Walter Flegel
Es gibt kein Niemandsland Roman
Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik - Berlin, 1980 Lekt...
129 downloads
1794 Views
1MB Size
Report
This content was uploaded by our users and we assume good faith they have the permission to share this book. If you own the copyright to this book and it is wrongfully on our website, we offer a simple DMCA procedure to remove your content from our site. Start by pressing the button below!
Report copyright / DMCA form
Walter Flegel
Es gibt kein Niemandsland Roman
Militärverlag der Deutschen Demokratischen Republik - Berlin, 1980 Lektor: Wolfgang Lange Schutzumschlag und Einband: Wolfgang Ritter Typografie: Günter Molinski Printed in the German Democratic Republic Gesamtherstellung: Karl-Marx-Werk Pößneck V 15/30 Bestellnummer 746 218 1 DDR 9,50 M
Das Buch Friederike Schanz bricht aus ihrer Umgebung aus. Sie geht Wege, die fragwürdig erscheinen, und kümmert sich nicht um andere, die längst den Stab über sie gebrochen haben. Einzig Friederikes Vater, ein hoher Offizier, hält zu seiner Tochter und hilft ihr, einen Lebenskreis zu finden, der letztlich doch wieder der alte ist und dennoch ein neuer. Ausgehend von der Geschichte einer Familie blättert Walter Flegel eine Vielzahl von Schicksalen auf, die das Zentrum des Romans immer wieder tangieren. Menschen sind auf der Suche nach Liebe. Erfahrene Offiziere wachsen in ungewöhnlichen Situationen über sich hinaus oder versagen. Junge Soldaten finden zu sich selbst und zur Gemeinsamkeit mit anderen. Die Geschichte von Friederike Schanz ist eingebettet in die Atmosphäre einer großen militärischen Übung, Einzelschicksale verbinden sich mit dem Geschehen im ganzen Land und werden so zur Geschichte ebendieses Landes und seiner Armee. Mit Generalmajor Werner, Oberst Bredow, Leutnant Ahnert oder dem Soldaten Litosch werden Personen vorgestellt, die Hervorragendes leisten, aber nicht frei von Schwächen sind. Sie formieren sich insgesamt zu einem Bild der Volksarmee, das ebenso vielseitig wie konfliktreich erscheint. „Es gibt kein Niemandsland“ ist das bisher reifste Werk Walter Flegels. Es enthält viele Szenen, die in ihrer Art einmalig sind und unvergeßlich bleiben werden.
3
1. Kapitel Die Birke weint. In bebenden Tränen rinnt der Regen am Stamm herab. Friederike Schanz steht nahe am Baum, sie drückt die Handkante gegen die weißgraue Rinde und beobachtet, wie das Wasser über ihre Finger tropft und sich in der Hand sammelt. Nach einer Weile trinkt sie einen Schluck Regen, der nichts Winterliches mehr hat. Er riecht nicht mehr nach Frost und schmeckt nicht mehr wie Schnee. Plötzlich ist er gekommen, lautlos und freundlich. So ist im Frühjahr die erste Schwalbe da. Friederike hebt den Kopf und spürt, daß ihr Tuch nach hinten gleitet. Sie schüttelt es ganz in den Nacken, und nach wenigen Augenblicken erreicht der Regen die Kopfhaut, läuft schließlich hinter die Ohren und über die Stirn. Sie hat das Gefühl, daß er in sie eindringt, sie durchfließt und die Gaststättengerüche, denen sie seit Jahren ausgesetzt ist, aus ihrem Körper spült: Tabaksqualm, Küchendünste und fremden Schweiß, nach dem die Uniformen riechen, die den Tanzsaal allabendlich überfluten und zwischen denen jede weiße Bluse, jedes bunte Kleid auffällt wie die Birke zwischen den Kiefern. Die Soldaten drängen, sobald die Musiker nach den Instrumenten greifen, auf die wenigen Frauen und Mädchen ein, versuchen, deren Tische als erste zu erreichen, oder jagen einander die Tänzerinnen mit List, Geld und manchmal auch mit Gewalt ab. Viele Soldaten bemühen sich stundenlang darum, wenigstens einmal tanzen zu können. Jedesmal verlieren sie, und trotzdem versuchen sie es immer wieder. Da sind sie wie erfolglose Spieler, die doch nie die Hoffnung auf bessere Karten oder glücklichere Würfe aufgeben. Abend für Abend wiederholt sich das. Friederike kennt es seit vier Jahren, und sie hat sich nicht daran gewöhnt. Ob sie bedient oder als Gast im Saal sitzt, sie erlebt diese Abende nie wie ein unterhaltsames Spiel. Mögen die anderen es als Spaß auffassen oder so tun, als hielten sie es für eine Art Wettbewerb. Sie weiß es anders, empfindet es 4
genauer. Sie erkennt die Enttäuschung, die plötzlich wie Schatten in den Augen steht. Die gleichzeitige Erfolglosigkeit vieler nimmt sie auf wie eine augenblicklange Stummheit, die sich nicht als Stille äußert, die nur wahrnehmbar ist im kurzen Luftholen, dem der Lärm folgt: Lachen und Zurufe, Finger trommeln den Takt der Musik gegen die Tischplatten, und Füße stampfen ihn auf den Dielen mit. Gesang und Gläsergeräusche. Bewegung an der Oberfläche, während ein Steinchen mehr auf den Grund sinkt, Zuwachs an Bitterkeit. Möglich, daß die Soldaten ihre unerfüllten Wünsche nicht als Bitternis fühlen. Für sie ist das alles zeitlich begrenzt. Sie gehen von hier wieder fort. Tagsüber, während der Ausbildung, haben sie Wichtiges zu tun, und außerdem sind es beinah jeden Abend andere, die ihren Ausgang in der Gaststätte verbringen. Friederike erlebt immer wieder, daß auf diese abendlichen Niederlagen alle gleich reagieren. Nur wenige Unteroffiziere und Soldaten verlassen vorzeitig den Saal. Die meisten von ihnen suchen Ersatz im Bier und im Schnaps. Diese Abende machen Friederike immer von neuem den Zustand deutlich, in dem sie sich befindet. Sie betrifft das alles viel stärker als jeden Soldaten, der vielleicht einmal in der Woche das durchmacht, womit sie seit langem lebt. Ein Leben, in dem bisher nichts von Dauer gewesen ist außer dem ständigen Wechsel. Der Regen tut gut. Leise ist er wie eine flüsternde, beruhigende Stimme. Friederike spürt ihren Mantel schwerer werden vor Nässe und fühlt sich unter dem allmählich zunehmenden Gewicht fester und sicherer. Die Birke ist jung. Drei Meter über dem Erdboden teilt sich ihr Stamm in zwei Arme, die sich wie bei einer Tanzenden nach oben recken. Und die dünnen Äste des Baumes hängen heute voller Regenknospen. Oft geht Friederike auf dem Weg zur Gaststätte und von dort nach Hause an der Birke vorüber. Sie ist ihr vertraut geworden, ihr ist sie nahe gekommen. Vielleicht weil dieser Baum zwischen den Regimentern von Kiefern so allein ist, wie Friederike sich zwischen den steingrauen Uniformen fühlt. Der nasse Mantel wird schwerer. Jetzt spürt sie den Druck nicht mehr nur auf den Schultern, er überträgt sich auch auf die Beine. Sie
5
schließt die Augen. Stehenbleiben, so lange stehenbleiben möchte sie, bis die Füße in die Erde sinken, als wären sie Wurzeln. Endlich ganz irgendwo hingehören. «Rike!» Sie öffnet die Augen nicht, will nichts sehen und nichts hören. Aber die bekannte Stimme hinter ihr wiederholt leise: «Rike!» Sie ist näher gekommen, und Friederike spürt, daß Ulrich Fichtner dicht hinter ihr steht. In den Manteltaschen drückt sie die Fingernägel gegen die Handballen, bezwingt den Drang, sich umzudrehen. «Rike, steh doch nicht so da, bitte, wie angewachsen.» «Geh», sagt sie leise, «laß mich in Ruhe.» «Ich liebe dich doch», erwidert Fichtner, «und mir ist es egal, mit wem du vorher alles…. du weißt schon. Ich brauche dich, Rike.» «Ich dich nicht.» «Aber, du hast doch… mit mir…» «Geschlafen! Ja, aber deinetwegen, nur deinetwegen, verstehst du? Geh!» Der Soldat rührt sich nicht und schweigt. Jetzt wird er so dastehen, wie er ihr im Saal aufgefallen ist. Die braunen Augen wie im Erschrecken aufgerissen, den Daumen auf der Unterlippe, die Oberarme hilflos an den Leib gepreßt, von allen übersehen und unfähig, in den Kampf um die wenigen Tänzerinnen einzugreifen. Unbeholfen und ratlos, als wäre er durch ein Versehen mit seiner Schafherde in ein belebtes Stadtzentrum geraten. Friederike wiederholt leise: «Bitte, geh!» «Ich bin froh, daß ich dich gefunden habe. Ich such’ dich nämlich. Seit Wochen weichst du mir aus. Aber gehört hab’ ich ’ne Menge von dir. Geben die alle nur an, oder stimmt’s, was sie erzählen?» «Das ist mir egal», entgegnet sie, «wie du mir egal bist.» «Ich verstehe», sagt er und keucht plötzlich wie nach einer körperlichen Anstrengung. «Verstehe! Bin ja nur ein lausiger Soldat, Schütze Arsch im letzten Glied. Ein Schäfer, der nach Hammel stinkt. Nichts für ’ne Offizierstochter. Da muß einer Major sein, wenigstens, wie der, der seit zehn Tagen am Extratisch sitzt, und du
6
streichst um ihn rum wie ’n rammliges Schaf.» Sie spürt seine Bewegung und herrscht ihn an: «Finger weg!» Er bleibt stehen, stumm, nur sein Atem ist zu hören. Ein kurzes Atmen mit offenem Mund, dem Friederike schon einmal gelauscht hat und das ihr auch in jener Nacht fremd geblieben ist, als er neben ihr lag. Nun bittet er wieder: «Rike, die Übung geht los, heut oder morgen. Ich wollte mit dir… Ich hab’ doch ein Recht darauf, und ich will dich heiraten, trotzdem, was du so alles…» «Bist du blöd oder was? Leid getan hast du mir. Mehr als Mitleid ist es nicht gewesen. Darum hab’ ich dich mit aufs Zimmer genommen, damit du’s endlich weißt! Ein Recht willst du auf mich haben? Auf mich hat keiner ein Recht. Und du schon gar nicht, du mit deinem Schafsverstand und deinem Bockgefühl!» Friederike hält sich nicht mehr zurück. Sie weiß, daß sie übertreibt, daß manches ganz anders gewesen ist. Es hat Gefühle und Regungen in ihr gegeben, die sich jeder Erklärung entziehen, für die es wahrscheinlich gar keine Worte gibt. Aber sie will, daß es zu Ende ist, will alles los sein, was sie mit Fichtner erlebt hat. Darum kränkt und beschimpft sie ihn. In Wirklichkeit gilt es eher anderen, geht es Friederike selbst mehr an als ihn, lehnt sie sich gegen Umstände auf, die der Soldat oder sie weder verursacht haben noch verändern können. «Verschwinde!» ruft sie. «Hau endlich ab!» Jetzt erst wendet sie sich um und sieht, daß der Soldat gar nicht mehr hinter ihr steht. Er ist längst auf die Schneise hinausgetreten, die Hände in den Taschen des Mantels, dessen Schöße lappig gegen die Stiefel schlagen, und entfernt sich langsam. Die Schulterblätter stoßen scharf aus dem Rücken hervor. «Schäferrücken», hat er gesagt, «kommt vom vielen Stehen und vom Stützen auf den Stab.» Dieses Stehen hat er ihr vorgemacht. Er hat den Besen aus der Ecke geholt und sich vor das Bett gestellt. Sie hat «Kehrt!» befohlen. Dann sah sie seine Schulterblätter, stand auf und betastete sie. Über ihnen war nur Haut, braune, feste Haut, ein wenig kühl und trocken. Friederike sagte: «Mann, daraus kannst du ja Schippen machen.» Er lachte leise, ließ den Besen fallen und hob sie aufs Bett. Friede-
7
rike griff in seine Schulterblätter, spürte deren kraftvolle und rhythmische Bewegung, bis Ulrich flach auf ihr lag und sein Rücken plötzlich leer wirkte. Nach einer Weile drehte sie sich zur Seite, drückte ihn in das Kissen, holte ihre Nivea-Schachtel und cremte ihn vom Hals an abwärts ein. Er schwitzte nicht. Nur seine Haut hatte sich etwas gerötet, und als Friederike mit beiden Händen seine Schenkel einzureiben begann, richtete er sich schon wieder auf. Ihr schien es, als wollte er in dieser halben Nacht alles nachholen, was andere ihm voraushatten. Er war vor ihr noch nie mit einer Frau zusammengewesen. Das hatte er ihr gesagt, bevor sie sich nebeneinanderlegten. Er überließ alle ersten Schritte ihr und zog sich erst aus, als sie schon nackt war. Danach kam er nicht zu ihr, sondern sie mußte ihn holen. Seine großen Hände mit den starken Fingern waren behutsam und sanft gewesen. Ulrich schwieg meistens. Auch das erklärte er, wie die Form seines Rückens, mit seinem Beruf. Mit Schafen kann man nicht reden. Man ruft ihnen Kommandos zu, und höchstens mit dem Hund spricht man hin und wieder, weil der reagiert. Alles an sich selbst bezog Ulrich auf seinen Beruf, als hätte der schon im Mutterleib seine Entwicklung bestimmt. Die Größe sei wichtig wegen der Übersicht über die Herde, meinte er. Die schmale, leicht gerötete Nase hänge mit dem Wetter zusammen, die Stimme sei so rauh vom Kommandieren und weil er oft gegen den Wind schreien müsse. Die schlanken, starken Finger seien gut, wenn die Lämmer geboren würden, und der langsame Gang gehöre zum Schäfer wie der schwarze Hut mit der breiten Krempe. Wie der Stab und die zweirädrige Pferchbude. In jener Januarnacht ging Frische von ihm aus. Alles, was er über seine Arbeit sagte, bezog sich auf den Sommer, die Erde, betraf Gras und Blumen, Flüsse und Wege, an denen entlang er mit der Herde der Genossenschaft bis nach Potsdam gezogen war. Von seinem Heimatdorf bei Gotha bis in den Park von Sanssouci! Dreimal hatte er diesen Weg gemacht. Das erstemal gemeinsam mit seinem Vater, da war er zwölf Jahre alt gewesen. Er erzählte alles so genau, daß Friederike das, worüber er sprach, nicht nur hörte, sondern auch sah
8
und roch. Und sie fragte ihn, ob es auch Schäferinnen gebe. Er kenne wenige, erwiderte Ulrich. Aber er könne es sich schon vorstellen, daß eine mit ihm zöge und wochenlang mit ihm in der Pferchbude lebe. Von ihm aus könne er sich das vorstellen. Aber von ihr aus nicht, höchstens einmal, zur Abwechslung vielleicht. Sie hatte streiten wollen. Sie wollte behaupten, daß sie so etwas brauche. Einen Beruf wie seinen, Menschen um sich, wie er einer war, deren Leben von zwei dauerhaften Beziehungen bestimmt wurde, von der Bindung an die Erde und von der Notwendigkeit des Unterwegsseins. Doch Friederike kam nicht dazu, es auszusprechen, weil er sie heftiger nahm als vorher. Vielleicht hatte er in jenen Augenblicken zu ahnen begonnen, was heute eingetreten war. Für ihn war es erst heute eingetreten. Sie wußte schon an jenem Morgen, als Ulrich Fichtner das Koppel über dem Mantel mit einem knirschenden Kratzen schloß und seine Mütze aufsetzte, daß sie ihn nicht wieder mit in ihr Zimmer nehmen würde. Er hatte nur an sich gedacht, und so würde es bleiben. Ulrich Fichtner erreicht das Schneisenkreuz. Ohne sich noch einmal nach Friederike umzusehen, biegt er in den linken Weg ein. Zwischen den am Jagenrand licht stehenden Kiefern sieht sie noch eine Weile seine Umrisse, die Stiefel und die schwer aufschwingenden Mantelschöße. Sie atmet auf, als die braunen Stämme ihr jede Sicht auf den Schäfer nehmen. Friederike ist ihm dankbar, weil er gegangen ist. Und sie ist ihm dankbar, daß er sie in jener halben Nacht kaum hat zu Wort kommen lassen und vieles ungesagt geblieben ist. Unbedachte Empfindungen, Wünsche und Sehnsüchte, die mit dem Augenblick nichts zu tun hatten, die aber später als unfreiwilliges Versprechen hätten aufgefaßt werden können. Nach jener Nacht im Januar hat Friederike Fichtner fast sechs Wochen nicht gesehen. Er hatte damals den Ausgang um mehr als vier Stunden überschritten und war bestraft worden. In ihrem Zimmer, das ihr zur Verfügung stand, damit sie bei schlechtem Wetter und nach der Spätschicht nicht bis in die Siedlung laufen mußte, sah sie ihn wieder. Sie wusch sich, als er plötzlich ins Zimmer trat. Er sagte
9
kein Wort, und während er auf sie zukam, warf er Mütze und Mantel ab. Nach Schnee roch er und wirkte sicherer und älter als vor sechs Wochen. Friederike war müde nach der Schicht. Sie fühlte sich jetzt, da Ulrich in frischer Spannung vor ihr stand, schlapp und verbraucht und sagte: «Raus, man klopft doch an.» Er lachte, legte seine Hände auf ihre nackten Schultern, von wo aus sie sofort tiefer glitten und ihren Körper mit festem Griff in Besitz nahmen. In dem Augenblick war ihr Widerstand da. Wenn Ulrich abgewartet hätte, wenn er sanft gewesen wäre wie beim ersten Mal, dann hätte sie ihn vielleicht nicht abgewiesen. Aber Friederike mag nicht, wenn jemand versucht, ihr seinen Willen aufzuzwingen, wenn einer ins Zimmer tritt und sie wie ein Stück Eigentum behandelt. Sie drückte seine Hände von ihrem Leib weg und sagte: «Geh! Laß mich in Ruhe.» Doch er begriff nicht, schien ihre Ablehnung für Spaß zu halten, für spielerische Verzögerung, und begann, seine Jacke aufzuknöpfen. Schärfer und lauter sagte sie: «Du sollst gehen.» «Aber Rike, sechs Wochen, ich bin…» «Geh jetzt endlich!» «Das versteh’ ich nicht. Was ist denn los mit dir?» «Verstehen! Verstehen wirst du das wahrscheinlich nie. Da sind deine Schafe klüger als du. Die paaren sich nur, wenn ihre Zeit ran ist. Geh, bitte.» Da schwieg er. Die Spannung und Frische, die er ausgestrahlt hatte, als er ins Zimmer gekommen war, fielen von ihm ab. Ein Vorgang, der ihn auch körperlich veränderte. Friederike sah, wie seine Schultern nach vorn sanken, wie er vor Enttäuschung blaß wurde und auf einmal trotz seiner Größe schmächtig wirkte. Er stand so vor ihr, wie er damals im Saal gestanden hatte, fast ängstlich, stumm und verloren in der Menge und ihrem Lärm. Er kam meistens mittwochs, da hatte er Ausgang. Dreimal beobachtete sie ihn, und jedesmal rührten sie seine Hilflosigkeit und Verlorenheit. Am vierten Abend wies Friederike alle anderen ab, tanzte nur noch mit ihm und führte ihn allmählich zu sich selber zurück. Dabei vergaß sie ihre eigene Vereinsamung für ein paar Stunden und fühlte sich gut.
10
Aber nun ist die Trennung vollzogen. Was sie in Ulrich Fichtner auslöst, interessiert Friederike nicht. Sie fühlt sich erleichtert und wendet sich um. Vor ihr liegt die Schneise. Geradeaus führt sie weiter, der Siedlung zu, und verliert sich in dunstiger Helligkeit. Auf diesem Weg ist Friederike selten jemandem begegnet. Er gehört ihr wie die Birke, deren Zweige nicht mehr grau, sondern von violetter Helligkeit sind. Laut Kalender beginnt in wenigen Tagen der Frühling. Während Friederike in Richtung Wohnsiedlung geht, hört es auf zu regnen. Ihre Erleichterung über die endgültige Trennung von Fichtner und die augenblickliche Stille vertiefen einander. Plötzlich wird alles zerrissen von starkem Motorenlärm. Panzer. Friederike lebt seit langem in der Nähe von Kasernen und Soldaten und kann alle Geräusche unterscheiden. An vielen, manchmal unscheinbaren Zeichen liest sie ab, daß eine große Übung bevorsteht. In der Gaststätte tauchen fremde Offiziere auf, die es eilig haben und selten länger bleiben, als eine Mahlzeit dauert. Je näher der Tag der Übung rückt, um so weniger Uniformierte sind zu sehen. Bleiben die Soldaten aus, steht eine Übung uns ins Haus! Hat die begonnen, genießen die Kellnerinnen die Ruhe. Doch schon am zweiten Tag blicken sie erwartungsvoll zur Tür, wenn sich Schritte nähern. Am dritten Tag ist ihnen die Ruhe bereits langweilig, und sie beginnen, sich nach dem Ende der Übung zu sehnen. Für Friederike sind diese Tage die besten. Sie hat Zeit für sich und nutzt die Gelegenheit, allein sein zu können. Sie bummelt Überstunden ab, fährt an die polnische Ostseeküste oder in die Bezirksstadt, wo sie herumspaziert und sich in guten Restaurants bedienen läßt. Der erste Abend nach einer solchen Übung ist in der Gaststätte immer ein besonderer. An keinem anderen wird so wild getanzt, so viel gelacht und so einmütig gesungen. Die Serviererinnen brauchen an solchen Abenden die Kraft und die Schnelligkeit von Spitzensportlern, um Speisen, Wein, Bier und Schnaps zu den Tischen zu schleppen. Und doch gibt es weniger Betrunkene, als hätte die Übung die Soldaten trinkfester gemacht. Zwischen ihnen herrscht ein erstaunliches Zusammengehörigkeitsgefühl und eine mitreißende Heiterkeit. Beides hat mit der vergangenen Übung zu tun. Friederike weiß, daß sich während dieser Zeit zwischen
11
den Männern irgend etwas abspielt, das sie verändert, das sie einander näherbringt. Sie selbst fühlt sich im Restaurant nie so gut wie an solch einem Abend. Nie ist sie so nachsichtig gegenüber Annäherungsversuchen und Anzüglichkeiten, nie sind ihr all diese fremden Männer so vertraut wie in jenen Stunden. Irgend etwas geht draußen, weit entfernt von Städten und Dörfern, in ihnen vor. Dort, wo sie für Tage unter sich und aufeinander angewiesen sind, wo keiner, der nicht dazugehört, sie sehen und hören kann, von wo nur das Echo der Detonationen hin und wieder zu vernehmen ist. Und wenn sie zurückkommen, wenn die langen Kolonnen langsam durch die Siedlung den Kasernen zurollen, von Frauen und Kindern begrüßt und empfangen, erinnert sich Friederike an bestimmte sowjetische Filme, die im Krieg spielen. An Szenen, in denen sowjetische Soldaten als Sieger in befreite Dörfer oder Städte einmarschieren. Eine Spur jener Ergriffenheit, die von solchen Szenen ausgeht, empfindet sie jedesmal in sich selbst und beobachtet sie bei anderen, wenn die Regimenter heimkommen. Vielleicht verändert der gemeinsame Erfolg die Soldaten, der immer etwas von einem Sieg hat. Vielleicht sind sie so heiter und miteinander verbunden, weil sie nach Hause kommen, hierher, wo sie für achtzehn Monate so etwas wie ein Zuhause haben. Es sind nur Vermutungen, die Friederike anstellt und die nicht einmal ihr Vater bestätigen kann, obwohl er immer dabei ist auf den Übungsplätzen, in den weiten Wäldern, auf versandeten, ausgefahrenen Schneisen, in den Gräben und Stellungen. Er kennt die Veränderungen, denn sie sind auch in ihm oft genug vorgegangen. Aber er kann sie ebenso wenig erklären wie Friederike. Er hat jedoch aufmerksam zugehört, als sie ihm eines Tages schilderte, wie im großen Saal der Gaststätte die Stimmung noch einmal zu einem Höhepunkt auflebte. Und er bedauerte es, daß bis auf einige ledige Offiziere und junge Leutnants, deren Frauen noch nicht hier wohnen, alle anderen diese Abende nicht miterleben. Daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern. Die meisten Offiziere gehen nach Hause zu ihren Frauen und Kindern. Das ist normal, und niemand wirft es ihnen vor. Aber bei ihnen wiederholt sich diese Stimmung nicht.
12
Friederike denkt über das alles nach, während sie nach Hause geht und rechts von ihr die Motoren warmlaufen. Fast zwei Kilometer entfernt ist die Kaserne des Panzerregiments. Aber die Stille, die hier herrscht, und die saubere Luft verkürzen die Entfernung. Friederike beschäftigt die Stimmung der Soldaten, weil sie etwas Gutes ist, etwas Großes, das den Soldaten während der nächsten Tage erneut bevorsteht. Und sie beneidet sie um dieses Erlebnis. Die Motoren verstummen ebenso plötzlich, wie sie aufgeklungen sind. Friederike geht nun schneller. In ihrer Handtasche trägt sie fünf Schachteln «Dannemann-Zigarren», die Übungsration für ihren Vater. Oberst Karl Schanz steht am linken Wohnzimmerfenster, von dem aus er die lange, schnurgerade Siedlungsstraße bis zum Ende einsehen kann. Vor seinem Haus knickt sie nach beiden Seiten rechtwinklig ein und führt ebenso gerade nach Norden und Süden weiter. Alles in der Siedlung ist wie mit dem Lineal gezogen. Ausgerichtet und im gleichen Abstand zueinander reihen sich die Holzhäuser beiderseits der Wege auf wie angetretene Soldaten. Sogar einheitlich in Farbe und Form, bis auf die Vorgärten, an denen sich Geschmack und Liebhaberei der Bewohner frei entfalten können. Schanz wohnt mit seiner Frau und den vier Kindern seit reichlich vier Jahren in diesem Haus. Die siebente Versetzung während seiner Offizierslaufbahn verschlug ihn hierher, wo ihn vor ein paar Monaten die achte ereilte. Seit Beginn des neuen Ausbildungsjahres dient er in der Politischen Verwaltung des Kommandos. Er befindet sich allein im Haus. Seine Frau holt die beiden Kleinen aus dem Kindergarten ab. Schanz liebt die Stille, die es im Haus nur am Tage gibt, aber da ist er meistens in der Dienststelle. Die Wände der Häuser sind so dünn, daß von Zimmer zu Zimmer fast jedes Geräusch zu hören und jedes Wort zu verstehen ist. Schanz ist marschbereit und wünscht sich, daß die Stille anhalten möge bis zu seiner Abfahrt. Selten genug kann er so dastehen wie im Augenblick, umgeben von dämmriger Wärme, die Gedanken mit keiner Aufgabe beschäftigt, auf kein dienstliches Problem gerichtet.
13
Die Hände spielen in den Taschen der Stiefelhose mit dem Schlüsselbund und dem Feuerzeug. Schanz blickt über die braunen Hauswände und roten Dächer, er nimmt den hellen Dunst wahr, den der Regen zurückgelassen hat. Und die Gedanken gehen eigene Wege, bis sie nur noch zusammenhanglose Visionen von außerordentlicher Schärfe sind, wie sie auch morgens in der Zeit zwischen Schlaf und Erwachen auftreten. Schanz mag diese Zustände der geistigen Schwerelosigkeit, und er versucht, sie so weit wie möglich auszudehnen. Manchmal führt er sie bewußt herbei, macht sich zu seinem eigenen Medium. Dabei dringt er in Bereiche seines Bewußtseins vor, die selten eine Frage berührt hat, in denen Reste von Gedanken und Gefühlen gespeichert sind, die ihm Auskunft über sich selbst geben. Selten spielt das Dienstliche dabei eine Rolle. Meistens tauchen private Dinge auf, geht es um persönliche und familiäre Ereignisse, um all das, was er während seines über dreiundzwanzigjährigen Dienstes oft weit von sich wegdrängen mußte. Das wirft Schanz niemandem vor, er fragt auch nicht, ob das eine oder andere tatsächlich notwendig gewesen wäre oder vielleicht anders hätte gelöst werden können. Nie ist er zu etwas gezwungen worden. Immer hat er so entschieden, wie er es für richtig hielt, und immer hat er das getan, was er als notwendig betrachtete. Um Vorwürfe und Abrechnungen geht es ihm gar nicht. Ein Spiel mit Möglichkeiten ist es, mit den gewesenen und den noch ausstehenden. Oder es geht um Versäumnisse, die er bedauert. Wenn er damals weiter zur Musikschule gegangen wäre, wenn er nach dem Sturz mit dem Fahrrad, bei dem er sich das Handgelenk gebrochen hat, den Klavierunterricht nicht aufgegeben hätte… Er sieht sich in Konzertsälen sitzen, sieht die sicheren, leichten Bewegungen seiner Finger, verfolgt sie, als würde er einem anderen über die Schulter sehen, und hört die Konzerte, die er hätte spielen können. Am Flügel steht er, die linke Hand auf dem schwarzen Lack, verbeugt sich, und der Beifall setzt ein. Nach jenem Unfall hat Schanz selten Klavier gespielt. Mehrere Male hatte er Gelegenheit gehabt, ein Klavier zu kaufen, aber er hätte in den Wohnungen, die er besaß, nie Platz dafür gefunden. In Räumen,
14
wo Klaviere stehen, hält Schanz sich nicht gern auf. Geschlossene Klaviere wirken wie Vorwürfe auf ihn und offene ziehen ihn fast magisch an. Nur wenige Male hat er nachgegeben. Immer nur dann, wenn er irgendwo ganz allein war und sicher, daß niemand ihn hören würde. Seine Hände haben sich verändert. Schwer sind sie geworden und die langen Finger ungelenk vom Umgang mit groben Dingen, mit Geschützen und Panzern, Granaten und Schaufeln. Vor knapp drei Monaten jedoch hat er nach langer Unterbrechung wieder einmal Klavier gespielt. Aber daran erinnert er sich nicht gern. An einem Tag Anfang Januar fuhr er auf dem Heimweg vom Kommando zu Generalmajor Werner in die Stadt, um ihm eine Sendung bestellter Bücher aus der wissenschaftlichen Bibliothek zu überbringen. Werner, der ein paar Tage Urlaub machte, lud ihn ins Haus ein. Sie redeten über dienstliche Angelegenheiten, fragten einander nach Ereignissen oder gemeinsamen Bekannten aus. Dabei schnürte Werner das Bücherpaket auf, und Schanz trat zu dem «Förster-Klavier», das Werners Tochter gehört hatte. Schanz hatte sie im vergangenen Jahr einmal spielen hören, sie bewundert und beneidet. Seit ihrem Tod Anfang Dezember hatte Schanz den Generalmajor nicht mehr gesehen. Äußerlich hatte Werner sich nicht verändert. Seine Bewegungen waren leicht und sicher, und seine Augen blickten lebhaft und aufmerksam wie immer. Freundlicher wirkte er als sonst. Das lag möglicherweise daran, daß er keine Uniform trug und nicht im Dienst war. Schanz stand am Klavier, fuhr mit der rechten Hand über den Deckel und hob ihn mit einem Finger leicht an. Plötzlich sagte Werner neben ihm: «Du kannst doch spielen!» «Hab’ ewig nicht gespielt. Viele Jahre nicht.» Werner kippte den Deckel zurück und zog mit einem Fuß den Hocker unterm Klavier hervor. Schanz setzte sich und schlug einige Akkorde an. Schwer lagen seine Finger auf den Tasten, die Saiten dröhnten laut und unsauber auf. Er wollte sich erheben, doch Werner drückte ihn auf den Hocker zurück. Dann stellte er ein Notenblatt vor ihn hin, die As-Dur-Polonaise von Chopin. Schanz kannte sie. Ein schwieriges Stück Klaviermusik, das Begabung und Meisterschaft braucht. Abermals wollte er aufstehen, und wieder
15
drückte Werner ihn auf den Sitz zurück. Der Divisionskommandeur sagte nichts, aber seine Bewegungen und Gesten waren so unnachgiebig, daß Schanz sich in die Noten vertiefte. Er ahnte, warum Werner wollte, daß jemand das Klavier seiner Tochter benutzte, warum Werner gerade diese Polonaise hören wollte, an der nichts Trauriges war und deren Stimmung mit Verlust und Tod überhaupt nichts zu tun hatte. Und er ahnte auch, warum ausgerechnet er sie spielen sollte, von dem nur ein laienhaftes Geklimper zu erwarten war. Werner wollte etwas loswerden, vielleicht die Erinnerung an die Begabung seiner Tochter, vielleicht die Stille, die ständig an ihren Tod erinnerte. Schanz begann zu spielen. Aber er spürte bald, daß die Unsicherheit seiner Finger und die in seinem Inneren mit dieser Musik nicht fertig wurden. An jenem Tag und an jenem Ort jedenfalls nicht. Er brach sein Spiel vor dem Mittelteil ab. Da schluchzte hinter ihm jemand auf. Schanz fuhr herum. Werner drückte seine Frau an sich, die noch im Mantel war. Ihre Arme hingen herab, in der einen Hand hielt sie ihr Halstuch, in der anderen ihre Pelzmütze. Werner nickte Schanz beruhigend zu und hob ein wenig die Hand. Im Weggehen hörte Schanz, wie Lore Werner sagte: «Und ich habe gedacht…. hab’ wirklich geglaubt, daß Katrin…» Alles Weitere ging im Schluchzen unter. Auf dem Weg zu seinem Wagen schwor Schanz sich, nie wieder ein Klavier anzufassen. Seine frühere Fähigkeit und seine ehemaligen Wünsche erlebt Schanz jetzt nur noch in seinen Wachträumen. Aber die schmerzen ihn nicht. Schanz ist diesen Träumen gegenüber längst nicht mehr empfindlich. Sie gehörten zu ihm, sind gute Erinnerungen, die sein Gedächtnis der Vergessenheit entreißt. So weitet er seine Vergangenheit aus und bereichert sie. Versäumnisse, ungenutzte Möglichkeiten tauchen im Leben jedes Menschen später irgendwann einmal auf. Den einen quälen sie, den anderen erdrücken sie. Schanz ist fähig, sie einzuordnen zwischen diejenigen Ereignisse, die für ihn wichtig geworden sind. Weit hinten in der Straße taucht im freundlichen Dunst ein Schatten auf, löst sich schließlich aus den schleiernden Vorhängen und nimmt
16
deutlichere Umrisse an. Schanz erkennt Friederike. Nicht am Gang, an der Figur oder an anderen Einzelheiten. Dafür ist sie noch zu weit entfernt. Schanz erkennt sie, weil sie wieder mitten auf der Straße geht. Durch die Siedlung geht Friederike nie anders. Spießrutenlauf! Die angetretenen Häuser heben die Leitungsmasten wie riesige Ladestöcke, holen zum Schlag aus. Gegen Friederike, die manchen Frauen in der Siedlung ein Dorn im Auge ist. Es gibt welche, die betrachten ihre Anwesenheit als Gefahr und wechseln mit Mann und Kindern sonntags beim Kaffeetrinken im Restaurant den Tisch, um nicht von Friederike bedient zu werden. Flittchen! Das schmerzt. Schanz wahrscheinlich mehr als seine Tochter, die auf die Frauen nicht achtet, mitten auf der Straße durch die Siedlung geht, sich regelmäßig mit einem anderen Mann sehen läßt und lachend mit dem Finger auf die Fenster weist, hinter denen sie Bewegung erkennt. Hure sogar! Mit Friederike reden sie nicht. Über sie reden sie, haben ihr einen Ruf besorgt, der viele schon aufhorchen läßt, wenn bloß der Name fällt. Die einen lüstern, andere betroffen oder empört. Und einige reden mit Frau Schanz, die ratlos und hilflos ist und unter dem Ruf ihrer Tochter wie unter einem Makel leidet. Auch zu ihm kommen sie, und selbst bei seinem Vorgesetzten haben sie sich über Friederike beschwert. Sogar das Wort «Ausweisung» ist schon gefallen. Man fürchtet Friederikes Beispiel für die heranwachsenden Töchter und für bestimmte Verhaltensweisen der Söhne. Dabei ist die Mode noch zu verkraften. Die größeren Mädchen ahmen Friederike nach, krempeln die Hosen über den Stiefeln hoch, stricken lange Schals, die bis zu den Waden reichen, und wollen knöchellange Röcke haben mit einem Seitenschlitz bis zur Hüfte. Friederike kommt näher. Das rote Kopftuch liegt im Nacken. Seit Jahren trägt sie mohnfarbene Kopftücher oder kornblumenblaue. Spießrutenlauf! Eigentlich müßte Schanz jetzt seiner Tochter entgegengehen und alle noch fälligen Schläge abfangen, ihr Schmerzen ersparen, sie auf sich nehmen. In den letzten vier Jahren hat er Friederike oft nicht einmal mit Worten beigestanden, hat sie nicht verteidigt, wenn sie beleidigt wurde, wenn er Zoten über sie hören mußte. Geschwiegen hat er. Das Gelächter und die Gelüste der einen hat er
17
ebenso hingenommen wie die Empörung der anderen. Auf den Rat mancher Freunde aus dem Stab, endlich etwas zu unternehmen und Ordnung zu schaffen in der Familie, hat er nur genickt und insgeheim gehofft, daß Friederike vielleicht eines Tages von selbst aus der Siedlung verschwinden würde. Außerdem war längst nicht mehr zu unterscheiden, was an dem Gerede um Friederike der Wahrheit entsprach und was Gerücht oder Legende war. Schanz unternahm nichts. Er hatte im Stab und in den Regimentern Wichtigeres zu tun, als sich immer wieder mit den Forderungen jener hartnäckigen Frauen zu befassen, die von Friederike nicht abließen, die von einer eigenartigen Eifersucht getrieben wurden, die sie unsicher und rücksichtslos zugleich machte. Selten waren es junge Frauen, sondern meistens alteingesessene, die bereits viele Jahre hier lebten, ohne arbeiten zu können. Nachdem Friederike achtzehn geworden war, unterließ Schanz es ganz, mit ihr über solche Dinge zu reden. Sie schüttelte den Kopf, wenn er es versuchte, hob abwehrend die Hände oder ging aus dem Zimmer. Das einzige, was sie respektierte, war die Forderung der Eltern, keinen ihrer Freunde mit ins Haus zu bringen. «Wenn ich einen mitbringe», hatte sie zu ihrem Vater gesagt, «ist es der, den ich heiraten oder von dem ich wenigstens ein Kind haben möchte.» Selten hatte Schanz seiner Tochter geholfen. Auch gegenüber seiner Frau nicht, die Friederike noch jetzt manchmal anschrie, wenn sie in der Siedlung bedauert oder nicht gegrüßt wurde. Friederike ließ alles stumm über sich ergehen. Mutter und Tochter waren einander fremd geworden, ähnlich waren sie einander nie. Langsam und ruhig nähert sich Friederike dem Haus. Ihr regennasses Haar wirkt schwer und matt wie feuchtes Stroh. Äußerlich ist sie auch ihrem Vater nicht ähnlich. Schanz und seine Frau sind größer und schwerer. Beide stammen vom Lande, und sie haben etwas von der gewichtigen Behäbigkeit erfolgreicher und hart arbeitender Bauern. Und doch gibt es etwas, das Schanz und seine Tochter gemeinsam besitzen. Friederike erscheint ihm so, wie seine Hände waren, als er noch Klavier gespielt hat. Ihre frühere Leichtigkeit und Beweglichkeit haben sich in Friederike fortgesetzt, sind in ihr Gestalt ge-
18
worden. Dieser Vergleich ist ihm auf dem Tanzsaal eingefallen. Am 28. Februar feierten die Offiziere des Divisionsstabes, die Kommandeure der Truppenteile und ihre Stellvertreter den Tag der NVA. Schanz, als ehemaliger Mitarbeiter des Stabes, war eingeladen worden. Seine Frau lag mit Angina im Bett. Friederike, die Frühschicht gehabt hatte, hörte oben in ihrem Zimmer irgendwelche Beatmusik. In der Küche klopfte Schanz ein paarmal mit dem Besenstiel gegen die Decke, sofort wurde die Musik leiser. Schanz wiederholte das Signal, und wenige Augenblicke später lehnte Friederike am Türpfosten und fragte: «Was liegt an?» «Hast du Lust? Dann komm mit. Für Mutter.» Friederike schloß die Augen. Die Haut über den dichten Wimpern war hell, und Schanz sah, daß sie ein wenig zitterte wie bei kleinen Kindern, wenn sie einschlafen. «Du willst mich wirklich mitnehmen?» fragte Friederike und öffnete die Augen. Er nickte. Es war die letzte Feier, die er hier miterleben würde. Lange war er seiner Tochter ausgewichen und hatte sich außerhalb der Wohnung nicht mit ihr sehen lassen. «Mach dich fertig», entschied er. Friederike sah ihren Vater lange an. Weit hinten in ihren Augen tauchte Freude auf, wurde in ihrem Gesicht immer deutlicher. Sie verspäteten sich an diesem Abend ein wenig. Im Foyer des Hauses der NVA hielten sich nur ein paar Kraftfahrer und jene Soldaten auf, die für die Garderobe verantwortlich waren. Schanz griff nach Friederikes Ellenbogen, spürte daß er kalt war und daß sie zitterte. Beruhigend drückte er ihren Unterarm, und Friederike lehnte sich an ihn, als sie den Saal betraten. Wer sie bemerkte, machte die Tischnachbarn auf sie aufmerksam. Gespräche wurden leiser oder ganz unterbrochen. Friederike trug ein schulterfreies Kleid mit weitem Rock, der bis auf den Boden fiel. Ein rundgestrickter Stoff in Graugrün, mit weißen Orchideen und roten Kolibris. Leicht und hautweich war er, und Friederike trug das Kleid trotz ihrer Aufregung ungezwungen und locker. Auf dem Weg zu ihrem Tisch, der in der vorderen Hälfte des Saales stand, sah und hörte Schanz, daß an vielen Tischen getuschelt wurde. Auch später blieben die beiden von Neugier, Abwarten und
19
Ablehnung umspannt. Keiner der Männer forderte Friederike zum Tanz auf. Schanz aber ließ keine Runde aus. Friederike tanzte leicht und sicher, blickte ihn ununterbrochen an wie vor sechs oder sieben Jahren, als er zum erstenmal mit ihr auf einem Ball gewesen war. In ihren Bewegungen lag soviel Schwung und Freude, daß viele Männer über die Schultern ihrer Frauen immer wieder zu Friederike herüberblickten. Gleichzeitig jedoch wichen sie ihnen aus, und der freie Raum, der so um sie entstand, charakterisierte deutlicher als alles andere, welchen Mut sowohl Schanz als auch Friederike an jenem Abend aufboten. Das Außergewöhnliche wird entweder bewundert oder gehaßt. Was viele im Saal dachten, sprach der schon grauhaarige Oberstleutnant Kunze aus, den Schanz seit vielen Jahren kannte. Kunze stand mit seiner Frau an der Bar, von der Schanz zwei Cocktails holen wollte. Kunze blickte ihn ununterbrochen an, und Schanz entdeckte in den Augen des Oberstleutnants eine unangenehme Strenge. Die war auch in seiner Stimme, obwohl Kunze freundliche Worte wählte. «Na, Karl», sagte er, «das hättest du nicht machen sollen. Die Leute, weißt du, mögen sein, wie sie wollen, aber deine Tochter gehört nicht hierher. Du ärgerst die anderen, bringst sie auf. Sag mal, wolltest du das?» Schanz hatte schon eine Antwort auf den Lippen; aber ein anderer gab sie für ihn. Vor Friederike stand ein Major am Tisch, den Schanz nicht kannte. Er trug Artillerieschulterstücke. Ein kräftiger Mann, dem die Jacke in den Schultern zu eng war. Schanz sah ein breites Gesicht mit männlichem Kinn. Ein wenig steif verbeugte sich der Major vor Friederike und führte sie am Arm zur Tanzfläche. Schanz spürte, daß Freude in sein Gesicht schoß. Er begann, herzhaft zu lachen, und reichte Kunze einen der Cocktails. Der Oberstleutnant griff auch zu, stieß sogar mit Schanz an, der sagte: «Auf die Männer, die es noch gibt.» Lachend ging er danach zu seinem Tisch. Die Kapelle spielte einen Walzer. Friederike und der Major blickten einander an, während sie sich am Rand der Tanzfläche entlangdrehten, die aus wer weiß wel-
20
chen Gründen verhältnismäßig leer geblieben war. Jetzt erst bemerkte Schanz, wie gut Friederike aussah, mit welcher Hingabe sie tanzte, und in jenen Augenblicken entdeckte er, daß seine Tochter ihm doch ähnlich war. Nach dem Tanz ging der Major mit Friederike zur Bar, wo man ihnen bereitwillig Platz machte. Später tanzte auch Generalmajor Werner mit Friederike, und andere Offiziere folgten. Ein paarmal kam der Major wieder, der den Bann gebrochen hatte, und allmählich vereinte die zunehmende Ausgelassenheit alle. An diesem Abend haben die Beziehungen zwischen Schanz und seiner Tochter begonnen, sich zu verändern. Seitdem denkt er oft und immer gründlicher über sie nach, beobachtet sie genauer, und immer schmerzhafter brennt die Erkenntnis, daß Friederikes Wesen und Verhalten geformt worden sind durch jene Ereignisse und Abläufe, die sein Leben bisher bestimmt haben und weiter bestimmen werden. Seine tiefe und gleichzeitig durch ihn selbst kaum beeinflußbare Schuld besteht darin, daß Friederike seine Tochter ist und geboren wurde, als er für sie weder Zeit noch Erfahrung besaß, und daß er nicht in der Lage war, ihr je etwas Dauerhaftes zu bieten. Wenn man nach jedem dritten oder vierten Jahr umziehen muß, gibt es keine Landschaft und keinen Ort, keinen Baum, keine Wiese, kein Haus und nichts von all diesen Kleinigkeiten, die man fühlt und an die man denkt, sobald das Wort «Zuhause» fällt. Die Familie hat Freunde und Bekannte gewechselt wie Schanz seine Vorgesetzten. Großeltern, Onkel und Tanten waren meist so weit entfernt, daß ihre seltene Anwesenheit nie einen bestimmenden Einfluß auf die Kinder gewann. Freundschaften mit Klassenkameradinnen gingen zu Ende, kaum daß sie begonnen hatten. Und für Friederikes Berufswahl vor etwa vier Jahren war vor allem die dienstliche Abhängigkeit des Vaters ausschlaggebend gewesen und Friederikes Pflichten innerhalb der inzwischen kinderreichen Familie Schanz. Aber auch die Arbeit als Serviererin war vom Wechsel bestimmt und hier im Ort sogar vom doppelten Wechsel. Denn die Mehrheit der Gäste bestand aus Soldaten, die kamen und gingen wie Schlager, die im Saal gespielt wurden. Alle diese Einzelheiten und die Zusammenhänge, die sie bewirkten, sind Schanz in den letzten Tagen nach
21
und nach bewußt geworden. Nun besitzt er ein genaueres Bild von seiner Tochter. Manches in ihrem Verhalten kann er sich jetzt erklären, vieles beginnt er zu verstehen. Das tut ihm und Friederike gut. Obwohl beide wissen, daß sie damit nichts mehr ändern, daß Abläufe und Wirkungen nicht mehr rückgängig gemacht werden können. Und Schanz ist nicht einmal gegen Wiederholungen gefeit. Außer Friederike hat er noch drei Kinder, den fast sechzehnjährigen Stefan und die Zwillinge, die im Sommer fünf Jahre alt werden. Friederike hat sich dem Haus so weit genähert, daß Schanz ihr Gesicht erkennt. Von hinten kommt ein P 3 angefahren. Er verringert allmählich die Geschwindigkeit, gleicht sich Friederikes Schrittempo an und begleitet sie wie ein riesiger, freundlicher Hund. Der Fahrer beugt sich aus dem Wagenfenster, zieht mit der linken Hand das Käppi wie einen Hut und redet auf Friederike ein. Sie blickt ihn an, erwidert etwas, worauf beide lachen. Der Soldat so herzhaft, daß er das Gaspedal losläßt, denn der Wagen bleibt plötzlich stehen, ruckt noch zweimal um Zentimeter vorwärts, bis der Motor endgültig aussetzt. Friederike öffnet die Gartentür und ruft dem Fahrer zu: «Warten Sie, mein Vater kommt gleich.» Schanz nimmt seiner Tochter den regenschweren Mantel ab und hängt ihn über einen Bügel. Inzwischen packt Friederike die Zigarren aus. Als er seine Brieftasche zieht, schüttelt sie den Kopf, drückt ihr nasses Haar hinten zusammen und sagt lächelnd: «Mein Beitrag zum Gelingen der Übung.» Friederike riecht wie die regenfeuchten Kiefernwälder, in denen Schanz sich nun für wenigstens acht Tage herumtreiben wird. Hoffentlich regnet es in dieser Zeit nicht zu oft. Regen erschwert alles, macht phlegmatisch, stumpft ab. Friederike holt sich ein Handtuch und reibt ihr Haar trocken. Dabei beobachtet sie, wie der Vater die flachen Blechschachteln mit den Zigarren in die Kartentasche schiebt. «Bring die leeren wieder mit», sagt sie. Er nickt und meint: «Du mußt doch bald hundert davon haben.» «Mehr», erwidert sie und reibt kräftig ihre Kopfhaut. Sie mag die Schachteln, weil sie nicht viel Platz wegnehmen und weil sich Fotos
22
und andere Erinnerungsstücke gut in ihnen aufbewahren lassen. Und wegen des Bildes mag Friederike sie. Der bärtige Herr Dannemann sieht freundlich aus und stark wie ein berühmter Erfinder oder wie ein Forscher. Die Schachteln, ihre Farben und ihr Geruch wirken auf Friederike wie Ansichtskarten aus fernen und für sie wahrscheinlich ewig unerreichbaren Ländern. Der Vater nimmt die Brille ab, hebt sie gegen die Lampe und putzt an den Gläsern herum. «Aufgeregt?» fragt Friederike. «Warum?» «Weil du jetzt deine ehemaligen Vorgesetzten kontrollieren mußt, oder sag’ ich besser: darfst?» Er antwortet nicht sofort. Das mag Friederike sehr. Leute, die immer und sofort auf alles eine Antwort haben, sind entweder dumm oder weise. Einem Weisen aber ist sie noch nicht begegnet. Menschen, die nicht sofort antworten, hält Friederike für aufrichtig und auch für fähig, etwas unwidersprochen zu lassen. Der Vater zieht die Schultern fast bis an die Ohren hoch und sagt: «Ich werde ja sehen.» «Weißt du was», sagt Friederike und beginnt, sich vorm Spiegel die Haare zu bürsten. «Wenn ich etwas zu bestimmen hätte bei euch, dich zum Beispiel würde ich nie nach oben versetzen, weg von den Soldaten, an irgendeinen Schreibtisch. In den Kompanien sind die Soldaten oft solchen jungen Schnöseln ausgesetzt, die noch nicht mal mit sich selbst fertig werden. Die größte Auszeichnung bei euch müßte sein, in die Kompanie geschickt zu werden. Die Besten und Klügsten zu den Soldaten.» Sie schüttelt den Kopf und fügt hinzu: «Nee, nee, das macht ihr verkehrt.» Der Vater lächelt und meint: «Kneipenphilosophie, mein Mädchen.» «Sage nichts gegen Kneipen! Einer, von dem die Soldaten auch am Biertisch gut reden, ist wirklich was wert. Dir hören die Soldaten nämlich noch zu, und ich sage dir, das ist viel wert. Das ist überhaupt der Anfang. Ihr solltet alle abends viel öfter dorthin gehen, wo die Soldaten sind.» Im Spiegel sieht Friederike, daß der Vater lächelnd abwinkt. Er wendet sich seinem Mantel zu, der an der Garderobe hängt, stopft irgend etwas in die Taschen. Dabei sagt er leise, wie nebenbei: «Üb-
23
rigens, der Schäfer war vorhin hier.» «Ich bin ihm begegnet!» Sie beobachtet den Vater im Spiegel, sieht, daß er für Augenblicke seine Geschäftigkeit unterbrochen hat und auf weitere Erklärungen zu warten scheint. Friederike gibt sie. «Ich hab’ ihn zurückgeschickt zu seiner Herde.» «Wegen des Majors?» Friederike hält im Kämmen inne. Der Vater hat sich ihr zugewandt. Im Spiegel mustern sie einander. Das runde Gesicht des Vaters mit der immer höher werdenden Stirn ist nicht streng, und in den Mundwinkeln sitzen nicht die tiefen Falten, die seine Lippen sonst kurz und schmal machen. Er hat gefragt, ganz ohne Vorwurf. Friederike hebt die Schultern, starrt in den Spiegel. Ihr Blick beginnt sich zu verlieren. Das hat Schanz schon oft beobachtet. Wenn sie bei geöffneten Fenstern in der Veranda sitzen oder im Garten hinter dem Haus. Sowie aus der Ferne das Geräusch eines fahrenden Zuges zu hören ist, wenn hoch über ihnen Flugzeugmotoren brummen oder beim schwirrenden Flug der Zugvögel geht etwas in Friederike vor, worüber sie nie spricht, ihre Augen werden groß und scheinen ein wenig zu schielen. Es ist, als warte sie auf etwas, das bisher nicht eingetreten ist. Und wenn sie wieder zu sich selbst zurückgekehrt ist, steht sie meistens auf und geht weg, schweigend und ein wenig traurig. Heute überwindet sie diesen Zustand rascher, und sie geht auch nicht weg. Sie beginnt, ihr Haar erneut zu bürsten, das bereits wieder locker wird und seinen Glanz zurückgewinnt. Dabei sagt sie: «Den Schäfer hätte ich auf jeden Fall weggeschickt.» «Und wer ist der Major?» «Ein Mann ist er, bei der Artillerie ist er, verheiratet ist er, Vater ist er. Und Wittenbeck heißt er.» «Rike», sagt Schanz leise und läßt seine Tochter nicht aus den Augen. «Bleib bei den Ledigen. Die gibt es hier in Hülle und Fülle.» «Ich bin kein Schaf, Vater, dem der Bock egal ist.» Schanz sagt darauf nichts. Er zieht sich den Mantel an. Friederike weiß, daß der Vater sogleich das Haus verlassen und für viele Tage unerreichbar sein wird, als ginge er an die Front. Von dort, wohin er geht, kommen wohl Nachrichten und Meldungen, die den ungefähren
24
Weg der Division und besondere Ereignisse während der Übung mitteilen. Mitunter erreicht auch ein persönlicher Gruß oder ein Geburtstagsstrauß die Siedlung, überbracht von den Insassen eines Wirtschaftsfahrzeuges oder eines Sankra. Friederike weiß, welche Freude und Ergriffenheit solche Sendungen auslösen, bei den betroffenen Frauen ebenso wie bei den anderen. Ein Gefühl, um das Friederike die Frauen jedesmal beneidet und von dem sie ausgeschlossen ist. Heute empfindet sie die bevorstehende Abfahrt des Vaters zum erstenmal wie eine schmerzliche Trennung, wie Vereinsamung. Niemanden in der Familie braucht sie so wie den Vater. Mit ihm vermag sie zu reden und nachzudenken wie mit sich selbst, ehrlich und rückhaltlos. Von dem Abend an, als sie an Stelle der Mutter mit zur Feier gegangen ist. Bis heute weiß Friederike nicht, warum der Vater sie mitgenommen hat. Ob aus einer Laune heraus oder ob es das Ergebnis eines langen Nachdenkens über sie gewesen ist. Doch die Gründe, die der Vater hatte, sind heute nicht mehr wichtig. Wesentlich ist nur, wie es nach jenem Abend vor etwa drei Wochen weitergegangen ist. Friederike hat den Eindruck, daß auch der Vater sie braucht, um sich das eine oder das andere von der Seele zu reden, um sich die Gedanken und Gefühle junger Leute verständlich zu machen, um sich selber, seine Überlegungen und Argumente zu prüfen, um neugierig zu bleiben. Der Vater fährt zu einem Zeitpunkt weg, da sie ihn sehr nötig braucht. Lange hat Friederike innerhalb der Familie für sich gelebt, über sich allein entschieden und die Folgen jeder Entscheidung auf sich genommen. Die Frage des Vaters nach dem Major hat etwas in ihrem Inneren getroffen, bloßgelegt, das wie ein plötzlicher Schmerz ist, dessen Ursache sie nicht kennt. Sie wird vom Vater, solange er bei der Übung ist, keine Grüße bekommen, und wenn der Major jemandem schreiben sollte, wird nicht sie es sein. Vieles möchte sie den Vater fragen. Antworten braucht sie, aber sie schweigt. Draußen läuft der Motor des Wagens. Hin und wieder tritt der Fahrer aufs Gaspedal, erinnert daran, daß er wartet. Friederike geht auf den Vater zu. Er drückt sie an sich. Noch immer riecht ihr Haar nach Regen.
25
Schanz trägt seiner Tochter Grüße auf an die Mutter und die Geschwister, und er bittet sie, sich um alle ein wenig zu kümmern und der Mutter zu helfen. Friederike nickt und sagt: «Viel Erfolg.» Er geht und nimmt im Gehen sein Marschgepäck auf. Als er schon die Tür schließen will, hört er Friederike rufen. Sie eilt ihm nach. Mit zwei Fingern reicht sie ihm ein Foto, das ein wenig größer ist als ein Paßbild. Es ist in der Mitte durchgerissen. Schanz hält es in der Hand und betrachtet das halbe Gesicht seiner Tochter. Friederike ist siebzehn oder achtzehn Jahre alt gewesen, als das Foto gemacht wurde. Damals trug sie das Haar ganz kurz und wurde von allen noch für ein Schulmädchen gehalten. Das Bild ist irgendwo abgerissen worden, auf der Rückseite hat es Klebestellen. «Die andere Hälfte hat er, denk’ ich», sagt Friederike. «Hilf mir. Bitte, hilf mir. Und grüß ihn. Grüß ihn auf jeden Fall. Er heißt Wittenbeck.» Schanz nickt und geht. Er setzt sich neben den Fahrer, dessen Gesicht er gegen das helle Fenster wie einen Scherenschnitt sieht, an dem die Nase auffällt, die lang und stark gebogen ist, und der zum Pfeifen gespitzte Mund. Der Soldat fährt in einem weiten Linksbogen auf die Straße zurück und gibt Gas. Mit diesem Mann wird Schanz über eine Woche Zusammensein, zu jeder Tages- und Nachtzeit. Er wird ihn beanspruchen müssen, ihm wenig Schlaf bieten können. Die Wege zwischen den Regimentern und Stäben sind lang und im Frühjahr von schlammigen Spuren zerschunden, und Regen und Nebel hängen wie Hindernisse über ihnen. Der Fahrer und Schanz werden aufeinander angewiesen sein und voneinander abhängen wie die Mitglieder einer Expedition, wie Kosmonauten vielleicht während eines Raumflugs. Schanz hofft, daß der Fahrer einer von denen ist, die ihre Arbeit lieben, die neugierig auf ein solches Übungsabenteuer sind und ehrgeizig genug, es bestehen zu wollen. Aber er fragt den Fahrer nicht danach, will ihn nicht verlegen machen oder gar nervös, will ihn nicht zu Behauptungen und Versprechen verführen. Bald genug wird sich herausstellen, was sein Begleiter wert ist. Schanz tut lediglich das,
26
was er immer getan hat, wenn er mit einem anderen, ihm unbekannten Uniformierten durch Befehl für längere Zeit verbunden wurde. Er stellt sich vor. «Ich heiße Schanz. Bin Politoffizier, dreiundvierzig Jahre alt, davon dreiundzwanzig in der Armee, vier Kinder.» Der Fahrer antwortet: «Ich heiße Kinzel, Hans, bin Agrotechniker. Dreiundzwanzig Jahre alt. Seit Mai vergangenen Jahres dabei. Zu Hause in der KAP Ferdinandstal, Bezirk Potsdam. Ledig.» Schanz blickt den Fahrer an, der lautlos vor sich hin pfeift und auf einmal fragt: «Ihre Tochter, ist die noch frei?» Schanz nickt, und der Soldat stößt einen kurzen Pfiff aus. Anerkennend sagt er: «Verdammt noch mal! Und das bei dem Männerangebot. Spricht das gegen ihre Tochter - oder?» «Gegen die Männer», antwortet Schanz. Sie erreichen den Wald. Dämmerung umgibt sie. Kinzel schaltet die Scheinwerfer ein. Schanz lehnt sich zurück, setzt sich in dem Sitz so locker und bequem wie möglich zurecht und nimmt erst jetzt wahr, daß Kinzel eine der grauen Armeedecken mehrfach zusammengelegt über die Lehne gehängt hat, wo sie manchen Stoß abfangen oder wenigstens mildern wird. Erstes Lob für den Fahrer, das aber unausgesprochen bleibt. Schanz denkt an die Übung, eilt in Gedanken dem fahrenden Wagen voraus. Wann sie beginnen wird, weiß er nicht. Den genauen Zeitpunkt erfährt nie jemand. Aber es gibt einen Augenblick, da wissen die Stäbe und die Kommandeure der Einheiten, daß es soweit ist. Wenn alle Transportwege, die auf den Straßen und die auf dem Schienennetz, abgesichert sind. Wenn auf den Übungs- und Schießplätzen alle Vorbereitungen für die Bewegungen, den Stellungsbau und das Scharfschießen abgeschlossen sind. Wenn die zeitweilige Sperrung von Hauptverkehrsstraßen oder von Flußabschnitten zeitlich abgestimmt ist. Dann tritt in den Regimentern eine angespannte Ruhe ein, jenes Warten von Tausenden von Menschen auf ein akustisches oder optisches Signal. Generalmajor Werner bevorzugt für die Auslösung von Alarmen keine bestimmte Tageszeit. Nur eine Regel wird deutlich: Er hält sich an keine Regel. Jeder Alarm, den Werner bisher ausgelöst hat, überraschte die Offiziere ebenso wie die Solda-
27
ten. Eine der Regimentsübungen des letzten Jahres begann fünf Minuten nach Beginn des Frühsports, und es gab eine Menge Überraschungen, angenehme und unangenehme. Vor zwei Jahren löste der Divisionskommandeur einen Alarm in der Stunde zwischen Mitternacht und ein Uhr morgens aus, wo auch der Unruhigste eingeschlafen und der Schlaf am tiefsten ist. Schanz freut sich auf die Übung. Sie unterscheidet sich tatsächlich von allen - anderen, die er bisher mitgemacht hat. Nicht dadurch, daß er seine ehemaligen Vorgesetzten kontrollieren und beobachten kann. Das wird er nicht tun. Was sie leisten, was jeder einzelne von ihnen kann, weiß er. Aber er wird sich während dieser Übung gründlich und über längere Zeit mit der einen oder der anderen Einheit beschäftigen können. Und er wird immer dort dabeisein, wo sich etwas für die Übung und damit für die gesamte Division Wichtiges ereignet. Schanz will sich ausgiebig mit der politischen Arbeit in den Kompanien und Zügen befassen, will sein Notizbuch mit weiteren Erfahrungen, Beispielen und Überlegungen füllen. In diesem Büchlein blättert er öfter, aus ihm überträgt er auf andere mehr als aus dem gedruckten, an der Militärakademie erarbeiteten Werk über die Führung der politischen Arbeit bei Truppenübungen. Dieses Buch trifft viele seiner Erfahrungen, bestätigt sie, aber es ist zu dick und in vielen Abschnitten zu theoretisch. Es ist kein Buch, mit dem man täglich und vor allem während einer Übung umgehen kann. Für Schanz wiegen die hundertzwölf Seiten von Breshnews kleinem Land das Sechsfache an Seiten auf. Er träumt davon, eines Tages in ähnlicher Form seine Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen in der Armee aufzuschreiben. Während dieser Übung wird er dafür weiteren Stoff sammeln können. Und er hat noch einen anderen Auftrag. Er soll den Major Wittenbeck von Friederike grüßen, ihm wie eine Erkennungsmarke das halbe Foto zeigen. Aber er muß ihn erst einmal finden. Wie und womit Schanz seiner Tochter überhaupt helfen kann, weiß er im Augenblick noch nicht. Und er weiß auch nicht, was Friederike wirklich helfen würde. Schanz wird sich nach dem Major umsehen, wird ihn beobachten
28
und wird mit ihm reden. Dieser Mann hat in Friederike etwas ausgelöst, das Schanz an seiner Tochter noch nie beobachtet hat, wenn es um einen Mann ging. Hastige, fast verstörte Bewegungen und Worte, sekundenlange Hilflosigkeit, in der Friederike ihn an ihre Kindheit erinnerte, wenn sie vor irgend etwas Unbekanntem erschrocken war und bei ihm Schutz suchte. Er will ihr helfen. Schanz wird den Major Wittenbeck suchen. Lore Werner steht am Fenster und blickt ihrem Mann nach, der eben das Haus verlassen hat und auf dem schmalen Weg nach vorn geht. Die Hände hat er in die Manteltaschen gesteckt, die Ellenbogen fest gegen die Seiten gedrückt. Das sieht aus, als friere er. In der gleichen Haltung ist er vor fast achtundzwanzig Jahren zum erstenmal von ihr weggegangen, nachdem er sie vom Tanzsaal heimbegleitet hatte. Auch im Frühjahr, in einer schneelosen Frostnacht. Damals trug er keinen steingrauen Mantel, sondern ein blaues, uniformartiges Jackett ohne erkennbare Rangabzeichen. Er hatte keine Pelzmütze auf, nur eine gefärbte Schimütze, und seine Füße steckten nicht in gefütterten Stiefeln, sondern in ausgetretenen dunklen Halbschuhen. Schon damals schob er die Hände tief in die Taschen, drückte die Ellenbogen fest gegen die Seiten. Aber in jener Nacht fror ihn wirklich. Sie rief ihn zurück, ließ ihn durchs Fenster herein, und es dauerte lange, bis es ihr und dem dicken Federbett gelungen war, das Bündel Haut und Knochen zu erwärmen. Lore Werner möchte die Fensterflügel aufreißen und ihren Mann zurückrufen wie vor achtundzwanzig Jahren. Sie unterläßt es. Weil sie weiß, daß die vierzig Meter Weg zwischen Haustür und Gartentor, sobald er sie einmal zurückgelegt hat, bereits eine unüberbrückbare Entfernung darstellen. Sie unterläßt es, obwohl sie sich vor dem Alleinsein, das nun für sie anbricht, vor der Leere, die wieder in ihr und um sie herum herrschen wird, fürchtet. Es wird Augenblicke geben, da steht sie wie gelähmt irgendwo, und abends wird sie nicht einschlafen können. Das ist das schlimmste. Diese dröhnende Schlaflosigkeit, die nur durch Erinnerungen erträglich wird. Aber alle Erin-
29
nerungen führen ohne ihren Willen immer wieder zu jenem Tag im Dezember, an dem von der Klinik die Nachricht eintraf, daß ihre Tochter gestorben sei. Generalmajor Werner hat die Gartentür fast erreicht. Der Fahrer öffnet sie ihm. Lore ruft ihren Mann nicht zurück. Nie hat sie ihn zurückgerufen oder aufgehalten, wenn es um seinen Dienst ging. Würde sie es heute tun, käme er entgegen seiner Gewohnheit wahrscheinlich noch einmal zurück. Noch einmal würde er sie umarmen, ihre Schultern drücken, und seine Hände dann über den Rücken hinunter bis zu den Hüften führen. Reden würden sie beide kein Wort, denn Lore Werner weiß ebenso sicher wie ihr Mann, daß er gehen muß, trotz alledem. Nichts kann und darf ihn zurückhalten. Warum also nach ihm rufen, die Trennung wiederholen, ein paar Minuten hinausschieben? Sie hat es nie getan, obwohl es sie bei jeder der vielen Trennungen, die es zwischen ihnen schon gab, immer dazu getrieben hat. Die Wagentüren schlagen zu. Leise und langsam rollt der Shiguli an, verschwindet hinter der Hecke des Nachbargrundstücks. Nur der Motor ist noch eine Weile zu hören. Ihr Mann hat sich nicht mehr nach ihr umgesehen. Auch das versteht sie. Als sie sich im Korridor getrennt haben, hat sie gelächelt, jedenfalls hat sie zu lächeln versucht. Während der Übung wird ihr Mann wenig Zeit haben, an sie zu denken, weder am Tag noch nachts. Doch wenn er sich an sie erinnert, wird er sie lächeln sehen. Man erinnert sich immer an den letzten Augenblick eines Abschieds. Lore Werner geht vom Fenster weg und im Zimmer umher. Sie hätten fortziehen sollen nach Katrins Tod, nicht nur aus dem Haus, auch aus der Stadt hätten sie weggehen sollen, an einen anderen Ort, an dem sie noch nie gewesen sind und nichts sie an Katrin erinnert. Hier hat jeder Gegenstand mit ihr zu tun. In den Räumen leben noch die Laute der Schritte, haben die Bücher noch ihre Lesezeichen, und das Klavier scheint noch vom Anschlag ihrer Finger zu schwingen. Im Garten werden Blumen wachsen, die Katrin im vergangenen Herbst gepflanzt hat und von denen sie nur den Winterjasmin erlebte, ein blattloses gelbes Blütengewirr an der schneehellen Hauswand unter
30
ihrem Fenster, kräftiger im Farbton als die Forsythien, deren Knospen sich jetzt zu öffnen beginnen. Weit fort hätten sie gehen sollen. Dorthin, wo alles wie ein neuer Anfang hätte sein können, wenn es das für Fünfundvierzigjährige überhaupt gibt. Doch kein Divisionskommandeur, auch wenn er Generalmajor ist, kann aus solchen privaten Gründen den Wohnort und die Dienststellung wechseln. Im Oktober hatten sie noch gemeinsam seine Ernennung zum Generalmajor gefeiert. Nachdem alle offiziellen Gratulationen und Empfänge überstanden waren, hatten sie sich zu dritt ganz mit sich selbst beschäftigt. Die Generalsuniform hing hinter dem Flurvorhang und spielte an jenem Abend keine Rolle. Katrin und ihre Immatrikulation an der Musikhochschule standen im Mittelpunkt. Über eine Stunde saß sie am Klavier und erfüllte die Wünsche des Vaters, spielte Etüden von Chopin und seine As-Dur-Polonaise, Bach- und Händelmenuette und Lieder von Tschaikowski. Keiner von ihnen ahnte, daß Katrin damals nur noch ein paar Wochen zu leben hatte. Lore Werner tritt wieder ans Fenster. Draußen ist alles ruhig, viel zu ruhig. Hier in dieser Straße der Stadt wird nichts geschehen in den nächsten zehn Tagen bis zur Rückkehr ihres Mannes. Sie beneidet ihn um diese Übung, die ihn vom Haus und von den Erinnerungen an Katrin wegreißt, hineinwirft in eine Reihe von Ereignissen, Abläufen und Tagen, auf die er all seine körperlichen und geistigen Kräfte konzentrieren muß. Und wenn er wiederkommt, wird er vielleicht ganz über den Verlust der Tochter hinweg sein, jedenfalls weiter von ihm entfernt als sie. Männer werden mit solchen Ereignissen vielleicht rascher fertig. Er wird wiederkommen, wie er schon als Leutnant von Übungen und Manövern zurückgekehrt ist, schmal und gesund, angespannt bis zur Kantigkeit, voller Eindrücke und Erlebnisse, die er unzusammenhängend, bald fröhlich, bald zornig zu Hause erzählte. Die Lebhaftigkeit, die ihn nach jeder Rückkehr erst einmal beherrscht, hat mit ihr nichts zu tun und macht ihn für eine ganze Weile fremd. Solange, bis die Erschöpfung ihn übermannt, und er von einem Augenblick auf den anderen einschläft. Dann setzt sie sich neben ihn, er-
31
lebt, wie sein Gesicht die Härte verliert, allmählich durchblutet wird und sich rötet wie bei einem schlafenden Kind, das mit anderen auf einem Spielplatz herumgetobt ist. Lore Werner sieht ihren Mann schon wiederkommen, bevor er die Kaserne überhaupt erreicht und die Übung begonnen hat. Sie blickt zur Uhr. In der nächsten Viertelstunde wird er sein Arbeitszimmer im Stab betreten. Lore Werner geht zum Telefon, wählt eine Nummer. Nach einer Weile meldet sich ihre jüngere Schwester, die den Hörer sofort weitergibt. «Gerhard», sagt Frau Werner, «die Kraniche ziehen.» «Danke, Lore.» Sie will den Hörer schon wieder auflegen, da ruft ihr Schwager noch einmal ihren Namen und sagt: «Marlies meint, du solltest rüberkommen für die nächsten Tage. Hier bist du nicht allein, hast die Kinder. Komm rüber, hörst du.» «Mal sehen, Gerhard», antwortet sie, «vielleicht komm’ ich. Viel Erfolg für dich.» Gerhard Leichsenring kommandiert eines der mot. Schützenregimenter der Division. Er wurde zum Oberst befördert, als sein Schwager Generalmajor wurde. Leichsenring gilt als fähiger Regimentskommandeur und wird spätestens in zwei bis drei Jahren sein Studium an der Generalstabsakademie in Moskau beginnen. Eines Tages erfuhr Lore Werner von ihrer Schwester, daß Gerhard, wenn Alarmierungen bevorstehen, nervös bis zur Unbeherrschtheit werde, daß er nächtelang nicht schlafe, bei den leisesten Geräuschen aus dem Bett hochfahre und manchmal sogar ein oder zwei Nächte in voller Uniform in seinem Dienstzimmer zubringe. Ein Zustand, unter dem viele zu leiden hätten. Leichsenring selbst aber am stärksten, weil er ihn wie einen körperlichen Makel empfinde und weil er dann, wenn der Alarm einmal ausgelöst ist, mitunter schon erschöpft sei, wie nach tagelanger anstrengender Arbeit. In dieser Zeit denke er nicht einmal mehr an die Liebe. Auch der Generalmajor weiß von dieser Schwäche seines Schwagers. Er hat aber kein Verständnis für sie und verlangt, daß Gerhard durch Willenskraft mit ihr fertig werde. Lore Werner jedoch hält das, was ihr Mann Konsequenz nennt, für Sturheit. Sie hat sich mit ihm nicht lange gestritten, sondern jenen
32
Code gefunden, durch den sie ihren Schwager, wenn es soweit ist, informiert. Seitdem ist in und um Gerhard Ruhe eingetreten, was auch ihrem Mann nicht verborgen geblieben ist. Und Werner nimmt das wie einen Erfolg seiner Forderungen zur Kenntnis, als Ergebnis dieses besonders bei Offizieren so verbreiteten Ehrgeizes, sich gegenseitig noch erziehen zu wollen. Zufrieden ist vor allen Dingen Marlies. Ihr Mann vergißt die Liebe nicht mehr, ehe sie sich für einige Tage trennen. Vielleicht wird Lore Werner morgen wirklich zu ihrer Schwester fahren und bis zum Ende der Übung in der Siedlung bleiben. Vielleicht tut ein Ortswechsel ihr ebenso gut wie ihrem Mann die Übung. Immerhin wäre sie für acht Tage dort, wo sie kaum etwas ständig an Katrin erinnert. Wo nicht dauernd dieses «Wozu?» alles in Frage stellt. Sogar die Tätigkeit ihres Mannes, auch diese Übung. Weil alles, was damit zu tun hat, keine persönliche Bedeutung mehr besitzt. Weil die wichtige Ausgewogenheit zwischen Gesellschaftlichem und Familiärem gestört ist. Wozu alles? Welchen Sinn hat alles noch, wenn ein achtzehnjähriges Mädchen, das sich bewußt und mit Recht auf ihr Leben zu freuen beginnt, plötzlich stirbt? Herzinfarkt infolge einer Embolie. Wozu? Generalmajor Werner sitzt in seinem Dienstzimmer. Nicht hinter dem Schreibtisch, sondern in einem der schweren Sessel. Mitternacht ist vorüber. Für ein Uhr hat der Divisionskommandeur seine Stellvertreter zu sich befohlen. Die Zeit bis zu ihrem Eintreffen braucht er für sich. Außer dem Diensthabenden ist nur einer früher als der Generalmajor im Stabsgebäude gewesen oder hat es gar nicht erst verlassen. Sein Adjutant Fähnrich Rissmann. Ein stämmiger Mann Anfang Dreißig, der Schuhgröße fünfundvierzig und die Figur eines Schwerathleten hat. Werner hört ihn im Vorzimmer hantieren. Für seine Körpergröße und sein Gewicht bewegt sich Rissmann erstaunlich leise und rasch. Geschirr klappert. Wenige Augenblicke später bringt der Fähnrich ein Kännchen Kaffee und einen doppelten Kognak. Mit Gläsern und Tassen kann er ebenso geschickt umgehen wie mit Waffen und Autos. Er hat ein
33
ruhiges, breites Gesicht, das voller Sommersprossen ist. Ohne ein Wort zu sagen, geht er weiter. Eine weitere Fähigkeit, die Werner an seinem Adjutanten schätzt. Er spricht nur, wenn er dazu aufgefordert wird. Werner hört ihn telefonieren. Auch am Telefon spricht Rissmann wenig, stellt Fragen und übermittelt Anweisungen in ruhigem, freundlichem Ton, daß sie meistens wie Bitten klingen. Und die werden auch für einen Generalmajor rascher und zuvorkommender erfüllt als Befehle. Werner nippt vom Kognak, gießt Kaffee in die Tasse und streckt sich im Sessel aus. Für ihn beginnt die Übung jetzt, während er sich entspannt, sich allmählich von dem entfernt, was bis zum Betreten des Stabsgebäudes für ihn wichtig gewesen ist und ihn beschäftigt hat. Der Abschied von seiner Frau zum Beispiel, der ihm heute viel schwerer gefallen ist als je vorher. Lore hat sich seit dem Tode Katrins verändert, ist langsamer geworden. Aber es ist keine schwerfällige Langsamkeit, sondern eine beherrschte, nach innen gerichtete. Beim Abschied im Korridor hat seine Frau gelächelt. Das hat ihn stärker ergriffen, als Tränen es vermocht hätten, denn er wußte, daß sie seinetwegen lächelte. Nach Katrins Tod war seine Frau stiller und weicher geworden. Trotz des grau werdenden Haars wirkte sie jünger, Katrin ähnlicher. Es war, als bemühe sie sich, ihre Tochter in sich selbst zu bewahren, lebendig zu erhalten. Und wie ihre Liebe sich nun ganz auf ihn richtete, liebte er in seiner Frau auch seine Tochter. Der heutige Abschied erscheint ihm jetzt in der Erinnerung zu hastig. Werner bedauert, daß er nicht ein paar Augenblicke länger bei seiner Frau stehengeblieben ist, mit den Daumen nicht noch einmal ihre starken Brauen berührt, nicht noch einmal ihr schmales Gesicht zwischen seine Hände genommen hat, damit ihre Lippen sich lustig spitzen. Er hätte sein Gesicht noch einmal auf ihr kräftiges Haar legen sollen. Werner trinkt wieder vom Kognak. Er braucht diese stille, einsame Stunde, um sich ganz auf jenen Augenblick zu konzentrieren, in dem er mit einem einzigen Wort eine gewaltige militärische Maschinerie in Bewegung setzt, die ihn stets von neuem packt. Diese Bewegung
34
beginnt an vielen Orten gleichzeitig, und einmal ausgelöst, entwickelt sie sich nach Gesetzmäßigkeiten und Regeln, die ein möglicher Krieg ihr aufzwingt. Der bestimmt auch alle Abschnitte der Bewegung und ihr Gesamtziel. Der gibt jeder Übung ihre Bedeutung weit über ihren Rahmen hinaus. Keine einzige von denen, die Werner bisher mitgemacht hat, ist je Selbstzweck gewesen. Keine diente der Befriedigung irgendeines Ehrgeizes oder Spieltriebes. Keine Übung wird organisiert, um Massen zu beschäftigen oder zu belustigen. Damit wäre der Aufwand an menschlicher Leistung, an Zeit und an ökonomischen Werten nicht zu rechtfertigen. Bereits die Phase der direkten Vorbereitung und Planung geht über bloße Berechnungen, militärpolitische Erörterungen und über die Auseinandersetzungen um Gefechtsvarianten weit hinaus. In den Befehlen, die vorbereitet werden, in der militärischen Lage, die schriftlich entworfen und auf der topographischen Karte in lesbare Zeichen übersetzt wird, ist nur von Eingeweihten und Beteiligten das gesamte Ausmaß der Arbeit zu erkennen, die durch Tausende von Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren geleistet wird. An der außer ihnen viele oft unbekannte Helfer aus der Bevölkerung beteiligt sind: Eisenbahner und Transportpolizisten, Abschnittsbevollmächtigte, Forstarbeiter, Genossenschaftsbauern und Staatsfunktionäre. Werner hat während seiner Laufbahn solche Übungen auf allen Kommandoebenen, die es vom Zugführer bis zum Divisionskommandeur gibt, mitgemacht und ist außerdem an vielen Manövern der Vereinten Streitkräfte des Warschauer Vertrages beteiligt gewesen. Schon immer haben ihn die Gefechtskarten interessiert und beeindruckt, deren Umfang für ihn mit seiner Verantwortung gewachsen ist. Jene, mit denen er als Zugführer oder Kompaniechef umging, hatten in einer normalen Kartentasche Platz. Rissmann kommt noch einmal ins Zimmer. Er bringt die Lagekarte und breitet sie auf dem großen Arbeitstisch aus, faltet sie so weit auseinander, daß der Handlungsraum der Division in der Breite und Tiefe zu übersehen ist. Werner trinkt den Kognak aus, gießt Kaffee nach und nimmt die Tasse mit zum Tisch. Rissmann verläßt ebenso leise das Zimmer, wie er hereingekommen ist.
35
Werner liebte schon als Kind Landkarten und trug alle zusammen, die er kriegen konnte. Es war ihm gleich, ob er die Namen und Bezeichnungen lesen konnte oder nicht. Ihm kam es auf das Land an, über das er sich entweder im Geographieunterricht oder selbständig informierte. Wie und wodurch auf den Karten die Gebirge und Flüsse, die Wüsten, Wälder und anderen Gebiete gekennzeichnet werden, wußte er. Manchmal saß er stundenlang vor einer seiner Karten, verfolgte die Wüstenexpeditionen Sven Hedins, drang mit Livingstone und Stanley bis nach Zentralafrika vor oder entwarf, organisierte und träumte eigene Unternehmungen, die ihn ins innere Australiens, auf die Osterinseln oder in die Urwälder Brasiliens und nach Peru führten. Bald entdeckte er unbekannte Völker und Stämme, bald stieß er auf gewaltige Bodenschätze, und in Südamerika löste er das Geheimnis um das Dorado der Inkas und ihren sagenumwobenen Reichtum. Über diese träumerischen Spiele entwickelten sich in ihm zwei wichtige Eigenschaften: die Phantasie und das Interesse an allem, was in der Welt geschieht. Beide haben etwas mit der Neugier zu tun, und alles wurde später durch die Arbeit und den Alltag gezügelt und diszipliniert. Für Werner hieß dieser Alltag vom achtzehnten Lebensjahr an Armee. Den Karten ist er treu geblieben. Seine Vorliebe für sie ist durch den militärischen Umgang mit ihnen nicht zerstört worden. Für Werner ist die Lagekarte nicht nur ein Stück militärisches Arbeitsmaterial, auf der die rote Seite der blauen gegenübersteht. Auf die man Marschstraßen und Angriffskeile zeichnet, Rückzugsbewegungen und Ausweichmanöver, Artillerievorbereitungen, Feuerwalzen, Stellungen und was man sonst noch alles in den festgelegten Farben schwungvoll und akkurat einträgt. Werner hütet sich davor, solche Karten nur mit den Augen des Militärs zu sehen. Er blickt genauer hin und blickt tiefer. Wenn er allein vor der Karte steht, wie im Augenblick, interessiert ihn die Lage wenig. Die hat er im Kopf. Er liest die Namen der Ortschaften, bei denen sich die Trennungslinien brechen, entziffert die Namen der Dörfer und Siedlungen, über die hinweg die Angriffskeile vorwärtsstoßen oder um die sich Stellungen
36
ziehen. Und er verfolgt, was die Orte miteinander verbindet. Straßen und Wege, Flüsse und Eisenbahnlinien. Von den Städten und Dörfern, die im Angriffsstreifen der Division liegen, kennt Werner viele. Er kennt die Marktplätze und Hauptstraßen ebensogut wie die schmalen, verwinkelten Gassen der mittelalterlichen Städte, die Reste von Stadtmauern und die stehengebliebenen Türme. An katenähnliche Fachwerkhäuser erinnert er sich, an die vielen herrisch wirkenden Backsteinbauten und an Kirchen, die fast alle etwas Festungshaftes haben. Die freundlichen massiven Wehrkirchen der Dörfer ebenso wie die gebieterischen, finsteren in den Städten. Viele von den neugebauten Kulturhäusern kennt er, die in den Dörfern zu Zentren des Gemeindelebens geworden sind und den Kneipen längst den Rang abgelaufen haben. Belebte Straßen und Plätze sieht er vor sich, Menschen mit Einkaufstaschen, Spaziergänger, Pärchen und Kinder, viele Kinder, immer und überall Kinder. In manchem der ausgedehnten Wälder hat er mit seiner Frau und Katrin Pilze gesucht und Blaubeeren gesammelt, in diesem oder jenem See gebadet. Und weit oben auf der Karte, wo die Übung auf einem der Schießplätze enden wird, liegt das Dorf Barsekow, Zentrum einer der ausgedehntesten Kooperativen Abteilungen für Pflanzenproduktion der DDR. Dort ist Ruth Drewen Bürgermeisterin. Dort endet seit vielen Jahren jede Übung der Division mit einem Manöverball, zu dem der Rat der Gemeinde und die Leitung der KAP einladen. Dort steht immer noch, umgeben von hohen Pappeln, die wie Posten wirken, jene Backsteinscheune, in welcher der Oberleutnant Konrad Werner und die Agronomin Ruth Drewen vor über zwanzig Jahren, während eines Ernteeinsatzes der Kompanie mehrere Nächte miteinander verbracht haben. Für ihn endete das mit einem Parteiverfahren, denn er war damals schon verheiratet. Doch Werner nahm das Parteiverfahren so ruhig hin wie seine Frau den Seitensprung. Nie hat sie ihm etwas vorgeworfen. Sie hat ihn nicht ein einziges Mal daran erinnert. Ruth Drewen hatte damals vierzehn Tage lang neben ihm Kartoffeln gelesen. Ihre schmalen Hände waren flink und geschickt und je nach Wetter bald staubig und trocken, bald schmutzverkrustet und kalt. Er hatte sie lächeln sehen, hatte bei Regen die Tropfen auf ih-
37
rem Gesicht für Tränen gehalten und sie trösten wollen. Bei einem heftigen Guß, der in harten Hagelschlag überging, standen sie eng aneinandergedrückt unter seiner Plane. Ruths Kopf lag unter seinem Kinn, und ihr Haar roch nach Kartoffelerde. Dann küßte sie ihn auf den Hals, und gleichzeitig drückte sie ihren Schoß gegen seinen. Sie wiederholte diese Zärtlichkeiten heftiger, und er erwiderte sie. Die Nächte in der Scheune waren so ungewöhnlich gewesen wie der Ernteeinsatz gegenüber dem alltäglichen Dienst in der Kaserne. Heute Nacht noch werden die Kolonnen die Unterkünfte verlassen. Die Erschütterungen und der Lärm, verursacht von den schweren Fahrzeugen, werden viele Menschen aus dem Schlaf reißen und erschrecken. Auf manchen Wegabschnitten werden die Kolonnen die Verkehrsstraßen blockieren, Stockungen hervorrufen, Ärger und Flüche auslösen. Alles, was die Division in den nächsten Tagen unternimmt, geht nicht heimlich, sondern in aller Öffentlichkeit vor sich. Viele Menschen wird es unmittelbar berühren, und alle wird es betreffen, ob sie sich dessen bewußt sind oder nicht. Werner weiß, daß die meisten Menschen im Lande nie eine solche Lagekarte gesehen haben, daß viele von ihnen nicht einmal ahnen, welche Rolle sie in Verbindung mit einer militärischen Übung überhaupt spielen und welche Größenordnung sie darstellen. Viele wissen nicht, daß eine solche militärische Lage, die einer Übung vorausgeht, mit ihren Wünschen und Absichten, mit ihren Träumen und Sehnsüchten eine Menge zu tun hat, weil all diese Dinge der eigentliche Ausgangspunkt und das Ziel jeder Übung sind. Aber das wissen nicht einmal alle Soldaten. Viele denken darüber zu wenig nach, und sie werden auf solche Zusammenhänge zu selten und zu oft noch sehr oberflächlich und agitatorisch aufmerksam gemacht. Werner kennt Offiziere, die das alles wenig interessiert. Auch in seinem Stab gibt es welche, die sich in jeder militärischen Lage ausgezeichnet zurechtfinden, die fähig sind, rasch exakte taktische Überlegungen anzustellen und Entschlüsse zu fassen. Truppenbewegungen planen, organisieren und führen sie beispielhaft. Aber an Wäldern interessiert sie nur ihre mögliche Nutzung als Konzentrierungsraum oder als gedeckte Marschstrecke. Ortschaften haben für sie nur taktische Bedeutung,
38
weil sie besondere Gefechtsvarianten erfordern, zum Beispiel den Einsatz schwerer Waffen oder langwierige und verlustreiche Straßenkämpfe. Da hat mancher die notwendige Spezialisierung bis zur Einseitigkeit getrieben. Aber wer in seine militärischen Kalkulationen und Pläne die Menschen nicht einbezieht, die im Gebiet der Truppenbewegungen leben, und ihre Gefühle, Gedanken und Verhaltensweisen nicht berücksichtigt, dessen Entscheidungen fehlt eine wichtige Größe, er muß schon vor einem realen Gefecht mit Niederlagen rechnen. Weil im Grunde genommen solche Stabsoffiziere auch die Soldaten, Unteroffiziere und Offiziere der Truppenteile zu sehr als taktische Größe und zu wenig als menschliche Potenz betrachten und behandeln. Bei solchen Offizieren werden schließlich ganze Perioden der Stabsarbeit zum Selbstzweck, und damit wird ein Stab wirkungslos und nutzlos. Das sind nicht allein persönliche Erkenntnisse Werners, sondern Erfahrungen, mitunter bittere, die man in der sowjetischen Armee während des zweiten Weltkrieges gesammelt hat. An der Generalstabsakademie hat Werner sich auch damit gründlich beschäftigt. Und nun, als Divisionskommandeur, grübelt er immer wieder über diese und andere Probleme nach, sucht Erklärungen und Ursachen für diese Erscheinungen in manchem Stab, und er versucht herauszufinden, woher sie rühren, wer sie verbreitet. Solange es nur um Übungen geht, kann er noch grübeln. Bei Übungen gibt es keine Verluste, wenn dem Faktor Mensch in den Plänen und Aufgabenstellungen nicht die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt wird. Doch jede Stunde Übung, jeder Ausbildungstag, jede politische Schulung dient dem Ziel, die Masse der Armeeangehörigen besser verstehen und führen zu lernen. Das Besondere und gleichzeitig Schwierige in der Armee ist, daß die Offiziere und Berufssoldaten einer riesigen Menge zeitweilig Uniformierter in kurzer Zeit das beibringen müssen, was sie in vielen Jahren an Überzeugungen, an Kenntnissen und Fertigkeiten in sich ausgebildet haben. Und es geht hierzulande eben nicht nur um das Militärhandwerk, sondern auch um Einsichten, Erkenntnisse und Überzeugungen. Ein Offizier, der das alles nicht begreift oder mit der Zeit vergißt, taugt nicht mehr für diesen Beruf. Offiziere, die Einheiten oder Truppenteile benut-
39
zen, um ihren militärischen Ehrgeiz zu befriedigen und auf der Stufenleiter der Dienstgrade und Würden rasch emporzusteigen, sollte man in den Kompanien noch einmal in die Lehre schicken. Die Soldaten sind nicht für die Stäbe da, sondern die Stäbe für die Soldaten. Schon im Frieden, aber erst recht im Krieg ist der Mensch die entscheidende Größe, die schöpferischste, variabelste und gleichzeitig unberechenbarste. Werner hört Schritte auf dem Flur und richtet sich auf, trennt sich von der Karte und seinen Gedanken. Oberst Bredow betritt das Zimmer. Ein kräftiger Mann, untersetzt, mit Bauchansatz, den er aber durch betont gerade Haltung noch gut zu verbergen vermag. Vorschriftsmäßig meldet er sich. Er hat eine tiefe, angenehme Stimme, und trotzdem geht Kälte von ihm aus. Bredows ältester Sohn, Schüler des dritten Lehrjahrs an der Offiziershochschule der Landstreitkräfte, hatte sich im Verlauf des letzten Jahres mit Katrin angefreundet. Zum Begräbnis kam die ganze Familie. Der zukünftige Leutnant Bredow saß stumm und blaß da, und über sein Gesicht jagte ein Zucken nach dem anderen. Sein Vater weinte. Die Tränen tropften auf seine Jacke und hinterließen dort dunkle Spuren. Werner begrüßt den Oberst, spürt dessen ballige, feste Hand, die stark behaart ist und zweimal zudrückt wie schon oft seit der Beerdigung, als wolle er Werner immer von neuem sein Beileid ausdrücken. Für Augenblicke erinnert sich Werner ganz deutlich an seine Tochter, sieht sie am Klavier sitzen, sieht ihre dunklen, leichten Haare, die Bewegungen ihres Körpers, mit denen sie das Spiel begleitet. Und Werner sieht im nächsten Augenblick seine Frau, die nun allein ist mit ihrer immer noch so schweren Traurigkeit. Da ärgert er sich über Bredow, obwohl der Oberst schuldlos ist. Er hat nur etwas ausgelöst, das Werner zurückzuhalten versucht. «Kaffee?» fragt der Divisionskommandeur. Bredow nickt, und Werner ruft Rissmann herein und trägt ihm auf, eine ganze Kanne zu kochen. Danach wendet er sich von neuem der Karte zu, beschäftigt sich aber in Gedanken mit Bredow. Der Oberst ist in den Truppenteilen und Einheiten kein gern gesehener Gast.
40
Aber als Stellvertreter des Divisionskommandeurs für Ausbildung hat er häufiger mit den Kommandeuren zu tun als die anderen Stellvertreter Werners. Bredow ist verschlossen, manchmal unzugänglich. Als er vor zwei Jahren, nach erfolgreichem Studium an der Generalstabsakademie, in die Division kam, folgte ihm ein Spitzname: «Stiefel-Heinrich». Bredows Steckenpferd sind seit jeher die Stiefel. Auch als Stellvertreter des Divisionskommandeurs überprüft er bei Kontrollen ganze Kompanien auf den Stiefelputz. Ganze Einheiten konzentrieren sich ausschließlich auf ihre Stiefel, wenn Bredows Besuch angekündigt ist. Werner hat in seinen Dienstjahren eine Reihe ähnlicher Veranlagungen bei anderen Offizieren erlebt. Da gab es einen «Mützenwilli», einen «Koppel-Kurt», einen «Schnupftuch-Bruno». Von solchen Äußerlichkeiten hält Werner nichts, weil sie von Wichtigerem ablenken, weil sie nicht populär machen, sondern lächerlich, und weil sie im Grunde die Disziplin und Ordnung der Soldaten nicht verbessern, sondern ganze Züge oder Kompanien vorübergehend auf einen einzelnen Gegenstand konzentrieren. Aber solchen Angewohnheiten ist schwer beizukommen, sie sind zählebig. Bredows Verschlossenheit drückt sich auch in seiner Schweigsamkeit aus, die manchmal etwas Vorwurfsvolles hat. Während der bevorstehenden Übung wird der Oberst eine Reihe wichtiger Aufgaben erhalten. Als Absolvent der Generalstabsakademie steht er auf der Kandidatenliste für Divisionskommandeure. Für ihn hängt von der Übung einiges ab. Die Situation ähnelt fast der einer Prüfung. Bredow neigt zur Unbeherrschtheit, und es hat einige Vorfälle gegeben, die bei Stiefeln begannen und bei Beschwerden aus den Truppenteilen endeten. Wieder nähern sich Schritte. Zwei Offiziere treten ein. Der Leiter der Politabteilung und der Stabschef der Division. Sie sind nicht miteinander verwandt, aber ähneln sich sehr. Ihre Nasen sind groß und vorne breit. Beide haben dunkelblondes welliges Haar, blaue Augen und eine unerschütterliche Ruhe und eine Heiterkeit, die ihnen selbst und vielen anderen schon in mancher verfahrenen Situation geholfen hat. Meisterliche Pistolenschützen sind sie und gute Volleyballspieler. Werner faltet die Karte zusammen. Er mag beide Offiziere, die in
41
der Division schon ihre Funktionen ausübten, als er vor vier Jahren ihr Kommandeur wurde. Sie haben ihm sehr geholfen, sich rasch mit der Division vertraut zu machen. Von einem der beiden muß er sich am Ende des Ausbildungsjahres allerdings trennen. Oberst Peter Hempel, der Leiter der Politabteilung, geht zur Akademie nach Moskau. Ein neuer Offizier wird in den Stab kommen, denn Schanz hat es vorgezogen, zum Kommando überzuwechseln. Werner hätte ihn gern in der Division behalten, weil er ihn kennt und überzeugt ist, daß er ein ebenso guter Leiter der Politabteilung geworden wäre wie Hempel. Warum Schanz sich für die andere Funktion entschieden hat, weiß Werner nicht genau. Er nimmt an, daß die Auseinandersetzungen, die um seine Tochter in der Siedlung immer wieder wie kleine Gewitter ausbrechen, diese Entscheidung stärker beeinflußt haben, als Schanz selber wahrhaben will. Rissmann bringt den Kaffee. Die Offiziere setzen sich in die Sessel. Sie wirken munter, ein wenig aufgeregt wie vor jeder Übung. Keine gleicht der anderen. Obwohl sich vieles wiederholt, die Märsche bei Tage und in der Nacht, das Schießen auf abgelegenen Plätzen, gleicht keine Übung der anderen, denn immer besteht die Masse der Soldaten aus neueinberufenen Männern, und die Technik und Ausrüstung ändern sich ständig, werden moderner, komplizierter und schlagkräftiger. Horst Seiffert trifft ein, Werners Stellvertreter für Technik und Ausrüstung. Schwitzend kommt er ins Zimmer, mit stark gerötetem Gesicht, als wäre er den Weg von seiner Wohnung bis zum Stab gerannt. Er begrüßt die anderen, nimmt seine Brille ab, die im Zimmer sofort beschlagen ist. Während er sie trockenreibt, blinzelt er fragend zu den anderen hin, lächelt dabei ein wenig, wirkt verlegen. Wie einer, der zu spät gekommen ist und die anderen nun wortlos darum bittet, ihm das mitzuteilen, was er verpaßt hat. Seiffert hat ein rundes, freundliches Gesicht, in dem die dichten schwarzen Brauen auffallen, die so lebhaft alle Bewegungen des Gesichts mitvollziehen, daß Werner immer wieder an weiche, sich windende Raupen erinnert wird. Als letzter kommt Manfred Nauendorf. Auf die Minute pünktlich.
42
Langsam betritt er das Zimmer, grüßt militärisch exakt, und sofort riecht es im Raum nach Lavendel. Hempel schnalzt mit der Zunge und sagt: «Eine Duftnote strahlst du wieder aus!» Alle lachen. Oberst Nauendorf wirkt sogar in der Wattekombination elegant, so als wäre sie ihm nach Maß geschneidert worden. Der Chef der Rückwärtigen Dienste der Division ist den anderen Anwesenden in einigen Belangen überlegen. Keiner von ihnen tanzt so gut wie Nauendorf, keiner geht so oft mit seiner Frau ins Theater oder ins Kino wie er. Und kein anderer vertritt den Divisionskommandeur bei gesellschaftlichen Anlässen und Ereignissen so gern wie Nauendorf. Er trinkt seinen Kaffee im Stehen. «Setz dich», fordert Werner ihn auf. Nauendorf schüttelt den Kopf, und Bodo Kulonska, der Stabschef, bemerkt: «Die Bügelfalte in der Wattehose kriegt bloß ’nen Knick.» Schweigend und intensiv beschäftigt sich jeder mit seinem Kaffee, so als wären sie alle lediglich nachts um ein Uhr zusammengekommen, um miteinander Kaffee zu trinken. Werner mustert einen nach dem anderen. Bis auf Bredow kennt er alle seit vielen Jahren. Nauendorf und Seiffert sind aus Regimentern der Division in den Stab gekommen, inzwischen Oberste geworden. Beide haben den relativ großen Sprung ohne Probleme verkraftet. Werner fühlt sich wohl unter ihnen. An der Spitze der Division verkehrt man miteinander ebenso wie in der Regimentsführung, das heißt in der Regel selten wie Vorgesetzte und Unterstellte. Andere Beziehungen bestimmen das Verhältnis der Offiziere zueinander. Freundschaft und Achtung, Offenheit und die gemeinsame Verantwortung, die auch durch das Prinzip der Einzelleistung nicht aufgehoben wird. Der einzige in der Runde, zu dem Werner diese persönliche Bindung noch nicht gefunden hat, ist Bredow. Der Divisionskommandeur steht auf. Sofort stellen die anderen ihre Tassen hin und erheben sich ebenfalls. Werner weiß, daß keiner von denen, die jetzt vor ihm stehen, in dieser Übung persönliche Ziele verfolgt, auch Bredow nicht, selbst wenn die kommenden Ereignisse für ihn zu einer besonderen Bewährung werden. Alle sind darauf vorbereitet, vom Augenblick der A-
43
larmierung an über viele Tage eine kräfte- und nervenzehrende Arbeit zu leisten, Tausende von Menschen und die von ihnen bediente Technik zu bewegen, einzusetzen, mit ihnen gemeinsam den Kampf aufzunehmen um Schnelligkeit, Genauigkeit und Sicherheit. Sie alle wissen, daß hinter der Grenze eine Armee existiert, deren motorisierte Verbände in der Lage sind, in anderthalb bis zwei Stunden die DDR zu erreichen und deren Luftwaffe bis zur Grenze nur zwei bis fünf Minuten braucht. Sie wissen auch genau, daß die Überfälle zu den großen Kriegen des Jahrhunderts in Europa von den Vorgängern dieser Armee ausgegangen sind. Sie blicken Werner an und erwarten von ihm den ersten Befehl für ihre Übung.
44
2. Kapitel Ulrich Fichtner sitzt auf seinem Platz im Schützenpanzerwagen, die Hände zwischen den Knien, die Schultern nach vorn gedrückt und die Augen geschlossen. Seit sie aus der Kaserne gefahren sind, ist das Gefühl, sich vor irgend etwas schützen zu müssen, in dem Soldaten immer stärker geworden. Die Haltung, in der er ohne größere Unterbrechungen seit beinahe drei Stunden sitzt, führt zur Verkrampfung. Die Schultern schmerzen ihn, als hätte er ein Lamm zehn Kilometer weit geschleppt. Die Fußsohlen brennen, und der lederne Helmriemen scheint sich von Minute zu Minute enger um seinen Kopf zusammenzuziehen. Fichtner befindet sich im Zustand hilfloser Angst, ist einer Bewegung ausgeliefert, gegen die weder Wille noch Gebet etwas ausrichten. Wie damals, vor etwa zehn Jahren, als sie ihn in die alte Blechtonne geschoben haben. Wehren konnte er sich nicht. Die anderen waren viele, waren älter als er und hatten ihn außerdem gefesselt. Das Faß verschlossen sie und stießen es unter johlendem Gelächter den Hang hinab. Langsam rollte es an, nahm ständig an Tempo zu. Eine ganze Weile hörte Fichtner außer dem Dröhnen und Poltern des Fasses die Rufe und das Lachen der anderen, die schließlich zurückblieben oder verstummten. Er spreizte die Knie und die Arme so weit wie möglich auseinander, um an den Wänden des Fasses ein wenig Halt zu finden. Durch irgendein Hindernis bewirkt, begann das Faß plötzlich zu springen. Fichtner verlor jeden Halt und wurde in der blechernen, dröhnenden Enge herumgeschleudert, bis das Faß hart aufschlug und es still um ihn wurde. Einige von den anderen waren nicht weggelaufen. Sie befreiten ihn aus dem Faß, das durch ein Schlehengebüsch von der weiteren Talfahrt abgehalten worden war. Vierzehn Tage lang lag Fichtner im Krankenhaus. Heute fühlt er sich im Grunde nicht viel besser, obwohl er in diesem Faß auf Rädern nicht allein ist. Aber die anderen schlafen. Bis auf den Fahrer. Sogar der Leutnant scheint eingenickt zu sein. Der 45
Kopf des Zugführers pendelt haltlos hin und her. Das sieht aus, als schüttele er dauernd über irgend etwas den Kopf. Viel sieht Fichtner im Inneren des SPW nicht. Rechts von sich hat er die kalte Metallwand des Fahrzeugs, gegen die er immer wieder gestoßen wird. Von links sinkt dauernd der schlafschwere Körper des Gefreiten Eisner herüber. Alle anderen, auch die Soldaten, die vor fünf Monaten mit Fichtner in die mot. Schützengruppe gekommen sind, haben sich rasch zurechtgefunden. Keinem ist es schwergefallen, sich dem neuen Lebensrhythmus anzupassen. Sie haben es in ganz kurzer Zeit geschafft, ihre bisherigen Lebensgewohnheiten und Bedürfnisse tief in sich zu verschließen, zu konservieren oder ganz zu vergessen. Erst in der Kaserne hat Fichtner begriffen, daß der Mensch mit Instinkten ausgerüstet ist, die weit über das Tierische hinausgehen. Die anderen Soldaten um ihn vermögen im richtigen Augenblick teilnahmslos zu sein bis zur Gleichgültigkeit. Sie sind in der Lage, von einem Augenblick zum anderen einzuschlafen und im nächsten Moment blitzschnell auf einen Befehl oder ein Kommando richtig zu reagieren. Sie können hungern und dürsten, aber sich ebenso betrinken und überfressen. Märsche, Härtekomplexe und andere Anstrengungen, die mehrmals in der Woche von ihnen verlangt werden, stehen sie bis auf wenige Ausnahmen mit stoischem Gleichmut durch. Sie sind fähig, bald Schaf, bald Hund, bald Schäfer zu sein. Immer das, was gerade nötig ist oder von ihnen verlangt wird. Nur er, der von Kind an mit Tieren zu tun gehabt hat, der mit Hunden und Schafen groß geworden ist, schafft das nicht. Noch immer sehnt er sich täglich nach Hause zu seiner Herde zurück, und nach fast fünfmonatigem Dienst kann er wie am Anfang manches nur ertragen, wenn er sich ans Dorf erinnert. Zuerst ist es nur das Heimweh gewesen. Später, als er Friederike begegnete, kam die Sehnsucht dazu. Aber auch die ist zur Qual geworden. Fichtner wäre es überhaupt lieber gewesen, wenn er erst im Mai Soldat geworden wäre. Im Frühjahr, wenn die Herde aus dem Stall in den Pferch umzieht oder auf Wanderschaft geht. Wenn es überall lebendig und unruhig wird, wenn Aufbruchsstimmung herrscht und
46
etwas Neues beginnt. Auch wenn es sich jedes Jahr wiederholt, es bleibt immer etwas Neues. Fichtner ist überzeugt, daß es ihm im Mai leichter gefallen wäre, Soldat zu werden, aber er mußte im Herbst gehen. Im November, wo Tier und Menschen sich ins Dorf zurückziehen, in die Wärme und Häuslichkeit, hinter die Mauern der geschlossenen Gehöfte. In einer Zeit, wo im Dorf gefeiert und geschlachtet wird, wo die meisten Hochzeiten stattfinden und jeder mehr Geld in den Taschen hat als übers ganze restliche Jahr. Der schlafende Eisner drückt ihn plötzlich heftig gegen die Wand. Enge, überall Enge. Im SPW, im Zimmer, das Fichtner mit neun anderen bewohnt, in seinem Bett, über dem ein zweites steht. Beim Marschieren auch, wo er eingekeilt ist und mitgehen muß wie das einzelne Schaf mit der Herde; und wenn es sich von ihr trennt, wird es von einem der Hunde zurückgejagt. Enge auch im Speisesaal und im Kino, sogar im Restaurant und auf dem Tanzsaal. Immer und überall diese aufdringliche, widerliche Enge. Und Fichtner ist Weite gewohnt. Wiesen, Flüsse, sanfte Hügel und Hänge. Er hat geglaubt, ohne das alles nicht einen Tag leben zu können. Die gemächlich wandernde Herde, das Wogen der wolligen Rücken, die kehligen Laute der Böcke, die hellen Rufe der Muttertiere und die kläglichen Schreie der Lämmer. Das alles macht sein Leben aus, bis man ihn holte und musterte und Schweißfüße bei ihm feststellte und den Schäferrücken. Das hatte er vorher gewußt. Beides gehörte seit Generationen zu seiner Familie wie die Schafe und die Hunde. Aber beides war kein Hinderungsgrund für die Einberufung. Zwischen seinem bisherigen Leben und dem, was er zur Zeit führen muß, findet er keine Beziehungen, keinerlei Zusammenhänge. Wenn er im Sommer beim ersten Morgengrauen am Pferch war und das Gatter öffnete, um mit der Herde aufzubrechen, wenn er zur Lammzeit mitunter nächtelang nicht schlief oder während der Schur bis zur Erschöpfung und völligen Heiserkeit schuftete, das alles hatte Sinn und Ziel. Aber welchen Sinn soll es haben, sie nachts aus dem Schlaf zu reißen und irgendwohin zu transportieren? Hier kann er nicht mal reden, wie er es gewohnt ist, weil sogar Wörter und mitun-
47
ter ganze Sätze vorgeschrieben sind. Nicht einmal gehen kann er, wie er es will, wie eine ganze Ahnenreihe von Schäfern es in ihm vorgebildet hat. Hier gibt es nur drei Gangarten, und die werden noch befohlen: Gleichschritt, Laufschritt, Exerzierschritt. Mit niemandem kann er über seine Empfindungen und Gedanken reden. Denn die einen nehmen ihn nicht ernst, brauchen ihn nur, um regelmäßig lachen zu können, und die anderen behandeln ihn wie einen kleinen Jungen, auf den man aufpassen muß, daß ihm nichts passiert. Nur Friederike hat ihn ernst genommen. Mit ihr konnte er sogar über die Schäferei sprechen. Aber erst, nachdem er sich von der Uniform getrennt hatte. Das fällt ihm jetzt ein. Als beide nackt waren und ihn nichts mehr beengte, konnte er ohne Scheu über sich sprechen. Vielleicht hätte Friederike ihm manches von dem erklären können, was hier täglich vorgeht. Vielleicht wäre es ihr gelungen, ihm die bis heute undurchschaubaren Zusammenhänge des Kasernendaseins aufzuhellen und damit alles wenigstens erträglich zu machen. Aber Rike hat ihn weggeschickt. Nach allem, was zwischen ihnen gewesen ist, hat sie ihn weggeschickt. Fichtners Gefühl, sich in einer Tonne zu befinden, die einen Hang hinunterrollt, bis sie an irgendeinem Hindernis zerschellt, hat ihn, seitdem er Soldat ist, nie ganz losgelassen. Er öffnet den Helmriemen. Sofort läßt der Druck in seinem Kopf nach. Der SPW biegt von der Straße auf einen zerfahrenen Landoder Waldweg ab. Langsam, mit dröhnendem Motor schlingert er durch Löcher und über andere Unebenheiten. Es beginnt, nach Kraftstoff und Abgasen zu riechen. Fichtner lockert das Koppel. Das Schlingern und der Gestank ballen sich in seinem Magen zusammen, füllen ihn allmählich aus. Schließlich hält Fichtner dem Druck nicht mehr stand. Er muß hier raus, springt auf, öffnet die Luke über sich und zieht sich hinauf. Tief atmet er durch und blickt dabei nach oben. Sterne sind zu sehen, und im Osten hellt der Himmel auf. Vor Fichtner rollen SPWs, hinter ihm fahren auch welche. Schwankend, wie unter einer schweren Last, bewegen sie sich langsam nach Norden. Fichtner versucht zu erkennen, was für ein Feld das ist, an dem sie entlangfahren. Er beugt sich ein wenig hinunter. Aber es ist noch zu
48
dunkel, und die schmalen Lichtstreifen der SPWs reichen nicht weit genug. Auf der linken Seite stehen Laubbäume. Trotz der Abgase riecht Fichtner die vom Regen erwärmte Erde und den Märzgeruch der Bäume. So frisch und ein wenig wie Honig riechen Linden, Kastanien und Ahorn nur, wenn die Knospen aufbrechen und die ersten noch schrufnpeligen Blätter hervorstoßen. Hier oben fühlt sich Fichtner freier und besser, sich selber näher. Die Kolonne biegt nach links ab. Die Fahrer schalten. Drohend brüllen die Motoren auf, und helle Gaswolken wallen hoch. Plötzlich erhält Fichtner einen scharfen Schlag ins Gesicht. Sein Kopf wird nach hinten gerissen. Ein Ast peitscht ihm den Helm vom Kopf. Fichtner verliert den Halt und rutscht in den SPW zurück. Stirn und linke Gesichtshälfte schmerzen. Nach einer Weile spürt er fremde Hände auf seinem Gesicht. Warm und vorsichtig sind sie und kleben ihm Pflaster über die getroffenen Stellen. Dann vernimmt er Eisners Stimme. «Mensch, Fichtner», sagt der Gefreite, «dir passiert noch mal was.» Eisner erhebt sich und schließt die Luke. Beim Hinsetzen fügt er hinzu: «Was soll das bloß werden mit dir?» Wenige Augenblicke später schläft er schon wieder. Fichtner beneidet ihn um diese Fähigkeit, und er beneidet ihn, weil Eisner schon Gefreiter ist und in ein paar Wochen entlassen wird. Im Konzentrierungsraum ist Ruhe eingetreten. Die erste Aufregung ist vorüber. Alle Fahrzeuge haben ihren Platz gefunden und sind gesäubert worden. Das Regiment von Oberst Leichsenring ist in einem ausgedehnten Waldgebiet untergebracht, dessen Zentrum ein Kiefernhochwald bildet. Die dritte Kompanie liegt diesem Hochwald gegenüber in einem schmalen, langgestreckten Eichenhain. An den Bäumen hängt noch immer vorjähriges Laub. Auf den Blättern spiegelt sich die Vormittagssonne, taucht die graugrünen Stahlplatten der Schützenpanzerwagen und die Planen der Fahrzeuge in ein weiches, gelbliches Licht. Leutnant Ahnert sitzt auf dem Rand der Fahrerluke und blickt hinüber zu den Zelten, Fahrzeugen und Führungspunkten des Regimentsstabs. Für Ahnert hat die erste große Übung begonnen, seit er
49
Offizier und Zugführer ist. Alles ist neu und interessant für ihn. Müdigkeit spürt er im Augenblick nicht, weil trotz der Ruhe viel zu sehen und zu hören ist. Irgendwo hackt jemand Holz, vielleicht für eine der Feldküchen, in denen das Mittagessen schon vorbereitet wird. Die schweren Tankwagen machen die Runde von Kompanie zu Kompanie. Gleichmäßig rattern im Hochwald die Dieselaggregate, produzieren Strom für den Regimentsstab. In einem der Zelte befinden sich zur Zeit alle Bataillonskommandeure und Kompaniechefs zu einer Einweisung. Erst wenn Major Puhlmeyer von dort zur Kompanie zurückkehrt, gibt es für Ahnert wieder Arbeit. Hin und wieder jagt ein Krad davon, oder ein anderes kehrt von der Fahrt zurück. Die hohen Kiefern hinter der Schneise stehen fast in Reih und Glied vor dem Leutnant, und die zur Harzung in die Rinde gerissenen Winkel wirken wie Rangabzeichen. Zwischen der Kompanie und dem Regimentsstab liegt augenblicklich nur eine Schneise. Doch Ahnert weiß, daß der Weg zu diesem Stab weit und beschwerlich ist. Er hat lediglich den ersten Schritt getan, als er vor ein paar Monaten die Hochschule als Leutnant verließ. Zum zweiten Schritt, der ihn dorthin führen kann, will Ahnert während der Übung ansetzen. Wenigstens das will er erreichen. Und er hofft, daß der Kompaniechef ihm Gelegenheit gibt, sich zu bewähren. Neben dem SPW sitzen einige Soldaten. Das reichliche Frühstück hat sie schläfrig gemacht. Einer spielt Mundharmonika. Das kann nur der Schäfer sein. Fichtner hat stets ein paar von den nur daumenlangen Instrumenten in verschiedenen Tonlagen bei sich. Meistens spielt er Volkslieder. Er ist ein wandelndes Liederbuch, denn er kennt fast alle Texte auswendig und behauptet, in seinem Heimatdorf würden abends auf dem Dorfplatz noch Volkslieder gesungen. Das erscheint den anderen im Zug so kurios und außergewöhnlich wie Fichtner selber und sein Beruf. Aber die Mundharmonika spielt er gut. Er spielt verhalten, unaufdringlich, und Ahnert hört ihm gerne zu. Im Augenblick spielt Fichtner «Am Brunnen vor dem Tore». Plötzlich ruft einer der Soldaten: «Mensch, Ulrich, du warst auch schon fröhlicher. Mir kommen
50
gleich die Tränen.» Der Schäfer unterbricht das Spiel nicht, er wird nur ein wenig leiser. Ein anderer meint: «Er hat den Laufpaß gekriegt, darum.» Da lacht jemand und erklärt: «Ist doch wohl klar. Ulrich und die schöne Friederike… Das ist… Wißt ihr, was das ist? Wie Quasimodo und Esmeralda. So ungefähr.» Er lacht wieder, findet aber keinen Beifall. Es ist Litosch, einer der jüngsten Soldaten des Zuges. Gerade neunzehn ist er geworden. Ein lauter, manchmal aufdringlicher Junge, der alle wie seinesgleichen behandelt, sogar den Zugführer. Immer hat er was zu sagen, viele seiner Erklärungen bricht er mit den Worten «So ungefähr» ab. Dieser Lieblingsausdruck ist sein Spitzname geworden. Litosch kommt aus Berlin, von der Baustelle Marzahn, und er ist ein ausgezeichneter SPW-Fahrer. «Meinst du», fragt jemand, «daß Ulrich wirklich mit der Kellnerin geschlafen hat? Oder haut er uns nur die Taschen voll. Er und diese Frau, von der ganze Regimenter träumen.» «Ich wette», behauptet einer, «er spinnt.» «Na, na, vorsichtig», widerspricht Litosch. «Frauen sind in dieser Beziehung unberechenbar.» Mehrere lachen. Auch Ahnert lacht leise. Fichtner jedoch spielt ungerührt weiter, als ginge es gar nicht um ihn. Er sagt auch nichts, als Litosch sich an ihn wendet und ruft: «He, Ulli, steck den Schnauzenhobel mal weg. Wie ist das? Hat sie wirklich ein Muttermal auf dem Schenkel?» Alle schweigen, warten auf Antwort. Aber Fichtner gibt keine. Da ruft Litosch lauter: «He, Schäfer, bist du taub?» Fichtner setzt die Mundharmonika ab. Doch nicht, um zu antworten. Er schlägt sie gegen den flachen Handteller und spielt dann weiter. «Es blies ein Jäger wohl in sein Horn.» Wieder ein trauriges Lied. Ahnert kennt die Kellnerin. Mehrere Male ist er von ihr bedient worden. Der Leutnant kann sich in der Erinnerung einen Menschen nie genau vorstellen. Ihm fallen nur Details ein. Bei der Kellnerin sind es zwei Besonderheiten, die ihm im Gedächtnis geblieben sind. Sie geht sehr ruhig, auch wenn sie es eilig hat und das Restaurant
51
vollbesetzt ist, obwohl sie eigentlich wissen müßte, daß alle ihr nachstarren. Ahnert findet sogar, daß ihr Gang vorsichtig ist, fast ein wenig schüchtern. Und an ihren Mund erinnert er sich. Sie hat feste Lippen mit tiefen, grübchenhaften Mundwinkeln. Trotzdem ist es kein lachender, kein fröhlicher Mund. Ahnerts Gedächtnis ist bei solchen Einzelheiten sehr genau, schärfer mitunter als seine Sinne. Traurig ist ihr Mund, findet Ahnert, und er hat etwas von der Stimmung der Lieder, die der Schäfer meistens spielt. Und diese Verbindung läßt den Leutnant plötzlich auf eine mögliche Beziehung zwischen Fichtner und der Serviererin schließen. Doch ihm ist das alles gleich. Für Ahnert ist Friederike Schanz unerreichbar. Mit seinen einhundertvierundsechzig Zentimetern scheidet er sogar als zeitweiliger Bewerber um sie aus. Und auf aussichtslose Unternehmungen richtet Ahnert weder Kraft noch Zeit. Zweimal in seinem Leben hat er sich um Mädchen bemüht. Im zehnten Schuljahr gab es in der Parallelklasse ein blondes, sanftes Mädchen, das nicht größer war als er und von allen anderen Jungen übersehen wurde. Sie gingen zusammen, bis Manuela in der elften Klasse plötzlich zu wachsen begann und ihn schließlich um einen ganzen Kopf überragte. Das zweite Mädchen lernte er im Haus der Armee in Löbau kennen. Eine energische, rundliche FDJlerin aus der Kreisleitung, mit der während der Disko keiner tanzte. Hanna stammte aus einem Ort zwischen Löbau und Görlitz. Sie war in dem Dorf und der Landschaft fest verwurzelt und hing sehr an ihren Eltern. Ahnert war überzeugt, daß er sie davon loskriegen würde, und bemühte sich ein ganzes Jahr darum. Sogar noch in den Wochen der Prüfungsvorbereitungen, wodurch er an Boden verlor, den er nur durch Fleiß wieder aufholen konnte. Als Hanna dann von ihm erfuhr, wohin er versetzt werden würde, schüttelte sie den Kopf, und Ahnert sah sie nie wieder. Doch eines Tages wird auch er die Frau für sich finden. Jetzt vermißt er sie noch nicht, hält es sogar für einen Vorteil, während der ersten Dienstjahre als Offizier ohne Familie zu sein. Er braucht seine Kräfte nicht zu zersplittern. Die Sorgen um Wohnung oder Urlaub, die andere Offiziere beschäftigen, beobachtet er gelassen und belustigt. Geduld haben muß man, warten können, bis man an der Reihe
52
ist. Aber dann muß man zugreifen, darf sich nicht wegdrängen lassen. Die Gunst der Stunde muß man erkennen und mit allen Mitteln nutzen, im Privaten ebenso wie im Dienst. Ahnert weiß, was er will, und auf dieses Ziel konzentriert er sich ganz. Im Stab will er arbeiten und das so bald wie möglich. Mit den Soldaten und all dem Kleinkram, von der Ausgangsüberschreitung bis zur EK-Stimmung, von der eintönigen Ausbildung bis zu den oft fruchtlosen Diskussionen im Politunterricht, will er nicht lange zu tun haben. Er ist Offizier geworden, um es wenigstens bis zum Oberst zu bringen. In der Armee spielt die Körpergröße eine untergeordnete Rolle. Hier entscheiden über Achtung und Anerkennung andere Merkmale. Vorschriften und Dienstgrade bestimmen darüber, wer etwas zu sagen hat und wem die Soldaten zu gehorchen haben. An der Oberschule hat er sich vier Jahre lang gefallen lassen müssen, daß die meisten Schüler und Schülerinnen ihn «Michael den Kurzen» nannten. Nachdem er sich für den Offiziersberuf entschieden hatte, war der Spott sogar noch lauter geworden. Da er jedoch zur Klassenspitze gehörte, blieb für die anderen nur seine Körpergröße als Zielscheibe. Der Leutnant wünscht sich jetzt, daß der Zufall ihm eines Tages wenigstens einen dieser ehemaligen Mitschüler als Soldaten in die Hände spielen möge. Fichtner hört plötzlich auf zu spielen. Ahnert hat das Gespräch der Soldaten in den letzten Minuten nicht mehr verfolgt. Leise und ohne besondere Betonung sagt der Schäfer: «Ihr seid Schweine.» Ein paar Augenblicke herrscht Ruhe, dann lacht einer laut. Das könnte Litosch gewesen sein, und andere fallen in das Gelächter ein. Plötzlich läßt sich Eisner mit seiner tiefen Stimme hören. «Laßt ihn in Ruhe, endlich!» Litosch verteidigt sich. «Mann, er wird doch ’n bißchen Spaß verstehen. Unter uns. Ist doch keine Jungfer mehr, wenn er mit der Kellnerin… Na ja, hängt wohl mit seinem Beruf zusammen. Muß ja zum Individualismus führen, dauernd mit so ’ner Herde Hammel alleine, so ungefähr.» Eisner fährt fast im Befehlston dazwischen: «Du sollst deine Klappe halten, endlich!»
53
«Ich meine ja nur», entgegnet Litosch. «Vielleicht kommt er mal zu uns, für ’ne Weile. In die Jugendbrigade. Auf eins der Hochhäuser, die wir montieren. Da kriegt er Nehmerqualitäten wie ein Boxer, so ungefähr.» «Und ich krieg’ sie doch», behauptet Fichtner. «Wartet nur.» «Die Friederike Schanz?» fragt Litosch und singt: «Lebe wohl, du holde Kellnerin! Gehst fort von uns, wirst eine traute Schäferin.» Es wird wieder gelacht, und Litosch fügt seinem Gesang noch etwas hinzu: «Ulli, wenn du das schaffst, stehn mindestens drei volle Regimenter Spalier, und alle müssen Gummistiefel anziehen. Die Tränen werden wie ein reißender Fluß sein, so ungefähr.» Ahnert sieht, daß Fichtner aufsteht und weggeht, auf die Kiefernschonung zu, die hinter den Eichen liegt. Auch durch die Wattejacke hindurch zeichnen sich seine Schulterblätter deutlich ab. Seine Schritte sind kurz und wirken müde, fast erschöpft. Der Leutnant ruft den Schäfer zu sich. Er muß zweimal rufen, ehe Fichtner kehrtmacht. Das passiert selten. Doch Ahnert geht heute darüber hinweg. Er schickt den Soldaten zum Hauptfeldwebel nach einem neuen Helm. Der verlorene ist bestimmt heute nacht von den folgenden SPWs und Panzern zu einem Stück Blech breitgewalzt worden. Aber ein Helm stellt keinen großen Verlust dar. Schlimmer wäre es gewesen, wenn Fichtner nicht nur ein paar Kratzer davongetragen hätte. Das Genick hätte der Ast ihm brechen können. In dem Falle wäre Ahnerts Laufbahn schon nach ein paar Monaten unterbrochen gewesen. Er war eingenickt ebenso wie Eisner, der den erkrankten Gruppenführer vertritt. Keiner von ihnen hatte bemerkt, daß Fichtner nach oben gestiegen war. Ahnert blickt dem Soldaten nach, der am Schneisenrand entlang in Richtung Feldküche davongeht. Ein Mann wie Fichtner hat in einer Gruppe oder innerhalb eines Zuges seinen Wert. Er sorgt immer von neuem für Gesprächsstoff, erheitert und belustigt die anderen. Leute wie Litosch reagieren sich an ihm ab und werden für wichtigere Dinge frei und zugänglich. Und Ahnert hat in den fünf Monaten, die er als Zugführer dient, noch etwas begriffen. Innerhalb eines mot. Schützenzuges treffen so viele unterschiedliche Charaktere, Tempe-
54
ramente und Erfahrungen aufeinander, daß sich viele Diskussionen und Auseinandersetzungen ohne sein Zutun als Vorgesetzter regulieren. An Gesprächen wie dem eben abgelaufenen beteiligt sich Ahnert selten, und er mischt sich nie ein. Bisher jedenfalls hat er nicht einzugreifen brauchen. Soldaten wie Eisner passen auf, daß es nicht zu schlimm wird. Ahnert hört lieber zu, nimmt auf und beobachtet. Dadurch erfährt er mehr über die Soldaten, als wenn er dauernd zwischen ihnen säße. Es kommt nur darauf an, sie im rechten Augenblick die Zügel fühlen zu lassen. Ahnert ist für Distanz. Er hält nichts davon, in die Soldaten einzudringen, sie umzukrempeln, alles das an ihnen in anderthalb Jahren nachholen zu wollen, was andere achtzehn Jahre versäumt haben. Für ihre Freuden und Leiden interessiert er sich wenig. Er will ihnen nicht dauernd Gespräche aufzwingen. Das verwöhnt und führt schließlich dazu, daß sie mit jedem Wehwehchen zu ihm kommen. Wer es versucht hat, den hat er zum Gruppenführer geschickt. Ordnung in der Armee kommt vor allem durch Unterordnung zustande. Es gibt geschriebene und ungeschriebene Gesetze, nach denen man sich als Soldat zu richten hat oder auch als Offiziersschüler. Es gibt viele Lehrer und noch mehr Vorgesetzte, die Widerspruch und Kritik nicht vertragen. Sich danach zu richten, ist Ahnert auf der Offiziershochschule nicht schwergefallen. Warum sollte das im Regiment anders sein? Er weiß, daß viele Soldaten so denken und handeln. Achtzehn Monate läßt sich das schon aushalten. Man kommt aus miteinander, wenn man einander nicht dauernd belästigt. Ahnert will bei der Armee etwas werden. Obwohl er das ohne die Soldaten nicht kann, liegt es doch nicht in ihren Händen. Sie befinden sich in der Mitte einer Kopplungsreihe, an deren Anfang und Ende er als Zugführer steht. Drüben im Hochwald ist auf einmal Bewegung. Aus dem langen, mit Tarnnetzen abgedeckten Zelt, in dem der Regimentskommandeur Beratungen und Dienstbesprechungen durchführt, treten die Kommandeure. Ahnert erkennt Puhlmeyer zwischen den anderen. Der Major ist unter den Kompaniechefs der einzige Pfeifenraucher. Einen seiner Knösel schiebt er jetzt kalt zwischen die Lippen. Der Tabaksqualm ist nur zu ertragen, wenn der Major die Pfeife anraucht, denn
55
von Zug zu Zug stinkt der Tabak mehr. Puhlmeyer ist seit zehn Jahren Kompaniechef in diesem Regiment und stolz darauf, was Ahnert nicht verstehen kann. Aber er hütet sich, das seinem Vorgesetzten zu sagen. Der Leutnant ruft die Gruppenführer zu sich und befiehlt ihnen, die Waffen und die Ausrüstungsgegenstände ihrer Soldaten noch einmal gründlich zu überprüfen. Zu lange Untätigkeit macht die Soldaten bequem und widerspenstig. Erst als die Gruppenführer kehrtgemacht haben und zu ihren Soldaten gehen, schwingt Ahnert sich vom SPW hinunter auf die Erde. Während des Sprunges sieht er, daß Eisner zurückkommt. Der Sprung ist nicht mehr aufzuhalten. Ahnert landet, federt nach. Dann steht der hühnenhafte Gefreite vor ihm, dessen Schultern sich in der Höhe von Ahnerts Augen befinden. Breite muskulöse Schultern, mit denen Eisner eigentlich jedesmal in der Luke steckenbleiben müßte. Doch irgend etwas muß es an der Arbeit eines Stahlschmelzers geben, das diesen Mann so geschickt und so schnell gemacht hat. «Was ist?» fragt Ahnert und blickt zu dem Gefreiten hoch. Eisner hat hellblaue Augen mit graubraunen Sprenkeln in der Iris, die wie Funkenspuren wirken. So nah vor großen Leuten steht Ahnert nicht gern. Das macht ihn unsicher. Bei Eisner ist es nicht die Körpergröße, die ihn nervös macht. Der Gefreite benimmt sich ihm gegenüber zurückhaltend, vorsichtig, fast mißtrauisch, aber immer auch sehr bestimmt. Eisner sagt: «Wir müssen uns um Fichtner kümmern, Genosse Leutnant.» «Wir? Sie sind sein Gruppenführer, also kümmern Sie sich.» Eisners Augen werden ein wenig kleiner. «Wir», wiederholt er, «damit meine ich uns alle im Zug.» «Für Versammlungen ist der FDJ-Sekretär zuständig. Gehen Sie zu Litosch.» Eisner geht nicht darauf ein, sondern sagt: «Irgendwas geht in Fichtner vor. Auf der Ofenbühne, wenn da einer so rumschleicht, jagen wir ihn runter. Und hier, das ist nicht ungefährlicher, das…» «Sie hören das Gras wachsen.» «Es wächst, Genosse Leutnant, es wächst wirklich.» Ahnert holt
56
tief Luft. Er will nicht heftig werden. Deshalb bricht er das Gespräch einfach ab und befiehlt dem Gefreiten: «Kümmern Sie sich um Ihre Gruppe!» Dann geht er dorthin, wo der Kompaniechef seinen Platz hat. Er weiß genau, daß Eisner noch an der selben Stelle steht und ihm nachblickt. Der Leutnant kämpft gegen den Drang an, sich umzusehen. Er bezwingt ihn erst, als er an Eisners Augen denkt, an diese hellblauen, mißtrauischen Augen, die Ahnert nicht in Ruhe lassen. Der Gefreite ist einer von jenen, die sich nicht einpassen, sich nicht unterordnen wollen, die dauernd ihre Lebens- und Betriebserfahrungen ins Spiel bringen, als ob hier irgendein Werk wäre. Doch in ein paar Wochen wird Eisner entlassen. Puhlmeyer sitzt mit den Zugführern und dem Politstellvertreter der Kompanie am Raucherplatz in der Nähe der Feldküche. Auf den Knien hat er Karte und Arbeitsbuch liegen und erläutert den Offizieren die Ausgangslage. Wie oft er das in seinen zwanzig Dienstjahren schon getan hat, weiß er nicht. Es ist immer die gleiche Lage gewesen, und sie wird sich vermutlich auch nie ändern. Seit Jahrhunderten müssen sich immer die gleichen Leute vor den Angriffen der anderen verteidigen. Zu großen, entscheidenden Gegenangriffen sind sie lange zu schwach gewesen. Aber das hat sich geändert. Gründlich. Vor über sechzig Jahren hatte der erste Gegenangriff Erfolg und jeder weitere auch. Und so wird es bleiben, bis es keine Leute mehr gibt, die auf Angriffe aus sind. Puhlmeyer kann an all das denken und gleichzeitig über die Lage sprechen. Beides hat miteinander zu tun, und es verbindet sich fast von selbst in der Eindringlichkeit, mit der der Major spricht. Seine militärischen Erfahrungen und seine Überzeugung geben allem, was er sagt und tut, eine beeindruckende Sicherheit. Und er kann noch etwas, während er redet. Er beobachtet die Offiziere, die bei ihm sitzen. An den Reaktionen, die sich in ihren Gesichtern abzeichnen, und besonders an ihren Augen erkennt er, wie intensiv sie mitdenken und ob auch sie sehen, was hinter den taktischen Zeichen auf der Karte und hinter den militärischen Formulierungen steht. Heute blickt er immer wieder den neuen Zugführer an. Ahnert hört
57
zu wie die anderen, macht sich im Gegensatz zu ihnen jedoch kaum Notizen. Das hat nichts zu sagen. Ein gutes Gedächtnis reicht Puhlmeyer, und er wird heute noch prüfen, ob Ahnert das hat. Über fünf Monate ist der Leutnant schon in der Kompanie, und trotzdem weiß Puhlmeyer nicht viel mehr über ihn, als in der Kaderakte steht. Bei keinem der fast dreißig Zugführer, die durch seine Kompanie gegangen sind, hat er jemals so lange gebraucht, um ihre persönlichen Eigenschaften und Fähigkeiten oder Schwächen zu entdecken. Vielleicht hängt Ahnerts Zurückhaltung mit seiner Körpergröße zusammen. Aber schon die Tatsache, daß Puhlmeyer das nicht genau weiß, ärgert ihn. Der Neue hat bisher auch zu den anderen Zugführern keine engere Bindung gefunden, wie es auf Grund der gleichen Dienststellung sonst üblich ist. Ahnerts schmale blaue Augen sind immer aufmerksam, der Leutnant ist offenbar stets bei der Sache. Aber der Kompaniechef kennt nur das Äußere seines neuen Zugführers. Das Innere läßt Ahnert nicht sehen. In Straßen, wo Bäume am Rand des Gehweges stehen, hat Puhlmeyer oft erlebt, daß ihm jemand auf der anderen Seite entgegengekommen ist. Doch zwischen ihm und dem anderen befand sich immer ein Baum. Puhlmeyer wußte zwar, da geht einer, aber sein Gesicht konnte er nicht erkennen. Ähnlich geht es ihm mit Ahnert. Nach fünf Monaten hat bisher jeder Zugführer in der Kompanie schon die ersten Erfolge oder Niederlagen hinter sich gehabt. Bei Ahnert ist nichts von all dem eingetreten. Sein Zug liegt nicht an der Spitze, aber auch nicht am Ende der Kompanie. Alles ist bisher gut gegangen. Die Ordnung und Disziplin seiner Soldaten läßt kaum Wünsche offen. Vielleicht zieht der Leutnant bei dieser Übung an, um zu beweisen, was in ihm steckt. Aber ein vielleicht ist Puhlmeyer zuwenig. Er ist entschlossen, nicht länger abzuwarten. Er wird Ahnert in den nächsten Tagen ins «Feuer schicken», wann immer es möglich ist. Er braucht Ahnerts Bekenntnis, braucht es im Interesse der Soldaten, denen es beileibe nicht gleichgültig ist - wenn sie auch manchmal so tun - , ob sie einen Dienstgrad oder einen Menschen aus Fleisch und Blut zum Vorgesetzten haben. Der Major muß auch noch aus einem anderen Grund Klarheit über Ahnert haben. Zu Beginn des neuen Ausbildungsjahres hat die dritte Kompanie alle Batte-
58
rien und Kompanien der Armee, alle gleichgeordneten Einheiten der Volksmarine und der Luftstreitkräfte zum Wettbewerb aufgerufen. Puhlmeyers Kompanie hat ihre Ziele und Absichten in einem Soldatenbekenntnis zusammengefaßt. Während dieser Übung, die noch gar nicht richtig begonnen hat, werden alle, die vor dem Kompaniechef sitzen, viel zu leisten und zu beweisen haben, am meisten aber Ahnert. Puhlmeyer kommt im Augenblick nicht dazu, das Gedächtnis des Leutnants zu prüfen. Er kriegt Besuch. Bei der Feldküche steht Oberst Schanz. Ruhig führt der Kompaniechef die Besprechung zu Ende und schärft am Schluß den Zugführern ein, daß sie mit ihren Soldaten gründlich und ausgiebig über die Lage sprechen sollen. Besonders jetzt, wo noch Zeit dazu ist. Jeder einzelne Soldat muß wissen, warum und mit welchem Ziel er etwas tut, in welchem Zusammenhang seine Bewegungen und Handlungen mit der gesamten Division und ihrer Aufgabe stehen. Der Soldat muß es wissen, weil er manchmal tagelang auf Achse ist, dann wieder lange in einem Bereitstellungsraum liegt, Stellungen ausheben muß, die er Stunden später schon wieder verläßt. Er wird über Flüsse hin und her gefahren, und wenn er den Sinn dieser Aktionen nicht kennt, wird das ganze Hin und Her für ihn zu einer Art Räuber-und-Gendarm-Spiel, das obendrein eine Menge kostet. Denn rechnen können die Soldaten. Wenn sie auch vieles übersehen oder einfach hinnehmen, rechnen können sie sehr gut. Puhlmeyer kennt das alles aus der Erfahrung im Umgang mit zahlreichen Soldatenjahrgängen. Es ist zum Beispiel eine schlechte Sache, wenn Soldaten am Ende einer solchen Übung für etwas getadelt oder gelobt werden, ohne daß sie genau wissen, warum. Keiner der Zugführer hat eine Frage. Puhlmeyer schickt sie weg. Oberleutnant Freier, der Politstellvertreter der Kompanie, geht mit Ahnert. Puhlmeyer freut sich über die wortlose Verständigung zwischen Freier und ihm. Häufig hat er Grund sich über den jungen Politoffizier zu freuen, der, bevor er zur Offiziershochschule ging, Sekretär einer FDJ-Kreisleitung war. Der Major wendet sich nun Schanz zu, den er seit vielen Jahren
59
kennt. Puhlmeyer war schon Kompaniechef im Regiment, als Schanz Politstellvertreter war. In jene Zeit fiel auch die einjährige Gastrolle Puhlmeyers als Bataillonskommandeur. Unter anderen verdankt er es Schanz, daß er unbeschadet in die Kompanie zurückkehren und seine alte Funktion wieder übernehmen konnte. Aber es hat auch welche gegeben, die nach dem Mißerfolg des Bataillons in jenem Ausbildungsjahr Puhlmeyer loswerden wollten. Das waren vor allem jene, die mehr wußten als er selber, nämlich daß er das Zeug zu einem guten Bataillonskommandeur hätte. Man soll sich eben nie anloben lassen. Schanz übernimmt an der Feldküche zwei Tassen Kaffee vom Koch und geht auf die Raucherinsel zu. Der schwergewichtige Oberst wirkt unbeholfen, weil er trippelt und die Hände mit den Tassen weit von sich streckt. Kaffee liebt Schanz über alles. Er braucht bei Übungen manchmal einen ganzen Tag lang nichts zu essen, Hauptsache, er kriegt seinen Kaffee. An keiner Feldküche kommt der Oberst vorbei, ohne nach Kaffee zu fragen. Aber zu Puhlmeyer kommt er nie nur wegen des Kaffees. Von ihm will er mehr. Auch jetzt, wo nach seiner Versetzung der Weg von der Kompanie zum Kommando weit geworden ist. Doch äußere Entfernungen machen Schanz nichts aus. Regelmäßig taucht er in der dritten Kompanie auf, angemeldet und auch überraschend. Puhlmeyer sieht ihn immer gern. Anfangs hat Puhlmeyer nicht begriffen, warum Schanz die Division verlassen hat, warum er in der Anonymität eines großen Stabes untertauchen wollte. Doch längst weiß er, daß der Oberst damit keine persönlichen Ziele verfolgt wie mancher andere, der sich hinter einer Stabstür zur Ruhe setzt. Während Schanz mit den Tassen heranbalanciert, erinnert sich Puhlmeyer an den Inspektionsbesuch einer größeren Gruppe von Offizieren im Regiment. Ende Februar trafen sie ein, und mehrere von ihnen nahmen sich unter Leitung des Chefs der Inspektionsgruppe die dritte Kompanie vor. Der Chef war ein schlanker Oberstleutnant, der eine Brille mit viereckigen Gläsern trug. Die machte sein weiches Gesicht mit dem runden Kinn strenger und soldatischer. Er konnte beim Reden nicht still-
60
sitzen, sondern lief in Puhlmeyers Dienstzimmer hin und her und beschloß jede Frage mit einem Fingerschnipsen, gleichsam als schösse er sie auf seinen Zuhörer ab. Der Oberstleutnant redete viel, und Puhlmeyer hörte ihm gerne zu, weil er lebhaft und betont sprach, lange Sätze baute, in denen er sich nie verirrte, als durchwandere er sie an einem Ariadnefaden. Und er konnte sich ereifern, daß man allein von diesem Eifer mitgerissen wurde. Aber wenn er aus dem Zimmer ging, wußte der Major meist ebensowenig wie Oberleutnant Freier, was der Oberstleutnant eigentlich gesagt, geraten und angeordnet hatte. Zwei Tage hielt der Oberstleutnant die Offiziere viele Stunden im Dienstzimmer oder im Kompanieklub fest und hinderte sie daran, sich mit den Soldaten und ihrer Ausbildung zu beschäftigen. Er redete über Grundsatzfragen der politischen Ausbildung und Erziehung und fragte sie nach allen Regeln der Kunst aus. Während einer Beratung der Parteigruppe am Nachmittag des zweiten Tages interpretierte er eine Rede Erich Honeckers, gab in zwei Stunden eine inhaltliche Übersicht zum «Abriß der Geschichte der SED» und betonte immer wieder die Bedeutung des vertrauensvollen Dialogs mit den Soldaten. Schanz hörte sich alles geduldig mit an. Er saß neben Puhlmeyer und musterte die zwölf Parteimitglieder der Kompanie, zu denen außer den Offizieren und dem Hauptfeldwebel zwei Unteroffiziere und vier Soldaten gehörten. Fragen gab es am Ende nicht. Oberleutnant Freier wollte die Beratung bereits beenden, da bat Schanz ums Wort und wandte sich an die Soldaten und Unteroffiziere. «Nun, Genossen, ihr habt zugehört, euch viel aufgeschrieben», sagte er. «Was fangt ihr nun in euren Gruppen mit all dem an?» Sie blickten in ihre Notizen, einer wartete auf den anderen, keiner antwortete. «Nun aber raus mit der Sprache!» forderte Schanz. «Wir sind hier unter uns.» Eisner stützte sich breit auf die Unterarme, lehnte sich mit der Brust gegen die Tischkante, und sein kräftiger Rücken buckelte sich vor. «Das ist schwer zu sagen, Genosse Oberst. Jedenfalls wenn ich das so erzähle, wie ich’s eben gehört habe. Aber wie ich’s anderen sagen soll, einfacher… Dann muß ich es erst übersetzen.»
61
Er hob die Schultern, ließ sie wieder fallen und drückte sich mit den Händen vom Tisch weg. Die anderen nickten. Sogar die Zugführer. Schanz schlug vor, daß die Genossen der Inspektionsgruppe am Abend zu den Soldaten auf die Zimmer gehen und dort gemeinsam mit den Parteimitgliedern der Kompanie den vertrauensvollen Dialog führen sollten. Die Parteigruppe stimmte dem Vorschlag zu. Puhlmeyer ging mit dem Oberstleutnant zu Eisners Gruppe. Der Gefreite überließ dem Chef der Inspektionsgruppe das Feld, nachdem er ihn vorgestellt hatte. Als der Oberstleutnant sagte, er sei gekommen, um mit den Soldaten ein vertrauensvolles Gespräch zu führen, horchten alle auf. Sogar der Schäfer kam zum Tisch. Litosch, der Häuserbauer mit dem Jungengesicht und den immer noch rissigen Pranken, sagte: «Klingt gut, was? Vertrauensvolles Gespräch. Wirklich. Aber, Genosse Oberstleutnant, so ohne weiteres, ich meine, wir sehen uns heute zum erstenmal. Und ich staune, daß sie sich für uns interessieren. Bloß ich weiß nicht, gleich beim erstenmal mein Liebesleben vor ihnen ausbreiten…» Alle lachten. Obwohl später auch andere etwas sagten, blieb Litosch der Sprecher der Gruppe. Eisner und Puhlmeyer griffen nur hin und wieder ins Gespräch ein. Den Hauptteil bestritt der Oberstleutnant allein. Auch hier im Zimmer blieb er nicht sitzen. Eifrig redete er und versuchte, in agitatorischen Verallgemeinerungen die großen Zusammenhänge aus Führungsdokumenten und öffentlichen Reden zu erklären. Er bemühte sich redlich darum, Fuß zu fassen, verlor aber jedesmal von neuem den Boden unter den Füßen, wenn Litosch oder ein anderer ihre Alltagsfragen und Erfahrungen dagegensetzten. Und die hatten mit Urlaub zu tun, mit der manchmal langweiligen Ausbildung, mit der Politschulung, wo man wie beim StabüUnterricht dauernd auf Fragen antworten mußte, und stellt man selbst welche, gehörten sie meistens nicht zum Thema. Mit Gerüchten kamen sie und erzählten von manchen bitteren Ereignissen, die von kleinen Gaunereien bis zur großen Unterschlagung reichten. Sie gerieten miteinander in Streit, denn Eisner hatte in seinem Stahlwerk in Brandenburg andere Erfahrungen gemacht als Litosch in Berlin. So wurde das Gespräch auf dieser Soldatenstube doch noch eine nützli-
62
che Sache. Besonders für den Oberstleutnant. Die Soldaten machten deutlich, was sie unter einem vertrauensvollen Gespräch verstanden. Zwei Tage später wurde ausgewertet. Die Inspektionsoffiziere, die Kommandeure und Politoffiziere des Regiments saßen im Parteikabinett zusammen. Der Oberstleutnant mit dem weichen, hellen Gesicht faßte die Ergebnisse der Inspektion zusammen. Er lobte, tadelte, wies nach, fragte und antwortete in einem Atemzug und hangelte sich durch eine lange, wohlgeordnete Rede. Puhlmeyer hörte dem Offizier wie immer aufmerksam zu. Aber als der sich setzte, hatte er wieder den Eindruck, daß der Redner zu früh aufgehört und das Wichtigste noch nicht gesagt hätte. Wahrscheinlich empfanden andere ähnlich, denn alle schwiegen, blickten in ihre Arbeitsbücher und warteten ab. Da erhob sich Schanz, schwerfällig, fast widerwillig. Mit den Fäusten stützte er sich auf die rot abgedeckte Tischplatte und musterte die Offiziere vor sich. Wenn Schanz so vor anderen stand, dauerte es nie lange, bis sein rechter Mundwinkel von einem freundlichen Grinsen nach unten gezogen wurde. Puhlmeyer kannte Schanz gut genug, um zu wissen, daß der Oberst ein Ziel gefunden hatte, gegen das er jetzt sein Wort treffsicher und unbarmherzig abfeuern würde. Da aber niemand genau wußte, auf wen und worauf er zielte, herrschte im Raum eine besondere Stille. Und in diese Stille hinein sagte Schanz leise: «Wir reden zuviel. Wenn der Kommunismus vom Reden käme, hätten wir ihn längst. Und stellt euch mal vor, was los wäre, wenn das Reden nicht mehr bezahlt würde. In den letzten Tagen wurde von allen Inspektionsoffizieren und von den Offizieren des Regiments viel über die sozialistischen Beziehungen in unserer Armee gesprochen. Einmal hab’ ich mitgezählt, wie oft das Wort ‹Sozialistische Soldatenpersönlichkeit› gefallen ist. An einem Nachmittag allein einundfünfzigmal. Und kein einziger Soldat war dabei. Wir reden einfach zuviel über das, was wir machen wollen und sollen. Ich zum Beispiel hab’ hier im Regiment schon drei Einweisungen zur letzten Rede von Genossen Honecker gehört. Einmal vom Parteisekretär, einmal vom Politstellvertreter des Regiments und einmal von dem Leiter der Inspektionsgruppe. Das hat zusammengerechnet rund
63
sechs Stunden gedauert. Der Inhalt der Rede war dreimal fast der gleiche, und dreimal saßen, bis auf ein paar Ausnahmen, dieselben Offiziere am Tisch. Da muß ich euch leider sagen, ihr habt verdammt viel Zeit im Regiment.» Schanz machte eine Pause und zog aus seiner Aktentasche einen Stoß Papiere, den er vor sich auf den Tisch legte. «Auch schriftlich reden wir zuviel», sagte er und schlug mit der Hand auf den Papierstapel. «Wenn ich hier reinblase, staubt’s. Lauter Anweisungen, Mitteilungen und Aufforderungen zu Berichten, Auswertungen aus allen Stäben vom Regiment bis zum Kommando. Wenn das so weitergeht, müssen wir das ‹Neue Deutschland› auch sonnabends noch einsparen.» Noch einmal schlug er auf den Stoß. «Cui bono? Wir sollten uns immer fragen: Wem nutzt es? Das hier nutzt vor allem den Verfassern, bringt ihnen bei diesem und jenem Vorgesetzten ein Bienchen ein. Eine der Ursachen für das viele Gerede sehe ich darin, daß mancher von uns nur ganz allgemein was über die Soldaten weiß und daß er zuwenig von dem ausgeht, was sie wirklich denken und fühlen, wissen und verstehen. Je weiter weg vom Regiment…» Schanz hob die Hände und ließ sie auf den Tisch fallen. Widerspruch kam nicht von den Offizieren des Regiments. Jetzt kommt der Oberst dem Raucherplatz langsam näher. Er läßt die Tassen nicht aus den Augen, sieht aber trotzdem, daß Puhlmeyer eine seiner Tabakspfeifen im Mund hat. Wenn der Major die Watteuniform trägt, wirkt er ein wenig breiter. Sonst ist alles an ihm schmal und scharf, von der Nase übers Kinn bis zum Adamsapfel. Spötter behaupteten einmal, das habe der lange Dienst als Kompaniechef aus ihm gemacht. Soldaten seien wie Sand, die schliffen jeden Ko-Chef ab, bis nichts mehr von ihm übrigbleibt. - Und Puhlmeyer konterte lächelnd: «Nicht die Soldaten, die vielen Stäbe machen das. Von Jahr zu Jahr wird der Trichter oben breiter, und der Strahl, den’s unten rausdrückt, wuchtiger. Und direkt unter dem Strahl stehen die Kompaniechefs - oder?» Wenn Schanz Puhlmeyers Beine sieht, fällt ihm immer ein alter Vers ein, den seine Großmutter jedesmal mitservierte, wenn sie eine Schüssel Weißkäse auf den Tisch stellte. «Butter und Quark macht
64
stark, Quark alleene macht krumme Beene.» Bei Vorbeimärschen kann man den Major nur im Winter vor seiner Kompanie marschieren lassen, wenn der Mantel die Beine verdeckt. Das alles stört Puhlmeyer nicht, verdankt er doch seinen Beinen den Spitznamen «Tschapajew». Er hat zwar nie auf einem Pferd gesessen, und keiner weiß genau, ob Tschapajew O-Beine hatte. Der Kompaniechef aber ist auf diesen Beinamen stolz wie auf eine Auszeichnung. Unteroffiziere und Soldaten, die in die dritte Kompanie versetzt werden, amüsieren sich nur anfangs über Puhlmeyers Beine. Es dauert nie lange, bis sie begriffen haben, das alles andere an ihrem Vorgesetzten gerade ist. - Schanz erreicht jetzt den Major, der ihm eine Tasse abnimmt. Beim Hinsetzen ächzt der Oberst ein wenig, weil der für die Beine ausgehobene Graben zu schmal ist. «Na, Karl», sagt Puhlmeyer, «du mußt aufpassen, Stabsarbeit macht fett und faul.» Schanz lacht und beschäftigt sich mit seinem Kaffee. Genüßlich schlürft er den ersten Schluck. Flöhe bleiben an der Oberlippe hängen. Er leckt sie mit der Zunge ab, spuckt sie aber nicht aus, sondern zerkaut sie. Puhlmeyer sagt nach einer Weile: «Stiefel-Heinrich hat sich angesagt, ist das ein Zufall - oder?» Schanz hebt die Schultern, und der Major meint: «Seit wann heißt du Hase? Du kommst doch vom Divisionsstab.» Schanz weiß, daß man Puhlmeyer nichts vormachen kann. Der riecht den Pup schon, wenn er noch gar nicht raus ist. Und weil er mit dem Kompaniechef in aller Ruhe reden will, befriedigt er dessen Neugier. «Ein Bataillon aus euerm Regiment», sagt er, «kriegt während der Übung Flügel, genauer gesagt Tragschrauben.» «Welches?» «Das legt Oberst Bredow eben mit deinem Regimentskommandeur fest.» Puhlmeyer schweigt, und Schanz beschäftigt sich wieder mit seiner Tasse. Von der Feldküche her riecht es nach Erbsen. Die Sonne wärmt bereits. Vorhin, als der Oberst durch den Hochwald gegangen
65
ist, war ihm der Mantel schon lästig. Die trockenen Harzreste an den Kiefern glitzern wie Bernstein. Die Ruhe, die im Konzentrierungsraum herrscht, ist keine schläfrige, sondern eine besondere, die von angespannter, zielgerichteter Tätigkeit kommt. Hier draußen tun die Stäbe das, wofür sie eigentlich da sind. Sie planen Bewegungen und Gefechte, setzen Menschen, Technik und Bewaffnung ein, um Wasserhindernisse zu überwinden, Brückenköpfe zu bilden, gegnerische Ziele zu vernichten. Sie formieren breite Fronten für Verteidigung und Angriff, bilden Staffeln, ziehen Verstärkungen nach und setzen ganze Regimenter um. Schanz mag diese Phase bei großen Übungen, weil sie ohne Hektik und für Politoffiziere eine große Zeit ist. Wenn die Truppen erst vorwärts rollen, Stellungen ausbauen und beziehen, wenn sie auf den Schießplätzen mit den Schützenwaffen, den Kanonen, Haubitzen und Raketen die Ziele bekämpfen oder unter der Schutzbekleidung keuchen, haben Gespräche und Beratungen kaum einen Sinn. Da überzeugt ein Politoffizier nicht mehr mit dem Wort, sondern durch das Beispiel. Dann hat er dort zu sein, wo der Kommandeur nicht ist. Er muß dort mit zupacken, wo es am schwersten ist, muß Ruhe und Sicherheit verbreiten, wenn das Leben der Soldaten außer von ihrer Arbeit nur noch von solchen körperlichen Bedürfnissen bestimmt wird wie dem Schlafen und dem Essen. Im Konzentrierungsraum treibt Schanz jeden Politoffizier, der tatenlos herumsitzt, unbarmherzig zu den Soldaten in die Kompanien und Züge. Von einem Gedanken zum anderen fällt Schanz wieder seine Tochter ein. Das geht ihm so, seit er gestern die Siedlung verlassen hat. Auf der Fahrt sprach er mit dem Fahrer des P 3 über den Einsatz moderner Landmaschinen bei der Ernte. Beide schwärmten von Krautfeuern, in denen Kartoffeln geröstet werden, erinnerten sich an den dörflichen Herbstgeruch, an den wolkigen Rauch, der wie Nebel übers Feld zieht, und unvermittelt dachte Schanz an Friederike. Bei Generalmajor Werner machte er sich Notizen über die Lage, skizzierte wichtige Räume und Operationen auf seiner Karte, wobei er einen versteckten See entdeckte, in dem er vor Jahren während einer Stabsübung gebadet hatte. Bis auf einen schmalen Streifen war der
66
See von Schilf umgeben, das wie eine gelbgrüne Wand das Wasser abschirmte. Dort gab es Rohrdommeln, und Schanz dachte, während sein Rotstift an dem blauen Fleck auf der Karte stehenblieb, daß er diesen See einmal seiner Tochter zeigen müßte. Das Gefühl, mit dem er neuerdings an Friederike denkt, ist eine eigenartige Mischung aus Freude und Schmerz. Schanz hat seine Tochter wiedergewonnen. Und erst bei dieser Veränderung in den Beziehungen zwischen ihnen hat er begriffen, wie allein er sie gelassen hatte. Und er hat die Frau in ihr erkannt, er begreift plötzlich, daß die Männer von ihr reden und an sie denken, versteht aber auch die Frauen in der Siedlung, die Friederike gerade deswegen nicht mögen. Oft denkt er an den gestrigen Abschied von seiner Tochter, wie sie ihm das halbe Foto gegeben und ihn gebeten hat, ihr zu helfen. Mit Friederike ist etwas geschehen. Nie ist sie unruhig und schon gar nicht ängstlich gewesen, wenn es um einen Mann ging. Friederike hat etwas begonnen, worum er sie beneidet. Ein Gefühl, das auf alles verzichten kann, nur nicht auf sich selbst, das Freude und Leid in gleicher Weise umfaßt und den ganzen Menschen ergreift. Für Schanz wird es so etwas nicht mehr geben. Und seine Liebe ist anders gewesen. Nicht oberflächlich, aber trotzdem ist etwas in ihm nie erreicht worden und unbeteiligt geblieben. Das spürt er immer dann, wenn er erlebt, wie sehr mitunter jungen Leuten die Liebe zu schaffen macht, wie sie alles andere über sie vergessen. Schanz wird seiner Tochter helfen. Jetzt wendet er sich Puhlmeyer zu und fragt: «Kennst du einen Major Wittenbeck, Artillerie?» Puhlmeyer blickt hinüber zum Hochwald, und Schanz weiß nicht, ob der andere seine Frage überhaupt gehört hat. Plötzlich steht der Major auf, zieht einen Lederhandschuh aus der Tasche und wischt mit ihm über seine Stiefel. Da weiß Schanz, wer sich der Kompanie nähert. Puhlmeyer geht rasch auf den Weg zu, der die Kompanie vom Regimentsstab trennt. Wenig später sieht Schanz ihn mit Oberst Bredow am Rand der Schneise entlanggehen, dorthin, wo die SPWs der Kompanie stehen. Schanz hat im vergangenen Jahr Bredow einmal während einer Par-
67
teiversammlung des Stabes kritisiert und einige Bemerkungen wiedergegeben, die in den Regimentern und Bataillonen über ihn gefallen waren: «Wenn Bredow in die Reserve geht, wird er Stiefelputzer, wetten?» Einige Offiziere hatten Schanz damals heftig widersprochen. Sie erklärten, daß sie mühelos in der Lage wären, ähnliche Redewendungen über Offiziere in den Einheiten einzusammeln und zur allgemeinen Erheiterung zum besten zu geben. Wenn sie wollten. Dadurch würde allerdings die Disziplin und Ordnung in der Division nicht besser und die Achtung vor dem Offizierskorps nicht größer. Ordnung und Disziplin aber begännen nun einmal beim Stiefelputz und Mützensitz, bei Bügelfalte und Haarschnitt. Und Bredow verlangte in seiner Antwort an Schanz von den Politoffizieren mehr Einfluß auf derartige Kleinigkeiten. Aber die meisten von ihnen sähen über diese Erscheinungen großzügig hinweg und machten jene Offiziere, die unermüdlich gegen Unordnung und Disziplinverstöße ankämpften, obendrein noch lächerlich. Schanz trennte die Forderung nach Ordnung und Disziplin von den Marotten, deren Folgen er kannte. Auf Marotten stellt man sich ebenso rasch ein wie auf Gewohnheiten von Lehrern. Man belächelt sie, aber sie bleiben ohne Wirkung. Und Marotten, die sich auf einzelne Gegenstände oder Erscheinungen richten, verunsachlichen nur die Beziehungen zwischen den Menschen. Gefechte werden nicht durch blanke Stiefel entschieden… Schanz blickt Puhlmeyer und Bredow nach, die beim ersten SPW stehenbleiben. Offensichtlich hat Bredow nichts an der Tarnung und der Sauberkeit des Fahrzeugs auszusetzen, denn die beiden gehen bald weiter. Bredow hat kleine Füße und macht kurze Schritte, was stets so aussieht, als habe er wenig Zeit. Wenn er die Wattekombination trägt, verlieren seine Bewegungen den Schwung und werden eckig. Der Oberst erkundigt sich bei Puhlmeyer nach den Zug- und Gruppenführern. Er will wissen, wie lange sie in der Kompanie sind und über welche Erfahrungen sie verfügen. Dabei nähern sie sich den Soldaten des dritten Zuges, die eben auseinandergehen wollen, aber von einem lauten Kommando ihres Zugführers zurückgehalten wer-
68
den. Ahnert eilt auf die Offiziere zu. Das filzige, vorjährige Gras reißt an seinen Füßen. Hoffentlich fällt er nicht hin, denkt Litosch, der sich auf die Pause gefreut hat und nun die aufwendige Zeremonie der Meldung beobachtet. Dabei denkt er mit einem Anflug von Heimweh an seine Baustelle in Marzahn. Wenn dort Besuch kommt, geht es immer sofort um die Sache, um Pfusch oder Rückstände oder um mehr Wohnungen. Wer da zu den Brigaden kommt, ist nicht Vorgesetzter, sondern Kumpel, und man braucht nicht jedes Wort erst rundzulutschen, ehe man’s ausspuckt. Und in den Pausen taucht überhaupt nur jemand auf, wenn ein Stockwerk kurz vorm Einsturz steht. Alles ordnet sich der Arbeit unter und denen, die sie machen. Davon, vom Bau her, denkt Litosch, könnte manches auf die Truppe übertragen werden. Die Soldaten warten ab. Litosch kehrt als erster zu seinem Platz an einem moosigen Stubben zurück. Nach und nach folgen zögernd die anderen. Auch Oberst Bredow und Puhlmeyer stehen unschlüssig. Sie können nicht weitergehen, wenn die Soldaten auf irgend etwas warten. Ahnert führt die Entscheidung herbei. Er holt zwei Klapphocker aus dem SPW, und die Offiziere setzen sich mit dem Rücken zum Fahrzeug. Ein Gespräch mehr, eine Pause weniger. Ahnert steht neben dem Oberst, die Hände auf dem Rücken, und blickt ihn ununterbrochen an, um auf eine Geste oder ein Wort hin sofort reagieren zu können. Litosch mag solche Gespräche nicht. Meistens bringen sie nicht viel ein. Mit einer allgemeinen Ausfragerei beginnen sie, und mit Vorträgen enden sie. Na, Genossen, wie ist die Stimmung, schmeckt denn das Essen? Gibt’s vielleicht irgendwelche Probleme? Haben Sie Fragen? Diese Übung, Genossen, wissen Sie… Schnee vom vergangenen Jahr. Auch «Tschapajew» scheint sich nicht wohl in seiner Haut zu fühlen. Er ist Litosch eigentlich nie fremd gewesen. Vom ersten Augenblick an hat der Soldat keine Scheu vor dem Major empfunden. Aber «Tschapajew» wird in dieser Runde kaum zu Wort kommen. Viel-
69
leicht versucht er, mit seinen grauen, freundlichen Augen den einen vom Sprechen abzuhalten und den anderen dazu aufzufordern. Das Gespräch beginnt fast wörtlich so, wie Litosch es vorausgesehen hat. Der Oberst stützt sich beim Reden bald mit der einen, bald mit der anderen Hand auf seine Schenkel. Ein wenig später nimmt er die Mütze ab und legt sie unter den Hocker. Er wirkt müde und auch ein bißchen nervös. Die Müdigkeit kann sich Litosch erklären, die richtet sich nicht nach den Dienstgraden. Aber warum soll ein hoher Offizier vor den Soldaten unsicher sein? Das Haar des Obersten ist farblos. Wer weiß, wie viele Jahre er schon Helm und Käppis und Mützen trägt? Auf der Baustelle zottelte regelmäßig ein Alter mit seinem Gaul umher, fuhr Holzabfälle weg oder Schrott. Der Gaul hatte ein Fell, das weder braun noch grau war wie die Haare des Offiziers neben Puhlmeyer. Ahnert macht ein aufmerksames Gesicht. Ab und zu nickt er beifällig, wenn der Oberst etwas sagt, fragt oder feststellt. Die Antworten der Soldaten sind kurz, vorsichtig, lustlos. Litosch versucht, sich den Oberst ohne Uniform vorzustellen. Da bleibt nichts Auffälliges übrig. Bis auf die Augen. Die sind hellblau wie an Frosttagen der Himmel, wenn die Sonne aufgeht. Augen, die genau hinsehen, denen nichts verborgen bleibt. Sie erreichen Litosch, noch bevor der Oberst sich an ihn wendet. «Und Sie, Genosse, was sind Sie von Beruf?» «Ich baue Häuser, Genosse Oberst.» «Wo?» «Berlin-Marzahn.» Bredow nickt und sagt: «Schön. Häuser bauen ist eine schöne Arbeit, wenn man weiß, für wen man sie baut. Sie wirken also mit an der Erfüllung des Kernstücks unseres Sozialprogramms.» Litosch nickt und meint: «So kann man das auch nennen, was ich mache.» Bredows Blick wandert weiter. Litosch versteht nicht, wie es diesen Augen verborgen bleiben kann, daß die Soldaten jetzt lieber flachsen oder vor sich hindösen oder rauchen möchten. Litosch unterbricht den Offizier und fragt, ob geraucht werden darf. Der Oberst erlaubt es. «Tschapajew» hat seine Pfeife schon zwischen den Zähnen. Er
70
muß sie gestopft in der Tasche gehabt haben, denn er stößt als erster graue Wolken aus. Litosch bietet Bredow eine Zigarette an, und das Rauchen lockert auf. Sogar der Oberst verliert an Strenge. Rauchen verbindet wie Singen oder Trinken. Plötzlich sind mehrere Gespräche zugleich im Gange. Es wird sogar gelacht. Die Runde beruhigt sich erst, als einer fragt, wie lange die Übung denn dauern werde. «Acht bis zehn Tage.» Bredows Antwort löst nicht nur Kopfnicken aus. Irgendeiner ruft: «Die Hälfte tut’s doch auch!» Der Oberst nickt. Aber das ist keine Zustimmung. Er beugt sich vor und drückt die halbaufgerauchte Zigarette in den Sand zwischen seinen Stiefeln. Damit trennt er sich wieder von den anderen, löst eine Verbindung, die für ein paar Minuten dagewesen ist. «Ihnen dauert wohl alles zu lange, was?» meint er. «Die Übung, der Wehrdienst…» Das ist keine Frage und auch keine Feststellung. Litosch glaubt, einen Vorwurf herausgehört zu haben. Wahrscheinlich nur er, denn die anderen scheinen Bredows Bemerkung mehr als Spaß aufzufassen. Einige lachen und stimmen dem Oberst zu, hinter dem plötzlich Schanz steht. Die Soldaten witzeln, machen Vorschläge, und von Vorschlag zu Vorschlag verkürzt sich die Dienstzeit, bis sie bei vier Wochen angelangt ist. Da springt plötzlich einer auf und ruft lachend in die Runde: «Leute, los, einpacken! Wir sind ja schon viel zu lange hier.» Alle reden durcheinander. Puhlmeyer schweigt und verzieht keine Miene. Ahnert macht ein strenges Gesicht und sieht auf einmal dem Oberst ein wenig ähnlich. Plötzlich kommandiert der Leutnant: «Ruhe!» Alle reagieren sofort. Bis auf einen, der ein wenig abseits sitzt. Sein Lachen verstummt erst, als er die allgemeine Stille bemerkt. «Ich weiß nicht», sagt der Oberst leise, und sein Blick schweift in die Runde, «was daran so lächerlich ist.» Litosch vernimmt ein scharfes Räuspern. Schanz hat es ausgestoßen, aber Bredow überhört es. Er spricht weiter, und der Vorwurf in seiner Stimme nimmt zu. Der Oberst spürt es und versucht, ruhiger und eindringlicher zu reden. Gleichzeitig bemerkt er, daß die Solda-
71
ten ihm nicht mehr zuhören, daß es zwecklos ist, überhaupt weiterzusprechen, weil der Abstand zwischen ihm und den anderen wächst. Doch während er das denkt, spricht er weiter, vom zwanghaften Willen bedrängt, die Soldaten zu erreichen und wichtige Dinge gegen ihr Lachen und ihre allgemeine Zustimmung zu dieser Art von Abrüstungsvorschlägen zu setzen. In Bredows Innerem gibt es eine Grenze, die am fünfzehnten August neunzehnhunderteinundfünfzig von den Gummiknüppeln der Stummpolizisten gezogen worden ist und bedingungslos das eine vom anderen trennt. Im September desselben Jahres verließ er ein Berliner Krankenhaus. Sein erster Weg führte zur nächsten Volkspolizeidienststelle. Zwei Tage später zog er die blaue Uniform an. Das zischende Geräusch der Gummiknüppel, das harte Klatschen auf die Köpfe und Schultern und die waagerecht geführten Schläge gegen Leib und Brüste der Mädchen hat Bredow bis heute nicht vergessen. Und er sieht Hilde zusammenbrechen unter den Hieben. Aus Nase und Mund quillt Blut, das blasse Gesicht des achtzehnjährigen Mädchens droht auf dem grauen Pflaster zu zerspringen wie dünnes Glas. Schädelbasisbruch und innere Verletzungen. Als er Hilde Wochen später in seiner Uniform besucht, schreit sie auf. Sie erkennt ihn nicht wieder. Ihre Liebe und ihr Wunsch nach vielen Kindern sind damals erschlagen worden. Das alles schmerzt und brennt noch immer in ihm, und das Weh wird nur dadurch gemildert, daß er sich auch an das angstgraue Gesicht jenes Stupos erinnert, den er gewürgt hat und dessen Hals er nicht losließ, bis er selbst schwer getroffen wurde. Jener Tag hat sein Leben bestimmt, wie kein anderes Ereignis vorher. Seit jenem Tag besitzt Bredow einen sechsten Sinn für alles, das von der anderen Seite kommt, das zu ihr gehört oder dorthin tendiert. Mit diesem Sinn ausgestattet, spürt er in den Empfindungen, Gedanken und Äußerungen anderer das auf, womit sie, ohne es zu wissen oder zu wollen, allen uniformierten und nichtuniformierten Nachfolgern jener Stupos das Schlagen, Schießen und Töten erleichtern, es unbewußt hinnehmen, als ginge es sie nichts an. Wenn Bredow solche Haltungen nur zu ahnen beginnt, fühlt er sich schon im Stich
72
gelassen, machen Enttäuschung und Verbitterung es ihm mitunter unmöglich zu unterscheiden. In letzter Zeit packt ihn immer häufiger eine Unruhe, die sich in ihm zusammenballt, bis sie schließlich explodiert. Schon unausgesprochener Widerspruch bei den Soldaten beunruhigt ihn. Erst recht die deutliche Ablehnung dessen, wofür er lebt. Auch wenn sie unter Lachen und Heiterkeit geäußert wird, bleibt es für ihn Ablehnung. Und dahinter sieht er langes verfilztes Haar, sieht er Plastbeutel von drüben, Jeans mit Aufnähern und anderen Zeichen westlicher Herkunft, die nicht nur Gedankenlosigkeit sind. Wobei er schon die nicht hinnehmen will, weil sie zur Gewohnheit werden kann und sich schließlich zu Verhaltensweisen entwickelt. Über den Wehrdienst werden Witze gemacht und die Tage bis zur Entlassung gezählt. Und das alles zu einem Zeitpunkt, wo es Leute gibt, die die Neutronenbombe zu einer humanen Vernichtungswaffe erklären, weil sie sie gerne besitzen möchten. In solchen Situationen hört Bredow wieder das Zischen der Gummiknüppel, hört und sieht er die dumpfe Brutalität der Schläger, die zu weit mehr bereit sind als zum Überfall auf eine Jugenddemonstration. Und er sieht immer auch die anderen Opfer solcher Schläger, Frauen darunter und Kinder, die schuldlosesten Opfer jedes Überfalls oder Krieges. Dann bohrt wütender Ärger in ihm. Er möchte eindringlich sein und ist doch meistens nur heftig. Überzeugen möchte er die anderen, aber er beunruhigt sie bloß. Und je deutlicher er spürt, daß die Soldaten sich innerlich von ihm zurückziehen, um so lauter und vorwurfsvoller wird er. «Warum schimpfen Sie mit uns?» fragt Litosch plötzlich. «Als wären wir irgendwelche krummen Hunde, so ungefähr.» Keiner sagt etwas. Nicht einmal Bredow. Es ist, als wäre er durch die Frage des Soldaten zu sich gekommen. Das Schweigen hat unterschiedliche Gründe. Schanz spürt es. Die einen sind betroffen und blicken zu Boden, fühlen sich vielleicht zu Recht kritisiert. Andere schweigen aus Widerspruch und manche, weil sie gleichgültig sind oder den Eifer des Offiziers albern finden. Aber es kommt darauf an, alle zu erreichen, sie wenigstens nachdenklich zu machen, sie soweit zu bringen, daß sie genauer sehen
73
und hören. Bei einem solchen Gespräch mit vierzig jungen Leuten braucht einer viele Stimmen auf einmal. Bredow besitzt nur eine einzige. Argumente überzeugen nicht allein durch sich selbst, sie brauchen auch eine Stimme, ein Gesicht. Das Schweigen, in dem alle verharren, wird von außen her gebrochen. Von der Feldküche kommt das Signal zum Mittagessen. So findet das Gespräch ein offizielles und begründetes Ende. Schweigend gehen Schanz und Bredow von der Kompanie weg. Bredow geht schnell, beinahe hastig, als habe er es eilig, von hier wegzukommen. Erst im Hochwald, den die Mittagssonne hell und warm macht, wird der Oberst ruhiger. Schanz bricht ein Stück des honiggelben Harzes aus einer der eingeritzten Rinnen, kratzt an ihm herum, riecht daran und wundert sich von neuem, weil es fast geruchlos ist. Und doch duftet es im Wald um diese Stunde schon sommerlich nach frischem Kien. Für eine Weile überläßt sich Schanz ganz der Erinnerung. Sein Gedächtnis, das ihn mühelos weit in die Vergangenheit zu tragen vermag, relativiert manches. Auch dieses mißlungene Gespräch. Schanz findet seine Gelassenheit wieder, ohne die er wichtige Unterhaltungen nicht führen kann. Bredow scheint zu ahnen, daß Schanz mit ihm reden möchte, es vielleicht sogar zu wünschen. Er geht nicht auf kürzestem Weg zum Führungspunkt des Regimentskommandeurs, sondern weicht nach links ab, und sein Gang verliert alles Eilige. Schanz weiß nicht, wie er das Gespräch beginnen soll. Aber er weiß, was Bredow sagen müßte. Daß er nämlich beabsichtige, nach dem Mittagessen noch einmal zu Puhlmeyers Kompanie zu gehen, sich den Soldaten zu stellen und das Gespräch weiter und zu einem guten Ende zu führen. Wenn Bredow das sagt, kann Schanz jetzt ebenfalls Mittag essen und dann weiterfahren, um Major Wittenbeck zu suchen. Viele formale Unterhaltungen in der Truppe rühren von der Unsicherheit und der mangelnden Erfahrung mancher jungen Zugführer und Kompaniechefs her oder sie sind durch deren dienstliche Belastung bedingt. Auf Bredow aber trifft nichts davon zu. Was macht ihn derartig unzugänglich, so streng und so kalt? Und was macht man
74
mit ihm? Hält man ihn am besten ganz von den Soldaten fern? Deckt man ihn dort bis unter den Helmrand mit Arbeit ein, wo er gut und durch kaum einen anderen zu ersetzen ist? Im Führungspunkt, an der Karte, bei der Planung und Organisation? Während einer solchen Übung wie dieser erkennt jeder, der zum Stab gehört, wieviel militärisches Wissen Bredow in sich gespeichert hat und daß er fähig ist, es anzuwenden. Er kann das Gelernte in Befehle und Entscheidungen umsetzen, in denen alle Details berücksichtigt sind vom Zustand der Marschwege bis zur genauen Geländebeschaffenheit. An solchen Tagen ordnen sich ihm Tausende von Menschen unter, führen seine Befehle rasch und sicher aus, und keiner denkt an die kalte Strenge des Obersten. Sollte das nicht genug sein? Sollte man sich damit nicht zufriedengeben? Vielleicht ist es überhaupt überflüssig, aus jedem Offizier auch einen überzeugenden Erzieher machen zu wollen. Solange Schanz die Uniform trägt, hat es immer Bredows gegeben, und die Armee hat sie verkraftet. Wahrscheinlich ist es richtig, sie ihre operative Arbeit machen zu lassen und sie von allem anderen fernzuhalten. Diese Gedanken stimmen Schanz versöhnlich. Sie haben die Grenze des Konzentrierungsraums erreicht, einen künstlich angelegten Graben mit steilen Wänden, der oben fünf bis sechs Meter breit ist und auf dessen Sohle klares Wasser steht. Gefällte, schon entastete Kiefern liegen herum. Bredow setzt sich auf einen Stamm, stützt die Ellenbogen auf seine Schenkel und greift nach einem Kienapfel, an dem er herumpflückt. Schanz brennt sich eine Zigarre an. «Tun sie nur so, oder sind sie wirklich so? Gleichgültig gegen alles, was mit Pflicht zusammenhängt», sagt Bredow. Er drückt die Worte vom Hals her nach vorn und durch die fast geschlossenen Zähne. Das klingt ärgerlich, heftig. Schanz hat sich angewöhnt zuzuhören, andere ausreden zu lassen, manches erst einmal unwidersprochen hinzunehmen. Je besser ihm das mit der Zeit gelingt und je gelassener er dabei ist, um so aufmerksamer hören ihm die anderen zu und um so ruhiger verläuft ein Gespräch. «Manchmal packt mich die Angst», fährt Bredow fort. «Keine Ideale mehr. Alle Ziele und Wünsche betreffen nur das Eigene.» Er
75
schüttelt den Kopf, allmählich spricht er ruhiger und lockerer. «Da haben wir unsere Knochen hingehalten, diesen Staat in mühevoller Arbeit immer besser gemacht, und trotzdem ziehen sie die Flappe. Wie Kinder, die zur Jugendweihe ein Moped erwartet haben und nur ein Fahrrad geschenkt kriegen. Manchmal denk’ ich, die leben gar nicht seit zwanzig Jahren hier, sondern sind eben erst gekommen, irgendwoher aus der Fremde. Und da hab’ ich Angst. Du etwa nicht?» Schanz schüttelt den Kopf, sagt aber nichts. Er möchte, daß Bredow alles ausspricht, was er in diesem Zusammenhang denkt und fühlt. Er möchte wissen, ob der Oberst sich das alles wirklich fragt oder ob er sich nur wegen des danebengegangenen Gesprächs herausreden will und Gründe sucht für sein Unvermögen. «Wie ist das denn?» fragt Bredow. «Warum sind sie so? Erklär mir das!» «Du machst es dir verdammt einfach, Heinrich», antwortet Schanz. «Du willst von mir etwas erklärt haben, was schwer zu erklären ist und was man nur beantworten kann, wenn man regelmäßig bei den Soldaten ist. Aber wenn du in die Truppe gehst, interessierst du dich zuerst für die Stiefel, und dann hast du oft keine Zeit mehr, dich mit ihren Besitzern zu beschäftigen. Vielleicht sind die jungen Leute so, weil es Männer wie dich gibt. Nicht nur in der Armee, auch in den Familien, in den Schulen und Betrieben, die nur mit ihnen herumschimpfen, ihnen keine Antwort geben, sondern auf Fragen nur Vorwürfe und Verdächtigungen haben.» «Jetzt machst du’s dir aber einfach, Karl. Junge Generation! Hausherren von morgen. Gutgemeinte Losung, aber das ist nicht die Wirklichkeit. Willst du denen etwa das Haus überlassen? Die lassen doch jeden rein und raus. Bei ihnen gilt die Gesinnung nichts, der Besitz ist alles. Disziplin und Ordnung, die Fähigkeit, im Interesse der Sache auf das eine oder das andere verzichten zu können, wo findest du das? Kaum einer von ihnen ist noch bereit, von sich aus und umsonst mehr zu machen, als unbedingt nötig ist. Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Sorgen mach’ ich mir eben.» Bredow läßt den Kienapfel von einer Hand in die andere rollen,
76
wirft ihn schließlich nach einem in der Nähe stehenden Baum und trifft den Stamm. «Welches Bataillon wird fliegen?» fragt Schanz. «Das erste.» «Also auch Puhlmeyers Kompanie.» Bredow nickt. Schanz blickt ihn an und sagt: «Ich an deiner Stelle würde das nicht tun. Ich würde dem Divisionskommandeur andere Kompanien vorschlagen. Wie kannst du einen solch wichtigen Kampfauftrag diesen gleichgültigen, disziplinlosen und egoistischen jungen Leuten übertragen?» Bredow sagt nichts dazu. Er steht auf und geht am Stamm hin und her, tritt mit den Absätzen heftig auf. Schanz spricht weiter, sagt mit harter Offenheit Dinge, die mit Bredow zu tun haben und doch weit über ihn hinausgehen. Und er korrigiert sich. Man darf sich nicht zufriedengeben mit Bredows operativen Fähigkeiten. Zu oft und zuviel hat er auch mit den Soldaten zu tun. Und wie soll er die führen, wenn er sie nicht kennt, wenn er sie nicht versteht, wenn er ihnen nicht vertraut? «Daß du überhaupt noch in der Armee bist, Heinrich, das wundert mich», sagt Schanz. «Diese Leute gewinnen doch das kleinste Gefecht nicht. Bildest du dir etwa ein, du bist hier der einzige echte Kommunist, der auf verlorenem Posten steht? Bloß gut, daß es noch den großen Bruder gibt, wie?» Bredows Schritte werden kürzer. Wie aufgezogen geht er zwischen Schanz und dem Baumstamm auf und ab. «Dich läßt das alles wohl kalt?» ruft er Schanz zu. «Mich macht es nicht heiß. Mich machen Leute wie du heiß. Die den Jungen nichts zutrauen und ihnen deshalb nichts überlassen. Die hinter jeder Frage eine Provokation wittern. Was können diese Achtzehn- bis Zwanzigjährigen denn dafür, wenn das Wort ‹Klassenkampf› für sie nur ein Begriff aus der Politik ist und der ‹Klassengegner› so etwas wie eine historische Figur? Für dich hat er Gesicht und Stimme. Aber nicht für diese Jungs. Denen kommt er nicht mehr mit dem Gummiknüppel, sondern mit allerhand interessantem Krimskrams, nicht mit Haß, sondern ungeheuer freundlich. Aber du donnerst sie zusammen und machst sie dadurch nicht klüger und besser, sondern nur gleichgültiger und manchen schließlich wirklich zu
77
dem, wofür du die meisten hältst.» Bredow bleibt direkt vor Schanz stehen, der auf die Stiefel des Obersten blickt. Blitzblanke Stiefel, nur der linke hat an der Spitze und am Spann ein paar graubraune Flecken. Schanz verspürt für einen Augenblick das Verlangen, diese Stiefel schmutzig zu machen, sie mit Erde zu bewerfen oder seine Zigarre auf ihnen auszudrücken. «Fertig?» fragt Bredow. Schanz nickt und erklärt: «Für heute ja, Heinrich. Ich könnte dir noch vieles sagen, müßte es wohl auch. Aber für heute genügt’s. Nur eins noch.» Er steht auf, blickt dem Oberst ins Gesicht und sagt: «Eines Tages, weißt du, werden wir so weit sein, daß wir manchen von seiner Funktion ablösen wegen seiner Überheblichkeit, mit der er mehr kaputtmacht, als er in seinem ganzen Leben aufgebaut hat.» Bredow macht auf dem Absatz kehrt und geht davon. Schanz blickt ihm nach. Er weiß, er hat grobe Keile geschlagen. Aber er weiß auch, daß man nur so in manchen einzudringen vermag. Es schmerzt, es gibt Wunden, aber es ist nötig. Bredow hat eine zu wichtige Funktion und wird wahrscheinlich nach der Übung eine noch höhere Verantwortung übertragen bekommen. Darum kann es keinem gleichgültig sein, wie er denkt und was er fühlt. Schanz will wissen, ob der Oberst noch fähig ist zu begreifen und sich zu ändern, oder ob er schon zu jenen gehört, die verloren sind. In deren Leben es irgendwann einen Punkt gegeben hat, wo sie geschwiegen haben, anstatt zu fragen, wo sie auswendig gelernt haben, anstatt nachzudenken. Irgendwann einmal meinten sie wohl, eine Station erreicht zu haben, von der aus sie umsonst weitergefahren werden. Aus ihnen wurden die Ungeduldigen und Ungerechten, die versuchen, den Jüngeren das politische Abc einzubleuen wie den Satz des Pythagoras. Sie machen die lebendige Philosophie und Weltanschauung, an die man sich hier hält, zu einem Fahrplan oder Kochrezept und erklären sie auch so. Wieviel davon auf Bredow zutrifft, will Schanz nicht seinetwegen wissen. Er muß es im Interesse dieser oder einer anderen Division erfahren, im Interesse der gesamten Armee. Denn davon, wieviel sie über Bredow wissen, wie genau sie ihn in diesen Tagen noch kennenlernen, davon hängt eine Entscheidung ab, die Generalmajor
78
Werner und andere nach der Übung zu treffen haben, wenn es um Bredows Perspektive geht. Schanz meint, daß sie das alles schon wissen müßten, denn Bredow ist seit fast zwei Jahren in der Division. Aber sie haben manches unterlassen, sind über vieles hinweggegangen und haben im Grunde genommen Bredow nicht geholfen. Der Oberst ist zwischen den Bäumen nicht mehr zu erkennen. Auch Schanz steht auf. Er geht jedoch nicht zu seinem Wagen. Nach diesem mißlungenen Gespräch kann er nicht ohne weiteres aus dem Konzentrierungsraum verschwinden. Er geht hinüber zur dritten Kompanie. Puhlmeyers Politstellvertreter hat die Parteimitglieder zusammengerufen. An der hinteren Luke eines der SPWs hängt eine Karte, auf der die Ausgangslage für die Übung angedeutet ist. Außer dem Kompaniechef sind alle Mitglieder und Kandidaten der Parteigruppe bei Freier, der nicht allgemeine politische Leitsätze herunterredet, sondern den Soldaten, Unteroffizieren und Offizieren, die vor ihm sitzen, erklärt, welche NATO-Kräfte den Armeen des Warschauer Vertrages gegenüberstehen und mit welchen von ihnen es die Division zu tun hat. Der Oberleutnant blickt die Genossen an. Er ist einer der wenigen, die dunkle Haare und blaue Augen haben. Sehr helle Augen, die nicht lange auf ein Gesicht sehen, sondern rasch von einem zum anderen wandern. Freier will alle erreichen, in alle eindringen, denn sie sollen das, was er ihnen erzählt, was sie hier bei ihm begreifen, ebenso eindringlich an die Soldaten in ihren Zügen und Gruppen weitergeben. Freier teilt den Parteimitgliedern mit, daß am letzten NATOManöver mehr als eine Million Mann teilgenommen haben und daß die NATO-Führung davon ausging, daß durch eine innere Krise in einem der sozialistischen Staaten ein Spannungsherd entstanden wäre, den die NATO durch einen überraschenden Kriegsbeginn ausnutzen wollte, um in kurzer Zeit die strategische Initiative zu erringen und ihre Ziele erreichen zu können. Auch über diese Ziele spricht Freier und über die vielen Versuche der NATO-Staaten, eine solche innere Krise in der DDR oder in einem anderen sozialistischen Land
79
hervorzurufen. Und dann kommt der Oberleutnant auf die Divisionsübung zurück. Schanz, der hinzutritt, sieht, daß dem Politoffizier nicht nur die Parteimitglieder zuhören. Auch am Nachbar-SPW sind einige Soldaten aufmerksam geworden und ein bißchen näher gerückt. «Versteht ihr mich, Genossen?» fragt Freier. «Ihr müßt wissen, jeder von euch und alle anderen in der Kompanie, was von uns, von jedem einzelnen abhängt. Wenn ihr das nicht wißt und wenn irgendeiner das nicht begreift, dann ist das alles bloß für die Katz. Ich weiß, das ist schwer. Manchmal sogar unangenehm, wenn einer dahergrinst so ungläubig wie ein Besserwisser. Aber laßt nicht locker. Wir greifen niemanden an, wenn nicht er… Doch dann, dann müssen wir zuhauen, daß er nicht mehr weiß, ob er Weibchen oder Männchen ist.» Schanz geht. Hier hat er nichts mehr zu tun. Nur einen Namen wird er in sein Arbeitsbuch schreiben: Freier. Diesen Oberleutnant darf man nicht aus den Augen verlieren. Der Oberst verläßt die Kompanie mit einer Erkenntnis. Das Zusammentreffen mit Bredow haben die Soldaten verkraftet, vielleicht schon vergessen. Die Arbeit geht weiter. Wichtigere Dinge haben sich in den Vordergrund geschoben. Ähnlich geht es manchmal daheim zu. Die Eltern streiten sich noch um ihre Kinder, die eine Zurechtweisung oder eine Auseinandersetzung längst vergessen haben. Beruhigt begibt sich der Oberst zu seinem Fahrzeug.
80
3. Kapitel Friederike sitzt in einem großen Sessel, der sie mit seinen weichen Armstützen und der hohen, schalenartigen Rückenlehne fast völlig umschließt. Seit drei Jahren besitzt sie ihn. Sie hat ihn in die metertiefe Nische gestellt, die hinter dem Ofen beginnt und vom Sessel bis zur Dachschräge von einer braunen Anrichte ausgefüllt wird. Wenn Friederike in ihrem Sessel sitzt, fühlt sie sich geborgen, wie von etwas Gütigem umgeben. Als wäre da plötzlich jemand hinter ihr, der sie mit dem Rücken an sich drückt und ganz sacht die Hände auf ihre Schultern legt. Dieses Gefühl hat mit einer fernen Erinnerung zu tun. Irgendwann einmal ist sie auf diese Weise beschützt oder getröstet worden. Doch sie weiß nichts Genaues mehr, nicht einmal, ob es die Mutter oder der Vater oder die Großmutter gewesen ist. Dieses Gefühl ist erst mit dem Sessel wiederaufgetaucht. Wie etwas Lebendiges ist er, und Friederike hat ihn schon manches Mal, wenn sie ins Zimmer trat, mit einer Geste oder einem Wort begrüßt. Die Großeltern einer Kollegin aus dem Restaurant haben Friederike den Sessel geschenkt, der schon zum Zerhacken im Schuppen stand. Sie hat nur einen Tischler gebraucht, gepolstert und neu bezogen hat sie den Sessel selber. Mit einem beigefarbenen Stoff voll züngelnder Blätter und Blüten. Fast jedes Möbelstück und beinahe jeder Gegenstand des Zimmers haben ihre Geschichte, haben mit Friederike mehr zu tun, als daß sie lediglich von ihr gekauft oder ihr von jemandem geschenkt worden sind. Der Tischler hat auch die Anrichte für sie gebaut. Vierzehn Tage nach dem Sessel war sie fertig, und der Meister hatte Friederike zu sich bestellt, um mit ihr gemeinsam den passenden Farbton für das neue Möbelstück auszusuchen. Schon als Kind hat sich Friederike gern in Tischlereien aufgehalten. Der scharfe Geruch des frischen Sägemehls und die wie im Schmerz gekrümmten Späne haben für sie etwas Trauriges und Schönes zu81
zugleich. In der Tischlerei strömen die Bäume zum letztenmal ihren Duft aus. Die glatten gemaserten Bretter, Leisten und Balken, die überall herumliegen, wirken rein und sauber. Das letzte Sterben der Bäume geht hier vor sich, aber es ist leicht und freundlich. Nur die Sägen stören Friederike. Sobald sie ihre Zähne ins Holz schlagen, schreit es auf. Jedes Holz hat seine eigene Stimme, die Birke eine hellere als die Kiefer, die Eiche eine dumpfere als die Esche, und jeder dieser langgezogenen Schreie endet in einem zitternden, wehen Singsang der Säge, als wüßte sie, daß sie zerstören muß. Als Friederike vor drei Jahren die Tischlerei betrat, herrschte Stille in der Werkstatt. Die Sonne schien schräg durch die staubblinden Fenster und hüllte alles in warmes, gelbliches Licht. Der Tischler, ein muskulöser Mann Mitte der Vierzig, stand vor einem leeren Uhrenkasten, in dem er sein Kundenbuch und die Bestellzettel, Rechnungen und Notizen aufbewahrte. Er kehrte Friederike den Rücken zu. Der Mann war halbnackt und trug über der Hose nur eine blaue Latzschürze, deren Schleifenenden vom kurzen Hals bis zu den stark behaarten Muskelwülsten über dem Hosenbund herabhingen. Neben ihm stand die Anrichte. Fast zwei Meter lang und einen Meter breit, aus starken, gleichmäßig gemaserten Eschenbrettern gebaut und auf flachen Füßen stehend, sah sie mehr einer Truhe ähnlich. Die gehobelten und geschliffenen Bretter wirkten weich und frisch. Friederike ging zur Anrichte und legte ihre Hand auf das kühle, ein wenig staubige Holz. «Na?» sagte der Tischler, den sie für einen Augenblick völlig vergessen hatte. Er wandte sich Friederike zu, blickte sie an, und sie begriff sofort, daß dieses «Na?» nichts mit der Anrichte zu tun hatte. Mit sicheren Bewegungen öffnete seine rechte Hand die Schleifen am Hals und auf dem Rücken und warf die Schürze auf einen dreibeinigen Hocker. Jetzt wirkte der Mann noch kräftiger und größer, und obwohl er sich nicht vorwärts bewegt hatte, erschien es Friederike, als wäre er näher gekommen. Sie musterte ihn und versuchte sich vorzustellen, was sie empfinden würde, wenn er sie anfaßte, wenn seine breiten, vom Umgang mit dem Holz hart gewordenen Hände ihr Gesicht, ihren Hals, ihre Brüste berührten, wenn er sein rundes,
82
glattes Gesicht mit der fleischigen Nase in ihre Achseln oder gegen ihre Schenkel drückte und wenn der Holzstaub, der seine Brauen, sein Brusthaar und den ovalen Nabel grau machte, auf ihrem Leib kleben bliebe. Friederike sah auch die Hobelbank hinter ihm, auf der ein paar Decken lagen. Der Tischler kam langsam auf sie zu, hob die Hände und begann, ihren Mantel aufzuknöpfen. Er war geschickt, war schnell, und Friederike wartete immer noch auf eine Regung ihrer Sinne, auf Abwehr oder Zustimmung. Sie reagierte erst, als der Mann seine Hände unter ihren Pullover schob und nach ihren Brüsten griff. Da nahm Friederike eine der kantigen Leisten, die in Bündeln an der Wand lehnten, hielt sie mit beiden Händen und schlug von oben auf die angespannten Muskeln der Unterarme. Der Tischler schrie auf. Friederike sah, wie sich an den getroffenen Stellen rote Streifen bildeten, dann war sie frei und wenige Augenblicke später auf der Straße. Ein paar Tage danach klingelte jemand an der Haustür. Zwei Männer brachten die Anrichte. In ihr fand Friederike Pinsel, Flaschen und Büchsen mit Beize und Farbe und eine vom Tischler geschriebene Gebrauchsanweisung. In einem Briefumschlag steckte ein Rechnungsbogen, auf dem der Tischler ihr viel Freude wünschte. Ganz unten auf dem Formular, anstelle des Preises, hatte er geschrieben: «Entschuldigung.» An der rechten Seite der Anrichte, mit dem Steg gegen die Wand gelehnt, steht eine Geige. Das lackierte Holz des Instruments verbreitet einen warmen Glanz. Vor anderthalb Jahren hat sich Friederike die Geige von ihren Eltern zum Geburtstag schenken lassen. Ein paar Wochen zuvor war ein Orchester aus Berlin im Haus der NVA gewesen. Das Kollektiv der Serviererinnen hatte aus Wettbewerbsgründen beschlossen, dieses Konzert zu besuchen. Was damals als erstes gespielt wurde, weiß Friederike nicht mehr. Nach der Pause schob sich ein Solist zwischen den dicht nebeneinander sitzenden Musikern hindurch nach vorn. Geige und Bogen hielt er mit der rechten Hand hoch wie ein schwimmender Soldat seine Waffe. Der Geiger kam aus Leningrad. Er war ein großer, beleibter Mann mit kurzem Hals und
83
glattem, nach hinten gekämmtem dunklem Haar. Das alles und der eng sitzende Frack machten ihn einem riesigen Pinguin ähnlich. Friederike und die anderen Serviererinnen kicherten über den Mann, der von der Figur her viel besser hinter die Pauken gepaßt hätte. Als er die Geige unter sein fleischiges Gesicht schob und das Kinn in die dunkle Auflage legte, wurden seine Augen schmal und wirkten wie leer. So stand er eine Weile reglos neben dem Dirigentenpult. Und so stand er auch noch, als das Orchester einsetzte, verhalten, fast zögernd. Friederike ließ den Geiger nicht aus den Augen. Sie sah, wie er zu spielen begann, ohne seine Haltung zu verändern. Sie hörte ein paar leise, vorsichtige Töne, als probierte er seine Geige aus. Doch auf einmal schien er die Melodie gefunden zu haben, und was er spielte, war so fröhlich und gleichzeitig so voller Weh, daß Friederike sich betroffen fühlte und die Töne wie Zärtlichkeit und Schmerz in sie eindrangen. Und sie wunderte sich, daß ein solch schwerer, grobschlächtiger Mann das zerbrechliche Instrument mit derartiger Leichtigkeit zu spielen vermochte, welche Töne und Melodien die Saiten hergaben. Der Solist veränderte sich. Er schien sich zu strecken, wurde leicht und beweglich wie die Musik. Und je länger das Konzert dauerte, um so mehr sah Friederike den Geiger so, wie sie die Musik empfand. Sie klatschte nicht, als das Konzert zu Ende war. Sie drängte hinaus, holte ihren Mantel von der Garderobe und verließ rasch den Klub. Sie wollte allein sein. Nach dieser Musik wollte sie nicht die alltäglichen Stimmen der anderen, nicht ihren Klatsch und ihr Lachen hören, nicht im Saal der Gaststätte sitzen bei Qualm und Lärm, bei Schnaps und Schlagermusik. Auf dem Heimweg ging sie an der Birke vorüber, die noch Blätter hatte, ein paar bronzefarbene Tupfer im dunklen Geäst. Friederike blieb stehen und betrachtete den Baum. Vielleicht hatte Tschaikowski eine solche Birke gemeint oder wenigstens an sie gedacht, als er dieses Konzert komponierte. Eine jener biegsamen russischen Birken, die in so vielen Volksliedern besungen werden. Freundliche Bäume, die man öfter als alle Artgenossen mit jungen Mädchen vergleicht, die stärker als andere die Bewegtheit und Schwermut einer
84
herbstlichen Ebene in sich vereinen. Friederike stand vor ihrer Birke und begriff, daß dieses Konzert eines jener großen Ereignisse ihres Lebens war, auf das sie gewartet hatte, um dessentwillen sich das Leben überhaupt lohnte. Schon als junges Mädchen hatte Friederike alle Autoritäten, die es für sie gab, im stillen angefleht, daß ihre Lebenslinie noch viele solcher Ereignisse schnitt und es den Reiz des Ungewissen, die neugierige Erwartung von etwas Besonderem immer für sie gab. So hatte sie die Reise nach Belorußland aufgenommen, als sie ein Jahr später überraschend mit einem Freundschaftszug der FDJ nach Minsk geschickt wurde. Friederike wischt die Geige täglich ab, nimmt sie aber nur hin und wieder in die Hand, um behutsam an den Saiten zu zupfen. Sie wird immer in ihrem Zimmer bleiben als das äußere Zeichen einer inneren Veränderung. Das erste Konzert, das Friederike sich auf einer Schallplatte gekauft hat, ist jenes D-Dur-Konzert von Tschaikowski für Violine und Orchester gewesen. Viele andere Platten sind inzwischen dieser ersten gefolgt, vor allem Violinenkonzerte und Kompositionen für Streicher. Friederike ist nicht in der Lage, musikalische Zusammenhänge und Feinheiten zu erkennen. Musikkritiken versteht sie nicht. In ihnen verschwinden Inhalt und Ausdruck eines Konzerts meist hinter einem Wust mystischer Worte und Begriffe. Das Wesentliche verblaßt, wie im Nebel Gegenstände unsichtbar werden. Die Musik rührt Friederike zuallererst durch ihre Ordnung und Poesie an. Sie lauscht ihr, weil sie ihre Phantasie beflügelt, weil sie über die Musik zu vertrauten Dingen und Erscheinungen ihrer Umwelt neue, tiefere Beziehungen findet. Zu den wie Soldaten aufgereihten Kiefern oder zu dem fünf bis sechs Meter breiten Flüßchen, das an vielen Stellen von Panzern und schweren Lastkraftwagen zerschundene Ufer hat, das an versandeten Abschnitten nur knöcheltief ist und doch nie versiegt. Zu den horizontweiten Koppeln und Wiesen und zu den kaum betretenen Schneisen, die von Moos und dünnhalmigem Gras überwachsen sind. Zum Haff, wo zwei Welten sich berühren, das Meer und das Land, und auch zu den Leuten, mit denen sie innerhalb und außerhalb der Gaststätte zu tun hat.
85
Friederike hat dieses Musikerlebnis nachgeholt wie etwas lange Versäumtes, und die abendlichen Stunden vor dem Plattenspieler sind für sie die besten des Tages. Der Sessel bildet den Mittelpunkt des Zimmers, das sie von ihm aus ganz überschauen kann. Hier, wo er steht, wo sie sitzt, treffen sich die Geschichten der Gegenstände wie ungezählte unsichtbare Linien. Das Zimmer hütet Friederike vor anderen wie ein Versteck. Selten hat es jemand betreten, nie ein Mann außer ihrem Vater. Nur einige Kolleginnen haben es einmal gesehen, als sie mit Grippe fiebrig im Bett lag. In den letzten Tagen denkt Friederike, wenn sie im Sessel sitzt, häufig an Wittenbeck und erinnert sich an die Begegnungen mit ihm. Seit Wochen kommt er regelmäßig ins Restaurant und setzt sich an einen bestimmten Tisch in ihrem Bereich. Er ißt Abendbrot, sitzt danach noch eine Weile, liest Zeitung, raucht eine Pfeife und geht wieder, ehe die Soldaten die Gaststätte überfluten. Anfangs nahm sie ihn nur flüchtig wahr, bediente und behandelte ihn wie jeden anderen Gast und reservierte nach einer Weile lediglich den Tisch für ihn. Miteinander geredet haben sie nur das, was für Bestellung und Bezahlung nötig war. Dann tanzte er das erste Mal mit ihr. Er drehte sich gleichmäßig und ohne aus dem Rhythmus zu kommen, aber seinen Bewegungen fehlte die Leichtigkeit, der Schwung. Er exerzierte gleichsam den Walzer, und so steif wie sein ganzer Körper war, so unbewegt blieb auch sein Gesicht. Knochige Jochbögen sah Friederike, über denen dichte Brauen wucherten. Die rechte hatte zur Nase hin einen Wirbel. Die Augen lagen ungewöhnlich weit auseinander, graublaue Augen, von überraschender, freundlicher Scheu. Das Haar war kurzgeschnitten und braun wie sommertrockene Kienäpfel. Alle drei Tänze hindurch blieb er stumm. Auch später, als er sie noch zweimal zum Tanz holte, sprach er nicht mehr als «Darf ich bitten?» und «Danke schön!». Aber er beobachtete sie. Wenn sie tanzte oder mit dem Vater zur Bar ging, merkte sie, daß er ihr nachblickte. Zwei Tage danach sah sie ihn in der Gaststätte wieder. Sie war an jenem Tag arbeitsfrei, holte die Zwillinge aus dem Kindergarten, ließ
86
Dieter bei Stefan und nahm Ingrid mit in den Saal. Mitunter gab sie die kleine Schwester als ihre Tochter aus, und bei bestimmten Gelegenheiten benutzte sie sie ihren Kolleginnen gegenüber als Vorwand. Die Kapelle spielte mit halber Kraft, und die wenigen anwesenden Soldaten nutzten die Gunst der Stunde. Friederike schlug ihnen die Tänze nicht ab. Ingrid spielte inzwischen mit ihrer Schlenkerpuppe, die Friederike ihr in Polen gekauft hatte, sie aß Eis oder rollte Bierdeckel auf dem Tisch hin und her. Als Friederike zu ihrem Platz zurückkehrte, war Ingrid fort. Eine vorbeieilende Kellnerin wies wortlos auf einen Ecktisch. Ingrid saß Wittenbeck gegenüber. Das Kinn stützte sie auf die verfalteten Hände, die auf dem Tisch lagen. Der Major hatte Blumenvase und Aschenbecher beiseite gerückt und hielt die Puppe in den Händen. Friederike zögerte, ging dann aber doch hinüber, und je näher sie kam, um so gröber erschien ihr das Gesicht des Majors, in dessen Stirn die Mütze eine rote Strieme gedrückt hatte. Erst in diesem Augenblick, der wie eine Ernüchterung wirkte, gestand sich Friederike ein, daß sie seit dem Abend im Haus der NVA oft an ihn gedacht hatte. Wittenbeck nahm sie flüchtig wahr und begrüßte sie mit einem kurzen Nicken, wobei wieder die Scheu in seinen Augen war. «Es ist meine Schuld», erklärte er. «Ihre Tochter saß so allein da. Ich habe sie herübergewinkt.» Danach beschäftigte er sich wieder mit der Puppe. Den Zeigefinger der rechten Hand schob er von oben in das flachshelle Haar und den Daumen und den Mittelfinger unter ihre Arme. Die Puppe hat große blaue Augen, eine Stupsnase und einen lachenden Mund. Wittenbeck drückte ihren Oberkörper gegen die Tischkante, und auf einmal wurde die Puppe lebendig, bewegte den Kopf hin und her, blickte sich nach allen Seiten um, nickte, schüttelte den Kopf, hob die Arme, klopfte mit den Händen auf den Tisch, winkte Ingrid zu und begann schließlich, mit ihr zu reden. Stumm starrte das Mädchen auf die Puppe. Friederike beobachtete alles, was Wittenbeck machte, ebenso gebannt wie ihre Schwester. Sie erlebte etwas, das in ihrer Kindheit nie stattgefunden hatte und wozu sie selbst nicht fähig war. Puppen wie etwas Lebendiges zu behandeln.
87
Plötzlich wurde die Puppe müde. Ihr Kopf sank auf die Tischdecke nieder. Dann richtete sie sich noch einmal auf und glitt in den linken Arm des Majors, wo sie sich zurechtlegte und still wurde. Ingrid ließ keinen Blick von ihr, während Friederike Wittenbeck musterte. Sein flächig und grob wirkendes Gesicht hatte sich verjüngt. Alles Grobe war ausgelöscht wie bei jenem Geiger, von dem während des Spiels auch alles Schwere und äußerlich Unschöne gewichen war. Der Saal füllte sich allmählich, und Friederike hoffte, daß keiner der Soldaten sie von hier wegholte, daß keiner in diese Stimmung eindrang und der Major sein Spiel noch nicht beendete. Wittenbeck legte die Puppe in Ingrids Arm, die sie mit kindlicher Innigkeit zu wiegen begann. Dann nahm er vom Besteckteller eine Gabel und einen Löffel und ließ sie nacheinander über den Tisch laufen. Die Gabel trippelte geziert und steif, und der Löffel, immer einen halben Schritt zurück, folgte ihr schwerfällig und unlustig. Plötzlich stolperte er, fiel nach vorn aufs Gesicht, drehte sich um und räkelte sich wie einer, der in der Sonne liegt und die Hände unter dem Kopf verschränkt. Indessen stolzierte die Gabel weiter, bis sich ein Messer zu ihr gesellte, das schöntat und nach allen Seiten blitzte. Es wurde von einer Papierserviette abgelöst. Ein langes, dürres Ding, das sich ein wenig nach vorn beugte, um die Gabel besser sehen zu können. Beide paßten zueinander wie zwei hochnäsige Klatschtanten und verschwanden nach einer Weile hinter der Blumenvase. Friederike lachte, Ingrid und der Major fielen ein. «Sie mögen Kinder, stimmt’s?» fragte Friederike. Er nickte und blickte, während er antwortete, Ingrid an. «Das beste, was es gibt, sind Kinder.» Sein Gesicht war noch heiter vom Spiel, und Friederike wollte wissen, ob er Kinder habe. «Einen Jungen», entgegnete er, «der wird sechs.» Mehr sprachen sie an jenem Tag nicht miteinander, denn wenig später ging Wittenbeck. Auf einmal war er wieder steif und scheu, und sein Aufbruch wirkte auf Friederike wie eine Flucht. Am nächsten Abend kam Wittenbeck nicht, und auch an den folgenden fünf Tagen blieb der reservierte Tisch leer. In dieser Woche
88
beschäftigten sich Friederikes Gedanken mit ihm wie vorher mit keinem anderen Mann. Es begann damit, daß ihr auf einmal etwas Vertrautes fehlte. Jedesmal, wenn sie sonst durch die Schwingtür gekommen war, hatte Wittenbeck zu ihr herübergeblickt, und nie hatte sie das Gefühl gehabt, daß er sie taxierte wie mancher andere, der sie später mit Anzüglichkeiten, mit versteckten oder offenen Angeboten verfolgte. Wittenbeck gehört nicht zu denen, aber auch nicht zu der Gruppe von Stammgästen, die mittlerweile ein kameradschaftliches Verhältnis zu Friederike gefunden hatten, weil sie begriffen, daß es sinnlos war, sich ihr unaufgefordert zu nähern. Sie halfen ihr und verteidigten sie, und aus ihrer Mitte wählte Friederike hin und wieder den einen oder den anderen aus, ließ sich von ihm nach Hause bringen, ging mit ihm mitten auf der langen Gneisenaustraße durch die Siedlung. Wittenbeck war auch nicht zu vergleichen mit jenen Gästen, die gleichgültig taten und deren wenige Worte beim Bestellen oder Bezahlen wie ein stiller Vorwurf klangen. In jenen Tagen hatte Friederike den Major mit anderen verglichen und schließlich von Stunde zu Stunde mehr auf ihn gewartet. Immer wieder erinnerte sie sich an sein Spiel mit der Puppe, sah seine Hände vor sich, die schwer und ungelenk wirkten. Rauh waren sie, über den Knöcheln aufgesprungen, und die Haut an Daumen und Zeigefinger schimmerte dunkel. Die Nägel hatten Risse und Bruchstellen. Er mußte mit schweren und harten Gegenständen zu tun haben. In dieser Woche verließ Friederike die Gaststätte nach der Schicht nicht, sondern blieb, bis die Stunde, in welcher der Major gewöhnlich kam, lange überschritten war. Auf dem Heimweg drehte sie sich immer wieder um, und einmal, als sie glaubte, ihn im Licht der breiten Eingangstür erkannt zu haben, machte sie kehrt und verließ wenig später enttäuscht zum zweitenmal die Gaststätte. Am siebenten Abend war er wieder da. Niemand hatte ihn kommen sehen. Plötzlich saß er auf seinem üblichen Platz. Aber Friederike zögerte. Sie überließ die Bestellung einer Kollegin und beobachtete Wittenbeck von der Tür aus. Sie mißtraute ihm, obwohl sie fand, daß
89
es dafür keinen Grund gab. Diese Unruhe erlebte Friederike nicht zum erstenmal. In zwei Fällen war es ihr ähnlich ergangen, und sie hatte schlechte Erfahrungen gemacht. Der eine war ein geschiedener Hauptmann gewesen, dessen Sicherheit und Ausgelassenheit sie beeindruckten. Ein großer blonder Mann, der mehrmals in der Woche ins Restaurant kam und es als letzter verließ, wenn Friederike Dienst hatte. Er brachte sie nach Hause, ohne sich je aufzudrängen. Erst nachdem sie zusammen geschlafen hatten, entdeckte sie, wie egoistisch er war. Schon am Tag danach maßte er sich Rechte an, die sie ihm nie zugebilligt hatte. Zuerst versuchte er, ihr die Schicht vorzuschreiben. Friederike sollte sich nach seinem Dienstplan richten. Dann verlangte er von ihr, sie solle aufhören zu servieren und in der Verwaltung arbeiten. Als sie sich über seine Forderungen lustig machte und sie ablehnte, verfiel er in eine verbissene Eifersucht, die ihn bis zur Rücksichtslosigkeit trieb. Friederike wehrte sich mit aller Kraft dagegen, und als er mitten in der Nacht verschwand, empfand sie ihr Alleinsein wie einen Sieg. Der andere war ein junger Leutnant gewesen, der alles mit Hingabe tat. Er tanzte gut und lachte viel. Wenn der Dienst ihn hinderte, in die Gaststätte zu kommen, schrieb er Briefe an Friederike, die sie rührten und fröhlich machten. Niemand hatte ihr bisher Briefe geschrieben. An einem Sonntag im Juni lud der Leutnant sie zu einem Ausflug ein. Aber als sie nebeneinander auf der Decke saßen, wurde er von einem Augenblick zum anderen so ernst, daß er um Jahre älter wirkte. Schließlich gestand er ihr, daß er verheiratet sei. Sie schwiegen. Er gefiel Friederike. Sie hatte sich auf das Zusammensein mit ihm gefreut und erklärte: «Du, das macht mir nichts aus.» «Du bist ja auch nicht verheiratet», antwortete er. Das sagte er so vorwurfsvoll, als hätte sie sich ihm an den Hals geworfen, als hätte sie ihm Liebesbriefe geschrieben. Er sagte noch mehr, aber kein Wort war besser, und er tadelte sie für etwas, das gar nicht stattgefunden hatte. Friederike stand an der Flügeltür und beobachtete den Major, bis sie sich albern vorkam. Schließlich setzte sie sich an einen Tisch ge-
90
genüber dem Tresen. Die Serviererin kam mit der Bestellung, die Wittenbeck aufgegeben hatte, rief etwas in die Küche und legte einige Plastmarken auf den Teller über den Zapfhähnen. Unentschlossen saß Friederike da, verfolgte den hellbraunen Strahl, der in die Biergläser floß, und hörte die Stimmen der Kolleginnen. Die alltäglichen Geräusche und die Hast, mit der hier alles ablief, kannte sie seit Jahren, sie waren für sie etwas Vertrautes, Unumstößliches und beruhigten sie. Von einem Augenblick zum anderen stand sie auf und nahm der Serviererin das Tablett mit dem Kaffee und der Soljanka ab. Wozu noch Warten und worauf? Wittenbeck starrte auf seine Hände, die vor ihm auf dem Tisch lagen. Vor Müdigkeit grau und seltsam erschlafft, saß er an seinem Platz. Aber er war wieder da. Friederike goß Kaffee in die Tasse, schob den Teller mit der Suppe nahe zu ihm hin und sagte: «Guten Appetit!» Erst in diesem Augenblick sah Wittenbeck auf und blinzelte wie einer, der eben erwacht ist. Friederike erkannte deutlich, daß er sich freute. Er stand auf und sagte heiser: «Schön, daß Sie noch hier sind.» Friederike hatte ihn größer in Erinnerung. Sie sah die Wölbung seiner Stirn und den Wirbel über dem rechten Auge. Die Freude veränderte sein Gesicht, glich alles in ihm aus. Darauf hatte sie gewartet, sieben Tage lang. Fast gleichzeitig setzten sie sich. Er begann zu essen, ruhig und gleichmäßig, obwohl Friederike, den Kopf auf die Fäuste gestützt, ihn ununterbrochen ansah. Nach einer Weile fragte er: «Wie geht es Ihrer Schwester?» «Gut», sagte sie und wußte auf einmal, daß er sich nach ihr erkundigt hatte. Vor sieben Tagen hatte er Ingrid noch für ihre Tochter gehalten. Dann wollte er wissen, ob sie noch zu tun habe. «Nein», antwortete sie, «mein Dienst ist zu Ende, Genosse Major.» Er hielt im Essen inne, lachte, beugte den Kopf ein wenig über den Teller und stellte sich vor: «Frank Wittenbeck.» Schweigend musterten sie einander. Allmählich verloren sich seine Blicke auf ihrem Gesicht, und seine Augen wurden leer und durch-
91
sichtig. Er schien sich an irgend etwas zu erinnern, und dieses Etwas stand plötzlich zwischen ihnen. Friederike wartete. Sie saß bei ihm, sie war da, und sie war stärker als jene Erinnerung. Doch sie wurden gestört. Die Musik setzte ein, und plötzlich stand Ulrich Fichtner vor ihnen und forderte Friederike zum Tanzen auf. Sie schüttelte den Kopf, worauf Ulrich die Hacken zusammenschlug und sich an Wittenbeck wandte. «Gestatten Sie, Genosse Major, daß ich mit ihr tanze?» «Soll ich es ihr befehlen?» erwiderte Wittenbeck ruhig und aß weiter. Fichtner blickte von einem zum anderen. Plötzlich war in seiner Haltung wieder etwas von der alten Hilflosigkeit. Er preßte die Oberarme an den Leib und legte den Daumen an die Unterlippe. So ging er zum Tisch zurück, wo seine Begleiter ihn mit Gelächter empfingen. In diesem Augenblick bereute Friederike, daß sie ihn abgewiesen hatte. Wittenbecks Augen blieben leer. Er trank den Kaffee, dann erhob er sich, lächelte ihr noch einmal zu und gab ihr die Hand, die schwer und warm in der ihren lag. Seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen. An das alles erinnert sich Friederike immer wieder. Weil sie gegen die Zweifel, die sie überfallen und erschreckt haben, Beweise braucht. Aber sie hat nur einen einzigen. Sie nimmt an, daß sie dem Major nicht gleichgültig ist. Wenn sie an den letzten Tagen vor Übungsbeginn zur Schicht kam, fragte sie jedesmal ihre Kolleginnen, ob Wittenbeck dagewesen sei. Doch niemand hatte ihn gesehen. Erst an dem Tag, als der Vater wegfuhr, behauptete eines der Lehrmädchen, sie habe den Major in der Gaststätte gesehen. Später war Friederike aufgefallen, daß sich an der Wettbewerbstafel, die vor der Flügeltür hing, nur noch eine Hälfte ihres Fotos befand. Friederike trennte auch die andere ab und gab sie ihrem Vater. Aber erst nach der Übung, wenn der Vater wieder zu Hause ist und Wittenbeck abends an seinem Ecktisch sitzt, wird es sich entscheiden, ob er eines Tages dieses Zimmer betreten darf. An Konsequenzen denkt Friederike nicht. Folgen stellen sich meistens von selber ein, und dann muß man sich ihnen ergeben oder mit ihnen fertig
92
werden. Dieses erneute Warten auf Wittenbeck ist für sie schwerer, als das erstemal. Morgen wird sie den Skoda ihrer Eltern aus der Garage holen und für zwei Tage verreisen. Wohin sie fahren wird, weiß sie noch nicht. Vielleicht in Richtung Barsekow. Dort wird die Übung immer mit einem Manöverball abgeschlossen, und wenn Friederike Glück hat, sieht sie Wittenbeck zwei Tage früher als in der Siedlung. Zwei Tage früher kann sie ihre Unruhe los sein oder auch all ihre Hoffnungen. Friederike hört, wie jemand das Haus betritt. Unten werden Türen aufgerissen und zugeschlagen. Stefan kommt zurück. Er geht ins Bad, dann in die Küche. Dort klappert er mit Geschirr herum. Er hört wieder mal nichts wie nach jeder Disko. Außerdem wird er Bier getrunken haben. Das macht ihn ungelenk und schwerfällig. Seine ganze zur Schau getragene Erwachsenheit geht verloren. Für eine Weile gewinnt sein Gesicht die jungenhafte Weichheit eines Zehnjährigen zurück. In solchen Augenblicken lacht er viel, ist gefügig und einsichtig und spricht aus, was ihm gerade einfällt. Aber in der Regel bringt er kaum einen Gedanken, geschweige einen Satz zu Ende. Meistens macht sich, kaum daß er angekommen ist, auch die Mutter bemerkbar. Stefan ist einen ganzen Kopf größer als sie und sieht ihr sehr ähnlich. Die braunen Augen mit den schweren Wimpern hat er von ihr, die großen, weichen Lippen auch, und wenn er sich mit den Zwillingen beschäftigt, besitzt er die unerschöpfliche, heitere Geduld der Mutter. Jetzt vernimmt Friederike Schritte. Die Mutter wird in die Küche treten, behutsam die Tür schließen und ruhig, aber mit einem leisen Vorwurf in der Stimme zwei Fragen stellen: «Mußt du solchen Lärm machen?» und «Mußt du soviel Bier trinken?» Sie erhält nie eine Antwort, erwartet wohl auch keine. Sie spricht diese zwei Sätze wie eine Begrüßung aus, nach der sie Stefan jedesmal wortlos ein paar Brote zurechtmacht. Aber heute wiederholt sich diese Zeremonie nicht. Die Stimme der Mutter ist streng und drohend. «Was ist das?» Entweder hat Stefan diesmal mehr Bier als sonst getrunken, oder er ist aus einem anderen Grund sehr erregt. Dann spricht er immer be-
93
tont langsam und preßt die Zähne aufeinander, daß alle S-Laute stark zischen. «Wie du siehst», sagt er, «ist das ein Parka.» «Das ist ein dreckiges, stinkendes Etwas.» «Parka müssen so sein.» «Wo ist deine Pelzjacke?» «Eingetauscht.» «Gegen diesen Fetzen?» «Wie du siehst.» Dann wird es unten still. Und was dieser Stille folgt, ahnt Friederike. Die Mutter wird schreien. Nicht sofort. Die ersten Worte spricht sie leise und langsam, doch allmählich wird sie lauter und heftiger und steigert sich schließlich in eine Erregung hinein, in der sie sich nicht mehr zu beherrschen vermag. Friederike und die Mutter haben sich mehrmals auf diese Weise gegenübergestanden. Die letzte Szene liegt fast zwei Jahre zurück. Doch Friederike erinnert sich noch genau an sie. Das Gesicht der Mutter wurde hart, jede Linie und jede Falte in ihm schienen zu erstarren, und Friederike kam sich wie in einem Stummfilm vor. Mit dieser nüchternen Beobachtung wehrte sie sich damals gegen die Mutter. Die schien es zu spüren, und Friederikes Stummheit machte, daß sie zuschlug. Friederike nahm es regungslos hin. Erst in ihrem Zimmer weinte sie. Nicht wegen der Schläge, sondern weil sie erschrocken war von der Fremdheit und der Kälte zwischen ihnen, die eine Nichtigkeit plötzlich aufgedeckt hatte. Friederike hatte damals aus dem Vorratskeller der Eltern eine Flasche Weinbrand, ein paar Büchsen Juice und ein Glas Würstchen für eine Brigadefeier mitgenommen, ohne die Mutter vorher zu fragen. An jenem Abend verloren Mutter und Tochter einander endgültig. Friederike hat ihre Enttäuschungen schon hinter sich. Ihrem Bruder stehen sie noch bevor, oder sie beginnen heute abend. Stefan schweigt, wie Friederike in solchen Situationen geschwiegen hat. Doch die Mutter wird immer lauter. «Den Verstand habt ihr euch aus dem Schädel gebeatet. Über vierhundert Mark hat die Pelzjacke gekostet. Zum Geburtstag haben wir sie dir geschenkt. Vierhundert! Bist du wahnsinnig? Wirst ja immer verrückter, und ich habe gedacht… Aber jetzt trittst du in die Fußtapfen deiner Schwester. Je
94
länger, desto unverschämter. In den Ofen steck’ ich das Dreckding! Ich werde…» «Nein!» schreit Stefan. «Nein!» «Laß los!» ruft die Mutter. «Oder… Loslassen!» Friederike springt auf und rennt die Treppe hinunter. Sie hört die beiden keuchen. Die Mutter hält den graugrünen, verwaschenen Parka fest, und Stefan umklammert ihre Handgelenke. Das Gesicht der Mutter ist nicht hart, sondern vor Schreck ganz jung, und sie wird nicht mehr lange festhalten können. Aber sie darf den Parka nicht loslassen. Friederike will es verhindern, weil sie spürt, daß es nicht gut wäre, wenn die Mutter losließe, für sie nicht und schon gar nicht für Stefan. Sie drängt sich in die kleine Küche und gibt ihrem Bruder zwei Ohrfeigen. Sofort läßt er die Handgelenke der Mutter los. Er riecht nach Bier, und der Parka stinkt wirklich wie ein Aschenbecher voll kalter Kippen. Friederike faßt ihn mit Daumen und Zeigefinger. Widerstandslos überläßt die Mutter ihr das Kleidungsstück. Friederike hat nie so deutlich wie heute die Hilflosigkeit ihrer Mutter bemerkt, die wahrscheinlich schon immer die tiefere Ursache solcher Auftritte gewesen ist. Sie befiehlt Stefan, das Fenster zu öffnen, hält das Streitobjekt hinaus und läßt es fallen. Es klatscht auf die Stufen, die von draußen in die Waschküche hinunterführen. Während Friederike das Fenster schließt, hört sie die Mutter sagen: «Wenn du diesen Westkittel noch einmal anziehst, fliegst du raus.» So etwas sollte sie nicht sagen. Solche Drohungen sollte sie nicht aussprechen, weil Stefan davon nicht einsichtiger, sondern eher verstockter wird, und weil die Mutter sie sowieso nicht wahrmachen würde. Schlimm, daß so etwas immer geschieht, wenn der Vater nicht da ist. Seine Ruhe und Konsequenz, seine Logik, die gedankliche wie die gefühlsmäßige, gleichen sonst vieles aus, machen nachdenklich und überzeugen. Aber da er oft nicht zu Hause ist, graben sich manchmal in Friederike ebenso wie in Stefan und der Mutter bestimmte Meinungen und Widersprüche so tief ein, daß der Vater sie später nur mit Mühe überwinden kann. Friederike will die Küche verlassen, bleibt aber in der Tür stehen.
95
Die Ohrfeigen haben Stefan zu sich gebracht. Er steht vor der Anrichte und schiebt mit den Fingern Brotkrumen hin und her. Friederike ist das älteste Kind in der Familie Schanz, und sie hat jahrelang niemanden gehabt, an den sie sich hätte um Rat und Hilfe wenden können. Jetzt tritt sie zu ihrem Bruder, greift nach seinem Arm und sagt: «Bring dich in Ordnung. Geh endlich schlafen. Mach so etwas nicht noch einmal. Morgen sehen wir weiter.» Die Mutter ist ins Zimmer der Zwillinge gegangen. Im Dunkeln sitzt sie auf einem Stuhl vor den Kinderbetten, den Kopf gegen die Wand gelehnt. Auf Zehenspitzen tritt Friederike zu ihr. Wie jung das Gesicht der Mutter vor wenigen Minuten gewesen ist! So hat Friederike sie schon einmal gesehen. Vor sehr langer Zeit. Ihr Gedächtnis hat das Bild aufbewahrt, und heute hat Friederike es plötzlich wiedergesehen. Dabei stellt sie verwundert fest, das nicht nur jenes Bild über Jahre hinweg in ihr erhalten geblieben ist, sondern auch eine Spur des damaligen Gefühls für ihre Mutter, das wie etwas Sanftes, Vertrautes wieder in ihr lebendig wird. «Danke, Rike», sagt die Mutter nach einer Weile. Wie lange hat sie nicht «Rike» gesagt. Es ist Jahre her. Friederike legt ihre Hand auf die feste, runde Schulter der Mutter. Eine scheue Geste, denn solche Bewegungen sind für beide ungewohnt. Und die Hand der Mutter, die jetzt nach Friederikes Finger greift, hat sie lange nicht gespürt. Warm ist sie und ein wenig rauh und gleich wieder fort. Nur Augenblicke hat es gedauert. Doch über diese Augenblicke ist Friederike froh und steigt wenig später die steile Treppe zu ihrem Zimmer hinauf. Sie verläßt es an diesem Abend noch einmal. Aus dem Keller kommen irgendwelche Geräusche, die sie sich nicht erklären kann. In der Waschküche brennt Licht. Stefan kniet vor dem Parka, schrubbt ihn mit einer Bürste, unter der schmutzige Lauge aufschäumt. Friederike setzt sich auf einen der Wannenböcke und beobachtet ihren Bruder. Als er nach dem Waschpulver greift, rät sie: «Laß! Sonst wird er grau, und wenn er trocken ist, staubt er.» Stefan befolgt ihren Rat und schrubbt weiter mit kräftigen, gleichmäßigen Zügen. Hin und wieder gießt er aus einem Holzeimer klares
96
Wasser über seine neue Errungenschaft, und dem Wasser folgt jedesmal eine Portion Weichspüler. Stefans Bewegungen sind von verbissener Hingabe, die bei Arbeiten für die Familie an ihm nicht zu beobachten sind. Mit derselben Gründlichkeit, mit der Stefan jetzt schrubbt, kämmt und bürstet er mehrmals am Tage sein dunkelblondes weiches Haar, das die Schultern fast erreicht hat. Seine Bewegungen, die vor ein paar Wochen noch eckig und unausgeglichen wirkten, sind sicher geworden und drücken männliche Spannung aus. Friederike beobachtet seine Hände, die die Bürste kräftig gegen den Stoff drücken und keine Ecke, keinen Zipfel des Parkas auslassen. Irgend etwas für Stefan Wichtiges hängt mit dem abgenutzten Kleidungsstück zusammen. Aus Sturheit oder Kränkung allein würde er es so nicht bearbeiten. Vielleicht bedeutet ihm der olivgrüne Kittel das, was für Friederike die blechernen Zigarrenschachteln sind. Ein Teil jener Dinge und Erlebnisse, die für ihn möglicherweise ewig unerreichbar bleiben, einfach ein Stückchen Abenteuer. Vielleicht ist dieser Parka für ihn ein winziger Ausgleich für all jene Beschränkungen, denen er als Sohn eines Offiziers und Bewohner einer solchen Siedlung unbesehen und von vornherein ausgesetzt ist. Und vielleicht ist der Parka für ihn die einzige Art der Auflehnung, die hier und in seinem Alter überhaupt möglich ist. Wieder denkt Friederike an ihre Zigarrenschachteln. Keine liegt leer in den Schubfächern. Schon als Zwölfjährige hat sie begonnen, diese Schachteln mit Bildern und Fotos aus vielen Städten der Welt zu füllen, die sie auch heute noch aus Zeitungen, Zeitschriften und Illustrierten ausschneidet. Fünfzehn Schachteln allein gehören Paris. Auch London, Amsterdam, New York, Oslo, Madrid, Rio de Janeiro, Frankfurt am Main und Hamburg sind in ihrer Sammlung vertreten. In Prag und Warschau und Minsk ist Friederike schon gewesen. Dorthin kann sie, ebenso wie nach Moskau oder Leningrad oder Budapest, jederzeit reisen. Stefan schrubbt ohne Unterbrechung. «Warum macht ihr das?» fragt sie ihn.
97
«Was?» «Die Klamotten tauschen.» «Verstehst du sowieso nicht.» «Das hängt doch von dir ab», erwidert sie. Stefan hält inne, stützt sich mit beiden Händen auf die Bürste und blickt zu Friederike hinüber. Die Geschichten um seine Schwester und ihr Ruf haben die Schule längst erreicht, und es gibt Lehrer, die Friederikes Namen nie erwähnen. Aber es gibt auch andere. Die erinnern sich, daß Friederike gut gelernt hat, daß sie die zehnte Klasse mit der Note «sehr gut» abschloß und daß sie viel fragte, manchmal zu viel und zu genau. Und es gibt Schüler, auch Klassenkameraden von Stefan, die ihn nach Friederike ausfragen und sowohl innerhalb der Siedlung als auch im Restaurant auf eine Gelegenheit warten, ihr zu begegnen. Einer aus Stefans Klasse, der bei seinen Großeltern in Kerkow wohnt, einem alten Fischer- und Weidnersdorf, das etwa zwanzig Kilometer von der Siedlung entfernt unmittelbar an der polnischen Grenze liegt, hat Friederike im vergangenen Sommer am Haffufer entdeckt und beobachtet. Mit seiner Entdeckung gab er am anderen Tag an, beschrieb den engsten Freunden Friederikes Figur sehr genau und vergaß das groschengroße Muttermal am Schenkel ebensowenig wie die Blinddarmnarbe. Zu viert zogen sie an jenem Nachmittag los. Aber Friederike fanden sie nicht mehr. Stefan hatte seine Schwester gewarnt. Er weiß, daß Friederike gut aussieht, daß viele hinter ihr her sind. Aber das ist für ihn nicht wichtig. Nach außen hin, selbst Friederike gegenüber, tut er gleichgültig. Doch im Inneren bewundert er sie, weil ihr die Leute und deren Meinung über sie gleichgültig sind, weil sie sich über Normen und Anschauungen, die hier herrschen, hinwegsetzt, weil sie sich nichts gefallen läßt. Eigentlich müßte sie ihn verstehen. Wenn einer aus der Familie ihn begreifen kann, ist es Friederike. Stefan steht auf. Die Knie schmerzen. Er schwabbt Wasser über den Parka, das sich noch immer trübt, dann setzt er sich auf den umgedrehten Eimer. Auf dem Wannenbock vor ihm sitzt Friederike und wartet geduldig auf eine Antwort. Aber
98
Stefan weiß nicht, womit er beginnen soll, wie er diesen Tausch erklären kann. Wie läßt sich überhaupt etwas erklären, das man tut, ohne zu zögern, ohne nachzudenken, nur aus dem Gefühl heraus, daß es gut und richtig ist? «Ich wollte schon immer einen Parka haben», sagt er, «aber sie schenken mir eine Pelzjacke, eine dreiviertellange für über vierhundert Mark. Und das hör’ ich jeden Tag, ehrlich. Vierhundert Mark! Paß auf, sie hat über vierhundert Mark gekostet!» «Ist das alles?» fragt Friederike und ist ein wenig enttäuscht. Er schüttelt den Kopf, bürstet an den Fingernägeln herum, wirkt verlegen und spricht schließlich langsam, fast zögernd weiter. «Eigentlich…», er macht eine Pause und blickt Friederike an, als überlege er wieder, ob er überhaupt mit ihr reden soll. Sie entdeckt Falten in seinem Gesicht, die gestern noch feine Linien gewesen sind. Sie haben sich vertieft, machen sein Gesicht strenger und ein wenig älter. «Eigentlich», wiederholt er, «ist es was anderes. Es ist…. weil wir alle Kumpels sind. Nicht irgend so ein Klub, sondern echte Freunde. Einer hilft dem anderen. Unterschiede gibt es nicht, ehrlich. Ich zum Beispiel, ich wollte schon immer einen Parka. Und Hanne war auf eine Pelzjacke scharf. Aber vierhundert auf einmal kriegt seine Mutter nicht zusammen, mit vier Kindern allein. Außerdem braucht er die Pelzjacke mehr als ich, ehrlich. In ein paar Tagen fliegt er von Schönefeld nach London, steigt auf einen Frachter um und kommt irgendwann im Herbst wieder. Aber ich hätte ihm die Jacke auch gegeben, wenn er nicht geflogen wäre. Auch einem andern, ehrlich. Wenn er wieder da ist, gibt er sie mir zurück, vielleicht.» Friederike blickt an Stefan vorbei zur Wand, an der Wäscheleinen und verschiedene Zuber hängen. Die Mutter liebt hölzerne Arbeitsgeräte. Sie hat die Zuber vom Hof ihrer Eltern mitgebracht, wo sie Generationen von Bauern gedient haben. Friederike steht auf, reibt mit den Händen ihre Oberarme, weil ihr plötzlich kalt ist. Sie geht zwischen der Wand mit den Zubern und dem Wannenbock hin und her. Vor Stefan auf dem zementgrauen Boden liegt leblos wie ein abgestürzter Vogel der Parka.
99
Stefan spürt, daß sein Geständnis Friederike beunruhigt. Für Augenblicke ist er verwirrt über ihre Reaktion. Er besitzt noch nicht die Fähigkeit, sich selbst, seine Überlegungen, Verhaltensweisen und Worte hin und wieder mit den Augen anderer zu sehen, sondern nur jene Bedingungslosigkeit, mit der man in seinem Alter versucht, sich gegen alles durchzusetzen und seiner Meinung Geltung zu verschaffen. Eine Bedingungslosigkeit, die mit einem strengen, fast rücksichtslosen Rechtsgefühl verbunden ist. Junge Leute und diese Haltung brauchen Geduld, und man muß wenigstens bereit sein, sie verstehen zu wollen. Stefan holt aus und wirft die Bürste weg. Sie klatscht auf den Parka und bleibt liegen. Im nächsten Augenblick spürt der Junge die Hand seiner Schwester im Haar. Friederike greift bis auf die Kopfhaut durch, reibt sie mit den Fingerspitzen hart und zärtlich und drückt Stefans Kopf gegen ihren Leib. Die Geste seiner Schwester überrascht ihn derart, daß er jeden Widerstand vergißt. Sie überrascht ihn, weil er sie in der gleichen Art von der Mutter kennt und es seltsam findet, daß Friederike diese Geste hat wie eine äußerliche Ähnlichkeit. Er fühlt sich in die summende Sanftheit seiner Kinderjahre versetzt, fühlt jenes Geborgensein, das nie im Leben wiederkehrt, und als Friederike zu fragen beginnt, antwortet er ruhig und ohne zu zögern. «Sind auch Mädchen dabei?» Er nickt. «Aber die tauscht ihr nicht?» «Quatsch», sagt er und lacht ein wenig. «Wir machen doch nicht auf Kommune.» «Und wer ist Hanne?» «Hans Krüger aus Barin. Hat vergangenes Jahr ausgelernt. Kühlanlagenmonteur.» «Ist er euer Chef?» «Chef», wiederholt Stefan und schüttelt den Kopf. «So was gibt’s nicht, ehrlich. Wer kommt, der kommt. Zum Klub, oder wo wir uns gerade treffen. Manchmal sind wir auch bei Hanne. Seine Mutter hat nie was dagegen. Über zwanzig waren wir schon bei Krügers. Aber wir dürfen auch hinkommen, hat seine Mutter gesagt, wenn er weg ist. Jeder kommt und geht, wann er will. Das ist alles ohne Zwang und Verpflichtung, ohne Organisiererei. Nur zum Spaß. Wir treffen
100
uns, reden, singen, tanzen. Jeder ist gleichberechtigt, egal wie er aussieht und was er ist. Chef, nee, wir sind doch keine Bande oder Clique, ehrlich.» «Weißt du», sagt sie, «das klingt alles ein bißchen religiös.» Er schüttelt den Kopf, antwortet aber nicht gleich, denkt über Friederikes Feststellung nach. Und er spürt, daß er sicherer wird. Er fühlt sich wohl bei diesem Gespräch, weil er ernst genommen wird, weil er etwas, das er für gut hält, nicht verteidigen muß, sondern erklären kann. «Mit der Kirche hat das doch nichts zu tun, Rike. Niemand predigt dem andern was vor. Wie etwas klingt und was mancher denkt, ist egal. Was denken denn die Leute von dir, Rike, und du bist es doch nicht.» Rikes Hand auf seinem Kopf wird leichter, die Bewegung ihrer Fingerspitzen langsamer. Friederike scheint nachzudenken. Stefan bedauert, daß sie nicht weiterfragt. Er möchte mehr sagen und erklären, denn beim Reden fällt ihm allerhand Vernünftiges ein. Er spürt, daß seine Gedanken sich ordnen und seine Empfindungen erklärbar werden. Hier in der Waschküche, den Kopf gegen den Leib seiner Schwester gedrückt, spricht er sich aus wie nie vorher. Und Friederike hört zu, obwohl die feuchte Kühle des Kellers allmählich die Schultern und den Hals erreicht. Das, was Stefan sagt, ist so wichtig für ihn und Friederike, daß sie ihn nicht unterbricht. Der Tausch der Pelzjacke gegen den Parka ist keine Laune gewesen, keine Augenblickshandlung, die man am anderen Tag bereut. Was Friederike für ein unlauteres Geschäft gehalten hat, stellt sich als Uneigennützigkeit heraus, ist Verbundenheit miteinander, wie sie zwischen jungen Leuten häufig anzutreffen ist in einer Zeit und in einem Land, in dem ökonomische, soziale und andere Unterschiede noch objektive Tatsachen sind. «Mich stinkt es einfach an, ehrlich», sagt Stefan, «daß ich wie ein Angeber rumrennen soll. Und wem alles mitgeteilt wird, daß die Jacke über vierhundert Mark gekostet hat! Aber man kann’s sich ja leisten. Im Gegensatz zu anderen, deren Kinder in billigen Anoraks herumlaufen. So ein verdammter Egoismus! Ich muß mir eine Pelz-
101
jacke anziehen, bloß damit andere auf sich stolz sein können. Ich geb’ die Jacke weg, und schon ist der ganze Stolz im Arsch, ehrlich! Dieses Ausstellen von Sachen, das so viele Leute betreiben, was hat das noch mit Sozialismus zu tun? Sachenlismus ist das!» «Ich friere», sagt Friederike. «Das ist auch zum Frieren», meint Stefan und steht auf. Friederike hilft ihm beim Wegräumen. Zuletzt klammert Stefan den Parka an eine Leine, die über Eck gespannt ist. Von neuem mustert Friederike die stabilen Zuber und Eimer, die ohne Wasser schon schwerer sind als gleichgroße gefüllte Plastbehälter. Aber die Mutter kann sich nicht von ihnen trennen. Wahrscheinlich hängt das damit zusammen, daß sie als Kind an einem Tragholz die vollen Eimer vom Brunnen zur Küche und zum Waschhaus schleppen mußte, viele Eimer am Tage. Es gibt ein Foto davon, das die Mutter den Kindern manchmal zeigt. Auf dem Bild hat sie Zöpfe. Sie ist barfuß, - trägt eine Art Hemd und eine unterhalb der Knie abgeschnittene Hose. Würde sie keine Zöpfe haben, könnte man sie für einen Jungen halten. Das Foto stammt aus dem Jahr 1948, da gab es im Heimatdorf der Mutter, das in der Wittstockschen Prignitz liegt, noch keine Wasserleitung und kein elektrisches Licht. «Wie sich die Zeiten geändert haben», sagt die Mutter jedesmal, wenn sie das Foto in die Kassette zurücklegt. Sie sagt es mit Stolz, als wäre sie an allen bedeutenden Ereignissen der letzten Jahrzehnte persönlich beteiligt gewesen. Der Parka hängt nahe bei den Zubern, und darunter steht die halbautomatische Waschmaschine. Einträchtig, ohne daß eins das andere ausschließt. Es sind nur die Menschen, die solche Dinge mitunter voneinander trennen. Zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die meinen, daß jene Veränderungen, die sie selbst mitbewirkt und durchgemacht haben, die wichtigsten und größten gewesen sind, und alle, die noch bevorstehen, immer unscheinbarer werden. Und je heftiger sie diesen Anspruch vertreten, um so ungerechter sind sie… Friederike schaltet das Licht aus, schließt die Waschküche ab, und auf dem Weg vom Kellereingang zur Haustreppe sagt sie leise: «Morgen entschuldigst du dich bei Mutter, hörst du?»
102
«Klar doch.» «Und sprich mit ihr über den Tausch. Erklär ihn, so gut du kannst.» Stefan seufzt und fragt: «Meinst du, das hat Sinn?» «Du mußt es versuchen.» «Ich dachte, vielleicht, daß du…» «Denkste», antwortet Friederike. «Ich hab’ ja nichts eingetauscht.»
103
4. Kapitel Wenige Minuten vor zehn beendet Generalmajor Werner die Rekognoszierung. Er hockt neben Schanz an der bewachsenen Wand eines mannstiefen abgestuften Dränagegrabens und blickt seinen Stellvertretern und den Kommandeuren der Truppenteile nach, die auf der schmalen Grabensohle im knöcheltiefen Wasser davongehen. Nach etwa sechzig Metern stoßen sie auf einen Quergraben, der an einem vier Meter breiten Damm entlangführt. Oben ist der Damm mit Ziegelsplitt und Schlacke befestigt und erreicht im Osten nach ein paar hundert Metern ein Pappelwäldchen. Dort erst werden die Offiziere den Graben verlassen und, von den Bäumen gedeckt, zu ihren Fahrzeugen gehen, die am Waldrand stehen. Ein Offizier nach dem anderen verschwindet um die Grabenecke. Sie haben diesen Weg von selbst eingeschlagen. Hempel, Kulonska und Werners Schwager gehen gebückt. Keiner von ihnen erlaubt sich irgendwelche Erleichterungen. Gefechtsnähe ist keine Losung, sondern eine Bedingung, eine Forderung, die nicht nur bei den Soldaten durchgesetzt wird. Werner fordert sie zuerst von sich selber und von allen anderen ohne Rücksicht auf Dienstgrad und Alter. Jeder hält sich daran, und jeder hält es für richtig. Noch vor drei Jahren gab es andere Gewohnheiten, und Werner mußte, nachdem er die Division als Kommandeur übernommen hatte, ein paarmal hart durchgreifen. Damals zum Beispiel fuhr der Kommandeur des Artillerieregiments mit seinem Wagen bis an eine flache Mulde heran, von der aus sie das Gelände und die Lage des Gegners aufklärten. In aller Ruhe stieg Oberstleutnant Hauschild aus, gab seinem Fahrer irgendwelche Anweisungen und betrat dann aufrecht die sandige Kuhle, in der Werner und die bereits eingetroffenen Offiziere lagen. Das schien den Oberstleutnant zu belustigen. Mit freundlicher Geste grüßte er und wies dann weitausholend ins Gelände. «Sehn Sie dort im Waldesgrün feindliches Gewehrmaschin, und hundert Meter weiter liegt feindli104
ches Gefreiter!» Jemand lachte. Werner drehte sich im Liegen so weit herum, daß er Hauschild ansehen konnte, und befahl: «Fahren Sie zurück und schicken Sie mir Ihren ersten Stellvertreter her! Der übernimmt ab sofort das Kommando über das Regiment. Sie beurlaube ich vom weiteren Verlauf der Übung. Fahren Sie zur Kaserne zurück!» Auf dem Gesicht des Oberstleutnants machte sich ein Lächeln breit, doch seine Augen blickten unsicher von einem zum anderen, suchten eine Erklärung und fanden sie schließlich im ernsthaften Schweigen derer, die vor ihm im Sand lagen. Das Lächeln verschwand ohne Übergang aus dem Gesicht des Oberstleutnants, das für ein paar Augenblicke hilflos wirkte. Und genauso lange fühlte sich Werner versucht, seine Entscheidung zurückzunehmen. Aber er gab seinem Gefühl nicht nach. Dieser Befehl würde schon in den nächsten Stunden in der gesamten Division verbreitet sein, und kein Offizier würde sich noch einmal leichtfertig und selbstsicher über notwendige militärische Erfordernisse hinwegsetzen. Seine Entscheidung hatte keine persönlichen Gründe. Oberstleutnant Hauschild war ein ausgezeichneter Artillerist und ein guter Kommandeur. Es hätte an jenem Tag auch einen anderen treffen können. Werner ersparte sich damals durch einen einzigen Befehl wochenlange Gespräche, Erklärungen und Diskussionen. Entscheidungen überzeugen meistens rascher und räumen gründlicher mit schlechten Gewohnheiten auf. Schanz richtet sich bis an den Grabenrand auf und legt seine Mütze neben sich ins Gras. Hinter ihnen liegt der Übungsplatz. Das Gelände steigt über ein paar hundert Meter hin wellenförmig zu einem langen Hügelkamm an, der bis auf Heidekrautflechten und filziges Büschelgras, das während des ganzen Jahres nicht richtig grünt, kahl ist. Schanz spürt an den Händen staubigen Sand, in dem die beiden Offiziere noch vor wenigen Minuten gelegen haben. Er bückt sich bis auf die Grabensohle hinunter, stellt sich breitbeinig über das Wasser, das wieder klar und ruhig fließt, und wäscht sich die Hände. Vorn biegt als letzter Bredow um die Grabenecke. Schanz trocknet sich an seinem nicht mehr ganz sauberen Taschentuch die Hände ab,
105
und während er sich wieder neben den Generalmajor setzt, sagt er: «Ich glaub’ nicht, daß Bredow Divisionskommandeur werden kann.» «Darüber entscheiden nicht wir.» «Er kann nur dort eingesetzt werden», fährt Schanz fort, «wo er mit Menschen nichts zu tun hat.» Werner schließt die Augen und richtet das Gesicht der milchigen Sonne zu, die neben dem Pappelwäldchen steht. «Er hat die Generalstabsakademie mit Auszeichnung abgeschlossen. Man wird ihn nicht auf irgendeinen Posten abschieben.» «Truppenführung ist Menschenführung», sagt Schanz. «Und ein Kommandeur, der nichts von den Soldaten hält, die er führen soll, der den Soldaten nichts zutraut, kann das Militärwesen mit Löffeln gefressen haben und wird doch nichts erreichen.» Werner schweigt. Nicht, weil er keine Antwort weiß, sondern weil er mit Schanz schon einige Male über Bredow gesprochen hat. Jedes dieser Gespräche begann Schanz, und immer war er kurz zuvor mit Bredow aneinandergeraten. Die beiden Offiziere haben so wenig gemein wie die ewig staubgraue Erde des Übungsplatzes und das auf der anderen Grabenseite beginnende Feld, dessen Halme steif und in saftigem Grün stehen. Schanz spricht weiter, leise und ruhig, trotzdem ist in seiner Stimme ein wenig Ärger, der immer erst am Ende jedes Satzes zu hören ist. Der Oberst betont und artikuliert das vorletzte Wort besonders. «Heinrich Bredow versteht die Soldaten nicht. Junge Leute wahrscheinlich überhaupt nicht. Sie sind ihm fremd geworden, manchmal sogar gleichgültig. Er gehört zu denen, die dauernd von der sozialistischen Soldatenpersönlichkeit reden. Die sich aus Vorschriften, Losungen und Leitsätzen ein Idol aufgebaut haben, das sie bei jeder Gelegenheit den Soldaten aus Fleisch und Blut gegenüberstellen. Und sie sind maßlos enttäuscht, wenn die jungen Leute sich nicht nach ihrem homunculus militaris richten. Bredow kann niemals Kommandeur werden.» «Nach der Übung wird entschieden», erwidert Werner, «und du weißt, daß man uns fragen wird.» Der Oberst schweigt. Vom Pappelwäldchen her kommt Motorenge-
106
räusch. Die ersten Wagen fahren davon. Der Weg ist noch feucht, und die Räder schleudern keinen Staub auf. Die gedrungenen Geländewagen stoßen ihre Schnauzen, über jeder Unebenheit wippend, nach vorn, als müßten sie Hindernisse umwerfen, die sie von rascherer Bewegung abhalten. Die Kommandeure fahren zu ihren Regimentern, an die Arbeitstische mit den Lagekarten, um dort ihre Entschlüsse zu fassen. «Weißt du», sagt Werner und sieht Schanz nachdenklich an, der auf einem Grashalm herumkaut, «wenn die Kommandeure vor mir stehen, Befehle entgegennehmen oder ihre Entschlüsse vortragen, der eine ruhig und sicher, der andere hastig, der nächste mit einem Zittern in der Stimme, dann frag’ ich mich manchmal, wie sie sich wohl in einem abgedeckten Erdbunker verhalten würden. Draußen detonieren Granaten, bei den Funkern treffen Verlustmeldungen ein, irgendwo sind Panzer durchgebrochen, und eine eben fertig gewordene Pontonbrücke ist zerbombt worden.» «Warum willst du das wissen?» fragt Schanz, der solche Überlegungen für nutzlos hält. «Weil ich einkalkulieren möchte, wie die Kommandeure empfinden und entscheiden, wenn sie wissen, es geht um Leben oder Tod ihrer Regimenter, der Division, des ganzen Landes.» «Darauf findest du jetzt doch keine Antwort. Im Krieg liegen Heldentum und Feigheit, Versagen und Bewährung oft ganz eng beieinander.» «Das klingt, als hättest du schon ein paar Kriege mitgemacht.» Schanz lächelt ein wenig und entgegnet: «Ich habe genausooft darüber nachgedacht wie du. Aber ich hab’s aufgegeben. Eine Antwort gibt es nur im Krieg selber, und den wollen wir nicht. Weißt du, jemand, der dir heute einen Entschluß vorträgt, der allen Regeln der Kriegskunst entspricht, kann bei einem wirklichen Gefecht so hilflos sein, daß du ihn ablösen lassen oder vor ein Gericht stellen mußt. Und einer, der vor lauter Unsicherheit stottert, ist vielleicht im Krieg einer der Ruhigsten, der geschickt und verbissen den Gegner schlägt.» Werner schweigt eine Weile und fragt dann: «Und was für einer
107
wärst du?» «Von der zweiten Sorte», antwortet der Oberst sofort, und Werner glaubt ihm. Sie kennen sich seit vielen Jahren, und sie vertrauen einander bedingungslos. Noch immer bedauert der Generalmajor, daß Schanz nicht bei ihm bleiben konnte, sondern zum Kommando versetzt wurde, wo er eine Reihe Verbündete hat, die genau wie er meinen, daß die schriftliche und mündliche Agitation, die politische Erziehungsarbeit lebendiger werden müssen, daß man ganz nahe an die Soldaten heran muß, an ihre Empfindungen und Gedanken, daß man vom Grad ihrer Überzeugung und Bereitschaft ausgehen muß, wenn man sie erreichen und nachdenklich machen und ihre Haltungen und Einstellungen verändern will. Werner weiß, daß vieles in der politischen Arbeit zu theoretisch abläuft, nicht sinnfällig genug. Und wenn sich einer damit nicht abfindet, dann ist es Schanz. Auf niemanden nimmt er Rücksicht, am wenigsten auf sich selber. Die Freundschaft zwischen Werner und Schanz beruht nicht auf besonderen Ereignissen oder außergewöhnlichen Erlebnissen. Sie hat sich in der täglichen Arbeit entwickelt und beiden das sichere Gefühl gegeben, sich auf den anderen verlassen zu können. Trotzdem sind sie sich längst nicht immer einig. Worüber Schanz nicht mehr nachdenkt, das beschäftigt Werner weiter. Immer wieder versucht er sich vorzustellen, wie sich seine Offiziere im wirklichen Gefecht verhalten würden. Und er klammert sich selbst nie aus dieser Befragung aus. Er hat in seinem Leben Krieg und bewaffnete Auseinandersetzungen kennengelernt. Konrad Werner wurde 1933 in einer mittelgroßen Industriestadt geboren, die zu jenem Teil Schlesiens gehörte, in dem es von 1919 bis 1921 erbitterte Kämpfe zwischen Polen und Deutschen gegeben hatte. Ein Grenzgebiet wie viele andere in der Welt, um das Jahrhunderte lang immer wieder Streit und Auseinandersetzungen entbrannten. Dort erlebte Werner auch das Ende des zweiten Weltkriegs, und von dort siedelte er mit seiner Mutter und drei Schwestern 1947 in die Nähe von Leipzig über, wo ein Bruder der Mutter zu Hause war. Werners Großvater nahm an allen drei Aufständen der polnischen Bevölkerung von 1919 bis 1921 teil und fiel beim letzten, den der
108
Vater als Geschützführer mitmachte. Werners Mutter besaß einige Fotos, die ihr Sohn im Mai 1971 dem Aufstandsmuseum des Städtchens Lesnica übergab. Er war auch dabei, als beim Denkmal am St. Annaberge Teilnehmern der Aufstände hohe militärische Orden verliehen und sie zu Offizieren ernannt wurden. Unter den Ausgezeichneten befanden sich einige, die Werners Vater und Großvater gekannt und die mit ihnen gemeinsam gekämpft hatten. Am Abend jenes 5. Mai feierte Werner mit ihnen, trank und sang, und einer der ältesten behauptete in vorgerückter Stunde, er habe ihn schon als Kind gekannt und Werners Vater prophezeit, daß sein Sohn einmal Offizier werden würde. Werner erinnert sich gern an die Maitage des Jahres 1971. Obwohl er keinen der Männer persönlich kannte, waren sie ihm vertraut gewesen. Er fühlte sich bei ihnen wohl, weil er ihre Sprache versteht und noch immer spricht. Und weil dort auch die Alten noch mit Hingabe singen und tanzen, weil sie an allem, was sie unternehmen, mit ganzer Seele beteiligt sind. Seine Mutter lebte 1971 nicht mehr, sonst hätte er sie mitgenommen und durch ihre Anwesenheit jene Tage gewiß noch tiefer erlebt. Er war von den alten Kämpfern wie ihresgleichen aufgenommen worden. Ihm gegenüber war nicht in einer einzigen Geste, in keinem Wort oder Blick jene prüfende Distanz zu spüren gewesen, die man sonst häufig Menschen entgegenbringt, die unerwartet zu Besuch kommen. Sie behandelten ihn, wie man den Sohn eines geachteten Genossen behandelt, und Werner kann sich an keine andere Zeit in seinem Leben erinnern, wo er so oft «Sohn» oder «Söhnchen» genannt worden ist. Einer von ihnen, der einen Bart trug und ein breites, bäurisches Gesicht hatte mit einer Narbe an der rechten Schläfe, sagte beim Abschied: «Sei mein Sohn und nenne mich Vater!» Als Werner abfuhr, waren sie heiter und ruhig gewesen. Er ging wieder zur Arbeit und übernahm seine Aufgaben, deren Lösung auch in ihrem Interesse liegt. Am 17. Juni 1953 kommandierte Werner in Halle eine Einheit der Volkspolizei. Neben ihm stand ein sowjetischer Hauptmann, und hinter ihm schwenkten die Rohre einer Kompanie T-34 der Sowjet-
109
armee. Im August 1961 zog Werner an der Spitze eines Artillerieregiments der NVA für sechs Wochen aus der Gegend von Pasewalk nach Berlin-Johannisthal in die unmittelbare Nachbarschaft eines sowjetischen Panzerregiments. Und 1968 stand er an einem nebligen Novembermorgen mit Generalmajor Siegmann, dessen erster Stellvertreter er war, in der Nähe der Grenze zur CSSR. Bei ihnen war der erste Sekretär der Bezirksleitung Dresden der SED und der Vorsitzende des Rates des Bezirkes. Sie empfingen die ersten sowjetischen Truppenverbände, die aus der CSSR wieder abgezogen wurden. Der Kommandeur eines sowjetischen Panzerverbands, der den Boden der DDR als erster erreichte, umarmte und küßte sie wortlos. Der erste Sekretär fragte den untersetzten, grauhaarigen Generalmajor, wohin die Division fahre, und erhielt zur Antwort: «Nach Hause.» «Und wo ist das? In Brest oder Minsk?» Da lachte der Generalmajor und erwiderte: «Zu Hause, das ist Potsdam!» Auf der Generalstabsakademie hat sich Werner mit Schlachten und Kriegen beschäftigt, hat ihren Verlauf studiert und sich besonders mit dem zweiten Weltkrieg befaßt. Dabei ist er bei vielen sowjetischen Heerführern in die Schule gegangen. Und doch fragt er sich immer wieder, ob ihn all das gegen jede Überraschung feit, ihn zu jedem Zeitpunkt vor falschen Entscheidungen und Irrtümern bewahrt. Um persönlichen Mut, um Tapferkeit oder um das Überwinden der Todesangst geht es Werner bei solchen Überlegungen nicht, sondern einzig darum, daß er Tausende von Männern zum Sieg führen muß und dies mit den geringsten Verlusten. Schanz spuckt den Grashalm ins Wasser, wo er allmählich davonschwimmt. «Wittenbeck, kennst du einen, der so heißt?» fragt er. «Artillerieregiment», antwortet Werner, «Kommandeur zweite Abteilung.» «Und?» Schanz blickt, während Werner spricht, nach links hinüber, wo sich an einer Kiefernschonung die Ausläufer eines Dorfes hinziehen. Scheunen, Schuppen, ein paar Gärten…
110
«Ich will ihn zum Stab holen und für Oberstleutnant Keuner als Stabschef bei den Artilleristen einsetzen», erklärt Werner. «Aber dieser Wittenbeck ist stur wie eine Haubitze. Genauso stur wie Keuner, der seine fünfundzwanzig Dienstjahre im Juli hinter sich hat und nach Hause geht, unwiderruflich. Und Wittenbeck lehnt die Arbeit im Stab ab.» «Hört, hört», sagt Schanz. «Was willst du von ihm?» fragt der Generalmajor und blickt Schanz ins rundliche, von der frischen Morgenluft gerötete Gesicht. Der Oberst zieht aus seiner rechten Brusttasche das halbe Foto und hält es Werner hin. «Das soll ich ihm geben.» Katrin und Friederike sehen sich überhaupt nicht ähnlich. Trotzdem erinnert das durchgerissene Foto den Divisionskommandeur an seine Tochter. Auch Katrins Gesicht hat zwischen dem sechzehnten und siebzehnten Lebensjahr noch mädchenhafte und doch schon frauliche Züge besessen. Ohne die halbe Fotografie aus den Augen zu lassen, sagt Werner: «Der Mann ist zu beneiden.» «Er ist verheiratet», entgegnet Schanz und steckt das Foto wieder ein. Der General erhebt sich und hält Schanz die Hand hin, damit der Oberst sich hochziehen kann. Vom Wäldchen her, das sie während ihres Gesprächs nicht mehr beobachtet haben, biegen ein paar Offiziere um die Grabenecke. An der Spitze geht ein langaufgeschossener Major, dessen Uniform zahlreiche Schmutzflecken aufweist. Seine Stiefel sind bis zu den Schäften hinauf verdreckt. Unmittelbar hinter ihm geht Bredow, mit kurzen, eiligen Schritten ist er dem anderen immer dicht auf den Fersen. Es sieht aus, als treibe er ihn an oder versuche, ihn zu überholen. Der Offizier an der Spitze ist Major Hirschberg, einer der Aufklärer des Stabes. Auch sein Gesicht ist dreckverschmiert. Plötzlich stolpert er und versucht, sich durch ein paar kurze Schritte abzufangen. Dabei bleibt er an irgendeinem Hindernis auf der Grabensohle hängen und kippt langsam gegen die linke Grabenwand. Durch keine Bewegung versucht er, den Sturz zu verhindern. Er läßt sich einfach fallen. Alles geht fast lautlos vor sich, nur das Wasser gurgelt ein wenig unter
111
den Stiefeln. Es sieht aus, als sei der Major von einem Augenblick zum anderen so tief eingeschlafen, daß nichts ihn wieder auf die Beine bringen kann. Doch Bredow schafft es. Er greift mit der rechten Hand ins Koppel des Offiziers, mit der linken an dessen Oberarm und richtet den Major wieder auf. Nach ein paar Schritten steht Hirschberg vor dem Divisionskommandeur. Bredow befiehlt: «Sprechen Sie!» Der Major strafft sich. Sein Gesicht ist vor Müdigkeit grau. Ein Frösteln nach dem anderen zuckt über die Haut. Hinter Bredow steht der Kommandeur des Pionierbataillons und am Schluß der kleinen Gruppe der Chef des Pionierdienstes der Division, ein breitschultriger, großer Oberstleutnant mit strichdünnen Lippen. Hirschberg spricht langsam, von Pausen unterbrochen, in denen er ein wenig den Kopf zur Seite neigt, als lausche er seinen Worten nach. Der Aufklärer kommt vom Fluß, wo er sich die ganze Nacht über aufgehalten hat. Er hat eine mögliche Übersetzstelle gesucht und alle Abschnitte geprüft. In jenem Raum, wo nach der Ausgangslage für den Angriff der Fluß forciert und ein Brückenkopf gebildet werden soll, gibt es dafür keine Möglichkeit. Während der letzten vierundzwanzig Stunden ist der Wasserstand um sechzig bis achtzig Zentimeter gestiegen. Wiesen und Koppeln sind überschwemmt, und der Boden ist so weich, daß die schweren Pionierfahrzeuge das Ufer gar nicht erreichen würden. Auch die Strömung hat stark zugenommen, so daß nicht einmal an eine Pontonbrücke zu denken ist. Der Kommandeur des Pionierbataillons bestätigt Hirschbergs Worte, indem er fast nach jedem Satz nickt. Generalmajor Werner ahnt, was der Aufklärer vorschlagen wird. Trotzdem fragt er: «Und?» Aber nicht der Major antwortet, sondern Bredow. Seine Stimme klingt ärgerlich, er ist ungeduldig. «Im Namen einiger Kommandeure will er Sie bitten, den Fluß nicht zu forcieren, sondern die Division über eine Brücke ans andere Ufer zu bringen. Ich lehne diesen Vorschlag grundsätzlich ab. Solche Erleichterungen führen zu nichts. Der Krieg findet bei Regen noch lange nicht im Saal statt. Ich bin…» Der Divisionskommandeur hebt die Hand und unterbricht Bredow, der die Aktion am Fluß sicherlich auch deswegen verteidigt, weil er
112
mit ihrer Planung, Organisation und Führung beauftragt ist. Werner wendet sich wieder an Hirschberg. «Sie befürchten Komplikationen, Unfälle?» «Ich möchte…», erklärte der Major schwerfällig, «es könnte passieren, daß… wie im vergangenen Jahr, als der Soldat Dittmann aus dem gekenterten SPW gerettet werden mußte…» Werner winkt ab, spitzt die Lippen und blickt einen Offizier nach dem anderen an. Sie schweigen und warten. Er könnte sie fragen, könnte ihre Meinung und ihren Rat hören. Aber entscheiden muß er. Er kann weder abstimmen lassen und sich nach der Mehrheit richten, noch kann er eine Versammlung einberufen. Entscheiden muß er, das nimmt ihm keiner ab. Werner weiß, daß Hirschberg nicht vor Schwierigkeiten zurückweicht, daß er diesen Vorschlag aus Sorge um die Soldaten gemacht hat, aus Verantwortungsgefühl. Doch ebensowenig kann Werner seinem ersten Stellvertreter Verantwortungslosigkeit vorwerfen, wie immer Bredow seine Ablehnung auch formuliert hat. Es gibt Situationen, da muß zwischen zwei Vorschlägen entschieden werden, die beide im gleichen Maß berechtigt sind. Aber wie der Divisionskommandeur auch entscheidet, in beiden Fällen kann es Folgen geben, die weit über den Augenblick und die Division hinausgehen. Werner weiß auch, daß die Offiziere widerspruchslos gehorchen würden, wenn er jetzt befiehlt: «Der Fluß wird am festgesetzten Abschnitt forciert!» Aber ihm ist es lieber, wenn sein Befehl und die innere Überzeugung der Offiziere, ihre Sicherheit, die Aufgabe am Fluß trotz äußerst schwieriger Bedingungen erfüllen zu können, völlig übereinstimmen. Diese Übereinstimmung gibt es im Augenblick nicht. Die Argumente des schmutzigen, völlig übermüdeten und augenscheinlich ratlosen Majors sind stärker. Mit Hirschberg wird Werner noch reden, sobald der wieder trocken und ausgeschlafen ist. Der Aufklärer hat gegen eine wichtige Regel verstoßen, gegen eine der ungeschriebenen, die oft genauer befolgt werden als jene, die in Vorschriften und Ordnungen festgelegt sind. Hirschberg hat andere eher als den Kommandeur über die Lage informiert. Aber es kann sein, daß Bredow ihn dazu aufgefordert hat.
113
Werner blickt Schanz an und fragt ihn nach seiner Meinung. «Ich war noch nicht am Fluß», erklärt der Oberst, «und kann und will also nicht bestreiten, was uns Genosse Hirschberg eben mitgeteilt hat. Er war ja die ganze Nacht dort. Nur, denke ich, am Tage sieht manches ganz anders aus. Wenn der Fluß in vierundzwanzig Stunden um sechzig Zentimeter zugenommen hat, kann er bis übermorgen genausoviel und mehr wieder abnehmen…» «Oder noch mehr steigen!» wirft der Kommandeur der Pioniere ein. «Das ist festzustellen», meint Schanz ruhig. «Außerdem, Kommandeur, Sie müssen uns doch sagen können, wie gut Ihre Truppen ausgebildet sind. Ob sie mit der Situation fertig werden oder nicht. Sonst können wir im Grunde genommen die ganze Übung abbrechen und heimfahren. Ich denke wie Oberst Bredow.» Werner blickt auf die Uhr, dann ordnet er an, daß er mit den Offizieren, die jetzt bei ihm sind, um fünfzehn Uhr vom Gefechtsstand zum Fluß aufbrechen wird. Nicht, um dort an Ort und Stelle erst die Entscheidung zu treffen, sondern um festzulegen, wo und wie der Fluß überwunden werden muß. «Beim Forcieren bleibt es, Genossen», sagt Werner. «Gehen Sie jetzt!» Die Offiziere entfernen sich. Schanz und Werner klettern aus dem Graben. Am Rand des Übungsplatzes entlang gehen sie dem Weg entgegen. Schanz bemerkt dabei: «Nun hast du schon eine Antwort.» Werner blickt ihn fragend an. «Du wolltest doch immer wissen, wie sich die Offiziere in einem wirklichen Gefecht verhalten. Bei einigen weißt du’s jetzt. Wenn das Wasser steigt, bleiben sie und warten ab, weil es Brücken im Krieg kaum noch geben wird.» Werner schweigt und blickt den Offizieren nach, die den Weg schon erreicht haben. Nur unmittelbar am Graben wächst frisches Gras. Zwei Fuß daneben beginnt die braungraue, zerschundene und ewig trockene Landschaft, die merkwürdig leblos wirkt. Da liegt etwas im Sterben und gibt sein letztes bißchen Kraft her: Das Wasser auf der Sohle des Grabens für die Felder, die auf der anderen Seite beginnen.
114
Fichtner sitzt, den Rücken gegen einen Stamm gelehnt, abseits von den anderen am Rand des Mischwaldes, den sie vor etwa einer Stunde erreicht haben. Ihm kommt es vor, als seien sie, seit sie gestern nachmittag den ersten Konzentrierungsraum verlassen haben, immerzu im Kreis gefahren. Kiefernschonung folgte auf Kiefernschonung, Hochwälder, in denen selten ein Laubbaum stand, lösten einander ab. Die Wege, auf denen sie fuhren, glichen einander aufs Haar genau wie die Dörfer, die sie passierten. Stumme, rotwandige Häuser, selten brannte in einem von ihnen Licht. Sie wirkten wie die leblosen Häuserfassaden auf Übungsplätzen. Keins hatte die Freundlichkeit der thüringischen Dörfer, in denen Fichtner zu Hause ist. Er hat auf der Fahrt nicht einen einzigen Menschen gesehen. Nur hin und wieder hörte er Hundegebell. Schließlich hat Fichtner versucht, die stoische Ruhe der anderen nachzuahmen, alles zu tun, was von ihnen verlangt wurde. Absitzen und kilometerweit hinter dem SPW über eine sandige Fläche laufen. Schutzmaske und Schutzbekleidung anlegen, einen Wald durchkämmen, Schützenmulden ausheben und im Morgengrauen darin herumliegen und auf irgend etwas warten. Weiterfahren, von neuem laufen und danach gegen zehn Uhr am Vormittag die erste und zweite Schulübung mit der MPi schießen. Die Kompanie hatte erstaunlich gute Ergebnisse, doch Fichtner verstand nicht, daß jene, die in tierischem Gleichmut neben ihm im SPW gehockt hatten, mit ihm marschiert waren und die Erde umgegraben hatten, sich über dieses Schießergebnis freuten wie über eine hart erarbeitete Leistung. An Sommerabenden, wenn sich die Herde im Pferch, von einem uralten Instinkt beherrscht, zusammendrängt und die Hunde mit hechelnden Zungen unter der Pferchbude liegen, sitzt Fichtner am Wagenrad und spürt im Rücken die harten, rissigen Speichen. In solchen Stunden denkt er nicht, er lauscht und nimmt den staubwarmen, milchigen Geruch der Tierleiber wahr, die Geräusche aus dem nahen Dorf und das Zirpen der Grillen. Das sind Augenblicke, in denen er nichts vermißt. Ihm fehlt fast nichts, wenn er bei der Herde ist, aber ohne sie fehlt ihm alles. Die anderen können sich noch soviel Mühe
115
geben, sie erreichen ihn nicht. Litosch mit seinem lauten Spott, Eisner, der ihm mit seiner wortlosen Hilfe noch am liebsten ist, und Ahnert mit seiner beunruhigenden Aufmerksamkeit, die ihm immer wie eine Drohung vorkommt. Die Begegnung mit Friederike, das Zusammensein mit ihr haben so viele Hoffnungen und Sehnsüchte, so tiefe sinnliche und körperliche Unruhe in ihm aufgerissen, daß er nicht weiß, ob er je wieder seine frühere Ruhe finden wird. Er möchte es wissen. Versuchen müßte er es. Fichtner schaut sich um. Sogar Leutnant Ahnert ist von seinem Beobachtungspunkt auf dem SPW herabgestiegen und liegt auf der Erde. Ein Posten ist nirgends zu sehen. Im Augenblick scheint Fichtner der einzige zu sein, der nicht schläft. Über den SPWs liegt das Schattengewirr der Äste wie ein riesiges Tarnnetz, das flimmernde Dämmerung schafft. Fichtner könnte sich ungesehen entfernen, in der Schonung hinter der Schneise verschwinden und schon zwanzig Minuten später jenen baumlosen Hügel erreichen, der sich im Süden aus dem Waldmassiv aufbuckelt und an dem sie vor dem Mittagessen vorbeigefahren sind. Nach wenigen Schritten schon schlagen die mannshohen Kiefern hinter Fichtner zusammen. Die Nadeln streifen die Uniform, und die zurückschnellenden Äste, die seinen Rücken treffen, empfindet er wie sanfte Stöße, die ihn vorwärtstreiben wollen. Seit seiner Einberufung hat Fichtner außer zum Ausgang, zu Märschen und zum Schießen die Kaserne nicht verlassen. Zum erstenmal blieb sie weit hinter ihm zurück, als die Übung begann. Und heute bietet sich ihm vielleicht die einmalige Gelegenheit, all dem wenigstens für Minuten ganz nahe zu sein, was er im November aufgeben mußte. Ulrich Fichtner beginnt zu laufen. Er hebt die Arme vors Gesicht, drängt sich durch die geschmeidigen Äste, als hinge die Möglichkeit zur ungestörten, einsamen Erinnerung von einem bestimmten Zeitpunkt ab. Er riecht die erdige Feuchtigkeit des weichen Bodens, die harzige Wärme der Stämme, die sich unter der Sonne zu öffnen scheinen. An den Händen spürt er den klebrigen Saft, der an den jungen Nadeln haftet. Ulrich Fichtner denkt nicht, er spürt, riecht, sieht und lauscht. Er fühlt, daß er dem Hügel näher kommt, auf dem er sich ganz oben hinlegen wird, die Arme zur Seite gestreckt, die Au-
116
gen geöffnet und seit Monaten zum erstenmal wieder ganz mit sich allein. Für Minuten wird ein märzheller Himmel über ihm sein und um ihn nur Wald, eine summende Weite in Grün und Braun. Alle SPWs und Panzer, die Geschütze und Fahrzeuge der gesamten Division werden a