Timm Beichelt · Boz·ena Choluj · Gerard Rowe Hans-Jürgen Wagener (Hrsg.) Europa-Studien
Timm Beichelt Boz·ena Choluj ...
190 downloads
4156 Views
2MB Size
Report
This content was uploaded by our users and we assume good faith they have the permission to share this book. If you own the copyright to this book and it is wrongfully on our website, we offer a simple DMCA procedure to remove your content from our site. Start by pressing the button below!
Report copyright / DMCA form
Timm Beichelt · Boz·ena Choluj · Gerard Rowe Hans-Jürgen Wagener (Hrsg.) Europa-Studien
Timm Beichelt Boz·ena Choluj · Gerard Rowe Hans-Jürgen Wagener (Hrsg.)
Europa-Studien Eine Einführung
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über abrufbar.
1. Auflage Mai 2006 Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag für Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006 Lektorat: Frank Schindler Der VS Verlag für Sozialwissenschaften ist ein Unternehmen von Springer Science+Business Media. www.vs-verlag.de Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und daher von jedermann benutzt werden dürften. Umschlaggestaltung: KünkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Satz: Katrin Schmitt, Mainz Druck und buchbinderische Verarbeitung: MercedesDruck, Berlin Gedruckt auf säurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in Germany ISBN-10 3-531-14900-8 ISBN-13 978-3-531-14900-4
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
7
Timm Beichelt, BoĪena Choáuj, Gerard C. Rowe, Hans-Jürgen Wagener und Thekla Lange T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
1
Europawissenschaft und Integrationsforschung zwischen mono- und multidisziplinären Ansprüchen
Der Begriff „Europastudien“ bezeichnet allgemein Forschung und Lehre im Hinblick auf den geographisch eingegrenzten Gegenstand „Europa“, so wie es Afrikastudien und Lateinamerikastudien gibt. Verwendet wird der Begriff jedoch meist nur dann, wenn es um Prozesse der europäischen Integration in politischer, rechtlicher und wirtschaftlicher Hinsicht geht. Europastudien sind daher weniger das, was im Englischen area studies genannt wird. Sie konzentrieren sich vielmehr auf die Herausbildung eines Integrationsraums und damit historisch auf die Zeit nach dem zweiten dreißigjährigen Krieg 1914-45, der Europa in einem Zustand der Verwüstung und Desorientierung hinterlassen hatte. Gab es in den ersten vierzig Jahren dieser Periode konkurrierende Integrationsprojekte – in politischer Hinsicht Ost und West, in militärischer die NATO und den Warschauer Pakt, ökonomisch EWG, EFTA und RgW sowie in rechtlich-politischer Sicht den Europarat –, so scheint sich im Laufe der Zeit vor allem das Projekt der Europäischen Union erfolgreich durchgesetzt zu haben. Europastudien im engen Sinn haben deshalb vorwiegend die Europäische Union zum Gegenstand und sind in der Regel politik-, rechts- oder wirtschaftswissenschaftlich geprägt bzw. bestehen aus multidisziplinären Verbindungen dieser drei Lehr- und Forschungsgebiete. Das Integrationsprojekt ist allerdings äußerst dynamisch: Schon die Entwicklung vom Europa der Sechs zur EU-27 macht das deutlich. Deshalb umfasst der potentielle Integrationsraum praktisch den gesamten europäischen Kontinent – geographisch eher ein willkürliches Gebilde – und erlaubt den Europastudien die Beschäftigung mit Geschichte, Wirtschaft, Politik, Recht und Kultur des alten Kontinents. Mit Blick auf die soziologische Unterteilung der Gesellschaft in die Subsysteme des Rechts, der Wirtschaft, der Politik und der Kultur (Luhmann 1981; Parsons 1991 (1951)) liegen indes zwei begrifflich-methodische Spezifizierungen und Präzisierungen nahe. Erstens sind Europastudien im weiten Wortsinn den Sozialwissenschaften zuzurechnen; denn im Rahmen der geographischen Begrenzung werden vieldimensionale gesellschaftliche Prozesse betrachtet. Zweitens erzwingt die umfassende Betrachtung gesellschaftlicher Entwicklungen in Europa die Miteinbeziehung des Kulturellen: Soziales Handeln bezieht sich neben sozialen und physischen auch auf kulturelle Objekte, die sich in symbolischen Elementen wie kulturellen Traditionen, Ideen oder Glaubensmustern niederschlagen. Sie befinden sich durch die umfassende Europäisierung in den anderen Subsystemen in einer ähnlich starken Entwicklungsdynamik wie Politik, Recht und Wirtschaft. Die soziologische Systemtheorie betont allerdings die Eigengesetzlichkeit der einzelnen gesellschaftlichen
8
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
Subsysteme. Das erfordert erst einmal strikt disziplinäre Ansätze von Forschung und Lehre. Die Interdependenz der Subsysteme erweist sich dann häufig im Historischen: ein geschichtswissenschaftliches Herangehen an das Phänomen Europa ist neben dem sozialwissenschaftlichen unumgänglich. Der Werdegang der Europastudien findet eine erhellende Entsprechung in der allgemeinen Entwicklung der Sozialwissenschaften, wie sie Rickert in Abgrenzung von den Naturwissenschaften unter den Begriff der historischen Kulturwissenschaften subsumiert hat. In der Tradition der europäischen Universität beziehen sich Forschung und Lehre auf wissenschaftliche Einzeldisziplinen. Allerdings war der im 18. und 19. Jahrhundert der an den Universitäten gelehrte Fächerkanon recht klein. Auf das soziale Leben und dessen Verbindung mit dem Staat ausgerichtet waren Philosophie, Staats-, Rechts- und Geschichtswissenschaft, Ökonomie und Geographie. Der etablierte Fächerkanon taugte indes mitunter wenig zur Einordnung des wissenschaftlichen Arbeitens. Das Wirken von Adam Smith vereinte Wirtschaftswissenschaft und Moralphilosophie, Hegels Philosophie bezog die Staatswissenschaft mit ein, Durkheims soziologische Schriften umfassten auch Psychologie und Medizin, womit sogar die Grenzen zu den Naturwissenschaften überschritten wurden. Wie im deutschen Raum vielleicht am besten an Karl Jaspers Schriften von der „Psychologie der Weltanschauungen“ (Jaspers 1985 (1919)) bis zu „Wohin treibt die Bundesrepublik“ (1966) zu sehen ist, blieb das Ideal von Gesellschaftsforschung und -lehre bis weit in das 20. Jahrhundert ganzheitlich geprägt. Spätestens seit Beginn des 20. Jahrhunderts setzte indes eine Entwicklung ein, die sich als „Differenzierung und Professionalisierung“ (Rupp/Noetzel 1994: 9) der Wissenschaft charakterisieren lässt. Mit dem sich beschleunigenden technischen Fortschritt, der daraus folgenden gesellschaftlichen Modernisierung, den zunehmenden Freiräumen für reflektierende Tätigkeiten und nicht zuletzt der Neugründung und Ausweitung der Universitäten wuchs das gesellschaftlich verfügbare Wissen exponentiell an. Spekulation oder common sense als wissenschaftliche Methoden wurden in dem Maße weniger akzeptiert, wie empirisch abgesichertes und systematisches Wissen vorhanden war. Deduktiv abgeleitete Aussagen mussten sich mit induktiv gewonnenen Hypothesen messen. Sozial- und gesellschaftswissenschaftliche Aussagen, die sich auf vergleichsweise großräumige Ausschnitte der Realität beziehen sollten, erforderten daher mit wachsendem wissenschaftlichen Fortschritt immer umfassendere Kenntnisse. Früher war der Blick in die Nachbardisziplinen selbstverständlich gewesen. Durkheim hatte bei seiner sozialtheoretischen Studie gewissermaßen nebenbei eine auch in der Medizin interessierende Erklärung über die Ursachen des Selbstmords geschrieben (Durkheim 1993, zuerst 1897). Mit der immensen Ausweitung des Wissens waren solche Husarenstücke später nicht mehr so einfach. Aus dem erhöhten Methodenbewusstsein durch Professionalisierung folgte die fachwissenschaftliche Spezialisierung. Organisatorisch schlug sich dies in der Bildung neuer Disziplinen und Unterdisziplinen nieder. Die Not, die methodischen Standards wenigstens der eigenen Disziplin beherrschen zu müssen, führte am Ende der Entwicklung zu den berühmten „Bindestrich-Soziologien“. In der Nationalökonomie nahm die Entwicklung einen ähnlichen Verlauf. Auf sicherem Terrain konnte sich nur bewegen, wer sozialwissenschaftliche Gegenstände möglichst eingrenzte und eine Scheidung der abzubildenden Realität in abhängige und unabhängige Variablen zu Wege bringen konnte. Gute Sozialwissenschaft hatte sich zu begrenzen, um methodisch weniger angreifbar zu werden.
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
9
Bei vielen Gegenständen der Sozialwissenschaft führt eine immer stärkere disziplinäre Ausrichtung allerdings in eine Sackgasse der Verengung des wissenschaftlichen Verstehens- und Erklärungsanspruchs, wenn die methodischen Prämissen entscheidend für die Formulierung von Fragestellungen werden (vgl. Ragin 1987: vii; ähnlich Beyme 1991: 72). In aller Kürze ist so eines der grundlegenden Dilemmata der Sozialwissenschaften skizziert: Einerseits unterliegen wissenschaftliche Werke, die weiträumige Teile der (sozialen) Wirklichkeit zu verstehen oder erklären versuchen, der Gefahr des methodischen Dilettantismus. Überdehnte Wissensansprüche münden dann in Hypothesen, die, bei hellerem Lichte betrachtet, nicht zu halten sind. Andererseits drohen auch bei einer zu starken Beschränkung auf methodisch gesichertes Terrain Gefahren. Nicht nur können Sozialwissenschaftler in den Bann ihrer Modellwelten geraten, in denen sozialwissenschaftlich geprägte Denkstrukturen wichtiger werden als der Zuschnitt der eigentlich zu verstehenden oder zu erklärenden Realität. Auch legen die einzelnen Schritte des wissenschaftlichen Fortschritts Spuren, die immer weiter in den Bereich der Kleinkrämerei führen. Der Gang der Europawissenschaft, und das ist nun der Angelpunkt der Konzeption des vorliegenden Bandes, folgte einer ähnlichen Laufbahn wie die allgemeine Sozialwissenschaft. Am Anfang standen weiträumige, den europäischen Einigungsprozess in seiner Breite skizzierende Werke. Die Ausdifferenzierung der europäischen Integration, aber nicht zuletzt auch die Professionalisierung ihrer Erforschung förderten dann über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten die Vertiefung alter und die Entwicklung neuer Wissenschaftsdisziplinen. Dabei entwickelte man notwendigerweise Terminologien und Austauschcodes, die vom allgemeinen Publikum jenseits der Europawissenschaft kaum noch aufgenommen wurden, obwohl sie unter den Eingeweihten durchaus für bedeutende Fortschritte stehen (exemplarisch siehe Bach 2000; Christiansen/Jørgensen/Wiener 2001; Cowles/Caporaso/ Risse 2001). Das Aufkommen der universitären Europastudien, d.h. der in integrierter Form in die Lehre überführten Europaforschung, ist in diesem Kontext als der Versuch anzusehen, der Entwicklung in die disziplinäre Segmentierung entgegenzuwirken. In der allgemeinen Sozialwissenschaft gibt es seit einiger Zeit Bemühungen, über die Re-Integration der binnenorientierten Einzeldisziplinen die allzu starke Differenzierung zu überwinden (Mittelstraß 1989). Ein Ergebnis dieser Versuche sind kulturwissenschaftliche Institute und Fakultäten, wie sie in den letzten Jahren entstanden sind (vgl. Kittsteiner 2004). In analoger Weise haben es sich die Europastudien zur Aufgabe gemacht, Ergebnisse disziplinär geformten Wissens aufzunehmen und als integrierten Lehrinhalt zu vermitteln. Am Anfang der Integrationswissenschaft stand, genau wie am Beginn der europäischen Integration, die Frage nach der Verhinderung eines erneuten Krieges auf europäischem Boden. Das mit der westfälischen Ordnung von 1648 entstandene und vom Wiener Kongress im Jahre 1815 erneuerte Prinzip des Gleichgewichts europäischer Mächte war mit dem zweiten dreißigjährigen Krieg in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zusammengebrochen. Idealistische Ansätze von Immanuel Kants Friedensbund (Kant 1984) über Woodrow Wilsons Völkerbundsidee bis zu Graf Coudenhouve-Kalergis pan-europäischen Plänen (vgl. Niess 2001) hatten sich nicht durchsetzen können, da ihnen die Unterstützung der Regierungen in Europa und darüber hinaus fehlte. Mit David Mitranys „A Working Peace System“ (Mitrany 1943) wurde noch während des Zweiten Weltkriegs ein Tableau entworfen, das völkerrechtliche, politischinstitutionelle und wirtschaftliche Integrationsschritte vorsah. Staaten sollten nicht mehr wie bei Kant oder Wilson vorrangig nach einer rechtlichen Integration nationalstaatlicher
10
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
Strukturen streben. Mitrany stützte sich – allerdings mehr implizit als explizit – zusätzlich auf den wirtschaftlichen Liberalismus, der seit Adam Smith im Freihandel das eigentliche Fundament des Friedens gesehen hatte. Starke Nationalstaaten, und davon gab es mit den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs in der Mitte des 20. Jahrhunderts einige, würden bei aller Wirkungsmacht internationaler Organisationen stets auch mit einem Blick nach dem politischen Gleichgewicht schielen. Den eigentlichen Nutzen der zwischenstaatlichen Kooperation würden ihre Führer erst durch den zu erwartenden Wohlfahrtseffekt wirtschaftlicher Integration erfahren. Geschichtswissenschaft, Ökonomie, Politikwissenschaft und Völkerrecht griffen bei Mitrany ineinander: Das Ensemble steht am Beginn der modernen Integrationswissenschaft. Für Mitrany war es im Übrigen selbstverständlich, die Integration Europas in einem globalen Kontext zu sehen. Später bedurften Mitranys Thesen jedoch der Qualifizierung. Die Verbindung von Völkerrecht, europäischem Recht und nationalstaatlichem Recht musste präzisiert werden (siehe z.B. Weiler 1981). Die bei Mitrany unterstellten Wohlfahrtsgewinne durch wirtschaftliche Integration wurden durch die Abschottung des europäischen Marktes gegen den Rest der Welt teilweise wieder aufgehoben. Eine regional beschränkte Integration hat nicht nur handelschaffende, sondern auch handelumlenkende Effekte (Viner 1950). Und die zentrale Hohe Behörde, die die europäischen Gründungsväter in Anlehnung nicht zuletzt an Mitrany für die Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl geschaffen hatten, konnte nur durch die Einbindung in ein vielgliedriges „Mehrebenensystem“ die ihr zugedachte Rolle erfüllen (siehe Zürn 1996). Mit der fortschreitenden politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Integration vollzog sich somit die Professionalisierung der Europawissenschaft. Am Beispiel der Politikwissenschaft lässt sich zeigen, wie sich die relevanten akademischen Fächer dabei im Sinne einer disziplinären Vertiefung entwickelt haben. Nachdem das funktionalistische bzw. neofunktionalistische Vermächtnis von Mitrany und Ernst Haas (1968) verklungen war, setzte die Spezialisierung ein. Das Studium der europäischen Politik wurde im Rahmen einer Subdisziplin der Politikwissenschaft, der Internationalen Beziehungen, untersucht. Das lag vor allem daran, dass die ersten Jahrzehnte des europäischen Integrationsprozesses zwar erstaunliche Ergebnisse bei der Überwindung alter Feindschaften zwischen den europäischen Staaten brachte, in globaler Perspektive jedoch lediglich als Sonderfall regionaler Integrationsbündnisse gesehen wurden. Im Prinzip, so die Lehre der Internationalen Beziehungen, handelte es sich bei der EG um eine internationale Organisation wie viele andere. Im Gleichschritt mit der Entwicklung der politischen Integration vollzog sich dann jedoch auch eine Wandlung der EG/EU-Forschung. Zum einen wuchs der Gegenstand der europäischen Integration stetig an, zum anderen wurden immer mehr Bereiche des politischen Lebens in West-, Süd- und Nordeuropa von der europäischen Ebene erfasst. Dies bedeutete, dass die politikwissenschaftliche Verankerung im Bereich der Internationalen Politik nach und nach aufgebrochen werden musste. Zwar verfügen die Nationalstaaten der EU bis heute über den Status völkerrechtlich eigenständiger Subjekte. Insofern hat die Behandlung der EU im Paradigma der Internationalen Politik durchaus ihren Sinn. Zunehmend öffnet sich jedoch die Subdisziplin der Vergleichenden Regierungslehre der europäischen Ebene (Schmidt 2002). Bisweilen wird sie sogar als der am besten geeignete Ansatz zum Verständnis der EU-Politik angesehen (Hix 1994). In den letzten Jahren werden in der Politikwissenschaft Konzepte diskutiert, die traditionell aus der auf den Nationalstaat gerichteten Forschung kommen: die Legitimität der EU und ihrer Institutionen, die Ausfor-
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
11
mung der europäischen Parteienlandschaft, die Umsetzung und die Ergebnisse europäischer Rechtsakte. Eine solche eigene, Europa-bedingte disziplinäre Entwicklung treffen wir in der Rechtswissenschaft in noch klareren Konturen an. Gab es bis zur europäischen Integration das nationale Recht und das Völkerrecht, so ist mit der Herausbildung einer Recht setzenden Autorität der Gemeinschaft auf einer neuen Ebene das europäische Recht entstanden. Europarecht wurde zu einer eigenständigen rechtswissenschaftlichen Disziplin, die durch die Aufnahme in den Prüfungskanon des deutschen juristischen Staatsexamens gleichsam ihren Ritterschlag erhalten hat. Vergleichbares ist in den Wirtschaftswissenschaften nicht zu finden. Aus gutem Grund: der Kern der Theorie, die Mikroökonomie, ist individualwissenschaftlich, ihre Erweiterung in der Makroökonomie auf einen beliebigen, politisch abgegrenzten Raum bezogen. Die Tatsache, dass die nationalen Systeme miteinander kommunizieren, reflektiert spätestens seit David Ricardo die Theorie der internationalen Wirtschaftsbeziehungen. Regionale Integration fügt dem kein wesentlich neues theoretisches Puzzle hinzu. Europäische Integration als Lehrfach in der wirtschaftswissenschaftlichen Ausbildung ist eine Anwendung der drei genannten Theorieansätze auf diesen Spezialfall der räumlichen Integration. Damit hat sie sich mit der europäischen Wirtschaftspolitik zu befassen; ein weites Feld, das durch seine eigenen Institutionen gekennzeichnet ist, für das jedoch grundsätzlich die gleichen theoretischen Ansätze gelten. Mögen der gemeinsame Markt und die Wirtschafts- und Währungsunion auch die folgenreichsten Elemente des Integrationsprojekts sein, sie haben in der Wissenschaft der Ökonomie im Vergleich zu Politik- und Rechtswissenschaft die geringsten Spuren hinterlassen. Sicher wäre es ungerecht, allen bisher zitierten fachwissenschaftlichen Ansätzen eine verengte monodisziplinäre Perspektive vorzuwerfen. Querverweise mit transdisziplinärer Richtung lassen sich bis heute in vielen fachwissenschaftlichen Werken der Integrationsforschung finden. Dennoch halten wir es insgesamt für gerechtfertigt, für die Europaforschung insgesamt eine disziplinäre Spezialisierung zu diagnostizieren. Dafür ist nicht zuletzt die skizzierte Organisationsform von Europawissenschaft in etablierten Wissenschaftsdisziplinen verantwortlich. Folglich müssen sich Europaforscher an den methodischen Weiterentwicklungen innerhalb ihrer Disziplinen orientieren, um im Rahmen ihrer Anwendungsgebiete nicht den binnendisziplinären Anschluss zu verlieren. Die allgemeine Sozialwissenschaft hat diesen Prozess mit gesamtgesellschaftlichem Bedeutungsverlust bezahlt. Die Autorität, die ein ganzheitlich argumentierender Wissenschaftler wie Karl Jaspers noch entfalten konnte, geht heutigen Sozialwissenschaftlern ab. Darin mag man auch eine gewisse, durchaus angebrachte Bescheidenheit sehen. Der Vergleich des berühmten Bandes 1000 zur „Geistigen Situation der Zeit“ der alten Sammlung Göschen (Jaspers 1979 (1932)) mit dem Band 1000 der edition suhrkamp (Habermas 1979) macht das deutlich: „Was sich Jaspers damals noch zugetraut hat, hätte einen Anspruch bedeutet, der heute nicht mehr seriös eingelöst werden kann“, schreibt Habermas (ebd.: 10) in seiner Einleitung, selbst nicht von den 32 kompetenten Autoren der zwei Bände. Man erklärt die Welt nicht mehr aus einem Guss, man bietet „Stichworte“ zu ihrem Verstehen an. Die Europawissenschaft hat die Konsequenzen der disziplinären Vereinzelung bislang noch nicht in sehr starkem Maße tragen müssen. Das liegt hauptsächlich daran, dass sich im Zuge der europäischen Integration auf verschiedenen Ebenen eine gesellschaftliche Dynamik ergeben hat, für deren Verstehen multidisziplinäre Kenntnisse des Europäisierungspro-
12
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
zesses unabdingbar sind. In Brüssel entstand eine europäische Bürokratie mit einem Umfeld von gesellschaftlichen und nationalstaatlichen Interessen. In den Nationalstaaten selbst änderten sich die Bedingungen von Gesetzesformulierung und Rechtsumsetzung. Viele Probleme lassen sich nur noch im europäischen Kontext behandeln, kaum aber ausschließlich innerhalb des gewachsenen nationalen Raums. Die Steuerung dieser Entwicklungen und die Partizipation daran erfordert in immer zunehmendem Maße Wissen über die politische, rechtliche und wirtschaftliche Verfasstheit Europas. Die beteiligten Akteure – Politiker, Verwaltungsangestellte, Interessenvertreter, Journalisten, etc. – müssen bei ihren Tätigkeiten die Vieldimensionalität der europäischen Integration zur Kenntnis nehmen und können nicht an den Grenzen wissenschaftlicher Einzeldisziplinen halt machen. Auch benötigen sie neuartige Sprachcodes zur gegenseitigen Verständigung. Allerdings dürfen die Codes gerade nicht disziplinär genormt sein, da Politik, Wirtschaft, Recht und die dazugehörigen Wissenschaften den Integrationsprozess gleichermaßen geformt haben. Kurz, es besteht hoher Bedarf an einer multidisziplinär orientierten Wissensvermittlung jenseits fachdisziplinärer Debatten. Es ist nicht zuletzt dieser Bedarf, welcher das Aufkommen der Europastudien begründet, das in den letzten Jahren an deutschen und europäischen Universitäten zu beobachten ist. Er scheidet die Europastudien von der Europaforschung oder der Integrationswissenschaft, die meistens disziplinär stattfindet und ihrerseits notwendig ist, um die fortschreitende Integration in den jeweiligen gesellschaftlichen Subsystemen von Kultur, Politik, Recht und Wirtschaft zu verstehen und zu erklären. Die Europaforschung ist der (meist disziplinär ausgerichteten) Wissenssuche verpflichtet, während bei den Europastudien die Vermittlung des erworbenen (meist multidisziplinären) Wissens im Mittelpunkt steht. Die Unterscheidung stimmt aber nur in ihrer Tendenz, denn auch die Europastudien erbringen eigene wissensvermehrende Leistungen. Erstens kann eine multidisziplinär informierte Wissenschaft besser die unterschiedlichen Sprach- und Wissenscodes der Einzeldisziplinen aufeinander beziehen und für die Allgemeinheit aufschlüsseln. Zweitens können mitunter erst aus einer übergeordneten Perspektive die Erkenntnisse aus den Teildisziplinen der Europaforschung in Relation zueinander gesetzt werden. Und drittens kann die stärkere Praxisorientierung, die den Europastudien wegen ihrer Ausrichtung auf bestimmte Berufsfelder gegeben ist, die Ergebnisse der Integrationswissenschaft im Hinblick auf ihre gesellschaftliche Relevanz erden. Aus den unterschiedlichen Ebenen der europäischen Integration im Hinblick auf Kultur, Politik, Recht und Wirtschaft ergeben sich allerdings unterschiedlich konfigurierte Ansätze der Wissensvermittlung mit unterschiedlichen Schwerpunkten innerhalb des multidisziplinären Ensembles. Hier hilft ein Blick in die Empirie von Europa-Studiengängen, der nun im nächsten Abschnitt gewagt werden soll. Versteht man Europastudien als Klammer der disziplinären Europaforschung, dann heißt das jedoch nicht, dass sie einem ganzheitlichen inter- oder transdisziplinären Anspruch erfüllen könnten. Auch der vorliegende Band kann nicht mehr als Stichworte und Beispiele bieten zu dem, was Europa heute bewegt. Entscheidend für den praktischen Wert ist die Tatsache, dass die Stichworte nicht aus dem Wörterbuch einer einzelnen Fachdisziplin stammen.
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien? 2
13
Europa-Studiengänge – die Rückkehr der multidimensionalen Perspektive in der praktischen Lehre
Studiengänge mit dem geographischen Fokus Europa haben in jüngerer Zeit im gesamten europäischen Raum einen starken Aufschwung erfahren. Da es keine oberste Behörde für europäische Bildung und Forschung gibt, lassen sich genaue Informationen nicht leicht finden. Auf einem link der Homepage der Europäischen Kommission findet sich dennoch eine Zusammenstellung, deren Informationen sich mit weiteren im Internet zu findenden Listen kombinieren lassen.1 Insgesamt sind wir über diese Listen und weitere Recherchen auf eine Zahl von 305 Studiengängen mit Europa-Bezug in Ländern der Europäischen Union gekommen (Tabelle 1, siehe ausführliche Dokumentation im Anhang). Jede Statistik ist problematisch, diese Zusammenstellung der Europa-Studiengänge ist es wegen der hohen Dynamik in diesem Bildungssegment erst recht. Fast alle Studierenden der Europastudien befinden sich in Studienprogrammen, die innerhalb der letzten zehn Jahre aufgelegt wurden. Die Dynamik des europäischen Integrationsprozesses dauert nach wie vor an, was die ständige Neueröffnung, Umwidmung und Schließung von europabezogenen Studiengängen nach sich zieht. Zudem schreibt der sogenannte Bologna-Prozess – benannt nach dem Tagungsort einer Sitzung der EU-Bildungsminister im Juni 19992 – die Umstellung aller EU-Hochschulsysteme auf die konsekutive Studienstruktur Bachelor/Master vor. Den europäischen Hochschulen und Fakultäten gibt dies ganz unabhängig vom Gegenstand der europäischen Integration die Chance, ihre Ausbildungsangebote stärker an den Bedürfnissen des Arbeitsmarktes auszurichten. Zudem kann die Vollständigkeit der drei zugrunde liegenden Homepages (siehe Fußnote 1) nicht überprüft werden, denn die Internetpräsenz universitärer Bildungsangebote in der EU ist generell höchst unterschiedlich ausgeprägt. Die Informationen in Tabelle 1 geben daher nur einen sehr groben Überblick.
1
Siehe http://europa.eu.int/comm/education/programmes/ajm/3cycle/index_en.html, http://www.icp-ajm.org/post graduates/ajm.asp, http://sfeuropa.swiss-science.ch. 2 Siehe http://www.bmbwk.gv.at/medienpool/6816/bologna_dt.pdf.
14
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
Tabelle 1: Europa-Studiengänge in Europa und ihre Merkmale Land Belgien
Anzahl 14
Als Anteil der Programme pro Land (in %) InterdisziMehrDisziplinarität5 Gebühren6 4 7 plinarität sprachigkeit 5
9
6
8 (+ 4 E)
Dänemark
3
1
2
1
Keine (alle E)
Deutschland
38
17
21
15
23 (+ 4 E)
Finnland
2
1
1
0
Keine (alle E)
Frankreich
62
16
46
7
8
Griechenland
4
0
4
0
3
Großbritannien
91
27
64
91
3
Irland
6
3
3
6
Keine
Italien
18
10
8
13
7 (+ 2 E)
Lettland Litauen Malta
1 3 2
0 1 1
1 2 1
0 2 0
Keine (alle E) 3 Keine (alle E)
Niederlande
12
5
7
2
Keine (alle E)
Österreich
4
2
2
4
1
Polen
21
14
7
2 (+ 3 E)
2
Portugal Schweden Slowenien
2 3 2
1 2 0
1 1 2
0 0 2
0 Keine (alle E) Keine (1 E)
Spanien
12
7
5
5
3
4
1
3
2
Keine (3 E)
1
1
0
1
Keine (alle E)
Tschechische Republik Ungarn
3
Dauer (in Jahren)3 14 x 1 2x1 1x2 18 x 1 4 x 1½ 16 x 2 2x1 47 x 1 14 x 2 1x 3 2x1 2x2 90 x 1 1x2 6x1 16 x 1 2x2 1x1 3x2 2x1 11 x 1 1x2 2x1 1 x 1½ 1x2 14 x 1 3x2 4x 5 2x2 3x1 2x1 8x1 1 x 1½ 3x2 2x1 2x 2 1x1
Die Dauer des Studiums wird in Halbjahresschritte auf- und abgerundet; z.B. 10 Monate = 1 Jahr. Anteil interdisziplinärer Programme. Als interdisziplinär werden Studiengänge bezeichnet, wenn sie mehr als drei Fachdisziplinen umfassen. Die Mehrzahl der hier aufgeführten Studiengänge kombiniert Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaftliche Anteile. Teilweise wird diese Kombination ergänzt durch Module beispielsweise aus den Disziplinen Geschichte, Soziologie oder Philosophie. 5 Anteil von Programmen mit einem disziplinären Schwerpunkt. 6 Anteil von Programmen mit mehr als €2.000 Gebühren pro Studienjahr. Bei vielen Programmen finden sich keine oder widersprüchliche Angaben zu den Gebühren. „Mit Gebühren“ aufgeführt werden nur Programme, wo dies eindeutig festzustellen war. 7 Anteil mehrsprachiger Programme (fremdsprachige Programme aus der Perspektive der jeweiligen Landessprache; E steht für Englisch). 4
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
15
Trotz der Unsicherheit bezüglich der Daten lassen sich auf dieser Grundlage einige wichtige Tendenzen aufzeigen. Zunächst hängt die Anzahl der Programme in recht geringem Maße von der Größe eines Landes ab. Die meisten Studiengänge (nach unserer Zählung 91) finden sich in Großbritannien, wo die Gebührenpflicht und der vergleichsweise geringe Anteil staatlicher Hochschulfinanzierung schon sehr viel früher als in den meisten übrigen Staaten dazu geführt hat, dass bei der Entwicklung an sich wissenschaftlicher Studienprogramme der europäische Arbeitsmarkt – europäische Institutionen, europäischer Lobbyismus, europäischer Wirtschaftsraum, etc. – im Auge behalten wurde. Demzufolge sind auch alle Europaprogramme an britischen Universitäten gebührenpflichtig und dauern (bis auf eine Ausnahme) lediglich ein Jahr. Wegen ihrer Flexibilität sind die Programme trotz der zum Teil hohen Gebühren auch für Bildungsausländer interessant. Die britischen Universitäten nehmen in hoher Anzahl Studierende aus dem europäischen und nichteuropäischen Ausland auf. Ja, man gewinnt den Eindruck, dass sie die primäre Zielgruppe der Programme sind. Allein schon, um die Sprachkenntnisse der europäischen lingua franca zu verbessern, macht es auch Sinn, ein Jahr in Großbritannien zu studieren. In Frankreich existieren mit der Zahl von 62 weniger Europa-Programme als im bevölkerungsgleichen Großbritannien. Außer an den Grandes Écoles, etwa der Hochschule Institut d'Études Politiques in Paris, ist der Anteil von Nichtfranzosen eher gering. Wie in Großbritannien sind die Programme in Frankreich in ihrer Mehrheit disziplinär ausgerichtet.8 Dabei überwiegt ganz deutlich die Rechtswissenschaft, die sich in der juristischen Ausbildung generell viel stärker als in den meisten übrigen EU-Staaten nicht nur auf die nationalstaatliche Rechtsordnung, sondern auch auf das europäische Rechtsgefüge bezieht. Hier spielt sicher auch das Übergewicht eine Rolle, das frankophone Juristen in den Gemeinschaftsinstitutionen hatten und am Europäischen Gerichtshof nach wie vor haben. Demgegenüber findet in der Bundesrepublik Deutschland (38) und in Italien (18), den beiden anderen großen EU-Ländern, die Ausbildung von späteren EU-Bediensteten und anderen Praktikern der europäischen Integration in viel stärkerem Maße in „regulären“, d.h. in der Regel auf den Nationalstaat gerichteten Ausbildungsprogrammen statt. Vielleicht ist dies einer der Gründe für die nach wie vor tendenzielle Unterrepräsentation dieser Länder in den Rängen der Brüsseler Verwaltung. Die Aufnahme in das europäische Verwaltungskorps geschieht in aller Regel über gemeinschaftliche Concours, auf die deutsche und italienische Hochschulen selten, eigentlich gar nicht, gezielt vorbereiten. Von den übrigen EU-Ländern erscheinen Belgien, die Niederlande, Polen sowie – angesichts der geringen Einwohnerzahl – vielleicht auch Irland als Länder, in denen integrierte Europa-Studiengänge eine relativ weite Verbreitung haben. In Belgien und in einigen anderen Ländern fällt auf, dass Mehrsprachigkeit als fester Bestandteil von EuropaStudiengängen anzusehen ist. Häufig bedeutet das aber nur, dass neben der Landessprache Englisch als Unterrichtssprache verwendet wird. In vielen Ländern, darunter natürlich Großbritannien und Irland, wird die Ausbildung ausschließlich in Englisch angeboten. Auf der anderen Seite bieten Italien (9 von 18), Polen (16 von 21), Spanien (9 von 12) und zwei kleinere Länder (Portugal, Slowenien) einen guten Teil ihrer Programme nur in der Landessprache an. Die meisten der genannten Länder verfügen auch in der Europa-Forschung nur über eine recht begrenzte Anzahl von Wissenschaftlern, die in einer Fremdsprache und international publizieren (z.B. in wissenschaftlichen Zeitschriften) oder präsent sind (z.B. auf internationalen Konferenzen). 8
Zu unserer spezifischen Verwendung des Attributs der Interdisziplinarität siehe Fußnote 4.
16
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
Einer der Gründe für das Insistieren auf der Landessprache in diesen Ländern dürfte darin zu suchen sein, dass der „Einfluss in Europa“ eher als gering angesehen wird, weshalb EU-Spezialisten eher Wissen über Europa vermitteln als aktive Einflusskanäle aufzuzeigen versuchen. In Polen, dem Land mit der immerhin sechstgrößten Bevölkerung der Gemeinschaft, existiert eine Reihe von wissenschaftlichen Zeitschriften, die regelmäßig Themen der europäischen Integration behandeln (z.B. Przegląd Europejski in Warschau, Przegląd Politologiczny in PoznaĔ). Ihre Autoren und Herausgeber orientieren sich aber in Themensetzung und Thesenbildung überwiegend an der heimischen Öffentlichkeit und werden dementsprechend jenseits der Landesgrenzen kaum rezipiert. Insgesamt sind also die Europastudien in Europa noch zu einem guten Teil nationalen Gegebenheiten unterworfen. Der Bologna-Prozess hat zumindest bisher nicht dazu geführt, dass auf dem Feld der Europastudien ein genuin europäischer Bildungsmarkt entstanden wäre. Die britischen (und irischen) Universitätsstrukturen wirken dank ihrer größeren organisatorischen Flexibilität, aufgrund des größeren finanziellen Drucks sowie dank der schlecht zu leugnenden Übermacht des Englischen in gewissem Maße als Magnet auf die anderen Bildungsmärkte Europas. Aber die Magnetkraft hat ihre Grenze in den organisatorischen Selbstbeharrungskräften der kontinentalen Universitätsstrukturen einerseits und in der Gewichtung des Themas „Europa“ in den nationalen politischen Öffentlichkeiten andererseits. In kleinen EU-Ländern mit geringem wirtschafts- und außenpolitischem Spielraum wird die Mitgestaltung des gemeinsamen politischen und wirtschaftlichen Raums als alternativlos angesehen. Folglich orientiert man sich an den letztlich extern gegebenen Basisstrukturen Europas und der EU. Die kontinentale staatszentrierte Verwaltungskultur führt zu einem Übergewicht rechtswissenschaftlicher Studiengänge, die Übermacht der englischen Sprache führt zu Programmen, in denen die heimische Nationalsprache gar nicht mehr verwendet wird. In den baltischen Staaten beispielsweise, wo die Gesamtbevölkerungen kleiner sind als im Großraum Berlin, besteht somit ein faktischer Zwang zur Aussonderung der eigenen Sprachen und Verwaltungskulturen aus den Europastudien. In den Bildungssystemen größerer Länder dagegen, in denen die öffentliche Verwaltung territorial umfangreicher ist und wo eine stärkere ökonomische Basis für binnengesellschaftliche Kommunikation besteht, kann man sich auch europaorientierte Lehrprogramme leisten, die sich sowohl auf die nationale wie auch die europäische Sphäre richten. Im Hinblick auf die Europawissenschaft, also die Forschungsdimension der Europastudien, hat dies einige bedenkenswerte Konsequenzen. Willfried Spohn spricht in seinem abschließenden Beitrag zu diesem Band vom „methodologischen Nationalismus“, der die unterschiedlichen wissenschaftlichen Zugänge entlang nationaler Grenzen unterscheidet. Der Blick auf die Empirie von Europa-Studiengängen in der EU verrät, dass diese Nationalismen nicht einfach nur nebeneinander stehen. Ein großer Teil der Ausbildung bezieht sich auf die politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Elemente der innereuropäischen Integration. Europaforschung und Europalehre zielen auf einen eurozentrierten Binnendiskurs ab und überwinden dadurch die innereuropäischen Grenzen: Im europäischen Bewusstsein wird immer deutlicher, dass neben der nationalstaatlichen Politik die EU-Ebene zu beachten ist, dass der Gemeinsame Markt die Spielräume nationaler Wirtschaftspolitik grundlegend verändert, dass nationales durch europäisches Recht ergänzt wird. Eine Kehrseite dieser Wissensevolution besteht aber – und hier ist Willfried Spohn erneut Recht zu geben – in der Vernachlässigung der externen, globalen Bedingungen für die
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
17
europäische Integration. In den von uns betrachteten Programmen der Europastudien spielt dieser Aspekt in der Tat keine große Rolle. Die vorliegenden Ansätze aus der historisch orientierten Sozialwissenschaft (Eisenstadt 1987; Wallerstein 1989) können zwar methodische und allgemein intellektuelle Referenzpunkte bieten. Einen Ersatz für die systematische Aufarbeitung der europäischen Integration im globalen Kontext stellen jedoch auch sie nicht dar.
3
Europastudien in der Bundesrepublik
Wie sieht nun nach diesem Ausflug in die europäische Landschaft der EuropaStudiengänge die Lage in Deutschland aus? Auch hier ist die Datenlage schwierig, weil im Zuge des Bologna-Prozesses stetig neue Programme entwickelt werden. Die Umstrukturierung der Ausbildungsstruktur auf die Abfolge Bachelor/Master ist noch in vollem Gange, und so steht die Entwicklung neuer Masterprogramme an vielen Universitäten auf der Tagesordnung. Die derzeitige Gesamtzahl von 38 Europastudien-Programmen auf MasterNiveau wird sich also aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Jahren noch ändern. Folgt man Parsons sozialwissenschaftlichen Kategorisierung in die Subsysteme von Gesellschaften, liegt bei den deutschen Europastudien der Schwerpunkt auf den ersten Blick auf rechtswissenschaftlich ausgerichteten Programmen. Daran sind, wie ein Blick auf Tabelle 2 zeigt, in der Regel deutsche Traditionsuniversitäten mit großen Juristischen Fakultäten beteiligt. Von insgesamt 21 überwiegend disziplinär ausgerichteten Studiengängen werden 13 durch die Rechtswissenschaft getragen. In den Bereichen der Politik- und Wirtschaftswissenschaften trifft das jeweils nur für vier bzw. zwei Programme zu. Im Bereich der Kultur sind lediglich zwei Programme verortet, ein linguistisch dominiertes MasterProgramm an der Universität Freiburg und ein sprach- und kulturwissenschaftliches Programm an der Universität Passau. Tabelle 2: Inhaltliche Ausrichtung deutscher Europa-Studiengänge Disziplinärer punkt Kultur Politik Recht
9
Schwer-
Anzahl der Programme 2 4 13
Wirtschaft Interdisziplinär:9 Politik, Recht, Wirtschaft
2 10
Interdisziplinär: andere Kombinationen
7
Ort Freiburg, Passau Chemnitz, HWP Hamburg, Münster, Osnabrück HU Berlin, Bremen, TU Dresden, Frankfurt a.M., Frankfurt (Oder), Greifswald, Hannover, Hanse Law School, Leipzig, München, Passau, Saarbrücken, Würzburg Bamberg, Mainz Aachen (Imprest), Berlin (Europawiss.), Berlin (Euromaster), Bonn, Hochschule Bremen, Hannover, U Hamburg (2x), FH Köln, Tübingen Aachen, Bochum, Bremen, Frankfurt/Oder, Fulda, Göttingen, FH Ludwigsburg/FH Kehl
Hier auch: nur zwei dieser Disziplinen in Kombination, wenn kein disziplinärer Schwerpunkt zu erkennen ist.
18
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
Dieser erste Eindruck täuscht allerdings darüber hinweg, dass das dominante Charakteristikum der Europa-Studiengänge in der Bundesrepublik die Interdisziplinarität ist. Womöglich sollten wir besser von Multidisziplinarität sprechen. Denn in vielen Europa-Programmen werden einfach Veranstaltungen unterschiedlicher disziplinärer Herkunft nebeneinander gestellt. Die Regel ist dabei eine Kombination der Disziplinen Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaft. Häufig lässt sich bei den Studiengängen die organisatorische Herkunft erkennen, wenn innerhalb multidisziplinärer Programme das potenzielle Lehrangebot eines Fachbereichs deutlich überwiegt. Hier hilft der Blick auf die Homepage der einzelnen Studiengänge, um ihren Charakter zu ergründen. Eine Beurteilung der Qualität einzelner Studiengänge ist schwierig. Fakultäten werden in der Regel an ihrer wissenschaftlichen Produktivität gemessen. Europawissenschaftliche, d.h. interdisziplinär organisierte Fakultäten gibt es nicht. Die Qualität der Lehre gewinnt allerdings (endlich!) an Bedeutung. Europastudien sind, wie gesagt, eher ein Phänomen der Wissensvermittlung als der Forschung, die vornehmlich im disziplinären Rahmen stattfindet. Eine allgemein gültige oder akzeptierte Evaluation der Lehre gibt es noch nicht. Deshalb enthalten wir uns Aussagen über die Qualität der Studiengänge. Manche Studiengänge verlangen beträchtliche Studiengebühren, so z.B. (Stand Anfang 2005) Tübingen €2.500,- für einen Master of European Studies, die großen Berliner Universitäten €4.500,- für einen „Euromaster“ und €5.000,- für einen MA in European Studies, der als Studiengang der „Europawissenschaften“ bezeichnet wird. Bezahlt werden muss auch für die Programme der European Studies in Bonn (€6.500,-), Bremen (€7.900,-) und Hamburg (€3.000,-). Darüber hinaus existieren speziellere Gebührenstudiengänge, so z.B. an der FU Berlin ein MA für East European Studies (€6.900,-), an der HU Berlin ein MLLP German and European Law and Legal Practice (€1.100,-) sowie ein MA of European Law (€3.000,-) an der Universität Saarbrücken. Von Bedeutung sind die Gebühren in zweierlei Hinsicht. Auf der einen Seite helfen sie, die generelle Praxisferne deutscher Universitäten zu überwinden. Durch die Komplexität der Entscheidungen im europäischen Mehrebenensystem erfordert das Studium der europäischen Integration Insider-Kenntnisse über die konkrete Funktionsweise der beteiligten Institutionen auf den verschiedenen Ebenen. Insider aus der Praxis lehren in der Regel nicht an deutschen Universitäten; sie in einen Hörsaal zu locken, kostet z.T. nicht unbeträchtliche Honorare. Die meisten Studiengänge mit Gebühren sind darüber hinaus mehrsprachig ausgerichtet. Sie bieten daher eine wichtige Ausbildungsgrundlage für die Eingliederung in den EU-Arbeitsmarkt, in dem das Englische gegenüber dem Französischen immer mehr an Bedeutung gewinnt. Insofern stehen Gebühren für Europa-Studiengänge in einem positiven Verhältnis zu deren Praxisorientierung. Auf der anderen Seite signalisieren die hohen Gebühren mitunter auch eine institutionelle Inflexibilität. Besonders größere Universitäten haben in der Regel innerhalb bestehender Fakultäten, Institute oder Fachbereiche genügend Kapazitäten für die Ausstattung eines Studiengangs. Die hohe Autonomie der Lehrstühle erschwert aber häufig die Konzentration der Ressourcen auf ein gemeinsames Programm. Im Resultat entstehen Studiengänge, die an einzelne oder einige wenige Lehrstühle angebunden sind. Die Studiengebühren dienen dann der Finanzierung grundständiger Lehre, die von den regulären Mitgliedern des Lehrkörpers nicht geleistet wird. In solchen Fällen – und vor der Aufnahme des Studiums lassen sie sich schwer bestimmen – sind hohe Studiengebühren nicht immer zu rechtfertigen, denn
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
19
dann könnten gebührenfreie Studiengänge mit breiter institutioneller Basis mindestens vom Prinzip her ein äquivalentes Programm bieten. Tabelle 3: Europa-Studiengänge auf Master-Niveau in Deutschland10 Name der Universität RWTH Aachen
Name des Abschlusses
HU Berlin
MLLP German and European Law and Legal Practice MA in European Studies (Euromaster) (EM)
ReWi
2
Interdisz.
1
MA in European Studies (Europawissenschaften) (MES)
Interdisz.
1
E+D, E, F, S oder IT D, E, F
MA of European Culture and Economy
WiWi, KuWi
2
D
MA in European labour studies
Interdisz. (PoWi, ReWi, Soziologie) ReWi
1
D, E
1
D, E
Interdisz.
1
E
WiWi (VWL) Interdisz.
2 1
D, E E
PoWi, (SoWi)
2
D
ReWi (etwas PoWi und Geschichte)
1
D, E
ReWi
1
D
Interdisz. (+KuWi) ReWi
2 2
D, E D, PL
FU Berlin, HU Berlin FU Berlin, HU Berlin, TU Berlin Ruhr-U Bochum U Bremen
MA in Europastudien International MA Programme in European Studies (Imprest)
LL.M. Eur. Europäisches und Internationales Recht MA in European Studies
Hochschule Bremen U Bamberg MA European Economic Studies (EES) MA of European Studies U Bonn, Zentrum für Eur. Integr.forschung (ZEI) TH Chemnitz MA Europäische Integration – Schwerpunkt Ostmitteleuropa TU Dresden LLM Europäische Integration „Gemeinsame Wege nach Europa: Mittel- und Osteuropa auf dem Weg in die Europäische Union” LL.M.Eur. „Europäisches und InternatiJohannonales Wirtschaftsrecht“ Wolfgang von Goethe U Frankfurt a.M. U Viadrina MA European Studies Frankfurt/O MA German and Polish Law 10
Disziplinärer Schwerpunkt Interdisz. (KuWi) 11 Interdisz.
Dauer in Jahren 2 1
Sprache D E+ IT, P, D, Türkisch oder NL D
Fast alle der hier aufgezählten Studiengänge sind modularisierte MA Studiengänge mit ECTS-System; eine Ausnahme bilden die juristischen LL.M. und LL.M.Eur.-Programme. Die Bezeichnung LL.M. ist nicht geschützt und dient daher höchst unterschiedlichen juristischen Aufbaustudienprogrammen als Abschlusstitel. Hier wurden LL.M.–Programme aufgenommen, sofern sie deutlich erkennbaren inhaltlichen Bezug zum Europäischen Recht aufweisen. 11 Das Attribut „Interdisziplinär“ tragen in dieser Tabelle solche Studiengänge, in denen drei oder mehr Disziplinen mit etwa gleichem Gewicht nebeneinander stehen. Handelt es sich hierbei um eine andere als die „klassische“ Kombination von Politik-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, wird dies in Klammern vermerkt.
20
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
U Freiburg FHS Fulda
U Göttingen
U Greifswald U für Wirtschaft und Politik Hamburg (HWP) U Hamburg U Hamburg U Hannover
Rheinische FH Köln Leipzig U FH Mainz Hanse Law School (HLS) FH Ludwigsburg, FH Kehl München U Münster U Osnabrück U
Passau U U des Saarlandes (Saarbrücken), Tübingen U Würzburg U
MA European Linguistics Sprachwissenschaft MA in Intercultural Communication and Interdisz. European Studies (ICEUS) (PoWi, ReWi, Interkulturelle Kommunikation) MA Euroculture Interdisz. (Geschichte, Philosophie, PoWi, ReWi, Theologie) LLM Comparative Law and European ReWi Law MA in European Studies PoWi
2 2
E, D D, E
1
E, D
1½
D,E
2
D, E
1 1 2
E D, E D, E
European MA in Law and Economics MA of European Studies MA Europäische Integration/ European Studies MLE Europäische Rechtspraxis LL.M International and European Business Law (berufsbegleitend) LL.M.Eur. Europäisches Recht MA in Applied European Studies Master of Laws in Comparative and European Law (LL.M.)
ReWi, WiWi Interdisz. Interdisz. (SoWi)
ReWi WiWi ReWi
2 1 1
D D, E D, E
MA of European Public Administration
Interdisz. (+Verwaltungswissenschaften) ReWi
2
D, E, F
1
D, E
LLM. Europäisches und internationales Wirtschaftsrecht MA European Studies MA Europäische Studien „Europäische Integration und Transformation nationaler politischer Systeme“ MA European Studies LL.M. Eur. Europäisches Recht MA of European Law/“Europäische Integration“ MA of European Studies (MEUS) LLM.Eur. Europäisches Recht
ReWi ReWi, WiWi
1½ 2
D E
PoWi, Verwaltung PoWi
1½ 2
Sprach- und KuWi ReWi ReWi
2 1 1
D D D, E
1 1½
D,E,F D
Interdisz. ReWi
D,E,NL D
Quellen: siehe Fußnote 1.12
4
Die Herausforderung der Europastudien
Das geeinte Europa ist nicht mehr Vision. Es ist ein historisches Faktum. Der Weg dorthin ist anders verlaufen, als es sich die Visionäre der unmittelbaren Nachkriegsjahre vorgestellt 12
Zusätzlich können zwei weitere Seiten mit Überblickscharakter für den deutschen Raum genannt werden: http://www.jurawelt.com/referendare/llm/3353, http://www.unimagazin.de/.
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
21
hatten – nicht über den Königsweg des politischen Konstitutionalismus, sondern überwiegend über die Landstraße des ökonomischen Funktionalismus.13 Für Leser von Marx scheint das selbstverständlich: das europäische Haus ruht auf seiner ökonomischen Basis, und der rechtlich-ideologische Überbau entwickelt sich nach Maßgabe der wirtschaftlichen Notwendigkeiten. Diese waren in den 1950er Jahren weitgehend andere als im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts. So ist die Geschichte der Integration auf der wirtschaftlichen Ebene ein Entwicklungsroman von der Zollunion über den Gemeinsamen Markt zur Wirtschafts- und Währungsunion. Auf der politischen Ebene sind wir Zeugen eines dramatischen Dialogs zwischen der europäischen Ebene und den Nationalstaaten, die sich durch die direkte Legitimierung ihrer jeweiligen Regierungen nicht an die Wand spielen lassen. In rechtlicher Sicht werden die Drehbücher der Integration – die Europäischen Verträge sowie das sekundäre Gemeinschaftsrecht und die legislativen Reaktionen darauf in den Mitgliedsstaaten – immer weiter ausdifferenziert und zusätzlich zur Europäischen Menschenrechtskonvention inhaltlich und institutionell weiter entwickelt. Trotz erfolgreicher Integrationsschritte auf den drei Ebenen Politik, Recht und Wirtschaft bleibt indes die Kultur Europas durch eine Diversität gekennzeichnet, die eine Verschmelzung der nationalen Symbolsysteme in einer einheitlichen europäischen Kultur wenig wahrscheinlich macht. Allerdings kann nicht ausgeschlossen werden, dass neue, übergeordnete europäische Symbolsysteme entstehen, die das Nationale ergänzen bzw. sogar z. T. verdrängen.
4.1 Kultur Wie im letzten Abschnitt angedeutet wurde, integrieren nur wenige deutsche Universitäten bei einer multi- und transdisziplinären Betrachtung des europäischen Integrationsprozesses den Bereich der Kultur in ihr Lehrprogramm. Lediglich in Aachen, Frankfurt/Oder und Göttingen werden kulturelle Aspekte des Zusammenwachsens mit eigenen Schwerpunkten thematisiert (vgl. nochmals Tab. 3). Im Verhältnis zu ihrer Bedeutung erscheint die Kultur damit unterrepräsentiert. Dabei handelt es sich in mehrerlei Hinsicht um ein Defizit, denn den Europastudien fehlt dann bei ihrem Versuch, fachlich spezialisierte Erkenntnisse zusammenzutragen, eine wichtige Dimension. Politische, rechtliche und wirtschaftliche Institutionen bauen auf kulturellen Voraussetzungen auf. Nach Clifford Geertz (1995: 9), der sich in diesem Punkt auf Max Weber beruft, sind kulturelle Bedeutungsgewebe „selbstgesponnen“ und verfügen über einen nicht zu vernachlässigenden subjektiven Anteil. Wie nun die Bürger verschiedener Gesellschaften Europas die durch die Integration induzierten Veränderungen wahrnehmen, verarbeiten und in soziales Handeln umsetzen, hat eine individuelle Komponente, die kulturell vermittelt ist. Nicht nur auf der Ebene der politischen Kultur, sondern auch bei der Frage nach den konkreten Ergebnissen von Europäisierung sollten daher Aspekte berücksichtigt werden, die über die Implementierung normativer Akte hinausgehen. 13
Allerdings sollte nicht vergessen werden, dass jenseits der Europäischen Union durchaus quasi-konstitutionelle Entwicklungen stattgefunden haben. Allen voran die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) war Ausdruck des Drangs, dem Gespenst der Schrecken des Dritten Reiches, des Gulags und des Zweiten Weltkriegs auch rechtlich Institutionelles entgegenzusetzen. Viele der normativen Setzungen der EMRK wurden später in das Vertragsgefüge der EG/EU übernommen, sodass tatsächlich nur von einem „Überwiegen“ funktionaler Elemente gesprochen werden sollte.
22
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
Die kulturelle Seite der europäischen Integration bedeutet damit mehr als nur die Einbeziehung der nationalstaatlichen Geschichtsschreibung, die in vielen Europastudiengängen stattfindet. Sie erfordert gute Kenntnisse der vielfältigen Normierungen gesellschaftlichen Zusammenlebens in den Gesellschaften Europas, die sich aus unterschiedlichen Traditionen ergeben. Nicht zuletzt deshalb haben die Herausgeber dieses Buches entschieden, der kulturellen Dimension der europäischen Integration mehr Platz einzuräumen, als dies in den meisten Programmen der Europastudien in Deutschland der Fall ist. Die kulturellen Normsysteme stehen im Prozess der europäischen Integration als Traditionen, die sich unter den unterschiedlichen historischen Lebensbedingungen der einzelnen Nationen herausgebildet haben, neben den Fragen der politischen und wirtschaftlichen Entscheidungen sowie der rechtlichen Normsetzungen. Das Wissen um gewachsene kulturelle Ausformungen und die jeweilige Erinnerungspolitik beeinflussen den Integrationsprozess maßgeblich. Sie sind die Basis für die Durchsetzung der Integration, aber auch Grund für manche Kontroversen oder sogar Niederlagen. In der kulturellen Dimension der Europastudien wird daher nicht zuletzt erkundet, wie die kulturelle Differenzierung von nationalen und ethnischen Kulturen verlief. Dies wird in kulturwissenschaftlichen Seminaren geleistet, in denen eine prozessorientierte wissenschaftliche Praxis eingeübt wird (Appelsmeyer/Bilmann-Mahecha 2001). Kulturelle Differenzen treten im zeitgenössischen Europadiskurs an die Stelle der Frage nach der nationalen Identität, doch auch sie bilden für die Integration ein Problem. Gegenseitige Annäherung scheint erst möglich zu sein, wenn man sich dieser Differenzen nicht nur bewusst wird, sondern sie auch zu ertragen beginnt. Der Integrationsprozess ist einerseits gegenseitiges Kennenlernen auf Grund von Literatur, Kunst und Geschichte, und andererseits ein Lernprozess, in dem gemeinsame Werte gemeinsam verhandelt werden, die der europäischen Identität möglicherweise zugrunde liegen. Erst im Zuge dieses Lernprozesses kann ein gemeinsames kollektives Gedächtnis entstehen, worauf erst eine neue Kommunikationsgemeinschaft gebaut werden kann. Ein neues politisches System entsteht sowohl durch politische Verträge wie auch und ganz besonders durch jene bewusste Arbeit am gemeinsamen Kulturgut. Bisherige Wissenslücken müssen daher geschlossen, Tabus aufgearbeitet und aufgelöst werden. Bisherige Konzeptualisierungen der Integrationsideen – sei es die von Europa oder die von Mitteleuropa – sind zu thematisieren, um zu schauen, auf welche Imaginationen politische und rechtliche Entscheidungen zum gemeinsamen Europa dort stoßen, wo sie eingeführt werden sollen (Frevert 2003). In den Beiträgen dieses Bandes zum Bereich Kultur findet der Studierende weniger fertige Antworten als vielmehr neue Gesichtspunkte und Zugangsweisen. In ihnen werden auch methodologische Fragen behandelt. Es soll gezeigt werden, dass eindeutige Meinungen sich niemals aus den sogenannten „harten Tatsachen“ ergeben, sondern auch – und dies vielleicht vor allem – aus unterschiedlichen Zugangsweisen, Interpretationen und Definitionen. Unsere Beiträge vermitteln nicht bloß das Wissen über dargestellte Sachverhalte, sondern auch die Art und Weise, wie die Kulturwissenschaften mit ihnen und mit dem bisherigen Wissen über sie umgehen (Nünning/Nünning 2003). Alle Beiträge in diesem Band verzahnen sich thematisch miteinander, gerade an den Punkten, die für den Integrationsprozess besonders entscheidend sind, wie Gedächtnis, Raum, kulturelle Ähnlichkeiten, und die besonders problematisch sind, wie gemeinsame Werte, Identität, kulturelle Eigenheit. Wie bei jeder Kultur lassen sich unendlich viele Aspekte einer europäischen Kultur ausmachen. Deshalb lässt sich die Zusammenstellung der sechs Beiträge auch nicht als
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
23
erschöpfende Darstellung der kulturellen Dynamik Europas oder auch nur der Europäischen Union verstehen. Eher handelt es sich um Perspektiven auf Kultur und Kulturen in Europa, bei denen durchaus unterschiedliche wissenschaftliche Instrumente eingesetzt werden. Heinz Dieter Kittsteiner eröffnet die Reihe mit seiner Geschichte der Entstehung von Europa als einem gleichermaßen kulturellen und politischen Raum, den er als eine Verflechtung methodologischer und philosophischer Bestimmungen sieht. Über alle Epochen beobachtet er die Herausbildung der „hellenistisch-jüdisch-christlichen Mischkultur“, in der sich einzelne Mitgliedstaaten der EU in der letzten Zeit aus der „Perspektive der Verlierer sehen können“. Diese gemeinsame historische Erfahrung scheint ein guter Ausgangspunkt für die Verhandlung politischer Strukturen, die ein Europa verhindern können, wo Rechte von Individuen missachtet oder sogar offen verletzt werden. Auf der Basis dieser kulturellen Entwicklung erörtert Jörg Jacobs, inwiefern man in Europa von gemeinsamen Werten sprechen kann. Zu diesem Zweck stellt der Autor die Ergebnisse der soziologischen Forschung der letzten Jahre dar und fragt nach ihrem Integrationspotenzial. Er stellt mehrere Forschungspositionen dar und argumentiert gegen die These vom Zerfall der Werte. Da es keine wertelose Gesellschaft gibt, besteht auch keine Gefahr des endgültigen Zerfalls der Werte. Wir haben es eher mit ihrem Wandel zu tun. Dieser Wandel ist besonders in einem Integrationsprozess intensiv, in dem es zur Pluralisierung der Werte kommt, weil diese zur Neubewertung alter Werte und Traditionen provoziert. Der Pluralismus, der dabei entsteht, bedeutet nicht Beliebigkeit, sondern jene Einheit in Vielfalt, die mittlerweile zum feststehenden Topos des politischen EU-Diskurses geworden ist. Birgit Schwelling wendet sich dem problematischen Gedächtnis von Europa zu, und weist auf die Versuche in den letzten Jahren hin, das Thema des Holocaust und des Antisemitismus nach der Wende neu aufzuarbeiten. Der Umgang europäischer Länder mit dieser Vergangenheit, die ungetilgte Spuren des Massenmordes hinterlassen hat, wird hier als Anfang für den Aufbau der Verständigung über eine gemeinsame, europäische Erinnerungskultur interpretiert. Keine Geschichte ist eine lineare Erfolgsgeschichte, obwohl die meisten nationalen Historiographien sich Jahrzehnte darum bemühten. Eine Voraussetzung für die Bewältigung der Brüchigkeit von historischen Erinnerungen sieht Schwelling vor allem in einer rigorosen kollektiven Selbstkritik. BoĪena Choáuj diskutiert Mitteleuropa als Integrationsgedanken von 1915 bis zur orangefarbenen Revolution in der Ukraine. Sie verfolgt die Geschichte der Integrationsideen in Mitteleuropa und seinen Hang zum Föderalismus, der durch die politische Entscheidung von Jalta und die kommunistischen Regime völlig verdrängt worden ist. Die Mitteleuropa-Idee erwies sich als eine Art Revitalisierung dieser Ideen zur Wiederherstellung alter Kontinuitäten und eine Chance auf politische Anbindung östlicher Länder an ein gemeinsames demokratisches Europa. Obwohl Mitteleuropa weniger ein politisches als vielmehr ein intellektuelles Gebilde ist, stellt es eine mentale Grundlage für demokratische Strukturen dar, die im Zuge der Transformation nach der Wende in diesem Teil von Europa wieder möglich geworden sind. Karl Schlögel thematisiert einen weiteren Bruch in Europa, den Kalten Krieg und seine politischen und mentalen Spuren in den heutigen Gesellschaften. Diese lassen sich nicht nur in Ost- und Ostmitteleuropa beobachten, sondern auch in den alten EU-Mitgliedstaaten. Ihrer Überwindung würde eine „Neuvermessung“ Europas dienen, d.h. ein anderer, direkterer Umgang mit den östlichen Nachbarländern. Schlögel spricht von der Aufgabe der Kul-
24
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
turwissenschaften, den für den Westen „verschwundenen kulturellen Raum“ des östlichen Europa neu zu „explorieren“, d.h. vor allem mit Hilfe von Literatur, Philosophie und Reisen neu zu erkennen. So plädiert er für „Vergegenwärtigung der Räumlichkeit alles geschichtlichen Geschehens“, denn die Geschichte ist nicht bloß ein Produkt nationaler Historiographien, sondern sie ergibt sich auch aus vielen Erzählungen jenseits nationaler Grenzen. Erst diese lassen ein differenziertes Osteuropa erkennen, was im Westen zur Überwindung der Vorstellungen des Kalten Krieges beitragen kann. Während die Bedeutung der politischen Grenzen zwischen den Nationalstaaten stark abnimmt, entsteht durch zunehmende Bemühungen um eine neue europäische Identität eine Raumordnung, in der sich die Grenze zwischen der Europäischen Union und den übrigen Staaten verfestigt. Werner Schiffauers Ausführungen zum migratorischen Raum weisen darauf hin, dass es sich dabei einerseits nicht um eine dichte Grenze handelt und daher – bisweilen nicht genügend bewusst gemachte – fließende Übergänge zwischen Europa und den angrenzenden Räumen bestehen. Andererseits bewirkt nicht zuletzt die Migration in Europa eine zunehmend transnationale Gesellschaft, deren Zusammensetzung sich keineswegs auf die Kulturen beschränkt, die traditionellerweise in Europa und deren Nationalstaaten verankert waren und sind. Auch Schiffauer verweist auf mehrere Schulen und Forschungsoptionen zu seinem Thema. Für die wichtigste hält er einen solchen Forschungsansatz, in dem die kulturelle Bedeutung der Migrationen im Vordergrund steht. Nur dann können Migrationen als ein Geflecht „grenzüberspannender sozialer Beziehungen“ gesehen werden. Es bildet einen neuen Möglichkeitsraum, in dem weitere Pluralisierungen der Werte, von denen Jacobs spricht, zustande kommen, und das historische kollektive Gedächtnis wieder neu sortiert, und eine neue Erinnerungspolitik verhandelt werden muss. Die kulturwissenschaftlichen Beiträge bilden insgesamt keine autoritativen Aussagen über ausgewählte Themen, sondern stellen Forschungsmöglichkeiten und Forschungsmethoden vor. Sie sind auch kleine Proben dafür, wie im europäischen Integrationsprozess mit kulturellen Phänomenen umgegangen werden kann.
4.2 Politik Wenn sich auch, wie im Funktionalismus, die Logik der europäischen Integration als Folge wirtschaftlicher Notwendigkeiten verstehen lässt, wurde der Einigungsprozess dennoch zweifellos von politischen Akteuren bestimmt. Für die Frühzeit werden dabei häufig die „großen Männer“ der europäischen Integration, z.B. Jean Monnet oder Konrad Adenauer, als maßgebliche Antreiber genannt. Im Integrationsprozess gewannen jedoch auch Institutionen ein Eigengewicht, so die Kommission (die bis 1957 Hohe Behörde hieß) und das Europaparlament nach der ersten Direktwahl im Jahre 1979. Bereits in den 1950er-Jahren siedelten sich auch erste gemeinschaftliche Interessengruppen in Brüssel an. Kurz: Akteure, Institutionen und gesellschaftliche Gruppen und damit ein weites Spektrum politischer Instanzen gehörten und gehören zu den Triebkräften der politischen Einigung, selbst wenn der Einigungsdruck nicht allein der politischen Sphäre selbst entstammte und entstammt. Demzufolge ist es wenig verwunderlich, wenn die politische Dimension der europäischen Integration aus verschiedenen Perspektiven bearbeitet und analysiert wird. In einem in jüngerer Zeit erschienenen Einführungsbuch werden drei „Erzählungen“ zur Geschichte der europäischen Integration identifiziert (Kohler-Koch/Conzelmann/Knodt 2004: 28-43):
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
25
„Große Männer“ werden aus einer akteurszentrierten Perspektive beleuchtet, der Ost-WestKonflikt lädt zu einer strukturellen Herangehensweise ein, die „Sachlogik“ orientiert sich an einzelnen Politik- und Herrschaftsbereichen. Die Bandbreite des politikwissenschaftlichen Schrifttums zur europäischen Integration ist aber noch breiter. Im Sinne der oben skizzierten Ausdifferenzierung der Europawissenschaft sind zeitgeschichtliche, theoretische, institutionell-analytische, politikfeld- und akteursbezogene Werke in großer Zahl erschienen. Mehr im englisch- als im deutschsprachigen Raum wurden dabei Bücher geschrieben, die lehrbuchartig die wichtigsten Aspekte miteinander verbinden (z.B. Dinan 1999; Nugent 1999; George/Bache 2001). Im deutschsprachigen Raum existieren ähnliche Abhandlungen, die aber spezifischere Foki aufweisen: das Lehrbuch von Pfetsch (2001) ist sehr einführend gehalten, die von Werner Weidenfeld (2002; Weidenfeld/Wessels 2002) herausgegebenen Handbücher verzichten auf eine integrierende Perspektive, die Schriften von Kohler-Koch/Conzelmann/Knodt (2004) und List (1999) orientieren sich stärker an wissenschaftlichen Debatten und fachwissenschaftlichen Fragestellungen. Insgesamt ist die Zahl der deutschsprachigen Lehr- und Informationspublikationen in den letzten Jahren stark gewachsen. Am bemerkenswertesten erscheint dabei der Trend, die Europäische Union nicht mehr nur als Integrationsobjekt zu betrachten, sondern zusätzlich die bereits integrierten Elemente herauszuheben und damit die verfestigten und systemischen Eigenschaften der EU hervorzuheben. In der Logik von Parsons und später Easton wird daher in vielen Werken der Charakter der Europäischen Union als politisches System betont (z.B. Hartmann 2002; Hix 2004). Mehr dazu findet sich im vorliegenden Band im Beitrag von Timm Beichelt, in dem die verschiedenen Ansätze der politikwissenschaftlichen Europaforschung diskutiert werden. Das Fundament hierfür findet sich in den ideengeschichtlichen Ansätzen der europäischen Integration, angefangen in der Antike über das Mittelalter, die Aufklärung und das 19. und 20. Jahrhundert mit dem Gegenüberstehen von „realistischem“ Gleichgewichtsdenken und idealistischen Integrationskonzepten. Ganz generell zeigt sich dabei, wie in den letzten Jahrzehnten ein bisweilen schleichender Übergang von den Europaideen zur Europapraxis stattgefunden hat. Mit den Europäischen Verträgen von Paris (1951), Rom (1957), Maastricht (1991), Amsterdam (1997) und Nizza (2000) sind abstrakte Ideen der europäischen Integration in den Hintergrund getreten, während deren praktischer Manifestierung in Politik, Recht, Wirtschaft und selbst in der Kultur zunehmend mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Nicht nur die europäische Integration selbst, sondern auch die Produktion von Wissen um und über diese Integration ist damit in gewisser Weise in eine „postpathetische“ Phase eingetreten (Neyer 2004). Zum einen scheint dies zu Integrationsmüdigkeit bei den Bürgern der EU zu führen, wie jüngere Entwicklungen um das Scheitern der Verfassungsreferenden in den Niederlanden und Frankreich zu zeigen scheinen. Zum anderen lässt sich auch in der Europawissenschaft ein Versiegen normativer Europakonzepte konstatieren, wie der Text von Stanisáaw Zyborowicz in diesem Band belegt. Die übrigen Texte des Abschnitts „Politik“ schlagen Schneisen in das unübersichtlich gewordene Feld der politik- und sozialwissenschaftlichen Europaforschung. Stefan Krätke zeigt die transdisziplinären Aspekte der EU-Regionalforschung auf, indem ein politisches Programm der europäischen Institutionen in seinen geplanten und realen Auswirkungen analysiert wird. Es handelt sich um das Europäische Raumentwicklungskonzept (EUREK), ein polyzentrisches Entwicklungsmodell der europäischen Raumstruktur, welches das besondere Verhältnis von politischem Gestaltungswillen und ökonomischen Wirkungskräften
26
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
beleuchtet. Damit geht die Analyse über die meisten Betrachtungen der Regionalpolitik der EU – die damit hier stellvertretend für viele andere denkbare Politikfelder behandelt wird – hinaus (siehe z.B. Axt 2000), wenn ökonomische, geographische und demographische Entwicklungen gleichermaßen als Rahmenbedingungen für politisches Handeln begriffen werden. Auch mit dem Beitrag von Michael Minkenberg versuchen die Herausgeber, auf eine stärkere Multiperspktivität zu setzen als in der Europawissenschaft häufig üblich. Minkenberg setzt sich – wiederum stellvertretend für viele andere politische Phänomene auf transnationaler Ebene – mit der Stärke und den Ausprägungsformen des europäischen Rechtsradikalismus auseinander. Jenseits seiner konkreten empirischen Ergebnisse unterstreicht der Autor damit die wichtige Stellung der vergleichenden Politikwissenschaft für die Analyse europäischer Politik. Diese reiht sich in das oben beschriebene Reibungsverhältnis zwischen ganzheitlicher und spezieller Wissenschaft: Ohne ein Verständnis des europäischen Rechtsradikalismus lassen sich manche Phänomene der europäischen Politik, z.B. das Anwachsen EU-skeptischer Bevölkerungsteile und Eliten, schlecht erklären. Allerdings sind dafür Methoden und Ansätze jenseits der traditionellen Europaforschung erforderlich. Ein letzter Beitrag im politikwissenschaftlichen Teil widmet sich dem vielleicht wichtigsten Ereignis des letzten Jahrzehnts der europäischen Integration, der Osterweiterung. Am Beispiel Polens wird der Weg nachvollzogen, den die neuen Mitgliedsstaaten auf ihrem Weg in die EU gehen mussten. Dabei erscheint im Text von Beata Przybyáska charakteristisch, dass viel von Verhandlungen zwischen Administrationen und Vertragsgestaltungen, wenig jedoch von der genuin politischen Gestaltung des Beitrittsprozesses die Rede ist. Der Bedeutungsverlust von Europaideen hat offenbar auch zu einem Übergewicht solcher Institutionen geführt, die den geronnenen Idealismus des europäischen Einigungsprozesses verkörpern und in administrierte Politik übertragen.
4.3 Recht Der europäische Einigungsprozess bliebe wohl sehr unbestimmt und unstrukturiert, gäbe es nicht einen rechtlichen Rahmen für wirtschaftliches, politisches und institutionelles Handeln. Abstrakt gesehen sind viele Tätigkeiten und Verpflichtungen ohne formales Recht zwar denkbar, praktisch aber schwierig oder unmöglich, insbesondere wenn solche Elemente auch nur andeutungsweise komplex werden. Es gilt insofern, die rechtliche Umrahmung der europäischen Integration zu durchleuchten, nicht nur, weil sie passiv wirkt, sondern auch, weil sie einen aktiven Beitrag zum Integrationsprozess leistet. Rechtliche Institutionen und Akteure setzen nicht nur den Rahmen und die Schranken des Geschehens, sie können auch Anstöße geben und Entwicklungen vorantreiben. So ist beispielsweise der Beitrag des Gerichtshofes der Europäischen Gemeinschaften (EuGH) zur Integration – jedenfalls zu bestimmten Zeiten (insbesondere wenn andere Organe wie Rat und Kommission eher zurückhaltend sind) – mit seinen Entscheidungen zur Auslegung und Anwendung der Verträge und des Sekundärrechts keinesfalls zu unterschätzen. Auch die rechtliche Ausgestaltung der Verhältnisse der Organe der Europäischen Gemeinschaft (EG) bzw. der Europäischen Union (EU) zueinander und zu den Mitgliedstaaten spielt im Integrationsprozess eine zentrale – teils vorantreibende, teils bremsende – Rolle.
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
27
Die Staaten Europas – wie die Mehrzahl der Mitglieder der internationalen Staatengemeinschaft – hegen inzwischen ein weitgehend gemeinsames Verständnis bestimmter grundlegender Prinzipien des Staatlichen. Die zentrale Bedeutung bestimmter Grundsätze für einen geordneten und gerechten Staat wird allgemein anerkannt, wenn auch in der Praxis immer wieder Aspekte zum Vorschein kommen, die den Ausspruch „the price of liberty is eternal vigilance“ bestätigen, und häufiger nur von Lippenbekenntnissen gesprochen werden kann. Zu diesen Prinzipien gehören v. a. die der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der Gewaltenteilung und des Menschenrechtsschutzes. Sie sind nicht sui generis entstanden, sondern Ausdruck zuweilen erbitterter Kämpfe und harten politischen Ringens. Im Beitrag Alexander v. Brünnecks wird deutlich, dass die Vorläufer des heutigen europäischen Verständnisses solcher Prinzipien in der englischen, amerikanischen und französischen Revolution und deren verfassungsrechtlichen Folgen zu suchen sind. Auch die in diesem Zusammenhang entstandenen rechtlichen Institute und die ihnen zugrunde liegenden politischen Konzepte sind selbst nicht unvermittelt zu Stande gekommen, sondern Ergebnis ideengeschichtlicher Auseinandersetzungen (man denke an Namen wie Hobbes, Locke, Rousseau, Montesquieu oder Paine), die größtenteils auf europäischem, aber auch auf amerikanischem Boden stattfanden. Diese Ideengeschichte und ihre rechtliche Ausformung prägen die europäische Entwicklung und den Einigungsprozess bis heute, wie auch bei der jüngsten verfassungsrechtlichen Etappe der europäischen Geschichte, dem Vertragsentwurf über eine Verfassung für Europa, sichtbar wird. Der Beitrag Alexander von Brünnecks zeigt, dass nicht nur die Verfassungsgeschichten der einzelnen europäischen Länder gemeinsame Wurzeln besitzen, sondern auch, dass die angestrebte verfassungsrechtliche Umrahmung der europäischen Integration im Grunde auf diese Wurzeln zurückgeht. Wesentliche Bestandteile dieser verfassungsrechtlichen Elemente sind die Garantie und der Schutz von Grund- und Menschenrechten. Zu den allerersten Maßnahmen der europäischen Integration der Nachkriegszeit gehörte die Errichtung des Europarats als regionaler internationaler Organisation. Die größte und eine der ersten Errungenschaften des Europarats war die Europäische Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) aus dem Jahr 1950. Es scheint nicht übertrieben festzustellen, dass die europäische Integration ohne ausreichenden Menschrechtsschutz zum Scheitern verurteilt wäre. Auch wenn die Auffassung vertretbar ist, dass der Motor der Integration überwiegend die wirtschaftliche Entwicklung war und ist, bleibt doch festzuhalten, dass sich diese Entwicklung und diese Integration auf gewisse Prinzipien und Grundfreiheiten stützen und stützen müssen. Bestimmte Merkmale des marktwirtschaftlichen Geschehens sind sogar auf Grundfreiheiten angewiesen, die zum Teil im Menschenrechtsschutz verankert sind, auch wenn sie in anderen Rechtsgebieten wie dem Privatrecht näher konkretisiert werden. Zudem spielte nach dem Zweiten Weltkrieg der Ausbau des Menschenrechtsschutzes in den westeuropäischen Ländern offensichtlich eine ebenso wichtige Rolle wie die wirtschaftlichen Entwicklung. Der Beitrag von Carmen Thiele fasst unter Berücksichtigung der historischen Dimension das gesamte System des Menschenrechtsschutzes auf europäischer Ebene zusammen. An erster Stelle steht die EMRK zusammen mit anderen im Rahmen des Europarats entwickelten Instrumenten, wie der Europäischen Sozialcharta, der vor dem Hintergrund wirtschaftlicher Entwicklungen wie anhaltender hoher Arbeitslosigkeit und marktwirtschaftlicher Liberalisierung zunehmende Bedeutung zukommt. Diese Instrumente wurden inzwi-
28
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
schen zum Teil durch wichtige Instrumente auf EG- bzw. EU-Ebene ergänzt, insbesondere durch die Grundrechtscharta der EU, aber auch durch sekundärrechtliche Maßnahmen z. B. zur Durchsetzung des Diskriminierungsverbots. Auch die Mechanismen der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE), deren Ursprung in der Zusammenarbeit zwischen den damals noch durch den Eisernen Vorhang getrennten Staaten Ost- und Westeuropas liegt, spielen eine wichtige Rolle. Dies gilt insbesondere für einige Gebiete und Regionen Europas, in denen Jahrhunderte alte Feindschaften sowie geopolitische und religiöse Spannungen immer noch nicht überwunden sind. Wie der Beitrag Thieles zeigt, ist der europäische Einigungsprozess in Bezug auf Menschenrechtsfragen äußerst vielschichtig und zum Teil wenig koordiniert. Die Instrumente und Institutionen sind zwar nach Zahl und Spannbreite noch überschaubar, erscheinen aber in sich nicht besonders systematisch. Weitgehend übersichtlicher – wenn auch nicht geradlinig – ist die Entwicklung der Kernstruktur der europäischen Integration, der Europäischen Union. Diese politische, rechtliche und institutionelle Einheit kann im Rahmen der Betrachtungen dieses Bandes nur in ganz begrenztem Umfang angesprochen werden. Allein die Darstellung der rechtlichen Grundlagen der Europäischen Gemeinschaft und der Europäischen Union füllt Dutzende von Kommentaren, Lehrbüchern und Spezialzeitschriften. Angesichts dieser Fülle und des zu einem erheblichen Teil hoch spezialisierten Wissens dient der Beitrag Mathias Pechsteins dazu, einen Einblick in den geschichtlichen Hintergrund der institutionellen Entwicklung zu geben. Er fasst zusammen, aus welchen Vorbildern und ideengeschichtlichen Vorkonzeptionen sich die Idee der europäischen Integration – speziell der EU – speist, in welchen rechtlich-politischen Etappen die institutionelle Struktur und rechtliche Umrahmung entstanden ist und wem die (Fort-)Entwicklung der europäischen Idee nicht nur ideengeschichtlich, sondern auch politisch zu danken ist: Rousseau, Kant, Coudenhove-Kalergi, Briand, Stresemann, Churchill, Schuman, Monnet und Fouchet, um nur die Wichtigsten zu nennen. Dabei könnte angesichts der häufig geäußerten Kritik am Vorantreiben der europäischen Integration durch eine so genannte politische Elite spekuliert werden, ob das Wirken solcher Personen nicht in Zukunft als für Europa eher schädlich zu bewerten sei. Pechsteins Beitrag zeigt aber eindeutig, dass die rechtliche und institutionelle Integration Europas (im Gegensatz zur vergleichsweise raschen Entstehung z. B. der US-amerikanischen oder australischen Föderationen) über einen langen Zeitraum und lediglich schrittweise – aber doch anscheinend unaufhaltsam – voranschreitet, so dass eine solche Spekulation eher mit Nein zu beantworten wäre. Der rechtliche und institutionelle Rahmen der europäischen Integration in Gestalt der EG bzw. EU und der EMRK ist zwar nicht unabdingbare Voraussetzung für die Rechtsangleichung in Bereichen der Privatrechts oder des Strafrechts, während er in vielen Bereichen des öffentlichen Rechts (Zollrecht, Durchsetzung des Diskriminierungsverbots im Bereich der Grundfreiheiten, Wettbewerbsrecht, Umweltrecht) wohl unverzichtbar ist. Dennoch ist offensichtlich, dass die institutionelle Struktur und weitgehende Integration v.a. der EG die Harmonisierung des Privatrechts begünstigt und beschleunigt. Dieter Martiny macht in seinem Beitrag zunächst deutlich, dass im Privatrecht bisher nur eine Teilharmonisierung stattgefunden hat, und dass das nationale Recht weiter die vorherrschende Rolle spielt, insbesondere im Vertragsrecht, das im Mittelpunkt seines Beitrags steht. Die bisher erfolgte Vereinheitlichung ist nicht primär der europäischen Integration zu danken, sondern den allgemeinen Regeln des sog. internationalen Privatrechts (IPR) bzw. des internationalen Zivilverfahrensrechts, wobei einige Regeln speziell auf europäischem
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
29
Gebiet Anwendung finden. Dennoch kann von einem gemeinschaftlichen Privatrecht gesprochen werden, das durch die Rechtsetzung der EG entstanden ist, das aber keineswegs als flächendeckendes europäisches Privatrecht verstanden werden kann. Von Bedeutung sind in diesem Zusammenhang, wohl der Integration des Binnenmarkts entsprechend, die Regelungen im Bereich des Verbraucherschutzes. Die Rechtsetzungskompetenz der EG auf dem Gebiet des Privatrechts bleibt aber im Grunde bescheiden. In einigen Bereichen allerdings, die zu den Kerngebieten der gemeinschaftlichen Tätigkeit gehören, wie die Grundfreiheiten einschließlich der Arbeitnehmerfreizügigkeit, haben gemeinschaftliche Regeln durchaus Einfluss auf bestimmte Bereiche des nationalen Privatrechts (wie das Arbeitsrecht und das Gesellschaftsrecht). Eine weitergehende Angleichung des Privatrechts ist zwar zu erwarten, hängt aber von der Überwindung verschiedener Hindernisse und schließlich auch vom weiteren Voranschreiten der Integration auf der Ebene der EU ab. Dass die strafrechtliche Integration in Europa trotz der institutionellen Entwicklung der EU wesentlich weniger weit gediehen ist als in vielen Bereichen des öffentlichen Rechts und des Privatrechts, liegt in gewisser Hinsicht auf der Hand. Das Strafrecht ist der Ort, wo der Staat das Individuum am Empfindlichsten treffen kann. Die moderne Rechtsgeschichte Europas ist auch die Geschichte der Überwindung staatlicher Willkür Individuen gegenüber, und dies meist nicht auf gesamteuropäischer, sondern auf nationalstaatlicher Ebene. Dass integrierende Maßnahmen wie die EMRK dazu beigetragen haben und immer noch dazu beitragen, ändert wohl nichts an der Einstellung, man habe den eigenen Staat einigermaßen gezügelt – Wachsamkeit und das unermüdliche Vertreten freiheitlicher Vorstellungen stets vorausgesetzt. Dementsprechend besteht wenig Neigung dazu, eine zweite Front zu eröffnen, indem „neues“, fremdes Strafrecht – eines anderen Landes oder eines „Vereinigten Europa“ – „hereingelassen“ wird. Diese Problematik wird an der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts zur Umsetzung des so genannten Europäischen Haftbefehls in das deutsche Recht deutlich. Andererseits, wie im Beitrag von Jan Joerden angesprochen, gibt es inzwischen mehr und mehr Anlässe für eine intensivere strafrechtliche Zusammenarbeit auf europäischer Ebene, für eine gewisse Harmonisierung des materiellen Strafrechts und auch für eine institutionelle Integration. Einfach gesagt: Straftaten machen an nationalen Grenzen keinen Halt. Je durchlässiger die Grenzen, wie dies im Rahmen der wirtschaftlichen und sonstigen europäischen Integration ja erwünscht ist, umso weniger können sie ein Hindernis für kriminelle Tätigkeiten darstellen. Bestimmte Straftaten (insbesondere Drogen- und Menschenhandel, Terrorismus, Geldwäsche, Korruption) haben – wie weite Aspekte der Wirtschaft – eine solche „Globalisierung“ erfahren, dass Staatsgrenzen kaum mehr eine Rolle spielen. Dass die Bekämpfung solcher Straftaten, ob materiell, prozessual oder institutionell, aber an solche Grenzen gebunden ist, macht sie schwierig und in manchen Fällen fast unmöglich. Daraus ergibt sich das eigentliche Dilemma, nämlich dass die Errungenschaften der freiheitlichen Rechtsordnung bei der Einschränkung des willkürlichen Staates dem Individuum gegenüber durch die unzureichende Bekämpfung solcher Straftaten abhanden zu kommen drohen. Dies ist ein bekanntes Problem des Strafrechts in einem modernen freiheitlichen Staat; das Spannungsfeld verlagert sich hier lediglich auf die europäische – zunehmend sogar globale – Ebene. In seinem Beitrag zeigt Joerden die Anfänge der strafrechtlichen Integration auf europäischer Ebene auf. Insbesondere geht er aber auf eine bestimmte Frage ein, die für die grenzüberschreitende Bekämpfung von Straftaten zukünftig wohl eine immer
30
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
bedeutendere Rolle spielen wird, nämlich die Anwendung der so genannten Kronzeugenregelung. In diesem Zusammenhang wird durch einen interdisziplinären Ansatz deutlich gemacht, welche rechtspolitische Herausforderung in den Argumenten für und wider eine solche Regelung bestehen, Argumente, die ja auch die Vielfalt der europäischen Strafrechtstraditionen widerspiegeln. Trotz der vielfältigen Traditionen in bestimmten materiellen Rechtsbereichen (wie gerade im Strafrecht) besitzen die allermeisten am europäischen Einigungsprozess beteiligten Länder im Grunde eine gemeinsame Rechtskultur. Fast alle am Integrationsprozess aktuell beteiligten Länder gehören zur zivilistischen Rechtstradition, d. h. zu der Rechtstradition in Nachfolge des römischen Rechts (in Skandinavien mit gewissen Abweichungen). Es bestehen aber zwei bedeutende Ausnahmen, nämlich die britischen Inseln außer Schottland, also Großbritannien und Irland, die zum Rechtskreis des so genannten common law gehören. Es stellt sich die Frage, ob es für das Verständnis der europäischen Integration nicht förderlich wäre, mehr über diese andere Rechtskultur zu erfahren. Der englischsprachige Beitrag von Gerard C. Rowe zeigt, dass gerade die Ausnahmequalität des common law im gesamteuropäischen Kontext eine Auseinandersetzung damit rechtfertigt. So bietet in einer Zeit, in der die EU sich eine Verfassung geben will, sich damit aber in eine Krise manövriert hat, die „verfassungslose“ Tradition des common law zumindest Grund zur Entspannung. Sie ist im Grunde die Geschichte eines Staates, der auf eine achthundertjährige, weitgehend stabile und größtenteils freiheitliche Entwicklung zurückblicken kann, ohne auf eine schriftlich fixierte Verfassung angewiesen gewesen zu sein. Dies sollte vielen – ja sogar den meisten – europäischen Ländern, die sich vergleichsweise noch in der verfassungsrechtlichen Experimentierphase befinden, zeigen, dass es nicht auf das Instrument ankommt, sondern auf die Politik- und Rechtskultur, die nicht festgeschrieben, sondern nur gelebt werden kann. Rowe argumentiert deshalb nicht gegen eine Verfassungsgebung für Europa, sondern weist lediglich darauf hin, dass der Integrationsprozess durchaus weiter vorangetrieben werden kann und soll, ob mit oder ohne Verfassung. Im Übrigen bietet das common law als methodischer und rechtskultureller Spiegel eine gedankliche Öffnung gegenüber den Rechtsordnungen des europäischen Festlands, die wegen ihres gemeinsamen Ursprungs und der gemeinsamen Tradition untereinander große Ähnlichkeiten aufweisen. Mit dem common law verfügt man deshalb über eine deutlich größere Vielfalt an Lösungsansätzen für rechtliche und gesellschaftliche Probleme. Außerdem ist nicht zu übersehen, dass die Rechtstradition des common law den europäischen Integrationsprozess selbst beeinflusst, so dass es auch insofern Aufmerksamkeit im Rahmen von Europastudien verdient.
4.4 Wirtschaft Die Union, das europäische Haus, wird seit dem Vertrag von Maastricht (1992) häufig als Portikus eines griechischen Tempels mit drei Säulen dargestellt, die im wesentlichen wirtschaftlich bestimmte Europäische Gemeinschaft, die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) und die gemeinsame Innen- und Rechtspolitik repräsentierend. Dieses Gebäude von Maastricht dürfte wohl kaum Anspruch auf einen Architekturpreis erheben: die erste Säule ist dick wie eine Eiche, und die beiden anderen sind dünn wie Bleistifte. Doch um die Ästhetik geht es hier nicht. Worum es uns geht, ist die Tatsache, dass man auf
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
31
Grund der immensen Bedeutung des Wirtschaftlichen für den Einigungsprozess ganze Bibliotheken mit ökonomischen Europastudien füllen kann. Es wäre ein müßiges Unterfangen, auch nur ansatzweise zu versuchen, hier einen Überblick zu geben. Einen solchen Überblick bieten die einschlägigen Lehrbücher, die den Universitätskursen zur Ökonomie und Politik der europäischen Integration zugrunde gelegt werden. So nimmt es nicht Wunder, dass das Angebot solcher Lehrbücher unter Titeln wie The economics and policies of European integration in englischer Sprache besonders groß ist (Artis/Nixson 2001; Pelkmans 2001; Baldwin/Wyplosz 2004; El-Agraa 2004; Senior Nello 2005). Doch auch im deutschsprachigen Bereich steigt das Interesse an Europastudien und damit das Angebot an Kompendien (Klemmer 1998; Ohr/Theurl 2001; Wagener/Eger/Fritz 2006). Daneben sind die wissenschaftlichen Zeitschriften zu erwähnen, die Europastudien zum Gegenstand haben, z.B. das Journal of Common Market Studies, das Journal of European Public Policy, das Journal of European Integration, das Journal of European Social Policy oder das Journal of Contemporary European Studies. Die englischen Texte dominieren offensichtlich den europäischen Markt. Das ist eine natürliche Folge der Harmonisierung, der Tatsache nämlich, in der lingua franca verstanden zu werden. Und Bücher sind kein Cassis de Dijon, für das wechselseitige Anerkennung genügt, um überall genossen werden zu können. Dabei bestehen durchaus interessante Unterschiede in der jeweiligen Darstellung; zum Beispiel greifen deutsche Texte gerne zurück auf die juristischen Kommentare zum Europarecht, während anglo-amerikanische Texte stärker in der Wirtschaftstheorie fundiert sind. Und dann ist es so, dass die Begeisterung für eine supranationale Europäische Union in Großbritannien und Skandinavien deutlich kühler ist als auf dem Kontinent. Doch auch deutsche Analysen des europäischen Einigungsprozesses zeichnen sich durch nicht unerhebliche ordnungspolitische Vorbehalte aus. Wir sehen, von einer Harmonisierung der nationalen Präferenzen kann keine Rede sein. Im letzten Teil unseres Bandes werden beispielhaft einige Aspekte ökonomischer Europastudien vorgestellt. Bei der Fülle der möglichen Themen hat die Auswahl natürlich etwas Beliebiges. Area studies wie Lateinamerikakunde, Asienkunde, aber auch Osteuropakunde konzentrieren sich zumeist auf regionale Besonderheiten, im ökonomischen Bereich auf die Wirtschaftsentwicklung einer Region oder der in ihr gelegenen Länder im Zusammenhang mit ihrem sozio-kulturellen Umfeld. Das hat seine Berechtigung darin, landeskundliches Wissen zu produzieren, auf das zurückgreift, wer in der entsprechenden Region tätig werden möchte. Aber es ist in der Regel theoretisch unergiebig. Das war bei einem Typ der area studies nicht der Fall, den soviet studies seligen Angedenkens, bzw. dem Vergleich von Wirtschaftssystemen. Hier hatte sich neben den landeskundlichen Aspekten auch ein theoretisches Interesse entwickelt, die Analyse von Wirtschaftssystemen (Wagener 1979), aus der wichtige Beiträge zur neuen Institutionentheorie entstanden sind. Ganz ähnlich liegt der Fall bei den Europastudien. Sie werden sowohl von der Institutionentheorie unterstützt wie auch vom theoretischen Paradigma der Integration. Der landeskundliche Aspekt spielt keine so wichtige Rolle, wohl aber die angewandte Wirtschaftstheorie, d.h. die Wirtschaftspolitik. Denn schließlich kommen der Europäischen Union in vielen Politikbereichen erhebliche Kompetenzen zu, die sie im Zusammenspiel mit den Mitgliedländern ausüben muss. Kern der Europäischen Gemeinschaft ist der gemeinsame Markt. So nimmt es nicht Wunder, dass die Regulierung von Marktprozessen im Zentrum der wirtschaftspolitischen Aktivität der Union steht. Die Märkte öffnen, gleiche Wettbewerbsbedingungen für alle
32
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
schaffen, Diskriminierungen unterbinden, das sind die Ziele dieser Politik. Im Wesentlichen handelt es sich hierbei um negative Integration, die Abschaffung von Handelshemmnissen. Eingriffe in das Marktgeschehen werden nur dort für legitim gehalten, wo eklatantes Marktversagen auftritt. Das kann vor allem im sozialen Bereich der Fall sein. Jede Marktordnung ist gleichzeitig eine Sozialordnung. Nur muss das Ergebnis effizienter Märkte nicht notwendigerweise als sozial gerecht empfunden werden. Und was sozial gerecht sei, wird in den Mitgliedländern unterschiedlich bewertet. So ist die Schaffung einer europäischen Sozialordnung, die positive Integration impliziert, d.h. Setzung von gemeinsamen Standards, mit sehr viel größeren Schwierigkeiten verbunden als die Realisierung des gemeinsamen Marktes. Der technisch reinste Markt mit der größten Distanz zur Sozialordnung ist der Finanzmarkt. Man sollte deshalb erwarten, dass hier der Integrationsprozess am weitesten fortgeschritten sei. Was die Marktordnung betrifft, ist das wohl auch der Fall. Doch man mag die Pferde zur Tränke tragen, saufen müssen sie schon selbst. Das heißt, die tatsächliche Integration der Märkte äußert sich im Verhalten der Teilnehmer. Das ist noch immer von nationalen Eigenheiten geprägt. Dabei darf man nicht übersehen, dass die Integration der Finanzmärkte sehr jungen Datums ist – sowohl die Anpassung der ordnungspolitischen Elemente, die die internationalen Transaktionskosten beeinflussen, wie auch die Anpassung des Verhaltens der Marktteilnehmer benötigen Zeit. Das gilt natürlich vor allem für die neuen Mitgliedländer der Union in Ostmitteleuropa, wo eine marktwirtschaftliche Wirtschaftsordnung erst nach 1990 (wieder) eingeführt worden ist. Der Fall des Eisernen Vorhangs, die Schließung des Risses, der seit dem zweiten Weltkrieg durch Europas Mitte verlief, ist das historische Ereignis am Ende des 20. Jahrhunderts. Die Länder östlich des Grabens, die gezwungen waren, ein undemokratisches politisches System und ein ineffizientes Wirtschaftssystem zu übernehmen, haben aus diesem Grund nur verlangsamt am gewaltigen Entwicklungs- und Strukturwandlungsprozess der Nachkriegsperiode teilgenommen. Das bedeutet für sie heute, zu Westeuropa aufschließen zu müssen. Diese Aufgabe verwirklichen sie in zwei eng miteinander verbundenen Projekten, der Transformation ihrer politischen und Wirtschaftsordnung und der Eingliederung in die Europäische Gemeinschaft. Das ist ein weites Feld für Europastudien, die auf diese Weise einen Teil des Terrains der früheren Osteuropastudien besetzen, nachdem diesen im politisch-ökonomischen Bereich mit der sozialistischen Staats- und Wirtschaftsordnung ihre differentia specifica abhanden gekommen ist. Wurde Transformationsforschung zu Beginn der 1990er Jahre noch bevorzugt von alten Osteuropakennern betrieben, so ging sie als interessantes Puzzle rasch in die Hände der Profession allgemein über. (Wir wollen hier nicht darüber rechten, ob das ohne spezifische Kenntnisse von Ort und Zeit zu sinnvollen Ergebnissen führen kann.) Der Transformationsprozess in Ostmitteleuropa findet unter sehr aktiver Beteiligung westlicher Unternehmen statt: die Privatisierung der staatlichen Betriebe hat das westliche Kapital auf den Plan gerufen. Genauso wie die Integration der Finanzmärkte spielen sich aber auch die grenzüberschreitenden Aktivitäten von Wirtschaftsunternehmen nicht ausschließlich im europäischen Rahmen ab. Vielmehr werden beide Phänomene als typisch für den Prozess der Globalisierung angesehen. Man kann auch sagen, dass die Europäisierung ein Schritt auf dem Weg zur Globalisierung sei. International operierende Wirtschaftsunternehmen gestalten diesen Prozess an der Basis, sowohl was die Marktordnung, als auch was die Sozialordnung betrifft. Sie haben dabei die rechtlichen und die kulturellen Unterschiede
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
33
zwischen den Ländern, in denen sie tätig sind, zu berücksichtigen. Gleichzeitig sorgen sie mit der Übertragung ihrer Unternehmungskultur und dem Versuch, die Politik zugunsten präferierter Regulierungen zu beeinflussen, für einen Ausgleich dieser Unterschiede.
4.5 Schluss Damit schließt sich der Kreis unserer Europastudien. Kultur, Politik, Recht und Wirtschaft sind eigene Gesellschaftssysteme mit eigenen theoretischen Paradigmata. Sie stehen aber nicht isoliert voneinander. Ein adäquates Verständnis dessen, was sich in Europa abspielt, verlangt eine multidisziplinäre Betrachtung. Das haben Europastudien zu leisten.
Literatur Appelsmeyer, Heide / Billmann-Mahecha, Elfriede (Hrsg.), 2001: Kulturwissenschaft. Felder einer prozeßorientierten wissenschaftlichen Praxis. Weilerswist: Velbrück Wissenschaft. Artis, Mike / Nixson, Fredrick (Hrsg.), 2001: The Economics of the European Union. Policy and Analysis, 3rd ed. Oxford: Oxford University Press. Axt, Heinz-Jürgen, 2000: EU-Strukturpolitik. Einführung in die Politik des wirtschaftlichen und sozialen Zusammenhalts. Opladen: Leske + Budrich. Bach, Maurizio, 2000: Die Europäisierung der nationalen Gesellschaft? Problemstellungen und Perspektiven einer Soziologie der europäischen Integration. In: Maurizio Bach (Hrsg.): Die Europäisierung nationaler Gesellschaften (Sonderheft 40 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie). Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 11-35. Baldwin, Richard / Wyplosz, Charles, 2004: The Economics of European Integration. London: McGraw-Hill. Beyme, Klaus von, 1991: Theorie der Politik im 20. Jahrhundert. Von der Moderne zur Postmoderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Böhme, Hartmut, Matussek, Peter, Müller, Lothar, 2000: Orientierung Kulturwissenschaften: Was sie kann, was sie will. Reinbek: Rowohlt. Bracher, Karl Dietrich, 1993: Die Krise Europas seit 1917. Frankfurt a.M./Berlin: Propyläen. Christiansen, Thomas / Jorgensen, Erik / Wiener, Antje (Hrsg.), 2001: The Social Construction of Europe. London: Sage. Cowles, Maria G. / Caporaso, James A. / Risse, Thomas (Hrsg.), 2001: Transforming Europe. Europeanization and Domestic Political Change. Ithaca: Cornell University Press. Dinan, Desmond, 1999: Ever closer union? An introduction to European integration. Basingstoke, Hampshire: Macmillan. Durkheim, Emile, 1993: Der Selbstmord. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Eisenstadt, Shmuel N., 1987: European civilization in a comparative perspective. A study in the relations between culture and social structure. Oslo: Norwegian University Press. El-Agraa, Ali M. (Hrsg.), 2004: The European Union. Economics & Policies, 7th ed. Harlow u.a.: Prentice Hall. Frevert, Ute, 2003: Europavisionen. Ansichten guter Europäer im 19. und 20. Jahrhundert. Frankfurt a.M.: Fischer. Geertz, Clifford, 1995: Dichte Beschreibung. Bemerkungen zu einer deutenden Theorie von Kultur. In: Clifford Geertz (Hrsg.): Dichte Beschreibung. Bieträge zum Verstehen kultureller Systeme. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, S. 7-43. George, Stephen / Bache, Ian, 2001: Politics in the European Union. Oxford: Oxford University Press.
34
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
Haas, Ernst B., 1968: The Uniting of Europe. Political, Social and Economic Forces. 1950-1957. Stanford: Stanford University Press. Habermas, Jürgen (Hrsg.), 1979: Stichworte zur 'Geistigen Situation der Zeit'. 2 Bände. Frankfurt: Suhrkamp. Hartmann, Jürgen, 2002: Das politische System der Europäischen Union. Eine Einführung. Frankfurt a.M.: Campus. Hix, Simon, 1994: The Study of the European Community: The Challenge to Comparative Politics. In: West European Politics, vol. 17, no. 1, S. 1-30. Hix, Simon, 2005: The Political System of the European Union. 2nd edition. New York: Palgrave Jaspers, Karl, 1966: Wohin treibt die Bundesrepublik? München: Piper. Jaspers, Karl, 1979 (1932): Die geistige Situation der Zeit. Berlin/New York: de Gruyter. Jaspers, Karl, 1985 (1919): Psychologie der Weltanschauungen. München: Piper. Kant, Immanuel, 1984: Zum Ewigen Frieden. Mit Texten zur Rezeption 1796-1800. Leipzig: Reclam. Kittsteiner, Dieter (Hrsg.), 2004: Was sind Kulturwissenschaften? 13 Antworten. München: Fink. Klemmer, Paul (Hrsg.), 1998: Handbuch Europäische Wirtschaftspolitik. München: Vahlen. Kohler-Koch, Beate / Conzelmann, Thomas / Knodt, Michèle, 2004: Europäische Integration – Europäisches Regieren. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften. List, Martin, 1999: Baustelle Europa. Einführung in die Analyse europäischer Kooperation und Integration. Opladen: Leske + Budrich. Luhmann, Niklas, 1981: Soziale Systeme. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Mitrany, David, 1943: A Working Peace System. London: Royal Institute of International Affairs. Mittelstraß, Jürgen, 1989: Der Flug der Eule. Von der Vernunft der Wissenschaft und der Aufgabe der Philosophie. Frankfurt: Suhrkamp. Neyer, Jürgen, 2004: Demokratisches Regieren in einem postpathetischen Europa. In: Anna Geis/ David Strecker (Hrsg.): Politik in Krise? Normativ-empirische Sozialwissenschaft im Anschluss an Claus Offe. Frankfurt a.M.: Campus (im Erscheinen). Niess, Frank, 2001: Die europäische Idee. Aus dem Geist des Widerstands. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Nugent, Neill, 1999: The Government and Politics of the European Union. 4th edition. Houndsmills: MacMillan. Nünning, Ansgar / Nünning, Vera (Hrsg.), 2003: Konzepte der Kulturwissenschaften. Stuttgart: Metzler. Ohr, Renate / Theurl, Theresia (Hrsg.), 2001: Kompendium Europäische Wirtschaftspolitik. München: Vahlen. Parsons, Talcott, 1991 (1951): The social system. London: Routledge. Pelkmans, Jacques, 2001: European Integration. Methods and Economic Analysis. Second edition. Harlow u.a.: Prentice Hall. Pfetsch, Frank R., 2001: Die Europäische Union. Eine Einführung. München: Fink. Ragin, Charles C., 1987: The Comparative Method: Moving Beyond Qualitative and Quantitative Strategies. Berkeley: University of California Press. Rupp, Hans Karl / Noetzel, Thomas, 1994: Einleitung. In: Hans Karl Rupp / Thomas Noetzel (Hrsg.): Macht, Freiheit, Demokratie. Die zweite Generation der westdeutschen Politikwissenschaft. Marburg: Schüren, S. 7-13. Schmidt, Siegmar, 2002: Die Europäische Union in der Vergleichenden Politikwissenschaft. In: Hans-Joachim Lauth (Hrsg.): Vergleichende Regierungslehre. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 156-180. Senior Nello, Susan, 2005: The European Union. Economics, Policies and History. London: McGraw-Hill. Viner, Jacob, 1950: The Customs Union Issue. New York: Carnegie Endowment for International Peace. Wagener, Hans-Jürgen, 1979: Zur Analyse von Wirtschaftssystemen. Berlin/Heidelberg/New York: Springer.
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
35
Wagener, Hans-Jürgen / Eger, Thomas / Fritz, Heiko (Hrsg.), 2006: Europäische Integration. Ökonomie und Recht – Geschichte und Politik. München: Vahlen. Wallerstein, Immanuel, 1989: The Modern World-System III. The Second Era of Great Expansion of the Capitalist World-Economy, 1730-1840s. San Diego: Academic Press. Weidenfeld, Werner (Hrsg.), 2002: Europa-Handbuch. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. Weidenfeld, Werner / Wessels, Wolfgang (Hrsg.), 2002: Europa von A bis Z. Taschenbuch der europäischen Integration. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. Weiler, Joseph H.H., 1981: The Community System. The Dual Character of Supranationalism. In: Yearbook of European Law, vol. 1, S. 257-306. Zürn, Michael, 1996: Über den Staat und die Demokratie im europäischen Mehrebenensystem. In: Politische Vierteljahresschrift, vol. 37, S. 27-55.
Anhang: Master-Studiengänge mit Schwerpunkt Europastudien in Europa Thekla Lange Quellen:14 http://europa.eu.int/comm/education/programmes/ajm/3cycle/index_en.html http://www.icp-ajm.org/postgraduates/ajm.asp http://sfeuropa.swiss-science.ch
Name der Universität Frankreich U des Antilles et de la Guyane U d´Avignon et de pays Vaucluse U de Bordeaux IV U Bordeaux IV
U de Paris I
14
Name des Abschlusses
Disziplinärer Schwerpunkt
Dauer in Sprache Jahren
MA Commerce Européen et International MA professionnel Juriste européen
WiWi
1
F
ReWi
2
F
MA Démographie, Economie du développement et de l´integration MA Droit et Sciences Politiques, Mention droit communautaire et politiques européennes Maîtrise en droit. Mention droit européen DEA Droit Communautaire et Européen DESS Droit européen LLM.de droit français et de droit européen
WiWi
1
F
ReWi, PoWi
2
F
ReWi
1
F
ReWi
1
F
ReWi ReWi
1 1
F FE
Es sind postgraduale Studiengänge (Master-, Aufbaustudiengänge) erfasst, die sich explizit auf Europa beziehen. Zusätzlich zu den o.g. Informationen haben wir versucht, auf den Internetseiten großer Universitäten Europas nach Programmen der Europastudien zu suchen. Die Tabelle kann nur einen groben Überblick geben, vor allem weil durch den Bologna-Prozess die Landschaft der Universitäten und der Europa-Studiengänge stark im Fluss ist und weil die befragten Internetseiten nicht gleichermaßen aktuell sind. Für Hinweise auf Änderungen bzw. Fehler sind die Autoren dankbar.
36 Sciénce Po, Paris
U de Paris II U de Paris V
U de Paris X
U de Paris XI
U de Paris VIII
U de Paris XII
U de Paris Marnela-Vallée U Leonard de Vinci Paris U Cergy-Pontoise U des Sciences et Technologies de Lille I U de Lille II
U Lyon 3 U de Grenoble
U de Toulouse I
U Rouen
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange MA en études européennes (Euromasters) MA mention Métiers de l´Europe MA 2*Droit européen des affaires MA 2 Science juridiques, économiques et de gestion, mention Culture juridique européenne MA 1* Droit Intenationale et européen MA 2 Droit d´affaires européen MA Profesionel Droit. Mention international et européen MA Profesionel Droit. Mention Droit des Affaires, specialité Jurise Européen MA 2 Droit public international et européen MA 2 Droit de l´Union européenne et entreprises MA Entreprise et marché européen DESU Etudes Européenes DESS Management Culturel en Europe DEA La Construction Européenne: enjeux geopolitiques, economiques et socioculturels MA 2 Droit europeén fondamental MA 2 Histoire de droit européen MA 2 Droit européen et droit russe Ma Sciences Politiques Spécialité: Géopolitique et études européennes MA of Arts in European Public Policy DESS Chef de projet européen MA „ESPACE EUROPEEN ECONOMIQUE ET SOCIAL“ MA 2 Droit, mention defénse et securité nationales et européennes MA Science Politique, spécialité Métires de ´Europe MA 2 Droit communautaire appliqué MA 2 Recherche Droit Européen MA 2 Droit international et européen MA 2 Carrières juridiques internationales et européennes MA Europe Maîtrise en Droit International et Européen MA 2 Européen et Sciences du Travail
MA de Droit, mention: Droit international et européen
Interdisz. mit sozialwissenschaftl. Schwerpunkt Interdisz. (PoWi, WiWi, ReWi) ReWi ReWi
1 2
E, (D, S, F, I) F
1 1
F F
ReWi ReWi ReWi
1 1 2
F F F
ReWi
2
F
ReWi
1
F
ReWi
1
F
WiWi Interdisz. Interdisz. (Kulturpolitik, ReWi, Kulturelle Institutionen, europäische Kultur) Interdisz. (PoWi, KuWi, ReWi, WiWi, KuWi)
1 1 1
F F F
1
F
ReWi Rechtsgeschichte ReWi PoWi
1 1 1 2
F F F F
Interdisz. PoWi, Verwaltung, ReWi Interdisz. WiWi
1
E, F, D
1 2
F F
ReWi
1
F
PoWi, ReWi
1
F
ReWi ReWi ReWi ReWi
1 1 1 1
F F F F
Interdisz. ReWi
2 1
F F
Interdisz. (WiWi, ReWi, PoWi, inhaltlicher Schwerpunkt: Arbeit) ReWi
1
F
2
F
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien? U de Strasbourg III Institut des Hautes Études Europeénnes de Strasbourg
U d´Aix-Marseille I U d´Aix – Marseille III
U de Montpellier I U de Nancy II
MA 2 Droit de l´Union Euopéenne
ReWi
1
F
MA 2 Politiques Européennes MA in European Studies
PoWi Interdisz. (Geschichte, ReWi, WiWi)
1 1
F F, E
MA 1 Droit et études européennes Mention Études interdisciplinaires européennes MA 2 Droit et études européennes Mention Droits de l´homme MA d´Etudes Européennes
Interdisz. (Geschichte, ReWi, WiWi, PoWi)
1
F
ReWi
1
F
Interdisz.
2
F
MA 1 Systemes de droit en Europe
ReWi
1
F
Mater 1 Droit international et droit européen MA 2 Droits européens compares MA 2 Management Européen MA 2 Droit européen Diplôme d'études supérieures européennes
ReWi
1
F
ReWi 1 WiWi 1 ReWi 1 Je nach Spezialisierung: PoWi 1 und ReWi, WiWi oder Interdisz.* ReWi 3
F F F F
Magistère de Juriste d´affaires européen MA d´etudes juridiques eurpéen Mastère en relations publiques européennes
U de Rennes I
37
MA Droit européen
DEA en Economie Industrielle Européenne U de Tours MA en droit européen MA 2 Economie Européenne du Tourisme U de Valenciennes MA 2 Droit des Affaires Européennes et Internationales U catholique de DES/ MA in European Studies Louvain U de Nice MA in advanced European and international Studies MA in advanced European and international Studies U de Poitiers MA 2 droit des affaires, spécialité Droit francaise et européen des affaires MA 2 Science du management, spécialité gestion financière et fiscal européenne
F
ReWi 1 Rechtl., 1 kommunikationswissenschaftl. und kulturwissenschaftl. Schwerpunkt ReWi 1/2
F F
WiWi, PoWi
1
F, E
ReWi WiWi
2 1
F
ReWi
1
F
Interdisz. PoWi, WiWi, Soziologie Interdisz.
1
F/ E
1
Interdisz.
1
F, E, D* F, E, D
ReWi
1
F (P?)
WiWi
1
F
F
38 Italien U Siena
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange
MA of European Studies
Interdisz. (Geschichte, ReWi, WiWi, PoWi, Soziologie, Statistik) MA Politics in Europe PoWi MA in Contemporary European Stud- Interdisz. mit sozialwissenies: Politics, Policy, Society (Euromas- schaftl. Schwerpunkt ter) Johns Hopkins U – MA European Studies Interdisz. SAIS Bologna Center U degli studi di MA in European Studies Interdisz. (ReWi, WiWi, Firenze PoWi, Geschichte) European MA in Labour Sciences Interdisz. European Univer- LLM in Comparative, European and Internationales ReWi sity Institute International Law Florenz Collegio Europeo Advanced Diploma In European Interdisz. die Parma Studies (ADES) Tor Vergata U MA in European economy and InterWiWi Rom national Finance MA II Universarioin Guiridizioni ReWi internazionali (universali ed europee La Sapienza U MA in studi europei e relazioni interWiWi, PoWi Rom nazionali MA in Instituziono Parlamentari Interdisz. europea e Storia Constituzionale U Padua MA in Integrazione Europea WiWi, ReWi U Lecce MA in Pedagogia interculturale e Pädagogik deminesione europea dell educazione U Catania MA in Euro-Mediterranea, Partnership Interdisz. (PoWi, WiWi, Studies Soziologie, Kuwi)* Corso di Laurea Specialistica Governo PoWi dell Unione Europea e Politica Internazionale U Ferara MA in Fondamenti guiridici ed appli- Interdisz. cazione operativa delle politiche e die programmi comunitari negli stati membri dell Union europea U Udine MA Euroculture Interdisz. Spanien U de La Coruña MA in Studies of the European Union Interdisz. (ReWi, wirtschaftl., soziale politisch Integration) U Carlos III de MA in European Union Law ReWi Madrid U Carlos III de Máster en Cultura Política Europea Interdisz. mit sozialwissenMadrid Contemporánea (Euromaster) schaftl. Schwerpunkt U de Barcelona Especialización en Derecho de la ReWi Unión Europea/Diploma de postgrado U del País Vasco- MA en Interacion Europea Interdisz. (PoWi, WiWi, Euskal, Bilbao ReWi) U de Deusto, MA Euroculture Interdisz. Bilbao U Pontificia de MA en Estudios Europeos y Derechos Interdisz. Salamanca Humanos U de Valencia MA en Derecho de la Union Europea ReWi, PoWi
1
F, E, I
1 1
E E, (D, S, F, I)
2
E, F, D, R, S; I
1
I
1 1
I E F
1
I, E, F
1
E
1
I
1
I
1
I
1 1
I I
1
E, F
2
I
1
I
1
I, E
1
S, E, F
1½
E
1 1
E, (D, S, F, I) S
1
S
1
S, E
1
S
1
S
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien? U de Santiago de Compostela
U de Castilla - La Mancha, Toledo Real Instituto de Estudios Europeos, Zaragoza Portugal U Técnica de Lisboa U de Coimbra Belgien Katholieke U Leuven
U libre de Bruxelles
39
MA en Estudios Europeos
Interdisz.
2
S
Direito Publico Proceso de Integracia Unia Europea MA en Derecho Comunitario
ReWi
2
S
ReWi
2
S
MA en Comunidades Europeas y Unión Europea
Interdisz.
1
S
Mestrado em Economia e Estudos Europeus Mestrado de Ciencas JuridicoCommunitaris
Interdisz.
2
P
ReWi
2
P
MA in European Studies
Interdisz.. EU-Integration, West- und Osteuropa PoWi Interdisz. (WiWi, PoWi, KuWi und Geschichte) ReWi
1
E
1 1
E E/ F
1
F
PoWi WiWi WiWi (etwas PoWi)
1 1 1
F/ E F/ E E
Interdisz. ReWi
1 1
E, D E
ReWi, WiWi ReWi
1 1
E E/ F
Interdisz. (PoWi, WiWi, ReWi) WiWi Interdisz.
1
E/ F
1 1
E/ F E/ F
ReWi
1
E
Interdisz. Interdisz. PoWi Interdisz. ReWi Interdisz., Schwerpunkt Journalismus Interdisz., Schwerpunkt Kommunikation ReWi PoWi, WiWi
1 1 1 1 1 2
E E E E E E
1
E
1 1
E E
MA of European Politics and Policies. MA in European Studies
LLM in European Law (Diplome d´études specialisées en droit europeéne) MA European Politics MA in European Economics Universiteit AntMA Economics of International Trade werpen and European Integration Gent U MA Euroculture LLM in European and Comparative Law European MA in Law and Economics* Collège d'Europe/ MA in European Law College of Europe, Brüssel/ Natolin (Warschau) European Political and Administrative Studies MA in European Economic Studies MA in Interdisziplinary Studies Niederlande U of Groningen MA of Laws (LL.M.) in European Law MA in Euroculture U Maastricht MA analysing Europe (IMPREST) MA in European Studies MA of European Public Affairs MA European Law School U van Amsterdam European’ master’s programme in Journalism MSc European Communication Studies LL.M. European Private Law Amsterdam Exec. Masters in International and School of Interna- European Relations & Management tional Relations
40 The Hague U Schweden Lund U Stockholm U Uppsala U Finnland U of Turku
Dänemark Aalborg U Roskilde U Aarhus School of Business Litauen Kaunas U of Technology Vytautas Magnus U, Kaunas
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange MA European Law and Policy
ReWi, PoWi
1
E
MA of European Affairs Programme
Interdisz., PoWi, ReWi, WiWi ReWi Interdisz.
1
E
1 1
E E
MA European Studies Master’s Degree in European Social Policy Analysis
Interdisz. PoWi
1 1
E E
MA of Social Science Programme in European Studies Master’s Degree in European Social Policy Analysis MSc in EU Business & Law
Interdiz. Schwerpunkt auf PoWi PoWi
2
E
1
E
WiWi, ReWi
1
E
MA European Integration
Interdisz.
2
E/ L
MA in Euromanagement MA in Administration of the Institutions of EU
WiWi 2 PoWi, einige Interdisz. Veran- 2 staltungen
E/ L E/ L
ReWi
1
E
Interdisz. Interdisz., Schwerpunkt PoWi ReWi
1 2 1
P P P
ReWi
1
P
Interdisz. (PoWi, SoWi, Journalismus) Interdisz.
5
P
5
P
Interdisz. WiWi, ReWi, PoWi
1
P/ E
PoWi, ReWi PoWi und Verwaltung
1 1
P P
Verwaltung, WiWi
1
P
Interdisz.
1
P/ E?
MA of European Law MA Euroculture
Lettland The Riga Graduate LL.M in International and European School of Law Law Polen U àódzki U SzczeciĔski
U Warszawski
Warsaw School of Economics
GdaĔsk U
Podyplomowe Studia Europejskie* MA of European Studies Studia podyplomowe Prawo Europejskie i Prawa Czáowieka* Podyplomowe Studium Prawa Europejskiego* Magister Europeistyka Magister Europeistyka Podyplomowe studium Europejskich stosunków finansowo-ekonomicznoprawnych* Podyplomowe Studium Europejskie* Podyplomowe Studium Administracji publicznej i podejmowania decyzji w Unii Europejskiej* Podyplomowe Studium Administracji europejskiej, funduszy unijnych i polityki gospodarczej* Interdyscyplinarne Studium Podyplomowe Unia Europejska* Studium Podyplomowe Integracja Europejska ĝrodki pomocowe UE i zarządzanie przedsiĊbiorstwem w warunkach rynku wewnĊtrznego*
Interdisz., PoWi, ReWi, WiWi 1
P
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
Cracow U of Economics JagielloĔski U Krakow
Akademia Pedagogiczna, Krakau Tschechische Republik Karls-U, Prag
U Brno
Ungarn Central European U Österreich U Wien Donau-U Krems Karl-Franzens-U Graz Slowenien U of Maribor U of Ljubljana Griechenland National and Kapodistrian U of Athens National and Kapodistrian U of Athens Malta U of Malta Irland U College Dublin, Irland
Podyplomowe Studium „Edukacja Europejska“* Europeistyka i przemiany globalne* Integracja Europejska Studia podyplomowe Integracja Europejska* Podyplomowe Studium Prawa Europejskiego* MA in European Studies MA in Euroculture MA in Central & Easteuropean Studies Magister Europeistyka
41
Interdisz.
1
P
PoWi, SoWi Interdisz. Interdisz., Schwerpunkt WiWi
5 5 1
P P P
ReWi
1
P
Interdisz. Interdisz. Interdisz. Interdisz.
2 1 1 2,5
E E E P
East and Centraleuropean Studies MA Economics of International Trade and European Integration MA European Studies and International Relations MA European Politics
Interdisz. WiWi (etwas PoWi)
1 1
E E
PoWi
2
T
PoWi
2
E
MA in International Relations and European Studies
Interdiziplinär (PoWi, ReWi, WiWi, Geschichte)
1
E
MA European Studies
Interdisz. PoWi, WiWi, ReWi Interdisz., PoWi, WiWi, ReWi ReWi ReWi, PoWi
1
D
1 2 1½
D D E/ D
Magistrski študijski program Gospodarsko pravo Evropske* Master’s Degree in European Social Policy Analysis
ReWi
1
S
PoWi
1
E
MLL in European Law
ReWi
2
G
MA in European Politics and Society MSc in International Economics and Finance
PoWi WiWi
2 1
G/ E G/ E
MSc inEuropean Economic Studies
WiWi
1
G/ E
MJur In EU and Comparative Law MA in European Studies
ReWi Interdisz.
1 1
E E
MA in European Studies
Interdisz.
1
E
MEcon SC (MA of Economic Science in European Economic and Public Affairs)
Interdisz.
1
E
MA European Studies LLM EURO-JUS (Berufsbegleitend) LLM in European Integration and South East European Law
42 National U of Ireland Maynooth
U of Limerick
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange MA European Studies
PoWi, WiWi
1
E
Master’s Degree in European Social Policy Analysis MA in European Integration
PoWi
1
E
Interdisz. (PoWi, ReWi, WiWi, Geschichte) ReWi
1
E
1
E
MA in Contemporary European Stud- Interdisz. mit sozialwissenies: Politics, Policy, Society (Euromas- schaftl. Schwerpunkt ter) MA in European Integration and PoWi und EU-ReWi Public Policy
1
E, (D, S, F, I)
1
E
MA in European Studies MA Russian and East European Studies MSc in Contemporary Russian and East European Studies LLM European law MA in Contemporary European Studies MA in European Politics MA European Law and Policy MA European Studies LLM in European Legal Studies MA/MPhil in European Politics MA in European Parliamentary Studies MSc in the International Relations of the European Union MSc in Policy-Making in the European Union MSc in European and International Studies LLM European Lagal Studies MA European Studies MA European Integration MA in European Politics LLM European Community Law LLM European Business Law MA in European Governance MA European Integration LLM European Law MSc European Economic Integration MA in International Relations and European Studies MSc in International and European Politics European & Comparative Politics LLM European Law MA in Euroculture LLM European Law MA in European Union Politics MA European Studies
Interdisz. (breites Konzept) Interdisz.
1 1
E E
Interdisz.
1
E
ReWi Interdisz., Schwerpunkt SoWi
1 1
E E
PoWi ReWi, PoWi Interdisz. ReWi PoWi PoWi
1 1 1 1 1 1
E E E E E E
PoWi
1
E
PoWi
1
E
PoWi
1
E
ReWi Interdisz. Interdisz. PoWi ReWi ReWi PoWi Interdisz. ReWi WiWi PoWi
1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 1
E E E E E E E E E E E
PoWi
1
E
PoWi ReWi Interdisz. ReWi PoWi PoWi
1 1 1 1 1 1
E E E E E E
LLM in European and Comparative Law Großbritannien U of Bath
Queen’s U of Belfast, Nordirland U of Birmingham
U of Sussex
U of Portsmouth U of Leeds Loughborough U
Cardiff U U of Essex
U of Kent
U of Edinburgh
U of Liverpool Liverpool John
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien? Moores U U of Lincoln U of Leicester De Montfort U Leicester Lancaster U
Robert Gordon U Abedeen U of Aberdeen U of Cental Lacashire U of Surrey U of Exeter
U of Glasgow
U of Cambridge Anglia Polytechnic U
South Bank U London London Metropolitan U
LLM in European Law LLM/MA European Law and Integration MA in European Cultural Planing
ReWi ReWi
1 1
E E
Interdisz.
2
E
MA in European Institutions and Policy Making LLM in European and International Legal Studies MSc in European Environmental Management MSc European Policy Law and Management LLM in Internationale & European Law LLM European Law
PoWi, ReWi
1
E
ReWi
1
E
Interdisz.
1
E
Interdisz.
1
E
ReWi
1
E
ReWi
1
E
MA in European Politics, Business & Law MA in European Studies
Interdisz.
1
E
Interdisz. Geschichte, PoWi, Soziologie Interdisz.
1
E, F, S
1
E
ReWi PoWi ReWi, PoWi Literaturwissenschaft, Philosophie Interdisz.
1 1 1 1
E E E E
1
E
Interdisz.
1
E
Interdisz. Sprache und Kultur der EU ReWi
1
E
1
E
Interdisz. PoWi, Verwaltung, ReWi PoWi
1
E, F, D
1
E
Interdisz. Ideengeschichte
1 1
E E
1 1
E E
1 1 1
E E E
1 1 1 1
E E E E
MA in European Languages and Culture LLM European Law MA in European Governance LLM in European Legal Studies MLitt in European Culture, Thought & Literatur Mres in Russian and East European Studies MA in Contemporary European studies MA European Language & Intercultural Studies LLM/MA International & European Business Law MA in Public, Policy Studies
MA in International and European Studies MA Modern Europan Studies University College MA in European Thought London MA in European Culture MA In European Society
U of London
43
Interdisz. Interdisz., Sozialwissenschaftl. Schwerpunkt MA in European History Geschichte MSc In European Public Policy PoWi MA in Andvanced Legislative Studies, ReWi EU Direction MSc European Policy & Management PoWi, WiWi MSc European Politics PoWi MSc European Public Politcy PoWi MA European Cultures Interdisz.
44 London School of European Studies and Political Sciences
Brunel U West London U of Durham/ U of Newcastle upon Tyne U of Newcastle Upon Tyne U of Staffordshire U of Dundee
U of Hull U of Glamorgan
Coventry U U of Keele U East Anglia, Norwich U of Nottingham U of Wales Swansea
T. Beichelt, B. Choáuj, G.C. Rowe, H.-J. Wagener und T. Lange MSc European Political Economy*
PoWi, WiWi
1
E
MSc in European Studies (Research) MSc in European Social Policy LLM European & International Commercial Law MA European Integration
PoWi, WiWi PoWi ReWi
1 1 1
E E E
PoWi
1
E
LLM in European Legal Studies MA in European Union Studies
ReWi ReWi, PoWi
1 1
E E
MA Economics of International Trade and European Integration LLM European Energy&Natural Resources Law and Policy MSc European Politics LLM in European Public Law MA in European Union Governance MSc European Societies
WiWi (etwas PoWi)
1
E
ReWi (PoWi)
1
E
PoWi ReWi PoWi Interdisz., Sozialwissenschaftl. Schwerpunkt ReWi PoWi Ingenieurswissenschaften Interdisz. Polititk
1 1 1 1
E E E E
1 1 1 1 1
E E E E E
SoWi PoWi ReWi PoWi
1 1 1 1
E E E E
Interdisz.
1
E
LLM European Union Law European Nationalism and Integration MSc European Construction MA European Politics and Culture MA in International Relations and European Studies MA in European Union MA in European Integration LLM in European Law MA European Politics MA in European Literary and Cultural Studies
Einleitung: Was heißt und zu welchem Ende studiert man Europastudien?
Kultur
45
Europa. Anmerkungen zur Genese eines rastlosen Kontinents
47
Heinz Dieter Kittsteiner
Europa. Anmerkungen zur Genese eines rastlosen Kontinents
1
Die Oder oder Europa
Unsere Universität in Frankfurt (Oder) heißt „Europa-Universität Viadrina“. Das ist ein vielversprechender Titel, und der alte Name dieser 1506 gegründeten Universität ist nicht ganz einfach zu erklären. Es ist die „Alma mater Viadrina“; ihr Name bezieht sich auf den Fluss. Die Oder selbst hat eine Bezeichnung aus der alteuropäischen Wortschicht. Adro heißt Ader, Wasserader. Vjodr scheint ihr erster slawischer Name gewesen zu sein: Ein Fluss im Sumpf, eingebettet in Auenwälder. Wer auf dem Schiff die auf weite Strecken naturbelassene Oder hinunterfährt, sieht noch heute, was gemeint war. Daraus ist im Griechischen iadros geworden, und der lateinische Flußname Viadrus fluvius ist daraus abgeleitet, wobei Viadrus zugleich der Name des Odergottes ist (Schneider 2003). So kommt es, dass unsere Universität schon einen Namen mit gesamteuropäischem Bezug hatte, auch ohne „Europa-Universität“ zu heißen, denn die Oder war ein alter Handelsweg. So kommen wir zwanglos von der Oder auf Europa. Was den Namen betrifft, so ergeht es Europa übrigens nicht besser als der Oder. Euros heißt modrig, neblig, dumpf, düster – „jenes Schwarze im Wasser“, ein Ort nahe der Unterwelt. Die Antike kennt drei Erdteile: Europa, Asien und Lybien, also Afrika. Seit dem sechsten Jahrhundert v. Chr. wird mit Europa das Land nördlich des Mittelmeeres bezeichnet, das Land der „untergehenden Sonne“ – das Abendland. Dieser orbis tripartitus wird mit mythologischen Gestalten in Verbindung gebracht. Die Erdteile bekommen Namen von den Töchtern des Okeanos: Europa, Asien und Afrika sind sozusagen Halbschwestern. Eine andere Genealogie zeigt der Name „Europa“ für die Tochter des phönizischen Königs Agenor: Das wäre dann die „Dunkelaussehende“. Diese Schöne ist gerade mit ihren Freundinnen beim Blumenpflücken auf einer Wiese nahe am Meer bei der Hafenstadt Tyros, als plötzlich ein makellos weißer Stier auftaucht. Er hat nur kleine Hörner und blickt freundlich; sie windet ihm Blumenkränze. Der Stier – denn er ist kein anderer als der ewig auf erotische Abenteuer bedachte Zeus – legt sich nieder; sie steigt auf. „Doch vom Land, vom trockenen Ufer entschreitet allmählich Sachte der Gott mit trügenden Schritten zuerst in das Wasser, Geht dann tiefer hinein und entführt durch das Meer seine Beute. Angstvoll bemerkt es die Jungfrau: sie schaut zurück nach der Küste, Hält mit der Rechten umklammert ein Horn, auf dem Rücken des Stieres Ruht die Linke; es flattert das Kleid und bauscht sich im Winde.“
So steht es in den Metamorphosen des Ovid (1958: 149). Jupiter schwimmt mit Europa bis nach Kreta, nimmt wieder menschliche Gestalt an und zeugt mit ihr den mächtigen König und Gesetzgeber Minos. Die Fabel von Europa und dem Stier hat die bildenden Künstler der Antike beflügelt, und dann wieder die Kunst der Renaissance. Da alle Mythen etwas zu
48
Heinz Dieter Kittsteiner
bedeuten haben, könnte man so sagen: Die geistigen Wurzeln Europas liegen nicht dort, wo wir heute wohnen: nicht in Rom, Paris, London oder in Berlin. Sie liegen an seinen Rändern: In Athen (eigentlich sogar in Ionien, der heutigen türkischen Westküste) und in – Jerusalem. Europa hat eine exzentrische Identität (Brague 1993: 26 ff). Ex oriente lux.
2
Die doppelte Identität: Religion und Philosophie
Die europäische Kultur ist immer theologisch und philosophisch bestimmt gewesen. Das hat ihr eine große Beweglichkeit gegeben; sie konnte hin- und herschalten zwischen zwei Polen: Vernunft und Glauben. Griechische Philosophie und das auf dem Wege der Missionsreisen des Paulus aus Jerusalem nach Westen transportierte Christentum treffen sich in Rom. Europa lebt seit zwei Jahrtausenden in einer hellenistisch-jüdisch-christlichen Mischkultur. Rom ist aber keinesfalls eine passive Vermittlerin. Rom taucht – wie der große Kirchenhistoriker Adolf von Harnack gesagt hat – alles in seine Problemlagen. Im Rom des ersten und zweiten nachchristlichen Jahrhunderts konnte niemand mehr ein Gott sein – der nicht ein Erlöser war. Und daher stellt die Theologie des Apostels Paulus Christus als den Erlöser in den Mittelpunkt (Harnack 1921: 17 ff). Rom ist aber auch der Umschlagplatz der griechischen Philosophie; hochgebildete Römer betrachteten misstrauisch das Treiben dieser neuen „Gottesfreunde“. Der Dichter Lukian verspottete das mit Aberglauben durchsetze Heidentum und die Schwärmerei der Christen gleichermaßen. Als er der Selbstopferung des Peregrinus beiwohnte, schrieb er: „Es ist kein angenehmes Schauspiel, einen alten Mann zu sehen, den man geröstet hat, wobei uns ein abscheulicher Gestank in die Nase stieg“ (Brown 1986: 87). Doch das Christentum setzt sich durch. Das Papsttum überlebt den Untergang des weströmischen Reiches – die Philosophie aber auch. Der Theologe Boethius aus römischem Hochadel, des Verrates angeklagt und zum Tode verurteilt von dem Gotenkönig Theoderich, schrieb im Kerker sein berühmtes Buch „Trost der Philosophie“ – nicht etwa Trost in der Religion. Es zeigt den in Not und Verfolgung auf sich selbst gestellten Weisen und hat auf das Mittelalter eine große Wirkung ausgeübt (Brown 1999: 162). Kein Geringerer als Dante setzte Boethius unter die Theologen des „Vierten Himmels“ (Dante 1877: 65). So beginnt ein in den Weltkulturen einmaliges Wechselspiel zwischen Religion und Philosophie. Bald stützen sie sich gegenseitig, wie in der hochmittelalterlichen Scholastik – sowohl Platon als auch Aristoteles konnten christlich gedeutet werden (vgl. Flasch 1986) –, bald treten sie in Gegensatz zueinander. In der Renaissance und dann wieder im 17. Jahrhundert emanzipiert sich die Philosophie von der Religion und tritt ihr kritisch gegenüber: nicht zum Schaden, sondern zum Nutzen beider Kontrahenten – und zum Nutzen Europas.
3
Mühsame Anfänge
Europa. Wer sich heute in einem historischen Atlas das Reich Karls des Großen anschaut, erschrickt unwillkürlich. Karl der Große – das klingt so großartig; aber das Land, über das er gebot, umfasste nur Frankreich bis zur Spanischen Mark; hinter den Pyrenäen begann das Emirat von Cordoba. Die Kanalküste wurde von Wikingern bedrängt, der Osten von
Europa. Anmerkungen zur Genese eines rastlosen Kontinents
49
den Awaren. Die Sachsen mussten erst gewaltsam christianisiert werden. Dazu gehörten noch Nord- und Mittelitalien bis etwas südlich von Rom. Wer damals nach einem Zentrum der Welt gefragt hätte, wäre – ganz abgesehen von Indien und China – eher an das Bagdad seines Zeitgenossen, des Kalifen Harun al Raschid, verwiesen worden. Der Palast, den Karl sich in Aachen errichten lässt, hatte etwa die Größe der Residenz eines Provinzgouverneurs zu Zeiten des byzantinischen Reiches unter Konstantin (Brown 1999: 321). Doch dieser schmale Landstreifen, dieses Kerneuropa, hat es in sich. Die mittelalterliche Agrarrevolution etabliert ein ausgewogenes, wenn auch noch instabiles Verhältnis von Getreideanbau, Großviehhaltung und high-tech: die Wind- und vor allem die Wassermühlen. Die Mühlentechnik ist vielfältig anwendbar: Man kann auch Pochwerke zum Zerkleinern des Eisenerzes damit errichten. Europa kommt auf die Beine. Das Hochmittelalter ist eine Wärmeperiode, und zwischen 1150 und 1300 beginnt in Europa eine Expansionsphase, die sich auch demographisch bemerkbar macht (vgl. Mitterauer 2003; Seibt 2002). Doch zwischen 1300 und 1450 schrumpft das System wieder. Die Gründe sind Übervölkerung, Nahrungsmangel, Verteilungskriege und Seuchen. Das große Trauma ist die Pestwelle von 1349/51.1 Verglichen mit den mühsamen Anfängen Europas ist die Expansion des Islam ein einziger Siegeslauf. 632 war der Prophet gestorben; um 750 umfasste das Reich der Omajjaden einen Landkomplex von Buchara, Kabul und Samarkand im Osten bis Spanien und Südfrankreich im Westen, verbunden durch die ganze südliche Mittelmeerküste (einen reich bebilderten Überblick bieten: Robinson 1998; Ruthven 2000). Was wäre eigentlich geschehen, wenn Karl Martell in der Schlacht von Tours und Poitiers die arabische Expansion nicht zum Stehen gebracht hätte? Der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler hat es einmal bedacht: Dann wäre aus Europa „Frankistan“ geworden, das Kalifat des Nordostens. Städte wie Granada wären an der Loire und am Rhein entstanden (Spengler 1922: 231). Die Kreuzzüge der Christenheit sind auch Raubzüge und ein erster „Zusammenstoß der Kulturen“ im großen Maßstab. Europa eignete sich Zypern, Teile von Palästina und Syrien an, es war aber auf die Dauer zu schwach, diese Gebiete zu halten. Von der Niederlage in der Schlacht von Hattin 1187 gegen Sultan Saladin haben sich die Kreuzritter nie wieder erholt (Mayer 1965: 127). Von Dauer hingegen war der Kulturkontakt mit dem Islam – und das Aufblühen der italienischen Seestädte, allen voran Venedig. Das ist die Lage Europas im späten Mittelalter: Im Osten bildet der Islam eine unüberschreitbare Grenze. Er bildet aber auch eine Art Schutz. Im Jahre 1241 wurde bei Liegnitz in Schlesien ein deutsch-polnisches Ritterheer von den Mongolen vernichtet. Die volle Wucht des Mongolensturms aber traf Bagdad, das 1258 erobert wurde. Doch genau an diesem Punkt feiert der Islam seinen vielleicht größten kulturellen Triumph: Die zentralasiatischen Nomaden nehmen die Religion der Unterlegenen an. Der Islam dehnt sich nun bis nach Indien aus. Im Jahre 1500, kurz nachdem Kolumbus Amerika entdeckt, erreicht der Islam die Malaiische Halbinsel, Sumatra und Java (Robinson 1998: 26).
1
Es ist der große Griff der oft unterschätzten Kulturgeschichte von Egon Friedell, die europäische Neuzeit mit der „traumatischen Neurose“ der Pest beginnen zu lassen. Friedell 1930, Bd. 1: 63.
50 4
Heinz Dieter Kittsteiner Die Renaissance und die Neue Welt
Ein neuer Ansturm aus Zentralasien unter Timur-Lenk schwächte die Osmanen vorübergehend, so dass sie Konstantinopel erst im Jahr 1453 erobern konnten (Runciman 2005). Schon vorher aber hatte man byzantinische Gelehrte nach Italien eingeladen, die die Kenntnisse des Griechischen mitbrachten. Um die Mitte des 15. Jahrhunderts ist die Krise des Spätmittelalters überwunden. Im Humanismus zeigt sich nun die innere Spannung der europäischen Doppelkultur, und der Schwerpunkt verschiebt sich von der Theologie zum ersten Mal auf die Philosophie. Gerade weil Europa eine so wild bewegte Geschichte hat, weil die Antike untergegangen ist, gibt es immer auch, inmitten der Trümmer und Relikte, eine ferne Ahnung der einstigen Größe. Anders gewendet: Ohne Untergänge und Einschnitte keine Renaissancen. Leon Battista Alberti schreibt in seinem Traktat „Della Pittura“, eigentlich sei er schon von der Abnahme der Kreativität im Vergleich zur Antike überzeugt gewesen – als er aber in Florenz die Werke Brunelleschis, Donatellos und Masaccios gesehen habe, habe sich ihm der Gedanke aufgedrängt, ob wir die Antike nicht vielleicht schon überrundet hätten (Procacci 1989: 91). Nun verändert sich auch die Ikonologie der Europa; die Geraubte sitzt nicht mehr wehklagend, sondern triumphierend auf ihrem Stier und nach und nach tauchen auch Darstellungen auf, die Europas Vorrang vor den anderen Kontinenten ausdrücken (vgl. zur Ikonologie: Mundt 1988). Zugleich tritt die europäische Identität neben die ältere Selbstbezeichnung der „Christenheit“. Denn als Francis Bacon 1623 von „uns Europäern“ spricht, geht er davon aus, dass seine Leser wissen, was damit gemeint ist (Hale 1994: 12). Der plündernde und verheerende Ausgriff der Europäer nach Westen, nach Mittel- und Südamerika, kompensiert reichlich das verlorene Terrain im Osten. Europa, die Geraubte, ist nun selbst zur Räuberin geworden. Die Haupthandelswege verlagern sich vom Mittelmeer in den Atlantik. Es entsteht das, was der amerikanische Historiker und Soziologe Immanuel Wallerstein eine europäische Weltwirtschaft genannt hat. Seine Grundidee ist: Um 1500 entsteht etwas Neues, das es bislang nicht gab. Kein neues Imperium; welthistorische Imperien hat es immer gegeben. Es entsteht eine weltweite Vernetzung der großen Handelszentren, die primär ökonomisch, nicht politisch definiert ist. Diese Abfolge der starken Zentren wandert an Europas Küsten entlang: Von Venedig nach Genua, von dort nach Sevilla, später nach Antwerpen, nach Amsterdam und schließlich nach London (Wallerstein 1986: 46). Was wird denn in Sevilla umgeschlagen? Das spanische Silber aus der neuen Welt (Fank 1978: 63). Der Weg dieses Silbers ist interessant. Es bleibt nicht in Spanien, sondern fließt dorthin ab, wo die größte Kaufkraft lockt. In ihrem chronisch defizitären Handel mit dem Nahen und Fernen Osten haben die Europäer keine Waren zu bieten; sie haben aber den Gegenwert in Edelmetall. Das in Peru geraubte Silber endet zum Teil in indischen und chinesischen Schatztruhen. 1559 zieht der französische Humanist Louis Le Roy eine Bilanz: „Bedenket nur, wie weit das Christentum einst gereicht hat und wie viele Länder nun an den siegreichen Türken verloren sind, der Nordafrika und den Balkan besitzt und Wien belagert hat. Als wären die Gebete der Mohammedaner erhört worden, ist Europa von seinem eigenen Blut getränkt. Was für eine Blindheit liegt darin! Wenn ihr mir nicht zuhören wollt, dann hört auf die Stimme unserer gemeinsamen Mutter Europa: „Ich, die ich in den vergangenen Jahrhunderten so viele Entdeckungen gemacht habe, sogar von Dingen, die die Alten nicht gekannt haben – neue Meere, neue Länder, neue Spezies von Menschen, neue Sternbilder –, mit spanischer Hilfe habe
Europa. Anmerkungen zur Genese eines rastlosen Kontinents
51
ich gleichsam eine Neue Welt gefunden und erobert. Aber so großartig diese Dinge auch sind: Im selben Augenblick, da sich der Gedanke an Krieg erhebt, versinken die besseren Künste in Schweigen, und ich bin in Flammen gehüllt und entzweigerissen. Bewahrt mich vor weiteren Übeln: Ehret die Künste des Friedens, der Literatur und des Fleißes und ihr werdet belohnt vom dankbaren Gedenken der Menschheit. Hört nur auf die heilige Stimme Europas“ (Hale 1994: 17).
5
Die Religionskriege und die zweite Gründung Europas
Seine Warnung sollte verhallen. Denn mit der konfessionellen Spaltung Europas seit Luther und Calvin war eine Situation entstanden, in der die Konflikte der Großmächte zugleich religiös legitimiert werden konnten. Das ist eine brisante Mischung, denn der Gegner ist dann nicht nur der „Feind“, er ist zugleich der schlimmste Feind, der „Feind Gottes“, ein Häretiker, ein Ketzer. Nun stehen sich Protestanten und Katholiken gegenüber; das spanische und österreichische Haus Habsburg auf der einen, die protestantischen Reichsstände, unterstützt vom schwedischen König Gustav Adolf auf der anderen Seite. Das katholische Frankreich verfolgt seine eigene Politik; die Seemächte Holland und England liegen untereinander im Konkurrenzkampf, können sich aber auch gelegentlich verbünden. Was den Niederländern in einem langwierigen Krieg gegen die Spanier schließlich glückt, misslingt in der Mitte Europas. Als die böhmischen Stände gegen die Habsburger rebellieren, explodiert 1618 dieses europäische Pulverfass – und als der Rauch sich 1648 verzieht, hat der Krieg 30 Jahre lang gedauert (Parker 1991; Buckhardt 1992). Er wird ausgetragen zum großen Teil auf dem Territorium des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation“, durch das sich von Pommern bis an den Oberrhein eine „Zerstörungsdiagonale“ zieht. Der große Astronom Johannes Kepler, der Wallenstein die Horoskope stellt, schreibt, in Deutschland habe man nur die Wahl zwischen einer Stadt, die schon zerstört ist, und einer Stadt, die noch zerstört werde. Und ein Söldner, der selbst an der Erstürmung und Verwüstung Magdeburgs 1631 beteiligt ist, notiert in seinem Tagebuch: „Ist mir doch von Herzen leid gewesen, dass die Stadt so schrecklich gebrannt hat, wegen der schönen Stadt und weil es meines Vaterlandes ist“ (vgl. Peters 1993: 23). Je länger der Krieg dauert, desto mehr bildet sich eine Art von „Reichspatriotismus“ heraus, der schließlich die Existenz der fremden Söldnerheere auf deutschem Boden überhaupt als den Grund allen Übels betrachtet. Wenn gefragt wird, wann die „Moderne“ beginnt, werden zumeist zwei Jahrhundertzahlen genannt: 1500 und 1800. Wer 1500 sagt, denkt an die Entdeckung Amerikas, wer 1800 sagt, hat schon die industrielle Revolution im Blick. Dazwischen liegt aber das Jahr 1650 und man kann mit guten Gründen sagen: In diesem Zeitraum musste sich Europa wieder neu erfinden. „Three dates, then, for a rupture: around 1500, 1650, and 1800; three (or more) theories of history: 1800, with an emphasis on industrialism as the crucial change; 1650, with an emphasis either on the moment when the first 'capitalist' states (Britain and the Netherlands) emerge or on the emergence of the presumably key 'modern' ideas of Descartes, Leibniz, Spinoza, Newton, and Locke: and 1500, with an emphasis on the creation of a capitalist world-system, as distinct from other forms of economies“ (Wallerstein 1998: 7). Der amerikanische Historiker Theodore K. Rabb hat diesen Einschnitt zwischen 1640 und 1680 die „Stabilisierungsmoderne“ genannt, und es gibt gute Gründe, seiner Auffas-
52
Heinz Dieter Kittsteiner
sung zu folgen. Rabb hat versucht, die Mitte des 17. Jahrhunderts unter einem einzigen Motiv zusammenzufassen: Es ging um die Stabilisierung einer als krisenhaft erfahrenen Zeit: „Control was the antidote to disarray“ (Rabb 1975: 49; Kittsteiner 2003). Der Dreißigjährige Krieg ist zu Ende. Die Soldateska der Krieg führenden Staaten hat auf allen Seiten etwa die gleichen Gräuel begangen. Theologisch waren sie nicht mehr zu legitimieren. Die großen Wellen der Hexenverfolgungen sind vorüber. Sie „liefen nicht aus“ oder „schliefen ein“, wie man oft noch lesen kann, sondern sie wurden von energischen Obrigkeiten bewusst abgebrochen, die eingesehen hatten, dass sie mit dieser Art von Verfolgungen nur ihr eigenes Land verwüsten. Es gibt eine neue kopernikanische Kosmologie, die mit den Namen Galileo Galilei und Kepler verknüpft ist, und die wenig später von Isaac Newton vollendet werden wird. Sie hatte den Nebeneffekt, dass die alten Orte des Bösen unsicher wurden. Wenn die Welt nicht mehr wie noch im ptolemäischen Weltbild in eine Sphäre über und unter dem Mond eingeteilt wird, gibt es auch für den Satan als „Geist in der Luft“ keinen Raum mehr, von dem her er seine Hexen zu ihrem Teufelswerk aufrufen kann (Kittsteiner 1991). Der englische Historiker Keith Thomas hat diesen mentalen Wandel im Gefolge der neuen Wissenschaften so zusammengefasst: „The essence of the revolution was the triumph of the mechanical philosophy. It involved the rejection both of scholastic Aristotelianism and of the Neoplatonic theory which had temporarily threatened to take its place. With the collapse of the microcosm theory went the destruction of the whole intellectual basis of astrology, chiromancy, alchemy, physiognomy, astral magic and their associates. The notion that the universe was subjected to immutable natural laws killed the concept of miracles, weakened the belief in the physical efficacy of prayer, and diminished faith in the possibility of direct divine inspiration. The Cartesian concept of matter relegated spirits, whether good or bad, to the pure mental world; conjuration ceased to be a meaningful ambition” (Thomas 1978: 769).
Die friedensunfähigen Konfessionen, die so viel Öl ins Feuer gegossen hatten, wandelten sich allmählich in eine verinnerlichte Religiosität. Frömmigkeitsbewegungen wie der Pietismus (Brecht 1993), aber auch Philosophen, die die streitenden Religions-Parteien bändigen wollen, machen den Geist der neuen Zeit aus. Denn worin besteht eine Religion? In der Befolgung äußerlicher Rituale? Benedictus de Spinoza, der aus Portugal geflohene Jude, der aber auch aus der Amsterdamer Synagoge exkommuniziert wurde, veröffentlicht 1670 seinen „Theologisch-Politischen Traktat“. Worin unterscheiden sich denn die Religionen? An gewissen Äußerlichkeiten und Ritualen, die ihre Anhänger ängstlich beachten. Was aber die Moral betrifft, so sind Christen, Muslime und Juden gleich gut oder gleich schlecht. Spinoza möchte die streitenden Konfessionen auf sieben Punkte reduzieren, auf die sich alle einigen sollten. Am wichtigsten ist der Artikel Nr. 5: „Die Verehrung Gottes und der Gehorsam gegen ihn besteht bloß in der Gerechtigkeit und in der Liebe oder Nächstenliebe“ (Spinoza 1976: 218). Thomas Hobbes erklärt die Religion zur Privatsache. Die Konfessionen tun so, als ob sie in der Wahrheit stünden – da sie sich aber widersprechen, haben sie keine Wahrheiten zu verkünden, sondern bloß Meinungen. Die Methode dieser Religionskritik ist bis heute interessant: Man sucht nach den universalisierbaren Gehalten in den Weltreligionen und marginalisiert das Trennende. Die Theologen aller Konfessionen eiferten und zeterten damals über ein solches Maß von Gottlosigkeit.
Europa. Anmerkungen zur Genese eines rastlosen Kontinents 6
53
Die Aufklärung und die weltweite Expansion Europas
Man kann das 18. Jahrhundert bis in sein letztes Drittel hinein als eine zweite Phase der „Stabilisierungsmoderne“ betrachten. Politisch setzt sich die Idee des „europäischen Gleichgewichts“ durch, und die Großmächte achten darauf, dass es eingehalten wird. Gerät es einmal aus der Balance, wie im Spanischen Erbfolgekrieg zwischen 1701 und 1714, dann ist allerdings der Krieg das letzte Mittel. Zu den Friedensverhandlungen von Utrecht kommt als Sekretär eines französischen Gesandten der Abbé de St. Pierre angereist und unterbreitet den Mächten seinen Plan für einen „ewigen Frieden“. Er besteht im Wesentlichen darin, dass sich alle europäischen Mächte unter Federführung Frankreichs wechselseitig in ihrem Besitzstand garantieren sollen. Immanuel Kant wird 1795 diese Idee noch einmal aufgreifen, weil seiner Theorie nach das revolutionäre Frankreich aus immanenten Gründen zum Frieden geneigt sein muss (von Raumer 1953). Sowohl der Abbé als auch der große Philosoph unterschätzten die Dynamik der Auseinandersetzung in den Kernstaaten. Diese Kämpfe zerfallen in zwei Abschnitte: In der ersten Phase zwischen 1651 und 1689 ringen England und Holland um die Vorherrschaft. Die Auseinandersetzung endet mit der Glorious Revolution von 1688: Wilhelm von Oranien besteigt den englischen Thron; zugleich ist damit die ökonomische Vorherrschaft Hollands beendet. Die zweite Phase durchzieht das ganze 18. Jahrhundert: Nun stehen sich Frankreich und England als weltweite Protagonisten gegenüber. Alle anderen Machtverschiebungen – der Niedergang Spaniens und Schwedens, der Aufstieg Brandenburg-Preußens und Österreichs – sind im Grunde nur Nebenkriegsschauplätze auf diesem großen Schachbrett. Denn im Kern geht es um die Vorherrschaft in Indien und auf dem nordamerikanischen Kontinent (Wallerstein 1998: 81 ff, 283 ff). In diesen großen ökonomisch-politischen Rahmen ist das Zeitalter der Aufklärung eingebettet. In Deutschland neigt man – in Hinblick auf Immanuel Kant – immer dazu, es zu spät anzusetzen und den Durchbruch zum neuen Wissen um 1700 nur als „Frühaufklärung“ zu bezeichnen. Im europäischen Rahmen aber kann gerade diese Epoche als die „Heroenzeit“ der Aufklärung betrachtet werden (Hazard 1939); das sich dann selbst so nennende Siècle des lumières bringt die Verbreiterung und Popularisierung der neuen Erkenntnisse; sein typisches Projekt ist die „Enzyklopädie“. In den Salons des Pariser Adels wird es nun chic, das neue Sonnensystem zu kennen und eine hübsche junge Marquise lässt sich porträtieren – bei der Lektüre der Werke von Isaac Newton (Wagner 1976). Eigentlich erst am Ende dieser Epoche kommt das umstürzende Werk Immanuel Kants, das unser Erkenntnisvermögen nun selbst zum Gegenstand des Philosophierens macht. Denn seine berühmte Frage von 1783: „Was ist Aufklärung?“ mit der ebenso berühmten Antwort „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ ist ja schon im Rückblick auf die Aufklärung geschrieben (Bahr 1974). Das Werk Kants mit seinen drei Kritiken steht unter den Fragen: 1. Was kann ich wissen? 2. Was soll ich tun? 3. Was darf ich hoffen? (Kant 1968: Bd. III, 522 ff) Auf die erste Frage antwortet die „Kritik der reinen Vernunft“ und grenzt den Bereich des sicher Wissbaren von den transzendenten Ideen ab. Die sind kein Gegenstand des Wissens, sehr wohl aber praktische Postulate im Bereich der zweiten Kritik, der „Kritik der praktischen Vernunft“. Die Antwort gibt der „Kategorische Imperativ“ als Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft: „Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Princip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne“ (Kant 1968, Bd. V: 30). Die dritte Frage
54
Heinz Dieter Kittsteiner
aber: „Wenn ich nun thue, was ich soll, was darf ich alsdann hoffen?“ setzt die Sittenlehre voraus und fragt spekulativ nach der Glückseligkeit unter der Voraussetzung der Tugendlehre. Sie führt dazu, dass Kant, angeregt von Leibniz, nun doch wieder einen „Welturheber“ einführt, eine „systematische Einheit der Zwecke in dieser Welt“ (Kant, III: 529). Anders ausgedrückt: Gott wird bei Kant zu einer Hypothese in praktischer Absicht; die Welt kann und darf auch teleologisch betrachtet werden. Die Ausarbeitung dieser Gedanken ist ein Teil der dritten Kritik, der „Kritik der Urteilskraft“. Inzwischen zieht in Paris die Französische Revolution die Aufmerksamkeit auf sich. Den Sturm auf die Bastille muss man sich aber nicht so vorstellen, als ob das empörte Pariser Volk sie spontan dem Erdboden gleichgemacht hätte. Ein Bauunternehmer hatte sie in patriotischem Gewinnstreben aufgekauft und ließ sie von Arbeitern gegen Bezahlung abtragen (Reichhard/Schmitt 1988: 36). Die Französische Revolution ist unter anderem eine Folge des verunglückten Engagements Frankreichs in Nordamerika: Nachdem Frankreich den Kampf um Kanada verloren hatte, stellte man sich auf die Seite der amerikanischen Siedler, um England doch noch zu treffen. Die Folge war ein Staatsbankrott. Die Folge davon war die Revolution, denn es mussten in der nun ausbrechenden Steuerdebatte die Generalstände einberufen werden, die vom Absolutismus verdrängt worden waren und seit 1613 nicht mehr getagt hatten (Chartier 1995; Wallerstein 2004: 51). Die wesentliche Errungenschaft sind die nun philosophisch durchbuchstabierten Menschenrechte (Amerika war den Franzosen darin 1776 pragmatisch vorausgegangen) und vor allem die Formulierung der Gewaltenteilung (siehe hierzu den Beitrag von v. Brünneck in diesem Band). Der Artikel 16 der Menschenrechtserklärung von 1791 verkündet den neuen Grundsatz einer rechtmäßigen Verfassung: Eine Verfassung, die nicht auf der Gewaltenteilung beruht, ist überhaupt keine Verfassung.2 Die Französische Revolution von 1789 ist die erste Revolution, die ihre Kinder frisst. Von den Royalisten über die Gironde bis zu den Jakobinern reicht die Schreckensherrschaft der „großen Tage“. Aufrechte Idealisten, wie der Mainzer Jakobiner Johann Georg Forster, wenden sich entsetzt von diesem Schauspiel ab. Die Revolution kommt zum Stehen, nachdem sie die außenpolitische Sicherung Frankreichs gegen das konterrevolutionäre Europa 1794/95 bewerkstelligt hat. Aus den Wirren des Direktoriums schält sich die Gestalt Napoleons heraus, der den Kampf gegen England noch einmal aufnimmt. Erst als er 1815 sein Waterloo erlebt, hat er den Kampf gegen England endgültig verloren; das Jahrhundert des Britischen Empire bricht an. Denn in England war etwas zum Durchbruch gekommen, womit die bisherige Weltgeschichte nicht gerechnet hatte: der Beginn des industriekapitalistischen Zeitalters. Der Historiker und Soziologe Karl Polanyi hat den Unterschied so gefasst: In vorkapitalistischen Gesellschaften war die Wirtschaft in die Gesellschaft eingebettet. Im voll entfalteten Industriekapitalismus ist umgekehrt die Gesellschaft nur ein Teil der Wirtschaft (Polanyi 1979: 135). Man kann sich dieses Neue an Adam Smiths Werk „The Wealth of Nations“ von 1776 klarmachen. Es lässt sich in einem einzigen Satz zusammenfassen: „Reichtum ist Wachstum“. Adam Smith war kein „Manchesterkapitalist“ – im Gegenteil: Er war Hochlohntheoretiker. Reichtum der Nation meint bei ihm wirklich den Wohlstand der arbeitenden Klassen. Sein Argument: Je mehr das Kapital investiert, desto mehr Nachfrage nach Arbeit wird es geben. Er konnte noch nicht überblicken, dass mit dem wachsenden Einsatz 2
„Toute societé, dans laquelle la garantie des droits n’est pas assurée, ni la séparation des pouvoirs déterminée, n’a point de constitution.“ Zitiert nach Art.II der Verfassung, in: Brunner/Conze/Koselleck 1990, Bd. 6: 868.
Europa. Anmerkungen zur Genese eines rastlosen Kontinents
55
von Maschinerie auch Arbeitsplätze wegfielen. Das hat ihm dann posthum David Ricardo 1820 nachgewiesen (Kittsteiner 1998). Das ist die innereuropäische Entwicklung im 19. Jahrhundert, die vor dem düsteren Hintergrund des „Pauperismus“ in die so genannte „Arbeiterfrage“ hineinführt. Und noch etwas geschieht: Nach Außen hin koppelt sich Europa von den anderen Weltkulturen ab und beschreitet einen Sonderweg. Bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts hinein hatten die Europäer wenigstens vor Asien Respekt; man bewunderte das stabile Reich und den Gewerbefleiß Chinas. Für Adam Smith sind Indien und China nur noch „stagnierende Wirtschaften“ (Osterhammel 1998: 382). Im 19. Jahrhundert tritt Europa seine Weltherrschaft an und teilt den Rest der Welt als „Kolonien“ unter sich auf.
7
Karl Marx oder das „Rheingold“
Zurück nach Deutschland. Am Abend des 5. Mai 1849 hält der Kapellmeister Richard Wagner Wache auf dem Turm der Dresdener Kreuzkirche. Es ist Revolution und man kämpft auf den Barrikaden. Am nächsten Tag geht das alte Opernhaus in Flammen auf. Der Umstürzler setzt sich in die Schweiz ab und wird dort Mathilde Wesendonk, der Frau des Kaufherrn, in dessen Villa er untergekrochen ist, den Hof machen. „Eine ungeheure Bewegung schreitet durch die Welt: Es ist der Sturm der europäischen Revolution“ (zitiert nach Gregor-Dellin 1980: 290). Dieser Satz ist nicht etwa von Karl Marx, er ist von Richard Wagner. Die europäische Revolution von 1848/49 ist der große Wendepunkt im 19. Jahrhundert. Man kann die Zeit zwischen 1770 und 1880 als „evolutive Moderne“ betrachten, die ihrerseits in zwei Teile zerfällt. Im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts setzt mit der industriellen Revolution eine sich schneller bewegende historische Zeit ein: Die Umwälzungsgeschwindigkeit auf allen Gebieten nimmt zu; ein Prozess, der bis heute andauert und sich in sich selbst noch beschleunigt hat (Kittsteiner 1999). Zunächst ist diese Welle der Modernisierung von Hoffnungen auf eine bessere Zukunft getragen; alle demokratischen Strömungen des frühen 19. Jahrhunderts haben hier ihren Ursprung. Seit dem Scheitern der Verfassungsgebenden Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche ist dieser historische Optimismus der „Fortschrittler“ in sich gebrochen (Lutz 1985: 227). Aber auch auf kulturellem und philosophischem Gebiet stellt die Mitte des Jahrhunderts eine Zäsur dar: Es ist der „revolutionäre Bruch im Denken des neunzehnten Jahrhunderts“, der lange Weg von Hegel zu Nietzsche. Der Deutsche Idealismus, der auf der Grundlage Kants mit dem Triumvirat Fichte, Schelling, Hegel begonnen hatte, macht der pessimistischen Philosophie eines Arthur Schopenhauer Platz (Löwith 1969; Kittsteiner 2001). Die Illusionen blättern von der Neuen Zeit ab; eine Grundstimmung der Zivilisationskritik gewinnt die Oberhand. Sie kann politisch sowohl „links“ als auch „rechts“ changieren. Es gibt zwei Strömungen in der europäischen Kapitalismuskritik. Die eine geht über Marx und ist – von Hegel angeleitet – rational, vertraut aber auf die „List der Vernunft“. Die Revolution muss aus den periodischen Krisen des Kapitals kommen. Dieses System produziert im Proletariat seinen eigenen Totengräber; an seinem Ende wird der sozialistische Fortschritt stehen. „Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst des Kommunismus“. So beginnt das von Marx und Engels 1847/48 geschriebene „Manifest der Kommunistischen Partei“. Es endet mit den Worten: „Die Proletarier haben nichts zu verlieren als
56
Heinz Dieter Kittsteiner
ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen. Proletarier aller Länder, vereinigt euch“ (Marx/Engels 1964: 461, 493). Und im „Kapital“ heißt es zum Schluss in schönster Hegelscher Diktion – Negation der Negation: „Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert“ (Marx 1962: 791). Die andere Strömung ist nicht so eindeutig an eine gesellschaftliche „Klasse“ gebunden und führt bis auf die Romantik zurück. Ihr Argument: Die neue Zeit ist nicht nur ungerecht, sie ist vor allem hässlich. Die schöpferische Kraft erlahmt, das Schöne, Prächtige, Große geht zugrunde vor dem dumpfen Ansturm der Geldgier. Eines der gewitztesten Bücher über Wagner stammt von dem irischen Spötter und Theatermann George Bernard Shaw. Hören wir Shaw: Um das Rheingold herum spielen und schwimmen die Rheintöchter. Sie singen nicht von der Loreley und ihren unseligen Anbetern, „sondern trällern einfach irgendwelchen Unsinn vor sich hin“. Den Goldklumpen schätzen sie wegen seiner Schönheit und des Glanzes. Sie sind naturhafte, „nur halb der Wirklichkeit zugehörige Geschöpfe, darin heutigen jungen Damen sehr ähnlich“. In seiner Einfalt bietet der Zwergenkönig Alberich sich ihnen als Liebhaber an. Da sie ihn verschmähen, verflucht er die Liebe, „wie Tausende von uns täglich der Liebe abschwören, und im gleichen Augenblick ist das Gold in seiner Gewalt“ (Shaw 1973: 27 ff). Was Shaw beschreibt, ist die Geburt der Zivilisationskritik aus dem Geist der Wagnerschen Musik. Zivilisationskritik ist eine Mischung aus Kulturpessimismus und dem Hoffen auf etwas ganz anderes. Im Grunde ist sie ästhetisch fundiert; sie kann aber auch in Vorstellungen von einer neuen, sozialen Volksgemeinschaft schillern. Und da wird sie politisch brisant. Denn Richard Wagner ist auch Antisemit; allerdings gibt es sehr viel rabiatere Varianten. Diesen „Rittern vom einfachen Weltbild“ zieht sich die ungeliebte neue Zeit auf einen einzigen Satz zusammen, den 1879 der Historiker Heinrich von Treitschke in die Welt gesetzt hat: „Die Juden sind unser Unglück“ (Boehlich 1965; Battenberg 1990: Bd. II, 175 ff). Hinter allen Phänomenen, die mit Kapital und Geld zu tun haben, selbst hinter ihrem scheinbaren Widerspruch, der Arbeiterbewegung, scheint diese halbverborgene Gestalt zu stecken. Um 1900 ist der Antisemitismus eine gesamteuropäische Erscheinung. An erster Stelle hätte man damals das zaristische Russland mit seinen Pogromen genannt, dann Frankreich mit der „Affäre Dreyfus“. Das Wilhelminische Kaiserreich schien eher die Möglichkeit zur Assimilation zu bieten – eine trügerische Oberfläche.
8
„In Europa gehen die Lichter aus...“
Der Erste Weltkrieg gilt heute als die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, und man kommt allmählich dahin, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg als einen einzigen Krieg zu sehen. Der Länge nach ist er von 1914 bis 1945 ein zweiter Dreißigjähriger Krieg. Die Historiker haben sich jahrzehntelang mit nationalen Schuldzuweisungen aufgehalten; aus gesamteuropäischer Sicht trifft besser der traurige Satz des englischen Außenministers Lord Grey bei Kriegsausbruch 1914 zu: „In diesem Augenblick gehen in ganz Europa die Lichter aus; wir werden sie in unserem Leben nie wieder leuchten sehen.“ Wenn man fragt, wann das 20. Jahrhundert beginnt, hätte Ernst Jünger, der Schriftsteller und Träger des Pour le Mérite geantwortet: 1916 vor Verdun. In diesem Unglücksjahr sterben nicht nur Hunderttausende für ein paar Quadratmeter Boden; es ist auch das Jahr der „Judenzählung“ im deutschen Heer, das eine neue Welle von Antisemitismus indiziert
Europa. Anmerkungen zur Genese eines rastlosen Kontinents
57
(Sieg 2001: 87). Der Erste Weltkrieg endet ganz anders als der Zweite. Im Zweiten Weltkrieg konnte sich nach der Niederlage von Stalingrad und dem Einsetzen der Luftbombardements jeder das Ende ausrechnen. Es kommt quälend langsam. Im Ersten Weltkrieg geht alles ganz schnell. Noch im April des Jahres 1918 hoffen die Deutschen auf einen Sieg, denn das zaristische Russland ist zusammengebrochen und die Kräfte sollen nun im Westen konzentriert werden. Umso größer der Schock, als sich nach der Tankschlacht von Amiens im August 1918 das Blatt wendet und die Oberste Heeresleitung nun überstürzt auf einen Waffenstillstand drängt. Mit einer gewissen Berechtigung kann man die kulturelle Grundhaltung der Zeit zwischen etwa 1880 und 1945 als eine „heroische Moderne“ bezeichnen. Die industriekapitalistische Beschleunigung der Zeit läuft ungebremst weiter; der historische Prozess verheißt aber nichts Gutes mehr. Die Vorstellungen von einem „Sinn“ und einem humanen Ziel des Ganzen haben sich verflüchtigt; aus der Hegelschen Weltvernunft ist wieder ein undurchsichtig-düsteres „Schicksal“ geworden. Diesem Schicksal kann man heroisch standhalten, man kann aber auch versuchen, sich mit ihm nach der Formel „amor fati“ ins Benehmen zu setzen. Die Geschichte bändigt sich nicht mehr „dialektisch“ sozusagen von selbst; man muss ihr entschlossen entgegentreten und ihr den Willen zur Selbstbehauptung aufzwingen. Was bei Nietzsche noch spielerische Denkfigur war, wird der Generation des Ersten Weltkrieges zum blutigen Ernst (Kittsteiner 2001: 107). Der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler verkündet den „Untergang des Abendlandes“. Genau besehen ist damit aber nur der Untergang der alteuropäischen Kultur gemeint; Spengler hält den Übergang in das Zeitalter der „Zivilisation“ für unausweichlich. Dadurch unterscheidet er sich von der akademischen Kriegspublizistik, die den Weltkrieg aus deutscher Sicht als Kampf der „Kultur“ gegen die westliche Zivilisation gedeutet hatte (Flasch 2000; Hoeres 2004). Nun entwirft Spengler für die Zivilisation als Endstufe jeder Kultur heroische Aufgaben; um einen Endkampf zwischen „Rom“ und „Karthago“, zwischen „Geld“ und „Blut“ soll es gehen; um die Errichtung einer faustisch-dynamischen Maschinenzivilisation, für die er die Deutschen „in Form“ bringen will (Spengler 1922/23: Bd. II, 627 ff). Die geheime Botschaft seines Erfolgsbuches aber lautet: Der Krieg ist noch nicht verloren, der Kampf geht weiter. Die Weimarer Republik ist von Anbeginn mit der Hypothek belastet, dass der Beginn der Demokratie in Deutschland zugleich die Auslieferung des Landes an seine Kriegsgegner bedeutet. Denn der „Versailler Vertrag“ ist kein Friedensvertrag alten Stils, in dem geschickte Diplomaten ohne Rücksicht auf die „öffentliche Meinung“ das europäische Gleichgewicht wiederherstellen. Dieser Frieden wird ausgehandelt von Politikern, die vor ihren noch vom Hass aufgeputschten Wählern nicht mit leeren Händen dastehen dürfen. Daher das starre Entsetzen der Deutschen, als ihnen die Friedensbedingungen diktiert werden (Krumeich 2001; Schulze 2001, Bd. I: 414). Der englische Ökonom John Maynard Keynes, der die Verhandlungen verärgert verlassen hatte, schreibt: „Der Friedensvertrag enthält keine Bestimmungen zur wirtschaftlichen Wiederherstellung Europas, nichts, um die geschlagenen Mittelmächte wieder zu guten Nachbarn zu machen, nichts, um die neuen Staaten Europas zu festigen, nichts, um Russland zu retten“ (Keynes 1920: 184). In den 1920er und 1930er Jahren erfährt Europa eine Umwälzung größten Ausmaßes. Auf dem Gebiet der Kultur ist es in der Tat eine revolutionäre Zeit, in der sich die KunstProvokationen überschlagen und überstürzen (Hermand/Trommer 1988). Heute nennt man sie die „klassische Moderne“ und hat sie längst ins Museum gesteckt – so war das eigent-
58
Heinz Dieter Kittsteiner
lich nicht gedacht. Auf dem Gebiet der Politik ist es eine bedenkliche Zeit: Von Mussolini in Italien bis zum General Franco in Spanien nimmt die Zahl der Diktaturen und Militärputsche zu: Hitler erscheint zunächst vielen nur als ein Glied in dieser Kette und verglichen mit der Sowjetunion als das kleinere Übel. Man hatte ihn – und auch das tief sitzende Ressentiment der Deutschen – unterschätzt. Denn ihre Aggressivität kommt aus der Angst. Es gibt einen psychologischen Mechanismus, den man die Transformation von Angst in Furcht nennen könnte. Unbestimmte Ängste, die keinen Ansatz zum Handeln bieten und daher ein Gefühl der Ohnmacht auslösen, werden in Furcht umgewandelt, sobald sich ein „Feind“ zeigt, an dem gehandelt werden kann. Das Handeln-Können am gefürchteten Objekt überwindet die zersetzende Ohnmacht der Angst. Diese Denkstruktur führt in eine Sichtbarmachung und Personalisierung der „Feinde“. Um ein Beispiel zu geben: Gegen einen ökonomischen Vorgang, wie eine Weltwirtschaftskrise in den Jahren um 1930, ist wenig auszurichten. Ist man aber der Auffassung, dass diese Krise personal verursacht ist, dass hinter der Krise reale Verursachergruppen „stecken“, kann man sie aus ihrem Versteck hervor ans Licht ziehen und daraus ein symbolisches Feindbild aufbauen. Dass es sich dabei um eine falsche kausale Zurechnung handelt, stört wenig. Hauptsache, die Handlungsfähigkeit wird zurück gewonnen (Kittsteiner 2003). Nach diesem Muster war die antisemitische Propaganda der NSDAP in der Weimarer Republik aufgebaut; dass es dabei Überschneidungen mit wertkonservativen Gruppen gab, machte sie umso gefährlicher.
9
Europa in der Welt
In den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts hatte der französische Aristokrat Alexis de Tocqueville prophezeit, die Weltmächte der Zukunft würden Nordamerika und Russland sein. 1945 war seine Voraussage eingetroffen: Europa hatte sich aus der Weltgeschichte verabschiedet, getrieben von dem zuletzt von Deutschland ausgehenden Wahn, in seinem Zentrum müsste um die künftige Weltherrschaft gerungen werden. Dabei sind Taten geschehen, die bis heute einen Zivilisationsbruch darstellen. Und Europa? Nach dem ersten Dreißigjährigen Krieg schrieb ein evangelischer Pfarrer in sein Tagebuch: „Uns ist nicht zu helffen/ wenn wir dessen je vergessen“. Dennoch gingen die Kämpfe weiter. Der zweite Dreißigjährige Krieg aber hat eine derartige Erschütterung hinterlassen, dass Europa nun zusammenrückte. Das musste es auch, denn es war zugleich Zankapfel zwischen den USA und der UdSSR mit einem „Eisernen Vorhang“ mitten durch den Kontinent. Besonders die zweigeteilten Deutschen taten sich als treue Verbündete ihrer großen Brüder hervor und befeindeten sich über die Zonengrenze hinweg politisch und kulturell. Dass jenseits der großen Bruchlinie auch noch Europa war, geriet allmählich aus dem Blickfeld. Doch der „Ostblock“ taute auf, und zutage traten – aus westlicher Sicht – halb vergessene Nationen, deren Geschichte vom „Westen“ überhaupt erst wieder gelernt werden muss. Es ist mir ja selbst so ergangen. Ich bin Historiker – aber gehörte es zu meiner Ausbildung, etwas über polnische oder ukrainische Geschichte zu wissen? Natürlich nicht – dafür gab es die Spezialisten vom Osteuropa-Institut. Wir Europäer sind heute in einer seltsamen Situation. Von den beiden Tocquevilleschen Weltmächten ist nur eine Supermacht übrig geblieben. Sie verhält sich auch anders, als wir es aus der Zeit des „Kalten Krieges“ gewohnt waren. Im Grunde sind wir wieder auf
Europa. Anmerkungen zur Genese eines rastlosen Kontinents
59
unseren Ursprung zurückgeworfen. Wir sind der zerklüftete westlichste Zipfel der eurasischen Landmasse, der vom Golfstrom mühsam beheizt wird. Die noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts für selbstverständlich gehaltene europäische Weltherrschaft ist beendet. Aber hat sie uns viel gebracht – außer einem europäischen Dünkel und den Kriegen im Herzen Europas? Wenn man den Blick über die europäische Kultur bis in die Antike und das Mittelalter zurückwandern lässt, muss auffallen, dass die ganz großen Schöpfungen, die nun zum Weltkulturerbe gehören, zumeist aus den Jahrhunderten vor der europäischen WeltDominanz stammen. Als wir mit anderen Weltkulturen noch auf Augenhöhe lebten. Das stimmt zuversichtlich. Die Bildung wurde noch wirklich gebraucht – erst im 19. Jahrhundert ist sie zum so genannten „bürgerlichen Bildungsgut“ abgesunken, das dann im 20. Jahrhundert verhöhnt und verachtet wurde. Es sieht ganz so aus, als ob wir Wissen und Bildung in der globalen Auseinandersetzung mit sehr selbstbewusst gewordenen anderen Weltkulturen wieder gebrauchen könnten. Ich sage bewusst „Bildung“ und meine damit nicht nur „Ausbildung“. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte der Theologe und Historiker Ernst Troeltsch eine Selbst-Besinnung der Europäer auf eine europäische Kultursynthese gefordert (Troeltsch 1922); es sieht ganz so aus, als ob wir heute wieder an diesem Punkt angelangt seien. Europa hat sich in seiner Geschichte nur behaupten können, wenn und weil es etwas Besonderes geleistet hat. Ich will noch einmal drei dieser Besonderheiten herausheben. Zum einen: Europa hat die konfessionellen Bürgerkriege des 17. Jahrhunderts überwunden; es hat die streitenden Religionen gebändigt und ihren Zugriff auf den Staat eingeschränkt. Das war die Leistung der Toleranzbewegung. Toleranz bedeutete aber nicht, dass nun alles toleriert wird, sondern ganz im Gegenteil: Dass die Intoleranz bekämpft wurde. Hilfreich dabei war die kulturelle Doppelstruktur von Religion und Philosophie. Im 16. Jahrhundert diskutierten die gebildeten Eliten ihre Probleme noch ganz selbstverständlich im theologischen Vokabular; im 17. und 18. Jahrhundert schoben sich Metaphysik und Moralphilosophie in den Vordergrund (Schmitt 1963). Das europäische Wunder besteht in der Aufklärung. Sie ist aber kein fester kultureller Bestand, sondern muss immer wieder neu errungen werden. Um Kant zu zitieren: „Sapere aude! Habe Muth dich deines eigenen Verstandes zu bedienen“ (Kant 1968, Bd. VIII: 35). Denn es sieht so aus, als müsste eine solche Toleranzbewegung im Weltmaßstab wiederholt werden. Zum andern: Schon mit der Romantik, dann mit Schopenhauer und Nietzsche erhob sich im 19. Jahrhundert eine mächtige Gegenströmung gegen den liberalen Fortschrittsgeist. „Zivilisationskritik“ war ein Gemisch aus deutschem Idealismus, Stolz auf die eigene „Kultur“ – und der Verdammung des Kapitalismus und der Technik. Zivilisationskritik konnte sich politisch immer nach rechts und nach links wenden; in der deutschen Geschichte ist diese Strömung unheilige Allianzen eingegangen. Zugleich ist dieser Kulturpessimismus ein wichtiger Bestandteil unserer Tradition; wenn wir um uns blicken, müssen wir uns eingestehen, dass wir im europäischen, wenn nicht gar im Weltmaßstab auf diesem Gebiete führend sind. Kann man ihn nicht anders wenden? Die bloße Technikfeindschaft hat nichts erbracht. Kann man diesen kritischen Geist nicht in die Technik selbst einbauen, so dass Produkte der Zivilisation zugleich die Zivilisationskritik in sich tragen? Intelligente, naturverträgliche Innovationen – das entspricht einer Kultur, die niemals einzig und allein fortschrittsgläubig gewesen ist. Drittens und letztens: Europas Eigenart waren die Renaissancen, die Rückbesinnungen auf vergangene Größe. Europa, so hat es ein französischer Historiker einmal gesagt, hat aus
60
Heinz Dieter Kittsteiner
Krisen immer die Flucht nach vorn angetreten. Europa hat dabei in der Welt viel Unheil angerichtet; wer jetzt herumreist und die Menschenrechte einklagt, muss auch bedenken, dass die Europäer eben diese Rechte auf anderen Kontinenten jahrhundertelang mit Füßen getreten haben. Europa hat der Welt aber auch vieles gegeben. Zu erinnern wäre an eine Vision, die der große Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz im Jahre 1697 zu Papier brachte. Die China-Begeisterung war damals Mode und Leibniz war ihr entschiedener Anhänger. Er schrieb, das Schicksal habe es so gefügt, dass ganz im Westen und ganz im Osten „unseres Kontinents“ die beiden höchsten Zivilisationen die Erde zierten. Er nannte China das „Europa des Ostens“ und wünschte sich einen Zusammenschluss der beiden Kulturen. Die Europäer sollten Mathematik und ihre Vorstellung von Gott, die Chinesen ihre praktische Naturbeobachtung und die konfuzianische Ethik beisteuern (Leibniz 1985: 9 ff). Der Kulturtransfer war also durchaus von beiden Seiten her bedacht. Das ist wieder aktuell. Denn mit dem Zusammenbruch der Ideologien haben die Weltreligionen und ihre kulturellen Kontexte erneut an Bedeutung gewonnen. Unsere Politiker warnen oft – in Anlehnung an das umstrittene Buch von Samuel P. Huntington – vor einem „Kampf der Kulturen“ (Huntington 1997)3 – so als ob er uns noch bevorstünde. Ich denke, wir sind schon mitten darin. Wir können nur versuchen, ihn zu bändigen. In diesen kulturellen Kämpfen hat Europa historische Erfahrungen. Jede Gruppierung, jede Nation, hat sich schon einmal aus der Perspektive des Verlierers betrachten dürfen. Kurzfristig schärft das das Ressentiment – langfristig schärft es den Verstand. Und den werden wir brauchen können.
Literatur Bahr, Ehrhard (Hrsg.), 1974: Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen. Stuttgart: Reclam. Battenberg, Friedrich, 1990: Das Europäische Zeitalter der Juden. Bd. II: Von 1650-1945. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Boehlich, Walter (Hrsg.), 1965: Der Berliner Antisemitismusstreit. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag. Brague, Rémi, 1993: Europa. Eine exzentrische Identität. Frankfurt a.M./New York: Campus. Brecht, Martin (Hrsg.), 1993: Der Pietismus vom siebzehnten bis zum frühen achtzehnten Jahrhundert. Handbuch des Pietismus, Bd. 1. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Brown, Peter, 1986: Die letzen Heiden. Eine kleine Geschichte der Spätantike. Berlin: Wagenbach. Brown, Peter, 1999: Die Entstehung des christlichen Europa. München: Beck. Brunner, Otto / Conze, Werner / Koselleck, Reinhart (Hrsg.), 1990: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland Bd. 6. Stuttgart: KlettCotta. Burckhardt, Johannes, 1992: Der Dreißigjährige Krieg. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Chartier, Roger, 1995: Die kulturellen Ursprünge der Französischen Revolution. Frankfurt a.M./New York: Campus. Dante, Alighieri, 1877: Göttliche Komödie. Leipzig: Brockhaus. Flasch, Kurt, 1986: Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustin zu Machiavelli. Stuttgart: Reclam.
3
Im Übrigen geht Huntington davon aus, dass die westliche Kultur zwar „einzigartig“, aber keineswegs „universal“ ist, und kommt zu dem Schluss: „Anstatt die vermeintlich universalen Aspekte einer Kultur zu propagieren, gilt es, im Interesse der kulturellen Koexistenz nach dem zu suchen, was den meisten Hochkulturen gemeinsam ist.“ Ebd.: 525 f.
Europa. Anmerkungen zur Genese eines rastlosen Kontinents
61
Flasch, Kurt, 2000: Die geistige Mobilmachung. Die deutschen Intellektuellen und der Erste Weltkrieg. Berlin: Fest. Frank, Andre Gunder, 1978: World Accumulation 1492-1789. London: Macmillan Press. Friedell, Egon, 1930: Kulturgeschichte der Neuzeit Bd. 1. München: Beck. Gregor-Dellin, Martin, 1980: Richard Wagner. Sein Leben. Sein Werk. Sein Jahrhundert. München/ Zürich: Piper. Hale, John, 1994: Die Kultur der Renaissance in Europa. München: Kindler. Harnack, von Adolf, 1921: Marcion: Das Evangelium vom fremden Gott. Leipzig: Hinrichs. Hazard, Paul, 1939: Die Krise des europäischen Geistes. La crise de la Conscience Européenne 16801715. Hamburg: Hoffmann und Campe. Hermand, Jost / Trommer, Frank, 1988: Die Kultur der Weimarer Republik. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag. Hoeres, Peter, 2004: Krieg der Philosophen. Die deutsche und die britische Philosophie im Ersten Weltkrieg. Paderborn/München/Wien/Zürich: Schöningh. Huntington, Samuel P., 1997: Der Kampf der Kulturen. The Clash of Civilizations. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. München/Wien: Europaverlag. Kant, Immanuel, 1968: Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Bd. VIII. AkademieTextausgabe. Berlin: de Gruyter. Kant, Immanuel, 1968: Kritik der praktischen Vernunft. Bd. V. Berlin: de Gruyter. Kant, Immanuel, 1968: Kritik der reinen Vernunft. Bd. III. Akademie-Textausgabe. Berlin: de Gruyter. Keynes, John M., 1920: Die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages. München: Duncker & Humblot. Kittsteiner, Heinz Dieter, 1991: Spee-Thomasius-Bekker: 'Cautio Criminalis' und 'prinzipielles Argument'. In: Doris Brockmann / Peter Eicher (Hrsg.): Die politische Theologie Friedrich von Spees. München: Fink, S. 191-218. Kittsteiner, Heinz Dieter, 1998: Ethik und Teleologie. Das Problem der 'unsichtbaren Hand' bei Adam Smith. In: Ders.: Listen der Vernunft. Motive geschichtsphilosophischen Denkens. Frankfurt a.M.: Fischer Taschenbuch Verlag, S. 43-72. Kittsteiner, Heinz Dieter, 1999: Erfahrungsraum, Erwartungshorizont und symbolische Rerpäsentation der Zeit. In: Evelyn Schulz / Wolfgang Sonne (Hrsg.): Kontinuität und Wandel. Geschichtsbilder in verschiedenen Fächern und Kulturen. Zürich: VDF Hochschulverlag an der ETH, S. 52-87. Kittsteiner, Heinz Dieter, 2001: Deutscher Idealismus. In: François, Etienne / Schulze, Hagen: Deutsche Erinnerungsorte. Bd. 1. München: Beck, S. 170-186. Kittsteiner, Heinz Dieter, 2003: Die Angst in der Geschichte und die Re-Personalisierung des Feindes. In: Trauma, gesellschaftliche Unbewusstheit und Friedenskompetenz. In: Jahrbuch für psychohistorische Forschung 3. Heidelberg: Mattes. Kittsteiner, Heinz Dieter, 2003: Die Stufen der Moderne. In: Rohbeck, Johannes / Nagl-Docekal, Herta: Geschichtsphilosophie und Kulturkritik. Historische und systematische Studien. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S. 91-117. Krumeich, Gerd (Hrsg.), 2001: Versailles 1919. Ziele – Wirkungen – Wahrnehmung. Essen: Klartext. Leibniz, Gottfried Wilhelm, 1985: Vorwort zu 'Novissima Sinica'. In: Adrian Hsia: Deutsche Denker über China. Frankfurt a.M.: Insel-Verlag. Löwith, Karl, 1969: Von Hegel zu Nietzsche. Der revolutionäre Bruch im Denken des neunzehnten Jahrhunderts. Frankfurt a.M.: Fischer. Lutz, Heinrich, 1985: Zwischen Preußen und Habsburg. Deutschland 1815-1866. Berlin: Siedler. Majoros, Ferenc / Rill, Bernd, 1994: Das Osmanische Reich. 1300-1922. Die Geschichte einer Großmacht. Graz/Wien/Köln: Pustet. Marx, Karl, 1962: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band. Der Produktionsprozeß des Kapitals. Marx-Engels-Werke (MEW) Bd. 23. Berlin: Dietz.
62
Heinz Dieter Kittsteiner
Marx, Karl / Engels, Friedrich, 1964: Manifest der Kommunistischen Partei. Marx-Engels Werke (MEW) Bd. 4. Berlin: Dietz. Mayer, Hans Eberhard, 1965: Geschichte der Kreuzzüge. Stuttgart: Kohlhammer. Mitterauer, Michael, 2003: Warum Europa? Mittelalterliche Grundlagen eines Sonderwegs. München: Beck. Mundt, Barbara (Hrsg.), 1988: Die Verführung der Europa. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstgewerbemuseum Berlin. Frankfurt a.M.: Ullstein. Osterhammel, Jürgen, 1998: Die Entzauberung Asiens. Europa und die asiatischen Reiche im 18. Jahrhundert. München: Beck. Ovid (Publius Ovidius Naso), 1958: Metamorphosen. Zürich: Artemis. Parker, Geoffrey, 1991: Der Dreissigjährige Krieg. Frankfurt a.M./New York: Campus. Peters, Jan (Hrsg.), 1993: Ein Söldnerleben aus dem Dreißigjährigen Krieg. Berlin: Akademie-Verlag. Polanyi, Karl, 1979: Ökonomie und Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Procacci, Giuliano, 1989: Geschichte Italiens und der Italiener. München: Beck. Rabb, Theodore K., 1975: The Struggle for Stability in Early Modern Europe. New York: Oxford University Press. Raumer v., Kurt, 1953: Ewiger Friede. Friedensrufe und Friedenspläne seit der Renaissance. Freiburg/München: Alber. Reichhardt, Rolf / Schmitt, Eberhard, 1988: Handbuch politisch-sozialer Grundbegriffe in Frankreich 1680-1820. München: Oldenbourg. Robinson, Francis, 1998: Der Islam. Bildatlas der Weltkulturen. Augsburg: Bechtermünz-Verlag. Runciman, Steven, 2005: Die Eroberung von Konstantinopel 1453. München: Beck. Ruthven, Malise, 2000: Der Islam. Eine kurze Einführung. Stuttgart: Reclam. Schmitt, Carl, 1963: Das Zeitalter der Neutralisierungen und Entpolitisierungen. In: Ders.: Der Begriff des Politischen. Text von 1932 mit einem Vorwort und drei Corollarien. Berlin: Duncker & Humblot. Schneider, Joachim, 2003: Über Herkunft und Varianten des Flussnamens Oder. In: Mitteilungen, Heft 1, Historischer Verein zu Frankfurt (Oder) e.V., S. 7-14. Schulze, Hagen, 2001: Versailles. In: François, Etienne / Schulze, Hagen: Deutsche Erinnerungsorte. Bd. I. München: Beck. Seibt, Ferdinand, 2002: Die Begründung Europas. Ein Zwischenbericht über die letzten tausend Jahre. Frankfurt a.M.: S. Fischer. Shaw, Bernard, 1973: Wagner-Brevier. Kommentar zum Ring des Nibelungen. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Sieg, Ulrich, 2001: Jüdische Intellektuelle im Ersten Weltkrieg. Kriegserfahrungen, weltanschauliche Debatten und kulturelle Neuentwürfe. Berlin: Akademie-Verlag. Spengler, Oswald, 1922/23: Der Untergang des Abendlandes. Bd. II. München: Beck. Spinoza, Benedictus de, 1976: Theologisch-Politischer Traktat. Hamburg: Meiner. Thomas, Keith, 1978: Religion and the Decline of Magic. Studies in popular beliefs in Sixteenth- and Seventeenth-Century England. London: Penguin. Troeltsch, Ernst, 1922: Über den Aufbau der europäischen Kulturgeschichte. In: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd. 3: Der Historismus und seine Probleme. Tübingen: Mohr. Wagner, Fritz, 1976: Isaac Newton im Zwielicht zwischen Mythos und Forschung. Freiburg/ München: Alber Wallerstein, Immanuel, 1986: Das moderne Weltsystem I. Die Anfänge kapitalistischer Landwirtschaft und die europäische Weltökonomie im 16. Jahrhundert. Frankfurt a.M.: Syndikat. Wallerstein, Immanuel, 1998: Das moderne Weltsystem II. Der Merkantilismus. Europa zwischen 1600 und 1750. Wien: Promedia. Wallerstein, Immanuel, 2004: Das moderne Weltsystem III. Die große Expansion. Die Konsolidierung der Weltwirtschaft im langen 18. Jahrhundert. Wien: Promedia.
Werte in Europa: Einheit in Vielfalt
63
Jörg Jacobs
Werte in Europa: Einheit in Vielfalt
1
Einleitung
Wenn man nach einer einheitlichen europäischen Kultur4 sucht, erntet man manchmal fragende Blicke: Schließlich wurde Europa zuletzt vor 200 Jahren durch Napoleon geeint. Und wie in unseren Geschichtsbüchern zu lesen ist, geschah diese Einigung des Kontinents keineswegs mit Zustimmung der Völker, sondern oftmals durch militärische Gewalt. Man könnte daher versucht sein, die Vielfalt Europas durch eine Abgrenzung von anderen, nicht-europäischen Mächten zu definieren. Nach jüngeren Entwicklungen in der internationalen Politik sind dies nicht nur afrikanische oder asiatische Mächte, sondern auch die USA. Eine solche Negativdefinition gibt aber nur bedingt Aufschluss darüber, welche kulturellen Gemeinsamkeiten in Europa bestehen könnten. Der Soziologe Richard Münch (1993) schreibt, dass die kulturellen Bedingungen für die Entwicklung einer europäischen Solidargemeinschaft als Voraussetzung für die Entwicklung einer europäischen Identität kaum gegeben seien. Er stellt fest, dass man den europäischen Intellektuellen vergeblich suche. Die Diskurse würden bestimmt von nationalen Charakteristika wie dem englischen Empirismus und common sense, dem französischen Rationalismus und Esprit sowie dem deutschen Idealismus und Geist (Münch 1993: 97-103). Für den vorliegenden Beitrag ergibt sich aus diesem Mosaik der erste Schritt, die Begriffe Europa und Wert näher zu bestimmen. Wie kann Europa definiert werden? Europa war zunächst ein Mythos im antiken Griechenland. Der Sage nach war sie die Tochter des Königs von Phönizien und wurde von Zeus, der die Gestalt eines Stiers angenommen hatte, nach Kreta entführt. Europa bezeichnete im antiken Griechenland aber auch bereits die Landmasse nördlich des Mittelmeeres. Unsere heutigen Kenntnisse der Geographie weisen den europäischen Kontinent als Wurmfortsatz der asiatischen Landmasse aus. Der ehemalige französische Staatspräsident de Gaulle definierte „Europa vom Atlantik bis zum Ural“ und übernahm damit eine Abgrenzung, die durch den russischen Zaren Peter den Großen eingeführt worden war. Aber bedeutet dies, dass die Türkei zu Asien gehört, während Byzanz/Konstantinopel/Istanbul ein Symbol für die politische Trennung Europas in ein west- und oströmisches Reich bleibt? Verbunden damit ist auch die Differenzierung des Christentums, das man sicherlich als europäische Religion bezeichnen kann. Heute ist das Christentum (auch durch gewaltsame Verbreitung) eine Religion mit weltweitem Geltungsanspruch. Was wäre also am Christentum heute noch spezifisch europäisch? Eine Antwort auf diese Frage ist ohne den Rückgriff auf die gesellschaftliche Entwicklung in den europäischen Ländern nicht möglich. Gleichzeitig ist eine kulturelle oder sprachliche Definition dessen, was wir mit Europa meinen, im Zeitalter einer über den Austausch von Informationen zusammenwachsenden Welt nicht 4
Vgl. die Versuche, der Konstruktion einer kulturellen Identität Europas auf die Spur zu kommen, in Viehoff/Segers (1999).
64
Jörg Jacobs
trennscharf. Helmut Schmidt (1990: 446) schlägt daher eine politische Definition vor, die über die Spaltung im kalten Krieg hinausgeht. Er schreibt: „Europa ist nicht nur viel größer als und weit mehr als der Bereich der NATO oder der EG, es ist als Ganzes auch wichtiger als irgendwelche historisch bedingten politischen Zusammenschlüsse. Die Attraktivität des Westens, in dem die Menschenrechte und die demokratische Staatsform weitgehend verwirklicht sind, dessen Volkswirtschaften sehr viel besser funktionieren und dessen durchschnittlicher Lebensstandard weit höher liegt als im Osten, diese Attraktivität wird – das war für mich eine Gewissheit – eines Tages dazu führen, dass beide Teile Europas sich wieder füreinander öffnen.“
Es liegt also nach Helmut Schmidt nahe, dass es so etwas wie ein Europa gibt, das mehr umfasst als ein geographisches Gebiet auf dem Planeten Erde. Er nennt bereits einige Errungenschaften, die Europa von außen betrachtet als homogenen Kulturraum sichtbar werden lassen, und die wiederum durch die Aufklärung, den Humanismus und den Glauben an die Vernunft gekennzeichnet sind. Einmal könnte Europa aufgrund der historischen Entwicklung bestimmter Institutionenordnungen ein transnationales Gebilde eigener Art sein. So führt etwa Hix (2005: 1-23) aus, dass die Europäische Union (EU) ein politisches System sei, aber kein Staat. Europa könnte sich dann aber auch durch spezifische Werte auszeichnen, deren Ausdruck diejenigen politischen, ökonomischen und sozialen Errungenschaften sind, die Helmut Schmidt aufzählt. Diese Werte sind zwar aufgrund der spezifischen Geschichte des Kontinents entstanden,5 aber heute von einer universalistischen Bedeutung. In dieser Vermutung liegen bereits eine Reihe kontroverser Fragen; zum Beispiel die, ob nicht gerade die Konkurrenz und Heterogenität der Kulturen ein Vorteil war, der es den Staaten Europas erst ermöglicht hat, die europäische Vormachtstellung als Nabel der Welt einzunehmen6 (Landes 1999). Oder die Frage, was denn eigentlich eine interne Leitkultur in Europa sein könnte, um einen Begriff aufzugreifen, dessen Verwendung durch den CDU-Politiker Friedrich Merz heftige Diskussionen in der deutschen Öffentlichkeit ausgelöst hat. Drittens die Frage, ob europäische Werte heute noch das Maß für die Beurteilung anderer Gesellschaften in einer globalisierten Welt sein können. Da der Wert-Begriff in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen unterschiedlich verwendet wird (vgl. Hillmann 2003: 17-63) und auch innerhalb der Soziologie eine Reihe von Definitionen vorliegen (Joas 1997), wird im nächsten Abschnitt dargelegt, wie der Begriff in diesem Beitrag verwendet wird.
2
Was sind Werte?
Schlägt man den Begriff im Lexikon nach, werden dem Leser zwei Definitionen angeboten (Bibliographisches Institut 1976: 2286):
5
Vgl. Joas (1997) zur Entstehung von Werten und Berger (1996) zu den Behauptungen der Modernisierungstheorie. 6 Stichworte wären hier etwa: „Kampf um einen Platz an der Sonne“, Konkurrenz und Wettbewerb um technische Innovation zwischen den europäischen Staaten.
Werte in Europa: Einheit in Vielfalt 1.
2.
65
„In der Wirtschaftstheorie die objektive Bedeutung (...) von Waren, Leistungen und Geld im Hinblick auf die (...) gegebene Möglichkeit, der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse zu dienen; Beziehung, die zwischen einer Sache und einem übergeordneten Maßstab durch den Menschen gefühlt oder gedacht wird, wodurch die Sache den Charakter des Guten und ‚Wertvollen’ erhält.“
Eine Möglichkeit, sich dem wissenschaftlichen Kern des Wertbegriffs zu nähern, ist eine Definition über die Funktion, die Werten zugewiesen wird. Werten wird eine zentrale Funktion für das Verhalten eines Individuums zugewiesen. Sie bestimmen darüber, welche Verhaltensoption in jeder gegebenen Situation von einem Individuum präferiert wird (Disposition). Ein Beispiel, an dem man die Funktion von Werten sehen kann, ist die Hilfsbereitschaft in Situationen extremer Not. Diese selbstlose Hilfe wird häufig bei Hochwasserkatastrophen eindrucksvoll demonstriert, aber auch die Welthungerhilfe oder die CarePakete können dafür stehen, dass Werte in Verhalten ausgedrückt werden. Tatsächlich zeigt es sich, dass mit bestimmten Wertorientierungen auch bestimmte, immer wiederkehrende, routinemäßige Verhaltensmuster verbunden sind. Ein Beispiel aus der Politischen Soziologie sind Modelle zur Erklärung des Wahlverhaltens. Es lässt sich zum Beispiel für Deutschland zeigen, dass diejenigen Wähler, die sich besonders einem christlichen Weltbild verbunden fühlen (evangelisch oder katholisch ist hier ebenso wie die Herkunft aus Ost- oder Westdeutschland nicht bedeutsam) bei jeder Wahl häufiger die CDU/CSU wählen als der Rest der Wahlbevölkerung (vgl. Mielke 1991; Wolf 1996; Jacobs 2000). Natürlich kann man nicht sagen, dass jeder Christ die CDU/CSU wählt; aber Christen wählen die Parteien mit dem „C“ im Namen eben doch mit einer mehr als zufälligen Wahrscheinlichkeit häufiger. Der Soziologe Karl Mannheim definiert Werte als die moralische Dimension des Handelns. Nach ihm setzt jede reale Entscheidung (z.B.: die Bewertung einer anderen Person oder die Vorstellung, wie eine Gesellschaft organisiert sein sollte) eine Vorstellung darüber voraus, was gut und was böse ist. Darüber hinaus haben Werte nach Mannheim aber auch eine Funktion für den sozialen Austausch, d.h. eine gesellschaftliche Bedeutung. Denn, um noch einmal mit Mannheim (1960: 19) zu sprechen, wir gehören zuallererst zu einer Gruppe, weil wir die Welt und bestimmte Dinge in der Welt so sehen, wie es die Gruppe tut. Fragt man nach Werten in Europa, macht man sich genau den zweiten Teil der Definition von Mannheim zu Eigen, indem manche Individuen der Gruppe der Europäer zugeordnet werden und andere nicht. Hinter der Frage könnte man die Ansicht vermuten, dass mit dem Vorhandensein oder dem Fehlen von Werten auch ein bestimmtes Verhalten weiter Bevölkerungsteile oder ganzer Nationen verbunden sei. Dabei gibt es ein Problem: Werte müssen von Individuen angenommen werden. Das bedeutet, sie erlangen nur dann gesellschaftliche Relevanz, wenn ein großer Anteil der Bevölkerung in einer gegebenen Gesellschaft dieselben Einstellungen zu Werten, d.h. Wertorientierungen teilt. Es ist also nicht entscheidend für die gesellschaftliche Bedeutung von Werten, dass sie existieren (z.B. Nächstenliebe als Kennzeichen der christlichen Religion), sondern dass diese Werte auch von den Menschen verinnerlicht werden. In diesem Sinne ist auch die am weitesten verbreitete Definition von Werten zu verstehen, die von Clyde Kluckhohn (1962: 395) stammt und der ich mich anschließen möchte. Ein Wert, so Kluckhohn, sei eine Konzeption des Wünschenswerten, explizit oder implizit, einer spezifi-
66
Jörg Jacobs
schen Charakteristik eines Individuums oder einer Gruppe, das die Auswahl der verfügbaren Arten, Mittel und Ziele von Handlungen bestimme7. Zusammenfassend kann man an dieser Stelle sagen, dass Werte folgende Eigenschaften haben: 1. 2. 3. 4. 5.
3
Werte beinhalten moralische Erwägungen. Situationen erhalten durch sie einen Sinn. Werte sind Konzepte des sozial (gesellschaftlich) Wünschenswerten. Werte erlangen ihre praktische Bedeutung dadurch, dass sie über das reale Verhalten von Individuen bestimmen. Werte sind der allgemeinste und leitende Beurteilungsmaßstab für menschliche Handlungen und Handlungszwecke. Wertorientierungen sind Haltungen des Einzelnen oder von Gruppen gegenüber bestehenden Werten.8
Was sind spezifisch europäische Werte?
Wenig Mut, jenseits einer institutionellen Ordnung gemeinsame Positionen zu finden, macht Helmut Schmidt (1990: 446-447), der Europa mit einem Kaleidoskop verglichen hat: „Ich habe [in meiner Kindheit, J.J.] das Mysterium genossen, wie Spiegelungen im Innern des Rohres die fabelhaft bunten, mosaikhaften, sternähnlichen Konstellationen zustande brachten, die man,
das Rohr gegen das Licht richtend, erblickte. Sobald man dagegen klopfte, änderte sich das Bild in verblüffender Mannigfaltigkeit. Die Konferenz von Helsinki hat mich an das bunte Kaleidoskop aus meinen Kindertagen erinnert. Hier waren tatsächlich die Staatslenker von Zypern bis Portugal, von Island bis Jugoslawien versammelt, von Irland bis zur Sowjetunion; der Heilige Stuhl nahm ebenso teil wie Liechtenstein, San Marino oder Malta. (...) Es war ein buntes Bild, aber genau wie in einem Kaleidoskop konnte man sich durchaus Veränderungen der Konstellationen vorstellen. Man brauchte nur ein wenig an das Rohr zu klopfen.“
Auf einer anderen Ebene verweist dagegen Novalis auf die europäischen Gemeinsamkeiten, indem er Gemeinsinn und Gemeinwohl mit dem „Mythos der sinnerfüllten Zeiten“ verklärt, „wo Europa ein christliches Land“ und durch „ein großes gemeinschaftliches Interesse“ vereint war (vgl. Tietz 2002). Nach Habermas gingen diese sinnerfüllten Zeiten mit der Aufklärung verloren. Seit dem Beginn der Aufklärung kreise die Diskussion darum, „das Erlahmen der sozialen Bindekräfte, Privatisierung und Entzweiung, kurz: jene Deformation einer einseitig rationalisierten Alltagspraxis, die das Bedürfnis nach einem Äquivalent für die vereinigende Macht der Religion hervorrufen“ (Habermas 1985, zit. nach Tietz 2002), zu verhindern. Diese Sichtweise unterstellt, dass es vor der Aufklärung einmal – wie es die Romantik und auch höfische Epik nahe legen – einen gemeinsamen europäischen Wertekanon gegeben hat. Und dies trotz eines politischen Flickenteppichs Europa, in dem jedes Volk und jede Grafschaft ihre Andersartigkeit betonten, alle territorialen Einheiten (Natio7
„A Value is a conception, explicit or implicit, distinctive of an individual or characteristic of a group, of the desirable which influences the selection from available modes, means, and ends of action.“ (Kluckhohn 1962: 395). 8 Werte sind damit abzugrenzen von Normen, Einstellungen und Meinungen, was aber hier nicht weiter ausgeführt werden kann.
Werte in Europa: Einheit in Vielfalt
67
nen) bis heute in Konkurrenz zueinander stehen. Diesen gemeinsamen Wertekanon müsste es trotz der erbitterten Feindschaft gegeben haben, die seit dem Fall des Römischen Reiches zwischen den europäischen Völkern geradezu gepflegt wurde und die im 20. Jahrhundert zu zwei verheerenden Kriegen geführt hat. Es erscheint also zumindest zweifelhaft, ob es jenseits aller Romantik vor der Aufklärung einmal ein goldenes europäisches Zeitalter gegeben hat. Gleichzeitig gilt aber auch, dass wissenschaftlicher Austausch und Handel zwischen den territorialen Einheiten zu einer Verbreitung neuzeitlicher Ideen (z.B. Aufklärung, Humanismus, Vernunft) geführt haben (Morin 1991). Es gab zahlreiche Versuche, die hier skizzierten heterogenen Strukturen Europas zu klassifizieren. Man könnte z.B. die Nationalstaaten Europas nach dem Grad der Modernisierung differenzieren, gemessen anhand der Strukturmerkmale moderner Gesellschaften (Konkurrenzdemokratie, Marktwirtschaft, Wohlfahrtsstaat) oder anhand weiterer sozioökonomischer Kriterien (z.B. Urbanisierungsgrad, Analphabetismus, Lebenserwartung, Säuglingssterblichkeit).9 Eine andere Herangehensweise ist es, den Widerspruch der Einheit in der Vielfalt Europas durch die Aufteilung des europäischen Kulturraums in drei Kulturkreise aufzulösen. Diese Klassifizierung wird durch die spezifischen Werte der drei Kulturkreise begründet: germanisch-protestantisch, römisch-katholisch, slawisch-orthodox (Immerfall 1997). Im geographischen Westen Europas finden wir eine Mischung aus den ersten beiden Kulturkreisen, während sich die letzen beiden vor allem an den Grenzen des ehemaligen Habsburger Reiches zwischen der Mitte und dem Osten des Kontinents treffen. Diese drei Kulturkreise haben aber gemeinsame ideelle Wurzeln, auf die sich die Europäer mindestens seit dem Mittelalter immer wieder beziehen. Man könnte sagen, die gemeinsame europäische Kultur wurde auf drei Hügeln gebaut: der Akropolis, Golgatha und dem Kapitol. Übersetzt in die historisch gestaltenden Leistungen der Vergangenheit sind dies:
Das Antreten des Erbes der Antike; Demokratie und der hohe Stellenwert des Individuums. Die vereinheitlichende Kraft des Christentums. Die politische Ideologie des Abendlandes und die Bürokratisierung von Herrschaft.
Diese gemeinsamen Wurzeln wurden durch die Prozesse der Modernisierung und die Verbreitung der europäischen Kultur auf den anderen Kontinenten noch gestärkt. Kennzeichen dieser Moderne sind die Freiheit des Individuums, die Chancengleichheit aller, die Ausgestaltung des Staates auf einer demokratischen, rechtsstaatlichen Grundlage, d.h. die Selbstbeschränkung des Staates und der Herrschenden (vgl. Hradil/Immerfall 1997). Durch die Prozesse der Modernisierung, wie sie in Europa seit etwa der Mitte des 17. Jahrhunderts zu beobachten sind, können heute keine Werte mehr Geltung nur aufgrund ihrer Tradition beanspruchen. Man kann diesen Verlust des Selbstverständlichkeitscharakters bedauern, man kann darin aber auch die Emanzipation des Individuums gegenüber den Mächtigen sehen. Die Spielregeln der Demokratie werden auf das gesellschaftliche Leben übertragen: Alle Werte werden begründungspflichtig und der Einzelne hat mehr Möglichkeiten als früher, sich selbst für bestimmte Lebensweisen zu entscheiden. Vielfach vermutet die sozialwissenschaftliche Forschung, dass es gegenwärtig einen Trend weg von Pflicht- und Ak9
Der Gegenstand der Modernisierungstheorie sind Gesetzmäßigkeiten langfristig ablaufender Prozesse in Gesellschaften, die auf der Makroebene zu untersuchen sind (Zapf 1992, vgl. auch Bendix 1969; Lerner 1972; Berger 1996; Zapf 1996).
68
Jörg Jacobs
zeptanzwerten hin zu Selbstverwirklichungs- und Engagementwerten gibt (Klages 1984; Inglehart 1989; vgl. im Überblick Duncker 2000: 5-27; Hillmann 2003). Populär ausgedrückt wird unterstellt, dass Recht und Ordnung an Bedeutung verlieren, Freizeitorientierung und Spaßgesellschaft dagegen wichtige Werte werden. Dieser Prozess wird dann teilweise beklagt als „Verfall der Werte“, „Verlust von Tradition und Ordnung“, „Untergang des christlichen Abendlandes“. Was wäre aber die gesellschaftliche Konsequenz, träfe dieser Wertewandel tatsächlich zu? Die Konsequenz wäre in keinem Fall ein wert-loses Europa, sondern ein Europa, in dem sich Wertpräferenzen gewandelt hätten. Es gäbe eine Pluralisierung der Werte, die eine Deutungsmacht, eine Einflussnahme von Organisationen auf alle Mitglieder einer Gesellschaft, aber auch die Integration verschiedener Gruppen in eine Gesellschaft deutlich schwieriger machte. Denn aus der Pluralisierung würde als eine Konsequenz erwachsen, dass auch gesellschaftliche Organisationen sich um die Gunst der Menschen bemühen müssten und traditionelle Institutionen (z.B. Kirchen, Gewerkschaften) durch den Verlust der Selbstverständlichkeit an Einfluss verlören. Die Fähigkeiten des Einzelnen, sich in die Gesellschaft einzubringen, das soziale Kapital und dessen institutionelle Organisation in der Zivilgesellschaft, würden einen deutlich größeren Stellenwert erhalten. Mitglieder einer Vereinigung, Organisation oder eines Verbandes würden sich darüber bewusst, ob und warum sie bestimmte Vorstellungen teilen und warum sie sich engagieren. Dies betrifft Kegelclubs und Sportvereine genauso wie Kirchen oder karitative Organisationen. Die bisherigen Ausführungen stützen die Bedeutung der Aufklärung und die Ansicht, dass der Flickenteppich Europa durch die verschiedenen Ausprägungen von Werten seine Gestalt erhält, dieser Teppich aber durch gemeinsame Fäden zusammengehalten wird, nämlich die aus der Modernisierung hervorgegangenen Werte. Hinzu kommen plurale Strukturen, wie die Weise des Zusammenlebens (Kleinfamilie), ethnische Kulturen, soziale Milieus, Lebensstile, Einwanderungskulturen und Konsumstile, die weitere Muster in den Teppich einweben. Gerade diese Verschiedenheit kann als Motor gelten, der eine dynamische Entwicklung in den europäischen Gesellschaften antreibt und auch in der Vergangenheit eine Ursache für die rasante Entwicklung Europas war. Der Wettbewerb der Kulturen, der durch den technischen Forschritt in der Informationsübermittlung noch schneller durch die Medien übertragen wird, ist ein Grund für den Reichtum Europas. In der kulturellen Vielfalt und den dezentralen Strukturen liegt eine der Ursachen, warum Eroberer es nicht geschafft haben, Europa vollständig zu unterwerfen (vgl. Landes 1999). Aber es sollte aus den gemachten Ausführungen auch hervorgehen, dass die kulturelle Vielfalt auf einheitliche und standardisierte Grundbedürfnisse aufbaut. In Europa ist es durch die Modernisierung gelungen, Sicherheit, Wohlstand, Gesundheit und Bildung für die breite Bevölkerung zu garantieren.
4
Kodifizierung von Werten in Europa
In der europäischen Tradition ist verankert, dass der Despotismus politischer Führer durch das Gesetz, die Teilung der Territorien und die Teilung der Macht zwischen Aristokratie und Krone gezügelt werden konnte. In gewissem Sinne unterscheiden sich europäische Herrscher von ihren asiatischen, südamerikanischen oder afrikanischen Pendants dadurch, dass sie durch zentralisierte, monolithische Regierungen gebunden waren, in denen die
Werte in Europa: Einheit in Vielfalt
69
Bürokratie weitgehend das gesellschaftliche Leben regelt. Die europäischen Gesellschaften werden dabei angeleitet von den Idealen der Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte, die seit der französischen Revolution in allen europäischen Gesellschaften gegenwärtig sind (vgl. Tabelle 1). Auch die Rechtsnormen der EU spiegeln den Wertekonsens in der politischen Kultur Europas wider. Aufbauend auf Vorstellungen von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechten wurde eine Reihe von Konventionen durch die Regierungen der EUMitgliedsländer als verbindlich akzeptiert (siehe den Beitrag von Thiele in diesem Band). Am Anfang stand die Konvention über die Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK 1950). In ihr wurden explizit das Prinzip der Demokratie und der Rechtsstaatlichkeit verankert. Außerdem werden das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit, Privatleben und Familie sowie Heirat garantiert. Alle Bürger sollen außerdem die Meinungsfreiheit, Gedanken- und Gewissensfreiheit, Religionsfreiheit, Versammlungsfreiheit sowie die Vereinigungsfreiheit haben. In einem Zusatzprotokoll der EMRK wurden 1994 der Schutz des Eigentums, das Recht auf Bildung und das Recht auf freie Wahlen ergänzt. Außerdem wurden Folter, Sklaverei, Zwangsarbeit und Diskriminierung ausgeschlossen. Tabelle 1: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und deren Ausdruck in allgemein in Europa akzeptierten Werten. Freiheit
x x
Gleichheit Brüderlichkeit:
- Soziales
- Sicherheit
x x x x x x x x x
Die Grundrechte der Meinungsäußerung Politische, soziale und ökonomische Wahlfreiheit Religionsfreiheit Rechtsgleichheit Chancengleichheit Familie als Grundeinheit der Gesellschaft Privatleben Heirat Minderheitenschutz Territoriale Integrität Demokratische Kontrolle des staatlichen Gewaltmonopols
Quelle: Eigene Zusammenstellung.
Weitere Dokumente, die einen europäischen Wertekanon definieren, sind die Europäische Kulturkonvention (1954), in der die Unterzeichnerstaaten sich auf ein Festhalten an der gemeinsamen Zivilisation, unter der Anerkennung nationaler Kulturen, festlegen. Die Unterzeichner erkannten an, dass es Ideale und Prinzipien in den einzelnen Mitgliedsländern gebe, die ihr gemeinsames Erbe seien. In der Europäischen Sozialcharta (1961) wurden die Sicherung des Lebensstandards und des sozialen Wohls der Bevölkerung, das Recht auf soziale Sicherheit und auf die soziale Fürsorge, das Recht von Kindern und Jugendlichen auf einen Schutz vor sittlichen und körperlichen Gefahren, das Recht von behinderten Menschen auf berufliche Ausbildung sowie das Recht von Müttern und Familien auf besonderen Schutz festgeschrieben. 1997 wurde die Europäische Sozialcharta auf Alte und Arbeits-
70
Jörg Jacobs
lose erweitert. Sie verbietet jede Diskriminierung wegen des Geschlechts oder des Familienstandes und fixiert ein allgemeines Recht auf eine Wohnung. 1989 bekräftigten die Mitgliedsstaaten der EU Frieden und Sicherheit, Freiheit und bürgerliche Grundrechte als anerkannte Werte in der Erklärung der Menschenrechte und Bürgerfreiheiten des Europäischen Parlaments. Im Verfassungsentwurf der Europäischen Union sind die Werte der Union in Artikel 2 verankert: „Die Werte, auf die sich die Union gründet, sind die Achtung der Menschenwürde, Freiheit, Demokratie, Gleichheit, Rechtsstaatlichkeit und die Wahrung der Menschenrechte; diese Werte sind allen Mitgliedsstaaten in einer Gesellschaft gemeinsam, die sich durch Pluralismus, Toleranz, Gerechtigkeit, Solidarität und Nichtdiskriminierung auszeichnet.“10
5
Wie werden diese Werte in den europäischen Nationen gesehen?
Aus der Einsicht, dass demokratische Ordnungen für ihre Existenz eines Wertefundaments bedürfen (Almond/Verba 1989), sich moderne Gesellschaften aber gleichzeitig immer durch Wertepluralismus auszeichnen, beklagen manche einen Verlust der Werte. Der Werteverfall wird dann darauf zurückgeführt, dass die Wohlstandsentwicklung den Menschen korrumpiert habe, der Westen also gleichsam an seinem Erfolg untergehen wird, den Einzelnen am Wohlstand teilhaben zu lassen. In den Medien ist die Rede von der „Ich“Gesellschaft, vom Moral-Vakuum oder der Auflösung der Gesellschaft. Mangelnder Gemeinsinn führe zu einer weit verbreiteten kriminellen Absahnermentalität in allen Schichten der Bevölkerung (vgl. Klages 2002). Dieser Befund ist aber aufgrund zweier Überlegungen zumindest fragwürdig. Zum einen ist nicht klar zu bestimmen, ob der heutige Werteverlust nicht nur aufgrund einer romantischen Verklärung der Vergangenheit beklagt wird. Es gibt zumindest Indikatoren, dass auch bei der frühen Industrialisierung traditionelle Werte zumindest nicht beachtet wurden. Indikatoren wären etwa alle Prozesse, die man mit dem Stichwort Manchesterkapitalismus zusammenfassen könnte, oder die deutlich höheren Kriminalitätsraten der europäischen Städte des 19. Jahrhunderts. Zum Zweiten ist es offen, ob die Menschen aufgrund des höheren Bildungsniveaus sowie der heute verbrieften Rechte (Restriktionen) und materiellen Sicherheiten (Opportunität) nicht viel stärker in der Lage sind, Pflichtwerte und Selbstverwirklichungswerte zu verbinden. „Spaß“ bedeutet eben mehr als der Besuch von Freizeitparks, Discotheken und Kinos. Spaß bedeutet für viele Menschen auch „das Erlebnis aktiven und erfolgreichen persönlichen Wirkens und Helfens in Verbindung mit Selbsterweiterungserfahrungen“ (Klages 2001: 2). In den folgenden Abschnitten werden Einstellungen zu Erziehungszielen, Familie und Ehe, Glaube und Moralvorstellungen sowie Demokratie als Wert in Europa präsentiert. Bei der Analyse beschränke ich mich auf vier Länder, die nach dem Zweiten Weltkrieg als „westliche“ Länder bezeichnet wurden: ein angelsächsisches (Großbritannien), ein römischkatholisches (Spanien), ein konfessionell gemischtes (West-Deutschland) und ein protestantisches (Schweden) Land. Hinzu kommen vier Länder, die nach dem Zweiten Weltkrieg zum Ostblock gezählt wurden: zwei römisch-katholische (Polen, Litauen), ein protestanti-
10
Siehe http://europa.eu.int/futurum/constitution/preamble/index_de.htm (September 2003).
Werte in Europa: Einheit in Vielfalt
71
sches (Estland), ein orthodoxes (Bulgarien) und ein weitgehend entkirchlichtes (OstDeutschland) Land11.
5.1 Erziehungsziele Von einem Rückgang des Gefühls der Verantwortung oder der Toleranz kann in Europa nicht die Rede sein. Ganz im Gegenteil erachtet in fast allen dargestellten Ländern ein größerer Anteil der Bevölkerung diesen Wert 1999 im Vergleich zu 1981 und 1991 für wichtiger. In Westeuropa und im post-kommunistischen Europa wird die Verantwortung von qualifizierten Mehrheiten als ein wichtiges Erziehungsziel anerkannt. Der Verfall der Sitten und ein Untergang des Abendlandes sind auf der Ebene von Vorstellungen, nach denen Kinder erzogen werden sollten, nicht zu erkennen. Eine vergleichsweise geringe Zustimmung zum Erziehungsziel der Toleranz finden wir in Litauen und Bulgarien über alle drei Messzeitpunkte. Es liegt nahe, eine Erklärung in ethnischen Spannungen (Litauen) und ökonomischer Rückständigkeit (Bulgarien) zu suchen. Eine fundierte Aussage über die Gründe für diese abweichenden Einstellungen bedürfte weiterer Analysen, die hier nicht zu leisten sind. In jedem Fall ist für unser Anliegen bedeutsam, dass es in allen zehn europäischen Ländern ein überwältigendes Bekenntnis zur Eigenverantwortung und zur Toleranz gibt.
5.2 Familie und Ehe Gerade in konservativen Kreisen wird ein Verfall der Familienwerte beklagt. In den Medien finden sich immer wieder Berichte, dass die Institution der Familie ihre Bedeutung verloren habe und andere Lebensformen an Bedeutung gewinnen. In den zehn ausgewählten Ländern zeigen die Einstellungen ein völlig anderes Bild. Nur in West-Deutschland halten 1995 ein Drittel und in Ost-Deutschland ein Viertel der Befragten die Hochzeit für eine überholte Institution. In den übrigen Ländern nimmt der Anteil derjenigen zu, die von der Hochzeit glauben, dass sie überholt sei, aber dieser Anstieg erfolgt sehr langsam und auf niedrigem Niveau (auf etwa 20 Prozent der Befragten). Dies überrascht vor allem im weitgehend säkularisierten Schweden, wo man mit dem Rückzug der Religion auch einen Verlust alter Traditionen vermuten könnte. Die Kleinfamilie scheint aber dennoch für weite Teile der Bevölkerung eine erstrebenswerte Familienform. So wird auch in Schweden ein Seitensprung nach der Heirat oder die vollständige sexuelle Freiheit nur von wenigen toleriert. Konfessionelle Unterschiede lassen sich in dieser Frage kaum ausmachen, außer, dass im katholischen Polen die Hochzeit und Treue nach der Heirat besonders hoch geachtet werden.
11
Die Ergebnisse basieren auf Daten des Eurobarometer, International Social Survey Programme, European Values Survey und des World Values Survey. Damit liegen Informationen zu Einstellungen in den Jahren 1991, 1995 und 1999 vor. Die Daten können über das Zentralarchiv der Universität Köln (http://www.gesis.org/za (Januar 2005)) für die Sekundäranalyse bezogen werden. Aus Platzgründen werden die Daten im Folgenden nur im Text diskutiert und nicht tabellenförmig aufgearbeitet. Die Tabellen sind über den Autor oder über das Internet unter folgender Adresse zu beziehen: http://www.kulsoz.euv-frankfurt-o.de/ (Æ Downloads, Æ Jacobs: Werte_in_Europa.pdf).
72
Jörg Jacobs
Man kann sagen, dass die traditionellen Werte von Familie und auch Treue in weiten Teilen der europäischen Bevölkerung verankert sind, auch wenn über die Medien manchmal ein anderes Bild vermittelt wird und manche tradierte gesellschaftliche Restriktion an Bedeutung verloren hat. Zum Beispiel weisen die hohen Scheidungsraten darauf hin, dass es weniger Restriktionen gibt, eine Partnerschaft zu beenden, falls diese aus Sicht der Betroffenen nicht mehr funktioniert. Als einen Effekt von Restriktionen kann man auch die relativ hohe Zustimmung für vollständige sexuelle Freiheit in Spanien erklären (mehr als 50 Prozent der Befragten halten vollständige sexuelle Freiheit für wünschenswert). Es ist zu vermuten, dass den Menschen im katholischen Spanien vollständige sexuelle Freiheiten durch gesellschaftliche Traditionen und Normen vorenthalten werden. Durch einen Vergleich mit der Situation in anderen Nationen könnte ein Bedürfnis geweckt werden, das nicht befriedigt werden kann. Die Interpretation der Daten lautet also nicht, dass die Spanier eine vollständige sexuelle Freiheit ausleben würden, sondern, dass ihnen eine individuelle Entscheidung darüber verwehrt wird. Von einzelnen Abweichungen abgesehen, die hier durch nationale Besonderheiten erklärt wurden, zeigt sich bei den verschiedenen europäischen Völkern insgesamt eine große Ähnlichkeit der Einstellungen zur Familie und Ehe.
5.3 Glaube und Moralvorstellung Mit der Aufklärung und der Entzauberung der Religion in der Moderne hat der Glaube an die Rationalität der Technik und die Erklärbarkeit von zunächst unerklärlichen Phänomenen einen relativ hohen Stellenwert eingenommen. Wie aus den Umfragedaten abzulesen ist, glaubt in allen Ländern eine absolute Mehrheit der Befragten an den Nutzen der Wissenschaft. Es vertreten sogar meist mehr als drei Viertel der Befragten die Ansicht, Wissenschaft sei in der modernen Gesellschaft hilfreich und verdiene auch Vertrauen. Nur im katholischen Spanien und im orthodoxen Bulgarien steht eine relativ starke Minderheit der Technik skeptisch gegenüber. In Übereinstimmung mit anderen präsentierten Ergebnissen liegt die Vermutung nahe, dass es vor allem in der spanischen Gesellschaft noch starke traditionale Elemente gibt. Es scheint aber nicht angemessen, aus den Daten eine Abkehr von den europäischen Werten der Modernisierung zu vermuten, zumal in Spanien und Bulgarien von der überwiegenden Mehrheit der Befragten eingeräumt wird, dass die Wissenschaft zumindest nicht mehr Schaden als Nutzen anrichtet. Die Einstellungen zur Religion deuten auf die besondere Rolle der katholischen Kirche. In den mehrheitlich katholisch geprägten Ländern Spanien, Polen und Litauen finden wir den höchsten Anteil an Befragten, die an Gott glauben. Gleichzeitig ist in Spanien und Polen der Anteil an Befragten am höchsten, die den Einfluss der Religion und deren Organisationen für zu einflussreich halten. Im säkularisierten Schweden und den orthodoxen Ländern Bulgarien und Russland glauben nur maximal ein Fünftel der Befragten, dass die Religion zu viel Einfluss habe, in Polen und Spanien ist dies fast jeder zweite. Allerdings wird auch in West-Deutschland und Ost-Deutschland der Machtanspruch der Kirchen von 46 Prozent der Befragten für zu hoch gehalten. Die unterschiedliche konfessionelle Prägung in West- und Ost-Deutschland erlaubt den Schluss, dass es über die religiöse Prägung hinaus auch spezifische nationale Besonderheiten geben müsste, die zu diesen Einstellungen führen. Die Ähnlichkeit der Einstellungen kann an der starken Präsenz der evangelischen und katholischen Kirche in den Medien (z.B. zu Fragen der Biotechnik oder der Abtrei-
Werte in Europa: Einheit in Vielfalt
73
bung) liegen, aber vor allem an der sichtbaren Verbindung von Staat und Kirche durch die Institution der Kirchensteuer. Anders als in vielen anderen Ländern bezahlt in Deutschland jedes Mitglied einer der beiden großen Konfessionen eine Kirchensteuer von seinem Bruttoeinkommen. Diese Steuer wird dazu noch durch den Staat eingezogen. Der Indikator „Glaube an Gott“ weist auf ein Problem hin, das bei der Interpretation von Umfragedaten immer besteht. Es entspricht wohl kaum den realen Verhältnissen, wenn zum Beispiel der Glaube an Gott von 1995 bis 1998 in Schweden von 48,2 auf 12,3 Prozent sinkt. Dies ist eindeutig ein Effekt der Antwortvorgaben im World Values Survey (WVS) und dem International Social Survey Programme (ISSP). Im WVS hatten die Befragten nur die harte Wahl zwischen den Antwortvorgaben ja und nein. Vor diese Wahl gestellt, gibt in Westeuropa eine Mehrheit und in West-Deutschland und Spanien sogar in Bevölkerungsanteil von über 70 Prozent an, an Gott zu glauben. Im ISSP gab es fünf Antwortmöglichkeiten. Die 12,3 Prozent der gläubigen Befragten in Schweden beziehen sich auf diejenigen Befragten, die schon immer an Gott geglaubt haben und auch keinen Zweifel an der Existenz Gottes hegen. Trotz dieser methodischen Probleme ist zunächst festzuhalten, dass es eine Reihenfolge der Länder gibt, wie man sie intuitiv erwarten würde. In Ost-Deutschland glauben nur 9,4 Prozent, in Schweden nur 12,3 Prozent der Befragten bedingungslos an Gott. In Großbritannien, West-Deutschland, Bulgarien und Russland sind es immerhin mehr als ein Fünftel der Bevölkerung und in den eher katholisch geprägten Ländern hat der höchste Anteil der Befragten keinen Zweifel an der Existenz Gottes, in Spanien ist dies fast die Hälfte und in Polen fast drei Viertel der Befragten. Gleichzeitig ist der Anteil der Atheisten in allen Ländern mit weniger als 20 Prozent der Befragten deutlich geringer als es die These von der Säkularisierung in Europa unterstellen würde. Wenn man der Bevölkerung die Auswahl gibt, finden wir in weiten Teilen der Bevölkerung etwas, was ich als einen aufgeklärten Glauben bezeichnen möchte. Nach den präsentierten Ergebnissen scheint ein Gottesglaube in Europa immer noch weitgehend verankert zu sein. Selbst in Ländern wie Schweden, das als Vorreiter im Prozess der Säkularisierung gelten kann, zählen weniger als 17 Prozent zum harten Kern der Atheisten. Am Ende dieses Abschnitts kann man festhalten, dass in Teilen der Bevölkerung der Einfluss von religiösen Institutionen für zu stark gehalten wird. Gleichzeitig bleibt aber auch die Idee des Gottesglaubens als Ausdruck christlichen Gedankenguts in den europäischen Gesellschaften verankert. Und zwar selbst dort, wo man gemeinhin einen starken Hang zur Säkularisierung erwarten würde.
5.4 Demokratie als Wert Ein europäischer Wert, der weltweite Akzeptanz gefunden hat, ist die Demokratie als Regierungsform. Winston Churchill hat den Wert der Demokratie in dem griffigen Satz formuliert, dass die Demokratie die schlechteste aller möglichen Regierungsformen sei, außer allen anderen, die von Zeit zu Zeit einmal ausprobiert würden. Die empirische Analyse zeigt, dass der Wert der Demokratie in Europa fest verankert ist. Auch in WestDeutschland, das erst mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vor 60 Jahren die bestehende demokratische Ordnung eingeführt hat, und in Spanien, dessen Demokratie gerade 30 Jahre alt ist, sind mehr als 85 Prozent der Befragten davon überzeugt, dass es kein besseres Re-
74
Jörg Jacobs
gime als die Demokratie gebe. Ebenso sagen im post-kommunistischen Europa, wo erst vor knapp 15 Jahren pluralistische Demokratien eingeführt wurden, deutlich mehr als drei Viertel der Befragten, dass die Demokratie besser sei als jede andere Regierungsform. Mit einer Ausnahme: Russland. In Russland stimmten 1999 knapp 38 Prozent der Befragten nicht der Aussage zu, dass die Demokratie besser als jede andere Regierungsform sei. Unterhalb der allgemeinen Ebene einer Zustimmung zu dem Prinzip der Demokratie findet sich zumindest in Westeuropa12 auch eine weitgehende Zustimmung zu einzelnen Freiheiten und Rechten, wie der Meinungsfreiheit, der Gleichheit vor dem Gesetz, dem Recht auf körperliche Unversehrtheit oder der Religionsfreiheit. Allerdings gibt es sehr wohl Unterschiede zwischen den Ländern, die zumindest Zweifel aufkommen lassen, ob die traditionelle Heterogenität der Nationen Europas einem Monolithen gewichen sei (siehe die Daten des Eurobarometer Nr. 30 von 1988 und Gabriel 1992: 544). Individuelle Rechte, wie das Recht auf körperliche Unversehrtheit oder Religionsfreiheit, werden in allen Ländern sehr hoch geschätzt. Anders dagegen sieht es zum Beispiel bei der Versammlungsfreiheit aus. Hier halten etwa 30 bis 40 Prozent der Befragten die Möglichkeit der Einschränkung für angebracht. Auch beim Grundrecht auf Asyl und dem Recht auf eine eigene Sprache und Kultur zeigen sich Unterschiede zwischen den Ländern. Außerdem weichen die Einstellungen von der theoretischen Erwartung ab, die eine hohe Zustimmung zum Prinzip der Demokratie nahe legen würde. In diesen Werten kommen wahrscheinlich ebenfalls die spezifischen Erfahrungen zum Ausdruck, die jedes Land unabhängig von den gemeinsamen Werten gesammelt hat. Entscheidend ist wohl, dass diese nationalen Unterschiede auf einem sehr hohen Niveau der Zustimmung für Werte existieren, die als gemeinsames europäisches Erbe gelten können. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich das Bild von der Vielfältigkeit in der Gemeinsamkeit bestätigt. In keinem Fall ist es so, dass die hier herangezogenen Wertorientierungen den Menschen fremd waren. Die Fragen wurden vergleichbar beantwortet. Gleichzeitig kann man sehen, dass es in Europa weiterhin traditionale Vorstellungen einer „guten“ Gesellschaft gibt. Die Prozesse der Modernisierung haben ganz Europa erfasst, die kulturellen Eigenarten sind aber dennoch erkennbar. Von einem Europa ohne Werte zu sprechen verbietet sich nach diesen Analysen. Auch wenn es zu einer Pluralisierung der Lebensstile kommt und Prozesse der Säkularisierung, d.h. ein Bedeutungsverlust der Kirchen, unbestreitbar sind, stehen die Menschen doch zu den generellen Werten, die sich aus der christlichen, antiken und abendländischen Tradition ergeben und die durch die Aufklärung eine weite Verbreitung gefunden haben.
6
Ein wertloses Europa? – Europäisches Sendungsbewusstsein und Modernisierung
Der Verfall der Werte und Sitten ist eine immer wiederkehrende Klage. Dennoch haben die Menschen nicht aufgehört, als gesellschaftliche Wesen nach anerkannten Regeln zu existieren. Zu dieser Existenz gehören auch Vorstellungen davon, was gesellschaftlich wünschenswert ist. Vielleicht sind die Bewältigung der Sinnkrise und die Suche nach dem Ersatz für die Religion, wie sie oben in den Worten von Habermas beschrieben wurden, eine der wesentlichen Aufgaben in modernen Gesellschaften. Peter L. Berger (1999) hat einige Thesen über Werte in modernen Gesellschaften aufgestellt: 12
Für die ost-mitteleuropäischen und osteuropäischen Länder liegen keine Vergleichszahlen vor.
Werte in Europa: Einheit in Vielfalt
75
1. Berger führt aus, dass die These vom Ende der zivilisierten Welt nicht neu sei. Sie berufe sich auf zwei Dimensionen, die auch meinem Beitrag zugrunde liegen. Erstens wird der Niedergang der westlichen Gesellschaften behauptet. Angeblich zerfallen die Familien, die Religion sei im Niedergang begriffen und es gebe ein hohes Maß an Kriminalität, Drogen oder ähnlichen gesellschaftlichen Problemen. Zweitens wird behauptet, der Westen habe im internationalen Kontext seine Vormachtstellung verloren. Die universelle Gültigkeit wichtiger Werte wie Menschenrechte und Demokratie könne nicht mehr eingefordert werden. Das Christentum habe seinen Anspruch auf universelle Gültigkeit als Ausdruck westlicher Kultur im Prozess der Säkularisierung verloren. Berger bestreitet nicht den Inhalt der beiden Aussagen, legt aber eine andere, weniger dramatische Interpretation nahe. Zum Ersten: Pathologische Erscheinungen habe es immer gegeben. Der Zerfall der Familie könne auch einfach als natürlicher Wandel der Institution Familie gelten, Probleme einzelner Kirchen müssen nicht als generelle Religionskrise gelten und die Kriminalität sei früher weiter verbreitet gewesen als heute. Zum Zweiten: Nicht-westliche Kulturen treten heute selbstbewusster und mit eigenem Anspruch auf. Dennoch kann man eine Vorherrschaft westlicher Kulturformen im Bereich der Massenkultur (Kleidung, Musik) und auch auf ideellem Gebiet (Rechte des Einzelnen gegenüber der Gesellschaft, das Ideal der Selbstverwirklichung, der Wunsch nach einer demokratischen und rechtsstaatlichen Grundlage für den Staat) feststellen. 2. Säkularisierung bedeutet den Niedergang der Religion. Dieses Phänomen ist geographisch auf Europa, weltweit weitgehend auf ein Segment der Bevölkerung mit höherer Ausbildung beschränkt. Ein weltweiter Niedergang der Religion entspricht wohl kaum den empirischen Tatsachen. Man kann, so Berger, davon sprechen, dass auch heute für den größten Teil der Menschheit die Sinnsuche religiös motiviert ist. Weltweit zählen der konservative Islam und die konservativen christlichen Glaubensformen zu den am weitesten verbreiteten religiösen Phänomenen. Die Frage, ob die Abwendung von den Kirchen in Europa auch zu Agnostik oder Atheismus führt, ist offen. In der Religionssoziologie wird es auch für möglich gehalten, dass sich das Bedürfnis nach Religion nur neuen Formen zuwendet, etwa dem Buddhismus oder New Age. Dies wäre dann durchaus ein Rückkopplungseffekt aus weltweiter Kommunikation, Interesse an fremden Kulturen in Europa und der Verbreitung nicht-christlicher Religionsformen durch die Migration nach Europa. Es ist ebenfalls eine offene Frage, ob die Abkehr von den christlichen Kirchen gleichzeitig auch eine Abkehr vom christlichen Glauben bedeutet. Es könnte durchaus sein, dass die europäischen Staatskirchen die Bedürfnisse der Menschen nicht mehr befriedigen. Für diese These spricht die Vitalität kleiner, dezentraler, protestantischer Kirchen in den USA. 3. Pluralismus bedeutet eine Relativierung sämtlicher Lebensbezüge. „Was früher als Selbstverständlichkeit betrachtet wurde, wird nun zu einer möglichen Variante unter vielen“, schreibt Berger (1999: 30). Pluralismus tritt dann auf, wenn unterschiedliche, voneinander klar abgrenzbare Gruppen friedlich zusammenleben und sozial interagieren. Dies können z.B. ethnische oder religiöse Gruppen sein, aber auch soziale Gruppen wie Homosexuelle. Die umfangreiche (und relativ einfache) Migration, die physische Mobilität der Menschen gerade im Rahmen der Europäischen Union sowie die Medien der Massenkommunikation sieht Berger als wesentliche Elemente der Pluralisierung an. Das ethnozentrische Selbstbewusstsein Europas, das früher eine naturgegebene Plausibilität beanspruchen
76
Jörg Jacobs
konnte, verliert durch das Zusammenrücken der Welt seine Selbstverständlichkeit. Die Integration moderner Gesellschaften, also die Frage, was eine Gesellschaft eigentlich bei einer Betonung von Individualität noch zusammenhält, wird daher eine beständig zu beantwortende Frage. 4. Berger sieht zwei extreme Reaktionen auf diesen Pluralismus: Einmal die Ablehnung von allem Fremden, das in die eigene Welt eingedrungen ist und die Verkündung „alter Werte und Weisheiten“ (Berger 1999: 31). Dies wäre etwa die Reaktion des konservativen Islam auf jede Erneuerung der Gesellschaft. Für genauso inakzeptabel hält Berger, als Antwort auf den Pluralismus einer Relativierung das Wort zu reden, die jede moralische Wertung ausschließt. Auch in einer pluralistischen Gesellschaft müssen „gut und böse“, Recht und Unrecht zu erkennen sein. Moderne Gesellschaften dürfen nicht zu wert-losen Gesellschaften werden. Nach Berger findet man in Europa heute beide Reaktionen, z.B. in den Reaktionen auf die Rolle Europas in der Welt, wenn es um die internationale Legitimität westlicher Werte wie Menschenrechte und Demokratie in nicht-westlichen Gesellschaften geht. In öffentlichen Beiträgen zu dieser Frage gibt es Ethnozentrismus genauso wie falsch verstandenen Multikulturalismus. Die Neubewertung alter Werte und Traditionen wird durch Pluralisierung provoziert und bietet eine Chance, den Wert eigener Werte zu prüfen. Eine bewusste Entscheidung für oder gegen Werte kann daher sogar zu einer Stärkung der individuellen Haltung führen und damit auch zu einer Stärkung der für wünschenswert und gut befundenen Werte insgesamt. Für das moralische Selbstverständnis einer Gesellschaft kann eine solche Überprüfung nur positiv sein. Um noch einmal mit Berger zu sprechen: Für die Gesellschaft als Ganzes bietet sich dadurch die Möglichkeit, sich gewissermaßen daran zu erinnern, warum es sich lohnt, akzeptiert und angesehen zu sein, und welches die Bedeutungen sind, ohne die die Gesellschaft ihre Werte/ihren Wert verlieren würde. 5. Fasst man die Ausführungen zusammen, gilt es zunächst festzuhalten, dass ein Kulturpessimismus der Art, dass ein Verfall der Werte zu einem schleichenden Zerfall moderner Gesellschaften führt, aus Sicht der Soziologie eine falsche Klage ist. In jeder Gesellschaft gibt es Werte, und daher kann auch keine Gesellschaft Wert-los sein. Es ist jedoch unbestreitbar, dass Orientierungen diesen Werten gegenüber nicht starr sind, sondern sich auch ändern können. Daraus ergibt sich als eine Konsequenz, dass Eigenschaften, die heute als gesellschaftlich wünschenswert gelten, ihre Bedeutung für die Gesellschaft von morgen verloren haben können. Die Sozialwissenschaften enthalten sich einer Wertung, ob dies gut oder schlecht sei. Es wurde jedoch ausgeführt, dass der Wettbewerb zwischen den Gesellschaften in Europa, die Heterogenität der europäischen Länder, bei einem homogenen europäischen Erbe, eher zu einer Stärkung Europas im Prozess des weltweiten Wettbewerbs führen kann. Dies gilt, solange sich die europäischen Länder auf eine gemeinsame mentale Geschäftsgrundlage einigen. Die bestehende Geschäftsgrundlage ist in den europäischen Rechtsstaaten kodifiziert worden und findet heute in der (globalen) Akzeptanz von Menschenrechten ihren sichtbarsten Ausdruck. Nach außen hin ist die europäische Welt ohnehin ein Exportschlager. Es gibt keine Region der Welt, die sich dem anhaltenden Prozess der Modernisierung entziehen könnte. Modernisierung hat ihren Ausgang in Europa genommen und bestimmt mit den Strukturen Demo-
Werte in Europa: Einheit in Vielfalt
77
kratie, Marktwirtschaft, Rechtsstaat und Wohlfahrtsstaat mit Massenkonsum wesentlich die gesellschaftlichen Entwicklungen weltweit. Allerdings ist es auch richtig, dass die Dominanz Europas sich heute abschwächt. Damit meine ich nicht, dass die USA in der internationalen Politik eine Führungsrolle übernehmen, die Vereinigten Staaten sind diesem Fall zu Europa zu rechnen. Bücher wie „Culture Matters“ (Harrison/Huntington 2001), „The Clash of Civilizations” (Huntington 1993) oder „The Wealth and Poverty of Nations” (Landes 1999) warnen ausdrücklich davor, das „Ende der Geschichte” (Fukuyama 1989) anzunehmen. Der Widerstand gegen den dominierenden Einfluss der „entwickelten“ Welt wurde einer breiten Öffentlichkeit bewusst in dem Akt des Terrorismus gegen die USA und den nachfolgenden politischen Ereignissen. Der Kampf zwischen Traditionalisten, die alte Werte und Traditionen gegen eine dekadente, Wert-lose Verwestlichung verteidigen, und Modernisierern findet jedoch in vielen Gesellschaft statt: Die Revolution im Iran 1979, die Ermordung von Präsident Sadat in Ägypten und Ministerpräsident Rabin in Israel, kaum verhüllte Drohungen gegen den moderaten, in Großbritannien ausgebildeten König von Jordanien, die Unruhen zwischen Christen und Moslems in Indonesien oder Nigeria, die Unterdrückung der Religionsfreiheit (und Demokratie) in China, die Enteignung weißer Bauern in Simbabwe auf das Dekret eines Alleinherrschers hin. Alle diese Konflikte, die von einer internationalen Öffentlichkeit wahrgenommen wurden, stehen für gesellschaftliche Konflikte, in denen auch um Werte gekämpft wird, die in Europa selbstverständlich sind. Es ist aber keineswegs nur die „unterentwickelte“ Welt, in der Tradition und kulturelle Identität als Legitimation (oder Vorwand) für politischen Extremismus gegen eine staatliche Ordnung herhalten müssen: Der traditionelle Kampf der Serben gegen den Einfluss des Islam in Europa, der (friedliche) Streit zwischen Ungarn, der Slowakei und Rumänien um die Rechte der ungarischen Minderheiten in der Slowakei und Rumänien oder der Glaube mancher Russen, mit dem Krieg in Tschetschenien eine Mission Europas gegen den Ansturm des Islam zu erfüllen, sind einige Beispiele. Dazu gehören auch die Versuche von extremistischen Minderheiten auf Korsika, im Baskenland und in Nordirland, gewaltsame Aktionen gegen bestehende Regeln mit Werten und Traditionen zu begründen. Abschließend lässt sich sagen, dass Europa gemeinsame Werte teilt, und diese Werte einen Exportschlager darstellen. Gleichzeitig haben sich verschiedene Teile der Welt gegenüber der „alten“ Welt emanzipiert. Es ist eine politische Gratwanderung, in diesen Ländern europäische Wertvorstellungen einzufordern (z.B. die Verhinderung der traditionellen Beschneidung von Frauen in Afrika, Verbot von Sklaverei oder Kinderarbeit) und gleichzeitig Fehler der vergangenen, durch gewaltsame Missionierung und Imperialismus geprägten Jahrhunderte nicht zu wiederholen. „Die Überbleibsel europäischer kolonialistischer Anmaßung sollten als das betrachtet werden, was sie sind: ein kurzer historischer Moment, in dem Europa die Vorherrschaft besaß. Dieser Moment ist vorüber“ (Avineri 1999: 58). Es kann also nicht darum gehen, die eigene kulturelle Identität durch einen Kulturrelativismus zu verleugnen. Es geht um Pluralismus, nicht um Beliebigkeit. Es geht um Einheit in der Vielfalt.
78
Jörg Jacobs
Literatur Almond, Gabriel / Verba, Sidney, 1989: The Civic Culture. Political Attitudes and Democracy in Five Nations. Newbury Park et al.: Sage [zuerst 1963 Princeton: Princeton University Press]. Avineri, Shlomo, 1999: Globalismus und Pluralismus. Welchen Beitrag kann Europa leisten? In: Werner Weidenfeld (Hrsg.): Dialog der Kulturen. 2. Auflage. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung, S. 55-59. Beck, Ulrich, 1986: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Beck, Ulrich / Giddens, Anthony / Lash, Scott, 1996: Reflexive Modernisierung. Eine Kontroverse. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Bendix, Reinhard, 1969: Modernisierung in internationaler Perspektive. In: Wolfgang Zapf (Hrsg.): Theorien des sozialen Wandels. Köln/Berlin: Kiepenheuer & Witsch, S. 505-512. Berger, Johannes, 1996: Was behauptet die Modernisierungstheorie wirklich – und was wird ihr bloß unterstellt? In: Leviathan 24, S. 45-62. Berger, Peter L./Luckmann, Thomas, 1996: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: eine Theorie in der Wissenssoziologie. Frankfurt a. M.: Fischer. Berger, Peter L., 1999: Die Bewältigung der Sinnkrise: eine zentrale Herausforderung für moderne Gesellschaften. In: Werner Weidenfeld (Hrsg.): Dialog der Kulturen. 2. Auflage. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung. Bibliographisches Institut, 1976: Das farbige Duden-Lexikon in 3 Bänden. Mannheim et al.: Dudenverlag. Bühl, Walter L., 1990: Sozialer Wandel im Ungleichgewicht. Zyklen, Fluktuationen, Katastrophen. Stuttgart: Enke. Coleman, James S. 1972: Modernization: Political Aspects. In: International Encyclopedia of the Social Sciences Vol. 10. 2.Auflage. New York/London: Macmillan, S. 396-402. Deutsch, Karl W., 1971: Soziale Mobilisierung und politische Entwicklung. In: Wolfgang Zapf (Hrsg.): Theorien des sozialen Wandels. Köln/Berlin: Kiepenheuer & Witsch, S. 329-350. Dore, Ronald P., 1972: Modernization: The Bourgeoise in Modernizing Societies. In: International Encyclopedia of the Social Sciences Vol. 10. 2. Auflage. New York/London: MacMillan, S. 402-409. Duncker, Christian, 2000: Verlust der Werte? Wertewandel zwischen Meinungen und Tatsachen. Wiesbaden: Deutscher Universitäts-Verlag. Eisenstadt, Shmul N., 1973: Tradition, Wandel und Modernität. Frankfurt a.M.: Suhrkamp. Fishbein, Martin / Ajzen, Icek, 1975: Belief, Attitude, Intention and Behavior. An Introduction to Theory and Research. Reading M.A.: Addison-Wesley. Frey, Dieter, 1987: Kognitive Theorien in der Sozialpsychologie. In: Dieter Frey/ Siegfried Greif (Hrsg.): Sozialpsychologie. Ein Handbuch in Schlüsselbegriffen, München/Weinheim, S. 50-67. Fukuyama, Francis, 1989: The End of History? In: National Interest 15, S. 3-18. Gabriel, Oscar W. (Hrsg.), 1992: Die EG-Staaten im Vergleich. Strukturen, Prozesse, Politikinhalte. Opladen: Westdeutscher Verlag. Harrison, Lawrence E. / Huntington, Samuel P. (Hrsg.), 2001: Culture Matters. How Values Shape Human Progress. New York: Basic Books. Hillmann, Karl-Heinz. 2003: Wertwandel. Würzburg: Carolus Verlag. Hix, Simon, 2005: The Political System of the European Union. 2. Auflage. Houndmills: Palgrave. Hradil, Stefan / Immerfall, Stefan (Hrsg.), 1997: Die westeuropäischen Gesellschaften im Vergleich. Opladen: Leske+Budrich. Huntington, Samuel P., 1996: The Clash of Civilizations. In: Foreign Affairs 72, S. 22-49. Huntington, Samuel P., 1993: The Clash of Civilizations. Remaking of World Order. New York: Touchstone.
Werte in Europa: Einheit in Vielfalt
79
Immerfall, Stefan, 1997: Soziale Integration in den westeuropäischen Gesellschaften. Werte, Mitgliedschaften, Netzwerke. In: Stefan Hradil / Stefan Immerfall (Hrsg.): Die westeuropäischen Gesellschaften im Vergleich. Leske+Budrich: Opladen, S. 139-173. Inglehart, Ronald, 1989: Kultureller Umbruch. Wertwandel in der westlichen Welt. Frankfurt a.M. et al.: Campus. Inglehart, Ronald, 1997: Modernization and Postmodernization. Cultural, Economic, and Political Change in 43 Societies. Princeton: Princeton University Press. Inkeles, Alex / Smith D. H., 1974: Becoming Modern. Individual Change in Six Developing Countries. Cambridge: Cambridge University Press. Jacobs, Jörg, 1997: Modernisierungsakzeptanz und Wertorientierung. Plädoyer für eine vierte Dimension. In: Gert Pickel / Susanne Pickel / Jörg Jacobs (Hrsg.): Demokratie: Entwicklungsformen und Erscheinungsbilder im interkulturellen Vergleich. Frankfurt (Oder)/Bamberg: ScrîpvazVerlag, S. 133-146. Jacobs, Jörg, 2000: Die konfessionell-religiöse Spannungslinie am Beispiel der Bundestagswahl 1994 und 1998. In: Detlef Pollack / Gert Pickel (Hrsg.): Religiöser und kirchlicher Wandel in Ostdeutschland 1989-1999. Opladen: Leske+Budrich, S. 165-185. Katz, Daniel, 1960: The Functional Approach to the Study of Attitudes. In: Public Opinion Quarterly 24, S. 163-204. Klages, Helmut, 1984: Wertorientierungen im Wandel. Rückblick, Gegenwartsanalysen, Prognosen. Frankfurt a.M. et al.: Campus. Klages, Helmut, 2001: Brauchen wir eine Rückkehr zu traditionellen Werten? In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft (B 29/2001), S. 7-14. Kluckhohn, Clyde, 1962: Values and Value-Orientations in the Theory of Action. An Exploration in Definition and Classification. In: Talcott Parsons / Edward A. Shils (Hrsg.): Toward a General Theory of Action, New York/Evanston: Harper Torchbook, S. 388-433 [zuerst 1951 Harvard University Press]. Kmieciak, Peter, 1976: Wertstrukturen und Wertwandel in der Bundesrepublik Deutschland. Göttingen: Schwartz. Landes, David S., 1999: The Wealth and Poverty of Nations. New York/London: W.W. Norton. Lerner, Daniel, 1972: Modernization: Social Aspects. In: International Encyclopedia of the Social Sciences Vol. 10. 2. Auflage. New York/London: MacMillan, S. 386-395. Lipset, Seymor M., 1966: Political Man. 4. Auflage. London: Mercury Books. Maag, Giesela, 1992: Zur Stabilität individueller Wertmuster. In: Helmut Klages / Hans-Jürgen Hippler / Willi Herbert (Hrsg.): Werte und Wandel. Ergebnisse und Methoden einer Forschungstradition. Frankfurt a.M. et al.: Campus, S. 622-641. Manheim, Jarol B., 1982: The Politics Within. A Primer in Political Attitudes and Behavior. 2. Auflage. New York/London: Longman. Mannheim, Karl, 1960: Ideology and Utopia. London: Routledge. Mielke, Gerd, 1991: Des Kirchturms langer Schatten. In: Hans-Georg Wehling (Hrsg.): Wahlverhalten. Stuttgart: Kohlhammer, S. 139-165. Morin, Edgar, 1991: Europa denken. Frankfurt a.M./New York: Campus. Münch, Richard, 1993: Das Projekt Europa: zwischen Nationalstaat, regionaler Autonomie und Weltgesellschaft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. Nugent, Neill / Paterson, William E. / Wright, Vincent, 1999/2005: The Political System of the European Union. Basingstoke/New York: Palgrave. Parsons, Talcott, 1971: The System of Modern Societies. Englewood Cliffs (N.J.): Prentice Hall. Rattinger, Hans / Heinlein, Petra, 1986: Sicherheitspolitik in der öffentlichen Meinung. Umfrageergebnisse für die Bundesrepublik Deutschland bis zum „heißen Herbst 1983“. Berlin: Wissenschaftlicher Autoren-Verlag. Schmidt, Helmut, 1990: Die Deutschen und ihre Nachbarn. Berlin: Siedler. Sniderman, P.M. / Brody, R.A. / Tetlock, P.E., 1991: Reasoning and Choice. Explorations in Political Psychology. Cambridge: Cambridge University Press.
80
Jörg Jacobs
Tietz, Udo, 2002: Gemeinsinn, Gemeinwohl und die Grenzen des „Wir“. In: Herfried Münkler / Harald Bluhm (Hrsg.): Gemeinwohl und Gemeinsinn. Zwischen Normativität und Faktizität. Berlin: Akademie Verlag, S. 37-70. Van Deth, Jan W. / Scarbrough, Elinor, 1995: The Impact of Values. Oxford: Oxford University Press. Viehoff, R. / Segers, R.T., 1999: Kultur Identität Europa. Über die Schwierigkeiten und Möglichkeiten einer Konstruktion. Frankfurt a. M.: Suhrkamp. Wehler, Hans-Ulrich, 1975: Modernisierungstheorie und Geschichte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht. Wolf, Christoph, 1996: Konfessionelle versus religiöse Konfliktlinie in der deutschen Wählerschaft. In: Politische Vierteljahresschrift 37, S. 713-734. Zapf, Wolfgang (Hrsg.), 1971: Theorien des sozialen Wandels. 3. Auflage. Köln u.a.: Kiepenheuer & Witsch. Zapf, Wolfgang, 1986: Sozialer Wandel. In: Bernhard Schäfers (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie. Opladen: Leske+Budrich. Zapf, Wolfgang, 1992: Entwicklung und Zukunft moderner Gesellschaften seit den 70er Jahren. In: Hermann Korte / Bernhard Schäfers (Hrsg.): Einführung in die Hauptbegriffe der Soziologie. Opladen: Leske+Budrich, S. 195-210. Zapf, Wolfgang, 1996: Die Modernisierungstheorie und unterschiedliche Pfade der gesellschaftlichen Entwicklung. In: Leviathan 24, S. 63-77.
Das Gedächtnis Europas. Eine Diagnose
81
Birgit Schwelling
Das Gedächtnis Europas. Eine Diagnose
1
Einleitung: Europäische Identität und das Gedächtnis Europas
Vor dem Hintergrund des Erweiterungsprozesses der Europäischen Union hat ein Reflexionsprozess über das Fundament und die „Finalität“ des gemeinsamen Europas eingesetzt. Dabei wird unter anderem die Frage diskutiert, was die verbindende, von den Bürgern Europas getragene Grundlage bilden könnte, die dem Bündnis dauerhafte Stabilität verleiht. Mit anderen Worten: Es wird verhandelt, ob eine auf Europa bezogene kollektive Identität1 existiert, ob eine solche kollektive Identität notwendig und wünschenswert ist und was deren mögliche Bezugsgrößen sind bzw. sein könnten. Diejenigen, die sich an dieser Debatte beteiligen, sind sich zumindest in zwei Punkten einig: Erstens, so die weithin geteilte Annahme, mangelt es Europa an einer solchen kollektiven Identität, an einem europäischen „Wir“-Gefühl. „Europa ist eine Kopfgeburt“, die das Herz der Bürger nicht anspreche, so zum Beispiel Ralf Dahrendorf (1994: 760). Der Raum, zu dem Menschen Zugehörigkeit empfinden, ist nach wie vor der Nationalstaat. Die direkte Befragung der Bürger in Europa bestätigt diese Beobachtung. Laut Eurobarometer definiert sich in etwa nur einer von zehn EU-Bürgern in erster Linie als Europäer. Neun von zehn Befragten dagegen geben an, dass ihre primäre Bindung nach wie vor auf ihre nationale Zugehörigkeit bezogen bleibt (zit. nach Däuble 2004; vgl. dazu auch Riketta/Wakenhut 2002). Die zweite Annahme, die sich wie ein roter Faden durch die Debatte zieht, lautet, dass Europa eine solche gemeinsame Identität dringend benötigt. Diese Feststellung, häufig mit dem Appell verbunden, die Bildung einer solchen europäischen Identität aktiv zu fördern und voranzutreiben, ist dabei überwiegend „von oben“, d.h. aus den Reihen der politischen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Eliten zu vernehmen. Ob wissenschaftliche Tagung, Gedenkveranstaltung, politische Rede oder Symposium: Jeder nur erdenkliche Anlass scheint geeignet, um auf ein fehlendes europäisches „Wir“-Gefühl zu verweisen, diesen Mangel zu bedauern, um sich dann als „Identitätsunternehmer“ (Giesen 1999: 212) für Europa zu engagieren. Einige wenige, aus der Tages- und Wochenpresse der ersten Hälfte des Jahres 2004 ausgewählte Beispiele mögen dies verdeutlichen. Der Vorsitzende des Deutschen Altphilologenverbandes Helmut Meißner eröffnete im April 2004 den Kongress seiner Organisation mit einem Appell an alle Europäer, „sich über die Wurzeln ihrer Zivilisation klar zu werden“ (FAZ vom 15.04.2004: 1). Die Europäer müssten, so Meißner, über das nötige Wissen über die gemeinsame Herkunft Europas verfügen, um sich künftig nicht nur als Angehörige ihrer jeweiligen Nation, sondern auch als Bürger eines gemeinsamen Europas betätigen zu 1
„Kollektive Identität“ lässt sich im Anschluss an Jan Assmann verstehen als „reflexiv gewordene gesellschaftliche Zugehörigkeit“ (Assmann 1997: 134), als „das Bild, das eine Gruppe von sich aufbaut und mit dem sich deren Mitglieder identifizieren“ (ebd.: 132).
82
Birgit Schwelling
können. Nur wenn das gemeinsame Europa im Wissen und Denken der Menschen verankert sei, seien sie auch bereit, für die gemeinsame Zukunft Mühen und Kosten auf sich zu nehmen (ebd.). Josep Borrell, seit Juli 2004 EU-Parlamentspräsident, bezeichnete in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung die Schaffung einer gemeinsamen europäischen Identität als „die große Herausforderung für die kommenden Jahrzehnte“. Einfach sei diese Aufgabe nicht zu bewältigen, aber: „Wir müssen es schaffen“ (FAZ vom 20.06.2004: 5). Heinrich August Winkler, Historiker an der Humboldt-Universität zu Berlin, sprach auf einem zu Ehren des Altkanzlers Helmut Schmidt veranstalteten Symposium über „Nutzen und Nachteil der Historie für die Politik“ davon, dass Europa nur zusammenwachsen werde, „wenn es sich seiner gemeinsamen Erfahrungen und Prägungen bewusst wird, also ein ‚Wir-Gefühl’ entwickelt. Wo es die historischen Grundlagen eines solchen ‚WirGefühls’ gibt, da ist Europa. Europa endet dort, wo diese Grundlagen fehlen“ (Die Zeit Nr. 15 vom 1.04.2004: 15). Und Bundeskanzler Gerhard Schröder bedauerte bei der Gedenkveranstaltung zum 60. Jahrestag des durch Graf Stauffenberg am 20. Juli 1944 verübten Attentats auf Hitler, dass es einen europäischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus nicht gegeben habe. Allerdings habe Europa guten Grund, den Widerstand als „flammendes Zeichen auf dem Weg zu einer wahren europäischen Wertegemeinschaft“ zu verstehen und in Ehren zu halten: „Erst heute, 60 Jahre später, können wir dieses europäische Vermächtnis des Widerstands vollenden. Denn der Kampf für Freiheit und Recht ist die wichtigste Grundlage dessen, was uns in Europa eint – seit der Erweiterung der Europäischen Union am 1. Mai dieses Jahres stärker denn je“ (FAZ vom 21.07.2004: 1). Nun könnte man sich angesichts der großen Anzahl der Appelle, die für die Schaffung einer europäischen Identität werben und deren Dringlichkeit unterstreichen, fragen, wo eigentlich das Problem liegt. Schließlich ist die Bilanz des europäischen Einigungsprojekts trotz seiner Konzentration auf den wirtschaftlichen Bereich und trotz des bisher eher technokratischen, interessegeleiteten Charakters der Europäischen Union im Großen und Ganzen keine negative. Die Gründe für die Wahrnehmung der Notwendigkeit auch einer emotionalen Bindung der Bürger an Europa lassen sich zum einen sicherlich in der Erweiterung der Europäischen Union finden. In Zeiten des Umbruchs und der Veränderung drängen sich Fragen nach den Grenzen, nach Innen und Außen, nach dem Eigenen und Fremden, also Fragen danach, wer man als Gemeinschaft sein möchte und wie diese begrenzt werden soll, fast wie von selbst auf. Die Debatte, ob die Türkei und, wenn ja, unter welchen Bedingungen und zu welchem Zeitpunkt sie Mitglied der Europäischen Union werden soll, zeigt dies deutlich.2 Zum anderen wird die Notwendigkeit einer emotionalen Fundierung des europäischen Projekts sicherlich auch deshalb verstärkt artikuliert, weil die zunehmende Übertragung von bisher nationalstaatlichen Kompetenzen an die Brüsseler Zentrale die Frage nach der Stabilität des europäischen Bündnisses dringlich erscheinen lässt. Die Identifikation der Bürger mit ihrem politischen Gemeinwesen schafft Stabilität und Belastbarkeit, auch in Krisenzeiten. Ohne die Bereitschaft hingegen, für das politische Gemeinwesen notfalls
2
Die wichtigsten Positionen der Debatte sind dokumentiert in Leggewie (2004).
Das Gedächtnis Europas. Eine Diagnose
83
auch Opfer zu bringen, lässt sich eine solide Stabilität des Gemeinwesens nur sehr bedingt herstellen.3 An Vorschlägen, wie eine Identifikation der Bürger mit Europa, eine europäische kollektive Identität herzustellen sei, mangelt es nicht. Die offiziellen Bemühungen um eine europäische Identität, die in die 1970er Jahre zurückreichen, versuchen beispielsweise eine Bindung an das europäische Einigungsprojekt durch eine gemeinsame Symbolsprache zu befördern. 1973 verabschiedeten die Staats- und Regierungschefs der damals neun Mitgliedsländer der Europäischen Gemeinschaft das „Dokument über die europäische Identität“.4 Seit diesem Zeitpunkt lässt sich von einer aktiven Symbolpolitik von offizieller Seite sprechen, die unter anderem zur Einführung zweier Europatage (5. und 9. Mai), zur Gestaltung einer Flagge und einer Hymne, zur Vereinheitlichung der europäischen Pässe und zur Ernennung europäischer Städte zu Kulturhauptstädten Europas für jeweils ein Jahr führte (Patel 2004). Trotz dieser aktiven, auf Identitätsbildung gerichteten Versuche leide die Europäische Union auch weiterhin, so Patel, an einem „symbolischen Defizit“ (ebd.: 17): „Bisher haben es nur wenige Europa-Repräsentationen geschafft, sich im Bewusstsein der Unionsbürger (...) zu verankern“ (ebd.). Ein weiterer, auf die Konstruktion einer europäischen Identität abzielender Vorschlag lautet, Europa als Wertegemeinschaft zu definieren (siehe dazu den Beitrag von Jörg Jacobs in diesem Band). Verwiesen wird in diesem Zusammenhang auf die Anerkennung und Realisierung einer freiheitlichen, auf Anerkennung der Menschenrechte beruhenden politischen Ordnung, also auf Demokratie, Gewaltenteilung, Pluralismus, Minderheitenschutz und Religionsfreiheit. Betrachtet man diesen Kanon an Werten hinsichtlich seiner Tauglichkeit für die Konstruktion einer gemeinsamen europäischen Identität, ergeben sich Zweifel in zweifacher Hinsicht. Zum einen bestehen diese Werte ja grosso modo in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union bereits, wenn auch sicherlich in unterschiedlicher Verwurzelung und Tiefe. Eine Wertegemeinschaft in diesem Sinn kann also jeder Mitgliedsstaat für sich realisieren. Dazu bedarf es nicht einer übergreifenden politischen Union (Böckenförde 2003). Zum anderen lässt sich aus diesem Katalog an Werten keine hinreichende Eigentümlichkeit ableiten. Wie Däuble bemerkt, sind diese Werte in je eigener Kombination „zwischenzeitlich glücklicherweise in vielen Teilen der Welt anzutreffen“ (Däuble 2004). Identitätskonstruktionen bedürfen aber stets der Benennung von Grenzen: Ohne Differenz keine Identität. Auch der Vorschlag, eine europäische Identität auf einem religiösen Fundament aufzubauen, muss mit Skepsis betrachtet werden, nicht nur, weil über deren Stellenwert für das europäische Projekt offensichtlich unter den Mitgliedern keine Einigkeit erzielt werden kann, wie die Debatten um den Verfassungstext für Europa gezeigt haben. Böckenförde hat darauf hingewiesen, dass die Religion in Europa weniger als Grundlage des gemeinsamen Zusammenlebens gesehen werden sollte, sondern vielmehr als „Möglichkeit der Lebensgestaltung, welche die Menschen ergreifen oder auch nicht“ (Böckenförde 2003). In einem Zusammenschluss weitgehend säkularisierter, vereinzelt auch laizistischer Gesellschaften ist die Religion freigegeben, was es zugleich schwierig macht, sich auf eine Religionsrich3
Diese These ist Teil einer langen, bis in die griechische Antike mit Platon und Aristoteles zurückreichenden Tradition des Nachdenkens darüber, was politische Gemeinwesen zusammenhält. Eine Übersicht über die verschiedenen Varianten ihrer Ausformulierung in der politischen Ideengeschichte findet sich bei Almond (1980). 4 Das „Dokument über die europäische Identität“ vom 13./14. November 1973 ist abgedruckt in Schulze/Paul (1994: 280-283).
84
Birgit Schwelling
tung, etwa die christliche, zu einigen, auch wenn dieser im kulturellen Erbe der Europäer sicherlich eine besondere Bedeutung zukommt. Eine weitere, in aktuellen Beiträgen und Wortmeldungen genannte Bezugsgröße einer europäischen Identität lautet „Gedächtnis“ bzw. „Erinnerung“. Böckenförde spricht in diesem Zusammenhang von einem „gemeinsamen europäischen Geschichtsbild“, bei dem es anzusetzen gelte. In diesem Geschichtsbild soll „die eigene Geschichte zugleich als Teil und Faktor der Geschichte Europas“ wahrgenommen und erinnert werden. Als primäre Produzenten eines solchen Geschichtsbildes sieht er die Schulen: „Geschichte Europas als eigenes Unterrichtsfach, die Volks- oder Nationalgeschichte als integrierender Teil davon, und das mit aufeinander abgestimmten Lehrbüchern“ (Böckenförde 2003). Nicht zuletzt angesichts der gewaltsamen Geschichte Europas im 20. Jahrhundert erscheinen Böckenförde die Möglichkeiten des Gelingens einer solchen Konstruktion heute noch „prekä