Buch Wer zu den vielen Lesern gehört, die ihr Herz an R. A. MacAvoys ersten Roman »Stelldichein beim schwarzen Drachen«...
43 downloads
962 Views
1MB Size
Report
This content was uploaded by our users and we assume good faith they have the permission to share this book. If you own the copyright to this book and it is wrongfully on our website, we offer a simple DMCA procedure to remove your content from our site. Start by pressing the button below!
Report copyright / DMCA form
Buch Wer zu den vielen Lesern gehört, die ihr Herz an R. A. MacAvoys ersten Roman »Stelldichein beim schwarzen Drachen« verloren haben, darf sich auf ein mindestens ebenso phantastisches Abenteuer mit Mayland Long und Martha Macnamara freuen. Und wer noch nicht das Vergnügen hatte, die beiden kennenzulernen, sollte sich auf etwas ganz Außergewöhnliches einstellen. Aber Vorsicht: In der Welt des Schwarzen Drachen ist nichts so, wie es scheint … Pressestimmen zu »Stelldichein beim schwarzen Drachen«: »Ein Juwel der gegenwärtigen Fantasy« CHICAGO SUN TIMES »Ein wunderbares Buch, mit schön gezeichneten Charakteren und einer erstaunlich vielschichtigen, verblüffenden Handlung: Ich wünschte, ich hätte es geschrieben.« ELIZABETH A. LYNN Von R.A. MacAvoy ist außerdem im Goldmann Verlag lieferbar: Stelldichein beim Schwarzen Drachen (8543) Die Parabel vom Lautenspieler: Damiano (23866) Saara (23867) Raphael (23868)
R. A. MACAVOY
Der schwarze Drache lädt zum Lunch Roman Deutsche Erstveröffentlichung
GOLDMANN VERLAG
Aus dem Amerikanischen übertragen von Mechthild Sandberg-Ciletti Titel der Originalausgabe: Twisting the Rope Originalverlag: Bantam Books, New York
Made in Germany • 6/87 • 1. Auflage © der Originalausgabe 1986 by R. A. MacAvoy © der deutschsprachigen Ausgabe 1987 by Goldmann Verlag, München Scan by Brrazo 09/2005 Umschlagentwurf: Design Team München Umschlagillustration: Boris Sokolow, Hamburg Satz: Fotosatz Glücker, Würzburg Druck: Eisnerdruck, Berlin Verlagsnummer: 8555 Lektorat: C. Göhler/Michael Görden Redaktion: Ilse Fath Herstellung: Peter Papenbrok ISBN 3-442-08555-1
FÜR DORCAS
Alle Kapitelüberschriften in diesem Buch sind entweder Titel traditioneller Tanzstücke oder Zitate aus traditionellen Liedern. Die Überschriften der Kapitel 5 und ó sind aus dem Lied »There was a Lady« entnommen, wie es von Triona NíDhomhnaill gesungen wird; »Da Mihi Manum« kenne ich aus dem THE PENNY WHISTLE BOOK von Robin Williamson. »An Caoineadh na d'Tri Muire« hörte ich von Jim Duran; die meisten anderen Titel entnahm ich dem Buch IRISH DANCE TUNES FOR ALL HARPS: 50 GIGS, REELS, HORNPIPES, AIRS von Sylvia Woods. Ich habe keine Ahnung, wer »The Foggy, Foggy Dew« für mich zuerst sang. »The Bear Went Over the Mountain« lernte ich von meiner Mutter.
… Form ist nichts anderes als Leere: Leere ist nichts anderes als Form. Und das, was Form ist, ist Leere, das, was Leere ist, ist Form … … Alle Dahrmas werden durch Leere gekennzeichnet: Sie tauchen nicht auf und verschwinden nicht, sie sind weder befleckt noch rein, nehmen weder zu noch ab. Darum gibt es in der Leere keine Form, keine Gefühle, Wahrnehmungen, Impulse, kein Bewußtsein; keine Augen, keine Ohren, keine Nase, keine Zunge, keinen Körper, keinen Verstand; keine Farbe, keinen Klang, keinen Geruch, keinen Geschmack, keine Berührung, keinen Gegenstand des Verstandes; keinen Bereich der Augen und … keinen Bereich des Verstandesbewußtseins; kein Nichtwissen und auch keine Auflösung durch es. Kein hohes Alter und keinen Tod und auch keine Auflösung durch sie. Kein Leiden, kein Erschaffen, kein Anhalten, keinen Weg, keine Wahrnehmung und auch kein Erreichen, weil da nichts ist, was zu erreichen ist … Verschwunden, verschwunden, alles darüberhinaus ist verschwunden. Oh, was für ein Erwachen. Höchstes Heil! Aus der MAHA PRAJNA PARAMITA HRIDAYA SUTRA, nach der Lesart des San Franzisko Zen – Center Übersetzt von Ilse Fatb
Unterwegs nach Kalifornien Der Hieb ließ das Hotelzimmer erzittern, und sechs der sieben darin anwesenden Leute erstarrten mitten in der Bewegung. Theodore Poznan hielt in der linken Hand einen Pinsel mit Nagellack, während der Zeigefinger seiner Rechten starr zur Decke wies. Sein Haar, das in strohfarbene bis mittelbraune Abschnitte gebleicht war, glitt ihm über die Schulter nach vorn und hing nun vor dem Gesicht. Er trug einen nach vorn abstehenden Bart. Sein Blick war leicht vorwurfsvoll. Elen Evans' Gesicht war von feingezeichneter Schönheit; ihr kurzes Haar war über den Ohren und im Nacken stufig geschnitten. Sie hob einen sechzig Zentimeter langen eisernen Stimmschlüssel mit Holzgriff, mit dem sie ihre dreifach bespannte Harfe bearbeitet hatte. Ihr Gesichtsausdruck war ironisch. Martha Macnamara, genau dreißig Jahre älter als Elen, erstarrte mit einem Pappbecher in der Hand. Sie sah verwirrt und leicht affenartig aus mit ihren runden Augen und dem halbgeöffneten Mund. Sie dachte: »Ach, du liebe Güte«, und überlegte, ob es einen Streit geben würde. Aber sie freute sich auch ein wenig (trotz ihres Schreckens), daß Pádraig auf diese Weise auf den Tisch geschlagen hatte: fest, laut und genau in dem Augenblick, als er den Wunsch dazu verspürt hatte. In der Ecke neben dem Plastiktisch saß ein zierlicher Mann mittleren Alters mit dunkler Haut und chinesischen Augen. Der Schein der Korblampe ließ sein schwarzes 9
Haar aufglänzen. Er hieß Long und hielt ein dreijähriges Mädchen auf dem Schoß. Das Kind starrte Pádraig ó Súilleabháin mit weit aufgerissenen blauen Augen an. Pádraig selbst war die sechste Person, die bei dieser, seiner eigenen, gewalttätigen Handlung erstarrt war. Er war ein junger Mann, der noch jünger aussah, und ein Hauch von Purpur breitete sich nun von den Ohren über sein Gesicht und die beiden Halsseiten aus. Seine Faust, rissig und sehr sauber, löste sich langsam von der Tischplatte, um sich wieder zu ballen. Es war das kleine Mädchen, das das Schweigen brach. »Warum hat Poe-rik auf den Tisch geschlagen? Wollte er…« Die auffallend langen Finger des dunkelhäutigen Mannes wölbten sich über ihren Mund. Er beugte sich vor, flüsterte ihr etwas ins Ohr und schaukelte sie dann gezwungen zweimal hin und her. Die siebte Person in dem Raum – die einzige, die von Pádraigs Ausbruch nicht schockiert gewesen war – zog das Etikett von dessen auf links getragenem Pullover zu sich hoch und studierte mit gespieltem Interesse die Aufschrift. Dann hob er den Blick, weil Pádraig den Kopf verrenkte, um ihn finster anzustarren. »Es besteht keinerlei Notwendigkeit, die Beherrschung zu verlieren, mein Junge«, sagte George St. Ives. »Ich war nur neugierig, warum ein traditionsbeflissener Musiker – was immer man heutzutage unter Tradition versteht und was als … Nun, kurz, haben wir nicht schon genug Plastik in der Welt, als daß man das Zeugs noch vor allen Menschen tragen müßte?« 10
Pádraig öffnete den Mund, doch er zögerte kurz, ehe er eine Antwort gab – eine Pause der Unsicherheit. »Ich dachte … ich dachte, ich käme bei den Leuten besser an, wenn ich mich nett anziehe. Sonst sehe ich immer aus, als hätte ich gerade irgendwo ein Loch gegraben.« George St. Ives hatte graue, von Fältchen umgebene Augen, und seine Stirn furchte sich, als er den straff gespannten Stoff vor seine Augen zog. »›Hundert Prozent Acryl. Maschinenwaschbar bei 30°.‹ Rotes Plastik mit fünfzackigen Sternen, aus einer Art Metallfaden gewirkt. Das wäre nicht passend zum Löchergraben, oder? Aber auch nicht für irgend eine andere männliche Tätigkeit.« Seine Stimme klang knirschend, aber ansonsten ausdruckslos. Sein großflächiges Gesicht wirkte ein wenig gelblich. »Ich kann ihn waschen.« Pádraig zerrte dem älteren Mann den Pullover aus der Hand und wollte aufstehen. »Wenn es báinin wäre, wie könnte ich das, ewig in diesen Hotels?« Sein Stuhl kippte um. Sein Pullover war von dem Gezerre am Nacken ausgebeult. Der Junge sah albern aus und wußte es. Teilnahmslos beobachtete St. Ives Pádraigs Verwirrung und lächelte. »Hat dir den ein Mädchen gekauft, Sully?« Pádraig, der sich eine Bettlänge entfernt hatte, drehte sich wieder um. Der Pullover war nun über den Schultern verrutscht, und er zog ihn zurecht: »Meine Mutter hat ihn mir gekauft. Sie meinte, er würde in meinem Beutel nicht knittern.« Dann rieb er sich mit beiden Händen über das Gesicht. »Ach, ist das blöd! So über meinen Pullover zu quatschen. Du suchst doch nur eine Möglichkeit, mich herunterzumachen. Zum Teufel damit!« 11
»Genau!« sagte Ted Poznan, der auf einem der Betten saß. Er schüttelte das Nagellackfläschchen und begann, eine zweite Schicht aufzutragen. Die Nägel seiner Rechten waren lang, dick und gelblich vom jahrelangen Lackieren. »Die Verstand ist ihr eigener Herr.« Elen, die unter ihm saß, machte eine müde Geste mit gespreizten Fingern. »Warum sagst du ›die‹ Verstand, Ted. Ist der Verstand denn weiblich?« Teddy schenkte ihr einen seiner sehr häufigen ernsten Blicke. »Warum sollte ich nicht ›die‹ anstelle von ›der‹ sagen? Früher habe ich immer ›dei‹ für beides gesagt, aber niemand hat mich verstanden. Ich bemühe mich immer, sexistische Ausdrücke zu vermeiden.« »Oh, wie dir das gelingt, Teddy, wie wunderbar dir das immer gelingt!« Während sie zu Ted Poznan sprach, wandte sie ihren Blick doch nicht von Pádraig, und ihre Finger glitten abwesend über die Wirbel der hohen Harfe. »Es gibt niemanden, der sich politisch korrekter ausdrückte. Nicht in ganz Kalifornien.« Long erhob sich und ließ Marty Frisch-Macnamara von seinem Schoß gleiten wie eine Katze. Dann zog er ein Taschentuch aus der Hosentasche und schneuzte sich die Nase, die wund aussah. Auch seine bernsteinbraunen Augen waren gerötet, und er atmete mit geöffnetem Mund. Er litt an einer fürchterlichen Erkältung. »Acht Wochen«, bemerkte Martha Macnamara mit großer Überzeugung. »Es sind heute acht Wochen her, seit einer von uns sein Zuhause gesehen hat. Denkt bitte jeder daran und seid nachsichtig.« 12
Es schien nun, als vergehe der unangenehme Augenblick und löse sich in allgemeiner Erschöpfung auf, doch George St. Ives blieb unversöhnlich. Er blickte Martha, die die Gruppe leitete, finster an und dann in eine andere Richtung. Seine knochigen, nervösen Finger klopften einen Takt auf der Hüfte. »Ich glaube, es ist nichts dagegen zu sagen, wenn jemand Einwände gegen die Dinge erhebt, die unsere … Richtung hier stören. Immerhin haben wir eine Menge Opfer gebracht. Es ist bitter, von den Kritikern ignoriert zu werden. Daß die Säle voll sind und wir trotzdem nichts davon haben …« »Das ist keine Originalmelodie, George«, warf Elen ein. »In den vergangenen acht Wochen haben wir alle Variationen dieses Themas durchgespielt.« Martha mischte sich ein: »George denkt also, ich hätte einen Fehler begangen, weil ich es nicht bei den wirklich großen Konzertsälen versucht habe. Vielleicht hat er recht. Aber das war eine Entscheidung, die ich vor vielen Monaten treffen mußte. Und vielleicht darf ich hinzufügen, daß es besser ist, einen kleinen Saal ausverkauft zu haben, als wie kleine Kröten in einem großen leeren Tümpel zu sitzen. Diese Tournee wird genau das erbringen, was ich vorausgesagt habe.« »Auch wenn wir das fehlende Bargeld von gestern abend nicht wiederfinden?« fragte Teddy. Long räusperte seine verschleimte Kehle. »Dafür bin ich verantwortlich.«
13
Martha drohte ihm mit dem Zeigefinger: »Du wirst es nicht aus deiner eigenen Tasche ersetzen! Das ist einfach Glück und Pech der Straße.« »Und ich bin der Tournee-Manager.« »Und ich bin der große Mufti persönlich, und ich sage dir …« St. Ives schaltete sich mit erhobener Stimme ein: »Genug! Ich habe nicht über Geld geredet. Wenn ich an Geld dächte, würde ich mich mit einer ganz anderen Arbeit befassen. Ich will, daß meine Musik gehört wird. In diesem Jahr. Heute abend. Das Leben ist unsicher, und alle alten Künste liegen in den letzten Zügen. Und wir sitzen hier, ein paar wenige, die wissen, was verloren gegangen ist. Ich hatte gehofft… vielleicht hätten wir …« Jetzt wandten fast alle den Blick von St. Ives ab. Einige seufzten. Marty tapste umher. Aber falls George diesen Mangel an Aufmerksamkeit gespürt hatte, so ließ er ihn nur um so entschiedener weiterreden. »Die Musik, die wir machen, ist nach traditionellen keltischen Standards nicht einmal korrekt. Wie könnte sie es auch sein, wo Pozzy eine spanische Gitarre spielt und Sully eine deutsche Querflöte aus dem neunzehnten Jahrhundert. Vom Akkordeon ganz zu schweigen: Ein fabrikgefertigtes Monstrum viktorianischer Herkunft, das man weder stimmen noch reparieren kann …« St. Ives hielt inne und dachte bekümmert über die Schwächen eines Akkordeons nach. »Aber hört mal! Wir brauchen das moderne Publikum nicht mit bizarren Kostümen einzufangen.« 14
Martha kratzte sich mit beiden Händen den Kopf, bis ihr graues Haar auf und ab wippte. Sie wirkte sehr betroffen. »George, wenn wir deiner Einschätzung folgten, was traditionell ist, ständest du allein mit deiner Flöte oben auf der Bühne.« Darüber schien er nachzudenken. »Nein, ich bin zu dem Zugeständnis bereit, daß die Harfe ein traditionelles keltisches Instrument ist.« »Danke, George, aber ich fürchte, ich habe nicht die Kraft, deine Wertschätzung auszuhalten«, erwiderte Elen gelangweilt. Sie lehnte das fragliche Instrument schützend gegen ihre Schulter und fuhr fort, es zu stimmen. »Beruhigen Sie sich, Miß Evans. Ich meinte die Harfe und nicht die Harfenistin. Ihr Spiel verrät nicht mehr Traditionen als, sagen wir, Ravels.« Er rieb sich mit seiner knochigen Hand die Augen und zuckte wegen irgendeines inneren Schmerzes zusammen. Elen Evans sah sich mit einem unnatürlich unschuldigen Blick um. »Na! Ich glaube, ich wurde gerade beleidigt!« Ihr Blick traf auf den Pádraigs. Vielleicht war ihr Blick bloß träge, und Pádraig las lediglich seinen eigenen Schmerz darin. Aber ó Súilleabháin, der unglücklich und stumm in seinem verzogenen Pullover dagestanden hatte, verfärbte sich nun von rot zu blaß und sprang mit geballten Fäusten auf den Flötisten zu. Er berührte ihn jedoch nicht, weil sich der geplagte Mr. Long dazwischenschob. Dieser Herr war auf der Suche nach frischen Papiertaschentüchern irgendwie zwischen die beiden getreten. Pádraigs Arm wurde sanft 15
von einer dunklen Hand umfaßt, die der Junge nicht abschütteln konnte. »Bi curamach, a Phadraig«, sagte Long sehr leise und wandte sich ab. Die Taschentücher lagen auf dem Tisch neben St. Ives. Long streifte den stämmigen Flötisten zufällig, als er um ihn herumgriff, und St. Ives taumelte. St. Ives hieb, nun zum ersten Mal mit den Anzeichen von Wut, zurück, doch mit dem einzigen Erfolg, daß er rückwärts auf der Matratze landete, die unter seinem Gewicht federte. »Mach einen Spaziergang, um dich abzuregen, George«, sagte Martha leise, doch alle im Zimmer wandten sich überrascht zu ihr um, selbst George. Er schürzte die Lippen, die in seinem lockigen, bisonähnlichen Bart verborgen waren. Unter den vielen Schichten seiner Pullover plusterte er sich auf. Er erhob sich, schien aber den leisen Vorschlag zurückzuweisen, der in Wirklichkeit ein Befehl gewesen war. Long stand neben ihm, und ihre Schultern berührten sich fast. Wieder schneuzte er sich diskret. »Schöner Nachmittag für einen Gang durch Santa Cruz, St. Ives«, sagte er mit vornehmer Begeisterung. »Blauer Himmel, eine Brise vom Meer. Das ist eine gute Art, schwindende Inspiration wieder aufzufrischen. Oder vielleicht, um über den Niedergang der alten Künste nachzudenken. Falls man nicht ein Mittagsschläfchen vorzieht.« »Ich persönlich …« Er warf das Taschentuch in den Papierkorb neben dem Bett. »… werde ein Schläfchen 16
halten.« Und blickte bedeutsam zwischen dem Bett und St. Ives hin und her. Der Flötist verließ, zur Überraschung fast aller Anwesenden, den Raum ohne ein weiteres Wort. Sie hörten seine Schritte über den Gang hallen und durch die Hintertür des Hotels verklingen, denn St. Ives wohnte nicht mit den anderen zusammen. Elen betrachtete Long mit übertriebenem Respekt. »Der Muskelprotz unserer großen Lady?« Er zwinkerte sie mit geröteten Augen an. »Nun, immerhin ist das mein Zimmer, Elen. Er konnte ja hier wohl kaum ein Sit-in anfangen.« Ihr Blick wurde noch ungläubiger. »Nein, das hätte er nicht gewagt. So unhöflich würde George nie sein. Ich glaube, er denkt, Sie haben einen Revolver bei sich.« Bei dem Hinweis, daß dieses schönste Zimmer des Mittelklassehotels von Long bewohnt wurde, erhoben sich alle Musiker. Aber Mr. Long war von der Gasse zwischen den Betten zurück zum Frühstückstisch gegangen, wo er sich gnädig lächelnd setzte und keine weiteren Anzeichen von Schläfrigkeit verriet. »Ich nicht, Daddo«, sagte Marty und rückte von ihm ab. »Ich will gar nicht schlafen. Will lieber Spazierengehen.« Niemand gab ihr eine Antwort. Als klar wurde, daß die unangenehme Szene vorbei war, spürte man Erleichterung im Raum. »Ravel«, meinte Elen Evans nachdenklich, während sie auf der linken Saitenreihe Oktaven anschlug. »Mir gefällt Debussy aber besser.« Sie zupfte einen lauten,
17
rollenden, unharmonischen Akkord über die gesamte Harfe, von oben bis unten. Teddy antwortete eher den unglücklichen Saiten, als auf Elens leidenschaftlose Worte. »Laß dich davon nicht aus der Ruhe bringen, Elen. Ich glaube, George fühlt sich nicht sehr wohl. Irgendwie ist er innerlich aus dem Gleichgewicht. Wird von innen her verfolgt, weißt du. Er muß sich irgendwie neu einstellen.« Ihr Gesicht erinnerte nun an das Stan Laurels, so leer starrte sie ihn an. »Du meinst geistig, Teddy? Oder ist es chiropraktischer Natur?« »Eins von beiden oder beides. Oder es ist ein Ernährungsproblem. Ich denke an seine Aminosäuren …« »Ich glaube eher an eine Regression über die Geburt hinaus.« »Du hast ein wunderbares Talent, jemanden zu akzeptieren, Ted«, sagte Martha lobend. »Ich gebe zu, er geht mir ungeheuer auf die Nerven, wenn er damit anfängt. Dabei greift er nicht einmal mein Ego an wie bei dir.« »George kann Teddy eigentlich nichts anhaben.« Elen lächelte wie eine Madonna, zupfte eine Oktave und zuckte bei dem Ton zusammen. Dann stieß sie sehr leise einen groben Fluch aus und drehte wieder den großen Stimmschlüssel. »Nicht so wie Pat.« Ted blies auf seine häßlichen Nägel. »Er ist nicht gerade scharf auf meine Gitarre. Jedesmal, wenn ich eine Akkordfolge spiele, merke ich, wie er zusammenzuckt. Aber das ist sein Problem und nicht meines.«
18
»Es geht ihm aber wirklich an die Nieren, weißt du. Alles, was er tut, muß perfekt sein. Und von der Sorte gibt es nur wenige.« Pádraig ó Súilleabháin blickte Ted besorgt an. »Glaubst du … war es falsch von mir, wütend zu werden? Vielleicht begreife ich nicht genug …« »Wütend werden hilft nie, das steht fest, Pádraig «, antwortete Ted, legte dem Iren eine Hand auf die Schulter und schüttelte ihn mit warmer Brüderlichkeit. »Aber ich verstehe deine Reaktion sehr gut. Es fällt einem wirklich schwer, die Beherrschung zu behalten, wenn das Gegenüber sie verliert. Es ist aber wichtig, daß die Kanäle zwischen dir und diesem Jungen offen bleiben.« Pádraig riß die Augen auf. »Was …« Martha, die vor dem Spiegel ihr Haar gekämmt hatte, hielt lange genug damit inne, um über seinen Gesichtsausdruck zu lachen. »Das ist kalifornisch, Pádraig.« »Milde Worte«, fügte Long helfend hinzu. »Ich glaube, er meint, du solltest dich weiterhin um eine Unterhaltung mit St. Ives bemühen – oder besser, ihm die Worte aus dem Mund ziehen.« »Und dabei würde ich gern behilflich sein«, meinte Elen mit einem boshaften unterdrückten Lachen. Ted nickte nach rechts und links. »Okay, okay, ihr habt meine volle Zustimmung, euch über mich lustig machen zu dürfen. Jederzeit. Sonst fange ich noch an, mich selbst ernst zu nehmen.« Er schlug sich mit dem Handballen in den Nacken und gähnte zufrieden. »Das ist alles ein Kreislauf, meine 19
Freunde und Nachbarn. Alles kommt immer wieder an der gleichen Stelle an.« Er stand auf und betrachtete seine häßlichen Gitarrenspielernägel, streckte seinen schlanken Körper nach links und rechts und verließ den Raum. »Oh, du Wellenlänge des Entzückens! Süße Heimat Kalifornien!« rief er ihnen noch aus der Tür entgegen und war verschwunden. »Das macht er absichtlich«, murmelte Martha. »Er redet perfektes Englisch, wenn er will. Ich glaube, es ist wichtig für ihn, eine starke ethnische Identität zu haben.« Elen Evans lachte auf. »Ich habe ihn gefragt, warum er, zum Teufel, traditionelle keltische Musik spielen will, wo er im Herzen doch ganz und gar auf New Age steht, und wißt ihr, was er antwortete? Tänze und Flöterei halten ihn auf dem Boden. Mich reißen sie immer glatt vom Hocker!« Martha seufzte. »Aber Teddy spielt seine Parts sehr gut. Er hat ein Gehör für den traditionellen Klang und macht keinen Firlefanz. Läßt sich offensichtlich nicht so hinreißen wie … andere.« Sie brummte und trommelte mit den Fingern auf den Knien. »Was ihn auf dem Boden hält, macht mich, glaube ich, fertig.« Long antwortete ziemlich heiser: »Das ist nicht die Musik, Martha, sondern es sind die Musiker. Neben der Verantwortung in deiner Position solltest du dir auch Privilegien gönnen. Verbiete doch George einfach, dich damit zu belästigen.« »Verbieten!« Martha stieß ein einsilbiges Lachen aus, das halb erstickt klang. »Mein Lieber, George vom 20
›Belästigen‹ abzuhalten, würde bedeuten, ihn an der Existenz zu hindern!« »Das stimmt«, meinte Elen. »Das grundsätzliche Wesen von St. Ives…« »Es liegt in seinem Interesse, euch alle davon zu überzeugen, aber er ist ebenso wie jeder andere in der Lage, damit zurechtzukommen …« »Setz doch sein Gehalt herab«, schlug Pádraig mit einem Anflug von Boshaftigkeit vor. Martha lehnte sich mit dem Rücken an die Wand und legte den Rock ordentlich um ihre Beine. »Ich verbiete euch allen, mich weiterhin damit zu belästigen«, sagte sie. »Ahh«, sagte Elen, und alle verfielen in Stillschweigen. Die Wände des Hotelzimmers waren weiß, das vom Licht des Himmels, des Meeres und des Straßenpflasters noch heller wirkte. Bevölkert mit diesen zusammengesackten Gestalten und ihren müden Gesichtern hätte es das Wartezimmer eines Arztes sein können. Marty FrischMacnamara sprang zum Fenster und zog die Jalousie beiseite, um auf den Strand und den Pier von Santa Cruz zu schauen. Die anderen, denen man die Debatte abgeschnitten hatte, verfügten nicht über ihre Energie. Sie blickten einander an. »Es tut mir leid«, sagte Pádraig zu Elen gewandt. »Weil ich fast jemanden in deiner Gegenwart geschlagen habe. Ich bin sonst nicht so gewalttätig.« Ihr kleines, dunkles Gesicht wurde vor Erstaunen rund. »Gewalttätig? Du, Pat? Daß das Unglück dich behüte!«
21
Pádraig ruckte unruhig hin und her, weil er nicht sicher war, was sie gesagt hatte. Seine Jeans stand in der Taille etwas ab, weil Pádraig ó Súilleabháin auf dieser Tournee abgenommen hatte. Martha, die sich gegen das Kopfende des anderen Bettes lehnte, schlug beide Hände auf die Knie. »Acht Wochen«, wiederholte sie. »Diese Tournee dauert jetzt acht Wochen und hat uns durch neunzehn amerikanische Staaten sowie in die Hauptstadt geführt. Ich glaube, seit langem ist niemand mehr dafür verantwortlich, was er oder sie gesagt oder getan hat. Von mir einmal abgesehen, weil ich euch alle dazu gebracht habe.« Mayland Long wandte sich zu ihr. Seine schlanke Gestalt hatte die Eigenart, daß sie nicht nur Kopf und Hals zu drehen schien, sondern den gesamten Oberkörper. Sonnenstrahlen brachen sich auf seinem Rohseidenanzug und ließen seine hellen Augen fast gelb erscheinen, doch die Dunkelheit von Gesicht und Händen konnte kein Licht aufhellen. »Bereust du es, Martha?« Die Frage klang staunend, und Long verschränkte seine Hände (seine Finger reichten über das jeweils andere Handgelenk hinaus), während er auf ihre Antwort wartete. Martha runzelte mit in die Ferne gerichtetem Blick die Stirn. Einen Augenblick später schnaubte sie höchst undamenhaft. »Bedauern? Nein. Kein bißchen. Ich wußte, daß es solche Augenblicke geben … daß die Fetzen fliegen würden bei einer Gruppe von Musikern, die so fähig und verschieden sind wie wir. Die Leute arbeiten nicht anständig, wenn ihnen nicht bestimmte Dinge am Herzen 22
liegen – manchmal die albernsten Sachen –und kein anderer Musiker hat so untraditionelle Gedanken wie der traditionelle. Was zählt, ist doch nur die Musik, die wir machen.« Sie erhob sich vom Bett. Ihr Wickelrock mit den winzigen, aufgedruckten Segelbooten war nicht mehr glatt. An einer Kopfseite lag das Haar, gerade neu gekämmt und gewellt, flach an, wo es das Bett berührt hatte. Aber ihre blauen Augen fingen das Licht vom Fenster auf wie zwei Himmelskreise, und jeder im Zimmer hörte zu, sogar Marty, ihre Enkelin. »Und ich habe erreicht, was ich wollte. Wir haben unser kleines Wunder bewirkt. In Chicago hat man Feuer gefangen, und gestern abend in San Francisco …« Sie kratzte sich den Kopf, und ein leises Lächeln ließ ihren Mund weicher erscheinen. »… da haben wir fast… unsere eigenen Grenzen überschritten.« Elen Evans beantwortete ihr Lächeln. Sie merkte, wie ihre Schultern herabsanken, und wußte, wie angespannt sie bis jetzt gewesen war. Sie sah Long an und fragte sich, ob dieser die ungeheure Bedeutung dessen erkannte, was Martha gerade gesagt hatte. Bedeutsam für Menschen wie sie selbst und Elen, sogar für St. Ives, die einfach ihre Musik spielen mußten, ob die Leute sie nun hören wollten oder nicht… Long aber war anders. Er war kein Musiker. Und gewiß hatte er keine keltischen Wurzeln, um sein Interesse an deren Geschichte anzufachen. Bei Long wußte man nie, woran man war, denn sein Gesicht verriet nichts. Das war ein Vorteil bei einem Manager, vermutete sie. Vielleicht 23
war so etwas leichter für einen Chinesen oder Indonesier oder … Was war er eigentlich? Was war er, abgesehen von verrückt nach Martha? Elen Evans lehnte ihr Gesicht gegen die Säule ihrer Dreifachharfe, um ein schadenfrohes Lächeln zu verbergen. »Manche von uns finden ihre Grenzen leicht!« Das war wieder Pádraig, und seine Worte klangen bitter. Ehe Elen hinter ihrer Harfe ihm antworten konnte, war er aufgestanden und hatte den Raum verlassen. Sie folgte ihm und griff im Vorbeigehen nach einem großen Netz, in das sie den Stimmschlüssel fallen ließ. Das Netz schwang aus und schlug hart gegen die Kommode. Es klang nach zersplitterndem Holz. Ruhig und gelassen verfluchte sie das Ding, während sie die Tür hinter sich schloß. »Ach, du liebe Güte«, stöhnte Martha, die sich schlaff in einen Korbstuhl fallen ließ. Long sah sie an. »Das war noch nicht das Ende«, sagte sie. »Ich meine St. Ives.« »Mir hat das keinen Spaß gemacht«, verkündete Marty und sprang wieder auf Mayland Longs Schoß. »Das wollte ich dir auf jeden Fall sagen, Daddo.« Martha stieß ein recht brüchiges Lachen aus und warf die Packung mit den Papiertaschentüchern quer durch das Zimmer. Der Ozean wirkte geteilt: Bis hundert Meter jenseits des Piers von Santa Cruz trug er eine warme Jadetönung, während er hinter der scharfgezogenen Linie dort kalt und kompromißlos blau schien. Die Flut rollte in langen, sanften Wellen herein, auf denen sich kein Weiß zeigte. 24
Mayland Long und Martha Macnamara saßen nebeneinander auf einer Bank am Ende des Piers. Eine leichte Brise, die einmal nach Blumen und einmal nach Fisch roch, umgab sie. Marty beugte sich über eine eingezäunte Öffnung im Boden des Piers, aus der man das Bellen von Seehunden hörte. Sie trug gelbe Hosen, ein weißes T-Shirt und eine Sonnenbrille aus Plastik, die von weißgelben Gänseblümchen gerahmt war. Long hatte seinen Zeigefinger in ihren Gürtel gehakt, damit sie nicht hinabfiel. Die dunkle Hand glänzte von Schuppen, weil er dem kleinen Mädchen beim Füttern der Seehunde geholfen hatte. Niemand, auch nicht die Kleine, hatte in den letzten fünf Minuten etwas gesprochen. Marthas Aufmerksamkeit trieb mit der Flut vom leeren Horizont im Westen zum bunten Riesenrad auf dem Kai bis zum spitzen Leuchtturm. Sie dachte an Mendocino, wo sie in den letzten vier Jahren gelebt hatte, und fragte sich, wie man an einem Ort, der dem Zuhause so ähnlich war, so starkes Heimweh bekommen konnte. Und warum begab sie sich wieder auf Tournee, wo sie doch das Geld nicht brauchte und zudem alt genug war, um zu wissen, wo sie sein wollte? Erwartungsvoll wandte sie sich an Long, als habe sie diese Frage laut gestellt. Aber er war ihren Gedanken nicht gefolgt. Er hatte seinen dunklen Kopf nach vorne fallen gelassen, die Augen geschlossen. Seine Nase war offensichtlich stark verschnupft, und die Haut spannte über den Gesichtsknochen: Darunter lag sehr wenig Fleisch. Martha biß auf ihre Unterlippe, denn plötzlich bemerkte sie das Grau an seinen Schläfen. Hatte sie gewußt, daß 25
auch er grau werden würde? Liebe Güte, sie waren jeden Tag zusammen, und sie hatte es nicht bemerkt. Nein, gewiß hatte sie es gemerkt, auf irgendeine Weise. Heute war sie nur einfach zu müde. Die Dinge standen nicht im richtigen Licht. Und wenn Mayland nun wirklich älter aussah? Nun, auf sie traf das auch zu. Sie hatte ihn nicht gezwungen, ihr von einer Stadt in die andere und von einem Land ins nächste zu folgen. Das war seine Idee gewesen. Und sie hatte ihn nicht zu dem gemacht… was er war. Was für ein häufig trauriges Wesen er nur war. Seine Augen öffneten sich und blickten sie direkt an. Der Virus betonte die Mongolenfalten in den äußeren Winkeln, und er wirkte noch chinesischer. »Ich habe keine Ahnung, warum die Menschen manchmal das tun, was sie tun. Keinerlei Ahnung.« Sie war verdutzt. Hatte sie doch laut geredet? »Meinst du dich selbst – warum du hier bist – oder warum ich Mendocino überhaupt verlassen wollte?« Die Augen zogen sich zu Schlitzen zusammen, und er lachte. »Keines von beiden. Ich spreche über die Auseinandersetzung im Hotel. Man müßte doch meinen, ich würde die menschliche Natur inzwischen begreifen, wenn man bedenkt, wie lange ich sie schon studiere.« Martha runzelte in Gedanken die Stirn. So wirkte sie recht trotzig, trotz ihrer blauen Augen und der rosigen Haut. »Du verstehst nicht, warum Pádraig so wütend wurde?«
26
»Jedes Wesen reagiert auf einen Angriff, indem es sich verteidigt, wenn es nicht fliehen kann. Nein, ich staune mehr darüber, warum St. Ives überhaupt angreift, und warum er sich so oft Pádraig als Opfer aussucht. Der Junge stellt doch keine Bedrohung dar.« Als Martha aufstand, fing sich der Wind in ihrem Rock. Sie legte eine Hand aufs Knie, um ihn festzuhalten, während sie neben Marty trat. Unten im Schatten ruhten die glatten Körper der Seehunde mit ihren kleinen Hundegesichtern auf den Verstrebungen des Piers oder trieben mit nach oben gerichtetem Blick auf dem schwarzen, wirbelnden Wasser. »Keine Fischchen mehr«, rief sie ihnen zu, und als Marty einen robbenartigen Laut des Protests von sich gab, fügte sie hinzu: »Kein Geld mehr, um Fischchen zu kaufen.« »Pádraig ist doch keine Konkurrenz für George. Er ist einfach seine natürliche Beute. Du kannst deutlich sehen, wie George mit den Gefühlen des armen Jungen spielt, auf der ganzen Skala, von Wut über Entmutigung bis zum Selbsthaß. Pádraig ist erst zwanzig, während George fast so alt ist wie ich.« »Ganz unverkennbar ein Museumsstück.« »Nun – seine Kunst ist alt. Aber Pádraig ist auf allen Gebieten auf einmal mit Neuem konfrontiert: der Geographie, den Menschen, dieser verrückten Lebensweise.« Martha zuckte die Achseln. »Und ich habe seiner Mutter versprochen, gut auf ihn aufzupassen.« Long schneuzte sich. »Sei nicht albern, Martha. Du kannst doch keine Herzlungenmaschine für den Jungen 27
darstellen. Immerhin ist er gesund. Das ist ein großes Glück und ein guter Grund, um neidisch zu sein.« Er trat jetzt neben sie und blickte auf die Seehunde hinab. Einer von ihnen hob den Kopf und bellte, und dann waren sie alle im aufgewirbelten, glitzernden Wasser verschwunden. Marty stieß einen Schrei der Enttäuschung aus. Martha stieß Long kameradschaftlich in die Seite. »Pádraigs Vater hat ein Fischerboot vor Dunquin, mein Lieber, und Pádraig selbst ist einer der besten Segler auf Iv Ráth. Dinghirennen. Er hat mich auch einmal in einem naomhog mit vollen Segeln mit hinausgenommen – ich dachte, ich würde sterben. Aber es klappt nicht, wenn er mit seinem Vater arbeitet.« »Verstehen sie sich nicht?« Long legte eine Hand um Marthas Schulter und die andere auf Martys Flachskopf. Das kleine Mädchen schüttelte sie ab. »Seosebh kann die Dinge nicht gut erklären. Und er gerät leicht in Wut. Er nennt den Jungen einen asal und – schwups! –wird er auch wirklich zum Esel. Mit langen Ohren und allem, was dazugehört. Macht dumme Fehler mit dem Netz, wendet, wenn er raffen soll oder was auch immer. Es hat keinen Sinn. Hier verläuft es nach dem gleichen Muster. Ich habe ihn zu Hause oder in der Óstán Dun an Óir gesehen, wie er seine Materie völlig beherrscht und sein Akkordeon wie eine sechshändige Shiva spielt. Die Touristen hatten ja keine Ahnung, was sie zu ihrem Guinness serviert bekamen! Aber …« »Und hier tut er das nicht?« 28
Martha lehnte sich gegen den weißen Lattenzaun. »Mmh? Nun, er ist in Ordnung. Aber er hat Angst und ist unglücklich und spielt wie ein Junge, der ängstlich und unglücklich ist. Er hört sich zu und weiß, daß es nicht gut ist. Der Kreis hat sich geschlossen. Was sagte Teddy noch?« »Alles ist ein Kreislauf…« »… ›und alles kommt wieder an der gleichen Stelle an.‹« Sie legte ihm die Finger auf den Mund. »Wie konnte ich das nur vergessen.« Mayland Long seufzte. Wieder schneuzte er die Nase und vergaß das Problem mit Pádraig ó Súilleabháin . Er lehnte sich anmutig über das Geländer und hielt nach Seehunden Ausschau. Am Strand sah man Taucher in ihren Anzügen, die wie Enten watschelten und Marty FrischMacnamara entzückten. Als sie unter dem Pier hergingen, bewarf sie sie mit Popcorn. In der nächsten Stunde bestand die einzige Sorge der kleinen Gruppe in dem Wind, der unter Martha Macnamaras Rock fuhr. * »Judy mag den alten George nicht«, verkündete Marty, auf dem Rückweg zum Hotel. Ihre Großmutter seufzte. »Warum sollte Judy anders sein als die große Mehrheit der Menschheit?«
29
Long blickte auf das kleine Mädchen herab, das er trug. »Wer ist… Martha Rachel Frisch-Macnamara, wo ist deine Sonnenbrille?« Die Kleine schlug sich mit beiden Händen auf die Augen und schnitt eine übertriebene Grimasse des Staunens. »Ich habe keine Ahnung, Daddo, nicht die kleinste Ahnung.« Martha nahm sie und setzte sie auf den Boden. »Manchmal klingt sie so sehr wie Elizabeth, daß es mir kalt den Rücken herabläuft!« Sie bemerkte, wie Long aufmerksam den Weg entlang blickte, den sie gekommen waren, und sagte: »Gib dir keine Mühe. Wir sind den Pier entlang gegangen, über den Strand und über eine verkehrsreiche Straße. Vermutlich liegt sie unten …« Aber er hatte sich bereits umgewandt und überquerte die Straße, bewegte sich geschmeidig und mit komischer Würde zwischen den Autos hin und her. Martha beobachtete ihn, wie er sich durch die Menschen am Strand schob und dabei jegliche Berührung vermied, jedoch den Blick aufs andere Ende des Piers geheftet hatte. Konnte er den Boden in so weiter Ferne überblicken? Konnte man das überhaupt? Martha schüttelte den Kopf. Man wußte nie, was er alles konnte. Hier war er, so gut, gebildet und reich, der treue Babysitter einer Dreijährigen. Er, der gerade anfing, Keyboardstunden zu nehmen, ein Millionär als Manager einer Gruppe, die in einem klapprigen Lieferwagen herumzog. Das klang alles so großartig, daß sie laut auflachte.
30
Marty blickte sie vorwurfsvoll an. Wie die meisten Leute konnte sie keine insgeheimen Scherze leiden. »Judy hat viel Angst. Sie ist nicht so wie ich.« Marty war seit vier Tagen bei der Gruppe, lange genug für Martha, um etwas über das offene Wesen ihrer Enkelin zu erfahren. »Ist Judy ein Zimmermädchen oder eine Kellnerin?« Marty schnaubte und hörte sich an wie ihre Großmutter. »Ní héa.« Martha übersetzte in Gedanken diese Verneinung. »Oh, Pádraig hat dir also Irisch beigebracht. Das ist aber schön.« Marty zog wieder eine Grimasse, diesmal über das Ausmaß der Dummheit von Erwachsenen. »Nicht Pádraig, Martha. Daddo war es. Aber es war chinesisch.« Martha glaubte dies nicht, wollte sich aber über den Punkt nicht weiter streiten. »Hat er dir auch gesagt, du sollst ihn Daddo nennen? Hat er dir verraten, was es bedeutet?« Das kleine Mädchen nickte angestrengt. »Es bedeutet ›Großvater‹.« Da preßte Martha die Lippen aufeinander und starrte hinter Long her, den sie nun nicht mehr sehen konnte. »Oh, ihr betet die Quelle aller irdischen Energien an?« Martha zuckte zusammen. Ted stand hinter ihnen. Der Wind fegte durch seine Haarsträhnen. Er lächelte, und die Haut um seine Augenwinkel legte sich in Fältchen, obwohl sein Gesicht so jung war. Er trug nichts außer Shorts und Plastiksandalen. Eigentlich wirkte er wie ein junger 31
Sonnengott. Seine nackte Haut hatte die Farbe von frischem Kirschbaumholz. Kalifornier, meinte sie bei sich. »Nein, eigentlich wehren Marty und ich Seine Majestät mit Paraaminobenzoesäure ab. Wir bekommen so leicht Sonnenbrand.« »Bei mir pellt sich die Nase«, meinte Marty bekräftigend. Ted nickte und setzte sich aufs Pflaster neben Marty, wodurch er Vorübergehende zwang, auf die Straße zu treten. Martha wollte gerade etwas darüber sagen, als sie bemerkte, daß niemand der beeinträchtigten Passanten auch nur im geringsten etwas dagegen zu haben schien. Kalifornien »Das ist aber dumm. Weißt du, das bessert sich aber mit der Zeit. Reib dich nur jedesmal, wenn du ausgehst, mit dem Zeugs ein, dann kommt die Sonne langsam an dich heran, und du wirst braun, ohne zu verbrennen.« »Braun werden heißt casadh«, sagte das Mädchen. »In Irisch.« Martha unterdrückte den Wunsch, Marty zu widersprechen und zu sagen, daß das Wort chinesisch sei. Teds dunkle, unschuldige Augen blickten jetzt noch unschuldiger. »Ja? So heißt Braunwerden?« »Nein, wenn einfach etwas wechselt. Und wenn man eine Melodie verändert, fr'insanse.« Martha fiel auf, daß Teddy sich Mühe gab, mit Marty zu diskutieren. Sie verlangte viel Aufmerksamkeit von Erwachsenen. Wenn er auch nur ein kleines bißchen 32
herablassend reagiert hätte … Wenn er sich von ihr hätte Dinge verraten lassen, die er bereits wußte. Aber das würde er nie tun. Ted Poznan war einer von Martys Lieblingen. Martha fühlte sich ermutigt, ihr bißchen Bildung zu Martys kleinem Weisheitsschatz hinzuzufügen. »Das ist unsere Erkennungsmelodie, Marty. ›Casadh an t'Sugain‹, das Knüpfen des Seils. Wir spielen es jeden Abend zweimal, einmal langsam und einmal schnell.« »Ich weiß.« Martha fragte sich, ob Martys Antwort so überheblich klang, weil sie sich nicht zu ihr aufs Pflaster gesetzt hatte wie Teddy. »Ich habe mit George geredet.« Ted blickte zu Martha hoch. »Ich glaube, wir können unseren Freund wieder hinbiegen.« Martha hätte George St. Ives niemals ihren Freund genannt, so sehr sie seine Musik auch schätzte. Doch sie hätte sich auch nicht getraut, über sein ›Hinbiegen‹ zu sprechen. Sie schwieg. »Ich glaube, er ist innerlich blockiert, und vor Schmerz schlägt er dann um sich. Das würde jeder so machen. Wenn er sich erst einmal öffnet, können die großen, guten Dinge in ihn eindringen, wie die Sonne.« Ted sprach mit echter Begeisterung. Martha drängte sich unvermittelt die Frage auf, ob er sehr intelligent sei. Er war ein vollendeter Gitarrist, aber sie wußte nur zu gut, daß Musikalität mit Intelligenz nichts zu tun hatte. Sie versuchte, sich George St. Ives' stämmigen und gewöhnlich ungewaschenen Körper nackt im Sonnenschein vorzu33
stellen. Ihr inneres Auge, zu diesem Bild gezwungen, versuchte, es wieder loszuwerden. »Hast du ihm das gesagt?« »Klar habe ich das. Weißt du was, wir haben richtig miteinander kommuniziert.« Martha zwinkerte. Sie bückte sich und wollte sich neben ihn auf den Gehsteig setzen, als ihr ihr widerspenstiger Rock wieder einfiel. »Und er hat dich nicht verflucht oder dir geraten, dich um deine eigenen Angelegenheiten zu kümmern?« Ted strahlte sie an. Ihm schienen ihre unterschiedlichen Positionen nichts auszumachen. »Nein, Roshi. George …« »Nenn mich nicht so.« Marthas Stimme klang ziemlich scharf. »In Ordnung, Martha. Nein. George versucht so etwas bei mir nicht. Sollte er es versuchen, merke ich es vermutlich nicht. Durchlauf, verstehst du? Durchlauf. Und ich glaube wirklich, daß ich ihm helfen kann.« Martha starrte aufs Meer hinaus, das von dieser Stelle wie blankes Aluminium aussah. »In den fünf Tagen, in denen wir noch gemeinsam auf Tournee sind?« »Klar. Die Aufklärung vollzieht sich immer spontan, verstehst du.« Martha unterdrückte eine wütende Entgegnung. Es gelang ihr, mit relativer Ruhe zu sagen: »Warum? Warum gibst du dich mit ihm ab? Du hast ihn doch erst letzten Monat kennengelernt.«
34
Ted wandte sein Gesicht der Sonne zu und schloß die Augen. Auf seiner Stirn landete eine Fliege. Er ignorierte sie. »George St. Ives ist ein großer Musiker und eine alte Seele. Ein Schatzkästlein der wahren Tradition. Ich möchte tun, was ich kann.« Welche ›wahre‹ Tradition, wollte Martha wissen. Sie hatte gedacht, St. Ives hätte von Konzerten und verschiedenen Aufzeichnungen gelernt, genau wie sie und wie die meisten zeitgenössischen ›Traditionsmusiker‹. Sie konnte übrigens ohne nachzudenken sechs Stücke nennen, deren Quellen in ihrer eigenen ausgedehnten Plattenbibliothek lagen. Und sie hatte in Ottawa seine Tante kennengelernt und war in der Lage, den Mann von dem Bild, was er vermittelte, zu trennen. Doch sie beschloß, diese Frage für sich zu behalten. Immerhin war George wirklich ein guter Flötenspieler, und ihre eigenen Vorbehalte rührten vielleicht eher aus der Tatsache, daß George sich gern in ihre Solos hineinkämpfte. »Da kommt der Drache«, sagte Ted. Martha zuckte zusammen, wirbelte herum und erblickte Long, der wie ein Stierkämpfer durch den Verkehr auf sie zukam. »Warum nennst du ihn so?« fragte sie mit gepreßter Stimme. Ted schaukelte vor Vergnügen hin und her. »Das bedeutet doch sein Name – Long – im Chinesischen. Ist das nicht großartig? Findest du nicht, daß er zu ihm paßt? Wenn er sich ein neues Arrangement oder ein Instrument 35
ansieht, das er noch nicht kennt, dann glühen seine Augen vor Leidenschaft, es zu besitzen.« »Leidenschaft?« wiederholte Martha schwach. »Klar, echte Leidenschaft. Das Alter spielt dabei überhaupt keine Rolle, Martha.« Dann stieß Long zu ihnen, die verlorene Sonnenbrille in der Hand. Er begrüßte Ted, der der Gruppe noch einen Schwall schläfriger Zuneigung zukommen ließ und darauf verschwand. »Einer der Bügel ist ein wenig verbogen, aber das kann man reparieren.« Martha nahm die Sonnenbrille, ohne sie anzusehen. »Weißt du, was Ted mir gerade gesagt hat, Mayland? Das Alter spielt keine Rolle.« Long warf einen wütenden Blick auf den Rücken des jungen Mannes. »Unverschämter Bursche! Natürlich spielt es eine Rolle!« »Ach, komm, reg dich nicht auf«, beschwichtigte ihn Martha. »Wie kann er das wissen? Er ist erst in den zwanzigern. Kaum älter als Pádraig. Aber hat er nicht ein anziehendes Lächeln, mein Lieber?« Im gleichen Tonfall fügte sie hinzu: »Ich frage mich, ob er etwas im Schilde führt.«
36
Knüpft das Hochzeitsseil »Ich habe ein Gefühl, als müßte ich zwanzig Jahre Übung nachholen, die ich einfach nicht habe.« Pádraig legte seine Flöte auf die Kommode. Die alte Rosenholzflöte hatte nur eine Klappe und ein abgenutztes silbernes Mundstück. Das Paolo-Santori-Knopfakkordeon, das daneben lag, war hingegen brandneu und hellrot. »Ja, wenn es nicht geht«, erwiderte Elen Evans, sich neben ihn setzend, »dann renn auch nicht mit dem Kopf gegen die Wand.« Sie starrte mit leerem Blick in eine Ecke der Garderobe. »Außerdem brauchst du das gar nicht, Pat.« Pádraig ö Súilleabháin hatte ein Kindergesicht. Trotzig schürzte er die schmalen Lippen. »Gestern abend habe ich die Übergangspassage, die Martha für mich geschrieben hatte, nicht geschafft, und überhaupt. Niemand sonst bekommt seine Musik vorgeschrieben. Ihr anderen macht das alles allein.« Elen konnte ein unterdrücktes Lachen nicht vermeiden. »Du hast es nur ein wenig anders hinbekommen, Schätzchen, das ist alles. Aber einmal im Ernst, wie könnte irgend jemand anderes Musik für diesen Dinosaurier von einem Instrument, das ich spiele, arrangieren? Martha hat dir die Passage geschrieben, weil du sie darum gebeten hattest; das war zwar sehr nett von ihr, aber auch nicht besser als die Sachen, die du sonst von dir gibst, und
37
vermutlich viel schwerer zu spielen. Immerhin ist das gar nicht ihr Instrument. Außerdem glaub' mir, Pat, niemand außer uns hätte sich gestern abend auch nur träumen lassen, daß da etwas fehlte, und wir wissen es auch nur, weil du den Teil so oft geübt hast. Meiner Meinung nach zu oft.« »George hat es aber gemerkt, und das zählt.« Als Elen St. Ives' Namen hörte, blieb sie einen Moment stumm. Dann legte sie einen Knöchel auf das Knie des anderen Beines und spielte mit einem Volant an ihrem Rock. »Kümmere dich doch nicht um St. Ives. Er ist für alle nur unangenehm. Ich will dir einmal etwas verraten: Er ist gar nicht derjenige, den Martha für diese Tournee haben wollte. Ich selbst hätte es mir noch einmal überlegt, wenn ich gewußt hätte, daß er auch bei der Gruppe ist.« Pádraig, nun nicht mehr so finster, blickte auf. »Du sagst, er ist gar nicht derjenige, den Martha wollte? Gab es noch jemand anderen?« Da Pádraig ö Súilleabháin bei allen Fragen die Stimme am Ende senkte, brauchte Elen einen Sekundenbruchteil, um den Satz überhaupt als Frage zu erkennen. »Folsom«, antwortete sie dann. »Sean Folsom. Wir hatten einen Monat vor Beginn der Tournee alles geregelt, und peng! Er bricht sich das Rückgrat. Ist vom Dach gefallen. St. Ives war der einzige, den sie als Ersatz bekommen konnte.« Ein Lächeln überflog Pádraigs Gesicht, wie ein Sonnenstrahl einen grauen Tag. Er schlug sie auf den Oberarm, aber ein wenig zu fest. »Sie hat ihn da erst gefragt? Mich hatte sie sechs Monate vorher gebeten. Sie 38
hat mich zuerst gefragt!« Aber sogleich wurde er wieder ernst. »Und du sagtest, du hättest es dir überlegt? Aber mitgemacht hast du dann doch.« Sie zuckte die Achseln. »Ich wollte Martha Macnamara nicht im Stich lassen, aus keinem auch nur denkbaren Grund. Das hätte ich niemals getan; sie ist einfach zu anständig. Außerdem wäre das beruflich einem Todesurteil gleichgekommen, oder? Alle wissen, daß sie gut ist und immer alle Versprechen einhält, dem Publikum und den Mitspielern gegenüber. Daher habe ich nur tief geseufzt und ›La!‹ gesagt. Und jetzt bin ich hier.« »Da bin ich aber froh«, meinte Pádraig und wandte den Blick ab. »Doch ich glaube, es ist nicht Martha, die alles zusammenhält, sondern ihr Freund.« Elen lächelte verschmitzt, und diese Ermutigung reichte aus, daß Pádraig fortfuhr: »Und sie sind nicht einmal verheiratet, oder?« Elen Evans richtete sich auf der harten Bank kerzengerade auf. »Ganz gewiß habe ich danach nie gefragt. ›Sie strahlen dieses Image nicht aus‹, wie Ted es ausdrücken würde, und ich habe immer gedacht, das ginge mich nichts an …« Pádraig warf ihr einen Blick zu, der fast schadenfroh und schelmisch wirkte. »Aber das ist doch komisch. Sie sind doch keine jungen Dinger mehr, um damit Probleme zu haben. Warum machen Sie das nur?« Elen öffnete den Mund, doch einige Sekunden lang drang kein Laut über ihre Lippen. Pádraig lachte laut auf 39
über ihren Gesichtsausdruck. Endlich schlug sie mit beiden Händen auf ihre Knie und sagte: »Mein liebes Kind, wie lange bist du schon von zu Hause fort?« Das Kindergesicht wurde wieder leer, und der Junge wandte sich halb ab. »Nicht lange genug, um mit Macnamaras Band zu spielen. Martha hat gewußt, daß ich ebenfalls versagen würde.« Elen schlug sich wieder aufs Knie, aber viel fester. »Du Idiot! Wenn du so weiterredest, Sullivan, dann strenge ich mich an und hau dir eine!« Pádraig hatte einen Ärmel seines grellbunten Pullovers hochgeschoben und kratzte an einem roten Fleck auf seinem Unterarm. »Mach schon. Ich bin ja doch eine Null.« Und Elen folgte der Aufforderung mit absoluter Spontaneität und schlug ihm mit der rechten Faust gegen die Brust. Pádraig fiel nach hinten und landete rücklings auf dem Betonboden. Elen sprang auf, fluchte und leckte sich die Handfläche, in die sich ihre langen Harfenistinnennägel eingedrückt hatten. Dann erst bemerkte sie, wie Pádraig sie vom Boden her anstarrte. »Pat! Was habe ich getan? Ich habe dich verletzt!« Sie kniete nieder und legte ihre schmerzende Hand unter seinen Kopf. »Nein, überhaupt nicht. Ich bin vor Überraschung umgefallen«, antwortete er und zog seine Beine unter der Bank hervor. Dann grinste und errötete er gleichzeitig. »Das war ein schlechter Schlag. Keine Kraft dahinter.«
40
»Ich bin nicht in Übung. Meine Aggressionen lasse ich sonst auf subtilere Weise aus.« Elen stand auf und fegte mit der Hand über den lavendelfarbenen Baumwollrock. Einen Moment lang war sie beunruhigt, ob bei dem Sturz eines der Instrumente beschädigt worden war, die man für den Nachmittag in dem Raum aufbewahrte. Dann schob sie ihre kurzen Locken zurück und seufzte. »Machen wir einen Spaziergang.« Die Landaman-Halle diente sowohl als Theater als auch als Konzertsaal, und wie bei vielen Theatern öffnete sich die Bühne nach hinten direkt auf eine Rampe, die gewöhnlich mit Stahlrollläden geschlossen war. Sie gingen nach Osten und waren in der Gasse zwischen der Halle und dem gegenüberliegenden Supermarkt kaum zu erkennen. Als Martha und die anderen auf dem Rückweg vom Strand zum Hotel an dem Gebäude vorbeikamen, blickte Long zufällig hoch und sah ein dunkles Viereck, wo sich normalerweise die Stahltüren befanden. »Komisch«, sagte er und ging, Marty auf dem Arm, ein paar Schritte darauf zu. Martha war ein Stück vorausgegangen, und sein plötzliches Abbiegen überraschte sie. Sie folgte ihm in den kühlen Schatten der Gasse. Es fühlte sich nach der vielen Sonne auf der Haut angenehm an. Die rechte Tür stand offen, und sie konnte die Bühnendecke erkennen. Sonst sah sie nichts, weil sie nicht groß war und die Rampe hoch. »Wissen die denn nicht, daß wir unsere Geräte dort aufbewahren? Oder ist Santa Cruz so ehrenwert und aufrecht …?« 41
Long schnalzte ungläubig mit der Zunge. Er setzte Marty ab, umklammerte den Rampenrand und schwang sich hinauf. Man hörte das entmutigende Zischen und Reißen von Seide. Er ließ sich wieder fallen und starrte auf den rostigen Nagel, an dem sich sein Jackett verfangen hatte. »Oh, verdammt«, sagte er sehr vornehm und suchte in seiner Tasche nach etwas. »Das kann man stopfen«, meinte Martha, aber Long war zu beschäftigt, um ihr Aufmerksamkeit zu schenken. Er zog ein schweinsledernes Etui, etwa halb so groß wie eine Zigarettenschachtel, aus der Tasche. Darin steckten eine sehr hübsche Nagelschere und eine Edelstahlpinzette, die er nun herausnahm und mit den Spitzen seiner sehr langen Finger hielt. Mit chirurgischer Sorgfalt bohrte er sie in das Gewirr aus herabhängenden Fäden und verschlissenem Stoff und zog daran. Fasziniert beobachteten Marty und ihre Großmutter, wie ein Faden nach dem anderen zurück in das Gewebe gezogen wurde. Longs Gesicht war vor Konzentration angespannt. Endlich seufzte er tief und ließ das Schweinslederetui wieder zuklicken. »Es wird nie wieder wie vorher sein«, sagte er und warf einen reumütigen Blick auf die Rampe. »Jetzt werde ich auf altbekannte Weise die Tür benutzen.« Martha war der gleichen Meinung, weil sie nicht allein an den Schmutz dachte, sondern auch an die Möglichkeit, daß Diebe die Tür geöffnet haben konnten. Wenn man Diebe auf frischer Tat ertappte, dann wohl 42
besser nicht mit dem Kopf zuerst und an eine Rampe geklammert. Außerdem hing ein breiter Giebel aus Stein oder Beton in gefährlichem Winkel über dem Rand. Als ein Theaterrequisit bestand er vermutlich aus Pappmache. Um die Mitte war ein Kabel gespannt, das ihn an Ort und Stelle hielt, aber dennoch … ∗ Es ärgerte Mr. Long, daß man ihm nicht den Schlüssel zur Halle gegeben hatte. Die meisten Hausverwaltungen auf ihrer Tournee waren vertrauensvoller gewesen. Vielleicht auch realistischer. Es war reine Glückssache, daß im Vorraum jemand staubsaugte, und es war reine Hartnäckigkeit, daß Long unausgesetzt an die Glastür hämmerte, bis der Bursche ihn trotz des Lärms seiner Maschine hörte. Es war ein farbloser Mann in einer farblosen Hausmeisteruniform. Zum aus der Haut fahren! Der Bursche wollte einfach nicht zugeben, daß die Rampentür offenstand. Außer ihm und den Musikern sei den ganzen Tag niemand im Theater gewesen, und die großen Stahltüren würden, außer bei Lieferungen, niemals geöffnet. Er gab Long allerdings den Schlüssel für die Tür von der Bühne zum Hinterraum. Teppich und Bestuhlung der Landaman-Halle waren aus blauem Plüsch, der einen Hauch von Muffigkeit und kühle Zurückhaltung ausstrahlte. Die Holztäfelung an den Bühnenseiten und um den Orchestergraben war grau. Die Wände waren weiß, aber in dem schwachen Licht wirkten 43
sie ebenfalls grau, und Mr. Long zweifelte einen Moment lang, ob Macnamaras Band in einer solchen Grabkammer wohl Wärme ausstrahlen konnte. Insbesondere, weil innerhalb der Gruppe nicht viel Wärme herrschte. Aber das konnte man vorab nie wissen, überlegte er, als er durch die Tür trat, die zur Treppe links von der Bühne führte. Wenn sie auf der Bühne standen, vermittelten sie immer den Eindruck, ein Herz und eine Seele zu sein, und selbst die abgedroschenen kleinen Sätzchen und Scherzchen zwischen den einzelnen Nummern schienen das Gefühl auszustrahlen, sie seien eine große Familie. Vor sechs Wochen hatte es den Anschein gehabt, daß Pádraig ó Súilleabháins grobe Possen und seine Unbeholfenheit gegenüber Elen Evans einen dauerhaften Frieden verhindern würden – aber auch das hatte sich auf der Bühne nicht gezeigt. Vor acht Wochen hatte St. Ives seine Tage damit zugebracht, den sonderbaren Teddy Poznan mit unverhohlenem und stetigem Haß anzustarren. Aber das war, ehe sich Pádraigs keltische Eigenarten abgeschliffen hatten. Auch Elen und Teddy hatten sich zuweilen beim Stimmen etwas lautlos zugezischt. Aber wer hätte gedacht, daß sich die schärfste Feindschaft der Tournee (und Martha hatte gemeint, zumindest eine sei unvermeidlich) zwischen St. Ives und Pádraig herausschälen würde? Long überquerte die gewachste weiße Holzbühne und trat geschickt um Taurollen und um die schwarzen Kabel ihrer eigenen Geräte. Vielleicht, überlegte er, drückte man es exakter so aus: St. Ives gegen jedermann. Er gähnte. Hustete. 44
Die Wand zwischen Bühne und Hinterraum bestand aus einzelnen Platten, die in Kufen in Boden und Decke eingelassen waren. Die gesamte Fläche war mit Vorhangschlössern gesichert, aber in einem Teil befand sich eine normalgroße Tür mit einem Sicherheitsschloß. Unter dieser Tür stak eine schwarze Kabelschlaufe heraus, und Long fragte sich, ob sie zu einem ihrer Geräte gehörte. Wenn das zutraf, waren vielleicht wirklich Diebe am Werk gewesen. Er warf einen Blick über die Schulter zu den großen Kästen auf der Bühne, die Tuner, Verstärker, die komplexe Ausrüstung, die es Elens Dreifachharfe ermöglichte, trotz der Musik der Bläser gehört zu werden. Alles schien unversehrt. Long drehte den Schlüssel im Schloß und berührte den Knauf – – der ihm aus der Hand flog. Long drehte sich blitzschnell geradeaus und sah, wie die gesamte Holztür vor ihm in den von Tageslicht erhellten hinteren Bühnenraum flog, als habe sie Flügel bekommen. Es war ein Anblick, wie er sich einem Menschen deutlich einprägt: Ein aufrechtes Rechteck mit abgerissenen Messingangeln an einer Seite und einem Messingknopf auf der anderen, das sich scharf vor dem größeren Rechteck der offenen Tür abzeichnete; am rechten Rand des Rechtecks eine Kiste mit Flöten und Dudelsäcken, die aussah wie ein Hummerfangkorb, aus dem die Krustentiere überquellen, dahinter die weiße Mauer des Supermarktes. Surrealistisch, Dada. Ein perfekter Magritte. Und dann wurde Long selbst hochgeschleudert und gegen die Tür geworfen. Er landete auf der Seite, und nur sein herumgewirbelter rechter Arm rettete ihn beim 45
Aufschlagen vor einer Kopfverletzung. Die gleiche unerklärliche Kraft, die die Tür fortgerissen hatte, fegte ihn nun über den schmutzigen Boden des hinteren Bühnenraums, an der Kiste vorbei auf die Rampe zu. Er hörte einen Aufprall, der nicht nach zersplitterndem Holz klang, und wie Marty aufschrie. Dann erkannte er, daß ihn das schwarze Kabel umfing, das unter der Tür hervorgeschaut hatte. Long rollte sich zusammen und riß die Schlaufe von seinem Fuß, aber als er sich löste, flog er über die Betonrampe in den freien Raum. Er erkannte den Rampenrand unter sich und griff instinktiv zu. Seine spindelfingrigen Hände waren so groß und kräftig, daß er sich festklammern konnte. So traf Mr. Long mit den Füßen zuerst auf dem Boden auf und schlug mit Bauch und Flanke nur leicht an die Rampenseite. Martha stand zwei Schritte von ihm entfernt und umklammerte Marty. Marthas Mund war weit aufgerissen, so daß man ihre schönen Zähne erkennen konnte. Martys Gesichtsausdruck wirkte wie eine Miniaturausgabe ihrer Großmutter. »Daddo!« rief sie und hüpfte auf der Stelle. »Wie toll! Mach das noch einmal!« »Wage es ja nicht!« sagte Martha. »Was immer da geschehen ist, Mayland, einmal reicht.« Sie blickte von ihm zur Tür, die auseinandergebrochen war, und zu dem zu Staub zerfallenen Giebel, der zuerst über den Rand gesaust war. Long ließ jetzt den Rampenrand los. Seine Hände waren aufgeschürft, die linke ein wenig blutig, über dem linken
46
Wangenknochen spürte er einen Schmerz. Seine Kleidung war sehr staubig. Dann spähte er nach links und rechts. »Immerhin«, sagte er mit zittriger Stimme, »immerhin habe ich dieses Mal auf den Nagel aufgepaßt.« Mr. Long trat einen Schritt von der Rampe fort. Zu seinen Füßen lag die Tür, die unbeschädigt geblieben war. Er ergriff sie am Türknauf (etwas zögernd) und hob sie hoch, um die andere Seite zu betrachten. Dort hing ein weiteres schwarzes Kabel, verschlauft… nein, an die andere Seite des Knaufs gebunden. Einen Fußbreit von diesem Knoten entfernt befand sich ein weiterer Knoten, der keine weitere Funktion zu haben schien, als eine fünfzehn Fuß lange Schlaufe zu binden. Das andere Ende der Schlaufe lag in einem Haufen Scherben, Kies und Steinstaub. »Das war eine kleine Säule«, erklärte Martha, »die hier über den Rand fiel. Darum war diese schwarze Schnur gebunden.« Martha verhinderte mit beiden Händen, daß Marty Untersuchungen auf eigene Faust anstellte. Long trat zurück und betrachtete das Chaos. »In der Tür sind keine Bolzen«, sagte er und schüttelte verwundert den Kopf. »Bei allen Auspizien! Das war eine Falle!« »Sie hätte jemanden umbringen können«, sagte Martha. »Ganz sicherlich hätte jemand dabei umkommen können«, meinte Long und rieb sein Gesicht. Auf der Rampe ertönte nun ein lautes, profanes Geschimpfe, und sie drehten sich um und erblickten den Hausmeister des Theaters, dessen blasses Gesicht vor Wut 47
verzerrt war. »Was, zum Teufel, geht hier vor?« brüllte er und wies mit großartiger Geste über die Trümmer. Aber niemand wußte darauf eine Antwort. * »Es würde nützen, wenn der Hausmeister sich erinnern könnte, wer von uns heute morgen hier ein- und ausgegangen ist«, sagte Martha, die mit besorgter Miene auf dem Klodeckel saß. Mr. Long lag in der Badewanne und pflegte seinen geschundenen Körper. Mit leerem Blick starrte er auf den Duschkopf. Gelegentlich stieß er leise Laute des Unbehagens aus. »Von uns, Martha? Verrät die Tat Spuren eines der Mitglieder von Macnamara's Band? Dieser Bursche wirkt nicht gerade wie ein aufmerksamer Wachhund. Jede verirrte Seele könnte …« »Eine Falle für völlig Unbekannte aufstellen? Das ist vermutlich möglich. Aber …«, Martha verschlang beide Hände auf den Knien, »… niemand ist so verrückt wie ein verrückter Musiker.« Longs Blick glitt von Martha zum Duschvorhang, dann hinab zu seinen Zehen, die sehr dunkel aus dem Wasser herausstaken. »Nicht für einen völlig Unbekannten. Es gab Grund zur Annahme, daß jemand Besonderes diese Tür benutzte.« »Wie?« 48
Long schloß die Augen und rief sich das Tableau mit der fliegenden Tür wieder ins Bewußtsein. »In einer Ecke des Hinterraums stand St. Ives' Kiste mit den Instrumenten. Das habe ich bei meiner Durchreise bemerkt.« »Auweh«, meinte Martha im Hinblick auf Longs kurzen Flug und dann mit veränderter Stimme: »Auweh!«, als sie den Zusammenhang begriff. »Und trotzdem meinst du, es sei keiner aus der Gruppe gewesen?« Long regte sich und verursachte kleine Wellen, die seine aufgeschürften Wangenknochen überspülten. »Ich meine eher, daß wir nichts wissen können. Es sei denn, jemand verrät es uns. Oder wir rufen die Polizei.« Martha verzog das Gesicht. »Jesus! Meinst du, das sollten wir tun?« Long hingegen schloß die Augen. »Ich habe daran gedacht. Wenn ich es nicht gewesen wäre, der die Tür berührte … sondern George, er wäre vermutlich getötet worden. Wäre es Marty gewesen …« Long runzelte die Stirn und stieß mit dem linken Fuß den Heißwasserhahn auf. »Aber ich neige zu der Annahme, daß das Verfangen des Fußes eigentlich nicht zu dem geplanten Scherz gehörte. Vielleicht lag der Gag einfach darin, eine Person – nennen wir sie George – zum Narren zu machen, wenn ein Teil seiner normalen Umwelt sich plötzlich sehr ungewöhnlich verhielt. Die Tür ließ jedoch unten einen breiten Spalt frei –vielleicht hat einmal ein Teppich dort gelegen – und die Einrichtung erwies sich als etwa zehn Fuß zu lang. Deshalb lagen Schlaufe und Knoten unter der Tür.« 49
Martha blickte ihn zweifelnd an. »Also keine Polizei?« Long schüttelte den Kopf und senkte ihn gelassen unter Wasser. * Pádraig schien große Schwierigkeiten zu haben, die Sache zu begreifen. »Mayland einen Streich gespielt? Nein, der ist doch der letzte, den ich hereinlegen würde. Nun, Ellie, die kann man gut auf den Arm nehmen.« Er boxte die Harfenistin in die Rippen. Sie sah nicht gerade erfreut aus. Martha versuchte erneut zu erklären, daß der Scherz eigentlich nicht Long gegolten hatte, sondern George, daß die Sache aber schlecht durchdacht und gefährlich gewesen sei. Bei dieser Erklärung fiel ihr auf, daß sie annahm, Pádraig sei der Urheber, und das war nicht fair. Ihre Worte verebbten. Pádraig wirkte allerdings nicht beleidigt. Er lehnte mit den Händen in den Taschen an der Südtür des Theaters und nickte, während sie sprach. »Schrecklich! Hat sich der alte Mann verletzt? Eine Schande, wenn es eigentlich George galt.« »Es wäre auch schlimm gewesen, wenn es George getroffen hätte«, erwiderte Martha, die die Beherrschung verlor. Pádraig trat überrascht einen Schritt zurück. »Hau mich nicht, Tante Martha! Ich war es nicht.« Seine Worte klangen schlicht, und er blickte ihr in die Augen, doch Martha war immer noch nicht überzeugt, daß 50
er es nicht gewesen war. Er stand so offensichtlich in Verdacht. Sie warf einen kurzen Blick zu Elen, die im Schatten gestanden und so getan hatte, als habe sie nicht zugehört. »Und sie war es auch nicht«, fügte Pádraig hinzu. »Ich lasse die Maus fast den ganzen Tag nicht aus den Augen. Ich versuche, sie dazu zu bringen, daß sie die Geduld mit mir verliert, aber das scheint mir nicht zu gelingen.« Elen brach in ein Lachen aus, das robuster klang, als es zu ihrer Gestalt und ihrem Gesicht paßte. »Das stimmt. Er ist eine Plage. Diese Todesfalle kann also nicht von Pat aufgestellt worden sein, es sei denn, wir haben es zusammen verbrochen. Oder ich war es.« »Und habt ihr es zusammen gemacht?« fragte Martha hilflos. Und in perfektem Unisono antworteten sie: »Nein, wir waren es nicht.« * »Ein gutes Beispiel für das, was ich immer schon gesagt habe«, antwortete Ted, als er an der Reihe war, gefragt zu werden. »Knoten in den Gedanken und Gefühlen. Knoten, die den Strom des Lebens durch unseren Körper und Geist hindern. Wir stolpern und stürzen und verletzen uns zuweilen, und manchmal werden wir zerstört, nur wegen…« Martha reichte es. »Gottverdammt, Teddy! Das war keine Sache, die Mayland hätte vermeiden können, indem er sich einen Einlauf machte. Er ist in eine häßliche Falle 51
geraten, die jemand vermutlich für George aufgestellt hat. Bist du dafür verantwortlich?« Sanft und traurig schüttelte Ted seinen bunten Kopf. »Niemals, Martha, George stellt sich selbst genug Fallen.« * Die Hintertür des Theaters bestand aus Stahl und öffnete sich zögernd auf einen gepflasterten Parkplatz. Elen und Pádraig schlichen sich, als Martha gegangen war, aus dieser Tür hinaus und traten, ohne sich anzusehen, auf den Platz. »Nett von dir, mir ein Alibi zu geben«, sagte Elen mit leicht unsicherer Stimme. Pádraig sah sie mit vor der Sonne zusammengekniffenen Augen an. »Du brauchst dich nicht zu bedanken«, sagte er und ließ dem Satz ein unhöfliches Schnauben folgen. Unsicher wandte er den Kopf ab, bis sein Blick auf etwas stieß. »Sieh dir das an!« Ohne Elen Evans zu berühren, führte er sie zu dem Drahtzaun, der den Theaterhof vom Nachbarn trennte. »Das leere Feld dort?« »Raigras«, korrigierte er sie. »Zumindest ist es überwiegend Raigras. Und alles umsonst. Man könnte mindestens drei Schafe oder eine Kuh dort halten.« Elen sah ihn belustigt an. »Vielleicht war bis jetzt niemand so klug, um darauf zu kommen.«
52
»Jetzt ist es ohnehin zu spät. Das Gras ist zu hoch und zu trocken, um irgend jemandem zu nützen, es sei denn als Stroh. Ah! Warte! Elen, ich habe eine Idee. Wir können ein Seil daraus knüpfen, ein súgán, wie in dem Lied, das wir spielen.« »Seilknüpfen? Was für eine Art Einladung ist das eigentlich? Ich habe gehört…« Doch er war in seiner Begeisterung bereits über den zwei Meter hohen Zaun geklettert. »Wir brauchen zunächst einmal ein großes Messer, damit ich das Gras dicht über dem Boden abschneiden kann. Und dann einen Stock, um es zu drehen …« * Elen nahm den Besenstiel in beide Hände und drehte ihn zum ersten Mal. »Ich hatte keine Ahnung, daß man so etwas noch macht.« Pádraig ó Súilleabháin schlug mit einem Stück Ziegel fest auf sein Ende des Seils ein und fügte neues Gras hinzu, wie ein Spinner neue Wolle an den Faden anfügt, während Elen zurückging. Seine Bewegungen waren unbeholfen vor Begeisterung. »Das wird noch immer so gemacht. Man flicht daraus Halfter für Pferde, Kühe und Schafe. Es kostet nichts, und es spielt keine Rolle, wie rasch die Tiere sie auffressen. Man benutzte diese Seile auch dazu, um Strohschindeln auf dem Dach zu befestigen, doch jetzt nimmt man dazu überwiegend gekauftes Tau. 53
Aber die Besucher, die Touristen, die mögen strohgedeckte Häuser. Mit einem strohgedeckten Haus kann man ein gutes Geschäft machen.« »Ich werd's mir merken.« Die kalifornische Spätfrühlingssonne brannte auf Elens Kopf herab. Sie hielt ihr Tauende stramm, wie angewiesen, und drehte es. Das Schlagen und Drehen sog aus dem langen Gras Säfte, die sehr frisch rochen. Pádraigs kurzes Haar war staubig und voller Grashalme, und er sah glücklich aus wie ein junger Stier. Sie hatte sich inzwischen fünfzehn Meter von ihm entfernt und mußte bereits wieder zurücktreten, weil er neues Material anfügte. »Folgt jetzt der Teil, wo du mir die Tür vor der Nase zuschlägst? Zumindest kommt das in einigen Versionen des Liedes vor.« Sein vor Anstrengung gerötetes Gesicht blickte auf. »Das würde ich natürlich tun. Aber wir sind ja auf einem Parkplatz und haben keine Tür, daher bist du in Sicherheit.« Er lächelte sie einen Moment länger an, als der Scherz es verdiente. Und Elen antwortete: »Wer ist in Sicherheit, du kleiner Scheißer?« Aber sie flüsterte es nur, und Pádraig stand jetzt zwanzig Meter von ihr entfernt. * Die Wände der Theatergarderobe waren in unglücklichem Grün gestrichen, das Longs Gesichtsfarbe leblos wirken ließ, als er allein an dem Tisch saß und auf seinem Keyboard spielte. Er nahm vor dem Instrument eine 54
sonderbare Haltung ein. Die Länge seiner Finger zwang seine Hände, sich wie die Krallen eines Vogels über den Tasten zu krümmen. Diese anatomische Besonderheit war jedoch nicht ausschließlich von Nachteil. Er konnte fast jeden Ton auf dem kleinen Instrument anschlagen, ohne seine Handgelenke zu bewegen, und mit untergeschlagenem Daumen fast ein Sechstel der Tastatur greifen. Ausnahmsweise hielt Long seinen geschmeidigen Rücken kerzengerade. Man hatte ihm eingeschärft, sich gerade zu halten. Seine Noten waren gegen das Akkordeon gelehnt. Es war spät am Nachmittag, als George St. Ives ihn dort fand. Trotz der nachmittäglichen Hitze trug St. Ives seinen verrufenen Wollpullover und Kordhosen. Mit schweren Schritten durchmaß er die Breite des Raums und blieb schwer atmend hinter Long stehen. »Meine Güte! Das schon wieder. Ich dachte, das hätten wir abgelegt, seit Sully beschlossen hat, es sei zu schwer für ihn.« »Es ist aber kaum das gleiche Arrangement, das Pádraig geübt hat. Es ist – wie Sie vielleicht sagen würden – einsilbige Musik, passend für Anfänger wie mich.« Long spielte beim Sprechen weiter, langsam, gleichmäßig, fest in den Bässen. Nur eine Spur zu mechanisch. Den A-Teil spielte er zweimal, den B-Teil ebenfalls. Und wieder von vorn. St. Ives' Präsenz war raumgreifend und einschüchternd. Sie schwebte über Long, der dennoch im gleichen festen Takt weiterspielte.
55
Kehlig stieß St. Ives hervor: »Die Simplizität ist nicht das Problem.« Er trat näher. Der B-Teil endete und begann aufs neue. »Sie haben einen furchtbaren Music-Box-Rhythmus.« Long hörte, wie er mit seinen dicksohligen Arbeitsschuhen zum Schrank ging, wo er seine verschiedenen Dudelsäcke aufbewahrte. Einen Moment lang herrschte Stille in jener Ecke, und dann hörte man das Quietschen eines Mundstücks. Schließlich verkündete ein blökendes Ventil, daß St. Ives sein Knierohr spielen würde. Long hörte auf zu spielen, um zuzuhören, wie es die Höflichkeit zu verlangen schien. Abgesehen davon konnte er sich selbst nicht mehr hören. George St. Ives spielte ›Kid on the Mountain‹ und er spielte es sehr gut. Die Melodie klang sehr lebendig und hatte einen festen, freien Rhythmus. Seine Version war viel schneller als Longs und hochgradig phrasiert. Als er geendet hatte, machte ihm der ältere Mann aufrichtige Komplimente dazu und wandte sich wieder seinen langsamen, metronomischen Übungen zu. St. Ives stieß ein brüllendes Lachen aus. »Gottverdammt! Nichts kann diesen reichen Mann erschüttern!« Longs Lächeln ließ ein wenig von seinen Zähnen aufblitzen. »Ich finde, Sie haben ganz recht, St. Ives. Man gewöhnt sich daran, zu kommandieren.« St. Ives lehnte sich gegen den Tisch neben Long und sagte im Plauderton: »Aber Sie werden nie ein richtiger Musiker.«
56
Der Flötist stand zwischen den Noten und der einzigen nackten Glühbirne in der Mitte des Zimmers, doch Mayland Long konnte die Melodie schon lange auswendig und blickte nur aus Gewohnheit aufs Papier. »Ist es nicht ein Glück, daß ich diesen Status niemals anstrebte?« »Und was soll das hier dann? Jeden Tag eine Stunde lang dieses da-di-da?« »Das ist meine Übungsstunde.« Ihre Blicke trafen sich, und Long fiel auf, daß St. Ives schielte und seine Stirn gefurcht war, als habe er Kopfschmerzen. »Wohl wegen ihr, eh? Daher befassen Sie sich damit?« Longs Lachen klang milde, fast desinteressiert. St. Ives wechselte noch ein paarmal den Standort und verließ schließlich den Raum. Seufzend und gähnend hörte Long auf zu spielen. Er stellte das Gerät ab und putzte sich die Nase. Er war froh, daß der andere verschwunden war, denn er war es recht überdrüssig geworden, ›Kid on the Mountain‹ zu spielen, aber er wäre lieber gestorben, als St. Ives auf den Gedanken zu bringen, sein Einfluß hätte ihn davon abgebracht. Er überlegte gerade, ob er die Stunde beenden wollte, an der noch fünf Minuten fehlten, oder sich der nächsten Melodie im Buch zuwenden sollte, als Ted Poznan, nackt, abgesehen von Jogging-Shorts, hereinschritt. Er ließ sich auf das Sofa fallen und faltete die Hände über seinem sonnenverbrannten, konkaven Bauch. Ausdruckslos starrte er zur Decke. »He, Drache«, sagte er dann, ohne sich die
57
Mühe zu machen, den Kopf Long zuzuwenden. »Dieser Ort hat echt schlechtes feng shui.« Long nahm das Keyboard und packte es ordentlich in den flachen Tragekoffer. »Sie meinen, weil die Tür nach Norden führt?« Ted riß die Augen auf. »Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Ich dachte an die Sea Street – drei Fahrbahnen und so schnurgerade wie ein Pfeil, und sie führt direkt auf dieses kleine, hilflose Gebäude.« Jetzt kam Martha herein, die geduscht hatte und ein Baumwollkleid trug, das praktikabler geschnitten war als der Wickelrock. Sie hörte gerade noch den letzten Satz. »Was führt auf das Gebäude zu?« »Die Straße draußen, Martha«, erklärte Long. »Die Vorzeichen stehen sehr schlecht, weißt du, wenn eine lange Straße oder auch ein Fluß direkt auf ein Gebäude oder ein Grab zuführen.« »Grab?« wiederholte sie. Ted rief, ohne sich auf seinem Sofa zu bewegen: »Unbeherrschbare Lebenskraft, die sich zerstörerisch auf ein Gebäude oder Grab richtet. Gezwungenes, unnatürliches chi, das uns bombardiert wie kosmische Strahlung.« Martha warf Mayland Long einen Blick gespielter Entrüstung zu, und er antwortete mit einem Grinsen. »Der Haupteingang geht nach Norden, und dieser Aspekt ist so schlecht wie er nur sein kann.«
58
George St. Ives war hinter sie getreten und füllte den Türrahmen aus. Stumm hörte er dem Gespräch zu und trat dann ein. Ted Poznans Augen zuckten. Long blickte höflich auf, und Martha drehte sich um, doch St. Ives sagte nichts, sondern ging zwischen ihnen hindurch zu seinen Instrumenten, die Hand an die Stirn gelegt. Ted hob einen Arm und murmelte eine Frage. Der Flötist jedoch zog lediglich eine Grimasse und schüttelte den Kopf. Martha brach das angespannte Schweigen. »Denkt daran, Jungs, daß wir nicht nur heute abend, sondern auch morgen hier spielen. Versucht, es gelassen zu nehmen, wie unnatürlich das chi auch immer sein mag.« Von draußen, aus der Richtung des leeren Parkplatzes, hörte man Gelächter. Alle blickten auf, sogar St. Ives. »Das sind Elen und Pádraig «, erklärte Long. »Sie sind schon fast den ganzen Nachmittag da draußen.« »Spielen sie auf dem Parkplatz?« erkundigte sich Martha. Ted machte mit seinen beiden nackten Armen eine umfassende Geste. »Warum nicht? Auch Parkplätze sind Teil der Wirklichkeit.« »Ich glaube, sie machen irgend etwas.« St. Ives ließ sich auf der gepolsterten Lehne des Sofas nieder, nicht weit von Ted Poznans Kopf. »Was machen sie denn? Schmetterlinge ansehen?« Er zeigte seine Zähne. »Das brauchen wir gerade noch, daß sie für den Jungen einen kleinen Tanz aufführt, denn dann ist er für uns noch schlimmer als nutzlos.« 59
Ted Poznans ungezielter Blick wurde schärfer. Er blickte zu St. Ives hoch und schien eine Frage zu überlegen. Marthas runde blaue Augen wurden hell vor Wut. »Da unsere Tournee nur noch weitere fünf Tage dauert, George, würde ich mir weder um Elen noch um Pádraig große Gedanken machen.« Long sprach aus, was alle dachten: »Sie könnte ihm kaum übler mitspielen als Sie, St. Ives.« St. Ives hatte sich das Gesicht gerieben. Jetzt senkte er beide Hände, und seine geröteten Augen wirkten viel älter als die Longs. »Das regeln wir später, reicher Mann, nach der Musik.« Aber Long schien nicht zugehört zu haben. Er erhob sich von der Bank, fegte seine leichte Leinenhose ab und trat zur Hintertür. Er kam gerade rechtzeitig, um sie für Elen zu öffnen, die überrascht wirkte, alle versammelt vorzufinden. Sie lächelte strahlend. Auch Pádraig ó Súilleabháin lächelte, doch es gefror und schwand, als er merkte, daß er im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Elen nahm ihm etwas vom Arm. Es war trocken und flachsfarben und fiel in losen Schlaufen zu Boden. »Schaut! Über zwanzig Meter handgedrehtes Tau!« Einen Moment lang herrschte freudige Verwirrung, als Ted, Martha und Long vortraten, um es zu bestaunen. Long, der von dem Handwerk etwas zu verstehen schien, war interessiert und des Lobes voll. Er schlug vor, beim nächsten Mal Reisstengel zu benutzen, die man enger drehen konnte. Niemand machte einen Scherz über
60
Brautwerbung, und St. Ives gab nichts Schlimmeres von sich als ein Lachen. * Martha saß wieder auf dem Klodeckel, denn das war ihr einzig ungestörter Ort, weil Marty sonst überall dabei war. Sie dachte an die Geschichte von Mayland und der Tür. Sie hatte das Gefühl, daß sie sich damit beschäftigen mußte, da niemand sonst es zu wollen schien, nicht einmal Mayland selbst. Als man George vorsichtig gefragt hatte, mußte er zugeben, seine Instrumente hinter der Bühne aufbewahrt zu haben. Er war beim Ausladen als erster hineingegangen und hatte nicht gewußt, wo die Garderobe war. Inzwischen hatte er sie nach unten geschafft. Die innere Tür war an dem Morgen nicht versperrt gewesen. Die Stahlrolläden seien allerdings verschlossen gewesen. Martha hatte gemerkt, daß sie St. Ives auch in noch so vielen Worten nicht mitteilen konnte, daß ihm vermutlich jemand eine Falle gestellt hatte, die vielleicht als harmloser Scherz geplant war. Vielleicht stimmte es auch- nicht. Es war so leicht, ihn in Rage zu bringen. Sie war sich nicht sicher. Fast wünschte sie sich, die Polizei gerufen zu haben, als es passierte. Jetzt war alles von verschiedenen Personen berührt und die Szene aufgeräumt worden. Gerade in diesem Augenblick wurde die Tür (unter Vorwürfen der Verwaltung) neu installiert, 61
und das schwarze Kabel hing wieder zusammengerollt an der Wand. Immerhin hatte noch niemand angemerkt, daß sie für den Betongiebel zahlen müßten. * An diesem Abend aß die Gruppe gemeinsam zu Abend, wie sie es in den ersten beiden Wochen der Tournee immer getan hatten, als sie noch einiges zu bereden hatten. Elen Evans war trotz ihres Namens, Gesichts und der Dreifachharfe eine Amerikanerin: geboren und aufgewachsen in Georgia, lebte sie seit einigen Jahren in Kalifornien. Eine ihrer alten Freundinnen hatte sie heute besucht und eine riesige Schüssel mit gemischtem Salat mitgebracht. Mayland Long hatte sie neben zwei Riesenbehälter mit einem indischen Reisgericht gestellt. Sorgfältig legte Ted Poznan Tomaten, Rosenkohl und Spargel abseits von Fleisch und Käse. Ted hielt eine schleimfreie Diät ein. Pádraig ó Súilleabháin folgte ihm, blickte mißtrauisch auf das Gemüse und aß nur Fleisch. Elen, bei der sich Fröhlichkeit mit fünfminütigem finsterem Schweigen abwechselte, aß fast nichts. George St. Ives langte auch nicht sonderlich zu, obwohl er sich eine große Portion von dem Reisgericht genommen hatte. Er saß in der Ecke bei seinen Flöten, Ted ebenso nahe wie allen anderen, und leerte wie gewöhnlich eine Flasche Miller-Bier zum Essen. 62
Marty Frisch-Macnamara mochte gern Jakobsmuscheln und aß sowohl diejenigen auf Longs Teller wie auch ihre eigenen. Eine weitere Lieblingsspeise Martys war Spargel, den sie in die Mayonnaise tunkte. Dann ging sie zu Pádraig, der auf dem Boden saß (nicht zu dicht bei Elen Evans) und blieb direkt vor ihm stehen, um ihn zu beäugen, wobei sie an einem holzigen Spargelstück wie an einem Dauerlutscher saugte. Pádraig blickte von seinem Schinken-Butterbrot auf. »Magst du das Zeugs, Máirtín?« Das Mädchen fand die Frage wohl so albern, daß es sich keine Mühe gab, sie zu beantworten. Sie stand einfach da, saugte und starrte ihn an. Pádraig schnitt ein Gesicht. »Das ist eklig! Puh! Leg es weg, sonst wird dein Gesicht grün!« Er stieß einen Finger gegen ihren runden Bauch. »Geh damit fort, sonst haue ich dich!« Marty spürte, wie leer diese Drohung war, und regte sich nicht. »Marty weiß, was gut ist.« Ted Poznan hatte Luzernestengel im Haar. Seine Augen wirkten immer noch schläfrig, auch als er das Kind anstrahlte. »Komm, meine Dame, nimm ein paar von diesen wunderbar sonnengereiften Stückchen.« Marty trat unsicher, aber erwartungsvoll zu ihm. »Wir bringen ihr kaum bessere Manieren bei als einem Hund«, sagte Martha in den Raum. »Das wird Elizabeth nicht gefallen.«
63
Sie wischte sich den Mund an einer Papierserviette ab. »So, zur Tagesordnung.« Alle schwiegen erwartungsvoll. »Alles genau wie gestern abend, es sei denn, jemand hat eine plötzliche Eingebung.« Pádraig ó Súilleabháin erstarrte und blickte auf Marthas Füße. Als niemand das Wort ergriff, sagte er: »Möchtest du, daß wir etwas verändern, Martha?« »Nein.« Ihre Stimme klang tonlos und erschöpft. »Ich glaube, ich bin zu müde, um etwas Neues aufzunehmen.« »Nun, das war es also. Die Tagung wird verschoben«, sagte Elen, die sich herausfordernd umblickte, als fürchte sie, jemand könne wirklich etwas anderes vorschlagen. * Um viertel vor acht, als Martha noch einmal frische Luft schnappen ging, herrschte immer noch genügend Tageslicht. Santa Cruz war zwar eine Stadt aus Beton und Asphalt, doch von den schwarzgrünen Bergen im Norden senkte sich Abendschwere, die nach Nadelhölzern duftete. Die Menschenschlange vor dem Eingang hätte sie freuen müssen, hätte sie auch vor nur wenigen Wochen noch gefreut, doch sie war müde, und Kalifornien mit seiner New-Age-Gesellschaft und seiner Leidenschaft für alte Musik hatte sie verwöhnt. Allen möglichen Göttern sei Dank für Mayland und sein gänzlich unerwartetes Verständnis für Marty. Was hätte sie ohne ihn mit dem Kind angefangen? Allerdings hätte sie 64
ohne ihn nicht zugestimmt, die Enkelin für eine Woche mitzunehmen, ohne Rücksicht darauf, welche Kindergärten geschlossen waren oder welche neuen Häuser gebaut wurden. Elizabeth hatte sich immer darüber beklagt, daß das Mitreisen mit der Mutter ihre Kindheit verdorben hätte. Nun, Marty schien es nichts auszumachen. Sie war ebenso ausgeglichen wie ihr Vater, Fred. Fred, der Kalifornier. An der Straßenecke, wo man Schnittblumen in Eimern für die Nacht hereinschleppte, betrachtete Martha die unruhigen Bewegungen der wartenden Menschen, die immer mehr wurden. Komisch, daß die Leute, die ihre Musik mochten, sich so anders kleideten als sie selbst. Ägyptische Hemden und russische Baumwollröcke, zusammengebundene Hosen und Halsketten aus Knochen. Vielleicht waren es sogar menschliche Knochen, die einen an die Sterblichkeit erinnern sollten? Zumindest an die Sterblichkeit eines anderen. Diese Leute wirkten sehr lebendig. Martha lehnte die folkloristischen Kleider eigentlich nicht ab, nur konnte sie sich nicht vorstellen, soviel anthropologische Symbolik mit sich herumzuschleppen. Für die meisten war die Echtheit auch sehr wichtig. Nun, heute abend würden sie enttäuscht sein, denn Martha hatte vier Musiker bei sich und ganz und gar keine historischen Anthropologen. Abgesehen von Ted vielleicht, der weniger genau war als er es gut meinte, und George, der auf Authentizität äußersten Wert legte, wenn es ihm in den Kram paßte. Es war schon schlimm mit diesem feng oder wie es hieß. Die Sea-Street erweckte wirklich den Anschein, als wolle 65
sie die Landaman-Halle aufspießen, und der schmale Trog mit Margeriten vor dem Haupteingang verstärkte nur das Gefühl von Gefahr. Ob man wohl oft zerbeulte Autos in der Eingangshalle fand? So etwas würde in der Tat unglückverheißende Planung bedeuten. Von der anderen Straßenseite her näherte sich George St. Ives, eine braune Tasche mit Flaschen schlenkernd. Er war nicht allein. Die junge Frau neben ihm hatte helles, krauses Haar und sah leicht entrückt aus. George wirkt auf Frauen wie ein Magnet, dachte Martha und fragte sich, warum. Sie jedenfalls wurde von ihm nicht angezogen. Mit schweren Schritten ging er auf den Haupteingang zu, und dort dauerte es eine Weile, bis er den Türsteher überzeugt hatte, ihn einzulassen. Er wiegte sich beim Gehen, als habe er gerade ein Schiff verlassen. Martha versuchte, sich an etwas in seiner Vergangenheit zu erinnern, daß diese Eigenheit erklären würde. Er wurde immer ›Flötist von Cap Breton‹ genannt, was immer das bedeutete. Es hatte wohl nichts mit seinem Stil zu tun, denn der war flexibel und beruhte auf ebenso vielen Quellen wie Marthas eigener. Vielleicht bezog es sich auf seine schmutzigen Wollpullover. Er hatte zwei sehr gute Soloalben herausgebracht und war schon immer auf Tournee. Pádraig ó Súilleabháin ging nicht so, noch sah er auf irgendwie bekannte Weise wie ein Fischer aus, abgesehen von seinen Händen, die, wie sie bemerkt hatte, viele kleine Narben von Haken trugen. 66
Martha sah eine Bewegung in der Schlange und hörte, wie das Geplauder leiser wurde. Hühner im Schatten eines Habichts, dachte sie. George mußte wohl seinen Namen genannt haben. Ja, das war es, denn nun drängte sich die Menge plötzlich dichter heran. Er stand vor der offenen Tür, als habe der Mann an diesem Abend nichts Besseres zu tun, als sie für ihn aufzuhalten, während er mit der blonden Frau sprach. Sie stand auf den Zehenspitzen und machte zahlreiche Handbewegungen. Sie war aufgeregt. Martha lächelte für sich. Sie selbst mochte vor der Halle auf und ab paradieren, ohne die geringste Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst, wenn man sie mit Megaphonen ankündigte (und so etwas Komisches war ihr ein paarmal zugestoßen), sahen die Leute an ihr vorbei, auf der Suche nach der Berühmtheit. So verhielt sich die Öffentlichkeit zu einer Frau von fast fünfundfünfzig. Und das war ihr auch recht. Wenn man ihr jetzt einen sie verehrenden jungen Mann vorstellte, würde sie sich darauf beschränken, ihn nach seiner Schule zu fragen und welche Bücher er gern las. Doch warte! George trat beiseite und ließ die junge Frau vor sich eintreten, was Martha eine Chance gab, ihr Gesicht genauer zu betrachten. Es war Elens Freundin Sandy, die gestern abend den ganzen Weg von San Francisco nach Santa Cruz gekommen war, um sie zu begrüßen, die heute morgen auf Marty aufgepaßt hatte, als sie auspackten, und die den wunderbaren Salat gemacht hatte. Einen Moment lang fühlte sich Martha töricht, und, was schlimmer war, eifersüchtig. Dann stellte sie fest, daß sie gähnte. 67
Es war Zeit, anzufangen. Das würde sie sicher aufwecken. Denn an dem Abend, an dem nicht einmal die Vorstellung ihr die Augen öffnete, war es sicher an der Zeit, Schluß zu machen.
68
Das Spiel beginnt Elen blickte von einem schmutzigen Zettel auf, der am Resonanzkasten ihrer Harfe klebte. Pádraig hockte links auf der Bühne auf einem Schemel und mied das Licht. Neben ihm stand Ted, dessen gebleichtes Haar im hellen Scheinwerferlicht unirdisch wirkte. Elen war sich George St. Ives auf der anderen Seite bewußt, doch sie blickte nicht zu ihm. Ganz hinten stand Martha Macnamara in einem schlichten, bedruckten Kleid, das vor dem dunklen Hintergrund glänzte. Elen machte sich keine Illusionen über ihre Position in der Mitte. Der Grund war nicht, daß sie für die Gruppe besonders wichtig war, sondern weil die Dreifachharfe so schön aussah. Sie hoffte, das Licht hätte das Instrument nicht bereits verstimmt. Martha bat Pádraig um ein ›A‹. Das Akkordeon stieß ein knappes Quietschen aus. Mehr war nicht nötig. Sie blickte von einem Gesicht zum anderen, als wolle sie fragen, ob alle mit dem Ton einverstanden seien. Ted zupfte eine Saite so leicht, daß sie es nicht hören konnte. Elen ließ ihre Harfe in Frieden, denn sie hatte sich in den letzten zwanzig Minuten mit nichts anderem beschäftigt. George St. Ives blickte lediglich gelangweilt. Sie setzte die Fiedel unters Kinn und wandte sich, wie um Erlaubnis heischend, ans Publikum. Der Saal war voll, und er wirkte auf sie, als würde sich ein einziges, großes 69
Tier regen. Sie hob den Bogen und ermahnte sich, wie jeden Abend seit fast dreißig Jahren, daß sie keine verdammte Violine spielte, sondern fiedelte. ›Casadh an t'Súgháin‹ war das Titellied der Gruppe und der Tournee. Es war Marthas Idee gewesen, der Gruppe diesen Namen zu geben. Man konnte diese Melodie in vielen verschiedenen Tempi und Stimmungen wiedergeben. Als in den ersten Probewochen Elen Evans einmal einen Scherz über Macnamara's Band gemacht hatte, war dieser Name klebengeblieben. Eine Gruppe, die nur kurze Zeit miteinander spielte, brauchte keinen aufwendigeren Namen. Martha selbst begann die Melodie sehr langsam und im Connemara seannós, und ihre Phrasierungen waren so vielfältig und kompliziert, daß die Melodie sich in ihrer eigenen Komplexität zu verlieren schien. Sie brummte beim Spiel leise den Takt vor sich hin, was man aber über das Mikrophon nicht hören konnte, denn sie fürchtete, in die Musik hineingezogen zu werden und den Drive zu verlieren. Sie versank nicht – sie tat es niemals –, aber sie vergaß auch nie zu zählen. Das Licht schien auf ihre geschlossenen Augen. Sie verpaßte einen Teil und ersetzte ihn durch einen anderen, wobei sie lächelte, um die Komik allen mitzuteilen, die es vielleicht gemerkt hatten. Dann setzte Elen ein, ein wenig zu hoch auf dem mittleren E, aber sonst sehr gut. Sehr stimmig für eine Harfe. Vier Takte später fiel Pádraig ein, dann Ted auf der Gitarre, fast unmerklich, abgesehen davon, daß er der Musik Stabilität und Sicherheit verlieh. Martha spürte einen Hauch Zärtlichkeit für Ted, der bekannt dafür war, 70
niemals eine Probe zu versäumen oder einen Wutanfall zu bekommen. Seine Gitarre spielte die Rolle der ›Brautjungfer‹ für alle anderen, aber ihm schien das nie etwas auszumachen. Vermutlich beschäftigten ihn seine verschiedenen esoterischen Studien derart, daß für seine Arbeit kein Stück Ego übrigblieb. Martha spürte allen gegenüber ein warmes Gefühl. Sie merkte, daß sie Elen anlächelte, die auf ähnliche Weise antwortete. Es ging einmal reihum, wobei die Flöten über allem das hohe, durchdringende D hielten, und dann lösten sich die Blasinstrumente und verdoppelten das Tempo. Martha, die bei diesem Teil nicht mitspielte, setzte sich sehr züchtig auf ihren Schemel, die Beine an den Knöcheln übereinandergeschlagen. Die Fiedel lag auf ihrem Schoß. »Also, das klappt ja wieder«, sagte sie, für niemanden hörbar. * Long saß im Hotel und las Marty aus dem ›Grünen Elfenbuch‹ vor. Sie liebte dieses Buch sehr und hatte mit einem Silberstift den Umschlag bemalt. Der literarische Geschmack ihres ›Daddos‹ war jedoch anders als ihrer. Ihm gefielen die moralischen französischen Geschichten wie ›Pnnz Vivian und Prinzessin Placide‹, während sie wiederum die Grimmschen Märchen vorzog. Daher langweilte sie sich ein wenig, obgleich sie ihren Lieblingsschlafanzug mit den Hasenfüßen trug. 71
Mayland Long lehnte zwar mit der perfekten großväterlichen Haltung in dem Stahlrohrsessel des Hotelzimmers, teilte aber ihre Stimmung. Er hätte gern der Vorstellung beigewohnt, obwohl es die gleiche war wie am gestrigen Abend und denjenigen des letzten Monats fast glich. Ihn ermüdeten solche Dinge nicht sehr rasch. Außerdem war die Gruppe dieser Tage nur bei den Vorstellungen angenehm zueinander. Vielleicht waren Prinz Vivian und seine Gesellschaft auch ein bißchen verstaubt, weil die Elfen sich schließlich immer wieder einmischten und die Leute in ihre eigenen Fallen stolpern ließen. Allmählich wurde man das leid. Er verlor die Stelle aus den Augen und warf einen Blick auf Marty, die sich in das große, harte Hotelbett gekuschelt hatte, um zu sehen, ob sie überhaupt noch zuhörte. Ihre Blicke trafen sich in völligem Einverständnis. »Warum lassen sie uns nicht mitkommen, Daddo? Das hier macht doch keinen Spaß.« Long seufzte. »Du warst doch gestern abend dabei, Marty, und daher warst du heute nachmittag so müde und quengelig.« »Ich war müde, weil ich heute morgen mit Sandy Spazierengehen mußte, und quengelig, weil ich hierbleiben muß!« Sie schlenkerte mit den gelben Füßen, bis die Hasenohren nur so flogen. »Aber ich wäre nicht quengelig, wenn ich bei der Musik und bei Martha wäre.« Diese Gefühle entsprachen denen Longs so sehr, daß er sie nicht kritisieren konnte. Er sagte bloß: »Du meinst ›Großmutter‹, nicht wahr?« 72
»Elizabeth meinte, ich sollte sie ›Martha‹ nennen, damit sie sich nicht so alt fühlt.« »Es ist doch nicht schlimm, alt zu sein«, antwortete Long mit einiger Schärfe. Er stand auf, verblätterte das ›Grüne Elfenbuch‹ und suchte nach einer weiteren Packung mit Papiertaschentüchern. »Solange man gesund bleibt.« Auf der Badezimmerablage stand Marthas kleiner Reisewecker, dorthin verbannt, weil er so laut tickte. Long warf einen Blick darauf: Acht Uhr fünfundzwanzig. Inzwischen hatten sie wohl die Eröffnungsmelodien hinter sich und waren mitten in dem Teil, der mit ›Fanny Póer‹ begann. Wenn nicht sogar schon weiter bei dem bretonischen Flötensolo. Er blickte sein Spiegelbild mit trübseliger Zufriedenheit an: rote Nase, tränende Augen und schmerzhaft in der Mitte aufgesprungene Lippen. Er dachte an St. Ives, der immer ein wenig so aussah, und fragte sich, ob der Bursche vielleicht deshalb so unangenehm war. Hinter ihm ertönte ein Geräusch, hoch, dünn, anhaltend. Vielleicht war es eine Alarmanlage in einem Auto. Das würde reichen, um das quengelige Kind ebenfalls zum Jammern zu bringen. Zugleich spürte er einen kalten Luftzug, der ihn daran erinnerte, daß das Schlafzimmerfenster noch offen stand. Long ging, um es zu schließen. Er trat in dicke, klebrige Dunkelheit, überrascht hielt er sich am Türrahmen fest. Die große tönerne Tischlampe neben dem Bett gab kein helleres Licht von sich als eine Notbeleuchtung. Dort lag die rundliche Gestalt von Marty, 73
wie er sie verlassen hatte, aber sie war zusammengerollt und hatte beide Hände vors Gesicht geschlagen. Es herrschte Kälte, bittere Kälte, und ein schlechter Geruch. Das Jammern wurde lauter, begleitet von einem undefinierbaren Grollen und Geklapper. Es schien von Marty auszugehen. Long zischte scharf, ohne sich dessen bewußt zu sein. Dann stürzte er durch den Raum auf das Kind zu. Der Schlafanzug war feucht, die Haut kalt. Sie fühlte sich steif an. Atmete sie überhaupt noch? Er warf sie auf den Rücken und zerrte die winzigen, kurzfingrigen Hände vom Gesicht. Dann zuckte er zurück, denn es war nicht Martys Gesicht, das er im Rahmen ihres flusigen hellen Haars erblickte. Es war gröber, wulstiger, mit einem schlaffen Mund, einer hohen Stirn und starren runden Augen. Das Gesicht eines Trolls. »Marty!« Er umfaßte mit seinen langen Händen ihre Schultern und schüttelte sie. »Marty! Was ist los?« »Was denn?« fragte sie ärgerlich. Das Jammern und die Kälte verschwanden, und eine süße Sommerbrise wehte die Vorhänge gegen das Fenster. »Was ist denn los, Daddo?« Long gab keine Antwort. * Was für ein Publikum! Martha fand es ungewöhnlich, als sie merkte, daß sie den Leuten in dem Bemühen, mit der 74
Harfe Takt und Tonlage zu halten, den Rücken zugedreht hatte. Nur selten fühlte sie sich bei einem Konzert so sicher. Bei bestimmten unruhigen Vorstellungen im Mittelwesten hatte sie kaum gewagt, den Blick abzuwenden. Aber diese jungen Leute mit ihren bunten Kleidern saßen da wie artige Kinder in der Kirche. Allerdings klatschten sie vollauf begeistert. Was für Manieren! Doch dann kam ihr der Gedanke, daß sie vermutlich alle einer ausgeprägten politischen Überzeugung anhingen oder einen Doktorgrad in Geschichte hatten, und daß die Gruppe morgen in der Zeitung als bourgeoise Revisionisten heruntergemacht würde, doch das schob Martha entschlossen von sich. Morgen war ein neuer Tag. Es gab einen Moment, in dem sie Zeit hatte, sich mit einem Leinentaschentuch, das sie extra für diesen Zweck bereit hielt, den Schweiß vom Gesicht zu wischen. (Wenigstens brauchte sie sich keine Sorgen zu machen, daß Mayland es ihr stibitzen könnte; krank oder nicht, er fand Taschentücher barbarisch.) Ihre Konzentration wurde von kleinen harmlosen Gedanken durchschwirrt wie von Insekten. Wie hell die Scheinwerfer waren – wie die Nachmittagssonne auf dem Pier. Sie hoffte, ihr Kleid würde keine Schwitzflecken aufweisen. Georges Mundstück klang unsauber. Ha, er hatte es gemerkt und setzte ein paar Takte aus. Da war er wieder. Besser. Hatte jemand versucht, dem guten alten George etwas anzutun? Etwa einer der anderen Fäden in diesem wunderbaren Muster? Martha konnte diese Möglichkeit in 75
diesem Augenblick nicht einmal weiterdenken. Vielleicht, um seiner verfluchten Unfreundlichkeit eins auszuwischen – ja, das war möglich. Natürlich nur metaphorisch gesprochen. Oder war es George selbst, der die komplizierte Falle aufgestellt hatte? Aber warum? Um Aufmerksamkeit zu erlangen? Um Pádraig in Schwierigkeiten zu bringen? Martha schob die Gedanken von sich. Als nächstes folgte in dem Programm, auf das sie sich geeinigt hatten, ›Kid on the Mountain‹ Sie warf Pádraig einen bewußt neutralen Blick zu, merkte, daß er sie ansah und wandte sich wieder ab. George, der bei diesem Stück den Anfang machte, füllte die Bälge seines Dudelsacks. Aber er hatte nicht das Knierohr in den Armen, sondern sein polnisches Instrument aus Ziegenleder. Bei dem anderen war das Mundstück wohl sehr schlecht, daß er wechselte. Wenn er nicht aufpaßte, würden sie alle feucht. Martha hörte schon beim ersten dröhnenden Ton, daß etwas nicht stimmte, aber es dauerte gut zwei Takte, bis ihre Ohren ihr verrieten, was es war. Das polnische Instrument war im Vergleich zu den anderen Instrumenten, die sie benutzten, einen Halbton höher gestimmt, vor allem zum Akkordeon, das man nicht stimmen konnte. Das war ein großes Problem, denn Pádraig sollte als nächster einsetzen, mit einem Solo, das er erst gestern verpatzt hatte. Sicher würde George es selbst merken … Sie warf Pádraig einen Blick zu und formte mit den Lippen das Wort: ›Nicht!‹, während sie die Fiedel ansetzte. Aber der junge Mann blickte gerade nicht in ihre Richtung. 76
Sein Gesicht wirkte besorgt und überrascht, und er machte sich bereit… Verdammt! Martha biß sich auf die Lippe. Sie hätte an Pádraigs Stelle einfallen und den Halbton mit den Fingern ausgleichen können. Wenn sie ganze Töne vermieden hätte, bis die Flöten ihren Part beendeten, hätte sie anschließend zur Tonlage der anderen modulieren können. Doch jetzt war es zu spät. Da kam das Akkordeon, im Takt und perfekt, doch es klang stumpf und falsch, als spiele es, und nicht die Pfeife, in der falschen Tonlage. Pádraigs Gesicht war feucht. Dann zupfte die Gitarre eine Reihe ungeprobter und sehr vernehmlicher Hauptakkorde, die mit dem Akkordeon stimmig waren. Martha warf Ted einen dankbaren Blick zu. Wenn sie jetzt falsch klangen, würde wenigstens dem Jungen nichts passieren. Die Harfe fügte ein paar sehr schwere Baßquinten hinzu, und jetzt war es die Dudelsackpfeife, die über dem Rest der Musik schrill und blechern klang. Martha drehte sich nun zum ersten Mal um und warf George St. Ives einen staunenden und vorwurfsvollen Blick zu. Doch sein struppiger Kopf war mit geschlossenen Augen über das Instrument gebeugt. Martha fragte sich, ob es vielleicht keine Ausfälligkeit gegenüber Pádraig bedeutete, sondern nur, daß der Mann betrunken war. Aber selbst wenn das Publikum ausschließlich aus marxistischen Traditionalisten bestanden hätte, wie Martha befürchtet hatte, es war musikalisch nicht besonders anspruchsvoll, denn man tanzte in den Gängen und hatte unten vor der Bühne einen Kreis gebildet. 77
Der Dudelsack setzte vor der verabredeten Stelle aus. Hatte George es endlich gemerkt? Elen und Ted blickten Martha fragend an. »Ach, zum Teufel«, sagte sie laut vernehmlich, und die Gruppe spielte fünfzehn Minuten lang teuflisch gut und begeistert weiter. * Irgendwie dauerte das Konzert eine Stunde länger als gewöhnlich. Martha schwebte vor Begeisterung und Müdigkeit. Ihre Finger zitterten. Sie legte die Geige in den Kasten und sah sich nach Pádraig um, der bestimmt verschwinden würde, wenn man ihn nicht schnappte. Er stand am Fuß der Treppe und war bereits abgefangen worden. »Was bist du? Ein Tscheche? Hörst dich so tschechisch an, wie mein Schwager. Der spielt auch Akkordeon.« Es war eine mütterlich aussehende Frau mittleren Alters in einer Samtdjellabah mit sehr weiten Ärmeln. Pádraig grinste: »Ich stamme aus Minnesota. Entschuldigen Sie mich.« Er drängte sich weiter und benutzte sein Instrument als Rammbock. Martha versuchte, ihm zu folgen und landete direkt vor der mütterlich aussehenden Frau, von der sie als eine der Musikerinnen erkannt wurde. »Er ist kein Tscheche? Irgendwas Ähnliches?« Martha schüttelte den Kopf. »Nein, nicht im entferntesten. Tut mir leid.« 78
»Oh! Und Sie sind keine Irin?« Die Frau konnte die Enttäuschung in ihrer Stimme kaum verhehlen. »Nein, keiner von uns«, sagte Martha und versuchte, sich vorbeizudrängen, ehe Pádraig verschwand. Als sie den freien Gang erreichte, hörte sie, wie die selbe Stimme fragte: »… aber wer war Macnamara? Den habe ich gar nicht gesehen.« * Elen Evans schob sich an Ted vorbei auf die Bühnentreppe, wobei sie ihn fast umwarf. Er sah ihr auf dem Gang in die Garderobe mit einem nur leichten Anflug von Ärger in seinen spanielbraunen Augen nach, denn Ted war anderen Menschen gegenüber unendlich geduldig. Er brauchte fast eine Viertelstunde, um sich einen Weg durch die Leute zu bahnen, die mit ihm reden wollten, denn Ted schnitt nie jemandem das Wort ab. Er freute sich, wenn er mit Menschen sprechen konnte, und Fremde interessierten ihn mehr als enge Freunde. Er konnte von allen Mitgliedern der Gruppe am besten die Herkunft der einzelnen Stücke erklären, denn Ted war höflich, und solche Dinge lagen ihm am Herzen. Als er die Doppeltür hinter sich geschlossen hatte und den Gang zur Garderobe hinabging, lag ein breites, ungezwungenes Lächeln auf seinem Gesicht, und in seiner Tasche steckten drei neue Telefonnummern. Er blieb vor der Garderobentür stehen, um den schweren Gitarrenkasten von der rechten in die
79
linke Hand zu wechseln, und hielt dann, mit der Hand auf dem Türknauf, inne. Es war Georges Stimme, und sie sagte: »Du weißt, Elen, wenn ich die Pest bekäme, würdest du vermutlich denken, ich hätte das absichtlich gemacht, damit du dich ansteckst.« Die Antwort von Elens Stimme klang zu schrill und schnell, um verstanden zu werden. Ted stand unentschlossen da, eine Hand auf dem Türknauf, während seine Gitarre ihm schmerzhaft die linke Schulter nach unten zog. »Danke für den Ausdruck des Vertrauens, meine Liebe. Aber manchmal sind meine Fehler einfach Fehler. Verstehst du? Wie Menschen sie nun einmal machen. Ich hatte den polnischen …« Der unfreiwillige Lauscher verstand nichts von Elens Antwort, abgesehen davon, daß sogar ein Hund die Stimmlage der Pfeife erkannt hätte. Darauf erwiderte St. Ives: »Nun, da befinde ich mich in der glücklichen Lage, dir widersprechen zu können, weil ich so sauer bin wie ein Hund, und das solltest du wissen. Erklär mich ja nicht zu deinem persönlichen kleinen Teufel, Elen. Ich tue nichts, was der Gruppe schaden könnte.« Ihre einsilbige Antwort klang überdeutlich durch die Tür. »Nein, du Hexe! Es bedeutet mir etwas. Wenn du auch nur eine Minute lang mit klarem Kopf darüber nachdenken würdest … es war nicht gerade einfach für mich, alles stehen und liegen zu lassen, um mich dieser Gruppe 80
anzuschließen. Ich wollte ein einziges Mal mit der alten Geigerin spielen. Ich bin vielleicht nicht perfekt, aber ich … ich halte meine Versprechen ein.« Von der Halle her näherten sich Schritte. Ted mußte die Tür öffnen, sonst würde er erwischt. Er öffnete sie. Elen wandte sich ihm mit aufgerissenen Augen zu. Er erwartete, Wut in ihrem Gesicht zu finden, aber sie wirkte beunruhigt und ängstlich. St. Ives hielt den büffelschweren Kopf über seine Instrumente gebeugt. Ted legte die Gitarre auf den Tisch, zog eine übertriebene Grimasse des Schmerzes und spreizte die Finger. »Meine Freunde und Nachbarn. Ich brauche einen anderen Koffer für mein Baby. Der hier bedeutet für jeden den Overkill, außer man schmeißt ihn aus einem Flugzeug.« Elen zwinkerte, als habe sie Teds Worte nicht verstanden, und wischte sich unter dem Pony die Stirn. Ihr zielloser Blick wanderte über ihn hinweg, als sich die Tür erneut öffnete, um Mayland Long einzulassen, der die Dreifachharfe unter dem Arm trug. Er trug ein Sportjackett, ein weißes Hemd und Flanellhosen, seinen gewöhnlichen Freizeitlook. »Hat irgend jemand Donald Stoughie gesehen?« fragte er. Elen starrte ihn an, und St. Ives schüttelte den Kopf. »Weiß überhaupt nicht, wer, zum Teufel, das ist.« »Das ist der Agent hier. Er sollte nach der Show mit unserem Geld hier sein. Bei der Kasse weiß man nicht, wohin er ging. Ich mache mir Sorgen.«
81
Drei Leute blinzelten ihn an und wirkten hilflos. Seufzend stellte Long das Instrument in eine Ecke und ging wieder hinaus. Elen folgte ihm. Sie holte ihn draußen auf dem Gang ein, wo er sich gegen eine schmutzige Wand lehnte und ins Leere starrte. Er hatte die Hände in den Jackentaschen geballt, eine Haltung, die, wie Elen gemerkt hatte, für ihren Manager charakteristisch war. Sie fand das schade, denn lange Finger stellten gewiß keinen Makel dar. »Sind Sie wirklich über Stoughie in Sorge, oder hat sie ihnen erzählt, was da oben passiert ist?« Er blickte auf, und seine Augen wirkten in dem dunklen Gesicht fast farblos. »Sie hat mir nichts erzählt, nur, daß sie das Zimmer brauchte, um … mit ó Súilleabháin zu reden. Ich kam nur her, um den Agenten zu treffen.« »Oh, ich dachte, Sie sähen wütend aus über … etwas anderes.« Elen fühlte sich ein wenig albern. Long, der ebenso groß war wie sie, blickte sie an und lächelte. »Nein, Sie sind es, die wütend aussieht. Ich sah… ich weiß nicht, wie ich aussah, aber gewiß war ich nicht wütend. Worüber werde ich denn wütend sein, wenn ich es erfahre?« Elen zuckte die Achseln und warf den Kopf in den Nacken. »Ach, Scheiße. Ich weiß es nicht. Gar nichts, vermutlich. Vielleicht wird sie es ihnen sagen. Ich muß Pat finden.« »Sie ist wohl die Küchenkatze«, antwortete Long lächelnd. »Pádraig finden Sie bei Martha Macnamara.« Er
82
sah Elen nach, die die Halle durch den Vordereingang verließ. Long benutzte die Hintertür. Trotz seiner Kritik fand er es angenehm, wenn die Leute Martha mit einem kursiven Pronomen bezeichneten. Doch sein Lächeln verschwand rasch, und Long blieb noch ein paar Minuten an die Wand gelehnt, während die Erscheinung in dem Hotelzimmer in seiner Erinnerung immer mehr verblaßte. Dann kamen Ted Poznan und George St. Ives zusammen vorbei. »Ich kann helfen«, hörte er Ted sagen. »Ich kann wirklich helfen.« Long begrüßte sie nicht, und sie blieben auch nicht stehen. Er hörte, wie jemand Licht ausknipste. Er würde wirklich diesen Agenten finden müssen. Vorsichtig putzte er seine wunde Nase und ging allein fort.
83
Nebeltau Die Verbindungstür zwischen den Zimmern im Hotel stand offen, und alles lag still im ersten Tageslicht. In einem Zimmer schlief Marty Frisch-Macnamara in der Mitte eines Bettes, das viel zu groß für sie war, so daß es ihr nicht einmal gelungen war, die Decken zu knittern, während ihre Großmutter mit gekreuzten Beinen in der Ecke auf dem Boden saß, den Po auf einem Stapel brettharter Hotelkissen, die Knie auf dem Teppich. Long schlief in dem anderen Zimmer. Er hatte mit beiden etwas gemeinsam, weil er so flach ausgestreckt lag wie Marty und so hellwach war wie Martha. Ein dunkler Arm lag über der Decke und glänzte vor Schweiß, während der Rest seines Körpers unter vielen Schichten von Decken verborgen war. Gelegentlich zitterte er heftig, und zuweilen schloß er die geröteten Augen. Der Grippevirus hatte seinen Höhepunkt erreicht, und er litt. Martha hörte ihn niesen. Er nieste wieder und wieder, was sich zu einem derartigen Anfall steigerte, daß man kaum noch sagen konnte, wann ein Nieser aufhörte und der nächste begann. Alles endete in einem großen Schniefen. Das ganze hörte sich an wie das Dröhnen des großen Gongs beim Zendo, so daß Martha sich verbeugte, sich von einer Seite auf die andere wiegte und gähnend aufstand. Sie fand ihn aufrecht im Bett sitzen, nackt bis zur Hüfte und schweißglänzend, was ihn von den weißen Laken stark 84
abhob. Zerknüllte Papiertaschentücher umgaben ihn wie einen Gott ein Blumengeschenk »War eine schlimme Nacht, mein Schatz, nicht wahr?« Er sah sie entschuldigend an. »Ich habe dich wach gehalten, oder?« Martha schüttelte den Kopf so heftig, daß ihr Haar in alle Richtungen flog. Sie setzte sich auf die Bettkante, um das Opfer einzusammeln. »Eigentlich hält mich nie etwas vom Schlafen ab. Nichts in der Welt. Vermutlich bin ich von Natur aus sehr selbstsüchtig. Aber wie geht es dir heute morgen? Ist es besser?« Er rieb sich mit den Fingerspitzen die geschwollenen Augen. »Martha, ich kann mir nur eine einzige Möglichkeit vorstellen, wodurch es mir besser ginge, und das ist, meine Haut abzustreifen und sie hinter mir zu lassen.« Sie zuckte leicht zusammen und ließ die Sammlung von Papiertaschentüchern in die große braune Einkaufstüte neben dem Bett fallen, die bereits mehr als halbvoll war. »Warn mich aber vorher, wenn du das tust.« »Ich glaube nicht, daß ich es versuche«, gab er zurück, und weil seine Stimme so warm und tief klang, enthielten diese wenigen Worte ein ungeheures Pathos. Er lehnte sich wieder zurück, schloß die Augen und zog die Decke hoch. Martha glitt vom Bett und trat zum Fenster, das sich erst nach einem heftigen Rucken öffnete. Eine morgendliche Meeresbrise drang ins Zimmer und ließ sie merken, wie muffig es dort gerochen hatte. »Warum bleibst du nicht einfach im Bett, Mayland, und läßt mich alles regeln, was heute erledigt werden muß?« Sie wehrte möglichen 85
Protesten, indem sie hinzufügte: »Ich habe das lange Zeit immer alles selbst gemacht.« Er seufzte tief. »Ich stehe mittendrin, Martha. Wie kann ich dir alles erklären? Stoughie muß gefunden werden, dann die Zimmerbestätigung für Los Angeles und …« Da fiel Martha etwas ein, und sie schnitt ihm das Wort ab: »Hast du eigentlich herausgefunden, warum er zuwenig brachte? Die fünfhundert?« Vom Bett her erfolgte nur Schweigen. Sie drehte sich um und sah, daß Long zur Decke starrte. »Ich glaube, ja«, antwortete er schließlich. »Was war es denn? Hast du dich verzählt?« Schnell verbesserte sie sich: »Nein, nein, natürlich hast du dich nicht verzählt. Was war es also?« Um den Deckenrand erschienen zwei dunkle Hände, bogen sich und trommelten einen Takt. »Ich … ich rede nicht gern über Dinge, solange ich mir nicht selbst sicher bin, Martha. Es kann mehr schaden als nützen, verstehst du?« »Oh.« Und sie überging gelassen die Angelegenheit und trat zum Schrank, um nachzusehen, ob sich die Falten in ihrem Lieblingskleid ausgehängt hatten. »Mist. Ich muß es bügeln. Aber wir konnten von der Landaman-Halle auch nichts Gutes erwarten, wenn wir in ihr spielten, nicht wahr? Wegen des Nordeingangs oder der Straße oder was auch immer.« Marthas Oberkörper war wieder zwischen Longs Anzügen und ihren Kleidern verschwunden, und von 86
hinten sah sie nicht gerade vornehm aus. Doch Long gefiel es, trotz seiner Krankheit. Errötet und siegesbewußt tauchte sie wieder auf, schwenkte in der einen Hand ein Dampfbügeleisen und in der anderen das Kleid. »Ich weiß vermutlich nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen soll, wenn diese Tournee vorbei ist. Es sei denn, Elizabeth verpflichtet mich, ihr beim Mauerverputzen zu helfen. Ich hasse es, Mauern zu verputzen.« Long erwiderte ohne die Augen zu öffnen: »Du könntest es doch einmal damit versuchen, mich zu heiraten. Damit hättest du schon einen Nachmittag herum.« Martha krähte wie ein Hahn. »Ha! Wenn du einen Nachmittag glücklich sein willst, heirate. Wenn du aber dein Leben lang glücklich sein willst, schlachte Schweine. Oder so ähnlich – mein Gedächtnis für Sprichwörter ist noch schlechter als für Liedertexte.« Immer noch amüsiert darüber schoß sie ins Nebenzimmer, um nach Marty zu schauen. »Sie schläft noch immer tief und fest? Kein Wunder! Vermutlich, weil sie die ganze Nacht immer wieder aufgewacht ist und von Judy gebrabbelt hat.« »Du sagtest eben, daß dich nichts aus deinem Schlaf reißen könnte«, bemerkte Long sarkastisch. »Nichts, außer Babys. Ich kann nichts dafür, daß ich einmal Mutter war, dazu noch eine herumreisende.« Martha füllte das Dampfbügeleisen unter dem Badezimmerhahn und rief: »Sonst machst du deine Heiratsanträge immer mit mehr Schwung, Mayland.« 87
»Gewöhnlich weist du mich auch heftiger zurück.« Dann fragte er mit verändertem Tonfall: »Wer ist diese Judy, über die Marty im Schlaf brabbelt?« Marthas Kopf tauchte im Türrahmen auf. »Ich weiß es nicht. Irgendeine Freundin vermutlich. Vielleicht war es der Babysitter von gestern. Warum?« Long spielte auf der Decke seine Tonleitern, ohne seine Hände oder Martha anzublicken. »Der Name des Babysitters war Sandy, erinnere dich. Judy … hat Angst vor George St. Ives wurde mir erzählt.« Martha kam aus dem Badezimmer, und das Dampfbügeleisen stieß Wölkchen aus wie eine Zigarette. »Hast du eigentlich von dem Problem gehört, das wir gestern mit George hatten?« »Ich erkannte mit einem Blick auf Elens Gesicht, daß es Probleme gegeben hatte. Ich hätte mir denken können, daß es mit George zu tun hatte, aber gehört habe ich nichts Bestimmtes.« »Was war also, Schätzchen? War Marty quengelig? War sie sehr schwierig?« Long stieß einen leisen, ungewöhnlichen Laut aus, als würde ein Kessel pfeifen. »Nein, mit Marty war alles in Ordnung. Es war… Ich rede eigentlich nicht gern über Dinge, über die ich mir nicht wirklich sicher bin.« Martha riß beide Augen weit auf. »Du meinst also, daß Marty die fünfhundert Dollar genommen hat?« Long lachte, begann aber natürlich sofort darauf wieder zu husten. 88
* Ted beobachtete einen hellen Streifen über dem Meer, fast an der Grenze seiner Sichtweite. Vermutlich war es Nebel, der vom Westen her in die Monterrey-Bucht drang. Er war froh, früh aufgestanden zu sein, denn die Sonne war für seinen Tagesablauf sehr wichtig. Er zog sein Hemd aus, obwohl es erst halbzehn war und am Strand immer noch morgenkühl, und legte es sorgfältig auf die plattgedrückte Tasche, die seinen Saft und den schwarzen Kaffee seines Begleiters enthalten hatte. Nachdem er sich energisch gestreckt hatte (und seine Bewegungen mußten bei den Temperaturen energisch sein), begann er sein Prana Yoga. George St. Ives beobachtete diese Demonstration mit halbgeschlossenen, rötlichen Lidern. Er trug unter seiner Jeansweste zwei Wollpullover und hatte die Arme verschränkt. »Wenn du dir die Nase schneuzt, mach das doch bitte in den Sand und nicht auf mich.« Ted lächelte glückselig. »Du weißt genau, was ich tue, George. Es gibt nichts Besseres als Seeluft, um dein Rückgrat in Schwung zu bringen. Was sind wir denn anders als lange, schlangengleiche, biegsame und sehr empfindliche …?« »Ich sehe mich lieber als eine schleimige Röhre mit einem Mund an einem und dem Arschloch am anderen Ende.« St. Ives lehnte sich an die Betonmauer und schloß die Augen. Mit seiner flachen Nase und dem dichten 89
Haarschopf ähnelte er einem Bison, das einem schlimmen Windsturm standhält. Ted Poznan rieb sich die Arme und rückte ein paar Zoll von dem Stützpfeiler ab in die Sonne. »Hey, auch das kann ich resonanzmäßig verarbeiten. Essen und scheißen, essen und scheißen … ist nur ein Rhythmus wie jeder andere. Wie die Jahreszeiten, und auf seine Weise heilig.« St. Ives stöhnte, Poznan rückte dichter zu ihm. »Aber du solltest dich dadurch nicht eingeengt fühlen. Du kannst ebenso eine magische Schlange wie ein Arschloch sein, wenn das dein Karma ist.« Ein schriller, dünner Schrei, nicht ängstlich, sondern wütend, veranlaßte beide Männer aufzublicken und aufs offene Wasser zu starren. Entlang der Linie zwischen trockenem und feuchtem Sand spazierte eine warm verpackte Familie. Ein großer Hund, dem etwas aus dem Maul hing, galoppierte unbeholfen von seinem Herrn fort und aufs Land zu. Er sah die beiden Männer am Fuß der niedrigen Kaimauer und wurde durch Neugier oder den Geruch ihres Frühstücks von seinem Weg abgelenkt. Es war ein Mischling mit Doggenblut. Sein Gesicht mit den schlaffen Lidern und den faltigen Backen sah dem St. Ives' sehr ähnlich. Die beiden Wesen starrten einander eindringlich an. Der Hund kaute auf dem Kinderpullover, den er im Maul hielt. »Gib ihn her, Bursche«, sagte Ted. »Komm schon, Junge. Das Baby braucht seinen Pullover. Sei ein guter Bursche. Gib ihn her.«
90
Der Hund lächelte Ted an und schlenkerte den Pullover scherzhaft hin und her. Ted streckte die Hand danach aus, konnte ihn aber nicht packen. Der Hund führte einen kleinen, schwerfälligen Tanz auf. »Gib's her!« St. Ives sprach diese Worte nicht laut, aber mit einem drohenden Unterton. Der Hund ließ den Pullover fallen, und St. Ives ließ ihn im Sand liegen, bis der Besitzer davon herantrollte. Der Junge, etwa sechs Jahre alt, sah St. Ives unsicher an, der ihm einen Blick schenkte, nicht unähnlich dem, den er auf den Hund gerichtet hatte. Wortlos nahm der Junge seinen Pullover und rannte fort. »Hast du mir die Drogen besorgt?« Als St. Ives diese Frage stellte, fegte ein sehr kalter Windstoß über den Strand und blies ihnen Sand ins Gesicht. Ted zog sich rasch sein Hemd über. »Ich habe etwas Besseres als Drogen, George. Etwas viel Besseres.« »Verdammt!« St. Ives schlug mit der Faust in den Sand. »Ich will keine verfluchten ›Trips‹ von dir. Weder den dämlichen Feldenkreis noch irgendeine andere Sojasoßenreligion. Du weißt, was ich brauche!« Ted antwortete sehr nüchtern: »Ja, du brauchst ein besseres Körpergefühl.« »Ich will ein einziges Mal keine Schmerzen haben!« Ted schwieg fünf Sekunden lang und lauschte dem Dröhnen des Meeres. Dann holte er tief Luft und begann: »Du bist unterernährt, übergewichtig und ein Alkoholiker, George. Du mißhandelst seit zwanzig Jahren diese arme … arme schleimige Röhre deines Körpers.«
91
»Fünfunddreißig!« verbesserte ihn George St. Ives leicht giftig. »Was hast du also zu bieten? Sojabohnensprossen?« Ted schüttelte den Kopf, und der Wind hob eine seiner gebleichten Strähnen. Seine Haut hatte von der Sonne einen Farbton zwischen beige und pfirsich angenommen. Jede Bewegung und jeder Zug an ihm, muskulös und entspannt, tat St. Ives weh. Der Gitarrist zog aus seiner Hosentasche eine Plastiktüte mit einer Kapsel. »Drogen«, bemerkte St. Ives erleichtert. Er nahm die Kapsel und befühlte sie, als sei die grüngelbe Farbe der Hülle an sich schon wertvoll. »Das ist keine Droge, sondern etwas anderes. MDM.« St. Ives kniff die Augen zusammen. »Ich brauche keine Halluzinationen, Teddy. D.T's sind schon schlimm genug.« »Es handelt sich nicht um Halluzinationen. So funktioniert Adam nicht. Es ist… ein wenig wie die Sonne selbst. An den Stellen in dir, wo sich die Dinge versperrt haben oder verfault sind, öffnet es dich.« »Wie ein Abführmittel?« Ted sah ihn leicht vorwurfsvoll an. »Warum nicht? Wie ein Abführmittel. Aber ohne Bauchkrämpfe. Es fördert die Heilung. George, glaub mir, ich habe es auch genommen, und manchmal war ich so daneben und unzufrieden mit mir, und dann .., man fühlt sich so gut, du kannst es mir glauben!« St. Ives spielte weiter nachdenklich mit der kleinen Plastiktüte, bis Ted ihn bat, sie fortzustecken. Da hob sich der schwere Kopf, und die geröteten Augen blickten fordernd. »Was ist es, Teddy? Klasse eins?« 92
Ted Poznans Körper versteifte sich einen Sekundenbruchteil vor Wut. »Bis zum letzten Jahr war es ebenso legal wie Aspirin. Aber faschistische Narkos haben es in dieselbe Klasse eingestuft wie Heroin. Es gab keine Entschuldigung, keine Erklärung. Keine öffentliche Anhörung. Und das haben sie nur gemacht, damit sie groß absahnen konnten. Sie haben die Leute und die Orte beobachtet, wo damit geheilt wurde, und dann zugeschlagen. Sie haben gewettet, daß mindestens einer von dreien weiter versuchen würde, es zu nehmen. Das war leichtes Spiel!« »Klasse eins«, wiederholte St. Ives und ließ den Rest der Worte an sich vorübergleiten. Die Kapsel wanderte in seine Tasche. »Bei dem Risiko ist es die Sache wohl wert.« Er stand auf, fegte den Sand von seinen Kleidern, ließ etwas in Teds Schoß fallen und schlurfte über den Sand davon. Ted starrte auf die Rolle aus Geldscheinen. »Hey! He! George, ich will das nicht! Hey!« Er rannte drei Schritte hinter St. Ives her, doch dann schoß er, ein wahrer Kaliformer, zurück, um ihren Unrat einzusammeln. »Hey, so leicht ist das nicht, George. Ich muß dir dazu noch einiges sagen. Du darfst bestimmte Dinge dabei nicht zu dir nehmen…« Der Wind wehte stärker und ließ die Gischt aufspritzen. Als Ted George St. Ives endlich einholte, legte sich der Nebel auf den Strand. ٭
93
Mayland Long saß auf der Bank an der Bushaltestelle vor Mr. Stoughies Büro, wohin ihn sein unbeugsamer Wille gebracht hatte. Unbeugsam, aber vielleicht nachteilig, überlegte er, während er die umherschlendernden Menschen unter den blühenden Bäumen der Pacific Mall betrachtete. Für den Kranken sahen sie alle sehr sonderbar aus. Aber vielleicht waren sie wirklich alle komisch. Zum Beispiel dieser Mann mit dem schlecht sitzenden Anzug und dem Mohikanerschnitt. Wäre er nicht so dick gewesen, er hätte leicht bedrohlich gewirkt. Long betrachtete aus den Augenwinkeln eine ältere Frau mit einem grellbunt bedruckten Kleid und versuchte, zu entscheiden, ob sie verrückt war oder einfach geschmacklos. Er fühlte sich nun wirklich krank, und jede warme Brise ließ sein Fieber steigen, und jeder kalte Luftzug ließ ihn vor Kälte zittern. Seine aufgeschürfte Wange und die Rippenprellung schmerzten. Und das Atmen kostete erhebliche Mühe, weil beide Nasenlöcher verstopft waren. Martha hatte recht gehabt. Natürlich. Aber er hatte nicht die Absicht, Martha diese Aufgabe zu überlassen. Solche Dinge erledigte er am besten selbst. * Don Stoughie, der Buchungsagent für die Landaman-Halle, war ein Mann von vierzig Jahren und gewöhnlich gepflegtem Äußeren. Sein dünner werdendes Haar war in einem Stil geschnitten, der weder Old noch New Age verriet, und die mexikanischen Hochzeitshemden, die er 94
über seinen engen Jeans trug, wurden in einer Wäscherei gewaschen und gebügelt. Er war ein typischer Geschäftsmann aus Santa Cruz. Stoughie schenkte dem gebeugten dunklen Mann an der Bushaltestelle keinerlei Aufmerksamkeit, denn er hatte es schon lange aufgegeben, die Leute auf der Straße zu beobachten. Er steckte den Schlüssel ins Türschloß und öffnete. Halbwegs auf der Treppe hörte er hinter sich ein Geräusch, drehte sich um und sah den alten Mann hinter sich herkommen. Einen Moment lang verlor er die Nerven. »Was wollen Sie?« fragte er. Long stieg drei weitere Stufen hinter ihm her und blieb unter dem Treppenhausfenster stehen. Stoughie, der seine offensichtliche Harmlosigkeit erkannte, entspannte sich ein wenig. Aber nur ein wenig, denn der Kontrast zwischen Longs Gesicht und seiner Hautfarbe beruhigte ihn nicht gerade. Doch der Rohseidenanzug tat seinen Dienst. »Tut mir leid, an dunklen Orten werde ich leicht nervös.« »Wie unglücklich. Es gibt so viele dunkle Orte.« Stoughie war im Bilde, als er die Stimme hörte. »Long, nicht wahr? Wir haben letzte Woche miteinander telefoniert. Macnamaras Manager?« »Manager bei dieser Tournee«, verbesserte ihn Long. »Niemand managt die Fiedlerin, außer sie selbst.« Er ging weiter die Treppe hinauf und zwang auf diese Weise Stoughie, der keine andere Wahl hatte, nach oben. Das Büro war klein und staubertrunken. An der Wand hingen ein Poster vom Big Basin Redwoods Naturschutzpark unter schlechtem Glas und eine Karte von Santa 95
Cruz. Long ließ sich ungebeten in einen der Korbstühle an der Wand fallen, unmittelbar neben einem niedrigen Tisch, auf dem ein breites, flaches Buch lag. Man konnte beim Licht durch das einzige Fenster den Titel nicht erkennen. Long merkte jedoch, daß ein Fingerstrich durch die Staubschicht alles deutlicher erkennbar machte. Grundstücksinvestitionen Monterrey-Bucht. Eine MonterreyKiefer vor dem Sonnenuntergang und natürlich dem Ozean. »Komisch«, sagte Stoughie, der sich hinter seinem Schreibtisch niederließ. »Ich hatte aufgrund Ihrer Stimme geschlossen, Sie seien viel größer.« Longs geschwollene Augen blickten ausdruckslos, als er antwortete. »Ich habe eine Erkältung, Mr. Stoughie. Dabei bin ich beträchtlich zusammengeschrumpft.« Stoughie brummte mitfühlend. »Das nehme ich Ihnen gern ab. Jedesmal, wenn ich Grippe habe, werde ich zehn Zentimeter kleiner und nehme zehn Pfund ab.« Stoughie schlug sich nachsichtig gegen die Seite, als habe er nichts dagegen, am morgigen Tag Grippe zu bekommen. »Man sagte mir, es sei keine eigentliche Grippe, sondern nur ein Erkältungsvirus.« Longs Stimme klang einen Hauch bekümmert. »Ich werde mein Bestes tun, um eine Ansteckung Ihrerseits zu vermeiden. Doch da es Ihnen nicht gelang, wie verabredet gestern abend im Theater zu erscheinen …« Stoughie schob das Kinn vor. »Hatten Sie das wirklich erwartet?« »Verzeihung?« 96
»Nach der Schweinerei, die ihr Leutchen aus meinem Theater gemacht habt?« Stoughie hatte arktisch-blaue Augen, doch ihre Wirkung wurde durch ein Zucken seines linken Mundwinkels beeinträchtigt. »Ich habe noch keine Schätzung des Schadens bekommen, aber wenn ich sie in den Händen halte …« In Longs Ohren summte es. Einen Moment lang zweifelte er, ob er den Mann richtig verstanden hatte. Der Virus war für so vieles verantwortlich. »Wenn Sie die Tür meinen, die mir aus der Hand flog …« »Eine Sicherheitstür, die man auf tausend Dollar veranschlagt, und das ist nur …« Long richtete sich auf wie eine Kobra, die gerade zustoßen will. »Das war nichts weiter als eine ganz normale, hohle Innentür, wie ich zufällig ganz genau weiß, Mister Stoughie. Darüberhinaus gibt es keinerlei Hinweis darauf, daß dieser bizarre Trick oder diese Falle mit einem Mitglied von Macnamara's Band in Zusammenhang steht. Weiterhin …« Stoughie gab ihm einen ironischen Blick von der Seite. »Geschenkt. Jeder weiß doch über euch Jungs Bescheid. Musiker unterwegs. Das ist doch nicht das erste Mal.« Longs Wut drohte sich in Staunen aufzulösen. Das Summen in seinen Ohren wurde lauter. »Ich muß Ihnen versichern, daß es das erste Mal ist, daß wir irgendeiner Ungebührlichkeit bezichtigt werden. Die Gruppe existiert erst seit wenigen Monaten, und überhaupt handelt es sich um eine Folk-Band und nicht um die ›Who‹. Doch sollten 97
Anschuldigungen fallen, so meine ich, daß ich, der in Ihrem Theater zum Stolpern gebracht wurde und verletzt wurde …« »Ich vertrete es lediglich«, antwortete Stoughie unerwarteterweise. »In Ihrem Theater verletzt wurde, während ich versuchte, für die Sicherheit unserer Ausrüstung zu sorgen, und zwar von einer dritten Partei.« Long verhedderte sich zwischen den Satzzeichen seiner eigenen Rede. Sein Blick wurde durch eine kleine Bewegung vor dem Fenster von dem Agenten abgelenkt. Es war ein Kolibri. Ein hübscher kleiner Kolibri, der seinen Schnabel in eine Geißblattblüte versenkte, die auf der Fensterbank wuchs. War das das Summen in seinen Ohren gewesen? Long verspürte eine verzweifelte, einsame Sympathie für diesen Kolibri. Nur mit äußerster Anstrengung konnte er seine Aufmerksamkeit wieder auf Stoughie richten. Der andere Mann richtete sich auf und riß die blauen Augen weit auf. »Mach ja keinen Quatsch, Bursche«, sagte er wie in einem schlechten Film. »Du könntest die Hitze nicht aushalten.« Long starrte ihn nachdenklich an. »Oh, mit der Hitze hatte ich noch nie Probleme, Mr. Stoughie. Es ist diese Erkältung, die mir so zu schaffen macht.« Der Agent preßte beide Füße kämpferisch gegen die Rückwand seines Schreibtischs. Mr. Long sah, wie sich die Holzverkleidung nach außen wölbte, und fragte sich, was wohl als nächstes geschehen würde. »Sie drohen wohl mit 98
einem Prozeß, wie? Wissen, Sie, das haben bei mir schon ein paar Musiker versucht. Sie können die ja fragen, wohin sie das gebracht hat.« Long seufzte, schneuzte sich und sah zu, wie sich die Wölbung in Übereinstimmung mit den Wellen von Stoughies Wut bewegte. »Wir haben mit Schwester Sue Frye geredet, ehe wir letzten Winter die Pläne aufstellten. Sie riet uns energisch, keine Geschäfte mit einem Mann abzuschließen, der so zuverlässig hinterhältig ist.« »Wie kann sie es wagen …« Die Wölbung glänzte im Neonlicht auf. »Wir hingegen – nun, ich – habe ein besseres Blatt in der Hand als Schwester Sue. Ich habe einen ausgezeichneten Rechtsanwalt von gutem Ruf, Mr. Stoughie, wie auch das Geld, ihn unendlich lange zu ernähren.« Long hörte ein Knacken und sah, wie eine dunkle Linie in dem walnußfarben gebeizten Sperrholz des Schreibtisches auftauchte. Stoughie hatte es auch gehört und zog seine Füße zurück. Er richtete sich auf. »Hören Sie mir einmal zu, Long. Die Landaman-Halle gehört einer Aktiengesellschaft. Wollen Sie wirklich vor Gericht gegen eine Aktiengesellschaft kämpfen?« Long lachte leise. »Gegen eine Aktiengesellschaft? Aber gewiß doch. Vermutlich könnte ich Ihre AG kaufen. Und ganz sicher könnte ich Ihr Theater kaufen. Doch das will ich nicht – das feng shui ist zu schlecht.« »Das was?«
99
Long ignorierte diese Frage. Er betrachtete wieder den Kolibri. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Mr. Stoughie. Wenn Sie sich wirklich mit mir in der Arena des Rechts anlegen wollen, warum zahlen Sie nicht wenigstens der Band ihr kleines Honorar aus? Das würde doch, bei Klage und Gegenklage, Ihre Seite erheblich in Vorteil setzen.« Der kleine Nektartrinker hatte eine so bezaubernde Form und Tönung, daß Long beim Reden lächelte. Stoughie war ein Abbild von Ungläubigkeit. »Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen, Bruder. Ich weiß doch, was für Mäuse ein Mann macht, der Harfen herumschleppt.« »Sie waren also doch gestern abend bei dem Konzert?« Longs Lächeln wurde starr. »Ein Mann schleppt umsonst Harfen herum, wenn dieser Mann ich bin.« Sehr gelassen stand Mr. Long nun auf, und sehr gelassen begann er, seine Taschen zu leeren. »Hier ist meine Taschenuhr, Mr. Stoughie. Sie besteht nicht aus Messing. Das Uhrwerk stammt von Patek Philippe, aber das sagt ihnen wohl nichts, oder? Das hier ist ein Maniküretui, das ich in Belgien aufgetrieben habe. Ich kann es Ihnen nur empfehlen, weil es Ihre Taschen nicht unansehnlich ausbeult. Das flache Etui, ebenfalls aus Gold, ist nicht für Zigaretten, sondern für Kreditkarten. Erlauben Sie mir, Ihnen meine Sammlung zu zeigen. Die von der Fluggesellschaft sind nicht so eindrucksvoll wie die Bankkarten, nicht wahr? Sie wirken ein wenig billig.« Stoughies Blick wanderte mit einem Ausdruck zwischen Beleidigung und Faszination von einem goldenen Gegenstand zum nächsten. Dann leerte Long die Innentasche 100
seines Jacketts. Ein flaches, braunes, ledergebundenes Scheckbuch flog auf den Schreibtisch, gefolgt von einem weiteren aus grünem Plastik. Long hielt das grüne geöffnet unter Stoughies Nase. »Hier sehen Sie mehr oder minder die Finanzen von Macnamara's Band. Nicht so schlecht wie einige andere. Eigentlich sehr solide, doch vielleicht nicht ganz ausreichend, sich auf einen längeren Rechtsstreit einzulassen.« Er ließ das Buch auf den Tisch fallen und hielt das andere hoch. »Das hingegen ist der Stand meiner persönlichen Konten, die ich für meine Reisekosten in Anspruch nehme.« Stoughie betrachtete die kleinen, ordentlichen Ziffern, und dann blickte er noch einmal hin. Sein Blick trübte sich, vielleicht unfreiwillig. »All dies könnten natürlich Fälschungen sein«, fuhr Long fort und sammelte seine Besitztümer wieder ein. »Von jemandem präsentiert, der eine Finanzkraft demonstrieren will, über die er nicht verfügt. Doch wenn das Ziel dann besteht, Sie davon zu überzeugen, daß ich auf dem Schlachtfeld des Rechts einen würdigen Gegner darstelle … Oh, hier ist noch ein kleines Spielzeug, das Sie vielleicht interessiert.« Er zog aus einer Tasche, die an einer unauffälligen Stelle ins Innenfutter eingelassen war, ein kleines grünes Viereck hervor, das er auf den Tisch schleuderte. Es war ein Stapel zusammengefalteter Dollarscheine, von einem schlichten Clip wie die Seiten in einem Buch säuberlich zusammengehalten. Der Clip glitzerte, abgesehen von dem angelaufenen Bild eines chinesischen 101
Drachens, der sich über die gesamte Länge schlängelte und spiralte. Die Augen des Drachen leuchteten hell. »Ich glaube, es ist nur Bronze«, sagte Long bescheiden. »Aber ich finde die Arbeit nett.« Stoughie riß seinen Blick von dem Nennwert der Geldscheine noch rechtzeitig los, um den Clip zu bemerken. Als Long das Päckchen wieder in die Tasche steckte, seufzte er tief. »Mrs. Macnamara, die eine sehr geschäftstüchtige Frau ist, gestattet keine Transfers vom braunen Konto auf das grüne. Sie wird jedoch eine gewisse Abschlagsumme von Ihnen akzeptieren. Daher ist es notwendig, daß Sie einen bestimmten, überfälligen Scheck ausstellen, um das Konto auszugleichen.« Don Stoughie merkte, daß er sein eigenes Scheckbuch aus imitiertem Jeansstoff mit einem aufgedruckten Elch hervorzog. Nicht ganz er selbst, stellte er unter Longs wachsamen Augen einen Scheck aus. »Ah, Mr. Stoughie, ich weiß, es ist nur eine Kleinigkeit, aber Sie haben sich im Monat geirrt. Zweifelsohne bringt Sie die gegenwärtige Hitze dazu, es für Juli zu halten, wo wir doch Juni schreiben.« Stoughies Gesicht verlor nun seinen gebannten Ausdruck. Er schloß das Scheckbuch geräuschvoll und lächelte. »Nein, eigentlich nicht. Ich zahle immer erst nach dreißig Tagen. Fragen Sie herum, und betrachten Sie sich als Glückspilz, daß Sie es überhaupt bekommen, nach all diesem Mumpitz.«
102
Und jetzt gab es in Mayland Longs Kosmos weder einen Kolibri, noch eine Kiefer, sondern nur noch die Gestalt Don Stoughies auf der anderen Seite des Schreibtisches. Aber seine Stimme klang immer noch sachlich. »Ich brauche da nur unsere schriftliche Vereinbarung zu befragen, in der von Zahlung am gestrigen Abend die Rede ist.« Stoughie, dem ein zierlicher Asiate mit einem aufgeweichten Taschentuch in der Hand gegenüberstand, ging das Temperament durch. »Ich bin es jetzt leid, Long, Sie und Ihre … Demonstration«, sagte er, betonte das Wort aber auf der zweiten Silbe. »Und noch mehr leid bin ich diese unverantwortlichen Musikgruppen, denen es erlaubt wird, meine Hallen zu zerstören, und das können Sie dem Macnamara-Vogel bestellen.« Bei diesen Worten des Agenten wurde Mr. Longs Gesicht zunächst blaß, dann wieder dunkel. Seine Pupillen leuchteten auf wie die Kehle des Kolibris, und in seinen Ohren dröhnte das gleiche unirdische Summen. Stoughie, dem dies entging, fuhr fort: »Verstehen Sie, bis Sie mir wegen dem Scheck oder dem Unfall Schwierigkeiten machen können, wird mehr als ein Monat vergangen sein. Und dann, das verspreche ich Ihnen, mache ich der Band das Leben so schwer, daß das kleine grüne Scheckbuch über und über rot wird. Sie warten jetzt einen läppischen Monat, wie alle anderen auch – und Sie kriegen Ihr Geld. Wenn für Sie nicht einmal ein Job dranhängt, was regen Sie sich eigentlich so auf?« Longs Reglosigkeit ermutigte den anderen, fortzufahren: »Gestehen Sie sich eben einfach ein, daß es dieses Mal 103
nicht nach Ihrer Nase geht, und …« Seine Worte brachen unmittelbar ab, weil er sich in die Luft hob und am Nacken halb über den Schreibtisch gezogen wurde. Dicht vor seinem Gesicht glänzten Longs Augen, hellgolden und völlig leer. Longs Kehle entfuhr ein Laut, der einem Windheulen glich. Stoughie fühlte, wie ihm ein Stift in die Hand gedrückt wurde. »Ändern Sie das Datum. Ändern Sie es, sonst sind Sie tot… Und jetzt unterschreiben. Und jetzt möchte ich, daß Sie sich für Ihre Sprache hinsichtlich Mrs. Macnamara entschuldigen.« Stoughie stieß ein Krächzen hervor und wurde gezwungen, es lauter zu wiederholen. Als alles zu Longs Zufriedenheit geschehen war, ließ er den Agenten wieder auf seinen Stuhl fallen. »Meine Nase blutet«, sagte Stoughie. »Mein ganzes Hemd ist voll Blut! Bei Gott, dafür schicke ich Sie ins Gefängnis.« »Ach ja?« Longs Gesicht zeigte keinen anderen Ausdruck als bisher, seit er das Büro betreten hatte. »Das wird aber sehr interessant werden, Mr. Stoughie. Doch nicht sehr einträglich sein, fürchte ich.« Er wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal um. »Warum gestehen Sie sich nicht einfach ein, daß es ein einziges Mal nicht nach Ihrer Nase geht?« Er verließ das Büro und schloß die Tür hinter sich. Und dann rannte Long los, leichtfüßig und lautlos und wie immer Haken schlagend, was auf der dichtgedrängten Mall sehr praktisch war. Er sprang die Treppe der Bank of 104
America hinauf, wo keine Menschenschlange stand, und ließ sehr gelassen den Scheck auf Martha Macnamaras Konto gutschreiben. Es gab keine Schwierigkeiten. Dann begann er zu husten. Er lehnte sich an die Mauer des Postgebäudes und hustete. * Er hatte sich nicht unter Kontrolle gehabt. Er hätte den Mann umbringen können, was Martha und ihm endlose Schwierigkeiten bereitet hätte, und das alles nur wegen einer lächerlichen Summe, die für ihn bedeutungslos war. Ein Aufwallen von Wut in seinem Inneren versuchte ihm zu erklären, daß es nicht um das Geld gegangen war, doch er bekämpfte sie. Es war nicht um das Geld gegangen, sondern um Ärger über einen kleinen Geschäftsmann, der es für gerissen hielt, andere Leute zu beleidigen und ihnen Schwierigkeiten zu bereiten. Seine Reaktion auf ein solches Verhalten war weit übertrieben. Und gestern abend? Diese Episode mit Marty. Konnte er seinen Sinnen über das Geschehene trauen? Kein Wunder, daß die Menschen so sehr zögerten, den Dingen zu glauben. Sie verbrachten ihr Leben damit, von einer Verwirrung in die nächste zu taumeln und starben in der Regel mit keiner größeren Wahrheitserkenntnis als der, die sie bei ihrer Geburt schon hatten. Arme Marty: Was würde das Leben diesem kleinen Geist bringen, da sie nun einmal in dieser Gestalt geboren worden war? Armer Mayland Long, arme Martha. 105
Nein, Martha war nicht bemitleidenswert, nicht einmal – Long überlegte scharf-, wenn sie einen Schuh anhatte und den anderen nicht. Nicht einmal mit einer Gesichtsmaske. Er lehnte sich gegen die Mauer und dachte an Martha, bis er sich stark genug fühlte, zurück zum Hotel zu gehen. * Elen folgte Pádraig über den Strand und fragte sich, warum sie das in kaltem Wind und Nebel tat. Ihr Umhang peitschte ihr ins Gesicht. Sie verstand ein paar Worte nicht. »… es besteht aus Leder, und er hat es auf der Brendan selbst angefertigt, als sie über den Atlantik tanzte. Er hat eine Menge von ihnen gemacht, glaube ich, aber dieses eine schenkte er mir. Ich mag es sehr.« »Wer war das?« schrie sie gegen den Wind. »Thor Heyerdahl?« Pádraig warf ihr einen sehr enttäuschten Blick zu. »Trondur Patursson. Auf dem Lederboot Brendan, das von Kerry aus …« »Ja, ich habe zugehört. Ich habe mich nur im Namen geirrt«, sagte sie mit schuldbewußter Stimme. »Die Brendan selbst steht als Ausstellungsstück in einer Glasvitrine. Das finde ich schade, verstehst du? Sie ist nur einmal auf See gewesen.« Elen nickte heftig. »Oh, ja, wirklich schade.« Der nasse Sandstreifen war hier sehr breit. Wellenzungen schwappten, nachdem sich ihr Kamm 106
gebrochen hatte, noch viele Meter weiter. Das lag daran, daß Ebbe herrschte und der Wind kräftig blies, hatte Pádraig ihr erklärt, oder war es umgekehrt? Bei Flut (oder Ebbe) wäre alles weniger interessant gewesen. Für Pádraig zumindest. Es bedurfte nur eines kleinen Stücks linksgedrehter Muschel, um ihn aufzuheitern. Ebenso wenig bedurfte es, um ihn zu entmutigen. Elen dachte an den gestrigen Nachmittag, als sie das Seil geknüpft hatten, was in einer raschen Umarmung und einem Kuß geendet hatte. Sie selbst hatte die Situation herbeigeführt, weil sie zu dicht bei ihm stand und absichtlich in eine andere Richtung blickte, als sie das Tau zu sich her aufrollte. Doch die Heftigkeit des Jungen hatte sie überrascht, und dann war er, angesichts ihrer Überraschung, schnell wieder zurückgewichen. Das Ende war nicht weniger peinlich gewesen als der Anfang. Und dann dieser schreckliche Augenblick beim Konzert für ihn, als er erkannte, daß er hilflos draußen stand. Elen spürte instinktiv reine Wut auf George St. Ives. Schade, daß der kleine Scherz mit der Tür den Falschen getroffen hatte. Und jetzt war der schöne Morgen so kalt geworden, daß Elen fast die Ohren abfroren, und dieser Pádraig plapperte unermüdlich über die Brendan und Rennen von vierundvierzig-Meter-Beibooten. Als sei während der gesamten Tournee nichts Wichtiges geschehen. Elen wünschte sich an einen anderen Ort. »Hast du nicht zugehört?« Elen blickte schuldbewußt auf und gab es zu. Pádraigs Haar war von der feuchten Luft 107
glatt geworden, und winzige Tröpfchen perlten daran herab. Er war recht zierlich und hatte ein Kindergesicht, und sie fragte sich (weil sie nichts mehr sicher beurteilen konnte), ob er überhaupt gut aussah, oder ob ihre Reaktion auf ihn lediglich das Ergebnis einer achtwöchigen Nähe war. »Ich hatte dich gefragt, wie viele Brüder und Schwestern du hast.« »Ja?« Seine Augen hatten die gleiche Farbe wie das Wasser dort draußen, das sich mit den Wolken vermischte. Eine sehr schläfrige Farbe. Elen gähnte. »Ich habe überhaupt keine.« »Keine Brüder und Schwestern?« Er starrte sie ungläubig an, bis Elen ihn anlachte. »Ich bin die einzige, Schätzchen. Das ist doch gar nicht so ungewöhnlich.« »Nein? Nicht selten? Das muß aber schlimm für dich gewesen sein.« Pádraig hielt einen nassen Stein in der Hand. Er wartete den richtigen Augenblick ab und schnellte ihn dann über eine auslaufende Welle. Der Kiesel hüpfte viermal hoch, ehe er versank. »Hier, mach du mal.« Er reichte ihr einen Stein. Ohne hinzusehen warf sie ihn ins Wasser, wo er verschwand. »Die meisten Leute, die ich kenne, kämpfen ununterbrochen gegen ihre Geschw … ihre Brüder und Schwestern. Warum war das schade für mich?« Er zuckte übertrieben die Achseln. »Man braucht doch als Kind jemanden zum Verprügeln.«
108
Elen lächelte grimmig und schob die Hände unter ihren Umhang. »Man kann aber auch verprügelt werden, Pat. Und ich hatte meine Eltern, um diese Bedürfnisse zu erfüllen.« Sie ging zu einem Stück Treibholz, das die Hochwasserlinie markierte. Der Nebel war so dicht, daß man den Pier in zwanzig Metern Entfernung nicht sehen konnte. Jetzt folgte ihr Pádraig »Du magst deine Eltern nicht? Ich wette, du bist von zu Hause fortgerannt.« Starr vor Schrecken sah sie ihn an. »Wer hat dir das erzählt?« Pádraig wich zurück und stolperte über seine eigenen Füße. Er ließ die Muschel fallen, die er gerade aufgehoben hatte. »Sei nicht wütend, Elen. Niemand hat es mir erzählt. Ich wollte dich nur aushorchen.« Sie wandte sich von ihm ab und lief aufs Meer zu, das ihr bereits die Schuhe durchweichte. Auch das bot keinen Trost. »Die Leute lassen sich nicht gern auf den Arm nehmen, Liebster. Zumindest ich nicht. Aber ich bin wirklich fortgerannt. Ich bin mit sechzehn fortgelaufen. Dann habe ich mich durch vier Jahre Musikschule durchgebracht. Ich kann wirklich Ravel spielen, weißt du. Ich bin seit meinem ersten Studienjahr nicht mehr in Atlanta gewesen.« Ó Súilleabháin ging nun neben ihr her und betrachtete sie mit einer Art ehrfürchtiger Neugier. »Bei mir zu Hause passiert das nicht oft, daß ein Mädchen fortrennt, um auf die Universität zu gehen. Das ist sehr selten. Du mußt dich von Anfang an gut gekannt haben.«
109
Ihr Lachen klang dünn. »Nein, das Glück hatte ich nicht. Wenn ich diese Jahre noch einmal…« Dann lachte sie wieder, aber natürlicher. »Ich würde immer noch nicht nach Hause zurückgehen. So geht es mir viel besser. Selbst nach acht Wochen Zigeunern.« »Ja, sicher«, meinte Pádraig und schlug ihr leicht auf die Schulter. »Ich bin ja schließlich dabei.« Er lachte kurz. Sie seufzte. »Was ist denn mit Kindern, Elen?« fragte Pádraig dann ohne eine Spur Spott in der Stimme. »Will eine Frau denn keine Kinder haben?« Sie starrte ihn mit vor Staunen offenem Mund an, doch es löste sich bald in ein amüsiertes Lachen auf. »Mach dir keine Sorgen, Pat. Vom Küssen bekommt man noch keine Kinder.« Dann rannte sie in den dichten Nebel und wirbelte den nassen Sand hinter sich hoch. Pádraig lief hinter ihr her, doch der Nebel war so dicht, daß er die Stelle verpaßte, wo sie landeinwärts abgebogen war. Er blieb stehen und rief: »Elen! Elen! Hör auf mit dem Blödsinn. Der Nebel ist gefährlich. Elen!« »Hier«, antwortete sie und stand plötzlich dicht neben ihm. Sie legte eine Hand auf seine Lippen. »Sei still. Hör mal!« Er gehorchte. Man hörte, wie das Meer ans Ufer dröhnte und die Kieselsteine aufeinander scheuerten. Vögel schrien. »Da weint jemand«, flüsterte Elen. Pádraig öffnete den Mund, um ihr zu sagen, daß es wohl ein Vogel war, doch er hielt inne. Sie gingen zusammen weiter bis zum Rand des Wassers. 110
Weder am Strand noch auf dem Wasser war ein Horizont zu sehen. Sie hielten sich aneinander fest, und Elens Ohren schmerzten vor Kälte. Sie zitterte. Pádraig legte ohne nachzudenken einen Arm um sie. »Für Nebel ist es sehr dunkel«, flüsterte sie. »Vielleicht zieht ein Wetter auf.« »Nein, das glaube ich nicht. Sei mal bitte still.« Das Weinen klang nun näher, und die Kälte schnitt in Elens Gesicht. Sie konnte Pádraig neben sich kaum erkennen. Er stieß den Atem wie Dampfwolken aus, und seine nebelfarbenen Augen bewegten sich unruhig. »Wo bist du?« schrie er zu den Wellen. Elen blieb das Herz fast stehen, als eine Stimme ihm antwortete, eine leise, dünne und sehr unglückliche Stimme. »Hier bin ich.« Sie kniete sich auf den nassen Sand, und Pádraig hockte sich neben sie. »Gott und Maria, Marty! Wie kommst du hierher?« Marty trug ihre gelbe Hose und weder ein Hemd noch Schuhe. Ihr Gesicht war tränenbefleckt, doch als Pádraig sie hochhob, fühlte sie sich warm an. »Ich habe Judy gesucht«, sagte sie, und mehr konnten sie auf dem ganzen Rückweg nicht aus ihr herausbekommen. Während sie sich dem Pier näherten, löste eine warme Brise den Nebel in Fetzen auf. Das Hotel erreichten sie bereits wieder bei Sonnenschein.
111
»Wenn er krank ist, wünsch' ich ihm gute Besserung« Martha hatte die Hände voller Pferdehaare. Von der Hitze waren ihre Finger klebrig, und die langen Schwanzhaare taten nicht, was sie von ihnen wollte. Sie befreite eine Hand und ließ dabei fast den Bogen fallen, den sie neu bespannte. Als sie sich hinter ihm herbückte, um ihn zu schnappen, schlug er ihr gegen das Kinn. Tränen sprangen ihr in die Augen, teils von dem Schlag, teils aus Selbstmitleid. Da traten Pádraig und Elen ein. Pádraig trug Marty auf dem Arm. Martha, die unter dem Fenster mit dem Rücken zur Tür saß, warf einen Blick über die Schulter, ehe sie sich wieder der mühsamen Arbeit zuwandte. Einen Moment später blickte sie noch einmal zurück, neugieriger. »Geht ihr mit Marty spazieren?« »Wir bringen sie nach Hause«, antwortete Pádraig ó Süilleabhäin, und Elen fügte hinzu: »Wir haben sie am Strand in der Nähe des Piers gefunden.« Langsam erhob sich Martha. Sie ließ den unfertigen Bogen auf die Fensterbank fallen. Wie ein Vogel neigte sie den Kopf zuerst auf die eine, dann auf die andere Seite. »Nein, das muß ein Irrtum sein. Sie war doch nebenan mit ihren Stiften, zumindest in der letzten halben …« Dann holte sie tief Luft und schüttelte sich. 112
»Am Strand, sagt ihr. Allein? In dem Aufzug?« Pádraig blickte verlegen auf den Teppich hinab, als sei er es, der kritisiert würde. Marty hingegen schlängelte sich aus seinen Armen und versuchte, mit einem zweifelnden Blick auf ihre Großmutter, außer Sichtweite nach nebenan zu gelangen, in das Zimmer mit den glatten Bettdecken und den Stiften. Martha fing sie, nicht unfreundlich, in der Tür ab. »Marty, Schätzchen, warst du am Strand? Ganz allein?« Martys Flachshaar fing das Licht vom Fenster ebenso auf, wie Marthas graue Locken. Sie zuckte genauso mit den kleinen Schultern, wie es Elizabeth, ihre Mutter, getan hätte. »Der Weg geht aber über eine breite Straße, Marty, mit viel Verkehr! Hat dich jemand hinübergebracht?« Marthas Stimme zitterte, und die Tränen von vor fünf Minuten kehrten nun zurück. Sie blinzelte. Marty wandte den Blick von der weinenden Großmutter ab und schwieg. »Warum hast du das getan, Marty? Wir wollten doch zum Strand gehen, wenn dein Da … wenn Mayland zurückkommt.« Dieser Vorschlag zerschlug Martys Unbehagen und Verwirrung. Sie heiterte auf. »Ja, ich will zum Strand.« Martha seufzte und fuhr sich mit beiden Händen durchs Haar. Dann ließ sie sich mitten in der Tür schwerfällig im Schneidersitz nieder und schürzte den Rock. »Du warst doch gerade am Strand, Baby, und das war überhaupt nicht gut.«
113
Martys kleines Gesicht zog sich zusammen, und sie suchte zunächst von Elen und dann von Pádraig Unterstützung, doch die beiden schwiegen und warteten nur respektvoll darauf, daß Martha das tat, was Großeltern in solchen Fällen zu tun pflegen. »Ich war nicht am Strand. Es war gar nicht wie Strand.« »Nebel«, unterstützte sie Elen. »Das meint sie. Sie suchte mitten im Nebel nach ihrer Judy. Ein paar Minuten lang war es draußen richtig diesig.« Martha Macnamara riß die Augen auf und blickte aus dem Fenster zum blauen Himmel. Elen lachte auf. »Es herrschte wirklich Nebel.« »Ganz bestimmt«, fügte Pádraig hinzu, ein wenig in der Rolle des Beschützers. Dann trat er einen nervösen Schritt vor, der ihn zwischen Martha und Elen brachte. »Wir würden doch nicht lügen.« Martha mühte sich mit versteinertem Gesicht auf die Beine und trat auf ihn zu. Pádraigs Schultern sackten sichtlich herab, und er starrte wieder auf den Teppich. Marthas Umarmung war ebenso herzlich wie unerwartet, und sie küßte ihn zweimal, einmal auf die Nase, als er seinen Kopf aufrichtete, und einmal auf die linke Wange. Dann umarmte sie Elen auf die gleiche Weise, damit diese sich nicht ausgeschlossen fühlte. »Ich danke euch, daß ihr sie mir zurückgebracht habt!« Aus ihren delftblauen Augen rollten nun Freudentränen. »Wie konnte ich mich nur so in meine Arbeit vertieft haben, daß sie fortschleichen konnte…« Sie setzte sich auf eine Bettkante. 114
»Reg dich nicht auf«, erwiderte Elen und ließ sich auf dem Bett gegenüber nieder. »Ich glaube, sie hat sich nicht einmal erkältet.« »Ich bin nicht erkältet«, bestätigte Marty aus der Tür. »Und schmutzig bin ich auch nicht«, fügte sie hoffnungsvoll hinzu. »Vielleicht können wir jetzt zum Strand gehen?« Elen und Pádraig verabschiedeten sich von den beiden recht fröhlich, doch Martha blieb auf der Bettkante sitzen und starrte Marty besorgt an. »Wer ist Judy?« fragte sie. »Judy ist irgendwie meine Freundin«, antwortete Marty, doch sie zog dabei eine Grimasse. Martha überlegte scharf, was eine Dreijährige wohl schon verstand und was nicht. »Judy … ist aber nicht hier, oder?« Marty ließ sich im Türeingang fallen und nahm die gleiche Position ein wie vor fünf Minuten ihre Großmutter. »Natürlich nicht. Hier sind nur du und ich. Das ist alles.« »Ist Judy zu Hause?« Martys Miene, voll gelangweilter Geduld, zuckte zusammen, weil Martha wohl endlich eine vernünftige Frage gestellt hatte. »Nein, nicht mehr zu Hause. Daher mußte ich sie suchen.« Und jetzt verbrachte Martha einige Momente damit, zu überlegen, was eine Vierundfünfzigjährige wohl begriff und was nicht. »Sag mal, Marty, ist Judy echt? So echt wie du und ich?«
115
Martys kleines Gesicht zog sich zusammen, bis es dem ihrer besorgten Großmutter ähnelte. »Ich glaube nicht. Nicht wie du und ich.« * Als Mayland Long eintrat, fand er Martha mit gespreizten Beinen auf dem Bett sitzend. Sie wedelte über ihrem Kopf mit einem langen Stock herum, an dessen Ende Pferdeschwanzhaare herabhingen. Sie blickte sehr nachdenklich. Er hatte zwar nicht die beste Laune, doch er bemühte sich leutselig zu sein. »Oh, Madame, lassen Sie mich das tun«, sagte er und nahm ihr den verhedderten Violinbogen aus der Hand. »Ein Mandarin gibt sich nicht mit Nichtigkeiten ab. Das würde einen Gesichtsverlust bedeuten.« Abwesend blickte sie auf, und was sie in seinem vertrauten Gesicht entdeckte, riß sie aus ihren eigenen Gedanken. »Was ist mit dem Agenten, Liebling?« Long setzte sich neben sie. Umständlich präsentierte er ihr den Scheckeinreichungsbeleg. Sie betrachtete ihn aufmerksam und scherzte dann. »He! Das ist ja sogar die richtige Summe. Und auch noch pünktlich! Hussa! Du hast ein Wunder vollbracht!« Longs Reaktion verriet jedoch keinerlei Befriedigung, und ihre Begeisterung ebbte ab. »Oder… ist das vielleicht
116
dein eigenes Geld, Mayland? Du versuchst doch nicht etwa, die Summe aus deiner eigenen Tasche zu …« »Nein«, antwortete er mit einer Spur von Härte und erlitt einen Hustenkrampf. »Ich habe ihn fast dafür umgebracht.« Sie blickte ihn eindringlich an. »Das wäre aber schlimm gewesen.« Long lachte so bellend, daß er fast wieder zu husten begann. »Das hätte mir schöne Scherereien eingebracht. Und dir auch. Das Schlimmste aber ist, daß es … fast zufällig geschehen wäre.« »Das wäre das Schlimmste gewesen?« fragte sie leise. Er blickte sie an, und endlich lächelte er. Berührte ihr Knie. »Ich meine, daß ich den Burschen ohne nachzudenken angegriffen habe. Ganz plötzlich, in einem Wutanfall.« Marthas Antwortlächeln fiel ironisch aus. »Nun, ich rate dir doch seit fünf Jahren, spontan zu sein.« Sein Grinsen wurde nicht breiter, sondern verschwand. »Bei dieser Krankheit habe ich keinerlei Selbstbeherrschung, Martha. Ich habe Angst, was ich aus reinem Ärger alles anstellen kann. Und ich bin mir ziemlich sicher, daß Donald Stoughie mich verhaften läßt.« Martha seufzte und biß sich auf die Lippe. Long hustete wieder. »Diese Erkältung«, sagte er. »Acht Wochen«, meinte sie. Und sie saßen zusammen auf dem Hotelbett, und er schwenkte den zerbrochenen Violinbogen über ihren beiden Köpfen.
117
Es war George St. Ives' Fluch, wie der eines jeden Bläsers, daß er einen Großteil der Zeit, die er mit Üben zubringen sollte, damit verschwendete, einen Ort zu suchen, an dem er üben konnte, ohne daß man die Polizei rief. Heute wenigstens stand ihm das leere Theater zur Verfügung. St. Ives saß auf einem Rohrgeflechtschemel im grünen Zimmer, Teddy Poznan saß auf dem Tisch daneben. Ted wechselte die Saiten auf einer hellen Gitarre mit Perlmutteinlagen aus. Er lächelte auf seine schläfrige Weise und warf St. Ives gelegentlich einen freundlichen, besitzergreifenden Blick zu. St. Ives litt auch unter dem zweiten großen Fluch aller Bläser, daß er aus seinem Kästchen mit Mundstücken kein einziges richtig benutzen konnte. Die Zungen lagen auf einem Handtuch vor ihm, während sein geliebter Dudelsack unansehnlich auf seiner Lederschürze lag wie ein zahmer Hummer. »Hey.« Ted beugte sich zu ihm. »Ich glaube, Martha hatte heute morgen die gleichen Probleme mit ihrem Fiedelbogen. Vielleicht fließen die Energien heute nicht richtig für solche Feinheiten.« »Zu trocken«, antwortete St. Ives und steckte vorsichtig die Holzzunge in ihren Rahmen. »Klar. Sagte ich doch.« Ted sah dieser feinfühligen Operation genau zu. Er beugte sich vor und zog die Gitarre mit sich, so daß die neuen Saiten wie Fühler vibrierten.
118
George steckte das Mundstück hinein und zog es wieder heraus. Sehr ernsthaft sagte er: »Ich weiß nicht, ob es eng genug ist.« Ted strahlte. »Ach, klar, Bruder.« Er schlug dem Bläser auf die Schulter, genau wie Pádraig ó Súilleabháin, doch nicht mit annähernd so viel Kraft. St. Ives blickte auf, und sein gewöhnlich so grimmiges Gesicht wirkte nun gütig, fast schüchtern. »Vielleicht hast du recht«, sagte er und ließ sein Instrument zurück auf den Schoß fallen. Seine Stimme klang vor Freude belegt. »Hey!« sagte Ted wieder und wiederholte den zärtlichen Schlag. »He, toll, nicht wahr? Ich meine, sag mal ehrlich… es fühlt sich doch gut an, oder?« St. Ives legte die Hand an den Bart und dachte nach. Er wiegte sich auf seinem Schemel leise vor und zurück. »Besser als seit langem, Pozz. Das kann ich dir versichern.« Die braunen Augen in seinem Bisongesicht huschten unruhig durch den Raum, bis sie auf Teds jungen, gebräunten Zügen zu ruhen kamen. »Weißt du, daß du verdammt hübsch bist, Pozz.« Der Gitarrist wieherte laut auf und schnitt eine Grimasse. »Du liebe Güte. Danke!« »Nee, bist du wirklich. Verdammt. Bist du ein Homo?« »Schwul, meinst du.« Ted verbesserte ihn fast automatisch. »Nein. Eigentlich nicht. Eigentlich weiß ich es nicht recht.« Er zog die Brauen zusammen und beugte sich über sein dickbauchiges Instrument. »Genauer gesagt, glaube ich, müßte ich sagen, daß mein Erfahrungsbereich bislang …« 119
»Du bist schon ein komischer Vogel, das mußt du zugeben.« Ted blickte zärtlich auf St. Ives herab und seufzte. »Yeah, das muß ich zugeben.« Sein Blick wurde schärfer. »Warum hast du mich das gefragt, George? Bist du … hilft dir das Zeugs, zu dir selbst zu finden?« St. Ives stieß laut den Atem durch seinen Bart aus. »Mein Gott, nein.« Dann richtete er sich auf und zog spontan seinen grauen isländischen Pullover über den Kopf. Darunter trug er ein löchriges Strickhemd von gleicher Farbe. Ted sah ihm dabei zu. »Hey«, sagte er noch einmal. »Du hast deinen Pullover ausgezogen.« »Es ist heiß.« »Klar. Es ist heiß, und du hast deinen Pullover ausgezogen, um dich besser zu fühlen. Das ist ein gutes Zeichen.« Eine Weile herrschte Schweigen im Zimmer, das George mit einem Seufzer brach. »Es ist noch nicht perfekt«, sagte er und griff unter den löchrigen Pullover. »Irgendwie ist es sogar schlimmer.« »Was ist schlimmer, Junge?« Ted beugte sich gefährlich weit nach vorn, und sein Blick folgte St. Ives' Händen. Als er das kleine Plastikröhrchen sah, riß er beunruhigt die Augen auf wie eine Eule. »Hey, George, das ist aber keine gute Idee. Mach dir doch nicht die ganze Erfahrung kaputt mit…«
120
»Denk ja nicht, ich tu das aus Spaß, Pozz. Ich brauche die Pillen.« George schüttelte sich zwei rote Kügelchen in die Hand und schluckte sie ohne Wasser. »Warum? Was ist das?« Ted Poznan kletterte von seinem Tisch und schlug dabei einen Protestlaut aus seiner schönen Gitarre. »Schmerztabletten. Ich brauche sie.« St. Ives' Stimme klang sehr milde. Ted hingegen war verwirrt. »Du meinst, Betäubungsmittel? Bist du süchtig?« Sehr sanft und mit nur einem Anflug seiner üblichen Ironie verbesserte ihn St. Ives: »Ich meine, ich habe Schmerzen.« »Wo?« »Überall. In allen Gelenken. Arthritis. Alte … Verletzungen. Schlechte Zähne.« Ehe er das Röhrchen wieder fortsteckte, blickte er hinein. »Übrigens, Teddy, ich habe nicht mehr viele davon. Nur noch sehr wenige. Du mußt mir ein paar neue besorgen.« Entschieden schüttelte Ted Poznan seinen bunten Schopf. »Tut mir leid, George, aber ich meine, es ist besser, wenn du zu einem Arzt gehst. Vielleicht zu einem Homöopathen oder einem Ayuervedischen Arzt. Narkos gehören nicht zu meinem Bereich.« George zog den Kopf aus seinen Bisonschultern. Es schien ihn Mühe zu kosten. Sein Blick traf auf den Teds. »Nein, Pozz? Ich dachte, Narkos gehören noch dazu. Vielleicht war das einmal der Fall?« 121
Ted wich mit verdutzter, leicht nervöser Miene zurück. »Niemals! Niemals!« St. Ives' Lächeln blieb ungerührt. »Vielleicht habe ich da Unrecht, Pozz, aber ich weiß, daß du die Verbindungen hast, die mir helfen können.« »Nicht so, wie du denkst.« Poznan lachte entschuldigend auf. Er begann, die Enden der neuen Gitarrensaiten abzuknipsen, die klirrend auf den Betonboden fielen. »Das wäre auch keine echte Hilfe.« »Es ist aber genau das, was ich brauche«, erklärte St. Ives mit sanfter Stimme. »Um weiterspielen zu können. Musik ist doch das einzige, das mir noch geblieben ist. Und ich bin sicher, du wirst mir helfen, wenn du darüber nachgedacht hast.« Sein Blick wurde träumerisch und unerbittlich. »Ich weiß über Cotati Bescheid.« Ted ließ die Zange auf den Resonanzboden seiner Gitarre fallen, wo sie im hellen Holz eine Kerbe hinterließ. Er stand da und starrte darauf. * Martha weigerte sich zwar, von Mayland Long während der Tournee irgendwelches Geld anzunehmen, doch das änderte nichts an der Tatsache, daß er ein reicher Mann war und normalerweise nicht auf dem gleichen Standard lebte, wie umherziehende Musiker. Er aß gern in Restaurants, in guten versteht sich, und er lud sie gern dazu
122
ein. Er behauptete, gern in Restaurants zu speisen sei ein chinesisches Charakteristikum. Das Mittagessen in der ›Himmlischen Gans‹ hatte definitiv den Tag für beide gerettet. Sie hatten den gestrigen ›Unfall‹ und den heutigen Zank so ausgiebig besprochen, daß beides unwichtig geworden war. Sie hatten einander gratuliert, eine anstrengende Tournee bislang überlebt zu haben. Und als Long, Martha und Marty Elen Evans auf der Pacific Mall trafen, als diese, von Sandy begleitet, die eine Latzhose trug, gerade aus einer Sandwichbar trat, spürte Martha ein leises Schuldgefühl. Sie fragte sich, ob ihr Knoblauchatem sie wohl verraten würde. Marty versteckte sich unauffällig hinter Mr. Longs Beinen, als sie die Frau erblickte, die sie am gestrigen Morgen auf alle möglichen Besorgungen mitgeschleppt hatte. Elen trug ein lavendelfarbenes Gazekleid. »Küßchen, Küßchen«, sagte sie, als sie in Stöckelschuhen und mit übertriebenem Hüftschwung auf sie zukam. Bei jedem Schritt schlug ihr das allgegenwärtige handgeknüpfte Netz gegen die Hüfte, aus dem der Holzgriff des Stimmschlüssels herausragte wie der Kopf eines kleinen Tieres. Zu Marthas Erleichterung küßte sie aber niemanden, sondern drehte sich um, um ihnen eine grellrote Haarsträhne auf dem Hinterkopf zu präsentieren. »Ich bin heute ganz femme fatale, Sandy hingegen hat sich, wegen des kosmischen Gleichgewichts, ganz burschikos gekleidet.« »Ich muß heute noch einen Sickergraben ziehen«, sagte die andere Frau verteidigend. Ihre Stimme klang leicht 123
männlich, und sie hatte sehr abfallende Schultern, von denen die Latzhosenträger abzurutschen drohten. Martha betrachtete den burgunderfarbenen Streifen. »Sehr … schick. Ist das richtig eingefärbt?« »Oh, ja.« Elen stieß ein kehliges Lachen aus. »Ich mußte dabei die ganze Zeit an George denken. Er ist bestimmt furchtbar beeindruckt.« Niemand gab einen Kommentar ab. Sandy, der Babysitter, verabschiedete sich vor dem Postgebäude von ihnen, um ihren Graben zu ziehen. Sie wirkte deswegen leicht bedrückt. »Sie ist sehr nett, nicht wahr?« fragte Martha, als sie weitergingen. »Oh, ja, das ist sie. Meine treueste Freundin«, antwortete Elen. Sie ging nun nicht mehr so übertrieben wie auf der Mall. »Warum ist sie gestern abend nach dem Konzert nicht noch geblieben? Ich hatte vergessen, ihr für den Salat zu danken.« Elen zwinkerte Martha an. »Sandy war bei dem Great American Thursday. Sie wollte uns doch nicht zwei Abende hintereinander hören.« Martha kam in den Sinn, daß Elen vielleicht nicht über George und Sandy Bescheid wußte. Und es war gewiß nicht Marthas Aufgabe, es ihr zu sagen. Sie hielt also den Mund.
124
Als sie durch die Hintertür das Theater betraten, hörten sie die Musik und blieben in der kühlen Dämmerung stehen. »Was ist das denn?« fragte Martha. »Wer übt da?« Elen neigte den Kopf. »Klar. George und Teddy, aber ich weiß nicht, was sie spielen.« Martha schürzte die Lippen und blieb reglos. »Ich glaube, daß es Teddy ist«, sagte sie dann. »Aber der andere ist nicht George St. Ives.« »Vielleicht spielt Teddy ein Band ab.« Elen schlurfte durch die abgenutzte Halle auf die Treppe zu. Long folgte ihr. Er trug Marty auf seinen Armen wie eine prallvolle Einkaufstasche. Ihre rundlichen Beine trommelten gedankenlos gegen seinen perfekten Seidenanzug. Martha kam als letzte, die Stirn tief gefurcht vor Konzentration und den Kopf schüttelnd. »Das ist kein Band«, sagte sie zu der Treppe vor sich. Sie öffneten die Tür zur Garderobe und blieben, von den Musikern unbemerkt, in einer Reihe stehen. Lange lauschten sie so. »Es ist irgendwie falsch«, seufzte Martha schließlich unglücklich. Long, der sich in allen Geschmacksfragen nach ihr richtete, blickte sie fragend an. »Weil es nicht traditionell ist?« »Nein, nicht deswegen. Die Hälfte unseres Repertoires ist nicht traditionell, Schatz. Aber das ist… einfach nicht richtig.«
125
Elen zischte ihr ins Ohr: »Teddy ist okay. Er ist einfach Teddy. Er begleitet. Es ist George. Ich kann es kaum glauben. Er ist… er ist…« Martha holte geräuschvoll Atem. »Genau! Deshalb hört es sich so unfertig an. Sie begleiten beide. Sie haben keinen Leader. Weder einen Anfang noch ein Ende.« »Vielleicht ist es eine nützliche Übung. Eine Frage der Disziplin.« Elen lachte leise und trat hinaus. »Aber wahrscheinlicher ist, daß sie einfach stoned sind.« Als Marty einen ihrer Favoriten auf dem Tisch sitzen sah, verlangte sie von ihrem Daddo, sie abzusetzen, was er auch befolgte. Das kleine Mädchen schlug einen großen, offensichtlichen Bogen um St. Ives, hüpfte auf Ted Poznan zu und begann trotz der Musik laut zu ihm zu sprechen. Long folgte ihr, um sie zurückzuholen. Ted zeigte Marty seine perfekten Zähne. Elen stand immer noch hinter Martha im Flur, als könne sie sich weder dazu durchringen, effektiver zu gehen, noch den Raum zu betreten. »Ted sieht eigentlich richtig gut aus, nicht wahr?« sagte sie in leicht überraschtem Ton zu Martha. Martha stimmte zwar ohne zu zögern zu, aber Elen fuhr fort, als habe sie widersprochen: »Doch, das tut er. Er spielt gut, er ist gutmütig und verantwortungsbewußt, und die Kinder mögen ihn. Er stößt niemals etwas um oder hat verquere Launen, von denen er heruntergebracht werden muß wie unser liebes Problemkind.« »Nein, bestimmt nicht.« 126
»Und sein Gesicht und sein Körper sind viel anziehender als Pádraig s.« Martha mußte nicken. »Warum dann … mußte ich …?« Martha gab nicht vor, sie nicht zu verstehen. »Ich glaube, das liegt an dieser schleimfreien Diät, Elen. Ich frage mich, ob es nicht die sexuellen Pheromone oder so ähnlich unterdrückt.« Dann wurden Martha und Elen mit Freudenschreien begrüßt und mußten eintreten. Man drängte sie, ihre Instrumente zu holen. Und irgendwie saßen sie plötzlich bei einer etwas merkwürdigen Session in einem heißen Raum – so merkwürdig, daß Elen zwanzig Minuten später aussteigen mußte. Angeblich, weil ihre Harfe plötzlich völlig verstimmt war, doch in Wahrheit, weil sie nicht herausfinden konnte, welchen Effekt George und Teddy erzielen wollten, noch, was sie selbst dazu beitragen sollte. Außerdem bezweifelte sie, daß ihre Harfe überhaupt gehört wurde. Martha blieb länger dabei und versuchte, mit der Fiedel die Leitung zu übernehmen, was jedoch nicht gelang. Sie beließ die beiden Männer bei ihrem Spiel und verstaute ihr Instrument. Elen hing noch im Türrahmen und blickte sie fragend an. »Man kann sie in den Griff bekommen, aber nicht in den richtigen«, lautete Marthas lakonischer Kommentar. Ohne eine nur annähernd abschließende Tonfolge ließ George St. Ives sein Instrument fallen. Er brummte und zog sein löchriges Strickhemd aus, unter dem er ein 127
ausgebleichtes schwarzes T-Shirt trug. Martha begriff nicht, warum er dafür Applaus von Teddy Poznan bekam. »Musik direkt aus dem Chakra des Herzens«, verkündete Ted und breitete beide Arme aus. Elen, die sich aus dem Kühlschrank in der Ecke einen Sprudel geholt hatte, senkte die Dose und flüsterte: »Genau das ist das Problem. Ich hätte mit den Chakras anstatt mit meinen Ohren hören müssen.« Diese Worte wurden zwar sehr leise ausgesprochen, doch St. Ives schien sie gehört zu haben. Er lehnte sich zurück, bis sein Hals fast den hohen Tisch berührte, und lachte aus vollem Herzen. »Mensch! Du sagst es, Elen! Was für eine Katzenmusik! Musik aus was immer für einem Herzen! Mensch!« Dann richtete er sich wieder auf, kratzte sich den Brustkorb und blickte sie an. Seine kleinen dunklen Augen wirkten außerordentlich fröhlich. »Elen«, bemerkte er. »Elen Evans. Wer hätte gedacht, daß du so groß werden könntest.« Elen blieb reglos. »So groß nun auch wieder nicht, George. Nur eins siebzig.« St. Ives' Kopf schwenkte nach rechts und links, wohl einfach aus Lust an der Bewegung. »Du weißt, was ich meine, liebe Dame. Warum willst du es verschweigen? Wem könnte es noch wehtun?« Elen saß starr da, die beschlagene Sprudeldose fest in der weißen Hand. Sie öffnete den Mund, doch kein Laut drang heraus. Ted, der immer noch auf dem hohen Tisch saß, spähte besorgt auf den kahl werdenden Kopf seines 128
Schützlings. Martha stand halb auf, wußte aber nicht, ob sie bei Elen bleiben wollte oder ob die beste Hilfe darin bestand, zu gehen, ehe unwillkommene Enthüllungen folgten. »Warum die Tatsache verschweigen, daß wir beide einmal etwas miteinander hatten. Es ist lange her, bis du wußtest…« »… bis ich irgend etwas wußte«, beendete Elen den Satz für ihn, und um ihr Unglück vollständig zu machen, tauchte in diesem Moment Pádraig ó Súilleabháin in der Tür auf und blickte von einem zum anderen. »Ehe ich überhaupt irgend etwas wußte. Ich dachte, daß du nach all den Wochen jetzt so höflich sein würdest, deinen Mund zu …« Er zuckte übertrieben die Achseln. »Was soll's? Wir alle haben klein angefangen. Ich als arroganter Punker und du als Groupie.« Elen stieß mit gelassener Stimme ein schockierendes Wort aus. Ted sprach lauter als sie: »Du wolltest doch Elen bestimmt nicht beleidigen, George. Ich bin sicher, wenn du dir das besser überlegt hättest…« St. Ives, immer noch sanft lächelnd, schüttelte den Kopf. »Ich habe sie nicht Groupie genannt, Pozz. Ich behaupte das Gegenteil, nämlich, daß sie jetzt kein Groupie mehr ist. Das ist ein großer Unterschied.« »Warum bitte …« Jetzt mischte sich Martha Macnamara ein, und zwar mit bitterer Stimme. »… warum bitte wird eine Frau mit Interesse an Musik immer automatisch zum 129
… ?« Sie rang um Beherrschung und atmete tief ein. »Ich erinnere mich nicht gern an die vielen Male, bei denen ich im Verlauf meiner buntscheckigen Karriere gefragt wurde, mit wem aus der Gruppe ich verheiratet sei oder mit wem ich schliefe, daß man mir erlaubte, mitzureisen. Erlaubte!« Ihre Stimme brach. »Manchmal waren das Gruppen, die ich selbst zusammengestellt hatte. Ich habe sie gemanagt.« Sie atmete mit einem Schauder aus. »Und jetzt bin ich sehr froh, weit über fünfzig zu sein.« Ted Poznan ergriff die Gelegenheit, die Unterhaltung in eine andere Richtung zu lenken, und konnte sein Lachen nicht unterdrücken: »Das hilft aber auch nichts, Martha. ›Weit über fünfzig‹ klingt, als gingest du schon an Krücken. Du hast aber von allen hier Anwesenden das anstrengendste Privatleben.« Elen unterbrach ihn: »Wo wir hier gerade Beichten ablegen, George, erzähl doch bitte genauer. Wir hatten eine sehr kurze Affaire, und zwar vor acht Jahren. Eigentlich war es gar keine richtige Beziehung.« St. Ives blickte sie unter seinen buschigen Brauen her an. »Vielleicht für dich.« »Wohl eher für dich!« explodierte sie. »Und deshalb hast du mich die ganze Zeit gehaßt«, sagte er tonlos. »Ich weiß es, du Ärmste.« Elen kickte die leere Dose über den schmutzigen Boden. Pádraig fing sie auf und blickte sie an. Sein Blick war voller Bedeutung, aber sie verstand sie nicht. Außerdem war sie zu aufgeregt, um es auch nur zu versuchen. »Ich
130
bin nicht die ganzen Jahre enttäuscht herumgelaufen, George. Laß die Sache doch ruhen!« »Ich kann aber nicht«, lautete seine Antwort. »Das ist eine von den Geschichten, die mir keinen Frieden lassen. Ich bin achtundfünfzig, und was meinen Körper und meinen Geist betrifft, habe ich kein gutes Gefühl. Es muß alles geklärt, alles aufgeräumt werden. Du kennst mich eigentlich nicht gut, Elen. Ich weiß nicht, ob mich überhaupt jemand kennt, ich selbst wohl am wenigsten. Schon als Teenager habe ich beschlossen, niemanden, weder Freunde noch Familie noch irgendeine persönliche Bindung zwischen mich und meine Musik treten zu lassen.« »Was für ein bequemes Opfer«, bemerkte Martha, an niemand Spezielles gerichtet. George überhörte die Bemerkung. »Noch würde ich mich vor Geld, Popularität oder anderen Dingen beugen. Ich weiß, es ist für euch Mäd … Frauen schwer zu begreifen, aber mein Kneifen vor der Verantwortung wurde durch Jahre der Entsagung mehr als wettgemacht!« Elen blinzelte. »Ich versuche, daran zu denken, was du dir selbst vorenthalten hast, George.« »Eine Heimat!« Es war, als habe er sich besonders darauf vorbereitet, dieses Wort herauszubrüllen, und war ebenso überrascht wie alle anderen, daß es wie ein Seufzer klang. »Ein Zuhause, eine Familie, Sicherheit…« »Das findet man doch gar nicht auf dieser Erde«, murmelte Long vor sich hin. 131
»… alles, was der normale Mensch hat und nicht zu schätzen weiß.« Martha wollte George gerne fragen, was er mit einem normalen Menschen meinte. Vielleicht einen, der sein Sexualleben nicht auf spontane Bewegungen beschränkte? Sie wollte ihm sagen, daß es viele Menschen in der Welt gab, die ein sehr stabiles Leben führten und trotzdem nie einen Kamin, Pantoffeln und einen treuen Schäferhund besaßen. Aber sie mischte sich besser nicht in diese Auseinandersetzung. George fuhr fort: »Vielleicht hatte ich recht, vielleicht unrecht, aber ich habe immer versucht, das deutlich zu machen. Ich habe niemals einen Menschen verletzen wollen, Elen. Und noch eins muß ich dir sagen, nämlich, was ich tun werde: Ich werde jetzt alle Verantwortung übernehmen. Genau das, und dann werde ich mir vom Leben nehmen, was ich brauche. Daher habe ich diese alte, schwärende Geschichte von uns beiden hervorgeholt. Sie ist ein Teil unserer … Geschichte, die wir versucht haben zu verdrängen. Und das ist wie Selbstmord, Frau. Man könnte ebensogut sterben.« Teddy Poznan, der immer noch über ihm auf dem Tisch saß, nickte zu St. Ives' Worten wie ein glücklicher Buddha. Elen stand mit verschränkten Armen da, steif wie ein Stock. »Ich gehöre aber nicht dazu, George. Ich falle nicht unter deine Verantwortung. Und zu deiner Geschichte gehöre ich schon gar nicht, und ganz bestimmt geht dich mein Leben einen Dreck an!«
132
George St. Ives dachte lange über ihre Worte nach und gab ihr dann recht: »Du nicht, Elen, nein, du nicht. Vielleicht sollte ich …« Aber sie war bereits gegangen, hatte sich brüsk an Pádraig ó Súilleabháin vorbeigeschoben. Der junge Mann wollte ihr folgen, hielt aber unsicher inne. St. Ives selbst rief den Jungen zurück. »Pádraig . Komm rein. Wir haben dich eben vermißt.« Pádraig sah ihn an, als habe man ihn gerade auf beide Wangen geschlagen. »Laß Elen in Ruhe, George«, sagte er kämpferisch. St. Ives lächelte freundlich. »Ich werd' ihr nicht nachrennen. Ich weiß, daß ihr beiden euch nahesteht und würde mich nicht einmischen.« Als der andere aber nicht sichtlich besänftigt wirkte, fügte er hinzu: »Ich werde nicht mehr darüber reden, es sei denn, sie beginnt ein Gespräch. Okay?« Pádraig blickte verlegen zur Seite. »Wer sagt, daß wir etwas miteinander haben? Ich habe niemals …« Marthas Lachen wurde von einem Huster überdeckt. George St. Ives lächelte ebenfalls, und zwar mit dem schönsten Humor, den sie je bei ihm gesehen hatte. »Sowas kann man doch nicht verbergen, Junge. Dir steht das doch auf der Stirn geschrieben. Das ist doch nichts Schlimmes.« Dann grub St. Ives beide Hände in seinen Schopf, um ihn durchzukämmen. Sein Haar war so verfilzt, daß er die Finger machtlos wieder herausziehen mußte. »Mann, Sully, freu dich doch, daß du niemanden betrügen kannst. Denn das Talent dazu ist sehr schlimm, sehr schlimm. 133
Ich habe dich zurückgerufen, weil ich mich bei dir entschuldigen wollte. Ich habe dir diese Tournee vermasselt, und dafür gibt es eigentlich keine Entschuldigung.« Er wiegte sich nach vorn und rieb sich mit beiden Handballen die entzündeten Augengruben. »Verstehst du, ich hatte so viel von dieser Tournee erwartet. Weiß nicht, warum, ich dachte, die fiedelnde Lady, Pozz und ich könnten wirklich was auf die Beine stellen. Vielleicht ein Album herausbringen. Und was du spielst, gehörte einfach nicht dazu. Jedenfalls nicht in meiner Vorstellung.« »Du vergißt Elen«, warf Martha leise ein. St. Ives wedelte eine vermeintliche Fliege fort. »Klar. Die auch. Es war nicht fair, aber mein Traum… ich möchte mich dafür entschuldigen. Zum Teufel, Pádraig, du hast bestimmt deine eigenen Probleme und Geheimnisse, die dich innerlich auffressen. Genau wie ich. Die Nationalität läßt einen nie los. Aber es war wirklich zuviel, daß dich obendrein noch jemand dauernd zum Frühstück verspeist.« Martha hatte den beunruhigenden Verdacht, daß George St. Ives nun zu jammern anfing. Vielleicht teilte Pádraig dieses Gefühl, denn er verließ den Raum ohne ein weiteres Wort. Ted löste unter vielen Zuckungen und leisen Schmerzenslauten seine Beine aus dem Schneidersitz. »Das war großartig, George. Hast dich richtig eingebracht. Ich weiß aber nicht, ob Pádraig wirklich Geheimnisse in sich trägt, die ihn auffressen. Er ist doch erst zwanzig …«
134
Jetzt stellte Martha die Frage, die ihr seit Betreten des Raumes auf der Zunge gelegen hatte: »George, bist du betrunken?« Sein heulendes Lachen hallte durch das Zimmer. »Oh, nein, Martha. Ich bin überhaupt nicht betrunken. Ich bin nur lachtrunken von einer kleinen Pille aus dem Kabinett des großen Dealers Pozz.« Ted Poznan blickte verlegen zu Boden, besonders nachdem Martha ihn angesehen hatte. »Nenn mich nicht so! Es ist keine Droge, Roshi, nur eine absolut natürliche Substanz, die der Körper selbst produziert, und sie hat direkte Wirkung auf das Herzchakra …« »Du meinst wie Bienenpollen? Hefe? Aminosäuren?« Ihre Kinderstirn war gefurcht. Er schluckte schwer. »Ja, genau so.« »Und wie lange dauert es?« wiederholte sie. Er seufzte. »So an die acht Stunden.« »Wird er also bei der Vorstellung heute abend … lachtrunken sein?« »Das hoffe ich aber sehr«, meinte St. Ives und streckte sich von einer Seite auf die andere. »Ich freue mich schon darauf.« »Vermutlich nicht sehr«, antwortete Ted. Martha starrte konzentriert auf ihren Zehennagel, der aus der offenen Sandale herausschaute. »Und du, Teddy? Hast du dir auch diese natürliche Substanz eingeworfen?«
135
»O nein«, hauchte er. »Ich bin immer so. Der komische Teddy. Ich werde schon auf ihn aufpassen, Martha.« Sie lächelte ihn nur halbherzig an. * Am Spätnachmittag wurde es drückend heiß. Martha vertrug dieses Klima nicht so gut, obwohl es trocken war und eine Brise vom Meer wehte. Sie blieb im Hotel, während Long mit Marty zum Strand ging. Aber das Hotelzimmer war nicht sehr anregend, und sie fand nichts anderes zu tun, als herumzugehen und Pferdehaare aufzusammeln, die sich überall verbreitet hatten. »Musik vom Chakra des Herzens«, sagte sie laut und starrte das breite Bett unverdient feindselig an. Wollten sie heute abend vielleicht Herzchakra-Musik vor einem vollen Haus spielen, das keltische Musik erwartete? Sie hätte das nicht von Teddy gedacht. Aber noch weniger von St. Ives. Vielleicht spielte sich bei ihm ab, was man die männlichen Wechseljahre nannte? Sie hob ihr schwarzes mit Kapok gefülltes Kissen auf, schmiß es in die Raummitte und setzte sich darauf. Dann hielt sie ihre zweite Zen-Sitzung dieses Tages ab, schön und wütend und eine halbe Stunde lang. Die Sonne wanderte am Zimmer vorbei, und mit ihr schwand auch ihr Ärger. Martha überlegte, daß von all den Vorkommnissen des Tages die Sache mit Marty wohl am wichtigsten sei, 136
obzwar sie durch Kindereien von Erwachsenen verdrängt worden war. Wären Pádraig und Elen nicht gewesen, hätte dem Kind leicht etwas zustoßen können. Vielleicht hatte Elizabeth recht gehabt, daß es einem Kind schadet, wenn es mit einer Gruppe nicht sehr erwachsener Erwachsener lebt. Sie hatte immer wieder angedeutet, daß ihre Probleme im späteren Leben aus dieser Zeit rührten (was es allerdings umso sonderbarer machte, daß sie Martha gebeten hatte, ihre eigene Tochter fünf Tage lang mitzunehmen). Vielleicht vertraute sie auf Long, Martys selbsterwählten Daddo, daß er ein Auge auf sie hielt. Wahrscheinlich aber war, daß sie sich so daran gewöhnt hatte, Großmutter als Babysitter zu benutzen, daß sie nicht weiter darüber nachgedacht hatte. Nun, diese Situation würde morgen zu Ende sein, denn sie fuhren nach Los Angeles und dem letzten Konzert dieser Tournee. Elizabeth würde um neun Uhr im Hotel sein, und dann konnten sie in Ruhe über Martys Alleingang und Judy und alles weitere reden. Elizabeth mußte jetzt schon unterwegs nach Santa Cruz sein, falls sie die Nacht in San Francisco verbrachte, was sie gern tat. Martha spürte einen leisen Zweifel. Ihre Tochter war sehr zuverlässig, doch sie mochte sich nicht vorstellen, was geschah, falls Liz nicht kam und es später und später wurde, und sie immer noch fünfhundert Meilen Fahrt in einem alten Lieferwagen bei dieser Hitze vor sich hatten. Dann fiel ihr der Name von Elizabeths engster Freundin in San Francisco ein. Elizabeths Kreis war nicht sehr groß, doch die Freundschaften, die sie pflegte, waren auf Beton 137
gebaut. Falls Elizabeth heute nacht nicht bei Shirley schlief, dann wußte Martha, wo sie sie antreffen würde. Es dauerte zehn Minuten, die Nummer bei der Auskunft herauszubekommen, ihre Telefonkarte einzustecken und durchzukommen. Elizabeth war schon dort. Martha erzählte, daß es Marty gutginge, und dann sprachen sie über das Haus, das Elizabeth und Fred in Mendocino bauten. Man hatte gerade die Isolierarbeiten beendet, und Elizabeth fragte ihre Mutter, ob sie wisse, ob man von den davon herumschwebenden Teilchen wohl eine Staublunge bekäme. Martha gab ihre Unwissenheit auf diesem Gebiet zu und überhörte geschickt die Frage, ob sie wohl rechtzeitig wieder in Mendocino sein würde, um bei den Arbeiten mit Rigips helfen zu können. Dann fragte Martha beiläufig, wer Judy sei. »Ich … weiß es nicht, Mutter. Irgendein Kind aus der Spielgruppe? Im Montessori-Kindergarten sind vierzig Kinder, und zwanzig in der Tagesstätte, die gerade zugemacht hat.« »Das muß aber jemand besonderes sein. Sie redet viel über Judy. Judy ist unglücklich. Marty hat sie heute gesucht. Ganz allein.« Und sie erzählte der Tochter von dem Vorfall, wobei sie sich auch selbst etwas dafür verantwortlich hielt. Elizabeth nahm die Sache gut auf, konnte aber auch nicht weiterhelfen. »Kann Judy nicht irgend jemand dort sein? Eine Freundin von einem aus der Gruppe oder ein Zimmermädchen?« fragte sie. Martha verneinte es und fügte hinzu, daß das Kind während der
138
kurzen Zeit mit der Band weder Radio gehört noch ferngesehen hatte. Elizabeth stieß ein sonderbar befriedigtes Brummen aus. »Dann muß sie unsichtbar sein.« »Ah … wer?« »Ich habe schon darauf gewartet, Mutter. Früher oder später würde sich jedes Kind von Martys Kaliber einen unsichtbaren Spielkameraden zulegen. Bei ihrer gegenwärtigen Einsamkeit …« Martha hatte in dem Entschluß angerufen, sich ihrer Tochter gegenüber entschuldigend und unterwürfig zu verhalten, wohl wissend, daß sie in Fragen der Kindererziehung nicht immer einer Meinung waren. Doch jetzt konnte sie sich nicht länger zurückhalten. »Einsamkeit? Meine Liebe, das Kind hat in den letzten fünf Tagen nicht einmal allein gepinkelt!« Und ich auch nicht, fügte sie stumm hinzu. »Das ist etwas anderes. Ich kann mich gut erinnern, an Musiker, die abwechselnd high oder down waren. Erwachsene sind für ein Kind nicht die richtige Gesellschaft. Es schadet ihr nicht etwa«, fügte sie rasch hinzu, weil sie sich vielleicht daran erinnerte, daß sie selbst diesen Urlaub für Marty vorgeschlagen hatte. »Ich bin mir aber sicher, daß der damit zusammenhängende Streß diese Judy hervorgezaubert hat.« Dann fragte sie mit veränderter Stimme: »Mutter, habt ihr eigentlich immer noch diesen unmöglichen Typen dabei? Den Dudelsackspieler? Ich könnte mir vorstellen, daß der allein ausreicht, Marty Angst einzujagen.« 139
Marthas Hand um den Hörer verkrampfte sich. »George St. Ives ist bei uns, klar. Wir bekämen auch die größten Schwierigkeiten, wenn er uns im Stich ließe. Die Gruppe wurde ja um einen Bläser als Mittelpunkt gebildet, der etwas davon versteht, und er ist der beste, den wir finden konnten. Seine Manieren und Ideen sind vielleicht nicht ganz auf der Höhe, aber er läuft schon lange damit herum. Genau wie ich«, fügte sie hinzu, erwähnte aber nicht, daß ihre eigenen Überzeugungen wohl zwar genauso alt, aber mit denen von St. Ives überhaupt nicht identisch waren. »Aber wenn er Marty Angst einjagen oder sie auf irgendeine Weise einschüchtern wollte, dann soll er es ruhig einmal versuchen. Sie ist unerschrocken, unbeeindruckbar und absolut frei.« »Das hat sie von dir«, erwiderte Elizabeth. »Manchmal überspringt das eine Generation. Vielleicht auch von Fred. Habe ich dir erzählt, wie er beim Gerüstbau auf dem Mauerwerk herumsprang? Er meint, er habe eine natürliche Begabung zum Zimmermann, aber ich glaube, er kann sich nur einfach nicht vorstellen, sich zu verletzen. Wie ein Kind. Aber ich auf meinem Fahrrad …« Man hörte, wie im Nebenzimmer, wo Marty normalerweise schlief, eine Tür geöffnet und geschlossen wurde. Dem Geräusch folgte ein energisches Trommeln kleiner Füße gegen das Bettgestell, als Marty abgesetzt wurde. Dann hörte Martha eine Männerstimme, aber nicht die Longs. Sie stand auf, um nachzusehen, doch als sie Marty ›Daddo‹ antworten hörte, hielt sie inne. Long sprach mit seinem tiefen Oxfordakzent, was bedeutete, er war nicht glücklich. »Du wirst das 140
niemandem erzählen, ganz einfach, weil du es mir versprochen hast, ob du damit einverstanden bist oder nicht. Das ist eine Ehrensache, und ich verlasse mich auf dich.« Hatte die Stimme einen bedrohlichen Unterton? Martha dachte an Stoughie und an Longs Sorgen wegen der Polizei. Sie dachte auch an das schwarze Kabel, das Mayland fast ins Krankenhaus gebracht hatte. »Einen Moment«, sagte sie und unterbrach eine Geschichte über gebrochene Speichen, einen Nachbarjungen und ein Eisengeländer. Als sie die Verbindungstür öffnete, hörte sie, wie die Tür zum Flur geöffnet und geschlossen wurde. Marty saß auf dem Bett und zog einen Schnürsenkel aus ihrem Tennisschuh. Long stand allein und makellos neben der Tür. Seine dunkle Haut glänzte im Kontrast zum groben Stoff seines Jacketts. Sein Blick wirkte nachdenklich und wütend und nicht gerade einladend. »Hallo«, sagte Martha und kehrte zum Telefon zurück.
141
» Und wenn er gestorben ist, werd' ich ihm ewige Ruhe wünschen« Es war furchteinflößend, wie Martha den Kopf von einer Seite auf die andere wiegte, doch ihr Schweigen wirkte noch bedrohlicher. Die erschienenen Musiker sahen einander an. »Es tut mir so leid, wie nur irgendwie möglich«, sagte Teddy Poznan, nicht zum ersten Mal. »Ich bin aber wirklich davon überzeugt, daß es nichts mit dem MDM zu tun hat.« Marthas besorgte blaue Augen richteten sich scharf auf ihn. »MDM? Adam? Aber du hast doch behauptet, es sei eine natürliche Substanz gewesen, wie Bienenpollen? Adam ist eine illegale Droge.« Teddy konnte nur zusammenzucken. »Das ist aber nicht recht so, Martha. Und es ist bestimmt eine natürliche Substanz im Gegensatz zu all dem anderen Zeugs, das sich George tagtäglich einwirft.« Martha Macnamara wandte sich von ihm ab und sah sich in dem kleinen Kreis nach Unterstützung um. Elen zog eine Braue hoch und senkte den Blick dann auf ihre lackierten Fingernägel. Longs Augen schauten leer und mitleidslos. Pádraig ó Süilleabhäin blickte auf die Wanduhr, die sieben Uhr vierzig anzeigte. Ted fuhr fort: »Tatsache aber ist, daß das Zeugs keine so lange Wirkung hat. Ganz bestimmt ist es nicht der Grund, warum er jetzt nicht auftaucht.« 142
Marthas Wut verflog und wurde von Neugier abgelöst. »Vielleicht ist er irgendwo eingeschlafen? Vielleicht am Strand?« »Vielleicht hat er sich ins Meer gestürzt«, vermutete Elen Evans mit hartem Blick. Teddy bäumte sich auf wie ein Pferd und rollte mit den Augen. »Quatsch! Doch nicht bei Adam!« Sie zuckte die Achseln. »Dann hat ihn vielleicht jemand mit außerordentlich gutem Geschmack hineingeworfen.« »Noch zwanzig Minuten«, sagte Pádraig . Martha stöhnte und schlug auf den Tisch. »Genug. Wir müssen jetzt überlegen, was wir machen, wenn er nicht aufkreuzt.« Alle um den Tisch Versammelten nickten, doch abgesehen von einer erwartungsvollen Haltung trug niemand in den nächsten zwei Minuten etwas bei. Schließlich seufzte Martha und sagte: »Es ist eine Schande, daß keiner von uns singen kann. Es ist so einfach, ein Lied zu begleiten oder respektvoll dazusitzen, während jemand jodelt. Es dauert auch schön lange.« Pádraig, der neben Elen saß, stieß diese mit dem Finger an. »Elen, kannst du das nicht? Du siehst aus wie ein Mädchen, das singen kann.« »Ich singe wie ein Frosch.« Die dunkelhaarige Frau drehte eine Locke um einen rosigen Fingernagel. »Nun, dann vielleicht Sie, Mayland. Ich wette, Sie singen wie eine Orgel mit Ihrer tiefen Stimme.« Der Tonfall des jungen Mannes klang neckend, aber er wagte es nicht, Long in die Rippen zu stoßen. Anstelle einer 143
Antwort starrte ihn Mayland Long mit Augen an, die so hell waren wie bei einem Papagei, und schneuzte sich. »Laß es, Pádraig «, sagte Martha erschöpft. »Keiner von uns hat auch nur genügend Stimme, um ein Taxi herbeizurufen.« Aber Pádraig hatte eine seiner drolligen Launen und gab nicht nach. Er alberte herum, platzte unverhofft mit Lachen heraus und machte auf seiner Messingpfeife ein ordinäres Geräusch. »Meine Schwester Órla kann singen«, sagte er. »Seannós.« Martha zuckte eine Braue hoch. »Ja, wirklich? Ich habe sie nie gehört.« »Sie hört sich so an«, sagte Pádraig . Er kniff die Augen zusammen und schnitt ein Gesicht, das mit großer Konzentration auf die Hände in seinem Schoß starrte. Die Laute, die er dabei von sich gab, waren völlig überraschend und hatten nichts mit seiner üblichen Stimme zu tun. Elen und Teddy, die ihn niemals Irisch sprechen, geschweige denn singen gehört hatten, zuckten deutlich zusammen. Das Lied klang hoch und kehlig und schwang sich mit unendlichen Verzierungen ohne Pause auf und ab. Es wirkte sehr förmlich, entrückt, völlig gezügelt und so sehr wie eine Liturgie wie keine andere westliche Musik. Vor allem klang es unaussprechlich traurig. Pádraig beschloß es mit einem lauten, ordinären Lachen und boxte Teddy an die Schulter. »Das war ›Caoineadh na d'Trí Muire‹, ›Die Klage der Drei Marien‹. Und danach wischen sich alle alten Leute die
144
Augen und sagen: ›Ewiges Leben, Órla!‹ Sie ist bei den Alten sehr beliebt, meine Schwester.« Martha schüttelte wieder den Kopf, aber in einem sehr anderen Rhythmus. »Das habe ich nie gewußt. Wie viele Lieder kannst du, Pádraig?« Der junge Mann sah sie mit rollenden Augen an. »Nein, nein, ich singe nicht. Ich habe nur meine Schwester imitiert, das war alles.« Martha holte tief Luft. »Wie viele Lieder deiner Schwester kannst du … imitieren?« Pádraig zuckte zusammen, schnaubte und wandte den Kopf ab. »Vielleicht drei, aber… ach, nein, Martha, ich würde mich da oben wie ein Esel fühlen …« »Hört sich phantastisch an, Pádraig «, sagte Teddy und schlug ihm auf die Schulter. »Du kannst dieses Talent doch nicht mißachten.« Der junge Mann entzog sich Teddys Ernsthaftigkeit und suchte Elen Evans' Blick. Sie erkannte eine Spur echter Angst in seinem Gesicht. Dann nahm die Harfenistin Teddys Platz neben Pádraig ein. Ihre Hand auf seiner Schulter schüttelte er nicht ab. »Weißt du, mein Lieber, im ganzen Publikum sitzt kein Mensch, der dich kennt oder den du jemals wiedersehen wirst. Vermutlich hat niemand eine Ahnung, wie ein solcher Gesang eigentlich klingen sollte, ganz zu schweigen davon, daß jemand beurteilen könnte, ob du es richtig machst.« Darüber lachte Pádraig und wirkte ein wenig mutiger.
145
»Darauf würde ich aber nicht wetten«, meinte Martha, sprach es aber nicht aus. »Aber… aber ich singe immer nur auf meinem Boot, wo es keine Rolle spielt, wenn ich den Text vergesse. Wenn ich nun …« Elen hob die mageren Schultern. »Dann erfindest du einfach etwas. Lautmalerei. Sing doch einfach vulgäre Flüche. Mach's der guten alten Elen zuliebe, ja?« »Und für Martha.« Pádraig sah unsicher von einem zum anderen. Dann warf er einen panischen Blick zur Uhr. Mit der Resignation eines Sterbenden bat er: »Holt mir einen Whiskey.« * Martha betrachtete das rötliche Abendlicht, das durch die schmutzigen Scheiben fiel, und lauschte auf ihren Herzschlag. Noch zehn Minuten. Sie hatte das sonderbare Gefühl, in einen schwarzen Tunnel geschleudert zu werden, in dem sie unbekannten Kräften ausgeliefert war. Das war kein Lampenfieber. Martha kannte Lampenfieber in all seinen Erscheinungsweisen. Es hatte auch nichts damit zu tun, daß George sie versetzt hatte. Dieser fürchterliche Scherz hing allerdings damit zusammen, ebenso die Sache mit Judy. Schlechtes feng shui. Schlechte Kommunikation. Schlechte Tournee. 146
Nein, eigentlich war es eine sehr gute Tournee gewesen, und eine, an die sie sich in späteren Jahren noch gern erinnern würde. Sie waren alle gute Musiker. Sie zwang sich, das laut auszusprechen: »Gute Musiker, allesamt!« Dabei fiel ihr etwas ein. »Hat Pádraig jetzt nicht all deine Probleme gelöst, Martha? Du siehst so … besorgt aus.« Als Martha sich von dem schmutzigen Kellerfenster zu Long wandte, wirkte ihr Gesicht immer noch besorgt, doch nicht mehr so abwesend. »Fast, mein Herz, aber… ich wäre dir dankbar, wenn du mir nach unzähligen Gefallen noch einen einzigen tun würdest…« Long spürte eine leise, unangebrachte Enttäuschung. Seit Martys Ankunft hatte er jeden Abend in einem Hotelzimmer zugebracht, doch heute hatte Elens Freundin Sandy angeboten, ihn zu vertreten, damit er dem Konzert beiwohnen könnte. Er saß so gern in der ersten Reihe und sah Martha zu. Doch seine Miene verriet nichts von seinen Gedanken. »Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Madame. Soll das bedeuten, daß ich das ganze Konzert verpasse?« Marthas Augen verschwanden in einem Kranz von Lachfältchen. »O nein, du wirst alles sehr gut hören.« Long wurde schläfrig unter den heißen Scheinwerfern und mußte sich wiederholt in Erinnerung rufen, daß er sich nicht vor dem Mikrofon die Nase putzen durfte. Er war nicht nervös, als er da vor dem kleinen und nicht sehr traditionellen elektrischen Klavier saß und auf die Einsätze für seine Begleitung wartete. Jedenfalls machte ihn das Publikum nicht nervös. Trotz der Dunkelheit im 147
Saal konnten seine scharfen Augen die einzelnen Gesichter erkennen, aber sie berührten ihn ebensowenig wie eine Schar Vögel oder eine Kaninchenfamilie. Er hätte lieber seine Noten mitgebracht, doch Martha hatte es ihm strikt verboten. Doch das war auch nicht wichtig. Auf einem ganz anderen Blatt stand jedoch, daß er vielleicht seine Lehrerin enttäuschen könnte. Aber die achtete nicht auf ihn. Und Pádraigs Gesang brauchte sie eigentlich auch nicht, dachte Long, wie gut er auch klang. Und St. Ives' durchdringendes Gepfeife hatte sie niemals nötig gehabt. Sie konnte ganz allein mit einer ein Pfund schweren Fiedel dieses Publikum die ganze Nacht hindurch in ihrem Bann halten. Er beobachtete Martha mit verhaltenem Stolz, als sie ihre kleine Verbeugung vor dem Publikum machte. Er lauschte ihrer sehr kurzen, sehr entspannten und nicht sonderlich witzigen Einführung. Er wartete. Martha eröffnete das Konzert mit einem wilden, die Sinne verwirrenden Vorspiel, für den Fall, daß irgend jemand wagen sollte, sich über das Fehlen eines Musikers zu beklagen. Pádraig nickte, als brächte er selbst diese Töne hervor. Er gab sich heute als ungezogener Junge und grinste wie ein Narr. Strömte aus allen Poren Selbstvertrauen aus, fand Long. Vielleicht war es für ihn wichtig gewesen, zu etwas gezwungen zu werden, für das er nicht die volle Verantwortung trug, wie das Singen, um sich zum ersten Mal auf dieser Tournee wohl zu fühlen. Vielleicht dachte 148
er aber auch, es sei alles zu albern, um nervös zu werden. Sein Akkordeon stimmte nun in perfektem Unisono zu Martha ein, und, Wunder über Wunder, es klang hinreißend. Dann folgte Elen ebenso stimmig auf ihrer zickigen Harfe. Und natürlich setzte auch Mr. Long perfekt (kein Selbstlob, bitte) mit seinen einfachen Läufen und Trillern ein. Pádraig sang: ›An Bunnán Buí‹, doch zuvor gab er eine kurze Erklärung ab, daß es ein Gedicht über den bitteren Tod des Verdurstens sei und daher eine Ermahnung, niemals mit dem Trinken aufzuhören, was immer der Arzt einem auch riet. Er verhedderte sich ein wenig und machte nicht ganz deutlich, ob nun Raftery, der Dichter, gestorben war oder der Vogel, aber er machte seine Sache sehr nett. Und das Lied kam an. Alles klappte. Wunder über Wunder, Pádraig ó Súilleabháin schien es zu genießen, öffentlich aufzutreten. Elen strahlte, als sei der Junge ihre eigene Schöpfung, und Martha machte Scherze auf der Violine. Teddy, immer noch nervös und entschuldigend, stellte das perfekte Abbild eines sich selbst verleugnenden Begleitmusikers dar. Long selbst spürte eine Welle von Kameradschaftlichkeit gegenüber den Musikern, die ihn überraschte. Doch seiner Art gemäß drängte er es zurück und spielte während einer Serie von Rundtänzen mit mechanischer Strenge. Aber dann nahm es wieder überhand und hielt ihn im Griff. Er tauschte sehr freundliche Blicke mit Elen Evans aus. 149
Ohne George St. Ives, dachte er, machte alles richtigen Spaß. ›Kid on the Mountain‹ gelang ihnen wunderbar. Nach den ersten fünfundvierzig Minuten stürzten sie strahlend und schweißnaß hinter die Bühne. Martha wirkte regelrecht beschwipst. Sie schlug Elen und Pádraig auf den Rücken, kitzelte sie mit dem Violinbogen und zwinkerte Long ganz unvornehm und übertrieben zu. Elen wischte sich das Gesicht mit einem groben Papierhandtuch ab. »Liebe Güte, Martha. Das ist das tollste, schönste Konzert. Ich fühle mich wie ein Kind, wenn es endlich aus der Schule kommt.« »Es ist wirklich wunderbar«, bestätigte sie. »Zwar nicht besonders gut organisiert, aber es läuft sehr gut. Wenn wir nur nicht zu viele Ethnologen im Publikum haben …« Elen hielt das Papierhandtuch immer noch in der Hand und atmete heftig, als ihr Blick auf einen säuberlichen Stapel Flöten auf dem Tisch fiel. »Schade, daß wir uns so gut fühlen, nur weil jemand nicht dabei ist, nicht wahr?« Teddy, der sich vielleicht von der allgemeinen guten Laune ausgeschlossen fühlen mochte, schlich durch das Zimmer. »Ich kann nicht sicher sagen, daß er nicht hier gewesen ist, Leute, aber wenn ja, dann hat er sicher keine Spuren hinterlassen.« Martha merkte, daß alle Blicke auf dem Gitarristen ruhten, und nutzte die Gelegenheit, um Long zu umarmen und zu küssen. Sie flüsterte ihm ein paar Worte ins Ohr, woraufhin er in Lachen ausbrach.
150
»Nein, wirklich sehr gut«, flüsterte sie noch einmal. »Ich kann die da draußen doch nicht unendlich lange raten lassen.« Dann fuhr sie lauter fort: »Die Not bringt manchmal die schönsten Dinge hervor. Was nichts gegen Georges Musik besagt. Es hätte ja auch eine echte Notlage sein können.« Niemand gab eine Antwort. * In der ersten Reihe saß ein Herr mit einem Schnurrbart, so groß wie ein Fahrradlenker, und gelichtetem Haar. Long war der Meinung, daß er Martha Macnamara zu interessiert und ohne den angemessenen Respekt anstarrte. Wofür hielt er sie wohl? Für ein Plakat an einer Wand? Hätte Longs zierlicher Körper eine Halskrause wie ein Hahn getragen, sie hätte sich nun gesträubt. Doch die Beschäftigung mit diesem Herrn hielt ihn nicht davon ab, seine Einsätze zu beachten, und nach der ersten Serie des zweiten Teils machte Martha ihre Drohung wahr und stellte ihn dem Publikum vor. Sie erklärte, er sei im letzten Augenblick für einen erkrankten Musiker eingesprungen. Dann fügte sie hinzu, er sei kein Ire, und dafür erntete sie übertrieben herzhaftes Gelächter. Long stand überaus würdig auf und verbeugte sich in chinesischer Manier.
151
Pádraig beugte sich zu Martha und schnappte sich das Mikrofon. »Keiner von uns ist Ire. Wir stammen alle aus Minnesota.« Danach folgten nur noch wieherndes Gelächter, Albereien und jede Menge sehr fröhliche Musik. Das Konzert dauerte bis elf Uhr. Teddy bekam die Chance für zwei Soli, die zwar kaum traditionell keltisch waren, aber genau das, was Santa Cruz gern hören wollte. Pádraig sang: ›Is Fada Mo Chosa gan Bróga‹, ›Caoineadh na d'Tri Muire‹ und sogar ›Casadh an t'Súgáin‹, wobei er nicht mehr den gesamten Text wußte. Er erzählte dem Publikum vom Seilknüpfen und was es bei der Brautwerbung für eine Bedeutung hatte. Zum Schluß erteilte er den Leuten den Rat, falls sie Geld an Touristen verdienen wollten, ihre Hotels und Pensionen mit Stroh zu decken. * Gegen Ende wurden sie immer ausgelassener, und Long vergab sogar dem Mann mit dem Fahrradlenkerschnurrbart, der nach der Show mit Martha sprechen wollte. »Meine Güte, was für ein Abend!« Elen winkte der sich leerenden Halle mit gespielt müden Handgelenken zu. »Übung! Vorbereitung und Präzision, meine eisernen Prinzipien. La! Dahin!«
152
Endlich war Pádraig einmal zu müde, um entweder zu grübeln oder zu toben. Er sah Martha scheu von der Seite an, weil er wußte, er hatte ihr gefallen. Martha hingegen schwankte vor Erschöpfung, und Long trat neben sie und nahm ihr die Violine ab. Teddy, der zehn Minuten vor ihnen von der Bühne gestürmt war, kehrte aus der Garderobe zurück. »Er ist immer noch nicht da. Und ans Telefon geht er auch nicht. Ich muß ihn suchen, Martha.« Martha holte tief Luft und schüttelte den Kopf, um einen klaren Gedanken fassen zu können. »Ach ja, George. Nun, da hast du wohl recht«, sagte sie. * Die weißen Korbstühle im Hoteleingang wirkten im Mondschein wie Spinnennetze, die Blätter der unzähligen Topfpflanzen wie die fetten Bäuche ihrer Bewohnerinnen. Martha ging mit abgewandtem Kopf hindurch. »Wenn er nur nicht ein solcher… wäre, und getrennt, aber gleichwertig wohnen wollte …!« Long lächelte dünnlippig. »Vermutlich wäre es ihm peinlich, seine Freundinnen in diese Art Familiensituation einzubringen, die sich unter uns entwickelt hat, Martha. Und die jungen Leute hätten nicht solchen Spaß gehabt, wenn er nebenan geschlafen hätte.« Es war, als hätte sie ihn nicht gehört. »Das schlimmste aber ist, daß wir nicht die Polizei rufen können, um ihn 153
suchen zu lassen. Der Mann ist irgendwo draußen und …« An dieser Stelle senkte sie die Stimme in einer Art verzweifelter Wut. »… wirft sich illegale Drogen ein, möchte ich wetten. Er würde uns nicht sehr dankbar sein.« »Vielleicht können wir irgendeine Organisation hinzuziehen, anstatt die Polizei«, schlug Long vor. »Gibt es denn für solche Krisen keine Telefonberatung? Irgendwie, meine ich, habe ich etwas Derartiges gelesen.« Nach dem dunklen Vorraum wirkte die Empfangshalle des Hotels zu grell. Martha kniff vor dem hellen Licht die Augen zusammen und ging rasch auf ihr Zimmer zu. Sie suchte in ihrer kleinen Handtasche nach dem Schlüssel für die rechte Tür, doch Long öffnete schon die andere, ehe sie ihn gefunden hatte. Er folgte ihr in den Raum. »Kalt«, murmelte sie. »Komisch, wie groß der Temperaturunterschied bei klarem Nachthimmel ist. Heute nachmittag …« Das Bild, das sich ihnen bot, stoppte aufgrund seiner stillen Sonderlichkeit ihren Redefluß. Zwei Gestalten saßen in entgegengesetzten Ecken des Zimmers, in dem es, abgesehen vom Neonlicht aus der Badezimmertür, dunkel war. Sie saßen in gleicher Haltung, die Arme um sich geschlungen, die Hände auf den Schultern. Beide waren reglos und hatten die Zähne zusammengebissen. Diejenige, die dicht an der Tür saß, war Elens Freundin Sandy, die Babysitter- und Grabenzieherin. Die andere war Marty, die wie eine Königin auf dem Bett hockte. Ihr Gesicht war tränenverschmiert.
154
Der Babysitter zuckte zusammen und bemerkte sie erst jetzt. Sie mühte sich aus ihrem Sessel. »Gott sei Dank, daß Sie zurück sind! Ich bin froh!« Sie stand jetzt dicht vor Martha, hielt die Arme aber immer noch um den Brustkorb geschlungen. Martha, deren Blick vogelartig zwischen Sandy und dem Kind auf dem Bett hin und her wechselte, war neugierig und ein wenig wütend. »Es ist zu kalt hier«, sagte sie. »Haben Sie denn immer noch die Klimaanlage eingeschaltet?« Sandy blickte auf ihre bläulichen Arme. Sie begann zu zittern und mit den Zähnen zu klappern, als bemerke sie die Kälte erst jetzt. »Gott, Gott, nein. Es ist nur … hier … ich wußte nicht, daß Kinder eine so sonderbare Energie haben können.« Martha starrte die Frau ausdruckslos an, die jung und mager war und trotz des ägyptischen Gazekleides und des Zigeunerschmucks leicht altjüngferlich wirkte. Long hingegen stieß einen Laut aus, der zwischen einem Summen und einem wütenden Zischen lag. Er schob sich an den beiden Frauen vorbei und schlug auf den Lichtschalter. Martys Gesicht wirkte konzentriert und sehr erwachsen. Auf die unerwartete Helligkeit reagierte sie, indem sie die Augen fest zusammenkniff. Sie biß die Zähne fester zusammen und sah aus, als habe sie Schmerzen. »Ist sie… ist sie innerhalb der Kurve?« fragte Sandy. »Ich meine, ist sie normal?« Dann zuckte sie entschuldigend die Achseln. »Vermutlich kenne ich mich mit 155
Kindern nicht so gut aus. Wahrscheinlich hätte ich ablehnen müssen, auf sie aufzupassen. Ich weiß nicht, was mit ihr los ist. Ich muß jetzt gehen. Ich ruf Sie morgen an.« Die junge Frau war verschwunden, noch ehe Martha eine höfliche Erwiderung eingefallen war. Long setzte sich auf die Bettkante und legte seine übergroße Hand auf Martys Wange. Martha trat zu ihnen. »Was ist denn nur los, mein Lämmchen? Habt ihr euch gestritten?« Von Ferne hörte man eine Sirene, und das Licht wurde dunkler. Martha hob den Kopf, und das Geräusch kam näher: dünn, metallisch, durchdringend. Zuerst hielt sie es für einen Dudelsack, einen Moment später für den Schrei eines Seevogels. Kälte stieg aus dem Bett hoch und schlug ihr entgegen. »Martha, sieh mal!« flüsterte Long entsetzt. Er hielt Martys Kopf zwischen den Händen, und es war nicht mehr ihr Gesicht, sondern das eines Idioten: schlaff, mit herabhängenden Mundwinkeln und einer runden, vorgewölbten Stirn. »Marty!« Keine Reaktion. Martha berührte das schreckliche Gesicht, und es fühlte sich trotz ihrer kalten Finger feucht und kalt an. »Was ist das, Martha?« Longs Augen waren in der Dunkelheit narzissengelb und groß. Er hatte die Lippen vor Furcht oder Staunen hochgezogen und schien nur aus Augen und Zähnen zu bestehen. »Was bedeutet das?«
156
Marthas Gesichtszüge, ähnlich denen der Enkelin, spiegelten nun den Ausdruck des Kindes wider, so entsetzt war sie. Im nächsten Augenblick überkam sie glühendheiße Wut. Sie schlug das Mädchen mit beiden Händen. »Nein!« schrie sie. »Hör sofort auf damit!« Marty kniff wieder die Augen zu, als das Licht in dem darauffolgenden plötzlichen Schweigen wieder anging. Sie holte tief Luft. »Ihr seid ja wieder da«, sagte sie und kuschelte sich tiefer unter die Decke. * »Wie konnte ich dir das erzählen, Martha? Daß ich ein Geräusch hörte, das Licht ausging und deine Enkelin einen Moment lang wie eine andere Person aussah?« »Doch, das hättest du mir sagen müssen.« Martha griff nach ihrem Nachthemd und legte es wieder hin. Schon zu lange mußte sie für zu viele Leute die Starke spielen, und jetzt befand sie sich nicht in der Stimmung, auf den einzigen Mann, dem sie vertraute, vernünftig zu reagieren. »Dann hätte ich aber wie ein sehr ängstliches Wesen gewirkt, fürchte ich«, lachte Long. »Aber Martha… du weißt doch, daß ich manchmal nicht den rechten Blick für die Wirklichkeit habe.« »Ich weiß, daß du diese Meinung von dir hast.« Er seufzte, und dieser Seufzer löste einen Hustenanfall aus. »Was … was war es denn? Eine Heimsuchung? Besessenheit?« 157
»Oder eine Allergie. Oder eine nervöse Reaktion auf eine schadhafte Stromleitung. Ich weiß es nicht, mein Lieber. Aber ich will, daß es aufhört.« Er versuchte wieder zu seufzen, und dieses Mal gelang es ihm. »Das muß es wohl. Morgen fahren wir ja weiter und lassen die schadhafte Stromleitung hinter uns. Und Marty ebenfalls.« »Sie wird, möge es Gott gefallen, bald zu Hause sein!« Martha runzelte wieder die Stirn, als ihr das Problem einfiel, das damit eng zusammenhing. »Wo wir gerade von den Dingen sprechen, die hinter uns liegen, wir müssen noch einen vermißten Musiker finden. Darf ich dich noch um einen einzigen Gefallen bitten, Mayland? Kannst du bei Marty bleiben, während ich ihn suche?« Im Zimmer war es inzwischen wärmer geworden, und Long hatte sein Jackett abgelegt. Jetzt wiegte er sich unglücklich und protestierend in seinem Sessel hin und her. »Martha, ich stehe immer zu deinen Diensten, wie du gewiß weißt, aber ich bin es ein wenig leid, zu Hause zu bleiben und auf das Baby aufzupassen.« »Oh.« Martha blickte ihn leicht überrascht an, denn es geschah so selten, daß er sich ihren Wünschen widersetzte. Betreten lächelte sie. »Genau! Ich habe dich ausgenutzt! Gut, daß du es mir sagst.« Leicht verlegen wandte er den Kopf, und Martha fand in genau diesem Augenblick seine Gestalt und seine Züge sehr schön. »Nein, das stimmt nicht. Ich meine nur, daß es in diesem Fall einfach besser wäre, wenn ich mich auf die Suche machte.« 158
Einen Moment lang wirkte sie erleichtert. »Was wirst du denn tun, wenn du ihn findest, Schatz? Wenn er noch voll auf einem Trip ist oder krank …?« »Ich habe keine Ahnung, Martha. Was hattest du denn vor?« Sie zuckte die Achseln. »Keine Ahnung. Also kannst du es genausogut übernehmen.« »Komm gut heim«, rief sie der sich schließenden Tür nach. * Martha zog sich gerade ihr Nachthemd an, als Marty im Nebenzimmer auf die Toilette ging. Es gab einen Kindersitz auf dem Deckel, und da Marty recht selbständig war, bestand für die Großmutter kein Grund, ihre Tätigkeit zu unterbrechen. Martha ordnete vor dem Spiegel ihr zerzaustes Haar und wünschte sich dabei zum zwanzigsten Mal, daß sie es nicht kurzgeschnitten hätte. Dann hörte sie die Spülung und das Schließen zweier Türen. Noch fünf Sekunden lang spielte sie mit den ungleichmäßigen Löckchen auf ihrer Stirn, doch dann riß sie die Augen auf und schoß hinaus auf den Flur. »Marty! Wo willst du denn hin?« Martys nackte kleine Gestalt verschwand um die Ecke in die leere Hotelhalle. Ein paar Schritte später schnappte Martha sie und brachte ihren flannellgewandeten Körper so
159
rasch wie möglich wieder hinter ihre Zimmertür. Dort warf sie die Enkelin aufs Bett. Ein angestrengtes, besorgtes kleines Gesichtchen starrte sie an. »Wohin wolltest du gehen, Martha FrischMacnamara, mitten in der Nacht?« fragte Martha. Zögernd ertönte die Antwort: »Judy suchen. Judy hat sich verirrt und weint.« Martha holte tief Luft. »Wer ist Judy, Marty?« Angesichts solcher Erwachsenenhartnäckigkeit runzelte Marty die Stirn. »Judy ist natürlich ein Kind.« »Und sie weint? Weint sie jetzt? Hörst du in diesem Augenblick jemanden weinen?« Marty schloß die Augen, als lausche sie. Auch Martha lauschte, denn sie war, im Gegensatz zu Elizabeth, nicht so überzeugt, daß diese hilfsbedürftige Freundin des Kindes erfunden sei. Nachdem sie dreißig Sekunden lang die verschiedenen Geräusche aus dem Badezimmer sowie ferne Stimmen in einem anderen Teil des Motels zugeordnet hatte, war sie immer noch nicht sicher, ob man nicht irgendwo ein Kind weinen hörte. Sie blickte Marty fragend an, doch das Mädchen war eingeschlafen und schlaff wie Seetang. Martha stand auf, ging ins Badezimmer und wusch sich das Gesicht mit kaltem Wasser. *
160
Es war etwa vier Uhr, als Long zurückkehrte. Er fand Martha in einem Sessel zusammengerollt vor, ebenso tief schlafend wie ihre Enkelin. Ihre grauen Locken waren alle auf eine Seite gefallen, und ihr Hals war so gegen die Sessellehne gestaucht, daß sie leise schnarchte. Long überlegte, ob er sie aufheben und aufs Bett legen sollte, wie er es mit Marty getan hätte, doch diese lèse majesté erwies sich als zu schwer für ihn, und er weckte sie lieber auf. »Martha? Ich habe soviel Pech gehabt, wie ein feng shui nur bieten kann. Es scheint, daß man unseren umherirrenden Bläser nirgends finden kann.« Martha starrte ihn mit der Eindringlichkeit von jemandem an, den man gerade geweckt hat. Das Licht von der Schreibtischlampe beleuchtete ihn von hinten, und er sah unwirklich schlank aus. »Oh … wieviel Uhr …? Vielleicht haben Elen oder Teddy…?« »Vielleicht.« Long trat zum Nachttisch, nahm ein frisches Papiertaschentuch und putzte sich die Nase. »Vermutlich sind sie ebenfalls unterwegs, denn sie sind ebenso unauffindbar. Pádraig habe ich sonderbarerweise gefunden.« Er zog sein Jackett und die Schuhe aus und setzte sich auf eines der Betten. Dann nahm er einen bestrumpften Fuß zwischen die Hände und massierte ihn. Martha zwang ihr Gehirn zum Denken. »Warum sonderbarerweise? Sein Zimmer liegt doch nur zwei Türen weiter.« Long krümmte sein Rückgrat zu einem Halbkreis durch und reckte sich in einer Art automatischer Yogaübung nach
161
rechts und links. »Sicher, meine Liebe. Aber da habe ich ihn nicht gefunden, sondern am Pier. In der Riva-Bar.« Martha richtete sich auf. »Hat er getrunken? Unser Pádraig? Das ist das zweite Mal heute abend. Eigentlich darf ich das nicht dulden, denn ich habe es seiner Mutter versprochen.« »Verstrickt in eine Konversation nach Fische Art, während er soff wie ein Fisch.« Sie schnaubte. »Was für ein Satz. Hast du den vorher geübt?« Seine gelben Augen schienen einen Moment aufzuleuchten. »Ja … du weißt, ich bin nicht sehr originell. Daher hätschele ich alles, was mir so einfällt. Kannst du erraten, was der junge ó Súilleabháin trinkt, wenn er ausgeht?« Martha stand mit eingeschlafenen Füßen auf. »Michelob?« Long starrte sie mit einer Mischung aus Enttäuschung und Staunen an. »Genau! Woher weißt du das?« »Das ist das billigste Getränk in der Riva-Bar«, antwortete sie und humpelte ins Badezimmer. Dann erschien ihr Kopf noch einmal im Türrahmen. »Du meinst, er war nicht mit Elen zusammen?« »Nicht, als ich ihn sah«, erwiderte er. »Ich dachte, sie hätten etwas miteinander«, meinte sie und blickte besorgt. »Auch gut. Das wäre auch ein komisches Paar, die beiden.« Sie schloß die Tür wieder.
162
Long legte sich aufs Bett und dachte über Marthas letzte Worte nach, bis er lachen mußte. »Ich kenne ein komischeres«, rief er der Badezimmertür zu. * Wäre das Land hinter dem Pier von Santa Cruz eben gewesen, hätte die Sonne bereits über dem Horizont gestanden. Doch jenseits von Santa Cruz lagen kleine Hügel, die sich schwarz vor dem Osthimmel abhoben, und die Zirkusfarben der Morgenröte glänzten nur auf den kleinen Wellen draußen in der Bucht. Die Fischerboote waren heimgekommen, und die kühle Luft roch streng. Ein paar Männer mit blutbespritzten Schürzen betätigten sich hinter den Theken der offenen Fischstände. Das Polizeiauto fuhr sehr langsam, wie ein sonnenbadender Fisch, die Kaimauer entlang. Die Fischhändler winkten dem adretten jungen Mann am Steuer mit leicht übertriebener Freundlichkeit zu. Er zwang sich zu einem Lächeln und winkte zurück. Niemand war unterwegs, abgesehen von denen, deren Beruf es nötig machte. Die Nachtschicht hatte die drei parkenden Autos am Kai bereits mit Strafzetteln versehen (eins schon zum zweiten Mal), und es gab nichts zu tun. Hauptwachtmeister Scherer parkte seinen Wagen am Ende des Kais und stieg aus. Wie rosa und korallenfarben und himmelblau das Wasser draußen aussah. Wie indianischer Schmuck, überlegte er. Er dachte an eine Wüste. Und wie schwarz 163
und flach es dort bei den Wellenbrechern war. Die verhedderten Linien der Nylonnetze, die die Tagfischer zurückgelassen hatten, wirkten wie Spinnweben. Es war verdammt kalt, um im Baumwollhemd unterwegs zu sein. Scherer hätte gern einen Kaffee getrunken. Wenn er bei den Ständen gefragt hätte, hätte man ihm sicher schnellstens einen serviert. Aber das tat er nicht gern, denn es machte ihn verlegen. Hauptwachtmeister Scherer war erst seit ein paar Monaten bei der Truppe und sich seiner Uniform immer noch sehr bewußt. Aber wenn er jetzt einen Kaffee bekäme, könnte er besser beobachten, wie sich die Sonnenfarben von Westen nach Osten über das Wasser ausbreiteten. Langsam schritt er über den grauen Gehsteig, wie ein Mann mit wichtigen Gedanken im Kopf. Er war so groß, daß auch seine schlechte Haltung ihn nicht klein wirken ließ. Er trat zwischen ausgeblichenen Holztischen hindurch und an den mit Geländern abgesicherten Löchern vorbei, an denen die Leute die Seehunde fütterten. Aber jetzt war keine Robbe zu sehen. Dann fand er etwas, das ihn ein wenig interessierte: Ein Seil, das um einen der Geländerpfosten gebunden war. Ein Krabbennetz. Das durfte eigentlich nicht sein, und schon gar nicht die Nacht über. Aber es war nicht Aufgabe der Polizei von Santa Cruz, die Fischereiregeln zu überwachen, doch Scherer war ein junger Offizier, und Krabbenfischen machte Spaß. Man wußte nie, was man alles fing. Er beugte sich vor, um das Netz heraufzuziehen. Es war ein komisches, mürbes Seil, das irgendwo festhing. Er konnte es immer nur ein paar Fuß weit herausziehen. Aber es hing nicht an den Pfählen fest, denn 164
mit den einzelnen Wellen gab es immer wieder ein Stück nach. Scherer hielt das Seil mit einer Hand fest, bückte sich und zog die Taschenlampe aus dem Gürtel. Am Ende des Seils trieb etwas sehr Merkwürdiges in der Flut. Es war weder ein Balken noch ein großer Hundsfisch, die sich gelegentlich unter den Pier verirrten. Ein toter Seehund. Ein Seehund hatte sich in dem Krabbennetz verfangen und war ertrunken. Scherer war zwar Polizist, doch er spürte jetzt die Wut des Umweltschützers in sich, daß ein Meeressäugetier durch Menschenhand umgekommen war. Er richtete die Taschenlampe auf die Stelle, wo sich das Seil verfangen hatte. Er mußte zweimal hinsehen, Seil und Taschenlampe fahren lassend, fiel er auf den Rücken. Hauptwachtmeister Scherer stieß einen schrillen Schrei aus, daß die Fischhändler herangerannt kamen. »Es ist schrecklich! Schrecklich!« sagte er, und seine tiefe Stimme zitterte. »Mein Gott! Ganz blau ist er!« Zögernd warfen sie alle einen Blick in das Loch. ٭
Es war neun Uhr und höchste Zeit, aufzubrechen, doch noch keiner hatte begonnen, den Wagen zu beladen. Weder George St. Ives noch Elizabeth Macnamara waren aufgetaucht. Die kalifornische Sonne hatte erst vor fünf Minuten die Fenster erreicht und kroch nun zu dem Bett, in dem Elen Evans sich schlafen gelegt hatte. Doch die 165
dunkelhaarige Frau achtete nicht darauf. Sie lag da, als warte sie auf ihre Begräbnisblumen, die starren Augen an die Decke gerichtet. Pádraig ó Súilleabháin hing in einem Sessel, denn sitzen konnte man es kaum nennen. Die Beine hatte er mit der Biegsamkeit eines Jugendlichen von sich gestreckt, und seine Arme baumelten auf den Boden. Seine Augen waren sehr rot, als hätte er geweint. Oder als hätte er einen Kater. Ihm gegenüber an dem winzigen runden Tischchen saß Mayland Long, einen Becher in der Hand, in dem noch das Teesieb hing. Falls das überhaupt möglich war, machte ihm seine Erkältung heute noch mehr zu schaffen als gestern, doch er saß kerzengerade, weil er auf seinen Rücken achtete. Marty Frisch-Macnamara saß vor ihnen auf dem grünen Teppich und bemalte das Hotelmobiliar mit ihren Stiften. Lila war eindeutig ihre Lieblingsfarbe. Die Sonne beschien nun ihre Finger, und sie bemerkte es. Sie legte den lila Stift in die Sonne und starrte ihn an. »Sicher können wir noch einen ganzen Tag lang so weitermachen«, schlug Long vor. Er fragte sich, ob Pádraig und Elen sich wohl gestritten hatten. Aber solange sie schwiegen, würde er es nie erfahren. Und das war für ein Wesen mit seiner Neugier einfach unerträglich. Elen wandte ihm ihr wütendes Gesicht zu. »Was meinen Sie mit ›wir‹, weißer Mann. Sie sind es ja nicht, der da auf der Bühne…« Ein Lächeln hellte Longs Gesicht auf. »Weißer Mann? Das paßt nicht einmal als Beleidigung.« Elen bereute schneller, als er fortfahren konnte. »Ach Gott! Es tut mir 166
leid, Mayland. Es stimmt ja nicht. Sie haben auf dieser Tournee ebensoviel Mist erlebt wie wir, und Sie haben nicht einmal das Geld nötig. Ich weiß wirklich nicht, warum Sie nicht schon vor drei Wochen nach Hause gefahren sind.« Über Pádraigs Gesicht huschte der Anflug eines spöttischen Lächelns und verschwand wieder. »Ich weiß, warum er das nicht tat. Seine Freundin wollte ihn nicht fortlassen.« Longs Finger schlangen sich noch fester um den Becher, was verriet, daß er solchen Bemerkungen gegenüber nicht gänzlich unempfindlich war, doch ehe er den Mund öffnen konnte, klopfte es, und Teddy Poznans Stimme sagte etwas, was aber von Martys Schrei: »Teddy! Teddy soll reinkommen!« übertönt wurde. Long stand auf und starrte mit eindringlichen gelben Augen vor sich hin. Er wirkte, als wolle er Marty ihre Bitte abschlagen, doch nach einem Moment rief er: »Die Tür ist offen. Kommen Sie herein.« Als Ted mit einem Polizisten das Zimmer betrat, schien Long als einziger nicht überrascht. »Ich vermute, Mr. Stoughie hat sie hergeschickt?« Long, der immer noch seinen Becher umklammerte, trat auf die beiden zu. Der Wachtmeister, ein sehr adretter junger Mann mit hellen Haaren, sah nur flüchtig auf den Mann mit der negroiden Hautfarbe und den mongoloiden Zügen, der höchst modisch im Tropenstil gekleidet war und ihn mit gelben Augen anstarrte.
167
»Ich habe sie hergebracht«, murmelte Teddy und fuhr sich mit seiner rechten Hand, der mit den häßlichen Fingernägeln, durch den Bart. Und dann trat der Mann mit dem Fahrradlenkerschnurrbart ein, als gehöre ihm das Hotel. Es war derjenige, dessen Aufmerksamkeit gegenüber Martha Macnamara Long gestern abend so außerordentlich beschäftigt hatte. »George ist tot«, sagte Teddy und sah Long an. »Er ist tot: Er starb gestern abend, als wir ihn suchten.« Es herrschte dröhnendes Schweigen. Nach fünf Sekunden ergriff der Mann mit dem Riesenschnauzer das Wort. »Wir wissen nicht genau, wann es passierte, Mr. Poznan.« Er hatte eine sehr sanfte Stimme. Elen hatte sich beim Eintreten des Polizisten im Bett aufgerichtet. Jetzt sagte sie: »Nein.« Pádraig schwieg und regte sich nicht, doch beide Augenpaare, das braune und das blaue, zeigten die gleiche schockierte Leere. »Tut mir leid«, fuhr der Fremde fort. »Ich bin Detektiv Sergeant Anderson. Es gibt keine sanfte Art, jemandem so etwas beizubringen.« Dann wartete er einen respektvollen Moment ab und beobachtete sie. Er fand, sie verhielten sich typisch für Leute, die gerade vom Tod eines nahestehenden Menschen erfahren hatten, den man aber nicht allzusehr schätzte. Das Mädchen (denn Sergeant Anderson war fünfundfünfzig, und für ihn war Elen Evans ein Mädchen) starrte zur Wand und schauderte. Der Junge, an dessen Akzent er sich erinnerte, begann nun, den Kopf zu schütteln. 168
Aber dieser schwarze oder orientalische Mann vor ihm… er hatte im Hintergrund der Bühne gesessen und Klavier gespielt… er veränderte sich nicht. Gestern abend hatte er schon verschlossen gewirkt, und jetzt war es nicht anders, außer, daß er Anderson mit sonderbarer Eindringlichkeit anstarrte. Es war, als ob er aus den Reaktionen des Polizisten etwas zu erfahren suchte, anstatt umgekehrt. »Wie ist er gestorben?« fragte Long sehr gefaßt. »Sie haben ihn gefunden …« begann Teddy, doch eine harte Hand auf seiner Schulter brachte ihn zum Schweigen. Der Gitarrist riß die Augen auf, und der blonde Teil seines Haars fiel ihm vors Gesicht. »Ich will es nur einmal berichten müssen, wenn alle zusammen sind«, sagte Anderson entschuldigend. »Und ich meine, ein Mitglied der Gruppe fehlt noch.« Long lächelte grimmig. »Das wissen Sie nur zu gut. Es ist das Oberhaupt der Gruppe. Mrs. Macnamara macht gerade ihre Zen-Übungen.« Andersons Haar war stark gelichtet, und die kahle Stelle oben war dunkler gebräunt als sein Gesicht. Seine grauen Augen umgaben sich mit Fältchen. »Ach ja? Wie interessant. Sie ist wohl überhaupt sehr ungewöhnlich, ja?« Long gab keine Antwort. »Ich möchte sie trotzdem gern sehen«, fuhr Anderson fort. »Es ist wirklich sehr wichtig.« Da öffnete sich die Verbindungstür, und alle fuhren zusammen. Martha Macnamara wirkte in dem blauen Kleid, das zu ihren Augen paßte und ihrer frischen Gesichtsfarbe gut 169
stand, sehr kühl. Im Licht vom Fenster wirkte ihr graues Haar silbrig. »Zen ist keine Trance«, sagte sie ruhig. »Ich kann dabei sowohl sehen als auch hören. Bitte setzen Sie sich, Sergeant, und sagen Sie mir, wie George gestorben ist.« Anderson ließ sich wirklich nieder, und zwar in dem Sessel, in dem Long gesessen hatte. Martha setzte sich auf das Bett ihm gegenüber, und Elen rückte dicht neben sie. Pádraig hatte sich nicht aus seiner halbliegenden Haltung gerührt, doch jetzt rutschte er ganz auf eine Sesselseite. Long blieb neben Teddy stehen (der nervös an den Nägeln seiner linken Hand kaute), sowie neben dem uniformierten Polizisten, der ebenfalls ein wenig nervös wirkte. »Wir wissen gegenwärtig weder etwas Genaues über den Zeitpunkt des Todes, noch etwas über die Ursache«, begann Anderson, von einem zum anderen blickend. Ted Poznan stieß einen heiseren Laut aus, der wie ein Lachen klang, aber keines war. »Ich kann nur sagen, daß Wachtmeister Scherer ihn heute morgen um sechs Uhr am Pier fand. Es sieht so aus …« Anderson betonte diese Worte. »… daß er …« »Ertrank?« Elen platzte mit dem Wort heraus, das sich fast allen auf die Zunge gedrängt hatte. »… sich erhängt hat.« Elen holte scharf Luft. Alle starrten den Mann an. »Er hing in einer der Öffnungen auf dem Pier, an denen die Leute die Seehunde füttern.« Pádraig ó Súilleabháin stieß einen dumpfen Laut aus. Jetzt war Martha an der Reihe, den Kopf zu schütteln. 170
»Ach, wie furchtbar! Wie furchtbar!« flüsterte sie in ihre gewölbten Handflächen. »Wo wir die Seehunde …« »Es handelte sich um ein sehr ungewöhnliches Seil«, fuhr Anderson fort, vielleicht noch verhaltener als zuvor. »Es wirkte eigentlich nicht so, als könnte es seinem Gewicht standhalten. Ich habe ein Stück davon abgeschnitten, doch es ist sofort auseinandergefallen. Sehen Sie?« Er bot ihnen ein Stück gedrehtes Raigras mit einer Schlaufe an einem Ende dar, das allen sehr vertraut war. »Súgán«, bemerkte Pádraig ó Súilleabháin . »Ein Heuseil. Dieses ist aus Gras.« »Genau das dachte ich auch«, nickte der Polizist. »Wie Sie es gestern abend beim Konzert beschrieben haben? ›Das Knüpfen des Seils ?‹ «
171
Ein letztes Glas Es war Martha, die das Schweigen brach: »Ja, genau. Und es ist natürlich unser Seil. Sie müssen es gesehen haben, wie es gestern abend beim Konzert über dem Mikrofon hing.« Andersons Kopf war schon sehr kahl, daher wirkte seine Stirn sehr hoch, und seine Augenbrauen betonten diesen Zug. »Sie erinnern sich also an mich? Ich fühle mich geschmeichelt, Mrs. Macnamara. Aber an das Seil kann ich mich nicht erinnern. Es hingen so viele Drähte und Kabel da …« »Es war auch nicht da, Martha«, warf Pádraig ein. »Es war vorgestern abend, als wir es aufhingen. Gestern abend war es … ich weiß es nicht. Vermutlich im Kellerraum.« Dann wandte er sich finster an den Detektiv. »Es ist nicht unser Seil. Es ist meins. Ich habe es hinter der Halle aus Raigras geknüpft. Das war vorgestern. Aber ich habe es nicht geflochten, um George St. Ives aufzuhängen. Sie haben ganz recht: dafür wäre es nicht stark genug.« Als Anderson seine Augen aufriß, reichte seine Stirn bis zur Kopfmitte. »Ich hatte auch nicht gemeint, daß sie es zu diesem Zweck angefertigt haben, Mr. Su-ill… Sull…« »Patrick Sullivan, auf englisch.« Die anderen Musiker reagierten: »Aber das ist nicht dein richtiger Name«, meinte Teddy. »Martha sagte uns, wir sollten vorsichtig sein …» 172
Pádraig machte mit beiden Händen eine wegwerfende Bewegung. »Das war die Idee meiner Mutter. Sie verteidigt immer die gälische Kultur.« Er sah den Sergeanten wieder an. »Wir sprechen zu Hause Irisch.« »… manchmal«, fügte er dann mit einem bedauernden Auflachen hinzu. Anderson blickte überrascht. »Verzeihen Sie. Aber, Mr. Sue-lo-win, Sie dürfen mir nicht vorgreifen, sonst bedauern Sie es noch. Es ist noch zu früh, um über Mord zu reden. Lassen Sie mich die Fragen in der richtigen Reihenfolge stellen. Zunächst einmal das Seil. Sehen Sie, der Knoten ist etwas ungewöhnlich. Er sieht aus, als sei er von jemandem geknüpft worden, der etwas von der Sache versteht.« »Das ist ein einfacher Lerchenknopf«, erwiderte Pádraig bereitwillig. »Ein Knoten, den man beim Anbinden an einen Pfosten verwendet.« »Ist das ein Seemannsknoten?« fragte der Detektiv. »Alle Knoten sind Seemannsknoten«, erwiderte Pádraig. Anderson nickte. »Darf ich das so verstehen, daß Sie ein Seemann sind?« Es folgte ein unbehagliches Schweigen, als Pádraig den Detektiv anstarrte. »Das können Sie aber annehmen.« Anderson schien dieses Eingeständnis, diese Prahlerei so zu nehmen, wie sie gemeint war. »War denn Mr. St. Ives ebenfalls ein Seemann?« Pádraig rutschte auf seinem Sessel hin und her. Ein Knie stieß locker gegen die Lehne. »Er stammte vom Cap 173
Breton. Das weiß jeder. Aber ich meine, zum Seemann gehört mehr als nur der Geburtsort.« Wieder nickte der Detektiv. »Heißt das ›Lerche‹ wie der Vogel? Ich meine, bei dem Knoten.« Er kritzelte etwas mit einem Kugelschreiber in sein kleines Notizbuch. »So. Und jetzt zur Routine.« Man hörte ein Gemurmel und Geraschel, als Andersons Zuhörer sich bei dieser Eröffnung je nach Temperament entweder entspannten oder aufrichteten. Nur Long blieb reglos. »Der Anfang ist sehr langweilig. Ich muß alle Anwesenden bitten, sich zu identifizieren.« Martha versteifte sich einen Moment und vermied es, Mayland Long anzusehen. Elen gähnte, und Pádraig zog seinen billigen Pappkoffer unter dem Tisch hervor. Martha zerrte ihre Handtasche unter dem Bett hervor. »Führerschein und eine Kreditkarte?« fragte sie gepreßt. »Die Kreditkarte brauche ich nicht.« Der Inspektor überflog den Führerschein und reichte ihn dann seinem Kollegen. »Ich sehe, daß ich ein Jahr älter bin als Sie, Mrs. Macnamara. Ich hätte gedacht, es seien zehn oder fünfzehn.« Martha gab keine Antwort. Long stand hinter ihr und hielt in seiner Spinnenhand einen Führerschein und einen blauen amerikanischen Paß, den Martha noch nie gesehen hatte. Anderson ergriff ihn. »In Hongkong geboren«, murmelte er.
174
»Ja, vor langer Zeit. Ich lebe schon eine Weile in diesem Land.« Anderson schaute auf. Er sah wie ein typischer Akademiker aus, mit seinen kühlen Augen und der hohen Stirn. »Ich hätte gedacht, wenn man Ihnen so zuhört, daß Sie viele Jahre in England zugebracht hätten.« »Hongkong ist eine britische Kolonie«, antwortete Long gleichmütig. Hauptwachtmeister Scherer nahm den Paß von seinem Vorgesetzten entgegen. Elen Evans lag mit geschlossenen Augen auf dem Bett. Sie warf dem Detektiv ihre Brieftasche zu, und sie traf seinen Arm. Ohne Murren suchte er, bis er den Führerschein in seiner Zellophanhülle fand. »Sie müssen ihn bis Ende des Monats verlängern lassen, Miß Evans. Das nur als Erinnerung.« Elen stöhnte auf und hielt die Augen geschlossen. »Mr. ó Súilleabháin ?« Dieses Mal bekam Anderson die Vokale ziemlich richtig hin. »Einen Moment«, antwortete der junge Mann, der in seinem Koffer zwischen der Unterwäsche herumwühlte. Sein Paß war in wesentlich ausgefransterer Verfassung als Longs, und zu Marthas großem Erstaunen ebenfalls amerikanisch. Sie kratzte sich an der Nase und blickte Anderson an. Er untersuchte den Ausweis. »Auch Sie hätte ich für jünger gehalten.« »Ich bin kein Kind mehr«, erklang die mürrische Antwort. 175
»Das habe ich nicht gemeint. Ihre Mutter ist also in den Staaten geboren? Dann haben Sie die doppelte Staatsbürgerschaft, nicht wahr?« Pádraig nickte und ließ die Hände zwischen den auswärts gestellten Knien baumeln. Martha, die Pádraigs Mutter kannte, kratzte sich heftiger die Nase. Anderson schien gegenüber der unhöflichen Art des jungen Mannes unempfindlich zu sein. »Nun, wie schön für Sie. Ich habe immer Menschen beneidet, die zwei Kulturen angehören. Ich glaube, das stellt eine Quelle der Kraft dar.« Pádraigs unglücklicher Blick fiel auf Teddy, der sich an seinem Platz vor dem Schreibtisch nicht geregt hatte. »Ich habe meine Papiere bereits gezeigt«, sagte der Gitarrist ungefragt. »Auf der Wache.« »Tut mir leid, aber wir werden diese Ausweise eine Weile behalten müssen. Ich weiß, es ist für Sie unangenehm, aber in Santa Cruz ist das Leben ohne Auto recht gut möglich, außerdem sähen wir es gern, daß niemand heute die Stadt verläßt. Vorerst nur heute.« Martha, Pádraig und Elen tauschten Blicke des geteilten Leids aus. Elen schien fast zu schlafen. »Okay.« Der Detektiv lehnte sich in seinem Sessel zurück, auf dem zuvor Long gesessen hatte. »Jetzt möchte ich wissen, wann Sie George St. Ives zum letzten Mal gesehen haben.« Anderson sprach den Namen mit perfekt französischem Akzent aus, was auf Marthas Gesicht ein feines Lächeln hervorzauberte. »Die … Québecois in seiner Familie liegen wohl schon ein paar Generationen 176
weit zurück«, flüsterte sie Anderson zu. »Ich habe niemals gehört, daß jemand ihn anders als Saint Aiives nannte.« »Und da habe ich mir solche Mühe gegeben«, seufzte Anderson. »Elen und ich sahen ihn zuletzt etwa um zwei Uhr im Proberaum – nun – eigentlich ist es die Garderobe. Er und Teddy probierten gerade einen New-Age-Sound aus. Zwei Uhr nachmittags, meine ich.« »Das gleiche gilt für mich«, sagte Elen. »Ich war bei Martha.« Anderson hatte einen Spiralblock, auf dem er mit goldenem Kugelschreiber etwas notierte. »Ich auch«, fügte Pádraig hinzu. »Ich war zur gleichen Zeit da. Und später habe ich ihn nicht mehr gesehen.« Long fühlte Andersons Blick auf sich, wartete aber, bis er gefragt wurde. »Bei mir war es etwas später, Sergeant. Zuletzt sah ich ihn, wie er etwa um drei Uhr zehn gestern nachmittag hier im Hotel auf den Ausgang zuschritt.« »Etwa drei Uhr zehn«, murmelte Anderson mit grauen, nachdenklichen Augen. »Das ist aber eine genaue Schätzung.« Long lächelte mit geschlossenen Lippen. »In der Halle hängt eine Uhr.« »Aber die meisten Menschen würden nicht daran denken, darauf zu blicken oder sich die Zeit zu merken.« »Die meisten Menschen«, antwortete Long trocken, »sind auch nicht so zeichenorientiert wie ich. Das ist mein Handikap.« 177
Teddy wartete nicht, bis er gefragt wurde. »Ich habe ihn zuletzt gesehen. Etwa um fünf oder halb sechs. Draußen bei den Blumenkästen. Ich versuchte, ihn auf eine Suppe in die ›Rechte Lebensweise‹ zu schleppen, weil er nicht wohl aussah. Aber er wollte nicht.« »Er sah nicht wohl aus?« Andersons Stimme drückte lediglich höfliches Interesse aus. Teddy setzte sich auf das Matratzenende neben Martha. Das Bett federte. »Nun, klar… ich machte mir Sorgen um ihn. Er wirkte ein bißchen heruntergekommen.« Dazu sagte niemand etwas, aber Elen sah Martha an, und Martha blickte daraufhin auf den Teppich. »Wo ist St. Ives' Zimmer?« fragte Anderson Martha. Bei der Antwort, daß sie es nicht wisse, wand sie sich etwas. »Er hat nie mit den anderen zusammen gewohnt«, fügte sie hinzu. Er starrte sie offensichtlich ungläubig an, während alle anderen sich Blicke zuwarfen. Dann fragte er: »Und wohin sind wir gestern abend nach dem Konzert alle gegangen?« Die Atmosphäre im Zimmer wurde gespannt. »Nach draußen und haben George gesucht«, antwortete Elen. »Jeder einzelne von uns.« »Abgesehen von mir«, ergriff Martha das Wort. »Ich bin hiergeblieben.« Die Miene des Sergeanten wirkte neutral, fast gelangweilt. »Waren Sie in Gruppen unterwegs?« Longs Räuspern entwickelte sich zu einer Reihe von Hustenstößen. »Nein, Sergeant. Es war dumm von uns…« 178
Anderson biß auf das Ende seines Metallschreibers und blickte nicht auf. »Das ist Pech für mich. Niemand hat ihn gefunden?« »Ich jedenfalls nicht.« Pádraig schüttelte den Kopf. »Ich habe auch nicht sehr angestrengt gesucht. Ich ging ein Bier trinken.« Aufgeheitert von dieser Information blickte Anderson auf. »Wo war das?« »In einer Bar am Pier. Weiß, grün und blau.« »Die Riva-Bar, Sergeant«, erklärte Long. Anderson nickte und notierte es. Dann räusperte er sich. »Also, St. Ives sah nicht wohl aus, meinte Mr. Poznan. Hat das außer ihm noch jemand bemerkt?« »O ja«, antwortete Martha. »Er sah nie sehr gesund aus. Er trank zuviel und … nun, er achtete nicht auf sich.« »Ich glaube, er hatte Probleme mit der Leber«, meinte Long. »Seine Haut war so gelblich.« Martha stieß ein heiseres Lachen aus. »Machst du Witze, mein Lieber?« »Natürlich nicht«, erwiderte Long verdutzt. »Alkohol zerstört einen Menschen«, sagte Pádraig und rieb sich mit seinen narbigen Knöcheln die geröteten Augen. Anderson brummte unverbindlich und schrieb weiter. »Und Sie, Miß Evans? Fanden Sie auch, daß St. Ives krank aussah?« Elen legte zwei Finger an den Mund und schwieg ein paar Sekunden in dieser Haltung. »Eigentlich war es e