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Alfred W Crosby beschreibt in seinem Buch eine bisher wenig beachtete Seite der europäischen Welteroberung: den ökologischen Imperialismus. Er erzählt die Geschichte dieser Eroberung nicht als Geschichte fortgeschrittener Technik und militärischer Überlegenheit, sondern als Umweltgeschichte, als ökologische Überwältigung der »fremden« Menschen,Tiere und Pflanzen. So bevölkerten die von Kolumbus ausgesetzten Hausschweine bald in großer Zahl Española und die Antillen und dienten den nachfolgenden Siedlern als Nahrung; so verdrängten auf der südamerikanischen Pampa europäische weitgehend die einheimischen Gräser, was wiederum den importierten Rindern zugute kam; so setzten sich Weizen und andere »Feldfrüchte des weißen Mannes« gegen Ökosysteme durch, die empfindlicher und störanfälliger waren als sie. Schließlich
schleppten die Europäer Krankheitserreger ein, denen das Immunsystem anderer Völker nicht gewachsen war: gleichsam eine »biologische Kriegführung« mittels Typhus, Cholera und weiterer Seuchen. Crosby gibt Antwort auf die Frage, warum die Niederwerfung fremder Völker und die anschließende Besiedlung der eroberten Gebiete immer in jenen gemäßigten Klimazonen erfolgte, wo es den Kolonialisten gelang, »neu-europäische« Umwelten zu kreieren. Er liefert damit einen wesentlichen Beitrag zu den anstehenden Jubelfeiern anläßlich der »Entdeckung« Amerikas (1492/1992) – und darüber hinaus auch zur Geschichte des Nord-/Süd-Konflikts. Alfred W. Crosby ist Professor für American Studies an der University of Texas in Austin.
V. 27005 unverkäuflich
Alfred W. Crosby
Die Früchte des weißen Mannes Ökologischer Imperialismus 900–900
Aus dem Englischen von Niels Kadritzke
Campus Verlag Frankfurt/New York
Die englische Originalausgabe »Ecological Imperialism. The Biological Expansion of Europe, 900 – 900« erschien 986 bei Cambridge University Press, Cambridge. Copyright © 986 by Cambridge University Press Mit dem Einverständnis des Autors und des englischen Verlags wurde unsere Ausgabe um das ursprüngliche Kap. 0: »New Zealand«, den Anhang: »What was the ›smallpox‹ in New South Wales in 789?« und die fotografischen Illustrationen gekürzt.
CIP-Titelaufnahme der Deutschen Bibliothek Crosby, Alfred W.: Die Früchte des weissen Mannes: ökologischer Imperialismus 900 – 900 / Alfred W. Crosby. Aus dem Engl. von Niels Kadritzke. – Frankfurt/Main ; New York : Campus Verlag, 99 Einheitssacht.: Ecological imperialism ‹dt.› ISBN 3–593–3448– Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Copyright © 99: Alle deutschsprachigen Rechte: Campus Verlag GmbH, Frankfurt/Main Umschlaggestaltung: Atelier Warminski, Büdingen Umschlagabbildung: Jan Mostaert: »Eine Episode der Eroberung Amerikas« (mit freundlicher Genehmigung des Frans Hals Museums, Haarlem) Satz: L. Huhn, Maintal Druck und Bindung: Fuldaer Verlagsanstalt, Fulda Printed in Germany
»Die Entdeckung Amerikas und die Entdeckung eines Weges nach Ostindien um das Kap der Guten Hoffnung sind die beiden wichtigsten und größten Begebenheiten, welche die Geschichte der Menschheit aufgezeichnet hat.« Adam Smith, Der Reichtum der Nationen (776)
»Doch wenn wir auf unserem Vormarsch das Schwert der Vernichtung führen, bleibt uns kein Grund, über die vollbrachten Zerstörungen zu lamentieren.« Charles Lyell, Principles of Geology (832)
»Wo nur immer der Europäer seinen Fuß hingesetzt hat, scheint der Tod den Eingeborenen zu verfolgen. Wir können auf die großen Flächen von Amerika, nach Polynesien, dem Vorgebirge der guten Hoffnung (sic!) und Australien hinblicken, wir finden dasselbe Resultat.« Charles Darwin, Reise eines Naturforschers um die Welt (839)
»Die Entdeckung Amerikas, die Umschiffung Afrikas schufen der aufkommenden Bourgeoisie ein neues Terrain. Der ostindische und chinesische Markt, die Kolonisierung von Amerika, der Austausch mit den Kolonien, die Vermehrung der Tauschmittel und der
Waren überhaupt gaben dem Handel, der Schiffahrt, der Industrie einen nie gekannten Aufschwung und damit dem revolutionären Element in der zerfallenden feudalen Gesellschaft eine rasche Entwicklung.« Karl Marx/Friedrich Engels, Manifest der Kommunistischen Partei (848)
Inhalt
Einleitung 9 Der Urkontinent Pangäa und die Neolithische Revolution 9 Gescheiterte Expeditionen: Vinland und Jerusalem 70 Die ersten Kolonien: Madeira, Azoren, Kanarische Inseln 20 Die Beherrschung der Winde 77 In Reichweite, aber nicht im Griff: die tropischen Zonen 222 Die Flora 24
Die Fauna 288 Die Seuchen 328 Die Eroberung der neo-europäischen Gebiete 366 Schlußfolgerungen 407 Dank 43 Literatur 434 Register 463
Einleitung Europäische Auswanderer und ihre Nachkommen sind auf dieser Welt überall anzutreffen. Das bedarf einer Erklärung. Bei anderen ethnischen Gruppen sind die Siedlungsgebiete unmittelbar einsichtig. Die verschiedenen Völker Asiens leben – bis auf relativ wenige Ausnahmen – in Asiens. Schwarzafrikaner gibt es auf drei Kontinenten, aber sie konzentrieren sich überwiegend in ihren angestammten, nämlich tropischen Breiten, wenn auch durch einen Ozean getrennt. Die amerikanischen Indianer leben – mit wenigen Ausnahmen – in Nord- und Südamerika; fast alle überlebenden australischen Ureinwohner siedeln in Australien. Die Eskimos leben in den zirkumpolaren Regionen, die Melanesier, Polynesier und Mikronesier über die Inselwelt eines einzigen, allerdings riesigen Ozeans verstreut. All diese Völker haben sich geographisch ausgebreitet. Sie haben sich also, wenn man so will, imperialistisch betätigt – allerdings meist in Regionen, die an ihre alten Siedlungsgebiete grenzten oder nicht allzu weit davon entfernt lagen; oder sie haben, wie die Völker der Pazifikregion, eine benachbarte Insel nach der anderen eingenommen, egal wieviele Kilometer Wasser jeweils dazwischenliegen mochten. Anders die Europäer: Sie 9
scheinen sich in Bocksprüngen um den Erdball bewegt zu haben. Die Europäer – Weiße, die sich durch bestimmte politische und technische Errungenschaften auszeichnen – bewohnen in großen Gruppen und fast geschlossenen Siedlungsblöcken das nördliche Eurasien vom Atlantik bis zum Pazifik. Damit nehmen sie heute weit mehr Territorium in Anspruch als noch vor tausend oder auch nur fünfhundert Jahren. Aus Europäern setzt sich aber auch die große Mehrheit der Bevölkerung in den Gebieten zusammen, die ich in der Folge als »neo-europäisch« bezeichnen werde und die Tausende Kilometer von Europa – aber ebenso weit auch jeweils voneinander – entfernt liegen. Die Bevölkerung Australiens ist fast gänzlich, die Neuseelands zu etwa neun Zehnteln europäischer Abstammung. In Amerika gibt es zwar nördlich von Mexico beträchtliche Minderheiten von Afro-Amerikanern und mestizos (ein Begriff aus der spanisch-amerikanischen Alltagssprache, der indianisch-weiße Mischlinge bezeichnet); über 80 Prozent der Einwohner beider amerikanischen Subkontinente sind jedoch europäischer Abstammung. Südlich des südlichen Wendekreises ist die amerikanische Bevölkerung ebenfalls vorwiegend weiß. Im tiefen Süden Brasiliens (den Provinzen Paraná, Santa Catarina und Rio Grande do Sul) liegt der europäische Bevölkerungsanteil zwischen 85 und 95 Prozent, und auch das benachbarte Uruguay besteht zu fast neun Zehnteln aus Weißen. Für Argentinien gehen die einen Quellen von 10
etwa 90, andere sogar von nahezu 00 Prozent europäischem Bevölkerungsanteil aus. Die Chilenen sind nur zu etwa einem Drittel europäisch; die anderen zwei Drittel sind fast durchweg mestizos. Betrachten wir jedoch die Gesamtbevölkerung jenes spitzwinkligen Dreiecks, das sich vom südlichen Wendekreis in Richtung Südpol erstreckt, so ergibt sich eine große Bevölkerungsmehrheit europäischer Abstammung. Selbst wenn wir die höchsten Schätzungen für mestizos, Afro-Amerikaner und amerikanische Indianer zugrundelegen, sind in der gemäßigten Zone Südamerikas immer noch drei Viertel aller Menschen rein europäischer Abstammung.* Die Europäer sind – um es in der Sprache der Imker auszudrücken – immer wieder aufs Neue ausgeschwärmt und haben sich dabei ihre neuen Standorte so ausgesucht, als fühle sich jeder Schwarm von allen anderen körperlich abgestoßen. Diese neo-europäischen Gebiete verfügen außerdem über ungeheure Nahrungsmittelüberschüsse, die sie seit Jahrzehnten exportieren. 982 belief sich der Gesamtwert aller Agrarexporte der Welt, also aller über nationale Grenzen hinweg beförderten landwirtschaftlichen Erzeugnisse, auf 20 Milliarden Dollar. An diesem Gesamtvolumen waren Kanada, die USA, Argentinien, Uruguay, Australien und Neuseeland mit 64 Milliarden * Die statistischen Zahlen stammen aus: The New Rand McNally College World Atlas 983; The World Almanac and Book of Facts 984; The American Encyclopedia 983; Smith 972: 70).
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Dollar oder etwas über 30 Prozent beteiligt. Und dieser Anteil würde absolut wie prozentual sogar noch höher ausfallen, wenn man die Exporte Südbrasiliens einrechnen würde. An den Weizenexporten, dem bedeutendsten Sektor des internationalen Agrarhandels, hatten die neo-europäischen Gebiete einen noch höheren Anteil. 982 ging Weizen im Wert von 8 Milliarden Dollar über die Grenzen, ca. 3 Milliarden davon stammten aus den neo-europäischen Gebieten. Im selben Jahr beliefen sich die Exporte an proteinreichen Sojabohnen – der wichtigsten Neuheit im internationalen Nährstoffhandel seit dem Zweiten Weltkrieg – weltweit auf 7 Milliarden Dollar. 6,3 Milliarden davon entfielen allein auf die USA und Kanada. Im Export von frischem, gefrorenem und tiefgefrorenem Rind- und Lammfleisch und einer ganzen Reihe anderer Nahrungsmittel sind die Neo-Europäer ebenfalls führend. Ihr Anteil am internationalen Handel mit den Nahrungsmitteln, die weltweit von strategischer Bedeutung sind, ist weitaus größer als der Anteil der Länder des Mittleren Ostens an den Rohölexporten.* Die beherrschende Rolle der neo-europäischen Gebiete im internationalen Nahrungsmittelhandel ist keineswegs nur eine Sache nackter Produktivität. Die Sowjetunion produziert gewöhnlich die größten Mengen * Vgl. Food and Agricultural Organization of the United Nations Trade Yearbook 982 (publiziert 983), XXXVI: 42 ff., 52-58, 2 ff., 8 ff., 237 f.; The Statesman’s Year-book 983-84 (publ. 983), XV–II; Brown 984: 9
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von Weizen, Hafer, Gerste, Roggen, Kartoffeln, Milch, Lammfleisch, Zucker und diversen anderen Nahrungsmitteln. China erzeugt von allen Ländern am meisten Reis und Hirse und hat außerdem die größten Schweinebestände. Die Produktivität pro Flächeneinheit ist in den neo-europäischen Gebieten geringer als in vielen anderen Ländern. Ihre Farmer – klein an der Zahl, doch groß im Einsatz von Technologie – sind mehr auf extensive denn intensive Anbaumethoden spezialisiert. Auf die Zahl der Beschäftigten bezogen, ist ihre Produktivität imponierend, in Hektarerträgen ausgedrückt weniger eindrucksvoll. Führend sind diese Gebiete allerdings, was die Produktion von Lebensmitteln bezogen auf den Inlandskonsuni betrifft – oder um es anders zu formulieren: in der Produktion exportierbarer Überschüsse. Um ein extremes Beispiel anzuführen: 982 erzeugten die USA nur einen geringen Prozentsatz der Weltreisernte, dennoch lagen sie bei den Reisexporten mit einem Fünftel des Welthandelsvolumens vor allen anderen Ländern an erster Stelle (The World Almanac and Book of Facts 984: 56). Wir werden auf die Produktivität der Neo-Europäer noch einmal im Schlußkapitel zurückkommen. Zunächst befassen wir uns jedoch mit dem ausgeprägten Hang der Europäer, nach Übersee auszuwandern – eine ihrer herausragenden Besonderheiten, die im übrigen viel mit der landwirtschaftlichen Produktivität der neoeuropäischen Gebiete zu tun hat. Die Europäer legten verständlicherweise keine besondere Eile an den Tag, die 13
gewohnte Sicherheit ihrer Heimatländer hinter sich zu lassen. Erst lange, nachdem Cabot, Magellan und andere europäische Seefahrer erstmals auf die neuen Landmassen gestoßen waren, und auch geraume Zeit, nachdem sich dort die ersten Siedler niedergelassen hatten, wurde die Bevölkerung der neo-europäischen Gebiete so weiß, wie sie heute ist. Nordamerika* hatte im Jahre 800 – nach fast zwei Jahrhunderten erfolgreicher europäischer Kolonialisierung und obwohl es in vieler Hinsicht für die Auswanderer aus der Alten Welt das attraktivste aller neo-europäischen Siedlungsgebiete darstellte – kaum fünf Millionen weiße Einwohner, zu denen etwa eine Million Schwarze kamen; im südlichen Südamerika lebten zu dieser Zeit weniger als eine halbe Million Weiße; in Australien lediglich 0000, und Neuseeland war noch echtes Maoriland (McEvedy/Jones 978: 285, 287, 33 f., 327; Southey 969, III: 866). Und dann kam die Sintflut: Zwischen 820 und 930 wanderten über 50 Millionen Europäer in die neo-europäischen Überseegebiete aus. Das entspricht annähernd einem Fünftel der Gesamtbevölkerung Europas zu dieser Zeit (Jones 98: 254). Wie läßt sich eine so massenhafte Völkerwanderung über so riesige Entfernungen erklären? Was war der innerste Antrieb, der diesen Sog in die neoeuropäischen Regionen verursachte? Einen erheblichen * Für die Zwecke dieses Buches steht der Ausdruck »Nordamerika« für den Teil des Gesamtkontinents nördlich von Mexiko; »Amerika« bezeichnet den Gesamtkontinent.
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Schub erzeugten die Verhältnisse in Europa selber: die Bevölkerungsexplosion und der dadurch verursachte Mangel an kultivierbarem Boden, die nationalen Rivalitäten und die Verfolgung von Minderheiten. Begünstigt wurde die Auswanderung über große Entfernungen hinweg sicher auch durch den Einsatz der Dampfkraft für die Fortbewegung zu Lande und zu Wasser. Die neu entdeckten Gebiete boten zahlreiche, regional verschiedene Attraktionen. Ausschlaggebend indes waren tiefgründigere Faktoren, die erst die verschiedenen Attraktionen so anziehend und unwiderstehlich machten, daß ein vernünftiger Mensch dazu verleitet wurde, sein Kapital und die Lebensperspektiven seiner Familie in einem neo-europäischen Abenteuer aufs Spiel zu setzen. Diese Faktoren lassen sich wohl am besten als biogeographisches Syndrom beschreiben. Gehen wir unsere Fragestellung zunächst einmal mit der Dupin-Methode an – in Anlehnung an Edgar Allan Poes Detektivfigur C. Auguste Dupin, der einen ungemein wichtigen gestohlenen Brief nicht etwa in einem Bucheinband oder einem hohlen Stuhlbein versteckt fand, sondern an einer allgemein zugänglichen Stelle – in einem Briefständer. Die Dupin-Technik läßt sich folgendermaßen beschreiben: Man halte sich an die einfachen Fragen, weil die Antworten auf komplizierte Fragen wahrscheinlich so kompliziert ausfallen, daß man sie nicht überprüfen kann; oder, schlimmer noch, weil sie eine so starke 15
Faszination ausüben können, daß man sie nicht wieder verwerfen mag. Dupins erste Frage würde also lauten: Wo liegen die neo-europäischen Gebiete? Sie sind zwar über den ganzen Globus verstreut, befinden sich jedoch in ganz ähnlichen Breiten: Sie gehören sämtlich, entweder vollständig oder mindestens zu zwei Dritteln, zu den gemäßigten Zonen der nördlichen und südlichen Erdhalbkugel. Das bedeutet, daß sie sich in den klimatischen Bedingungen weitgehend ähneln. Die Pflanzen, die den Europäern schon immer Nahrungsmittel und Fasern zur Fertigung ihrer Kleidung geliefert, und die Tiere, die sie ebenfalls mit Nahrungsmitteln und Fasern sowie mit Arbeitskraft, Leder, Knochen und Düngemitteln versorgt haben, gedeihen vor allem in einem warmen bis kühlen Klima mit einer Jahresniederschlagsmenge von 50 bis 50 Zentimetern. Solche klimatischen Verhältnisse sind charakteristisch für alle neo-europäischen Gebiete (oder wenigstens für deren fruchtbare Zonen), in denen sich die Europäer kompakt angesiedelt haben. Sie wurden offenbar vorwiegend von Gegenden angezogen, wo Weizen und Rinder gedeihen – eine Hypothese, die sich in der Tat historisch bestätigt findet. Die ursprüngliche Fauna und Flora der neu-europäischen Regionen sind untereinander wie auch von der Fauna und Flora Nord-Eurasiens eindeutig unterschieden. Diese Unterschiede stechen besonders ins Auge, wenn wir einige der wichtigsten Arten von Weidetieren vor etwa 16
tausend Jahren betrachten. Das europäische Rind, der nordamerikanische Bison, das südamerikanische Guanako, das australische Känguruh und der neuseeländische Moa (eine bis zu drei Metern große Straußenart, die heute ausgestorben ist) waren ganz unterschiedlich und kaum miteinander verwandt. Das Rind und der Büffel als die engsten Verwandten waren bestenfalls Vettern sehr entfernten Grades. Selbst der nordamerikanische Bison und das ihm am nächsten verwandte (heute sehr selten gewordene) europäische Wisent sind keineswegs dieselbe Spezies. Die neo-europäische Fauna und Flora machte denn auch auf europäische Kolonisten zuweilen einen atemberaubend bizarren Eindruck. In Australien beispielsweise bemängelte ein gewisser Mr. J. Martin in den 30er Jahren des 9. Jahrhunderts: »Die Bäume behielten ihre Blätter und warfen stattdessen ihre Rinde ab, die Schwäne waren schwarz, die Adler weiß, die Bienen hatten keinen Stachel, manche Säugetiere hatten Beutel, andere wiederum legten Eier; am wärmsten war es auf den Bergen, am kühlsten in den Tälern, und sogar die Brombeeren (engl.: blackberries; Anm. d. Übers.) waren rot.« (Powell 976: 3 f.) Wir haben es hier mit einem Paradoxon zu tun: Die Teile der Erde, die Europa im Hinblick auf ihre Bevölkerung und ihre Kultur inzwischen am meisten ähneln, liegen weit von Europa entfernt und sind durch die Weltmeere getrennt. Obwohl sie klimatisch Europa so ähnlich sind, war ihre ursprüngliche Tier- und Pflanzenwelt ganz 17
anders als die europäische. Die Regionen, die heute von allen Ländern der Erde am meisten Nahrungsmittel europäischer Provenienz exportieren, kannten vor 500 Jahren weder Weizen noch Gerste, noch Reis, noch Rinder, Schweine, Schafe oder Ziegen. Wie ist dieses Paradoxon zu erklären? In den klimatisch vergleichbaren Regionen Nordamerikas, des südlichen Südamerikas, Australiens und Neuseelands können die europäischen Menschen und ihre Fauna und Flora erfolgreich gedeihen – vorausgesetzt, die biologische Konkurrenz ist nicht zu hart. Diese Konkurrenz aber blieb im allgemeinen eher gemäßigt. In der argentinischen Pampa haben die iberischen Pferde und Rinder das Guanako und den Nandu zurückgedrängt. In Nordamerika haben die Menschen indogermanischer Sprache die Ureinwohner unterworfen, deren Muttersprache Algonkin oder Muskhogean oder eine andere indianische Sprache war. In den Antipoden Europas haben der Löwenzahn und die Hauskatze der Alten Welt den Vormarsch, Känguruhgras und Kiwi dagegen den Rückzug angetreten. Aber wieso? Der europäische Menschenschlag mag sich durchgesetzt haben, weil er überlegene Waffen, die bessere Organisation und einen größeren Fanatismus mitbrachte; aber welchen Grund sollte es dafür geben, daß heute über dem Reich des Löwenzahns die Sonne nie untergeht? Hatte der Sieg des europäischen Imperialismus womöglich eine biologische, eine ökologische Komponente? 18
Der Urkontinent Pangäa und die Neolithische Revolution »Und Gott sprach: Es sammle sich das Wasser unter dem Himmel an besondere Orte, daß man das Trockne sehe. Und es geschah also. Und Gott nannte das Trockne Erde, und die Sammlung der Wasser nannte er Meer. Und Gott sah, daß es gut war.« . Buch Mose, , 9–0 »Drei feine Dinge sind es, von denen sich die Welt vor allem ernährt: von dem feinen Milchstrahl aus dem Euter der Kuh in den Eimer, von dem feinen Blatt des aus der Erde sprießenden Getreidehalms, von dem feinen Faden in geschickten Frauenhänden.« The Triads of Ireland (9. Jahrhundert)
Beim Nachdenken über die neo-europäischen Gebiete muß man ganz von vorne anfangen, also nicht erst 492 oder 788, sondern ungefähr 200 Millionen Jahre früher, als eine Folge geologischer Entwicklungen einsetzte, die diese Landmassen dorthin brachte, wo sie sich heute befinden. Vor 200 Millionen Jahren, als noch Dinosaurier die Erde bevölkerten, gab es nur einen einzigen riesigen Kontinent, den die Geologen Pangäa nennen (Dietz/Holden 19
Abb. : Die Nahtlinien der Pangäa (nach: Hamblin 982: 23)
976: 26 f.). Dieser Urkontinent erstreckte sich über viele Breitengrade und umfaßte daher vermutlich unterschiedliche Klimazonen. Da es sich aber um eine einzige Landmasse handelte, konnten die Lebensformen nicht allzu verschieden gewesen sein. Dieser eine Kontinent stellte gewissermaßen eine geschlossene Wettbewerbsarena des darwinistischen Überlebens- und Reproduktionskampfes dar, in der bestimmte Gruppen von Lebewesen sich gegenüber anderen durchsetzen konnten. Auf diesem Urkontinent dominierten unter den Landtieren die Reptilien, zu denen alle Dinosaurierarten zählten, über eine Zeitspanne, die dreimal so lange andauerte wie die darauffolgende Vorherrschaft der Säugetiere. Und dennoch haben die Reptilien gegenüber den Säugern etwa ein Drittel weniger Gattungen hervorgebracht. Vor etwa 80 Millionen Jahren begann die Pangäa in Stücke zu brechen wie ein gigantischer Eisberg, den es in 20
warme Gewässer verschlagen hat. Sie brach zunächst in zwei Kontinente auseinander, dann in kleinere Stücke, aus denen sich die heutigen Kontinente entwickelten. Die Geologen haben diesen höchst komplizierten Prozeß bis heute noch nicht ganz entschlüsselt. Uns genügen die groben Umrisse: Zu den Bruchlinien des Urkontinents wurden die Zonen intensiver seismischer Aktivitäten, aus denen später untermeerische Gebirgszüge entstanden. Von diesen ist der Mittelatlantische Rücken am gründlichsten erforscht, er zieht sich als köchelnde und brodelnde Unterwasserregion von der Grönland-See bis zur Spiess-Bann zwanzig Breiten- und zwanzig Längengrade südwestlich von Kapstadt. Aus dieser und anderen zu Urzeiten abgesunkenen Gebirgsketten traten (und treten an vielen Stellen heute noch) Lavaströme hervor, die sich zu neuen ozeanischen Krustenböden verfestigten, deren Abdrift die Kontinente zu beiden Seiten der untermeerischen Rücken immer weiter auseinanderdrückte. Wo zwei solcher ozeanischen Krusten von den sie hervortreibenden Schwellenflanken abgleiten, krümmen sie sich ächzend und knirschend in den Erdmantel hinein. Dabei können das eine Mal kontinentale Gebirgsketten in die Höhe gestemmt, das andere Mal Tiefseegräben aufgerissen werden, welche die tiefsten Einkerbungen auf der Oberfläche unseres Planeten darstellen. Die Geologen bezeichnen diesen gigantisch dimensionierten und Ewigkeiten dauernden Vorgang als »Kontinentaldrift« oder auch als »Kontinentalverschiebung« (Dewey 976: 34 f.). 21
Zu der Zeit, da die Säugetiere die Dinosaurier als dominante Landtiere ablösten und sich in die zahllosen Ordnungen auszudifferenzieren begannen, die im Laufe der vergangenen Millionen Jahre entstanden sind, scheint die Trennung der Kontinente ihr Extremstadium erreicht zu haben. Mit Sicherheit war sie ausgeprägter als heute, zumal auch große Binnenmeere entstanden waren, die Südamerika und Eurasien in jeweils zwei Subkontinente teilten. Auf diesen Bruchstücken der alten Pangäa entwickelten sich voneinander unabhängige Lebensformen, die in vielen Fällen einzigartig waren. Von daher läßt sich teilweise erklären, in welch erstaunlichem Maße und mit welcher Geschwindigkeit die Säugetiere sich diversifizierten (Kurten 976: 76, 78; Elton 966: 33–49). Auch die Unterschiede zwischen der Fauna und Flora Europas und der neo-europäischen Gebiete sind weitgehend auf die Kontinentalverschiebung zurückzuführen. Jeder Europäer, der eines dieser Gebiete auf dem Seeweg ansteuerte, überquerte zwangsläufig eine oder mehrere dieser untermeerischen Trennlinien in Gestalt von Gebirgsrücken oder Grabenbrüchen. Europa und die neo-europäischen Gebiete gehören seit vielen Millionen Jahren nicht mehr zur selben Kontinentalmasse (sieht man von den zeitweiligen Verbindungen zwischen Nordamerika und Asien in der arktischen Region ab). In diesem Zeitraum haben sich die Vorläufer des amerikanischen Bisons, des eurasischen Rindes und des australischen Känguruhs auf getrennten Evolutions22
pfaden voranbewegt. Wenn man diese unter dem Wasser verborgenen Nahtlinien zwischen den Kontinenten überquerte, wechselte man zugleich von einem dieser Pfade auf einen anderen, betrat gleichsam eine andere Welt (Piclou 979: 28–3, 49–57). (Es gibt auch Nahtlinien, die nicht unter Wasser liegen und keine kontinentale Trennlinie darstellen, wir wollen sie aber der Kürze halber vernachlässigen.) Als die Pangäa sich in einen südlichen und einen nördlichen Kontinent aufspaltete, lagen das heutige Nordamerika und Europa auf demselben Kontinent. Sie befinden sich daher heute in denselben Breitenzonen und haben eine ähnliche Urgeschichte. Ihre Fauna und Flora unterschieden sich weniger voneinander als von den übrigen neo-europäischen Gebieten. Dennoch waren diese Unterschiede groß genug, um den finnischen Naturforscher Peter Kala, der 748 nach Philadelphia kam, staunen zu machen: »Ich fand mich nunmehr in eine neue Welt versetzt. Wann immer ich zu Boden blickte, fand ich allenthalben Pflanzen, wie ich sie nie zuvor erschaut hatte. Sah ich einen Baum, mußte ich innehalten und meine Begleiter befragen, wie er genannt werde … Und Schrekken ergriff mich bei dem Gedanken, mich an so viele neue und unbekannte Elemente des Naturgeschehens gewöhnen zu müssen.« (Kalm 972: 24) 23
Es gibt auch Nahtlinien, die nicht unter Wasser liegen und keine kontinentale Trennlinie darstellen, wir wollen sie aber der Kürze halber vernachlässigen. Die Bio-Geographen haben Nordamerika und Eurasien zu recht als unterschiedliche biologische Regionen eingestuft. Schließlich hat Nero die ersten Christen den Löwen und nicht den Pumas vorgeworfen (Neill 969: 98, 04). Was die anderen neo-europäischen Gebiete betrifft, so besteht ohnehin kein Zweifel, daß sie anderen biogeographischen Kategorien unterliegen als Europa – beispielsweise gibt es dort große, bis zu mannshohe, flugunfähige Vögel. 24
Die Aufspaltung der Pangäa und die Dezentralisierung des Evolutionsprozesses begann vor 80 bis 200 Millionen Jahren. Seitdem dominierten in der Evolution der Lebensformen meist die zentrifugalen Kräfte (mit Ausnahme einiger gegenläufiger Phasen, z. B. beim periodischen Wiederauftauchen der Bering-Landbrücke, die eine Verbindung zwischen Nordamerika und Eurasien herstellte und eine Vermischung von Fauna und Flora ermöglichte). Diese Vorherrschaft der zentrifugalen Tendenzen dauerte von der Zeit, als einige unserer frühesten Vorfahren sich von geraubten Dinosauriereiern zu ernähren begannen, bis vor etwa 25
einer halben Million Jahren; seitdem dominieren die zentripetalen Kräfte. Das Auseinanderbrechen des Urkontinents war ein geologischer Prozeß, der sich im majestätischen Zeitmaß der Kontinentalverschiebung vollzog. Die gegenwärtig ablaufende Rekonstituierung der Pangäa im Zeichen des Schiffs- und Flugverkehrs gehört dagegen zum Prozeß der menschlichen Zivilisation und vollzieht sich im unkontrollierten, ständig beschleunigten, rasenden Tempo der technologischen Entwicklung. Um diese Entwicklung darzustellen, müssen wir nur ein bis drei Millionen Jahre zurückgehen. Die anpassungsfähigsten der heute noch existierenden großen Landlebewesen sind die Menschen, weshalb sie auf der Welt auch am weitesten verbreitet sind. Andere Lebewesen mußten erst bestimmte genetische Veränderungen durchlaufen, bevor sie in geographische Regionen überwechseln konnten, die grundlegend anders waren als die ihrer Ahnen: Ihre Schneidezähne mußten erst zu Dolchen werden, um in der Konkurrenz um die Nahrung zu bestehen; ihre Behaarung mußte sich erst zum Pelz verdichten, bevor sie in nördlicheren Regionen überleben konnten. Anders die Menschen und ihre hominiden Vorläufer. Sie machten keinen spezifischen, sondern vielmehr einen verallgemeinerten genetischen Wandel durch: Sie entwickelten ein größeres und besseres Gehirn, das den Gebrauch von Sprache und die Handhabung von Werk26
zeugen ermöglichte. Dieses Wachstum des kompakten, im menschlichen Schädel wie in einem Schatzkästchen verstauten Nervengewebes setzte vor mehreren Millionen Jahren ein, und erst mit ihm wurden die Hominiden zunehmend lern-, das heißt kulturfähig. Kultur ist ein System der Speicherung und Veränderung von Verhaltensmustern, dessen Träger nicht die Moleküle des genetischen Code, sondern die Gehirnzellen sind. Dieser Entwicklungssprung machte die Vertreter der Gattung Homo zu Spezialisten der Anpassungsfähigkeit im Reich der Natur (Loring 979: 54–68). Vor ca. 00 000 Jahren hat das menschliche Hirn seinen heutigen Umfang erreicht, der sich wahrscheinlich nicht mehr vergrößern wird (Loring 979: 78). Seine endgültige Ausformung war vor etwa 40 000 Jahren abgeschlossen, als der Homo sapiens (der kluge Mensch!) auftauchte – das Gesicht beschmiert mit irgendeinem Farbstoff seiner natürlichen Umgebung und in der Faust einen zugespitzten oder gar steinspitzenbewehrten Stock. Die Hominiden – diese hirnlastigen Affen – waren dank ihrer neu gewonnenen Anpassungsfähigkeit in der Lage, ihre angestammten Gebiete (wahrscheinlich Afrika) zu verlassen und über die alten Landnähte der Pangäa hinweg nach Eurasien zu wandern. Seitdem ziehen Hominiden bzw. Menschen auf der Erde umher und versuchen, jede Ritze, jede Spalte, jede Nische über dem Meeresspiegel in Beschlag zu nehmen. Unsere Vorfahren (Homo erectus) – ausgestattet mit einem Gehirn, 27
das ca. 00 Kubikzentimeter kleiner war als das unsere – vermehrten sich, durchwanderten die Tropenzonen der Alten Welt und tauchten vor ca. 750 000 Jahren in den gemäßigten Zonen der nördlichen Hemisphäre auf, wo sie sich in Europa und China niederließen (Loring 979: 76 f.; Campbell 976: 248; Pilbeam 984: 93–96). Die menschliche Gattung hatte von der Alten Welt Besitz ergriffen, die von Europa und Sibirien bis zur Südspitze Afrikas und zur ostindischen Inselwelt reichte. Aber es gab noch ganze Kontinente und zahllose Inseln, die wir weder erforscht noch besiedelt hatten. Vor allem hatten wir noch keine der sich ständig verbreiternden, auf dem Meeresgrund verborgenen Nahtlinien der alten Pangäa überquert (Campbell 976: 383 f.; Loring 979: 95). Erst später schickten sich die frühen Menschen an, diese Welt – das zerrissene Kerngebiet der Pangäa: Eurasien und Afrika – zu verlassen, in der ihre Vorfahren über Millionen von Jahren gelebt hatten. In der anderen Welt, zu der sie aufbrachen wie zu einem anderen Planeten, gab es weder Menschen noch Hominiden noch irgendwelche Affenarten. In ihr dominierten Pflanzen, Tiere und Mikroorganismen, deren Arten große Unterschiede zur Fauna und Flora der Alten Welt aufwiesen. Diese Neue Welt bestand aus Nordamerika, Südamerika und Australien; Neuseeland war noch zu weit entfernt. Im Malaischen Archipel ist die Gattung Homo schon fast so lange vertreten, wie es sie gibt. Die Meerengen zwischen diesen Inseln waren schmal und teilweise so seicht, 28
daß sie wie die zwischen Neu-Guinea und Australien im Laufe einer Eiszeit trocken fielen. Auf diesem Wege wanderten die ersten Vertreter der menschlichen Spezies vor 40000 Jahren nach Australien ein, wo sie sich als die ersten großen plazentalen (eine Plazenta ausbildenden) Säuger niederließen. Als zweite plazentale Spezies tauchte erst vor 8000 Jahren oder noch später eine Hundeart namens Dingo auf. (Diese und andere hier aufgeführte Datierungen sind noch umstritten, aber wir brauchen uns in solche Kontroversen nicht einzumischen – uns interessieren nicht die absoluten Daten, sondern allein die zeitliche Abfolge.) Es gibt Anhaltspunkte dafür, daß einige Arten und Gattungen australischer Beuteltiere und Reptilien verschwunden sind, als sich die Menschen auf diesem Kontinent ausbreiteten. Die Versuchung ist groß, diese zeitliche Übereinstimmung als zwingenden Beweis zu nehmen und das Aussterben dieser Lebewesen auf diese Eindringlinge zurückzuführen. Aber selbst den Leichtgläubigsten wird man kaum einreden können, daß die steinzeitlichen Jäger diese australischen Tiergiganten ganz allein umgebracht hätten. Eine gewisse Rolle haben sicher auch die Krankheiten gespielt, die diese Menschen von den indonesischen Inseln nach Süden mitgeschleppt haben mögen. Sicher aber brachten sie das Feuer, das von den australischen Ureinwohnern bis in jüngere Zeiten eingesetzt wurde, um weite Gebiete des Kontinents in regelmäßigen Abständen abzubrennen. 29
In den prähistorischen Zeiten könnte diese Praxis die Lebenswelt der Tiergiganten so stark in Mitleidenschaft gezogen haben, daß sich diese nicht mehr halten und reproduzieren konnten.* Südlich der nordamerikanischen Eisdecke sind menschliche Wesen vermutlich erst aufgetaucht, als sie in Australien längst Fuß gefaßt hatten. Nach Amerika zu gelangen, war ein kompliziertes Unterfangen. Problematisch waren dabei weniger die kalten, nebligen und gefährlichen Gewässer der Bering-Straße; das Hauptproblem stellte vielmehr das in diesen Breiten herrschende feindliche Klima dar. So zogen von Sibirien aus gewiß nur wenige Menschen auf den Spuren ihrer Karibu-Herden über die damalige tundraartige Bering-Brücke nach Alaska hinüber. Dort stießen diese prähistorischen Auswanderer auf eine gigantische Eisdecke, die einen Großteil des amerikanischen Kontinents bis fast nach Mexiko hinunter überzog. Zwar gab es auch warme Perioden, in denen sich ein Korridor von Alaska nach Alberta und noch weiter nach Süden hin auftat, aber insgesamt gesehen war ein Fußmarsch von Asien zu den üppigen Grasebenen und Wäldern Nordamerikas ein mühsames Unterfangen. Wie in Australien fiel auch in Amerika die Ankunft menschlicher Großwildjäger mit dem Aussterben vieler großer Säugetierarten zusammen; das gilt zum Beispiel für das Mammut, das Mastodon, das Riesenfaultier, den * Thorne 98: 78 f.; Merrilees 968: -24; Mulvaney 976: 84; Blainey 976: 6, 6, 5-66
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Riesenbüffel und auch das Pferd. Einzelne Exemplare dieser Riesentierarten wurden zweifelsfrei von Menschen getötet; so hat man etwa zwischen den Rippen fossiler Mammuts steinerne Speerspitzen gefunden. Aber die meisten Experten haben Skrupel, das Aussterben ganzer Tierarten auf diese Jäger zurückzuführen. Der Mensch war wahrscheinlich nur eines von vielen verschiedenen Lebewesen, die auf die einheimische Tierwelt losgelassen wurden; den Rest erledigten wohl Parasiten und Krankheitserreger.* Der Homo sapiens fand in Australien und den beiden amerikanischen Subkontinenten paradiesische Jagdgründe vor. Auf allen drei Kontinenten liefen Riesenherden verzehrbarer Pflanzenfresser umher, die keinerlei Erfahrung hatten, wie man sich gegen menschliche Angreifer verteidigt, und die Neuankömmlinge mit offenbar unerschöpflichen Mengen von Proteinen, Fetten, Fellen und Knochen versorgten. Die Ausbreitung des Homo sapiens in Australien und Amerika hat wahrscheinlich zu einer enormen Zunahme der menschlichen Erdenbevölkerung geführt. Die neuen Kontinente glichen einem Garten Eden, den Adam und Eva erst spät betraten. »Derartiges kann es erst wieder geben, wenn der Mensch auf dem bewohnbaren Planeten eines anderen Sternensystems landet«, schreibt Francois Bordes in seinem Buch über die Altsteinzeit (Bordes 968: 28). * Martin 973: 969; Mosimann/Martin 975: 304; Martin/Wright 967: passim
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Vor ca. 0000 Jahren begannen alle größeren Eiskappen, bis auf die der Antarktis und Grönlands, abzuschmelzen; die Ozeane erreichten infolgedessen ungefähr ihren heutigen Wasserstand und überfluteten die Ebenen, die Australien mit Neu-Guinea und Alaska mit Sibirien verbunden hatten. Die wandernde Vorhut der Menschheit wurde damit in ihren neuen Heimatgebieten isoliert. Von da an – und bis zu dem Zeitpunkt, da die Europäer die Nahtlinien der alten Pangäa regelmäßig zu Schiff überqueren sollten – lebten und entwickelten sich diese Völker in völliger oder nahezu völliger Isolation. Ein vorübergehendes Innehalten der divergierenden Evolution, die mit dem Auseinanderbrechen des Urkontinents Pangäa begonnen hatte, war zu Ende. In den folgenden Jahrtausenden überwogen wieder die zentrifugalen Kräfte, drifteten die genetische und erstmals auch die kulturelle Entwicklung wie die Kontinente auseinander. Dann machte die Menschheit ihren nächsten riesigen Sprung nach vorn. Aber dieses Mal handelte es sich nicht um ein geologisches, sondern um ein zivilisatorisches Phänomen: die Neolithische Revolution. Nach der klassischen Definition begann die Neolithische Revolution, als die Menschen ihre Werkzeuge nicht mehr einfach aus zugeschlagenem Stein herstellten, sondern durch Schleifen und Polieren erstmals wirklich bearbeiteten. Und sie endete, als die Menschen lernten, Metalle in größeren Mengen zu schmelzen und zu Werkzeugen zu verarbeiten. Die Geschichte der Neolithischen Revolutionen ist 32
auch die Geschichte der Domestizierung von Haus-, Hof- und Herdentieren, der Entstehung der Schrift, der Gründung der ersten Städte und der Entstehung der Kultur (Encyclopaedia Britannica 9, II: 348–35; XIX: 372; Childe 956; passim). Die technologische Avantgarde der Menschheit, die Völkerschaften im Kerngebiet der Alten Welt, also des Nahen Ostens, legten den Weg, der uns in die Gegenwart geführt hat, schneller zurück als alle anderen. Die geographische Avantgarde der Menschheit, die in Australien und den amerikanischen Subkontinenten isolierten Pioniervölker, haben keine einheitliche Entwicklungsgeschichte durchlaufen. Die australischen Ureinwohner (die hier als Aborigines bezeichnet werden) blieben ihren altsteinzeitlichen Gewohnheiten treu, sie schmolzen keine Metalle und bauten keine Städte. Als sich im 8. Jahrhundert Captain Cook und die australischen Aborigines in der Botany Bay zum ersten Mal Auge in Auge gegenüberstanden, kreuzten ihre Blicke zugleich die Datumslinie der Neolithischen Revolution. Die Neolithische Revolution in der Neuen Welt begann langsamer als in der Alten Welt, beschleunigte sich nur zögernd und breitete sich so zaghaft aus, als seien die technischen und künstlerischen Errungenschaften der Zivilisation in der westlichen Hemisphäre weniger willkommen gewesen als in der östlichen. Am eindrucksvollsten entfaltete sie sich in Mittelamerika. Als die Konquistadoren mit Eisen und Stahl anrück33
ten, steckten die Völker der amerikanisch-indischen Hochkulturen noch in den Anfangsstadien der Metallurgie: Sie verwendeten das gewonnene Metall nur für Schmuckgegenstände und Götterstatuen, nicht aber für Werkzeuge. Warum verlief die zivilisatorische Entwicklung der Neuen Welt so langsam und zögernd? Vielleicht, weil die Hauptachse Amerikas in Nord-Süd-Richtung verläuft und deshalb die Nahrungspflanzen der amerikanischen Indianer, auf denen sämtliche Kulturen der Neuen Welt basierten, sich über extrem unterschiedliche Klimazonen verteilten. Die Hauptnahrungspflanzen der Alten Welt dagegen breiteten sich eher in Ost-West-Richtung aus und damit über Regionen mit vergleichbaren klimatischen Verhältnissen. Vielleicht aber auch, weil die Bauern Amerikas lange Zeit brauchten, um den Mais, ihr wichtigstes Grundnahrungsmittel, von seiner ursprünglichen Kümmerform zu der hochproduktiven Nutzpflanze hochzuzüchten, die dann die Europäer 492 erstmals zu Gesicht bekamen. Im Gegensatz dazu war der Weizen als die anfänglich wichtigste Kulturpflanze der Alten Welt schon zum Zeitpunkt der ersten Nutzung eine hochproduktive Getreideart. Vielleicht konnte deshalb die Alte der Neuen Welt in ihrer zivilisatorischen Entwicklung um tausend Jahre voraneilen. Aber selbst wenn sich solche spekulativen Überlegungen beweisen ließen, bliebe noch zu klären, warum die Neolithische Revolution in Amerika auch bei der 34
Domestizierung von Tieren weit hinter der Entwicklung in der Alten Welt zurückblieb. Zwar waren die amerikanischen Indianer in dieser Hinsicht den Aborigines, die nur den Hund domestizierten, überlegen, den Völkern der östlichen Hemisphäre aber bei weitem unterlegen. Man vergleiche nur das amerikanische Inventar an Haustieren – Hund, Lama, Meerschweinchen und wenig Federvieh – mit dem der Alten Welt: Hund, Katze, Rind, Pferd, Schwein, Schaf, Ziege, Rentier, Wasserbüffel, Hühner, Gänse, Enten, Honigbienen u. a. m. Die wilden Tiere der östlichen Hemisphäre waren nicht leichter zu zähmen als die des Westens. Der Vorfahre unseres Hausrindes, der Auerochse der Alten Welt, scheint sich als Haustier genauso wenig aufgedrängt zu haben wie der nordamerikanische Bison (CluttonBrock 98: 66 ff.). Im Gegensatz zu den Göttern der Alten Welt (oder jedenfalls zu dem Gott, dessen Texte die größte Verbreitung gefunden haben) verliehen die Götter der Neuen Welt den Menschen jedenfalls keine Herrschaftsbefugnisse »über Fische im Meer und über Vögel unter dem Himmel und über alles Tier, das auf Erden kreucht« (. Moses , 28). Einige Studien gehen davon aus, daß die amerikanischen Indianer den Tieren insofern eine prohibitiv hohe Wertschätzung entgegenbrachten, als sie in ihnen dem Menschen gleichwertige oder gar überlegene Mitgeschöpfe und keine potentiell dienstbaren Kreaturen sahen (Kidwell 985: 277–287; White 967: 202–207). 35
Mark Nathan Cohen beschreibt dagegen in seinem Buch The Food Crisis in Prehistory. Overpopulation and the Origins of Culture den Bevölkerungsdruck als die eigentliche Triebkraft, die das Abwandern der Menschen der Altsteinzeit aus Afrika in die anderen bewohnbaren Kontinente bewirkt habe (Cohen 977: passim). Auf den Druck der großen Zahl führt er auch die Anfänge der Landwirtschaft zurück. Kraß verkürzt und vereinfacht läßt sich seine These so formulieren: Als die australischen und amerikanischen Steinzeit-Pioniere an die äußersten Grenzen der neuen Kontinente stießen und nur noch Wasserflächen vor sich hatten, jenseits derer die antarktischen Regionen begannen, drängte sich in ihrem Rücken die Jäger- und Sammler-Bevölkerung immer dichter zusammen. Sie konnte weder weiterziehen noch weitere Menschen ernähren. Der Homo sapiens stand – nicht zum letzten Mal in seiner biologischen Geschichte – vor der Wahl, auf das Keuschheitsgebot oder auf seinen Verstand zu setzen. Wie kaum anders zu erwarten, entschied sich unsere Spezies für den zweiten Weg. Die Jäger verloren an Bedeutung, als auf der ganzen damaligen Welt die Herden großer Tiere abnahmen und die Menschen auf die Nutzung von Kleintieren und Pflanzen ausweichen mußten. Die Stunde der größten praktischen Botaniker und Zoologen aller Zeiten hatte geschlagen. Wo besonders günstige Bedingungen herrschten – wo es also beispielsweise kompakte Flächen von Wildweizen mit einer Ährensorte gab, die mit der 36
Steinsichel gemäht werden konnte, ohne zu streuen und damit wertvolle Körner zu verlieren –, waren alle Puzzlestücke der Domestikation beisammen, und die Sammler verwandelten sich in Ackerbauern. Wahrscheinlich war der Bevölkerungsdruck – das primum mobile – in den älteren Siedlungszentren, also in der Alten Welt, stärker zu spüren als in anderen Regionen. Das mag erklären, warum sich die Neolithische Revolution in der Alten Welt schneller durchsetzte als in der Neuen Welt (Cohen 977: 86–89, 279–284). Die amerikanischen Indianer und die australischen Aborigines haben jedenfalls, aus welchen Gründen immer, ihre Neolithische Revolution erst spät vollendet – und sie mußten teuer dafür bezahlen. Der Triumph der europäischen Eindringlinge in Nord- und Südamerika, in Australien und Neuseeland ist weitgehend ein Ergebnis der Neolithischen Revolution, die eine mindestens ebenso große Rolle spielte wie die späteren Entwicklungen in der Alten Welt – von dem Zeitpunkt, da Abraham im Bereich des »Fruchtbaren Halbmondes« seine Schafe hütete, bis zum Zeitalter, da Kolumbus, Magellan und Captain Cook die Nahtlinien der Pangäa überquerten. Wenn wir also nach den Wurzeln der Erfolge des europäischen Imperialismus suchen, müssen wir uns im Nahen Osten umsehen, bei Abraham und Gilgamesch und anderen unserer zivilisatorischen Vorfahren, denen wir es verdanken, daß wir Weizenbrot essen, Eisen schmieden und unsere Gedanken in alphabetische Zeichen umsetzen. 37
Die Neolithische Revolution der Alten Welt beruhte – trotz aller frappierenden Errungenschaften auf den Gebieten der Metallurgie, der Künste, der Schrift, der staatlichen Organisation und des städtischen Lebens – letztendlich auf der direkten Kontrolle und Ausbeutung der vielen biologischen Arten zu Nutz und Frommen einer einzigen, des Homo sapiens. Die Menschen begannen, ganze Sektoren ihrer Lebensumwelt herauszugreifen und zu manipulieren: Weizen, Gerste, Erbsen, Linsen, Esel, Schafe, Schweine und Ziegen sind von den Völkern der Alten Welt vor nunmehr 9000 Jahren zwangsverpflichtet worden (der Hund war schon früher domestiziert und stellt die einzige Domestikationsleistung der Altsteinzeit dar; Clutton-Brock 98: 34). Rind, Kamel und Pferd blieben noch ein paar Jahrtausende unabhängig. Doch vor ca. 4000 bis 5000 Jahren hatten die Menschen in Südwestasien und den angrenzenden Regionen die Domestikation der meisten Nutzpflanzen- und Vieharten abgeschlossen, die für die Zivilisation der Alten Welt die größte Bedeutung hatten und bis heute noch haben (Harlan 976: 94 f.). Die erste Hochkultur in der Geschichte der Menschen entstand vor 5000 Jahren im Reich der Sumerer in SüdMesopotamien, am Unterlauf von Euphrat und Tigris. Hier beginnt die schriftliche Chronik der Menschheitsgeschichte, die zunächst auf Tontafeln, danach auf Papyrus, Pergament, Stoff und Papier die ehrfurchtgebietende Kontinuität der Zivilisation der Alten Welt beurkundet. 38
Wir alle haben teil an dieser Kontinuität: Wir schreiben und lesen mit Hilfe des Alphabets, einer höchst intelligenten Erfindung des Nahen Ostens in der Tradition der sumerischen Kultur. Die Sumerer und die Erfinder des Alphabets, meine Leser und ich selbst, wir alle fallen ausnahmslos, bei allen entwicklungsgeschichtlichen Unterschieden, in ein und dieselbe Kategorie: Wir alle sind Erben der post-neolithischen Zivilisation der Alten Welt. Die Ureinwohner der neo-europäischen Gebiete, die Steinzeitvölker (einschließlich der wenigen heute noch existierenden) und alle präkolumbianischen Indianer Amerikas gehörten selbst noch auf ihren höchsten Entwicklungsstufen einer früheren Kultur an. Der Übergang von dieser Kultur zu jener, die die Europäer beim Überschreiten der alten Nahtlinien der Pangäa mit sich brachten, war ein qualvoller Prozeß. Viele Menschen, ja ganze Völker wurden von diesem Prozeß überrollt und sind darin untergegangen. Wenn wir aus unserer heutigen Perspektive die Sumerer mit den Jägern und Sammlern vergleichen, die vor oder auch nach ihnen gelebt haben, werden wir feststellen, daß zwischen diesem allerersten Kulturvolk und jedweder Art von Steinzeitmenschen ein größerer Unterschied besteht als zwischen den Sumerern und uns. Wenn wir Jäger und Sammler betrachten, sehen wir Menschen vor uns, die zutiefst »anders« sind. Betrachten wir hingegen die Sumerer und andere frühe Kulturvölker des Nahen Ostens (wie die Akkadier, die 39
Ägypter, die Israeliten, die Babylonier usw.), blicken wir in einen – wenn auch sehr alten und staubverhangenen – Spiegel. Um erste Aufschlüsse darüber zu bekommen, wer Kolumbus war und wer wir selber sind, sollten wir also zunächst in den Nahen Osten gehen. Die Sumerer waren nicht nur ein großes und mächtiges Volk, sie wußten auch, was ihre Größe und Macht ausmachte – nämlich ihre Felder mit Gerste, Erbsen und Linsen, und ihre Herden von Rindern, Schafen, Schweinen und Ziegen. Da die Sumerer die Bedeutung ihrer dienstbaren Pflanzen- und Tierarten mit größerer Demut zur Kenntnis nahmen, als wir es heutzutage in der Regel tun, besaßen sie nicht die Unverfrorenheit, deren Existenz als ihr eigenes Verdienst auszugeben. Sie bedankten sich vielmehr bei ihren Göttern und Halbgöttern (bei Ehli, Enki, Lahar, Aschnan u. a.), denen Lob und Preis zuteil wurde, weil sie Menschenwesen, die früher »in den Staub gedrückt« gewesen waren, mit all dem vorhandenen Überfluß bedachten (Kramer 96: 96–00). Diese Segnungen, die den Bewohnern des Mittleren Ostens von den Göttern zuteil wurden, machten die Jäger und Sammler allenthalben überflüssig und die Ackerbauern der Neuen Welt zu rückständigen Existenzen. Rechnet man den ganzen Lebensbedarf zusammen, so hatten die Sumerer größere und stabilere Mengen an Nahrungsmitteln, Faserpflanzen, Leder, Knochen, Düngemitteln und Zugtieren zu ihrer Verfügung als alle übrigen Völker der damaligen Welt. Zwar hatten 40
Jäger und Sammler häufig nahrhaftere und abwechslungsreichere Kost als die Bauern des Nahen Ostens, dafür aber weniger Vorräte (wenn man von den wenigen Glücklichen absieht, die in Naturparadiesen wie z. B. der Pazifikküste im Nordwesten Nordamerikas lebten). Jäger- und Sammlerfamilien schafften es selten, Vorräte über ihren unmittelbaren Bedarf hinaus zu beschaffen, und noch seltener, sie zu konservieren. Die Bauern der Neuen Welt wiederum hatten Ernten, die ebenso stabile und reiche Erträge brachten wie im Sumererland – das gilt z. B. für Mais und Kartoffeln –, um ihre Tierhaltung war es jedoch qualitativ und quantitativ weitaus schlechter bestellt. Die Zähmung wilder Tiere war der bedeutsamste Unterschied zwischen den Sumerern und ihren Nachfahren auf der einen und dem Rest der Menschheit auf der anderen Seite. In den neo-europäischen Gebieten (wie übrigens auch in den tropischen Zonen Amerikas oder in Afrika südlich des Sudan) konnte kein anderes Mittel dem Menschen so viel Mobilität, Macht, militärische Durchschlagskraft und allgemeine Respektabilität verschaffen wie das Pferd: »Es zittert und tobet, und scharret in die Erde, und läßt sich nicht halten bei der Trommete Hall. So oft die Trommete klingt, spricht es: Hui und wittert den Streit von ferne …« (Buch Hiob 39: 24–25). Zwar hat Gott das Pferd erschaffen – »Kannst du dem Roß Kräfte geben, oder seinen Hals zieren mit seiner Mähne?« fragte Jehova den Hiob (Hiob 39: 9) 41
– der Mensch aber hat es gezähmt. Und diese Leistung war fast ebenso eindrucksvoll wie die Erschaffung des Pferdes. Tausend Jahre später konnte Sophokles, der nicht mit dem einen allmächtigen Gott leben mußte und die Menschheit unbefangener würdigen konnte, die Zähmung des »windmähnigen Wildpferdes« zu einer der größten Leistungen des Menschen erklären. Die Domestizierung von Pferden, Ochsen und anderen Tieren der Alten Welt verschafften den Sumerern und ihren kulturellen Erben von Europa bis China einen gewaltigen Vorteil gegenüber den Völkern, die fast ausschließlich auf ihre eigenen Körperkräfte angewiesen waren. Dagegen mangelte es dem Aztekenherrscher Montezuma – trotz seiner Heerscharen – an Proteinen, Fetten, Faserstoffen, Leder und ganz besonders an Macht und Mobilität. Verglichen mit den neolithischen Revolutionären der Neuen Welt war Hiob ein Milliardär. Bevor ihn das Unglück ereilte, seine sämtlichen weltlichen Besitztümer zunichte machte und seine Haut mit Aussatz überzog, besaß er 7000 Schafe, 3000 Kamele, 500 Joch Rinder und 500 Eselinnen (Buch Hiob : 2–3). Die wahre Stärke einer Gesellschaft liegt jedoch nicht bei ihren Milliardären, sondern beim »gemeinen Volk«. Auch in dieser Hinsicht hatten die Erben der Sumerer den Erben anderer Kulturen einiges voraus. Mit ihrem Vieh verfügten sie über Verbündete, die für das Nötigste sorgten und sich auch noch selbst ernähren konnten. Während das Vieh heutzutage vor dem Futtertrog steht und hungert, wenn 42
sich die Menschen nicht um Nachschub kümmern, hat es über all die Jahrtausende, die seiner Domestikation vorangingen, seine Nahrung zumeist selber gesucht, hat sich an schützenden Orten zusammengedrängt und lange Zeit auch zur Selbstverteidigung auf die eigenen Stoßzähne, Hörner und flinken Beine verlassen, während ihre Besitzer sich höchstens sporadisch um sie kümmerten. Wie wichtig domestizierte Tiere waren, läßt sich an vielen Beispielen zeigen. Kleinkinder, die durch neugeborene Geschwister von der Mutterbrust verdrängt worden waren, überlebten mit Hilfe von Ziegen- oder Kuhmilch, bis sie feste Nahrung zu sich nehmen konnten. (Der Name für die gefürchtete Mangelkrankheit Kwashiorkor – wörtlich »die Krankheit des abgestillten Babies, wenn das nächste geboren wird« – stammt aus der Ga-Sprache, also aus Ghana, wo die Tsetse-Fliege und die Schlafkrankheit die Aufzucht von Milchtieren verhindern; Eckholm 977: 95; Fordham 965: 26,30.) Die wilden, furchterregenden Mongolenkrieger überstanden während der Reiterfeldzüge des Dschinghis Khan selbst die extremsten Hungerzeiten, indem sie vom Blut ihrer Pferde tranken, und zwar so dosiert, daß sie selbst am Leben blieben, ohne jedoch ihre Reittiere zu schwächen (The Travels of Marco Polo 958: 00). Die westeuropäischen Ackerbauern nördlich der Pyrenäen und der Alpen wurden für ihre Fähigkeit, die Fruchtbarkeit ihrer Böden zu erhalten oder gar zu erhöhen, oft genug gelobt. Sie vermögen selbst Lehmboden 43
herzustellen, indem sie eine genau abgestimmte Fruchtfolge einhalten, selbst erzeugten Kompost und besonders nährstoffreiche Pflanzen unterpflügen (»Gründünger«), vor allem aber den Dung ihrer Tiere auf die Felder bringen. Dieselben Tiere, die den Bauern mit Fleisch, Milch, Leder und Muskelkraft versorgen, liefern ihm also auch das Produkt, das es möglich macht, kärglichen Ackerböden reiche Ernten an Getreide, Gemüse und Faserpflanzen abzugewinnen. Beim uralten Ritual von Aussaat, Ernte und Wiederanreicherung des Bodens erfüllten die Bauern Westeuropas gleichsam die Rolle des Priesters, die Tiere aber die der Ministranten (Hyams 976: 230–272). Die Nachfahren der Sumerer haben sich vor allem durch erfolgreiche Fortpflanzung ausgezeichnet. Unter ihren frühen Erben war Abraham eine der herausragenden Gestalten, und er erhielt von Gott das feierliche Versprechen, »daß ich deinen Samen segnen und mehren will wie die Sterne am Himmel und wie den Sand am Ufer des Meeres; und dein Same soll besitzen die Thore seiner Feinde« (. Moses 22, 7). Als Herdenbesitzer war Abraham mit den diversen Aminosäuren versorgt, die für den strammen Aufbruch in eine derart verheißungsvolle Zukunft unentbehrliche Voraussetzung waren. Sein Nachfahre Hiob konnte, bevor seine Schwierigkeiten anfingen, seinen Reichtum nicht nur mit seinen Herden, sondern auch mit seiner Kinderzahl unter Beweis stellen, hatte er doch sieben Söhne und drei Töchter (. Moses 22, 7; Buch Hiob , 2–3). 44
In der sumerischen, der europäischen und jedweder anderen Gesellschaft hatte der erfolgreiche Ackerbauer in der Regel einen Ehepartner – jedenfalls war das fast immer eine Voraussetzung für langfristig erfolgreiches Landwirtschaften. Er war abhängig von ihr, sie von ihm, und beide zusammen von ihren dienstbaren Lebewesen. Wenn in dieser Großfamilie der Arten ein wichtiges Mitglied ausfiel – das Mutterschwein, eine Haferernte oder das Familienoberhaupt selbst – stand das Überleben der übrigen Familienmitglieder auf dem Spiel. In der vorindustriellen Welt, in der die Muskeln oft mehr zählten als der Kopf, brauchte etwa eine Witwe zum Überleben mehr als ihr traditionelles Witwenalmosen. Und wenn sie unselbständige Kinder hatte, brauchte sie sogar erheblich mehr, selbst wenn zu ihrem Almosen ein Stück Land gehörte. Anders, wenn der selige Gatte ihr Haustiere hinterlassen hatte. Denn ob sie das Land aus eigener Kraft bebauen konnte, war durchaus offen; aber das Vieh – ihre »Verwandtschaft« im Sinne der oben beschriebenen Großfamilie – konnte sich auf der Allmende oder dem ungenutzten Ödland weitgehend alleine durchfressen. Der verblichene Ehemann der Witwe in Geoffrey Chaucers. The Nun’s Priest’s Tale hatte seiner armen Frau lediglich ein Stückchen Land, ein mageres Einkommen und zwei Töchter hinterlassen – mithin alle Voraussetzungen für ein elendes Leben oder gar ein tragisches Ende. Aber die drei Frauen kamen ziemlich 45
gut zurecht, hatten sie doch auch noch einen Hahn, ein paar Hühner, drei Sauen, drei Kühe und ein Schaf namens Molly geerbt. Die Tiere lieferten den Menschen ausreichend nahrhafte Kost, und was die Mutter und ihre Töchter darüber hinaus benötigten, beschafften sie sich im Austausch gegen ihre überschüssigen Nahrungsmittel und Mollys Wolle. Natürlich konnten sie sich keinen Schluck Wein leisten, aber mit Brot, Speck, gelegentlich ein paar Eiern und viel Milch waren sie anständig versorgt. Brotgetreide und Gemüse konnten sie leicht dazu erwerben, so daß ihr Essen insgesamt alle wesentlichen Nährstoffe enthielt (Chaucer 964: 384 f.) – ein für viele Menschen unerreichbarer Luxus. Die Fähigkeit der Haustiere, die ja eine erneuerbare Ressource darstellen, dem Menschen bekömmliche Nahrungsmittel aus dem zu erzeugen, was diese gerade nicht essen können, machten sich die Europäer auch in anderen Regionen der Welt zunutze. 77 hat ein Überlebender der ersten Pazifikreise unter Captain Cook ein wahres Loblied auf eine Milchziege gesungen, die den Europäern drei Jahre lang ihre guten Dienste in Westindien geleistet hatte, auf der königlichen Fregatte Dolphin unter Captain John Byron ein erstes Mal und auf der Endeavour unter Cook ein zweites Mal um die Welt gesegelt war, ohne »die ganze Zeit über nur ein einziges Mal trockenzustehen«. Die Menschen, denen diese Ziege von Nutzen war (und bei diesem Nutzen konnte es sich sogar um das pure Überleben handeln, 46
denn auf solchen Reisen gingen viele Teilnehmer an Fehlernährung zugrunde), wollten denn auch dafür sorgen, daß dem guten Tier »seine Dienste bis zu seinem Lebensende auf einer guten englischen Weide vergolten werden sollten« (McNab 908,: 4 f.). Nur einer Minderheit der menschlichen Spezies bleibt die Fähigkeit des Kleinkindes, größere Mengen Milch zu verdauen, das ganze Erwachsenenalter hindurch erhalten. Die meisten erwachsenen Schwarzafrikaner und Ostasiaten, die meisten erwachsenen Eingeborenen Australiens und Neuseelands, Nord- und Südamerikas können jenseits des Kindesalters Milch nur in ganz geringen Mengen vertragen. Milch macht sie regelrecht krank, weshalb sie das Milcheiweiß in Käse oder Joghurt umwandeln müssen, bevor sie es verdauen können. Das könnte manchen davon abgehalten haben, sich dem bäuerlichen Leben zu widmen (Simoons 978: 964; vgl. Flatz 973: 76 f.). Heute mag die Fähigkeit, Milch zu verdauen, als ziemlich unbedeutender Vorteil erscheinen, in der Vergangenheit aber, als sich viele Völker häufig am Rande des Verhungerns bewegten, dürfte sie von erheblicher Bedeutung gewesen sein. Als ganz besonders wertvoll erwies sich das domestizierte Milchvieh in Gebieten, wo der Boden noch nicht durch Ackerbauern kultiviert wurde. Als Julius Caesar in England einfiel, traf er im Landesinneren auf Menschen, die weder von der Jagd noch vom Ackerbau, sondern von ihren Viehherden lebten, die also von Milch und Fleisch lebten (Caesar 980: 23). 47
Die Völker, die von den fortgeschrittenen Kulturen Südwestasiens den Ackerbau und die Aufzucht domestizierter Tiere übernahmen – also die Europäer, Inder, Chinesen u. a. m. – mußten bald die Zweischneidigkeit der zivilisatorischen Errungenschaften erfahren. Sie waren zwar nicht die ersten Erdenbewohner, die Pflanzen kultivierten, wohl aber die ersten, die extensiven Ackerbau betrieben. Durch die Nutzung der Muskelkraft ihrer Tiere mittels Geräten wie dem Pflug waren sie in der Lage, mehr Nahrungsmittel pro menschlicher Arbeitskraft (wenn auch nicht je Flächeneinheit) zu erzeugen als andere Ackerbauern dieser frühen Epoche. Sie bauten diejenigen kleinkörnigen Getreidesorten an, die am besten in dichten Beständen gedeihen, also nicht im Mischanbau mit anderen Nutzpflanzen, wie er in den indianischen Kulturen Amerikas bei Mais, Bohnen und Eßkürbissen so häufig praktiziert wird. Mit den Anbaumethoden des Nahen Ostens ließ sich zwar eine größere Menge Gerste und Weizen produzieren, aber der Boden wurde zweimal im Jahr ungeschützt bloßgelegt, das eine Mal vor der Bestellung, das zweite Mal nach der Ernte, weil eben das gesamte Saatgut gleichzeitig ausgebracht und daher gleichzeitig reif wurde (Grigg 974: 50 f.). Jedes Anbausystem aber, und dieses ganz besonders, bringt Pflanzen hervor, die nur »aus Versehen« domestiziert werden. Gemeint sind die diversen Unkrautarten, die im selben Maße Geschöpfe des Ackerbauern sind wie seine Feldfrüchte. 48
»Unkraut« ist kein naturwissenschaftlicher Begriff. Er bezeichnet nicht etwa Pflanzen einer spezifischen Art oder Gattung (bzw. einer anderen offiziellen naturwissenschaftlichen Klassifizierung), sondern die Gesamtheit der Pflanzen, die dort wachsen, wo die Menschen sie nicht haben wollen. Dabei handelt es sich mehrheitlich um Pflanzen, die ursprünglich die bescheidene Rolle ausfüllten, sich auf dem nackten Boden anzusiedeln, den Brände, Erdrutsche, Flutwellen und dergleichen hinterlassen hatten. Diese Pflanzen brachten also bereits eine wunderbare Anpassungsfähigkeit mit, um sich auf umgepflügten oder abgeernteten Ackerflächen auszubreiten. Nachdem sie sich schon an direkte Sonneneinstrahlung und ausgelaugte Böden gewöhnt hatten, entwickelten sie die zusätzliche Fähigkeit, die Tritte von Sandalen, Stiefeln und Hufen auszuhalten. Allzeit bereit, nach zerstörerischen Naturereignissen rasch wieder aus dem Boden zu sprießen, lernten sie jetzt, das Rupfen, Zupfen und Stampfen grasender Viehherden zu überstehen. Diese ständig nachwachsenden Pflanzen dienen als Viehfutter und helfen die Bodenerosion zu bekämpfen; dennoch nennt sie der Bauer den Fluch seines Lebens. Der neolithische Bauer reduzierte also sein Ökosystem mit dem Ziel, große Mengen von Pflanzen zu erzeugen, die die Fähigkeit besaßen, auf nacktem Boden schneller zu wachsen und sich durch grasendes Vieh nicht kaputtmachen zu lassen. Doch zu diesen Pflanzen gehörten auch einige, die er verfluchte, die Zottelwicke, das Raigras, 49
das Labkraut, die Distel, den Koriander und viele andere (Anderson 967: 6 ff.; Renfrew 973: 85, 96, 64–89; Zohary 982: 92). Im Buch der Sprüche des Alten Testaments heißt es über den »Acker des Faulen«: »… da waren eitel Nesseln drauf, und er stund voll Disteln und die Mauer war eingefallen. Da ich das sah, nahm ich’s zu Herzen und schaute und lernete dran. Du willst ein wenig schlafen, und ein wenig schlummern, und ein wenig die Hände zusammen thun, daß du ruhest; Aber es wird dir deine Armut kommen, wie ein Wanderer, und dein Mangel wie ein gewappneter Mann.« (Sprüche 24, 3–34) Auch in der Tierwelt züchtete sich die bäuerliche Bevölkerung des Nahen Ostens quasi aus Versehen Schädlinge heran: Lebewesen, die in den Abfällen des Menschen hausten und sich von ihnen ernährten, wurden zu direkten Konkurrenten um die von den Menschen produzierten und aufbewahrten Lebensmittel. Die Jäger und Sammler hatten ihre eigene Ungeziefersammlung mit sich herumgeschleppt, dazu gehörten etwa Läuse, Flöhe und innere Parasiten. Aber nur wenige Nomaden hielten sich so lange und in so großer Zahl am selben Ort auf, daß jene Mengen von Müll und Schmutz anfielen, die es Mäusen, Ratten, Schaben, Stubenfliegen und Würmern erlaubt hätten, 50
sich in Scharen zu vermehren. Das änderte sich mit den Bauern. Indem sie seßhaft wurden, bereicherten sie die Tierwelt um das Gegenstück zum Unkraut: Ungeziefer und Schädlinge. Im Bemühen, sich der neuen Umwelt anzupassen, die sie selbst unfreiwillig hervorgebracht hatten, beteten die Sumerer zu Ninkilim, der Göttin der Feldnagetiere und sämtlicher tierischer Schädlinge, und erflehten von ihr den Schutz der heranwachsenden Getreideernte (Kramer 963: 05). Diese Schädlinge waren nicht nur Diebe, die sich über die Vorräte der Menschen hermachten, sondern auch Krankheitsträger. Heute wissen wir zum Beispiel, daß von der Ratte die Pest, der Typhus, das Rückfallfieber und andere Infektionskrankheiten übertragen werden; und wir können davon ausgehen, daß sie in der Vergangenheit, wie andere Schädlingsarten auch, eine ähnliche Rolle gespielt haben. Im Alten Testament berichtet uns das Erste Buch Samuel von einer Epidemie, die mit den Scharen von Mäusen und Ratten zusammenhängen, unter denen die Philister und Hebräer zu leiden hatten. Diese Krankheit führte zu »Tumoren« (nach der LutherBibel: »Geschwülsten«), wie die Erforscher der alten semitischen Sprachen meinten. Die Epidemiologen von heute würden es eher mit »Bubos« übersetzen, das sind Lymphknotenschwellungen, die durch die Beulenpest verursacht werden (. Buch Samuel, 5–6). Die Ackerbauern und Herdenbesitzer des Nahen Ostens waren die ersten Menschen, die einige wenige 51
Arten von Pflanzen und Tieren in großen Stückzahlen heranzogen. Sie waren also auf die Produktion großer und kompakter Bestände von Pflanzen und Tieren spezialisiert, und da sie Nahrungsmittelüberschüsse erzielten, nahmen auch die eng zusammen siedelnden Bestände ihrer eigenen Spezies zu. Mit dieser Konzentration von Menschen, Vieh und Feldfrüchten entstanden zugleich große Populationen parasitärer Lebewesen; einige davon waren sichtbar, wie Würmer oder Moskitos, viele aber waren Mikroparasiten wie Pilze, Bakterien und Viren. Die Ackerbauern und Hirten waren in der Lage, Unkraut herauszureißen und Wölfe zu vertreiben, aber nahezu hilflos, wenn es darum ging, Infektionskrankheiten zu stoppen, die unter den dichten Beständen ihrer Felder, Herden und Städte wüteten. Ansteckungskrankheiten wie Pocken und Masern, die entweder tödlich verlaufen oder Dauerimmunität produzieren und nur von Menschen übertragen werden, können sich in kleinen Populationen nicht lange halten – so wie auch ein Waldbrand unter locker stehenden Baumgruppen nicht lange Nahrung findet: Der Brennstoff ist rasch aufgebraucht, die Epidemie läuft sich tot. Was nun schmutzbedingte Epidemien wie Typhus betrifft, so wechselten Jäger und Sammler ihre Wohnstätte zu oft, als daß diese ernsthaft hätte verdrecken können, weshalb sie nur selten von Epidemien geplagt wurden (Dunn 968: 223, 225; Black 975: 55–58). Die ersten wirklich großen Ansammlungen von Menschen und ihren Ab52
fällen finden sich im Nahen Osten, wo die Archäologen unsere frühesten Städte aus Hügeln ausgraben, die nichts anderes als die Abfallhaufen zahlloser Generationen ihrer Bewohner darstellen. Die Jäger und Sammler hatten bestenfalls eine einzige Tierart domestiziert – den Hund. Die Bauern- und Hirtenvölker der Neuen Welt domestizierten höchstens drei oder vier Arten. Die Kulturvölker der Alten Welt hingegen besaßen Herden von Rindern, Schafen, Ziegen, Schweinen, Pferden usw. Sie lebten mit ihren Tieren zusammen, teilten mit ihnen Wasser, Luft und allgemeine Umwelt, damit aber auch viele Krankheiten. Die Wirkung dieses trauten Zusammenlebens der verschiedenen Arten – also von Menschen, Vierbeinern und Federvieh samt den jeweils dazugehörigen Parasiten – mußte sowohl neue als auch neue Varianten alter Krankheiten hervorbringen. So wanderten beispielsweise Pockenviren ständig zwischen Menschen und Rindern hin und her, bis sich irgendwann Pocken und Kuhpocken ausgebildet hatten. Oder Hunde, Rinder und Menschen tauschten ihre Viren aus bzw. kombinierten ihre verschiedenen Virustypen, wodurch sie sich drei neue Krankheiten heranzüchteten: die Staupe, die Rinderpest und die Masern (auch Hundepest genannt). Menschen, Schweine, Pferde und domestiziertes Geflügel mit Kontakt zu wildlebenden Vögeln waren und sind bis heute Träger von Grippeviren; und so produzieren sie unter- und füreinander, immer wieder und auf Dauer, neue virulente Virustypen. Als die 53
Menschen anfingen, Tiere zu domestizieren und an den menschlichen Busen zu drücken – manchmal sogar in dem wörtlichen Sinne, daß Menschenmütter mutterlose Tiere mitstillten – brachten sie zugleich Krankheiten hervor, die ihre Jäger und Sammlervorfahren selten oder nie gekannt hatten (McNeill 976: 40–53). Als die Sumerer und ihre Nachfahren noch mittels zivilisatorischer Errungenschaften wie dem Fernhandel und der Eroberung fremder Gebiete ein Hin- und Herziehen der Völker über Wüsten, Gebirge, Meere und Entfernungen hinweg auslösten, ergaben sich aus dem Kontakt mit neuen Mikrolebewesen ganz neue Gefahren. Zugleich setzten sie andere Völker, die noch im Stande immunologischer Unschuld lebten, einer bakteriellen Flora aus, wie sie nur das massenhafte Zusammenleben von Menschen und Tieren hervorbringt. Seitdem ist das Immunsystem des Menschen, das sich durch Vererbung und Erfahrung auf eine ganz bestimmte Umwelt einstellt, chronisch überfordert. Denn obwohl das menschliche Immunsystem jeweils auf eine ganz bestimmte Lebenswelt abgestimmt ist, läßt sich der Mensch immer wieder zu Kontakten mit der übrigen Welt verleiten (Cockburn 977: 03–2). In der frühgeschichtlichen Literatur des Mittleren Ostens ist oft von Seuchen die Rede. Das erste Buch Samuel berichtet von jener Krankheit, von der die oben erwähnten Philister und Hebräer heimgesucht wurden. Und auch einige der »Plagen«, die zu Moses’ Zeiten über 54
Ägypten kamen, dürften durch Mikroorganismen verursacht worden sein. In den fünf Büchern Moses ist bereits andeutungsweise von den Anfängen der Epidemiologie die Rede, also von empirischen Erkenntnissen über die Umstände, die die Ausbreitung von Infektionskrankheiten begünstigen. Nach dem Auszug des jüdischen Volkes aus Ägypten sprach Gott am Fuße des Berges Sinai zu Moses: »Wenn du die Häupter der Kinder Israel zählest, so soll ein jeglicher dem Herrn geben die Versöhnung seiner Seele, auf daß ihnen nicht eine Plage widerfahre, wenn sie gezählet werden.« (2. Mose 30, 2) Zuvor hatten die Israeliten in getrennten, kleinen Gruppen gelebt, um in der Wildnis nach Wasser und Nahrung zu suchen. Offenbar war sich Gott, oder zumindest der Autor des Textes, darüber im klaren, daß die Gefahren von Epidemien sich vervielfachen, wenn eine größere Anzahl von Menschen an einem Ort zusammenkommt, und daß deshalb entsprechende Maßnahmen ergriffen werden müssen. Als Jehovah den Israeliten einige Zeit später die vielen Vorteile aufzählte, die sie im gelobten Land erwarteten – aber natürlich nur, wenn sie sich an seine Anordnungen hielten – gelobte er: »Der Herr wird von dir thun alle Krankheit, und wird keine böse Seuche der Ägypter dir auflegen, die du erfahren hast; und wird sie allen deinen Hassern auflegen.« (5. Mose 7, 5) Menschen, die aus dem Niltal als der damals wohl am dichtesten besiedelten Region der Welt in die umliegen55
den, relativ trockenen und weniger dicht besiedelten Gebiete abwanderten, waren in dem neuen Territorium vor ansteckenden Krankheiten besser geschützt. Umgekehrt aber brachten sie Infektionskrankheiten mit, die für die verstreut siedelnden einheimischen Völkerschaften oft unbekannt und im Zweifelsfalle eine tödliche Bedrohung waren. Die Israeliten nahmen auf ihre Wanderung also den Vorteil ihrer eigenen Infektionen mit. Und dieser Vorteil ist ein gewaltiger, aus ihm erklärt sich weitgehend auch, warum »Kulturvölker« so häufig weniger fortgeschrittene Völker so problemlos unterwerfen konnten (William H. McNeill hat zur Klärung dieses Prozesses wesentliche Erkenntnisse beigetragen, weshalb man dieses immer wiederkehrende Strukturmerkmal der Menschheitsgeschichte auch als das McNeill’sche Gesetz bezeichnet; vgl. McNeill 976: 69 ff.; Dobyns 983: 9, .) In der frühgeschichtlichen Literatur des Nahen Ostens begegnet uns mancher Aufschrei von Menschen, die die Götter um Rettung vor einer Seuche anflehen. Der bitterste ist uns von einem Priester überliefert, der im 4. Jahrhundert in Hatti-Land lebte, das zum Reich des Hethiterherrschers Mursilis gehörte: »Seit zwanzig Jahren sterben die Menschen dahin, seit den Tagen meines Vaters, seit den Tagen meines Bruders und seit den Tagen, da ich ein Priester der Götter geworden bin … Die Pein in meinem Herzen und die Schmerzen in meiner Seele, ich ertrage sie nicht mehr.« Im Bestreben, die unsichtbaren jenseitigen Mächte zum Schutz gegen das unsichtbare 56
Kleine (nämlich die parasitären Mikroorganismen) zu mobilisieren, sucht er die Tempel aller Götter auf, freilich ohne Erfolg. Er stellt genaue Nachforschungen an, ob sich vielleicht beim ersten Auftreten der Seuche irgendetwas Neues oder Ungewöhnliches ereignet habe. Als er herausfindet, daß die Priester seit ungefähr dieser Zeit ihre Opfer an den Gott des Flusses Mala eingestellt haben, schreitet er unverzüglich zu tätiger Reue. Doch die Seuche wütet weiter. Da erinnert sich der Priester, daß die Hethiter zu Lebzeiten seines Vaters angesichts eines Krieges mit Ägypten dem Windgott ein Gelübde gemacht hatten. Danach hatten sie den Krieg offenbar gewonnen, ohne ihr Gelübde einzulösen. Als die siegreichen Hethiter dann ihre im Krieg gemachten Gefangenen nach Hause abtransportierten (also aus einer ganz anderen Krankheitsumwelt mit dichter Besiedlung in eine Krankheitsumwelt mit einer weniger dichten und durch kosmopolitische Kontakte weniger immunisierten Bevölkerung), brach die neue Krankheit unter den zweifellos unterernährten, erschöpften und gewiß auch demoralisierten Gefangenen aus und griff anschließend auf die Sieger über. »Seit diesem Tage sterben die Menschen in Hatti-Land«, heißt es im Bericht des Priesters, der noch über zwanzig Mal versuchte, den Windgott zu versöhnen. Doch die Seuche wütete weiter. Der Priester konnte nur beten und immer wieder beten, wobei er den Göttern mit allem Respekt klarzu57
machen versuchte, daß sie gegen ihre eigenen Interessen handelten: »Das Hatti-Land, dieses ganze Land, stirbt dahin, und so kann Euch niemand das Opferbrot zubereiten und das Trankopfer darbringen. Die Pflüger, die regelmäßig die Felder des Gottes bearbeitet haben, sind tot; so gibt es niemanden mehr, die Felder des Gottes zu bestellen oder abzuernten. Die Frauen, die das Getreide mahlen und regelmäßig die Opferbrote bereitet haben, sind tot; so bereiten sie keine Opferbrote mehr. Und aus welchem Rinderpferch oder aus welcher Schafhürde auch immer die Opfertiere bestimmt wurden – die Rinderhirten und die Schäfer sind tot, und der Rinderpferch und die Schafhürde sind leer. Und also ist es dazu gekommen, daß keine Opferbrote und kein Opfertrank und keine Opfertiere mehr dargebracht werden … Der Mensch hat seinen Verstand verloren, und nichts, was wir tun, ist mehr das Rechte. Oh Ihr Götter, welcher Sünden Ihr auch immer gewahr werdet, laßt einen Propheten erstehen und die Sünden kundtun, oder laßt sie die Seherinnen und die Priester erfahren … oder laßt sie einen Menschen im Traum erschauen … Oh Ihr Götter, habt Erbarmen mit dem Hatti-Land.« (Pritchard 969: 394 ff.) Vor etwa 3000 Jahren (vielleicht auch ein Jahrtausend früher oder später) wurde der Mensch der Alten Welt 58
zivilisiert. Seine Gestalt zeichnete sich weder durch ausgeprägte Muskelpakete noch durch eine ausgeprägte Stirn aus. Aber er konnte Überschüsse an Nahrungsmitteln und Faserstoffen erzielen; er konnte diverse Tierarten zähmen und ausbeuten; er konnte das Spinnrad benutzen, um einen Faden zu spinnen, und er konnte einen Tontopf herstellen oder schwer handhabbare Lasten bewegen. Seine Felder wurden von Disteln und seine Kornvorräte von Nagetieren heimgesucht. Bei feuchter Witterung bekam er pochende Schmerzen in den Nebenhöhlen, er hatte regelmäßig Durchfallprobleme, und sein Körper war durch permanenten Wurmbefall strapaziert. Aber er verfügte auch über eine eindrucksvolle Palette genetischer und erworbener Anpassungsreaktionen, und sein Immunsystem war höchst differenziert und geübt im Kampf gegen Krankheiten, die in den Zivilisationen der Alten Welt seit jeher endemisch waren. So wurde er zum Prototyp für alle menschlichen Wesen, die in der Folgezeit dazu verführt oder gezwungen waren, ihm auf seinem vor acht- bis zehntausend Jahren erstmals erkundeten Entwicklungspfad zu folgen. * Die Neolithische Revolution der Alten Welt begann ihren Vormarsch – mitsamt den Krankheiten und allen anderen Begleiterscheinungen – in den Zentren dichter Besiedlung; unterwegs nahm sie dann noch diese und jene neue Nutzpflanze oder Unkrautsorte mit, dazu ein paar neue Haustier- und Ungeziefer- bzw. Schädlingsar59
ten sowie einige neue Krankheiten wie z. B. die Malaria (Laderman 975: 587–594). Über die Ankunft dieser Revolution in Nord- und Südamerika und in Australien können wir aus schriftlichen Zeugnissen eine Menge erfahren, denn diese hat sich ja innerhalb der letzten 500 Jahre abgespielt. Ihr erster Auftritt in den meisten Regionen der Alten Welt liegt hingegen (sieht man von wenigen Enklaven ab) schon Jahrtausende zurück, und die Beteiligten verfügten in den meisten Fällen über keine geschriebene Sprache. Welcher Chronist hat z. B. beobachtet, wie vor 6000 Jahren die ersten Ackerbauern und Viehzüchter auf den Britischen Inseln landeten, oder wie vor 2000 Jahren die ersten Schaf- und Rinderhirten den Limpopo im südlichen Afrika überquerten (Ashbee 978: 70; Elphick 977: )? Die Zivilisationskrankheiten trafen als letztes Einzelmoment der Neolithischen Revolution erst später ein und breiteten sich nur langsam aus, da sie eine größere Bevölkerungsdichte zur Voraussetzung haben. Daher wurden sie meist von Chronisten der unterschiedlichsten Art beobachtet und beschrieben. Wahrscheinlich ist die erste Massenepidemie erst 664 v. Chr. über den Kanal hinweg auf die Britischen Inseln hinübergeschlichen, als nämlich »eine plötzliche Seuche zuerst die südlichen Teile Britanniens und danach das Königreich Northumberland überfiel, wo sie allenthalben entsetzliche Verheerungen anrichtete und Menschen sonder Zahl niederstreckte.« An der Südspitze Afrikas hat sich Ähnliches wahrschein60
lich erst 73 ereignet, als die Pocken in Kapstadt landeten und vielen der eingeborenen Khoikhoi den Tod brachten. Diese lasteten ihr Elend den Fremden an, wie es vielleicht auch schon die Briten während ihrer fürchterlichen Initiationserfahrung getan hatten (womöglich waren sogar die Fremdlinge von derselben Abstammung). In Kapstadt lagen die Khoikhoi »überall auf den Straßen herum … und verfluchten die Holländer, die sie behext hatten, wie sie behaupteten.«* Die Auswirkungen der Neolithischen Revolution auf die meisten Gebiete der Alten Welt lassen sich nur schwer erfassen, da es sich um eine Vielzahl von Einflüssen handelt und die verschiedenen Momente des Gesamtprozesses sich nicht gleichzeitig einstellten. Bekannt sind uns ohnehin nur die Einflüsse aus der letzten historischen Phase. Allein deren Auswirkungen können uns häufig jedoch schon einen Eindruck von den kumulativen, sich über Jahrtausende erstreckenden Gesamtwirkungen vermitteln. Als anschauliches Beispiel bietet sich deshalb Sibirien an, denn es wurde von den Europäern gleichzeitig mit den neo-europäischen Gebieten erobert und ist heute überwiegend von Europäern bevölkert. Sibirien ist beinahe ein Teil Neo-Europas, aber eben nur beinahe. Denn es gleicht zu sehr dem alten Europa, um eine neo-europäische Region zu sein. Auch liegt es * Zit. nach Bede’s Ecclesiastical History of the English People 969: 3 f.; vgl. Shrewsbury 949: 5-47; Creighton 89, I: 4-8; Elphick 977: 23 f.
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nicht weit von Europa entfernt, sondern ganz in seiner Nähe. Seine einheimische Fauna und Flora ist mit der nordeuropäischen vergleichbar, wenn nicht sogar fast identisch. Seine Urbevölkerung stammt nicht von Hominiden der Altsteinzeit ab, sondern ist fast durchweg aufs engste mit den Mongolen und anderen eurasischen Völkern verwandt, denen sie auch in der Blutgruppenverteilung ähnelt (Mourant/Kopec/Domanieska-Sobczak 976: Karten –3). Auch kulturell gehören die Sibirer zu den Eurasiern. Sie hatten im Unterschied zu den Ureinwohnern der neo-europäischen Gebiete die ersten Elemente der Neolithischen Revolution der Alten Welt schon vor Jahrtausenden übernommen: Sie kannten Metalle, Ackerbau und Viehwirtschaft, die sich häufiger auf Rentiere als auf Herdentiere der gemäßigten Zone stützte, aber dennoch Viehwirtschaft war (Okladnikov 956: 29). Heutzutage liegt der augenfälligste Unterschied zwischen Sibirien und den neo-europäischen Gebieten darin, daß jenes im Gegensatz zu diesen keine großen Überschüsse exportierbarer Nahrungsmittel produziert, obwohl in dieser Richtung ab und zu gewaltige Anstrengungen unternommen wurden (deren Scheitern z. B. zum Sturz von Nikita Chruschtschow beigetragen hat). Dieser Unterschied ist zu allererst auf das schwierige sibirische Klima zurückzuführen: Mit seiner Lage im hohen Norden und seinen extrem kontinentalen Wetterverhältnissen ist das Land einfach nicht zum »Brotkorb« geschaffen. Die 62
Winter in Zentralsibirien sind kälter als am Nordpol, und auf die Niederschläge ist kein Verlaß (Goode’s World Atlas 964: ff.; Gibson 969: XVII f.). Hätte Sibirien gemäßigte Temperaturverhältnisse und reichliche, regelmäßige Niederschläge, wären wohl schon vor Jahrtausenden Ackerbauern und Viehzüchter als Siedler angerückt, und die letzten Einflüsse der Neolithischen Revolution hätten sich schon damals durchgesetzt – vermutlich ohne schriftliche Zeugnisse zu hinterlassen. Potentielle Eindringlinge wurden durch das Klima abgeschreckt oder durch die Wüste Gobi und semiaride Steppen im Süden bzw. durch Sumpfland, Gebirge und menschenleere Gebiete im Westen ferngehalten. Im Norden und Osten grenzt Sibirien ohnehin nur an das Ewige Eis oder ans Meer. Während also die Reiche der Römer und der chinesischen Han-Dynastien ihren glorreichen Aufstieg und Niedergang erlebten, während Konfuzius, Buddha, Christus und Mohammed ihre Lehren verkündeten, während Kompaß und Schießpulver erfunden wurden, blieb Sibirien quasi eingefroren. Erst im 6. Jahrhundert kamen Menschen »mit weit vorspringenden Nasen«, wie die flachgesichtigen Asiaten vermerkten (Okladnikov 970: 444), aus dem Westen über den Ural, um Jagd auf die Pelze zu machen, nach denen die oberen Klassen und die aufsteigende Bourgeoisie Westeuropas verlangten. Größere Massen dieser Westler überschritten den Ural erstmals im Jahre 580, den Pazifik erreichten sie 63
640 – das macht 5000 Kilometer in 60 Jahren (Armstrong/Rogers/Rowley 978: 24). Um 700 herum waren die Weißen in Sibirien bereits in der Mehrheit (Peoples of Sibiria, I). Einige der Gründe für das rasche Tempo der europäischen Eroberung liegen auf der Hand. Das strenge Klima sorgte dafür, daß Sibirien weitgehend menschenleer, also leichter zu durchqueren war als vergleichbare, aber angenehmere und dichter besiedelte Gebiete wie etwa Kanada. Zudem hatten die Invasoren Feuerwaffen, die Eingeborenen nicht. Auch organisatorisch waren die Eroberer besser gerüstet als die Verteidiger. Die Westler hatten nichts anderes im Kopf als die begehrten Pelze. Die Einheimischen dagegen hatten ihre Familien, ihre geheiligten Traditionen und die vielfältigen und verwikkelten Anforderungen ihres Alltagslebens zu bewältigen. Anfangs waren die Westler freilich nur wenige, die Eingeborenen noch viele; die Umkehrung dieses Verhältnisses war allerdings keine so automatische Sache, daß etwa die unbewaffneten Ureinwohner sich angesichts der Waffen der einmarschierten europäischen Händler einfach kampflos ergeben hätten. Die Westler – wir wollen sie Russen nennen, obwohl viele von ihnen aus der Ukraine und anderen Regionen kamen – waren die Bannerträger, in deren Gefolge das komplette Arsenal der Neolithischen Revolution der Alten Welt einrückte. Sie brachten einige neue Feldfrüchte mit, wenn auch die wichtigsten der für Sibirien geeigneten Getreidearten bereits da waren. Sicher haben sie auch 64
neue Unkrautsorten eingeschleppt, obwohl wahrscheinlich die meisten schon lange vorher verbreitet waren. Pferde und Rinder brachten sie hingegen noch nicht, höchstwahrscheinlich auch nicht die ersten Ziegen und Schafe, wohl aber die ersten Hauskatzen und im Lauf der Zeit auch die ersten Hausratten, die ihre Lebensmittelvorräte wegfraßen und verdreckten. (Der Naturforscher Peter Simon Pallas hat im 8. Jahrhundert keine Ratten in Sibirien angetroffen, inzwischen kommen sie dort aber ganz sicher vor; Pallas 967: 60, 64, 86 f.) Außerdem brachten die Russen die ersten Honigbienen (Potapov 956: 3; Tooke 970, III: 27 f.). Das war ein rundum segensreicher Akt, weil damit nicht nur für Wachs und Honig gesorgt war, sondern höchstwahrscheinlich auch für eine effizientere Bestäubung vieler Nutzpflanzen, die im Süden Sibiriens gediehen. Aber all diese neolithischen Importe der Russen machten keinen besonders hohen Anteil an der Gesamtheit der sichtbaren Lebewesen Sibiriens aus. Dagegen schleppten die Eindringlinge unzählige Mikroorganismen ein, Erreger von Krankheiten, die man im dünn besiedelten Sibirien nie gekannt hatte: Pocken, eine oder mehrere Arten Geschlechtskrankheiten, Masern, Scharlach, Typhus und viele andere mehr (Reclus 884: 357, 360, 396). Die Geschlechtskrankheiten forderten sehr viele Todesopfer, weil viele der Stammesvölker den Fremden eine Art sexueller Gastfreundschaft gewährten (nach dem Motto: »Mit einer Frau ist es nicht 65
wie mit dem Essen – sie wird dabei nicht weniger«; zit. nach Shirokogoroff 933: 208), und weil sie im vorehelichen Geschlechtsverkehr junger Leute ein harmloses Vergnügen sahen. Die Geschlechtskrankheiten – von den Einheimischen manchmal schlicht als »russische Krankheit« bezeichnet – waren weit verbreitet. Sie brachten einigen Erwachsenen und vielen Kleinkindern und Embryos den Tod, machten viele Frauen unfruchtbar und ließen deshalb die einheimische Bevölkerung drastisch zusammenschrumpfen*. Die über die Atemluft übertragenen Krankheiten griffen rasch um sich, weil das sibirische Klima die Menschen zwang, ihre Zeit großenteils in geschlossenen Räumen zu verbringen und die verbrauchte Luft anderer Menschen einzuatmen. Einige der vielen über die Atemluft verbreiteten Krankheiten, so zum Beispiel die Masern, waren für Europäer und Chinesen harmlose Kinderkrankheiten, für Menschen jedoch, die nie mit ihnen in Berührung gekommen waren, eine tödliche Gefahr. Von allen neuen Krankheiten waren die Pocken am schlimmsten und am meisten gefürchtet, weil sie sich rasch verbreiteten, eine hohe Todesquote forderten und die Menschen, die sie überlebten, für den Rest ihres Lebens entstellten. In Sibirien traten die Pocken erstmals 630 auf, als sie über den Ural aus Rußland herüberwan* Shirokogoroff 933: 208; Sumner (Hg.) 90: 75, 79 f., 96; Jochelson 926: 27, 62-68; Jochelson 934: 32; Bogoras 90: 02 ff.; Krasheninnikov 972: 272; Reclus 884, I: 34; Donner 954: 8
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derten und Otjaken, Tungusen, Jakuten und Samojeden buchstäblich niedermähten. Eine einzige Pockenepidemie konnte die Sterberate über die 50-Prozent-Grenze emporschnellen lassen. Als die Pocken 768/69 zum ersten Mal Kamtschatka heimsuchten, fielen ihnen dort zwei Drittel, wenn nicht drei Viertel der Einheimischen zum Opfer. Aufgrund der dünnen Besiedlung Sibiriens blieb die Krankheit epidemisch, statt wie in Europa oder China endemisch, das heißt heimisch zu werden. Das war die schlimmere der beiden Möglichkeiten, denn wenn die Pocken periodisch – alle zehn, zwanzig oder dreißig Jahre – losschlugen, waren die Jüngeren jedes Mal wieder hundertprozentig infektionsanfällig, und innerhalb weniger Wochen konnte eine ganze Generation hinweggerafft werden. Ein Forscher, der sich im späten 8. Jahrhundert mit dem Russischen Reich beschäftigt hat, schrieb darüber: »Wahrscheinlich fallen doppelt soviele Menschen, wie in den Intervallen (zwischen den Pockenepidemien; Anm. d. Übers.) nachgewachsen sind, den Verwüstungen zum Opfer, die die Pocken bei ihrer Wiederkehr anrichten.«* Bei den Jukaghiren, die in den 30er Jahren des 7. Jahrhunderts weite Landstriche Sibiriens östlich des Lena-Beckens besiedelt hatten und am Ende des 9. Jahr* Pallas 967, III: 50. Vgl. Gibson 969: 96; Tooke 970, I: 547, 59, 594; II: 86-89; Hirsch 883, I: 33; Bogoras 90: 9; Sumner 90: 04 f.; de Lesseps 970, I: 94, 28 f., 99; II: 83 f.; Jochelson 905908: 48; Jochelson 926: 26 f.
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hunderts nur noch 500 Seelen zählten, gibt es folgende Legende: Die russischen Eindringlinge konnten die Jukaghiren erst unterwerfen, als sie eine Schachtel öffneten, in der sie die Pocken mitgebracht hatten. Da füllte sich das Land mit Rauch, und die Menschen begannen zu sterben (Jochelson 926: 27; Stepanova/Gurvich/ Khramova 956: 788 f.). Trotzdem haben die Russen Sibirien nur sehr zögernd besiedelt: 724 zählten sie bestenfalls 400 000, mehr als ein Jahrhundert später, 858, erst 2,3 Millionen. Seit 880 aber sprach es sich unter den bäuerlichen Massen Rußlands herum, daß die Aussichten östlich des Urals besser stünden als zu Hause, wo die Bevölkerung rasch zunahm und das Land immer knapper wurde. Zwischen 880 und 93 wanderten über 5 Millionen Menschen nach Sibirien, wo sie sich sehr schnell vermehrten. 9 war die Bevölkerung Sibiriens zu 85 Prozent russisch, und dieser Prozentsatz hat sich seitdem noch deutlich erhöht (Lorimer 946: , 26 f.; Treadgold 957: 32, 34; Kuczynski 93: 0). Die sibirischen Ureinwohner sind zwar nicht ausgestorben oder verschwunden, und ihre Zahl nimmt heute sogar wieder zu (The Cambridge Encyclopedia of Russia and the Soviet Union 982: 70 f.). Aber sie sind ihrer Ausrottung nur knapp entgangen. Kai Donner, der Sibirien kurz vor dem Ersten Weltkrieg bereiste und eine Zeitlang bei einem eingeborenen Stamm verbrachte, nannte seine Gastgeber – in Erinnerung an James Fenimore Coopers 68
berühmtesten Roman – »Samojedische Mohikaner« (Donner 954: 38). Wie wir gesehen haben, waren einige der wichtigsten Elemente der Neolithischen Revolution der Alten Welt in Sibirien bereits vor den Europäern anzutreffen. Wenn aber schon hier durch Eindringlinge, die andere Elemente der Neolithischen Revolution mit sich brachten, so grundlegende Veränderungen ausgelöst wurden, wie erging es dann erst Gebieten, die von dieser ganz besonderen Revolution der menschlichen Lebens- und Gewaltverhältnisse völlig unberührt waren? Welches Schicksal erlitten jene Völker, auf die das volle Revolutionsprogramm vergleichsweise plötzlich, wie ein Blitz aus heiterem Himmel losschlug – oder sagen wir, wie das Jüngste Gericht?
Gescheiterte Expeditionen: Vinland und Jerusalem »Und sie gingen an Land und schauten um sich. Das Wetter war schön. Tau lag auf dem Gras, und ihr erstes Tun bestand darin, mit ihren Händen in den Tau zu greifen und ihn an ihre Lippen zu bringen, und es kam ihnen vor wie die größte Köstlichkeit, die sie jemals genossen.« Vinland Sagas »Er (Richard Löwenherz) verfolgte die Sarazenen über die Berge; am Ende setzte er einem von ihnen nach bis in ein bestimmtes Tal, wo er ihn stellte und mit dem Schwert durchbohrte, sodaß er tot vom Pferde fiel. Kaum hatte der König den Feind überwältigt, sah er auf und erblickte in der Ferne die Stadt Jerusalem.« Itinerarium Ricardi
Auf welches Datum sollen wir uns für die Vollendung der Neolithischen Revolution in ihrem Ursprungsgebiet in der Alten Welt festlegen? Lassen wir sie ruhig einmal mit der Domestizierung des Pferdes vor rund 5000 Jahren enden – ein bißchen willkürlich vielleicht, aber auch kein schlechter Näherungswert. Zwischen diesem Zeitalter und der Entstehung der Gesellschaften, die Kolumbus und andere Seefahrer auf die Weltmeere hinaussandten, 70
liegt eine Zeitspanne von 4000 Jahren, in der sich wenig wirklich Bedeutsames ereignet hat, jedenfalls im Vergleich mit den vorangegangenen Zeiten. Lassen wir einmal die vier Jahrtausende, die seit Vollendung der Neolithischen Revolution in der Alten Welt vergangen sind, im Zeitraffer passieren, so als ob wir bei einem Film nur etwa alle fünfzig Jahre ein Bild belichten. Wenn wir diesen Film in Normalgeschwindigkeit betrachten, werden wir verblüfft feststellen, wie wenig sich in dieser langen Zeitspanne getan hat. Nichts in diesen vier Jahrtausenden ist in seiner Bedeutung etwa mit der Domestikation des Pferdes zu vergleichen. Die epochalen Neuerungen der Neolithischen Revolution – die Kultivierung des Weizens, die Domestikation des Schweines, die Erfindung des Rades – stellen alles in den Schatten, was die darauffolgenden Generationen zustandebrachten. Ein’ paar neue Entwicklungen gibt es schon – Steinbogen und Gewölbe werden erfunden, das Kamel domestiziert und einiges mehr – aber im Vergleich mit den vorangegangenen Zeiten war das alles von minderer Bedeutung. Die Zivilisation der Alten Welt ist in dieser Zeit nicht mehr auf breiter Front innovativ, sie entwickelt auch kein höheres Niveau der Energieverausgabung, sie breitet sich nur immer weiter aus. Reiche entstehen und vergehen; außer denen der Pharaonen, der Römer und der Han-Dynastien halten sich kaum welche so lange, daß man sie beim Abspielen unseres Films im Zeitraffertempo klar auseinanderhalten könnte. Am Mittellauf 71
des Niger machen sich höhere Kulturen bemerkbar. Die Javaner vergessen ihre alten Götter und bauen Tempel zu Krishnas und später zu Allahs Ehren, als sie von den neuen Einflüssen erfaßt werden, die vom Festland her gegen die indonesische Inselwelt anbranden. Am anderen Ende Eurasiens geben die Engländer den Brauch auf, die Fundamente ihrer Behausungen blau anzumalen, und beginnen, sich an den Diskussionen um das Wesen der göttlichen Dreieinigkeit zu beteiligen. Die Alte Welt wird vom Prinzip des Nachmachens dominiert, nicht vom Prinzip der Erneuerung. Der entsprechende Film für die westliche Hemisphäre hat mehr Action zu bieten. Zu guter Letzt setzt sich die Neolithische Revolution in der Neuen Welt doch noch durch. An der mittelamerikanischen Golfküste und in den Flußtälern, die sich von den Anden durch die Trockenzone Perus in Richtung Pazifik hinunterwinden, tauchen Städte oder zumindest religiöse Kultstätten auf. Vermutlich durch diese ersten Vorbilder stimuliert, entstehen mit der Zeit weitere Hochkulturen. Indianer zwischen Ohio-Tal und Altacama-Wüste beginnen, sich in immer größeren gesellschaftlichen Einheiten zu organisieren und Eliten von Priestern, Kriegern und politischen Führern auszubilden. Sie errichten Tempel, bauen Staaten auf und hinterlassen der Nachwelt unterschiedliche – in Stein gehauene, in Knotenschrift verfaßte, auf Häute und papierartige Materialien geschriebene – Aufzeichnungen. Sie schaffen mithin Kulturen, die denen der Sumerer und 72
deren unmittelbarer Nachfahren zumindest oberflächlich ähneln. Den präkolumbianischen Caesaren werden jedoch keine Reiterstandbilder errichtet; und obwohl die Bewohner Amerikas, wie einige Völker der Alten Welt, das Rad erfinden, spielen sie damit nur ein bißchen herum, um sich dann wieder mit anderen Dingen zu befassen (Vaillant 965: 60). Auf Australien angewendet, zeigt uns die historiographische Zeitraffer-Methode keine Reiche, die kurz aus der Versenkung auftauchen, um gleich wieder zu verschwinden, keine Pyramiden, keine Ackerbaukulturen, die ihre Grenzen allmählich in die Wildnis vorschieben – nur das monotone Flimmern ereignisloser Steinzeit-Kontinuität. Lediglich der Beutelwolf stirbt um 000 v. Chr. in Australien aus (während er in Tasmanien noch heute vorkommt), vermutlich ein Opfer der Konkurrenz mit den Aborigines und dem Dingo. Ansonsten dämmert die Steinzeit weiter vor sich hin (Day 98: 223 f.). Vier weitere Jahrtausende vergingen: Jahrtausende, in denen Gilgamesch sich auf die Suche nach der Unsterblichkeit machte, Quetzalcoatl jenseits des Meeres im Osten verschwunden ist und Dante durch Hölle, Fegefeuer und Himmel reiste – ehe die Menschheit zu ihrem nächsten Quantensprung ins Dunkel der unvorhersehbaren Zukunft ansetzte. Im zweiten nachchristlichen Jahrtausend begann sich die Spezies Mensch auf einmal wieder zu regen und ihre Zivilisation samt der Biosphäre radikal und unwiderruf73
lich zu verwandeln. Diese jüngste Meta-Revolution – für die wir noch keinen angemessenen Begriff gefunden haben, weil wir noch viel zu tief in ihren Turbulenzen stecken – nahm ihren Ausgang von Westeuropa, nach dem Zerfall des Römischen Reiches. Die Untertanen Roms waren Teil einer Gesellschaft gewesen, die mehr mit den Gesellschaften des alten Nahen Ostens gemeinsam hatte als mit den von vorwiegend »barbarischen« Aristokratien beherrschten Gesellschaften, die auf dem brachliegenden, von den Römern geräumten Feld nachzuwachsen begannen. Dieser nächste große historische Durchbruch nach der Neolithischen Revolution machte sich am deutlichsten auf wissenschaftlich-technischem Gebiet bemerkbar, hatte aber zahlreiche, verschiedene Dimensionen. Die gewiß bedeutsamste von ihnen ist die im 6. Jahrhundert erfolgte Überquerung der versunkenen Nahtlinien der alten Pangäa. Sie führte zur Wiederentdeckung Australiens und der beiden amerikanischen Subkontinente und schließlich zur Schaffung jener neoeuropäischen Gebilde, von denen unser Buch handelt. Doch bevor wir uns mit diesem »Neo-Europa« befassen, wollen wir wenigstens einen kurzen Blick auf die früheren imperialistischen Abenteuer der Europäer werfen. Waren ihre ersten Kolonien ein Erfolg oder ein Fehlschlag? Und warum? Eine Untersuchung ihrer ersten überseeischen Siedlungsversuche wird uns vielleicht Aufschlüsse über ihre späteren Unternehmungen geben – oder mindestens einige interessante Fragen aufwerfen. 74
Bei einer menschlichen Gesellschaft läßt sich das Geburtsdatum natürlich nie genau feststellen, aber zuweilen kann man sich doch auf Näherungswerte einigen, ohne die Historiker häufig nicht auszukommen glauben. Um das Jahr 000 n. Chr. (oder zumindest im Lauf des Jahrhunderts, in das es fällt) hörte Westeuropa auf, einem gestrandeten Wrack zu gleichen, das seit dem Verebben des Römischen Reiches auf einer Sandbank festsaß, und wurde zu etwas Neuem und Vitalem. Vorbei waren die dunklen Jahrhunderte, die im Zeichen umherziehender Barbarenvölker, der historischen Frühstarts der karolingischen Reichsgründungen und einer allgemeinen kulturellen Stagnation gestanden hatten. Allenthalben begannen sich die Völker, die Städte und der Handel zu erholen, und in der Folge lebten auch die Künste, die Philosophie und die Entwicklung der Technik wieder auf. Die gotische Kathedrale, diese großartige Schöpfung des 2. Jahrhunderts, markierte die Geburt einer neuen Gesellschaft, die sich durch eine bemerkenswerte Energie, Brillianz und auch Arroganz auszeichnete. Solche Gesellschaften haben oft einen expansionistischen Charakter. Die Europäer unternahmen im Laufe des Mittelalters zwei Versuche, außerhalb ihres heimatlichen Kontinents dauerhafte Niederlassungen zu gründen. Zuerst segelten sie nach Westen, um die öden Inseln des Nordatlantik zu kolonisieren, und versuchten sogar, in der Neuen Welt Fuß zu fassen. Danach marschierten und segelten sie nach Osten und gründeten westeuropäische Staaten in 75
den alten Zivilisationen östlich des Mittelmeers. Einige dieser Kolonien – im Osten wie im Westen – bestanden nur einen Sommer lang, andere überdauerten Generationen. Island gibt es heute noch. * In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten suchten einige skandinavische Seefahrervölker die nahen Britischen Inseln und den europäischen Kontinent mit ihren Raub- und Eroberungszügen heim. Andere kehrten diesem Kontinent den Rücken, um auf den Nordatlantik hinauszufahren und zunächst die Färöer-Inseln bzw. um 870 n. Chr. Island zu besiedeln. Island liegt 000 Kilometer von seinem Mutterland Norwegen entfernt. Die Insel sitzt auf jener Nahtlinie der Pangäa, die wir als Mittelatlantischen Rücken bezeichnen, sie ist gleichsam ein vulkanischer Auswurf und daher eigentlich gar kein kontinentales Territorium. Island ist die erste große Überseekolonie Europas und 500 bis 600 Jahre oder sogar noch älter als die nächste überseeische Gründung – je nachdem, ob wir die Anwesenheit einiger weniger irischer Eremiten, die bereits vor den Norwegern da waren, als regelrechte Besiedlung sehen wollen. Im späten 0. Jahrhundert segelte eine Flotte unter Erik dem Roten von Island nach dem südlichen Grönland und gründete dort die erste Kolonie Europas jenseits des Mittelatlantischen Rückens.* Diese Grönland-Sied* In diesem Zusammenhang sollte festgehalten werden, daß vor den Norwegern bereits eine andere Gruppe von Seefahrern
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ler weideten ihre Schafe und Rinder auf den spärlichen Grasflächen zwischen der Eisdecke und dem kalten Meer, bauten Siedlungen samt Kirchen (wobei sie im Lauf der Zeit sogar eine große Glocke für ihre Kirche in Gardar aus Europa herüberschafften) und bewohnten die Insel 500 Jahre lang, etwa genauso lang also, wie sich die Europäer und ihre Nachfahren – von Kolumbus bis heute – in Amerika aufhalten (Marcus 98: 63–70). Um das Jahr 000 herum unternahm Leif Eriksson, der Sohn Eriks des Roten, von Grönland aus eine Erkundungsreise in westlicher und südlicher Richtung. Dabei stieß er, die Heimat immer weiter zurücklassend, auf Gebiete, die er (in dieser Reihenfolge) Helluland, Markland und Vinland nannte. Einige Jahre später segelte Thorfinn Karlsefni von Grönland nach Vinland. Seine Expedition bestand aus fünf Frauen, 60 oder 60 Männern (hier gehen die Angaben in den einschlägigen Sagas auseinander) und einigem Vieh. Obwohl dieser Kolonisierungsversuch hinsichtlich Planung und Leitung besser organisiert war als etwa der 600 Jahre später in Jamestown, Virginia unternommene, eine der untermeerischen Nahtlinien überquert hatten, und zwar höchst regelmäßig. Es handelt sich um die Seefahrer auf dem Indischen Ozean, die mit den Monsunwinden über den CarlsbergRücken hin- und herkreuzten, der im nordwestlichen Indischen Ozean, also zwischen den Häfen Indiens und Ostafrikas liegt. Auch dieser Rücken ist eine Nahtlinie der Pangäa, wenn auch von minderer geographischer Bedeutung als der Mittelatlantische Rücken, weil ja zwischen Asien und Afrika eine Landverbindung besteht.
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ist er letztlich gescheitert. Aber es war nicht die letzte Fahrt der Norweger nach Amerika. 72 machte sich kein Geringerer als Bischof Erik Upsi auf, um »Vinland zu erkunden«; der Ausgang dieses Unternehmens ist allerdings unbekannt geblieben. 347 segelten Grönland-Siedler nach Markland, vermutlich um sich Holz zu besorgen. Von weiteren Reisen, die zweifellos stattgefunden haben, liegen keine Berichte vor. Die Norweger haben in Amerika nie richtig Fuß gefaßt (Marcus 98: 83 f.; Gelsinger 98: 239, Anm. 26). Es ist so, als hätte es diese ganze Serie europäischer Vorstöße über den Mittelatlantischen Rücken hinweg – also auch die Siedlungen in Grönland – nie gegeben. Sie haben keine dauerhaften Ergebnisse gezeitigt – es sei denn für die Archäologen und Experten für alte Sagas, denen immerhin einige Anregungen zuteil wurden. Im westlichen Nordatlantik erlitten die Norweger, kolonialhistorisch gesehen, Schiffbruch. Aber warum? Warum beginnt die kontinuierliche Präsenz Europas jenseits des Mittelatlantischen Rückens nicht schon am Ende des 0., sondern erst am Ende des 5. Jahrhunderts? Bevor wir uns näher mit der Frage befassen, warum die Norweger im Nordatlantik scheiterten, wollen wir uns Aufschluß darüber verschaffen, wie sie überhaupt so weit gekommen sind. Da sind zunächst ihr erstaunlicher Mut und ihre großartigen seemännischen Fähigkeiten. Man kann sie buchstäblich vor sich sehen, wie sie auf den Ozean hinaussteuern und den zurückbleibenden 78
Kontinentaleuropäern über die Schulter zurufen: »Ihr könntet das nie, aber wir schaffen es!« Und tatsächlich schafften sie es. Die Norweger legten zwar nie so große Entfernungen zurück wie die Inselbewohner des Pazifik, aber diese vollbrachten ihre Wundertaten schließlich auf einem warmen Ozean mit verläßlichen Winden. Die Norweger hingegen verwirklichten ihre Heldensagas in Regionen, die zu den kältesten und tückischsten Gewässern der Erde zählen. Neben ihren erstaunlichen Fähigkeiten hatten die Norweger im Atlantik einen zweiten gewaltigen Vorteil – das Schiff, mit dem sie segelten. Das langskip (Langschiff), mit dem die Wikinger auf Raubfahrt gingen, war zu klein und für das offene Meer nicht seetüchtig genug. Dafür brauchte es ein richtiges Segelschiff: also nicht einfach ein aufgetakeltes Ruderboot, sondern einen regelrechten Segler mit breitem Rumpf, der bei schwerer See nicht so leicht zu rollen begann und zugleich mehr Ladung fassen konnte als das gängige Langschiff. Ein derartiges Schiff war die knörr (Plural: knerrir), das norwegische Handelsschiff. Flink und beweglich wie ein Langschiff, aber ein gutes Stück breiter gebaut, konnte es 20 Tonnen Ladung und 5 bis 20 Menschen aufnehmen. Bei anständigem Rükkenwind und freundlicher See erreichte es bis zu sechs Knoten (über 0 km/h), was für ein Handelsschiff noch während der Napoleonischen Kriege als respektable Geschwindigkeit galt (Marcus 98: 83 f.; Gelsinger 98: 47; Parkinson 948: 87). 79
Für ihr Zeitalter waren die Norweger einzigartig geschickte Schiffsbauer, aber als Ackerbauern und Herdenzüchter waren sie nicht sehr kreativ. Ohne das Erbe der Innovationen der Neolithischen Revolution hätten sie auf den Inseln des Nordatlantik niemals überleben können. Nicht einmal ein Isländer lebt vom Fisch allein. Doch der felsige Charakter der Insel und die kurze Vegetationsperiode des Nordens setzten der landwirtschaftlichen Produktivität enge Grenzen, und so verlegten sich die Norweger wohl oder übel auf die Viehzucht. Schaf- und Rinderherden waren von Norwegen über Island bis Grönland ihre wichtigste Versorgungsquelle (Tomasson 980: 60 ff.; Marcus 98: 64; Gad 970,: 53, 84). Ihre Tiere waren wahrscheinlich gedrungener und zottiger bzw. wolliger als die Rinder und Schafe, die Abel, der Sohn von Adam und Eva und Nachfahre der Sumerer, einstmals gehütet hatte. Aber sie gehörten zu derselben Spezies, und vielleicht reichte ihr Stammbaum in manchen Fällen sogar bis zu den Herden Abels zurück. Diese skandinavischen Viehsorten gediehen in Island und Grönland immerhin so gut, daß sie sich und ihre Besitzer ernähren konnten; in Vinland entwickelten sie sich während ihres kurzen Aufenthalts vielversprechend. In Amerika wuchs üppiges Gras, und das Klima war gewiß milder, als sie es gewohnt waren. Mit ihren Hörnern und Hufen konnten sie sich gegen die Raubtiere der Neuen Welt offenbar ausreichend zur Wehr setzen, aber womöglich hatten die Wölfe und 80
Pumas auch einfach nicht genügend Zeit, um ihre Scheu vor den neuen Tieren zu überwinden. Trotz ihrer schon seit Jahrhunderten abgeschlossenen Domestikation begannen diese Tiere aus der Alten Welt in der Wildnis von Vinland zu verwildern. In einer Saga heißt es: »Alsbald wurden die männlichen Tiere sehr unruhig und waren schwer zu bändigen.« Die halb verwilderten Tiere verschafften den Norwegern gegenüber den Skraelings (das ist der norwegische Name für Eskimos wie für amerikanische Indianer) einen ganz besonderen Vorteil. Diese Eingeborenen hatten Angst vor diesen großen Tieren, die mit ihren Herren ersichtlich eng zusammenlebten und ihnen zumindest ab und zu auch Gehorsam leisteten. Als eines Tages der Bulle, den Karlsefni mit seiner Expedition von Grönland mitgebracht hatte, lauthals zu brüllen begann, nahmen die Indianer, die eigentlich zum Tauschhandel erschienen waren, Reißaus. Der listige Karlsefni machte sich später die Angst der Skraelings zunutze, als die blonden, blauäugigen Neuankömmlinge mit einem offensichtlich überlegenen Aufgebot der Indianer zu kämpfen hatten. Er schickte zehn Männer vor, die den Gegner zu einem Angriff verleiten sollten. Als die Eingeborenen den Köder schluckten, stürmte er plötzlich auf sie zu, mit dem Bullen »in vorderster Front«. Die Kriegslist gelang, und Karlsefni konnte sein Leben als friedlicher Bauer im heimatlichen Island beenden (The Vinland Sagas 965: 65 ff., 7, 99). 81
In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage, ob die Norweger sich in Vinland nicht hätten behaupten können, wenn sie Pferde mit sich geführt hätten, jene Tiere, mit denen die Spanier ein paar hundert Jahre später so unwiderstehliche Wirkung gegenüber Azteken und Inkas erzielt haben. Die Grönländer verfügten zwar über Pferde – eines warf beispielsweise Erik den Roten ab, der sich dabei am Bein verletzte –, aber soweit man sich auf die Sagas verlassen kann, hat keines dieser Tiere jemals die Reise der Norweger nach Vinland mitgemacht (The Vinland Sagas 965: 55). Ein ganz spezifischer Vorteil der Norweger gegenüber den Skraelings lag darin, daß sie sich auch im Erwachsenenalter von frischer Milch ernähren konnten. Dieser Vorteil, den sie mit anderen Nordwesteuropäern teilen, hatte unvorhersehbare Folgen (Simoons 978: 964 f.): Als die Skraelings eines Tages ihre Pelze gegen die Waffen der Norweger einzutauschen kamen, boten diese ihnen stattdessen etwas völlig Neues an, nämlich Milch. Bald wollten die Eingeborenen gar nichts mehr anderes haben. Am Ende konnten die Norweger ihre Pelze mit nach Hause nehmen und »die Skraelings trugen ihre Einkäufe in ihren Bäuchen davon« (The Vinland Sagas 965: 65). Daß sie danach binnen weniger Stunden elend krank wurden, ist so gut wie sicher. Und wir können uns auch ausmalen, welche Auswirkungen diese Episode, zumal nach dem Zwischenfall mit dem brüllenden Bullen, auf die Beziehungen zwischen Norwegern und Skraelings 82
gehabt haben muß. War sie vielleicht sogar Anlaß für den Kampf, den die Norweger dann mit Hilfe des Bullen so siegreich überstanden? Der Bulle leistete den Norwegern auch deshalb unentbehrliche Dienste, weil sie ansonsten gegenüber den einheimischen Vinländern nur leichte technologische Vorteile hatten. Die Norweger kannten das Rad, die Skraelings nicht; sie hatten auch Metalle, die Skraelings nicht. Das war für die Invasoren zwar günstig, aber in der Praxis scheinen diese Vorteile nicht sehr groß gewesen zu sein. Auf einem Bauernhof in Grönland mochte ein Karren von Nutzen gewesen sein, aber ob Eriksson oder Karlsefni je ein so sperriges Luxusgut über den Nordatlantik hinweg nach Vinland mitgenommen haben, ist doch ziemlich zweifelhaft. Wozu sollte es dort auch gut gewesen sein? Die Grönländer setzten wahrscheinlich ihr Prinzip der Rollklötze ein, um in Markland Baumstämme an die Strände zu schaffen, die dann mit Schiffen nach Hause abtransportiert wurden. Aber vorerst machten das Rad, der Hebel, der Mauerbogen und all die anderen intelligenten Produkte der Alten Welt, wie das Alphabet und der Lehrsatz des Pythagoras, jenseits des Mittelatlantischen Rückens keinen großen Unterschied. Die Norweger verfügten auch in Vinland über Metalle. Archäologen haben am Standort einer norwegischen Siedlung in Neufundland sogar eine primitive Eisenschmelze ausgegraben, die erste auf amerikanischem Boden (Morison 97: 49). Die Schwerter und Äxte der 83
Norweger waren handlicher und robuster und blieben auch länger scharf als die Waffen der Skraelings. Das muß den Invasoren einen nennenswerten Vorteil verschafft haben, reichte aber für einen Sieg offenbar nicht aus. Schußwaffen lassen sich ohne Metall nicht herstellen, aber schlagkräftige – wenn auch primitivere – Keulen, Äxte, Speer- und Pfeilspitzen lassen sich auch aus Stein anfertigen. Leif Erikssons Bruder Thorvald erlitt seine tödliche Wunde durch einen Pfeil mit Steinspitze. Er verschied, norwegischer Tradition gemäß, noch während er sich in aller Ruhe den Platz für sein Grab aussuchte: »Als ich sagte, daß ich mich an diesem Ort für einige Zeit niederlassen würde, scheine ich genau die Wahrheit getroffen zu haben.« (The Vinland Sagas 965: 6) Steinspitzen können ebenso leicht zwischen die Rippen fahren wie Metall, und eine Steinaxt kann Schulter oder Schädel ebenso zerschmettern wie jedes beliebige Eisen- oder Stahlobjekt. Wenn es im Handgemenge zwischen zwei Männern ums nackte Überleben geht, wirken Stein- oder Metallwaffen »verschieden, aber ohne Unterschied«. Die Vorteile der Norweger gegenüber den Skraelings hätten wir damit erörtert. Die Liste ihrer Nachteile ist bedeutend länger. Den Norwegern fehlten die Voraussetzungen sowohl für mehr als auch für aufwendigere Amerika-Expeditionen. Die größte in den Quellen erwähnte Expedition nach Vinland bestand aus drei Schiffen und 65 oder 65 Menschen (The Vinland Sagas 965: 65, 94). Im 84
postkolumbianischen Zeitalter waren Expeditionen von Europa nach Amerika oft auch nicht viel größer, aber es wurden doch sehr viel mehr Expeditionen ausgesandt, und selbst die gescheiterten Unternehmungen scheinen das Interesse an weiteren Versuchen stimuliert zu haben. Einige der bedeutendsten postkolumbianischen Expeditionen waren jedoch auch ziemlich aufwendig. Die Flotte, die Kolumbus im Jahre 493 zu den Westindischen Inseln dirigierte, bestand aus 7 Schiffen mit insgesamt 200 bis 500 Menschen. Die erste britische Flotte, die nach Australien segelte, hatte Schiffe und nahezu 500 Männer, Frauen und Kinder an Bord. Unternehmungen dieser Größenordnung lagen jenseits der Möglichkeiten, die den Norwegern im Mittelalter auf dem Nordatlantik zur Verfügung standen. In Grönland gab es auf dem Höhepunkt seiner Besiedlung nicht viel mehr als 3500 Menschen. Island hatte allerhöchstem 00 000, Norwegen vielleicht 400 000 Einwohner (Morison 942: 395, 397; Tomasson 980: 58; Australian Encyclopedia 979, III: 25 f.). Die skandinavische Bevölkerung auf den nordatlantischen Inseln war deshalb so klein, weil ihre Siedlungen zu ärmlich waren, um größere Menschenmengen anziehen oder ernähren zu können. Norwegen selbst war weder mit dem Byzantinischen Reich noch mit dem Fränkischen Reich der Karolinger vergleichbar; es war ein kaltes und armes Land, das weit von den Kultur- und Bevölkerungszentren der Alten Welt entfernt lag. Zwischen dem . und dem 3. Jahrhundert erlangte Norwegen zwar 85
seine staatliche Einheit und auch beträchtlichen Einfluß innerhalb seiner geographischen Sphäre, aber zum Aufbau eines Reiches fehlten ihm die landwirtschaftlichen Überschüsse, die Menschenmassen, das Kapital und fast alle weiteren Voraussetzungen. Für die meisten Isländer und Grönländer war Norwegen nicht etwa der Anker, an dem ein atlantisches Reich seinen festen Halt gefunden hätte, sondern bloß ein entfernter Handelspartner und eine vage Erinnerung an eine reifüberzogene Steilküste, von der kühne Männer und Frauen aufgebrochen waren, um ein besseres Leben zu finden. Für Vinland war ohnehin nicht Norwegen das Mutterland, sondern Grönland, und norwegische Kolonien in Amerika hätten niemals lebensfähig werden können, bevor sich nicht die Siedlungen in Grönland als dauerhaft erwiesen hätten. Das aber ist – trotz jahrhundertelanger norwegischer Präsenz – nie geschehen. Wie auch, wenn dort nicht einmal Getreide richtig wachsen konnte und die meisten Grönländer nie welches zu Gesicht bekommen hatten? Holz gab es auf der Insel nur als Strandgut und Eisen überhaupt nicht. Die Inselbewohner hatten keine Erzeugnisse anzubieten, die in Europa eine konstante Nachfrage gefunden hätten, wie sie später beispielsweise für den Tabak aus Virginia oder den Zucker aus Westindien entstanden ist. Daher war auch kein ständiger Kontakt mit dem europäischen Kontinent garantiert. Die ganze Geschichte läßt sich in der ironischen Pointe zusammenfassen, daß eine dauerhafte Kolonie in 86
Vinland wohl in der Lage gewesen wäre, eine Kolonie in Grönland zu unterhalten, nicht aber umgekehrt (Marcus 98: 9 f., 99; Gelsinger 98: 93). Bevor die Eskimos nach Süden drängten (darüber in Kürze mehr), spielten Konflikte mit den Eingeborenen in Grönland keine Rolle, in Vinland dagegen stellten sie von Anfang an ein unüberwindliches Problem dar. Die Skraelings waren nicht nur deutlich in der Überzahl, sondern sahen die Eindringlinge auch als Feinde an. Letzteres war nicht weiter verwunderlich: Von den neun Eingeborenen, die den Norwegern als erste begegneten, wurden acht umgebracht, und der neunte konnte nur mit Glück und Geschick entkommen. Als die Skraelings zum ersten Mal mit Karlsefnis Leuten Tauschhandel treiben wollten, rückten sie mit so vielen Booten an, »daß es aussah, als sei die Flußmündung mit Holzkohle überzogen«. Und als sie kurz darauf zum Kampf antraten, erschienen ihre Boote den Norwegern »wie ein reißender Strom«. Die Nachfolger Karlsefnis hätten Vinland gern erobert: Das Land war reich, in seinen Wäldern gab es jede Menge Wild, in den Flüssen tummelten sich die Lachse, das Gras war wie geschaffen für ihr Vieh, und auch ein Kind war ihnen schon in Vinland geboren: Snorri, ein Sohn ihres Anführers und seines Weibes Gudrid. Und doch mußten die Norweger einsehen, daß sie in diesem Land niemals ein sicheres Leben führen könnten. Vinland war ein bewohntes und kein jungfräuliches Land, also gewissermaßen in festen Händen (The Vinland Sagas 965:66,99,00,02). 87
Um ihre zahlenmäßige Unterlegenheit gegenüber den Indianern auszugleichen, brauchten die Norweger einen Kompensationsfaktor. Ihre Militärtechnologie genügte nicht, wie wir bereits festgestellt haben. Sie brauchten etwas mit potentiell genozidaler Wirkung, einen Faktor, der das im letzten Kapitel erwähnte McNeillsche Gesetz zu ihren Gunsten hätte aktivieren können. Aber die biologischen Waffen, die bei den dichten Populationen des Nahen Ostens ihre Wirksamkeit erwiesen, standen den Norwegern des . Jahrhunderts nicht zur Verfügung. Die Infektionskrankheiten scheinen nicht für, sondern gegen die Norweger gearbeitet zu haben. In Island und erst recht in Grönland lebten die Norweger von Europa so weit entfernt, daß sie von den Krankheiten, die in den dichtbesiedelten Zentren Europas ausgebrütet wurden, nur selten die neueste Ladung von Erregern abbekamen. Zudem war die Einwohnerzahl beider norwegischer Siedlungsgebiete zu spärlich, um Massenepidemien kontinuierlich neue Nahrung zu geben. In der Regel liefen sich solche Epidemien daher rasch tot, was freilich die nächste Generation der Inselbewohner zu derselben Anfälligkeit verdammte, die schon ihre Eltern ausgezeichnet hatte. Die Pocken zum Beispiel, die erstmals im Jahre 24 oder 306 in Island aufgetaucht waren, suchten die Insel in den darauffolgenden 200 Jahren ein um das andere Mal heim, wobei sie offenbar immer dann wieder auftauchten, wenn ausreichend pockenanfälliger Nachwuchs geboren war. Je länger sich die Epidemie 88
verabschiedet hatte, desto härter schlug sie danach wieder zu. Als die Pocken 707 nach einer langen Pause erstmals wieder auftraten, erlagen ihr 8 000 Menschen, ein Drittel der gesamten Bevölkerung (Tomasson 980: 63; Kubier 90: 45; Hirsch 883,: 35, 45). Ein Brite, der Anfang des 9. Jahrhunderts die norwegischen Gebiete im Nordatlantik bereist hatte, schrieb anschließend: »Die in Island von den Pocken angerichteten Verheerungen sind derart, daß die Krankheit eine Bedeutung selbst für die politische Geschichte der Insel erlangt hat.« (MacKenzie 8: 409 f.) Tödliche Infektionskrankheiten, die immer wieder von europäischen Schiffen eingeschleppt wurden, haben diesen Menschen, die schon unter den günstigsten Umständen nur mit größter Mühe zu überleben vermochten, immer wieder fürchterlich zugesetzt und das für eine Gesundung der gesellschaftlichen Verhältnisse unerläßliche natürliche Bevölkerungswachstum stets aufs neue brutal unterbrochen.* * Dabei konnte fast jede vom Festland importierte Infektionskrankheit vernichtende Wirkung erzielen. So gingen 797 an einer Masern-Epidemie in Island 600 Menschen zugrunde. Als dieselbe Epidemie 57 Jahre später die Färöer-Inseln erreichte, erkrankten dort 600 von 7864 Einwohnern (vgl. MacKenzie 8: 40; Lilienfeld 976: 24). Die Anfälligkeit der Norweger im Nordatlantik hat sich bis heute erhalten. Die Masern, die in Island kaum mehr endemisch sind, wurden im 20. Jahrhundert mindestens elfmal von Europa oder Amerika her eingeschleppt und lösten dabei jedes Mal Epidemien aus (die freilich aufgrund der modernen Ernährung und medizinischen Versorgung keine Todesopfer mehr fordern; vgl. Cliff/Haggett 984: 43).
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Wie groß auch immer die Aussichten für eine erneute Kolonisierung Vinlands und für das Wiederaufleben der grönländischen Siedlungen während des späten Mittelalters oder der Renaissance gewesen sein mögen – der »Schwarze Tod« hat sie im Keime erstickt. Diese äußerst bösartige Variante der Pest hatte 347 Italien erreicht, von wo sie nach Norden weiterwanderte. 349 kam sie in Norwegen an. Dort legte sie eine 50jährige Pause ein, um sich sodann nach Island aufzumachen, wo sie die Bevölkerung von 402 bis 404 heimsuchte. Diese pandemische Seuche dürfte etwa ein Drittel der gesamteuropäischen Bevölkerung hinweggerafft haben. In Norwegen und Island starben zwei Drittel aller Menschen, weil hier auf die Pest eine Hungersnot folgte. Die sterbenden Bauern konnten keine ausreichenden Vorräte an Winterfutter mehr anlegen, daraufhin verendete das Vieh, und die Menschen verhungerten. Falls die Pest danach bis Grönland gelangt sein sollte, brauchen wir nach Gründen für den jähen Niedergang dieses norwegischen Außenpostens im 5. Jahrhundert nicht mehr zu suchen (Popperwell 972: 94 f.; Tomasson 980: 63). Obwohl wir den Schwarzen Tod zu Recht für alle möglichen schrecklichen Dinge verantwortlich machen können, dürfen wir ihn aber nicht als Auslöser für den Niedergang Grönlands ansehen. Dieser war schon in vollem Gange, als die Pest noch nicht einmal in Norwegen angelangt war. Schon im 4. Jahrhundert hatte die Nachfrage der Europäer nach Produkten aus dem 90
Nordatlantik nachgelassen, und immer weniger Schiffe hatten die lange Reise von Norwegen nach Grönland unternommen. Auch zwischen Norwegen und Island lag der Handelsaustausch darnieder, und im Laufe des 5. Jahrhunderts geriet die Insel fast vollkommen in Vergessenheit. Grönland und Island waren stets die äußersten Spitzen an einem Ast des norwegischen Stammbaums gewesen, jetzt aber starb der ganze Ast ab (Marcus 98: 89, 99, 2, 55). Je seltener diese Ableger Europas von knerrir aus dem Mutterland angelaufen wurden, desto unerbittlicher schien die Natur darauf aus zu sein, ihnen vollends den Garaus zu machen. Der nutzbare Boden Islands nahm quantitativ wie qualitativ in dem Maße ab, wie das importierte Vieh die Hänge kahlfraß und die Menschen die Wälder abbrannten oder abholzten und das Land damit ungeschützt den Wirkungen der Wasser- und Winderosion preisgaben (Thorarinsson 956: 24 f.). Der Hunger wurde zum Dauerzustand und kulminierte in regelmäßigen Abständen in einer von Pestepidemien begleiteten regelrechten Hungersnot. Island als das stärkste Glied in der Kette, die Grönland und potentiell auch Vinland mit Europa verband, war allmählich brüchig geworden (Marcus 98: 90; Gelsinger 98: 73). Während in den ersten Jahrhunderten des zweiten Jahrtausends das Klima in Island so passabel gewesen war, daß es Abenteurer samt ihren Familien angelockt hatte (und selbst in Grönland erträglich gewesen sein 91
muß), wurde es nun kälter. Der Weizenanbau wurde immer schwieriger, die Gletscher breiteten sich aus, und das Treibeis tauchte immer häufiger vor der isländischen Küste auf, während es sich in Grönland vor den Mündungen der Fjorde aufstaute und den Zugang zu den einst so günstigen Ankerplätzen versperrte. Auf ihrer Fahrt zu den grönländischen Siedlungen mußten die Seefahrer weit nach Süden und Westen ausweichen, und im 5. Jahrhundert gab es die Hoffnung auf ein Durchkommen überhaupt nur noch im August (Gelsinger 98: 6; Thorarinsson 956: 3–8; Marcus 98: 97 f., 56). Grönland, wo das Klima nie günstiger gewesen war als in den nördlichen Randzonen Norwegens, wurde erneut zum Eskimoland. Die Eingeborenen wanderten nach Süden, um ihre Erstgeburtsrechte geltend zu machen. 379 gingen die Skraelings zum Angriff über, töteten 8 Grönlandnorweger und entführten zwei ihrer Knaben. Und bei diesem einen Vorstoß der Eskimos ist es bestimmt nicht geblieben (The Vinland Sagas 965: 22). Irgendwann gegen Ende des 5. Jahrhunderts verstarb der letzte norwegische Grönländer in eiskalter und abgrundtiefer Einsamkeit (Gelsinger 98: 73; Marcus 98: 59 f., 63). Diese erste europäische Kolonie jenseits des Mittelatlantischen Rückens erlosch ungefähr zur gleichen Zeit, als Kolumbus mit seiner Flotte nach Westen aufbrach. Von den Kanarischen Inseln aus wollte er nach Asien segeln – und bahnte damit eine neuerliche Verbindung Europas mit Amerika an. 92
Aber was wollten die Norweger überhaupt so weit im Norden? Warum suchten sie sich ausgerechnet Küsten aus, die noch eisiger waren als die Regionen Norwegens, aus denen die meisten von ihnen stammten? Vinland war weitaus attraktiver als die Inseln, die sie vorher entdeckt und völlig zu Recht »Eisland« bzw. völlig zu Unrecht »Grünland« getauft hatten. Warum unternahmen sie also keinen ernsthafteren Versuch, Vinland zu besiedeln? Wo doch Thorvald Eriksson festgestellt hatte: »Hier ist es wunderschön, hieraus würde ich gern mein Zuhause machen.« (The Vinland Sagas 965: 60) Eriksson fand in Vinland nur sein Grab, und seine Mitkolonisten kehrten alsbald wieder zu den heimischen Gestaden zurück. Aber warum ließen sie sich so rasch von ihrem Vorhaben abbringen? Die Menschen auf den Britischen Inseln, in Frankreich oder in Rußland hatten den einfallenden Wikingern mindestens ebenso hartnäckigen Widerstand entgegengesetzt wie die Skraelings, und doch hatten die Invasoren dieser Gebiete stets ihre Familien mitgebracht und Städte zu gründen begonnen. Und die Norweger selbst hatten bei dem Versuch, vulkan- und eisbedeckte Inseln weit draußen im einsamen Ozean zu besiedeln, Leib und Leben riskiert. Warum hat sich dann dieses Seefahrervolk nicht beharrlicher um die Kolonisierung dieses amerikanischen Territoriums bemüht? Die Antwort ist einfach: weil es zu weit weg war. Die Norweger konnten dieses Stück Amerika zwar erreichen, nicht aber in den Griff bekommen. In den südlicheren 93
Breiten war es zwar weniger nebelig, das Eis war nicht so gefährlich, die Winde waren berechenbarer, und der Polarstern stand dicht genug über dem Horizont, um seine Höhe exakt messen zu können. Andererseits war der Ozean in diesen Breiten weiter und bot keine festen Orientierungspunkte – wenn man von den Azoren absieht, die damals aber noch nicht entdeckt waren. Aus dem Mittelalter ist uns nicht ein einziger Hinweis auf ein norwegisches Schiff überliefert, das auf direktem Wege von Europa nach Amerika oder von Amerika nach Europa gesegelt wäre, auch nicht auf eine gezielte Entdeckungsreise von Island nach Amerika. Die Norweger überquerten den Atlantik nicht etwa in einem Zug, sondern hangelten sich von einer Insel zur anderen weiter (oder zumindest von einem Inselindiz, einer Wolkenzusammenballung oder einem Schwarm Seevögel, zum andern). Und dennoch taucht in den Sagas ganz häufig das Wort hafvilla auf. Es bezeichnet einen Zustand auf hoher See, bei dem man jegliche Orientierung verloren hat. Dieser Zustand konnte tage- oder wochenlang andauern, und zuweilen, wie wir vermuten dürfen, auch bis zum Tod (Marcus 98: 78, 95 f., 06 f., 08–6; Gelsinger 98: 52–58). Um solche Risiken möglichst gering zu halten, beschränkten sich die norwegischen Seefahrer auf wenige Entdeckungsreisen. Nur ein Narr mit einer neuen Theorie im Kopf konnte aufs offene Meer hinaussegeln, ohne eine sehr genaue Vorstellung von seinem Ziel zu haben; was die Norweger betrifft, so hatten sie darüber immer eine 94
genaue Vorstellung. Nach Island segelten sie erst, nachdem Eremiten aus Irland sich dort angesiedelt und den Norwegern zweifellos darüber berichtet hatten. Erik der Rote hat Grönland nicht eigentlich »entdeckt«, vielmehr wollte er dem Bericht von Gunnbjorn Ulfsson nachgehen, der westlich von Island weiteres Land entdeckt hatte, nachdem er vom richtigen Kurs abgekommen war. Und Eriks Sohn Leif hat Amerika ebenfalls nicht »entdeckt«: Er segelte nur einem Bericht von Bjarni Herjolfsson nach, der westlich und südlich von Grönland die Orientierung verloren und bei der Gelegenheit Land gesichtet hatte (Marcus 98: 50–54). Die norwegischen Seefahrer waren konservativ, ihre knerrir ließen ihnen gar keine andere Wahl. Diese Schiffe waren vollendete Exemplare handwerklicher Kunstfertigkeit, aber sie waren eben doch klein und nicht sehr manövrierfähig und außerdem für die Besatzung elend feucht und kalt. Die Schiffe des Erik, der Erikssons und des Karlsefni waren nicht einmal dreißig Meter lang und acht bis zehn Meter breit, außerdem war der Schiffskörper höchstens zur Hälfte mit einem Deck versehen. Sie waren ganz ohne Zweifel fähig, jede Welle so geschickt auszureiten wie eine auf dem Wasser schaukelnde Möwe, aber bei rauher See müssen sie auch eine Menge Wasser übernommen haben, von dem sich das meiste im Kielraum ansammelte. Da es keine Pumpen gab, mußte der Kielraum von Hand ausgeschöpft werden (Marcus 98: 03). Die norwegischen Schiffe hatten außerdem keine 95
Steuerruder im heutigen Sinne, sondern eher eine Steuerpinne: eine sehr große und plumpe Ruderstange, die am Heck ins Wasser hing und wie der gebrochene Flügel eines Vogels hinterhergeschleppt wurde. Solange sie im Hafen waren, wurden die Schiffe mit Hilfe von Rudern bewegt, auf hoher See mit einem einzigen Rahsegel. Bei mitlaufendem Wind hatten sie keine Probleme, aber gegen den Wind konnten sie nicht kreuzen, bei frontalem Gegenwind blieb ihnen vollends nichts anderes übrig, als auf ein Umspringen zu warten. Mittels der Ruder konnten sie natürlich ein Stück weit vorankommen, aber über einen Ozean zu rudern war nicht das zweckmäßigste Verfahren. Aus seitlichem Wind konnten sie etwas machen, indem sie ihn durch Drehen des Rahsegels einzufangen versuchten, aber das war ein umständliches Manöver. Was den Norwegern fehlte, war das Schoner- oder Lateinsegel, worüber wir im 6. Kapitel mehr erfahren werden. Sich mit der knörr auf den Ozean hinauszuwagen, hieß, sich auf einen Handel mit den Göttern einzulassen. Die Seefahrer konnten freilich bestenfalls hoffen, daß die Götter sie die meiste Zeit über in die gewünschte Richtung steuern ließen, während sie sich dafür mit dem Kurs abzufinden hatten, den sich diese Götter ab und zu boshafterweise einfallen ließen. Unter solchen Bedingungen war ein Schiffbruch normal und hafvilla ein chronisches Leiden. Die Sagas sind voll von Berichten über hilflos auf dem Wasser dahintreibende Schiffe. Thorstein Eriksson – noch einer von Leifs Brüdern – wollte nach Vinland se96
geln, bekam aber von Amerika nichts zu sehen. Zu sehen bekam er dafür Island und danach sogar Vögel, die aus Irland herübergeflogen waren; aber zu guter Letzt wurde das Wetter wieder günstiger, und er konnte wenigstens nach Grönland zurücksegeln. Thorhall der Jäger machte sich zusammen mit Karlsefni auf den Weg nach Amerika, entschied sich dann aber für einen selbständigen Kurs, um Vinland auf eigene Faust zu suchen. Er geriet jedoch in einen Gegenwind, der ihn über den ganzen Atlantik nach Irland trieb, wo er verstarb und seine Mannschaft in die Sklaverei geriet (The Vinland Sagas 965: 87, 97). Die Norweger gelangten zwar in den meisten Fällen an das gewünschte Ziel, aber für die besonders schwierigen Bedingungen des Nordatlantik waren ihre Schiffe, ihre Takelage und ihre Navigationstechniken nur begrenzt geeignet. Auf diesem Ozean vollbrachten Leif und die anderen norwegischen Seefahrer wahre Wunderdinge – aber als Fundament eines ganzen Reiches braucht es solideres Material als Wunder. * Ohne Verbesserungen auf dem Gebiet der Navigationstechnik und der seemännischen Ausrüstung, des Schiffsbaus und der Takelage konnten die Westeuropäer also nicht daran denken, den Atlantik an seiner sichersten, wenn auch breitesten Stelle zu überqueren. Einige dieser nötigen Verbesserungen bezogen sie zweifellos, vermittelt durch heimkehrende Kreuzfahrer, aus der Levante. Jacques de Vitry aus der Stadt Akko im Heiligen 97
Land hinterbrachte dem Publikum 28 eine wichtige Information: »Nachdem man eine Eisennadel mit dem Magnetstein in Kontakt gebracht hat, dreht sich dieser stets in Richtung des Polarsterns, der bewegungslos am Himmel steht, wohingegen die übrigen Gestirne kreisen, wodurch er wahrhaftig die Achse des Firmamentes ist.« Und er hob hervor: »Eine solche Nadel ist deshalb für diejenigen, die zur See fahren, ein unentbehrlicher Gegenstand.« (Taylor 957: 94; Needham 97: 698). Jacques de Vitry war römisch-katholischer Bischof in einer Gegend, in der einstmals Jesus Christus gelebt hatte, und in der damals noch viele seiner Anhänger zu finden waren. Die meisten dieser Christen bekannten sich allerdings nicht zum römisch-katholischen Glauben, sondern zum griechisch-orthodoxen, zum armenischen, zum koptischen und zu den verschiedensten anderen Varianten der christlichen Konfession. Noch schockierender war für den Bischof allerdings die Tatsache, daß alle diese Christen der unterschiedlichsten Richtungen zusammen lediglich eine Minderheit der Gesamtbevölkerung ausmachten. Die Mehrheit waren Moslems, also Anhänger jenes schrecklichen ketzerischen Propheten Mohammed, dessen Heere im 7. Jahrhundert den ganzen Nahen Osten erobert und dabei Bethlehem und all die anderen Stätten, an denen der Heiland gewandelt war, in ihre Gewalt gebracht hatten. Die Europäer hatten sich über mehrere Generationen mit dieser Situation abgefunden; schließlich kam es ja auf 98
das himmlische und nicht auf das geographische Jerusalem an. Im . Jahrhundert gewann dann plötzlich dieses konkrete, wirkliche Heilige Land für die Westeuropäer eine immer größere Bedeutung. (Die Westeuropäer wurden damals allgemein als »Latiner« oder »Franken« bezeichnet, auch wenn sie in Wirklichkeit waschechte Deutsche oder Engländer sein mochten.) Nunmehr machten sich Bischöfe, Grafen, Bauern und sogar viele adlige Damen ins Heilige Land auf: eine Reisewelle, wie man sie nie zuvor erlebt hatte (Southern 953: 5; Coulton: 0–6). Als der Kaiser des Byzantinischen Reiches, aufgeschreckt durch den Siegeszug der seldschukischen Türken, Papst Urban II. um Beistand ersuchte, reagierte dieser 095 mit seinem berühmten Aufruf zum Kreuzzug: Die Antwort der römischen Christenheit war der erste Kreuzzug: eine Art selbstmörderischer Ansturm von Horden gottesfürchtiger Christenmenschen, die das Heilige Grab aus den Händen der Moslems befreien wollten. Auf diesen ersten folgten noch sieben oder acht weitere Kreuzzüge (je nachdem, wie man den Begriff definiert). Im Laufe der nächsten zweihundert Jahre machten sich Hunderttausende Westeuropäer zu Lande und zu Wasser auf, um an der Küste des östlichen Mittelmeeres die Ungläubigen zu bekämpfen und ihnen das Heilige Land zu entreißen. Sie gelangten damit in eine Region, die sich hinsichtlich ihrer Völker und Kulturen, ihrer Fauna und Flora – aber auch ihrer Krankheiten – erheblich von den Gegenden unterschied, die den meisten von ihnen vertraut waren. 99
Die Kreuzzüge stellen die spektakulärste Verausgabung religiöser Energien in der Geschichte der europäischen Gesellschaft dar. Mit ihnen unternahmen die Europäer zugleich den ersten massiven Versuch, ihren Machtbereich auf Dauer über die Grenzen des eigenen Kontinentes hinaus zu erweitern. Das unmittelbare Resultat waren vier neue Staatswesen auf biblischem Boden: das Herzogtum Antiochia und die Grafschaften Edessa und Tripolis im Norden, sowie das Königreich Jerusalem als größter der Kreuzfahrerstaaten im Süden. Die einzigen von diesen Staaten übriggebliebenen Zeugnisse sind ein paar gewaltige Ruinen, meist Überreste ehemaliger Burganlagen. Diese ersten imperialistischen Projekte der Westeuropäer in Asien sind gescheitert. Für dieses Scheitern waren alles in allem dieselben Faktoren verantwortlich, die auch späteren europäischen Expansionsversuchen nach Asien ein rasches Ende bereitet haben. Bevor wir uns jedoch diese Faktoren näher ansehen, wollen wir – wie bei den Unternehmungen der Norweger im Nordatlantik – ermitteln, welche Vorteile die Europäer im östlichen Mittelmeer auf ihrer Seite hatten. Die Schiffe und die navigatorischen Fähigkeiten, die den Europäern im Mittelalter zu Gebote standen, waren für das Mittelmeer besser geeignet als für den furchteinflößenden Nordatlantik. Zu Anfang waren die Moslems oder Sarazenen (wie sie damals häufig genannt wurden) unfähig, sich gegen die fränkischen Invasoren 100
zu vereinigen. Die Kreuzfahrer hingegen erhielten von ganz Europa über Generationen hinweg volle, ja nachgerade fanatische Unterstützung; so konnten sie einen Kräfteaufwand entfalten und durchhalten, der alles, was die Norweger jemals im Atlantik aufbieten konnten, bei weitem in den Schatten stellte. Auf dem höchsten Bevölkerungsstand waren die Grönlandnorweger vielleicht 3500, auf keinen Fall aber mehr als 5000 Menschen, wogegen die katholische Bevölkerung des Königreichs Jerusalem auf ihrem Höchststand weit über 00 000 Köpfe zählte (Marcus 98: 64; Prawer 972b: 73). Die Kreuzritter hatten mit den Völkern und Gebieten, die sie zu erobern trachteten, bereits Bekanntschaft geschlossen. Sie kämpften nicht jenseits der Grenzen der bekannten Welt gegen unbekannte Skraelings. Bei ihrem Aufbruch ließen sie die Kernregionen der Zivilisation der Alten Welt nicht etwa hinter sich, sondern marschierten direkt auf sie zu, um auf diesem alten Kulturboden nach alten Glaubensgewißheiten zu suchen. Aber der Imperialismus der Europäer des Mittelalters endete auch im Osten mit einem Fiasko. Und am Ende blieb den Kreuzrittern vom Heiligen Lande nichts als der Sand und der Staub, den sie in den Ritzen und Scharnieren ihrer zerbeulten Rüstungen nach Hause trugen. Den Norwegern blieb wenigstens Island, die Kreuzfahrer aber verloren am Ende sogar Rhodos und Zypern. Und als 453 Konstantinopel an die Moslems fiel, waren tausend Jahre Geschichte einer christlichen Metropole zu Ende. 101
Das Scheitern der Kreuzfahrer war klar und eindeutig. Aber woran lag es? Beginnen wir mit dem Offensichtlichen: Um nach Jerusalem zu gelangen, mußten die Kreuzritter gewissermaßen auf einen Ast hinausklettern. Der war zwar kürzer und kräftiger als jener andere Ast, der von Norwegen nach Vinland hinüberreichte, aber eben doch nur ein Ast. Die Kreuzfahrer konnten sich in der Levante nur halten, wenn sie ununterbrochen mit beträchtlichen Mengen Hilfsgütern aus Europa versorgt wurden. Der christliche Glaubenseifer hielt sich zwar über viele Jahre, aber irgendwann floß die Hilfe nur noch sporadisch, um allmählich vollständig zu versiegen. Die Kreuzritterstaaten von Edessa, Antiochia, Tripolis und Jerusalem vegetierten nur noch dahin und verschwanden schließlich von der Landkarte. Betrachten wir nun die Details: Die nautischen Instrumente und Fähigkeiten der Latiner reichten zwar für die übliche mediterrane Handelsschiffahrt, waren aber der Aufgabe, große Heere ins Heilige Land zu transportieren und mit Nachschub zu versorgen, nicht gewachsen. Dieser Mangel war insofern besonders gravierend, als er eine massenhafte Zuwanderung aus Westeuropa verhinderte, die womöglich die Überlebensfähigkeit der Kreuzritterstaaten gesichert hätte (Prawer 972b: 73). Die größeren Kreuzfahrerheere legten den Weg bis in die Levante ganz oder doch größtenteils zu Fuß zurück. Dadurch waren sie Krankheiten, extremen Wetterbedingungen 102
und Angriffen von lokalen Räuberbanden jeglicher Konfession ebenso ausgesetzt wie der Versuchung, sich monate- oder gar jahrelang dem satten und süßen Leben des Ostens hinzugeben, die Reichtümer Konstantinopels zu plündern oder den Kreuzzug zu einemprofitablen Privatunternehmen zu machen. Die Uneinigkeit der Moslems, die eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg, vielleicht sogar für das Überleben der Kreuzfahrer war, hielt nicht lange an. Nach dem ersten Kreuzzug hatten die Eindringlinge immer häufiger mit Sarazenen aus der gesamten Region zu kämpfen. Ägypten, das im Mittelalter über die größten Bevölkerungsmassen westlich des Indus verfügte, rekrutierte gewaltige Heere und einigte weite Teile des Mittleren Ostens unter der Führung der Mamelucken gegen die Franken. Im Gegensatz dazu waren die Christen der Levante – also Katholiken, Griechisch-Orthodoxe, Syrisch-Orthodoxe, Kopten usf. – nur selten in der Lage, sich im Interesse einer Sache zusammenzuschließen, selbst wenn es dabei um das nackte Überleben ging. Transportschwierigkeiten und innere Uneinigkeit waren jedoch zweitrangige Probleme im Vergleich mit dem schlichten aber gewichtigen Faktum, daß die Kreuzfahrerstaaten nicht lebensfähig waren, weil es nicht genügend Christen römischen Glaubens gab. Anfangs brüsteten sich die Kreuzritter noch mit ihrer zahlenmäßigen Unterlegenheit: »Wer könnte uns schon seine Bewunderung dafür versagen, wie wir, eine Handvoll Menschen 103
inmitten so vieler unserer Feinde, nicht nur auszuharren, sondern auch erfolgreich zu gedeihen vermochten.« (Zit. n. Peters 97: 25) Aber die Realität stempelte solche Sprüche alsbald zu reinem Maulheldentum. Saladin, der Jerusalem im Jahre 87 für den Islam zurückeroberte, hatte das Problem der Kreuzritter erkannt und riet Kaiser Friedrich Barbarossa in einem Schreiben davon ab, sich am dritten Kreuzzug zu beteiligen: »Wenn Ihr die Namen der Christen zusammenzählt, so sind die Sarazenen zahlreicher, und zwar um ein Vielfaches zahlreicher als die Christen. Und während zwischen uns und denen, die Ihr Christen nennt, das Meer liegt, so findet sich doch kein Meer, das die Sarazenen, deren Zahl unübersehbar ist, voneinander trennen würde; zwischen uns und denen, die uns zu Hilfe kommen werden, gibt es kein natürliches Hindernis.« (Chronicles of the Crusades 848: 89). Der Kaiser schlug den vernünftigen Rat des Sultans in den Wind, was zur Folge hatte, daß auch er zum Opfer der unzulänglichen Flottenkapazitäten des Westens wurde. Er mußte mit seinem Heer von Deutschland durch Ungarn und das Byzantinische Reich nach Kleinasien marschieren, wo er in einem Fluß ertrank, worauf sich sein Heer auflöste (Mayer 985: 28 f.). Die katholische Bevölkerung der Kreuzfahrerstaaten zählte höchstens eine Viertelmillion Menschen – mitten 104
unter vielen Millionen lauwarmer Freunde und heißblütiger Feinde. Im gesamten Königreich Jerusalem waren von insgesamt 200 Bevölkerungszentren lediglich 50 oder 60 fränkisch besiedelt. Grob geschätzt war nur jeder fünfte Bewohner der Kreuzritterstaaten römischen Glaubens. Insofern erinnern die in ihren Burgen, befestigten Dörfern und Stadtvierteln zusammengepferchten Kreuzfahrer an die britischen Sahibs in Indien kurz vor dem Sepoy-Aufstand von 857–859, die sich in ihren Enklaven nie ganz sicher fühlen konnten, zugleich aber auf all die Einheimischen angewiesen waren, die den Engländern bestenfalls mit gleichgültiger Verdrossenheit entgegentraten.* Nun gab es für die Überwindung der demographischen Nöte der Kreuzfahrer drei Möglichkeiten: Die erste bestand in der massenhaften Einwanderung von Westeuropäern, die zweite in der Rekrutierung eines großen Teils der nicht-katholischen christlichen Bevölkerung durch Heirat, Überredung, Konversion und alle erdenklichen anderen Methoden. Die dritte Möglichkeit lag in einer deutlich erhöhten Geburtenrate der Kreuzfahrerbevölkerung, die ihre eigene Sterberate bei weitem übertreffen mußte. Eine Zuwanderung größeren Umfangs in die Kreuzfahrerstaaten fand nur in Zeiten ausgesprochener Begeisterung, wie etwa während des ersten Kreuzzuges statt – aber selbst damals kehrten die meisten Überlebenden * Prawer 972a: 82; Prawer 972b: 73 f.; Richard 979, A: 3; Mayer 985:58 ff.)
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wieder nach Hause zurück. Sie hatten es fertiggebracht, Jerusalem zu erobern, aber selbst in dieser heiligsten Stadt der Christenheit ließen sie sich nur zögernd nieder. »Es gab kaum genügend Leute, um die laufenden Aufgaben des Reiches zu bewältigen«, klagte Erzbischof Wilhelm von Tyrus, »sie reichten kaum aus, um die Eingangstore der Stadt zu schützen und die Stadtmauern und Türme gegen überraschende feindliche Angriffe zu verteidigen … Die Menschen aus unserem Lande waren so gering an der Zahl und so rar, daß sie kaum eine einzige Straße füllten.« (William of Tyre 943, I: 507). Balduin I. mußte Christen der östlichen Konfessionen aus Transjordanien zur Einwanderung überreden, damit die Stadt genügend Leute hatte, um notdürftig zu funktionieren. So lange die Kreuzritter innerhalb der Mauern von Jerusalem herrschten, blieb der Arbeitskräftemangel ein chronisches Problem (William of Tyre 943: Anm. S. 508). Den fränkischen Staaten mangelte es an Franken, obwohl der Osten durchaus ökonomische Anreize bot. Für einen verkrachten Ritter war es weitaus leichter, sich mit Hilfe von Waffen oder politischen Intrigen ein fettes Lehen in der Levante zu sichern als in der Heimat, wo das Land bereits unter fränkischen Konkurrenten aufgeteilt war, die mindestens ebenso christlich waren wie er selbst. Balduin und die anderen Anführer der Kreuzfahrer lockten Ritter, die sich in ihren Reichen niederlassen wollten, mit besonderen Vergünstigungen: Sie lockerten 106
beispielsweise die rigiden patrilinearen Erbfolgeregeln derart, daß der Besitz eines Ritters auch Töchtern oder Angehörigen einer Seitenlinie zufallen konnte, und unter gewissen Voraussetzungen durften sogar Frauen ein richtiges Lehen übernehmen. Aber auch nichtadlige Einwanderer scheinen im Osten bessere Möglichkeiten für ihr privates Fortkommen vorgefunden zu haben. Zumindest konnten sie davon ausgehen, in der gesellschaftlichen Hierarchie über den orientalischen Christen zu stehen – selbst wenn diese über Landbesitz verfügten – und vor allem weit über den Moslems (Mayer 985: 39 ff., 52 f.). »Wer früher Not gelitten hat, ist hier von Gott reich belohnt worden«, schrieb der Kaplan Raymond von St. Gilles. »Wer sonst nur ein paar Pfennige hat, besitzt hier ungezählte Byzantiner (Goldmünzen, Anm. d. Übers.). Wer nicht ein einziges Dorf hatte, besitzt hier eine von Gott geschenkte Stadt. Warum sollte einer, der es im Osten dergestalt angetroffen hat, in den Westen zurückkehren?« (Zit. nach Brundage 962: 75). Eine vorzügliche Frage, denn sie sind in Scharen nach Hause zurückgekehrt. Die Kreuzfahrer hatten den größten Eifer an den Tag gelegt, das Heilige Land zu erobern, aber sie hatten offenbar nicht den Wunsch, es zu behaupten, und deshalb konnten sie es auch nicht behaupten. Das war so, als wenn Cortés und seine Konquistadoren nach der Eroberung des Aztekenreiches ihre Sachen zusammengepackt und sich wieder nach Hause begeben 107
hätten, womit Mexiko wieder unter die Herrschaft der amerikanischen Indianer gekommen wäre. Auch in der Rekrutierung örtlicher Christen, über Mischehen beispielsweise, sahen die Kreuzfahrer keine Lösung ihres demographischen Problems. Sie mußten feststellen, daß die Einheimischen einfach anders waren als die Franken: Man hielt sie »für unzuverlässig und doppelzüngig, für schlaue Füchse ganz wie die Griechen, für Lügner und Renegaten« – in vieler Hinsicht also für ebenso übel wie die Sarazenen (de Vitry 896: 67). Dennoch kam es zu einigen Mischehen zwischen westlichen und östlichen Christen, deren Nachkommen ihrer Herkunft und Erziehung nach die ersten echten Bürger dieser Kreuzfahrerstaaten und ihre einzige Hoffnung waren. Denn sie waren in der Tat »östliche Westler«, heimisch in der Levante, mindestens zweisprachig, tolerant gegenüber unterschiedlichen Kulturen und Religionen und deshalb an friedlichen Zukunftsperspektiven interessiert. Bedauerlicherweise wurden diese Menschen von den Kreuzrittern verachtet. »Sie sind weich und unmännlich, mehr dem Bade zugeneigt als dem Kampfe, einem unkeuschen und ausschweifenden Lebenswandel verfallen, gleich Frauen in weiche Gewänder gekleidet … Sie schließen Abkommen mit den Sarazenen und sind froh, wenn sie mit den Feinden Christi friedlich auskommen.« (de Vitry 896: 64 f.) Die Kreuzfahrer standen als eine kleine Minderheit von Eroberern Völkern gegenüber, die alten, in sich ru108
henden und in vielerlei Hinsicht überlegenen Kulturen angehörten. Mit ihrem kollektiven Eliteanspruch glichen sie einem Stück Zucker, das eine heiße Tasse Tee erobert zu haben behauptet. Um ihres kollektiven Überlebens willen zogen sie sich auf sich selbst zurück und grenzten sich in einer Schärfe nach außen ab, die an die heutige Apartheid erinnert. Als der Bischof von Akko sich dafür aussprach, die Einheimischen zum römischen Christentum zu bekehren, waren die Kreuzritter dagegen. Der Historiker Joshua Prawer formuliert es so: Sie waren zwar »gewillt, für ihre Religion zu kämpfen und zu sterben, nicht jedoch bereit, die Bereitwilligen zu bekehren« (Prawer 972a: 506 ff.). Als einzige Methode, ihre personelle Unterlegenheit zu beseitigen, blieb den Kreuzfahrern das natürliche Bevölkerungswachstum. Sie hätten also mit ihren aus dem Westen mitgebrachten Frauen Nachkommen zeugen müssen, diese wiederum noch mehr Nachkommen usw. Und dieser ganze Reproduktionsprozeß hätte so rasant verlaufen müssen, daß die Geburtenrate der Franken nicht nur ihre eigene Sterberate übertroffen, sondern vor allem die Reproduktionsrate der einheimischen Christen und Juden, insbesondere aber der Moslems weit hinter sich gelassen hätte. In diesem Fortpflanzungswettlauf standen die Franken auf verlorenem Posten. Mit wenigen Ausnahmen haben die Westler, die im Lauf der Geschichte den östlichen Mittelmeerraum in kriegerischer Absicht heimsuchten, ihre Hauptschwie109
rigkeiten stets auf der militärischen, logistischen und diplomatischen, vielleicht auch noch auf der theologischen Ebene gesehen; in Wirklichkeit lagen ihre akuten und unmittelbaren Probleme jedoch auf medizinischem Gebiet. Häufig sind die Westler bald nach ihrer Ankunft gestorben, und noch häufiger blieben ihnen Kinder versagt, die unter den Bedingungen des Orient bis zur Geschlechtsreife überlebt hätten. Aussagen darüber, welcher Kreuzritter woran gestorben ist, müssen reine Mutmaßungen bleiben. Im September und Oktober des Jahres 098 starben Tausende von Teilnehmern des ersten Kreuzzuges an einer unbekannten, aber offenbar ansteckenden Seuche, die rasch ein ganzes Heer von 500 neu eingetroffenen Deutschen dahinraffte. Das läßt eher auf eine Infektion als auf mangelhafte Ernährung schließen, obwohl letztere sicher dazu beitrug, daß die Neuankömmlinge der Krankheit so schnell erlagen. In jenem Herbst regnete es fast ununterbrochen, und die Kreuzfahrer hatten so gut wie keine Ahnung über die sanitäre Entsorgung eines Massenheeres. Womöglich waren also Typhus oder irgendeine Durchfallinfektion die Ursache des Massensterbens (Prinzing 96: 3). Auf dem siebten Kreuzzug hingegen waren wahrscheinlich Ernährungsprobleme die Haupttodesursache. Die Symptome – entzündeter Mund, faulender Gaumen, stinkender Atem und eine Haut »so schwarz wie die Erde oder wie ein alter Stiefel, der lange hinter einer Kiste gelegen hat« – legen die Diagnose Skor110
but nahe (zit. n. Chronicles of the Crusades 848: 432). Aber solche nachträglichen Diagnosen beruhen weitgehend auf Vermutungen. Die Kreuzfahrer selbst schilderten ihre Krankheiten widersprüchlich, und zweifellos gingen ja auch viele Krankheitserreger gleichzeitig auf sie los. Sie waren außerdem den verschiedensten zusätzlichen Belastungen ausgesetzt: einem fremden Klima, extremen Wetterverhältnissen, ungewohnter Kost, mangelhafter Ernährung, manchmal Hunger, Erschöpfung und allgemeiner psychischer Verunsicherung. Wenn ein hungriger, verschreckter, todmüder und verdreckter Mann, der an einer oder mehreren Infektionskrankheiten leidet, schließlich stirbt, läßt sich über die genaue Todesursache wohl schwerlich eine Aussage machen. Im Gegensatz zu den Franken kämpften die Sarazenen auf heimischem Boden. Der Kreuzritter Richard von Devizes notierte mit ersichtlichem Neid: »Sie waren das Wetter gewohnt, die Gegend war ihre Heimat, die Arbeit machte sie gesund, ihre Genügsamkeit war wie Medizin.« (Zit. n. Chronicles of the Crusades 848: 55) Als die Kreuzfahrer in der Levante eintrafen, mußten sie einen Prozeß durchlaufen, den die britischen Siedler in den nordamerikanischen Kolonien einige Jahrhunderte später als seasoning, als Abhärtung oder Anpassung, bezeichneten: Sie mußten zunächst die einheimische bakterielle Flora in sich aufnehmen und eine Resistenz gegen sie ausbilden (Rutman/Rutman 976:43). Sie mußten die Infektionskrankheiten überleben, um mit den Mikroor111
ganismen und Parasiten des Orients ihren spezifischen modus vivendi zu entwickeln. Dann erst konnten sie gegen die Sarazenen antreten. Diese Anpassungsperiode kostete Zeit, zehrte an ihrer Kraft und Leistungsfähigkeit und endete für Zehntausende mit dem Tod. Von allen Krankheiten hat wahrscheinlich die Malaria den Kreuzfahrern am heftigsten zugesetzt. Sie war in den feuchten Tiefebenen und in den Küstenregionen der Levante endemisch, wo sich die Bevölkerungsmassen der Kreuzfahrerstaaten konzentrierten (Mayer 985:39). Kreuzfahrer aus dem Mittelmeerraum und Nordeuropa dürften eine gewisse Malaria-Resistenz mitgebracht haben, weil die Krankheit im mittelalterlichen Europa weit verbreitet war. (Selbst so weit im Norden wie in den Sumpfgebieten Englands kam sie noch bis ins 9. Jahrhundert hinein vor.) Aber sicher war die Malaria in keiner nördlich von Italien gelegenen Region so kontinuierlich und in so vielen Varianten virulent wie im östlichen Mittelmeer. Zum Unglück für die Kreuzfahrer schützt die Immunität gegen einen Malaria-Typ nicht gegen alle Typen dieser Krankheit und hält außerdem nicht lange vor. Die Levante und das Heilige Land waren malariaverseucht und sind es in einigen Gebieten noch heute. Das Sichelzellen- und das Beta-Thalassämie-Gen, die gegen schwere Malaria-Attacken resistent machen, sind in der einheimischen Bevölkerung weit verbreitet. Die Aussage des Hippokrates und seiner Zeitgenossen, wonach die 112
Malaria im östlichen Mittelmeer bereits vor gut 2000 Jahren existierte, wird dadurch handfest untermauert. Die beiden genannten Gene kommen bei Europäern nördlich der Alpen extrem selten vor, ein Beweis dafür, daß in dieser Region die schlimmsten Malaria-Typen, insbesondere die Sichelzellen-Malaria, nur selten oder nur sporadisch aktiv waren. Jeder neue Trupp von Kreuzfahrern aus Frankreich, Deutschland oder England muß daher wie eine Schaufel Kohle im Heizkessel des malariaverseuchten Orients gewirkt haben. Die Erfahrung der zionistischen Palästina-Einwanderer zu Beginn unseres Jahrhunderts bestätigt das: 42 Prozent hatten 92 ihre ersten Malaria-Anfälle innerhalb der ersten sechs Monate nach ihrer Ankunft, 64,7 Prozent innerhalb des ersten Jahres.* Am nachhaltigsten scheint die Malaria den dritten Kreuzzug beeinflußt zu haben, der in dem so plötzlich ertrunkenen Friedrich Barbarossa einen vorübergehenden, im König von Frankreich einen zögerlichen und in Richard Löwenherz einen begeisterten Anführer hatte. Der König von Frankreich nahm eine Erkrankung unbestimmbarer Natur (wobei Simulantentum als Sekundärinfektion nicht auszuschließen ist) zum Anlaß, sich in einem frühen Stadium des Kreuzzuges zu verabschieden; König Richard * Hacke« 937: 7; Laderman 975: 589, 590-602; Friedman/Trager 98: 54, 59; United States Public Health Service, Morbidity and Mortality Weekly Report, Suppl. 3, 982: 0, 5; Kligler 930: 05; Jones 975: 475
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wäre 9, schon in den ersten Monaten seines Aufenthaltes im Heiligen Lande, fast einer Krankheit erlegen. Bei ihm handelte es sich um ein ernstes Leiden, vom Volksmund Arnoldia genannt, das durch einen auf die Konstitution einwirkenden Klimawechsel hervorgerufen wurde. Nachdem er sich erholt hatte, führte er sein Heer durch die besonders malariaverseuchte Küstenebene und wandte sich dann landeinwärts Richtung Jerusalem. Dieser erste Vormarsch kam im November – in Palästina häufig der schlimmste Malaria-Monat – nach heftigen Regenfällen ins Stocken und im Januar zum völligen Stillstand, weil viele durch Krankheiten und Entbehrungen so sehr geschwächt waren, daß sie sich kaum mehr auf den Beinen halten konnten. Obwohl seine Armee zusehends zusammenschmolz, versuchte Richard noch einmal, Jerusalem zu erobern – mit ähnlichem Ergebnis. Wieder wurde er krank, dieses Mal war es, wie die Ärzte einander zuflüsterten, eine »akute Malaria semitertiana« (die man heute als Kombination aus dreitägig und täglich auftretender Malaria definiert). Er gab erschöpft auf und setzte sich 92 nach Zypern ab. Seitdem durften die Christen das Heilige Grab nur noch mit Erlaubnis der Moslems besuchen.* Englischen Soldaten ist es im Orient allerdings nicht immer so übel ergangen. Im Ersten Weltkrieg kämpfe * Archer 900: 84 f., 88 f., 92, 5, 7, 32, 94, 99, 205, 243, 245, 247, 28, 305, 32 ff., 38 f., 322; Ambroise 94: 96, 98, 20, 203, 207, 29, 446; Kligler 930: 2, .
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die britische Armee in Palästina mit großem Erfolg, vor allem, weil ihr Kommandeur General Allenby zur Vorbereitung des Feldzuges alle erreichbaren Quellen über die Levante, einschließlich der Berichte der Kreuzfahrer studiert und seinen Sanitätsoffizieren gut zugehört hatte. Nach Aussagen eines seiner Bewunderer war Allenby »der erste Kommandeur in dieser malariabelasteten Region, in der schon viele Armeen zugrundegegangen sind, der sich über das Risiko im klaren war und die entsprechenden Maßnahmen traf« (Wavell 940: 95, 56). Trotzdem hatte das britische Expeditionsheer in Palästina zwischen April und Oktober 98 8 500 Ersterkrankungen an Malaria zu verzeichnen und in den restlichen Monaten des Jahres über 20 000 weitere Fälle (Kligler 930: 87; Mac Pherson 924, III: 483). Die Kreuzfahrer lebten oft nicht lange. Die fränkischen Frauen hatten im Orient offenbar bessere Überlebensaussichten als ihre Männer, bekamen aber oft kranke oder gar keine Kinder (Runciman 989: 595 f.; Mayer 985: 448 f.). Malaria gefährdet besonders schwangere Frauen, verursacht oft Fehlgeburten und ist auch für Kinder sehr bedrohlich (Laderman 975: 588; Giles u. a. 969: 245–263). Wenn also die Frauen nicht imstande waren, das zukünftige Überleben zu garantieren, waren alle Anstrengungen der Gegenwart im Grunde zur Bedeutungslosigkeit verurteilt. Die Kreuzfahrerstaaten starben wie Blumen in der Vase. 29 eroberten die Moslems Akko zurück, die letzte 115
bedeutende Kreuzritterfestung im Heiligen Land. Der erste Versuch von Westeuropäern, große Ansiedlungen außerhab Europas zu gründen, hatte damit sein Ende gefunden (Mayer 985: 250 f.). Trotz seines erfolglosen Ausgangs hatte dieser Versuch auf spätere und erfolgreichere Unternehmungen großen Einfluß. Die Kreuzfahrer trugen wahrscheinlich zur beschleunigten Verbreitung wichtiger östlicher Errungenschaften auf dem Gebiet der Schiffskonstruktion und Navigation wie Hecksteuerruder und Kompaß bei, die für die zukünftige Expansion der Europäer von entscheidender Bedeutung waren (Needham 97: 698). Die Kreuzfahrer waren die ersten Europäer, die an einem asiatischen Erzeugnis namens Zucker Geschmack fanden – einem »äußerst wertvollen, für den Nutzen und die Gesundheit des Menschen höchst notwendigen Produkt«, wie es einer von ihnen ausdrückte. Das Zuckerrohr wanderte zunächst von Palästina nach den Mittelmeerinseln und der Iberischen Halbinsel, anschließend – wie wir sehen werden – nach Madeira und den Kanarischen Inseln und von dort über die Nahtlinien der Pangäa hinweg Richtung Westen (Deere 949, I: 73–258; Verlinden 970: 8–24, 29, 47). * Als am Ende des »dunklen Zeitalters« für Westeuropa nach Jahrhunderten wieder bessere Zeiten angebrochen waren, stiegen Bevölkerungszahl, Reichtum und Ambitionen, und ein spezifisch europäischer Imperialismus 116
setzte erstmals in der Geschichte zum Sprung nach vorn an. Die Expansionsversuche der Norweger nach Westen und der Kreuzritter nach dem Mittleren Osten waren die spektakulärsten Äußerungen dieses neuen Imperialismus, hinterließen aber kaum bleibende Spuren. Die Siedlungen in Grönland und Vinland waren nicht zu halten. Sie lagen zu weit entfernt und konnten daher mit der technischen, ökonomischen, politischen und epidemiologischen Ausstattung der Norweger nicht versorgt werden. Nicht einmal die Kirche, die zentrale Institution des mittelalterlichen Europa, konnte den Mittelatlantischen Rücken überwinden. Nach Auskunft der Quellen ist kein Priester jemals bis Vinland vorgedrungen – es sei denn, jener Kirchenmann hätte es geschafft, der in der Literatur in einem einzigen dramatischen Satz aufund sogleich wieder untertaucht: »Bischof Erik machte sich auf, um Vinland zu suchen« (Marcus 98: 67). Die Tröstungen des christlichen Glaubens hatten sogar Mühe, bis Grönland zu gelangen. Eriks Saga ist zu entnehmen, daß dort die Toten des öfteren ohne die vorgeschriebenen Zeremonien bestattet wurden, weil die Priester fast so rar waren wie die Bäume. In einem solchen Fall vergrub die weltliche Gemeinde den Verstorbenen einfach im Boden – soweit der Dauerfrost das zuließ –, und über seiner Brust wurde ein Pflock in die Erde getrieben. Wenn irgendwann ein Priester vorbeikam, zog er den Pflock heraus, schüttete geweihtes Wasser in das so entstandene Loch und holte dann die vorgeschriebenen Zeremonien 117
nach (The Vinland Sagas 965: 90). Erst als die Europäer über die erforderlichen Schiffstypen und Navigationshilfen verfügten, um den Atlantik weiter im Süden – wo er wärmer, aber auch bedeutend breiter war – überqueren zu können, wurden europäische Dauersiedlungen westlich des Mittelatlantischen Rückens möglich. Im Orient versuchten die Europäer, ihre Kolonien in dicht besiedelten Gebieten mit hochentwickelten Kulturen einzupflanzen. Der fränkische Imperialismus konnte sich immerhin über Jahrzehnte behaupten – mindestens ebenso lang wie die europäischen Kolonialherren unserer Epoche beispielsweise in Algerien oder Indien. Letzten Endes sind die Kreuzfahrerstaaten jedoch gescheitert. Nicht einmal der christliche Fanatismus des katholischen Europa konnte das zahlenmäßige Übergewicht der ansässigen Völker wettmachen. Die Europäer mochten in der Lage sein, die einheimischen Bevölkerungsmassen kurzfristig zu unterwerfen, aber sie konnten sie niemals auf Dauer entmachten – schon gar nicht in einer Krankheitsumwelt, die gegen die Invasoren arbeitete. Island, wo die europäische Präsenz weit über tausend Jahre zurückreicht, bildet eine Ausnahme in dieser trostlosen Bilanz des überseeischen europäischen Imperialismus im Mittelalter. Island liegt näher an Europa als Grönland oder Vinland, und sein Klima ist gemäßigter als das grönländische. Dazu kommt eine ebenso wichtige wie einfache Tatsache: Island beherbergte keine Skraelings, keine griechisch-orthodoxen Christen, keine 118
Moslems. Es war frei von Menschenwesen, die den Vorzug genossen, schon immer dagewesen zu sein und sich den physischen und kulturellen Umweltbedingungen fast perfekt angepaßt zu haben. In Island gab es überhaupt keine menschlichen Bewohner, bis auf eine Handvoll irischer Eremiten. Und die waren als Gegenspieler ebenso wenig ernstzunehmen wie die isländischen Möwen und Alken.
Die ersten Kolonien: Madeira, Azoren, Kanarische Inseln Die Glücklichen Inseln oder Inseln der Seligen »sind voller Früchte und Vögel mannigfaltigster Art … Freilich sind diese Inseln von einer großen Plage heimgesucht, den faulenden Kadavern von Ungeheuern, die immer wieder von der See angespült werden.« Plinius a. Ä., Naturalis historia (. Jh. n. Chr.)
Im Jahre 29 verloren die Kreuzfahrer Akko als letzte christliche Bastion im Heiligen Land. Der Zufall will es, daß im gleichen Jahr die beiden Genueser Brüder Vadino und Ugolino Vivaldi an Gibraltar vorbei in den Atlantik hinaussegelten. Ihr erklärtes Ziel war es, Afrika zu umrunden, aber das war das letzte, was man von ihnen hörte. Ihr Verschwinden war nicht ganz überraschend und ihre Reise nicht besonders wichtig – und dennoch hatte sie außerordentlich weitreichende Folgen. Mit dem gewagten Vorhaben der Gebrüder Vivaldi beginnt nämlich die wichtigste neue Entwicklung, die sowohl die menschliche Spezies als auch viele andere Lebewesen seit der Neolithischen Revolution durchlaufen haben. Nunmehr zeigten sich die Seefahrer und Imperialisten Europas bereit, ihr Glück in den Breiten zu versuchen, wo der Atlantik ein warmes, wenn auch bedauerlich weiträumiges Meer ist. 120
Die Vivaldis sind womöglich gar nicht auf hoher See oder an der afrikanischen Küste zu Tode gekommen. Selbst mit ihrem wenig seetüchtigen Gefährt könnten sie durchaus die Kanarischen Inseln, Madeira oder die Azoren erreicht haben, die bei günstigem Wetter nur ein bis zwei Wochen von Gibraltar entfernt waren. Den Römern und anderen Seefahrervölkern der alten Mittelmeerwelt waren die Kanarischen Inseln mit Sicherheit bekannt (möglicherweise gilt das auch für die anderen 121
beiden Inselgruppen), von ihnen hatten sie auch den Beinamen »die glücklichen Inseln« erhalten. Doch nach dem Niedergang des Römischen Reiches und während des Mittelalters gerieten diese Inseln bei den Europäern in Vergessenheit. Erst in der Renaissance wurden sie von den Seefahrern wiederentdeckt und zum Laboratorium für einen neuen Typ des europäischen Imperialismus gemacht. Die Kolonien auf den ostatlantischen Inseln wurden zum Prototyp für die transozeanischen Reiche des Kaisers Karl V. von Spanien, des Königs Louis XIV. von Frankreich und der Königin Victoria von England. 336 folgte ein gewisser Lanzarote Malocello den Spuren der Brüder Vivaldi und landete auf der nordöstlichen der Kanarischen Inseln, die heute noch seinen Namen trägt. Er ließ sich auf Lanzarote nieder, wurde aber nach ein paar Jahren von den kanarischen Ureinwohnern, den Guanchen, getötet. Im Lauf des 4. Jahrhunderts wurden aus Italien und Portugal, aus Mallorca und Katalonien, sicher auch aus anderen Gebieten Europas einzelne Schiffe oder ganze Expeditionen zu den Kanarischen Inseln entsandt, aber auch zu den anderen der Iberischen Halbinsel und Marokko vorgelagerten Inseln, soweit man sie inzwischen entdeckt hatte (Mercer 980:55–63,98, 27; Mauny 960:44–48, 92–96). Die Gebirgszüge dieser Inseln sind oft felsig und schroff, aber es finden sich auch große Flächen überaus fruchtbaren vulkanischen Bodens. Weil die Inseln vom 122
Ozean umgeben sind, fällt auf einen großen Teil dieses fruchtbaren Bodens reichlich Regen. Einige weniger bergige Inseln, vornehmlich die östlichen Kanaren, sind dagegen praktisch wasserlos. Sie ragen nicht hoch genug, um den vom Passat herangeführten Wolken Niederschläge abzuringen. Die Temperatur ist auf den Azoren ausgesprochen kühl und in Madeira und auf den Kanarischen Inseln immer noch gemäßigter, als die Breitenlage vermuten ließe. Der kalte Kanarenstrom und die Passatwinde sind für die mediterranen Temperaturen und den mediterranen Charakter ihrer Fauna und Flora verantwortlich. Obwohl beide Inselgruppen auf der Höhe der Sahara liegen, werden sie von den Geographen derselben Florenzone zugeordnet wie das viel weiter nördlich gelegene Mittelmeerbecken. Dennoch weisen sie viele singuläre Arten auf, was ja die Fauna und Flora aller ozeanischen Inseln kennzeichnet (Mercer 980: 2–3; Turrill 953: 2–4, 206, 2; Carlquist 974: 80). Nur ein paar Tagereisen von Europa entfernt lockten Gebiete mit gemäßigten Temperaturen und möglicherweise fruchtbarem Boden, also etwas ganz anderes als die Inseln im fernen Nordatlantik. Und diese Gebiete wurden allem Anschein nach nicht so abschreckend entschlossen verteidigt wie Vinland oder die Levante. Ureinwohner der Azoren oder Madeiras, die sich einer Eroberung widersetzt hätten, gab es überhaupt nicht, und die Guanchen der Kanarischen Inseln waren unbewaffnete Heiden, die nicht »die mindesten Kenntnisse der Kriegskunst 123
(besaßen) und von ihren Nachbarn keine Hilfe erlangen können« (Bontier/Le Verrier 872: 92). Wir werden nun die Geschichte dieser Inselgruppen nach ihrem Einfluß auf den europäischen Imperialismus betrachten. Die geringste Bedeutung kam in dieser Hinsicht dem Azoren-Archipel zu. Diese neun im Mittelatlantik gelegenen Inseln waren zunächst nichts als ein Wegweiser in der Tiefe des Raumes – von hier aus kam man, nach Osten segelnd, genau nach Portugal – und eine willkommene Zwischenstation, um auf der Heimreise von den Kanarischen Inseln oder von Westafrika Wasser und neuen Proviant zu fassen. So wurde der Archipel bald im Dienste der durchreisenden Seefahrer europäisiert und Nutztiere »ausgesät« wie später auch auf anderen Inseln und in neu entdeckten kontinentalen Gebieten. Schafe sind eigentlich zu lammfromm, um unabhängig vom Menschen überleben zu können, aber auf den Azoren gab es keine Raubtiere und höchstwahrscheinlich auch keine Krankheiten, die ihnen bedrohlich gewesen wären. Nachdem vorbeifahrende Seefahrer ein paar Widder und Mutterschafe ausgesetzt hatten, grasten spätestens seit 439 an den Azorenküsten wilde Schafherden. Sie waren damit offensichtlich früher da als die ersten menschlichen Dauersiedler: Im Jahr 439 vergab der König von Portugal erstmals Siedlungsrechte für die Inseln (Duncan 972: 2; Verlinden 970: 220). Die Schafe, später auch Rinder und Ziegen, fanden die Vegetation an den Berghängen und in den Tälern der größeren Azoreninseln nahrhaft und 124
die Umwelt bekömmlich. Also vermehrten sie sich mit wachsender Begeisterung. Die Versuche der Europäer, Nutzpflanzen einzuführen, die auf dem Festland verkauft werden konnten, waren in zwei Fällen erfolgreich. Gegen Ende der 2. Hälfte des 5. Jahrhunderts wurde erstmals Weizen nach Portugal ausgeführt. Auch der zur Gewinnung von Farbstoffen genutzte Waid, den man aus Frankreich übernommen hatte, erwies sich als exportfähiges Massenerzeugnis. Das profitabelste Produkt der Epoche jedoch, das Zuckerrohr, wollte unter den kühlen Azorenwinden nicht recht gedeihen. Die historische Bedeutung der Inselgruppe liegt aber nicht in ihrem Ertrag, sondern in ihrer Funktion als Zwischenstation auf den Schiffsrouten nach und von den Kolonien, in denen später ertragreiche Produkte angebaut wurden (Marques 972: 58; Duncan 972: 2–6; Serrão 97, I: 20, 797). Der Madeira-Archipel besteht aus den beiden Inseln Madeira (deren längste Ausdehnung nicht ganz 60 Kilometer beträgt) und Porto Santo (die nur ein Fünftel so lang ist) und einigen kleineren Eilanden (Greenfield 977: 537). Die beiden großen Inseln, vor allem Madeira, sind schroff zerklüftet, ihre Berggipfel ragen fast bis 2000 Meter empor. Ihre Topographie hat man mit dem Skelett eines Reptils verglichen: mit seinem hochgewölbten Rückgrad, das die Insel der Länge nach durchzieht, und scharfen Bergkämmen, die von diesem Rückgrat wie Rippen rechtwinklig abzweigen. Von einer Küstenebene kann 125
nicht die Rede sein, und einige der Bergkämme brechen an der Küste in Steilklippen ab, die zu den höchsten der Welt gehören. Die meisten Rinder Madeiras werden in Ställen geboren und herangezogen, aus der sie Zeit ihres Lebens kaum herauskommen, weil ihre Besitzer Angst haben, sie könnten beim freien Weiden abrutschen und in die Tiefe stürzen (Duncan 972: 26). Porto Santo ist die kleinere und flachere der beiden Inseln; die Wolken ziehen oft über sie hinweg, ohne einen Tropfen Regen abzugeben. Die Viehwirtschaft war daher hier immer wichtiger als der Ackerbau. Die hohen Berge Madeiras dagegen lenken die über das Meer heranziehenden Luftmassen in Höhen, wo ihre Feuchtigkeit kondensiert. Die Insel hat also genügend Niederschläge zur Kultivierung ihres fruchtbaren Bodens, doch das Wasser läuft rasch ab und verschwindet ungenutzt im Meer, wenn es nicht vorher irgendwie aufgefangen wird. In den letzten 800 Jahren wurde in armen, fruchtbaren und wasserreichen Kolonien wie Española, Haiti, Brasilien, Martinique, Mauritius, Hawaii usw. mit dem Anbau von tropischen, für den europäischen Markt bestimmten Agrarprodukten immer wieder gewaltige Gewinne gemacht. Kreta, Zypern und Rhodos waren die ersten dieser Kolonien im Mittelmeerraum, Madeira die erste im Atlantik, sie spielte sozusagen den Leithammel für alle danach entstandenen Kolonien (Bannerman/ Bannerman 966, II: XXXV ff.; Greenfield 977: 537 ff.). Die ersten Siedler kamen in den 20er Jahren des 5. 126
Jahrhunderts aus Portugal: nicht einmal hundert Menschen, die plebejischen Schichten und dem niedrigen Adel entstammten. Ihr Interesse galt dem ungenutzten Land, von dem sie sich Wohlstand und gesellschaftlichen Aufstieg erhofften. Madeira und Porto Santo waren jungfräulicher Boden, unbewohnt und bar aller Anzeichen menschlicher Besiedlung, sei es aus der Altsteinzeit, der Jungsteinzeit oder aus irgendeinem späteren Zeitalter. Die Neuankömmlinge machten sich daran, die Landschaft wie die Fauna und Flora, die vordem einzig und allein durch die blinden Naturkräfte geformt worden waren, wirtschaftlich rationell zu nutzen. Bartholomeu Perestrello, der als Verwalter von Porto Santo eingesetzt war (und später Kolumbus zum Schwiegersohn bekam), setzte ein weibliches Karnickel mitsamt den Nachkommen, die es während der Überfahrt aus Europa geworfen hatte, auf seiner Insel aus, auf der nie zuvor dergleichen Tiere gelebt hatten. Die Kaninchen vermehrten sich in erschreckendem Tempo und »breiteten sich derart über das Land aus, daß unsere Leute nichts säen konnten, was von ihnen nicht vernichtet worden wäre«. Daraufhin griffen die Siedler zu den Waffen und brachten ihre Konkurrenten massenweise um. Aber da es weder einheimische Raubtiere noch Krankheitserreger gab, die den Vierbeinern hätten zusetzen können, übertraf ihre Geburtenrate die Sterberate bei weitem. Die Menschen sahen sich gezwungen, ihren ersten Kolonisierungsversuch aufzugeben und von den 127
Azoren nach Madeira überzusiedeln – besiegt nicht etwa von der urgewaltigen Natur, sondern von ihrer eigenen ökologischen Unwissenheit. Später versuchten sie es erneut und mit mehr Erfolg, doch liegt uns noch aus dem Jahre 455 der Hinweis vor, daß Porto Santo nach wie vor von »unzähligen Kaninchen« wimmelte. Solche Fehler sollten den Europäern noch öfter unterlaufen: Die explosionsartige Vermehrung von Eseln auf der Kanareninsel Fuerteventura, Ratten im nordamerikanischen Virginia und Kaninchen in Australien wurde durch sie in Gang gebracht.* Wenn sich die Geschichte mit den Kaninchen von Porto Santo etwa so abgespielt hat wie unter vergleichbaren Umständen anderswo, haben diese nicht nur die Felder kahlgefressen, sondern so ziemlich alles abgenagt, was ihnen zwischen die Zähne kam. Einheimische Pflanzen sind dann verschwunden und einheimische Tiere – aus Mangel an Nahrung und natürlichem Schutz – ausgestorben. Der Boden litt unter Wind- und Regenerosion, und die leergeräumten Ökonischen füllten sich mit den vom Festland importierten Unkraut- und Tierarten auf. Porto Santo im Zustand von 400 ist so wenig wiederherzustellen wie die Welt vor der biblischen Sintflut. Als die Europäer zum ersten Mal auf Madeira stießen, gab es auf der Insel nicht »einen Fußbreit Boden, der * Azurara o.J., II, 245 f.; Voyages of Cadamosto 937: Anm. 7; Purchas 906, XIX: 97; Arber (Hg.) o.J., II: 47; Abreu de Galindo 955: 60; Fenner 954: 30-35
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nicht vollständig mit großen Bäumen bewachsen gewesen wäre«. Der Name Madeira, den sie der Insel gaben, bedeutet »Wald«. Zwar erwies sich das Holz als wertvolles Exportgut, aber es war einfach zu viel. Die Siedler wollten für sich und ihre Felder und Tiere schneller Platz schaffen, als es mit dem kommerziellen Holzeinschlag voranging. Deshalb begannen sie Feuer zu legen, doch mit den daraus entstehenden Waldbränden hätten sie sich fast selber von der Insel gefeuert. Eine Gruppe von Siedlern »mußte sich mit allen Männern, Frauen und Kindern vor dem wütenden Feuer ins Meer retten, wo sie zwei Tage und zwei Nächte bis zum Hals im Wasser stehend ohne Essen und Trinken auskommen mußten«. Einen Bericht, wonach der Waldbrand sieben Jahre angedauert habe, kann man vielleicht so interpretieren, daß die Siedler ihre Brandrodung sieben Jahre ohne Unterbrechung fortgesetzt haben (Voyages of Cadamosto: 0; Azurara o.J., II: XCIX). Für Madeira drängt sich dieselbe Frage auf wie schon für Porto Santo: Wie sah die Insel in ihrem Urzustand aus? Wahrscheinlich ist, daß der Welt damals einige Madeiraspezifische Arten durch den vernichtenden Feuersturm ein für allemal verlorengingen. Und ebenso wahrscheinlich ist, daß viele der »einheimischen« Arten von heute, von denen man einfach annimmt, es hätte sie schon immer auf der Insel gegeben, tatsächlich erst nach den gigantischen Brandrodungen des frühen 5. Jahrhunderts in Madeira eingeführt und heimisch geworden sind. 129
Anfangs mußten sich die Kolonisten in Madeira mühsam durchbringen. Sie ernährten sich u. a. von den einheimischen Tauben, die nicht an Menschen gewöhnt und deshalb leicht mit der Hand zu fangen waren. Sie exportierten das Holz der einheimischen Zedern und Eiben und »Drachenblut«, einen aus dem Harz des einheimischen Drachenbaumes gewonnenen Farbstoff. Darüber hinaus bot die Insel jedoch keine Naturschätze, die den Neuankömmlingen zu dem erwarteten Lebensstandard verhelfen konnten (Bannerman/Bannerman 966, II: XXI; Azurara II: 246 f.; Voyages of Cadamosto 937: 4, 7, 9 f.). Zu wirklichem Reichtum konnten sie es nur bringen, wenn sie die vorgefundene Flora und Fauna durch Pflanzen und Tiere ergänzten, die in den portugiesischen Häfen und anderswo eine Nachfrage befriedigten. Die ideale Lösung wäre es gewesen, ein stark nachgefragtes Produkt zu finden, das sich in Madeira billiger, besser, schneller und in größeren Mengen produzieren ließ als irgendwo sonst. Und so begannen sie zu experimentieren. Alsbald wühlten und grasten zum Teil halbwilde Schweine und Rinder auf der Insel. Sie sorgten auch gleichzeitig dafür, daß die Wälder Madeiras sich von den gewaltigen Brandschäden nie mehr erholten. Spätestens seit der Mitte des 5. Jahrhunderts gab es auch Honigbienen – höchstwahrscheinlich keine einheimische, sondern eine eingeführte Spezies –, die den Kolonisten Wachs und Honig lieferten. Weizen vom Festland und Weintrauben aus dem fernen Kreta gediehen auf dem fruchtbaren Boden und in der 130
warmen Sonne Madeiras hervorragend und fanden in Portugal gute Absatzmärkte.* Diese Produkte mochten ausreichen, um den Kolonisten einen gewissen Wohlstand auf Azorenniveau zu gewährleisten. Aber die hatten sich nicht auf das atlantische Abenteuer eingelassen, um ihr Leben als Bauern und heruntergekommene Aristokraten zu beenden. Sie brauchten ein Produkt, das so wertvoll war wie Gold: Zucker. Porto Santo war für den Zuckerrohranbau zu trocken. Madeira hatte offensichtlich das ideale Klima: Höchstwahrscheinlich wuchs das Zuckerrohr hier bereits vor der Mitte des 5. Jahrhunderts. Das Experiment muß vielversprechend ausgefallen sein, denn 452 genehmigte die portugiesische Krone den Bau der ersten wassergetriebenen Zuckerrohrmühle. Das war der Beginn einer ganzen Serie rauschender Erfolge, die der Zuckerrohranbau in den atlantischen Regionen erleben sollte. 455 belief sich die Jahresproduktion von Madeira schon auf über 6000 Arroba (ein Arroba entspricht bis 2 Kilo), und ein Jahr später exportierte die Insel ihren Zucker erstmals nach dem englischen Bristol. 472 stieg die Jahresproduktion auf über 5 000 Arroba, und in den ersten Jahrzehnten des 6. Jahrhunderts war sie bei etwa 40 000 Arroba angekommen. Hunderte von Schiffen transportierten den Zucker von Madeira nach England, Frankreich und Flandern, * Marques 972, I: 53; Verlinden 970: 20; Voyages of Cadamosto 937: 0; Azurara, II: 247 f.; de Ferraz 962: 79, 88 ff.
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nach Rom, Genua, Venedig und sogar bis Konstantinopel. Die Inselbewohner setzten auf Monokultur, um die europäischen Leckermäuler zu befriedigen.* Parallel zum Anstieg der Zuckerproduktion wuchsen auch die Einwohnerzahlen. 455 wohnten in Madeira nur 800 Menschen, bis zum Ende des Jahrhunderts waren es 7 000 bis 20 000 oder mehr, darunter wenigstens 2000 Sklaven (Serrão 97, II: 879). Diese Menschen machten Madeira innerhalb weniger Jahrzehnte zum weltweit größten Produzenten eines Stoffes, der als wichtiges Arzneimittel galt, in der Praxis aber ein Suchtmittel war und immer noch ist. Und was die erzielten Gewinne betrifft, so wurde der Zucker nicht einmal vom Tabak übertroffen, der als nächste Droge in Mode kam und der Welt seinen Stempel aufdrückte (Duncan 972: ). Die Arbeit, die der Anbau von Zuckerrohr oder Weizen oder eines beliebigen anderen Agrarprodukts in Madeira erforderte, kam nach T. Bentley Duncan »einer echten Strafe« gleich (Duncan 972: 25). Die ursprüngliche landwirtschaftliche Erschließung des Landes, also die Beseitigung der Urvegetation – mit oder ohne Brandrodung – muß eine unendlich mühselige Arbeit gewesen sein. Für normale Anbaumethoden war das Gelände großenteils zu steil und mußte daher erst terrassiert werden. Die schlimmste und gefährlichste Arbeit war jedoch die Anlage eines umfassenden und komplizierten * Greenfield 977: 545, 547; Godinho 965, II: 430; vgl. auch Rau/ Macedo 963: passim
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Bewässerungssystems, um das Wasser aus den windigen und feuchten Bergregionen zu den viel tiefer gelegenen kultivierten Feldern zu bringen. »Was für Pharao die Pyramiden, waren für die Bewohner Madeiras ihre von Menschenhand geschaffenen Bewässerungskanäle.« (Bryans 959: 30) Diese levadas bilden ein Netz von offenen oder tunnelartigen, zum Teil gemauerten, zum Teil aus dem massiven Fels herausgehauenen Kanälen, die sich an den Bergflanken entlangziehen, das Regenwasser sammeln und an scharfkantigen Berggraten und gähnenden Abgründen entlang zu den Feldern und Gärten hinunterleiten. Die Länge dieses Kanalnetzes beträgt heute schätzungsweise 700 Kilometer – auf einer Insel, die nur 60 Kilometer lang ist, wohlgemerkt (Bentley 972: 29). Seine historischen Anfänge liegen etwas im Dunkeln. Offenbar wurden die ersten Abschnitte rudimentärer Kanäle schon in den 20er und 30er Jahren des 5. Jahrhunderts angelegt. 46 setzte die Obrigkeit zwei Wasserinspektoren ein. Das läßt vermuten, daß das levada-Netz bereits einen beträchtlichen Umfang angenommen hatte, als die Zuckerrevolution begann. Die explosionsartige ökonomische Expansion hat dann vermutlich zum weiteren Ausbau des Leitungsnetzes geführt (Greenfield 977: 54). Eindeutige Hinweise auf Sklavenarbeit finden sich in den Quellen über Madeira erst für das Jahr 466, aber Sklaven müssen schon Jahre vorher importiert worden 133
sein, als die ersten Arbeiten zur Umgestaltung der Insel nach den Vorstellungen der Europäer anstanden. Diese Arbeiten zogen sich über Generationen hin, die Pflanzungen dehnten sich mit der Zeit immer weiter aus, und der Wasserbedarf nahm entsprechend zu. Immer mehr Arbeitskräfte für die Anpflanzung des Zuckerrohrs, für seine Ernte und Verarbeitung wurden gebraucht. Gegen Ende des Jahrhunderts sind die Sklaven in den Beachten über die Insel ein ständiges Thema. Madeira läßt bereits die Struktur der Plantagenkolonien künftiger Generationen in den Grundzügen erkennen (de Ferraz 962: 69; Serrão 97, II: 879). Portugal hat sich erst in den 40er Jahren des 5. Jahrhunderts in den Sklavenhandel entlang der afrikanischen Atlantikküste eingeschaltet; insofern spricht alles dafür, daß die ersten Sklaven in Madeira keine Schwarzen waren. Wir können mit guten Gründen vermuten, daß einige von ihnen Berber waren, andere portugiesische Christen, die sich noch zu sehr wie Mauren benahmen, wieder andere frisch konvertierte Christen, die sich noch zu sehr wie Juden benahmen – und dazu noch Mitglieder diverser anderer Außenseitergruppen. Mit einiger Wahrscheinlichkeit waren sie mehrheitlich Guanchen (wenn nicht die absolute, so doch die relative Mehrheit) – Ureinwohner der Kanarischen Inseln, die ein paar Jahre vor der ersten Besiedlung Madeiras in den Strom des europäischen Sklavenhandels hineingeraten waren. In Mallorca sind offenbar schon 342 Gefangene von den 134
Kanarischen Inseln aufgetaucht. Wann sie in Madeira erstmals in Erscheinung traten, ist nirgends dokumentiert, aber es muß zu einem ziemlich frühen Zeitpunkt gewesen sein. Viele dieser Guanchen stammten von Inseln, die fast so zerklüftet sind wie Madeira, und da man ihre körperliche Gewandtheit besonders hervorhob, müssen sie für das Herausmeißeln der levadas aus den nackten Felswänden äußerst nützliche Arbeitskräfte gewesen sein. Ende des 5. Jahrhunderts gab es in Madeira jedenfalls so viele Guanchen, daß die portugiesischen Inselbewohner ihre zahlenmäßige Beschränkung forderten. In Massen hielt man sie offenbar für gefährlich (Colom 972: 4; Godinho 965, II: 52; Serrão 97, II: 879). Der Sklavenhandel auf dem Atlantik, deren Opfer wir uns immer nur als Schwarze vorstellen, war in seinen Anfängen großenteils auf weiße Hautfarbe aus – oder um es noch präziser zu bestimmen: auf »olivfarbene … wie die Hautfarbe sonnverbrannter Bauern«. Mit anderen Worten: wie die Hautfarbe der Menschen von den Kanarischen Inseln (Columbus 969: 60; Godinho 965, II: 520 f., 58). Der Kanarische Archipel ist nicht nur die größte der drei hier behandelten Inselgruppen, er hat auch die höchsten Erhebungen und die kompliziertesten biogeographischen Verhältnisse aufzuweisen. Die Kanarischen Inseln liegen näher am Festland als die Azoren oder Madeira (nämlich nur ca. 00 Kilometer vom nächsten Küstenpunkt entfernt) und waren als einzige bereits vor 135
Ankunft der Europäer von Menschen bewohnt. Sie liegen in tropischen Breiten und haben ein heißes, dank des Ozeans und seiner Winde aber nicht drückendes Klima. Die beiden östlichen Inseln sind trocken, die übrigen jedoch dank ihrer hohen Berge relativ regenreich. Die beiden höchsten und größten Inseln, Teneriffa und Gran Canaria, erinnern in ihrer Topographie an Madeira. Ihr Gelände scheint für Hinterhalte, blitzartige Überfälle und schnelle Rückzugsmanöver wie geschaffen; hier waren auch die größten und kampffreudigsten Völkerschaften der Ureinwohner angesiedelt (Carlquist 974: 80 f.; Mercer 980: 4, 7, 8). Erinnern wir uns, daß die Europäer des RenaissanceZeitalters die Kanarischen Inseln schon früher angesteuert haben als die anderen Inseln im Atlantik, vielleicht schon in den 90er Jahren des 3. Jahrhunderts, sicher aber spätestens in den ersten Jahrzehnten des 4. Jahrhunderts. Die Europäer fanden auf diesen Inseln verschiedenes, das sie mitnehmen und zu Hause gewinnbringend verkaufen konnten: z. B. Häute und Talg, die von den großen Viehherden der Guanchen stammten, oder Orseille, einen aus bestimmten kanarischen Flechten gewonnenen Farbstoff, oder auch Menschen: die Guanchen selbst. Und der Menschenmarkt blühte – vor allem seitdem der Schwarze Tod in Südeuropa so viele Bauern hinweggerafft hatte. Die Guanchen verdienen mehr Beachtung, als sie bislang erfahren haben. Sie waren – läßt man einmal die Arawak-Indianer der Karibischen Inseln außer Acht 136
– das erste Volk, das der moderne Imperialismus in den Abgrund der Ausrottung getrieben hat. Ihre Vorfahren hatten über eine Zeitspanne von vielen Jahrhunderten hinweg, vom afrikanischen Festland kommend, die Kanarischen Inseln besiedelt. Dieser Prozeß hatte frühestens im zweiten vorchristlichen Jahrtausend begonnen und spätestens in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten geendet. Die Guanchen wagten sich also gleichzeitig mit den großartigen Seefahrern Polynesiens aufs offene Meer; im Gegensatz zu diesen haben sie allerdings ihre Seefahrerkenntnisse wieder vergessen. Als die Europäer eintrafen, hatten die Guanchen sehr wenige, wahrscheinlich sogar überhaupt keine Boote – ganz sicher aber keine, mit denen sie Fahrten zum Festland unternehmen konnten (Schwidetzky 976: 20; Mercer 980: 7 f., 59, 64 f., 2). Über die Guanchen ist nur wenig bekannt. Hält man sich an die ersten Berichte, so waren manche von ihnen grobknochig, manche auch grazil gebaut, manche von dunkler, andere wieder von heller Hautfarbe. Die meisten stammten eindeutig von den Berbern der benachbarten Festlandküste ab. Aus Gewebeproben, die man von mumifizierten Leichen gewonnen hat, ergibt sich, daß die Blutgruppe B bei den Guanchen überhaupt nicht oder nur höchst selten vertreten war. Dieses Merkmal teilen sie mit den Indianern Amerikas, den Aborigines Australiens, den Polynesiern und einigen anderen, historisch lange isolierten Völkern (Mercer 980: 59 f., 64; Schwidetzky 137
976: 23; Schwidetzky 963:27 ff.). Als einzige Tierarten dürften die Guanchen auf den Kanarischen Inseln Vögel, Nagetiere, Eidechsen und Schildkröten vorgefunden haben. Die Flora der Insel dagegen hatte, trotz ihres mediterranen Gesamtcharakters, einen Reichtum an eigenständigen Detailformen aufzuweisen, wie er nur noch in Madeira anzutreffen war (Mercer 980: 0; Huxley 98, II: 232; Bramwell 976: 207). Aber auch die Guanchen bildeten keine Ausnahme von der Regel, daß Menschen beim Auswandern ihre Pflanzen und Tiere mitnehmen und insofern dazu beitragen, die Fauna und Flora unserer Erde zu vereinheitlichen. Auch sie waren – zumindest teilweise – Erben der vom Nahen Osten ausgegangenen Neolithischen Revolution und nahmen vom afrikanischen Festland Pflanzen und Tiere mit: ganz sicher die Gerste, aber wohl auch Weizen, Bohnen und Erbsen sowie Ziegen, Schweine, Hunde und wahrscheinlich Schafe. Rinder oder Pferde hingegen hatten sie nicht. Auch Kenntnisse des Töpferhandwerks brachten sie mit, hingegen konnten sie weder spinnen noch weben und auch keine Werkzeuge, Waffen oder Schmuckgegenstände aus Metall herstellen. Auf den Kanarischen Inseln gab es keine Erzvorkommen, und falls die Guanchen bei ihrer Ankunft irgendwelche metallurgischen Kenntnisse gehabt haben, mußten diese bald in Vergessenheit geraten. Das Fehlen von Metallwaffen war eine von mehreren Zivilisationslücken, die sich für die Guanchen als verhängnisvoll erweisen sollten (Mercer 980: 5–9). 138
Die brutale Unterwerfung durch die Europäer begann im Jahre 402, das wir auch als Geburtsjahr des modernen europäischen Imperialismus ansetzen können. Zu der Zeit hielten sich im Süden der Iberischen Halbinsel noch die Mauren, und die osmanischen Türken waren dabei, auf dem Balkan vorzurücken. Aber Europa hatte bereits begonnen, die Weltherrschaft zu erobern. Der erste Vorstoß der Europäer traf auf den Widerstand von rund 80 000 Guanchen, die gleichsam die vorderste Postenkette bildeten, hinter der all die anderen bedrohten Völker in den Schützengräben lagen: die Azteken und Zapoteken, die Araukanier und Irokesen, die australischen Aborigines und die Maori, die Fidschis, die Hawaiianer, die Aleuten und die mexikanischen Zuni (Godinho 965, II: 520). 402 landete ein französisches Expeditionscorps in katalanischen Diensten auf der kleineren der beiden östlichen Kanareninseln, auf Lanzarote. Binnen weniger Monate konnten die Europäer die Insel einnehmen, obwohl sie mit inneren Auseinandersetzungen und gegen den Widerstand von etwa 300 Eingeborenen zu kämpfen hatten. Damit verfügten die Invasoren über einen festen Stützpunkt auf der Inselgruppe. Innerhalb weniger Jahre eroberten sie zwei weitere, nur dünn besiedelte Inseln dazu.* * Mercer 980: 60-68, 77 f.; Bontier/Le Verrier 872: 23, 3. Eine vollständigere Sammlung von Dokumenten über die französische Invasion (mit einer Übersetzung ins moderne Spanisch) bietet: de Bethencourt 959-964 (3 Bände).
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Für die Portugiesen waren die Kanarischen Inseln ein ebenso begehrtes Ziel wie für die Franzosen und Spanier. Zwischen 45 und 466 unternahm Portugal eine Reihe kleinerer und mindestens vier größere Landeunternehmen, das größte davon im Jahre 424, mit einem Expeditionsheer von 2500 Mann Infanterie und 20 Berittenen. Keine dieser Unternehmungen war erfolgreich, doch stellten die Expeditionen eine Verbindung zwischen dem portugiesischen Madeira und den Kanarischen Inseln gerade in der entscheidenden Zeitspanne her, in der Madeira durch die Kolonisten in eine Zuckerproduktionsstätte verwandelt wurde. Denn diese Expeditionsheere machten auf ihrem Weg zu den Kanarischen Inseln fast immer in Madeira Halt, und wenn sie wieder nach Portugal zurückkehrten, führten sie als Beutegut auch Gefangene mit. Wir können davon ausgehen, daß mindestens einige dieser Gefangenen auf dem hungrigsten Sklavenmarkt im portugiesischen Einflußbereich, in Madeira, landeten, wo sie mit ihrer gemsenhaften Geschicklichkeit zum Ausbau der levadas eingesetzt wurden (Greenfield 977: 543). Während die Portugiesen und ihre Sklaven mit der Transformation Madeiras beschäftigt waren, bemühten sich die Spanier, die Eroberung der Kanarischen Inseln zu vollenden, nachdem sie diese Aufgabe von den französischen Rittern übernommen hatten. Um 475 waren nur noch drei Inseln von den Guanchen kontrolliert: La Palma, Teneriffa und Gran Canaria. La Palma war eine 140
der kleinsten Kanareninseln, und da sie nur ein paar hundert bewaffnete Männer aufbieten konnte, mußte sie früher oder später das Schicksal der beiden anderen teilen. Auf Teneriffa, der größten, und auf Gran Canaria, der drittgrößten Insel, gab es dagegen Tausende von Kriegern. Zu Beginn des Jahrhunderts hatten die Franzosen die Bewohner von Teneriffa als die härtesten Kämpfer unter den Guanchen kennengelernt, »… die sich nie überwältigen oder in die Knechtschaft abführen ließen wie die auf den anderen Inseln«. Aber auch ihre Verwandten auf Gran Canaria waren so kühne Krieger, daß die Insel sogar ihren Namen von ihnen hat. Denn das Gran wurde ihr nicht ihrer Größe wegen, sondern aufgrund der Tapferkeit und der kämpferischen Eigenschaften ihrer Bewohner verliehen (de Azurara, II: 238; Bontier/Le Verrier 872: 28; Abreu de Galindo 955: 45 f.). Die Europäer hatten im 5. Jahrhundert mehrere Invasionsversuche auf Gran Canaria unternommen, am Ende aber stets unter einem Hagel von Wurfgeschossen auf ihre Schiffe zurückflüchten müssen. 478 jedoch trat der Kampf um Gran Canaria und die gesamte Inselgruppe in eine neue Phase. Ferdinand und Isabella von Spanien, die es auf den ganzen Archipel abgesehen hatten, entsandten ein Expeditionsheer mit Hunderten von Soldaten, mit Kanonen, Pferden und allem, was das europäische Kriegshandwerk aufzubieten hatte. Die Schlacht um Gran Canaria dauerte fünf blutige Jahre. Die Spanier hatten bald die Küstenebene in ihrer Ge141
walt, aber aus den Bergregionen waren die Guanchen nicht zu vertreiben. Sie übten sich in Guerillataktik und verbündeten sich zudem mit den Portugiesen, die einige Truppen absetzten und die Nachschublinien der Spanier abzuschneiden versuchten. Als die Spanier jedoch mit den Portugiesen Frieden schlossen, hatten die Guanchen – obwohl sie noch ein paar kleinere Gefechte für sich entschieden – keine Chance mehr, einen langen Krieg zu gewinnen. Im April 483 war der Kampf zu Ende: 600 Männer, 500 Frauen und zahllose Kinder ergaben sich nach langer Belagerung in den Bergen dem Konquistador von Gran Canaria, Pedro de Vera. Wie Fria Abreu de Galindo, der Chronist der Geschichte Gran Canarias im 6. Jahrhundert, schreibt, hat die Bekehrung der Insel zum katholischen Glauben mehr Anstrengungen und mehr Blut gefordert als die Eroberung aller übrigen Kanarischen Inseln, einschließlich Teneriffas (Mercer 980:88–93; Abreu de Galindo 955: 45). Nach der Eroberung von Gran Canaria hielten sich nur noch La Palma, die zweitkleinste, und Teneriffa, die größte der Inseln. Erst im September 492 landete Alonso de Lugo in La Palma, das ihm im darauffolgenden Frühjahr in die Hände fiel, nachdem er die Einheimischen mit einer geschickten Mischung aus militärischem Druck, Überredungskünsten und falschen Versprechungen ausmanövriert hatte (Mercer 980: 95 f.). Aber es dauerte noch weitere drei Jahre, bis Teneriffa an die Spanier fiel. 142
Die erste Generation von Europäern, die auf die Eroberung der Kanarischen Inseln aus waren, hatte Teneriffa im allgemeinen links liegen lassen. Die zahlreichen und kämpf entschlossenen Verteidiger dieser Insel verschafften sich zusätzlichen Respekt, als sie in den 60er Jahren des 5. Jahrhunderts und dann noch einmal um 490 eine Eroberertruppe ins Meer zurückwarfen. 494 landete dann jedoch Alonso de Lugo mit 000 Mann Infanterie, 20 Berittenen und einigen Kanonen. Es war eine imposante Armee, aber die Guanchen konnten einen Teil der Truppe im Gebirge in einen Hinterhalt locken und Hunderte von spanischen Eindringlingen töten (nach dem Ort des Hinterhaltes bekam die Schlacht den Namen La Matanza de Acentejo, das Massaker von Acentejo). Lugo trat den Rückzug nach La Palma an, um seine Truppen zu reorganisieren, neue Pläne zu schmieden und seine Wunden zu pflegen (Mercer 980:98–203; de Espinosa 907: 93). Lugo war ein spanischer Haudegen vom Schlage eines Cortés und eines Pizarro. Er kehrte im November 495 mit 00 Mann und 70 Pferden, mit Schußwaffen gerüstet, nach Teneriffa zurück. Zehn Monate später kam für die Guanchen das Ende: Halb verhungert, durch die scheinbar unerschöpflichen Ressourcen der Angreifer demoralisiert und zahlenmäßig drastisch zusammengeschrumpft, mußten sie schließlich kapitulieren – die Steinzeit auf den Kanarischen Inseln hat im September 496 ihr Leben ausgehaucht (Mercer 980: 207 ff.). 143
War die Niederlage der Guanchen unvermeidbar? Langfristig natürlich schon, aber kurzfristig? War es wirklich vorausbestimmt, daß die Spanier die Kanaren in nicht einmal zwanzig Jahren erobern konnten? Aus heutiger Sicht, nach so vielen ähnlichen Eroberungsfeldzügen in den darauffolgenden 400 Jahren, kann man es vielleicht gar nicht anders sehen. Aber die Optik mag trügen: Der Kampf zwischen Spaniern und Guanchen lief keineswegs auf ein ungleiches Duell zwischen Maschinengewehren und Speeren, ja nicht einmal zwischen Musketen und Speeren hinaus. Vielmehr standen auf der einen Seite, wie bei den europäischen Einfällen in Mexico und Peru, einige hundert Europäer mit ein paar wenig treffsicheren, nicht besonders schnell und manchmal auch gar nicht feuernden Schußwaffen, einer großen Anzahl Armbrüsten und sehr vielen Schwertern, Äxten und Lanzen aus Metall. Auf der anderen Seite standen anfangs Tausende mutiger Krieger, ausgerüstet mit Waffen, die zwar aus Holz und Stein gefertigt, in ihrer Wirkung aber mörderisch genug waren. Die Guanchen waren zahlreich und kämpften in den ausgedehnten Bergregionen der größeren Inseln, wohin sie sich nach den anfänglichen Siegen der Invasoren regelmäßig zurückzogen, tapfer und taktisch wirkungsvoll. Der Engländer George Glas, der sich im 8. Jahrhundert auf den Kanaren niederließ und eine Geschichte der Eroberung von Gran Canaria übersetzte, hat sich nach 144
einer Besichtigung des betreffenden Terrains ernsthaft gefragt, wie die Spanier hier jemals gewinnen konnten. Seiner Beschreibung zufolge sind die Inseln, ausgenommen Lanzarote und Fuerteventura, »so voller tief eingeschnittener, enger Täler oder Schluchten, so voller hoher, zerklüfteter Berge und enger, schwieriger Wegstrecken, daß eine Truppe Soldaten auf keiner der Inseln auch nur eine Landmeile (ca. 5 km; A.d.Ü.) ins Innere vordringen kann, ohne auf eine Stelle zu treffen, wo sich hundert Mann mit Leichtigkeit gegen eine Tausendschaft behaupten können. Wo sollte man genügend Schiffsraum finden für die Truppen, die nötig wären, um ein solches Volk in einer von der Natur so wehrhaft ausgestatteten Landschaft zu unterwerfen?« (Abreu de Galindo 764: 82). Schon zu Beginn der Eroberung der Inselgruppe hatten die Franzosen festgestellt, daß die Guanchen »groß und ungeheuer stark« waren, so daß sich die christlichen Sieger des öfteren im Interesse der eigenen Sicherheit gezwungen sahen, ihre Gefangenen umzubringen. Das einzige Wurfgeschoß der Guanchen waren Steine, aber die wußten sie trefflich einzusetzen, zumal in den Bergen, wo sie sich regelmäßig die beherrschenden Geländehöhen sicherten. Nach dem Zeugnis der Invasoren schleuderten sie die Steine so kräftig und so gezielt, als wären sie von der Armbrust abgeschossen, wobei sie ohne weiteres 145
»einen Schild samt dem ihn haltenden Arm zerschmettern« konnten. Und während die Europäer mühsam in dem Felsen- und Schluchtenlabyrinth herumstolperten, kletterten die Verteidiger so wendig und schnell durch die Gegend, als hätten sie ihre körperliche Gewandtheit »mit der Muttermilch eingesogen« (Bontier/Le Verrier 872: 35, 49; de Espinosa 907: 02; de Azurara, II: 209). Diese zerrissene Fels- und Kraterlandschaft im Inneren der Kanarischen Inseln machte nicht nur die Fortbewegung, sondern erst recht die Kommunikation untereinander zu einem großen Problem. Das erklärt vermutlich, warum die Guanchen – vor allem in Gomera – mit lauten, auf den Fingern gepfiffenen Tonfolgen eine regelrechte, artikulierte Sprache entwickelten, die mehr war als ein simples Signalsystem. Somit konnten sie sich selbst über breite Schluchten hinweg verständigen, was für sie im Schlachtgetümmel außerordentlich nützlich gewesen sein muß (Mercer 980: 66 f.). Die Guanchen-Häuptlinge konnten eine Gefolgschaft von vielen Hunderten, vielleicht sogar Tausenden Kriegern zusammenpfeifen. Mitte des 5. Jahrhunderts schätzte Gomes Eeannes de Azurara die Streitmacht von Teneriffa auf 6000 und die von Gran Canaria auf 5000 Mann. Für die übrigen Kanareninseln ging er von einem weitaus geringeren Aufgebot aus, aber diese Inseln waren zumeist auch viel kleiner, oder sie hatten damals schon das Trauma der Eroberung durchgemacht (Azurara II: 238). Die Ureinwohner der Kanarischen Inseln bauten 146
Getreide an, im Meer gefangene Schalentiere und ihre großen Viehbestände versorgten sie regelmäßig mit tierischem Eiweiß und Fetten, und ihre großflächigen Inseln boten ihnen »alles, was der Mensch zum Leben braucht, im wahren Überfluß« (de Oviedo y Valdes 959,: 24). Azuraras Angaben, daß die Guanchen nach Tausenden zählten, sind also durchaus glaubwürdig. Weil den Spaniern das nötige Spekulationskapital und die erforderlichen Schiffskapazitäten fehlten, betrug die Truppenstärke, die sie auf den Kanarischen Inseln unterhalten konnten, maximal um die tausend Mann. Und trotzdem haben sie gesiegt, wie noch oft im folgenden Jahrhundert auf außereuropäischem Boden. Sie müssen demnach über beachtliche Vorteile verfügt haben. Aber worin bestanden die? Von ihrer waffentechnischen Überlegenheit war schon die Rede, aber wir sind zu dem Ergebnis gekommen, daß sie als Erklärung nicht ausreicht, insbesondere nicht in den Anfangsstadien der europäischen Expansion. Mit ihrer Überlegenheit zur See konnten die Europäer sich immer ihre Rückzugswege sichern und zugleich mehr Ressourcen heranschaffen als die Guanchen. Aber wieviele Ressourcen hätte man ihnen von der Regierung wirklich zugestanden, wenn der Widerstand der Guanchen wirkungsvoller gewesen wäre? Für seine zweite Invasion in Teneriffa fand Lugo noch Unterstützung, aber hätte er sie auch noch für einen dritten oder vierten oder einen zehnten Anlauf gefunden? Und was spricht für die Annahme, daß Europa bei einer 147
Serie von Niederlagen auf den Kanaren nicht ebenso rasch die Geduld verloren hätte wie beispielsweise im Heiligen Land? Oder später in den afrikanischen Tropen, wo es sich durch wiederholte Fehlschläge bis in die zweite Hälfte des 9. Jahrhunderts hinein vor allen weiteren Invasionsunternehmen abhalten ließ? Hatten die Europäer etwa Verbündete, die wir bislang nicht gewürdigt haben? Oder waren die Guanchen schwächer als angenommen? Zunächst müssen wir berücksichtigen, daß die Guanchen zwar ein zahlreiches Volk, aber nie eine geschlossene Einheit waren. Sie lebten auf sieben Inseln, hatten aber keinerlei seemännische Kenntnisse. Sie sprachen unterschiedliche Dialekte, möglicherweise sogar verschiedene Sprachen. Die Invasoren konnten Einwohner einer Insel zum Kampf gegen die Verteidiger einer anderen Insel rekrutieren. Auf Teneriffa schafften sie es sogar, in einem Teil der Insel Verbündete gegen die übrigen Inselbewohner zu gewinnen (Mercer 980: 65 f., 20; de Espinosa 907: 89). Die uneinigen Guanchen taten sich schwer gegen die Europäer, die dank ihrer Überlegenheit zur See einen Zermürbungskrieg führten: Die Sklavenjagd auf den Kanarischen Inseln begann. Wir wissen nicht, wie viele Menschen gefangen und auf den Sklavenmärkten verkauft wurden, aber es muß eine beträchtliche Anzahl gewesen sein. 385 und 393 brachten Sklavenhändler mindestens einige hundert Guanchen aus Lanzarote, einer großen und ursprünglich dicht bevölkerten Insel, auf 148
den spanischen Markt. Zurück blieben lediglich die 300 Menschen, die dann 402 die Insel gegen die Franzosen verteidigten (Mercer 980: 48–59; Bontier/Le Verrier 872: 37). Auf anderen Inseln mußte die Bevölkerung ähnliche Verluste hinnehmen, nur auf Gran Canaria und Teneriffa war sie vermutlich zu zahlreich, als daß sie durch den Sklavenhandel entscheidend geschwächt worden wäre. Bei Abreu de Galindo findet sich allerdings die irritierende Information, vor der Eroberung habe es auf Gran Canaria weit mehr Frauen als Männer gegeben. Ein solches Ungleichgewicht kann aber nur dadurch entstanden sein, daß aus welchen Gründen immer viel mehr Männer als Frauen getötet oder verschleppt worden sind. Eine ungleiche Geschlechterverteilung ist in der Regel auf Kriege, oft aber auch auf Sklavenhändler zurückzuführen, die für die Plantagen vorwiegend Männer zu liefern hatten (Abreu de Galindo 955: 69). Die Erfolge der Sklavenhändler dürften wesentlich zu den Eindrücken beigetragen haben, die den Guanchen eine allgemeine Überlegenheit der Europäer suggeriert haben müssen. Ihre Metallgegenstände, ihre Ausrüstung, ihre Götter und sie selbst müssen die Ureinwohner der Kanarischen Inseln fasziniert und ihre Entschlossenheit ins Wanken gebracht haben, jede Kontaktaufnahme mit diesen gefährlichen Fremden konsequent – wenn nötig mit gewaltsamen Mitteln – zurückzuweisen. Auf Teneriffa erlaubten die sonst häufig so ungastlichen Guanchen den Spaniern die Einrichtung eines Handelspostens. 149
Der wurde zur ständigen Einrichtung – von den Einheimischen bestaunt und irritiert beäugt, bis die Europäer ihnen ihre Gastfreundschaft mit einem Schlag vergalten, indem sie mehrere Einheimische aufhängten (de Azurara, II: 240). Die Menschen von Gran Canaria verachteten Gold und Silber. Dem Eisen jedoch, das sich zu Angelhaken verarbeiten ließ, konnten sie nicht widerstehen. Die Guanchen müssen sich gefragt haben, ob höherwertige Angelhaken nicht gleichsam ein Indiz für höherwertige Götter seien. Nach ihrer Unterwerfung erzählten sich die Ureinwohner von Hierro die Geschichte von einem Weisen namens Yone, der vorausgesagt hatte, daß lange nach seinem Tode, wenn seine Knochen schon zu Staub zerfallen sein würden, ein Gott namens Eraoranzan in ein weißes Haus kommen werde: Sie sollten dann weder Widerstand leisten noch davonlaufen, sondern diesen Gott anbeten. Später nahmen die Europäer die Insel Hierro ohne größere Kämpfe ein (Abreu de Galindo 764: 93; Mercer 980: 78). Auf Gomera berichteten die Leute von einem christlichen Priester, der vor der Eroberung auf die Insel gekommen sei, viele von ihnen getauft und überredet habe, die Eroberung widerstandslos über sich ergehen zu lassen. Auch die Einwohner von Gomera sind mit einem Minimum gewaltsamer Gegenwehr unterworfen worden, wenngleich sie später mit portugiesischer Hilfe einen Aufstand organisierten (Abreu de Galindo 955: 80; Mercer 980: 82 f.). 150
Der berühmteste Fall einer der Eroberung vorausgehenden kulturellen Des- oder Umorientierung der Guanchen – oder wie sollten wir es sonst nennen? – trug sich auf Teneriffa zu. Der mündlichen Überlieferung zufolge geschah es etwa um das Jahr 400, daß die Heilige Jungfrau Maria einigen Schäfern in Guimar erschien. Sie ließ auch ein Abbild von sich zurück – eine Statue, die seitdem »die Muttergottes von Candelaria« heißt und in zahlreiche Wunder auf den Kanarischen Inseln verwickelt war, bis sie im 9. Jahrhundert bei einer Überschwemmung vernichtet wurde. Auf ihrem Mantelsaum und ihrem Gürtel trug sie InSchriften, die noch niemand überzeugend enträtseln konnte: TIEPFSEP-MERI, EAFM, IRENINI, FMEAREI. Dem Skeptiker mag der Gedanke widerfahren, daß diese Wörter von einem Guanchen stammen, der durch Kontakte mit Europäern die Macht – die mana – des Alphabets erkannt hatte, selbst aber Analphabet war. Zum ersten Verehrer der Muttergottes auf Teneriffa wurde – lange vor der Eroberung der Insel – ein Guanche, der als Kind von Europäern entführt und zum Dolmetscher ausgebildet worden war. Nachdem er die Taufe und den Namen Anton Guanche empfangen hatte, floh er nach Teneriffa, wo er für den Rest seines Lebens der Muttergottes von Candelaria diente (de Espinosa 907, X: 45–73; Abreu de Galindo 955: 4, 30–33). Wie immer die letzte Wahrheit über die Muttergottes von Candelaria aussehen mag – die Überlieferung zeigt, daß die christliche Religion in Guimar schon einige Ge151
nerationen vor der Eroberung Teneriffas vertreten war. Hier fanden die Europäer denn auch Freunde, während der Rest der Insel ihnen feindlich blieb; und hier fanden die Invasoren ihre Mitstreiter, die sich an der endgültigen Unterwerfung von Teneriffa aktiv beteiligten (de Espinosa 907: 89, 96 f., 03). Ihre entscheidenden Verbündeten haben die Europäer jedoch nicht auf der Insel vorgefunden, sondern mitgebracht. Denn bei ihrer Ankunft hatten die Invasoren alle möglichen Mitlebewesen, sozusagen ihre ganze Großfamilie von Pflanzen, Tieren und Mikroorganismen dabei, wobei es sich bei der Mehrzahl um Deszendenten von Lebewesen handelte, die schon in den Zivilisationszentren der Alten Welt von den Menschen domestiziert worden oder in ein symbiotisches Verhältnis zu den Menschen geraten waren. Darüber hinaus gab es aber sicher auch »Neuerwerbungen«, die Sklavenjäger oder Händler von der afrikanischen Küste eingeschleppt hatten. Als die Europäer zu den Kanarischen Inseln übersetzten, hatten sie – wie schon bei ihrem Sprung auf die Azoren und Madeira – eine verkleinerte und vereinfachte Kollektion der westeuropäischen Fauna und Flora, in diesem Falle der Mittelmeerregion, im Gepäck. Dieser biologische Musterkoffer war entscheidend für ihre erfolgreiche Ansiedlung auf diesen Inselgruppen wie auch für ihre erfolgreichen – oder gescheiterten – Siedlungsprojekte in späteren Zeiten und in anderen Regionen. Wo es funktionierte, wo also genügend Proben aus dem 152
Musterkoffer durch ihr Wachsen und ihre Vermehrung neue Varianten einer europäischen Umwelt kreierten, da konnten die europäischen Menschen ebenfalls gedeihen und sich vermehren. Die Lebewesen, die sich auf Mittelmeerinseln wie Kreta, Sizilien und Mallorca angesiedelt hatten, taten es auch auf den Kanarischen Inseln. Am besten klappte es beim Pferd. Die Guanchen waren zwar an ein enges Zusammenleben mit kleinem Viehzeug, etwa mit Ziegen und Schweinen, gewöhnt, aber so große Tiere wie Pferde hatten sie noch nie zu Gesicht bekommen. Und erst recht keine Tiere, die Menschen auf ihrem Rücken duldeten und im Kampfgetümmel noch auf deren Befehle reagierten. Berittene Soldaten spielten bei der Eroberung der beiden letzten und wahrscheinlich auch schon der anderen Kanarischen Inseln eine maßgebliche Rolle. Der europäische Kentaur war wesentlich wertvoller als seine unberittenen Kampfgefährten. Ein gutes Beispiel dafür bietet uns der Ritter Lope Fernández de la Guerra und sein Abenteuer, das er hoch zu Roß in der letzten Phase des Feldzugs auf Teneriffa erlebte. Er befand sich allein auf einem Erkundungsritt, als er plötzlich von 5 bis 20 Guanchen überfallen wurde. Ein unberittener Soldat wäre auf der Stelle überwältigt und getötet worden, Lope Fernández jedoch »gab seinem Pferd die Sporen, da ihm der Platz, an dem er sich gerade befand, gefährlich erschien, bis 153
er offenes Gelände erreicht hatte. Da wendete er mit seinem Pferd, um zu zeigen, daß er kein Feigling war, und machte sechs der Eingeborenen nieder, worauf sich die übrigen in die Wälder flüchteten. Da er kaum etwas ausgerichtet zu haben glaubte, wenn er nicht wenigstens einen von ihnen in seine Hände bekommen und dazu bringen könnte, ihm die Pläne und Absichten der anderen zu verraten, fing er einen der Flüchtenden an einer engen Stelle ab, ritt ihn mit seinem Pferde nieder, nahm ihn fest und brachte ihn ins Lager zurück, wo man Lope Fernández ein freudiges Willkommen bereitete.« (de Espinosa 907: 06 f.) Die Guanchen gaben, sobald sie die Macht der berittenen Soldaten kennengelernt hatten, das flache und offene Gelände vollständig auf – und damit vermutlich auch die meisten ihrer Getreidefelder und Viehherden. »Es war der Soldat zu Pferde«, schrieb Friar Alonso de Espinosa, der Chronist der Geschichte Teneriffas, »den die Eingeborenen am meisten fürchteten, und darin lag die Hauptstärke ihrer Feinde.« (de Espinosa 907: 92; Abreu de Galindo 955: 83) Die christlichen Chronisten haben den anderen Exemplaren aus dem biologischen Musterkoffer weit weniger Aufmerksamkeit geschenkt als den Pferden und ihren Reitern. Wir aber, die wir uns mehr für die Kaninchen und ihre Vermehrung interessieren als für die Offen154
barungen der Muttergottes von Candelaria, müssen zu Rückschlüssen Zuflucht nehmen, die sich aus anderen verstreuten Informationen ergeben. Da sind etwa die Kenntnisse, die wir über den Einfluß späterer europäischer Landungen auf anderen fernen Inseln haben: das plötzliche Aussterben des Dodo (einer flugunfähigen Riesentaube) auf Mauritius bei spielsweise, die massenhafte Vermehrung des Mungo in Hawaii, über die Epidemien unter den Ureinwohnern von Samoa und so fort. Auf diesen Inseln – und sicher eben auch auf den Kanaren – hat die Ankunft der Europäer zu heftigen ökologischen Gleichgewichtsstörungen geführt (Elton 958: Kap. IV; Crosby 976: 235 f.). Wir haben schon erwähnt, daß auf Gran Canaria vor der Eroberung ein unnatürlicher Frauenüberschuß herrschte, über dessen Gründe und Konsequenzen für die Familienstruktur bzw. die Geburten- und Sterberaten wir keine gesicherten Kenntnisse besitzen. Nach Abeu de Galindo soll auf der Insel ein paar Jahre vor der Eroberung die Zahl der Geburten die Zahl der Todesfälle so weit übertroffen haben, daß das Bevölkerungswachstum der Nahrungsmittelproduktion davonlief. Hat damals vielleicht eine verbesserte Nahrungsmittelversorgung die Geburtenrate ganz plötzlich in die Höhe getrieben und die Sterberate gesenkt? Nach derselben Quelle soll mit einer Expedition aus Mallorca, die schon sehr früh auf Gran Canaria gelandet war, der Feigenbaum oder vielleicht auch nur eine neue Feigensorte auf die Insel 155
gelangt sein. Die Guanchen fanden an den Früchten Gefallen und pflanzten die Samen in die Erde; zudem verbreitete sich der Baum auch auf natürliche Weise, so daß er schließlich auf der ganzen Insel anzutreffen war. Damit wurden Feigen zu einem Hauptnahrungsmittel der Bewohner von Gran Canaria (Abreu de Galindo 955: 6). Diese zusätzliche Nahrungsquelle könnte durchaus eine Bevölkerungsexplosion ausgelöst haben, aber genau werden wir es nie erfahren. Vielleicht ist die Geschichte mit der erhöhten Geburtenrate nur die verstümmelte Fassung einer einfacheren Wahrheit: Ein uns unbekanntes Ereignis könnte die Nahrungsmittelbestände so weit reduziert haben, daß es angesichts dieses Mangels plötzlich zu viele Guanchen gab. Um eine Hungersnot zu vermeiden bzw. den Bevölkerungsüberschuß zu begrenzen, töteten die Guanchen alle neugeborenen oder alle weiblichen neugeborenen Kinder (in diesem Punkt gehen die beiden Berichte auseinander) – mit Ausnahme der jeweils Erstgeborenen (Abreu de Galindo 955: 54 f.; Torriani 978: 5). Die Natur geht mit Überbevölkerungsproblemen gewöhnlich wenig zimperlich um. Die Guanchen hatten sehr lang für sich allein gelebt – und mit einer vermutlich sehr begrenzten Auswahl parasitärer Makro- wie Mikroorganismen. Die Urbevölkerung der Kanarischen Inseln kann kaum mehr als 00 000 Menschen ausgemacht haben, das wären pro Insel höchstens einige zehntausend. Kontakte mit dem Festland bestanden nicht, und 156
ihr insulares Ökosystem war simpel im Vergleich zu den Ökosystemen Europas und Afrikas. Es ist ganz unwahrscheinlich, daß sie mit einem ähnlich breiten Spektrum von Parasiten und Krankheitserregern geschlagen waren wie die Bevölkerung Europas und Afrikas. Zu Beginn des 5. Jahrhunderts stellen die französischen Invasoren erfreut fest, wie gesund das Leben auf der Insel war: »Während der ganzen Zeit, die Bethencourt und seine Mannen dort weilten, litt kein einziger von ihnen unter einer Krankheit, was sie gewaltig überraschte.« (Bontier/Le Verrier 872: 92) Die Franzosen erfreuten sich demnach weitgehend derselben Vorteile wie ein paar Jahre später die Kaninchen von Porto Santo. Jeder Garten Eden hat allerdings seine Schlange, und auf den Kanarischen Inseln wurde diese Rolle von den Europäern übernommen. Aber dieselbe Rolle hätte jede andere Gruppe aus einer der fortgeschritteneren Gesellschaften der Alten Welt gespielt, völlig unabhängig von ihren Absichten gegenüber den Guanchen. Wir wissen nicht, wann, wo oder wie die ersten Krankheiten vom Festland herübergelangten und ebensowenig, wie viele Menschen von ihnen infiziert und getötet wurden. Alle historischen und naturwissenschaftlichen Kenntnisse, die wir über die Epidemiologie isolierter Populationen haben, sprechen freilich dafür, daß die Guanchen bereits im 4. Jahrhundert von neuen Krankheiten heimgesucht wurden. Die erste Epidemie, die schriftlich bezeugt ist, warf die Guanchen von Gran Canaria kurze Zeit vor ihrer 157
Unterjochung nieder. Die Spanier sahen darin eine Strafe Gottes für die sündige Praxis des von den Guanchen betriebenen Kindermords. Gott »sandte ihnen la peste, die in wenigen Tagen drei Viertel der Menschen vernichtete«, schreibt Leonardo Torriani in einer der beiden frühesten Darstellungen über dieses Ereignis. Die zweite, von Friar Abreu de Galindo verfaßt, erzählt die Geschichte ganz ähnlich, ermäßigt die Sterberate aber auf zwei Drittel (Torriani 978: 6; Abreu de Galindo 955: 69). Alonso de Lugos erste Invasion auf Teneriffa endete 494 mit der vernichtendsten Niederlage, die den Europäern jemals von den Guanchen beigebracht wurde. Sein zweiter Versuch begann 495 mit einzelnen spanischen Erfolgen, geriet im Winter aber an einen toten Punkt, als beide Seiten das Ende des Regens und der Schneefälle abwarten mußten. Dieser Winter war außergewöhnlich feucht und kalt, und Invasoren wie Verteidiger litten unter einer Hungersnot, weil die Feindseligkeiten die Aussaat und damit auch die Ernte des Getreides verhindert hatten. Da aber die Guanchen zahlreicher waren als die Spanier und sich aus Angst vor den Pferden der Europäer in die nebligen Bergregionen zurückgezogen hatten, muß ihre Lage kritischer gewesen sein. Und weil Gott ohnehin auf der Seite der Spanier stand und Anstoß daran nahm, daß die Guanchen bei der Matanza de Acentejo so viele Christen getötet hatten, strafte er die Verteidiger Teneriffas mit einer Seuche namens modorra: »Eine Inselbewohnerin gab von einem steilen Felsen herab Kunde 158
von der Seuche, indem sie den Spaniern Zeichen machte. Als sie nahe genug herangekommen waren, erklärte sie alles: Sie fragte, warum sie nicht heraufkämen, um das Land in Besitz zu nehmen, da es doch niemanden mehr zu bekämpfen, niemanden mehr zu fürchten gebe – es seien doch alle tot.« Die Spanier rückten zögernd näher und sahen die Leichen der Guanchen, die den Worten der Frau recht gaben. Die Hunde der Guanchen fraßen sich an ihnen satt und die Menschen, die außerhalb ihrer Bergstützpunkte von der Dunkelheit überrascht wurden, mußten aus Angst vor den verwilderten Tieren auf den Bäumen schlafen. »Die Sterblichkeit war so groß«, berichtete Friar Espinosa, »daß der Insel fast keine Bewohner mehr blieben, obwohl deren Zahl zuvor 5 000 betragen hatte.« (de Espinosa 907: 04–08; de Viera y Clavijo 95, II: 08) Der Endkampf fand im September statt, die anschließenden »Säuberungsaktionen« zogen sich aber noch weitere drei Jahre hin. »Wäre die Seuche nicht gewesen«, kommentiert Espinosa, »hätte es viel länger gedauert, denn dieses Volk war kriegerisch, zäh und geschickt.« (de Espinosa 907:08) Worum hat es sich bei der peste von Gran Canaria und der modorra von Teneriffa gehandelt? Es gibt keine detaillierte Beschreibung ihrer Symptome oder ihrer typischen Ausbreitungsformen, und so helfen fast nur ihre spanischen Namen weiter. Das Wort peste bezeichnet die Beulenpest, aber ähnlich wie das englische plague wird es auch für alle möglichen anderen Seuchen verwendet. 159
Der Ausdruck modorra ist noch unspezifischer. Als Adjektiv meint er so viel wie »benommen«, »schläfrig« oder »matschig«. Das Hauptwort bezieht sich heute auf eine Schafskrankheit. Dr. Francisco Guerra von der Universität Madrid vermutet, daß es sich bei der menschlichen Infektionskrankheit, die sich hinter dem unbestimmten Wort verbirgt, am ehesten um Typhus handeln könnte.* Zum Glück ist es gar nicht nötig, die Krankheit genau zu identifizieren. Letztlich könnten es die meisten der beispielsweise in Sevilla aufgetretenen Epidemien gewesen sein. Klarheit müssen wir hingegen darüber gewinnen, ob es sich bei den für beide Seuchen überlieferten Sterberaten um einigermaßen genaue Angaben handelt. Wenn die Angaben nicht mehr als 20 Prozent nach oben oder unten abweichen, waren die Seuchen vermutlich der entscheidende Faktor für die endgültige Niederlage der Guanchen. Virgin soil-Epidemien (Epidemien auf »jungfräulichem Boden«, wie man ansteckende Krankheiten unter zuvor noch nie von ihnen betroffenen Bevölkerungsmassen nennt) pflegen folgende Wirkungen zu haben: Erstens sind sie für den einzelnen extrem gefährlich und enden oft tödlich; zweitens erkrankt fast jede Person, die mit dem Erreger in Kontakt kommt, daher entspricht die Sterberate der Gesamtbevölkerung der unter den Erkrankten; drittens bleiben nur wenige * Persönliche Mitteilung von Dr. Francisco Guerra. Vgl. Diccionario de la Lengua Española 970: 886, 06; Zerolo (o.J.), II: 324; Millares 945, I: 72 f.
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Menschen so gesund, daß sie die Kranken versorgen können, so daß viele Menschen sterben, die bei minimaler Pflege die Krankheit durchaus überstehen könnten; und viertens kann niemand mehr die Felder bestellen oder abernten und das Vieh betreuen: Die profane Alltagsaufgabe, für die künftigen Nahrungs- und Heizmittel zu sorgen, bleibt unerledigt.* Diese Wirkungen waren schon in Island zu beobachten, als der Schwarze Tod aus Europa herübergekommen war; peste und modorra hatten auf den Kanarischen Inseln dieselben Folgen. Wann immer die Europäer eine der Kanareninseln erobert hatten, machten sie sich daran, sie im Sinne ihrer Selbstbereicherungspläne zu transformieren. Sie warfen die Orseille auf die europäischen Märkte und verkauften Getreide, Gemüse, Holz, Häute und Talg in den Mengen, die sie loswerden konnten. Sie »europäisierten« die Insel, indem sie Pflanzen- und Tierarten aus der Alten Welt importierten, die sich schon in der Mittelmeerregion bewährt hatten. Dabei waren einige wichtige Arten – Hunde, Ziegen, Schweine und wohl auch Schafe, dazu Gerste, Erbsen und wahrscheinlich auch Weizen – bereits auf den Inseln vertreten. Die Europäer brachten zusätzlich Rinder, Esel, Kamele, Kaninchen, Tauben, Hühner, Rebhühner und Enten, dazu Weintrauben, Melonen, Pfirsiche, Äpfel und vor allem Zuckerrohr (Torriani 978:46; Hakluyt 907, IV: 26). * Crosby 976: 289-299. Ein aktuelles Beispiel behandelt: Wolfe 982: 92-2
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Die meisten Importe bewährten sich, ganz besonders die Tiere. Sie verhinderten, daß nachsprießende Sämlinge sich zu Bäumen auswachsen und damit den Holzeinschlag ausgleichen konnten, dem Tausende von Bäumen zum Opfer gefallen waren, um den Holzbedarf der Europäer auf den Inseln und anderswo zu befriedigen. »Unzählige Kaninchen« bevölkerten La Palma in den 40er Jahren des 6. Jahrhunderts. Ende des Jahrhunderts zeigte das Weideland auf Hierro und La Palma deutliche Spuren ihres unersättlichen Hungers. Die große und relativ ebene Insel Fuerteventura wurde zu einem einzigen riesigen Viehzuchtgebiet, wo sich Herden verschiedener vom Kontinent importierter Tierarten tummelten. Gegen Ende des 6. Jahrhunderts zählten dazu auch 4000 Kamele und vor allem Massen schreiender halbwilder Esel. Diese Esel fraßen so viele Gräser und Kräuter, daß der Nutzen der Insel für andere eingewanderte Arten, insbesondere für die Menschen aus Europa, gefährdet war. 59 schlugen die Menschen zurück, indem sie 500 Esel umbrachten und für die Raben liegenließen. Für diese Schlachtung nahmen die Menschen die Dienste zweier anderer biologischer Arten in Anspruch: der Pferde, die sie als Reittiere, und der Hunde (greyhounds), die sie dazu benutzten, die überzählige Spezies aufzuspüren und zu Tode zu hetzen (Abreu de Galindo 955: 60). Auch die Honigbiene war bald weitverbreitet. Dieses der Alten Welt entstammende Insekt könnte auf den In162
seln schon vor Ankunft der Europäer heimisch gewesen sein, weit wahrscheinlicher ist aber, daß die Eindringlinge ihre Bienenstöcke von der Iberischen Halbinsel mitbrachten. Honigbienen schwärmen selten weiter als zehn Kilometer aus, und niemals so weit, wie es der Entfernung zwischen dem Festland und den Kanarischen Inseln entspricht. Ihr Transport über große Entfernungen hinweg ist so schwierig, daß ein Zufallsimport fast ausgeschlossen erscheint. Auf Teneriffa soll es im 5. Jahrhundert noch keine Honigbienen gegeben haben. Deshalb mußte die Muttergottes von Candelaria Wunder wirken, um das Bienenwachs für die bei den Kirchenzeremonien erforderlichen Kerzen herbeizuschaffen. La Palma und Hierro erwiesen sich als außergewöhnlich bienenfreundliche Inseln und trugen im 6. Jahrhundert erheblich zum Export großer Mengen kanarischen Honigs bei.* Noch in der Renaissance war der Honig das wichtigste Süßmittel in Europa, später wurde diese Rolle vom Zukker übernommen. Zu dieser Revolution haben die Kanarischen Inseln erheblich beigetragen. Wahrscheinlich hat Pedro de Vera, der Konquistador von Gran Canaria, die Zuckerproduktion auf dem Archipel eingeführt. 484 ließ er auf den von ihm eroberten Ländereien die erste Mühle zur Zuckerrohrverarbeitung errichten. Die anderen Invasoren folgten seinem Beispiel, und bald war * Seeley 982: 58; de Espinosa 907: 6; Abreu de Galindo 955: 83, 262, 32; Fernández-Armesto 982: 86
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der Zucker das wichtigste Agrar- und Exportprodukt des ganzen Archipels (Fernández-Armesto 982: 70; Abreu de Galindo 955: 239). Zucker wurde zum Katalysator des sozialen und ökologischen Wandels. Die neue Elite der Kanarischen Inseln importierte für die Zuckerrohrfelder und mühlen Tausende von Arbeitskräften aus Europa und Afrika – einige als freie Arbeiter und viele als Sklaven – und transformierte das Ökosystem zum vornehmlichen Zweck der Zuckergewinnung. Anstelle der Wälder entstanden Zuckerrohrfelder, Weideflächen und kahle Bergflanken. Das Holz der gefällten Bäume wurde für Neubauten und vor allem als Brennstoff gebraucht, um die aus dem Zuckerrohr herausgepreßte Melasse zum Kochen zu bringen. Nach der Schilderung eines mit den Kanarischen Inseln vertrauten Engländers wurden die geernteten Zuckerrohrstengel »zu dem Ingenio genannten Zuckerlagerhaus gebracht, wo sie durch eine Mühle gepreßt werden, von wo der Zuckersaft in einen eigens dafür gefertigten großen Bottich geleitet und dort so lange gekocht wird, bis er so dick wie Wachs ist.« Die ingenios waren unersättlich. Auf Gran Canaria, einer zu Zeiten der Guanchen noch dicht bewaldeten Insel, war »Holz … die Sache, nach der am meisten verlangt wird«, wie es unser englischer Gewährsmann ausdrückte. Die Regierung auf Teneriffa sah sich bald genötigt, die Wälder vor den Holzfällern zu schützen, und erließ im Jahre 500 die ersten – wirkungslosen – Vorschriften. (Hakluyt 164
907, IV: 25 f.; Fernández-Armesto 982: 74; Parsons 98: 260–264). Das Abholzen leistete der Bodenerosion Vorschub, ließ die Flüsse abwechselnd zu reißenden Fluten anschwellen oder völlig versiegen und bewirkte – wie schon in Madeira und auf den Azoren – auch auf den Kanarischen Inseln eine Reduzierung der Niederschlagsmengen, worauf übrigens schon Christoph Kolumbus und nach ihm viele andere Beobachter hingewiesen haben. Der Hinweis dürfte durchaus richtig sein, insofern sich die vom Meer aufsteigenden Feuchtigkeitsschwaden an Bäumen und speziell an Kiefern niederschlagen, um als »Nebeltropfen« zu Boden zu fallen. Ohne Bäume können die Inseln diese Feuchtigkeit also nicht aufnehmen. Auf Fuerteventura sind die Wasserläufe, an denen die Franzosen zu Beginn des 5. Jahrhunderts noch Mühlen bauen wollten, überwiegend ausgetrocknet.* Fremde Pflanzen, nach europäischem Verständnis oft Unkraut, eroberten die kahlen Flächen, die die »europäische Erosion« und die europäischen Äxte, Pflüge und Viehherden hinterlassen hatten. Die meisten pflanzlichen Schädlinge wurden vom Festland, hauptsächlich aus Südeuropa und Nordafrika eingeschleppt. Die Liste der schlimmsten heute verbreiteten Unkrautarten verzeichnet nur zwei einheimische Gewächse. Als aggressivstes Unkraut gilt gegenwärtig der mediterrane Brombeerstrauch, * Columbus 959: 43; Mercer 980: 29; Bontier/Le Verrier 872: 35; Fernández-Armesto 982: 29; Parsons 98: 259 f.
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Rubus ulmifolius, der höchstwahrscheinlich erst nach der Unterwerfung der Guanchen importiert wurde. Unzweifelhaft stammt er aus dem Mittelmeerraum und hat sich inzwischen über alle Wundflächen der Kanarischen Inseln ausgebreitet (Kunkel 976: 250, 256 f., 259, 264 f.). Mit den Guanchen ging es noch schneller zu Ende als mit den Wäldern, und die nachrückenden Einwanderer breiteten sich rascher aus als das Unkraut. Einige Ureinwohner flohen in die Berge und lebten dort als Viehdiebe oder Banditen, die ab und zu einen Aufstand versuchten. Aber diese Art Leben war nicht lange durchzuhalten. Zu Widerstandsaktionen kam es wohl, so lange es noch reinblütige Guanchen gab. In den 30er Jahren des 6. Jahrhunderts berichtete Gonzalo Fernández de Oviedo y Valdes, daß nur noch wenige Guanchen übriggeblieben seien. Der italienische Reisende Girolamo Benzoni, der die Inseln 54 besuchte, hatte den Eindruck, die Guanchen seien »fast gänzlich am Ende«. Und gegen Ende des Jahrhunderts registrierte Friar Espinosa auf Teneriffa nur noch ganz wenige Guanchen, die aber schon alle Mischlinge waren.* Das Aussterben der Guanchen hatte vielfältige Gründe. Mit ihrem Land verloren sie die Basis für ihren Lebensunterhalt. Die Spanier hatten sich Bodenrechte und Herden qua Recht des Eroberers angeeignet. Selbst ehemals verbündete Guanchen wurden allenfalls mit dem bedacht, was den Spaniern nicht begehrenswert erschien. * de Oviedo y Valdeés I: 24; Benzoni 857, I: 260; de Espinosa 907: 20; Femández-Armesto 982: 6
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In Teneriffa gingen bei den Landzuteilungen nur 50 von 992 Grundstücken an Guanchen unterschiedlichster Herkunft, und von diesen 50 Besitztiteln blieben nur wenige für immer in den Händen der Ureinwohner (FernándezArmesto 982: 39 f.; Mercer 980: 25, 230). Angesichts solch hoffnungsloser Perspektiven in der eigenen Heimat schlossen sich einige Guanchen der spanischen Auswanderung nach Amerika, Afrika und anderen Überseegebieten an, wo sie als Soldaten oder einfache Arbeitskräfte bald im Dunkel der Geschichte verschwanden: Entweder blieben sie ohne Nachkommen, oder ihre Kinder waren keine Guanchen mehr.* Die meisten Guanchen verließen ihre Heimat nur insofern freiwillig, als ihnen zumeist keine andere Möglichkeit blieb. Viele wurden von den Konquistadoren deportiert, damit sie nicht rebellieren konnten, viele wurden als Sklaven an die Plantagen in Madeira und anderswo verkauft. Über kurz oder lang erwartete sie alle dasselbe Schicksal: Die hohe Sterberate der Exilanten von den Kanarischen Inseln war allgemein bekannt. Auch können wir davon ausgehen, daß viele Familien durch Auswanderung und Versklavung auseinandergerissen wurden, was sich bei der reinen Guanchen-Bevölkerung sicher in einer höheren Sterberate bei gleichzeitig sinkender Geburtenrate niederschlug. Zwischen 480 und 500 kam von den Kanarischen Inseln ein regelrechter * Mercer 980: 23; de Vieray Clavijo 95, II: 394; Campos 90: 7; Borges 972: 237 f.
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Strom von Sklaven, der aber bald zum Rinnsal wurde. Das lag nicht etwa an der sinkenden Nachfrage, sondern am sinkenden Angebot (Mercer 980: 222–232; Œuvrea de Christophe Columb 96: 24; Fernández-Armesto 982: 20, 40, 27 ff., 74). Daß die Guanchen schließlich nicht nur von den Kanarischen Inseln, sondern von der Welt insgesamt verschwanden, ist auf viele unheilvolle Einflüsse zurückzuführen, die sie geradezu eingekreist und die sich in ihren Wirkungen noch gegenseitig verstärkt haben. Kein einzelner Faktor aber wirkte wohl so zerstörerisch wie eine Seuche, die ungehindert über eine anfällige Bevölkerung herfiel, noch die kleinste Schwäche ausnutzte, Tag und Nacht und zu jeder Jahreszeit Menschenleben auslöschte und sich so unaufhaltsam ausbreitete wie schädliches Unkraut auf frisch gerodetem fruchtbaren Boden. Die modorra kam in regelmäßigen Abständen wieder, die Durchfallepidemien hörten erst gar nicht auf, und der dolor de costado (der Schmerz in der Seite – womöglich Lungenentzündung) kostete viele Guanchen das Leben. Wir müssen auch davon ausgehen, daß Guanchen-Frauen von den europäischen Männern mißbraucht und mit Geschlechtskrankheiten infiziert wurden, vor allem mit der Syphilis, die in den Jahrzehnten nach 490 Europa heimsuchte. Diese Plage machte – wie die anderen maladies d’amour – dem Leben * Fernández-Armesto 982: ; Abreu de Galindo 955: 298; Espinosa 907: 32; de Vieray Clavijo 95, II: 56, 290, 348, 496 f.„ 5, 539; Crosby 972: 22-64
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vieler Frauen ein frühes Ende und mußte insgesamt ihre Fruchtbarkeit beeinträchtigen.* Das psychologische Trauma der Unterwerfung: der Verlust von Verwandten und Freunden, die Auslöschung ihrer Sprache, der plötzliche Untergang ihrer ganzen Lebensweise, führten sicherlich ebenfalls zum Tod mancher Guanchen. Tanausu, ein Anführer des Widerstandes auf La Palma, wurde bald nach der Eroberung seiner Insel nach Spanien abtransportiert. Dort hungerte er sich aus Verzweiflung zu Tode – laut Galindo »eine ganz normale und verbreitete Angelegenheit« (Abreu de Galindo 955: 387). Als Girolamo Benzoni 54 La Palma besuchte, traf er nur noch einen 80jährigen Guanchen, der andauernd betrunken war. Die Guanchen waren zu einem armseligen Haufen geworden, der am Rande des Abgrunds dahintaumelte und teilnahmslos seinem eigenen Aussterben zusah (Benzoni 857, I: 260). Auch bei der heutigen Bevölkerung der Kanarischen Inseln müssen einzelne Guanchen-Gene hier und da noch vorhanden sein, aber diese Erbmasse hat sich inzwischen so sehr verdünnt, daß sich einige Bewohner von heute wohl nur noch aus Nostalgie auf sie berufen, um die Einzigartigkeit ihrer Inseln und ihrer Geschichte zu beschwören. Diese angeblichen genetischen Spuren, dazu ein paar Ruinen, Höhlen, Mumien und Tonscherben, eine Anzahl von Wörtern und neun Sätze der Guanchen-Sprache sind alles, was an Belegen für die Tatsache erhalten geblieben ist, daß die Kanarischen Inseln einstmals eine 169
Urbevölkerung hatten (Mercer 980: 27–4, 24–258; de Espinosa 907: XVIII: Femández-Armesto 982: 5). Man kann sich kaum eine Erfahrung vorstellen, die das Überleben eines Volkes so sehr gefährdet wie der Übergang von einer isolierten Lebensweise zum Anschluß an eine weltumspannende Gesellschaft, zu der europäische Seefahrer, Soldaten und Siedler gehören. Als unbewohnte und herrenlose Inseln sind die Azoren und der Madeira-Archipel in dem Moment, da die ersten europäischen Seeleute eintrafen, sozusagen kampflos an Europa gefallen. Die Azoren sind bis heute fast rein europäisch besiedelt. Die Pflanzer von Madeira haben im Lauf der Zeit zwar viele Tausende nichteuropäischer Sklaven importiert, aber der Anteil der Europäer – und die Sterberate der Sklaven – lagen stets so hoch, daß der überwiegend europäische Charakter Madeiras nie in Frage stand. Auf den Kanarischen Inseln tauchten um 520 die ersten neuen Bewohner auf, um die von den Guanchen hinterlassenen Lücken zu füllen. Diese neuen Kanarenbewohner waren zwar ein gemischter Haufen, aber das europäische Element war eindeutig in der Mehrheit (Fernández-Armesto 982: 3–4). Binnen weniger Generationen entwickelten sie einen Heimatstolz auf ihre Inseln, in denen sie keine Kolonien, sondern einen Teil Europas sahen (Humboldt/Bopland 88,: 293). Die drei Inselgruppen im Ostatlantik dienten dem neuen europäischen Imperialismus als Versuchslabors, und die hier gewonnenen Erkenntnisse sollten die Welt170
geschichte in den folgenden Jahrhunderten entscheidend beeinflussen. Die wichtigste Erkenntnis bestand darin, daß die Europäer samt ihren Pflanzen und Tieren auch in Landstrichen, in denen sie zuvor nie existiert hatten, ganz gut zurechtkommen konnten. Aus den Erfahrungen der Norweger war diese Erkenntnis nicht abzuleiten, und sie hätte den Iberern im übrigen kaum genutzt. Die zweite große Erkenntnis bestand darin, daß einheimische Populationen in neu entdeckten Gebieten trotz aller möglichen Anfangsvorteile, selbst wenn sie zahlreich und kampfentschlossen waren, letztlich doch unterworfen werden konnten. Es war sogar möglich, sie einfach auszulöschen, spurlos wie ein Zeichen, das am Strand vor dem Einsetzen der Flut in den Sand gemalt wurde. Das geschah im günstigsten Fall kurz vor dem Entscheidungskampf, im ungünstigsten Fall nach dem Krieg, wenn man sie als Arbeitskräfte brauchte – aber dann konnte man ja auch kräftigere und gesündere Arbeiter aus Europa oder Afrika importieren. Die Inseln im Ostatlantik waren somit lehrreiche Präzedenzfälle sowohl für Siedler- als auch für Plantagenkolonien jenseits der Nahtlinien der alten Pangäa. So sahen die Lektionen aus, die den Europäern des Renaissance-Zeitalters auf diesen Inseln geboten wurden. Was können sie uns nun über den allgemeinen Charakter des europäischen Imperialismus lehren? Warum waren diese Kolonien so viel erfolgreicher als die norwegischen Ansiedlungen im Nordatlantik und die Kreuzfahrer171
staaten im östlichen Mittelmeer? Es ist historisches Allgemeingut, daß Europa in der Renaissancezeit institutionell gefestigter und ökonomisch stärker war als im Mittelalter, mithin eher befähigt, Kolonien zu erobern und zu unterhalten. Fest steht auch, daß die europäische Technologie sich im 5. Jahrhundert deutlich weiterentwickelt hatte. Der Besitz von Schußwaffen muß für die Invasoren von ziemlicher Bedeutung gewesen sein, auch wenn sie für die Eroberung der Kanarischen Inseln nicht ausschlaggebend waren. Die Neuerungen, die das 4. und 5. Jahrhundert auf dem Gebiet des Schiffsbaus, der Takelage und der Navigationstechnik gebracht hatten, machten lange Seereisen sicherer, schneller und damit für die europäischen Seefahrer der Renaissancezeit auch attraktiver als noch im Mittelalter. All das ist unbestritten richtig, aber die Geschichte der Azoren, Madeiras und der Kanarischen Inseln hat uns noch weitere Erkenntnisse zu bieten. Die Europäer, die zu diesen Inseln aufbrachen, genossen biologische Vorteile, die weder die Norweger noch die Kreuzfahrer gehabt hatten. Für die Pflanzen und Tiere der Neolithischen Revolution waren die nordatlantischen Inseln zu kalt und zu weit im Norden gelegen. In Vinland erging es ihnen besser, den Menschen, die sie mitgebracht hatten, dagegen schlechter. Im Heiligen Land gediehen die Pflanzen und Tiere recht gut (schließlich