Robert Anton Wilson
Der Schöpfer
Es war wie tausend Donner am Himmel … Zuerst war es kaum zu vernehmen, doch dann wur...
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Robert Anton Wilson
Der Schöpfer
Es war wie tausend Donner am Himmel … Zuerst war es kaum zu vernehmen, doch dann wurde das Grollen mit jeder Sekunde lauter. Es klang, als machten Geschichte und Schicksal und andere finstere, unmenschliche Mächte Jagd auf einen einsamen Menschen — mit einem ohrenbetäubenden Glockenläuten. Zuerst waren es nur wenige in der Ferne, dann gesellten sich Hunderte und Aberhunderte dazu — überall in Philadelphia waren die verdammten Glocken zu hören, in jeder Kirche der Stadt, ein Inferno, das einem den Verstand raubte. Und dann das Heulen oben im Reich des Wolfes, unzählige gequälte Hunde, die darüber klagten, was die Glocken ihren empfindlichen Hundeohren antaten — und trotzdem waren die Glocken lauter als die Hunde. »Sehen Sie?« sagte Sigismundo brummig. »Die Geschichte hat es auf uns abgesehen. Würden Sie so freundlich sein, ihnen zu sagen, daß der italienische Gentleman es vorzieht, in einem Bordell Piano zu spielen? Gott schütze uns alle vor der Geschichte.« Dann stand er auf, zog die Mütze und verließ den Raum. Ich habe eine Menge seltsamer Vögel kennengelernt, dachte James Moon, aber dieser hier schlägt alle. Der Mensch betrachtet die Geschichte als seinen Todfeind.
gescannt nach der Ausgabe Basel, Sphinx, 1992
Robert Anton Wilson
Der Schöpfer Nature’s God
Die Illuminaten Chroniken Band 3
Aus dem Amerikanischen von Pociao
Inhalt Erstes Buch Mord in der Dämmerung 9 Vormittägliche Vergewaltigung 13 Revolution und kluge Sprüche 31 Der Gesetzesverdreher 44 Das Licht singt von der Ewigkeit 53 Der Marquis de Sade und andere Freidenker 64
Zweites Buch Das Tagebuch der Wildnis von Sigismundo Celine 99 My Lady Greensleeves 123 Cherry Valley 140 Wildschweinjagd 163 Die Großloge der Hohen Ägyptischen Freimaurerei 185
Wenn es im Laufe der geschichtlichen Ereignisse für ein Volk notwendig wird, die politischen Bande zu lösen, die es mit einem anderen verknüpft haben, und unter den Mächten der Erde die gesonderte und gleichwertige Stellung einzunehmen, zu der die Gesetze der Natur und des Schöpfers es berechtigen … Thomas Jefferson Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten Die Frage an die menschliche Rasse ist, ob der Schöpfer die Welt nach seinen Gesetzen regieren soll, oder ob Priester und Könige aufgrund von fiktiven Wundern über sie herrschen sollen? John Adams Brief an Jefferson, 20. Juni 1815
ERSTES BUCH Diese Welt ist der Wille zur Macht — und Nichts außerdem! und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht — und Nichts außerdem! Nietzsche, Wille zur Macht
Mord in der Dämmerung Clontarf 1014 Brian marschierte durch Irland und hinterließ mondkraterähnliche Gebilde Es war einmal ein dänischer Norweger oder ein norwegischer Däne namens Brodar. Er war weder besonders klug noch begabt und wäre wohl nie in die Annalen der Geschichte eingegangen, hätte er nicht am 23. April 1014 auf einer Viehweide bei Clontarf, an der Nordküste der Dublin Bay, bei Sonnenuntergang einen alten Mann erschlagen. Brodar war ungeachtet der dänischen und norwegischen Elemente, die sich in ihm vermischten, ein echter Wikinger und spaltete dem alten Mann mit einer Axt das Haupt. Wikinger hatten offensichtlich eine Vorliebe dafür, mit Äxten herumzuspielen. Unter Historikern ist man sich einig, daß Wikinger, wenn sie sich nicht gerade die Läuse aus dem Bart kämmten oder sich betranken, ihre Freizeit am liebsten damit verbrachten, anderen den Schädel einzuschlagen. Zufälligerweise wissen wir, daß die Wikinger viel Zeit damit verbrachten, sich die Läuse aus dem Bart zu kämmen, da Archäologen die dänischen und norwegischen Artefakte, die in der Umgebung der Dublin Bay gemacht wurden, sorgfältig und wissenschaftlich katalogisiert haben. Die Anzahl der Läusekämme übertrifft die der Schwerter und anderer Kriegsgegenstände etwa um hundert zu eins. Um mit Sherlock Holmes zu sprechen: »Wenn man auf Tausende von Läusekämmen stößt, schließt man auf die Existenz vieler, vieler Läuse«. Und wenn die Iren riefen: »Da kommen die lausigen Wikinger«, meinten sie das wohl wortwörtlich. Ich weiß, in dem epi9
schen Abenteuerfilm Die Wikinger mit Kirk Douglas und Tony Curtis in den Hauptrollen wurden die Läuse einfach unterschlagen, doch Hollywood neigt bekanntlich dazu, alles durch eine rosarote Brille zu sehen. Zwar würde man den Namen des Historikers Snorri Sturlusen eher mit dem eines Trolls in einer nordischen Saga in Verbindung bringen, doch scheint er tatsächlich gelebt zu haben, und obendrein hat er uns erstklassige Überlieferungen über die Invasionen oder Überfälle der Wikinger in Irland hinterlassen. Doch alles, was der Mann mit dem wohlklingenden Namen Snorri über Brodar zu berichten weiß — außer der Beschreibung seiner denkwürdigen Heldentat auf dem Feld bei Clontarf im April 1014, bedeutsamerweise an einem Karfreitag —, ist, daß er dunkles Haar hatte. Die irischen Überlieferungen stimmen damit überein und bezeichnen Brodar als dhuv-gall, was auf Irisch soviel heißt wie »dunkelhaariger Fremder«. Die Iren wußten nie, ob die Eindringlinge Norweger oder Dänen waren und nannten sie einfach dhuv-galls oder finn-galls (dunkelhaarige Fremde oder blonde Fremde) und nahmen im allgemeinen die Beine in die Hand, sobald sie sie am Horizont auftauchen sahen. Der alte Mann, dem Brodar den Schädel einschlug — er war damals bereits vierundsechzig, doch immer noch blond und strotzte aufgrund seiner ungewöhnlichen Gene vor Kraft und Bosheit — hörte auf den Namen Brian Caeneddi von Borumu, wurde jedoch bekannt unter seinem englischen Namen Brian Boru. Er gehörte nicht zu denen, die Fersengeld gaben, wenn die Wikinger auftauchten. In der Tat tötete ihn Brodar aus Rache, weil Brian (Caeneddi) Boru die Wikinger gerade wieder einmal mächtig verdroschen hatte, eine üble Gewohnheit, die er sich im Verlauf der Jahrzehnte angeeignet hatte. Tatsächlich machte Brian Caeneddi (Boru) schon seit sechsundvierzig Jahren Jagd auf Dänen und Norweger in Irland und tötete sie, wo er nur konnte. Es ging 968 los, als er im zarten Alter von achtzehn eine kleine Gruppe von Rebellen gegen die Festung der Wikinger bei Limerick anführte, sämtliche Dänen und Norweger weit und breit umnietete und die ganze Stadt in Schutt und Asche legte. Aber das war erst der Anfang. Während der nächsten sechsundvierzig Jahre marschierte Brian durch ganz Irland und hinterließ mondkraterähnliche Gebilde — große, rauchende Erdlöcher voller verkohlter Knochen und Asche — überall da, wo zuvor die Festungen oder Dörfer der Wikinger gestanden hatten. Hätte Brodar ihm 10
nicht mit vierundsechzig den Schädel eingehauen, hätte Brian (Boru) Caeneddi wahrscheinlich noch zehn oder zwanzig Jahre länger Dänen und Norweger umgelegt. Obwohl vieles in dieser historischen Epoche Irlands von Legenden und Sagen verschleiert ist, steht fest, daß Brian Boru ein ausgeprägtes ethnisches Vorurteil gegenüber Dänen und Norwegern und allen hatte, die einen Wikingerhelm trugen. Manche sagen, einer der skandinavischen Eroberer habe Brians Mutter vergewaltigt, andere behaupten, er sei nur ein früher Anhänger der Sinn Fein gewesen und dafür eingetreten, daß Irland den Irländern gehöre. Doch Brian Borumu hatte auch politische Ambitionen. Er begann als lokaler König oder Anführer im Shannon River Valley und kämpfte sich bis zum Hochkönig von Irland empor, indem er die anderen lokalen Könige (und davon gab es bei Gott eine ganze Menge in Irland) bestach, diejenigen unter die Erde brachte, die sich nicht bestechen ließen und den früheren König, Malachi Uj Naill oder O’Neill, zum Abdanken überredete. Es gibt eine Menge unterschiedlicher Geschichten darüber, wie Brian Caeneddi König Malachi O’Neill dazu brachte, auf den Thron zu verzichten, und alle klingen unglaublich. Die wahrscheinlichste Version behauptet, daß Brian ein echter Überredungskünstler war, der dem König sogar eine so radikale Idee wie eine Abdankung derart schmackhaft machen konnte, daß sie ihm runterging wie Butter. Außerdem machte er nach dem Blutbad von Limerick keinen Schritt ohne seine 500.000 loyalen Anhänger. Nachdem er sich selbst zum Hochkönig von Irland ernannt hatte, konsolidierte Brian Caeneddi von Borumu sein genetisches Potential, indem er seine Söhne und Töchter mit königlichen oder adligen Familien auf den britischen Inseln und sogar in Frankreich verheiratete. Sie sind seiner Enkelin in der englischen Literatur begegnet, es war Lady Macbeth. Die späteren O’Neill Könige trugen die Caeneddi-Gene in sich und auch die Stuarts von Schottland und England, die Habsburger, die Lothringer, schließlich über das Haus Hannover die Mountbattens und nicht zu vergessen Tip O’Neill, der Minderheiten-Einpeitscher im Repräsentantenhaus. Der Name Caeneddi schrieb sich mittlerweile nach englischem Vorbild Kennedy, und Brian Borus streitsüchtige und charismatische Saat hatte sich bis zur Präsidentschaft der Vereinigten Staaten ausgebreitet. Eine Axt auf den Kopf kann selbst einem Mann vom Kaliber Brian 11
Borus den Garaus machen, nicht aber dem genetischen Vektor in der Zeit, dessen Ausdruck er ist.
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Vormittägliche Vergewaltigung Lousewartshire 1776 Die Union Jack wehte stolz über dem Wettstreit zwischen verfassungsmäßigem Gesetz und reiner Vernunft Die italienische Engländerin oder englische Italiana, die im Jahre 1950 das Britische Imperium auf den Kopf stellen sollte, trug keine von Brian Borus kampflustigen Genen in sich, dafür aber, ohne es zu wissen, die von Brodar. Brodars Clan hatte zu jenen Normanen (norwegischen Franzosen) gehört, die im elften Jahrhundert Sizilien eroberten und während der nächsten paar Jahrhunderte immer wieder Teile von Süditalien bis hinauf nach Neapel besetzten. Die Dame verwandelte sich am 4. Juli 1776 in eine Revolutionärin, doch dieser wunderbare Zufall überraschte sie keineswegs, als sie sich später darüber klar wurde, denn sie hatte ihr ganzes Leben in einem Netz von Synchronizitäten verbracht. Im Jahre 1776 hatte Lady Maria Babcock natürlich keine Ahnung, daß sie dabei war, eine Revolutionärin zu werden. Schon der Begriff »Revolutionär« war ihr, wie fast allen ihren Zeitgenossen, praktisch unbekannt. Der stärkste Kraftausdruck, den sie in dieser Hinsicht kannte, war »Rebell«. Der stand eine Stufe über der norwegischen Ratte, und Rebellen zettelten keine Revolutionen an, die grundsätzliche Veränderungen zur Folge haben, sondern lediglich Revolten, die blutige, doch zeitlich begrenzte Ärgernisse darstellen. Alle Welt wußte, daß Rebellen verrückt waren und die Justiz sie überall im Reich, in dem die Sonne nicht unterging, rasch und wirksam ergriff und aufknüpfte, was gewöhnlich das 13
Ende ihrer lästigen Aufstände bedeutete. Maria wußte also nicht, daß sie auf dem besten Weg war, eine Revolutionärin zu werden, und in ihren sechsundzwanzig Jahren gab es auch nichts, was sie auf diese Rolle hätte vorbereiten können. Immerhin war sie in Neapel die Contessa Maldonado und hier in England die Frau eines Mitglieds des Oberhauses. Ihr Vater, der alte Graf Maldonado, war so liberal, wie man in Neapel nur sein konnte, wo das Heilige Offizium der Inquisition in jedem Haushalt zwei Spitzel beschäftigte und an jeder Straßenecke einen weiteren postiert hatte. Ihr Mann, Sir John Babcock war ein Whig und hatte daher etwas von einem philosophischen Radikalen an sich — er war der Meinung, der Gott der Natur sei eher Newtons naiver Uhrmacher als der strafende Richter der Bibel. Beide Männer aber bewegten sich innerhalb der Normen ihrer Zeit und ihrer Gesellschaft. Maria glaubte, auch sie stehe innerhalb dieser Norm und ahnte nicht, daß sie eine Laufbahn einschlagen würde, die Moral und Geist der christlichen Welt erschüttern, das Rückgrat des Reiches untergraben und den Lauf der letzten zweitausend Jahre Geschichte umkehren sollte. Und selbst wenn sie es gewußt hätte — nichts hätte sie davon abhalten können. Maria Babcock war eine unbeirrbare Frau. Marias Revolution begann wie in den meisten bekannten Romanen jener Zeit mit einem dunkelhaarigen, gutaussehenden, doch unergründlichen Edelmann, einer frommen, dummen und selbstbewußten Dienstmagd und, wie auch anders, einer beiläufigen Vergewaltigung vor dem Mittagessen. Wenn Richardson etwas ehrlicher und weniger sentimental gewesen wäre, hätte der Vorfall den Höhepunkt von Pamela bilden können. Der dunkelhaarige, finstere und (in diesem Fall) trunksüchtige Adlige war Sir Vaseline Foppe-Wellington, das süße und unschuldige Opfer eine Dienstmagd names Justine Case. Der Prozeß fand im Gerichtssaal von Lousewartshire statt, und Maria, Lady Babcock, war nur zufällig zugegen. Sie war an jenem Morgen nach London gefahren, um ein Geschenk für ihre Tochter, die fünfjährige Ursula, zu kaufen. Sie hatte in Lousewartshire Rast gemacht, um ein paar Minuten auszuruhen, denn die heiße Julisonne drohte, das Innere ihrer Kutsche in einen Schmelzofen zu verwandeln. Lousewartshire war ein idealer Ort, um zwanzig Meilen vor Babcock Manor eine kleine Verschnaufpause einzulegen. Maria hatte in der Kutsche ein extrem verschachtelt geschriebenes Werk mit dem Titel Glück und Unglück der 14
berühmten Moll Flanders gelesen und war zu dem Ergebnis gelangt, daß die düstere, leidenschaftliche, tragikomische und pikareske Erzählung höchst fesselnd war und mit Sicherheit die unheimliche und unterdrückte Seite des englischen Lebens auf eindrucksvolle Weise überzeugend darzustellen vermochte, obwohl sie wünschte, Mr. Defoe wäre nicht so verliebt gewesen in die bis zum Exzeß getriebenen schmückenden Adjektive und lange, überladene und einigermaßen unzusammenhängende Passagen, die sich, sogar an zeitgenössischen Maßstäben gemessen, durch allzu viele Verschnörkelungen und Arabesken winden mußten, ohne je ein Ende zu finden, durch endlos verwickelte Haupt- und Nebensätze, plötzlich von einem Thema zum anderen sprangen und dann in absoluten non sequiturs endeten, obwohl der Autor die unvergleichliche Anstrengung unternahm, die Welt aus der Sicht einer Frau zu verstehen, was natürlich sehr zu begrüßen war; obendrein war das Werk weniger monochromatisch monoton (das mußte sie eingestehen) als jenes andere Buch, das er geschrieben hatte, in dem buchstäblich niemand auftrat als ein erfindungsreicher Handwerker auf einer einsamen Insel, der in völliger Isolation lebte, bis er auf jenen sprachlosen, aber unverkennbaren Fußabdruck stieß; aber all das hätte sich viel schlichter ausdrücken lassen, wenn die Sätze nicht völlig außer Kontrolle geraten wären und sich so häufig in maßloser Übersteigerung dieses traurigen Stils über das ganze Blatt ausgebreitet hätten, so daß sie sich am Ende fragte, ob die stundenlange Lektüre der labyrinthartig arabesken Prosa in der heißen Kutsche sich auf ihren eigenen Verstand auszuwirken begann und sie nun selbst anfangen würde, so zu denken, statt den kühlen Schatten der Eichen zu genießen und sich in der angenehmen Frische eines englischen Sommernachmittags dem Nichtstun hinzugeben. Leider gab es in Lousewartshire nicht viel zu tun. Die kleine Stadt war nicht nur schattig und vergleichsweise kühl, sondern auch kaum lebendiger als das, was man in Oxford in Alkohol konservierte. Maria ging in den Gerichtssaal wie schon einige Male zuvor, denn die Dramen, die sich hier abspielten, waren ebenso erschütternd und unglaublich wie jede x-beliebige Elisabethanische oder Jakobinische Rachetragödie, die in London auf der Bühne aufgeführt wurde. Ihr Mann, Sir John Babcock behauptete gar, er habe in den Gerichtssälen der kleinen Städte mehr über die wahre Natur und die Psychologie der Menschen erfahren als aus den Klassi15
kern. Sir John sprach gern; deshalb war er auch im Parlament. »Die Klassiker«, sagte Sir John, »sind einzigartig und großartig. Daran besteht kein Zweifel. Hm. Da sie aber über alles erhaben sind, sind sie größer und majestätischer als das wirkliche Leben. Die Figuren der Klassiker begehen einen Mord aus Gründen, die einleuchten. Doch muß man nur einmal in den Gerichtssaal einer kleinen Stadt gehen, um herauszufinden, daß die meisten Morde begangen werden, weil zwei Nachbarn sich wegen eines Hundes streiten, der die ganze Nacht bellt, oder wegen eines angeblich gestohlenen Stücks Ziegenkäse.« So betrat Maria den Gerichtssaal und versuchte, das unvermeidliche Raunen zu überhören, das durch den Raum flog, als die Leute in ihr die Lady von Babcock Manor, eines Mitgliedes der mächtigen Greystokes, erkannten. Sie nahm die modische blaue Haube ab — ihr pechschwarzes neapolitanisches Haar, das so südländisch und so wenig englisch war, sorgte für neues ehrfürchtiges Gemurmel — und wandte sich dem Schauspiel auf der Bühne zu. An diesem Tag hielt der Göttliche Dramaturg eine Szene für Maria bereit — den Gerichtssaal —, die den Anschein erweckte, vor langer Zeit neu und vielleicht sogar einigermaßen sauber gewesen zu sein, damals nämlich, als Bonnie Prince Charlie seinen ersten Schluck Drambuie trank und sich für das erste Hochlandmädchen in seinem Leben in seinen Schottenkilt der königlichen Stuarts zwängte. Der Union Jack mit seinem strahlenden Rot für Tapferkeit, Weiß für Reinheit und Blau für Ehre, wehte stolz über den Wettstreit zwischen verfassungsmäßigem Gesetz und reiner Vernunft, der heute aufgeführt werden sollte. Hinter der Richterbank hing die fleckige düstere Rembrandt-Imitation eines Porträts von George III, die vermuten ließ, daß der Maler an Astigmatismus litt. Zur Besetzung gehörten ein Richter, der derart fettleibig, speckig und brutal war, daß man meinen konnte, er sei geradewegs aus Hogarths Studio, wo er ihm Modell für einen Kupferstich gestanden hatte, in den Gerichtssaal gekommen; zwei Barrister, die so taten, als hätten sie die Wahrheit mit Löffeln gefressen; eine Klägerin, so klein und schüchtern, und zugleich so hübsch auf ihre kränkliche und ausgezehrte Art, daß einem unwillkürlich all die gewöhnlichen Dienstmägde in den Sinn kamen, die im Verlauf der englischen Geschichte vergewaltigt worden waren, und Sir Vaseline Foppe-Wellington, der Angeklagte, der wie üblich betrunken war und das Drama, das man ihm aufzwang, so 16
gleichgültig verfolgte, als würde er seinen Ausgang bereits kennen. Er trug grüne Seide, wie es damals Mode war, mit italienischen (nicht allzu sauberen) Spitzen an den Hemdsärmeln und schnupfte seinen Schnupftabak so träge, als bereitete selbst das ihm große Anstrengung und er zöge es vor, gemütlich zu Hause im Bett zu liegen. Die Klägerin machte gerade ihre Aussage, als Maria im hinteren Teil des Saales Platz nahm. Die magere kleine Justine war nervös wie ein alterssichtiger Truthahn in einem Hundezwinger, doch ihre schwachen, farblosen Lippen ließen auch Anzeichen von Mut und Entschlossenheit erkennen. Ihr Kleid war peinlich sauber, aber so abgetragen, daß Maria sich fragte, wie ihre übrigen Kleidungsstücke aussehen mochten, die für den heutigen Tag verworfen worden waren. Der Barrister, der sie befragte — ein für diesen Beruf noch verhältnismäßig junger Mann, der jedoch so überzeugend ehrlich wirkte wie ein professioneller Falschspieler — sprach freundlich auf sie ein und ließ ihr genügend Zeit, um zwischen den Fragen nachzudenken. Offensichtlich war er der Anwalt der Krone. »Er hat seine Hände zwischen deine Beine gelegt?« sagte der Barrister, um die letzte Aussage des Mädchens noch einmal hervorzuheben. Er wirkte aufrichtig schockiert, als hätte er bei der Vorbereitung des Falles nicht alle Akten eingesehen. »Ja, hoher Herr«, antwortete Justine. Sie lief rot an, offensichtlich verlegen, doch nicht eingeschüchtert. »Er hat deine, hm, intimen Stellen berührt?« »Ja, hoher Herr. Er versuchte mit dem Finger in mich einzudringen. Es hat furchtbar weh getan, wie er mir seinen Finger reinsteckte.« Der Barrister sah zu Boden, als müsse er seine Wut in Zaum halten, wie ein Politiker, der ein bewiesenes Verbrechen der Oppositionspartei anprangert. »Und das geschah zwei Wochen, nachdem du in seinem Haus angestellt worden warst?« »Ja, hoher Herr.« »Du hast dem Gericht gesagt, daß du dich gegen seinen brutalen Überfall gewehrt hast. Was genau hast du getan?« »Ich hab versucht, mich loszureißen. Ich hab ihm gesagt, daß ich schreien und seine Frau es hören würde. Ich hab ihn gekratzt. Hab ihm das ganze Ge17
sicht zerkratzt. Am Ende mußte ich ihn in die Hoden treten«, sagte Justine mit fast kindlicher Schlichtheit, »Und was hat er getan?« »Er hat mir einen Stoß gegen die Brust versetzt. Dann hat er mich dumme Kuh genannt und das Zimmer verlassen. Sein Gesicht war ganz rot, er hielt die Hand zwischen den Beinen und zitterte. Ich war sicher, daß er mich entläßt und meine Ma mich ausschimpfen würde.« »Und hat er dich entlassen, mein Kind?« »Eben nicht, hoher Herr. Er tat so, als sei nichts geschehen und ließ mich in Ruhe, bis …« »Bis zum 16. Juni dieses Jahres, nicht wahr?« »Ja, hoher Herr.« »Erzähl dem Gericht, was an diesem Tag geschah.« »Er war betrunkener als sonst.« Der andere Barrister erhob sich von seinem Sitz, dramatisch wie ein blauer Wal, der plötzlich an der Meeresoberfläche auftaucht. Er war älter, stämmiger und hatte die rötliche Gesichtsfarbe eines Mannes, der entweder das Leben draußen auf dem Land genoß oder gerne einen über den Durst trank. »Einspruch, Euer Ehren.« »Einspruch stattgegeben. Eine Magd ist kein medizinischer Sachverständiger, der über das Ausmaß eines Rausches befinden könnte.« Der Anwalt der Krone machte eine verzweifelte Geste und seufzte dann resigniert. Maria bewunderte sein Talent. Wie seine Kollegen wußte er, daß der Richter recht hatte, verstand es jedoch ohne Worte, die Verblüffung der Geschworenen widerzuspiegeln, denen der Einwand wie sinnlose Haarspalterei vorkommen mußte. Nach der mit Recht und Gesetz nicht bewanderten Meinung der Geschworenen, einfachen ehrlichen Kaufleuten (oder einfachen unehrlichen Kaufleuten), bedurfte es keines Gutachtens, um festzustellen, ob ein Mann betrunkener als sonst war oder nicht. »Dein Herr«, sagte der Barrister der Krone vorsichtig, »schien dir betrunken zu sein. War es das, was du sagen wolltest?« »Ja, hoher Herr. Schlimmer noch als an anderen Tagen.« »Einspruch!« 18
»Die Zeugin wird sich ihrer Meinung enthalten«, sagte der Richter gereizt. Maria schoß durch den Kopf, daß er genau der Typ war, den Shakespeare vor Augen gehabt haben mußte, als er Sir Toby Belch erfand. Noch ein paar Jahre Hammelbraten und Bier, und er wäre in der Lage, den Falstaff zu spielen, wenn es ihm gelang, zu lächeln, ohne gleichzeitig lüstern zu schielen. »Dein Herr hatte getrunken«, sagte der Barrister der Krone schnell. »Wollte er wieder an dir herumfummeln?« »Nein, Sir. Ich meine …« »Ich verstehe. Du willst sagen, daß er dich einfach gepackt hat, ist das richtig?« »Einspruch. Beeinflussung der Zeugin.« »Einspruch stattgegeben. Nehmen Sie sich zusammen, Mr. Drake.« »Ich bitte um Verzeihung, Euer Ehren. Das blanke Entsetzen über diesen widerlichen Fall hat meine Aufmerksamkeit abgelenkt.« »Einspruch, Euer Ehren! Das ist eine deutliche Vorverurteilung.« »Hier ist ein Verbrechen geschehen, und mein gelehrter Kollege, der weniger menschliches Gewissen besitzt als ein Skorpion, besteht darauf, kleinliche Forderungen und Belanglosigkeiten durchzupeitschen, als ginge es hier um den Rechtsanspruch auf ein Grundstück …« »Einspruch, Euer Ehren! Mr. Drake schwingt große Reden und wiegelt die Jury auf, da er genau weiß, daß die Klägerin gegen meinen Mandanten nichts in der Hand hat.« »Sie werden beide augenblicklich aufhören mit dem Unsinn«, sagte der Richter streng. »Mit solchen Tricks kommen Sie vielleicht bei anderen Richtern durch, aber bei mir beißen sie auf Granit. Fahren Sie fort, aber um Gottes Willen in einem vernünftigen Ton, oder Sie werden beide noch Gelegenheit haben, Gott zu bitten, daß Sie nicht wegen Mißachtung des Gerichts Ärger bekommen.« Er wirkte so rechtschaffen aufgebracht wie ein Priester, der in einen leeren Klingelbeutel schaut. Maria warf einen Blick auf die Geschworenen. Sie versuchten so unscheinbar zu wirken wie zwölf Eier in einem Karton, aber sie konnte sehen, daß sie diesen rituellen Hahnenkampf genossen, auch wenn sie ihn nicht verstanden. Doch dann fiel Maria zum ersten Mal in ihrem Leben auf, daß alle Geschworenen Männer waren. Nun ja, englische Jurys bestanden wie 19
alle anderen Jurys aus Männern, genau wie das Parlament und die Bankhäuser und die ehrwürdige Geistlichkeit. Maria hatte nie zuvor darüber nachgedacht. Sie dachte viel über Gott nach (der ihrer Meinung nach weder Newtons Uhrmacher noch der strafende Richter aus der Bibel war, sondern ein leidenschaftlicher Pilger) und über ihre eigenen wundersamen Heilkräfte, und sie dachte jeden Tag an das Wohl ihrer Kinder und an die Musik von Mozart und Vivaldi, doch über die Zusammensetzung der Gesellschaft, in der sie lebte, hatte sie sich ebenso wenig Gedanken gemacht wie über die Frage, warum Mäuse nicht so groß wie Maultiere waren. Jetzt erkannte sie, daß einige der zwölf Eier in dem Karton nicht völlig ausdruckslos waren. In den Augen einiger Geschworener entdeckte sie ein lüsternes Flackern, als sie die Klägerin musterten. Mittlerweile kämpfte sich Drake, der Barrister der Krone, durch den Dschungel der technischen Einzelheiten wie ein entschlossener Forscher, der einen Weg durch dichtes Gestrüpp schlägt. »Erzähl uns mit deinen Worten, was an diesem Tag geschah«, sagte er ruhig. »Ich habe die Betten bezogen, hoher Herr. Es war im Schlafgemach der Herrschaft. Er stand plötzlich hinter mir und …« »Nun paß genau auf. Mit ›er‹ meinst du den Angeklagten, deinen Herrn, Sir Vaseline Foppe-Wellington.« »Jawohl, hoher Herr.« »Er stand plötzlich hinter dir und …?« »Er packte mich von hinten.« »Wo waren seine Hände?« »Auf meinen Brüsten.« »Auf deinen Brüsten. Aha. Und was hast du getan?« »Ich hab mich gewehrt und ihm gesagt, daß ich ihn wieder kratzen würde, und diesmal würd’ ich es auch seiner Frau erzählen, hoher Herr.« »Und seine Reaktion?« fragte Drake leise. »Er warf mich mit Gewalt auf das Bett und, und, und zog mir von hinten den Rock hoch. Hoher Herr.« »Von hinten … Du befandest dich also in Bauch-, nicht in Rückenlage?« 20
»Bitte um Verzeihung, hoher Herr?« Justine schien ihn nicht ganz verstanden zu haben und war irritiert. »Du hast gesagt, daß er dich von hinten auf das Bett warf. Also muß du mit dem Gesicht auf den Kissen gelegen haben. Ist das richtig?« »Jawohl, hoher Herr.« Das Mädchen wirkte jetzt eher verängstigt als entschlossen. Maria war klar, daß das unschuldige junge Ding — es war noch ein halbes Kind — emotional gar nicht begriffen hatte, daß es vor Gericht alles bis ins kleinste Detail würde aussagen müssen. »Du hast auf dem Bauch gelegen, und er hat dir von hinten den Rock hochgezogen, hast du uns gesagt. Und was geschah dann?« »Er hat mir das Höschen abgestreift und hat sein, sein, sein Ding in mich reingesteckt.« Drake senkte die Stimme noch weiter und sagte wie ein Hurenbock bei einer Taufe: »Wo hat er dir sein, ahem, Geschlechtsteil reingesteckt?« »In den bösen Teil. Hinten. Die schlimmste Sünde von allen, hat meine Ma immer gesagt.« Einer der Geschworenen nieste laut. Es war beinahe so etwas wie eine nervöse Reaktion, und Maria fiel auf, wie still es während der letzten Minuten im Raum geworden war. Sie betrachtete Sir Vaseline Foppe-Wellington neugierig, so wie man etwas Grünschwarzes mit sechs Beinen betrachten mag, das hinter der Badewanne herumkrabbelt. Der Angeklagte füllte unter der Anklagebank, wo der Richter ihn nicht sehen konnte, sein Wasserglas mit Whiskey. Er wirkte leicht gelangweilt, als hätte ein hartnäckiger Händler ihm soeben zum dritten Mal eine offene Rechnung präsentiert. »Er hat Sodomie mit dir getrieben«, sagte Drake mit schmerzverzerrter Stimme. »Ist er gekommen?« »Nein, hoher Herr. Er konnte nicht. Er war betrunkener als sonst, wie ich bereits zu erklären versuchte.« »Es kam also nicht zum Samenerguß«, sagte Drake noch leiser. »Hat er dann von dir abgelassen?« »Nein, hoher Herr. Er sagte so etwas wie, ›Tja, meine Süße, dann werden wir uns eben mehr Mühe geben müssen‹. Und stieß sein Ding noch tiefer rein.« 21
»Hattest du große Schmerzen?« »Zu dem Zeitpunkt noch nicht, hoher Herr. Er hat keinen richtigen Steifen gekriegt. Er stieß und stieß und keuchte ›jetzt‹ oder ›gleich‹, aber es wurde einfach nicht richtig hart. Es fing an, hart zu werden, aber dann schlaffte es wieder ab wie ein Gartenschlauch.« Von der Geschworenenbank kam ein gedämpftes Geräusch. Jemand hatte beinahe gelacht, es jedoch in letzter Sekunde unterdrücken können. Es hörte sich an, als ob ein Schwein gurgeln würde. Der Richter runzelte die Stirn, sagte jedoch nichts. »Er ›stieß‹ also sein ›Ding‹ in dich rein. Wie lange hat das gedauert?« »Das weiß ich nicht, ziemlich lange, glaube ich.« »Ist er schließlich gekommen? Auf diese unnatürliche und unzüchtige Art, die in der Heiligen Schrift ausdrücklich verboten wird?« »Nach einer Weile wurde er plötzlich wütend. Er sagte, er sagte, er sagte, hoher Herr« — Justine war mittlerweile den Tränen nahe — »ich soll mich umdrehen, sonst würd’ er mich erwürgen.« »Kannst du dich an seine genauen Worte erinnern?« »Einspruch, Euer Ehren«, unterbrach der Verteidiger. »Wenn wir unterstellen, daß die ganze Geschichte nicht erstunken und erlogen ist, und davon geht die Verteidigung aus, wäre die junge Frau kaum imstande, sich an den genauen Wortlaut zu erinnern. Sie wäre viel zu schockiert gewesen, um sich präzise an einzelne Worte zu erinnern.« »Einspruch stattgegeben«, sagte der Richter, nachdem er einen Augenblick über diesen Einwand nachgedacht hatte. Maria fand, daß er aussah, als hätte man ihn aufgefordert, die Wurzel aus minus eins zu ziehen. »Was war also ganz allgemein der Inhalt der Bedrohung von seiten des Angeklagten?« »Er nannte mich eine blöde Ziege, und sagte, er würde mich abmurksen, wenn ich mich nicht umdrehe und mache, was er will.« »Und du hast dich umgedreht?« »Er war sehr betrunken und verdammt wütend. Ich hatte furchtbare Angst, hoher Herr. Da hab ich mich umgedreht.« »Und was hat er dann mit dir angestellt, mein Kind?« 22
»Er, er, er, ah, ah.« Das Mädchen zitterte jetzt am ganzen Leib. »Er hat nicht das getan, was ich erwartet hatte. Er zwang mich, sein Glied in, es in … in den Mund zu nehmen.« »War der Unhold dann endlich imstande, zu kommen?« »Einspruch, Euer Ehren. Er weiß genau, daß diese Art der Befragung unzulässig ist, Euer Ehren.« Diesmal hob der Verteidiger kaum die Stimme. »Mr. Drake, hat man Ihnen in Cambridge nicht die Regeln der direkten Befragung beigebracht?« »Ich bitte um Verzeihung, Euer Ehren.« Drake wandte sich wieder Justine zu, wie mit unendlicher Geduld. »War der Angeklagte dann endlich imstande, zu kommen?« »Nein, hoher Herr.« »Wie lange dauerte diese zweite Vergewaltigung? Ungefähr?« »Sehr lange. Länger als er sich vorher an meinem, meinem Hintern zu schaffen gemacht hatte, Euer Ehren.« »Ich bin nicht Euer Ehren«, sagte Drake schnell. »So darf man nur den Richter ansprechen. Du bist verständlicherweise durcheinander, und es ist eine schreckliche Geschichte. Kannst du weitermachen?« »Ja, hoher Herr.« »Er hat sich zweimal auf unnatürliche und schändliche Art an dir vergriffen und war beide Male nicht zu einem Samenerguß imstande. Meinst du, daß mittlerweile eine Stunde vergangen war?« »Ich glaub schon. Mir kam es wie eine Ewigkeit vor.« »Und was hat er als nächstes getan?« »Dann hat er sein Ding in meine Muschi gesteckt.« Das Mädchen war zu sehr von den Erinnerungen benebelt, als daß sie sich noch länger schämte. »Das hat am allermeisten weh getan. Das Häutchen riß und ich fing an zu schreien. Da hat er mich gewürgt.« »Er hat dich ziemlich heftig gewürgt. Hast du da zu schreien aufgehört?« »Ich glaube, schließlich habe ich das Bewußtsein verloren.« Irgend jemand machte eine Bewegung, und ein Stuhl scharrte. Das Geräusch schien so laut wie eine schottische Reiterkompanie mit schrill kreischenden Dudelsäcken. 23
»Als du wieder zu dir gekommen bist, was ist da geschehen?« »Er hatte mich wieder umgedreht und machte wieder an meinen Hintern herum.« »Hat er mit dir gesprochen?« »Er sagte, es sei meine Schuld, daß er nicht kommen könne. Er sagte, ich sei kalt und unmenschlich. Und dann hat er seine Reitpeitsche geholt.« »Er hat dich gepeitscht? Wo?« »Auf meinen Hintern.« »Hat er während dieser Schandtat irgend etwas gesagt?« »Er sagte, er würde mich schon auf Trab bringen, und er betete zu Gott, damit er mich zu einer wirklichen Frau macht. Das hat er gesagt. Immer wieder hat er den Namen unseres Herrn gerufen.« »Er rief den Namen unseres Herrn? Du meinst Jesus. Und das geschah, während er dich auspeitschte?« »Ja, hoher Herr.« »Er hat dich ausgepeitscht und Jesus, Jesus, Jesus gerufen, immer wieder? Jesus, Jesus, Jesus, Jesus, Jesus, und dir dabei den Hintern versohlt?« Sir Vaseline Foppe-Wellington nahm einen mit Whiskey verfeinerten Schluck Wasser und tupfte sich geziert die Lippen. »Ja, hoher Herr.« »Und was geschah dann?« »Schließlich ließ er die Peitsche fallen und machte sich über mich her. Wieder steckte er mir sein Ding in den Hintern, und diesmal war es hart genug, um mir höllisch weh zu tun. Dann keuchte und stöhnte er und schien zu kommen. Er war überall voller Blut und ich auch.« »Das kann ich mir gut vorstellen. Nachdem der Unmensch dich entjungfert und blutig gepeitscht hatte, mußtet ihr beide voller Blut sein. Hat er noch etwas gesagt?« »Ja Sir. Er sagte etwas, das ich nicht verstanden habe und bis heute nicht verstehe. Er sagte: ›Gib zu, daß es dir gefallen hat, du. kleines Luder.‹ Ich hatte geweint und geschrien und mich zu Tode geängstigt, und er wollte, daß ich sagte, es hätte mir gefallen.« 24
»Ihr wart beide voller Blut, und er wollte, daß du sagst, es hätte dir gefallen«, wiederholte Drake und wandte sich mit einer Grimasse ab, als könnte er seinen Abscheu kaum verhehlen. Vielleicht war er tatsächlich betroffen (so wie Maria), aber trotzdem spielte er die ganze Zeit eine Rolle. »War das das Ende deiner Pein?« »Es war das Ende von dem, was er mir antat. Dann schlief er ein, betrunken wie er war, und ich lief aus dem Zimmer. Ich lief aus dem Haus. Ich war noch immer zu Tode erschrocken. Ich konnte nicht mit den anderen Dienern sprechen. Ich konnte nicht nach Hause und mit meiner Ma reden. Ich lief immer weiter, bis ich vor dem Haus des Sheriffs stand. Seine Frau nahm mich in die Arme und ließ mich nicht mehr los, während ich ihr alles erzählte. Da erst habe ich zu weinen angefangen, richtig zu weinen, wie ein Wasserfall. Vorher hatte ich viel zu viel Angst, um auch nur zu schluchzen. Aber als sie mich in den Armen hielt, konnte ich endlich weinen.« Maria hörte ein lautes aaaaah und bemerkte, daß Sir Vaseline Foppe-Wellington soeben gegähnt hatte. Wieder nahm er einen Schluck von seinem Whiskeywasser. Drake erklärte, damit sei die direkte Befragung abgeschlossen. Der Verteidiger erhob sich. Einen Augenblick lang stand er neben Drake wie ein erfahrener alter Bär, der darüber nachdenkt, wie er den schlauen Fuchs, der ihm einen Streich gespielt hat, am schnellsten zur Strecke bringen kann. Dann nahm Drake Platz, und der Bär stürzte sich auf Justine Gase, ein junges Hausmädchen, das noch nie vor einem Gericht gestanden hatte. Die nächste Dreiviertelstunde verwandelte Maria dann in eine Revolutionärin, obwohl sie nie in der Lage war, sich an alle Einzelheiten des Geschehens zu erinnern. Soweit sie sich entsinnen konnte, war Drake alle zwei Minuten aufgesprungen und hatte einen Einspruch nach dem anderen eingelegt. Der Richter muß viele, wahrscheinlich die meisten abgelehnt haben, dachte Maria im nachhinein. Aber es spielte keine Rolle, denn die Fragen, die er als »nicht zur Sache gehörig« bezeichnete, und die daher unbeantwortet blieben, hinterließen ihren Eindruck trotzdem. Die Geschworenen wirkten peinlich berührt und heimlich erregt zugleich. Kein unterdrücktes Lachen war mehr zu hören, und über ihren Köpfen hing eine Aura sanktionierter Lüsternheit, als sei ihnen für einen Bericht über menschliche Laster im Auftrag der Kirche ein Blick durchs Schlüsselloch eines 25
Bordells gestattet worden. Und so wurde Justine noch einmal, diesmal psychisch vergewaltigt. Der Anwalt der Verteidigung — er hieß Hanford Coke Bacon, den Namen würde Maria nie vergessen — verlangte, die »moralische Integrität« der Klägerin zu durchleuchten, um einen Hinweis auf ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten. Der Richter billigte diesen Antrag. Man fragte Justine, ob sie jemals in ihrem Leben mit einem Jungen geschlafen hatte. Als sie dies verneinte, wurde sie ausgelacht — was, eine Magd, die behauptete sechzehn Jahre alt zu sein und noch nie mit einem Jungen in der Scheune verschwunden war, auch nicht ein einziges Mal? Wie konnte sie annehmen, daß vernünftige Männer wie die Geschworenen das glauben würden? Nun ja, hatte sie denn schon einmal einen Jungen geküßt? Und zugelassen, daß er sie anfaßte? War sie sich dessen ganz sicher? Auf Wunsch des Verteidigers und gegen den ausdrücklichen Protest des Anwalts der Krone, der darin eine Einschüchterung seiner Mandantin sah, las der Büttel dem Mädchen die Strafen vor, die auf Meineid standen. Also hatte sie doch schon einmal einen Jungen geküßt — und sich auch von ihm anfassen lassen? Wo? Wie lange? War er der einzige gewesen? Also zwei? War sie sicher, daß es nicht drei oder gar vier gewesen waren? Hatten die Jungen sie wirklich nur angefaßt und geküßt? Ob sie die Strafen, die auf Meineid standen, nochmals hören wollte, um ihr Gedächtnis aufzufrischen? So ging es weiter. War sie naß geworden, während einer der Jungen sie anfaßte? Wußte sie, daß Mädchen keinen Samenerguß hatten wie Jungen? Nun, hatte sie das Gefühl gehabt, ein heißer Schauer liefe durch ihren Körper? War sie außer Atem gewesen? Also einen heißen Schauer gespürt und atemlos gewesen, so so. Und sie hatte nicht gewußt, daß das ein Orgasmus war? Hatte denn ihre Mutter ihr nicht erzählt, daß das eine Todsünde war? Hatte ihre Mutter ihr überhaupt erzählt, was Sünde war? Und war sie ganz sicher, daß es nur zwei Jungen gewesen waren, die sich solche Freiheiten erlaubt hatten, nicht doch drei, vier oder gar mehr? Die unschuldige Jungfrau wirkte plötzlich gar nicht mehr so unschuldig. Und wenn sie naß geworden war — lag das nur am Anfassen? Hatte sie nicht ausgesagt, daß das Glied ihres Herrn anfangs nicht richtig »hart« gewesen war? Wann hatte sie denn schon mal ein richtig steifes Glied gesehen? Wieso wußte sie, daß ein Glied während des Geschlechtsverkehrs steif wurde, wenn sie doch angeblich 26
nie welchen gehabt hatte? Wonach richteten sich ihre Maßstäbe: Wie viele steife Penisse hatte sie in ihrem Leben gesehen oder angefaßt? Hatte sie etwa die Jungen nicht angefaßt, von denen sie sich hatte streicheln lassen? Hatte sie den Jungen nicht erlaubt, ihr Geschlecht gegen ihr Bein zu pressen? Auch nicht für eine kurze Zeit? Nicht zwischen die Beine? Ob sie dem Gericht nicht erklären könnte, woher sie wußte, wann ein Penis »richtig hart« und wann er nur relativ hart war? So ging es immer weiter — ohne Ende. Nach immer heftigeren Protesten wurden die Fragen rhetorischer. »Bei der Liebe, im Krieg und beim Kreuzverhör ist alles zulässig«, hatte ein Barrister Maria einmal erklärt. Hatte die Klägerin diese Geschichte nicht einfach nur erfunden? Hatte nicht irgendein Bauernjunge sie geschwängert? Hatte sie nicht ihren großzügigen Herrn, den liberalen Sir Vaseline auf heimtückische Weise erpressen wollen, um Geld für eine Abtreibung zusammenzubekommen? Und als er sich weigerte, ihr das Geld für ein solch schändliches Verbrechen zu geben, hatte sie dann nicht geschworen, sich an ihm zu rächen, indem sie ihn der Vergewaltigung bezichtigte und anzeigte? Verstand sie denn nicht, daß Sir Vaseline sich der Justiz anvertraut und eine Aussage über ihren Erpressungsversuch gemacht hatte? Und nun würden die Geschworenen entscheiden müssen, wer von beiden unter Eid gelogen hatte. Wollte sie, daß man ihr die Strafe, die auf Meineid stand, noch einmal vorlas? Und was die Jungen anging, die sie angefaßt hatten, jetzt wolle man auch die ganze Wahrheit hören. Unter Strafandrohung für eine Falschaussage wurde sie aufgefordert, zuzugeben, daß es doch mehr gewesen war als nur anfassen. Nach etwa vierzig Minuten bekam Justine einen hysterischen Anfall, während der Verteidiger sie anschrie und wissen wollte, ob sie sich überhaupt erinnern könne, wer von den unzähligen ihrer Liebhaber für das Kind verantwortlich sei, das sie umgebracht hatte? Denn hatte sie die Geschichte von der Vergewaltigung nicht erfunden, um eine plausible Erklärung für das Blut zu haben, das offensichtlich auf die Abtreibung zurückging? Schließlich faßte der Anwalt der Krone den Fall aus der Sicht der Klägerin zusammen. Das, was der Sheriff über Justines schrecklichen geistigen und körperlichen Zustand ausgesagt hatte, als sie zu seinem Haus gekommen war. Das Attest des Arztes, der die Schläge mit der Peitsche bestätigte. Die offensichtliche Ehrlichkeit des zu Tode geängstigten Mädchens, das auf schändliche Weise erst von dem Angeklagten und jetzt von 27
dessen herzlosem Anwalt mißhandelt worden war. Bacon, der Verteidiger, hielt das Plädoyer für den Angeklagten. Ob die Geschworenen, allesamt nüchterne Männer, diesem Bauerngesindel auch nur ein Wort glauben könnten? Waren die Bauerndirnen denn nicht alle notorische Lügnerinnen und Diebinnen? Wie war es denkbar, daß ein Mitglied des Oberhauses derartige Grausamkeiten begehen könne? Wären nicht Recht und Ordnung, die Monarchie, ja sogar England selbst in Gefahr, würde ein Adliger von hohem Rang aufgrund der Falschaussage eines dreckigen kleinen Hurenmädchens vom Lande, das es mit fast jedem in der Umgebung getrieben hatte, ins Verderben gestürzt? Schließlich erklärte der Richter den Geschworenen, daß sie absolut sicher sein mußten, daß der Angeklagte die ihm zur Last gelegten schrecklichen Verbrechen auch wirklich begangen habe, wenn sie ihn verurteilen wollten. Es klang so, als sei jede Art von Zweifel rechtlich von Belang, und es gelang ihm, indirekt, aber deutlich die Auffassung des Verteidigers zu stärken, daß die sentimentale Annahme, die Klägerin, eine einfache Magd, könne ehrlicher sein als ihr Arbeitgeber, der immerhin Mitglied des Oberhauses war, dazu führen könne, das gesamte System der Gesellschaft auszuhöhlen. Er sprach lange und ausgiebig über die berechtigten und ernstzunehmendenen Zweifel an der Keuschheit der Klägerin, die während des Kreuzverhörs zutage getreten waren. Fairerweise erwähnte er auch das ärztliche Attest, fügte jedoch hinzu, daß man natürlich nicht sicher sein könne, ob die Klägerin sich die Wunden nicht selbst beigefügt habe, um ihre ungeheuerliche Geschichte zu untermauern. Maria war totenblaß und zitterte am ganzen Leib. Es kam ihr vor, als öffnete sie die Tür zu ihrem Keller und fand, daß sich dort über Nacht die gesamte Besetzung von Titus Andronicus versammelt hatte. Die Geschworenen verschwanden für fünf Minuten. Als sie den Gerichtssaal wieder betraten, befanden sie Sir Vaseline Foppe-Wellington für unschuldig. Er gähnte und nahm eine Prise Schnupftabak. Tja, dachte Maria, die Reichen halten zusammen, das ist nicht anders zu erwarten. Doch dann dachte sie, und die Männer halten ebenfalls zusammen. Eine ärmliche alte Frau schleppte sich zur Bank der Klägerin und sah Justine wütend an. Dann schlug sie ihr heftig ins Gesicht. »Siehst du, verdammtes Miststück!« rief die Alte. »Hab ich dir nicht gesagt, daß uns gegen die niemand glauben würde? Hab ich dir nicht gesagt, wie das 28
Ganze enden würde? Und hast du nicht alles besser wissen wollen, obwohl ich doppelt so lang auf der Welt bin wie du? Das hast du nun davon. Jetzt hast du eine gute Anstellung verloren, und keiner wird dich jemals mehr beschäftigen.« Damals wußte Maria Babcock noch nicht, daß sie in den letzten Minuten des Prozesses den Weg zur Revolutionärin eingeschlagen hatte. Zuerst dachte sie daran, einfach einen freundlichen, aber bestimmten Brief an die Londoner Gazette zu schicken. Sie kam gar nicht auf die Idee, eine radikale Reform des Rechtssystems zu fordern. Sie wollte nur einige ernste Fragen zu Geschworenenjuries stellen, die ausschließlich aus Männern bestanden. Sie hatte keine Ahnung, welche Lawine der Brief auslösen würde. Sie wußte nicht, daß sie einen Weg beschritten hatte, der sie letztendlich zur Gretchenfrage in der westlichen Theologie führen würde — nämlich, ob Gott selbst einen Pimmel hatte. Der Richter, der seine Stellung Sir Foppe-Wellingtons Einfluß verdankte, verurteilte am selben Tag einen arbeitslosen Arbeiter zum Tode, weil er ein Brot gestohlen hatte. An der Schuld des Angeklagten bestand in diesem Fall keinerlei Zweifel, da der Beschuldigte selbst sein Verbrechen gestand und für seine Untat keinen überzeugenderen Grund nennen konnte, als daß er am Verhungern gewesen sei. Während der folgenden zehn Jahre wurde Sir Vaseline Foppe-Wellington noch zwei Mal von ähnlichen Anklagen freigesprochen, bis er schließlich einen Schlaganfall erlitt. Seitdem irrte er halb gelähmt durch sein Schloß, hielt sich für King James II und lebte in dem Wahn, alle Räume seien von Agenten der Oranier in Holzpantinen unterwandert, die ihn vergiften wollten. Maria stellte Justine Case als zusätzliches Dienstmädchen auf Babcock Manor ein. Hartfort Coke stammte nicht nur von Lord Coke, sondern auch von Sir Francis Bacon ab und ließ keine Gelegenheit aus, es allen auf die Nase zu binden. Seine amerikanische Urgroßnichte, Delia Bacon, beeindruckte Emerson mit ihrem Scharfsinn und ihrem Witz, wurde jedoch berühmt als Urheberin der These, ihr Vorfahre, Sir Francis Bacon, habe mit Sir Walter Raleigh zusammen jene Stücke verfaßt, die dem Emporkömmling von Stratford zugeschrieben wurden. Drake war kein Nachkomme von Sir Francis Drake, doch ein entfernter Vorfahre von Robert Putney Drake. Dieser sollte zweihundert Jahre später einige bemerkenswerte Statuen eines Nachfahren des verrückten 29
Musikers Sigismundo Celine erstehen, der 1770 Marias Bruder bei einem Duell in Neapel verwundet hatte. Maria war im Jahre 1776 immer noch glücklich verheiratet, denn der Mann, der von Irland nach England gekommen war, um ihren Ehemann zu töten, hatte seine Meinung geändert, als ein Stein vom Himmel gefallen war. Dieser Mann, der zum Mörder geworden wäre, hätte es den Stein nicht gegeben, trug einen Rest von Brian Boru’s Samen in sich, über die O’Neills von Leinster »aus dem Süden«. Wir werden ihn in Philadelphia wiedertreffen, wo er jener verzweifelten Figur begegnen wird, die einst Marias Bruder verwundete und jetzt von Mördern gejagt wird, die die königliche Familie Frankreichs angeheuert hat. So greift ein Rädchen ins andere.
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Revolution und kluge Sprüche Philadelphia 1776 — Chicago 1968 Kindlicher Kummer, an den man sich mit sanfter Ironie erinnert Es war so heiß an diesem 4. Juli in Philadelphia, daß alle Welt ein wenig von Sinnen schien. Später pflegte sich Seamus Muadhen zu sagen, daß dieser Zustand wohl der Grund für die verrückte Entscheidung des Kontinentalkongreßes gewesen sein mußte, während der Alkohol den Ausschlag für sein eigenes, noch verrückteres Verhalten gegeben hatte. Doch an jenem Morgen, als er sich durch die schwüle und stickige Hitze schleppte, wie ein Mann, der durch einen Gelatinesee schwimmt, hatte Seamus nur eine ziemlich vage Vorstellung von dieser neuen Erfindung namens Kontinentalkongreß. Er war mit der Fähre von Baltimore über die Delaware Bay gekommen, auf der Suche nach einem besseren Job als die Fischer auf ihren Booten zu bieten hatten. Jessas, Mann, er hatte die Nase voll vom Fischen. In Dun Laoghaire in Irland hatte er nichts anderes getan als fischen. Daher galt seine Aufmerksamkeit jetzt den Häusern, die reich genug wirkten, um sich Diener leisten zu können. In England hatte Seamus bei den Babcocks gedient, und im großen und ganzen war es weniger mühselig und feucht und erbärmlich und hoffnungslos, in einem Haushalt zu arbeiten, statt zu den unchristlichsten Stunden, wenn alle anderen Menschen noch gemütlich in ihren Betten lagen und schnarchten, aufs Meer rauszufahren und den verdammten Fischen nachzujagen. Natürlich wußte Seamus, daß der Kontinentalkongreß darüber beriet, was man mit England tun sollte, ein The31
ma, das ihn einst selbst berührt hatte, als er noch jung gewesen war. Heute ließ ihn diese Frage kalt. Über England zu diskutieren war für Seamus dasselbe wie das Gesetz der Anziehungskraft in Frage stellen zu wollen. Man überlebte es oder man wurde von ihm vernichtet. Dagegen konnte man nichts tun. Überall in Irland waren die Bäume mit den schwarz geteerten Leichen tapferer junger Dummköpfe geschmückt, die geglaubt hatten, man könne etwas ausrichten gegen England. Sie hingen da als Warnung an die anderen, ja nicht auf ähnlich dumme Gedanken zu kommen. Gegen das verfluchte England war nun mal kein Kraut gewachsen. Seamus hatte das leuchtendste ziegelsteinrote Haar in ganz Philadelphia an jenem Tag. Rotes Haar war ein verbreiteter Zug in Leinster, wo er zur Welt gekommen war, und zeugte von der unermüdlichen Energie der königlichen O’Neills von Tara, die ihren noblen Samen großzügig verstreut hatten, einschließlich einiger besonders widerstandsfähiger und überlegener Brian Boru-Gene. Seamus hatte außerdem ein rechtes Auge, das nach der Behandlung, die ihm ein englischer Soldat einst hatte angedeihen lassen, fast blind war, und ein chronisch schlechtes Gewissen für das, was er später dem englischen Adligen Babcock angetan hatte, der ihm Arbeit und Brot gegeben hatte. Und bei allen drei Heiligen Peter, Paul und Patrick, in dieser Hitze hatte er um Punkt zwölf Uhr mittags einen Durst wie Moses samt den Israeliten, nachdem sie auf der Suche nach dem gelobten Land vierzig Jahre durch die Wüste marschiert waren. Niemand in den Herrschaftshäusern konnte einen zusätzlichen Dienstboten gebrauchen. Viele wohlhabende Bürger dachten bereits daran, sich nach Kanada abzusetzen, doch das wußte Seamus nicht. Mit jeder Stunde nahm die Hitze zu, und Seamus’ Durst wuchs wie der Stengel eines Mannes, wenn ein hübsches irisches Mädchen nett zu ihm ist. Schließlich fand er das Wirtshaus Goat and Compasses, offensichtlich benannt nach dem berühmten Mundwasserzentrum in London, und bestellte ein Pint. Heilige Muttergottes, dachte er, als das Bier durch seine Kehle floß. Ich hätte alles für dieses Gebräu getan. Auch wenn es nur das schwache Zeug war, das die Amerikaner tranken, keineswegs mit einem echten Guinness Extra Stout zu vergleichen — immer noch besser, als sich von einem spitzen Stock das Auge ausstechen zu lassen. Zu dieser Tageszeit war die Schenke fast menschenleer. Über dem Tresen hing ein Schild mit der Aufschrift: 32
HUNDE UND FRAUEN VERBOTEN Gegenüber von diesem Versuch, Einfallsreichtum unter Beweis zu stellen, hing über dem Fenster eine Fahne, um deren Mast sich eine zum Angriff bereite Schlange wand, darunter das Motto: TRITT MICH NICHT An der Seitenwand prangte ein Gemälde von einer nackten Frau in erotischekstatischer Umarmung mit einem Schwan. Das Gebüsch um das Paar war saftiggrün, und die Frau besaß durchaus üppige Formen, hatte jedoch orangefarbene Haut, der Schwan war weiß wie das Laken eines Moslems und der Himmel so pastellblau wie sonst nur die Weste eines Dandys. Seamus würde jede Wette eingehen, daß der Kerl, der das Bild gemalt hatte, noch nie über die Bedeutung des Wortes »gräßlich« nachgedacht hatte. An der vierten Wand stand ein Schild mit der Aufschrift: GLÜCKSSPIEL UND FLUCHEN VERBOTEN. UND KEINE VERFLUCHTEN GEZINKTEN KARTEN. Der Wirt war ein rotgesichtiges, wohlbeleibtes Individuum. Anscheinend betrachtete er solche Dekorationen als schillerndes Beiwerk des selbstgestrickten Charmes seines Etablissements. Wahrscheinlich hatte er jeden einzelnen Spruch eigenhändig irgendwo mitgehen lassen. Ein geheimnisvoller Fremder in der blauen Seide europäischer Adliger saß in einer dunklen Ecke, griff nach dem Glas auf dem Tisch und führte es zum Mund. Als er es klirrend wieder abstellte, stahl sich ein Sonnenstrahl durch das Fenster, leise wie ein Dieb, und der Rotwein schimmerte plötzlich golden und violett auf. Plötzlich bemerkte Seamus einen leisen Seufzer und gleich danach eine leichte Bewegung. »Was für eine Hitze«, sagte jemand. Es klang kultiviert; offenbar jemand vom alten Kontinent. Seamus nahm die versteckte Einladung an. 33
»Kann man wohl sagen, der Teufel hätte seine helle Freude an diesem Höllenofen«, antwortete er. »Aber selbst er müßte die Temperatur ein paar Grade runterschrauben, wenn er mit seiner verdammten Arbeit vorwärtskommen wollte.« Die Gestalt beugte sich etwas vor, löste sich aus dem Schatten und lächelte. Seamus erkannte einen stolzen Schnurrbart und ein Ziegenbärtchen. Italienische Hautfarbe, Augen so scharf wie die eines Steuereintreibers: nichts entging ihnen. »Du kommst aus Irland, a chara«, sagte die italienische Stimme gedehnt. Seamus war überrascht über den irischen Ausdruck. Er hätte nie gedacht, daß irgend jemand außerhalb Irlands auch nur ein einziges Wort dieser Sprache lernen würde. Doch ließ er sich nichts anmerken und gab unbekümmert zurück: »Und Sie aus Roma, caro mio.« Wenn dieser Kerl ein paar Brocken Irisch konnte, würde er sich wohl noch an einige Worte Italienisch erinnern. Und dann fiel ihm auf, daß zwischen a chara und caro eine Verbindung bestand und beide Worte verwandt mit dem lateinischen caritas und dem englischen charity und caress waren. »Fast«, sagte der Fremde. »Aus Neapel, um genau zu sein. Die internationale Quelle heimtückischer Scampi-Saucen und noch hinterhältigerer Mörder. Und du kommst aus Dublin, oder ist es Bray?« »Aus einem Ort, von dem Sie bestimmt noch nie gehört haben«, antwortete Seamus. »Dun Laoghaire«. A chara, caro mio, caress, dachte Seamus, aber was war mit Charisma und Karditis, dem coeur in Coeur de Leon, und was mit Courage? »Die Festung des König Laoghaire«, antwortete sein Gegenüber schleppend und setzte die Wortspielerei fort. Doch seinen Augen wäre keine Fliege entgangen, die sich auf Seamus’ Ohr setzte. »Neun Meilen südlich von Dublin. Die Küste dort hat mich an Neapel erinnert. Dundalk, Dundrum, Dun Laoghaire. Es gab mal eine ganze Menge Festungen in diesem Teil von Dublin Bay.« »Sie sind ein Weltenbummler, bei allem, was recht ist! Außer englischen Soldaten verirrt sich kaum jemand nach Dun Laoghaire.« 34
»Aber dein Glas ist ja fast leer. Darf ich?« Und Seamus, der plötzlich ein Freibier vor sich stehen hatte, streckte die Hand aus und sagte höflich: »James Moon.« Insgeheim aber fragte er sich immer noch, was um alles in der Welt diesen Italiener bewegen haben mochte, einen gottverlassenen Ort wie Dun Laoghaire aufzusuchen und eine Sprache zu lernen, die die Iren selbst kaum noch beherrschten. »Sigismundo äh Malatesta«, sagte der Italiener und drückte ihm kurz, aber kräftig die Hand. »James Moon hieße dann zu Hause in Dun Laoghaire Seamus Moon?« Also sagte Seamus ein paarmal »Muadhen« und danach »Moo-hen« und »Moo-han« und »Moo’on« und andere Assimilationen, die der Bursche, der Malatesta genannt werden wollte — das kurze Zögern war Seamus keineswegs entgangen — mühelos nachsprach, etwas, das kein Engländer je geschafft hatte. »Und was haben Sie in Dun Laoghaire gemacht?« fragte Seamus schließlich. »Dasselbe wie hier. Musik komponiert, mit ein paar mechanischen Erfindungen gespielt, die nie funktionieren werden und im übrigen versucht, ernsthaften Themen und gefährlichen Abenteuern aus dem Weg zu gehen.« Malatesta nippte an seinem Wein und starrte ins Leere. »Vielleicht sollte ich statt mechanischer Werkzeuge eine neue scharfe Salatsauce erfinden. Das ist die einzig sichere Art, in diesem Jahrhundert Unsterblichkeit zu erlangen.« Für wie dumm hält der Kerl mich eigentlich, dachte Seamus. Gewiß, er hatte einen Gentleman vor sich, doch die gedehnte Sprechweise und die vorsichtige Oberflächlichkeit waren gespielt, waren nur Maske. Dieser Bursche würde einem aus Freundlichkeit ein Bier spendieren, aber er war nicht der Typ, der einem Geheimnisse anvertraute. Und seine Augen erinnerten ihn an ein Wiesel vor dem Hühnerstall. Sigismundo »äh Malatesta« hatte nicht immer das Leben eines Adligen genossen, das stand fest. Aber eilte diesen italienischen Burschen nicht der Ruf voraus, die einzigen in ganz Europa zu sein, die einen holländischen Bankier übers Ohr hauen konnten? »Ich selbst habe nicht viel Sinn für Mechanik«, sagte Seamus frei heraus. »Und Salate sagen mir auch nicht viel. Aber gute Musik schon.« »Was meinst du hierzu?« Malatesta summte ein paar Takte, und Seamus richtete sich plötzlich auf. Der andere summte weiter und hielt dann inne. »Bis 35
dahin bin ich gekommen«, sagte er. »Aber eines Tages bringe ich es zu Ende, so weit man ein Kunstwerk überhaupt zu Ende bringen kann. Ich habe da meine eigene kleine Theorie. Ich glaube, die meisten werden einfach aus Verzweiflung aufgegeben und dem Publikum als bitterer Privatscherz vorgeworfen. Vielleicht gilt dasselbe auch für Salatsaucen, wenngleich die Köche im allgemeinen mehr bei der Sache sind als Künstler je sein können.« Das Lied war eine Variation von Derry Air gewesen, aber trauriger als das Original und auf gewisse Art von einer geradezu gespenstischen Zartheit. Wie ein kindlicher Kummer, an den man sich mit sanfter Ironie erinnert. »Mann Gottes, stammt das von Ihnen?« »Nein! Es stammt aus Irland. Ich habe es nur auf meine Art ausgelegt. Anfänger machen Anleihen, aber in meinem Alter stehlen wir ganz offen.« »Nun«, sagte Seamus. »Dann bin ich jetzt dran, einen auszugeben. Bleiben Sie beim Wein?« »Eine unheilbare neapolitanische Sucht. Außerdem handelt mein Onkel mit dem Zeug. Seinetwegen habe ich einmal auf einen Mann geschossen, aber er schmeckt mir immer noch.« Vielleicht hatte der Bursche mehr intus als Seamus angenommen hatte. Er machte den Eindruck eines schlauen Fuchses, wie die Iren sagen würden, aber ein wirklich schlauer Fuchs würde nicht bei der erstbesten Gelegenheit zugeben, daß er auf einen Mann geschossen hatte. »Werden Sie in Neapel denn noch immer gesucht?« Seamus bestellte eine neue Runde, und seine Frage klang beiläufig. »Oh nein. Es war ein Duell, und ich habe den armen Teufel nur verwundet. Ich habe ihn nicht umgebracht. Aber das ist schon lange her. Keiner erinnert sich mehr daran. In Neapel werden Duelle genauso schnell vergessen wie Ehebrüche. Man bekommt erst Ärger, wenn man allzu laut Zweifel an der heiligen Kirche äußert.« »Auch ich habe einmal beinahe einen Mann getötet, doch dann fiel ein Stein vom Himmel, und ich wurde abergläubisch und verlor den Mut. Später habe ich gelehrte Männer sagen hören, daß Steine nicht vom Himmel fallen.« »Nichts ist leichter, als Gelehrter zu werden«, antwortete Malatesta. »Man braucht nur die Nase in dicke Bücher zu stecken und die Augen nie auf die 36
Welt um sich herum zu richten. Gelehrte Männer sind fast genau so langweilig wie ehrbare Frauen.« »Sie halten nicht viel von Bildung?« »Ich respektiere Männer, deren Erfindungen funktionieren, im Gegensatz zu den meinen. Ich respektiere auch kluge Frauen, Katzen beiderlei Geschlechts, diese komischen Vögel drüben in Virginia, die beim Kartenspiel gewinnen, ohne zu schummeln — etwas, was ein Neapolitaner nie lernen wird —, und jeden Violinisten, der sich an die Noten hält, statt irgendeine ›Interpretation‹ anzubieten.« »Und was hat Sie nach Amerika verschlagen? Ich kam auf der Suche nach Arbeit.« »Ich kam, um der Arbeit aus dem Weg zu gehen. Es gibt gewisse Leute in hohen Positionen, die unbedingt wollten, daß ich ihre merkwürdigen Jobs für sie erledige. Das wird auf die Dauer genau so mühsam wie Mr. Popes Zweizeiler. Ich beabsichtige, nach New Orleans zu fahren und mich dort in einem Bordell einzunisten. Ich habe allen Grund zur Annahme, daß dies meiner Musik oder dem Versuch, eine neue exotische Salatsauce zu erfinden, zuträglich wäre. Meine Erfindungen sind nämlich per definitionem exzentrisch: ich betrachte sie als eine Art Hobby. Vielleicht ist sogar das Leben an sich ein Hobby, denn bei näherer Betrachtung wirkt es ebenfalls ganz schön exzentrisch.« Nach dieser Rede konnte man es Seamus nicht verdenken, daß er einen ordentlichen Schluck nahm. »Jedem das seine«, sagte er vorsichtig. »Aber manche brauchen so dringend Geld, daß sie stehlen und einem die Kehle durchschneiden, um es zu kriegen. Ist das nicht eine seltsame Welt?« »Noch seltsamer ist es«, entgegnete Sigismundo, »daß es Menschen gibt, die stehlen und morden, ohne daß sie das Geld nötig hätten. Sie haben bereits alles, können aber den Hals nicht vollkriegen. Diese Menschen hören keine Musik, sondern tun nur so, als ob, während sie insgeheim Pläne schmieden, um die Frauen ihrer Brüder zu verführen und das Vermögen ihrer Vettern zu verschleudern. Das sind die Menschen, die die Welt beherrschen, und was noch schlimmer ist, sie stellen nicht einmal gute Köche ein.« »Aha, nun sprechen Sie über Politik, wenn auch sehr vorsichtig, mein Freund.« 37
»Über Politik zu sprechen ist genauso langweilig wie englische Romane zu lesen. Tut mir leid.« »Ich habe noch nie im Leben erlebt, daß es zu etwas Vernünftigem geführt hätte.« »Seamus«, sagte Sigismundo freundlich, »Seamus Muadhen. Du bist ein weiser Mann.« »Belassen wir es bei James Moon. Ich versuche, mich an die neue Sprache und Landschaft zu gewöhnen. Und ich bin nicht weise, nur gewitzt. Das lernen wir früh in Irland.« »Wie in Neapel. Auch wir waren viele Jahre von Fremden besetzt. Natürlich nicht so lange wie Irland. Und im Augenblick sind wir von den Franzosen besetzt, die vorgeben, logisch zu denken, in Wirklichkeit aber vollkommen verrückt sind, während in Irland die Engländer sitzen, was viel schlimmer ist, weil sie vorgeben, alle verrückt zu sein, in Wirklichkeit aber kalt und logisch sind.« James Moon — der sich wieder einmal ermahnen mußte, sich als solchen zu sehen — nahm noch einen Schluck von seinem goldschimmernden Bier und ließ es leicht und rasch die Kehle hinabfließen. »Bei allem, was recht ist, kein Ort war je so lange besetzt wie Irland. Haben Sie eine Vorstellung davon, wie das ist, Signor? Es liegt nicht daran, daß es uns an tapferen Burschen mangelt oder daß wir nicht listig und verschlagen wie eine Scheißhausratte sind. Das alles haben wir vor fünfhundert, vielleicht auch sechshundert Jahren gelernt, verflucht! Wissen Sie woran es liegt? Es liegt daran, daß sich in jeder Kneipe ein Spion herumtreibt. Sobald die Kneipe aufmacht und das erste Faß Bier angezapft wird, ist er da, und wenn er abkratzt, wird er sofort ersetzt. Was kann man in so einem Land anfangen?« Malatesta trank und dachte nach. »In Neapel ist es dasselbe. Mein Onkel sagt, wenn sich vier Männer in einem Keller versammeln, um eine Verschwörung anzuzetteln, sind drei elende Dummköpfe und der vierte ein Spitzel der Regierung.« James Moon nickte zustimmend. In seinen Mundwinkeln bildete sich der Anflug eines verzweifelten Lächelns. »Politik ist etwas für Narren«, sagte er müde. 38
»Das weiß man in allen besiegten und unterworfenen Ländern«, sagte Sigismundo und schaute kummervoll in sein Glas, als fürchtete er, eine Fliege darin zu entdecken. »Aber ich will dir etwas noch Seltsameres verraten. Auch die Gewinner sind Narren, und noch schlimmere Narren als die Rebellen, die sie aufknüpfen lassen. Du bist ein aufmerksamer Mensch, wie ich sehe. Du kannst sehen, daß ich kein gewöhnliches Leben geführt habe, nicht wahr? Natürlich kannst du das. Man muß schon eine Menge durchgemacht haben, um wirklich gleichgültig zu werden.« »Müssen Sie stets so paradox reden, guter Mann?« »Das ist kein Oxymoron. Jene, die ein glückliches Leben führen, können nach den Dingen fragen, die unter der Oberfläche liegen. Wir aber, die wissen, was sich unter der Oberfläche verbirgt, wollen jede Illusion so lange wie möglich genießen. Die Farbe einer vollkommenen englischen Rose ist in meinem Kopf und nicht in der Blume, aber ich ergötze mich lieber an der Farbe als mir solche dummen Gedanken zu machen. Überlassen wir die Philosophie den Unschuldigen. Wir Veteranen des Abgrunds ziehen die Rosen, den Sonnenuntergang und schöne, nichtssagende Musik vor.« »Bei Gott. Mann, Sie wissen ja selbst nicht, ob Sie ein sentimentaler Zyniker oder ein zynischer Gefühlsmensch sind.« »Ich bin überzeugt, daß es gefährlich ist, auf die Tiefe zu vertrauen, egal ob auf See oder an Land. Tiefgründige Menschen, tiefe Emotionen, tiefer Glauben, abgründige Gedanken und tückischer Treibsand — das alles ist gefährlich. Mir ist das Oberflächliche und Fröhliche lieber. Die Diebe und Strolche in der Regierung, die ich zuvor erwähnte, sind nur ein kleines Ärgernis, ein ehrlicher Politiker aber kann eine internationale Katastrophe auslösen.« »Wir sind vielleicht ein Pärchen! Sitzen hier rum und philosophieren, während der Kontinentalkongreß Politik macht, wie ich höre.« »Es ist noch schlimmer als das«, sagte Sigismundo. •»Wahrscheinlich machen die Abgeordneten sogar Geschichte.« »Na dann, Gott schütze sie. Meinen Segen haben sie, auch wenn ich mich da lieber raushalte. Mir ist es nur recht, wenn die Engländer endlich eins auf die Mütze kriegen.« Sigismundo nippte an seinem Glas, tupfte sich mit einer Serviette die Lippen und warf seinem Gegenüber einen merkwürdigen 39
Blick zu. »Es geht nicht darum, auf die Straße zu rennen und sich irgendwem anzuschließen«, sagte er. »Wie gesagt, Geschichte ist schlimmer als Politik. Man schließt sich ihr nicht an, sie kommt ungebeten und läßt einen nicht mehr los. Versteh doch, a chara, sie ist der einzige verdammte Sport auf der Welt, bei dem unschuldige Zuschauer die Opfer sind.« Er hat das zweite Gesicht, schoß es Seamus plötzlich durch den Kopf. Das erklärte seinen finsteren Humor. Sean O’Lachlann aus Meath, der ebenfalls das Zweite Gesicht hatte, sprach manchmal genauso, und immer war es eine verkappte Warnung. Es kam vor, daß diejenigen, die das Zweite Gesicht hatten, im Moment gar nicht wußten, daß sie wieder etwas prophezeiten. Es kam einfach so über sie. Zum ersten Mal seit drei Jahren dachte James Moon an die alte Kyte, die Dorfhexe von Lousewartshire, die ihm einmal die Karten gelegt hatte, als er noch für die Babcocks arbeitete. Seine Schicksalskarte war der Gehenkte gewesen. »Um Gottes willen, um seines Erbarmens willen und um Jake McCarthys willen«, sagte er rasch und nahm einen neuen Schluck, »sprechen wir nicht von Geschichte, Schicksal und solchem Zeug. Lassen Sie uns lieber gemütlich einen trinken.« Zuerst war es kaum zu vernehmen, doch dann wurde das Grollen mit jeder Sekunde lauter. Es klang, als machten Geschichte und Schicksal und andere finstere, unmenschliche Mächte Jagd auf einen einsamen Menschen — mit einem ohrenbetäubenden Glockenläuten. Zuerst waren es nur wenige in der Ferne, dann gesellten sich Hunderte und Aberhunderte dazu, überall in Philadelphia waren die verdammten Glocken zu hören, in jeder Kirche der Stadt, ein Inferno, das einem den Verstand raubte. Und dann natürlich das Heulen oben im Reich des Wolfes, nicht von einem Hund oder einem Dutzend Hunden sondern wiederum unzähligen gequälten Hunden, Hunderten und Aberhunderten, die darüber klagten, was die Glocken ihren empfindlichen Hundeohren antaten — und trotzdem waren die Glocken lauter als die Hunde. »Sehen Sie?« sagte Sigismundo brummig. »Die Geschichte hat es auf uns abgesehen. Würden Sie so freundlich sein, ihnen zu sagen, daß der italienische Gentleman es vorzieht, in einem Bordell Piano zu spielen? Vielen Dank, Sir. Gott schütze uns alle vor der Geschichte.« 40
Dann stand er auf, zog die Mütze und verließ den Raum. Ich habe eine Menge seltsamer Vögel kennengelernt, dachte James Moon, aber dieser hier schlägt alle. Der Mann betrachtet die Geschichte als seinen Todfeind. Und dann hörte er die Stimmen auf der Straße, die Schreie, die Nachricht, die von Straße zu Straße flog. Er trank sein Bier aus, warf einen halben Penny als Trinkgeld auf den Tisch und trat nach draußen. Er war neugierig, aber fest entschlossen, sich in nichts hineinziehen zu lassen. Eine bequeme Stellung im Dienst eines Adligen war das einzige, was James Moon von der neuen Welt erwartete. Keine Politik und keine Geschichte. Nur seinen Lohn, eine gute Frau, wenn er sich eine Hochzeit leisten konnte, und abends sein Bier. »Endlich! Endlich!« rief ein Mann durch die Straße. »Sie haben sich geeinigt.« Worauf geeinigt, um Himmels willen? Doch schon brannte ein anderer darauf, die Neuigkeit auszuposaunen und beantwortete James Moons Frage. James nickte und ging zurück in die Schenke. Eine Unabhängigkeitserklärung, was zum Teufel hatte das nun wieder zu bedeuten? »Noch ein Bier, Euer Ehren«, rief er und kehrte der Geschichte den Rücken zu. Er mußte schreien, da die Glocken einfach nicht aufhören wollten. »Heute gibt’s Freibier!« rief der Wirt. »Das ist ein historischer Tag.« »So. Aha. Ja.« James nahm einen Schluck. »Und was hat diese Unabhängigkeitserklärung zu bedeuten, wenn man fragen darf?« »Wir gehören nicht mehr zu England«, antwortete der Wirt und lächelte breit. »Wir werden ihre gottverdammten Steuern nicht mehr zahlen, wir werden ihre gottverdammten Soldaten nicht mehr ins Land lassen und ihre gottverdammten Gesetze nicht mehr befolgen.« »Oh ja, großartig. Aber werden die Briten nicht was dagegen haben?« »Und wenn schon. Sie werden sich damit abfinden müssen. Sie können ein so großes Land wie dieses vom fernen London aus nicht regieren. Sie werden es einsehen.« Seamus nickte höflich und wollte einen weiteren Schluck nehmen, während er sich fragte, wieviel Wunschdenken wohl in dieser Feststellung stecken mochte. Doch der Wirt hielt ihn zurück, hob das Glas, das er sich gerade selbst eingeschenkt hatte und sah ihn feierlich an. 41
»Auf die Freiheit!« sagte er leidenschaftlich. »Auf die Freiheit«, sagte James und versuchte ehrlich zu klingen. Sie stießen an. Alle Männer, die James gekannt hatte und die so sprachen, waren am Galgen geendet, und James Moon fragte sich, ob die Amerikaner allesamt verrückt geworden waren. Plötzlich betrat ein weiterer Mann die Schenke. Er war einen ganzen Kopf größer als sämtliche Männer, die James jemals in Irland, England oder Amerika gesehen hatte. Es war in jeder Hinsicht ein stattlicher Mann, und Seamus dachte ehrfürchtig, nun, er ist nicht ganz so groß wie ein Kastanienbaum und wahrscheinlich auch nur halb so gefährlich wie ein königlicher Füsilier, der in vollem Galopp auf dich zukommt, aber er bewegt sich wie jemand, der es gewohnt ist, daß alle Welt ihm schnell aus dem Weg geht. Außerdem hatte er genauso leuchtend rotes Haar wie James Moon selbst. Er trug die Kleidung eines Gentleman, doch in den gedämpften Tönen, die die Amerikaner bevorzugten, nicht den schreienden Farben der englischen Adligen. Das hatte er auch keineswegs nötig mit diesem Haar und dieser Statur. Bei den fast zwei Metern, auf die James Moon ihn schätzte, war er so leicht zu übersehen wie ein Gorilla in einem Streichquartett. »Verflixt und zugenäht!« rief er. »Ich brauche dringend was zu trinken. Wirt! Bring mir den teuflischsten Whiskey, den du auftreiben kannst, einen doppelten, wenn ich bitten darf. Und pansch ihn bloß nicht mit Wasser, sonst reiß ich dir das Herz aus dem Leib und fresse es auf! Ich habe einen üblen Verdacht, der sich allmählich zur schrecklichen Gewißheit verdichtet, nämlich daß diese verrückten Bastarde im Kongreß sich nicht länger damit zufrieden geben werden, daß ich die Rotröcke auf Distanz halte. Jetzt werden sie von mir und meinen jämmerlichen Truppen verlangen, daß wir sie vom amerikanischen Kontinent verjagen. Bei Jesus, ho, verdammt nochmal und seinem schwarzen Bruder Rastus, womit habe ich das verdient?« Und so lernte James Moon seinen großen Freund George Washington kennen, und das war letztlich auch der Grund, warum James1 Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-UrUr-Urenkel 1968 zusammen mit William S. Burroughs, dem Leadsänger einer Rockgruppe namens Fugs, einer Unzahl von Priestern, Journalisten aus aller Welt, einem Lektor des Playboy und dem Neffen der Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-UrUrenkelin des Italieners, der die Schenke so überstürzt verlassen hatte, als er die 42
in der Ferne herangaloppierende Geschichte hörte, von der Chicagoer Polizei mit Tränengas aus dem Lincoln Park vertrieben wurde. Die drei gedungenen Mörder, die zwei Monate später auf der Suche nach dem Italiener in der Schenke aufkreuzten, hielten sich für echte Glückspilze, als sich der Wirt an einen italienischen Gentleman erinnern konnte, der Politik haßte und auf dem Weg nach New Orleans war. Sie brachen auf der Stelle nach New Orleans auf, überzeugt, daß sie ihm dicht auf den Fersen waren.
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Der Gesetzesverdreher Unendlichkeit — Südliches Ohio 1776 Die Wahrheit ist ein Pfeil mit zwei Spitzen Als er zurückkehrte, hatte er wie immer das Problem, wieder zu einem menschlichen Wesen zu werden, in einem menschlichen Körper, an einem bestimmten Ort, sich erneut an Grenzen zu gewöhnen, die einem ein Körper und ein Ort auferlegten. Erst dann brachte er die Anstrengung auf, das Wissen um seine eigene Unendlichkeit zu vergessen — sich zum Vergessen zu zwingen. Ich bin hier, auf diesem Boden, unter diesem Ahornbaum. Ich höre das Gurgeln des Wassers im Bach. Ich rieche die satte, feuchte Erde. Ich bin kein unendlicher Stern im unendlichen Raum. Ich bin ein begrenztes menschliches Wesen mit einer begrenzten menschlichen Persönlichkeit. Miskasquamish. So hieß er hier im Stamm der Maheema-Indianer. Sein wirklicher Name muß wie immer ein Geheimnis bleiben. Ja, ermahnte er sich, besonders die Bärenmenschen dürfen ihn nicht erfahren. Er mußte sich stets vor Augen halten, daß die Bärenmenschen einen schrecklichen Zauber gegen ihn richten könnten, wenn sie erfuhren, wie er wirklich hieß. Es war schon schlimm genug, daß sie den Namen seines Stammes kannten. Jetzt war er ganz da. Er hatte festen Boden unter den Füßen, die Welt war stabil und grün und voller Gerüche, und er wußte, was er zu tun hatte. Er mußte den Gefährlichen finden, den Gesetzesverdreher, den Feind des Wakan, den Feind des Stammes der Maheema, den Feind aller Menschen und der Sternenmenschen. Jenen, den sie Sackymondo nannten. 44
Miskasquamish war Medizinmann seit mehr Monden als die meisten Menschen je erleben. Er hatte alle magischen Kräuter geraucht und alle magischen Reiche aufgesucht. Er konnte jene heilen, die Heilung brauchten, und er konnte jene töten, die sterben mußten. Er wußte, daß die Angehörigen des Maheema-Stammes ihn respektierten, beinahe fürchteten, doch nur, weil sie nicht erkannten, daß jeder von ihnen genauso war wie er. Sie träumten sich eine Welt zurecht, weil es ihre Gewohnheit war. Alle Welten standen ihnen offen, genau wie ihm, aber sie hatten Angst, das Tor zu passieren. Die Dummköpfe glaubten, er sei freiwillig durch das Tor gegangen. Wie alle Medizinmänner wußte er die Wahrheit: Das Tor öffnete sich urplötzlich und sog einen auf. Man hatte keine andere Wahl. Und es lag auch keine Logik darin, wem es die Reise erlaubte. Der Stamm erinnerte sich noch an die Zeit, als er die Krankheit der Bösen Sprache hatte, und wie die anderen um ihn gebangt hatten, vor fast zweihundert Monden jetzt. Sie hatten Angst gehabt, weil die Maheemas wußten, wie alle Stämme wissen, daß ein Mensch mit der Krankheit der Bösen Sprache nie wieder normal wird. Es ist der große Fluch und zugleich der große Segen der Bösen Sprache, daß keiner, der sie hat, je wieder ganz zur Menschheit zurückkehrt. Solche Menschen werden entweder Medizinmänner, wie Miskasquamish, oder sie werden zu Feinden der Menschen und der Götter, Gesetzesverdreher. Denn die Wahrheit ist ein Pfeil mit zwei Spitzen: Sie vereint Gegensätzliches in sich, während gewöhnliche Männer und Frauen Gegensätze ausschließen. Da die Wahrheit in zwei verschiedene Richtungen zeigt, war Miskasquamish den Verdrehern der Gesetze ähnlicher als der Stamm ahnte. Er kannte die Böse Sprache, und er kannte die Gesetzesverdreher, denn dies waren die beiden Enden seines eigenen Willens. Deshalb konnte er die Gesetzesverdreher verstehen, so wie sie manchmal auch ihn verstanden. Wie der Medizinmann weiß auch der Gesetzesverdreher um die innere Unendlichkeit. Er kennt den Wakan, den Einen in allen Dingen. Der Verdreher ist frei und berauscht in seiner Freiheit, und er ist so unverantwortlich, daß er hin und wieder sogar Gutes tun kann, denn nicht einmal in seiner Schlechtigkeit ist er konsequent. Und jetzt waren die Maheema durch einen neuen Gesetzesverdreher bedroht, einen, der unsichtbar und für sie noch nicht erkennbar war. Nur Miskasquamish wußte, daß es einen Gesetzesverdreher im Land gab. Es hatte vor einem halben Mond angefangen, 45
als der blauköpfige Vogel ein neues Lied anstimmte. Der ’Stamm war verwirrt und fragte Miskasquamish, was es zu bedeuten habe, daß der Vogel plötzlich ein anderes Lied sang, und er hatte die Leute belegen, wie Medizinmänner es häufig tun müssen, weil gewöhnliche Menschen den Verstand verlieren würden, wenn sie zu viel Wahrheit auf einmal hören. Miskasquamish erklärte, der Vogel habe ein neues Lied angestimmt, weil die Jagd im kommenden Winter gut sein würde. Ein Medizinmann kann einem Dämon des Himmels, dem, der mit dem Wind schreitet, starr in die Augen sehen, ohne sich die Angst anmerken zu lassen. Miskasquamish wußte, daß der blauköpfige Vogel seinen geheimen Namen gesungen hatte, der nur ihm selbst und dem Wakan im Innern aller Dinge bekannt war. Es war der Wakan, der durch den Vogel sang, und es war eine Warnung. Später, als er allein war, hatte er die fünf Kräuter des Morgensterns und das Kraut der Mondfrau geraucht. Er war zum Berg des Traumes gewandert und hatte mit der Mondfrau gesprochen, die alle Geheimnisse kennt, und sie hatten zusammen geweint. Dann war er zurückgekommen, um tapfer zu sein und das schreckliche Geheimnis vor dem Stamm zu verheimlichen. Von nun an rauchte er jeden Tag ein bestimmtes Kraut und sah sich um. Der Gesetzesverdreher kam nicht näher, aber er ging auch nicht fort. Miskasquamish schlitzte sich mit einem scharfen Messer den Arm auf und trank das Blut und rauchte den Pilz der Himmelswanderer und ging zu den Sternenmenschen, aber sie hatten Angst und wollten ihm nicht helfen. Der Gesetzesverdreher blieb in der Nähe. Die Mondfrau konnte ihm nicht helfen. Die Sternenmenschen hatten Angst. Der Stamm würde außer sich sein, wenn er davon erfuhr. Er hatte keine andere Wahl. Man geht nie selbst auf das Tor zu, niemals. Das Tor öffnet sich und verschluckt einen. Miskasquamish ging hindurch auf der Suche nach dem Gesetzesverdreher. Er kannte die richtige Richtung, und nach dem ersten Tag wußte er den Namen — es war ein eigenartiger Name, weder Maheema noch Ojibway noch irgendein anderer Stamm aus dieser Zeit. Siggy Moondo Chilline. Oder Sigs Monday. Oder Sackymondo. Etwas Fremdes, Unheimliches, nicht einmal in der Sprache der Sternenmenschen war es bekannt. Nach dem zweiten Tag konnte Miskasquamish den Gesetzesverdreher sehen, aber er wußte immer noch nicht, wie weit entfernt er war. Es war ein weißer Mann, 46
wie diejenigen, die die Chickasaw am Vater aller Wasser gesehen haben wollten, doch nicht ganz weiß, eher bronzefarben, und er hatte weder blondes Haar noch blaue Augen. Sein Haar und seine Augen waren schwarz wie die eines Maheema: pechschwarz. Auf seinem Kinn wuchs Haar, und noch mehr Haar um seinen Mund. Er lebte nicht in einem gewöhnlichen Tipi, sondern in einem seltsamen, neuen Tipi, das aus Holzbalken bestand und viereckig war. Der dritte Tag war schrecklich. Wäre Miskasquamish ein Sänger gewesen statt ein Medizinmann, hätte er daraus eine Ballade für seinen Stamm gemacht. Es war ein großer Streit mit den Bärenmenschen, zwei von ihnen auf einmal, und sie erkannten ihn sofort. Alle Bärenmenschen kannten Miskasquamish und haßten ihn wegen des Zaubers, den er ausübte, um sie vom Gebiet der Maheema fernzuhalten. Er mußte sehr schnell rennen, doch ein Mann mit so vielen Monden auf dem Buckel kann nicht schnell genug laufen, um den Bärenmenschen zu entkommen, und sie hätten ihn fast eingeholt. Er hatte all seine Magie aufbieten müssen, um sie so lange zu blenden und zu lahmen, bis er ihnen entwischt war und sich versteckt hatte. Am vierten Tag fand Miskasquamish den Gesetzesverdreher. Im Wald gab es eine Lichtung, und in deren Mitte, genau wie Miskasquamish es im Traum gesehen hatte, stand ein viereckiges Tipi aus Holz. Es hatte viereckige Löcher in den Wänden und durchsichtige magische Gläser in den Löchern, durch die Licht ins Innere des Tipi fiel. All das hatte er vorausgesehen. Der Gesetzesverdreher saß reglos unter einem Baum. Einen Augenblick dachte Miskasquamish, der Geist des Mannes sei bei den Sternenmenschen und nur sein Körper sitze dort: so still war der Mann. Doch dann sah er auf und sprach: »Du siehst genauso aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Seit mehr als zehn Jahren sehe ich dich in meinen Träumen.« Miskasquamish machte das Friedenszeichen, verbarg die Furcht und nahm all seinen Mut zusammen. Wenn Sikymundo es geschafft hatte, Maheema zu lernen, war das ein deutlicher Beweis, daß er zu der gefährlichsten Sorte von Gesetzesverdrehern gehörte. Weiße Männer (das wußte jedes Kind) lernten die Sprache der Indianer nicht. Sie bestanden darauf, daß die Indianer ihre Sprache lernten. Das wird ein langer Kampf, und es könnte sein, daß ich nicht gewinne, dachte Miskasquamish. 47
»Auch ich habe dich in meinen Träumen gesehen«, sagte er scheinbar ungerührt. Der Verdreher stand auf und trat in sein seltsames Tipi aus Holz. Miskasquamish wartete. Er versuchte keine Magie, und er dachte nicht daran, wegzulaufen. Das Tor hatte sich geöffnet, und dies war seine Herausforderung. Der Gesetzesverdreher kam mit Fellen beladen aus seinem Tipi. »Für dich!« sagte er. Miskasquamish nahm die Felle an. Dann dachte er rasch nach und löste einen Beutel mit starker Medizin von seinem Gürtel. Es hätte keinen Zweck gehabt, etwas vorzutäuschen und ihm eine schwache Medizin zu geben. »Für dich!« sagte er. Der Verdreher nahm den Beutel an. Beide setzten sich hin. Der Verdreher wußte, wie man sich benahm, auch wenn er ein weißer Fremder war. Er starrte einen nicht an, er zappelte nicht herum, und er verbreitete keine Unruhe. Miskasquamish und Sigamoondo betrachteten die Büsche und Bäume und lauschten dem Vogelgesang. In einiger Entfernung war das gurgelnde Rauschen des gelben Baches mit dem feurigen Erdgeist zu hören. »Ich will den Maheema nichts Böses«, sagte Sigamoondo. Verdreher sagten solche Dinge. Und manchmal glaubten sie sogar daran. »Das sind schöne Felle«, antwortete Miskasquamish »Du bist reich und großzügig.« »Dieser Beutel enthält eine starke Medizin. Ich spüre es. Du bist ein mächtiger und weiser Mann.« Wieder schwiegen sie eine Weile. Miskasquamish dachte, daß der Fremde für einen Verdreher wirklich gute Umgangsformen hatte. Schließlich hielt Miskasquamish eine offizielle Rede. »Die Bäume«, so begann er, »folgen dem Gesetz der Bäume. Die Waschbärenmenschen folgen den Gesetzen der Waschbären. Der Mond folgt seinen eigenen Gesetzen. Der rauschende Bach, den wir hören, folgt den Gesetzen der Bäche und der Flüsse. Es ist eine alte Weisheit, daß alle Dinge unter dem Himmel ihre eigenen Gesetze haben. Und es ist gut, daß die Welt so ist.« Deutlicher wurde er in seiner Beschuldigung nicht. Der Verdreher ging zu einem Loch in der Erde. Über dem Loch hing ein Rad, um das ein Seil gespannt 48
war. Er zog an dem einen Ende des Seils und wie durch ein Wunder kam das andere Ende mit einem Eimer voller Wasser hoch. Miskasquamish verzog keine Miene, obwohl er diese Art von Magie zum ersten Mal sah, selbst bei einem Verdreher. Der Verdreher trank aus Höflichkeit als erster. Welche Art von Magie das Wasser auch enthielt, zeigte er Miskasquamish damit: Ihm schadete sie nicht. »Nimm!« Miskasquamish trank mit ausdruckslosem Gesicht und fragte sich, was passieren würde. »Die Gesetze der Bäume sind nicht die Gesetze der Bibermenschen«, gab er zurück. »Die Gesetze der Maheema sind nicht die Gesetze der Chickasaw. Die Gesetze der Bäche sind nicht die Gesetze der Sterne.« Das magische Wasser hatte noch keine andere Wirkung als gewöhnliches Wasser. »Alle Dinge haben unterschiedliche Gesetze«, antwortete Miskasquamish. . »Das ist wahr. Und doch unterliegen alle Dinge bestimmten Gesetzen. Nur die Gesetzesverdreher nicht.« »Nicht alle, die aus dem gewöhnlichen Rahmen fallen, sind Medizinmänner«, entgegnete der Verdreher. »Und nicht alle, die keine Medizinmänner sind, werden Verdreher.« Miskasquamish stand auf. »Ich danke dir für die Felle«, sagte er. »Ich danke dir für den Medizinbeutel.« »Vielleicht sehen wir uns wieder.« »Vielleicht.« Miskasquamish entfernte sich vorsichtig, sah sich jedoch weder um, noch ging er hastig. Der Verdreher behauptete, er sei kein Verdreher, aber das war zu erwarten gewesen. Verdreher verdrehen alles. Etwa fünfundzwanzig Meter von der Lichtung entfernt hörte Miskasquamish den Klang hinter sich. Es war nicht wie das Rauschen des Baches während der Regenzeit, es war nicht wie der Donner und nicht wie das brünstige Fauchen der Wildkatze, nicht wie das Tamtam und nicht wie der Gesang des Medizinmannes. Miskasquamish hatte diesen Klang noch nie gehört. Man hätte ihn beinahe schön nennen können, trotz seiner Eigenartigkeit. Solche Klänge hätte sich Miskasquamish 49
nie träumen lassen. Der Verdreher war in sein Tipi gegangen und spielte seine verdrehte Musik. Miskasquamish verbrachte zwei Tage auf der Jagd, bevor er bereit war, wiederzukommen. Er erreichte die Lichtung, und wieder saß der Fremde wie ein Toter unter dem Baum, doch diesmal beobachtete er alles, was um ihn geschah. Seine Augen sehen alles, schoß es Miskasquamish durch den Kopf, und der Gedanke war ihm unbehaglich. Miskasquamish ging auf den Fremden zu und legte seine Felle — zweimal so viele, wie er erhalten hatte — auf die Erde. »Für dich«, sagte er und setzte sich hin. Der Verdreher löste einen Beutel von seinem Gürtel und legte ihn vor Miskasquamish. »Für dich.« Sie beobachteten die Bäume und lauschten dem gelben heilenden Bach. Schließlich öffnete Miskasquamish den Beutel. Wunderbare magische Steine und Kristalle von ungeahnter Schönheit. Er begriff sofort. So wie er dem Fremden doppelt so viele Felle schenkte, wie er erhalten hatte, so gab dieser ihm doppelt so viel Magie, wie er selbst bekommen hatte. Eine Weile betrachteten sie die hohen Bäume. Miskasquamish stopfte eine Pfeife. Er nahm nur zwei magische Kräuter, denn er wollte den Wettstreit nicht auf die Spitze treiben. Wenn der Verdreher erneut Wasser in einem Eimer aus der Erde holte, konnte es beim zweiten Mal dämonisches Wasser sein. Die Pfeife ging hin und her. »Einmal hatte ich die Krankheit der Bösen Sprache«, sagte Miskasquamish. »Alle Männer und Frauen hatten Angst vor mir. Das Tor, das kein Tor ist, hatte sich geöffnet, und ich hatte große Angst. Ich war nicht imstande, mich ihm wie ein Mann zu stellen. Ich wurde wieder zu einem Kind, einem ängstlichen Kind. Heute noch schäme ich mich deswegen. Doch schließlich ging ich durch das Tor. Es war nicht schrecklich auf der anderen Seite. Nur das Passieren des Tores ist schrecklich.« Siggymoondo nahm noch einen Zug und reichte die Pfeife dann höflich zurück. 50
»Der Sohn von meines Vaters Bruder hatte die Krankheit der Bösen Sprache«, sagte er. »Er ging nicht durch das Tor. Er sprang in ein großes Wasser, ein Wasser, größer als ein Fluß, solche Angst hatte er.« »Der Großvater des zahmen Opossums meines Onkels wurde einmal von einem grünlichblauen Elch besprungen«, antwortete Miskasquamish, und diesmal verbarg er seinen Ärger nicht. »Na schön«, sagte der Fremde und akzeptierte den Tadel gleichmütig. »Antonio, der Junge, den ich meinte, war nicht der einzige in unserer Familie, der an der Krankheit der Bösen Sprache litt. Du weißt, daß ich sie hatte, genauso wie ich weiß, daß du sie hattest.« Miskasquamish heuchelte Versöhnlichkeit: »Warum hast du das nicht gleich gesagt?« »In meinem Stamm spricht man beim ersten Mal nicht offen.« Miskasquamish wartete. »Dort, wo ich herkomme, gibt es viele Medizinmänner«, sagte Siggymoondo. »Ihre Namen würden dir nichts sagen. Einige sind Freie Maurer und einige sind Männer des Schwarzen Steins und andere Männer der Roten Erde, so ungefähr würden sie in deiner Sprache heißen. Jeder von ihnen hat eine andere Medizin, und jeder von ihnen fürchtet mich so wie du, auch wenn ich niemandem etwas Böses will.« Miskasquamish erhob sich. »Das sind sehr schöne Kristalle«, sagte er. »Das sind sehr schöne Felle.« »Wir könnten uns wiedersehen.« »Das könnten wir.« Miskasquamish entfernte sich wie zuvor, ohne sich auch nur ein einziges Mal umzusehen. Er war wütend, doch ein Medizinmann handelt nicht unbesonnen. Der Fremde war so unverschämt, ihm zu erzählen, während er gleichzeitig wie alle vorgab, höflich zu sein, daß schon viele Medizinmänner versucht hätten, seine böse Entwicklung zu stoppen und versagt hatten. Erneut hatte er gelogen und behauptet, er führe nichts Böses im Schilde. Dabei war er gekommen, um den Maheema zu schaden, denn dort, wo er herkam, gab es keine Herausforderungen mehr. Ein Verdreher ist wie ein Medizinmann beim Wakan gewesen, dem Einzigen im Innern aller Dinge, und hat gelernt, daß er nicht anders ist 51
als der Wakan. Doch ein Medizinmann ist immer noch ein Mensch und seinem Stamm gegenüber loyal. Der Verdreher ist wie der Wakan geworden, unmenschlich, weder einem Stamm noch irgendwelchen Geistern oder Göttern gegenüber loyal. Da er wie der Wakan ist, meint er, mit der Welt und mit allen Welten spielen zu können. Und der Tod dieses Verdrehers würde schwieriger sein, als alle anderen zuvor.
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Das Licht singt von der Ewigkeit Brandywine 1777 Einstmals waren wir alle Sterne »Gefreiter Moon von der Kompanie A, Sir. Ich habe eine Depesche für Sie, Sir.« General Washington sah kurz auf, wie ein Mathematiker, den man bei beim Lösen einer quadratischen Gleichung unterbricht. »Oh?« sagte er. »Schlechte Nachrichten, nehme ich an.« Er schien James nicht wiederzuerkennen, obwohl er ihn selbst für die Kontinentalarmee rekrutiert hatte. »Die Lage hat sich nicht verbessert, Sir«, sagte James vorsichtig. Er hätte das Zelt gern verlassen, bevor der General vom neuesten Sieg der Hessen las. »Tja, so ist es nun mal im Krieg«, sagte der General munter. Er wirkte so besorgt wie ein verschlossener Safe. »Mal gewinnt der eine, mal der andere.« Er strahlte und nickte philosophisch. Schön wär’s, bislang hast du jedenfalls noch keine Schlacht gewonnen, dachte James Moon. Doch das zu sagen schien nicht unbedingt angebracht. »Nehmen Sie die Depesche an, Sir?« Der General machte einen tiefen Pfeifenzug und überlegte. James wurde von dem vielen Qualm in dem stickigen Zelt allmählich schwindelig. »Aber sicher, Gefreiter. Sicher nehme ich die Depesche an.« Der General starrte Moon einen Augenblick an, und plötzlich schien er ihn wiederzuerken53
nen. »Ich muß das Unvermeidliche akzeptieren, James. Das ist der Lauf der Geschichte, nicht wahr?« James wußte nicht, was er sagen sollte. Generäle unterhielten sich sonst nie so zwanglos mit Gefreiten, und General Washington achtete normalerweise streng auf die Regeln der militärischen Hierarchie. »Sehr gut ausgedrückt, Sir«, antwortete Moon schließlich. Damit hatte er sich einigermaßen aus der Affäre gezogen. »Ist dir jemals aufgefallen«, fuhr der General zu James’ Erstaunen fort, »daß unter bestimmten Lichtverhältnissen ein einziger Tropfen Morgentau auf der Spitze eines Grashalms alle Farben des Regenbogens enthält? Es ist unglaublich und zeugt von der Größe unseres Schöpfers.« Es folgte eine lange Pause. James konnte sich nicht entfernen, bis der General ihn entließ. Der General jedoch schien vergessen zu haben, daß er da war. Der Rauch wurde immer dichter, und James fühlte sich etwas betrunken und auf eigenartige Weise hochgestimmt. Donnerwetter, dachte er, der Tabak, den die Indianer dem General diesmal verkauft haben, muß ein Teufelszeug sein. Erst im Januar hatte der General allen Soldaten der Kontinentalarmee eine Nadel in den Arm jagen lassen. Es hatte höllisch weh getan und sollte angeblich helfen, die Ausbreitung der Pocken zu stoppen. Irgendein Quacksalber aus Frankreich steckte dahinter. Manchmal war der General schon ein sonderbarer Vogel. »Und ist es nicht verwunderlich«, sagte der General, zog an seiner Pfeife und philosophierte weiter, »daß wir davon ausgehen, daß der Regenbogen nur sieben Farben hat, während eine nähere Untersuchung des Spektrums in einem Tautropfen, wie ich eben schon sagte, unendlich viele subtile und höchst prächtige Farbabstufungen zutage fördert? Ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht und bin ehrlich gesagt erstaunt, wie wenig wir normalerweise vom herrlichen Gewand der Natur bemerken.« »Hm. Ganz recht, Sir.« Dieser freundliche, gedankenverlorene Mann war nicht der Washington, den James Moon in dem Jahr, das er unter ihm gedient hatte, kennengelernt hatte. Der Washington, den James kannte, war zwar verschlossen, ja, aber nie entspannt oder nachdenklich. Im übrigen hatte er die rüpelhafteste Sprache, die James untergekommen war, seit er Dublin verlassen hatte, und fluchte jedermann 54
in Grund und Boden, wenn ihn ein junger Offizier enttäuscht hatte. Erst gestern hatte James einen seiner typischen Wutanfälle erlebt, als er einen Colonel zurechtwies, der einen Fehler begangen hatte: »Verflixt und zugenäht! Bei allen Kriegsbeilen, Donnerkeilen und heulenden Huren der Hölle, Sie sind der dümmste Esel, der mir je über den Weg gelaufen ist, Sir! Sie haben den Horizont einer Ameise! Und wenn mein Köter Ihre Fresse hätte, würde ich ihm den Hintern rasieren und ihn rückwärts laufen lassen!« Das war George Washington wie er leibte und lebte. Das war der Mann, der es nach einer Unzahl von Niederlagen und verzweifelten Rückzügen noch immer schaffte, die Disziplin seiner Truppen aufrechtzuerhalten. »Uh, ah, Sir.« »Bist du ein Mystiker, James?« »Nun, Sir, die Menschen hier sagen, alle Iren wären Mystiker. Einmal habe ich gesehen, wie ein Stein vom Himmel fiel.« »Wie ein Stein vom Himmel fiel?« Der General nahm die Pfeife aus dem Mund und starrte Moon an. »Ich habe eine Menge seltsamer Dinge gesehen, aber noch nie, wie ein Stein vom Himmel fiel. Warst du nüchtern, als es passierte?« »Stocknüchtern, Sir. Gott ist mein Zeuge.« »Tja, James. Nur Dummköpfe sagen, daß Steine vom Himmel fallen. Gelehrte Männer sagen, das ist unmöglich.« »Ja, Sir. Aber ich habe es mit eigenen Augen gesehen.« »Du schwörst, es gesehen zu haben, obwohl ich dir sage, daß die Gelehrten es für unmöglich halten?« »Was ich gesehen habe, habe ich gesehen, Sir.« Der General lächelte verstohlen. »Wegtreten, Gefreiter!« Am nächsten Tag erfuhr James, daß er zum Colonel befördert worden war, starb und fuhr in den Himmel auf, wurde jedoch rausgeworfen, als sich herausstellte, daß es zwei von ihm gab. An die Schlacht bei Brandywine erinnert sich in den Vereinigten Staaten kaum jemand, doch in Frankreich kennt sie jeder, da der Marquis de Lafayette dort verwundet wurde. In County Clare, Irland — besonders im Burren — ist sie 55
ebenfalls bekannt, weil dort Colonel Seamus Muadhen sozusagen Gott begegnete und herausfand, daß Gott Ire ist. Nachdem er nach Irland zurückgekehrt war und sich im Burren niedergelassen hatte, erzählte Seamus die Geschichte jedem, der sie hören wollte. Er erzählte, wie er General George Washington in einer Kneipe in Philadelphia kennengelernt hatte und sich die Gelegenheit, gegen die Briten zu kämpfen, nicht entgehen lassen wollte. Er erwähnte nicht, daß der General ihn sturzbesoffen gemacht hatte, bevor er die patriotische Entscheidung traf, der Kontinentalarmee beizutreten. Und daß er vorher fest entschlossen gewesen war, sich auf keinen Fall, unter keinen Umständen für irgendeinen Krieg, egal wo oder gegen wen, einspannen zu lassen. Noch erzählte er den Männern im Burren davon, daß er bald wieder in einen Krieg ziehen würde, und diesmal für Irland. Bei Brandywine im Jahre 1777 wurde Colonel Muadhen — oder Colonel Moon, wie er sich damals nannte, von einer hessischen Kugel aus dem Sattel geschossen. Als er stürzte, hatte er nur den einen Gedanken: Bei allem, was recht ist, das war aber eine verdammt kurze Karriere als Offizier! Er war überzeugt, daß er sterben würde — ein Mann, der von einer Kugel niedergestreckt wird und vom Pferd fällt, hat kaum Zeit, sich zu fragen, wo er getroffen worden ist. Er geht einfach vom schlimmstmöglichen Fall aus. Er landete nie am Boden. Stattdessen drehte er mitten im Sturz plötzlich ab und fuhr rasend schnell aufwärts, bis er von oben auf das Schlachtfeld niedersah. Oh Gott. Lieber Gott. Ich bin auf dem Weg in den Himmel, schoß es James durch den Kopf. Im gleichen Augenblick kam ein singendes Licht über ihn, hüllte ihn in in den Glanz goldener Liebe, badete ihn in mütterlicher Wärme. Es war besser als ein Orgasmus: Er spürte, daß er buchstäblich wie Glas zersprang und zugleich langsam wie eine Blume aufblühte. Schließlich zerbarst er in zwei Sterne. »Du gottverfluchter Esel! Das hast du nun davon, dich für andere einspannen zu lassen«, sagte Seamus Muadhen. »Du bist nicht wirklich«, antwortete James Moon. »Es muß das Fieber sein. Ich bin verwundet, und du solltest mich nicht noch mehr quälen. Ich glaube, der Kerl hat mein Bein getroffen, und es könnte sein, daß die Ärzte es mir abnehmen wollen.« 56
»Du hast kein Fieber. Du bist auch nicht James Moon. Du bist ich, und ich bin du.« »Ein Name ist nur ein Name. Es gibt nicht wirklich zwei von uns, nur weil ich zwei Namen habe. Das ist nichts weiter als eine Halluzination. Ich bin verwundet und habe Fieber.« »Warum antwortest du mir dann?« James sah nach unten. Männer trugen seinen Körper auf einer Tragbahre zum Feldlazarett. Er konnte sehen, wie das Blut aus seinem rechten Bein oder dem rechten Bein des leblosen Körpers dort unten sickerte. »Verflucht. Es gibt sogar drei von uns. Du und ich und der Körper da unten auf der Erde. Seit einem Jahr sitzt mir dieser Krieg im Nacken, aber jetzt hat er mir endgültig den Verstand geraubt.« »Mach dir nichts draus. Es ist höchste Zeit, daß du und ich uns mal zusammensetzen. Du hast mich schon viel zu lange aus deinem Bewußtsein verdrängt.« »Was soll das heißen, verdrängt? Du bist nur ein Name, kein Mensch.« »Ich bin genauso ein Mensch wie du, James. Sogar mehr als du. Ich bin der wahre Mensch, und du bist nur die Maske. Der Schatten des Menschen.« »Jetzt werd doch vernünftig, Mann! Du sprichst ja, als hättest du getrunken!« »Jeder Ire hat zwei Seelen in seiner Brust, James. Sein wahres Ich und die Maske, die er lernt zu tragen, um mit den Besatzern, den Sasanach zu leben. Du bist zur Maske geworden und hast dein Ich verloren. Einstmals waren wir alle Sterne, und dann haben wir uns zu Marionetten machen lassen.« »Ich wäre wohl selbst der größte Narr, wenn ich das glauben sollte. Du hast einen zuviel getrunken, mir kannst du nichts vormachen. Ich bin der wirkliche Mensch, und du nur ein Produkt meiner Halluzinationen.« »Das ist die große Lüge der Eroberer. Sicher, sie haben unsere Seelen in Irland in verdammte Ketten gelegt und alles, was irisch ist, in uns erstickt. Sie wollen Imitationen von Engländern aus uns machen. Und was ist James Moon, wenn nicht die Imitation eines Engländers?« »Ich muß mir diesen Schwachsinn nicht anhören. Von einem Phantom wie dir lasse ich mir überhaupt nichts sagen. Ich sterbe im Kampf gegen England, 57
und du bist nur ein Symptom meines Fiebers, das behaupte ich immer noch. Ich sage es dir sogar ins Gesicht!« . »Petrus verleugnete Christus drei Mal. Wie oft willst du mich verleugnen?« »Jetzt vergleichst du dich schon mit Gott! Das geht wirklich etwas zu weit, selbst für ein Hirngespinst wie dich.« »Aber ich bin Gott, James — wahrer Gott vom wahren Gott. Das wahre Ich jedes Lebewesens ist der eine Gott. Und ihr Dummköpfe, die nur Masken und Schatten von Männern seid, gebt euch alle Mühe, den Sternenchristus in eurem Inneren zu leugnen. Ihr macht Pontius Pilatus und dem heiligen Petrus alle Konkurrenz.« »Aua! Seid doch ein bißchen vorsichtiger. Das hat höllisch weh getan.« »Ganz ruhig, Sir. Wir holen gerade die Kugel raus. Sie werden durchkommen.« Und dann war Seamus Muadhen verschwunden, und ein Offizier sah auf James hinunter, denn James steckte plötzlich wieder in seinem Körper, und dann spürte er die ganze Wucht des Schmerzes auf einmal. Wenigstens lebte er noch. Oder nicht? Nach der Operation hatte es den Anschein, als sei James Moon tot. Sie hatten ihm das Bein nicht abnehmen müssen — die Kugel ließ sich leicht entfernen, und es war nicht zu einer Blutvergiftung gekommen —, doch irgend jemand hatte ihm seine Identität genommen. Colonel Seamus Muadhen — jetzt bestand er darauf, so genannt zu werden — erholte sich langsam in einem Krankenhaus in der Nähe von Brandywine. Sein Bettnachbar war ein Franzose namens de Lafayette, und er und Seamus verstanden sich prächtig, da jeder von ihnen davon überzeugt war, einen leichten Dachschaden zu haben. Seamus glaubte, nicht ganz dicht zu sein, weil er nicht sicher war, was er von seiner abgebrochenen Reise in den Himmel halten sollte oder wie James Moon gestorben war und ihn am Leben gelassen hatte, mit der Erinnerung, einstmals ein Stern gewesen zu sein. Der Marquis dagegen war der Meinung, einen Vogel zu haben, weil das Personal im Lazarett weder wie gewöhnliche Amerikaner noch wie gewöhnliche Engländer sprach. Die Ärzte und Pfleger im Lazarett sprachen wie die Figuren aus einem Shakespeare-Stück. Zuerst war der Marquis äußerst beunruhigt deswegen. Er fürchtete, daß er in Wirklichkeit in einem englischen Spital gelandet war und die Pfleger alle so sprechen würden, um 58
ihm den Verstand zu rauben oder ihn glauben zu lassen, er verliere allmählich den Verstand. Sie wollten ihn dafür bestrafen, daß er sich den Aufständischen angeschlossen hatte. Er fürchtete, daß eine derartige haarstäubende Theorie ein unmißverständlicher Beweis für seinen Wahn war. Er fürchtete, daß sie in Wirklichkeit überhaupt nicht so sprachen und er sich das alles nur einbildete. »Und wie geht es Euch heute?« fragte eine Krankenschwester und näherte sich seinem Bett. »Oh, sehr viel besser, Schwester«, sagte der Marquis und verbarg seine Angst. »Und wie geht es, äh, hm, Euch?« »Seht, der Herr meint es gut mit seiner ergebenen Dienerin. Doch wünscht Ihr etwas zu lesen? Vielleicht einige Decken mehr? Wir möchten, daß Ihr Euch bei uns ganz wie zu Hause fühlt.« So ging es die ganze Zeit, wenn er sich mit einem Angehörigen des Lazaretts unterhielt. Schließlich nahm der Marquis all seinen Mut zusammen und vertraute sich Colonel Seamus Muadhen an, dem irischen Offizier, der bei seiner Einlieferung über zwei Seelen in seiner Brust phantasiert hatte. »Die geistigen Folgen einer Verwundung können länger andauern als die physischen«, sagte Generalmajor Lafayette vorsichtig. »Hm, nun ich habe kein Fieber mehr, aber ich zerbreche mir immer noch den Kopf über die beiden Seelen.« »Das geht mit der Zeit vorbei, nehme ich an, sonst müßten ja alle Veteranen verrückt sein.« »So kann man es auch sehen.« »Um ehrlich zu sein, ich habe auch meine Probleme.« »Das ist mir nicht entgangen. Sie machen häufig einen ziemlich niedergeschlagenen und gedankenverlorenen Eindruck.« »Nun, die Wahrheit ist«, sagte der Marquis, »daß hier alle so seltsam sprechen.« Er zögerte. »Es klingt wie bei Shakespeare, nur ohne die Poesie.« Seamus lachte und sah ihn mitfühlend an. »Liebe Güte, das ist Shakespeare? Sie haben wohl nie die King James Bibel gelesen, wie?« »Was wollen Sie damit sagen?« Der Marquis hatte sein ganzes Englisch in einem sechsmonatigen Schnellkurs erworben, nachdem er den Entschluß gefaßt hatte, sich der Amerikanischen Revolution anzuschließen. Der junge und un59
sichere König von Frankreich, Ludwig xvi. — »der kleine Fettsack«, wie Lafayette ihn zu nennen pflegte —, hatte ihm sein verrücktes Abenteuer verboten. Daher hielt sich der Marquis illegal in den Kolonien auf und lief Gefahr, bei seiner Rückkehr nach Frankreich festgenommen zu werden. »Es ist nicht Shakespeare, den sie zu imitieren versuchen«, erklärte Seamus Muadhen. »Es ist die englische Bibel. Es ist Teil ihrer Religion, wie unser Herr zu sprechen und zu handeln, und sie glauben nun mal, daß er so gesprochen hat, wie es in der Bibel steht. Ich bringe es nicht übers Herz, ihnen zu sagen, daß der Herr aller Wahrscheinlichkeit nach Hebräisch gesprochen hat.« Nach diesem aufklärenden Gespräch erholte sich der Marquis wesentlich schneller, aber er verbrachte die meiste Zeit damit, sich mit den Angehörigen des Lazaretts zu unterhalten, um so viel wie möglich über sie und ihre seltsame Religion in Erfahrung zu bringen. Warum glaubten sie, daß Gott fröhliche, helle Farben für ihre Kleider nicht mochte und es lieber sah, wenn sie immerzu in schwarz herumliefen? Weil Gott wollte, daß der Mensch sein Heil in der Furcht suchte, erklärten sie ihm. Warum glaubten sie, daß Gott gegen die Sklaverei war? Weil er alle Seelen nach seinem Ebenbild geschaffen hatte. Wenn sie doch selbst den Hut vor dem König nicht zogen und Männer gesund pflegten, die gegen den König kämpften, warum waren sie dann trotzdem der Meinung, daß es eine Sünde war, gegen den König zu kämpfen? Weil der Herr gesagt hatte, Du sollst nicht töten. Würden sie sich nicht wehren, wenn ein Schurke versuchen würde, sie zu berauben und ihre Familie zu töten? Nein, denn Christus hatte am Kreuz gesagt: Vater, vergib ihnen. Der Marquis de Lafayette fand die Quäker von Brandywine fast so erstaunlich und wunderbar wie Voltaires Geschichte über einen Besucher vom Sirius, der über die Erde wandert und niemals die Menschen bemerkt, die um seine Zehen herumkrabbeln. Lafayette war noch nie Christen begegnet, die sich nicht gegenseitig haßten, und er fand sie außergewöhnlich. Nur einmal war er leicht enttäuscht, als er hörte, wie ein Krankenpfleger bei einem Streit, in dem es darum ging, wer die Bettschüsseln reinigen mußte, zu einem anderen sagte: »Verdammt nochmal, dann fickt Euch doch selbst.« General Washington nahm sich die Zeit, dem Lazarett der Quäker einen Besuch abzustatten, obwohl er wieder einmal damit beschäftigt war, einen 60
Rückzug zu befehligen. Er saß am Bett des Marquis de Lafayette und sprach feierlich und mit großem Ernst von dem Dank, den das amerikanische Volk ihm schuldig sei, der sein Blut für die Sache einer Nation hingegeben hatte, die nicht einmal die seine war. Nie würden die Vereinigten Staaten von Amerika vergessen, was sie den Lafayettes aus Frankreich schuldeten. Bei dieser Gelegenheit entdeckte Seamus, daß George Washington wie er selbst aus drei Männern zu bestehen schien. Der Mann, der Lafayette gegenüber vom Dank der Nation sprach, war weder der aufbrausende, strenge Vorgesetzte, den Seamus am besten kennengelernt hatte, noch der gedankenverlorene Philosoph, dem er vor zwölf Tagen im Zelt begegnet war. Er war ein Staatsmann, der wußte, wie man Pathos einsetzte und jemandem Honig um den Bart schmierte. Später, als Seamus im Garten spazieren ging — er hatte Lafayette und Washington allein gelassen, damit sie sich ungestört unterhalten konnten —, fiel plötzlich ein riesiger Schatten zwischen ihn und die Sonne. Seamus wußte, daß es nur einen Mann in seinem Leben gab, der einen solch riesigen Schatten werfen konnte. »Guten Nachmittag, General.« »Guten Nachmittag, Colonel.« Sie gingen ein paar Schritte. Heute schien der General nicht den merkwürdig torkelnden Gang zu haben, der ihn in den letzten Monaten befallen hatte. Eine amerikanische Wanderdrossel kreiste über ihren Köpfen, setzte sich dann auf einen Baum und verkündete lauthals, sie würde es mit jedem anderen Vogel im Garten aufnehmen — notfalls mit einem auf dem Rücken gefesselten Flügel. »Du hast also gesehen, wie ein Stein vom Himmel fiel«, sagte General Washington. »Und du hast deinen eigenen Augen mehr geglaubt als der öffentlichen Meinung.« »So war es, General.« Seamus hatte nicht die Absicht, ihm sein Herz auszuschütten und von seiner anderen Seele zu berichten, die jetzt ein Stern war. Die Sache mit dem Stein war schon seltsam genug. Die Wanderdrossel erklärte mit schriller Stimme, sie sei halb Pferd, halb Alligator, verspeise Falken zum Frühstück und werde ihr Territorium verteidigen, bis die Elstern Pavanne tanzen lernten und die Hölle zufror. Europäische Wanderdrosseln, dachte Seamus, waren um einiges taktvoller. Am anderen Ende des Gartens 61
lachte spöttisch ein Rabe und murmelte etwas in seinen Bart über Prahlhänse, die sich mit fremden Federn schmückten. »So geht zur Hölle mit Euerem Hut«, rief ein wütender Arzt in der Küche. »Und setzt ihn auf, damit Euch Hörner wachsen.« »Ich habe einmal etwas noch Seltsameres gesehen als einen Stein, der vom Himmel fällt«, sagte Washington. »Damals arbeitete ich noch als Inspektor für die Kolonialverwaltung. Ich verbrachte viele Monate im Wald, und man wird zuweilen etwas, äh, wunderlich, wenn man so lange allein ist. Aber dann sah ich etwas, das noch unglaublicher ist, als dein Stein, und ich habe es geglaubt.« »Ich verstehe, General. Sie haben sich lieber auf Ihre eigene Wahrnehmung verlassen, als darauf, was die Öffentlichkeit unter wirklich und nicht wirklich versteht.« Ein Schmetterling flatterte vorbei. Und Seamus wartete. »So ist es«, sagte Washington. Die Wanderdrossel verkündete, sie würde weiterziehen auf der Suche nach einem gesünderen Klima, und flog davon. Der Rabe krächzte ihr mit heiserer Stimme nach, sie solle sich mit ihrer Rückkehr ruhig Zeit lassen. »Sie würden mir nicht sagen, was es war, General?« fragte Seamus vorsichtig. »Du würdest mich wahrscheinlich für verrückt halten. Aber diesem Ereignis hast du zu verdanken, daß du heute Colonel bist.« »Weil ich mich lieber auf mich selbst verlassen habe als auf die öffentliche Meinung? Meinen Sie das, General?« »Genau das meine ich, Colonel. Mach nur so weiter. Wir werden uns bei nächster Gelegenheit treffen und darüber sprechen.« General Washington ließ ihn stehen und ging weiter, unbeirrt, riesig und geheimnisvoll wie eh und je. Solange Polyphemus nicht aus der Odyssee entwischt und an meiner Tür klopft, dachte Seamus, wird dieser Mann wohl der hoffnungsloseste Charakter sein, der mir je über den Weg gelaufen ist. Es sollten noch drei Jahre vergehen, bevor General Washington Colonel Seamus Muadhen von dem Stern erzählte, der vom Himmel gefallen war in jener Nacht damals im Wald, und von dem italienischen Araber oder arabischen Italiener, der aus dem Stern stieg und sich mit ihm unterhielt und ihm in allen Einzelhei62
ten seine Zukunft voraussagte. Am Schluß hatte der Italiener oder Araber, der in einem Stern reiste, gesagt: »Fürchte nichts, zweifle nicht, verzage nicht. Wir werden dich größer machen als die Könige von Europa.« Und dann hatte dieser Araber oder Italiener noch einmal feierlich wiederholt: »Wir trafen uns beim Winkelmaß, wir scheiden auf dem Zirkel« und war wieder in seinen Stern gestiegen. Dann bediente er ein paar mechanische Vorrichtungen, beugte sich aus dem Fenster und rief: »Und vergiß nicht — jetzt keine Frau, kein Pferd, kein Schnurrbart!«, erhob sich in die Luft und sauste in einem Winkel von dreiunddreißig Grad über die Wipfel der Bäume hinweg wie ein Stück Scheiße von der Schaufel fliegt.
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Der Marquis de Sade und andere Freidenker England — Frankreich — Amerika 1776-1986 Der wunderbare und überaus wichtige Pimmel, der so entscheidend für die christliche Definition von Heiligkeit ist Subversives Dokument gewinnt breite Leserschaft; Hancock anmassend Noch vor Ende des Jahres 1776 wurde die von Mr. Tom Jefferson, Gem., Charlottesville, Virginia (geb. 1743, Anwalt, Pflanzer, Architekt) ausgearbeitete Unabhängigkeitserklärung in der High Street Nr. 48 von Philadelphia offiziell veröffentlicht und die Welt in Tafelsilberprosa davon in Kenntnis gesetzt, daß gewisse liberale, freidenkerische und geradezu ausschweifende Vorschläge, die sich aus der Philosophie John Lockes (1632-1704, Autor von Versuch über den menschlichen Verstand, Brief über die Toleranz, Zwei Abhandlungen über die Regierung) ableiten ließen, »sich von selbst verstünden«, auch wenn die Regierungen der zivilisierten Welt etwa fünfundvierzig Jahrhunderte gegen diese Prinzipien gehandelt hätten. Ein großer Teil der literarischen Welt las Mr. Jeffersons politische Abhandlung und war — je nach Temperament — erstaunt, begeistert oder aufgebracht. Jeder in Europa kannte die Geschichte von Mr. John Hancock aus 64
Massachusetts Bay (geb. 1737, Schmuggler), der die Unabhängigkeitserklärung als erster in Großbuchstaben unterschrieben und dazu erklärt hatte: »So, ich denke, König George wird imstande sein, dies zu lesen!« — eine Bemerkung, die in den Kreisen des Adels als ungehobelt galt und einiges zu dem Ruf der Amerikaner als unregierbare Barbaren, die keinerlei Respekt vor der Obrigkeit hätten, beitrug. Unflätige Sprache der Rebellenführer; gestörtes Feingefühl Eine neue und noch größere Kontinentalarmee wurde ausgehoben, die unter der Führung Mr. George Washingtons (geb. 1732, Pflanzer und Gentleman aus Virginia) stehen sollte. Man gründete eine Lotterie, um mit deren Einnahmen den Soldaten wenigstens etwas zahlen zu können, sofern sie die Pokken überlebten, die seit Monaten ihre Ränge dezimierten. Die Seuche wütete überall, im Norden und im Süden, in den Städten und auf dem Land, und natürlich blieb die Armee nicht verschont. 1776 hatte sie die Hälfte der Soldaten der Kontinentalarmee dahingerafft und Washingtons Rekruten von über zehntausend Mann auf knapp fünftausend reduziert. Mit diesem kümmerlichen Rest und dem anregenden Kraut in seiner Pfeife zog der General gegen das größte Imperium in der Geschichte des Planeten zu Felde. Kein Wunder, daß die pockenverseuchten und unterernährten Truppen bei jeder sich bietenden Gelegenheit übel verdroschen wurden, trotz der Schimpfkanonaden Washingtons vor seinen Offizieren, er werde Himmel und Hölle in Bewegung setzen, bei seiner Ehre, bei Jesus, Maria und Joseph, Sirs, und sie mit einem Tritt ins tiefste Höllenfeuer befördern, wo sie schmoren könnten, bis das Himmelreich auf Erden käme, wenn sie sich nicht endlich zusammenrissen und anständig kämpften. Diese unbeherrschte und brutale Sprache wurde bei mehreren Anlässen wiedergegeben, und ehrbare Damen sollen in Ohnmacht gefallen sein, wenn der revolutionäre Aufwiegler in kultivierten Salons wörtlich zitiert wurde. 65
Howe versöhnlich, Adams unnachgiebig, Franklins Mässigungsversuch unbeachtet Im September war General Howe überzeugt, daß die Kolonien bald wieder zur Vernunft kommen würden. Er vereinbarte ein geheimes Treffen auf Staten Island mit dem berühmten Dr. Benjamin Franklin (geb. 1706, Drucker, Aphorist, Erfinder mechanischer und elektrischer Apparate, Wanderer) und zwei Kongreßabgeordneten namens Rutledge und Adams. Howe war ein Whig und sympathisierte mit den gerechtfertigen Beschwerden der Kolonisten; daher wollte er ehrliche und sinnvolle Verhandlungen. Der überhebliche, unnachgiebige und intolerante Adams jedoch informierte ihn, daß es einen Punkt gab, über den keinesfalls verhandelt würde: Die Krone mußte die Unabhängigkeit der Kolonien anerkennen. Howe verließ das Treffen deprimiert, doch nicht, ohne sich den Namen des Mannes zu merken, der sich einer vernünftigen Lösung widersetzt hatte: John Adams, bei Gott, aus Braintree in Massachusetts Bay, bei Gott. Ein absolut Wahnsinniger, ein Wüterich, bei Gott. Einer von denen, die unausweichlich am Galgen endeten, bei Gott. Erinnerung an vergangene Taten eines Barristers aus Braintree General Howe wußte nicht, daß der Kontinentalkongreß denselben Eindruck von Adams (geb. 1735, Bauer, Anwalt und Essayist) gehabt hatte, als dieser begann, die Abgeordneten zur Unabhängigkeit aufzuwiegeln. Auch war Howe nicht bekannt, daß der Kongreß nach einigen Monaten entschieden hatte, Mr. Adams aus Braintree sei nicht nur verrückt, sondern auch ungehobelt, anmaßend und sarkastisch. Howe hatte keine Ahnung, daß der jähzornige Adams sich dessen ungeachtet weiterhin für Logik, Rhetorik, Vernunft, Bildung, Satire, Fakten und Zahlen, ausgewählte kluge Zitate aus Lord Cokes klug ausgewählten Instituten einsetzte, sich durch Redundanz, Wiederholung, völlige Offenheit und ein absolutes Fehlen an Charisma und politischem Talent auszeichnete, bis er sie wie durch ein Wunder dazu überredete, Mr. Jeffer66
son damit zu beauftragen, eine Unabhängigkeitserklärung zu verfassen und sie anschließend dazu brachte, das verräterische und freidenkerische Dokument zu unterschreiben. Niemand hatte Howe erklärt, daß fünf Jahre zuvor Adams mit ähnlicher Offenheit und einem völligen Mangel an politischem Gespür — noch dazu in einer Zeit, in der einen »Rotrock« (ein verächtlicher Name, den die Kolonisten aus Massachusetts den Soldaten Ihrer Majestät gegeben hatten) zu verteidigen dem Tragen einer Lepraglocke gleichkam — ein Bostoner Gericht auf wunderbare und unvergleichliche Art überzeugt hatte, Captain Preston, einen britischen Offizier, freizusprechen, der in einen Menschenauflauf der Amerikaner geschossen hatte, nachdem die Menge seine Männer mit Steinen beworfen hatte. Adams hatte damals den Fall gewonnen, weil er aufrichtig geglaubt hatte, daß der britische Captain in Selbstverteidigung handelte und die Sache der Kolonisten keinen Deut von dem abweichen durfte, was er unter purer Gerechtigkeit verstand. Wie in Philadelphia kämpfte Adams, wenn er von seiner Richtigkeit überzeugt war, so lange, bis er alle anderen davon überzeugt hatte, daß er recht hatte. Musikalische Noten aus dem alten Wien — und Gerüchte über eine wichtige Erfindung Wolfgang Amadeo (alias Amadeus) Mozart (geb. 1756, Komponist, Musiker und Verführer) schrieb in jenem Jahr in Wien seine lyrische, süßliche Haffnerserenade und die strengere und klangvollere Serenata Notturna, während in Elmsford, New York, eine Bardame namens Betsy Flannagan den Cocktail erfand. Alle drei Erfindungen trugen eine Menge zur weiteren Unterhaltung und Belustigung der Menschheit bei, konnten jedoch wenig gegen die schlechte Laune Seamus Muadhens ausrichten, der sich mit General George Washington in der alten muffigen Schenke in Philadelphia names The Goat and Compasses (Ableitung eines ähnlichen Etablissements in London Town, das seinen eigenartigen Namen einem mangelhaft gebildeten Handwerker verdankte, der statt der religiösen Botschaft »God encompasseth«, zu der er beauftragt war, sich systematisch besoffen und dann »Goat and Compasses« geschrieben hatte) betrank. Obendrein wachte er am nächsten Morgen mit einem schrecklichen 67
Kater auf und mußte zu seiner Verwirrung feststellen, daß er sich freiwillig zum Dienst in der pockenverseuchtesten Armee und für den aussichtslosesten aller Kriege in der Geschichte des menschlichen Optimismus und Wahns verpflichtet hatte. Adam S. und Adam W. — ein dynamisches Duo schlägt zu, Feudalismus gerät ins wanken Bevor das Jahr 1776 zu Ende ging, veröffentlichte Adam Smith in Schottland ohne viel Aufhebens eine Untersuchung über Natur und Ursachen des Volkswohlstandes, und Adam Weishaupt gründete in Bayern noch diskreter den Orden der Illuminaten, der rasch die Freimaurerlogen in ganz Europa und sogar in den amerikanischen Kolonien unterwandern sollte. So gründeten die Illuminaten in der Harvard University einen Ableger namens Phi Betta Kappa, wie man in Heckethorns gelehrtem und erschöpfendem Werk The Secret Societies of All Ages and Countries nachlesen kann. In England versuchten Sir John Babcock, David Hartley und ein paar weitere Radikale, das Parlament dazu zu bringen, die Sklaverei vollkommen abzuschaffen, nachdem die Einfuhr von Sklaven schon 1772 verboten worden war. Doch für die meisten englischen Leser wurden all diese Ereignisse von dem Skandal um Lady Maria Babcock und den folgenden noch schauerlicheren Beckersniff-Blasphemien überschattet. John Wilkes, dem Demagogen, Strolch und ehemaligen Sträfling, der die Amerikaner im Parlament tapfer unterstützte, wurde nun auch noch nachgesagt, daß er Lady Babcock und der obszönen Beckersniff die Stange hielte. »Bei Gott, Sir«, erklärte er jedem, der es hören wollte, »die beiden haben es faustdick hinter den Ohren!« Offensichtlich war diese Bemerkung als Kompliment gemeint. Neapolitanischer Musiker sucht Ruhe und Einsamkeit Sigismundo Celine (geb. 1750, Sonne im Capricorn, Mond im Leo, aufsteigender Gemini) saß unter einem Baum und meditierte. Alle Phänomene wa68
ren für ihn gleichermaßen wirklich, gleichermaßen unwirklich, gleichermaßen unerklärlich, gleichermaßen großartig. Nachdem er den religiösen Fanatikern entkommen war, die ihn zum Kaiser von Europa machen wollten, war Sigismundo schließlich bis in den Süden von Ohio geflüchtet, um sicher zu gehen, daß sie ihn nie wieder finden würden. Als er noch durch Europa reiste, hatte er sich Sigismundo Malatesta genannt und vorgegeben, Maler zu sein. In den amerikanischen Kolonien hatte er zugegeben, Musiker zu sein — voller Angst, seinen Verfolgern einen Hinweis zu geben (falls er überhaupt noch Verfolger hatte) —, verwischte jedoch anschließend seine Spur, indem er aller Welt erzählte, er sei auf dem Weg nach New Orleans. Nach seiner Ankunft in Ohio hielt er sich für eine Zeit, die ihm in seiner Isolation wie eine Ewigkeit vorkam, von allen Menschen fern. Das gefiel ihm sehr. Eine Holzhütte zu bauen war, wie er im stillen gehofft hatte, eine erschöpfende und zugleich anregende Arbeit. Jeden Tag meditierte er ein wenig länger und bediente sich dabei der Techniken, welche die Priorei in Ägypten ihm beigebracht hatte. Er befreite sein Bewußtsein von allen Prägungen, bis es nur noch ein Spiegel war — leer, schimmernd und ein Universum reflektierend, das wirklich und unwirklich, unerklärlich und großartig zugleich war. Jenseits von Gut und Böse In diesem wirklichen, unwirklichen, unerklärlichen, großartigen Spiegel waren wiederholt Erscheinungen oder Begleiterscheinungen aufgetreten, in denen ein verrückter alter Hexenmeister eine Rolle spielte, der Sigismundo für einen Verdreher hielt — was so viel wie die schlimmste Art von Schwarzmagier zu sein schien —, weil Sigismundo alle Phänomene als gleichermaßen wirklich und gleichermaßen unwirklich betrachtete und keinen Unterschied zwischen »richtig« und »falsch« machte. Diesen amoralischen, vormenschlichen Zustand zu akzeptieren bedeutete, ein Ungeheuer zu sein. So glaubte der Hexenmeister anscheinend. Sigismundo war nicht sicher, ob er an irgendeine (im aristotelischen Sinne) klassische oder philosophische externe Objektivität des verrückten alten Hexenmeisters glaubte. Er hatte einst ähnlich realistische Dialoge mit Onkel Pietro geführt, als er allein in seinem Kerker schmorte, ein Gefangener jener 69
anderen Gruppe von religiösen Fanatikern, die ihn sein ganzes Leben lang verfolgt hatten, um zu verhindern, daß er zum Kaiser von Europa gemacht wurde. Im Grunde war es nicht von Belang, ob er an Miskasquamishs Existenz glaubte oder nicht. Der alte Medizinmann war nur eine Erscheinung, und alle Erscheinungen waren gleichermaßen wahr, gleichermaßen falsch und gleichermaßen unbedeutend. Sigismundo wollte meditieren, mit oder ohne die Erscheinungen und/oder Begleiterscheinungen von Miskasquamish, bis er starb — oder bis er beschloß, sich wieder mit der verfluchten Brut von zweibeinigen Idioten und Mistkerlen einzulassen, die sich Menschen nannte, falls das jemals geschehen sollte. Sigismundo war in die tiefen Wälder Ohios gekommen auf der Suche nach Einsamkeit, um im Alter von sechsundzwanzig Jahren seinen Geist in einen leeren Spiegel zu verwandeln. Das war das Resultat seiner anhaltenden Beziehungen zu Verschwörern und Magiern, seit er vierzehn war. Auswanderung loyaler Bürger in die neutrale Zone Im Herbst 1777 war Seamus Muadhen (aufgrund des Steines, der vom Himmel gefallen war) Colonel, (aufgrund seiner Verletzung bei Brandywine) ein Held und (aufgrund seiner keltischen Bewunderung für die präzise Eleganz der Sprache) ein Patriot. Er hatte die Unabhängigkeitserklärung gelesen und war fest davon überzeugt, daß Mr. Jefferson Ire sein mußte, da er besser Englisch schrieb als jeder Engländer. Colonel Muadhen befehligte mittlerweile eine Brigade, die unter seinem Kommando um das Doppelte gewachsen war. Tatsächlich schwoll die Armee der Aufständischen von Tag zu Tag an. Das war nur teilweise darauf zurückzuführen, daß mittlerweile die Impfaktion, die Washington im Januar angeordnet hatte, Erfolg zeitigte und die Ausbreitung der Pockenepidemie deutlich eingeschränkt hatte. Es lag auch daran, daß es kaum Arbeit gab. Die Reichen machten ihre Läden dicht, verrammelten ihre herrschaftlichen Häuser und zogen nach Kanada, während sie über den »revolutionären Pöbel« und den »wahnsinnigen Mob« schimpften. Seamus’ Brigade wurde inoffiziell die »Irische Kampftruppe« genannt und war eine von mehreren Gälisch sprechenden Brigaden — irische Einwanderer aus den West Counties, wo die englische Sprache noch immer beinahe unbekannt war. Sie 70
hatten sich der Kontinentalarmee angeschlossen, sobald sie entdeckten, daß so gut wie keine sicheren Arbeitsstellen bei der besitzenden Klasse mehr zu haben sind, wenn ein Aufstand zu einer offenen Rebellion geworden ist und droht, in eine Revolution überzugehen. Die Briten und ihre hessischen Söldner gewannen nach wie vor fast jede Schlacht. Colonel Muadhen tat, was er konnte, um die Moral der Truppen aufrechtzuerhalten, indem er nach dem Vorbild von Finn Mac Cumhail vor seinen Truppen feierliche Reden hielt, die er aus seiner eigenen Übersetzung der rhetorischen Höhepunkte der Unabhängigkeitserklärung und der Crisis-Pamphlete von Tom Paine (geb. 1737, Lehrer, Seemann, Zollbeamter etc.) ins Gälische zusammenbastelte. Da Muadhen Mr. Paine einst auf einem Schiff kennengelernt hatte, polierte der Colonel seine Geschichte auf und behauptete nun vor seinen Truppen, er sei auf demselben Schiff auch Mr. Jefferson begegnet, beide Männer seien Iren und obendrein stolz darauf. Allerdings hielt er es nicht für ratsam, seinen Soldaten zu erzählen, daß besagter Tom Paine zuerst nur gelegentlich, dann regelmäßig und schließlich ständig (dabei stets lustvoll und fröhlich) berauscht war und überall offen ausposaunte, daß er seine Frau verlassen hatte. Die Soldaten glaubten Seamus1 Geschichten über die beiden großen irischen Rebellen. Tom Jefferson hörte sich an wie O’Lachlann, der rebellische Barde aus Meath, und Tom Paine wie Blind Raftery, der satirische Barde aus Kerry, als Seamus Muadhen sie endlich ganz ins beißend idiomatische Gälische eines Finn Mac Cumhail übersetzt hatte. Sommersoldaten und Sonnenscheinpatrioten Der Winter stand vor der Tür, und die Kontinentalarmee zog sich nach Valley Forge zurück wie ein geprügelter Köter, der sich in seine Hütte verkriecht. Colonel Muadhen hatte alle Hände voll zu tun, um die Moral aufrechtzuerhalten und das patriotische Feuer in seinen Männern nicht erlöschen zu lassen. Zur Zeit des norwegischen Julfestes oder des Geburtstags des gekreuzigten Erlösers aus biblischen Zeiten segneten fast dreitausend Mann das Zeitliche (wie es ein berühmter sächsischer Barde ausgedrückt hätte), und es fiel selbst einem irischen Redner schwer, darüber etwas Aufmunterndes zu sagen. Jeden Morgen gab es Hunderte von neuen Leichen, die begraben werden mußten, Opfer von 71
Lungenentzündungen, Grippe oder irgendeiner anderen Begleiterscheinung des Wetters. Und jeden Morgen gab es mehr Deserteure, Männer, die sich in der Nacht davonmachten und mit der gespenstischen Lautlosigkeit und tierischen Verschlagenheit derer an den Wachen vorbeischlüpften, die ein für allemal beschlossen haben, eine ungemütliche Umgebung zu verlassen, um sich nach einer anderen umzusehen. Verfluchte Schlammscheißer, dreckige Feiglinge, dachte Seamus. Wann werde ich endlich so vernünftig sein, es ihnen gleichzutun? Edelfrau sorgt für Aufregung, Verleger trinkt, theologisch-sexueller Skandal nimmt seinen Ausgang Lady Maria Babcocks Brief an die London Gazette, in dem sie in Fällen von Verbrechen gegen Frauen die Rechtmäßigkeit von Geschworenenjurys, die ausschließlich aus Männern bestanden, anzweifelte, war überaus sorgfältig formuliert. Der Brief verzichtete bewußt auf jede Art polemischer oder sarkastischer Auswüchse, war in sich geschlossen und vertrat seinen Standpunkt nachdenklich und keineswegs aufwieglerisch. Dennoch hätte allein das Thema genügt, um ihn mit Rücksicht auf guten Geschmack und gesunden Menschenverstand für eine Veröffentlichung zu disqualifizieren, wäre der Verleger, ein gewisser Weskit Fitzloosely, am Tag, als das Schreiben eintraf, nicht stockbetrunken gewesen. In seiner heiteren Stimmung beschloß er, den Brief dieser Verrückten abzudrucken, »nur um zu sehen, wie die Meute heult«. Das jedenfalls erklärte er seinen Mitarbeitern, während er durch den Raum torkelte und ausgelassen über seinen fröhlichen Streich berichtete. Natürlich gab es eine Menge nüchterner, christlich erzogener Bürger in England, und die Reaktion auf den Brief ließ nicht lange auf sich warten. Sie war ganz und gar nicht so fröhlich wie die Stimmung Weskits, als er beschlossen hatte, das erste feministische Dokument in der Geschichte Britanniens zu veröffentlichen. Fast alle Leser waren außer sich, die Mehrzahl kurz vor dem Durchdrehen. Einige schlugen Alarm. Andere waren verbittert und verletzt, derartigen offensichtlich von Frankreich beeinflußten Unsinn in einer Zeitung wiederzufinden, die stets ehrbar und seriös gewesen war. Einige fragten, ob Voltaire den Verlag übernommen habe oder womöglich der noch atheistischere Diderot. Andere verwahrten sich 72
vehement gegen die unchristlichen Gedanken Lady Babcocks. Wieder andere kündigten ihre Abonnements. Manche tobten. Andere schrien. Wieder andere schäumten vor Wut. Einige erlitten Schlaganfälle, Herzattacken oder liefen Amok. In einem Londoner Stadtteil verbrannten ein paar ergebene und fromme Methodisten eine Nachbildung der »italienischen Hure«. Inmitten des Aufruhrs wird le Vice anglais nicht vernachlässigt Weskit Fitzloosely war entzückt. Er hatte es tatsächlich geschafft, die Meute zum Heulen zu bringen, und trotz der zahlreichen gekündigten Abonnements hatte er Tausende von neuen Lesern gewonnen, die alle herrlich verrückt und scharf darauf waren, ihre Meinung in der Leserbriefspalte veröffentlicht zu sehen. Nichts hatte so eingeschlagen wie der anonyme Brief, den Weskit selbst an die Zeitung geschrieben hatte. Darin gab ein Mann zu, Lust zu empfinden, wenn seine Frau ihm mit einem Stock den Hintern versohlte, und fragte, ob es anderen Männern auch so ginge. Daraufhin kamen Tausende und Abertausende von Leserbriefen, die die Behauptung der Franzosen erhärteten, daß diese bizarre Praktik »das englische Laster« sei. Mr. Fitzloosely beschloß, sich häufiger vollaufen zu lassen und herauszufinden, welche neuen, gewagten, verlegerischen Husarenstückchen ihm auf diese Weise einfallen mochten. Aber was wird ihr Mann sagen? Der Abgeordnete Sir John Babcock war ebenfalls begeistert. Nach den vielen Jahren im Parlament war er an Kontroversen gewöhnt und fürchtete sie nicht. Im Gegenteil, er war auch noch stolz darauf, daß Maria in der Lage war, ganz allein einen derartigen Aufruhr anzuzetteln. Außerdem hatte Sir John Babcock stets etwas übrig für neue radikale Ideen. Sein Vater, der Jurist Sir Edward Babcock, hatte ihm beigebracht, die religiösen Voreingenommenheiten zu verachten, die seit fast drei Jahrhunderten in Europa zu Kriegen geführt hatten. Aus diesem Grund war John Freimaurer und schließlich Deist geworden. Aus demselben Grund hatte er gewagt, Maria zu heiraten, obwohl sie damals Papistin 73
gewesen war. Er hatte von sich aus gelernt, Vorurteile gegen eine andere Hautfarbe zu verachten, und war zum angesehenen Führer jenes Flügels in der Whig-Partei aufgestiegen, der für die Abschaffung der Sklaverei plädierte. Und nun hatte Maria ihn auf ein anderes Problem von Diskriminierung aufmerksam gemacht, das ihm bisher nie aufgefallen war (vielleicht, weil es so allgegenwärtig war, daß es, wie angeblich das Wasser für die Fische, unsichtbar war): Frauendiskriminierung. Ein Whig mit einem neuen umstrittenen Thema war in jenen Tagen so glücklich wie ein Dieb mit Gummitaschen in einer Armenküche. Theorien über Atlantis, Geheimcodes und Steine, die angeblich vom Himmel fallen John entwarf eine Gesetzesvorlage, die eine Zusammensetzung von Geschworenenjurys aus beiden Geschlechtern ermöglichen sollte. Im Ausschuß erhielt die Vorlage zwei Stimmen, die eine von einem Vertreter der Antisklaverei-Bewegung, der behauptete, die Newtonsche Bewegungsgleichung sei akrostich in Shakespeares Stücke eingearbeitet, und die andere von einem Mann, der die Meinung vertrat, die Isle of Man sei das versunkene Atlantis und Schottland Homers Hyperborea. Mit anderen Worten, die Gesetzesvorlage kam nicht weit. Doch das überzeugte Sir John Babcock nur umso mehr davon, daß er auf dem richtigen Weg war. Er hatte eine Erfahrung gemacht: je kleiner die Minderheit war, der er angehörte, umso wahrscheinlicher war es, daß sein Standpunkt sich auf lange Sicht durchsetzen würde. Bei einer Sache jedoch war er völlig auf sich allein gestellt — er hatte mit eigenen Augen einen Stein vom Himmel fallen sehen, und immer noch war er das Gespött der gesamten Royal Scientific Society, denn sein einziger Zeuge war ein Ire gewesen, und jeder wußte, daß alle Iren betrunkene Lügner waren. Nach Marias Brief und Sir Johns abgeschmetterter Gesetzesvorlage wurden sie in gewissen Kreisen die Batty Babcocks genannt, ein bezeichnender Spitzname in einem Land, in dem die Aristokratie zunehmend davon überzeugt war, sie habe nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, exzentrisch zu sein. Die Kontroverse zog sich in die Länge. Pfarrer der Presbyterianerkirche zeigten aus irgendeinem Grund ein besonderes Talent, 74
auf Passagen des Papisten Thomas von Aquin (1225-1274, Autor von Theologische Summe und Summe gegen die Heiden, lobgepriesen, heilig und selig gesprochen, imprimatur nihil obstat) über die Minderwertigkeit und Irrationalität von Frauen, Evas Verdammnis und die Rolle der Hierarchie (Autorität und Unterwerfung) in Gottes vollkommen moralischer, vollkommen rationaler Schöpfung hinzuweisen. Die Sprecher der anglikanischen Kirche griffen lieber auf Zitate des Heiligen Paulus, in denen er Frauen zum Schweigen verurteilt, oder auf Origenes zurück, der über die Gruppe aller Frauen und die Gruppe aller mit Mist gefüllten Säcke und den Isomorphismus der beiden Gruppen spricht. Die Geistlichkeit als Ganzes jedoch zeichnete sich außerdem dadurch aus, daß sie über jeden Anflug eines Zweifels hinaus zu beweisen versuchte, daß die Ideen der Babcocks den grundlegenden Prinzipien des Christentums widersprachen, wie es vom ersten Jahrhundert bis zur Gegenwart gepredigt und verstanden worden war. Die Stimme von der Kanzel wird im ganzen Land gehört Für die Kirche war alles höchst einfach: Auf der einen Seite standen die Christen und auf der anderen Seite die lästerlichen Babcocks, die noch zügellosere und gottlosere Ketzereien von sich gaben als die Rebellen in den Kolonien von Amerika. Zuerst war Maria entsetzt, als sie erkannte, daß die Kirchenmänner nicht nur aufgeschlossen waren, sondern historisch und dogmatisch auch noch recht hatten. Sie hatte drei Kindern das Leben geschenkt. Sie hatte ihren Bruder gepflegt, als dieser von einem Schurken namens Sigismundo Celine in einem Duell verwundet worden war. Sie hatte bei einer einzigartigen Oberin in einem liberalen Kloster Logik und Naturwissenschaften studiert. Sie war erwachsen und frei von den meisten Illusionen, vor allem seit sie erfahren hatte, daß John trotz seiner Liebe und seiner hochgesteckten Ideale nicht über eine gelegentliche Treulosigkeit erhaben war. Dennoch war sie nicht auf die giftsprühenden Attacken vorbereitet, die Angriffe auf ihre geistige Gesundheit und Moral, die ihr einfacher und vernünftiger Brief provoziert hatte. Sie hatte nicht damit gerechnet, von Logik und schlichter Aufrichtigkeit gezwungen, zu75
geben zu müssen, daß sie nach katholischen oder protestantischen Maßstäben tatsächlich geisteskrank und unlogisch war. Denn der Betreffende, der sie als »die schlimmste Ketzerin seit Simon Magnus« bezeichnete, hatte gar nicht so unrecht. Ihre Ideen waren ganz und gar unchristlich, angesichts einer objektiven historischen Einschätzung dessen, was Christentum bedeutete. Analyse und Exegese der Heiligen Schrift durch unsere Maria Vielleicht beschäftigten Maria diese Angriffe zu sehr. Sie grübelte darüber nach, bis sie geradezu besessen war von der Tatsache, daß die hinterhältigsten Denunziationen von Kirchenmännern stammten. Kirchenmännern. Das war der zweite Schritt in Marias Entwicklung auf dem Weg zur revolutionärsten Denkerin in einem Jahrhunden von Revolutionären. Sie begann, die ehrwürdigen Kirchenmänner in einem kritischen Licht zu betrachten und die Argumente, die in den wütenden Attacken gegen sie enthalten waren, sowie die angeblich unwiderlegbaren Beweise dafür, daß sie gegen die Heilige Schrift und die christliche Tradition verstoßen hatte, zu analysieren. Mutter Ursula, Marias Lehrerin im Kloster, hatte einen tiefen Eindruck in ihr hinterlassen — deshalb hieß Marias erste Tochter Ursula. Die Äbtissin der Mädchenschule Heilige Theophobia hatte versucht, ihren Schülerinnen Algebra, Trigonometrie, Geometrie, Naturwissenschaften und andere Fächer nahezubringen, die nicht unbedingt auf dem Lehrplan für junge Damen standen, darunter Logik und jene Verfälschungen der wahren Logik, die man Rhetorik nannte. Maria kannte den Unterschied zwischen einem wirklichen und einzigartigen Pferd mit individuellen Eigenschaften und dem Idealen Platonischen Pferd, und sie verstand auch die große Kluft zwischen dem wirklichen Pferdemist an den Stiefeln eines Bauern und dem Idealen Platonischen Pferdemist der akademischen Philosophie. Seit sie einen Deisten geheiratet hatte, in England unter Protestanten lebte und sich von der alten Kyte, der Hexe von Lousewartshire, in volkstümlicher Medizin unterweisen ließ, hatte sich Maria vom reinen Dogma mehr oder weniger gelöst. Die alte Äbtissin hatte Maria zu einer unabhängigeren Denkerin erzogen, als ihr vielleicht bewußt gewesen war. 76
Ein literarisches Wagnis wird angekündigt Maria gelangte zu der Erkenntnis, daß die Frauendiskriminierung kein zufälliger Aspekt des Christentums war, sondern einen wesentlichen Bestandteil des christlichen Glaubens darstellte. Davon hatten die ehrenwerten Kirchenmänner beider Glaubensrichtungen sie mit ihren polemischen Angriffen ein für allemal überzeugt. Als sie John verriet, daß sie an einem Buch schrieb, war er stolz auf sie. Er hatte selbst schon immer ein dickes Buch schreiben wollen, doch die Politik und das Parlament nahmen all seine Zeit in Anspruch, und er fand es wunderbar, daß es nun zumindest einen Autoren in der Familie gab. Als Maria ihm die ersten zehn Seiten vorlas, fing er schon auf der ersten Seite an zu lachen und hörte erst wieder auf, als sie mit dem feierlichen Gesicht eines Erzbischofs, der erklären soll, was er und der Mezzosopran auf dem Dachboden verloren hatten, endete. Abgeordneter empfiehlt Maskierung »Sag mal, Liebes«, meinte Sir John schließlich. »Hast du schon mal, äh, daran gedacht, einen, äh, nom de plume zu benutzen?« Tatsächlich hatte Maria, obwohl sie ihre neue Einstellung der Kirche gegenüber vehement zu vertreten gedachte, keineswegs den Kopf verloren und bereits mehrere mögliche noms de plume ins Auge gefaßt. Und sie war Isaaks Mutter, daran gab es keinen Zweifel So waren Anfang 1778 alle Sorgen über den Krieg in den amerikanischen Kolonien vorübergehend wie weggeblasen, als eine hochoriginelle theologische Abhandlung mit dem täuschend schlichten Titel Feuchtigkeit im Wind erschien, die einer gewissen Sarah Beckersniff zugeschrieben wurde. 77
Das Buch auf dem Index: ein dicker Hund Die erste Ausgabe war innerhalb von zwei Tagen vergriffen, die zweite, von dem verdutzten Drucker, der nie mit einem derartigen Erfolg gerechnet hatte und sein Glück nicht fassen konnte, eine Woche später auf den Markt gebracht, wurde von der Justiz beschlagnahmt und vom Henker verbrannt. Das Parlament war schneller gewesen als der Drucker und hatte gehandelt, sobald es die erste Ausgabe gesehen hatte. Um einer gerichtlichen Verfolgung zu entkommen, mußte der Drucker seinen Namen ändern und seine Druckerei nach Paris verlegen, doch mehrere andere, die klug genug waren, keine öffentliche Werbung zu betreiben, fabrizierten Raubdrucke und stellten Straßenhändler ein, um sie an den Mann zu bringen. Man schätzt, daß bis 1780 über sechzig solcher Raubdrucke erschienen waren, von denen heute nur noch sieben Kopien existieren — eine in der Bibliothek des Vatikan, eine in der Bibliothèque Nationale von Paris, eine in der Library of Congress, eine in der Harvard University, eine im Kinsey Research Institute, eine in der privaten Sammlung von Gershon Legman und eine, wie könnte es auch anders sein, in der Miskatonic University von Arkham. Vorbereitungskurs auf die Göttlichkeit - wie viel? Feuchtigkeit im Wind warf die Frage auf, ob Gott einen Penis gehabt hatte oder nicht, und wenn nicht, welche Quelle für die Ehrfurcht verantwortlich war, die die Geistlichkeit gerade diesem Organ entgegenbrachte, im Gegensatz zur Leber, Milz oder Aorta. Unter anderem wurde die These vertreten, daß alle, die zivilisierter waren als »Methodisten, Howlers & Ranters« darin übereinstimmten, daß Gott ein Geist war und es »der Vernunft oder Vorstellungskraft unmöglich« schien, »sich ein klares und lebendiges Bild davon zu machen, was es für einen Geist bedeuten könnte, ein männliches Glied zu haben, oder auch wie man ein derart gespenstisches Organ wahrnehmen würde«. Schließlich fragte die Verfasserin geradeheraus, in welchen logischen Dimensionen man sich den Phallus 78
eines kosmischen Wesens vorzustellen habe — in Zentimetern, Metern oder gar Kilometern? Hochgebildet und manchmal geradezu pedantisch stellte das Werk die Behauptung auf, daß, wenn Gott ein »derart ins Auge fallendes physisches Organ« nicht besitze, es unlogisch sei und »der Anatomie und ihrer richtigen Anwendung« widerspreche«, Gott als männlich anzusehen oder in männlichen Metaphern als »Herr« oder »König« von ihm zu sprechen. Qualifikationen des Klerus angezweifelt Das merkwürdig betitelte Werk ging sogar noch weiter und untersuchte die sexuellen, biologischen und vor allem die konkreten anatomischen Voraussetzungen des christlichen Dogmas. Zum Beispiel: Es gibt nicht eine Kirche im Christentum, vom sonnenversengten Ägypten im Süden bis zum verregneten Irland im Norden, von den eisigen Steppen Rußlands bis zu den amerikanischen Kolonien auf der anderen Seite des Atlantiks, die nicht an die Doktrin glaubt, nur Männer dürften Pfarrer, Priester oder Prediger sein, und diese vehement verteidigt. Über alles andere — über jede Doktrin, die sich das teuflische Bewußtsein des Menschen auszudenken vermöchte, um die einfache Botschaft des Messias zu komplizieren und zu verdunkeln — streiten sie miteinander auf erschreckend brutale, eiskalte, mörderische, gottlose unheilige und gänzlich unversöhnliche Art, aber über die Frage, welcher Art Mensch man angehören muß, um als Priester dienen zu können, herrscht seltene und einzigartige Einmütigkeit hinsichtlich jener perversen und seltsamen Doktrin, daß diese Art von Mensch im Besitz eines Organs sein müsse — auf blasphemische und absurde Weise Gott zugeschrieben durch das schlichte Pronomen »Er«-, welches die Doktoren in gelehrtem Duktus den großen Penis nennen, die Umgangssprache dagegen etwas unbefangener als Pimmel bezeichnet. Nun ist diese Doktrin in der Tat so bemerkenswert und dennoch so universell, daß sie bislang von niemandem in Frage gestellt wurde. Man betrachtet sie im allgemeinen als ein »Geheimnis des Glaubens«, das jenseits der menschlichen Vernunft liegt. Ein Mensch, der mit einem Pimmel geboren wird, könnte einen Gott repräsentieren, der ebenfalls einen Pimmel be79
sitzt, daher darf dieser Mensch auf Erden für diesen Gott sprechen, und ein anderer Mensch, der über dieselben Fähigkeiten und dieselbe Intelligenz verfügt, doch ohne die Qualifikation des Pimmels, ist auf ewig von diesem Heiligen Amt ausgeschlossen. Weiber und Schwule haben in den heiligen Orden nichts verloren Doch, verehrte Lords und Ladies des Königreiches, im Namen der Menschlichkeit, im Namen der Vernunft, was ist so besonders, so einzigartig und so heilig an einem Pimmel, daß er seinem Besitzer so rare potentielle Heiligkeit verleiht? Hat denn Gott nichts anderes, um seine Heiligkeit unter Beweis zu stellen, als »seinen« Pimmel? Wie ist es möglich, daß der gemeinste, übelste und abscheulichste Mann im Land stets die Möglichkeit hat, sich zu einem Priester Gottes weihen zu lassen, wenn er sich nur ein wenig bessert oder vorgibt, sich zu bessern, während die gebildetste, gläubigste und hingebungsvollste Frau der Welt ständig vor Augen hat und es keinen Augenblick vergessen kann, daß sie für die Priesterschaft nicht geeignet ist, aus dem einfachen und einzigen Grund, daß sie diesen wunderbaren und allmächtigen Pimmel, um den sich die ganze christliche Vorstellung von Heiligkeit dreht, nicht besitzt? Was ist an einem solchen Pimmel dran, daß er den Mann zu einem Repräsentanten Gottes auf Erden machen kann? Und warum gelten jene, denen es an einem derartigen göttlichen Werkzeug mangelt, auf ewig als gottlos? Sollen wir etwa glauben, daß der Pimmel an sich ein Symbol des Göttlichen ist, vielleicht das unendliche Haupt Gottes selbst? Will man uns wirklich einreden, daß Gottes Weisheit, Liebe und ewige Macht nur zweitrangig sind und unwichtig und Gott viel weniger göttlich wäre ohne dieses heilige und scheinbar allmächtige Anhängsel? Der Priester, so wurde behauptet, sei Gottes Repräsentant auf Erden. Und wieder müssen wir uns bewußt und gezielt die Frage stellen: Stützt sich unsere große Liebe und Bewunderung für Jesus auf seine unendliche Gnade, seine Weisheit, seine Bereitschaft, sein Leben am Kreuz für uns hinzugeben und seinen Feinden zu vergeben, seine unzähligen Eigenschaften und Tugenden, die ihn göttlich machen oder ausschließlich auf die simple Tatsache, daß er wie jeder gewöhnliche Va80
gabund oder Dieb im Besitz eines Pimmels ist? Ist dies nicht die Bedeutung des eigenartigen Textes, der sich im Deuteronomium, Kapitel 23, Vers 1f. findet? Mit anderen Worten, nicht mal ein als Mann zur Welt gekommenes menschliches Wesen, dessen Pimmel durch einen Unfall oder bewußte Böswilligkeit verstümmelt wurde, darf in die Gemeinschaft des Herrn aufgenommen werden. Ithyphallische Symbole Das Werk fuhr fort, indem es die ithyphallischen Statuen von Osiris, Pan und Hermes, die überall im Mittelmeerraum zu finden sind, einer eingehenden Untersuchung unterzog. Die Verfasserin kam zum Ergebnis, daß diese Gottheiten mit Pimmeln ausgestattet worden waren, die »dreimal, manchmal sogar viermal so lang und dick waren und ganz allgemein überdimensionale Maße aufwiesen im Vergleich zu denen normalsterblicher Männer«, und stellte die Frage, ob »die Menschen in der Antike daran glaubten, was diese heiligen Statuen (denn das waren sie damals) ihnen suggerieren wollten, nämlich — je größer der Pimmel, umso mächtiger die ihm innewohnende Gottheit«. Hat diese Vorstellung im Christentum überlebt, die Überzeugung also, daß es eines Pimmels bedarf, um Gott auf Erden zu vertreten? Der folgende Absatz sorgte für erhebliche Belustigung im protestantischen England, dennoch waren seine Implikationen für Christen aller Glaubensrichtungen gleichermaßen unannehmbar und undenkbar. Wäre seine Heiligkeit auch ohne den mystischen Pimmel heilig? »So müssen wir uns allen Ernstes fragen: Ob gar der Papst selbst, der einflußreichste, kämpferischste, Ehrfurcht gebietendste, reichste und prächtig gekleidetste aller christlichen Kirchenmänner (und in den Augen seiner gläubigen Anhänger der eigentliche Stellvertreter Gottes auf Erden) dieses Amt bekleidet, weil er das himmlische Attribut des Pimmels besitzt? Gewiß hätte Seine Heiligkeit nicht mal ein Dorfpriester in Sizilien werden können, wäre er nicht 81
im Besitz dieses Zauberstabes gewesen, ganz zu schweigen von Bischof und Erzbischof bis hinauf zum Papst. Aus diesem Grund haben wir in der Geschichte niemals (oder auch sonstwo, außer in den Tarotkarten) einen weiblichen Papst gesehen, denn der wunderbare Zauberstab scheint für Heiden wie für Christen gleichermaßen das Emblem für das himmlische Königreich, die Macht und die Herrlichkeit Gottes zu symbolisieren. Ohne ihn könnte der Papst nicht herrschen, und kein Katholik würde seine religiösen Weisungen befolgen. Wenn dies also der Inhalt und die Epitomie des christlichen Glaubens ist, warum ihn dann nicht bis zum logischen Ende durchhalten? Warum sollte nicht der mit dem größten Pimmel auch das höchste Amt bekleiden? Denn wohnt nicht dem Pimmel das Göttliche inne? Und sollten die ›Pilger mit kurzen Musketen‹ nicht auf die niederen Ränge des Ordens verwiesen, jene mit trefflichen Exemplaren dagegen zu Bischöfen etc. gemacht werden? Warum soll nicht der mit dem prächtigsten und riesigsten Pimmel im ganzen Land zum Erzbischof von Canterbury oder Obersten Pontifex ernannt werden?« Gipfel der Geschmacklosigkeit erreicht; Onans angebliche Laster Selbst in jener vorfreudianischen Aera schreckte Feuchtigkeit im Wind nicht davor zurück, das zu ergründen, was Maria (alias Sarah Beckersniff ) »die seltsame, obskure und unterschwellige Psychologie der Pimmelverehrung« nannte. Dies fügte dem englischen Imperialismus vielleicht mehr Schaden zu als die gesamte Karriere George Washingtons. Auf eine Verbindung zwischen zwanghafter Masturbation bei Jugendlichen und einer lebenslangen Überzeugung von einer mystischen Herrschaft des Mannes — eine ithyphallische Manie — spielte sie in Passagen wie der folgenden recht deutlich an: »Aus wohlunterrichteten und verläßlichen Quellen wurde mir berichtet, daß Jungen im Alter zwischen zwölf und vierzehn des öfteren eine geradezu abergläubische Verehrung für den Pimmel entwickeln, der ihnen im wahrsten Sinne des Wortes als magisches Instrument erscheint. Es heißt, daß manche ihrem Geschlechtsteil sogar Kosenamen geben und sie förmlich anbeten, und jene, die der Selbstbefriedigung besonders verfallen sind, praktizieren sie so hin82
gebungsvoll, daß Ärzte um ihre Gesundheit fürchten. Doch was sollen wir von erwachsenen Männern halten, die diesen pubertären, abergläubischen Narzismus niemals richtig überwunden haben und weiterhin davon überzeugt sind, daß ihr magischer Pimmel Emblem und Maßstab für das Göttliche auf Erden ist? Sind sie immer noch vom Gegenstand ihrer ersten brennenden Gefühle besessen und berauscht, ja buchstäblich verzaubert? Woher sonst könnte diese merkwürdige und einmütige Überzeugung der ehrenwerten Kirchenmänner rühren, daß ihr Geschlecht allein Beweis für ihre Frömmigkeit und Tugend ist? Ja, ich wage zu behaupten, daß dieser Begriff, im Lateinischen virtute, aus derselben Wurzel stammt wie vir und den Besitz des männlichen Geschlechtsorgans oder allmächtigen Pimmels bezeichnet.« In tiefer Trauer beklagen wir den Tod eines grossen Imperiums Die durch Marias Büchlein ausgelösten Entwicklungen setzten sich langsam aber sicher in Bewegung, wie eine Lawine, aber wie eine Lawine gewannen sie mit der Zeit auch immer mehr an Wucht. 1779 debattierte die Phi Beta Kappa Society in Yale öffentlich darüber, ob die intellektuellen Fähigkeiten der Frauen denen der Männer ebenbürtig seien. (Phi Beta Kappa in Harvard erörterte in diesem Jahr, ob Adam einen Nabel besaß, und setzte damit die lange Tradition in Gang, intellektuell stets einige Jahrhunderte hinter Yale herzuhinken.) 1792 folgte auf Feuchtigkeit im Wind Mary Wollstonecrafts beträchtlich weniger radikales Werk Vindication of the Rights of Women, das den Nachteil besaß, auch in gehobenen Kreisen salonfähig zu sein und daher weitaus weniger Einfluß nahm als die verbotenen und verhaßten Blasphemien der Sarah Beckersniff, die von aller Welt gelesen wurden. Im Jahre 1800 waren bereits über tausend heimliche Auflagen des außerordentlich vulgären Beckersniff-Büchleins erschienen. Aufgrund des Skandals, den es bewirkt hatte, überlebte es alle Zensoren und Buchverbrennungen: In besseren Kreisen wurde es nie erwähnt, und es besaß auch nie den offenkundigen Bekanntheitsgrad von Wollstonecrafts Vindication, doch selbst im Viktorianischen Zeitalter zählte Professor Pokorny (vgl. sein unschätzbares Werk The Necronomicon and Other Unspeakable Texts) mindestens 83
dreißigtausend Auflagen, vor allem in der Gegend um Oxford, wo es ein Renner unter den kichernden Studenten war. Die Hochburg der britischen Männlichkeit hatte einen tödlichen Schlag erlitten. Selbst jene, die lachten und glaubten, eine bunte Mischung philosophischer Pornographie zu lesen, blieben nicht verschont von den Auswirkungen. Der Pimmel aber, der bei den Heiden als natürlich galt und von christlichen Vätern als schillerndes Satanswerk verteufelt wurde, sah sich plötzlich mit Hohn und Spott überschüttet. Eine Autorität, die sich allein auf den Besitz eines derartigen Werkzeugs gründete, galt nun nicht mehr nur als obszön, sondern geradezu kindisch. Das Selbstvertrauen schrumpfte, die männliche Potenz verdorrte, und trotz Kipling und Haggard hörte man nur fernes, melancholisches Geschrei, als die angelsächsische Männlichkeit stolperte, schwankte und endgültig stürzte. Geschlechtslose Gottheit stösst auf Widerspruch bei den Kelten Als Colonel Muadhen in den Unabhängigkeitskrieg zog, hatte er ein schlimmes Auge — eine Folge einer Begegnung mit der britischen Armee in Dun Laoghaire —, jetzt aber hatte er obendrein ein schlimmes Bein, dies eine Folge seiner Verletzung in der Schlacht bei Brandywine. In Valley Forge wachte er jeden Morgen fröstelnd auf und ging des Abends frierend zu Bett. Washingtons Vokabular wurde zunehmend gröber und ausfallender. Sollten sie diesen Winter überleben, dachte Seamus müde, würden sie einfach wieder auf die Briten stoßen und erneut übel verdroschen werden. Als General von Steuben an jenem Tag mit dem Drill der Truppen fertig war, trommelte Seamus seine Irische Kampftruppe zusammen und verpaßte ihr eine weitere inspirierende gälische Lektion über Freiheit, Opferbereitschaft und Heldentum, um den Kampfgeist zu stärken. Er kam richtig in Fahrt, wie es einem passieren kann, wenn man klassisches Gälisch spricht, und gab mit lauter Stimme Mr. Jeffersons Theorie zum Besten, die Natur und der Gott der Natur stünden auf Seiten der Rebellen. Danach glaubte er beinahe selbst daran. Doch angesichts der vielen sterbenden Männer in Valley Forge fragte sich Seamus Muadhen, der stets darauf bedacht gewesen war, sich aus der Politik herauszuhalten, und von einem zwie84
lichtigen Italiener gewarnt worden war, daß die Geschichte gar noch schlimmer sei als Politik, insgeheim, ob die Natur und der Gott der Natur auch nur einen Funken weniger mythisch waren als der Papst und der Gott des Papstes. Als Jesus am Kreuz hing, rief er: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Und wir sind tatsächlich verdammte Idioten, denn wir vergessen immer wieder, daß sich keine übermenschliche Hand hinabsenkte, um ihm zu helfen und er am Kreuz hing, bis er starb. Er wandte die Augen zum Himmel und fragte: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Es war ein Experiment. Doch der Himmel blieb blau und leer und gleichgültig, und noch immer war es so kalt, daß er vor Schmerz zitterte. Weder die Natur noch der Gott der Natur, dachte Seamus Muadhen verbittert, kümmern sich einen Dreck darum, wie es der Menschheit ergeht. Zwei Yanks in Paris: John wird brummig, Ben haut auf die Pauke In Paris verhandeln Ben Franklin und John Adams mit jenem nervösen jungen Mann, den General de Lafayette »den kleinen Fettsack« nannte — König Ludwig xvi. Besser gesagt, sie versuchen mit ihm, seinen Ministern oder sonst jemandem ins Geschäft zu kommen. Denn der kleine Fettsack ist sich immer noch nicht im klaren darüber, was er mit den Herren Franklin und Adams und mit den Amerikanern im allgemeinen anfangen soll. England zu schaden, da es offenkundig nicht möglich ist, das ganze verfluchte Land zu zerstören, ist stets das vorrangige Ziel der französischen Politik gewesen, und der kleine Fettsack hat bereits Monsieur Sartines und anderen Beratern nachgegeben und ihnen erlaubt, den Amerikanern mittels geheimer Kanäle der undurchsichtigen kleinen Bank des Monsieur Beaumarchais beträchtliche Summen zukommen zu lassen. Doch Franklin und Adams wollen viel mehr, während der Fettsack keine Lust hat, sich auf irgendwelche Unsummen festlegen zu lassen und obendrein vermeiden will, daß die Engländer von seinen Machenschaften Wind bekommen. Also hält er Adams und Franklin hin. Adams tobte und kam schließlich zu dem Schluß, daß die Franzosen ein verachtenswertes Volk waren. Er machte sich allein, und ohne die Zustimmung des Kongresses abzuwarten, auf den 85
Weg nach Holland, in der Hoffnung, die hartgesottenen Amsterdamer Bankiers dazu zu bringen, ein paar Millionen Gulden lockerzumachen. Schließlich war er ein ehrlicher Mann und kämpfte für eine gerechte Sache. Er konnte sich nicht vorstellen, abgewiesen zu werden. Auf diese Weise hatte er den Freispruch eines englischen Offiziers vor einem Gericht in Massachusetts erkämpft und den Kongreß überzeugt, für die Unabhängigkeit zu stimmen. Er war ein ehrlicher Mann und kämpfte für eine gerechte Sache; er wußte, daß er nicht scheitern würde. Franklin dagegen gelangte zu der Erkenntnis, daß Verzögerungen ein unausweichlicher Bestandteil der Politik waren und John Adams eine Art apokalyptischer Visionär, der besser daran getan hätte, in der Harvard Divinity School Traktate über die calvinistische Eschatologie zu verfassen. Er beschloß, Paris zu genießen und abzuwarten, daß der König zu einer Entscheidung gelangte. Mittlerweile vergnügte er sich mit einem Dutzend reizender neuer Mätressen — möglicherweise nur zweite Wahl für eine Berühmtheit in Paris, doch durchaus beachtlich für einen alten Knacker wie ihn —, und hatte obendrein die Ehre, unter der Schirmherrschaft der eleganten Großloge der hohen ägyptischen Freimaurerei den berühmten Voltaire zu initiieren. Fall Le Barre neu aufgerollt; Urteil ungerechtfertigt? François-Marie Arouet de Voltaire (geboren 1694, Essayist, Romanschreiber, Poet und Ketzer) war als wandelndes Denkmal der Geschichte nach Paris zurückgekehrt. Die meisten Ideen, für die er des Landes verwiesen worden war, sind mittlerweile nicht nur chic, sondern durchaus bon ton. Offenbar hatte sich der kleine Fettsack vom Überredungskünstler Sartines, dem gerissenen Sohn eines kleinen Fischers, der jetzt Chef der Geheimpolizei und Minister für besondere Aufgaben ist, breitschlagen lassen, den alternden Philosophen (Voltaire ist inzwischen zweiundachtzig) zu begnadigen. Das ist ein geschickter Schachzug. Die Kirche macht Stunk, doch die Bevölkerung hat sich schon längst in den alten Herrn verliebt, der seit Menschengedenken von seinem Schweizer Exil aus gegen die Willkür des Feudalismus zu Felde gezogen ist. Mehr als ein Jahrzehnt lang hat sich Voltaire auf die Inquisition eingeschossen, eine zu86
nehmend unpopuläre Institution, die in manchen italienischen Staaten bereits abgeschafft wurde. Er stöbert den Fall des Chevalier le Barre auf, der 1766 aufgrund höchst fragwürdiger Indizien enthauptet wurde. Er hat den Geist des jungen Mannes wieder zum Leben erweckt, und le Barre hält — einem Todesengel gleich — ganz Frankreich in Atem. Selbst unter den Dominikanern wächst die Überzeugung, daß sich das Heilige Offizium bei der Verhängung seiner Urteile etwas zurückhalten sollte. Man könnte meinen, sich in England oder einem anderen protestantischen Seuchenherd zu befinden, so offen spricht das Volk jetzt von längst überfälligen Veränderungen. Voltaire hat die Weichen für die Geschichte des Katholizismus neu gestellt. Als der achtzigjährige Atheist oder Deist (niemand in Frankreich ist sich über den Unterschied im klaren) in Paris eintrifft, gleicht der Trubel einem um zwei Jahrhunderte vorverlegten Spektakel von Cecil de Mille. Der Mob gerät aus dem Häuschen, darunter vor allem Leute, die keine Ahnung von der Philosophie des Alten haben. Er hat sie allesamt herausgefordert: Könige, Bischöfe und Bankiers, und er hat überlebt — das genügt, um ihn zu einem Volkshelden zu machen. Die Grossloge der hohen ägyptischen Freimaurerei Der Herzog von Orleans — oder »Freund des Volkes«, wie er auch genannt wird —, macht sich sofort daran, die Galionsfigur der Freigeisterei für die Freimaurerei zu gewinnen. Voltaire akzeptiert gelassen, und die großen, grauen Luchsaugen Sartines’ öffnen sich noch etwas mehr, bevor er einen weiteren Vermerk in die Ermittlungsakte Orleans und Großloge der hohen ägyptischen Freimaurerei einfügt. Mr. Franklin wird gebeten, die Rolle des Ehrwürdigen Meisters des Ostens bei der Initiation zu spielen und nimmt bereitwillig an. Es ist ein bewegender Moment, als die Augenbinden abgenommen werden und der berühmteste Aufklärer des Jahrhunderts erkennt, daß er an den gleichen revolutionären Ritualen teilgenommen hat wie der berühmteste Wissenschaftler des Jahrhunderts — der Mann, der den Visagen im Vatikan Blitz und Don87
ner entgegenschleuderte und den Blitz zähmte mit einem Schlüssel an einer Drachenschnur. Mathematiker auf den Spuren der Zukunft Wie es heißt, haben im Anschluß an die Initiierung Monsieur Voltaire und Monsieur Franklin mit dem Marquis de Condorcet, Frankreichs begabtestem Mathematiker, zu Abend gespeist und über Philosophie und Wissenschaft diskutiert. Monsieur Condorcet äußerte im Verlauf dieses Symposiums, angesichts des schnellen Fortschritts, den die Medizin in den letzten Jahren gemacht habe (überall vergehe die Zeit jetzt schneller, wie der stete Verfall der Inquisition beweise), werde man schon bald in der Lage sein, jede nur erdenkliche Krankheit zu besiegen. Monsieur Franklin stimmte zu, während Monsieur Voltaire die Meinung vertrat, daß dies wahrscheinlich um einiges länger dauern werde als sie glaubten. Monsieur Condorcet ging jedoch noch weiter und behauptete, daß in tausend Jahren, wenn in allen Regierungen die Freimaurer das Sagen hätten und der letzte altersschwache Priester vom letzten Ziegelstein der letzten zerfallenen und verlassenen Kirche erschlagen worden sei, werde die Medizin derartige Fortschritte gemacht haben, daß sie den Tod besiegen könne. Monsieur Franklin schloß sich auch dieser Meinung an — zu diesem Thema hatte er selbst geschrieben, dabei jedoch diplomatisch unterschlagen, daß das Christentum abgeschafft werden müsse, bevor dies erreicht werden könne. Monsieur Voltaire zeigte sich erneut skeptisch. Das Leben zu verlängern sei möglich, dem stimme er zu, die Unsterblichkeit aber sei ein christlicher Aberglaube und eines wissenschaftlichen Geistes nicht würdig. Monsieur Condorcets Enthusiasmus wuchs — mittlerweile waren sie bei ihrer dritten Weinflasche angelangt, und als Mathematiker hatte er einen besseren Kopf für Differentialgleichungen als für fermentierte Destillate. Er kündigte erstaunliche Veränderungen schon für das nächste Jahrhundert an. Monsieur Franklin lauschte gebannt, als Monsieur Condorcet ihnen eine Welt offenbarte, in der die Schule allen offenstand, ganz gleich, ob Jungen oder Mädchen, und die Kinder von aufgeklärten, gut ausgebildeten Lehrern und Lehrerinnen unterrichtet wurden statt von engstirnigen Priestern und Nonnen. Eine Welt, in der Versicherungsgesellschaf88
ten, einige staatlich, andere in privater Hand, Verletzten oder Behinderten Entschädigungen zahlten und sogar jene unterstützten, die aufgrund einer Wirtschaftsrezession ihren Arbeitsplatz verloren. Eine Welt, in der der Staat technologische und wissenschaftliche Projekte förderte, die man sich heute noch gar nicht vorstellen könne, vielleicht werde man gar zum Mond fliegen. Eine Welt, in der jede Stadt über eine kostenlose Bücherei verfügte, wie diejenige, die Mr. Franklin in Philadelphia gegründet hatte; eine Welt, in der staatliche Stellen und Privatinvestoren »Krankenversicherungen« anboten, damit niemand sterben mußte, nur weil es ihm an Geld mangelte. Monsieur Franklin gab zu, daß all dies innerhalb eines Jahrhunderts möglich sein könnte, einiges würde jedoch wahrscheinlich zwei Jahrhunderte in Anspruch nehmen. Skepsis und Ablehnung: Süditalien als vorsintflutlich bezeichnet Monsieur Voltaire war der Meinung, dies werde solange unmöglich sein, bis jene aufgeklärten Lehrer, von denen Condorcet gesprochen hatte, die religiösen Orden im Erziehungssystem ersetzt hätten. Und das werde in den zivilisierten Staaten tausend Jahre, im Nahen Osten fünftausend, im Orient hunderttausend, in Norditalien zweihunderttausend und in Rom und Neapel mindestens eine Million Jahre dauern. Die proletarische Perspektive Während die Philosophen speisen und sich ihren Spekulationen hingeben, spielt anderthalb Meilen entfernt ein Schreiner Namens Jean Jacques Jeder mit seinem neugeborenen Sohn. 1771, während einer Zeit als Arbeitsloser, war Jeder auf die schiefe Bahn geraten. Später hatte er einen Job gefunden und wieder ein anständiges Leben geführt, bis er sich im »Getreidekrieg« von 1775 mit Brandstiftern und Plünderern zusammentat. In den zwei Jahren relativen Wohlstands, die seitdem vergangen waren, lebte er wieder als ehrlicher Mann. Doch er kann sich noch sehr gut an den »Getreidekrieg« erinnern. Er sieht den Freudentaumel vor sich, als in Paris das Volk das Sagen hatte und nicht 89
die Armee. Und er hat den Terror am Ende nicht vergessen, als der Staat sich rücksichtslos Autorität verschaffte und rächte, indem er ausgewählte Sündenböcke an den Galgen brachte. Nach den Hinrichtungen hatte er angefangen, die revolutionären Pamphlete zu lesen — sein Freund, Luigi Duccio, der Steinmetz aus Neapel, verkaufte sie unterm Ladentisch — und heutzutage verschlingt er alle Nachrichten aus Amerika, deren er habhaft werden kann. Bis ins kleinste Detail studiert er, was dort passiert, so wie er gelernt hat, Baupläne zu studieren, wenn er das Dach eines Hauses zimmert. Amerika ist für Jean Jacques Jeder, Luigi Duccio und andere radikale Arbeiter in Paris ein höchst interessantes Objekt. Dreh Dich um, dreh Dich um An der Universität von Paris hat der berühmte deutsche Gastprofessor Dr. Fritz Cyprus gerade seine großartige und einflußreiche Abhandlung Der Weg zurück fertiggestellt. Radikaler und extremistischer noch als Rousseau argumentiert Dr. Cyprus, daß der Fortschritt nur eine Illusion, die Medizin der ärgste Feind der Gesundheit, die Vernunft irrational und das finstere Mittelalter der Gipfel an Aufklärung sei. Da er Deutscher ist, sind seine Gedanken derart eindrucksvoll formuliert, daß alle mächtig beeindruckt sind — bis auf den reizbaren Monsieur Voltaire. Einige Wochen vor seinem Tod schreibt der alte Skeptiker einen Artikel, in dem er seinen gewohnten Abscheu gegen makkaronische Metaphysik noch einmal zum Ausdruck bringt. Cyprus, so schreibt er, »glorifiziert das finstere Mittelalter, nur nicht das Elend, den Schmutz, die Ignoranz, die Krankheiten, seine Barbarei und Aberglauben. Mit anderen Worten, er bewundert alles an jener Zeit, bis auf das, was damals wirklich los war«. Doch bald wird Voltaire aus der Mode sein und Dr. Cyprus bedeutenden Einfluß auf den Romantizismus, Faschismus und alle andere Formen des Irrationalismus in den nächsten beiden Jahrhunderten gewinnen. Der unvermeidliche Schwiegermutterwitz
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In der Bastille fand der arme alte Pater Henri Benoit endlich einen neuen philosophischen Kumpanen, der den Platz des verschwundenen Sigismundo Celine einnahm. Der neue Gesprächspartner war noch radikaler als Celine und viel hartnäckiger in seiner Argumentation, aber das war genau das Richtige für den Pater, der nach über dreiundzwanzig Jahren Haft mehr Gefallen an Kontroversen fand als an Kompromissen. Pater Benoits neuer Freund hieß Donatien Alfonse François de Sade und war ein kleinwüchsiger blonder Marquis aus dem Süden, der wegen Blasphemie, Gottlosigkeit, Verführung, Ketzerei, Atheismus, Unzucht, Sodomie und Beleidigung seiner Schwiegermutter hinter Schloß und Riegel gewandert war. De Sade erklärte dem Pater, ohne mit der Wimper zu zucken, er bekenne sich aller Vergehen schuldig und zeige keinerlei Reue. »Euer Ehren kennen meine Schwiegermutter nicht« — das war seine Rechtfertigung für das einzige Vergehen, das ihm wirklich gefährlich werden konnte. Alle anderen waren für einen Mann seiner Herkunft nur Kavaliersdelikte. Priester beschwört göttlichen Plan, Empiriker setzt auf Mechanisierung Der Priester und der Marquis verbrachten viele angenehme Nachmittage im Gefängnishof und diskutierten darüber, ob das Universum eine kopflose Maschine oder das Produkt eines gütigen Gottes sei. Der Priester argumentierte philosophisch und metaphysisch, der Marquis dagegen war von seinem Temperament her ein Empiriker und argumentierte stets nach dem tatsächlichen Lauf der Welt. »Sehen Sie sich doch die Pocken an«, sagte er. »Ein paar Hunderttausend arme Teufel beißen in Europa jeden Monat ins Gras. Welche wohlwollende Intelligenz war so nett, uns dieses Geburtstagsgeschenk zu machen? War Ihr gnädiger und allmächtiger Gott an dem Tag etwa unpäßlich oder so schlecht gelaunt, daß er uns eins auswischen wollte? Schöne Bescherung!« »Aber die Ärzte scheinen jetzt ein Mittel gefunden zu haben, um diese Krankheit zu heilen«, hielt Benoit dagegen. »Gewiß erhielten die Menschen die Eingebung für dieses Medikament von einer Höheren Intelligenz.« »Ich kenne mehr Ärzte als Sie«, entgegnete de Sade. »Die klügsten und besten jungen Männer, die all diese Entdeckungen machen, sind Atheisten wie ich. Sie sagen, der Körper sei eine 91
Maschine. Eine Maschine ohne Seele, aber mit jeder Menge höchst komplizierter Gänge und Hebel. Mit diesen atheistischen Ideen heilen sie mehr Menschen als alle Gebete des Mittelalters zusammen es je vermochten.« »Doch das Mitgefühl, das diese Ärzte inspiriert, ist der Beweis dafür, daß sie von einer Höheren Intelligenz geleitet werden«, antwortete der Priester. »Ihr Mitgefühl nutzte ihnen gar nichts, bis sie anfingen, materialistisch zu denken«, konterte de .Sade. Und so ging es weiter. Es hielt den alten Mann in den langen Jahren seiner Einkerkerung ebenso bei Laune wie den jungen Marquis. Jeder von beiden wußte, daß er den anderen niemals überzeugen würde. Ein ehrenvoller Sieg Im Frühjahr 1778 erwachte die Kontinentalarmee langsam aus ihrem symbolischen Winterschlaf in Valley Forge und schaffte es tatsächlich, den Briten endlich Paroli zu bieten. Colonel Seamus Muadhen brauchte Jefferson und Paine nicht länger in Raftery und O’Lachlann zu verwandeln, um seine keltische Brigade aufzupeitschen. Optimismus lag in der Luft, vielleicht weil die Kontinentalarmee länger überlebt hatte als man sich je hatte träumen lassen. Im Juni kam die Schlacht bei Monmouth, und die Rebellen feierten den größten Sieg ihrer Geschichte. Militärexperten erklärten später, warum die Kontinentalarmee die Schlacht eigentlich nicht hatte gewinnen können: Laut militärischer Logik war es ein undenkbarer Sieg. General Charles Lee hatte mitten in der Schlacht wohl dieselbe Erkenntnis wie sie und befahl den Rückzug (wofür General George Washington ihn anschließend vor ein Kriegsgericht stellte, allerdings nicht ohne ihm in einem Gespräch unter vier Augen zu versichern, daß er, bei Gott, Sir, der gottverdammte Sohn einer läufigen Hündin sei, die sich offensichtlich von einem Hasen hatte ficken lassen, und daß die Armee auf Hasenfüße wie ihn gerne verzichten könne), doch die Briten hatten die Hosen voll und gaben Fersengeld, und plötzlich waren die Rebellen am Drücker: darin bestand der kleine Unterschied. Colonel Muadhen gratulierte seinen Truppen nach der Schlacht, natürlich in Gälisch. Er sagte ihnen, daß nicht alle Schlachten in Europa, in denen irische »Wildgänse« sich hervorgetan hätten, so glorreich ausgegangen seien wie diese, und wenn General John (»Gentleman Johnny«) Burgoyne je 92
wieder aufhörte, zu laufen, würde er ganz England erzählen, daß es die wilden Iren aus Connaught waren, die am jenem Tag seine Truppen in die Flucht geschlagen hatten. Er wollte noch vieles mehr sagen, aber seine Stimme wurde übertönt von Schmerzensschreien aus den Lazarettzelten, wo man schwerverwundeten Soldaten mit einer Säge die Beine amputierte, damit sie nicht an Wundbrand starben. Der kleine Fettsack handelt, holländischer Onkel zeigt Schwäche König Ludwig xvi. raffte sich schließlich auf und erkannte die Unabhängigkeit der Amerikaner an, was Franklin als Beweis dafür ansah, daß seine geduldige Wartepolitik anfing, Früchte zu tragen. Mittlerweile war der unausstehliche Adams mit einem Darlehen von 1,3 Millionen Dollar für die amerikanischen Kolonisten aus Holland zurückgekehrt. Niemand konnte sich erklären, wie er die vorsichtigen holländischen Bankiers dazu gebracht hatte, ein derart hohes Risiko einzugehen, außer ihm, denn er war ein ehrlicher Mann und kämpfte für eine gerechte Sache. Vier Archetypen braucht die Welt Der Marquis de Sade sitzt in der Bastille und schreibt an einem Buch, das teilweise ein Roman, teilweise eine philosophische Abhandlung und teilweise das Ergebnis seiner Gedanken darüber ist, warum ein intelligenter Mann wie Pater Benoit immer noch an Gott und Gerechtigkeit glaubt, obwohl man ihn seit vierundzwanzig Jahren in diesem Loch von Kerker gefangen hält. Mit diesem Buch hofft de Sade zu zeigen, wie die Welt tatsächlich ist, welche Männer sie regieren und wie ihre Motive aussehen. Seine Hauptdarsteller sind ein Graf, der den alten Landadel, ein Bankier, der das aufstrebende Bürgertum repräsentiert, ein Bischof für die militante Kirche und ein Richter, der den Staat als oberste Autorität vertritt, die bestrafen und umbringen kann, wen sie möchte. Vier Männer also, die die vier Gewalten repräsentieren, die im Augenblick über Frankreich herrschen — und zufälligerweise ihn selbst wegen sexueller und 93
intellektueller Exzesse eingesperrt haben. Sades magnum opus hat den Titel Die 120 Tage von Sodom, und seine These lautet: Die Welt ist eine von lauter Verrückten betriebene Zuchtanlage. Der Graf, der Bischof, der Bankier und der Richter sind allesamt teuflische Züchter, die ihre 120 Tage Urlaub damit verbringen, sich ausgeklügelte und exquisite Arten der Folter auszudenken, um sie dann an ihren Herden auszuprobieren — den Armen, Hilflosen, Schwachen, vor allem aber den Frauen. Gelegentlich liest der Marquis dem völlig entsetzten Benoit daraus vor und ergötzt sich an dessen Reaktion. »Ich sehe das Ganze von einem rein wissenschaftlichen Standpunkt«, erklärt ihm de Sade. »Ich bin ein genauer Beobachter und gebe alles getreulich wieder. Ich erfinde nichts, da es mir an Phantasie mangelt und ich nur die Gabe der Beobachtung und Analyse besitze. Meine vier Hauptdarsteller sind jene Männer, die die Welt regieren. Wenn ich mit meiner materialistischen Betrachtungsweise richtig liege, hat die Natur sie dafür auserwählt. Wenn ich mich irre und über der Natur noch Ihr Gott steht, dann hat dieser Gott aus Gründen, die nur ihm bekannt sein dürften, die Welt in die Hände dieser vier Schurken gelegt.« Der Priester protestiert. Obwohl er seit einem Vierteljahrhundert .unrechtmäßig eingesperrt ist (so alt werden viele seiner Zeitgenossen nicht), will er immer noch nicht wahrhaben, daß es auf der Welt weder Gerechtigkeit noch Vernunft gibt. Er antwortet, de Sade sei verbittert und zynisch und obendrein wahrscheinlich ein frustrierter Idealist. »Ich bin ein Cousin zweiten Grades des Königs«, sagt de Sade. »Mir standen Möglichkeiten offen, von denen die meisten Philosophen nicht einmal träumen konnten. Ich lebte im Zentrum der Macht und habe eine wissenschaftliche Studie über jene Männer erstellt, für die Macht ein Aphrodisiakum ist. Ich übertreibe nicht im geringsten. Jede Schlacht in jedem Krieg ist von den Schrecken gekennzeichnet, die ich beschreibe, und es vergeht kein Jahr ohne eine Schlacht irgendwo auf der Welt, denn die Männer, die die Welt beherrschen, sind genau so, wie meine vier Archetypen.« Von Diversion zu Subversion
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Der materialistische Marquis versenkt sich mehr und mehr in sein Thema, je weiter er fortschreitet: Die 120 Tage von Sodom schwellen von einer Anatomie zu einer Enzyklopädie an. Er ist zum Diderot des Unbewußten geworden; er katalogisiert die kleinste Verdrehung im Hirn. Machiavelli beschrieb nur die Politik der herrschenden Schicht — de Sade entlarvt ihre Beweggründe. Er selbst ist davon überzeugt, an einem echten Meisterwerk zu arbeiten, dem ersten wahrheitsgetreuen Lehrbuch über Macht und Folter. Zuweilen schmiedet er gar kühne Pläne, wie man das Manuskript aus der Bastille herausschmuggeln könnte, um es zu veröffentlichen und der Welt ihr wahres höhnisches Gesicht unter einem blankpolierten Vergrößerungsglas zu offenbaren. Seine empirische Mentalität hat das Projekt schon längst von einer bloßen Satire zu einer Art Sozialwissenschaft (bzw. Anti-Sozialwissenschaft) entwickelt. Wenn er fünfzig verschiedene Methoden aufzählt, bei einer schwangeren Frau gewaltsam eine Fehlgeburt herbeizuführen und ihr dabei größtmögliche Schmerzen zu verursachen, argumentiert er zugleich, daß in einem gottlosen und mechanischen Universum derartige Projekte ebensoviel Sinn machen wie alles andere, weil sie dieselbe Bedeutung haben wie alles andere: nämlich gar keine. Er weiß — denn er gibt nie zu, etwas nicht zu wissen —, daß seine monströsen Kreaturen — der Graf, der Bischof, der Bankier und der Richter —, Projektionen seines eigenen Ichs sind. Doch er beharrt darauf, daß sie auch Spiegelbilder dessen sind, was er auf der Bühne der Macht überall auf der Welt gesehen hat. Da er notgedrungen zum Philosophen geworden ist — dafür sorgt der Knast — war der Marquis nicht länger an der Perversion als Diversion interessiert. Er hat die Perversion als Subversion entdeckt. Optimist sieht Donut, Pessimist sieht Loch, Mystiker sieht Moebius De Condorcet hörte nie auf, über eine rational geplante Welt nachzudenken und zu schreiben, die einem Großteil der Menschheit ein Höchstmaß an Glück verschaffen würde, und viele seiner Projekte wurden tatsächlich in den kommenden zwei Jahrhunderten verwirklicht. Der Marquis de Sade hörte nie auf, über eine rational geplante Welt nachzudenken und zu schreiben, die einem 95
Großteil der Menschheit ein Höchstmaß an Schmerz und Leid zufügen würde, und viele seiner Projekte wurden ebenfalls in den kommenden zwei Jahrhunderten verwirklicht. Sigismundo meditierte in den Wäldern. Für ihn waren alle Phänomene irgendwie wirklich und irgendwie unwirklich, irgendwie bedeutungslos, irgendwie wirklich und bedeutungslos, irgendwie unwirklich und bedeutungslos und irgendwie wirklich und unwirklich und bedeutungslos. Verfall des Pimmelkultes und Aufstieg des Thatcherismus Auch als das Viktorianische Zeitalter ins Zeitalter von Angst und Schrecken überging, blieb Beckersniffs blasphemisches Werk ein Underground-Bestseller in Oxford und Cambridge, und ob Gottes Pimmel geistlich und gewaltig oder (umgekehrt) auf gespenstische Weise nichtexistent war, blieb nach wie vor ein beliebtes Spekulationsthema. 1950 befand sich das Britische Imperium offensichtlich am Rande des Zusammenbruchs. 1968 tauchten zuerst in Amerika und dann rasch auch in Europa eine Fülle von radikal feministischen Bewegungen auf, die den Besitz eines Pimmels (nicht sein Fehlen) verurteilten und behaupteten, dieser verwandle einen Menschen ungeachtet aller intellektuellen und moralischen Fähigkeiten in ein schmutziges, brutales und unmenschliches Schwein. 1986, zweihundertzehn Jahre, nachdem sich Maria Babcock in eine Revolutionärin verwandelt hatte, war vom Britischen Imperium so gut wie nichts übrig, bis auf sechs Provinzen im Norden von Irland. Über die Ruinen herrschte ein Premierminister, der ganz ohne den mystischen Pimmel an die Macht gekommen war.
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ZWEITES BUCH Was mich nicht umbringt, macht mich stärker. Nietzsche Götzendämmerung
Das Tagebuch der Wildnis von Sigismundo Celine Ohio 1776-78 Ein Universum ohne Monarchie oder Parlament Intellektuelle Leidenschaften sind verhexter als Liebesaffären, deshalb währen sie auch länger. Ein Mann kann eine Frau bewundern, bis sie sich verändert oder ihn abweist, einer Theorie aber kann er für immer verfallen. Wenn der Papst auf dem Pott sitzt, um zu scheißen, glaubt er dann an seine eigene Unfehlbarkeit? Stößt nicht jeder Gauner irgendwann mal auf seine haarige, vertraute Menschlichkeit? Vielleicht nicht; wenn man die Maske der Autorität lange genug trägt, wird sie gelegentlich zum wahren Ich. Selbst wenn er sich im Spiegel betrachtet, sieht er die heilige Maske und nicht sein eigenes, gewöhnliches menschliches Antlitz. N.B. Es sind nicht nur die Mächtigen, die eine Maske tragen. Wer in Neapel zur Welt kommt, bastelt sich seine neapolitanische Maske, noch bevor er sechs ist, nehme ich an. So wie jene, die in Paris oder London geboren werden, nie aufhören, ihre Pariser oder Londoner Maske zu tragen. Das Studium der Psychologie sollte eine Geschichte der Metamorphosen sein, die Männer und Frauen durchmachen, wenn sie sich in ihre gewohnten Masken verwandeln. 99
Der Katholik trägt seine katholische Maske jederzeit: Man braucht nur an die neapolitanischen Nutten zu denken, mit ihren um den Hals hängenden Kruzifixen. Der Protestant kann sich seiner protestantischen Maske ebenso wenig entledigen. Und so weiter. Und das Allerkomischste: Der Rationalist versucht, die Maske der Vernunft zu tragen, obgleich alle Welt sehen kann, daß er nur von einer feurigen Leidenschaft besessen ist. Es gibt keine vollständige Theorie, die alles erklären kann. Die verdammte Unsitte, Kinder mit Prüfungsfragen zu traktieren, die nur eine »richtige« und eine »falsche« Antwort kennen, konditioniert dazu, anzunehmen, daß alles auf der Welt »richtig« oder »falsch« ist. Erfahrungsgemäß entstehen die meisten Dinge aus dem Chaos. Sie verwirren und quälen uns eine Weile und lösen sich dann ins Ungewisse auf, bevor wir erkennen, was sie waren oder ob sie zurückkommen werden. Die Welt ist ein Labyrinth aus Vielleichts, in das sich gelegentlich eine Handvoll Richtiges und Falsches verirrt. Wir schaffen unsere Masken, so wie Gott angeblich die Welt, aus dem Nichts. In beiden Fällen schimmert die Nichtigkeit gelegentlich durch. Entgegen einer weitverbreiteten Überzeugung ist es ganz einfach, sich mit den Wölfen anzufreunden. Du mußt nur ihr Territorium respektieren, und sie werden das deinige respektieren. Mit den Flöhen läßt sich jedoch so nicht verhandeln: das scheint ein Kampf bis zum letzten Blutstropfen zu werden. Heute bin ich im Wald plötzlich einem ziemlich großen bräunlichen Bären begegnet. Ich achtete darauf, keine hastige oder bedrohliche Bewegung zu machen (ich hatte meine Büchse geladen, wollte aber nicht gezwungen sein, ein derart nobles Tier erlegen zu müssen). Irgendein Urinstinkt riet mir, nicht wegzulaufen. Ich tat so, als würde ich das Vieh nicht beachten, als hätte ich Wichtigeres im Kopf. Dann erkannte ich aus den Augenwinkeln, daß der Bär genau dieselbe Pantomime vollführte: Er setzte haargenau dieselben Körpersignale ein — dieselbe Körpersprache, bin ich fast geneigt zu sagen —, um mir zu zeigen, daß ich für einen stattlichen Bären wie ihn völlig uninteressant sei. So ging jeder 100
von uns seines Weges und signalisierte dem anderen, daß er viel zu beschäftigt war, um sich um niedere Kreaturen zu kümmern. Das nenne ich Körpersprache als Maske. Erst später bemerkte ich, daß die Hunde dieselbe Körpersprache benutzen, wenn sie nicht kämpfen wollen. Die Implikationen dieser einfachen Erfahrung sind derart umwerfend, daß ich kaum einen Waren Gedanken fassen kann. Wenn Hunde, Bären, Menschen und andere Geschöpfe eine gemeinsame präverbale Sprache besitzen, dann haben wir auch einen gemeinsamen Vorfahren. Die Vorstellung von der Einheit des Lebens will mich nicht mehr verlassen. Die Wölfe haben einen »König«, so wie die Neapolitaner oder Franzosen. Und Seine Wölfische Hoheit trägt bei allem, was er tut, die Maske der Autorität. Ich kann mich mit den Wölfen mittlerweile so gut verständigen, daß sie immer häufiger kommen und um Futter betteln. Ich habe mit dem Bären sehr ausgiebig kommuniziert, und er mit mir. All diese Statuen, die ich in Nordafrika von Männern oder Göttern mit Tierköpfen gesehen habe, lassen vermuten, daß schon lange vor mir Menschen diese Vorstellung hatten — der Mensch im Tier, das Tier im Menschen. Buffon spielt in seiner Allgemeinen und besonderen Naturgeschichte mit diesem Gedanken und spricht von der möglichen Entwicklung des Lebens aus einer gemeinsamen Quelle, verwirft ihn jedoch letztendlich als unwahrscheinlich. Doch hat sich sein wunderbares analytisches Bewußtsein gegen dieses gewaltige Konzept tatsächlich gesträubt oder hatte er dabei nur zwei ziemlich unwissenschaftliche Fakten im Kopf: a) daß ihm die Inquisitoren auf die Schliche kommen könnten und er b) nicht feuerfest war? Es gibt weit und breit keinen Herrscher, und wir sind alle verwandt. Immer wenn ich mit Miskasquamish die medizinischen Kräuter rauche, kann ich mit den Bäumen kommunizieren, und das ist keine »Halluzination«. Mensch und Tier sind verwandt. Legst du die Maske der Menschen ab, wie der Heilige Franziskus es tat, sprechen sogar Nagetiere und Rosen mit dir und du mit ihnen in einer Sprache, die älter ist als Worte. 101
Stehe ich kurz vor einer Riesenentdeckung oder drehe ich in dieser Einsamkeit allmählich durch? In Zeiten wie diesen ist es besser, der Philosophie für eine Weile den Rücken zu kehren und sich wieder der Musik zu widmen. Die Logik erhebt den Anspruch, zu wissen — sie ist der Bankert der Priesterschaft —, die Kunst dagegen inspiriert Gottseidank nur dazu, eine Erfahrung zu teilen. Melodie, Harmonie, Kontrapunkt: Ich bereue nicht, Jahre mit dem Studium dieser Disziplinen verbracht zu haben, doch im Grunde sind sie völlig irrelevant. Wenn die Musik aufhört, wunderbarer Unsinn zu sein, wird sie dem gequälten Herzen keinen Trost bieten können. Recht und Theologie haben dieselbe Funktion: Sie hindern den armen Mann daran, sich mit Gewalt zurückzuholen, was ihm der reiche Mann so hinterlistig raubte. Je länger man allein ist, umso einfacher ist es, den Gesang der Erde zu hören. Ja, ja, ja. Ich drehe nicht durch, ich bin nur dabei, alle menschlichen Masken abzulegen. Die Wildnis ist da, wo die Wahrheit nackt ist und die Heuchelei noch nicht erfunden wurde. Nichts von Bedeutung kann einem je beigebracht werden: man kann es nur lernen, mit Blut und mit Schweiß. Die Funktion des Rechts? Das Rezitieren von Unverständlichem durch die Skrupellosen, um die Geldbörsen der Unvorsichtigen zu leeren. Die Funktion der Theologie? Das Rezitieren von Unverständlichem durch das Unaussprechliche, um die Taschen der Gedankenlosen zu leeren. Wären Anwälte auf dem Berg Sinai gewesen, als Moses die Zehn Gebote in Empfang nahm, hätten diese zwölf — tausend Zusätze erhalten, und alle hätten zu folgendem Ergebnis geführt: Die Reichen dürfen diese Gebote ignorieren, die Armen werden gehängt, wenn sie auch nur die kleinste und unscheinbarste Klausel übertreten. 102
Die weiseste Zeile, die Shakespeare je geschrieben hat, findet sich in Heinrich vi., Teil ii, Akt iv, Zweite Szene: »Das erste, was wir tun müssen, ist, daß wir alle Rechtsgelehrten umbringen.« Das beste am Masturbieren ist, daß es jederzeit möglich ist. Ich nehme an, daß es so manchem einsamen Mann in der Nacht vor seiner Hinrichtung Trost spendete. Wenn Schreiner die Ethik von Anwälten hätten, würden all unsere Stühle zusammenbrechen. Wenn Klempner die Ethik von Priestern hätten, wären all unsere Leitungen leck — aber das würde wohl als »wundersame Feuchtigkeit« bezeichnet. Ich habe einfache Menschen, die redlich sind und ehrliche Arbeit tun, niemals so schätzen gelernt, bis ich anfing, meine eigene Hütte zu bauen. Es gibt kein Gesetz in der Natur und daher weder Bestechung noch Korruption. Es gibt hier keine Priester und daher auch keine Sünder. Tausend Meilen von der Menschheit und ihrer Geschichte entfernt lerne ich zu verstehen, daß die Natur zyklisch ist, bedeutungslos und bar jeder Moral oder Schlechtigkeit. Die Erbsünde entstand nicht durch Ungehorsam, sondern durch Vorstellungskraft. Es war das Werk jenes alten Priesters, der die Genesis schrieb. Zuvor waren die Menschen ebenso unschuldig und schamlos wie meine Freunde, die Wölfe. Der Politiker ist eine Maske, hinter der sich Habgier verbirgt. Der Priester eine Maske, hinter der sich der Wille zur Macht verbirgt. Masturbation ist nicht die glücklichste Form der Sexualität, doch die ratsamste für den, der allein sein und nachdenken will. Das Aroma dieses angenehmen Lasters entdecke ich bei allen großen Philosophen, und ein glücklich verheirateter Logiker ist fast ein Widerspruch in sich. So viele Weise haben die Frau als Verführerin betrachtet, weil der Geschlechtsakt häufig in die Ehe mündet, und diese bringt normalerweise Kinder hervor, was wiederum unweigerlich dazu 103
führt, daß man eine respektable Stellung annimmt und vorgibt, an den gleichen Unsinn zu glauben wie die Nachbarn. Die Heuchelei der Weisen lag darin, ihre Selbstbefriedigung zu verheimlichen und sie Enthaltsamkeit zu nennen. Es ist äußerst traurig, daß die Welt das Interesse an den wertvollen Dingen verloren hat. Heute denken die Menschen, wenn etwas teuer ist, muß es auch wertvoll sein, und das ist dasselbe wie die Vorstellung, eine langweilige Arbeit müsse auch wichtig sein. Wenn ich nicht ein paar vergessen habe, scheine ich seit meiner Flucht aus der Priorei dreiundzwanzig Affären mit Frauen gehabt zu haben. An den Maßstäben meiner Nation und meines Standes gemessen bin ich also fast noch Jungfrau, und trotzdem nehme ich mir das Recht, über die Liebe zu urteilen. Es ist unmöglich, eine Frau zu verführen, ohne zuvor von ihr verführt worden zu sein. Zuerst denkt man, daß man Sex will, dann überzeugt sie einen irgendwie, daß man sich in sie verliebt hat, und schließlich glaubt man, ohne sie nicht leben zu können. Was ich gestern geschrieben habe, gefällt mir nicht. Es zeugt von einer Naivität, die ich überwunden zu haben meinte. Niemals hat eine Frau mich so weit gebracht, daß ich glaubte, in sie verliebt zu sein. Ich habe immer nur mich selbst verführt. Ich bin der typische Dummkopf, der sich ständig verlieben muß. Wenn ich dieses Notizbuch noch einmal durchlese, finde ich, daß der letzte Satz mit zum Intelligentesten gehört, was ich bisher geschrieben habe. Vielleicht sollte ich ein neues Spiel beginnen, in dem ich versuche herauszukriegen, wie viele tausend Arten von Dummkopf ich tatsächlich bin. Ich bin die Art von Dummkopf, der große Musik schreiben will, obwohl mich nichts zu der Annahme verleitet, daß ich wirklich Talent habe. Ich bin die Art von Dummkopf, der ein Autokinoton bauen will — eine selbstbewegte Kutsche. Ich bin die Art von Dummkopf, der nicht Kaiser von Europa sein will, obwohl eine Menge Astrologen und Hexenmeister glauben, daß dies mein Schicksal sei und offensichtlich keine Mühe scheuen, um mich auf den Thron zu heben. Ich bin die Art von Dummkopf, der einsam und verlassen in der Wildnis lebt und darüber nachdenkt, wie viele Arten von Dummkopf er ist. Ich bin die Art von Dumm104
kopf, der in einer einsamen Hütte lebt und masturbiert, obwohl ich aus Erfahrung weiß, daß ich so attraktiv bin, daß ich jede Frau haben kann, die ich will. Nun, wenigstens gehöre ich nicht zu der Art von Dummköpfen, die behaupten, ihre Flucht in die Einsamkeit sei »Enthaltsamkeit« oder »Reinheit«. Der Gipfel des Schwachsinns aber ist, daß ich immer noch so dumm bin, einen Mythos namens »Maria Maldonado« zu lieben, obwohl die Frau, die diesen Namen trug, vierzehn Jahre älter als ihr Mythos ist, zweifellos vier oder fünf Kinder hat und ganz sicher nicht mehr so aussieht, fühlt oder handelt wie das göttliche Wesen in meiner Erinnerung. Donnerwetter, gerade ist mir klar geworden, daß Dante genauso ein Dummkopf war wie ich. Er und ich besingen im Grunde mit Worten und Musik denselben platonischen Archetypus einer göttlichen Frau: Wir haben nur verschiedene menschliche Wesen gefunden, an denen wir unseren Mythos festmachen. Das Geheimnis weltlicher und kirchlicher Macht: Erkenne nie, was für ein Dummkopf du bist. Das Geheimnis der Weisheit? Erkenne die tausend Dummköpfe in dir, und lasse nicht einen aus. Denn derjenige, den du übersiehst, wird dir arg zusetzen. Ehrlichkeit hat mehr Freundschaften zerstört als Verrat. Sage nie jemandem etwas »zu seinem eigenen Besten.« In der Oper dreht sich alles um die Liebe, nicht darum, wie man Kinder erzieht. Das ist vielleicht der Grund, warum wir die Oper dem Leben vorziehen, denn sie ist sein genaues Gegenteil. Ein Händler kauft seine Waren so billig wie möglich, um sie so teuer wie möglich weiterzuverkaufen, aber irgendeinen Wert müssen sie haben, sonst würde niemand sie kaufen. Ein Priester verkauft Güter, die nicht existieren, und holt so viel Geld heraus wie nur möglich. Daher hat der Händler den ehrenwerteren Beruf von den beiden. Q.E.D. 105
Warum »ist« die Musik die höchste der Künste? Weil ich über sie mehr weiß als über alle anderen Künste. Warum »ist« Neapel die schönste Stadt der Welt? Weil ich dort aufwuchs. Die Malerei und Berlin werden mir nie so viel sagen — aber für Maler und Berliner sind sie unvergleichlich. Alle Emotionen und Ideen sind gleichermaßen relativ. Wir fühlen und denken, wie unsere Vergangenheit uns zu fühlen und denken gelehrt hat. Mit jedem Tag habe ich weniger von einem Menschen und mehr von einem Tier. Das heißt, ich bin schließlich mehr und weniger als ein neapolitanischer Musiker. Gestern Biber beim Dammbau beobachtet und dabei schmunzelnd an die Frage gedacht, die ich an der Universität von Paris hörte, nämlich ob ein derartiges Verhalten intelligent oder instinktiv »ist«. Ich fürchte, an diesem kleinen Wort »ist« ist ganz Europa verrückt geworden. Das Ich oder Ego ist ein bösartiges Geschwür, buchstäblich ein Krebs, der durch die Gesellschaft anderer Menschen erzeugt wurde. Ich glaube, er ist ansteckend, und vielleicht ist die Sprache der Überträger dieser Krankheit, die an jede neue Generation weitergegeben wird. Die Maske ist ein morbider Auswuchs des Ego, und die Religion das Medium, mit dem es uns alle ansteckt. Die Äpfel wachsen ohne Plan auf ihren Apfelbäumen, oder nicht? Die Sonne braucht keinen Regisseur, um unterzugehen, oder? Wie das Magdalenen-Evangelium schon sagt: Es ist erstaunlich, daß so großer Reichtum hierher gekommen ist, um in Armut zu leben. Eine bessere Definition des Ego als gestern: Ego ist eine gesellschaftliche Fiktion, für die jeweils nur einem die Schuld in die Schuhe geschoben wird. Es ist ein Verbrechen, unschuldigen Kindern das Alte Testament und die Geschichte Europas beizubringen. Ein derartiges Wissen kann einen völlig aus der 106
Bahn werfen, wenn man nicht alt und hart genug ist für die Erkenntnis, daß die meisten Menschen kriminelle Fanatiker sind. »Ist«, »ist«, »ist« — die Idiotie dieses Wortes treibt mich zum Wahnsinn. Existierte dieser Begriff nicht, würde vieles einen Sinn ergeben. Ich weiß nie, daß etwas »ist«, ich weiß nur, daß es mir in diesem Augenblick so scheint. Gestern habe ich mir ein paar Stunden lang die Zeit mit dem nicht einfachen Versuch, vertrieben, mir selbst hinreichend die Bedeutung eines Grashalms zu »erklären«. Ich bin verblüfft, daß einige der Professoren, die ich an den Universitäten von Neapel oder Paris hörte, meinten, komplizierte Geschöpfe wie einen Hummer erklären zu können — und die Theologen versuchen, die ganze Welt zu erklären. Heute habe ich das alte Experiment der Priorei ausprobiert und eine Stunde lang auf einen Grashalm gestarrt, ohne auch nur den geringsten Versuch zu machen, ihn zu erklären oder zu verstehen. Das Ergebnis war noch verblüffender als das Unternehmen, den Grashalm erklären zu wollen. Und es wurde noch erstaunlicher, als ich plötzlich entdeckte und am eigenen Leib erfuhr, was Hume mir vor Jahren beigebracht hatte, nämlich, daß ich den Grashalm überhaupt nicht sah, sondern nur das Bild des Grashalms, das von meinem Gehirn erzeugt wird. Niemand sieht das Offensichtliche. Niemand beobachtet das Gewöhnliche. In einem Quadratmeter Erde stecken mehr Wunder als in allen Gleichnissen der Kirche. Plötzlich geht mir auf, warum mein Autokinoton nie funktioniert hat. Was mir fehlt, sind kontrollierte Explosionen. Wie seltsam, daß ich so lange brauchte, um das zu erkennen. In der Musik wußte ich das schon lange. Es gibt Schlimmeres im Leben als meine Erfahrungen in der Bastille. Zum Beispiel den Versuch, einen englischen Roman zu lesen. 107
Der Kadaver eines Hundes im Wald. Das Blut sieht aus wie menschliches Blut. Ich glaube: Spuren gibt es überall, aber wir sehen sie nicht. Ist es bloß Ziererei, wenn wir uns einreden, wir seien keine Tiere, oder halten Lärm und Getümmel der menschlichen Gesellschaft uns vom klaren Denken ab, bis wir uns freiwillig in Klausur begeben? Ich beginne, an meine eigene Theorie von der Entwicklung des Lebens zu glauben — ein schlechtes Zeichen, Ein Mann, der an seine eigene Theorie glaubt, ist fast schon ein Priester. Man sollte an allem zweifehl, vor allem an den eigenen Augenblicken der Erleuchtung und Einsicht. Ich beobachte die Erpel im Teich und merke mir, wie oft sie über ihr Revier streiten. Ich gehe davon aus, daß es ein angeborener Reflex ist, aber ich vermute auch, daß die Erpel Gefallen daran finden, weil es ihre Langeweile vertreibt. Könnten sie sprechen, würden sie ihre Kämpfe zweifellos mit Begriffen wie Ehre, Pflicht und Gottes Wille rechtfertigen. Zum Glück gibt es keine Journalisten unter den Erpeln, so daß die Kämpfe abflauen, nachdem jeder seinen Spaß gehabt, ein paar Minuten lang gequakt und versuchsweise mit den Flügeln geschlagen hat. Die Wölfe haben ihre eigene Politik, wie die Erpel. Der »Wolfkönig« kann sich genauso hochmütig verhalten wie jeder menschliche Monarch, wirkt jedoch weniger schmierig und verschlagen. Ich habe beobachtet, daß selbst Regenwürmer ihre eigene Gesellschaft haben. Allmählich hege ich die Befürchtung, daß die Politik allgegenwärtig ist, was impliziert, daß Dummheit die Quintessenz des Lebens ist. Ernste Männer sind unweigerlich oberflächlich, so wie tugendhafte Frauen stets langweilig sind. Man muß schon etwas verschroben sein, um sich selbst zu erkennen. Es war richtig, Vivaldi abzulehnen, als ich jung und er in Mode war. Wenn die Kunst nicht ständige Revolution ist, verdummt sie. Jetzt da ich beginne, meine 108
eigene Stimme zu finden, kann ich auch Vivaldi genießen, ohne zu seinem Echo zu werden. Die Jesuiten haben mir genug beigebracht, um mich in die Lage zu versetzen, an der Ehrlichkeit zu zweifeln, selbst an meiner eigenen. Niemand hat jemals eine ehrliche Autobiographie geschrieben. Intuitiv wissen wir alle, daß es wahr ist und warum es wahr ist. Und dann vergessen wir wieder, daß theologische und philosophische Theorien nichts anderes sind als verkappte Autobiographien. Ich muß eine frühere Bemerkung revidieren: Die Politik ist nicht allgegenwärtig. Bäume leben in völliger Anarchie, in einem Hobbes’schen Krieg aller gegen alle. Nur fällt uns dies normalerweise nicht auf, da ihr Kampf in einer anderen Zeitdimension stattfindet als der Kampf der Tiere. Die Natur hat wie die Musik keine unveränderlichen Gesetze, nur saisonale Moden. Die Politik der Tiere (der Clan, das Clanoberhaupt usw.) könnte eine solche Modetorheit sein. Die Bäume waren vor uns da und werden vielleicht noch nach uns da sein. Es will mir nicht in den Kopf, daß der menschliche Magen in der Lage sein soll, alles aufzunehmen und der menschliche Verstand imstande, alles zu verstehen. Geistig wie körperlich bin ich ein Tier, das nur ein begrenztes Maß verdauen kann und mehr nicht. Auf höheren Meditationsebenen kann ich viel, viel mehr aufnehmen als sonst, aber ich bezweifle, daß ich auch wirklich alles verdaue. Die Mystiker waren niemals selbstkritisch oder ehrlich: Diese Disziplinen sind die kostbarsten Erfindungen unseres aufgeklärten Zeitalters. Vielleicht hat Weishaupt recht, und die Welt braucht ein bis zwei Jahrhunderte brutalen Materialismus, um das Geschwafel der Mystiker und die Halluzina109
tionen der Theologen wettzumachen. Vielleicht sind wir dann in der Lage zu meditieren und Nutzen aus der Erfahrung zu ziehen. Die Natur hat ihre eigene Melodie, Harmonie und ihren eigenen Kontrapunkt, aber die wahre Freude an der Wildnis ist wie die an der Musik: Nicht daß man »Gesetze« befolgt, sondern daß sie so wunderbar unnütz sind. In der Natur wie in der Musik werden »Gesetze« erst nach der Tat erfunden, in dem Versuch, etwas zu »erklären« — in Wirklichkeit aber zu vertuschen —, was eine Folge von Spontaneität und dem Willen zur Macht war. Wenn ich sie richtig verstanden habe, wollen Weishaupt und seine Kumpanen, die Illuminaten, das Christentum abschaffen, indem sie die Macht ergreifen und dann jedermann befehlen, über Nacht rational zu werden. Das ist so, als würde man versuchen, die Kindheit zu »heilen«, indem man allen Fünfjährigen befehlen würde, auf der Stelle einundzwanzig zu werden. Ein Kind braucht seine Zeit, um erwachsen zu werden, und eine Gesellschaft noch viel mehr. Alles erscheint mir jetzt wie ein Spiel. Ich habe sogar den Verdacht, daß »Gesetze«, »Notwendigkeit« und »Determinismus« von beschränkten Männern in verstaubten Lesesälen erfunden wurden. Die »Naturgesetze« sind der größte Humbug unseres Jahrhunderts. Manchmal fange ich an, das Geräusch meines eigenen Blutes zu hören. Ich glaube, daß ich demnächst auch das Geräusch meiner Hand in der leeren Luft hören kann. Was jeder Künstler weiß: Egal wie gut die Werke meiner Zeitgenossen sind, ich kann alle möglichen Fehler darin entdecken, wenn ich mir nur genügend Mühe gebe. Was jeder Kritiker weiß: Selbst jene, die nicht kreativ sein können, dürfen den Schöpfern ans Bein pissen. Manchmal singen die Vögel, um miteinander zu kommunizieren — eine andere Form von »Sprache« —, aber meistens singen sie aus reiner Lust, so wie ich. 110
Vivaldi: Neapolitanische Heißblütigkeit, neapolitanische Erotik und neapolitanisches Heidentum, und alle durchdringen ihre »christlichen« Feste. Mozart: Planeten, die sich nach Newtons Axiomen bewegen, während Kinder spielen und Vögel singen. J. S. Bach: Eine nackte Göttin, ein Zirkel, das Winkelmaß der Freimaurer. J. C. Bach: Schwarzes Opium in einem Luxusbordell. C. P. E. Bach: Man sieht die hinreißendste Frau der Welt und entdeckt, daß sie einen nervösen Tick hat. Es ist passiert: Ich habe tatsächlich gehört wie sich meine Hand durch die leere Luft bewegte. Noch Stunden später war das Gras grüner, der Himmel blauer als sonst. Das ist nicht die Verschmelzung von Ego und Welt, wie die königliche Kunst der Freimaurerei sie lehrt; das ist, was die Weisen aus dem Orient Reines Bewußtsein nennen. Verdammte Flöhe. Wenn es sie nicht gäbe, wäre ich immer noch Pantheist. Tieffliegende Gänse in der Dämmerung: Mein Herz gleitet mit ihnen dahin. Wenn ich noch an Gott glaubte, wäre all diese Schönheit bewundernswert, aber auch künstlich. Gerade weil ich Gott verloren habe, bin ich Pan begegnet. Gehen wir um des reinen Argumentierens willen einmal davon aus, daß das Christentum tatsächlich wahr ist, so hätte ich durchaus einige Verbesserungsvorschläge auf Lager gehabt, falls man mich eingeladen hätte, der Erschaffung der Welt beizuwohnen. Wenn Papa Tetragrammaton einen himmlischen Grund dafür hatte, unserem Essen einen gewissen Anteil an Fäkalien beizumengen, um einige von uns in jeder Generation zu vergiften, hätte er das auch mit weniger lästigen Geschöpfen tun können als Fliegen. Das mechanische Bild des Universums ist wie das theologische Bild nur — ein Bild. Die Existenz ist größer als jedes Modell, das nicht genau so groß ist wie die Existenz (die keine Größe hat …). Wenn man nicht einen Teil seines Publikums vor den Kopf stoßen kann, macht es wenig Sinn, Künstler zu sein. 111
Ich kann mir nicht vorstellen, daß der Gott des Alten Testaments all diese Schönheit geschaffen hat. Wenn er versuchte, auch nur ein einziges Ahornblatt zu schaffen, würde er es wahrscheinlich vermasseln, vor Wut toben, zwei Städte mit Pech und Schwefel überziehen und fünf Nationen die Pest an den Hals wünschen, nur um seinem kindischen Verdruß freien Lauf zu lassen. Wenn mein Autokinoton fertig ist, wird es sich nicht nur ohne Pferde fortbewegen können, sondern auch über die Dächer der Häuser fliegen. Würde ich das vor der Royal Scientific Society erklären, fände ich mich wenig später in Bedlam wieder. Ich sehe voraus, daß die Verehrung der Geschmäcker eines Tages ihre eigenen Priester und Propheten haben wird, so wie die Verehrung des Intellekts sie heute schon hat. In einem der kommenden Jahrhunderte wird es zum Heiligen Krieg zwischen den Schülern des Gottes Rousseau und dem Kult des Propheten Voltaire kommen. Ich habe ausgerechnet, daß sich das gesamte Wissen der Menschheit seit der Zeit Leonardos verdoppelt hat. Sieht so aus wie eine immer schneller verlaufende Differentialfunktion, so daß sich um 1920 das Wissen nochmals verdoppelt haben dürfte. Bis dahin wird mein Autokinoton fliegen, auch wenn es mir nicht gelingen sollte, ein funktionstüchtiges Modell zu bauen. Einem späteren Mechaniker wird es gelingen, falls ich scheitern sollte. Und 2020 fliegen meine Autokinotons vielleicht zum Mond. Sollte dieses Tagebuch irgendwann gefunden werden, wird man spätestens auf dieser Seite überzeugt sein, daß ich hier in der Einsamkeit der großen Wälder dem Wahnsinn verfallen bin. Wenn die Menschheit ein einziges Geschöpf ist, wie ich an jenem Morgen herausfand, als ich mich mit Carlo duellierte, ist sie auch nur eine einzige Zelle in dem viel größeren Wesen, das die Ganzheit des Lebens ausmacht. Da das Wort Pantheismus diesen Gedanken kaum fassen kann, muß ich mein eigenes Wort erfinden. Ich glaube, mein augenblickliches Verständnis könnte Panvitalismus genannt werden. Es gibt keinen Herrscher, doch überall lassen sich Hierarchien 112
miteinander wetteifernder Intelligenzen beobachten, die alle von der Freude an der Kreativität und dem Willen zur Macht motiviert werden. Ein Tagebuch ist der einzige Ort, wo man über Philosophie diskutieren kann, ohne sofort observiert zu werden. Wenn das große bisexuelle Geschöpf »Leben« von diesem Planeten entkommen will, dann muß ich mich als eine jener Zellen verstehen, die an diesem Projekt beteiligt sind. Meine Musik spricht von der Sehnsucht, mein schwerfälliges Autokinoton ist der Versuch, einen Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Ich bin aus der Priorei geflüchtet, weil ich es mir nicht leisten kann, meine Zeit damit zu vertun, Kaiser zu spielen. Ich habe Wichtigeres zu tun. Ich will Konzertmeister der kommenden Evolution sein. Das Lied der Erde ist die vollkommene Ekstase. Nur das Individuum klagt und jammert. Der alte Bach erklärt das Universum besser als Newton. Nein, das kann so nicht stehenbleiben. Johann Sebastian offenbart einem Bewußtsein wie dem meinen mehr als Newton. Ich weiß nicht, was »ist«, ich weiß nur so viel, wie mein Verstand verdauen kann. Jeder, der die Universität besucht hat, weiß, wie man mit anderen debattiert, doch nur die Weisen wissen, wie man mit sich selbst debattiert. Wenn du völlig allein bist, sind die Sterne deine Gefährten. Wenn es stimmt, was ich glaube, daß nämlich die Musik die größte aller Künste ist, warum verstehen Kinder und Tiere sie dann am besten? Ich bin für die Ameise genauso unwichtig wie für mich ein Mann aus China. Mehr noch: Ich kann mir den Chinesen vorstellen, doch ich bezweifle, daß sich die Ameise eine Vorstellung von mir machen kann. 113
Warum erzeugt der Hunger nach Sex solch unaussprechliches Glück und irrationales Elend, warum derart selbstmörderischen Wahnsinn und absurden theologischen Schwulst? Weil jede sexuelle Wahl eine Rolle bei der Determinierung des Temperamentes und der Fähigkeiten der nächsten und aller zukünftigen Generationen spielt, die diese Erde einmal von uns übernehmen werden. Um das ganz einfach zu erläutern: eine einzige beiläufige Nummer kann darüber entscheiden, ob in nur wenigen Jahrtausenden ein Kontinent mit Trotteln oder Wunderknaben bevölkert ist. Anmerkung zu dem oben Erwähnten: Alle Judenhasser behaupten, »sie« seien klüger als »wir«. Wenn an dieser Legende was dran sein sollte, dann wahrscheinlich, weil die Juden ihre intelligentesten jungen Männer nie überredeten, in Klöster einzutreten und ihr kostbares Sperma an muffige Matratzen zu verschwenden. Möglich, daß das Mönchstum Europa um einige Millionen potentielle Leonardos gebracht hat. Entweder werde ich früher oder später diese Flöhe aus der Hütte vertreiben können oder ich gebe auf und lerne, mit den kleinen Mistkerlen Bett, Essen und Kleidung zu teilen, oder ich ziehe mich in die Zivilisation zurück und gebe mich geschlagen. Mit Flöhen läßt sich nun mal nicht verhandeln. Der Medizinmann Miskasquamish ist mir wieder begegnet, während ich meditierte. Er war so plastisch und real wie Onkel Pietro damals im Kerker, in dem mich die Ritter von Malta gefangen hielten. Ich habe den Verdacht, daß er ein Teil meines Bewußtseins ist, das sich vor meiner eigenen Freude und Freiheit fürchtet. Mittelalterliche Eitelkeit: Der Wunsch, Gott zu dienen. Moderne Eitelkeit: Der Wunsch, der Menschheit zu dienen. »Gott« und die »Menschheit« brauchen mich vielleicht genauso wie ich die Flöhe. Die Wissenschaft des letzten Jahrhunderts hat uns gelehrt, selbständig zu denken und ungeachtet aller Autorität nur unseren eigenen Beobachtungen zu 114
trauen. Die Wissenschaft heute sagt uns immer häufiger, daß unsere Gedanken und Beobachtungen verwerflich sind, wenn sie im Widerspruch zu den Dogmen der Wissenschaft stehen. In den nächsten beiden Jahrhunderten wird man die Freiheit des individuellen Geistes gegen die Wissenschaft verteidigen müssen, so wie in den vergangenen beiden Jahrhunderten gegen die Theologie. Die Bäume wissen, daß ich hier bin, ebenso wie die Wölfe oder die Bären. Ich bin mir nicht sicher, ob die Ameisen wissen, daß ich hier bin oder sich darum kümmern würden, falls sie es wüßten. Ich war zu streng mit den Priestern und Anwälten. Wenn es sie nicht gäbe, hätte man in dieser Welt viel weniger zu lachen. Der Irrtum der Deisten: Sie halten den Gott der Kirchen für einen launenhaften Tyrannen — ein vergrößertes Bild der Priester, die diesen Gott erfanden. Andererseits stellen sich die Deisten Gott als einen mechanischen Erfinder vor: ein vergrößertes Bild ihres eigenen Geistes. Der einzige »Gott«, den ich in der Natur sehen kann, ist weder Moralist noch Rationalist. Sein Hauptmerkmal ist die glühende Begierde, die Welt mit einer unendlichen Vielfalt von häßlichen kleinen Käfern zu bevölkern. Der Gott der Natur ist von Natur aus ein Plural und mindestens zwei. Das Lied der Erde ist ein Gesang der Auseinandersetzung, nicht der Lösung. Die Geschichte als Ganzes ist die aus Erfahrung gespeiste Widerlegung der Doktrin, daß der Gott der Natur irgendwelche Moralvorstellungen hat oder Ziele verfolgt, die wir verstehen können. Die Behauptung, seine Moral und seine Ziele lägen jenseits unseres Verständnisses, mag die Trauernden trösten und die Zornigen besänftigen, ergibt jedoch keinen Sinn. Es ist dasselbe wie von einem Schatz zu erfahren, der vielleicht in einem Keller vergraben ist, an den man jedoch nie herankommen wird. Wieviel »Wahrheit« auch in einem unüberprüfbaren Vorschlag stecken mag, sie ist völlig irrelevant, bezogen darauf, wer ich bin, wo ich bin und was um mich herum vorgeht. 115
Wenn Truthähne logisch denken könnten, würden sie an Gott zweifeln, weil es Falken gibt. Wenn Falken logisch denken könnten, würden sie an Gott zweifeln, weil es Männer mit Pfeil und Bogen gibt. Wenn die mit Pfeil und Bogen bewaffneten Männer logisch denken könnten, hätten sie nie einen Gott erfunden. Die Jugend weiß alles. Die Erwachsenen bezweifeln alles. Gesetze sind wie bayrische Würste: Es ist viel einfacher, sie hinunterzuwürgen, wenn man nicht gesehen hat, wie sie zubereitet werden. Der Irrtum der französischen Atheisten: Sie meinen, ein Universum ohne Monarchen oder Parlament — Gott oder Götter — sei ohne Intelligenz. Der Apfelkern weiß alles, was er wissen muß, um ein Apfel zu werden. Wenn alles Leben eins ist, sind dann die Flöhe meine Brüder? Ja, aber oft halten Brüder es nicht aus, im selben Haus zu leben. Diese Beobachtung zum Apfelkern ist zu stark vereinfacht. Er weiß nicht alles darüber, wie er ein Apfel werden kann; etwas von diesem »Wissen« ist im Regen, der Sonne und der Erde. Der Hauptfehler, den wir von der christlichen Theologie zurückbehalten haben, ist, daß wir nach den Monarchen oder dem Ersten Gebot in allem suchen. Es ist schwierig, wahrzunehmen, was sich direkt vor unserer Nase tut — daß das Chaos seine eigene Rationalität besitzt. Mein »Bewußtsein« sitzt nicht in meinem Kopf. Es steckt zum Teil in der Geschichte der lateinisch-italienischen Sprachen, zum Teil in der Geschichte der anderen europäischen Sprachen, die ich beherrsche, zum Teil in der Musik und zum Teil in den Büchern über Philosophie und Mechanik, die ich gelesen habe. Ebenso gehen der Theist und der Atheist von der ähnlichen Annahme aus, daß es entweder ein zentralisiertes »Bewußtsein« gibt (»Gott«) oder daß es das 116
nicht gibt. Doch das »Bewußtsein« der Existenz ist genauso dezentralisiert wie mein »Bewußtsein« — oder anders gesagt, wie die Sprachen Europas. Es entwickelt sich, so wie wir uns entwickeln. Es ist kein Substantiv, sondern ein Verb, kein Tänzer, sondern ein Tanz. Um es ganz deutlich zu machen, sollte man diese Doktrin nie Pantheismus nennen, sondern Panvitalismus. Die Neapolitaner wagen nicht, ihren Priestern zu widersprechen. Die Engländer wagen nicht, ihren Wissenschaftlern zu widersprechen. Geistige Sklaverei hat ihre eigenen Schrullen und Moden. Um zufrieden zu sein, muß man ein schlechtes Gedächtnis haben. Ich komme immer häufiger auf das Reine Bewußtsein zurück. Gestern ist es passiert, als ein Frosch in einen Teich sprang. Heute, als ich erneut hörte, wie ich mit einer Hand klatschte. Es ist an sich nichts besonderes, und wenn dies einem Dummkopf passiert, macht es nur einen glücklicheren Dummkopf aus ihm. Meditation ist zwecklos ohne skeptische Beobachtung dessen, was passiert. Die Natur kennt weder einen freien Willen noch den Determinismus. Es gibt exquisite und spontane Anpassung, aber keinen Zwang. Es gibt kein »Ich« im Inneren und »Gott« im Äußeren. Reines Bewußtsein ist reines Chaos, mit hundertprozentiger Anpassung jedes Atoms an das Ganze. Ich versuche die letzte Aussage nochmal. »Ich« bin ebenso im Äußeren wie im Inneren. Die »Welt« ist ebenso im Inneren wie im Äußeren. Die euklidische Geometrie kommt dem Architekten sehr gelegen, hat jedoch keinerlei Wert für den Psychologen. Und noch ein Versuch, dasselbe zu sagen: Die Welt steckt in meinem Kopf und mein Kopf steckt in der Welt, und wenn sich diese beiden Aussagen in der Logik widersprechen, so sind sie in der Erfahrung dennoch wahr. 117
Ich töte, um zu essen, wie jedes andere Tier. Ich mache Musik wie die Vögel. Ich scheiße auf den Boden wie die Bären. Gibt es etwas Schöneres als all das zu wissen? Ich irre mich nur, wenn ich philosophiere oder anfange, Dinge zu erklären. Mut ist eine Gewohnheit wie jede andere. Für Feigheit gilt dasselbe. Wäre alles auf der Welt nützlich und rational, wären nur die Engländer zufrieden. Jeder Satz ist eine übertriebene Vereinfachung, dieser nicht ausgenommen. Jede Wahrheit ist eine halbe Wahrheit, diese nicht ausgenommen. Ich kann das alles so einfach mit Musik sagen, aber wenn ich versuche, mich in Worten auszudrücken, kommt nur paradoxer Unsinn heraus. Jeder Klumpen Erde ist Teil eines Prozesses, der einen Baum möglich macht. Jeder Baum ist Teil eines Prozesses, der mich möglich gemacht hat. Und ich bin Teil eines Prozesses, der etwas möglich machen wird, das so viel größer ist als der Mensch, daß ich es mir nur vage vorstellen kann. Und doch, und doch, und doch — es ist kein Prozeß. Es ist in jedem Augenblick ein vollkommen geschlossener Kreis. Alle Aussagen darüber sind relativ wahr, relativ falsch und relativ unbedeutend. Die Erde als Ganzes ist nur eine Zelle im wachsenden, sich entwickelnden, tanzenden Organismus, den wir Galaxie nennen. Alles, was ich geschrieben habe, ist so präzise und wissenschaftlich wie nur möglich. Trotzdem ist es nur ein Beweis dafür, was mit dem Bewußtsein geschieht, wenn Isolation und tiefe Meditation kombiniert werden. Die Wirklichkeit eines gewöhnlichen egoistischen Menschen in einer stinknormalen Stadt ist genauso »wirklich« wie das, was ich hier erfahre. Es gibt keine »Selbsttäuschung«. Alles ist Wahrheit für den, der sie erfährt. 118
Der Karneval ist so beliebt, weil er uns erlaubt, Masken über Masken zu tragen. Die größte Entdeckung, die ich im Leben gemacht habe: Wenn man nicht instinktiv Lust hat, die Füße im Takt zu bewegen, ist es keine gute Musik, sondern rhetorischer Lärm. Hier fällt es mir viel leichter, das Reine Bewußtsein zu erfahren als in der Priorei, wo ich von vielen erleuchteten Meistern unterrichtet wurde. Ein erleuchteter Meister ist nur dann ideal, wenn man ein unbedarfter Sklave werden will. Das »ausgeschlossene Mittelding« zwischen Theismus und Atheismus — Millionen von rationalen Gedanken in jedem Atom, doch nirgendwo Stillstand. Chaos, in dem jedes Quentchen Leben Wille zur Macht ist. Formen bilden sich aus dem Chaos, verweilen kurze Zeit und verschwinden dann wieder, um neuen Formen Platz zu machen. Das ist absolut alles, was ich weiß. Alles andere ist reine Spekulation — das heißt, angenommene Vorurteile und wirres Rätselraten. Eine große Einsamkeit und eine große Bereitschaft zu vergeben kämpfen darum, mein Herz zu erobern und mich meiner Freiheit zu berauben. Es ist leicht, die Menschen zu lieben, vor allem wenn weit und breit keiner dieser Hundesöhne in Sicht ist. Soll ich zusammenfassen, was ich in meiner Einsamkeit und Freiheit gelernt habe? Das Gespinst des Lebens ist ein wunderbarer und sinnloser Tanz. Das Gespinst des Lebens ist ein Prozeß mit einem beweglichen Ziel. Das Gespinst des Lebens ist ein vollkommenes Kunstwerk genau da, wo ich im Augenblick sitze. Diese Annahmen können innerhalb der Logik nicht alle zutreffen, aber sie sind trotzdem wahr. Um so schlimmer für die Logik. Das Gespinst des Lebens ist eine nahtlose Einheit (der Bär und ich sind Brüder), und Teile dieser Einheit befinden sich auf dem Kriegspfad mit anderen Teilen. Überall herrscht Chaos, in vollkommener Harmonie. 119
Der Schnee fällt, und der Baum wird weiß. Der Winter kommt, ohne daß irgendwelche Buchhalter oder Komitees die Form einer Schneeflocke planen. Ich glaube, ich verwildere allmählich. Ich verstehe nichts mehr. Ich betrachte nur alles voller Staunen. Die Bibel versichert uns, daß einer Handvoll Staub Furcht innewohnt. Das ist eine typisch religiöse Manie. Einer Handvoll Staub wohnt unendliche Ekstase inne. Der blödeste Fehler der Rationalisten: Ihr Konzept der »unbelebten Materie«. Die Energie der Sterne und das Leben aller Geschöpfe manifestieren sich in jedem Atom. Wir können nur über das nachdenken, worüber wir sprechen können. Denken heißt Selbstgespräche führen. Aber wo Worte versagen, müssen wir Musik komponieren oder in Scherzen und Parabeln sprechen. Intellektuelle Faulheit und gesunder Menschenverstand sind ein und dasselbe. Gesunder Menschenverstand ist nur das Markenzeichen der Firma. Die größte Narrheit überhaupt ist die Annahme, dieser Augenblick könnte anders sein als er ist. Die zweitgrößte Narrheit ist, sich trotzdem für den Augenblick, so wie er ist, die Schuld zu geben. Die drittgrößte Narrheit ist, einen anderen Sündenbock zu finden. Die erste Narrheit heißt Phantasie, die zweite Gewissen und die dritte Weltverbesserei. Diese Narrheiten sind allesamt Perversionen der Sprache, die auf dem Unterschied gründen zwischen dem, was wir uns vorstellen können und dem, was wir tatsächlich vorfinden und ertragen. Gerade diese Sprachperversionen haben uns zu Menschen gemacht und vielleicht machen sie uns eines Tages zu mehr als das. Wären wir völlig gesund, würden wir nie über etwas anderes nachdenken als das, was wir vorfänden und ertrügen, so wie andere Tiere. Tiere zeigen alle menschlichen Regungen, aber nur in der Gegenwart. Sie grübeln nicht über die Vergangenheit oder zerbrechen sich den Kopf über die 120
Zukunft, da sie keine Sprache für Ereignisse kennen, die sie nicht im gleichen Augenblick wahrnehmen. Deshalb sind sie auch glücklicher und weniger kreativ als Menschen. Ich muß diese Aufzeichnungen verbrennen, wenn ich fortgehe. Gott behüte, daß sie jemals gefunden werden. Der »Panvitalismus« könnte zu einer neuen Religion werden, und wenn ich behauptete, er sei nur eine Theorie, nicht erwiesene Wahrheit, würde man mich als ersten Ketzer auf den Scheiterhaufen bringen. Der Wille zur Macht war ein sehr aufregendes Konzept, als ich darüber nachdachte, doch nun erkenne ich, daß er nur eine weitere Erklärung war, die auf die eigentliche Tat folgte, um zu begründen, welches das einzig mögliche Ergebnis aller Vektoren und Flugbahnen im Gewirr des Chaos ist. Ich war schon mal näher dran, als ich sagte, alles sei ein Spiel. Ich sehe eine Möglichkeit, die schlimmer ist als eine neue Kirche des Panvitalismus, die nur in Betracht käme, wenn die Theologen meine Ideen aufgriffen. Wenn der gegenwärtige Gentleman’s Club of Science auf die Idee von der Einheit des Lebens kommt, werden sie diese in die Doktrin des Panmechanismus verwandeln. Zu sprechen heißt zu lügen, entweder aus Höflichkeit, aus Eitelkeit, aus verwerflicheren Motiven wie Betrug und Verrat, oder weil Sprache unsere tiefsten Erfahrungen und Einsichten nicht erfassen kann. Je länger man schweigt, umso einfacher ist es, sich selbst nicht zu belügen und hinter die Maske der Konvention zu blicken. Hinter der Maske der Politiker und der Priester: Der Wille zur Macht. Hinter der Maske des Willens zur Macht: Die Ekstase des Tanzes, die Freude am sinnlosen Spiel. Hinter der Maske von Tanz und Spiel: Chaos und Leere. Hinter der Maske von Chaos und Leere: Mein einfacher Verstand bei dem Versuch, die Eindrücke, die auf mich einprasseln, zu verarbeiten. 121
Man ist genau so groß wie das, was man liebt und genau so klein wie das, was man als Ärgernis empfindet. Schüsse in großer Entfernung. Zuerst hielt ich es für Donnerschläge. Aber nein, es sind nur Narren, die Geschichte machen. Wieder überwältigt mich die Einsamkeit. Ah, was gäbe ich für die Konversation mit intelligenten Männern und Frauen — die Liebe der Frauen — die besondere Liebe einer Frau — und Vater zu werden, kann eine höchst lehrreiche Erfahrung sein. Die Stimme der Versuchung flüstert mir ein, ich sei nicht dazu geschaffen, weise zu sein, sondern aktiv zu partizipieren. Truthahnspuren im Schnee. In einem einzigen Moment bewies und widerlegte diese schlichte Vision alle meine Theorien. Truthahnspuren im Schnee, und kein Gesetz bestimmt, in welche Richtung der Vogel geht. In der Ferne schnattert eine Gans, dann heult ein Wolf. Truthahnspuren im Schnee: Der Vogel geht mal in diese, mal in jene Richtung. Ich bin an die Grenze der Aussagekraft von Worten gelangt. Das ist die Wahrheit, das ist die Wahrheit, das ist die Wahrheit: Truthahnspuren im Schnee Flöhe in den Kleidern Ich spüre Hunger und Kälte Alles hängt zusammen.
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My Lady Greensleeves Lousewartshire 1777 52 Karten in 4 Farben 52 Wochen in 4 Jahreszeiten Weil es unsere Jungfrau so wollte, wurde Maria Babcock zu einer Hexe, so wie sie zuvor zu einer Revolutionärin geworden war, ohne die Spur eines inneren Konflikts über einen so gewaltigen Schritt, denn das Gesetz des Großen Werkes ist eine Notwendigkeit, nicht Zufall, und der Pfad ist bereits festgelegt für den Einen, der ihn beschreiten muß; ganz recht, für den Einen, der ihn beschreiten muß. De Caecitia Hominum So vernehmet also, daß Marias engste Vertraute in Lousewartshire seit der Geburt ihres ersten Kindes die alte Kyte gewesen, die Hebamme und Kräutersammlerin der Stadt, und alle Welt wußte, daß die alte Kyte eine Hexe war. Doch man lebte im Zeitalter der Aufklärung und daher glaubte niemand daran, daß die Alte Kühe verhexte oder auf einem Besenstiel durch die Luft ritt. Die Dorfbewohner meinten nur, die Alte sei »abergläubisch« und ein bißchen altmodisch. Selbst Leute, die Kytes Kräuter nahmen, wenn die Medikamente, die der Arzt ihnen gab, keine Wirkung zeigten, glaubten nicht, daß die alte Frau schlecht oder unheimlich war, und keiner kam auf die Idee, daß die Kräuter ma123
gisch sein könnten — es war nur so, daß manche dieser Kräuter eben manchmal wirkten. Maria wußte, daß Kyte ein geheimes und esoterisches Wissen besaß, das mehr als nur Heilkräuter umfaßte, ganz recht, ein verborgenes und dunkles Wissen. Nach Ursulas Geburt — bei der die alte Kyte »rein zufällig« vorbeikam, während Dr. Coali nicht aufzutreiben war — hatte Maria darauf bestanden, daß Kyte auch bei den beiden folgenden Geburten hinzugezogen wurde, als Maria Anne und Johnny zur Welt kamen. Die alte Hebamme wußte mehr über die »Geheimnisse der Frau«, wie sie ihr Fachgebiet nannte, als Dr. Coali oder alle anderen Ärzte in der Gegend zusammen. Sie war sogar der Meinung, daß die Probleme der Frauen von weiblichen Ärzten behandelt werden sollten. Einmal sagte sie zu Maria, daß eines fernen Tages Frauen wie sie zur medizinischen Fakultät zugelassen würden und Ärztinnen werden dürften. Maria antwortete, das werde erst möglich sein, wenn die Welt eines fernen Tages nicht mehr nur aus Dummköpfen bestünde, die fest daran glaubten, daß es eines Pimmels bedurfte, um die Kunst der Medizin wissenschaftlich zu praktizieren. Die Alte kicherte verschämt und sagte: »Ihr seid mir eine, my lady.« De Pericolo Jocorum Amoris Und so war es ganz natürlich, daß Maria sie eines Tages, als die alte Kyte sie beim Zahnen des kleinen Johnny beriet, etwas fragte, was sie einem männlichen Arzt nie gefragt hätte. »Ich will meinen Mann, den ich liebe, nicht verletzen«, begann sie, »aber gibt es nicht irgendein Mittel, mit dem ich das übliche Unglück vermeiden kann, jedes Jahr schwanger zu werden, bis ich vollkommen ausgelaugt bin?« »Gewiß«, antwortete die alte Kyte. »Ich habe mich schon lange gefragt, wann Ihr mich darum bitten würdet.« »Und wirst du es mir verraten?« »Das werde ich, oh Herrin. Aber Ihr müßt es für Euch behalten. Es ist ein Geheimnis der ›Kunst‹.« Alles, was Maria über die »Kunst« wußte, war, daß Kyte sich bei der Geburtshilfe darauf berief. Die Methode stützte sich auf den gesunden Menschen124
verstand, Intuition, viel Liebe und einige Wesen oder Elemente, die nur Kyte sehen konnte, und Robin, Marion, Orfee und Bride hießen. »Aber wie lernt man die Geheimnisse der ›Kunst‹?« fragte Maria. »Durch Initiation, my lady.« Die alte Kyte sah Maria streng an. »Man muß die Ketten sprengen, und nicht den Blick verengen.« Maria wußte, daß John mehrere Initiationen absolviert hatte, um die Geheimnisse der Freimaurerei zu lernen, wie immer diese auch aussehen mochten. Solche okkulten Gesellschaften waren immer noch sehr verbreitet, sogar jetzt, im Zeitalter der Aufklärung. Gleichzeitig wußte Maria, daß sie noch vor weniger als einem Jahrhundert auf dem Scheiterhaufen gelandet wären, wenn man sie bei derartigen Diskussionen erwischt hätte, so blind und fanatisch waren damals die Schwarzröcke gewesen. In Neapel, wo die Inquisition überlebt hatte, waren Verbrennungen theoretisch noch immer möglich, obwohl der letzte Fall schon viele Jahre zurücklag. Daher fragte sie nur: »Wann kann ich initiert werden?« De Libra, In Qua Quattuor Virtutes Aequipellent Maria wurde am 1. Mai 1777 initiert, einem der vier »Vierteltage«, wie Kyte ihr erklärte. Die anderen Vierteltage waren die Sommersonnenwende, Halloween und die Wintersonnenwende. Jeder Vierteltag symbolisierte »die Öffnung des Tores« zu einem der vier »Wächter« — Robin, Marion, Orfee oder Bride. Zwei der Wächter waren weiblich, die anderen beiden männlich, wie ihr die alte Kyte vorher erklärt hatte, denn die »Kunst« legte Wert darauf, die Energien im Gleichgewicht zu halten, da dies das älteste überlieferte Geheimnis in der Kunst der Magie war. Die vier Jahreszeiten, die vier Wächter, die vier Farben der Tarotkarten und die vier »Elemente« der Alchemie, sie alle enthielten dieselbe symbolische Sprache, und alle intuitiven Menschen verstanden etwas von dieser Sprache, erklärte Kyte, doch selbst die Weisesten unter ihnen könnten ein Leben lang studieren und sie trotzdem nicht als Ganzes begreifen. Dieses Gleichgewicht, so fuhr sie fort, sei stärker als das Denken selbst, denn es sei Bedingung und Grundvoraussetzung für das Bewußtsein und Fundament des Willens, der Steuermann und Navigator des Lebens ist. Liebe und Freiheit; 125
ganz recht, Steuermann und Navigator des Lebens, der Liebe und der Freiheit. Amen. Die Initiation fand in den Wäldern nördlich von Lousewartshire statt, und in England sind die Nächte im Mai noch kalt und frostig. Maria dachte bitter, daß die Freimaurer wenigstens in dieser Beziehung klüger waren als die Hexen, denn sie hielten ihre Initiationen in den Häusern ab und gingen Frostbeulen aus dem Weg; ganz recht, sie hielten ihre Initiationen in den Häusern ab und gingen Frostbeulen aus dem Weg. Sie ließ sich die Augen verbinden und sprach nacheinander mit jedem der vier Wächter, während man sie in einem komplizierten, nach innen gewandten Tanz im Kreis wirbelte. Natürlich wurden die Wächter von Mitgliedern aus dem Arbeitskreis oder der »Kunst« der alten Kyte gespielt, oder wie immer man das Ganze sonst nennen wollte. Jeder hatte eine Mächtige Formel für Maria: »Habe Verstand genug, um zu erkennen«, »Habe Mut genug, um zu wagen«, »Habe Herz genug, um zu wollen« und schließlich »Habe Vernunft genug, um zu schweigen«. Wahrlich, wahrlich, merkt auf, ihr alle, die eines Tages den Pfad zum Mond betreten werdet und durch das Tor des rosenfarbenen Rubins und des weißen Goldes zum Palast des Glücks gelangen werdet, denn es sind darin vier Regeln mit jeweils vier Bedeutungen verborgen, und allein mit Weisheit wird man die vier Anwendungsmöglichkeiten einer jeden Bedeutung ergründen können. Dann ließ sich Maria die Augenbinde abnehmen und war allein mit Greensleeves. Alle anderen waren verschwunden, wahrscheinlich in einem Versteck hinter den Bäumen. De Formulae De Feminae Dies ging, wie Maria bekannt war, auf eine Zeit zurück, die die alte Kyte »die Zeit der Verbrennungen« nannte. Sollte Maria ein Spion der Kirche sein oder irgendwann ihren Entschluß bereuen, würde sie niemanden identifizieren können, außer diejenige, die es gewagt hatte, sie einzuführen, die alte Kyte selbst, denn so schrieb es das Gesetz der »Kunst« vor, zu Ehren unserer Heiligen Jungfrau. Greensleeves war eine Göttin von großer Schönheit und Erhabenheit, die nur mit Blättern und wunderbar duftenden Frühlingsblumen gekleidet war. Die Blätter waren von leuchtendem Grün und die Blumen blau, 126
rot und gelb, wie kostbare Edelsteine, ganz recht, wie kostbare Edelsteine. Tatsächlich sah Greensleeves der alten Kyte sehr ähnlich, doch wirkte sie vierzig Jahre jünger und besaß keinen der typischen Züge der Alten. Haltung, Ausdruck und selbst ihre Sprache waren anders. Sie sprach beinahe ohne Akzent und beinahe ohne die Intonation eines Menschen. Die alte Kyte war besessen von Greensleeves. Sie erzählte Maria, daß sie einander schon begegnet seien, häufig und in vielen Zeiten, und daß Maria auf diese Weise in verschiedenen Leben immer wieder initiert worden war. Sie sagte, niemals würde Maria ihren Entschluß bereuen, noch einmal in die »Kunst« der alten Zeiten einzutreten, ganz recht, in die »Kunst« der alten Zeiten. Dann befahl sie Maria, sich mit dem Gesicht nach unten auf den Boden zu legen und die Energie des Frühlings, die elementare Kraft namens Robin, den Ritter der Stäbe, und das alchemistische Feuer, das den Kosmischen Schmelzofen wärmt, zu erkennen. Und sie warnte Maria eindringlich, sich nicht eher zu erheben, als bis sie gerufen würde. Danach waren selbst die Minuten wie leere Stunden. Trotz ihres Vertrauens in Kyte und der Liebe zu ihr stiegen allmählich heftige Zweifel in Maria auf, und sie verspürte große Angst. Sie fürchtete, daß irgendwelche ekligen Dinger unter ihre Kleider kriechen und sie beißen oder abscheuliche, schleimige Dinger ihr Schaden antun könnten. Sie begann zu bereuen, sich auf all diesen rituellen Mystizismus eingelassen zu haben. Ihr war kalt, alles war feucht, und sie hatte Angst, diesen archaischen und druidischen Unsinn mit einer Erkältung oder Grippe bezahlen zu müssen. Doch dann erinnerte sie sich an ihre heilende Kräfte und fing an, sie einzusetzen. Die Erde wurde wieder warm und sicher. Nichts konnte ihr etwas anhaben. Im Gegenteil, alle Lebewesen und winzigen Geschöpfe unserer Heiligen Jungfrau, die in der Erde wuchsen oder lebten, reagierten auf Marias heilende Strahlen und gaben die Wärme zurück. Da begriff sie, was der Ritter der Stäbe symbolisiert hatte und warum das alchemistische »Feuer« kein gewöhnliches Feuer ist. Sie begriff, warum die Vierteltage wichtig waren und wie Eros, Fortpflanzung und die Vier Jahreszeiten Markierungen auf einer kosmischen Uhr sind, die die Sekunden der unendlichen Ewigkeit anzeigt. Sie verspürte die Freude, die sie zu den Sternen erhoben hatte, als sie zum ersten Mal Herr Handels »Messias« gehört hatte. »Denn er ist wie ein läuterndes Feuer.« 127
»Kommt jetzt. Hat keinen Zweck, sich eine Erkältung zu holen, my lady.« Es war die Stimme der alten Kyte. »Greensleeves« war wieder nach »Side« zurückgekehrt, wie Kyte es nannte. Dort hielten sich die Elemente auf, wenn sie nicht gerade von der »Kunst« gebraucht wurden. Side war gewissermaßen ein Teil des Bewußtseins, doch nicht des individuellen Bewußtseins einer Frau oder eines Mannes, sondern des Geistes, der alle Permutationen des Bewußtseins aller Geschöpfe erfüllte, erfüllt und immer erfüllen wird, sei es in der Vergangenheit, sei es in der Gegenwart, sei es in der Zukunft. Die alte Kyte brachte Maria zu ihrer Hütte, kochte Tee und verriet ihr das erste Geheimnis der »Kunst«: ein in Essig getränkter Schwamm wird in die Vagina eingeführt, bevor das nächtliche Ehespiel beginnt und bleibt dort über Nacht, bis Sir Chaunticleer, der Herr des Hühnerhofs, seine Stimme erhebt. Und dreimal wiederhole man folgenden Spruch: Ich lieb die Bengel, die ich hab Doch eines mehr bringt mich ins Grab Greensleeves, sei mit mir! Pax Sax Serax! De Ludo Amoris In den kommenden Jahren praktizierte Maria diese uralte Verhütungsmethode und wurde nicht wieder schwanger. In der Zwischenzeit absolvierte sie an den drei übrigen Vierteltagen drei weitere Initiationen. Sie lernte, daß die »Kunst« eine Menge Aberglauben enthielt, mindestens noch mal so viel ungewöhnlich gesunden Menschenverstand und erstaunliche gynäkologische Kenntnisse, die der ausschließlich männlichen Kunst der Medizin fast völlig unbekannt waren. Diese Ärzte waren so stolz auf ihre Pimmel, daß sie sich nie darum gekümmert hatten, Frauen über ihre weiblichen Probleme zu befragen. Und schließlich hörte Maria auch von einem ausgeklügelten System jahreszeitlich bedingten Symbolismus, der ihr immer sinnvoller erschien, je mehr sie sich damit beschäftigte, und zwar auf eine Art, die eine Mischung zwischen Mathematik und Poesie war. Robin, die feurige, dionysische Energie des Frühlings, 128
war, wie Maria mittlerweile erkannt hatte, ein Geist aus der Dämmerung des Unbewußten, als der Pimmel zum ersten Mal heilig gesprochen wurde. Mit Orfee, der stürmischen, herbstlichen Energie der angewandten Kunst und der Naturwissenschaften, verhielt es sich ähnlich. Doch diese Kräfte der Sonne und des Phallus wurden, wie Kyte sagte, durch mondliche und weibliche Kräfte im »Gleichgewicht« gehalten — die flüssige, sommerliche Energie Marions und die erdige, winterliche Energie Brides. Männlich, weiblich, männlich, weiblich: ein vierteiliges Rad, das sich ewig im Kreis dreht, ganz recht, ewig im Kreis dreht. In der Walpurgisnacht des Jahres 1778, als Maria bereits ein Jahr in der »Kunst« war, überreichte die alte Kyte ihr ein weißes Band. Um die tieferen Geheimnisse der »Kunst« zu lernen und das rote Band zu bekommen und dadurch das Recht, das Strumpfband einer Priesterin zu tragen, würde Maria die Technik erlernen müssen, sich in Greensleeves zu verwandeln, nicht nur mit ihr nur zu sprechen: Zwar wurde in der »Kunst« der Pimmel als Vater aller Väter und Sol Invictus verehrt, doch wurde dem Absoluten Licht, der Wiege der Schöpfung als Mutter Erde und sternenfunkelndem Herd der Schöpfung ebenso viel Ehrfurcht entgegengebracht. Der Besitz eines Pimmels war keine notwendige Voraussetzung, um mit dem Göttlichen zu kommunizieren und sein Wissen zu erlangen. Maria hatte bereits gelernt, ihre Heilkraft mittels intensiver Visualisation in die Fähigkeit umzuwandeln, mit den Aspekten der jahreszeitlich bedingten Energien zu »verschmelzen«. Sie hatte es bis zu einem gewissen Grad geschafft, sich mit Robin, Orfee, Marion und Bride zu vereinigen und war auf Teile von Feuer, Wasser, Luft und Erde in ihrem Inneren gestoßen, die Spiegelbilder ähnlicher Kräfte in der Natur waren. Stets war das Große im Kleinen enthalten, das kosmische Ganze im Einzelnen. Sie begriff, daß sie all dies zusammenbringen und eine psychische Pyramide mit vier gleichen Seiten bilden mußte, um mit Greensleeves zu verschmelzen und eins zu werden mit dieser sterblichen Frau, die