes, die besessen denn willen des deufelß. Allso wart erfüllt Jnn denn Aposteln der will gottes, Jnn den besessenen 14 der will deß deuffelß, noch hat der mennsch kainen freien willen do. Darumben so müssen wir die fantassey ligen lassen vnnd den dingenn nit nachsynnen, Jnn dem, daß wir [212 v] vnnß souil, vnd mer zulegen, dann wir haben. secht an ain groben vnd vnuerstanndnen mennschen. do mocht auch gesagt werden, er hat sein freien willen zethun oder lohn. Vnnd aber er waist nit zuthun oder zulohn, ging allso wie ain doll mensch, der weder von gott noch vom deuffel waist, vnnd endtwederm nachdennckt, hat sein bauch für sein gott, Waist weder herkommen noch hinkommen. Waß soll der honn, ain narren, ain esell, ain dölpen. Jst dann ainer witzig vnd thut böß, er muß zalen. So er nun zalen muß, was ist sein freier will, das nit one schaden vßgeth. was die Seel antrifft, do haben wir khain freien willen. das ist, Jm seligen leben haben wir kainen, auf erden, Aber Jnn dem haben wir Jnn. ain hafner mag Ain hafen machen, oder ain kachel, so Jm got zusagt die krafft zu geben Jnn sein hanndtwerckh. Was ist aber das. got gibt vnnß daß leben, krafft, macht etc. So wir nuhn dasselbige honndt,15 die zugebrauchen, Gott oder dem deuffell, dem negsten oder vnnß. wer ist aber der, der das für ain freien willen schetz, dieweil der henncker hinder Jm steeth, mit dem schwert zurichten. Allß wenig, allß ain acker vermag zuthun, Was er will, Allß wenig du auch. Aber er hat die macht frucht zu tragen, distl 16 oder trauben, gilgen oder dorn. so er nun distl 17 vnd dorn tregt, so stechen die dorn, der Acker aber nit. Allso auch, tregt er trauben vnd gilgen, so neust man dieselbigen, den Acker aber nit. darumb so vollgen vnnß nach vnnsere werckh, daß ist, [213 r] vnnsere werckh seindt Jnn der aufferstehung der mennschen. vnnd der mensch ist sein frucht, die vß Jm gewachsen ist. Vnnd der akker ist der wurmen, vnnd soll nichts. Wie kann do sein, das der mensch vermain, er seiß, vnnd legt Jm souil gewallts zue. dann allso vermaint auch Lucifer, do er Jm himel war, er möcht thun waß er wollt, vnd er thats. do fiel er vß dem himell herab. Wo maisterschafft ist, do ist kain freier will. der aber kain maister hat, derselbig hatt denn freien willen. der ist got. Vnnd wir seindt die allain, so hie vf erden fechten vnnd wanndlen, das wir ain somen vberkommen. Vnnd wie derselbig vß vnnß wechst, Allso hanndlet derselbig. Hie ist vill acht zuhaben vf daß wort gottes, do er gesprochen hat, mich hat gerewen, daß ich denn menschen gemacht hon. dann ursach, so gar vom grundt soll geredt werden, So mercken daß exempel. ainer, der do geschickt ist, vnnd versteth die vernunfft, erkennt gott, vnnd das gerecht, vnnd die liebe, vnd die warhait, Vnnd wanndlet Jnn demselbigen, vnd derselbige kompt ann ain orth, do findt er pauren, burger, Edelleuth, munich, pfaffen etc. Vnd dieselbigen ain thail ist so geittig, daß sie weder gottes etc arth nit achten. der annder thail ist so grob, so eßlich, das er weder vonn gott etc nit hören will, vnnd sicht allso, das baide thaill allain synnen zu dem, das wider gott ist, Vnnd wellen gar nit erkennen noch begeren zu- [213 v] kennen. sollt aber der maister, der solche leut sicht, nit gedenncken, es muß den billich reuen, der sie gemacht hatt, das erß gemacht hat. dann sie sollen nirgendt zu nichts, sonn-
[14] besessenen] besessen M. — [15] honndt] hon M. — [16] distl] distel M. — [17] distl] distel M.
A2. Liber prologi in vitam beatam
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derlich zu dem, dartzu sie geschaffen seindt. Wem wollt nur ain solch volckh gefallen, dieweil nun das augenscheinisch ist, das gott denn menschen beschaffen hat, vnnd dennselbigen nun fast wol, Witzig, geschickt, hubsch etc, Vnnd aber seine kinder stanndt allso wie der vatter. sollt got nit reuen ain solchen puffel bauern, Buffell edeln, der so gar an gott nit synnet, daß er Adam gemacht hab. nit daß Adam Jne gerewen hab, noch Abraham, noch Jesse etc, sonnder denn Cayn vnnd anndere seine nachuolger Jnn seinem leben. Christus, der nu ain neuen menschen beschaffen hat, der hat die geburt annderst gesetzt. nit das ain yeglicher sein Sun sej, sein creatur sej, darumb, daß er von sannt Peter geborn sej, oder von sannt Paull, sunder Jnn die geburt hat ers gesetzt, die Jnn gott gebornn seindt. Jtzt werden die nach dem fleisch nit, wie vß Adam, sonnder vßgeschlossen, die do nichts sollen. Adam muß alle die fur kinder hon, sie geratten wol oder vbel, so seindt sie seines bluts, vor 18 vnnd von Jm do. Aber Christus hatz nit allso geschaffen, sonnder er hatts geschaffen, Vff das er nit zu rue keme seiner Creatur, wie sein himlischer vatter. darumb nit Jnn das blut der mennschen, noch Jn dem willen deß mannes, sonder Jnn dem willen, den sein himlischer vatter zu Jm zeucht, [214 r] derselbig ist vß Jm geborn. Allso werden die groben nebulon, vnnd die geuttigen, die Caynisten etc abgesonndert, ob gleich Jr 19 vatter Abraham were, So ist der Sun darumb nit Abrahamß blut. Dieweill Jnn solchem ain verstenndtnuß genommen werdenn, daß Jnn Adam niemandts selig wirdt, darumb dz er so bose kinder hat, des berumpt ist, seinen kindern nichts nutzlich noch hilfflich zusein Jnn Jener wellt, sonnder also geschieden, daß ain yeglicher sein bürde selbs tragen wirt, vnnd muß, vnd niemanndts fur denn andern, vnnd Jm selbigen fleisch Ade kain selikheit ist, noch gefunden wirt, vnd ain annder fleisch do muß sein, Jnn dem der mensch vfferstehen muß zu denn seligen Jnn dz reich gottes. Vf solchs ist nun Christus geborn, vnnd mennsch worden, Jm blut vnd fleisch, nit vonn Adam, sonnder vß dem hailligen geist. Darumben so hat er ain newe creatur vffgericht, daß allain die, so Jnn Jne 20 glauben werden wider geborn, vnd geschaffen, Aber Jnn das fleisch vnnd blut, das durch denn hailligen gaist wirt. So es nun vom selbigen muß kommen, so ist da die fursichtickhait deß sonns gesein, das ain yeglicher, der do will sein ain Son gottes, gefleischt vß dem hailligenn gaist, derselbig muß am ersten glauben Jnn den, den gott gesannt hat, Jesum Cristum seinen Son, vnnd dennselbigen hören. Ytzt vf das volgt, das der mensch kain sun himlisch geburt, Allain yrdisch. der aberr himlisch sein will, der glaub, vnd hör Cristum. Ytzt [214 v] ist er ain Sun gottes, wie gemellt. Ytz ist weitther zumerckhen, daß der mennsch der Allten Creaturn got des vatters, der allso buflich, vnd eßlich ist, auch vichisch, Wolffisch etc, soll vnndterricht vnd gelert werden von der Neuen Creatur, vom seligen leben, Vnnd Jm seine dölpische art nemen, vnderweisen, vf daß er zu erkhantnus khom Cristi, der do ist der Son gottes, vnd höre sein wort, das vnnß gott der himlische Vatter gehaissen hat. Darumb volgt vf das, das christus gesagt hat, geeth Jnn alle wellt vß, Vnnd predigen allen Creaturen das Euangelion etc. Warumben Jnn alle welt. darumb, das allenn die selickhait des himelß offen ist, vnd allen Creaturen, das ettlich auf esell natur, ettlich auf hundts arth genannt seindt Jn Jrem verstanndt, etliche schweinen kindt, ettliche mennschen kinder, dasselbig seind die Creatur, vf daß sie kommen Jnn erkanntnus vnd gwisen werden von der allten Creatur zu der Neuen, es sej dann die Creatur, die sich gegen dem planeten [18] vor fehlt M. — [19] jr] in M. — [20] jne] in M.
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Transkription – Liber de vita beata
hellt, gegenn dem Vich, gegen dem deuffel vnd seinen gaisten, das sie alle wissen, verstannden vnd erkhennen die new Creatur, dann niemanndt ist Cristum bekhannt, er werde dann demselben verkundt. kain gaist thuts nit, kain planet verkundt Jm nichts, kain vich predigt Jm nit, es muß allain das Apostl 21 ambt thun, Vnd der prophet stanndt, der Junger stanndt, dann den ist das gehaiß worden. Das ich hie beschreib vom wesen Jm seligen leben, ist nit, [215 r] das Jch denn vnglaubigen, oder denn unwissenden vonn Cristo, leer geb. dann nit ain Apostell oder dergleichen bin ich, sonnder ain phylosophus nach der teutschen art. Aber das beschreib ich denen, so Jnn Cristo getaufft seindt, vnnd aber Jn nit horen wellen, ettliche sich selbs fursetzenn Cristo, annder, die vill yrsall einfueren, die selbigen allain ettliches thailß zumelden, vnd furzuhallten, nit das allß do sej, was not ist, dann die ding zubeschreiben ist meines vermugens nit. Cristus hatts beschrieben. Jch allain die yrsal furgenommen, so bei Cristo nit ge