Sighard Neckel · Hans-Georg Soeffner (Hrsg.) Mittendrin im Abseits
Analysen zu gesellschaftlicher Integration und Des...
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Sighard Neckel · Hans-Georg Soeffner (Hrsg.) Mittendrin im Abseits
Analysen zu gesellschaftlicher Integration und Desintegration Herausgegeben von Wilhelm Heitmeyer
Die Schriftenreihe ist hervorgegangen aus dem in Bielefeld von Wilhelm Heitmeyer geleiteten und von Peter Imbusch koordinierten Forschungsverbund „Gesellschaftliche Desintegrationsprozesse – Stärkung von Integrationspotenzialen moderner Gesellschaften“ und präsentiert dessen zentrale Forschungsergebnisse. Mit der Leitformel „Stärkung von Integrationspotenzialen“ wird signalisiert, dass moderne Gesellschaften einerseits auf Grund ihrer Entwicklung und Ausdifferenzierung über erhebliche Integrationspotenziale verfügen, um Existenz-, Partizipations- und Zugehörigkeitschancen zu bieten; andererseits verweist sie bereits auf eine Reihe von Problemzusammenhängen. Zielsetzung des Forschungsverbundes war es, durch seine Analysen gravierende Problembereiche moderner Gesellschaften differenziert empirisch aufzuarbeiten, so dass Maßnahmen identifiziert werden können, die zur Stärkung ihrer Integrationspotenziale beitragen können.
Sighard Neckel Hans-Georg Soeffner (Hrsg.)
Mittendrin im Abseits Ethnische Gruppenbeziehungen im lokalen Kontext
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.
1. Auflage 2008 Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2008 Lektorat: Frank Engelhardt VS Verlag für Sozialwissenschaften ist Teil der Fachverlagsgruppe Springer Science+Business Media. www.vs-verlag.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v., Meppel Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in the Netherlands ISBN 978-3-531-14710-9
Inhalt
Vorwort ................................................................................................................................................. 7 Sighard Neckel und Hans-Georg Soeffner Einleitung: Mittendrin im Abseits. Ethnische Gruppenbeziehungen im lokalen Kontext...................... 9
A. Negative Klassifikationen in urbanen Nachbarschaften
I.
Sighard Neckel und Ferdinand Sutterlüty Negative Klassifikationen und die symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit .......................... 15
Ferdinand Sutterlüty, Sighard Neckel und Ina Walter II. Klassifikationen im Kampf um Abgrenzung und Zugehörigkeit................................................... 27 Ferdinand Sutterlüty III. Ethnischer Verwandtschaftsglaube – ein generatives Klassifikationsprinzip ................................ 91
B. Soziale Teilhabe in der Welt des Fußballsports Hans-Georg Soeffner und Dariuš Zifonun I. Integration und soziale Welten .................................................................................................... 115 Hans-Georg Soeffner und Dariuš Zifonun II. Fußballwelten: Die Ordnungen ethnischer Beziehungen............................................................. 133 Dariuš Zifonun III. Stereotype der Interkulturalität: Zur Ordnung ethnischer Ungleichheit im Fußballmilieu .......... 163 Dariuš Zifonun IV. Exkurs über den Hooligandiskurs................................................................................................ 177 Dariuš Zifonun V. Das Migrantenmilieu des FC Hochstätt Türkspor ....................................................................... 187 Andreas Göttlich VI. König Fußballs neue Kleider: Die Integrationsvorstellungen deutscher Sportverbände.............. 211 Hans-Georg Soeffner und Sighard Neckel Fazit: Integration und Desintegration ................................................................................................ 235 Literatur ............................................................................................................................................. 239 Autorenverzeichnis............................................................................................................................ 253
Vorwort
Die gegenwärtigen sozioökonomischen und politischen Entwicklungen in den westlichen Industriegesellschaften sind von unübersehbaren Ambivalenzen geprägt. Soziale und politische Umbrüche der letzten fünfzehn Jahre und die damit einhergehenden Umstellungszumutungen haben für zahlreiche Menschen neue Chancen eröffnet, gleichzeitig aber auch vielfältige wirtschaftliche und politische Risiken (Zugangsprobleme zum Arbeitsmarkt, mangelnde positionale und emotionale Anerkennung, Teilnahmeprobleme an einzelnen gesellschaftlichen Subsystemen, Sinnlosigkeitserfahrungen im politischen Alltag, abnehmende moralische Anerkennung, exklusiver werdende Leistungs- und Verteilungsstrukturen sowie labile oder fragile Gemeinschaftszugehörigkeiten) heraufbeschworen, welche die Integrationsproblematik moderner Gesellschaften verschärfen und Desintegrationsprozesse befördern. Nicht nur in Deutschland ist in den letzten Jahren die soziale Ungleichheit größer geworden; Ideologien der Ungleichwertigkeit, Menschenfeindlichkeit und menschenverachtende Gewalt sind deutlich hervorgetreten. Damit gehören Fragen nach der Integrationsfähigkeit moderner Gesellschaften wieder ganz oben auf die gesellschaftspolitische Agenda. Die sich in einer Vielzahl von Aspekten zeigenden Desintegrationstendenzen in den westlichen Gesellschaften haben zum Aufbau eines interdisziplinären Forschungsverbundes zum Thema »Desintegrationsprozesse – Stärkung von Integrationspotentialen einer modernen Gesellschaft« an der Universität Bielefeld geführt, der über mehrere Jahre vom Bundesministerium für Bildung und Forschung finanziell gefördert wurde. Ziel der Forschung im Rahmen dieses Programms war es, wichtige Erkenntnisse zu Integrationsproblemen moderner Gesellschaften beizusteuern und jenen Entwicklungen auf den Grund zu gehen, deren negative Folgen zentrale normative Kernelemente dieser Gesellschaft gefährden. Die Identifizierung problematischer Entwicklungsverläufe und die Beschreibung und Erklärung von Einflussfaktoren für die Stärkung der Integrationspotentiale dieser Gesellschaft wurden auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Projektzusammenhängen thematisiert. Der von Sighard Neckel und Hans-Georg Soeffner herausgegebene Band untersucht die paradoxe Spannung, einerseits mittendrin zu sein und andererseits doch im Abseits zu stehen. Der Titel spielt darauf an, dass ethnischen Minderheiten in Bezug auf ihre Partizipationschancen oft nur ein randständiger Platz in der Gesellschaft zukommt, sie jedoch in hohem Maße sichtbar sind, das daraus resultierende Integrationsproblem also zentral für die Gesellschaft ist. Im ersten Teil des Buches stehen der Gehalt und die Wirkungsweise negativer Klassifikationen im Mittelpunkt. Negative Klassifikationen bewirken, dass zugeschriebene oder reale Unterschiede zwischen Gruppen einer Gesellschaft sich zu einer symbolischen Ordnung sozialer Ungleichheit fügen, die Integration erschweren und Desintegration zur Folge haben kann. Im zweiten Teil des Buches wird deutlich, dass auch der Fußballsport ein höchst ambivalentes Feld ist. Hier gibt es einerseits eine Vielzahl integrativ wirkender interkultureller Kontakte und Kontaktformen, auch und gerade dort, wo man dies zunächst nicht erwarten würde. Andererseits jedoch existieren auch segregierte soziale Welten mit je eigenen Handlungsregeln und typischen Stilisierungen von Unterschieden. Beide Fälle haben eines ge-
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Wilhelm Heitmeyer und Peter Imbusch
meinsam: Die Konflikte bleiben unabgeschlossen und die erreichte Integration bei genauerer Betrachtung störanfällig. Hinsichtlich dieses – ursprünglich aus zwei Projekten bestehenden – Forschungszusammenhangs geht es nicht zuletzt immer auch um die Frage nach dem Konfliktpotential weltanschaulich und ethnisch gemischter moderner Gesellschaften und die bis heute virulente Frage nach dem Integrationspotential sozialer Konflikte.
Bielefeld, im Mai 2008
Wilhelm Heitmeyer / Peter Imbusch
Einleitung: Mittendrin im Abseits. Ethnische Gruppenbeziehungen im lokalen Kontext Sighard Neckel und Hans-Georg Soeffner
»Mittendrin im Abseits« – das ist eine paradoxe Situation. Wer im Abseits steht, bewegt sich in der gegnerischen Hälfte jenseits der Grenze des erlaubten Spielgeschehens, weil sich bei Ballabgabe kein oder nur ein Spieler der Gegenmannschaft näher an der Torlinie befindet als man selbst. Im Abseits stehen, heißt gleichsam randständig zu sein, da man eine äußerste Position eingenommen hat und alle anderen buchstäblich hinter sich ließ. »Mittendrin« im Abseits wiederum bedeutet, bei aller Randständigkeit eine derart zentrale Position innezuhaben, dass sie weithin sichtbar ist und so von den Zuschauern und dem Schiedsrichter auch wahrgenommen wird. »Mittendrin im Abseits« ist daher zweierlei zugleich: Randständigkeit und hohe Sichtbarkeit, Zentralität und Marginalität. Ethnische Minderheiten erfahren ihren Platz in der modernen Gesellschaft der Gegenwart nicht selten nach einem Modus, der der fußballerischen Situation, mittendrin im Abseits zu sein, nicht unähnlich ist. Oft genug randständig, was die eigenen Teilhabe- und Teilnahmechancen betrifft, konzentriert sich dennoch die öffentliche Aufmerksamkeit auf sie, wenn es gilt, die Verwerfungen der modernen Gesellschaft in einem grellen Licht erscheinen zu lassen. Vor allem die »Integrationsprobleme« in den Sozialordnungen der Gegenwart werden mit der Existenz und den Lebensformen ethnischer Minderheiten assoziiert, sei es, dass ihnen eine Tendenz zur Bildung von »Parallelgesellschaften« nachgesagt wird, Gewaltprobleme entdeckt werden oder der deutsche PISASchock auf bildungsschwache Ausländerkinder zurückgeführt wird. Die öffentlichen Debatten um die Integration von »Menschen mit Migrationshintergrund«, wie die offizielle Sprachregelung nunmehr lautet, tendieren gewiss nicht selten zur Dramatisierung vergleichsweise »normaler« Konflikte zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Gleichwohl weisen die Auseinandersetzungen um die gesellschaftlichen Konstruktionen einer multiethnischen Wirklichkeit in den Sozialordnungen der Gegenwart auf einen der entscheidenden zeitgenössischen Wandlungsprozesse hin. Mit der Gültigkeit des neuen Staatsbürgerschaftsrechts sehen sich autochthone Mehrheitsgruppen mit der Herausforderung konfrontiert, auch Staatsbürger anderer ethnischer Herkunft als im vollen Sinne »gleich« anzuerkennen. Und nur allzu oft scheint die Mehrheitsgesellschaft gerade wegen dieser neuen Offizialregeln über die nationale Zugehörigkeit umso mehr nach einer gleichsam naturalistischen Differenzversicherung zwischen sich und den Fremden zu verlangen. Ethnische Minderheiten ihrerseits nutzen rechtliche Garantien und das höhere Maß an gesellschaftlicher Anerkennung, das ihnen heute zuteil wird, bisweilen dazu, kulturell, sozial und politisch einen ethnischen Separatismus zu betreiben, der seinerseits zu einer Intensivierung ethnischer Konflikte beiträgt anstatt die Beziehungen ethnischer Gruppen demokratisch zu pazifizieren. Eine Folge hiervon ist etwa der soziale Zwang zur »Selbstethnisierung«, der den Zuwachs individueller Optionen bei der Artikulation sozialer Zugehörigkeiten nachhaltig unterlaufen kann und der seine Entsprechungen in den ethnischen Stigmati-
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Sighard Neckel und Hans-Georg Soeffner
sierungen von Mehrheiten sowie in der zunehmenden »Ethnisierung« sozialer Ungleichheiten findet. In Zeiten verallgemeinerter und rechtlich legitimierter Gleichheitsansprüche sind Ungleichheiten, zumal, wenn sie ethnisch konnotiert sind, aber nicht ausschließlich politischinstitutionell oder ökonomisch zu bestimmen. Mehr denn je verlegen sie sich heute auf die symbolische Ebene gesellschaftlicher Wahrnehmungen und Bewertungen, von der aus sie den sozialen Alltag im interethnischen Gruppenleben strukturieren. Keine soziale Sphäre ist für die Erforschung dieses Alltags besser geeignet als die lokale Lebenswelt von Stadtvierteln und städtischen Nachbarschaften. Städtische Lebenswelten sind heute die maßgeblichen Bewährungsfelder, Gestaltungsräume und Konfliktzonen multiethnischer Prozesse – bisweilen jenseits der Ordnungsmacht von Staat und Nation, was vor allem daran deutlich wird, dass lokale Identitäten dabei sind, sich ethnisch übergreifend herauszubilden, während die nationalen Selbstverständnisse mitunter in ziemlich resoluter Weise weiterhin auf einem Abstammungsglauben beruhen. Städte und Gemeinden werden heute bis weit in regionale Provinzen hinein dem Problemdruck der Integration heterogener Bevölkerungsteile und Kulturformen ausgesetzt, was es notwendig werden lässt, die bestehenden Formen lokaler Identitäten neu zu konstruieren. Eine zentrale Rolle kommt hierbei dem Verhältnis von lokalen Zugehörigkeitsgefühlen und multiethnischen Konfliktlinien zu. Eine Beobachtung in diesem Zusammenhang ist die Wiederbelebung eines »lokalen Nationalismus« und die Betonung einer ortsgebundenen Identität, die Fremdes ausschließen will. Lokale Identität ist dann vor allem von dem Bedürfnis nach sozialräumlicher Distinktion getragen. Allerdings sind heute auch Formen lokaler Identifikationen festzustellen, welche die Integration des Fremden fördern und nicht verhindern. Das Muster der Integration besteht dann genau darin, in das eigene Viertel sozial, familiär und ökonomisch zu »investieren«. Die lokale Lebenswelt wäre dann eine Sozialsphäre, an der sich die Tendenzen ethnischer Diskriminierung auch brechen und auflösen könnten. Unter welchen Bedingungen und Voraussetzungen moderne Formen lokaler Sozialprozesse zur Integration der multiethnischen Gesellschaft beitragen oder möglicherweise Desintegrationsprozesse noch vertiefen, welche Verlaufsformen ethnische Interaktionsprozesse in kleinräumigen Sozialsphären annehmen und welche verschiedenen Folgen mit Konflikt, Konsens oder Gleichgültigkeit untereinander für die interethnischen Beziehungen verbunden sind, dies war das gemeinsame Interesse der beiden Forschungsprojekte, deren Erträge in diesem Band abgedruckt sind. Als Dach beider Forschergruppen fungierte der von Wilhelm Heitmeyer am Institut für Interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG) der Universität Bielefeld geleitete Forschungsverbund »Desintegrationsprozesse. Analysen zur Stärkung von Integrationspotentialen einer modernen Gesellschaft«, der von 2002 bis 2005 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert wurde. An diesem Forschungsverbund waren insgesamt siebzehn Einzelprojekte aus den Fächern Soziologie, Psychologie, Politikwissenschaft und Pädagogik beteiligt. Das Gemeinsame der beiden hier dokumentierten Forschungsprojekte war, dass sie sich in je eigener Weise auf der »Mesoebene« sozialer Gruppenprozesse für die lokalen Verhältnisse ethnischer Beziehungen interessierten. Das Projekt »Negative Klassifikationen. Ideologien der Ungleichwertigkeit in den symbolischen Ordnungen gegenwärtiger Sozialgruppen«, dessen Forscherteam aus dem Pro-
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jektleiter Sighard Neckel sowie Ferdinand Sutterlüty und Ina Walter bestand, wurde vom Juni 2002 bis zum Mai 2005 am Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main durchgeführt. Anhand der Analyse exemplarischer Fälle von stigmatisierenden Zuschreibungen, die sozialräumlich benachbarte Gruppen aneinander richten, forschte das Projekt dem Gehalt und der Wirkungsweise »negativer Klassifikationen« nach. Am Beispiel verschiedener Sozialgruppen in zwei lokalen Nachbarschaften westdeutscher Großstädte rekonstruierte es die innere Struktur symbolischer Abwertungen und die soziale Dynamik von Klassifikationskämpfen. Besondere Aufmerksamkeit galt dabei jenen negativen Klassifikationen, die als Überzeugungen von der Ungleichwertigkeit einzelner Bevölkerungsteile zu verstehen sind und auf den »kategorialen Ausschluss« bestimmter Gruppen von der sozialen Teilnahme und Teilhabe abzielen. Die Bedingungen, unter denen solche Klassifikationskämpfe desintegrierende Folgen haben oder aber den sozialen Prozessen »konfliktvermittelter Integration« noch zugänglich sind, standen schließlich im Mittelpunkt des Interesses. Das Forschungsprojekt »Integration und Assimilation im Milieu des Fußballsports« wiederum wurde unter der Leitung von Hans-Georg Soeffner von Dariuš Zifonun, Anna Rain und Andreas Göttlich an der Universität Konstanz durchgeführt. Die zentrale Frage war jene nach den unterschiedlichen Formen des »interkulturellen Kontaktes« in der Fußballwelt, wobei zwischen interkulturellen Milieus, Migranten-, Assimilations-, Segregations- und Marginalisierungsmilieus unterschieden wurde. Insbesondere sollten jene Faktoren herausgearbeitet werden, die sich an den Schnittstellen ihrer jeweiligen sozialen Welten für die Gestaltung des Kontaktes zwischen Migranten und der autochthonen Bevölkerung als besonders wichtig erweisen. Der Untersuchung geteilter Stereotype und Handlungsregeln kam dabei ebenso große Bedeutung zu wie der Stilisierung von Unterschieden. Im Ergebnis konnte eine tiefe Kluft zwischen den Integrationsideologien und -politiken maßgeblicher Sportverbände und der Praxis in der Fußballwelt festgestellt werden. »Exemplum docet, exemplae obscurantrum« – ein Beispiel ist lehrreich, viele Beispiele verwirren. Dieser Einsicht folgend, finden die hier publizierten Forschungsprojekte nicht nur im gemeinsamen Interesse an den lokalen Prozessen des interethnischen Gruppenlebens ihr verbindendes Element, sondern auch in der methodischen Herangehensweise, mittels ethnographischer und wissenssoziologischer Erkenntnisinstrumente vergleichende Fallstudien zu erstellen, die sich hinsichtlich der Zahl der untersuchten Settings bewusst auf die kleine Zahl beschränken. Exemplarische Fallstudien beanspruchen bekanntlich, über die Darstellung und Analyse konkreter Beispiele hinaus generelle Entwicklungsmuster zu entdecken, die in strukturell gleich gelagerten Fällen zu typischerweise ähnlichen Resultaten im Sozialleben führen. In diesem Sinne wollten die in diesem Band versammelten Sozialforscher aus lokalen Prozessen Erkenntnisse gewinnen, die auch in einem allgemeinen Sinn erhellend für die Gehalte und Verlaufsformen interethnischer Beziehungen sind.
A. Negative Klassifikationen in urbanen Nachbarschaften
Negative Klassifikationen und die symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit Sighard Neckel und Ferdinand Sutterlüty
Es ist ein allgemeines Phänomen unseres Alltags, dass soziale Interaktionen mit Bewertungen verbunden sind, mit denen sich die beteiligten Akteure ihre jeweiligen Einschätzungen signalisieren, subjektive Nähen oder Distanzen erzeugen, Anerkennung, Gleichgültigkeit oder Missachtung zum Ausdruck bringen. Wie persönlich auch immer ein solcher Austausch geprägt sein mag, stets gehen soziale Elemente in ihn ein, die sich vor allem am gesellschaftlichen Status der betreffenden Personen festmachen lassen. Ob Akteure einander über- und untergeordnet sind oder ob sie sich als Gleiche begegnen, bestimmt Inhalt und Verlauf des gegenseitigen Handelns wesentlich mit. Die Sozialstruktur einer Gesellschaft schlägt sich daher in den alltäglichen Begegnungen nieder, und bis in die kleinsten lebensweltlichen Episoden hinein werden Interaktionen durch die jeweilige Verteilung sozialer Positionen geprägt. Die Bewertungen wiederum, die soziale Interaktionen begleiten, treffen immer auch Aussagen über die soziale Stellung, die Akteure inmitten größerer gesellschaftlicher Zusammenhänge einnehmen, und über das Ausmaß an Anerkennung und Wertschätzung, das Akteure in diesen sozialen Zusammenhängen jeweils genießen. In der modernen Gesellschaft, die soziale Wertschätzung oder Missachtung nicht per se schon nach den Mustern ständischer Privilegien vergibt, sind derartige soziale Bewertungen mit den Veränderungen und den Verwerfungen der Sozialstruktur auf das Engste verknüpft. Versteht man die moderne Sozialstruktur mit Pierre Bourdieu als einen sozialen Raum in sich beweglicher Positionen (vgl. Bourdieu 1992), lassen sich zwei aufeinander verweisende Prozesse identifizieren, in denen die Hierarchie sozialer Positionen praktisch ausgehandelt wird. Die Aneignung von materiellen Ressourcen und verwertbarem Wissen bestimmt die jeweilige Ausstattung mit ökonomischem und kulturellem Kapital. Deren Rangordnungen ergeben sich jedoch nicht allein aus sich selbst heraus, sondern entstehen im Zusammenhang gesellschaftlicher Bewertungskämpfe, in denen das symbolische Kapital sozialer Anerkennung erzeugt, verwehrt, akkumuliert oder transferiert wird. Die daraus entstehende Hierarchie der Wertschätzung, die Individuen und Gruppen zuerkannt wird, begründet die symbolische Ordnung einer Gesellschaft, die sich nach der »Logik des differentiellen Abstands« (ebd.: 146) organisiert. In der Sozialstruktur repräsentiert sich mithin nicht nur eine Verteilungsordnung materieller Güter, sondern zugleich ein gesellschaftliches System von Klassifikationen, welches wiederum Rückwirkungen auf die materiellen und kulturellen Aneignungschancen sozialer Gruppen hat (vgl. dazu auch den Beitrag B.III). »Negative Klassifikationen«, mit deren soziologischer Analyse die folgenden Beiträge bekannt machen möchten, sind als die stigmatisierenden Elemente der symbolischen Ordnung sozialer Ungleichheit in einer Gesellschaft zu verstehen. Mit der Erforschung ihrer alltäglichen Erzeugung im wechselseitigen Bezug sozialer Gruppen erschließen wir uns die diskriminierenden Aspekte der symbolischen Ungleichheitsordnung – jene Bewertungs-
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Sighard Neckel und Ferdinand Sutterlüty
muster also, die einen restriktiven Einfluss auf die Handlungschancen und die Bedürfnisverwirklichung von Sozialgruppen haben. So macht es etwa einen bedeutenden Unterschied, ob materielle Armut mit Bewertungen verbunden ist, die Solidarität einfordern, oder mit solchen, die Armut zum Anlass von Diffamierungen werden lassen. Dieselbe Soziallage hat dann möglicherweise ganz unterschiedliche soziale Konsequenzen. Klassifikationen sind also keineswegs nur ephemere Aspekte der Sozialordnung und sie bewohnen auch nicht allein die Welt flüchtiger Diskurse und Zeichen. Vielmehr sind sie mit objektiven Handlungsfolgen verbunden. Darin liegt die soziologische Relevanz sozialer Klassifikationsakte, denen die folgenden Ausführungen gelten. Nach einer Erläuterung des Begriffs der »Klassifikation« (1.) und einer Differenzierung verschiedener Arten negativer Einstufungen (2.) richtet sich schließlich der Blick auf einige typische Konstellationen und Verlaufsformen sozialer Klassifikationskämpfe (3.).
1. Klassifikationen und gesellschaftliche Ordnungen Soziale Klassifikationen und damit verbundene positive und negative Wertungen sind universelle menschliche Phänomene. Als ein Begriffssystem von Unterscheidungen, die hierarchisch geordnet werden, stellen Klassifikationen eine unvermeidliche und notwendige Orientierung im sozialen Raum dar. Ohne sie könnten Akteure zu keiner Ordnung ihrer Wahrnehmungen und Handlungsweisen gelangen. Klassifikationen strukturieren also die soziale Umwelt und sind damit eine unabdingbare Voraussetzung für die Handlungsfähigkeit von Personen und Gruppen. Anderseits stellen sie ein Orientierungssystem bereit, das es Akteuren erlaubt, ihren Platz in der Gesellschaft zu bestimmen (dazu insbes. Strauss 1974; Douglas 1974; Tajfel 1975; Bowker/Star 2002). Die kognitiven und evaluativen Kategorien, welche diese Orientierung steuern, variieren jedoch in vielfältiger Weise mit historischen Kontexten und den unterschiedlichen Formen der sozialen Praxis. Es entspricht einer zentralen soziologischen Einsicht, die bereits Emile Durkheim und Marcel Mauss herausgearbeitet haben, dass die Kategorien der Wahrnehmung und Bewertung eng mit der jeweiligen Sozialordnung einer Gesellschaft verflochten sind. Der soziale Gehalt all unserer Kategorien begründet deren grundlegendste Eigenschaft: nämlich »kollektive Vorstellungen« zu sein, die an bestimmte gesellschaftliche Strukturen gebunden sind und von einer konkreten sozialen Handlungspraxis hervorgebracht werden (siehe Durkheim 1981; Durkheim/Mauss 1987). In jeder Gesellschaft sind es stets verschiedene Instanzen, die Klassifikationen erzeugen. Oft wenig sichtbar, sind Institutionen mit der »Arbeit des Klassifizierens« befasst (vgl. Douglas 1991: 149 ff.), weshalb gerade institutionell geprägte Einteilungen und Bewertungen im lebensweltlichen Austausch verschiedener Sozialgruppen eine wichtige, weil weitgehend unbewusste Rolle spielen. Ein Beispiel hierfür ist etwa der moderne Arbeitsbegriff, der sich im ausgehenden 19. Jahrhundert herausgebildet hat. Er ging zunächst aus juristischen Definitionen hervor, wurde zur institutionellen Grundlage von Bildungsanstalten und Sozialversicherungssystemen, und schuf die Voraussetzungen für die Unterscheidung von Arbeit und Müßiggang, an die dann vielfältige normative Wertungen anschließen konnten (Conrad et al. 2000). »Arbeitslosigkeit« verwandelte sich jetzt zum sozialen Problem, das
Negative Klassifikationen und die symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit
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erzieherischer und sozialstaatlicher Interventionen bedurfte. Noch heute basieren die abwertenden Zuschreibungen, die sich auf Arbeitslose richten, auf der institutionellen Sortierung von Lebenspraxis nach den Begriffen von Arbeit und Nichtarbeit. Aber Institutionen sind nur eine der gesellschaftlichen Arenen, in denen sich die »Macht der Klassifikation« bei der sozialen Herstellung von Ungleichheiten erweist (vgl. Bourdieu 1982: 741 ff.; Neckel 2003). Auch mediale Wirklichkeitskonstruktionen und politische Deutungsangebote tragen dazu bei, indem sie Zeichen öffentlicher Wertschätzung oder Stigmatisierung erzeugen. Wir kennen das aus der »Faulenzer«-Debatte, die Bundeskanzler Schröder seinerzeit losgetreten hatte, um einzelne Sozialgruppen als negative Beispiele unzulänglicher Anpassung an den sozialökonomischen Strukturwandel zu diskreditieren – medial unterstützt von Personalisierungen wie »Florida-Rolf«, »Pool-Harry« oder »Thailand-Angelika«, die als Verdichtungssymbole für den vermeintlichen »Missbrauch von Sozialleistungen« konstruiert worden sind. Unterhalb dieser Arenen findet die Aushandlung von Anerkennung und Missachtung jedoch vor allem in den alltäglichen und lokalen Bezügen sozialer Gruppen statt, in denen sich die symbolische Ordnung des sozialen Raumes anhand der Verwendung plastischer Benennungen konkretisiert. Beispiele hierfür sind die wechselseitigen Charakterisierungen von Sozialgruppen als »Schmarotzer«, »Neider«, »Trittbrettfahrer«, »Abschaum«, »Assis«, »Versager«, »Sesselfurzer«, »Bankrotteure«, »Kriminelle« oder »Verlierer«. Derartige Klassifikationen nehmen mediale und politische Deutungsangebote gewiss in sich auf, ohne jedoch in Entstehung, Gestalt und Valenz dadurch vollständig erklärbar zu sein. Offizielle Bezeichnungen, mediale Botschaften und institutionelle Klassifikationen erfahren im Nahbereich sozialer Akteure stets spezifische Interpretationen und werden zur Ressource lokaler Anerkennungskämpfe, die eigenen Semantiken und Konfliktlogiken folgen. In den Kontexten alltäglichen Handelns entscheidet sich schließlich auch, ob und wie negative Klassifikationen konterkariert werden und welche Auswirkungen sie auf die sozialen Integrationschancen der jeweils beteiligten Akteure haben. Lokale Klassifikationskämpfe, in denen sich aber auch langlebige Widerstandspotentiale gegen vorherrschende Stigmatisierungen manifestieren können, werden beispielsweise zwischen Eltern auf Kinderspielplätzen, zwischen deutschen Lehrern und ausländischen Schülern, in der Nachbarschaft von Asylbewerberunterkünften und im Umfeld von Moscheen, in den Geschäften und Kneipen multiethnischer Wohnquartiere, zwischen sozial und ethnisch unterschiedlichen Sportvereinen, beim Bewerbungsgespräch im Betrieb oder auch bei der Kreditvergabe einer Bank ausgetragen. Häufig sind es Momente der »unfreiwilligen« Kommunikation zwischen verschiedenen Sozialgruppen, in denen sich negative Klassifikationen artikulieren. Derartige Momente ergeben sich etwa aus der gemeinsamen Nutzung von Einrichtungen und Institutionen, in denen auch praktische Entscheidungen etwa über den Schulbesuch von Kindern gefällt werden müssen, und in denen der Handlungsdruck solcher Entscheidungen die kommunikative Zurückhaltung diskreditierender Äußerungen suspendiert. Solche alltäglichen Klassifikationskämpfe sind stets soziale Auseinandersetzungen um die »Durchsetzung der legitimen Weltsicht« (Bourdieu 1992: 147); sie sind Kämpfe um symbolische Macht. Der Umstand, dass die Durchsetzung einer Weltsicht von der Anerkennung anderer abhängig ist, unterscheidet die symbolische Macht aber von jenen Machtformen, die auf anderen Ressourcen, etwa ökonomischem oder kulturellem Kapital beruhen
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Sighard Neckel und Ferdinand Sutterlüty
(Bourdieu 1998: 108 f.). Die Anerkennung einer Weltsicht und der mit ihr gegebenen sozialen Grenzziehungen stellt sich in der Theorie Bourdieus weitgehend als eine stillschweigende Zustimmung zu den Verhältnissen einer eingelebten Ordnung dar, die ihre arbiträren Grundlagen im Nimbus des Natürlichen zu kaschieren sucht. Jedoch bekommt Bourdieus Begriff der symbolischen Macht nur dann einen spezifischen Sinn, wenn er die Abhängigkeit des »wahrgenommenen Seins« von der Zustimmung anderer hinreichend zum Ausdruck bringt und er eine relative Autonomie des symbolischen Kapitals gegenüber materiellen und kulturellen Ressourcen begründet (vgl. Schwingel 1993: 103 ff.). Der Bereich des Symbolischen ist somit niemals gesichert und besonders offen für die unterschiedlichen Gebrauchsweisen, die Klassifikationen in den Auseinandersetzungen zwischen Sozialgruppen erhalten. Klassifikationssysteme, um deren Durchsetzung oder Zurückweisung Akteure alltäglich ringen, sind Bourdieu zufolge jedoch »mehr oder weniger offen auf die Erfüllung spezifischer Gruppeninteressen hin ausgerichtet« (1982: 744). Auch wenn sich in seinem Werk immer wieder gegenläufige Formulierungen finden lassen, legt Bourdieus Theorie doch nahe, Nützlichkeitskriterien als letztlich maßgeblich für »kollektive Vorstellungen« zu verstehen. In symbolischen Kämpfen können aber ebenso gut normative Handlungsgründe von Bedeutung sein, weil sich in ihnen auch die Wertvorstellungen, Lebensstile und kollektiven Identitäten sozialer Gruppen artikulieren. Ob empirische Klassifikationskämpfe unter der Ägide einer zweckrationalen Verfolgung von Interessen stehen oder ob es sich dabei um normenorientierte Kämpfe um Anerkennung handelt, kann soziologisch nicht mit einer Vorentscheidung für eine bestimmte Handlungstheorie präjudiziert werden. Das analytische Instrumentarium Bourdieus bedarf deshalb einer Erweiterung, sodass es auch die Analyse von Klassifikationskämpfen erlaubt, denen eine »normative Grammatik« innewohnt (Honneth 1992). Solche Kämpfe gehen aus Erfahrungen der Missachtung hervor und begründen aus der Sicht der betroffenen Akteure einen legitimen Anspruch auf soziale Anerkennung (ebd.: 256 ff.). Dies bedeutet jedoch keineswegs, dass soziale Kämpfe, die aus Missachtungserfahrungen entstehen, immer emanzipatorische Prozesse befördern und per se etwas Positives darstellen. Vielmehr können sie etwa auch die Form gewalttätiger Bewältigungsversuche annehmen (Honneth 2000: 107 f.; Sutterlüty 2002: 103 ff.).
2. Negative Klassifikationen: graduelle und kategoriale Semantiken »Negative Klassifikationen« sind abwertende Zuschreibungen, die Sozialgruppen in alltäglichen Interaktionen, aber auch in organisierten Diskursen aneinander richten. Vielfach stützen sie sich auf institutionelle Semantiken, die Ordnungs- und Einteilungsbegriffe generieren. Zumeist in sprachlicher Gestalt – wenn auch nicht notwendigerweise an diese gebunden –, beabsichtigen sie die Hervorbringung und Durchsetzung einer legitimen Weltsicht, die andere Akteure als unterlegen erscheinen lässt, sie abwertet und symbolisch aus dem Kreis anerkannter Gesellschaftsmitglieder ausschließt. Klassifikationsprozesse finden vermittels offizieller Bezeichnungen und medialer Berichte statt, doch vor allem in der soziologisch stets schwer fassbaren Sphäre flüchtiger Begegnungen und alltäglicher Interaktionen, privater Gespräche und symbolischer Zeichen. Als Indikatoren für die Zugehö-
Negative Klassifikationen und die symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit
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rigkeit zu starken oder schwachen Gruppen dienen vor allem äußerlich gut erkennbare Merkmale wie Hautfarbe, Alter, Körperschema, Habitus und Geschlecht, denen unterschiedliche Werte zuerkannt werden. Das Individuum wird dann solchen allgemeinen Kategorien subsumiert und in der Skala der sozialen Rangordnung auf die entsprechende Stelle gesetzt. In der Folge derartiger Bewertungen, die den sozialen Austausch konstant begleiten, sich häufig aber auch nur mit einzelnen »Schlüsselsituationen« verknüpfen, vollzieht sich der je gültige Statusaufbau sozialer Gemeinschaften nicht durch Güterverteilung oder das Rechtssystem, sondern durch Kommunikation. Akteure erfahren Anerkennung oder werden bewundert, finden kaum Beachtung oder werden auf ihre Plätze verwiesen. Soziale Ungleichheit, sofern sie den Erfahrungsraum unserer Lebenswelt durchzieht, wird maßgeblich erst durch solche kommunikativen Akte der Einstufung erzeugt und nimmt in ihnen eine konkrete Gestalt im Erleben an. Derartige Klassifikationen sind daher immer raumzeitlich gelagert, was auch heißt, dass sie in ihrer Wirksamkeit von den praktischen Aushandlungen und den sozialen Gebrauchsweisen von Akteursgruppen abhängig sind. Gleichwohl lassen sich bestimmte Strukturmuster negativer Klassifikationen rekonstruieren, die sich vor allem hinsichtlich ihrer inneren Distinktionslogik unterscheiden. In der soziologischen Forschung wird hierfür grundlegend zwischen zwei Ungleichheitssemantiken differenziert, in denen sich entweder »graduelle« oder »kategoriale« Unterschiede zwischen Personen und Gruppen manifestieren (vgl. Berger 1989; Neckel 2003; Neckel/ Sutterlüty 2005), was letztlich bedeutet, zwischen der Zuschreibung von Ungleichheit und der Zuschreibung von Ungleichwertigkeit zu unterscheiden. Graduelle Klassifikationen beurteilen Akteure unter dem Gesichtspunkt von »quantitativen« Differenzen. Die damit verbundenen Bewertungen haben eine ordinale Struktur: Wahrgenommene Merkmale oder Eigenschaften werden nach den Maßstäben von »größer/kleiner« oder »mehr/weniger« vermessen und in eine kontinuierliche Rangfolge verbracht, welche die prinzipielle Vergleichbarkeit der Bewertungsobjekte zur Voraussetzung hat. Negative Klassifikationen, die einer graduellen Semantik folgen, sind somit zwar vertikal und hierarchisch; die »Logik der Differenz« aber, die durch sie symbolisch zum Ausdruck kommt, ist trotz aller Rangstufen prinzipiell »konjunktiv« (Mannheim 1980: 211 ff.) organisiert, weil sie auf der Annahme sozial geteilter Erfahrungsräume, gemeinsamer Eigenschaften und auf der Zuschreibung grundlegender Zugehörigkeit beruht. Typischerweise sind es in der modernen Gesellschaft erworbene Merkmale wie Bildung, Einkommen oder beruflicher Status, die für graduelle Bewertungen kandidieren, weil sie in sich veränderlich und in ihrer sozialen Wertigkeit verhandelbar sind. Klassifikationen hingegen, die kategoriale Unterscheidungen artikulieren, fällen über Personen und Gruppen »qualitative« Urteile der Andersartigkeit. Die entsprechenden Bewertungen haben eine nominale Struktur: Wahrgenommene Merkmale oder Eigenschaften werden nach dem Maßstab »gleich/ungleich« oder »ähnlich/verschieden« sortiert, sodass keine Rangfolge auf einem Kontinuum zustande kommt, sondern eine »mentale Landkarte« sich wechselseitig ausschließender Kategorien. Vor allem askriptive Merkmale wie Ethnizität, Religion und Geschlecht kandidieren hierfür, weil sie als unveränderlich gelten und als Gegensatzpaare auftreten: »Frau« oder »Mann«, »christlich« oder »muslimisch«, »schwarz« oder »weiß«. Da kategoriale Semantiken sozialer Unterscheidungen vorausge-
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setzter Gemeinsamkeiten entbehren, bieten sie sich in besonderer Weise dafür an, dass soziale Gemeinschaften die Ungleichheit von rangniederen und mindermächtigen Akteuren als deren Ungleichwertigkeit interpretieren. Die »Logik der Differenz«, die sich in kategorialen Unterscheidungen artikuliert, ist dann prinzipiell »disjunktiv« organisiert. Negative Klassifikationen, die graduelle Unterscheidungen ausdrücken, nehmen schwächere Personen und Gruppen zwar als unterlegen, aber nicht als minderwertig wahr und gestehen ihnen prinzipiell die Fähigkeit zur Veränderung zu. Werden mindermächtige Akteure aber als kategorial ungleich eingestuft, beruht dies stets auf der abwertenden Zuschreibung unveränderlicher Zustände und essentialistisch gedeuteter Eigenschaften. Schwächeren Gruppen wird dann bereits die Anerkennung verwehrt, gleiche Lebenschancen überhaupt beanspruchen zu können. Auch schwerwiegende Benachteiligungen können solche Gruppen kaum bekämpfen, weil die Öffentlichkeit für sie nicht die gleichen Maßstäbe anwendet wie für jene Bevölkerungsteile, die ihr natürlicherweise als vollwertige Mitglieder der Gesellschaft gelten. Kategorial als ungleichwertig beurteilte Gruppen laufen Gefahr, von der Teilhabe an anderweitig garantierten Rechten ausgeschlossen zu werden oder zumindest eine Absenkung etablierter Standards erfahren zu müssen. In der extremsten Form derartiger Exklusionsprozesse wird soziale Ungleichheit symbolisch dem Geltungsbereich moderner Gleichheits- und Gerechtigkeitsideale vollständig entzogen und von jeglichem Begründungs- und Veränderungsdruck befreit. Klassifikationen der Ungleichwertigkeit gehen somit über die Etikettierung gradueller Unterschiede in der Verwirklichung von Werten oder Handlungszielen hinaus. Sie errichten »kategoriale Exklusivitäten«, die auf der Vorstellung beruhen, bestimmte Akteure verdienten keine soziale Wertschätzung, und rechtfertigen damit die Missachtung ihrer Ansprüche und Bedürfnisse; bisweilen auch die Anwendung von Gewalt. Graduelle Klassifikationen sozialer Ungleichheit sind in der Regel konfliktreich, aber deshalb nicht an sich schon sozial desintegrativ. Vielmehr sind sie aufgrund der »konjunktiven« Gemeinsamkeiten, die sie zur Voraussetzung haben, dafür geeignet, jenen Integrationschancen zugänglich zu sein, die die Soziologie seit Georg Simmels berühmter Analyse des »Streites« als die »assoziativen«, also die letztlich vereinigenden Dimensionen sozialer Konflikte kennt (vgl. Simmel 1992e: 284 ff.). Die symbolischen Rangordnungskämpfe, die mittels solcher negativer Klassifikationen ausgetragen werden, bergen jedenfalls die prinzipielle Chance in sich, gerade durch den Kampf um die Bewertung der jeweiligen Existenzweise sich der umstrittenen »Werte« selbst gemeinsam innezuwerden. Die moderne Gesellschaft der Gegenwart verfügt in diesem Mechanismus der »konfliktvermittelten Integration« über einen zwar stets fragilen, doch letztlich entscheidenden Modus dafür, den sozialen Zusammenhalt verschiedenster gesellschaftlicher Gruppen trotz ihrer Gegensätze zu stabilisieren (vgl. Dubiel 1995). Anders im Fall kategorialer Klassifikationen, die auf die Ungleichwertigkeit negativ bewerteter Akteure und Gruppen abzielen. Da es ihnen an »teilbaren« Werten mangelt, repräsentiert ihre Gebrauchsweise die »dissoziative«, also die Gegensätze hervorbringende Dimension von Konflikten, die Georg Simmel mit dem Konflikttypus gewaltträchtiger Kämpfe bis hin zum Krieg verbunden hatte. Dies ist der Grund, weshalb negative Klassifikationen, die Ungleichwertigkeitsurteile zum Ausdruck bringen, dem für den Zusammenhalt einer modernen Gesellschaft zentralen Mechanismus der »konfliktvermittelten Integra-
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tion« nicht zugänglich sind. Sie zielen nicht auf soziale Konflikte – obgleich ihr praktischer Gebrauch solche zur Folge haben kann –, sondern auf Exklusion, um Konflikte möglichst gar nicht austragen zu müssen. Die innere Differenzierung negativer Klassifikationen lässt sich auch im Anschluss an die Soziologie Bourdieus näher bestimmen. In seiner Analyse symbolischer Auseinandersetzungen hebt er hervor, dass die Logik der sozialen Distinktion »nur die bereits ›Distinguierten‹ und die ›Aspiranten‹ auf Distinktion« (Bourdieu 1982: 391) betrifft. Deren Kämpfe um »den Wert des jeweiligen Seins« sind symbolische Kämpfe gradueller Natur: Distinktion. Alle symbolischen Kämpfe um die ordinale Rangordnung bedürfen aber eines kategorialen Kontrastbildes »kultureller Unwürdigkeit« (ebd.: 390), jenseits dessen die symbolischen Auseinandersetzungen erst den Charakter eines Kampfes um distinktive Werte annehmen können. Daher treiben symbolische Auseinandersetzungen um Distinktion immer jene davon »Ausgeschlossenen« hervor, die die Basis aller Distinktionen bereitstellen sollen. Die Abgrenzung von ihnen erscheint wie eine »ontologische Erhöhung«, und die entsprechenden Klassifikationen nehmen den Charakter an, einen »Sprung von der Natur in die Kultur«, von der »Animalität in die Humanität« (ebd.: 391) zu markieren. Soziale Ungleichheit wird naturalisiert. Die genannten Binnendifferenzierungen sozialer Klassifikationen sind als eine soziologische Idealtypik zu verstehen. Welche Merkmale von Personen empirisch im Rahmen einer graduellen bzw. kategorialen Ungleichheitssemantik interpretiert werden, ist damit nicht festgelegt. Will man die »Praxis der Logik« nicht mit der »Logik der Praxis« (Bourdieu 1998: 146 ff.) verwechseln, muss man die sozialen Gebrauchsweisen negativer Klassifikationen in Rechnung stellen, die vielfältige Übergänge zwischen den beiden Semantiken kennen (vgl. Kreckel 1997: 107 ff.). In ihren realen sozialen Gebrauchsweisen sind graduelle und kategoriale Bewertungen vielfach miteinander verknüpft. So können sich graduelle in kategoriale Ungleichheitssemantiken transformieren. Ein Beispiel hierfür ist etwa die Verwendung von Intelligenzquotienten zur Rechtfertigung ethnischer Über- und Unterlegenheit. Intelligenzquotienten haben an sich eine »graduelle« Struktur, da sie auf einer Relation des Mehr oder Weniger beruhen. Werden Intelligenzquotienten jedoch aus vermeintlich genetischen Gründen mit ethnischen Unterscheidungen verknüpft – wie in den USA etwa hinsichtlich der amerikanischen Schwarzen (vgl. Herrnstein/Murray 1994) –, nehmen sie eine kategoriale und ausschließende Gestalt an: Wenn Schwarze durchschnittlich eine niedrigere Intelligenz haben und Intelligenz genetisch bedingt ist, haben sie minderwertige Gene, sodass man sich mit ihnen nicht vermischen sollte. Jenseits bestimmter Schwellenwerte tragen »graduelle« Einstufungen einen »kategorialen« Charakter. Dies ist beispielsweise dann der Fall, wenn Armut ein solches Ausmaß erreicht, dass sie nicht allein Kennzeichen großer quantitativer Unterschiede zu anderen Einkommensklassen ist, sondern ihr auch der Makel des Ausschlusses von allen durchschnittlichen Lebenschancen anhaftet und die Verwendung des Begriffes »Armut« zu beherrschen beginnt (vgl. Gans 1991). Eine strukturelle Entsprechung findet dieses Phänomen, wenn länger anhaltende Arbeitslosigkeit in den Sog einer kategorial ausschließenden Semantik gerät, wie dies bei der Rede von »nicht vermittelbaren« Arbeitslosen, »nicht beschäftigungsfähigen« Sozialhilfeempfängern oder von Arbeitslosen als »gesellschaftlichem Ballast« festgestellt werden kann (vgl. Zilian 2000). Ebenfalls ist der Sozialforschung gut
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bekannt, dass soziale Kämpfe im Bildungswesen – also um eine ordinale Rangordnung – faktisch kategoriale Grenzen errichten können, wenn einzelne Gruppen als »nicht beschulungsfähig« gelten und es bevorteilten Akteuren durch eine Mikropolitik der sozialen Schließung gelingt, schwächere Schüler in den sogenannten »Pisa-Schulen« zu konzentrieren.
3. Soziale Determinanten von Klassifikationsprozessen Derartige Semantiken und die ihnen zugrunde liegenden Klassifikationsprozesse sind immer raumzeitlich gelagert und beziehen sich stets auf jene Unterschiede zwischen Personen und Gruppen, die in der gesellschaftlichen Wahrnehmung aufgrund aktueller Vorgänge oder tradierter Einstellungsmuster besondere Relevanz besitzen. Sie sind daher untrennbar mit der Sozialstruktur einer Gesellschaft verwoben, stellen sie doch Deutungen und Bewertungen bestehender sozialer Ungleichheiten dar. Das Verhältnis zwischen der Sozialstruktur und ihrer Deutung ist freilich kein deterministisches, weil soziale Tatsachen nicht auch schon die Muster ihrer eigenen Interpretation mitliefern. Klassifikationen sind eben keine »Dinge«, sondern symbolische Formen der Wirklichkeitskonstruktion, die – wie alles sinnhafte Deuten und Handeln – von eigendynamischen sozialen Prozessen abhängig sind. Das Verhältnis zwischen der Sozialstruktur und ihrer Deutung ist überdies nicht als ein einseitiges zu begreifen. Sozialstrukturelle Entwicklungen haben Auswirkungen auf die symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit, während umgekehrt Wirklichkeitsdeutungen auch die Herstellung und Aufrechterhaltung sozialer Ungleichheiten beeinflussen. Auch wenn Klassifikationsprozesse keinen raumzeitlich unabhängigen Gesetzmäßigkeiten unterliegen, so schließt dies nicht aus, »typische Konstellationseffekte« (Mayntz 1996: 149) zu identifizieren, die Auswirkungen auf die Richtung, den Verlauf und den Ausgang von Klassifikationsprozessen haben können. Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang der figurationssoziologische Ansatz von Norbert Elias, der sich auf die Analyse veränderbarer Machtbalancen zwischen interdependenten Gruppen konzentriert. Am empirischen Beispiel von Beziehungen zwischen Etablierten und Außenseitern haben Elias und Scotson (1990) ein typisches Muster aufgezeigt, bei dem sich die überlegene Gruppe ein Gruppencharisma zuschreibt, während sie die unterlegene Gruppe mit stigmatisierenden Zuschreibungen in den Stand der Gruppenschande versetzt (ebd.: 15 ff.). Elias und Scotson führen vor Augen, dass in sozialen Kämpfen zwischen ungleichen Gruppen negative Klassifikationen als Machtmittel eingesetzt werden – so zum Beispiel, wenn eine Etabliertengruppe im Medium des »Schimpfklatsches« eine Außenseitergruppe als anomisch und kriminell brandmarkt, um sie als ein Kollektiv »minderwertiger Menschen« erscheinen zu lassen (ebd.: 8). Weiterhin kann der figurationssoziologische Ansatz darüber Auskunft geben, dass allein schon die Beziehungskonstellation von Gruppen die Dynamik ihrer Auseinandersetzungen in entscheidender Weise prägt. Und schließlich zeigen Elias und Scotson, dass der Grad der inneren Kohäsion von Gruppen starken Einfluss auf ihre Fähigkeit nimmt, eine Machtstellung zu erringen oder zu verteidigen. Ihre Analysen sind aber insofern ergänzungsbedürftig, als sich das Machtgefälle bei Klassifikationskämpfen zwischen Mehrheiten und Minderheiten, Einheimischen und Fremden nicht nur aus dem
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Maß der Kohäsion innerhalb dieser Gruppen ergibt, sondern auch aus dem unterschiedlichen Zugang zu staatlichen Ressourcen (Bauböck 1993: 155).1 Machtunterschiede zwischen Gruppen tendieren in aller Regel dazu, dass neben den öffentlich zutage tretenden negativen Klassifikationen untergründige, nur innerhalb der Eigengruppe geäußerte Stigmatisierungsmuster entstehen. In Kontexten, in denen die Interaktion zwischen Gruppen durch ein großes Machtgefälle gekennzeichnet ist, maskieren alle Seiten in der direkten Kommunikation ihre aufeinander bezogenen Haltungen, während in der Binnenkommunikation sowohl die unterlegene als auch die überlegene Gruppe abschätzige Diskurse über die jeweils andere Seite pflegt. Mit James C. Scott (1990) muss man bei der Analyse von Klassifikationskämpfen daher sowohl die »hidden« als auch die »public transcripts« der jeweiligen Gruppen berücksichtigen, will man ein vollständiges Bild ihrer Ungleichheitssemantiken gewinnen. Aus der Spannung zwischen diesen beiden Formen, in denen Klassifikationen in den sozialen Austausch eingehen, kann sich bei subordinierten Gruppen eine »Infrapolitik« (Scott 1990: 18 ff. und 183 ff.) des niedrigschwelligen Widerstands entwickeln. Typisch dafür ist, dass vorherrschende Gruppen von untergeordneten Akteuren öffentlich mit irreführenden und doppeldeutigen Attributen ausgestattet werden. Zu solchen Infrapolitiken darf man auch die Praxis des »symbolic reversal« (Needham 1969: xxxix) rechnen, in der die sozialen Kategorien eine strikte Umkehrung erfahren. Dies ist etwa der Fall, wenn delinquente Jugendliche, die ethnischen Minderheiten angehören und aus der Unterschicht stammen, ihre Herkunft ironisieren und sich symbolisch zur Elite machen, indem sie sich mit aristokratischen Insignien ausstatten, sich feudale Selbstbezeichnungen geben und entsprechende Verhaltensformen zur Schau stellen (Katz 1988: 157 ff.). Besonders interessant für die Dynamik von Klassifikationskämpfen ist jener Fall, in dem bislang untergründige Transkripte öffentlich werden und die unterlegene Gruppe ihre negativen Klassifikationen direkt an die überlegene Gruppe adressiert – und umgekehrt. Dieser Umschlag verborgener in öffentliche Transkripte ist ein Einfallstor für Klassifikationskämpfe, in deren Folge die Machtbalance zwischen den vormaligen Etablierten und Außenseitern auf den Kopf gestellt werden kann. Die Konturen eines solchen Konflikts zeichnen sich gegenwärtig etwa in lokalen Auseinandersetzungen zwischen der deutschen Bevölkerung und »avancierenden Fremden« (Hüttermann 2000) ab. Während die deutschen Bewohner entsprechender Stadtteile gewohnt waren, sich als Angehörige einer überlegenen ethnischen Gruppe wahrzunehmen, und sich nun etwa türkischen Hausbesitzern und Geschäftsleuten gegenübersehen, können sich diese aus einer überlegenen Position heraus verständnisvoll herablassend über das niedrige Bildungsniveau Einheimischer äußern, das ihnen kein schnelles Begreifen der neuen Lage erlaube. In solchen symbolischen Auseinandersetzungen zwischen türkischen Aufsteigern und verarmten Teilen der deutschen Be1
Ungeachtet dessen hat Dieter Karrer (2002) in seiner Untersuchung über einen Züricher Stadtteil die Fruchtbarkeit des figurationssoziologischen Ansatzes zur Analyse wechselseitiger Kategorisierungen zwischen verschiedenen ethnischen Gruppen erneut aufgezeigt: Die etablierten Gruppen, Schweizer und Italiener, distanzieren sich von anderen Ethnien, während zwischen den verschiedenen Außenseitergruppen eine rigorose Abgrenzung das Verhalten bestimmt und die eine Gruppe im Medium stigmatisierender Zuschreibungen auf die andere herabschaut. Zwischen Türken, Jugoslawen und Albanern entsteht so eine symbolische Ordnung des abgestuften Außenseitertums, bei der im Wesentlichen die Aufenthaltsdauer im Land das Regime der Stigmatisierung führt (vgl. ebd.: 107 ff.).
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völkerung treten bisher verborgene Transkripte über die Schwelle der Öffentlichkeit. Eine neue symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit beginnt sich abzuzeichnen, über deren Auswirkungen wir bisher noch wenig wissen. Wesentlich für die Dynamik und den Verlauf von Klassifikationskämpfen zwischen Bevölkerungsgruppen sind schließlich auch »Dritte« (vgl. Simmel 1992d: 114 ff.). Einerseits kann das Vorhandensein unterlegener Dritter eigene Missachtungserfahrungen abmildern und notdürftig bewältigen helfen, wenn etwa eine Außenseitergruppe eine noch machtlosere Gruppe stigmatisiert (Karrer 2002). Andererseits kann der Wechsel machtvoller Dritter Außenseiter fast schlagartig zu Etablierten machen und umgekehrt (Neckel 1997b). Ferner lehrt die interaktionistische Etikettierungstheorie, dass das Vorhandensein politischer Akteure, die »moralische Kreuzzüge« initiieren, eine entscheidende Rolle für den Verlauf und den Ausgang von Klassifikationskämpfen spielt (Becker 1966). Lokale Konflikte um die symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit werden auch durch das Verhältnis zwischen Alltagsmediatoren und Konflikttreibern sowie durch die Beschaffenheit der Institutionen bestimmt, in denen verschiedene Gruppen aufeinandertreffen. Klassifikationskämpfe haben weder notwendig desintegrierende Folgen, noch müssen sie zwangsläufig zur sozialen Exklusion einer der Konfliktparteien führen. Vielmehr können sie dafür sorgen, dass zwischen Konfliktparteien erst kommunikative Kanäle errichtet werden und sich damit Möglichkeiten der Integration zuvor randständiger Gruppen eröffnen.2 Zwar dürfen Konflikte, wenn sie integrativ wirken sollen, eines minimalen Hintergrundkonsenses nicht entbehren, doch stellen sich explizite Aussprachen über normative Prinzipien eben nicht selten erst im Verlauf sozialer Konflikte ein. Gerade die Austragung von Konflikten um die symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit bildet eine notwendige Bedingung für die Integration bisher marginalisierter Bevölkerungsgruppen. Die Alternative hierzu besteht in sozialer und mentaler Isolation, durch die sich die Reichweiten sozialer Beziehungen drastisch reduzieren und Sozialkontakte auf die jeweilige Eigengruppe zusammenschrumpfen. Klassifikationskämpfe bieten freilich keine Gewähr für soziale Integration, da sie stigmatisierte Gruppen der sozialen Ausgrenzung anheim stellen können, wenn diese nicht über geeignete Gegenstrategien verfügen. Dennoch geht es in modernen demokratischen Gesellschaften nicht darum, ob sich Klassifikationskämpfe vermeiden lassen. Die Frage ist vielmehr, wie sie ausgetragen, reguliert und »eingehegt« werden. Die symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit ist stets umstritten und zwischen gesellschaftlichen Gruppen umkämpft. Welche Gefährdungen daraus für den sozialen Zusammenhalt und insbesondere für interethnische Beziehungen erwachsen, aber auch welche Integrationschancen sich im
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Selbst kategorial-exkludierende Klassifikationen können in ihrem sozialen Gebrauch dazu führen, dass sich die Kontrahenten wechselseitig zumindest als Widerpart anerkennen, mit dem Kommunikation und sozialer Ausgleich sich lohnen. Ein schlagendes Beispiel für die potentiell integrative Kraft von Konflikten, bei denen es um ethnische und religiöse, also um kategoriale Unterschiede geht, stellen lokale Auseinandersetzungen um den Bau von Moscheen in multiethnischen Wohnvierteln dar. In einer Typologie verschiedener Moscheekonflikte haben Leggewie et al. (2002: 50 ff.) gezeigt, dass Konfliktvermeidung nicht nur den Bau geplanter Moscheen verhindert, sondern die Muslime auch weiter in die soziale Isolation treibt. Werden Moscheen hingegen unter anhaltenden Konflikten gebaut, können die oft hart geführten Auseinandersetzungen letztlich bewirken, dass die Muslime von der Mehrheitsgesellschaft in ihrer religiösen Besonderheiten anerkannt und als zugehörig betrachtet werden.
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Verlauf von Klassifikationskonflikten ergeben, ist das maßgebliche Interesse bei unseren empirischen Untersuchungen gewesen, über deren Durchführung und Ergebnisse wir im nächsten Beitrag berichten.
Klassifikationen im Kampf um Abgrenzung und Zugehörigkeit Ferdinand Sutterlüty, Sighard Neckel und Ina Walter
Unsere Studie beruht auf einem ethnographisch angelegten Forschungsprojekt, das von 2002 bis 2005 in benachteiligten Stadtteilen zweier deutscher Städte durchgeführt wurde. Gegenstand der Untersuchung waren die Semantiken und die sozialen Gebrauchsweisen »negativer Klassifikationen«, das heißt abwertender Zuschreibungen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die sich in den beforschten Stadtteilen als Nachbarn begegnen. Das vorrangige Ziel der empirischen Forschung war es, die desintegrativen Wirkungen von solchen Klassifikationen und Klassifikationskämpfen zu ermitteln, aber auch nach den integrativen Potentialen lokaler Konflikte Ausschau zu halten.
1. Das Untersuchungskonzept: Fragestellungen, Methoden, Untersuchungsgebiete Interessiert man sich in dieser Weise für die Wirkungen sozialer Klassifikationen in ihrem realen Gebrauch, so ist keine Sphäre der Wirklichkeit besser für eine soziologische Untersuchung geeignet als die lokale Lebenswelt. Insbesondere in benachteiligten Stadtgebieten haben die wechselseitigen Klassifikationen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen viel direktere Auswirkungen auf ihre Partizipations- und Aneignungschancen als anderswo, weil die sozialräumliche Nachbarschaft für schlechter gestellte Sozialgruppen den entscheidenden Ort der gesellschaftlichen Teilnahme darstellt und die soziale Integration in besonders ausgeprägter Weise an das Lokale gekoppelt ist (vgl. Keupp 1987: 39 f.; Kronauer/ Vogel 2004: 236 ff.). Benachteiligte Stadtteile sind nicht an sich schon desintegrierter als wohlhabende und privilegierte. Aber im Unterschied zu den gut situierten und mitunter hochmobilen Bewohnern besserer Viertel sind schlechter gestellte Gruppen auf die lokale Ebene der Sozialintegration angewiesen. Negative Klassifikationen haben in solchen Stadtteilen sichtbare Handlungsfolgen, die sich etwa in der Beschränkung von Sozialkontakten und im Abbruch von Kommunikationen zeigen. Die Untersuchung sozialer Klassifikationskämpfe in benachteiligten Stadtteilen ist daher nicht nur von besonderer gesellschaftlicher Relevanz; auch methodisch bieten sich solche Viertel an, da Klassifikationskämpfe dort gut von außen beobachtbar sind. Klassifikationen in ihren tatsächlichen Verwendungskontexten zu untersuchen, heißt, Interaktionen zwischen sozialen Gruppen in ihren alltäglichen Bezügen aufeinander zu rekonstruieren, um die Auswirkungen abwertender Zuschreibungen analysieren zu können. Unsere Untersuchung zielt dem entsprechend auf drei systematische Ebenen ab: Zunächst einmal rekonstruiert sie Strukturmuster negativer Klassifikationen. Auf dieser ersten Ebene geht es darum, den materialen Gehalt jener stigmatisierenden Semantiken zu erfassen, die das Zusammenleben zwischen sozialräumlich benachbarten Bevölkerungsgruppen in unterprivilegierten Stadtvierteln gegenwärtig bestimmen. Die Frage lautet: Wer klassifiziert wen in welcher Weise? Mit der Beantwortung dieser Frage soll die Studie in Erfahrung bringen, ob sich negative Klassifikationen heute eher auf Merkmale vertikaler
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Ferdinand Sutterlüty, Sighard Neckel und Ina Walter
Ungleichheit (Bildung, Einkommen, beruflicher Status) oder eher auf Merkmale horizontaler Ungleichheit (Geschlecht, Generation, Ethnizität) beziehen. Es werden, in anderen Worten, jene negativen Klassifikationen herausgearbeitet, die in benachteiligten Stadtteilen die »symbolische Ordnung sozialer Ungleichheit« prägen. Bei der Rekonstruktion von semantischen Mustern negativer Klassifikationen wird die Analyse der inneren Logik, der die einzelnen Klassifikationsmuster jeweils folgen, eine entscheidende Rolle spielen. Denn es macht einen Unterschied, ob Klassifikationen einfach nur abwertend sind oder ob sie die Adressaten zudem symbolisch von der vollwertigen Zugehörigkeit zur lokalen Gesellschaft ausschließen. Der Differenz von graduellen und kategorialen Klassifikationen (siehe Beitrag A.I) kommt in diesem Zusammenhang eine zentrale Rolle zu. Die zweite Analyseebene betrifft die Austragungsformen von Klassifikationskämpfen, das heißt von Konflikten um die Bewertung sozialer Ungleichheiten. Hiermit ist die Untersuchung der Prozessdimensionen negativer Klassifikationen angesprochen. Dabei interessiert vor allem, in welcher Weise stigmatisierende Zuschreibungen in die Interaktionen zwischen verschiedenen Bevölkerungsgruppen eingehen und welche Kontextbedingungen für unterschiedliche Austragungsformen von Klassifikationskämpfen verantwortlich sind. So werden jene sozialen Bedingungen analysiert, unter denen negative Klassifikationen nicht nur als solche bestehen, sondern an bestimmte Sozialgruppen aktiv adressiert werden und sich »hidden transcripts« in »public transcripts« (Scott 1990) verwandeln. Dabei soll allerdings der Umstand nicht aus dem Blickfeld geraten, dass neben der direkten Zuschreibung abwertender Attribute mit verborgenen »Strategien der Herablassung« und mit Ausdrucksformen zu rechnen ist, die Verachtung auf subtile Weise zu verstehen geben (vgl. Bourdieu 1982: 737; Bourdieu/Wacquant 1996: 177 f.). Von großer Bedeutung auf dieser zweiten, prozessbezogenen Analyseebene sind die Chancen der symbolischen Gegenwehr, über die negativ klassifizierte Akteure verfügen. Die dritte Ebene der Untersuchung widmet sich den Integrationsfolgen von negativen Klassifikationen und Klassifikationskämpfen. Welche Wirkungen haben diese auf die Integrationschancen der beteiligten Personen und Sozialgruppen? Inwiefern schränken negative Klassifikationen in lokalen Kontexten die Handlungs- und Verhandlungsmacht der betroffenen Gruppen und Individuen ein? Vermindern sie die Möglichkeiten zur Repräsentation ihrer Bedürfnisse und schmälern sie die Aussichten auf die Durchsetzung ihrer Interessen? In welchem Maße tragen sie dazu bei, Sozialbeziehungen zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu unterbinden und den sozialen Austausch auf die jeweilige Eigengruppe zu beschränken? Prozesse der Generierung und Adressierung negativer Klassifikationen in den alltäglichen Interaktionen zwischen verschiedenen Sozialgruppen lassen sich nur mit einem explorativen Design untersuchen. Daher stützt sich die Studie auf die Methoden ethnographischer Feldforschung und sozialwissenschaftlicher Hermeneutik. Sie knüpft dabei an die Vorgehensweise der »aufsuchenden Sozialforschung« an, die aus der Chicago School of Sociology hervorgegangen ist und soziale Gruppenprozesse unmittelbar in ihren »natürlichen« Handlungskontexten untersucht (vgl. Burgess 1995; Hammersley/Atkinson 1995; Amann/Hirschauer 1997; Neckel 1997a und 1999). Gemäß dieser methodologischen Grundorientierung legt die Untersuchung lokale Fallstudien vor, die unter Anwendung der formal am weitesten entwickelten Methodologie ethnographischer Feldforschung, der
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Grounded Theory, entstanden sind. Die Fallstudien folgen dem Prinzip des »theoretischen Sampling«, bei dem Erhebung und Auswertung untrennbar miteinander verwoben sind. Bei diesem Vorgehen hängt der Einschluss je weiterer Fälle vom jeweils erreichten Reflexionsstand der soziologischen Analyse ab, bis eine »theoretische Sättigung« erreicht ist. Die Datenerhebung kann nach diesem Prinzip dann als abgeschlossen gelten, wenn vom Einbezug weiterer Vergleichsfälle auf der konzeptionellen Ebene keine neuen Erkenntnisse mehr zu erwarten sind (vgl. Glaser/Strauss 1967; Strauss 1994; Strauss/Corbin 1996). Die Untersuchungsfelder der Studie sind lokale Settings, in denen alltägliche Bezüge zwischen unterschiedlichen Sozialgruppen bestehen und sich die Interaktionen in dichten städtischen Räumen vollziehen. Solche lokalen Settings wurden in zwei sozial benachteiligten Stadtteilen untersucht. Das erste Untersuchungsgebiet liegt in Barren, einer Stadt im Ruhrgebiet, die etwas mehr als 120.000 Einwohner zählt. Als Stadtteil wurde Barren-Ost ausgewählt, ein traditionelles Arbeiterviertel mit gut 13.000 Einwohnern. Der Stadtteil erlebte einen über Jahrzehnte sich hinziehenden, erst kurze Zeit vor Beginn der Untersuchung abgeschlossenen Rückzug des Steinkohlebergbaus und hat nun mit den typischen Strukturproblemen des Ruhrgebiets zu kämpfen. Der am Rande Barrens gelegene Stadtteil, dessen Sozialgeschichte seit seiner Entstehung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von einer Monostruktur des Bergbaus bestimmt war, gilt als ein soziales Problemgebiet. Zwei wichtige Zahlen bestätigen dies: Die Arbeitslosenrate lag im Mai 2004 bei 16,9 Prozent, die Sozialhilfedichte betrug 9,9 Prozent der Wohnbevölkerung. Der Ausländeranteil belief sich zum gleichen Zeitpunkt auf 10,6 Prozent und lag damit nur knapp über dem Durchschnitt der Gesamtstadt. Dennoch wird Barren-Ost als ein Stadtteil angesehen, der besonders stark von türkischen Migranten geprägt ist. Diese von den objektiven Zahlen abweichende Wahrnehmung liegt insbesondere darin begründet, dass in diesem Stadtteil mehrere Moscheegemeinden und türkische Geschäfte ihren Sitz in gut sichtbarer Lage haben. Es geht hier, wie ein Bewohner im Interview einmal sagt, um »gefühlte Zahlen«. Der zweite Stadtteil liegt im baden-württembergischen Raisfurth, das mit seinen über 300.000 Einwohnern durchaus großstädtischen Charakter hat. Beim innenstadtnahen Untersuchungsgebiet, Iderstadt-Süd, handelt es sich wie bei Barren-Ost um ein altes Arbeiterviertel, das in den Gründerjahren vor der Wende zum 20. Jahrhundert im Zuge der Errichtung von Industriebetrieben entstand, die hier allerdings von Anfang an eine recht diversifizierte Branchenstruktur aufwiesen. Der Stadtteil zählt heute etwas mehr als 19.000 Einwohner und zeichnet sich durch einen hohen Anteil sozial schlechter gestellter Bevölkerungsschichten aus. Auch hier sind die Folgen der Deindustrialisierung deutlich zu spüren. Iderstadt-Süd wies Mitte des Jahres 2004 mit 13,8 Prozent eine für die regionalen Verhältnisse hohe Arbeitslosenrate auf und rangierte auch bei den Sozialhilfeempfängern mit 11,8 Prozent auf hohem Niveau. In ethnischer Hinsicht ist der Stadtteil sehr heterogen: Der Ausländeranteil lag im Mai 2004 bei 42,7 Prozent. In dem wesentlich höheren Anteil von Migranten an der Wohnbevölkerung besteht hinsichtlich der Sozialdaten auch der größte Unterschied zwischen Iderstadt-Süd und Barren-Ost. Zu Iderstadt-Süd gibt es zwei sich überlagernde Beschreibungen: Von außen wie von innen wird der Stadtteil oft als schillerndes »Multikulti-Viertel« mit »urbanem Flair« beschrieben. Gleichzeitig gilt Iderstadt-Süd allgemein als ein Stadtteil mit multiplen sozialen
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Problemen (»Raisfurther Bronx«), dessen soziales Gleichgewicht aufgrund seines hohen Anteils sozial benachteiligter Bevölkerungsschichten und seiner ethnisch heterogenen Bewohnerschaft gefährdet ist. Durch das Rotlichtviertel am Rande des Stadtteils und den fortwährenden Zuzug von Migranten fühle man sich, so war im Verlauf der Untersuchung zu hören, als die Raisfurther »Entsorgungsanlage«; ein Stadtteilbewohner berichtet wiederum, dass Wohnungssuchende von außerhalb fragen, ob man »automatisch einen Waffenschein« bekomme, wenn man sich hier niederlasse. Zwischen dem liberalen Stadtteil, der von einer friedlichen Koexistenz von Kulturen, Schichten und Milieus geprägt ist, und dem problembeladenen »Revolverviertel« liegen also die oft weit auseinander liegenden Beschreibungen von Iderstadt-Süd. Abb. 1: Bevölkerungsstrukturen in den Untersuchungsgebieten Barren-Ost
(Stadt Barren) Iderstadt-Süd
(Stadt Raisfurth)
Einwohnerzahl
13.474
(124.815)
19.375
(325.202)
Arbeitslosenrate
16,9 %
(12,4 %)
13,8 %
(8,3 %)
Sozialhilfedichte
9,9 %
(5,6 %)
11,8 %
(6,1 %)
Ausländeranteil
10,6 %
(9,8 %)
42,7 %
(20,2 %)
Quellen: Statistikstellen der Städte Barren und Raisfurth. Bis auf die Arbeitslosenraten von Iderstadt-Süd und Raisfurth, die sich auf Juni 2004 beziehen, geben alle Daten den Stand vom Mai 2004 wieder.
Punktuell erstreckte sich die Datenerhebung in beiden Untersuchungsgebieten über deren engere Grenzen hinaus. In Barren-Ost wurde eine gehobene Einfamilienhaussiedlung in die Untersuchung einbezogen, die zwar formal zum Stadtteil gehört, sich aber deutlich von diesem abhebt. Die Siedlung am Stielmusfeld, wie sie genannt wird, befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum ärmlichsten Teil des Stadtteils, von dem sie sich durch einen hohen Sichtschutz und Abwehrzaum deutlich abgrenzt. Vom Rest des Stadtteils unterscheidet sich die Siedlung insbesondere durch ihre gut situierte Bewohnerschaft, die von der Führungskraft in Industrie und Handel bis zu Lehrberufen reicht. Analog dazu wurden im Raisfurther Untersuchungsgebiet ausgewählte Akteure und Gruppen aus dem unmittelbar angrenzenden Stadtteil, Iderstadt-Nord, in das Sample aufgenommen. Iderstadt-Nord ist in seinem Kernbereich von einer Dienstleistungsmittelschicht geprägt und wird zu den gehobenen Wohnlagen gerechtet. Der Stadtteil trug schon um 1900 den Beinamen »Musebrotviertel« und wurde seit jeher von besser situierten Bevölkerungsgruppen bewohnt, die sich »Mus« (Marmelade) auf dem Brot leisten konnten. Die Berücksichtigung der Stadtrandsiedlung in Barren-Ost sowie von Iderstadt-Nord erfüllt für die Studie zwei Funktionen: Erstens sollen die damit erfassten strukturtypischen Zuschreibungen, die Akteure aus privilegierten sozialen Lagen an benachteiligte Bevölke-
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rungsgruppen aus den beiden eigentlichen Untersuchungsgebieten richten, die Datenbasis ergänzen. Zweitens erlaubt es die Einbeziehung von Bewohnern der beiden benachbarten Gebiete, den Blick von außen auf die untersuchten Stadtteile insgesamt zu erfassen. Dies ist nicht zuletzt deswegen von Bedeutung, weil das negative Image, das ihre Außenwahrnehmung prägt, einen Gegenstand negativer Kategorisierungen innerhalb der beiden Stadtteile darstellt. Die beiden Stadtteile, in denen die Untersuchung durchgeführt wurde, erwiesen sich schließlich als ideale Kontrastfälle – und dies nicht nur aufgrund des großen Unterschieds hinsichtlich des Anteils von Migranten an der Statteilbevölkerung. Darüber hinaus können die völlig anders gearteten Austragungsformen von Klassifikationskämpfen in Barren-Ost und Iderstadt-Süd als paradigmatische Fälle für zwei verschiedene Modi der Integration gelten, denen wiederum spezifische Desintegrationsgefahren entsprechen. Die Datenerhebung zielte darauf ab, die negativen Klassifikationen und Klassifikationskämpfe zwischen unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu erfassen, die sich hinsichtlich vertikaler und horizontaler Ungleichheiten unterscheiden. Was ethnische Zugehörigkeiten betrifft, beschränkte sich die Untersuchung weitgehend auf die autochthone und die türkischstämmige Bevölkerung. Für die Auswahl der türkischen Migrantengruppe sprachen von vornherein nicht nur forschungspragmatische Gründe: Sie bildet in beiden Untersuchungsgebieten die weitaus größte Ausländergruppe. Im Mai 2004 waren in Barren-Ost 47 Prozent, in Iderstadt-Süd 44 Prozent aller Nichtdeutschen türkische Staatsangehörige. Bald sollte sich zudem herausstellen, dass die türkischstämmige Bevölkerung in beiden Untersuchungsgebieten ganz besonders häufig zur Zielscheibe stigmatisierender Zuschreibungen wird (vgl. auch Weiss 2002). Die türkischstämmige gilt bei der deutschen Bevölkerung als eine aufgrund ihrer kulturellen und religiösen Andersartigkeit besonders schwer integrierbare Einwanderergruppe und als Synonym für »Fremde« an sich. Vor der eigentlichen Datenerhebung wurden in Barren-Ost und Iderstadt-Süd je vier Experteninterviews durchgeführt, die der Erschließung der Untersuchungsgebiete und der Anbahnung wichtiger Feldkontakte dienten. Nach dieser ersten Sondierungsphase, die auch das Studium sozialgeschichtlicher Quellen und sozialstruktureller Daten umfasste, kamen unterschiedliche Erhebungsmethoden zum Einsatz. Ein bedeutender Teil des empirischen Materials stammt aus Beobachtungsdaten. Die Feldforscher haben »natürliche Situationen« aufgesucht, in denen Klassifikationspraktiken zu beobachten waren, ohne erst initiiert werden zu müssen. So wurden eine ganze Reihe von Situationen in zahlreichen Feldaufenthalten erkundet und in Gesprächs- oder Beobachtungsprotokollen festgehalten, in denen Angehörige verschiedener Sozialgruppen unmittelbar – und teilweise »unfreiwillig« – miteinander kommunizierten oder kollektiv über andere sprachen. Um auch jene Klassifikationen zu erfassen, die Akteure nicht öffentlich äußern und sich daher nicht direkt beobachten lassen, wurden insgesamt sechs Gruppendiskussionen und 45 leitfadengestützte Einzelinterviews durchgeführt. Die drei in beiden Untersuchungsgebieten abgehaltenen Gruppendiskussionen fanden bei lokalen Organisationen statt, deren Mitglieder oder Klienten vor dem gesellschaftlichen Hintergrund zunehmender sozialer Ungleichheiten oder bereits vorhandener Informationen aus dem Feld in besonderer Weise als Adressaten oder Urheber stigmatisierender Zuschreibungen in Frage kamen. So nahmen Besucher von Arbeitslosenzentren sowie Mitglieder von Kirchengemeinden, Sport- und Migrantenvereinen an den Gruppendiskussionen teil; die natürlichen Gruppen wurden dabei nicht
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gemischt, sondern blieben – gemäß dem Zweck der Gruppendiskussionen – unter sich. Bei der Auswahl der Interviewpartner waren zwei Kriterien entscheidend: Zum einen wurden Personen ausgewählt, die in den direkt beobachteten Situationen als Akteure auftraten, also in Klassifikationsvorgänge involviert waren und dazu weitere Informationen oder Vertiefungen aus je spezifischen Perspektiven liefern konnten. Zweitens ging es darum, bei den Interviews eine Streuung auf den Ebenen vertikaler und horizontaler Ungleichheiten, also eine sozialstrukturelle Varianz zu erreichen: Die Interviewpartner reichten vom mittelständischen Unternehmer bis zum Sozialhilfeempfänger und gehörten damit verschiedenen sozialen Schichten an; des Weiteren wurden Personen unterschiedlicher ethnischer Zugehörigkeit, verschiedenen Alters und Geschlechts interviewt. Eine Sammlung relevanter schriftlicher Dokumente vervollständigte die Datenbasis der Untersuchung. Zu diesen Dokumenten zählten Artikel und Leserbriefe aus Lokalzeitungen, Konzepte und Informationsmaterialien sozialer Einrichtungen, Dokumente der Stadtverwaltungen zu lokalpolitischen Entscheidungen, Korrespondenzen der Akteure im Feld sowie Protokolle von Zusammenkünften lokaler Parteigremien und Interessengruppen. Die Auswertung der Gesprächsprotokolle und Beobachtungsdaten aus der Feldforschung, der transkribierten Gruppendiskussionen und Einzelinterviews sowie der archivierten Dokumente erfolgte nach dem dreistufigen Kodierverfahren der Grounded Theory (Strauss/Corbin 1996: 39 ff.). Im Zuge der Auswertungsstufen des offenen, axialen und selektiven Kodierens wurden sukzessive die analytischen Konzepte entwickelt, die es erlaubten, Klassifikationen und Klassifikationskämpfe auf ihre innere Struktur und Dynamik, ihre gesellschaftlichen Ursachen und Wirkungen hin systematisch zu untersuchen. Mit dem Ziel, eine gegenstandsbezogene Theorie der Integrationsfolgen negativer Klassifikationen in sozial benachteiligten urbanen Quartieren zu entwickeln, bediente sich die Untersuchung der »constant comparative method« (Glaser/Strauss 1967: 101 ff.). Dabei bezogen sich die vergleichenden Analysen auf unterschiedliche Klassifikationsvorgänge sowohl innerhalb der beiden Stadtteile als auch zwischen den Stadtteilen mit ihren jeweils verschieden gelagerten Ausgangsbedingungen. Die auf diese Weise erstellten exemplarischen Fallstudien, die im Folgenden vorgestellt werden, können freilich keinen Anspruch auf Repräsentativität in Bezug auf eine bestimmte Population reklamieren. Gleichwohl beanspruchen unsere Fallstudien, verallgemeinerbare Forschungsergebnisse zu präsentieren, indem sie auf die Entdeckung von Zusammenhängen abzielen und Strukturgesetzmäßigkeiten der klassifikatorischen Praxis in urbanen Nachbarschaften freilegen wollen. Der Fallvergleich ermöglicht es, die Auswirkungen bestimmter Faktoren – objektiver struktureller Gegebenheiten, quantitativer Gruppenkonstellationen, kultureller Deutungsgewohnheiten, normativer Bewertungsmuster und bestimmter Prozessdynamiken – anzugeben, um schließlich für alle Phänomene, die hinsichtlich ihrer Entstehung und Transformation strukturell vergleichbar sind, die spezifischen Möglichkeiten ihrer Entwicklung aufzeigen zu können. Die Generalisierbarkeit der hier dargestellten Forschungsergebnisse beruht demnach nicht auf der Repräsentativität des Samples, sondern auf der Anwendbarkeit der entwickelten Konzepte auf Klassifikationsvorgänge gleicher Art. In diesem Sinne spricht die Grounded Theory von einer »Repräsentativität der Konzepte« (Corbin/Strauss 1990: 9; Strauss/Corbin 1996: 161 f.), die auch die folgenden Ausführungen für sich beanspruchen.
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Unserer Fragestellung entsprechend, werden die empirischen und konzeptionellen Ergebnisse der Studie in zwei Schritten dargestellt. Der erste widmet sich einer systematisierenden Rekonstruktion jener Semantiken, die in den beiden Untersuchungsgebieten die wechselseitigen Negativbewertungen zwischen verschiedenen Bewohnergruppen bestimmen (2.). Der zweite Schritt geht auf verschiedene Austragungsformen von Klassifikationskämpfen ein und arbeitet deren Auswirkungen auf die Integrationschancen der beteiligten Akteure und Gruppen heraus (3.).
2. Semantiken negativer Klassifikationen Die Systematik der Darstellung der in Barren-Ost und Iderstadt-Süd vorherrschenden Klassifikationsmuster folgt der Unterscheidung zwischen »graduellen« und »kategorialen« Klassifikationen: Bewertungen der Differenz bzw. der Andersartigkeit (vgl. Beitrag A.I). Diese grundlegende Unterscheidung betrifft die formale semantische Struktur von Klassifikationen und bezieht ihre soziologische Relevanz daraus, dass graduelle und kategoriale Semantiken der Klassifizierung die Integrationschancen der betroffenen Sozialgruppen in ganz unterschiedlicher Weise tangieren. »Graduelle« Klassifikationen sind konfliktreich, aber nicht notwendigerweise desintegrativ. »Kategoriale« Klassifikationen hingegen tendieren zum sozialen Ausschluss.
2.1 Zentrale Rolle von Ethnizität Ein erstes – und in dieser Weise unerwartetes – Ergebnis der Studie besteht darin, dass in beiden Untersuchungsgebieten negative Klassifikationen den Ton angeben, die sich an ethnischen Merkmalen orientieren. Die ethnische Zugehörigkeit bildet sowohl in BarrenOst als auch in Iderstadt-Süd das, was Everett Hughes (1971) als den »master status« von Personen bezeichnet hat. Deutschsein oder Nichtdeutsch- bzw. Türkischsein sind die bestimmenden Merkmale der wechselseitigen Wahrnehmung. Bei negativen Klassifikationen zwischen Mitgliedern der deutschen und der türkischen1 Bevölkerung treten andere Merkmale hinter die ethnische Zugehörigkeit zurück. Die Ethnizität der Akteure wirkt wie ein Filter für andere Klassifizierungen, und die Bewertung weiterer Merkmale hängt von der jeweiligen ethnischen Zugehörigkeit ab. Bestimmte Ausprägungen vertikaler Ungleichheiten erfahren erst dann eine negative Bewertung, wenn sie mit gewissen ethnischen Gruppen verbunden werden. Dies ist etwa dann der Fall, wenn ökonomisch erfolgreiche türkische Migranten als »dubiose Geschäftemacher« angeschwärzt werden oder wenn der angeblich so »fordernde« Umgang von türkischen Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern mit dem Sozialstaat problematisiert wird. An diesen Beispielen lässt sich bereits erkennen, dass innerhalb ethnisierender Zuschreibungen Merkmale vertikaler Ungleichheiten eine durchaus große Rolle spielen. Der Bewertung aller Unterschiede in Bildung, Einkommen und beruflichem Status ist demnach auf der 1
Die Bezeichnungen »deutsch« und »türkisch« stehen hier und im Folgenden nicht für die Staatsangehörigkeit von Personen, sondern für ihre ethnische Fremd- und Selbstdefinition.
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Ebene urbaner Nachbarschaften in benachteiligten Stadtteilen – und nur davon ist hier die Rede – eine Sortierung nach ethnischen Kriterien vorgelagert. In beiden Untersuchungsgebieten sind allerdings auch negative Klassifikationen gebräuchlich, die sich ausschließlich auf vertikale Ungleichheiten beziehen. So kennen die Bewohner von Barren-Ost die Figur des »Sesselpupsers«. Darin ist eine Reminiszenz an das alte Bergarbeitermilieu zu sehen, in dem harte physische Arbeit eine Quelle sozialer Respektabilität war und white-collar-Berufe mit scheelem Blick betrachtet wurden. Bisweilen werden, wie erwartet, auch Arme, Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose negativ klassifiziert. Während aber bei ethnischen Klassifikationen stets bestimmte Gruppen aus der Nachbarschaft als Adressaten genannt werden, bleiben Klassifikationen, die sich auf sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen beziehen, meist im Abstrakten und Ungefähren. So stellen sowohl deutsche als auch türkischstämmige Stadtteilbewohner unter Verweis auf mediale Berichte – etwa über »Florida-Rolf«, »Pool-Harry« oder »Thailand-Angelika« – verschiedentlich fest, dass es unrechtmäßige Empfänger von Sozialleistungen gebe. Die entsprechenden Zuschreibungen werden aber recht selten auf konkrete Personen oder Gruppen aus der sozialräumlichen Nachbarschaft bezogen – es sei denn, es handelt sich bei den Klassifizierten um Migranten und bei den Klassifizierenden um Einheimische. Abgesehen von diesem speziellen Fall werden diejenigen, die von sozialstaatlichen Leistungen abhängig sind, nicht stigmatisiert. Denn in beiden Untersuchungsgebieten ist das Bewusstsein weit verbreitet, dass prekäre soziale Lagen gegenwärtig in starkem Maße eine Folge ökonomischer Entwicklungen sind. Eine individualisierende und mit abwertenden Attributen versehene Zuschreibung der Verantwortung für solche Soziallagen ist im Verlauf der Untersuchung nur selten erkennbar geworden. Lokale Zuschreibungen unterscheiden sich demnach von medialen und politischen Diskursen, die in regelmäßigen Abständen »Sozialschmarotzer« oder »arbeitslose Faulenzer« in die Schlagzeilen bringen (Uske 1995; Oschmiansky 2003). In urbanen Nachbarschaften existiert ein klassifikatorischer Eigensinn, der eine symbolische Ordnung eigener Art konstituiert. Hier bildet die Ethnizität – gewiss im Unterschied zu anderen gesellschaftlichen Kontexten – die klassifikatorische Leitdifferenz der Alltagskommunikation. Symbolische Ordnungen haben stets eine Vielzahl von Elementen, die eine selbstverständliche und unhinterfragte Geltung besitzen. Gegenstand von Klassifikationskämpfen indes können nur jene Aspekte sein, die zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt und in einem bestimmten gesellschaftlichen Kontext – wie sozialräumliche Nachbarschaften – umstritten sind und daher thematisiert werden. In sozial benachteiligten Quartieren werden derartige Bewertungskämpfe gegenwärtig von interethnischen Klassifikationen dominiert. In ihnen wird ein Kampf darum ausgetragen, inwieweit türkische Migranten zur gleichberechtigten und gleichwertigen Teilnahme und Teilhabe an der lokalen Gesellschaft zugelassen werden sollen. Es geht um die legitime Deutung des Fortbestands oder der Auflösung interethnischer Disparitäten und damit um einen Teil der symbolischen Ordnung sozialer Ungleichheit, dessen Beschaffenheit für die gesellschaftliche Entwicklung der nächsten Jahrzehnte ganz entscheidend sein wird. Die folgenden beiden Abschnitte stellen nun die Semantiken dar, die jene Auseinandersetzungen um die symbolische Ordnung interethnischer Ungleichheit beherrschen.
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2.2 Interethnische Klassifikationen des graduellen Typs Wenn von »interethnischen« Klassifikationen die Rede ist, liegt der Gedanke nahe, dass diese prinzipiell keinen graduellen Charakter besitzen können. Werden ethnische Kategorien nicht immer in einer kategorialen Weise verwendet? Die Attribute »deutsch« und »türkisch«, so könnte man annehmen, werden doch stets im Sinne eines exklusiven Entwederoder gebraucht, wenn man von zusammengesetzten Formen wie »deutsch-türkisch« einmal absieht. Dem ist durchaus zuzustimmen: Die Bewohner der untersuchten Stadtteile sprechen, wenn es nicht gerade um Personen aus ethnisch gemischten Familien geht, in einer Weise von »Deutschen« und »Türken«, die kein Mehr oder Weniger zulässt. Sie berichten auch kaum von irgendeinem Zweifel darüber, ob ein Individuum mehr der türkischen oder der deutschen Seite zuzuschlagen sei. In der alltäglichen Wahrnehmung ist die zugeschriebene ethnische Zugehörigkeit, und nicht etwa die erworbene Staatsbürgerschaft entscheidend. Wenn Ethnizität als solche in der Klassifikationspraxis der Akteure ein kategoriales Merkmal ist und bleibt, so trifft dies noch nicht automatisch auf alle Semantiken interethnischer Zuschreibungen zu. Wenn hier von »interethnischen« Klassifikationen die Rede ist, geht es um Zuschreibungen, die sich auf ethnische Gruppen beziehen, und nicht eo ipso um Zuschreibungen, die einen ethnischen Inhalt haben. Die drei graduellen Klassifikationsmuster, die in diesem Abschnitt präsentiert werden und sich allesamt auf türkischstämmige Akteure beziehen, haben denn auch bestimmte Verhaltensmerkmale oder die quantitative Zahl der Türken im Stadtteil zum Gegenstand. Ihre Semantik ist intern also nicht durch ein ethnisches Merkmal bestimmt, sondern sie richten sich lediglich – aber keineswegs zufällig und durchaus systematisch – gegen eine bestimmte ethnische Gruppe.
2.2.1 »Protestantische Ethik im türkischen Gewand« In beiden Untersuchungsgebieten verweisen autochthone Bewohner immer wieder auf die arbeitsame und verzichtbereite Lebensführung der türkischstämmigen Bevölkerung. Deren Handeln sei von einer familiären Disziplin und Sparsamkeit bestimmt. Sie attestieren ihren Nachbarn damit, wie man in Abwandlung eines Ausdrucks von Monika Wohlrab-Sahr (1998) sagen kann, eine »protestantische Ethik im türkischen Gewand«.2 Diese Ethik, die immer schon eine Affinität zu den »erst im Aufsteigen begriffenen Schichten« hatte (Weber 1988b: 195), fassen die deutschen Betrachter als einen in der eigenen Geschichte verblassten Traditionsbestand auf, von dem nun besonders türkische Geschäftsleute geprägt seien und der ihnen einen unverdienten ökonomischen Vorteil verschaffe. In den einschlägigen Aussagen erscheint der unternehmerisch agierende Teil der türkischen Bevölkerung als 2
Im Folgenden dürfte deutlich werden, dass es hier nicht im wörtlichen Sinn um protestantische, ja überhaupt nicht um religiöse Vorstellungen geht. Vielmehr werden Facetten eines Zuschreibungsmusters aufgezeigt, das bei türkischen Akteuren eine innerweltliche Askese mit einer starken Orientierung auf das Berufs- und Wirtschaftsleben verbunden sieht. Genau diese Verbindung hat Max Weber (1988b) als ein Spezifikum protestantischer Glaubensrichtungen zur Zeit der Entstehung des modernen Kapitalismus beschrieben. Von einer »protestantischen Ethik« ist hier also lediglich in einem übertragenen Sinn die Rede; etwa in der Weise, in der man auch von einer »Protestant Ethic analogy in Asia« (Bellah 1970) sprechen kann.
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rückständig und zugleich als gefährliche Konkurrenz (vgl. Semyonov/Raijman/Gorodzeisky 2006: 428). Ein rigoroses Arbeitsethos zu haben und zum Bedürfnisaufschub fähig zu sein, sind dabei Eigenschaften, die keineswegs als generell negativ beurteilt werden. Unabhängig von ihrer jeweiligen Bewertung transportieren solche Zuschreibungen kein kategoriales Bewertungsschema, zumal es nicht nur auf türkische, sondern auch auf deutsche Unternehmer angewandt werden kann. Es geht dabei um graduelle Abstufungen prinzipiell gemeinsamer Eigenschaften, und die negative Wertung bezieht sich auf ein Übermaß an Fleiß und Geschäftstüchtigkeit, asketischer Disziplin und Sparsamkeit. Ein Beispiel dafür liefert Herr Klausner, ein Monteur Mitte 40 aus Barren-Ost, der in einem Gespräch am Tresen einer Gaststätte über »die Türken« im Stadtteil sagt: »Sie legen alles zusammen, auch die Kinder arbeiten für ihre Eltern, bis sie 30 Jahre alt sind. Das geht in deutschen Familien nicht.« Der Nachwuchs in deutschen Familien, so seine Erläuterung, wolle früh eine eigene Wohnung haben und belaste dadurch die Familienkasse. Seine eigenen Kinder werde er sicher nicht dazu anhalten können, »erst einmal für das gemeinsame Familieneinkommen zu arbeiten«. Außerdem stellt er fest, dass türkische Familien »wenig Geld für Konsum ausgeben« und »viel besser sparen können«. Hier bietet Herr Klausner eine gewissermaßen kulturalistische Deutung des ökonomischen Vorteils, den die türkische gegenüber der deutschen Bevölkerung besitzen soll und den er vorrangig in einem traditionell geprägten Familienmodell begründet sieht. Innerweltliche Askese und Disziplin, so seine Vorstellung, paaren sich bei türkischen Familien mit einer wenig zimperlichen unternehmerischen Tüchtigkeit. Wie in Barren-Ost ist diese höchst ambivalente Zuschreibung, die Einheimische aus unterschiedlichen Bildungs- und Berufsschichten bewundernd mit »Familiensinn« oder auch despektierlich mit »Clanzusammenhalt« in Verbindung bringen, auch in Iderstadt-Süd anzutreffen. Der 41-jährige Herr Athanassios sieht in den solidarischen Unterstützungsstrukturen den entscheidenden ökonomischen Vorteil türkischer Familienbetriebe, deren Zahl im Stadtteil er gerne reduziert sähe. Der Mann mit einem griechischen und einem deutschen Elternteil ist Inhaber eines Onlineshops für Produkte einer bestimmten Heilpflanze und versteht sich als »waschechten Iderstädter«, dessen Lokalismus sich etwa auch im Stolz auf seinen breiten Raisfurther Dialekt niederschlägt. Bedauernd spricht er von einer althergebrachten und dennoch einträglichen Beschaffenheit türkischer Familienstrukturen: »Da hilft der eine dem andern. Und wenn das gemacht ist, dann wird’s nächste Geschäft aufgemacht und dann hilft der, dem er schon geholfen hat, wieder seinem Bruder oder Schwester oder wie auch immer. Das ist halt eben bei uns nicht. Das ist also ein Hundertprozent-Vorteil bei Türken, also: bei türkischen Familien.« Frau Blattwitz – eine 43 Jahre alte Hausfrau, Mutter von drei Kindern und Mitglied des SPD-Bezirksbeirats von Iderstadt-Nord – sieht den ökonomischen Vorteil der türkischstämmigen Bevölkerung weniger in einem unternehmerischen Geist, als in familiärer Disziplin und Genügsamkeit. Sie berichtet im Interview von einem alteingesessenen Gemüseladen, den »eine junge türkische Familie jetzt übernommen hat«. Laut denkt sie darüber nach, dass »die ganze Familie mit einem Verdienst auskommt, während in einer deutschen Familie, da werden Angestellte genommen, die bezahlt werden müssen. Von daher sind die nicht mehr rentabel und müssen zumachen, zum Teil, oder haben Probleme mit dem Überleben, während in türkischen Familien eben Opa, Tochter, alle mit anpacken. Und dann
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kann so ein Geschäft auch überleben.« Sie persönlich, erklärt Frau Blattwitz, habe damit keine Schwierigkeiten und sie ergänzt: »Ich weiß aber, dass es Mitbürger gibt, die ein Problem darin sehen.« Dieses »Problem«, das Frau Blattwitz anderen zuschreibt, erklärt sie mit der »Angst, dass die Fremden einen überlaufen« und »dass man irgendwo übernommen wird und dann nachher das ein türkischer Stadtteil wird«. In solchen Zuschreibungen, die Frau Blattwitz aus eigener Anschauung kennt, verbindet sich die naturwüchsige Vorteilnahme, die sich aus der familiären Zusammenarbeit und der Genügsamkeit türkischer Geschäftsinhaber ergibt, mit der Vision einer fremden Übernahme (vgl. Abschnitt 2.2.2). In Iderstadt-Nord, wo Frau Blattwitz wohnt, gilt der südliche Nachbarstadtteil als warnendes Exempel. Auch Herr Bachstein, der 63-jährige Besitzer einer traditionsreichen und stadtbekannten Konditorei in Iderstadt-Süd, führt die ökonomischen Erfolge der türkischstämmigen Bevölkerung auf eine bestimmte Arbeitsethik zurück: auf Strebsamkeit und Fleiß, wie sie sprichwörtlich mit einem gewissen Menschenschlag süddeutscher Provenienz verbunden werden. Im Interview behauptet Herr Bachstein, dass sämtliche Häuser im Stadtteil, die auf dem freien Markt angeboten werden, von Türken gekauft würden, und erklärt dies mit »Wertvorstellungen«, die den Einheimischen abhanden gekommen seien: »Die wollen zuallererst ’n Haus haben, wenn sie ein klein bisschen zu Vermögen kommen. Das ist in Deutschland nimmer so. Das war früher so, früher war’s den Schwaben nachgesagt: Schaffe, schaffe, Häusle baue. Aber bei den Ausländern ist das ganz stark.« Diese gleichsam altschwäbische Einstellung ist Herrn Bachstein zufolge der Grund dafür, dass gerade die »Türken« bei Hausverkäufen in Iderstadt-Süd »zum größten Teil zum Zug kommen«. Eine solche Entwicklung hält er ihrer Folgen wegen für wenig begrüßenswert. Dadurch verändere sich, so Herr Bachstein, die Struktur der Kundschaft im Stadtteil in einer Weise, die den deutschen Geschäften zum Nachteil gereiche. Dem 64-jährigen Inhaber der Gärtnerei und Blumenhandlung Freiligrath in Barren-Ost wiederum ist die Zunahme türkischer Stadtteilbewohner ein Ärgernis, weil diese Blumen, wie er erklärt, als verwerflichen »Luxus« betrachten. Diese asketische Haltung kontrastiert er mit deutschen Bergleuten alten Schlages, die am Zahltag immer große und recht kostspielige Blumensträuße für ihre Frauen gekauft hätten. Einzelne Akteure wie Herr Freiligrath oder Herr Bachstein haben je besondere Gründe, das asketische Arbeitsethos der türkischstämmigen Stadtteilbewohner zu kritisieren; teilweise hängen diese unmittelbar mit Geschäftsinteressen zusammen, lassen sich aber keineswegs darauf reduzieren. In vielen Fällen hat das Klassifikationsmuster, welches türkischen Stadtteilbewohnern im Allgemeinen, insbesondere aber Geschäftsleuten und dem Personal von Familienbetrieben despektierlich eine »protestantische« Ethik bescheinigt, mit unmittelbaren ökonomischen Interessen gar nichts zu tun. Herr Loschkat, ein 66-jähriger ehemaliger Sozialarbeiter, sagt in einem Gespräch mit drei Mitgliedern eines Barrener Tauschrings über die ökonomischen Vorzüge türkischer Geschäfte: »Und jetzt mit diesen Geschäften, um weiter bestehen zu können, ich denke einfach, das sind Familienbetriebe, die haben nicht so hohe materielle Vorstellungen wie wir. (…) Und die leben in größeren Familien. Das sind Familienbetriebe größtenteils und können dann auch die Preise niedriger machen. Eben Personal aus dem Familienkreis. Oder die bringen alle Jahre frisches Blut aus der Türkei mit.« Eine gewisse Anerkennung des
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ökonomischen Beharrungsvermögens geht hier mit der subtilen Abwertung der türkischen Familienstruktur als einer kollektiven wirtschaftlichen Einheit einer. Herr Loschkat nimmt dieser gegenüber paternalistisch den Standpunkt des modernen Individualisten und des hedonistisch Aufgeklärten ein. Die Zuschreibung einer »protestantischen« Arbeitsethik und Familienmoral besitzt ein Pendant bei ihren Adressaten. Auf der kognitiven Ebene sehen sich viele türkische Aufsteiger durchaus so, wie sie von den deutschen Nachbarn betrachtet werden. Aber sie werten ihr Ethos ohne jede Ambivalenz positiv. Mehr noch, sie bedienen sich dieses Maßstabs, um die Lebensführung und Mentalität der ortsansässigen deutschen Bevölkerung abzuqualifizieren (vgl. dazu Abschnitt 2.3.1).
2.2.2 »Expansiver Übernahmewille« Ein weiteres graduelles Klassifikationsmuster fußt auf einer Wahrnehmung, die bei türkischstämmigen Stadtteilbewohnern expansive Machtansprüche am Werk sieht. »Die wollen alles von uns übernehmen« ist eine gängige Aussage, mit der ihre deutschen Nachbarn diese Wahrnehmung zum Ausdruck bringen. Zuschreibungen dieser Art richten sich gegen türkischstämmige Personen, die zuvor von Deutschen betriebene Geschäftslokale bewirtschaften oder ehemals in deutschem Besitz befindliche Immobilien erworben haben; sie können aber auch den türkischen Fußballclub treffen, der einen maroden deutschen Traditionsverein beerbt, oder die türkische Moscheegemeinde, die mit einem Minarettbau eine selbstbewusste Präsenz im Stadtteil zeigt und eine kommunale Anerkennung ihrer Jugendarbeit einfordert. Die Einheimischen kritisieren nicht nur die Aneignung dessen, was sie als ihr angestammtes Terrain betrachten, sondern sie beschuldigen die erfolgreichen türkischen Geschäftsleute und aktiven Migrantenvereine zugleich, von einem raumgreifenden Expansionsdrang geleitet zu sein. Dieses Klassifikationsmuster schießt in seinem konkreten Gebrauch jedoch oft weit über seine primären Adressaten hinaus. Es speist sich aus Ängsten der deutschen Bevölkerung, von den türkischstämmigen Migranten insgesamt überflügelt und deklassiert zu werden. Daher wird das Agieren einzelner Personen oder Gruppen häufig auf die türkischstämmige Bevölkerung insgesamt übertragen. Der »Übernahmewille der Türken« wird zwar negativ beurteilt, aber es scheint dabei meist auch eine Bewunderung für ihre ökonomische Courage durch. Bemäkelt oder auch auf das Schärfste kritisiert wird wiederum ein Zuviel davon. Nur bestimmte Ausprägungen innerhalb eines nichtexklusiven, graduell abgestuften Merkmals fallen der verfemenden Nachrede anheim. Die Zuschreibung eines »expansiven Übernahmewillens« ist bei der einheimischen Bevölkerung quer durch die sozialen Schichten verbreitet und tritt in verschiedenen Ausdrucksformen auf. Der Terraingewinn der türkischstämmigen Bevölkerung wird mitunter nur indirekt und recht subtil mit einer negativen Wertung versehen. Die 41-jährige Frau Dudek, eine alleinerziehende Mutter und zum Interviewzeitpunkt arbeitslose Betriebswirtin, spricht etwa von einem sich erhöhenden »Ausländeranteil an Geschäften« in der Hauptgeschäftsstraße ihres Stadtteils Barren-Ost. Sie begrüßt diese Entwicklung ausdrücklich; aber in der Art und Weise, in der sie dies tut, schwingen auch Obertöne der Missbilligung mit. Wehmütig berichtet sie vom Aussterben kleiner Geschäfte im Stadtteil sowie von
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der vormaligen Schließung des Gemüseladens ihres Vaters, um dann zu sagen: »Ich bin froh, dass überhaupt Ausländer diese Geschäfte übernehmen, dass die nicht auch noch leer stehen.« Die schlechte Alternative des Leerstandes ist der Grund, weshalb Frau Dudek die türkische »Übernahme« von Geschäften billigt und weshalb die in ihrer Formulierung sich mitteilende Abwehr in einem latenten Zustand verharrt. Wo das Klassifikationsmuster explizit wird, zeigt es eine recht große Bandbreite verschiedener Artikulationsweisen. Akademisch gebildete Akteure sprechen etwa von einem »ethnischen Verdrängungswettbewerb«, den türkische Gruppen heraufbeschwörten, indem sie gezielt bestimmte Wohngebiete zu dominieren suchten; aus der Sorge um die Entstehung einer »Mehmetmeile« oder eines »Klein Istanbul« im Stadtteil wird dann unversehens die Gefahr, dass »die eigene Identität überrollt« werde. Vertreter höherer Bildungsgrade wissen dies bisweilen mit einem durch Koranzitate untermauerten »islamischen Herrschaftsanspruch« oder der »typischen Ellenbogenstärke« junger türkischer Männer zu verknüpfen. In der weniger gebildeten Variante dieses Klassifikationsmusters lauteten die Vorwürfe an die türkischstämmige Bevölkerung etwa so: »Die wollen Deutschland aufkaufen«, »Bald müssen wir uns integrieren«, oder einfach: »Die schaffen uns!« Frau Spitz vermag diesen Übernahmewillen unmittelbar am Verhalten der türkischstämmigen Bewohner von Iderstadt-Süd zu beobachten. Die 62-jährige Verwaltungsangestellte der Stadt Raisfurth und langjährige Beauftragte für Sicherheit und Sauberkeit in Iderstadt erzählt in einem Gespräch zunächst missbilligend, dass türkische Wohnungssuchende meist Iderstadt-Süd bevorzugen, weil dort bereits »Brüder, Onkel oder die ganze Familie« wohnten. Frau Spitz wird dann mit dem Hinweis offensiv, in Iderstadt-Süd würden »alte Frauen von den Türken bedrängt«. »Sehr subtil« laufe das ab: »Die machen sich im Treppenhaus extrabreit, damit eine alte Frau kaum vorbeikommt. Und sie fragen diese Frauen: ›Wollen Sie nicht ausziehen?‹« Schließlich bemerkt Frau Spitz mit Blick auf die oft schon verwitweten Frauen, denen ihre türkischen Nachbarn angeblich den Auszug nahelegen: »Ist doch ihre Wohnung und die Wohnung ist ihre Heimat! Und das alles wollen die Türken nicht sehen!« Das Stichwort »Heimat« und dessen befürchteter Verlust scheinen den Horizont der Übernahmegerüchte zu bilden, die aus beobachteten Einzelfällen einen türkischen Generalangriff werden lassen. Den Umstand, dass es in Iderstadt-Süd bereits türkische Banken und viele Geschäfte gebe, in denen man kein Deutsch reden müsse, deutet Frau Spitz in ebendieser Weise: »Man hat sein türkisches Dorf in der deutschen Großstadt oder seine türkische Kleinstadt in der deutschen Großstadt. Und da sind wir doch alles Gäste – geduldet, aber mehr nimmer, das kriege ich immer wieder mit.« Für Herrn Windig, einen 46 Jahre alten Inhaber eines Fotogeschäfts in Iderstadt-Süd, gewinnt die Entwicklung im Stadtteil schon Züge eines sich ankündigenden Ausgrenzungswettlaufs. Er sieht die Gefahr, dass sich der Stadtteil in ein »Ghetto wie ein kleines eigenes Land« verwandelt, »wo alle anderen Menschen, die nicht Türken sind, als Feinde, als Ausländer angesehen werden«. Dieser Aussage lässt er im Interview die Behauptung folgen: »Wenn drei türkische Geschäfte nebeneinander sind, denken die, ihnen gehört der komplette Stadtteil. Und das ist das Problem.« Evident wird dieser Verdrängungskampf für Herrn Windig beispielsweise an der alltäglichen Beobachtung, dass sich die türkischen Obstgeschäfte nicht nur an die Stelle der italienischen und deutschen gesetzt haben, sondern dass sie sich auch »Rechte herausnehmen«, die sie gar nicht haben – etwa indem sie mit
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ihren Ständen den ganzen Gehweg einnehmen und dem »alten Mütterchen« oder der »Mutter mit Kinderwagen« das Passieren erschweren. Mit solchen angeblich beobachtbaren Details will Herr Windig seine Sichtweise als Ergebnis vorurteilsloser Tatsachenfeststellung ausgeben und damit ein Klassifikationsmuster untermauern, dem zufolge die türkischen Bewohner sich über Gebühr und in kecker Manier im Stadtteil breit machen. Vorstellungen eines türkischen Übernahmewillens und drohender Gefahr für die deutschen Eingesessenen sind gerade auch in der am Rande von Barren-Ost gelegenen Siedlung am Stielmusfeld verbreitet. Herr Hofstätter, ein 50-jähriger Industriekaufmann, der vor kurzem arbeitslos geworden ist und nun – wie er sagt – »privatisiert«, berichtet im Interview von der allgemein geteilten Befürchtung eines Einzugs von Türken in der Siedlung. Diese Angst erkläre sich durch den Umstand, dass neuerdings auch türkische Kinder den in der Siedlung gelegenen Kindergarten besuchen. Erst nach dem Interview sagt er dazu in geharnischtem Ton: »Dann dauert es nicht mehr lange, und die Türken werden hier auch wohnen.« Im Interview selbst berichtet er von einem Gespräch, das er kürzlich bei einem Bier mit einem Nachbarn geführt habe, und gibt dazu folgende Erläuterung: »Diese Siedlung hat, sagen wir mal, deutschen kleinbürgerlichen Charakter. Punkt. So. Nicht nur vom Äußeren her, sondern wahrscheinlich auch vom Gedankengut der meisten, die hier sind. Spruch, kurz Klammer auf: ›Kauft hier ein Türke ein Haus, verkaufe ich mein Haus, sofort ziehe ich hier raus.‹ Klammer zu. Punkt.« Dies sage er nur, um »die Mentalität hier darzulegen«, versichert Herr Hofstätter, aber der gesamte Kontext des Interviews lässt unschwer erkennen, dass er einen Soziologen am liebsten mit seiner Haltung konfrontiert, indem er von anderen erzählt, die aussprechen, was er selbst denkt – was keineswegs untypisch ist. Besonders beliebt sind Zitate von türkischstämmigen Stadtteilbewohnern, die andere »Türken« negativ klassifizieren. Der Barrener Monteur Klausner, der bereits einmal zu Wort kam, erklärt: »Die Türken machen uns alle platt. Ich möchte beim Ende von Deutschland nicht dabei sein. Meine Kinder haben hier keine Chance. Die werden nicht drei Kinder haben, damit die dann Sozialhilfeempfänger werden.« Die assoziative Verbindung zwischen der türkischstämmigen Bevölkerung im Stadtteil und der Chancenlosigkeit seiner eigenen drei Kinder erläutert er mit dem lakonischen Satz: »Die Türken warten nur, bis ein Geschäft zumacht und kaufen dann alles auf.« Derart »übernahmewillige Türken« stellen für Herrn Klausner Schreckgespenster dar und lösen bei ihm offenbar massive Zukunftsängste aus, die bis hin zu der Befürchtung reichen, der eigene Nachwuchs werde sich in der Rolle von Sozialhilfeempfängern einer türkischen Übermacht gegenübersehen, die sich zunehmend alle ökonomischen Ressourcen aneignet. Das hier in Rede stehende Klassifikationsmuster entwirft das Szenario einer feindlichen Landnahme, und in den extremeren Varianten kippt es vom Graduellen ins Kategoriale. Dies ist der Fall, wenn die Zuschreibung eines »Übernahmewillens« – wie bei Herrn Klausner oder bei Herrn Windig – in ein Ihr-oder-Wir mündet und sich in ein kategoriales Freund-Feind-Schema transformiert. Die Tatsache, dass mittlerweile viele Häuser und Geschäfte in türkischer Hand sind (vgl. hierzu allgemein Kapphan/König 2005: 271 ff.), wird als Argument gegen Teilnahmeund Teilhabeansprüche der türkischen Bevölkerung verwendet. Ein Beispiel aus Barren-Ost mag dies veranschaulichen. Der Stadtteil gehört zu den Fördergebieten des urbanen Ent-
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wicklungsprogramms Soziale Stadt NRW. In diesem Rahmen hatten verschiedene türkische Vereine auf die Aufforderung des aus Vertretern der Stadtverwaltung und lokalen Interessenverbänden bestehenden Lenkungsgremiums hin öffentlich ihre »Vorschläge und Anregungen« vorgetragen, die im Stadtteil viel Staub aufwirbeln sollten. Auf einer gut besuchten Veranstaltung im Gasthaus Silberling, zu der das CDU-Stadtteilbüro eingeladen hatte, diskutierten dann mehr oder weniger ausschließlich deutsche Stadtteilbewohner über jene Vorschläge. Bei diesen Diskussionen, die ein Feldforscher verfolgte und protokollierte, wurde unter anderem der Vorschlag türkischer Moscheevereine hitzig kritisiert, im kommunal verwalteten Hallenbad Barren-Ost möge ein Sichtschutz eingebaut werden, damit Muslima unbeobachtet und an einem speziellen Frauentag den religiösen Vorschriften gemäß baden können. Als diese Angelegenheit verhandelt wurde, stand ein Mann auf und rief laut: »Die sollen das Bad doch selber bauen, denen gehört ja schon die halbe Essener Straße«! An diesem heftig beklatschten Ausruf, der die Haltung der großen Mehrheit der Anwesenden in knapper Form wiedergab, sind zwei Punkte hervorzuheben. Zum einen nimmt er den türkischen Hausbesitz an der Hauptgeschäftsstraße von Barren-Ost zum Anlass, Ansprüche der muslimischen Bevölkerung auf öffentliche Fördermittel insgesamt zurückzuweisen. Zum anderen hat er einen Unterton, der diejenigen, die auf Seiten der türkischen Migranten Ansprüche erheben, als »rationale Schmarotzer« diskreditiert (siehe Abschnitt 2.3.3).
2.2.3 »Übermäßige Zahl« Ein drittes Klassifikationsmuster problematisiert die Zahl von Migranten, insbesondere von Türken im Stadtteil. Viele Einheimische zeigen sich ob der schieren Anzahl türkischstämmiger Einwohner tief beunruhigt. Es gebe »zu viele Türken«, ist in beiden Untersuchungsgebieten eine unter deutschen Bewohnern weithin geteilte Ansicht. Das Klassifikationsmuster ist demnach recht unabhängig von der objektiven Zahl des türkischstämmigen Bevölkerungsanteils, die in Iderstadt-Süd ja ungefähr viermal höher als in Barren-Ost ist.3 Es handelt sich dabei um eine graduelle Klassifikation: Sie beschreibt eine Relation des Mehroder-Weniger und bezieht sich auf ein abgestuftes Zahlenverhältnis zwischen zwei Bevölkerungsgruppen. Dieses Verhältnis kann allerdings, wie sich zeigen wird, auch in einer Art und Weise in den konkreten Sprachgebrauch Eingang finden, dass aus einer graduellen Relation eine kategoriale Unterscheidung wird. Zunächst einmal fällt im gesamten empirischen Material auf, dass von türkischstämmigen Bewohnern in beiden Untersuchungsgebieten häufig in einer Weise gesprochen wird, als gäbe es »Türken« nur im Plural und als wären singuläre türkische Subjekte kaum anzutreffen. Die türkischstämmigen Stadtteilbewohner werden einmal als eine Ansammlung verschworener »Clans« oder »Clubs« dargestellt, ein andermal ist die Rede von »Trupps«, welche die heimischen Straßen unsicher machen. Der eine meint, bei den Türken lebe im3
Dieses etwas erstaunliche Ergebnis steht im Einklang mit der Erkenntnis, dass gerade in Deutschland das Verhältnis der autochthonen Bevölkerung zu Migranten und diskriminierende Einstellungen nicht von der tatsächlichen, sondern von der wahrgenommenen Größe der Migrantenpopulation abhängen (Semyonov et al. 2004: 696; Semyonov/Raijman/Gorodzeisky 2006: 429).
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mer gleich »der ganze Stamm« im Stadtteil, die andere spricht von »jungen Türken, die sich zuhauf zusammenrotten«. Ein dritter beteuert, in Mietshäusern mit türkischen Bewohnern gehe es »wie im Taubenschlag« zu. Weiterhin sprechen Deutsche aus Barren-Ost und Iderstadt-Süd von einem unerträglichen Auftreten »im Rudel« wie auch von »Scharen« und »türkischen Horden, die uns überrennen«. Alle diese Zuschreibungen verbinden mit den türkischstämmigen Nachbarn die Eigenheit, nur in einem gesichtslosen Kollektiv in Erscheinung zu treten. Die den Türken nachgesagte kollektivistische Verhaltensorientierung steht in einem impliziten Kontrast zur individualistischen Gesellschaft der Autochthonen und färbt auf das Klassifikationsmuster der »übermäßigen Zahl« ab. Die oft beiläufige Verwendung von »Massensymbolen« (Canetti 1960: 82 ff.) und kollektivierenden Verhaltensattributen kann fließend in die Aussage übergehen, es gebe »zu viele Türken« im Stadtteil. Ein Beispiel für einen solchen Übergang findet sich im Interview mit dem Iderstädter Konditormeister Bachstein. Er sagt über die Türken im Stadtteil: »Wissen Sie, es ist halt einfach zuviel. Wir kommen immer wieder auf dasselbe Ding: Es ist einfach zuviel. Wenn’s weniger wären, wär’s besser.« Diese Aussage verbindet Herr Bachstein mit dem Hinweis: »Zu mir hat einmal ein Türke gesagt: ›Vor Wien waren wir schon einmal gestanden, aber diesmal kriegen wir euch schon ganz.‹« Die Assoziationskette, die hier zum Tragen kommt, verknüpft die seines Erachtens zu große Zahl von türkischen Stadtteilbewohnern mit dem Angriff des Osmanischen Reiches auf Mitteleuropa, der immer mit Vorstellungen von Massen, Horden und Bienenschwärmen verbunden wurde (vgl. Said 1978: 59). Weiterhin zeigt Herrn Bachsteins Hinweis exemplarisch, dass das Klassifikationsmuster der zu großen Zahl eine starke Affinität zum Klassifikationsmuster eines feindlichen türkischen Übernahmewillens besitzt. Manchmal wird bereits die bloße Zahl der türkischen Stadtteilbewohner als Zeichen ihrer Bereitschaft interpretiert, den Stadtteil einnehmen zu wollen. Der 55-jährige Herr Freilich, der letzte von einst zahlreichen Metzgern in Iderstadt-Süd, kommentiert den Umstand, dass in seiner Nachbarschaft viele Türken Häuser gekauft haben, mit den Worten: »Aber irgendwann, wenn es mal zu viel wird, dann beginnen die Probleme. Es ist einfach das Zuviele.« Die erreichte Zahl der türkischen Stadtteilbewohner scheint für Herrn Freilich per se inakzeptabel zu sein, ohne dass dies einer weiteren Begründung bedürfte. So sagt er etwa im Interview weiter: »Nicht, ob die jetzt mal die Musik lauter haben, das haben wir Deutschen auch, ob die jetzt ihre Türkenmusik haben oder visà-vis ein Junge eine Hip-Hop-Musik, das ist das Problem nicht. Einfach weil’s zu viel ist.« Dass dies keine isolierte Einzelmeinung ist, zeigen auch Aussagen von Herrn Athanassios. In seiner Eigenschaft als Mitbegründer und Vorsitzender der Iderstädter Bürgerinitiative Unsere Hauptstraße, von der noch zu reden sein wird, möchte er nicht direkt sagen, es gebe zu viele Türken; gerne aber kokettiert er mit dem, »was die Leute sagen«, oder zitiert Nichtdeutsche, die ihre Auffassung kundtun, dass im Stadtteil zu viele »Türken« oder »Ausländer« leben. In einem Gespräch über eine öffentliche Versammlung seiner Bürgerinitiative mit dem Thema »Wie kaputt ist unser Stadtteil wirklich? Nennen Sie uns Ihre Probleme«, sagt Herr Athanassios: »Wobei wir natürlich schon so weit sind, dass die Türken sagen, die hier wohnen: ›Es sind zu viele Ausländer.‹ Das finde ich besonders klasse. Sagen wir mal, da wir ja Versuchsgebiet oder Versuchslabor der Stadt Raisfurth sind, das
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wollen die [Stadtpolitiker] nicht so hören, aber die Leute sagen: ›Ja.‹ Und die klatschen so laut, dass Ihnen der Zement von der Decke fällt.« Die vermeintlich zu große Zahl von Türken im Stadtteil stellt aber nur eine von mehreren Begründungsvarianten dar. Ein zweites, insbesondere bei der älteren Generation recht häufiges Argumentationsmuster findet sich etwa bei Herrn Freilich, der sich an einer Stelle im Interview darüber beklagt, dass man sich »im eigenen Stadtteil manchmal richtig fremd fühle«. Ein türkischer Busfahrer aus Barren-Ost, der 35-jährige Herr Dostluk, berichtet von Gesprächen unter Deutschen, die er während der Arbeit gehört hat: »Das verstehen die überhaupt nicht, dass die Türken überall sich ansiedeln, Häuser kaufen. ›Danach wird das hier total überfremdet‹, sagen die. Ganz offen.« Die Furcht vor einer drohenden Überfremdung kann eine sehr aggressive Färbung annehmen. So schildert Herr Dostluk im Interview die Sprüche der Mitglieder einer Zechenkapelle, die von einer Feier zurückkehrten und in seinem Linienbus mitfuhren; man habe sich dabei ungeachtet der Anwesenheit türkischer Fahrgäste zugerufen, man müsse sich wechselseitig helfen, den eigenen Stadtteil von Türken zu »säubern«. Ein drittes Argumentationsmuster hebt darauf ab, dass der hohe Migrantenanteil den »Ruf« des Stadtteils schädige. Sowohl in Barren-Ost als auch in Iderstadt-Süd geben eine Reihe von deutschen Bewohnern an, die Zahl der Migranten sei der Grund dafür, dass andere über ihre Wohngegend die Nase rümpfen. Dadurch gerieten sie ob ihres Wohnorts oft in Begründungsnot gegenüber Dritten. Dass dem tatsächlich so ist, machen Aussagen von Bewohnern von Iderstadt-Nord und der Barrener Siedlung am Stielmusfeld sehr plausibel. Frau Walcker, eine 57-jährige, im Personalwesen tätige Industriekauffrau aus IderstadtNord sagt über ihre Mutter: »Und die ist schon in der Iderstadt geboren und wohnt schon immer in Iderstadt-Süd, und die kriegt man da auch nicht mehr weg mit über 80 Jahren, ist ja klar, sagt zwar immer: ›Ich komme mir vor, wie wenn ich im Ausland lebe.‹« Aus dem gesamten Kontext geht hervor, dass Frau Walcker einen Umzug Ihrer Mutter allein aufgrund des hohen Anteils türkischer Stadtteilbewohner in Iderstadt-Süd für wünschenswert hielte. Frau Hofstätter – eine knapp 50-jährige, in der Barrener Siedlung am Stielmusfeld wohnende Sonderschullehrerin – erklärt in einem Gespräch nach dem Interview mit ihrem Mann: »Als wir vor einigen Jahren das Haus gekauft haben, damals habe ich zu meinem Mann gesagt: ›Wenn Barren-Ost, dann nur hier!‹ – Freunde, Bekannte und Kollegen reagieren überrascht, wenn man sagt, dass man in Ost wohnt.« Dies sagt sie im Rahmen einer Gesprächssequenz, in der sie und ihr Mann erklären, dass in Barren-Ost fast nur zur »Ghettobildung« neigende Türken leben, die »aus der untersten Schicht in der Türkei« kämen und für die sich die Leute in ihrem Herkunftsland »schämen« würden. Diese Art der Mitteilung ist keineswegs atypisch: Die Akteure sprechen über die hohe Zahl von – mit negativen Attributen versehenen – Türken und bringen mit diesen das Negativimage des Stadtteils in eine assoziative Verbindung, ohne es direkt auszusprechen. Innerhalb des Kernbereichs der beiden untersuchten Stadtteile nun wird die beschriebene Außenwahrnehmung für viele Deutsche zum Grund dafür, die Zahl türkischstämmiger Bewohner für zu hoch zu halten. Der Umstand, dass Außenstehende Barren-Ost und Iderstadt-Süd aufgrund der allzu zahlreichen »Türken« als verabscheuenswürdige Wohngebiete deklarieren, fällt innerhalb der Stadtteile auf die türkischstämmige Bewohnerschaft zurück.
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Weitere Begründungen für die Ablehnung einer größeren türkischen Population ergeben sich aus der spezifischen Perspektive bestimmter Berufe, sozialer Positionen und Rollen: Hausbesitzer beklagen, dass die Präsenz von Migranten zu sinkenden Immobilienpreisen führe. Deutsche Gewerbetreibende – etwa der Blumenhändler Freiligrath aus Barren-Ost und der Konditor Bachstein aus Iderstadt-Süd – sehen aufgrund des wachsenden Anteils türkischer Stadtteilbewohner ihre Kundschaft schwinden. Eltern schulpflichtiger Kinder sehen die Zahl der Ausländer mehr oder weniger unisono für zu hoch an, weil sie aufgrund der Häufung von Migrantenkindern mit Sprachproblemen die Bildungschancen des eigenen Nachwuchses gefährdet sehen. In beiden Stadtteilen, massiver aber in Iderstadt-Süd berichten die Leute davon, dass die deutschen Eltern mit ihren Füßen über den Migrantenanteil abstimmen und, wenn sie können, den Stadtteil verlassen, sobald ihr Nachwuchs das Kindergarten- oder Schulalter erreicht. Das gleiche Phänomen kann, wie Hinweisen von Türkischstämmigen und Einheimischen zu entnehmen ist, auch bei bildungsbewussten türkischen Eltern beobachtet werden. Bisweilen wird das quantitätsbezogene Klassifikationsmuster mit der höheren Geburtenrate der türkischstämmigen Bevölkerung in Verbindung gebracht. Besonders rabiat formuliert dies ein Pamphlet mit der Überschrift »Wir gebären Euch kaputt«, das ein CDUPolitiker in Barren-Ost vorfand, nachdem er an der Beerdigung von drei türkischen Männern teilgenommen hatte, die bei einem tragischen Verkehrsunfall ums Leben gekommen waren (vgl. Barrener Zeitung vom 23. März 2000). Wird der Fertilitätsvorsprung der türkischstämmigen Bevölkerung in die Zukunft projiziert, erscheinen die gegenwärtigen Zahlen umso bedrohlicher. Quantität kann dann in Qualität umschlagen, und das Klassifikationsmuster nimmt eine kategoriale Form an. Dies ist der Fall, wenn die türkischen Stadtteilbewohner als unerwünschter Bevölkerungsteil dargestellt werden, der durch politische Maßnahmen »reduziert« werden solle. Dazu gibt es zahlreiche Aussagen im empirischen Material, die dem Gewerbeaufsichtsamt gerne die Aufgabe übertragen würden, die »Welle« türkischer Geschäftsansiedlungen »zu stoppen«, oder von der städtischen Wohnungspolitik erwarten, türkische Bewohner in andere Stadtteile »zu verlagern« oder den Erwerb von Häusern durch türkische Interessenten »nicht mehr zu bewilligen«. Manche wollen indes nicht auf die Politik vertrauen. Der bereits genannte Fotograph aus Iderstadt-Süd, Herr Windig, sagt in einem Gespräch, in dem er sich bitter über das Missverhältnis zwischen seinem Arbeitseinsatz und seinem sinkenden Verdienst beklagt: »Wenn ich nicht so starke Wurzeln hier hätte, ich bin ja praktisch hier geboren, wäre ich schon vor fünf Jahren weg. Es gibt hier nur ein Problem – und das sind unsere lieben türkischen Mitbürger. Wenn’s wenigstens ›Mitbürger‹ wären! Hier müsste man mal mit der Stahlbürste durchgehen!« Wie die Mitglieder der Zechenkapelle, von denen Herr Dostluk berichtet, macht Herr Windig die türkischen Stadtteilbewohner zu »Überzähligen«, denen der Bürgerstatus abgesprochen und das Recht auf zivile Behandlung entzogen werden sollte. Er schlägt sie symbolisch einer kategorial anderen Klasse von Menschen zu.
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2.3 Interethnische Klassifikationen des kategorialen Typs Bei zwei der drei beschriebenen graduellen Klassifikationsmuster lässt sich in beiden Untersuchungsgebieten auch ein kategorialer Gebrauch beobachten, der bestimmte Merkmale in distinktiver Weise nur einer ethnischen Gruppe zuweist. Mit umgekehrten Vorzeichen könnte es sich bei kategorialen Klassifikationen genauso verhalten. Der Gedanke liegt nahe, dass sie in der konkreten Verwendungspraxis einmal als exklusives Merkmal einer bestimmten Bevölkerungsgruppe gelten und ein andermal graduelle Unterschiede innerhalb eines Merkmals benennen, das einheimische und türkischstämmige Akteure prinzipiell gemeinsam haben. Die in diesem Abschnitt vorgestellten vier kategorialen Klassifikationsmuster könnte man prima facie sogar von vorneherein als graduelle verstehen. Die vier Merkmale, auf die sie sich beziehen – im Folgenden: »Dissozialität«, »kriminelles Geschäftsgebaren«, »Schmarotzertum« und »Dreckigsein« –, kennen alle den Komparativ: Eine ethnische Gruppe kann mehr oder weniger dissozial, kriminell, schmarotzerhaft oder dreckig sein. Die entsprechenden Klassifikationsmuster werden aber, wie sich zeigen wird, nicht im graduellen Sinne verwendet. Vielmehr liegt ihnen die Zuschreibung prinzipieller Unterschiede zugrunde, die Eigenschaften oder Verhaltensweisen türkischer und deutscher Stadtteilbewohner dichotomisch voneinander scheiden. Wenn Einheimische türkischstämmigen Gewerbetreibenden »kriminelle Machenschaften« unterstellen, geht es, um nur ein Beispiel zu nennen, nicht um die Frage, inwieweit sie sich von ihren deutschen Kollegen im Ausmaß nicht ganz legaler Geschäftspraktiken unterscheiden, sondern um eine Entgegensetzung von gesetzestreuer Rechtschaffenheit und auszumerzender Illegalität. Neben der Eindeutigkeit in ihrer formalen Struktur ist bei den empirisch beobachteten kategorialen Klassifikationen ein weiterer wesentlicher Unterschied zu den graduellen Klassifikationsmustern in Barren-Ost und Iderstadt-Süd festzustellen: Während alle drei graduellen Klassifikationsmuster der türkischstämmigen Bevölkerung gelten, gehen die kategorialen Muster in beide Richtungen.
2.3.1 »Deutsche Dissozialität« In beiden Untersuchungsgebieten kursieren unter den türkischstämmigen Bewohnern negative Klassifikationen, die Teile ihrer deutschen Nachbarn oder die »deutsche Mentalität« im Ganzen als »dissozial« abqualifizieren. Derartige Klassifikationen beziehen sich auf eine kategorial andere Lebensführung und schreiben der deutschen Bevölkerung unterlegene, ja minderwertige Geisteshaltungen und Handlungsdispositionen zu. Drei Ausprägungen von Semantiken der Dissozialität lassen sich dabei unterscheiden. Die erste klassifiziert die deutschen Unterschichten als dekadente Nörgler und Neider. Die benachteiligten Gruppen aus der deutschen Bevölkerung, die der Zuschreibung zufolge aus Gefühlen der Unterlegenheit heraus Front gegen Migranten machen, erhalten den Makel einer Verderbtheit, die sie zu Recht an die unteren Regionen der sozialen Schichtung verweist. Derartige Klassifikationen finden sich vor allem bei türkischen Geschäftsleuten und Aufsteigern, die das Zurückbleiben vieler deutscher Stadtteilbewohner auf permanente Kneipengänge, auf eine konsumorientierte Lebensführung sowie auf ein Sexualverhalten
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zurückführen, das Familien zerstöre und ein finanziell ruinöses Durcheinander mit sich bringe. Die deutschen Unterschichten werden als niveaulos, ungebildet und trunksüchtig dargestellt und rücken damit in die Nähe des »Asozialen«. Die zugeschriebene Dissozialität nimmt hier den Charakter der Verwahrlosung an. Prototypisch zeigt sich dieses Klassifikationsmuster beim 36-jährigen Herrn Kedi. Der Sohn eines Bergmanns betreibt in Barren-Ost einen Autohandel mit mehreren Mitarbeitern und ist Vorsitzender des Barrener Ausländerbeirats sowie Mitglied eines Moscheevereins – der Islamischen Kulturgemeinschaft. Herr Kedi berichtet von den »Problemen«, die deutsche Nachbarn mit den zahlreicher werdenden türkischen Hausbesitzern hätten. Dabei äußert er seine Vermutung, die entsprechenden »Probleme« wären auf die »soziale Schwäche« derjenigen zurückzuführen, die sie haben. Die Problemdefinition dieser Leute paraphrasiert Herr Kedi im Interview mit den Worten: »Toll, die Türken sind hergekommen, die haben uns unsere Arbeit weggenommen. Die haben uns, entschuldigen Sie den Ausdruck, die haben uns unsere Frauen weggenommen, kommt auch, der Begriff. Jetzt nehmen die uns noch unsere Häuser weg.« Dies versieht Herr Kedi mit dem Kommentar: »Das ist Ruhrgebiet, hier Essener Straße in Barren-Ost, ist auf dem letzten Niveau, sage ich mal so, das Bildungsniveau.« Weiterhin beschreibt er die »Probleme«, die deutsche Mieter damit hätten, einem ausländischen Vermieter Geld zu zahlen. Er sei, versichert Herr Kedi, mit diesem Phänomen aus eigener Erfahrung vertraut, seit er vor zehn Jahren ein Haus gekauft und sein Moscheeverein auf dem neu erworbenen Areal an der Essener Straße in Barren-Ost Wohnungen zu vermieten habe. Herrn Kedis Erklärung hebt darauf ab, dass die deutschen Querulanten »überwiegend sozial schwache Personen« aus dem ehemaligen Bergarbeitermilieu seien und es daher der neidische Blick Benachteiligter wäre, dem die Ressentiments gegen türkische Hauseigentümer entspringen. Herr Kedi artikuliert eigene Überlegenheitsvorstellungen, wenn er verständnisvoll darauf verweist, dass diejenigen aus der deutschen Bevölkerung, die den sozialen Aufstieg ihrer türkischen Nachbarn missbilligen, aus den untersten und ungebildeten Schichten kämen. Dabei gibt er zu verstehen, dass es nicht überraschen könne, wenn es für diese Schichten schwierig sei, sich von türkischen Migranten überholt zu sehen. Über eine niveaulose und ungebildete Unterschicht hinaus zielen Herrn Kedis Einlassungen auf die Lebensweise »der Deutschen« insgesamt. So äußert er sich abfällig über die deutsche Sitte, vor allem an den Wochenenden »in den Kneipen rumzuhocken«. Seinen Widerwillen bettet er in sein islamisch geprägtes Weltbild ein und versucht damit, sein Negativbild von den Deutschen gegen jede Anfechtung zu immunisieren. Auch wenn nicht alle gut situierten türkischen Akteure sich derart auf islamische Gefühle berufen und nicht alle ihre Kulturkritik verallgemeinern, so ist unter ihnen doch eine ausgeprägte Neigung zu beobachten, verwahrloste deutsche Familien zu beschreiben. Beispiele hierfür enthält das Interview mit Frau und Herrn Aydin, einer 39-jährigen Krankenschwester und einem 40-jährigen Vorarbeiter in der Chemieindustrie, die in Iderstadt-Nord wohnhaft sind und zwei Kinder haben. In ihrer »Elitegegend«, so Frau Aydin, wohne auch eine deutsche Familie, die den »sozialen Unterschichten« angehöre, »jedes Jahr ein Kind« bekomme, durch ein »derbes Vokabular« auffalle und manchmal »randaliere« und »schlage«. »Solche Familien«, sagt Frau Aydin süffisant, »neigen auch sehr
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gerne dazu, auf Ausländer mit dem Finger zu zeigen, gell, und uns dann quasi als Pöbel anzugucken.« Sie berichtet davon, dass sie im Kindergarten einmal Türkisch gesprochen habe, woraufhin Mitgliedern der besagen deutschen Familie erstmals ihre Herkunft aufgefallen sei. »Und dann: ›Was? Ausländer? Kommt ihr hierher, nehmt uns den Arbeitsplatz weg. Geht wieder nach Hause!‹ Aber mit den schlimmsten Wörtern und so haben sie uns dann beschimpft.« Diese Reaktion auf die türkische Sprache hätten sie und ihre Tochter Selda, so Frau Aydin, wie folgt pariert: »›Weißt du gar nicht, ob wir Ausländer sind‹, habe ich dann gesagt. ›Also, ich bin Deutsche, ich hab’ meinen deutschen Pass‹, und die Selda, die auch gleich: ›Ich bin hier geboren. Ich bin Deutsche, ja.‹ Dann haben wir gesagt: ›Ja, und viele Sprachen können, ist ja gut eigentlich. Man kann später viel Geld machen mit den Sprachen.‹« Nachdem sie dies erzählt hat, kann sich Frau Aydin vor Lachen kam halten. Es ist das Lachen der Überlegenheit. Der eigenen Sprachgewandtheit und Weltläufigkeit stellt Frau Aydin das dumpfe Ressentiment der deutschen Familie gegenüber, die sie mit deren eigenen Waffen schlägt: Sie lässt jene, die in den Ausländern den »Pöbel« sehen, ihrerseits als chancenarme und bemitleidenswerte Kreaturen ohne Sinn für Gesittung und Bildung erscheinen. Die zweite Ausprägung der Dissozialität, die den Deutschen qua Mentalität und Kultur eigen sein soll, besteht für die türkischen Akteure in einem Egoismus, der sich in einer erbarmungslosen Kälte gegen die eigenen Angehörigen manifestiert. Solchen Zuschreibungen zufolge ist das deutsche Familienleben von einem possessiven Individualismus geprägt. Dieser Individualismus, so die Vorstellung, macht buchstäblich unfruchtbar und beraubt die Deutschen jener Zukunft, die aufgrund ihrer familienmoralischen Superiorität der türkischen Bevölkerung gehören wird. Die zugeschriebene Dissozialität bekommt hier die Bedeutung einer innerfamiliären Rücksichtslosigkeit. Von der Haltung der deutschen Bevölkerung zu Kindern und vom deutschen Familienleben zeigen sich türkischstämmige Bewohner beider Untersuchungsgebiete zutiefst abgestoßen. Herr Kedi aus Barren-Ost bezeichnet deutsche Eltern als »unmenschlich«, weil ihre Kinder keinen Lärm machen dürften. Er stellt deutsche Mütter und Väter als abgestumpfte Despoten hin, indem er darauf verweist, dass sie mit ihren Kindern meist »nichts machen«, sie zu Hause »einsperren« und »vor den Fernseher setzen«. In dasselbe Horn bläst Frau Sahan, eine 34-jährige, mit einem Bergmann verheiratete Hausfrau und Mutter von drei Kindern. Sie spricht von »niveaulosen Sendungen«, die tagsüber im Fernsehen liefen, und »nicht gesund für die Kinder« seien. Ihre alleinstehende und arbeitslose Freundin, die 30jährige Frau Gür, empört sich darüber, dass es »keine Tabuthemen« mehr gebe, und fragt: »Was gewinne ich dabei, wenn man über so einen Blödsinn redet?« Frau Sahan und Frau Gür lassen keinen Zweifel daran, dass es für Muslime ganz undenkbar sei, ihre Kinder nachmittags vor dem Fernseher verkommen zu lassen. Sie sagen es nicht, lassen es aber unschwer erraten, von welchen Kindern sie sprechen, die von ihren Eltern einem »ungesunden« Fernsehkonsum überlassen werden. Das deutsche Familienleben ist auch bei Herrn Saribas Gegenstand negativer Klassifikationen. Der 42 Jahre alte Familienvater ist praktizierender Muslim und Chef einer Elektronikfirma in Iderstadt-Süd, die im Großhandel tätig ist und über Internetbestellungen Satellitenschüsseln und Empfängeranlagen vertreibt. Im Interview spricht Herr Saribas immer wieder von familienbezogenen »Mentalitätsunterschieden« zwischen Türken und Deut-
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schen. In seinen Ausführungen nimmt er die eigene Familie zum Vergleichsmaßstab, vor dem sich negativ abhebt, was er in der deutschen Nachbarschaft beobachtet haben will. Seine Herkunftsfamilie, so Herr Saribas, habe »viel Schweres erlebt«. Da sein Vater als einfacher Arbeiter in einer Raisfurther Gießerei wenig verdient habe, hätten er und seine vier Geschwister schon früh etwas zum Familieneinkommen beitragen müssen. Er kommt dann auf die solidarische Verteilung der knappen finanziellen Ressourcen innerhalb der Familie und die starke Zurückhaltung zu sprechen, die er und seine Geschwister sich auferlegt hätten, um mit ihren Wünschen das Familienbudget nicht unverhältnismäßig zu belasten. Diese Haltung des Teilens und der altruistischen Bescheidenheit habe sich auf seine Kinder übertragen. Auch in seiner eigenen Familie gelte der Grundsatz: »Gibt’s nicht: deine, meine, seine. Gibt’s nur: unsere.« Diesen Grundsatz kontrastiert Herr Saribas scharf mit den Gepflogenheiten in deutschen Familien. »Bei den Deutschen«, sagt er, »ist das anders. Wenn die Leute 18 Jahre alt geworden sind, da ist es für die egal, ob das jetzt ihre Mutter ist oder ob es dem Vater schlecht geht, die gehen einfach weg.« Zu den hohen Taschengeldern, die deutsche Jugendliche von ihren Eltern einfordern sollen, bemerkt er: »Denen ist es egal, ob es jetzt daheim schlecht geht. Die wollen ihr Geld. Wenn sie 18 sind sowieso. Dann erkennen sie keine Eltern mehr.« Er selbst, bekennt Herr Saribas, fühle sich in seiner ganzen inneren Haltung dazu verpflichtet, für seine Eltern zu sorgen und sie nicht allein zu lassen; er könne, wie er ergänzt, nicht »irgendwie weggehen und die [Eltern] lassen für das Sozialamt, dass sie vom Sozialamt was bekommen können«. In dieser Aussage, die wiederum auf die Verhältnisse in deutschen Familien gemünzt ist, kreuzen sich zwei semantische Aspekte von Dissozialität: eine mangelnde familiäre Solidarität sowie ein Hang dazu, sich in verantwortungsloser Weise auf den Sozialstaat zu verlassen. Herr Dostluk, Busfahrer aus Barren-Ost, hält eine recht düstere Diagnose für das deutsche Familienleben bereit. Zunächst stellt er fest: »Es fehlt sowieso in der deutschen Gesellschaft, die hat keine Moral, durch Unmoralisierung passiert ja sehr vieles in Deutschland.« Nachdem er diesen Zustand als völlig inakzeptabel kritisiert hat, erklärt er: »Dafür kämpfen wir, auch hier die Islamische Kulturgemeinschaft. Wir wollen, dass die Gesellschaft sehr nahe zur Religion kommt, damit sie diese Moral behält, auch die Familien, damit zum Beispiel das Familienleben weiterläuft.« Dabei ausdrücklich zuvorderst den nichtchristlichen Teil der deutschen Bevölkerung meinend, fährt Herr Dostluk fort: »Bei unmoralisierten Gesellschaften sieht man ja schon, dass die Ehen sehr schnell kaputt gehen, dass die Kinder auf der Straße sind.« Er berichtet von einer türkischen Nachbarin, die mit einem deutschen Mann zehn Jahre lang zusammengelebt und zwei Kinder gehabt habe, bis sich das Unvermeidliche ereignete und sie geschieden wurden. Herr Dostluk bemerkt dazu: »Aber der Deutsche war ein sehr vernünftiger, anständiger Mann, aber trotzdem hat er im Endeffekt sein deutsches Gen wieder benutzt, die Frau zu verlassen und zur zweiten Frau zu gehen.« Später erklärt er auf Nachfrage, dass er das mit dem »deutschen Gen« nicht wörtlich meine. Auch wenn der Ausdruck nicht auf einen biologischen Unterschied hinweisen soll, gibt Herr Dostluk seine Ansicht unzweideutig zu erkennen, dass er zwischen der türkischen Familienmoral und der deutschen Unmoral, ja familiären Brutalität einen kategorialen Unterschied sieht. Mit hartherziger Verantwortungslosigkeit ließe sich wohl überschreiben, was er dem besagten deutschen Mann vorhält, über den er abschließend bemerkt:
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»Letztendlich nach zehn Jahren, nach zehnjähriger Ehe hat er auch diesen Fehler gemacht, seine Frau mit zwei Kindern liegen lassen, und ist mit einer deutschen Frau abgehauen.« Herr Saribas erhebt sich endgültig über seine deutschen Nachbarn, wenn er über sie sagt: »Sie haben lieber Hunde als Kinder. Wie soll das weitergehen mit den Deutschen? (…) Wie soll das dann irgendwann mit dem deutschen Staat werden, die ganzen Ausländer weggehen, soll das dann ein Hundestaat sein? Oder die Deutschen werden dann irgendwie so wie ein Hund aussehen? Ich weiß es nicht. Also da sehe ich auch schwarz.« Hier wird die deutsche Bevölkerung zum Gegenstand einer gespielten Sorge, die aus der sicheren Gewissheit heraus sich artikuliert, dass die eigene ethnische Fertilität einen Vorsprung garantiert. Herrn Saribas’ Ansicht zufolge hat die gesellschaftliche Zukunft in der »deutschen Mentalität« eine prekäre Basis, zumal sie die biologische Existenz der einheimischen Bevölkerung gefährdet. Da Hunde im Islam als »unreine« Tiere gelten, muss es einem muslimisch geprägten Akteur wie Herrn Saribas auch als eine Perversion erscheinen, sie Kindern vorzuziehen. Der weniger religiöse Herr Toktaz, ein 40-jähriger türkischer Gemüsehändler aus Iderstadt-Süd, bringt den interkulturellen Unterschied in der Einstellung zu Kindern und Hunden etwas moderater zum Ausdruck: »Die Ausländer kapieren nicht, warum die Deutschen alle Hunde haben, und die deutschen Familien kapieren nicht, warum die Ausländer so viele Kinder haben.« Herr Dostluk aus Barren-Ost greift auf das rhetorische Mittel des offenkundig bereits sprichwörtlichen Vergleichs zwischen Hunden und Kindern zurück, wenn er erklärt: »Ich sag’ zu den Deutschen immer: ›Wenn ihr den Ausländer nicht leiden könnt, bitte macht Kinder. Ein Kind mehr – ein Ausländer weniger. Nicht zwei, drei Hunde zu Hause füttern, sondern zwei, drei Kinder zu Hause erziehen.‹« Die »neue Generation der Deutschen« wiederum portraitiert Herr Dostluk in wenig freundlichen Farben: als eine Kohorte nie zufriedener, vom Wohlstand verdorbener Individualisten ohne soziales Bewusstsein. Sie verstehe nicht, »wie die Armut ist«; andere seien ihnen »scheißegal« und auf ihren Autos wären »Sprüche« zu lesen wie: »Eure Armut kotzt mich an«. Mit dieser Generation ist Herrn Dostluk zufolge die Zukunft Deutschlands gefährdet: »Wenn es so weiter läuft natürlich, wenn der deutsche Staat irgendwie nicht was unternimmt, dann wird’s nach zwanzig, dreißig Jahren in Deutschland anders aussehen. Dann haben wir hier nur Omas rumlaufen, Opas rumlaufen, keine neue Generation, weil die keine Kinder machen wollen.« Diese Entwicklung führt Herr Dostluk auf eine Geistes- und Lebenshaltung der jungen Deutschen zurück, die er folgenderweise persifliert: »Die wollen ja ihren Wohlstand leben, das sind alles Egoisten, die wollen ja nur ihr Leben irgendwie – ohne Kinder, ohne Belastungen, ohne was zu schaffen, danach ihre Rente, sterben.« Hier klingen bereits Elemente der dritten Variante des Klassifikationsmusters an. Diese dritte Semantik, mit der türkischstämmige Stadtteilbewohner ihre deutschen Nachbarn als dissozial desavouieren, zielt auf deren mangelndes Arbeitsethos sowie auf deren Bequemlichkeit und die Unfähigkeit zum Verzicht. Insbesondere ökonomisch erfolgreiche Türken zeichnen ein Bild korrumpierter und saturierter deutscher Dauerfernsehgucker, die bei der Arbeit nur an ihren Urlaub oder den pünktlichen Feierabend denken und darüber hinaus auch mit ihrer Ängstlichkeit denkbar wenig Eignung zu unternehmerischem
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Handeln zeigen.4 Die der deutschen Bevölkerung zugeschriebene Dissozialität zielt hier auf deren Verweichlichung oder Verwöhnung. Ein solcherart dissoziales Verhalten nennt Herr Saribas als Grund dafür, dass er in seiner Firma seit einiger Zeit nur noch türkische Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eingestellt hat. Deutsche Angestellte seien »weniger verständnisvoll«, sagt er und verweist darauf, dass diese – im Unterschied zu türkischen – nicht damit einverstanden seien, wenn er ihnen aufgrund der Geschäftslage einmal das monatliche Gehalt nicht gleich auszahlen wolle. Überdies könne er seine türkischen Angestellten auch an Sonntagen kurzfristig in die Firma bestellen, wenn etwa eine neue Warenlieferung eingelagert werden müsse; diese Angestellten wären stets einsatzbereit, ohne gleich zu fragen, ob er die Sonntagsschicht auch entsprechend bezahle. Sein Neffe hingegen, der zu seinen sieben Angestellten zählt und, wie er sagt, »halb Deutscher, halb Türke« ist, frage in solchen Situationen immer, ob er dafür an einem anderen Tag frei bekäme. Das hinterlasse bei ihm einen »negativen Eindruck«, und so etwas erlebe er nie bei Mitarbeitern, bei denen »Mutter und Vater Türken sind«. Diesem diametralen Gegensatz zwischen den »Mentalitäten« fügt Herr Saribas weiteres Anschauungsmaterial hinzu. »Unsere Leute«, sagt er, sind »viel fleißiger, den Deutschen gegenüber.« Besonders die jüngere Generation der deutschen Bevölkerung hätte weniger »Unternehmergeist«5 und »viel mehr Angst« davor, Fehler zu machen. In der Manier eines Selfmademan vergleicht er die jungen Deutschen mit seinem eigenen Aufstieg, den er dem Umstand verdanke, »aus Fehlern gelernt« und für sie »bezahlt« zu haben. Dem Thema der Mentalitätsunterschiede gibt Herr Saribas dann noch eine andere Wendung, indem er darauf hinweist, die Deutschen wollten »viel bequemer leben als wir«, um dann zu erklären: »Bei den Deutschen ist es so: Sie wollen zum Beispiel im Jahr zweimal, dreimal in Urlaub gehen, und die wollen bestimmte Stunden arbeiten und danach, wenn die Karte gestochen ist: passé für sie. Bequem leben. Also daheim im Sessel hocken, Fernsehen gucken, oder was weiß ich.« Schließlich komplettiert Herr Saribas seine Darstellung der Unterschiede zu den Deutschen mit der Feststellung: »Und wir können auch verzichten!« Herr Dostluk vergleicht den deutschen »Neid« mit dem türkischen »Mut«, einen Kredit für einen Hauskauf aufzunehmen. Wenn deutsche Kollegen ihn neidisch darüber ausfragten, wie er sich als Alleinverdiener mit vier Kindern eine größere Immobilie leisten könne, 4
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Aus der deutschen Forschung über »ethnische Ökonomien« ist bekannt, dass gerade unter türkischen Migranten in den vergangenen Jahren eine besonders starke Zunahme der Selbständigenquote zu verzeichnen war: Im Jahr 1991 waren 23.000 Türken in Deutschland selbständig beschäftigt, im Jahr 2002 erreichten die türkischen Selbständigen die Zahl von 43.000 (Özcan 2004: 20). Gerade der Anteil der bereits in Deutschland geborenen ausländischen Selbständigen ist von 1996 bis 2002 von 5,6 Prozent kontinuierlich auf 14,6 Prozent gestiegen; bei den türkischen Vertretern dieser Gruppe liegt die Quote mit 21,2 Prozent recht weit über dem Durchschnitt (Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2005: 52). Dabei fällt in der Tat auf, dass türkische im Vergleich mit deutschen Geschäftsgründern besonders hohe wirtschaftliche Risiken einzugehen bereit sind und dass türkische Betriebe mit ihrer Konzentration auf Handel und Gastgewerbe in sehr wettbewerbs- und arbeitsintensiven Wirtschaftszweigen angesiedelt sind (Zentrum für Türkeistudien 2003: 14 ff.; Beauftragte der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration 2005: 52 f.; Institut für Mittelstandsforschung 2005: 9 und 14 f.; Schuleri-Hartje/Floeting/Reimann 2005: 25 f. und 46 ff.). Fast dieselbe Formulierung wählt Herr Kedi, der auf die Bedeutung der »Migrantenwirtschaft« für Barren-Ost hinweist und erklärt: »Also, was wichtig ist: Viele Migranten sind ja viel risikofreudiger als die Deutschen. Ist so. Und so unternehmerische Ziele oder auch Unternehmergeist ist bei den Migranten ausgeprägter als bei den Deutschen.«
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bekäme er von jenen zu hören: »Ich würde das nicht schaffen.« – »Obwohl«, so Herr Dostluk, »die Leute, die Deutschen sind ja immer zu zweit am Arbeiten: Frau und Mann, die arbeiten gern beide. Sie haben vielleicht ein Kind oder zwei Kinder. Die haben immer noch Angst, ein Haus zu kaufen. Aber die Türken – egal, wenn eine Person arbeitet im Haushalt, die kaufen ein Haus, die renovieren die Häuser. Und die haben vier Kinder zu Hause.« Herr Aydin aus Iderstadt-Nord erzählt von vergleichbaren Unterschieden zwischen Türken und Deutschen, die er an Erfahrungen in seiner Firma festmacht. Einerseits wollten die Deutschen »dreckige Arbeit« nicht machen, während »Ausländer«, wie er sagt, »alle Arbeit machen, weil sie wissen schon ganz genau, sie haben nicht so viel Chancen«. Über die Deutschen, die sich am großen Auto eines Türken stießen oder der Ansicht seien, diese hätten ihnen den Arbeitsplatz weggenommen, bemerkt Herr Aydin: »Die vergessen aber, dass wir sehr fleißig sind.« Betrachtet man die drei Varianten, in denen türkischstämmige Aufsteiger den Deutschen dissoziale Verhaltensweisen zur Last legen, fällt zunächst auf, dass sie in einigen Facetten wie das positiv gewendete Gegenstück zur »protestantischen Ethik« wirken, die der türkischen von der deutschen Bevölkerung missgünstig und verächtlich zugeschrieben wird. Es ist, als betrieben die türkischen Akteure einen »symbolic reversal« (Needham 1969: xxxix): Sie invertieren die ihnen nachgesagten Eigenschaften, indem sie zwar den deskriptiven Gehalt der entsprechenden Klassifikationen annehmen, diesen aber evaluativ vom Negativen ins Positive wenden. Die negativ konnotierten Merkmale der ihnen angesonnenen Arbeitsethik und Familienmoral erfahren eine strikte Umwertung. Mehr noch, sie werden zu einer Richtschnur, an der gemessen bestimmte Einstellungen und Lebensformen der deutschen Nachbarn als dissozial erscheinen. Bei der Feststellung einer »deutschen Dissozialität« handelt es sich teilweise in der Tat um eine direkte Gegenstigmatisierung derjenigen, die am Aufstieg türkischer Stadtteilbewohner Anstoß nehmen. Teilweise entspringen die Wertungen einer genuin türkisch-islamischen Migrantensozialisation sowie einem Dünkel von Aufsteigern aus der Arbeiterschicht. In den beschriebenen drei Ausprägungen von Dissozialität läuft ein Großteil der negativen Bewertungen zusammen, die türkischstämmige Akteure an die deutsche Bevölkerung richten. Die darin sich zeigende Wahrnehmung des sozialen Zusammenlebens unter Deutschen ist ein wesentlicher Grund dafür, dass die türkische Bevölkerung die oft weitreichenden, an sie adressierten Integrationsforderungen ablehnt. Während die deutschen Stadtteilbewohner von Barren-Ost und Iderstadt-Süd gerne den mangelnden Integrationswillen ihrer türkischen Nachbarn beanstanden, werfen diese ihren Kritikern vor, stets Assimilation zu meinen, wenn sie von Integration sprechen. Ebendieses Ansinnen, sich eine Kultur einzuverleiben, die in ihren Augen von sozialer Kälte und einem rücksichtslosen Individualismus geprägt ist, weisen die türkischen Stadtteilbewohner größtenteils weit von sich. Sie wollen nach ihrer eigenen Fasson am gesellschaftlichen Leben teilnehmen.
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2.3.2 »Kriminelle Machenschaften« Das nächste Klassifikationsmuster führt wieder zu den Zuschreibungen zurück, die Einheimische an bestimmte Teile der türkischstämmigen Bevölkerung richten. Es versetzt diese in den Stand der Strafwürdigkeit. In Iderstadt-Süd und Barren-Ost werden insbesondere türkischen Unternehmern und Immobilienbesitzern kriminelle Machenschaften unterstellt. Sie seien durch illegale Geschäfte zu Geld gekommen, lautet ein in der deutschen Bevölkerung verbreitetes Pauschalurteil, das türkische Geschäftsleute inkriminiert und damit symbolisch aus dem ökonomischen Wettbewerb ausschließt. Die Zuschreibung »krimineller Machenschaften« beruht auf einer kategorialen Unterscheidung zwischen legitimen und illegitimen Wettbewerbern. In Iderstadt-Süd spielen solche Klassifikationen im Umfeld der Bürgerinitiative Unsere Hauptstraße eine große Rolle. Die Initiative hat sich eine Verbesserung von Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit im Stadtteil auf die Fahnen geschrieben. Ihre Aktivisten perhorreszieren die Zustände im Stadtteil und bringen diese manchmal suggestiv, manchmal expressis verbis mit der türkischen Bevölkerung in Verbindung. Dabei heben sie gerne »die Türken« negativ von anderen »Ausländern« wie Italienern, Griechen und Spaniern oder auch Indern und Schwarzafrikanern ab. Einer der Initiatoren, Herr Athanassios, illustriert die Funktionsweise des kriminalisierenden Klassifikationsmusters in beispielhafter Weise. Er sagt im Interview über den Moscheebau eines türkischen Vereins im Stadtteil: »Und die haben soundso viel Millionen gesammelt, um die [Moschee] zu bauen. Dann hat jeder gesagt: Ah ja, das sind die Drogengelder.« Wenn Herr Athanassios empört feststellt, dass weder Behörden noch Polizei solchen Aussagen weiter nachgingen, kann man unschwer erkennen, dass der Vorwurf, die Geldmittel der Moscheegemeinde seien illegal erworben worden, einer Hermeneutik des Verdachts geschuldet ist. Der 49-jährige Geisteswissenschaftler Dr. Schallhauser, der ebenfalls ein Mitglied der Bürgerinitiative ist, bezeichnet türkische Geschäfte als »Treffpunkte für Hehler und Diebe«. Türkische Familienbetriebe verdächtigt er, durch fingierte Pleiten und Wiedereröffnungen unter dem Namen anderer Familienmitglieder gleich mehrfach Mittel aus Töpfen der öffentlichen Wirtschaftsförderung einzustreichen, an die deutsche Gewerbetreibende niemals herankämen.6 Im gleichen Stil wundert er sich darüber, wie sich die »kleinen Trödelläden« im Stadtteil »halten können«. Die etwa 60-jährige Frau Watzmann, ein weiteres Mitglied der Bürgerinitiative, mutmaßt, dass die vielen türkischen »Basare« im Stadtteil 6
Wissenschaftliche Erkenntnisse weisen in die entgegengesetzte Richtung. Eine einschlägige Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass türkische Selbständige weithin losgelöst von den Instanzen der Wirtschaftsförderung agieren. Lediglich 6,7 Prozent der türkischen Betriebsgründer in Deutschland haben Beratungsmöglichkeiten in Anspruch genommen oder von öffentlichen Fördermaßnahmen Gebrauch gemacht (Zentrum für Türkeistudien/Türkisch-Deutsche IHK 2005: 23); auch bei der Förderung von Betriebsneugründungen durch Maßnahmen der Arbeitsmarktpolitik – insbesondere Überbrückungsgeld und Ich-AG – sind Migranten deutlich unterrepräsentiert (Kontos/Haferburg/Sacaliuc 2006: 10 f.). In einer Studie des Deutschen Instituts für Urbanistik heißt es: »Anders als deutsche leihen sich ausländische Gründer das nötige Gründungskapital meist von Freunden und von der Familie, nicht von Banken und Förderinstitutionen« (Floeting/Reimann/SchuleriHartje 2005: 5; bestätigend dazu: Täuber 2003: 31; Gesellschaft für innovative Beschäftigungsförderung 2004: 9). Gerade türkischstämmige Unternehmer können im Unterschied zu ihren Kollegen aus anderen Migrantengruppen häufig auf Mittel aus dem Familienverband zurückgreifen (siehe Zentrum für Türkeistudien/Türkisch-Deutsche IHK 2005: 23; Schuleri-Hartje/Floeting/Reimann 2005: 70 und 118 f.).
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ohnehin nur »zur Tarnung« bestünden; »man weiß ja nicht, was die unter dem Ladentisch verkaufen«, sagt sie weiter und gibt damit den Blick auf eine denunziatorische Grundhaltung gegenüber türkischen Geschäftsleuten frei. In ähnlicher Weise ist auch außerhalb des Umfelds der Bürgerinitiative Unsere Hauptstraße wiederholt von »halbseidenen« türkischen Geschäften, von »Geldwäsche« und Ähnlichem mehr die Rede. Besonders einschlägig sind die Äußerungen von Herrn Horn, dem stellvertretenden Vorsitzenden des Iderstädter Gewerbevereins. Der 39-jährige Inhaber eines Gas-Wasser-Installationsbetriebs stutzt in scheinbar unverfänglicher Weise über den Wohlstand türkischstämmiger Gewerbetreibender: »Wenn Sie sehen, wie die Leute leben, mit was die ihr Geld verdienen. Das kann nicht sein, dass dort, ich sag’s jetzt mal übertrieben, einer Gemüse verkauft und Mercedes fährt.« Diese Sätze vervollständigt Herr Horn an anderer Stelle, wo er von türkischen Geschäften spricht, bei denen »krumme Dinge laufen«. In geradezu prototypischer Weise empört er sich darüber, was diese Händler sich alles herausnehmen: »Da wird Gemüse auf die Straße gestellt, Verkaufsstände haben sie einfach auf die Straße gestellt. Und wenn Sie was gesagt haben, werden Sie noch der böse Deutsche, der Nazi, und wenn dann die Polizei gekommen ist, dann haben die das reingeräumt.« Gemäß dieser Schilderung agieren türkische Geschäftsleute offen am Rande der Legalität, sind aber verschlagen genug, um sich der Ordnungsmacht zu entziehen. In anderen Fällen läuft die Anschuldigung darauf hinaus, dass diese Geschäftsleute bestens getarnt sind und fernab jeglicher Kontrolle dunkle Geschäfte machen. In beiden Untersuchungsgebieten sind diese Varianten kriminalisierender Klassifikationen im »Schimpfklatsch« (Elias/Scotson 1990: 9) von Einheimischen quer durch die Professionen und Schichten anzutreffen. In Iderstadt-Süd tritt es jedoch besonders massiv bei deutschen Gewerbetreibenden auf, von denen die meisten in wirtschaftlichen Schwierigkeiten stecken und mit der Veränderung der ethnischen Zusammensetzung der Stadtteilbevölkerung auch Einnahmeverluste hinnehmen mussten. In Barren-Ost wiederum sind türkische Hauseigentümer ein bevorzugtes Objekt des Kriminalitätsverdachts. Hier tritt auch ein interessantes Detail zutage. In Barren-Ost gehört nämlich die Diskriminierung auf dem Mietwohnungsmarkt (vgl. auch Halm/Sauer 2004: 552; Kapphan/König 2005: 282 und 287) zu den wesentlichen Triebkräften dafür, dass größere Teile der türkischen Minderheit damit anfingen, Hauseigentum zu erwerben. Der Busfahrer Herr Dostluk, der vor sechs Jahren ein Haus in Barren-Ost gekauft hat und darin vier Wohnungen vermietet, erzählt von der kollektiven Erfahrung türkischer Wohnungssuchender, bei Telefonaten mit deutschen Vermietern gesagt bekommen zu haben: »Tut mir leid. Wir nehmen keine Ausländer, also wir geben Ausländern keine Wohnung.« In diesem Zusammenhang bemerkt er: »Dadurch sind wir gezwungen natürlich, Häuser zu kaufen.« Wenn Herr Dostluk hier – in Übereinstimmung mit anderen türkischstämmigen Stadtteilbewohnern – von einer Notwendigkeit spricht, selbst zum Hauseigentümer zu werden, um auf dem Wohnungsmarkt einer Benachteiligung gegenüber deutschen Mitbewerbern zu entgehen, weist er auf eine paradoxe Dynamik hin: In der türkischen Teilhabe am Wohnungseigentum im Stadtteil zeigt sich eine Wirkung vorangegangener Stigmatisierungs- und Ausgrenzungsprozesse. Dieselben materiellen Erfolge stehen bei der Zuschreibung »krimineller Machenschaften« Pate. Herr Dostluk kann etwa davon berichten, dass er einmal eine deutsche Mutter
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und ihre Tochter tuscheln hörte, als sie eine Wohnung besichtigten, die er zu vermieten hatte. Die Tochter, so erzählt er, habe der Mutter zugeflüstert: »Nein, ich will bei den Türken nicht wohnen. Scheiße. Wer weiß, was die machen.« Ähnliches habe er schon mehrmals erlebt, sagt Herr Dostluk und erläutert dann den Grund: »Das ist die Vorstellung: Das sind jetzt Türken. Die sind ja kriminell. Die sind ja hinterhältig. Denen kann man nicht vertrauen.« Dass Herr Dostluk das alles nicht nur so dahersagt, lässt sich an den Auswirkungen auf sein Verhalten ermessen. Er erzählt, dass er sich von »den Deutschen« zu sehr beobachtet fühlen würde, wenn er »einen Mercedes oder BMW 500er Serie« führe; daher bevorzuge er »einen Passat, so ‘n Volkswagen, der nicht so auffällig ist«. Dazu gibt es in der Tat eine Entsprechung auf Seiten der deutschen Bevölkerung. Frau Hofstätter, die Sonderschullehrerin aus der Barrener Siedlung am Stielmusfeld, sagt beispielsweise im Interview: »Und ich habe auch das Gefühl, dass die Kriminalität oder auch so dieses halb Illegale, was alles so abläuft in den Geschäften, in diesen Familien, in den Clans, die da zusammenkommen, dass da also vieles nicht mit rechten Dingen zugeht. Und ist ja auch schon das Schlagwort: Ein schwarzer BMW, ein neuer, da sitzt ein Türke drin.« Solche Klischees setzen türkische Geschäftstätigkeit mit dubiosen Strukturen und machohaftem Gebaren gleich. Frau Hofstätter bringt dies exemplarisch zum Ausdruck, wenn sie von »Clans« spricht, »die da so in ein Halbdunkel abrutschen oder in die Kriminalität«. In einer Gruppendiskussion beim Männerverein der Evangelischen Trinitatisgemeinde in Barren-Ost raunt Herr Murawski – ein 64-jähriger, pensionierter Kraftwerksingenieur – von »schwarzen Geschäften«, aus denen junge, »großkotzig« sich in der Öffentlichkeit verhaltende Türken ihr zur Schau getragenes Geld bezögen. Sein gleichaltriger Vereinskollege, der ehemalige Polizist Schreiner, schöpft aus dem bereits bekannten Arsenal von Unterstellungen, wenn er von einer Wohnungsbesichtigung in einem zum Verkauf angebotenen Sechs-Familien-Haus erzählt: »Mittags hat er [der Inhaber] dann die Leute kommen lassen. Dann kamen natürlich etliche türkische Familien und die kommen dann als ganzer Clan an. Da standen zwei Wohnungen leer. Die wollten sofort. Der Preis spielte also wirklich keine Rolle. Woher haben sie das Geld?«
2.3.3 »Rationales Schmarotzertum« Ein weiteres Klassifikationsmuster, das in der deutschen Bevölkerung verbreitet ist, schreibt türkischen Stadtteilbewohnern zu, sich wie »rationale Schmarotzer« (Zilian/Moser 1989) zu verhalten. Wer immer andere des Schmarotzertums bezichtigt, verweist sie symbolisch auf einen Platz außerhalb der ehrenwerten Gesellschaft. Die Figur des Schmarotzers steht in einem prinzipiellen Gegensatz zu demjenigen, der rechtschaffen ist und nur das nimmt, was ihm zusteht. Es handelt sich also um ein Klassifikationsmuster des kategorialen Typs. Zwei Ausprägungen dieses Klassifikationsmusters sind zu unterscheiden: Die erste, die wiederum in beiden Untersuchungsgebieten vorkommt, bezieht sich auf den Umgang mit den Leistungen des Sozialstaates, welche die türkische Bevölkerung mit allen Finessen zu nutzen wüssten. Die zweite Ausprägung der Schmarotzer-Semantik ist in Iderstadt-Süd nur in Spuren festzustellen, spielt aber in Barren-Ost eine umso größere Rolle. Sie bezieht sich
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vornehmlich auf politisch aktive, in der lokalen Öffentlichkeit sehr präsente Migrantengruppen, insbesondere auf die örtlichen Moscheevereine und den Barrener Ausländerbeirat. Ihnen wird vorgeworfen, ihre Partizipation an den Vorgängen im Stadtteil sei rein strategischer Natur und nur dem eigenen Vorteil verpflichtet. Diese Ausprägung der Zuschreibung eines rationalen Schmarotzertums ist in Iderstadt-Süd deswegen kaum anzutreffen, weil dort kaum vergleichbare Partizipationsversuche türkischer Gruppen zu verzeichnen sind (vgl. dazu Abschnitt 3). Die erste Variante des Klassifikationsmusters bezieht sich auf das vorgeblich parasitäre Verhalten türkischstämmiger Stadtteilbewohner gegenüber dem – wie mehrere Einheimische unabhängig voneinander sagen – »deutschen« Sozialsystem. Das Klassifikationsmuster erhält dadurch deutlich einen ethnischen Index. So werden denn auch deutsche Arbeitslose in beiden Untersuchungsgebieten kaum stigmatisiert (vgl. auch Abschnitt 2.1). Der Iderstädter Lokalaktivist und Online-Händler Athanassios ist ein Musterbeispiel für diese ethnisch differenzierende Haltung, die in beiden Untersuchungsgebieten vorherrscht. Auf die Frage, wie die Arbeitslosen und Sozialhilfeempfänger in Iderstadt-Süd angesehen werden, antwortet Herr Athanassios: »Da wird eigentlich nicht drüber gesprochen. Muss ich Ihnen ganz ehrlich sagen. Es wird nie auf der Straße irgendwo mit dem Finger auf jemand gezeigt und gesagt: ›Der ist arbeitslos, der ist Sozialhilfeempfänger.‹ Das werden Sie hier nicht sehen. Wie gesagt, es gibt bestimmt Ausnahmen. Gibt’s immer. Aber das gibt’s hier eigentlich nicht.« Unmittelbar nach diesen Aussagen beginnt Herr Athanassios über türkische Autobesitzer zu räsonieren, die »diesen Monat in einen nagelneuen BMW und in einem halben Jahr in einen nagelneuen Mercedes einsteigen«. In diesen Fällen könne es schon sein, dass gefragt werde: »Wie macht denn der das?« Auf Nachfrage des Interviewers, ob es denn solche Fälle in Iderstadt-Süd gebe, antwortet Herr Athanassios, er müsse leider sagen, es sei meistens »bei den Türkischen« so. Er wolle aber »nichts unterstellt« haben, so Herr Athanassios, der dann ironisch auf die Möglichkeit verweist, dass die meist jungen türkischen BMW- und Mercedesfahrer, die tagsüber im Café säßen, »nachts schwer arbeiten« oder »reich geboren wurden«. Dann erklärt er jedoch, für ein nicht näher definiertes Kollektiv sprechend: »Wobei wir denken natürlich schon was anderes, ist klar.« Auch der 58-jährige Direktor einer Bankfiliale in Barren-Ost, Herr Ruppold, bringt eine wenig zögerliche Haltung türkischer Stadteilbewohner zum Sozialstaat gedanklich mit großspurigen Luxusautos in Verbindung. Im Interview behauptet er, es gebe in Barren-Ost »viele Türken, die mit 52 in den Vorruhestand gehen wollen, so wie früher in den 60er Jahren die faulen Deutschen«, um direkt im Anschluss daran anzumerken: »Der einzige, der hier in Ost einen Ferrari fährt, ist ein Türke in der Labanstraße!« Die generationsspezifische Diagnose, mit der Herr Ruppold seine Assoziationen verknüpft, besitzt Berührungspunkte mit dem bereits beschriebenen Bild des »verweichlichten« und in diesem Sinne »dissozialen« Deutschen. »Dann, Ende der 60er Jahre, kamen die Türken in Kohlebergwerke. Die haben hier die Arbeit gemacht, die haben richtig gerackert und geschuftet, und die Deutschen sind faul geworden, haben sich dann früh, schon mit 50 pensionieren lassen. Mittlerweile sind sie wie die Deutschen geworden, sie sind faul geworden. Sie ruhen sich auf dem Wohlfahrtsstaat aus. Vorher hatten sie unsere Arbeit, die Drecksarbeit getan, wo sich unsere Leute zu fein für waren, und jetzt sind sie verdeutscht.«
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Wenn Herr Ruppold an dieser wie auch an anderen Stellen davon spricht, die türkischen Stadtteilbewohner seien »verdeutscht«, nimmt er dies keineswegs zum Anlass, die Einstellung zu Arbeit und Sozialstaat bei »Deutschen« und »Türken« gleichermaßen zu geißeln. Aus Herrn Ruppolds Äußerungen spricht die Auffassung, Deutsche und Türken hätten prinzipiell nicht die gleichen Ansprüche auf Leistungen des Sozialstaates. Er redet nur mit Bezug auf die letzteren über »Auswüchse« und fährt das Beispiel eines türkischen Mannes auf, »der selbst immer die Witwenrente für seine Frau abholt«. Er tut so, als könnte er unzählige solcher Beispiele nennen, winkt aber mit den Worten ab: »Ich will jetzt nicht zu kriminalistisch werden.« Für Herrn Ruppold scheint nicht nur klar zu sein, dass die türkischstämmige Bevölkerung den Sozialsystemen mit einer schmarotzerhaften, wenn nicht auch betrügerischen Haltung begegnet, sondern auch, dass sie dabei viel schlauer und informierter zu Werke geht. »Wir haben einen Wohlfahrtsstaat, keinen Sozialstaat«, moniert Herr Ruppold und setzt hinzu: »Und den deutschen Witwen fällt es viel schwerer, Sozialhilfe in Anspruch zu nehmen, auch wenn sie ihnen mit ihrer ganz kleinen Rente zustünde. Die Ausländer, die Türken holen die Sozialleistungen und die Deutschen sind zu zurückhaltend. Die Türken haben die Gesetzgebung voll im Griff!« Ähnliche Auffassungen vertritt Herr Matysik, der als stellvertretender Knappschaftsältester bereits mit Rentenanträgen von Mitgliedern der Bergbaugewerkschaft zu tun hatte. Er berichtet nicht nur davon, dass türkische Antragsteller mit Bestechung und allen anderen zu Gebote stehenden Mitteln das Maximale zu erreichen suchten, sondern auch von ihrem fordernden Auftreten und ihrem perfekten Kenntnisstand: »Und die wissen dann aber ganz genau, welche Rechte die haben und wo sie was kriegen können, ob das dann hier Schwerbehindertenausweis ist oder Sozialämter, da kommen sie und sagen: ›Helft mal eben.‹« Auch Herr Matysik versichert, nur »ein verschwindend kleiner Teil« türkischer Antragsteller verhalte sich auf diese Weise, um kurz darauf wieder generalisierend zu sagen, im Unterschied zu ihren deutschen Kollegen würden »unsere ausländischen Mitbürger versuchen, auf alle Art und Weise, egal wie, an die Rente zu kommen«. Das einzig positive Bild des türkischstämmigen Mitbürgers ist hier mit der Vorstellung des bescheidenen Gastarbeiters verknüpft, der duldsam seiner Arbeit nachgeht und an die Aufnahmegesellschaft oder vielmehr an die Gesellschaft, in die er hineingeboren wurde, keinerlei weitergehende Ansprüche stellt. In Barren-Ost tritt dieses Bild mit einer solchen Persisenz zutage, dass man es geradezu kanonisch nennen kann. In Iderstadt-Süd ist dieses Bild vom guten Gast und anspruchslosen Arbeiter ebenfalls anzutreffen; und auch dort wird es als Kontrastfolie für die angebliche türkische Mitnahmementalität gegenüber dem Sozialstaat gebraucht. Beispielhaft dafür ist Frau Spitz, die mehrere Jahre für Sicherheit und Ordnung in Iderstadt zuständige Verwaltungsangestellte der Stadt Raisfurth. Weil sie eine beratende und koordinierende Funktion mit viel Publikumsverkehr innehat, kann Frau Spitz von Episoden und Erfahrungen mit Antragstellern und Empfängern kommunal verwalteter Sozialleistungen berichten. Besonders junge Türken stellten gerne »Forderungen« und legten mit Vorliebe ihre »Ansprüche« dar. Das Verhalten der jüngeren türkischen Generation nennt sie »besonders rabiat« und »besonders massiv«. Diese Haltung bringt sie in einen scharfen Gegensatz zu den ersten türkischen Einwanderern: »Die erste Generation war noch anders als die zweite und dritte Generation. Das waren ja noch die Gastarbeiter – die haben gearbeitet, haben sich angestrengt, die haben ihr eigenes Geld verdient und nicht nur Sozial-
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leistungen gefordert.« Frau Spitz hat von Fällen überhöhter und erschwindelter Ansprüche an den Sozialstaat bei Akteuren aus einer Vielzahl ethnischer Gruppen – darunter auch die deutsche Bevölkerung – zu erzählen, aber ihre Verallgemeinerungen beziehen sich vornehmlich auf »die Türken«. So präsentiert Frau Spitz den Fall eines türkischen Hauseigentümers, der von der Stadt zu den günstigsten Konditionen ein denkmalgeschütztes Haus gekauft habe und nun versuche, dieses »zu entmieten mit allerhand Methoden und Methödchen«: »Auf der anderen Seite haben wir den gleichen als Beschwerdeführer, und jetzt kommt der Hammer, beim Wohnungsamt und bei der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft, weil seine Söhne, die gleichzeitig das Haus mit gekauft haben, das habe ich gesehen, die wollen ganz schnell eine Sozialwohnung haben. Fällt Ihnen dazu noch was ein? Diese Schlitzohrigkeit! Auf die Idee käme doch unsereins gar nicht. Die sind mit allen Wassern gewaschen, da bin ich immer wieder mal baff.« Frau Spitz’ – von den Zahlen nicht unterstützte7 – Behauptung, dass in Iderstadt ein viel höherer Anteil ausländischer als deutscher Bewohner arbeitslos sei, begründet sie mit dem »Arbeitsunwillen« der zugewanderten Bevölkerungsgruppen. Das Beispiel, das sie dafür anführt, ist wiederum ein türkischer Mann. Er sei, wie sie sagt, ein »Stammkunde« bei ihr, und sie sehe ihn, wenn sie dienstlich unterwegs sei, »spazieren gehen«. »Da hat er mir erklärt«, fährt Frau Spitz fort, »wir seien ja im Krieg die Nazis gewesen und wir seien verpflichtet, ihn zu versorgen, und er würde hier nicht arbeiten. Das hat er konsequent durchgezogen bis heute.« Einmal habe ihr der Mann etwas von einem Nierenkrebs erzählt, um vier Wochen später plötzlich eine Arbeitsaufnahme zu melden. Da habe sie ihre »detektivische Tätigkeit« aufgenommen und in Erfahrung gebracht, dass das Sozialamt über die örtliche Diakonie sämtliche Arbeitskosten übernommen habe. Später habe sich herausgestellt, dass der türkische Mann genau ein Vierteljahr und aus ganz bestimmtem Grund gearbeitet hat: »Und in diesem Vierteljahr ist er eingebürgert worden, und seitdem schafft er nimmer.« Frau Spitz: »Und das habe ich bei vielen inzwischen festgestellt. Wissen Sie, da kommt man sich schon sehr blöd vor. Also unsere deutsche Bevölkerung ist in unserer Gesetzgebung viel, viel weniger informiert und nützt sie viel, viel weniger aus als diese Leute. – So, jetzt geht er wieder spazieren.« Eine besondere Rolle schreibt Frau Spitz den Moscheen zu. Sie ist davon »überzeugt, dass in den Moscheen ein reger Austausch von Tipps ist, wie man unser Sozialsystem nutzt«. Die Rede von »unserem« Sozialsystem verweist erneut auf die untergründig wirksame Vorstellung, dass die nichtdeutsche oder die muslimische nicht die gleichen Anrechte auf Sozialleistungen wie die autochthone Bevölkerung besitze. Die Überzeugung, dass die türkischstämmige Bevölkerung von den Sozialsystemen besser behandelt wird als diejenigen, für die diese Systeme vermeintlich eingerichtet wurden, zieht sich auch durch die Aussagen weiterer Bewohner von Iderstadt-Süd. Der Metzger Freilich wendet die bereits bekannte Zitatmethode an und lässt bei dieser Gelegenheit Türken vorrangig als Sozialhilfeempfänger erscheinen: »Zu uns kommt eine Frau, die trägt 7
Im Mai 2004 lag die Sozialhilfedichte in Iderstadt-Süd, das heißt der Anteil der Bezieherinnen und Bezieher von »Hilfe zum Lebensunterhalt«, bei der wohnberechtigten deutschen Bevölkerung mit 12,1 Prozent leicht höher als bei den Ausländern, von denen 11,4 Prozent Sozialhilfe bezogen. Bei der Arbeitslosenquote verhält es sich umgekehrt: Im Juni 2004 lag sie bei den ausländischen Einwohnern zwischen 20 und 60 Jahren bei 14,9 Prozent, bei den Deutschen etwas niedriger, nämlich bei 13,0 Prozent (Quelle: Statistikstelle der Stadt Raisfurth).
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irgendwelche Zettel vom Sozialamt aus, an Sozialhilfeempfänger. Die hat gesagt: ›Das glaubst du nicht, wie viele Sozialhilfeempfänger in Iderstadt wohnen und unterstützt werden. Und für jeden Dreck Geld kriegen. – Wenn das die Deutschen wüssten, die täten verrückt werden.‹« Der Fotograph Windig wiederum fürchtet sich vor den Moscheen im Stadtteil. Er sieht »bei den Türken oder Muslimen eine ganz große Gefahr, dass sich nicht nur normales Leben darin [in den Moscheen] abspielt, sondern dass man – in Anführungszeichen – irgendetwas gegen uns ausheckt«. Was das sei, erklärt er folgendermaßen: »Die Vorteile. Vorteile jetzt aus der Sicht eines Unternehmers, Mietvorteile, Mietzuschüsse von Seiten der Stadt, dass es Eingliederungsgeld oder Anpassungsgeld oder wie auch immer tituliert gibt, die wir meines Wissens nicht bekommen. Dann: Jede Menge Zuschüsse halt im weitesten Sinne, wo wir als normale Europäer gar nicht wissen, Mensch, dass es so was gibt.« Herr Zenser schließlich, ein 77-jähriger Rentner und ehemaliger städtischer Beamter aus Iderstadt-Süd, spricht wörtlich von einem »Parasitentum«, gegen welches er »wie ein Bluthund vorgehen« würde. Als einziges Beispiel dafür nennt er einen Mitarbeiter der Verwaltungsabteilung, welcher er früher vorgestanden hat. Seinen ehemaligen Mitarbeiter qualifiziert er nur als »Ausländer« und erzählt, dass dieser sich über längere Zeiten krank gemeldet hatte, bis er ihm eigenhändig auf die Schliche gekommen sei: Er habe die Zeiten der Krankmeldung genutzt, um sich im Hausbau zu betätigen. Der Barrener Bankdirektor Ruppold stellt mit dem gleichen Vokabular wie Herr Zenser die rhetorische Frage: »Wann kann man was bekommen – als Parasit oder als Engagierter?« Er suggeriert, dass »Engagement« vergleichbare Eigenschaften wie »Parasitentum« hat. Er bezieht sich dabei auf den Vorgang, dass türkische Vereine Vorschläge zur Vergabe von Fördermitteln des Stadtteilerneuerungsprogramms Soziale Stadt NRW in Barren-Ost unterbreitet haben, womit er ein Thema anspricht, das die lokale Öffentlichkeit während des Untersuchungszeitraums stark beschäftigt hat. Hiermit kommt die zweite Variante des Klassifikationsmusters »rationale Schmarotzer« ins Spiel, die weitgehend auf Barren-Ost beschränkt ist. Sie taucht insbesondere im Kontext der politischen Aktivitäten des türkisch dominierten Barrener Ausländerbeirats und der Migranten- und Moscheevereine in Barren-Ost auf, die das Rückgrat des Beirats bilden. In der Startphase des erwähnten Förderprogramms für Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf forderte der Ausländerbeirat eine Beteiligung am Lenkungsgremium, und bei der Diskussion um Konzepte und die Verteilung der finanziellen Mittel wurden die ortsansässigen Migrantenorganisationen aufgefordert, ihre Vorstellungen zu präsentieren. Die einheimische Bevölkerung empörte sich dann allenthalben über die daraufhin erarbeiteten Vorschläge, die von Deutschkursen in den Räumen von Moscheegemeinden über den besagten Sichtschutz im kommunalen Hallenbad (vgl. Abschnitt 2.2.2) bis hin zur Einrichtung eines Antidiskriminierungsbüros in Barren-Ost reichten. Die Kritik an diesen Vorschlägen zielte darauf, dass die türkische Bevölkerung bisher keinerlei Interesse am Stadtteil gezeigt hätte und nun, da »etwas zu holen« sei, plötzlich »unverschämte Forderungen« stelle (vgl. Abschnitt 3.2). Symptomatisch für den Vorgang im Ganzen ist, dass die vom Ausländerbeirat auf der Grundlage von schriftlichen Eingaben dreier Moscheegemeinden, eines türkischen Kulturvereins sowie einer islamischen Elterninitiative gebündelten »Vorschläge und
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Anregungen«, die im Bürgerhaus Barren-Ost öffentlich vorgestellt und heftig diskutiert wurden, in der lokalen Öffentlichkeit bald nur noch als »Forderungen« tituliert wurden. Dies ist auch der Tenor bei der von der örtlichen CDU ins Leben gerufenen Versammlung im Gasthaus Silberling, die sich als Gegenmaßnahme zu der gut zwei Monate vorher durchgeführten Veranstaltung im Bürgerhaus Barren-Ost versteht. Im Einladungsschreiben des CDU-Ortsverbands heißt es, die Veranstalter wollten wissen, welche »Wünsche und Forderungen« die Bürger und Verbände von Barren-Ost »einerseits an das Stadtteilprojekt sowie andererseits an die unter uns lebenden ausländischen Mitbürger stellen«. Gleichwohl schreckt der 67-jährige Herr Hawlitzky, welcher dem Aktionsbündnis Ost – einem Zusammenschluss von Bürgern sowie von Vereins- und Verbandsvertretern – vorsteht, nicht davor zurück, in seiner Rede polemisch zu bemerken, dass der Vorsitzende des Ausländerbeirats, Herr Kedi, keinen Vertreter geschickt habe. In diesem Zusammenhang stellt er fest: »Es ist nicht damit getan, Forderungen zu stellen. Man muss sich einbringen!« Dafür erntet der ansonsten umstrittene Mann viel Zuspruch unter den Zuhörern. Mahnend fährt Herr Hawlitzky mit den Hinweis fort, das Aktionsbündnis Ost habe die Sprecher türkischer Vereinigungen oft eingeladen, es sei aber fast nie jemand gekommen. »Erst als klar war, dass das Stadtteilprogramm kommt und es zusätzliche Gelder gibt – dann erst, ab diesem Zeitpunkt haben die sich dafür interessiert. Und plötzlich lag der Forderungskatalog auf dem Tisch. Man kann nicht nur Forderungen aufstellen! Ich hätte es besser gefunden, wenn sie schon vorher mitgemacht hätten.« Eine der Initiatorinnen der Veranstaltung, die CDU-Stadträtin Margarethe Mimouni, die ihre Ausführungen mit einem Verweis auf ihren syrischen Ehemann eröffnet und sich ihren ausländischen Partner als moralisches Kapital zurechnet, bringt das eigentlich Anstößige jener ominösen »Forderungen« schließlich auf den Punkt, indem sie verkündet: »Die wollen unsere deutschen Gelder haben!« Diese mit der Schmarotzersemantik verbundene Vorstellung zeigt sich auch beim Gärtnereibesitzer Freiligrath besonders deutlich: »Was natürlich mich aufregte auch an dem Abend beim Silberling, das war diese Forderung, dass wir, sagen wir mal, 16 Millionen kriegen sollen und 14 haben die Türken schon verplant. Also, so was finde ich unverschämt. Sie sind Gäste hier, und wir müssen doch sagen: ›Erst mal die Einheimischen.‹« Auf diese Weise wird der türkischstämmigen Bevölkerung mit sachlich unzutreffenden Behauptungen eine maßlose Aneignungsstrategie unterstellt. Darüber hinaus schreibt er den »Türken« im Stadtteil den Status von »Gästen« zu, die gegenüber den »Einheimischen« nur nachrangige Anrechte haben sollten. Die angeblich parasitäre Haltung des Ausländerbeirats und dessen Vorsitzendem ist auch Herrn Ruppold ein Dorn im Auge. »Diese Art der Anspruchstellung ist eine Katastrophe.« Unter den Beispielen, die Ruppold für verfehlte Ansprüche der vom Ausländerbeirat vertretenen türkischen Vereinigungen vorbringt, ist das folgende besonders aufschlussreich: »Die Forderung einer Hochzeitshalle können sie stellen, aber es ist unverschämt, die Halle ausgerechnet an der Bruchhagenstraße haben zu wollen – im Herzen von Ost!« In das lokale Zentrum darf die türkischstämmige Bevölkerung demnach nicht vordringen. Ihre Ansprüche auf eigene Einrichtungen beschränken sich auf die Peripherie. Durch die Schmarotzersemantik werden entweder diejenigen türkischstämmigen Personengruppen klassifiziert, die von sozialstaatlichen Leistungen abhängig sind, oder jene, die bestimmte Anrechte auf politische Mitbestimmung und Ansprüche auf materielle Teil-
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habe geltend machen. Wenn diese beiden in sich sehr unterschiedlichen Gruppen von Deutschen als Schmarotzer dargestellt werden, so ist dies ein besonders deutliches Zeichen dafür, dass in benachteiligten Nachbarschaften die Ethnizität den »master status« von Akteuren ausmacht (vgl. Abschnitt 2.1). Merkmale auf der Skala vertikaler Ungleichheit werden erst in Verbindung mit der Ethnizität von Personen zum Gegenstand negativer Klassifikationen. Das gilt sowohl für Türkischstämmige, die das Schicksal deutscher Arbeitsloser teilen, als auch für jene, die sich in gehobene gesellschaftliche Positionen vorarbeiten konnten oder in der Lage sind, ihre politischen und ökonomischen Interessen zu artikulieren. Die oft sehr weitreichenden Assimilationsforderungen seitens der Einheimischen sind untrennbar an die Auffassung gekoppelt, die türkische Bevölkerung könne weder gleiche Teilhaberechte beanspruchen noch überhaupt eine legitime Interessenpolitik in eigener Sache betreiben. Was bei den Deutschen als die »Tugend« der engagieren lokalpolitischen Interessenvertretung angesehen wird, gilt bei den Türkischstämmigen als »Laster« des Schmarotzertums (zu diesem Mechanismus vgl. auch Merton 1968b: 480 ff.).
2.3.4 »Dreckigsein« Die vierte und letzte kategoriale Klassifikationssemantik unterscheidet zwischen »Dreckigen« und »Sauberen«. Sie begegnet dem Beobachter sowohl in Barren-Ost als auch in Iderstadt-Süd auf Schritt und Tritt. Die entsprechenden Klassifikationen werden auf verschiedene Adressaten und Lebensbereiche angewandt und kennen sowohl wörtliche als auch metaphorische Verwendungsweisen. Zuschreibungen, die mit Kategorien des Dreckigseins operieren, schließen die so Klassifizierten symbolisch aus dem Bereich möglicher Sozialkontakte aus, weil sie mit einem zivilisatorisch eingeimpften Abscheu vor dem Unhygienischen verbunden sind und oft mit der Vorstellung einhergehen, dass man sich durch eine Berührung selbst verunreinigt (vgl. Elias/Scotson 1990: 18 ff.). Daher handelt es sich um ein kategoriales Klassifikationsmuster. Es tritt sowohl bei einheimischen als auch bei türkischstämmigen Akteuren auf – allerdings in zwei völlig unterschiedlichen Ausprägungen. In der ersten Spielart des Klassifikationsmusters stigmatisieren deutsche Stadtteilbewohner die türkischstämmige Bevölkerung im Wortsinn, also im Sinne mangelnder Reinlichkeit, als »dreckig«. Mit dieser Klassifizierung ist die Vorstellung einer zivilisatorisch begründeten Ungleichwertigkeit türkischer Migranten verbunden. Unter Deutschen existiert eine ganze Reihe eingelebter Redensarten, die »Türken« mit einer Semantik des Dreckigseins typisieren. Der Gärtnereibesitzer Freiligrath beispielsweise kommentiert die lange von der türkischen Community geforderte Einrichtung eines muslimischen Gräberfeldes auf dem in seiner Nachbarschaft gelegenen Ostfriedhof mit den Worten: »Man hat immer gesagt: Alles, was Mist ist, kommt nach Ost.« Als wolle er unmissverständlich klarstellen, dass er die Gegenwart von Türken in Barren-Ost als eine Beschmutzung empfindet, fügt er hinzu: »Die Stadt bleibt rein davon.« Frau Schachner, die Geschäftsführerin des Bildungsträgers Aufbruch in Barren-Ost, spricht im Interview von »vielen Alteingesessenen«, die sich im Stadtteil »sehr unwohl fühlen inzwischen«, und führt dies auf ein »zunehmendes Befremden über Vermüllung und auch irgendwelche Schlachtmethoden« zurück. Wenn sie Schlachtungen »im Hinterhof« und die Beschwerden
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von Anwohnern »über irgendwelche blutigen Reste« anführt, ist ihre Anspielung auf die islamische Praxis des Schächtens nicht zu verkennen. Der Gewerkschafter Matysik wiederum hält es für problematisch, wenn zu viele Türken in einem Haus wohnen, weil sie durch den Umgang mit deutschen Bewohnern »ein bisschen erzogen werden« müssten. Er verweist nicht nur auf das bei türkischen Familien angeblich notorische Problem unterlassener Mülltrennung, sondern auch auf das fehlende Bewusstsein von der Verbindlichkeit einer »Hausordnung«, die einschließe, »dass man auch putzen muss«. Herr Freiligrath berichtet, dass er einem türkischen Autohändler, der in seiner Nachbarschaft ein Geschäft eröffnete, gleich erklärt habe: »Wir machen hier die Straße sauber.« In dieser pädagogischen Haltung gegenüber Türken artikuliert sich das Bewusstsein einer zivilisatorischen Überlegenheit. Von diesem in der deutschen Bevölkerung verbreiteten Bewusstsein besitzen türkische Akteure in Barren-Ost durchaus Kenntnis. So zählt der Busfahrer und Hauseigentümer Dostluk die Ansicht, dass sie »sehr dreckig« seien, ausdrücklich zu den »Vorstellungen«, die sich deutschen Stadtteilbewohner von den Türken machten. Herr Yussuf, der als ABMKraft beim Arbeitslosenzentrum Barren-Ost angestellt ist, beschreibt die vergeblichen Versuche seiner 18-jährigen Tochter, eine Ausbildungsstelle zu bekommen. In diesem Zusammenhang berichtet er davon, dass er seiner Tochter gesagt habe, sie brauche sich nicht zu schämen, weil ihre Familie ja »sauber und anständig« sei. Darin ist ein Widerhall existierender Klassifizierungen zu erkennen. Auch bestätigt sich, dass »die Etabliertengruppen gewöhnlich einen Verbündeten in einer inneren Stimme der Unterlegenen selbst haben« (Elias/Scotson 1990: 19). In Iderstadt-Süd lassen sich ebenfalls zahlreiche Redeweisen und Ausdrücke feststellen, die Türken semantisch mit Dreck und Schmutz assoziieren. So berichtet der 37 Jahre alte Herr Lobkühn vom sprichwörtlichen »Dreckskanaken«, der zum alltäglichen Sprachgebrauch gehöre. Der freiberufliche, in Iderstadt-Süd wohnhafte Journalist gibt sich im Interview als ein Zeitgenosse, der dem Volk aufs Maul schaut. So sagt er über seine Nachbarn: »Da will man immer eigentlich das Gespräch oder den Kontakt völlig abbrechen, weil die halt schon sagen: ›Die Dreckskanaken, seit die da sind, geht gar nichts mehr.‹« Genüsslich jedoch gibt Herr Lobkühl im Interview folgende stereotype Situation wieder: »Da auf der Straße, wenn sie nicht fahren können, und so: ›Hier du Dreckskanake, mach’ dich von der Straße, in Anatolien Esel reiten und bei uns die Straße vollstellen‹, und so.« Herr Athanassios wiederum degradiert die Besucher der nahe an seinem Wohnhaus gelegenen Al-Madina Moschee zu »Müll« und verbirgt sich dabei hinter der Aussage eines Dritten: »Zu mir hat mal jemand gesagt, aber das ist jetzt ein Zitat, das ist nicht von mir: ›Aus allen Ländern der Müll, den man in einer Moschee nicht haben will, der geht da rein beten.‹« An einer anderen Stelle des Interviews spricht Herr Athanassios in der derselben Manier von der möglichen Beteiligung türkischer Stadtteilbewohner an den Bemühungen seiner Bürgerinitiative, die Sauberkeit im Stadtteil zu verbessern. Seinen Ausführungen dazu gibt er eine pädagogische Wendung: »Ich bin halt der Meinung, als allererstes sind hier die Deutschen gefragt, müssen es zeigen, den Leuten, und dann auch mal ansprechen und nicht sagen: ›Hey, du Kanake, du musst hier kehren‹, sondern sagen: ›Hey, Leute, guckt einmal, wir machen sauber.‹«
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Die bisher vorgesellten Beispiele der Semantik des Dreckigseins liegen mehr auf der Ebene einer habitualisierten Rhetorik; aber auch bei diesem Klassifikationsmuster gilt, dass seine Verwendung meist an Gewohnheiten und Verhaltensweisen festgemacht wird, die deutsche Stadtteilbewohner an ihren türkischen Nachbarn beobachtet haben wollen. Herr Horn, Inhaber eines Gas-Wasser-Installationsbetriebs und stellvertretender Vorsitzender des Iderstädter Gewerbevereins, spricht von einer recht heruntergekommenen Gegend in der Nähe des Rotlichtviertels am Rande von Iderstadt-Süd. Wenn dort die öffentliche Hand Baumaßnahmen ergreife, »müssen wir aufpassen, dass der Platz nicht zum türkischen Teehaus wird«, sagt er und ergänzt: »Wenn da bloß ein paar Bäume drauf kommen und ein paar Bänke zum Sitzen, gebe ich Ihnen heute schon schriftlich, wer da draufsitzt. Und dann ist der Platz ruckzuck zugemüllt.« Auf die Nachfrage des Interviewers, wer denn auf den Bänken sitzen würde, antwortet Herr Horn prompt: »Die, die jetzt in den Straßen rumlaufen. Das sind Türken, die Rosenkranzbeter, die sitzen dann da drauf rum. Weil, die haben ja Zeit, die haben nichts zu tun.« Schon bei der ersten telefonischen Kontaktaufnahme mit den Feldforschern spricht Herr Horn davon, Iderstadt-Süd sei zu einem »Schandfleck« verkommen und erklärt dies dann im Interview mit der Präsenz der türkischen und muslimischen Bevölkerung. In ähnlicher Weise meint der Barrener Bankfilialleiter Ruppold über die hygienischen Verhältnisse in von Türken bewohnten Häusern Bescheid zu wissen: »Die bekommen ihre Hütten nicht einmal so hin, dass du dort auf den Pott gehen kannst!« Mit derartigen Zuschreibungen hat Frau Sahan, türkische Mutter von drei Kindern aus Barren-Ost, ihrerseits Bekanntschaft gemacht. Sie erzählt, dass die Eltern von deutschen Mitschülern ihrer Kinder mehrfach Einladungen nicht angenommen hätten. Als einmal doch zwei Mütter gekommen seien, um für eine Schulveranstaltung bei ihr zu Hause türkische Pizza zu backen, bemerkten diese ihrem Bericht zufolge erstaunt: »Wir haben uns das nicht so vorgestellt bei Ihnen zu Hause.« Und auf Nachfrage von Frau Sahan: »Ach, bei Ihnen ist doch alles picobello, alles in Ordnung, sauber, ordentlich und schön eingerichtet.« Weiterhin berichtet Frau Sahan – in Übereinstimmung mit anderen Mitgliedern der Islamischen Kulturgemeinschaft, der sie angehört –, dass Lehrer der örtlichen Realschule Kopftuch tragende Schülerinnen mit den Worten beleidigen würden: »Du trägst Kopftuch, weil deine Haare nicht gewaschen sind.« Oder: »Du trägst Kopftuch, weil du Läuse hast.« Vorstellungen einer zivilisatorischen Höherwertigkeit der deutschen Kultur gegenüber der türkisch-islamischen, die sich im Kontrast von Reinlichkeit und Schmutz zum Ausdruck bringen, sind auch in Iderstadt-Süd anzutreffen. Ein recht extremes Beispiel dafür ist Herr Windig, der bereits erwähnte Inhaber eines Fotogeschäfts. Er identifiziert eine türkische Bäckerei in seiner Nachbarschaft als jenen Ort der Unordnung und des Drecks, wo die »vierbeinigen Ratten« nisten und brüten, die nachts auf den Straßen des Stadtteils zu sehen seien, womit er zu verstehen gibt, dass es für ihn auch »zweibeinige Ratten« gibt. Entmenschlichende Zuschreibungen, die türkische Stadtteilbewohner mit schmutzigem Ungeziefer assoziieren oder gar mit diesem gleichsetzen, bilden semantisch gewiss die schärfste Form des in Rede stehenden Klassifikationsmusters. Die Türken werden jedoch nicht nur als eine Bevölkerungsgruppe beschrieben, die »dreckig« ist und »unhygienisch« wirtschaftet und daher aus bestimmten Bereichen der Gesellschaft und der Ökonomie ausgeschlossen werden sollte.
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Bisweilen wird ihnen ihr »Dreckigsein« auch als ein aggressiver Akt gegen ihre einheimischen Nachbarn ausgelegt. Ein Beispiel aus Barren-Ost liefert Frau Kalamitrow, die zu einer Gruppe von Anwohnern gehörte, die gegen den Moschee- und Minarettbau der Namaz Gemeinde in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft Sturm lief. Über ihre ehemaligen Nachbarn vom Namaz Verein sagt sie: »Die spucken dir vor die Tür, das ist bei denen üblich, da liegen nach dem Freitagsgebet ein Haufen Zigaretten rum. Was haben die für eine Kultur!« Weiter erklärt sie mit Bezug auf ihr allwöchentliches Saubermachen: »Oft habe ich schon gewartet bis nach dem Freitagsgebet, weil wenn Sie vorher schon vor dem Haus gekehrt haben, haben die dann wieder alles vollgespuckt! Es war nicht mehr auszuhalten, es gab nur noch Ärger.« Herr Fochler, ein Bestattungsunternehmer aus Iderstadt-Süd, spricht gar von einem »Kleinkrieg«, den er gegen türkische Anwohner führe, die seine Schaufenster und Leichenwagen wiederholt »bespuckt« hätten. »Den Kleinkrieg habe nicht ich angefangen. Ich stelle lediglich fest, dass das Dreckspack mir die Scheiben und Autos vollrotzt, überwache mit Video und erstatte Anzeige. Mein gutes Recht, und es gibt außer Baseballschläger keine Alternative. Solange ich es nicht mit normalen gesprächsbereiten Türkenkurden zu tun habe, sondern mit inländerfeindlichem Gesocks, wehre ich mich.« Und weiter: »Die wollen keinen Frieden und suchen Streit, bis sie die Oberhand haben. Ich re-agiere. Agieren tun die anderen, die ›lieben ausländischen Mitbürger‹. Nur komisch, dass es außer mit denen aus der Türkei, wo sie niemand haben will, mit keiner anderen Nationalität Ärger gibt.« Was Herr Fochler über den Konflikt sagt, ist gewiss wenig aussagekräftig für die Haltung, die in Iderstadt-Süd über die Türken allgemein vorherrscht. Aber weder bei so konfrontativen noch bei weniger schroffen Diffamierungen finden sich hier türkischstämmige Akteure, die hörbar dagegen aufbegehren. In Barren-Ost hingegen, wo die türkische Bevölkerung überhaupt ein viel klareres Bewusstsein davon zu haben scheint, was die deutsche Bewohnerschaft über sie denkt, werden entsprechende Erfahrungen der Stigmatisierung sofort von den türkischen Organisationen öffentlich thematisiert. Weil Türken der einheimischen Bevölkerung als »dreckig« gelten, initiierte der Barrener Ausländerbeirat in den Jahren 2001 und 2002 zwei Putzaktionen, die von den Kindern der beiden größten türkischislamischen Moscheevereine in Barren-Ost – dem Namaz Verein und der Islamischen Kulturgemeinschaft – durchgeführt wurden: Sie reinigten in dem einen Jahr mit der Essener Straße die Hauptverkehrsader und Geschäftsmeile des Stadtteils, im anderen den Ostpark, der außer Schrebergartenanlagen und dem Ostfriedhof die einzige größere Grünfläche im Stadtteil darstellt. Diese Putzaktionen sollten, wie Herr Kedi, der Vorsitzende des Ausländerbeirats, im Interview sagt, »ein Zeichen setzen« gegen das Vorurteil »Türken machen alles dreckig«. In diesem Zusammenhang berichtet er von einer »städtischen Veranstaltung in einer Gaststätte hier«, auf der es geheißen habe: »Wenn man sich die Häuser anguckt, dann sieht man, wo ein Türke wohnt, wo das Haus einem Türken gehört.« Er erklärt, dass dies den Anstoß für die Putzaktionen gegeben habe, und versichert gleichzeitig, dass er selber ein Haus in Barren-Ost besitze und »keine Probleme« mit der Sauberkeit habe: »Da mache ich mein Haus, also vor meinem Haus alles sauber. Das ist ein Vorurteil.« Herr Günay vom Vorstand der Islamischen Kulturgemeinschaft bezeichnet die Reinigungsaktionen der Kinder der Moscheegemeinde als eine »Gebetsform« und setzt hinzu:
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»Kinder müssen lernen, den eigenen Ort, wo sie wohnen, sauber zu halten.« Mit den religiösen Begründungen für die Aktionen, bei denen jeweils etwa 70 Kinder mit Greifzange und Müllsatz im Stadtteil unterwegs waren, geben Herr Günay und Herr Kedi zu verstehen, dass vom Islam geprägte Türken von Haus aus immer schon größten Wert auf Reinlichkeit gelegt hätten und sogar einer religiösen Verpflichtung unterliegen würden, Heim und Hof sauber zu halten. Ihre deutschen Nachbarn können jedoch nur strategische Winkelzüge und Ablenkungsmanöver darin erkennen, wenn die Moscheevereine ihre Kinder Putzaktionen im Stadtteil durchführen lassen und – wie bei der ersten Aktion – auch noch Fernsehkameras dazubestellen (vgl. Abschnitt 3.1.1). Herr Matysik von der Bergbaugewerkschaft sieht in den Putzaktionen bloße Maßnahmen zur Öffentlichkeitsarbeit des Ausländerbeirats und meint, es wäre besser, wenn die türkischen Gewerbetreibenden »ihre Geschäfte sauber halten würden und den ganzen Müll da nicht herumliegen lassen würden«; dann, so meint er weiter, bräuchte man nicht »schaubildhaft« solche Aktionen durchzuführen. Selbst Putzaktionen können demnach als Eingeständnis des Dreckigseins gedeutet werden. Umgekehrt wiederum sind Teile der türkischstämmigen Bevölkerung nicht frei davon, ihre deutschen Nachbarn als »schmutzig« zu betrachten. Die zweite Spielart des Klassifikationsmusters, das zwischen Dreckigen und Sauberen scheidet, ist insbesondere bei islamischen Akteuren anzutreffen, insgesamt im empirischen Material jedoch weit weniger ubiquitär als die erste Spielart. Wo sie vorkommt, brandmarken Muslime die deutsche Bevölkerung aufgrund der ihnen zugeschriebenen Promiskuität in einem moralischen und sexuellen Sinn als »unrein«. Die aus streng islamischer Sicht »unnatürliche« sexuelle Freizügigkeit ist mit Gefühlen des Ekels verbunden und begründet die Vorstellung, eine vom Islam geprägte Sexualmoral sei jener der deutschen Nachbarn überlegen. Die deutsche Bevölkerung erhält das Odium einer moralischen Ungleichwertigkeit. Frau Sahan, die Mitglied der Islamischen Kulturgemeinschaft ist, erklärt im Interview, ihre Toleranz gegenüber der »deutschen Lebensweise« ende bei den »unreinen Sachen«. Damit meint sie insbesondere außereheliche sexuelle Aktivität und führt dazu aus: »Unrein heißt für mich, so überall Sex treiben.« – »Das kann ich nicht akzeptieren«, stellt sie fest und unkt: »Aber für eine Deutsche Sex treiben: Ach, das macht denen nichts, das ist doch deren Freund, das hat sich.« Offene Empfindungen des Abscheus treten beim 55-jährigen Herrn Akbar zutage, promovierter Ingenieur und Mitglied der arabischsprachigen Al-Madina Moschee in IderstadtSüd: »Der Deutsche ist nichts verpflichtet! Zum Beispiel die Frau des Kollegen zu küssen, wenn sie sich treffen, da ist für die Deutschen nichts dabei. Wir meiden deswegen gesellschaftliche Treffen, denn dieses Verhalten ist uns zuwider.« Er versichert, dass die Mitglieder seiner Gemeinde solchen Treffen nicht deswegen aus dem Weg gehen, »weil wir die Deutschen nicht mögen«. Der Grund dafür bestehe vielmehr in einer »Unberechenbarkeit der gesellschaftlichen Verhaltensweise« bei den Deutschen, deren Gesellschaft völlig »durcheinander gekommen« sei. »Wir haben Angst, dass unsere Frauen auf einmal an falschen Stellen berührt werden. Das ist für uns unmöglich, das ist für uns abstoßend.« Herr Akbar erklärt, dass ihm und seinen Glaubensbrüdern in einem solchen Fall »sofort das Blut hochsteigt«, und gibt kund, dass die in der deutschen Gesellschaft verbreiteten Verhaltens-
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weisen zwischen Mann und Frau »dem menschlichen Instinkt widersprechen«. »Eine fremde Frau zu küssen, das ist für uns unrein, das ist unglaublich für uns.« Darüber hinaus spricht er von einer »absolut regellosen« deutschen Gesellschaft und führt darauf den Radikalismus junger Muslime zurück: »Manche von unseren Jugendlichen, die sich den Deutschen angepasst haben, haben sich danach absolut verwandelt. Sie haben das Gefühl, verführt worden zu sein. Wenn jemand das denkt, verachtet er die Gesellschaft. Diese neigen dann zum Fanatismus, das sind Überreaktionen. Sie revanchieren sich dafür, von der Gesellschaft in den Dreck gezogen worden zu sein.« Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass Herrn Akbars Al-Madina Gemeinde sich abschottet und fast jeder Berührung mit der deutschen Umgebung aus dem Weg geht: Jeder Kontakt kann verunreinigend sein.8 Frau Mantelhoff, die Leiterin des Ider-Zentrums – einer Art Bürgerhaus mit dem Charakter einer interkulturellen Bildungs- und Begegnungsstätte –, erzählt eine Geschichte, die sich folgenderweise zusammenfassen lässt: Sie nahm eine türkische Putzfrau, die von ihrem Mann misshandelt wurde, bei sich zu Hause auf. Nach erfolglosen Versuchen der Familie, die Frau wieder zu ihrem Mann zurückzuholen, meldete sich der Hodscha der türkischen Moschee in Iderstadt-Süd und brachte das Argument vor, die Frau werde »verunreinigt«, da sie jetzt so dicht mit einer deutschen Familie zusammenlebe. Eine Freundin, so Frau Mantelhoff weiter, arbeite in einer Einrichtung der Schwangerenberatung und habe ihr von jungen türkischen Mädchen erzählt, die im Beratungsgespräch als erstes sagen: »Aber nicht, dass Sie denken, ich bin wie eine Deutsche.« Auf die Frage, ob das Kind denn nicht in der gleichen Weise wie bei den Deutschen in ihren Bauch gekommen sei, würden die Mädchen antworten: »Na ja, aber ich benehme mich nicht so.« Alle diese Beispiele zeigen, dass zumindest ein Teil der muslimischen Bevölkerung subjektiv inmitten einer Nachbarschaft lebt, die sie als schmutzig, sexuell besudelt und moralisch verderbt empfindet. Daraus resultiert für sie eine Minderwertigkeit der Deutschen und ihrer Lebensweise, auf die man nur mit einem strengen Berührungsverbot reagieren kann.
8
Deutlich weniger radikale, aber strukturell ähnliche Vorstellungen, die auf einer Dichotomie zwischen der »reinen« Welt des Islam und einer »unreinen« Außenwelt basieren, beschreibt Nikola Tietze (2001: 60 f.) auch bei türkischen Muslimen.
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Abb. 2: Strukturmuster negativer Klassifikationen im Überblick materialer Gehalt
formale Struktur
adressierende Gruppen
adressierte Gruppen
»protestantische Ethik im türkischen Gewand«
graduell
deutsche Nachbarn, Kunden und Geschäftsinhaber
ökonomisch erfolgreiche türkische Gewerbetreibende, besonders Familienbetriebe
»expansiver Übernahmewille«
graduell; auch kategorialer Gebrauch
Deutsche quer durch die sozialen Schichten und Professionen
türkische Geschäftsinhaber und Immobilienbesitzer; oft auf alle Türken übertragen
»übermäßige Zahl«
graduell; auch kategorialer Gebrauch
weite Teile der deutschen Bevölkerung
türkische Stadtteilbewohner
»deutsche Dissozialität«
kategorial
türkische Bevölkerung, besonders ausgeprägt bei Aufsteigern
deutsche Stadtteilbewohner und Familien
»kriminelle Machenschaften«
kategorial
Deutsche quer durch die Schichten und Professionen
türkische Gewerbetreibende, Moscheegemeinden
»rationales Schmarotzertum«
kategorial
in der deutschen Bevölkerung allgemein verbreitet
türkische Sozialhilfeempfänger und Arbeitslose
bestimmende Gruppen der stadtteilbezogenen Öffentlichkeit
politisch aktive türkische Kulturvereine, Ausländerbeirat
weite Teile der deutschen Bevölkerung
im Stadtteil ansässige Türken
vom Islam geprägte Stadtteilbewohner
säkulare Deutsche
»Dreckigsein«
kategorial
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2.4 Zwischenfazit: Ethnische Konkurrenz Betrachtet man nun die vorgestellten Klassifikationsmuster im Überblick, fällt auf, dass sich einige davon speziell gegen türkische Aufsteiger, insbesondere gegen erfolgreiche Geschäftsleute und auch gegen lokalpolitisch aktive Migrantenorganisationen richten. Die deutschen Bewohner der beiden untersuchten Stadtteile diffamieren jenen Sozialtypus, den Jörg Hüttermann (2000) als »avancierenden Fremden« bezeichnet hat. Dies gilt für folgende vier Klassifikationsmuster: »protestantische Ethik im türkischen Gewand«, »expansiver Übernahmewille«, »kriminelle Machenschaften« und »rationales Schmarotzertum« im Sinne eines bloß strategischen, nur dem eigenen Vorteil verpflichteten Engagements im Stadtteil. Bei diesen Klassifikationen geht es um die Abwertung einer Gruppe, die strukturell an einer spezifischen Schnittstelle zwischen vertikalen und horizontalen Ungleichheiten angesiedelt ist. In ihr verbindet sich ökonomischer Erfolg oder auch politischer Einfluss mit dem Merkmal der türkischen Herkunft. Angehörige einer ethnischen Gruppe, die als Personal einer »ethnischen Unterschichtung« (Hoffmann-Nowotny 1973: 22 ff.) kaum für Konfliktstoff sorgten, treten plötzlich in verbesserten Positionen auf und irritieren damit alte Ungleichheitsrelationen und Statushierarchien. Nachkommen von Einwanderern, die den Status subalterner Gastarbeiter innehatten, treten nun in der Rolle des erfolgreichen Unternehmers oder des stadtpolitisch engagierten Migrantenvertreters in das Alltagsbewusstsein der einheimischen Bevölkerung. Zum Ausgangspunkt negativer Klassifikationen gegen avancierende Türken wird somit das partielle Bröckeln einer lange zementierten »Etablierten-Außenseiter-Figuration« (Elias/Scotson 1990). Diese strukturelle Veränderung ist der Grund für das stets wache Auge, mit dem deutsche Stadtteilbewohner Beispiele des Fehlverhaltens bei ihren Nachbarn suchen und finden. Dies lässt sich nicht nur aus der sozialstrukturellen Konstellation der ethnischen Gruppen ableiten, sondern reflektiert sich auch in ihrem Sprachgebrauch. Die Rede autochthoner Akteure von deutschen »Eingesessenen« und türkischen »Neubürgern«, deutschen »Einheimischen« und türkischen »Gästen« legt davon in beiden Untersuchungsgebieten Zeugnis ab. Insbesondere in Barren-Ost haben türkischstämmige Aufsteiger und Adressaten negativer Klassifikationen ein klares Bewusstsein ihrer Position. Herr Dostluk sagt trocken über die Einheimischen: »Die wollen keinen Türken, der über die Deutschen kommt.« Herr Kedi kennt diese Haltung aus seinem beruflichen Alltag als Autohändler, von dem er berichtet: »Es gibt natürlich im bestimmten Sozialbereich immense Probleme. Das ist vielleicht auch ein bisschen der Neid. ›Der Ausländer, der Türke, dessen Vater mit mir in der Zeche war und der den Handlanger gespielt hat für mich, ist jetzt hier Inhaber einer Firma und ich muss jetzt da bei dem Autos kaufen‹, oder so.« Frau Sahan beschreibt die soziale Position, die den türkischen Stadtteilbewohnern aus Sicht ihrer deutschen Nachbarn gebührt, folgenderweise: »Ausländer sollen nicht so hoch hinaus.« Gemäß einer figurationssoziologischen Sichtweise ist die Abwertung türkischer Aufsteiger darauf zurückzuführen, dass die Etabliertengruppe ihre Position gegenüber den ehemaligen Außenseitern sichern will. Und gewiss kann der Umstand, dass sich negative Klassifikationen auf türkische Newcomer im Geschäftsleben, erfolgreiche Gewerbetreibende, Immobilienbesitzer und politisch Aktive konzentrieren, bis zu einem gewissen Punkt durch
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eine sich abzeichnende Verschiebung der alten sozialstrukturellen Ordnung erklärt werden.9 Eine solche Erklärung stößt jedoch auch an Grenzen. Die türkischstämmigen Geschäftsleute sind ja nicht einfach und in jedem Fall die Spätergekommenen, auf deren Verhältnis zu den Alteingesessenen sich jedoch die Theorie der Etablierten-Außenseiter-Figuration bezieht. Nach dem Kriterium des »sozialen Alters« müssten türkischstämmige Akteure, die in Iderstadt-Süd oder Barren-Ost ihr ganzes Leben verbracht haben, zu den Etablierten zählen und deutsche Neuzugezogene zur Außenseitergruppe gehören. Dies ist aber offensichtlich nicht der Fall. Spezifischer auf ethnische Gruppenbeziehungen zugeschnitten ist indes das »competitive threat model« (Blumer 1958; Quillian 1995; Bobo/Hutchings 1996). Diesem Theoriemodell zufolge sind negative Einstellungen und Vorurteile gegen ethnische Außenseitergruppen als defensive Reaktion von dominanten Gruppen zu verstehen, die ihren vorrangigen Zugang zu Ressourcen und Privilegien bedroht sehen: »Fear of competition or perception of threat is likely to prompt negative sentiments against out-group populations.« (Semyonov/Raijman/Gorodzeisky 2006: 428) Einzelne Klassifikationsmuster scheinen die Grundthese dieses Modells zu bestätigen. Die Wahrnehmung, dass türkische Migranten durch ihre asketische Lebensführung und disziplinierte Arbeitsethik einen unverdienten Vorteil besitzen, fügt sich ebenso zwanglos in diese These ein wie Klassifikationen, die sich aus der Furcht vor einer fremden Übernahme speisen. Auch die Vorstellung, die deutsche Bevölkerung würde von einer größer werdenden Zahl türkischer Stadtteilbewohner mehr und mehr an den Rand gedrängt, sowie die Idee, die Türken wüssten sich im Stile von rationalen Schmarotzern und Kriminellen die Vorteile des Sozialstaates und der Wirtschaftsförderung zunutze zu machen, passen in das Raster, mit dem das »competitive threat model« interethnische Beziehungen erklärt. Es gibt jedoch Fragen, die auch mit diesem Modell nicht schlüssig zu beantworten sind: Warum werden die Grenzen zwischen den ethnischen Gruppen so scharf gezogen, wie es tatsächlich der Fall ist? Und warum ist gerade der Aufstieg türkischer Migranten ein so virulentes Problem? Die Antwort auf diese Fragen liegt in einer kulturell tief verankerten Vorstellung, die ethnische Zugehörigkeit als Verwandtschaftsverhältnis auffasst. Die deutschen Stadtteilbewohner agieren bei der Stigmatisierung des ökonomisch erfolgreichen und politisch aktiven Teils der türkischstämmigen Bevölkerung auf der Grundlage der naturalistischen Idee, sie seien mit anderen Mitgliedern ihrer ethnischen Gruppe »verwandt« und mit der türkischstämmigen Bevölkerung »nicht verwandt«. Diesem »Verwandtschaftsglauben« (Weber 1980: 240), der eine symbolische Tiefendimension interethnischer Ungleichheit darstellt und als generatives Prinzip negativer Klassifikationen fungiert, widmet sich ein späterer Beitrag in diesem Band (A.III).
9
Auf diese Weise liest sich auch der Befund von Möller und Heitmeyer (2004: 504 ff.), dass unter türkischen Schülern gerade diejenigen, die sich auf einem hohen Ausbildungsniveau bewegen, von einem gravierenden Einbruch der Anerkennung berichten, die ihrer ethnischen Gruppe entgegengebracht wird.
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3. Klassifikationskämpfe zwischen konfliktvermittelter Integration und sozialer Ausgrenzung Nachdem in den vorherigen Abschnitten die Struktur der von uns in den genannten Stadtteilen aufgefundenen negativen Klassifikationssemantiken rekonstruiert und einige ihrer Entstehungsgründe skizziert wurden, stellt sich die Frage nach den Folgen dieser jeweils abwertenden Zuschreibungen für die Integrationschancen der betroffenen Bevölkerungsgruppen. Will man wissen, inwiefern negative Klassifikationen exkludierende Wirkungen zeitigen, muss man zunächst zwischen symbolischem und sozialem Ausschluss unterscheiden. Klassifikationen als solche liegen auf der symbolischen, das heißt auf der Ebene von Deutungen und Bewertungen, während sozialer Ausschluss auf der Ebene von Handlungen und Handlungsfolgen angesiedelt ist. Auf dieser Ebene lassen sich negative Klassifikationen dann als desintegrativ bezeichnen, wenn sie die materiellen Aneignungschancen einer ethnischen Gruppe einschränken, wenn sie zum Ausschluss von der Teilnahme am politischen Willensbildungsprozess führen und wenn sie der Grund dafür sind, dass sich Sozialkontakte auf Mitglieder der ethnischen Eigengruppe reduzieren. Auch soll an Unterschiede zwischen graduellen und kategorialen Klassifikationen auf der symbolischen Ebene erinnert werden, die nicht ohne Einfluss auf desintegrative Prozesse sind: Während negative Klassifikationen des graduellen Typs nur abwertend sind, fixieren kategoriale Klassifikationen prinzipielle Unterschiede und schließen die negativ bewerteten Personen oder Gruppen symbolisch von der vollwertigen gesellschaftlichen Zugehörigkeit aus. Kategoriale Klassifikationen kandidieren daher besonderes dafür, auch auf der sozialen Ebene exkludierend zu wirken. Weil sie in sich schon einer exkludierenden Semantik folgen, können sie besonders leicht dazu führen, dass den betroffenen Personen oder Gruppen die materielle Teilhabe, die politische Partizipation und die soziale Teilnahme verwehrt werden. Graduelle Klassifikationen hingegen wirken in der Regel nicht exkludierend. Die Zuschreibung einer »protestantischen Ethik im türkischen Gewand« führt beispielsweise nicht dazu, dass die Adressaten keine Häuser mehr kaufen oder keine Geschäfte mehr betreiben können. So macht es evidenterweise auch auf der sozialen Ebene einen entscheidenden Unterschied, ob den türkischstämmigen Migranten nur ein »expansiver Übernahmewille« attestiert und ihre »schiere Zahl« problematisiert wird, oder ob diese graduellen Klassifikationen eine kategoriale Wendung erfahren und in einer Weise gebraucht werden, dass das Verhältnis zwischen der einheimischen und der türkischstämmigen Bevölkerung als ein Verdrängungswettbewerb erscheint, in dem letztere den Status unerwünschter Nachbarn erhalten. Kategoriale Klassifikationen hingegen tendieren zu sozial exkludierenden Folgen. Herr Saribas, Inhaber eines türkischen Elektronikgroßhandels in Iderstadt-Süd, trifft, indem er aus Gründen vermeintlich fehlender Arbeitsmoral prinzipiell keine deutschen Angestellten mehr einstellt, eindeutig ausschließende Entscheidungen, die auf der Zuschreibung einer »dissozialen Verweichlichung« bei der deutschen Bevölkerung beruhen. Dass auch die Zuschreibung »krimineller Machenschaften« ausschließende Folgen hat, zeigt sich wiederum an Episoden, von denen der türkische Vermieter Dostluk aus Barren-Ost berichtet. Deutsche Wohnungssuchende wollen Herrn Dostluks Erzählungen zufolge keinen »kriminellen« und »hinterhältigen« Türken als Vermieter. Aufgrund solcher Zuschreibungen haben tür-
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kischstämmige Hausbesitzer in Barren-Ost Schwierigkeiten, Mieter aus der deutschen Bevölkerungsmehrheit zu finden, weshalb die inkriminierenden Klassifikationen eindeutig ausschließend wirken. Ebenso geht der Gebrauch von Klassifikationen, welche die jeweils anderen zu »Schmutzigen« oder »Schmarotzern« stempeln, stets mit Praktiken der Exklusion, der Kooperationsverweigerung und Kontaktvermeidung einher. Nur bei kategorialen Klassifikationssemantiken ist der konkrete Gebrauch mit der Intention verbunden, den Klassifizierten den Zugang zu bestimmten Bereichen des sozialen Lebens zu entziehen oder zu verwehren. Dennoch wäre es ein Kurzschluss, die desintegrativen Wirkungen negativer Klassifikationen einfach direkt aus ihrer formalen Struktur abzuleiten. Denn neben ihrer graduellen oder kategorialen Strukturbeschaffenheit spielen zwei weitere Faktoren eine entscheidende Rolle: die Austragungsformen von Klassifikationskämpfen, die eine Wahlverwandtschaft zu je unterschiedlichen Integrationsmodi besitzen (3.1), und die gesellschaftlichen Teilbereiche, auf die sich negative Klassifikationen beziehen können (3.2).
3.1 Austragungsformen von Klassifikationskämpfen und Integrationsmodi Eine Analyse der desintegrativen Folgen von interethnischen Klassifikationskämpfen tut gut daran, zunächst zu fragen, welches Bild von Integration man an das Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen berechtigterweise herantragen kann. Diese Frage erfordert für Barren-Ost und Iderstadt-Süd zwei divergierende Antworten, da beide Stadtteile Kontrastfälle darstellen, in denen interethnische Klassifikationskämpfe jeweils auf sehr unterschiedliche Weise ausgetragen werden.
3.1.1 Offene Klassifikationskämpfe In Barren-Ost besteht eine hohe Responsivität zwischen der einheimischen und der türkischstämmigen Bevölkerung. Die türkischen Migranten vertreten ihre Interessen recht vehement und kämpfen um materielle Teilhabe, politische Partizipation und die volle Zugehörigkeit zur lokalen Gesellschaft. Die deutschen Bewohner und die Entscheidungsträger im Stadtteil beziehen wiederum ihrerseits zu den Anliegen und Ansprüchen der türkischen Bevölkerung Stellung. Die daraus sich ergebenden Interaktionen lassen sich als einen von der türkischen Seite initiierten Kampf um Anerkennung verstehen. Insbesondere die stadtteilbezogenen Aktivitäten des Ausländerbeirats und der türkischislamischen Vereine, die auch untereinander vielfältige Kooperationsbeziehungen pflegen, haben das Gepräge eines Kampfes um Anerkennung. Ihr Handeln gegenüber der deutschen Bevölkerung und ihren politischen Repräsentanten folgt dem normativen Anspruch, dass die kulturelle und religiöse Eigenart der türkischen Stadtteilbewohner positiv anerkannt werden (vgl. Honneth 1992: 196 ff.; Taylor 1993: 56 ff.). Stellvertretend für viele erklärt Herr Kedi die Konfliktlinie, an der er in seiner Funktion als Vorsitzender des Barrener Ausländerbeirats um Anerkennung kämpft: »Der Deutsche sagt: ›Wenn ihr integriert sein wollt, müsst ihr so sein wie ich.‹ Als Assimilation könnte man das auch bezeichnen. Also
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Kopftuch zum Beispiel bei Frauen: ›Kopftuch ab.‹ – ›Am besten abends mitten in der Kneipe, einen stoßen, ein Bierglas in der Hand, zusammen reden, zusammen unterhalten, besoffen nach Hause gehen. Das ist Integration für mich. Wenn du so bist wie ich, bist du integriert.‹ So verstehen es oder so wollen es die meisten Deutschen haben.« Das Integrationsverständnis Herrn Kedis und derer, die er vertritt, steht in einem diametralen Gegensatz dazu und zielt auf die Anerkennung von Differenz: »Wir, ich als Ausländer, ach, als Ausländer von mir aus10, verstehe die Integration eigentlich so: So, wie ich bin, mit meinem Anderssein, mit meinem religiösen und vielleicht auch kulturellen Anderssein mich in der Gesellschaft wohlfühlen können wie ein Deutscher. Also die Gesellschaft muss mich mit meinem Anderssein akzeptieren. Also wenn ich, als Beispiel jetzt, einen Vollbart aus religiöser Überzeugung habe, muss mich die Gesellschaft so akzeptieren. Wenn meine Frau Kopftuch trägt, muss mich oder meine Familie die Gesellschaft so akzeptieren wie ich bin.« Solche Akzeptanzforderungen und Anerkennungsansprüche werden von vielen türkischen Akteuren in Barren-Ost erhoben und reichen von der Berücksichtigung des Umstandes, dass der eigene Nachwuchs auf dem Kindergeburtstag kein Schweinefleisch isst, bis hin zu der Vorstellung, dass die politische Artikulation von Partikularinteressen türkischer Stadtteilbewohner nicht nur als selbstverständlich hingenommen, sondern begrüßt werden sollte. Die türkischstämmigen Migranten kämpfen um die soziale Wertschätzung ihrer Lebensform – auch ihrer islamischen Orientierung – und reagieren auf entsprechende Missachtungserfahrungen. Dies lässt sich an verschiedenen öffentlichen Aktionen des Barrener Ausländerbeirats und der türkischen Moscheevereine aufzeigen, die als »Integrationsstrategien« im Kampf um die Anerkennung als gleichwertiger Teil der lokalen Gesellschaft zu verstehen sind. Dazu gehören die erwähnten Putzaktionen des Namaz Vereins und der Islamischen Kulturgemeinschaft ebenso wie zwei Blutspendeaktionen, die das Rote Kreuz auf Initiative des Ausländerbeirats bei der Islamischen Kulturgemeinschaft durchgeführt hat. Diese Aktionen reagierten einerseits auf Stigmatisierungen und sind damit ein Dokument der Responsivität zwischen der türkischstämmigen und der deutschen Bevölkerung im Stadtteil. Die Putzaktionen wurden als Maßnahmen gegen das Bild vom »dreckigen« Türken auf den Weg gebracht. Die Blutspendeaktionen wiederum sollten der Intention der Initiatoren zufolge den Vorwurf widerlegen, die türkischstämmige Bevölkerung rühre keinen Finger für die Allgemeinheit und zeige – in der Manier von »Parasiten« – nur dann Interesse an den Vorgängen im Stadtteil, wenn sie sich einen unmittelbaren materiellen Gewinn davon verspricht (vgl. dazu die ausführliche Darstellung im Beitrag A.III). Weiterhin geht es bei diesen Aktionen um den Nachweis, dass die türkische Bevölkerung es auch verdient hat, als Partner reziproker Austauch- und Anerkennungsbeziehungen betrachtet zu werden. In diese Richtung weisen weitere Aktionen: Die guten Wünsche zu christlichen Feiertagen, die der Barrener Ausländerbeirat regelmäßig in der Lokalausgabe des Ruhranzeigers und der Barrener Zeitung lanciert; die Teilnahme der lokalen Moscheevereine am christlich-islamischen Arbeitskreis Barren; die als Signum der »Solidarität und Dialogbereitschaft über religiöse Grenzen hinweg« (Barrener Zeitung vom 12. Dezember 2001) belobigten Spenden der Islamischen Kulturgemeinschaft an die traditionsreiche Bar10 Herr Kedi ist deutscher Staatsbürger und spielt mit dieser Äußerung darauf an, dass Migranten mit einem deutschen Pass in den Augen der einheimischen Bevölkerung »Ausländer« bleiben.
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rener Armenkirche, die sich um Obdachlose kümmert; die Einladung der nicht-muslimischen Nachbarn zu Sommer- und Kinderfesten, zum Fastenbrechen nach dem Ramadan und zum Opferfest; die »Tage der offenen Moschee«, die von den islamischen Gemeinden im Barren-Ost dazu genutzt werden, die Gemeinsamkeiten zwischen dem Christentum und dem Islam hervorzuheben und beide als Religionen des Friedens zu apostrophieren. Alle diese öffentlichkeitswirksamen Aktionen haben die Anerkennung der wesentlich religiös verstandenen Andersartigkeit der türkischen Bevölkerung und deren verbesserte Verankerung im sozialen Leben des Stadtteils zum Ziel. Doch ist dieser Anerkennungskampf, in dem die Integrationsstrategien die Position der türkisch-islamischen Bevölkerung verbessern sollen, von einer grundlegenden Asymmetrie geprägt: Die türkischen Akteure müssen um ihre Wertschätzung kämpfen, während die einheimischen Adressaten diese gewähren oder verwehren können. Zwar verweigern die deutsche Bevölkerung und die lokale Politik die eingeforderte Anerkennung nicht generell. Auch lassen sie die Ansprüche ihrer türkischen Nachbarn nicht einfach ins Leere laufen. Typisch für Barren-Ost ist vielmehr, dass diese Ansprüche als Problem betrachtet werden, wobei sich die Einheimischen mit den »Forderungen« ihrer türkischen Nachbarn und mit deren zuweilen allzu offensichtlichen Zeichen des guten Willens häufig derart auseinandersetzen, dass sie negative Klassifikationen an die türkischen Protagonisten des Anerkennungskampfes adressieren. Klassifikationskämpfe zwischen der türkischstämmigen und der deutschen Bevölkerung werden dadurch in Barren-Ost relativ offen ausgetragen. Beide Seiten finden vergleichsweise direkte Wege, die jeweils andere mit den ihr zugedachten negativen Klassifikationen vertraut zu machen. Hier herrschen, wie man mit James Scott (1990) sagen kann, »public transcripts« in den Klassifikationskämpfen vor. Der Integrationsmodus der konfliktvermittelten Integration ist genau auf derartige Konstellationen zugeschnitten. Georg Simmel (1992e: 284 ff.) zufolge stellt der Konflikt selbst eine »Vergesellschaftungsform« dar, weil er Wechselwirkungen zwischen den Konfliktparteien hervorbringt und dauerhafte Austauchbeziehungen zwischen den Konfliktparteien zu stiften vermag. Die vielfältigen, öffentlich ausgetragenen Auseinandersetzungen der Moscheevereine und des Ausländerbeirats mit der einheimischen Bevölkerung und ihren Entscheidungsträgern in Barren-Ost weisen auf die potentielle Integrationskraft von offen ausgetragenen Klassifikationskämpfen hin. Doch treten gleichwohl auch desintegrative Gefahren auf. Diese zwei Seiten des Barrener Falles lassen sich an fünf verschiedenen Aspekten anschaulich machen. (1) Solange die Konfliktparteien miteinander im Streit stehen und um die Legitimität bestimmter Zuschreibungen oder um das rechte Verständnis von Integration streiten, behalten sie füreinander Relevanz und können sich nicht gleichgültig werden. Die Forderung des Ausländerbeirats, dass sein Vorsitzender in das Lenkungsgremium des Programms Soziale Stadt NRW in Barren-Ost aufgenommen werden müsse, und die keineswegs freundlichen Reaktionen seitens der Mitglieder des Gremiums11 sind ein gutes Beispiel dafür. 11 Die zwölf – ausschließlich deutschen – Mitglieder des Lenkungsgremiums setzen sich zusammen aus dem Bürgermeister der Stadt Barren; Vertretern der Fraktionen im Barrener Stadtrat; dem Vorsitzenden des Aktionsbündnisses Ost, einem Zusammenschluss von Bürgern sowie von Vereins- und Verbandsfunktionären; dem Vorsitzenden der Wirtschafts- und Werbegemeinschaft Barren-Ost, einer Interessengemeinschaft von Gewerbetreibenden; und schließlich einem Repräsentanten der sozialen Träger im Stadtteil.
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Zwar werden der Ausländerbeirat und die von ihm de facto vertretene türkischstämmige Bevölkerung in Barren-Ost als »rationale Schmarotzer« stigmatisiert, aber der öffentlich ausgetragene Klassifikationskampf lässt den Ausgang dieses Kampfes immer wieder offen. Dieser stets unabgeschlossene Vorgang und die wechselseitigen Vorwürfe, denen zufolge »Schmarotzer« auf »Ausländerfeinde« treffen, bringen immer eine Seite in Zugzwang. Der Klassifikationskampf erzeugt längere Handlungsketten und verhindert, dass interethnische Kontakte ephemere und isolierte Einzelereignisse bleiben. (2) Ein solcher Konflikt zwischen der deutschen Bevölkerungsmehrheit und einer ethnischen Minderheit bietet die Chance, dass der moderierende Einfluss von universalistischen Normen eintreten und die Folgen negativer Klassifikationen mildern kann. Nur wenn es zum Konflikt kommt, hat die machtschwächere Gruppe die Chance, sich wirkungsvoll auf inklusive Normen zu beziehen, die über ethnischen Grenzziehungen stehen und diese delegitimieren. Auch wenn unter den Einheimischen untergründig wirkende, essentialistische Vorstellungen einer ethnischen Verwandtschaft verbreitet sind (vgl. den Beitrag A.III), gemäß denen solidarische Verpflichtungen an den Grenzen der Eigengruppe enden, sind sie auf der Ebene öffentlicher Zuschreibung und Interaktion durchaus allgemeinen Normen zugänglich, die für alle Mitglieder der lokalen Gesellschaft gelten und von allen Unterschieden abstrahieren. Dazu gehört die Norm, dass niemand aufgrund seiner Herkunft und ethnischen Zugehörigkeit diskriminiert werden darf. Diese Norm ist der Grund dafür, dass die meisten Deutschen es weit von sich weisen würden, türkische Akteure schlecht zu behandeln, »weil sie Türken sind«. Stattdessen wird auf Verhaltensmerkmale wie kriminelles Geschäftsgebaren oder Überambitioniertheit verwiesen, die Einheimische bei ihren türkischen Nachbarn beobachtet haben wollen und die sie in Überstimmung mit allgemein geteilten kulturellen Überzeugungen bei jedem anderen Mitglied der Gesellschaft auch kritisieren würden. Die dahinter stehende Norm des Antirassismus fungierte in Barren-Ost als Appellationsinstanz für die türkischen Protagonisten, die am Programm Soziale Stadt NRW beteiligt werden wollten. Es zeigte Wirkung, als die Barrener Zeitung unter der Überschrift »Ausländerbeirat klagt über Ausgrenzung« vom Konflikt um die Zusammensetzung des Leitungsgremiums berichtete, das bei der Umsetzung des 16 Millionen Euro schweren Programms eine wichtige Rolle spielte. Am darauf folgenden Tag zitierte die Barrener Zeitung den Bürgermeister der Stadt mit den Worten: »Alle Bevölkerungsgruppen sind aufgerufen, sich in das Stadtteilerneuerungsprogramm mit ihren Ideen einzubringen.« Daraufhin kam es zu einer Einbindung des Ausländerbeirats in das Lenkungsgremium des Programms: Der Vorsitzende erhielt einen beratenden Sitz ohne Stimmberechtigung im nunmehr 13-köpfigen Gremium, woran jener wiederum die verweigerte Entscheidungskompetenz kritisieren sollte. Auf der anderen Seite wurde die öffentliche Präsentation der Vorschläge türkischer Vereine von der einheimischen Bevölkerung wenig freundlich aufgenommen und brachte neue Stigmatisierungen hervor. Gleichwohl verpufften die türkischen Partizipationsbemühungen keineswegs folgenlos: Es wurden Deutschkurse und Fassadensanierungen beim Namaz Verein und bei der Islamischen Kulturgemeinschaft realisiert. Ohne den Dauerkonflikt um das Stadtteilerneuerungsprogramm hätten die aktiven Migrantenvereine in Barren-Ost die Semantik der »Ausländerfeindlichkeit«, die implizit an universalistische Normen appelliert, gar nicht in Anschlag bringen können.
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(3) Bevor Migrantengruppen jedoch in einer derart aktiven Weise auftreten können, müssen sie Konfliktfähigkeit erreichen, also eine anerkannte Verhandlungsmacht, um Konflikte überhaupt aufnehmen und bestehen zu können. Um diese Verhandlungsmacht zu gewinnen und aufrecht zu erhalten, bedürfen sie, zumal sie den machtschwächeren Bevölkerungsteil darstellen, bedeutsamer »Dritter« (Simmel 1992d: 114 ff.; Neckel 1997b), die ihnen als Koalitionspartner und Mobilisierungsagenten zur Seite stehen. In Barren-Ost erfreuen sich die aktiven Migrantenvereine der Unterstützung durch wirkmächtige Dritte, vor allem in Gestalt der lokalen Presse, die ihnen als Sprachrohr zur Verfügung steht. Aber auch Akteure aus den örtlichen Kirchengemeinden und aus den gewerkschaftlichen Ortsverbänden können sie bisweilen als Fürsprecher und Anwälte für ihre Anliegen mobilisieren. (4) Das Beispiel von Barren-Ost zeigt jedoch auch, dass Anerkennungskämpfe von Migrantengruppen das Risiko in sich bergen, dass sich eine Minorität nie genug anerkannt fühlt und überall Missachtung wittert. Klassifikationskämpfe, die einer Anerkennungslogik folgen, können leicht zu »unteilbaren Konflikten« (Hirschman 1994) werden – zu Konflikten also, bei denen es um die vorbehaltlose Wertschätzung von Identitäten und Lebensformen geht und die daher Kompromissen nur schwer zugänglich sind. So quittiert Herr Kedi seine Aufnahme in das Lenkungsgremium des Stadtteilerneuerungsprogramms mit einer Kritik daran, dass er dort als Vertreter des Ausländerbeirats kein Stimmrecht erhielt, und lässt sich von der Barrener Zeitung (vom 12. Februar 2003) mit den Worten zitieren: »Der ganze Vorgang kommt mir so vor, als hätte man einem kleinen schreienden Kind einen Schnuller gegeben, damit es endlich ruhig ist.« Herr Talbach vom städtischen Bürgerbüro Barren-Ost berichtet von einer »Beschwerde« eines türkischen Klienten, dem ein Kollege erklären musste, dass er die Voraussetzungen für eine höhere Rente nicht erfüllt. Die Beschwerde, erklärt Herr Talbach, habe gelautet, »dieser Kollege hätte sich nicht irgendwie negativ verhalten oder irgendwas Böses gesagt, sondern hätte mit seiner ganzen Körpersprache eine anti-türkische Haltung an den Tag gelegt«. Die Kritik an der »mangelnden Anerkennung« und der »Degradierung«, wie sie etwa auch ein an die städtische CDU adressiertes Konzept des Ausländerbeirats für eine »interkulturelle Integrationsperspektive in Barren« formuliert, lässt sich durch kaum eine Reaktion oder Geste des Wohlwollens durch das einheimische Gegenüber entkräften. Überall scheint neue Missachtung zu lauern und alle Unbilden des Lebens und Zusammenlebens scheinen auf ausländerfeindliche Ressentiments oder auf Vorbehalte gegen Türken oder den Islam zurückzuführen zu sein. Unter der Ägide des gesteigerten Bedürfnisses nach Wertschätzung vermag die tatsächlich gewährte Anerkennung entweder nicht zu zählen oder scheint unzureichend zu sein. Symptomatisch dafür ist Herrn Kedis Erklärung dafür, weshalb die erwähnten Putzaktionen nicht mehr stattfinden: »Da hat uns keiner drum gebeten. Das kam von uns, dass die Kinder so was machen. Da hat es ein bisschen gefehlt an Anerkennung. Nicht bisschen – sehr viel gefehlt. Bei den Kindern. Man hätte den Kindern, weiß ich nicht, Mut machen müssen: ›Das ist gut so, das ist schön, richtig.‹ Aber juckt die nicht. Stellen Sie sich mal vor: Wir reißen uns den Arsch auf für Sie, hätte ich beinah gesagt, wir machen so viele Sachen. Und man guckt da, was ist die Resonanz? Null. Man muss Anerkennung zeigen.
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Wenn es hapert, ein-, zwei-, dreimal: ja, aber beim vierten Mal, sage ich mir auch: ›Leck mich doch.‹ Entschuldigen Sie den Ausdruck jetzt, aber das ist das, was man fühlt.« (5) Charakteristisch für die türkischen Organisationen und ihrer Vertreter in Barren-Ost sind jedoch nicht Tendenzen eines völligen Rückzugs aus allen öffentlichen Aktivitäten, sondern ein Verhalten, das Robert K. Merton (1968b: 488) als »curious performances« bezeichnet hat und welches spezifische Desintegrationsgefahren mit sich bringt. Die gekränkten türkischen Aktivisten betonen in einem fort ihre anerkennungswürdigen Leistungen und verweisen vorwurfsvoll auf die ihnen beigebrachten Missachtungserfahrungen, während die befremdeten deutschen Interaktionspartner aus ihrem Verhalten neue Nahrung für Zurückweisungen gewinnen. Dieser Teufelskreis bestimmte während des Zeitraums unserer Untersuchung über weite Strecken das Agieren der türkischen Organisationen in Barren. Ein Beispiel dafür sind die wiederholt vom Ausländerbeirat und von den Moscheevereinen in Barren-Ost entfachten Diskussionen über die Gründung einer eigenständigen »Ausländerliste« für die Barrener Kommunalwahlen 2004. Die türkischen Protagonisten weisen mehrfach darauf hin, dass die Migranten in der städtischen Politik »nicht ernst genommen« würden, dass man ihnen nicht den nötigen »Respekt« entgegenbringe und dass sie ihre Interessen eben selbst vertreten müssten, wenn dies die etablierten Parteien im Stadtrat nicht täten. Die Pläne, eine solche »Ausländerliste« zu gründen, werden zwischen März 2001 und Januar 2004 mehrfach zurückgenommen und dann wieder auf die lokalpolitische Agenda gebracht. Die türkischen Moscheevereine und ihre Vertreter tragen das Anerkennungsbegehren so ostentativ und vehement vor, dass die Anerkennungsbekundungen der Einheimischen nichts mehr wert sind oder gar die Grenze zur Erniedrigung überschreiten. Denn »ein positives Urteil, das auf Verlangen abgegeben wird«, ist, wie Charles Taylor (1993: 67 f.) schreibt, »ein Akt von atemberaubender Herablassung«. Worin die Folgen von »curious performances« bestehen, lässt sich auch an den besagten Putzaktionen gut demonstrieren. Sie sollten ein Zeichen setzen gegen das Vorurteil, dass »Türken alles dreckig machen« und, wie Herr Kedi erklärt, gegen die unter Deutschen weit verbreitete Vorstellung: »Die Türken kümmern sich gar nicht um das Wohl der Gesellschaft und denen geht’s nur ums Geldverdienen.« Diese Putzaktionen sind in gewisser Weise ein Akt der Erniedrigung der eigenen Kinder, der die Mehrheitsbevölkerung ins Unrecht setzen soll. So ist es auch wenig verwunderlich, dass sich trotz eines entsprechenden Aufrufes keine deutschen Kinder an den Putzaktionen beteiligt haben. Die Putzaktionen bestätigen nur bereits vorhandene Wahrnehmungsmuster. Der Kampf um Anerkennung erreicht sein Ziel nicht und die Integrationsstrategie, deren Teil die Putzaktionen sind, stößt auf Ablehnung. Die Anerkennungskämpfe vermögen die in den interethnischen Konflikten virulenten negativen Klassifikationen nicht zu korrigieren und die in den Auseinandersetzungen gestifteten Austauchbeziehungen können sich nur teilweise von den exkludierenden Wirkungen dieser Klassifikationen befreien.
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3.1.2 Verdeckte Klassifikationskämpfe In Iderstadt-Süd liegt eine völlig andere Konstellation vor. Sie ist komplizierter und unübersichtlicher als die in Barren-Ost. Gleichwohl lässt sich sagen, dass das Verhältnis zwischen der deutschen und der türkischstämmigen Bevölkerung insgesamt durch eine geringe Responsivität gekennzeichnet ist. In Iderstadt-Süd gibt es keine Migrantengruppen oder Migrantenvertreter, die auf Stigmatisierungen durch ihre deutschen Nachbarn antworten. Die türkischen Organisationen nehmen am lokalpolitischen Geschehen kaum Anteil, sie artikulieren ihre Interessen gegenüber keiner Instanz im Stadtteil und lassen weder Integrationsbemühungen noch Integrationsstrategien erkennen, die über die Eigengruppe hinausweisen. Für Konflikte, wie sie in Barren-Ost anzutreffen sind, fehlen hier auf türkischer Seite schlicht die Akteure. Ein schlagendes Beispiel für den großen Unterschied zwischen Barren-Ost und Iderstadt-Süd sind die konträren Rollen, die der Ausländer- bzw. der Migrationsbeirat in den beiden Stadtteilen jeweils spielen. Darin alles andere als ein Unikum unter deutschen Kommunen darstellend (vgl. Hoffmann 2002), hat Raisfurth einen mehr oder weniger untätigen Migrationsbeirat, wie das Pendant zum Barrener Ausländerbeirat hier heißt. Im Bewusstsein der türkischen Bevölkerung in Iderstadt-Süd ist er, wie in der lokalen Öffentlichkeit überhaupt, kaum präsent. Im Raisfurther Tagblatt erscheint einmal ein Artikel über den Migrationsbeirat, in dem, wie in Barren-Ost, viele türkische Mandatsträger vertreten sind. Der Anlass zu diesem Artikel ist, dass der Beirat drei Jahre nach seiner Konstituierung ein Büro im Rathaus bekam, um zweimal in der Woche eine Sprechstunde abzuhalten; ansonsten berichtet der Artikel von der weitgehenden Erfolglosigkeit des Beirats und seiner Klage, im Integrationsausschuss des Stadtrates kaum Einfluss zu haben. Im Kommentar dazu heißt es: »Der Migrationsbeirat erfüllt eine Alibifunktion, dient Stadtspitze und Politikern lediglich als Stichwortgeber für Sonntagsreden. Mitbestimmung ist kaum gewollt, die Wertschätzung gering. Eine starke Ausländervertretung, die an der Basis präsent ist, wäre da durchaus hilfreich. Doch nach vier Jahren im Amt wissen viele der in Raisfurth lebenden Ausländer rein gar nichts über ihre gewählten Vertreter.« Dies gilt auch für die türkischen Bewohner von Iderstadt-Süd. Nun ist ein Migrationsbeirat nicht direkt auf der lokalen Ebene von Stadtteilen angesiedelt, und der desolate Zustand des Gremiums in Raisfurth hat auch mit speziellen kommunalen Machtverhältnissen und Strukturen zu tun, zu denen etwa die starke Position des Raisfurther Ausländerbeauftragten gehört. Dessen ungeachtet ist es bezeichnend, dass die türkische Bewohnerschaft von Iderstadt-Süd die institutionell vorhandene Gelegenheitsstruktur, über den Migrationsbeirat ihren Einfluss geltend zu machen und ihre Interessen zu vertreten, völlig ungenutzt lässt. Aber nicht nur der Migrationsbeirat spielt in Iderstadt-Süd keine Rolle. Auch ansonsten gibt es keine türkischen Gruppierungen, die auf der stadtteilpolitischen Bühne Präsenz zeigen. Die Moscheegemeinden haben keine Kontakte zu Kirchen oder anderen Institutionen im Stadtteil. Abgesehen von Polizeirazzien, die nach illegalen Einwanderern und eventuellen Terroristen fahnden, erfahren sie keine öffentliche Aufmerksamkeit und verfügen kaum über wirkmächtige Koalitionspartner. Starke »Dritte« fehlen den türkischen Bewohnern von Iderstadt-Süd fast vollständig. Das Ausbleiben von Kooperationsbeziehungen zu sozialen Einrichtungen, politischen Organisationen und Kirchen hat wesentlich damit zu
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tun, dass die islamischen Einrichtungen des Stadtteils auf Abgrenzung aus sind und eine zum Teil extreme, nur im eigenen Binnenraum artikulierte Verachtung gegenüber der Kultur der Aufnahmegesellschaft hegen (vgl. dazu die Ausführungen im Abschnitt 2.3.4). Da erscheint es nur als folgerichtig, dass sich die Moscheegemeinden zurückziehen und nicht um die Anerkennung ihrer Lebensform durch ihre deutschen Nachbarn kämpfen, deren Kultur sie als durch und durch verderbt betrachten. Mit den Moscheegemeinden fallen, wie der Vergleich mit Barren-Ost zeigt, wichtige Organisationen weg, die den sozialen und institutionellen Unterbau für die lokalpolitische Vertretung eines großen Teils der türkischstämmigen Bevölkerung bilden könnten. Die islamischen Vereine fungieren weder als Sprachrohre ihrer Mitglieder nach außen noch besitzen sie Rezeptoren für das soziale Leben in Iderstadt-Süd. Herr Horn sagt dementsprechend auf gut Raisfurtherisch, der Gewerbeverein Iderstadt habe sich »schon einmal die Schnut’ verbrannt«, als man »die ausländischen Vereine und Gruppierungen« im Stadtteil angeschrieben und zum Gespräch gebeten habe, um Veranstaltungen und den verkaufsoffenen Sonntag gemeinsam zu planen. Er erklärt: »Und speziell von den Türken hat sich keiner gemeldet, nicht einmal gemeldet, nicht einmal abgesagt, gar nichts.« Besonders aussagekräftig für die Situation in Iderstadt-Süd ist der Umstand, dass es auf die erwähnten Invektiven der Bürgerinitiative Unsere Hauptstraße gegen die türkischen Migranten zu keinen vernehmbaren Reaktionen von deren Seite kam. Vergleichbares wäre in Barren-Ost völlig undenkbar. In Gesprächen mit türkischstämmigen Akteuren aus Iderstadt-Süd zeigte sich indes vielfach, dass sie bestenfalls von der Existenz der Bürgerinitiative, jedoch nur selten etwas über deren Aktivitäten und die negativen Zuschreibungen wussten, die seitens der Bürgerinitiative an sie selbst adressiert waren. Klassifikationskämpfe werden auf Distanz ausgetragen; Konfliktvermeidung ist das oberste Ziel. Herr Athanassios macht dies recht deutlich, wenn er über das Verhältnis zwischen türkischen und einheimischen Stadtteilbewohnern sagt: »Die sind alle aufeinander irgendwie nicht gut zu sprechen. Aber keiner getraut sich, was zu sagen oder offen zu sagen, vielleicht auch Gott sei Dank.« Die Deutschen im Stadtteil, so Herr Athanassios weiter, »haben keine Lust, sich irgendwas nachsagen zu lassen, wenn die Leute sagen: ›Die Türken sind schuld.‹ Wir kriegen privat, unter uns als Bürgerinitiative auch schon mal was anderes gesagt, nur es wird kaum einer aufstehen.« Dann spricht er von einem »Pulverfass«, das daraus entstehe, dass »jeder über den anderen schilt« und man »gegeneinander, aber nicht miteinander spricht«. In Iderstadt-Süd dominieren in den Gruppenbeziehungen »hidden transcripts« (Scott 1990): Abwertende Zuschreibungen zwischen den ethnischen Gruppen werden meist nur in der Binnenkommunikation der Eigengruppe artikuliert. Wo negative Klassifikation nur hier und dort die Mauern der ethnischen Eigengruppen verlassen, stellt sich die Frage nach Integrationspotentialen und Desintegrationsgefahren völlig anders als in Barren-Ost. Iderstadt-Süd ist für den Integrationsmodus urbaner Indifferenz (Häußermann/Siebel 2004: 10 ff.) prädisponiert. Nach diesem sehr modernen, großstädtischen Leitbild ist Integration kein kollektives Unterfangen von Gruppen, sondern ausschließlich eine Aufgabe von Individuen, deren Kontakt sich auf funktionale Rollen beschränkt: Man begegnet sich als Kunde und Verkäufer im Geschäft oder als Eltern in der Schule, hält ansonsten jedoch Distanz zueinander. Unter welchen Bedingungen in einem
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solchen Fall ein gelungenes Zusammenleben zwischen ethnischen Gruppen vonstatten gehen kann und welche Desintegrationseffekte negative Klassifikationen hervorrufen, sollen die folgenden vier Punkte beleuchten. (1) Die Voraussetzung für den Integrationsmodus urbaner Indifferenz ist eine Respektierung von Fremdheit, weniger eine substanzielle Anerkennung von Differenz, von unterschiedlichen kulturellen Orientierungen und Lebensformen. Im Einzelnen gibt es diese Respektierung von Fremdheit in Iderstadt-Süd durchaus, was auch dem Image des Stadtteils als buntes und tolerantes Multikulti-Viertel entspricht. So muss es überhaupt kein Problem darstellen, wenn zwischen der deutschen und der türkischstämmigen Bevölkerung eine wechselseitige Distanz besteht und die jeweiligen Lebenswelten voneinander separiert sind. Ganz in diesem Sinn äußert sich etwa der Journalist Lobkühn im Interview: »Es ist so, mit dem Wort ›Integration‹ tu’ ich mich ein bisschen schwer, weil ich nicht glaube, dass die hier irgendwie so ganz hundertprozentig stattfindet. Aber es ist eher so eine Attraktivität von vielem Nebeneinander, die mir hier Spaß macht, und ich denke, was diesen Stadtteil für mich auszeichnet: Es ist so ein Exil-Viertel.« Herr Lobkühn hebt dann die »Aufnahmebereitschaft« hervor, die den Stadtteil schon bei den weitgehend innerdeutschen Wanderungsbewegungen nach den beiden Weltkriegen geprägt habe, um dann über die Gegenwart zu sagen: »Hier gibt’s so viel Verschiedenes, dass man hier leichter unterkommt als in einem schicken oder superbürgerlichen Wohnviertel. Weil hier ist man gewohnt, dass es eben fremde Gesichter gibt. Und das finde ich eigentlich eine Stimmung, die mir gefällt und die schon auch was mit Toleranz zu tun hat.« Ähnliche Wahrnehmungen finden sich auch bei Frau Blaudorn, einer 68-jährigen Rentnerin, die ihr Berufsleben als Laborantin in einem Unternehmen der pharmazeutischen Industrie zugebracht hat. Sie erklärt, dass sie trotz des schlechten Rufs des Stadtteils, trotz der vielen Arbeitslosen und des Drecks »freiwillig« in Iderstadt-Süd wohne, weil es hier so »bunt« sei. Sie sagt: »Ich brauche nur vor die Haustür zu gehen und bin praktisch schon im Ausland sozusagen.« Frau Blaudorn lässt Assoziationen an einen exotischen Urlaub anklingen, was dafür spricht, dass sie die Migranten im Stadtteil eher als attraktive Kulisse denn als Nachbarn sieht, mit denen man viel zu schaffen hat. (2) Wo, wie in Iderstadt-Süd, eine Kultur der Konfliktvermeidung vorherrscht, führen negative Klassifikationen viel direkter zu Abgrenzung und Ausschließung als dort, wo fortwährend Auseinandersetzungen zwischen den ethnischen Gruppen ausgetragen werden. Weil hier die wechselseitigen Zuschreibungen »hidden transcripts« bleiben, fällt die Möglichkeit einer konfliktvermittelten Korrektur negativer Klassifikationen aus. Die Vielzahl schimpflicher Klassifizierungen, die in Iderstadt-Süd das stumme und latent feindselige Nebeneinander zwischen der türkischen und der deutschen Bevölkerung prägen, spricht kaum für eine Respektierung von Fremdheit. Die schmählichen Fremdbilder hintertreiben, was für den Integrationsmodus der urbanen Indifferenz notwendig wäre, und die mit ihnen verbundenen Entwertungen führen dazu, dass sich Sozialkontakte hauptsächlich auf die je eigene ethnische Gruppe beschränken. Paradoxerweise fordert gerade die Bürgerinitiative Unsere Hauptstraße von den Migranten eine Beteiligung am Geschehen im Stadtteil und wirft ihnen Abschottung, Ghettobildung und mangelnden Integrationswillen vor. Anderseits sieht sie die Migranten, besonders die türkischen, nur als »Problem« an; als diejenigen, die ohnehin »zu viele sind« und
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ganz andere sein müssten, als sie tatsächlich sind, um akzeptiert zu werden. »Integration« spielt vornehmlich als Vorwurf an die Adresse der Migranten eine Rolle. Die türkischen Migranten sind Objekt von Integrations- und Anpassungsforderungen und nicht, wie in Barren-Ost, auch Subjekt ihrer eigenen Partizipationsbemühungen und Integrationsstrategien. Vom Leitbild urbaner Indifferenz, in der ethnische Unterschiede hinter individualisierenden Orientierungsmustern verblassen, ist Iderstadt-Süd allerdings ebenso weit entfernt wie von einer Ideologie der ethnischen Separierung. Die im gesellschaftlichen Bewusstsein verbreitete und auch von der lokalen Politik vertretene Integrationsideologie sieht getrennt lebende ethnische Enklaven nicht vor. Die ethnischen Fronten sind in Iderstadt-Süd wiederum so verhärtet, dass auch die Vielzahl von Projekten und Förderprogrammen, die hier existieren und den interethnischen Austausch voranbringen sollen, an der Realität der wechselseitigen Separierung wenig ändern kann. Vielfach setzt sich diese de facto in ihnen fort. Frau Mantelhoff etwa, die Leiterin des Ider-Zentrums, leitet die Beschreibung ihrer Tätigkeit im Interview mit den Worten ein: »Ja, und dann ist das hier, diese Arbeit mein Kind geworden, dieses Zentrum mit Leben zu füllen. Und in diesen vierzehn Jahren, gerade wenn wir jetzt auf den Begriff der Vermischung oder Integration oder Assimilation kommen, es ist mir eigentlich nicht gelungen, bis auf wenige Sachen, Leute verschiedener Nationen zusammenzubringen. Also dieses Wort ›Multikulti‹ ist ein Fremdwort.« Und sie fährt fort: »Wenn die Türken ein Fest machen, dann kommt sonst keiner; wenn es nicht gerade privat schon irgendwelche Verbindungen gibt, dann bleiben Türken unter sich.« Sie wollen, wie Frau Mantelhoff einmal karikierend sagt, durch die Nähe zu Deutschen und anderen Migrantengruppen »nicht unrein werden«, während das Zentrum von der deutschen Bewohnerschaft als »türkischer Hochzeitspalast« diffamiert und als verlorenes Territorium wahrgenommen wird. Die Schilderungen von Frau Mantelhoff lassen sich als eine Allegorie auf das gesamte deutsch-türkische Verhältnis in Iderstadt-Süd verstehen. In den Augen des deutschen, exklusiv sich als einheimisch verstehenden Bevölkerungsteils wollen die türkischen Zuwanderer Schritt um Schritt die ihm zustehende Hausmacht an sich reißen. Die unter den Deutschen weitgehend unangefochtene Integrationsideologie sieht indes weitgehend eine kulturelle Annäherung vor, die vor allem die türkischen Migranten vollziehen müssten. Diese jedoch halten ihrerseits die deutsche Kultur und Lebensweise für nicht sehr nachahmenswert oder sogar für kompromittierend, schmutzig und verachtungswürdig. (3) Unter solchen Bedingungen erhöhen die nur in der jeweiligen Binnenkommunikation gebrauchten negativen Klassifikationen die interethnischen Barrieren. Ethnische Unterschiede werden essentialisiert, egalitäre Normen außer Kraft gesetzt. Die bereits zitierten Injurien der Bürgerinitiative Unsere Hauptstraße belegen dies ebenso wie die angeführten negativen Klassifikationen türkisch-islamischer Akteure gegen ihre deutschen Nachbarn. Zumindest der muslimische Bevölkerungsteil, der den Iderstädter Moscheegemeinden angehört, hat für die deutsche Lebensweise und die säkulare westliche Kultur nur Verachtung übrig. Normen, die diese Differenzen überbrücken und einen kooperativen oder auch konflikthaften Austausch mit den Einheimischen befördern könnten, sind nicht zu erkennen. Gleichheitsnormen erreichen keine handlungspraktische Relevanz. (4) Der fehlende interethnische Konflikt in Iderstadt-Süd vereitelt jede Chance darauf, dass negative Klassifikationen sich an der Realität des jeweils anderen abschleifen und ihre
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ausschließenden Wirkungen sich am Einfluss universeller Gleichheitsnormen brechen können. Von verdeckten Klassifikationskämpfen, wie sie in Iderstadt-Süd vorherrschen, sind wenig integrative Wirkungen zu erwarten. Sie sind in sich ein Indiz dafür, dass der Respekt gegenüber dem Fremden fehlt, dem auch Austauschbeziehungen zwischen Angehörigen verschiedener ethnischer Gruppen, die sich auf funktionale Rollen reduzieren, nicht entraten können. Ein Konflikt, in dem die wechselseitigen »hidden transcripts« zu »public transcripts« werden, böte hier gewiss neue Chancen, zumal das friedliche und schiedliche Nebeneinander ethnischer Enklaven weit davon entfernt ist, sich in Iderstadt-Süd kulturell und politisch als Idealbild einer integrierten Gesellschaft durchzusetzen. Gerade dieses Idealbild ist mit verdeckten Klassifikationskämpfen kaum vereinbar. Es scheint vielmehr so zu sein, dass interethnische Klassifikationskämpfe entweder – wie in Barren-Ost – offen ausgetragen werden müssen, um integrativ wirken zu können, oder – wie bei einzelnen geübten Multikulturalisten in Iderstadt-Süd – gänzlich zugunsten einer Betrachtung von Individuen anstatt von Gruppen überwunden werden müssen, um dem interethnischen Kontakt und Austausch nicht im Wege zu stehen. Auch wenn dies nicht die dominierende Tendenz in Iderstadt-Süd ist, handelt es sich damit noch lange nicht um einen völlig desintegrierten Stadtteil. Die beobachtbaren Ansätze einer interethnischen Integration gehen vielmehr stärker über Kooperation denn über Konflikte vonstatten und weisen eher auf einzelne Individuen zurück als auf Gruppen, die sich um Teilhabe bemühen. Aber die mannigfaltigen negativen Klassifikationen in Iderstadt-Süd machen auch diese Form der Integration vielfach zunichte und lassen interethnische Kontakte meist gar nicht aufkommen.
3.1.3 Zur Bedeutung quantitativer Gruppengrößen Die beschriebenen Unterschiede zwischen Barren-Ost und Iderstadt-Süd haben zum Teil gewiss damit zu tun, dass in beiden Stadtteilen unterschiedliche Ausrichtungen des Islam vorherrschen und die Moscheegemeinden nur im einen Fall als mobilisierungsfähige und konfliktbereite Akteure in Erscheinung treten. Während die Moscheegemeinden in BarrenOst öffentliche Anerkennung suchen und sich mit ihren deutschen Nachbarn auseinandersetzen wollen, ziehen sich die schlecht beleumundeten islamischen Einrichtungen in Iderstadt-Süd hinter ihre Mauern zurück und scheuen jede Berührung mit dem als verdorben wahrgenommenen säkularen Umfeld.12 Außerdem hat Raisfurth im Unterschied zu Barren einen – autochthonen und einflussreichen, aber durch sein Amt auch von stadtpolitischen Zielvorgaben abhängigen – Ausländerbeauftragten, dessen Büro die interkulturelle Arbeit der Stadt in starkem Maße bestimmt und kanalisiert. Schließlich verfügt Iderstadt-Süd im innerstädtischen und erst recht im Vergleich zu Barren-Ost über eine ungewöhnlich hohe Dichte an Einrichtungen, die interethnische Kontakte initiieren und fördern sollen. In Barren-Ost sind die türkischen Migranten daher mehr Subjekt ihrer eigenen Integration, wäh12 Aus dem Vergleich mit den Moscheevereinen in Barren-Ost lässt sich der Schluss ziehen, dass die politische Einbindung islamischer Gruppierungen nicht zuletzt deswegen von großer Bedeutung ist, weil sich diese dann nicht nur öffentlich, sondern auch intern mit den kulturellen Normen und Lebensformen der Aufnahmegesellschaft auseinandersetzen müssen.
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rend sie in Iderstadt-Süd mehr Objekt zersplitterter einzelner Maßnahmen, Einrichtungen und Initiativen sind. Entscheidender noch für die Erklärung der unterschiedlichen Klassifikationskämpfe in den beiden Stadtteilen sind aber die jeweiligen quantitativen Verhältnisse zwischen den untersuchten Bevölkerungsgruppen (vgl. auch Simmel 1992d: 63 ff.). Ein Ausländeranteil in Iderstadt-Süd, der fast die Hälfte der Wohnbevölkerung ausmacht, lässt kaum eine Notwendigkeit entstehen, sich intensiv mit der deutschen Bevölkerung auseinanderzusetzen. Das gilt insbesondere für die türkischstämmige Bevölkerung, die rund ein Viertel aller Stadtteilbewohner ausmacht und in Iderstadt-Süd eine ethnisch bestimmte Infrastruktur besitzt, die Züge einer »institutional completeness« (Breton 1964) aufweist: Man kann fast alles bei Türken und auf Türkisch kaufen, für fast alle Probleme und Bedürfnisse gibt es türkische Ansprechpartner. In Barren-Ost, wo die Nichtdeutschen nur gut zehn Prozent, die türkischen Staatsangehörigen etwa fünf Prozent der Wohnbevölkerung stellen, ist die Situation eine völlig andere. Hier sind auch die türkischstämmigen Migranten auf die Kooperation mit den Einheimischen angewiesen, um ihren Anliegen und Bedürfnissen Geltung zu verschaffen.
3.2 Integration und Ausgrenzung in verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen In modernen, funktional differenzierten Gesellschaften haben Integrationsprozesse ihren Ort stets in bestimmten gesellschaftlichen Teilbereichen, sodass »sich Integration jeweils nur partiell als ökonomische, politische, kulturelle oder soziale vollzieht, ohne dass zwischen den verschiedenen Dimensionen ein notwendiger Zusammenhang bestünde« (Häußermann/Siebel 2004: 12 f.). Auch negative Klassifikationen zwischen ethnischen Gruppen betreffen nicht notwendigerweise alle Lebensbereiche der adressierten Akteure und haben nicht unbedingt in allen gesellschaftlichen Sphären dieselben Auswirkungen. Die Bereiche der Wirtschaft, der Politik und der sozialen Lebenswelt weisen gerade auf der lokalen Ebene urbaner Quartiere vielfältige Interdependenzen auf und lassen sich daher nicht immer trennscharf voneinander separieren. Dennoch lässt sich zeigen, dass negative Klassifikationen in diesen drei gesellschaftlichen Teilbereichen unterschiedliche soziale Folgen haben. (1) Im wirtschaftlichen Bereich sind die ausschließenden Wirkungen auch kategorialer Ausprägungen negativer Klassifikationen begrenzt, weil Märkte offene Systeme sind und eigene Gesetze haben. Hier zählen die Mechanismen von Angebot und Nachfrage dem Prinzip nach mehr als die Ethnizität der Akteure. Wenn der türkische Bäcker die billigeren oder besseren Brötchen anzubieten hat, kaufen Einheimische auch gegen ihre sonstigen Überzeugungen bei diesem Bäcker. So beklagt Herr Athanassios im Interview, dass die älteste Bäckerei in Iderstadt-Süd und ganz Raisfurth »nach 112 Jahren zugemacht« habe und dass es überhaupt fast keine deutschen Geschäfte mehr im Stadtteil gebe. Es herrsche eben »freie Marktwirtschaft«, erklärt er und fährt mit den Worten fort: »Türkische Geschäfte gibt’s auch, Bäcker, und die verkaufen natürlich ein Brötchen fünf oder zehn Cent billiger. Und dass die Leute, auch die, die immer schimpfen: ›Die Türken, es gibt so viele!‹, die gehen dann trotzdem zum Türken einkaufen und wenn dann das deutsche Geschäft
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zumacht, dann sagen sie: ›Ja, das verstehen wir auch nicht. Warum machen die jetzt zu?‹ Das sind halt Sachen, das ist ein bisschen zweischneidig.« Kaufentscheidungen folgen eben ökonomischen Kriterien und können ethnische Voreingenommenheiten überdecken. Auch Frau Bultermann vom Barrener Tauschring lässt ihrer Auskunft zufolge beim Einkaufen nur ökonomische, aber keine ethnischen Kriterien gelten. »Hauptsache, ich kann da günstig einkaufen«, lautet ihre Devise, auch wenn sie die türkischen Stadtteilbewohner, insbesondere die Männer, als Bedrohung beschreibt. Herr Freilich, der Inhaber der letzten Fleischerei in Iderstadt-Süd, bedauert den zunehmenden türkischen Immobilienbesitz im Stadtteil, sagt im Interview jedoch, dass er sein Haus auch an einen Türken verkaufen würde, wenn er mehr böte als die deutschen Interessenten. Negative Klassifikationen im ökonomischen Bereich münden nicht direkt in eine Ausgrenzung türkischer Marktteilnehmer, weil hier Geldwerte gegenüber der ethnozentrischen Moral die Oberhand behalten können. Berichte aus Barren-Ost über den Auszug deutscher Mieter aus Häusern, die in türkischen Besitz übergegangnen sind, zeigen allerdings, dass auch ökonomische Rationalität keinen sicheren Schutz gegen ausschließende Folgen negativer Klassifikationen bietet. Wenn Herr Dostluk, wie er berichtet, eine Wohnung nicht an deutsche Interessenten vermieten kann, weil diese ihn krimineller Umtriebe verdächtigen, werden seine ökonomischen Chancen durch eine negative Klassifizierung geschmälert. Der stellvertretende Vorsitzende des Gewerbevereins Iderstadt, Herr Horn, wird vom Raisfurther Tagblatt mit den Worten wiedergegeben, dass besonders in der Hauptstraße »immer mehr alteingesessene Geschäftsleute aufgeben, ausländische Unternehmer das Terrain übernehmen, ohne sich für das gesellschaftliche Zusammenleben zu interessieren«. Im Interview erklärt Herr Horn zu dieser aus seiner Sicht bedauerlichen Entwicklung, es sei das »gute Recht« von Türken, Häuser zu kaufen. Sie hätten gespart wie jeder andere auch. Er möchte zwar einen weiteren Vormarsch türkischer Geschäfte in Iderstadt-Süd verhindern, weil diese nur »eine Klientel ohne Kaufkraft« anzögen und deutsche Mittelständler sie »gar nicht unbedingt vor der Tür haben« wollten. Er sieht dabei aber nur den Weg über das Gewerbeaufsichtsamt, das eventuelle Verfehlungen feststellen könne, oder über das Stadtplanungsamt, das steuernd auf die Gewerbeansiedlungen in Iderstadt-Süd einwirken solle. Herr Horn anerkennt damit die Tatsache, dass die von ihm beklagten »Übernahmeaktivitäten« türkischer Akteure nicht direkt unterbunden, sondern allenfalls unter Einhaltung institutionalisierter Normen und rechtsstaatlicher Verfahren beeinflusst werden können. Im ökonomischen Bereich herrschen also einerseits die alltagspraktischen Regeln einer ethnisch neutralen ökonomischen Rationalität und andererseits institutionalisierte Rechtsnormen, die das freie Geschehen auf Märkten in Absehung von ethnischen Merkmalen der Akteure schützen und dem Handeln auf der Basis ethnisierender Klassifikationen durch klare Verfahrensregeln Grenzen setzen.13 Beide Arten von Regeln mäßigen die Effekte symbolischer Ausgrenzung und wirken Prozessen der sozialen »Schließung« (Weber 1980: 201 ff.) entgegen. (2) In der politischen Sphäre existieren ebenfalls institutionalisierte Regeln, die die ausschließenden Wirkungen auch kategorialer Zuschreibungen eindämmen: normative Regeln 13 Im Bereich des Fußballs erfüllen die sportliche Leistungsordnung und die Regeln, die diese normative Ordnung vor dem Eindringen leistungsunabhängiger – etwa ethnischer – Bewertungsmaßstäbe schützen sollen, ein vergleichbare Funktion (siehe Beitrag B.II).
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der Fairness, der Gleichheit und der Gerechtigkeit, die notfalls auch eingeklagt werden können. In der Politik können Migranten, die sich im Rahmen ihrer gesetzlichen Möglichkeiten engagieren, daher nicht einfach marginalisiert werden, weil demokratische Werte und ihre Institutionalisierung einer solchen Praxis entgegenstehen. Ein Paradebeispiel dafür ist der bereits mehrfach erwähnte Konflikt um die Mitsprache des Barrener Ausländerbeirats im lokalen Programm Soziale Stadt NRW. Obwohl bei der deutschen Bevölkerung in Barren-Ost und bei den maßgeblichen Personen im Stadtteilprogramm die Meinung überwiegt, der Ausländerbeirat vertrete »rationale Schmarotzer«, die es »nicht verdient« hätten, in irgendeiner Form beteiligt zu werden, erhält der Beiratsvorsitzende im Lenkungsgremium des Programms einen beratenden Sitz ohne Stimmberechtigung (siehe Abschnitt 3.1.1). Die erwähnten skeptischen Äußerungen einheimischer Entscheidungsträger zeigen vor allem dies: Ein institutionalisiertes Gremium wie ein Ausländerbeirat kann nicht völlig ausgegrenzt werden, ohne demokratische Normen zu verletzen. Mögen diese Normen auch nur aus strategischen Gründen – etwa, um dem Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit zu entgehen – eingehalten werden, so bleiben sie doch nicht wirkungslos. Der mäßigende Einfluss politischer Regeln lässt sich auch an den Vorgängen studieren, die in Barren-Ost dem im Jahr 2000 fertiggestellten Bau eines Minaretts durch die türkischislamische Namaz Gemeinde vorausgegangen und im Untersuchungszeitraum immer noch sehr präsent waren. Die Gemeinde hatte bereits im Jahr 1991 das Gelände einer Getränkelagerhalle gekauft und das vorhandene Gebäude weitgehend unbehelligt zu einem Gebetshaus umgebaut. Erst als Jahre später Verschönerungsmaßnahmen geplant wurden, die den Hallenbau zu einer Moschee aufwerten sollten und die muslimische Einrichtung damit sichtbarer machten, regte sich Widerstand im Stadtteil. Nachdem erste Pläne des Minarettbaus publik geworden waren, kam es zu Protesten aus der Nachbarschaft und bald machten auch Politiker gegen das Bauvorhaben Front. Deutsche Anwohner warnten vor Lärmbelästigungen durch den Gebetsruf des Muezzins und starteten eine Unterschriftenaktion gegen den Bau. In einer überregionalen Zeitung ließ sich ein Nachbar mit den Worten zitieren: »Wissen Sie, so eine Moschee mit so einem Türmchen daneben, die passt einfach nicht in unseren alten Stadtteil.« (Seifert 1999) Lokalpolitiker aus der SPD wiesen auf ein angeblich unlösbares Parkplatzproblem hin und schlugen der Gemeinde vor, ihre Moschee aus dem Zentralbereich des Stadtteils in ein Gewerbegebiet zu verlegen. Die drei SPDOrtvorsitzenden aus der Barrener Oststadt beriefen sich auf einen »großen Unmut« in ihren Ortvereinen über den geplanten Minarettbau und erklärten: »Wenn sich bei uns in Ost immer mehr solcher Einrichtungen ballen, führt dies nicht zu einem friedlichen Miteinander, sondern zu Konfrontationen.« Daher, so forderten sie, müsse der Bauantrag des Namaz Vereins »aus Sicht des Planungs- und Baurechts geprüft werden«. Kurze Zeit später erklärte ein SPD-Ortsvorsitzender vor laufender Kamera eines regionalen Fernsehsenders: »Wir lehnen diese Pläne ab, weil wir befürchten, dass ein solches Projekt die Anziehungskraft der Oststadt auf ausländische Mitbürger erhöht.« Diese Ablehnung, die sich aus dem semantischen Arsenal der Klassifikationsmuster »türkischer Übernahmewille« und »türkische Überzahl« speiste, steigerte sich im lokalen Diskurs zu der Befürchtung, dass die Moschee durch den Minarettbaus »eine Art Mittelpunktsfunktion« erhalten und »Gleichgläubige« nicht nur aus dem Stadtteil, sondern auch
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aus anderen Stadtteilen und Städten anziehen würde. Die türkisch-islamische Moschee würde durch den Minarettbau, so lässt sich der Standpunkt resümieren, zu einem Hort sich etablierender Fremder und zu einem Anziehungspunkt für eine Personengruppe, die auf keinen Fall weiter anwachsen sollte. Der oft feindselige Widerstand führte aber nicht dazu, dass die Namaz Gemeinde auf ihr Minarett verzichten musste, was einer symbolträchtigen Verbannung aus dem Bereich der Sichtbarkeit im Stadtteil gleichgekommen wäre. Interessant ist hier die Argumentation der Gemeinde. Ihr Kassierer, Herr Özünal, nahm in einer der ersten Stellungnahmen auf den Protest den deutschen Nachbarn implizit den Gleichbehandlungsgrundsatz in Anspruch, indem er einen Vergleich mit Kirchengebäuden anstellte: »Schließlich machen wir aus einer hässlichen Halle ein ansehnliches Gebäude und ein Minarett gehört als Symbol zu unserem Glauben wie der Turm einer christlichen Kirche.« Herr Demirel, der Vorsitzende des Namaz Vereins, argumentierte in ähnlicher Weise: »Wir bauen doch keine neue Moschee an einer Stelle, wo bisher keine war. Das ist doch bloss ein Umbau. Wir wollen nur in einem schönen Haus beten, so wie die Christen das doch auch wollen!« (Seifert 1999) Etwas schärfer im Ton war Herr Cukur, der damalige Vorsitzende des Barrener Ausländerbeirats, selbst Mitglied des Namaz Vereins und – wie Herr Demirel – Inhaber eines deutschen Passes. Er brandmarkte die »ausländerfeindliche Haltung« der Barrener SPD und verwies auf das Recht der freien Religionsausübung: »Ich bin doch Deutscher wie die Nachbarn auch. Ich habe nur eine andere Religion, aber das Grundgesetz garantiert doch Religionsfreiheit.« Mit Bezug auf die Vorschläge der örtlichen SPD erklärte er: »Die schlagen uns vor, in ein Gewerbegebiet zu gehen. Das würde man keiner christlichen Kirche zumuten.« Wie Herr Cukur rekurrierten auch die einheimischen Befürworter des Minarettbaus auf das allgemeine Recht auf die Ausübung der Religionsfreiheit und das Prinzip der Gleichbehandlung von Religionsgemeinschaften. Der Vorsitzende der Barrener CDU-Ratsfraktion kritisierte in einer frühen Phase des Konflikts die Umsiedlungsvorschläge aus den Reihen der SPD mit den Worten: »Gotteshäuser gehören dorthin, wo die Menschen leben.« Als im Verlauf der Diskussion die geplante Höhe des Minaretts von 21 Metern problematisiert wurde, meldete sich der katholische Pfarrer von der örtlichen Meersternkirche zu Wort und erklärte: »Schließlich ist mein Kirchturm 75 Meter hoch.« Bald sprach sich auch eine Pfarrkonferenz der evangelischen Kirche in Barren offiziell für den Minarettbau aus und begründete dies damit, dass »die Muslime in Übereinstimmung mit den geltenden Gesetzen ihren Glauben frei ausüben können«. Daraufhin erklärte der stellvertretende Bürgermeister und Vorsitzende des Barrener Bauausschusses von der SPD: »Mein Gewissen sagt mir, daß die freie Religionsausübung ein sehr hohes Gut ist.« Eine Genehmigung des Bauantrags der Namaz Gemeinde durch den Stadtrat könne er sich »durchaus vorstellen« – was im Juli 1999 dann tatsächlich geschehen sollte. Nachdem der Besitzer des Nachbarhauses die Zulässigkeit des Antrags auf den Minarettbau angefochten hatte, wurden die Baupläne der Namaz Gemeinde überarbeitet, das Minarett auf 14 Meter gestutzt und an eine andere Stelle versetzt. Als sich dann die Erteilung der Baugenehmigung abzeichnete, erklärte der Vorsitzende der Barrener SPD-Ratsfraktion auf einer eigens anberaumten Pressekonferenz, die intensive rechtliche Prüfung des Bauantrags durch die Verwaltung habe ergeben, dass die Genehmigung »unabweisbar« sei. »Die SPD-Fraktion«, verkündete er enttäuscht, »nimmt zur Kenntnis, daß es für Ausschuß
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und Rat dabei keinen Entscheidungsspielraum gibt.« Der Umbau des Bethauses zu einer Moschee mit Minarett sei »kein hilfreicher Beitrag zur Integration« und aufgrund seiner »symbolischen Bedeutung« erzeuge das Bauvorhaben »große Spannung in der Bevölkerung«, hieß es in der offiziellen Erklärung der SPD-Fraktion. An den ursprünglichen Vorbehalten gegen den Moschee- und Minerettbau bei maßgeblichen Politikern aus der Partei, die den Bürgermeister und die Mehrheit im Stadtrat stellte, hatte sich im Verlauf der Auseinandersetzungen also nichts Wesentliches geändert. Aber viele Argumente wurden hinfällig, nachdem der Grundsatz der Gleichbehandlung von Kirchen- und Moscheegemeinden in die politische Diskussion eingeführt wurde und die geplanten Baumaßnahmen des Namaz Vereins erfolgreich mit dem Grundrecht auf freie Religionsausübung verknüpft worden waren. Dieses Recht den Muslimen zu bestreiten, hätte eine für alle geltende Norm verletzt. Bald blieb nur noch der Weg über das Baurecht, das jedoch ebenfalls für alle in gleicher Weise gültig ist und das nur sachlich relevante Regeln kennt. So bemerkte denn auch der damalige Bürgermeister in einem Interview ganz nüchtern: »Die Verwaltung hat sich darauf zurückgezogen, hat gesagt: ›Wir sind religiös und weltanschaulich neutral. Hier gelten nur die Vorschriften des Baurechtes. Ihr könnt keine 21 Meter bauen, sondern nur 14 Meter.‹ Das fanden die Türken einen nicht besonders schönen Kompromiss, haben’s aber dann so gebaut.« Ebenso wichtig war, dass das Baurecht in der politischen Auseinandersetzung nicht beliebig manipuliert werden konnte, weil es institutionalisierten Regeln gehorcht, die von der ethnischen und religiösen Zugehörigkeit der Antragsteller unabhängig sind. Die negativen Klassifizierungen gegen die Moscheegemeinde und ihre Mitglieder waren nicht verschwunden, aber die Regeln der politischen Auseinandersetzung haben dafür gesorgt, dass die Gemeinde sich nicht im Hinterhof unsichtbar machen musste und nicht aus ihrer Umgebung vertrieben wurde. Auch in Iderstadt-Süd, wo solche Anerkennungskämpfe kaum stattfinden und türkische Gruppierungen die Bühne der lokalen Politik meiden, lässt sich dennoch beobachten, dass Regeln der politischen Auseinandersetzung als ein moderierender Faktor in den öffentlichen Diskurs über Migranten eingehen. Auf einer Bürgerversammlung der Initiative Unsere Hauptstraße erklärte die Moderatorin der Veranstaltung gleich nach der Begrüßung, sie wolle vorab »ein paar Spielregeln bekannt geben« und um »Fair Play« bitten. Dies konkretisierte sie dann mit den Worten: »Ich bitte darum, keine diskriminierenden Äußerungen zu tätigen, also bitte keine ausländerfeindlichen Statements hier abzugeben.« Als sich im 400köpfigen Publikum kräftige Buhrufe in den Applaus mischten, hob die Moderatorin noch einmal an: »Also Ziel unserer Initiative darf es nicht sein und war es auch nie, Menschen auszugrenzen. Vielmehr soll die Bürgerinitiative dazu beitragen, Lebensräume zu schaffen, in denen auch Integration möglich ist.« Die Bemerkungen der Moderatorin stellten eine paradoxe Intervention dar, zumal sie das unfreiwillige Eingeständnis enthielten, dass die anwesenden Stadtteilbewohner mit der – von der Bürgerinitiative genährten – Erwartung gekommen sein könnten, die Bürgerinitiative wolle in der Veranstaltung Stimmung gegen Ausländer machen. Und gewiss