Der Drakhon-Zyklus!
Die unerklärliche Kollision der Galaxie Drakhon mit unserer Milchstraße ist verantwortlich für di...
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Der Drakhon-Zyklus!
Die unerklärliche Kollision der Galaxie Drakhon mit unserer Milchstraße ist verantwortlich für die gewaltigen Hyperraumstürme, die alles bekannte Leben bedrohen. Doch Ren Dhark findet kaum Zeit, sich um dieses drängende Problem zu kümmern, denn die Schatten setzen der Menschheit immer stärker zu. Und dann geschieht etwas, womit niemand rechnen konnte: Es kommt zur galaktischen Katastrophe… Diese Buchausgabe präsentiert die endgültige Fortschreibung des Klassikers nach Motiven von Kurt Brand. Es gibt noch viel zu entdecken im Dschungel der Sterne – steigen Sie ein und fliegen Sie mit.
Ren Dhark
Der Drakhon-Zyklus
Band 2
Die Galaktische
Katastrophe
HJB
1. Auflage HJB Verlag & Shop e.K.
Postfach 22 01 22
56544 Neuwied
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www.ren-dhark.de
© REN DHARK: Brand Erben
Herausgeber: Hajo F. Breuer
Titelbild und Illustrationen: Swen Papenbrock
Druck und Bindung: Westermann Druck Zwickau GmbH
© 2000 HJB Verlag
Alle Rechte vorbehalten
ISBN 3-930515-08-3
Vorwort Ein neuer REN DHARK-Band hat für mich immer wieder etwas Faszinierendes. Die Vorgaben, nach denen dieses Buch verfaßt wurde, habe ich vor einem knappen halben Jahr zu Papier gebracht. Ich wußte natürlich, was in diesem Buch geschieht – aber wie die Autoren ihre Vorgaben umsetzen, überrascht mich jedesmal aufs Neue. Beim Redigieren der Texte mußte ich laut lachen an Stellen, an denen ich eigentlich nur Spannung vermutet hätte, und mit angehaltenem Atem überflog ich Passagen, die ich beim Verfassen des Exposes nur als Überleitung von einer Szene zur nächsten gedacht hatte. Ich möchte meine Autoren hier einmal ganz öffentlich zu Ihrer hervorragenden Arbeit beglückwünschen – und ich bin sicher, nach Lektüre des vorliegenden Bandes schließen Sie sich meiner Einschätzung an! Daß die Herren mit Feuereifer bei der Arbeit sind, merkt man allein schon an der Tatsache, daß sie mehr Text abliefern als vereinbart. So stand ich plötzlich vor dem Problem, acht Prozent des Gesamttextes herauskürzen zu müssen, um das Buch im technisch nun einmal vorgegebenen Umfang zu seinem beabsichtigten, überraschenden Ende zu bringen – oder mir etwas einfallen zu lassen. Ich habe mich dann für letzteres entschieden und ein wenig an der Gestaltung der Seiten gebastelt. Sie werden feststellen, daß dieses Buch etwas enger bedruckt ist als gewöhnlich. Ich bin sicher, diese kleine Umstellung beim Layout ist im Sinne der überwiegenden Mehrheit unserer Leser, geht auf diese Weise doch nichts von den faszinierenden Geschichten verloren, die unsere Autoren für diesen Band ersonnen haben. Das gibt mir das Stichwort, um die Verfasser des
vorliegenden Buches zu nennen: Nach einem Expose von Hajo F. Breuer schrieben Werner K. Giesa, Uwe Helmut Grave und Conrad Shepherd den folgenden Roman. Mein ganz besonderer Dank gilt Werner K. Giesa, der mir mit enormem Einsatz aus der Patsche half, als der vierte Autor ausfiel, den ich für dieses Buch eingeplant hatte. Werner stürzte sich in die Arbeit und rettete das pünktliche Erscheinen des Bandes. Wer ihm dafür auch persönlich ein Lob aussprechen oder sich sonstwie mit ihm in Verbindung setzen möchte, der kann das jetzt auf Werners eigener Homepage tun: Unter www.wk-giesa.de gibt’s alles und noch mehr über einen der rührigsten zeitgenössischen Autoren Deutschlands. Wo wir schon beim Thema »Internet« sind: Es lohnt sich immer wieder einmal, auf die REN DHARK-Seite zu sehen. Sie wird in diesen Tagen völlig neu gestaltet und bietet schon in wenigen Wochen neue, exklusive Kurzgeschichten aus dem REN DHARK-Kosmos. Natürlich völlig kostenfrei! Zu guter Letzt möchte ich Sie noch auf den neuen REN DHARK-Sonderband von Conrad Shepherd hinweisen, der unter dem Titel »Der schwarze Götze« zeitgleich mit diesem Buch erscheint. Darin schildert der renommierte SF-Autor die spannende Geschichte des letzten G’Loorn, der sich einen kleinen irdischen Außenposten als Opfer auserkoren hat... Nun aber viel Spaß mit den folgenden knapp 350 Seiten! Giesenkirchen, im Mai 2000
Hajo F. Breuer
Prolog Im Herbst des Jahres 2057 machen Ren Dhark und seine Getreuen eine unfaßbare Entdeckung: In einem der Erde entgegengesetzten Abschnitt der Milchstraße droht eine fremde Galaxis mit unserer Sterneninsel zu kollidieren! Liegen hier die Ursachen für die lebensbedrohlichen Schwankungen im galaktischen Magnetfeld? Kurz entschlossen steuert Ren Dhark mit seinem Raumschiff POINT OF die fremde Galaxis an, die schon bald auf den Namen »Drakhon« getauft wird. Totenstille scheint in dieser Sternenballung zu herrschen, intelligentes Leben ist nicht zu finden. Doch der Peilstrahl der Mysterious führt Ren Dhark zur Welt der Shirs. Hier leben als Gäste der paramental unglaublich starken Urbewohner des Planeten die letzten 108 Salter. Die Salter brachen vor mehr als 50.000 Jahren von der Erde ins Weltall auf, vom längst untergegangenen Kontinent Lemuria. Ihr Wissen über die geheimnisvollen Mysterious und deren Supertechnik ist so groß, daß es ihnen gelingt, den Menschen an Bord der POINT OF vorzuspielen, sie selbst seien die langgesuchten Geheimnisvollen. Damit bezwecken sie, endlich zurück auf ihre Ursprungswelt Terra zu kommen. Doch sie können ihre Heimkehr nicht lange genießen: Agenten der Robonen ermorden alle 108 Salter. Im Angesicht des Todes gesteht Olan, der Anführer der Gruppe, daß er gelogen hat. Seine letzten Worte treffen Ren Dhark wie einen Hammerschlag: »Wir Salter sind nicht die Mysterious. Setze deine Suche nach den wahren Mächtigen fort und ergründe ihr schreckliches Geheimnis...« Ren Dhark muß zurück nach Drakhon, um mehr über die Bedrohung unserer Milchstraße zu erfahren. Doch vorher
macht er einen Abstecher zu den Nogk, von denen er sich eine Abschirmungsmöglichkeit gegen die unfaßbaren Parafähigkeiten der Shirs verspricht. Kaum hat die POINT OF das Sonnensystem verlassen, werden Terra und die äußeren Planeten von einer äußerst kampfkräftigen Flotte der geheimnisvollen Schatten angegriffen. Das Schicksal der Erde steht lange auf Messers Schneide, bis es endlich gelingt, die letzten überlebenden Angreifer zu vertreiben. Doch dieser Sieg im All mußte mit schweren Verlusten teuer erkauft werden... Aber nicht nur im militärischen Bereich steht die Erde vor ungeheuren Problemen, auch im zivilen Sektor geht kaum noch etwas voran: Um die Staatskasse zu entlasten (und um das Überleben der Menschheit auch für den Fall der Vernichtung Terras sicherzustellen), sollen 30 Millionen Kolonisten nach Babylon verschifft werden. Aber Agenten der Robonen hetzen unerkannt in der Menge und lösen beinahe einen Aufstand aus. Durch die Funkstörungen im Hyperbereich ahnt man an Bord der POINT OF nichts von den dramatischen Vorgängen auf der Erde. Zufällig fängt man auf dem Flug zu den Nogk einen verstümmelten Notruf auf. Eines der irdischen Forschungsschiffe wurde von einem Schattenraumer angegriffen! Die POINT OF will zu Hilfe eilen – da fallen schlagartig sämtliche Bordsysteme aus...
1.
In 3.000 Metern Höhe über einem urweltlichen Dschungelplaneten waren sieben Flash steuerlos geworden und gehorchten keinem einzigen Kommandoimpuls mehr! Auch die Gedankensteuerung funktionierte nicht mehr. Sobald Ren Dhark versuchte, mentalen Kontakt mit ihr aufzunehmen, wurde er mit der verstümmelten Funkbotschaft der FO-XXIX überflutet: »... anhand von leichten Verfärbungen des Dschungelhintergrunds sehen können, weiter vor und anhand von leichten Verfärbungen des Dschungelhintergrunds sehen können, weiter vor und anhand von leichten Verfärbungen des...« Und das in ununterbrochener Folge! Die Beiboote des Ringraumers POINT OF stürzten dem Boden entgegen. Was noch funktionierte, waren Ortung und Bildübertragung, und auf dem kleinen Schirm über seinem Kopf, den zu sehen Dhark den Kopf weit in den Nacken legen mußte, konnte er zwei der begleitenden Flash erkennen, die ebenso steuerlos wie seine 002 dem Boden entgegenrasten. Der Teufel soll die Mysterious holen! dachte er und konnte sich mit der Erklärung des Salters Olan, Mysterious hätten diese wundervollen Mini-Raumfahrzeuge nur in Ausnahmefällen geflogen und das ansonsten Robotern überlassen, die auf dem Schädeldach ein drittes Auge hatten, nicht abfinden – zumal sich herausgestellt hatte, daß die Salter aus der zweiten Galaxis mit Namen Drakhon nicht mit den Mysterious, den Schöpfern einer unglaublich genialen und überragenden Supertechnik, identisch waren. Dennoch blieb die Frage, woher Olan die Flash so genau gekannt hatte, um seine Lüge zu formulieren, und auch, ob Mysterious tatsächlich
ein drittes Auge auf dem Schädeldach hatten. Daß tatsächlich ausschließlich Robots diese Supermaschinen geflogen haben sollten, wollte Dhark nicht in den Kopf. Dafür waren die Flash viel zu perfekt auf die Handlungsweise organischer Piloten abgestimmt. Der Versuch, mit den anderen Booten Funkkontakt aufzunehmen, scheiterte. Auch der Funksektor war blockiert, sowohl im normalen als auch im Hyperbereich. Verrückt! durchfuhr es den Commander. Wieso kann mir die Bildübertragung die anderen Flash zeigen, und der Funk liegt still? Darauf gab es keine Antwort. Wie lange braucht ein mehrere Tonnen schwerer Flugkörper, 3.000 Meter Höhe im Sturzflug zurückzulegen? Rasend schnell kam der Dschungel auf Ren Dhark zu. Den Aufprall würde er nicht einmal bemerken, weil das Intervall den Flash schützte, dieser künstliche Miniaturweltraum, der in seinem Bereich alle Naturgesetze des Einstein-Kontinuums aufhob und seine eigenen Gesetze wirksam werden ließ. Mit dem Intervall war es möglich, Planeten zu durchfliegen, was Ringraumer schon durchgeführt hatten, nur waren diese dabei nie bis in den flüssigen Magmakern vorgestoßen, und ob das Intervallum eines Flash energiereich genug war, diesen Gewalten zu widerstehen, hatte bislang noch niemand zu testen gewagt. Durch eine Sonne zu fliegen, auch nicht. Plötzlich sprang Angst den Commander an. Wenn nichts mehr funktionierte – weder Steuerung noch Funk – war es dann nicht auch möglich, daß das Intervall ebenfalls nicht mehr existierte? Und wie schnell der Boden heranraste! Das Dschungeldach würde seinen Sturz kaum dämpfen. Die Bäume schienen riesig zu sein, aber der tonnenschwere Flash kam mit einem Tempo herunter, mit dem er selbst
massive Stämme von einem Dutzend Metern Durchmesser glatt durchschlagen würde. Was dabei andererseits von dem Flash übrigbleiben würde... die kinetische Energie, mit der hier Masse auf Masse prallen mußte, war gigantisch. Wie viele Sekunden noch? Ren dachte in diesen Sekunden nicht einmal an Joan Gipsy. Er dachte an seine Kameraden, die mit ihm und getrennt von ihm dem Boden und der Vernichtung entgegenrasten, und daran, daß er seine Mission nicht mehr erfüllen konnte, wenn es ihn gleich zerschmetterte, während kinetische in verformende Energie umgewandelt wurde und aus dem Flash und ihm eine undefinierbare Masse machte, die möglicherweise bei Beschädigung von Antrieb und Energiekonverter zu einer kleinen Sonne würde und dabei einen großen Teil der Umgebung gleich mit atomisierte. Wenn sieben Flash zugleich eine Katastrophe auslösten, würde es danach auch die FO-XXIX nicht mehr geben! Wie wenige Sekunden noch? Jeder von ihnen starb jetzt für sich allein. Jeder der sieben Piloten allein in seinem Flash – weil sie die Schatten, die Grakos, wieder einmal unterschätzt und nicht damit gerechnet hatten, daß die eine neue Waffe zum Einsatz brachten und mit dieser die M-Technik komplett blockieren konnten. Da flog das Laub des Dschungeldachs heran! Mit geradezu unwahrscheinlicher Wucht raste Flash 002 hinein... * In der Zentrale der POINT OF glaubten die Menschen, den Verstand zu verlieren, und in der Funk-Z sah es nicht anders aus, weil sich der Dauerfunkspruch, mit einem einzigen, nur fragmentarisch vorhandenen Satz Captain Skaghättans permanent wiederholte – und der Funk ließ sich nicht
abschalten! Auch im Ringraumer versagte jegliche Mysterious-Technik. Seltsamerweise mit Ausnahme dieser Funkschleife, und auch die Bildkugeln in Leitstand, Waffensteuerungen und Maschinenraum funktionierten und zeigten die Umgebung an, aber in den Kabinen ließen sich die kleinen Bildgeber nicht aktivieren. Auch die Ortungen spielten nicht mehr mit. An eine Aktivierung der Waffen war schon gar nicht zu denken. Wer Dro Cimc, der Tel, welcher sich bei diesem Flug auf eigenen Wunsch wieder an Bord der POINT OF befand, hatte den Teufel an die Wand gemalt und behauptet: »Wenn jetzt tatsächlich eine Schattenstation auftaucht, hat sie leichtes Spiel mit uns!« Die POINT OF war ein wehrloses Stück Unitall! Im stationären Orbit umkreiste sie den namenlosen Dschungelplaneten, der zu einer Falle der Grakos geworden war. Der Notruf der FO-XXIX hatte Ren Dhark veranlaßt, diesen Planeten anzufliegen. Auf der vierten Welt des Systems hatte der Forschungsraumer nach einer Feindberührung mit einem Schattenschiff der Unheimlichen eine Notlandung vornehmen müssen. Der Kugelraumer war stark beschädigt. Knapp ein Fünftel der Konverter lieferte noch Energie, und es war ein Wunder, daß der Raumer den Schattenkreaturen so lange Widerstand hatte leisten können. Unter normalen Umständen schien dies völlig unmöglich. FO-Raumer waren nur schwach bewaffnet, weil ihre Kampfausrüstung wissenschaftlichen Einrichtungen und Labors weichen mußte, die nun mal eine Menge Platz einnahmen. Daß es der FO-XXIX gelungen war, den Schattenraumer ebenfalls notlandungsreif zu schießen, war geradezu ein Wunder. Diese schwarzen Raumer hatten selbst den Nogk erheblich zu schaffen gemacht, und wo sie auftauchten, waren auch die unsichtbaren Riesenstationen der Grakos nicht fern.
Wo war die Station, zu der dieser Schattenraumer gehörte? Wenn Dro Cimcs Prophezeiung eintrat und tatsächlich eine Kampfstation der Unsichtbaren hier auftauchte, war die POINT OF verloren. In ihrem jetzigen Zustand war sie nicht in der Lage, auch nur einen einzigen Strahlschuß abzufeuern. Und in den bisherigen Abwehrschlachten hatten selbst Hunderte von Ringraumern erfahren müssen, daß sie gegenüber den GrakoStationen nicht unbesiegbar waren. Die Verluste, die Terra hatte hinnehmen müssen, waren bereits gigantisch. Die POINT OF war zwar jedem anderen Ringraumer weit überlegen, aber solange sie wehrlos war, war auch sie nur ein Stück besonders widerstandsfähiges Metall. »Verdammt, läßt sich dieser Funkspruch denn nicht abschalten?« brüllte Leon Bebir auf, der 2. Offizier. Aus den Lautsprechern in Funk-Z und Kommandozentrale erklang nach wie vor ungedämpft Captain Skaghättans Stimme und leierte in endloser Wiederholung herunter: »... anhand von leichten Verfärbungen des Dschungelhintergrunds sehen können, weiter vor und anhand von leichten Verfärbungen...« »Ich bring’ den Kerl um«, murmelte jemand auf der Galerie verzweifelt und hielt sich die Ohren zu. Dan Riker hieb Falluta, dem 1. Offizier, die Hand auf die Schulter. »Übernehmen!« stieß er hervor und stürmte in Richtung Funk-Z. Er hörte nicht mehr, wie Hen Falluta kopfschüttelnd seufzte: »Was denn übernehmen, ein fliegendes Wrack?« Wenigstens stürzte die POINT OF nicht ab, weil sie im stationären Orbit den Planeten umkreiste, aber solange der Antrieb nicht wieder arbeitete, konnte sie diesen Orbit auch nicht aus eigener Kraft wieder verlassen. Weit mehr als um das Schicksal der POINT OF sorgte sich Dan Riker um Ren Dhark und die anderen, die mit den Flash unterwegs waren. Die Verbindung war abgerissen! »Den Mist abschalten und die Flash anfunken – verdammt
noch mal, geht das nicht?« fauchte er Yogan und Brugg an, die im Funkraum Dienst taten und völlig unschuldig waren. »Wenn Sie’s uns vormachen, Riker«, konterte Walt Brugg und blieb seinem Vorgesetzten damit nichts schuldig. Der wurde unhöflich beiseitegeschoben. Glenn Morris, der Cheffunker, kam herein. Yogan räumte seinen Platz und ließ sich ein Terminal weiter nieder. Brugg sah Riker an: »Wenn Sie schon auf dem Mecker-Trip sind, wollen Sie Glenn nicht auch zusammenstauchen, weil er trotz Alarmzustand erst jetzt hier aufkreuzt?« »Brugg!« fuhr Morris ihn an. »Wie reden Sie mit...« Riker winkte ab. »Entschuldigung!« Nur das eine, knappe Wort. Aber Walt Brugg war im gleichen Moment wieder zufrieden, und Glenn Morris murmelte etwas von dringenden menschlichen Bedürfnissen, die auch vom Alarm nicht zu verhindern waren. Dann sah Riker, wie Morris schaltete. Er arbeitete mit Erron-Wissen! Er versuchte mit dem Wissen der Mentcaps zu arbeiten, die Dhark und die anderen für die Chefs der einzelnen Abteilungen aus Erron-3 mitgebracht hatten! Erron-3, das gigantische Archiv der Mysterious im blaßblauen Universum, von dem nur ganz wenige Menschen wußten. »Verdammt«, tobte Morris nach ein paar Minuten. »Ich kann diese Dauersendung nicht abschalten... nicht mal mit Gewalt! Riker, die einzige Möglichkeit besteht darin, den gesamten Empfangskomplex komplett zu zerstrahlen! Aber selbst dabei bin ich mir plötzlich nicht mehr sicher... hier... und hier...« Und er lieferte Erklärungen mit Fachbegriffen, die Dan nicht verstand, weil er die entsprechenden Mentcaps nie geschluckt hatte. Funktechnik war nicht seine Welt. »Wenn wir die Antennen umschalten könnten...« So wie sich die in der Unitallzelle des Ringraumers
liegenden 45 Strahlantennen von einer Waffenart auf die andere umschalten ließen, waren auch die Funkantennen umschaltbar – auf Ortung, aber auch auf einige andere Funktionen, und notfalls ließen sie sich auch auf die Waffensteuerung schalten. Dazu aber bedurfte es des ErronWissens. Nur half das hier auch nicht weiter. »Wir können nicht umschalten, weil hier alles blockiert ist!« knurrte Elis Yogan zornig, und Morris nickte zustimmend. »Alle Antennen bleiben auf Funkempfang! Und damit bekommen wir diese idiotische Dauersendung auch weiterhin ins Schiff...« »Die FO-XXIX sendet doch nicht die ganze Zeit über kontinuierlich diesen Müll!« war Riker sicher. »Was wir hier hören, kommt nicht von draußen herein. Die Tonschleife befindet sich längst an Bord! Wetten, daß die Antennen nichts mehr aufnehmen, das von außen kommt? Der Fehler liegt im Schiff...« »Nett, daß wir’s jetzt wissen, noch netter, daß wir ihn nicht beheben können!« murrte Morris. »Diese Grakos...« stieß Riker wie einen Fluch hervor, und im gleichen Moment schoß ihm durch den Kopf, wie oft Terraner schon die Erbauer des Ringraumers genauso verflucht hatten: Diese Mysterious! Sein nächster Besuch galt Tino Grappa an der Ortung. »Wenn Cimc zum Propheten wird und eine Schattenstation auftaucht, kann ich Ihnen das nicht mal bestätigen!« stöhnte der Mailänder, hatte sich in seinem Kontursessel zurückgelehnt und die Arme vor der Brust verschränkt. Deutlicher konnte er seine Hilflosigkeit nicht zeigen. »Nichts funktioniert, Riker – gar nichts!« »Aber wieso, verdammt noch mal, funktionieren dann die Bildkugeln?« »Haben Sie unseren famosen Checkmaster schon danach
befragt?« »Der streikt auch!« Als Riker in die Zentrale zurückkehrte und wieder neben Falluta Platz nahm, zeigte die Bildkugel einen Ausschnitt des Planeten. »Wie haben Sie das denn hingekriegt?« staunte Dan. Hen Falluta zuckte mit den Schultern. »Gedankensteuerung... aber glauben Sie jetzt bloß nicht, daß die wieder richtig funktioniert! Und ich kann Ihnen auch nicht raten, sie zu benutzen, weil sie auch diesen verstümmelten Funktext von der FO-XXIX vor sich hinsabbelt...« Unwillkürlich mußte Riker grinsen, Leon Bebir ebenfalls. Nur Dro Cimc blieb todernst, da er sich unter einer vor sich hinsabbelnden Gedankensteuerung nicht das geringste vorstellen konnte. Falluta selbst auch nicht, der fortfuhr: »Ich habe dann mit meinen Gedanken ein bißchen lauter gebrüllt und diesen FO-XXIX-Müll übertönt und konnte damit die Gedankensteuerung zwingen, uns über die Bildkugel die Flash zu zeigen... aber alles andere funktioniert immer noch nicht!« »Wenn Sie dieses sabbelnde Ungeheuer wenigstens dazu gebracht hätten, die Lautsprecher abzuschalten...« murrte Riker. »Was ist nun mit den Flash?« Falluta deutete auf die Bildkugel. »Besser habe ich die Vergrößerung nicht bekommen. Abgestürzt... alle sieben...« Dan Riker schluckte. Abgestürzt, das klang so endgültig. »Auf den Planeten? Na, mit dem Intervallfeld sind sie ja dann wohl durch die Kruste gesaust und...« »Keine Intervall-Anzeige durch die Bildkugel, sorry«, sagte Falluta leise. »Sie müssen wie Geschosse eingeschlagen sein.« »Ohne Intervallum?« Dan war bleich geworden. Unwillkürlich warf er einen prüfenden Blick auf die Instrumente vor ihm.
Die zeigten alle Nullwerte. Auch die POINT OF flog ohne schützendes Intervallfeld! Wer Dro Cimc holte tief Luft. »Nein!« stoppte Riker ihn. »Sagen Sie’s nicht! Jetzt nicht!« Sie alle wußten es auch so: Wenn eine Schattenstation erschien – oder auch nur ein weiteres ihrer Schattenschiffe – war die POINT OF erledigt... * Captain Skaghättan murmelte eine Verwünschung. Von einem Moment zum anderen war der Funkkontakt mit der POINT OF und den anfliegenden Flash abgerissen. Im gleichen Moment funktionierte aber auch an Bord der FO-XXIX nichts mehr! Nicht mal die Viphos waren noch zu benutzen! Die großen Bildschirme in der Zentrale zeigten nur noch grünes Flimmern. Und draußen waren die Unheimlichen, die aus dem Schattenschiff kamen, um dem Forschungsraumer den Rest zu geben und die Menschen zu töten! Unheimliche Wesen, fast unsichtbar und nur an den leichten Verfärbungen des Dschungelhintergrundes war erkennbar, wo sie sich gerade befanden – da stimmten Farbtöne und Farbhelligkeit nicht mehr. Über Funk hatte der Captain versucht, das den Flashpiloten mitzuteilen, damit sie wußten, worauf sie zu achten hatten, aber mitten im Satz war die Verbindung abgerissen. Wie durch ein Wunder hatte der Feuerleit-Chief es geschafft, diesen Schattenraumer abzuschießen – ein Zufallstreffer, den sich an Bord niemand erklären konnte, hatten doch selbst S-Kreuzer kaum eine Chance gegen die Unheimlichen, wenn sie nicht gerade im Geschwader flogen. Um so weniger ein viel zu schwach bewaffnetes Forschungsschiff, das für Kampfhandlungen überhaupt nicht
ausgerüstet war! Aber der Gegner schien immerhin weit besser intakt zu sein als die FO-XXIX, die brennend in den Dschungel gestürzt war und eine Bruchlandung hinter sich hatte, nach welcher der Kugelraumer wohl nie mehr fliegen würde. Die Piloten hatten es nicht einmal mehr geschafft, die Landebeine auszufahren, und in unangenehmer Schräglage war der Raumer dann von den Überresten der Urwaldriesen fixiert worden, die er mit seiner stürzenden Masse umgeknickt hatte wie Streichhölzer. Im Schiff waren tonnenschwere Aggregate aus ihren Verankerungen gerissen und wie Tennisbälle durch die Luft geflogen. Das blitzschnell abgelaufene Raumgefecht hatte große Materialschäden, aber kaum Menschenleben gefordert – der Absturz dagegen siebzehn Angehörige der Crew getötet und einige Dutzend schwer verletzt. Ihnen zu helfen, wurde zum Problem, da beim Aufprall auch die Medo-Station teilweise zerstört worden war. Die Schräglage des Raumers war auch nicht gerade hilfreich und ließ sich auch durch künstliche Schwerkraft nicht ausgleichen, weil die gleich zu Anfang ausgefallen war. Wenigstens war die Anziehungskraft des Dschungelplaneten etwas geringer als die der Erde. Und das Schiff brannte nicht mehr. Das von den feindlichen Kampfstrahlen ausgelöste Feuer hatte gelöscht werden können. Als die POINT OF auf den noch im Raum abgestrahlten Notruf hin zu Hilfe kam, hatten Skaghättan und seine Crew aufgeatmet – war es schon ein Wunder, daß überhaupt jemand den Notruf aufgefangen hatte, dann war es ein noch größeres, daß ausgerechnet Ren Dharks Flaggschiff, der Gipfel des mysterious’schen Raumschiffsbaus mit seiner enormen Kampfkraft und einer technischen Ausstattung, die ihresgleichen suchte, hierher kam. Aber jetzt... Jetzt war die Zeit der Wunder vorbei. Jetzt sah es so aus, als wäre die Hilfe zu spät gekommen.
Und ob weitere terranische Raumer auftauchten, war mehr als fraglich. Die Störungen des galaktischen Magnetfeldes hatten eine unglaubliche Stärke erreicht; die tobenden Magnetstürme überlagerten selbst die extrem gebündelten und gerichteten ToFunkstrahlen. Die POINT OF war nur sieben Lichtjahre entfernt gewesen und hatte den Notruf daher noch einigermaßen klar auffangen können. Andere Terra-Schiffe waren Hunderte von Lichtjahren weit weg. Keine Chance mehr für die FO-XXIX und vielleicht auch nicht für die POINT OF! Zwischen den Raumern gab es keine Funkverbindung mehr, die Bordwaffen der FO-XXIX waren ohne Funktion... und die Instrumente zeigten, sofern sie überhaupt noch dazu in der Lage waren, unmögliche Werte an. Und draußen kamen die Schatten! Ihr angeschlagenes Schiff lag höchstens drei Kilometer von dem terranischen Wrack entfernt, und niemand wußte, in welchem Zustand sich der Fremdraumer befand, der die FO XXIX so überraschend angegriffen hatte. Drei Kilometer waren eine lächerlich geringe Distanz, und auch die Baumriesen des Urweltdschungels boten keinen Schutz, wenn der Schattenraumer plötzlich aus allen Strahlantennen zu feuern begann. Skaghättan fragte sich, warum die Schatten das nicht schon längst getan hatten. Statt dessen hatten sie Bodentruppen losgeschickt. War ihr Raumer zu einem Strahlangriff nicht mehr in der Lage? Hatte der Zufallstreffer, den die FO-XXIX anbringen konnte, außer dem Antrieb des Gegners auch dessen Waffenzentrale beschädigt? »Das wäre zu schön, um wahr zu sein«, murmelte der Captain. »Und doch schlimm genug...« Denn draußen waren diese Unheimlichen, die der FO-XXIX rapide näher kamen. Wenn sie es schafften, ins Schiff
einzudringen, waren die Terraner so gut wie tot. »Bitte, Sir?« fragte sein 2. Offizier an der Navigationskontrolle. Er ersetzte den Piloten, der bei der Bruchlandung des Forschungsraumers schwer verletzt worden war. Auch der Rest der Zentralebesatzung war nicht ohne Blessuren geblieben. Einer der großen Bildschirme war auseinandergeflogen, und scharfkantige Splitter der transparenten Projektionsfläche waren wie Geschosse durch den Leitstand gerast. Skaghättan winkte ab. »Wenn wir nur wüßten, wie es jetzt draußen aussieht...« Durchs offene Schott rief jemand aus der FuM-Z: »Ich arbeite dran, und vielleicht kriegen wir gleich wieder ein gestochen scharfes Bild...« Skaghättan fuhr herum. Er stürmte zur Funk- und Meßzentrale hinüber, die in den erbeuteten Giant-Raumern direkt neben dem Kommandostand untergebracht war. Auch in den neuen terranischen Nachbauten war dieses Prinzip beibehalten worden. »Haben Sie den Fehler, Xing-Pao?« Der Mann, dessen Großeltern Reisbauern am Jangtsekiang gewesen und im Zuge des Staudamm-Großprojekts zwangsumgesiedelt worden waren (dessen Finanzierung übrigens zusammen mit dem beachtlichen Militäretat die damalige Volksrepublik in den finanziellen Ruin getrieben hatte), schüttelte den Kopf. »Den find’ ich nicht, weil es keinen gibt, sondern diese verdammte Blockade von draußen zu uns ‘reinkommt, aber ich hab’ hier ‘ne Umgehungsstraße gefunden, in die ich diesen Blockadestrom lenken kann...« »Könnten Sie sich vielleicht so ausdrücken, daß auch ein Normalsterblicher Sie versteht, Xing-Pao?« Der hob den Kopf und drehte sich halb herum. »Oh Captain, mein Captain... wenn ich versuche, Ihnen das zu erklären, bin ich morgen früh noch nicht fertig... sorry, Sir, aber ich verstehe
dieses Chaos selbst nicht so ganz, ich sehe nur, versuche etwas zu machen, und... da! Da ist es!« Vor ihm flackerte ein Viphoschirm auf. Der Chinese riß beide Arme hoch. »Ha!« schrie er. »Ausgetrickst! Ihr verdammten Grakos, wenn ihr glaubt...« »Hauptschirme kommen!« rief der 2. Offizier vom Navigationspult her. »Wie zum Teufel meinen Sie das? Die Grakos...« »... haben uns den gesamten Funk und die interne Rechnerkommunikation lahmgelegt!« stieß Xing-Pao hervor. »Der Fehler lag nicht bei uns. Sir, die haben unsere Funkbrücke zu den Flash und zur POINT OF dazu benutzt, um sich irgendwie bei uns einzuloggen und haben uns dann Befehle in die Suprasensoren gejagt, die Datenleitungen überlagert und alles... weiß der Teufel, wie sie das gemacht haben. Schlimmer als ein Computervirus. Aber, beim Großen Drachen, was ‘reinkommt, kann man auch wieder ‘rausschmeißen, und genau das habe ich gerade geschafft und die Impulse über meine wunderschöne Umgehungsstraße ins Nichts gejagt! Schade, daß ich sie dieser teuflischen Schattenbrut nicht zurückschicken kann, damit sie selbst auch ihr Vergnügen damit haben... Aber das schaffe ich auch noch, denn Geben ist seliger denn Nehmen, sagte schon der weise Kon-fu-tse!« »Also so etwas wie elektronische Kriegsführung?« vermutete Skaghättan. Der Chinese nickte. »Wenn Sie jetzt die Suprasensoren im Schiff zu einem Neustart bringen könnten, Sir... wetten, daß dann auch unsere Waffensteuerung wieder funktioniert? Dann können wir alles, was an Schatten zwischen uns und dem Grako-Schrott herumturnt, unserem Glücksdrachen zum Fraß vorwerfen – sauber gegrillt...« »Unserem...? Ach was.« Der Captain winkte ab. »Machen Sie weiter. Ich veranlasse den Warmstart der Rechner. Und
dann...« Dann riß er beide Arme hoch, um sein Gesicht zu schützen, weil die gesamte Anlage, an der Xing-Pao gearbeitet hatte, in einer grellen Explosion auseinanderflog. Er hörte den Chinesen etwas brüllen, wurde vom Explosionsdruck und einer Metallplast-Platte aus der FuM-Z geschleudert und hatte mehr Glück als Xing-Pao. Als Skaghättan sich wieder aufgerafft hatte und in den brennenden Raum zurückgekehrt war, um Xing-Pao herauszuholen, starb der Chinese in seinen Armen. Und Bildschirme wie Kommunikation waren wieder funktionslos. Die Grakos hatten sich nicht austricksen lassen. Sie hatten den Kugelraumer immer noch unter ihrer blockierenden Kontrolle! * Ich bin nicht tot. Der Flash war nicht zerschellt. Er war nicht beim Aufprall zu einer Bombe geworden, die ihre gesamte kinetische Energie in thermische verwandelte und alles ringsum mit sich in den Untergang riß. Das Intervallfeld hatte den mit hoher Geschwindigkeit stattgefundenen Aufprall abgefangen! Ren Dhark atmete tief durch. Selbst die Massenträgheit war nicht zur Wirkung gekommen, weil innerhalb des Intervallums die »äußeren« Naturgesetze außer Kraft gesetzt waren und nur das Bestand hatte, was von der M-Technik als aktueller Standard definiert wurde. Dennoch konnte mit dem Intervallfeld etwas nicht stimmen, weil die 002 nicht mit Wahnsinnstempo kilometertief in die Planetenkruste hineingejagt war, sondern an der Oberfläche lag! Der Flash war mit der stumpfen Nase aufgeprallt und dann
gekippt, lag jetzt auf dem Boden, und der Bildschirm zeigte, daß die Ausstiegsluken zu benutzen waren. Rätselhaft blieb, warum das Intervallfeld zwar die Aufprallwucht abgefangen hatte, die Planetenmasse aber nicht durchdrungen hatte. Ren versuchte wieder, mit der Gedankensteuerung Kontakt zu bekommen, aber die überflutete ihn prompt wieder mit diesem nervtötenden Satzfragment. Der Commander blockte ab. Er versuchte manuelle Schaltungen. Die spinnenbeinartigen Ausleger der 002, auf denen der Kleinstraumer parkte, wenn er nicht auf dem Konturbett im Flashdepot der POINT OF lag, ließen sich nicht ausfahren. Und die Ausstiegsluke? Nicht über die Steuerung, aber als Dhark die Verriegelung direkt am Ausstieg manuell aufhob, konnte er die Klappe hochstoßen, brauchte aber eine Menge Kraft dazu, weil der Flash ihm keine Servounterstützung gab. Das Kunstmetall der Mysterious war mit seinem spezifischen Gewicht von 28,45 verdammt schwer... Sekunden später wurde es heiß im Flash. Die Hitze kam von draußen. Ren erinnerte sich daran, was Tino Grappa ihm über den Planeten verraten hatte, als er ihn mit den Ortungen erfaßt und analysiert hatte. Die urzeitliche Dschungelwelt besaß eine Durchschnittstemperatur von ungefähr 25° Celsius – die wirkliche Tagestemperatur vor Ort war erheblich höher. Der Commander schätzte sie auf 35 Grad oder mehr. Bei Nacht mochte es deutlich kühler sein, um den Durchschnittswert zu erreichen; durch die nur geringe Achsenneigung des Planeten waren die Jahreszeiten nur schwach ausgeprägt und die Temperaturen mit ihren Höchstund Tiefstwerten relativ stabil. Der immer noch namenlose Planet mit seinen großen Ozeanen und drei Kontinenten war eine Sauerstoffwelt, deren Atmosphäre geringe Beimischungen von Edelgasen aufwies, die aber unbedenklich waren. Dhark kletterte aus dem Flash und sah sich um.
Kein Intervallfeld mehr. Es war ausgeschaltet, denn sonst hätte Ren nicht einmal den Ausstieg öffnen können. Aber wer oder was hatte es deaktiviert? Weder die Automatik noch die manuelle Bedienung funktionierte! »Hier stimmt doch was nicht«, murmelte er. »Wie zum Teufel haben diese Grakos uns erwischt?« Wie konnten die unheimlichen Unsichtbaren die M-Technik dermaßen manipulieren, daß sie in bestimmten Bereichen immerhin noch funktionierte? Ein Systemfehler? War diese neue Waffe der Unsichtbaren noch nicht hundertprozentig ausgereift? Bisher hatten die kompromißlosen Mörder mit diesem Trick noch nicht aufgewartet, aber daß sie außerordentlich lernfähig und bedauerlich innovativ waren, was Taktik und Technologie anging, hatten die Terraner bisher schon verlustreich lernen müssen. Vielleicht war das hier nur ein Test der neuen Waffe, die wenig später im großen Stil gegen die Terraner, Utaren, Nogk und andere galaktische Völker angewandt werden würde... Um so wichtiger mußte es sein, gleich hier den Anfängen zu wehren! Dhark aktivierte sein Armbandvipho. Er versuchte, die anderen Flashpiloten anzurufen. Vielleicht waren die ähnlich sicher gelandet wie er selbst und ebenfalls ausgestiegen, um sich in ihrer neuen Umgebung zu orientieren. Vielleicht konnten sie ihn ja hören und antworten – Dhark hoffte, daß die Blockierung nur die Flash betraf respektive die M-Technik. Dann konnte terranische Kommunikationstechnik noch funktionieren... Rul Warren meldete sich. »Bin ich froh, Sie zu hören, Dhark!« vernahm der Commander und sah das Konterfei des Flashpiloten auf dem Minischirm seines Armbandviphos; Warren hatte die Aufnahmeoptik seines Geräts so gedreht, daß sie sein Gesicht
zeigte. »Ich dachte schon, ich wäre der einzige Überlebende, weil die anderen sich nicht melden, und ich dachte schon, ich wäre der einzige Überlebende, weil die anderen sich nicht melden, und ich dachte schon, ich wäre der einzige Überlebende, weil die anderen sich nicht melden, und ich...« Dhark hieb auf die Aus-Taste. Nur reagierte das Gerät nicht, sondern plärrte stetig weiter: »... dachte schon, ich wäre der einzige...« Dasselbe teuflische Spiel wie mit Captain Skaghättans Funkspruch! Auch hier setzte urplötzlich diese Endlosschleife ein! Dhark zog den Blaster und hieb mit dem Kolben auf sein Vipho, das sich partout nicht abschalten lassen wollte. Etwas knirschte, knackte und zerbrach, und im nächsten Moment war Rul Warren nicht mehr zu hören. »Beide Male Funk«, murmelte Dhark nachdenklich. »So machen sie es also... irgendwie kommen sie über unsere Funkverbindung zu uns herein...« Das war nicht neu! Aber es war verdammt wirkungsvoll. Die Mysterious hatten doch auch schon vorexerziert, wie so etwas gemacht wurde – als Dhark versuchte, den Planeten Cut-out anzufliegen; nur war damals eine hypnotische Hölle über die Ortungen zur POINT OF hereingekommen, nicht über die Funkphasen, aber wo war der prinzipielle Unterschied? Und jemanden mit Telehypnose unter seine Kontrolle zu zwingen oder Technik zu manipulieren mußte für jemanden, der auf dem technischen Standard der Mysterious war, gleichermaßen einfach sein. Die mörderischen Unsichtbaren waren es allemal... Und er mußte an die POINT OF denken – hatte es den Ringraumer ebenso kalt erwischt wie die sieben Flash? Funktionierte auch in der POINT OF nichts mehr? »Der Teufel soll die Unsichtbaren holen... diese Grakos!« Aber daran war der Teufel bestimmt nicht interessiert, waren
die Unsichtbaren doch selbst teuflisch genug! Und Ren Dhark hatte nicht aufgepaßt. Er war aus seinem Flash ausgestiegen, aber für seine Umgebung hatte er sich nicht sonderlich interessiert. Das war sein Fehler! Denn der Feind war hier! * Fast geräuschlos glitten sie heran. Bis fast zur Unkenntlichkeit verschmolzen mit dem Hintergrund, vor dem sie sich bewegten. Ließ man sie auch nur für einen winzigen Moment aus den Augen, waren sie verschwunden und nur mit einer Menge Glück wieder zu entdecken. Die Schatten... die unheimlichen Mörder, die aus dem Nichts kamen und im Nichts auch wieder verschwanden, und in deren Verhalten keine andere Motivation zu erkennen war als nur Haß! Immer näher kamen sie der FO-XXIX. Der 2. Offizier hatte Männer in die Schleusen des Schiffes geschickt, mit schweren Handwaffen ausgerüstet, um die Angreifer fernzuhalten und zurückzuschlagen. Aber der größte Teil der Crew bestand aus Wissenschaftlern, die vom Kampf nur wenig verstanden. Durch den Ausfall der Bordkommunikation war es zudem problematisch, die Männer und Frauen sinnvoll einzusetzen. Befehle konnten praktisch nur durch direkten Zuruf weitergegeben werden. Und Wissenschaftler verfügten auch nicht unbedingt über jene militärische Disziplin, die nötig war, um die Verteidigung des Forschungsraumers effizient vorzubereiten und auszuführen. Ein paar Offiziere und Mannschaften verteilten Waffen und versuchten ihren Kameraden von der forschenden Zunft klarzumachen, daß bald sie es sein würden, die man erforschte – als Leichen, von den Grakos umgebracht, wenn sie nicht versuchten, den Kopf und
andere edle Körperteile tunlichst in Deckung zu halten und trotzdem Grakos abzuschießen, wo immer diese schattenhaften Killer wahrgenommen werden konnten. »Kein Pardon!« lautete der ultimative Befehl. »Nicht fragen, sofort schießen – die Schattenkrieger fragen auch nicht!« Sergej Antonow, Physiker und Astronom, wuchtete die schwere Zweihandwaffe hoch, zielte und drückte den Strahlkontakt. Ein zolldicker Blasterstrahl blitzte aus der Waffenmündung und riß nur zweihundert Meter von der Bodenschleuse entfernt etwas aus dem Nichts, das für ein paar Sekunden von sprühenden Funken und leckenden Flammen umflossen wurde, um sofort mit einem weiten Sprung aus dem Wirkungsbereich der terranischen Waffe zu verschwinden. Antonow hatte die Richtung erfaßt, schwenkte den Blaster herum und gab den nächsten Schuß ab. Abermals hatte er den Schatten erwischt, dessen Konturen vom Energiestrom umspielt wurden, und da fauchte neben dem Physiker Sergeant Tahores Waffe auf und erfaßte das selbe Ziel. In zweihundert Metern Entfernung flog etwas, das gerade wieder unsichtbar werden wollte, mit der Wucht einer winzigen Fusionsladung auseinander! Unwahrscheinlich grell das Aufblitzen, das Antonow für lange Augenblicke blind werden ließ. Eine Hand riß ihn zur Seite, ließ ihn straucheln, und er verlor den Zweihandblaster. »Klasse, Mann!« schrie neben ihm Tawnee Tahore, deren Gesicht hinter der Kampfmaske kaum zu erkennen war. »Den haben wir voll erwischt!« »Roboter?« keuchte Antonow, der wieder verschwommen sehen konnte, sich die Tränen aus den Augen zu wischen versuchte und sich fragte, warum sein Ziel mit vehementer Wucht explodiert war. »Verdammt, sind das Roboter, Sergeant?« »Keine Ahnung!« rief Tahore ihm zu. »Und halten Sie den
Kopf unten, verdammt!« Etwas Unheimliches, Schwarzes befand sich zwischen ihnen in der Schleuse. Es schien das Licht zu schlucken und leuchtete dennoch auf unheimliche Weise selbst. Wo es Metall und Plastik berührte, löste dieses sich einfach auf. Ein Kollege Antonows, der nur einen Herzschlag lang unvorsichtig gewesen war, wurde von dem lautlosen schwarzen Strahl berührt. Antonow sah, daß der Mann plötzlich nur noch zur Hälfte existierte; die andere Hälfte wirbelte als kristallisch funkelnder schwarzer Staub durch die Schleuse und wurde von dem schwarzen Strahl förmlich aufgesogen. Neben Antonow fauchte wieder Tahores Blaster und versuchte die Stelle zu treffen, von der der schwarze Strahl ausging. Tahore war nicht von der grellen Explosion geblendet worden; ihre Kampfmaske hatte die Lichtflut rechtzeitig ausgefiltert. Deshalb sah sie den Feind besser als der Physiker, der immer noch gegen die Tränenflut aus seinen schmerzenden Augen ankämpfte. Der schwarze Strahl verlosch. »Verdammt, er ist weg!« fauchte die Inderin. »Aufpassen!« Hinter ihnen würgte jemand und übergab sich. Antonow selbst wagte nicht, seinen toten Kollegen anzusehen, von dem nur noch ein Teil seines Körpers existierte. Ihm reichten die tiefen Furchen im Stahl und Plastik der Schleuse, die der schwarze Strahl gezogen hatte. Dort funkelte Staub, aber gleichzeitig sah alles auch nach Schmelzspuren aus. Was war das für eine Strahlenart, die zugleich schmolz und zerpulverte? »Den Kopf ‘runter, verdammt!« stieß Tahore hervor. »Das gilt für alle, auch für den großen Kotzer dahinten! Und die Waffen hoch!« Sie feuerte schon wieder. Ihr Blasterstrahl sägte Baumriesen um. Brände flackerten in einiger Entfernung vom Raumer auf. Plötzlich wurde wieder etwas Schattenhaftes sichtbar.
Antonow feuerte sofort darauf, desgleichen zwei andere Männer, die sich ebenfalls in der beschädigten Schleuse aufhielten. Diesmal schloß Antonow die Augen rechtzeitig, ehe abermals ein Schattenkrieger in einer gewaltigen Explosion verging. »Das müssen doch Roboter sein!« stieß der Physiker hervor. »Roboter explodieren, wenn man sie zerstört, aber Lebewesen doch nicht!« »Haben Sie die Giants vergessen mit ihrem Sprengsatz im Körper?« entfuhr es Tahore. Davon hatte Antonow noch nie etwas gehört, weil ihn das auch nie interessiert hatte. Von den Giants wußte er nur, daß sie sich hochtrabend »All-Hüter« nannten, vor Jahren die Menschheit unterjocht und dabei einen neuen Typ Mensch herangezogen hatten, die Robonen, die der Erde mehr und mehr Schwierigkeiten machten. Das zu wissen reichte ihm; mit mehr hatte er sich nie belasten wollen. Plötzlich tauchte etwas seltsam Verwaschenes unmittelbar vor der Schleuse auf. Es stieg vom Boden empor und... »Sie sind hier!« schrie jemand panikerfüllt. »Sie sind schon hier, und sie...« Antonow schoß einfach. Aus allernächster Nähe feuerte er seinen Zweihandblaster auf den Grako ab. Das reichte. Der Unsichtbare explodierte mit unglaublicher Wucht. Und in der Schleusenkammer gab es niemanden mehr, der lebte. * Dhark sah die Schatten! Sie waren plötzlich überall! Unheimliche, flirrende Umrisse, die sich an ihn heranschoben. Sie waren zwischen den Bäumen, bewegten sich durch Bodengewächse, zwischen mehrfach mannshohen Farnen und
Schachtelhalmgewächsen hindurch. Angst sprang den Commander an wie ein wildes Tier, kreatürliche Angst vor diesen Unheimlichen, die nichts anderes kannten als Töten und Vernichten! Wie viele waren es? Er war nicht in der Lage, sie zu zählen. Sie veränderten ihre Standorte pausenlos, und wenn er einem nachsah, verlor er den anderen aus den Augen und konnte nicht sagen, ob der nächste, den er vor dem leicht verfärbten, verschwommenen Hintergrund oder an den Pflanzenbewegungen erkannte, derselbe war, den er schon einmal registriert hatte oder noch ein anderer. Er hob den Blaster. Mit der anderen Hand zog er den Klarsichthelm seines M-Raumanzuges über den Kopf. Der Helm, im Ruhezustand wie eine Kapuze auf dem Rückenteil zusammengefaltet, blähte sich automatisch auf und wurde semistabil, nur verzichtete Ren darauf, den Helm richtig zu schließen. Er war nicht sicher, ob die Hilfstechnik des MAnzuges nicht ebenso versagte wie die Technik seines Flash! Und im geschlossenen Raumanzug, der sich dann möglicherweise nicht mal mehr öffnen ließ, wollte er nicht ersticken! Es hatte keinen Sinn mehr, in den Schutz des Flash zurückzukehren. Daß die Unheimlichen auch mit Unitall fertig wurden, hatten sie in etlichen Raumgefechten bewiesen. Unitall, das eigentlich nur durch Nadelstrahlbeschuß von 210 Sekunden Dauer zu zerstören war, sich dann aber in einer explosiven Reaktion zersetzte, deren Zerstörungskraft jede nukleare Bombe übertraf. Das zumindest hatte man bislang über Unitall gewußt, bis die Riesenstationen der Unsichtbaren mit ganzen Ringraumerpulks aufgeräumt hatten... Die Grakos, von den Mysterious ins Nichts vertrieben, waren zurückgekehrt, um Rache zu nehmen... und machten dabei keinen Unterschied zwischen Ringraumern und den
Schiffen anderer Völker. .. Oder war alles ganz anders? Hatte Olan, der Salter, auch in diesem Punkt gelogen, und waren die Grakos in Wirklichkeit doch die Mysterious, die sich nach tausend Jahren einer anderen, neuartigen Technologie bedienten? Vorstellbar, wenn man bedachte, wie sich allein auf Terra der technische und wissenschaftliche Standard innerhalb von tausend Jahren verändert hatte! Warum sollte ausgerechnet bei den Mysterious mit ihrer Supertechnik die Zeit stehengeblieben sein? Gedanken, die nur Sekundenbruchteile brauchten. Die Schatten brauchten länger, sich an Ren Dhark heranzutasten, der immer noch abwartend neben seinem Flash stand und durch die Beschäftigung mit seinen Überlegungen der Angst Herr wurde, die allmählich nachließ. Da bewegte sich etwas nur fünfzehn, zwanzig Meter vor ihm, und im schattenhaft Verfließenden glaubte Dhark eine Bewegung zu sehen, als reiße jemand eine Waffe hoch und wolle sie auf ihn abfeuern. Sein Finger drückte den Strahlkontakt seines Blasters! Vor ihm flog etwas mit unglaublich grellem Aufblitzen auseinander. Der Klarsichthelm seines Raumanzugs blendete automatisch ab und bewies damit, daß zumindest diese Technik doch noch funktionierte. Im gleichen Moment ließ Dhark sich fallen und sah schwarze Strahlen über sich hinwegrasen, ein tödliches Gitter, das von allen Seiten her abgefeuert worden war. Trotz der Abblendung des Raumhelmes sah er das schwarze Leuchten dieser Energiestrahlen, die Dschungelpflanzen vernichteten. Dann krachte und blitzte es abermals, und noch einmal. »Aufpassen, Dhark!« hörte er Rul Warren schreien. Das Zischen von Warrens Blaster war wie Musik in seinen Ohren. »Ich bin schräg hinter Ihnen!« Noch ein Unsichtbarer explodierte. Die Glutwelle, mit der er
verdampfte, schlug Ren Dhark entgegen. Der M-Anzug schützte ihn vor der tobenden Hitze, nur durch die Helmöffnung kam sie gnadenlos herein. Da riskierte Dhark es doch, den Helm richtig zu schließen. Der M-Anzug funktionierte! Jetzt feuerte auch Ren wieder. Er sah Schatten, die im Strahlfeuer vergingen wie kleine Bomben, und er sah Schatten, die zwischen Riesenpflanzen verschwanden, weil sie vor den beiden Terranern flohen! Es wurde ruhig. Warren kam heran. Auch er hatte seinen Raumanzug geschlossen, klappte jetzt den Helm wieder zurück, der sich als Kapuze hinter seinem Nacken zusammenfaltete, und bedeutete dem Commander der Planeten, seinen Helm ebenfalls zu öffnen. »R-Strahlung gibt’s keine, wo diese Biester auseinandergeflogen sind, also keine Gefahr für uns«, erklärte der Flashpilot. »Aber über M-Funk mag ich nicht mit Ihnen reden, sonst haben wir diesen verfluchten Mist, der alles lahmlegt, auch noch in unseren Anzügen!« Unwillkürlich sah Dhark auf Warrens Handgelenk. Dessen Armbandvipho war ebenfalls zerstört. »Wie haben Sie mich gefunden, Rul?« wollte er wissen. »Bevor die Technik ausflippte und ich nur noch meine eigene Stimme hörte, konnte ich Ihren Standort noch anpeilen«, legte er klar. »Aber fragen Sie mich nicht, wo die anderen sind. Irgendwo hier ringsum, und ich denke mal, sie haben bei der Bruchlandung ebensoviel Glück gehabt wie wir beide.« Er trat mit dem Fuß gegen die 002. »Mir ein Rätsel, warum wir mit dem Intervallfeld nicht quer durch den Planeten geschossen sind! Commander, wir müssen uns zur FO-XXIX durchschlagen. Nur dort haben wir eine Chance. Hier sind wir mitten zwischen den Bodentruppen der Grakos. Wir müssen
die Kameraden finden und durchzubrechen versuchen.« Da zeigte Ren Dhark ihm wieder einmal, daß er aus einem ganz anderen Holz geschnitzt war. »Rul, zusammen mit den anderen werden wir in Richtung des Schattenraumers marschieren! Wir sind hergekommen, um der FO-XXIX Entlastung zu bringen, nicht, uns in ihr zu verschanzen und belagern zu lassen! Wir drehen den Spieß um! Schade nur, daß wir die Flash zurücklassen müssen, aber ehe wir nicht die heimtückische Waffe ausgeschaltet haben, mit der die Grakos uns blockieren, fliegen die leider keinen Meter mehr...« Rul Warren zeigte sein Entsetzen offen. »Commander, mit bloßen Händen wollen Sie... wollen wir ein ganzes Raumschiff angreifen?« Dhark lachte! »Ein Raumschiff, das ein Wrack ist! Wir haben doch schon mit weit weniger Mitteln viel mehr zustande gebracht! Wir haben uns auf Deluge mit nichts als ein paar Fetzen Kleidung auf der Haut und den blanken Fäusten durch den Regendschungel gekämpft, und hier haben wir wenigstens MAnzüge und Blaster! Worauf warten wir noch? Lassen Sie uns Wonzeff, Doraner und die anderen finden und immer auf der Hut sein vor Unsichtbaren, die uns auflauern! Verdammt, ich will dieses Schattenschiff haben, und ich will sehen, wie ein Grako wirklich aussieht!« Rul Warren schluckte. »Wie der Goldene Mensch der Mysterious...« murmelte er, aber es klang mehr wie eine Frage...
2. Captain Skaghättan starrte mißmutig auf den Viphoschirm. Der zeigte verwaschene Strukturen, und auch die Tonphase war schlecht. Aber es gab jetzt wenigstens wieder die Möglichkeit, sich innerhalb des Raumers miteinander zu verständigen. Irgendwie hatten ein paar Leute mit ähnlich genialen Ideen wie der tote Xing-Pao es fertiggebracht, die Geräte auf eine absolut ungewöhnliche Frequenz umzustellen, fast schon außerhalb des für Vipho-Sendungen geeigneten Bandbereichs. Besser als gar nichts... Schlechter als alles Bisherige waren dagegen die Meldungen, die zur Zentrale des Kugelraumers durchgegeben wurden. Die Schatten waren bereits überall um die FO-XXIX und versuchten, das Schiff zu erstürmen. Die Terraner leisteten erbitterte Gegenwehr, aber es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Unheimlichen irgendwo eindrangen. Da die Schleusen erbittert verteidigt wurden, begannen die Schattenkrieger, an anderen Stellen Löcher in die Schiffszelle zu brennen... Immerhin – jetzt, da Kommunikation in eingeschränktem Maß wieder möglich war, ließ sich eine etwas effizientere Verteidigung organisieren. Skaghättan verschaffte sich durch die Meldungen ein Bild von der prekären Lage und erteilte dann Anweisungen. Allerdings dauerte es immer noch eine Weile, bis sich zu allen Besatzungsmitgliedern herumgesprochen hatte, auf welche Frequenz die Viphos umzustellen waren. Der 2. Offizier grinste freudlos: »Wenn wir früher auf Terra privat versucht hätten, ausgerechnet diesen Kanal zu benutzen, hätten uns die Fernmeldebehörden und Funknetzbetreiber bis ans Ende der Welt gejagt! Dieser Nebenkanal stört nämlich alles
mögliche andere an elektronischen Geräten und ist deshalb nie zur offiziellen Benutzung freigegeben worden.« »Woher wissen Sie das denn alles?« staunte Skaghättan. »Elektronische Archäologie ist mein Hobby, Sir! Als sie erst einmal die elektronische Datenverarbeitung entdeckt hatten, waren unsere Altvorderen gar nicht so übel drauf. Technisch wär’s nicht mal ein Problem, die Viphos noch weiter zu optimieren, daß sie aus dieser Frequenz viel mehr ‘rausholen, aber dann funktioniert im Umkreis nichts anderes mehr richtig. Hoffentlich fliegen unseren Leuten nicht die Blaster um die Ohren, wenn sie gleichzeitig funken und schießen!« Skaghättan sah noch ein ganz anderes Problem. »Was, wenn die Schatten sich auf unsere Kommunikation einstellen und die auch lahmlegen?« »Dann werden wir uns vermutlich etwas Neues einfallen lassen müssen, Sir«, murmelte der 2. Offizier unbehaglich. »Auf die Hilfe der POINT OF werden wir wohl kaum noch rechnen können. Die hat’s auch erwischt, sonst wären die Flash oder der Raumer längst hier.« »Wir lassen uns so oder so etwas einfallen«, sagte Skaghättan verbissen. »Wir schlagen zurück! Wenn die Schatten bei uns durch die Hintertür ‘reinkommen wollen, packen wir sie eben von hinten! Unsere Leute müssen ‘raus aus dem Schiff. Aus den Schleusen heraus haben sie doch nicht mal ein halbwegs vernünftiges Schußfeld! Da gibt’s doch mehr tote Winkel als freie Sicht!« Der 2. Offizier sah Skaghättan fassungslos an. »Sir – Sie wollen unsere Leute tatsächlich nach draußen schicken?« »Will ich. Und ich werde mit von der Partie sein. Entweder schaffen wir es, diesen Angriff abzuwehren, oder wir gehen sowieso alle drauf. Dabei wird es völlig egal sein, ob wir in der FO-XXIX sterben oder draußen im Dschungel. Da sind unsere Überlebenschancen vielleicht sogar noch größer.« Der 2. Offizier teilte diese Ansicht nicht. Aber er sagte
nichts dazu. Skaghättan war der Captain. * In der POINT OF war es immer noch nicht möglich, auch nur einen Teil der M-Technik wieder zu aktivieren. Dan Riker fragte sich, was Arc Doorn gerade tat. Der Sibirier mit seinem geradezu phantastischen Einfühlungsvermögen in fremde Technik mußte doch eine Lösung finden! Doorn hatte schon oft genug unter Beweis gestellt, daß er auch mit den Problemen der Mysterious-Technik fertig wurde, wenn andere nur noch verzweifelt den Kopf schüttelten und kapitulierten. Plötzlich glaubte Riker in der Bildkugel eine Veränderung wahrzunehmen. Das 2,68 Meter durchmessende transparente Gebilde, das über dem drei Meter langen Instrumentenpult schwebte, zeigte den vierten Planeten nicht mehr exakt so wie noch vor wenigen Minuten. Riker stieß Falluta an. »Spinne ich, oder fällt Ihnen auch etwas auf?« Der 1. Offizier des Ringraumers kniff die Augen zusammen und betrachtete die Wiedergabe, die plastisch im Innern der Bildkugel projiziert wurde. »Sagen Sie jetzt nicht, da wäre eine Grako-Station aufgetaucht und – oh, verdammt.« »Wir rutschen also doch aus dem Orbit«, murmelte Riker betroffen. Hen Falluta nickte. »Das hat uns gerade noch gefehlt! Nennen Sie’s ruhig beim Namen: Wir rutschen nicht nur, wir stürzen auf den Planeten ab!« »Und das ohne Intervallfelder«, sagte Riker leise. »Den Einflug in die Atmosphäre und die Erhitzung wird das Unitall überstehen, aber wenn wir auf den Boden krachen... na, ich glaube, dann wäre ich doch lieber nicht an Bord.« Dro Cimc beugte sich vor.
»Haben wir eigentlich schon ausprobiert, Intervallfelder innerhalb des Raumers zu erzeugen?« Er hat ›wir‹ gesagt und nicht ›Sie‹, dachte Riker und konnte sich nicht einmal darüber wundern, wie sehr der Tel sich bereits mit der Crew der POINT OF identifizierte. »Haben wir nicht. Wie stellen Sie sich das vor, Cimc?« »Die Flash, die noch in ihren Depots liegen!« verdeutlichte der Tel. »Das sind doch autarke Einheiten, nicht unmittelbar mit der POINT OF-Technik gekoppelt, oder? Wenn wir sie starten...« »Sie lassen sich nicht starten, weil die Konturbettungen sie nicht freigeben.« »Die aber direkt Teil der POINT OF sind«, widersprach Cimc. »Die Flash dagegen nicht. Einsteigen, Intervallfeld manuell einschalten und dann ausfliegen! Das müßte doch gehen.« »Und dann?« »Könnten wir entweder die Crew rechtzeitig vor dem Aufprall auf den Planetenboden evakuieren, oder versuchen, die Flash als Zusatztriebwerke außen an die POINT OF zu legen und die Flugbahn damit wieder zu stabilisieren.« Riker runzelte die Stirn. »Ideen haben Sie...« »Aber es könnte funktionieren«, unterstützte Leon Bebir den Tel. »Vorausgesetzt, wir können die Flash tatsächlich starten, und sie fallen nicht, sobald sie draußen sind, ebenfalls dieser verdammten Funkwaffe anheim wie die POINT OF selbst!« »Die Crew evakuieren nur mit den paar Flash, die wir an Bord haben, wird wohl zu lange dauern«, sagte Falluta. »Aber die Maschinen gewissermaßen als externe Manövriertriebwerke zu verbinden und die POINT OF wieder in den Orbit zurückzuschieben... das könnte klappen. Versuchen wir’s erst mal mit einem Flash. Wenn der durchkommt und draußen funktionstüchtig bleibt, setzen wir auch alle anderen ein.«
»Testpilot bin ich!« bestimmte Riker und machte sich bereits auf den Weg zu den Flashdepots. Dro Cimc wollte sich ihm anschließen. »Es reicht, wenn bei einem Fehlschlag einer von uns draufgeht«, warnte ihn Riker. Der Tel, der trotz seiner schwarzen Hautfarbe keine negroiden Merkmale aufwies, schüttelte nach terranischer Sitte heftig den Kopf. »Es war meine Idee, also habe ich ein Recht darauf, mitzufliegen, und wenn es nicht funktioniert, wäre ich wie alle anderen in der POINT OF auch nicht mehr sicher. Also, lassen Sie mich mitfliegen, Riker?« Der resignierte. »Meinetwegen.« Sie trugen beide ihre M-Raumanzüge, schon seit Beginn des Alarmzustandes, der bisher noch nicht wieder aufgehoben worden war. Vorsichtshalber schlossen sie ihre Helme, nachdem sie in Rikers Flash Platz genommen hatten. Dann klappte Riker den Einstieg zu und versuchte den Flash zu starten. Das Intervallfeld war nicht zu aktivieren. Das Beiboot war zwar voll funktionstüchtig, aber die Bettung gab es nicht frei, und solange das Intervallum nicht einzuschalten war, konnte dieser künstliche Miniweltraum auch den Flash nicht durch die Halterungen gleiten lassen, als wären die überhaupt nicht vorhanden. »Aus der Traum«, kommentierte Dan trocken. »Es wäre ja auch zu schön gewesen. Haben Sie vielleicht noch einen Vorschlag? Wir sollten nichts unversucht lassen, nur fällt mir nichts mehr dazu ein.« Cimc ließ die Luke des Flash wieder hochsurren. »Wir könnten die Flash-Ortungen stellvertretend für die der POINT OF nutzen.« Riker stutzte. »Manchmal kommt man auf das Naheliegende zuletzt. Sie haben recht, Cimc. Dann können wir wenigstens herausfinden, was um uns herum vorgeht und was uns die
Bildkugel nicht zeigt.« »Ich informiere eben Leutnant Grappa«, bot Cimc an, schaltete den Bordfunk des Flash ein und – die gesamte Technik des zylindrischen Raumbootes lag still, aber aus dem Funklautsprecher klang jetzt auch hier der nervtötende Satz in endloser Wiederholung: »... anhand von leichten Verfärbungen des Dschungelhintergrunds sehen können, weiter vor und anhand von leichten Verfärbungen des Dschungelhintergrunds sehen können, weiter vor und anhand von leichten Verfärbungen des...« Und auch in den anderen Beibooten des Ringraumers sah es jetzt nicht mehr anders aus... * Sieben Männer kämpften sich durch die Hölle – Ren Dhark und die Flashpiloten Wonzeff, Doraner, Dressler, Warren, Vultejus und Kartek. Sie hatten nicht lange gebraucht, um zueinander zu finden. Es gab nur einen bestimmten Radius, innerhalb dessen sie sich aufhalten konnten. Jetzt arbeiteten sie sich durch den Dschungel. Brütende Hitze lastete auf ihnen. Die hohe Durchschnittstemperatur auf Planet Vier ließ auch den Tageswert hochschnellen und machte aus der Urwelt einen Backofen. Daß beide Raumer in Küstennähe abgestürzt waren, änderte daran nichts; der Ozean war kein Kältereservoir und konnte daher keine klimatische Erleichterung bringen. Zweimal trafen sie auf Schattenkrieger, die ohne Warnung das Feuer eröffneten. Beide Male kamen sie ungeschoren davon, weil sie höllisch aufpaßten und genau wußten, worauf sie zu achten hatten. Die Terraner erwiderten das Feuer und erlebten jedes Mal, daß tödlich getroffene Schatten in einer heftigen Thermoreaktion vergingen. Mike Doraner und Rul Warren brannten mit ihren Blastern
eine Schneise durch den Dschungel. Wild wuchernde Bodenpflanzen, die krakenartige Fangarme besaßen und damit nach Beute tasteten, verbrannten im Strahlfeuer. Wie gefährlich diese Pflanzen waren, zeigte sich, als eines dieser harmlos wirkenden Gewächse blitzschnell nach dem Flashpiloten Hans Vultejus griff, ihn packte und auf ein Konglomerat von teppichgroßen Blättern zuriß. Kaum hatte einer dieser pflanzlichen Fangarme den Piloten im Griff, bewegten sich drei andere, um den Mann ebenfalls zu erreichen, zu umschlingen und damit bewegungsunfähig zu machen. Alles lief mit unglaublicher Schnelligkeit ab. Als die Kameraden reagierten, war Vultejus schon beinahe zur Hälfte zwischen den Teppichblättern verschwunden, die sich einzurollen begannen, um ihr Opfer zu überdecken und mit einem klebrigen Sekret zu versaften. Blasterstrahlen durchschnitten die Fangtentakel und fraßen sich in die Mörderpflanze hinein. Sie fiel nach allen Seiten auseinander, enthüllte dabei das halbverdaute Skelett eines Mini-Sauriers von Büffelgröße und schleuderte in wilder Agonie Vultejus von sich. Mit Vibromessern schnitten Kartek und Dressler ihren Kameraden aus der immer noch festen Umschlingung durch Tentakelreste heraus. Das klebrige Verdauungssekret haftete noch am M-Anzug und ließ sich nur mit äußerster Mühe entfernen, aber es kapitulierte auch vor dem Material des Schutzanzugs. »Wir verlieren Zeit!« drängte Ren Dhark, der deshalb in der Säuberungsaktion keinen großen Sinn sah. Solange das Sekret dem Piloten nicht gefährlich werden konnte, mochte es weiter am Raumanzug haften. Nachhaltig säubern konnte man den Anzug auch später noch. »Weiter!« Hin und wieder trafen sie auf kleinere Reptilien. Vogelartige und Insekten schien es seltsamerweise überhaupt nicht zu geben. Die Evolution auf Planet Vier schien in dieser Richtung
noch keine Anstrengungen unternommen zu haben. Dementsprechend mußte die ganze Pflanzenwelt darauf ausgerichtet sein, sich durch Ableger oder Selbstbestäubung zu vermehren. Was nicht gerade zur Vergrößerung der Artenvielfalt beitrug und die Fortentwicklung erheblich hemmte. Vielleicht würde diese Welt einige hundert Millionen Jahre länger benötigen als die Erde, um eine vergleichbare Entwicklung hervorzubringen. Aber das sollte nicht das Problem der Terraner sein. Die waren gar nicht böse darüber, es nicht auch noch mit Insekten zu tun zu haben. »Bei diesem urzeitlichen Riesenwachstum... wenn ich mir vorstelle, hier könnten albatrosgroße Stechmücken herumsirren, wird mir schlecht!« offenbarte Mike Doraner. »Diese Tentakel-Salatköpfe reichen schon völlig aus!« Dazu kamen Chamäleon-Kopien in Elefantengröße und kleine, aber äußerst bissige Raubsaurier. Diese schossen aus organischen Preßluftkammern Kapseln ab, die beim Aufprall zerplatzten und eine zersetzende Säure versprühten, die einen am Fuß des Stammes sieben bis acht Meter durchmessenden Baumriesen innerhalb einer Minute durchfraß und fällte. Weit voraus blitzte es im Pflanzendickicht grell auf. Eine Explosion, wie sie bei den Schattenkriegern üblich war. Dort, wo es geknallt hatte, konnten aber keine Terraner sein, die in diesem Fall nur von der FO-XXIX hätten stammen können. Sollten die Schatten einen der ihren an den mörderischen Dschungel verloren haben? War er das Opfer eines Raubreptils oder einer Killerpflanze geworden? Sie fanden es nicht heraus, weil der Explosionsort abseits ihres eingeschlagenen Weges lag. Es kam auch zu keinem Kontakt mit anderen Schattenkreaturen mehr. Aber Ren Dhark mahnte jetzt, mit den Energievorräten der Blaster sorgsamer umzugehen. Die Kapazitätsanzeige von Doraners und Warrens Waffen sank rapide, während die beiden Männer weiter die
Schneise durch den Dschungel brannten. Die Schneise wurde schmaler, damit aber auch das Risiko größer, von Killerpflanzen angegriffen zu werden, denen die Männer somit näher kamen. Es wurde Zeit, daß sie das abgestürzte Schattenschiff erreichten! * Dro Cimc machte sich Vorwürfe, durch seinen Leichtsinn nun auch die Flash blockiert zu haben, aber dadurch ließ sich nichts mehr rückgängig machen. Riker hielt ihm seinen Fehler auch nicht tadelnd vor. Es war passiert, es hätte selbst ihm passieren können. In dieser Streßsituation, der sie alle unterworfen waren, waren Fehler verständlich, wenn auch nicht unentschuldbar. Als sie in den Leitstand der POINT OF zurückkehrten, wartete Anja Riker auf sie. »Wie könnt ihr dieses Geplärre nur ertragen?« erkundigte sie sich und meinte damit den Dauerfunkspruch, der auch die Zentrale berieselte. »Mit der Zeit lernt man, die Ohren auf Durchzug zu schalten«, erwiderte Dan. Er warf einen Blick in die Bildkugel und erschrak. Die Planetenoberfläche war rapide nähergerückt. »Wir stürzen ab, oder?« deutete Anja seine Reaktion richtig. Er nickte. »Wieviel Zeit haben wir noch?« Dan wagte nicht, das abzuschätzen. »Zu wenig, fürchte ich. Die Reibungshitze beim Eintritt in die Atmosphäre wird die Unitallwandung nicht durchdringen können. Bis ein halber Meter Unitall sich aufheizt...« »Rede kein Blech!« unterbrach sie ihren Mann. »Wenn uns keine Gefahr droht, warum macht ihr alle dann so sorgenvolle
Gesichter? Wir fliegen ohne Intervallfeld, stimmt’s? Und dann zerbrechen wir beim Aufschlag wie eine Eierschale, oder wenn die Druckzelle hält, schmettert es uns durch unsere eigene Körpermasse nieder... versuche nicht, mir etwas vorzumachen, mein lieber Dan. Ich kenne dich doch!« Und sie kannte die Raumfahrt. Sie war als Chefmathematikern auf der GALAXIS geflogen, dem Kolonistenraumer, der auf dem Planeten Hope im Col-System strandete. Und sie war in der gleichen Position an Bord der POINT OF gewesen, nachdem Ren Dhark und die anderen den Ringraumer auf Hope gefunden und flugfähig gemacht hatten. Erst später, nach dem Ende der Giant-Invasion und ihrer Heirat mit Dan Riker, war sie wieder einigermaßen seßhaft auf der Erde geworden, aber es zog sie auch heute noch immer wieder hinaus ins All. Sie trat zu ihrem Mann. »Wenigstens sind wir zusammen, wenn es zu Ende geht, und ich muß nicht auf Terra darauf warten, daß mir irgendwann jemand eine sauber zusammengefaltete Flagge überreicht und mit Trauermiene schonend beibringt, daß du nie wieder zurückkehrst...« »Noch leben wir!« gab Dan schroffer als beabsichtigt zurück. »Und solange wir leben, denkt keiner von uns daran, aufzugeben!« »Was ist mit Doorn?« drängte Anja. »Findet der keinen Trick, mit dem wir das Schiff wieder unter Kontrolle bekommen?« Das Schott zum Leitstand flog auf. Der untersetzte, bullige Sibirier stürmte herein. Er stutzte, als er Anja an der Seite ihres Mannes in der Zentrale sah. Dann stapfte er hastig weiter. »Doorn!« rief Riker ihn an. »Was haben Sie?« »Die Lösung!«
*
Captain Skaghättan führte ein zwanzigköpfiges Einsatzkommando nach draußen. Zwei andere Offiziere brachen mit weiteren Kampftrupps auf. Ihre Absicht war es, den Schattenkriegern in den Rücken zu fallen, die in die FO XXIX einzudringen versuchten. Mehr als drei Trupps ließen sich nicht ohne überhöhtes Risiko nach draußen bringen, weil nur eine Schleuse dem Boden nahe genug war, so daß die Männer ohne technische Hilfsmittel den Planetenboden erreichen konnten. Die Unheimlichen dagegen schienen über AntigravUnterstützung zu verfügen, denn sie schwebten schattenhaft an der hoch aufragenden Kugelzelle des Forschungsraumers und versuchten in einiger Höhe, ins Schiff einzudringen. Sie bemerkten rasch, was vorging. Zu rasch für Skaghättans Begriffe, der kaum genug Zeit fand, seine Leute zu formieren. Sie hatten sich erst ein paar Dutzend Meter vom Schiff entfernt, als sie bereits in erste Schußwechsel verwickelt wurden. »Verteilen!« schrie Skaghättan den anderen zu und gab über die Viphophase den Befehl auch an die beiden anderen Stoßtrupps weiter. Von einem Moment zum anderen war jeder von ihnen auf sich allein gestellt und mußte zusehen, wie er überlebte, um dabei dem Feind so viel Schaden wie möglich zuzufügen. Immerhin gelang es ihnen, die Schatten von der FO-XXIX abzulenken und sie davon abzuhalten, den Kugelraumer wie eine Konservendose zu öffnen. Dafür aber wandten die Fremden sich jetzt ihnen zu und konzentrierten sich mit mörderischer Wut darauf, die Terraner niederzumachen. Einige von ihnen wandten dabei plötzlich eine ganz neue Taktik an. Waren sie einmal getroffen, versuchten sie nicht mehr zu fliehen, sondern stürmten in rasender Geschwindigkeit
direkt auf die Terraner zu und in deren wildes Strahlfeuer hinein, um ihr explosives Ende so nahe wie möglich an die Menschen heranzubringen und diese mit sich in den Tod zu nehmen! Innerhalb weniger Minuten verloren die drei Trupps ein Drittel ihrer Stärke. Und es war abzusehen, wann die Unsichtbaren auch den Rest von ihnen erledigt hatten. Sie waren zu schwer auszumachen und zu schwer zu treffen, weil sie sich in ständiger Bewegung befanden, aber die Terraner konnten sich nicht tarnen, höchstens sich hinter Dschungelbewuchs verbergen. Doch sobald sie selbst feuerten, flog dabei natürlich ihre Tarnung auf, und sie wurden wieder zum Ziel der Schattenattacken. Die Unheimlichen waren in der Überzahl. Skaghättan wußte, daß sie alle verloren waren, wenn nicht doch noch Hilfe von außen kam. Sein Versuch, die Belagerung von außen aufzubrechen, war zum Scheitern verurteilt. Die Aktion verlängerte die Galgenfrist für die FO-XXIX nur ein wenig. Aber er hatte es wenigstens versuchen müssen. Die Schattenkrieger wurden immer mehr. Mochte der Teufel wissen, wie viele von ihnen in einem ihrer Raumer Platz fanden. Oder waren es tatsächlich Roboter, die zu Hunderten gelagert werden konnten, um sie im geeigneten Moment zu aktivieren und zum Einsatz zu bringen? Plötzlich glaubte der Captain, seinen Augen nicht mehr trauen zu dürfen. Jemand, mit dem keiner von ihnen gerechnet hatte, griff jäh in die Auseinandersetzung ein... * »Die Lösung?« staunte Dan Riker.
Er eilte hinter Doorn her, der in der Funk-Z verschwand. Dort scheuchte der Sibirier Morris, Brugg und Yogan von ihren Plätzen. »Was soll denn das werden, wenn’s fertig ist?« wollte Riker wissen. Er war im Eingang stehengeblieben. Doorn kniete am Funkpult und öffnete die Unitallverkleidung. Wortlos setzte er einen Schachtel-Fänger an, ein Spezialinstrument der Mysterious, das halbselbständig arbeitete und nur Kommandoimpulse benötigte, um Verschachtelungen der MTechnologie zu lösen. Die Impulse bekam es von den kleinen Schaltern am klobigen Griff, die Doorn routiniert betätigte. Er sah ungerührt zu, wie kleine Schachtelsätze sich aus ihren Halterungen lösten und im Fänger landeten. Ebenso ungerührt ließ er die Schachtelkontakte in einer seiner Taschen verschwinden, ohne sie anzusehen und zu sortieren. Am Pult erloschen reihenweise die Anzeigen der Instrumente und Skalen. Schon wechselte Doorn zum nächsten Arbeitsplatz und wiederholte hier seine Aktion, schließlich am dritten. Kaum hatte er den letzten Schachtelsatz aus seiner Halterung genommen, als der nervtötende Dauerfunkspruch schlagartig verstummte! Aus der Kommandozentrale kam ein Aufschrei. »Steuerung spricht wieder an!« »Ortung zeigt Werte!« kam es über die Bordsprechanlage von Tino Grappa. »WS-West klar!« meldete Bud Clifton und war damit wieder einmal eine halbe Sekunde schneller als Jean Rochard in der Waffensteuerung-Ost des Raumers. Riker fuhr herum und kehrte in die Zentrale zurück. »Intervallfelder werden erstellt«, meldete Leon Bebir. »Antrieb klar. Wir sind wieder einsatzbereit. Kurs wird korrigiert.« »Wie zum Teufel hat Doorn das angestellt?« wollte Anja
Field wissen. »Doorn in die Zentrale!« beorderte Riker den Sibirier über die Bordsprechanlage herbei, die ebenfalls wieder perfekt funktionierte. Augenblicke später schlurfte Arc Doorn herein. Riker sah ihn fragend an. Wortlos griff Doorn in die Tasche und legte einen der Schachtelsätze aufs Kommandopult. »Was ist das, Arc?« wollte Riker wissen und ärgerte sich wieder einmal über die Mundfaulheit des technischen Genies. »Sicherungen«, brummte Doorn. »Völlig idiotisch, daß ich selbst nicht darauf gekommen bin! Wenn man etwas nicht abschalten kann, dreht man ihm doch einfach den Saft ab, und das habe ich getan, indem ich die Sicherungen herausgenommen habe. Jetzt ist die Funk-Z lahmgelegt, aber alles andere funktioniert wieder, weil von da keine Störungen mehr durchs Schiff gejagt werden können!« »Das heißt, funken können wir noch nicht wieder, Arc?« vergewisserte sich Leon Bebir. »Müssen wir das denn?« Riker verdrehte die Augen und holte tief Luft. Doorn kam ihm zuvor. »Damit keiner zu früh wieder Saft auf die Leitung gibt, nehme ich diese verdammten Sicherungen erst mal in Verwahrung. Wenn keine Gefahr mehr besteht, daß die Grakos uns lahmlegen können, baue ich den ganzen Krempel wieder ein!« »Sie werden...« begann Riker. Doorn war schon auf dem Weg zum Schott. »Viel Spaß noch beim Turteln, Dan und Anja«, brummte er und war draußen, ehe die beiden Rikers überhaupt begriffen, was er da eben gesagt hatte. »Doorn!« rief Dan hinter ihm her. Aber das Schott war bereits wieder geschlossen. »Frecher geht’s nicht mehr«, murmelte Hen Falluta, und Dro Cimc, der Arc Doorn längst nicht so lange und so gut
kannte wie die anderen, fragte kopfschüttelnd: »Ist dieser Terraner immer so?« Dan ging nicht darauf ein. »Den kaufe ich mir«, knurrte er und wollte Doorn folgen. »Möchte doch zu gern wissen, was er mit dieser verdammten Bemerkung sagen wollte!« »Dan!« stoppte Anja ihn. »Das hat Zeit!« »Stimmt...« Er kehrte um und ließ sich in den Kommandosessel sinken. »Grappa!« Der meldete sich sofort. »Ein paar Sekunden noch, Riker... so! Ich habe die genaue Position des Störsenders! Liegt im Heckbereich des Schattenraumerwracks! Überspiele...« »Direkt an Waffensteuerungen!« ordnete Riker an. »Bud, trauen Sie sich zu, diesen Störsender aus dem Schattenwrack herauszuschneiden?« »Mit Mix-2 immer!« erwiderte der Mann mit dem Kindergesicht, dem niemand seine ungeheure Reaktionsschnelligkeit ansah. »Bekomme Positionsdaten. Feuererlaubnis?« »Mit allem, was Sie für richtig halten!« bestätigte Riker. Und die POINT OF schlug zu! * Skaghättan stöhnte auf. Was er und die anderen da brüllend heranstürmen sahen, hatte ihnen gerade noch gefehlt! Ein mächtiger Raubsaurier brach tobend aus dem Dschungel hervor in die durch den Absturz der FO-XXIX und die Blastergefechte geschaffene künstliche Lichtung; ein gut dreißig Meter hoch emporragendes und sich auf den Hinterläufen bewegendes Monstrum, vom Aussehen her dem Tyrannosaurus Rex der Erde nicht ganz unähnlich – der Archetypus aller Raubsaurier! Allein in den aufklaffenden Rachen dieses Ungeheuers hätte ein halber T-Rex bequem hineingepaßt.
»Ach du Scheiße!« entfuhr es einem Mann neben dem Captain. »Muß uns jetzt auch noch Godzilla heimsuchen?« Er hob den Zweihandblaster und zielte auf die graugeschuppte Bestie. »Nicht!« warnte Skaghättan. »Machen Sie das Monstrum nicht auf uns aufmerksam!« Er beobachtete die Riesenechse. Etwas mußte ihren Zorn erregt haben. Sie verharrte, witterte, stapfte wieder hin und her, und jeder ihrer Schritte ließ den Boden erzittern. Zudem war das Biest ungeheuer schnell – nicht nur, daß schon jeder normale Schritt es bis zu zehn Metern weit brachte, es verfügte auch über genug Kraft in den baumdicken Hinterbeinen, um sich mit weiten Sprüngen vorwärtszuschnellen. Innerhalb weniger Augenblicke war der Saurier zum beherrschenden Faktor rings um den Kugelraumer geworden! Das merkten wohl auch die Schattenkrieger. Von einem Moment zum anderen verharrten sie völlig ruhig, schossen nicht mehr. Ihre Bewegungen erstarrten. Jetzt wären sie leichte Ziele für die Terraner gewesen. Aber denen war das Auftauchen des Raubsauriers ebenfalls schockartig in die Glieder gefahren. Sie zögerten, zu schießen – nicht nur Skaghättan hatte begriffen, daß jede Aktivität das Interesse des schuppigen Giganten wecken mußte, dessen Hornplatten teilweise moosbewachsen waren. Der bewegte sich jetzt in schnellen Sprüngen über die künstliche Lichtung, umrundete die FO-XXIX und war plötzlich wieder da, noch ehe Skaghättan und seine Leute eine bessere Deckung suchen konnten. Haarscharf an den Terranern vorbei wetzte das Ungeheuer, hätte sie beinahe ganz aus Versehen niedergetrampelt. Wer unter diese Tatzen geriet, hatte keine Sorgen mehr... Aber irgendwie schien der Saurier sich überhaupt nicht um die Terraner kümmern zu wollen. Statt dessen interessierte er
sich für die Schatten! Etwas an ihnen reizte ihn, ließ ihn von Augenblick zu Augenblick nervöser werden. War es das schattenhaft Verschwommene ihrer Erscheinung, das er nicht verstand, oder ging von ihnen etwas aus, das auf sein im Vergleich zum Gigantenkörper recht kleines Gehirn wirkte? Plötzlich begann er regelrecht zu toben und unter den Schatten zu wüten. Er schlug mit seinen Pranken nach ihnen, schnappte mit dem riesigen Maul zu. Er verschlang sie nicht; er schien zu begreifen, daß sie ihm dann selbst gefährlich werden konnten. Irgendwie schaffte er es immer wieder, sie von sich zu schleudern, ehe sie explodierten. Skaghättan erschauerte, als er die Unheimlichen durch die Luft fliegen sah. Für wenige Augenblicke schienen sie vollkommen sichtbar zu werden, blieben dabei aber immer noch unbegreiflich fremd. Der Captain war nicht in der Lage, das wahre Aussehen dieser Wesen zu erkennen; noch ehe er sie richtig fixierte, explodierten sie bereits. Jetzt schossen sie auch wieder. Die schwarzen, lichtlos flammenden Strahlen zuckten wieder über die Lichtung, griffen nach dem Raubsaurier. Fraßen sich in seinen Körper hinein und ließen Teile davon zu kristallisch funkelndem, schwarzen Staub zersprühen. Aber die Substanz der Bestie war einfach zu groß, und solange sie den Nervenknoten nahe der Wirbelsäule nicht trafen, der das steuernde Gehirn darstellte, tobte der Saurier, obgleich ihm schon ein Teil des mächtigen Schädels weggeschossen worden war. Wieder und wieder griff er mit zäher Wut die Schattenkrieger an, die trotz ihrer BeinaheUnsichtbarkeit und ihrer mörderischen Waffen kaum eine Chance gegen ihn hatten. Der Bootsmann neben dem Captain hob seine Waffe jetzt doch wieder und begann in das Getümmel zu feuern. Er nahm weitere Schattenkrieger ins Visier.
Andere Terraner taten es ihm nach, überwanden ihre Schreckstarre allmählich. Nur Skaghättan schoß nicht. Er wartete ab und beobachtete sorgfaltig jede Bewegung, jeden Sprung des Sauriers. Auch er zielte, aber auf den kleinen Buckel am Rücken der Bestie. Falls der Saurier von den Schatten ablassen und sich den Terranern zuwenden sollte, wollte er ihn mit einem Schuß in das Gehirn unschädlich machen. Er wußte immerhin, wohin er zu zielen hatte. Die Schattenkrieger dagegen schienen mit Sauriern keine Erfahrung zu haben. Vielleicht hatte es diese Entwicklungslinie auf der Welt, welche die Unheimlichen einst hervorbrachte, nie gegeben? Unwahrscheinlich, aber möglich, denn in der unendlichen Vielfalt, in welcher sich das Universum immer wieder zeigte, mußte nicht zwangsläufig auf jedem Planeten die Entwicklung des Lebens gleich ablaufen. Doch dann wurde Skaghättan brutal aus seinen Gedanken gerissen. Etwas geschah, mit dem niemand gerechnet hatte, mit dem niemand hatte rechnen können. Aus Richtung der Küste, wo das Wrack des Schattenraumers liegen mußte, brüllte eine urgewaltige Explosion auf, und eine Woge unheimlicher Schwärze glitt durch den Dschungel heran, um alles zu verschlingen... * Die Zielerfassung der WS-West hatte den Bereich des Schattenraumers exakt erfaßt, in welchem der Störsender stecken mußte, der über seine Rückkopplungstechnik mittels der Funkfrequenzen alle Technik lahmlegte. Bud Cliftons Gesicht zeigte Anspannung. Er hatte den Ehrgeiz, diesen Störsender mit chirurgischer Präzision herauszuschneiden und dabei möglichst wenig vom Rest des Schattenraumers zu
beschädigen. Er erinnerte sich daran, daß Ren Dhark vor dem FlashEinsatz den Wunsch geäußert hatte, ein paar Grakos lebend zu fangen, und an einem kompletten Raumer war der Commander bestimmt auch interessiert! Clifton setzte Mix-2 ein, eine der Waffenarten, die erst seit dem Aufenthalt der POINT OF in Erron-3 im blaßblauen Universum bekannt waren. Allerdings wußte Clifton selbst nichts von diesem Ausflug in ein anderes Raum-Zeit-Gefüge. Eine Mentcap hatte ihm wie den meisten anderen an Bord die Erinnerung daran genommen. Andere Mentcaps verrieten ihm und seinen Leuten zwar, wie Mix-1 bis Mix-3 funktionierten, aber nicht, unter welchen Umständen diese Waffensysteme entdeckt und erforscht worden waren. Ren Dhark und die wenigen Eingeweihten ergingen sich in vagen Allgemeinplätzen, wenn sie danach gefragt wurden, woher das neue Wissen stammte. Offenbar sei im Bereich der Sternenbrücke etwas mit der POINT OF geschehen, das sie nicht nur in unbekannte Räume der Galaxis verschlagen hatte und eine Spur erzeugte, die die Tels immer wieder auf den Kurs des Ringraumers brachte, ehe es Arc Doorn gelang, diese Spur zu löschen, sondern dieses rätselhafte Ereignis, an das sich niemand an Bord erinnern könne, müsse auch den Wissensschub ausgelöst haben. Es klang sogar einigermaßen nachvollziehbar. Denn hatte die Mysterious-Technik nicht in all den Jahren immer wieder für unerklärbare Rätsel und Überraschungen gesorgt? Dabei hatte Dhark einen sehr guten Grund, Erron-3 selbst vor seinen eigenen Leuten geheim zu halten. Das galaktische Archiv im blaßblauen Universum barg mit seinem unermeßlichen Wissensschatz ein Gefahrenpotential, das seinesgleichen suchte. Erron-3-Wissen, von den falschen Leuten ausgewertet und angewandt, konnte zu einem Kulturschock führen, an dem die Menschheit zerbrach.
Abgesehen von den Risiken, die ein Besuch im Blaßblauen mit sich brachte, wollte Ren Dhark diese Gefahr nicht heraufbeschwören. Es war schon beunruhigend genug, daß es dieses Archiv mit dem gesamten technischen Wissen der Mysterious überhaupt gab, und der Commander der Planeten hatte beschlossen, daß Menschen sich dieses Wissen besser selbst erarbeiteten. Er selbst hatte gern darauf verzichtet, sich mehr anzueignen als nötig war, mehr über seinen Ringraumer zu begreifen, und was die Besatzung der POINT OF an Spezialwissen benötigte, um die Möglichkeiten des Schiffes besser nutzen zu können, hatte er von Erron-3 mitgebracht und in Form von Mentcaps an die Besatzung verteilen lassen – unter dem Vorwand einer medikamentösen Behandlung. Das hatte zu reichen... Nur der Versuchung, mehr über das spurlose Verschwinden der Mysterious vor tausend Jahren herauszufinden, hatte er nicht widerstehen können, aber darüber hatte ihm keine einzige Mentcap des Archivs Informationen liefern können. Entweder war dieses Wissen nicht mehr in Erron-3 verankert worden, oder die Mysterious hatten es mit einer Sperre versehen, die Dhark nicht überwinden konnte. Und jetzt setzte Bud Clifton Mix-2 ein! Fünf Strahlantennen der POINT OF, in der halbmeterdicken Unitallwand drehbar gelagert, strahlten dieses Energiegemisch ab, das zum Planeten hinabjagte und einen Teil des Schattenraumers erfaßte. Mix-2 wurde vom Schutzschirm des Raumers aufgefangen! Unmöglich! wollte Clifton hervorstoßen, weil Mix-2 in der Lage war, durch Energiefelder zu diffundieren, aber er kam mit dieser Energie nicht durch den Schirm, der den Schattenraumer einhüllte! Saugte der das Strahlengemisch auf, um es für sich selbst zu verwerten?
Dabei veränderte sich Mix-2! Was im Energieschirm des Raumers zu toben begann, war nicht mehr die Strahlenart, die von der POINT OF ausgesandt wurde! Im Schutzfeld des Unheimlichen wurde sie zu etwas völlig anderem, das Clifton in seiner Wirkung nicht abzuschätzen wagte. Er wechselte von Mix-2 zu Nadelstrahl. Er mußte darauf verzichten, das Störaggregat sauber aus dem Wrack zu entfernen. Er mußte erst diesen verdammten Energieschirm überlasten und durchschlagen und dann vielleicht noch einmal versuchen, Mix zu benutzen. Aber dazu kam es nicht mehr. Die blaßroten, überlichtschnellen Nadelstrahlen jagten hinab durch die Atmosphäre des Dschungelplaneten und schlugen in den Energieschirm des Raumerwracks ein. Durchdrangen ihn mühelos! Und der Schattenraumer verging in einer ungeheuren Explosion! * Pjetr Wonzeff war stehengeblieben. »Was ist das denn?« stieß er hervor und deutete zum Himmel hinauf. Die Dschungelriesen waren hier schon niedriger geworden und standen weiter auseinander; die Küstennähe und damit der Rand des Urwalds machte sich bemerkbar. So war ein Stück Himmel zu erkennen. Und da flirrte es in seltsamen Mischfarben wie ein Strahlengewitter lautlos herunter... Nur Ren Dhark erkannte dieses Farbendurcheinander. Wonzeff und die anderen Flashpiloten konnten damit nichts anfangen. Sie hatten die Waffe, die hier benutzt wurde, noch nie eingesetzt – weil sie bislang noch nicht in die Lage gekommen waren. Es war nicht einmal ganz sicher, ob die
Flash tatsächlich ebenfalls alle »neuen« Waffensysteme der POINT OF besaßen. Ausprobiert hatte das noch niemand. Aber Ren hatte die Farbstrukturen schon in der Bildkugel gesehen! »Mix!« stieß er hervor. »Die POINT OF schießt mit Mix!« »Die POINT OF?« echote Kartek. »Das würde ja bedeuten, daß zumindest der Ringraumer einsatzklar ist und...« Im nächsten Moment wechselte das Farbenspiel, und blaßrote Energiebahnen ersetzten das Mix, Strahlbahnen, die hauchdünn erschienen und nicht blendeten. Das Flaggschiff der TF hatte von Mix auf Nadelstrahl umgeschaltet – seine vielleicht mächtigste Waffe. Und dann flog nur einen halben Kilometer vor ihnen etwas mit unglaublicher Gewalt auseinander. Schwarzes Licht loderte auf, durchdrang das Dschungeldickicht. Seltsame Energiezungen leckten, verwoben sich miteinander und ließen die Umgebung wie in einem Negativbild erscheinen. Ren Dhark fühlte, wie etwas durch ihn hindurchglitt und ihn einhüllte. Es zerrte an ihm, flackerte und wollte ihn in ein anderes Universum ziehen. In Tausende von Universen zugleich und doch in keines von ihnen. Für wenige Augenblicke schwebte er im Nichts und sah, wie sich Millionen von Galaxien in einem Hyperraum bewegten. Er sah seine Begleiter, aber nicht nur ihre Körper, sondern auch ihr Leben, ihre Daseinsmuster. Sah ihr Werden in der Vergangenheit und ihr Vergehen in der Zukunft, und das alles zugleich. Er sah auch sich selbst werden und vergehen und begriff trotzdem nichts davon; sein Verstand war nicht bereit, die Muster zu erfassen. Dann war es wieder vorbei, und er sah gigantische Trümmerstücke zeitlupenhaft in die Höhe schweben. Bizarre Flächen und Wölbungen, von glosendem Feuer eingehüllt, funkensprühende, aberwitzige Gitterkonstruktionen, und
dazwischen sich bewegende Schatten, die sich auflösten, sobald er versuchte, sie genauer zu erkennen. Zerfallende Fragmente des Schattenraumers regneten wieder herab, hinterließen schwarze Energiebahnen am Himmel, die langsam zerfaserten. Dort oben riß das Universum auf. Etwas Unheimliches tastete mit spiralförmig rotierenden Fangarmen nach dem Planeten, pflügte breite Streifen der Leere durch den Dschungel und verfehlte die Menschen nur knapp. Dann erst kam das Donnergrollen der Explosion. Wie ein verhaltenes Röcheln, wie eine Zeitverlangsamung. Die folgende Druckwelle knickte Bäume um, ließ Schachtelhalme auseinanderfetzen, trieb Pflanzenteile und wie Reste toter Tiere erscheinende, eigenartige Klumpen vor sich her. Der Druck kam langsam, aber unwiderstehlich; es gab keine Möglichkeit, sich dagegenzustemmen. Dhark ließ sich fallen, wurde über den Boden geschleift. Dann ließ das Inferno nach. Ren richtete sich wieder auf. Er sah sich nach den Kameraden um. »Könnt ihr mich hören?« rief er. »Ist jemand verletzt worden?« Seine Stimme erzeugte ein seltsames Echo, das lauter war und stärker nachhallte als seine Originalstimme. Und dann, von einem Moment zum anderen, war alles wieder normal. Ein Gefühl der Leere breitete sich in Ren aus. Irgendwie, wurde ihm klar, war er für kurze Zeit Teil eines Größeren gewesen. Vielleicht hatte er etwas berührt, das jenseits der Schöpfung existierte und mehr als das war, aber er vermochte es nicht zu deuten. Und er war froh darüber. Vielleicht kostete es ihn den Verstand, wenn er wirklich begriff, was da geschehen war. »Melden!« verlangte er. Nacheinander erhoben sie sich aus dem Nichts, die sechs
Männer, traten aus Schatten hervor, die keine Schatten waren, als kämen sie durch ein Weltentor aus einer völlig fremden Welt. Sie waren unverletzt, aber ihre Gesichter waren gezeichnet von Erlebnissen, die sie mit niemandem teilen konnten. Mike Doraner deutete in die Richtung aus der noch ein verhaltenes Prasseln und Krachen kam. »Schätze, Commander, den Plan, diesen Schattenraumer einzukassieren, können wir uns abschminken...« * »Verdammt!« bellte Riker in die Bord Verständigung. »Ging das nicht anders, Bud?« Der Chef der WS-West konterte: »Dann hätte ich es bestimmt getan! Tut mir ja selbst leid, daß da unten nichts übriggeblieben ist.« Tino Grappa schaltete sich ein. »Wir messen unerklärliche Hyperraumeffekte an. Die Explosion des Raumers hat auf dem Planeten etwas ausgelöst, das...« »Geht es auch etwas präziser, Grappa?« fragte Riker. Der junge Mailänder schluckte. »Nein!« erwiderte er dann kühl. »Wir stehen vor einem Novum. Wir haben so etwas noch nie beobachtet.« »Daten an Checkmaster!« ordnete Riker an. »Bebir, Vergleichsprüfung. Waffensteuerungen bereit halten für Angriffsflug in Atmosphäre. Achtung, alle Flashpiloten zu den Depots. Unverzügliche Startbereitschaft. Melden bei Vollzug!« Hinter Riker holte seine Frau Anja tief Luft. »Ist was?« fragte er, ohne sich umzudrehen, und jetzt räusperte sich auch Dro Cimc, der zwar als Wer der Tel militärische Disziplin gewohnt war, nicht aber, daß Ehegatten sich in dieser Form begegneten. »Ob etwas ist, Dan?« fragte Anja. »Das solltest du dich
selbst fragen! Seit ein paar Minuten bist du zum unausstehlichen Ekel geworden! Früher hatten wir einen wesentlich menschlicheren Umgangston in der POINT OF und unter alten Weggefährten!« »Chefmathematikerin Riker, unterstützen Sie bitte Leutnant Bebir bei den Ortungsdatenausweitungen am Checkmaster. Resultate auf mein Display. Vollzug!« »So kannst du deine Untergebenen anschnauzen, Flottenchef Riker, aber nicht mich! Ich bin bei diesem Flug Gast an Bord, nicht Chefmathematikerin. Das war einmal, mein lieber Dan...« Sie rauschte hinaus. Verblüfft sah Dan ihr nach. »Autsch! Das war eine ziemlich harte Ohrfeige, Wer Dan Riker«, sagte Dro Cimc trocken und zeigte nicht, ob er sich amüsierte oder betroffen war. »Ich werde mich hüten, mich in Ihre familiären Angelegenheiten einzumischen, aber bisher hatte ich den Eindruck, daß unter Commander Dhark ein umgänglicherer Ton an Bord dieses Schiffes herrschte. Verzeihen Sie, falls ich Ihnen hiermit zu nahegetreten bin.« Riker holte tief Luft, wollte etwas sagen – und ließ es dann. Er wandte sich wieder den Instrumenten zu. »Grappa, können Sie Flash-Wracks anmessen?« »Ich arbeite daran, Sir.« Derweil gab sich Dro Cimc mit seiner Beobachterrolle nicht mehr zufrieden, wechselte aber einen fragenden Blick mit Hen Falluta, dem 1. Offizier, und erst als der aufmunternd nickte, benutzte auch Cimc die Bordsprechanlage. »Ingenieur Doorn bitte in die Funk-Z. Erneuern Sie die Sicherungen. Die Gefahr ist vorüber, die Rückkoppelungswaffe des Gegners mit dessen Schiff vernichtet. Wir brauchen wieder Funk.« Riker sah ihn durchdringend an, sagte aber nichts zu Cimcs Eigenmächtigkeit, weil er erkannte, daß der Wer richtig handelte. Er dachte an das, was Riker übersehen hatte.
»Tut mir leid«, murmelte er. »Ich bin wohl ein wenig überspannt. Falluta, übernehmen Sie wieder.« Er räumte seinen Sitz und trat zurück, neben Dro Cimc. Der Tel lächelte schmallippig. Bebir am Checkmaster wandte sich um. »Die von Grappa festgestellten Hypereffekte sind dem Checkmaster unbekannt«, sagte er, ohne sich an jemand Bestimmten zu wenden. »Mit einer Wahrscheinlichkeit von 88 Prozent geht der Checkmaster davon aus, daß es im Zuge der Explosion zu einem vorübergehenden Bruch im Raum-Zeit-Gefüge kam. Einige Kontinua scheinen sich dabei gegenseitig durchdrungen zu haben.« »Leiten Sie die Daten an Vandekamp weiter. Der soll sich damit beschäftigen«, sagte Falluta. »Tino, was ist mit Dharks Flash-Gruppe?« »Ich habe immer noch nichts«, gestand der Mailänder. »Aber rund um die FO-XXIX muß die Hölle los sein. Da finden Energieausbrüche von erheblichen Ausmaßen statt.« »Daten an die Waffensteuerungen, Tino«, ordnete Falluta an. »Die POINT OF und die verbliebenen Flash werden einen Entlastungsangriff fliegen.« Leon Bebir kam vom Checkmaster zurück und nahm wieder seinen Platz am Kommandopult ein. »Koordinieren Sie den Flash-Einsatz, Leon«, verlangte Falluta. »Verflixt, wann kommt endlich die Klarmeldung aus der Funk-Z? So lange kann Doorn doch gar nicht brauchen, die Sicherungen wieder ‘reinzufeuern...« Er betätigte einige Steuerschalter. Der Ringraumer nahm Fahrt auf. Sein Ziel: Die FO-XXIX! * Skaghättan sah, wie die unheimlichen Lichteffekte durch ihn und die anderen Männer und Frauen hindurchgingen, auch
durch die Schattenkrieger und schließlich durch die FO-XXIX. Ähnlich wie Ren Dhark und seine Begleiter fühlte er sich vorübergehend in eine andere Existenzebene versetzt. Als die eigenartigen Erscheinungen aufhörten, regte sich der riesige Raubsaurier nicht mehr. Das Reptil war zusammengebrochen und offenbar tot. Die Schattenkrieger hatten das seltsame Geschehen wesentlich besser überstanden. Es war, als seien sie Effekte dieser Art durchaus gewöhnt. Sie schienen gestählt daraus hervorgegangen zu sein und brauchten nur wenig Zeit, um sich neu zu orientieren und die Terraner wieder anzugreifen. Und sie gingen jetzt noch verbissener vor als bisher. Irgendwie hatte Skaghättan das Gefühl, die Unheimlichen kämpften mit dem Rücken zur Wand und auf verlorenem Posten. So wie bisher die Terraner! Er ahnte, was geschehen war. Das Wrack mußte explodiert sein. Damit hatten die Schatten keine Chance mehr, diesen Planeten wieder zu verlassen, denn nach allem, was sie bisher von den Terranern erlebt hatten, mußte ihnen klar sein, daß die ihr Raumschiff niemals in die Hand der Grakos fallen lassen würden. Beide Seiten kämpften bis zum Letzten. Entsprechend wütend waren die Angriffe der Schattenkrieger. Sie hatten nichts mehr zu verlieren, und sie wollten so viele Gegner wie eben möglich mit in ihren Untergang reißen. Die Terraner aber wollten überleben! Der Kampf wurde noch härter, noch mörderischer als zuvor. Erleichtert registrierte der Captain, daß nach der für ihn noch rätselhaften Explosion des Schattenraumers die Technik der FO-XXIX wieder uneingeschränkt funktionierte. Aber das half ihnen kaum weiter. Die Bordwaffen des Raumers ließen sich nicht einsetzen; die Grakos befanden sich viel zu nahe am Schiff und im toten Winkel, und auch ohne dies hätte der Einsatz der Geschütze auch die eigenen Leute gefährdet.
Captain Skaghättans anfangs richtige Entscheidung, auszubrechen und die Schattenkrieger von hinten anzugreifen, erwies sich jetzt, unter den neuen Bedingungen, als fatal. Von einem Augenblick zum anderen war die Gefahr für die Menschen wieder riesengroß geworden und ihre Überlebenschancen noch geringer als die der Schatten, weil die über die bessere Waffentechnik verfügten. Der Captain schloß mit seinem Leben ab. * Ren Dhark sah einen Flash im Tiefflug am Himmel entlangjagen. Nur wenige Augenblicke später entdeckte Rul Warren die POINT OF, die irrsinnig schnell über den Dschungel raste. Im nächsten Moment knallte schon die Überschallschleppe. »Wir müssen sie anfunken!« rief Vultejus. »Wenn sie fliegen können, können sie auch funken, dann ist dieser verdammte Spuk vorbei!« Dhark wollte den Helmfunk seines M-Anzuges aktivieren, aber Vultejus winkte ab und reckte sein Handgelenk mit dem Armbandvipho hoch; nur Dhark, Warren und zwei der anderen Piloten hatten ihre Geräte unbrauchbar gemacht. »Hiermit geht’s doch bequemer!« behauptete Vultejus und hatte Augenblicke später tatsächlich Direktverbindung mit der POINT OF. Arc Doorn hatte den Ringraumer wieder funkklar gemacht. Dan Riker und die anderen zeigten sich erleichtert darüber, daß der Gruppe Dhark offenbar nichts geschehen war. Falluta beorderte sofort einige Flash zur derzeitigen Position der Gruppe, um die Männer aufzunehmen und zu ihren eigenen Maschinen zu fliegen. Die waren auch wieder voll funktionstüchtig, nachdem mit dem Grako-Raumschiff auch jene verhängnisvolle
Rückkopplungswaffe untergegangen war. Dhark und die anderen konnten in den Kampf um die Überlebenden der FO XXIX eingreifen. Der Commander der Planeten übernahm sofort wieder die Einsatzleitung. »Ich will unbedingt einen oder mehrere der Schatten lebend!« lautete sein Befehl. Die POINT OF selbst konnte nicht viel ausrichten; der Ringraumer war eher demoralisierend für die Schattenkrieger, wie er über dem Schauplatz des mörderischen Überlebenskampfes schwebte. Die Flash jagten Grakos, aber die änderten ihre Taktik erneut und flohen ins Dschungeldickicht. Die paralysierenden Strich-Punkt-Strahlen der Flash waren nicht in der Lage, Schattenkrieger zu betäuben. Lediglich Nadelstrahl half gegen sie, aber nur mit dem Ergebnis, daß die Unsichtbaren wie kleine Bomben explodierten. Das war nicht in Ren Dharks Sinn. Aber die Schatten wollten sich nicht gefangennehmen lassen! Sie starben lieber. Plötzlich glitt eine Schwebeplattform aus einer der Schleusen der FO-XXIX hervor. Auf ihr war in aller Eile ein überschwerer Paraschocker montiert worden, eine Waffe, die eher in Kampfpanzern zu finden war. Besatzungsmitglieder des Forschungsraumers steuerten die A-Gravplattform und richteten den Schocker aus. »Treibt uns ein paar Schatten ins Schußfeld!« hieß es über Funk. Die auf Schatten Jagd machenden Flashpiloten reagierten sofort und änderten ihr Vorgehen. Die tief über dem Kampfschauplatz schwebende POINT OF ließ jetzt Kampfroboter herabregnen. Zehn Exemplare dieser modernsten Errungenschaften terranischer Kriegstechnik hatte der Ringraumer an Bord, und diese kegelförmigen, dank
Antigravpacks auch flugfähigen Maschinenkonstruktionen beteiligten sich nun an der Treibjagd. Ihre Scanner waren auf die Energiemuster der Schattenkrieger kalibriert worden, und auch wenn die Flash mit ihren Intervallfeldern im Dschungel relativ lässig manövrieren und Baumstämme einfach durchfliegen konnten, waren die Robs dennoch agiler und ihre Suprasensoren entscheidungsfreudiger als die Terraner, die von ihren ethischen Grundsätzen geprägt und gehandicapt waren. Dhark verfolgte die Aktion mit Skepsis. Er dachte daran, daß es auch nicht gelungen war, das Wrack des Schattenraumers in die Hand zu bekommen, und mehr und mehr befürchtete er, daß auch der Versuch, einen der Unsichtbaren gefangenzunehmen, scheitern mußte. Aber dann dröhnte plötzlich ein Strahlschuß nach dem anderen aus der Schocker-Kanone auf der A-Gravplattform. »Wir haben einen!« schrie jemand triumphierend aus dem Funk. Hoffentlich behalten wir ihn auch, dachte Dhark.
3. Die Ruhe nach dem Sturm... Es gab keine Schattenkrieger mehr, bis auf diesen einen, der von der Schocker-Kanone paralysiert worden war und sich jetzt in einem Fesselfeld befand, umhüllt von einem Energieschirm, der verhinderte, daß er aktiv werden konnte, wenn er das Bewußtsein zurückerlangte. Es war Arc Doorns Idee gewesen, den Grako mit einem Paraschocker terranischer Fertigung auszuschalten, nachdem die betäubenden Strich-Punkt-Strahlen der Flash nichts bei den Schattenkriegern ausrichteten. »Wenn High-Tech nicht hilft, dann vielleicht die aus der Steinzeit«, hatte er seinen Vorschlag kommentiert und wieder einmal recht behalten. Offenbar war das Strahlengemisch, das die terranische Waffe emittierte, in seiner Struktur anders geartet als das der Waffen der Mysterious. Mit den M-Strahlen waren die Grakos fertiggeworden, weil sie sie kannten! Terranische Technik war ihnen weniger vertraut. »Deshalb funktionierten auch die Viphos der FO-Leute auf dieser seltsamen Sonderfrequenz, ebenso die Blaster«, behauptete Doorn, »während alles andere in der FO-XXIX ausfiel! Die FO ist ein von uns umgerüsteter ehemaliger GiantRaumer, mit Giant-Technologie, und daß die famosen AllHüter, wie die Giants sich hochtrabend nennen, nichts anderes als biologische Robot-Züchtungen der Mysterious sind, wissen wir seit der Entdeckung von Erron-1! Aber die Viphos sind terranisch, die Blaster haben wir von den Amphis abgekupfert... mit denen scheinen die Grakos nichts anfangen zu können, weil sie sie offenbar nicht kennen.« »Noch nicht!« warnte Ren Dhark, der wieder an Bord des
Ringraumers zurückgekehrt war. »Wir sollten die Grakos aber nicht unterschätzen. Die Rückkopplungswaffe, mit der sie uns alle so böse erwischt haben, muß eine Neuentwicklung sein, weil sie die früher nie eingesetzt haben. Sonst hätten Clarks und Huxleys S-Kreuzergeschwader niemals auch nur den Hauch einer Chance gegen sie gehabt! Terra muß gewarnt werden. Künftig muß mit dieser Waffe gerechnet werden, und auch damit, daß sie sich auf unsere Technik einstellen!« »Weißt du, was das bedeutet, Ren?« fragte Dan Riker. »Daß im Ernstfall kein Funkkontakt zwischen unseren Einheiten mehr stattfinden darf, wenn sie es mit Grakos zu tun haben! Dann ist jedes Schiff im Kampf auf sich allein gestellt – oder rettungslos verloren und wird als wehrloser Klumpen Metallplastik abgeschossen wie die Tontauben!« Ren nickte. »Ich weiß das, und ich befürchte noch viel mehr. Wir hatten es hier mit einem einzigen Schattenraumer zu tun. Er griff einen unserer Kugelraumer an. Die Grakos wissen also sehr genau, daß sie nicht gegen die Mysterious kämpfen, sondern gegen uns.« Riker schüttelte den Kopf. »Die FO ist ein ehemaliger Giant-Raumer«, erinnerte er an Doorns Worte. »Ich denke, die Grakos halten uns für die Giants beziehungsweise für ein Hilfsvolk der Mysterious.« »Kann ich nicht glauben«, widersprach der Commander. »Aber da ist trotzdem noch etwas anderes, worauf ich eigentlich hinaus wollte. Ein einzelnes Schattenschiff, das einen Kugelraumer angreift! Keine unsichtbare Station im Hintergrund! Dan, das war ein Test! Sie wollten herausfinden, ob unsere Technik, für die sie die der Giants halten, so manipulierbar ist wie die der Mysterious! Sie sind uns näher, als wir glauben. Daß wir mit der POINT OF dazwischenkamen, ist für die Grakos ein unglücklicher Zufall. Sie haben die FO-XXIX während eines Magnetsturms
angegriffen und gingen davon aus, daß keiner den Notruf mitbekommt! Oder daß er, wie schon einmal, durch diese magnetischen Stürme aus einer völlig anderen Richtung empfangen wird. Daß wir nur sieben Lichtjahre entfernt waren, wußten sie nicht. Dan, daß sie uns blockieren können, wissen sie schon. Sie wollten ausprobieren, was noch geht!« Riker schluckte. »Das ist doch verrückt!« »Wirklich?« hielt Ren ihm entgegen. »Wenn du recht hast, können wir nicht zu den Nogk fliegen, sondern müssen zurück und Terra warnen!« drängte Riker. »Das machen die Hilfsschiffe, die wir mittlerweile angefordert haben und die uns bestätigt wurden. Skaghättan wird sie eingehend informieren«, erwiderte Ren. »Die FO XXIX ist ohnehin ein Wrack, das diesen Planeten nie wieder verlassen wird – wir schlachten sie aus.« »Wegwerf-Raumer«, zitierte Riker den Begriff, der sich in der Terranischen Flotte (TF) für die aus Giantbeständen stammenden Beuteraumer eingebürgert hatte. Man hatte seinerzeit eine Menge der nach dem Rückzug des CAL führerlos und leer im Raum treibenden Schiffe geentert und in Besitz genommen, und auch heute waren noch Enterkommandos unterwegs, um herrenlose Giantraumer im All oder auf Planeten aufzuspüren und zu requirieren, denn die terranische Raumschiffsproduktion stieß längst an die Grenzen ihrer finanziellen Ressourcen. Man konnte dem Steuerzahler nicht mehr als 100 Prozent seiner Einkünfte für den Flottenneubau abverlangen, was aber nötig gewesen wäre, um die Einheiten der TF rasch genug auf die erforderliche Stückzahl zu bringen. Ein Kugelraumer-Nachbau auf Terras Fließbändern kostete Milliarden von Dollar, und der ohnehin permanent schwindsüchtige Staatshaushalt war längst nicht mehr in der Lage, das zu finanzieren. Von daher war es segensreich, plötzlich über Tausende von Ringraumern verfügen zu können, die Dhark durch einen
technischen Trick in die Hände geraten waren. Trotzdem mußten auch deren Besatzungen bezahlt werden. Finanziell balancierte Terra seit Jahren am Rande des Abgrunds. Fast so billig wie die Ringraumer waren die erbeuteten Wegwerfschiffe der All-Hüter. Aber deren Energiereserven reichten nicht bis in alle Ewigkeit, und es gab bisher keine Möglichkeit, die Konverter neu zu beschicken. Also wurden Kugelraumer, die ausbrannten, verschrottet, sobald sie nicht mehr flogen, und entweder durch andere Wegwerf-Raumer ersetzt oder durch terranische Neubauten, die neuerdings aus Tofirit bestanden. Damit wurden sie zwar fast unzerstörbar, aber auch fast unbezahlbar... »Wir werden trotz allem zu den Nogk fliegen«, fuhr Ren Dhark fort. »Aber wir werden uns auch ansehen, was unsere Eierköpfe und Medizinmänner über den gefangenen Grako herausfinden.« »Wenn er ein Grako ist«, unkte Riker. »Vielleicht handelt es sich bei diesen Schattenkreaturen auch nur um ein Hilfsvolk. Vergiß nicht – was wir über die Grakos wissen, sind entweder Gerüchte oder die Behauptungen der Salter. Und was wir von denen zu halten haben, wissen wir inzwischen ja.« Als sie sie in der Galaxis Drakhon entdeckt hatten – die wenigen Überlebenden eines einstmals großen Sternenvolkes – hatten die Salter behauptet, die letzten Mysterious zu sein. Und die Shirs mit ihren unwahrscheinlich starken Parakräften hatten dafür gesorgt, daß diese Behauptung von den Terranern akzeptiert wurde. Nur hatte sich dann herausgestellt, daß die Salter logen; ihr Führer Olan hatte es sterbend eingestanden. Die Salter hatten, von den Shirs unterstützt, den Terranern ihre Geschichte nur vorgelogen, um nach Terra gebracht zu werden. Das war geschehen – und zu ihrem Verderben geworden. Robonen hatten die angeblich letzten Mysterious ermordet. Das Rätsel an sich war geblieben, und Ren Dhark war zu
den Nogk unterwegs, um sie um die Entwicklung einer Abschirmmöglichkeit zu bitten, die vor den superstarken Hypnokräften der Shirs schützte. Ren wollte in die zweite Galaxis zurück und nach der Wahrheit suchen. Er ging davon aus, daß die Nogk eine solche Abschirmung entwickeln konnten; immerhin waren diese eigenartigen Wesen etwas Ähnliches wie Telepathen. Ihre Kommunikation fand auf mentaler Basis statt. Daher war ihnen die Lüge fremd. Ren erhob sich und nickte den anderen zu. »Ich bin ab jetzt in der Medo-Station zu finden...« Auch Arc Doorn wollte gehen, aber Riker hielt ihn zurück, sprach ihn dann allerdings erst an, als sie zu zweit allein waren. »Arc, was wollten Sie vor ein paar Stunden mit Ihrer anzüglichen Bemerkung, Anja und ich sollten weiter turteln, sagen?« Riker saß. Doorn stand vor ihm, ein bulliges Muskelpaket, und plötzlich hatte Riker fast das Gefühl einer körperlichen Bedrohung. Dabei war Arc Doorn ein Mann, der keiner Fliege etwas zuleide tun konnte. Dan Riker war indessen alles andere als eine Fliege. »Wollen Sie eine ehrliche Antwort, Flottenchef Riker, oder nur eine Floskel?« fragte der Sibirier zurück. »Floskeln sind etwas für Politiker, nicht für Freunde, oder sehen Sie das anders?« »Wie Sie wollen, Freund Riker«, brummte Doorn. »Sie haben Ihre Göttergattin hier an Bord. Meine durfte mal wieder auf Terra bleiben. Wenn wir hier alle draufgegangen wären, dann wären Anja und Sie zusammengewesen, aber Doris hätte auf mich warten müssen beziehungsweise auf die Nachricht von irgendeinem Lamettaträger, daß es ihm so furchtbar leid täte, daß ich in Ausübung meiner Pflicht und so weiter und so fort. Wissen Sie was, Dan? Sterben ist ein verdammt einsamer Job, und es gibt an Bord dieses Raumschiffes jemanden, der sein Privileg als Chef der TF und als persönlicher Freund des
Commanders ausnutzt, um seine Frau bei sich zu haben! Weil...« »Doorn!« warnte Riker. »Hören Sie...« »... weil die ihm sonst die Ohren vollmeckert, warum sie auf Terra hocken und ständig auf ihn warten muß, während er sich als Sternenzigeuner irgendwo in Weltraumtiefen herumtreibt! Dan, als ich auf Planet Eins im Zwitt-System mit dem Materiesender das Tor nach Erron-3 für die POINT OF öffnete und die hinterher verschollen war, konnte die Frau des Flottenchefs Marschall Bulton mal eben ein paar S-Kreuzer unter Larsens Kommando aus dem Kreuz leiern, um zur Sternenbrücke zu fliegen und danach die POINT OF suchen zu lassen! Aber was war mit meiner Doris? Hätte sie die Chance gehabt, nach mir zu suchen, wenn ich auch an Bord der POINT OF gewesen wäre? Verdammt noch mal, wir alle haben unsere Familien auf Terra oder anderen Planeten. Wir alle sind manchmal monatelang unterwegs und von unseren Leuten getrennt. Ich hatte Doris auf Terra zu lassen, aber Sie haben Anja mitgenommen!« »Sie reden von Erron-3...« »Ich rede von noch ganz anderen Dingen, Freund, und ich habe keine dieser Pillen fressen müssen, die einem die Erinnerung an jene Aktion stiehlt! Wenigstens das ist mir erspart geblieben, und wenigstens hat Dhark daran gedacht, mir ein paar andere Mentcaps mitzubringen, damit ich leichter auf den neuesten Stand der M-Technik kommen konnte... aber das ist auch alles! Ich reiße mir den Arsch auf, weil’s mir Spaß macht, den verdammten Mysterious zu zeigen, daß die auch nur mit Wasser gekocht haben, nur können die nicht mal staunend das Maul aufreißen, weil es sie seit tausend Jahren nicht mehr gibt, und von eurer Seite klopft man mir nur auf die Schulter und erzählt mir, was ich doch für ein tolles Genie bin! Aber wenn ich mal von meiner Frau träume und sie an meiner Seite haben möchte, wenigstens für ein paar Tage, dann ist das
nicht möglich! Dann gibt’s einen Anschiß vom Stab der TF, weil ich einen Flashpiloten, der mich nach Alamo Gordo holen sollte, aus seiner Maschine ausquartiert habe, damit Doris Platz hatte und mitkommen konnte, und dann hat Doris vor dem Start die POINT OF zügig wieder zu verlassen und kann zusehen, wie sie als Zivilistin nach Hause kommt, aber der Flottenchef lädt seine liebe Frau Gemahlin ein, diesen Flug mitzumachen, damit sie ihn bloß nicht hinterher anfaucht, weil er mit der POINT OF mal wieder zu spät nach Hause gekommen ist! Ja, Riker, Sie sind ein großes Tier geworden und ich bin nur ein kleiner Ingenieur geblieben, der nicht mal einen richtigen Ausbildungsabschluß vorweisen kann... zum Teufel mit Ihren Privilegien!« Riker starrte ihn fassungslos an. »Arc, glauben Sie wirklich...?« Doorn unterbrach ihn. »Für Glaubensfragen ist die Kirche zuständig! Sie haben mir eben zu allem Überfluß auch noch vorgeworfen, von Erron-3 zu reden – ja, verdammt noch mal, wir sind gerade allein und keiner hört uns zu, also werde ich mir das doch noch gönnen dürfen! In der Öffentlichkeit habe ich nie über Erron-3 gesprochen und werde es auch nicht tun! Aus Loyalität zu Terra und zu den Menschen, die Commander Ren Dhark vor der Gefahr, die von dem Archivwissen ausgeht, schützen will, und aus Loyalität und Freundschaft zu Dhark selbst, der seine Privilegien als Terras Staatschef wenigstens nie ausgenutzt hat, oder sehen Sie Joan Gipsy hier an Bord, oder hat er den Start der POINT OF verzögert, weil er sich erst noch von seiner im Krankenhaus liegenden Freundin verabschieden mußte? Schönen Tag noch, Dan...« Höfliche Menschen schließen Türen leise; Arc Doorn war in diesem Moment kein höflicher Mensch. Und daß er, der mundfaule Typ, der sich sonst jede Kleinigkeit aus dem Mund holen ließ, dermaßen viel geredet hatte, gab Dan Riker zu denken, nur fühlte der sich nicht schuldig.
Er konnte Doorns Zorn durchaus verstehen, aber Dan hatte keinesfalls seine Privilegien mißbraucht! Hier tat ihm der Sibirier unrecht! Anja war einfach aus eigenem Antrieb an Bord geblieben, und auch, wenn sie sich vor Stunden noch selbst als Gast bezeichnet hatte, war sie in der Stammrolle des Ringraumers immer noch als Chefmathematikerin registriert. Auch wenn sie diese Funktion schon lange nicht mehr offiziell ausübte, sondern an der Universität von Alamo Gordo Mysterious-Mathematik lehrte. Doris Doorn dagegen, vor ihrer Heirat als Doris Eyck Krankenschwester im Hospital von Cattan auf Hope, war nur einmal in der POINT OF mitgeflogen, als nach der Invasion der Giants medizinisches Personal von Hope zur Erde zurückgebracht werden mußte. Und den Vergleich Dhark/Gipsy hielt Dan einfach nur für eine Frechheit. Er gestand Arc Doorn zu, ungeduldig zu sein, aber es gab auch Grenzen, und die hatte der Sibirier für seine Begriffe jetzt überschritten. Aber dann entsann Dan sich, kurz vorher auch nicht gerade höflich mit Doorn umgegangen zu sein; überhaupt mit einigen Leuten aus der Crew nicht. Also schluckte er die Vorwürfe und ließ Arc Doorn in Ruhe. Der würde sich schon wieder beruhigen, und dann waren sie sich gegenseitig nichts mehr schuldig. Hoffte Dan Riker. * Die Medo-Station der POINT OF war kaum wiederzuerkennen. Mediziner und Biologen aus beiden Raumern hatten sich eingefunden und ihre Ausrüstung aufgebaut. Mitten in diesem technischen Tohuwabohu lag, von Strahlfesseln gehalten, der Schattenkrieger auf einem Untersuchungstisch. Über ihm blitzten unzählige Instrumente und Apparaturen. Unwillkürlich fühlte Ren Dhark sich an ein
lange zurückliegendes Erlebnis auf dem 9. Planeten des ColSystems erinnert. Damals, nur kurz nach der Landung des Kolonistenraumers GALAXIS auf Hope, waren sie auf Planet 9 von den Amphis gehetzt worden. Dan, Ralf Larsen, Ren und noch einige andere Kameraden waren in Gefangenschaft geraten, und die Amphis hatten versucht, die ihnen fremde Lebensform Terraner zu sezieren. Wobei es sie nicht im geringsten gestört hatte, daß diese Terraner noch lebten... Damals hatte Ren auf dem Seziertisch der Amphi-Mediziner gelegen und über sich eine Vielzahl blitzender, tödlicher Instrumente gesehen. Wie mochte sich nun dieser Schattenkrieger fühlen, wenn er erwachte und sich umsah...? Für das Erwachen hatte Manu Tschobe immerhin vorgesorgt. Das nach wie vor nur verschwommen und schattenhaft erkennbare Wesen war nicht nur durch Strahlfesseln gesichert, sondern notfalls ließ sich auch noch ein Energieschirm projizieren. Ferner standen drei Kampfroboter in Bereitschaft, und zwei Cyborgs hatten von Tschobe den Auftrag erhalten, den Grako keine Sekunde aus den Augen zu lassen. Wurden sie nicht mit ihm fertig, kamen die Robs zum Einsatz. Im Hintergrund bauten Physiker ihre Apparaturen auf, um den Unsichtbaren auf die Schliche zu kommen, und gerieten darüber prompt in Streit mit den Exobiologen, die sich von dem Instrumentarium beeinträchtigt fühlten. Dhark erkannte Rani Atawa, die zierlich wirkende Inderin, die vehement auf zwei Physiker einredete. Ren hatte nicht einmal gewußt, daß die Exobiologin sich bei diesem Flug an Bord der POINT OF befand. Sie gehörte zu der kleinen Gruppe, die seinerzeit nach der Landung der GALAXIS auf Hope von dem Diktator Rocco zusammen mit Dhark, Tschobe und anderen zum Inselkontinenten Deluge deportiert worden war, weil Rocco in ihnen allen politische Unruhestifter sah, die seinen
Machtanspruch gefährden konnten; schlußendlich hatte er sich mit der Deportation seiner politischen Gegenspieler keinen Gefallen getan, weil die im Industriedom von Deluge auf die technischen Hinterlassenschaften der Mysterious stießen... Aber irgendwie hatte man sich später teilweise aus den Augen verloren – und traf sich von Zeit zu Zeit auf diversen Missionen wieder. Zuletzt war Atawa bei der Aktion gegen die G’Loorn mit von der Partie gewesen, sogar in »vorderster Front«. Auch der Kontinuumsexperte H. C. Vandekamp, ebenfalls ein »Hope-Veteran«, wenngleich er nicht zu den Deportierten gehört hatte, war diesmal mit an Bord. Er griff in den Streit zwischen Rani Atawa und den Physikern ein und versuchte, die Wogen zu glätten. Unwillkürlich schmunzelte Dhark; die bisweilen etwas hölzerne Art Vandekamps war hier nicht unbedingt opportun. Aber mochten sie sich alle die Köpfe heißreden... Der Commander der Planeten trat an den Untersuchungstisch heran, auf dem der Schattenkrieger lag. Einer der Cyborgs wollte einschreiten, verharrte dann aber, als Dhark ihm einen scharfen Blick zuwarf. Manu Tschobe trat zu ihm. »Es gibt Leute, die behaupten, wir hätten es mit Robotern zu tun«, sagte er. Dhark sah ihn an, aber Tschobe verzog keine Miene. Ren wußte, daß der Afrikaner einst von Anfang an behauptet hatte, die Giants seien Roboter, was ihm damals niemand glauben wollte und was ihm deshalb eine Menge Anfeindungen eingebracht hatte. Speziell weil kein Mensch sich vorstellen konnte – oder sich auch nur vorstellen wollte – daß Roboter telepathische oder gar hypnotische Fähigkeiten entwickelten, aber dann hatten die Giants sich tatsächlich als biologische Roboter entpuppt – eine Entwicklung der Mysterious, die sich irgendwann selbständig gemacht hatte.
»Was glauben Sie, Manu?« fragte Dhark. »Das selbe, was die Leute glauben?« Der Mann, der eine Doppelausbildung als Arzt und Funkspezialist hinter sich hatte, schüttelte den Kopf. »In diesem Fall wage ich keine Prognose, Ren, aber so wie diese Schattenkrieger explodieren, wenn sie sterben, erinnern sie mich an die Giants mit ihrem Sprengsatz im Gehirn, der wie eine Atombombe wirkt und uns damals beinahe alle umgebracht hätte...« Er sah zu seinen Kollegen Maitskill und Hanfstik hinüber. Damals, bei der Untersuchung jenes Giants, war auch noch Anonga dabeigewesen, aber der befand sich diesmal nicht an Bord, weil er irgendwo in der Galaxis seinen wohlverdienten Urlaub verbrachte. Alle drei hatten gewarnt, aber Tschobe hatte die Untersuchung des von Ren Dhark gefangengenommenen Giants durchgesetzt. »Wollen Sie jetzt schon wieder einen Fremden in der MedoStation explodieren lassen?« fragte Dhark gespielt harmlos, aber am Funkeln seiner Augen erkannte Tschobe, wie das gemeint war. »Diesmal haben wir vorgesorgt«, sagte er. Er blieb ernst, ging auf Dharks Humor nicht ein. Aber er zeigte auch nicht, ob er sich vielleicht getroffen fühlte. »Wir warten jetzt noch darauf, was Grappa uns erzählen kann«, fuhr er nach einer Weile fort. »Inwiefern?« fragte Dhark stirnrunzelnd. »Der gute Junge arbeitet daran, unseren stummen Freund hier exakt zu analysieren. Was glauben Sie, Ren, welche Funktion diese Dinger hier haben? Den verdammten Grako damit aufschneiden wollen wir bestimmt nicht.« Dabei deutete er auf die Instrumente, die über der schattenhaften Erscheinung schwebten. »Und welche Funktion haben diese Dinger hier nun?« hakte
Dhark sarkastisch nach. »Das sind Grappas Augen und Ohren«, verriet Tschobe. »Wenn er fertig ist, kommen wir an die Reihe.« »Oder auch noch nicht«, warf Vandekamp ein, der hinzugetreten war. »Vielleicht habe dann erst einmal ich zu tun. Dieses Schirmfeld, das den Grako einhüllt, könnte hyperdimensional sein, und um es zu öffnen, bedarf es...« Rani Atawa schob sich an seine Seite. »Sie gehen alle sehr leichtfertig mit dem Begriff ›Grako‹ um«, stellte sie fest. »Was, wenn diese Annahme völlig falsch ist und wir es nicht mit den sogenannten Grakos zu tun haben, sondern mit einer völlig anderen Entität?« »Von den Utaren wissen wir, daß die Grakos die Geißel der Galaxis sind«, erwiderte der Kontinuumsexperte. »Und? Haben die Utaren jemals einen Grako von Angesicht zu Angesicht gesehen?« fuhr die Inderin ihn an. »Dhark, korrigieren Sie mich, wenn ich falsch liege, aber halten die Utaren nicht sogar die Mysterious für die Grakos?« »Wie viele andere Völker das auch tun«, gestand Ren unbehaglich ein. Die Mysterious, die Schöpfer der phänomenalen Technik, der die POINT OF entstammte, gehörten zu seinem großen Traum, und jeder Versuch, sie von ihrem Denkmalsockel zu stoßen, schmerzte ihn. Als die Salter ihnen vorschwindelten, die letzten Mysterious zu sein, und ihnen die Shirs mit ihren ungeheuren hypnotischen Kräften dabei halfen, hatte er aufgeatmet und war glücklich gewesen, endlich am Ende seiner Suche zu sein, aber dann hatte der sterbende Olan ihm mit seinem Geständnis, daß die Salter nie mit den Mysterious identisch gewesen waren, den schlimmsten Schock überhaupt versetzt. Wer aber waren die Mysterious dann? Doch die Grakos? Diese unmenschlichen Ungeheuer, die keine Achtung vor dem Leben zu haben schienen? Die radikal alles vernichteten,
was ihnen vor die Waffen kam? Tino Grappa betrat die Medo-Station. Sein Auftauchen unterbrach jede Unterhaltung und jeden Streit. »Wollte das Ungeheuer auch mal mit eigenen Augen sehen«, bekannte er und versuchte damit zu entschuldigen, daß er seinen Platz hinter den Ortungen verlassen hatte, wo sein Kollege Yell jetzt allein ausharrte und den Weltraum um Planet 4 und sein System überwachte. Der junge Mailänder schüttelte den Kopf, als er den Schattenkrieger sah – oder besser, die sehr verschwommenen Umrisse, die ständig den Eindruck erweckten, einer Illusion zu erliegen, einer Fata Morgana, die bei der nächsten Bewegung verschwinden mußte. »Wir können ihn nicht richtig sehen, weil er von einem Hyperraumfeld umgeben ist«, sagte Grappa leise. Vandekamp runzelte die Stirn. »Was soll das heißen, Leutnant?« Der zuckte zusammen, weil er es an Bord der POINT OF nicht gewohnt war, mit seinem Dienstrang angesprochen zu werden. Im Flaggschiff der Terranischen Flotte herrschte ein recht lockerer Umgangston, und keiner der POINT OFBesatzung trug an seiner Uniform Rangabzeichen, dafür aber mit Stolz das Ringsymbol, das jeden von ihnen auszeichnete, zu dieser Mannschaft zu gehören. Nur das zählte, und selbst Männer wie Colonel Janos Szardak, früher 2. Offizier des Ringraumers, verzichteten auf ihr Lametta, wenn sie sich wieder einmal in der POINT OF aufhielten. Dabei kommandierten Szardak und Larsen längst nicht mehr nur »eigene« Raumschiffe, sondern ganze Geschwader von SKreuzern. »Die exakten Daten können Sie hier abrufen«, wies Grappa auf ein Terminal in der Nähe. »Vielleicht können Sie mehr damit anfangen als ich. Kurz zusammengefaßt sieht es so aus, daß wir den Grako nur deshalb nicht sehen können, weil er von einer Hyperraumschicht umgeben ist.«
Tschobe verzog das Gesicht. Dhark runzelte die Stirn. »Hyperraumschicht? Was meinen Sie damit, Tino?« »Bisher sind wir davon ausgegangen, daß das da ein Schutzschirm ist, oder? Vielleicht sogar ein Unsichtbarkeitsschirm, wie wir ihn von den Nogk kennen. Und das umgibt unseren Grako ebenso wie sein Schiff und seine Kampfstation. Richtig?« Der Ortungsoffizier deutete auf das nur verwaschen wahrnehmbare Etwas, das zwar körperlich vorhanden, aber kaum zu sehen war. Dhark nickte. »Und genau da hakt es«, behauptete Grappa. »Meine Instrumente, die diesen Burschen analysiert haben, besagen, daß diese Unsichtbarkeit nur eine filmdünne Hülle ist, unter der sich der eigentliche Grako befindet, oder auch sein eigentliches Raumschiff. Diese Hülle umfließt alles bis ins winzigste Detail. Es würde auch bei uns wie eine zweite Haut anliegen und sogar unsere Nasenlöcher ausformen.« »Hm«, machte Tschobe. »Sind Sie sicher, daß in diesem Fall der Begriff ›Analyse‹ nicht eher von ›anal‹ abgeleitet ist – alles für’n Arsch...?« »So drastisch kann man es natürlich auch formulieren«, erwiderte der Mailänder, ohne sich beleidigt zu fühlen. »Aber diese Analphase können Sie getrost vernachlässigen. Was meine Ortungen sagen, stimmt! Und diese Hilfsmittelchen«, er wies auf einen Teil der Instrumentensammlung über dem Schattenkrieger, »sind sehr verläßlich.« »Faszinierend«, bemerkte Vandekamp. »Wenn ich Sie richtig verstehe, Leutnant Grappa, hat dieses Hüllfeld, um es mal so zu bezeichnen, Hyperraumcharakter, ohne dabei einem Intervallfeld zu ähneln?« »Richtig, denn es grenzt sich auch nach innen ab. Der Grako, der sich innerhalb dieses Feldes befindet, hielte sich damit wieder im Normalkontinuum auf. Aber ob die Innenseite des Hüllfeldes die gleiche Struktur besitzt wie die uns
zugewandte äußere, kann ich nicht mit Gewißheit sagen.« Dhark und Tschobe sahen sich an. Der Mediziner und Funker zuckte mit den Schultern. Dhark fragte sich, welche Mühe es Grappa gekostet hatte, diese Details in solch kurzer Zeit zu erarbeiten, auch wenn ihm dafür die Supertechnik der Mysterious zur Verfügung stand. Immerhin mußte er erst einmal austüfteln, welche Instrumente er einsetzen konnte. »Tino«, fragte Tschobe vorsichtig an. »Sie konnten also mit Ihrer Ortung durch das Hüllfeld blicken? Konnten Sie auch schon Details über den Grako selbst erfassen?« »Bin ich ein Zauberer?« Der Mailänder lächelte. »Dazu reichen meine Fähigkeiten und Möglichkeiten nun doch nicht aus. Das ist Ihr Job, Manu. Wenn wir wissen wollen, wie der Grako aussieht, werden wir das Feld knacken müssen. Ich schätze mal, Ihr Skalpell wird sonst abbrechen.« Tschobe räusperte sich. Im Hintergrund warf Dr. Maitskill dem Ortungsspezialisten einen Mörderblick zu. »Skalpell!« knurrte er. »Was glauben Sie, was wir sind, Grappa? Metzger?« Grappas Lächeln wurde zum Grinsen. »Ich möchte mich da lieber nicht so genau festlegen, Doc!« »Na warte...« brummte Maitskill. »Kommen Sie mir erst mal unters Messer, dann reden wir noch einmal über diese Sache!« »Sagte ich’s nicht?« grinste Grappa. »Diese Medizinmänner denken immer nur ans Schneiden und Schnippeln. Mister Vandekamp, können Sie mir mal ein wenig unter die Arme greifen mit Ihrem Fachwissen? Dann finden wir vielleicht eine Möglichkeit, dieses Hyperraumfeld zu knacken, ohne den armen Grako in die Luft zu sprengen.« »Darum möchten wir aber auch dringend bitten!« verlangte Maitskill. »So ein Fiasko wie damals, als uns der Giant unter dem Organdetektor explodierte, möchte ich nicht noch einmal erleben!«
Dabei warf er Tschobe einen anzüglichen Blick zu. Ohne dessen Drängen, einen der All-Hüter eingehend zu untersuchen, wäre seinerzeit die Explosion nicht erfolgt, die Tschobe und dessen Kollegen Maitskill, Hanfstik und Anonga um ein Haar das Leben gekostet hätte. Vandekamp folgte Grappa zum Terminal, wo der Mailänder die überspielten Daten abrief und eine Direktverbindung zum Checkmaster schaltete. Vor ihnen lag eine Menge Arbeit... * Die Medo-Station der POINT OF war zum Tummelplatz der Hyperphysiker beider Raumschiffe geworden. H. C. Vandekamp ließ eine Apparatur konstruieren, die außer ihm und zwei anderen Experten niemand so richtig verstand. Zugleich äußerte Vandekamp die Vermutung, die bei der Zerstörung des Schattenraumers aufgetretenen Hyperraumeffekte hätten etwas mit dem Hüllfeld zu tun, das nicht nur diesen einzelnen Grako, sondern natürlich auch die Schattenraumer und sicher auch, in wesentlich stärkerer und perfekterer Form, die Riesenstationen umgab und sie selbst für die Ortungen der Ringraumer unsichtbar werden ließ. »Daß die Schattenkrieger selbst und ihre Raumschiffe immerhin noch andeutungsweise erkennbar bleiben, liegt möglicherweise an der verfügbaren Energie«, mutmaßte Vandekamp. »Die Stationen verfügen über ein erheblich größeres Potential und können damit erreichen, was kleinere Einheiten mangels Masse nicht schaffen.« »Ich stelle mir ohnehin vor, daß diese Hyperraumfelder gewaltige Energiefresser sind. Immerhin muß das Kraftfeld, das de nature in ein höherdimensionales Raum-Zeit-Gefüge gehört, ja in diesem eingeschränkten Bereich gehalten werden. Versuchen Sie mal, einen Schwamm, also ein
dreidimensionales Gebilde, so platt zu pressen, daß er einem zweidimensionalen Blatt Papier gleicht, ohne dabei seine Dreidimensionalität zu verlieren«, schlug der breitschultrige Professor Gerd Dongen vor, dem man seine annähernd 60 Lebensjahre nicht ansah. Jemand aus dem Team der FO-XXIX protestierte. »Dieser Vergleich hinkt doch, Kollege. Sie reden von Flachpressen, wo doch eine Umformung stattfinden müßte und...« »Wir können jetzt anfangen«, unterbrach Vandekamp den beginnenden Streit. Die beiden Cyborgs und die Kampfroboter waren bereit, sofort einzugreifen, falls es zu einer Katastrophe kommen sollte. Sie befanden sich innerhalb eines energetischen Prallfeldes, das um den Grako herum errichtet worden war und die beobachtenden Wissenschaftler und Mediziner schützen sollte. »Neutralisationsfeld ein...!« Zunächst war nichts zu bemerken. Kein lauteres Summen von Geräten, keine Lichteffekte. Aber dann begann das Hyperraumfeld, das den Schattenkrieger zu einem nur verwaschen erkennbaren Etwas machte, sich zu verdunkeln. Aber immer noch zeigte er seine wahre Gestalt nicht, die ebenso humanoid wie vollständig fremd sein konnte. »Was passiert?« fragte Ren Dhark leise. Vandekamp sah an ihm vorbei zu dem Fremden, während er antwortete: »Wir haben ein Neutralisationsfeld geschaffen, das diese Hyperraumenergie gewissermaßen absaugt. Mit etwas Glück finden wir gleich auf Anhieb den Projektor, mit dem der Grako dieses Feld erzeugt, und können ihn ihm wegnehmen. Da, passen Sie auf, Dhark – gleich müßte er sichtbar werden!« Gespannt starrten die Menschen auf das unheimliche Wesen, das langsam klare Formen annahm. Noch dunkler, fast schon schwarz war das Hyperfeld geworden, um sich dabei allmählich zu verändern.
Dhark hielt den Atem an. Waren die Grakos wirklich die Goldenen Menschen der Mysterious? Gleich mußte es sich zeigen! Wie lange brauchte das Neutralisationsfeld noch? Da zeigte der Unheimliche Konturen! Er wurde sichtbar! »Das – das ist unfaßbar!« stieß Ren Dhark hervor, den das Entsetzen packte. Vor ihnen auf dem Untersuchungstisch lag – ein G’Loorn! * Die Ähnlichkeit mit einem G’Loorn war wirklich verblüffend! Das Wesen, das jetzt ungetarnt vor den Menschen lag und ihnen sein Aussehen preisgab, sah aus wie eine etwa 1,80 m große Gottesanbeterin. Das einzige, was das Rieseninsekt auf den zweiten Blick von den Fremden aus der ehemaligen Quiet Zone im Zentrum der Galaxis unterschied, war die geringere Körpergröße und das Fehlen der pflanzlichen Komponenten. Das waren die Grakos? Insektenwesen? Plötzlich zweifelte Ren Dhark wieder. Zu sehr hatte sich das Bild des Goldenen Menschen längst in ihm festgesetzt, und zu gut hatte er vor ein paar Jahren die G’Loorn kennengelernt. Es paßte zusammen und paßte doch nicht! Die seelenfressenden G’Loorn, die ihr Hilfsvolk aussandten, um lebende Beute zusammenzutragen, ihre mörderische Kampfeswut, ihre kompromißlose Brutalität, die einem geradezu abstrusen Weltbild entstammte... waren sie tatsächlich identisch? Oder handelte es sich hier nur um eine starke Ähnlichkeit, wie die kleinen Utaren den großen Terranern glichen, von Details wie Augenpartie oder Zahl der Finger einmal
abgesehen? Einer der beiden Cyborgs trat zu dem kleinen G’Loorn und tastete den Körper und die heuschreckenartigen Gliedmaßen ab. Dann trat er wieder zurück und schüttelte den Kopf. »Kein Projektor für das Hyperfeld«, erklärte er. »Keine Waffen.« »Kein Projektor?« staunte Dongen. »Ja, zum Teufel, wie erzeugt er das Feld denn dann?« Es blieb ein Rätsel. »Wir werden es herausfinden!« behauptete Manu Tschobe. »So lange sollte das Neutralisationsfeld erhalten bleiben. Besteht keine Gefahr, den Grako zu berühren?« »Keine Gefahr«, erklärte der Cyborg. »Wie lange kann das Neutralisationsfeld arbeiten?« wollte Dr. Hanfstik von Vandekamp wissen. »So lange, bis wir es abschalten«, erwiderte der. »Für die Technik kein Problem, falls Sie Energieversorgung oder Überhitzungseffekte meinen.« »Dann los!« verlangte Tschobe. »Ab sofort gehört die Medo-Station wieder uns Medizinern...« Die Anspielung war deutlich. Für Hyperphysiker und Kontinuumsforscher gab es hier nichts mehr zu tun. Sie hatten ihre Arbeit abgeschlossen. Jetzt waren Mediziner und Biologen an der Reihe. Ren Dhark verließ die Medo-Station als erster. »Halten Sie uns auf dem Laufenden, Herrschaften«, verlangte er. Aber die Ärzte waren bereits beschäftigt. Im Hinausgehen vernahm Dhark Tschobes Aufforderung: »Maitskill, Organdetektor bereitmachen«, und gleich darauf Maitskills wütenden Protest: »Aber nein, Kollege Tschobe! Damit haben wir seinerzeit den Giant explodieren lassen! Wenn Sie unbedingt den Organdetektor einsetzen wollen, machen Sie das gefälligst selbst, aber ich werde dann nicht in der Medo anwesend sein...«
Nach all den Jahren steckte ihm jenes Erlebnis immer noch traumatisch in den Knochen. Und Ren konnte es ihm nicht einmal verdenken. * Einige Stunden später tauchte ein S-Kreuzergeschwader über Planet 4 auf. Die Störungen im galaktischen Magnetfeld hatten endlich wieder nachgelassen, und die POINT OF hatte Hilfe angefordert. Die nie mehr flugfähige FO-XXIX sollte geborgen werden, um ihre Spezialausstattung in einer terranischen Werft auszubauen und für ein anderes Schiff bereitzuhalten. Außerdem sollte die Stelle untersucht werden, an welcher der Schattenraumer explodiert war. Dafür wollte Ren Dhark sich keine Zeit nehmen. Ihn zog es nach Reet ins Corr-System, zu den Nogk. Der Aufenthalt auf diesem Dschungelplaneten war ohnehin nicht vorgesehen gewesen. Also konnten die Ringraumer die Untersuchung durchführen und die FO-XXIX im Intervallfeldschlepp nach Terra schaffen. Daß Janos Szardak das Kommando über die Ringraumerflotte hatte, war Zufall, und der alte Haudegen ließ es sich nicht nehmen, an Bord der POINT OF zu kommen. »Sie haben tatsächlich einen Grako gefangen, Dhark?« stieß er überrascht hervor. »Das bringt auch nur einer wie Sie fertig... kann ich diesen Burschen sehen? Ich möchte mir mein eigenes Bild von dieser Mörderrasse machen, die Huxley, Clark und auch meinem Flottenverband schon so viel Ärger und Verluste bereitet hat!« »Kommen sie, Janos«, bat Dhark und ging voraus zur Medo-Station. Dort erwartete sie eine Überraschung. »Was stinkt denn hier so furchtbar?« stieß Szardak hervor. Tschobe sah auf. »Der da!« erklärte er und wies auf den
Schattenkrieger. Mit dem Wesen ging eine unheimliche Veränderung vor. »Er verfault bei lebendigem Leib«, erklärte Tschobe. »Und wir wissen nicht, warum. Er entwickelt überall Geschwüre und Tumore. Wir wissen nicht genug über seinen Metabolismus, um ihn medikamentös behandeln zu können. Wir stehen erst am Anfang unserer Untersuchungen und wissen noch nicht einmal, ob das, was wir für Blut halten, wirklich Blut ist oder vielleicht etwas ganz anderes.« »Das einzige, was wir definitiv wissen, ist, daß sein genetischer Aufbau sich von dem der G’Loorn stark unterscheidet«, fügte Maitskill hinzu. »Zumindest nach allem, was wir über die G’Loorn wissen. Aber das ist auch nicht gerade viel.« »Geschwüre?« murmelte Szardak. »Auf einer Chitinhaut?« Er war dicht an das Insektenwesen herangetreten; einer der Cyborgs war bereit, sofort einzugreifen, falls der Fremde überraschend aus seiner permanenten Bewußtlosigkeit erwachte. Aber nichts dergleichen geschah. Szardak nahm eines der bereitliegenden Instrumente und berührte eine der schwärenden Zellblasen. Sie platzte auf und verstärkte den Gestank, dessen die Klimaanlage der Medo-Station längst nicht mehr Herr wurde. Szardak sah, daß darunter ein Loch in der Chitinhaut des Schattenkriegers war, unter dem es seltsam brodelte wie hunderte winziger Maden, die sich durch rohes Hackfleisch wühlten... Szardak wich zurück. »Himmel, bin ich froh, daß ich kein Mediziner geworden bin!« Er kämpfte mit einem heftigen Brechreiz. Etwas raschelte und knirschte. Plötzlich brach eines der Heuschreckenbeine einfach ab. Eine schleimige Substanz sickerte heraus und rann, klebrige Fäden ziehend, über den Untersuchungstisch und über die Kante hinab. Die Chitinhülle des Beines zerbröckelte dabei.
Ren Dhark schüttelte den Kopf und verließ die MedoStation wieder. Er wollte nicht noch mehr sehen, um nicht später davon Alpträume zu bekommen. Szardak und Tschobe folgten ihm nach draußen auf den Gang. »Der Zerfall schreitet von Minute zu Minute rapider fort«, sagte der dunkelhäutige Mediziner. »Ich denke, in spätestens einer Stunde ist nichts mehr von dem Wesen übrig. Ich frage mich, ob das etwas mit diesem Hyperraumfeld zu tun hat. Da wir auch im Körperinneren nichts fanden, was wir eindeutig als Projektor identifizieren konnten, gehe ich davon aus, daß eines der Organe dieser Kreatur dafür verantwortlich ist. Vielleicht hat das auch das Sterben ausgelöst, diesen seltsamen Auflösungsprozeß. Menschen verfaulen erst nach ihrem Tod, dieses Wesen schon vorher. Sein Glück, daß es nicht mehr zu Bewußtsein kommen wird. Wobei ich mich frage, ob die Schockerdosis wirklich so enorm war, daß sie bis jetzt anhält.« »Vielleicht will der Bursche auch sterben, um uns nichts verraten zu können«, überlegte Szardak. Manu Tschobe sah an ihm vorbei. »Wissen Sie, was ich von diesem Wesen richtig nett finde?« Dhark und Szardak sahen ihn fragend an. »Daß er nicht explodiert wie alle seine Artgenossen, als die starben. – Vielleicht hängt auch das mit dem Fehlen des Hyperraumfeldes zusammen. Verdammt, diese Grakos geben uns noch viel mehr Rätsel auf als die Mysterious! Als ob wir mit denen nicht schon genug am Hals hätten...« * Wenige Stunden später verließ die POINT OF den vierten Planeten des namenlosen Systems wieder. Janos Szardak war an Bord geblieben und hatte das Kommando über seine SKreuzergruppe seinem Stellvertreter übergeben. Dan Riker als
Chef der Terranischen Flotte hatte diese Aktion offiziell abgesegnet. Damit würde sich auch Marschall Bulton auf Terra abfinden müssen, der solche Überraschungen von Colonel Szardak zwar kannte, aber nicht sonderlich schätzte und schon mehrfach von einem selbstinszenierten Wanderzirkus gesprochen hatte. Aber Janos Szardak war auch mit den Nogk vertraut; er gehörte neben Colonel Huxley und seiner FO-I-Crew, Dhark selbst und dem Prospektorenehepaar Art und Jane Hooker zu den allerersten Menschen, die in Kontakt mit diesem eigentümlichen Volk getreten waren. Deshalb war es Ren Dhark durchaus angenehm, den alten Weggefährten mit dabeizuhaben, als der lange Flug zum Corr-System endlich begann...
4. Rund 300.000 Lichtjahre vom Halo der Galaxis entfernt, existierte in der Leere zwischen den Milchstraßen eine Insel des Lebens. Ringsum wartete der Tod. Das Exspect, jene Zone, die zu einer bislang unüberwindlichen Barriere auf dem Weg nach Andromeda geworden war. Je größer die Entfernung zur Galaxis, desto geringer wurde deren Spannungsfeld und um so höher der Energieaufwand, um Transitionen durchführen zu können. Berechnungen wurden zum Lotteriespiel; weder Entfernungen noch der stetig steigende Energieverbrauch ließen sich eindeutig bestimmen, und es konnte geschehen, daß schon nach einem relativ kurzen Raumsprung die Energiereserven eines Schiffes leergesogen wurden. Es hätte nicht viel gefehlt, und die Nogk hätten ihre Flucht vor den Magnetstürmen in der Galaxis nicht überlebt. Nur durch Zufall hatten sie die Sonne Corr mitten im Leerraum entdeckt, die ihr eigenes Spannungsfeld aufbaute. Eine Transition aus dem Exspect heraus in das Corr-System verlief zufriedenstellend und berechenbar, wie auch auf dem Weg zurück in die Galaxis. Lediglich der Kurs in Richtung des intergalaktischen Leerraums war wirklich gefährlich. Es kostete eine Menge Energie, in wenigen weitgespannten Transitionen weit genug hinaus ins Exspect und nahe genug an das Corr-System zu gelangen, um die verbleibende Distanz mit einer einzigen Transition überwinden zu können. Im Jahr 2057 war das Corr-System zur neuen Heimat der Nogk geworden. Der Name Corr bedeutete übersetzt Lebensspenderin. Es handelte sich um einen Roten Überriesen der M-Klasse, ähnlich Beteigeuze im Orion. Der Durchmesser des Sterns betrug knapp 400 Millionen Kilometer, aber die
Dichte war relativ gering, deshalb verfügte Corr nur über die 8.000- bis 9.000fache Leuchtkraft von Sol. 15 Planeten umliefen die nach Sternzeit gerechnet noch sehr junge Sonne, und auf Reet, der sechsten Welt, hatten sich die Nogk angesiedelt. Möglichkeiten für organisches Leben gab es auf den Planeten fünf bis zehn. Der siebte Planet, Kraat – was soviel wie »Herberge« bedeutete – war seines etwas kühleren Klimas wegen zum Gastplaneten für Terraner ausgewählt worden. Der neunte Planet war eine Wasserwelt mit Algenplantagen, die die Nahrung für die Nogk lieferten. Diese bevorzugten allerdings das für terranische Begriffe recht extreme Klima ihrer neuen Heimat Reet, eines heißen, trockenen Wüstenplaneten, bedeckt von hellbraunem Sand. Reet war eine erstaunlich flache, ebene Welt, die kaum Berge kannte. In den Polregionen gab es kleine Meere und dichte Dschungel; dort tobten häufig Gewitter von geradezu unvorstellbarer Stärke. Eine ständige Bedrohung in den heißen Trockenregionen des Planeten stellten die urplötzlich aufkommenden, unglaublich heftigen Sandstürme dar. Das erzwang eine besondere Form des Wohnens. Die Nogk lebten in bis zu 5 km durchmessenden Pyramidenstädten von 400 bis knapp 1.000 Metern Höhe. Sie bestanden aus schimmerndem, glasartigem Material. Im Innern zogen sich die Wohnebenen um eine lichte Halle hin, die sich vom Boden bis fast unter die Spitze der Pyramide nach oben erstreckte und die äußere Form des Gebäudes hier im Inneren wieder aufnahm. Viele der Wände waren transparent wie grünliches Glas. Nachts strahlten sie ein phosphoreszierendes Leuchten aus. Aus dem gleichen, seltsam faszinierenden Material bestand die kleine Siedlung, welche die Nogk mit der für sie typischen, manchmal unheimlich erscheinenden Geschwindigkeit für ihre terranischen Freunde errichtet hatten. Aber bei der Architektur richteten sie sich nach den Wohnvorstellungen der Terraner; die für Menschen ungewöhnlichen Pyramidenstädte, an denen
die reetschen Sandstürme abglitten, waren hier auf Kraat nicht erforderlich. Gleich nebenan war ein kleiner Raumhafen angelegt worden, auf dem derzeit drei Raumschiffe lagen. Das entschieden größte war die CHARR. Der 500 Meter lange Ellipsenraumer war ein Geschenk der Nogk an Colonel Frederic Huxley. Sein früheres Schiff, der spindelförmige Forschungsraumer FO-I, konnte zusätzlich zu den normalen, ellipsenförmigen Beibooten in einem speziellen Großhangar im Innern des Raumers hinter einer Großschleuse aufgenommen und mitgeführt werden. Jetzt allerdings parkte die FO-I im Schatten der gigantischen CHARR. Und nur einige hundert Meter weiter funkelte der auf einer terranischen Werft vom Band gelaufene Tofirit-Ringraumer EUROPA... Im Rumpf der CHARR bildete sich eine Öffnung. Ein Beiboot glitt aus seinem Hangar hervor und schwang sich mit hellem Antriebssirren in den Himmel über der Siedlung empor. Schon bald war der Kleinraumer mit dem bloßen Auge nicht mehr zu erkennen. Colonel Frederic Huxley war auf dem Weg nach Reet. Er flog das Beiboot allein. Dank der technischen Perfektion, mit welcher die Nogk ihren Raumschiffsbau betrieben, war das kein Problem. Für den Flug zwischen den beiden Planeten benötigte Huxley nicht lange. Auch im unterlichtschnellen Bereich war das Beschleunigungsvermögen des nogkschen Antriebs enorm. Huxley brachte den Kleinraumer innerhalb kürzester Zeit fast auf Lichtgeschwindigkeit und bremste ihn vor dem Eintauchen in die Atmosphäre von Reet ebenso rasch wieder ab. Erstaunlicherweise kam es trotz der BeinaheLichtgeschwindigkeit nicht zu Dilatationseffekten. Irgendwie hatten es die Wissenschaftler der Nogk fertiggebracht, die normalerweise unumgängliche Zeitdehnung im hochrelativistischen Geschwindigkeitsbereich zu neutralisieren.
Huxley nahm Verbindung mit der Raumkontrolle auf und ließ sich zu jener Nogk-Stadt leiten, in der die neue Generation dieses Volkes heranwuchs. Dort wartete Charaua bereits auf ihn, der Herrscher des einstmals so mächtigen, aber heute durch die zahllosen Schicksalsschläge so gewaltig reduzierten Nogk-Imperiums. Längst schon betrachtete Huxley diese Geschöpfe nicht mehr als fremdartig. Sie waren entfernt humanoid. Etwa zweieinhalb Meter groß, mit sehr schlanken Körpern, die sich mit einer Schnelligkeit und Eleganz zu bewegen vermochten, die an Reptilien erinnerte. Die lederartige Haut war bräunlich und gepunktet. Was absolut fremd und abstoßend erschien, war der mächtige Libellenkopf mit den gefährlich aussehenden Beißzangen und den stets schwingenden Fühlerpaaren, die den Nogk zusätzliche Sinneswahrnehmungen ermöglichten, die Terraner sich nicht einmal vorstellen konnten. »Ich freue mich, dich zu sehen, mein Freund«, teilte Charaua sich ihm auf die semitelepathische Weise seiner Spezies mit. Huxley antwortete verbal; sein TranslatorImplantat erleichterte die Verständigung zwischen den beiden so ungleichen Wesen und formte Huxleys Worte gleich in die mentale Bildersprache der Nogk um. »Ich bin deiner Einladung sehr gern gefolgt«, sagte er. »Gibt es einen bestimmten Grund, aus dem ich ausgerechnet hierher kommen sollte?« Charaua bejahte. »Es geht um Tantal«, gestand er. »Es könnte sein, daß er zu einem unlösbaren Problem für unser Imperium wird.« »Du willst, daß ich mit ihm rede«, erriet Huxley. »Du glaubst, daß er eher auf mich hört als auf dich. Wir Terraner kennen das. Auch unsere Nachkommen rebellieren gern gegen ihre Eltern.« »Das ist es nicht«, erwiderte Charaua. »Du weißt, daß die Beziehungen zwischen Wesen meiner Art anders sind als bei
deiner Rasse. Rivalitäten zwischen Erzeugern und ihren Nachkommen in der Form, wie man sie mir von euch Terranern berichtet hat, gibt es bei uns nicht.« Huxley nickte. »Verzeih mir die kleine Unbesonnenheit, ich hätte daran denken müssen. Was aber ist nun das Problem?« »Begleite mich zu Tantal, und du wirst es erfahren.« * Tantal war der erste einer neuen Generation von Nogk. Seine Puppe war durch einen unglückseligen Zufall vergessen worden, als die Nogk ihre frühere Heimatwelt verließen, um mit dem Fernziel Andromeda schließlich das Corr-System im Nichts zwischen den Sterneninseln zu finden. Tantal schlüpfte erst nach dem Abzug der Nogk, und er benannte sich selbst spontan nach der Sonne, um die seine Geburtswelt kreiste, dem blaugrünen Stern Tantal. Später war er entdeckt und nach Reet gebracht worden, wo mittlerweile zahlreiche weitere Junge seiner Art geschlüpft waren – und es wurden immer mehr. Wie Tantal waren sie kleiner und zierlicher als normale Nogk, und ihre Haut war nicht braun, sondern kobaltblau und metallisch schimmernd. Und wie Tantal waren sie nicht mehr Strahlungsabhängig wie ihre Vorfahren! Das bedeutete möglicherweise, daß sie mit den in der Galaxis tobenden Magnetstürmen würden leben können. Im Gegensatz zu ihren Vorfahren, die seit Generationen vor diesem immer stärker werdenden Phänomen fliehen mußten und darüber längst schon vergessen hatten, wo ihr ursprüngliches Heimatsystem einst gelegen hatte. Huxley entsann sich, daß Charaua einmal von einer anderen Galaxis gesprochen hatte. Das erklärte auch ihren verzweifelten Mut, die Milchstraße verlassen zu wollen. Wenn sie in grauer Vorzeit schon einmal
den Sprung von einer Galaxis zur anderen gewagt hatten, warum sollten sie es dann nicht ein zweites Mal versuchen? Das konnte aber auch bedeuten, daß die verheerenden Strahlenstürme keine nur auf die Milchstraße beschränkte Erscheinung waren... Allein die Vorstellung jagte selbst einem Mann wie Frederic Huxley kalte Schauer über den Rücken. Und nun stand er in Begleitung Charauas Tantal gegenüber. In dieser speziellen Wohnstadt, die eigens auf die Bedürfnisse der blauen Nogk abgestimmt worden war, bildete Tantal, der erste Vertreter dieser neuen Art, die anderen Kobaltblauen aus. Tantals Begrüßung war von knapper Reserviertheit. Er wandte sich gleich an seinen Erzeuger. »Hast du es dir überlegt?« fragte er direkt. »Das habe ich«, erwiderte Charaua, »eingehend und ausführlich, und ich kann in deiner Argumentation nichts finden, das die Gefahr rechtfertigt, in die du unser Volk bringst.« »Eine Gefahr, die nur mich und jene betrifft, die mich begleiten werden!« widersprach Tantal scharf. »Hast du bei deiner Überlegung auch bedacht, auf welche Informationen ich zurückzugreifen vermag?« Huxley erinnerte sich an das, was er damals erfahren hatte, als Tantal nach Reet geholt wurde – der Kobaltblaue verfügte über ein unerklärliches Wissen die Vergangenheit seines Volkes betreffend. Zwar schlüpften die Nogk körperlich voll ausgebildet aus ihren Kokons und besaßen auch gleich ein umfangreiches Grundwissen, das ihnen über Mentalstrahler vermittelt wurde, während sie in ihren Puppen heranreiften. Aber Tantal besaß Kenntnisse, die ihm auf diese Weise niemals bekannt geworden sein konnten, weil sie längst nicht mehr zum Wissensschatz seines Volkes gehörten! Dazu besaß er die Fähigkeit, bestimmte Gefahren vorauszuahnen. »Das ist es nicht, was ich meine«, erwiderte Charaua nun.
»Komm zur Vernunft. Du wirst das Unheil hierherlocken.« »Darf ich vielleicht auch erfahren, wovon die Rede ist?« mischte sich Huxley ein. Tantal wandte sich ihm zu, fixierte ihn mit seinen Facettenaugen. »Ich beabsichtige, mit einer Anzahl meiner Art eine Expedition in die Milchstraße zu starten, um mehr über die Vergangenheit unseres Volkes herauszufinden. Da uns die gefährliche Strahlung keinen Schaden zufügen kann, gibt es für die Expeditionsteilnehmer auch kein Risiko. Der Herrscher unseres Imperiums will dies nicht begreifen und mir diese Expedition verbieten. Fast könnte man meinen, er fürchte das neue Wissen, die Erkenntnisse, die wir nach Reet bringen wollen.« »Das ist falsch, und du weißt es, Tantal«, rügte ihn Charaua. »Warum verweigerst du uns dann, diese Erkenntnisse zu beschaffen? Vielleicht können sie uns weiterhelfen.« »Es ist zu gefährlich«, beharrte Charaua. »Bedenke die Unsichtbaren mit ihren Riesenstationen und Schattenschiffen, die auf unserer letzten Wohnwelt die Städte vernichteten, die uns unter die Oberfläche unserer Welt zwangen! Die uns selbst auf dem Weg hierher anzugreifen versuchten, so daß unsere terranischen Freunde mit ihren schwer zu vernichtenden Ringschiffen Schutz bieten mußten! Ohne ihre Hilfe wäre uns der Exodus vielleicht niemals gelungen.« »Ja, die selbstlosen Terraner«, erwiderte Tantal, und seinen mentalen, bildhaften Impulsen war nicht zu entnehmen, ob er das so ironisch meinte, wie das Translator-Implantat es für Huxley in gesprochene Worte kleidete. Die symbolhaften Bilder der Nogk, die direkt in die Köpfe der Gesprächspartner projiziert wurden, waren auf eine gewisse Art unmißverständlich, jedoch für solche Feinheiten nicht geeignet. So kannten die Nogk weder Ironie noch Lüge – bisher. Huxley hoffte inständig, daß dies bei der neuen Generation nicht anders wurde...
»Die Schatten könnten eure Transitionen anmessen und hierher zurück verfolgen«, fuhr Charaua fort. »Bisher konnten sie nicht herausfinden, wohin wir uns zurückgezogen haben, daß wir noch existieren und nicht im Exspect zu Staub zerfielen. Noch wissen sie nichts von Corr und Reet, glauben vielleicht, daß unsere Raumflotte mit leeren Speicherbänken und ohne Besatzungen, leer und tot, durch die Dunkelheit zwischen den Galaxien dahintreibt, um einst in Milliarden von Jahren einmal eine andere Sterneninsel zu erreichen und fremden Entitäten Rätsel aufzugeben. Doch wenn sie euch aufspüren, werden sie auch den Weg hierher finden.« »Niemals, denn wir würden uns eher selbst vernichten, ehe wir...« Huxley hob die Hand und unterbrach den jungen Nogk. »Du bist unhöflich, Terraner«, tadelte ihn der Kobaltblaue. »Und du leichtsinnig, Nogk«, gab der grauhaarige Colonel zurück. »Charaua hat recht. Es ist nicht weise, zuviel Aufmerksamkeit zu erregen. Allein deswegen wird das CorrSystem auch von uns nur so selten wie eben möglich angeflogen, um keine verräterischen Strukturerschütterungen bei den Transitionen zu erzeugen! Wie du dich sicher erinnerst, Tantal, steigt der Energieverbrauch um so stärker, je tiefer ein Raumschiff ins Exspect hineinspringt, und um so stärker und leichter anmeßbar sind dabei dann die Strukturerschütterungen. Höre auf Charaua. Das Wohl eures Volkes ist sein größtes Anliegen. Und ihr Nogk braucht Sicherheit und Ruhe, vor allem jetzt, in dieser Zeit der Katastrophen! Es wird schon bald geschehen, daß der größte Teil der Nogk in die Tiefschlafphase wechseln muß; euer Lebensrhythmus ist erheblich durcheinandergebracht worden! Nichts ist mehr so wie früher. Ihr werdet für mehrere Jahre relativ hilflos sein, vielleicht nicht einmal genug Besatzungen für die Kampfraumer aufbringen können, um Reet und die Schlafenden gegen Angreifer zu verteidigen. Vergiß das nie, denn auch wenn du anders
aussiehst als das alte Volk, gehörst du doch zu den Nogk.« »Das muß mir ein Terraner sagen?« gab Tantal zurück. »Anscheinend. Denn auf einen Nogk hörst du ja nicht«, knurrte Huxley. »Ich appelliere an deinen Verstand. Verzichte auf die Expedition, zunächst wenigstens, bis zumindest die Gefahr durch die Schatten nachläßt.« »Das kann lange dauern. Die Kriege, die unser Volk einst führen mußte, dauerten Generationen.« »Diesen Krieg müßt nicht ihr führen«, erwiderte Huxley scharf. »Das erledigen wir. Und wir Terraner pflegen solche ressourcenverschlingenden Aktionen schon in ureigenstem Interesse recht zügig abzuhandeln. Wenn die Gefahr durch die Schatten beseitigt ist, magst du dein Anliegen noch einmal Charaua und dem Rat des Imperiums vortragen. Dann wird sicher in deinem Sinne entschieden werden können. Vorerst solltest du den Feind nicht hierherholen. Denn selbst wenn du ihn nicht siehst – der Feind sieht dich!« Tantal wollte etwas erwidern, aber dann wandte er sich ab und schritt davon, ließ Charaua und den Terraner einfach stehen. »Er will dich nicht verstehen«, teilte Charaua sich seinem Freund mit. »Ups«, machte Huxley. »Vielleicht sollten wir dann noch ein wenig an unserer Kommunikation arbeiten.« »Es ist ein grundsätzliches Problem«, sandte Charaua ihm seine nächsten Impulse zu. »Diese neue Generation ist ganz anders als wir alten Nogk. Aggressiver, kämpferischer.« »Hm«, wandte Huxley ein. »Als ziemlich kämpferisch habe ich deinesgleichen aber auch schon kennengelernt. Ich bin mir nicht sicher, ob da noch eine Steigerung möglich ist.« Er entsann sich, wie die Nogk mit Raumern der Giants umgegangen waren, oder an die wütende Verbissenheit bei den Auseinandersetzungen mit den Schattenstationen. Selbst mit dem Nor-ex hatten sie sich recht erfolgreich angelegt, nachdem
ihnen erst einmal klargeworden war, womit sie es zu tun hatten. »Es ist so«, gab Charaua auf seine lautlose Art zurück. Dazu ertönte ein leises Knacken und Knirschen, wie Huxley es noch nie bei einem Nogk erlebt hatte; erstaunt sah er auf und bemerkte, wie die Beißzangen des Libellenkopfes gegeneinander rieben. Charaua war zutiefst beunruhigt und – verunsichert! »Sie denken auch anders als wir«, fuhr der Nogk fort. »Manchmal, wenn ich Tantal und andere seiner Art sehe, glaube ich, daß sie eine ganz andere Rasse sind.« »Tantal ist ein jugendlicher Heißsporn. Er wird mit der Zeit ruhiger werden.« »Nein«, widersprach Charaua. »Sie sind anders als wir. Wir sterben aus, und ihnen gehört die Zukunft. Schon bald wird es keine wie uns mehr geben. Das ist etwas, das mich schmerzt, mein Freund Huxley.« Der Colonel sah den Nogk überrascht an. Er hatte Charaua noch nie so erlebt wie jetzt. Konnten Nogk unter Depressionen leiden? Ihm war, als würde Charaua sich und die seinen als eine Art »Auslaufmodell« betrachten. »Es wird euch alte Nogk noch lange geben«, erwiderte er. »Du bist selbst noch relativ jung, gehörst zu einer späten Generation. Mögen auch viele der Alten schon bald für immer von euch gehen – ihr werdet noch lange existieren. Vielleicht länger als Tantals Art. Vielleicht sind die Blauen nur eine vorübergehende Erscheinung. Eine kurzfristige Mutation, die wieder verschwindet, wenn die nächste Generation aus ihren Kokons schlüpft.« Charaua sah zum violetten Himmel empor. »Ja, vielleicht.« Dann wandte er sich ab und schritt in Richtung des Schwebers zurück, mit dem er zur Stadt der jungen Nogk gekommen war. Huxleys Armbandvipho sprach an. Lee Prewitt, sein 1. Offizier, meldete sich,
»Die Raumkontrolle unserer Freunde meldet Besuch, Sir«, teilte er mit. »Offenbar ist die POINT OF ins Corr-System gekommen.« »Die POINT OF?« echote Huxley überrascht. »Was, zum Teufel, treibt denn Dhark persönlich hierher?« * Der Ringraumer war gelandet. Ren Dhark in Begleitung von Janos Szardak, Arc Doorn, Rani Atawa, H. C. Vandekamp, dem Astrophysiker Pal Hertog und Professor Gerd Dongen wurde von Charaua und Huxley begrüßt. Nur wenig später hob die POINT OF wieder vom Landefeld ab und flog unter Dan Rikers Kommando die Nachbarwelt Kraat an, wo die Crew ein wenig ausspannen sollte. »Es gibt eine Menge Neuigkeiten«, erklärte Ren Dhark. »Für die Nogk, aber mit Sicherheit auch für Sie, Huxley, da sie schon lange nicht mehr in der Milchstraße waren. Besteht die Möglichkeit«, und nun wandte er sich explizit Charaua zu, »vor dem Rat des Imperiums sprechen zu dürfen?« Der Herrscher der Nogk bejahte. »Es kann sofort geschehen«, teilte er mit. »Ich werde den Rat unverzüglich einberufen. Wenn der Herrscher der Terraner selbst die Mühe des langen Weges auf sich nahm, um persönlich zu uns zu sprechen, müssen Dinge von ungeheurer Wichtigkeit geschehen sein. Wir wollen keine Zeit verlieren.« Huxley schmunzelte und raunte Dhark zu: »Wenn Charaua sagt, er wolle keine Zeit verlieren, wird alles wohl noch ein wenig schneller gehen als sonst!« Aber selbst er war überrascht, wie rasch der Rat zusammenkam, in dem auch Huxley als einziger Nicht-Nogk Sitz und Stimme besaß. Kaum hatte die terranische Delegation das »Regierungsgebäude« betreten, das als Pyramidenbau errichtet worden war, als der Rat sich bereits im Sitzungssaal
einfand. Huxley, der gemeinsam mit einem unter dem Namen Shirro vorgestellten Nogk »Fremdenführer« gespielt hatte, trennte sich jetzt von der Delegation und nahm seinen Platz zwischen den Ratskollegen ein. Er wirkte fremd, klein und unscheinbar inmitten der großen, überschlanken Gestalten mit den furchterregenden Libellenköpfen. Dhark sah zur Decke des großen Konferenzraums hinauf. Die Nogk hatten an alles gedacht. Da oben schwebten kleine Detektorkugeln, die in diesem Fall als Übersetzer fungierten. Ein wenig Unbehagen verspürte der Commander der Planeten bei diesem Anblick und erinnerte sich an seinen ersten Aufenthalt in einem Nogk-Schiff, damals auf Hope, als er mit Hilfe solcher Detektoren einem Verhör unterzogen werden sollte. Damals hatte er auch Charaua kennengelernt, der zu jener Zeit noch Kommandant eines Beibootes war. Auch Szardak war damals mit dabeigewesen. Er stieß Dhark an und deutete nach oben. »Nicht, daß mir diese Kugeln gefallen könnten«, murmelte er in Erinnerung an das damalige Erlebnis. Aber Ren wollte darüber jetzt nicht mehr diskutieren. Er hatte den Nogk eine Menge überraschender Eröffnungen zu machen... * Er berichtete von der Entdeckung der zweiten Galaxis auf der anderen Seite der Milchstraße und daß dieser nach einer Erzählung von Dro Cimc »Drakhon« genannte Spiralnebel schon teilweise mit der heimatlichen Galaxis kollidierte. »Wir halten es für möglich, daß diese bereits seit Jahrtausenden oder Jahrhunderttausenden stattfindende Kollision verantwortlich ist für die Störungen des galaktischen Magnetfeldes. Unsere
Meegs«, er lächelte, als er den nogkschen Begriff für Wissenschaftler verwendete, »Vandekamp, Dongen und Hertog können euch darüber nähere Details berichten, wenn ihr das wünscht.« Er fuhr fort mit der Entdeckung der Salter in Drakhon und wies auch darauf hin, daß sie trotz anfänglicher Beteuerungen doch nicht mit den Mysterious identisch gewesen waren. Allerdings wußte er sie auf entsprechende Rückfragen einiger Ratsmitglieder selbst nicht hundertprozentig einzuordnen, wohl aber die Rolle der Shirs mit ihren enormen hypnosuggestiven Kräften. Er bat die Nogk um Hilfe bei der Entwicklung einer individuellen Abschirmung, um nicht erneut von diesen ParaGiganten ausgetrickst zu werden. Denn sonst war eine erneute Expedition nach Drakhon von vornherein aussichtslos. Aber nur dort versprach Dhark sich Hinweise auf die Lösung des galaxisweiten Strahlungsproblems. Und dieses zu lösen, mußte auch im Interesse der Nogk sein. Aber noch ehe er seine Bitte vollständig vorgetragen hatte, geschah etwas, das mit einem Schlag alles veränderte... * Die POINT OF war auf Kraat gelandet, direkt neben der EUROPA, der CHARR und der FO-I. Riker erhob sich aus dem Pilotensitz und nickte Dro Cimc zu. »Feierabend«, schlug er vor. »Was halten Sie davon, Wer, sich einmal in der Umgebung umzusehen und zu staunen?« »Ich staune jetzt schon«, bekannte der Tel. »Unvorstellbar, daß diese Insektenköpfigen gerade mal etwas länger als ein Jahr hier leben sollen. Ihre Planeten sehen aus, als wären sie schon seit über einem Jahrzehnt bewohnt.« »Das Tempo, mit dem diese Wesen vorgehen, ist für uns einfach unvorstellbar«, schmunzelte Riker. »Selbst Colonel Huxley, der sie von uns allen am besten kennt, weil er schon
lange mit ihnen lebt, gestand einmal, daß sie ihn immer wieder überraschen. Dabei weiß er sie noch am ehesten einzuschätzen... Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Wunder dieser Welt.« »Waren Sie denn schon einmal hier, daß Sie sich auskennen?« zeigte der Tel sich verblüfft. »Wann denn, denn Sie waren doch, seit wir uns kennen, immer in der POINT OF unterwegs!« Riker lachte. »Sie haben recht, ich war nie hier und bin selbst neugierig. Wir...« Er verstummte. Sein Lachen gefror. Der Checkmaster gab Alarm! Gleichzeitig schrie Yell an den Ortungen auf. Riker fuhr herum. »Hyperraumortung!« schrie Yell, Tino Grappas Stellvertreter, und hatte im gleichen Moment die von seinen Instrumenten erfaßten Daten auf das Kommandopult und in die Bildkugel geschaltet. »Ihr Götter!« keuchte Dro Cimc entsetzt. »Was ist das?« Aber seine Götter blieben stumm und ließen ihn im Ungewissen. * Die Bildschirme zeigten die 300.000 Lichtjahre entfernte Milchstraße. Und sie zeigten, was auch die Hyperortungen der POINT OF erfaßt hatten – einen gigantischen Blitz, der die Milchstraße wie eine Explosionswolke zu verschlingen schien. »Checkmaster!« schrie Riker, aber ein Blick verriet ihm, daß er von diesem rätselhaften Rechengehirn der Mysterious nichts erfahren würde. Alle Kontrollen zeigten rot!
Der Checkmaster weigerte sich, Daten zur Berechnung anzunehmen! Die Menschen in der Zentrale der POINT OF waren fassungslos. Sie glaubten an eine Illusion, an einen Trick. Was sie auf den Schirmen sahen, konnte doch nur ein Film sein, nicht aber die Wirklichkeit, denn etwas, das innerhalb weniger Sekunden eine ganze Galaxis überzog, durchdrang und einhüllte, konnte es überhaupt nicht geben. Unwahrscheinlich das Tempo, mit dem dieser Superblitz heranjagte! Er verschlang nicht nur die Milchstraße, sondern raste auch in den Leerraum und damit dem Corr-System entgegen! Das Exspect mit seinem Spannungsabfall vermochte die fremde Energieform nicht aufzuhalten! »Das ist ein Alptraum«, keuchte Hen Falluta. »Das kann nicht real sein!« Aber real war der Alarm in der POINT OF, und der Checkmaster schätzte dieses unglaubliche Phänomen als Gefahr ein! Zwischen der Entdeckung des Hyperblitzes und seinem Einschlag im Corr-System blieben nur wenige Sekunden. Die Gedankensteuerung übernahm die Kontrolle über die POINT OF! Schneller als jeder Mensch reagierte sie. »Wer hat denn hier...« stöhnte Walt Brugg in der Funk-Z auf und kam nicht mehr dazu, seinen Satz zu vollenden: ... eine Funkverbindung zur EUROPA geschaltet? Die Gedankensteuerung hatte diese Verbindung hergestellt und sprach dabei direkt den Suprasensor der EUROPA an. Kommandoimpulse gingen an den Hauptrechner des TofiritSchiffes. Blitzschnell wurden die Intervallfelder aktiviert. Von einem Moment zum anderen entstanden die künstlichen MiniWelträume, durchdrangen einander, weil die Raumer zu dicht beieinander standen, hoben auch die Existenz der FO-I und
teilweise der CHARR für die Dauer ihres Bestehens auf, ohne sie dabei zu zerstören oder zu beschädigen. Sie existierten noch, aber nicht für die POINT OF und die EUROPA. Im nächsten Moment durchflammte die unglaubliche, weißglühende Energieform bereits das Corr-System. So unfaßbar schnell, daß kein Mensch in der Zentrale der POINT OF überhaupt begriff, was geschah. Und dann war bereits alles wieder vorbei. Alles! Nur das Schweigen nicht... Es dauerte an. In der POINT OF herrschte Totenstille. Aber es gab keinen Menschen mehr, der das überhaupt noch wahrnehmen konnte...
5. Ren Dhark kam zu sich. Übergangslos. Von einem Moment zum anderen. Er wußte nicht genau warum, aber er hatte das Empfinden, in einem Nessosgewand zu stecken – jenem Hemd, das der Centaur Nessos der Deianira, der Frau des antiken, griechischen Helden Herakles geschenkt hatte und das angeblich Liebeszauber enthielt. Nur – der listige Pferdemensch hatte es mit Gift beschmiert. Als Herakles es angezogen hatte, konnte er es nicht wieder abstreifen. Weshalb der Held unter unsäglichen Schmerzen starb. Doch davon war der Commander lichtjahreweit entfernt. Wieviel Zeit vergangen war, seit ihn dieser unbegreifliche weiße Blitz außer Gefecht gesetzt hatte, konnte er auch nicht sagen, da sein letzter Blick auf das Chrono schon länger zurücklag. Vielleicht eine Minute, vielleicht zehn – vielleicht aber auch viel weniger. »Heilige Galaxis«, murmelte er, »was war das denn?« Er saß zusammengesunken in seiner Sitzschale und begriff noch immer nicht genau, was da vorgefallen war. Dann straffte er sich und stand auf. Außer ihm waren nur Doorn, Szardak und Rani Atawa auf den Beinen. Die anderen, Colonel Frederic Huxley, die Astrophysiker und Kontinuumsexperten H. C. Vandekamp, Pal Hertog und Professor Gerd Dongen sowie die hochrangigen Mitglieder des nogkschen Rates lagen weiterhin auf dem Boden oder in den Sitzen über den ganzen Raum verteilt. Sie befanden sich noch immer im Versammlungssaal des Rates der Nogk, fast tausend Meter hoch über dem rechteckigen Areal aus gewaltigen Quadern, in das die
Fundamente des Pyramidenbaues eingebettet waren. Seine Blicke irrten durch den riesigen, quadratischen Raum, dessen lichtdurchlässige Wände sich nach oben hin leicht verjüngten. »Was... was war denn los?« Rani Atawa, die Exobiologin, blickte wie hilfesuchend auf den Commander. »Etwas hat uns ohnmächtig werden lassen«, antwortete Dhark, und er fügte hinzu: »Aber fragen Sie mich jetzt nicht, was. Ich kann es Ihnen nicht sagen.« »Teufel auch«, entfuhr es Doorn, »einen schnelleren Blackout habe ich noch nie erlebt!« »Blackout?« murmelte Szardak sarkastisch. »Das war wohl mehr ein Whiteout, wenn ich mich recht erinnere.« »Sie haben es also auch bemerkt, mein Freund?« fragte Dhark rauh. »Eine unerträgliche Helligkeit«, nickte Szardak. »Wie ein weißer Blitz, der aus dem Himmel kam und alles überstrahlte...« »Darf man fragen, was Sie bemerkt haben, meine Herren?« Neben ihm rappelte sich der eben zur Besinnung gekommene Frederic Huxley vom Boden auf. Der überraschten Miene des grauhaarigen Colonels sah man an, daß er selbst über alle Maßen irritiert war über diesen unerklärlichen Vorgang. H. C. Vandekamp, Professor Gerd Dongen und der Astrophysiker Pal Hertog gesellten sich zu ihnen. Sie hatten, so erinnerte sich Dhark, mit den Mitgliedern des nogkschen Rates die augenblicklich aktuelle Lage erörtert. Vordergründig hatten sich die Gespräche dabei um die neuentdeckte Galaxis Drakhon gedreht, die bereits in Teilen schon mit der Milchstraße kollidiert war, wobei Dhark und die terranischen Meegs dabei die Überzeugung vertreten hatten, daß die seit geraumer Zeit beobachteten sporadischen Schwankungen des
galaktischen Magnetfeldes unmittelbare Folgen dieser Kollision waren. Tatsächlich allerdings war Dhark trotz der zur Zeit schwierigen und unruhigen Lage auf der Erde mit seiner Delegation nach Reet gekommen, um sich von den Nogk bei der Entwicklung von Abschirmmöglichkeiten gegen die Kräfte der Shir Rat zu holen. Die Nogk mit ihren schwachen telepathischen Kräften schienen ihm dafür am besten geeignet zu sein... Hinter den Wissenschaftlern erwachten eben die Ratsmitglieder der Nogk mit Charaua an der Spitze und richteten sich aus eigener Kraft wieder auf. »Wir sprachen gerade davon, was der Auslöser für unsere Ohnmacht war – beziehungsweise gewesen sein könnte«, schränkte Dhark ein. Aber noch ehe er seine Vermutung genauer darlegen konnte, machte Huxley eine entschuldigende, abwehrende Handbewegung und eilte zu Charaua, um ihm auf die Beine zu helfen. »Charaua...« begann er mit besorgter Stimme. »Bist du in Ordnung?« Der Nogk mit der strichförmigen Narbe auf der linken Hälfte des Insektengesichtes, wandte sich dem Colonel zu. In den starren Facetten seiner Augen war keine Regung abzulesen, lediglich seine vier Fühler bewegten sich unstet. Zeichen seiner Verwirrung über die unerklärlichen Geschehnisse. Er machte eine abwehrende Bewegung mit seiner reptilienhaften Hand. »Ich bin in Ordnung«, versetzte er in seiner Bildersprache, die gleichzeitig aus einem Detektor drang und so für die anderen verständlich wurde. Ren Dhark war weder verärgert noch gekränkt über das Verhalten des Colonels. Er wußte um dessen schwierige Rolle. Diener zweier Herren! Huxley zählte zu den Ratsmitgliedern des nogkschen
Imperiums. In dieser Eigenschaft nahm er eine immens wichtige Schlüsselstellung zwischen den Libellenwesen – wie die Nogk oft völlig zu unrecht von den Menschen bezeichnet wurden, weil ihre Köpfe eine gewisse Ähnlichkeit mit denen riesiger Libellen aufwiesen – und der Erde ein. Auf Terra vertrat er die Interessen der Nogk, im Rat der Nogk die der Terraner. Ein Spagat, der nicht nur Lichtjahre überspannte, sondern den Abgrund zwischen zwei völlig verschiedenen Kulturen überbrücken mußte. Keine leichte Aufgabe, Schon gar nicht für einen Menschen. Dhark beneidete ihn nicht darum. Er registrierte nur ein wenig erstaunt die Fürsorge, die Huxley an den Tag legte. Aber seine diesbezüglichen Überlegungen wurden jäh gestört, als plötzlich ein Tohuwabohu an Geräuschen einsetzte. Aus sämtlichen Richtungen gellten Alarmsignale. Die Meegs begannen sofort mit hektischen Aktivitäten, deren Zweck den Menschen zunächst verborgen blieb. »Ach du Schreck!« rief Rani Atawa. »Was zum Teufel ist jetzt schon wieder los?« Szardak starrte wild um sich. Konsolen fuhren aus dem Boden. Sichtsphären flammten auf, die anfangs nur Statik zeigten, bis die Meegs von Hand die herausgeflogenen Schutzschaltungen wieder installierten und Verbindungen zumindest auf einem niedrigen Level zustandebrachten. Allerdings produzierten sie anfangs nur für die Terraner nicht lesbare Anzeigen und nichtidentifizierbare Datenreihen. Ren Dhark fror plötzlich, trotz der wohltemperierten Atmosphäre im Ratssaal. Eine vollkommen irrationale Regung. Er kannte Aktivitäten wie diese. Sie bedeuteten auf allen Planeten und in allen bekannten
und unbekannten Sprachen immer nur das eine: Katastrophenalarm! Ren wandte sich an Charaua. »Was ist geschehen?« fragte er eindringlich und hob seine Stimme, um die Geräuschkulisse zu übertönen. »Wie können wir helfen?« Er sah sich von den dunklen Facettenaugen des Oberhauptes der Nogk prüfend fixiert. Die leuchtendgrüne Uniform, von deren Schulterpartien golden irisierende Streifen bis zu den Handgelenken liefen, unterstrich dessen Fremdartigkeit. »Es ist gut Freunde zu haben«, drangen seine Impulse als Worte aus dem Detektor. »Freunde wie euch Terraner. Freunde wie Huxley...« Er legte dem Colonel seine Rechte auf den Unterarm. Eine vollkommen menschliche Geste, die für einen winzigen Moment vergessen machte, daß Charaua ein Nichthumanoider war. Doch dieser Eindruck verflog rasch. Charaua fuhr fort, während sich die Sinnesorgane auf seinem Kopf auf die Terraner richteten: »Aber dies hier ist eine rein technische Angelegenheit, die meine Meegs in kürzester Zeit im Griff haben werden...« Während sich die Terraner bis auf Huxley und Ren wieder auf ihren Plätzen niederließen und dankbar die Betreuung der Serviceroboter annahmen, winkte Charaua einer Gruppe gelbgekleideter Meegs, die im Hintergrund warteten. Ein einzelner Nogk näherte sich ihnen. Es handelte sich um Sriil, wie Ren Dhark erkannte. Der Meeg bekleidete in der nogkschen Hierarchie das Äquivalent eines terranischen Wissenschaftsministers. Inzwischen reduzierte sich der Lärm aus den Sichtsphären und Audiophasen auf ein erträgliches Maß. Sriil wechselte mit Charaua einige bildhafte Impulse, die weder Ren noch Huxley verstanden. Ren Dhark richtete sich auf und setzte zu einer Äußerung
an, aber der Colonel bat ihn durch eine Handbewegung, die Diskussion der beiden Nogk nicht zu unterbrechen. Mit gerunzelter Stirn kam der Commander der Bitte Huxleys nach, in der Hoffnung, bald eine Erklärung zu erhalten. Er mußte nicht lange warten. Charaua richtete seine Facettenaugen auf Ren Dhark; seine Fühler vibrierten nervös. »Entschuldige die Unhöflichkeit, Commander der Erde, dich und unser Ratsmitglied Huxley nicht gleich an unseren Überlegungen teilhaben zu lassen. Aber Sriil ist, wie ich und alle übrigen Nogk auch, auf das tiefste betroffen über jenes unerklärliche Phänomen, das die Welten unseres Systems heimgesucht hat. Laßt euch jetzt berichten...« Charaua begann seinen Bericht ohne alle Umschweife – und ohne irgendwelche Beschönigungen. Ren war von der plötzlichen Fülle gestochen scharfer Bilder überwältigt, die durch sein Bewußtsein schossen. Er sah die Städte der Nogk und erkannte, daß jedes Lebewesen auf Reet bewußtlos gewesen war. Schlimmer noch: sämtliche Energieverbraucher waren durch Kurzschlüsse lahmgelegt und mußten nun erst mühsam und zeitaufwendig von Hand wieder hochgefahren werden. Zum Glück waren die Kraftwerke durch intelligente, suprasensorische Sicherheitssysteme innerhalb einer Zeitspanne, die nur in Nanosekunden gemessen werden konnte, vom Netz getrennt worden, so daß es zu keinen nennenswerten Unfällen in diesem sensiblen Bereich kam. Ganz anders sah es jedoch im Verkehrsbereich aus: Infolge der planetenumspannenden Bewußtlosigkeit jedes Lebewesens war es zu wahren Kettenreaktionen an schrecklichen Unfällen gekommen... Je länger Charaua seine überaus präzisen Gedankenbilder in den Gehirnen der Männer in schneller Abfolge entstehen ließ, desto ernster wurden die Terraner. Als der Nogk-Regent endlich schwieg, sagte keiner der
Männer ein Wort. Schließlich durchbrach Ren Dhark das Schweigen. »Haben Eure Astronomen denn gar nichts von dem gemerkt, was dieses System heimgesucht hat?« fragte er die beiden Nogk – um dann bestürzt innezuhalten, als ihn die Ahnung überkam. Dieses System... Das würde bedeuten, daß die Katastrophe jeden Planeten im Corr-System getroffen hatte! Jede Welt. Auch Kraat! Dort machten die Besatzungen der POINT OF und der EUROPA Urlaub vom... »Ich fürchte, du hast recht«, erreichte ihn die bildhafte Antwort des Herrschers der Nogk. Seine Fühler spielten unruhig hin und her. Er bestätigte auf diese Weise Rens geheimste Befürchtungen und ließ wieder einmal deutlich werden, daß die telepathisch begabten Nogk mühelos in Lage waren, auch nicht laut geäußerte Gedanken zu erfassen. Charauas dunkle Facettenaugen richteten sich prüfend auf Ren Dhark. »Ich spüre, du bist in Sorge um den Gesundheitszustand deiner Leute auf Kraat!« »Ja«, bestätigte Ren ernst. »Ich mache mir Sorgen.« Er begann langsam in dem weitläufigen, quadratischen Raum hin und her zu wandern. Dann blieb er an einem der in die Außenwände eingelassenen raumhohen Fenster stehen, dessen leichte Neigung und Trapezform deutliche Rückschlüsse auf die Architektur des ganzen Bauwerks zuließ. Schließlich drehte er sich um. »Läßt sich eine Funkverbindung mit Kraat herstellen?« Es war Sriil, der mit einem verneinenden Kopfschütteln antwortete; eine terranische Sitte, die er adaptiert hatte. »Die erforderlichen Energien stehen noch nicht zur Verfügung«,
bedauerte er. »Es wird noch eine Weile dauern.« »Warten wir also solange...« begann Ren Dhark mit belegter Stimme. In diesem Augenblick flammte eine weit größere Sichtsphäre auf und forderte unmißverständlich die Aufmerksamkeit der humanoiden wie insektoiden Anwesenden. Die Raumhafenkontrolle... Ein Nogk in einer Art silberfarbener Uniform sah auf sie herab. Aus der Öffnung zwischen den insektenartigen Mandibeln drang ein Schrillen, das die Terraner veranlaßten, sich in einem Reflex die Ohren zuzuhalten. Aus Charauas Detektor quollen sekundenlang nur unverständliche Laute, ehe die Übersetzung griff und den uniformierten Nogk verständlich werden ließ. »... der Kapitän hat alles versucht, Regent, aber die SETER ist auf dem Raumhafen zerschellt!« drangen seine bildhaften Impulse durch den Konferenzraum. Charauas Fühler gerieten in Aufruhr; seine Hände krallten sich in sein Gewand. »Bericht!« drang es scharf aus dem Detektor. Der silberfarbene Nogk benutzte keine Worte. Für die Schilderung der Lage setzte er die Fähigkeit seines Volkes ein, einen komplizierten Sachverhalt in blitzartig ablaufenden Gedankenbildern darzulegen und weiterzugeben. Huxley hatte keine Schwierigkeiten mit der Erfassung. Charaua selbst hatte ihn die einmalige Form dieser raschen Verständigung auf Tantal gelehrt. Nur Ren Dhark hinkte ein bißchen asynchron hinterher. Die SETER war einer der neuesten Ellipsenraumer der Nogk. Gedrungener und flacher als Colonel Huxleys CHARR. Sie gehörte zu jenem neuen Typus von Schiffen, mit dem die Nogk versuchen wollten, den Leerraum zwischen dem Corr
System und der Andromeda-Galaxis zu überbrücken. Das Schiff war unmittelbar vor der Katastrophe gestartet. Als die Triebwerke und sämtliche energieerzeugenden Systeme sowie die Besatzung ausfielen, war es etwa 10 Kilometer hoch. Der kinetische Impuls reichte gerade noch für viereinhalb Sekunden, die Massen des Schiffes gegen die Schwerkraft Reets zu halten, dann stürzte es in gerader Linie zu seinem Ausgangspunkt zurück – zum Raumhafen. Es gab keine Aufzeichnung des Geschehens; kein technisches Gerät hatte noch funktioniert, ebensowenig gab es Augenzeugen des Vorfalls. Aber Ren und Huxley konnten sich auch so vorstellen, was geschehen war, was geschehen sein mußte. Zwangsläufig. Den Gesetzen der Physik folgend. Aus dem kontrollierten Aufstieg der SETER war ein unkontrollierter Sturz geworden. Die Lufthülle konnte den Fall nicht bremsen. Schlingernd und gierend bewegten sich -zigtausend Tonnen Masse zur Oberfläche des Planeten herab und schlugen mit kaum vorstellbarer Wucht auf der Landebahn ein. Den Bildern zufolge, die der Nogk inzwischen aus dem Tower des Raumhafens vermittelte, mußte die SETER mit der Hecksektion zuerst aufgeschlagen sein. Ihr Gewicht und die kinetische Energie trieben sie meterweit in den Boden, wobei sich eine Sektion über die andere stülpte. Glühende Gasmassen zuckten auf und wüteten durch die Decks. Wandungen zerbarsten, beulten sich nach außen und flogen davon. Es hatte sicher Minuten gedauert, bis die verformte Masse aus geborstenen Decks und Stützzellen zur Ruhe gekommen war. Jetzt lag nur noch ein Berg von ineinander verschachtelten
Metalltrümmern, in dem bösartige Brände glühten, an der Absturzstelle. Mit maskenhaft starren Gesichtern verfolgten Nogk und Terraner den Bericht über den Todessturz des Schiffes. Schließlich endete die bildhafte Übertragung. Die Sichtsphäre erlosch. »O Gott«, murmelte Ren Dhark. Frederic Huxley trat auf Charaua zu, packte ihn links und rechts an der Schulter. »Um Gottes willen, Charaua! Ist schon etwas zur Rettung der Verunglückten unternommen worden? Wurden Bergungsarbeiten eingeleitet?« »Natürlich!« drang es scharf in die Bewußtseine der Menschen. »Die entsprechenden Einheiten sind, soweit sie schon wieder einsatzfähig sind, bereits alarmiert«, bestätigte Charaua und gab dadurch zu verstehen, daß er eine für Huxley und die anderen Terraner unhörbare Nachricht empfangen und gesendet hatte. »Aber jetzt mußt du mich entschuldigen, Huxley. Ich möchte bei den Bergungsmaßnahmen dabei sein.« Ren Dhark sagte: »Meine Leute und ich werden helfen, soweit es in unserer Macht steht.« »Und ich natürlich ebenso«, versetzte der Colonel. Charaua schwieg zunächst. Nur seine hin- und herzuckenden Fühler verrieten, daß er das Angebot der Terraner von allen Seiten beleuchtete. Schließlich nickte er widerstrebend. »Ein Schweber wird uns zur Absturzstelle bringen. Wen von deinen Leuten willst du mitnehmen?« Ren überlegte kurz, dann traf er seine Entscheidung. »Janos, Sie kommen mit. Die übrigen bleiben hier bei den Wissenschaftlern! Stellen Sie eine Verbindung mit der POINT OF her und legen Sie mir die Phase auf mein Armbandvipho, sobald Sie Kontakt haben!« *
Dhark saß mit Huxley, Szardak und Charaua in dem vollgekapselten nogkschen Schweber, der sie zum Raumhafen brachte. Unter ihnen lag die Pyramidenstadt im weichen, rötlichen Licht der Riesensonne Corr. Die transparenten, durchschnittlich gut tausend Meter hohen Pyramidenbauten schienen, vom Sonnenlicht des roten Riesen durchdrungen, wie von innen heraus zu glühen. Der Anblick jagte den Menschen einen Schauer über den Rücken. Hier, auf dem sechsten von insgesamt fünfzehn Planeten, waren die Nogk von der auf Nogk II unter der blaugrünen Sonne Tantal praktizierten Bauweise ihrer Städte abgerückt. Statt der konzentrisch angelegten Ringstädte hatten sie sich auf Reet zu gewaltigen Pyramidenbauten entschließen müssen, die tausend Meter und mehr in den überwiegend violetten Himmel ragten. Gründe dafür waren die klimatischen Verhältnissen, mit denen sich die Nogk auf Reet konfrontiert sahen. Entwicklungsgeschichtlich betrachtet befand sich Reet am Ende einer Periode, die mit dem Archäozoikum Terras vergleichbar war – wenn auch nicht alle Aspekte unbedingt deckungsgleich waren. So konzentrierten sich die sintflutartigen, scheinbar nie endenden Regengüsse nur auf die Polregionen, die von den Nogk gemieden werden mußten, denn ungeschützt konnte sich das insektoide Volk nicht in diese Gebiete begeben. Die Verhältnisse waren für den Metabolismus seiner Angehörigen tödlich. Abgesehen von gelegentlichen Patrouillenflügen wagte sich deshalb niemand freiwillig in diese Regionen. Aber auch die äquatoriale Zone war nicht ohne Gefahren. Die durch sporadische Temperaturstürze ausgelösten Staubzyklone, die an Heftigkeit alles überboten, was die Nogk bisher kennengelernt hatten, zwangen sie, das Prinzip der Ringstädte aufzugeben und sich der Pyramidenbauweise zuzuwenden. Diese Art der
Urbanisierung bot weitaus besseren Schutz gegen die fürchterlichen Staubstürme, die einige der ersten Ringstädte, die zu Beginn der Besiedlung noch errichtet worden waren, regelrecht zugeschüttet hatten... »Was ist, Commander?« meldete sich Colonel Huxley; die eisgrauen Augen in vom langen Weltraumaufenthalt rötlich ledern gewordenen Gesicht sahen fragend auf Dhark. »Sie wirken überrascht.« »Ich bin beeindruckt«, gestand Ren Dhark unumwunden ein. Zu Charaua gewendet, fuhr er fort: »Die Schnelligkeit, mit der die Arbeiten auf Reet voranschreiten, beeindruckt mich nachhaltig. Ich bin mir nicht sicher, ob wir unter den selben Voraussetzungen Ähnliches in vergleichbarer Zeit zu schaffen imstande wären.« »Wir haben alles seit langem sehr sorgfältig geplant«, erreichten Ren die Impulse des Regenten der Nogk. »Wie immer, wenn wir vor einem neuen Exodus standen.« Ren Dhark nickte nachdenklich. Exodus. Das beschrieb ziemlich genau die Lage, der sich das Volk der Nogk im Laufe seiner Existenz schon mehrmals gegenübergesehen hatte. Die Vertreibung... Nichts paßte besser zur Situation der Nogk als dieser Begriff aus der terranischen Mythologie. Immer wieder hatten sie versucht, eine Heimat auf Dauer zu finden. Erst auf Charr. Ein Roter Riese der Spektralklasse K2, ehe er entartete und seine Strahlen für die Nogk zur tödlichen Gefahr wurden. Dann Tantal. Die einzige Sonne in einem Radius von etwa hundert Lichtjahren im Halo der Milchstraße, auf der Andromeda abgewandten Seite der Galaxis.
Und schließlich Corr. Jenes Sechzehnplanetensystem am entgegengesetzten Ende der Milchstraße im Leerraum zwischen ihr und der Galaxis Andromeda. Umgeben vom Exspect... Der Pilot nahm ein paar Sensorschaltungen vor, worauf das Flugvehikel einer Reihe von nogkschen Einsatzschwebern auswich. An ihrem Sirenengeheul und der pulsenden Warnbefeuerung war zu erkennen, daß es sich bei ihnen um die von den Meegs alarmierten Rettungseinheiten handelte, die zu den Katastrophenbezirken unterwegs waren. Unter dem Schweber glitt die Stadt hinweg. Aus der Höhe sah man deutlich ihre Reißbrett-Anordnung. Jede der Pyramiden, von denen immer sechs Stück mit mathematischer Genauigkeit auf einem von gigantischen Quadern gebildeten Areal angeordnet waren, war durch gewaltige Tunnels mit den benachbarten verbunden. Die einzelnen Areale verfügten untereinander ebenfalls über derartige Verbindungstunnels. Außerdem führten je nach Lage der Städte Schnelltransportschächte zu den obligatorisch unterhalb der Planetenoberfläche gelegenen Raumhäfen hinab. Wie die Erde war auch Reet von einem globalen Schutzschirm umspannt, der auf Angriffe fremder Aggressoren mit Antisphären reagieren konnte, die, über einen Suprasensorik-Verbund zusammengeschaltet, von den einzelnen Abwehrzentren so exakt dosiert werden konnten, daß sie niemals zur Gefahr für die eigenen Welten im Corr-System zu werden vermochten. Jetzt allerdings war der Schutzschirm über dem Wohnplaneten der Nogk nicht mehr vorhanden. Und es würde längere Zeit dauern, wie Sriil noch im Konferenzbau erklärt hatte, bis wieder genügend Energie zur Verfügung stehen würde, um ihn erneut aufzubauen. Ren wagte gar nicht erst an das Chaos zu denken, das an Bord der nogkschen Einsatzflotte ausgebrochen sein mußte, die
in ständiger Alarmbereitschaft im Corr-System patrouillierte, um es gegen fremde Aggressoren zu schützen und zu verteidigen. Colonel Szardak stieß Ren an. Er deutete durch die Allsichtverglasung nach draußen. Der Schweber hatte den Mittelpunkt des Stadtareals erreicht. Die gigantischen Pyramiden gruppierten sich um eine kreisrunde Fläche, auf der sich ein Bauwerk erhob, das auf den ersten flüchtigen Blick Erinnerungen an die Ringstädte der Nogk weckte. Aber der kreisförmige Bau war keine Ringstadt, sondern der Zugang zu einem der unter der Planetenoberfläche befindlichen Raumhäfen, wie Ren erkennen konnte. Die etwa fünfhundert Meter hohe Ringmauer, die die freie Fläche umschloß, war nur außen zylindrisch, nach innen hin fiel sie trichterförmig ab. Nach Rens Schätzungen konnte die Landefläche zehn der großen nogkschen Ellipsenraumer gleichzeitig aufnehmen; die deutlich gekennzeichneten Kreispisten senkten sich dann mitsamt den Schiffen ins Innere des Planeten hinab, wo wahrhaft gigantische Gewölbe die Raumer aufnahmen. Im Augenblick waren die gewaltigen Silos geschlossen; auf der Piste standen mehrere Ellipsenraumer, die auf Startfreigabe gewartet hatten, als das Verhängnis Reet überkam. Mitten unter ihnen auf der trümmerbedeckten Lande- und Startfläche das Wrack der SETER. Mit einem harten Stoß setzte Charauas Schweber unweit der gepanzerten Einsatzfahrzeuge der Raumhafenwehr auf, die in sicherer Entfernung von der ausbrennenden SETER warteten. »Mein Gott!« stöhnte Janos Szardak. »Was für ein Desaster!« Er sprach aus, was Ren und Colonel Huxley dachten. Die SETER glich einem vielfach zusammengefalteten Metallhaufen, der kaum noch etwas von seiner ursprünglichen Form erahnen ließ. Eine rotglühend erhitzte Masse, die halb im
Einschlagkrater versunken war. An der Aufschlagstelle trieben schwarzrote Rauchschwaden über die weite Räche. Schweber der Nogk schossen wie Hummeln zwischen den aufragenden Türmen der anderen Schiffe hin und her und hüllten sie mit Schaumflüssigkeiten von oben bis unten ein, um ein Übergreifen des Feuerorkans auf sie zu unterbinden. Vom Boden aus bemühten sich Reparaturmannschaften, die Plattformen wieder in Gang zu bringen, um die Schiffe zurück in die unterirdischen Gewölbe fahren zu können, bevor sie Schaden nahmen. Dazwischen die jaulenden und wimmernden Medo-Fahrzeuge, die sich einfanden, um Verletzte so schnell wie möglich in die medizinischen Zentren zu bringen. Immer wieder flammten Explosionen auf. Die Prallfelder, die sich in Situationen wie dieser um Gefahrenherde legten, sie eindämmten und so eine Ausbreitung auf benachbarte Schiffe oder Gebäude verhinderten, waren aufgrund der Energieausfälle noch immer nicht einsatzbereit. Gasfontänen entzündeten sich und schossen gleich Vulkaneruptionen in den violetten Himmel Reets. Ein Inferno, dem kein Mitglied der Besatzung entkommen zu sein schien. Und doch gab es Überlebende! Nogk in schweren Bergungsanzügen liefen durch die Qualmwolken und züngelnden Gasschleier auf das Wrack zu. Laserbrenner schufen sich Bahn, schnitten durch Trümmer und Wrackteile. Im Schutz ihrer extrem belastbaren Panzeranzüge drangen nogksche Spezialisten in die gestauchten und zerquetschten Sektionen ein. Andere Gruppen verließen das Wrack, transportierten auf A-Gravliegen verletzte oder tote Besatzungsmitglieder. Es hatte den Anschein, als herrsche ein heilloses Durcheinander.
In Wirklichkeit war jede Aktion wohlgeplant und wurde mit äußerster Präzision durchgeführt. Schwebereinheiten versuchten die Flammen zu ersticken, indem sie das Wrack umschwirrten und die einzelnen Sektionen von oben und von der Seite unter weißem Schaum begruben. Die Geräuschkulisse war infernalisch. Hinter dem nogkschen Herrscher liefen Ren Dhark, Colonel Szardak und Colonel Huxley über die Landefläche in den Schatten eines breiten, schildkrötenförmigen Einsatzvehikels, in dessen Schutz bereits eine Gruppe Nogk wartete. »Wie groß ist der Schaden?« wandte sich Charaua an den Meeg, der den Bergungseinsatz leitete. »In den Maschinensektionen sind alle tot, Herrscher«, erwiderte der Nogk in seinem Schutzanzug. »Von dort empfangen wir keinerlei Lebensimpulse mehr. Auch die Materialdecks sind voller Toter.« Der nogksche Einsatzleiter hob mit einer resignierten Bewegung seine Arme. Charauas Fühler erzitterten. Über seine dunklen Facettenaugen legte sich ein milchiger Schleier. »Gibt es Überlebende?« »Wir registrieren einhundertzwanzig Lebensimpulse. Es handelt sich größtenteils um Meegs und Techniker. Sie sitzen ziemlich tief im Schiff auf dem Wissenschaftsdeck fest. Die Korridore dorthin sind zerstört. Wir müssen uns mühsam einen Weg zu ihnen bahnen. Ich befürchte, es wird dauern. Ob sie bis dahin am Leben bleiben, ist fraglich. Die Brände im Innern des Schiffes lassen sich nicht eindämmen!« Ren wurde abgelenkt, als sein Armbandvipho ansprach. Er drehte sich zu Seite und aktivierte es. Es war Arc Doorn, der sich aus dem Konferenzgebäude meldete. Endlich...
»Verbindung zur POINT OF steht, Commander«, sagte er nur knapp und legte die Phase auf das kleine Gerät. Das winzige Bild, das sich auf dem Display manifestierte, war das seines Freundes Dan Riker auf Kraat. »Dan! Hörst Du mich?« sagte er laut. Lauter als es eigentlich nötig gewesen wäre. Aber er schloß einfach aus der Tatsache, daß um ihn herum eine enorme Geräuschkulisse herrschte, daß auch Dan Riker mit den gleichen Problemen zu kämpfen hätte. Ein Irrtum. »Weshalb schreist du so?« erreichte ihn Rikers Stimme. »Hier ist das Chaos ausgebrochen, Dan! Hör zu...« Der Commander informierte seinen Freund in knappen Worten über die Ereignisse. »Tut mir leid, Ren«, versetzte Dan auf dem fernen Kraat, »was dort bei euch geschehen ist. Auch hier hatten wir so unsere Schwierigkeiten. Aber die scheinen vergleichsweise winzig zu sein gegen das, was bei euch abgeht. Ich kann dir erklären...« Ren fiel ihm ins Wort. »Später, Dan, später können wir uns austauschen. Jetzt hör zu, hör genau zu! Ich möchte, daß du mir alle verfügbaren Flash schickst. Und es eilt. Jede Sekunde kann Leben retten...!« Wenn Dan Riker, Dharks Weggefährte seit den Tagen der GALAXIS, über die Anordnung seines Freundes erstaunt war, so ließ er es sich nicht anmerken. »Verstanden«, erwiderte er nach kurzem Überlegen. »Ich schicke die Flash auf den Weg; sie treffen in ein paar Minuten ein. Ich komme mit der POINT OF nach, sobald die Mannschaft komplett an Bord ist!« »Okay! Wir warten!« Dhark beendete die Verbindung. »Was haben Sie vor, Commander?« fragte Huxley halblaut, der Rens Unterhaltung mitbekommen hatte. »Wollen Sie uns
nicht aufklären?« Der hagere, grauhaarige Mann blickte Dhark auffordernd an, während Janos Szardak nachhaltig dazu nickte. »Die Flash sind mit Hilfe ihres Intervallums in der Lage«, erklärte der Commander langsam, während er die beiden und die Nogk beobachtete, »gefahrlos die Hülle der SETER zu durchdringen und zu den tief im Schiffswrack eingeschlossenen Nogk vorzustoßen, um sie herauszuholen. Die Rettungsmannschaften würden viel zu lange brauchen, sich bis dorthin vorzuarbeiten, wo man die Überlebenden geortet hat. Bis dahin dürfte dann niemand mehr am Leben sein.« Huxley nickte langsam. »Das ist es also, was Sie bezwecken, Commander. Ausgezeichnete Idee. Schade nur, daß sie nicht von mir stammt.« Szardak wiegte den Kopf. »Hundertzwanzig Nogk! Ein etwas mühsames Unterfangen, wenn Sie mich fragen. Die Flash haben nur Platz für jeweils einen Passagier...« »Zur Not gehen auch zwei rein, wenn sie sich den Platz teilen«, erwiderte Huxley pragmatisch. »Das ist aber auch was...« brummte Szardak; das Gesicht des ehemaligen Zweiten Offiziers des Auswandererschiffes GALAXIS und jetzigem Sternen-Colonels der TF wirkte zutiefst skeptisch. »Es halbiert zumindest die benötigte Zeit, um alle zu retten«, versetzte Huxley mit einem etwas angespannten Grinsen. * »Melden uns zur Stelle, Commander!« Das Gesicht Mike Doraners erschien in der mobilen Sichtsphäre, die die Nogk herbeigeschafft hatten. Es handelte sich um zweiundzwanzig Flash, die über dem
Raumhafen scheinbar aus dem Nichts auftauchten. Von ihnen hing das Leben von hundertzwanzig Nogk ab. Und vom Können ihrer Piloten. Zweiundzwanzig Mini-Raumboote. Die übrigen waren in den Depots der POINT OF verblieben. Mehr Piloten waren nicht greifbar gewesen, wurde Ren bedeutet, als er sich nach den restlichen M-Beibooten erkundigte. Seit der Anforderung waren keine zehn Minuten vergangen. »Mike, Gott sei Dank! Sie sind die Rettung. Im Wrack der SETER sitzen noch Überlebende fest. Nur Sie und die anderen Piloten können sie rausholen...« In gedrängter Form erklärte Ren Dhark, was er von den Flashpiloten erwartete. »Die Koordinaten werden Ihnen von den Nogk übermittelt«, sagte er abschließend. »Und schalten Sie die Aufnahmeprojektoren zu uns durch, Mike.« »Verstanden, Commander«, versetzte Mike Doraner, der das Einsatzkommando anführte. In der Sichtsphäre konnte man sehen, wie er den Kopf in den Nacken legte und auf die Deckenprojektion schaute. »Ihr habt gehört, was der Commander gesagt hat?« wandte er sich an die Piloten der anderen Flash. »Verstanden«, kam es über die Phase. Über Gedankensteuerung koordinierten sie ihr Vorgehen untereinander. »Einsatzbestätigung!« »Einsatzbereit!« meldeten die Flashpiloten nacheinander. »Dann los. Machen wir uns an die Arbeit!« Der Flash mit Mike Doraner im Cockpit näherte sich in halber Flughöhe dem Wrack, schob sich langsam heran – und tauchte ein in die Wandungen, als wären sie nur eine Holoprojektion. Die anderen »Blitze« folgten. Nichts konnte sie aufhalten.
Nichts konnte ihnen gefährlich werden. Weder das im Wrack wütende Feuer, noch die geborstenen und verdrehten Korridore, die abgekippten und gestauchten Schächte. Gebannt verfolgten Terraner und Nogk in der Sichtsphäre das, was die Piloten auf ihren eigenen Monitoren sahen. »Achtung. Nähern uns Zielkoordinaten«, meldete Rul Warren, der ebenfalls an dem Einsatz teilnahm. In Fächerformation drangen die Flash in die schwer zerstörte SETER ein. Das Innere des einst so stolzen Raumers war eine Hölle aus Trümmern, Feuer und Rauch. Mit nervöser Anspannung verfolgten die Außenstehenden über die Sichtsphäre, wie die 003 von Mike Doraner die letzten Meter zurücklegte und in das weitläufige Deck vorstieß, in dem sich die Nogk aufhalten sollten. Der innere Teil des Schiffes war noch relativ unversehrt, was für die unvergleichlich stabile Bauweise der Nogk sprach. Und da waren sie! Zum Teil verletzt, überwiegend jedoch in relativ guter Verfassung, wie sich via Bildkontakt feststellen ließ. Jemand neben Ren Dhark stieß erleichtert die Luft aus. Es war Colonel Huxley, dem sichtlich ein Stein vom Herzen fiel. »Gott sei Dank!« murmelte er, »sie sind alle noch am Leben.« Über die Phase von Mikes 003 sprach Charaua mit den Besatzungsmitgliedern der havarierten SETER. Er klärte sie darüber auf, was die Terraner zu tun gedachten. Der nächste Flash tauchte in der Halle auf, dann der dritte, der vierte. Zum Schluß waren alle Flash anwesend. Was zu einer drangvollen Enge führte; die Mini-Raumboote waren zwar nur knapp drei Meter lang, aber mit ihren spinnenbeinartig anmutenden Auslegern beanspruchten sie
doch einen gewissen Platz. »Beginnen mit der Evakuierung, Commander«, ließ sich Mike Doraners Stimme über die Phase vernehmen. »Verstanden! Viel Glück!« wünschte Ren Dhark. Die Sekunden verstrichen, dehnten sich zur ersten Minute. Dann tauchte die 003 wieder aus dem Wrack der SETER auf. Sie landete inmitten des markierten Areals, und das medizinische Personal der Nogk übernahm die zwei Verletzten aus der Kabine des Flash. Die 004 erschien, dann die 010. Fasziniert verfolgten die Terraner und Charaua das Geschehen. Je mehr Minuten vergingen, um so koordinierter, regelmäßiger und schneller ging der Ablauf der Rettungsaktion vonstatten. Dann war es vorbei. Nach genau vierundzwanzig Minuten landete der letzte Flash auf seinen Auslegern. Erleichtert grinsend kletterte Kartek aus der Kanzel und sprang auf den Boden. »Puh! War verdammt eng, was?« Er deute auf die SETER, in der mehrere Explosionen stattfanden, die das Wrack kurzzeitig aufblähten, ehe es noch weiter in sich zusammenfiel. »Das war es, Terraner«, versetzte Charaua. Er warf einen langen Blick auf die glühenden Trümmer, dann sah er hoch zur Sonne, deren Scheibe sich dem Horizont zuneigte; bald würde sie hinter den gigantischen Pyramidenbauten verschwinden. Dann erst wandte er sich Ren Dhark, den Colonels Huxley und Szardak sowie den Flashpiloten zu. Ungewöhnlich ernst verneigte er sich mit vor der Brust gekreuzten Armen vor den Männern; die hinter ihm stehenden Meegs taten es ihm nach.
»Das Imperium der Nogk schuldet euch Dank, meine Freunde«, drangen seine Impulse in ihr Bewußtsein. »Terraner, ihr habt mehrfach in der Vergangenheit bewiesen, daß wir auf euch zählen konnten, wann immer es nötig war. Seid versichert, daß gleiches auch für das Volk der Nogk gilt.« Er nahm Dharks Hände, hielt sie für eine kurze Zeitspanne in den seinen, ehe er, terranischer Sitte folgend, auch den anderen die Hand reichte, um so seiner und seines Volkes Dankbarkeit Ausdruck zu verleihen. Huxley unterbrach die etwas rührselige Stimmung. »Wir bekommen Besuch!« sagte er zu Ren Dhark und Charaua und deutete nach oben in den violetten Himmel Reets, aus dem ein riesiger, ringförmiger Schatten herabfiel – die POINT OF mit Dan Riker im Leitstand war angekommen. Sie senkte sich der kreisförmigen Piste entgegen – und setzte behutsam auf, weit genug entfernt von dem noch immer brennenden Wrack der SETER, außerhalb des Ringes aus Versorgungs- und Medo-Einheiten. Die POINT OF blieb an der Oberfläche; die gewaltigen Liftanlagen der Silos, die hinunter in den eigentlichen Raumhafen führten, waren noch immer funktionsunfähig. Sie würden es auch noch eine Weile bleiben. Im Augenblick gab es für die Nogk Wichtigeres zu tun; der kosmische Blitz hatte die gesamte Infrastruktur auf Reet in ein Chaos verwandelt. Es würde lange dauern, das zu entflechten. Selbst für die Nogk. Rens Armbandvipho schlug an. Das Gesicht auf dem winzigen Display war das des Chefs der Terranischen Flotte – Dan Riker. Die Stimme des Freundes drang aus der Audiophase. »Meine Taster sagen mir, daß ihr keine Hilfe mehr benötigt. Trifft das zu?« Es war typisch für ihn, sich nicht mit Floskeln aufzuhalten. »Richtig«, versetzte Ren mit einem flüchtigen Lächeln. »Du
sagtest etwas von Schwierigkeiten auf Kraat?« »Erklärung, sobald du an Bord bist. Werden die Flash noch benötigt?« Ren verneinte. »Sie können in die Depots zurück«, sagte er und gab Befehl an Mike Doraner zum Andocken der Flash, wobei er ihn bat, auf ihn zu warten. »Janos«, richtete er das Wort an den langjährigen Weggefährten, »kümmern Sie sich bitte darum, daß sich der Rest unserer Delegation zur POINT OF begibt.« Dann wandte er sich an Charaua, der ihn mit seinen dunklen Facettenaugen entgegensah, und legte dem Herrscher der Nogk die Rechte auf den Unterarm. »Es tut mir leid, aber ich muß mich auf mein Schiff begeben. Die Konferenz wird wohl zu einem späteren Zeitpunkt fortgesetzt werden müssen«, sagte er bedauernd. »Im Augenblick habe ich das Gefühl, daß Terra dringend unsere Anwesenheit benötigt. Ich lasse allerdings Colonel Huxley mit der CHARR im Corr-System. Wie ich ihn kenne, wird er sowohl eure als auch die Interessen Terras im nogkschen Rat zu beiderseitigem Wohl adäquat vertreten.« »Natürlich, Commander der Planeten.« Zum zweiten Mal an diesem Tag verneigte sich der hochgewachsene Nogk vor dem kleineren Terraner. Ungewohnt berührt kletterte Ren Dhark in die 003 und nahm hinter Mike Doraner Platz. »Dann wollen wir mal, Mike. Bringen Sie die Flash wieder an Bord der POINT OF!« Im selben Augenblick, in dem die Null-Null-Drei abhob, fiel das ausgeglühte Wrack der SETER völlig in sich zusammen. * Die POINT OF hatte einen geostationären Orbit über Reet eingenommen.
Im Maschinenraum arbeiteten alle Aggregate im Stand-by, bereit, auf einen Befehl des Checkmasters hin den MRingraumer mit unvorstellbarer Geschwindigkeit zur Erde zu bringen. Die Zentrale war vollständig besetzt. Sämtliche Plätze vor der Bildkugel, auf der Galerie, vor den WS-Stationen, am Checkmaster-Terminal und den sonstigen Instrumentenkonsolen waren doppelt belegt; keinen Mann, keine Frau der Freiwache hielt es in den Kabinen oder den Aufenthaltsräumen. Nicht jetzt. Vor allem deshalb, weil man jetzt wußte – oder zumindest zu wissen glaubte – was als Ursache der Katastrophe angesehen werden mußte, die das Corr-System heimgesucht hatte. Ren Dhark lehnte sich in seinem Sitz zurück. Wenn er den Blick hob, spürte er die Faszination dessen, was er zu sehen bekam: In der Bildkugel, die über der zentralen Steuerkonsole schwebte, zeigte sich der innere Bereich der Milchstraße. Er war mit schimmernden Sternenschwärmen übersät, mit Millionen, Milliarden von Sonnen, deren strahlendes Leuchten nur teilweise von interstellaren Nebeln etwas gedämpft wurde. Ein Meer von dicht zusammengedrängten Sonnen in allen Spektralklassen, Dunkelwolken und geheimnisvoll glühenden Nebeln. Der Checkmaster der POINT OF mit seiner noch immer nicht ausgeloteten Kapazität lieferte gestochen scharfe 3-D-Abbildungen des Alls. Im galaktischen Süden erhob sich die zerrissene, rotglühende Wand eines stellaren Nebels, der Tausende von Lichtjahren weit hinaus in den Raum reichte. In Blickrichtung verbarg sich im Herzen der Milchstraße eine unvorstellbar energiereiche Radiound Infrarotstrahlungsquelle. Das wahre Zentrum der Spiralgalaxis. Ausgehend von diesem Zentrum hatte es eine Art Hyperraumblitz, eine aus dem Hyperraum austretende
Energieentladung gegeben, die sich konzentrisch in der gesamten Galaxis und womöglich noch darüber hinaus ausgebreitet hatte. Dies jedenfalls hatte der Checkmaster unaufgefordert als Erklärung geliefert, nachdem die Besatzung der POINT OF wieder vollzählig an Bord gewesen war. Und der Checkmaster, dieses geheimnisumwitterte Bordgehirn des Ringraumers, hatte sich einmal mehr selbst übertroffen, als er die energetische Superentladung wenige Sekunden, bevor sie das 300.000 Lichtjahre vom Rand der Milchstraße entfernte System Corr erreichte, per Hyperortung angemessen und die POINT OF sowie die EUROPA in ihre schützenden Intervallfelder gehüllt hatte. Sie waren der Grund, weshalb auf beiden Raumern keinerlei technische Probleme auftraten, wenn auch die Besatzungen genauso bewußtlos wurden wie alle anderen Intelligenzen. Das Erstaunlichste allerdings: Auch der Checkmaster war für drei Minuten deaktiviert gewesen! Diese Zeitspanne konnte deshalb so genau von ihm ermittelt werden, weil die vom Intervallum geschützten Borduhren fehlerfrei weitergelaufen waren. Und wieder fröstelte Ren Dhark bei dem Gedanken, daß das geheimnisumwobene Bordgehirn ganz offensichtlich durch bestimmte Phänomene außer Gefecht gesetzt worden konnte. Dieser Umstand bot Stoff für die wildesten Spekulationen unter den Wissenschaftlern an Bord der POINT OF. Wieder und wieder stellte man sich die Frage, ob der Checkmaster etwa biologische Komponenten enthielt. Auch Ursache und Natur des Hyperraumblitzes lagen nach wie vor im Dunkeln – seine Folgen hingegen nicht. Die Lösung dieser Probleme, dachte Ren, muß noch etwas zurückstehen. Im Augenblick gibt es Wichtigeres zu tun. Dieses Wichtigere hatte einen Namen. Nein, eigentlich waren es zwei: Terra und das Solarsystem.
6. Die Sonne brannte glühendheiß vom Himmel herab, der Wind brachte kaum eine Abkühlung. Sogar die ewig scharrenden und gackernden Hühner im Hof hielten sich im schmalen Schatten der kleinen Scheune auf. Savina Green stand auf der Veranda ihres kleinen Ranchhauses und blickte mit zusammengekniffenen Augen in Richtung des Gebirgszuges Anza Borrego, dessen blaue Schattenlinie sie gerade noch am Horizont erkennen konnte. Sie schwitzte; die Temperatur hatte die Zweiunddreißiggradmarke bereits erreicht. Sie zerrte das T-Shirt über ihre Brüste hoch und wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Sie lebte alleine am Rande der Mesa; Palm Springs war Meilen entfernt, und außer der gelegentlichen Sheriffspatrouille des Riverside County verirrte sich selten jemand nach hier draußen. Wieder hörte sie das Geräusch. Propellergeräusch! Sie legte die Hand zum Schutz gegen das grelle Sonnenlicht über die Augen und blickte angestrengter. Dann sah sie das kleine Flugzeug. Es war kein moderner Schweber, sondern eine altertümliche STOL-Maschine mit einem antiquierten Propellerturbinenantrieb. Es bewegte sich in einer Höhe von etwa tausend Fuß über den Kakteenfeldern und würde in einer Entfernung von knapp einer Meile an ihrem Hause vorüberkommen. In der Kanzelverglasung spiegelte sich die Sonne und warf funkelnde Reflexe, die sie fast blendeten. O Mann, dachte sie. Fliegen, das wä... Wie vom Blitz getroffen stürzte sie zu Boden, und etwas
Unbegreifliches ließ sie in eine tiefe Ohnmacht versinken, die nicht einmal mehr Platz für Träume hatte. Als sie aufwachte, fühlte sie sich wie eine Ertrinkende, die sich im letzten Moment ans Ufer rettet. Sie hatte keine Erinnerung an das, was ihr widerfahren war. Ihr Körper war von kaltem Schweiß bedeckt. Sie fühlte sich hundeelend, zerschlagen, ausgelaugt und vor allem durstig. In ihrem Kopf wirbelte alles durcheinander. Sie brauchte eine Weile, bis sie sich zurechtfand. Wie spät war es? Sie konnte es nicht genau sagen, hatte ihr Zeitgefühl verloren. Sie konzentrierte sich auf ihren Körper, spürte die rissigen Bohlen der Veranda unter sich und rappelte sich stinkwütend und irritiert auf. Der Stellung der Sonne nach mußten ungefähr drei Stunden vergangen sein. Drei Stunden... Himmel! War sie krank? Sie umklammerte das Verandageländer. Ihr Atem kam in rauhen Stößen. Sie roch den sauren Geruch ihres verschwitzten Körper und kämpfte die Welle von Erschöpfung nieder, die sie noch immer gefangenhielt. Ihr Blick fiel auf die kleine Scheune; ihr Schatten war größer geworden. Die Hühner lagen auf dem Rücken und streckten die Beine in die Höhe. Erst dachte sie, irgend etwas hätte sie getötet, doch dann regte sich das erste, dann ein zweites Huhn. Schließlich stolzierte die ganze Blase durch den Sand. Vereinzelt klang wieder Gegacker auf. Etwas zu ihrer Linken fiel ihr ins Auge. Keine Bewegung, sondern eine Erscheinung. Sie drehte sich in die Richtung – und sah in der Ferne eine schwarze Rauchwolke zwischen dem Dornengestrüpp der flachen Hügel stehen.
Augenblicklich bohrte sich eine scharfe Erinnerung in ihr Gehirn. Das Flugzeug, dachte sie. O Gott... Sie eilte ins Haus und versuchte vergeblich, das Büro des Sheriffs von Riverside zu alarmieren. * Der gleiche Tag, drei Stunden zuvor Die Aggregate des schweren Antigravschleppers brummten zuverlässig. Ric Barrows hockte fast zwei Meter über Bodenniveau in der Führerkabine und lenkte den Schwerlastzug mit sechzig Meilen über den Highway 25 nach Norden. Er hatte vor zwei Stunden Las Cruces mit Ziel Socorro verlassen. Auf der Ladefläche transportierte er riesige Maschinensätze für die dort ansässige Raumfahrtindustrie. Er donnerte gerade eine Senke hinunter und zog den Schlepper in eine weite Linkskurve, als ihn die Ohnmacht ereilte. Der Antigravzug hielt sich noch eine kurze Weile auf dem Highway, dann driftete er auf die linke Fahrspur, durchbrach den Grünstreifen und donnerte ungebremst in den nach Süden flutenden Gegenverkehr. Ric Barrows war nicht der einzige, der ohne Vorwarnung das Bewußtsein verlor. Und er war auch nicht der einzige, der an diesem Tag sein Leben verlor. * Ungefähr zur gleichen Zeit, auf der anderen Seite der Erde Stille. Rings um die Maschine war es Nacht. Durch die oberen Kanzelscheiben konnte die Besatzung die Sterne sehen. Vor einer knappen halben Stunde hatte der ultramoderne Clipper planmäßig von der langen Piste des Palawan Airport
abgehoben und war in wenigen Minuten auf 12.000 Meter gestiegen, seine normale Reiseflughöhe. In der Maschine und ihren beiden Decks war es ruhig. Die Passagiere schienen zu schlafen. Weit zurückgelehnt saß der große, schlanke Mann untätig in dem wuchtigen Pilotensessel vor den Instrumenten. Die suprasensorisch unterstützten Autopiloten hatten den Aufstieg berechnet, ihn in Gang gesetzt und ausgeführt. Kein Besatzungsmitglied hatte einen Handgriff dazu beigetragen. Kapitän Raven Decker hatte den Flug Nr. 233 von Puerto Princessa über Bombay, Athen, Rom nach Alamo Gordo ausgeruht angetreten, er würde ihn noch immer ausgeruht auch wieder beenden. Heutzutage flogen Suprasensoren die Maschinen. Das war nicht immer so gewesen. Früher, ach was... Raven Decker ließ es dabei bewenden. Zwischen seinen kräftigen Fingern glimmte eine Zigarette. Der Rauch stieg in dünnen Fäden nach oben, vom Sog der Klimaanlage angezogen. Vor sich hatte der Kapitän das nur scheinbar verwirrende Tohuwabohu der Kontrollmonitore und Lageanzeigen. Die geringe Helligkeit, die durch das sechs Zentimeter dicke Glas der langgestreckten Seitenscheiben der Pilotenkabine fiel, zugleich mit den verwirrenden Farben der vielen sanft beleuchteten Instrumente, erhellte das Innere der Kanzel nur fahl und indirekt. Decker bewegte sich. Er hob den Arm in Augenhöhe und schaute auf sein Piloten-Chrono, das mit einer breiten, gelochten Metallspange an seinem linken Handgelenk befestigt war. Noch sechs Minuten fehlten bis Mitternacht. Rechts neben Decker leuchtete ein Lämpchen auf. Eine Stimme sagte aus der Dunkelheit: »Der Kaffee wird jeden Augenblick kommen, Kapitän.«
Der Kopilot hatte gesprochen. »In Ordnung, Greg«, sagte Raven Decker. »Stimmt meine Rechnung? Backbords unter uns müßte die AndamanenInselgruppe liegen, richtig?« »Exakt, Kapitän. In einer knappen Stunde sind wir in Bombay.« »Dann scheinen wir den Flugplan ja genau einzuhalten.« Decker drehte den Pilotensitz etwas und blickte seinen Kopiloten an. Das Licht der Punktlampe fiel auf Deckers Gesicht. Wieder sah der zweite Mann im Cockpit des Jetts die vier langen Narben auf der linken Gesichtshälfte seines Kapitäns. Und wieder fragte er sich, woher Decker diese Narben wohl hatte. »Wenn ich die Gier in deinen Augen richtig deute, wartest du auch auf den Kaffee, oder, Greg?« »Der Nachteil einer eng begrenzten Gemeinschaft besteht darin«, zitierte Greg Rhodes, »daß man sich zuviel Wissen um den anderen aneignet.« »Über!« warf der Kapitän grinsend ein. »Es heißt: über den anderen...« »Sagte ich doch.« Ungerührt lächelnd blickte der Kopilot auf den Monitor des Kur sauf Zeichners. Zwanzig Sekunden lang herrschte Schweigen. Dann ein Geräusch. Kapitän Decker bewegte sich, drehte den Sitz in seinem Gelenk und schaute in Richtung des Durchganges. Das Druckschott wurde zur Seite geschoben. Die Chefflugbegleiterin kam in die Kabine. In den sehr gepflegten Händen trug sie ein Tablett. Darauf standen eine Kanne aus Thermoglas, bis zum Rand gefüllt mit frischem Kaffee, und drei ineinandergestülpte Kunststoffbecher. »Der Kaffee, Käpt’n«, sagte Misty Goodman. »Mädchen«, erwiderte der Kapitän sehr nachdrücklich, »was wäre eine Linienmaschine unserer Gesellschaft ohne die
Chefstewardeß?« Er zerdrückte die Zigarette im Ascher. »Vermutlich unterbelegt«, bekam er schlagfertig zur Antwort. Decker grinste. Das verlieh seinem braungebrannten Gesicht einen jungenhaften Zug. »Wahr gesprochen! Obwohl ich etwas anderes meinte, Misty.« Sie teilte Kaffee aus und setzte sich dann in den freien Sitz hinter dem Kopiloten. »Milch? Zucker?« »Auf keinen Fall«, knurrte Raven Decker. »Mein Magen verträgt diese Dinge nicht mehr.« Ein Glucksen stieg aus Rhodes’ Kehle. »Lassen Sie sich nicht in die Irre führen, Misty. Unser Kapitän fürchtet nur um den Sitz seiner maßgefertigten Uniform.« »Dieses Problem existiert für dich gottlob nicht, Greg.« Der Kapitän blickte anzüglich auf den beträchtlichen Leibesumfang seines Co. »Scharfsinnig beobachtet. Dafür werde ich aber auch nicht vom Knurren meines Magens aus dem Schlaf gerissen.« »Schluß der Debatte, meine Herren!« Misty hatte einen gequälten Ausdruck im Gesicht. »Nehmen Sie Rücksicht auf eine geplagte Stewardeß, die schon bei dem Wort ›essen‹ um Pfunde zunimmt!« Der Kaffee war gut. Raven Decker genoß ihn ebenso, wie er die Gespräche während dieser schon zu einem Ritual gewordenen Pausen genoß. Der überdurchschnittliche Service der großen Interkontinenaljetts galt nicht ausschließlich nur den Passagieren. Auch das fliegende Personal profitierte davon. »Noch Kaffee, Kapitän?« Decker nickte. Er schüttelte Zigaretten halb aus der roten Packung und ließ sie reihum gehen. Durch die Rauchschleier
hindurch verfolgte er die sicheren Bewegungen Mistys. Die Chefstewardeß war einssiebenundsiebzig groß, sehr schlank – natürlich! – und bewegte sich mit dem Appeal einer Aristokratin. Sie wirkte nicht nur kühl und äußerst selbstsicher, sondern war es auch. Noch keinem Passagier war es gelungen, dieses Mädchen aus dem seelischen Gleichgewicht zu bringen. Langes schwarzes Haar, in der Mitte gescheitelt, fiel ihr auf die Schultern. Sie war fast ohne Make-up. Ihre braune, samtene Haut hatte keine Hilfsmittel nötig. Nur die Augen, groß und grün wie die See über der Molukkenpassage, waren entsprechend hervorgehoben. Misty war das erlesene Endprodukt einer Reihe Vermischungen von europäischem und polynesischem Blut. Decker fragte: »Alles ruhig in den Decks?« Das Mädchen mit den seegrünen Augen nickte. »Wie ist Ihr Eindruck von den Passagieren?« »Durchschnittlich, würde ich behaupten. Fast ausschließlich Urlauber auf dem Heimweg von diesem neuartigen Ferienparadies in der Sulu-See.« Raven Decker warf einen Blick auf die Flugkontrollen. Im Augenblick lag unter der Maschine der Golf von Bengalen. Flug Nr. 233 verlief ohne Komplikationen. Sein Blick kehrte zu Misty zurück. »Fast?« »David Matsuschima ist an Bord. Mit ihm seine derzeitige Lebensabschnittsbegleiterin, ein Cybermodell.« »Matsuschima?« Misty nickte. Kapitän Decker pfiff durch die Zähne. Senator David Matsuschima war ein Begriff in der terranischen Diplomatie. Decker kannte den Politiker aus zahlreichen Medienbeiträgen und Viphosendungen der TerraPress. Der Senator sah blendend aus – tiefschwarzes Haar, glattrasiert, mit brennenden, hypnotisch wirkenden Augen. Er hatte japanische Ahnen, was seiner Popularität im indo
japanischen Raum ungemein förderlich war. Und er war ein Frauenheld. Seine Affären zählten Legion. Der Kapitän sog nachdenklich an seiner Zigarette. »Wohin hat Matsuschima gebucht?« »Alamo Gordo, Käpt’n.« Decker murmelte: »Was hat er wohl in der Hauptstadt verloren?« »Keinen blassen Schimmer. Vielleicht will er dem Luxusweibchen an seiner Seite nur die moderne Architektur vorführen.« Höre ich da etwa Neid heraus, Misty? dachte Decker. Laut fragte er: »Diese Begleiterin – ist sie hübsch?« Misty Goodman winkte nonchalant ab. »Geben Sie sich keine Mühe, Raven. Ihr Bankkonto dürfte nicht mal ansatzweise die Höhe aufweisen, bei der Damen dieser Kategorie ihr Make-up zu überprüfen beginnen.« Deckers Interesse erlosch augenblicklich. »Die Kaffeepause ist vorbei«, brummte er. »An die Arbeit!« Kapitän und Kopilot blickten der Chefstewardeß nach, bis sich das Schott hinter ihr geschlossen hatte. Beide Männer führten einige Kontrollen durch. Es gab keine Abweichung von der Norm. Die Autopiloten bewegten den großen Jett in zwölf Kilometern Höhe mit einer Geschwindigkeit knapp über Mach 3 auf Bombay zu. Es war ein Flug wie jeder der vielen anderen vorher. Der Kapitän hob den Kopf und blickte durch das Spezialglas nach oben in die endlose Dunkelheit hinaus. Über ihm wölbte sich, ungestört vom diffusen Licht niederer Atmosphärenschichten, das violette Schwarz des Weltraums, übersät von Millionen Sternen. Wäre er auf der arktischen Route geflogen, hätte ihm die Nacht farbige Nordlichter gezeigt, so aber sah er nur einen weißen Blitz – und dann nichts mehr. Das geschah ohne Vorwarnung.
Von einem Sekundenbruchteil zum anderen fielen alle an Bord von Flug Nr. 233 in eine totenähnliche Bewußtlosigkeit. In derselben Mikrosekunde gaben bestimmte Bauteile in den suprasensorischen Autopiloten, die aus Mysteriousfertigung stammten, ihren Dienst auf Daraufhin fielen die gesamten Steuerungssysteme, auch die redundanten, in ein elektronisches Koma. Gleichzeitig schmorten sämtliche Sicherungen an Bord durch oder flogen heraus. Das Resultat war unvermeidbar. Die Triebwerke setzten aus. Der Jett legte sich erst auf die Seite, dann rollte er auf den Rücken, behielt diese Lage eine Zeitlang bei, bis er schließlich begann, kopfüber abzustürzen. Ohne die Suprasensorsteuerung konnten die Stabilisatoren nicht arbeiten. Ohne die Stabilisatoren hatte das Flugzeug nicht den Hauch einer Chance. Nichts und niemand hielt die Katastrophe auf. Es war ein langer Sturz durch die Nacht. Der Luxusliner fiel und fiel, drehte und überschlug sich. Die Passagiere im Innern wurden umhergeschleudert, ohne es mitzubekommen. Der Todessturz dauerte endlose Minuten. Schließlich prallte der Jett auf die Wasseroberfläche. Er explodierte beim Aufprall und zerbarst mitsamt den Passagieren in winzige Fragmente, die auf den Meeresgrund sanken. Nach wenigen Minuten deutete nichts mehr darauf hin, welche Tragödie sich hier ereignet hatte. * Kalifornien Der schwere, schneeweiße Convertible fegte durch die Kurven und Kehren der Küstenstraße, daß die überbreiten
Reifen des Turbo-Renners nur so pfiffen. Der junge Mann hinter dem Steuer des Oldies überholte schnell und rücksichtslos und mitunter so, als hocke er hinter dem Steuer eines Kampfschwebers. Er betrachtete sich offenbar als einen der schon legendären Kamikazes. Ob das vielleicht etwas mit seinem Namen zu tun hatte? Steve Victory dachte impulsiv und handelte ebenso. Dementsprechend war seine Fahrweise, egal ob er einen Boden- oder einen Flugschweber steuerte. Und saß er erst hinter dem Steuer eines Oldtimers mit richtigen Pneus und einer Turboladermaschine unter der Motorhaube, die noch fossilen Treibstoff verbrannte, dann war er so richtig in seinem Element. Er genoß die extremen Beschleunigungswerte des hochverdichteten Motors und die wahnwitzigen Querkräfte, die das Fahrwerk mit Einzelradaufhängung an doppelten Dreiecksquerlenkern, Stabilisatoren vorne und hinten und den überbreiten 385er-Reifen erzeugte. In diesem Geschoß spürte man die Fortbewegung noch. Die modernen Gleiter mit ihren Neutralisatoren waren zwar komfortabel, aber langweilig. Victory zündete sich eine Zigarette an und lehnte den linken Arm über die Bordwand. Er überholte johlend einen überschweren, silbergrau lackierten A-Grav-Lastzug der Firma AMCO, scherte wieder ein und beschleunigte noch mehr. Steve Victory war ein großer junger Mann, einer von der Sorte, die man an allen exklusiven Badestränden der Erde finden konnte – braungebrannt, muskulös, charmant als Plauderer, gewandt als Tänzer. Der richtige »Beach Boy« für schwerreiche Industriellengattinnen und gelangweilte Millionärstöchter. Die vierspurig ausgebaute Küstenstraße nach Los Angeles, der Stadt der Engel, wand sich wie eine Schlange entlang des Ufers. Rechts war der Pazifik, links ragte der Fels empor. »Wenn du so weiterfährst«, beschwerte sich das Mädchen
auf dem Beifahrersitz lautstark, um gegen den Fahrtwind zu bestehen, »werden wir Los Angeles wohl nie zu Gesicht bekommen.« Der offene Turbo schnitt drei Kurven. Victory freute sich wie ein Kind. Dann schrie er zurück. »Wie meinst du das?« »Wie wohl!« Clarissa Novalis schüttelte den Kopf, was Steve nur dazu veranlaßte, noch mehr aufs Gaspedal zu treten. Santa Barbara – 104 Miles. Das Schild huschte vorbei. Aus den Felsen über ihm leuchtete weiß ein Villenvorort herunter. »Fang nicht an zu nerven, Süße. Wir sind bald da«, beruhigte Steve das Mädchen an seiner Seite. Vor knapp vierzehn Minuten hatte der schwere Turbo San Luis Obispo verlassen. Bis Point Conception waren es noch rund sechzig Kilometer. Die Abzweigung mußte jeden Augenblick auftauchen. Da war sie auch schon. Steve Victory bremste hart und brutal, wirbelte das Steuerrad herum. In einer Staubwolke raste er in halsbrecherischer Fahrt der nächsten Haarnadelkurve entgegen... Bevor er abbremsen und das Steuer einschlagen konnte, überfiel ihn ein vollständiger Blackout, der ihn in Sekundenbruchteilen ohnmächtig werden ließ. Ebenso das Mädchen auf dem Beifahrersitz. Der schwere Convertible behielt stur die Richtung bei. Er durchbrach die Abgrenzung, die die Straße vom nahezu senkrecht abfallenden Steilhang hinunter zum Strand trennte, und schoß infolge der hohen Geschwindigkeit eine ganze Strecke geradeaus, ehe er eine Parabel beschrieb und durch den leeren Raum nach unten stürzte. Der Aufprall zwischen den Felsen am Strand allein hätte
schon genügt, um die Insassen auf der Stelle zu töten. Aber beim Aufschlag platzte der Treibstofftank. Brennstoff geriet auf die heißen Motorteile – und die Explosion zerriß den Wagen samt Insassen in handtellergroße Fragmente. * San Onofre Beach Der Lärm und die Musik von der Jacht verklangen allmählich. Die Felsen der kleinen, versteckten Bucht kamen näher; sie war nur von See her zu erreichen. Kein Problem mit dem Outborder der »Sacarra«. Derek Beland ankerte in zwanzig Metern Entfernung vom Strand. Dann schwammen sie nebeneinander an Land und warfen sich in den Sand. Sie trug nichts auf der samtenen Haut. Das lange Haar lag links und rechts neben ihrem Kopf ausgebreitet. Kerry, achtzehn Lenze, jung und süß, sexy und sehr erfahren, sehr egoistisch, was ihre eigenen Bedürfnisse betraf. Sie bekam stets, was sie haben wollte: Schmuck, eine Achtzehnmeterjacht (von der ab und zu der Lärm der Clique herüberwehte) und exklusive Kleidung. Ihr Daddy erfüllte ihr jeden Wunsch. Dafür hatte er die denkbar besten Voraussetzungen: Banken, Ladenketten, mehrere renommierte TV-Sender, Transportunternehmen. Wie gesagt, sie konnte alles haben, was ihr gefiel. Im Moment war es Derek Beland, Student und Anwärter auf einen Platz an der Kallisto-Akademie. Er war schlank und sehnig, hatte blaue Augen in einem verwegen grinsenden Gesicht und eine schwarze Haarmähne, die ihm auf die durchmodellierten Schultern fiel. »Worauf wartest du? Ich friere...« Als seine Finger zärtlich über ihren Körper strichen, merkte er, daß die Haut den Flaum gesträubt hatte. Ihre Brustwarzen hatten sich aufgerichtet und drängten sich seinen Händen
entgegen. Aber sie fror garantiert nicht. Nicht bei 28 Grad im Schatten! Sie war mitten in einem »Trip«. Starwynd vermutlich. Das war zur Zeit »in« in den Kreisen der kalifornischen High Society. Derek war es aufgefallen, als er mit ihr an Bord getanzt hatte. Das Girl hatte sich wie in Trance bewegt. Nur ihre leicht geweiteten Pupillen verrieten, was wirklich in ihr vorging. Und als er in diese wilden, glitzernden, hungrigen Augen blickte, empfand er denselben Hunger – nach ihr. Sie drängte sich an ihn. Die Berührung mit ihrer Haut ließ das Blut in seinen Schläfen hämmern. »Küß mich!« murmelte sie und krallte die Fingernägel in seine Schultern. Ihre Lippen brannten auf seinem Mund und nahmen ihm den Atem. Ihr weicher, heißer, zitternder Körper hörte nicht auf, sich zu bewegen. Er ließ die Hand zwischen ihre Knie gleiten und beugte sich über sie. »Derek... oh, Derek«, flüsterte sie heißer. »Nun mach schon!« Und er machte. Küßte leidenschaftlich ihren Hals, ihre Ohren – und immer wieder ihre Brüste. Schnell verloren sie sich in einen süßen Taumel. Später schwammen sie ermattet nebeneinander zurück zum Outborder und kletterten über die kurze Heckleiter hinein. Langsam klang die Erregung in ihnen ab. Der Lärm der Clique auf der Jacht war lauter geworden. Der Duft von Grillsteaks zog mit dem auflandigen Wind herüber. »Hmm.« Kerry seufzte. Sie drehte sich herum, nahm ihm die Zigarette (garantiert ohne krebserregende Stoffe!) aus dem Mund und schnippte sie über Bord. »Ist was?« fragte er mundfaul. »Oh ja«, hauchte sie, kicherte albern auf Kleinmädchenart
und verbarg ihr Gesicht an seinem Hals. Neues Begehren flammte in ihm auf. Er packte sie hart an den Oberarmen und zog sie an sich. »Was empfindest du?« erkundigte er sich mit rauher Stimme. »Heißhunger – auf die Steaks da drüben...« Einen Moment war er sprachlos. Dann stimmte er in ihr Lachen ein. »Nichts wie Anker auf, Käpt’n«, befahl er sich selbst, sprang auf die Beine und war mit zwei langen Schritten am Bug. Seine sehnige Muskulatur spannte sich unter der Anstrengung, als er das dünne Ankertau einholte. »Teufel auch!« entfuhr es ihm. »Der Anker hat Zuwachs bekommen. Ich bringe ihn nicht hoch.« »Du wirst nicht mehr ganz in Form sein, Sonnyboy«, spottete Kerry. »Das könnte es sein«, sagte er keuchend und gab auf. Er hockte sich mit untergeschlagenen Beinen nieder und starrte ins Wasser. »Was machen wir jetzt?« »Nimm das Beil und tauche hinunter. Vielleicht kannst du den Anker auf dem Grund lösen.« Er grinste breit. »Prächtiges Mädchen«, meinte er anerkennend. »Auf den Gedanken hätte ich eigentlich auch selbst kommen können. Ich versuche es.« Aus dem Verschlag neben dem Steuerrad griff er sich Taucherbrille und Schwimmflossen. Das kleine Beil befestigte er mit der Handschlaufe an seinem Gelenk. Er zog die Schwimmflossen an. Nun schwang er die Beine über die Bordwand und atmete mehrmals tief ein und aus, um genügend Sauerstoff ins Blut zu bringen. Kerry gab ihm noch eine starke Stablampe. Dann ließ er sich ins Wasser fallen. Die Sicht direkt unterhalb der Wasserfläche war aufgrund
des Sonnenstandes ausgezeichnet. Über sich sah er den Kiel des Outboarders, von einer Wolke perlender Luftblasen umgeben, die von seinem Sprung herrührten, und die Beine von Kerry, die sie ins Wasser baumeln ließ. Zwei rasche Schläge mit den Flossen brachten ihn zum Ankertau, das sich straff gespannt nach unten verlor. Er packte es mit der linken Hand, warf sich herum und stieß mit dem Kopf voran abwärts. Zwei Meter... vier... sieben. Die Farbe des Wassers veränderte sich, je tiefer er am Ankertau hinunterglitt. Bald sah er nur noch schemenhaft seine Umgebung. Er knipste die Lampe an. In ihrem Schein wirkten die mikroskopisch kleinen Lebewesen wie Nebel. Derek stieß einen kleinen Schub Luft aus. Die Blasen perlten um sein Gesicht. Er hatte keinen Tiefenmesser dabei, aber er wußte, daß an dieser Stelle vor der Küste der Grund nicht tiefer als fünfzehn Meter lag. Schließlich erreichte er den Meeresboden und erkannte, weshalb er den Anker nicht heraufbrachte. Unmittelbar vor ihm befand sich ein verästeltes Korallengebilde, eine blaue Geweihkoralle von immensem Ausmaß. Die Klauen des kleinen Ankers hatten sich hoffnungslos darin verfangen. Derek schwamm um die Koralle herum. Seine Flossen wirbelten den Sand hinter ihm auf. Das Wasser war voller Geräusche. In der Ferne hörte er eine Delphinschule; noch weiter draußen die Rufe eines Wals nach seinen Gefährten. Langsam wurde ihm die Luft knapp. Er schätzte, daß er noch eine Minute hatte, dann mußte er unweigerlich wieder an die Oberfläche. Mit dem kleinen Beil zertrümmerte er schließlich die Korallenäste, in denen sich der Anker verfangen hatte. Der schwang zur Seite und grub sich, als die Spannung nachließ, in
den weichen Meeresboden. Geschafft! Derek wollte aufsteigen – in diesem Augenblick schien jedes Geräusch zu ersterben, alles Leben im Wasser auszusetzen. Nur noch Stille. Eine weiße Stille, deren Ursprung nicht feststellbar war. Die Stille blähte sich auf und hüllte Derek ein. Mein Gott – was ist das? Was geht hier vor...? Er wußte nicht, daß das Wasser die Wirkung des unfaßbaren Phänomens, das im gleichen Augenblick alle Lebewesen im Sonnensystem betraf, ein ganz klein wenig dämpfte. Er kippte im Wasser zur Seite. Langsam schwand sein Bewußtsein, so, wie das Licht einer Lampe in der Ferne schwächer wurde, bis es schließlich erlosch. Er merkte gottlob nicht, wie er ertrank, als er vor Schreck Wasser atmete und das tödliche Medium tief in die Lungen inhalierte.
7. Alamo Gordo war in gleißendes Sonnenlicht getaucht. Die Temperatur lag bei gut siebenundzwanzig Grad, und da völlige Windstille herrschte, war es schwül und stickig in diesem ehemaligen, am Westabfall der Sacramento Mountains gelegenen Handelszentrums eines Viehzuchtgebietes im südlichen New Mexico. Heute war es eine ultramoderne Stadt mit ihrer unverwechselbaren Silhouette, die in den vergangenen vier Jahren World-City als ehemaliger Hauptstadt Terras den Rang abgelaufen hatte. Im neununddreißigsten Stockwerk des Regierungsgebäudes war im Arbeitszimmer von Henner Trawisheim nichts von der schwülen Hitze zu bemerken. Im Gegenteil, der Stellvertreter Ren Dharks schien zu frösteln. Trawisheim saß hinter seinem großen, hufeisenförmigen Schreibtisch, sah aus wie nach einer durchzechten Nacht und fühlte sich hundeelend. Sein Gesicht spiegelte seine Laune wider. Die konnte nur als »mörderisch« umschrieben werden. Er zog ein Tuch aus der Tasche und wischte sich die Stirn ab – der widerlich kalte Schweiß dort hatte sich erst während der letzten halben Stunde gebildet. Ob das vielleicht ein Anzeichen dafür war, daß er sich irgendeine Infektion geholt hatte? Gewundert hätte es ihn nicht. Er war ein Arbeitstier und wußte, daß er körperlich erschöpft war, dringend Ruhe und Erholung brauchte. Doch wie hätte er sich Ruhe gönnen können bei all dem Trubel, der derzeit im Hauptquartier herrschte?
Aber diese Erschöpfung war auch nicht der Grund, der ihm den kalten Schweiß auf die Stirn trieb. Nein. Was ihm wirklich zu schaffen machte, war der etwa dreistündige Blackout, den er zusammen mit allen anderen Lebewesen auf der Erde durchlitten hatte. Auch seine CyborgImplantate hatten ihn nicht davor bewahrt – ganz offensichtlich – aber sie bewahrten ihn immerhin davor, durchzudrehen. Als er aus der Ohnmacht wieder erwacht war, hatte er feststellen müssen, daß in dieser Zeitspanne – deren Dauer von zirka dreimal sechzig Minuten sich am Stand der Sonne festmachen ließ – die Welt, so wie er sie bisher gekannt hatte, vollkommen aus den Fugen geraten war. Aus den Fugen geraten ist noch geschönt, durchzuckte es ihn. Tatsächlich hatte das Chaos seinen Einzug auf der Erde gehalten! Aber nicht nur dort, sondern auch auf allen bewohnten Planeten des Sonnensystems, den besiedelten Monden, den Ast-Stationen. Wo immer sich intelligentes Leben aufhielt, war es für die Dauer dieser ominösen drei Stunden außer Gefecht gesetzt worden. Henner Trawisheim, der brillante Taktiker, der in Dharks Abwesenheit die Geschicke von CENTRAL COMMAND leitete, steckte das Tuch wieder ein. Dann seufzte er fast angewidert und blickte grimmig auf den Mann, der vor ihm stand. Schließlich knurrte er: »Nehmen Sie Platz, Mister Shekar.« »Sir! Danke, Sir!« Colin Shekar ließ sich, obwohl ihm mulmig war, mit undurchdringlicher Miene auf den Sessel nieder, der vor Henner Trawisheims Schreibtisch stand. Auch er war erschöpft und verdammt mißgelaunt. Aber er tat alles, um sich dies nicht anmerken zu lassen.
Trawisheim schlug mit den Fingerkuppen seiner linken Hand kleine, harte Trommelwirbel auf die Schreibtischplatte, die verteufelte Ähnlichkeit mit Maschinengewehrfeuer hatten. Düster fragte er: »Was ist geschehen, Mister Shekar?« »Ich weiß es nicht, Sir«, gestand der GSO-Mann, der von Bernd Eylers, dem Chef der Galaktischen Sicherheitsorganisation, höchstpersönlich zum Schutz von Trawisheim beordert worden war. Jetzt schien die Temperatur im Raum noch um einige Grade weiter zu fallen. Trawisheim schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und sagte ärgerlich: »Also auch keinen blassen Schimmer, wie?« »Ja, Sir – das heißt nein, Sir. Aber man arbeitet daran.« »Wie schön, daß wenigstens jemand daran arbeitet. – Sekunde, Mister Shekar.« An der linken Schmalseite von Trawisheims Arbeitszimmer hatte sich eine Doppeltür geöffnet. Dahinter lag die Schaltstelle zu den Nervenzentren des CENTRAL COMMAND und der GSO. Dort befanden sich die wuchtigen Konsolen der Suprasensoren und die der Kommunikationsgeräte, mit denen man Verbindung hielt zu den Brennpunkten des Sol-Systems. An und für sich gab es in der gesamten 39. Etage mit ihren vielen Räumen keine Vorzimmer mehr. Auch keine Sekretärinnen oder andere dienstbare Geister. Bis auf die persönlichen Ordonnanzen und Chefsekretärinnen des Stabes und seiner Stellvertreter. Man hatte den ganzen Apparat für Dienstleistungen in die Etagen darunter verbannt. Außer Sichtund Hörweite der Arbeitsräume von Ren Dhark, Dan Riker, Janos Szardak, Ralf Larsen und Bernd Eylers – oder deren Stellvertreter – doch nahe genug, um jederzeit präsent zu sein, falls es erforderlich sein sollte. In Zeiten des solaren Notstandes lief der gesamte Mechanismus binnen Minuten wieder auf Hochtouren. So wie jetzt.
Eine weibliche Technikerin aus Trawisheims Stab betrat den Raum, orientierte sich kurz und kam schnellen Schrittes auf den Stellvertreter Ren Dharks zu, ein paar Folien wie eine Trophäe in der Hand schwenkend. Henner Trawisheim nahm sie in Empfang und nickte der Ordonnanz zu. Er wartete, bis sich die Tür wieder hinter der jungen Frau geschlossen hatte, ehe er sich den Akten widmete. Lange starrte er die Schriftstücke an. Dann seufzte er. Colin Shekar wartete und schwieg. Schließlich schob Trawisheim die Folien wie angeekelt von sich. Die scharfen Linien um seinen Mund vertieften sich. »Es ist schlimmer als ich dachte«, murmelte er mit düsterer Miene, und es war ersichtlich, daß diese Worte nicht für die Ohren des Sicherheitsmannes bestimmt waren. Trotzdem hielt er es für geboten, ihm ein paar klärende Worte zukommen zu lassen. Er sah Shekar an. »Die gesamten Asteroiden-Abwehrforts melden sich nicht. Ich hoffe nur...« Er verstummte und überließ es dem GSO-Mann, sich einen Reim darauf zu machen, was er hoffte. Colin Shekar räusperte sich verhalten. »Benötigen Sie mich noch, Sir?« »Wie? – Oh, nein, nein, Shekar. Sorgen Sie nur dafür, daß wir hier so schnell wie möglich einen Situationsbericht über die Zustände auf der Erde bekommen. Machen Sie den Leuten von der Terra-Press, vor allem diesem Hans-Dampf-in-allenGassen Stranger, klar, daß es von planetarischem Interesse wäre, wenn uns ihre Reporterteams umfassend darüber informieren könnten, wie die Lage ist.« »Ich bemühe mich, Sir.« »Machen Sie das«, nickte Trawisheim, »und bemühen Sie sich gewaltig, in unser aller Interesse, ach was sage ich – im Interesse der gesamten Menschheit!«
»Natürlich, Sir«, murmelte Colin Shekar im Hinausgehen. Kaum hatte sich die Tür hinter ihm geschlossen, als das Tischvipho hartnäckig zu summen begann. Zumindest haben sie die Energieversorgung für dieses Gebäude wieder hingekriegt, dachte Trawisheim und aktivierte das Gerät. »Ja?«
Eine junge Frau – eine der vielen Assistentinnen des Stabes
– blickte ihn vom Monitor an. »Dr. Hoffoss möchte mit Ihnen verbunden werden, Mister Trawisheim.« »... bis daß der Tod uns scheidet!« nickte er mechanisch. Als er ihren irritierten, verständnislosen Blick sah, meinte er sarkastisch: »Kein Grund zur Besorgnis, Kindchen. Nichts als eine Redensart aus einer längst vergangenen Zeitepoche. Geben Sie ihn mir!« Eine verwirrte Assistentin verschwand vom Schirm. An ihre Stelle trat das Gesicht von Duncan Hoffoss. »Sie sind genau das, was mir jetzt noch fehlt zu meinem Glück!« bemerkte der Stellvertreter des Commanders mit falscher Freundlichkeit. »Sicher haben Sie nur schlechte Nachrichten!« Hoffoss grinste spöttisch zurück. »Nicht so pessimistisch, Henner. Aber was...« er beugte sich vor, bis von seinem Gesicht nur Mund und Augen zu sehen waren, »... hat Sie denn so fertiggemacht? Sie sehen ziemlich ramponiert aus, wie nach einer durchzechten Nacht. Halt! Sagen Sie nichts, lassen Sie mich raten!« »Den Teufel werde ich!« Henner Trawisheim unterbrach ihn mit einer ungeduldigen Handbewegung. »Das müssen gerade Sie sagen. Sie sehen auch nicht viel besser aus, Duncan. Kommen Sie also zur Sache. Ich hoffe, Sie haben Erfolge zu melden?« »Ja und nein!«
Duncan Hoffoss war seit mehr als drei Jahren der zuständige Energieminister im Regierungslager und ein Praktiker par excellence. Er war schon etwas älter, die Falten um seine Augen und auf seiner Stirn kündigten davon. Aber trotz seiner weißen Haare umgab ihn eine Aura der Stärke und Autorität. »Ich glaube, wir haben ein Problem«, sagte er ruhig, aber mit einem nicht eindeutig zu verifizierenden Unterton. Trawisheim sah ihn stirnrunzelnd an. »Ein weiteres?« Hoffoss nickte mit schmalen Lippen. »Die Kraftwerke gehen nach und nach wieder ans Netz. Energie steht, wenn auch in sehr eingeschränktem Maße, zur Verfügung. Wir verteilen sie zunächst vorrangig an die Hospitäler und ähnliche Einrichtungen. Dieses rätselhafte Phänomen, das die Erde getroffen hat, hat sämtliche Sicherungen aus allen nur erdenklichen Anlagen zur Energieerzeugung fliegen lassen. Zum Glück, sonst könnten wir sie jetzt komplett abschreiben. Sie können sich vorstellen, daß es eine Sisyphusarbeit ist, alle Sicherungen rund um den Globus von Hand wieder zu installieren. Aber diese Tatsache ist es nicht, was uns Sorge bereitet, wenn es auch vordergründig den Anschein hat. Damit werden wir fertig, früher oder später. Was uns Kummer bereitet und unsere Experten Kopf stehen läßt, ist etwas ganz anderes...« Hoffoss zögerte. Fast schien es, als fürchte er sich vor dem, was er zu sagen beabsichtigte. »Duncan...!« Trawisheim sagte es fast drohend. Mit einem entschuldigenden Blick fuhr Hoffoss fort: »Wie gesagt, die Einspeisung von Energie aus wieder betriebsfähigen Kraftwerken schreitet voran – allerdings werden wir uns verteufelt einschränken müssen.« »Wieso das?« »Wir haben uns in der Vergangenheit zu sehr auf die MMeiler zur Energieerzeugung verlassen. Die funktionieren aber nunmal nicht mehr.«
Trawisheim starrte Hoffoss an. »Moment. Wollen Sie damit andeuten, daß die MysteriousTechnik nicht mehr zur Verfügung steht?« »Es ist leider so«, bestätigte Hoffoss. »Sämtliche Hochtechnologie der Mysterious hat ihren Geist aufgegeben – soweit ich meinen Experten vertrauen kann. Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, uns wieder auf uns selbst besinnen. Wir benötigen in allernächster Zukunft dringend Meiler aus terranischer Produktion, ansonsten sehe ich im wahrsten Sinn des Wortes schwarz für unsere Wirtschaft. Die großen Energievorräte in den Speicherbänken reichen auch nicht ewig.« Trawisheim blies die Backen auf. »Was arbeitet denn überhaupt noch?« »Außer so einfachen